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Wenn zwischen

Design und Physik


die Chemie stimmt.
Der neue Audi A5 Sportback*.
Form in Bestform.

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* Kraftstoff verbrauch Audi A5 Sportback in l/100 km: kombiniert 6,3–4,1; CO₂-Emissionen
in g/km: kombiniert 144–106. Angaben zu Kraftstoff verbrauch und CO₂-Emissionen bei
Spannbreiten in Abhängigkeit vom verwendeten Reifen-/Rädersatz.
Das deutsche Nachrichten-Magazin Mein Unternehmen: vernetzt.

Meine Steuerberaterin:
Hausmitteilung
mit mir verbunden.
Betr.: Titel, Feminismus, SPIEGEL GESCHICHTE
Mit der sicheren DATEV-Cloud.
A
m Mittwoch ereignete sich im Zen-
trum Londons ein Terroranschlag,
HORST A. FRIEDRICHS / DER SPIEGEL

bei dem mindestens fünf Menschen star-


ben; kommenden Mittwoch stellt Groß-
ANDREA ARTZ / DER SPIEGEL

britanniens Premierministerin Theresa


May den formalen Antrag für den Brexit,
sie setzt damit den Austritt des König-
reichs aus der Europäischen Union in
Gang. London ist daher gleich in doppel-
Scheuermann, Schindler ter Hinsicht eine verwundete Stadt, wie
der bisherige Korrespondent Christoph
Scheuermann und sein Nachfolger Jörg Schindler in der Titelgeschichte beschrei-
ben. Schindler beobachtete, wie die Bewohner auf den Angriff reagierten, der
die britische Hauptstadt auf eine Weise getroffen hat, wie sie die Behörden
lange befürchtet hatten. Und Scheuermann erklärt, wie sich London, das Labor
für das Migrationszeitalter, gegen die englische Kleingeistigkeit wehrt und Angst
davor hat, durch den Brexit enger und unbedeutender zu werden. „Das Problem
ist die Arroganz der Metropole“, schreibt Scheuermann. „Die Stadt wird sich
anpassen, notgedrungen auch an einen harten, dreckigen Brexit.“ Seite 12

D ie Amazon-Serie „Good Girls


Revolt“ erzählt vom Kampf
junger Journalistinnen in der Redak-
DIRK EUSTERBROCK / DER SPIEGEL

tion eines amerikanischen Nachrich-


tenmagazins und basiert auf einer
wahren Geschichte: 46 Frauen klag-
ten 1970 gegen „Newsweek“, weil
sie zwar recherchieren, aber nicht
schreiben durften. Alexander Kühn
und Ann-Kathrin Nezik trafen drei Povich, Nezik, Kühn in New York
der ehemaligen Rebellinnen in New
York, darunter Lynn Povich, um mit ihnen über ihren Einsatz zu sprechen. Zu-
rück in Hamburg, stießen sie auf eine SPIEGEL-Hausmitteilung aus dem Jahr
1965 – ihr zufolge lag damals das Verhältnis von Männern zu Frauen in der Re-
daktion bei 78 zu 3. Seinerzeit wurde Eva Windmöller, Autorin aus der Grün-
dungszeit des Hefts, wie folgt zitiert: „Als SPIEGEL-Journalist steht man in Kon-
troversen zur Umwelt. Die Nerven dazu hat eine Frau auf die Dauer nicht.“
Heute schreiben 30 Prozent Frauen für den SPIEGEL, 40 Prozent der Führungs- Gemeinsam mit Ihrem Steuerberater und den Soft-
positionen sind mit Kolleginnen besetzt. Seite 78 ware- und Cloud-Lösungen von DATEV entlasten Sie
Ihr Unternehmen bei zahlreichen Geschäftsprozessen –

E s war das Zeitalter der Emanzipation des Den-


kens. Im Licht der Vernunft werden Aber-
glaube, Unterdrückung, Not und Zwietracht bald
etwa beim Rechnungswesen oder in der Personal-
wirtschaft. Dank des leistungsstarken DATEV-Rechen-
zentrums mit Sitz in Deutschland wird die digitale
überwunden sein – das hofften die Aufklärer. Eu-
Zusammenarbeit mit Ihrem Steuerberater erleichtert.
ropaweit kritisierten Intellektuelle und politische
Reformer im 18. Jahrhundert den Dogmatismus
der Religion und der absolutistischen Herrscher, Sprechen Sie mit Ihrem Steuer-
berater oder informieren Sie
sie begeisterten sich daran, dass die Menschheit sich auf www.datev.de/vertrauen
künftig ihr Glück selbst in die Hand nehmen kön- bzw. unter 0800 1001116.
ne. Waren die Erwartungen berechtigt? Oder ha-
ben Voltaire und Rousseau, Lessing und Kant nur
Utopien hervorgebracht, die in Revolution und
Krieg endeten? SPIEGEL GESCHICHTE „Die Auf-
klärung“ erscheint am kommenden Dienstag.

DER SPIEGEL 13 / 2017 3


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Die Friedenspartei
Verteidigung SPD-Chef Martin Schulz und
Außenminister Sigmar Gabriel wollen den Streit
um höhere Militärausgaben mit der Gerechtig-
keitsfrage verbinden und als Wahlkampfthema

ARMIN WEIGEL / DPA


hochziehen. Die Union reagiert ratlos bis nervös,
und sie macht Fehler. Seite 28
JONATHAN BROWNING / DER SPIEGEL
DAMON WINTER / REDUX / LAIF

ADRIEN VECZAN / IMAGO

Unter Trump-Wählern Könige der Nacht Fingerfood für Babys


Weltanschauungen Die Kleinstadt Fergus China Eine selbstbewusste Generation von Medizin Unter deutschen Müttern greift
Falls im US-Bundesstaat Minnesota ist Schwulen und Lesben feiert ihre neue ein kurioser Trend um sich: Nach dem
eine Miniatur des ländlichen Amerikas, das Freiheit – Diskriminierung und Vorbehalten Stillen füttern sie ihr Baby nicht mehr mit
Donald Trump gewählt hat. Wer sind die, der Partei zum Trotz. Der neue Wohlstand Brei, sondern bieten ihm gleich feste
die dort leben, und was macht der Präsident und vor allem das Internet haben das mög- Nahrung an. Kinderärzte warnen: Die
mit ihnen? Ein Monat unter Menschen, lich gemacht; eine Dating-App für Homo- einseitige Fingerfood-Ernährung kann zu
die Trump für ihren Retter halten. Seite 54 sexuelle hat 27 Millionen Nutzer. Seite 88 Mangelerscheinungen führen. Seite 110

6 Titelbild: Foto[M] David Osborn / Getty Images


In diesem Heft

Titel Medien
Terror Nach dem Anschlag von Westminster Feminismus In den Siebzigerjahren haben
bleiben die Briten gelassen 12 Journalistinnen gegen das Machotum
Großbritannien Offenheit, Diversität, Austausch, in den Redaktionen gekämpft – wie weit
das macht London aus – Liebeserklärung sind sie gekommen? 78
an eine Stadt, die sich ihre Größe durch den

PIOTR MALECKI / DER SPIEGEL


Brexit nicht nehmen lassen will 16 Ausland
Brexit Der Fahrplan für die Trennung 21 Warum Weißrusslands Arbeitslose Präsident
Lukaschenko gefährlich werden könnten /
Deutschland Der saudi-arabische Prinz Turki Bin Faisal über
Leitartikel Der wütende türkische den Krieg, den sein Land im Jemen führt 82
Präsident Erdoğan ist auch das Resultat Polen Außenminister Witold Waszczykowski
einer falschen Politik Europas 8 zum schwierigen Verhältnis seiner
Meinung Kolumne: Im Zweifel links / Regierung zur EU und zu Deutschland 84 Witold Waszczykowski
So gesehen: Frankreich ist Kommentar Warum sich US-Präsident
Donald Trump nicht aus dem Russland- Er steht im Mittelpunkt der
Deutschland bei der Emanzipation der Spannungen zwischen
Frau immer noch voraus 10 Sumpf befreien kann 87
Ivanka Trump auf Bildungsbesuch in Deutsch- China Die KP ignoriert Schwule und Warschau und Brüssel. Polens
land / CDU plant Anti-Migrations-Wahlkampf / Lesben offiziell – doch die leben ihre neue Außenminister kritisiert,
Privatversicherte dürfen auf Reform hoffen 24 Freiheit selbstbewusst aus 88 dass sich die EU, angeführt
Verteidigung Der Streit um die Aufrüstung Analyse Mit der Wirtschaftsblockade des von Angela Merkel, in
wird zum Wahlkampfthema 28 Donbass ist die Ukraine faktisch geteilt 92 die Angelegenheiten seines
Ursula von der Leyen widerspricht Landes einmische. Seite 84
US-Präsident Donald Trump 31 Sport
Essay Martin Schulz und die Tücken Bayer Leverkusen pusht die Fußball-
messianischer Politik 32 nationalmannschaft / Magische Momente:
Parteien Vom Verschwinden der Piraten 34 Wie Katarina Witt die amerikanischen
Wahlkampf Die Union will die Zahl der Eiskunstlauffans verzauberte 95
Doppelstaatler eindämmen 38 Sommermärchen Neue Zweifel am
Gewalt Ein Mann schleift seine Exfrau Aufklärungswillen des DFB 96

DIRK EUSTERBROCK / DER SPIEGEL


hinter seinem Auto durch die Straßen – die Schicksale Der mysteriöse Tod des
Geschichte einer grausamen Tat 40 HSV-Managers Timo Kraus 100
Dorfleben Ein Ort an der Nordseeküste
erfindet sich neu und will mit exotischen Fischen Wissenschaft
und Bananenplantagen Geld verdienen 42 Sensationsfund in Walbauch / Als Berlin
Verkehr Dieselhalter müssen mit noch die Hauptstadt der Drogen
Fahrverboten rechnen 44 war / Einwurf: Warum die Welt der Welt-
Umwelt Ein hochkarätiges Expertengremium karten in die Irre führt 104
will die Verkehrswende beschleunigen 47 Geschichte Nazis in Tibet – die Lynn Povich
Strafjustiz Freispruch für einen Flüchtling, der abenteuerliche Himalaja-Expedition des
Frauen an Silvester 2015 bedrängt haben soll 48 deutschen Zoologen Ernst Schäfer 106 Sie war eine Rebellin. Mit 45
Familien Wenn Kinder illegal Songs zum Medizin Fingerfood statt Babybrei – weiteren Journalistinnen
Download anbieten, sollen ihre Eltern wie riskant ist es, Kindern nach dem Stillen verklagte sie 1970 ihren Arbeit-
dafür zahlen oder die Kinder verraten 51 gleich feste Nahrung zu geben? 110 geber „Newsweek“, weil bei
Statistik Amerika bereitet sich auf die erste dem US-Magazin nur Männer
Gesellschaft Volkszählung im digitalen Zeitalter vor 112 schreiben durften. Heute
Früher war alles schlechter: Grenzenlose fragt sie sich, ob sie damals
Liebesgeschichten / Sind Türkenwitze wieder Kultur genug erreicht hat. Seite 78
salonfähig? 52 Morddrohung gegen Theaterregisseur /
Eine Meldung und ihre Geschichte Ein Mann Aki Kaurismäkis letzter Film? / Kolumne:
gibt ein Vermögen aus, um Zur Zeit 116
750 Vogelarten in einem Jahr zu sehen 53 Linke Warum heute noch Karl Marx lesen?
Weltanschauungen Zu Gast in einer Klein- SPIEGEL-Gespräch mit Mathias Greffrath,
stadt in Minnesota – wer sind die Menschen, einem Veteranen der 68er-Bewegung 118
die Donald Trump gut finden? 54 Fernsehen Die DDR als bunte Kulisse fürs
Kolumne Leitkultur 64 Unterhaltungsprogramm 122
Europa Der Balkan zwischen Nationalismus
Wirtschaft und EU-Begeisterung 124
Kino Feminismus brutal – „Tiger Girl“ feiert
Facebook hat Ärger wegen Löschteam / zwei Mädchen, die draufhauen 128
Italien gewährt Milliardenhilfen für Krisen- Buchkritik Robin Alexanders Bestseller
WITTERS

banken / Personalpoker bei der Bahn 66 „Die Getriebenen“ und Konstantin


Weltwirtschaft Der IWF fürchtet Richters Roman „Die Kanzlerin“ erzählen
wegen der Politik Donald Trumps um vom Flüchtlingssommer 2015
den ökonomischen Weltfrieden 68
130 Timo Kraus
Bildung In Berlin soll die erste private Er war vor elf Wochen unter
Bestseller 127
Hochschule für Programmierer entstehen 71 mysteriösen Umständen
Impressum, Leserservice 132
Soziales Die Ökonomen Peter Bofinger nach einer Feier verschwun-
und Clemens Fuest debattieren im Nachrufe 133
den, seine Frau verzweifelte.
SPIEGEL-Streitgespräch darüber, ob es Personalien 134
in Deutschland gerecht zugeht 72 Briefe 136 Am Donnerstag entdeckte
Personal NRW-Finanzminister Walter- Hohlspiegel / Rückspiegel 138 ein Schiffsführer die Leiche
Borjans toleriert, dass landeseigene des Managers vom HSV in
Spielkasinos die Sozialkassen schröpfen 75 Wegweiser für Informanten: www.spiegel.de/investigativ der Elbe. Seite 100

DER SPIEGEL 13 / 2017 7


Das deutsche Nachrichten-Magazin

Leitartikel

Verweigerte Liebe
Europa trägt eine Mitschuld am Abdriften der Türkei. Für Korrekturen könnte es zu spät sein.

E
s sind jetzt Bilder von gut gelaunten Menschen in steht, im Gegenteil, ziemlich isoliert da, weil es in Syrien
der Welt, die für Europa auf die Straße gehen und dubiose Koalitionen eingegangen ist und in den Ländern
dabei sogar das blaue Sternenbanner fliegen lassen. des Arabischen Frühlings mit Islamisten gekungelt hat.
„Pulse of Europe“ heißt die Aktion, deren Teilnehmer un- Der wirtschaftliche Aufschwung stockt, der Tourismus lei-
beirrt behaupten, dass es trotz Griechenland-Gewürge, det; die Türkei hat wirklich bessere Zeiten gesehen.
Flüchtlingsdruck, Orbán und Brexit immer noch genug Damals durfte noch geträumt werden. Von einer
zu feiern gebe. Passender Anlass heute: die Unterzeich- Türkei, die ideell eine Brücke schlägt zwischen Europa
nung der Römischen Verträge vor 60 Jahren. und Asien und so eine Art Zukunftslabor ist. Von einem
Belgien, Westdeutschland, Frankreich, Italien, Luxem- Land, das die These vom Kampf der Kulturen und vom
burg und die Niederlande schlossen damals einen ersten angeblichen islamisch-christlichen Gegensatz Tag für Tag
Pakt, um die Lehren aus dem Weltkrieg zu ziehen. Nie- widerlegt. Von einem Land wie ein Modell, das den sel-
mand hätte damals auch nur hoffen können, dass sich der- tenen Dreiklang spielen kann: muslimisch zu sein, demo-
einst 28 Staaten zu einer eng vernetzten Europäischen kratisch und ökonomisch erfolgreich.
Union zusammenfinden wür- Es ist bitter, wie naiv solche
den – und dass sogar die gro- Sätze heute wirken, Sätze, die
ße, alte Türkei in friedlicher vor Jahren immerhin schon
Absicht vor der Tür stehen einmal zur offiziellen Linie
und um Einlass bitten würde. der deutschen Außenpolitik
Dort steht die Türkei nun gehörten. Der Minister hieß
schon sehr lange, aber in die- damals Joschka Fischer, und
sen Tagen sieht alles danach man muss mit Bedauern sa-
aus, dass sie bald auf dem gen, dass er in Sachen Türkei-
Absatz kehrtmacht und ihr politik bis heute keinen Nach-
Glück woanders sucht – schon folger gefunden hat. Einer
allein, weil sie es muss. Trotz wie Fischer hätte in diesen
vieler blumiger Versprechun- Zeiten auch einmal daran er-
SINGER / EPA / REX / SHUTTERSTOCK

gen fände sie in diesem ehren- innert, dass es ebenso selbst-


werten europäischen Haus gerecht wie falsch ist, die
auf absehbare Zeit wohl Schuld am Übel immer nur
sowieso keinen Einlass, und auf türkischer Seite zu suchen.
daran ist sie, ganz aktuell, Das Land hat den jahrzehn-
ohne Zweifel selbst schuld. telangen Kampf um Annähe-
Ein Land, in dem Massen- rung und europäische Aner-
verhaftungen, Pressezensur Pro-Europa-Demonstration in Dresden kennung auch als ständige
und politische Verfolgung Demütigung erlebt. Allein die
zum Alltag gehören, hat in der Wertegemeinschaft der offiziellen Beitrittsverhandlungen seit 2005 haben viel
EU selbstverständlich nichts verloren. Auch die Verfas- Papier produziert, das aber nur den Umstand verdeckt,
sungsreform genannte Machtergreifung, die Präsident Re- dass die Türkei in den meisten EU-Ländern als neues Voll-
cep Tayyip Erdoğan für den 16. April geplant hat, und die mitglied letztlich nicht erwünscht ist. Sie war es nie.
unflätige Art und Weise des dazugehörigen Wahlkampfs Daraus hat die Union, unfähig zu gemeinschaftlicher
geben reichlich Anlass zu berechtigter Zurückweisung. Außenpolitik, aber nie Konsequenzen gezogen. Man ver-
Nun ist aber Außenpolitik eine Denksportaufgabe mit handelte, statt nach einem besseren Weg für alle Beteilig-
unendlich vielen Variablen, von denen die gehetzte Ge- ten zu suchen, weiter, halbherzig, hinhaltend, verlogen,
genwart immer nur eine ist. Ein Blick auf die Landkarte und nur einmal, als die Türkei als Pufferzone gegen Flücht-
genügt, um die immense geopolitische Bedeutung der Tür- linge gebraucht wurde, ließen sich die Europäer dazu he-
kei und ihre heutige prekäre Lage zu verstehen. Syrien rab, auf Augenhöhe zu verhandeln. Man muss nicht Türke
und der Irak zählen zu ihren direkten Nachbarn, im sein, um das beleidigend zu finden.
Schwarzen Meer liegt am fernen Horizont die Krim, und Nun ist es so: Wenn Erdoğan eine Mehrheit für seine Re-
vor den türkischen Küsten ist seit je reichlich russische form bekommt, wird er sehr lange im Amt bleiben, und
Marine unterwegs. der EU-Beitritt der Türkei ist vom Tisch. Scheitert er aber
Das Konfliktpotenzial ist groß, die Gefahr kriegerischer – Umfragen sehen im Moment ein knappes Rennen – und
Entzündung besteht, umso mehr, als die Türkei als ange- kann der Urnengang nicht in seinem Sinne gefälscht wer-
schlagen gelten muss. Ihre Hoffnungen, durch den Arabi- den, dann sollte die EU bereitstehen. Und die Türkei mit
schen Frühling wieder zu einer bedeutenden Regional- Respekt, Geld und Liebe überschütten. Das klingt naiv. Es
macht aufzusteigen, haben sich nicht erfüllt. Das Land wäre aber vernünftige Außenpolitik. Ullrich Fichtner

8 DER SPIEGEL 13 / 2017


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Meinung
Jakob Augstein Im Zweifel links

Wiederkehr der Würde


Martin Schulz wird im Frau von gestern. Denn sie wirkt kalt bis
Herbst Bundeskanzler. ins Herz hinein. Sie ist eine Kalkuliererin Bundeshausfrau
Warum? Wegen eines aus der Ära des Ökonomismus. „Markt- So gesehen Die Franzosen
einzigen Wortes: konforme Demokratie“, das ist die neolibe- sind uns bei der Emanzi-
Würde. Es ist gar rale Utopie, die mit ihrem Namen ver- pation immer noch voraus.
kein klassischer Be- knüpft ist. Obwohl sie diesen Ausdruck so
griff aus der Politik, nie gebraucht hat, ist er an ihr hängen ge- Was die Emanzipation der
sondern aus der Reli- blieben. Zu Recht. Frau angeht, hatten die Fran-
gion, der Philosophie, der Ans Ende kommt jetzt ein Denken, in zosen im Vergleich mit uns
Psychologie. Es ist ein Wort, das gefehlt dem alles einen Preis hat und nur der Preis Deutschen schon immer die
hat, obwohl es immer gegenwärtig sein über den Wert entscheidet. Und Werte Nase vorn. Frankreich war
sollte: „Die Würde des Menschen …“ – so lohnen sich nur, sofern sie sich ausrechnen bereits mit Kitas und Ganz-
beginnt das Grundgesetz. Aber Wort lassen. Und Politik ist ein leidiges Übel, tagsschulen gepflastert,
und Wirklichkeit haben sich voneinander das der Marktgerechtigkeit im Wege steht. da servierte die Frau von
entfernt. Und die Menschen, die Martin Und der Markt ist nicht nur effizienter – Edmund Stoiber, genannt
Schulz wählen wollen, sind die Antastbar- er verfügt auch über mehr Legitimation „Muschi“, noch hauptberuf-
keit langsam leid. als die Demokratie. Darum ist der reine lich Frühstück. Daheim in
Der konservative Publizist Hugo Müller- Markt die reine Moral. Das war dieser Wolfratshausen.
Vogg hat in dieser Woche geschrieben: „In armselige Ökonomismus, der glaubte, mit Diese sogenannte Muschi-
seiner Parteitagsrede beschwor der neue den Mitteln der wirtschaftlichen Vernunft Phase der Republik wurde
SPD-Chef die Begriffe Gerechtigkeit, Res- jeden Winkel der menschlichen Seele letztlich überwunden – es
pekt und Würde. Unklar ist, was er damit ausleuchten zu können – auch die Winkel gibt jetzt vermehrt Kitas und
genau meint.“ Nichts ist unklar, glasklar der Unvernunft. Unter ökonomischen Ge- Frauen, die nicht nur zu Hau-
ist, was Schulz damit meinte. Denn das sichtspunkten lässt sich jedes Leben als das se arbeiten. Nun steht eine
vergangene Vierteljahrhundert lässt sich einem Menschen optimale beschreiben. neue Stufe der Emanzipation
als Ära der Entwürdigung beschreiben. Wenn jemand dem Weg des Lasters folgt an, und wieder zeigen uns
Man hat die Deutschen Verfügbarkeit ge- und frühzeitig an Trunksucht stirbt, dann die Franzosen, wie man es
lehrt, und sie haben ihre Entbehrlichkeit war halt der Nutzwert eines zusätzlichen macht. Nehmen wir die Fälle
erfahren. Hartz IV ist da nur eine Chiffre. Lebensjahres geringer als der Nutzwert, von Penelope Fillon, der
Es geht um eine ganze Realität der Res- der hätte aufgebracht werden müssen, um Frau des früheren Premier-
pektlosigkeit. Ja, die Menschen haben sich dieses Jahr zu erhalten. ministers, und Elke Büden-
erstaunlich still gefügt. Wer aber die Würde des Menschen in bender, der Frau des neuen
Schulz, der „gute Populist“, gibt der den Mittelpunkt des Denkens stellt, er- Bundespräsidenten Frank-
Sehnsucht in ihnen jetzt eine Stimme. Und kennt, dass kein Mensch immer ein Nut- Walter Steinmeier. Büden-
diese Stimme verlangt nach Würde. Wie zenoptimierer ist und Gesellschaften bender hat gerade ihren Be-
oft hat Merkel das Wort in den Mund ge- keine volkswirtschaftlichen Aggregate sind. ruf als Verwaltungsrichterin
nommen? Für sie zählte immer nur, was aufgegeben, weil ihr Mann
funktioniert. Sie ist groß als Krisenkanzle- An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, einen neuen Job bekam. Sie
rin. Aber plötzlich steht sie da als eine Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel. ist nun First Lady, ein Full-
timejob mit Büro, Schreib-
kraft, Referentin – und ohne
einen Cent Gehalt. Penelope
Kittihawk Fillon war 15 Jahre lang als
parlamentarische Assistentin
ihres Mannes angestellt, was
den Steuerzahler insgesamt
830 000 Euro kostete. Als die
Sache aufflog, erklärten Er-
mittler, sie hätten keine Hin-
weise, dass Frau Fillon für
das Geld gearbeitet habe.
Hart arbeiten und nichts
verdienen, weil der Mann ei-
nen neuen Job hat – das ist
Deutschland. Viel kassieren,
nicht arbeiten und so die
Karriere des Mannes ruinie-
ren – das ist der französische
Weg. Mit Frau Fillon hat
Frankreich eine Art Endstufe
der Emanzipation erreicht.
Markus Feldenkirchen

10 DER SPIEGEL 13 / 2017


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Titel

Keep calm
Terror Der Anschlag im Herzen Londons zielte auf eine
weltoffene Metropole und ihre demokratischen
Institutionen. Doch die Stadt entzieht sich dem Hass – und
setzt der Furcht eine dickköpfige Gelassenheit entgegen.

S
ie habe eine simple Botschaft, sagte gute Nachricht in diesen schlimmen Tagen.
Theresa May am Tag danach. „Wir Londons Bürgermeister Sadiq Khan sagte,
haben keine Angst.“ Die Premiermi- seine Stadt werde sich nicht einschüchtern
nisterin stand im Parlament, nur wenige lassen. Nicht einmal 24 Stunden nach dem
Schritte entfernt von dem Ort, an dem ein Anschlag kehren die Parlamentarier zur
Attentäter am Mittwoch versucht hatte, in Tagesordnung zurück: Debatten, Aus-
die Herzkammer der britischen Demokra- schusssitzungen, Lunch mit Kollegen. Die
tie vorzudringen. May trug Schwarz, so Demokratie fährt beinahe stoisch fort in
wie viele Abgeordnete, ihre Sätze klangen ihren Abläufen. Jeder Anschlag reißt ein
ernst bis trotzig. „Wir werden auch wei- Loch in den Alltag, aber in London wird
terhin entschlossen bleiben im Angesicht dieses Loch erstaunlich schnell wieder von
des Terrors“, sagte sie. der Normalität überdeckt.
Es sollten Worte der Beruhigung sein, Das liegt auch daran, dass die britische
aber wie sich herausstellte, waren sie nicht Hauptstadt den Umgang mit Terror ge-
nötig. Wenn London unter Schock steht, wohnt ist. London wurde von den Bombern
kann es die Stadt gut verbergen. Am Don- der IRA in den Siebziger- bis Neunziger-
nerstagmorgen spucken die Vorortzüge jahren heimgesucht, von linken Anarchis-
wie gewöhnlich Pendler mit müden Augen ten, schottischen Nationalisten und später,
aus, die U-Bahn ist voll wie an jedem im 21. Jahrhundert, von islamistischen Ex-
Werktag, durch das Regierungsviertel eilen tremisten. Im Juli 2005 zündeten Selbst-
mittelalte Männer, die auf ihr Mobiltelefon mordattentäter vier Sprengsätze in der U-
starren, auch wie immer. An der Stelle, an Bahn und in einem Bus, 52 Menschen wur-
der das Auto des Attentäters in den Zaun den getötet. Im Mai 2013 ermordeten zwei
vor dem Parlament krachte, steht ein blau- Radikale im Londoner Stadtteil Woolwich
es Zelt mit gelbem Dach, der Palast von einen Soldaten auf offener Straße und ver-
Westminster ist abgesperrt. Die Anzugträ- suchten anschließend, ihn zu enthaupten.
ger auf ihrem Weg in die Büros machen Über eine Million Muslime sind in Lon-
einfach einen Bogen darum. don zu Hause, darunter eine sehr kleine
„Das gestern war beängstigend, aber wir radikale Minderheit. Männer wie der Hass-
bleiben stark“, sagt Matt, ein junger Ban- prediger Anjem Choudary, der im Osten
ker aus der City, der am Morgen danach der Stadt lebte und inzwischen im Gefäng-
zur Arbeit geht. Schon in der Nacht ver- nis sitzt, konnten hier jahrelang ihre Tira-
breitete sich im Internet binnen Stunden den gegen den Westen verbreiten und an-
das berühmte Logo der Londoner Tube, dere zum gewalttätigen Kampf anstacheln.
aber statt einer Haltestelle stand auf dem Gleichzeitig beobachten die Geheim-
blauen Balken: „We are not afraid.“ dienste aber die Aktivitäten solcher Pre-
Die Stadt begegnet dem Terror mit fast diger sehr genau. Seit den Anschlägen von
dickköpfiger Gelassenheit, und das ist die 2005 baute die Regierung den Sicherheits-
und Überwachungsapparat massiv aus; die
Geheimdienste bekamen mehr Geld und
Befugnisse. In wohl keinem europäischen
Land sind die Behörden im Kampf gegen
ANDREW TESTA / NYT / REDUX / LAIF

Terroristen wissen sehr den Terror besser ausgestattet.


Gleichzeitig sind die Londoner stolz auf
genau, dass ein Anschlag ihre Toleranz. Es gibt hier einen gemäßig-
ten Islam der Mittelschicht, der es Hasspre-
in einer globalen digern schwerer macht, zu jungen Män-
Stadt wie London weltweit nern durchzudringen. Muslime spielen im
öffentlichen Leben eine Rolle, seit Jahr-
Schockwellen auslöst. zehnten schon; sie werden, anders als in
12 DER SPIEGEL 13 / 2017
Polizisten an der Themse gegenüber dem Palast von Westminster: Die Londoner sind stolz auf ihre Toleranz

DER SPIEGEL 13 / 2017 13


Titel

Paris oder Brüssel, nicht an die Ränder attacken. Es gehe darum, die Ungläubigen
verbannt. Mit Sadiq Khan als Bürgermeis- mit allen verfügbaren Mitteln zu töten, gif-
ter zog ein Muslim ins Rathaus ein, was tete der inzwischen getötete IS-Propagan-
viele seiner Glaubensgenossen stolz macht. dist Abu Mohammed al-Adnani bereits
Und doch hatte man mit einem neuen 2014: „Zertrümmert seinen Kopf mit ei-
Anschlag gerechnet, schon aus statistischer nem Stein, schlachtet ihn mit einem Mes-
Wahrscheinlichkeit. Überraschend ist, dass ser, oder überfahrt ihn mit eurem Auto.“
es so lange dauerte. Nicht weniger als 13 Am Donnerstag gab das IS-Sprachrohr
geplante Attentate hätten die britischen Aamaq bekannt, ein „Soldat“ des IS habe
Behörden in den vergangenen vier Jahren den Anschlag begangen. Es war die gleiche
in Großbritannien vereitelt, sagte Theresa Botschaft wie nach den Anschlägen bei
TATE May im Parlament. Mittwoch war „der Tag, Würzburg und in Ansbach. Auch dort wa-
auf den wir uns vorbereitet hatten, wäh- ren zuvor unauffällige Einzeltäter über das
rend wir hofften, er würde nie kommen“, Internet vom IS angestiftet und gelenkt
Chris Dercon sagte Mark Rowley, stellvertretender Chef worden. Ob Masood allein gehandelt hat,
der Metropolitan Police. ist noch unbekannt; es gab sieben Ver-
bis 2016 Direktor der Tate Modern
Es ist gegen 14.40 Uhr Ortszeit, als ein haftungen im Zusammenhang mit dem
„Eine Bekannte aus Deutschland, die ge- bärtiger Mann mit einem Hyundai auf der Anschlag.
nau zur Zeit des Anschlags in der Tate Westminster Bridge in Passanten rast, im Ein Angriff mitten in London, das wäre
war und sich die Werke des Fotografen Schatten von Big Ben, dem Londoner für den IS ein großer Erfolg. Wieder ein-
Wolfgang Tillmans ansah, schrieb mir: Wahrzeichen. Wer maximale Aufmerk- mal hat er alle Aufmerksamkeit auf sich
,Diese Ausstellung gibt mir Hoffnung.‘ samkeit möchte, wählt diesen Ort, diesen gelenkt, wieder einmal hat die Propaganda
Wie Berlin nach dem Anschlag im Dezem- Tag. Denn in den Sitzungswochen findet gewirkt. Gerade London, diese weltoffene
ber hat auch London gelernt, mit sol- jeden Mittwochmittag der ritualisierte Metropole, in die Millionen Touristen jedes
chen Vorfällen umzugehen: Es gibt ein Schlagabtausch zwischen Parlamentariern Jahr reisen. Extremisten wissen sehr ge-
großes Solidaritätsgefühl, die Kontrover- und Premierministerin statt; Kabinettsmit- nau, dass ein Anschlag hier weltweit
se um den Brexit wird da, zumindest glieder sind anwesend, die Abgeordneten Schockwellen auslöst.
vorübergehend, unwichtig.“ sitzen dicht gedrängt auf ihren Bänken. So zählen zu den Verletzten dieses Mitt-
Nach der Amokfahrt kracht der Wagen wochs auch nicht nur Briten, sondern Be-
in einen gusseisernen Zaun vor dem Palast sucher aus Frankreich, Südkorea, Deutsch-
von Westminster. Der Attentäter setzt sei- land, Polen, Irland, China, Italien, Grie-
Alain de Botton nen Weg zu Fuß fort und sticht mehrmals chenland und den USA. Eine Touristin aus
auf einen Polizisten im Vorhof ein, der ihn Rumänien sprang von der Westminster
Philosoph und Schriftsteller aufhalten will; danach wird er erschossen. Bridge in die Themse.
„Meine Familie und ich sind auch Ein- Fünf Tote, darunter der Attentäter und Am Donnerstagabend treffen sich die
wanderer, an London haben wir immer der Polizist, sowie rund 40 Verletzte, das Londoner zu einer Gedenkfeier am Trafal-
geschätzt, dass alle dazugehörten, ist die vorläufige Bilanz dieses Wahnsinns. gar Square. Sie stellen Kerzen auf und ha-
egal woher sie kamen. Es gibt nur weni- Jahrelang hatten Sicherheitsbeamte ge- ben Transparente dabei: „Keep calm and
ge Orte in Europa, die eine solche Vielfalt warnt, eine Tat wie diese sei „sehr wahr- love London“. Auf den Stufen versammeln
aufweisen, für mich ist das der Inbegriff scheinlich“. Jetzt ist sie also geschehen. Die sich Würdenträger anderer Religionen:
der Zivilisation. Aber Toleranz und Vielfalt Polizei gibt den Namen des Attentäters mit Priester im Ornat, Sikhs, orthodoxe Juden,
haben viele Feinde, sie kommen von Khalid Masood an, 52 Jahre alt, geboren auch zahlreiche Muslime sind gekommen.
links, von rechts, aus religiöser Richtung, in Kent, Südengland. Kein Einwanderer, Männer wie Atta, 39 Jahre alt, mit ei-
oder sie sind durch militanten Atheismus kein Flüchtling, sondern ein Brite. Offenbar nem T-Shirt, auf dem steht: „Ich bin Mus-
motiviert. Es gibt nun den Drang, Mauern wohnte er zuletzt in Birmingham, wo ihn lim, frag mich, was du willst.“ Er glaubt
zu bauen, reale und metaphorische, um Nachbarn als ruhig und reserviert beschrei- nicht, dass dieser „barbarische Akt“, der
die ,Außenseiter‘, die ,Fremden‘ auszu- ben. Er war der Polizei bekannt, was unan- im Namen des Islam begangen worden sei,
schließen. Das ist auch ökonomisch un- genehme Fragen aufwerfen wird. Vor Jah- den Hass auf die Muslime anstacheln wer-
klug, aber das ist nicht der Punkt. Jeder, ren wurde gegen ihn im Zusammenhang de. Die Briten seien toleranter als andere
der an Mitmenschlichkeit glaubt, kann mit gewalttätigem Extremismus ermittelt. Europäer, sagt er: „Wir sind doch alle Bri-
nur hoffen, dass Großbritannien sich auf Bereits seit 1983 ist er wegen kleinerer De- ten.“ Und nach einer kurzen Pause: „Ich
jene Werte besinnt, die in der Vergangen- likte aktenkundig, es folgten Anzeigen we- hoffe nicht, dass ich zu optimistisch bin.“
heit seine Vorzüge ausmachten.“ gen Körperverletzung und Waffenbesitzes. Wenn der wiederkehrende Terror auch
Zuletzt wurde er 2003 verurteilt, weil er nur einen Funken Gutes hat, dann das: Er
ein Messer mitgeführt hatte. verliert früher oder später einen Teil seines
Mehr Kleinkrimineller als Terrorist, so Schreckens. Ohne Angst kein Terror. Aber
sahen das wohl die Behörden. Eine Ver- auch das lehrt der Anschlag von Westmins-
bindung zum organisierten Terrorismus ter: Einen zu allem entschlossenen Einzel-
gab es laut Polizei nicht; Masood war nicht täter wird selbst eine noch so hoch gerüs-
Teil des Gefährderpools von rund 3000 Is- tete Polizei nie stoppen können.
lamisten, die überwacht werden. „Eine Man kann demokratische Institutionen
Randfigur“ nannte ihn Theresa May. sichern und schützen, aber zu viel Sicher-
LUZPHOTO / FOTOGLORIA

Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) heit wird eine Demokratie ersticken. Die
hat schon vor Jahren begonnen, ihre An- Parlamentsverwaltung kündigte daher an,
hänger auf eine perfide Guerillataktik ein- dass Besuchergruppen ab Samstag wieder
zuschwören. Weg von großen, aufwendig regulär zugelassen seien.
koordinierten Anschlägen, hin zu Einzel- Christoph Scheuermann, Jörg Schindler

14 DER SPIEGEL 13 / 2017


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Titel

Die verwundete Metropole


Großbritannien London ist das Zentrum der Globalisierung, ein Exzess
von Geld und Kreativität – und damit der Gegenentwurf zur Brexit-Kleingeistigkeit.
Eine Liebeserklärung. Von Christoph Scheuermann

D
as Scheißwetter, der Verkehr, der ten, dem ungehinderten Fluss des Kapitals, Um Londoner zu werden, braucht man
Lärm, das perverse Geld, die bizar- von Offenheit, Internationalismus, Ideen nicht länger als einen idealerweise leicht
ren Mieten, die Central Line zur von außen. Achteinhalb Millionen Men- angetrunkenen Nachmittag im Pub mit ein
Rushhour, die Gier, die Gleichgültigkeit, schen aus sämtlichen Teilen der Erde leben paar Fremden und einem Fernseher, auf
die Russen in Mayfair, die Franzosen in hier halbwegs friedlich und angenehm zu- dem Chelsea gegen Arsenal läuft. Dann
Notting Hill, und ein Pint kostet auch sammen und profitieren davon im Großen weiß man, was man wissen muss über die
längst mehr als sechs Euro – natürlich gibt und Ganzen. London ist das Labor für das Stadt, das Leben und den ganzen Rest. Je-
es eine Menge Gründe, London zu hassen. Migrationszeitalter, ein Raumschiff, das denfalls war das lange so.
Doch dann reißt eine Sekunde lang der zufällig über England schwebt. Inzwischen kriecht der Brexit sogar in
Himmel auf, in der U-Bahn lächelt das Und genau deshalb wird die Trennung die Thekengespräche. Der Ton ist ein Jam-
Mädchen vom Sitz gegenüber, vor dem von der Europäischen Union für diese merton, und auch das kann man den Be-
Theater bekommt man eine Premierenkar- Stadt so fürchterlich. Am kommenden wohnern der Hauptstadt nicht übel neh-
te geschenkt, und all das Gejammer ist ver- Mittwoch will die Regierung den Austritts- men. Das Pfund ist schwächer geworden
gessen. Dann weiß man, dass kein besserer prozess beginnen. Theresa May, die Pre- seit dem Referendum, die Preise für Kaf-
Ort auf der Welt existiert als diese flirrende mierministerin, lässt keinen Zweifel daran, fee, Mobiltelefone und Ibizaurlaube stei-
Stadt, kein spannenderer, kein freundliche- dass sie in Kauf nimmt, ihrer Hauptstadt gen, europäische Krankenschwestern kün-
rer, kein Ort, der mehr gibt als dieser, trotz das Blut abzuschnüren. digen, Firmen wollen abwandern.
Terror, trotz Brexit, trotz dieses Chaos. Die Mehrheit der Londoner, 60 Prozent, In den Small Talk der Hauptstadt mischt
London feiert sich zu Recht für seine stimmte gegen den Brexit. Es ist für sie sich Beklemmung, wen man auch fragt:
Coolness, was regelmäßig auf die Probe schlicht unvorstellbar, die Bindungen zum Architekten, Banker, Schriftsteller, norma-
gestellt wird, zuletzt am Mittwoch. Ein At- Kontinent zu kappen, aus der vagen Hoff- le Bürger. Es gibt viele Pessimisten, die
tentäter raste auf der Westminster Bridge nung heraus, in zehn Jahren vielleicht London auf dem Weg nach unten sehen.
in Passanten und versuchte, in das Parla- von Handelsverträgen mit Südkorea zu Es gibt jedoch auch Leute, die guter Dinge
mentsgebäude einzudringen. Neben der Er- profitieren. Daher geht nun eine Angst um sind. Sie sagen, London sei immer flexibel
schütterung und der Trauer über die Opfer in London, eine Schrumpfungsangst, die gewesen, Stillstand sei keine Option. Still-
aber herrscht in der Metropole jene sture Furcht davor, kleiner, enger, unbedeuten- stand ist Langeweile, und Langeweile wäre
Gelassenheit, die nur eine Stadt entwickeln der zu werden, arm wie Berlin, starr wie das Ende dieser Stadt.
kann, die Krisen, Angriffe und Unruhen Paris, unwichtig wie Rom. Keine Metro- Der Historiker Peter Ackroyd beschreibt
seit Jahrzehnten gewohnt ist. pole mehr, sondern eine Stadt in England. London in seiner großen Stadtbiografie als
London ist gut darin, Schocks zu absor- Könige liegen hier begraben, Rebellen, Lebewesen, halb Stein, halb Fleisch. „Be-
bieren. Die Frage ist, ob das so bleibt. Denn Kapitalisten, und dass London Humor be- merkenswert ist, dass sich dieses Labyrinth
ausgerechnet hier, im Herzen des globali- sitzt, merkt man daran, dass der Zugang in einem Zustand ständiger Veränderung
sierten Westens, wird in den nächsten Mo- zum Grab von Karl Marx in Islington um- und Expansion befindet“, schreibt er. Die
naten und Jahren der Austritt aus der EU gerechnet fünf Euro Eintritt kostet. Die Stadt wird sich anpassen, notgedrungen
orchestriert und vollzogen, diese wahnwit- Stadt kennt keine Mittelmäßigkeit, das auch an einen harten, dreckigen Brexit.
zige Übung in Isolation. Die Stadt wehrt macht sie so sexy. Sie toleriert keine Träg- Die Stadt ist Chaos, es hilft, wenn man
sich tapfer gegen die englische Kleingeis- heit, das macht sie so verlockend. Wer hier sie mit frischem Blick betrachtet, aus
tigkeit, doch am Ende wird ein Land ste- herzieht, um Ruhe zu haben, ist fehl am den Augen einer Immigrantin. Alessandra
hen, das weniger offen, weniger vernetzt Platz. Lebensmüde sei man, wenn man Muin war 22, als sie ankam, eine quirlige
sein wird als zuvor, und schon das läuft dieser Stadt überdrüssig werde, schrieb der junge Frau aus einem Kaff im Norden Ita-
der Londoner Natur zuwider. Autor Samuel Johnson im Jahr 1777: liens. Sie wollte Englisch lernen, sie wollte
Etliche englischsprachige Zeitungen er- „When a man is tired of London, he is tired Abenteuer, weg aus der Enge, raus in die
scheinen hier täglich, Handelsrouten und of life.“ Welt. Wenige Monate wollte sie bleiben,
Geldströme laufen zusammen, Oligar- dann weiter, mal sehen.
chen treffen auf Exilanten, Ölscheichs auf Kurz vor Weihnachten stieg sie aus dem
Kriegsflüchtlinge, Lebenshungrige auf Ge- Flugzeug. „Zwei Wochen später hatte ich
schäftemacher. London atmet die Welt, einen Job.“ Sie faltete Pullover und Hem-
London ist die Welt. Was hier gesagt, ge- In den Small Talk der den bei Benetton am Oxford Circus, nicht
schrieben, entwickelt und entworfen wird,
sprengt jedem das Hirn, der versucht, diese Hauptstadt mischt sich die erfüllendste Aufgabe der Welt, aber
ein Anfang. Sie lief staunend durch die
Stadt zu begreifen. Beklemmung über Straßen. Abends feierte sie mit neuen
eine ungewisse Zukunft
London ist das Zentrum der Globalisie- Freunden und Bekannten. Sie sah eine Mil-
rung, größer, hungriger, mächtiger als jede lion Möglichkeiten. „Ich habe mich in die-
andere westeuropäische Stadt. Kein Ort
der westlichen Hemisphäre hat stärker von
nach dem Brexit. Der Ton se Stadt verliebt“, sagt sie.
Das war vor 14 Jahren, London ließ Muin
Einwanderern profitiert, von freien Märk- ist ein Jammerton. seither nicht los. Heute faltet sie keine Hem-

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ZED NELSON / DER SPIEGEL

Pendler auf der London Bridge vor dem Shard-Hochhaus


Handelsrouten und Geldströme laufen hier zusammen, Oligarchen treffen auf Exilanten, Scheichs auf Flüchtlinge

DER SPIEGEL 13 / 2017 17


Titel

den mehr, sondern kocht Leckereien aus


ihrer italienischen Heimat und verkauft sie
an Gourmets. Muin ist eine von Zehntau-
senden, die jedes Jahr hier angespült wer-
den und hängen bleiben, irgendwie. Wegen
der Chancen, die sich offenbaren, wegen
der Freiheit, wegen der Menschen, die alle
auf der Suche sind: nach Geld, nach Glück,
nach Aufregung, nach Leben und Sinn.
Wer nach London zieht, will sich selbst
beweisen, dass er hier überleben kann. Je-
der Neuankömmling spürt, dass dieses Ge-
wirr aus Gassen und Empire-Romantik, Pa-
lästen und Sozialwohnungen mehr ist als
Backstein und Beton. „London ist ein Ge-
ZED NELSON / DER SPIEGEL
mütszustand, eine Verfassung.“ Das sagt
Sadiq Khan, der Bürgermeister, er wirkt
dabei sehr ernst. Das Referendum steckt
wie ein Stachel in der Stadt, Khan weiß,
dass er als Bürgermeister die Wut seiner
Bürger dämpfen muss. Nur wie? Luxusautos in Knightsbridge: Seelische Leere einer Stadt, die Gier zur Kunstform erhob
Khan wäre ohne seine Umgebung nicht
denkbar, anders gesagt: Nur in London
kann eine solche Karriere stattfinden, und
im Grunde erzählt sein Leben schon die
ganze Geschichte dieser Stadt als Magnet
für Suchende aus aller Welt. Nirgendwo
sonst wäre ein solcher Aufstieg mit mehr
Selbstverständlichkeit hingenommen wor-
den. Vom Sohn eines pakistanischen Bus-
fahrers zum Rechtsanwalt zum Bürgermeis-
ter, dem ersten Muslim an der Spitze einer
europäischen Metropole – so what?
Khan sagt: „Seit über tausend Jahren
ist diese Stadt offen für Handel, für Men-
schen, Ideen. Das darf sich nicht ändern.“
Wie die Mehrheit seiner Bürger stimmte
er am 23. Juni 2016 gegen den Brexit, und
wie alle Politiker, die das taten, steckt er
ZED NELSON / DER SPIEGEL

in einem Dilemma. Er zählt zu den Verlie-


rern des Referendums, zugleich muss er
Bürger, Unternehmen und Banken vor den
negativen Folgen des EU-Austritts schüt-
zen. Er will London eng mit Europa ver-
netzen, notfalls mit speziellen Arbeitsvisa. Marktbesucher in Brixton: Kein Ort hat stärker von der Globalisierung profitiert
Aufhalten kann er den Brexit nicht, aber
er kann ihn bremsen. Es geht ja nicht nur
um London. „Wenn London blüht, profi- „Der gewöhnliche Brite auf dem Land müsste hier seine Staffelei aufbauen. Die
tieren alle auf der Insel“, sagt Khan. „Wenn blickt auf seine Hauptstadt und erkennt Felsenaustern schmecken ausgezeichnet.
es uns schlecht geht, leidet das Land.“ sich selbst nicht.“ Das sagt John Lanches- Lanchester sagt, der Vorwurf sei zwar
Das Problem ist die Arroganz der Metro- ter, Denker, Schriftsteller, Londoner. Seit alt, aber deswegen noch lange nicht falsch,
pole. Khan weiß, dass sich Offenheit aus- Jahren setzt sich Lanchester in seinen Bü- dass London zu groß, zu einflussreich ge-
zahlt, zumindest für seine Stadt. London chern mit einer zusehends verrohenden worden sei. Die Entfesselung der Finanz-
zieht Menschen an, Geld, Arbeitsplätze, Metropole auseinander, mit der seelischen branche in den Achtzigerjahren, der Big
Kunst, Ideen. 23 Prozent der britischen Leere einer Stadt, die Gier zur Kunstform Bang, habe den Abstand zum Rest des
Wirtschaftsleistung werden hier erzielt. Die erhob, weit über die Grenzen des Banken- Königreichs noch vergrößert. Fast gleich-
Londoner lassen ihre Landsleute in der Pro- viertels hinaus. Geld als Wert an sich. Will- zeitig mit dem Urknall in der City machten
vinz gern spüren, dass sie auf dem sonnigen kommen in der Kapitalistenhölle. die Bergwerke im Land dicht, Stahlhütten
Teil der Insel wohnen. Das Essen ist besser, Lanchester sitzt im Soho House in der und Schiffswerften. Die Arbeiter an den
die Theater sind es, die Museen, die Pubs, Innenstadt, eine bessere Kulisse für ein Küsten und in den Industriezentren ver-
die Tischgespräche, das Nachtleben, viel- Gespräch über die Entwicklung der Me- loren nicht nur ihre Jobs, sondern auch
leicht sogar der Sex. Insofern war das Bre- tropole gibt es nicht. Denn das Soho ihre Identität, während London, dieses
xit-Votum auch die Rache der Provinz am House ist nicht nur der Privatklub für die englische Gotham, wuchs und wuchs.
Zentrum, ein „Fuck You!“ der Verlierer an weltweite Elite der Jungspießer und Pseu- „Die Stadt war besessen davon, aus Geld
die Profiteure der Globalisierung. Kein dounternehmer, sondern das Raumschiff noch mehr Geld zu machen“, sagt Lan-
Wunder, dass viele mit großer Schadenfreu- auf dem Raumschiff. Ein Maler, der Glo- chester. Es war, als hätte London die ma-
de nach London schauen. balisierungsgewinner porträtieren wollte, gische Formel entdeckt: reich werden,

18 DER SPIEGEL 13 / 2017


die Londoner Banken weiterhin ungehin-
dert in Europa Geschäfte machen können,
doch pessimistisch ist sie nicht. Im Gegen-
teil, sie wirkt vergnügt.
In ihrer Zeit als Bankerin erlebte sie vie-
le Turbulenzen, darunter den Crash vor
neun Jahren, der Großbritannien in die
schwerste Rezession seit Jahrzehnten trieb.
Jede Krise biete Chancen, sagt Rose. „Die
Finanzbranche ist äußerst agil und gut da-
rin, Herausforderungen zu meistern.“ Die
Stadt wird überleben. Der Brexit sei nicht
vergleichbar mit 2008. „Das ist keine Fi-
nanzkrise, sondern eine politische Situa-
tion, die Veränderungen bringen wird.“

ZED NELSON / DER SPIEGEL


Die meisten Banker wollten den Brexit
nicht, aber sie werden ihn verkraften. „Ich
glaube, dass die City es schafft, mit dem
Brexit umzugehen, wie auch immer er sich
gestaltet“, sagt Alison Rose. Anders aus-
Bürgermeister Khan (r.): „Wenn London blüht, profitieren alle auf der Insel“ gedrückt: Uns wird es weiter geben. Wa-
rum auch nicht, das Geldviertel hat Feuer
überlebt, Weltwirtschaftskrisen, globale
Beben. Womöglich wird man Teile des Ge-
schäfts abtreten müssen, doch niemand
glaubt, dass am Tag des EU-Austritts ge-
feuerte Banker mit Pappkartons durch die
Straßen laufen. Ein Spritzer Risiko gehört
dazu, noch besser natürlich, wenn man da-
ran verdienen kann.
Wie Crispin Odey etwa, ein Hedgefonds-
Manager, der um rund eine Viertelmilliar-
de Euro reicher wurde, weil er gegen das
britische Pfund gewettet hatte. Zu den
Europagegnern zählen auch schwerreiche
Männer wie Michael Hintze, ebenfalls
Hedgefonds-Manager, oder der Chef des
Zuckerherstellers Tate & Lyle, die außer-
halb der EU auf höhere Gewinne hoffen.
ZED NELSON / DER SPIEGEL

Ironischerweise konnte in London die


Globalisierungskritik nie richtig Fuß fassen.
Die Occupy-Bewegung lief gegen eine
Mauer aus Gummi. Und trotz gieriger In-
vestoren und Vermieter gibt es nur selten
Hochhausbaustelle in Bankside: Garagen, die mehr als eine halbe Million Euro kosten Protest gegen die Logik der Aufwertung
von Stadtvierteln und die Verdrängung der
Mittelschicht. In London leben ist ein Null-
ohne sich die Finger schmutzig zu machen. packend. Rose ist Mitglied der Geschäfts- summenspiel, entweder man beißt sich
Wer braucht Kohle und Stahl, wenn man führung bei der Royal Bank of Scotland, hoch, oder man scheitert. Wer nicht ge-
aus Geld mehr Geld machen kann? Lan- eine der einflussreichsten Frauen in den winnt, verliert. Protest ist nutzlos.
chester stößt ein sarkastisches Lachen aus. Geldtürmen. Sie spüre, sagt sie, Unsicher- Und falls doch mehr Jobs abwandern
„Was die Bankenregulierung betrifft, ha- heit und Nervosität bei ihren Kunden. Na- sollten als befürchtet – wäre das so
ben wir in den Achtzigern das Buch mit türlich weiß auch sie nicht, was am Ende schlimm? Dumm für die Banker, klar, für
den Spielregeln zerrissen. Fünf Minuten der Brexit-Verhandlungen stehen wird, ob den Finanzminister auch, dem von hier
später war London das Zentrum des glo- Milliarden an Steuern zufließen. Wäre es
balen Finanzkapitalismus.“ jedoch nicht an der Zeit, dass die Insel
Wird die Londoner City jetzt nach Paris mehr produziert als Finanzdienstleistun-
oder Dublin umziehen, oder, nur mal so gen und teure Immobilien?
als Witz, nach Frankfurt? Es gibt Banken, Fast gleichzeitig mit Die Stadt hat sich zu oft neu erfinden
die, zumindest teilweise, wegwollen. Die
Schätzungen, wie viele Jobs in London dem Big Bang in der müssen, um Veränderung abzulehnen. Von
dem Big Bang der Finanzwelt profitierten
verloren gehen könnten, reichen von we-
nigen Zehntausend bis 100 000. Niemand
Finanzbranche machten viele, nicht zuletzt Künstler. Damien Hirst,
Tracey Emin, Sarah Lucas und all die an-
weiß, wie hart der Einschlag wird. die Bergwerke dicht. deren Young British Artists waren That-
Alison Rose arbeitet seit Anfang der
Neunzigerjahre in der Finanzbranche. Ein
London, das englische chers Kinder, sie passten hervorragend in
das heraufziehende Zeitalter des Geldes
weiblicher Haudegen, fröhlich, offen, zu- Gotham, wuchs weiter. und der Mega-Egos. Sie machten London

DER SPIEGEL 13 / 2017 19


ZED NELSON / DER SPIEGEL
City of London und die Themse: Willkommen in der Kapitalistenhölle

cool, sexy, größenwahnsinnig. Rebellen, Quadratmeter-Wohnung mehr als 700 000 ist sein Name zu bekannt. Aber er hadert
die die Stadt in die Luft jagten, vor allem Euro. Eigentlich könnte sich Chipperfield wie viele in der Hauptstadt mit dem neuen
aber waren sie kluge Geschäftsleute. über diesen Wahnwitz freuen, schließlich Land, das gerade in Umrissen erkennbar
Inzwischen ziehen junge Künstler entwe- profitiert auch er von dem Boom. Aber wird, repräsentiert von Theresa May. Chip-
der an den Stadtrand, nach Walthamstow er sagt, langfristig schade es einer Stadt, perfield war schockiert, als sich die Pre-
im Nordosten, oder gleich ans Meer, nach wenn sie die Normalos verdränge. „Die mierministerin im Oktober über „Welt-
Margate, eine gute Zugstunde südöstlich. Lebensqualität sinkt, wenn die Innenstadt bürger“ lustig machte, die in Wahrheit
Man findet keine Statistiken darüber, wie zu einer globalen Shoppingmall mutiert.“ nirgendwo zu Hause seien.
viele Maler oder Bildhauer hier noch woh- Der Brexit, sagt Chipperfield, sei ein Das war nicht nur ein Angriff auf den
nen, aber es deutet viel darauf hin, dass Desaster für London, schon psychologisch. liberalen Geist der Stadt, auf die Weltläu-
die Stadt ihre wilden Kinder verliert. Eine Die Stadt sei auf dem besten Weg, sich figkeit, den Optimismus und die Fairness,
Wohnung kann man sich als Künstler nur kulturell zu isolieren. Für Arbeitnehmer sondern auch auf den Londoner Traum,
dann leisten, wenn man schon Karriere ge- werde es künftig schwerer, über die Gren- dass jeder hier alles werden kann, wenn
macht hat. zen zu gelangen. Wenn junge Talente er sich nur Mühe gibt, fleißig ist und eine
Wer 30 Jahre alte Fotos der Stadt mit nicht mehr an die Themse kommen, blü- Portion Talent mitbringt. Die ganze Stadt
Bildern von heute vergleicht, sieht zwei hen Ideen eben woanders, und das ist ris- besteht ja aus diesen „citizens of nowhere“,
verschiedene Wesen. 1987 wirkt London kant für eine Stadt, die hungrig ist nach wie May sie nennt.
eckig, rau und rotzig. 2017 ist es glatter, Menschen. Fast zwei Drittel der Mitarbei- Jeder an der Themse weiß, dass London
gläserner, aufrechter. Seit Anfang des 21. ter in Chipperfields Niederlassung an der doppelt verwundbar ist. Erstens, weil der
Jahrhunderts wachsen Wolkenkratzer fast Waterloo Station stammen aus dem Rest Geldfluss dünner werden könnte, der
unkontrolliert in den Himmel, das höchste Europas. „Es wird nach dem EU-Austritt durch die Stadt fließt. Zweitens, weil sich
Gebäude Westeuropas, der Shard, steckt komplizierter, solche Leute einzustellen“, in den vergangenen Jahren besonders vie-
wie ein Splitter vom Todesstern neben der sagt er. le dieser Weltbürger hier angesiedelt ha-
London Bridge. Dutzende Solitäre ragen Chipperfield fürchtet weniger den To- ben, mit ihren ultramobilen Büros, die
in die Skyline oder sind in Planung, viele talcrash als einen schleichenden Bedeu- morgen in Singapur oder Dublin stehen
für Geldgeber aus dem Ausland. tungsverlust. Bislang habe Großbritannien könnten. London, das ist die reale Gefahr,
London ändert sein Antlitz, mal wie- den Seiltanz zwischen Pragmatismus und könnte der eigenen Zauberformel erliegen.
der. Die Mittelschicht zieht fort, Kranken- Kreativität hervorragend hinbekommen. Aber ist das nur schlecht? Die Kluft zwi-
schwestern, Polizisten, Lehrer, weil das Das Land habe immer noch großen Ein- schen Arm und Reich ist unüberbrückbar,
Leben in der Hauptstadt unbezahlbar fluss auf Mode, Musik und Design. Mit Be- lange hält London solche Widersprüche
wird. „Kaum jemand mit einem normalen tonung auf noch. Chipperfield hat vor dem nicht mehr aus. Eine Hauptstadt muss die
Job kann es sich leisten, im Zentrum zu Referendum das Remain-Lager unterstützt. Provinz überragen, sie muss Avantgarde
wohnen“, sagt der Architekt David Chip- Er sagt, es mache ihn nervös, dass sich sein, doch womöglich entfremdete sich die-
perfield. Übrig bleiben die sehr Reichen jene Teile der britischen Gesellschaft ge- se Kapitale zu sehr von dem Land, in dem
und die sehr Armen. Die Fettschicht und stärkt fühlen könnten, die man nur schwer sie steht. Die Exzesse sind zu viel gewor-
der Pöbel. berechnen könnte. Die Plärrer, die Salon- den, der Reichtum, die Arroganz. Viel-
Die Immobilienportale im Internet sind faschisten, der Mob. leicht wäre es sogar gesund, wenn der Bre-
voll mit Garagen, die eine halbe Million Wie die ganze Stadt steht der Architekt xit der Stadt einen Dämpfer gäbe. Norma-
Euro und mehr kosten. In der Battersea für das kreative, liberale Britannien. Na- lität ist langweilig, eine Prise davon kann
Power Station, einem luxussanierten Koh- türlich wird er auch künftig kaum Proble- London allerdings durchaus vertragen.
lekraftwerk an der Themse, kostet eine 50- me haben, Auftraggeber zu finden, dafür Twitter: @chrischeuermann

20 DER SPIEGEL 13 / 2017


Titel

MATT CROSSICK / EMPICS / ACTION PRESS


Premierministerin May: Warum sollen sie einem Klub, den sie verlassen, auch noch Geld hinterherwerfen?

Modell Botswana
Brexit Am Mittwoch beginnt offiziell die Trennungsphase, doch bislang sind sich EU und
Großbritannien nicht mal einig, mit welchem Thema sie die Verhandlungen beginnen.

M
ichel Barnier ist der Scheidungs- den Briten in den kommenden Monaten Am kommenden Mittwoch wird der Ver-
anwalt Europas, der Mann, der entgegentreten will. Damit nichts davon treter des Vereinigten Königreichs in Brüs-
die Trennung von Großbritannien nach außen dringt, lässt Barnier die Un- sel dem EU-Ratspräsidenten Donald Tusk
aushandeln soll. Eine Trennung, wie es sie terlage nach seinem Vortrag sofort wieder einen Brief seiner Premierministerin über-
noch nie gab, so teuer, so langwierig, so einsammeln. Denn die Europäer wollen geben. Darin wird Theresa May mitteilen,
unter Beobachtung durch die ganze Welt. zunächst über die Scheidung und das Geld dass sie den Artikel 50 des Lissabon-Ver-
Alle wollen daher in diesen Tagen mit ihm reden – und erst danach über die zukünf- trags auslöst. Neun Monate nach dem Bre-
sprechen, Staatschefs, Politiker und Abge- tige Beziehung. Das Dumme ist nur, dass xit-Referendum fällt damit der Startschuss
ordnete, und dann zückt der Franzose eine die Briten das ganz anders sehen. für die Verhandlungen über den Austritt
Präsentation. Es ist, wenn man so will, die der Briten aus der Europäischen Union.
geheime Strategie der Scheidung. Anders als bei gewöhnlichen Schei-
An diesem Tag Anfang März ist Barnier Ende der Freizügigkeit? dungsverhandlungen steht das Datum, an
im Europaausschuss des Bundestags zu dem die Ehe spätestens aufgelöst ist, be-
Gast, er nimmt auf einem Sessel mit dem 42 Mio. Reisen 21,5 Mio. Reisen reits zu Beginn fest: Zwei Jahre später, also
Rücken zur Spree Platz. Brüssels Chef- britischer Bürger von EU-Bürgern am 29. März 2019, werden die Briten nicht
unterhändler für den Brexit weiß, wie man in andere EU-Länder nach Großbritannien mehr Mitglied der EU sein. Ab Mittwoch
jährlich
komplizierte Gespräche angeht, er war tickt die Uhr, und die Zeit drängt, denn
EU-Kommissar und Außenminister. 2,3 Mio. Erwerbstätige zu klären ist viel, unendlich viel.
Nun führt er die Abgeordneten in schnel- aus dem EU-Ausland arbeiten in Großbritannien Zum Beispiel: Wer zahlt künftig die Pen-
ler Folge durch die wichtigsten Daten, er sionen für die 1800 britischen Beamten, die
erklärt, wie eng die Wirtschaft der EU mit 15 000 Studenten 125000 Studenten derzeit im Dienst der EU stehen? Was wird
der Großbritanniens verflochten ist und wie aus Großbritannien aus dem EU-Ausland aus den über 20 000 Rechtstexten, an die
die künftigen Beziehungen zum Vereinigten im EU-Ausland in Großbritannien Großbritannien wie der Rest der EU ge-
Königreich aussehen könnten. Spätestens bunden ist? Wie viel müssen die anderen
im September 2018, so ist es auf den Schau- EU-Mitglieder künftig zahlen, wenn der
bildern zu sehen, soll der Scheidungsvertrag
400 000 Rentner 200 000 Rentner Beitrag der Briten, jährlich immerhin
aus Großbritannien aus dem EU-Ausland
stehen. Erst danach, das zeigt ein weiteres im EU-Ausland in Großbritannien knapp zehn Milliarden Euro, wegfällt? Was
Schaubild, soll es um das künftige Verhältnis Census 2011 wird aus den über 50 000 entsandten Ar-
zu den Briten gehen. „Architektur der Ver- beitern aus EU-Staaten, die derzeit in Groß-
handlungen“, nennt Barnier das. britannien ihren Lebensunterhalt verdie-
Was Barnier da hinter verschlossenen nen? Und das sind nur einige der Fragen.
Türen präsentiert, ist ein erster Einblick Es geht auch um die Rechte von rund
in die Verhandlungsstrategie, mit der er Quellen: EU-Parlament, Office for National Statistics 21,5 Millionen Touristen aus der EU, die

DER SPIEGEL 13 / 2017 21


Titel

jedes Jahr zwischen Aberdeen und Lon- In der Öffentlichkeit hat der Brexit be- Man solle vor allem die Deutschen, bitte
don Urlaub machen; es geht um die Sorgen reits ein Preisschild: 60 Milliarden Euro. schön, daran erinnern, dass ihnen die Bri-
von 400 000 britischen Pensionären auf Diese Summe könnte London der EU am ten nach dem Zweiten Weltkrieg Schulden
dem Kontinent, die sich fragen, wer künf- Ende schulden, das hat ein britischer Jour- erlassen hätten, schimpfte ein europakriti-
tig ihre Krankenversicherung bezahlt. nalist mit Zahlenmaterial der Kommission scher Abgeordneter mit dem treffenden
Über ein Dutzend Fachausschüsse des errechnet. Wenn man Oettinger zuhört, Namen Sir Bill Cash diese Woche. Michel
Europaparlaments hat in den vergangenen merkt man, dass die Rechnung am Ende Barnier erwidert auf solche Forderungen:
Monaten untersucht, wie dieses Bezie- sogar noch teurer ausfallen könnte. „Es „Sie können auch nicht einfach mit ein
hungsgeflecht zwischen Großbritannien wird wahrscheinlich auf einen hohen zwei- paar Freunden im Pub Bier bestellen und
und EU zu entwirren ist – und welche stelligen Milliardenbetrag hinauslaufen“, dann gehen, ohne zu bezahlen.“
Punkte vordringlich geregelt werden müs- sagt er. Am Montag will Oettinger dem Neben den finanziellen Fragen will die
sen. Herausgekommen ist ein beinahe un- EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker EU bereits im Scheidungsvertrag regeln,
überschaubares Konvolut von Hunderten seine Kalkulation präsentieren. wie sich der Austritt der Briten auf die
Seiten über Finanzdienstleistungen, Um- Wie bei jeder Scheidung werden die Ver- Niederlassungsfreiheit auswirkt. „Wir müs-
weltrichtlinien und Arbeitnehmerrechte. pflichtungen, die die Briten gemeinsam sen schnell Sicherheit für den Alltag der
Der SPIEGEL konnte diese Dokumente mit der EU eingegangen sind, mit den Gü- Menschen erzielen, vor allem für die EU-
nun auswerten. tern verrechnet, die sich die Partner über Bürger in Großbritannien“, sagt Manfred
Der Mann, der bei den Zahlen für Ord- die Jahre angeschafft haben. Grob gesagt Weber, Vorsitzender der EVP-Fraktion im
nung sorgen soll, ist ein Deutscher. Gün- speisen sich die britischen Schulden aus Europaparlament.
ther Oettinger nippt an einem grünen Tee, drei Quellen: Da sind zunächst Verpflich- Bisher darf jeder EU-Bürger überall in
es ist 8.30 Uhr morgens, er sitzt in einem tungen aus dem EU-Budget, die erst in Zu- der Union wohnen und arbeiten, das ist
Café in der Nähe des Kommissionsgebäu- kunft fällig werden. Dazu kommt der bri- eine der Grundfreiheiten in der EU. Doch
des. Seit Anfang des Jahres ist der ehema- tische Anteil an der mittelfristigen Finanz- nun geht unter den etwa 3,2 Millionen EU-
lige Ministerpräsident von Baden-Württem- planung, die noch bis 2020 gilt. Und Bürgern, die in Großbritannien leben, die
berg als Kommissar für den EU-Haushalt schließlich die Pensionszahlungen für EU- Angst um. Genauso wie unter den rund 1,2
zuständig; es ist die schwierigste Aufgabe Beamte, darunter auch etwa 2000 Briten, Millionen Briten in der EU. Sie sorgen sich,
seiner Laufbahn. Wenn es darum geht, wie die bereits im Ruhestand sind. wie es in Zukunft um ihre Rente oder den
viel die Briten der EU schulden, muss er Am Ende jedoch wird sich die Höhe Zugang zur Arbeitslosenhilfe bestellt ist.
die Zahlen liefern. der Austrittsrechnung nicht mit wissen- Selbst bei Unternehmern und Bankern
schaftlicher Präzision bestimmen lassen. sind mögliche Einschränkungen auf dem
„Es wird zugehen wie auf einem Basar“, Arbeitsmarkt derzeit die größte Sorge,
sagt ein langjähriger Diplomat. Denkbar noch vor dem Zugang zum europäischen
Brexit-Line ist beispielsweise, dass ein letztes Mal Binnenmarkt. „Wir beschäftigen 150 Na-
der Britenrabatt Anwendung findet, den tionalitäten  und sind deshalb starke Be-
Der Fahrplan für den Ausstieg Margaret Thatcher einst mit ihrem be- fürworter der Freizügigkeit“, sagte John
März 2017 rühmten Spruch „I want my money back“ Cryan, Chef der Deutschen Bank, vor Kur-
Mitteilung der Austrittsabsicht durchsetzte. Ebenfalls in Abzug bringen zem bei einem Empfang in Brüssel.
Die Briten reichen beim Euro- könnten die Briten ihren Anteil an EU- Großunternehmen und Finanzdienstleis-
päischen Rat (Staats- und Regierungs- Immobilien – Botschaften von Washing- ter in London versuchen daher vorzubau-
chefs der EU) ihr Austrittsgesuch ein. ton bis Peking, dazu etwa 920 000 Qua- en. Sie schicken schon jetzt Mitarbeiter
dratmeter Bürofläche allein der Kommis- auf den Kontinent. So hat der Europachef
April 2017 sion in Brüssel und Luxemburg. Wie viel der Investmentbank Goldman Sachs gera-
Festlegung der EU-Positionen das alles wert ist, ob man das überhaupt de angekündigt, man werde Hunderte Mit-
Der Europäische Rat verständigt sich ohne so leicht bestimmen kann, auch das sind arbeiter verlegen, um auf jedes Brexit-Sze-
Beteiligung der Briten auf gemeinsame nun Fragen. nario vorbereitet zu sein.
Positionen zur Ausgestaltung des Brexit. Die finanzielle Gütertrennung droht die Geht es nach den Brüsseler Unterhänd-
Kommissionsempfehlung
erste große Hürde der Brexit-Verhandlun- lern, sollen die Rechte, die Briten und EU-
Die EU-Kommission spricht die Empfehlung gen zu werden. Denn in Großbritannien Bürger an einem bestimmten Stichtag ge-
zur Aufnahme der Verhandlungen aus. sehen längst nicht alle ein, dass sie einem nießen, auch künftig garantiert werden.
Klub, den sie verlassen, auch noch Geld Doch das ist im Detail gar nicht so unpro-
hinterherwerfen sollen. Dass sie weiter ru- blematisch. Zumal klar ist, dass sich die
mänische Bauern unterstützen und Auto- britische Regierung bei diesen Fragen nicht
bahnen in Polen bezahlen sollen. allzu viel Großzügigkeit leisten kann.

spätestens September 2018 spätestens Februar 2019 2019


Mai 2017 Verhandlungsergebnis Abstimmung Ratsbeschluss, Ratifizierung
Ratsentscheidung Der Chefunterhändler schlägt Das EU-Parlament stimmt Der Rat beschliesst das Abkommen mit
Der Rat erteilt ein Verhandlungsmandat dem Rat das Verhandlungs- mit einfacher Mehrheit dem qualifizierter Mehrheit. Nach der Ratifizie-
und ernennt den Chefunterhändler. Not- ergebnis vor. Austrittsabkommen zu. rung durch Großbritannien ist der Weg
wendig dafür ist eine besonders quali- bis spätestens Ende 2018 Auch die Briten nehmen für den Austritt frei.
fizierte Mehrheit ohne Beteiligung der Korrekturen an der Abstimmung teil. 29. März 2019
Briten (in diesem Fall: mindestens 72 % Juristische und sprachliche Großbritanniens
der Ratsmitglieder, die mindestens 65 % Überarbeitung des Austritts- Mitgliedschaft in
der EU-Bevölkerung repräsentieren). abkommens. der EU endet.

22 DER SPIEGEL 13 / 2017


Denn der Unmut über allzu viele Polen,
Bulgaren und andere EU-Ausländer im ei-
genen Land war schließlich eine treibende
Kraft hinter dem Brexit-Votum.
Hier einen Kompromiss zu finden, mit
dem beide Seiten leben können, dürfte
schwierig werden. Dass Brüssel sich eine
allzu harsche Behandlung von EU-Bürgern
in Großbritannien nicht einfach so gefallen
lassen werde, deutete Brexit-Chefverhand-
ler Barnier bei einem Auftritt im Europa-
parlament am Mittwoch schon an. Die Dro-
hung lautet: Wenn eine rumänische Kran-
kenschwester in London künftig ein Visum
braucht, dann eben auch John Cryan, ein
Brite mit Arbeitsplatz in Frankfurt.
Über das Freihandelsabkommen, aus
Sicht der Briten das Kernstück ihrer künf-
tigen Beziehungen zur EU, wollen die Eu-
ropäer erst reden, wenn die Verhandlun-
gen über Bürgerrechte und Geld gute Fort-
schritte machen.

ZED NELSON / DER SPIEGEL


Theresa May drängt auf einen Vertrag,
der den Briten weiterhin einen möglichst
freien Zugang zum europäischen Markt
beschert. Das Versprechen der Brexit-Un-
terstützer lautete schließlich, man könne
die wirtschaftlichen Vorteile der EU-Mit- Pub-Schild in London: Droht ein „dirty Brexit“?
gliedschaft nutzen, nur ohne ihre Nachtei-
le. Inzwischen ist klar, dass die EU dies
nicht zulassen wird, die Frage ist nur, wie fangen, das Zeit frisst, wie zuletzt das Tau- sicherung geben“, sagt Howard Davies,
hart die Trennung ausfallen wird. ziehen um das Freihandelsabkommen Vorsitzender der verstaatlichten Royal
Die EU stellt sich auf schwierige Ver- Ceta zeigte. Bank of Scotland. Einen Vorgeschmack da-
handlungen ein. „Die seitens der EU als Die Frage ist, was in der Zwischenzeit rauf, was wirtschaftlich auf Großbritannien
klare Verhandlungsposition betonte Be- geschieht, wenn die Briten zwar nicht und die EU zukommen könnte, bietet das
deutung aller vier Grundfreiheiten lässt mehr in der EU, die neuen Regeln aber Scheitern der Fusionspläne zwischen der
im Ergebnis weder die Mitgliedschaft im noch nicht in Kraft getreten sind. „Was Frankfurter und der Londoner Börse. We-
Europäischen Wirtschaftsraum noch in der passiert, wenn die Briten nach über 40 Jah- der wollte die deutsche Politik akzeptieren,
Zollunion zu“, schreiben Gutachter des ren in der EU von einem Tag auf den an- dass der Holdingsitz der gemeinsamen Bör-
Bundestags in einer Studie über die wirt- deren zum Drittland werden?“, fragt ein se in London angesiedelt wird, und damit
schaftlichen Folgen. Dies würde bedeuten: hochrangiger Kommissionsbeamter. außerhalb der EU, noch waren die Briten
ein harter Schnitt, nach dem die Briten im Diese Frage ist nicht nur eine juristische bereit, von diesem Plan abzurücken.
Handel mit der EU nicht besser dastehen Spitzfindigkeit. Britische Exporte von Le- Auch die Chefs der britischen Flugge-
würden als andere Nicht-EU-Länder. bensmitteln und Vieh müssten von einem sellschaften bekamen bereits den neuen
Es müssen nun 20 833 Gesetze und Re- Tag auf den anderen wieder untersucht rauen Ton zu spüren. Wie der „Guardian“
gelwerke durchforstet und womöglich er- werden; wofür die EU-Mitglieder an ihren schreibt, ließen Brüsseler Beamte die Air-
setzt werden, die Anfang 2017 in der EU Grenzen oder in ihren Häfen keine Kapa- linebosse wissen, dass ihre Unternehmen
und damit auch in Großbritannien in Kraft zitäten haben. Michel Barnier warnt daher Routen innerhalb der Union, etwa von
waren. Das gilt für 2175 Gesetze zu Um- bereits vor langen Lastwagenstaus in der Mailand nach Paris, künftig nur noch be-
welt-, Gesundheits- und Verbraucherschutz englischen Hafenstadt Dover. dienen dürften, wenn sie einen Unterneh-
genauso wie für die 670 Rechtsakte über Angesichts all dieser Hürden macht in menssitz in die EU verlegten.
die Rechte von Arbeitern sowie Sozial- Brüssel und London längst das Wort vom Willkommen in der Post-Brexit-Welt:
standards. Theoretisch müssten also täglich „dirty Brexit“ die Runde. Ein dreckiger Bre- Erbitterter Wettbewerb tritt an die Stelle
Dutzende Gesetzestexte abgearbeitet wer- xit, eine Trennung ohne gemeinsame Ver- von Integration und Zusammenarbeit. Wie
den, wenn man innerhalb der angedachten einbarung, für den Fall, dass sich Briten und bei jedem Drittstaat kämen ohne ein Ab-
Verhandlungszeit zum Abschluss kommen Europäer bis zum Stichtag im März 2019 kommen beim Handel mit Großbritannien
will. Es dürfte also deutlich länger als zwei nicht einigen. Der britische Außenminister die Regeln der Welthandelsorganisation
Jahre dauern, bis das Abkommen über die Boris Johnson tönt bereits, es sei „vollkom- zur Anwendung. Von einem Tag auf den
künftigen Beziehungen steht. men okay“, wenn es am Ende kein Abkom- anderen würden Zölle zwischen vier Pro-
Ein solches Szenario ist schon deshalb men gebe. In Wahrheit aber wäre der Scha- zent für Autoteile und noch viel mehr bei
wahrscheinlich, weil der künftige Freihan- den für beide Seiten immens. Während die Agrarprodukten fällig.
delsvertrag mit der EU aller Voraussicht wirtschaftlichen Folgen des Brexit im Falle In ihrem Gutachten haben die Bundes-
nach ein gemischtes Abkommen sein wird, eines Abkommens eher mittelfristig sichtbar tagsjuristen für dieses Szenario einen süf-
wie die Experten der Europaabteilung des werden, könnte ein ungeordneter Austritt fisanten Namen gewählt: „Modell Botswa-
Bundestags argumentieren. Daher müssen einen wirtschaftlichen Schock auslösen. na“. Man könnte auch sagen: Am Ende
dem Vertrag die Parlamente in allen 27 „Ohne Brexit-Vereinbarung oder Über- verlieren alle. Markus Becker, Martin Hesse,
EU-Mitgliedstaaten zustimmen. Ein Unter- gangsregelung wird es eine große Verun- Peter Müller, Christoph Pauly

DER SPIEGEL 13 / 2017 23


SANTI PALACIOS / DPA
Migranten im Mittelmeer

CDU-Wahlprogramm

Union auf Bleibt-bloß-weg-Kurs


Fachausschuss empfiehlt der Partei: Zahl der Flüchtlinge gering halten und mehr abschieben.
Die CDU will offenbar mit scharfen Aussagen zur Flücht- „nicht hinnehmbar, dass sich SPD, Grüne und Linke in den
lingspolitik in den Wahlkampf ziehen – und sich damit end- Ländern gegen eine konsequente Rückführung sperren“. Kä-
gültig vom Willkommenskurs verabschieden. Der Bundes- men diese Länder ihren Verpflichtungen nicht nach, müsse
fachausschuss Innenpolitik unter Leitung des hessischen der Bund „eine ergänzende Zuständigkeit“ für den Vollzug
Innenministers Peter Beuth hat ein knapp 20-seitiges Pro- der Abschiebungen erhalten, sprich: ihnen die Aufgabe ab-
grammpapier verfasst, das als Grundlage für den Bundestags- nehmen. Gegenüber Staaten, die sich weigerten, abgelehnte
wahlkampf dienen soll. „Wir wollen alles dafür tun, dass die Asylbewerber zurückzunehmen, müsse Deutschland den
Zahl der Flüchtlinge dauerhaft niedrig bleibt“, fordern die Druck „mit allen Mitteln erhöhen“. So soll kooperationsun-
CDU-Innenexperten. „Eine Situation wie im Herbst 2015 willigen Ländern weniger Entwicklungshilfe gezahlt werden.
darf sich nicht wiederholen.“ Deutschland müsse seine Auch eine Abschiebung in „Drittstaaten“, also in andere
Grenzkontrollen fortsetzen, wenn es erforderlich sei, oder Länder als das Heimatland, hält das CDU-Gremium in sol-
gar intensivieren, heißt es in dem Papier weiter. Der Famili- chen Fällen für denkbar. Zudem soll Deutschland mit afrika-
ennachzug für eine bestimmte Gruppe von Flüchtlingen, so- nischen Staaten Abkommen nach dem Vorbild des EU-Tür-
genannte subsidiär Schutzberechtigte, solle auch über den kei-Deals schließen. Migranten, die aus dem Mittelmeer ge-
März 2018 hinaus ausgesetzt bleiben, davon wären vor allem rettet werden, würden dann nicht nach Italien, sondern an
Syrer betroffen. Asylverfahren von Migranten, die ihre Iden- die nordafrikanische Küste zurückgebracht und dort etwa in
tität verschleiern, sollten „automatisch beendet werden“. „regionalen Aufnahmezentren“ versorgt, schreiben die In-
Das Papier enthält auch harsche Kritik an der angeblich nenpolitiker in dem Papier für CDU-Generalsekretär Peter
zu laxen Abschiebepraxis mancher Bundesländer. Es sei Tauber. wow

Herero-Entschädigung der Nachfahren der Herero fenbar nicht mehr aus. „Die die Wahrscheinlichkeit weite-
Klage in New York und Nama wurde in der ver- deutsche Diplomatie hat ver- rer Klagen.“ Der Unterhänd-
gangenen Woche vor einem sagt, die Stimmung in Nami- ler der Bundesregierung,
In den Verhandlungen mit New Yorker Bezirksgericht bia auch bei Herero und der CDU-Politiker Ruprecht
der namibischen Regierung nicht wie in der Vergangen- Nama ist viel schlechter, als Polenz, schließt eine direkte
über eine Entschädigung ge- heit sofort abgewiesen. Mit sie vor Beginn der Verhand- Entschädigung der Opfer wei-
rät die Bundesregierung im- der für Juli anberaumten lungen war“, sagt der Histori- ter aus, sieht aber die Gefahr,
mer stärker unter Druck. Es zweiten Anhörung steigt das ker Jürgen Zimmerer von der dass die Erwartungen in der
geht dabei um den Vorwurf Risiko, dass die Entschädi- Universität Hamburg. „Mit je- namibischen Öffentlichkeit
des Völkermords in der ehe- gungsklage zugelassen wird. dem Tag, der ohne eine Lö- zunehmen würden, wenn
maligen deutschen Kolonie Auch die namibische Regie- sung verstreicht, verhärtet sich die Verhandlungen noch
ab 1904. Eine Sammelklage rung schließt eine Klage of- sich die Situation und wächst lange hinzögen. csc

24 DER SPIEGEL 13 / 2017 Ein Impressum mit dem Verzeichnis der Namenskürzel aller Redakteure finden Sie unter www.spiegel.de/kuerzel
Deutschland
Ausbildung deutschen Industrie bei der AfD
Ivanka Trump plant Washington-Visite der Kanz- Hilfe aus der
lerin das System der dualen
Deutschland-Besuch Berufsausbildung vorstellten. Schweiz
Ivanka Trump könnte bald in Zudem ist Ivanka Trump im Ein Rhetorikseminar in Nürn-
offizieller Mission nach Regierungsteam ihres Vaters berg offenbart die Nähe zwi-

POLARIS / LAIF
Deutschland kommen. Beim an den Vorbereitungen für schen deutschen und schwei-
Besuch von Bundeskanzlerin den G-20-Gipfel im Juli in zerischen Rechtspopulisten.
Angela Merkel vergangene Hamburg beteiligt. Bei dem Im November ließen sich et-
Woche in Washington luden Merkel, Ivanka Trump Treffen der 20 wichtigsten liche AfD-Funktionäre vom
die mitgereisten Wirtschafts- Wirtschaftsnationen der Welt Politwerber Alexander Segert
vertreter die Tochter des US- hen. Merkel unterstützte das soll es auch um Bildungs- im Umgang mit Öffentlichkeit
Präsidenten ein, sich in der Angebot. Die beiden Frauen fragen sowie um die Förde- und Presse schulen. Segert ist
Bundesrepublik berufliche hatten angeregt miteinander rung der Frauenerwerbstätig- Funktionär der Schweizeri-
Ausbildungszentren anzuse- geplaudert, als Vertreter der keit gehen. msa, ran schen Volkspartei (SVP). Mit
seiner Werbeagentur Goal AG
hat er diverse Aktionen für
die rechte SVP entworfen, da-
SPD des Bundesverbands der ten hatten zuletzt auf das runter die umstrittene Schwar-
Auch Genosse Deutschen Industrie, Dieter Willy-Brandt-Haus einge- ze-Schafe-Kampagne zur
Kempf, und dem Chef des wirkt, gezielter den Kontakt „Ausschaffung krimineller
der Bosse? Zentralverbands des Deut- zu Unternehmern und Mana- Ausländer“. An dem mehr-
SPD-Kanzlerkandidat Martin schen Handwerks, Hans gern zu suchen. Kanzler kön- tägigen Seminar in Nürnberg
Schulz will dem Eindruck ent- Peter Wollseifer, vereinbart. ne Schulz nur werden, wenn nahm unter anderem das
gegentreten, sich nur um die Außerdem will Schulz vor er mit Arbeitnehmern und bayerische Landesvorstands-
Interessen von Arbeitneh- Unternehmern Reden hal- Arbeitgebern klarkomme, mitglied Katrin Ebner-Steiner
mern und Gewerkschaften zu ten – auch bei einem Wirt- hieß es in der Partei. In Wirt- teil. Segert war schon öfter im
kümmern. Um seine Wirt- schaftsempfang der SPD-Bun- schaftsverbänden war negativ AfD-Umfeld aktiv.
schaftskompetenz zu verbes- destagsfraktion Ende Mai aufgefallen, dass keiner ihrer Seine Goal AG arbeitete zu-
sern, plant Schulz in den und beim Tag der Deutschen Vertreter beim Sonderpartei- letzt für den „Verein zur
kommenden Wochen mehre- Industrie im Juni. Dort wird tag der SPD vergangenen Erhaltung der Rechtsstaatlich-
re Treffen mit entsprechen- er neben Bundeskanzlerin Sonntag begrüßt wurde, wäh- keit und der bürgerlichen Frei-
den Spitzenvertretern. Unter Angela Merkel (CDU) der rend es zur Verbrüderung mit heiten“. Der Klub unterstützt
anderem sind persönliche Ter- Hauptredner sein. Wirt- Gewerkschaftsvertretern ge- die AfD in Wahlkämpfen
mine mit dem Präsidenten schaftsnahe Sozialdemokra- kommen sei. böl, kn etwa mit Plakaten. nsc, sve

Oktoberfest SPIEGEL: Wie das? ganz ab, ein Wirt hat schon Orth: Wie die Behörde das
„Bier im Aldi-Zelt“ Orth: Die aktuellen Pläne des angekündigt, künftig auf ohne eine offizielle Be-
Wiesn-Chefs sehen vor, den Tischdecken verzichten zu schlussvorlage festgestellt ha-
Mark-E. Orth, 42, Anwalt für Kar- Bierpreis bei 10,70 Euro zu wollen. Wir hätten eine Si- ben will, ist mir schleierhaft.
tellrecht in München, über die deckeln. Ich schätze, dass tuation, die gegen Kartell- Die Stadt verlangt mehr Geld
Pläne des Zweiten Bürgermeis- künftig alle Wirte den recht verstößt. von den Wirten, weil die
ters der Stadt, Josef Schmidt Höchstpreis verlangen, der SPIEGEL: Aber die Bayerische Kosten für die Sicherheit ge-
(CSU), eine Bierpreisbremse für damit zum Fixpreis wird. Der Landeskartellbehörde hat stiegen sind. Damit die ihre
das Oktoberfest einzuführen ohnehin schwache Wettbe- keine Bedenken gegen eine Mehrausgaben nicht an die
werb auf der Wiesn stirbt Bierpreisbremse. Bürger weiterleiten, soll die
SPIEGEL: Der Preis für die Bierpreisbremse helfen. Aber
Maß Bier auf dem Oktober- das ist pervers und aus
fest hat sich in den vergan- marktwirtschaftlicher Sicht
genen 15 Jahren fast verdop- nicht vertretbar.
pelt und lag vergangenes Jahr SPIEGEL: Aus der Sicht eines
im Schnitt bei 10,55 Euro. Bürgers ohne dicken Geld-
Wann ist ein hoher Preis zu beutel schon.
hoch? Orth: Es ist eine populistische
Orth: Auf dem Oktoberfest Idee, welche die Nebenwir-
verfügen die Wirte über ein kungen nicht bedenkt. Wer
Biermonopol, das ihnen die den Akteuren den Anreiz zu
Stadt verleiht. Sagen wir so: mehr Leistung für weniger
Ein Aldi-Zelt würde die Kon- Geld nimmt, weil er auch noch
MARC MÜLLER / DPA

kurrenz effektiv beleben und den letzten Restwettbewerb


die Preise drücken, aber eine beseitigt, der schadet vor
Bierpreisbremse nützt den allem dem Verbraucher. Die
Wirten mehr als den Besu- Lösung ist nicht weniger Wett-
chern. Kellnerin auf dem Oktoberfest bewerb, sondern mehr. aki

DER SPIEGEL 13 / 2017 25


Deutschland

Gesundheit Die Union will, dass die


CDU will Schutz für Prämien künftig häufiger, da-
für aber moderater erhöht
Privatversicherte werden können. Wie die Pro-
Nach der Bundestagswahl bleme der PKV langfristig ge-
will die CDU eine Reform löst werden könnten, lässt
der privaten Krankenversi- das Papier allerdings offen.
cherung (PKV) auf den Weg Im Wahlkampf will die
bringen. „Stark steigende CDU für den Erhalt der Bran-
Beiträge“ überforderten eine che kämpfen. „Individuelle
zunehmende Zahl von Pri- Kapitalrücklagen“ leisteten
vatversicherten, heißt es in in einer alternden Gesell-
einer Vorlage, die der Bun- schaft einen wichtigen Bei-
desfachausschuss Gesundheit trag zur Nachhaltigkeit, heißt
und Pflege für das Wahlpro- es in dem Konzept. Damit
gramm der Partei verfasst grenzt sich die Partei von
hat. „Hier wollen wir gegen- den Bürgerversicherungsplä-

ARNE DEDERT / PICTURE ALLIANCE


steuern und extreme Aus- nen der SPD ab: „Eine staat-
schläge bei der Beitragsan- liche Einheitsversicherung
passung verhindern.“ Seit für alle lehnen wir ab.“
Jahren leiden vor allem älte- Reformbedarf sieht die
re Privatversicherte unter CDU aber auch bei den ge-
steigenden Kosten. Im ver- setzlichen Krankenkassen.
gangenen Herbst hatte die Selbstständige mit geringem
Hinz Branche angekündigt, dass Einkommen sollen niedrige-
die Prämien für zwei Drittel re Mindestbeiträge als heute
Salzwasserversenkung teilt“. Anfang März behaup- der knapp neun Millionen zahlen. Nach jetziger Pla-
Geschönte tete das Hinz-Ministerium Vollversicherten 2017 um nung will die CDU den Ar-
auf Nachfrage der „Wirt- durchschnittlich elf Prozent beitgeberanteil weiterhin
Prognose schaftswoche“, dass Experten angehoben werden müssten, festschreiben, steigende Ge-
Die hessische Umweltminis- des HLNUG dieses Compu- nach ersten Auswertungen sundheitskosten müssten da-
terin Priska Hinz (Grüne) termodell für „endkalibriert“ fiel der Anstieg etwas gerin- mit von den Arbeitnehmern
hat in Zusammenhang mit hielten. Demnach sei es „ge- ger aus. allein getragen werden. cos
der Versenkung salzhaltigen eignet für eine belastbare
Abwassers massive Einwän- Prognoserechnung“.
de ihrer Fachbehörde igno- In Wahrheit hatte die Um-
riert. Ein Computermodell, weltbehörde am 9. Februar Germanwings-Absturz dass bei dem 27-Jährigen
das die Folgen der Versen- eine Stellungnahme abgege- Diagnose: eine Depression mit Selbst-
kung auf das Grundwasser ben, in der sie das Modell mordgedanken zurückge-
berechnen soll, beruht nach auf 40 Seiten regelrecht zer- Angststörung kommen sei, wegen der er
Einschätzung des Hessischen reißt. So seien im Modell Die Staatsanwaltschaft Düs- 2009 seine Flugausbildung
Landesamts für Naturschutz, Werte für die Durchlässig- seldorf geht davon aus, dass unterbrechen musste.
Umwelt und Geologie keit geologischer Schichten der Kopilot des German- Im Beschluss zur Einstel-
(HLNUG) auf zahlreichen angenommen worden, die wings-Airbus an einer Angst- lung ihrer Ermittlungen zi-
eklatanten Fehlern, Unsicher- „um mehrere Zehnerpoten- störung litt. Andreas Lubitz tiert die Staatsanwaltschaft
heiten und unplausiblen An- zen“ von den Messwerten hatte am 24. März 2015 das nun die Diagnose des Psy-
nahmen. Umweltschützer bei Bohrlochtests abwichen. Flugzeug mit 150 Menschen chiaters von Lubitz, der nicht
und Anliegerkommunen im Andere Annahmen seien an Bord in ein Bergmassiv in an die Wiederkehr der De-
hessisch-thüringischen „unplausibel“ oder „nicht den französischen Alpen ge- pression geglaubt hatte, son-
Grenzgebiet kritisieren seit realitätsnah“. steuert. Ursprünglich hatten dern eine Angststörung fest-
Langem, dass stark salzhal- Das Computermodell sei die Ermittler angenommen, stellte. Diese kann mit
tiges Abwasser des Kali- offensichtlich so lange pas- Suizidabsichten verbunden
konzerns K+S die Trink- und send gemacht worden, bis sein. Die Ermittler wollen
Heilwasserbrunnen der die berechneten Auswirkun- sich aber nicht auf ein Krank-
Region gefährdet. gen auf das Grund- und Heil- heitsbild festlegen. Lubitz
Gleichwohl haben hessi- wasser noch vertretbar er- war in den Monaten vor der
sche Behörden dem Unter- schienen, vermutet ein mit Flugkatastrophe bei zahlrei-
nehmen im Dezember 2016 der Materie vertrauter Ex- chen Medizinern unterschied-
erlaubt, bis Ende 2021 jähr- perte. Das Ministerium er- licher Fachrichtungen. Die El-
lich bis zu 1,5 Millionen klärte am Donnerstag, „die tern des Germanwings-Pilo-
Kubikmeter Salzwasser im Forderung einer vollständi- ten zweifeln, dass ihr Sohn in
Erdboden verschwinden zu gen Übereinstimmung“ des selbstmörderischer Absicht
GETTY IMAGES

lassen. Laut Ministerin Hinz Modells „mit der Wirklich- gehandelt hat, und widerspre-
wurde die Genehmigung „un- keit ist nicht realistisch“. Zu- chen der Staatsanwaltschaft,
ter Anwendung eines funktio- dem solle das Modell „wei- die von seinem tödlichen
nierenden 3-D-Modells er- ter verbessert“ werden. mab Lubitz 2009 Vorsatz überzeugt ist. gt

26 DER SPIEGEL 13 / 2017


Jetzt neu im Handel

SPIEGEL CLASSIC –
Das Magazin für die Generation 50+
Deutschland

Ein bisschen Frieden


Verteidigung Die SPD-Führung will den Streit um höhere Militärausgaben zu einem
der großen Wahlkampfthemen hochziehen. Ihr hilft, dass die Union Fehler
gemacht hat und die Nato-Vorgaben nicht so eindeutig sind, wie sie erscheinen.

E
s ist eine illustre Runde, die sich je- Nach Gabriel war Schulz an der Reihe. Union in die ungemütliche Position zu
den Mittwochmorgen vor der Kabi- Der verknüpfte die Friedensfrage mit dem manövrieren, Trumps Geldforderungen
nettssitzung im Auswärtigen Amt anderen großen SPD-Thema, der Gerech- verteidigen zu müssen.
zum sozialdemokratischen Frühstück trifft. tigkeit. Spahn habe angekündigt, „dass der Eifrig arbeiten Schulz und Gabriel in
Gastgeber Sigmar Gabriel und die anderen Rüstungsetat jährlich um 20 Milliarden diesen Tagen am Bild der aufrechten Frie-
fünf SPD-Minister, Kanzlerkandidat Mar- Euro erhöht und zugleich bei den Sozial- dens- und Gerechtigkeitspartei SPD, die
tin Schulz, Fraktionschef Thomas Opper- ausgaben weniger ausgegeben werden“ gegen eine amerikahörige und kalte Union
mann, die Generalsekretärin und einige solle, rief er. Das war eine großzügige In- antritt. Bislang funktioniert das nicht
Mitarbeiter. terpretation der Spahn-Äußerungen, aber schlecht, doch die Strategie ist nicht ohne
Die Stimmung ist prächtig in diesen es herrscht Wahlkampf, und da verschwin- Risiken und Nebenwirkungen.
Tagen. Schulz wird in der Partei als Mes- den Details schnell im Beifall der eigenen Die Sozialdemokraten haben in den ver-
sias gefeiert, die CDU reagiert ratlos bis Anhänger. gangenen Jahren den Außenminister ge-
nervös, und ihre Spitzenleute patzen. So Der Testlauf, so viel steht nach dem Par- stellt und alle außenpolitischen Entschei-
wie Finanzstaatssekretär Jens Spahn, der teitag fest, kann als gelungen gelten. Die dungen mitgetragen, auch die Nato-Gip-
im Streit um höhere Wehrausgaben forder- Genossen sind sich sicher, dass sie mit dem felerklärung von Wales, in der 2014 die
te, „etwas weniger die Sozialleistungen“ Streit um höhere Rüstungsausgaben ein Zwei-Prozent-Vorgabe festgehalten wurde.
zu erhöhen und „mal etwas mehr auf Ver- Wahlkampfthema mit großem Potenzial Neu-Außenminister Gabriel bewegt sich
teidigungsausgaben“ zu schauen. identifiziert haben. auf vermintem Gelände, jede falsche Be-
Aufrüstung kontra soziale Gerechtig- Gerhard Schröder wird heute noch in wegung kann ins Unglück führen, und Dis-
keit – die Frühstücksrunde realisierte sofort, der Partei gefeiert, weil er sich 2002 als ziplin gehört nicht zu seinen Stärken.
dass Spahn den Ball auf den Elfmeterpunkt Kanzler dem ungeliebten US-Präsidenten Im Kanzleramt und in der Fraktionsspit-
gelegt hatte. Vor dem eigenen Tor. Jetzt George W. Bush entgegenstellte, den Irak- ze der Union jedenfalls glaubt man, dass
musste nur noch zugetreten werden. „Ich krieg ablehnte und so überraschend die Gabriel schon zu weit gegangen ist, als
bin für Abrüstung, nicht für Aufrüstung“, Bundestagswahl gewann. Fast nebenbei er bei einer SPD-Veranstaltung in Wolfen-
sagte Schulz in der Runde. Wer wollte dem heilte er damit die friedenspolitische Wun- büttel warnte, in der Mitte Europas drohe
widersprechen? Die Anwesenden jeden- de, die Helmut Schmidt der SPD gerissen ein „Militärbulle“ zu entstehen. Doch
falls nicht, und so stand schnell fest, dass hatte. die Nervosität bleibt. Auf keinen Fall will
die SPD ein neues Thema gefunden hatte. Von Schröder lernen, heißt Siegen ler- sich die Unionsführung in der Frage so
Der Dreiklang aus Frieden, Abrüstung nen, glauben Gabriel und Schulz. Für sie zerstreiten wie in der Flüchtlingspolitik.
und Entwicklungshilfe soll die Union wei- ist der Kampf gegen höhere Militärausga- Selbst CSU-Chef Horst Seehofer, der
ter in die Defensive treiben. Gabriel und ben die Chiffre für den Widerstand gegen gerade in Wahlkampfzeiten ein feines Ge-
Schulz verließen das Frühstück mit dem einen US-Präsidenten, der nicht nur Sozial- spür für die Stimmung im Volk hat, ist in
Auftrag, den Komplex wahlkampfkompa- demokraten Angst einjagt. Denn Donald diesem Punkt eindeutig. Deutschland müs-
tibel zu machen. Trump ist es, der die Debatte zuverlässig se seinen „Nato-Verpflichtungen uneinge-
Wenig später, bei der SPD-Krönungs- immer neu anfeuert. schränkt nachkommen“, sagte er schon
messe für Schulz am vergangenen Sonntag Er drängt die Nato-Staaten, ihre Bünd- Mitte Februar.
in Berlin, lieferten sie. Gabriel machte den nisverpflichtungen zu erfüllen und bis 2024 Allerdings wollen sowohl Seehofer als
Anfang. „Kampf gegen Hunger und Elend mindestens zwei Prozent ihrer Wirtschafts- auch Merkel verhindern, dass die Union
und der Aufbau von Lebensperspektiven leistung für Verteidigung auszugeben. Da- der SPD unbeabsichtigt eine Vorlage für
schaffen mehr Frieden als jede Panzerhau- bei geht es ihm vor allem um Deutschland, einen Friedenswahlkampf liefert. Das
bitze“, donnerte er in den Saal. In Afrika das als größtes und wirtschaftlich stärkstes Schröder-Trauma sitzt bei der CDU ähn-
verhungerten und verdursteten Millionen europäisches Bündnismitglied ein schlech- lich tief wie das Schmidt-Trauma bei der
Menschen, „weil die Weltgemeinschaft zu- tes Vorbild für die anderen ist. Gerade die SPD. Merkels Partei hatte 2002 auf den
schaut und lieber in Panzer und Raketen Deutschen, die innerhalb der EU stets so eindeutigen Anti-US-Kurs des Kanzlers
investiert“. entschieden auf die Einhaltung von Ab- mit einer unklaren, schwer verständlichen
Da wurde den sozialdemokratischen De- sprachen pochen, geben nur 1,2 Prozent eigenen Position reagiert. Noch einmal soll
legierten warm ums Herz. Sie jubelten ih- für ihr Militär aus, weniger als Großbri- das nicht passieren.
rem „Sigmar“ zu, dessen Rede seine letzte tannien und Frankreich. Bei einem Treffen der Spitzen von CDU
als Parteivorsitzender war. Krieg und Frie- Auch Schulz und Gabriel wissen, dass und CSU am vergangenen Mittwoch im
den haben die Genossen immer bewegt. die Streitkräfte seit Jahren zu wenig Geld Kanzleramt beteuerte Merkel, an einer
Nichts hat sie im Nachkriegsdeutschland bekommen. „Wer sich den Zustand der Erhöhung der Verteidigungsausgaben füh-
so stolz gemacht wie 1971 der Friedens- Bundeswehr anschaut, der weiß, dass wir re kein Weg vorbei. Seehofer stimmte ihr
nobelpreis für Willy Brandt, nichts so trau- dort mehr investieren müssen“, sagt Ga- zu. Das kommt in diesen Tagen nicht so
matisiert wie der Streit um die Nato-Nach- briel. Doch gleichzeitig nutzt er die De- oft vor.
rüstung, die mit Helmut Schmidt ausge- batte, um antiamerikanische Ressenti- Die Kanzlerin hat immer wieder öffent-
rechnet ein Sozialdemokrat vorantrieb. ments seiner Wähler zu bedienen und die lich erklärt, Deutschland müsse mehr Geld

28 DER SPIEGEL 13 / 2017


IPON / IMAGO
ARMIN WEIGEL / DPA

Kontrahenten Gabriel, Merkel, Bundeswehr-Schützenpanzer „Marder“


Im Wahlkampf verschwinden Details schnell im Beifall der eigenen Anhänger

DER SPIEGEL 13 / 2017 29


YVES HERMAN / AP/DPA
Nato-Gipfel 2014 in Wales: Jede falsche Bewegung kann ins Unglück führen

für Verteidigung ausgeben. „Verpflichtun- wendigkeit sieht, die Bundeswehr zu mo- lich eine „Friedensdividende“ einzufahren.
gen müssen schon erfüllt werden“, sagte dernisieren. Auf der anderen Seite halten Für die Bundeswehr hatte das beispiels-
sie auf dem Landesparteitag der CDU es auch viele in der Union für unrealistisch, weise zur Folge, dass der Bestand an „Leo-
Ende Februar in Stralsund. Merkel traut dass Deutschland im Jahr 2024 zwei Pro- pard 2“-Kampfpanzern drastisch zusam-
sich zu, den Wählern erklären zu können, zent des Bruttoinlandsprodukts fürs Militär mengestrichen wurde, von 2000 auf 225
warum die Bundeswehr modernisiert wer- ausgibt, denn das würde fast eine Verdopp- im Jahr 2011.
den muss. lung des Etats bedeuten. Ursprünglich sollte das Zwei-Prozent-
In einem internen Papier des Verteidi- Die Steigerung der Rüstungsausgaben Ziel dazu dienen, die neuen Nato-Mitglie-
gungsministeriums wird haarklein aufge- sei nur in „vernünftigen Tranchen“ mach- der in Osteuropa dazu anzuhalten, in neu-
listet, wo eine Modernisierung des Materi- bar, sagte Finanzminister Wolfgang Schäub- es Militärgerät zu investieren. Die USA
als unumgänglich ist. So schlage allein der le in der Runde im Kanzleramt. Mit ande- wollten die Vorgabe später für alle Partner
Ersatz für den im Jahr 1972 eingeführten ren Worten: auf keinen Fall so schnell, wie verbindlich machen, doch dem widersetz-
Transporthubschrauber CH-53 mit sechs Trump oder Ministerin von der Leyen sich ten sich viele Europäer und die Kanadier,
Milliarden Euro zu Buche. Für die Bestel- das wünschen. die ihre Sozialhaushalte nicht dem Militär
lung neuer Lkw würden 2,7 Milliarden Tatsächlich ist umstritten, was auf dem opfern wollten.
Euro benötigt. Und für den Ersatz von Fre- Nato-Gipfel von Wales im Jahr 2014 ver- Nach der russischen Besetzung der Krim
gatten, die vor drei Jahrzehnten in den einbart wurde. „Die Nato hat niemals be- im Jahr 2014 wechselte Deutschland, das
Dienst gestellt wurden, müssten 9 Milliar- schlossen, dass wir in acht Jahren zwei sich bis dahin einer massiven Erhöhung
den Euro veranschlagt werden. Es gehe Prozent unseres Sozialprodukts für Vertei- des Verteidigungshaushalts widersetzt hat-
nicht um Aufrüstung, sondern um ein „Mi- digung ausgeben sollen“, erklärte Außen- te, plötzlich das Lager. Es war die Bundes-
nimum an Ausrüstung“, sagt Verteidi- minister Gabriel vergangenen Sonntag regierung, die im Nato-Rat mehrere Vor-
gungsministerin Ursula von der Leyen im auf dem SPD-Parteitag. „Dann haben es schläge machte, um die Mitglieder zu
SPIEGEL (siehe Seite 31). die 27 Länder falsch verstanden?“, fragt höheren Militärausgaben zu animieren.
Allerdings will die Union auf keinen dagegen Verteidigungsministerin von der Allerdings achtete die schwarz-rote Koa-
Fall den Eindruck erwecken, dass für die Leyen. lition sorgfältig darauf, das Zwei-Prozent-
Militärausgaben der Bildungs- oder der Wer hat recht? Die Wahrheit ist kom- Ziel so weich wie möglich zu formulieren.
Sozialetat gekürzt wird. Da waren sich pliziert. Von der Leyen und Gabriel bezie- „Darin waren sich Kanzleramt, Verteidi-
Merkel und Seehofer einig. „Wenn wir hen sich auf denselben Satz aus der Ab- gungsministerium und Auswärtiges Amt
jetzt Soziales gegen Rüstung ausspielen, schlusserklärung von Wales. Da heißt es, einig“, erinnert sich ein Spitzenbeamter
dann hat die SPD gewonnen“, heißt es in die Bündnispartner „werden darauf abzie- des Auswärtigen Amtes, das im Frühjahr
der CDU. Das richtete sich gegen den un- len, sich innerhalb von zehn Jahren auf 2014 noch von Frank-Walter Steinmeier
glücklichen Jens Spahn, der den Sozialde- den Richtwert von zwei Prozent zuzu- geführt wurde.
mokraten den Ball auf den Elfmeterpunkt bewegen“. Niemand ahnte damals, dass genau
gelegt hatte. Die Gipfelerklärung von Wales ist nur diese Unschärfe drei Jahre später die
So wird sich der Rüstungsstreit vor allem im historischen Kontext verständlich. Nach Grundlage für einen Streit im Wahlkampf
um die Frage drehen, wie viel Geld in die dem Zusammenbruch der Sowjetunion liefern sollte.
Truppe fließen soll. Auf der einen Seite hatten die Nato-Staten ihre Verteidigungs- Konstantin von Hammerstein, Horand Knaup,
hat Gabriel erklärt, dass auch er die Not- ausgaben drastisch gesenkt, um nun end- Ralf Neukirch, Christoph Schult, Severin Weiland

30 DER SPIEGEL 13 / 2017


Deutschland

„Trump nicht auf den Leim gehen“


Verteidigung Ursula von der Leyen, 58 (CDU), attackiert den US-Präsidenten und Sigmar Gabriel.

SPIEGEL: Frau Ministerin, die Nato-Staaten Bundeswehr war nach Jahrzehnten der Kür- ne ich nicht Aufrüstung, das ist ein Mini-
haben sich schon vor Jahren vorgenom- zungen so zusammengespart, dass sie ihre mum an Ausrüstung, das wir unseren Sol-
men, zwei Prozent ihrer Wirtschaftsleis- Aufgaben nicht mehr erfüllen konnte. daten schulden. Aber lassen Sie mich noch
tung für Verteidigung auszugeben. Aber SPIEGEL: Sie übertreiben. etwas zu Trump sagen. Der Präsident ver-
sie spuren erst, seit Donald Trump regiert. Von der Leyen: Ich kann es Ihnen gern auf- engt die Zwei-Prozent-Debatte unzulässig.
Warum? zählen: Funkgeräte und Lkw stammen noch Wir investieren mit unserem Verteidigungs-
Von der Leyen: Sie sollten der Trump-Taktik aus den Siebzigerjahren und müssen drin- haushalt nicht in die Nato, sondern allge-
nicht auf den Leim gehen. Erst sagt Präsi- gend ersetzt werden. Das allein wird Mil- mein in unsere Freiheit und Sicherheit.
dent Trump, die Nato sei obsolet. Das ist liarden kosten. Die Digitalisierung ist ein SPIEGEL: Wir dachten, die Nato sei Garant
sie nicht. Dann wirft er uns vor, Deutsch- Megathema, das wir angehen müssen. Auch für Freiheit und Sicherheit in Deutschland?
land würde der Nato Geld schulden. Doch da geht es um Milliarden. Die Fregatten aus Von der Leyen: Nicht nur. Es geht eben nicht
es gibt kein Schuldenkonto im Bündnis. den Achtzigerjahren müssen selbst nach lie- allein um Nato-Einsätze wie in Afgha-
Und schließlich behauptet er: Seit ich da bevollster Behandlung irgendwann ersetzt nistan oder im Baltikum. In Mali sind wir
bin, fließt das Geld nur so bei der Nato. werden. Das Gleiche gilt für die alten Trans- an einer Blauhelm-Mission der Vereinten
Alles eine Schimäre. porthubschrauber oder die Transall. Ich Nationen beteiligt, im Mittelmeer arbeiten
SPIEGEL: Dennoch zeigen seine Worte Wir- habe schon im letzten Jahr einen 130-Milli- wir mit den anderen Europäern bei der
kung. Die Kanzlerin hat Trump verspro- arden-Plan vorgelegt, wie man die Defizite Flüchtlingsrettung zusammen. Alles trägt
chen, dass Deutschland künftig deutlich auffüllen muss. Das zeigt, dass die Erkennt- zur Sicherheit Europas und Deutschlands
mehr Geld für Verteidigung ausgegeben nis schon vor Trump da war. bei. Und die Allianz profitiert ebenso da-
wird. SPIEGEL: Außenminister Sigmar Gabriel von, auch die Amerikaner. Mir macht aber
Von der Leyen: Weil es notwendig ist. Wir warnt bereits vor einer „Aufrüstungsspi- eine andere Entwicklung Sorge.
haben 2014 beim Nato-Gipfel in Wales doch rale“. SPIEGEL: Welche?
nicht ohne Grund bekräftigt, dass wir die Von der Leyen: Wenn wir die überalterte Von der Leyen: Die alleinige Fokussierung
zwei Prozent innerhalb einer Dekade errei- Funktechnik in den nächsten Jahren nicht auf das Militärische. Nach dem Haushalts-
chen wollen. Die sicherheitspolitische Lage für über fünf Milliarden Euro ersetzen, entwurf des Weißen Hauses sollen Ent-
hatte sich dramatisch verändert. Die Russen werden wir in den Einsätzen mit unseren wicklungshilfe und Diplomatie massiv zu-
waren auf der Krim einmarschiert, im Irak Verbündeten nur noch massiv einge- gunsten des Militärs gekürzt werden. Das
schlachtete der IS die Jesiden ab, und die schränkt kommunizieren können. Das nen- entspricht nicht dem modernen Sicher-
heitsbegriff. Militär, Diplomatie und Ent-
wicklungszusammenarbeit gehören un-
trennbar zusammen. Armut, Hunger und
Ressourcenkonflikte sind der Boden, auf
dem Terror und Bürgerkriege wachsen.
SPIEGEL: Die SPD sagt, es sei eine Schande,
dass man sich in Deutschland bei der Ent-
wicklungszusammenarbeit mit 0,7 Prozent
zufriedengebe, bei der Rüstung aber auf
zwei Prozent wolle.
Von der Leyen: Das ist ein Rückfall in die
unselige Debatte, die wir längst überwun-
den hatten. Ich halte es für absolut falsch,
dass wir Diplomatie, Militär und wirt-
schaftlichen Aufbau gegeneinander aus-
spielen. Sicherheit und Investitionen in Le-
bensperspektiven gehören untrennbar zu-
sammen. Das sollten wir gerade gegenüber
den Amerikanern geschlossen vertreten.
SPIEGEL: Gabriel sagt, dass die Nato niemals
beschlossen habe, die nationalen Verteidi-
gungsbudgets auf zwei Prozent des Sozial-
produkts anzuheben.
Von der Leyen: Dann haben es die 27 ande-
ren Länder falsch verstanden? Sein Vor-
gänger Frank-Walter Steinmeier hat die
Deklaration von Wales mitentschieden. Al-
KAY NIETFELD / DPA

len Unterzeichnern war klar, dass gerade


die Europäer deutlich mehr in ihre eigene
Sicherheit investieren müssen. Das gibt’s
nicht zum Nulltarif.
Ministerin von der Leyen: „Das ist ein Rückfall in die unselige Debatte“ Interview: Konstantin von Hammerstein

DER SPIEGEL 13 / 2017 31


Deutschland

Er ist da
Essay Martin Schulz lässt die SPD an Wunder glauben. Kann das gut gehen?
Von Christiane Hoffmann

„Über die Geltung des Charisma entscheidet die ger, nicht der Visionär. Der letzte Politiker, dem man in
durch Bewährung – ursprünglich stets: durch Wunder – Deutschland Charisma nachsagte, war Karl-Theodor zu
gesicherte freie, aus Hingabe an Offenbarung, Guttenberg. Es nahm kein gutes Ende mit ihm. Das Er-
Heldenverehrung, Vertrauen zum Führer geborene folgsmodell des postheroischen Zeitalters ist nüchtern und
Anerkennung durch die Beherrschten ... kühl, ruhig und rational, moderat und moderierend. An-
Diese Anerkennung ist psychologisch eine aus gela Merkel gilt als Prototyp dieses Politikers, die Tech-
Begeisterung oder Not und Hoffnung nokratin der Macht. Olaf Scholz, Annegret Kramp-Kar-
geborene gläubige, ganz persönliche Hingabe.“ renbauer, Stanislaw Tillich gewannen Wahlen, weil sie
Max Weber: „Wirtschaft und Gesellschaft“, 1922 dieses Modell verkörperten. Unaufgeregt, pragmatisch
und möglichst emotionslos.

E
r ist hier.“ Das sind die letzten Worte im Video, das Doch der Erfolg von Martin Schulz zeigt, dass es in
über die Großleinwände in der Parteitagshalle flim- Deutschland die Sehnsucht nach einer Politik gibt, die
mert. Der Film hat Martin Schulz angekündigt mit mehr ist als effektives Verwalten, kluge Moderation und
Sätzen, die alle mit einem großen „Er“ begannen: „Er ist geschicktes Management. Die Sehnsucht nach einem lei-
leidenschaftlich. Er ist mitfühlend. Er ist cool.“ Und dann, denschaftlichen Kämpfer, mit unverhohlenem Machtwil-
zum Schluss, als würde ein Engel die Ankunft des Heilands len, und, vielleicht auch das, nach einem Mann.
verkünden: „Er ist hier.“ Er ist unter uns. Tosender Applaus. Dabei ist Schulz höchstens im Ansatz charismatisch.
Schulz’ Rede beginnt dann wie eine Predigt, er erzählt Sein Erfolg sagt weniger über Schulz als über die Erwar-
die Geschichte von der Wiederauferstehung der SPD. „Das tungen und Sehnsüchte seiner Anhänger und seiner Partei,
ist eine gute Nachricht“, sagt Schulz. Für die Menschen vielleicht sogar der Deutschen insgesamt. Es ist schwer
im Land, für Deutschland, für Europa, für die Demokratie. verständlich, warum ausgerechnet Schulz messianische
Eine gute Nachricht – fünfmal sagt er das in den ersten Hoffnungen weckt. Er selbst liefert keine hinreichend ver-
Sätzen. Die gute Nachricht – das ist die Bibel, das Evan- nünftige Erklärung für seinen Erfolg. Er ist nicht mitreißend
gelium, die Geschichte von einem, der kam, um seine Par- eloquent wie Barack Obama, nicht schön wie Justin Tru-
tei zu retten und damit das Land. Er ist hier. deau und nicht sexy wie Gerhard Schröder. Seine Themen –
Er spricht von seiner „Botschaft“, er zitiert das Lukas- Gerechtigkeit, Respekt und Würde – eröffnen keine große
Evangelium vom reuigen Sünder, über den im Himmel Vision. Er sagt nichts, was andere nicht schon vor ihm ge-
mehr Freude sein wird als über 99 Gerechte. Und er er- sagt hätten. Er ist ein guter, aber kein brillanter Redner.
zählt seine eigene Geschichte von einem, der vom rechten Schulz weiß, dass der Grund für seinen Erfolg nicht al-
Weg abkam und dann eine zweite lein in ihm liegt. Das macht ihn fragil. Zu rasch sind seine
Chance erhielt, auch so ein christ- Umfragewerte in die Höhe geschossen. „Wird das halten?“,
Es ist, als hätte licher Mythos. Vom Saulus zum
Paulus.
fragen sie in der SPD. „Wir wissen nicht, wie lange das
hält.“ Das Wort „Hype“ geht um, eine übertriebene Be-
man ihm Seit Martin Schulz der SPD den geisterung, ohne echte Grundlage. Eine Blase.

einen Luftballon
Glauben an sich selbst zurück-

W
gegeben hat, wird der Kanzler- enn Schulz in die Stadthallen und Mehrzweck-
geschenkt, kandidat der Sozialdemokraten
mit religiösen Motiven und Meta-
säle des Landes einzieht, scheint er vor Zuver-
sicht zu strotzen. Selbstbewusstsein und Macht-
und nun muss phern beschrieben. Seitdem ist er
Heilsbringer, Erlöser und Erretter.
wille sind Teil seines Erfolgs. „Wenn ich Kanzler der Bun-
desrepublik Deutschland bin“, diesen Satz wiederholt er
er höllisch Sie nennen ihn den Gottkanzler, oft. Doch der Druck ist enorm.
aufpassen, dass den Messias. Manchmal beißend
ironisch, manchmal witzelnd und
Der rasche Erfolg ist ihm selbst etwas unheimlich. Es
ist, als hätte man ihm einen Luftballon geschenkt, und
der nicht platzt. manchmal fast im Ernst. Wenn
man auf der Website der SPD
nun hält er ihn in den Händen und muss höllisch aufpassen,
dass der nicht platzt. Er sagt, dass es ihm in diesen Tagen
nach Martin Schulz sucht, kann schwerfalle zu fassen, was geschieht. Er war davon aus-
es sein, dass im Hintergrund der Song von Tim Bendzko gegangen, dass seine Kandidatur eine Aufholjagd werden
läuft: „Muss nur noch kurz die Welt retten“. Und 100 Pro- würde, von weit hinten. 15, zum Teil 17 Prozentpunkte
zent – ist das noch Demokratie oder schon Religion? lag die SPD in Umfragen hinter der Union zurück. Man
Politik und Religion sind verwandt. Beide sind ein Ge- hätte es ihm schon als Erfolg angerechnet, wenn er einen
schäft mit der Hoffnung. Beide leben von Glauben und weiteren Absturz verhindert hätte. Stattdessen schnellten
Zuversicht. Und von der Show. Vermutlich hat jede gute die Umfragen in kurzer Zeit nach oben – auf Augenhöhe
Rede etwas von einer Predigt. Und jeder charismatische mit der Union. Als Schulz antrat, waren die Erwartungen
politische Führer ist ein bisschen Messias. an ihn mäßig. Dann kam der Erfolg. Jetzt sind die Erwar-
Doch in der modernen Parteiendemokratie schien Cha- tungen riesig. Eine „Bürde und eine große Verantwortung“
risma ausgedient zu haben. Gefragt war der Krisenmana- sei das, sagt Schulz.

32 DER SPIEGEL 13 / 2017


HENNING SCHACHT
SPD-Kanzlerkandidat Schulz
Der Druck ist enorm

Er darf nicht triumphierend wirken. Selbstbewusst, aber auf Charisma gründet, ist immer gefährdet. Willy Brandt
nicht übermütig, sonst macht er Fehler, wie in dieser Wo- und Gerhard Schröder, die beiden SPD-Führer mit charis-
che, als er seine Absage für den Koalitionsausschuss mit matischen Zügen, sind dafür Beleg. Berechenbares Ver-
einem Fest der SPD-Fraktion begründete. Ein Kanzler- walten schafft verlässlichere Bande als begeisternde
kandidat, der lieber feiert als arbeitet? Visionen. Anhängerschaft, die auf Vernunft gründet, ist
Er ist vorsichtiger geworden. „Das ist alles komplex, stabiler als Heldenverehrung, hochfliegende Hoffnungen
ich weiß das“, sagt er, wenn er über Pflege spricht und werden leicht enttäuscht.
ein Alter in Würde. Er nimmt Kritik auf. Er zitiert, was

D
über ihn geschrieben wird, und geht darauf ein. Man hat ie Begeisterung für Schulz ist besonders unsicher.
ihm vorgeworfen, dass er Deutschland schlechtredet. Denn er hat bisher kaum etwas geleistet, was die
„Deutschland ist ein reiches, starkes Land“, sagt er jetzt. Hoffnungen, die seine Anhänger und seine Partei
Seit es hieß, er wolle die Agenda 2010 korrigieren, kommt in ihn setzen, begründen würde. Sie sind ein riesiger Ver-
das Wort Agenda in seinen Reden nicht mehr vor. trauensvorschuss. Das Risiko, dass sich die Hoffnungen
Als Schulz Anfang März in die Stadthalle von Worms als hohl erweisen und alles in sich zusammenfällt, ist des-
einzieht, haben die Menschen seit mehr als zwei Stunden halb besonders hoch.
gewartet, viele im Stehen, denn die Sitzplätze waren Jede Zeit bringt ihre Politiker hervor. Schulz profitiert
schnell belegt. Als er kommt, stehen alle. Der Saal tobt. von einem Zeitgeist, der Veränderung will, Aufbruch
Martin, Martin, rufen sie. Aber er lässt die Rufe gar nicht und Gefühl. Dieser Zeitgeist hat Donald Trump her-
richtig aufkommen. Als er ans Rednerpult tritt, beginnt vorgebracht, aber auch Justin Trudeau und Emmanuel
er sofort zu sprechen, als wolle er die Begeisterung Macron. Zugleich bleibt bei der Mehrheit der Deutschen
eindämmen. Er dosiert den Applaus. Er führt den Saal die tief verwurzelte Ablehnung gegen alles Autoritäre
mit seiner Stimme, deren bisweilen grimmige Ent- und Irrationale in der Politik. Das ist die Lehre der
schlossenheit abgemildert wird durch den rheinischen deutschen Geschichte. Es ist ein Zeichen demokratischer
Singsang. Jedes Mal, wenn er am Ende eines Satzes leicht Reife, dass sich die deutsche Sehnsucht nach einer
aufdreht, beginnen sie zu klatschen. Er wartet dann nicht, leidenschaftlichen Politik nicht nach rechts richtet, son-
bis der Applaus zu Ende ist, sondern redet schon weiter dern auf einen Mann der Mitte. Wohl möglich, dass
in den aufbrandenden Jubel hinein. Er will die Leute er- Schulz sie enttäuscht. Er könnte aber auch die Antwort
reichen, ihre Gefühle ansprechen, aber alles in Maßen, auf die widersprüchlichen Erwartungen vieler Deutscher
kontrolliert. sein: populistisch im Habitus, aber gemäßigt in seinen
Er will die Stimmung nicht noch weiter anheizen, nicht Inhalten, kein Volkstribun und doch ein bisschen charis-
noch mehr Erwartungen wecken. Politische Macht, die matisch. I

DER SPIEGEL 13 / 2017 33


Deutschland

HERMANN BREDEHORST / POLARIS / LAIF


Delegierte auf Piraten-Parteitag in Neumünster 2012

Verflüssigt
Parteien Die Piraten werden bald vermutlich aus den letzten Landtagen verschwunden sein.
Was bleibt von den selbst ernannten Hackern des Betriebssystems? Drei Abschiedsbesuche.

M
ichael Hilberer plant gerade seine den „vortrefflichen“ Abgeordneten der an- men im System, das er ändern wollte. Sei-
Zukunft. Seine Partei, die Piraten, deren Parteien. „Ich glaube, wir kommen ne Zeit ist um: Demnächst ist Hilberer nur
kommt darin nicht mehr vor. Fünf gut miteinander aus. Vielen Dank für die noch Softwareentwickler.
Jahre lang saß der 37-Jährige als Frak- letzten fünf Jahre, die wir hier zusammen- Auch seine zwei Fraktionskollegen kan-
tionsvorsitzender im Landtag des Saarlan- gearbeitet und gestritten haben.“ didieren nicht mehr, der vierte wechselte
des. Bei der Wahl am Sonntag tritt er nicht Spricht so ein Pirat, der angetreten war, vor zwei Jahren zu den Grünen, der Ge-
mehr an. Auf die Frage, warum man die den politischen Betrieb zu entern? Alle schäftsführer der Fraktion ist seit einem
Piraten wählen sollte, sagt er: „Für mich Fraktionen applaudierten. Monat CDU-Mitglied. Der neue Spitzen-
persönlich gibt es keinen Grund. Als Partei Als Hilberer 2012 bei der Landtagswahl kandidat Gerd Rainer Weber hat schon
muss man einen Gesellschaftsentwurf prä- kandidierte, trug er meist schwarze, locke- vor Monaten vorsichtshalber verkündet:
sentieren. Den sehe ich nicht.“ re Hemden, seine Haare reichten bis über „Eine linke Mehrheit wäre gut – auch
In der letzten Plenarsitzung hat er sich die Schulter. Heute sitzt er im gut geschnit- wenn wir nicht dabei sind.“
schon artig verabschiedet von seinen Par- tenen grauen Anzug und mit Kurzhaar- Umfragen zufolge werden die Piraten
lamentskollegen, seinen Mitarbeitern und frisur in seinem Fraktionsbüro, angekom- im nächsten saarländischen Landtag nicht
34 DER SPIEGEL 13 / 2017
mehr vertreten sein. 7,4 Prozent holten sie gefesselt auf einem Bett lag, darüber der in Berlin, trat 2016 in die Linkspartei ein.
noch bei der letzten Wahl, jetzt verschwin- Slogan „Politik #entfesselt“. Der ehemalige Bundesvorsitzende Bernd
den sie in den Umfragen in der Kategorie Und sonst? Ein Verbot von Wildtieren Schlömer sitzt inzwischen für die FDP im
„Sonstige“. Vergebens versuchte die Partei in Zirkusbetrieben, das die Landesregie- Berliner Abgeordnetenhaus, und Christo-
zuletzt, sich in die Elefantenrunde der rung auf Drängen der Piraten durchgesetzt pher Lauer, der per Twitter zur Bürger-
Spitzenkandidaten im Saarländischen hat, ein Programm für den Breitband- sprechstunde in die S-Bahn einlud, ist in
Rundfunk (SR) einzuklagen – zu unbedeu- ausbau und ein paar verfassungswidrige der SPD aktiv. „Wir fahren quer durch die
tend, befand der SR und bekam vom Ver- Klauseln, entdeckt von der Fraktion bei Republik zu Bundesparteitagen, um unse-
waltungsgericht recht. der Novellierung des saarländischen Ver- re Computer einzustöpseln, um auf Twitter
Auch die Bundespartei hat das Saarland fassungsschutzgesetzes. Anstatt sich als über den Parteitag zu lesen und uns dann
offenbar längst abgeschrieben. Nur so ist Sprachrohr der jungen IT- und Start-up- zu beschweren, dass das Internet nicht
zu erklären, dass sie ihren Parteitag aus- Branche zu positionieren, kämpften sie funktioniert“, so machte er sich öffentlich
gerechnet auf dieses Wochenende gelegt dafür, Freifunk-Initiativen als gemeinnüt- über seine Partei lustig.
hat, anstatt mit den Genossen die Hoch- zig anzuerkennen. Die Wähler hatten kaum Zeit, sich mit
rechnungen abzuwarten. Dagegensein funktioniere nur einmal, den Gesichtern vertraut zu machen. Kaum
Es sind die letzten Parlamentstage der danach müsse man sich etablieren, findet jemand kennt den mittlerweile achten Par-
Piratenpartei, gegründet im September Hilberer. Deshalb habe er von Anfang an teivorsitzenden Patrick Schiffer. Bis heute
2006 von 53 jungen Leuten in einem Ver- aus der Protestpartei eine linksliberale besetzen die Piraten Ämter nur für ein
anstaltungsraum der Berliner Netzgemein- Kraft machen wollen. Doch der Bundes- Jahr, dann wird neu gewählt. Alle Posten
de. Informatikstudenten, Softwareentwick- vorstand habe auf Netzthemen gesetzt: sind Ehrenämter, ein Gehalt gibt es nicht.
ler, Internetfreaks, darunter nur eine Leistungsschutzrecht, Netzneutralität und Zu Beginn wirkte der Reiz der Protest-
Handvoll Frauen. 2011 eroberte die neue Überwachung. partei, deren Wahlprogramm zwar nie-
Partei mit 8,9 Prozent in Berlin das erste Früher habe er die Idee, dass sich alle mand so richtig kannte, die aber versprach,
Landesparlament (siehe Grafik Seite 36). in einer Basisdemokratie gleichberechtigt Politik anders zu machen: transparenter
Als sie im Frühjahr 2012 in Umfragen auf beteiligen dürfen, für „charmant“ gehal- und mit mehr Mitmachmöglichkeiten für
12 Prozent schnellte, sprach Forsa-Chef ten, sagt Hilberer. Doch dann habe er die die Bürger. Als eine „moderne politische
Manfred Güllner bereits von einer „Volks- Massenparteitage der Piraten erlebt. „In Bewegung“ adelte sie der inzwischen ver-
partei im Miniformat“. der Praxis stimmen diejenigen ab, die das storbene „FAZ“-Mitherausgeber Frank
Nun ist sie, gut zehn Jahre nach ihrer Geld und die Zeit haben zu kommen. Da- Schirrmacher und verglich sie mit den Grü-
Gründung, fast Geschichte. Und ihre Idee, zwischen herrschen die Vorstände unge- nen. In den Achtzigerjahren habe man sich
hinter dem aufgeklappten Bildschirm eines bremst.“ bei denen schließlich auch keinen Außen-
Laptops die Demokratie einfach mal neu So klingt ein Pirat 2017: Die repräsen- minister Joschka Fischer vorstellen können.
zu erfinden – gescheitert. tative Demokratie sei „das beste System, Die Digital Natives erschienen als Stim-
In Berlin gibt es keine Piraten-Fraktion was wir haben“, sagt Hilberer, eine „zi- me einer neuen Generation, die fassungs-
mehr, und nach dem Saarland dürften die vilisatorische Leistung“. Selbst manches los vor dem Fernseher saß, als Kanzlerin
Piraten auch bei den Landtagswahlen im am „Geklüngel“ der etablierten Parteien Angela Merkel das Internet als „Neuland“
Mai in Schleswig-Holstein und Nordrhein- findet er inzwischen sinnvoll: „Da geht bezeichnete. Junge Menschen, die lieber
Westfalen durchfallen, so prophezeien es es um Ausgleich. Das ist der Kern der direkt, spontan und online mitmischen
die Umfragen. Dann werden sie in keinem Demokratie.“ wollten, als sich in drögen Ortsvereinssit-
Landtag mehr vertreten sein. Aber wie kann er dann einfach aufhören zungen etablierter Parteien durchsetzen
Was ist passiert? Selten hat sich eine und sich ins Private zurückziehen? Hilbe- zu müssen.
Partei, die es einmal in die Parlamente ge- rer zögert, seufzt: „Sie wissen gar nicht, Bei den Piraten war das möglich. Hier
schafft hat, so schnell überflüssig gemacht. wie schwer ich an dieser Verantwortung war jedes Mitglied beim Parteitag willkom-
Die Saarland-Piraten schafften es nur trage. Das treibt mich sehr oft um.“ Die men, nicht nur ausgewählte Delegierte. Es
ein einziges Mal in die bundesweiten Auszeit müsse ja nicht für immer sein. Nur: kamen bis zu 2000 Personen. Über jeden
Schlagzeilen: 2013 wurden Fotos publik, Wenn er wieder in die Politik gehe, wolle Antrag, sogar darüber, wie die Veranstal-
auf denen die damals 24-jährige Abgeord- er „richtig andocken bei einer Partei“. Bei tungen ablaufen sollten, wurde abge-
nete Jasmin Freigang leicht bekleidet und welcher? Das will er nicht sagen. stimmt. Doch die gelebte Basisdemokratie
gefesselt zu sehen war, das Produkt eines Viele Piraten sind längst abgetreten. Ma- erwies sich schnell als Sackgasse. Viele
Fotoshootings für einen Erotikshop. „Darf rina Weisband, einst politische Geschäfts- Positionen wurden immer allgemeiner ge-
sich eine Landtagsabgeordnete SO zei- führerin, trat vor zwei Jahren aus, das fasst und fanden am Ende doch keine
gen?“, fragte die „Bild“-Zeitung. Die Par- Label Piraten sei „verbrannt“. Martin De- Mehrheit.
tei ging offensiv damit um und verbreitete lius, Exvorsitzender der Piraten-Fraktion Die Liquid Democracy, die flüssige De-
ein Bild im Internet, auf dem die Piratin und des BER-Untersuchungsausschusses mokratie, bei der jeder, der wollte, per
Mausklick mitmachen konnte und für die
eine Software namens Liquid Feedback
genutzt wurde, fiel im Praxistest durch.
Gerade mal drei Prozent der Mitglieder
hätten sich in der Regel an den Online-
BECKER & BREDEL / IMAGO STOCK

abstimmungen beteiligt, monierten Kritiker.


Für anonyme Voten, wie von den Piraten
CARSTEN REHDER / DPA

gewollt, sei die Software gar nicht geeignet,


bemängelten die Entwickler selbst.
Die Medien stürzten sich zunehmend
auf die vielen öffentlich ausgetragenen
OHNE

Streitereien oder Skandale. Zu vergnüglich


Piraten-Politiker Breyer, Marsching, Hilberer: „Nicht gegründet, um an die Macht zu kommen“ lasen sich Tweets wie der von Birgit Ryd-
DER SPIEGEL 13 / 2017 35
Deutschland

lewski, Piratin in NRW, über ihr Sexleben: Wahlergebnisse der Piratenpartei Landtag. Früher, sagt er, sei er „vollkom-
„So: Allen einen lieben Dank, die wegen in Prozent, von 2011 bis 2013 men unpolitisch“ gewesen. Aus Protest
des gerissenen Kondoms mitgezittert ha- gegen die Netzsperren der damaligen
Hamburg 2,1
ben: Alle Tests negativ! (Also HIV, Hep. Familienministerin Ursula von der Leyen
B, Hep. C).“ Sachsen-Anhalt 1,4 sei er Pirat geworden. Von der Leyen,
Als im September 2013 ein neuer Bun- Baden- die Internetsperren gegen Kinderporno-
destag gewählt wurde, war der Hype um 2,1 2011 grafie errichten wollte, verhöhnten sie als
Württemberg
die vermeintlichen Systemrebellen bereits Rheinland-Pfalz 1,6 „Zensursula“.
verpufft. Nur 2,2 Prozent stimmten für die Als Mitglied habe er sich dann zum En-
Mecklenburg- gagement verpflichtet gefühlt und ein Amt
Piraten. Dabei hatte der ehemalige CIA- Vorpommern
1,9
Mitarbeiter Edward Snowden kurz zuvor beim parteiinternen Schiedsgericht über-
aufgedeckt, dass der US-Geheimdienst Berlin 8,9 nommen. Das mache am wenigsten Arbeit,
NSA Millionen Bürger ausspionierte. Ei- Saarland 7,4 hieß es. Als Landesvorsitzender habe er
gentlich eine Steilvorlage für eine Partei, Schleswig- 2011 nur kandidiert, damit mehr als ein
die meinte, man müsse nicht die Bürger, Holstein 8,2 2012 Name auf der Liste stand – und dann über-
sondern den Staat überwachen. Nordrhein- raschend gewonnen.
Westfalen 7,8
„Die Piratenpartei wurde nicht gegrün- Zur Landtagswahl in Düsseldorf am
det, um an die Macht zu kommen, sondern Niedersachsen 2,1 14. Mai tritt Marsching wieder als Spitzen-
um Macht an die Bürger zurückzugeben“, kandidat der Piratenpartei an, obwohl er
sagt Patrick Breyer, 39, Fraktionsvorsitzen- Bayern 2,0 nach fünf Jahren in der Opposition ziem-
der der Piraten in Schleswig-Holstein, „wir 2013 lich frustriert ist. Ihre Fraktionssitzungen
Hessen 1,9
sind die Hacker des politischen Betriebs- stellen sie zwar noch immer live ins Netz,
systems und wollen die Spielregeln ver- Bundestagswahl 2,2 aber kaum einer interessiert sich dafür, die
ändern.“ letzte wurde gerade 46-mal geklickt. Mar-
Der promovierte Jurist brüstet sich da- Mitglieder schings persönliche Rebellion besteht in-
mit, die fleißigste Fraktion im Kieler Land- in Tausend zwischen darin, dass er sich der Kleider-
30
tag anzuführen. Tatsächlich hat in der lau- ordnung des Landtags widersetzt und ohne
fenden Legislaturperiode jeder der sechs Sakko ans Rednerpult tritt.
Piraten im Schnitt mehr als 200 Anfragen „@20Piraten“ nennt sich seine Fraktion
und Anträge gestartet. Spitzenreiter ist 20 bei Twitter, obwohl drei von ihnen im Lau-
Breyer selbst mit mehr als 500. Gern sieht fe der Jahre die Fraktion verlassen haben.
er sich als „Investigativabteilung des Land- Im Parlament hätten sie nicht viel erreicht,
tages“. 10 gibt Marsching zu und spricht von „Kle-
Nur einen Bruchteil der Initiativen ließ ckererfolgen“. Immerhin, eine Transpa-
die Regierungskoalition passieren: Im renzinitiative wurde angenommen, aber
Landtag dürfen Laptops benutzt werden. danach seien die Umfragewerte gefallen.
Jugendliche können ab 16 Jahren bei der 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 „Jetzt können wir nicht mal öffentlichen
Landtagswahl abstimmen. Vorstandsgehäl- Druck aufbauen. Die haben keine Angst
ter von öffentlichen Unternehmen müssen da organisierte er „Freiheit statt Angst“- mehr vor uns.“
veröffentlicht werden. Und die Stelle des Demos, zu denen Tausende kamen. Die Grünen haben sie kürzlich vorge-
Landesdatenschutzbeauftragten wird nicht Ein sonniger Samstagmorgen im Febru- führt, aber das war eine Ausnahme. Als
mehr nach Parteibuch besetzt, sondern öf- ar, im Historischen Saal der Volkshoch- die Ökopartei im Landtag dagegen stimm-
fentlich ausgeschrieben. schule Bielefeld tagt der NRW-Landesver- te, die Kosten des Braunkohletagebaus
Das Klima im Kieler Landtag ist rau, vor band der Piraten. Im Publikum sitzen et- berechnen zu lassen, wurden sie von den
allem für Piraten. Die Platzhirsche Ralf was mehr Männer als Frauen, einer sieht Piraten gefilmt. Obwohl die Abstimmung
Stegner (SPD) und Wolfgang Kubicki (FDP) aus, als hätte er die letzten Tage auf der sowieso namentlich war, kam es zum Eklat.
lassen nichts unversucht, Breyer zu mob- Straße geschlafen, ein anderer trägt eine Das Filmen wurde verboten, der Kamera-
ben. Als er kürzlich forderte, die höchsten bunte Perücke mit einem Einhorn. Ihre mann rausgeworfen.
Stellen beim Landesrechnungshof öffent- Spitznamen: Schlumpf, MacGyver oder Dass er selbst wahrscheinlich bald aus
lich auszuschreiben, warf Stegner dem ehe- Bestenfalls. Auch der Bundesvorsitzende dem Parlament fliegt, stört Marsching
maligen Amtsrichter an den Kopf, er be- Schiffer, den hier alle nur „Pakki“ nennen, nicht besonders. Sagt er. Ab Mai werde er
daure die Menschen, die vor ihm stünden, ist gekommen. Hier scheint es sie noch zu dann wieder als Selbstständiger arbeiten.
wenn Breyer wieder Richter würde. „Ich geben, die Nerdpartei. Die Partei zu wechseln komme für ihn
glaube, dass Sie in Teilen autistische Züge 3500 Mitglieder haben die Piraten in nicht infrage: „Entweder ich bleibe bei den
haben mit dem, was Sie hier vortragen.“ NRW. Rund hundert von ihnen sind ge- Piraten oder höre irgendwann ganz mit
Kubicki legte nach und sagte, er sei „froh“, kommen, um über das Programm und die der Politik auf.“
die Stimmen der Piraten „im nächsten Listenaufstellung zur Bundestagswahl zu In die Räume der Piraten-Fraktion zieht
Landtag nicht mehr hören zu müssen“. entscheiden. Gewählt wird per Handzettel, dann womöglich die AfD, in den Umfra-
Desillusioniert sei er trotzdem nicht, be- die Schlange vor den improvisierten Wahl- gen liegen die Rechtspopulisten aktuell bei
hauptet Breyer: „Ich habe ein hohes Maß kabinen zieht sich durch den ganzen sieben bis elf Prozent. Sind es auch ehe-
an Motivation und bin immer mit Begeis- Raum. malige Piraten, die einfach zur nächsten
terung dabei.“ Auf der Bühne sitzt ein großer, etwas Protestpartei überlaufen? Einige ja, fürch-
Wenn seine Partei im Mai an der Fünf- fülliger Mann, das Auffälligste an ihm ist tet Marsching, „sie wollen das System um
prozenthürde scheitert, will er außerhalb sein T-Shirt mit dem Konterfei Donald jeden Preis ändern, notfalls mit der AfD“,
des Parlaments weiter für Bürgerrechte Trumps und dem Aufdruck „Schwach- das sei die Stimmung, die er im Wahl-
kämpfen. So wie 2012, als Sprecher des kopf“: Michele Marsching, 38, der Frak- kampf spüre. Laura Backes
Arbeitskreises Vorratsdatenspeicherung, tionsvorsitzende der Piraten im NRW- Mail: laura.backes@spiegel.de

36 DER SPIEGEL 13 / 2017


Deutschland

Hilfe aus Deutsche mit Doppelpass


eher behindert als befördert. Türken, die
schon lange in Deutschland leben, haben
sich auf die Seite des Präsidenten gestellt. nach zweiter Staatsangehörigkeit,

Ankara
In der Union wittert man die Chance, das in Tausend (gerundete Werte)
Thema für den Wahlkampf zu nutzen.
Damit könne man, so die Hoffnung des Russland 712
konservativen Flügels, Wähler zurück-
gewinnen, die während der Flüchtlings- Polen 687
Wahlkampf Angela Merkel
krise zur AfD abgewandert sind.
hätte das Thema doppelte Ein Vorbild dafür gibt es: Vor der Land- Türkei 531
Staatsbürgerschaft am liebsten tagswahl in Hessen im Februar 1999
organisierte der damalige CDU-Oppo- Kasachstan 479
ignoriert. Nun muss sie sitionsführer Roland Koch eine Unter-
sich auf die CSU zubewegen. schriftenkampagne gegen die doppelte Rumänien 186
Staatsbürgerschaft, die die rot-grüne Bun-

M
anchmal kommt Hilfe von uner- desregierung einführen wollte. Liberale Italien 154
warteter Seite: Die CSU hätte sich Unionspolitiker, darunter auch Merkel, Serbien und
nicht träumen lassen, dass Recep waren gegen die Kampagne. Doch diese Montenegro 92
Tayyip Erdoğan einmal ein Verbündeter hatte Erfolg. Die CDU gewann überra-
gegen Angela Merkel sein könnte. Doch schend die Landtagswahl. Marokko 86 Quelle: Zensus 2011,
beruhend auf Melderegister-Auswer-
in den vergangenen Wochen hat der türki- Viele der damaligen Mitstreiter Merkels tungen. Die Zahlen des Mikrozensus
sche Präsident der Partei enorm geholfen. haben nach den Ereignissen der vergan- Iran 85 2015 liegen deutlich niedriger, beru-
hen allerdings auf Bevölkerungsbe-
Er hat mit seinen Ausfällen gegen Deutsch- genen Wochen ihre Position noch einmal fragungen. Die Bundesregierung hält
land einem Thema wieder zur Popularität überprüft. „Der Stand der Integration ist USA 69 die Zahlen von 2011 für näher an der
Wirklichkeit.
verholfen, das die Kanzlerin am liebsten offenbar deutlich schwächer, als viele bis-
ignoriert hätte. her angenommen haben“, sagte der Vor-
Es geht um die Frage der doppelten sitzende des Auswärtigen Ausschusses im einer Sitzung der Fraktion skizziert. Es
Staatsbürgerschaft. Die CSU fordert schon Bundestag, Norbert Röttgen, im SPIEGEL- war ursprünglich vom Verfassungsrichter
seit Längerem eine Rückkehr zur Options- Interview (11/2017). Die doppelte Staats- Johannes Masing entwickelt worden. Dem-
pflicht, wonach sich in Deutschland gebo- bürgerschaft habe sich nicht bewährt. nach würden die hier geborenen Kinder
rene Kinder von Ausländern bis zum Alter Seither fordern immer mehr hochrangige von Einwanderern die doppelte Staats-
von 23 Jahren für eine Staatsbürgerschaft CDU-Politiker eine neue Lösung des Pro- bürgerschaft erhalten. Für die Enkel wäre
entscheiden müssen. Auch der CDU-Partei- blems. Das Netzwerk Integration der CDU Schluss. Für sie würde ein neues Prinzip
tag im Dezember hatte sich mit knapper hat ein Papier erarbeitet, das in das Wahl- ins Staatsangehörigkeitsrecht eingeführt,
Mehrheit gegen Merkels Willen für die programm einfließen soll. Darin wird eine das Wohnsitzprinzip. Wer seinen Lebens-
Optionspflicht ausgesprochen. Reform des Staatsangehörigkeitsrechts ge- mittelpunkt in Deutschland hat und ledig-
Merkel hatte damals mit Trotz reagiert. fordert. Bei Einwanderern der zweiten und lich zum jährlichen Urlaub in die Türkei
Es werde in dieser Legislaturperiode keine dritten Generation, die in Deutschland fährt, soll auch nur noch den deutschen
Änderung geben, und sie halte den Be- geboren und aufgewachsen seien, sei ein Pass bekommen.
schluss persönlich für falsch, sagte sie. „Ich klares Signal für die Einstaatigkeit geboten. Merkel will sich in dieser Frage nicht
glaube auch nicht, dass wir einen Wahl- „Wir müssen die Politik der Ausnahme- mehr gegen die Mehrheit ihrer Partei
kampf über den Doppelpass machen, wie regeln weitgehend beenden“, sagt die Netz- stellen. Sie sei mittlerweile bereit, sich
wir das früher mal gemacht haben.“ Das werk-Vorsitzende, die CDU-Bundestags- an diesem Punkt zu bewegen, berichten
sieht mittlerweile anders aus. abgeordnete Cemile Giousouf. In dem Vertraute.
Erdoğan hat mit seinem Wahlkampf in Papier wird der sogenannte Generationen- Allerdings gibt es ein Problem: Der Ge-
Deutschland und mit seinen Attacken – er schnitt vorgeschlagen. nerationenschnitt funktioniert nur, wenn
warf Merkel Nazimethoden vor – eine Das Modell mit dem merkwürdigen die Herkunftsländer mitspielen. So müsste
Debatte um die Frage entfacht, ob die dop- Namen hatte Innenminister Thomas de sich Ankara zu einem Abkommen mit
pelte Staatsbürgerschaft die Integration Maizière (CDU) bereits im Januar auf Deutschland bereit erklären, wonach in
der Enkelgeneration die türkische Staats-
angehörigkeit wegfiele. Für den Fall, dass
Parteichefs Seehofer, Merkel
sich ein Herkunftsland dagegen sperrt,
prüft de Maizière ein Alternativmodell,
das ohne Zustimmung auskommt.
Am Ende werden wohl Merkel und CSU-
Chef Horst Seehofer entscheiden müssen,
mit welcher Position die Union in den
Wahlkampf zieht. „So oder so, das Thema
wird im Wahlprogramm stehen“, sagt ein
Mitglied der CDU-Spitze. „Wir wären ver-
rückt, wenn wir das nicht nutzten.“
Ralf Neukirch, Wolf Wiedmann-Schmidt

Animation: Was bedeutet


SVEN HOPPE / DPA

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38 DER SPIEGEL 13 / 2017


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Angehörige und Freunde des Opfers am 23. November 2016 bei einer Mahnwache in Hameln: „Dann wird einer von uns beiden nicht mehr leben“

„Game over“
Gewalt Ein Mann legt seiner Exfrau ein Seil um den Hals und schleift sie hinter dem Auto durch
die Straßen. Wie konnte es so weit kommen? Die grausame Geschichte einer Eskalation.

D
er hauchdünne Faden, an dem das Vater ihres zweijährigen Sohnes, soll sie Kinder aus und verteidigen die „Ehre“ der
Leben der Schwerverletzten noch so zugerichtet haben. Als sie schwer ver- Familie, notfalls mit Gewalt.
hing, war für einen Moment geris- letzt vor ihm am Boden lag, nahm Nurettin Die Bluttat von Hameln, so viel ist si-
sen. Als der Notarztwagen Kader K. am B. laut den Ermittlungen ein Seil, band es cher, kam nicht aus heiterem Himmel: Sie
Abend jenes 20. November ins Kranken- ihr um den Hals und schleifte sie an der kam mit Ansage.
haus brachte, kollabierte ihr Kreislauf. Anhängerkupplung seines Autos durch die In guten Zeiten, im Sommer 2013 – die
Ein „hämorrhagischer Schock“, ausgelöst Straßen. beiden Brautleute hatten sich erst ein hal-
durch innere Blutungen. Ihr Herz hatte Die Staatsanwaltschaft Hannover hat bes Jahr zuvor kennengelernt –, da gab es
aufgehört zu schlagen. Anklage gegen den 39-Jährigen erhoben. eine kurdische Hochzeit. Fotos zeigen ein
Doch die Ärzte holten Kader K. zurück. Der Vorwurf gegen Nurettin B. lautet: ver- scheinbar glückliches Paar: die Braut, aus
Sie reanimierten die 28-jährige Frau, dann suchter Mord. einem Dorf im kurdischen Osten der Tür-
öffneten sie den Brustkorb. Eine Messer- Vor Gericht wird es darum gehen, eine kei, ganz in Weiß mit einem glitzernden
klinge hatte den Herzmuskel touchiert. Ei- Erklärung für die unfassbaren Grausam- Diadem, der Bräutigam, geboren in der
nen zweiten Schnitt stellten die Ärzte in keiten zu finden. Die Ermittlungen der Kri- türkisch-syrischen Grenzstadt Nusaybin,
der Bauchhöhle fest. Auf dem OP-Tisch minalpolizei, die Dokumente und die Zeu- im dunklen Anzug mit Krawatte und sil-
des Sana-Klinikums von Hameln lag ein genaussagen erzählen eine Vorgeschichte: berner Weste.
geschundener Körper mit gebrochenem von einem kurdischen Paar, das sich im Die Stadthalle von Stadthagen bei Han-
Schädel und übersät von Schürfwunden. Winter 2013 kennenlernte, von guten und nover war an diesem Tag prächtig ge-
Kader K., in ein künstliches Koma ver- schlechten Zeiten und davon, wie aus Lie- schmückt. Auf der Bühne stand eine lange
setzt, wird mit dem Hubschrauber in die be Hass wurde. Tafel mit weißem Tischtuch, Blumenge-
Uniklinik Hannover geflogen und dort Außerdem handelt die Geschichte von stecken und zwei großen Porträts von Ab-
operiert. Es sollte mehrere Monate dauern, einer Parallelwelt, ohne die diese Tat nicht dullah Öcalan, dem in der Türkei inhaf-
bis sie sich von den Gewalttaten erholte. zu verstehen ist. In dieser Welt handeln tierten Anführer der kurdischen Arbeiter-
Der Mann, den sie einst geliebt hatte, der kurdische Familienclans die Ehen ihrer partei PKK. Alle hatten ihren Segen zu

40 DER SPIEGEL 13 / 2017


Deutschland

dieser Vermählung gegeben, so schien es, tin B. bestritt, den Schmuck an sich ge- ge wegen Beleidigung. Sie fühle sich in ih-
selbst die in Deutschland als Terrororgani- nommen zu haben. rer Ehre verletzt.
sation verbotene PKK. Mit einem langen Auch den Streit um Unterhalt und das Im Frühjahr 2015 eskalierte die Situation
Säbel schnitt das Paar die Hochzeitstorte Sorgerecht musste ein Gericht entscheiden. erneut. Diesmal sollte es nicht bei Beleidi-
an. Weil Nurettin B. nach deutschem Recht Nurettin B. wurde verpflichtet, monatlich gungen bleiben. Nurettin B. hatte sich laut
noch mit einer anderen Frau verheiratet 768 Euro Unterhalt an die arbeitslose Frau Darstellung seines Anwalts über die
war, kam eine standesamtliche Ehe nicht zu zahlen, für einen Polsterer viel Geld. Schwiegermutter beschwert, weil das Kind
in Betracht. Erfolglos hatte er vorgebracht, dass er ver- bei den Übergaben angeblich immer volle
Vor der Vermählung nach islamischem schuldet sei, weil er für die Hochzeit meh- Windeln gehabt habe. Mit einer ausfallen-
Brauch hatten die kurdischen Familien rere Privatkredite bei Familienmitgliedern den WhatsApp-Nachricht habe Kader K.
eine „Morgengabe“ für die Braut verein- aufgenommen habe. darauf reagiert: „Du Bastard Hurensohn
bart. Zehn goldene Armreife musste der Der Verlassene fühlte sich durch die Un- fick deinen Schwestern hast du mich ver-
Mann in die Ehe mitbringen, je 30 Gramm terhaltsforderung drangsaliert, weigerte standen ich bin stinksauer ich schwöre
schwer, das Stück im Wert von etwa tau- sich zu zahlen. Jedes zweite Wochenende beim Gott dieses Mal bist du zu weit ge-
send Euro. Auch eine anderthalb Meter durfte der Vater sein Kind am Samstag ab- gangen. Mir reicht es langsam.“
lange Halskette, ebenfalls aus Gold, 140 holen und musste es am Sonntagabend zu- Die Stimmung war also vergiftet, als Nu-
Gramm schwer, gehörte dazu. Und ein „in- rückbringen. Die Übergabezeiten und rettin B. gegen 17 Uhr das Kind zurück-
disches Modell“ aus kostbaren Ohrringen, -orte boten neue Anlässe für Zoff. Aus Lie- brachte. Draußen auf dem Hof warteten
Armband und Ring sowie acht Goldringe. be war längst Verachtung geworden – und Kader K. und ihre Mutter. Sofort entbrann-
Die Hochzeit samt Brautkleid und der aus Verachtung Hass. te ein Streit. Die Großmutter des Jungen
Brautgeschenke kostete ein Vermögen. Nurettin B. kam den Zahlungsaufforde- schlug mit einem Stock auf Nurettin B. ein.
Die schlechten Zeiten brachen schon rungen von Kader K. nicht nach. Die droh- Dieser wiederum versetzte der 57-jährigen
bald danach an. Kader K. zog nach der te daraufhin, seinen Lohn pfänden zu las- Frau einen derart heftigen Fausthieb, dass
Hochzeit zu ihrem Mann in ein Dorf bei sen. So ging es weiter hin und her. ihr Nasenbein brach. Auch Kader K. soll
Hameln. Unten wohnten seine Eltern und Ein Wort reichte aus, und die Situation er ins Gesicht geschlagen haben.
Schwestern, im Obergeschoss die frisch eskalierte. Wie im Juni, als sie wie verab- Als die Polizei am Tatort eintraf, hatten
vermählten Eheleute. Sie war schwanger, redet einige Sachen aus seiner Wohnung sich gerade mehrere Frauen aus der Nach-
schon damals soll Nurettin B. sie geschla- holen wollte. Kader K. rief die Polizei. Er barschaft mit Ästen bewaffnet, um auf den
gen haben, berichtete Kader K. später ei- habe sie als „Schlampe“ beleidigt und ihr Mann loszugehen. Die Polizei musste Ver-
nem Gutachter. mit der Faust ins Gesicht geschlagen, sagte stärkung anfordern.
Am späten Abend des 6. Februar 2014, sie. Die dazugeeilten Schwestern des ver- Schließlich fuhr auch noch der Bruder
sieben Monate nach der Hochzeitsfeier, lassenen Ehemanns erzählten den Polizei- von Kader K. auf den Hof und ging sofort
meldete sich Kader K. bei der Polizei. Nu- beamten jedoch eine andere Geschichte: mit Fäusten auf Nurettin B. los. Er habe
rettin B. habe ihr ins Gesicht geschlagen, Sie hätten Kader K. daran gehindert, auf rotgesehen, sagte der Bruder bei einer Ver-
sagte sie. Es habe Streit gegeben, weil sie Nurettin B. einzuschlagen. nehmung, nachdem die Polizei dazwischen-
geraucht habe. Nun wolle sie ihn zusam- Ein anderes Mal habe er sie als „Gold- gegangen war. Dass ein Mann seine Mutter
men mit dem gerade geborenen Sohn ver- hure“ beleidigt, Kader K. erstattete Anzei- schlage, habe ihn derart in seiner Ehre ver-
lassen. Ein paar Wochen später jedoch er- letzt, dass er dies rächen wollte, sagte er.
schienen beide bei der Polizei. Er habe Er würde dies wieder tun.
sich entschuldigt, hieß es nun. Sie wolle Beide Seiten überzogen einander mit
keine Strafverfolgung mehr, sie hätten sich Vorwürfen und Strafanzeigen. Häusliche
vertragen. Gewalt, heißt es in den damaligen Akten.
Im Mai 2014 aber trennte sich Kader K. Delikt: Körperverletzung. Täter-Opfer-Aus-
dann doch und zog zusammen mit dem gleich: nicht möglich.
Säugling zu ihrer Mutter nach Hameln. Es Wen welche Schuld an den Auseinan-
folgte ein erbitterter Streit, der Schritt für dersetzungen traf, ließ sich im Nachhinein
Schritt in die Katastrophe führte. nicht feststellen. Die Ermittlungsverfahren
Polizei und Gerichte waren oft mit den wurden eingestellt. So wie vorherige Straf-
Konflikten der beiden Deutschkurden und anzeigen und Ermittlungsverfahren ver-
ihrer Familien befasst. „Vielleicht hätten sandeten. Was blieb, war der Hass. Und
die verantwortlichen Behörden früher han- vielleicht das Gefühl, die Probleme selbst
deln müssen“, sagt Rechtsanwalt Raban lösen zu müssen.
Funk, der Kader K. gemeinsam mit seinem So war es bereits im Jahr 2009 bei Nu-
Kollegen Roman von Alvensleben vertritt, rettin B. gewesen. Im Garten seines Fami-
„um das Opfer vor dem Gewalttäter zu lienclans hatte ein großes Treffen statt-
schützen.“ gefunden, wegen der gescheiterten Ehe
Der nächste Konflikt drehte sich um die seiner Schwester. Es kam zu einem Streit
„Morgengabe“. Nurettin B. hatte nach dem zwischen den beiden kurdischen Großfa-
Auszug fünf Kartons mit ihren Sachen zu- milien, die Schwiegermutter seiner Schwes-
sammengepackt. Der kostbare Schmuck ter ging zu Boden. Bei der anschließenden
EBERHARD WEDLER / BILD

sei nicht dabei gewesen, sagte Kader K. Schlägerei schlug auch Nurettin B. zu, zur
der Polizei, den habe ihr Mann behalten. Verteidigung, wie er damals sagte. Die Fa-
Vor dem Hamelner Familiengericht ver- milie des Ehemanns verließ schließlich
langte die Kurdin ihr Gold zurück. Auf fluchtartig den Garten. Die Polizei wurde
den Hochzeitsfotos markierte sie mit Stri- eingeschaltet.
chen und Buchstaben von a bis e, wo sie Tatverdächtiger Nurettin B. Als Nurettin B. am 20. November 2016
die Schmuckstücke getragen hatte. Nuret- Blut an den Händen und an der Hose mit einem Messer und einem Seil im

DER SPIEGEL 13 / 2017 41


Deutschland

Nordsee-
Kofferraum zu Kader K. fuhr, war er nicht den später dem Blut auf dem Kopfstein-
vorbestraft, trotz der vielen Ermittlungs- pflaster über eine Strecke von etwa 200
verfahren: gefährliche Körperverletzung Metern folgen. Von der Prinzenstraße steu-

träume
(2009), Verstoß gegen das Vereinsgesetz erte Nurettin B. auf die zweispurige Kai-
(2013), Körperverletzung (2014), Körper- serstraße. In diesem Moment löste sich das
verletzung und Beleidigung (2014), Kör- Seil von der Anhängerkupplung. Kader K.
perverletzung (2015), Beleidigung (2015), schleuderte an die Bordsteinkante vor dem
Bedrohung (2016). „Goldhähnchen Grill“. Das Seil, das der Dorfleben Um den Niedergang
Die letzte Gelegenheit, das Verbrechen Notarzt von ihren Hals entfernte, war zu
vielleicht doch noch zu verhindern, ver- einem Galgenknoten gebunden. zu stoppen, setzt ein Küstenort
strich zwei Tage vor der Tat. Kader K. er- Nurettin B. fuhr weiter zu einem Poli- auf die Zucht exotischer
schien erneut in einem Hamelner Polizei- zeirevier. Dort legte er den Autoschlüssel
revier und erstattete eine Strafanzeige. Der auf den Tresen und sagte: „Ich war’s.“ Die
Fische. Sogar eine Bananen-
Streit ums Geld war immer noch nicht ge- Beamten der Hamelner Dienststelle ver- plantage ist im Gespräch.
löst. Als er seinen Sohn abholte, habe Nu- standen nicht, was er meinte. Er wies auf

A
rettin B. ihr auf Kurdisch gedroht: „Sollten einen Lautsprecher, in dem gerade die ls Markus Haastert die Stahlhalle
die Briefe wegen der Unterhaltspfändung Fahndung nach seinem Auto durchgesagt betritt, beschlägt seine Brille sofort.
nicht aufhören, dann wird einer von uns wurde. Er hatte Blut an den Händen und Die Luft ist feucht und warm, es
nicht mehr leben.“ Dieselbe Drohung habe an der Hose. Neben ihm stand der zwei- riecht muffig, ein bisschen wie alte Wasch-
Nurettin B. gegenüber einer Kanzleigehil- jährige Sohn. lappen. In schulterhohen Plastikbottichen
fin ihrer Anwältin ausgesprochen. Darum Er solle jetzt an das Kind denken und schwimmt die Rettung Oberndorfs. 22 000
habe sie sich entschlossen, nun Strafanzei- ruhig bleiben, sagte der Beamte, und legte Afrikanische Raubwelse mit langen Bart-
ge zu erstatten. ihm Handschellen an. Nurettin B. befolgte fäden am Maul. Geschlachtet ergibt jedes
Das war am 18. November. Die Beamten die Anweisungen. Seine Stimme war ruhig, Tier zwei Filets, mindestens 17 Euro soll
nahmen die Ausführungen zu Protokoll. sie zitterte nicht, bemerkte der Polizist. das Kilogramm kosten.
Zwei Tage später machte Nurettin B. seine Der Junge saß neben dem Vater, trank ei- Haastert, 50, ist Unternehmensberater,
Drohung wahr. nen Schluck Wasser aus einem Becher. Er spezialisiert auf nachhaltige Projekte in
Am 20. November, gegen 18 Uhr, hörten wurde dem Jugendamt übergeben. der Provinz. Er hat den Oberndorfern von
die Nachbarn laute Schreie in der König- In einer Vernehmung sagte Nurettin B. den Fischen erzählt, die sich ohne Medi-
straße. Im zweiten Stock öffnete eine jun- noch am Abend der Tat: „Ich war’s! Ich kamente und Hormone züchten lassen. Da-
ge Frau das Fenster und sah, wie ein Mann war’s!“ Was genau er getan hat, sagte er für brauche es nur warmes Wasser in einer
auf eine am Boden liegende verschleierte auch auf wiederholtes Nachfragen des Ver- warmen Halle. Nebenan könnten übrigens
Frau einschlug. Sie habe dem Mann zuge- nehmungsbeamten nicht. Nur so viel: Das auch noch Bananen wachsen.
rufen, er solle aufhören, sonst werde sie Fass sei übergelaufen, und er habe unter Oberndorf liegt an der Oste, einem klei-
Druck gestanden. Zu 99 Prozent seien Ju- nen Fluss nahe der Nordseeküste im Land-
Nurettin B. folgte den gendamt und Richterin schuld an der Sa- kreis Cuxhaven. In roten Backsteinhäusern
che. Was er damit meinte, sagte er nicht. leben heute knapp 1400 Menschen. Früher
Anweisungen des Polizisten. Im Auto fanden die Ermittler eine hand- verdienten viele Anwohner ihr Geld in ei-
Seine Stimme war schriftliche Liste des mutmaßlichen Täters.
Vom Gold ist da die Rede, das seine Exfrau
ner Zementfabrik oder in Ziegeleien, die
es heute nicht mehr gibt. Das Dorf ereilte
ruhig, sie zitterte nicht. mitgenommen habe, von Anwaltskosten ein Schicksal, das bundesweit viele Orte
und Pfändungen und davon, dass er keinen trifft: Die Jungen ziehen weg, kaum einer
die Polizei rufen – was sie dann auch getan vernünftigen Kontakt zu seinem Sohn kommt neu hinzu. Für jene, die blieben,
habe. „Das ist mir egal!“, habe der Mann habe. „Game over“, heißt es am Ende des klang Haasterts Vorschlag deshalb wie die
zurückgerufen. Schreibens. erste große Chance, den Niedergang ihrer
Dann holte er einen Gegenstand aus Nurettin B. droht eine lebenslange Frei- Heimat zu stoppen.
dem Kofferraum, den die Zeugin nicht er- heitsstrafe. Kader K. wurde inzwischen in Barbara Schubert lebt seit elf Jahren im
kennen konnte, und malträtierte damit eine Rehaklinik verlegt. Sie kann wieder alten Pfarrhaus. Die Grafikdesignerin war
laut ihrer Aussage den Kopf und den Ober- gehen und sprechen. Die körperlichen gegen den Trend aus Hamburg nach Obern-
körper des Opfers. Später stellte die Polizei Wunden sind weitgehend verheilt. Ein Gut- dorf gezogen. Sie hatte genug von der gro-
ein Beil mit Blutspuren im Auto sicher. achter, beauftragt von der Staatsanwalt- ßen Stadt. Als die Oberndorfer eines Tages
Die Tatwaffe? schaft, hielt sie für vernehmungsfähig. zum ersten Mal auf bunten Pappkarten Vor-
Die Mutter der Zeugin lief unterdessen Wirklich gut geht es ihr nicht. Sie leide schläge für die Zukunft ihres Ortes sam-
hinunter auf die Straße. Sie wollte helfen, unter Schmerzen in der linken Körperhälf- melten, war Schubert dabei. Sie merkte,
musste aber feststellen, dass sie selbst hilf- te, wo das Messer eingedrungen war, sagte dass dem Dorf zunächst mal ein Treffpunkt
los war. Er solle die Frau in Ruhe lassen, sie dem Psychiater. Es falle ihr schwer ein- fehlte, und gründete mit anderen Einwoh-
habe sie den Mann angefleht. Doch der zuschlafen. Um sich abzulenken, sehe sie nern eine Kneipe, die Kombüse 53° Nord.
habe dem Opfer ein Seil um den Hals ge- fern, bis um drei, vier Uhr in der Früh. Kurz darauf entstand dann die Idee mit
legt. „Das ging alles so schnell“, sagt Ma- Dann kämen die Träume, dann habe sie der Fischzucht und den Bananen*. Im Rah-
rija N., „er hat gar nicht reagiert, machte Herzklopfen. Wie in einem Film sehe sie men eines kommunalen Förderprogramms
das Seil an der Anhängerkupplung fest vor Augen, was passiert sei. Während der war Unternehmensberater Haastert für ei-
und fuhr los.“ Tat habe sie gedacht, sie sei halt weg, so nen Vortrag nach Oberndorf gekommen.
Ein Turnschuh und ein zerbrochenes erzählte es Kader K. dem Gutachter. Und Er erzählte von einer Kanarischen Insel,
Messer blieben auf der Straße zurück, als an ihren Sohn habe sie gedacht, den habe
der schwarze VW losfuhr. sie schützen wollen, irgendwie.
* Ein Dokumentarfilm über Oberndorf kommt am
Nach ein paar Metern bog der Wagen Hubert Gude 30. März unter dem Titel „Von Bananenbäumen träu-
in die Prinzenstraße ein. Die Ermittler wer- Mail: hubert.gude@spiegel.de men“ in die Kinos.

42 DER SPIEGEL 13 / 2017


EVA HÄBERLE / DER SPIEGEL
EVA HÄBERLE / DER SPIEGEL

EVA HÄBERLE / DER SPIEGEL


Fischzuchtstandort Oberndorf, Anwohner Frisch, Schubert: „Wie kann es weitergehen?“

die ihren eigenen Strom produziert. Von Nach mehreren Gesprächen entschie- Mit einer großen Supermarktkette stehen
Pilzzucht auf Kaffeesatz. Und Bananen- den vier Landwirte einzusteigen. Mit die Unternehmer im Gespräch, bis dahin
plantagen in Deutschland. Nachbarn, Verwandten und Bekannten verkaufen sie im Onlineshop und in der
Tropische Temperaturen? Bananen in gründeten sie eine am Gemeinwohl orien- Region.
Oberndorf? Ein Spinner, dachten die meis- tierte Bürger-Aktiengesellschaft, die Os- Aus der Gülle wurde inzwischen so viel
ten. Barbara Schubert fand ihn angebe- tewert AG. 440 000 Euro bekamen sie zu- Strom erzeugt, dass die Ostewert AG Ener-
risch – aber er hatte sie inspiriert. Einige sammen. gie für 50 000 Euro verkaufen konnte. Und
Tage später rief sie in Berlin an. „Wie kann Natürlich hatten die Engagierten auch weil bei der Gülle-Verwertung Dünger ent-
es weitergehen?“, fragte sie. „20 000 Euro ihre Skeptiker. Viele im Dorf glaubten, steht, können die Oberndorfer auch daraus
für eine Machbarkeitsstudie“, sagte Haas- dass sie scheitern würden. Manche noch ein Geschäft machen.
tert. Schubert sprach Bekannte an, ging schimpften: Ein elitärer Haufen sei das. Rund um die Projekte hat sich das Dorf-
durchs Dorf, bekam das Geld zusammen. Trotzdem machten Barbara Schubert leben neu organisiert: In der Kneipe gibt
Haastert kam wieder. und ihre Mitstreiter weiter. Mit der Oste- es Konzerte, Lesungen und einen Platt-
Ein Kern von etwa 20 Ehrenamtlichen wert AG errichteten sie Anlagen für Biogas schnacker-Stammtisch. Auch ein Work-
fand sich, die Oberndorf retten wollten. und Aquakultur, auf dem Gelände arbei- shop ist geplant, mit einer Trainerin aus
Bald entwickelten sie mit Haastert ein un- ten nun drei Personen. Daneben kümmern Berlin wollen die Oberndorfer lernen, wie
gewöhnliches Geschäftsmodell. Es beruht sie sich um die gemeinschaftlich geführte sie ohne Hierarchien besser zusammenar-
auf dem einzigen Rohstoff, den es in Kneipe, die mittlerweile eine Kellnerin beiten können.
Oberndorf und Umgebung im Überfluss und eine Köchin bezahlen kann. Und um Und was wird aus den Bananen? Bert
gibt: Gülle. Die Bauern von Oberndorf die neu aufgebaute Kinderbetreuung, die Frisch war früher Pressesprecher in einer
produzieren so viel, dass sie in andere Re- ebenfalls eine Mitarbeiterin beschäftigt. Hamburger Firma, jetzt lebt er als Rentner
gionen verkauft werden muss, damit sie Haastert eröffnete mit seiner Berliner Be- mit seiner Frau in Oberndorf. Die Skepsis
Boden und Grundwasser nicht belastet. ratungsfirma eine Niederlassung in Obern- mancher Bauern, die lieber auf heimisches
Haastert erklärte den Anwohnern, wie dorf, mit einer Umweltingenieurin und ei- Gemüse setzen, teilt er nicht. „Die Bana-
sich aus Gülle in einer Biogasanlage Strom ner Bürokraft. Macht acht neue Arbeits- nen brauchen wir vor allem zum Träu-
gewinnen lässt und Fischbottiche geheizt plätze im Dorf. men“, sagt er. „Denn wenn du keine Träu-
werden könnten – auf genau 28 Grad, wie Jetzt werden die ersten Welse geschlach- me hast, wie sollen sie dann wahr wer-
es Afrikanische Raubwelse schätzen. tet, sechs Monate sind sie nun gewachsen. den?“ Susan Djahangard

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Deutschland

Diesel-Dämmerung
Verkehr Ein Umweltschutzverband kämpft für bessere Luft in den Städten und treibt die Politik
mit geschickten Klagen vor sich her. Besitzer älterer Autos müssen mit Fahrverboten rechnen.

W
er über die Bundesstraße 14 in Nicht nur im Stammland von Porsche Der Trend in der Rechtsprechung ist ein-
Stuttgart rauscht, kann das, was und Daimler treiben Umweltschützer mit- deutig: Die Gerichte bewerten die Gesund-
an der Seite zu sehen ist, für hilfe von Gerichten die Politik vor sich her. heit der Stadtbevölkerung höher als noch
Rollrasen in der Senkrechten halten. Doch Allein die Deutsche Umwelthilfe, eine klei- vor ein paar Jahren. Das Recht des Bürgers
es ist mitnichten ordinäres Grün, das Ar- ne Organisation mit Sitz im badischen Ra- auf freie Fahrt durch Ballungsräume gilt
beiter an die Stellwand neben der Straße dolfzell, klagt in 16 Städten. Für ihren Feld- dagegen weniger – vor allem für jene, die
tackern. Das Graue Zackenmützenmoos zug gegen Dreckschleudern auf vier Rä- einen Diesel steuern. Der Deutsche Städ-
ist durch seine strukturierte Oberfläche dern müssen die Organisationen lediglich tetag rechnet damit, dass sich „in abseh-
mit vielen kleinen Wölbungen imstande, ein paar Straßen pro Kommune finden, in barer Zeit“ begrenzte Dieselfahrverbote
Luftpartikel besonders gut zu binden. Des- denen die Grenzwerte gerissen werden. in mehreren deutschen Großstädten nicht
halb haben Botaniker das Moos im Dann verweisen sie vor Gericht auf gel- mehr abwenden ließen.
Schwarzwald herangezogen. In heißen tendes Recht. Für sieben Städte sind be- Doch das ist für die Deutsche Umwelt-
Sommern wird ein Nebeldüsensystem die reits Urteile ergangen. Zuletzt mahnte der hilfe (DUH) nur ein Etappenziel. Die 1975
100 Meter lange und 3 Meter hohe Wand Bayerische Verwaltungsgerichtshof bessere gegründete Organisation kämpfte auch
befeuchten. Luft in München an. schon für sauberes Wasser oder für das
Die Wunderpflanze soll die derzeit In Düsseldorf erklärten Richter, Immis- Dosenpfand. Seit 2005 fordert die DUH
schlimmste Problemzone der schwäbi- sionsschutz- und Straßenverkehrsrecht bö- saubere Luft ein und stützt sich auf die sei-
schen Landeshauptstadt kaschieren: Die ten eine Grundlage für Fahrverbote, die nerzeit in Kraft getretenen Grenzwerte
B14 am Neckartor ist die dreckigste Straße in Betracht gezogen werden müssten. Das der EU. „Alle diese Schadstoffverfahren
Deutschlands. Maximal 35 Tage mit über- Land Nordrhein-Westfalen hat Revision haben wir bisher gewonnen“, sagt Bundes-
höhtem Feinstaubwert erlaubt die Euro- eingelegt. Das Bundesverwaltungsgericht geschäftsführer Jürgen Resch.
päische Union pro Jahr, laut der Messun- entscheidet noch in diesem Jahr darüber, Resch empfängt in seinem Büro im zwei-
gen dort ist diese Zahl im März schon über- in wieweit örtliche Fahrverbote zulässig ten Stock einer ehemaligen SS-Kaserne
schritten. Zudem liegen die Werte für sind, auch wenn sie nicht durch ein Bun- am Stadtrand von Radolfzell am Bodensee.
Stickstoffdioxid (NO ) an den Hauptver- desgesetz geregelt sind. „Besser so als ein Neubau draußen auf der
²
kehrsstraßen im Stuttgarter Tal- grünen Wiese“, sagt der Umwelt-
kessel regelmäßig oberhalb des manager, der früher Kampagnen-
Zulässigen. Der Stoff wird zu zwei Giftige Gase chef bei der Naturschutzorganisa-
Dritteln allein von Diesel-Pkw aus- Höchstwerte bei der Stickstoffdioxid-Belastung im tion BUND war. Auch gegenüber
gestoßen. Jahresdurchschnitt 2016, in Mikrogramm pro Kubikmeter dem Verbrennungsmotor gibt sich
Deshalb stellt die Stadt nicht nur Resch pragmatisch: „Ich bin kein
für gut eine halbe Million Euro eine Dieselfeind.“ Er wolle nur, dass die
Mooswand auf, sie schickt zusätz- Kiel Grenzwerte eingehalten würden,
lich nachts zwei Feinstaubkehrma- Theodor-Heuss-Ring 65 nicht nur auf dem Prüfstand, son-
schinen über die Fahrbahnen der dern im Realbetrieb.
B14. Und die Landesregierung be- Hamburg
Habichtstraße 62
Was sich simpel anhört, kann im-
schloss eine bundesweit einzigartige mense Folgen für die Fahrzeugflotte
Maßnahme: Ab Januar 2018 dürfen Hamburg in Deutschland haben. Vor Reschs
an Tagen mit Feinstaubalarm ältere Max-Brauer-Allee 58 Schreibtisch hängt ein Transparent
Dieselfahrzeuge ohne Euro-6-Ab- mit einem Fahrverbotsschild, darauf
gasnorm nicht mehr in Stuttgart ein- der Zusatz: „Gilt für Diesel“. Resch
fahren. Düsseldorf hat das Schild für ein Fernsehteam
Verbissen kämpfen Stadt und Bun- Corneliusstraße 58 aufgebaut, das vor ein paar Tagen
desland gegen jedes Mikrogramm da war. Autofahrer können es durch-
Schadstoff in der Luft. Sie stehen un- Köln aus als Drohung verstehen. Denn
Clevischer Ring 63
Der Grenzwert
ter Druck: Vor dem Verwaltungsge- im Jahresmittel für laut Umwelthilfe erfüllt fast kein
richt in Stuttgart wird bald über eine Stickstoffdioxid Diesel die Norm tatsächlich auch
Klage der Deutschen Umwelthilfe beträgt 40 Mikro- auf der Straße. Dazu müssten die
wegen zu hoher Stickstoffdioxid- gramm pro Fahrzeuge umgerüstet werden.
Werte verhandelt, die Schriftsätze Kubikmeter. Dieselmotoren seien seit Einfüh-
sind bereits ausgetauscht. Vor einem Stuttgart rung der Euro-4-Norm im Jahr 2005
Jahr hat die Stadt in einem Vergleich Am Neckartor 82 nicht sauberer, sondern schmutziger
vor Gericht zwei Anrainern des Ne- geworden, erklärt Resch. Die Moto-
Stuttgart Stuttgart
ckartors zugesagt, dass der Verkehr Arnulf-Klett-Platz 58 Hohenheimer Straße 76 ren seien auf einen niedrigen Aus-
an Tagen mit schlechter Luft um 20 stoß des Klimagases CO getrimmt
München ²
Prozent abnehmen soll. Bricht sie Landshuter Allee 80
worden, deswegen mussten die Ver-
Reutlingen
diese Vereinbarung, drohen dem Lederstraße Ost 66 brennungstemperaturen steigen,
Bundesland Strafen und den Auto- was größere Mengen anderer Schad-
fahrern weitere Fahrverbote. Quelle: Umweltbundesamt (vorläufige Daten, Stand: 20. Januar 2017) stoffe produziert.
44 DER SPIEGEL 13 / 2017
LINO MIRGELER / DPA
Arbeiter errichten eine Mooswand in Stuttgart: Verzweifelt kämpfen Stadt und Bundesland gegen jedes Mikrogramm Schadstoff in der Luft

Resch hält vor allem die Obergrenzen müssten die Juristen keine Rücksicht auf Bundesregierung: „Die Kommission erach-
bei Stickoxiden für zu lasch: Bei Pflanzen Industrie und Arbeitsplätze nehmen. Dann tet die Maßnahmen auf Bundesebene als
hält das Bundesimmissionsschutzgesetz legte er noch ein Bekenntnis zum moder- unzureichend.“ Deutschland sei „seinen
schon 30 Mikrogramm pro Kubikmeter nen Diesel ab: Er habe sich privat eine E- Verpflichtungen nicht nachgekommen“.
Luft für schädlich – Menschen mute man Klasse von Mercedes, einen Euro-6-Diesel, Die EU hat schon zwei Vertragsverlet-
dagegen einen Wert von 40 Mikrogramm zugelegt. „Das ist der beste Verbrennungs- zungsverfahren gegen Berlin eingeleitet,
Stickstoffdioxid zu. motor“, so Kretschmann. „Es gibt keinen eine Klage vor dem Europäischen Gerichts-
„Wir fluten die Städte mit giftigen Ga- Grund für Diesel-Bashing, was diese Ge- hof könnte folgen.
sen“, sagt er. Das Stuttgarter Modell mit neration betrifft.“ Der Dieselanteil an der Pkw-Flotte in
Fahrverboten an Feinstaubtagen hält der Doch die Verkaufszahlen neuer Diesel- Deutschland war laut Kraftfahrt-Bundes-
Umweltschützer für Augenwischerei: „An autos brechen ein, Händler von Gebraucht- amt seit 1999 deutlich gestiegen: von 13,2
Tagen, an denen kein Feinstaubalarm ist, wagen verzeichnen Wertverluste. Und Prozent auf 48 Prozent im Jahr 2015. Das
bringt das für Stickoxide gar nichts.“ Statt- auch die Razzia vor einigen Tagen beim liegt an einem Pakt von Politik und Auto-
dessen wolle die Umwelthilfe vor Gericht Autobauer Audi wegen des Verdachts des industrie. Die Hersteller konnten ihre ge-
durchsetzen, dass sich das Einfahrtverbot Betrugs und der strafbaren Werbung dürf- winnträchtigen Großmodelle mit dem Ar-
auf alle schmutzigen Diesel erstreckt. te das Vertrauen der Verbraucher in Die- gument absetzen, dass die Diesel wenig
Solche Sätze alarmieren die Politik, vor selfahrzeuge nicht erhöhen. verbrauchen und die Umwelt schonen wür-
allem im Autoland Baden-Württemberg. In ihrem jüngsten blauen Brief an die den. Die Politik subventioniert den Kraft-
Ministerpräsident Winfried Kretschmann Bundesregierung „wegen Nichterfüllung stoff mit 18 Cent pro Liter. Angeschmiert
gerät von beiden Seiten unter Druck. Die der Verpflichtungen über Luftqualität und sind die Stadtbewohner, die schlechte Luft
Umwelthilfe will weiter gehende Verbote, saubere Luft“ erwähnt auch die EU-Kom- einatmen müssen.
doch schon für sein Fahrverbot light muss- mission den Diesel. „Die Kommission ist Das Stickoxidproblem trifft auch Kom-
te Kretschmann heftige Kritik einstecken. der Auffassung, dass der hohe Anteil von munen, die sich für ökologisch vorbildlich
Die SPD bezeichnet es als unsozial, die Diesel-Pkw die Schlussfolgerung zulässt, hielten. In Hamburg, 2011 zur „Umwelt-
FDP als unternehmerfeindlich. Die AfD dass Steueranreize existieren, die kontra- hauptstadt Europas“ gekürt, klagt ein Bür-
warnt vor einer „massenhaften kalten Ent- produktiv hinsichtlich der Einhaltung der ger mithilfe des BUND seit 2013 erfolg-
eignung der Dieselfahrzeugbesitzer“. Das Verpflichtungen sind“, heißt es in dem reich gegen die andauernde Überschrei-
Handwerk fordert Ausnahmen, ebenso die Schreiben von Mitte Februar. tung des Stickstoffdioxid-Grenzwertes an
Omnibusunternehmer. Kretschmann er- Das Dokument führt 28 Regionen in seinem Wohnort, der stark befahrenen
hielt einen Brief von Franz Fehrenbach, Deutschland auf, in denen der Jahresgrenz- Max-Brauer-Allee im Stadtteil Altona.
dem Aufsichtsratschef von Bosch, wo wert für NO „wiederholt und kontinuier- Das Hamburger Verwaltungsgericht
²
15 000 Arbeitsplätze am Diesel hingen. lich überschritten“ worden sei, darunter drohte der Hansestadt im vergangenen
Der Realo sah sich genötigt, auf seinen Heidelberg, Freiburg, Wuppertal und Ha- Jahr mit einem Zwangsgeld, wenn nicht
begrenzten Einfluss hinzuweisen. „Wir le- gen. Besonders schlimm sei es in Stuttgart, innerhalb eines Jahres schärfere Maßnah-
ben in einem Rechtsstaat. Die Richter ha- München und dem Rhein-Main-Gebiet um men zur Luftreinhaltung festgeschrieben
ben das letzte Wort.“ Anders als Politiker Frankfurt. Dann folgt die Klatsche für die würden. Infrage kämen „ausdrücklich

DER SPIEGEL 13 / 2017 45


Deutschland

dürften dann trotz Smogalarms weiterfah-


ren. Das befürwortet die grün-schwarze
Landesregierung in Baden-Württemberg
ebenso wie eine Handvoll weiterer Bun-
desländer. Doch Bundesverkehrsminister
Alexander Dobrindt (CSU) lehnt die Blaue
Plakette ab.
Auch hier sind die Umweltverbände
schon einen Schritt weiter. Sie argumen-
tieren, dass selbst die Blaue Plakette zu
wenig bringe, weil die Systeme der Euro-
6-Diesel häufig abgeschaltet oder herun-
tergefahren werden, angeblich zum Schutz
der Motoren. Das passiere gehäuft an Win-
tertagen, wenn die Belastungswerte in den
Ballungsräumen hoch sind. Viele Euro-6-
Autos seien daher in der Praxis sogar

ARNULF HETTRICH / IMAGO


schmutziger als ältere Diesel.
Deswegen will der BUND jetzt das
Kraftfahrt-Bundesamt verklagen. Eine ähn-
liche Klage der Umwelthilfe gegen das
Amt liegt bereits beim Verwaltungsgericht
Hinweisschild auf der A 8: Flickwerk regionaler Regelungen Schleswig.
Nachhaltig sauberer könnte die Luft
nach Ansicht der Aktivisten durch Maß-
nahmen werden, vor denen die Politik
zurückschreckt: eine City-Maut, Einfahr-
beschränkungen für alle Autos, strengere
Tempolimits. Auch der staatlich sub-
ventionierte Trend zu schweren, sprit-
schluckenden Wagen müsse auf den
Prüfstand – dumm nur, dass die abge-
mahnten Kommunalpolitiker kaum etwas
daran beeinflussen könnten.
„Einerseits sollen die Städte die Grenz-
werte einhalten, andererseits wird ihnen
nicht das richtige Handwerkszeug gegeben,
um den Gordischen Knoten der Luftrein-
haltung zu zerschlagen“, sagt die Münch-
ner Umweltreferentin Stephanie Jacobs.
RÜDIGER WÖLK / IMAGO

Weil Bayern auf ein Urteil des Verwal-


tungsgerichtshofs von 2012 nach einer Kla-
ge der Umwelthilfe nur mit Schulterzucken
reagiert hat, drohen Richter nun mit einem
Zwangsgeld, wenn auch nur in Höhe von
Umweltschützer Resch: „Wir fluten die Städte mit giftigen Gasen“ insgesamt 10 000 Euro.
Immerhin muss der Freistaat bis Ende
auch verkehrsbeschränkende Maßnah- nicht dazu gezwungen werden, mache ich Juni ein Straßenverzeichnis für München
men“ stellte das Gericht fest. keine einzige Straße zu.“ veröffentlichen, das die Gebiete ausweist,
„Die Städte befinden sich in einem ech- Goßmann will mit sanfteren Methoden in denen der NO -Grenzwert aktuell über-
²
ten Dilemma“, sagt Helmut Dedy, der die Luft in seiner Stadt sauberer bekommen. schritten wird. Bis Ende August muss be-
Hauptgeschäftsführer des Deutschen Seine Beamten haben einen Plan für ein kannt gegeben werden, dass ein Diesel-
Städtetages. Natürlich wolle man die Ge- Lastwagen-Durchfahrverbot vorbereitet, fahrverbot für diese Straßen in den Luft-
sundheit der Bürger schützen. Aber ein wie es in Stuttgart existiert. Experten glau- reinhalteplan aufgenommen werden soll.
komplettes Dieselverbot würde die Innen- ben jedoch nicht, dass dies die Schadstoff- Bis Jahresende schließlich muss ein „voll-
städte „lahmlegen“, meint Dedy. last deutlich senken könnte. Lastwagen sind zugsfähiges Konzept“ vorliegen.
Viele Kommunalpolitiker sind ratlos. im Unterschied zu Diesel-Pkw häufiger „Je länger das dauert, je später die Her-
Fahrverbote für Diesel, ob im ganzen Stadt- schon mit gut funktionierenden Stickoxid- steller einlenken, desto größer wird der
gebiet oder auf Hauptverkehrsstraßen, wür- Reinigungssystemen mittels Harnstoffzu- Schaden für den Diesel sein“, ist Jürgen
den einen „Riesenärger“ provozieren, sagt gabe ausgestattet. Resch überzeugt. Er plant schon den nächs-
der Wiesbadener Bürgermeister und Um- So ist absehbar, dass das Flickwerk re- ten juristischen Kniff. Demnächst will die
weltdezernent Arno Goßmann (SPD). Man gionaler Regelungen und Ausnahmen noch Umwelthilfe die Autohersteller als Kartell
könne nicht einfach Handwerker, Pendler, unüberschaubarer wird. Einheitlich und ef- bei der EU anschwärzen: Die Konzerne
Kurier- und Taxifahrer, die im Vertrauen fektiver ließen sich Fahrverbote regeln, hätten sich abgesprochen, die EU-Grenz-
auf die Versprechen der Industrie vermeint- wenn die verhältnismäßig sauberen Fahr- werte nicht einzuhalten.
lich saubere Dieselfahrzeuge gekauft hät- zeuge der sogenannten Euro-6-Norm eine Matthias Bartsch, Jan Friedmann,
ten, aus der Stadt aussperren: „Solange wir Blaue Plakette bekämen. Solche Autos Dietmar Hipp, Conny Neumann

46 DER SPIEGEL 13 / 2017


Tempo! Tempo! Tempo!
Umwelt Ein hochkarätiges Expertengremium fordert, die Verkehrswende zu beschleunigen.

C
hristian Hochfeld weiß, dass es den Trend zu brechen, so schreiben die Fahrrad und auf Carsharing-Autos um-
nicht reicht, gute Ideen zu Wende-Architekten, erfordere dies steigen. Von einer „Mobilitätswende“
haben. Wer etwas bewegen will, „entschlossenes politisches Handeln“. per Smartphone ist die Rede, das sie
muss sie auch durchsetzen. Deshalb Zwölf Thesen haben die Wissen- künftig durch ein vernetztes Angebot
hat der Geschäftsführer der „Agora schaftler der Denkfabrik zusammenge- von Pkw-Alternativen in den Innen-
Verkehrswende“ Manager und Gewerk- stellt. Und mindestens ebenso viele städten lotst. Der stark wachsende Lie-
schafter, Regierungsvertreter und drängende Fragen aufgeworfen. Hoch- ferverkehr soll durch eine Bündelung
Wissenschaftler in den Beirat seiner feld, gelernter Ingenieur, befasst sich der Warenströme vor dem Stadtgebiet
Denkfabrik geholt. Mit seinen über seit 20 Jahren mit Mobilität, er hat das eingedämmt, der nach wie vor schwer-
30 Mitgliedern ist das Gremium Mediationsverfahren im Streit um fällige öffentliche Nahverkehr auf dem
so etwas wie der institutionalisierte die Landebahn Nordwest des Frankfur- Land durch flexiblere „Rufbussysteme“
gesellschaftliche Konsens. ter Flughafens begleitet und sich verbessert werden.
Umso erstaunlicher ist, was jene jahrelang in China mit Verkehrsthemen Zugleich kritisieren die Experten die
Runde bei ihrem jüngsten Treffen am beschäftigt. zahlreichen Staatshilfen, die heute
14. Februar billigend zur Kenntnis ge- Hochfeld glaubt nicht an eine Welt, das Autofahren verbilligen, von den
nommen hat – und was Hochfeld dem- in der sich mit Zehnpunkteplänen alle Steuervorteilen für Dienstwagenkäufer
nächst der Öffentlichkeit vorstellen Probleme lösen lassen. Schnelle, ein- bis zu den Privilegien für Dieselfahr-
will. Die Studie „Mit der Verkehrswen- fache Antworten gibt es in seiner Ex- zeuge. Höhere Parkgebühren sowie
de die Mobilität von morgen sichern“ pertenrunde deshalb nicht. Trotzdem mehr Fußgänger- und Radfahrzonen
umfasst gut 90 Seiten. Es geht um den lautet die Kernbotschaft des Gremi- sollen den Deutschen das Autofahren
Erfolg der Klimapolitik und die Zu- ums: Tempo! Tempo! Tempo! In jedem zusätzlich erschweren.
kunft des wichtigsten deutschen Wirt- Fall wird die Zeit knapp: „Je länger Der Bundesverkehrswegeplan, mit
schaftszweigs, der Automobilindustrie. mit dem Umsteuern gezögert wird, dem die Regierung heute den Bau
Die Warnung ist eindeutig: „Ohne während anderswo der Umbau bereits neuer Straßen vorbereitet, soll durch
Verkehrswende ist der Autostandort stattfindet, desto größer wird der ein „Verkehrswendekonzept 2030“ er-
Deutschland gefährdet.“ Rückstand und desto weniger Zeit setzt werden. Ziel: weniger Autos statt
Die Studie wird für erhebliche Auf- bleibt, um den unausweichlichen mehr. Nicht weniger Mobilität, aber
merksamkeit sorgen. Schließlich hat Strukturwandel zu bewältigen.“ eine andere. Soll die Verkehrswende
sie einen einflussreichen Vorläufer: Die So halten es Hochfelds Experten für gelingen, heißt es in der Studie, verlan-
inzwischen fünf Jahre alte Schwester unabdingbar, den Umstieg auf Elektro- ge dies „Millionen Menschen die Ände-
der Verkehrswende, die „Agora Energie- autos zu beschleunigen. Das Ziel der rung ihres Alltagsverhaltens ab, den
wende“, hat die Blaupause für den Bundesregierung, bis 2030 sechs Millio- Abschied von Gewohnheiten, die zu-
Umbau des deutschen Stromsektors ge- nen Batteriefahrzeuge auf die Straße weilen zu Ritualen geronnen sind“.
liefert: den langfristigen Abschied zu bringen, werde „vermutlich nicht Der Report liefert viele brauchbare
von Kohle und Atom, ohne dass die ausreichen“, um die Klimavorgaben zu Hinweise. Doch zugleich offenbart das
Lichter ausgehen. erreichen. Um den E-Auto-Absatz zu Papier, wie komplex die Materie ist.
Wenn Deutschland die Pariser steigern, denkt Hochfelds Gremium Viele Fragen werfen die Autoren nur
Klimaziele erreichen wolle, so lautet deshalb über schärfere CO²-Grenzwerte auf – ohne Antworten mitzuliefern.
eine weitere These des Berichts, müsse für Benzin- und Diesel-Pkw, Elektro- So prognostizieren sie, dass für den
der Energie- nun die Verkehrswende autoquoten wie in China sowie den vollständigen Umstieg auf Elektro-
folgen. Der Grund liegt auf der Hand: schnelleren Ausbau von öffentlichen autos mindestens dreimal so viel rege-
Während Industrie und Haushalte wie privaten Ladestationen im ganzen nerativer Strom gebraucht werde wie
in den vergangenen 25 Jahren deutlich Land nach. heute. Nur: Wo soll der produziert wer-
Energie eingespart haben, verbrau- Die Deutschen sollen jedoch nicht den, da sich schon heute kaum Flächen
chen Autos, Busse oder Flugzeuge nur sauberere Autos fahren, sie sollen für neue Wind- oder Solarparks finden
heute rund zehn Prozent mehr. Um auch häufiger auf Bus und Bahn, aufs lassen? Wie lässt sich verhindern, dass
das Zukunftsgeschäft mit selbstfahren-
den Fahrzeugen zu mehr statt zu weni-
Neuzulassungen von Elektrofahrzeugen 2015 Quellen: IEA, ACEA, VDA
ger Fahrten führt? Wer finanziert die
China 146720 0,7 über 40 000 öffentlichen Ladestationen,
die allein bis zum Jahr 2020 nötig sein
USA 71040 0,4 werden? Oder woher kommt der Ersatz
Norwegen 27790 18,4 für jene 40 Milliarden Euro, die über
die Energiesteuer derzeit jährlich in den
Frankreich 17270 0,9 Bundeshaushalt fließen?
Deutschland 12080 0,4 Vordenker Hochfeld ahnt um die Wi-
derstände, die sich gegen das Projekt
Japan 10470 0,2 aufbauen werden: „Die Verkehrswende
Anteil an allen kann nur gelingen, wenn eine Mehrheit
Großbritannien 9420 Neuzulassungen 0,4
in Prozent einsieht, dass es den Wandel braucht.“
Niederlande 2540 0,6 Sven Böll, Horand Knaup

DER SPIEGEL 13 / 2017 47


Deutschland

Der Mann mit der Jacke


Strafjustiz Der vorerst letzte Prozess zu den sexuellen Übergriffen in der Hamburger Silvester-
nacht 2015 offenbart schlampige Arbeit der Ermittler – und endet mit einem Freispruch.

K
eine drei Monate war Familie S. aus Silvester fern der Heimat, das erste in Si- Uhr bis 0.46 Uhr machte er Fotos von die-
Iran in der Flüchtlingsunterkunft in cherheit. Behzad S.’ Frau blieb bei den sem Szenario.
Hamburg-Schnelsen einquartiert, Kindern. Die Übersichtsaufnahmen haben Beh-
als sie am späten Silvesternachmittag 2015 Die vier Männer stiegen an der S-Bahn- zad S.’ Leben verändert. So wie diese Sil-
aufbrach. Die Eltern und ihre beiden Kin- Haltestelle Reeperbahn die Treppe hoch, vesternacht Deutschland veränderte: Es
der wollten Abschied von einem Jahr neh- kurz nach Mitternacht, funkelndes Feuer- war das Ende der Willkommenskultur.
men, das ihnen viel abverlangt hatte. Sie werk sprühte in die Nacht. Sie fotografier- Zeitgleich eskalierte am Kölner Haupt-
ahnten nicht, dass das neue Jahr ihnen ten und filmten mit ihren Handys. Auf ei- bahnhof die Feier unter freiem Himmel,
noch mehr abverlangen würde. nem Video wird man später Männerlachen es kam zu Hunderten Übergriffen. In Ham-
Vater Behzad zog seine blaue Jacke an, zwischen Raketengejaule und Martinshorn burg ging es mutmaßlich um sexuelle Be-
die er vom Amt geschenkt bekommen hat- hören. Einer der Freunde ruft: „Der Be- lästigung, rund 250 Übergriffe wurden an-
te, und setzte sich eine graue Mütze auf. ginn des Jahres!“ Danach ein religiöser gezeigt. Das Landeskriminalamt gründete
die Sonderermittlungsgruppe „Silvester“.
Beamte dieses Teams erschienen am
4. Februar 2016 im Flüchtlingscamp, such-
ten Behzad S., der im Deutschkurs war,
und seine blaue Jacke. Im Durchsuchungs-
bericht heißt es: Seine Frau habe sich „sehr
kooperativ“ gezeigt. Sie sollte ihrem Mann
ausrichten, er möge sich bei der Polizei
melden.
Als Behzad S. noch am selben Tag aufs
Revier kam, wurde er festgenommen: drin-
gender Tatverdacht. Für die Ermittler war
er einer der Männer, die sich nach Mitter-
nacht in der Großen Freiheit zu einem Mob
zusammengerottet haben sollen, um Frau-
en gezielt einzukesseln, sie auf widerwär-
tige Weise an den Brüsten und zwischen
den Beinen anzufassen, sie auszurauben,
zu bedrohen, ihnen Angst einzujagen.
DANIEL BOCKWOLDT / DPA

Der Dolmetscher sagte ihm: „Dafür


gehst du ins Gefängnis.“ Behzad S. sagte:
Er habe nichts getan, er habe Zeugen, Fo-
tos und Filme auf den Handys seiner
Freunde. Die Ermittler sagten: Eine Zeugin
Angeklagter S. (M.) mit Übersetzerin und Verteidiger: „Leben auseinandergerissen“ habe auf den Bildern des Partyfotografen
eine Gruppe markiert, die sie umzingelt
Gemeinsam mit drei Freunden aus der Un- Vers, der zum iranischen Neujahr gespro- habe. Darunter: Behzad S., blaue Jacke,
terkunft fuhr die Familie mit der S-Bahn chen wird. Sie verweilten an dieser Ecke, graue Mütze, eine markante Erscheinung
in die Innenstadt, bestaunte den prunkvol- blickten in den Himmel, in einem Super- mitten im Getümmel vorwiegend dunkel
len Weihnachtsschmuck vor den Edelbou- markt kauften sie Getränke. gekleideter Männer mit dunklen Haaren.
tiquen am Jungfernstieg und machte Fotos Die Männer bogen auf die Große Frei- Die Aufnahmen zeigen: Behzad S. war
für die Verwandtschaft in Bandar-e Ansali, heit, die Partymeile der Hamburger Ree- auf der Reeperbahn. Die Aufnahmen zei-
einer Hafenstadt am Kaspischen Meer. Von perbahn. Dichtes Gedränge. Die vier gen aber: keinen einzigen Übergriff. Es
dort war Behzad S. im Oktober über die Freunde wurden auseinandergeschoben, gibt keinen klassischen Tatort, keine Fin-
Türkei und mehrere europäische Länder verständigten sich per Handzeichen: zu gerabdrücke, keine DNA-Spuren; nur Zeu-
nach Deutschland gekommen. Die Aus- voll, kein Durchkommen. Sie kehrten um, genaussagen und Aufnahmen, auf denen
sichten, Asyl zu bekommen, waren gut. zurück ins Camp. Um 1.22 Uhr fotografier- die Opfer ihre Peiniger identifiziert haben
Sie spazierten an der Binnenalster ent- ten sie einander, wie sie an der S-Bahn- wollen. Wussten die Zeugen, dass die Bil-
lang, erste Böller und Raketen jagten in Haltestelle Reeperbahn auf den Zug war- der erst nach den angezeigten Taten ent-
den Abendhimmel, es ging laut zu und teten. Behzad S. lächelte in die Kamera, standen sind?
wild, die Kinder ängstigten sich. Die klei- blaue Jacke, graue Mütze. Die Ermittler stürzten sich auf die Über-
ne Gruppe fuhr zurück in die Erstaufnah- 40 Minuten zuvor hatte Raul S. den Bal- sichtsfotos, mit ihrer Hilfe konnte die
meeinrichtung, sie aßen zu Abend, Beh- kon des Pat Club betreten, der Betreiber Staatsanwaltschaft sechs Männer anklagen:
zad S. brachte Sohn und Tochter ins Bett hatte ihn als Partyfotograf gebucht. Raul einen 20-Jährigen aus Afghanistan, der
und fuhr mit den drei Freunden zurück in S. sah von oben in eine enge Menschen- eine Frau verfolgte und im August 2016
die Stadt. Er trug wieder die blaue Jacke masse: johlende Männer und junge Frauen, wegen sexueller Nötigung in Tateinheit
und die graue Mütze. Es war sein erstes die schrien und um sich traten. Von 0.43 mit gefährlicher Körperverletzung zu einer

48 DER SPIEGEL 13 / 2017


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Deutschland

Jugendstrafe von zwei Jahren zur Bewäh- Verteidiger Ebrahim-Nesbat fragt, ob sie Lediglich 14 Minuten lang wurde Beh-
rung verurteilt wurde; vier weitere Män- den Angeklagten erkenne. „Ja, ganz klar.“ zad S. von dem Beamten befragt. Er habe
ner, die in zwei getrennten Verfahren frei- – „Ganz klar?“ – „Ganz klar.“ Behzad S. gemerkt, dass aus einer weiteren Verneh-
gesprochen wurden, weil sich in den sei der Haupttäter! „Ich erkenne ihn an mung nicht mehr Beweise zu ermitteln sei-
Hauptverhandlungen herausstellte, dass den Augen. Nur weil er jetzt gegelte Haare en, sagt der Polizist. Hatte er etwa Zweifel
sie nicht die Täter waren. hat, erkenne ich ihn doch trotzdem.“ an der Schuld des Befragten? Wäre in solch
Und Behzad S. Stille in Saal 139. einem Fall nicht gerade eine detailliertere
Sein Rechtsanwalt Shahryar Ebrahim- Oberstaatsanwalt Jörg Keunecke sam- Befragung zwingend notwendig gewesen?
Nesbat erreichte, dass Behzad S. nach 74 melt sich als Erster: „Welche Farbe hatte Der Beamte ist 26 Jahre alt, seit 2011 im
Tagen aus der Untersuchungshaft entlassen seine Jacke in der Silvesternacht?“ – Polizeidienst. Er sagt, er sei erfahren ge-
wurde. 74 Tage, in denen seine Ehe, ange- „Schwarz.“ Ebrahim-Nesbat lehnt sich zu- nug, um die Situation einzuschätzen. Wa-
schlagen durch die Flucht und die Sorge frieden zurück. Wenn Behzad S. der rum er einen Dolmetscher zu der Befra-
vor der ungewissen Zukunft, besonders litt. Haupttäter sein soll, kann er nicht sein ei- gung hinzuzog, der nicht in der Lage war,
Für die Fotos und Handyvideos seiner gener Mittäter gewesen sein. Wenn Beh- die Belehrung des Befragten korrekt in
Freunde, die ihn entlasten könnten, inte- zad S. eine blaue Jacke trug, wie die Fotos dessen Muttersprache Farsi zu übersetzen,
ressierten sich die Ermittler nur oberfläch- beweisen, kann er keine schwarze getra- bleibt offen. Ebenso, warum die Beamten
lich. Behzad S. wurde angeklagt: wegen gen haben. Der Freispruch ist ab diesem mehr als drei Wochen brauchten, um Beh-
des Vorwurfs der sexuellen Nötigung in Zeitpunkt nur noch Formsache. zad S.’ Freunde zu befragen, obwohl sein
drei besonders schweren Fällen, einmal in Die Hauptverhandlung wird dennoch Verteidiger bereits acht Tage nach dessen
Tateinheit mit gefährlicher Körperverlet- fortgeführt. Sichtlich angefasst, beschrei- Festnahme Namen und Beweismittel vor-
gelegt hatte. Fotos und Filme der Handys
wurden erst im April ausgewertet. Da saß
Behzad S. bereits fast zwei Monate lang
in Untersuchungshaft.
Vierter Verhandlungstag, 14.25 Uhr:
Oberstaatsanwalt Keunecke gibt zu Proto-
koll, man könne die Beweisaufnahme be-
reits schließen. Richterin Schoel stimmt
ihm zu, nach „der bisherigen Beweiswür-
digung“ gebe es keine Grundlage für eine
Verurteilung.
Behzad S.’ Freunde aus jener Nacht wer-
den noch gehört und bestätigen seine
Angaben. Auch ihr Zimmer, das sich die
drei Männer im Camp teilen, wurde von
der Polizei durchsucht – ohne ihr Beisein,
AXEL HEIMKEN / PICTURE ALLIANCE / DPA

ohne Ankündigung. Sie stießen rein zufäl-


lig dazu, als sieben, acht Beamte den Raum
durchwühlten.
Am Ende plädiert der Oberstaatsanwalt
auf Freispruch und sagt, Behzad S. habe
die „Gelegenheit gehabt, die Taten zu be-
gehen“, die Hauptverhandlung habe dies
aber nicht bewiesen.
Feiernde auf der Großen Freiheit in Hamburg: Ende der Willkommenskultur Verteidiger Ebrahim-Nesbat hält einen
fast zweistündigen Schlussvortrag über die
zung, Raub und tätlicher Beleidigung, ben weitere Frauen verabscheuungswür- systemischen Fehler der Kriminalpolizei,
zweimal in Tateinheit mit Beleidigung. dige Angriffe, ihre Verzweiflung, ihre die mit einer festen Tathypothese an die
Es ist der vorerst letzte Prozess wegen Angst, die Folgen der Taten. Taten, mit Arbeit gegangen sei und anhand der Fotos
sexueller Übergriffe in der Hamburger Sil- denen Behzad S. nichts zu tun hatte; Ta- und mithilfe der Zeugen versucht habe, zu
vesternacht 2015. In der Hauptverhand- ten, die die Ermittler unbedingt aufklären einem bestimmten Ergebnis zu kommen.
lung vor der Großen Strafkammer 31 des wollten – getrieben vom öffentlichen Am siebten Verhandlungstag verkündet
Landgerichts Hamburg sagen auch die Druck? Richterin Schoel den Freispruch. Sie re-
Freundinnen der Hauptbelastungszeugin Bei der Befragung eines Kriminalbeam- konstruiert, wie es zu den belastenden
aus. Und andere Frauen, die in der Nähe ten blättert die Vorsitzende Gudrun Schoel Zeugenaussagen kam, und endet mit den
belästigt wurden. das Protokoll von Behzad S.’ Vernehmung Worten, dass Fehler nun mal unterlaufen –
Sie schildern die abscheulichen Über- auf dem Revier durch und zeigt sich ver- insbesondere wenn die Beteiligten unter
griffe. Die Hauptbelastungszeugin berich- wundert. Wozu der Ermittler Behzad S. Druck stünden. „Das ist menschlich.“
tet, wie ein Fremder mit dem Finger in ih- gefragt habe, warum er als verheirateter Behzad S. ist nicht erleichtert, sein Asyl-
ren Anus und in ihre Vagina eindrang; sie Mann nachts „im Rotlichtviertel“ unter- verfahren ist noch offen. „Mein Leben ist
trug ein Kleid, keine Strumpfhose. Der wegs gewesen sei, will sie wissen. „Der auseinandergerissen“, sagt er am Ende des
Mann konnte bis heute nicht ermittelt wer- Beschuldigte sagte, er sei gläubig und habe Prozesses. Der gelernte Friseur ist inzwi-
den. Aber Behzad S., er gilt als Mittäter, aus religiösen Gründen sein Land verlas- schen alleinerziehend, elf Jahre lang war
Mitglied des Mobs – aufgrund seiner auf- sen“, sagt der Ermittler. – „Ist er Muslim?“, er verheiratet, doch seine Ehe hat die In-
fälligen blauen Jacke. hakt die Richterin nach. „Davon bin ich haftierung nicht überstanden. Die blaue
Dritter Verhandlungstag, 10.23 Uhr: Die ausgegangen.“ Jacke hat er weggeworfen. Julia Jüttner
Hauptzeugin ist zum zweiten Mal geladen. Behzad S. ist Christ. Mail: julia.juettner@spiegel.de

50 DER SPIEGEL 13 / 2017


ULI DECK / DPA
Bundesgerichtshof, Rihanna-Album
Illegales Angebot um 23.16 Uhr

Solidarisches
für die unzulässige Verbreitung des Al- gang hatten und wer davon als Täter in
bums in Höhe von 2500 Euro sowie Ab- Betracht kommt. In diesem Zusammen-
mahnkosten in Höhe von knapp 1380 Euro hang, so der Bundesgerichtshof in einer

Schweigen
wollten sie allerdings nicht bezahlen. Nicht früheren Entscheidung, ist er „im Rahmen
einer von ihnen beiden, sondern eines ih- des Zumutbaren zu Nachforschungen ver-
rer Kinder sei das gewesen, so begründe- pflichtet“ und muss verraten, „welche
ten sie ihre Haltung. Welches Kind, woll- Kenntnisse“ er dabei gewonnen hat.
Familien Müssen Eltern ihre ten sie nicht sagen. Eltern als Ermittler, wenn der Täter im
Universal klagte und bekam vom Land- engsten Familienkreis zu suchen ist? Laut
Kinder verraten, wenn diese gericht und auch vom Oberlandesgericht dem Anwalt der Familie, Bernhard Knies,
Songs illegal im Internet angeboten München recht: weil die Eltern sich „ge- muss es genügen, auf die Kinder zu ver-
weigert“ hätten mitzuteilen, „welches ihrer weisen, die alle Zugang zu dem passwort-
haben? Darüber soll jetzt der Kinder die Verletzungshandlung begangen geschützten Anschluss hatten: „Die Eltern
Bundesgerichtshof entscheiden. hat“. Das Ehepaar wollte das nicht auf sich haben damit ihrer Wahrheitspflicht Genü-
sitzen lassen. Am Donnerstag beschäftigt ge getan.“ Einem weitergehenden Aus-

E
s sollte ein netter, schöner Tag für der Fall nun den Bundesgerichtshof. Müs- kunftsverlangen stehe auch entgegen, dass
die Familie E. aus München werden. sen Eltern bei einer illegalen Verbreitung das Grundgesetz die Familie besonders
Dass er mehr als sechs Jahre später von Musiktiteln ihre Kinder anschwärzen schütze. Eine Urheberrechtsverletzung, so
noch Gerichte beschäftigen würde, ahnten und den Namen des Täters, also ihres Soh- Knies, sei sogar mit Freiheitsstrafe bis zu
weder die Eltern noch ihre drei erwachse- nes oder ihrer Tochter, nennen? drei Jahren oder Geldstrafe bedroht. Vor
nen Kinder. Die Frage ist weniger leicht zu beant- diesem Hintergrund sei es Eltern „nicht
Ein befreundetes Paar und dessen Toch- worten, als es scheint. Zwar gibt es im zumutbar“, dass sie „ihre Kinder denun-
ter waren aus Spanien gekommen. Am Strafrecht und auch im Zivilrecht ein Zeug- zieren und zivil- und strafrechtlicher Ver-
Nachmittag, zu Beginn des Besuchs, musi- nisverweigerungsrecht für nahe Verwand- folgung aussetzen“ müssten.
zierte man gemeinsam, anschließend wur- te, also auch für Eltern im Falle ihrer Kin- Darum gehe es gar nicht, widerspricht
den die Gäste bekocht. Irgendwann zogen der. Doch das greift hier nicht, jedenfalls der Universal-Anwalt Clemens Rasch: „Die
sich die Kinder der Gastgeber, 18 und 19 nicht unmittelbar. Die Eltern müssen ja Eltern müssen ihr Kind gar nicht verpfei-
Jahre alt, in ihre Zimmer zurück, um Mit- nicht als Zeugen aussagen, sondern als Be- fen.“ Wenn sie es nicht täten, müssten sie
ternacht gingen die Gäste wieder. klagte, in eigener Sache. eben nur „die Konsequenzen, also den Scha-
Einige Wochen später erhielten die Das hat folgenden Hintergrund: Wenn densersatz, selbst tragen“. Die Familie dürfe
Münchner Musikliebhaber Post aus Ham- eine Firma wie Universal Geld für eine sich ja „solidarisch“ zeigen, er habe selbst
burg, von einer bekannten Abmahnkanz- Rechtsverletzung von jemandem verlangt, drei Kinder. Aber die Familie habe für das
lei. Über den Internetanschluss der Eltern muss sie beweisen, dass derjenige auch da- Mitglied, das man schützen will, nach außen
sei am 2. Januar 2011 um exakt 23.16 Uhr für verantwortlich ist. Die Urheberrechts- einzustehen. Es könne doch nicht sein, so
das Musikalbum „Loud“ der Sängerin Ri- verletzung lässt sich, mittels der über die Rasch, dass sich „die Familienmitglieder ge-
hanna mittels einer Filesharing-Software Tauschbörse feststellbaren IP-Adresse, genüber dem Geschädigten wechselseitig
auf einer Tauschbörse zum Herunterladen grundsätzlich aber nur bis zur Steckdose aus der Verantwortung stehlen“.
angeboten worden – natürlich ohne Zu- des Anschlussinhabers nachverfolgen. Der Gesetzgeber hat zwar Mitte 2016
stimmung der deutschen Universal Music Damit lässt sich noch nicht belegen, wer die Betreiber von öffentlichen Funknetzen
GmbH, die an dem Album die Verwer- diesen Anschluss genutzt hat: der Inhaber, von der Haftung von Rechtsverstößen
tungsrechte besitzt. ein Ehegatte, Kinder, Gäste oder vielleicht durch Nutzer freigestellt. Doch wie sich
Herr und Frau E. konnten zunächst noch auch jemand, der von außen auf den An- das auswirkt, ist umstritten – und private
nicht einmal mit der Interpretin etwas an- schluss zugegriffen hat. Anschlussinhaber werden von bestimmten
fangen, sie selbst hören nur klassische Mu- Der Bundesgerichtshof lässt in diesen Kanzleien offenbar weiter kräftig abge-
sik. Eines ihrer Kinder wusste aber umso Fällen die „tatsächliche Vermutung“ gel- mahnt.
mehr, um was es ging. Es gestand den El- ten, dass der Anschlussinhaber die Rechts- Einer der Rihanna-Songs, die ein Kind
tern, die Musik angeboten zu haben. verletzung selbst begangen hat – es sei der Familie zum Download anbot, trägt
Die Eltern gaben daraufhin gegenüber denn, dieser legt dar, dass auch andere zu übrigens den Titel: Wie lautet mein
Universal die gewünschte Unterlassungs- dieser Zeit Zugriff hatten. Dann aber muss Name? – „What’s My Name?“
erklärung ab. Den geforderten Wertersatz er mitteilen, welche Personen generell Zu- Dietmar Hipp

DER SPIEGEL 13 / 2017 51


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Früher war alles schlechter
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Nº 65: Binationale Ehen in Deutschland en z Aus
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2015
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1960

Jede neunte Hochzeit in Deutschland ist mittlerweile binational. Der den 2015 in Deutschland geschlossen, das sind 11,5 Prozent
große französische Anthropologe Claude Lévi-Strauss hat den aller neuen Ehen oder jedes neunte Hochzeitspaar. Knapp
„échange des femmes“, also den Frauentausch zwischen Stäm- zwei Generationen davor, 1960, war in der alten Bundesrepu-
men zu Heiratszwecken, als wesentliche Triebfeder für soziale blik erst jedes 27. frische Ehepaar binational (3,7 Prozent).
Bindungen zwischen verschiedenen Gruppen beschrieben. Für Man hat heute nicht mehr vor Augen, wie isoliert auch die
die Ebene von Nationen könnte man folgern: Je mehr kreuz europäischen Staaten noch bis vor kurzer Zeit nebeneinander-
und quer über Landesgrenzen hinweg geheiratet wird, desto her gelebt haben. Ein deutlicher Anstieg des zwischenstaat-
besser die Völkerverständigung – egal, ob nun Frauen oder lichen Partnertauschs folgte auf das Schengenabkommen in
Männer „getauscht“ werden. Die Statistik der Eheschließun- den Neunzigern, die innereuropäische Mobilität erhöhte sich,
gen in Deutschland würde Lévi-Strauss vermutlich gefallen: Erasmus-Studenten lernten sich kennen. Am häufigsten sind
45 915 binationale Ehen, bei denen einer der Partner einen heute deutsch-türkische Verbindungen, gefolgt von deutsch-
deutschen, der andere einen ausländischen Pass besitzt, wur- italienischen und deutsch-polnischen. barbara.hardinghaus@spiegel.de

Rassismus schmeißt eine Tüte Baguettes der Türkenwitz neuerdings be, dass jeder das Recht hat,
Ist der Türkenwitz aus der Tür, der Russe einen zum Widerstand. in einem Witz verarscht zu
Koffer voll Wodkaflaschen. SPIEGEL: Wie finden Sie das? werden. Ich bin in den Sieb-
wieder salonfähig, Der Türke dreht sich zum Kayı: Für mich ist der Witz als zigern in Deutschland aufge-
Herr Kayı? Deutschen und sagt: „Mach solcher meistens gar nicht so wachsen, mit dem Begriff
jetzt bloß keinen Scheiß!“ interessant. Interessanter ist, Kümmeltürke. Meine Mutter
Der deutsch-türkische Bühnen- SPIEGEL: Der erste Witz gehört wer ihn wem erzählt. Wenn hat noch still darunter gelit-
künstler Murat Kayı, 42, über zu jenen, die gerade vermehrt ihn sich zwei Leute erzählen, ten. Meine Generation hat
den Zusammenhang von Humor in sozialen Netzwerken geteilt um sich über eine Gruppe angefangen, selbst Türken-
und Fremdenfeindlichkeit werden. Ist der Türkenwitz lustig zu machen, zu der sie witze zu erzählen. Und damit
wieder salonfähig? nicht gehören, dann handelt das Machtgefüge geändert.
SPIEGEL: Kennen Sie den Kayı: Ich kenne den Salon als es sich dabei um einen Code. SPIEGEL: Wo erzählen Sie am
schon? Ein Krokodil fragt: einen Ort des Geistes. Das Sie vergewissern sich somit, liebsten Türkenwitze?
Wer bin ich? Antwort: Gro- Zuhause solcher Witze ist dass sie zum gleichen Stamm Kayı: In Runden, die mir zu
ßes Maul, kurze Beine, Le- aber eher der Büroflur oder gehören. Das ändert sich, so- gesittet und zu angestrengt
derjacke – ein Türke! das Internet. Und dort ging bald jemand aus der Gruppe liberal sind. Irgendwann ist
Kayı: Ein Franzose, ein Russe, der Türkenwitz immer. Neu dabei ist, um die es geht. mir klar geworden, dass man
ein Deutscher und ein Türke ist, dass die Witzeerzähler SPIEGEL: Was ändert sich? selbst im Kleinen vielleicht
sitzen in einem abstürzenden sich selbst in eine Opferhal- Kayı: Im besten Fall wird der nicht kontrollieren kann,
Flugzeug. Der Pilot fordert tung begeben. Als würde ih- Witz zum Zeichen von Un- wann man zum Opfer wird.
sie auf, unnötigen Ballast ab- nen irgendjemand die Witze befangenheit, Toleranz und Aber man kann kontrollieren,
zuwerfen. Der Franzose verbieten wollen. Als gehörte Gleichberechtigung. Ich glau- ob man ein Opfer bleibt. mke

52 DER SPIEGEL 13 / 2017


Gesellschaft
Das Problem ist: Es gibt in Nordamerika ungefähr tau-
Das Königshuhn ruft send Vogelarten, und die meisten davon interessieren sich
nicht für das Große Jahr. Sie leben irgendwo in den Sümp-
Eine Meldung und ihre Geschichte Warum fen Louisianas, in den Bergen der Rocky Mountains, an
einem Maisfeld in Wyoming und haben nicht vor, dabei
ein Mann ein Vermögen entdeckt zu werden. Der Rekord lag bei 749 Vogelarten.
ausgab, um 750 Vögel zu sehen Danielson wollte als erster Mensch der Welt 750 schaffen.
Wenn man ihn fragt, warum er das wollte, dann denkt er
lange nach und sagt schließlich: „Ich mag die Jagd.“

I
m Sommer vorigen Jahres stand Olaf Danielson, ein Danielson startete ziemlich motiviert. Am ersten Tag
Notarzt aus South Dakota, auf einer Insel am Polarkreis hatte er 74 Vögel von seiner Liste abgehakt. Nach ein
und wartete darauf, dass aus dem Nebel ein schwarzer paar Wochen wurde es schwieriger. Danielson musste
Vogel geflogen käme. Der Vogel, eine Rotgesichtscharbe, jetzt Vögel finden wie das Himalaya-Königshuhn, ein
baut seine Nester aus Algen und fühlt sich zwischen Sibi- Exemplar, das in Nordamerika ausschließlich in den Ru-
rien und Alaska sehr wohl. Danielson fühlte sich nicht so binbergen in Nevada vorkommt, seit hier in den Sechzi-
wohl, sagt er am Telefon, was nicht nur am Nebel lag, gerjahren ein paar Exemplare aus Pakistan ausgesetzt
sondern an der Kälte, den Giftpflanzen auf der Insel, der wurden. Man muss dort vor dem ersten Tageslicht den
Einsamkeit, der Sinnlosigkeit seines Unterfangens und Berg hinaufsteigen, am besten bei Vollmond im Juni, in
der Abwesenheit einer Kneipe. Er sollte in diesem Jahr der Paarungszeit des Königshuhns, eines Vogels, den man
mehr als 206-mal bei McDonald’s frühstücken, etwa sonst nicht hört.
100 000 Dollar für Flugtickets ausgeben und mehr als Noch schwieriger als das Königshuhn fand Danielson
800 Kilometer durch die Einsamkeit wandern – und das das Weißschwanz-Schneehuhn, einen scheuen Vogel, der
alles um einiger Vögel willen wie der Rotgesichtscharbe. aussieht wie ein Schneeball und sich gern im Schnee über
Als er sie endlich sah, machte er ein Foto, ging früh ins der Baumgrenze versteckt. Danielson wanderte stunden-
Bett und dachte über sein lang auf 3000 Meter Höhe
Leben nach. durch die Rocky Moun-
Danielson wuchs in Wis- tains, bis er fast auf ein
consin auf, neben einem Schneehuhn trat. In Arizo-
Sägewerk, das von einem na stand Danielson auf der
großen Wald umgeben war. Suche nach der Azteken-
Es gab dort nicht viel zu Aus der „Washington Post“ drossel einem Schwarzbä-
tun, man konnte Baum- ren gegenüber, den er mit
stämme zersägen und Vö- Steinen verscheuchte, um
gel beobachten. Danielson zu seinem Vogel zu kom-
entschied sich für die Vö- men. Auf der Suche nach
gel. Er merkte sich bei sei- dem Blasskehltyrann ver-
nen langen Waldspazier- irrte er sich am heißesten
gängen die Farben ihres Tag des Jahres ohne
Gefieders, er lernte ihre Wasser in einem Dornen-
Namen, er nahm ihre Ge- dickicht und schaffte es
sänge auf. Als er acht Jahre erst Stunden später blu-
alt war, gab seine Biologie- tend und dehydriert zu sei-
lehrerin seiner Klasse eine nem Auto zurück.
lange Liste mit Vögeln, die Mit jeder Anstrengung,
in der Gegend lebten. Sie die er unternahm, wuchs
hatten eine Woche Zeit, Danielson die Liste. Doch je näher er
die Vögel zu finden. Am seinem Ziel kam, desto
nächsten Morgen gab Olaf die Liste ab, er hatte als Einzi- sinnloser kam es ihm vor. Als er die Rotgesichtscharbe
ger alle entdeckt. Als Danielson 50 Jahre alt war, kannte am Polarkreis sah, hatte Danielson seinen 750. Vogel von
ihn jeder Ornithologe in den USA. der Liste abgehakt. Er wollte feiern, nicht, weil er sich da-
50 Jahre sind ein Alter, in dem Männer gern Bilanz zie- nach fühlte, sondern weil er dachte, es müsse sein. 750
hen, indem sie sich fragen, ob sie noch einen Traum haben, unterschiedliche Vögel zu sehen war ein Ziel, das er sich
den sie sich erfüllen wollen. Manche träumen davon, um am Anfang des Jahres gesetzt hatte und von dem er nie
die Welt zu segeln, andere wollen mit dem Motorrad ans gedacht hätte, dass er es schaffen könnte. Er wäre gern in
Nordkap fahren. Solche Träume existieren nicht, um Sinn eine Kneipe gegangen, aber es gab keine. Danielson lieh
zu ergeben. Sie dienen als Versuch an einem selbst: Schaffe sich eine Flasche Chardonnay und trank die Flasche aus.
ich das? Wer bin ich? Was will ich? Danielson hatte einen Er mochte keinen Chardonnay. Nachts träumte er schlecht
Ornithologentraum: Er wollte die Vögel Nordamerikas se- von der Lapplandmeise. Er hatte genug.
hen, so viele er konnte, ein ganzes Jahr lang. Es gibt unter Schließlich flog Danielson mit seiner Frau in die Karibik,
Ornithologen einen Namen für dieses Projekt, das nur während sein Konkurrent John Weigel auf eine weitere
wenige Menschen pro Jahr wagen, weil es sehr anstren- Insel vor Alaska fuhr. Am Ende gewann Weigel das Große
gend, sehr teuer und sehr zeitaufwendig ist. Sie nennen Jahr mit vier Vögeln Vorsprung. Danielson interessierte
es „Big Year“, das Große Jahr. Danielsons Hauptkonkur- sich dafür nicht mehr besonders. Er sagte, er habe an
rent war ein Mann namens John Weigel, der Direktor ei- einem Strand der Antillen seine Frau aus dem blauen
nes Reptilienparks aus Australien. Nur einer von beiden Wasser steigen sehen, und auf einmal sei ihm völlig klar
würde gewinnen. gewesen, was er vom Leben wolle. Jonathan Stock

DER SPIEGEL 13 / 2017 53


In einer kleinen Stadt
Weltanschauungen Die Kleinstadt Fergus Falls in Minnesota ist typisch für das ländliche
Amerika, das Trump zum Präsidenten machte. Wer sind die, die dort leben?
Ein Monat unter Menschen, die sonntags für Donald Trump beten. Von Claas Relotius

D
er Bus nach Fergus Falls fährt von halb so hoch, aber kaum zu übersehen. Je- Auf der Landkarte Amerikas ist Fergus
Minneapolis nach Norden, vorbei mand muss es in der Dunkelheit aufgestellt Falls ein fast unsichtbarer Punkt inmitten
an zugefrorenen Seen, vereisten haben. Auf diesem Schild, aus dickem Holz blauer Seen. Auf diesem Fleck leben etwa
Strommasten und Ackerland, flach bis an in den gefrorenen Boden getrieben, steht 13 000 Menschen, zu 96 Prozent Weiße. Die
den Horizont. Nach dreieinhalb Stunden in großen, aufgemalten Buchstaben: „Me- meisten von ihnen sind hier geboren, auf-
biegt der Bus vom Highway ab auf eine xicans Keep Out“ – Mexikaner, bleibt weg. gewachsen, viele haben Minnesota und den
schmale, abfallende Straße, rollt zu auf ei- Fergus Falls liegt im Westen Minnesotas, Mittleren Westen nie verlassen. 40 Jahre
nen dunklen Wald, der aussieht, als wür- zwischen den Bundesstaaten Wisconsin lang, bei zehn Präsidentschaftswahlen in
den darin Drachen hausen. Am Ortsein- und North Dakota, am nördlichen Rand Folge, stimmten die Bewohner von Fergus
gang, kurz vor dem Bahnhof, steht ein der USA. Die Jahresdurchschnittstempera- Falls für einen Kandidaten der Demokraten.
Schild mit dem amerikanischen Sternen- tur nahe der Grenze zu Kanada liegt bei Bei der letzten Wahl, im vergangenen No-
banner, darauf steht: „Welcome to Fergus plus 3 Grad Celsius, im Winter bei minus vember, wählten sie Donald Trump.
Falls – Home of damn good folks“, Heimat 20 Grad. Von den Hochhäusern New Yorks Da war Andrew Bremseth, der City Ad-
verdammt guter Leute. und den Stränden San Franciscos sind es ministrator, der ihm seine Stimme gab; er
An einem Dienstagmorgen im Januar, mehr als 2200 Kilometer bis nach Fergus fürchtete, Hillary Clinton würde ihm seine
vier Tage nachdem Donald Trump als Prä- Falls. Von El Paso, der mexikanischen Gren- Waffen nehmen. Da war Neil Becker, ein
sident der Vereinigten Staaten vereidigt wor- ze, braucht ein Auto 22 Stunden. Arbeiter, der sein Leben lang Kohle ge-
den ist, steht neben dem Willkommensschild Wie viele Mexikaner zieht es in diese schaufelt hatte und eines Tages seine Par-
am Ortseingang noch ein zweites Schild, Gegend? Wer stellt hier so ein Schild auf? tei, die Demokraten, nicht mehr verstand.
54 DER SPIEGEL 13 / 2017
Gesellschaft

Einfamilienhaus in Fergus Falls einmal Paris zu sehen. Er liest gern Bücher


„Mexicans Keep Out“ über Napoleon und Kriege in Europa. Er
weiß nicht, wer Angela Merkel ist, er sagt,
wohner, mit denen ich sprach, habe den er habe noch nie von ihr gehört, aber er
wichtigsten Job im Rathaus und trage im- weiß mehr über das Deutsche Kaiserreich
mer eine Waffe. als die meisten Deutschen in seinem Alter.
Sein Zimmer ist ein Raum im Erdge- Er glaubt an vieles, woran andere junge
schoss, im Eingang steht ein ausgestopftes Männer, die studiert haben, auch glauben:
Wildschwein. Er selbst sitzt hinter einem an die Notwendigkeit, die Todesstrafe ab-
Schreibtisch, darauf läuft ein kleiner Fern- zuschaffen, an Umweltschutz und Klima-
seher. Es ist ein Morgen Ende Januar, auf wandel. „Woran ich nicht glaube“, sagt
CNN redet Donald Trump, und Andrew Bremseth, „ist eine Frau im Weißen Haus,
Bremseth, ein Mann mit jungenhaften Zü- die mir sagt, ich darf keine Waffe tragen.“
gen und einem Namensschild auf der Er sitzt aufrecht in seinem Büro, die
Brust, spricht von Befreiung. Arme verschränkt, wie jemand, der sich
„Fergus Falls hat auf Trump gewartet“, seiner Sache sicher ist. Auf dem Schreib-
sagt er, „Obama war für Banker, Schwule tisch vor ihm läuft immer noch der Fern-
und Studenten da, aber nicht für ganz nor- seher, Nachrichten auf CNN. In diesen
male Menschen. Damit ist jetzt Schluss: Nachrichten heißt es, der Präsident ver-
Trump wird allen in den Arsch treten.“ hänge einen „muslim ban“, einen Bann
Andrew Bremseth, dunkelblondes Haar, gegen Muslime.
rollender Akzent, ist 27 Jahre alt, der Andrew Bremseth sieht jetzt nicht mehr
jüngste City Administrator in ganz Min- Donald Trump, sondern Bilder von De-
nesota. Er trägt ein graues Kurzarmhemd, monstranten, Bilder aus Washington und
an seinem Gürtel klemmt ein Holster. Sei- New York. Er sieht Menschen an Flug-
ne Pistole Beretta, Kaliber 9 Millimeter, häfen, Frauen in Handschellen, sie tragen
habe ihm sein Vater zu Weihnachten ge- Kopftuch und weinen. Bremseth sieht eine
schenkt, sagt er. Er besitze zu Hause auch Weile hin. Dann schaltet er den Fernseher
zwei Gewehre, damit schieße er Wildgän- aus.
se, Hirsche und manchmal sogar Wölfe.
Obama und Clinton hätten Waffen ohne Der Präsident auf CNN
Waffenschein verbieten wollen, aber die „Unser Land braucht starke
Menschen hier, sagt Bremseth, „lieben das Grenzen und strenge Kontrollen.
Jagen, sie lieben schöne Waffen, und sie
hassen Vorschriften aus Washington“. Im Nahen Osten werden Christen
70,4 Prozent der Stimmberechtigten von in hoher Zahl getötet. Diesen
Fergus Falls haben Trump gewählt. Brem- Horror müssen wir bekämpfen.“
seth hat das Wahlergebnis in sein Büro ge-
hängt wie einen Beweis. Über das Schild, Das Land, auf dem Fergus Falls gebaut
CLAAS ROLOTIUS / DER SPIEGEL

das vor ein paar Tagen am Ortseingang ge- wurde, regierten nicht immer Weiße oder
standen hatte, „Mexicans Keep Out“, redet Christen. Einst besiedelten es Indianer, Da-
er nicht gern. Er selbst habe es nicht mit ei- kota, ein Stamm der Sioux. Erst später, als
genen Augen gesehen, sagt er. Wahrschein- Pelzjäger sie vertrieben, kamen Flüchtlin-
lich waren es nur dumme Kinder, sagt er, ge aus Norwegen und Deutschland dorthin.
„Mexikaner sind hier sehr willkommen“. 1857, vor genau 160 Jahren, gründeten sie
Andrew Bremseth ist in Fergus Falls ge- eine Gemeinde und nannten sie Fergus
boren und zur Highschool gegangen. Da- Falls.
mals, so erzählt er, wählten noch alle die Das Wappentier der Stadt ist ein Otter,
Auch Maria Rodriguez, eine Mutter und Demokraten. Er ging zum Studieren fort sie gehört heute zum Otter Tail County.
Lokalbesitzerin aus Mexiko, schon vor nach South Dakota, jedes Wochenende Das durchschnittliche Jahreseinkommen
Jahren in die USA gekommen, sah in pendelte er nach Hause. Er studierte Poli- beträgt etwa 28 000 Dollar. Es gibt Arbeits-
Trump einen Retter. tikwissenschaft, las Übersetzungen von lose und kaputte Straßen, aber kaum he-
Seit Trumps Wahl fragt sich die ganze Rousseau und Montesquieu. Seine Zim- runtergekommene Häuser, kaum leer ste-
Welt, wer diese Leute sind. Mal werden mernachbarn im Wohnheim hörten nachts hende Fabriken wie drüben im Rust Belt,
sie „Provinzielle“ genannt und mal „Frus- oft lauten Hip-Hop und amüsierten sich wo Wohnwagensiedlungen die Dörfer säu-
trierte“, mal „Ungebildete“, mal „Abge- mit Mädchen, Bremseth hielt sich die Oh- men. Wenn die Sonne scheint, ist Fergus
hängte“ oder „Verlorene“. Dabei kennt sie ren zu. Falls eine schöne Kleinstadt mit auf-
niemand. Ich habe einen Monat lang in Vor einem Jahr kehrte er zurück nach geräumten Vorgärten und hölzernen Ein-
Fergus Falls gewohnt. Ich zog in ein Zim- Fergus Falls, er zog hier in ein Haus mit familienhäusern.
mer am Stadtrand. großem Garten. Die Stadt suchte einen Durch das Zentrum verläuft eine Haupt-
Verwalter, einen, der sich um alles küm- straße, die Lincoln Avenue. Sie führt vorbei
Der Präsident auf Fox News mert, um Sicherheit, Bildung und Bewoh- an einem Supermarkt, einem Geschäft für
„Amerika wird wieder gewinnen – ner, so etwas wie einen Hausmeister. Brautkleider, einem Geschäft für Rasen-
Andrew Bremseth würde gern bald hei- mäher und einem Freizeitcenter mit Tanz-
gewinnen wie nie zuvor.“ raten, sagt er, aber er war noch nie mit ei- schule und Bowlingbahn. Es gibt eine Poli-
Der Mensch, der die Leute in Fergus Falls ner Frau zusammen. Er war auch noch nie zeistation, eine Footballmannschaft – die
am besten kennt, sagten mir die ersten Be- am Meer. Er träumt davon, irgendwann Fergus Falls Otters – und einen stillgelegten
DER SPIEGEL 13 / 2017 55
Gesellschaft

Bahnhof, nur der Güterzug hält einmal in


der Woche. Es gibt eine Rodeo-Arena, sechs
Jagdvereine und 29 Kirchen, die meisten
pro Einwohner, heißt es, im ganzen Land.
Am Stadtrand, dort wo Fast-Food-Filia-
len leuchten, gibt es auch ein Kino. In die-
sem Kino, einem flachen, rechteckigen
Bau, gibt es zwei Filme an einem Freitag-
abend. Der eine, „La La Land“, vor leeren
Reihen laufend, ist ein Musical, eine Ro-
manze über Künstler in Los Angeles. Der
andere, „American Sniper“, ein Kriegsfilm
von Clint Eastwood, ist ausverkauft.
Der Film ist eigentlich schon zwei Jahre
alt, fast 40 Millionen Amerikaner haben
ihn gesehen, aber in Fergus Falls läuft er
noch immer. Er beginnt mit dem Blick
durch das Zielfernrohr eines US-Scharf-
schützen, irgendwo im Krieg. Das Faden-
kreuz liegt auf einer verschleierten Frau,
einer Muslimin, neben ihr geht ein Junge.
Sie gehen langsam auf einen Straßen-
posten amerikanischer Soldaten zu. Der
Scharfschütze sieht, dass die Frau etwas
unter dem Gewand verbirgt, aber er kann
nicht erkennen, ob es ein Spielzeug ist
oder ein Sprengsatz. Irgendwann drückt
er ab. Die Frau und der Junge werden ge-
tötet, im Fallen explodiert ihre Granate.
Die Ahnung des Scharfschützen war rich-
tig, alle Amerikaner überleben. Die Zu-
schauer im Kino klatschen.
Der Präsident auf Fox News Kohlearbeiter Becker im Gym: „Habt ihr den Verstand verloren?“
„Da draußen sind viele böse
Leute mit bösen Absichten,
geschenkt, reden sie auch über „Kamel- Das Schild am Ortseingang, die War-
und diese Leute müssen wir treiber“ und „Bohnenfresser“. nung an Mexikaner, stand in Fergus Falls
aus unserem Land halten.“ Sie sehen diese Bilder jetzt jeden Tag nur einen Tag. Dann packte Becker es auf
im Fernsehen: Bilder aus dem Süden, wo seinen Jeep, brachte es in seine Garage
Wer die Leute in Fergus Falls verstehen der Präsident eine Mauer vor Mexiko bau- und haute es mit einer Axt kurz und klein.
wolle, sagt Andrew Bremseth, müsse da- en will; Bilder von Flughäfen im Osten, an Er kenne sich aus mit so was. Im vergan-
hin gehen, wo es die besten Omeletts denen Soldaten mit Gewehren wachen. genen Sommer, erzählt er, sei er jeden
gebe. Das Viking Café an der Lincoln Ave- Einer der Männer, auf seiner Schirm- Abend durch die Siedlung gefahren, in
nue ist ein alter Diner mit Sitzbänken aus mütze steht „Hillbilly“, Hinterwäldler, fremde Gärten gestiegen und habe Plakate
Holz und Frühstück für vier Dollar. Es sagt: „Wir müssen wissen, wer hier rein- eingesammelt, die entweder gegen das Ge-
riecht nach Filterkaffee und Bratfett, an kommt, mit wem wir es zu tun kriegen.“ setz oder gegen seinen Geschmack versto-
den Wänden hängen Schwerter, angeblich Ein anderer, auf seiner Mütze steht „white ßen hätten. Auf vielen dieser Plakate habe
von echten Wikingern. An einem frühen trash“, weißer Abfall, sagt: „Wir müssen „Hillary for Prison“ oder „Trump = Hitler“
Freitagmorgen sitzen hier, um einen gro- uns schützen, vor Terroristen und vor Dro- gestanden. Von beiden habe er ein paar
ßen, runden Tisch herum, acht Männer gen.“ Auf der Schirmmütze von Neil Be- Dutzend kassiert. „Die pro Trump“, sagt
mit Schirmmütze, die meisten tragen ein cker steht nichts. Becker, ein Mann mit Becker, „waren alle groß und handgemacht.“
rot kariertes Hemd. Sie sind Handwerker kräftigen Schultern, rotblonden Haaren In seinem eigenen Garten war kein Pla-
oder Farmer, zwischen 50 und 70 Jahre und großen, klaren Augen, fragt: „Habt kat, er hatte sich noch nicht entschieden,
alt, auf ihren Tellern liegen Rühreier mit ihr den Verstand verloren?“ wen er wählen würde.
Speck. Neil Becker ist 57 Jahre alt, verheiratet, Man sieht das Kraftwerk, in dem er ar-
Sie treffen sich hier jeden Freitag, immer ein Mensch mit tiefer Stimme und einem beitet, wenn man im Diner aus dem Fens-
vor der Arbeit, immer am selben Tisch. Gesicht, in dem selten Fragen zu finden ter sieht, sechs hohe, graue Türme, daraus
„The Table of Knowledge“ nennen sie ihn, sind. Er ist kein Farmer, er arbeitet neben- steigen weiße Dampfwolken. Becker sagt,
die Tafel der Weisheit. Sie reden und spot- an im Kohlekraftwerk, seine Hände sind er habe dort vor 40 Jahren angefangen, da
ten hier über alles, was sie eben so beschäf- immer schwarz davon. Er sagt, dass sie am sei er noch ein Teenager gewesen. Jimmy
tigt; über die glatten Bürgersteige, die nie Flughafen in Washington einen Muslim, ei- Carter, ein Erdnussfarmer aus dem Süden,
gestreut werden, über den Rock der neuen nen Jungen, der war erst fünf Jahre alt, war gerade Präsident geworden, sein Wahl-
First Lady, der gern kürzer sein dürfe, und verhaftet hätten. Dass die paar Mexikaner, kampfmotto lautete: „Ein Mensch wie du
über den Grill beim Sportfest, auf den nie die er kenne, „anständige Menschen“ sei- und ich“.
genügend Würstchen passen. Irgendwann en. Er schlägt dabei mit seiner schwarzen Beckers Schicht beginnt seitdem jeden
an diesem Morgen, der Kaffee wird nach- Hand auf den Tisch. Tag um acht Uhr. Er nimmt dann eine

56 DER SPIEGEL 13 / 2017


irgendein Turnier gewann. Sie gingen ein- dieser Serie, einer Fantasy-Erzählung über
mal auf die Reeperbahn, tranken sehr viel Kriege um Macht, Politik und Religion,
deutsches Bier und sahen nackte Frauen, sind die Menschen auf dem Land oft
die in Schaufenstern saßen. Becker sagt, schlicht, aber tugendhaft und gut, die Herr-
die hätten ihnen leidgetan. scher in den Städten reich und schön, aber
Neil Becker bezeichnet sich als „einfa- gewissenlos und verdorben.
chen Menschen“; vielleicht auch, weil Men- Donald Trump wurde nicht in den Groß-
schen, die hart arbeiten, Countrymusik lie- städten Amerikas gewählt, sondern im
ben und in ihrem Leben nicht viel reisen, Landesinnern, nicht in Boston oder San
schnell für einfach gehalten werden. Er Francisco, wo junge Menschen hinziehen,
glaubte einmal, richtige Politiker, nicht Mil- sondern in Kleinstädten wie Fergus Falls.
liardäre wie Donald Trump, würden für Die Leben im dünn besiedelten Herzen
Menschen wie ihn da sein. Vor acht Jahren, und an den hoch bebauten Rändern waren
als Obama zur Wahl antrat, gab Becker schon immer ganz verschieden. Die Men-
ihm seine Stimme. schen in den Großstädten verdienen mehr
Obama versprach, einfache Männer Geld, sie reisen mehr und nehmen häufi-
stark zu machen, aber nach vier Jahren ger Drogen. Die Menschen auf dem Land
musste Becker sich seine Stelle mit einem besitzen mehr Waffen, sie heiraten jünger
anderen einfachen Mann teilen. Dieser und sind öfter alkoholabhängig. Es gibt
Mann stammte nicht aus Minnesota, son- Studien, die zeigen, dass amerikanische
dern aus Somalia; er hieß Bashir und sagte, Landbewohner auch langsamer reden und
er komme aus dem Krieg. Becker sah auf gehen; dass sich junge Menschen, die in
seinen Gehaltsscheck und fühlte sich nicht ländlichen Regionen aufwachsen, fast dop-
stärker, sondern schwächer. pelt so oft das Leben nehmen.
Er wählte Obama noch ein zweites Mal, Wer in Fergus Falls junge Menschen
aber dann, vor etwa einem Jahr, erhielt sucht, der findet sie fern vom Zentrum,
Becker von seinem Arbeitgeber einen auf einem steilen, verschneiten Hügel, vor
CLAAS ROLOTIUS / DER SPIEGEL

Brief. Darin stand, dass die Regierung das dem gelbe Busse parken. Die Highschool
Kraftwerk, in dem er seit 40 Jahren Kohle ist ein dreistöckiger Klinkerbau, benannt
schaufelt, nicht länger subventionieren nach John F. Kennedy. Wer ihn betritt,
werde. Dass in zwei Jahren Windräder an muss durch eine Sicherheitsschleuse, durch
dessen Stelle kämen. drei Türen aus Panzerglas und einen Waf-
Neil Becker sagt, als er im vergangenen fenscanner.
November ins Rathaus ging, um Donald Ein paar Hundert Schüler gehen hier
Trump zu wählen, habe er an diese Räder zum Unterricht. Ihr Schulleiter heißt Mr
gedacht und auch an Bashir, seinen Kolle- Monke, ein Umstand, der dem Schulleiter
Schippe und schaufelt neun Stunden lang gen aus Somalia. „Ich habe nichts gegen eher schadet, weil sein Name ausgespro-
Steinkohle, die aus Ohio kommt, auf ein Flüchtlinge“, sagt Becker, „aber ohne mei- chen wird wie „monkey“.
Fließband. Er muss dabei oft husten. Er nen Job bin ich nichts wert.“ Im Abschlussjahrgang lesen sie „König
hat nie etwas anderes gemacht. Artur“ und „Schöne neue Welt“. Der Ge-
„Bin ich stolz drauf“, sagt er, „weil es Der Präsident auf Fox News schichtskurs heißt „Von Mythen und von
im Leben darauf ankommt, nicht einfach „Wir werden dieses Land mit Lügen“, es geht um die Eroberung Ameri-
nur rumzusitzen.“ Seine Frau und er woll- amerikanischen Händen wieder kas. In der Aula, einem langen Flur, der
ten einmal Kinder, aber sie haben nie wel- nach Linoleum riecht, hängen drei Dut-
che bekommen. Samstags geht er zum aufbauen.“ zend Bilder berühmter Amerikaner an den
Bowling, er bowlt in einem Verein. Sonn- Das Kraftwerk, in dem Neil Becker arbei- Wänden. Im vergangenen Herbst malten
tags geht er oft eisangeln, dabei hört er tet, war einmal der größte Arbeitgeber in alle Klassen Vorbilder für den amerikani-
leise Countrymusik. Fergus Falls, 160 Männer waren dort be- schen Traum, für sozialen Aufstieg durch
Er war nur zweimal in seinem Leben im schäftigt. Es ist so alt wie die meisten Men- harte Arbeit, auf Plakate. Sie malten nicht
Urlaub. Einmal in Winnipeg, Kanada, das schen, die hier leben: 40 Jahre. Wer durch ein einziges Bild von einer Frau. Eine Klas-
ist etwa fünf Stunden entfernt. Seine Frau die Stadt läuft, sieht viele Ältere, aber se malte Barack Obama, zwei malten John
und er wohnten in einer Hütte ohne Fern- kaum Junge. Das Internet ist langsam, die D. Rockefeller. Die meisten malten Donald
seher, sie starrten sechs Tage lang auf ei- Landwirtschaft wichtig, aber wer studieren Trump.
nen See, und sie waren froh, als sie wieder kann, zieht weg. An einem Dienstagvormittag, knapp
zu Hause waren. Das andere Mal, erzählt In der Washington Avenue, die früher eine Woche nachdem der Präsident den
Becker, stiegen sie in ein Flugzeug nach einmal Bismarck Avenue hieß, weil der Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko
Europa. Sie packten zwei große, schwere Name Bismarck für Ordnung und für Fleiß angeordnet hat, ertönt in einem Klassen-
Koffer, verabschiedeten sich von ihren stand, gibt es ein Veteranenheim. In der Bi- raum die Stimme von Tom Hanks.
Nachbarn, als würden sie nie zurückkeh- bliothek, die früher mal ein Kindergarten Es ist der Biologieunterricht der neunten
ren, und flogen Richtung Deutschland. war, treffen sich Rentnerinnen zum Stri- Klasse, es geht um die Entstehung der Ar-
Ein alter Freund von Becker, sie kannten cken. Ein paar Häuser weiter, im Rathaus, ten, zwei Dutzend 14-Jährige sehen einen
sich von der Armee, lebte in Bremerhaven leitet City Administrator Andrew Bremseth, Film, in dem Hollywoodschauspieler die
und hatte sie nach Hamburg eingeladen. der an den Aufbruch glaubt, ein Seminar, Evolution erklären. „Wir Menschen“, er-
Es war im Sommer 1989, in einem deut- das „iPad für Anfänger“ heißt, vier Bewoh- klärt ihnen Tom Hanks, „sind nicht von
schen Fernseher irgendwo in Hamburg sah ner nehmen teil. Er veranstaltet auch ein- Gott gemacht, sondern durch einen gro-
Becker, wie ein junger deutscher Tennis- mal im Monat einen Serienquizabend, seine ßen, lauten Knall.“ Die Schüler rufen da-
spieler, der den gleichen Nachnamen trug, Lieblingsserie heißt „Game of Thrones“. In zwischen, sie sagen, ihre Eltern hätten sie
DER SPIEGEL 13 / 2017 57
Gesellschaft

das Gegenteil gelehrt. Sie sagen, Tom ist später Nachmittag, im Radio läuft Car- Nachrichten, und der benutzte nicht schö-
Hanks lüge. Sie sagen, sie würden nie los Santana, aber das Lokal ist leer, Israels ne, sondern harte, böse Worte, er sprach
mehr seine Filme ansehen. Mutter putzt Besteck, das nicht benutzt von „Chaos“, „Desaster“ und „Betrug“.
Nur einer von ihnen, ein rundlicher Jun- worden ist. Sie sagt, dass an den Tischen Sie hörte Trump zu und fühlte sich ver-
ge mit Brille, der in der ersten Reihe sitzt, früher jeden Abend Gäste saßen. Die Ar- standen.
sagt fast den ganzen Vormittag lang nichts. beiter von der Tafel der Weisheit, Neil Be- Sie kannte ihn seit Ewigkeiten aus dem
Er hat pechschwarzes Haar und braune cker und seine Stammtischfreunde, tran- Fernsehen, aus dieser Show auf NBC, in
Haut, die dunkler ist als die der anderen. ken gemeinsam mit ihr Tequila. Auch An- der Trump früher Witze über Frauen und
Sein Name ist Israel. drew Bremseth kam oft mit seinen Eltern. Ausländer gemacht hatte, oft musste sie
Ein paar Stunden später, der Unterricht Seit ein paar Monaten, sagt Rodriguez, sei selbst darüber lachen. Sie hörte auch, was
ist zu Ende, sitzt Israel vor dem Eingang sei- das Lokal „wie ausgestorben“. er im Wahlkampf über Mexikaner sagte,
ner Schule und sagt, er habe Angst hierher- Sie wisse nicht, ob es an Trump liege, er nannte sie „Vergewaltiger“, „Verbre-
zukommen. Es sei wegen seiner Haut, sei- aber sie sagt ihrem Sohn, dass es ihr leid cher“, „Killer“, er redete von dieser Mauer.
ner Haare und wegen seines Namens. „Dro- tue. Dass sie sich schäme. Dass dieser Prä- Maria Rodriguez sieht ihren Sohn an, Is-
genjunge, Zaunjunge“, sagt Israel, der mit sident nur ihre Schuld sei. Sie, Israels Mut- rael, sie sagt: „Wer glaubte denn, dass er
Nachnamen Rodriguez heißt, so beschimpf- ter, sagt: „Wie konnte ich ihn wählen?“ das wirklich ernst meint?“
ten ihn seine Mitschüler jetzt jeden Tag. Maria Rodriguez ist 43 Jahre alt, eine Die meisten Menschen, denen ich in Fer-
Die meisten würden ihn „wetback“, Nass- kleine Frau mit leiser Stimme und spani- gus Falls begegne, glauben, dass Trump es
rücken, nennen, als ob seine Familie nicht schem Akzent. Sie stammt nicht aus Fergus immer ernst gemeint hat. Viele sagen, sie
legal über die Grenze gekommen, sondern Falls. Sie wuchs auf in Guadalajara, der hätten Trump nur deswegen gewählt.
durch den Rio Grande geschwommen wäre. zweitgrößten Stadt Mexikos. Ihr Vater, Nicht alle sind für diese Mauer, nicht alle
Israel Rodriguez, blauer Kapuzenpullo- Don Pablo, erzählt sie, sei mit ihr in die sind dafür, Muslime aus Amerika zu ver-
ver, weiße Turnschuhe, ist in Fergus Falls USA gezogen, da sei sie noch ein Mädchen bannen, aber fast keiner hat wirklich etwas
geboren, er ist amerikanischer Staatsbürger. gewesen. dagegen.
Er isst in der Schulkantine fast immer Ham- Erst lebten sie in Texas, ihr Vater wollte Sie reden hier nicht viel darüber. Sie ge-
burger, von Tacos oder Burritos wird ihm in Dallas ein Restaurant eröffnen, aber die hen zum Bowling, zur Tanzschule oder
schlecht, aber er ist der Einzige auf dieser Menschen dort nannten Don Pablo einen zum Jagen, dabei reden sie über Spritprei-
Highschool, der eine Mutter hat, die Mexi- „dreckigen Indianer“, also zogen sie ganz se und Fernsehshows. Sie schauen viel fern
kanerin ist. „Die Sprüche begannen mit in den Norden, nach Minnesota, wo es in Fergus Falls, die Winter sind lang, und
Trump“, erzählt Israel, „plötzlich sagten alle: kaum Texaner, nur ein paar echte Indianer es wird früh dunkel. Die meisten schauen
,Wenn die Mauer kommt, fliegt ihr raus.‘“ gab. Sie waren die einzigen Mexikaner Gameshows oder Sport. Zum Frühstück
Am Anfang sei es noch ein Spaß gewe- hier, sie sind es bis heute, aber sie besaßen sehen sie die Nachrichten auf Fox News,
sen. Sie nannten ihn den „Illegalen“, weil bald ein eigenes Lokal und fühlten sich nicht weil sie CNN für einen Lügensender
ihre Väter Mexikaner oft Illegale nannten. wohl in der kalten Gegend. „Wir liebten halten, sondern weil Fox News mehr über
Er nannte sie „white and angry“, weiß und den Schnee“, sagt Maria Rodriguez, „ich Probleme der Landwirtschaft berichte als
wütend, weil ihre Eltern riesengroße liebe ihn noch immer.“ über Studiengebühren und Gender-Klos.
Trump-Plakate in ihrem Garten hatten. Sie lernte hier einen Amerikaner ken- Zum Abendessen schauen sie alte Serien,
Aber dann, am Tag nachdem Trump wirk- nen, George, sie sagte „José“ zu ihm. Sie am liebsten „Akte X“, darin geht es um
lich gewählt worden war, malten Mitschü- heirateten, bekamen einen Sohn und nann- Außerirdische und Verschwörungen der
ler einen Sombrero, der an einem Galgen ten ihn Israel, weil in der Bibel stehe, Israel Regierung.
hing, auf seinen Rucksack. Auf dem Heim- bedeute „Gottes Kämpfer“. Andrew Bremseth, der City Administra-
weg lauerten ihm fünf Jungen auf, sie klau- Nach ein paar Jahren verschwand tor, sagt, er sei der Einzige, der eine über-
ten seine Brille, beschimpften ihn als „fett“ George plötzlich. Rodriguez sagt, sie habe regionale Zeitung abonniere, aber er müs-
und „faul“, zwei von ihnen spuckten in ihren Mann nie wiedergesehen, und vor se im Winter, wenn alle Zufahrtsstraßen
sein schwarzes Haar. zwei Jahren, Israel ging längst zur High- verschneit seien, oft tagelang auf seine Zei-
„Die meinen es jetzt ernst, die sagen, school, wurde sie nierenkrank. Sie musste tung warten. Die meisten lesen nur die Lo-
ich bin nicht wie sie, ich bin nicht von bald jeden zweiten Tag ins Krankenhaus, kalzeitung, das örtliche „Daily Journal“,
hier“, sagt Israel Rodriguez, „die sagen, dort schloss man sie an eine Maschine an, darin stehen Wettervorhersagen, Ergebnis-
ich soll nach Mexiko verschwinden.“ ihr Blut musste gewaschen werden. se vom Highschool-Wrestling und Gottes-
Es war zu dieser Zeit, erzählt Maria Ro- dienstzeiten für alle 29 Kirchen.
Der Präsident auf Fox News driguez, da kündigte sie ihre alte Kranken- Fast jeder in Fergus Falls ist Mitglied ei-
„Es gibt dort unten einen versicherung und beantragte eine neue, ner lutherischen Gemeinde. Andrew Brem-
staatliche; eine, für die Obama, der Präsi- seth spielt jeden Sonntag in der Big Band
Haufen ,bad hombres‘, dent, mit seinem Namen bürgte. Sie ver- seiner Kirche Banjo. Neil Becker, der Ar-
viele üble Leute, und nur eine stand nicht genau, wie dieses Modell, Oba- beiter aus dem Kraftwerk, trägt jeden
Mauer wird sie fernhalten.“ macare, funktionierte, aber sie mochte Sonntag einen Anzug, seine Frau und er
Obama, und sie vertraute ihm. Im ersten müssen manchmal, wenn sie Jesus’ Leiden
Israel Rodriguez wohnt nicht weit von der Monat zahlte sie nur 46 Dollar, aber dann, gedenken, weinen. Maria Rodriguez und
Highschool, er lebt bei seiner Mutter und mit der Zeit, stiegen die Beträge, hätten ihr Sohn Israel tragen Ketten mit Kreuzen
einem Onkel, in einem kleinen Haus mit sich alle paar Monate verdoppelt. Bald um den Hals, wenn sie die größte Kirche
dem amerikanischen Sternenbanner auf musste sie im Krankenhaus fünf Stunden der Stadt betreten, einen runden sandfar-
der Veranda. Ein paar Straßen weiter be- warten, weil Privatpatienten bevorzugt benen Steinbau, der wie ein Raumschiff
treibt Maria, die Mutter, ein Lokal. wurden. Einmal brach sie dort vor Schmer- in der Landschaft steht.
„Don Pablo’s Mexican Family Restau- zen zusammen. An einem Sonntagmorgen im Februar,
rant“ steht über dem Eingang, drinnen, „Obamas Worte klangen schön“, sagt drei Wochen nachdem Donald Trump be-
zwischen bunt bemalten Tischen, stehen Rodriguez, „aber alles, was er sagte, war schlossen hat, elf Millionen illegale Ein-
Kakteen und Stierkämpfer aus Pappe. Es gelogen.“ Sie sah Donald Trump in den wanderer auszuweisen, nur Tage nachdem

58 DER SPIEGEL 13 / 2017


Hunderte Menschen ohne Papiere nach
Lateinamerika abgeschoben worden sind,
parken vor der Kirche ein paar Hundert
Autos. Drinnen, vor einem Altar aus Ker-
zen, über dem die amerikanische Flagge
hängt, singen Menschen Lieder über „Je-
sus, den Erlöser“.
Maria und Israel Rodriguez sitzen allein
auf einer Bank ganz hinten. Ein paar Mit-

CLAAS ROLOTIUS / DER SPIEGEL


schüler aus Israels Klasse sind auch mit
ihren Eltern da, sie sehen Israel, aber sie
grüßen ihn nicht.
Der Gottesdienst beginnt mit einem Ge-
bet für den Präsidenten. „Herr“, predigt
der Pastor, ein Mann in grauer Strickjacke,
City Administrator Bremseth „beschütze unseren Bruder Donald, stehe
Er kennt Merkel nicht, weiß aber alles über die deutschen Kaiser ihm bei, und lass ihn Amerika beschützen,
verleih ihm Stärke, und lass ihn unser An-
führer und Hirte sein.“ Die Menschen in
der Kirche schließen die Augen, sie falten
die Hände.

Der Präsident auf Fox News


„Die Bedrohung durch radikal-
islamischen Terrorismus ist sehr
real, seht nur, was in Europa und im
Mittleren Osten los ist. Die Gerichte
müssen schleunigst handeln!“
Die Bewohner von Fergus Falls sammeln
in ihren Kirchen Geld, um es Behinderten
zu spenden. Sie halten zusammen, wenn
Familien an Krankheit, Sucht oder Gewalt
zerbrechen. Sie winken, wenn sie ihre
Mülltonnen zur Straße bringen.
Nach einiger Zeit laden mich viele zum
Essen zu sich nach Hause ein, braten Trut-
hahn, Hähnchen oder Süßkartoffeln. „Min-
CLAAS ROLOTIUS / DER SPIEGEL

nesota-nice“, so nennen sie hier ihre Gast-


freundschaft, hinter der angeblich immer
Vorsicht steckt. Wenn ich sie in ihren
Wohnzimmern besuche, sie auf ihre Schieß-
anlagen und zu ihren Strickkursen begleite,
dann fragen sie oft nach Deutschland und
Einwanderin Rodriguez Europa: ob Reisen dorthin noch sicher sei-
„Obama hat gelogen“ en? Wie viele Millionen Flüchtlinge jetzt
dort lebten? Wie wir uns schützen wollen
vor Anschlägen? Diese Menschen sind kei-
ne Rassisten. Aber sie haben vor allem,
was sie nicht kennen, Angst.
Viele fürchten sich vor Muslimen; sie
sind noch nie einem Muslim begegnet,
aber in Filmen, in denen sie Muslime se-
hen, explodiert häufig eine Bombe. Viele
haben Angst vor Mexikanern; die einzigen,
die sie kennen, sind Maria Rodriguez und
ihr Sohn, aber in Nachrichten, die von
CLAAS ROLOTIUS / DER SPIEGEL

Mexikanern handeln, geht es oft um Ver-


gewaltigungen und Drogen. Es gibt auch
Bewohner, die Angst vor einer Frau als
Präsidentin haben. Sie hören, dass in
Deutschland eine Frau regiert, die Flücht-
linge ins Land lässt, und sie halten ihr Herz
Schüler Rodriguez und ihren Verstand für schwach.
Ein Sombrero, der am Galgen hing Das Einzige, wovor sich alle fürchten, ist
der Verkehr auf fünfspurigen Straßen. Nach
DER SPIEGEL 13 / 2017 59
CLAAS ROLOTIUS / DER SPIEGEL
Frühstückstafel im Viking Café: Sie heben die Hand für Trump, dann reden sie wieder über die Bürgersteige

Saint Paul, in die Hauptstadt Minnesotas, die Berufung eines Supreme-Court-Rich- drehen gerade das Spiel. Bremseth jubelt
fahren sie fast nie. ters, der das Tragen von Waffen für ein nicht, er steht auf vom Tresen, er redet
Andrew Bremseth ist vor ein paar Tagen Grundrecht halte. „Welcher Präsident“, lieber im Stehen weiter. „Warum war diese
dort gewesen. Er hat einen Rucksack mit sagt Bremseth, die Klingen seines Messers Frau so aggressiv? Warum gehen Men-
viel Proviant gepackt und ist dreieinhalb formen nun ein Kreuz, „hat in so kurzer schen in Europa gegen den amerikani-
Stunden mit dem Bus gefahren. Er wollte Zeit so viel für Amerika erreicht?“ schen Präsidenten auf die Straße? Weshalb
Geld für Fergus Falls beantragen, für ein Ich frage ihn, ob er das ernst meine; ob nennen Zeitungen Trump einen Diktator?
paar neue Bürgersteige. Es sei kein Pro- er nicht spüre, wie Trumps Entscheidun- Weshalb blockieren Richter seine Anord-
blem gewesen, sagt er, das Geld werde in gen die Gesellschaft spalten, wie seine nungen? Der Präsident wurde ganz normal
einem Monat überwiesen. Reden Hass und Vorurteile säen. Andrew gewählt“, sagt Bremseth, „warum lässt
Er erzählt das an einem Sonntagabend, Bremseth hört sich meine Fragen an, aber man ihn nicht ganz normal regieren?“
am Tresen eines Ladens namens „Pizza er sagt, Hass verbreiten gerade nur die an- Dann setzt er sich wieder. Nach einer
Union“, der einzigen Kneipe in Fergus deren, die Eliten, Journalisten und Politi- kurzen Pause sagt er, dass der Bau einer
Falls. „Unter Obama“, sagt Bremseth, „war ker aus Washington. „Es heißt immer, wir Mauer richtig sei. „Es kann auch nicht
angeblich nie Geld für uns da, nicht mal seien wütend, wir vom Land seien gegen schaden“, sagt er, „Menschen aus Syrien
für Ärzte oder Pflegeheime, ich kam mir die Regierung und die da oben. Aber seit oder Somalia ein paar Jahre aus dem Land
vor wie ein bettelnder Idiot. Aber Trumps der Wahl“, sagt Bremseth, „sind nicht zu halten.“
Wahl war wie ein Denkzettel, jetzt sind mehr wir die Wütenden.“ Warum? Würde Amerika dadurch siche-
Menschen wie wir auf einmal wichtig.“ Auf der Rückfahrt aus Saint Paul, er- rer? Verrät das Land damit nicht genau
Die Kneipe um ihn herum ist voll mit zählt er, saß neben ihm im Bus eine hüb- die Werte, auf denen es gegründet wurde?
Männern, von der Decke hängen Girlanden, sche Frau in seinem Alter. Sie trug Lip- Ich stelle Andrew Bremseth, der Politik
im Fernsehen läuft der Super Bowl. Andrew penstift und blonde, kurz frisierte Haare, studiert hat, der Bücher über Geschichte
Bremseth sitzt auf einem Hocker, vor ihm sie sah nicht aus, als komme sie von hier, liest, diese Fragen mehrmals, aber fast im-
steht ein dunkles Bier, er trinkt es im Winter aber sie kamen ins Gespräch. Sie unter- mer weicht er aus. Fast immer sagt er, die
gern warm. Er mache sich eigentlich nichts hielten sich über „Game of Thrones“, über Gründerväter Amerikas kannten noch
aus Football, sagt er, aber er drücke den New Gedichte von Walt Whitman und über die kein 9/11, noch keine Selbstmordattentäter
England Patriots die Daumen, weil deren Schönheit von Paris. Bremseth sagt, er in Flugzeugen, noch keine Islamisten, die
Quarterback ein Waffenfan wie er sei und habe überlegt, sie nach ihrer Telefonnum- sich in Diskotheken in die Luft sprengen.
außerdem ein Freund Donald Trumps. mer zu fragen, aber dann, irgendwann, ka- An diesem Abend sagt Bremseth, dass
„Der Präsident macht einen Wahnsinns- men sie auf Trump zu sprechen. die Menschen in Fergus Falls große, aus-
job“, sagt Bremseth. Er zählt auf, was „Are you fucking nuts?“, bist du total schweifende Feste lieben. Es war im letzten
Trump nur in den ersten Wochen alles be- bescheuert?, „das waren ihre Worte“, sagt Sommer, erzählt er, da feierten sie hier, in
schlossen habe, er zieht ein Schweizer Ta- Bremseth. „Nur weil ich Trump gewählt dieser Kneipe, einen Westernabend. Sie
schenmesser aus seiner Hose und klappt habe, nur deshalb hat sie sich weggesetzt, schütteten Sand und Stroh auf die Veran-
die Klingen nacheinander auf: erstens den als hätte ich irgendeine Krankheit.“ da, grillten marinierte Rinderhälften, da-
Einreisestopp, zweitens den Mauerbau, Die Männer in der Kneipe jubeln, schüt- neben spielte eine Countryband. Alle
drittens das Ende von Obamacare, viertens ten sich Bier über den Kopf, die Patriots Frauen, darunter auch Maria Rodriguez,

60 DER SPIEGEL 13 / 2017


Gesellschaft

tanzten in altmodischen Kleidern, alle


Männer, unter ihnen auch Neil Becker und
seine Stammtischfreunde, trugen Hüte
oder Cowboystiefel, Andrew Bremseth
trug seine Pistole.
„Es war ein guter Abend“, sagt er, „bis
DER SPIEGEL
plötzlich die Nachrichten aus Deutschland
kamen, die Schockmeldungen aus Mün-
chen.“ Sie kannten München bis dahin nur
wegen des Oktoberfests, wegen der Deut-
im Gespräch mit
schen, die auf Tischen tanzten und Bier
aus großen Gläsern tranken. Nun sahen
sie andere Bilder aus München. Sie sahen
Wolfgang Schäuble
Bilder von Toten, Videos von einem Mann,
der bewaffnet war und um sich schoss.

Laurence Chaperon

Michael B. Rehders / DER SPIEGEL

Christian O. Bruch/DER SPIEGEL


„Die Countryband hörte auf zu spielen,
es war einfach nur still“, sagt Andrew
Bremseth, „wir sind auf die Knie gegan-
gen, dann haben wir uns an den Händen
gehalten und für alle Menschen dort ge-
betet.“
Ein paar Tage später, sagt Bremseth,
habe er im Internet gelesen, der Täter sei
ein Terrorist gewesen, ein Kämpfer des
„Islamischen Staats“, der als Flüchtling
nach Deutschland gekommen sei.
Ich sage ihm, dass das nicht stimmt, dass
es kein Terrorist war, sondern ein 18-Jäh-
riger aus München, ein Amokläufer, der
von seinen Mitschülern gemobbt wurde, Neue Herausforderungen für Europa:
der ohne Erlaubnis eine Waffe getragen
hatte. Bremseth nimmt einen großen, letz- Finanzminister Wolfgang Schäuble spricht
ten Schluck von seinem Bier. „Wegen sol-
cher Typen“, sagt er, „trage ich meine.“ mit SPIEGEL-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer
Der Präsident auf Twitter und SPIEGEL-Auslandsressortchefin Britta Sandberg
„Verlasse gerade Florida. über die Lage in Europa, den Kurs der neuen US-
Große Menschenmengen
begeisterter Unterstützer säumen Regierung und über die Bundestagswahlen im Herbst.
die Straße, aber die FAKE-NEWS-
Medien weigern sich, sie
zu erwähnen. Sehr verlogen!“
An einem Mittwochabend Mitte Februar
sitzt Neil Becker in kurzer Hose auf einer
Schrägbank und stemmt Eisenhanteln, bis
sein Kopf rot anläuft. Das alte Football- Dienstag, 11. April 2017, 18.00 Uhr
Gym der Fergus Falls Otters ist ein kleiner,
fensterloser Keller, ausgelegt mit Teppi- SPIEGEL-Haus, Ericusspitze 1, 20457 Hamburg
chen, an den Wänden hängen Poster von
Arnold Schwarzenegger, auf einem Fern-
seher laufen Interviews mit Donald Trump Karten im Vorverkauf, an der Abendkasse und unter spiegel-live.de.
und Wiederholungen vom Super Bowl. Eintritt: 10 Euro, ermäßigt 7 Euro, Einlass ab 17.00 Uhr. Änderungen vorbehalten.
Becker trägt ein weißes T-Shirt, darauf Die Veranstaltung wird per Live-Stream auf spiegel.de übertragen.
steht: „World Bench Press and Deadlift
Championships Las Vegas“. Er hat nie da-
ran teilgenommen, er war auch nie in Las
Vegas, aber er trainiert hier, wenn er
schlechte Laune hat. Becker schnauft. Er
habe gehört, dass das Kraftwerk, in dem
er arbeitet, auf jeden Fall geschlossen wer-
de. Dass auch Trump, selbst wenn er woll-
te, nichts mehr dagegen machen könne.
„War ein Fehler, den zu wählen“, sagt
Becker. Es sei nicht wegen seines Jobs, er
DER SPIEGEL 13 / 2017 61
Gesellschaft

sei bald 60, es werde ihm, anders als vielen


anderen, nicht mehr das Genick brechen.
„Viel schlimmer ist“, sagt Becker, „was die-
ser Kerl mit unserem Land anstellt.“
In den Lokalnachrichten habe er gele-
sen, dass drüben in Fargo, nur eine Stunde
entfernt, ein junger US-Soldat, ein ehema-
liger Drohnenpilot, ein Schrotgewehr aus
dem Jagdschrank seines Vaters genommen
und damit einem Kubaner, einem Einwan-
derer ohne Papiere, in den Kopf geschos-
sen habe.
Becker holt tief Luft wie vor einem
Tauchgang, er stemmt ein Paar Hanteln,
lässt es wieder fallen.
Er erzählt, dass Bashir, sein Kollege aus
Somalia, drei kleine Kinder habe und dass
Bashirs Frau, deren Mutter, auf der Flucht
aus Afrika ertrunken sei. Bashir habe beim
Kohleschaufeln nie darüber gesprochen,
erst jetzt, da Trump Familien wie seiner
die Einreise verbieten will, habe Bashir da-
von erzählt. Becker sagt: „Ich habe mich
noch nie so für Amerika geschämt.“
Er höre Donald Trump jetzt oft von „is-
lamistischen Horden“ sprechen, von An-
schlägen in Europa und Massakern in Ame-
rika, die es in Wahrheit nie gegeben hat.
Er müsse jetzt manchmal, wenn er Trump
beim Lügen zuhöre, so sagt er, an George
Washington denken, Amerikas ersten Prä-
sidenten, „über den hieß es, dass er nicht Bewohner von Fergus Falls beim Bowling: Sie haben Angst vor allem, was sie nicht kennen
lügen konnte“.
Becker sieht auf zum Fernseher an der
Wand, auf die Wiederholung des Super ling dieses Land betreten habe. „Damals“, Der Präsident auf Fox News
Bowl, gerade läuft die Halbzeitshow. Er sagt Becker, „wurden Flüchtlingen zur Be-
sieht die Sängerin Lady Gaga, die auf ei- grüßung 90 Hektar Land geschenkt.“ „Ich bin heute hier, um das
nem Stadiondach in Texas steht, sie singt Er würde Bashir und seinen Kindern amerikanische Volk über den
einen der berühmtesten Songs der ameri- auch gern etwas schenken; er will sie nun unglaublichen Fortschritt zu
kanischen Geschichte. Becker singt mit ihr öfter zum Bowling oder Eisangeln mitneh-
die erste Strophe. men. Er will auch seine Stimme gegen informieren, der in den letzten
„This land is your land, this land is my Trump erheben, aber er weiß nicht, wie vier Wochen seit meiner Amts-
land / From California to the New York is- oder mit wem. einführung gemacht wurde. Wir
land / From the redwood forest, to the gulf An einem Freitagmorgen, ein paar Tage
stream waters / This land was made for you später, beim Stammtischfrühstück an der haben unglaubliche Fortschritte
and me.“ Tafel der Weisheit, fragt Neil Becker die gemacht. Ich denke nicht, dass
Becker weiß nicht, wer Lady Gaga ei- anderen Männer, wer von ihnen wirklich
gentlich ist, er findet ihren Namen albern, an Trump glaube, wer noch immer einen
es je zuvor einen gewählten Präsi-
aber er hat bald Tränen in den Augen. Das Retter in ihm sehe. Alle Männer heben die denten gab, der in so kurzer Zeit
Lied handelt von einem Mann, der von Hand, nur er nicht. Dann reden sie wieder getan hat, was wir getan haben.“
Kalifornien nach New York wandert, durch über das Wetter und die glatten Bürger-
goldene Täler und wehende Felder, durch steige. In einem Monat in Fergus Falls begegne
ein Land, das genug Raum und Glück für Am Sonntag darauf, vor dem Gang in ich keinem Bewohner, der Donald Trump
alle bietet. die Kirche, steckt Becker eine kleine Ame- für einen guten Menschen hält. Aber die
Becker sagt, es gehe um offene Grenzen rikafahne, die früher am Pfosten seiner Ve- meisten glauben, dass Trump ein guter Prä-
und um Menschen auf der Flucht. Er müs- randa hing, in den Schnee vor seinem sident sein wird.
se jetzt häufig, wenn er den Präsidenten Haus. Er hat die Fahne, das Sternenbanner, Wenn ich die Farmer an Neil Beckers
von einer Mauer reden hört, an diese Zei- auf den Kopf gedreht, er hat dieses Zei- Stammtisch frage, was sie sich für die Zu-
len denken. Er müsse daran denken, dass chen mal bei der Armee gelernt, es ist das kunft wünschen, dann reden sie von früher.
in seinen eigenen Adern nicht nur ameri- Zeichen für den nationalen Notstand. Wenn ich die Kellnerinnen im Diner frage,
kanisches, sondern auch polnisches und Neil Becker und seine Frau sind den gan- wovon sie träumen, dann sagen sie, dass
deutsches Blut fließe; dass seine Vorfahren zen Vormittag beim Gottesdienst, sie beten alles wieder so werden solle, wie es vor
einst vor Armut aus Europa geflohen, dass für Bashirs Kinder, für Jesus Christus und Jahren einmal gewesen sei. Vielleicht geht
sie vor hundert Jahren auf einem Schiff Amerika. Als sie zurückkehren, sehen sie es ihnen gar nicht um Muslime und Me-
über den Atlantik gekommen seien. Er er- im Schnee ihres Gartens tiefe Fußspuren. xikaner, nicht um Windräder, Kranken-
zählt, dass sein deutscher Großvater, Al- Die Fahne steckt wieder richtig herum in versicherungen oder Waffenscheine. Viel-
fred Becker, genau wie Bashir, als Flücht- der Erde. leicht fürchten sie nur alles Neue, alles
62 DER SPIEGEL 13 / 2017
Amerika, ein paar schöne Thesen zur Zer- Freiheitsstatue, aber sie besichtigen den
rissenheit des Landes, eine Erklärung, wa- Trump Tower.
rum Menschen, die überzeugte Demokraten Der Wolkenkratzer des Präsidenten ist
waren, Donald Trump gewählt haben. ein schwarzer Turm mit goldenem Schrift-
Sie haben mir Bücher empfohlen und zug. Vor dem Eingang stehen Polizisten
viele kluge Texte nach Fergus Falls ge- mit Maschinenpistolen.
schickt. Ich habe in Romanen von John Die Schüler fahren auf glänzenden Roll-
Steinbeck gelesen, um die Seele der ameri- treppen den Turm hinauf, sie machen Sel-
kanischen Kleinstadt zu begreifen. Ich habe fies vor einem Starbucks, einem Nike-
Forschungsartikel gesammelt, die die Wäh- Store und Filialen von Gucci und Armani.
lerschaft sezieren, Analysen von Experten, Die Jungen kaufen Schokoladenriegel in
die Trumps Anhänger und Gegner wie Ma- Goldfolie, die Mädchen ein Parfum na-
rionetten nach Herkunft, Alter, Bildung mens „Success“ für 49 Dollar.
und Geschlecht sortieren. Im Bus riecht es Israel Rodriguez, mit dem keiner redet,
nach Sandwiches und Schweiß. Die Wirk- geht eine Stunde lang allein durch die Eta-
lichkeit ist komplizierter. In Fergus Falls, gen. Er erzählt, dass seine Mutter zu Hause
wo die einzige Mexikanerin Trump ge- häufig weine, dass sie immer mehr Schmer-
wählt hat, wo ein junger Mann, der gebil- zen wegen ihres Nierenleidens habe, aber
detste im ganzen Ort, um seine Pistole noch immer keinen Arzt, der ihre Schmer-
fürchtet, aber nicht um die Freiheit anderer zen schnell behandelt. Er sagt auch, dass
Menschen, passen die Schablonen nicht, sie ihm jetzt häufiger von Mexiko erzähle,
bleibt vieles widersprüchlich, rätselhaft. von Guadalajara, wo ihre Verwandten leb-
41 Prozent aller Amerikaner, so das Er- ten und wo fast jeden Tag die Sonne schei-
gebnis einer nationalen Umfrage nach ei- ne. Maria, die den Schnee liebt, sei es in
nem Monat unter dem neuen Präsidenten, Fergus Falls zu kalt geworden.
CLAAS ROLOTIUS / DER SPIEGEL

sind mit der Politik von Donald Trump „Trump ist nicht ihre Schuld“, sagt Israel
zufrieden. Laut einer anderen Umfrage, Rodriguez. Er steht vor einem Restaurant,
anonym erhoben, sind es 54 Prozent. dem Trump-Grill, er sieht eine Werbetafel,
Ich habe keine großen Thesen. Ich frage darauf isst der Präsident einen Burrito,
mich, was aus einer Stadt wie Fergus Falls sein Daumen zeigt nach oben, darüber
jetzt wird, wohin der Protest die Menschen steht: „I love Hispanics!“
nun führt. Melania Trump, die First Lady, wohnt
Ich muss an eine weltberühmte Serie noch immer hier, in einem Penthouse in
denken, „Fargo“, die spielt in der gleichen den obersten drei Stockwerken. Donald
Fremde, alles, was ihr Leben, wie sie es Gegend und wurde nicht weit von Fergus Trump hatte im Wahlkampf behauptet,
kennen, verändern könnte. Falls gedreht. Sie handelt von einem einfa- sein Turm sei 68 Etagen hoch; tatsächlich
Die Zukunft von Fergus Falls verlässt die chen Bewohner einer Kleinstadt, der vom zählt man nur 58.
Stadt an einem Mittwochabend. Es ist schon Leben nicht viel erwartet, aber von seinen Besucher, die nicht hier wohnen, werden
dunkel, vor der Highschool steht ein Reise- Mitmenschen nie gehört, nie respektiert, bis in den neunten Stock gelassen. Blicken
bus, aus dem Jugendliche ihren Eltern win- sondern immer nur belächelt wird. Eines die Schüler von den Geschäften aus nach
ken. Die neunte Klasse von Israel Rodriguez Tages, wie aus dem Nichts, schlägt er seiner draußen, durch eine Fensterfront auf die
fährt auf Jahrgangsreise nach New York. Ehefrau, die ihn ständig einen Versager Fifth Avenue, sehen sie auf der anderen
Mit 24 Schülern und 3 Lehrern verlasse ich nennt, mit einem Hammer den Schädel ein. Straßenseite Menschen, die vor Barrikaden
die Stadt. Noch am Ortsausgang, dort, wo Das Motiv wird nie ganz klar, aber für den demonstrieren. Es sind auf beiden Seiten
Fergus Falls Fremde mit einem Schild will- Gedemütigten ist diese Tat wie eine Befrei- knapp zwei Dutzend, Männer und Frauen,
kommen heißt, vibriert mein Handy. An- ung, er erfährt plötzlich Beachtung, wird Alte und Junge, Weiße und Schwarze; sie
drew Bremseth schickt zum Abschied eine stolz und selbstbewusst, bald opfert er alles, halten Plakate in die Luft und schreien sich
SMS, er schreibt: „Immer schön, neue Leu- an was er früher immer geglaubt hat. Die gegenseitig an. „Trump is not America!“,
te kennenzulernen. Keine Angst um Ame- Serie ist eine Parabel auf den wütenden „Trump makes America great again!“
rika – Gott hat für alles einen Plan!“ weißen Mann und die amerikanische Pro- Nach drei Tagen werden die Schüler New
Der Bus fährt 31 Stunden lang durch ins- vinz, die Geschichte eines Underdogs, der York wieder verlassen. Sie werden zurück
gesamt sieben Bundesstaaten. Er fährt quer es endlich allen zeigt. Sie kann für nieman- nach Minnesota fahren, mehr als 30 Stun-
durch das verschneite Flachland Minneso- den gut enden, aber als der Wütende das den mit dem Bus. Sie werden ihren Fami-
tas, durch Wisconsin, Illinois, Indiana, vor- merkt, ist es für ihn selbst zu spät. lien in Fergus Falls von dieser Stadt erzäh-
bei am Ufer des Lake Michigan, vorbei an Der Bus erreicht New York um Mitter- len, von den Hochhausschluchten und den
den Fabriken und Stahlwerken Ohios, durch nacht, die Türme von Manhattan leuchten. vielen Menschen, nicht von der Freiheits-
die weiten, dichten Wälder Pennsylvanias Die Schüler ziehen in eine Herberge am statue, aber vom Trump Tower, aus dem
und New Jerseys. Was bleibt von dieser Re- Stadtrand, erst am nächsten Morgen fah- sie Souvenirs mitbringen. Und in vier Jah-
cherche? Was sagen 30 Tage in der Klein- ren sie mit der U-Bahn bis zum Times ren, wenn sie volljährig sind und Donald
stadt Fergus Falls über das große Ganze? Square. Keiner von ihnen ist je zuvor Trump vielleicht wieder zur Wahl antritt,
Meine Chefs in Hamburg hätten gern eine U-Bahn gefahren, auch ihre Eltern sind werden sie selbst einen Präsidenten wählen.
grundsätzliche Erkenntnis über das heutige noch nie in New York gewesen.
An ihrem ersten Tag laufen sie, den Lesen Sie auch zu diesem Thema auf
Video: Kopf im Nacken, durch die Straßen. Sie Seite 68 Der IWF fürchtet, dass Donald Trump
In Trump-County spucken vom Rockefeller Center und die Welt in eine ökonomische Krise stürzt.
spiegel.de/sp132017trump fahren mit einem Boot über den Hudson. Seite 87 Warum Lügen und Skandale Trumps
oder in der App DER SPIEGEL Sie fahren nicht nach Liberty Island, zur Präsidentschaft gefährden
DER SPIEGEL 13 / 2017 63
Gesellschaft

gendwie ging, wurde es in diesem Moment noch lauter.


Draußen funkelte die Elbe, vorm Landtag reckten schwar-
ze deutsche Limousinen ihre fetten Ärsche in die
Dresdner Märzsonne: Audis, Daimlers, BMWs. Manche
tuckerten, Fahrer dämmerten. Heute würde es wieder
spät werden.
Plopp Vor etwa 20 Jahren gab es einen Werbespot, in dem
ein gestresster Mann durch einen hektischen afrikanischen
Flughafen hetzt, bis er irgendwann Zuflucht in einem Mer-
Leitkultur Alexander Osang über Autos cedes findet. Die Tür fällt zu, der Lärm verschwindet,
Afrika sieht nun aus, als läge es in einem Terrarium. Das
und deutsche Panzer ist die Idee. Wenn die Parlamentarier aus Borna, Aue und
Bautzen zum Landtag rollen, gleitet die sächsische Realität
still an Fenstern vorbei, angenehm gedimmt, der Minister

G
enau zu der Zeit, als die Polizei die Konzern- fühlt sich, als habe er Valium im Blut. Er wähnt sich in Si-
zentrale von Audi durchsuchte, holte ich an einem cherheit. Wie in einem Panzer, dessen Luke ja mit ähnli-
anderen Ende des Landes zum Schlag gegen die chem Geräusch zufällt wie die Tür eines A8. Plopp. In
deutsche Autowelt aus. Die Razzia war in Ingolstadt, ich Amerika spricht mich kaum jemand auf den Zweiten Welt-
in Dresden. Wir hatten uns nicht abgesprochen, aber ich krieg an, wenn ich sage, ich sei Deutscher, aber fast jeder
glaube nicht an Zufall. Es war einfach so weit. auf unsere Autos. Im ersten Moment freut man sich na-
Ich habe eine lange Reise zum deutschen Auto hinter mir. türlich.
Sie begann in Russland, gewissermaßen. Ich habe meine Vielleicht fängt die Apokalypse mit den Autos an. Brad
Fahrerlaubnis auf einem Moskwitsch gemacht. Ich war Pitt sitzt zu Beginn des Weltuntergangsfilms „World War
17 Jahre alt. Mit 18 meldete ich mich im Autosalon „Unter Z“ in einem gut gepolsterten Wagen. Ich fühlte im Landtag
den Linden“ für einen Wartburg an. Die Wartezeit betrug den Zusammenhang zwischen der Razzia in Ingolstadt
13 Jahre. Mitten in dieser Periode fiel die Mauer. Ich fuhr und den Dresdner Dienstwagen. Den Zusammenhang zwi-
damals bereits einen Polski Fiat, den mir mein Schwager schen einem 7er-BMW und der Weltfremdheit. Ich bin
vermacht hatte, bevor er in den Westen floh. Der Wagen neulich bei Europcar vom Golf zum Jaguar upgegradet
war fast so alt wie ich und überlebte die deut-
sche Einheit um ein Jahr. Ich kaufte einer Dort-
munder Kollegin ihren schwarzen Honda CRX
ab, den ich für einen schnittigen Sportwagen
hielt, bis mir ein Kollege aus Gummersbach

ALEXANDER OSANG / DER SPIEGEL


erklärte, dass der CRX Sekretärinnen-Porsche
genannt wurde. Ich ersetzte ihn durch einen
Alfa Romeo, der irgendwann zu brennen be-
gann, auf der Autobahn, kurz hinter der Ab-
fahrt Neuruppin. Ich verkaufte ihn an einen
bärtigen Georgier für 700 Mark und zog nach
New York, wo ich einem Vietnamveteranen
seinen Nissan Pathfinder abkaufte, alt, Deutsches Auto vor dem Sächsischen Landtag in Dresden
schwarz und kantig. Der Geländewagen kip-
pelte in scharfen Kurven bedenklich, einmal fuhren wir worden. Als ich mit dem Jaguar später an einer Tankstelle
auf dem Brooklyn-Queens-Expressway auf zwei Rädern in Thüringen hielt, dachte ich über die anderen Menschen
wie Zirkusartisten. Die Kinder mochten ihn, aber meine an den Zapfsäulen: ihr armen Schweine. So sieht Bushido
Frau bestand darauf, das Auto zu wechseln. Wir kauften ständig auf die Welt. Dicke Autos machen schlechten Cha-
einen Volvo Kombi in Bay Ridge, den wir später nach rakter. Die Wagen vorm Parlament waren allesamt dick,
Berlin mitnahmen. Ein Lebensauto, dachte ich, bis ich in schwarz und hatten spiegelnde Scheiben.
der Potsdamer Innenstadt in einen leichten Auffahrunfall Wenn sich so ein Auto nähert, denkt man: Zuhälter
geriet, bei dem der Airbag auf der Beifahrerseite auslöste. oder Politiker.
Ein Bosnier im Wedding zahlte mir 1000 Euro für den Vol- Es gibt keine Ausreden. Ich bin einmal mit Sigmar Ga-
vo aus Brooklyn und schickte ihn, wie er sagte, nach Afri- briel in einem elektrisch angetriebenen VW up! auf einer
ka. Ich verspürte eine ungeheure Erleichterung. Wie Hans Teststrecke in Wolfsburg herumgekurvt. Es war, bevor
im Glück. Gabriel so viel abnahm, und es hätten trotzdem noch
Drei Monate später kaufte ich mir einen gebrauchten zwei Minister in den Wagen gepasst. Vielleicht nicht zwei
Mercedes-Kombi. Mein erstes deutsches Auto. Ich redete Altmaiers, aber zwei Maas hätten hinten sitzen können.
mir ein, es sei eine ironische Geste, in Wahrheit hatte die Ich verließ den Landtag, wo sich ein dicker CDU-Ab-
Falle zugeschnappt. Ich wurde alt und unvorsichtig. geordneter aus Leipzig gerade über die Naivität des dün-
Das begriff ich im Sächsischen Landtag, vorige Woche, nen Linken lustig machte, und fotografierte die Autos
wo gerade über Verkehrspolitik diskutiert wurde. Die Re- vorm Haus. Irgendwann surrte eine Scheibe herunter, ein
gierungsvertreter feierten Erfolge, die Opposition beklag- Fahrer sagte: „Sie haben den Wagen fotografiert. Stellen
te Misserfolge, höhnisches Gelächter, soldatischer Beifall, Sie das nicht ins Internet.“
je nachdem. Irgendwann schlug ein junger, dünner Abge- Warum nicht?, frage ich.
ordneter der Linken vor, dass die Regierungsvertreter „Weil dann die Nummer verbrannt iss“, sagte er.
doch einfach mal ihre Dienstwagen stehen lassen sollten, Ich weiß nicht genau, was das bedeutet, aber egal. Hier
um mit der Bahn zum Parlament zu reisen. Wenn es ir- ist das Foto. Irgendwo muss man anfangen.

64 DER SPIEGEL 13 / 2017


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Lernen vom größten Start-up der Welt

POLITIK
Feindbild Big Business
Facebook-Veranstaltung in San Francisco

BLOOMBERG / GETTY IMAGES


Internet

Ärger für Facebooks Löschteam


Prüfer haben unangemeldet die Arbeitsbedingungen bei Arvato kontrolliert.
Facebooks deutscher Dienstleister für das Löschen von bekommen. Das LaGetSi war daraufhin zu einem ersten,
Nutzerbeiträgen, die Bertelsmann-Tochter Arvato, war Ziel vereinbarten Termin bei dem Dienstleister erschienen.
einer unangekündigten Betriebsprüfung, die Folgen haben Beim zweiten Mal kamen die Prüfer nun unangemeldet. Ein
wird. Zwei Mitarbeiter des Berliner Amts für Arbeitsschutz Behördensprecher bestätigte die Kontrollbesuche und
(LaGetSi) hatten Ende Februar Beschäftigte befragt und Un- sprach von „offenen Punkten, die geklärt werden müssen“.
terlagen mitgenommen. Die Behörde prüft, ob Arvato sich Politikern und Journalisten wurde ein Besuch trotz zahlrei-
ausreichend um die psychische Gesundheit seiner Mitarbei- cher Anfragen bislang verwehrt. Arvato und Facebook hat-
ter kümmert und sich an das Arbeitszeitrecht hält. In den ten die Vorwürfe der Mitarbeiter zurückgewiesen. Arvato
Medien hatten Mitarbeiter anonym geklagt, dass sie verstö- verweist auf umfassende Betreuungsangebote für sein Per-
rende, von Nutzern gemeldete Inhalte im Akkord abarbei- sonal. So könne man etwa auch „außerhalb der Arbeits-
ten müssten, ohne die nötige psychologische Betreuung zu zeiten“ psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. fab

Autobahnen gesehenen Regeln sollten so Willen der SPD auch für Teile Bund künftig für Planung,
0,0 Prozent privat geändert werden, „dass auch des Autobahnnetzes ausge- Bau und Unterhalt der Auto-
die Absicherung des unver- schlossen werden. Die „Infra- bahnen zuständig ist. Zwar
Die SPD will verhindern, äußerlichen Eigentums des strukturgesellschaft Verkehr“, ist sich die Koalition inzwi-
dass es doch noch zu einer Bundes an möglichen Tochter- die künftig für den Bund die schen einig, dass sowohl die
Teilprivatisierung der Auto- gesellschaften gesetzlich ver- Autobahnen verwaltet, soll Autobahnen als auch die In-
bahnen durch die Hintertür ankert wird“. Dahinter steckt sich zudem nur in sehr gerin- frastrukturgesellschaft zu 100
kommt. Das geht aus einem die Befürchtung, dass sich gem Maße verschulden dür- Prozent im Besitz des Bundes
internen Papier der Bundes- private Investoren an den ge- fen. Auch soll der Bundestag bleiben. Kritiker fürchten
tagsfraktion zur noch zu planten regionalen Töchtern sie durch „umfassende Steue- jedoch, dass es weiterhin
gründenden Autobahngesell- der Autobahngesellschaft be- rungsrechte“ kontrollieren. Schlupflöcher gibt. Der Bun-
schaft des Bundes hervor. Da- teiligen könnten. Sogenannte Bund und Länder hatten sich destag soll die entsprechen-
rin heißt es, die in den bishe- öffentlich-private Partner- Ende des vergangenen Jahres den Gesetze spätestens Ende
rigen Gesetzentwürfen vor- schaften sollen nach dem darauf geeinigt, dass der Mai verabschieden. böl

66 DER SPIEGEL 13 / 2017


Wirtschaft
Bankenkrise ca Monte dei Paschi di Siena rung hatte am 23. Dezember ken in Anspruch genommen
Rom gewährt konnte dank der Staatsgaran- ein Dekret zur Rettung der wurde, will sie nicht kom-
tie Anleihen im Wert von elf maroden Banken erlassen mentieren. Allerdings ist der
Milliardenhilfen Milliarden Euro ausgeben, und einen 20 Milliarden Euro entsprechende Posten in der
Italiens Regierung nimmt sich um alte Schulden abzulösen schweren Fonds aufgelegt. EZB-Bilanz seit Inkrafttreten
der notleidenden Banken an und neue aufzunehmen. 3,5 Das Dekret schuf auch den des Rettungsdekrets um
– zunächst allerdings weniger Milliarden Euro beschaffte Weg für Nothilfen der Banca 15 Milliarden Euro gestiegen.
durch Reformen als durch sich die Veneto Banca, 3 Mil- d’Italia. Die Europäische Zen- Die Risiken aus den Zentral-
großzügige Geldzufuhr. Seit liarden Euro die Banca Popu- tralbank (EZB) erklärt, sie sei bankhilfen, aus den Bankan-
Januar hat Rom milliarden- lare di Vicenza. Insgesamt ga- von der italienischen Regie- leihen sowie direkte Beteili-
schwere Garantien für die rantiert der Staat für 17,5 Mil- rung zu diesen Maßnahmen gungen des Staates an den
Rückzahlung neuer Bankan- liarden Euro Bankschulden. erst nachträglich konsultiert Banken sollen mit dem 20-
leihen der kränkelnden Insti- Doch das ist vermutlich nicht worden. Ob und in welcher Milliarden-Fonds abgedeckt
tute gewährt. Allein die Ban- alles an Hilfen: Italiens Regie- Höhe die Nothilfe von Ban- werden. red

Staatskonzerne letzt als Favoritin für den Pos-


Personalkarussell ten des Vorstands für Güter-
verkehr & Logistik. Dass sie
im Bahntower sich offenbar auch selbst ins
Die Besetzung der vakanten Spiel gebracht hatte, wurde
Posten im Vorstand der Deut- jedoch als unprofessionell
schen Bahn (DB) ist wieder wahrgenommen. Ebenfalls
offen. Der größte Staatskon- fraglich ist, ob der bisherige
zern muss nach der Berufung Siemens-Manager Siegfried
von Richard Lutz zum neuen Russwurm bereit ist, den Job
Vorstandsvorsitzenden in die- des Digital- und Technikver-

HARRY WEBER / DER SPIEGEL


ser Woche möglichst schnell antwortlichen zu überneh-
die neu geschaffenen Ressorts men. Russwurm war als Kon-
Digitalisierung & Technik zernchef im Gespräch. Sofern
und Güterverkehr & Logistik er auch den unbedeutende-
vergeben. Außerdem wird ren Job machen würde, gilt
mittelfristig ein neuer Perso- er intern als gesetzt. Weil es
nalchef gesucht. Wie aus dem im neuen sechsköpfigen
Umfeld der DB verlautete, Vorstand zudem mindestens würde dann wohl Personal- Huber ist man zudem in Tei-
gibt es im Vorstand und eine Frau geben muss, könn- vorstand. Allerdings gibt es len der mächtigen Gewerk-
Aufsichtsrat Vorbehalte ge- te Fernverkehrschefin Birgit im Aufsichtsrat angesichts schaft EVG enttäuscht, weil
gen die Berufung von Sigrid Bohle aufrücken und die Zu- der steilen Karriere von Boh- er das Angebot, Personal-
Nikutta, die derzeit Chefin ständigkeit für den Personen- le in den vergangenen Jahren vorstand zu werden, in der
der Berliner Verkehrsbetrie- verkehr übernehmen. Amts- Vorbehalte gegen einen er- Vergangenheit ausgeschlagen
be BVG ist. Nikutta galt zu- inhaber Berthold Huber neuten Karriereschritt. Über hatte. böl

Die Samstagsfrage Wem gehören meine Daten?


Die Frage klingt trivial, dabei ist sie alles andere als Datenökonomie, deren Bedeutung gerade auf der Ce-
das. Während Juristen darüber streiten, ob es Eigen- Bis zu bit beschworen wurde. Bislang profitiert vor allem
tum an Daten überhaupt geben kann, hat die Poli-
tik das Thema entdeckt. Auch hier regiert die Kon-
25 eine Seite: die Konzerne, die die Daten sammeln
und nutzen. Die Lieferanten des „Öls des 21. Jahr-
fusion. Der Bundesinnenminister (CDU) meint:
Gigabyte hunderts“ dagegen werden kurzgehalten. Sie be-
Nein, es gibt daran kein Eigentum wie an Sachen. Daten pro Stunde kommen im Tausch meist nur eine Eintrittskarte
Die Kanzlerin (ebenfalls CDU) wiederum fordert erzeugt ein modernes zu Diensten wie Facebook. Die agieren quasi als
eine EU-einheitliche Regelung. Am Beispiel der fahrendes Auto. Datenraffinerien und verdienen prächtig. Autoher-
Autodaten, sagte sie nun, müsse geklärt werden, ob steller witterten deshalb ihre Chance und reklamier-
diese dem Autohersteller gehörten oder Softwarefir- ten das Besitzrecht an den Autodaten für sich. Die
men. Hat sie da nicht jemanden vergessen? Was ist mit sind besonders wertvoll, lassen sich damit doch hervor-
den Autobesitzern, den Fahrern, also den Datenproduzenten? ragende Geschäfte machen, etwa mit Versicherungen. Laut Ver-
Anfang der Woche verkündete ihr Verkehrsminister (CSU) Plä- kehrsministerium sollen Autofahrer künftig „vollumfänglich“
ne für ein „Datengesetz in Deutschland“. Danach soll gelten: über die Datenerhebung und Weitergabe aufgeklärt werden,
Die Rechte an den Daten „gehören den Menschen“, also bei bevor sie ihr zustimmen. Das Dateneigentum läge also offiziell
Fahrzeugdaten dem Halter. Was denn nun? Deutschland oder bei ihnen, viel mehr werden sie davon nicht haben. Das zeigt:
Europa? Eigentum ja oder nein? Hersteller oder Halter? Die Für einen Datendeal mit wirklich fairen Konditionen brauchten
Frage ist wichtig, geht es doch um eine Weichenstellung für die die Datenproduzenten, also wir, eine bessere Lobby. rom

DER SPIEGEL 13 / 2017 67


BILL PUGLIANO / AFP
Politnovize Trump: Der imperiale Großmachtanspruch ist weinerlicher Opferrhetorik gewichen

Land auf Geisterfahrt


Weltwirtschaft US-Präsident Trump steuert sein Land in die ökonomische Isolation.
Der IWF sowie der Kreis der Industrie- und Schwellenländer fürchten um die Zukunft
der globalen Finanzarchitektur – und hoffen auf eine stärkere Rolle Deutschlands.

D
avid Lipton ist ein Mann fester land solle sie gefälligst mehr Großzügigkeit Der Wesenswandel hat eine Ursache
Überzeugungen, vor allem, was walten lassen, weniger aufs Sparen drän- und einen Namen: Donald Trump.
ihn und seine Rolle angeht: Stets gen und dafür mehr Schulden erlassen, Mit dem Amtsantritt des neuen ameri-
gibt er sich tief durchdrungen von der ei- so die Klage Liptons, der hinter Christine kanischen Präsidenten gerät das Weltbild
genen Bedeutung, Selbstzweifel kennt er Lagarde die zweitwichtigste Führungs- aus den Fugen, nicht nur für Lipton, son-
in der Regel nicht. Bei seinen Besuchen in figur beim Internationalen Währungsfonds dern für den gesamten IWF. Nicht steigen-
Berlin trat der Amerikaner bislang gern (IWF) ist. de Rohstoffpreise stellten das größte Risiko
mit breitbeiniger Rhetorik auf und belehr- Kürzlich war der Vizechef wieder zu Be- für die Weltwirtschaft dar, machte Lipton
te seine Gastgeber über deren Versäum- such in Berlin. Dieses Mal aber lernten sei- seinen Gastgebern klar, auch nicht Finanz-
nisse. ne Gesprächspartner, Regierungsvertreter oder Währungskrisen. Die wirkliche Ge-
Die deutschen Überschüsse seien zu wie Bundestagsabgeordnete, einen völlig fahr gehe von einer „geopolitischen Re-
hoch, im Haushalt und in der Handelsbi- anderen David Lipton kennen. „Der war zession“ aus, warnte der Amerikaner. Im
lanz sowieso. Die Bundesregierung inves- freundlich, zugewandt und nachdenklich“, Klartext: Politische Entwicklungen wie die
tiere zu wenig, und gegenüber Griechen- berichtete einer anschließend. Brexit-Entscheidung in Großbritannien,
68 DER SPIEGEL 13 / 2017
Wirtschaft

Japan
vor allem aber die populistische, auf Han- Der IWF kann 6,2%
China
delshemmnisse setzende Wirtschaftspoli- wichtige Beschlüsse 42,0 6,1%
tik der neuen US-Regierung, könnten die nur mit Mehrheiten
von 85% fassen. 41,5 Indien
globale Konjunktur aus der Bahn werfen. USA 2,6%
Dadurch verfügen
Liptons Vorbehalte gehen über partei- 16,5% die USA über eine 17,9 Russland
politische Animositäten hinaus. Zwar steht 113,0 Sperrminorität. 2,6%
der IWF-Vize den Demokraten nahe und 17,6 Brasilien
wurde noch von der Regierung des dama-
2,2 %
ligen Präsidenten Barack Obama in die
Führung des Währungsfonds entsandt. Als 15,0
langjähriger ranghoher Mitarbeiter im
amerikanischen Finanzministerium zählt
er zu jener Politelite, der der Republikaner EU-28 weitere
Trump den Kampf angesagt hat. 29,6% 155 Staaten
Doch die Sorgen des Finanzprofis sind 197,3 34,2%
keineswegs unberechtigt, denn Trump und 203,0
seine Truppe stellen so ziemlich alles in- Kapitalanteil
frage, wofür der IWF seit 70 Jahren steht: in Mrd. Dollar
die Vorzüge des freien Welthandels, offene
Märkte und Liberalisierung und nicht zu-
letzt internationale Solidarität, wenn ein davon:
Land einmal in Zahlungsschwierigkeiten Deutschland
Globale Feuerwehr
gerät. 5,3 % Stimmenanteile der Mitgliedstaaten
Die neue amerikanische Regierung setzt 36,3 Frankreich des Internationalen Währungsfonds (IWF)
dagegen auf Abschottung, Importhürden 4,0%
und autoritäre Durchsetzung eigener Inte- 27,4 Großbritannien
4,0%
ressen – ein ganzes Land auf Geisterfahrt.
In seiner Antrittsrede sang Donald Trump 27,4
das Hohelied wirtschaftspolitischer Allein-
gänge. „Protektionismus wird zu großem
Wohlstand und Stärke führen.“ Aus der Haltung Trumps und seiner machte IWF-Chefin Lagarde Kanzlerin
Die Erkenntnis hat der gelernte Bau- Truppe spricht ein erstaunlich unamerika- Angela Merkel ihre Aufwartung. Die Bot-
unternehmer weitgehend exklusiv, hätte nischer Hang zu Wehleidigkeit. Sie stilisie- schaft der beiden war die gleiche: Die
er recht, wäre Nordkorea ein kraftstrot- ren die einzig verbliebene Supermacht Deutschen müssten mehr Verantwortung
zendes Schlaraffenland. zum Verlierer des Welthandels. als Führungsmacht in Europa übernehmen.
Tatsächlich ist Trumps ökonomischer Dabei waren es gerade die USA, die die Sie sollen das Vakuum füllen, das die Ame-
Nationalismus das Gegenteil nahezu sämt- Globalisierung maßgeblich ins Rollen rikaner hinterlassen, beim IWF, aber auch
licher Erkenntnisse der Wirtschaftstheorie brachten, die Märkte weltweit für ihre Un- im Kreis der G 7 und G 20.
aus den vergangenen 250 Jahren. Er kolli- ternehmen und deren Produkte öffneten. Kurzum: Die Regierung Merkel müsse
diert vor allem mit den Erfahrungen, die Hemmungslos nutzten frühere Regierun- sich an den Gedanken gewöhnen, dass sie
die Welt mit einer ähnlichen Politik zu Be- gen ihren Einfluss in internationalen Or- künftig den freien Westen anführe. Das
ginn der Dreißigerjahre des vergangenen ganisationen wie dem IWF, aber auch der Schicksal der liberalen Weltordnung liege
Jahrhunderts machte: Damals verschärfte Industrieländerorganisation OECD, die in den Händen der Deutschen. Auf andere
die Abkehr vom Freihandel die grassieren- jahrzehntelang den Segen offener Märkte führende Wirtschaftsmächte, etwa Groß-
de Depression. Der Wohlstand schrumpfte für Waren und Dienstleistungen predigten. britannien oder Japan, sei kein Verlass, er-
dramatisch, Millionen Arbeiter in west- Bei beiden sind die Amerikaner größter klärte Lipton seinen Gesprächspartnern.
lichen Ländern reihten sich ein in die Geldgeber, bei beiden können sie leicht Deren Vertreter hätten sich gar nicht
Schlangen vor Arbeitsämtern und Suppen- Entscheidungen blockieren, wenn es um schnell genug bei Trump einschmeicheln
küchen. Wichtiges geht. Entsprechend schwer wäre können, ätzte er in den vertraulichen
Wie ernst es dem Novizen im Weißen es für andere, etwas gegen den Willen der Runden.
Haus und seinen Gehilfen mit ihrem wirt- Amerikaner durchzusetzen. Merkel reagierte geschmeichelt, aber zu-
schaftspolitischen Egotrip ist, offenbarte Der imperiale Großmachtanspruch ist rückhaltend.
sich vergangene Woche. Beim Besuch von weinerlicher Opferrhetorik gewichen. Nie- Wie wichtig dem Währungsfonds die
Kanzlerin Angela Merkel in Washington mand weiß, wie lange der selbstbezogene Deutschen plötzlich sind, zeigt sich auch
mahnte Trump einen „fairen Handel“ an Hegemon noch bereit ist, in internationa- in der Griechenlandpolitik. Hier schwenk-
und barmte darüber, wie die USA bei bis- len Organisationen mitzuarbeiten, wie lan- te der IWF kürzlich nach fast anderthalb-
herigen Abkommen über den Tisch gezo- ge er im Kreis der G 7, der Runde der west- jährigem Streit überraschend auf die Linie
gen worden seien. lichen Industriestaaten, oder der G 20 noch der Bundesregierung ein, die von der Re-
Sein Finanzminister Steven Mnuchin mitwirkt. gierung in Athen dauerhaft hohe Haus-
wiederholte die Klagen seines Herrn zeit- In den Augen Liptons und seiner Chefin haltsüberschüsse verlangt. Die Frage von
und wortgleich beim Treffen mit den Kol- Lagarde stellt der neue Kurs Washingtons Schuldenerleichterungen, die einer Eini-
legen aus den großen Industrie- und nichts anderes als ein Attentat auf den öko- gung ebenfalls lange im Wege gestanden
Schwellenländern (G 20) in Baden-Baden. nomischen Weltfrieden dar. Und um zu hatte, wurde aufs nächste Jahr verschoben.
Getreu seinem Auftrag verhinderte er in retten, was noch zu retten ist, setzen beide Die IWF-Führung will einem ihrer
der Abschlusserklärung sogar das Bekennt- ausgerechnet auf – Deutschland. letzten verlässlichen Verbündeten keine
nis gegen Protektionismus, das bislang Während Lipton im Bundestag und im Schwierigkeiten mehr bereiten. Für sie
stets Platz darin gefunden hatte. Bundesfinanzministerium unterwegs war, steht Wichtigeres auf dem Spiel als Grie-

DER SPIEGEL 13 / 2017 69


Wirtschaft

chenland: die Zukunft der internationalen Dabei geht in der OECD-Zentrale in Pa- niemandem, im Gegenteil. Er mache die
Finanzarchitektur, der Welthandel, aber ris längst die Angst vor den Amerikanern Armen nur noch ärmer. Doch der Ameri-
auch die eigene Rolle im Weltwirtschafts- um. In seinem ersten Etatentwurf hat kaner wollte aus fremden Fehlern noch
system. Trump nämlich die Beiträge zu vielen in- nichts lernen.
Für die griechische Regierung wird die ternationalen Organisationen zusammen- Leidtragender war Finanzminister Wolf-
Lage durch den Regierungswechsel in Wa- streichen lassen, zum Beispiel für Entwick- gang Schäuble (CDU), der seinen Unmut
shington nicht einfacher. Stets konnte sie lungshilfe, aber eben auch für wirtschaftli- als Gastgeber zügeln musste und versuchte,
sich darauf verlassen, dass die Regierung che Kooperation. „Wir müssen abwarten, eine vermittelnde Rolle einzunehmen –
des damaligen Präsidenten Obama Druck wie es uns trifft, aber dass es uns trifft, was nicht durchgängig gelang. Eine ähn-
auf die Europäer und auf den IWF ausübte, scheint unausweichlich“, gibt sich ein Gur- liche Rolle kommt im Juli beim G-20-Gipfel
um einen für die Weltkonjunktur günsti- ría-Mitarbeiter fatalistisch. in Hamburg auf Kanzlerin Merkel zu.
gen Deal für Griechenland zu erreichen. Verunsicherung, Furcht und Ratlosigkeit, Statt wahlkampfwirksam im Licht ihrer
Einen derart hilfreichen Verbündeten be- das sind die Gefühle, die die neue US-Re- Gastgeberrolle zu glänzen, müssen beide
sitzt die Regierung von Ministerpräsident gierung selbst bei traditionellen Verbün- Krisenbewältigung leisten. Ändern die
Alexis Tsipras mit Trump nicht mehr. Den deten hervorruft. Die Botschaft jedenfalls Amerikaner bis zum Gipfel der Staats- und
dürfte das Schicksal des kleinen Landes scheint klar: Wir machen erstens, was wir Regierungschefs ihren Kurs nicht, droht
am Mittelmeer genauso wenig interessieren wollen, und zweitens, was uns nützt. die deutsche G-20-Präsidentschaft im De-
wie Wohl und Wehe der Weltwirtschaft. Geradezu exemplarisch war das Befrem- bakel zu enden.
Bis jetzt bleibt völlig unklar, welche Hal- den, das Finanzminister Mnuchin in Ba- Da tröstet es wenig, dass sich Deutsch-
tung die neue amerikanische Regierung den-Baden auslöste. Wie ein Apparatschik land zur Anlaufstelle für Trump-Geplagte
zum IWF entwickeln wird. Zweimal tele- aus Sowjetzeiten las er vorgefertigte Stel- aller Länder entwickelt. Vor allem Vertre-
fonierte Christine Lagarde vor dem Treffen lungnahmen vor. Ob sie seine eigenen ter Japans und Südkoreas suchen den
in Baden-Baden mit Mnuchin, einmal aßen Überzeugungen wiedergaben oder ihm Schulterschluss mit den Deutschen.
die beiden zusammen – dennoch rätseln von Trumps Beratern aus dem Weißen Die drei Länder teilen Gemeinsamkei-
sie und ihre Mitstreiter weiter darüber, was Haus diktiert wurden, blieb unklar. ten, die sie in den Augen der Amerikaner
die neue Administration vorhat. Die Sturheit des Neulings in der Runde verdächtig machen: Sie erwirtschaften er-
Öffentlich hält sich die Organisation, de- hatte jedenfalls eine unverhoffte Wirkung, hebliche Handelsbilanzüberschüsse mit
ren Hauptquartier nur ein paar Straßen- vor allem auf die Europäer: „Selten habe den USA, weil sie mehr dorthin exportie-
züge vom Weißen Haus entfernt liegt, mit ich die Vertreter aus der EU so geschlossen ren, als sie von dort einführen. Weil alle
Kritik an ihrem wichtigsten Geldgeber zu- auftreten sehen“, berichtete ein langjähri- drei mit den Folgen einer alternden Ge-
rück. Kein mahnendes Wort war bislang ger Teilnehmer aus den Verhandlungen. sellschaft zu kämpfen haben, sparen sie
zu dem wachstums- und wohlstandsgefähr- Alle plädierten dafür, den Freihandel bei- mehr, als den Amerikanern lieb ist. Und
denden Kurs der Trump-Regierung zu ver- zubehalten und Protektionismus zu ver- nicht zuletzt geben alle drei nach dem Ge-
nehmen. Das entspreche der traditionellen dammen. schmack von Trump und Co. zu wenig für
Linie, heißt es beim IWF. Zu wenig wisse Auch der brasilianische Finanzminister ihre Verteidigung aus und verlassen sich
man bislang über eine mögliche Grenzaus- richtete mahnende Worte an Mnuchin. zu sehr auf den Schutzschirm der USA.
gleichsteuer für Importe, über Strafzölle Sein Land habe leidvolle Erfahrungen mit Südkoreaner und Japaner haben den
oder die geplanten bilateralen Handels- dem Protektionismus gemacht. Der nütze Deutschen nun vorgeschlagen, ihre Posi-
abkommen, als dass es schon Zeit für Stel- tionen abzustimmen, um sich gemeinsam
lungnahmen wäre. Damit sei erst zu rech- gegen die Anwürfe aus Washington zu
nen, wenn die Vorhaben konkret würden. wappnen.
Merkwürdig nur, dass der IWF seine Auch in der Gruppe der G 7 finden mitt-
Wachstumsprognose für die USA zu Be- lerweile vertrauliche Treffen auf allen mög-
ginn des Jahres nach oben korrigierte. Als lichen Ebenen statt – ohne die Amerikaner.
Begründung wurden die von Trump ange- Jeder will vom anderen wissen, was er von
kündigten Steuererleichterungen und In- den irrlichternden Äußerungen und Hand-
vestitionen in die Infrastruktur angeführt. lungen aus Washington hält und wie da-
Zum Schwur kommt es im Sommer, rauf am besten zu reagieren sei.
wenn der IWF im Rahmen seiner sogenann- Die Runden ähneln den Krisentreffen
ten Artikel-IV-Konsultationen die Wirt- einer Familie, die plötzlich ohne den einst-
schaftspolitik der USA auf den Prüfstand mals respekteinflößenden, aber wohlmei-
stellt, so wie er es bei jedem Mitgliedsland nenden Vater auskommen muss, weil der
alljährlich tut. Für gewöhnlich nimmt er sich lieber selbst verwirklicht und sich da-
dabei keine Rücksicht auf die Befindlich- bei gehen lässt.
keiten der betroffenen Regierung. Die Stimmung ist eine Mischung aus Rat-
Beißhemmungen scheint auch die Indus- losigkeit und Trotz. Und die Blicke richten
trieländerorganisation OECD zu haben. sich dabei, wie im echten Leben, auf die
Auch von ihr ist bislang kein Wort zu Mutter. „Mutti“ war bislang ein Spitzname,
Trumps Harakiri-Kurs bei Handel und den Angela Merkel nur im Inland genoss.
STEPHANIE FUESSENICH / LAIF

Steuern zu vernehmen. „Es liegen viele Das scheint sich gerade zu ändern.
Steuerpläne auf dem Tisch, deshalb ist es In der Woche nach Ostern findet die
noch zu früh, um darüber zu urteilen“, Frühjahrstagung des IWF statt. Bei der Ge-
wiegelte OECD-Generalsekretär Angel legenheit versammeln sich auch stets die
Gurría in Baden-Baden ab. Die angekün- Finanzminister der G 7 und der G 20. Die
digten Infrastrukturinvestitionen sieht Frage ist nun, ob die Amerikaner dabei
auch er mit Wohlwollen. „Das ist doch IWF-Chefin Lagarde sind. Und wenn ja, wie sie sich benehmen.
eine gute Idee.“ Attentat auf den ökonomischen Weltfrieden Christian Reiermann

70 DER SPIEGEL 13 / 2017


Wirtschaft

Nerds von
morgen
Bildung Ein Unternehmer will
Deutschlands erste private
Hochschule für Programmierer
gründen – weil er das Informatik-
studium für weltfremd hält.

JÖRG MÜLLER / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGEL


M
it 13 kaufte sich Thomas Bachem
ein Lehrbuch samt CD-ROM, weil
er programmieren lernen wollte.
Die 195 Mark dafür borgte er sich von El-
tern und Großeltern. Mit 15 baute Bachem
Websites für eine Apotheke, einen Pflege-
dienst und ein paar C-Prominente. Er ver-
diente 200 bis 400 Euro pro Auftrag. Seine
Eltern musste er da schon lange nicht mehr
um Geld bitten. Mit 28 war Bachem Mil- Code-University-Gründer Bachem: Zu theoretisch, zu mathematisch
lionär. Das Karrierenetzwerk Xing kaufte
seine Firma, die Internetnutzern beim Er- Zahl an IT-Kräften einstellen. Sie suchen men kooperieren. Mit Zalando verhandelt
stellen eines Lebenslaufs hilft. nach Entwicklern, aber auch nach Produkt- Bachem gerade über die Modalitäten, auch
Das, was er übers Programmieren weiß, managern, die sich in die Nutzer hinein- die Otto Group ist an einer Zusammen-
hat sich der Kölner selbst beigebracht. Ein versetzen können. arbeit interessiert.
Informatikstudium kam für ihn nie infrage. Deshalb will Heinemann die Code Uni- Klassische Vorlesungen wird es nach sei-
Es erschien ihm zu theoretisch, zu mathe- versity auch finanziell fördern. Genau wie ner Vorstellung zwar auch geben, aber ihr
matisch. Gleichzeitig schreckte ihn das andere prominente Köpfe aus der deut- Besuch wird freiwillig sein. „Im Netz fin-
Bild des einsamen Nerds ab, der irgendwo schen Gründerszene, darunter Benjamin det man massenhaft Anleitungen zum Pro-
allein im Keller sitzt und Pizza isst. „So Otto aus der Hamburger Versandhaus- grammieren und brillante Vorträge von
wollte ich nicht werden“, sagt Bachem, der dynastie, der Investor und TV-Juror Frank Harvard-Professoren“, sagt er, „die kann
schließlich BWL studierte. Thelen („Die Höhle der Löwen“), die Ber- sich jeder anschauen. Warum sollten wir
Gegen das Klischee will der 31-Jährige liner Gründerin Verena Pausder und Hen- glauben, das besser hinzubekommen?“
nun ankämpfen. Bachem hat sich vorge- rich Blase (Check24). Fast fünf Millionen Die Studenten sollen lernen, sich Dinge
nommen, eine private Hochschule für Pro- Euro Unterstützung haben sie zugesagt. selbst anzueignen und über die Grenzen
grammierer zu gründen, die Code Univer- Sie folgen damit dem Beispiel inter- ihres Fachgebiets hinauszudenken. „Wir
sity mit Sitz in Berlin. Es wäre die erste nationaler Technologieunternehmer. In wollen keine Code Monkeys produzieren“,
ihrer Art in Deutschland. Dort will er Stu- Frankreich hat der Milliardär Xavier Niel sagt er. Keine Fließbandentwickler also,
denten zu Softwareentwicklern, Designern die Programmierschule 42 gegründet, die die nur stur ihre Aufträge abarbeiten.
und Produktmanagern ausbilden – mit we- Entwickler von morgen ausbilden will. Es Günstig wird das nicht sein. Ein dreijäh-
niger Theorie als in einem normalen In- gibt weder Lehrer noch feste Unterrichts- riger Bachelor an der Code University soll
formatikstudium und mehr Bezug zu den zeiten. Und Peter Thiel, Facebook-Investor 27 000 Euro kosten. Alternativ sollen sich
tatsächlichen Anforderungen des Berufs- und Vertrauter von Donald Trump, hält die Studenten zunächst kostenlos ein-
lebens. Im Sommer, hoffen Bachem und Universitäten komplett für Zeit- und Geld- schreiben dürfen, wenn sie sich verpflich-
seine beiden Mitstreiter, könnte das Land verschwendung. Jedes Jahr zahlt er 20 jun- ten, nach ihrem Abschluss zehn Jahre lang
Berlin der Hochschule die staatliche An- gen Menschen, die ihr Studium an einer einen Teil ihres Einkommens an die Hoch-
erkennung erteilen. Wenn das klappt, amerikanischen Elite-Uni abbrechen, ein schule zu zahlen.
könnten im September die ersten 50 bis Stipendium von 100 000 Dollar für die Ver- Mitte März ist Bachem in Hamburg zu
100 Studenten starten. wirklichung eigener Ideen. Gast, er leitet einen Workshop für Jugend-
Die Nachfrage nach Digitalfachleuten Die Pioniere der Digitalisierung mischen liche zwischen 14 und 20. In einem Loft in
ist enorm. Der Verband Bitkom geht von sich damit nicht nur in die Politik ein, son- der HafenCity lernen sie die Grundlagen
51 000 offenen Stellen für IT-Spezialisten dern auch in die Bildung. Sie stellen das des Programmierens. Luna, 19, Abiturien-
aus. Sie sind für Firmen eine zentrale Res- System infrage, das ihnen rückständig und tin aus Hamburg, sitzt vor ihrem Laptop
source, denn nur mit ihrer Hilfe können praxisfern erscheint. und bastelt an einer Koch-App. Sie inte-
sie wachsen und neue Produkte entwi- Das will auch Thomas Bachem, wenn ressiert sich für Gestaltung, aber auch für
ckeln. „Nicht nur Start-ups suchen IT-Leu- auch nicht so radikal wie Thiel. Den größ- Computer und hat sich deshalb für einen
te, sondern auch immer mehr Unterneh- ten Teil ihrer Zeit sollen die Studenten der Studiengang an der geplanten Hochschule
men aus der klassischen Wirtschaft“, sagt geplanten Hochschule an betreuten Pro- beworben, der beides verbinden will.
Florian Heinemann, Partner bei der Berli- jekten arbeiten. In kleinen, interdiszipli- Es beeindrucke sie, wenn jemand pro-
ner Wagniskapitalfirma Project A. Allein nären Teams sollen sie über mehrere Wo- grammieren könne, sagt Luna. An schrul-
in diesem Jahr wollen Project A und seine chen oder Monate an echten Problemen lige Einsiedler denke sie nicht, im Gegen-
Portfoliounternehmen eine dreistellige tüfteln und dabei mit großen Unterneh- teil: „Nerds sind cool.“ Ann-Kathrin Nezik

DER SPIEGEL 13 / 2017 71


Wirtschaft

„Wir haben gut reden!“


SPIEGEL-Streitgespräch Die Ökonomen Peter Bofinger und Clemens Fuest sind sich uneins, ob es in
Deutschland gerecht zugeht. Entsprechend verschieden sind ihre Rezepte gegen Arbeitslosigkeit.

SPIEGEL: Herr Bofinger, Herr Fuest, geht es dass sich die Stundenlöhne stark auseinan- keitsbegriff belasten. Was hier stattfindet,
in unserem Land gerecht zu? derentwickelt haben. Viele Menschen ha- ist Machtpolitik.
Bofinger: Nein. Der Wohlstand in Deutsch- ben Arbeit, ja, aber oft handelt es sich um Bofinger: Herr Fuest, wir beide sind hoch-
land wächst deutlich, doch nicht für alle. prekäre Beschäftigungsverhältnisse mit bezahlte Professoren, wir haben gut reden.
Während die mittleren Einkommen von schlechter Bezahlung. Aber stellen Sie sich vor, Sie sind 50 Jahre
1991 bis 2014 nur um knapp 9 Prozent ge- Fuest: Prekäre Jobs gibt es, aber wir haben alt, haben das halbe Leben Ihrer Firma ge-
stiegen sind, legten die höchsten Einkom- heute auch 1,6 Millionen mehr sozialver- dient und auch immer Beiträge in die Ar-
men fast 27 Prozent zu. Und die unteren sicherungspflichtige Vollzeitjobs als 2005. beitslosenversicherung einbezahlt. Und
zehn Prozent haben sogar fast ein Zehntel Das ist ein großer Erfolg. Dass sich die dann kommt die Restrukturierung und der
an Einkommen verloren. Deutschland ist Löhne stärker als früher unterscheiden, Rauswurf, und nach 15 Monaten finden
ein gespaltenes Land. liegt übrigens teilweise an der alternden Sie sich auf der untersten Stufe der Ge-
Fuest: Das sehe ich völlig anders. Deutsch- Bevölkerung. Bei 50-Jährigen waren die sellschaft bei Hartz IV wieder. Bei Leuten,
land ist ein Land mit einer relativ ausge- Stundenlöhne schon immer ungleicher als die nie gearbeitet haben und über keine
glichenen Einkommensverteilung und ei- bei 25-Jährigen, die am Anfang ihrer Kar- Qualifikation verfügen. Ist das gerecht?
nem sehr stark ausgebauten Sozialstaat. riere stehen. Mit zunehmender Ungerech- Ich finde nicht.
Es stimmt, dass zwischen 1995 und 2005 tigkeit hat das nichts zu tun. Fuest: Es geht um ein Abwägungsproblem,
die Stundenlöhne auseinandergingen: Für Bofinger: Mein Punkt ist, dass sich die Ar- das bei den Hartz-Reformen im Mittel-
niedrig qualifizierte Jobs stagnierten die beitseinkommen seit Ende der Neunziger- punkt stand. Absicherung ist wichtig. Aber
Löhne, für hoch qualifizierte sind sie ge- jahre insgesamt viel zu schwach entwickelt wir wissen aus vielen Untersuchungen,
stiegen. Aber entscheidend ist, dass die haben. Die Gewerkschaften haben sich mit dass längere Zahlung von Arbeitslosengeld
Arbeitslosigkeit insgesamt stark gesunken ihren Lohnforderungen viele Jahre lang auch die Dauer der Arbeitslosigkeit ver-
ist. Dadurch ist auch die Ungleichheit zu- sehr zurückgehalten. Mit dem Ergebnis, längert.
rückgegangen. dass die arbeitende Bevölkerung keinen Bofinger: Es würde dem Sicherheitsbedürf-
Bofinger: Aber Herr Fuest, se- großen Anteil am Wirtschafts- nis der Bürger entsprechen, wenn die Poli-
hen Sie sich doch nur die Sta- Einkommens- wachstum hatte. tik hier ein soziales Netz einziehen würde.
tistik zu den verfügbaren Ein- entwicklung* Fuest: 2005 machten die Löhne Es würde die Bürger auch wieder mit un-
kommen an. Hier gibt es einen Veränderung gegenüber 66,6 Prozent des gesamten serem System versöhnen. Dass viele Men-
eindeutigen Befund: Während 1991, in Prozent Volkseinkommens aus. 2016 schen populistischen Politikern nachlaufen,
es den wohlsituierten Haushal- obere 60 Prozent waren es dann 68,1 Prozent; hängt ja auch damit zusammen, dass sie
+ 15
ten sehr viel besser geht als der Einkommens- wir sprechen also immerhin das Gefühl haben, der Staat tue nichts für
früher, sind die unteren 40 skala von einem Anstieg. Natürlich sie, wenn es ihnen mal schlecht geht. Hier
Prozent über fast ein Viertel- *verfüg- kann man mehr fordern, aber setzt der SPD-Kanzlerkandidat mit seinem
bares + 10
jahrhundert hinweg von der Einkom- der Rückgang der Arbeits- Vorschlag für mehr Gerechtigkeit an.
Wohlstandsentwicklung abge- men losigkeit wäre ohne Lohn- Fuest: Der Vorschlag von Schulz schafft
koppelt. Das entspricht wohl untere zurückhaltung nicht erreich- am Ende nicht mehr Gerechtigkeit, son-
kaum unseren Vorstellungen 40 Prozent + 5 bar gewesen. dern mehr Arbeitslosigkeit.
von Gerechtigkeit. Ludwig Er- SPIEGEL: Der SPD-Kanzler- Bofinger: Glauben Sie im Ernst, die Men-
hard hat von „Wohlstand für kandidat Martin Schulz sagt, schen würden massenweise in Arbeits-
alle“ gesprochen, nicht von 0 es gehe in Deutschland nicht losigkeit verharren, nur weil der Staat für
„Wohlstand für wenige“. gerecht zu. Was halten Sie von eine gewisse zusätzliche Absicherung
1991 2014
Fuest: Herr Bofinger, so schlecht Quelle: DIW Berlin seinem Vorschlag, Älteren sorgt? Dass Leute mutwillig die Arbeits-
sieht es nicht aus. Die ärmsten über einen längeren Zeit- losenversicherung in Anspruch nehmen,
25 Prozent der Bevölkerung Einkommensanteil* raum Arbeitslosengeld zu be- nur weil sie etwas großzügiger ausfällt?
hatten 2015 einen genauso ho- der ärmsten 25 Prozent zahlen, wenn sie ihren Job Ich glaube das nicht. Sie vertreten hier ein
hen Anteil am gesamtwirt- der Bevölkerung verlieren? Menschenbild, das den Deutschen nicht
schaftlich verfügbaren Einkom- in Prozent Fuest: Hier geht es wohl weni- gerecht wird.
13
men wie im Jahr 1995, nämlich ger um Gerechtigkeit als um Fuest: Wie stark setze ich mich ein, um ei-
Frankreich *am verfüg-
etwa elf Prozent. Man kann baren Ein- machtpolitisches Kalkül, näm- nen neuen Job zu finden? Welche Tätig-
fordern, der Anteil sollte höher kommen lich darum, Wählergruppen zu keiten halte ich für mich für zumutbar?
sein, aber man kann nicht be- 12 identifizieren, denen man et- Wie viel Druck mache ich bei der Arbeits-
haupten, dass die Ärmeren was zuschanzen kann. agentur, mir Stellen anzubieten? Die Ant-
von der Wirtschaftsentwick- SPIEGEL: Halten Sie Schulz’ worten auf all diese Fragen hängen stark
lung abgehängt worden wären. Vorschläge für populistisch? davon ab, wie meine wirtschaftliche Lage
11
Bofinger: Gerade eben haben Fuest: Schulz handelt wie jeder ist. Es gibt durchaus Leute, die sagen, na
Deutschland
Sie doch selbst zugegeben, Politiker im Wahlkampf, der ja, jetzt kriege ich erst einmal Arbeitslo-
auf Stimmenfang geht. Das ist sengeld, und dann schaue ich mal in Ruhe
Großbritannien rational und in einer Demo- nach einem neuen Job.
Das Streitgespräch moderierte der Redak- 10
teur Alexander Neubacher in Frankfurt kratie zulässig. Man sollte aber Bofinger: Es kann auch von Nachteil sein,
2007 2015
am Main. Quelle: Eurostat nicht alles mit dem Gerechtig- wenn ich aus Angst vor dem Absturz den
72 DER SPIEGEL 13 / 2017
erstbesten schlechten Job annehmen muss,
anstatt etwas länger nach einer Arbeit zu
suchen, in der ich produktiver und auch
volkswirtschaftlich sinnvoller eingesetzt
werde.
Fuest: Wollen Sie behaupten, es wäre bes-
ser, für längere Zeit arbeitslos zu sein als
für kurze Zeit?
Bofinger: Wenn ich dabei eine Arbeit finde,
die besser zu meinen Fähigkeiten passt
und entsprechend bezahlt wird: ja.
Fuest: Wenn man innerhalb von vier Wo-
chen einen neuen Job suchen müsste, wäre
das in der Tat nicht gut. Aber wenn ich 15
Monate lang arbeitslos bin, überwiegen
die Nachteile einer längeren Jobsuche.
Meine Chancen verschlechtern sich von
Monat zu Monat.
Bofinger: Deswegen glaube ich ja, dass die
Leute von sich aus motiviert genug sind,
einen Job zu finden. Arbeitsplatzverlust
gehört zu den schlimmsten Dingen, die ei-
nem Menschen zustoßen können.
Fuest: Es wäre schön, wenn es keinen Kon-
flikt zwischen höherer Absicherung und
Beschäftigung gäbe. Leider ist vielfach
nachgewiesen, dass dieser Konflikt be-
steht. Übrigens hat Hartz IV nicht nur den
Druck auf den Einzelnen erhöht, sondern
auch die Tarifverhandlungen verändert.
Die Lohnkosten sind langsamer gestiegen.
Auch das hat sich unterm Strich positiv
auf die Beschäftigung ausgewirkt.
Bofinger: Die deutschen Gewerkschaften
haben doch schon ab Ende der Neunzi-
gerjahre nur noch bescheidene Forderun-
gen gestellt, lange vor der Agenda 2010.
Diese Peitsche hätte es also nicht ge-
braucht. Doch anstatt den Gewerkschaften
für ihre Kooperationsbereitschaft zu dan-
ken, hat ihnen die Regierung Hartz IV auf-
gebrummt. Das fand ich nicht richtig.
Fuest: Ohne die Agenda 2010, ohne Hartz
IV, wäre die Arbeitslosigkeit heute deutlich
höher. Die wirtschaftliche Lage würde ver-
mutlich der von Frankreich ähneln. Vor
allem hätten wir viel mehr Langzeitar-
beitslose und ein noch stärker verfestigtes
Milieu von Transferempfängern.
Bofinger: Ich glaube, ohne Hartz IV stünden
wir heute kein bisschen schlechter da. Tat-
sächlich liegt unsere Langzeitarbeitslosen-
quote heute etwa auf dem Niveau von
2001 – also vor den Hartz-Reformen. Auch
TIM WEGNER / DER SPIEGEL

der Niedriglohnsektor hatte sich schon vor


den Hartz-Reformen stark ausgebildet.
Und bei der Teilzeitbeschäftigung gab es
den größten Anstieg vor dem Jahr 2005
und nicht danach.
Fuest: Die Agenda 2010 war damals die
richtige Antwort auf die wirtschaftlichen
Fuest, 48, ist Professor für Volkswirt- Bofinger, 62, lehrt Wirtschaftswissen- Probleme. Vergessen Sie nicht: Deutsch-
schaftslehre an der Ludwig-Maximilians- schaften an der Uni Würzburg und ist Mit- land galt als kranker Mann Europas.
Universität in München. 2015 übernahm glied der Wirtschaftsweisen, unter denen Bofinger: Das war eine Fehldiagnose.
er von Hans-Werner Sinn die Leitung des er häufig eine abweichende Meinung ver- Deutschland hatte mit der Wiedervereini-
ifo Instituts. tritt. Er gilt als gewerkschaftsnah. gung einen ökonomischen Schock zu ver-
arbeiten.
DER SPIEGEL 13 / 2017 73
Wirtschaft

SPIEGEL: Wie sollte Ihrer Ansicht nach eine Bofinger: Wir sollten Hartz IV abschaffen paar Monate länger oder kürzer Arbeits-
Agenda für die nächsten Jahre aussehen? und die alte Arbeitslosenhilfe wieder ein- losengeld gibt. Und ich bin sicher, dass vie-
Fuest: Wir müssen für eine weiter steigen- führen. Hierbei fielen die Betroffenen le Menschen in Deutschland gern etwas
de Erwerbsbeteiligung sorgen, mehr Frau- nicht auf Sozialhilfeniveau zurück, son- höhere Sozialbeiträge zahlen würden,
en in Arbeit bringen, mehr Ältere in Ar- dern erhielten eine Ersatzleistung, die sich wenn sie dafür eine bessere Absicherung
beit halten. Denn das Angebot an Fach- an ihrem früheren Einkommen bemaß. Für hätten.
kräften sinkt, und der Anteil der Älteren jemanden aus der Mittelschicht ist der Ab- Fuest: Es gibt andere Möglichkeiten, die
an der Bevölkerung wächst. Wir müssen sturz dann nicht ganz so schlimm. Und Absicherung zu verbessern, wenn man das
Ausbildung und Qualifizierung verbessern, den Betroffenen sollte auch nicht mehr zu- will. Erstens könnte die Arbeitslosenver-
und zwar für alle Altersgruppen. Das Geld gemutet werden, jeden Job anzunehmen, sicherung verschiedene Leistungspakete
wäre da. Aber leider verbraten wir Milliar- sondern nur noch solche Arbeit, bei der anbieten. Wer mehr Sicherheit möchte,
den Euro für Quatsch wie die Rente mit 63. die Bezahlung mindestens auf dem Niveau bezahlt höhere Beiträge. Dafür gibt es im
SPIEGEL: Der SPD-Vorschlag beim Arbeits- des Arbeitslosengeldes liegt. Was aber na- Fall des Jobverlusts längere Zeit Arbeits-
losengeld sieht vor, dass es längere Unter- türlich nicht heißt, dass man sich jeder Ar- losengeld I. Zweitens könnte man die Be-
stützung nur für jene gibt, die sich weiter- beit verweigern kann. zugsdauer beim Arbeitslosengeld flexibel
bilden. Ist das nicht in Ihrem Sinne? Fuest: Ich halte das für einen schlechten an die Lage auf dem Arbeitsmarkt anpas-
Fuest: Nein. Die Erfahrung zeigt, dass viele Vorschlag. Die Beiträge zur Arbeitslosen- sen. In einer Rezession bekommen die Be-
Betroffene in praxisfernen Qualifizierungs- versicherung würden dadurch teurer wer- troffenen länger Unterstützung als in einer
maßnahmen landen, mit denen sie ihre den. Und dann verlieren nicht nur mehr Boomphase, wenn es viele freie Stellen
Arbeitsmarktchancen eher verschlechtern. Ältere ihren Job, sondern auch mehr Jün- gibt. Die USA haben damit gute Erfahrun-
Der Fokus sollte deshalb auf die Qualifi- gere, weil diese ja die erhöhten Beiträge gen gemacht.
zierung im Beruf gelegt werden. zahlen müssten. SPIEGEL: Würden Sie die Namenspaten-
Bofinger: In der Tat, es besteht die Gefahr, Bofinger: Ich glaube nicht, dass es viel kos- schaft für eine von Ihnen erarbeitete Ar-
dass ältere Arbeitslose mit schlechten ten würde. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig. beitsmarktreform übernehmen?
Maßnahmen ihre Zeit verschwenden. Fuest: Das würde sich dann schon ändern. Fuest: Sie meinen „Fuest I“ statt „Hartz
Dann sind sie zwei Jahre weg vom Fenster Bofinger: Ob es genug Jobs gibt, hängt in IV“? Bloß nicht!
und finden noch schwerer zurück. Deshalb erster Linie davon ab, ob unsere Unter- SPIEGEL: Wie klingt „Bofinger II“?
ist der SPD-Vorschlag hier mit Vorsicht zu nehmen gute Produkte herstellen, die auf Bofinger: Nein, danke.
genießen. dem Weltmarkt nachgefragt werden. Wo- SPIEGEL: Herr Bofinger, Herr Fuest, wir
SPIEGEL: Wie lautet Ihr Gegenvorschlag? hingegen es keine Rolle spielt, ob es ein danken Ihnen für dieses Gespräch.

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Poker in
tens 85 Prozent ihres letzten Nettogehaltes perten haben nicht nur festgestellt, dass
sollten Angestellte mit einem Alter von den Managern keine strafrechtlichen und
mindestens 58 Jahren bis zum Rentenein- arbeitsrechtlichen Verfehlungen vorzuwer-

der Behörde
tritt erhalten, wenn sie freiwillig ausschie- fen seien, wie das Ministerium jetzt betont.
den. Ein verlockendes Angebot, mit einem Sie haben in den geprüften Dokumenten
kleinen Schönheitsfehler. auch schwerwiegende Fehler und Hinweise
Denn das Geld stammte nur zum Teil auf eine bewusste Täuschung gefunden.
Personal Ein landeseigener Be- aus der Kasse von Westspiel. Den zweiten So sollten die Vorruheständler bei Ge-
Teil sollte die Bundesagentur für Arbeit sprächen in der Arbeitsagentur teilweise
trieb schickt Frühpensionäre zum beisteuern – mithilfe allerlei Tricks und sogar die Unwahrheit sagen, um Leistun-
Arbeitsamt und spart Millionen – unter dubiosen Umwegen. gen zu erhalten und eine Vermittlung in
Zusammen mit ihrem Aufhebungsver- den freien Arbeitsmarkt abzuwehren. Um
ausgerechnet NRW-Finanzminis- trag mussten sich die Vorruheständler näm- den Anspruch auf Arbeitslosengeld zu be-
ter Walter-Borjans toleriert das. lich verpflichten, die ersten Jahre von der gründen, sollten sie wahrheitswidrig be-
ihnen gezahlten Abfindung zu leben. Da- haupten, sie seien bei Westspiel von Kün-

M
oralisch korrektes Handeln kann nach sollten sie sich arbeitslos melden und digung bedroht gewesen. Und auch für den
bei NRW-Finanzminister Norbert es bis zum endgültigen Eintritt in den Fall einer ungewollten Vermittlung auf
Walter-Borjans (SPD) ganz unter- Ruhestand auch bleiben. Denn nur unter eine freie Stelle gab es in den Unterlagen
schiedlich aussehen. Bei Banken, Kon- Berücksichtigung des zusätzlichen Arbeits- klare Empfehlungen.
zernen und Managern etwa, die ihre Steu- losengeldes waren die Luxuspensionen der In einem solchen Fall sollten die Vor-
ern nicht ordnungsgemäß abführen, legt Croupiers überhaupt finanzierbar. ruheständler wie beim Poker bluffen und
Walter-Borjans sehr hohe Maßstäbe erst einmal behaupten, ihr alter
an. Nicht einmal das Steuer- und Arbeitgeber Westspiel habe ihnen
Strafrecht reicht ihm da aus: Denn auch auf Nachfrage kein Arbeits-
nicht alles, was legal ist, ist auch le- zeugnis ausgestellt, das sie einer Be-
gitim, meint der Minister. werbung beifügen könnten.
Wenn hingegen landeseigene Un- Und damit im Umgang mit der
ternehmen die Sozialkassen um Be- Behörde auch wirklich nichts mehr
träge in Millionenhöhe schröpfen, schieflaufen konnte, mussten sich
um Personalkosten zu sparen und die ausscheidenden Croupiers sogar
die eigene Bilanz aufzuhübschen, ist verpflichten, den Experten der
der Sozialdemokrat weit weniger von Westspiel angeheuerten Be-
streng. Den Vorgang mit seinen Feh- ratungsagentur die gesamte Kor-
lern, sagt er dann, sehe er zwar kri- respondenz mit dem Arbeitsamt
tisch. Das aber hat kaum Konse- vorzulegen, um sie auf formale
quenzen. Fehler und Wiedersprüche prüfen
Geschehen ist das bei der in Duis- zu lassen.
burg ansässigen Westspiel-Gruppe, Derart klare Verstöße und Fehler
einem Betreiber von Spielkasinos, in den Unterlagen der angeheuerten
der sich über die NRW-Bank zu Agentur, schreibt Clifford Chance,
100 Prozent im Besitz des Landes hätte dem Westspiel-Management
befindet und von dort auch kontrol- auffallen müssen – vorausgesetzt,
liert wird. dort wollte sie jemand sehen.
Seit Jahren bereits laufen die Ge- Inzwischen, versichern Finanz-
schäfte von Westspiel schlecht. Immer ministerium und Westspiel unisono,
weniger Menschen zieht es in Zeiten seien alle Missstände und Fehler be-
der Internetspiele in die angestaubten hoben worden. Vereinzelte Falsch-
MICHAEL ENGLERT

Kasinos in Dortmund, Duisburg oder angaben und mögliche Fehler des


Aachen. Westspiel musste deshalb be- Dienstleisters hätten zudem in
reits Tafelsilber wie einen Teil seiner keinem Fall dazu geführt, dass An-
Kunstsammlung verkaufen und auf tragsteller Leistungen erhalten hät-
lieb gewonnene Annehmlichkeiten Spielkasino Duisburg: Die Fehler mussten auffallen ten, für die sie nicht anspruchs-
wie rauschende Belegschaftspartys auf berechtigt wären.
Rheinschiffen und ausgedehnte Reisen des Als der SPIEGEL im vergangenen Jahr Für einen Abbruch des Programms
Managements nach Las Vegas verzichten. auf den Missstand aufmerksam machte, hingegen sah man weder im Finanzminis-
Geholfen hat das wenig. Das Unterneh- war die Aufregung groß. Oppositionspoli- terium noch bei Westspiel einen Grund.
men schrieb weiter rote Zahlen. Und so tiker wie FDP-Mann Ralf Witzel pranger- Nur mit der Bezeichnung wurde man
ersann das Management vor gut zwei Jah- ten einen Missbrauch der Sozialkassen an vorsichtiger. Statt von Vorruhestand
ren einen fragwürdigen Plan. und forderten Konsequenzen. spricht man nun von einer „Sonderrege-
Ein Teil der langjährig beschäftigten NRW-Finanzminister Walter-Borjans lung für das Ausscheiden älterer Mit-
Croupiers sollte das Unternehmen verlas- ließ über Westspiel ein Gutachten bei der arbeiter“.
sen und durch jüngere und damit preiswer- Rechts- und Wirtschaftskanzlei Clifford Für FDP-Mann Witzel ist das alles reine
te Kräfte ersetzt werden. Dazu legte die Chance anfertigen. Die Ergebnisse liegen Augenwischerei: Für ihn bleibt das Pro-
Geschäftsführung zusammen mit einer ei- nun vor. gramm, was es von Anfang an war, „ein
gens dazu angeheuerten Agentur ein Vor- Doch nur einen kleinen Teil davon will missbräuchlicher Griff in die Sozialkasse
ruhestandsprogramm vor, das speziell auf der Finanzminister der Öffentlichkeit preis- auf Kosten der Allgemeinheit“.
diese Klientel zugeschnitten war. Mindes- geben. Aus gutem Grund: Die Rechtsex- Frank Dohmen

DER SPIEGEL 13 / 2017 75


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Böse Mädchen
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Feminismus TV-Serien wie „Good Girls Revolt“ zeigen, wie Journalistinnen in


den Siebzigerjahren gegen die Macht der Machos angingen. Was ist
von dem Kampf geblieben? Ein Treffen mit den Protagonistinnen von damals.

78 DER SPIEGEL 13 / 2017


Medien

W
ie es enden kann, wenn sie Kar- und zugleich verwundert, dass die Frauen- den New Yorker Bürgermeister zuständig –
riere machen wollen, sollten jun- bewegung in den Köpfen womöglich doch bis der als Präsidentschaftskandidat gehan-
ge Frauen Anfang der Sechziger- nicht so viel verändert hat. Das ist zu spüren, delt wurde. Dann übernahm ein Mann.
jahre am Fall zweier New Yorkerinnen wenn man drei von ihnen trifft: Pat Lynden, Lynden mochte „Good Girls Revolt“, sagt
sehen: tödlich. 79, damals politische Reporterin. Mary Ples- aber, die Serie bringe nicht rüber, wie ex-
Janice Wylie, damals 21, und ihre Mit- hette Willis, 70, einst Kinoexpertin. Und zentrisch die Kollegen bei „Newsweek“ ge-
bewohnerin Emily Hoffert, 23, wurden im Lynn Povich, 73, früher Moderedakteurin. wesen seien. Ein Redakteur hatte ein Kla-
August 1963 ermordet im Schlafzimmer Die elegante, weißhaarige Frau ist die pro- vier in seinem Büro, auf dem er spielte, wäh-
gefunden, in ihrem Apartment an der Up- minenteste von ihnen, sie hat vor ein paar rend er auf die Korrektur seiner Texte war-
per East Side. Ihre Körper wiesen je über Jahren ein Buch über die Revolte geschrie- tete. Ein anderer hielt sich einen Papagei.
60 Messerstiche auf. Wylie war nur mit ei- ben, das Amazon zu seiner Serie inspirierte. Als Lynn Povich die Rechte an ihrem
nem Handtuch bedeckt und offenbar ver- Alle drei wohnen an der Upper West Buch verkaufte, bestand sie darauf, dass
gewaltigt worden. Side, hier lebt man, wenn man es geschafft sie und ihre Mitstreiterinnen in der Serie
Hoffert war Lehrerin, Wylie Rechercheu- hat in New York. Povich und ihr Mann, verfremdet würden. Reale Personen sind
rin beim Wochenmagazin „Newsweek“. ein ehemaliger Kollege, haben ein großzü- nur die Anwältin der Frauen sowie Nora
Die damaligen Kolleginnen aus der Redak- giges Apartment, neunter Stock, Panora- Ephron, die „Newsweek“ früh verließ, um
tion haben noch heute alle Details des Ver- mafenster zum Central Park. In der Ecke als Regisseurin in Hollywood Filme wie
brechens im Kopf. Auch, wie die Boule- steht ein Flügel, daneben ein Regiestuhl „Schlaflos in Seattle“ zu drehen.
vardpresse es ausschlachtete und mit wel- mit ihrem Namen, ein Geschenk des Film- Die Serienfiguren – Hippiemädchen Pat-
cher Geisteshaltung. teams. Ein „Newsweek“-Cover im Flur ti, die nur anfangs brave Cindy und Up-
Die Blätter nannten Wylie und ihre Freun- zeigt Povich als Titelmodell, darüber der per-Class-Girl Jane – seien etwas stereotyp
din naserümpfend „Career Girls“. Durch je- Schriftzug: „Superwoman“. Kollegen über- geraten, findet Lynden. Für Mary Willis
den Text zog sich, mehr oder weniger subtil, reichten es ihr, als sie in Mutterschutz ging. zeigt die Serie „ein bisschen viel Brüste
die Warnung: Seht her, Mädels, so ergeht Zu Heldinnen der Bewegung wurden sie und Hintern, aber es ist ja Fernsehen“.
es einer, die ohne männlichen Beistand in und die übrigen Rebellinnen erst spät. Selbst Willis wohnt nur ein paar Blöcke von
der großen Stadt lebt und meint, ihr eigenes in der Redaktion war ihr Aufstand über die Povich entfernt, der Blick vom Balkon geht
Geld verdienen zu müssen. Als bezahle eine Jahre in Vergessenheit geraten. „Vielleicht auf die Straßenschluchten Manhattans.
Frau berufliche Ambitionen zwangsläufig hätten wir mehr darüber reden sollen“, sagt Nach ihrem Weggang von „Newsweek“
mit dem Leben. Und als hätten Frauen da- Povich, die „Newsweek“ 1991 verließ. Erst schrieb sie Drehbücher fürs Fernsehen.
mals bei „Newsweek“ überhaupt eine Chan- 2009 meldeten sich drei junge Redakteurin- Ihr Vater habe über ambitionierte Frau-
ce gehabt, Karriere zu machen. nen bei ihr, die durch Zufall von den Ereig- en stets abfällig gesprochen, sagt sie. Einen
Das änderte sich im März 1970, als 46 nissen 1970 erfahren hatten. Das bestärkte Mann finden, heiraten, Kinder kriegen, das
Frauen gegen ihren Arbeitgeber „News- Povich darin, ein Buch zu schreiben. waren die Erwartungen der Eltern. Und
week“ vorgingen. Sie wollten das einkla- „Newsweek“ war von jeher ein Kasten- so stellten sich die „Newsweek“-Mitar-
gen, was bis dahin den Männern in der Re- system. Es gab Rechercheure, die sich beiterinnen auch selbst ihr Leben vor, ob-
daktion vorbehalten war: das Recht, Arti- durchs Archiv wühlten. Reporter, die raus- wohl fast alle von ihnen studiert hatten.
kel zu schreiben. gingen und Szenen und Zitate lieferten. Der Job war als Zwischenstopp gedacht,
Wie der Aufstand der Frauen ungefähr Und Autoren, die all das in einen Text gos- für höchstens ein paar Jahre. Sie sollten
verlief, ist in der Amazon-Serie „Good sen; sie waren Künstler, die anderen Die- brave Mädchen sein und waren es zu-
Girls Revolt“ zu sehen. Sie beleuchtet eine ner. Alle Texte sollten – wie beim Vorbild nächst auch. Povich sagt: „Wir brauchten
Epoche des Umbruchs: Schwarze begehr- „Time“ und lange auch beim SPIEGEL – eine Weile, bis wir entdeckten, wie viel
ten gegen ihre Unterdrückung auf, Junge denselben Sound haben, wie eine Stimme Spaß wir an der Arbeit hatten, und dass
gegen Alte, und Frauen kämpften für Gottes. Und Gott war nun mal männlich. wir sehr wohl Karriere machen wollten.“
Gleichberechtigung. Es waren Jahre, in de- Für Frauen gab es zwar Möglichkeiten „Newsweek“ war damals das heißeste
nen vieles errungen wurde, was seither zum Aufstieg, aber so, wie Männer sich Magazin Amerikas. Unter Chefredakteur
selbstverständlich schien und nun wieder das vorstellten: Sie starteten in der Post- Oz Elliott wurde es Ende der Sechziger-
gefährdet ist – spätestens seit ein Mann stelle. Wurden sie befördert, archivierten jahre zu einem progressiven Blatt, das mit
ins Weiße Haus eingezogen ist, der jene sie Zeitungsartikel. Im besten Fall brachten „Time“ um den Führungsanspruch im
verachtet, die anders sind als er: Muslime, sie es bis zur Rechercheurin. Anerkennung Magazinjournalismus rang. „Newsweek“
Behinderte und eben auch Frauen. „Good ließen Männer ihnen gern zuteilwerden, prangerte den Vietnamkrieg an und soli-
Girls Revolt“ lässt erahnen, wie die Welt indem sie die Form ihrer Brüste lobten darisierte sich mit der Bürgerrechtsbewe-
aussähe, könnten Rechtspopulisten wie oder ihnen ein Küsschen auf den Nacken gung der Schwarzen. Die Redaktion gab
Donald Trump die Zeit zurückdrehen. gaben. Nur wenige Frauen durften jemals jenen eine Stimme, die gegen das Estab-
Aber auch das gehörte in den Redak- einen Text schreiben. lishment kämpften – und merkte nicht, wie
tionen dazu: Rausch und Exzess und die Dabei waren sie richtige Journalistinnen. ungerecht es im eigenen Haus zuging.
Gewissheit, wichtig zu sein. Whiskey und „Ich bin zur Reporterin geboren“, sagt Pat Selbst den Frauen fiel es erst auf, als sie
Cognac flossen im Übermaß, die Krawatten Lynden, zu ihren Füßen liegt Cassidy, eine mit dem aufkeimenden Feminismus in Be-
waren schmal, die Röcke kurz, die Partys Mischung aus Pitbull und Schäferhund. Als rührung kamen. Povich interviewte für
entfesselt. Es ist dieses Lebensgefühl, das im Juni 1968 Andy Warhol angeschossen „Newsweek“ Frauenrechtlerinnen, privat
Fernsehmacher fasziniert – nun auch deut- wurde, fuhr Lynden zum Hotel, in dem ging sie zu Selbsterfahrungstreffen. Auch
sche. Gerade lässt das ZDF eine Serie pro- die Attentäterin wohnte. Sie schlich sich die Serie zeigt eine solche Runde, die Sze-
duzieren, die von einem Hamburger Ma- an der Polizei vorbei, klopfte an die Tür ne ist nicht ohne Komik: Erst geht es um
gazin in den frühen Siebzigern handelt; der Frau und sprach mit einem Zimmer- Affären im Job, dann ruft die Gastgeberin,
Hauptfigur ist eine junge Redakteurin, die mädchen. Danach ging sie zu Warhols man wolle nun mit einem Handspiegel die
sich in der Männerwelt durchboxt. Factory und interviewte einen Augenzeu- eigene Vulva anschauen.
Die Frauen, die seinerzeit „Newsweek“ gen. Den Text schrieb ein anderer. Eine Irgendwann wurde den Journalistinnen
anzeigten, sind heute stolz auf das Erreichte Zeit lang war sie auch für Recherchen über von „Newsweek“ klar, dass ihre berufliche
DER SPIEGEL 13 / 2017 79
Medien

Herabsetzung nicht nur unfair war, son- ob man sich nicht einmal zum Austausch
dern illegal. Die Diskriminierung von An- treffen wolle, war die Resonanz gering.
gestellten aufgrund von Hautfarbe, Religi- Ein Text, den SPIEGEL-Redakteurin Kolb
on oder Geschlecht war in den USA schon 1975 über die Frauenbewegung verfasste,
damals verboten. Eine Kollegin aus dem wurde nicht gedruckt. Er war zu engagiert,
Politikressort startete die Revolte. Ihre Ver- glaubt sie. Stattdessen durfte ein männ-
bündeten rekrutierte sie auf der Damen- licher Kollege in einer Titelgeschichte da-
toilette. Am Ende waren es 46 Frauen. Am rüber spekulieren, ob die Frauenbewegung
16. März 1970 reichten sie bei der Bundes- vielleicht schon wieder am Ende sei. Das
behörde für Gleichstellung Beschwerde ein Cover zeigte eine nackte Frau, die ein nack-
und gaben eine Pressekonferenz. Sie woll- tes Kind umarmt, die Zeile „Zurück zur
ten „Newsweek“ blamieren. Die braven Weiblichkeit“ soll Herausgeber Rudolf Aug-
Mädchen waren böse geworden. stein selbst ersonnen haben, ein Freund der
Den Termin für ihre Aktion hatten sie Frauen, aber nicht der Frauenbewegung.
bewusst gewählt: An jenem Montag er- Zwei Jahre später beim „Stern“ erschien

DIRK EUSTERBROCK / DER SPIEGEL


schien „Newsweek“ mit einer Titel- dann eine Titelgeschichte von Kolb. Es
geschichte über „Frauen im Aufstand“, ging um sexuelle Belästigung am Arbeits-
verfasst von einer externen Autorin; intern platz. Die Titelzeile lautete „Deutsche
hatte man ja keine. Eine Pointe, von der Chefs – Ferkel im Betrieb?“, zu sehen war
Willis heute sagt: „Wir hätten uns das nicht eine langbeinige Sekretärin beim Diktat,
besser ausdenken können.“ Bei der Pres- ihr gegenüber am Schreibtisch saß ein
sekonferenz saß sie mit auf dem Podium Mann mit Schweinekopf. Die Reaktionen
und verurteilte das „Gentlemen’s Agree- Autorin Povich in ihrer New Yorker Wohnung aus Deutschlands Chefetagen: verheerend.
ment“, das den Aufstieg der „Newsweek“- „Wir dachten, wir hätten Türen aufgestoßen“ In der Redaktion ging ein Paket mit einem
Frauen verhinderte. echten Schweinekopf ein, adressiert an den
Chefredakteur Elliott ließ sich auf Ver- gen in den USA mehr als eine Million Frau- verantwortlichen Ressortleiter.
handlungen ein. Das erste zaghafte Entge- en auf die Straße, um für ihre Rechte und Nun wird Kolb ebenfalls zur TV-Figur,
genkommen bestand darin, dass Frauen gegen den Präsidenten zu demonstrieren. irgendwie. Die Heldin der Serie, die das ZDF
von nun an zu den wöchentlichen Mittag- Auch die drei „Newsweek“-Veteraninnen aktuell drehen lässt, arbeitet in verantwort-
essen kommen durften, bei denen die Re- liefen mit. licher Position beim fiktiven Magazin „Re-
dakteure mit Gästen aus Politik und Ge- Trump könnte eine Figur aus „Good levant“. Sie will nackte Brüste vom Cover
sellschaft speisten. Nach langem Ringen Girls Revolt“ sein. Der 70-Jährige ist in und das Machogehabe aus der Redaktion
waren schreibende Frauen akzeptiert. Fünf einer Zeit hängen geblieben, in der sich verbannen. Statt Ingrid Kolb heißt sie Za-
Jahre später wurde Povich zur ersten lei- Männer alles herausnehmen konnten. Es ist rah Wolf, beide sind derselbe Jahrgang.
tenden Redakteurin. Ihr Vater gratulierte, nicht lange her, dass er damit angab, Frau- Produzent Jan Kromschröder war in den
ihre Mutter kommentierte, nun werde sie en überfallartig „an die Muschi“ zu fassen. Achtzigerjahren beim „Stern“, unter an-
wohl niemals Kinder haben. Povich bekam In der Amazon-Serie gibt es eine Szene, derem im von Kolb geleiteten Ressort „Er-
später eine Tochter und einen Sohn. in der die blonde Jane mit dem Chefre- ziehung und Gesellschaft“. Sie sei für ihn
Von „Newsweek“ ist nicht mehr viel üb- porter eine Kunstausstellung besucht. Die ein Vorbild gewesen, sagt Kromschröder.
rig. Im repräsentativen Art-déco-Gebäude beiden sind allein, eine Wand trennt sie, Er wollte aber nicht ihr Leben verfilmen,
an der Madison Avenue 444 sitzt die Re- und als Jane ahnungslos um die Ecke biegt, sondern ließ eine Figur entwickeln, die an
daktion schon lange nicht mehr. Wo einst steht ihr Vorgesetzter da: mit offenem Ho- verschiedene Journalistinnen angelehnt ist.
das Heft entstand, im 11. bis 13. Stock, sind senstall und heraushängendem Penis. „In unseren Herzen und Köpfen war im-
eine Bank und die Gebäudeverwaltung. Lynn Povich sagt, sie fühle sich jungen mer Ingrid Kolb, aber wir dachten auch
Die Auflage war seit Ende der Neunzi- Feministinnen schwesterlich verbunden, an Frauen wie Peggy Parnass, Wibke
gerjahre von 3,4 auf 1,6 Millionen abge- was deshalb erwähnenswert ist, weil die Bruhns, Alice Schwarzer. Die mussten alle
stürzt, als mit Tina Brown 2010 erstmals deutsche Frauenrechtsikone Alice Schwar- den gleichen Kampf ausfechten.“
eine Frau an die Spitze der Redaktion zer keine Gelegenheit auslässt, um gegen In einem ehemaligen Bankgebäude in
kam. Zwei Jahre später musste Brown die ihre Nachfolgerinnen zu ätzen. Erstaun- der Hamburger Innenstadt ist bis Juni die
härteste Entscheidung in der Geschichte lich findet Povich indes, dass sich Frauen „Relevant“-Redaktion aufgebaut: Arbeits-
von „Newsweek“ verantworten: die Ein- im Job noch immer so wenig zutrauen plätze mit Olympia-Schreibmaschinen und
stellung der Printausgabe. Seit März 2014 oder befürchten, zu ehrgeizig zu wirken. grauen Wählscheibentelefonen, ein Ser-
liegt das Blatt wieder am Kiosk, der wö- „Wir dachten, wir hätten die Türen für die vierwagen ist mit Weinbrand und Ziga-
chentliche Absatz liegt in den USA bei nächste Generation aufgestoßen. Aber retten befüllt. Eine Szene wird eine Orgie
100 000 Stück. manche Dinge ändern sich eben nur sehr zeigen, an der auch die Verlegertochter
Am Tag nach dem Treffen mit Povich langsam.“ teilnimmt. Noch ringen Filmteam und Sen-
steht am Washington Square im Süden Auch Ingrid Kolb war ein böses Mäd- der darum, wie nackt es dabei zur Haupt-
Manhattans eine junge Schwarze auf der chen. Die 75-Jährige leitete bis zu ihrem sendezeit im ZDF zugehen darf. Den vul-
Bühne und rappt ein wütendes Gedicht. Ruhestand die Henri-Nannen-Journalisten- gärsten Auftritt legt jedoch der Kulturchef
Es ist Weltfrauentag. Der Platz ist voller schule. In den Siebzigerjahren hatte sie des Magazins hin: Er pinkelt Zarah Wolf
Menschen. Eine Frau reckt eine Pappe em- erst für den SPIEGEL gearbeitet und ging volltrunken in den Papierkorb.
por: „Ich bin es leid, dieses Plakat seit 1960 dann zum „Stern“. Bei beiden mühte sie Alexander Kühn, Ann-Kathrin Nezik
hochzuhalten.“ Auf dem Schild eines Man- sich, die Sache der Frauen voranzubringen,
nes steht, die Zukunft sei weiblich. im Blatt wie auch in der Redaktion. Video: Chauvi-Journalismus
Die Frauenbewegung ist zu neuem Le- Der SPIEGEL hatte damals zwar Schrei- der Sechzigerjahre
ben erwacht, auch wegen Trump. Im Ja- berinnen, aber nur ein halbes Dutzend. spiegel.de/sp132017girls
nuar, am Tag nach seinem Amtsantritt, gin- Als Kolb die Kolleginnen per Brief fragte, oder in der App DER SPIEGEL

80 DER SPIEGEL 13 / 2017


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Ausland
Jemen tisch und militärisch sehr
„Raketen auf Mekka“ präsent.
Turki: Ich sehe das anders.
Der langjährige Chef des saudi- Die Regierung kontrolliert
arabischen Auslandsgeheim- 70 Prozent des Territoriums,
dienstes Prinz Turki Bin Faisal, und die aufständischen Huthi
72, über den Krieg seines Lan- werden zurückgedrängt.
des im Jemen SPIEGEL: Fühlt sich Ihr Land
wirklich von den Huthi be-
droht?
Turki: Die mit Iran verbünde-
ten Aufständischen haben
immer wieder angekündigt,
die heiligen Stätten in Mekka
und Medina von saudischer
Herrschaft befreien zu wol-
len. Das verstehen wir sehr
JENS GYARMATY / VISUM

wohl als Angriff auf unsere


territoriale Integrität. Es wur-
den bereits Raketen auf Mek-
ka abgeschossen. Würde der
Jemen dauerhaft unter irani-
schen Einfluss fallen, stünde
SPIEGEL: Der Konflikt im auch die Schifffahrtsstraße
Jemen hat laut Uno 10 000 ins Rote Meer unter Teherans
Todesopfer gefordert. Ein Kontrolle. Das wäre fatal für
Sieg Ihrer Allianz zeichnet die Region.
sich nicht ab. Können Sie SPIEGEL: Und wie wollen Sie
denn überhaupt noch gewin- diesen Konflikt ohne Ge-
nen? sichtsverlust beenden?
Turki: Wir führen keinen Turki: Er wird enden, wie die
Krieg gegen den Jemen. Das Uno-Resolution 2216 es vor-
Königreich und seine Alliier-
ten helfen der rechtmäßigen
sieht: Die Huthi müssen sich
zurückziehen, die gestohle- Essen, das vom Himmel fällt
Regierung des Landes und nen Waffen zurückgeben, die Viele von ihnen sind barfuß über Steine und verdorrtes Grasland
deren Bodentruppen, die Gefangenen freilassen und gelaufen, bis zu fünf Stunden seien sie in der sengenden Sonne
Kontrolle über die von den zum nationalen Dialog zu- unterwegs gewesen, heißt es in Berichten aus der Hungerregion
Huthi besetzten Gebiete rückkehren. Und die Iraner um Padeah im Norden des Südsudan. Uno-Transportflugzeuge
zurückzugewinnen. müssen gemeinsam mit den haben dort Getreidesäcke abgeworfen, die Frauen sichern den
SPIEGEL: Ganz offensichtlich Huthi eine Niederlage hin- Anteil für ihre Familien – mit großer Disziplin und Ruhe.
sind die Huthi jedoch poli- nehmen. suk

Analyse

Was tun gegen Nichtstuer?


Der Präsident von Weißrussland kämpft gegen Proteste im eigenen Land.
In der Kunst, zwischen zwei Stühlen zu sitzen, hat es Alexan- jedenfalls keine gut bezahlte. Die Steuer beträgt rund 200 Dol-
der Lukaschenko weit gebracht. Eingeklemmt zwischen den lar im Jahr – dafür müssen die meisten einen ganzen Monat
mächtigen Nachbarn Russland und EU, hat es der Präsident arbeiten. Zur Verzweiflung kommt Wut, weil die Regierung
von Weißrussland stets vermieden, sich von einer Seite verein- von „Nichtstuern“ redet. An diesem Samstag ist eine zentrale
nahmen zu lassen. Das ist auch der Grund, warum er – anders Protestkundgebung in Minsk geplant. Für Lukaschenko kann
als sein 2014 gestürzter ukrainischer Kollege Wiktor Januko- das gefährlich werden: Nicht weil die Proteste so gewaltig wä-
wytsch – nach zwei Jahrzehnten immer noch an der Macht ist. ren, sondern weil sie neuartig sind. Organisierte Oppositionel-
Nun aber droht Gefahr aus unerwarteter Richtung. Wie aus le kann man ins Gefängnis werfen, Lukaschenko hat das 2010
dem Nichts ist eine Protestbewegung im Land entstanden, vorgemacht. Aber was hilft gegen unpolitische Arbeitslose?
überraschend für den Präsidenten ebenso wie für die spärliche Der Balanceakt des Präsidenten zwischen Moskau und
Opposition. Auf spontanen Kundgebungen in der Provinz Brüssel wird umso schwieriger, je unruhiger die Lage im In-
haben Tausende gegen jene neue Steuer protestiert, die Men- nern ist. Diese Unruhe aber wird nicht von außen herein-
schen ohne offizielle Arbeit zahlen sollen. Die Steuer ist der getragen, wie Lukaschenkos Staatsfernsehen glauben machen
verzweifelte Versuch der Regierung, nach zwei Jahren Rezes- will. Sie ist Ausdruck eines langsamen, unerbittlichen Kon-
sion ihre Einnahmen aufzubessern. Die Proteste sind die trollverlustes, der mit dem wirtschaftlichen Niedergang des
verzweifelte Antwort der Bürger. Denn es gibt keine Arbeit, Landes einhergeht. Christian Esch

82 DER SPIEGEL 13 / 2017


Trumps Woche
Eigentlich hatte der Präsident
ja gedacht, FBI-Chef James
Comey sei sein Freund, seit
der im Wahlkampf Hillary
Clinton das Leben schwer ge-
macht hatte. Das war wohl
ein Irrtum. Am Montag er-
klärte Comey vor dem Ge-
heimdienstausschuss des Re-
präsentantenhauses eiskalt,
es gebe keine, wirklich gar
keine Hinweise darauf, dass
Donald Trump unter seinem
Vorgänger Barack Obama ab-
gehört wurde, wie der Präsi-
dent behauptet hatte. Aber
das FBI ermittle, ob Trumps
Team mit der russischen Re-
gierung gekungelt habe, um
Hillary zu verhindern.
Das FBI solle lieber mal der

HEATHCLIFF O'MALLEY / TELEGRAPH / DDP IMAGES


Frage nachgehen, wer ständig
geheime Informationen durch-
steche, twitterte Trump: „Fin-
det endlich den Leaker!“
Wie immer war es die Fa-
milie, die in diesen Stunden
für Trost und Ablenkung sorg-
te: Sohn Eric und seine Frau
Lara verkündeten, sie erwar-
teten einen kleinen Trump.
Und, viel besser noch: Toch-
ter Ivanka zieht im West
Wing des Weißen Hauses ein,
Syrien Wochen mindestens vier der sogar sämtliche Tunnel zer- bekommt ein eigenes Büro
Letztes Mittel großen Schmuggeltunnel ge- stört. Zuvor hatten korrupte und wohl auch Zugang zu ge-
sprengt, über die seit Beginn Armeeoffiziere in Koopera- heimen Regierungsinformatio-
In den belagerten Vorstäd- der Belagerung vor mehr als tion mit der militärisch do- nen. Ihre Aufgabe, so be-
ten nordöstlich von Damas- drei Jahren die Versorgung minierenden Rebellenforma- schrieb es ihr Anwalt, sei es,
kus unternahmen syrische der schätzungsweise eine tion „Armee des Islam“ gleichzeitig „Augen und Oh-
Rebellen in den vergange- halbe Million Eingeschlosse- Nahrungsmittel, Diesel, Me- ren“ des Präsidenten zu sein.
nen Tagen die schwersten nen gelaufen war. Anderen dikamente und andere Gü- Das klingt kompliziert, aber
Angriffe seit Langem gegen Berichten zufolge wurden ter einschleusen und für hor- Ivanka nimmt noch nicht ein-
die Truppen von Ba- rende Preise verkaufen mal Geld dafür. Dann wollte
schar al-Assad. Anlass lassen. Die Armeeange- der Präsident im Repräsentan-
für die Attacken war hörigen verdienten am tenhaus über das Ende der
pure Verzweiflung: Die Schmuggel, die „Armee Gesundheitsreform von Ba-
Angriffe sind „unser des Islam“ konnte ihre rack Obama abstimmen las-
letztes Mittel“, so einer Monopolposition aus- sen, auf den Tag sieben Jahre
der Eingeschlossenen: bauen. Mit der Spren- nach ihrer Einführung. Es soll-
AMER ALMOHIBANY / AFP

„Wenn wir jetzt nicht gung der Tunnel hat te ein erster großer Erfolg
kämpfen, werden wir in nun offenbar die erwar- werden für Trump und die
einem Monat anfangen tete Offensive auf die Republikaner. Doch zumin-
zu verhungern.“ Ar- letzte große Rebellen- dest am Donnerstag fehlten
meeeinheiten haben in hochburg nahe Damas- ihnen dazu im Repräsentan-
den vergangenen drei Rebellenstellung bei Damaskus kus begonnen. cre tenhaus die nötigen Stimmen.

DER SPIEGEL 13 / 2017 83


Ausland

„Nächstes Mal
ein Mexikaner“
Polen Sein Land werde in der EU übergangen und
ungerecht behandelt, klagt Außenminister
Witold Waszczykowski – und verbittet sich jede
Einmischung, vor allem von Deutschland.
Polen drohe unterzugehen im „Mix der Kultu- Bei Ihnen versucht die Regierung Einfluss
ren und Rassen“ und Teil einer „Welt aus Rad- zu nehmen. Sie können aber sicher sein:
fahrern und Vegetariern“ zu werden, mit sol- Die folgenden Fragen sind meine Fragen.
chen Aussagen erlangte Waszczykowski, 59, Waszczykowski: Bitte fangen Sie an!
Bekanntheit. Nun ist der promovierte Histori- SPIEGEL: Gern. Was meinten Sie, als Sie
ker seit etwas mehr als einem Jahr Außenmi- unlängst sagten, die Polen müssten ihr Ver-
nister der nationalkonservativen Regierung in trauen in die EU „dramatisch absenken“
Warschau, diplomatischer geworden ist er und eine „negative Politik“ machen?
trotzdem nicht. Zum Gespräch bittet er eine Waszczykowski: Über viele Jahre hat man
Woche nachdem Polen sich gegen die Wie- versucht, uns zu überzeugen, dass die EU
derwahl von Donald Tusk als EU-Ratsvorsit- ein Klub von Altruisten ist, dass es keine
zenden gestellt hat – gegen alle anderen Mit- rivalisierenden Nationalinteressen mehr
gliedstaaten. Waszczykowski empfängt in sei- gebe. Spätestens seit dem Gipfel von vor
nem Ministerium, hinter ihm hängt ein Porträt zwei Wochen wissen wir, dass das nicht
von Józef Piłsudski. Der Marschall hatte nach stimmt. Wir haben gelernt: Wir müssen
dem Ersten Weltkrieg die Unabhängigkeit für unsere polnischen Interessen verteidigen.
Polen erlangt – und die Demokratie später Uns ist klar, dass wir weniger Macht und
per Militärputsch wieder beseitigt. wirtschaftliches Potenzial haben als
Deutschland. Aber wir wollen, dass unsere
Waszczykowski: Darf ich ausnahmsweise Belange ernst genommen werden.
dieses Gespräch beginnen? SPIEGEL: Wo wird denn gegen die Interes-
SPIEGEL: Bitte. sen Ihres Landes verstoßen?
Waszczykowski: Sind Sie eigentlich auch mit Waszczykowski: Überall! Zum Beispiel in
politischen Direktiven von Ihrem Chef in der Energiepolitik mit dem Bau der Ost-
dieses Interview geschickt worden? seepipeline Nord Stream 2 zwischen Russ-
SPIEGEL: Nein, natürlich nicht. Warum fra- land und Deutschland. Oder in der Klima-
gen Sie das? Spielen Sie darauf an, dass schutzpolitik: Die strengen CO2-Grenz-
gerade der Verlag Ringier Axel Springer werte schaden der polnischen Wirtschaft
die Journalisten der polnischen Konzern- sehr, da unsere Energiegewinnung auf
tochter per Rundschreiben angehalten ha- Kohle basiert. Wir können uns nicht leis-
ben soll, proeuropäisch zu berichten? ten, ein rückständiges Land mit frischer
Waszczykowski: Ja, genau. Wie bewerten Luft zu werden. Wir brauchen beides: die SPIEGEL: Aber am Ende profitiert Polen
Sie das? Wir fragen uns nun, ob nicht alle Chance auf Wachstum und eine saubere doch eindeutig davon: Es werden neue
deutschen Medien politische Anweisungen Umwelt. Die EU hätte mildere Auflagen Straßen gebaut, Arbeitsplätze geschaffen,
befolgen. machen und so im Geiste der europäischen die Landwirtschaft wird gefördert.
SPIEGEL: Wie stellen Sie sich das vor? Glau- Solidarität handeln müssen. Waszczykowski: Natürlich nutzen uns die
ben Sie, dass jemand bei unserem Chef- SPIEGEL: Sie klingen enttäuscht. Das ver- Gelder. Aber wer baut denn diese Straßen?
redakteur anruft und ihm Richtlinien zur wundert, denn Polen geht es doch gut, die Westeuropäische Konzerne. 80 Cent von
Polen-Berichterstattung vorgibt? Wirtschaft wächst, bis 2020 wird Ihr Land jedem Euro, der aus Brüssel kommt, flie-
Waszczykowski: Was der Verlag getan hat, rund 80 Milliarden aus europäischen Struk- ßen wieder zurück in den Westen.
ist ein klarer Fall von politischer Einmi- turfonds erhalten haben. Es ist damit der SPIEGEL: Sie werfen der EU auch Ungerech-
schung in die Angelegenheiten eines Nach- größte Nutznießer der EU. tigkeit vor, weil Ihr Landsmann Donald
barlandes. Dabei wird uns doch, auch von Waszczykowski: Und die Union ist der größte Tusk zum zweiten Mal zum Vorsitzenden
Deutschland, seit anderthalb Jahren vor- Nutznießer der Mitgliedschaft Polens! Wir des Europäischen Rats gewählt wurde –
geworfen, Einfluss auf unsere Presse zu sind ein Markt von fast 40 Millionen Men- gegen den Widerstand Polens.
nehmen. Nun scheinen wir den Beweis da- schen. Daran verdient ihr enorm viel Geld, Waszczykowski: Wir drängen darauf, dass
für zu haben, dass es andersherum ist. allein die Deutschen haben für 55 Milliarden die Regeln der Union eingehalten werden.
SPIEGEL: Aber diese Anweisungen an die Euro Waren nach Polen verkauft. Das Geld Doch auf dem Gipfel wurden die Spiel-
Kollegen kamen ja nicht aus der Politik, son- aus den Strukturfonds ist für uns eine Kom- regeln so geändert, wie es der Mehrheit
dern von einem privaten Medienkonzern. pensation für die Öffnung unseres Marktes. gerade passte. Der Abstimmungsführer,
84 DER SPIEGEL 13 / 2017
PIOTR MALECKI / DER SPIEGEL
Politiker Waszczykowski: „Die großen Länder üben gemeinsam mit einer Kaste Brüsseler Beamter sehr hohen Druck aus“

Maltas Premier, ließ nicht einmal wirklich SPIEGEL: Das ist lediglich ein informeller Waszczykowski: Wir kritisieren, dass er sich
über Donald Tusk abstimmen. Er fragte Grundsatz, der nirgends in den EU-Ver- in seiner ersten Amtszeit als Chef des Eu-
einfach nur, wer gegen ihn sei. Und trägen niedergeschrieben ist. ropäischen Rats sehr parteiisch verhalten
Schluss. Waszczykowski: Aber dann könnte man hat. Er hat sich hier in Polen in die Innen-
SPIEGEL: Die Abstimmung endete 27 zu 1. beim nächsten Mal ja auch einen Mexi- politik eingemischt, war faktisch weiterhin
Glauben Sie denn, es wäre anders ausge- kaner vorschlagen. Nirgends steht aus- Führer der Opposition. Zum Beispiel reiste
gangen, wenn förmlich nach Zustimmung drücklich geschrieben, dass der EU-Rats- er im Dezember nach Polen und kritisierte
und Enthaltungen gefragt worden wäre? präsident Bürger der Union sein muss. unsere Regierung.
Waszczykowski: Das weiß ich nicht. Aber Viele kleinere Länder mussten schon SPIEGEL: Tusk sagte, Ihre Regierung versto-
wissen Sie, wir haben vor 30 Jahren als erleben, dass ihre Interessen mit Füßen ße gegen demokratische Regeln. Brüssel
Mitglied des Warschauer Pakts die Erfah- getreten wurden, das ist keine rein pol- hat sogar ein Rechtsstaatlichkeitsverfahren
rung gemacht, wie es ist, wenn in einem nische Erfahrung. Die großen Länder angestrengt, denn Ihre Regierung hat das
Bündnis die Regeln nicht eingehalten wer- üben gemeinsam mit einer Kaste Brüsse- Verfassungsgericht entmachtet. Wie wol-
den. Wir hatten gedacht, die EU agiere de- ler Beamter sehr hohen Druck aus, wenn len Sie den Konflikt lösen?
mokratisch und transparent. Doch dem ist eine kleinere Nation sich dem Main- Waszczykowski: Wieso wir? Wir haben im
nicht so. Zudem wurde bei der Wahl Tusks stream widersetzt. Und damit haben wir Februar unsere letzte Stellungnahme ge-
gegen den Grundsatz verstoßen, dass ein ein Problem. schickt – und seitdem nichts gehört. Wir
Kandidat für ein hohes EU-Amt die Zu- SPIEGEL: Was stört Sie eigentlich so an betrachten die Angelegenheit als abge-
stimmung seines Landes haben muss. Donald Tusk? schlossen. Das Verfahren ist übrigens ein
DER SPIEGEL 13 / 2017 85
Ausland

die anderen Mitgliedsländer ausgegeben


hat: Ich will, dass Tusk gewinnt.
SPIEGEL: Und Sie meinen, das würden sich
die anderen 26 Mitglieder gefallen lassen?
Waszczykowski: So sieht es für uns aus, ja.
Was unser Verhältnis zu Deutschland an-
geht: Wir haben Differenzen bei der Ener-
giepolitik und sind auch nicht der Auffas-
sung, dass Deutschland den anderen Län-
dern der EU diktieren darf, wie viele
Flüchtlinge sie aufnehmen. Gemeinsam-
keiten sehen wir dafür bei der Verteidi-
gungspolitik. Natürlich sind die Deutschen
gleichzeitig ein wichtiger Partner für uns.
Über 100 Milliarden Euro beträgt das jähr-
liche Handelsvolumen zwischen unseren
Ländern; das ist viel mehr als zwischen
Deutschland und Russland. Ich sage daher

IMAGO / ZUMA PRESS


immer zu deutschen Kollegen: Überlegt
euch, mit wem ihr euch gut stellt, mit den
Russen oder mit denen, mit denen ihr wirt-
schaftlich aufs Engste verflochten seid. Es
Pro-EU-Demonstranten in Danzig: „Bleiben wir zusammen, oder geht jeder seiner Wege?“ gibt eine Vielfalt an Themen, die uns ver-
binden, aber wir geben gleichzeitig offen
Beispiel europäischer Doppelmoral: Als Wege? Das müsst ihr euch in einigen west- zu, dass es auch Themen gibt, die noch
unsere Vorgängerregierung angesichts europäischen Hauptstädten fragen. Im geklärt werden müssen.
der Wahlniederlage vor zwei Jahren an- Ergebnis würden unterschiedliche Ge- SPIEGEL: Da klingt der alte polnische Vor-
fing, das Verfassungsgericht vorzeitig neu schwindigkeiten dazu führen, dass sich wurf mit, Berlin sei zu nachgiebig gegen-
zu besetzen – wo war da die Europäische eine Führungsgruppe herausbildet, die die über Moskau. Müssen Sie nicht eher fürch-
Union? Die Liberalen haben versucht, anderen Mitglieder beherrscht. ten, der neue US-Präsident Donald Trump
das Gericht in ihrem Sinne zu dominieren, SPIEGEL: Ihre Regierung fordert Reformen könnte einen Pakt mit Russland eingehen?
sodass es wie eine dritte Parlamentskam- der EU. Wie sollen die aussehen? Waszczykowski: Trump hat sehr viele – vor-
mer gegen unsere Regierung hätte ar- Waszczykowski: Wir können uns bei Grenz- sichtig ausgedrückt – eigenwillige Dinge
beiten können. Die Richter hätten jede schutz oder der Verteidigung noch viel im Wahlkampf gesagt. Aber wir glauben,
unserer Entscheidungen kassieren kön- mehr Zusammenarbeit vorstellen. Aber dass er seinen Nato-Verpflichtungen nach-
nen. Dagegen haben wir uns zur Wehr ge- wir glauben, dass man über die Kompe- kommen wird. In Polen sind US-Soldaten
setzt. tenzen der europäischen Institutionen stationiert. Wir werden sehen, wie Trump
SPIEGEL: Polen gilt bereits als „Problem- nachdenken muss. Der Europäische Rat sich zu Russland verhält. Wir sind natürlich
kind“ des Kontinents. Fürchten Sie nicht, etwa besteht aus den Vertretern gewählter für einen Dialog mit Moskau, aber leider
Ihr Land in die Isolation zu führen? Regierungen, er hat also eine hohe demo- sind wir sehr pessimistisch, dass das etwas
Waszczykowski: Viele Jahre lang haben un- kratische Legitimation. Er sollte daher die bringt. Unter Putin bleibt dieser Staat
sere Vorgängerregierungen so getan, als meiste Macht haben. Die Kommission da- rückständig, imperialistisch und korrupt.
sei alles, was die Mehrheit in der EU will, gegen setzt sich nicht aus gewählten Ver- SPIEGEL: Ihre Partei „Recht und Gerechtig-
automatisch auch in polnischem Interesse. tretern zusammen, sondern aus Entsand- keit“ wird oft in einem Atemzug mit
Wir sind da anderer Meinung. Wir haben ten der Mitgliedsländer. Das sind Beamte. rechtspopulistischen Parteien wie der deut-
von den polnischen Wählern ein Mandat, Die Kommission sollte deshalb nicht das schen AfD genannt. Stört Sie das?
uns für polnische Interessen einzusetzen – Recht haben, die Mitgliedsländer zu über- Waszczykowski: Für die AfD interessiere ich
auch innerhalb der EU. Uns als „Problem- wachen, so wie es uns mit dem Rechts- mich nicht. Wir verstehen uns als konser-
kind“ zu bezeichnen ist paternalistisch und staatsverfahren passiert ist. Die Kommis- vativ-patriotische Partei, die sich um so-
beleidigend. Ein Teil der politischen Klasse sion sollte lediglich Direktiven des Rats ziale Belange kümmert, die sich für christ-
Europas spricht dem Rest das Existenz- ausführen können und keine eigenen liche Werte und historische Traditionen
recht ab. Das Konzept der liberalen De- politischen Ambitionen haben. einsetzt. Wir lassen uns nicht als eindeutig
mokratie ist undemokratisch; das politi- SPIEGEL: Was Sie fordern, ist ein Europa, rechts oder links einordnen. Auf jeden Fall
sche Spektrum rechts von der Mitte gilt in dem die Nationalstaaten mehr Bedeu- sind wir Demokraten und lehnen chauvi-
da als böse, gefährlich, politisch unkorrekt tung bekommen. Liegt das auch daran, nistisches Denken ab.
und wird ausgegrenzt. dass Sie gerade mit Ihrem wichtigsten SPIEGEL: Am Samstag begeht die EU den
SPIEGEL: Die EU entwickelt sich immer Bündnispartner Deutschland fremdeln? 60. Jahrestag der Römischen Verträge, ih-
deutlicher in Richtung eines Europas der Die Wahl von Donald Tusk haben Sie als res Gründungsdokuments. Wird Polen die
zwei oder sogar mehr Geschwindigkeiten. eine deutsche Verschwörung bezeichnet. Abschlusserklärung unterschreiben?
Wo sehen Sie Polen dabei? Waszczykowski: Wenige Stunden vor dem Waszczykowski: Wir verhandeln darüber, der
Waszczykowski: Wir rufen Europa zur Ei- Gipfel sagte Bundeskanzlerin Merkel im Entwurf sagt uns bisher zu. Er würdigt die
nigkeit auf, wir wollen keine weiteren Tei- Bundestag, sie freue sich, dass Tusk als Erfolge der europäischen Einigung. Es kam
lungen. Zwei, vielleicht sogar viele Ge- EU-Ratspräsident wiedergewählt werde. nach 1945 zu keinem Krieg in Europa, statt-
schwindigkeiten – das sind Rezepte, die SPIEGEL: Na und? Die Mehrheitsverhält- dessen arbeiten die Staaten dieses Konti-
Europa zerreißen. Wir sind an einem ent- nisse waren doch klar. nents so eng zusammen wie nie zuvor. Das
scheidenden Punkt angekommen: Bleiben Waszczykowski: Wir glauben, dass Angela ist ein Zivilisationssprung. Interview: Jan Puhl
wir zusammen, oder geht jeder seiner Merkel damit die politische Direktive an Mail: jan.puhl@spiegel.de

86 DER SPIEGEL 13 / 2017


Kommentar

Worte ohne Wert


Die Präsidentschaft von Donald Trump versinkt in einem Strudel aus Skandal und Lüge.

D
er Verdacht, dass der Präsident der Vereinigten schen Gerüchten, Ablenkungsmanövern und blanken
Staaten von Amerika mit russischer Hilfe ins Amt Lügen will Trump die Russlandstory zu „Fake News“ er-
gekommen sein könnte, klingt noch immer wahn- klären. Doch damit trägt er zum Eindruck bei, ihm sei
witzig. Doch er wird noch lange über Donald Trumps an echter Aufklärung nicht gelegen, und er habe etwas
Präsidentschaft hängen. Vieles spricht dafür, dass er ihn zu verbergen.
nie mehr loswird. Bisher galt Richard Nixon als Inbegriff eines US-Präsi-
Das liegt erstens an den Fakten: Die Verbindungen denten, dessen Amtszeit von Skandalen und Untersu-
von Trump und seinem Team zu Russland sind so um- chungen überschattet war. Am Ende musste er, von einer
fangreich und komplex, dass immer neue Hinweise den Amtsenthebung bedroht, zurücktreten. Die Trump-Prä-
Verdacht nähren. Diese Woche verkündete FBI-Chef sidentschaft ist erst wenig mehr als 60 Tage alt. Bereits
James Comey, dass eine offizielle Untersuchung gegen jetzt erinnert die Vielzahl der Skandale, der Kampf gegen
Mitglieder von Trumps Wahlkampfteam läuft – und
zwar zur Frage, ob Absprachen mit Russland getroffen
wurden, um die Wahl zu beeinflussen. Wusste auf Trumps
Seite jemand vom russischen Hacking und der anschlie-
ßenden Veröffentlichung der E-Mails von Wahlkampf-
manager John Podesta? Das FBI hat dafür offenbar Indi-
zien. Die Untersuchungen könnten Monate oder Jahre
dauern, und niemand weiß, ob sie zu eindeutigen Schlüs-
sen führen werden.
Die engen Verbindungen Trumps und vieler seiner Ver-

SPENCER PLATT / GETTY IMAGES


trauten nach Moskau sind seit Langem bekannt, und sie
sind so zahlreich, dass man kaum den Überblick behalten
kann. Diese Woche stellte sich heraus, dass Trumps Ex-
wahlkampfchef Paul Manafort ab 2006 für zehn Millionen
Dollar jährlich als Spindoktor für einen Putin-nahen Oli-
garchen arbeitete. Sein Auftrag: das Image Russlands im
Ausland zu verbessern. Im Februar musste Trumps Na- Putin-Wandbild in New York
tionaler Sicherheitsberater, General Mike Flynn, nach
nur einem Monat im Amt zurücktreten, weil er mit dem die Presse, die Ermittlungen des FBI, die Wut des Präsi-
russischen Botschafter die Aufhebung der Sanktionen denten in mancherlei Hinsicht an den späten Nixon –
diskutiert hatte. Ganz zu schweigen von Trumps eigenen auch wenn Trump sicherlich eine unvergleichliche Per-
Geschäftsbeziehungen nach Moskau. sönlichkeit ist. Bei den Demokraten fällt immer öfter das
Das Russlandthema ist ein Sumpf, aus dem sich der Wort „impeachment“, Amtsenthebung. Doch dafür ist
Präsident kaum noch befreien kann. Das liegt auch daran, es zu früh. Bisher gibt es keine Beweise für kriminelles
dass Trumps Glaubwürdigkeit bereits ohne diese Affäre Verhalten. Und die US-Politik ist heute so polarisiert,
massiv beschädigt ist. Nämlich dass man sich kaum vorstellen kann, dass Republikaner
Trump hat die durch seine Neigung, fortwährend
Unwahrheiten und Verschwörungs-
je der Amtsenthebung eines republikanischen Präsiden-
ten zustimmen würden.
Autorität seines theorien zu verbreiten. Allein in Trotzdem ist die Präsidentschaft Donald Trumps vom
Amts beschädigt, einem Interview mit dem Magazin Scheitern bedroht, sein politisches Kapital schwindet.
doch ohne sie „Time“ in dieser Woche, das sich Nur noch eine Minderheit aus treuen Anhängern glaubt
mit seinem Verhältnis zur Wahrheit seinen Worten, und seine Gegner sehen in ihm einen
kann er politisch beschäftigt, machte er 14 Falschaus- krankhaften Lügner und Nutznießer von Landesverrat.
wenig bewirken. sagen. Die ungeheuerlichste Un- Seit es Umfragen gibt, war kein Präsident so früh in seiner
wahrheit verbreitete er vor drei Wo- Amtszeit so unbeliebt wie Trump. Jetzt schon liegen
chen in frühmorgendlichen Tweets: Sein Vorgänger Ba- seine Werte tiefer als bei Barack Obama am tiefsten Punkt
rack Obama habe die Telefonleitung im Trump Tower von dessen Präsidentschaft. Trump hat die Autorität sei-
anzapfen lassen – wofür es keinen einzigen Beleg gibt. nes Amts beschädigt, doch ohne sie kann er politisch we-
Statt sich zu entschuldigen, ließ Trump seinen Pressechef nig bewirken. Allein mit seiner weißen, männlichen Kern-
Sean Spicer die noch absurdere Behauptung zitieren, wo- wählerschaft und den Lesern von Breitbart News kann
möglich sei der britische Geheimdienst GCHQ involviert. er das Land nicht regieren.
Das trieb die Alliierten in London zur Weißglut. Ein amerikanischer Präsident sollte für die Mehrzahl
Wenn das Wort eines Präsidenten nichts mehr wert der Bürger eine Autoritätsperson sein, selbst dann, wenn
ist, weil er routinemäßig lügt und Verschwörungstheorien sie nicht mit ihm einig sind. Das ist Trump nicht, das
in die Welt setzt – dann glaubt man ihm auch nicht, kann er nicht sein. Es fehlt ihm selbst an Respekt vor
wenn er sich in einer gravierenden Angelegenheit ver- dem Amt und vor der Wahrheit. Er ist sein ärgster Feind.
teidigen muss. Mit einer Flut von wütenden Tweets, fal- Mathieu von Rohr

DER SPIEGEL 13 / 2017 87


Ausland

Der Osten ist rosa


China Von Peking bis in die Provinz hat sich eine selbstbewusste Schwulen- und Lesbenszene
etabliert, prüden Genossen und offizieller Diskriminierung zum Trotz. Ihre Mitglieder nutzen die
neue Freiheit, die vor allem das Internet eröffnet. Von Bernhard Zand

E
in kalter Winterabend in Peking, eis- 1997 war gleichgeschlechtlicher Sex in Chi- in einem Fünfsternehotel nahe der Verbo-
grauer Smog liegt über der Stadt. Da na eine Straftat. Erst 2001 wurde Homo- tenen Stadt. Das hatte es, auf so prominen-
geht im Longjing, einer Bar im Par- sexualität von der Liste der Geisteskrank- ter Bühne, in China noch nie gegeben. „Das
tyviertel Sanlitun, die Sonne auf. Ma Fan- heiten gestrichen. Interesse war enorm“, sagt Ma. „Wir waren
long, 26, betritt das Lokal. Ach was, betritt. Heute verändert sich der Alltag von Ho- überall in den Nachrichten, selbst die staat-
Ma rauscht zur Tür herein, ein schlanker mosexuellen in China schneller als je zu- lichen Medien berichteten über die Show.“
Mann in einem wehenden Daunenmantel, vor. Während Millionen von ihnen mit täg- Enorm waren dann aber auch die Reak-
dessen Pelzkapuze wie ein Hermelin auf licher Diskriminierung leben, genießen tionen in den sozialen Netzwerken: „Fast
seinen Schultern liegt. Gerade hat er sich Hunderttausende, vor allem in den Metro- alle Kommentare waren negativ, selbst ho-
blonde Strähnchen in sein langes schwar- polen, eine Offenheit, um die sie Schwule mosexuelle Männer aus der Provinz schrie-
zes Haar machen und die Nägel manikü- und Lesben in Russland, vielen afrikani- ben, dass sie abgestoßen seien. Ich war ge-
ren lassen, mit goldenen Spitzen. „Ganz schen Staaten oder in der arabischen Welt schockt“, sagt Ma.
dezent“, sagt er, „ich bin heute schließlich nur beneiden können. Geschätzt 70 Millionen Homo-, Bi- und
der Gastgeber hier.“ Einer der Gäste auf Ma Fanlongs „Glam Transsexuelle leben in China, es ist die
Ma Fanlong ist ein Star in der Schwu- Night“ ist der libanesische Geschäftsmann größte Gemeinde der Lesben, Schwulen,
lenszene von Peking. Sein Onlineprofil Mohammed, der regelmäßig nach Peking Bi- und Transsexuellen (LGBT) der Welt.
weist ihn als „freiberuflichen PR-Berater“ kommt. Er stammt aus Beirut, einer der li- Doch nur wenige von ihnen bekennen sich
aus, aber berühmt ist er als Partygast und beralsten Städte des Nahen Ostens. Aber so offen wie Ma Fanlong zu ihrer sexuellen
Impresario, nominiert als bestangezogener die Schwulenszene in seiner Heimatstadt Identität. In China sind es vor allem fami-
Mann der Stadt, präsent in allen sozialen könne sich mit der in Peking nicht messen. liäre und ökonomische Gründe, die das
Netzwerken, gelikt, gefeiert als König – Für homosexuelle Araber, Iraner und Pa- Coming-out erschweren: In der konfuzia-
und als Königin der Nacht. Denn Ma war kistaner, die geschäftlich oft in China sind, nischen Tradition haben Söhne und Töch-
einer der Ersten, die in Peking öffentlich sei Peking „eine moralische Herausforde- ter zu heiraten und Kinder zu bekommen;
als Dragqueen auftraten. rung“, sagt der Geschäftsmann. es wird erwartet, dass die Nachkommen
Ab 22 Uhr beginnt sich das Longjing zu ihre Eltern im Alter versorgen. Daher ist
füllen, bald tanzen die ersten Paare, um
Mitternacht läuft eine entspannte Disco-
„Nicht die Politik ist der Druck der Familien enorm, das gilt
nicht nur für Homosexuelle.
party, in deren Mitte Ma Fanlong rotiert unser Problem, Gleichzeitig ändert sich langsam, aber
und jeden zweiten Gast mit Küssen und
Umarmungen empfängt: Chinesen, Aus-
sondern der Druck unübersehbar die öffentliche Meinung. So
siegte 2014 ein schwuler Mann im Rechts-
länder, Geschäftsleute und Kreative, Män- der Tradition.“ streit gegen eine Klinik in Chongqing. Er
ner in Anzug, in Bomberjacke und Pailet- hatte sich auf Druck seiner Eltern dort ein-
ten-T-Shirt. Männer zwischen Mitte zwan- Wo immer er im Ausland hinkomme, weisen lassen und war mit Elektroschocks
zig und Mitte fünfzig, gut ausgebildet und sagt Ma Fanlong, seien die Menschen über- gegen seine sexuelle Orientierung „behan-
gut angezogen, die nach einem harten Tag rascht, wenn er sich als schwuler Chinese delt“ worden. Die Klinik musste ihn für
im Büro das Wochenende einläuten. Denn oute und von den Partys in Peking und die erlittenen Schmerzen entschädigen und
donnerstags ist „Glam Night“, und Glam Shanghai erzähle. „Die Reaktion ist immer sich entschuldigen. Seither ist die angebli-
steht hier für Glamour, aber auch für: die gleiche: Machst du Witze?“ che Therapie mit Elektroschocks verpönt.
„Good Looking Asian Male“. Ma wuchs in Henan auf, in einer der 2016 dann ließ ein Gericht in der Pro-
„Peking hat 20 Millionen Einwohner, da ärmsten und rückständigsten Provinzen vinz Hunan zum ersten Mal die Klage
ist jedes schwule Milieu vertreten“, sagt Chinas. Einen Teil seiner Jugend hat er in zweier Männer zu, die ihre Beziehung of-
Ma, als er sich unter die Raucher mischt, den USA verbracht, seit fünf Jahren lebt fiziell registrieren lassen wollten. Die Kla-
die vor der Tür im Smog stehen. „Heute er in Peking. Er fühlte sich von Anfang an ge wurde abgewiesen, doch damit war das
mache ich die ,Glam Night‘ für die Busi- wohl in der Stadt. „Das Besondere an Chi- Thema plötzlich in der Öffentlichkeit.
nessleute, nächste Woche eine Poolparty na ist, dass uns hier niemand besonders Selbst die Regierungspresse berichtet in-
für die Fitnessgemeinde, demnächst einen mag, dass offener Schwulenhass aber sehr zwischen regelmäßig über informelle
Bingoabend, vielleicht auch wieder eine selten ist“, sagt er. „Anders als im Westen Hochzeiten gleichgeschlechtlicher Paare.
Dragshow. Sonst noch jemand eine Idee?“ hat mich noch nie jemand auf meinen Le- Der Onlinehändler Alibaba kürte sogar
Wie alle Hochkulturen hat China eine benswandel angesprochen. Die Leute sind die zehn romantischsten Schwulenpaare
reiche Tradition schwulen und lesbischen gleichgültiger. Sie haben andere Sorgen, als und flog sie in die USA, wo sie symbolisch
Lebens; Gedichte und Gemälde aus meh- einander dauernd die Meinung zu sagen.“ heirateten. Auch andere Internetfirmen
reren Dynastien zeugen davon. Wie alle Ma ist daher nie auf die Idee gekommen, wie Chinas führende Suchmaschine, eine
autoritären Staaten hat das Land auch eine sich zu verstellen. „Warum sollte ich das Taxi- und eine Karaoke-App werben offen
lange Geschichte der Ächtung und Aus- tun? In solchen Dingen ist China tolerant.“ um homosexuelle Kunden, die als beson-
grenzung von Homosexuellen. Ihren Hö- Dass aber noch nicht alle Chinesen so ders kaufkräftig gelten.
hepunkt erreichte sie mit der Machtüber- weit sind, zeigte sich vor zwei Jahren. Da Die Widersprüche sind bezeichnend für
nahme der Kommunistischen Partei; bis trat Ma bei einer Gala als Dragqueen auf, den rasanten Wandel in der chinesischen
88 DER SPIEGEL 13 / 2017
JONATHAN BROWNING / DER SPIEGEL
JONATHAN BROWNING / DER SPIEGEL

Szenestar Ma Fanlong, Gäste einer Schwulenbar in Peking


„Niemand mag uns, aber offener Hass ist selten“

DER SPIEGEL 13 / 2017 89


Ausland

JONATHAN BROWNING / DER SPIEGEL


Nachtklub in Peking: „Es kommt darauf an, wo du dein schwules Leben lebst“

Gesellschaft – und die Prüderie einer Ver- Regenbogenfahne, an den Wänden hängen Vermieter hatte mitbekommen, dass dort
waltung, die selbst die Darstellung händ- Plakate von „Thelma & Louise“, „Mulhol- zwei Frauen als Liebespaar zusammenleb-
chenhaltender schwuler Paare im Fernse- land Drive“ und „Carol“ – Filmen, in de- ten. „Wir waren noch nicht ausgezogen,
hen untersagt. Kein Kader der Kommunis- nen es um starke Frauen geht. da fing er schon panisch an, die Wohnung
tischen Partei setzt sich für die Rechte von Yu stammt aus der Stadt Yibin in der zu desinfizieren. Er dachte wohl, wir hät-
Homosexuellen ein, keines der fast 90 Mil- Provinz Sichuan. Als sie 16 war, lernte sie ten sie mit Aids verseucht.“
lionen Parteimitglieder hat sich öffentlich Xiaodi kennen, die beiden Frauen sind seit Der dritte Versuch klappte, und heute
geoutet – was nicht nur merkwürdig ist, fast 30 Jahren ein Paar. Ganz am Anfang ist das Café ein bekannter Treffpunkt für
sondern auch eine komische Note hat. ihrer Beziehung, im Sommer 1989, stand lesbische Frauen – und Yu Shi regelmäßig
Denn ausgerechnet „Tongzhi“, das chi- eine Begebenheit, an die sich Yu noch im- zu Gast in Talkshows.
nesische Wort für „Genosse“ und offizielle mer genau erinnert. „Es war paradoxerweise die Angst vor
Anrede unter Parteimitgliedern, hat sich Damals lasen die beiden Frauen in einer Aids, die dazu führte, dass hier in der Pro-
in der Alltagssprache als gängiger Begriff Wandzeitung einen Artikel über eine neue vinz erstmals über Schwule und Lesben
für „Schwuler“ eingebürgert. Viele Chi- Krankheit namens Aids, die aus den Küs- geredet wurde“, sagt sie. Die erste NGO,
nesen scheuen sich daher inzwischen, je- tenstädten komme und durch „homosexu- die sich in Sichuan für Homosexuelle ein-
manden als „Tongzhi“ anzusprechen, aus elles Verhalten“ übertragen werde. „Wir setzte, ging auf das Büro für Öffentliche
Angst vor Missverständnissen. waren elektrisiert“, sagt Yu. „Wir spürten, Sicherheit zurück, erzählt Yu. „Der Staat
Homosexuelle sind also durchaus sicht- dass das etwas mit uns zu tun haben könn- hat große Angst vor einer Epidemie.“ Lei-
bar, sie sind ein Wirtschaftsfaktor, sie müs- te. Xiaodi fragte mich: ,Sind wir homose- der beschränke sich das Interesse der Re-
sen keine Angst vor Angriffen haben – und xuell?‘ So wenig wussten wir, so wenig gierung bis heute auf die Aidsprävention.
doch ist die Kommunistische Partei im öf- wusste irgendjemand in der Provinz.“ „Dabei wäre es schön, wenn wir auch über
fentlichen Leben Chinas noch immer so Es dauerte sechs Jahre, bis Yu den Mut andere Dinge sprechen könnten – Diskri-
dominant, dass es eine wirkliche gesell- fand, ihren Eltern zu sagen, dass sie les- minierung, unseren rechtlichen Status, die
schaftliche Öffnung nicht gibt, dafür ist ihr bisch ist. „Sie hielten das für eine Krank- gleichgeschlechtliche Ehe.“
Widerstand zu groß. Was aber bereits mög- heit und versuchten, mich mit jungen Män- Trotzdem sei sie zuversichtlich, sagt Yu,
lich ist, das kann man nicht nur in Pekings nern zu verkuppeln.“ Yu verließ Yibin und denn die LGBT-Gemeinde in China habe
Schwulenbars beobachten, sondern auch zog mit ihrer Freundin nach Chengdu. schnell die Möglichkeiten der Digitalisie-
tief im Landesinnern, zwei Flugstunden „Für meine Eltern war das ein schwerer rung erkannt. Sie selbst habe 2001 ihre ers-
von Ma Fanlong entfernt. Schlag. Mit meiner Mutter sprach ich acht ten Ausflüge ins Internet unternommen
Yu Shi, 45, ist eine kleine Frau mit kur- Jahre lang kein Wort mehr.“ und begonnen, sich mit anderen lesbischen
zem Haar und ernstem Gesicht, sie trägt Die beiden Frauen wollten zusammen Frauen auszutauschen. „Die Reaktion war
festes Schuhwerk und ein Holzfällerhemd. ein Café eröffnen, doch der erste Versuch überwältigend. Heute lässt sich gar nicht
Vor der „Mondblume“, ihrem Café im zen- scheiterte, der zweite auch, dann wurde mehr zählen, wie viele Foren es für Frauen
tralchinesischen Chengdu, flattert eine den beiden die Wohnung gekündigt. Der wie mich in China gibt.“
90 DER SPIEGEL 13 / 2017
Ausland

Fast zur gleichen Zeit entdeckte ein „Blued“ ist eines der erfolgreichsten haben sogar eine Software entwickelt, die
schwuler Polizeibeamter namens Ma Baoli Start-ups in Peking und ein globaler Trend- Alarm schlägt, wenn zu viel nackte Haut
in der Küstenstadt Qinhuangdao das Inter- setter der sogenannten Pink Economy, der zu sehen ist.“
net. Auch er wollte wissen, welche Ant- rosaroten Wirtschaft, die auf die Kaufkraft Selbst das zensierte Internet, sagt Ma,
worten andere auf die Fragen haben, die schwuler und lesbischer Konsumenten ab- sei für Chinas schwule Community ein
ihn quälten. Heute führt Ma Baoli, 39, ein zielt. Mas Geschäftsplan sieht vor, „Blued“ Durchbruch. „Allein unsere App hat Mil-
Unternehmen, das das Leben von Millio- in den kommenden zwei Jahren in den lionen Menschen aus ihrer Angst und ihrer
nen schwulen Männern in China verändert asiatischen Nachbarstaaten zu verbreiten Isolation befreit. Als Ersten mich selbst.“
hat: „Blued“ ist eine mobile Dating-App und dann, 2019, an die Börse zu gehen. Die Emanzipation habe gerade erst be-
für Homosexuelle, sie hat 27 Millionen „Das ist nicht nur mein Ehrgeiz als Un- gonnen, sagt die Aktivistin Yu Shi. Am
registrierte User, allein 7 Millionen von ternehmer. Ich will den Chinesen, aber Ende werde die völlige Gleichstellung ste-
ihnen nutzen die App täglich. auch den Schwulenfeinden auf der ganzen hen. „Uns hat geholfen, was die LGBT-Be-
Anders als klassische Partnerbörsen listet Welt zeigen: Seht her, so weit sind wir in- wegung im Westen erreicht hat. Doch un-
„Blued“ nicht nur die Profile kontaktsu- zwischen. Wir schaffen das!“ ser Weg wird länger sein und anders ver-
chender Nutzer auf, sondern zeigt an, wel- Anders als die meisten Bürgerrechtler laufen. Wenn wir mit Fahnen und Parolen
che von ihnen in der Nähe sind, erlaubt in China hat Ma Baoli ein entspanntes Ver- durch die Straße ziehen und mehr Rechte
Gruppenchats, bietet Onlinespiele, Live- hältnis zur Regierung. In seinem Büro hän- fordern, kommen wir hier nicht weit.“
videos und einen eigenen Bezahldienst. gen zwei Bilder: Ma und seine engsten Mit- „Du kannst die Lage der Homosexuellen
Die App, seit 2012 auf dem Markt, ist be- arbeiter mit nacktem Oberkörper, daneben in China als die Geschichte von der erdrü-
reits in zehn Sprachen und elf Ländern er-
hältlich. In China hat sie einen Marktanteil
von über 80 Prozent, ihr Wert wird auf
rund 600 Millionen Dollar geschätzt.
Noch ungewöhnlicher als die Geschichte
des Unternehmens ist die seines Gründers.
Ma Baoli stammt aus einer Arbeiterfamilie,
und da das Einkommen seiner Eltern für
ein Studium nicht reichte, schickten sie
ihn auf die Polizeischule. Dort entdeckte
er mit Anfang zwanzig, dass er Männer
liebt – und begann das in der chinesischen
Provinz übliche Doppelleben: Er heiratete,
stieg im Beruf rasch auf und brachte es

NG HAN GUAN / AP PHOTO / PICTURE ALLIANCE


zum Polizeioffizier, während er gleichzei-
tig Beziehungen mit Männern hatte.
Auch für ihn wurde das Internet zu dem
Ort, an dem er entdeckte, dass er mit sei-
ner Lebenslüge nicht allein ist. Unter Pseu-
donym gründete er das Ratgeberblog
„Danlan“, auf dem sich bald Tausende
über ihre Selbstvorwürfe, die Angst vor
Stigmatisierung und die wachsende Aids-
gefahr austauschten. Internetunternehmer Ma Baoli: „Unsere App hat Millionen Menschen aus ihrer Isolation befreit“
Mehr als zehn beruflich erfolgreiche,
aber privat miserable Jahre hielt Ma sein Ma mit Chinas Premier Li Keqiang. „Das ckenden Macht der Verhältnisse beschrei-
Doppelleben durch – bis ihn seine eigene war kurz nach der Gründung und hatte ben“, sagt der Entertainer Ma Fanlong aus
Dienststelle 2012 als Betreiber von „Dan- mit unserer Aidskampagne zu tun“, sagt Peking, „aber genauso gut als die einer
lan“ enttarnte. Ma kündigte, trennte sich der Unternehmer. Alle drei Monate erin- Minderheit, die von diesen Verhältnissen
von seiner Frau und zog nach Peking, um nert seine App die Nutzer daran, zum HIV- nicht mehr aufzuhalten ist. Es hängt davon
der Familie die Peinlichkeit seiner Gegen- Test zu gehen. In Peking, Shanghai und ei- ab, wo du dein schwules Leben lebst: in
wart zu ersparen. nem Dutzend weiterer Städte finanziert einer Metropole wie Peking, irgendwo tief
„Ich war beruflich und sozial ruiniert. „Blued“ eigene Testzentren. in der Provinz – oder im Internet.“
Mir blieb nichts anderes übrig, als mit der Wie alle chinesischen Onlineunter- „In China“, sagt der Unternehmer Ma
Website weiterzumachen“, sagt Ma heute. nehmen arbeitet „Blued“ auch direkt mit Baoli, „ist nicht die Politik unser Problem,
Er sitzt in einem modernen Büro am Ran- der Internetzensur zusammen – vor allem sondern die Trägheit der Gesellschaft,
de des Pekinger Businessdistrikts, ein blas- auf seiner profitabelsten Plattform, dem der Druck der Tradition.“ Aber auch Ge-
ser, höflicher Mann mit der konzentrierten Live-Video-Kanal. Dort senden mehr als sellschaften ließen sich verändern, und
Neugier eines gelernten Ermittlers. Auf sei- 200 000 Männer rund um die Uhr; sie sin- was die chinesische betreffe, sei nichts so
nem Schreibtisch türmen sich Geschäfts- gen, tanzen, führen Workouts vor oder überzeugend wie Selbstbewusstsein und
berichte und Statistiken, der Blick aus sei- erzählen aus ihrem Alltag. Die Zuschauer wirtschaftlicher Erfolg. „Wir sind 70 Mil-
nem Eckzimmer geht durch eine Glaswand belohnen ihre Favoriten mit Onlinejetons, lionen Schwule und Lesben. Wir sind eine
hinaus in ein riesiges Büro, wo 200 junge die sie von „Blued“ kaufen; Stars verdie- Macht.“ Twitter: @bzand
Männer und Frauen an ihren Computern nen auf diese Weise bis zu 15 000 Euro
sitzen und arbeiten. „Vor zwei Jahren wa- pro Monat. Video:
ren wir 30 Leute“, sagt Ma. „Inzwischen „Die Regeln in unseren Livestreams sind Ortstermin im Schwulenklub
sind wir zweimal umgezogen und mussten streng“, sagt Ma Baoli. „In den Videos darf spiegel.de/sp132017china
zweimal das Büro erweitern.“ nicht geraucht und geflucht werden – wir oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 13 / 2017 91


Ausland

Die letzte Klammer ist gelöst


Analyse Das Abkommen von Minsk ist gescheitert, die Teilung der Ukraine besiegelt.

K
ann die im Krieg geteilte Ukraine wieder zusam- Aufsicht gestellt. Faktisch aber liegt die Kontrolle nicht
menwachsen? Die Hoffnung darauf ist in diesen bei ihnen, sondern bei Moskau, das den Warlords im Don-
Tagen so gut wie erloschen. Ausgerechnet die letzte bass nicht zutraut, moderne Stahlwerke oder Kohlegruben
Klammer ist soeben gelöst worden, die die Separatisten- zu führen. Aus einem vom ukrainischen Geheimdienst ab-
gebiete über drei Kriegsjahre hinweg mit dem Rest des gehörten Telefonat des Chefs der „Donezker Volksrepu-
Landes zusammengehalten hatte: die wirtschaftliche Ver- blik“ soll hervorgehen, dass hohe Regierungsbeamte in
flechtung. Es ist ein düsteres Schauspiel, das wir da sehen, Moskau entscheiden, welcher Betrieb von wem zwangs-
und seine unglücklichen Helden sind ausgerechnet der verwaltet wird. Dort wird auch beraten, wie man in den
mächtigste Politiker der Ukraine, Petro Poroschenko, und Stahlwerken das fehlende ukrainische Erz ersetzt. Kiew
ihr reichster Geschäftsmann, Rinat Achmetow. wiederum muss nun sehen, wie es ohne die Kohle der Re-
Der ukrainische Präsident hat Mitte März ein Embargo bellengebiete auskommt – und ohne die dort erwirtschaf-
gegen die Separatistengebiete verhängen lassen. Bis auf teten Steuereinnahmen.
Weiteres ist jeglicher Austausch von Waren und Roh- So wird auseinandergerissen, was zusammengehören
stoffen verboten. Poroschenko hat diese Blockade gegen sollte. Stattdessen wächst der Ostteil des Donbass mit
seinen ausdrücklichen Willen beschlossen. Er hat laut Russland zusammen. Im Februar hat Moskau schon
gesagt, dass er sie für schädlich halte – weil sie die eigene die Ausweise der „Volksrepubliken“ anerkannt. Jetzt
Seite stärker treffe als die der Separatisten. Aber es half folgt die ökonomische Verflechtung. Vor unseren Augen
nichts. Radikale aus dem Kiewer nimmt ein Alternativentwurf
Parlament und erboste Kriegs- zum Minsker Abkommen vom
veteranen haben ihm diese Ent- Februar 2015 Gestalt an: die dau-
scheidung aufgezwungen, in- erhafte Teilung der Ukraine.
dem sie Bahnübergänge in die Das Minsker Abkommen sah
Rebellengebiete einfach selbst vor, den Donbass wieder in den
blockierten. ukrainischen Staat zu integrie-
Und Poroschenko weiß, wie ren – wenn auch zu Bedingun-
gefährlich es in der ukrainischen gen, die diesen Staat zugleich
Politik ist, echten oder selbst er- Moskaus Einfluss geöffnet hät-
nannten Patrioten zu widerspre- ten. Darin lag Wladimir Putins
chen. Wie soll er auch erklären, Triumph. Es war ein Knebelver-
dass man weiter Handel treibt trag, mit Waffengewalt der
mit dem Gegner, während neue schwachen Seite aufgezwungen.
UKRAFOTO / POLARIS / STUDIO X

blutige Kämpfe stattfinden? Der Aber es hat sich gezeigt, dass


Präsident hat vergebens ver- Kiew den Vertrag so nicht um-
sucht, die Blockade mit Polizei- setzen und keine Landesteile
gewalt aufzulösen. Weil er am finanzieren will, die es nicht
Ende zu schwach war, die Bewe- Sicherheitskräfte in Kiew kontrolliert. Poroschenko hat
gung zu stoppen, hat er sich den Westen hingehalten mit
dann einfach an ihre Spitze ge- störrischer Taktik und Lippen-
stellt und das Embargo zur Re- bekenntnissen zu Minsk, und er
gierungspolitik erklärt. hat Moskaus Pläne auf diese
Hier kommt der zweite unglückliche Held ins Spiel. Ri- Weise durchkreuzt. Auch darin lag ein gewisser Triumph.
nat Achmetow ist seit vielen Jahren der Herr über die Doch am Ende sind es nun die Separatisten, die frohlocken
Wirtschaft des Donbass, über Kohlegruben, Stahlkombi- – jedenfalls jene, die ernsthaft einen Anschluss an Russland
nate, Strom- und Heizwerke. Die Frontlinie, die den Don- suchen und nicht bloß Bereicherung und Abenteuer. Sie
bass durchtrennt, hat auch sein Wirtschaftsimperium zer- waren von Beginn an gegen das Minsker Abkommen und
teilt. Allerdings tat sie das nur in der Theorie, tatsächlich fühlten sich dadurch von Russland zurückgewiesen, ja zu-
aber rollten Kohle, Koks und Erz weiterhin von einem rückgestoßen in einen ukrainischen Staat, dem sie nicht
Landesteil in den anderen, als wäre nichts passiert und mehr angehören wollten.
als würde nicht links und rechts der Gleise geschossen. Nun hat Russland den Schritt getan und die ganze
Diese bizarre Situation stellte beide Seiten zufrieden: die Verantwortung übernommen für das Wirtschaftsleben in
Regierung in Kiew, denn Achmetows Betriebe zahlten Donezk und Luhansk. Zugleich ist mit Achmetow jener
ihre Steuern außerhalb der Rebellengebiete; und die Mann entmachtet, der das größte Interesse an einer Um-
moskautreuen Rebellen, denn die Jobs in Achmetows setzung des Minsker Abkommens hatte. Der Donbass ist,
Gruben und Fabriken ernährten in schwierigen Zeiten zwei Jahre nach Minsk, faktisch eingemeindet, „Teil eines
einige Zehntausend Einwohner. russischen Föderalbezirks“, wie ein Rebellenführer jubelt.
Diese Verflechtung zum beiderseitigen Vorteil ist nun Offen wird das in Moskau niemand aussprechen. Aber
gewaltsam durchtrennt. Infolge der Blockade haben die ein Zurück gibt es nicht mehr. Christian Esch
Separatisten alle ukrainischen Großbetriebe unter ihre Twitter: @Moskwitsch

92 DER SPIEGEL 13 / 2017


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MELANIE RENKER / INTERTOPICS

Magische Momente
„Eberswalder Würstchen und Rotkäppchen-Sekt“
Vor der Eiskunstlauf-WM in Helsinki erinnert sich Katarina Witt, 51, an die Kür ihres Lebens vor 30 Jahren.

SPIEGEL: In der kommenden Niederlage, die mich moti- dung seien und jetzt Wer- Doch das schärfte nur meine
Woche findet die WM im Eis- vierte. Ich wollte meinen bung laufe. Ich müsse mich Sinne, und am Ende der Kür
kunstlaufen statt. In Deutsch- Titel zurück und sagte im gedulden. Ganz ehrlich: lief ich fast wie in Trance.
land scheint dies kaum je- US-Fernsehen in breitestem Ich verstand die Welt nicht SPIEGEL: Hatte die SED nichts
manden zu interessieren. Sächsisch: „Ei kähm tu mehr. dagegen, dass Sie ausgerech-
Wie steht es um Ihren Sport? Tzschintzschinättie tu winn SPIEGEL: Schließlich zauber- net zur Liedzeile „I like to
Witt: In Deutschland sieht es mei teitel bäck.“ ten Sie zur Musik der „West be in America“ auftraten?
leider schlecht aus. Es fehlen SPIEGEL: In Cincinnati lagen Side Story“ eine perfekte Witt: Ich glaube, das hatte
Persönlichkeiten, es gibt kaum Sie nach der Pflicht aber nur Show aufs Eis. in der Partei niemand ge-
mediale Präsenz, und in einer auf Platz fünf. Witt: Sogar der dreifache Ritt- schnallt. Wir hatten diese
Randsportart will sich in unse- Witt: In der Pflicht präzise berger klappte. Beim Einlau- Musik bewusst gewählt, um
rer schnelllebigen Zeit keiner Kreise zu ziehen, war nie fen war ich noch gestürzt. die Amerikaner zu begeis-
mehr für Erfolge quälen. Viele mein Ding. Ich liebte es aber, tern.
wollen möglichst aus dem das Feld von hinten aufzurol- SPIEGEL: Der Plan ging offen-
Nichts heraus ein Star sein. len, denn ich wusste, dass ich bar auf.
SPIEGEL: Sie gewannen für die am stärksten bin, wenn der Witt: Die Zuschauer spürten,
DDR zweimal Olympiagold, Druck am größten ist. dass ich über mich hinaus-
wurden viermal Weltmeiste- SPIEGEL: Dann kam Ihre Kür. wuchs. Es war den Fans am
rin – noch heute bezeichnen Witt: Debi war vor mir dran. Ende egal, ob das Mädchen
Sie Ihre WM-Kür vor 30 Jah- Sie sprang hervorragend – aus dem Ostblock gewinnt
ren als die wertvollste Ihrer über 15 000 Fans in der Halle oder ihre Debi.
HULTON ARCHIVE / GETTY IMAGES

Karriere. Warum? tobten. Ich stand unter Hoch- SPIEGEL: Haben Sie gefeiert?
Witt: Weil am Ende trotz spannung und wollte aufs Witt: Nicht viel, der General-
schwieriger Umstände eine Eis, aber ich wurde einfach sekretär unseres Verbandes
perfekte Leistung stand. nicht aufgerufen. brachte Eberswalder Würst-
SPIEGEL: Ihre große Konkur- SPIEGEL: Wieso nicht? chen und eine Flasche Rot-
rentin hieß Debi Thomas. Witt: Man erklärte mir, dass käppchen-Sekt mit, es wurde
Witt: Debi wurde 1986 Welt- wir live, übrigens ein Novum kurz angestoßen, und das
meisterin – für mich eine im US-Fernsehen, auf Sen- Witt 1987 war’s. pk

DER SPIEGEL 13 / 2017 95


Sport

Söldner der Wahrheit


Sommermärchen Was ist der Bericht wert, mit dem sich der
Deutsche Fußball-Bund gegen den Verdacht einer gekauf-
ten Weltmeisterschaft sträubt? Wohl nicht viel. Ein Dokument
enthüllt einen Deal aus den Tagen der WM-Vergabe.

S
ommermärchen-Affäre? Ja, war da getaucht, aus dem Jahr 2000, dem Jahr der
mal was? Neulich hielt DFB-Vize Rai- WM-Vergabe. Er stammt aus dem versun-
ner Koch einen Vortrag in Köln; es kenen Reich des toten Medientycoons Leo
ging um Bestechung im Sport. Wer aber Kirch und spricht: erstens für eine gekaufte
neue Einsichten erwartet hatte, Einsichten WM. Und zweitens: Bände, dass der
in den Fall WM 2006 und Einsicht bei Koch, Freshfields-Report blinde Flecken hat.
der hörte – nichts. Alles längst aufgearbei- Eigentlich sollten die Anwälte nämlich
tet, abgearbeitet, verarbeitet. Eine Anwalts- alle „Anhaltspunkte für einen möglicher-
kanzlei habe doch gründlich gesucht, aber weise erfolgten Stimmenkauf“ nennen – so
bekanntlich keinen Beweis für ein gekauftes ihr Arbeitsauftrag. Mit dem neuen Papier
Sommermärchen gefunden, meinte Koch. wird deutlich, dass davon keine Rede sein
Die Sonntagsrede an einem Samstag füg- kann. Schon einmal, 2003, war ein Vertrag
te sich liturgisch streng in die Messe der aus dem Kirch-Imperium an die Öffentlich-
Scheinheiligkeit ein, mit der die neue DFB- keit gekommen. Schon jener Kontrakt hatte
Führung die WM-Äffäre abzuhaken ge- streng nach Schmiergeld gerochen – Geld
denkt. Korruption? Wie? Wo? Nicht bei für korrupte Fifa-Männer im Entscheidungs-
uns. Immer wieder kommt dabei der Hin- komitee. Im Freshfields-Report war er trotz-
weis auf den Bericht der Kanzlei Fresh- dem mit keinem Wort erwähnt worden.
fields, Schild und Schwert. Sie hatte von Jetzt zeigt der neue Fund, wie explosiv der
der neuen DFB-Spitze den Auftrag, die ganze Vorgang wirklich war – und dass da-
WM-Vergabe zu prüfen, und lieferte vor mals offenbar noch weit mehr Geld in dunk-
einem Jahr ein Traumergebnis ab: genug le Kanäle floss als bisher bekannt.
um zu erklären, warum die alten DFB- Am 6. Juni 2000, genau einen Monat
ALEXANDER HASSENSTEIN / GETTY IMAGES

Chefs um Wolfgang Niersbach wegmuss- vor der WM-Vergabe in Zürich, setzte ein
ten. Aber zu wenig, um Deutschland als enger Kirch-Vertrauter ein Memo auf.
Schmiergeldverteiler zu entlarven und da- Kirchs Münchner Konzern hatte damals
mit die schönen Hoffnungen auf ein neues die Fernsehrechte für das Turnier 2006 be-
Märchen kaputt zu machen: eine Europa- reits erworben und wusste genau, was er
meisterschaft 2024 in Deutschland, für die wollte: eine WM in Deutschland. Wenn
sich der DFB gerade bewirbt. dagegen Südafrika, der härteste Konkur-
Jetzt aber könnte dem DFB die 380-Sei- rent, den Zuschlag bekäme, würde das
ten-Verteidigung ein gutes Stück um die Kirch beim Weiterverkauf der Rechte ein
Ohren fliegen. Ein Vertragsentwurf ist auf- paar Hundert Millionen Mark kosten. So
hatten es seine Leute ausgerechnet.
Also tat Kirch, was Kirch konnte, um Vorher aber, in Punkt eins des Memos,
Wahlmänner im Fifa-Exekutivkomitee auf wird noch ein besonders merkwürdiger
Deutschlands Seite zu ziehen: Geld Millionendeal beschrieben: ein Berater-
lockermachen. Wie und wohin er zahlen vertrag zwischen KirchMedia und einem
sollte, das sagte ihm Fedor Radmann, Mit- Libanesen namens Elias Zaccour. Zaccour
glied im deutschen Bewerbungskomitee habe den Vertrag schon unterschrieben,
und rechte Hand von Bewerbungschef heißt es im Memo.
Franz Beckenbauer. Das Memo fasste ein Offiziell sah der Vertrag zwischen Kirch
Treffen vom selben Tag zwischen Rad- und Zaccour vor, dass der Libanese der
mann und dem Kirch-Vertrauten zusam- Kirch-Gruppe gute Ratschläge im Geschäft
JAN HUEBNER / IMAGO SPORTFOTODIENST

men, der das Protokoll schrieb. Um vier mit Filmrechten geben sollte. Vom Film
geplante Freundschaftsspiele von Bayern hatte Zaccour allerdings, so weit ersicht-
München ging es darin, alle in Ländern, lich, nicht die geringste Ahnung – jeden-
aus denen Fifa-Entscheider kamen. Und falls weit weniger als Kirch selbst. Auch
um Fernsehrechte für diese Spiele, die WM-Lobbyist Radmann, der den Deal ein-
Kirch zu absurd hohen Preisen einkaufte. fädelte, hatte mit dem Filmgeschäft nichts
Das Geld aus Deutschland landete bei den zu tun. Wofür also der Vertrag?
Heimatverbänden der Funktionäre, ein Zaccour war bekannt für seine Leiden-
DFB-Präsident Grindel Teil möglicherweise in deren Taschen, schaft für Rennpferde und noch mehr da-
Aufgearbeitet, abgearbeitet, verarbeitet auch wenn das alle bis heute bestreiten. für, dass er exzellente Kontakte hatte – zu
96 DER SPIEGEL 13 / 2017
Fanmeile in Berlin im Juli 2006: Die Enthüllung ging in der allgemeinen Begeisterung unter

Mitgliedern des Fifa-Exekutivkomitees. sig suchten. Doch im Bericht steht dazu sie anfordere, auf dasselbe Konto einzuge-
Etwa zu Ricardo Teixeira, dem Brasilianer, nichts. Nur der lapidare Hinweis, dass man hen. Zehn Arbeitstage: Das war frühestens
zu Jack Warner aus Trinidad und Tobago mit Zaccour und Kirch-Vertrauten gern ge- am 7. Juli, dem Tag nach der Wahl.
und zu Mohamed Bin Hammam aus Katar. sprochen hätte. Leider seien Zaccour und Wie aus dem Papier hervorgeht, hatten
Alle drei gelten heute als notorisch korrupt, Kirch tot, andere wollten nicht reden. Kirch, Radmann und Zaccour damit den
Warner und Bin Hammam sind inzwischen Der neu aufgetauchte Vertrag zündet Zahlungsplan aus dem ersten, gerade mal
von der Fifa lebenslang gesperrt worden. nun die zweite Stufe in der Sache. Dem- zwei Wochen alten Vertrag offenbar über
Noch am 6. Juni zeichnete die Kirch- nach forderte WM-Macher Radmann kurz den Haufen geworfen. Statt Zaccour für
Gruppe den Vertrag gegen. Er war mit ei- nach dem ersten gleich den nächsten Be- seine angebliche Arbeit jedes Jahr Geld
ner Million Dollar für Zaccour dotiert, ratervertrag bei Kirch an. Wieder mit Pfer- zu zahlen, wie es bei einem echten Bera-
zahlbar in vier Raten über vier Jahre, die de- und Fifa-Freund Zaccour. Am 23. Juni tervertrag normal gewesen wäre, hatte
letzte am 30. Juni 2003. 2000, nur 13 Tage vor der WM-Entschei- Kirch ihm demnach noch vor der WM-Ver-
Die Enthüllung aus dem Jahr 2003, drei dung in Zürich, ging der Vertragsentwurf gabe die Million auf einen Schlag gegeben.
Jahre vor dem Anpfiff in Deutschland, von Kirch an Radmann heraus. Darin heißt Und damit nicht genug: Zaccour hatte of-
ging in der allgemeinen Begeisterung über es nun aber, Zaccour bekomme von Kirch fenbar noch größeren Geldbedarf, äußerst
die deutsche WM weitgehend unter. Für nicht eine, sondern zwei Millionen Dollar. dringend: die zweite Million, zahlbar nach
Freshfields hätte das im Jahr 2015, mit der Vor allem steht da: Die erste Million sei der Sitzung des Exekutivkomitees.
gebotenen Nüchternheit, ein starker Hin- schon gezahlt worden, auf ein Zaccour- Eine Dankeschön-Million? Dass die
weis auf korrupte Praktiken sein können, Konto in Luxemburg. Die zweite Million zweite Million geflossen ist, lässt sich zwar
nach denen die Anwälte angeblich so em- habe zehn Arbeitstage, nachdem Zaccour nicht belegen. Aber allein die Zusage einer
DER SPIEGEL 13 / 2017 97
Sport

solchen Summe kurz vor der WM- In den vergangenen Monaten


Entscheidung, noch dazu als 100- häuften sich nun aber die Indizien
Prozent-Vorschuss auf eine Leis- dafür, dass es die Anwälte mit der
tung, die offiziell erst über die fol- Aufklärung doch nicht so genau ge-
genden vier Jahre erbracht werden nommen haben könnten. Da gab
sollte, noch dazu auf einem Feld, es etwa eine verschlüsselte Datei
auf dem Zaccour sich nicht aus- auf einem DFB-Rechner mit dem
kannte, für das alles gibt es wohl Namen „Komplex Jack Warner“,
nur eine plausible Erklärung: dass abgelegt in einem Ordner „Erdbe-
Zaccour damit umgehend Wahl- ben“ – eine Hinterlassenschaft des
männer kaufen sollte. gefeuerten Vizegeneralsekretärs
Aber wen? Zaccour selbst hat im Stefan Hans. Erdbeben? Das müss-
Jahr 2013, kurz vor seinem Tod, te eigentlich alle elektrisieren.
der „Süddeutschen Zeitung“ einen Doch Freshfields und der Ver-
Fingerzeig gegeben. Jack Warner, band gaben sich überraschend we-
der Mann aus Trinidad, habe für nig Mühe, die Datei zu knacken.
Deutschland gestimmt, sagte Zac- Externe Spezialisten dafür anzu-
cour. heuern sei zu teuer, ließ der DFB
Warum war sich Zaccour so si- wissen; das klang ziemlich faden-
cher? Weil er wusste, wen er mit scheinig. An die Staatsanwaltschaft

S. FALKE / LAIF
dem Geld von Kirch bezahlt hat? schicken mochte man den Fund
Warner hat jeden Verdacht, kor- aber auch erst mal nicht. Im
rupt gewesen zu sein, trotz erdrü- Freshfields-Bericht tauchte der
ckender Indizien bestritten. Der Funktionäre Beckenbauer, Warner 2006 „Erdbeben“-Ordner nur in einer
damalige Kirch-Geschäftsführer Zehn-Millionen-Vertrag zugeschanzt Fußnote auf. Ohne das Alarmwort
Dieter Hahn ließ ausrichten, ihm „Erdbeben“.
sei „ein 17 Jahre zurückliegender Vorgang etwa so viel, wie der Verband im ganzen Erst nach einem geschlagenen Jahr be-
nicht mehr erinnerlich“. Radmann wollte Jahr 2015 zum Beispiel für den Frauen- kamen die Ermittler die Datei in die
sich auf Anfrage nicht zu dem Dokument fußball ausgegeben hat. Dafür standen Finger. Danach dauerte es nur 24 Tage,
äußern. die Anwälte von Anfang an unter Ver- dann hatten sie das Rätsel gelöst. Nicht
Der neue Vertrag ist schon die dritte dacht, Söldner der Wahrheit zu sein, die dass sich der Aufwand gelohnt hätte; die
Spur zu einem gekauften deutschen Som- bei allem auch stets an ihren Auftraggeber Datei enthielt nichts Neues für die Straf-
mermärchen. Nur vier Tage vor der Ent- denken. verfolger. Aber wie die Aufklärer des DFB
scheidung im Jahr 2000 hatte Bewerbungs- Schon dass Freshfields-Mann Christian darum herumgeschlichen waren, sprach
chef Beckenbauer dem schmierigen Jack Duve, Chefermittler im Sommermärchen, nicht für den Willen, alles rigoros auf-
Warner einen Zehn-Millionen-Mark-Ver- mit dem Leiter des DFB-Präsidialbüros im zudecken – und aufzuschreiben. Nicht
trag zugeschanzt. Zum Teil sollte das Geld selben Rotary-Club saß, weckte Argwohn. mal, dass sich Wolfgang Niersbach in einer
an Warners Verband gehen, zum Teil aber Kaum hatte Freshfields losgelegt, weigerte Mail selbst als „Mitwisser“ der Sommer-
über WM-Freitickets auch direkt in sein sich der frühere DFB-Chef Theo Zwanzi- märchen-Affäre bezeichnet hatte, war den
Portemonnaie. ger, den Juristen zu helfen. Der Grund: ein Anwälten eine Zeile im Bericht wert, wie
DFB-Vize Koch will das heute nicht als altes Mandat von Freshfields in Katar. Aus die „Süddeutsche Zeitung“ kürzlich be-
Stimmenkauf gelten lassen. Die Deutschen Mails ging hervor, dass die weltweit ver- legte.
hätten den Vertrag später platzen lassen; zweigte Kanzlei einem Sportfunktionär be- Aus heutiger Sicht nützte der
er sei doch nie erfüllt worden. Aber: Das hilflich war, Bin Hammam. Die Anwälte Freshfields-Report wohl mehr der neuen
konnte Warner schließlich nicht ahnen, als ließen jedoch wissen: kein Interessenkon- DFB-Spitze als der Aufklärung. Sogar
er in Zürich sein Kreuzchen machte. Au- flikt, nichts, was sie an der Aufklärung hin- bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt ist
ßerdem hatte ihn der DFB mit mehr als dern werde. man auf den Verband schlecht zu spre-
40 000 Mark bei einer Lustreise nach Mün- Als die Kanzlei im März 2016 ihren Be- chen. Schon Anfang 2016 habe er „seine
chen ausgehalten, und Teile des Warner- richt vorlegte, schienen auch zunächst alle Kooperationsbereitschaft stark einge-
Vertrags wurden durchaus erfüllt. Zweifel erledigt: In ein paar Tausend Ar- schränkt“, klagt die Behörde – in einer
Ungeklärt ist bis heute auch, was mit je- beitsstunden hatten die Juristen Zeugen- offiziellen Erklärung. Das Gleiche gelte
nen ominösen 6,7 Millionen Euro passiert aussagen gesammelt, Dokumente ausge- für Freshfields. Es gibt Staatsanwälte, die
ist, auf die der SPIEGEL am Anfang der wertet und vor allem die Spur jener merk- glauben, dass der Bericht ihre Arbeit tor-
WM-Affäre im Jahr 2015 gestoßen war. würdigen 6,7 Millionen Euro verfolgt. Fest pediert habe. Der sei eine schöne „Fort-
Das Geld hatten die WM-Macher zwei Jah- stand danach immerhin, dass die Summe bildung für die Beschuldigten“ in der WM-
re nach der Züricher Entscheidung an den 2002 an Bin Hammam gegangen war, wo- Affäre gewesen. Daraus hätten sie früh er-
Wahlmann Bin Hammam aus Katar durch- für auch immer. fahren, welche Fragen auf sie zukämen.
geschoben. Die live übertragene Pressekonferenz Der Bericht habe „sehr viel kaputt ge-
Drei Spuren – die eine, Zaccour, taucht mit Duve als Pfadfinder durch den Dschun- macht“.
gar nicht im Freshfields-Bericht auf; die bei- gel der deutschen WM-Bewerbung war ein Das sehen Freshfields und die neue DFB-
den anderen reichten den Anwälten nicht Triumph für Freshfields, auch über die Vor- Spitze anders. In der Frankfurter Zentrale
aus, um zumindest von einem wahrschein- behalte und Vorhaltungen. Dass das Er- möchte man endlich nach vorn schauen.
lichen Stimmenkauf zu sprechen. Das wirft gebnis auf den ersten Blick nicht nur gut Irgendwann, so bekommt man den Ein-
erneut die Frage auf: Hat Freshfields ein aussah, sondern auch der neuen DFB-Spit- druck, soll es offenbar auch mal gut sein
Gefälligkeitsgutachten abgeliefert? ze um Reinhard Grindel und Vize Koch mit den schlechten alten Dingen.
Rund neun Millionen Euro soll die gut gefallen konnte, schadete nicht der Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp,
Kanzlei bisher vom DFB kassiert haben – Glaubwürdigkeit. Gunther Latsch, Jörg Schmitt

98 DER SPIEGEL 13 / 2017


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MARCO ZITZOW / BILD-ZEITUNG

WITTERS
Feuerwehrleute beim Bergungseinsatz, Manager Kraus 2016: „Er hat das Leben geliebt“

Bleierner Schatten
Schicksale Timo Kraus, Manager beim Fußballbundesligisten HSV, wurde tot aus dem Hamburger
Hafen geborgen. Die Ehefrau glaubt nicht an einen Unglücksfall. Von Bruno Schrep

A
n diesem Samstag Anfang Januar tergrund gedrängt. „Es lässt sich nicht leug- Krabben auf Schwarzbrot und Matjes-
herrscht in Hamburg wieder mal nen, dass dies wie ein bleierner Schatten Stulle gibt.
Schmuddelwetter. Es ist stürmisch, über dem Verein liegt“, sagte Heribert Als abends Eisregen einsetzt, die Stra-
grau und nass. In der Nacht zieht Nebel Bruchhagen, Vorstandschef des Klubs. ßen immer glatter werden, will die Ehefrau
auf. Die Temperaturen sinken unter den Bis heute gibt es mehr Fragen als Ant- ihren Mann noch von der Fahrt nach Ham-
Gefrierpunkt. Der leichte Schneefall geht worten. Tragischer Unglücksfall, Selbst- burg abbringen. „Ich kann mich da nicht
in Sprühregen über. Im Radio wird vor mord oder tückisches Verbrechen – nichts drücken“, entgegnet er, „ich bin doch der
Glatteis gewarnt. scheint ausgeschlossen. „Ein höchst myste- Chef.“ Timo Kraus hatte sich beim HSV
In dieser Nacht zum 8. Januar ver- riöser Fall“, erklärt Polizeihauptkommissar vom Praktikanten bis zum Leiter der Mer-
schwindet Timo Kraus, Leiter der Merchan- Jan Krüger von der Polizeiinspektion Har- chandising-Abteilung hochgearbeitet. Der
dising-Abteilung beim Fußballbundes- burg. Vertrieb von Fanartikeln floriert seitdem
ligisten Hamburger Sportverein. Corinna Kraus, die Witwe des Managers, prima: von Schlafanzügen in den Vereins-
Kraus ist ein erfolgreicher Mann, 44 Jah- ist trotz ihrer Trauer erleichtert, dass sie farben über Fahnen in allen Größen bis
re alt. Groß, sportlich, gepflegter Vollbart, jetzt Gewissheit hat. Die zierliche Frau, zu Schlüsselanhängern, Sitzkissen und Kaf-
eine auffällige Erscheinung. Seit 16 Jahren kurz geschnittene blonde Haare, markante feetassen mit der HSV-Raute.
verheiratet, Vater von zwei halbwüchsigen Brille, musste über zwei Monate die Un- Weil in Buchholz wegen der Glätte kei-
Söhnen. In Buchholz, rund 30 Kilometer gewissheit ertragen und trotz allem den ne Busse mehr fahren, schlittert Kraus zu
südlich von Hamburg, besitzt er ein Eigen- Alltag bewältigen, als sei nichts passiert. Fuß zum Bahnhof, das Auto lässt er stehen.
heim. Er ist beliebt bei den Kollegen vom Die Grundschullehrerin musste morgens Die EC-Karte und 35 Euro steckt er in sei-
HSV, als Kumpel geschätzt im heimischen zum Unterricht, mittags die Söhne vom ne beige Adidas-Jacke mit Fellkragen, das
Tennisklub. Fußballtraining abholen, zwischendurch iPhone in die Hosentasche. Seine Haus-
Zuletzt gesehen wurde Kraus an den kochen und mit Behörden telefonieren – schlüssel nimmt er nicht mit, er will früh
St.-Pauli-Landungsbrücken am Hamburger und alles im Bewusstsein, dass der Mann, zurück sein. Am nächsten Morgen muss
Hafen, dort, wo sich tagsüber die Touristen der 18 Jahre lang an ihrer Seite stand, ein- er einen seiner Söhne zu einem Fußball-
drängeln und nachts nichts los ist. Erst elf fach weg war, von jetzt auf gleich: „Das turnier chauffieren.
Wochen später, am vergangenen Donners- fühlte sich unwirklich an, als würde man Bei der Feier am Hafen herrscht tolle
tag, tauchte er wieder auf: tot. in einem absurden Film mitspielen.“ Seit Stimmung. „Ein wunderbarer Abend“, er-
Feuerwehrleute zogen seine Leiche kurz dem Verschwinden ihres Mannes hat sie innert sich eine Teilnehmerin. Bier fließt
nach sieben Uhr morgens aus dem Ham- so sehr abgenommen, dass ihr der Ehering reichlich, die Mitarbeiter prosten sich
burger Hafenbecken nahe dem Museums- fast vom Finger rutscht. auf ein Umsatzplus von acht Prozent zu.
schiff „Cap San Diego“. Der Schiffsführer Auf den Abend des 7. Januar hat sich Mit dem Erlös von Fanartikeln konnten
einer Fähre hatte den Körper im Wasser Timo Kraus gefreut. Für die verspätete Einnahmen von über acht Millionen Euro
treiben sehen. Weihnachtsfeier seiner Abteilung wurde erzielt werden, ein Lichtblick für den hoch
Die Sorge über das Schicksal des Mit- ein großer Tisch im Block Bräu am Hafen verschuldeten Fußballverein, ein Riesen-
arbeiters hatte beim HSV in den letzten gebucht, einem rustikalen Lokal, in dem erfolg für den Boss. Und in gut einer
Wochen manche Aufregung über Fußball- es selbst gebrautes Bier und deftige han- Woche steht die große internationale Mer-
ergebnisse und Abstiegsgefahr in den Hin- seatische Spezialitäten wie Labskaus, chandising-Messe im Volksparkstadion

100 DER SPIEGEL 13 / 2017


Sport
JETZT IM HANDEL:
an, die von Kraus zum zwölften Mal or-
ganisiert wird und die weitere Zuwächse
verspricht.
SCHWERPUNKT KUNDEN
Kurz vor 23.30 Uhr ist die Party vorbei,
die HSVler brechen gemeinsam auf. Das
Ende der Weihnachtsfeier ist gleichzeitig
der Beginn jenes rätselhaften Geschehens,
das sich bis heute niemand erklären kann.
Kraus will eigentlich wieder mit der Bahn
nach Buchholz zurückfahren. Er entschei-
det sich dann aber für ein Taxi.
Hat er wirklich viel zu viel getrunken,
wie einige Partyteilnehmer später aussa-
gen? Oder ist er nur fröhlich angeheitert,
wie sich andere erinnern? „Ich habe mei-
nen Mann noch nie stockbetrunken er-
lebt“, sagt Ehefrau Corinna, „dass er sich
als Chef vor seinen Mitarbeitern volllaufen
lässt, kann ich mir nicht vorstellen.“
Weil bei diesem Wetter die Telefonlei-
tungen der Taxizentralen überlastet sind
und der nahe gelegene Standplatz leer ist,
halten die Kollegen ein vorbeifahrendes
Taxi an, einen Mercedes der B-Klasse. Der
Chauffeur, ein Schwarzafrikaner, hat ein
mobiles Navigationsgerät im Auto, er lässt
sich bei der Eingabe des weit entfernten
Fahrziels helfen. Und fragt noch, ob er
durch den Elbtunnel oder über die Elbbrü-
harvardbusinessmanager.de

cken nach Buchholz fahren soll. Kraus, der


sich hinten in den Fond setzt, winkt den
Kollegen zum Abschied zu: „Tschüss, bis
Montag.“
Dass der Taxifahrer später zur Schlüs-
selfigur des mysteriösen Falls wird, ahnt
in diesem Moment niemand. Ebenso we-
nig, dass alle Versuche, ihn ausfindig zu
machen, scheitern werden. Sicher ist, dass
er mit dem Manager von den Landungs-
brücken wegfährt. Es wird eine kurze Tour.
Ehefrau Corinna Kraus macht sich zu
diesem Zeitpunkt keine Sorgen. Um 22 Uhr
hat sie mit ihrem Ehemann noch Nachrich- Weitere Themen:
ten über WhatsApp ausgetauscht, jetzt
rechnet sie mit seiner baldigen Heimkehr.
Denn sie sieht auf ihrem Mobiltelefon, dass
WETTBEWERB Was Awards und
er sich vom Hafen entfernt – die Familien-
mitglieder haben sich über die App „Find
Bewertungen wirklich bringen
My iPhone“ zu einer Gruppe zusammen-
geschlossen, in der jeder den Standort des
anderen jederzeit abrufen kann.
FÜHRUNG Die neue Tugend der Manager
Kurz nach Mitternacht stellt sie über-
rascht fest, dass sich ihr Mann offenbar wie-
heißt Mitgefühl
KARRIERE Warum Skandale in der Firma
der zurückbewegt, sie erkennt auch, dass
der Akku seines Handys fast leer ist. Und
sie empfängt irritierende Signale. Die Spur
führt erneut zum Hafenrand, dann eine Sie persönlich treffen
Treppe hoch und endet schließlich unten
am Wasser, nahe der Brücke 1 an den Lan-
dungsbrücken und dem Museumsschiff
„Rickmer Rickmers“. Da ist es genau
0.40 Uhr und das Handy stumm.
An Nachtruhe ist jetzt nicht mehr zu
denken. Corinna Kraus versucht immer
wieder, ihren Mann telefonisch zu errei-
chen. Vergebens. Sie fleht ihn über den An-
rufbeantworter an, sich zu melden, stun-
DER SPIEGEL 13 / 2017 101
Sport

denlang. Früh um sieben ruft sie die Ham- Doch der ist unauffindbar. Selbst eine pri-
burger Davidwache an der Reeperbahn an, vate Flugblattaktion an Hamburger Taxi-
meldet ihren Mann als vermisst. ständen, initiiert von Kraus’ Angehörigen
Die Beamten konfrontieren die verzwei- und Freunden, bleibt erfolglos.
felte Ehefrau schon bald mit heiklen Fra- „Wir haben alles versucht“, versichert
gen. Ob sie sich vorstellen könne, dass ihr Hauptkommissar Krüger. Alle Taxizentra-
Partner lebensmüde gewesen, freiwillig in len und alle privaten Unternehmer abge-
die Elbe gesprungen sei? Antwort: „Mein fragt, nichts. In der Taxiszene geforscht,
Mann hat das Leben geliebt.“ Er habe nie einzelne Chauffeure vernommen, nichts.
unter Depressionen gelitten, stattdessen „Vielleicht haben wir sogar mit dem Rich-
immer Pläne geschmiedet. Noch am tigen gesprochen“, räumt Krüger ein. Aber
Abend vor seinem Verschwinden habe er alle infrage kommenden dunkelhäutigen
einen Südafrikaurlaub für die ganze Fami- Fahrer hätten bestritten, etwas mit der Sa-
lie gebucht. che zu tun zu haben.
Ob er das scheinbar so harmonische Unbehagen bleibt. Warum wurde kein
Familienleben womöglich satt hatte? Ob Phantombild erstellt? Immerhin fiel den
er sich klammheimlich abgesetzt haben HSV-Kollegen die „große Nase“ des Fah-
könnte, vielleicht mit einer Freundin? Ant- rers auf. Warum wurde keine Gegenüber-
wort: ausgeschlossen. „Wir vier waren eine stellung versucht? Immerhin hatten meh-
verschworene Gemeinschaft. Wir sagten rere Personen den Mann hinterm Steuer,
uns oft, was es für ein großes Glück ist, wenn auch flüchtig, gesehen. Und warum
dass wir uns haben.“ wurde der HSV von der Polizei aufgefor-
Dass der HSV-Manager noch lebt, wird dert, keine höhere Belohnung als jene
mit jeder Stunde, die seit seinem Ver- mickrigen 2000 Euro auszuloben, die bis-
schwinden vergeht, unwahrscheinlicher. her zu nichts führten?
Der Personensuchhund Trude, den die Po- Tatsächlich kann es mehrere Gründe ge-
lizei zuvor an Kleidungsstücken von Kraus ben, warum sich der Mann nicht meldet:
schnuppern ließ, nimmt zwei Tage nach Signal von Kraus’ Handy* Der Chauffeur ist illegal in Deutschland,
dem Verschwinden die Spur des Vermiss- „Was suchte er dort?“ fürchtet, abgeschoben zu werden. Er be-
ten auf, schlägt prompt am Hafen an. Tru- sitzt keinen Führerschein. Ihm fehlt die
de führt die Ermittler zu den Landungs- gen wird, nur rund hundert Meter von Taxilizenz. Er rechnete die Fahrt nicht ab,
brücken, und zwar fast exakt zu der Stelle Brücke 1 entfernt, hängt womöglich mit möchte keinen Zoff mit seinem Chef.
nahe der Elbe, von der die letzten Handy- den Strömungsverhältnissen im Hambur- Ob er direkt oder indirekt mit dem Ver-
signale gesendet wurden. Der 44-Jährige ger Hafen zusammen, wo es durch den schwinden und dem Tod von Timo Kraus
muss also dort gewesen sein. Wechsel von Ebbe und Flut zu ständigen zu tun hat, ist Spekulation. Hatte er keine
„Wir glaubten von Anfang an, dass er Richtungsänderungen kommt. Lust, bei Glatteis ins entfernte Buchholz
ausgerutscht, ins Wasser gestürzt und er- Für die Theorie, Timo Kraus sei Opfer zu fahren, warf er den ihm anvertrauten
trunken ist“, sagt Kommissar Krüger. Auf eines Verbrechens geworden, gibt es auch Fahrgast kurzerhand aus dem Wagen?
dem Ponton vor der Brücke sei es in der nach Entdeckung seiner Leiche keine si- Plagt ihn deshalb ein schlechtes Gewissen?
fraglichen Nacht genauso spiegelglatt ge- cheren Anhaltspunkte. Bei einer ersten Ob- Geriet er mit Kraus in Streit? Nahm er ihm
wesen wie überall in Hamburg. Ein Un- duktion in der Hamburger Universitäts- etwa die Jacke ab?
glücksfall also. klinik finden die Gerichtsmediziner keine Fest steht nur: Die Taxifahrt in Richtung
Ehefrau Corinna Kraus mag jedoch nicht auffälligen Spuren von Gewaltanwendung. Nordheide endete nach gut einem Kilo-
an einen Unfall glauben. „Was suchte mein Der Manager ist offenbar ertrunken. meter in der Hamburger Innenstadt – das
Mann bei Nacht auf dieser Brücke?“, fragt Aber: Die Aussagen von zwei Zeugin- ergibt sich aus dem Bewegungsprofil des
sie. „War er allein? Ging er freiwillig dort- nen, die von der Polizei als glaubwürdig Handys. Ob der Manager mit dem Taxi
hin? Hat ihn jemand ins Wasser gestoßen?“ bezeichnet werden, lassen den Fall noch oder zu Fuß zum Hafen zurückkehrte,
Die Polizei vermutet zunächst, dass mysteriöser erscheinen. bleibt ungeklärt wie so vieles in diesem Fall.
Kraus nach einem Sturz in die Elbe von Die beiden Frauen berichten unab- Für die Angehörigen war die Situation
der Strömung unter den Ponton von Brü- hängig voneinander, den Manager in der in den letzten Wochen kaum auszuhalten.
cke 1 gedrückt wurde, dass sich sein Kör- fraglichen Nacht kurz nach Mitternacht Solange Kraus nicht gefunden war, hegte
per dort verfing. 18 Polizeitaucher, die bei auf den Landungsbrücken erkannt zu die Familie noch einen Funken Hoffnung.
Niedrigwasser dort nach dem Vermissten haben, und zwar in erstaunlichem Zustand. „Gegen jede Ratio“, gesteht Ehefrau Corin-
suchen, finden jedoch nichts. Kurios: Weil Kraus habe keine Jacke getragen, habe na, „ich wünschte mir nichts sehnlicher, als
Zehntausende am Schicksal des Managers leicht geschwankt und etwas desorientiert dass ein Anruf mit der Botschaft kommen
interessiert waren, überträgt eine Boule- gewirkt. Auf seinem grauen Pullover sei würde: Wir haben ihn gefunden. Er lebt.“
vardzeitung den Einsatz live auf ihrer die kleine HSV-Raute deutlich erkennbar Aber je länger sie darüber nachgedacht
Facebook-Seite. gewesen – eine Darstellung, die Kraus’ habe, desto weniger habe sie daran ge-
Eine Woche nach Kraus’ Verschwinden Ehefrau verwundert. „Mein Mann wäre glaubt. Eigentlich sei ihr schon vor dem
keimt Hoffnung auf, Gewissheit zu erlan- bei dieser Kälte niemals freiwillig ohne Auffinden der Leiche klar gewesen:
gen. Der Kapitän einer Barkasse glaubt, Jacke umhergelaufen“, sagt sie, „dazu war „Wenn er noch leben würde, wäre er hier
auf der Elbe eine Wasserleiche entdeckt er viel zu verfroren.“ Sie frage sich des- bei mir.“
zu haben. Polizisten und Feuerwehrleute, halb: Wurde sie ihm gestohlen? Wo ist sie?
die mit Booten ausrücken, entdecken je- Der Einzige, der dazu womöglich Aus- Video:
doch nur einen Baumstamm. kunft geben könnte, ist der Taxifahrer. Der Fall Timo Kraus
Dass der Leichnam des Managers ver- spiegel.de/sp132017hsv
gangenen Donnerstag flussaufwärts gebor- * Screenshot aus der App „Find My iPhone“ am 8. Januar. oder in der App DER SPIEGEL

102 DER SPIEGEL 13 / 2017


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Er ist wieder da
… doch es sind Zweifel erlaubt, ob ihn jemand
vermisst hat. Denn wenn Europas mächtigster
aktiver Vulkan ausbricht, sind Zerstörungen meist
unausweichlich. Seit Ende Februar spuckt der
auf der italienischen Insel Sizilien gelegene Ätna
nach einer Feuerpause von rund 14 Monaten
wieder glühende Lava.

Einwurf

Wie wär’s mit einem Globus?


Warum die Welt der Weltkarten so irreführend ist
Diese Meldung ließ aufhorchen: In Boston will die Schul- über 400. Warum nicht gleich die Peters-Projektion nehmen,
behörde demnächst jene Weltkarten abhängen lassen, die auf der Europa nur noch wie ein kleiner Archipel wirkt, der
auch bei uns in vielen Klassenzimmern zu finden sind. Darauf Afrika vorgelagert ist? Der Japaner Hajime Narukawa wiede-
zu sehen ist die gute alte Welt, wie der belgische Geograf rum gewann Ende vorigen Jahres einen Designpreis für eine
Gerhard Mercator sie einst zeichnete: mit einem großen Euro- Weltkarte, die aussieht, als hätte ein Dreijähriger das bekann-
pa in der Mitte. Die Proportionen stimmten nicht, mäkeln te Kontinentalgefüge verschoben. Dennoch soll diese Karte
nun die Bilderstürmer, Europa sei viel zu groß, Afrika viel zu realitätsnäher sein als Mercators alter Plan. Nur: Wenn der
klein, die typische Weltsicht des weißen Mannes. Entwurf des Japaners Schule macht, dürften Eltern künftig
Überraschend an der progressiven Kartenreform ist, dass mit ihrem Nachwuchs darüber streiten, ob sie noch auf dem-
sie sich ausgerechnet in Gottes eigenem Land ereignet, in selben Planeten leben.
dem an vielen Schulen immer noch die Schöpfungsgeschichte Von jeher kennen Kartografen das „orange peel problem“:
als Grundlage für die Entstehung der Erde gelehrt wird. Die Erde mit einer Karte abzubilden ist ähnlich aussichtslos,
Aber vielleicht ist die Entscheidung der Beamten in Boston als wollte man eine Orange anhand ihrer flach ausgebreiteten
ohnehin weniger fortschrittlich, als es den Anschein hat. Schale darstellen. Drum, liebe Schulbehörden auf der ganzen
Denn welche Alternative, bitte schön, darf’s denn sein? Vari- (dreidimensionalen) Welt: Warum spendiert ihr den Schülern
anten von Weltkarten gibt es mehr als Länder auf der Erde: nicht einfach einen Globus? Frank Thadeusz

104 DER SPIEGEL 13 / 2017 Mail: wissenschaft@spiegel.de · Twitter: @SPIEGEL_Wissen · Facebook: facebook.com/spiegelwissen
Wissenschaft+Technik
Medizingeschichte stellten. Hans Rosemann revo- Benecke: In der Tat. Nach
„Heroin auf Rezept“ lutionierte mit Lysoform den dem Ersten Weltkrieg sollen
Markt für Desinfektionsmittel. zeitweise bis zu 40 Prozent
Der Kriminal- Und dazwischen ein begna- der Berliner Ärzte morphin-
biologe Mark deter Unternehmer wie Maxi- süchtig gewesen sein. Allein
Benecke, 46, be- milian Baginski … 1928 gingen 73 Kilogramm
schreibt in sei- SPIEGEL: … der Erfinder der Morphin und Heroin ganz le-
nem neuen Buch, „Spalt“-Tablette. gal auf Rezept über den Apo-
STEFAN FINGER / LAIF
wie Berlin im Kai- Benecke: Genau. Er kam eines thekentresen.
serreich zur Welt- Tages zu einem seiner Ange- SPIEGEL: Dagegen nimmt sich
hauptstadt der stellten und meinte: „Sagen der von Ihnen beschriebene
Pharmaindustrie Se mal, Meester, könn’ Se en Klassiker „Klosterfrau Melis-
wurde. Loch in ’ne Tablette machen sengeist“ recht harmlos aus.
oder ’ne Kerbe oder sonst Benecke: Nun ja, dieser spe-
SPIEGEL: Warum war ausge- wat, det man im Dunkeln füh- zielle Drink für fidele Haus-
rechnet Berlin zur Zeit der len kann, wat es is?“ Eine ge- frauen besteht immerhin zu
Industrialisierung für Pharma- niale Idee. Neben dem prakti- 79 Prozent aus Alkohol. Das
firmen so interessant? schen Nutzen des Spaltes verwendete Ethanol entsteht
Benecke: In der Stadt tummel- symbolisiert der auch noch übrigens aus dem gleichen
ten sich damals viele interes- das Spalten des Schmerzes Brandenburger Getreide wie
sante Entdecker und Pioniere, durch Kombination mehrerer Wodka Gorbatschow, der
die Berlin dann zur Pharma- Wirkstoffe. ebenfalls in Berlin produziert
Boomtown im Deutschen SPIEGEL: Sie beschreiben auch, wird. tha
Reich machten. Johann Daniel wie in dieser Stadt der Alche-
Riedel war einer der Ersten, misten und Drogenköche Mark Benecke (Hrsg.): „Berlin mit
die im großen Maßstab Chinin schließlich sogar die normale Risiken und Nebenwirkungen“. Das
als Mittel gegen Malaria her- Bevölkerung high wurde. Neue Berlin; 144 Seiten; 9,99 Euro.

Zoologie Nachfahren Moby Dicks wie- Meter Länge und einem Ge-
Im Bauch des Wals der ins tiefere Wasser zu wicht von über 110 Kilo-
lotsen, scheiterten; kaum ge- gramm. Einer der beteiligten
Es war ein gewaltiges Meeres- strandet, starb der Wal. Erst Forscher von der chinesischen
GENIA / IPA / SIPA / ACTION PRESS

tier, das sich kürzlich auf die nach der Bergung und an- Xiamen-Universität wertete
Küste vor der südchinesischen schließender Sektion des den Fund als wissenschaftli-
Stadt Huizhou zubewegte. Giganten wurde den chinesi- che Sensation, nie zuvor sei
Taucher hatten den Pottwal schen Meeresbiologen die eine komplette Plazenta samt
von fast zwölf Meter Länge ganze Tragik des Vorfalls ge- Embryo eines Pottwals gebor-
als Erste entdeckt. Bizarrer- wahr: Im Bauch des Wals gen worden. Der für seine
weise nahm der Riese beharr- fanden die Wissenschaftler ei- auffällige Schädelform be-
lich Kurs Richtung Festland. nen weit entwickelten männ- kannte Meeressäuger gilt als
Sämtliche Versuche, den lichen Fötus von rund zwei größtes Raubtier der Erde. tha

Fußnote

100000
Euro kostet eine Unter-
wassertour zum Wrack
des 1912 gesunkenen
Luxusliners „Titanic“, die
von einem Londoner Rei-
severanstalter ab Früh-
jahr 2018 angeboten wird.
Der exklusive Kreis Rei-
sender soll mit einem Un-
terseeboot aus Titan und
Kohlenstofffaser zu den
Resten des Passagier-
schiffs gebracht werden.
XINHUA / IMAGO

Seit der Kollision mit ei-


nem Eisberg vor 105 Jah-
ren liegt die „Titanic“ auf
dem Grund des Atlantiks. Wissenschaftler bei der Sektion des Pottwals

DER SPIEGEL 13 / 2017 105


Wissenschaft

ERNST SCHÄFER / BUNDESARCHIV


Tibetische Besucher im Expeditionscamp der Deutschen 1938*: „Wikinger der Wissenschaft“

Hakenkreuz rückwärts
Geschichte Im Jahr 1938 brach eine SS-Expedition um den Zoologen Ernst Schäfer in den
Himalaja auf, angeblich um dort nach den „Ur-Ariern“ zu suchen. Nun liegen
neue Details zu dem Forschungsabenteuer vor, das zur Entdeckung exotischer Tiere führte.

D
as Naturkundemuseum Berlin mit gelunterarten wurden in der Sammlung vermaß Menschenköpfe, saß in Zelten aus
seinem berühmten Tyrannosaurus- bereits entdeckt. Yakhaaren und trank mit Würdenträgern
skelett in der Schauhalle gilt als Wenn nur ihre dunkle Vorgeschichte ostpreußischen Kümmelschnaps auf Ex.
Schatztruhe der Mutter Erde, als Samm- nicht wäre. Kurz vor Ausbruch des Zwei- Die Einheimischen nannten das Saufspiel
lung von Rang. Besonders kostbar sind ten Weltkriegs war der Zoologe Ernst „trockene Tasse“.
3500 Vogelmumien, die in hohen Schubla- Schäfer mit Runen am Rucksack in den 7000 Samenproben, darunter von Wild-
denschränken liegen. Erbeutet hat sie vor Priesterstaat Tibet vorgerückt. Dort erlegte blumen und Getreidesorten, brachten die
rund 80 Jahren ein SS-Offizier auf dem er trotz des Verbots der Regierung die Rückkehrer mit (die liegen heute im Leib-
schneebedeckten Dach der Welt. Piepmätze – geräuschlos mit einem klei- niz-Institut für Pflanzengenetik in Gaters-
„Am Südhang des Himalaja driftet der nen Katapult. leben). Auch hatten die Männer Holzmas-
tropische Subkontinent Indien gegen das Die deutsche Expedition 1938/39 gilt als ken und seltsame Möbel im Gepäck, dazu
eisige Zentralasien“, erklärt die Kustodin eine der umstrittensten Beutezüge der mo- 17 500 Meter abgedrehten Film sowie einen
Sylke Frahnert. „Durch das Aufeinander- dernen Naturwissenschaft. Schäfers Team Brief des tibetischen Regierungschefs an
treffen dieser Ökozonen haben sich dort den „erhabenen Herrn Hitler“.
völlig verschiedene Tierwelten vermischt.“ * Am Tisch sitzend v. r.: Technischer Leiter Edmund
Warum das Schreiben nie ankam (und
Regelmäßig pilgern Taxonomen und Ge- Geer, Geophysiker Karl Wienert, Tierfotograf Ernst Krau- heute in der Bayerischen Staatsbibliothek
netiker nach Berlin. Zehn unbekannte Vo- se, Anthropologe Bruno Beger, Zoologe Ernst Schäfer. liegt), ist ebenso rätselhaft wie die ganze
106 DER SPIEGEL 13 / 2017
ERNST SCHÄFER / BUNDESARCHIV
Potala-Palast in Lhasa 1939: Bauwerk wie von einem anderen Stern

Expedition. Im Auftrag des Reichsführers keine streng geplante geheime Komman- den „weichen Polstern“ der Zivilisation,
SS, Heinrich Himmler, heißt es, habe der doaktion des Totenkopfordens, sondern so der Autor. Britische Kolonialbeamte
Trupp nach einer blond gelockten „Wur- die auf Zufällen beruhende Trophäenjagd nannten ihn „kraftvoll, launisch, gelehrt“,
zelrasse“ gesucht – den Ur-Ariern. Auch eines schillernden Forschers und Aben- aber auch „eitel bis zur Kindlichkeit“.
sei es um kälteresistente Pferderassen für teurers. All diese Talente waren früh ausgebildet.
die Kriegswirtschaft gegangen. Ein „exzellenter Schütze“ und Trapper Schon als Teenager schoss der Sohn eines
Der britische Geheimdienst, der den An- sei Schäfer gewesen, besessen von der Ein- Aufsichtsratsvorsitzenden Böcke im Oden-
marsch der Deutschen quer durch Britisch- samkeit der Wildnis und angeekelt von wald. Mit 19 studierte er Zoologie. Dann
Indien argwöhnisch beäugte, tippte geriet er an den US-Millionär Broo-
dagegen auf Spionage. Der Histo- CHINA
Staatsklöster: Drepung Sera
ke Dolan II. Der Snob plante eine
riker Wolfgang Kaufmann wieder- Karten- Expedition ins kaum erforschte
ausschnitt Lhasa Ganden
um sieht es so: Die Nazis hätten Westchina und suchte einen tüchti-
jene Zone erkunden wollen, in der gen Begleiter.
Kalkutta
nach einem zukünftigen Krieg die Im Jahr 1931 tauchten die beiden
Interessensphären der vermeint- BRITISCH- jungen Männer ins ferne Bambus-
INDIEN T i b e t
lichen Siegermächte Japan und dickicht ab, wo der Deutsche so treff-
1913 bis 1951 autonome Region
Deutschland aufeinanderprallen sicher durchs Biotop schlich, dass
würden. Kongra La sich in den Koffern bald seltene Tier-
Nun liegt ein Buch vor, das die bälge stapelten, darunter ziegen-
wahren Hintergründe der Mission artige Gorale, Seraue und Takine.
beleuchtet*. Der Bremer Religions- B H U T A N a Auch erlegte er einen Panda – eine
Fsm.
wissenschaftler Peter Meier-Hüsing Sikkim j Premiere.
hat dazu Archive und Originaldo- a Die Academy of Natural Sciences
H a l
kumente gesichtet. Sein Befund: i m in Philadelphia war von seinem
Darjeeling
Der Aufbruch ins Schneeland war 100 km
zoologischen Beutezug so begeis-
tert, dass sie Schäfer zum Mitglied
* Peter Meier-Hüsing: „Nazis in Tibet – Das
erhob.
Rätsel um die SS-Expedition Ernst Schäfer“. Route der Expedition von Ernst Schäfer 1938/1939 Wieder daheim, schrieb der junge
Theiss; 288 Seiten; 24,95 Euro. Ornithologiestudent sich sein Aben-
DER SPIEGEL 13 / 2017 107
Wissenschaft

teuer wortgewaltig von der Seele, landete


damit einen Bestseller und trat 1933 in die
SS ein. Das hinderte ihn jedoch nicht da-
ran, mit dem „Yankee“ Dolan bald erneut
dem Lockruf der Wildnis zu folgen. Dies-
mal ging es für fast zwei Jahre ins unbe-
rührte Quellgebiet des Jangtsekiang.
Seinen 26. Geburtstag feierte der Jung-
star der Zoologie bei Whiskey und Golf-
spiel auf der Prachtranch der Dolans. Die
Amerikaner umwarben den Indiana Jones
der Tierkunde. Gleichzeitig suchten deut-
sche Gönner, darunter der NSDAP-Aus-
landspressechef Ernst Hanfstaengl und der
Generalkonsul von Shanghai, im Nazistaat
nach Geldgebern – Schäfer plante eine ei-
gene Expedition nach Tibet.
Das Reich des Dalai Lama glich damals
einer abgeschotteten Festung. Es war ein
Land der Sehnsucht, voller biologischer
Geheimnisse. Zwar hatten die Briten Tibet
zwangsweise geöffnet: Im Jahr 1903 mar-
schierten sie mit 3000 Soldaten ein und
mähten die teils noch mit Speeren bewaff-
neten Ponyreiter der Einheimischen mit
Maschinengewehren nieder. Dennoch blieb
das Gebiet halb autonom, sperrte sich ge-
gen den Fortschritt und verbat Ausländern

ULLSTEIN BILD
den Zutritt.
Als SS-Anführer Himmler von dem küh-
nen Expeditionsplan hörte, bekundete er
sofort Interesse. Im Frühling 1936 kabelte Expeditionsmitglied und Träger im Himalaja 1938: Aufstieg in die verbotene Zone
er über den Atlantik: „Rückkehr in die
Heimat erbeten.“ Schäfer gehorchte.
Später nannte er das Bündnis mit dem Missionsbeute, hieß es. Eine Analyse des Doch der Expeditionsleiter verließ sich
Architekten des Holocaust seinen „größ- Stuttgarter Instituts für Planetologie ergab, auf seine flinke Zunge. In Kalkutta ange-
ten Fehler“. Er habe sich im „hohlen Zahn dass das Idol aus dem eisenhaltigen Chin- kommen, hastete er 36 Stunden mit der
des Raubtieres einnisten“ wollen. Buch- ga-Meteoriten gefertigt wurde, der vor Bahn durchs Land und erbat beim Vize-
autor Meier-Hüsing wirft ihm ungeheuren über 10 000 Jahren zwischen Sibirien und könig Indiens Lord Linlithgow eine Au-
Geltungsdrang und „Opportunismus“ vor. der Mongolei niederging. dienz. Dort gab er sich „dermaßen pathe-
Der faustische Pakt mit der SS brachte Astraler Werkstoff – ein verblüffendes tisch und unterwürfig“, wie es in einer
den jungen Gelehrten alsbald auch in den Resultat. Doch bald folgte die Enttäu- Notiz der Kolonialbehörde heißt, dass man
Dunstkreis von Himmlers Forschungs- schung. Das Ausgangsmaterial ist zwar au- Hilfe versprach.
gemeinschaft „Ahnenerbe“, deren Mit- ßerirdisch, doch der Buddha selbst stammt Auch in London drehte sich das diplo-
glieder die „Welteislehre“ verfochten. Ihr von einem modernen Fälscher. Offenbar matische Karussell. Der englische Admiral
zufolge gab es einst eine „nordisch-atlan- hat ein Unbekannter versucht, dem Objekt Sir Barry Domvile, ein Antisemit und
tische Urkultur“, die durch einen Mond- eine dramatische Herkunftslegende anzu- Freund Himmlers, intervenierte beim bri-
absturz vernichtet wurde. Reste der Super- dichten, um so seinen Wert zu steigern. tischen Premierminister Neville Chamber-
rasse hätten nur im Himalaja überlebt. Mit den historischen Fakten hat solcher lain persönlich. Der gab schließlich grünes
Ausgedacht hatte sich den Stuss der ehe- Hokuspokus wenig zu tun. Die Expedition Licht im Geiste des Appeasements.
malige k. u. k. Oberst Karl Maria Wiligut, sei „unsinnigerweise mystifiziert“ worden, Das ausgestellte Visum galt jedoch nur
der sich als Inkarnation des germanischen urteilt Meier-Hüsing. Mit Himmlers Ur- für das Fürstentum Sikkim (siehe Karte),
Gottes Thor fühlte. Als Schäfer den Schar- Arier-Gefasel habe der Missionsleiter „rein einem Winzland im Hochgebirge. Was
latan in dessen Villa in Berlin-Dahlem be- gar nichts“ anfangen können. Zeitweise tun? Die Deutschen saßen in Indien auf
suchte, stieß der wirre Prophezeiungen war der Präsident des Ahnenerbes über Tonnen von Ausrüstung fest.
aus – wohl im Opiumrausch. Schäfer so verärgert, dass er aus dem Pro- Ohne auf eine weitere Genehmigung zu
Es ist dieser Aspekt der Tibetmission, jekt aussteigen wollte. warten, stapften sie los. Es war bereits Juni,
den rechte Esoteriker später kräftig wei- Himmler übernahm letztlich zwar die als sie in Darjeeling mit Ochsenkarren und
tersponnen. In Heilsromanen und auf Nazi- Schirmherrschaft und erhob per Feder- Reittieren starteten. Wassergesättigte Wol-
Websites tritt der Zoologe noch heute als strich die ganze Mannschaft zu SS-Offizie- ken aus der Tiefebene Bengalens stauten
Gralssucher im braunen Strumpf auf. ren. Geld aber gab er fast keins. sich an den Himalajakämmen. Über ver-
Höhepunkt des Unfugs war ein „Buddha Die Runen am Tropenhelm der Aben- schlammte Pisten zog die Karawane in die
aus dem Weltraum“, der vor einigen Jah- teurer reichten dennoch aus, um die Briten Gipfelwelt der Achttausender.
ren auftauchte. Auf der Skulptur prangt in Alarm zu versetzen. Als die „Wikinger Am Kongra La war dann vorerst Schluss.
ein rückwärts gedrehtes Hakenkreuz – in der Wissenschaft“ im April 1938 losfuhren, Jenseits des Passes in 5130 Meter Höhe lag
Fernost ein Glückssymbol. Die Figur sei besaßen sie keine Einreisepapiere für Bri- Tibet, das Land der faunischen Verhei-
1000 Jahre alt und stamme aus Schäfers tisch-Indien. Das Empire blockte. ßung. Den SS-Globetrottern blieb nichts

108 DER SPIEGEL 13 / 2017


nicht aufgespielt, schreibt Meier-Hüsing.
Was offiziell Begegnung von „östlichem
und westlichem Hakenkreuz“ hieß, sei in
Wahrheit eine „alkoholgeschwängerte
Festsause“ gewesen.
Zugleich aber sammelten und forschten
die Deutschen emsig. Sie erlegten Säuge-
tiere und Vögel, führten geomagnetische
Messungen und ethnologische Studien
durch. Betrunkene Priester filmten sie
ebenso wie Tibets „Himmelsbestatter“
beim Zerteilen von Leichen, die hernach
Geiern vorgeworfen wurden. Einige Ri-
tuale begleitete die Crew so aufdringlich
mit der Kamera, dass sie fast gelyncht
wurde.
Vor allem der Anthropologe Bruno Be-
ger tat sich unrühmlich hervor. Er vermaß
mit Zirkel, Schädelzange und Unterkiefer-
winkelmesser die Körper der Einheimi-
schen. Auch schmierte er Probanden Nego-
collmasse zur Schädelabformung aufs Ge-
sicht.

JAN PHILIP WELCHERING / DER SPIEGEL


In britischen Dossiers wird den Deut-
schen rüpelhaftes Benehmen vorgeworfen.
Schäfer sei ein „Priester des Nazismus“.
Doch in dem Urteil schwingt auch Neid mit.
Der Gescholtene jedenfalls stieg in der
Gunst immer höher. Als Meister der „an-
biedernden Deklamationen“ (Meier-Hü-
sing) gelang es ihm sogar, den amtierenden
Vogelmumien im Naturkundemuseum Berlin: Kostbare Beute Radreng Rinpoche zu umgarnen und den
Besuch im Priesterstaat auf sechs Monate
zu strecken.
anderes übrig, als grenznah ein Basislager Pioniere auf dem Weg ins paradiesische Aus einem SS-Aktenvermerk von Ende
aufzuschlagen. Shangri-la. Heiligabend hängten sie sich 1939 ergibt sich, dass Schäfer dem Regen-
Abends lag der Chef oft schwermütig selbstgebasteltes Lametta an den Weih- ten auch heimlich Waffen anbot. Was da
im „Führerzelt“ und las Goethes „Faust“. nachtsbaum. Nach Silvester fiel die Tem- genau ablief, ist bis heute unklar.
Seine trübe Stimmung war dem Umstand peratur auf minus 35 Grad. In den Zelten So endete die Mission drei Wochen vor
geschuldet, dass er vor Expeditionsbeginn, wurde Yakdung verfeuert. Ihre technische Kriegsausbruch als seltsame Mischung aus
im November 1937, bei der Entenjagd im Ausrüstung hatte der Trupp trotz des Ver- Spionage, Zechgelage und zoologischem
Kahn gestrauchelt war. Dabei hatte sich botes mitgenommen. Beutezug der Extraklasse. Neben den über
ein Schuss gelöst, der seine Frau tödlich 400 Kilometer ging es nun durch Schnee- 3000 Vogelbälgen brachte die Gruppe 2000
in den Kopf traf. steppen, Frost und Hagelstürme. Als Lhasa Eier in die Heimat mit, dazu 400 Schädel
Die Tanzmusik, die aus dem heimlich mit- auftauchte, wirkten die Deutschen wie und Felle von Säugetieren, auch Reptilien,
geführten Kurzwellenempfänger aus Berlin Landstreicher. „Sie hatten blondes Haar, Amphibien, mehrere Tausend Schmetter-
herüberknarzte, konnte die Stimmung des blaue Augen und dreckige, ungepflegte linge, Heuschrecken, 2000 ethnologische
Anführers kaum aufhellen. Hinzu kam ein- Bärte“, notierte ein Tibeter. Objekte, Mineralien, topografische Karten,
tönige Kost: „Nudeln, immer nur Nudeln“. In dem heiligen Ort lebten damals 25 000 40 000 Schwarz-Weiß-Fotos.
Dann aber bot sich eine Chance. Ein ti- Menschen. Etwa ebenso viele rot berockte Vieles von diesen Schätzen schlummert
betischer Verwalter von jenseits der Gren- buddhistische Mönche wohnten in den drei bis heute in den Archiven. Wegen ihrer
ze besuchte das windzerzauste Camp der umliegenden Staatsklöstern. Im Zentrum Nazinähe gelten sie als verpönt.
Deutschen. Schäfer umschmeichelte den erhob sich der gewaltige Potala, der Re- Mit dem Zoologen Schäfer verhält es
Mann, er reichte Tee und Gebäck, gab ihm gierungssitz – ein Bauwerk wie von einem sich ebenso. Im Falle eines rechtzeitigen
Gummistiefel, Bahlsen-Kekse und eine anderen Stern. Wechsels in die USA wäre er dort wahr-
Luftmatratze. Im Gegenzug erbat er mit Anders als die auf Pomp und steife Eti- scheinlich in die Ruhmeshalle der Groß-
Engelszunge ein Visum für Lhasa. kette bedachten britischen Beamten vor entdecker aufgestiegen. In Deutschland
Und tatsächlich: Nach Wochen des War- Ort gaben sich die Leute aus Berlin auch reichte es nur zur braunen Selbstbesude-
ten erlaubte Tibets Ministerrat dem „Meis- nach dem ersten Bad hemdsärmelig und lung und einem mühsamen Freispruch
ter der hundert Wissenschaften“, für 14 locker. Ihre Trinkfreude war schnell Stadt- beim Entnazifizierungsverfahren.
Tage die abgeriegelte Hauptstadt des La- gespräch. Reihum luden sie Tibets Nota- Am Ende schrieb der Mann für die Jagd-
maismus zu besuchen – allerdings ohne beln zu Partys ein. Während aus dem postille „Wild und Hund“. Matthias Schulz
wissenschaftliche Geräte. Auch sei es nicht Grammophon deutsche Lieder klangen,
gestattet, „Vögel und Säugetiere zu töten“, floss das Changbier in Strömen. Video: Originalaufnahmen der
hieß es in der Erlaubnis. „Als Gesandtschaft der arischen Her- Tibetexpedition
Am 22. Dezember 1938 betraten die renrasse auf der Suche nach vergessenen spiegel.de/sp132017tibet
SS-Männer das verbotene Hochland wie Cousins im Osten“ hätte sich das Team oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 13 / 2017 109


Wissenschaft

Verzweifelte Bisse in die Melone


Medizin Kinderärzte warnen vor Mangelernährung durch Fingerfood: Unter Müttern breitet sich
der riskante Trend aus, ihren Babys nach dem Stillen statt Brei gleich feste Nahrung zu geben.

I
n drei Tagen wird die kleine Riley men? Alles begann mit ihren Besuchen bei Da Babys aber Brei nur schlecht ohne Hilfe
sechs Monate alt. Jetzt ist es an der Familien, bei denen sie erlebte, wie acht essen können, müssten sie eben gleich fes-
Zeit, mit der Beikost zu beginnen. Monate alte Kinder gegen den Brei rebel- tere Nahrung zu sich nehmen. Mittlerweile
Stolz präsentieren ihre Eltern auf You- lierten, weil sie die normale Familienkost hat Rapley ein ganzes Theoriegebäude
Tube, untermalt von flotter Tanzmusik, mitessen wollten. Die Eltern, so Rapley, rund um das Baby-led Weaning errichtet,
wie Rileys erste Begegnung mit fester hätten Machtkämpfe mit ihren Kindern mehrere Elternratgeber geschrieben und
Nahrung verläuft. um den Brei ausfechten müssen. Schreck- sogar eine Doktorarbeit, in der sie die Bei-
Wer dabei die übliche Fütterung mit lich sei das gewesen. Füttern kam ihr vor kosteinführung aus der Perspektive des
Möhrchenbrei aus dem Glas erwartet, er- wie eine einzige, sinnlose Qual. Kindes untersucht.
lebt allerdings eine Überraschung: Die El- Irgendwann, sagt Rapley, sei ihr klar ge- Es ist nicht alles Unsinn, was Rapley
tern legen ein halb geschältes Avocado- worden: „Es ist einfach falsch, wenn wir schreibt. Aber ähnliche Ideen haben, in
stück auf die Platte des Babystuhls. Was Essen in den Mund von Babys stecken.“ abgemilderter Form, längst Eingang gefun-
Riley damit anstellen will, überlassen sie
dem Baby selbst.
„Baby-led Weaning“, „vom Baby gelei-
tete Beikosteinführung“, heißt dieser neue
aus England stammende Ernährungstrend,
der sich auch in Deutschland wachsender
Beliebtheit erfreut. Hebammenpraxen bie-
ten „Breifrei“-Workshops an, in Elternforen
im Internet werden Erfahrungen ausge-
tauscht. Die Idee hinter der Methode: Nicht
die Eltern legen fest, sondern das Baby
selbst entscheidet, was und wie viel es isst.
Die Methode soll ein gesundes Essverhalten
fördern und Übergewicht vorbeugen.
Dumm nur, dass die meisten Kleinen da-
mit vollkommen überfordert sind. Kinder-
ärzte warnen vor Mangelernährung.
So steckt Riley das Avocadostück zu-
nächst mit der Schale in den Mund. Nur
kurz knabbert sie daran – und blickt dann
entsetzt in die Kamera. Immer wieder
glitscht ihr die Frucht aus der Hand. Am
Ende sitzt sie nur noch mit Höschen be-
kleidet da, Avocadomatsch auf Wangen,
Armen, Brust und Babystuhl.
Gegessen hat sie so gut wie nichts.
Auch Kindern, die ein oder zwei Monate
älter sind, geht es oft kaum besser. Der sie-
ben Monate alte Max kaut gierig, fast schon
verzweifelt mit seinen wenigen Zähnen auf
einem Stück Zucchini herum. Am Ende ist
das Stück noch immer fast genauso groß
wie am Anfang – und das wenige, was Max
abgebissen hat, fällt ihm gleich wieder aus
dem Mund. Bei dem Stück Wassermelone,
das er sich danach greift, beißt er wieder
und wieder in die dicke Schale.
Die Mutter redet ihm gut zu. Eingreifen
aber darf sie nicht; schließlich verlangt die
reine Lehre, dass das Baby selbst entschei-
ALAMY / MAURITIUS IMAGES

den muss, was es isst. Am Ende fällt Max


die Melone herunter. Der Hund der Familie
schnappt sie sich und zieht von dannen.
Erfunden hat das Baby-led Weaning die
britische Gesundheitsberaterin Gill Rapley,
60. Wie ist sie bloß auf die absurd anmu-
tende Form der Beikosteinführung gekom- Baby beim Fingerfood-Essen: „Sie würden auch einen Schuh begeistert in den Mund stecken“

110 DER SPIEGEL 13 / 2017


den in die Praxis des Breifütterns – darun- der University of Otago in Neuseeland gibt
ter der Rat, kein Kind zum Essen zu zwin- deshalb Anlass zur Sorge: Kinder nahmen
gen und auf die Sättigungssignale des Ba- beim Baby-led Weaning tatsächlich signi-
bys zu achten. Auch die Empfehlungen der fikant weniger Eisen, Zink und Vitamin
Ernährungskommission der Deutschen Ge- B12 zu sich als beim Breifüttern. Heath hat
sellschaft für Kinder- und Jugendmedizin deshalb eine Variante des Baby-led Wea-
sind flexibler geworden. Fingerfood zusätz- ning entwickelt, bei der Eltern eindringlich
lich zum Brei ist erlaubt; ab zehn Monaten empfohlen wird, auf eisenreiche Lebens-
kann ein Kind anfangen, am Familientisch mittel zu achten und auch Reisflocken, die
mitzuessen; und wenn ein Baby schon mit mit Eisen angereichert sind, in Rezepten
acht Monaten anfängt, den Brei abzuleh- zu verwenden.
nen, muss heute niemand mehr einen Selbst Gill Rapley scheint langsam zu
Machtkampf austragen. dämmern, dass sie das Risiko eines Eisen-
Doch Rapley und ihre Jünger halten stur mangels nicht ernst genug genommen hat.
an der Lehre des selbst essenden Babys und In ihrem nächsten Buch, versichert sie,
damit des Fingerfood fest. „Es geht mir“, werde sie deutlicher als bisher auf die Be-
sagt sie, „um die Autonomie des Kindes.“ deutung von Eisen hinweisen.
Es ist dieser Dogmatismus, der Experten Für esoterischen Unfug halten Wissen-
empört. „Die armen Kinder!“, sagt Bert- schaftler auch Rapleys Behauptung, Babys
hold Koletzko, Leiter der Abteilung für hätten wahrscheinlich ein natürliches Ge-
Stoffwechsel und Ernährung im Dr. von spür für die benötigten Nährstoffe, wes-
Haunerschen Kinderspital in München. halb sie jeweils die Nahrung aus der ange-
„Aufgrund einer Ideologie werden sie zu botenen Kost herauspickten, die ihnen feh-
Experimentierobjekten.“ Die italienische le. „Mit sechs Monaten befinden sich die
Kinderärztin Margherita Caroli, ehemals Kinder in der oralen Phase“, amüsiert sich
Präsidentin der European Childhood Obe- Caroli. „Da könnte man ihnen auch einen
sity Group, kritisiert: „Rapley beschäftigt Schuh hinstellen, und sie würden ihn be-
sich ausschließlich mit den psychosozialen geistert in den Mund stecken.“ wie
Aspekten des Essens. Die wichtige Frage, Dass Baby-led Weaning keine harmlose an n, wo, ir
W :W
welche Nährstoffe Kleinkinder benötigen, Spinnerei ist, zeigt ein Fall aus Göttingen.
ie w ollen a!
ignoriert sie einfach.“ „Ich habe mal ein Baby gesehen, das hat S d
ür Sie
In Internetforen versichern sich Eltern durch Baby-led Weaning das Gedeihen völ-
zwar immer wieder gegenseitig, dass es ja lig eingestellt“, berichtet die Kinderärztin
sind f
gar nicht schlimm sei, wenn das meiste Es- Tanja Brunnert. „Als die Eltern es zu mir
sen auf dem Fußboden oder im Bauch des brachten, habe ich mich regelrecht erschro-
Hundes lande. Muttermilch sei alles, was cken und gedacht: ,Wie sieht das Kind
ihr Kind im ersten Lebensjahr brauche. denn aus?‘“ Zwei weitere Mütter aus ihrer
Aber genau das ist ein gefährlicher Trug- Praxis, die im gleichen Hebammen-Work-
schluss. Zwar verhungern Kinder nicht, shop zu Fingerfood-Anhängerinnen gewor- Jeder Mensch hat etwas,
wenn sie auch im zweiten Lebenshalbjahr den waren, hätten wieder auf Breikost um-
hauptsächlich Muttermilch bekommen. gestellt, als ihnen klar wurde, dass ihre das ihn antreibt.
Aber sie befinden sich, was ihre Ernährung Kinder durch Baby-led Weaning so gut wie
angeht, in einer äußerst sensiblen Phase. nichts zu sich nahmen. Wir machen den Weg frei.
„In diesem Alter wachsen die Kinder sehr Bedenklich ist zudem, dass die neue Bei-
schnell“, erklärt Mathilde Kersting, Leite- kostmethode bislang kaum in wissenschaft-
rin der Forschungsabteilung für Kinder- lichen Studien untersucht wurde. So weiß
ernährung an der Universitätskinderklinik niemand, wie hoch die Gefahr ist, dass da-
in Bochum. Dafür brauche man viel Eisen. bei Nahrungsbrocken in die Luftröhre ge-
Aber die Eisenspeicher seien bei den meis- raten, was zum Ersticken der Babys führen
ten Kindern im Alter von sechs Monaten könnte. Auch hochwertige Studien, die
weitgehend erschöpft. Flaschenmilch sei Vorteile des Baby-led Weaning gegenüber
immerhin mit Eisen angereichert, Mutter- Breikost zeigen, gibt es nicht.
milch hingegen ausgesprochen eisenarm. Eine Untersuchung, die ergab, dass Fin-
„Insbesondere wenn Mütter ohne ausrei- gerfood-Kinder weniger unter Überge-
Online-Banking
chend Beikost stillen“, so Kersting, „droht wicht leiden, war so schlecht gemacht, dass
Eisenmangel.“ die Ergebnisse nicht ernst zu nehmen sind. Nehmen Sie Ihre Bank mit, wohin Sie
Und der kann nicht nur zu Müdigkeit Und als die Ernährungsexpertin Caroli wollen: Mit unserem Online-Banking
und Blutarmut führen, sondern auch lang- Rapleys Rezepte analysierte, war sie ent- erledigen Sie Überweisungen, Dauerauf-
fristig negative Folgen für die Entwicklung setzt: „Sie enthalten viel zu viel gesättigte träge oder Lastschriften im Blumenladen,
haben. „Eisen spielt im Gehirnstoffwechsel Fette und Eiweiß.“ schließen Finanzprodukte bequem auf
eine zentrale Rolle“, erklärt Koletzko. „In Unterm Strich gebe es keinen vernünf- der Couch ab oder überprüfen Ihre
Studien führt ein Eisenmangel in der frü- tigen Grund, Kindern zu früh Erwachse- Finanzen einfach vor dem Schlafengehen.
hen Kindheit zu beeinträchtigter kogni- nenkost zu geben. Caroli: „Man würde ei- Mehr auf vr.de/immer-ueberall
tiver Leistungsfähigkeit im Schul- und Er- nem Sechsjährigen doch auch nicht Dantes
wachsenenalter.“ ,Göttliche Komödie‘ zu lesen geben.“
Das Ergebnis einer Studie eines For- Veronika Hackenbroch
scherteams um Anne-Louise Heath von Mail: veronika.hackenbroch@spiegel.de

DER SPIEGEL 13 / 2017 111


Wissenschaft

„Säule der Aufklärung“


Statistik Die USA bereiten sich auf die erste Volkszählung des digitalen Zeitalters vor. Von dem
Zensus hängt die Vergabe von über 400 Milliarden Dollar für Schulen, Straßen und Kliniken ab.

rung des zunächst veranschlagten Bud-


gets um rund 25 Prozent bedeutet.
‣ In Gestalt von Datensammelkonzernen
wie Google oder Facebook ist den staat-
lichen Statistikern eine mächtige, neue
Konkurrenz erwachsen.
‣ In Washington regiert mit Donald Trump
neuerdings ein Präsident, der aus seiner
Geringschätzung für Statistik keinen
Hehl macht.
Der Präsident interessiere sich wenig
für Statistik, erklärte jüngst ein Sprecher
des Weißen Hauses. Für Trump zählen kol-
portierte Informationen mehr als amtliche
Angaben. Die offizielle Zahl von rund fünf
Prozent Arbeitslosen zum Beispiel erklär-
te er im Wahlkampf kurzerhand zu „ei-
nem der größten Bluffs der jüngeren poli-
tischen Geschichte“. Die wahre Zahl liege
eher bei 28, 29 oder 35 Prozent. Und weil
ihm auch das offenbar noch nicht reichte,
setzte er noch einen drauf: „Kürzlich habe
ich sogar 42 Prozent gehört.“
Für die Hüter der Zahlen in den staat-
lichen Behörden sind solche Äußerungen
alarmierend. Indem Trump der Statistik
ihren Wert abspreche, untergrabe er das
Vertrauen in eine der „Säulen der Aufklä-
rung“, klagte der Soziologe William Da-
vies im „Guardian“.
BULLS / BARCROFT MEDIA

Einst hätten die Väter der Statistik den


Politikern Fakten an die Hand geben wol-
len, die ihnen als Hilfe bei der Entschei-
dungsfindung dienen sollten. Inzwischen
jedoch sei die Antipathie gegen statistische
Vereinigte Staaten*: Land ohne Meldewesen Daten zum Markenzeichen der Populisten
geworden. Sie vermissten das Emotionale

I
n den Vereinigten Staaten haben die mäßigen Erhebungen weiß die amerikani- in den nüchternen Zahlen. Entsprechend
Vorbereitungen für den 1. April 2020 sche Regierung, wen sie regiert. hielten sie sich lieber an anrührende Anek-
begonnen, und das wird auch höchste Die Ergebnisse der Volkszählung sind doten als an Durchschnittswerte, wie sie
Zeit. Es soll ein großer Tag werden für das von größter Bedeutung: Jährlich werden die Statistiker bieten. 68 Prozent der
Land, ein Tag, an dem die amerikanische mehr als 400 Milliarden Dollar für Klini- Trump-Wähler gaben in einer Umfrage an,
Bevölkerung offiziell wohl um 25 Millio- ken, Schulen, Straßen und andere Infra- ökonomischen Daten zu misstrauen.
nen Einwohner wachsen wird – um mehr struktur nach Maßgabe des Zensus verteilt. Noch ist unklar, wie der neue Präsident
Menschen, als in Baden-Württemberg und Und auch die Wahlbezirke der 435 Abge- wirklich zur Volkszählung steht. Die Sorge,
Bayern zusammen leben. ordneten im Kongress werden nach jeder dass das Census Bureau zu den Opfern sei-
Die Einwohnerzahl der USA zu ermit- Volkszählung neu zugeschnitten – mit dem ner Kahlschlagpolitik zählen würde, hat
teln ist allerdings nicht einfach. Millionen Ziel, dass jeder eine annähernd gleiche sich als unberechtigt erwiesen. Während
leben hier ohne gültige Papiere, manch ei- Zahl von Einwohnern vertritt. Gesundheits- und Umweltbehörde drasti-
ner ist nirgendwo erfasst, und vor allem: Seit je war die große Volksinventur ein sche Einschnitte hinnehmen müssen, sieht
Amerika kennt kein Meldewesen. Deshalb aufwendiges Unterfangen. Das nächste Trumps Budgetentwurf für das Census Bu-
schreibt die Verfassung vor, dass alle zehn Mal aber, im Jahr 2020, werden die Volks- reau keine weiteren Kürzungen vor.
Jahre die in Amerika lebenden Menschen zähler vor Herausforderungen stehen, wie Sorgen treiben die Volkszähler trotzdem
gezählt werden müssen (beim letzten sie ihnen noch nie begegnet sind: um. Die neue Regierung, so ihre Befürch-
Mal, im Jahr 2010, ermittelte das zuständi- ‣ Auf Drängen des Kongresses hat das tung, könnte die große Volksinventur als
ge United States Census Bureau eine Zahl Census Bureau eine drastische Kürzung Mittel missbrauchen, um ihre politischen
von 308 745 538). Allein dank dieser regel- seines Etats versprochen. Die Volkszäh- Ziele durchzusetzen. Den Statistikexper-
ler wollen mit 5,2 Milliarden Dollar we- ten Kenneth Prewitt, den Leiter der Volks-
* Grafische Darstellung des menschlichen Einflusses. niger auskommen, was eine Reduzie- zählung des Jahres 2000, hat es hellhörig
112 DER SPIEGEL 13 / 2017
gemacht, dass die Administration den Fra- bereitwillig die Menschen auf die E-Mail-
genkatalog des Zensus um einen Punkt er- Fragen antworten werden; es ist zweifel-
weitern will: Künftig sollen die Volkszähler haft, ob andere Behörden mit dem Zensus
auch nach dem Immigrationsstatus fragen. kooperieren werden; und gesichert ist nicht TAGESSPIEGEL BERLINER Nr.2
März
2017

Mit anderen Worten: Sie sollen ermitteln, einmal, dass die Computer der enormen
wer legal und wer illegal in Amerika lebt. Datenflut gewachsen sind.
Ob beabsichtigt oder nicht – Prewitt hat Als die Registrierung zu Barack Obamas
genug Erfahrung, um zu wissen, was diese Krankenversicherungsreform startete, bra-
Maßnahme bewirken wird: Illegale Ein- chen die Server unter dem Ansturm zu-
wanderer werden die Auskunft verwei- sammen – und dies, obwohl die Zahl der
gern. Die Folge: Sie werden gar nicht mehr Interessenten weitaus geringer war als die
erfasst und sind damit für die Behörden mehr als 125 Millionen Haushalte, die im
gleichsam abgeschafft. Jahr 2020 die Fragen des Zensus beantwor-
Daniel Castro, Direktor des Washing- ten sollen.
toner Zentrums für Dateninnovation, geht „All das müsste sorgfältig erprobt wer-
noch einen Schritt weiter: Unweigerlich, den“, sagt Prewitt. Als er die Volkszählung
so fürchtet er, würden sich Ängste regen, leitete, wurden umfängliche Praxistests un-
dass Daten von Illegalen an andere Behör- ternommen. Jahrelang im Voraus probier-
den weitergeleitet werden könnten. Eigent- ten Helfer unter realen Bedingungen, wie
lich darf so etwas nicht passieren, ohne viele Menschen sich erreichen ließen, wie »Der Wedding ist ehrlich
und rau. Man muss viel sprechen,
Beispiel aber wäre es nicht. Castro erinnert sie die Fragen beantworteten und wo es um zueinander zu finden – darin
daran, dass im Zweiten Weltkrieg Zensus- zu Missverständnissen oder Fehlern kam. liegt die große Chance.«
Bilder aus dem Melting Pot
Informationen genutzt wurden, um japa- „Und all das, ohne dass wir damals eine
nischstämmige Amerikaner aufzufinden neue Technik hätten testen müssen“, meint
und dann in Internierungslager zu stecken. Prewitt.
Und nach dem 11. September 2001 sicker- Nun jedoch mangelt es am Geld, obwohl
ten Zensus-Daten über Arabischstämmige die unerprobte Digitaltechnik Tests umso
ins Heimatschutzministerium. dringlicher erscheinen lässt. „Es ist, als
Doch selbst wenn es nicht zu solchem zöge man in den Krieg ohne jede Ahnung,
Missbrauch kommt, wird die nächste Volks- wo die gegnerischen Stellungen sind“, sagt
zählung zu einem Abenteuer. Denn noch Prewitt.
ist unklar, wie die rigorosen Sparpläne, die Vermutlich werde das Jahr 2020 das letz-
Für
sich das Census Bureau selbst auferlegt te Mal sein, dass überhaupt noch Inter- Berlinerinnen
hat, zu verwirklichen sind. Sicher ist nur viewer durch die Straßen ziehen. Zuneh-
eines: Möglich ist dies allenfalls, wenn die mend setzt sich eine neue Art durch, In- und Berliner.
Behörde radikal auf digitale Methoden formationen über die Einwohner eines
umsteigt. Landes zu sammeln: Google, Facebook Weltweit.
und die anderen IT-Konzerne durchleuch-
„Es ist, als zöge man in ten ihre Kundschaft und horten die gewal-
tigen Datenmengen auf ihren Servern.
den Krieg ohne jede Langfristig werde sich auch der Zensus
Ahnung, wo die gegneri- dem Trend zu Big Data nicht verschließen
können, sagt Prewitt. „Die Frage ist nur, Das Magazin mit
schen Stellungen sind.“ wie dieser Wandel vollzogen wird.“ Teresa Forcades i Vila
Denn die Art, wie Google & Co. ihre
Bei den bisherigen Erhebungen wurden Daten erheben, unterscheidet sich grund-
Shahak Shapira
an alle amerikanischen Haushalte Frage- legend von derjenigen des Staates: Der Judith Holofernes
bögen verschickt. Wenn die Umfrage dies- Zensus ist an Bürgern interessiert, die Andreas Murkudis
mal elektronisch gelänge, ließen sich rund Datenkonzerne an Konsumenten; staat- Tony Futura
400 Millionen Dollar einsparen. Intervie- liche Interviewer suchen Antworten auf
wer würden dann nur zu denjenigen aus- vorformulierte Fragen, die Computer- den Fotografinnen und
schwärmen, die auf die E-Mail-Anfrage industrie sammelt, was Internetnutzer un- Fotografen von Ostkreuz
nicht antworten. gefragt über sich preisgeben; amtliche Axel Völcker
Auch an anderer Stelle soll neue Technik Volkszähler ermitteln einige wenige harte Julia Boek
helfen, die Kosten zu drücken: Während Fakten, Google und Facebook hingegen
bisher Helfer durch die Straßen zogen, um häufen weit mehr Informationen an, rich- Michael Schultz
Adressen zu erfassen, soll dies künftig an- ten ihr Augenmerk dabei aber bevorzugt Valentin Hirsch
hand von Luftaufnahmen geschehen. Zu- auf weiche Daten, etwa Stimmungen, die Ilona Hartmann
dem hoffen die Zensus-Beamten, einen gro- das Konsumverhalten oft stärker beeinflus-
Octavio Oses Bravo
ßen Teil der Bevölkerungsdaten erfassen sen als die objektive wirtschaftliche Lage.
zu können, indem sie Informationen von Noch, meint Prewitt, sei offen, wie sich Dr. Om
Krankenkassen, Steuerbehörden und an- die Big-Data-Techniken der Industrie in
deren Ämtern zusammenführen. den Dienst der staatlichen Zwecke stellen Am Samstag, 25. März
Allerdings ist ungewiss, ob all das funk- lassen. Entscheidend ist für ihn eines: „Die
tionieren wird. Noch haben die Volkszähler Statistiker und nicht die Computerleute im Tagesspiegel
keinerlei Erfahrung mit der Auswertung müssen dabei Regie führen.“ Johann Grolle
von Luftaufnahmen; niemand weiß, wie Mail: johann.grolle@spiegel.de

DER SPIEGEL 13 / 2017 113


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MALLA HUKKANEN / SPUTNIK OY / PANDORA FILM
Haji (l.) in „Die andere Seite
der Hoffnung“

Kino den Silbernen Bären gewann, war Kaurismäki so betrunken,


Letzte Hoffnung Helsinki dass er es nicht auf die Bühne schaffte. Die gute Nachricht:
„Die andere Seite der Hoffnung“ zeigt, dass der Regisseur
Am 4. April wird der finnische Regisseur Aki Kaurismäki 60 künstlerisch noch immer gut in Form ist. Wie schon in seinem
Jahre alt. Damit war nicht unbedingt zu rechnen. Kaurismäki, letzten Film „Le Havre“ (2011) trifft auch diesmal die Wirk-
berühmt geworden mit melancholischen Tragikomödien wie lichkeit in Gestalt eines Flüchtlings auf typische Kaurismäki-
„Das Leben der Bohème“, ist gesundheitlich schwer angeschla- Figuren, auf Stoiker mit Hang zu sanftem Sarkasmus und
gen; die schöpferischen Pausen zwischen seinen Filmen wurden harten Getränken. Wirklich heimisch wird der junge Syrer
immer länger. Als er im Februar bei der Berlinale für seinen (Sherwan Haji) in Helsinki aber nicht: „Ich liebe Finnland,
neuen Film Die andere Seite der Hoffnung (Kinostart: 30. März) aber ich muss hier weg.“ mwo

Filme in der Ukraine, bei der 1932 Stamp. „Hollywoodqualität“,


Böse Russen, und 1933 mehr als drei Millio- lobt Mäzen Ihnatowycz;
nen Menschen starben. Ob „rührselig, plump, theatra-
guter Mäzen es sich dabei um einen von lisch“, so kritisierte die „Wa-
Wofür gibt ein reicher Mann der Sowjetführung geplanten shington Post“. Ihnatowycz,
20 Millionen Dollar aus, Genozid handelte, ist unter dessen Eltern nach dem Zwei-
wenn er schon alles hat? Eine Historikern umstritten. Im ten Weltkrieg aus der Ukraine
neue Jacht? Eine Scheidung? Film sind Stalin und alle Rus- nach Kanada eingewandert
PANDASTORM PICTURES / EDEL

Alles falsch. Der kanadische sen jedenfalls Schurken. waren, möchte mit dem Film
Multimillionär Ian Ihnatowycz „Holodomor“ wurde in der dazu beitragen, dass „die
hat sich jetzt einen Spielfilm Ukraine und in den briti- Führung der westlichen Welt
geleistet. Holodomor – Bittere schen Pinewood Studios auf die richtigen Entscheidungen
Ernte zeigt eine von westlichen Englisch gedreht, mit re- trifft“. In Deutschland er-
Regisseuren bislang ignorierte nommierten Schauspielern scheint „Holodomor“ Ende
Katastrophe: die Hungersnot Stamp in „Holodomor“ wie Max Irons und Terence März auf DVD. mwo

116 DER SPIEGEL 13 / 2017


Kultur
Lyrik Die Anthologie Ick kieke, Nils Minkmar Zur Zeit
Berliner Dichter-
Schnauze
staune, wundre mir, zusammen-
getragen und ediert von
Thilo Bock, Wilfried Ihrig
Rach, der Entrümpler
Die Hauptstädter reden und und Ulrich Janetzki für Mohamed weint. Der kräftige Mann in
denken schnell, ihr herber Die Andere Bibliothek (42 den besten Jahren sitzt in Krefeld,
Witz trifft meistens. Ihre Spra- Euro), versammelt Gedichte im sogenannten Wiener Café, und
che ist prägnant und kann, aus der Zeit von 1830 bis kann nicht mal genau sagen, warum
besonders im Dialekt, mit we- heute. Der Band ist eine lite- er weint. Seine Verzweiflung hat
nigen Worten entwaffnend rarhistorische Fundgrube mit dem Café zu tun: Der Service ist
verletzend sein oder Sentimen- und ein Lesespaß mit breitem langsam, und das Essen schmeckt
talität auf Normalmaß he- Themenspektrum. Selbst der nicht. Aber Mohamed ist kein ent-
runterbrechen. Die von Natur Tod wirkt auf Berlinerisch täuschter Kunde, sondern der Chef im
aus respektlosen Berliner, alltagstauglich. Kurt Tuchol- Wiener Café. Leider hat er als Chef völlig den Faden ver-
und dazu zählen sich seit je sky dichtete: „Wenn eena loren. In der zweiten Folge der achten Staffel von „Rach,
auch die Zugezogenen, lieben dot is, kriste ’n Schreck. / Denn der Restauranttester“ auf RTL steht wie so oft der mittel-
es, in der Mundart der Metro- denkste: Ick bin da, un der alte Mann im Zentrum des Problems. In diesem Fall
pole Großes klein zu machen. is weg. / Un hastn jern jehabt, scheint Mohamed schlicht vergessen zu haben, was er
Auch die Dichter bedienen dein Freund, den Schmidt, / mit dem Café eigentlich wollte. Gleich nebenan betreibt
sich des Berlinischen, wenn denn stirbste ’n kleenet Sticks- er eine gut gehende Konditorei, genannt Tortenboss,
sie volkstümlich sein wollen. ken mit.“ kro spezialisiert auf riesige Hochzeitstorten. Dort steht Mo-
hamed von früh bis spät und fertigt Torten. Nebenan im
Café funktioniert derweil der Herd nicht, vor dem eine
gelernte Friseurin sich erfolglos als Köchin versucht.
Theater den in Frankfurt den Kinder- Christian Rach, der in Hamburg lebende gebürtige Saar-
Mörderisches auftritt untersagt, in Paris länder und Sternekoch, agiert auch dieses Mal weniger
fand er nun trotz der Proteste als Koch oder Tester, sondern vielmehr als Seelsorger.
Kinderspiel statt. Rau sagt, er habe „per Mit der Zeit, mehr als sieben Staffeln sind gedreht, wur-
In seiner Inszenierung Five Facebook Morddrohungen er- de er zum praktischen Therapeuten des deutschen Mit-
Easy Pieces lässt der Schweizer halten“, nachdem Jean-Fré- telstands. Regelmäßig trifft man in seinen Fallgeschich-
Regisseur Milo Rau belgische déric Poisson, Chef der Christ- ten Männer wie Mohamed: die etwas können, aber nicht
Kinder den Fall des verurteil- demokraten Frankreichs (die wissen, was; die einen Auftrag erfüllen, den sie sich
ten Kindermörders Marc im Parteienspektrum eine be- nicht erteilt haben; die komplexe Konzepte verfolgen,
Dutroux nachspielen – und scheidene Rolle spielen), zum die sie keinem mitteilen, und vergessen zu prüfen, ob
bekommt dafür Kritikerlob Protest gegen das Dutroux- der Herd geht und ob das Essen auch schmeckt. Rach
und empörte Reaktionen. So Projekt aufgerufen hatte. Re- führt die Problemmänner und -frauen (seltener!) immer
macht in Manchester, wo die gelmäßig nutzt Raus Skandal- an denselben Punkt: Sie müssen erkennen, wer sie sind –
Aufführung von diesem Sams- kunst den empörten Wider- und dann die Speisekarte reduzieren, putzen und reno-
tag an zu sehen sein soll, die spruch von außen als Teil der vieren. Das Horten von Gerichten, Dekorationselemen-
britische Tageszeitung „Daily Theaterarbeit. „Five Easy ten und Lebensoptionen erweist sich als zeittypische
Mail“ Stimmung gegen eine Pieces“ hatte 2016 in Brüssel Störung weit über die Gastronomie hinaus: Vor lauter
Show, die „Entrüstung aus- Premiere und soll im Mai, postmoderner Beliebigkeit wird nichts richtig wertge-
löst“. In Frankreich hatte vori- von einer Kritikerjury in die schätzt, alles geht, und nichts geht auch. Dass der Chef
ge Woche ein Politiker mehr Auswahl der zehn heraus- doch mal etwas entscheiden möge, ist mithin der häufigs-
als 13 000 Unterschriften ragenden Aufführungen auf te Rat, den Rach den planlosen Gastronomen mitgibt.
gesammelt, um ein Verbot des deutschsprachigen Bühnen ge- In Wahrheit ist eine gut gemeinte Fülle an Optionen
Pariser Gastspiels zu erwir- wählt, beim Berliner Theater- das größte Risiko: Die Kunden freuen sich über ver-
ken. Im Herbst hatten Behör- treffen gezeigt werden. höb ringerte Wahlmöglichkeiten, schätzen eine kleine Tafel
mehr als die 100-seitigen Binder mit 300 Gerichten.
„Rach, der Restauranttester“ ist eine Lehrstunde in präzi-
ser, aber nicht autoritärer Führung und darum letztlich
auch eine politische Sendung: Man erkennt in den scheu-
en Köchen und Wirten das ganze Dilemma einer Gene-
ration, die gewissermaßen das Café Europa geerbt hat
und etwas planlos durch die Räume schlurft. Weiter wie
bisher geht es nicht – aber was führt man weiter, was
schafft man ab? Wer trifft die Entscheidungen, und wie
teilt man die dann mit?
Rach half dem eingangs erwähnten Mohamed übri-
gens mit dem Tipp, seine tollen Torten im Café zu ver-
kaufen und es umzubenennen. Denn, so sagte er es ihm
auf den Kopf zu: „Du bist nicht Wiener Café!“ Moha-
PHILE DEPREZ

med nickte ebenso zustimmend wie erleichtert. Somit


war die Sache klar. Aber wer sind wir?

Rau-Inszenierung „Five Easy Pieces“ An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.

DER SPIEGEL 13 / 2017 117


Kultur

„Marx durchlüftet den Kopf“


SPIEGEL-Gespräch Der Publizist und Altlinke Mathias Greffrath
über den Gewinn, den die Lektüre des „Kapitals“ bringt, und die Frage,
warum die Revolte heute von rechts kommt

CHRISTIAN THIEL

Karl-Marx-Skulptur in Berlin*: „Seid schlau, bleibt beim Überbau“

118 DER SPIEGEL 13 / 2017


Greffrath, 71, schrieb über Montaigne, Sozial- kocher sagen: Wir haben die Panzer gegen gegangen, um den Arbeiter zum Klassen-
philosophie und die Geschichte der Aufklärung. Hitler gebaut, wir haben unsere Söhne kampf anzustacheln.
Von 1991 bis 1994 war er Chefredakteur der nach Vietnam geschickt, und jetzt kommt Greffrath: Ich habe das schon damals für die
Berliner „Wochenpost“. Anlässlich des 150. Ge- ihr und sagt: Tut uns leid, die Welt hat sich romantische Reprise von Bürgerkindern ge-
burtstags des „Kapitals“ von Karl Marx ist geändert, und ihr kennt nicht mal mehr halten, die der fixen Idee anhingen, dass
gerade ein von ihm herausgegebener Sammel- unseren Namen. Die Basis der Wut ist die die Geschichte irgendwann eine falsche
band mit dem Titel: „RE: Das Kapital. Politische Ökonomie, aber die Missachtung ist die Wendung genommen hat, weil ein Schwein
Ökonomie im 21. Jahrhundert“ erschienen (Ver- Glut, die sie zum Zünden bringt. vor 1933 die Weiche falsch gestellt hatte,
lag Antje Kunstmann; 240 Seiten; 22 Euro). SPIEGEL: Wenn das Volk nicht so will wie und sie glaubten, man könne das korrigie-
vorgesehen, neigt die Linke zu Spott und ren, indem man zu dem Punkt zurückführe,
SPIEGEL: Herr Greffrath, was hätte Karl Verachtung. Das ist nicht sehr klug, wenn an dem die Weiche falsch gestellt worden
Marx zu dem Aufstand von rechts gesagt, man Menschen für sich gewinnen möchte. war. Die einen haben sich dann als Trotz-
den wir überall in Europa beobachten Greffrath: Nicht die Linke neigt zur Ver- kisten kostümiert, die anderen als Stalinis-
können? achtung, es gibt linksliberale Journalisten, ten, und ein paar sind zu den Sozial-
Greffrath: Marx hätte gesagt: Einer der drei die dazu neigen. Jakob Taubes sagte im- demokraten gegangen, was den gewaltigen
Ausgänge aus dem Kapitalismus ist die mer: „Seid schlau, bleibt beim Überbau.“ Nachteil hatte, dass die SPD schon damals
Sozialdemokratie. Also eine Art Klassen- Es ist kein Wunder, dass der Anteil derje- als kreuzlangweilig galt und die schöneren
kampfkompromiss, bei dem die Verteilung nigen, die für das bedingungslose Grund- Mädchen bei der Konkurrenz waren.
der Anteile von Lohnarbeitern und Kapi- einkommen streiten, unter arbeitslosen SPIEGEL: Die bei den Sozialdemokraten ha-
talisten am Wachstum geregelt ist. Seit Kulturwissenschaftlern besonders hoch ist. ben später dann die Agenda ausgeheckt.
dem Beginn der Wachstumsschwäche in Die können sich ein Leben mit 900 Euro, Greffrath: So ist es halt in der Politik. Man
den Siebzigerjahren funktioniert das leider ein paar Reclam-Heftchen und ab und zu geht mit viel Schwung rein, dann fährt
nicht mehr so richtig. Man hat die Lohn- einem Konzertbesuch gut vorstellen. Das man in den Sandberg, und irgendwann ist
kosten gesenkt, um wieder Wachstum zu ist für jemanden, der am Band oder an der man entweder müde oder korrumpiert.
schaffen, aber das Einzige, was gestiegen Ladenkasse steht, keine Perspektive, dem SPIEGEL: Sie haben anlässlich des 150. Ge-
ist, sind die Profite. Jetzt sind einige Leute fehlen die kulturellen Ressourcen dafür. burtstags des „Kapitals“ einen Band vor-
verständlicherweise sauer, weil sie ge- SPIEGEL: Dass das revolutionäre Subjekt im gelegt, in dem Sie und eine Reihe weiterer
merkt haben, dass sie über 20 Jahre betro- Klassenkampf so oft enttäuscht, ist das bei Autoren examinieren, was an den darin
gen wurden. Sie wünschen sich, es könnte Marx vorgesehen? ausgebreiteten Ideen noch taugt. Warum
wieder so werden wie früher. Greffrath: Vom Arbeiter als revolutionärem lohnt sich heute die Marx-Lektüre?
SPIEGEL: Das beantwortet aber noch nicht Subjekt zu sprechen hat 1848 noch Sinn Greffrath: Marx durchlüftet den Kopf.
die Frage, warum sich so viele Menschen ergeben, als die Arbeiter Berlins dafür „Mehrwert“, „Lohnarbeit“, „Entfrem-
nach rechts wenden und nicht, wie von sorgten, dass es einen Schritt in Richtung dung“, das sind alles Begriffe, die helfen,
Marx eigentlich vorgesehen, nach links. Dreiklassenwahlrecht ging. Aber spätes- hinter die Phänomene zu blicken. Wer
Greffrath: Die linke Antwort, die nicht na- tens ab 1895, als selbst Friedrich Engels keine Begriffe hat, der wird auch nie in
tional ist, sondern internationalistisch, ist klar war, dass der Weg in die sozialdemo- der Lage sein, die Welt zu sehen, wie sie
immer die schwierigere. Die Linke kann kratische Verbesserung der Welt führt, war ist. Marx hat sich schon über die Kon-
oder will nicht sagen: Macht die Grenzen der Begriff obsolet. sequenzen eines fehlgeleiteten Konsums
dicht, lasst uns die Globalisierung beenden. SPIEGEL: Joschka Fischer und andere Re- Gedanken gemacht, als es noch nicht
Dafür ist sie dann doch zu moralisch. Au- volutionäre sind 1970 in die Opel-Werke mal in Ansätzen ein Umweltbewusstsein
ßerdem versteht sie zu viel von den öko- gab, einfach weil er die Dinge zu Ende
nomischen Gesetzen. Deshalb weiß sie, dachte.
dass es den Weg zurück nicht gibt. Die na- SPIEGEL: Viele der Aufsätze durchzieht
tionale Regression würde in die kollektive ein Ton des Missmuts. Wenn der Mensch
Verarmung führen. Es gibt diesen schönen nicht mehr gegen die Verelendung an-
Satz von George Orwell: Vielleicht wird kämpfen muss, dann ist es der Konsum-
sich der englische Arbeiter an den Gedan- druck, der auf ihm lastet. Heute litten wir
ken gewöhnen müssen, dass er nicht mehr unter „hochgeschraubten Konsumnor-
der arme, ausgebeutete Knecht ist. Viele men“, heißt es an einer Stelle. Warum sind
Dinge, die uns heute selbstverständlich er- Marxisten so vernarrt in den Untergang?
scheinen, verdanken wir Reichtumsquel- Greffrath: Marx wäre der Letzte gewesen,
len, die außerhalb Europas liegen. der bestritten hätte, dass der Kapitalismus
SPIEGEL: Der Chef der Böll-Stiftung in Wa- den Wohlstand ins quasi Unermessliche
shington, Bastian Hermisson, hat in einem steigern kann. Ich sehe zwar nicht wirklich
Vortrag auf dem Parteitag der Grünen ge- den Vorteil, zwischen 80 Joghurtsorten im
sagt: Wir haben die Arbeitermittelschicht Supermarktregal auswählen zu dürfen,
wie eine kulturelle Unterschicht behandelt, aber das ist kein Punkt der Kritik. Ent-
HERMANN BREDEHORST / DER SPIEGEL

indem wir ihre Lebensweise und ihre Wert- scheidend ist die Frage: Genügt diese Ge-
vorstellungen für rückständig erklärt ha- sellschaft, die so reich ist, den eigenen Kri-
ben. Vielleicht gehen die Leute nicht we- terien, was Fairness, Gleichheit, Gerech-
gen der ökonomischen, sondern wegen der tigkeit angeht? Und da, würde ich sagen,
kulturellen Abwertung auf die Straße. leben wir nicht über, sondern weit, weit
Greffrath: Bruce Springsteen lässt in seinem unter unseren Verhältnissen.
Lied „Youngstown“ einen alten Stahl- SPIEGEL: Wenn man den Leuten predigt,
dass das System verrottet sei und die De-
* Bei der Standortverlegung am Marx-Engels-Forum 2010. Schriftsteller Greffrath mokratie eine Farce, dann muss man sich
Das Gespräch führte der Redakteur Jan Fleischhauer. „Wir hätten nicht ,Volk‘ gesagt“ nicht wundern, wenn sie es irgendwann
DER SPIEGEL 13 / 2017 119
Kultur

DPA
Demonstranten 1969, 2016 in Berlin: „Man geht mit viel Schwung rein, dann fährt man in den Sandberg“

glauben. Ihr Pech ist, dass die Nutznießer talismus noch immer pumperlgesund ist, tischen Manifest“ den Hinweis auf eine
dieser Rhetorik heute auf der anderen Sei- entgegen allen Vorhersagen des nahenden Gesellschaft, in der die Freiheit des Ein-
te des politischen Spektrums sitzen. Endes? zelnen die Bedingung der Freiheit aller sei.
Greffrath: Aber da kann der Marxismus Greffrath: Nee, Marx würde sagen: Also ihr Die Kommunisten haben das eine Zeit
doch nichts dafür. Es ist schlicht eine Tat- beiden, ihr könnt jetzt noch eine Weile so lang leider umgekehrt gelesen.
sache, dass der Parlamentarismus in den weiterleben, aber ich war gerade in Afrika, SPIEGEL: In der „Deutschen Ideologie“ heißt
Nationalstaaten nicht mehr funktioniert. da sieht es ganz anders aus. Ihr und die es über das wahre Gesellschaftsglück, dass
Oder dass wir eine kapitalistische Durch- Afrikaner seid Teil einer Welt. Das ist euch man morgens Jäger, nachmittags Fischer
forstung der Großstädte erleben, die dazu irgendwie auch bewusst, weil ihr ja das und nach dem Essen Kritiker sein werde.
führt, dass nur noch Doppelverdiener dort Zeug konsumiert, das von da kommt, und Greffrath: Das ist eine romantische Idee von
wohnen können. Auf die bloße Predigt hin, im Gegenzug eure Schweinehälften nach der Ganzheit der entwickelten Persönlich-
dass es bergab geht, stellt sich keiner auf Afrika exportiert, auch so eine komische keit. Marx war ja der Überwinder und Voll-
die Straße, da müssen schon reale Erfah- Sache. Ihr seid in ein und demselben Sys- ender des deutschen Idealismus. Abends
rungen hinzukommen. tem gefangen, und wenn ihr nicht begreift, wurde bei ihm Balzac gelesen und Shake-
SPIEGEL: Sie sind als ehemaliger 68er selbst was das bedeutet, dann wird es für euch speare mit verteilten Rollen aufgeführt.
Bewegungsteilnehmer. Kommt Ihnen nicht sehr unangenehm werden. Wenn Sie so wollen, ist hier die Aufhebung
vieles bei der neuen Rechten bekannt vor? SPIEGEL: Er würde also zugestehen, dass es, einer Arbeitsteilung angedeutet, die einen
Da ist die Protestkultur, in der sich unter- vorausgesetzt, man kümmert sich um das verstumpft und verblödet.
schiedlichste Strömungen zusammenfin- afrikanische Problem, noch mal 150 Jahre SPIEGEL: So wie die marxsche Utopie von
den; der Kampf gegen die Elite, die das so weitergehen kann? ihren Adepten ausbuchstabiert wurde, ist
Volk verrät; die Klage über die Konzern- Greffrath: Aber sicher. Dieser Kapitalismus die Idealgesellschaft eine, in der soziale
presse, die immer nur schreibt, was den ist so dynamisch, der produziert sogar Klo- Unterschiede weitgehend eingeebnet sind.
Mächtigen gefällt. papier in sieben Geschmacksvarianten und Greffrath: Marx war kein Naivling. Er wusste,
Greffrath: Also erstens hätten wir nicht eine Heimzapfanlage für jedes Wohnzim- dass man nicht alle Unterschiede ausgleichen
„Volk“ gesagt. Und wenn zwei etwas tun, mer. Ich konnte mir nicht vorstellen, wür- kann. Auch im Sozialismus wird es noch
was gleich aussieht, heißt das noch nicht, de unser wiedergeborener Marx sagen, Probleme geben, das ist klar, aber das wer-
dass es auf dasselbe hinausläuft. „Entwen- dass die Menschen sich lieber fürs Heim- den menschliche Probleme sein. Auch was
dungen aus der Kommune“ hat Ernst zapfen entscheiden, anstatt spazieren zu das berühmte obere eine Prozent angeht,
Bloch diese Aneignung der Ausdrucksfor- gehen oder mit ihren Kindern zu spielen. war er kein Moralist. In der Einleitung zum
men der Linken durch die Rechten ge- Offensichtlich hat der Kapitalismus es ge- „Kapital“ steht: Es geht nicht darum, dass
nannt. Die antikapitalistische Rhetorik schafft, Bedürfnisse zu wecken, an die ich der Kapitalist böse ist, es geht darum, die
wird ja selbst von Donald Trump benutzt, noch nicht gedacht habe. Aber diese Be- Strukturen aufzuzeigen, die ihn zwingen,
aber mit Sicherheit nicht, um kapitalisti- dürfnisse sind jetzt um die Welt gewandert. Dinge zu tun, die anderen Leuten schaden.
sche Strukturen abzuschaffen. Das heißt, die Heimzapfanlage will nicht SPIEGEL: Kann man Marx lesen, ohne im
SPIEGEL: Sie würden also nicht sagen, dass nur der deutsche Proletarier in Wanne- Kopf zu haben, was seine Jünger in der
die rechten Provokateure illegitime Ver- Eickel, sondern bald auch der indische Pro- Umsetzung seiner Theorie an Gesell-
wandte der Aufrührer von 1968 sind? letarier in Kalkutta, dank der Chinesen, schaftsexperimenten folgen ließen?
Greffrath: Das sind Gegner, die sich unsere die sie für alle herstellen. Greffrath: Bei Marx steht am Schluss seiner
Fahne geklaut haben, so wie auch die SPIEGEL: Seine besondere Ausstrahlungs- Überlegungen eine Mahnung: Wenn ihr
Textilindustrie irgendwann die Fahnen kraft verdankte der Marxismus immer der euch nicht zusammenschließt, organisiert,
und Symbole der Hippies geklaut hat. Wie Gewissheit seiner Geschichtstheologie. vor allem bildet, werdet ihr nur eine un-
das bei Symbolklau so ist, bleibt die Wie konkret ist bei Marx die Idee eines terschiedslose Masse armer Teufel sein, de-
Aneignung allerdings meist an der Ober- sozialistischen Endreichs? nen keine Erlösung helfen kann. Das heißt,
fläche. Greffrath: Der Kapitalismus war erst am auf dem Weg hin zu einer sozialistischen
SPIEGEL: Wenn Marx hier mit uns säße, Anfang, die Skizze ist deshalb notgedrun- Gesellschaft ist es erforderlich, dass Men-
wäre er nicht bass erstaunt, dass der Kapi- gen abstrakt. Man findet im „Kommunis- schen Politik machen. Und für deren Aus-
120 DER SPIEGEL 13 / 2017
SPIEGEL TV MAGAZIN
SONNTAG, 26. 3., 22.35 – 23.20 UHR | RTL
SPIEGEL: Ihr ehemaliger Mitstreiter Thomas
Hoof hat unter dem Satz „Es gibt sie noch, Raubbau an der Natur – Illegaler
die guten Dinge“ das florierende Han- Holzschlag in den letzten Urwäldern
delsunternehmen Manufactum aufgebaut. Europas; Geschäfte mit der Not –
Dann verlegte er den rechten Krawallautor Überteuerte Wohnungen für Flücht-
Akif Pirinçci. linge; Stadt der Blinden – Warum
Greffrath: Deshalb lasse ich den Manu- Marburg ein idealer Ort für Seh-
factum-Tisch auch vom Tischler fälschen. behinderte ist.
Ist auch gut 2000 Euro billiger.
SPIEGEL: Der Wunsch nach Abschottung
äußert sich im linken Milieu nicht in der SPIEGEL TV REPORTAGE
Losung „Grenzen dicht!“, sondern in der DIENSTAG, 28. 3., 23.00 – 0.00 UHR | SAT.1
Parole: „Schützt unsere Kieze!“
Greffrath: Ach Gott, das Unbehagen an der Straßenkampf extrem – Die
Fahrrad-Cops gegen PS-Rowdys
STEFAN BONESS / IPON

Moderne, das geht doch durch uns alle


durch. Der Wunsch nach einem unver- Tiefergelegte Rennmaschinen mit
fälschten Umgang mit der Natur, mit Din- röhrenden Motoren – davon lassen
gen und Menschen, das ist der Luxus, der sich die Kölner Fahrradpolizisten
am Ende steht. Die rechten Spinner mei- nicht beeindrucken. Sie nehmen es
nen, man könne dahin zurück, indem wir auch mit PS-Protzen auf.
die Welt aussperren. Die Sozialisten sagen:
gang gibt es keine Garantien, die passiert Wir brauchen die Industrie, wir brauchen
unter dem offenen Himmel der Geschichte. die Rationalisierung, um uns diesen Luxus ARTE Re:
Das ist Marx. Für das Scheitern und das am Ende leisten zu können. MITTWOCH, 29. 3., 19.45 – 20.15 UHR | ARTE
Grauen in der Sowjetunion, die ja kein SPIEGEL: „Rassist“ oder „Fremdenfeind“,
entwickeltes kapitalistisches Land war, wären das für Marx Kategorien der Be- Freilerner – Leben ohne Schule
kann man alle möglichen Leute verant- schreibung gewesen? Rund tausend Kinder in Deutschland
wortlich machen, aber mit Sicherheit nicht Greffrath: Ihn hätten vor allem die Interes- lernen nicht in Schulen, sondern
den Autor des „Kapitals“. senlagen unter den Ideologien beschäftigt. zu Hause in „Projekten“. Im Unter-
SPIEGEL: Die Idealgesellschaft der AfD ist Im „Achtzehnten Brumaire des Louis Bo- schied zu vielen anderen euro-
interessanterweise ebenfalls eine, in der naparte“ sagt er, der französische Bauer päischen Ländern ist „Freilernen“ in
Unterschiede als Problem gesehen werden, habe nichts als die Nation, weil er nicht Deutschland nicht erlaubt. Wer seine
in diesem Fall nicht die sozialen, sondern in der Lage sei, sich zu vergesellschaften. Kinder dennoch zu Hause unter-
die kulturellen. Eine Gesellschaft von Bauern sei eine Ge-
Greffrath: Der Einzige bei der AfD, der sellschaft, die wie ein Kartoffelsack sei.
nach meiner Meinung eine Vorstellung von Sie werde allein durch den Sack der Na-
einer Idealgesellschaft hat, ist der Alexan- tion zusammengehalten. Und dann hätte
der Gauland. Ich habe mich mit ihm in Marx als Politiker gesagt: Vorwärts, raus
den Neunzigern öfter getroffen, weil man aus dem Kartoffelsack und hin zur Demo-
sich mit ihm ganz gut unterhalten konnte. kratie!
Der hatte schon damals den Tick, dass wir SPIEGEL: Das heißt, das heute übliche Em-
Eliten brauchen, die wie englische Lords pörungsvokabular hätte Marx nicht inte-
angezogen sind und ihre Untertanen an- ressiert?
ständig behandeln. Diese Wiedergeburt Greffrath: Die Berührungsangst der Linken
des britischen Landlebens um 1800 ist die vor der AfD ähnelt dem Abscheu der AfD
einzige Utopie, die ich in dieser Partei ge- vor dem Muslim. Je weniger Umgang man
funden habe. Die anderen wollen einfach, mit ihm hat, desto besser eignet er sich
SPIEGEL TV

dass Afrika draußen bleibt und der deut- als Projektionsfigur. Ich habe einen
sche Kapitalismus schnurrt. Freund, der immer schon ein Faible für
SPIEGEL: Sie haben der Rechten die Regres- geschlossene Glaubenssysteme besaß. Er Schüler bei Hausunterricht
sion ins Nationale vorgeworfen. Im grünen ist vom Marxisten zum Sozialisten gewor-
Milieu gibt es den Traum von einer Welt, den, vom Sozialisten zum Systemtheore- richtet, riskiert Streit mit den Behör-
in der nichts mehr raucht und lärmt und tiker, vom Systemtheoretiker zu einem, den. Einblicke in die Welt der Frei-
in der die Industrie auf die Größe eines der an Kreise im Kornfeld glaubt. In seiner lerner in Frankreich und Deutschland.
Manufactum-Betriebs geschrumpft ist. Ist vorerst letzten Inkarnation hat er jetzt zur
diese Form der Idylle nicht auch eine ziem- nationalen Sache gefunden. Natürlich
lich regressive Idee? rede ich weiter mit ihm und sage, wenn SPIEGEL GESCHICHTE
Greffrath: Sie wäre vor allem naiv. Diese es mir zu bunt wird: „Komm, hör auf mit MITTWOCH, 29. 3., 20.15 – 21.05 UHR | SKY
Art von Luxus funktioniert nur auf der Ba- dem Quatsch.“ Aber wenn ich das, was
sis einer Gesellschaft, in der die ökonomi- er mir am Telefon sagt, in der Zeitung 101 Menschen
sche Frage geklärt ist. Mit dem Land Rover über jemanden lesen würde, der in Stutt- des 20. Jahrhunderts
am Wochenende 300 Kilometer fahren, die gart oder Dresden wohnt, dann würde ich Kaum ein Jahrhundert hat die Ge-
Fahrräder obendrauf, um auf dem Bauern- die Hände über dem Kopf zusammen- schichte der Menschheit so geprägt
hof die Biokarotte selbst aus dem Boden schlagen und sagen: Mein Gott, wie furcht- wie die Zeit zwischen 1900 und 2000.
zu holen: Das muss man nicht nieder- bar ist denn das! Die Serie stellt Männer und Frauen
machen, aber das ist gesellschaftlich kein SPIEGEL: Herr Greffrath, wir danken Ihnen vor, die in unterschiedlichsten Berei-
Ausweg. für dieses Gespräch. chen Geschichte geschrieben haben.
DER SPIEGEL 13 / 2017 121
Kultur

Western im Ostblock
Fernsehen Die DDR als Kulisse fürs Unterhaltungsprogramm: Die ZDF-Serien „Der gleiche Himmel“
und „Honigfrauen“ erzählen vom Kalten Krieg und von Sex im Auftrag der Stasi.

I
hren vielleicht größten Propaganda- Die DDR, die Stasi, Agenten in Ost und lerweile wegsaniert ist, musste ein Großteil
erfolg hatte die Stasi fast 18 Jahre nach West, das ist für viele Drehbuchautoren in Prag gedreht werden, Budget fast zwölf
dem Fall der Mauer, in Hollywood: als und Regisseure mittlerweile ein Stoff wie Millionen Euro. Inszeniert wurde die Serie
Florian Henckel von Donnersmarck den einst der Kampf von Cowboys und India- von Oliver Hirschbiegel, einem modernen
Oscar für „Das Leben der Anderen“ ge- nern in den Western aus Hollywood: ein Westernregisseur ohne Scheu vor histori-
wann. Donnersmarcks Spielfilm zeigte Spiel mit bekannten Versatzstücken, schon schem Personal, von Hitler („Der Unter-
Ulrich Mühe in der Rolle eines DDR-Ge- oft gesehen, meistens zu Klischees erstarrt, gang“) bis zu einer berühmten englischen
heimdienstlers, der ein Ostberliner Künst- aber manchmal auch für Überraschungen Prinzessin („Diana“). Von Hirschbiegel
lerpaar ausspioniert und dabei nach und gut. Zu empfindlich sollte man dabei als stammt auch der Thriller „Das Experi-
nach sein Gewissen entdeckt. Zuschauer nicht sein. Indianerfilme wur- ment“, in dem die Versuchspersonen in
Ein eigensinniger Agent mit Moral, das den ja auch nicht für Indianer gemacht. Wärter und Gefangene eingeteilt werden,
war eigentlich nicht gerade typisch Stasi. Das ZDF sendet in diesen Wochen Befehl und Gehorsam, bis es Tote gibt.
Im Gegenteil, es war ein Märchen, wie es gleich zwei aufwendige Miniserien über Eigentlich eine gute Vorbereitung für eine
die Stasi selbst nicht schöner hätte erfinden den Kalten Krieg, je dreimal 90 Minuten Serie über die DDR.
können. mit Agenten, Republikflucht und Sex im Hirschbiegels „Der gleiche Himmel“
Die letzte Szene des Films spielt nach Auftrag der Stasi: „Der gleiche Himmel“ spielt 1974, der Titel verweist jedoch in die
der Wende. Darin kauft sich der ehemalige zeigt einen DDR-Agenten, der in den Sieb- frühen Sechzigerjahre, auf „Der geteilte
Stasimann den Roman, den der einst von zigerjahren undercover in Westberlin spio- Himmel“, einen der bekanntesten Spielfil-
ihm überwachte Schriftsteller über den Fall niert. Und „Honigfrauen“ handelt von me der DDR, die Adaption des Romans
verfasst hat, einen Bestseller. Man konnte DDR-Bürgern, die in den Achtzigern Ur- von Christa Wolf. Es war die Geschichte
das als Interpretation des Regisseurs in laub am Plattensee in Ungarn machen und einer DDR-Bürgerin, die ihrem Freund in
eigener Sache verstehen, als Hinweis, dass dort auf Touristen aus dem Westen und den Westen folgte, aber enttäuscht wieder
die ganze hässliche Stasizeit ja doch zu et- Spitzel aus der Heimat treffen. zurückkehrte. In der DDR wurde der Film,
was gut gewesen sei: um Stoff zu liefern „Der gleiche Himmel“ ist das prestige- je nach politischer Großwetterlage, immer
für genialische Großkünstler wie Donners- trächtigere der beiden Projekte. Die Pre- mal wieder verboten, trotz bester Bezie-
marck, einen Wessi, Jahrgang 1973. miere fand im Februar auf der Berlinale hungen der Filmemacher zum Regime: Re-
„Der Film bringt mich auf den Verdacht, statt. Produziert hat die Serie die Firma gisseur Konrad Wolf war der Bruder von
dass die wirklich tiefere Aufarbeitung der Ufa-Fiction, Nico Hofmanns Fernsehfilm- Markus Wolf, dem Leiter der „Hauptver-
zweiten Diktatur in Deutschland erst be- fabrik mit Schwerpunkt Zeitgeschichte. waltung Aufklärung“ im Ministerium für
ginnt“, lobte zum Kinostart ein anderer Weil in Berlin das Ostblock-Ambiente mitt- Staatssicherheit.
Großkünstler, der einst aus der DDR aus-
gebürgerte Dichter Wolf Biermann. „Wo-
möglich machen es jetzt besser die, die all
das Elend nicht selbst erlitten haben.“
Biermann sollte recht behalten, zumin-
dest teilweise. Kinofilme und Fernseh-
serien über die DDR, über Stasispitzel und
ihre Opfer drehen längst Ossis und Wessis,
aber auch Engländer oder Holländer. Sogar
Steven Spielberg inszenierte in Berlin ein
Agentendrama über den Kalten Krieg,
„Bridge of Spies“ (2015). Sebastian Koch,
der Dichterdarsteller aus „Das Leben der
Anderen“, verkörperte darin den dubiosen
DDR-Anwalt Wolfgang Vogel.
Um die Aufarbeitung einer Diktatur,
wie Biermann sie damals forderte, geht es
vielen Film- und Fernsehmachern aber al-
lenfalls am Rande. Statt historische Wahr-
heiten im Sinne der Zeitzeugen zu erfor-
schen, produzieren sie heute Unterhaltung
für die Nachgeborenen. Filme, die aufge-
laden sind durch die Faszination vermeint-
BERND SCHULLER / ZDF

licher Authentizität, aber längst ihre eige-


nen Mythen fortschreiben.

Sendetermine: „Der gleiche Himmel“ am 27., 29., 30.


März; „Honigfrauen“ am 23., 30. April, 7. Mai; jeweils
20.15 Uhr im ZDF. Schauspieler Schilling in „Der gleiche Himmel“: „Postkoitale Beeinflussung“

122 DER SPIEGEL 13 / 2017


griert. Im Bonner Kanzleramt wurde ein
DDR-Spion enttarnt, Bundeskanzler Willy
Brandt musste wegen des Skandals zu-
rücktreten. Das größere Trauma für viele
Westdeutsche war jedoch die Niederlage
gegen die DDR bei der Fußballweltmeis-
terschaft. Der Romeo-Agent, der das Spiel
im Westen guckt, muss aufpassen, sich
nicht durch Jubel für die falsche Mann-
schaft zu verraten. Der „Ekel gegen sich
selbst“, laut John le Carré die Langzeit-
wirkung jedes Agentendaseins: In „Der
gleiche Himmel“ wird er erst beim Fußball
richtig erkennbar.
Auch in „Honigfrauen“, der anderen neu-
en Miniserie des ZDF, muss sich ein Stasi-
mann verstellen. Er gehört zur sogenannten
Balaton-Brigade, die DDR-Bürger während
des Urlaubs in Ungarn überwachte. Kon-

LEO PINTER / ZDF


takt zum Klassenfeind oder gar Fluchtver-
suche in den Westen sollten verhindert wer-
den. Besonders aufmerksam kümmert sich
Szene aus „Honigfrauen“: So seicht wie der Plattensee der Agent um zwei schöne Schwestern aus
Erfurt (Sonja Gerhardt, Cornelia Gröschel),
Eine Figur, die offenbar Markus Wolf tunnel in den Westen graben (wie 2001 in die am Plattensee zelten. Die jungen Frauen
nachempfunden ist, taucht jetzt auch kurz „Der Tunnel“, ebenfalls produziert von drohen dem Charme eines ungarischen
in „Der gleiche Himmel“ auf. Im Mittel- Nico Hofmann). Ein weiterer Nebenplot Hotelbesitzers zu erliegen, der heimlich als
punkt steht jedoch einer seiner Agenten, handelt von einer Ostberliner Familie, Fluchthelfer arbeitet.
ein junger Stasimann, verkörpert von Tom deren pubertierende Tochter Leistungs- Das ZDF beschreibt „Honigfrauen“ als
Schilling, der für einen geheimen Einsatz schwimmerin im Olympiakader der DDR ein „Familien-Ost-West-Drama in Badeho-
in Westberlin ausgewählt wird: Er soll sich werden soll. Das Mädchen schluckt Doping- se und Bikini“. Die drei Filme der Reihe
dort an eine Frau heranmachen. Es komme mittel, bis ihr Haare auf der Brust wachsen. laufen sonntags auf dem Sendeplatz, der
darauf an, „den Willen der weiblichen Auch das Thema Doping haben schon an- sonst für Rosamunde Pilcher reserviert ist.
Zielperson zu manipulieren“, doziert ein dere Serienmacher aufgegriffen: In der Regie führte Ben Verbong, ein Holländer,
Stasiausbilder, am besten durch „postkoi- ARD-Reihe „Weissensee“ stirbt ein junger bekannt für die Kinderbuchverfilmung
tale Beeinflussung zwecks Informations- DDR-Sportler beinahe an einer Überdosis. „Das Sams“. „Honigfrauen“ könnte auf
gewinnung“. Verbindendes Element der Handlung: Ir- den ersten Blick ein Werbefilm sein für
Die Zielperson, das ist eine Engländerin gendwie sind fast alle Figuren miteinander Urlaub in Ungarn, so seicht wie der Plat-
(Sofia Helin), ebenfalls beim Geheimdienst, verwandt. In der DDR, so offenbar die Idee, tensee. Die Sonne scheint, das Sonnenöl
nur für die andere Seite. Sie arbeitet in kannte ja schließlich jeder jeden. glänzt, das Campingzelt wackelt.
einer Abhörstation, die von der NSA und Besonders gründlich haben die Schöpfer Doch „Honigfrauen“ ist subversiver, als
dem britischen GCHQ betrieben wird. von „Der gleiche Himmel“ jedoch offen- es anfangs scheint. Die Idylle täuscht, wie
Stasileute, die westlichen Geheimnis- bar „Das Leben der Anderen“ studiert. in einem richtigen Agentenfilm. Bei einem
trägerinnen die große Liebe vorgaukelten, Eine Szene im Stasi-Untersuchungsgefäng- Fluchtversuch in den Westen gibt es Tote,
gab es tatsächlich. In einigen Fällen heira- nis Hohenschönhausen wirkt, freundlich auch ein Kind gerät in Lebensgefahr. Stasi-
teten diese sogenannten Romeo-Agenten formuliert, wie eine Hommage an Don- terror im Pilcher-Reich, diese Kombination
sogar ihre Opfer. Fernsehmacher haben nersmarck. Wie in dessen Film befiehlt ist neu. Origineller als die x-te Variation
den Stoff schon vor einiger Zeit entdeckt: auch in „Der gleiche Himmel“ ein Stasi- von „Das Leben der Anderen“ ist sie in
Der ZDF-Film „Romeo“ gewann 2002 den mann einem Gefangenen, während des jedem Fall.
Grimme-Preis. Und erst vor zwei Jahren Verhörs die Hände unter die Oberschenkel Dabei hat sich auch Florian Henckel von
umwarb ein Romeo-Agent in der RTL-Se- zu legen, „Handflächen nach unten“. Donnersmarck gerade wieder ein deutsch-
rie „Deutschland 83“ eine Nato-Sekretärin. Das Drehbuch zu „Der gleiche Himmel“ deutsches Thema vorgenommen. Sein neu-
Auch „Deutschland 83“ war von Hof- stammt von Paula Milne, einer Englände- er Film „Werk ohne Autor“, der im Novem-
manns Ufa produziert worden. „Der glei- rin, Jahrgang 1947. Dialoge sind nicht ihre ber in die Kinos kommt, beruht auf der
che Himmel“ wirkt bisweilen wie ein Stärke, Ambivalenz ist nicht vorgesehen. Lebensgeschichte des Malers Gerhard
Remake, nur eben Siebziger- statt Achtzi- Häufig sprechen die Figuren aus, was der Richter, der 1961 aus der DDR in den Wes-
gerjahre. Dazu werden Versatzstücke aus Zuschauer ohnehin sieht. ten geflohen war.
anderen Kino- und Fernsehfilmen neu kom- Mitunter klingt es richtig schräg. Sagte Auch der Hauptdarsteller des Films dürf-
biniert. „Der gleiche Himmel“ ist eine Art man in der DDR anno 1974 wirklich „last, te sich mit dem Thema DDR auskennen:
Best-of aus dem Gruselkabinett des Kalten but not least“? Bestellte man damals auf Es ist Tom Schilling, der Stasi-Romeo aus
Kriegs, nicht nur für deutsche Zuschauer. Partys im Westen „zwei Weißweine“, ging „Der gleiche Himmel“. Martin Wolf
Die Serie wurde bereits in über hundert man zum Essen in ein „Bistro im franzö- Twitter: @martinwolfhh
Länder verkauft, darunter Russland und sischen Sektor“? Vielleicht, um sich, wie
Japan; Netflix erwarb die Rechte unter an- es in einer Szene heißt, „das Spektakel auf Video: Ausschnitte aus „Honig-
derem für Großbritannien und die USA. der Zunge zergehen zu lassen“? frauen“ und „Der gleiche Himmel“
Ein Erzählstrang zeigt eine Gruppe von Vergleichsweise elegant werden dage- spiegel.de/sp132017filme
DDR-Oppositionellen, die einen Flucht- gen reale Ereignisse in die Handlung inte- oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 13 / 2017 123


Kultur

Der Balkan, das sind die anderen


Europa In Belgrad, Zagreb, Skopje demonstrieren die Bürger. Ist Südosteuropa, das jüngste europäische
Kriegsgebiet, rückständig oder Avantgarde? Eine Erinnerung von Alida Bremer

Die Autorin Bremer, 58, geboren in Split, lebt eine orientalische Tradition zu berufen den Toren Europas warten. Neuerdings
in Münster. Gerade gab sie mit Michael Krüger schien! Das war haarsträubend. Nicht ein- zeugen die arabischen und die afrikani-
die Anthologie „Glückliche Wirkungen“ heraus, mal Bijelo dugme, die beste Rockband schen Flüchtlinge auf der „Balkanroute“
eine literarische Reise durch die 57 Staaten Jugoslawiens, hörte ich damals gern. Das von der Unbarmherzigkeit Europas. Die
der OSZE. tolle Leben spielte sich in meinen Vorstel- erneute finanzielle Pleite Griechenlands
lungen irgendwo im Westen ab. passt in das Bild. Etwas Besseres sind die

E
s war im Sommer 1979, die Semester- Jenes Jahr 1979 begann in Griechenland Griechen also doch nicht geworden.
ferien hatten begonnen. In der Welt mit der Neujahrsansprache des Präsiden- Wie stark ist ihr gegenwärtiger Drang,
war wie immer viel los, die Isla- ten Tsatsos, der verkündete, dass „Europa „den Balkan“ zu verlassen und „zurück
mische Republik Iran war unter der revo- nach Griechenland zurückkehrt“. Bis zur nach Europa“ zu kommen? Ich stellte dem
lutionären Führung von Ajatollah Khomei- vollen Mitgliedschaft in der EG dauerte es kroatischen Autor Jurica Pavičić diese Fra-
ni gegründet worden, die Russen versuch- dann freilich noch zwei Jahre, aber Grie- ge, und seine Skepsis wirkte ernüchternd
ten, in Afghanistan den Kommunismus zu chenland wurde damals zum Westen, ob- auf mich: „Auf wen soll ein Klub noch an-
retten, der Papst besuchte Polen, Margaret wohl der Name „Europa“ seit je grie- ziehend wirken, in dem Großbritannien,
Thatcher war Premierministerin geworden. chischen Ursprungs war. Bei uns hielt sich Norwegen und Island nicht Mitglied sein
Um uns herum war es ruhig. Josip Broz zwar hartnäckig der abwertende Spruch wollen und in dem Viktor Orbán, Beata
Tito lebte noch, und die Menschen in Jugo- „verschuldet wie Griechenland“, der nach Szydło oder Liviu Dragnea das Sagen ha-
slawien beschlich bisweilen der fatalisti- dem Staatsbankrott von 1893 aufgekom- ben?“ Die Regeln in diesem Klub seien
sche Gedanke, dass er ewig leben würde. men war, doch mit ihrem Beitritt in die nur scheinbar jene Werte, die wir einst als
Ich staunte nicht schlecht, als ich aus EG waren die Griechen eindeutig zu etwas „Europa“ anstrebten. Auch die Dümmsten
Belgrad, wo ich studierte, an die heimatli- Besserem geworden. hätten begriffen, dass man sich nur ver-
che Adria kam und mein kleiner Bruder Die griechische Formulierung „Europa stellen müsse, bis man endlich im Klub
mir anstelle der üblichen Bewunderung so kehrt zurück nach Griechenland“ haben sei – und dann könne man sich entspannen
etwas wie Verachtung entgegenbrachte. andere Länder aus dem Südosten des Kon- und sein wahres Gesicht zeigen: „Nach
„Der Rock ’n’ Roll ist tot“, sagte er, und tinents gelegentlich in die Aussage „Wir einem Beitritt verwandeln sich die osteuro-
seine Augen verengten sich, „ihr alten Hip- kehren zurück nach Europa“ verwandelt, päischen Politiker schnell in Borats“,
pies habt ausgedient. Es lebe der Punk!“ als sie – viel später – für einen EU-Beitritt schrieb er.
Ein Aufstand unter dem eigenen Dach an die Reihe kamen. Doch von wo kehrten Damit wollen sich zum Glück nicht alle
und um den eigenen Plattenspieler! Das sie eigentlich zurück? Und wohin begaben Menschen abfinden. Im Frühjahr vergan-
Lied, das ich mir auf der Stelle anhören sie sich? Es handelte sich nicht um Geo- genen Jahres gab es eine Reihe von Mas-
musste, wollte ich überhaupt noch mit mei- grafie, sondern um etwas diffus definierte senprotesten in Kroatien, Serbien und in
nem Bruder im Gespräch bleiben, hieß und schwer erlernbare Werte. Mazedonien; neuerlich in Polen und in
„Balkan“. Gesungen von der Band Azra, Noch sechs weitere Länder hoffen gegen- Rumänien. In Kroatien protestierten die
die benannt war nach einem bosnischen wärtig, dass Europa zurück zu ihnen kommt Bürger gegen die Zerstörung der Bildungs-
Sevdalinka-Lied, das wiederum die Verto- oder sie zurück nach Europa: Im Südosten reform, in Serbien bildete sich eine große
nung eines rätselhaften Gedichts von Hein- klafft heute das letzte schwarze Loch der Bewegung gegen die Zerstörung eines
rich Heine ist: „Ich heiße Mohamet / und Nicht-EU-Mitglieder, bestehend aus Alba- alten Stadtviertels und gegen die harsche
bin aus Yemen, / und mein Stamm sind nien, Kosovo, Mazedonien, Serbien, Monte- Willkür der Regierenden, in Mazedonien
jene Asra, / welche sterben, wenn sie lie- negro, Bosnien und Herzegowina – Länder, hielt die „bunte Revolution“ am längsten
ben.“ Sevdah, das heißt auf Türkisch Liebe, die jahrhundertelang unter türkischer Herr- an, in Polen und in Rumänien verbuchten
auf Arabisch schwarze Galle – die Sevda- schaft standen. Bisweilen scheint es, dass die Protestierenden sogar einige Erfolge.
linka sind melancholische Liebeslieder mit ihr Enthusiasmus schrumpft, während das

D
orientalischer Thematik, in die sich das Vertrauen in die europäischen Werte auf ie „bunte Revolution“ habe zur
Gedicht von Heine perfekt einfügte. An- eine harte Probe gestellt wird. Nicht nur, Demokratisierung der Opposition
geblich wurden derartige Lieder in Bos- dass sie selbst schon seit einer Ewigkeit vor beigetragen, meint der mazedoni-
nien und Herzegowina besonders von den sche Schriftsteller Robert Alagjozovski.
Österreichern geschätzt, als diese das Land „Außerdem wurde sie von Künstlern und
nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs Intellektuellen gestaltet, die die Klientel-
annektierten ... was dann in der Folge zum politik der Regierung ablehnen. Sie sind
Attentat von Sarajevo führte ... und zum gegen jeden Nationalismus, für eine echte
Ersten Weltkrieg ... doch so weit wollte Der Traum von Europa Demokratie und für eine multikulturelle,
ich bei allem Staunen über die Verände-
rungen, die mit meinem kleinen Bruder
meinte einen pluralistische Gesellschaft.“
Die „bunten Revolutionäre“ brauchen
vorgegangen waren, nicht gehen. Ort der Freiheit, der die europäische Solidarität. Der allzu zarte
Er lehnte sich also gegen die von Wood-
stock geprägte Musikkultur auf, in der ich
Toleranz und Druck der EU auf den Beitrittskandidaten
Mazedonien lässt viele Menschen dort
ihn erzogen hatte, und setzte dieser eine der Rechtsstaatlichkeit. resignieren. Sie fürchten, dass ihr Land in
einheimische Band entgegen, die sich auf den Klauen einer nationalistischen korrup-
124 DER SPIEGEL 13 / 2017
lung nach Westen entkommen, sondern
die Dinge vor Ort verändern. Die Kids
gingen neuerdings davon aus, dass Tito
doch einmal sterben würde, und began-
nen, kurz vor seinem Tod alles zu hinter-
fragen. Er starb am 4. Mai 1980. Bald ver-
fiel auch ich der Magie, die von Branimir
(„Johnny“) Štulić ausging. Der Frontmann
von Azra, eine der angesehensten Per-
sönlichkeiten der alternativen jugoslawi-
schen Kultur, sang: „Ich rasiere meinen
Bart ab, damit ich den Pankrti ähnlicher
werde.“ Pankrti, Die Bastarde, so nannte
sich die erste jugoslawische Punkband. Die
Pankrti stammten aus Slowenien, aber in
der „Neuen Welle“ dachte man damals
nicht national.

S
o war Jugoslawien, zehn Jahre bevor
es zerfiel: Slowenien, die westlichste
Teilrepublik, importierte Feminismus,
Punk und Jacques Lacan, in Kroatien ent-
zog sich die Zeitung der Sozialistischen Ju-
gend der sozialistischen Langeweile und
wurde zu einem Stützpunkt des freien
Denkens und der Neuen Welle, in Serbien
schrieb der charismatische Musiker Vlada
Divljan den ersten Pro-Gay-Song Jugo-
slawiens „Selten seh ich dich mit den
Mädchen“.
Im Belgrader Studentischen Kultur-
zentrum SKC erlebte ich einige Jahre spä-
ter die Band Azra zum ersten Mal live.
Der ganze Saal fiel in Trance, als Johnny
„Polen in meinem Herzen“ sang – gemeint
ROBERT ATANASOVSKI / AFP

war Solidarität mit Solidarność. Er sang


auch „Die Hurensöhne“, und wir sangen
mit – es ging um die einheimischen „roten“
Bonzen genauso wie um alle „Imperialis-
ten“, die aus dem Westen und die aus dem
Bremers Bruder 1980 bei Punkkonzert in Split, Demonstranten in Skopje 2016 Osten. Und – das war der Höhepunkt des
Das richtige Gespür für die neue Zeit Abends – „Balkan, mein Balkan, sei voller
Kraft und lass es dir gut gehen“. Ein Hauch
von Selbstbestimmung, eine Ahnung von
ten Elite verbleibt, die mit den Ländern in der Freiheit, der Toleranz und der Rechts- „europäischen Werten“ in eigener Regie
der Nachbarschaft verfeindet sein wird staatlichkeit. Die Protestbewegungen – die wehte durch den Saal.
und sich auf eine vermeintliche Freund- jüngste in Rumänien war bisher die erfolg- Die bulgarische, in den USA lehrende
schaft mit Russland stützt. Auch in Serbien reichste – verteidigen ebendieses Europa. Historikerin Maria Todorova hat in ihrer
erwarten die Protestierenden mehr Druck Sie verteidigen jene Werte, von denen sie Studie „Die Erfindung des Balkans“ in
seitens der EU. Nur in Kroatien kann man geträumt haben, während sie in undemo- Analogie zum Orientalismus von Edward
leider keinen Druck mehr ausüben – das kratischen Systemen lebten. Sie verteidi- Said den Begriff „Balkanismus“ geprägt
Land ist seit 2013 Mitglied der EU. Aus gen Europa auch gegen Politiker in ihren und darauf verwiesen, dass „der Balkan“
Kroatien kommen auch freundliche War- Ländern, die die Demokratie benutzen, eine Konstruktion sei, eine kolonialis-
nungen in Richtung der Nachbarn: Erwar- um sie abzuschaffen. Die sogar die Mit- tische Projektion des Westens. Unter
tet nicht allzu viel von der Mitgliedschaft gliedschaft in der EU anstreben, um dann dem Druck dieser Projektion beginnen
in der EU! Das Beispiel Rumänien zeigt die europäischen Werte abzuschaffen. Die die Menschen, ein negatives Selbstbild zu
dagegen: Sein „Europa“ soll sich jeder Protestierenden kämpfen, um vor Ort verinnerlichen. Niemand auf dem Balkan,
selbst erschaffen. diese europäischen Werte durchzusetzen. so ihre These, möchte zugeben, dass er
Was machte „Europa“ als Sehnsuchtsort Und zwar mit den letzten Kräften. Viele vom Balkan stammt. Der Balkan, das sind
aus, zu dem viele Länder aus dem Süd- junge und gebildete Menschen verlassen die anderen. Sie hatte in vieler Hinsicht
osten „zurückkehren“ wollten? Bestimmt den Südosten Europas. In Kroatien spricht recht – aber sie kannte vermutlich das
nicht der Nationalismus, der rigide Kon- man von einem Exodus. Lied von Azra nicht. Der positive Bezug
servativismus, der Populismus, der Revi- In jenem Sommer 1979 zeigte mein klei- auf den Balkan in diesem Lied war die
sionismus, die Intoleranz, die Unterdrü- ner Bruder das richtige Gespür für die Geste einer antikolonialistischen Revolte;
ckung der Meinungsfreiheit, die Korrup- neue Zeit, die in Jugoslawien angebrochen die bekannteste Strophe lautet: „Wir sind
tion, die Feindschaft Migranten gegenüber! war: Man wollte der lokalen sozialisti- Zigeuner / vom Schicksal verflucht, / im-
Der Traum von Europa meinte einen Ort schen Ödnis nicht mehr mit einer Umsied- mer kommt jemand aus unserer Nach-
DER SPIEGEL 13 / 2017 125
IN DER SPIEGEL-APP
Kultur

barschaft, / um uns zu bedrohen.“ Das überholt. Der von der Akademie der Wis-
war eine unheimliche Vorahnung. senschaften und Künste angestachelte ser-
Neulich, mehr als 33 Jahre nach jenem bische Nationalismus rollte wie eine Dampf-
Azra-Konzert im Studentischen Kulturzen- walze über die elektrischen Gitarren, die
trum SKC, schrieb mir der serbische Schrift- Comics und Graffiti, die Animationsfilme
steller Saša Ilić: „Das SKC wird es bald und Shortstorys, die Debatten über die Post-
nicht mehr geben. Im SKC hatten sich nach moderne und über die Filme von Tarkowski.
1968 die konzeptuelle Kunst und der alter- Anstelle von Vlada Divljan verehrte man
native Film entwickelt, es wurden dort Le- nun Slobodan Milošević.
sungen, Konzerte, Ausstellungen veranstal- Man musste nicht lange darauf warten,
tet, doch die aktuelle serbische Regierung dass auf die aggressiven nationalistischen
hat entschieden, diese Institution zu schlie- Töne, die aus der Mitte des größten Volkes
ßen und das Gebäude irgendeinem auslän- im Vielvölkerstaat zu vernehmen waren, na-
dischen Investor zu geben, um dort ein tionalistische Antworten aus den kleineren
Shoppingzentrum oder ein Hotel zu eröff- Völkern folgten. Der Generation meines
nen. Das ist die Art, wie man sich hier EU- Bruders wurden Einberufungsbefehle zuge-
tauglich machen möchte: indem man die stellt. Die Idole der neuen, die Freiheit lie-
Kultur vollständig dem freien Markt über- benden Jugend wurden durch Demagogen,
lässt.“ Man hat häufig das Gefühl, dass in Populisten, Kriegstreiber und -profiteure er-
den osteuropäischen Ländern, deren Poli- setzt. Musiker verschwanden irgendwo im
tiker sich europafreundlich geben, etwas Westen oder landeten in den Schützengrä-
sehr gründlich missverstanden worden ist. ben, Schriftsteller wurden zu Kriegsrepor-
tern, Soziologen und Philosophen zogen

N
euerdings kann man in den westli- sich zurück in die neu gegründeten Frie-
chen Medien besorgte Stimmen denszentren, die nur noch die Kriegsverbre-
vernehmen, die vor einem zuneh- chen dokumentieren konnten. Nationalisten
menden Einfluss Russlands und der Türkei aller Farben kehrten aus dem Exil zurück,
in dieser Region warnen. Der kroatische in dem sie seit 1945 lebten. Flüchtlings-
Schriftsteller Jurica Pavičić schrieb mir: kolonnen machten sich auf den Weg.
„Der exjugoslawische Raum funktioniert Ich lebte in Deutschland. Ein leichtes
heute nach dem Prinzip der nationalisti- Naserümpfen begleitete die Äußerungen
schen Teilungen wie in der Epoche vor der über die Völker „dort unten“. Marion Grä-
illyrischen Bewegung: Die orthodoxen fin Dönhoff schrieb 1991 in der „Zeit“:
Christen schielen in Richtung Moskau, die „Aber wenn sie denn ihren serbokroati-
Muslime schauen nach Istanbul, und der schen Haß unbedingt ausleben wollen,
einzige Unterschied zu damals ist, dass die dann sollte man sie eben lassen.“ Man frag-
One Day I Will Katholiken nicht mehr nach Wien, sondern
nach Berlin blicken sowie – zunehmend
te mich: „Wieso entstehen auf dem Balkan
neue Grenzen, während wir hier in der
„Was willst du werden, wenn du groß bist?“ weniger – nach Brüssel. Um 1850 war die EU gerade dabei sind, die Grenzen abzu-
Der Fotograf Vincent Tremeau hat diese Antwort auf das unerträgliche religiös- schaffen? Wir vereinigen uns, und ihr
Frage Kindern in Krisengebieten Afrikas ethnische Sektierertum die illyrische Idee trennt euch!“ In diesen Fragen klang die
des Jugoslawentums. Heute ist leider auch Vorstellung durch, der Balkan sei eben zu-
gestellt; im vom Krieg gezeichneten Kongo,
diese Antwort verspielt.“ Und doch seien rückgeblieben. Damals konnte man natür-
in Mali, im Niger, einem der ärmsten Län- weder Russland noch die Türkei wirkliche lich nicht voraussehen, dass 26 Jahre später
der der Welt. Tremeau bat die Kinder, sich Alternativen. Für diese Region, in der die der Brexit kommen würde. Und Rufe nach
für ein Porträtfoto zu verkleiden, ihren korrupten Eliten gewohnt sind, den Natio- anderen Exits.
Berufswunsch mit Gegenständen oder Klei- nalismus zu nutzen, um ihre Machenschaf- Populismus und Nationalismus, den Auf-
dungsstücken darzustellen. So fotografier- ten zu verdecken, ist nur noch Europa als stieg der Ignoranten, den Vormarsch der
te er in den vergangenen Jahren zukünftige Hoffnung geblieben – aber nicht das Ungebildeten, die Verunsicherung der Öf-
Diamantensammler, Piloten, Ladenbesitzer, Europa, das von den lokalen Politikern fentlichkeit durch die Produktion von Fake
Journalisten, Krankenschwestern, Soldaten ausgetrickst wird, sondern jenes Europa, News, die Verabschiedung europäischer
das in den neuesten Protestbewegungen Werte – all das, was vor 26 Jahren balka-
und mehrere Staatspräsidenten – und verteidigt wird. Jenes Europa, dem es gut nisch anmutete, erleben wir heute nicht
fragt: „Wie können wir diesen Kindern hel- geht, wenn es auch dem Balkan gut geht. nur in der EU, sondern auch in den USA.
fen, ihre Träume zu verwirklichen?“ Die „Neue Welle“ aus den frühen Acht- Vielleicht ist es noch nicht zu spät, um
zigern des 20. Jahrhunderts, dieser Schwa- vom Balkan etwas zu lernen. Die Lektion
Sehen Sie die Visual Story im digitalen nengesang der jugoslawischen Jugend- Nummer eins lautet: kein Nationalismus.
SPIEGEL, oder scannen Sie den QR-Code. kultur, war auch gegen das Establishment Die Lektion Nummer zwei: Europa hat
gerichtet. Außerdem strotzte die „Neue nur dann Sinn, wenn es auch Europa
Welle“ von einem ironisch-liebevollen bleibt – ein Ort der Demokratie, der Mei-
Selbstbewusstsein jenseits aller nationalis- nungsfreiheit und der Rechtsstaatlichkeit.
tischen Gefühle. Der Balkan als Ort der Die Lektion Nummer drei: Auch wenn der
Herkunft war ein Fluch, und genau das Punk mit leichter Verzögerung in den
war cool, so wie eine Ratte auf der Schul- Balkan gekommen war, heißt es nicht, dass
ter und ein Gesicht voller Piercings. es ihm dort schlecht ergangen ist. Die
Dieses Aufblühen der jugoslawischen Ju- Allianz mit den Sevdalinka-Liedern hat
J E TZ T DI G I TAL L E S E N gendkultur wurde allerdings bald von rechts ihm gutgetan. I

126 DER SPIEGEL 13 / 2017


Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom Fachmagazin „buchreport“ (Daten: media control);
nähere Informationen finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestseller

Belletristik Sachbuch

1 (1) Jussi Adler-Olsen 1 (–) Robin Alexander


Selfies dtv; 23 Euro Die Getriebenen
Siedler; 19,99 Euro
2 (–) Carlos Ruiz Zafón
Das Labyrinth Der Journalist rekonstruiert
der Lichter die Entscheidungen der
S. Fischer; 25 Euro
Politiker zur Flüchtlingswelle
seit September 2015
Der spanische Bestsellerautor (siehe auch Seite 130)
(„Der Schatten des Windes“)
legt den vierten und letzten 2 (1) Eckart von Hirschhausen Wunder
seiner Barcelona-Romane vor wirken Wunder Rowohlt; 19,95 Euro

3 (5) Martin Suter 3 (10) Leonhard Horowski Das Europa


Elefant Diogenes; 24 Euro der Könige Rowohlt; 39,95 Euro

4 (4) Elena Ferrante Meine geniale 4 (2) Cameron Bloom / Bradley Trevor Greive
Freundin Suhrkamp; 22 Euro Penguin Bloom Knaus; 19,99 Euro

5 (2) Julian Barnes Der Lärm 5 (3) Roger Willemsen


der Zeit Kiepenheuer & Witsch; 20 Euro Wer wir waren S. Fischer; 12 Euro

6 (6) Zsuzsa Bánk Schlafen werden 6 (4) Peter Wohlleben Das geheime Leben
wir später S. Fischer; 24 Euro der Bäume Ludwig; 19,99 Euro

7 (5) Andrea Wulf Alexander von Humboldt


7 (3) Sabine Ebert Schwert und Krone.
und die Erfindung der Natur
Meister der Täuschung Knaur; 19,99 Euro
C. Bertelsmann; 24,99 Euro

8 (7) Elena Ferrante Die Geschichte 8 (6) Yuval Noah Harari


eines neuen Namens Suhrkamp; 25 Euro Homo Deus C. H. Beck; 24,95 Euro

9 (8) Sebastian Fitzek 9 (11) Zana Ramadani Die verschleierte


Das Paket Droemer; 19,99 Euro Gefahr Europa; 18,90 Euro

10 (10) Paul Auster 10 (–) Kester Schlenz


4321 Rowohlt; 29,95 Euro Mutti baut ab Mosaik; 12 Euro

11 (9) Hanya Yanagihara 11 (7) Peter Wohlleben Das Seelenleben


Ein wenig Leben Hanser Berlin; 28 Euro der Tiere Ludwig; 19,99 Euro

12 (13) T. C. Boyle 12 (9) Horst Lichter Keine Zeit für


Die Terranauten Hanser; 26 Euro Arschlöcher! Gräfe und Unzer; 16,99 Euro

13 (12) Joanne K. Rowling / John Tiffany / 13 (–) Michael Quetting


Jack Thorne Harry Potter und das Plötzlich Gänsevater Ludwig; 19,99 Euro
verwunschene Kind Carlsen; 19,99 Euro
14 (13) Heinz Schilling
14 (–) Ian Rankin Ein kalter 1517 C.H. Beck; 24,95 Euro

Ort zum Sterben Goldmann; 20 Euro


15 (8) Michail Gorbatschow
15 (19) Juli Zeh Kommt endlich zur Vernunft –
Unterleuten Luchterhand; 24,99 Euro
Nie wieder Krieg! Benevento; 7 Euro

16 (14) Christian Nürnberger / Petra Gerster


16 (11) Takis Würger
Der rebellische Mönch, die entlaufene
Der Club Kein & Aber; 22 Euro
Nonne und der größte Bestseller aller
17 (–) Natascha Wodin Zeiten – Martin Luther Gabriel; 14,99 Euro
Sie kam aus Mariupol Rowohlt; 19,95 Euro
17 (15) Dalai Lama Der Appell des Dalai Lama
18 (14) Joanne K. Rowling an die Welt Benevento; 4,99 Euro

Phantastische Tierwesen und wo sie 18 (12) Elizabeth Blackburn / Elissa Epel


zu finden sind. Das Originaldrehbuch Die Entschlüsselung des Alterns
Carlsen; 19,99 Euro Mosaik; 24 Euro

19 (20) Simon Beckett 19 (–) Alfred Grosser


Totenfang Wunderlich; 22,95 Euro Le Mensch Dietz; 24,90 Euro

20 (15) Feridun Zaimoglu 20 (–) Volker Weiß Die autoritäre


Evangelio Kiepenheuer & Witsch; 22 Euro Revolte Klett-Cotta; 20 Euro

DER SPIEGEL 13 / 2017 127


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Kultur

MAX VON TREU / CONSTANTIN FILM


Darstellerinnen Rumpf, Dragus, Regisseur Lass: Anschauungsunterricht im Fach Überleben

Faustkampf und Feminismus


Kino „Tiger Girl“ erzählt von zwei Straßengören, die sich durch Berlin prügeln – und huldigt
einem modischen Filmemacher-Ideal: der jungen Großstadtkämpferin.

E
s geht los mit der knallharten Bauch- Hauptdarstellerinnen Ella Rumpf und Ma- ren, der Regisseur Jakob Lass und die Pro-
landung einer jungen Frau während ria Dragus spielen zwei Außenseiterinnen, duzentin Ines Schiller, nur ein Handlungs-
einer missglückten Turnübung. Es fol- die in der Berliner Gosse aufeinandertref- gerüst fürs improvisierte Sprechen vorge-
gen Tritte mit Lederstiefeln, auf Schädel- fen. Rumpf ist das Mädchen Tiger, das in geben, Lass spricht von einem „dramatur-
decken niedersausende Baseballschläger und einem zugemüllten Omnibus haust und mit gischen Skelett“. Und so hört man im Film
K.-o.-Hiebe mitten ins Gesicht. Der Film ein paar Straßenjungs befreundet ist, die nun das Mädchen Tiger, während sie irgend-
„Tiger Girl“ zeigt eine Menge Bilder, die sich heimlich auf einem Dachboden in der ein Obst mampft, Weisheiten verkünden
den Zuschauerinnen und Zuschauern durch Nachbarschaft einquartiert haben. Dragus wie die, dass es auch nur eine Form von
Mark und Bein gehen dürften. Er präsentiert ist die aus der Provinz zugezogene, gerade Gewalt sei, sich an die Benimmregeln zu
zwei Heldinnen, die eine glorreiche Freund- durch die Aufnahmeprüfung zur Polizeiaus- halten – „wenn du höflich bist, ist das Ge-
schaft schließen. Zwei Mädchen, die den bildung gerasselte Maggie, die bald den walt gegen dich“. Man sieht ihrer Freundin
meisten Leuten, denen sie begegnen, Angst Kampfnamen Vanilla verpasst bekommt. Vanilla bei absurden Kicheranfällen zu.
machen, ganz besonders aber den Jungs, die Die äußerlich schlimm spießerhafte Vanilla Und man begleitet Tiger und Vanilla, die
sie erotisch interessant finden. Zwei Frauen, will bei einem Wachdienst anfangen, als beide in Securityuniformen herumlaufen,
die sich um das, was die Welt von ihnen, ih- ihr Tiger über den Weg läuft und ihr eine auf Raubzügen durch eine Shoppingmall,
rem Tun und ihrem öfter mal wirren Gerede Lektion verpasst: in einem Grundkurs über wo sie Passanten mit ein paar Befehlen in
hält, offenbar einen Dreck scheren. das wilde, coole, kriminelle Berliner Leben. Flure und Hinterzimmer kommandieren
„Tiger Girl“ ist eine Zumutung – und ein Die Darstellerinnen Rumpf und Dragus und ihnen Handys und Geld abknöpfen.
Glücksfall fürs deutsche Kino. Die beiden reden weitgehend so, wie ihnen der Schau- Diese Tiger Girls sind Comicfiguren wie
spielerinnenschnabel gewachsen ist. Statt in den Neunzigern das stilprägende „Tank
Filmstart am 6. April. eines Drehbuchs haben ihnen die Filmauto- Girl“, der Film über sie ist eine Räuberinnen-
128 DER SPIEGEL 13 / 2017
WENN
MENSCHEN IHRE
pistole – andererseits bietet er halb doku- rinnen und -filmer widersetzten sich dieser
mentarische Einblicke in das Geschäft von verordneten Austreibung aller Geheimnis-
ANGST VERLIEREN,
Securityfirmen. Der Regisseur Lass zeigt Va- se aus dem deutschen Film. „Mich interes- KÖNNEN SIE
nilla beim sehr realistisch abgefilmten Schul- sieren die Zwischenräume in der Bezie-
bankdrücken in der Grundausbildung eines hung der Figuren, die nicht endgültig
Wachdiensts, wo sie sich die Regeln des geklärt werden“, sagt der Regisseur Lass.
UNGLAUBLICHES
Rechtsstaats und des Kapitalismus einbläuen „Die Kämpfe, die die beiden ausfechten, BEWEGEN
lässt. „Jede Ihrer Handlungen, die Sie hier die Spiele, die sie spielen.“ „Love Steaks“
durchführen, wird bewertet“, verkündet der haben Schiller und er ohne jede öffentliche
Ausbilder; Vanilla aber hat längst beschlos- Förderung gedreht, für „Tiger Girl“ haben
sen, sich nicht ins System zu fügen. sie als Geldgeber unter anderem die Chefs
Auf der Berlinale lief „Tiger Girl“ in von Constantin Film Oliver Berben und
einer Nebenreihe. Der Film wurde von vie- Martin Moszkowicz gefunden, die ihnen
len Kritikern gefeiert, der „Hollywood angeblich freie Hand ließen.
Reporter“ nannte ihn eine „aggressive, Wofür genau aber stehen Tiger und
moderne Parabel“ und einen „frechen fil- Vanilla? Sind sie Wiedergängerinnen der
mischen Essay“. Ein paar Verrisse gab es Rebellinnen von „Thelma & Louise“ oder
auch. Auf jeden Fall war das improvisierte Schwestern der Riot Girls, die in den Neun-
Werk der meistdiskutierte deutschsprachi- zigerjahren die Popwelt begeisterten? In
ge Film des Festivals, der sich auch im den künstlerisch herausragenden deut-
Wettbewerbsprogramm vermutlich sehr schen Autorenfilmen der jüngsten Zeit
viel besser geschlagen hätte als die dort in scheint der Typus des gegen Gesetz und
diesem Jahr gezeigten, allesamt krass ent- Konvention aufbegehrenden Mädchens
täuschenden deutschen Beiträge. das vorherrschende Frauenbild zu sein.
Der Filmemacher Lass und seine Mitau- Vielleicht ist es ein Zufall, vielleicht nur
torin Schiller gelten im deutschen Kino als eine Zeitgeistlaune, vielleicht eine feminis-
herausragende Nachwuchskräfte, seit sie tische Notwendigkeit: In Sebastian Schip-
2013 den Film „Love Steaks“ herausbrach- pers „Victoria“ nimmt die Titelheldin am
ten. Die Hauptrollen spielen ein teures Ho- Ende das geraubte Geld und rennt davon;
tel an der Ostsee und zwei Hotelbedienstete, in Nicolette Krebitz’ „Wild“ entschließt
die sich ineinander verlieben, dargestellt sich das Mädchen Ania zum Sprengen der
von Lana Cooper und Franz Rogowski. Der letzten zivilisatorischen Ketten; in Helene
hinreißend chaotische, gleichfalls weitge- Hegemanns demnächst startendem „Axo-
hend improvisierte Liebesfilm gewann lotl Overkill“ schlägt die Heldin Mifti eine
diverse Preise, gedreht war er nach den Re- Schneise der Verwüstung durch das Leben 464 Seiten mit Abb. | Gebunden
geln eines von den Filmemachern selbst ver- ihrer Mitmenschen und durch halb Berlin. ISBN 978-3-421-04751-9 | € 19,99 [D]
fassten Regelwerks, das das dänische Dog- Da ist eine ganze Menge weiblicher Auf- Auch als E-Book erhältlich
ma-Manifest freundlich verhöhnte. Jakob ruhrenergie unterwegs.
Lass und Ines Schiller tauften ihr Manifest Das Drama des zornigen jungen Mannes
auf den leicht albernen Namen „Fogma“. ist, so scheint es, im Augenblick gründlich Sie sind jung, sie sind frech, sie
Eine der Regeln lautet: „Fogma akzeptiert auserzählt. Der Kampf der traditionellen
keine Nettigkeit aus sozialer Faulheit.“ männlichen Kinorebellen richtete sich gegen verweigern sich dem System und
Das ist in „Tiger Girl“ ziemlich konse- eine übermächtige Vätergeneration, deren fordern den Staat heraus.
quent umgesetzt. Die Krawallmädchen Spießigkeit und kriegerischen Irrsinn, er ist
werden weder biografisch noch psycholo- längst geführt und im Großen und Ganzen Sie werden verfolgt, aber mit
gisch erklärt, die Zuschauerinnen und Zu- gewonnen. Die wütenden jungen Frauen jeder neuen Aktion verlieren sie an
schauer müssen sich schon selbst zusam- des Gegenwartskinos wirken jedenfalls auf-
menreimen, was sie so weit gebracht hat: regender und zeitgemäßer in einer Welt, die Angst und die Diktatur an Kraft.
Vanilla und Tiger sind laut und gemein, dazu jede Menge Anlass bietet: von alltäg- Deutschland erlebt von Leipzig aus
und wenn sie mal die richtigen Feinde er- licher sexueller Gewalt über miese Berufs-
wischen und ein paar wirklich bösen, zur chancen bis zu jenem emanzipatorischen zum ersten Mal in der Geschichte
Vergewaltigung entschlossenen Burschen Backlash, gegen den eine neue Generation eine gelungene Revolution.
die Knochen und die Köpfe einschlagen, von Feministinnen die Stimme erhebt.
dann geschieht das eher aus Zufall denn „Ich finde, Filme sollten keine politische Peter Wensierski erzählt die wahre
aus Gerechtigkeitsempfinden. Es sind selt- Agenda vor sich hertragen“, sagt der Re-
same Regeln, die angeblich in ihrer Welt gisseur Lass. „Filme sollten emotional und
Geschichte einer Gruppe junger
gelten und dann doch plötzlich verletzt irrational sein, beides sollte die Politik bes- Leute, die einen Kampf führen, den
werden dürfen. Auch was die beiden ge- ser vermeiden.“ Er selbst halte sich für
gensätzlichen Heldinnen eigentlich so an- einen Feministen. Ob sein Film eine femi-
andere für aussichtslos halten.
einander fasziniert, bleibt rätselhaft. nistische Botschaft habe, „das sollen die
Das ist aber weniger eine Schwäche als Zuschauer entscheiden“. Eine starke An-
eine Stärke dieses Films. Im deutschen sage ist er auf jeden Fall. Wolfgang Höbel
Kino sucht man Rätsel oft vergebens, weil
die dramaturgische Erklärungswut vieler Video: Regisseur Jakob Lass
Regisseure und ihrer Betreuer in Förder- über „Tiger Girl“
gremien und Fernsehredaktionen ungeheu- spiegel.de/sp132017tiger
er ist. Nur ein paar wenige Autorenfilme- oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 13 / 2017 129 www.dva.de


Kultur

Bayern. Der Befehl zur Schließung der Grenze ist ge-


schrieben, die Hundertschaften des Bundesgrenzschutzes
sind schon auf dem Weg. Doch Merkel und de Maizière
wollen die Verantwortung für die Entscheidung dann doch
nicht übernehmen: Der zuständige Polizeichef kann nicht
Danke, Merkel! garantieren, dass es keine Gewalt geben werde. Diese Bil-
der, glaubt Merkel, würden die Deutschen nicht aushalten.
„Die Getriebenen“ erzählt wenig Neues – so umfassend
Buchkritik Die Recherche „Die Getriebenen“ ist diese Geschichte nur noch nicht geschildert worden. Und
von Robin Alexander und der Roman das Buch ist voll großartiger Details. Wie Merkel und Horst
„Die Kanzlerin“ von Konstantin Richter Seehofer sich zerstreiten, weil Merkel sich weigert, zu einer
CSU-Feierstunde zum 100. Geburtstag von Franz Josef
rekonstruieren die Flüchtlingskrise. Strauß zu kommen – und Seehofer deshalb in der Nacht,
als die Flüchtlinge aus Ungarn kommen, nicht ans Telefon

E
s war ein Rausch, auf den ein Kater folgte. Dann geht. Wie Sigmar Gabriel und die Kanzlerin sich belauern.
mussten die Trümmer weggeräumt werden. Andert- Alexander erzählt, wie Merkel, die Flüchtlinge immer für
halb Jahre ist die sogenannte Grenzöffnung für ein Verliererthema hielt, sie in dieser Krise für sich als Her-
Flüchtlinge nun her, die in Wirklichkeit eine unterlassene zensthema entdeckt – zumindest für eine Weile. Vor allem
Grenzschließung war und das prägende Ereignis von An- beschreibt er, wie Politik funktioniert. Dass Überzeugungen,
gela Merkels Kanzlerschaft. Dann kam die Silvesternacht Eitelkeiten, Zufälle, alte Rechnungen, die noch offen sind,
von Köln. Und schließlich der Flüchtlingsdeal mit der Umfrageergebnisse, Terminkalender, Absprachen, interna-
Türkei, vor einem Jahr wurde er unterzeichnet. tionale Diplomatie und Fernsehbilder einen Wirbel ergeben
Deutschland ist ein anderes Land geworden, so viel ist können, aus dem Entscheidungen entstehen. Dass die AfD-
klar. Doch was ist in den entscheidenden Tagen genau pas- Politikerin Beatrix von Storch das Buch bejubelt, verwun-
siert? War die Nichtschließung der Grenze so alternativlos, dert vor diesem Hintergrund etwas. Alexander beschreibt
wie die Bundesregierung behauptete? Ist sie aus Menschen- keine Rechtsbrüche. Im Gegenteil. Er schildert, wie in un-
freundlichkeit erfolgt oder aus anderen Gründen? Wer hat übersichtlichen Situationen Politik gemacht wird.
mit wem wann geredet? Was ging in Angela Merkel vor? Die Kanzlerin weigerte sich, mit Alexander über ihre
Zwei neue Bücher versuchen, diese Fragen zu beantwor- Rolle zu sprechen. Einem Literaten wie Richter kann das
egal sein. Er empfindet nach, was sie ge-
dacht, gefühlt und gemeint haben könnte.
„Die Kanzlerin“ ist ein Entwicklungs-
roman, eine Erziehung des Herzens von
Angela Merkel. Am Anfang sitzt sie im
Konzertsaal der Bayreuther Festspiele,
hört sich die Oper „Tristan und Isolde“
an, denkt über ihr Leben nach und fühlt
sich zutiefst entfremdet von allem, was
sie umgibt: von ihrem Mann, ihrem Job,
ihrem Land. Dann kommen die Flüchtlin-
ge, und über die Bewältigung dieser Situa-
tion baut sich Merkel wieder eine Bezie-
hung zur Welt auf.
In dieser Idee können sich bestimmt vie-
STEFAN BONESS / IPON

le Deutsche wiederfinden – die beiden Bü-


cher dürften bei vielen Leserinnen und
Lesern die Gedanken und Gefühle des
Sommers 2015 zurückbringen. Der Er-
CDU-Wahlplakat mit Merkels Händen: Das kann sich keiner ausdenken kenntnisgewinn ist allerdings überschau-
bar. Denn irgendwie ist ja jeder Deutsche
ten. Zum einen „Die Getriebenen“ des Berliner Journa- seit der Flüchtlingskrise Bundeskanzler, so wie auch jeder
listen Robin Alexander, 41, der für die Tageszeitung „Die Deutsche während der WM Fußballbundestrainer ist. Rich-
Welt“ aus dem Kanzleramt berichtet. Mit einer großen ter hat ein Buch aus dieser Fantasie gemacht.
Recherche versucht Alexander, die Flüchtlingskrise zu re- „Das kann sich doch alles keiner ausdenken“, ist eines
konstruieren, das Buch ist der Überraschungsbestseller der Grundgefühle unserer Zeit. Mit einem US-Präsiden-
des Frühjahrs, eine Woche nach Erscheinen sind 80 000 ten, dessen Exmitarbeiter vom FBI auf den Verdacht
Exemplare im Handel. Zum anderen der Roman „Die untersucht werden, sich mit russischen Agenten zur Wahl-
Kanzlerin“ von Konstantin Richter, 45. Richter schreibt manipulation abgesprochen zu haben. Mit einem Fernseh-
für das englischsprachige Politmagazin „Politico“. Zwei komiker, der durch ein Schmähgedicht gegen den türki-
Wege zur Wahrheit: Journalismus versus Literatur. schen Präsidenten beinahe den Flüchtlingsdeal doch noch
Alexanders Buch beginnt am 12. September 2015. Seit zu Fall bringt. Mit einem französischen Präsidentschafts-
einer Woche strömen die Flüchtlinge über Österreich nach kandidaten, der offenbar nicht nur seine Familie schein-
beschäftigt hat, sondern auch von einem zwielichtigen
Robin Alexander: „Die Getriebenen“. Siedler; 288 Seiten; 19,99 Euro.
Afrikalobbyisten die Maßanzüge geschenkt bekam.
Konstantin Richter: „Die Kanzlerin“. Kein & Aber; 176 Seiten; 18 Euro. Dagegen kommt Literatur im Augenblick einfach nicht an.
Erscheint am 7. April. Tobias Rapp

130 DER SPIEGEL 13 / 2017


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Kathrin Nezik, Simone Salden, Jörg Deutsche Politik, Wirtschaft Stephanie Hoffmann, Bertolt Hunger, Kurt
Tel. 030 886688-100, Fax 886688-111; Auslandspreise unter www.spiegel.de/ausland
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Dietmar Hawranek, Michaela Schießl Deutschland, Wissenschaft, Kultur, Renate Kemper-Gussek, Ulrich Klötzer, Mengenpreise auf Anfrage.
Gesellschaft Tel. 030 886688-200,
Fax 886688-222
Ines Köster, Anna Kovac, Peter Lake- Der digitale SPIEGEL: 52 Ausgaben € 213,20
AU S L A N D Leitung: Britta Sandberg, meier, Dr. Walter Lehmann-Wiesner,
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