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WIE DAS
Das deutsche Nachrichten-Magazin WETTER
Hausmitteilung UNSERE
Betr.: Kabila, Abschiebungen, Borussia Dortmund
GEFÜHLE
durcheinanderwirbelt –
E s ist unklar, wie der Alltag
von Joseph Kabila aussieht.
Manche munkeln, der Präsident
und noch mehr überraschende
der Demokratischen Republik Entdeckungen
Kongo verbringe viel Zeit mit

DANIEL ETTER / DER SPIEGEL


Computerspielen, doch genau
weiß das keiner. Seinem Volk,
das unter Armut und Chaos lei-
det, zeigt er sich so gut wie nie.
Auch gegenüber der Presse hält
sich Kabila eher bedeckt. Nun Grill, Koelbl, Kabila in Kinshasa
bewog ihn sein Chefberater,
ein Gespräch mit den SPIEGEL-Redakteuren Bartholomäus Grill und Susanne
Koelbl zu führen. „Vielleicht schaffen Sie es, ihn zum Reden zu bringen“, meinte
er. Der Versuch gelang: Fast zwei Stunden lang nahm sich Kabila Zeit – und
lieferte einen verstörenden Einblick in seine Gedankenwelt. Wie angespannt
die Lage im Kongo mittlerweile ist, bekam auch Fotograf Daniel Etter zu spüren.
Er wurde während der Arbeit von Anhängern Kabilas angegriffen und von
der Polizei festgenommen. Erst nach einer Intervention des Präsidialamts kam
Etter wieder frei. Seiten 80, 82

ereits im Januar hatte SPIEGEL-Redakteur Steffen


B
Winter bei den sächsischen Behörden angefragt, ob
er einen Abschiebeflug von Leipzig ins tunesische En-
fidha begleiten könne. Vor allem die Polizei war anfangs
zurückhaltend – Abschiebungen scheinen schlecht fürs
Image zu sein, selbst dann, wenn davon kriminelle Män-
ner aus Nordafrika betroffen sind. Nach dreimonatiger
Verhandlung einigte man sich auf einen Deal: Er dürfe 224 Seiten mit Abbildungen
zwar nicht mit ins Flugzeug, den „Schübling“ Samir H. Klappenbroschur, A 14,99 (D)
aber vom Gefängnis zum Flughafen begleiten. Während Auch als E-Book erhältlich
DER SPIEGEL

der Mehrfachtäter, umringt von Polizisten, im Terminal


wartete, war er bereit, sich auch fotografieren zu lassen. Bei Südwind verlieben wir uns,
Ehlers, Zohra H. Das erste Bild schickte Winter sofort an seine Kollegin
und der Winter weckt unsere
Fiona Ehlers, die bereits in Enfidha auf den Charterflug
aus Leipzig wartete. Ehlers folgte Samir H. in sein Heimatdorf am Rande der Libido – der Wissenschaftsjournalist
Wüste und sprach dort auch mit seiner Mutter Zohra. So konnte sie sich einen Axel Bojanowski hat den Liebescode
Eindruck von den Lebensverhältnissen verschaffen, die Tausende junge Nord- des Wetters entschlüsselt und zeigt,
afrikaner nach Europa und oft genug in die Kriminalität treiben. „Viele dieser
wie Sonne, Wind und Regen unser
Männer haben keine Zukunft – nicht in Deutschland und nicht in ihrer Heimat“,
bilanziert die Redakteurin Katrin Elger, die einen jungen Marokkaner in der Gefühlsleben beeinflussen. In seinem
Justizvollzugsanstalt Wittlich in Rheinland-Pfalz traf. Seite 38 neuen Buch erzählt er von diesen
und vielen weiteren verblüffenden
U nmittelbar nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dort-
mund fragte Markus Feldenkirchen BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim
Watzke, ob er ihn für ein Porträt begleiten dürfe. Dem SPIEGEL-Autor schwebte
Naturgeheimnissen unseres Planeten
und erklärt, wie die großen Fragen
eine Geschichte über Fußball in Zeiten terroristischer Bedrohung und gnaden- der Klimaforschung und der
loser Kommerzialisierung vor – doch dann wurde er Zeuge eines erbitterten Geowissenschaft mit unserem Leben
Kleinkriegs zwischen Watzke und Trainer Thomas Tuchel. Er beobachtete, wie zusammenhängen.
verkrampft die beiden Männer miteinander umgingen, lange bevor der Dissens
über die Frage, wann genau die Mannschaft nach dem Attentat wieder antreten
solle, publik wurde. Zuletzt traf Feldenkirchen Watzke am vorigen Mittwoch,
einen Tag nach Tuchels Entlassung. Vor ihm saß ein gekränkter Mann, der sich
fragt, wie lange er seinen Job noch weitermachen soll. Seite 90

DER SPIEGEL 23 / 2017 5 www.dva.de


Der Bruch
Weltklima Mit der Kündigung des Pariser
Abkommens hat sich die einstige Führungsmacht
der freien Welt vollständig isoliert. Nun
steht die westliche Wertegemeinschaft gegen den
amerikanischen Präsidenten. Durch das trans-
atlantische Bündnis geht ein tiefer Riss. Seite 12

LUCAS JACKSON / REUTERS


K. HINZE / PICTURE ALLIANCE / ARCO IMAGES
STEFFEN JAENICKE / DER SPIEGEL
ARMIN SMAILOVIC / DER SPIEGEL

Schröder unplugged Schwierige Mission Die Wiege der Schönheit


Karrieren Seit einem halben Jahr ist Religion Das Pfingstwunder begründete Evolution Mit skurrilen Ritualen werben
Gerhard Schröder Aufsichtsratschef beim die christliche Kirche. Heute, in Zeiten der Vogelmännchen um Sexpartnerinnen; der
Fußballbundesligaverein Hannover 96. Säkularisierung und des Atheismus, amerikanische Ornithologe Richard Prum
Von seiner Loge aus regiert er als Strippen- bleiben die Kirchen beider Konfessionen hat ihr Treiben studiert. Die Balz, erklärt er
zieher im Hintergrund. Anders als in ziemlich leer. Sie sind auf der Suche im SPIEGEL-Gespräch, habe bei ihnen
seiner Zeit als Kanzler muss er dort keine nach einem neuen Heiligen Geist, der die einen Sinn fürs Schöne hervorgebracht – ähn-
Rücksicht mehr nehmen. Seite 30 Ungläubigen beseelt. Seite 108 lich wie bei uns Menschen. Seite 98

6 Titelbild: Illustration: Edel Rodriguez für den SPIEGEL


In diesem Heft

Titel Kongo Zwanzig Jahre nach dem Sturz


Mobutus herrscht Chaos im Land 80
Weltklima Donald Trump erklärt
der Vernunft den Krieg 12 SPIEGEL-Gespräch mit Präsident
Joseph Kabila über seinen Willen, an
Umwelt Eine neue Studie offenbart die der Macht zu bleiben, selbst
Mängel der deutschen Klimapolitik 20 wenn seine Amtszeit längst abgelaufen ist 82
SPD Kanzlerkandidat Martin Schulz China Ivanka Trump präsentiert sich
nennt Donald Trump im SPIEGEL-Gespräch als Feministin – aber für die
eine Gefahr für die Sicherheit Europas 22 Herstellung ihrer Mode werden auch
Arbeiterinnen ausgebeutet 85
Deutschland Brasilien Die Gewalt in Rios Favelas 86
Leitartikel Angela Merkel muss ihre
Außenpolitik neu ausrichten 8 Sport
Meinung Kolumne: Der schwarze Kanal / Das Phänomen Bernhard Langer /
So gesehen: Gefährliche Autokorrektur 10 Magische Momente: Bodo
Gabriel und Schäuble streiten um Vertiefung Illgner über seinen Champions-League-
der EU-Wirtschaftsunion / Rechte Gruppe Triumph mit Real Madrid 89
innerhalb der AfD im Visier des Verfassungs- r
schutzes / Dolmetscherin hegte Verdacht
Fußball Wie Dortmunds Vereinschef Mit elegante
gegen falschen Asylbewerber Franco A. 26
Hans-Joachim Watzke die
Gla s k a ra ff e
schwerste Phase seiner Amtszeit erlebt 90
Karrieren Wie Altkanzler Gerhard Schröder Affären Cristiano Ronaldo ist der
als Fußballaufsichtsrat neu erblüht 30 Wirklichkeit entschwebt 94
Diplomatie Der Vertreter der Schweiz in
der DDR zeigte erstaunliches Verständnis
für das Honecker-Regime 36 Wissenschaft
Migranten Jung, männlich, teilweise Was die DNA altägyptischer Mumien
kriminell – der schwierige Umgang mit über deren Herkunft verrät / China will die
Einwanderern aus Nordafrika 38 Todesstrafe für Hersteller toxischer
Familie Das Schicksal der Witwe des Medikamente / Einwurf: Wir sollten alle
Malers Jean Miotte 44 mehr schlafen 96
Kriminalität Wie zwei Männer mehrere Evolution SPIEGEL-Gespräch mit
Geldautomaten gesprengt und dem Ornithologen Richard Prum über
Hunderttausende Euro erbeutet haben sollen 46 den Ursprung der Schönheit,
Entensex und die Zähmung des Mannes
durch die weibliche Partnerwahl 98
Gesellschaft Verrückte Vögel – was Männchen
Früher war alles schlechter: Mütter im sich einfallen lassen,
Teenageralter / Was ist ein Fidget Spinner? 48 um Weibchen zu verführen 100
Eine Meldung und ihre Geschichte Über das Neurowissenschaft Ein Tübinger
Genre der „Mann vergisst Frau“-Meldung 49 Forscher bringt Gelähmten bei, mit
Internet Der Werber Gerald Hensel wollte Gedanken Prothesen zu steuern 102
gegen Fake News und Hate Speech vorgehen Verhütung Hormonspiralen des Pharma-
und verlor seinen Job dabei – jetzt startet konzerns Bayer stehen im
er die Aktion „Fearless Democracy“ 50 Verdacht, Frauen krank zu machen 104
Homestory Mein Diesel und ich 55
Kultur
Wirtschaft Noch mehr Scientologen im Haus der Kunst
Energiekonzerne tricksen beim Atomfonds / in München? / Dokumentarfilm
Konjunktur beschert Kassen üppiges Plus / über das Lebensdrama Whitney Houstons /
Bosch droht Ärger wegen Fiat-Software 56 Kolumne: Zur Zeit 106
Geld Indexfonds und datengesteuerte Religion Auf der Suche nach der
Anlageprogramme könnten Kirche der Zukunft 108
die Altersvorsorge revolutionieren 58 Kunst „Skulptur Projekte“ in Münster –
Unternehmer Ein japanischer Milliardär der Erfolg einer eigenwilligen Ausstellung 118
will einen der mächtigsten Intellektuelle Der Inder Pankaj Mishra
IT-Konzerne der Welt schaffen 64 verknüpft im SPIEGEL-Gespräch
Analyse Ein weiterer Schuldenrabatt für die Weltgeschichte mehrerer Jahrhunderte – Vom Hersteller
des Testsiegers.
Griechenland ist derzeit nicht dringlich 66 und entwickelt daraus eine
Konsum SPIEGEL-Gespräch mit luzide Analyse der Gegenwart 120
dem Industriedesigner Ed van Hinte Literaturkritik Ein neuer Krimi
über Kleidung aus Papier von Paula Hawkins, Autorin von
und die Grenzen des Recyclings 68 „Girl on the Train“ 124
Landwirtschaft Um billiges Schweine- Öko-TEST Jahrbuch
Essen,Trinken und
fleisch zu produzieren, werden Bestseller 123 Genießen 2005
trächtige Stuten zur Ader gelassen 71
Impressum 126
Leserservice 126
Ausland OImmer frisch gesprudeltes Wasser
Nachrufe 127
Präsident Macron und die erste Affäre Personalien 128 O Kohlensäure individuell dosierbar
seiner neuen Regierung / IS-Verbündete O Spart Geld
nehmen Stadt auf den Philippinen ein 72 Briefe 130
Großbritannien Porträt von Theresa May, Hohlspiegel / Rückspiegel 132
der zufälligen Premierministerin, die
im Wahlkampf plötzlich in der Kritik steht 74 Wegweiser für Informanten: www.spiegel.de/investigativ

www.sodastream.de
DER SPIEGEL 23 / 2017 7
Das deutsche Nachrichten-Magazin

Leitartikel

Zeitenwende, Epochenbruch
Nach Trumps Ausstieg aus dem Klimaabkommen muss sich die Kanzlerin neue Partner suchen.

D
ie Kündigung des Pariser Klimavertrages markiert ereifert, desto mehr verehren ihn seine Wähler – als den
eine Zeitenwende. Trotz aller Warnungen aus großen, tapferen Kämpfer gegen die politischen Eliten auf
seinem engsten Beraterkreis hat sich Donald beiden Seiten des Atlantiks.
Trump am Donnerstag aus dem Konsens der großen Na- Dass der Kohlebergbau in den USA trotzdem keine Zu-
tionen dieser Welt verabschiedet und den Kampf gegen kunft hat, weiß er wahrscheinlich selbst. Seine Klientel
den Klimawandel de facto für beendet erklärt. aber hat er vorerst bedient. Der Präsident dürfte selbst
Für die Klimakanzlerin Angela Merkel ist das nicht nur kaum an jene Ankündigung eines neuen Klimavertrages
ein Affront, sondern auch eine persönliche Niederlage. glauben, die er bei seinem Auftritt im Rosengarten des
Kein anderes internationales Projekt war ihr so wichtig Weißen Hauses gemacht hat. Warum sollte der Rest der
wie die Begrenzung der globalen Erwärmung auf zwei Welt jahrelang mit ihm über einen Vertrag verhandeln
Grad. Trump hatte schon auf dem G-7-Gipfel von Taormina wollen, der noch weicher ausfallen würde, als es das Pariser
düstere Andeutungen über eine bevorstehende Erklärung Abkommen schon ist?
zum Pariser Klimaabkommen gemacht. Nur mit Mühe war Der Bruch mit Trump fügt sich ein in eine lange Reihe
es Merkel und den übrigen Regierungschefs gelungen, einen außenpolitischer Niederlagen, die Merkel in den zwölf
Eklat auf dem Gipfel zu vermeiden. Jahren ihrer Kanzlerschaft einstecken musste: Putins Russ-
Erst danach, am vergangenen Sonntag in einem land gilt wieder als feindliche Macht, in der Ukraine
Münchner Bierzelt, sagte die Kanzlerin, was sie über herrscht Bürgerkrieg, die Türkei ist auf dem Weg in die
Trumps Performance wirklich denkt: „Die Zeiten, in de- Diktatur, Großbritannien verlässt die EU, Ungarn und
nen wir uns auf andere völlig ver- Polen setzen sich ab, Griechenland
lassen konnten, die sind ein Stück gefährdet den Euro – und nun
vorbei.“ werden auch noch die USA zum
Merkels Rede war so etwas wie Problem. Allzu viele Partner blei-
der vorweggenommene Kommen- ben den Deutschen nicht mehr.
tar zu Trumps Klimaentscheidung. Die Kanzlerin sollte mit ihnen
In Europa wie in den USA wurde pfleglich umgehen.
ihr Satz über die mangelnde Ver- Angela Merkel kennt im Grunde
lässlichkeit der Amerikaner als Epo- keine politischen Freundschaften,
chenbruch wahrgenommen: Seit anders als ihre Vorgänger, die ge-
1949 haben alle Kanzler auf das zielt nach Weggefährten suchten,
Bündnis mit Washington vertraut. mit denen sie gemeinsam Politik
68 Jahre lang galten die USA als machen konnten: Helmut Schmidt
zuverlässiger Partner der Bundes- mit Valéry Giscard d’Estaing, Hel-
BLOOMBERG / GETTY IMAGES

republik. mut Kohl mit François Mitterrand


In Wahrheit hat die Kanzlerin und Gerhard Schröder mit Tony
allerdings nur das Vertrauen in Blair. Merkel hat bisher keine sol-
eine Person verloren, in Donald che Achse gebildet, und mit Trump
Trump, und das zu Recht. Nur ist dies nicht möglich.
weil die USA derzeit von einem In ihrer Münchner Bierzeltrede
schlechten Präsidenten regiert wer- Kohlekraftwerk in Winfield, West Virginia zog sie aus dem Desaster immer-
den, darf dies nicht das Ende der hin die richtige Konsequenz: „Wir
transatlantischen Partnerschaft bedeuten. Die Bindungen Europäer“, so sagte sie, „müssen unser Schicksal wirklich
zwischen Deutschland und Amerika sind so eng, dass in unsere eigene Hand nehmen.“ Vielleicht dachte sie da-
auch ein Donald Trump sie nicht ruinieren kann oder bei an die Forderung Trumps, dass die Deutschen mehr
können darf. für die Rüstung ausgeben müssten. Doch mit Panzern und
Merkel hätte das so sagen können, aber in den Zeiten Kriegsschiffen wird das Projekt Europa nicht gerettet.
des Wahlkampfes schlägt auch sie lieber laute Töne an. Wenn Angela Merkel wirklich etwas gegen die Erosion
Damit verhält sie sich zwar nicht so schroff wie ihr Anti- der EU und für das Pariser Abkommen tun will, muss sie
pode im Weißen Haus, aber undiplomatisch. Ein paar Stim- eine Achse mit dem französischen Präsidenten Emmanuel
men mehr von der stetig größer werdenden Schar der Macron bilden, die auch auf persönlichem Vertrauen be-
Amerikafeinde sind der CDU-Vorsitzenden offenbar den ruht. Macrons Vorschläge für eine europäische Finanz-
Skandal wert, zumal sie damit das Trump-Bashing der politik mögen ambitioniert sein und die Deutschen eine
SPD kontern kann. Allerdings profitiert auch Trump von Menge Geld kosten. Die Kanzlerin sollte sie sich trotzdem
solchen Konflikten, mit Krawall macht er Politik. Der Aus- zu eigen machen. Helmut Kohl hatte Milliarden in die
stieg aus dem Klimaabkommen folgt diesem Rezept: Je Einheit Europas investiert, den Deutschen hat das nur ge-
mehr sich die Welt über den Klimaleugner Donald Trump nützt. Martin Doerry

8 DER SPIEGEL 23 / 2017


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Meinung
Jan Fleischhauer Der schwarze Kanal

Prinzip Stegner
Niemand kann so mür- noch nicht diejenigen mitgezählt, denen es
risch gucken wie Ralf zu peinlich ist, ihre Ahnungslosigkeit zu Covfefe
Stegner. Wenn es ei- bekennen, wenn der Meinungsforscher an- So gesehen Endlich kann
nen Politiker gibt, ruft. 36 Prozent halten Manuela Schwesig
dem man gleich an- für diese nette Frau aus der Kinder-Schoko- sich Donald Trump so
sieht, wie ihm zumu- lade-Werbung. Es ist leicht, die Menschen ausdrücken, wie er will.
te ist, dann er. Deswe- an der Spitze abzusetzen, die einem nicht Die Autokorrektur seines
gen zeigen die Medien passen. Das geht ratzfatz. Aber finden Sie Handys hätte Trump beinahe
ihn auch so gern. Stegner mal einen guten Ersatz! in den Warenkorb getrieben.
ist SPD-Fraktionschef im Kieler Landtag Stegner ist ein politischer Raufbold. Das Eine Sekunde nicht aufge-
und stellvertretender Bundesvorsitzender. ist eine andere Sache, die ich an ihm schät- passt, schon schreibt das Ding
Es gibt wichtigere Personen bei den Sozial- ze. Die meisten Leute denken, er sei total „Pelikan“ statt „Peking“ oder
demokraten. Aber immer wenn in den verbissen. Aber wo er ist, da ist Stimmung „Vollrausch“ statt „Volksrepu-
letzten Wochen das Elend der SPD abgebil- in der Bude. Voriges Jahr rief mich jemand blik“, und alle Schienen re-
det werden sollte, war Stegner zu sehen. aus seinem Team an und wollte wissen, ob gen sich aus. Schinken. Chips-
Er kann die Mundwinkel so weit nach un- ich Lust hätte, gemeinsam mit ihm auf der letten. Die aus Asien halt.
ten ziehen, dass die Leute die Milch vom Bühne zu stehen. Mich hat schon die Junge Wenn man in Deutschland
Tisch nehmen, wenn er im Fernsehen auf- Union eingeladen und die FDP, aber noch Trumps Namen schreiben
taucht, damit sie nicht sauer wird. nie jemand von der SPD. Mir hat das viel will, macht die Autokorrektur
Viele Menschen mögen Stegner nicht. Er über Stegner gesagt: Er streitet lieber mit übrigens „Trümmer“ daraus.
ist das, was man eine Hassfigur nennt. Als jemandem, der anderer Meinung ist, als Trump ist nicht der Erste mit
er anfing, auf Twitter kleine Gedichte zu sich und sein Publikum zu langweilen. diesem Problem. Bereits vor
schreiben, bildete sich sofort ein Anti-Steg- Ständig ist die Rede davon, dass die Poli- Jahren beschwerte sich ein
ner-Fanclub, der jedes Gedicht höhnisch tik lauter Typen hervorbringe, die man Mann namens Bill Vignola
kommentierte. Nach dem Wahldebakel in nicht unterscheiden könne. Wenn dann bei Microsoft, weil die Recht-
Schleswig-Holstein hieß es, er solle Platz mal jemand kantig ist und unverwechsel- schreibsoftware ständig „Bill
machen für jemanden Unverbrauchtes. Er bar, ist es auch wieder nicht recht. Ich fin- Vaginal“ aus ihm machte. Für
wäre wahnsinnig gern Generalsekretär der de nahezu alles falsch, was Stegner sagt. Trump, der gern twittert, be-
SPD geworden, aber der Posten ging diese Ginge es nach Stegner, würden in Berlin deutete die automatische Kor-
Woche an einen Funktionär aus der dritten die Kommunisten mitregieren und der Spit- rektur eine besondere Gefahr.
Reihe. zensteuersatz läge bei 112 Prozent. Dafür Als Präsident drehen sie ihm
Ich glaube, was Stegner angeht, liegt ein weiß man bei ihm, woran man ist. Ich bin ja ohnehin jedes Wort im
Missverständnis vor. Die SPD sollte froh sicher, es ist anstrengend, Ralf Stegner zu Mund um. Letzte Woche zum
sein, jemanden wie ihn zu haben. Ich mei- sein. Aber einer muss den Job ja machen. Beispiel, Riesenaufregung,
ne das ernst. Haben die Leute eine Ah- „Kopf hoch, Ralle!“, würde ich ihm am weil Trump die Deutschen als
nung, wie schwer es ist, so bekannt zu wer- liebsten zurufen. „bad, very bad“ bezeichnet
den wie der Mann aus Kiel? Bis heute haben soll. Gesagt hat er ver-
wissen neun Prozent der Deutschen nicht, An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, mutlich „beard“, Bart, oder
wer Thomas de Maizière ist. Und da sind Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel. „lad“, Kumpel. Die Deut-
schen, Trumps bärtige Kum-
pel! Hätte gleich ganz anders
geklungen.
Kittihawk Inzwischen hat Trump he-
rausgefunden, wie sich die
Autokorrekturfunktion als
Quelle von Missverständnis-
sen abstellen lässt. Das eröff-
net ihm nun die Möglichkeit,
endlich authentisch zu sein
und so zu formulieren, wie
er es auch handschriftlich tut.
Am Mittwoch twitterte er
dann gleich seinen ersten
Satz ohne Korrekturpro-
gramm: „Despite the con-
stant negative press covfefe“.
Zwar weiß bis heute nie-
mand, was „covfefe“ bedeu-
tet, aber Trump nicht zu ver-
stehen ist weit sicherer, als
ihn zu verstehen.
Alexander Neubacher

10 DER SPIEGEL 23 / 2017


Südtirol sucht

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suedtirol.info/naturtalente
Triumph der Dummheit
Weltklima Noch nie hat ein US-Präsident mit solch unverhohlenem Nationalismus
argumentiert wie Donald Trump. Sein Rückzug aus dem Pariser Klimaabkommen
ist eine Kriegserklärung an die Völkergemeinschaft – und an die Vernunft.

12 DER SPIEGEL 23 / 2017


Titel

Präsident Trump
Jobs, Jobs, Jobs

der den Namen der französischen Haupt-


stadt trägt, das Klimaabkommen von Paris.
„Der Klimawandel ist real, und er trifft die
ärmsten Länder“, sagte Macron.
Dann erinnerte der Kanadier Justin
Trudeau den amerikanischen Präsidenten
daran, wie erfolgreich man das Ozonloch
bekämpft hatte und wie es gelungen war,
die Industrie zu überzeugen, die schädli-
chen Gase zu reduzieren.
Und schließlich Merkel. Erneuerbare Ener-
gien, so die Kanzlerin, böten für die Wirt-
schaft eine Chance. „Wenn die größte Wirt-
schaftsmacht aussteigt, überlässt man das
Feld den Chinesen“, warnte sie. Xi Jinping,
der chinesische Präsident, sei schlau, er wer-
de eine solche Lücke nutzen. Sogar die Sau-
dis richteten sich doch schon auf die Zeit
nach dem Öl ein. Und überhaupt: Energie
einzusparen sei für die Wirtschaft auch aus
vielen anderen Gründen erstrebenswert,
nicht nur wegen des Klimaschutzes.
Doch Donald Trump war nicht zu über-
zeugen. Kein noch so kluges Argument,
das die zunehmend frustrierte Runde der
Staatschefs vorbrachte, zeigte Wirkung.
„Für mich“, sagte der US-Präsident, „wäre
es einfacher, wenn wir in dem Abkommen
bleiben.“ Aber: Die Umweltauflagen kos-
teten die amerikanische Industrie Jobs.
Und darum gehe es. Um Jobs, Jobs, Jobs.
In diesem Moment war den Staats- und
Regierungschefs am Tisch klar, dass sie ihn
endgültig verloren hatten. Resigniert gab
sich der Franzose Macron geschlagen:
„Jetzt führt China.“
Trotzdem hatte wohl keiner der Staats-
und Regierungschefs erwartet, mit welcher
brutalen Primitivität Trump sich aus der
Völkergemeinschaft verabschieden würde.
Umgeben von Claqueuren kündigte er am
Donnerstag nicht nur den Ausstieg aus
dem Klimaabkommen an, er erklärte der
Vernunft den Krieg. Sein Auftritt im Ro-
sengarten des Weißen Hauses war ein
Bruch mit jahrhundertelanger Aufklärung
LUCA BRUNO / DPA

und Rationalität. Der Präsident verkünde-


te sein politisches Statement als ein natio-
nalistisches Manifest in seiner dümmsten
Ausprägung. Schlimmer hätte es nicht
kommen können.
Seine Rede war gespickt mit Fantasie-

B
is zuletzt hatten sie hinter verschlos- mittag voriger Woche aus dem luxuriösen zahlen aus umstrittenen oder widerlegten
senen Türen versucht, ihn umzu- Tagungshotel im sizilianischen Taormina, Studien, sie war scheinheilig und verlogen.
stimmen. Noch einmal trugen sie das dem SPIEGEL zugänglich gemacht wur- Für Trump ist das Klimaabkommen ein In-
alle Argumente vor, die humanitären, die de. Am Tisch saßen die Führer der sieben strument, mit dem sich andere Länder auf
machtpolitischen und natürlich die ökono- mächtigsten westlichen Industrienationen. Kosten Amerikas bereichern. „Ich wurde
mischen. Sie zählten die Vorteile auf. Für Das Thema: Global economy and sustai- gewählt, um die Bürger von Pittsburgh zu
die Wirtschaft, die amerikanischen Unter- nable development – Weltwirtschaft und vertreten, nicht die von Paris“, sagte er.
nehmen. Sie erklärten, wie niedrig die Auf- nachhaltige Entwicklung. Trump ließ keinen Zweifel daran, dass es
lagen sein würden. Den Anfang hatte der frisch gewählte für ihn keinen höheren Wert gebe als das
Als Letzte ergriff Kanzlerin Angela Mer- französische Präsident gemacht, Emmanu- wirtschaftliche Wohlergehen der USA. Es
kel das Wort. So jedenfalls verzeichnet es el Macron. Verständlich, dass der Franzose sei kein Wunder, dass die anderen Länder
das geheime Protokoll vom Freitagnach- für den völkerrechtlichen Vertrag kämpfte, applaudiert hätten, als Washington das
DER SPIEGEL 23 / 2017 13
NOAH BERGER / AP
Autowracks nach einem Waldbrand in Kalifornien: „Wer sich nicht widersetzt, macht sich mitschuldig“

Abkommen unterzeichnete, sagte er. „Wir sich beim Säbeltanz mit den Saudis dem Amerika Trumps die transatlantische
wollen nicht länger, dass andere Länder wohlerfühlt als im Kreise seiner Nato-Part- Freundschaft aufgekündigt – ein Stück
und politische Führer über uns lachen. Und ner. In den vergangenen Tagen trieb die weit.
sie werden es nicht mehr tun.“ Entfremdung auf einen neuen Höhepunkt Die deutsche Kanzlerin ist zur Gegen-
Für das Klima ist Trumps Ausstieg eine zu: erst die Standpauke Trumps bei der spielerin Trumps auf der internationalen
Katastrophe. Mit den USA verabschiedet Nato, dann der Streit um das Klimaab- Bühne geworden. Merkel hat die Heraus-
sich der zweitgrößte Verursacher von kommen, schließlich Merkels Bierzeltrede forderung angenommen, in der Handels-
Treibhausgasemissionen aus den interna- in Trudering, kurz darauf Trumps Han- politik, im Streit um die Finanzierung der
tionalen Bemühungen, den Klimawandel delskriegserklärung per Twitter – und nun Nato und jetzt bei einem Thema, das ihr
aufzuhalten. Das Land, das nach China der Ausstieg Amerikas aus der Klimage- besonders am Herzen liegt: dem Klima-
am meisten dazu beiträgt. Amerika stellt meinschaft. schutz.
sich gegen den Rest der Welt – gemeinsam Nun sind all jene ernüchtert, die ge- Nun will Merkel ein Bündnis gegen
mit Syrien und Nicaragua, den einzigen glaubt hatten, Trump ließe sich einhegen, Trump schmieden. Wenn sie den US-Prä-
Staaten, die das Abkommen von Paris sidenten nicht überzeugen kann, so ihr An-
nicht unterschrieben haben. satz, wird sie versuchen, ihn zu isolieren.
Doch mindestens ebenso katastrophal Berlin hatte auf eine Dem 6 zu 1 von Taormina soll, falls er
dürften die Folgen für das weltpolitische nicht einlenkt, beim G-20-Gipfel im Juli
Klima sein. Trumps Auftritt war der vor- Lernkurve Trumps gehofft. in Hamburg ein 19 zu 1 folgen. Ob dies ge-
läufige Höhepunkt des Zerwürfnisses zwi- lingt, ist allerdings völlig offen.
schen Amerika und den Europäern, wie Jetzt ist klar: Wenn es sie Trump hat Deutschland als Hauptgegner
es das seit dem Ende des Zweiten Welt-
kriegs nicht gegeben hat.
gibt, zeigt sie nach unten. ausgemacht. Seit er im Januar sein Amt
antrat, griff er mit Ausnahme von Nord-
Nun steht die westliche Wertegemein- korea und Iran kein Land so scharf an wie
schaft gegen den amerikanischen Präsiden- das Amt werde ihn zur Vernunft bringen. Deutschland: „bad, very bad“ nannte er
ten. Aus G-7 ist G-6 geworden. Der Westen Berlin hatte auf den mäßigenden Einfluss die Deutschen in Brüssel. Hinter verschlos-
ist gespalten. seiner Berater gehofft, auf eine Lernkurve. senen Türen stellte der US-Präsident
Ein Dreivierteljahrhundert haben die Jetzt, da Trump das Klimaabkommen tat- Deutschland bei der Nato an den Pranger.
Vereinigten Staaten Europa geführt und sächlich aufgekündigt hat, ist klar: Wenn Es gebe ja große und wohlhabende Staa-
geschützt. Bei allen Fehlern und Unzuläng- es sie gibt, zeigt sie nach unten. ten, die ihren Verpflichtungen im Bündnis
lichkeiten der amerikanischen Außenpoli- Die Kanzlerin hatte lange gezögert, den nicht nachkämen, so Trump.
tik von Vietnam bis Irak stand der Füh- Bruch sichtbar werden zu lassen. Für sie, Und er will Deutschlands Wirtschafts-
rungsanspruch der USA für die freie Welt die frühere DDR-Bürgerin, war das Bünd- macht brechen. Das amerikanische Han-
nie grundsätzlich infrage. nis mit den USA immer viel mehr als delsdefizit gegenüber Deutschland sei sehr
Das ist nun vorbei. Jetzt werden die politische Ratio, es entsprach ihrer tiefen schlecht für die USA, twitterte der Präsi-
USA von einem Präsidenten geführt, der persönlichen Überzeugung. Jetzt hat sie dent. „Das wird sich ändern.“

14 DER SPIEGEL 23 / 2017


TIZIANA FABI / AFP
Teilnehmer des G-7-Treffens mit afrikanischen Staats- und Regierungschefs*: Höhepunkt der Entfremdung von den USA

Es ist ein niederschmetterndes Fazit, das ihr Mann Jared Kushner, Kabinettsmit- ner kritisierten den Klimavertrag mit dem
Merkel nach dem Ende von Trumps Be- glieder wie Außenminister Rex Tillerson fadenscheinigsten aller Argumente. Den
such zog. Noch nie seit dem Ende des und Energieminister Rick Perry, dazu so USA drohten rechtliche Konsequenzen,
Zweiten Weltkriegs ist es zum offenen gut wie die gesamte Wirtschaftselite des wenn sie ihre Klimaziele verfehlten oder
Bruch gekommen, nie war die Entfrem- Landes. nach unten korrigierten.
dung so groß wie heute. Als sich Kanzler Konzerne von Exxon und Shell über Dabei war das Abkommen von Paris ja
Gerhard Schröder gegen den Irakkrieg von Google, Apple und Amazon bis hin zu überhaupt nur mehrheitsfähig, weil es kei-
George W. Bush stellte, verweigerte er den Walmart und PepsiCo appellierten an ne Sanktionsmöglichkeiten vorsieht. Als
USA in dieser einen Frage die Gefolgschaft Trump, die USA klimapolitisch nicht ins einzige Vorgabe müssen die Mitgliedstaa-
– eine schwere Belastung war das, aber Abseits zu stellen. Sie fürchten, im inter- ten alle fünf Jahre berichten, wie weit sie
doch anders als heute kein Zerwürfnis, das nationalen Wettbewerb ins Hintertreffen mit ihren selbst gewählten Klimaschutz-
die gemeinsamen Werte infrage stellte: zu geraten in einer Welt, die sich auch maßnahmen gekommen sind.
Freihandel, Minderheitenrechte, Presse- ohne die USA in Richtung grüne Energie Darin liegt die Absurdität des trump-
freiheit, Rechtsstaatlichkeit – und Klima- bewegt. Google, Microsoft oder Apple sind schen Theaters: Nichts wäre für die USA
politik. längst dabei, ihren Stromverbrauch auf leichter gewesen, als pro forma am Ver-
Um die Tragweite von Trumps Entschei- regenerative Energien umzustellen. Und handlungstisch der Uno zu sitzen und den
dung zu erfassen, muss man sich daran er- zwar vollständig. Auch in den USA boo- Klimaschutz dennoch komplett einzustel-
innern, was Klimawandel für die Mensch- men Wind- und Solarparks – und kaum len – woran Trump ohnehin arbeitet, seit
heit bedeutet. Was hinter der oft so ab- ein Investor versenkt sein Geld noch in er an der Macht ist.
strakten Debatte um Temperaturkurven, Kohlegruben. So plant er per Dekret, Obamas Ver-
Emissionen und Reduktionsziele steht. Eine Reihe amerikanischer Bundesstaa- mächtnis für den Klimaschutz, den „Clean
Klimawandel bedeutet, dass Millionen ten – allen voran Kalifornien – gehen auf Power Plan“, zu verstümmeln. Dieser sieht
Menschen zu verhungern drohen, weil in entschiedenen Antikurs zu Trumps Klima- unter anderem vor, alte Kohlekraftwerke
manchen Regionen der Erde der Regen politik, nach einer Umfrage des Chicago zu schließen, den Ausstoß von Methangas
ausbleibt. Er bedeutet, dass der Meeres- Council on Global Affairs sind fast drei aus Öl- und Erdgasquellen zu verringern
spiegel steigt, Inseln und Küsten überflutet Viertel der Amerikaner gegen den Aus- und Fahrzeuge sparsamer und umwelt-
werden. Klimawandel bedeutet schmelzen- stieg aus dem Klimavertrag. freundlicher zu machen. Ohne diese Maß-
des Eis, stärkere Stürme, Hitzewellen, Was- Auf der anderen Seite stehen rechte Na- nahmen wird Obamas Ziel, den Ausstoß
serknappheit und tödliche Seuchen. All tionalisten wie Trumps Chefstratege Ste- von Treibhausgasen bis 2025 im Vergleich
das führt zu Konflikten um knapp werden- phen Bannon, die den Klimawandel schon zu 2005 um bis zu 28 Prozent zu verrin-
de Ressourcen, zu Flucht und Migration. deshalb leugnen, weil seine Bekämpfung gern, kaum erreichbar sein. Aber Trump
Auch in den USA hatte es bis zuletzt internationale Zusammenarbeit erfordern will ja auch in die entgegengesetzte Rich-
Stimmen gegeben, die den Präsidenten vor würde. Mächtige Vertreter der Republika- tung gehen. Um die USA von Energie-
den Folgen seiner Entscheidung warnten. importen weniger abhängig zu machen,
Trumps Tochter Ivanka gehörte dazu und * Am vergangenen Samstag im sizilianischen Taormina. will er zurück zur Kohle, einer der schmut-
DER SPIEGEL 23 / 2017 15
Titel

Wie bitter dieser Satz für sie gewesen


sein muss, wie tief die Enttäuschung, ist
nicht zu unterschätzen. Mit dem westdeut-
schen Antiamerikanismus konnte Merkel,
die im Machtbereich der Sowjetunion auf-
wuchs, nie etwas anfangen. Das Europa
jenseits des Eisernen Vorhangs verdankte
seine Freiheit nach 1989 auch der Verläss-
lichkeit der USA.
Für ihre transatlantischen Überzeugun-
gen bewies Merkel eine bemerkenswerte
Leidensfähigkeit. Sie kam einer offenen
Unterstützung des Irakkriegs gefährlich
nahe und pflegte eine persönliche Freund-
schaft mit George W. Bush – obwohl die
meisten Deutschen den US-Präsidenten

PABLO MARTINEZ MONSIVAIS / AP


ablehnten. Später ging Merkel stoisch mit
dem Lauschangriff der NSA auf ihr Mobil-
telefon um. Und sie wehrte sich nicht, als
Trump ihre Flüchtlingspolitik als „irrsin-
nig“ bezeichnete.
Umso heftiger schlug jetzt Merkels Satz
vom verlorenen Vertrauen ein. Das war
Nationalist Trump*: „Gewählt für die Bürger von Pittsburgh, nicht für die von Paris“ eine neue Tonlage, und Merkel wusste,
dass sie für Aufregung sorgen würde. Sie
zigsten Energiequellen überhaupt. Dabei Das Problem ist, dass all das nicht genügt, wollte es so.
war dieses Ziel dank billigem und weniger um die Erwärmung der Erde, wie im Pariser Ihr Satz ging sofort um die Welt und
umweltschädlichem Erdgas schon Jahre Klimavertrag vorgesehen, auf deutlich un- wurde von den Trump-Gegnern in den
vor seinem Amtsantritt erreicht. ter zwei Grad zu beschränken. Viel mehr USA aufgegriffen, als Beleg dafür, dass die
Für Deutschland und Europa geht es Einsatz, mehr Entschlossenheit wären nötig, mächtigste Frau Europas die Hoffnung ver-
nun darum, die anderen Nationen bei der vor allem in den Ländern, die es sich leisten loren hat, Trump lasse sich noch zur Ver-
Stange zu halten. In Berlin wird daran könnten. Deutschland etwa wird sein Ziel, nunft bringen.
schon seit Wochen gearbeitet. Wegen der den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2020 Merkel bekommt für Parteiauftritte im-
längst sichtbaren Folgen des Klimawandels um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 mer ein Manuskript aus dem Adenauer-
und der fallenden Preise für regenerative zu senken, ziemlich sicher verpassen. Haus, aber die entscheidenden Sätze fügt
Energien hält man den eingeschlagenen In Taormina setzte Kanzlerin Merkel al- sie selbst ein. Die Passage über Europas
Weg global für unumkehrbar. les daran, den amerikanischen Präsidenten Verbündeten war ein Signal über den
Die EU, aber auch China und Indien hät- zu isolieren. Sie wollte den Streit zwischen Atlantik, aber auch nach innen, nach
ten ein großes Interesse, vom fossilen Ener- den USA und den Verbündeten in der Ab- Deutschland. Mit ihrer Rede in Trudering
gieverbrauch wegzukommen, heißt es. So- schlusserklärung über den Klimapakt aus- eröffnete sie den Wahlkampf.
gar Emissäre Russlands und Saudi-Ara- drücklich erwähnen. Üblicherweise wer- Merkel weiß, dass die SPD die Außen-
biens, deren Regierungen nicht gerade als politik zum Thema machen will, die Partei
enthusiastische Anhänger regenerativer hat damit gute Erfahrungen gemacht. Wil-
Energien gelten, hätten den Deutschen Noch nie seit dem ly Brandt schnitt bei den Bundestagswah-
signalisiert: „Paris wird eingehalten.“ len 1969 und 1972 auch deshalb gut ab, weil
Demonstrativ bekräftigten Merkel und Ende des Zweiten Welt- er sich gegen die bis dahin gültige Politik
Chinas Ministerpräsident Li Keqiang am des Kalten Krieges stellte. Und Gerhard
Donnerstag in Berlin ihr Bekenntnis zum kriegs war die Entfremdung Schröder sicherte sich den Wahlsieg 2002
Pariser Abkommen. Der Chinese nahm
sogar das Wort vom „grünen Wachstum“
so groß wie heute. nicht zuletzt durch sein striktes Nein zu
einer deutschen Beteiligung am Irakkrieg.
in den Mund. Am vergangenen Montag nutzte Sigmar
China und auch Indien werden ihre Kli- den in solchen Dokumenten Differenzen Gabriel einen runden Tisch zum Thema
maziele wohl nicht nur einhalten, sondern eher verschwiegen. Migration im Außenamt dazu, mit Trump
sogar übertreffen. So reduziert China sei- Beim G-20-Treffen im Juli in Hamburg abzurechnen. Die großen Herausforderun-
nen Kohleverbrauch seit drei Jahren, Pläne will Merkel es genauso halten. Dann sollen gen der Gegenwart, etwa der Klimawandel,
für über hundert neue Kohlekraftwerke sich die anderen Staaten gegen die USA würden „durch den neuen US-amerikani-
wurden annulliert. Auch Indien verzichtet stellen. Das ist zumindest Merkels Hoffnung. schen Isolationismus nur größer“, sagte
auf neue Kohlekraftwerke und wird sein Selbst wenn Saudi-Arabien seinen Alliierten der Außenminister. Wer sich einer solchen
Ziel, 40 Prozent seiner Elektrizität aus Trump doch unterstützen sollte, stünde es Politik nicht widersetze, so Gabriel,
nicht fossilen Quellen zu erzeugen, wohl am Ende noch 18 zu 2. Das sähe für Wa- „macht sich mitschuldig“. Das zielte direkt
schon 2022 erreichen, acht Jahre früher als shington nicht unbedingt besser aus. auf die Kanzlerin.
geplant. Beide Länder investieren in So- Merkel jedenfalls tut alles dafür, Trump Doch mit ihrer Truderinger Rede hat
lar- und Windenergie, in beiden ist Strom unter Druck zu setzen. „Die Zeiten, in de- sich Merkel gegen den Vorwurf gewappnet,
aus sauberen Quellen häufig günstiger als nen wir uns auf andere völlig verlassen eine willige Gehilfin Trumps zu sein. Auch
Kohlestrom. konnten, die sind ein Stück vorbei“, sagte wenn sie mit Washington im Gespräch blei-
sie am vergangenen Sonntag in einem Bier- ben will. Vor der CDU/CSU-Bundestags-
* Am Donnerstag bei seiner Rede im Rosengarten. zelt in Trudering. fraktion sagte sie am Dienstag, die trans-

16 DER SPIEGEL 23 / 2017


GORAN TOMASEVIC / REUTERS
Junge in Kenia: Millionen Menschen drohen zu verhungern

atlantischen Beziehungen hätten nach wie Der neue Präsident verzichtete bislang Trump seinerseits hat, soweit man das
vor „herausragende Bedeutung“. Aller- auch darauf, die amerikanische Botschaft sagen kann, einen sehr funktionalen Blick
dings dürfe man Differenzen nicht unter in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem zu auf Merkel. Er will, dass sie die Verteidi-
den Teppich kehren. verlegen. Er ließ das Iranabkommen erst gungsausgaben erhöht und das Handels-
Wie schwer es mit dem amerikanischen einmal in Kraft und revidierte seine Aus- defizit zugunsten der USA verändert,
Präsidenten werden würde, hatte Merkel sage, wonach die Nato obsolet sei. Im selbst wenn das politisch unmöglich ist.
früh erkannt. Sie sah sich seine Auftritte Kanzleramt keimte schon die Hoffnung, Und er will, dass sie die anderen Europäer
an, noch bevor er als Präsident vereidigt aus Trump könnte ein zweiter Ronald Rea- dazu zwingt, das Gleiche zu tun, selbst
wurde. Trump meine seinen Slogan „Ame- gan werden. wenn Merkel dazu gar nicht die Macht be-
rica First“ – Amerika zuerst – sehr ernst, Die hat sich nun zerschlagen. Gerade sitzt.
sagte sie schon im Dezember im CDU- weil Trump von seinen Versprechen zu- In Trumps Denken gibt es keine Verbün-
Präsidium. nächst wenig verwirklichen konnte, ist er deten und keine gewachsenen Beziehun-
Merkels Trump-Bild hat sich seither ge- nun so kompromisslos. Mit Befremden gen, sondern ausschließlich egoistische
ändert, nicht zum Positiven. Die ersten verfolgte Merkel, dass der US-Präsident in Staaten mit kurzfristigen Interessen.
Kontakte mit der neuen Regierung waren Saudi-Arabien peinlich darauf achtete, sei- Trump ist geschichtslos, als abgebrühter
ernüchternd. Als Christoph Heusgen, ihr ne Gastgeber nicht zu verärgern, während Immobilienhai sucht er den unmittelbaren
außenpolitischer Berater, zum ersten Mal er den Verbündeten auf dem Nato-Gipfel Vorteil. Auf langfristige Beziehungen ist
mit dem späteren Nationalen Sicherheits- in Brüssel öffentlich Vorwürfe machte. Das er nicht aus.
berater Michael Flynn zusammentraf, war Schlimme an Trump sei nicht, dass er auch Zwei enge Vertraute des Präsidenten
er über dessen außenpolitische Unkenntnis Partner kritisiere, sagt ein Vertrauter Mer- veröffentlichten in dieser Woche im „Wall
schockiert. Aber es gab auch Raum für kels. Problematisch sei, dass er anders als Street Journal“ so etwas wie eine Trump-
Hoffnung. seine Vorgänger die ganze internationale Doktrin. „Die Welt ist keine ,internatio-
Gerade wegen der Naivität der neuen Ordnung infrage stelle. nale Gemeinschaft‘ “, schrieben dort Gary
Regierung, glaubte Merkel anfangs, sei Einmal nahm Merkel Trump auf Sizilien Cohn und Herbert Raymond McMaster,
Trump möglicherweise beeinflussbar. Es beiseite, um mit ihm unter vier Augen Trumps Berater in Wirtschafts- und Sicher-
war ein erzieherischer Ansatz, der zu- über den Klimaschutz zu reden. Der Ame- heitsfragen. Der Subtext: Die globale Ord-
nächst erfolgreich zu sein schien. In einem rikaner erklärte ihr, dass er seine Entschei- nung, wie sie die USA mitaufbauten, ge-
Telefonat im Januar erklärte Merkel dung zum Pariser Klimaabkommen am hört der Vergangenheit an. Es gibt keine
Trump die Situation in der Ukraine. Sie liebsten bis nach dem G-20-Gipfel im Juli Allianzen mehr, nur Einzelinteressen, kei-
hatte den Eindruck, dass er sich zuvor nie in Hamburg aufschieben würde. Man kön- ne Verbündeten mehr, sondern nur noch
ernsthaft mit dem Thema beschäftigt hatte. ne alles hinausschieben. Aber gut sei das Wettbewerber. An die früheren Verbünde-
Es gelang ihr, ihn davon zu überzeugen, nicht, entgegnete Merkel. Sie drängte auf ten im Westen sendet er das Signal, dass
die gegen Russland verhängten Sanktionen eine Entscheidung bis zum Treffen. auf die Vereinigten Staaten als Partner
nicht aufzuheben. Die hat sie nun bekommen. kein Verlass mehr ist.

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JANEK SKARZYNSKI / AFP
Polnische Fallschirmspringer bei einer Nato-Übung*: Tritt Amerika aus dem Bündnis aus?

Wer den Schaden hat, braucht sich um ner die Sicherheit Europas. Lockert sich Wir müssen unsere eigenen Chancen nut-
den Spott aus Moskau nicht zu sorgen. Die das transatlantische Verhältnis oder zer- zen und zeigen, dass wir in der Handels-
forsche Sprecherin des Außenministe- bricht es gar, ist Russland der große Profi- politik bereit sind loszulegen, genauso wie
riums, Marija Sacharowa, goss am Diens- teur. Putins Strategie, den Zusammenhalt bei der Verteidigung.“
tag bei Talkmaster Wladimir Solowjow der liberalen Demokratien des Westens zu Auf die europäische Verteidigungszusam-
ihre Häme aus. untergraben, wäre aufgegangen. menarbeit wirkt der Trump-Faktor wie ein
Wenn Europa sich neuerdings selbst zu- Dass der Auflösungsprozess so schnell Aphrodisiakum. Plötzlich ist möglich, was
rechtfinden müsse, wie Merkel sage, zeige gehen würde, hat aber selbst die Russen vor Kurzem noch als undenkbar galt.
das nur, wie anders es früher gewesen sei, überrascht. „Die transatlantischen Reibe- Frankreich und Deutschland drängen schon
als man ja offenbar zum Befehlsempfang reien waren seit Monaten bekannt. Aber seit Langem auf eine engere militärische
aus Washington aufmarschiert sei. „Wir dass Merkel laut ausspricht, Europa wolle Kooperation in Europa. Die Franzosen, um
dachten immer, die Europäer hätten sich sich von der Abhängigkeit von den USA neben den Amerikanern ihren eigenen Füh-
in der EU vereinigt – dabei sind sie da bloß befreien, habe ich nicht erwartet“, sagt rungsanspruch auf dem Kontinent geltend
in Reih und Glied angetreten“, schloss sie Konstantin Kossatschow, Chef des Auswär- zu machen. Die Deutschen, um davon ab-
unter dem zustimmenden Kichern ihres tigen Ausschusses im russischen Oberhaus. zulenken, dass sie seit Jahren zu wenig
Gastgebers. In Brüssel, Berlin und vielen anderen Geld für ihre Streitkräfte ausgeben.
Die regierungsamtliche Häme zeigt, wel- europäischen Hauptstädten hoffen die Eu- Bisher waren es immer die Briten und
che Stimmung in der russischen Haupt- ropafreunde nun, dass sich Moskau zu früh die Osteuropäer, die alle deutsch-französi-
stadt herrscht. Für Wladimir Putin scheint gefreut hat. Der Trump-Faktor, glauben schen Vorstöße ins Leere laufen ließen,
sich in diesen Tagen ein Traum zu erfüllen, sie, könne genau den gegenteiligen Effekt aus Sorge, der Nato könne eine inner-
Trump könnte sich in seinen Augen als bewirken und die zerstrittenen Europäer europäische Konkurrenz erwachsen. Der
Glücksfall erweisen. Seit Langem hat Mos- wieder zusammenführen. Brexit hat den Briten nun die Blockade-
kau vergebens versucht, einen Keil in das „Es reicht jetzt“, sagt Manfred Weber, macht genommen, und die Osteuropäer,
transatlantische Bündnis zu treiben. Jetzt der Fraktionschef der Europäischen Volks- die sich als Frontstaaten an der russischen
sieht es so aus, als würde der amerikani- partei im Europaparlament. „Trotz guten Grenze sehen, haben das Vertrauen in
sche Präsident diesen Job erledigen. Willens sind wir an einem Wendepunkt. Trumps Bündniszusagen verloren.
Bisher garantieren die atomaren und Aufmerksam hat man nicht nur in Berlin
konventionellen Fähigkeiten der Amerika- * Im Juni 2016. registriert, dass sich ausgerechnet die Esten
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Titel

jetzt an die Spitze der Bewegung setzen ist. Handelspartnern, die sich von den
wollen, wenn sie ab Juli für ein halbes Jahr Amerikanern vor den Kopf gestoßen füh-
die EU-Ratspräsidentschaft übernehmen. len, bietet sich die Gemeinschaft als Alter-
Bisher fielen sie vor allem als Gegner einer native an. Entsprechend zügig schreiten
stärkeren europäischen Verteidigungs- nun Verhandlungen über neue Freihandels-
kooperation auf. abkommen mit Japan oder den südameri-
Niemand glaubt daran, dass Europa in kanischen Mercosur-Staaten voran. EU-
Zukunft allein für seine Sicherheit sorgen Handelskommissarin Cecilia Malmström
kann. Dafür ist die militärische Rolle attackierte Trump bei ihrem Mexiko-
Washingtons zu dominant. Die USA geben besuch sogar persönlich. „Wir wollen Brü-
zweieinhalb mal so viel für Verteidigung cken bauen und keine Mauern“, sagte sie.
aus wie alle europäischen Nato-Staaten Wie beim Handel will die EU auch beim
zusammen. Das Undenkbare wird deshalb Klimaschutz das Vakuum ausfüllen, das
in allen Überlegungen ausgeklammert: die Amerikaner hinterlassen. Bei einem
Dass Trump Ernst machen und aus der Austritt der USA aus dem Pariser Abkom-
Nato austreten könnte. Bei der Klimafrage men sei es „die Pflicht Europas zu sagen:
hat sich jedoch gezeigt, dass Trump auch So geht das nicht“, sagte Kommissionschef

LAURENT / EPA / REX / SHUTTERSTOCK


vor dem Undenkbaren nicht zurück- Jean-Claude Juncker am Mittwoch in Ber-
schreckt. lin. „Das denkt Herr Trump, weil er sich
Je unberechenbarer der große Verbün- den Dossiers nicht nahe genug nähert, um
dete wird, desto mehr sind die Europäer sie vollumfänglich zu begreifen.“
auf eigene militärische Fähigkeiten ange- Es brauche drei bis vier Jahre, um aus
wiesen. Vor wenigen Wochen beschlossen dem Abkommen auszusteigen. „Das ha-
sie, in Brüssel eine gemeinsame Komman- ben wir versucht, in klaren deutschen
dozentrale aufzubauen, die in Zukunft die Hauptsätzen auch dem US-Präsidenten in
europäischen Ausbildungsmissionen in Russischer Präsident Putin Taormina zu vermitteln. Wie es scheint,
Afrika oder die Marineoperation „Sophia“ Spaltung des Westens erreicht ist der Versuch nicht gelungen.“ Nicht alles,
gegen die Schleuser im Mittelmeer führen was Gesetz sei, und nicht alles, „was in in-
soll. Selbst die Briten stimmten nach lan- aus im Sinne Washingtons sein könnte. ternationalen Abkommen steht, ist Fake
gem Zaudern schließlich zu. Beim Handel dagegen droht die große News“.
Weitere Projekte könnten folgen: ein Konfrontation. Neben Verteidigung, Handel und Klima-
europäisches Sanitätskommando, eine ge- Wie groß die Kluft dort inzwischen schutz gibt es noch einen vierten Bereich,
meinsame Offiziersausbildung, eine euro- ist, erlebten Bundeswirtschaftsministerin in dem der Trump-Faktor für Bewegung
päische Logistikdrehscheibe. Franzosen Brigitte Zypries und ihr Staatssekretär sorgen könnte. Eine Emanzipation von
und Deutsche wollen eine gemeinsame Matthias Machnig in der vergangenen Amerika kann nur gelingen, wenn die ge-
Lufttransporteinheit aufstellen, die Nieder- Woche in der amerikanischen Hauptstadt. meinsame Währung nicht wieder zum
länder haben angeboten, die Führung ei- Die beiden Sozialdemokraten waren nach Spielball internationaler Finanzinvestoren
nes multinationalen Verbands für Luftbe- ihren Gesprächen mit republikanischen wird. Der Euro, eigentlich als Krönung des
tankung und -transport zu übernehmen. Abgeordneten und den Handelsexperten europäischen Friedenswerks gedacht, wur-
Am Mittwoch will die Kommission ein des Präsidenten geschockt. de in der Krise zum Spaltpilz für den Kon-
Papier vorstellen, in dem verschiedene „Einige unserer amerikanischen Ge- tinent.
Szenarien durchgespielt werden, wie eine sprächspartner unterliegen einer groben Entsprechend zahlreich sind die Vor-
stärkere militärische Zusammenarbeit in ökonomischen Fehleinschätzung. Sie glau- schläge, die Konstruktionsmängel der
der EU im Jahr 2025 aussehen könnte. So ben, die hohen Handelsbilanzdefizite der Währungsunion zu beseitigen. Im Kern
sollen die EU-Staaten ihre Militärplanun- USA gegenüber anderen Ländern seien geht es um einen Interessenausgleich zwi-
gen stärker aufeinander abstimmen und schen Norden und Süden. Die Länder des
regelmäßig gemeinsame Einsätze üben. Nordens dringen auf Haushaltsdisziplin
Am schwierigsten ist die Kooperation Auf die europäische Ver- und wirtschaftliche Innovation, die Länder
bei gemeinsamen Rüstungsprojekten, des Südens wollen Wachstum notfalls mit
selbst wenn sie dort besonders nötig wäre. teidigungszusammenarbeit staatlichen Investitionen anfeuern.
„In der EU gibt es 178 verschiedene Waf- Zuletzt stellte die Kommission am Mitt-
fensysteme“, sagt EU-Kommissionspräsi- wirkt der Trump-Faktor woch ein Ideenpapier vor. Und plötzlich
dent Jean-Claude Juncker, „in den USA
nur 30.“ Deshalb erreichten die Europäer
wie ein Aphrodisiakum. klangen viele Vorschläge nicht mehr so
unrealistisch wie noch vor wenigen Mo-
bei ihren Verteidigungsausgaben nur 15 naten: ein EU-Finanzminister und Euro-
Prozent der Effizienz der Amerikaner. vor allen Dingen auf schlechte Handels- Gruppenchef und ein europäisches Schatz-
Vor allem Deutsche und Franzosen wol- verträge zurückzuführen“, berichtet Staats- amt.
len in diesem Bereich eng zusammenar- sekretär Machnig. Sie behaupteten ständig Es ist vor allem ein Mann, der Schwung
beiten; bei Drohnen, Panzern und Kampf- vor den Gerichten der Welthandelsorgani- in die Debatte gebracht hat: der neue fran-
hubschraubern. Die bisherigen Erfahrun- sation WTO zu unterliegen. „Dabei nutz- zösische Präsident Macron. Sollte er sein
gen sind ernüchternd. Die Verhandlungen ten die USA das WTO-System bei Han- Versprechen wahrmachen und in seinem
ziehen sich quälend lange hin, eine Eini- delsstreitigkeiten wie alle anderen Länder. Land Wirtschaftsreformen vorantreiben,
gung ist nicht in Sicht. Und sie sind darin häufig erfolgreich.“ Mit könnten sich die Deutschen den französi-
In der Sicherheitspolitik geht es den Eu- Trump seien die USA auf dem besten Weg schen Ideen für die Eurozone kaum mehr
ropäern nicht darum, gegen die Amerika- in die Selbstisolierung. entziehen. Merkel deutet das längst an,
ner etwas durchzusetzen, sondern unab- Ein Desaster, wie es Trump formulieren wenn sie sagt, dass sie für die nötigen Än-
hängiger von ihnen zu werden – was durch- würde, das für die EU eine große Chance derungen der europäischen Verträge bereit
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Liste des Schreckens
Umwelt Nur mit unpopulären Maßnahmen sind die deutschen Klimaziele erreichbar.

W
enn es um Klimapolitik geht, weiß selbst Merkel. Allerdings scheut Umweltkosten voll angerechnet, heißt
sieht sich Bundeskanzlerin sie bisher die Konsequenzen. Schließ- es in der Studie, müsste ein Benziner
Angela Merkel gern an der lich müssten Millionen Autofahrer ihr auf der Autobahn 6,5 Cent pro Kilo-
Spitze der Bewegung. International for- Verhalten ändern – und wahrscheinlich meter zahlen. Die Fahrt von Berlin
dert sie den US-Präsidenten heraus, tiefer für ihre Mobilität in die Tasche nach Köln würde dann rund 37 Euro
und auch zu Hause attestiert sie sich greifen. zusätzlich kosten.
einen guten Job: Deutschland genieße Wie tief, zeigt eine neue Studie des Aus Sicht der Autoren ist eine solche
„einen guten Ruf für seine Expertise Umweltbundesamtes. Das Papier trägt Maut auch deshalb charmant, weil der
und Glaubwürdigkeit in Sachen Nach- den unschuldigen Titel „Klimaschutz Politik ein Instrument zur Verfügung
haltigkeit“, sagte sie am Montag in Ber- im Verkehr: Neuer Handlungsbedarf stünde, mit dem sie „flexibel und
lin. Es gebe „sehr großes internationa- nach dem Pariser Klimaschutzabkom- schnell auf verschärfte Klimaschutz-
les Interesse an unseren Erfahrungen“. men“. Die Verkehrspolitiker, die bis anforderungen an den Verkehr reagie-
Nur hat das merkelsche Selbstlob auf Weiteres am Verbrennungsmotor ren könnte“. Übersetzt heißt das:
mit der Realität vergleichsweise wenig festhalten wollen, finden auf den 33 Fahren die Deutschen weiter zu viel,
zu tun. Bereits vor zehn Jahren ver- Seiten eine Liste des Schreckens. könnte die Maut steigen.
pflichtete sich die Bundesregierung, Denn die Autoren der Studie for- Ähnlich radikal sind die Vorschläge,
die deutschen Emissionen bis 2020 im dern nicht nur den „Ausbau einer wenn es um die Förderung der Elektro-
Vergleich zu 1990 um 40 Prozent zu nachhaltigen Verkehrsinfrastruktur für mobilität geht. Die ist in Deutschland
reduzieren. Dieses Ziel ist inzwischen eine Verlagerung des Verkehrs auf kli- bislang vor allem ein Thema für Sonn-
illusorisch: Bislang beträgt das Minus mafreundliche Verkehrsträger“, son- tagsreden. Inzwischen glaubt nicht ein-
gerade einmal 28 Prozent. Besonders dern auch eine viel stärkere Förderung mal mehr die Kanzlerin an das Ziel, bis
problematisch ist, dass die Fortschritte von Elektromobilität – und den „Ab- 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf
gerade in den vergangenen Jahren be- bau von umweltschädlichen Subventio- die Straßen zu bekommen. Wohl auch,
scheiden waren. nen“. So sollen zum Beispiel der güns- weil die im vergangenen Juli gestartete
Das hat mit dem Weiterbetrieb von tige Steuersatz für Diesel und die Kaufprämie ein Flop ist. Nur 20 600 An-
Kohlekraftwerken, vor allem aber mit Pendlerpauschale entfallen. träge sind bislang eingetroffen.
Autos und Lkw zu tun. Zum „Sorgen- Ebenso wie es die EU-Kommission Im vergangenen Jahr waren sogar
kind des Klimaschutzes“ hat Bundes- in dieser Woche vorgeschlagen hat, hal- nur 0,3 Prozent aller neu zugelassenen
umweltministerin Barbara Hendricks ten die Autoren auch die Einführung Autos echte Elektrofahrzeuge. Deshalb
den Verkehrsbereich erklärt. einer „fahrleistungsabhängigen Maut fordern die Autoren eine Mindestquote
Aus gutem Grund, denn Sektoren für alle Straßenfahrzeuge“ für unab- nach chinesischem Vorbild. Würde ein
wie Industrie, Energiewirtschaft oder dingbar. Hersteller diese verfehlen, müsste er
Haushalte haben seit 1990 ihre Emissio- Anders als bei der von Bundesver- Strafzahlungen leisten.
nen deutlich reduziert – nur der Ver- kehrsminister Alexander Dobrindt Weil zur Einhaltung des deutschen
kehrssektor kann dabei nicht mithal- (CSU) konstruierten Abgabe sollen alle Klimaschutzplans nach Berechnungen
ten. Dass es so nicht weitergehen kann, Autofahrer eine Gebühr zahlen, deren der Experten im Jahr 2030 rund zwölf
dass auch der Verkehr endlich einen Höhe von den gefahrenen Kilometern Millionen Elektroautos auf den Stra-
nennenswerten Beitrag leisten muss, abhängig wäre. Würden Wege- und ßen fahren müssten, wären entspre-
chend hohe Quoten nötig: 2020 müss-
Treibhausgas-Emissionen in Deutschland ten es 3 Prozent sein, 2025 bereits
30 Prozent.
in Mio. Tonnen Kohlendioxid-Äquivalenten Obwohl die Autoren von einer wach-
Quelle: Umweltbundesamt senden Zahl an Elektroautos ausgehen,
rechnen sie damit, dass Verbrennungs-
1990 motoren „kurz- bis mittelfristig (min-
destens bis 2030) die dominierenden
1251 2016
geschätzt
Energieverbraucher im Verkehrssek-
tor“ bleiben. Deshalb fordern sie auch
auf diesem Gebiet eine deutlich schär-
906 Ziel der
fere Gangart. Sie mahnen weiter sin-
kende Verbrauchswerte an.
– 28% Bundesregierung
für 2020
Für die Chefin des Umweltbundes-
amtes ist die Zeit der Absichtserklä-
gegenüber 1990
rungen vorbei: „Im bisherigen Tempo
751 können wir nicht weitermachen“,
sagt Maria Krautzberger. „Wenn
wir unsere Ziele noch erreichen wol-
– 40 % len, müssen wir auch über Maßnah-
gegenüber 1990 men nachdenken, die auf den ersten
Blick unpopulär sind.“
Sven Böll, Horand Knaup

20 DER SPIEGEL 23 / 2017


Titel

sei. „Wir können dem Ganzen eine neue


Dynamik geben“, sagte sie nach dem Be-
such Macrons in Berlin.
Von dem Duo Merkel und Macron wird
abhängen, ob es Europa tatsächlich gelingt,
sich von den USA freizuschwimmen.
„Wenn Merkel die Wahl im September ge-
winnt, hat sie zusammen mit dem neuen
französischen Präsidenten die einmalige
Chance, Europa seine Glaubwürdigkeit zu-
rückzugeben“, sagt auch die amerikani-
sche Historikerin Anne Applebaum.
Europa müsse endlich über die eigene Au-
ßenpolitik nachdenken, die eigene Sicher-
heit, womöglich sogar eine eigene Armee.
Dass sich die Europäer nicht mehr in
erster Linie „auf andere“ verlassen kön-
nen, dass sie selbst aktiver werden müssen,
das war Macrons Haltung, schon bevor er
zum Präsidenten gewählt wurde. Er will
Europa handlungsfähiger machen, will sei-
ne Institutionen justieren – um sie den neu-

TOBIAS SCHWARZ / AFP


en Herausforderungen anzupassen. Auch
deshalb hat er mit Sylvie Goulard eine
langjährige Europaabgeordnete, perfekt
deutschsprachig, zu seiner Verteidigungs-
ministerin gemacht.
„Ob wir unsere Anliegen als Europäer Partner Merkel, Macron: Neuer Schwung in der Debatte um Europa
laut verkünden oder nicht, die Hauptsache
ist, tatsächlich handlungsfähiger zu wer- nicht klar, wer am Ende isoliert sein über den neuen Partner macht man sich
den“, sagt ein französischer Diplomat. wird. im Kanzleramt nicht.
Auch die Franzosen sehen in Trumps Wa- Merkel ist jetzt überzeugt, dass Europa Wenn alles nichts mehr hilft, blickt die
shington keinen zuverlässigen Verbün- sein Schicksal in die eigenen Hände neh- Kanzlerin deshalb an diesen Tagen in ihrem
deten mehr. Macrons Äußerung vor dem men muss. Aber Deutschland kann sich Terminkalender auf den 17. Juni. An jenem
G-7-Gipfel, er sehe Trump als „Partner“, seiner Verbündeten nicht sicher sein. Als Samstag reist Merkel nach Rom, der Papst
war nichts als ein Lippenbekenntnis. Fran- Trump in Brüssel hinter verschlossenen empfängt die Protestantin zu einer Privat-
zösische Diplomaten waren schockiert Türen die Deutschen attackierte, sprangen audienz. Die Kanzlerin will Franziskus die
darüber, wie unvorbereitet die Amerika- vor allem Macron und der Kanadier Justin Ziele ihres G-20-Gipfels in Hamburg erläu-
ner sich in Brüssel und Taormina zeigten. Trudeau der Kanzlerin bei. Es sei erschre- tern, Migration und Frauenrechte etwa, und
Macron, der sich auch psychologisch bis- ckend gewesen, berichten Teilnehmer, wie man braucht nicht viel Fantasie, um sich
her als recht geschickt erwiesen hat, wird viele Nato-Verbündete sich vor Trump in vorzustellen, dass da in Sachen Trump zwei
aber nicht den offenen Konflikt mit Trump den Staub geworfen hätten, und zwar nicht Leidensgenossen aufeinandertreffen.
suchen. Ein transatlantischer Clash liegt nur die üblichen Verdächtigen aus Ost- Die Meinungsverschiedenheiten zwi-
nicht in seinem Interesse. Macron glaubt europa. schen dem US-Präsidenten und dem Ober-
fest an seine Überzeugungskraft, an seinen Merkel hat viele Fans. Sie ist der Star haupt der Katholiken sind kein Geheimnis.
Charme und seine Verführungskunst. Er der Liberalen rund um den Globus. Die Anders als Trump ruft Franziskus dazu
wird zuerst alles versuchen, um Trump da- linksliberale amerikanische Presse hatte auf, die Schöpfung zu bewahren und den
hin zu bewegen, wo er ihn haben will. sie schon nach der Trump-Wahl zur Füh- Klimawandel zu bekämpfen. „Es ist unvor-
In Macron könnte Angela Merkel all das rerin der freien Welt ausgerufen. In dieser stellbar, dass der Papst im Gespräch mit
finden, was sie vermutlich die vergange- Woche widmete der britische „Guardian“ Trump den Klimawandel nicht angespro-
nen Jahre über vergebens bei seinen Vor- ihr ein hymnisches Porträt. Ihre Staats- chen hat“, sagt ein Vatikankenner, der mit
gängern suchte. Macron kann für Deutsch- kunst, ihre Entspanntheit, ihre Fähigkeit, Franziskus’ Denken bestens vertraut ist.
land ein verlässlicher, ein starker Partner Kompromisse und Beziehungen auszuhan- Genutzt hat es offenbar nichts.
werden. Dass er das vorhat, hat er auch deln, würden „immer beeindruckender“, Christian Esch, Konstantin von Hammerstein,
mit der Zusammensetzung seines Kabi- schwärmte die Zeitung. Aber die publizis- Julia Amalia Heyer, Christiane Hoffmann,
netts gezeigt. So viele Deutschlandkenner tische Verherrlichung nützt Merkel im Horand Knaup, Peter Müller, Ralf Neukirch,
René Pfister, Christoph Scheuermann,
saßen noch nie in einer französischen Re- Kräftemessen mit dem mächtigsten Mann Christoph Schult, Samiha Shafy, Gerald Traufetter
gierung. der Welt nur wenig.
Wird es der deutschen Kanzlerin gelin- Und China? Die asiatische Großmacht
gen, in den wichtigen Streitfragen Bünd- macht sich bereit, den frei werdenden Lesen Sie zum Thema auch
nisse gegen Donald Trump zu schmieden? Platz der amerikanischen Führungsnation das aktuelle Heft
Leicht wird das nicht. Beim Klima gibt es zu übernehmen. Präsident Xi Jinping in- SPIEGEL WISSEN
eine Chance. Aber beim Handel und in szenierte sich im Januar beim Weltwirt- Paradies Erde. Wie wir un-
der Sicherheitspolitik ist sie gering. Wenn schaftsforum in Davos als mächtigster Für- seren Lebensraum retten 
es um die Lastenverteilung in der Nato sprecher des freien Welthandels. Nun will Erhältlich am Kiosk, im Buch-
geht, steht Trump nicht allein da. Und China auch zur klimapolitischen Lead Na- handel oder im SPIEGEL SHOP
beim deutschen Handelsüberschuss ist tion aufsteigen. Aber allzu viele Illusionen unter www.spiegel.de/shop

DER SPIEGEL 23 / 2017 21


Titel

„Trump ist unamerikanisch“


SPIEGEL-Gespräch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sieht im US-Präsidenten eine Gefahr für
die europäische Sicherheit und fordert von Kanzlerin Merkel mehr Engagement für Europa.

SPIEGEL: Herr Schulz, Sie haben Donald SPIEGEL: Könnte das den russischen Präsi- Schulz: Die EU ist eine Wertegemeinschaft,
Trump einen Zerstörer aller westlichen denten Wladimir Putin auf dumme Gedan- keine Aufrüstungsgemeinschaft. Europa
Werte genannt. Kann man mit einem sol- ken bringen? muss auch Dialogangebote machen. Auf
chen Mann überhaupt noch reden, oder Schulz: Es fällt mir schwer, diese Frage mit dieser Basis ist der Minsk-Prozess entstan-
muss man ihn bekämpfen? Ja oder Nein zu beantworten. Dafür müss- den, in dem gesagt wurde: Wenn ganz be-
Schulz: Man muss mit ihm reden, weil er ten wir mehr über die obskuren Verbin- stimmte Kriterien erfüllt sind, können wir
der gewählte Präsident der Vereinigten dungen zwischen Washington und Moskau auf Konfrontation verzichten. So wurde
Staaten von Amerika ist. Aber seinen au- erfahren. Völlig unabhängig davon bin ich zumindest eine weitere Eskalation der
ßenpolitischen Vorstellungen muss man nicht bereit, mich der trumpschen Aufrüs- Ukrainekrise verhindert.
sich klar in den Weg stellen. tungslogik zu unterwerfen. SPIEGEL: Ist es nicht ein bisschen seltsam,
SPIEGEL: Trump hat angekündigt, aus dem SPIEGEL: Das Ziel, zwei Prozent der Jahres- dass Sie einerseits einem Nato-Verbünde-
Klimaabkommen von Paris auszusteigen. wirtschaftsleistung für Verteidigung auszu- ten wie den USA eine Aufrüstungslogik
Wie soll Europa darauf reagieren? geben, hat die Nato vor drei Jahren kol- unterstellen und andererseits über Russ-
Schulz: Trump ist ausgestiegen, weil er Um- lektiv beschlossen. Daran war auch der da- land als Partner für neue Abrüstungs-
weltstandards für amerikanische Produkte malige SPD-Außenminister Frank-Walter regime sprechen?
senken und billiger produzieren will. Das Steinmeier beteiligt. Schulz: Ich mache mir keine Illusionen. Na-
ist ein ganz einfaches, aber sehr kurzfristiges Schulz: Ich war an dem Beschluss nicht be- türlich rüstet Russland massiv auf. Wir wis-
Kalkül. Es wird nicht aufgehen, weil Trump teiligt. Im Übrigen heißt es in dem Papier, sen, dass Russland eine expansive Politik
so eine große Chance zur Modernisierung dass die Nato-Staaten anstreben, sich bis betreibt. Das besorgt die osteuropäischen
der amerikanischen Industrie verpasst. 2024 „auf den Richtwert von zwei Prozent Staaten zu Recht. Aber ist diese Aufrüs-
SPIEGEL: Den Schaden hat Europa. tungslogik das einzige politische Instru-
Schulz: Den Schaden beim Klimaschutz hat ment, das wir zur Verfügung haben? Es
die ganze Welt. Aber wenn Herr Trump „Wenn Merkel jetzt im gibt immer Alternativen, und über die
ein Handelsabkommen mit der EU schlie- müssen wir diskutieren. Das ist beste
ßen will, wird er sich an unsere Klimastan- Bierzelt Europa entdeckt sozialdemokratische Tradition.
dards halten müssen. SPIEGEL: Aber es ist ein Widerspruch, wenn
SPIEGEL: Aber Trump will gar kein Freihan- hat, kann ich nur sagen: Sie einerseits sagen, Europa muss seine Si-
delsabkommen mit Europa. besser spät als nie.“ cherheit in die eigene Hand nehmen, und
Schulz: Das weiß man nicht so genau. Der andererseits höhere Rüstungsausgaben ab-
Verzicht auf Klimaschutz macht amerika- lehnen.
nische Produkte jedenfalls nicht wettbe- zuzubewegen“. Anders als Herr Trump Schulz: Das ist kein Widerspruch. Ich bin
werbsfähiger. Gerade wir Deutschen wis- glaubt, schuldet Deutschland weder der sehr dafür, dass wir unsere Soldatinnen und
sen, dass man auf dem Weltmarkt nur Nato noch den USA Geld. Soldaten bestmöglich ausrüsten, das sind
dann auf Dauer erfolgreich sein kann, SPIEGEL: Ist es nicht übertrieben, von einer wir ihnen schuldig. Ich verstehe aber nicht,
wenn man energieeffiziente und damit „Aufrüstungslogik“ zu sprechen? warum die Bundeswehr 2025 größer sein
klimaschonende Produkte anbietet. Schulz: Ich mach’s gern ganz praktisch. soll als die Armeen der nukleargerüsteten
SPIEGEL: Wie gefährlich ist Trump? Wenn wir 20 bis 30 Milliarden mehr für und vetoberechtigten Mächte des Sicher-
Schulz: Donald Trump macht das Prinzip das Militär pro Jahr ausgeben, wäre die heitsrates Frankreich und Großbritannien.
des gezielten Tabubruchs zum Mittel seiner Bundeswehr Mitte des kommenden Jahr- SPIEGEL: Deutschland hatte zum Ende des
Politik, das verbindet ihn mit dem türki- zehnts die größte Armee in der EU. Das Kalten Krieges 2000 „Leopard 2“-Panzer,
schen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan will ich nicht. Wir müssen stattdessen nach jetzt haben wir noch rund 200. Der Bun-
oder Ungarns Ministerpräsident Viktor Or- Alternativen suchen. deswehr fehlen elementare Dinge: Nacht-
bán. Trump verletzt systematisch interna- SPIEGEL: Welche sollen das sein? sichtgeräte oder Lastwagen, die auch fah-
tionale Regeln. Das müssen wir schonungs- Schulz: Wenn wir die EU stärken wollen, ren. Und da sprechen Sie ernsthaft von ei-
los benennen. Aber dabei dürfen wir nicht müssen wir vor allem über zwei Hand- ner Rüstungsspirale?
vergessen: Trump ist nicht die USA. lungsstränge nachdenken. Zum einen kön- Schulz: Ich habe nicht gesagt, dass ich nicht
SPIEGEL: Trump hat sich beim Nato-Gipfel nen wir viel Geld sparen, wenn wir end- bereit bin, mehr Geld für die Bundeswehr
nicht ausdrücklich zur Beistandsverpflich- lich zu Synergieeffekten in den Militäraus- auszugeben. Die Herren de Maizière und
tung des Bündnisses bekannt. Glauben Sie, gaben kommen. Die Parallelstrukturen in zu Guttenberg haben dramatische Fehler
dass auf ihn noch Verlass ist, wenn es in den einzelnen Armeen sind nach wie vor gemacht. Ich habe gerade heute Morgen
der Allianz mal ernst werden sollte? viel zu kostspielig, auch bei der gemein- das Einsatzführungskommando bei Pots-
Schulz: Ich hoffe immer noch, dass das US- samen Beschaffung könnte man viel spa- dam besucht. Die Zahl der Panzer hat da
amerikanische System von Checks and Ba- ren. Wir dürfen aber nicht nur in der her- interessanterweise auch eine Rolle gespielt.
lances am Ende verhindern wird, dass dieser kömmlichen militärischen Logik denken, Die Bundeswehr hat nicht einmal mehr ge-
Mann mit seinem erratischen Politikstil un- wir müssen uns viel stärker auf Cyber- nug, um eine Übung vernünftig durchzu-
sere Sicherheitsarchitektur gefährdet. Aber attacken vorbereiten. Vor allem darf sich führen. Also: Sicher braucht unsere Armee
es ist ganz sicher ein ernst zu nehmender die EU nicht länger im Kleinklein ver- mehr Geld. Aber nicht 20 bis 30 Milliarden
Vorgang, dass ein Präsident der USA sich stricken. pro Jahr.
nicht eindeutig hinter den Artikel 5 stellt. SPIEGEL: Was schlagen Sie vor? SPIEGEL: Sondern?

22 DER SPIEGEL 23 / 2017


Schulz: Wir haben den Verteidigungshaus-
halt in diesem Jahr um 2,7 Milliarden Euro
aufgestockt. Die Mängel in der Ausstattung
liegen nicht an fehlendem Geld, sondern
an gravierenden Problemen bei der Be-
schaffung. Dafür ist die Verteidigungs-
ministerin verantwortlich.
SPIEGEL: Als diese Woche Wladimir Putin
bei Emmanuel Macron war, hat der neue
französische Staatspräsident gesagt, er wer-
de militärisch antworten, falls es in Syrien
erneut zu einem Giftgasangriff kommen
sollte. Sieht so das neue Selbstbewusstsein
der europäischen Verteidigungspolitik aus,
und müsste sich Deutschland nicht konse-
quenterweise daran beteiligen?
Schulz: Dass Giftgasangriffe, wie sie ganz
offensichtlich in Syrien stattgefunden ha-
ben, ein Bruch des internationalen Völker-
rechts sind, darüber brauchen wir nicht zu
diskutieren. Dass die Staatengemeinschaft
darauf reagieren muss, ist auch klar. Für
Deutschland gilt: Eine Beteiligung an Mi-
litäreinsätzen setzt ein völkerrechtliches
Mandat voraus.
SPIEGEL: Und wenn die Russen kein Inte-
resse daran haben?
Schulz: Wir finden uns zu schnell damit ab,
dass Russland sein Veto androht. Das war
in den Siebziger- und Achtzigerjahren
auch so. Trotzdem haben wir damals Rüs-
tungsbegrenzungsabkommen durchsetzen
können. Mit Leuten, mit denen auch da-
mals schwer zu verhandeln war. Warum
versuchen wir nicht, diesen Weg heute
auch zu gehen?
SPIEGEL: Kümmert sich die Kanzlerin zu
wenig um das Thema Abrüstung?
Schulz: Ja. Frau Merkel hat sich das Zwei-
Prozent-Ziel jetzt gerade wieder zu eigen
gemacht. Ich habe dargelegt, warum ich
dagegen bin. Die Wählerinnen und Wähler
können darüber bei der Bundestagswahl
abstimmen.
SPIEGEL: Sie haben fast Ihr ganzes Leben
in der Europapolitik verbracht. Nun aber,
da Sie Kanzlerkandidat der SPD sind, ist
es vor allem Außenminister Gabriel, der
sich zu dem Thema zu Wort meldet. Fürch-
ten Sie, Ihre EU-Biografie könnte bei der
Bundestagswahl eine Bürde sein, weil
Sie von vielen Deutschen dem Brüsseler
Establishment zugerechnet werden?
Schulz: Überhaupt nicht! In jeder meiner
Reden spreche ich darüber, warum ein star-
kes Europa Voraussetzung für ein dauer-
haft starkes Deutschland ist.
SPIEGEL: Wir meinen inhaltliche neue Vor-
HERMANN BREDEHORST / DER SPIEGEL

stöße, die kamen vom Außenminister,


nicht von Ihnen.
Schulz: Ich glaube, ich habe in den vergan-
genen Jahren hinreichend unter Beweis
gestellt, dass ich eine klare Vorstellung da-
von habe, wie man Europa stärker, demo-
kratischer und bürgernäher macht. Es gibt
da wirklich keine Konkurrenz mit Sigmar
SPD-Chef Schulz: „Es gibt keine Konkurrenz mit Sigmar Gabriel“ Gabriel.
DER SPIEGEL 23 / 2017 23
HERMANN BREDEHORST / DER SPIEGEL
Schulz, SPIEGEL-Redakteure*
„Ich mach’s gern ganz praktisch“

SPIEGEL: Es war Gabriel, der nach der Wahl


in Frankreich ein Papier namens „Élysée
2.0“ vorgelegt hat, nicht Sie.
Schulz: Ein deutscher Außenminister muss
europapolitische Initiativen entwickeln.
Ich würde mir wünschen, dass die Kanzle-
rin genauso aktiv wäre – vom deutschen
Finanzminister mal ganz zu schweigen.
SPIEGEL: Sie sind der Kanzlerkandidat.
Schulz: Das stimmt. Und ich äußere mich
gerne und oft zu Europa. Zum Beispiel
hier im SPIEGEL.
SPIEGEL: Teilen Sie Gabriels Aussage,
Deutschland solle mehr Geld in Europa in-
vestieren?
Schulz: Ich habe 22 Jahre als Abgeordneter
im Europaparlament gearbeitet. Ich war 7
Jahre Vorsitzender der Sozialdemokrati-
schen Fraktion, 5 Jahre Präsident des Eu-
ropaparlaments. Und immer habe ich da-
für geworben, dass CDU und CSU mit
ihrem Gerede von Deutschland als „Zahl-
meister Europas“ aufhören. Ein starkes
Europa ist im deutschen Interesse.
www.spiegel-geschichte.de SPIEGEL: Das heißt, Sie sagen jetzt auch,
Jetzt im wir müssten im Zweifel bereit sein, mehr
Geld in den EU-Haushalt zu stecken. „Wie
Handel wäre es“, schrieb Gabriel, „wenn wir bei
der nächsten Debatte über Europas Finan-
zen etwas ,Unerhörtes‘ tun? Statt für eine
Verringerung unserer Zahlungen an die
EU zu kämpfen, die Bereitschaft zu signa-
lisieren, sogar mehr zu zahlen.“
Schulz: Gabriel hat das bezogen auf die
X Auch als App für iPad, Android wegfallenden Beiträge der Briten, die die
anderen Mitgliedstaaten kompensieren
sowie für PC/Mac. Hier testen: müssen. Da gibt es zwei Möglichkeiten:
spiegel-geschichte.de/digital Entweder wir streichen den EU-Haushalt
zusammen. Oder die Summen werden un-
ter den verbliebenen 27 aufgeteilt.
SPIEGEL: Was den deutschen Beitrag erhö-
hen würde.
Schulz: Ich bin jedenfalls strikt dagegen, dass
wir in der laufenden Haushaltsperiode we-
gen des Brexits die Mittel beispielsweise für
Forschungsförderungen oder Investitionen
Weitere Themen: zusammenstreichen. Ich glaube, dass man
das den Deutschen sehr gut erklären kann.
Waffen-SS Franzosen für den „Führer“ SPIEGEL: Gabriel hat auch ein Eurozonen-
Budget vorgeschlagen. Auch das würde hö-
Propaganda Das Kino als Kampfplatz here Kosten für Deutschland bedeuten.

Trump & Co. Droht ein neuer Faschismus? * René Pfister und Christoph Schult in Berlin.

24 DER SPIEGEL 23 / 2017


Titel

Schulz: Nicht zwingend. Im EU-Haushalt


sind Gelder, die genutzt werden könnten. NEWS MEINUNG STORIES
Und auch die Besteuerung der Finanz-
märkte könnte zur Finanzierung beitragen.
SPIEGEL: Knickt die Kanzlerin zu schnell
gegenüber Trump ein, wie manche in der
SPD beklagen?
Schulz: Es gibt Leute, die sagen, beim G-7-
Gipfel in Taormina hat sie geschwiegen
und im Bierzelt in Trudering hat sie dann
mit der Faust auf den Tisch gehauen. Ich
weiß nicht, ob das stimmt, ich saß ja nicht
mit am Tisch. Ich werbe für mich und mein
Programm. Wähler sind klug genug, die
Unterschiede zu sehen.
SPIEGEL: Das sagen Sie jetzt, weil Merkel
sich nicht in die Trump-Ecke stellen lässt.
Schulz: Wenn Merkel jetzt im Bierzelt
Europa entdeckt hat, kann ich nur sagen:
besser spät als nie. Ansonsten war das der
Gipfel der Heuchelei: Da stößt die Kanz-
lerin mit dem CSU-Vorsitzenden Horst
Seehofer an. Dabei war es Seehofer, der
nach der Wahl von Trump gesagt hat, er
fände, das sei ein sehr konsequenter
Mann.
SPIEGEL: Was hätten Sie denn Trump ent-
gegnet?
Schulz: Ich hätte mich an dem orientiert,
was Gerhard Schröder dem damaligen
US-Präsidenten George W. Bush gesagt
hat, als die Amerikaner einen völker-
rechtswidrigen Krieg begonnen haben.
Schröder hat gezeigt: Man kann auch als
deutscher Kanzler klar und selbstbewusst
gegenüber einem US-Präsidenten auftre-
ten. Trump verrät all das, was die Verei-
nigten Staaten groß gemacht hat: Toleranz.
Demokratische Institutionen. Respekt
Einmal am Tag
vor dem Individuum. Insofern ist Trump
der unamerikanischste US-Präsident seit
Langem.
SPIEGEL: Sie haben Gerhard Schröder neu-
die Welt anhalten
lich am Rande eines Fußballspiels getrof- DAS WICHTIGSTE VOM TAG
fen. Was hat er Ihnen geraten? DAS BESTE AUS DEN SOZIALEN MEDIEN
Schulz: Ich habe mit Schröder über viel ge-
redet, auch über Außenpolitik. Schröder UND EMPFEHLUNGEN FÜR IHREN FEIERABEND
weiß, wie wichtig mir persönlich die Euro-
papolitik ist. Und das wird ein zentrales
Thema in diesem Wahlkampf, insofern bin
ich Frau Merkel dankbar, dass sie in den
Wettbewerb der Ideen für eine Reform der
EU eingestiegen ist. Ich habe über viele WWW.SPIEGELDAILY.DE
Jahre auch mit Angela Merkel in der Eu-
ropapolitik zusammengearbeitet. Deshalb
hat es mich gewundert, dass Volker Kau-
der, der in der Europapolitik wenig Erfah-
rung hat, gesagt hat, ich hätte in Europa
keine deutschen Interessen vertreten. Das
ist ein Beispiel dafür, wie in der Union
Wahlkampf betrieben wird.
SPIEGEL: Was meinen Sie?
Schulz: Man schweigt und lässt die anderen
machen. Das ist vielleicht Frau Merkels
Methode. Aber nicht meine.
SPIEGEL: Herr Schulz, wir danken Ihnen für
dieses Gespräch. Die smarte Abendzeitung.
Schenkt Zeit, macht schlau.
DER SPIEGEL 23 / 2017 25
Schäuble, Gabriel

IMAGO
Euro-Reform

Gabriel gegen Schäuble


Vorschläge zur Vertiefung der Währungsunion spalten das Kabinett.
Die Bundesregierung findet keine gemeinsame Haltung zu geschlossen werden“. Gabriel warf Schäuble intern vor, ein-
den Ideen der EU-Kommission für eine Vertiefung der seitig auf Haushaltsdisziplin zu setzen und die soziale
Wirtschafts- und Währungsunion. Ein gemeinsames Papier Dimension Europas zu vernachlässigen. „Ich begrüße aus-
scheiterte an Differenzen zwischen Außenminister Sigmar drücklich, dass die Kommission in ihrem Papier zur Wäh-
Gabriel (SPD) und Finanzminister Wolfgang Schäuble rungsunion den Blick weit über den Tellerrand der Tages-
(CDU). So verlangte das Finanzministerium, „Struktur- politik und der Finanztechnik hinausrichtet. Das sollten wir
reformen und Haushaltskonsolidierung“ in Schuldenstaaten auch tun“, schrieb Gabriel. „Die Politik der roten Linien
wie Griechenland zur „notwendigen Vorbedingung für eine muss ein Ende haben.“ Die neuen Vorschläge der EU-Kom-
weitere Integration“ zu machen. Das geht aus vertraulichen mission sehen unter anderem vor, die Euro-Gruppe, das
Regierungspapieren hervor, die dem SPIEGEL vorliegen. informelle Gremium der Eurofinanzminister, deutlich auf-
Zudem forderte Schäuble eine „Brandmauer“ für die EU- zuwerten. Zudem ist angeregt, dass der zuständige EU-
Kommission. Es müsse verhindert werden, dass deren Auf- Kommissar hauptamtlicher Euro-Gruppenchef werden und
gabe als Hüterin der Verträge „dadurch gefährdet wird, auf längere Sicht an der Spitze eines neuen Schatzamtes ste-
dass die Kommission eine zunehmend politische Rolle über- hen könnte. Die Kommission schlägt weiter vor, gemein-
nimmt“. Überdies müssten „neue dauerhafte Haushalts- same Anleihen nach Vorbild der U. S. Treasury Bonds auf-
Transfermechanismen“ zwischen den Mitgliedstaaten „aus- zulegen. csc, mp, rei

Onlineüberwachung Große Koalition will den Ein- liche Festplatteninhalte ausge- So hatte bereits die sonst
Kritik an satz von staatlicher Spähsoft- wertet werden. „Kurz vor eher zurückhaltende Bundes-
ware bei zahlreichen Delik- Ende der Wahlperiode sollen datenschutzbeauftragte An-
Spähangriff ten ermöglichen. Bei der sensibelste Ermittlungsmaß- drea Voßhoff (CDU) Maas’
Bundesjustizminister Heiko Quellen-Telekommunika- nahmen durch die Hintertür Ministerium scharf gerügt –
Maas (SPD) stößt mit den tionsüberwachung (Quellen- eingeführt werden, die zur auch weil sie den Vorschlag
Plänen zur Änderung der TKÜ) können Behörden mit- umfassenden Ausspähung gar nicht zu Gesicht bekom-
Strafprozessordnung auf wei- hilfe von Trojanern bei Ver- führen“, kritisiert Leutheus- men hatte. Ihr Urteil fiel ver-
teren Widerstand. Bei dem dächtigen laufende Kommu- ser-Schnarrenberger. Dem nichtend aus: Die vorgeschla-
Vorschlag handle es sich um nikation wie Mails, Chats Vorschlag fehle „jeglicher gene Regelung führe „zu
„den innenpolitischen Skan- oder Skype-Telefonate über- technische Sachverstand“. einem klaren Verfassungsver-
dal dieser Legislaturperiode“, wachen, bevor diese ver- Auch Datenschützer bemän- stoß“. Zudem habe sie Zwei-
sagt die ehemalige Justizmi- schlüsselt werden. Bei der geln, dass die Grenzen zwi- fel, ob es dafür überhaupt Be-
nisterin Sabine Leutheusser- weit umstritteneren Online- schen Quellen-TKÜ und On- darf gebe, „vor allem im vor-
Schnarrenberger (FDP). Die durchsuchung können sämt- linedurchsuchung verwischen. gesehenen Umfang“. fab, rom

26 DER SPIEGEL 23 / 2017 Ein Impressum mit dem Verzeichnis der Namenskürzel aller Redakteure finden Sie unter www.spiegel.de/kuerzel
Deutschland
Asyl der Staatsgewalt in den Weg „Patriotische Plattform“ AfD und der Parteijugend
„Wahlkampf am zu stellen. AfD-Gruppe im Visier Junge Alternative, fielen
SPIEGEL: Innenminister Joa- durch „rechtsextreme Posi-
rechten Rand“ chim Herrmann (CSU) Die „Patriotische Plattform“ tionen“ auf. Sie ähnelten je-
Alexander Thal, spricht von linksautonomen in der AfD beschäftigt den nen der „Identitären Bewe-
43, Sprecher des Chaoten, die Polizisten ange- Verfassungsschutz. Nach gung“, die bereits vom
Bayerischen griffen hätten. einem Treffen der Amtschefs Verfassungsschutz beobach-
Flüchtlingsrats, Thal: Die Schüler saßen fried- aus fünf Bundesländern hieß tet wird. Der Sprecher der
über die Eskala- lich auf der Straße, aber die es, man sei besorgt. Zwar Plattform, Hans-Thomas
tion bei der ver- Stimmung war angespannt. gebe es noch keine Handha- Tillschneider, sagte, man wer-
suchten Abschie- Ich war fassungslos, als die be, die gesamte AfD zu beob- de sich nicht „zu einem an-
bung eines afgha- Polizei teils mit Schlagstöcken achten. Man registriere je- deren politischen Kurs
EPD

nischen Schülers und Hunden auf die Schüler doch zunehmend rechts- zwingen“ lassen. Der Verfas-
losging. So etwas habe ich extreme Äußerungen einzel- sungsschutz werde „oft ge-
SPIEGEL: Am Mittwoch kam es noch nie erlebt. Ich verstehe ner Mitglieder. Besonders zielt von Regierungen als
an der Berufsschule B11 in nicht, warum die Beamten die Vertreter der „Patriotischen politisches Kampfmittel
Nürnberg zu Tumulten, als Schüler nicht von der Straße Plattform“, eines Zusammen- gegen die Opposition ge-
Polizisten einen afghanischen getragen oder den Einsatz ab- schlusses von Mitgliedern der nutzt“. ama, fis, wow
Schüler aus dem Klassenzim- geblasen haben. Wegen des
mer abführten, um ihn abzu- Attentats in Kabul, bei dem
schieben. Passiert so etwas in 90 Menschen im angeblich si-
Bayern häufig? cheren Afghanistan vor der Sozialdemokraten
Ostdeutscher

STOCK I /FACE TO FACE


Thal: Leider war es nicht der deutschen Botschaft ums Le-
erste Einsatz in einer Schule. ben kamen, wurde der Ab-
In Bamberg wurde vor Kur- schiebeflug ohnehin abgesagt. Fachkräftemangel
zem ein Schüler vor dem Un- SPIEGEL: Ist es nicht ehrlicher, Kanzlerkandidat Martin
terricht von der Polizei abge- Abschiebungen vor den Schulz musste parteiintern
passt und dann abgeschoben. Augen aller anstatt heimlich eine Zusage geben: Wenn die Schwesig, Barley
Aber die Abschiebung an der durchzuführen? SPD an der nächsten Bundes-
Schule in Nürnberg ist die Thal: Vielleicht hat der Minis- regierung beteiligt ist, soll neuen Ländern monierten, es
erste, bei der sich die Schüler ter Wahlkampf am rechten wieder ein ostdeutscher Ge- gebe auf Bundesebene nun
spontan mit dem Betroffenen Rand machen wollen. Dass er nosse ins Kabinett einziehen. keinen ostdeutschen SPD-
solidarisiert haben. jetzt behauptet, der Afghane In der Partei gab es Unmut, Spitzenpolitiker mehr. Schulz
SPIEGEL: Was ist passiert? habe während des Einsatzes weil Familienministerin Ma- sicherte ihnen im Fall einer
Thal: Die Sozialpädagogen mit einem Anschlag gedroht, nuela Schwesig (Mecklen- Regierungsbeteiligung min-
der Nürnberger Berufsschule ist in meinen Augen Quatsch. burg-Vorpommern) nach ih- destens einen Ministerposten
hatten mich alarmiert. Als ich Alle, die den Jungen kennen, rem Wechsel in die Schweri- zu. Seither wird gerätselt, auf
gegen zehn Uhr morgens an- haben mir versichert, dass er ner Staatskanzlei durch die wen die Wahl fallen könnte.
kam, hockten etwa 150 Leu- ein friedlicher Kerl ist. bisherige Generalsekretärin In der SPD bestehe bei minis-
te, viele davon Mitschüler SPIEGEL: Wie geht es dem Be- Katarina Barley (Rheinland- trablen Ostdeutschen ein ge-
des afghanischen Flüchtlings, rufsschüler jetzt? Pfalz) ersetzt wird. Für wisser Fachkräftemangel:
auf der Straße und blockier- Thal: Nach einer Nacht in Poli- Barley rückt Hubertus Heil „Hinter Schwesig herrscht vor
ten die Weiterfahrt des Poli- zeigewahrsam wurde er frei- (Niedersachsen) nach. Bun- allem eins: Leere“, sagt ein
zeiwagens, in dem der 20- gelassen. Aber er muss damit destagsabgeordnete aus den Beteiligter. böl, kn
Jährige saß. Mir steigen jetzt rechnen, vor dem nächsten
noch die Tränen in die Abschiebeflug Richtung Ka-
Augen, wenn ich an den Mut bul wieder von der Polizei
dieser Schüler denke, sich festgenommen zu werden. aki Verfassungsschutz Bundesnachrichtendienst und
2000 neue Stellen das Bundeskriminalamt in
den vergangenen Jahren
Verfassungsschutzchef Hans- Hunderte zusätzliche Plan-
Georg Maaßen will seine Be- stellen genehmigt. Haupt-
hörde offenbar weiter vergrö- argument dafür ist die gestie-
ßern. So soll das Bundesamt gene Bedrohung durch isla-
für Verfassungsschutz (BfV) mistische Terroristen. Aller-
beim Bundesinnenministe- dings haben die Behörden
rium einen Bedarf von rund erhebliche Probleme, geeigne-
2000 Mitarbeitern für die Jah- te Kandidaten zu finden. Be-
re nach der Bundestagswahl sonders peinlich musste das
im Herbst angemeldet haben. zuletzt das BfV erfahren:
MICHAEL MATEJKA / DPA

Gemessen an der für 2017 ge- Es hatte einen ehemaligen


planten Zahl von rund 3700 Schwulenpornodarsteller als
Mitarbeitern wäre das ein Zu- Observanten engagiert, der
wachs von mehr als 50 Pro- dann versuchte, Dienstge-
zent. Neben dem Verfas- heimnisse an Islamisten zu
Polizeieinsatz vor Berufsschule in Nürnberg sungsschutz bekamen der verraten (SPIEGEL 49/2016). fis

DER SPIEGEL 23 / 2017 27


Deutschland

Hundeattacken ten ist umstritten; Schleswig-


Unterschiedlich Holstein schaffte sie 2015
wieder ab und beurteilt statt-
bissig dessen Hunde nach ihrem
Die Attacke eines Hundes Verhalten. Berlin hat 2016
auf eine Passantin in Baden- die Liste der gefährlichen
Württemberg stellt die Rege- Hunde auf drei Rassen be-

C. STEIMER / PICTURE ALLIANCE / ARCO IMAGES


lungen der Bundesländer für schränkt. Bundesweit
gefährliche Hunderassen in- schwankt laut Statistischem
frage. Im Landkreis Sigma- Bundesamt die Zahl der
ringen riss sich am Dienstag Menschen, die sterben, weil
ein großer Kangal von seiner sie von einem Hund gebissen
Kette los, warf außerhalb des oder gestoßen werden, pro
Grundstücks eine 72-jährige Jahr zwischen null und acht.
Frau um und verletzte sie Senioren sind häufiger be-
durch Bisse in Kopf und Hals troffen als Kinder. Das In-
tödlich. Herbeigeeilte Ret- nenministerium in Stuttgart
tungskräfte konnten das ag- Herdenschutzhund Kangal will die Ermittlungen der
gressive Tier nicht stoppen. Staatsanwaltschaft Hechin-
Der Kangal, ein Herden- fährlich ein. Die meisten sen besondere Bedingungen gen zur Haltung des Kangals
schutzhund, der ursprünglich Bundesländer führen Rasse- erfüllen, etwa ein Führungs- abwarten und dann überprü-
aus der Türkei stammt, steht listen, seit im Jahr 2000 zwei zeugnis vorweisen oder den fen, „ob die Rasse womög-
in Baden-Württemberg nicht Kampfhunde ein Kind im Hunden einen Maulkorb an- lich wegen ihrer Wesens-
auf der Liste der Kampfhun- Hamburger Stadtteil Wil- legen, manchmal ist auch ein eigenschaften“ in die Liste
de. Hessen und Hamburg helmsburg totgebissen haben. Wesenstest des Tiers vorge- der Kampfhunde aufgenom-
hingegen stufen ihn als ge- Halter solcher Hunde müs- sehen. Der Sinn der Rasselis- men werden muss. fri

Fall Franco A. auf Politiker begehen wollen. BVB-Anschlag Landwirtschaftsminister


Dolmetscherin Die Bamf-Vertreterin nannte Feuer hinterm Regierung fördert
seine Registrierung als Flücht-
hegte Verdacht ling „ein Zusammentreffen Hotel öffentliches Stillen
Im Fall des rechtsextremen mehrerer eklatanter Fehler, Der mutmaßliche Bombenle- Bundeslandwirtschaftsminis-
Bundeswehroffiziers Franco mangelnder Routine und ger im Fall des Anschlags auf ter Christian Schmidt (CSU)
A. hätte dessen Registrierung extremer Belastung aller Mit- den Mannschaftsbus von Bo- möchte das Stillen von Ba-
als syrischer Flüchtling leich- arbeiter“. bas, fis russia Dortmund hat womög- bys in der Öffentlichkeit po-
ter verhindert werden kön- lich versucht, Beweismittel pulärer machen. Die Natio-
nen als bislang bekannt. Der zu verbrennen. Die Ermittler nale Stillkommission (NSK)
Dolmetscherin, die bei seiner entdeckten in einem Wald- hat dazu einen Bericht ver-
Anhörung anwesend war, stück in der Nähe des Hotels, fasst („Erarbeitung von posi-
sollen Unstimmigkeiten in in dem sowohl das Team des tiven Botschaften zur Erhö-
seinen Aussagen aufgefallen BVB als auch der Tatverdäch- hung der Akzeptanz des Stil-
sein. Die Frau marokkani- tige Sergej W. logiert hatten, lens in der Öffentlichkeit“).
scher Herkunft habe aller- eine etwa 20 Quadratmeter Dieser wird demnächst an
dings nicht gewagt, ihre große Brandstelle. Dort la- den Petitionsausschuss des
Zweifel zu äußern. Eine Ver- gen unter anderem die Über- Bundestags übersandt und
treterin des Bundesamts für reste eines Fernglases, einer soll im Sommer erscheinen.
Migration und Flüchtlinge Taschenlampe, Batterien, Ka- „In einer aufgeklärten und
(Bamf) berichtete dies dem bel sowie Arbeitsschuhe. Die toleranten Gesellschaft sollte
Rechtsausschuss des Bundes- Beamten vermuten, dass das Stillen in der Öffentlich-
tags. Die Dolmetscherin W. die Gegenstände genutzt keit idealerweise kein Pro-
habe angegeben, sie habe haben könnte, als er drei blem darstellen“, so das Mi-
„nichts gegen einen Israeli“ Sprengsätze in einer Hecke nisterium. Schmidt, Vater
sagen wollen. am Hotelparkplatz platzierte. von zwei Kindern, erklärt:
Franco A. war 2016 als syri- Womöglich sollte das Feuer „Die ersten Monate im Le-
scher Flüchtling anerkannt Fingerabdrücke und DNA- ben eines Babys sind in jeder
worden, obwohl er noch Spuren vernichten, was Kri- Hinsicht eine wichtige Zeit.“
nicht einmal Arabisch spricht. minaltechnikern zufolge Die NSK berät die Regierung
Er hatte angegeben, er spre- auch gelang. Polizisten hat- seit 1994 zu Initiativen zum
che Französisch und stamme ten kürzlich den Wald noch „Abbau von Stillhindernis-
aus einer christlich-jüdischen einmal abgesucht, ohne wei- sen“. Das Landwirtschafts-
Familie. Die Ermittler des tere Gegenstände zu finden, ministerium ist für das The-
Generalbundesanwalts glau- die mit der Tat zusammen- ma zuständig, da Stillen poli-
ben, Franco A. habe als hängen könnten. Sergej W. tisch zum Themenkomplex
Flüchtling getarnt Anschläge Soldat Franco A. 2013 bestreitet den Anschlag. jdl „Ernährung“ gehört. csc, bs

28 DER SPIEGEL 23 / 2017


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Fußballfan Schröder in seiner VIP-Loge: „Ich habe nicht das Gefühl, dass irgendeine Firma aus Russland interessiert ist“

Die Hand Gottes


Karrieren Gerhard Schröder war mal Bundeskanzler, nun ist er Aufsichtsratschef von
Hannover 96. Er führt den Verein, wie er Deutschland gern regiert hätte. Von Marc Hujer

D
er Altkanzler hat einen festen Platz nover 96 im Spiel gegen den Tabellen- konnte. So habe er alles miterlebt, das
in der HDI Arena, ganz oben auf führer VfB Stuttgart sich den Aufstieg in Tor, den Schlusspfiff, den Jubel. Danach
dem Balkon der VIP-Loge „G6“, die Bundesliga so gut wie sichern wird, habe er sofort Martin Kind angerufen, den
die er mit fünf Freunden gemietet hat, bleibt sein Platz leer. Vereinspräsidenten, um ihm zum Sieg zu
direkt neben der Tür zum Hospitality- Er wird später sagen, dass er trotzdem gratulieren.
Bereich. Es ist der beste Platz der Loge, dabei war, ohne im Stadion zu sein. Soll keiner denken, dass er nichts mit-
weil ihm die Hostessen über die Schulter Dass er am Tag des Spiels auf Rhodos bekommt, nur weil er nicht da ist.
hinweg einen Pappbecher Weißwein rei- zwischenlandete, nachdem er im Auftrag Seit einem halben Jahr ist Gerhard
chen können oder, falls er sich mal einen des deutschen Tunnelbauers Herren- Schröder, 73, Aufsichtsratsvorsitzender sei-
Nachtisch wünscht, ein Mini-Magnum. knecht in die Türkei gereist war. Seine nes Heimatvereins Hannover 96. Es ist ein
Wenn er kommt, sitzt er immer dort, „Jungs“, wie er seine Sicherheitsbeamten Posten, der ihm eigentlich nur erlaubt, die
Platz 5, Reihe R2. Aber an diesem Sonntag, nennt, hätten dafür gesorgt, dass er im Finanzen zu überprüfen. Ein besserer
dem wichtigsten der Saison, an dem Han- Hotel das Spiel live auf Sky verfolgen Buchhalterjob. Aber wer glaubt schon,
30 DER SPIEGEL 23 / 2017
Deutschland

als Mann, der für den Verein Sponsoren Hostessen Currywürste auf, die Schröder
besorgen soll. aber nicht anrührt. Er hat immer schon
Die Journalisten dürfen Fragen stellen. gegessen, wenn er in die Loge kommt.
Frage: Herr Schröder, wann haben Sie Von jedem der sechs Logenmitglieder
Ihr Faible entdeckt, dass Sie Vereinen hel- hängt ein Trikot mit dem Namen aufge-
fen können? reiht an der Wand. Schröders ist mit der
Schröder: Ich bin ja wieder als Rechts- Rückennummer 9 bedruckt, die früher, als
anwalt tätig und als solcher in verschiede- er klein war, die feste Nummer des Mittel-
nen Aufsichtsräten. Aber dies ist natürlich stürmers war. Darunter steht „Kanzler“.
was Besonderes. Es ist ein Ehrenamt. Der „Kanzler“ kommt immer kurz vor
Frage: Ist Gazprom als Sponsor auch ein dem Spiel, als Letzter, und bleibt danach
Modell für Hannover 96? etwas länger, um die Pressekonferenz mit
Schröder: Ich habe nicht den Eindruck, dem Trainer zu sehen, die live in die Loge
dass irgendeine Firma, welche auch immer, übertragen wird.
aus Russland interessiert ist. Sobald das Spiel läuft, sitzt Schröder
Normalerweise nerven Schröder die ewi- auf seinem Platz auf dem Logenbalkon.
gen Fragen nach Russland und Wladimir Er gestikuliert dort ausladend, beklagt das
Putin, aber nun gefällt ihm die Unterstel- langsame Umschaltspiel, die Fehlpässe,
lung, er bediene sich verborgener Mächte. vergebene Torchancen. Ist er mit einer
Nun wirkt es plötzlich so, als könnte er Entscheidung des Schiedsrichters nicht ein-
mithilfe seines Freundes, des russischen verstanden, ruft er „Schieber“. Bleibt ein
Präsidenten, etwas Gutes für seine Heimat Spieler der eigenen Mannschaft nach ei-
tun. nem Foul zu lange liegen, brüllt er: „Steh
Schröders Engagement bei Hannover 96 auf, du Dussel!“
begann vor drei Jahren, damals mietete er Er gefällt sich in der Pose des Besser-
die Loge in der HDI Arena. Sie liegt in wissers. Wenn er die sehr große Reporterin
der Mitte des VIP-Bereichs, direkt neben von Sky sieht, die die meisten Spieler von
der Loge des Vereinspräsidenten. „G6“ Hannover überragt, ruft Schröder empört:
steht für die „Großen Sechs“, das ist jetzt „Warum ist die denn größer als er?“
sein Fußballkabinett. Als er bei einem der Spiele entdeckt,
Heino Wiese, 65, gehört dazu, früherer dass nicht nur der Schiedsrichter, sondern
SPD-Parteifunktionär und Statthalter in auch einer der Linienrichter weiblich ist,
Schröders Bezirksverband, der vor gut lästert er, dass jetzt auch schon im Fuß-
einem Jahr auf Vermittlung von Putin als ball Frauen die Macht übernähmen: „Was
ARMIN SMAILOVIC / DER SPIEGEL

„Honorarkonsul der Russischen Föderation soll ich denn jetzt meinem Sohn sagen?
in Hannover“ eingesetzt wurde. Es gibt einfach keine Männerdomäne
Professor Madjid Samii, 79, Neurochi- mehr.“
rurg, ein Mann von komödienhafter Eitel- Es ist ein eher robuster Humor, der in
keit, den Schröder zu seinem Leibarzt er- der Loge gepflegt wird, und wenn man
klärt hat, weil Samii ihm „die Leber eines Schröder dort ein halbes Jahr lang beglei-
18-Jährigen“ bescheinigte, trotz Schröders tet, bekommt man eine Vorstellung davon,
Schwäche für guten Wein. wie er das Land ohne demokratische
Michael Frenzel, 70, ehemaliger Chef Zwänge regiert hätte und ohne die Einwür-
der Preussag AG, an dem sich Schröder fe der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemo-
dass Gerhard Schröder freiwillig einen beim geplanten Verkauf der Salzgitter AG kratischer Frauen.
Buchhalterjob macht? erfolgreich abarbeiten konnte, was Schrö- In seinem neuen Amt braucht er keine
Es ist nicht der erste Aufsichtsratsposten, der 1998 ein gutes Wahlergebnis in Nieder- Rücksichten mehr zu nehmen und muss
den Schröder annimmt. Nur wenige Wo- sachsen bescherte und die Kanzlerkandi- sich nicht das Maul verbieten lassen. Man
chen nach seiner Abwahl als Bundeskanz- datur. erlebt: Schröder unplugged. Wer ihm nicht
ler 2005 übernahm er bei Nord Stream den Günter Papenburg, 78, Hannovers Auto- passt, wird aus dem Weg geräumt, und als
Aufsichtsratsvorsitz, einer Tochter des bahnkönig, den Schröder als Ministerprä- Aufsichtsrat kann er sogar behaupten, dass
halbstaatlichen russischen Gaslieferanten sident und Kanzler auf mehrere Delega- er nichts damit zu tun hatte. Er regiert den
Gazprom. Später kam ein weiterer Auf- tionsreisen mitnahm und der heute „Ho- Verein Hannover 96 wie sein Freund Wla-
sichtsratsposten bei Herrenknecht dazu. norarkonsul der Republik Kasachstan“ ist. dimir Putin Russland.
Es sind Posten, über die er nicht gern redet; Und schließlich Klaus Meine, 69, Sänger
sie bringen ihm Geld ein, aber keine An- der Rockgruppe Scorpions, den Schröder
erkennung. einst mit dem Satz zum ersten Tennis- 30. Januar. Hannover 96 – 1. FC
In Hannover ist es umgekehrt. Kurz match empfing: „Du weißt ja, ich brauche Kaiserslautern 1:0 (0:0)
nach der Berufung zum Aufsichtsratsvor- keine Opfer. Ich brauche Gegner.“ Schröder steht in der Loge mit dem Rü-
sitzenden gibt Schröder an der Seite von Die Loge ist ein schalldichter Raum, gut cken zum Fenster, während das Spiel be-
Vereinspräsident Martin Kind Ende Januar 20 Quadratmeter groß, in dem man vom reits läuft. Er will seinen Freunden erst
die größte Pressekonferenz, seit er im Sep- Lärm in der Nordkurve nur etwas mitbe- einmal zeigen, was er so alles über den
tember 2005 abgewählt wurde. Schröder kommt, wenn jemand die Tür zum Balkon heutigen Gegner weiß.
trägt ein schwarzes, offenes Hemd, darü- öffnet. Der 1. FC Kaiserslautern ist nur noch
ber ein schwarzes Cordsakko, und er ist In der Mitte steht ein großer Esstisch, Mittelmaß, aber früher, in Schröders Kind-
quietschvergnügt. Vereinspräsident Kind auf dem ein stets gut gefüllter Champa- heit, war er die „Walter-Elf“, die Vereins-
stellt Schröder als einen „Türöffner“ vor, gnerkühler thront. In der Halbzeit tragen mannschaft von Fritz Walter, der Deutsch-

DER SPIEGEL 23 / 2017 31


Deutschland

ARMIN SMAILOVIC / DER SPIEGEL


Trikots der Logenmitglieder „G6“: Der „Kanzler“ kommt immer als Letzter

land als Mannschaftskapitän zum „Wunder Mit leicht ironischem Unterton holt ihn schaft liegt, sondern auch an Martin
von Bern“ führte. Wiese auf den Boden der Tatsachen zu- Schulz, der seine Agendapolitik kritisiert
„Ich kann die Mannschaft des 1. FC Kai- rück. Ob er nicht nach einem solch mise- hat. Das findet Schröder falsch, inhaltlich,
serslautern von 1954 komplett aufsagen“, rablen Spiel in die Umkleidekabine gehen aber auch taktisch. Seine frühere Begeis-
sagt Schröder, „ich kenne noch jeden ein- müsse, um die Mannschaft „zusammenzu- terung vom Januar ist etwas abgekühlt.
zelnen Namen.“ Er wartet nicht darauf, scheißen“? Schröder winkt ab. „Ich bin als Im Fernsehen sieht man, wie sich Trai-
dass ihn jemand auffordert, er spuckt die Aufsichtsratschef nicht für die sportliche ner Stendel aufs Podium setzt und seine
Namen aus, ohne eine Sekunde zu über- Leistung verantwortlich.“ Hände knetet. Schröder wartet nicht, bis
legen: Hölz, Baßler, Kohlmeyer, alle. Aber verlieren will Schröder natürlich Stendel etwas sagt, er beginnt in seinem
Dann blickt er in die Runde, als wolle auch nicht. Er will den Erfolg, auch für Logensessel, Stendel zu imitieren.
er sagen: „Toll, nicht?“ sich. Doch es ist nur dann sein Erfolg, „Ääääääähm“, äfft Schröder ihn nach.
Wenn man Schröder fragt, was sein Ziel wenn sich in seiner Zeit etwas verändert. Stendel spricht tatsächlich ungelenk,
als neuer Aufsichtsratschef sei, sagt er, na- Man soll seinen Beitrag nicht unbedingt aber er führt auch nur einen Zweitligaver-
türlich der direkte Wiederaufstieg in die sehen, erahnen reicht, als hätte Gottes ein und keine Bundesregierung. Nachdem
Erste Bundesliga. Er hat dem Vorhaben ei- Hand beim Aufstieg geholfen. Schröder dem Trainer eine Weile zugehört
nen Namen gegeben, das ganz nach Schrö- hat, dreht er sich zu Béla Anda um, seinem
der klingt: „Agenda 2017“. immer noch tadellos geföhnten ehemali-
Gegen Kaiserslautern spielt Hannover 25. Februar. Hannover 96 – Arminia gen Regierungssprecher, der heute zu Gast
schlecht, aber Schröder will nicht gleich Bielefeld 2:2 (1:2) in der Loge ist.
am Anfang rummosern, und schließlich „Grauenhaft“, sagt Schröder und schenkt „Wenn ich das früher als Kanzler so ge-
reicht es am Ende noch für ein 1:0. Schrö- sich mit großzügiger Geste ein Glas macht hätte“, sagt Schröder. „was da dann
der ist ohnehin gut gelaunt an diesem Mon- Champagner ein. Unten auf dem Feld ver- los gewesen wäre.“
tagabend. Wenige Tage zuvor hat seine lassen die Spieler den Platz, es war ein Anda nickt beflissen.
Partei Martin Schulz als Kanzlerkandida- miserables Spiel, Hannover hat nur ein Acht Tage später gibt Hannover 96 be-
ten ausgerufen, und nun sieht es so aus, Unentschieden geholt, zu wenig für ein kannt, dass Sportdirektor Martin Bader
als könnte die SPD Merkel nach zwölf Jah- Team, das unbedingt aufsteigen will. Die seinen Posten für Horst Heldt räumen
ren tatsächlich schlagen. Das erheitert den Logenfreunde packen schon ihre Mäntel muss. Heldt war zuvor bei Schalke 04, bei
Altkanzler. zusammen, aber Schröder will noch die dem der russische Gaskonzern Gazprom
Er sprüht vor Ideen. In der Loge denkt Pressekonferenz mit Hannovers Trainer Hauptsponsor ist. Trainer Daniel Stendel
er darüber nach, die Erzfeindschaft mit dem Daniel Stendel sehen, einem bulligen darf erst mal bleiben, in den Lokalblättern
Nachbarverein Eintracht Braunschweig zu Brandenburger mit einer breiten, knolli- steht aber, dass es eng für ihn wird.
befrieden. Wie wäre es, wenn er sich einmal gen Nase. Als Schröder am 6. März zusammen
in die Fankurve von Braunschweig stellte Schröder ist ohnehin ein bisschen ver- mit dem Vereinspräsidenten den neuen
und bei einem Tor mitjubelte? schnupft, was nicht nur an seiner Mann- Sportdirektor Heldt vorstellt, trägt er
32 DER SPIEGEL 23 / 2017
kfw.de

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Deutschland

ARMIN SMAILOVIC / DER SPIEGEL


Logenfreunde Schröder, Samii: „Wenn ich das früher so als Kanzler gemacht hätte“

wieder ein offenes Hemd und ein Cord- 11. März. Hannover 96 – TSV 1860 erwähnt, der Professorenwürden sammelt
sakko, wieder ist er ausnehmend gut ge- München 1:0 (0:0) wie andere Leute Briefmarken. „Wenn Sie
launt. sagen, dass er nur elf Ehrenprofessuren
Die Journalisten dürfen Fragen stellen. Schröder nippt an seinem Pappbecher hat“, sagt Schröder, „korrigiert er Sie und
Frage: Herr Schröder, waren Sie jetzt Weißwein. Er könnte jetzt von Verhand- sagt: Ich habe 21.“
bei der Verpflichtung von Horst Heldt der lungen mit Horst Heldt erzählen, bei de- Schröder selbst hat sieben Ehrendoktor-
Ideengeber, weil Sie ja auch einen guten nen er dabei war, von seiner Rolle im Hin- titel, er lässt diesen Umstand aber eher bei-
Kontakt zu Schalke 04 haben? tergrund, von dem entscheidenden Mo- läufig fallen, im Gewand der Ironie. Schrö-
Schröder lacht. ment kurz vor dem Handschlag, als Heldt der hat gelernt, dass es ihn mehr glänzen
Frage: Wie kamen Sie auf Heldt? noch dies und das verhandeln wollte und lässt, wenn er über seine Ehrenbezeichnun-
Schröder: Ich doch nicht. Schröder, der lange geschwiegen hatte, ihn gen mit Herablassung spricht, so, als wür-
Frage: Sind Sie jetzt der Mann im Hin- mit dem Satz zur Räson brachte: „Wir sind den sie ihm nichts bedeuten. „Es ist nur
tergrund, so ein bisschen Daddy Cool? doch hier nicht auf dem Basar.“ gut, dass es bei Ehrendoktoren keine Dok-
Schröder: Nein. Nein. Nein. Ich mache Aber Schröder tut so, als hätte er mit torarbeiten gibt“, sagt er. „Sonst hätten die
das nicht, um irgendwelche Netzwerke zur den Verhandlungen nichts zu tun. Er er- mich rangenommen wie den Guttenberg.“
Verfügung zu stellen, die ich ja gar nicht wähnt sie mit keinem Wort. Im Stadion läuft inzwischen das Spiel,
habe. Stattdessen will er lieber ein bisschen das erste Spiel mit seinem neuen Sportchef,
Es gibt eine schöne Geschichte, die er- mit dem „Professor“ herumblödeln, den aber dem alten Trainer. Hannover gewinnt
zählt, wie Gerhard Schröder Aufsichtsrats- er für den eitelsten Menschen hält, den er knapp, aber spielt schlecht.
vorsitzender wurde. Danach schimpfte er je getroffen hat. Wiese beobachtet Schröder durch die
nach einem schlechten Spiel: „Wenn die Er erzählt ihm eine Geschichte, die ihm Glasscheibe von der Loge aus. „Das ist
so weiterspielen, werden die nie in die Johannes Rau beigebracht hat, eine ober- kein Fußball für den Exkanzler“, sagt Wie-
Bundesliga aufsteigen.“ Worauf Vereins- lehrerhafte Spitzfindigkeit. Im Kern geht se. „Der will immer durch die Mitte stür-
präsident Kind sagte, der Altkanzler solle es darum, dass es falsch ist zu sagen, man men. Das, was er da gerade sieht, ist Mer-
sich lieber nur über Dinge äußern, von de- habe zwei Alternativen, wenn man in kel-Fußball.“
nen er Ahnung habe. Ein Fehler. Kind war Wahrheit zwei Möglichkeiten hat. Richtig „Ich sach’ jetzt nichts“, sagt Schröder
das sofort klar. Man beleidigt nicht einfach sei in diesem Fall, dass man eine Alterna- und setzt sich. Er will sich die Übertragung
den „Kanzler“. Kind schlug ihm schnell tive habe. der Pressekonferenz mit dem Trainer an-
eine Wiedergutmachung vor, den Chefpos- Der Professor merkt, dass ihn Schröder schauen. Er will sehen, ob er sich wieder
ten im Aufsichtsrat, und Schröder belohnte mit der Geschichte hochnehmen will. „Du so miserabel schlägt.
ihn für die Geste der Unterwerfung. bist ein Professor der Philosophie.“ Wiese: Pass auf, der sagt jetzt gleich, wir
Schröder mag die Geschichte. Aber na- Schröder macht sich gern lustig über haben gut gespielt. Kampfbetont.
türlich sagt er: „Ich weise sie zurück, mit den Professor, einen Mann, der zu tanzen Schröder: Ich reg’ mich nicht auf. Nicht
Entrüstung.“ beginnt, wenn man nur seinen Namen beim Fußball.
34 DER SPIEGEL 23 / 2017
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Pinkeln wie
Im Fernsehen werden jubelnde Fans von Schröder: Da ist doch nichts ästhetisch,
Hannover 96 gezeigt. wenn sich zwei Männer gegenseitig den
Wiese: Deine Jungs, Gerd. Kopf einzuschlagen versuchen.

die Westler
Schröder: Wir hätten auch 2:0 verlieren Meine: Aber Boxen ist ultimativer
können. Kampf, archaisch. Die Urform Mann gegen
Der Professor, der ungewöhnlich lange Mann.
nichts gesagt hat, mischt sich ein. Er will Schröder: Du willst mich bekehren.
von Schröder wissen, wie lange der Trai- Aber das hat keinen Sinn. Diplomatie Die Schweizer Regie-
ner noch bleibt. Vom Tisch aus mischt sich Wiese ein,
Schröder: Als Aufsichtsratschef bin ich dem Schröders Abscheu vor dem Boxsport rung war kein Fan der deutschen
nur für wirtschaftliche Dinge zuständig. auch ein bisschen scheinheilig vorkommt: Einheit. Ihr Botschafter zeigte
Professor: Aber wie ist dein Gefühl? „Gerd, ich muss allerdings sagen: Du wärst
Schröder: Ich habe keine Gefühle. sicher gut in deiner Gewichtsklasse ge-
sogar viel Verständnis für das
wesen.“ Honecker-Regime.
Eine Woche später, beim nächsten Aus- Schröder mustert Wiese, der am Bauch

A
wärtsspiel beim FC St. Pauli, schafft Han- ein bisschen Speck angesetzt hat, von oben ls am 9. November 1989 die Mauer
nover 96 nur ein Unentschieden, wieder bis unten. fiel, jubelten die Deutschen, und
einmal zu wenig für eine Mannschaft, die „Das Gute ist“, sagt Schröder dann, die Welt stand kopf. Die Schweiz
aufsteigen will. Zwei Tage danach meldet „dass keiner weiß, in welcher Gewichts- allerdings gab sich gleichgültig. Vergebens
der Verein, Trainer Daniel Stendel sei be- klasse ich bin. Aber wenn ich das sagen versuchte der Zürcher „Tages-Anzeiger“
urlaubt worden. Als neuer Trainer kommt darf, dann liege ich, was die Gewichtsklas- am Morgen nach dem revolutionären
André Breitenreiter, der wie Sportdirektor se betrifft, etwas unter deiner.“ Ereignis eine Stellungnahme des Außen-
Heldt zuvor bei Schalke 04 war. ministeriums einzuholen. Außenminister
Als kurz danach Schalke für ein Freund- Am 21. Mai spielt Hannover 96 beim SV René Felber ließ einen Sprecher kühl er-
schaftspiel in Hannover zu Gast ist, blödelt Sandhausen, es ist das letzte Spiel in dieser klären, er könne schließlich nicht „zu allen
Wiese in der Loge herum. „Wer hat die Saison. Am Ende steht es 1:1, das reicht politischen Ereignissen“ eine Meinung
hier hergeholt?“ für den Aufstieg. äußern. Immerhin geschehe „jeden Tag
Schröder sagt: „Weiß ich nicht.“ Schröder ist in diesem Moment zu Hau- etwas Wichtiges“.
se in Hannover, Familientag, wie es heißt, Der Mauerfall – eine Alltäglichkeit? Dass
zu Auswärtsspielen fährt er grundsätzlich es sich bei der kuriosen Äußerung nicht
30. April. Hannover 96 – Fortuna nie. Aber dabei war er trotzdem, auf Sky, um ein Versehen handelte, belegen bislang
Düsseldorf 1:0 (1:0) er hat den Sender abonniert. unbekannte Akten des Schweizer Außen-
Schröder betritt federnden Schrittes die Am nächsten Tag, als die Mannschaft ministeriums aus den letzten Jahren der
Loge, sonnengebräunt. Er war ein paar im Rathaus von Hannover empfangen DDR; der münstersche Historiker Bernd
Tage im Urlaub in Marbella, zwischen- wird, ist Schröder wieder unterwegs. Er Haunfelder hat sie nun veröffentlicht*.
durch noch kurz auf Einladung von Franz hält eine Laudatio zum 150-jährigen Jubi- Die knapp hundert Dokumente stammen
Beckenbauer in Madrid zum Rückspiel des äum des SPD-Unterbezirks in Wiesbaden. überwiegend von den Schweizer Botschaf-
FC Bayern in der Champions League ge- Nach seiner Rede sitzt er im Kultur- tern, die zwischen 1982 und 1990 ihr Land
gen Real, mal wieder richtiger Fußball. zentrum Schlachthof, neben ihm Heide- im selbst ernannten Arbeiter-und-Bauern-
Er erzählt von Beckenbauer, den er marie Wieczorek-Zeul, die Entwicklungs- Staat vertraten. Insbesondere Franz Birrer,
ein „Sonnenkind“ nennt. Als Schröder re- hilfeministerin in seinem Kabinett war der letzte Repräsentant der Eidgenossen-
gierte, hat er Beckenbauer gern zum und in der hessischen SPD noch immer schaft in Ostberlin, zeigte ein irritierendes
Abendessen ins Kanzleramt gebeten. Bei- aktiv ist. Schröder erzählt ihr von der Verständnis für den SED-Staat.
de mögen eine gute Zigarre, und warum Aufstiegsfeier, die gerade in Hannover So berichtete er nach Bern, die Zahl der
soll Schröder von einem Freund abrücken, begonnen hat. „Ich hab’ mir schon politischen Häftlinge in der DDR sei „ge-
nur weil die Medien sich wegen ein kurz überlegt, ob ich heute überhaupt ring“, das Kulturleben geprägt von „großer
paar Millionen Euro Schwarzgeld auf- kommen kann, aber ich wollte dir nicht Freizügigkeit“ und die alte Garde um
regen? Er findet es auch nicht gut, dass absagen.“ DDR-Chef Erich Honecker „guten Glau-
die Medien deshalb das Sommermärchen Wieczorek-Zeul wirft ihm einen stra- bens und Willens, eine neue und bessere
zerstören. fenden Blick zu. Schröder wollte eigentlich Gesellschaft aufzubauen“.
„Gut erholt siehst du aus!“, sagt Klaus charmant sein, aber Wieczorek-Zeul Der Diplomat konnte offenbar sogar den
Meine. scheint seine Bemerkung eher als eine Bau der Mauer nachvollziehen. Immerhin
Schröder singt ihm erst mal „Spaniens Beleidigung zu empfinden. Sie hat kein genössen ostdeutsche Übersiedler in der
Himmel“ vor, die Thälmann-Kolonne: Verständnis dafür, dass er überhaupt er- Bundesrepublik die gleichen „Rechte und
„Dem Faschisten werden wir nicht wei- wogen hat, für eine Fußballveranstaltung Privilegien“ wie die Westdeutschen und
chen …“ Er hat das Lied früher immer ge- das SPD-Jubiläum zu schwänzen. würden bei der Arbeits- und Wohnungs-
sungen, wenn er im Auto zu seiner Oma Schröder schaut sie kurz an, das will er suche sogar bevorzugt, erklärt er in seinem
unterwegs war. so nicht auf sich sitzen lassen. Bericht vom 21. Juni 1989. „Man stelle sich
Meine will wissen, ob er am Vorabend „Was habt ihr hier eigentlich für einen vor, was geschehen würde“, so Birrer,
Wladimir Klitschkos Kampf im Fernsehen Fußballverein?“, fragt er. „wenn die Schweiz etwa den Italienern das
gesehen hat. „SV Wehen“, sagt Wieczorek-Zeul. Gleiche offerieren würde … Die Schweiz
Schröder: Boxen ist ein Sport, mit dem „Ach so“, sagt Schröder. „Dritte Liga.“ könnte dies wohl nur durchhalten, wenn
ich nichts anfangen kann. Ich finde, das Italien Grenzanlagen sowie Reise- und
ist der brutalste Sport. Video: Im Stadion mit
Schröder liebt es, wenn er seinem eige- Gerhard Schröder
* Bernd Haunfelder: „Die DDR aus Sicht schweizerischer
nen Klischee entfliehen kann. spiegel.de/sp232017schroeder Diplomaten 1982 – 1990“. Aschendorff; 358 Seiten; 29,90
Meine: Wieso? Boxen ist doch ästhetisch. oder in der App DER SPIEGEL Euro.

36 DER SPIEGEL 23 / 2017


THOMAS IMO / PHOTOTHEK.NET
Mauerabriss am Potsdamer Platz in Berlin am 12. November 1989: „Neue Grenzübergangsstellen geschaffen“

Übersiedlungsregelungen à la DDR einfüh- Prag, Budapest und Warschau flohen, um keine Grenzen gesetzt“. Später stellte sich
ren würde.“ Höhepunkt der skurrilen Di- ihre Ausreise zu erzwingen, klagte Birrer heraus: Die SED hatte tatsächlich hohe
plomatenpost ist ein Telegramm vom 17. No- allerdings, eine Botschaftsbesetzung sei ein Summen in die Schweiz geschafft.
vember 1989. Birrer schreibt darin: „Die „gravierender Fall von Hausfriedensbruch“, Wie wenig sich der Nachbardiplomat
,Mauer‘ ist nicht, wie vielfach behauptet werde „in der BRD jedoch nie geahndet“. über die Wiedervereinigung freute, kann
wurde, gefallen.“ Vielmehr seien nur „zahl- Die Botschaft der Alpenrepublik lag im man in seinem Bericht über die Einheits-
reiche neue Grenzübergangsstellen geschaf- gut abgeschirmten Diplomatenviertel Ost- feier in der Nacht zum 3. Oktober 1990 in
fen worden, nicht mehr und nicht weniger“. berlins. Der dreigeschossige Sichtbetonbau Berlin nachlesen. Von einer Feststimmung
Dabei galt die neutrale Schweiz wäh- zählte zu den Standardunterkünften Typ war laut Birrer „kaum etwas“ zu spüren.
rend des Kalten Krieges als „geheimer Ver- „Pankow“, die ein DDR-Architekt für in- Für bemerkenswert hielt er dagegen die
bündeter“ des Westens, so der Historiker ternationale Vertretungen entworfen hatte. angeblich neuen Pinkelgewohnheiten, für
Haunfelder. Offiziell stand zwischen Bonn In seinen Berichten nennt Birrer zumeist Diplomaten ein ungewöhnliches Thema.
und Bern alles zum Besten. Kanzler andere Diplomaten und Vertreter des SED- Nach Birrers Beobachtung hatten die
Helmut Kohl präsentierte sich als Fürspre- Regimes als Quelle, nur selten scheint er Männer Ostberlins inzwischen die Ange-
cher der Eidgenossen in der Europäischen sich im Herbst unter die Demonstranten wohnheit ihrer Westberliner Geschlechts-
Gemeinschaft. gemischt zu haben. genossen übernommen, bei Großveranstal-
Allerdings sympathisierten manche Anfang Dezember war er Zaungast bei tungen „häufig an Hauswänden oder in
Schweizer Sozialdemokraten mit der DDR, einer Kundgebung vor dem Zentralkomi- den Parkanlagen“ zu urinieren.
wie sich Tim Guldimann erinnert, selbst tee der SED und hörte unerkannt zu. Die Wie die Berichte Birrers in der Zentrale
Genosse und bis vor Kurzem Botschafter Schweiz war ein großes Thema, weil sich in Bern aufgenommen wurden, ist nicht
in Berlin. Und gerade viele Deutschschwei- das Gerücht hielt, die SED-Führung habe überliefert. Er wurde 1991 nach Luxem-
zer störten sich am Auftreten der West- heimlich Milliarden D-Mark dorthin trans- burg versetzt, was nach einem Abstieg aus-
deutschen, das sie als laut und arrogant feriert. Empört notierte Birrer, der „dies- sieht. Er habe den Posten frei gewählt, hält
empfanden. Der SED-Staat wirkte dem- bezüglichen Fantasie“ seien „offensichtlich Birrer dagegen.
gegenüber bescheiden – und überhaupt Außenminister Felber teilte jedenfalls
nicht bedrohlich. nachweislich die Einheitsskepsis seines Di-
Auch Birrer beschreibt in seinen dama- plomaten. Am 4. Oktober 1990 warnte er
ligen Rapporten die Bundesrepublik als in einem Interview ausdrücklich vor einer
„groß“ und „schwerreich“, die DDR dage- „drohenden Germanisierung von Europa“.
gen als „klein“ und dem „übermächtigen Die Regierung Kohl ließ damals alle
Nachbarn beinahe schutzlos ausgeliefert“. Wortmeldungen aus der Schweiz abperlen.
Der heute 84-jährige Jurist bestreitet, Dabei hätte ihr manche Bewertung in den
den SED-Staat mit Sympathie betrachtet jetzt frei gewordenen Akten sicher gefal-
zu haben. Er habe sich vielmehr „von Rea- len. Denn laut Birrer ging die DDR nicht
lismus“ leiten lassen, sagt er dem SPIEGEL. an ihrer eigenen Schwäche zugrunde.
Als im Sommer 1989 Tausende Ostdeut- Nicht etwa der „Druck der Straße“, son-
sche in die westdeutschen Botschaften in dern Helmut Kohl war demnach der „ei-
gentliche Motor der deutschen Einheit“.
* Mit dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker in Botschafter Birrer (r.) 1987* Den Altkanzler wird dieses Urteil
Ostberlin. „Beinahe schutzlos ausgeliefert“ freuen. Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 23 / 2017 37


Tunesischer Straftäter Samir vor seiner Abschiebung in Dresden: „Die Schnauze voll von Deutschland“

Die verlorenen Söhne


Migranten Tausende junge Männer aus Nordafrika kommen jedes Jahr nach Deutschland,
viele von ihnen begehen hier Straftaten. Die Behörden wollen schneller
abschieben, doch auch in ihrer Heimat sind die Kriminellen nicht willkommen.

D
ie anderen Häftlinge schlafen noch, Sie fahren zum Flughafen Leipzig/Halle, schenstopp, um ihre Soldaten in den Irak
als Samir, 36, von den Wärtern ge- von dort soll Samir abgeschoben werden. oder nach Afghanistan zu schicken. Jetzt
weckt wird. Es ist 5.30 Uhr, Anfang Leipzig hat sich zu einem Drehkreuz für sitzen hier ein paar Tunesier, schwer be-
April, die Sonne ist noch nicht aufgegan- Abschiebungen entwickelt, mehr als 2100 wacht von der Polizei. Vor dem Eingang
gen. Er muss sich leise anziehen. Polizisten Ausländer wurden von hier aus im vergan- stehen zwei blaue Dixi-Toiletten. Wer aus-
mit schwarzen Sturmhauben führen den genen Jahr ausgeflogen. treten muss, bleibt in Handschellen, ein
Tunesier in den Hof der Justizvollzugs- Den Germania-Charterflug ST 2828, der Bundespolizist lässt den Fuß in der Tür.
anstalt Dresden. Samir und 16 weitere Abschiebepassagiere Als sich einer über die Fesseln beklagt,
Samirs braune Haare sind kurz geschnit- nach Tunesien bringen soll, begleiten 67 Bun- wird er auf Sächsisch belehrt: „Da gib dir
ten, sein Bart wächst bis hoch an die Schlä- despolizisten, dazu zwei Ärzte und zwei mal Mühe, mei Guter.“
fen. Er trägt eine rote Daunenweste und Dolmetscher. „Germany Escort“ steht auf Die Beamten sind bei Tunesiern beson-
Jeans. Im Hof wartet ein schwarzer Mer- ihren Taschen. Regelmäßig wird Terminal ders vorsichtig. Viele „Schüblinge“, wie
cedes-Transporter, der Wagen für seine A für die Abschiebeflüge genutzt, für die sie genannt werden, wehren sich oder ver-
letzte Reise durch Deutschland. U. S. Army war das Gate jahrelang ein Zwi- letzen sich selbst, um ihre Abschiebung zu
38 DER SPIEGEL 23 / 2017
Deutschland

Schule und arbeitete bei einem Friseur, lungsgruppe Mehrfachtäter Zuwanderung“


sonst habe er nichts gelernt. Mit zehn habe eingerichtet wurde, viele Tatverdächtige
er angefangen, regelmäßig Haschisch zu stammten von der nordafrikanischen Küs-
rauchen, sagte er vor Gericht. te. Dass die Zahl der Straftaten in Karls-
Die Behörden lehnten den Asylantrag ruhe inzwischen zurückgeht, führt die Po-
ab, doch abgeschoben wurde er nicht. Sa- lizei auch auf die sinkenden Flüchtlings-
mir bekam eine Duldung. Er wurde Dro- zahlen zurück.
genhändler am Dresdner Hauptbahnhof, Viele der kriminellen Migranten sind
war abhängig von Crystal Meth und soff, Mehrfachtäter. Auch ein Marokkaner, 34,
jeden Tag sieben bis zehn Bier oder eine der im Dezember eine Frau in der Damen-
Flasche Wodka. Sein Pech: Einige der Kun- toilette einer Bar an der Hamburger Ree-
den, denen er Haschisch verkaufte, waren perbahn vergewaltigt haben soll, war vor-
Zivilfahnder. Im Juli 2016 verurteilte ihn bestraft. Doch die zuständigen Behörden
das Dresdner Amtsgericht wegen mehrerer sahen sich nicht in der Lage, ihn abzuschie-
Diebstahls- und Drogendelikte zu einer ben. Tatsächlich wurden 2016 nur 660 Al-
Strafe von einem Jahr und neun Monaten. gerier, Marokkaner und Tunesier außer
Seine Drogensucht, so die Prognose, werde Landes gebracht, aber fast 9000 waren aus-
ihn jederzeit wieder zu Straftaten verleiten. reisepflichtig. Deshalb will die Bundesre-
Um 12.20 Uhr hebt Flug ST 2828 Richtung gierung nun schneller abschieben.
Enfidha ab. Er habe „die Schnauze voll von In der vergangenen Woche hat der Bun-
Deutschland“, sagt Samir kurz vor dem Ab- destag erneut das Asylrecht verschärft. So
flug. Sein Traum von Europa ist zu Ende. wird die Höchstdauer des Abschiebege-
wahrsams von vier auf zehn Tage verlän-
KEINE ANDERE AUSLÄNDERGRUPPE ist in gert, außerdem soll die Abschiebehaft für
Deutschland in den vergangenen Jahren ausreisepflichtige „Gefährder“ und ihre
so in Verruf geraten wie die der jungen Überwachung erleichtert werden. Es soll
Männer aus Marokko, Tunesien und Alge- verhindert werden, dass ein abgelehnter
rien. Nur 2,4 Prozent der Asylsuchenden Asylbewerber wie der Tunesier Anis Amri,
kamen 2016 aus den Maghreb-Staaten, der Attentäter vom Berliner Weihnachts-
Menschen von dort stellen aber 11 Prozent markt, einen Anschlag begehen kann.
der tatverdächtigen Zuwanderer. In Köln Bloß, so einfach ist das nicht. Viele Nord-
zeigten Stichproben, dass 2015 mehr als afrikaner haben ihre Papiere verschwinden
40 Prozent der Migranten aus dem lassen, manche sind abgetaucht, die Her-
Maghreb bereits im ersten Jahr nach ihrer kunftsländer kooperieren nur widerwillig.
Einreise einen Raub oder Diebstahl ver-
SVEN DOERING / DER SPIEGEL

übten, sagt Kriminaldirektor Thomas DEUTSCHLANDS POLIZISTEN und Behörden


Schulte, der die Ermittlungen nach den sind mit den Kriminellen aus den Unter-
Silvesterübergriffen von Köln leitete. schichten Marokkos, Tunesiens und Alge-
Es war jene traumatische Nacht, die riens in vielerlei Hinsicht überfordert. Die
Deutschlands Blick auf die Flüchtlinge, die jungen Männer haben häufig bereits eine
das Land zu Hunderttausenden aufgenom- kriminelle Vorgeschichte, wenn sie hier
men hatte, nachhaltig veränderte. In jener ankommen, sie waren Straßendiebe in Ca-
Nacht wurde der böse Flüchtling geboren. sablanca oder Algier oder handelten mit
Ein Großteil der Tatverdächtigen, die Frau- Drogen. „Viele haben offenbar keine Schule
verhindern. Es gab schon einige, die den en sexuell belästigt und bestohlen hatten, besucht, einige konnten noch nicht einmal
Akku ihres Mobiltelefons verschluckten, waren Nordafrikaner – „Nafris“, wie die ihren eigenen Namen schreiben“, sagt Jörg
andere steckten sich Rasierklingen in die Polizei nordafrikanische Intensivtäter in-
Mundhöhle oder zogen plötzlich ein Cut- tern nennt. Auch das sorgte für Debatten,
termesser aus dem Gürtel. Deshalb passen als die Polizei am jüngsten Silvesterabend
immer gleich drei „Personenbegleiter Luft“ in Köln Hunderte junge Ausländer kon-
auf einen Tunesier auf. trollierte, die sie für verdächtige „Nafris“
Bei der Kontrolle muss sich Samir voll- hielt.
ständig entkleiden. Ein Arzt wird alle Vor allem in Köln und Düsseldorf kämp-
Körperöffnungen auf möglicherweise ge- fen die Sicherheitsbehörden schon seit
schmuggelte Gegenstände untersuchen. Jahren gegen Kriminelle aus Marokko,
Danach wirkt Samir ruhig, deshalb Algerien und Tunesien. Allein 2016 ermit-
haben sie ihm die Handschellen erspart. telten sie gegen 400 Tatverdächtige aus
„In Tunesien hatte ich keine Hoffnung und dem Maghreb. Doch nun fiel auf, wie viele
SVEN DOERING / AGENTUR FOCUS

keine Zukunft“, erzählt er. 2008 fuhr er Nordafrikaner auch anderswo unter den
mit einem Schlepperboot von Libyen über Straftätern waren. In Sachsen kamen die
das Mittelmeer nach Italien, dort lebte er meisten der Mehrfach- und Intensivtäter
ein Jahr lang und reiste dann nach Belgien, unter den Zuwanderern aus einem Land
Holland und in die Schweiz. Im Mai 2014 des Maghreb. Im Frankfurter Bahnhofs-
kam er nach Deutschland und beantragte viertel dominieren Nordafrikaner den
Asyl. Er habe hier ein neues Leben anfan- Drogenhandel, in Karlsruhe beging eine
gen und arbeiten wollen, sagt Samir. Mit Gruppe von Migranten in kurzer Zeit so Koffer eines Personenbegleiters
zwölf Jahren verließ er in Tunesien die viele Diebstähle, dass dort eine „Ermitt- 67 Bundespolizisten eskortieren den Flug

DER SPIEGEL 23 / 2017 39


Deutschland

Grethe, Leiter der Karlsruher Ermittlungs-


gruppe. Anders als Georgier seien die Nord-
afrikaner in der Regel nicht in Banden or-
ganisiert. Die Männer lernten sich meist in
den Flüchtlingsunterkünften kennen.
Viele stehen unter Drogen, so die Erfah-
rung der Ermittler. Häufig dröhnten sie sich
mit Alkohol, Marihuana und Medikamen-
ten zu, die sie schmerzunempfindlich mach-
ten und in eine „Scheißegal-Haltung“ ver-
setzten, sagt Kripomann Schulte, der 2013
das Polizeiprojekt „Nafri“ leitete, eine um-
fangreiche Analyse zu den Straffälligen aus
den Maghreb-Staaten. Er spricht von einer
„hohen Gewaltbereitschaft“, rücksichtslos
setzten sie bei ihren Raubzügen auch Mes-
ser ein und verletzten Opfer oder Polizei-
beamte. Sie benutzten häufig falsche Iden-
titäten, schwiegen in Vernehmungen, nur
selten zeigten sie Reue. „Das offenbart eine

JOSCHWARTZ.COM
hohe Missachtung unseres Rechtssystems“,
sagt Schulte.
In der Justizvollzugsanstalt Wiesbaden
lebten bis Anfang 2016 mehr als ein Dut-
zend junge nordafrikanische Täter in Wohn- Polizeirazzia in Köln: „Hohe Missachtung unseres Rechtssystems“
gemeinschaften. Doch weil sie randalierten
und ihre Zimmer demolierten, mussten sie
in Erwachsenengefängnisse verlegt werden. würde. Doch irgendwann wurde Abdul Schule besucht, beherrsche aber Franzö-
Manche hätten abgebrochene Löffel oder klar, dass niemand nach ihm suchte. Seine sisch und Spanisch „ziemlich gut“, wie er
Glasscherben geschluckt, so die Gefängnis- Stiefmutter nicht, die ihn nicht mochte, und sagt. Auch Deutsch habe er recht schnell
leitung. Vielen von ihnen scheint alles egal auch sein Vater nicht, der der neuen Frau gelernt. „Ich bin nicht dumm“, sagt Abdul.
zu sein. Sie haben keine Perspektive in gefallen wollte. In Fés schmuggelte sich Sven Collet, sein Anwalt, bescheinigt ihm,
Deutschland – nicht einmal vier Prozent Abdul in einen Zug und fuhr an die Küste. im Vergleich zu vielen anderen ein „ge-
der Asylanträge der Marokkaner, Tunesier Eine Weile lebte er auf der Straße in der witztes Kerlchen“ zu sein. Der Pflichtver-
und Algerier werden bewilligt. Nähe der spanischen Exklave Melilla. teidiger vertritt seit Jahren junge Nordafri-
Irgendwann habe er Schleuser kennen- kaner vor Gericht. „Wenn ich hier raus bin,
ABDUL, 19, sitzt in seinen blauen Gefäng- gelernt, die ihm einen Job verschafften: will ich es wirklich schaffen“, sagt Abdul.
nisklamotten im Besucherzimmer der Ju- Abdul half dabei, nachts an der Grenze
gendstrafanstalt Wittlich in Rheinland- Zwischenwände aus Holz zu zimmern und MIMOUN BERRISSOUN, 30, will straffälligen
Pfalz. Es ist ein kleiner Raum, ein Fenster, zu bemalen, die sie dann heimlich in par- Jugendlichen helfen. Der Kölner Sozialar-
ein paar Stühle, ein Tisch. Draußen nieselt kende Lkw einbauten. In dem Raum da- beiter mit marokkanischen Wurzeln hat
es. Am nächsten Tag wird sich Abdul ge- hinter konnten sich mehrere Menschen das mehrfach ausgezeichnete Projekt „180
meinsam mit einem Syrer, dessen Identität verstecken. Wenn Polizisten die Laster aus- Grad Wende“ gegründet. Er und sein Team
fragwürdig ist, vor Gericht verantworten leuchteten, fielen sie meist auf die Attrap- versuchen, junge Migranten aus der Krimi-
müssen. Die beiden sind unter anderem pe herein. Der Junge sah viele Marokka- nalität zu holen und zu verhindern, dass
wegen räuberischen Diebstahls angeklagt. ner nach Europa verschwinden. „Die meis- sie sich radikalisieren. Die Streetworker
Am Trierer Hauptbahnhof sollen sie einen ten sind jetzt in Luxemburg und haben haben eine Beratungsstelle in Köln-Kalk
schlafenden Mann überfallen und ausge- viel Geld“, glaubt er. und sind viel auf den Straßen unterwegs.
raubt haben. Dabei fiel das Opfer ins Gleis- Irgendwann entschied Abdul, es auch Sie sprechen Arabisch und Türkisch und
bett und wurde verletzt. zu versuchen. Er hängte sich unter ein Post- versuchen, auch mit den Nordafrikanern
Seit einem halben Jahr sitzt Abdul in auto und gelangte so auf eine Fähre nach ins Gespräch zu kommen. „Wir kennen vie-
Untersuchungshaft, es ist nicht das erste Málaga. „Das war ein schöner Moment“, le von denen, die bekannt dafür sind, Stress
Mal. Er ist vorbestraft wegen Diebstahls. erinnert er sich. zu machen“, sagt Berrissoun. Viele von ih-
Beim letzten Prozess gab die Jugendrich- In Spanien erwischte ihn die Polizei nen würden erst in Deutschland für Straf-
terin dem Marokkaner noch eine Chance beim Klauen, und er kam in ein Heim für taten rekrutiert. Ohne Zukunftschancen
und setzte die Strafe auf Bewährung aus, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. seien sie leichte Beute für Berufskriminelle.
damit er seine Ausbildung zum Metallbau- Danach, in Frankreich, habe er meist „auf Berrissoun würde deshalb gern ein Pilot-
er beenden kann. Sie muss Potenzial in der Straße gelebt und gebettelt“, sagt Ab- projekt starten mit ausgewählten Jugend-
dem Jugendlichen gesehen haben, viel- dul. Manchmal schlief er in einem Obdach- lichen: „Jungs, die echtes Interesse haben.“
leicht hatte sie auch Mitleid. losenheim. Schließlich wollte er sich „ein- Die Idee ist ein Anreizsystem: Die jungen
Zehn Jahre alt war Abdul, so erzählt er mal anschauen, wie es in Deutschland ist“, Männer sollen Punkte sammeln und am
es, als er sein Heimatdorf in Marokko ver- und fuhr an einem Julitag im Jahr 2013 Ende mit dem Bleiberecht belohnt werden.
ließ. Einen halben Tag lang lief er ohne mit dem Zug Richtung Frankfurt am Main. Wer die Deutschprüfung besteht, bekommt
Gepäck und Geld auf einer staubigen Stra- Kurz hinter der Grenze, in Saarbrücken, einen Punkt, wer einen Ausbildungsplatz
ße Richtung Fés, einer Großstadt im Nor- griffen ihn Polizisten auf und brachten ihn findet, auch. Ihm sei klar, dass das rechtlich
den des Landes. Am Anfang hatte er Angst, in ein Heim für minderjährige Flüchtlinge, kompliziert sei, sagt der Sozialarbeiter.
dass sein Vater ihn finden und verprügeln da war er 15 Jahre alt. Er habe kaum die „Aber wir müssen anfangen, neue Ideen

40 DER SPIEGEL 23 / 2017


HARALD TITTEL / DER SPIEGEL
Marokkaner Abdul als Kind, als Häftling in Wittlich: Zehn Jahre war er alt, als er sein Heimatdorf verließ

zu entwickeln, wenn wir das Kriminalitäts- die Initiative, die derzeit 70 Jugendliche vor den Richter tritt, kommt er nicht mehr
problem lösen wollen.“ Manche werfen betreut. Die Mentoren sprechen die Dia- so glimpflich davon wie zuvor. Das Urteil
Berrissoun vor, er sei sozialromantisch. lekte des Maghreb oder Französisch. Sie lautet, unter Berücksichtigung der Vorge-
„Die Alternative ist, die Jungs abzuschie- beraten die jungen Männer, helfen ihnen schichte, zwei Jahre und sechs Monate Ju-
ben und zu warten, bis sie zurückkommen bei den Behörden oder beim Deutsch- gendstrafe. „Den Angeklagten wurde von
und noch schwerer zugänglich sind“, sagt unterricht – und sie unterstützen sie bei Deutschland Gastrecht gewährt, das sie
er. „Zu glauben, dass sich Europa abschot- der Rückkehr in ihr Heimatland. Zur Er- nicht gewürdigt haben“, sagt der Richter.
ten könne, das finde ich naiv. Es wird nie- folgsquote sagt die Behörde: Die Sprach- „Sie müssen lernen, sich unserem Rechts-
mals Staatsgrenzen ohne Lücken geben.“ und Bildungsförderung zeige „gute Resul- system anzupassen.“ Dass sie das selbst in
Auch der Düsseldorfer Sozialpädagoge tate“, die Zahl der Straftaten unter den Freiheit schaffen, sei allerdings illusorisch,
Samy Charchira, der selbst in Marokko Betreuten sei „deutlich reduziert“ worden. durch ihren Lebensweg seien sie in ihrer
aufgewachsen ist, fordert mehr Prävention. Reife verzögert.
Er appelliert an die maghrebinischen Kul- HÄTTE AUCH ABDUL aus Trier bloß mehr Nun rückt auch Abduls Abschiebung nä-
tur- und Sportvereine in Deutschland, sich Hilfe und Halt gebraucht, damit er nicht her. Er versteht nicht, warum er nicht als
stärker in der Jugendhilfe zu engagieren. mehr kriminell wird? Die traurige Wahr- Flüchtling anerkannt wird; dass Perspek-
„Sie sprechen dieselbe Sprache und ken- heit ist, dass er jede Menge Unterstützung tivlosigkeit kein Grund für Asyl ist, weiß
nen die Kultur und Religion der Jugend- bekommen hat. er offenbar nicht. „Das marokkanische Ge-
lichen“, sagt er. „Sie können viel schneller Nachdem der Junge im Zug aufgegriffen neralkonsulat hat doch bestätigt, dass mei-
an die Jungs herankommen.“ Natürlich wurde, nahm ihn das Jugendhilfezentrum ne Mutter tot ist“, sagt er. Die Behörden
gebe es Schwerkriminelle, die nicht reso- Don Bosco Helenenberg auf, das vom wüssten das, und trotzdem helfe ihm nie-
zialisierbar seien. „Da können auch Street- Salesianerorden betrieben wird. Es ist eine mand. „Wenn man mich abschiebt, bleibe
worker nichts ausrichten“, sagt er. Manche schöne Anlage auf einem Hügel nahe Trier. ich nicht länger als einen Tag in Marokko“,
Jungs brauchten aber einfach Ansprech- Es gibt dort auch Wohngruppen für unbe- verkündet er. „Was soll ich da?“
partner und Vorbilder, an denen sie sich gleitete minderjährige Flüchtlinge, Basket-
orientieren könnten. ballfelder, eine Kletterwand und einen DAS KÖNIGREICH MAROKKO gilt unter den
Doch viele der alteingesessenen Magh- Raum für Bodybuilding. Abdul ging dort Maghreb-Staaten als politisch stabil. An-
rebiner, die bereits seit Generationen in in die Hauptschule, schaffte es aber nicht. ders als Tunesien, wo das Volk den Dikta-
Deutschland leben, wollen mit den Pro- „Es war zu schwer“, sagt er. Es gelang ihm tor Zine el-Abidine Ben Ali stürzte, führte
blemjugendlichen aus den Armutsvierteln nicht, mit 15 Jahren plötzlich Pflichtbe- der Arabische Frühling dort nicht zu einem
Marokkos oder Algeriens genauso wenig wusstsein zu entwickeln und jeden Morgen Umbruch. Viele Marokkaner stehen noch
zu tun haben wie der Rest Deutschlands. aufzustehen, um fast ein Jahrzehnt Schul- immer hinter König Mohammed VI. Die
Die Silvesternacht 2015 sei ein „Schock stoff nachzuholen. Trotzdem durfte er die marokkanische Polizei allerdings ist für
für alle gewesen“, sagt Moncef Slimi, Lei- Lehre als Metallbauer beginnen, eine zwei- ihre Härte verschrien. „Die schlagen sofort
ter des Deutsch-Maghrebinischen Instituts te Chance. Bevor er den Abschluss machen zu“, sagt Abdul, „auch bei Kindern.“
für Kultur und Media. ,„Wir müssen uns konnte, landete er im Gefängnis. Menschenrechtsorganisationen bekla-
besser vernetzen und neue Projekte ent- Zeitweise lebte er sogar bei einer deut- gen, dass in den Maghreb-Staaten noch
wickeln.“ schen Pflegefamilie, „die echt okay“ ge- immer gefoltert wird. Das geplante Gesetz,
2014 startete das NRW-Innenministe- wesen sei. Aber auch sie konnte ihn nicht mit dem die Bundesregierung die Maghreb-
rium ein Präventionsprojekt in Dortmund, davon abhalten, zu trinken und in Schwie- Staaten als sichere Herkunftsländer einstu-
Köln und Duisburg. „Klarkommen“ heißt rigkeiten zu geraten. Als Abdul diesmal fen wollte, scheiterte im Bundesrat. Länder
DER SPIEGEL 23 / 2017 41
Deutschland

mit Regierungsbeteiligung von Grünen lich, durch einen Seiteneingang, werden schafft, das Geschäft wolle er künftig aus-
und Linken stimmten dagegen. sie zu einer Tankstelle gebracht, wo end- bauen. Er sehe seine Zukunft in der Selbst-
Algerien ist abhängig vom Erdöl- und lich drei der Familien ihre Söhne umarmen ständigkeit. Und eine Familie wolle er
gas. Da die Preise in den vergangenen Jah- dürfen. Der Rest sitzt in zwei Bussen Rich- gründen. Es waren, ganz offenkundig, die
ren stark gesunken sind, hat die Wirtschaft tung Sousse und Tunis, unter ihnen auch Worte eines Aufschneiders.
gelitten. Mehr als zehn Prozent der Alge- Samir. Kein Familienmitglied hat ihn am Noch prahlt er von seiner Zeit als Dro-
rier sind arbeitslos, bei den Jugendlichen Flughafen erwartet. gendealer. Es sei „ein geiles Leben“ gewe-
sind es offiziell 25 Prozent. Häufig ist die Zwei Tage später sitzt er im Innenhof sen, „voller Drogen, Geld und Frauen“,
einzige Ausbildung der Kinder eine Lehre seines rosa getünchten, halb fertig ge- sagt er, und: „Was hätte ich denn anderes
auf der Straße in Taschendiebstahl. Zudem bauten Elternhauses. Er sieht blass aus, tun sollen, man ließ mich ja nicht arbei-
hat das autokratisch geführte Land viele schnupft und hustet und trägt noch immer ten.“ Er habe selbst zwei Jahre lang Dro-
islamistische Extremisten hervorgebracht. die Klamotten vom Tag der Abschiebung: gen genommen und deshalb keine Skrupel
Auch viele tunesische Männer sehen nur Jeans, ein schwarz-grünes Sweatshirt und gehabt, das Zeug zu verkaufen: „Mich hat
zwei Möglichkeiten: entweder das Boot die knallrote Daunenweste, obwohl es 25 es doch auch nicht umgebracht, wenn ich
nach Lampedusa zu besteigen oder für den Grad warm ist. es nicht verkaufe, tut es ein anderer.“
„Islamischen Staat“ in den Kampf zu Er hat das Haus noch nicht verlassen, Spätestens als seine Mutter das Wort er-
ziehen. Sechs Jahre nachdem sich der Ge- niemand soll wissen, dass er nach neun greift, eine resolute Frau Ende fünfzig mit
müsehändler Mohamed Bouazizi in Sidi Jahren in Europa zurück in der Heimat ist, einem braunen Tuch um den Kopf, wird
Bouzid aus Protest angezündet und die ein Straftäter, hinausgeworfen, abgeführt klar, dass Samir als Versager zurückkehrt –
Aufstände ausgelöst hat, liegt die Jugend- von der Polizei. Noch im Frühjahr demons- und seine Familie ihm das nicht verzeiht.
arbeitslosigkeit in Tunesien bei 40 Prozent, trierten seine Landsleute in Tunis gegen Die zwei Taxis hat es nie gegeben. Auch
in den abgelegenen Regionen auch höher. die Rückkehrer. Auf ihren Transparenten den Anbau des Elternhauses hat nicht er
Die wirtschaftliche Misere gilt als Haupt- stand in holprigem Deutsch: „Angela Mer- bezahlt, sondern sein Bruder. Der schickt
grund dafür, dass ausgerechnet das Mus- kel, Tunesien ist nicht die Abfall von monatlich Geld, das er legal als Koch in
terland des Arabischen Frühlings zur Brut- Deutschland.“ Thüringen verdient.
stätte des Terrors wurde. Aus keinem an- Nun versteckt sich Samir in dem Nest Samir, so scheint es, ist schon immer
deren Land der Welt gehen so viele junge am Rande der Wüste. Schön ist es hier, den Weg des geringsten Widerstands ge-
Männer als Dschihadisten nach Syrien, in Kakteen, canyonartige Felsformationen, gangen, früher in Tunesien und später als
den Irak oder ins benachbarte Libyen. Die die gelegentlich als Kulisse für Filme über Drogendealer in Zürichs Rotlichtviertel
Regierung in Tunis spricht von knapp 3000, den Krieg in Afghanistan dienen – und und am Dresdner Hauptbahnhof. Er hat
andere Schätzungen gehen von 7000 aus. doch trügt die Idylle, es gibt keine Arbeit, kaum Deutsch gelernt in neun Jahren,
Rund 800 dieser Kämpfer sollen inzwi- jeder zweite junge Erwachsene hier hat schaut einem nicht in die Augen, ist voller
schen wieder in Tunesien leben, als ticken- keine Aussicht, je einen Job zu finden. Wut und herrscht seine Mutter an, sie solle
de Zeitbomben, voller Hass auf ihre Hei- Samir stammt aus El Guettar, einer Oa- nicht mit den Fremden sprechen.
mat und die junge Demokratie. sensiedlung in der Nähe der Provinzhaupt- Niemand hat hier auf seine Rückkehr
stadt Kafsa. Sie liegt in einem Bergbauge- gewartet. „Mehrere Tausend Dollar muss-
DER GERMANIA-CHARTERFLUG ST 2828 aus biet, in dem Phosphate aus den Felsen ge- ten wir uns von den Nachbarn für deine
Leipzig landet an einem Mittwoch im April holt werden. Man macht Dünger aus ihnen Flucht leihen, wir schulden sie ihnen bis
um 13.35 Uhr in Enfidha-Hammamet, und Waschpulver. Doch sie bringen auch heute“, schimpft seine Mutter. „Und du
100 Kilometer südlich von Tunis – an Bord radioaktive Schwermetalle ins Trinkwasser, wagst es, mit nichts nach Hause zu kom-
auch Samir, der abgeschobene Drogendea- das für die erhöhten Krebsraten in der Re- men? Was für eine Verschwendung.“
ler aus Sachsen. Vor ein paar Jahren noch gion verantwortlich gemacht wird.
war dies ein belebter Ort, Taxischlangen Vor neun Jahren kam es hier zu Arbei- DAS DEUTSCH-TUNESISCHE ZENTRUM für
säumten die palmenbestandenen Alleen, teraufständen, Samirs Nachbarn kämpften Jobs, Migration und Reintegration liegt im
fliegende Händler boten Trockenfrüchte gegen ihre Ausbeutung, gegen den Raub- Gebäude der tunesischen Arbeitsagentur
für die Urlauber an. Seit dem Terror- bau an der Natur und das Regime des Dik- in der Hauptstadt. Entwicklungsminister
anschlag am Strand bei Sousse 2015, rund tators Ben Ali. Daher gilt die Kafsa-Region Gerd Müller hat es im März eingeweiht.
50 Kilometer weiter südlich, ist das Leben als Keimzelle des Arabischen Frühlings. Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft
hier erloschen, das stählerne Flughafen- Samir gehörte nicht zu den Freiheits- für Internationale Zusammenarbeit küm-
gebäude sieht aus wie ein in der Ödnis kämpfern, er machte sich lieber auf den mern sich in dem kleinen Büro seit knapp
gestrandetes Raumschiff. Weg nach Europa, ein „Harraga“, so nen- drei Monaten um die Jobvermittlung von
Tunesische Grenzpolizisten führen die nen sie hier die Flüchtlinge, die ihre Pa- Tunesiern und Rückkehrern aus Europa.
Männer aus dem Flugzeug ab. In den klei- piere verbrennen, bevor sie das Boot nach Sie bieten ihnen Umschulungen und Fort-
nen Verhandlungsräumen entlang der end- Lampedusa besteigen. bildungen an. Zudem werden Ausreise-
losen Flure im Flughafen beginnt jetzt das Neun Jahre später sitzt er im Wohnzim- willige über legale Möglichkeiten der Job-
Muskelspiel eines langjährigen Polizeistaa- mer seiner Eltern wie ein Fremder. Mit je- suche und ein Studium in Deutschland
tes. Die Polizisten verhören die Rückkeh- dem Satz, den er widerwillig hervorpresst, informiert. Für Männer wie Samir gilt das
rer, legen ihnen Fotos von Anis Amri und wird klar, dass nichts von dem haltbar ist, aus Deutschland mitfinanzierte Angebot
dem Attentäter von Nizza vor, fragen nach was er in Leipzig vor seiner Abschiebung nicht: Beraten werden nur freiwillige Rück-
Hintermännern und wie oft sie beten. behauptet hat. Zwei Taxis habe er sich in kehrer, keine Kriminellen.
Draußen in der Ankunftshalle warten wäh- der Heimat von seinen Einkünften ange- Das Bundesamt für Migration und Flücht-
renddessen ein paar Familien auf ihre ver- linge plant zudem, bald Jugendheime in
lorenen Söhne; es ist still, niemand spricht, Marokko zu errichten, in die ausreise-
die Scham über die Heimkehrer ist groß. Video: pflichtige minderjährige Migranten zurück-
Nach neuneinhalb Stunden, die Sterne Wie eine Abschiebung abläuft kehren könnten, auch Straftäter. In erster
stehen längst am Himmel, dürfen die 17 spiegel.de/sp232017abschiebung Linie seien die Einrichtungen aber für Stra-
Männer den Flughafen verlassen. Heim- oder in der App DER SPIEGEL ßenkinder gedacht, heißt es in einem Pa-
42 DER SPIEGEL 23 / 2017
pier. In den Unterkünften soll es eine Schu-
le und medizinisch-pädagogische Betreu-
ung geben. Die Grünen kritisieren die Plä-
ne, weil sie die Abschiebung von Minder-
jährigen beförderten.
Innenminister Thomas de Maizière
drängt die nordafrikanischen Staaten seit
der Silvesternacht von Köln zu mehr Ko-
operation. Jahrelang verzweifelten die Be-
hörden an dem Versuch, abgelehnte Asyl-
bewerber in den Maghreb abzuschieben.
Oft fehlten die Papiere, und die Herkunfts-
FIONA EHLERS / DER SPIEGEL

FIONA EHLERS / DER SPIEGEL


länder hatten keine Eile, Ersatzpässe aus-
zustellen. Oder sie behaupteten schlicht:
Der ist keiner von uns.
Im Februar 2016 flog de Maizière mit
einer Delegation nach Nordafrika. In Tu-
nis, Algier und Rabat schüttelte er die Hän-
Oasensiedlung El Guettar, Samirs Mutter: „Du wagst es, mit nichts nach Hause zu kommen?“ de von Innenministern und Regierungs-
chefs. Danach wurde es zwar ein bisschen
besser. Aber wie der Fall Anis Amri zeigt,
verzögerten die nordafrikanischen Behör-
den in vielen Fällen immer noch die Rück-
nahme ihrer Staatsbürger. Bei Amri ver-
hinderten die Tunesier monatelang eine
Abschiebung, indem sie keine Papiere für
ihn ausstellten. Erst am 21. Dezember 2016
bestätigte das Generalkonsulat in Bonn,
dass Amri Tunesier sei – zwei Tage nach-
dem er zwölf Menschen ermordet hatte.
Ob die Tunesier nun ein schlechtes Ge-
wissen plagt oder die subtilen Drohungen
nach dem Anschlag Wirkung zeigen: Fakt
ist, dass das Land in den ersten drei Mona-
ten dieses Jahres bereits 50 Landsleute zu-
rückgenommen hat – im Vorjahreszeitraum
waren es gerade mal 8. Nach Marokko und
Algerien konnten 207 Menschen abgescho-
ben werden, mehr als elfmal so viele wie
im ersten Quartal 2016. Die Zusammenar-
beit mit den Maghreb-Staaten bei Abschie-
bungen von Gefährdern habe sich erheblich
verbessert, sagt das Innenministerium nun.

IN EL GUETTAR ist es inzwischen Nachmit-


tag geworden. Der Muezzin ruft zum Ge-
bet, und Samir verheddert sich in wirren
Theorien. Anis Amri habe gar nicht am
Steuer des Lkw gesessen, der in den Berli-
ner Weihnachtsmarkt steuerte, das sei alles
nur eine „große Verschwörung“, um „sol-
che wie mich zurück nach Tunesien zu
schieben“. Er sei „fertig mit Europa“, sagt
Samir. Dann schnappt er die rote Daunen-
weste und stürmt zur Tür hinaus, ohne ein
weiteres Wort. Welche Zukunft hat er in
Tunesien? Seine Familie wird vorerst für
ihn aufkommen müssen. Nur einmal, sagt
seine Mutter, sei er zu etwas nütze gewe-
sen: als er seiner kranken Schwester eine
SVEN DOERING / DER SPIEGEL

Niere spendete.
Nun tröstet sich Samirs Mutter mit dem
Gedanken, dass er wenigstens nicht zum
Islamisten geworden ist.
Fiona Ehlers, Katrin Elger, Jan Friedmann,
Annette Großbongardt, Wolf Wiedmann-
Abschiebeterminal in Leipzig: Früher flog die U. S. Army von hier aus Soldaten in den Irak Schmidt, Steffen Winter

DER SPIEGEL 23 / 2017 43


Deutschland

Ein unerfülltes Vermächtnis


Familie Die Hamburger Witwe des französischen Malers
Jean Miotte kämpft um ihren Ruf, ihre Eigenständigkeit und um
den Nachlass ihres Mannes. Von Bruno Schrep

D
ie expressionistischen Bilder des Mitglied der renommierten Wirtschafts-
französischen Malers Jean Miotte kanzlei Pinsent Masons, ist ein Nachkom-
lösen bei vielen Betrachtern heftige me aus Jean Miottes erster Ehe.
Emotionen aus. „In ihnen lodert ein Feuer, Agaplesion-Diakonieklinikum in Ham-
das kein Wasser je löschen kann“, urteilt burg-Eimsbüttel. Dorothea Keeser liegt auf
ein New Yorker Kunstkritiker, „das Feuer der Geriatriestation, Zimmer 18. Freunde
der Hoffnung.“ haben sie zu dem Krankenhausaufenthalt
Der 2016 verstorbene Künstler hat mehr gedrängt. Es geht unter anderem um ein
als 2000 großflächige Gemälde und Grafi- aktuelles Urteil über den körperlichen und
ken hinterlassen, wertvolle Kunstwerke, geistigen Zustand der Künstlerwitwe.
von denen ein Großteil in Lagerhallen, Die Patientin trägt die Haare kurz ge-
fernab der Öffentlichkeit, notdürftig un- schnitten, ihre Augen blicken wachsam.
tergestellt ist. Sie hat zwar nach zwei Hüftoperationen
Bilder von Jean Miotte hängen im New große Mühe beim Aufstehen und beim Ge-
Yorker Museum of Modern Art, im Musée hen. Geistig wirkt die 72-Jährige, die flie-
d’Art moderne de la Ville de Paris und im ßend Englisch und Französisch spricht, je-
Kölner Museum Ludwig. Für einzelne Wer- doch ausgesprochen fit. Mühelos tippt sie
ke des Malers zahlten Kunstliebhaber in auf ihrem Smartphone, verschickt E-Mails,
den vergangenen Jahren Preise zwischen empfängt Nachrichten. Fragen beantwor-
14 000 und 18 000 Euro, die Nachfrage ist tet sie klar und schlagfertig.
groß. „Das Zimmer ist zwar schön, die Situa-
Wann wieder Bilder auf den Markt ge- tion nicht“, sagt die Patientin. Dass sie in
langen, ist indes offen. Es geht um das Ver- der Schweiz ihre Eigenständigkeit verloren
mächtnis der Malers und ein angeblich ver- hat, hält sie für großes Unrecht. Dagegen
schwundenes Testament. Vor allem geht werde sie kämpfen, versichert sie. Nur des-
es jedoch um das Schicksal von Dorothea halb habe sie den medizinischen Untersu-
Keeser, der Witwe des Malers. Mit dem chungen in Hamburg zugestimmt.
Fall beschäftigt sind Mediziner und Juris- Besuchern im Krankenzimmer zählt sie
ten in Deutschland und der Schweiz. die Stationen ihres Lebens auf: Pignans in det sie auch noch eine Gemäldegalerie, die
Die einst in Hamburg bekannte Galeris- Südfrankreich, Fribourg in der Schweiz, bald als Geheimtipp für Liebhaber moder-
tin und Ärztin kämpft um ihren Ruf und New York, Paris, Hamburg. Und immer ner Kunst gilt. „Frau Keeser hat sich total
ihre Selbstbestimmung. Sie wehrt sich ge- wieder kommt sie auf die wichtigste Per- für ihre Künstler engagiert“, erinnert sich
gen den Verdacht, nicht voll geschäftsfähig son ihres Lebens zu sprechen: Jean Miotte. Renate Kammer, die eine der ältesten
zu sein. Ein Schweizer Gericht hat sie un- Es ist die Geschichte einer großen Liebe. Hamburger Galerien führt.
ter Betreuung gestellt. Seitdem kann sie Als sie den 22 Jahre älteren Maler ken- Um die Jahrtausendwende erfüllt die
nur noch eingeschränkt über ihr Vermögen nenlernt, ist sie 25 Jahre alt und sofort fas- Ärztin ihrem Mann einen Herzenswunsch.
verfügen. ziniert von dem charismatischen Mann, Sie verkauft ihr Labor und ihre Galerie und
Der Sohn des Malers, der Londoner der so mitreißend von seiner Arbeit reden finanziert dem Maler einen eigenen Tem-
Rechtsanwalt Luke Miotte, hat die Maß- kann. Dabei hat sie von Kunst wenig Ah- pel: das Chelsea Art Museum an der Ecke
nahmen ins Rollen gebracht. Der Advokat, nung. Beim Anblick der abstrakten Ge- 11. Avenue und 22. Straße in New York.
mälde denkt sie zunächst: „Was sind denn Das Museum mitten im berühmten Ga-
das für komische Bilder?“ Doch schnell lerienviertel entwickelt sich nach dem Ur-
entwickelt sie Verständnis für die plakati- teil des New Yorker Kunstexperten Paul
ven Farbkompositionen, dominiert von Anel zum „Juwel von Chelsea“. „Künstler
Schwarz, Blau und Rot. Für Bilder, über aus aller Welt ermöglichten einen kühnen
die der Maler selbst erklärt, sie seien „Er- Blick auf die zeitgenössische Kunst“,
gebnis innerer Konflikte“. Kaum jemand schwärmt Anel. Es gibt nicht nur rund 60
wird fortan seine Kunst leidenschaftlicher Ausstellungen – in dem Backsteinbau fei-
propagieren und gegen Kritiker verteidi- ern Brautpaare ihre Hochzeit, es gibt Jazz-
gen als Dorothea Keeser. konzerte und Modenschauen, Freunde aus
Sie ist selbst erfolgreich. Als sie Jean Deutschland werden zu glanzvollen Festen
Miotte 1981 heiratet – das Paar lebte zuvor eingeladen. Es ist eine erfüllte Zeit.
schon zwölf Jahre zusammen –, hat sie Miotte malt wie ein Besessener. „Manch-
BRUNO SCHREP

längst ihren Doktortitel in Medizin und mal schaffte er ein Bild in zwei Stunden“,
führt in Hamburg ein von ihr gegründetes erzählt seine Witwe, „dann wieder brauch-
und florierendes medizinisches Labor. te er sechs Wochen.“ Die Zahl seiner Wer-
Witwe Keeser in Hamburger Klinik im April Um das Werk ihres Mannes auch in ke steigt auf mehr als 2000, die Preise für
Mit der Urne umhergereist Deutschland bekannter zu machen, grün- einzelne Gemälde klettern allmählich.
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Maler Miotte vor einem seiner Werke 2012
„Ergebnis innerer Konflikte“

„Herr Miotte war zeitweise sehr ver-


wirrt“, begründet Richterin Wanda Suter
aus Fribourg ihre Entscheidung. „Er konn-
te nicht mehr beurteilen, was gut und
schlecht für ihn war.“ Und Ehefrau Doro-
thea Keeser, laut Richterin Suter „eine
großartige Frau, geistreich, gebildet, kulti-
viert“, habe zwar phasenweise völlig klar
gewirkt, dann aber erhebliche Gedächtnis-
lücken gezeigt. „Sie konnte sich manchmal
nicht erinnern, was sie zwei Tage zuvor
gesagt hatte.“ Sie sei, gezeichnet von der
Sorge um den Ehemann, sogar kurzfristig
in einer Psychiatrie untergebracht worden.
Als Richterin Suter sie dort besuchte,
hätten die Ärzte Zweifel an Keesers Ur-
teilsvermögen geäußert und zur Verhän-
gung der Beistandschaft geraten, berichtet
die Juristin. Diesem Rat sei sie gefolgt. Ein
ausführliches medizinisches Gutachten
habe sie dazu nicht gebraucht.
Dorothea Keeser ist sich sicher, dass die
Zwangsmaßnahme auf Initiative von Jean
Miottes Sohn erfolgte. Auf eine entspre-
chende Nachfrage reagiert Luke Miotte zu-

FRANK MULLER / PHOTOPQR / NICE MATIN / MAXPPP


rückhaltend. Die Beistandschaft, schreibt
der Londoner Anwalt, sei auf Anregung
von Ärzten und Finanzberatern in enger
Absprache mit Freunden und Helfern zu-
stande gekommen. Ob er selbst eine Rolle
spielte, ließ er offen. Und was das angeb-
liche Sterbebett-Testament betreffe: Das
Schweizer Gericht habe danach gesucht
und nichts gefunden.
Richterin Suter berichtet, dass der Sohn
die Behördenmaschinerie in Gang gesetzt
habe, aus Sorge darüber, ob der schwer
Um seinen Nachruhm zu sichern und Auf seinem Krankenlager, behauptet kranke Vater ausreichend gepflegt werde.
ein Verramschen seines Erbes zu verhin- Dorothea Keeser, habe der Schwerkranke Er gab damit den Startschuss zu allen fol-
dern, gründete der Künstler eine Stiftung, einen neuen Letzten Willen verfasst. In genden gerichtlichen Maßnahmen.
die „Fondation Miotte“. Stiftungszweck ist diesem Testament sei sie als Alleinerbin Jean Miotte starb kurz nach dem Ge-
der Erhalt der Gemäldesammlung. Die Bil- eingesetzt worden. Der Sohn, der den Va- richtsbeschluss, fast neunzig Jahre alt, am
der sollen katalogisiert und weiter bekannt ter tief enttäuscht habe, gehe danach leer 1. März 2016. „Diese Kränkung vergällte
gemacht werden. Verkäufe sollen nur mög- aus. Das Papier soll jedoch unter myste- ihm seine letzten Tage“, berichtet seine
lich sein, wenn sie zur Finanzierung des riösen Umständen verschwunden sein. Do- Witwe, „er hat vor Kummer kaum noch
Stiftungszwecks notwendig sind. Im Stif- rothea Keeser verdächtigt den Sohn, es gesprochen.“
tungsrat sitzt auch seine Ehefrau. aus dem Tresor ihres Hauses gestohlen zu Für Dorothea Keeser gilt die einge-
In einem Erbvertrag von 1999 vermacht haben. Dies ist allerdings ihre bloße Ver- schränkte Handlungsfähigkeit nach wie
Miotte dieser Stiftung die meisten seiner mutung. Außer ihr kann niemand die Exis- vor. Die Genfer Rechtsanwältin Laurence
Bilder. Dem Sohn stehen unter anderem tenz dieses Testaments bezeugen. Bory wurde als ihr Beistand eingesetzt.
Immobilien sowie 20 Gemälde zu. Witwe Weil die Eheleute immer hinfälliger wer- Die 72-Jährige darf seitdem noch nicht ein-
Dorothea Keeser soll sich 200 Bilder aus den und ihr Leben kaum noch allein meis- mal wissen, wie viel Geld sie besitzt.
dem Stiftungsbestand frei auswählen tern können, helfen Freunde und Bekann- „Dorothea Keeser hat kein Recht, ihre
können. te bei der Pflege und der Haushaltsfüh- Bankkonten einzusehen“, heißt es in ei-
2011 schließt das Chelsea Art Museum. rung. Das Ehepaar soll manche dieser nem Gerichtsbeschluss vom 29. April 2016.
Selbst das vermögende Paar kann die ho- Helfer jedoch unverhältnismäßig hoch ent- Dieser ermächtigt die Anwältin Bory auch,
hen Unterhaltskosten nicht mehr aufbrin- lohnt haben, mit großen Bargeldbeträgen die Witwe „in allen finanziellen Angele-
gen. Die Eheleute ziehen nach Fribourg in und mit Gemälden. Auf Initiative des Soh- genheiten“ zu vertreten und ihre Post zu
der Schweiz, die Bilder werden in Depots nes schaltet sich die Schweizer Justiz ein. kontrollieren.
untergestellt. Im November trifft das Friedensgericht Weil sich die Beistandschaft nicht auf die
Anfang 2015 wird der Maler, inzwischen in Fribourg eine für die Eheleute schwer- Bestimmung des Aufenthaltsortes erstreckt,
Ende achtzig, schwer krank. Er sitzt fast wiegende Entscheidung. Nach Paragraf 394 verließ die Witwe nach dem Tod des Ehe-
nur noch im Rollstuhl, ist auf die Hilfe sei- und 395 des Schweizer Zivilgesetzbuches manns die Schweiz, sie lebte seitdem ab-
ner Ehefrau angewiesen, die damit über- wird für sie eine Vertretungsbeistandschaft wechselnd im leer stehenden Atelier ihres
fordert ist. Im September 2015 kommt Jean mit Vermögensverwaltung errichtet, eine Mannes im südfranzösischen Pignans und
Miotte ins Krankenhaus, er muss dreimal Art Betreuung. Beide können nicht mehr bei Freunden in Hamburg. Die Urne mit
pro Woche zur Dialyse, wird bettlägerig. frei über ihr Vermögen verfügen. den sterblichen Überresten von Jean Miotte,
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Deutschland

verpackt in einen Pappkarton, nahm sie


auf ihren Reisen überall mit, sie kann sich
lange nicht davon trennen. Erst im Januar
dieses Jahres wurde die Urne auf dem Ham-
burger Friedhof Ohlsdorf beigesetzt.
Fast das gesamte Vermögen der Witwe
befindet sich in der Schweiz. Zwar muss
ihr Anwältin Bory laut Gerichtsbeschluss
wöchentlich eine „angemessene Summe“
zum Lebensunterhalt überweisen. Die Ju-
ristin soll jedoch auf dem Standpunkt ste-
hen, dass diese Verpflichtung nur für die
Schweiz gelte. Ob das stimmt, ließ sie auf
eine Anfrage des SPIEGEL unbeantwortet.
„Für die Verweigerung des Unterhalts
gibt es keinerlei Rechtsgrundlage“, empört
sich Klaus Zippel, der Hamburger Rechts-
beistand von Dorothea Keeser. Der Jurist
forderte die Anwältin mehrmals vergebens
auf, seiner Mandantin monatlich mindes-
tens 2000 Euro zu überweisen, solange sie
in Hamburg lebe.
Zippel argumentiert, die in der Schweiz
verhängte Einschränkung der Geschäfts-
fähigkeit gelte in Deutschland nicht – was
Richterin Suter bestreitet. „Solange Frau
Keeser ihren ersten Wohnsitz in der
Schweiz hat“, sagt Suter, „gilt die Beistand-
schaft überall auf der Welt.“
Anfang Mai ließ sich die Malerwitwe
von Anwältin Bory überreden, zurück in
die Schweiz zu reisen – gegen den Rat von
Freunden und ihres Hamburger Anwalts.
Sie wolle helfen, die Bilder ihres Mannes
wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu
UWE MISERIUS

machen, erklärte sie.


Diese Bilder lagern noch immer unsor-
tiert in verschiedenen Depots. Eine sinn-
volle Einordnung nach Entstehungsdatum Gesprengter Geldautomat in Leverkusen: Es dauert nur wenige Minuten
und künstlerischer Absicht der jeweiligen

Rums
Schaffensperiode kann nur mithilfe der
Witwe zustande kommen, die jedes Werk
ihres Mannes genau kennt.
Anwältin Bory quartierte sie in einer Se-
niorenresidenz nahe Fribourg ein. Doch
richtig wohl fühlt sie sich nicht. „Ich weiß Kriminalität „Geld her, oder ich schieße!“ – so ging Bankraub früher.
nicht, was die noch mit mir vorhaben“, Heute sprengen die Täter Geldautomaten, erbeuten
sagt sie am Telefon. Sie fühle sich einsam
und fürchte, in eine psychiatrische Klinik Hunderttausende Euro und rasen der Polizei einfach davon.
eingewiesen zu werden.

D
Ihre Hamburger Ärzte im Diakonie- ie Fahndung läuft seit vier Minuten, mit einer Spitzengeschwindigkeit von
klinikum können nicht nachvollziehen, wa- als ein Coupé am Streifenwagen 250 Stundenkilometern einfach zu lang-
rum die Schweizer Justiz am Urteils- Arnold 15/41 vorbeischießt. Der sam für den getunten Fluchtwagen war.
vermögen der Malerwitwe zweifelt. „Wir Kommissar und der Oberkommissar neh- Weil die Diebe für ihre rasanten Touren
haben alle gängigen Tests durchgeführt“, men die Verfolgung auf der Autobahn 3 hochmotorisierte Karossen aus Ingolstadt
versichert einer der behandelnden Ärzte. auf. Doch schon nach zwei Kilometern ha- bevorzugen, haben Boulevardzeitungen
Zwar habe man während des zweiwöchi- ben sie den Audi RS 5 verloren, mit weit sie „Audi-Bande“ getauft. Einer vertrau-
gen Aufenthalts altersbedingte Einschrän- mehr als 200 Stundenkilometern ist er ih- lichen Analyse des Düsseldorfer Landes-
kungen festgestellt, mangelnde Beweglich- nen davongefahren. Entnervt geben sie kriminalamts zufolge operieren die Krimi-
keit und eine gewisse Herzschwäche. auf. Mal wieder. nellen „in wechselnder Zusammenset-
Abgesehen von leichten Problemen mit Die Polizisten kennen das schon: Sie zung“ in NRW und Niedersachsen. Häufig
dem Kurzzeitgedächtnis und der Orientie- kommen nicht hinterher, wenn die Täter flüchten sie mit Vollgas in die Niederlande,
rung sei die 72-Jährige jedoch klar im Kopf. den nächsten Geldautomaten gesprengt die Staatsmacht war lange machtlos.
Im Entlassungsbrief des Krankenhauses haben und in ihren schnellen Autos Im Dezember jedoch gelang es der
vom April 2017 heißt es deshalb: „Nach flüchten. Kölner Polizei, zwei mutmaßliche Auto-
aktuellem klinischen Eindruck ist keine ge- Einmal haben die Verbrecher sogar ei- matensprenger zu fassen. Neben krimina-
setzliche Betreuung notwendig.“ nen Polizeihubschrauber abgehängt, der listischem Geschick half dabei – wie so
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oft – Kommissar Zufall. Die beiden Nie- Finkenberg. Offenbar fürchteten sie, der Fast immer traf es Filialen der Sparda-
derländer Khalid T., 31, und Karim C., 22, Fahndungsring könne sich schließen und Bank. Mindestens einmal rasten die Diebe
werden sich demnächst vor dem Landge- der Fluchtweg versperrt sein. Sie steuerten dabei erneut den Streifenwagen davon. Als
richt Köln unter anderem wegen gewerbs- das verdächtige Auto deshalb in eine offen Khalid T. und Karim C. von ihrer letzten
und bandenmäßigen Diebstahls verantwor- stehende Garage in der Stresemannstraße Beutetour nach Frechen zurückkehrten,
ten müssen. Die Staatsanwaltschaft wirft und verschwanden. griffen die Beamten endlich zu. Im Koffer-
ihnen vier erfolgreiche Sprengungen und Nur wenige Stunden später kam die Be- raum fanden sie neben Gasflaschen und
zwei Versuche vor, insgesamt haben die sitzerin der Garage 332 zurück und be- Kanistern die schwarze Reisetasche mit
Täter mehr als 570 000 Euro erbeutet. merkte den Audi. Sie rief den Hausmeister der Beute.
Während die Zahl klassischer Banküber- an, der die Polizei, und die klemmte einen Die Kriminalakte des Langzeitarbeits-
fälle seit Jahren sinkt, knallt es in den Ban- Peilsender unter den Sportwagen. In der losen Khalid T. umfasst 15 Seiten und reicht
ken immer häufiger außerhalb der Ge- nächsten Nacht bemerkten die Beamten von Diebstahl über Fahrerflucht, häusliche
schäftszeiten. Im vorigen Jahr registrierte dann, wie der Audi abgeholt wurde. Gewalt, Waffenhandel und Erpressung bis
das Bundeskriminalamt 318 erfolgreiche hin zur Einfuhr von 1,1 Kilogramm Mari-
und versuchte Sprengungen von Geld-
automaten; rund doppelt so viele wie im
Im Kofferraum fanden huana nach Deutschland vor einigen Jah-
ren. Das polizeilich dokumentierte Vor-
Vorjahr, mehr als zehnmal so viele wie Beamte neben Gasflaschen leben von Karim C. füllt 9 Seiten, vor allem
noch im Jahr 2005. In den Niederlanden
haben die Unternehmen auf die moderne
und Kanistern die mit Diebstählen, Einbrüchen, Überfällen.
Obschon C. in einer Obdachlosenunter-
Form des Bankraubs reagiert und sichern Tasche mit der Beute. kunft im niederländischen Leiden gemel-
nun ihre Automaten besser ab. det ist und T. Sozialhilfe bezog, mietete
Die Täter schlagen vorwiegend nachts Unbekannte brachten das Auto in eine das Duo für seine „Dienstreisen“ nach
zu. Die Profis unter ihnen schrauben die Garage im nahe gelegenen Frechen. Deutschland gern einen Mercedes-AMG
Automaten auf, leiten ein Gasgemisch ein, Diesen Unterschlupf beobachteten die C 63 an, für 250 Euro pro Tag plus
zünden es mit einem elektrischen Impuls, Ermittler fortan. Den Stellplatz hatte Sezer 1000 Euro Kaution. In Frechen stiegen die
greifen sich die Geldkassetten und ver- G., 27, ein halbes Jahr zuvor für 80 Euro beiden dann vor jedem Coup auf den Audi
schwinden. Das Ganze dauert nur wenige pro Monat angemietet. Der Angestellte um, den sie mit frisch gestohlenen Num-
Minuten. Neben diesen Experten, die zu- eines Fachmarkts für Kinderartikel wohnt mernschildern ausstatteten.
meist von den Niederlanden aus agieren, noch bei seiner Mutter, gilt den Ermittlern Auch bei der Kommunikation gaben
sind mittlerweile viele lokal operierende aber als Logistiker der Automatensprenger. sich die mutmaßlichen Täter einige Mühe,
Kleinkriminelle am Werk. Sie versuchen, Obwohl einiges gegen ihn spricht, wurde nicht entdeckt zu werden. Die Beamten
die Methode zu kopieren, machen aber er nicht angeklagt. Ihm konnte nicht nach- fanden bei ihnen Blackberrys. Die Geräte,
wenig Beute und nur viel kaputt. Khalid gewiesen werden, dass er von den Diebes- die ohnehin ein hohes Maß an Verschlüs-
T. und Karim C. zählen zu den Profis, da- zügen wusste oder von ihnen profitiert hat. selung garantieren, waren mit speziellen
von gehen die Ermittler fest aus. Die Taten des Zweimannkommandos SIM-Karten ausgerüstet, die für die Polizei
Die beiden Männer wissen genau, was sind hingegen dank Video- und GPS-Über- kaum zu überwachen sind.
sie tun, nachdem sie am 21. Dezember wachung des Audis und der Garage gut Woher die Geldautomatensprenger ihr
um 3.54 Uhr die Sparda-Bank im rhei- dokumentiert. Insgesamt dreimal rückte Know-how hatten, wer sie womöglich aus-
nischen Düren betreten haben. Bekleidet das Duo unter den Augen der Beamten stattete oder anleitete und wer vielleicht
mit Regenanzügen und Sturmhauben, aus, um Automaten in Bonn, Köln und von den Sprengungen profitierte, liegt im
wecken sie einen Obdachlosen, der im Vor- Düren zu attackieren. „Eine wichtige Dunkeln. Die Angeklagten schweigen.
raum schläft. Sie bedeuten Detlef B. zu Frage für den Prozess wird daher sein: Ihnen drohen einige Jahre Haft – jedoch
verschwinden. Als er nicht schnell genug Wieso sah die Polizei trotz Totalüber- wohl weitaus weniger, als wenn sie Banken
reagiert, fasst einer der beiden Täter ihn wachung so lange untätig zu?“, sagt der auf klassische Art überfallen hätten.
am Fuß und schleift ihn nach draußen. Kölner Strafverteidiger Ingmar Rosen- Jörg Diehl
Von dort kann B. beobachten, wie es treter, der Karim C. vertritt. Twitter: @SponDiehl
weitergeht: Ein Täter trägt Gasflasche
samt Schlauch in die Bank. Kurz darauf
gibt es einen lauten Knall – rums, schon
sind die Männer und mit ihnen 165 000 Euro
weg. Mit einer schweren schwarzen Ta-
sche unter dem Arm spurten sie zu
ihrem Audi. Was die beiden nicht ahnen:
Die Kölner Polizei hat sie schon seit
längerer Zeit im Visier. Eine knappe
halbe Stunde später nehmen Zivilfahnder
Khalid T. und Karim C. in Frechen fest.
Der Audi, so stellen die Beamten fest, ist
vor Monaten in den Niederlanden gestoh-
len worden.
Der Durchbruch in dem Fall gelang den
Fahndern der Ermittlungsgruppe „Rush“
zwei Monate zuvor, kurz nachdem das
HENNING KAISER

Duo auf der A 3 mit knapp 180 000 Euro


Beute an der Streife vorbeigezischt war.
Die Täter parkten damals ihren Audi in ei-
nem Garagenkomplex im Kölner Stadtteil Fluchtfahrzeuge im Polizeipräsidium Köln: Mit Vollgas in die Niederlande

DER SPIEGEL 23 / 2017 47


Q UELLE: EURO STAT
Früher war alles schlechter
Nº 75: Mütter im Teenageralter

1970 in Deutschland * 2015


46 198 6441

* Mütter 18 Jahre oder jünger, einschließlich DDR

Mehr Erstgebärende mit 40 als mit 17. Bereits seit sechs Jahren rund 35 Prozent gefallen. Warum ist das gut? Überall auf der
läuft auf RTL2 das Reality-TV-Format „Teenie-Mütter – Wenn Welt hindert frühe Mutterschaft junge Frauen am Schulbe-
Kinder Kinder kriegen“, volle 77 Folgen wurden schon gesen- such, an der Ausbildung, am Weg in die Eigenständigkeit.
det. In der neusten geht es um Verena aus Berlin, Mama mit Und sie erhöht ihr Armutsrisiko. Als Hauptursache für den
18, völlig überfordert mit Sohn Ben-Louis. Doch ganz egal, Rückgang in Deutschland gilt die verbesserte Aufklärung von
wie viele Jungmütter die Dokusoap noch vorstellen wird, sie Jugendlichen. Ungewollt schwanger zu werden ist bei einer
beschreibt ein glücklicherweise seltener werdendes Phänomen Hauptschülerin etwa fünfmal wahrscheinlicher als bei einer
und wäre mit „Immer weniger Kinder kriegen Kinder“ besser Gymnasiastin. Und nicht zu unterschätzen ist der Einfluss von
betitelt: Inzwischen bringen mehr Frauen mit 40 Jahren ihr Reality-Serien wie „16 and pregnant“, die in den USA auf MTV
erstes Kind zur Welt als mit 17. Die EU-Statistikbehörde zähl- zu sehen ist und junge Mütter am Rand des Nervenzusam-
te 2015 in Deutschland nur noch 6441 Mütter, die 18 Jahre menbruchs zeigt: In den ersten anderthalb Jahren nach der Pre-
oder jünger waren – 1995 waren es noch 10 000, und 1970 gar miere ging die Zahl von Schwangerschaften bei Teenagern in
siebenmal so viele (46 198). In der EU ist die Zahl seit 2006 um den USA um fast sechs Prozent zurück. maik.grossekathoefer@spiegel.de

Pausenplatztrends lance halten, habe den Spin- Hanka: Davon weiß ich nichts, sagen: Legt das bitte weg. So,
Was soll das mit ner auf einem Finger und dre- aber irgendwie stimmt’s wie wenn man eine Kappe
he ihn. Ein bisschen kribbelt schon, wenn ich aufgedreht absetzen muss.
diesem Fidget Spin- das. Wenn ich zu lange drauf- bin, werde ich damit ruhiger. SPIEGEL: Was sagen deine
ner, liebe Hanka? gucke, wird mir schwindelig. Manchmal. Eltern dazu?
SPIEGEL: Okay. Und weiter? SPIEGEL: Nervt das denn die Hanka: Meine Mutter hat
Hanka Muftic, 13, ist Schülerin Hanka: Ich kann Tricks damit Lehrer nicht? mir den Spinner gekauft.
einer achten Klasse am Goethe- machen, mich mit Freunden Hanka: Die Hälfte erlaubt es, Zu Hause nehme ich ihn
Gymnasium in Hamburg-Altona. battlen. Momentan machen und wir dürfen die Spinner aber nur, wenn ich extreme
das eher die Jungs. Viele während der Stillarbeit neh- Langeweile habe. In der
SPIEGEL: In den USA über- Mädchen bemalen sich men. Die anderen nervt Schule mache ich das, weil
schwemmt er bereits die derzeit gern mit so spe- das Geräusch, das beim es auch andere machen.
Schulen, nun ist der Fidget ziellen Stiften gegen- Drehen entsteht. Die Manche kommen dann und
Spinner auch in den deut- seitig die Hände. fragen, ob sie den Spinner
schen Klassenzimmern ange- SPIEGEL: Nimmst du das auch mal nehmen können.
kommen, und die Eltern Spielzeug auch zur Thera- Aber wenn den alle haben,
wundern sich: Was ist das für pie? Hersteller behaup- wird es langweilig. Irgend-
ein Ding, das die Kinder da ten, der Spinner wann kommt jemand mit
auf ihrer Hand drehen? helfe bei Konzen- etwas Neuem. Und dann
Hanka: Es ist wie ein Kreisel trationsschwä- fängt alles wieder von
für die Hand. Ich muss die Ba- che, bei ADHS. Spielzeug Fidget Spinner vorn an. red

48 DER SPIEGEL 23 / 2017


Gesellschaft
Urlaub in Spanien. Im Fall der Hunters eben in der Nähe
Wird gern gelesen von Alicante, wo sie für zwei Wochen ein Hotel gebucht
hatten. Maurice, rüstig, freundliches Wesen, eher schweig-
sam, ist schwerhörig und hat, wie man auf Pressebildern se-
Eine Meldung und ihre Geschichte Nach- hen kann, eine dicke Brille auf der Nase. Carolyn, 70 Jahre,
ebenfalls eine charmante Erscheinung, ist offenbar sehr
richten nach dem Muster „Mann lebhaft und mitteilungsbedürftig. Müsste man den beiden
vergisst Ehefrau“ sind ein Genre für sich. alberne Spitznamen geben, wären „Frau Dauerschwatz“
und „Herr Schweigefuchs“ vielleicht nicht verkehrt.

E
s gibt Meldungen, die Journalisten lieben, weil sie Was passiert ist, ist im Grunde äußerst banal, aber da
wissen, dass ihre Leser sie lieben. Geschichten, die es hier etwas richtigzustellen gibt, erzählt Maurice es
jeder gern zu lesen scheint. So eine Meldung haben diesmal ganz genau. Am Tag des Abflugs fuhren er und
Carolyn und Maurice Hunter aus London vor einiger Zeit Carolyn also zum Flughafen Stansted, nordöstlich von
geliefert. Ihre Geschichte ging um die Welt. Zeitungen London. Sie checkten ihr Gepäck ein. Maurice beschloss
druckten sie in England, in den USA, in Deutschland, in vor dem Betreten der Maschine die Toilette aufzusuchen.
Südamerika. Im Radio wurde berichtet, die beiden wur- Sie sagte noch: „Mach schnell.“ Aber mit 80 geht gar
den in Fernsehstudios eingeladen, natürlich wurde auf nichts mehr schnell. Da er seine Frau, als er endlich zu-
Facebook und Twitter darüber ge- rückkam, nirgendwo mehr sah,
sprochen. stellte er sich am Ryanair-Schalter
Die häufigste Überschrift für an, bestieg das Flugzeug und sah,
diese perfekte Meldung lautete kurzsichtig wie er ist, eine Frau,
ungefähr so: „Brite vergisst Ehe- die ihm zuwinkte: Das muss Ca-
frau am Flughafen, merkt es erst rolyn sein, dachte er sich, wer soll-
am Ferienort“. Diese Meldungs- te ihm sonst zuwinken. Da sie
gattung, die „Ehemann vergisst nicht nebeneinander sitzen wür-
Ehefrau“-Nachricht, ist gar nicht den, setzte er sich auf seinen Platz
so selten, wie ein Blick ins Presse- und freute sich auf die spanische
archiv zeigt. Ein Brasilianer reali- Sonne.
sierte den Verlust seiner Frau vor Carolyn hatte sich ihrerseits,
anderthalb Jahren erst fast hun- gut 15 Minuten nachdem ihr Mann
dert Kilometer nach dem Tanken. Richtung Toilette verschwunden
Ein Deutscher brauchte zwei Stun- war, auf die Suche nach ihm ge-
den, um die Abwesenheit seiner macht. Sie rief seinen Namen in
Braut zu bemerken, und das in die Männertoilette, doch irgend-
den Flitterwochen. Ein Chinese wie müssen sie sich verpasst ha-
vergaß die Gefährtin, mit der er ben. Dann rief sie ihren Sohn an,
auf Weltreise war, auf der A 1 in der ihr leider nicht sagte, dass sie
Deutschland. In Brüssel vergaß einfach bei Ryanair am Schalter
ein Mann seine Frau im Hotel. nachfragen sollte, ob ihr Mann
THE SUN / NEWS SYNDICATION

Bei Maurice Hunter aus Lon- schon im Flugzeug sei. Carolyn


don war es der Flughafen London- wurde nervös, wollte nicht ohne
Stansted. Er flog los, sie blieb zu- ihren Mann einsteigen und ver-
rück. Es war dann jemand vom passte den Flug.
Bodenpersonal im Flughafen von Maurice hatte seine Frau nicht
Alicante, in Spanien, der ihm vergessen. Er hat nur schlechte
nach der Ankunft sagte, dass seine Ehepaar Hunter Augen und hat sie verwechselt.
Frau in London geblieben sei. Das ist nicht ungewöhnlich. Es ist
Die Mann-vergisst-Frau-Mel- auch nicht besonders lustig. Oder
dung ist für Medien und Publikum berichtenswert. Eigentlich ist es
perfekt, weil alle auf ihre Kosten nur ein bisschen traurig.
kommen. Frauen sehen das Kli- Die Zeitung „The Sun“ druckte
schee bestätigt, dass Männer alles Von Focus Online ein Foto, auf dem Carolyn ihren
vergessen, was ihre Ehe betrifft; Maurice würgt. Beim Frühstücks-
Hochzeitstag, erster Kuss, Aufenthaltsort des Bügeleisens. fernsehen machten sich zwei Moderatoren über Maurice
Männer mögen die Meldung, weil der Gedanke, die Ehe- lustig, der das schmunzelnd und heldenhaft über sich er-
frau einfach mal irgendwo stehen zu lassen, offenbar einer gehen ließ. Typisch Mann.
tief verwurzelten männlichen Sehnsucht entspricht. Das Eine Nichtgeschichte hat mutmaßlich Hunderttausende
umgekehrte Missgeschick übrigens, also „Frau vergisst Leser erreicht. Alle haben ihren Part gespielt. Der Jour-
Mann“, scheint längst nicht so verbreitet zu sein. nalist, der nach drei Minuten Recherche wissen müsste,
Das Problem an dieser Geschichte, die durch die Welt dass Maurice seine Carolyn nicht wirklich vergessen hat.
ging, ist, dass sie nicht stimmt. Maurice hat seine Frau Maurice und Carolyn, die mitgemacht haben, weil sie nett
nicht vergessen. Er ist einfach nur 80 Jahre alt. Und seine sind und ein wenig überfordert – und weil sie vielleicht
Augen sind es auch. auch mal ein bisschen berühmt sein wollten. Die Leser,
Das alles erfährt man, wenn man Maurice Hunter zu die offenbar nichts lieber haben als Geschichten, die genau
Hause anruft und sich gebührend lange mit ihm unterhält. das bestätigen, was sie schon vor dem Lesen dachten.
Das Ganze begann mit einem sehr englischen Bedürfnis: Nicht der beste Grund, um zu lesen. Juan Moreno

DER SPIEGEL 23 / 2017 49


Gesellschaft

ARNE WEYCHARDT / DER SPIEGEL


Netzaktivist Hensel: „Wir kriegen dich“

50 DER SPIEGEL 23 / 2017


D
rei Monate nachdem sich der deut- schen, andernfalls drohen hohe Bußgelder. das eine Folge des Shitstorms, der ihn er-
sche Werber Gerald Hensel in ei- Die öffentlich-rechtliche „Tagesschau“ der fasste. Von Haus aus ist Hensel Politologe,
nem Hotel in Berlin versteckt und ARD wiederum will einen Beitrag leisten, und bevor seine eigene Krise zu seinem
um sein Leben gefürchtet hatte, steht er im indem sie den Trollen und anonymen Hauptthema wurde, galt sein Interesse in-
marmornen Foyer eines Fünfsterneresorts Hetzkommentatoren ein Dialogangebot ternationalen Krisen, militärischen Aus-
auf der Mittelmeerinsel Malta, eine junge macht: Im neuen Format „Sag’s mir ins einandersetzungen. Er hat ein Buch ver-
Frau im Businesskostüm wünscht ihm lä- Gesicht!“ stellen sich Moderatoren und öffentlicht über die „positive Anreizsteue-
chelnd einen angenehmen Aufenthalt. Er auch Chefredakteur Kai Gniffke seit ein rung im Atomkonflikt mit Nordkorea“. Er
ist Gast einer Konferenz der Europäischen paar Tagen in Live-Skype-Gesprächen den nennt sich selbst „einen Fernsehsessel-
Union zum Thema „Hassrede im Internet“, Vorwürfen ihres Publikums. general“. Es gibt wenige Themen, zu denen
die Dame überreicht ihm ein Schild, auf Gerald Hensel hatte eine andere Idee. Gerald Hensel keine dezidierte Meinung
dem sein Name steht: Gerald Hensel. Der Er wollte den rechten Pöblern, den hat, und er steht gern im Mittelpunkt der
Name ist ihm geblieben, doch abgesehen Fake-News-Produzenten und rhetorischen Diskussion. Es hätte ja nicht gleich das
davon ist in seinem Leben nicht mehr vieles Schmutzschleudern den Geldhahn abdre- Auge des Orkans sein müssen.
so, wie es vor Kurzem noch war. hen. Erst einmal hat er damit aber nur sei- In seinem privaten Blog und auf Twitter,
Gerald Hensel ist nach Malta eingeladen nen Job verloren und sich den eigenen frei von den Zwängen seines Jobs, schrieb
worden als Opfer und Kämpfer zugleich; Geldhahn abgedreht. „Das hätte besser Hensel über Politik und über Marketing.
als Opfer von Internethass und als Kämp- laufen können“, sagt Hensel abends am Er dachte dort etwa über die Verfehlungen
fer gegen denselben. Er soll hier mithelfen, Pool des Hotels. Donald Trumps nach oder äußerte sich
Strategien gegen die Verrohung der Ge- Der tiefe Fall des Gerald Hensel begann zum mäßigen Geschick des deutschen Au-
sellschaft zu finden, gegen den Angriff der im November vorigen Jahres. Er war an- ßenministers. Und dann, am 23. November
digitalen Barbarei auf die Zivili- 2016, veröffentlichte Hensel die-
sation, gegen den Vormarsch des sen Text mit der Überschrift

Hensel und
Rechtspopulismus im Netz, und „Kein Geld für Rechts“ und kre-
das ist natürlich eine ganze Men- ierte dazu den gleichnamigen
ge für seine schmalen Schultern. Hashtag #KeinGeldFürRechts.
Hensel hat sich diese Rolle nicht Denn es war so und ist noch
ausgesucht, er ist da hineingera- immer so, dass viele ehrbare Un-

der Hass
ten und kann oder will nun nicht ternehmen ungewollt rechtspopu-
wieder raus. listische Websites wie Breitbart
Doch der Mann, 41 Jahre alt, oder PI-News mit ihrer Werbung
sieht an diesem Tag nicht un- querfinanzieren, indem ihre Ban-
glücklich aus. Er steht im Foyer, ner über sogenanntes Program-
wippt von den Zehenspitzen auf matic Advertising auf diesen Sei-
die Fersen, wirkt unternehmungs- Internet Der Werber Gerald Hensel ten geschaltet werden. Darauf hat
lustig, er nennt die Reise einen wurde von einem Shitstorm, Hensel aufmerksam gemacht.
„kleinen Ausflug“. Das klingt Und diese Debatte, das muss man
nach Urlaub, nach Auszeit. Alles den er selbst ausgelöst hat, aus dem ihm lassen, hat er in Deutschland
ist besser, als zu Hause als „Hetz- Job gefegt. Das hat ihn zum für eine Weile zum Tischgespräch
fresse“ bezeichnet zu werden, als gemacht, bloß ist er dabei selbst
„gesinnungsfaschistische Ratte“; Aktivisten gegen rechte Pöbler und vom Stuhl gefallen.
alles ist besser, als bombardiert digitalen Hass gemacht. Um Hensels Vorschlag zu ver-
zu werden mit Tausenden Hass- stehen, muss man wissen, dass
mails, Tweets, Facebook-Posts. Von Uwe Buse ein Großteil der Werbung im
Die Probleme, die auf dieser Netz nicht mehr von Menschen
Konferenz zwischen exquisitem platziert wird, sondern von Com-
Fingerfood und schönem Weißwein disku- gestellt bei der bekannten Werbeagentur putern. Eine Firma, die im Internet werben
tiert werden, beschäftigen nicht nur Gerald Scholz & Friends in Berlin. „Digitalstra- will, definiert oft nur noch die Zielgruppe,
Hensel und die anwesenden hochrangigen tege“ lautete sein Titel. Hensel wurde dafür die sie erreichen möchte, also etwa: Aka-
EU-Ministerialbeamten. Wie wird man der bezahlt, die Mechanismen zu kennen, nach demiker, 29 bis 49 Jahre alt, unverheiratet,
Schlammlawine im Internet Herr? Wie denen das Internet funktioniert. Er legte urban. Mithilfe der Millionen persönlichen
bremst man die rechten Horden, die den Kunden von Scholz & Friends die Vor- Kundenprofile, die Firmen wie Google,
durchs Internet trampeln? Wie setzt man züge und Möglichkeiten dar, die diese Me- Facebook und andere Datensammler über
Mindeststandards für das Gesellschafts- chanismen bieten, wenn Firmen im Netz die Jahre angelegt haben, werden dann ge-
gespräch in sozialen Netzwerken, und wie für ihre Produkte und Dienstleitungen wer- eignete Adressaten identifiziert. Und bei
setzt man sie durch? ben wollen. Im Grunde verriet er seinen der nächsten Gelegenheit sehen die Ziel-
Das sind dringende Fragen der Stunde. Kunden ganz ähnliche Tricks, wie sie die personen die Werbung dieser Firmen auf
Heiko Maas, deutscher Minister für Justiz rechten Pöbler im Netz so meisterhaft an- ihrem Monitor, Laptop, Tablet oder Handy.
und Verbraucherschutz, versucht es zurzeit wenden: Klickzahl optimieren, Aufmerk- Es sind Auktionen in Echtzeit, die da
bekanntlich mit einem Gesetz, das wahl- samkeit maximieren, Lärm machen. stattfinden. In den Sekundenbruchteilen,
weise Facebook-Gesetz, Anti-Hass-Gesetz Die Arbeit, so erzählt Hensel zwischen die zwischen dem Absenden einer Such-
oder Internet-Gesetz genannt wird, das zwei Impulsreferaten auf Malta, machte anfrage an Google und dem Aufbau der
aber eigentlich „Netzwerkdurchsetzungs- ihm Spaß, es war eine „angenehme, auch Seite mit den Ergebnissen vergehen, ver-
gesetz“ heißt. Maas setzt aufs Strafen, er eine gut bezahlte Beschäftigung mit vielen steigern Algorithmen den zur Verfügung
will Facebook und andere Plattformen internationalen Kontakten“. Er wohnte im stehenden Anzeigenplatz und wählen un-
zwingen, rechtswidrige Kommentare, Tex- Szeneviertel Prenzlauer Berg, genoss die ter den thematisch passenden Anzeigen
te, Bilder innerhalb von 24 Stunden zu lö- Stadt, in der er jetzt nicht mehr lebt – auch diejenige aus, die für Google am profita-
DER SPIEGEL 23 / 2017 51
belsten ist. Programmierer legen die Re-
geln fest, nach denen die Auktionen ver-
laufen, auf die einzelne Versteigerung ha-
ben Menschen keinen Einfluss mehr. Und
deshalb weiß die Marketingabteilung der
werbenden Firma auch nicht, in welchem
Kontext ihre Anzeigen erscheinen.
So konnte es geschehen, dass etwa die
Deutsche Telekom mit ihren Anzeigen
Breitbart mitfinanzierte, das Sprachrohr
der Rechten in den USA. Über einem Ar-
tikel mit der Überschrift „Geburtenkontrol-
le macht Frauen hässlich und verrückt“
leuchtete das Magenta-Logo der Telekom.
Amazon warb für Kopfhörer neben einer
frauenfeindlichen Polemik, die eine Begren-
zung der Studienplätze in Naturwissenschaf-
ten und Mathematik für Frauen forderte.
Das sind Beispiele, wie sie auch Hensel
in seinen Vorträgen benutzt und als Slides
an die Wand projiziert. In diesen Fällen
war der Autor beider Texte kein Geringe-
rer als Milo Yiannopoulos, der frühere
Breitbart-Posterboy, der das Unternehmen
Anfang dieses Jahres verlassen musste,
weil er es mit den Provokationen zu weit
trieb und sich in einem Interview für Sex
mit Kindern aussprach.
Was Hensel vorschwebte, war eine Art
Ausschnitt aus YouTube-Clip des IS mit Mercedes-Werbung: Programmatic Advertising Alarmsystem für verirrte Werbeanzeigen:
Firmen, deren Werbung in solchen Zusam-
menhängen erscheint, sollten darauf auf-
merksam gemacht werden. Wenn also eine
Immobilienfirma mit dem Slogan „So ma-
chen Sie dieses Haus zu Ihrem Heim“ ne-
ben einem Text für sich wirbt, der einen
Brandanschlag von Islamisten auf die äl-
teste Kirche Deutschlands meldet, obwohl
es diesen Anschlag nie gegeben hat, dann
sollte diese Firma das wissen, fand Hensel.
Solche Hinweise geben den Unternehmen
die Möglichkeit, Breitbart und andere
dunkle Löcher im Netz auf eine schwarze
Liste zu setzen, um zu verhindern, dass
die weiter von ihrer Werbung profitieren.
Die Idee stammt nicht von Hensel, son-
dern aus den USA, wo ein anonymes Kol-
lektiv namens Sleeping Giants („Schlafen-
de Riesen“) dazu aufruft, Werbung von
rassistischen und sexistischen Seiten zu
verbannen. Nach Angaben von Sleeping
Giants haben bislang über 2100 Firmen
dafür gesorgt, dass ihre Anzeigen nicht
mehr auf den Seiten von Breitbart erschei-
nen, darunter auch 700 aus Europa. Aus
Deutschland sind beispielsweise BMW,
Dr. Oetker oder Rewe dabei.
Hätte Hensel es bei einem bloßen allge-
meinen Ratschlag belassen, wäre ihm vie-
Breitbart-Website mit Anzeige des Beach Motel Heiligenhafen: #KeinGeldFürRechts les erspart geblieben. Allerdings hätte ihm
dann wohl auch niemand zugehört. Und
weil er einerseits ein Idealist ist, der in der
Verrohung der Sitten im Netz „einen An-
schlag auf die inklusive Demokratie“ sieht,
und weil er andererseits ein Werber ist,
der weiß, wie man öffentlich Wellen
schlägt, fügte er seinem Blogeintrag eine
52 DER SPIEGEL 23 / 2017
Gesellschaft

Liste vermeintlich rechtsradikaler Medien die Agentur die Initiative „Kein Geld für turen zerschlagen“, er will „Opfern, die
hinzu. Und dort nannte er neben Breitbart Rechts“ nicht ausgedacht habe und nicht unter einem Hatestorm leiden, Hilfe anbie-
auch die „Achse des Guten“ des Publizis- unterstütze. Hensel habe auch nicht um ten“ und, natürlich, „die Gesellschaft ins-
ten Hendryk Broder. Erlaubnis gefragt. Einen Tag nach Veröf- gesamt für das Thema sensibilisieren“. Der
Die Achse des Guten ist vieles, populis- fentlichung des Textes verließ Hensel die Blogbeitrag, der ihn ins Unglück gestürzt
tisch, manipulativ, gehässig; rechtsradikal Firma, freiwillig, wie er sagt. Er macht sei- hatte, pflegte einen ähnlichen Tonfall.
ist sie nicht. „Es war ein Fehler, diese Seite nen Chefs keinen Vorwurf. Alles klingt schlüssig, mit klarer Bot-
zu nennen“, sagt Hensel selbst. Das hatte Hensel war geschlagen. Er hatte, als er schaft, Hensel war schließlich fast zwei
er schnell eingesehen und deshalb eine vor den rechten Populisten warnte, ihre Jahrzehnte lang Werber, und dieses Mal
Woche nach dem ersten einen zweiten Wut und die Folgen dieser Wut verkannt. wirbt er nicht für Hustenbonbons, sondern
Blogeintrag veröffentlicht, in dem er die Er, der Digitalstratege, hatte die Macht des für sich selbst und seine Zukunft. Einen
Achse des Guten ausdrücklich von der vor- Internets unterschätzt. Hensel floh aus klingenden Namen für seine Organisation
geschlagenen Blacklist ausschloss. Deutschland, mit seiner Verlobten, nach hat Hensel auch schon: Fearless Demo-
Seine Gegner interessierte diese Kor- Dubai. Weit weg von allem. Während ei- cracy („Furchtlose Demokratie“).
rektur nicht. Hensel war ein zu attraktives nes Spaziergangs auf Malta, in den engen „Die liberale Mitte der Gesellschaft lässt
Ziel. Ein zur Polemik neigender Intellek- Gassen der Altstadt von Valletta, erinnert sich zu schnell einschüchtern vom Ge-
tueller, der für eine Wer- schrei der neuen und alten
beagentur arbeitet, die Rechten“, analysiert Hen-
wiederum die Bundesre- sel. Ein erster programm-
gierung zu ihren Kunden atischer Entwurf, den er
zählt. Besser kann die verfasst hat, ist deshalb
Ausgangslage für einen mit den Titel „Vom Böse-
rechten Internettroll nicht werden“ überschrieben.
sein. Er kann nicht nur Darunter steht: „Eine Idee,
„Denunziant!“ schreien, wie wir alle weniger Angst
nicht nur „Zensur!“, son- haben können“. Fearless
dern auch eine Verschwö- Democracy hat aber ver-
rungstheorie anbieten, in mutlich noch einen ande-
der Hensel ein Handlan- ren Zweck, über den Hen-
ger der Bundesregierung sel nicht spricht. Seine Or-
ist, die versucht, Autoren, ganisation soll es seinen
die sich tapfer dem pu- Gegnern heimzahlen. Hen-
blizistischen Mainstream sel ist nicht nur ein Werber,
verweigern, mundtot zu der mehr oder minder frei-
machen. Die Trollarmee, willig zum Politaktivisten
gut vernetzt durch rech- wurde, er ist vor allem
te Blogs, setzte sich in auch ein Gekränkter.
Marsch, um Hensel fertig- Ein Gekränkter, der
zumachen. Denn nicht nur sehr gefragt ist, vor allem
ARNE WEYCHARDT / DER SPIEGEL

Werbung, auch Wut und im Ausland. Hensel spricht


Hass lassen sich im Netz mit der „Washington Post“.
mittlerweile fast in Echt- NBC, der „Guardian“, die
zeit produzieren. „Los Angeles Times“ be-
In den folgenden Tagen richten über ihn wie auch
wurde Hensels Wohn- Zeitungen in Asien. An-
adresse im Internet ver- fang März steht er auf ei-
breitet, und er zählte rund Fearless-Democracy-Blogger Hensel: Böse werden ner Bühne, in Deutsch-
50 Morddrohungen. land, in der Hochschule
Jemand, der sich „Moshe Dellberg“ er sich: „Ich lernte in dieser Phase vor al- Macromedia Hamburg. Es ist die Social
nennt, schrieb: „Wir kriegen dich, so oder lem, dass meine Gegner gut organisiert Media Week, auf dem Programm stehen
so, das war’s dann, denk an Barschel.“ sind, viel besser als die Aktivisten in der Fake News, Hate Speech, und Hensel be-
„Jageradeheraus“ schrieb: „ahh, man liberalen Mitte Deutschlands.“ richtet, was ihm widerfahren ist. Er steht
hat Dir nun anscheinend mitgeteilt, wie Das ist kein Zustand, mit dem einer wie in grauem Anzug und schwarzem Hemd
Deine durchschnittliche Lebenserwartung Hensel sich abfinden will. Zum einen, weil auf der Bühne, aufrecht.
unter diesen Umständen sein wird.“ er ein politischer Mensch ist, zum andern, Hensel beginnt seinen Vortrag mit ei-
„Fashionista“: „Ich hoffe du wirst ver- weil es einer Kapitulation gleichkäme. nem Geständnis: „Ich habe Fehler ge-
haftet und erschossen.“ Vor ein paar Wochen sitzt Hensel in ei- macht.“ Dann greift er seine Gegner an
Nicht nur Hensel selbst wurde angegrif- nem Café in Hamburg und hat einen Plan. und warnt: „Die Demokratie lässt sich
fen, auch sein Arbeitgeber, die Agentur Er will dazu beitragen, die „liberale Mitte durch kommunikative Echtzeitprozesse un-
Scholz & Friends. Mehr als 2500 Hass- Deutschlands zu verteidigen“. Sie soll ro- ter Druck setzen.“ Zentrale Aussage seines
tweets, rund 1000 E-Mails und etwa ein buster werden, widerstandsfähiger. Hensel Vortrags: „Ich möchte nicht alles tolerieren
Dutzend Boykottaufrufe kamen dort an. ist ein begeisterungsfähiger Mensch, und müssen.“ Hensel sagt, dass er „Tools“ ent-
Mitte Dezember meldete sich Hensels in diesem Moment ist er euphorisiert von wickeln will, um die digitale Bedrohung
Chef Stefan Wegner zu Wort, der Ge- seinem Vorhaben. Wieder wirft er große von rechts zurückzudrängen.
schäftsführer von Scholz & Friends in Ber- Worte in den Raum, er will „die rechts- Vor ihm sitzen Blogger, Journalisten, So-
lin. Im Fachblatt „Werben und Verkaufen“ populistischen Akteure im Netz identifizie- cial-Media-Manager. Sie stimmen ihm zu,
schrieb er in einem Gastbeitrag, dass sich ren und benennen“, er will „deren Struk- auch wenn Hensel wenig mehr zu bieten
DER SPIEGEL 23 / 2017 53
Gesellschaft

hat als seine Empörung. Der Mann trägt schon oft gehalten hat. Hensel sagt später: Seite mit ein paar Freunden gebaut, aber
seine Niederlagen wie ein Siegesbanner vor „Die Frau ist ein Roboter.“ im Prinzip ist er Fearless Democracy. Fast
sich her, das kommt gut an. In der Geschich- Kelleher wirbt um Verständnis für Face- alle Artikel, die dort bislang veröffentlich
te, die er auf der Bühne erzählt, ist die book und sagt, Facebook könne nicht al- sind, stammen von ihm. Die Sache hat ihn
Opferanekdote nur das erste Kapitel, ein lein der Hüter der Wahrheit sein. Sie „un- gut 15 000 Euro gekostet. Er ist immer
Vorspiel des eigentlichen Stücks, das vom terstützt und ermutigt alle, die Facebook noch arbeitslos, denkt aber darüber nach,
Zurückschlagen der Demokraten handelt. nutzen wollen, um die Hetze im Netz zu bald wieder als Werber zu arbeiten, in
Seine persönliche Geschichte und seine bekämpfen“. Anders gesagt: Facebook will Teilzeit. Die „Wutindustrie zu demas-
Entschlossenheit machen ihn attraktiv als selbst möglichst wenig tun. kieren“ steht derzeit nicht mehr im Mit-
Redner. Hensel sprach nicht nur in Ham- Hensel rutscht unruhig auf seinem Stuhl telpunkt seiner Pläne, Hensel ist beschei-
burg, er reiste auch nach Brüssel, um vor hin und her, während Kelleher spricht. Es dener geworden, er bietet jetzt Hate Aid
Sozialdemokraten aufzutreten, stand auf fällt ihm schwer, sich zurückzuhalten. Er an, Hilfe für Opfer von Hass im Internet.
der Bühne der re:publica in Berlin, einer sitzt neben einer Frau, deren Firma einiges Für die hat er zum Beispiel den Ratschlag,
der großen Internetkonferenzen Europas, zu seiner persönlichen Misere beigetragen dass sie ihre Profilangaben auf Facebook
und schließlich landete er eben auf Malta – hat, die quasi die Vertriebswege für den bei aufkommenden Shitstorms besser
wo er von den Organisatoren direkt neben Hass bereitstellt, der bei ihm ankam. Ir- schützen sollten. Fremde sollen nicht
eine Facebook-Managerin gesetzt wurde. gendwann sagt Kelleher einen Satz, den sehen können, wo man lebe, wo die Fa-
Ihr Name ist Aibhínn Kelleher, ihr Titel er nicht stehen lassen will. milie wohne. „Das war bei mir der Fall“,
lautet Product-Policy-Managerin für Eu- Facebook, so Kelleher, „tut alles, um sei- sagt er.
ropa, Afrika und den Nahen Osten. Kel- ner Verantwortung gerecht zu werden“. Wenn man die Seite von Fearless Demo-
leher wird dafür bezahlt, der Welt das Ver- Hensel sagt, dass „dies ganz und gar cracy aufruft, ist das Erste, was man sieht,
halten von Facebook zu erklären, warum nicht der Fall“ sei. eine rote Fläche auf weißem Grund. In ihr
der Konzern dieses macht und jenes lässt. Kelleher sagt, doch, das sei so. steht, in Großbuchstaben: unterstützen. Es
Sie hat zurzeit viel zu tun, vielleicht zu Hensel sagt: „Ich habe das ganz anders ist ein Spendenbutton. Es sieht aus wie ein
viel. Während ihres Vortrags verlieren ihre erlebt.“ Hilferuf.
Augen plötzlich den Fokus und drehen sich Kelleher sagt: „Lassen Sie uns das später
zur Decke, als wären dort die richtigen in kleiner Runde diskutieren.“ Animation: Was ist
Sätze zu finden. Vielleicht ist es ein Schwä- Hensel lehnt dankend ab. programmatische Werbung?
cheanfall, vielleicht schaltet Kellehers Ge- Vor ein paar Tagen ist Fearless De- spiegel.de/sp232017werbung
hirn auf Autopilot, weil sie diesen Vortrag mocracy online gegangen, Hensel hat die oder in der App DER SPIEGEL

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zu oft über dem erlaubten Limit. Und nicht nur in Stuttgart
rechnen Statistiker Feinstaub und Stickoxid in vorzeitige
Todesfälle (Lunge, Herz, Kreislauf) um.
So viel zum guten Gewissen. Menschen sterben früher,
und mein Auto ist daran schuld.
Natürlich nicht allein, es gibt Mitschuldige. Lastwagen
Gewissenlos fahren, Menschen grillen oder ballern an Silvester den
Himmel voll mit Qualm. In Hamburg, wo ich heute lebe,
feiern die Leute Ostern gern mit größtmöglichen Feuern.
Homestory Mein Diesel und ich Schiffsmotoren blasen ihren Dreck in die Luft, unten im
Hafen, nicht weit von der Elbphilharmonie. In der neuen
„Fortschreibung des Luftreinhalteplans“ für Hamburg wer-

V
on allein wäre ich nie darauf gekommen, dass ein den im letzten Berichtsjahr 8000 Tonnen Stickoxide durch
Diesel etwas Sauberes, Umweltfreundliches sein Schiffsverkehr aufgeführt und 6000 beim Straßenverkehr.
könnte. Ein Diesel, so kannte ich es von früher, Aber im Zentrum der Debatte steht der Diesel, bun-
war etwas Großes, Langlebiges, das man billig bekam. desweit. Ab Januar 2018 soll es im Stuttgarter Talkessel
Worin man mit Freunden in den Campingurlaub ans Mit- Fahrverbote geben, vielleicht auch bald in Hamburg in
telmeer fuhr. Und in Kauf nahm, dass bei jedem Start die der Max-Brauer-Allee. Und wenn die jemanden treffen,
Leute im Zelt dahinter röchelnd im Dieselqualm saßen, dann Menschen mit zehnjährigem Diesel und Euro-4-
das war normal. Norm. Menschen, die in Hamburg leben und vielleicht
Dann, vor zehn Jahren etwa, sangen die Sirenen. So mal mit dem Auto die Mutter in Stuttgart besuchen wollen.
sparsam, so sauber sei er, dass den Klimawandel bekämpfe, Menschen wie mich.
wer ihn fahre. So wenig CO2 stoße er aus, dass das Fahren Also. Norm 4. Seltsam, von Norm 4 redet kaum jemand,
staatliche Subventionen verdiene. Nimm ihn, sangen die in der ganzen Dieseldiskussion, obwohl 3,5 Millionen
Sirenen, kauf ihn, die Euro-4-Norm-Plakette steht ihm zu. solcher Diesel-Pkw auf deutschen Straßen fahren oder
Euro-4-Norm war etwas stehen. Euro-5-Norm schaf-
Feines, damals. Unser Diesel fen 6 Millionen Dieselautos
ist zehn Jahre alt und erfüllt in Deutschland, 2,7 erfüllen
Norm 4. die neueste Norm, Nummer
Heute fährt es sich ange- 6. Allerdings weiß man inzwi-
nehmer, wenn das Gewissen schen, dass alle diese Diesel
nicht ständig dazwischen- mehr Dreck von sich geben,
klopft. Früher war das nicht als ihre Norm erlaubt.
so. Norm5,wiekannman Norm
Ich stamme aus Stuttgart, 5 aufrüsten, davon ist oft die
wo Porsche, Bosch und Daim- Rede – weil es da möglicher-
ler herkommen, und die weise Lösungen gibt. Norm 4?
Stadtplaner und Bürgermeis- Ratlos schwieg der Autohänd-
ter schufen dafür die „autoge- ler meines Vertrauens. Ja
rechte Stadt“. Historisches, doch, es gebe Ideen, aber –
das die Bombennächte des aber man brauche einen Ex-
Zweiten Weltkriegs überstan- tra-Tank, einen Harnstoffbe-
den hatte, fiel dem Bauwahn hälter, den müsse man mitfüh-
der Fünfziger- und Sechziger- ren, und ... die Stimme erstarb.
jahre zum Opfer, Schnellstra- Ich verstehe nicht viel von
ßenschneisen wurden durch Autos, aber was das bedeutet,
die Stadt geschlagen, die Au- habe ich verstanden: Verges-
tos brauchten ja Platz. sen Sie’s.
Wir Kinder diskutierten über Hubraum, PS und Stun- Auf Autoratgeberseiten und in Internetforen kommt
denkilometer und spielten Autoquartett. Die Mütter konn- der Ratschlag: Ihr, die ihr gelegentlich in die Großstadt
ten nicht mitreden, sie fuhren ja nicht. Die Väter fuhren müsst: Verkauft euren alten Diesel, solange ihr es noch
und trugen die Verantwortung dafür, dass der Wagen ge- könnt. Die Preise sinken.
pflegt wurde wie ein Haustier, besonders samstags, zur Ich dachte an die Sirenengesänge von damals, an das
Bundesligakonferenz. Erst als mein Vater nicht mehr mit Lied vom sauberen Diesel, den der Staat subventioniert.
der Straßenbahn, sondern mit dem VW Käfer ins Büro Ich habe gar nichts gegen einen Nanny-Staat, der mich
fuhr, gehörten wir richtig dazu. Wobei ein Käfer natürlich erziehen möchte und mit Vorteilen belohnt, wenn ich
nicht viel zählte, im Quartett. mich sozial verträglich benehme. Aber ich möchte nicht,
Die Schnellstraßenschneisen gibt es immer noch, aber dass Nanny mich betrügt. Und Nanny hat mich be-
inzwischen gibt es auch Messgeräte für Luftqualität. Und trogen.
es gibt Verwaltungsgerichte, die freie Fahrt für freie Bürger Jetzt will Nanny mir das Autofahren bald verbieten, an
THILO ROTHACKER FÜR DEN SPIEGEL

weniger wichtig nehmen als die Frage, ob der Bürger, an manchen Orten jedenfalls.
dem man dauernd vorbeifährt, dies überlebt. Meinetwegen. Aber ich hätte da auch noch ein paar
Heute pflanzt Stuttgart Moos, im Talkessel am Neckar- Ideen.
tor, weil man hofft, dass es vielleicht gegen Feinstaub hilft. Moospflicht im Hamburger Hafen. Schutzmaskenpflicht
Heute ist Stuttgart die Stadt mit der dreckigsten Luft der an Silvester. Oder, was, wie ich zugebe, natürlich völlig
Republik: führend in Stickstoffdioxiden, im Feinstaub viel absurd wäre, kostenloser Nahverkehr. Barbara Supp

DER SPIEGEL 23 / 2017 55


Straßenszene in Athen

LOUISA GOULIAMAKI / AFP


Griechenland

Bis zu 123 Milliarden Euro mehr


Der Zins- und Tilgungsaufschub für alte Kredite käme in die Nähe eines neuen Rettungsprogramms.
Neue Schuldenerleichterungen für Griechenland würden für richt an den Haushaltsausschuss des Bundestages. Zwischen
die Geberländer nach Berechnungen des Bundesfinanzminis- 84 und 89 Milliarden Euro müssten die Geberländer aufbrin-
teriums (BMF) teuer. Je nach Sparanstrengungen, Wachstum gen, wenn Überschüsse und Wachstum etwas höher ausfielen,
und Aufschub für Zins und Tilgung von alten Krediten könn- die Laufzeiten bis zu 15 Jahre verlängert und die Zinsen bei
ten bis Mitte des Jahrhunderts bis zu 123 Milliarden Euro einem Prozent gedeckelt würden. Gut ein Viertel der Kosten
fällig werden. Dieses Szenario träte ein, wenn die Wirtschaft entfielen auf Deutschland. Würde Griechenland auf lange
Griechenlands nur um 1 Prozent im Jahr zulegte, der Primär- Sicht Primärüberschüsse von 2,6 Prozent erwirtschaften und
überschuss, also das Etatplus vor Schuldendienst, langfristig die Wirtschaftsleistung um 1,3 Prozent wachsen, wären keine
bei 1,5 Prozent läge und die Laufzeit der Hilfskredite um zusätzlichen Maßnahmen erforderlich. Grundlagen für die
17,5 Jahre verlängert würden. Zinszahlungen und Tilgung BMF-Berechnungen waren Szenarien, die der europäische
würden dabei bis 2048 komplett ausgesetzt. „Bei einer sol- Rettungsschirm ESM vorgegeben hatte. Der Internationale
chen Zinsstundung würde es sich faktisch um einen neuen Währungsfonds hält die erste Variante für wahrscheinlich,
Kredit handeln“, schreiben die BMF-Experten in einem Be- das BMF bevorzugt die letzte (siehe auch Seite 64). rei

Energie vorgeht, haben die Unterneh- vorgezogenen Ausgaben für wird. Derzeit sind die Gesell-
Zahlentricks beim men 2016 rund 247 Millionen Investitionen sowie einer schafter der Zwischenlager
Euro mehr für die Nutzung Gewinnmarge für die Gesell- aber die vier Energiekonzer-
Atomfonds der Atommüllzwischenlager schafter der Zwischenlager. ne selbst: Ihnen gehört die
Die deutschen Energiekonzer- Ahaus und Gorleben aus- Das Ministerium sagt, so solle Gesellschaft für Nuklear-
ne können ihre Einzahlungen gegeben als ursprünglich kal- vermieden werden, dass der Service, die über Tochterfir-
in den rund 24 Milliarden kuliert; nun will die Regie- Bund womöglich Geld an die men die Lager in Ahaus und
Euro schweren Atomfonds rung diese Mehrkosten von AKW-Betreiber zurückzahlen Gorleben betreibt. Grünen-
mindern. Wie aus einem Ver- den Konzerneinzahlungen in müsse, nachdem die Verant- politikerin Sylvia Kotting-Uhl
ordnungsentwurf des Bundes- den Fonds abziehen. Der wortung für die Zwischen- spricht von einem „Hütchen-
wirtschaftsministeriums her- Kostenschub ergibt sich aus lager an den Staat übertragen spielertrick“. ssu

56 DER SPIEGEL 23 / 2017


Wirtschaft
Krankenkassen Restschuldversicherung
Konjunktur beschert Die Hälfte geht
üppiges Plus an die Bank
Die gesetzliche Krankenversicherung profi- Sogenannte Restschuldver-
tiert von der günstigen Wirtschaftslage. So ha- sicherungen sind für Banken
ben allein die Ersatzkassen, die einen Groß- ein lukratives Geschäft,
teil der Versicherten in Deutschland betreuen, wie eine Untersuchung der
im Jahr 2016 einen Überschuss von insgesamt Finanzaufsicht BaFin jetzt
rund 343 Millionen Euro erzielt, wie es in zeigt. Bei einer Umfrage zu
Branchenkreisen heißt. Zu dieser Kassengrup- den Produkten, die einsprin-
pe gehören mit der Techniker-Kasse, Barmer gen, wenn ein Kreditnehmer
und DAK die drei Marktführer unter den beispielsweise arbeitslos oder
gesetzlichen Versicherungen. Auch die Allge- krank wird, gaben 24 von 31

MARTIN SCHUTT / DPA


meinen Ortskrankenkassen verzeichnen der befragten Institute an, im-
in ihren Statistiken für 2016 ein üppiges Plus. mense Provisionen zu kassie-
Allerdings steigen die Ausgaben weiter: ren: Deren Höhe erreicht
Durchschnittlich mussten die Ersatzkassen 50 Prozent der Versicherungs-
3029 Euro pro Versicherten aufwenden – und Computertomograf prämie oder sogar mehr. Von
damit rund 3,66 Prozent mehr als im Vorjahr. 1000 Euro, die ein Verbrau-
Beruhigend für die Gesundheitspolitiker dürf- KKH als Problemfall. Sie verzeichnete 2016 cher für eine solche Versiche-
te sein, dass die krisengebeutelte DAK das ein Minus von 32,3 Millionen Euro und führt rung unter Umständen zahlt,
Geschäftsjahr mit einem satten Überschuss ab- das auf den Ausgabenanstieg und den umstrit- fließen also 500 Euro oder
geschlossen hat. Dagegen erweist sich die tenen Finanzausgleich der Kassen zurück. cos mehr an die vermittelnde
Bank. Bei nur 7 Instituten lag
der Provisionssatz unter
50 Prozent. Dieses Ergebnis
Dieselaffäre dacht einer Straftat“ vorliegt. abschaltete. Die Abgas-Unter- bestätigt die Kritik von Ver-
Bosch droht Ärger Schon jetzt ermittelt die suchungskommission des braucherschützern, die vor
Behörde gegen Bosch-Mitar- Bundesverkehrsministeriums diesen Versicherungen war-
wegen Fiat-Software beiter wegen Verdachts auf kam im April 2016 intern zu nen. Viele Banken, aber auch
In der Dieselaffäre gerät Beihilfe zum Betrug in den dem Schluss, dass die Techno- Elektronikmärkte oder Auto-
Bosch weiter in Erklärungs- Fällen Daimler und Volkswa- logie „als unzulässige Ab- häuser verkaufen Restschuld-
not. Der Zulieferer hat eine gen, die ebenfalls Bosch-Soft- schalteinrichtung anzusehen versicherungen gleich mit,
Motorsteuerung an den Auto- ware eingesetzt hatten. Tests ist“. Ihre Erkenntnisse haben wenn ein Kunde einen Kredit
konzern Fiat Chrysler gelie- hatten ergeben, dass die Soft- Verkehrsministerium und beziehungsweise eine Finan-
fert, die womöglich als un- ware von Fiat Chrysler nach Kraftfahrt-Bundesamt auf zierung abschließt. Eine
zulässige Abschalteinrichtung einer bestimmten Zeit die Ab- Anfrage an die Staatsanwalt- genaue Aufstellung über die
verwendet wurde. Die Staats- gasrückführung und die Rege- schaft weitergegeben. Höhe der Provisionen, die
anwaltschaft Stuttgart prüft neration des Speicherkataly- Bosch will sich zum Fall dabei kassiert werden, gab es
deshalb, ob „der Anfangsver- sators einschränkte oder ganz Fiat Chrysler nicht äußern. sh bislang jedoch nicht. ase

Air Berlin lenangebot hervor, das noch


Chef gesucht – für bis zum 26. Juni läuft. Laut
Ausschreibung soll der Kandi-
die Bordzeitung dat „bilingual, aber deutscher
Noch ist völlig unklar, ob Muttersprache“ sein, „min-
und, wenn ja, wie lange die destens fünf Jahre Erfahrung
zweitgrößte deutsche Flugge- als Leitender Redakteur einer
sellschaft Air Berlin als eigen- Verbraucher- oder Kunden-
ständige Firma überleben publikation“ haben und das
kann. Die Londoner Verlags- Heft mit „aktuellen und pa-
gruppe Ink, nach eigenen An- ckenden Inhalten weiterent-
gaben Weltmarktführer von wickeln“. Leicht dürfte die
Inflight-Magazinen, scheint Suche nicht werden. Der Job
das nicht zu stören. Sie pro- wird in britischen Pfund be-
duziert seit September 2009 zahlt, dessen Kurs angesichts
ANDREAS WIESE / AIRBERLIN

die Bordzeitschrift für die des bevorstehenden Brexit


Fluglinie und sucht nun sogar schon jetzt schwächelt. Auch
nach einem neuen Chefredak- ist bislang unklar, welchen
teur für das PR-Magazin, weil Status deutsche Staatsange-
die bisherige Leiterin neue hörige nach dem Austritt
Aufgaben übernimmt. Das Großbritanniens aus der EU
geht aus einem aktuellen Stel- in dem Land genießen. did Air-Berlin-Jets

DER SPIEGEL 23 / 2017 57


MARC-STEFFEN UNGER
Handelsraum der Frankfurter Börse Viele Aktionäre jagen heißen Tipps hinterher

Nichtstun ist keine Lösung


Geld Wer seine Ersparnisse mehren will, hat es in Zeiten von Niedrigzinsen schwer.
Die Anbieter von Indexfonds und sogenannte Robo-Advisor
versprechen Abhilfe. Sieht so die Zukunft der privaten Altersvorsorge aus?

A
ndreas Hackethal unterscheidet gehen. Der Finanzprofessor an der Uni Stattdessen verstößt er systematisch ge-
zwei Arten von Anlegern: Die ei- Frankfurt hat über Jahre hinweg Tausende gen alle Regeln – weil er schlauer sein will
nen bunkern ihr Erspartes auf ei- Depots bei Onlinebanken untersucht. Das als der Markt.
nem Festgeldkonto oder unter der Matrat- Ergebnis ist ernüchternd: Der aktive Klein- Wer sein Geld Profis anvertraut, dem
ze. Aus Angst, Fehler zu begehen. anleger lässt im Schnitt „vier Prozent Ren- geht es allerdings kaum besser. Die meis-
Und die anderen? Die machen die dite pro Jahr auf der Straße liegen“, er er- ten Fondsmanager schaffen es nicht, über
Fehler. wirtschaft also weit weniger, als er erzielen einen längeren Zeitraum hinweg die Ent-
Kaum einer weiß besser als Hackethal, könnte, wenn er sich an einfache Regeln wicklung eines vergleichbaren Aktien-
wie die Deutschen mit ihrem Geld um- hielte. index zu schlagen. Und dafür streichen sie
58 DER SPIEGEL 23 / 2017
Wirtschaft

auch noch bis zu fünf Prozent Gebühren Diese Anbieter versprechen nicht weni- biert. Die Aktienmärkte haben sich immer
ein. ger als eine Demokratisierung der Geld- wieder erholt. Wer nicht investiert war, hat-
Doch Nichtstun ist keine Alternative. anlage. Ihre Produkte sollen auch norma- te das Nachsehen. Er durfte nur nicht alles
Denn das Ersparte vermehrt sich nicht len Sparern ermöglichen, was einst nur falsch machen – wie es so viele Anleger tun.
mehr von selbst, seit die Europäische Zen- Vermögenden vorbehalten war: die best- Richtig wäre es, das Risiko möglichst
tralbank (EZB) die Zinsen auf einen histo- mögliche Rendite bei reduziertem Risiko, breit zu streuen, über viele Unternehmen,
rischen Tiefstand gesenkt hat. Derzeit lie- weil ihr Erspartes über Anlageklassen und Branchen und Ländergrenzen hinweg. Tat-
gen sie nahe null und sogar unter der ak- Kontinente hinweg gestreut wird. Das Pro- sächlich haben die meisten Anleger aber
tuellen Teuerungsrate. Das heißt: Der Wert blem der Altersvorsorge wäre damit gelöst, nur einige wenige Aktien im Depot, die
der Ersparnisse schrumpft. zumindest für den, der es sich leisten kann, sie für besonders renditeträchtig halten.
Auf bessere Zeiten sollte niemand hof- überhaupt etwas für den Ruhestand zu- Sie lassen sich von der eigenen Meinung
fen: Die EZB denkt zwar darüber nach, rückzulegen. leiten oder von den zahlreichen, angeblich
die lockere Geldpolitik etwas einzuschrän- So weit die Theorie. Doch lassen sich heißen Tipps, die in einschlägigen Blättern
ken, nennenswert höhere Zinsen sind je- diese Versprechungen in der Praxis halten? oder Börsenbriefen zu lesen sind. Deshalb
doch kaum zu erwarten. Der Spielraum Wie gut eine Anlage war, lässt sich immer kaufen und verkaufen sie auch viel zu oft
der Notenbank ist gering, zu groß wäre erst im Rückblick sagen, und was in der und ohne auf die Kosten zu achten. Das
die Gefahr, dass die hoch verschuldeten Vergangenheit gut ging, muss in der Zu- schmälert die Rendite weiter.
Eurostaaten Südeuropas unter der Last hö- kunft noch lange nicht funktionieren. Die meisten Anleger werden zudem
herer Zinsen kollabieren könnten. Nicht nur die Vertreter der traditionel- euphorisch, wenn die Kurse steigen, und
In diesem Umfeld fällt es auch den Ver- len Anlageformen warnen vor zu viel Eu- panisch, wenn sie fallen. „Das führt dazu,
sicherungskonzernen zunehmend schwer, phorie, manche sogar vor verheerenden dass zu hohen Kursen gekauft und zu
das Geld ihrer Kunden gewinnbringend Folgen. Es gibt genügend Finanzinnovatio- niedrigen verkauft wird“, sagt Christian
anzulegen. Der garantierte Zins der neu nen, mahnen sie, die zunächst als Fort- Rieck, Professor an der Frankfurt Univer-
abgeschlossenen Lebensversicherungen schritt gepriesen wurden und sich dann als sity of Applied Sciences. Die wenigsten
sinkt deshalb von Jahr zu Jahr, weshalb verhängnisvoll erwiesen. hätten den Mut zu sagen: Jetzt ist es ge-
sich diese Anlageform kaum noch rentiert. Denn was passiert, wenn alle das Glei- rade billig, jetzt kaufe ich – so wie sie im
Sie war für viele Deutsche neben den Bun- che tun? Wenn alle dem Index folgen, stei- Laden ein Schnäppchen kaufen. „Jeder
desschatzbriefen die beliebteste Form der gen (oder fallen) die Kurse guter wie denkt, wenn’s runterrauscht: Jetzt wird’s
Altersvorsorge. schlechter Aktien gleichermaßen. Wer schlimmer.“
An Aktien geht deshalb kein Weg sorgt dann noch dafür, dass faire Preise ge- Wer deshalb – zu Recht – seinen eigenen
vorbei, wenn jemand sein Erspartes ge- bildet werden? Und wenn alle in dieselbe Instinkten und Erfahrungen misstraut,
winnbringend anlegen und sich ein finan- Richtung investieren, wächst dann nicht kann sich professionelle Hilfe suchen. So-
zielles Polster für den Ruhestand aufbauen die Gefahr eines Crashs? fern er sie sich leisten kann: Wer die von
will. Weil aber die Eigeninitiative so ris- Andererseits: Dramatische Kursrückgän- Henning Gebhardt in Anspruch nehmen
kant ist und der Rat der Profis auch nicht ge hat es immer gegeben, der Dax hat sich will, muss ein Vermögen von mindestens
viel bringt, empfehlen viele Experten so- zwischen 2000 und 2010 sogar zweimal hal- einer Million Euro mitbringen. Gebhardt
genannte ETFs, Exchange Traded Funds. gilt als einer der Stars der Branche. Vor
Solche Fonds bilden einen Index nach, Kurzem wechselte er von der Deutschen
zum Beispiel den Dax, der die Wertent- Bank zur Hamburger Privatbank Beren-
wicklung der 30 wichtigsten deutschen Ak- berg, wo er sich um das Vermögen reicher
tien widerspiegelt. Ein ETF auf den Dax Kunden kümmert.
hätte in den vergangenen zehn Jahren, „Man braucht eine klare Investment-
trotz des Börsencrashs infolge der Finanz- philosophie mit einem längeren Zeithori-
krise, eine durchschnittliche Rendite von zont“, sagt er. Trends zu erkennen und
über fünf Prozent im Jahr erzielt. durchzuhalten falle vielen Investoren
ETFs kosten wenig Gebühren, weniger schwer.
als ein Prozent, sie werden an der Börse Gebhardt sucht die „Treiber, die zu un-
gehandelt und können jederzeit verkauft terschiedlichen Kursentwicklungen in ein-
werden. Ihre Beliebtheit steigt seit Jahren, zelnen Sektoren führen und die in der
sie verdrängen zunehmend die von Profis Summe dazu führen sollten, dass Sie auch
gemanagten sogenannten aktiven Fonds, den Index schlagen“. Er setzt auf Aktien
die versuchen, durch eine kluge Auswahl von Unternehmen, die jeder jeden Tag
von Aktien, sogenanntes Stock-Picking, nutzt wie Google, Apple und Amazon,
eine überdurchschnittliche Rendite zu er- und auf starke Trends: Demografie, Ge-
zielen und den Index zu schlagen. sundheit, Internet, Schwellenländer.
In den vergangenen zehn Jahren hat sich Und doch, sagt er, sei es schwer für ei-
das Volumen der ETFs in den USA mehr nen Fondsmanager, Akzente zu setzen,
als vervierfacht, allein im vergangenen wenn die Märkte im Gleichschritt liefen
MARKUS HINTZEN / DER SPIEGEL

Jahr verzeichnete die Industrie Rekordzu- wie in den vergangenen Jahren. Meist gin-
flüsse von 284 Milliarden Dollar, während gen sie nach oben.
das aktiv verwaltete Vermögen zurückging. Klaus Kaldemorgen, 63, ist skeptisch,
Der Trend ist auch in Deutschland eindeu- wie lange das noch gut geht, er ist seit 1982
tig. Er wird sich verstärken, wenn sich die im Geschäft und kennt das Auf und Ab an
sogenannten Robo-Advisor durchsetzen, der Börse wie kaum ein anderer. Zurzeit
die das Geld der Anleger automatisiert mit- verwaltet er für die Fondstochter Deutsche
hilfe von Algorithmen zu mehren versu- Fondsmanager Kaldemorgen Asset Management der Deutschen Bank
chen – und dabei vor allem auf ETFs setzen. „Zu viel Optimismus in den Märkten“ rund 13 Milliarden Euro, 6,8 Milliarden da-
DER SPIEGEL 23 / 2017 59
Wirtschaft

von in seinem eigenen Fonds, dem Deut- Doch diese Einwände gelten allenfalls, Ende 2014 starteten sie zusammen Sca-
sche Concept Kaldemorgen. wenn man sein Geld nur in einen Dax- lable Capital. Inzwischen verwalten sie
Der Aktienprofi nimmt „im Augenblick ETF anlegt. Inzwischen gibt es jedoch viele rund 250 Millionen Euro Anlegergelder,
zu viel Optimismus in den Märkten wahr“ Möglichkeiten, seine Anlage über verschie- das klingt viel, ist aber wenig im Vergleich
und ist deshalb in seinem Fonds „eher de- dene passive Fonds zu streuen und die Ri- zu den ehrgeizigen Zielen, die sie sich ge-
fensiv orientiert“: Er hält 15 Prozent Kasse, siken erheblich zu mindern. setzt haben: Sie wollen Europas größter
also Bargeld, der Aktienanteil liegt bei Das jedenfalls versprechen die Robo-Ad- digitaler Vermögensverwalter werden, der
45 Prozent. „Ich habe meinen Anlegern ver- visor ihren Kunden, sie tragen so klang- größte in Deutschland sind sie schon.
sprochen, dass sie mit meinem Investment volle Namen wie Fintego, Quirion oder Wer bei Scalable Kunde werden will,
gut schlafen können“, sagt er. „Und solche Vaamo. Oder Scalable Capital. muss mindestens 10 000 Euro anlegen, der
Versprechen sollte man auch halten.“ München, Prinzregentenstraße: keine durchschnittliche Anlagebetrag liegt bei
Fondsmanager, die daran gemessen wer- schlechte Adresse für ein Unternehmen 40 000 Euro. Jeder Zweite hat einen Spar-
den, einen Aktienindex zu schlagen, kön- wie Scalable Capital, das nicht einmal drei plan und zahlt im Schnitt 500 Euro im
nen sich diese Vorsicht nicht leisten. Kal- Jahre alt ist. Kicker und Süßigkeitenbox Monat ein. Dieser relativ hohe Betrag
demorgen dagegen ist aus diesem Geschäft verbreiten Start-up-Atmosphäre, aber der habe mit ihrer besonderen Kundschaft
bewusst ausgestiegen. Im Gegensatz zu große Raum mit seinen langen Tischreihen, zu tun, sagt Podzuweit. Viele kämen wie
früher betreibt er keinen reinen Aktien- an denen sich gut 50 Mitarbeiter an Com- die Gründer selbst aus der Finanzwirt-
fonds, sondern einen sogenannten Multi- putern gegenübersitzen, soll an den Han- schaft, „sie wissen um die Tücken der
Asset-Fonds, der in verschiedene Anlage- delssaal einer Bank erinnern. So sagt es Geldanlage“.
klassen, etwa Anleihen, investiert, um das Die wissenschaftliche Basis für ihre
Risiko zu senken. Und der es auch möglich
macht, in Zeiten wie diesen den Aktien-
„Die Gefahr für die Anlagestrategie stammt von Mittnik, 62,
Professor für Finanzökonometrie und Di-
anteil runterzufahren, um bei niedrigeren Branche ist, dass da mal rektor des Center for Quantitative Risk
Kursen wieder investieren zu können. was gebaut wird, was Analysis an der Münchner Ludwig-
„Ein privater Anleger kann diese Stra- Maximilians-Universität.
tegie nicht fahren“, sagt Kaldemorgen. „Er wirklich schädlich ist.“ „Im Anlagegeschäft geht es immer um
soll dabeibleiben.“ Also Aktien kaufen Rendite und Risiko, im Mittelpunkt steht
und liegen lassen. Buy and hold, heißt die- jedenfalls Erik Podzuweit, 36, der das Un- meistens die Rendite“, sagt Mittnik. „Mit
se Strategie. Das Wichtigste sei, sagt Kal- ternehmen mitgegründet hat. Risiken umzugehen wird meist vernach-
demorgen, überhaupt in Aktien zu investie- Aber die Menschen hier handeln nicht, lässigt. Wir haben uns auf die Fahnen ge-
ren oder in einen Fonds mit Aktienanteil. sie programmieren Software: Algorithmen, schrieben, die risikoadjustierte Rendite zu
Warum denn nicht gleich einen Index- die das Geld ihrer Kunden automatisiert optimieren.“
fonds kaufen? Kaldemorgen hat drei Ein- in ausgewählten ETFs anlegen. Jeder neue Kunde wird mithilfe eines
wände. Podzuweit, Typ Naturbursche mit blon- Fragebogens in eine Risikoklasse eingeteilt.
„Die Entscheidung, in welchen Index den Locken, ist verantwortlich für Kunden, In der höchsten beträgt das maximale Jah-
Sie investieren, müssen Sie nach wie vor Investoren, Marketing, also für die Außen- resverlustrisiko 25 Prozent, in der niedrigs-
treffen.“ darstellung des Unternehmens. Seine Mit- ten 3 Prozent. Entsprechend unterschied-
„Man nimmt unter Umständen ein Risi- gründer Florian Prucker, 34, Typ Nerd, zu- lich sind die Portfolios, die der Algorith-
ko in Kauf, das man gar nicht tragen will.“ ständig für Produkt und Technologie, und mus aus sieben Anlageklassen mithilfe von
Der Dax etwa sei gar nicht so gut diversi- Adam French, er baut das Geschäft in ETFs zusammenstellt – und laufend der
fiziert, wie viele dächten, er enthalte zu Großbritannien auf, lernte er bei seinem aktuellen Lage auf den Finanzmärkten an-
viele Auto- und zu wenige Technologie- früheren Arbeitgeber Goldman Sachs passt. Die höchste Risikoklasse enthält vor
werte. kennen. Und Stefan Mittnik traf er an der allem Aktien-ETFs, aber auch passive Roh-
„Ein passiver Fonds hält nicht mal Kas- Uni: Bei ihm studierte er Statistik und Öko- stoffe-, Anleihen- und Immobilienfonds.
se“: Man trage also das volle Marktrisiko. nometrie. Die niedrigste Kategorie ist sehr anleihe-

Sichere Bank? 20
Renditen
Durchschnittliche jährliche Rendite Jahresdurch-
großer Aktienindizes in Abhängigkeit vom Anfang 2003 ergab sich nach dem schnitte
Einstiegszeitpunkt des Anlegers, Platzen der New-Economy-Blase und in Prozent
einer Talfahrt an den Börsen ein guter
gemessen am Indexwert im April 2017 Einstiegszeitpunkt, vor allem beim Dax. 15
Durchschnittliche jährliche Rendite: Aktienhausse vor Ausbruch
bis zu knapp 12%. der Weltfinanzkrise.
Im Jahr 2000 verzeichneten die Börsen Ein Einstieg zu diesem Zeit-
mit dem Hype um die New Economy Deutscher Aktienindex Dax punkt hätte dennoch bis heute
10 beim Dax und Dow Jones eine
Rekordstände. Wer zu diesem für Anleger
ungünstigen Zeitpunkt auf Indizes Durchschittsrendite pro Jahr
gesetzt hätte, hätte bis heute von rund 5% eingebracht.
jährliche Renditen von unter US-Aktienindex Dow Jones
4% erzielt.
5
Weltaktienindex MSCI World

Einstiegszeitpunkt
Jahr 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007

60 DER SPIEGEL 23 / 2017


müssen. Und der sie automatisiert vor den
eigenen Fehlern schützt.
Inzwischen haben auch etablierte Fi-
nanzinstitute eigene Robo-Advisor gegrün-
det, weil die Anleger zunehmend Geld aus
den aktiven Fonds abziehen und sie sich
das Geschäft mit der automatisierten Geld-
anlage nicht entgehen lassen wollen. Und
weil sie nach einer Möglichkeit suchen, ih-
ren Kunden die kostengünstigen ETFs an-
bieten zu können. Bisher lohnt sich das
für die Banken nicht, weshalb sie ihren
Kunden diese Anlageform zumindest aktiv
kaum empfehlen.
So lässt sich mit Sicherheit eines sagen:
Der Siegeszug der passiven Fonds, der

WOLF HEIDER-SAWALL
erst vor gut 25 Jahren begann, ist noch
lange nicht zu Ende. Er wird begleitet
von den Jubelmeldungen der Branche, die
bislang schon 3,9 Billionen Dollar einge-
Scalable-Capital-Gründer Mittnik, Prucker, Podzuweit: „Kurseinbrüche lassen sich antizipieren“ sammelt hat und ständig neue Rekorde
verkündet. Und von Auswüchsen, die dem
lastig, die genaue Gewichtung aber vari- lage aus? Datenbasiert, ohne menschliche Grundgedanken der ETF-Anlage – Trans-
iert. Wenn die Zeiten unruhig werden, Emotionen – aber auch ohne menschliche parenz und geringe Kosten – wider-
wird der Aktienanteil reduziert, zurzeit ist Erfahrungen? Die passiven ETFs sind in sprechen.
er relativ hoch. diesem Fall nur Instrumente, die es ermög- Das beginnt schon damit, dass nicht
„Ein Standardportfolio, das in allen lichen, die Gelder schnell und kostengüns- alle ETFs auf tatsächlich gekauften Aktien
Phasen die gleiche Gewichtung hat, hat tig aktiv, wenn auch softwaregesteuert, basieren. Die sogenannten synthetischen
den Nachteil, dass man in ruhigen Phasen zwischen verschiedenen Anlageklassen ETFs bilden einen Index nicht real ab,
nicht genügend Rendite mitnimmt, weil hin und her zu schieben. sondern künstlich nach, mithilfe von
man zu hoch in Anlageklassen gewichtet Letztlich aber sind die Robo-Advisor Finanzgeschäften, etwa sogenannten
ist, die man für die regnerischen Tage nur so gut wie ihre Programme, und ob Swaps. Wenn in einem Index viele Titel
vorhält“, sagt Prucker. „In volatilen Märk- der Algorithmus von Scalable Capital es aus unterschiedlichen Ländern enthalten
ten erhöht sich das Risiko im Portfolio, tatsächlich schafft, Marktschwankungen sind, mag das durchaus sinnvoll sein,
ohne dass sich der Anleger dessen bewusst auszugleichen, wird sich erst zeigen, wenn verursacht aber zusätzliche Kosten und
ist.“ die Märkte wirklich wanken. In den ver- Risiken.
„Der Algorithmus ist darauf getrimmt, gangenen acht Jahren gingen sie, mit klei- Für den normalen Anleger ist die Flut
die Risiken anhand von Daten zu messen“, nen Schwankungen, ziemlich gleichgerich- neuer Indexfonds kaum noch zu durch-
ergänzt Mittnik. „Bevor Kurse abstürzen, tet nach oben. schauen. Selbst auf den Deutschen Aktien-
beginnen sie immer zu flattern. Das heißt Der Frankfurter Finanzprofessor Rieck index gibt es ein Dutzend verschiedener
nichts anderes, als dass sich viele Kursein- sieht in den Robos eine Art Autopilot für ETFs, deren Inhalt zwar weitgehend iden-
brüche antizipieren lassen.“ Anleger, der diesen die Möglichkeit gibt,
Algorithmen, nicht Menschen treffen bei relativ sicher „am interessanten Teil des
den Robo-Advisorn die Anlageentschei- Kapitalmarkts teilzunehmen“, ohne sich
dungen. Sieht so die Zukunft der Geldan- selbst mit der Geldanlage beschäftigen zu

Neuer günstiger Einstiegszeitpunkt nach Wer auf dem Höhepunkt der Frühjahr 2016: Sorgen um einen
Börsencrash in Folge der Weltfinanzkrise. Schuldenkrise einiger Euro- Konjunktureinbruch in China
Durchschnittsrendite pro Jahr: länder auf den Dax gesetzt und anderen Schwellenländern.
bis knapp 15%. hätte, wäre bis heute mit einer Seitdem haben Dax und
jährlichen Rendite von über Dow Jones wieder kräftig
15% belohnt worden. zugelegt.

2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016

DER SPIEGEL 23 / 2017 61


tisch ist, nicht aber ihre Kostenstruktur. 3,9 stark gestiegen. Das Unternehmen gilt vie-
Und damit auch nicht ihre Rendite. len inzwischen als das mächtigste der Welt.
Ein Exchange Traded Fund lässt sich für Blackrock hat früh auf die passive Anla-
jeden beliebig gestalteten Index auflegen, Populäres Investment ge gesetzt, es verwaltet weltweit für seine
nicht nur für Aktien oder Anleihen, der Kapital, das weltweit in passive, Kunden mehr als fünf Billionen Dollar, den
Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Es überwiegenden Teil in ETFs. In Deutsch-
börsengehandelte Finanz-
gibt ETFs für Whiskey und medizinisches 3,0 land liegt sein Marktanteil in diesem Ge-
produkte investiert ist;
Cannabis, selbst für Bitcoins ist ein ETF schäft „nördlich von 40 Prozent“ (Staub),
zur Zulassung beantragt. Es gibt ETFs, die
in Billionen Dollar das Unternehmen ist an fast allen großen
drei- und vierfach gehebelt sind, die also Dax-Unternehmen mit drei bis acht Pro-
Quelle: Blackrock
drei- oder viermal so stark steigen (oder zent beteiligt – weshalb es auch im Mittel-
fallen) wie die zugrunde liegenden Werte, punkt der Debatte steht, wie die ETFs den
wodurch sich Rendite und Risiko entspre- modernen Kapitalismus verändern.
chend vervielfachen. Und es gibt ETFs, bei Die Kritik kommt von zwei sehr gegen-
denen niemand mehr genau weiß, was er sätzlichen Seiten. Die einen halten Black-
da eigentlich kauft. rock für den Totengräber des Kapitalismus,
Christian Staub, 46, beobachtet diese weil der Konzern an allen Unternehmen
Entwicklung mit „einer gewissen Skepsis“. 1,5 beteiligt ist, ohne sich wirklich in deren
Er leitet das Geschäft des weltgrößten ETF- Geschäftspolitik einzumischen. Die ande-
Anbieters Blackrock in Deutschland, ren sehen in ihm eine dunkle Macht, die
Österreich, der Schweiz und Osteuropa. im Hintergrund die Fäden zieht und den
„Die größte Gefahr für die Branche ist, Wettbewerb behindert.
dass da mal was gebaut wird, was wirklich „Wir sind Treuhänder. Wir verwahren
schädlich ist“, sagt Staub. und verwalten Geld“, sagt Staub. Die Ent-
Von den Konferenzräumen des Unter- 0,4 scheidung, eine Einzelaktie zu kaufen, lie-
nehmens im 41. Stock des Opernturms fällt ge gar nicht in der Hand des ETF-Anbie-
der Blick auf die Skyline der Frankfurter ters Blackrock. Deshalb sei es richtig, sich
0,1
Banken, deren Bedeutung seit dem Beginn nicht in die Geschäftspolitik des Unterneh-
der Finanzkrise im Jahr 2007 stark gesun- 2000 05 10 15 März mens oder in die Besetzung des Vorstands
ken ist. Im Gegenzug ist die von Blackrock 2017 einzumischen.

Noch stärker als August der Starke,


2005
1989

Während die Pariser Mode in dessen Zeit die Dresdner Frauenkirche


jede Saison wechselt, braucht entstand: der Kunstharzmörtel
der Eiffelturm viel seltener für Spezialdübel, der beim Wieder-
ein neues Kleid: einen frischen aufbau eingesetzt wurde. Damit halten
Korrosionsschutz-Anstrich, auch schwerste Bauteile sicher
der ihn vor Rost schützt. im historischen Sandstein.

Die Chemie macht aus

Es hätte einfach zu lange


1991

2010

gedauert, den Beton


für den Burj Khalifa über
600 Meter hochzutragen.
Also hat man ihn lieber
nach oben gepumpt.
Die Beimischung
chemischer Fließmittel
Drinnen tost der Applaus, draußen machte es möglich.
das Meer. Gut, dass die Oper in Sydney
bei ihrer Sanierung eine wasserabweisende
Imprägnierung erhielt, die sie vor
dem Seeklima schützt.
Wirtschaft

Gleichzeitig aber, sagt er, könnten sie dass es irgendwann auch mal wieder Sparplans, Fondsanteile dazukauft, kann
nicht einfach die Hände in den Schoß le- eine Gegenbewegung gibt, „und die hoffen sogar von zwischenzeitlichen Turbulenzen
gen und sagen: „Was da passiert, geht uns wir mitzugestalten“: neue Produkte, ir- profitieren.
nichts an.“ gendwo zwischen aktiv und passiv Für Hackethal, den Finanzprofessor aus
Blackrock versuche deshalb, auf der angesiedelt, automatisiert und daten- Frankfurt, ist die Abwägung, jedenfalls aus
Ebene der guten Unternehmensführung basiert. heutiger Sicht, klar: Die Vorteile passiver
Einfluss zu nehmen, zum Beispiel auf das Die Aufsichtsbehörden sind da vorsich- Geldanlage überwiegen die vermeintli-
Modell der Vorstandsvergütung. Die Zu- tiger. Zumindest die amerikanische SEC chen Nachteile bei Weitem.
wächse der Managergehälter dürften sich verfolgt die Entwicklung der passiven An- Für den normalen Anleger, der sich kei-
nicht vom durchschnittlichen Zuwachs der lagen genau. Sie stellt sich die Frage, ob nen Vermögensverwalter leisten kann, hat
Gehälter entfernen. die Zunahme der passiven Investments Hackethal einen ganz einfachen Tipp: ei-
Das Unternehmen selbst sieht sich als nicht zu wachsenden Risiken führen könn- nen Teil des Ersparten sicher in Tagesgeld
Supermarkt, der es auch kleinen Sparern te. Als Indiz werten sie den 24. August anlegen („es könnte auch die Matratze
erlaubt, ein diversifiziertes und effizient 2015, als der amerikanische S&P-500-In- sein“), den Rest in einen Robo-Advisor
gemanagtes Portfolio zusammenzustellen. dex kurz nach Eröffnung innerhalb von oder einen ETF auf den MSCI World in-
Den Einfluss der passiven Investoren sechs Minuten um fast 1100 Punkte nach- vestieren. Dieser Weltindex enthält mehr
auf die Entwicklung der Finanzmärkte hält gab und sich später wieder fast ebenso als 1600 Aktien aus 23 Ländern in unter-
Staub für gering – zumindest aus heutiger schnell um 600 Punkte erholte. Der Ver- schiedlichen Währungen, das Risiko ist so-
Sicht. Er vergleicht die über 3,5 Billionen dacht: ETFs verstärken den Herdentrieb mit breit gestreut.
Dollar ETF-Gelder mit dem Vermögen in der Anleger, weil sich mit ihrer Hilfe in Aber juckt es ihn, den erfahrenen Fi-
privater Hand in Höhe von rund 170 Bil- kürzester Zeit große Aktienbestände ab- nanzfachmann, nicht gelegentlich in den
lionen. stoßen lassen. Fingern, selbst am Aktienmarkt aktiv zu
Staub glaubt auch nicht, dass irgend- Der Verdacht ließ sich bisher nicht werden? „Überhaupt nicht“, sagt er, „ich
wann so viele ihr Geld passiv anlegen, erhärten. Die meisten kurzfristigen Kurs- kann doch nicht Wasser predigen und
dass gar keine Kurse zustande kommen, einbrüche der vergangenen Jahre waren Wein trinken.“ Armin Mahler
die dem einzelnen Unternehmen gerecht sogenannte Flash-Crashs, ausgelöst durch
werden. „Dann würde es doch erst richtig automatisierte Verkaufsprogramme. Animation:
spannend für aktive Investoren, solche Wer seine ETFs langfristig hält, kann Was ist ein ETF?
Ineffizienzen für sich zu nutzen“, sagt solche Abstürze aussitzen. Und wer regel- spiegel.de/sp232017etf
der Blackrock-Chef. Er erwartet ohnehin, mäßig, am besten monatlich mithilfe eines oder in der App DER SPIEGEL
2026
2016

Schweizer Berge sind löchrig wie Käse.


Beim Bau des 57 km langen neuen Gotthard-
Basistunnels mussten unzählige Felsspalten mit
Mikrozement-Injektionen abgedichtet werden.

Bauwerken Wahrzeichen.

Die Welt wäre ohne die Chemie um einige Sehenswürdigkeiten ärmer.


2020

Als Zusatz in Baustoffen ermöglicht sie über 160 Stockwerke hohe


Gebäude wie den Burj Khalifa oder lässt barocke Schätze wie die Dresdner
Frauenkirche neu auferstehen. Und durch modernen Korrosionsschutz
sorgt sie dafür, dass Wahrzeichen wie der Eiffelturm erhalten bleiben.

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Wirtschaft

Masa, der Milliardär


Unternehmer Ein weithin unbekannter Japaner ist einer der größten IT-Investoren der Welt.
Er will ein Konglomerat schaffen, das den Alltag der Menschen grundlegend verändert.

D
er Gast strahlte über das ganze Ge- spräch. Mit deren Netzwerken käme Son Schweine. Son, der kaum Interviews gibt,
sicht, so eng wie möglich schmiegte seiner Jahrhundertvision ein großes Stück berichtete vor einigen Jahren vor Ange-
er sich an den Wahlsieger, der ihn näher: einen ansehnlichen Teil des Daten- stellten, wie er oft hinten auf dem glitschi-
um einen Kopf überragte und ihn mit den verkehrs der Welt zu kontrollieren, der gen Handkarren gehockt habe, mit dem
Worten vorstellte: „Dies ist Masa von Soft- Menschen und Maschinen immer enger, im- die Großmutter täglich loszog, um bei Res-
bank aus Japan.“ Masa habe gerade ein- mer schneller vernetzt. Dann würde Son taurants Essensreste für die Schweine zu
gewilligt, in den USA 50 Milliarden US- mit über jenen Rohstoff gebieten, aus dem besorgen. Bei seiner Rede weinte Son. Die
Dollar zu investieren und 50 000 neue Jobs sich die künstliche Intelligenz (KI) speist. Demütigungen wirken nach, und trotz sei-
zu schaffen. Masa sei einer der großen Schon in etwa drei Jahrzehnten, prophe- ner Erfolge bleibt Son für viele Japaner
Männer der Industrie. zeit Son, werde KI die geballte Intelligenz ein Außenseiter. Im heimischen Internet
Das war Anfang Dezember im Trump- der Menschheit überflügeln. In dieser com- wimmelt es von Hasstiraden gegen ihn.
Tower in New York, kurz nach der Wahl putergelenkten Science-Fiction-Welt, der Als Son 15 war, erkrankte sein Vater
des neuen US-Präsidenten. Für Masayoshi sogenannten Singularität, wäre der Mil- schwer. Sein älterer Bruder musste die
Son, 59, den Gründer des japanischen IT- liardär dann einer der mächtigsten Men- Schule abbrechen und Geld verdienen.
Konzerns Softbank, war der Empfang bei schen. Son überlegte, wie er sich nützlich machen
Donald Trump ein weiterer Coup in der Aber wer genau ist dieser Son über- könnte: Gegen den Widerstand von Eltern
Geschichte seines steilen Aufstiegs. haupt? Wie erklärt sich sein ungewöhnli- und Lehrern ging er in die USA, lernte
Da ertrug Son es auch, dass viele nicht cher Aufstieg? Und was treibt ihn an? Englisch und studierte. Zu diesem unge-
wussten, wer er ist. „M-a-s-a“, buchstabier- Tosu liegt in Kyushu, der südlichsten wöhnlichen Schritt inspirierte ihn ein Buch
te er seinen Spitznamen für die Reporter Hauptinsel von Japan. Die rund 70 000- über den Samurai-Helden Ryoma Sakamo-
in der Lobby des Trump-Towers. Dann Einwohner-Stadt ist vor allem bekannt als to, der Japan gegen die westlichen Groß-
klärte er sie auf, dass ihm Sprint gehöre, Eisenbahnknotenpunkt. Direkt an der mächte aufrüsten wollte. Auch als Firmen-
der viertgrößte Mobilfunkbetreiber der Hauptlinie wuchs Son auf, in einer illegal boss eifert Son dem Kriegeridol nach: In
USA. Unlängst habe Softbank auch ARM errichteten Bretterbude mit einem Blech- der Softbank-Zentrale in Tokio bewahrt
gekauft, den britischen Hightechkonzern, dach. Heute befindet sich hier der Park- er dessen Bild sowie eine hölzerne Kopie
der Mikrochips entwickelt, die in mehr als platz eines Kettenrestaurants, vom einsti- von dessen Schwert auf.
95 Prozent aller Smartphones weltweit ver- gen Elend ist nichts mehr zu sehen. In den USA geriet Son in die aufkeimen-
wendet werden. Dafür habe er 32 Milliar- Son stammt in dritter Generation von de IT-Revolution. An der Universität Ber-
den Dollar bezahlt, sagte Son, „in bar.“ südkoreanischen Zuwanderern ab. Um keley in Kalifornien lernte er Software zu
Sons Reich reicht von einem franzö- nicht aufzufallen in einer oft feindseligen entwickeln. Unter seinem Kopfkissen und
sischen Roboterhersteller über eine chine- Umgebung, führte die Familie den japa- eingeklemmt in seine Lehrbücher hütete
sische Taxi-App bis zu einem indischen nischen Namen Yasumoto. Es half nicht er die vergrößerte Abbildung eines der ers-
Portal für Onlineshopping. Den Kern sei- viel: Nachbarsjungen bewarfen Son mit ten Mikrochips wie einen Schatz. Er hatte
nes IT-Konglomerats bildet Softbank, einer Steinen, einmal wurde er so heftig am sie aus einer Zeitschrift ausgerissen. Wie-
von Japans drei großen Telekom-Betrei- Kopf verletzt, dass er blutete. derholt berichtete er, wie ihn der Anblick
bern. Im vergangenen Geschäftsjahr, das Um die Familie zu ernähren, brannte dieses Wunderwerks der Technik gerührt
Ende März 2017 endete, verdreifachte Soft- der Vater schwarz Schnaps und züchtete und zum Lernen motiviert habe.
bank seinen Reingewinn gegenüber dem Zurück in Japan gründete er 1981 Soft-
Vorjahreszeitraum auf umgerechnet 11,5 bank, einen Großhandel für Computerpro-
Milliarden Euro. Und mit einem Privatver- gramme. Damit startete er seine wunder-
mögen von über 20 Milliarden Dollar er- same Firmenexpansion. Er investierte in
klomm Son kürzlich Platz eins auf der Wichtige Beteiligungen des japanischen Start-ups, als noch kaum jemand ahnte,
„Forbes“-Liste der reichsten Japaner. IT-Konzerns wie bedeutend diese später werden sollten.
Son will das größte IT-Imperium der 1995 stieg er bei Yahoo ein. Mit dem ame-
Welt schaffen und den Alltag der Mensch- Grafikprozessoren, rikanischen Internetportal gründete er
100% Großbritannien
heit mithilfe künstlicher Intelligenz umwäl- 1996 auch eine lokalisierte Version für Ja-
zen. Vom US-Präsidenten erhofft sich Son Roboter, pan. Sie ist für viele Landsleute bis heute
die Lockerung lästiger Regeln, die ihn 95% die wichtigste Suchmaschine.
Frankreich
bisher darin hindern, beispielsweise auch Seinen größten Coup landete Son drei
T-Mobile, die US-Tochter der Deutschen 83,4% Mobilfunkanbieter, Jahre später mit dem Einstieg bei Alibaba,
Telekom, zu kaufen und mit Sprint zu ei- USA der damals fast unbekannten chinesischen
nem Branchenriesen zu verschmelzen. E-Commerce-Plattform. Als deren Gründer
Internetportal, Jack Ma ihm seine Geschäftsidee vorstellte,
Sein derzeit ehrgeizigstes Projekt treibt 43% Japan
er mit saudischen Investoren voran: einen willigte Son auf Anhieb ein, 30 Prozent
Hightechfonds in der Größenordnung von Onlineshopping, der Anteile zu kaufen. Heute hält Softbank
hundert Milliarden Dollar, den Son als 28% noch 28 Prozent an Alibaba, dessen Bör-
China
Hauptinvestor managen soll. Als poten- senwert auf rund 310 Milliarden Dollar ge-
zielle Investitionsobjekte sind die Satelli- Chiphersteller, stiegen ist. Die Beteiligung macht den größ-
4,9%
tenbetreiber Intelsat und OneWeb im Ge- USA ten Teil des Firmenwerts von Softbank aus.

64 DER SPIEGEL 23 / 2017


ROBICHON / EPA / REX / SHUTTERSTOCK
Softbank-Gründer Son bei der Präsentation der Unternehmensgewinne am 10. Mai: „Was machen wir Menschen dann?“

Son könnte längst seinen Reichtum ge- Son selbst nicht die Ziele erfüllt, die er Son habe „Peppers“ hellen Farbton vorge-
nießen, aber sein Ehrgeiz treibt ihn weiter. sich im Rahmen eines fünfstufigen Lebens- geben, berichtet Yoshida. Auch die piepsig
Unermüdlich versucht er, Softbank, aber plans gesteckt hat. klingende Stimme habe Son ausgewählt.
auch Japan insgesamt, für die von ihm pro- Eigentlich wollte Son sein Imperium Für Son ist „Pepper“ keine Spielerei.
phezeite Zukunft zu rüsten, in der künst- bald an die nächste Generation übergeben. Wäre der Roboter weltweit in Millionen
liche Intelligenz den Alltag prägt. Doch im vergangenen Jahr trennte er sich Firmen und Haushalten aktiv, könnte er
An einem Freitagabend im Februar wen- von dem Manager, den er als seinen Nach- wertvolle Alltags- und Geschäftsdaten sam-
det sich Son an den Nachwuchs: Der Un- folger auserkoren hatte. Son verkündete, meln, denn diese werden ständig an die
ternehmer betritt die Bühne eines Luxus- er wolle noch eine Weile weitermachen. Cloud gesendet und dort gespeichert.
hotels in Tokio, im Saal sitzen Hunderte So kann er der Welt vielleicht noch zei- Allerdings streben auch US-Giganten
Schüler, die online Karten für den Auftritt gen, wofür sein Sammelsurium von Firmen wie Google & Co. nach globaler Daten-
des heimischen IT-Gurus ergattert haben. und Beteiligungen letztlich stehen soll. Für herrschaft – und dabei sind sie oft viel wei-
Son trägt ein graues Jackett und ein ge- künstliche Intelligenz? Aber was heißt das ter als Softbank. Das gilt selbst für Indien,
streiftes Hemd mit offenem Kragen, er re- konkret, wo ist das Element, das die vielen einen der letzten großen Wachstumsmärk-
det frei und fast druckreif. Aber nicht über Firmenaktivitäten verknüpft – außer Son te: Bereits 2014 hatte Son verkündet, bis
Gewinne und Verluste. Er berichtet wieder selbst? Bislang ist das unklar. 2024 zehn Milliarden Dollar zu investieren,
einmal von seinem Erweckungserlebnis, Soll der Roboter „Pepper“ etwa die vor allem im Onlinehandel. Aber gegen
davon, wie ihn als 19-Jähriger die Abbil- Plattform bilden, über welche die Men- den Marktführer Amazon hat er auch dort
dung des Mikrochips beeindruckt habe. schen künftig kommunizieren? Die rollen- kaum Aussichten auf Sieg.
Dann malt er die Ära der Singularität aus, de Maschine sieht aus wie ein iPad mit Ähnlich zäh läuft es für Son auf dem
wenn Computer eigenständig lernen und Kopf und Armen, sie kann auf menschliche wichtigen US-Markt. Die Mobilfunktoch-
die Welt regieren. Emotionen reagieren. „Pepper“ soll das glo- ter Sprint, die er für 22 Milliarden Dollar
„Was machen wir Menschen dann?“, bale Markenzeichen von Softbank werden. erwarb, verliert Kunden und schreibt rote
fragt Son. „Bitte, denkt unbedingt darüber In Japan sind bereits 10 000 Exemplare Zahlen. Gelingt es Son nicht, Sprint durch
nach!“, ruft er den Jugendlichen zu. „Lernt des Roboters im Einsatz, in Softbank-Fi- weitere Firmenzukäufe zum dominanten
nicht nur auswendig!“ Mit einer neuge- lialen oder Banken schütteln sie Kunden Marktriesen aufzubauen, müsste er das
gründeten Stiftung will Son talentierten die Hand oder weisen ihnen den Weg. Son Unternehmen wohl wieder verkaufen.
Nachwuchs finanziell dabei unterstützen, verwende viel Zeit darauf, die Entwick- Auch deshalb warb er als einer der Ers-
ins Ausland zu gehen, Englisch zu lernen lung des Kunstmenschen zu überwachen, ten um die Gunst Donald Trumps. „Die
und Computer zu programmieren. So wie sagt Kenichi Yoshida, der Chef der Robo- Vereinigten Staaten werden wieder groß-
er selbst es einst machte. tik-Tochter von Softbank. artig werden“, sagte er nach dem Treffen
Aus Sons Worten klingt Sorge. Darüber, „Pepper“ wurde ursprünglich von der in New York. Damit dürfte er in erster
dass Japan den Anschluss an die digitale französischen Firma Aldebaran entwickelt, Linie seine Geschäfte dort gemeint haben.
Zukunft verpasst. Aber auch darüber, dass die Softbank 2012 mehrheitlich übernahm. Wieland Wagner

DER SPIEGEL 23 / 2017 65


Wirtschaft

Doppelte Selbsttäuschung
Analyse Trotz anhaltender Geldnot ist Griechenland von einer Staatspleite
weit entfernt, ein Schuldenrabatt ist derzeit nicht dringlich.

D
ie chronische Krise um Griechenland hält zwei kommen können. Laufzeiten werden nochmals verlängert,
Lehren bereit: Eine Einigung bahnt sich stets erst Zinsen noch einmal gedrückt – was mit erheblichen Kosten
in letzter Minute an, und am Ende bekommen die verbunden ist. An einen echten Forderungsverzicht denkt
Griechen weiter Geld, obwohl sie Abmachungen nicht ohnehin niemand, doch die angepeilten Maßnahmen kom-
einhalten. Deshalb erscheint es verfrüht, schon wieder men, über Jahrzehnte gesehen, in die Nähe eines neuen
die drohende Staatspleite des Landes zu beschwören, nur Hilfsprogramms. Der IWF wird sich damit wohl zufrie-
weil noch kein Einverständnis über die Auszahlung der dengeben und sich dann auch finanziell am dritten Ret-
nächsten Hilfstranche erzielt ist. Im Juli braucht die Re- tungspaket beteiligen. Seine Chefin Christine Lagarde
gierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras rund sieben und viele ihrer Mitarbeiter haben kein Interesse, sich aus
Milliarden Euro, um alte Schulden zurückzuzahlen. Europa zurückzuziehen. Einen großen Teil seiner Bedeu-
Die Verzögerung haben dieses Mal nicht allein die Grie- tung zieht der IWF daraus, dass er an der Bewältigung
chen zu verantworten. Kürzlich verabschiedete das Parla- der Griechenland-Krise beteiligt ist.
ment zusätzliche Reformmaßnahmen, die die Geldgeber Kommt die endlos erscheinende griechische Tragödie
für weitere Hilfen verlangten, darunter niedrigere Renten damit zu ihrem Ende? Eher nicht. Die Dauerkrise des
und geringere Steuerfreibeträge. Schuld Landes gründet nicht in einem Mangel
sind auch Finanzminister Wolfgang an Geld, das haben die Geberländer im-
Schäuble (CDU) und der Internationale Griechenlands mer wieder zur Verfügung gestellt. Das
Währungsfonds (IWF). Schäuble, weil Staatsschulden 2014
2018*
Land leidet unter einem dysfunktiona-
er den IWF unbedingt weiter an den in Prozent des Brutto- 180 len Staatsaufbau und einer weitgehend
inlandsprodukts 175
Hilfsprogrammen beteiligen will, aber unfähigen und unwilligen politischen
nicht dessen Bedingungen dafür akzep- Klasse. Die Syriza-geführte Regierung
tiert. Die Washingtoner Organisation, schiebt die Schuld an der katastropha-
weil sie darauf beharrt, dass Schulden- 2012 len Lage am liebsten auf die ungeliebte
erleichterungen für Athen beschlossen 160 Austeritätspolitik. Allerdings mussten
werden, bevor sie sich mit Geld am mitt- alle anderen Krisenländer sich ähn-
lerweile dritten Hilfspaket für Griechen- lichen Programmen unterwerfen – und
land beteiligt. Schäuble will das vor der 2005
haben diese längst erfolgreich beendet.
Bundestagswahl unbedingt vermeiden 107 Gleichgültig, ob Portugal, Irland oder
und beruft sich auf einen gemeinsamen Zypern: Sie alle können sich an den
Beschluss, darüber erst 2018 zu spre- Quelle: Ameco * Prognose
Finanzmärkten wieder selbst Geld lei-
chen. Gegen weitere Erleichterungen, hen, einige wachsen mittlerweile schnel-
falls notwendig, hat er nichts, aber erst ler als Deutschland.
nach seiner Wiederwahl. Aus deutscher Sicht ist ein Schul- Griechische Regierungen gleich welcher Couleur waren
denrabatt für Griechenland derzeit nicht zwingend, weil in der Krise stets groß darin, Reformen zu beschließen,
die Geldgeber dem Land in der Vergangenheit schon Er- scheiterten aber meist an deren Umsetzung. So hapert es
leichterungen verschafft haben. Laufzeiten der Hilfs- immer noch an einer effizienten Steuerverwaltung, bei
kredite wurden gestreckt, Zinszahlungen gedeckelt, sodass den Privatsierungserlösen hinkt die Regierung hinter Zeit-
Griechenland, gemessen an seinen Gesamtschulden, we- plan und Erwartungen her. Die Hilfsprogramme funktio-
niger Zinsen zahlt als das mit besten Bonitätsnoten verse- nierten nach einem einfachen Schema: Die Griechen taten
hene Deutschland. Doch der IWF beharrt auf seinen so, als ob sie reformierten, die Geldgeber taten so, als ob
Maßstäben, die er überall auf der Welt anlegt. Er fürchtet, sie ihnen glaubten. Doppelte Selbsttäuschung solcher Art
dass das Verhältnis von Schulden zum Bruttoinlands- gleicht organisierter Verantwortungslosigkeit.
produkt in den kommenden Jahren Richtung 200 Prozent Wie geht es weiter? Die Chance, dass Griechenland die
explodiert. Währungsunion verlässt, wurde vor zwei Jahren vertan, als
Griechenland sei aber kein Land wie jedes andere, hal- Kanzlerin Angela Merkel auf Druck des damaligen franzö-
ten die europäischen Geberländer dagegen, sondern Mit- sischen Präsidenten François Hollande, aber gegen Schäub-
glied einer Währungsunion, dem die übrigen Mitglieder les Willen, das Land im Euro hielt. Wahrscheinlich ginge
beistehen. Deshalb gälten andere Bedingungen. es Griechenland mit eigener Währung und Anpassungshil-
Wie wird der Zank ausgehen? Die Chancen stehen gut, fen der Partner heute besser. Griechenland wird wohl auf
dass der IWF, wie üblich, beidreht. So hielt er es schon in unabsehbare Zeit in der Währungsunion verbleiben – und
der Frage, wie hoch die Überschüsse im griechischen wahrscheinlich ebenso lange am Tropf der Geldgeber hän-
Staatsetat ausfallen müssen. Die Europäer wollten mehr, gen. Es zeigt sich, dass in der Politik dieselben Regeln gelten
der IWF weniger. Nach langem Streit schwenkte er auf wie im Privatleben: Wer das Ende mit Schrecken scheut,
die europäische Linie ein. Wahrscheinlich ist ein weiterer bekommt Schrecken ohne Ende. In ihren Szenarien gehen
Kompromiss. Die Europäer werden im Juni ein bisschen die Euroretter davon aus, dass Griechenland die letzte Rate
konkreter, wie sie den Griechen nächstes Jahr entgegen- der Hilfskredite 2080 zurückzahlt. Christian Reiermann

66 DER SPIEGEL 23 / 2017


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acht Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstattung des belasteten Betrags verlangen. Es gelten dabei die mit meinem Kreditinstitut vereinbarten Bedingungen.
MAX LARSSON / H&M / CAMERA PRESS / DDP IMAGES
H&M-Werbemodel M. I. A., verpackte Altkleiderballen: „Nur kurz getragen und schnell weggeworfen“

„Es läuft ja nichts im Kreis“


SPIEGEL-Gespräch Industriedesigner Ed van Hinte hält Recycling für unwirtschaftlich. Er plädiert
stattdessen für Kleidung aus Papier sowie klare Grenzen für Energie- und Materialverbrauch.

Van Hinte, 65, ist ein niederländischer Kon- Van Hinte: Bei Kleidung ist Recycling zum Die wird länger getragen, was dem Plane-
sum- und Kreislaufkritiker. Er hat das Design- Beispiel keine gute Lösung. Der Wert der ten zugutekommt.
forschungslabor DRS22 in Den Haag gegrün- Fasern nimmt automatisch ab. Aus ihnen SPIEGEL: H&M hat vor Kurzem angekün-
det, wo er zusammen mit jungen Designern werden keine neuen Klamotten, sondern digt, ab 2030 nur noch recycelte oder an-
alternative Geschäftsmodelle in den Berei- in der Regel Autobezüge gemacht. Dass dere nachhaltige Materialien zu verwen-
chen Architektur, Verkehr oder Textilien er- es auch anders gehen kann, zeigt die den. Das halten Sie also für falsch?
forscht. skandinavische Modefirma Filippa K: Die Van Hinte: Das H&M-Geschäftsmodell ba-
verkauft nicht nur neue, sondern auch ge- siert darauf, dass die Teile nur kurz getra-
SPIEGEL: Herr van Hinte, Deutschland ist brauchte Kleidung. Außerdem kann man gen und schnell weggeworfen werden. Das
Recycling-Weltmeister. Wir sind stolz da- sich einzelne Teile leihen, wenn man bei- halte ich für falsch – weil es eine unglaub-
rauf, so ziemlich alles zu trennen und zu spielsweise für eine Hochzeit oder einen liche Verschwendung von Ressourcen ist.
recyceln. Jetzt kommen Sie und sagen in Geburtstag ein besonderes Kleid braucht. Man könnte zum Beispiel Kleider je nach
Ihrem neuen Buch, Recycling spare weder Danach bringt man es zurück, es wird Tragedauer produzieren: Fast-Fashion-
Ressourcen noch Energie. Warum tun Sie gereinigt und dann wieder in den Laden Klamotten von Zara, H&M oder Primark
uns das an? gehängt. Damit denkt Filippa K über den aus kurzlebigen, billigen Papierfasern; teu-
Van Hinte: Seien Sie stark! Ich sage ja Verkaufsmoment hinaus und verdient mit rere, haltbare Marken aus wertvoller
nur, dass Recycling energieintensiv ist und der längeren Nutzung der Kleidung Geld. Baumwolle oder Wolle. Wichtiger wäre
deshalb nur die letzte Station im Lebens- aber, die Lebensdauer der Kleidung zu
zyklus eines Produkts sein kann. Recycling verlängern und damit materiellen und im-
braucht Maschinen, die zum Beispiel Tex- materiellen Wert zu schaffen.
tilien zerrupfen oder Glas einschmelzen. SPIEGEL: Wie soll das gehen?
Das kostet erst mal Energie, und am Ende Van Hinte: Die eigentliche Beziehung zu
steht immer ein Rohstoff, der einen gerin- einem Kleidungsstück muss nach dem
geren Wert hat. Verkaufsprozess erst losgehen: Wir sollten
SPIEGEL: Das heißt, wir verfolgen einen die Kleidung lange tragen, reparieren, tei-
ganz falschen Ansatz? len, weiterverkaufen, auf Kleidertausch-
Van Hinte: Ich bin nicht komplett gegen partys gehen, Geschichten damit erzählen
PETER ARNO BROER / DER SPIEGEL

Recycling, aber es kommt zu früh: Statt und vieles mehr.


zu recyceln, sollten wir unser Hauptaugen- SPIEGEL: Schwer vorstellbar bei einer H&M-
merk darauf legen, die Produkte länger zu Kundin, die sich gerade drei neue T-Shirts
nutzen und damit Geld zu verdienen. kaufen wollte.
SPIEGEL: Was meinen Sie genau? Van Hinte: Sie wird die drei T-Shirts trotz-
dem kaufen. Aber die Frage ist: Was pas-
* Das Gespräch führten die SPIEGEL-Redakteurin Su-
siert danach? Sie zieht die T-Shirts an, er-
sanne Amann und die -Mitarbeiterin Carolin Wahnbaeck Konsumkritiker van Hinte lebt damit viele Dinge – und idealerweise
in Den Haag. „Der Verstand reicht eben nicht“ werden die T-Shirts dabei zu Erinnerungs-
68 DER SPIEGEL 23 / 2017
Wirtschaft

Bestandteile eines Produkts durch Re- Van Hinte: Indem wir nicht mehr den Besitz,
cycling wiederverwenden zu können? sondern die Nutzung der Waschmaschine
Van Hinte: Der Kreislauf ist das falsche Bild. in den Mittelpunkt stellen. Es gibt bereits
Es läuft ja nichts im Kreis. Materialien ent- Firmen, die die Leistung von Waschma-
wickeln sich beim Recyceln weiter, ver- schinen vermieten. Zur Miete gehört die
ändern sich. Aber in der Regel nimmt der Lieferung von Waschmittel, die Wartung
Wert der Dinge dabei ab, es ist fast immer und die Reparatur. Als Nutzer muss ich
ein Downcycling. Dazu kommt: Weil wir mich also um nichts kümmern, nutze die
glauben, nachhaltige Waren zu konsumie- Maschine zu Hause dank Wartung und Re-
ren, regt das zu mehr Konsum an. Das ist paraturservice aber länger.
der sogenannte Rebound-Effekt. Die Lö- SPIEGEL: Sind Sie sicher, dass sich dieses
sung liegt also darin, weniger Material in Konzept auf alle Bereiche des Lebens
Umlauf zu bringen. Das erreichen wir mit übertragen lässt?
Dingen, die länger halten und leichter sind. Van Hinte: Zumindest auf viele. Die nieder-
Dafür müssen wir unsere Identität als kau- ländische Firma Bugaboo hat ein System
fende Wesen ablegen, uns stärker nicht- entwickelt, um die Lebensdauer ihrer Bug-
MATTHIAS LUEDECKE

materielle Gewohnheiten zulegen. gies zu verlängern: Statt zu kaufen, mieten


SPIEGEL: Können Sie ein Beispiel nennen? die Eltern immer genau den Kinderwagen,
Van Hinte: 40 Prozent unserer Nahrungs- den ihr Kind gerade braucht. Alle Buga-
mittel landen auf dem Müll, allein in den boos sind so entworfen, dass man sie re-
Niederlanden sind es fast eine halbe Mil- parieren kann – der Service ist beim Lei-
lion Brotlaibe pro Tag. Die Lösung kann hen inbegriffen. Und die ausgewechselten
stücken, zu ihren individuellen Geschich- doch nicht sein, dieses ganze überflüssige Einzelteile sind recycelbar.
tenträgern. Damit gewinnen sie an imma- Essen in letzter Minute vor der Müllhalde SPIEGEL: Sie fordern auch beim Bauen mehr
teriellem Wert und landen nicht so schnell zu retten – sondern von vornherein weni- „Lightness“ – also die Nutzung leichterer
auf dem Müll. Auf Tauschpartys oder beim ger zu produzieren! Dafür müssen auch Materialien. Wie soll das gehen?
Weiterverkauf könnte man diese Ge- wir Verbraucher uns ändern: Wenn wir Van Hinte: In Changsha in der chinesischen
schichten zum Beispiel auf einem ange- Gäste einladen, sollten wir nicht mehr Provinz Hunan ist gerade ein Leichtbau-
hängten Etikett weitergeben und damit anbieten, als wir brauchen. Wenn aufge- hochhaus entstanden: 57 Stockwerke in
jedes T-Shirt zu Unikaten machen. gessen ist, ist eben aufgegessen. nur 19 Tagen. Das hat 15 000 Lkw-Ladun-
SPIEGEL: Die T-Shirts sind Massenware! SPIEGEL: Dass heißt, wenn Sie Freunde zum gen Beton gespart – und jede Menge Ab-
Van Hinte: Gerade bei Mode geht es doch um Essen einladen, ist der Tisch nur halb ge- fall: Ein Großteil des weltweiten Mülls
Selbstbewusstsein, Identität – und nicht deckt? stammt aus der Bauindustrie.
um technische Werte wie Recyclingfähig- Van Hinte: Nein, natürlich nicht! Weil es SPIEGEL: Aber die Verbundwerkstoffe, die
keit. Also muss Kleidung das liefern – und unserer kulturellen Prägung widerspricht. dafür genutzt werden, sind schwer re-
wir müssen die Leute beim Gefühl, beim Aber die müssen wir ändern. cycelbar.
Spaß erwischen, um ihr Wegwerfverhalten SPIEGEL: Wenn nicht einmal Sie Ihre Van Hinte: Ja, aber man braucht wenig da-
zu ändern. Rational weiß jeder, dass Klei- Prägung überwinden können, wie soll der von, sie sind extrem belastbar, auch über
dung wegzuschmeißen schlecht für den normale Verbraucher dann zum bewussten eine lange Zeit. Recycling ist deshalb we-
Planeten ist. Aber der Verstand reicht eben Konsumenten werden? niger wichtig.
nicht, die meisten werfen ihre Kleidung Van Hinte: Es geht nicht in erster Linie ums SPIEGEL: Wenn diese Materialien so offen-
trotzdem kaum getragen auf den Müll. Bewusstsein – auch wenn Bewusstsein nie sichtlich überlegen sind, warum bauen wir
SPIEGEL: Wie wollen Sie das ändern? schadet. Aber Menschen entscheiden vor dann nicht so?
Van Hinte: Die Modemarke Golden Joinery allem intuitiv. Wir müssen also den Bauch Van Hinte: Weil es auch beim Bauen um
stellt zum Beispiel keine neue Kleidung ansprechen – und es muss praktisch sein. Machismus geht. Die Leute sind stolz auf
her, sondern bringt Leute zu einem Repa- Eine Idee wäre eine Dinner-Box, in der ihre meterdicken Träger und Wände. Gu-
raturspiel zusammen: Mit goldenen Fäden vom Wein über die Pasta bis hin zum Käse cken Sie sich doch den neuen US-Präsi-
stopfen die ihre Kleidung nach bestimmten schon alles drin ist. Das würde auch ver- denten Donald Trump an – der hat auch
Regeln, inspiriert von der japanischen hindern, dass der müde, hungrige Feier- extrem dicke Wände in seinen Wohntür-
Kintsugi-Kunst. Das ist eine Art Keimzelle abendkunde beim Gang durch den Super- men. Dazu kommt: Die Verbundmateria-
für eine neue Wertschöpfung: Leute zu- markt viel mehr kauft, als er eigentlich lien sind sehr viel teurer als herkömmliche
sammenbringen, die ihre Kleidung nicht vorhatte. Baustoffe wie Beton. Leider verstehen die
nur reparieren, sondern auch verschönern, SPIEGEL: Warum sollten die Supermärkte Leute nicht, dass es am Ende trotzdem
individualisieren. daran Interesse haben? billiger ist, weil sie viel weniger Material
SPIEGEL: Wir können uns den gestressten Van Hinte: Weil es nicht automatisch heißt, brauchen. Und die Bauten halten länger.
Großstädter nicht so richtig dabei vorstel- dass sie weniger verdienen. Sie müssen SPIEGEL: Unsere Gesellschaft ist darauf ge-
len, wie er goldene Fäden in Löcher stickt. allerdings neue Ideen entwickeln, könnten polt, Dinge zu kaufen, um sie zu besitzen.
Das ist doch keine Alternative zur milliar- zum Beispiel einen Diätservice anbieten. Sind wir bereit, das aufzugeben?
denschweren Fast-Fashion-Industrie, die Damit kaufen die Kunden weniger Pro- Van Hinte: Es geht nicht darum, nichts mehr
auf billigen, schnellen Massenverbrauch dukte und zahlen trotzdem mehr. Geld zu besitzen. Sondern einen Konsum zu eta-
von Kleidung ausgerichtet ist. machen mit materieller Reduktion, da blieren, der weniger Materialverbrauch be-
Van Hinte: Ich glaube nicht an die eine müssen wir hin. deutet. Dieser Wandel wird kommen, weil er
Lösung, das wäre zu einfach. Aber viele SPIEGEL: Bei Lebensmitteln oder Textilien kommen muss. Und ich glaube, dass dieses
solcher Ideen zusammen können einen leuchtet das noch ein. Aber nicht alle Bewusstsein sich auch langsam entwickelt.
Wandel herbeiführen. Produkte lassen sich in ihrer Nutzung ver- SPIEGEL: Das mag für westliche Industrie-
SPIEGEL: Sie sind also kein Anhänger des ändern. Wie könnte das zum Beispiel bei gesellschaften gelten, die nach Jahren des
Kreislaufkonzepts, das zum Ziel hat, alle einer Waschmaschine funktionieren? Überflusses vielleicht eine gewisse Kon-
DER SPIEGEL 23 / 2017 69
Wirtschaft

summüdigkeit entwickelt haben. Was ist Van Hinte: Die unermüdliche Überzeugung, Van Hinte: Sie lachen. Aber denken Sie an
aber zum Beispiel mit asiatischen Konsu- das Richtige zu tun. Denken Sie an den den Spritverbrauch beim Fliegen, der
menten, die das Shoppen gerade erst ent- Tesla-Gründer Elon Musk: Der hat diese hängt direkt mit dem Gewicht zusammen.
decken? altmodischen Träume, will zum Mars flie- Es wäre also besser, wenn wir alle weniger
Van Hinte: Da gab es eine interessante gen. Und er baut Autos, von denen die ge- wiegen würden. Ich habe mal von einer
Studie: Tatsächlich shoppen die Chinesen samte Branche noch vor Jahren gesagt hat, japanischen Fluggesellschaft gelesen, die
deutlich exzessiver als wir, gleichzeitig hält das ginge nicht. Weil er aber felsenfest da- all ihre Passagiere vor dem Abflug aufs
das Glücksgefühl, das sie dadurch erlan- von überzeugt ist, steht da dann plötzlich Klo schickt und dadurch x Liter Kerosin
gen, extrem kurz an. Spätestens nach einer ein Auto wie der Tesla. Natürlich müssen spart. Das hatte natürlich ökonomische
Woche haben sie das Gefühl, sie müssten Sie das notwendige Bewusstsein schaffen. Gründe. Aber der Gedanke ist zumindest
wieder etwas Neues kaufen. Man könnte Beim Rauchen wurde jahrelang über die überlegenswert.
jetzt spaßeshalber vorschlagen, Einkaufs- Folgen gesprochen: dass es Krebs verur- SPIEGEL: Das ist doch nicht realistisch. Das
parks einzurichten, in denen man shoppen sacht, dass es schädlich für Anwesende ist. lässt sich nie im Leben durchsetzen.
kann, so viel man will, und am Ausgang Irgendwann hat sich diese Erkenntnis im Van Hinte: Ich bin kein Politiker. Ich ent-
gibt man die Sachen einfach wieder zu- Stammhirn festgesetzt. wickle Ideen, von denen ich hoffe, dass
rück. Aber im Ernst, man müsste sie na- SPIEGEL: Diese Methode dürfte etwa beim sie irgendwann breit diskutiert und wei-
türlich überzeugen, dass das Anhäufen von Klimawandel schwieriger sein. terentwickelt werden. Und irgendwann
Gegenständen sie nicht glücklich macht. Van Hinte: Das stimmt. Sie können die münden die Diskussionen in neue Werte,
SPIEGEL: Wie wollen Sie das anstellen? Es Folgen des Klimawandels zwar rational Standards und Gesetze.
geht schließlich auch darum, den eigenen erfassen. Aber sie sind zu weit weg, sie SPIEGEL: Haben Sie auch ein paar umsetz-
Status zu unterstreichen. lösen emotional nichts aus. Zumal, wenn barere Vorschläge?
Van Hinte: Ich glaube, es geht eher um Iden- Sie Weltuntergangsszenarien entwerfen, Van Hinte: Ich würde mehr Augenmerk auf
tität – und die definiert sich nicht nur über die erst mal nicht eintreffen. die Reduktion von Transport werfen. Jeden
Status. Ich bin Optimist und glaube daran, SPIEGEL: Brauchen wir also staatliches Han- Tag werden Millionen Tonnen Stahl be-
dass man Verhaltensweisen ändern kann. deln? wegt, nur um Menschen hin und her zu
Denken Sie an das Rauchen: Das ist inzwi- Van Hinte: Auf jeden Fall. Man könnte etwa transportieren. Das ist in Zeiten, in denen
schen gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert. über staatliche Limits für den Material- das Internet das Arbeiten von fast jedem Ort
Allerdings ist es langwierig und mühsam, und Energieverbrauch nachdenken. aus möglich macht, doch anachronistisch.
Einstellungen nachhaltig zu verändern. SPIEGEL: Das meinen Sie jetzt nicht SPIEGEL: Herr van Hinte, wir danken Ihnen
SPIEGEL: Was treibt den Wandel voran? ernst! für dieses Gespräch.

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Die Blut-
Schande
Landwirtschaft Um Schweinefleisch
zu Billigstpreisen produzieren zu
können, werden trächtige Stuten
zur Ader gelassen. Viele verenden
elendiglich.

P
ünktlich zur Grillsaison wollte Aldi
Süd die Fleischeslust der Deutschen
anheizen: mit Schweinenackensteaks,
600 Gramm zum Preis von 1,99 Euro. Die
Kundenreaktion fiel anders aus als geplant:
„Das ist einfach nur billigster Dreck, für

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dessen Produktion alles und jeder bis zum
Anschlag ausgebeutet wurde – am meisten
die, die sich am wenigsten wehren können:
die Tiere. Ich bin kein ideologisch verblen-
deter Ökofaschist, aber das, was ihr tut,
ist einfach nur KRANK!!“, schrieb Domi-
nik Boisen auf der Facebook-Seite des Ein- Stuten auf einer Blutfarm in Uruguay: „Fohlen werden systematisch abgetrieben“
zelhändlers.
Sein Wutausbruch wuchs sich zum Shit- lungen. Bei der Blutentnahme werden die zu beeinflussen, sehr begrenzt seien. Im-
storm aus, die Medien berichteten bundes- ungezähmten Tiere schwer misshandelt – merhin werde jetzt in Uruguay ein Hand-
weit. Aldi Süds unmoralisches Angebot das zeigen Videoaufnahmen von 2015 auf buch für Regeln in der Pferdehaltung
platzt mitten hinein in eine Ethikdebatte einer Farm des argentinischen Großanbie- erarbeitet. Die Europäische Union sieht
über industrielle Tierhaltung, den Wert ters Syntex, der EU-zertifiziert ist. Nach keinen Grund für einen Importstopp, so-
von Fleisch und den Preis, den Mitgeschöp- der PMSG-Gewinnung werden Aborte ein- lange nach arzneimittelrechtlichen Vor-
fe dafür bezahlen sollen. geleitet, damit die Stute sofort neu gedeckt gaben produziert werde. Europäische
Dabei beschränkt sich das Leid nicht auf werden kann. Sind sie ausgelaugt, kom- Rechtsvorschriften würden derzeit nicht
die heimischen Nutztiere. men sie zum Schlachter. verletzt.
Um die Schweineproduktion in den Tier- Die Recherchen der Tierschützer sorg- Außerdem können EU-Tierschutzbe-
fabriken effizient zu gestalten, wird den ten für Aufsehen. Der Bund praktizieren- stimmungen in Drittstaaten nicht durch-
Sauen oft ein Hormonpräparat gespritzt, der Tierärzte (bpt) protestierte, die Bun- gesetzt werden. Laut AWF haben weder
damit alle gleichzeitig trächtig werden und desregierung wies ihre Botschaften in Argentinien noch Uruguay neue Regelun-
gleichzeitig werfen. Etwa jede dritte Zucht- Uruguay und Argentinien an, auf Verbes- gen oder Gesetze erlassen, um die Stuten
sau in Deutschland erhält das Medikament. serungen zu drängen. Das Europa-Parla- zu schützen.
Das Mittel wird aus dem Blut trächtiger ment und die deutsche Agrarministerkon- In Deutschland stellen drei Firmen
Stuten gewonnen: Pregnant Mare Serum ferenz forderten die Einhaltung europäi- PMSG-Produkte her. Die Dessauer IDT
Gonadotropin, PMSG. Es ist ein riesiges scher Tierschutzstandards. Biologika verweigert jede Information.
Geschäft: 100 Gramm des Grundstoffs kos- Zwei Jahre später hat sich nichts an der Ceva, die von Syntex Argentinien beliefert
ten knapp eine Million Dollar. erbarmungswürdigen Situation der Pferde wird, behauptet, ein umfassendes Monito-
Der Großteil des Stoffes kommt aus Ar- geändert. Dies ergaben erneute Exkursio- ring eingeführt zu haben. Die Intervet-Mut-
gentinien und Uruguay, wo fernab der Öf- nen der AWF 2016 und 2017, in Kürze wird ter MSD verurteilt die tierquälerischen
fentlichkeit Blutfarmen mit Tausenden Tie- der Bericht dazu veröffentlicht. „Noch im- Praktiken und bezieht nach eigenen An-
ren betrieben werden. 2015 enthüllte die mer werden die Stuten in schlechtem Zu- gaben aus Quellen, die sich an strenge Vor-
deutsche Animal Welfare Foundation (AWF), stand gehalten, geprügelt und gequält. Die schriften halten müssen.
unter welch grausamen Umständen die Pfer- Fohlen werden systematisch abgetrieben. Für Ostendorff zeugt der Einsatz von
de dort leben. Weil PMSG nur in einem frü- Pro Jahr, so unsere Zählung, sterben rund PMSG von der „Perversion der industriel-
hen Stadium der Trächtigkeit abgenommen 30 Prozent der Blutstuten durch die viel len Fleischproduktion“: „Das Leid der Stu-
werden kann, holen die Blutfarmer zwei, zu hohe Blutentnahme“, so Tierschützer ten wird in Kauf genommen, um gleich-
drei Monate lang ein Maximum an Blut aus York Ditfurth. mäßige und planbare Betriebsabläufe in
den Stuten heraus – bis zu zehn Liter pro Auf Anfrage des Grünen-Abgeordne- der industriellen Ferkelproduktion zu er-
Woche. Manche Pferde können sich nach ten Friedrich Ostendorff gab die Bundes- möglichen. Wir fordern ein Verbot von
dem Brachial-Aderlass nicht mehr auf den regierung an, vor Ort und auf EU-Ebene Mitteln, die mit Tierleid für mehr Tierleid
Beinen halten, beobachteten die Tierschüt- um bessere Tierhaltungsbedingungen zu sorgen.“
zer, es kommt zu Anämie, Schwächeanfäl- kämpfen. Die AWF erwägt eine Klage. Geprüft
len und Fehlgeburten. Viele verenden. Gegenüber dem SPIEGEL erklärt das wird, ob der Einsatz von PMSG als Be-
Die Stuten sind unterernährt, oft ver- Landwirtschaftsministerium, dass die Mög- triebsmittel ein Verstoß gegen das Tier-
letzt, ohne Wetterschutz und ohne Stal- lichkeiten, den Tierschutz anderer Staaten schutzgesetz darstellt. Michaela Schießl

DER SPIEGEL 23 / 2017 71


Die Glücksritter
Sie haben Bohrtürme aus Bambus und Metallstäben gebaut.
Ein primitiver Generator bewegt eine Winde, die ein Plastikrohr
in die Erde treibt, bis es auf Öl stößt. Tausende versuchen
auf dem Ölfeld Nga Naung Mone in Burma ihr Glück. Manche
gelangen bis in 460 Meter Tiefe und fördern ein Barrel
Öl am Tag – wenn es gut läuft. Etwa 50 Dollar gibt es dafür,
viel Geld in einem Land, in dem mehr als ein Viertel der
Bevölkerung in äußerster Armut lebt.

Analyse

Moralisch nicht einwandfrei


Frankreichs Präsident Macron und die Last der Vergangenheit
Als Emmanuel Macron Mitte Mai antrat, Staatschef von Frank- sen Fall nun die Staatsanwaltschaft Vorermittlungen eingeleitet
reich zu werden, hat er den Franzosen einiges versprochen: ein hat, ist damit zu Macrons Problem geworden, denn er war ein
neues Land, optimistisch, nach vorn gewandt. Vor allem aber Verbündeter der ersten Stunde.
hat Macron ihnen eine neue politische Kultur versprochen, die Der frühere Sozialist hat sich den Anspruch der Marcheurs
Zeiten von Klüngelei und Vetternwirtschaft sollten vorbei sein, zu eigen gemacht: „Renouveau“ lautete der, „Erneuerung“.
endgültig. Ein Gesetz zur „Moralisierung des öffentlichen Le- Die Affäre aber erinnert an uralte Zeiten: „Le système Fer-
bens“ sollte deshalb her, möglichst schnell. Dumm nur, dass die rand“, titelte „Le Monde“ hinterhältig. Sie versetzt nicht nur
Regierung im selben Moment von ihrer ersten Affäre heimge- dem Reformeifer der neuen Regierung einen Schlag, sondern
sucht wird. Diese fällt, wie könnte es anders sein, auf schwieri- auch ihrer Glaubwürdigkeit. Für die Rechtsprechung sei die
ges Terrain: in die Grauzone zwischen dem, was legal und er- Justiz zuständig, nicht die Presse, soll Macron dazu bloß ge-
laubt ist – sich aber vielleicht trotzdem nicht gehört. Moralisch sagt haben. Bisher konnten ihm die Enthüllungen nichts anha-
einwandfrei hat Richard Ferrand, bisher Generalsekretär von ben, Umfragen sagen seiner Partei eine absolute Mehrheit bei
La République en marche!, jetzt Minister für territorialen Zu- den anstehenden Parlamentswahlen voraus. Macrons Premier
sammenhalt, sicher nicht gehandelt. Auch wenn er beteuert, hat derweil klare Regeln aufgestellt: Bei einer Anklage wird
alles sei legal gewesen. Es geht etwa um einen Immobiliendeal, der Minister entlassen, vorher gilt auch für ihn die Unschulds-
von dem auch Ferrands Familie profitiert hat. Ferrand, in des- vermutung. Moral hin oder her. Julia Amalia Heyer

72 DER SPIEGEL 23 / 2017


Ausland
Philippinen hängt und behält sich vor, es
Neue Dimension auf das ganze Land auszuwei-
ten. Viele befürchten, das
des Terrors Land könne in eine Diktatur
Sie steckten eine Schule in abgleiten – so wie es in
Brand, eine Kirche, nahmen den Siebzigerjahren unter
Geiseln, vertrieben Zehntau- Präsident Ferdinand Marcos
sende Bewohner und zwan- geschah. Die Verfassung
gen Verbliebene, aus dem Ko- schränkt die Macht des
ran zu rezitieren. Auf einem Präsidenten heute zwar ein.
Trumps Woche
Krankenhaus der Stadt hiss- Doch Duterte könnte das Vielleicht ist er auf seinem
ten sie die Flagge des „Islami- Kriegsrecht missbrauchen, um Smartphonedisplay einge-
schen Staats“ (IS): Die radikal- seinen ohnehin schon bruta- nickt, oder er hat zu früh auf
islamische Abu-Sayyaf-Terror- len Krieg gegen echte und „senden“ gedrückt – jeden-
gruppe und Mitglieder der vermeintliche Drogendealer falls prägte Donald Trump,
sogenannten Maute-Gruppe noch rücksichtsloser zu füh- inoffizieller Mitarbeiter
haben die Stadt Marawi ren. Das Militär könnte Bür- des Jahres bei Twitter, in die-
auf der Insel Mindanao über- ger in dem Fall etwa ohne ser Woche einen neuen
rannt. Beide haben dem IS richterliche Anordnung ver- Begriff: „covfefe“. Niemand
die Treue ge- haften. Die Stadt weiß, wer oder was sich
schworen. Der Marawi sei nicht dahinter verbirgt. Die Ver-
Terror im mus- nur ein Terror- mutung, es handle sich um
limisch geprägten nest, sondern einen Tippfehler, will das
Süden hat damit auch ein Drogen- Weiße Haus nicht bestätigen.

R. MALASIG / SHUTTERSTOCK
eine neue Dimen- umschlagplatz, Hillary Clinton sagte, sie
sion erreicht. sagte Duterte die- habe zunächst an eine ver-
Präsident Rodri- se Woche. Dealer borgene Nachricht an die
go Duterte hat aus der Region Russen gedacht. Und
für 60 Tage das suchten Schutz Regierungssprecher Sean
Kriegsrecht über bei islamistischen Spicer erklärte mit sehr erns-
Mindanao ver- Sicherheitskraft in Marawi Terroristen. kku tem Gesicht, neben dem
ADAM DEAN / THE NEW YORK TIMES / REDUX / LAIF

Präsidenten wisse nur ein


kleiner Kreis von Leuten,
was gemeint war.
Indien 15 Jahren Ehe auf diese Acht Tage war Trump im
Scheidung am Weise von ihr getrennt hatte. Nahen Osten und in Europa
Die Regierung unterstützt unterwegs, acht Tage lang
Telefon das Anliegen der Klägerin: herrschte relative Ruhe auf
Vor Indiens Oberstem Ge- Premierminister Narendra seinem Twitter-Account. Das
richtshof wird in diesen Tagen Modi hat sich für den Schutz ist vorbei. Trump schickt wie-
über den sogenannten „der muslimischen Schwes- der fröhlich Tiraden um die
dreifachen Talak verhandelt. tern“ ausgesprochen. Opfer Welt. Und drückt sich um die
Nach diesem Brauch aus des Scheidungsrituals berich- wirklich wichtigen Entschei-
der Scharia muss ein muslimi- ten, wie ihre Männer die dungen herum.
Fußnote

16
scher Mann nur dreimal Ehe sogar per Telefon oder Nur beim Pariser Klima-
„Talak“ (arabisch für „Versto- Facebook auflösten und abkommen positionierte er
ßung“) sagen, um sich von sie mittellos dastanden. Selbst sich am Donnerstag ein-
Millionen seiner Frau zu trennen. Eine mehrheitlich islamische Län- deutig, er verkündete den
Muslimin hat dagegen Verfas- der wie Pakistan oder Bang- Ausstieg der USA, motiviert
Ukrainern hat Präsident sungsklage eingereicht, ladesch haben den dreifachen durch einen höheren Auftrag:
Petro Poroschenko den nachdem sich ihr Mann nach Talak abgeschafft. lh „Um meine heilige Pflicht zu
Zugang zu VKontakte erfüllen, Amerika und seine
gesperrt, dem größten Bürger zu beschützen,
sozialen Netzwerk werden die USA den Pariser
im Land. Der Grund: Die Klimavertrag kündigen“, er-
Eigentümer von VKontakte klärte Trump am Abend im
sind Russen. Internet- Rosengarten des Weißen
dienste unter russischer Hauses und fügte hinzu, man
Kontrolle bedrohten werde umgehend Verhand-
die Sicherheit des Landes, lungen aufnehmen, um in
begründet Poroschenko den Vertrag wieder reinzu-
die Blockade. Auch kommen. „If we can that
seine eigene VKontakte- is great.“ Das klang ähnlich
Seite nutzt er nicht irre wie „covfefe“. Und
IMAGO

mehr, er ist nur noch bei so endete die Woche fast so,
Facebook präsent. Musliminnen in Kalkutta wie sie begann.

DER SPIEGEL 23 / 2017 73


Ausland

Die Halbstarke
Großbritannien Ein grandioser Wahlsieg von Theresa May
galt lange als sichere Sache. Dann machte sie erstaunliche
Fehler. Nun fragen sich viele Briten: Wer ist eigentlich
diese Frau, der wir die Verhandlungen über unsere Zukunft
außerhalb der EU anvertrauen? Von Jörg Schindler

A
nfang der Woche sah sich Theresa So sicher war sie ihrer Sache, dass sie
May zu einer ungewöhnlichen sich ihrem Volk seither als Quasipräsiden-
Maßnahme genötigt: Sie musste tin andient. Auf ihrem blauen Wahlkampf-
echte Menschen treffen. Das hatte die bri- bus steht „Theresa May: für Großbritan-
tische Premierministerin im Wahlkampf nien“. In den Wahlkreisen treten „Theresa
bislang gern vermieden. In Leeds trat sie Mays lokale Kandidaten“ an, die Tories
in einem Bürogebäude auf, als die Ge- sind nur noch „Theresa Mays Team“. Als
schäftsleute bereits im Feierabend waren. sie vor Kurzem das Parteimanifest vorstell-
In Clay Cross stiefelte sie durch eine auf- te, saßen in der ersten Reihe ihre Minister,
fällig leere Werkhalle. In Halifax stand allesamt in blauem Anzug und mit blauer
zwischen ihr und ihrem Volk eine zehn Krawatte und klatschten artig. Es war, als
Meter hohe Mauer. In Schottland klopfte hätte die Schuldirektorin ihre Musterschü-
sie zwar an ein paar Türen, aber fast nie- ler zur Uniformprobe antreten lassen.
mand machte auf. Theresa May allein will es richten und
Am Montagabend also stellte sich die das Land in eine Zukunft führen, von der
Frau, der eine gewisse Kontrollsucht nach- seit dem Brexit-Referendum niemand sa-
gesagt wird, einer Gruppe Wähler bei der gen kann, wie diese aussehen wird. Von
Fernsehdebatte des Senders ITV. Eine Dis- einem „politischen Messias-Komplex“
kussion mit Jeremy Corbyn von der La- spricht der EU-Rechtsexperte Michael
bour-Partei hatte sie abgelehnt, die beiden Dougan von der Liverpool University.
wurden daher hintereinander befragt, erst Sehr britisch sei das zwar nicht, aber tak-
vom Studiopublikum, dann vom Modera- tisch schien es klug: May ist weitaus be-
tor. Und man kann nicht sagen, dass es liebter als ihre Partei, die sie selbst mal
sonderlich gut gelaufen ist. „garstig“ nannte. Sie macht es daher wie
Noch bevor May ihre berüchtigten Plat- Angela Merkel, die im Wahlkampf 2013
titüden aufsagen konnte, warfen ihr die mit dem Satz warb: „Sie kennen mich.“
Zuschauer vor, in den Schulen, bei der Der Vorteil an dieser Strategie ist: Macht
Pflege und im Gesundheitssystem sparen May keine Fehler, kann sie nicht verlieren.
zu wollen, aber stur das Gegenteil zu be- Aber May machte Fehler. In einem Wahl-
haupten. Das böse Wort von der „Lüge“ kampf, der auf ihre persönliche Stärke zu-
fiel, und auch Moderator Jeremy Paxman geschnitten ist, wirkt sie plötzlich wankel-
war keine Hilfe. „Säßen Sie mir in Brüssel mütig und zaudernd. Es zeigt sich immer Aber abgesehen von den bekannten Tat-
gegenüber“, sagte er, „würde ich denken, mehr, dass ihre Stärke vor allem auf der sachen, dass May in einem Pfarrhaus
das ist eine Aufschneiderin, die beim ers- Schwäche ihrer Gegner beruhte. aufgewachsen ist, gern kocht und für die
ten Gewehrfeuer zusammenbricht.“ So bröckelt ihr Rückhalt wenige Tage „einfachen Leute“ da sein möchte, erfuhr
May lächelte wächsern. Bisweilen schien vor der Wahl am 8. Juni, von der sie sich man nichts über sie. Außer, natürlich, dass
sie sogar sprachlos. eine überwältigende Mehrheit im Unter- sie eine „starke und stabile“ Anführerin
Es war eine neue Erfahrung für Theresa haus erhoffte. In dieser Woche ergab eine sei, wie sie nicht müde wird zu betonen.
May, 60. Noch vor sechs Wochen, als Umfrage erstmals, dass die Konservativen Ihr Mann Philip, ein Banker, saß neben
sie überraschend Neuwahlen ausrief, ihre absolute Mehrheit verlieren könnten. ihr wie ein brav nickender Wackeldackel
waren die Rollen auf der Insel klar ver- Nun werden die Stimmen aus den eigenen und ließ nur wissen, zu Hause sei die Fra-
teilt. Jeremy Corbyn – von allen, sogar Reihen lauter, die „Ich“ als Programm im- ge nicht, ob, sondern nur wann er den
den eigenen Genossen, als Sozialistenzau- mer schon dürftig fanden. Und auch viele Müll rausbringe.
sel verspottet – galt als chancenloser Wähler fragen sich, wer diese Frau eigent- Die einzige Exzentrik, die sich May öf-
Herausforderer. Und May strahlte als er- lich ist, der sie bislang so blind vertrauten. fentlich gestattet, seitdem sie 1997 zum ers-
folgreiche Staatschefin, die über den Din- Wer also ist Theresa May? ten Mal als Tory-Abgeordnete ins Unter-
gen schwebte, seit sie im Juli 2016 Pre- Neulich im Fernsehen mühten sich zwei haus zog, ist ihr Schuhtick, auf den sie oft
mierministerin wurde. BBC-Moderatoren, das herauszufinden. und gern hinweist. Die Welt weiß nun, dass

74 DER SPIEGEL 23 / 2017


DAN KITWOOD / GETTY IMAGES

Regierungschefin May in ihrem Amtssitz: „Downing Street ist ihr Pfarrhaus, und wir sind ihre Gemeindemitglieder“

May Pumps mit Zebramuster und Bal- sich länger als fast alle ihre Vorgänger auf Sibirien deportiert werden“, sagt Norman
lerinas mit Kussmund trägt. Aber womög- dem Schleudersitz im Innenministerium Baker, ein fröhlicher Liberaler mit Hang
lich ist auch das mehr Strategie als Leiden- halten. zu knalligen Krawatten, der mal ihr Staats-
schaft: Wer damit beschäftigt ist, der Dame Dort trug sie maßgeblich dazu bei, die sekretär war. „Ich war der einzige Hippie
auf die Schuhe zu starren, achtet womög- Furcht vor der „Masseneinwanderung“, auf einem Iron-Maiden-Konzert.“ Dabei
lich weniger auf den Menschen, der darin die beim Brexit-Referendum den Aus- habe er May als kompetent und prinzipien-
steckt. In einem klatschsüchtigen Land hat schlag gab, in den Köpfen ihrer Landsleute fest geschätzt; ihre beiden Stabschefs Fiona
Theresa May es bislang bestens verstanden, zu verankern. Unvergessen ist, wie sie 2013 Hill und Nick Timothy allerdings hätten
von sich abzulenken. Lastwagen durch London rollen ließ, da- ein „Klima der Angst“ geschaffen und alles
Und was fürs Private gilt, gilt fürs Poli- rauf die Botschaft: „Illegal im Land? Geh rigoros kontrolliert. Schon damals hätten
tische erst recht. Während der Ochsen- heim oder in den Knast.“ Kritik, auch der die beiden, die nun auch Mays Regierungs-
tour, die sie bis ins höchste Staatsamt führ- eigenen Leute, wischte sie beiseite. Nahe geschäfte führen, jene Politstanzen entwor-
te, fiel May selten durch neue Ideen oder an sich heran ließ sie stets nur einen win- fen, die ihre Chefin dann roboterhaft un-
forsches Voranpreschen auf. Alle Ämter, zigen Kreis von Vertrauten, die ihre Chefin ters Volk gebracht habe.
die sie übernahm, führte sie geräuschlos, rigoros abschirmten. Baker hat der Politik inzwischen abge-
akribisch und zur vollsten Zufriedenheit Unter May zu arbeiten habe sich ange- schworen und tourt mit seiner Band über
ihrer Vorgesetzten. Nur so konnte sie fühlt, „als könnte man jeden Moment nach die Insel. Aber er fragt sich bis heute, ob
DER SPIEGEL 23 / 2017 75
Ausland

Theresa May wirklich ihr Team im Griff


hat – oder ob es umgekehrt ist.
Seit Theresa May in 10 Downing Street
eingezogen ist, dringt jedenfalls von dort
nichts mehr ungefiltert nach außen. Den
Mitarbeitern wurde eingebläut, dass „Si-
cherheitsteams“ E-Mails und Anrufe über-
prüften. Eine Aura von Paranoia liegt über
dem Regierungssitz. May wird nachgesagt,
fast niemandem zu vertrauen, keinen Jour-
nalisten, keinen Politikern und schon gar
nicht ihrer eigenen Partei.
Eine Haltung, die auf Gegenseitigkeit

DYLAN MARTINEZ / WPA POOL / GETTY IMAGES


beruht. In der geleakten E-Mail eines Tory-
Politikers heißt es: „Theresa genießt in der
Partei weder Zuneigung noch Vertrauen.“
May sagt, ihr Vater habe sie Barmherzig-
keit gelehrt. Aber die Art und Weise, wie
sie sich nach ihrem Amtsantritt aller partei-
interner Rivalen entledigte, zeugt eher von
Erbarmungslosigkeit. Camerons Kronprinz
George Osborne, der ihr in der Einwande-
rungsdebatte dumm gekommen war, schass- Wahlkämpferin May: „Ich“ als Programm
te sie binnen Minuten. Boris Johnson, der
Posterboy der Brexiteers, wurde zwar Au-
ßenminister, ist seither aber kaltgestellt und
wird von May schon mal mit einem Hund
verglichen, den man loswerden könne,
„wenn er nicht mehr gebraucht wird“.
Um zu verstehen, wie es eine eher dröge
und eigenbrötlerische Politikerin bis ganz
nach oben schaffen konnte, lohnt es, an
die Realsatire zu erinnern, die die Konser-
vativen nach ihrem Wahlsieg 2015 aufführ-
ten: die Selbstentleibung von David Ca-
meron, der das Land ohne Not in das Bre-
xit-Referendum trieb, verlor und daraufhin
zurücktreten musste; die Nackenschläge
und Hetzereien, mit denen sich die Tories
lustvoll bekriegten; das Rennen um Came-
rons Nachfolge, in dem sich jeder Favorit
auf bizarre Weise selbst ein Bein stellte.
DAN KITWOOD / GETTY IMAGES

Bis auf Theresa May.


Plötzlich stand da diese hochgewachse-
ne Frau, die immer ein wenig gebückt geht,
als traue sie ihrer eigenen Größe nicht,
und pries sich als demütige Wegweiserin
aus dem Chaos an: „Ich weiß, dass ich kei-
ne Showpolitikerin bin, ich toure nicht Herausforderer Corbyn: Von den eigenen Leuten als Sozialistenzausel verspottet
durch Fernsehstudios, ich tratsche beim
Mittagessen nicht über andere, ich trinke die Europahasser, die jedes Abweichen Zugleich echauffiert sie sich über die un-
nicht in den Parlamentsbars, ich trage sel- von der reinen Brexit-Lehre als Verrat be- erhörte Tatsache, dass diese 27 als geschlos-
ten mein Herz auf der Zunge. Ich mache trachten, und andererseits die EU-Sympa- sener Block auftreten – und zeigt bislang
einfach den Job, den ich zu tun habe.“ thisanten, die hoffen, dass der Wind sich keinerlei Entgegenkommen. Politische
Langweilig? Schon. Aber nach all dem wieder dreht, und die May übel nehmen, Analysten in London fürchten, die Ver-
Irrsinn auch erholsam. Eine Mehrheit der dass sie sich von einer Pro-Europäerin in handlungen könnten vorüber sein, bevor
Briten glaubt seither daran, dass May die eine stramme Nationalistin verwandelt hat. sie ernsthaft begonnen haben, mit unkal-
Sache mit dem Brexit schon richten werde, In den Scheidungsverhandlungen mit kulierbaren Folgen für Großbritannien.
den „härtesten Job seit dem Sieg über die Brüssel wäre sie von beiden Seiten erpress- Und sie sagt auch, sie wolle ein Land,
Nazis“, wie es der Chefstratege der Brexit- bar gewesen. Dem kam sie mit ihrer Neu- „das nicht für wenige Privilegierte da ist,
Kampagne, Dominic Cummings, beschrieb. wahlvolte zuvor. Ihren unbedingten Macht- sondern für jeden Einzelnen von uns“. Ei-
Mays Stärke in der Öffentlichkeit täusch- willen hat sie damit demonstriert. Weniger nes ihrer ersten Wahlversprechen war
te jedoch von Anfang an über ihre schwa- klar ist, was sie mit dieser Macht zu tun ge- dann, die Fuchsjagd wieder zu erlauben.
che Position in der eigenen Partei hinweg. denkt. Zu widersprüchlich sind die Signale, Und so sehr sie gegen die Elite im Land
Von ihrem Vorgänger Cameron hat sie nur die sie seit Monaten sendet. wettert – sie selbst ist seit Jahrzehnten Teil
eine hauchdünne Mehrheit geerbt. Die To- May sagt, sie wolle einen Deal mit den davon. Das zeigt schon ein Blick in ihren
ries aber sind gespalten: Da sind einerseits 27 EU-Staaten, der beiden Seiten nutze. Wahlkreis in Berkshire, eine Zugstunde

76 DER SPIEGEL 23 / 2017


DER SPIEGEL live
westlich von London. Hier, schreibt der les versprochen. Gezielt wildert sie im La-
Satiriker John O’Farrell, „vermitteln die bour-Gehege, indem sie Arbeitern mehr in der Uni
Menschen den Eindruck, als wären sie in Rechte in Aussicht stellt. Gleichzeitig ver-
der zehnten Generation neureich“. sucht sie, die rechtspopulistische UK Inde- Geld für alle –
Berkshire. Eine Gegend mit urigen Häus- pendent Party klein zu halten, indem sie
chen in Zinnober, kurz geschorenem Kri- unverdrossen eine drastische Reduzierung das bedingungslose
cketrasen, garagenhohen Hecken. Es klap- der Einwandererzahlen prophezeit. Der
pert sogar eine Mühle am Bach, der hier Rest ist ein simples „Vertraut mir“.
Grundeinkommen
Themse heißt. Auf den kleinen Kanälen Als May kürzlich doch mal konkret wur-

Körber-Stiftung / Claudia Höhne


herrscht eine hohe Dichte an Luxusjachten. de, ging der Versuch prompt schief. Sie
Das alles ist so puppenstubenhaft englisch, hatte angekündigt, dass Alte stärker an ih-
als hätten Chinesen die Landschaft für ei- ren Pflegekosten beteiligt werden sollen,
nen Themenpark nachbauen lassen. woraufhin es wütende Proteste gab. Als
Im Dörfchen Sonning wohnen die Mays dann ihr komfortabler Vorsprung in den
seit 20 Jahren. Zu ihren Nachbarn zählen Umfragen schmolz, machte May auf dem
diverse Multimillionäre, etwa Led-Zeppe- Absatz kehrt – der schnellste U-turn in der
lin-Gitarrist Jimmy Page und George Cloo- Geschichte britischer Wahlkämpfe. Dass
ney. Zur Andacht geht die Premierminis- sie trotzig verneinte, eingeknickt zu sein,
terin fast jeden Sonntag in die St. Andrew’s machte die Sache nur schlimmer. Plötzlich
Church, einen trutzigen Natursteinbau, auf wirkte Theresa May nicht „stark und sta- Der Ökonom Thomas Straubhaar im Gespräch
dessen Dach die englische – wohlgemerkt: bil“, sondern bestenfalls halbstark. mit SPIEGEL-Redakteur Markus Brauck
nicht die britische – Flagge weht. Erstmals seit Langem mucken führende
Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis Konservative nun gegen ihre Chefin auf.
der Person und der Politikerin Theresa Über die Medien streuten sie, dass nicht Montag, 12. Juni 2017, 17.30 Uhr
May, die sich nicht zufällig auch im fortge- einmal die wichtigsten Minister in den Pfle- Universität zu Köln, René-König-
schrittenen Alter immer noch als „Pfarrers- gevorstoß eingeweiht waren, sondern wie- Hörsaal (HS XXIV), WiSo-Fakultät,
tochter“ beschreibt. „Downing Street ist der einmal nur der verschworene Zirkel
Universitätsstr. 24, 50931 Köln
ihr Pfarrhaus, und wir alle sind ihre Ge- ihrer engsten Vertrauten. Sollte May die
meindemitglieder“, zitierte die Londoner Wahl mit weniger als 80 Sitzen Vorsprung
„Times“ ein Mitglied aus Mays Team. gewinnen, werde darüber zu reden sein.
In Sonning, weit genug weg von London Mays Kalkül, künftig frei von inner- wie Nur Narzissten
und dessen buntem Völkergemisch, ist sie außerparteilicher Opposition durchregieren
bei sich selbst. Fast jeder weiß hier eine zu können, steht auf der Kippe. Wenn die in der Politik?
Geschichte über May zu erzählen: wie sie Brexit-Verhandlungen am 19. Juni begin-

Tibor Bozi

Frank Eidel
Frauenkränzchen besucht, wie sie sich in nen, wird es nicht mehr reichen, der Rest-
der Apotheke anstandslos in die Warte- EU Arroganz und Frechheit zu attestieren.
schlange einreiht, wie sie vergangenen Dann wird May Kompromisse aushandeln
Sommer einen „Garten der Sinne“ ein- und den Menschen erklären müssen, wieso
weihte, obwohl sie wenige Tage zuvor Pre- es nicht so einfach ist, Zehntausenden Ein-
mierministerin geworden war. „Santa The- wanderern die Tür zu weisen oder weiter
resa“ wird sie im Wahlkreis von manchen freien Handel mit Europa zu treiben, ohne
genannt. Es klingt nur halb spöttisch. dafür zu zahlen.
Als May über die „Citizens of nowhere“ Je größer ihre Mehrheit sein wird, desto
lästerte, die Weltbürger, die überall zu Hau- leichter dürfte ihr das fallen. Sollte ihr Vor-
se sind und nirgendwo daheim, muss sie sprung jedoch nur gering ausfallen, hätte Anton Hofreiter (Vorsitzender der Bundestags-
Sonning im Kopf gehabt haben. Provinzia- May sich am Ende ein Bein gestellt. In fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) und
lismus und Patriotismus sind ihre Anker- Europa und daheim gibt es nicht wenige, Kabarettist Florian Schroeder im Gespräch
punkte. Ihren Landsleuten hat sie ein „glo- die genau darauf warten.
mit SPIEGEL-Redakteurin Ann-Katrin Müller
bal Britain“ versprochen. Aber ihr Ideal May geht es ähnlich wie der Frau, die
ist die dörfliche Gemeinschaft, wo der ra- sie als Vorbild bezeichnet: Elizabeth I. Die
sante Wandel der Welt gebremst ankommt musste sich ebenfalls mit Rivalen auf dem Mittwoch, 14. Juni 2017, 18 Uhr
und Fremde eher nicht erwünscht sind. Kontinent und zu Hause herumplagen, da-
Otto-von-Guericke-Universität,
So gesehen ist die Wahl, vor der die Bri- runter die lästigen Schotten. An Selbstbe-
ten stehen, eine Wahl zwischen zwei Nos- wusstsein mangelte es auch Elizabeth Gebäude 44, Hörsaal 6,
talgiemodellen: Während Labour Bahn, nicht: „Ich habe das Herz und den Mut ei- Zschokkestraße 32, 39106 Magdeburg
Post, Elektrizitäts- und Wasserversorgung nes Königs“, sagte sie, „und Schmach soll
wieder verstaatlichen will, steht May für über Parma oder Spanien oder jeden an-
die plüschige Prä-Globalisierungs-Gemüt- deren Prinzen Europas kommen, der es www.spiegel-live.de und
lichkeit. Siebziger- versus Fünfzigerjahre. wagt, die Grenzen meines Reiches zu ver- www.facebook.com/derspiegel/events
„Das ist auch eine Art Populismus“, sagt letzen.“ Am Ende prägte sie eine Epoche. Eintritt frei. Änderungen vorbehalten.
Politikprofessor Tim Bale von der Londo- Allerdings musste sie sich auch nie wäh-
Veranstaltungen von
ner Queen Mary University. „Man darf len lassen. Mail: joerg.schindler@spiegel.de
nicht vergessen: Theresa May ist eine ziem-
lich rückwärtsgewandte Person.“ Video: Theresa May
Im Wahlkampf hat es die Regierungs- über Theresa May
chefin lange vermieden, sich festlegen zu spiegel.de/sp232017may
lassen. Hinreichend vage hat sie vielen vie- oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 23 / 2017 77


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Ausland

Der Chef will bleiben


Kongo 20 Jahre nach dem Sturz von Diktator Mobutu herrscht Präsident Joseph Kabila
ähnlich selbstherrlich und stürzt sein Land dadurch ins Chaos.

J
oseph Kabila traut niemandem. Wer ben?“ Der bullige Mann, 50 Jahre alt, han- am Nachmittag dann noch rund tausend
mit dem Präsidenten der Demokrati- delt im Stadtviertel Kingabwa mit Schrott, Anhänger Kabilas. Eine Band schmettert
schen Republik Kongo reden will, er sitzt mit seinen Kollegen zwischen aus- Lobeshymnen, es gibt Freibier und eine
muss zwei Straßensperren und eine Sicher- geschlachteten Autowracks. Die Männer Art Jubelprämie, umgerechnet drei Euro.
heitsschleuse überwinden. Dahinter liegt klagen: über das schlechte Geschäft, über Die Mächtigen speisen das Volk mit Bro-
seine Residenz, eher eine Festung, mitten die korrupten Politiker, über den miserab- samen ab, das ist ein Sinnbild für die ex-
in der Hauptstadt Kinshasa, hoch über len Zustand ihres Landes, ethnisch zerris- treme Ungleichheit im Land. Die meisten
dem Fluss Kongo. Die Mitarbeiter im Vor- sen, wirtschaftlich am Boden, politisch in der etwa 82 Millionen Kongolesen kämp-
zimmer sind nervös, es ist das erste große Aufruhr. Und im Ostkongo schwelt noch fen um ihr Überleben, die Elite plündert
Interview seit sechs Jahren, das ihr Chef immer ein Krieg, an dessen Folgen seit die Reichtümer des Landes. Gold, Diaman-
einer ausländischen Zeitung gibt. An den Ende der Neunzigerjahre drei bis fünf Mil- ten, Kupfer, Kobalt, Öl, Edelhölzer – es
Wänden hängen Fotos seines Vaters Lau- lionen Menschen gestorben sind. gibt fast alles hier, der Kongo ist eines der
rent-Désiré Kabila, der 1997 den Diktator Kingabwa ist ein Slum auf morastigem rohstoffreichsten Länder der Welt.
Mobutu Sese Seko stürzte. Boden, von giftigen Kloaken durchzogen, Die Nachrichtenagentur Bloomberg
Nachdem der Vater 2001 von einem Leib- voller Müll. 90 Prozent der Bewohner sind schätzt, dass Kabilas Familienclan Anteile
wächter erschossen worden war, riss Joseph arbeitslos. „Die Misere haben wir Kabila an mindestens 70 Firmen und mehr als 120
Kabila das höchste Staatsamt an sich, fünf zu verdanken“, sagt Liyama. „Ich werde Lizenzen zur Ausbeutung von Bodenschät-
Jahre später wurde er zum Präsidenten ge- ihn nie wieder wählen, er ist ein Dieb, dem zen hält. Milliarden Dollar wurden auf aus-
wählt. Jetzt ist er 45 Jahre alt, mehr als ein das Volk völlig egal ist.“ Einer seiner Hel- ländische Geheimkonten und in Steuer-
Drittel seines Lebens herrscht er über die fer ruft: „Wir wollen Mobutu zurück, unter oasen geschleust. Dies sei auch der Grund,
Demokratische Republik Kongo. Nun, nach ihm war alles besser.“ warum der Staatschef nicht abtreten wolle,
zwei regulären Amtszeiten, müsste Kabila So ist die Stimmung in Kinshasa heute, sagen seine Gegner: Er fürchte um sein ge-
laut Verfassung abtreten, aber er will wei- diesem Moloch mit zwölf Millionen Ein- waltiges Vermögen von angeblich 15 Mil-
terregieren – und stürzt dadurch sein Land, wohnern, 20 Jahre nach der Befreiung von liarden Dollar. Und er habe Angst, dass es
das zu den ärmsten und instabilsten der einem der gierigsten Kleptokraten in der ihm ergehen könnte wie dem langjährigen
Welt gehört, immer tiefer ins Chaos. postkolonialen Geschichte Afrikas. liberianischen Präsidenten Charles Taylor,
Im Gespräch mit dem SPIEGEL lässt Ka- So richtig gefeiert haben wohl nur die der sein Land ausgeraubt hat und wegen
bila alle Vorwürfe an sich abprallen. Er Häftlinge, die an diesem Tag aus Makala Kriegsverbrechen in Den Haag zu 50 Jah-
wirkt dabei keineswegs so scheu oder ver- entkommen sind, aus dem größten Gefäng- ren Haft verurteilt wurde.
schlossen, wie es ihm oft nachgesagt wird. nis des Landes, das mitten in Kinshasa „Kabila will zeigen, dass er schafft, was
Nach unbequemen Fragen kichert der Prä- liegt. Eine christliche Miliz griff die Haft- auch unsere Nachbarn geschafft haben“,
sident erst mal in sich hinein. Mit seinem anstalt am frühen Morgen an, um ihren sagt Jean-Claude Kibala, er meint Ruanda,
listigen Blick und dem wilden Bart erinnert Anführer zu befreien. Im darauffolgenden Burundi und Uganda, in denen die Verfas-
er an den Piraten Jack Sparrow aus „Fluch Chaos soll mindestens der Hälfte der 8000 sungen ebenfalls geändert oder gebrochen
der Karibik“. Dieser Mann will an der Insassen die Flucht gelungen sein. wurden, damit ihre Präsidenten weiterherr-
Macht bleiben, koste es, was es wolle. Oft wird gesagt, die Macht der Regie- schen können.
Am Tag nach dem Interview sollte in rung von Joseph Kabila reiche nur bis an Kibala war Minister für den öffentlichen
Kinshasa eigentlich groß gefeiert werden. die Ränder der Hauptstadt. Der spektaku- Dienst; im September 2015, als bekannt
Es ist der 17. Mai, der nationale Gedenktag läre Massenausbruch zeigt, dass sie nicht wurde, dass Kabila die Wahlen verschie-
der Befreiung von der Herrschaft Mobutus. einmal das Zentrum kontrolliert. ben wollte, trat er zurück. „Ich habe ihm
Aber der Platz vor dem Palais de la Nation, Im Reichenviertel Gombe bereitet man gesagt: Du machst kaputt, was du aufge-
wo der alte Kabila einst von den Massen sich zur selben Zeit auf die „Kinshasa baut hast“, erzählt der frühere Minister in
umjubelt wurde, ist nahezu menschenleer. Open“ vor, ein Golfturnier. Palmen, ge- akzentfreiem Deutsch. Er wurde von der
Keine wehenden Fahnen, keine Kundge- pflegter Rasen, reichlich Champagner – Bundeswehr zum Offizier ausgebildet und
bungen, kein Volksfest. Ein paar Minister der Gegensatz zu Slums wie Kingabwa gilt als einer der wenigen nicht bestech-
und Abgeordnete stehen mit erhobener könnte größer nicht sein. Auf einem Sport- lichen Politiker im Kongo. „Aber der Chef
Faust vor Kabilas Mausoleum, um ihrem platz zwischen den Villen versammeln sich wollte die Warnung nicht hören. Er hat
Helden die Ehre zu erweisen. uns behandelt wie ungezogene Kinder.“
Einen Mann sucht man allerdings ver- Kabila hat sich nun von willfährigen Ver-
gebens: den Sohn des Ermordeten. Selbst fassungsrichtern als Interimspräsident be-
zu diesem historischen Jubiläum verlässt stätigen lassen. Er will Zeit schinden, „glis-
der Präsident seine Residenz nicht. Viel- sement“ nennt man das hier, das bedeutet
leicht führt er gerade einen virtuellen Rutschen oder Gleiten. Kabila verzögert
Krieg auf seiner Playstation, Computer-
spiele sollen sein Hobby sein. Aber so ge-
Kabila soll ein Vermögen die Wahlen, um vielleicht doch noch die
Verfassung ändern zu können. Oder einen
nau weiß das niemand. von 15 Milliarden Dollar Nachfolger zu bestimmen, der ihn und sein
„Wir bleiben heute zu Hause“, sagt Cyril
Liyama. „Was gäbe es schon zu feiern? Die
besitzen, auf Geheimkonten Familienimperium schützt.
Gleichzeitig kauft er sich die Unterstüt-
neue Diktatur? Das Elend, in dem wir le- und in Steueroasen. zung seiner Widersacher – oder lässt sie

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DANIEL ETTER / DER SPIEGEL
Teilnehmer an Gedenkfeier, Markt in Kinshasa: „Kabila ist ein Dieb, dem das Volk völlig egal ist“

DANIEL ETTER / DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 23 / 2017 81


Ausland

„Ich werde mich


einschüchtern und ins Gefängnis werfen.
Er lässt Parteien gründen, um die Opposi-
tion zu spalten. Die Mehrheit der 500 Ab-

nicht umbringen“
geordneten ist Kabila treu ergeben.
Nachdem der Präsident die Wahlen im
Herbst 2016 abgesagt hatte, gab es Mas-
senproteste im ganzen Land, die von
Polizei, Armee und Präsidentengarde blu-
tig niedergeschlagen wurden; Dutzende SPIEGEL-Gespräch Seine Präsidentschaft ist eigentlich vorbei, doch
Menschen kamen allein in Kinshasa ums Joseph Kabila will nicht abtreten. Erstmals spricht er über die
Leben. Im vergangenen Dezember ver-
mittelte dann die kongolesische Bischofs-
ausstehenden Wahlen und schließt eine dritte Amtszeit nicht aus.
konferenz einen Kompromiss zwischen
Regierung und Opposition: Eine Über- SPIEGEL: Herr Präsident, warum sind Sie in tigere Grund aber ist: Nach 2011 begann
gangsregierung unter Führung der Oppo- der Öffentlichkeit so selten zu sehen? im Osten der Krieg mit der Rebellengrup-
sition soll bis Ende dieses Jahres Wahlen Kabila: Ich denke, es ist wichtiger, zu ma- pe M23, und wir mussten den Streitkräften
vorbereiten, Kabila so lange im Amt chen, als zu reden. Und ich bin ein Macher. dafür alle Mittel zur Verfügung stellen.
bleiben. SPIEGEL: Sie regieren seit 16 Jahren, was Wahlen sind da nicht unsere Priorität ge-
Anfang April gelang es Kabila, einen neu- also haben Sie erreicht? wesen. Wir finanzieren ja keine Wahlen,
en, ihm genehmen Premier für diese Über- Kabila: Als ich im Januar 2001 meinen wenn wir gleichzeitig vom Feind besetztes
gangsregierung zu installieren, eine Witzfi- Amtseid ablegte, war das Land gespalten, Land zurückgewinnen müssen! Deshalb
gur namens Bruno Tshibala. Dieser gehörte es gab Kämpfe im Osten, die Frontlinie konnten die Wahlen Ende vergangenen
der wichtigsten Oppositionspartei UDPS war 3000 Kilometer lang. In der Demo- Jahres nicht stattfinden. Ein Urnengang
an, dann lief er genau zu dem Regime über, kratischen Republik Kongo waren vier, lässt sich natürlich theoretisch jederzeit
das ihn mindestens ein Dutzend Mal hatte fünf verschiedene Armeen stationiert. Die abhalten. Aber was wäre das Resultat von
einsperren lassen. Politik à la congolaise. Wirtschaft war praktisch inexistent. Die chaotischen Wahlen? Mehr Chaos!
„Tshibala brauchte Geld, er ist ein Ver- Infrastruktur des Landes war in miserab- SPIEGEL: Ihre Regierung und die Opposition
räter“, sagt Félix Tshisekedi, Chef der lem Zustand. Es herrschte Gesetzlosigkeit. haben sich auf einen Kompromiss geeinigt,
UDPS. „Durch Tshibalas Einsetzung hat Und wie sieht es heute aus? Wir haben ein Sie haben nun bis Ende des Jahres Wahlen
Kabila endgültig das Abkommen für die vereinigtes Land, wir haben die Wirtschaft versprochen.
Übergangszeit gebrochen.“ stabilisiert, trotz aller Schwierigkeiten. Kabila: Ich habe gar nichts versprochen! Ich
Vor dem Eingang seines Büros steht ein Sicherheit und Frieden sind wiederher- möchte die Wahlen so bald wie möglich
Schrein für seinen Vater Étienne, der am gestellt. Wir haben es geschafft, zwei Wah- abhalten. Aber wir wollen perfekte Wah-
1. Februar in Brüssel gestorben ist. Der len zu organisieren. Wir könnten über all len, nicht einfach nur Wahlen. Und, das
alte Tshisekedi war der einflussreichste Ge- diese Errungenschaften den ganzen Tag vergessen die Leute immer, es ist die Wahl-
genspieler der Regierung. Das Regime reden. kommission, die diesen Prozess organi-
fürchte sich sogar vor seinen sterblichen SPIEGEL: Von außen wird die Situation siert. Sie arbeitet daran, und die bisherigen
Überresten, sagt der Sohn. Deswegen wür- deutlich anders wahrgenommen. Zu den Ergebnisse sind vielversprechend. Wir ha-
den die Behörden die Rückführung der größten Enttäuschungen für westliche Re- ben die Marke von 24 Millionen registrier-
Leiche aus Belgien verhindern. „Wenn der gierungen gehört die Verschiebung des ten Wählern erreicht. Es läuft gut.
Sarg hier eintrifft, gehen zwei Millionen Wahltermins. Ihre Amtszeit endete vor ei- SPIEGEL: Man könnte den Eindruck haben,
Menschen auf die Straße.“ Tshisekedi will nem halben Jahr; zurückgetreten sind Sie es fehle am ernsthaften politischen Willen,
gern selbst Präsident werden, doch viele allerdings auch nicht. die Wahlen durchzuführen. Manche ver-
sagen, die Schuhe seines Vaters seien ihm Kabila: Diese Enttäuschung ist wiederum muten auch, Sie wollten die Verfassung
zu groß. für mich eine Enttäuschung. 2011 war es ändern, die die Regierungszeit des Präsi-
Aber es gibt noch einen weiteren He- derselbe Westen, der die Wahlen wegen denten auf zwei fünfjährige Amtsperioden
rausforderer, der Kabila viel gefährlicher der unsicheren Lage im Land verschieben begrenzt. Wollen Sie das tun?
werden könnte, wenn denn endlich Wah- wollte. Damals haben wir darauf bestan- Kabila: Wann habe ich gesagt, dass ich das
len stattfinden würden: Moïse Katumbi, den, sie wie geplant abzuhalten. ändern möchte? Bis heute gibt es von mir
ein einstiger Verbündeter des Staatschefs SPIEGEL: Aber wenn es damals gelang, wa- keine derartige Stellungnahme.
und seinerzeit erfolgreicher wie beliebter rum dann jetzt nicht auch? SPIEGEL: Jetzt haben Sie die Gelegenheit,
Gouverneur der inzwischen aufgeteilten Kabila: Weil wir diesmal nicht vorbereitet das eindeutig zu klären.
Provinz Katanga. Nach seiner Ankündi- waren. 2011 hatten wir 32 Millionen regis- Kabila: Ich bin da ganz klar. Dieses ganze
gung, bei der Präsidentschaftswahl zu kan- trierte Wähler, diesmal werden es zwi- Gerede über eine Verfassungsänderung ist
didieren, wurde er bedroht und floh nach schen 42 und 45 Millionen sein. Der wich- kompletter Unsinn.
Europa. Er wurde in Abwesenheit wegen SPIEGEL: Nichtsdestotrotz gibt es den Ver-
Betrugs zu drei Jahren Gefängnis verur- dacht, dass Sie dem Beispiel Ihrer Amts-
teilt. Die Beweise seien fabriziert worden, kollegen in Burundi, Ruanda und Uganda
um Kabilas Rivalen auszuschalten, stellte folgen wollen, die ihre Verfassungen ge-
eine unabhängige Kommission fest. ändert oder gebrochen haben, um im Amt
„Aber ich werde zurückkehren und bei zu bleiben.
den Wahlen antreten“, kündigt Katumbi
telefonisch aus Brüssel an. Kabila sei ein
„Der Kongo ist wie Kabila: Wenn Sie über Länder sprechen
wollen, die ihre Verfassung geändert ha-
Diktator, aber niemand habe Angst vor ein eigener Kontinent. Wir ben, lassen Sie uns über europäische Län-
seinen Waffen. „Die größte Macht im Kon-
go sind immer noch die Bürger.“
haben nicht mal zehn
Prozent Ihrer Infrastruktur.“
Das Gespräch führten die Redakteure Bartholomäus Grill
Bartholomäus Grill, Susanne Koelbl und Susanne Koelbl in Kinshasa.

82 DER SPIEGEL 23 / 2017


der reden. Die Annahme, dass es nur in
Afrika die Neigung gebe, Verfassungen zu
ändern, zeugt von Voreingenommenheit
und ist sachlich nicht richtig. Außerdem
kann die Änderung einer Verfassung
durchaus verfassungsgemäß sein, etwa
durch ein Referendum. Bisher haben wir
diese Debatte aber gar nicht begonnen.
SPIEGEL: Lässt sich die kongolesische Ver-
fassung so deuten, dass eine dritte Amts-
zeit möglich wäre?

DANIEL ETTER / DER SPIEGEL


Kabila: Unsere Verfassung ist da ganz ein-
deutig, diese Möglichkeit gibt es nicht.
SPIEGEL: Es wird also keine dritte Amtszeit
von Präsident Joseph Kabila geben?
Kabila: Das hängt davon ab, was genau mit
einer dritten Amtszeit gemeint ist. Wir ha-
Hafenarbeiter in Kinshasa: „Die Wirtschaft war praktisch inexistent“ ben jedenfalls nicht vor, die Verfassung zu
verletzen. Und wie könnte ich eine weitere
Amtszeit haben, ohne die Verfassung zu
verletzen?
SPIEGEL: Vielleicht weil Sie die Verfassung
in bestimmter Weise interpretieren?
Kabila: Weder Sie noch ich können die Ver-
fassung in irgendeiner Weise interpretie-
ren. Nur das Verfassungsgericht kann das.
SPIEGEL: Ist das jetzt ein Nein?
Kabila: Ein Nein zu was?
SPIEGEL: Zu einer dritten Amtszeit.
Kabila: Ich will über eine weitere Amtszeit
gar nicht sprechen, weil sie in der Verfas-
sung nicht vorgesehen ist. Eine pure Er-
findung von einigen erleuchteten Köpfen
in Europa oder sonst wo.
SPIEGEL: Diese erleuchteten Köpfe fragen
sich, warum Sie nicht rechtzeitig abgetre-
DANIEL ETTER / DER SPIEGEL

ten sind. Sie wären als Vater der kongole-


sischen Demokratie gefeiert worden, als
Vorbild für Afrika. Herr Präsident, warum
ist es so schwer, die Macht abzugeben?
Kabila: Sie kommen aus Ihren wohltempe-
rierten Büros in Berlin und Kapstadt hier-
Präsident Kabila: „Wir wollen perfekte Wahlen, nicht einfach nur Wahlen“ her, da sagt sich das leicht. Ich hoffe, dass
Sie noch Zeit finden, den Kongo und seine
Schwierigkeiten besser zu verstehen. Der
Vater unserer Demokratie war Patrice Lu-
mumba, unser erster Premier nach der Un-
abhängigkeit, der ermordet wurde. Und
was bringt es mir, in die Geschichte ein-
zugehen als Vater der Demokratie, wenn
ich mit meinem Rücktritt das Land ins
Chaos stürze? Die Verfassung ist eindeutig
in der Frage, wie und wann der Präsident
die Macht übergibt: Er kann sie nur an
einen gewählten Nachfolger übergeben.
SPIEGEL: Sie müssen also rechtzeitig Wah-
len abhalten.
Kabila: Wir arbeiten 24 Stunden am Tag,
damit diese Wahlen stattfinden.
SPIEGEL: Die Mitglieder der G 20 bereiten
DANIEL ETTER / DER SPIEGEL

eine große Afrika-Initiative vor, Deutsch-


land setzt sich sogar für eine Art Marshall-
plan ein. Im Gegenzug fordern sie gute
Regierungsführung in Afrika, politische
Reformen und demokratische Wahlen. Um
Ihr Land macht man sich jedoch besonders
Golfspieler im Reichenviertel Gombe in Kinshasa: „Ja, wir haben ein Problem mit der Korruption“ Sorgen, weil es keine legitimen Institutio-
DER SPIEGEL 23 / 2017 83
nen mehr gibt, das gilt für 11000
00 km SPIEGEL: Auch der beliebte sprechen sogar über die Möglichkeit, Sank-
SÜDSUDAN
den Präsidenten ebenso frühere Gouverneur der tionen gegen Sie persönlich zu verhängen.
wie für das Parlament. Provinz Katanga, Moïse Können Sie das ignorieren?
Kabila: Es obliegt nicht ir- UGANDA Katumbi, arbeitete einst Kabila: Ich habe stets versucht, mein Leben
gendwelchen westlichen DEMOKRATISCHE eng mit Ihnen zusammen, gerecht und bescheiden zu führen. Als
Gelehrten zu entscheiden, REPUBLIK RUANDA stellte sich aber 2015 gegen die Sanktionen verhängt wurden, wäre es
ob unsere Institutionen le- Kinshasa KONGO Sie. das Einfachste gewesen, direkt mit den
BURUNDI
gitim sind oder nicht. Und Kabila: Ich spreche ungern Betroffenen zu sprechen und die Vor-
was den Marshallplan für über einzelne Personen. würfe aufzuklären. Das ist aber nicht
Afrika angeht – daran Ein Grund, warum sich ei- passiert. Auf welcher Grundlage handelt
ANGOLA
glaube ich einfach nicht. nige Politiker der Opposi- Europa da eigentlich? Nach dem Hören-
Wir Afrikaner wurden tion angeschlossen haben, sagen?
fünfzig Jahre lang mit Korruptionsindex sind die Reformen, die wir SPIEGEL: Vermutlich auf der Grundlage der
diesen Worthülsen ab- Rang 156 durchgeführt haben – üb- Recherchen von Beamten.
gespeist. Der Westen hat AFRIKA von 176 untersuchten rigens gemäß der Verfas- Kabila: Ich bitte Sie … westliche Beamte!
Afrika ausgebeutet und Ländern, 2016 sung, wir halten uns da an Diese Leute zeigen doch nur einmal mehr,
will es jetzt retten? Wir das Gesetz. Die alte Pro- dass der Neokolonialismus immer noch
BIP je Einwohner
kennen diese Scheinhei- vinz Katanga zum Beispiel nicht beendet ist.
474 Dollar
ligkeit seit so langer Zeit! 2017, geschätzt ist größer als Deutschland, SPIEGEL: Die Einschätzungen der Europäer
Warum sprechen wir denn zum Vergleich: Südafrika 5589 $ daher haben wir sie in vier entbehren also jeglicher Grundlage?
plötzlich über einen Mar- Provinzen aufgeteilt. Kabila: Es wäre jedenfalls das Beste ge-
shallplan? Weil es viele Quellen: Transparency International, IWF SPIEGEL: Katumbi wurde wesen, diese Einschätzungen mit uns zu
Migranten nach Europa wegen angeblichen Be- teilen. Aber weder werden uns die Sank-
zieht. Und deshalb muss Europa etwas tun, trugs zu drei Jahren Gefängnis verurteilt tionen davon abhalten, Wahlen zu orga-
um all diese Afrikaner zu Hause zu halten, und ist geflohen. Die kongolesische Bi- nisieren, noch werden wir uns von ihnen
wo sie hingehören. Aber geschieht das mit schofskonferenz bezeichnete den Prozess unter Druck setzen lassen.
guten Absichten? Überhaupt nicht. Ich als Farce, mit dem Ziel, einen Rivalen aus- SPIEGEL: Ihr Vater wurde von seinem Leib-
kann da nur Heuchelei sehen. zuschalten. Richtig oder falsch? wächter ermordet, einem Mann, dem er
SPIEGEL: Immerhin unterstützt Deutschland Kabila: Es ist nicht an mir zu sagen, was vertraute. Wem trauen Sie?
die Demokratische Republik Kongo mit richtig ist und was falsch. Das kann nur Kabila: Ich glaube an die Existenz Gottes
durchschnittlich 233 Millionen Euro im die Justiz. Ich habe die Bischöfe nicht ge- und vertraue ihm. Ich traue auch dem Ur-
Jahr. Auch deshalb ist die Bundesregierung beten, das Justizsystem dieses Landes zu teil des kongolesischen Volkes und glaube,
enttäuscht und weiß schlichtweg nicht, ob ersetzen. Es gibt keinen „Fall“ zwischen dass wir auf dem richtigen Weg sind.
sie in Ihnen wirklich einen Partner hat. der Regierung und Moïse Katumbi, son- SPIEGEL: Ältere Kongolesen haben uns ge-
Kabila: Das beruht auf Gegenseitigkeit. dern zwischen ihm und der Justiz. sagt: Was wir nicht wollen, das ist ein zwei-
Auch uns fehlt das Vertrauen in sie. SPIEGEL: Katumbi hat angekündigt, bald ter Mobutu, dieser Tyrann, der das Land
SPIEGEL: Investoren sehen die Korruption zurückkehren zu wollen. Ist das Ihr 31 Jahre lang ausgeplündert hat.
in Ihrem Land als erhebliches Problem. schlimmster Albtraum? Kabila: Wie bitte, wen vergleichen diese
Kabila: Ja, wir haben ein Problem mit der Kabila: Ich habe keine Albträume. Menschen mit Mobutu? Ich glaube nicht,
Korruption, wie jedes andere Land in der SPIEGEL: Er könnte die Kongolesen zu Mas- dass das eine angemessene Frage in Bezug
Welt. Wir haben das sehr wohl verstanden senprotesten aufrufen. Millionen Men- auf mich ist.
und ergreifen Maßnahmen dagegen. Das schen würden ihn willkommen heißen. SPIEGEL: Dann beantworten Sie uns diese
ist ein langer Kampf. Kabila: Und dann? Was sollte passieren? Frage: Wann genau wird gewählt?
SPIEGEL: Ihr früherer Minister für den öf- Steht irgendjemand über dem Gesetz, nur Kabila: Treffen Sie doch die Wahlkommis-
fentlichen Dienst hat herausgefunden, dass weil er ein oder zwei Millionen Menschen sion, und finden Sie die Antwort selbst
fast die Hälfte der Staatsbediensteten Geis- hinter sich weiß? heraus. Der Kongo ist wie ein eigener Kon-
terbeamte sind, dass es sie also gar nicht SPIEGEL: Moïse Katumbi wird als Hoff- tinent, wir haben nicht einmal zehn Pro-
gibt – ihre Gehälter werden aber ausge- nungsträger gesehen, auch im Westen. Wie zent der Infrastruktur von Deutschland.
zahlt und verschwinden offenbar. gehen Sie mit dieser Herausforderung um? Können Sie sich vorstellen, 2000 Kilometer
Kabila: Und wie hat er das herausgefunden? Kabila: Es gibt keine Herausforderung, und entfernt von hier Wahlen abzuhalten? Sie
Weil wir ein Programm zur Verbesserung deshalb brauche ich auch keine Strategie. können dieses Land nicht durch Ihre Ber-
der Transparenz gestartet haben. Die Kongolesen werden über die Zukunft liner Brille betrachten.
SPIEGEL: Der Minister wollte daraufhin den dieses Landes entscheiden. Sie sprechen SPIEGEL: Es wird also länger dauern, die
öffentlichen Sektor umstrukturieren, doch von Demokratie? Die Demokratie wurde Wahlen zu organisieren?
es gab dann Streit mit Ihrer Regierung. doch mit Lumumba ermordet. Und wer Kabila: Es könnte länger dauern oder auch
Am Ende verließ er das Kabinett und un- hat später die Demokratie zurückge- nicht. Wie ich schon sagte: Wenn Sie chao-
terstützt nun die Opposition. bracht? Wir waren das, nachdem wir Dik- tische Wahlen organisieren, wird es danach
Kabila: Nein, der Minister ist aus anderen tator Mobutu Sese Seko 1997 die Macht Chaos geben.
Gründen gegangen. Seine Partei hat sich entrissen haben. Aber plötzlich wird unser SPIEGEL: Welche Rolle wollen Sie selbst
der Opposition angeschlossen, das ist ein Land zum Prügelknaben. Kongo hier, Kon- spielen, wenn Ihre Amtszeit vorbei ist und
häufiges Phänomen. go da, Kongo und die Menschenrechte. Sie nicht mehr Präsident sind?
SPIEGEL: Aber seine Partei schrieb Ihnen Bloß weil wir nicht das machen, was der Kabila: Das würde ich gern für mich behal-
einen offenen Brief, in dem sie die Ände- Westen gern hätte. ten. Aber keine Angst, ich werde mich
rung der Verfassung und eine dritte Amts- SPIEGEL: Die EU und die USA haben Sank- nicht umbringen und stehe meinem Land
zeit des Präsidenten ablehnt. tionen gegen hochrangige Mitglieder Ihrer ganz sicher weiter zu Diensten.
Kabila: Darauf habe ich bereits ausführlich Regierung verhängt, auch gegen Ihren Ge- SPIEGEL: Herr Präsident, wir danken Ihnen
geantwortet. heimdienstchef. Westliche Diplomaten für dieses Gespräch.
84 DER SPIEGEL 23 / 2017
Ausland

Frauen,
Aber diesmal geht es ja auch um mehr, Am 27. April schrieb Li einen Brief ans
es geht um die Tochter des US-Präsiden- Weiße Haus, zu Händen Mrs. Ivanka
ten. Haben chinesische Behörden die Ak- Trump, in dem er die wichtigsten Vorwürfe

die schuften
tivisten vielleicht verhaftet, um Pekings auflistete und ihr Unternehmen aufforder-
gute Beziehungen zum Weißen Haus nicht te, die Missstände abzustellen. Bislang,
zu gefährden? sagt er, habe er nur eine unverbindliche
Die Rechercheure wollen herausgefunden Antwort erhalten. Abigail Klem, die Ivan-
China Drei Aktivisten sind haben, dass die Arbeiter in den zwei Hua- kas Unternehmen führt, seit diese ein Büro
jian-Fabriken oft von 7.10 Uhr bis 22.30 Uhr im Weißen Haus hat, behauptete zuvor be-
verschwunden. Sie wollten die schuften müssen. Bei den so zustande kom- reits, die Marke verlange von allen Produ-
miserablen Bedingungen menden Monatsleistungen von rund 300 zenten, dass sie „die geltenden Gesetze
Stunden verdienen sie nur 327 Euro, also einhalten und für akzeptable Arbeitsbe-
aufdecken, unter denen Ivanka etwas über einen Euro pro Stunde. Sie ha- dingungen sorgen“.
Trumps Mode hergestellt wird. ben höchstens zwei Tage pro Monat frei, Die Vorwürfe sind eine Blamage für
werden von den Vorarbeitern beschimpft Ivanka Trump, die sich gern als Feministin

A
ls Li Qiang zum ersten Mal auf die und beleidigt – und wenn sie kündigen, wird inszeniert. Vor Kurzem trat sie bei einem
Firma einer gewissen Ivanka Trump ihnen in der Regel ihr letztes Gehalt nicht Frauengipfel in Berlin mit Angela Merkel
aufmerksam wurde, bewarb sich de- ausgezahlt. Huajian bestreitet die Vorwürfe. auf und kündigte einen Fonds an, der Un-
ren Vater gerade um die US-Präsident- Es sind Zustände, die es in Chinas Fa- ternehmerinnen in aller Welt unterstützen
schaft. Schon damals rankte sich eine Reihe briken offiziell längst nicht mehr geben soll. Soeben erschien ihr Buch „Women
von Skandalen um Donald Trump. „Ir- sollte, die von CLW jedoch immer wieder Who Work“, auf Deutsch etwa: „Frauen,
gendwie tat mir Ivanka leid. Und wer hätte aufgedeckt werden. 2013 enthüllte die Or- die arbeiten“. Darin gibt sie berufstätigen
geahnt, dass ihr Vater die Wahl gewinnen ganisation, dass Apple seine iPads unter Frauen Ratschläge, eher banaler Art aller-
würde?“, sagt Li, Bürgerrechtler und Grün- ähnlichen Bedingungen produzieren ließ, dings. Zudem setzt sie sich für die Einfüh-
der der Organisation China Labor Watch im vergangenen Jahr veranlassten ihre Re- rung einer bezahlten Elternzeit ein.
(CLW). Also kümmerte er sich erst mal cherchen Walt Disney, den Vertrag mit ei- In den Huajian-Fabriken dagegen, wo
um andere Modemarken, die er im Ver- ner Spielzeugfabrik zu kündigen. Jetzt also Schuhe mit ihrem Namen hergestellt wer-
dacht hatte, unter fragwürdigen Bedingun- die Schuhe von Ivanka Trump, Mädchen- den, sind die Bedingungen besonders für
gen in China produzieren zu lassen – zu träume in Pink und Gold, mit Blumen und Frauen unerträglich, wie die CLW-Recher-
Niedriglöhnen, mit unmenschlichen Ar- Schleifchen, oft mit hohem Absatz. cheure herausgefunden haben. So sei eine
beitszeiten und unter mangel- Schwangere vulgär beschimpft
haften Schutzvorkehrungen. worden, berichtet Li, weil ein
Der Name Ivanka Trump Paar Schuhe, das über ihre
tauchte jedoch immer wieder Werkbank ging, den Anforde-
in den Zolldokumenten auf, rungen offenbar nicht genügte.
die Li und seine Kollegen nut- Auch für Peking sind die Ent-
zen, um die verschlungenen hüllungen unangenehm. Frü-
Pfade der globalen Modebran- her als andere hatte Chinas
che zu entwirren. Nachdem Führung verstanden, dass der
Trump zum Präsidenten ge- Zugang zum neuen US-Prä-
wählt worden war, nahm Li sidenten über Ivanka Trump
die Fährte auf. Drei CLW-Re- und ihren Ehemann Jared
chercheure begannen, in zwei Kushner führt. Nach dem Be-
Fabriken der Huajian-Gruppe such von Xi Jinping in Mar-a-
zu arbeiten, wo Schuhe für Lago hatte sich Donald Trump
Ivanka Trumps Modelabel sehr positiv über die Chinesen
produziert werden. Huajian geäußert.
ist ein Schuhimperium, zahl- Dass dieser ungewöhnlich
reiche Fabriken gehören dem gute Draht zwischen den Welt-
Konzern, er produziert auch mächten nun von einer chi-
in Äthiopien. nesisch-amerikanischen NGO
Doch bevor CLW die Ergeb- mit Sitz in New York gestört
nisse veröffentlichen konnte, werden könnte, mag zur har-
MATTHEW FURMAN / THE FORBES COLLECTION / GETTY IMAGES

wurde am vorigen Wochen- schen Reaktion der chinesi-


ende einer der Undercover- schen Sicherheitsdienste bei-
Rechercheure verhaftet, die getragen haben. Li Qiang will
anderen zwei sind nicht mehr nicht öffentlich über die Mo-
zu erreichen. Seitdem er die tive spekulieren. Ihm geht es
NGO vor 17 Jahren gegründet nun vor allem darum, seine
hat, hätten sie immer wieder drei Kollegen wieder freizu-
Ärger mit Unternehmen ge- bekommen: „Ich appelliere an
habt, sagt Li. Allerdings sei Präsident Trump, an Ivanka
noch nie einer von ihnen für Trump und ihr Unternehmen,
Tage verschwunden oder fest- sich für die Freilassung unse-
genommen worden. „Diesmal rer Aktivisten einzusetzen.“
ist alles anders. Diesmal habe Bernhard Zand
ich Angst.“ Unternehmerin Trump: 300 Stunden Arbeit für 327 Euro Twitter: @bzand

DER SPIEGEL 23 / 2017 85


Ausland

Krieg auf den Hügeln


Brasilien Einige Jahre lang war Rio das Schaufenster eines friedlichen, prosperierenden Landes.
Nun, in der Wirtschaftskrise, kehren die Drogengangs zurück – und mit ihnen die Gewalt.

D
ie ersten Schüsse an diesem Tag fal- dertschaft Soldaten der Força Nacional, ei- Immobilienhändler investierten, erstmals
len, als die Kinder aus der Schule ner militärisch organisierten Elitetruppe. eröffneten eine Bank und ein Kino. Ge-
kommen. Die Polizisten feuern auf Sie patrouillieren zwar in der Nähe, aber krönt wurde die Befriedung von einem
Drogenhändler, die sich in Capão verste- nicht in den Favelas selbst – die Gefahr knapp 60 Millionen Euro teuren Megapro-
cken, der ärmsten der zwölf Favelas, die wäre sonst zu groß, dass bei Kämpfen Be- jekt: einer Seilbahn, die die fünf Hügel des
den Complexo do Alemão bilden. Weit wohner getötet oder verletzt würden. Complexo do Alemão miteinander verbin-
über 100 000 Menschen leben hier, eine Nirgendwo ist die Gewalt so präsent wie det. Plötzlich kamen Touristen, die Bewoh-
Großstadt für sich, die sich über mehrere im Complexo do Alemão. Hier befand sich ner organisierten Besichtigungen.
Hügel im Norden von Rio erstreckt. lange Zeit das Hauptquartier des Coman- Das ist vorbei, heute traut sich kein Tou-
„Die Polizei baut darauf, dass die Dro- do Vermelho, der größten und brutalsten rist mehr in den Complexo do Alemão.
genhändler nicht zurückschießen, weil ihre Drogengang. Im November 2010 besetzten Dutzende Bewohner wurden in den ver-
Söhne und Töchter unter den Schulkin- dann Streitkräfte und Polizei die Favelas. gangenen Monaten von Querschlägern
dern sind“, sagt Raull Santiago. Gemein- Die Drogendealer flüchteten zu Fuß und und verirrten Kugeln verletzt oder getötet,
sam mit seinen Freunden hat er vor der mit Geländewagen, einige entkamen durch unter ihnen eine 13-Jährige, die sich in ih-
Schießerei Zuflucht in einer Bar gesucht. die Kanalisation. Der TV-Sender Globo rer Schule befand.
Erst als die Kinder in ihren blau-weißen übertrug die Bilder der Fliehenden live ins Der als Friedensbringer gefeierte Sicher-
Schuluniformen in Sicherheit sind, erfolgt ganze Land. Es war auch eine Botschaft heitsminister von Rio, José Mariano Belt-
die Antwort. Zweimal wummert es dumpf. an die Welt, dass die Regierung die Gewalt rame, trat im Oktober 2016 frustriert
„Selbst gemachte Granaten“, sagt Santiago. in Rio bekämpft, vor der Fußball-WM 2014 zurück. Der Gouverneur ist politisch an-
„Sie sind meist mit Rasierklingen oder Nä- und den Olympischen Spielen 2016. geschlagen; sein Vorgänger, der für die Ein-
geln gefüllt.“ Die Drogenhändler hätten Das Militär hielt den Complexo do Ale- richtung der Friedenspolizei verantwort-
aber auch Bazookas, Schnellfeuergewehre mão zwei Jahre lang besetzt, dann zog die lich war, sitzt wegen Korruption im Ge-
und Maschinenpistolen. Polizei ein. Fünf Revierwachen wurden er- fängnis. Bundesstaat und Stadtverwaltung
Raull Santiago ist Mitbegründer von öffnet, die rund um die Uhr von Beamten geht das Geld aus. Es ist das tragische Ende
Papo Reto, einer Gruppe junger Favela- einer Unidade de Polícia Pacificadora eines vielversprechenden Projekts.
Bewohner, die in sozialen Medien den All- (UPP) besetzt sind, einer „befriedenden Für einige Jahre war Rio das Schaufens-
tag im Complexo do Alemão schildern. Sie Polizeieinheit“. Früher trat die Polizei in ter eines prosperierenden und friedliche-
verstehen sich als Bürgerjournalisten, als den Armenvierteln nur bei bewaffneten ren Brasilien. Heute ist die Stadt das Epi-
Alternative zu den offiziellen Medien, die Konflikten mit den Drogenhändlern in Er- zentrum einer wirtschaftlichen, politischen
über die Favelas oft einseitig berichten. scheinung, jetzt sollten die Beamten dau- und moralischen Krise, die das ganze Land
Doch in letzter Zeit gleicht ihre Arbeit im- erhafte Präsenz zeigen. in den Abgrund zu ziehen droht. Korrupte
mer öfter der von Kriegsreportern. In sei- Insgesamt 38 UPP-Wachen errichtete die Politiker zweigten Millionenbeträge ab, die
nem Kalender hat Santiago die Tage mit Regierung in den Favelas von Rio. Ihr Ziel für die Vorbereitung der Fußball-WM und
Kreuzen markiert, an denen geschossen war ausdrücklich nicht, den Drogenhandel der Olympischen Spiele gedacht waren.
wurde. Die Monate Januar bis Mai glei- zu unterbinden: die „Friedenspolizei“ soll- Die politische Elite von Rio sitzt im Ge-
chen komplett ausgefüllten Lottoscheinen. te in erster Linie die Dealer entwaffnen fängnis oder ist in Skandale verwickelt.
Santiago ist ein untersetzter Mann mit Für die Bezahlung von Krankenhäusern,
Bart, Baseballkappe und Tattoos, äußerlich
eher Rapper als Bürgerjournalist. Er ist im
In den Favelas eröffneten Sozialstationen und Polizei fehlt das Geld.
Im Complexo do Alemão, der als Sym-
Complexo do Alemão aufgewachsen und Hotels und Geschäfte, bol für die Renaissance von Rio galt, ist
zählt zur aufstrebenden Mittelschicht, die
sich während des Wirtschaftsbooms auch
es schien, als wüchse die der Niedergang unübersehbar: Die Seil-
bahn ist seit September außer Betrieb, es
in den Favelas gebildet hat. geteilte Stadt zusammen. fehlt das Geld für die Wartung. Die einzige
Als die Schießerei aufgehört hat, führt Bank hat dichtgemacht, die Berufsschulen
Santiago seine Besucher mit gesenktem und so die Gewalt in den Slums reduzie- haben ihre Kurse weitgehend eingestellt,
Kopf durch die Favela, checkt ständig per ren. Gleichzeitig wollte die Regierung die die öffentliche Sportanlage ist geschlossen.
WhatsApp, wo gerade geschossen wird. Infrastruktur in den Favelas verbessern „Die Befriedung ist gescheitert“, sagt
Fast ein Jahr nach der Olympiade ist die und in Sozialprojekte investieren. Raull Santiago. „Die meisten Sozialpro-
Gewalt in Rio außer Kontrolle. Die Zahl Tatsächlich ging die Mordrate in Rio mit jekte sind nie umgesetzt worden. Die Poli-
der Morde im Bundesstaat Rio de Janeiro dem Einzug der „Friedenspolizei“ dras- zisten sind wie eine Besatzungsmacht ein-
ist im Vergleich zum Vorjahr um knapp 25 tisch zurück. In den Favelas der touristi- gedrungen, sie haben nie das Vertrauen
Prozent gestiegen, auch Raubüberfälle und schen Südzone von Rio eröffneten Hotels der Anwohner gewonnen.“ Viele Dealer
andere Delikte haben stark zugenommen. und Geschäfte, Jugendliche aus den rei- hätten die Favela nie verlassen, sie seien
Meist hängen die Straftaten mit dem Dro- chen Stadtvierteln feierten in den Klubs nur untergetaucht. Andere seien zurück-
genhandel zusammen. der Favelas. Es schien, als wachse die ge- gekehrt. „Der Boss des Comando Vermel-
Der Gouverneur des Bundesstaats bat teilte Stadt endlich zusammen. ho sitzt im Gefängnis, er steuert sein Ge-
Anfang Mai die Regierung in Brasília um Auch im Complexo do Alemão schien schäft von der Zelle aus.“
Hilfe, weil ihm die Lage zu entgleiten droht. die Strategie zu greifen: Berufsschulen er- Santiago glaubt, dass die Polizei im
Präsident Michel Temer schickte eine Hun- öffneten Filialen, Kleinunternehmer und Complexo do Alemão die Bedingungen

86 DER SPIEGEL 23 / 2017


ANDRÉ VIEIRA / DER SPIEGEL
Patrouille in der Favela Vidigal: „Das ist keine Polizeiarbeit, sondern eine Aufgabe fürs Militär“

für den Einzug einer Miliz vorbereite. „Die die nach den Schießereien zurückbleiben. Seine Polizisten tasten sich mit vorge-
Polizisten versuchen, die Drogenhändler „Unser Syrien“ nennt Raull Santiago die haltenem Gewehr und kugelsicherer Weste
zurückzudrängen, damit eine andere be- Gegend. Einen Tag später sterben auf dem durch die Gassen, an jeder Ecke reißen sie
waffnete Gruppe das Regiment über- Platz drei Männer im Kugelhagel. ihre Waffen hoch. Einen Mann in Shorts
nimmt, die wiederum dann mit der Polizei Rios Süden, die Postkartenseite der und Gummilatschen durchsuchen sie auf
zusammenarbeitet.“ Solche Gangs kontrol- Stadt, nahm von der Gewalt im armen Nor- Drogen, inspizieren seine Nase auf Reste
lieren bereits Dutzende Favelas in Rio. den anfangs kaum Notiz. Doch in den ver- von Kokain. Die Polizisten bemühen sich
Noch liefern sich das Comando Vermel- gangenen Monaten ist der Drogenkrieg um Freundlichkeit, grüßen die Anwohner.
ho und die Polizei allerdings einen zermür- auch in den Favelas von Copacabana und Aber die Angst ist überall spürbar.
benden Stellungskampf. Ipanema wieder aufgeflammt. „Das ist keine Polizeiarbeit, sondern
„Sie führen einen Krieg, der nicht der Vidigal ist das einzige Armenviertel, in eine Aufgabe fürs Militär“, sagt einer der
unsere ist“, sagt Simone Gonçalves Ca- dem die Regierung Journalisten noch er- Männer, als er nach der Patrouille er-
jueiro, die mit ihren acht Kindern und ih- laubt, die UPP-Einheiten bei Einsätzen zu schöpft das Gewehr sinken lässt. Über
rem Vater an der Praça do Samba lebt. begleiten – alle anderen gelten als Risiko- 50 Polizisten wurden in diesem Jahr bereits
Früher trafen sich die Anwohner hier zum gebiet. Die Favela erstreckt sich auf einem in Rio ermordet, viele schoben Dienst in
Tanzen, heute sind die Fassaden der Häu- Bergrücken zwischen den Nobelvierteln den UPP-Wachen. Ein gefährlicher Job,
ser zerschossen, viele Fenster verrammelt, Leblon und São Conrado, der Ausblick auf und das für rund tausend Euro im Monat,
Straßenlaternen zerstört. Sobald Schüsse den Atlantik ist traumhaft. die wegen der Krise oft zu spät ausgezahlt
fallen, verkriecht sich Gonçalves mit ihren Im Jahr 2011 wurde die Favela von der werden. Dazu kommt, dass die Ausrüstung
Kindern unter dem Bett. Ihr Kühlschrank Polizei besetzt, seither herrscht hier ein veraltet ist, vielerorts fehlt sogar das Ben-
wurde von einer Kugel getroffen, der Was- zerbrechlicher Frieden. Ausländer haben zin für die Streifenwagen.
sertank auf dem Dach ist durchlöchert. sich Häuser gekauft, Restaurants und Hos- Anfang Februar erschienen die Polizis-
Die Polizei will im Complexo do Ale- tels eröffneten, und eine Weile schien es, ten in Vidigal ohne Uniform zum Dienst.
mão 26 Wachtürme errichten, das erste als ob die Immobilienspekulation das größ- Ihre Frauen und Mütter hatten die Einfahrt
der bunkerähnlichen Gebäude wurde vor te Problem wäre. zur Kaserne blockiert, wo die Beamten
vier Wochen an der Praça do Samba Jetzt sind fast jede Nacht auf dem Hügel sich vor Dienstantritt umziehen – es war
aufgestellt. Sechs Stunden dauerte allein Schüsse zu hören. „Bislang haben die ein Protest gegen die schlechten Arbeits-
das Gefecht, bis es dem Bautrupp ge- Gangster es nicht geschafft, eine feste Stel- bedingungen.
lang, zum Platz vorzudringen. Polizisten lung aufzubauen“, sagt Jairo Dantas, der Kommandeur Dantas musste daraufhin
mit Schnellfeuergewehren sicherten die Kommandeur der Polizeieinheit, die in alle Patrouillen absagen. Ohne Uniform
Bauarbeiten. Vidigal stationiert ist. Er ist selbst hier auf- hätten die Anwohner seine Männer wo-
Auf den Dächern der umliegenden Häu- gewachsen. „Ich habe miterlebt, wie meine möglich mit den Gangstern verwechselt.
ser kauern noch immer Scharfschützen, Eltern früher unter dem Drogenkrieg ge- Jens Glüsing
Kinder sammeln die Patronenhülsen auf, litten haben.“ Mail: jens.gluesing@spiegel.de

DER SPIEGEL 23 / 2017 87


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9
Sport
Turniererfolge von Bernhard Langer Anzahl
Siege: 32
Major-Siege 42
bei den fünf wichtigsten Turnieren
PGA Tour Champions der Championstour
Nordamerikanische Turnierserie
für Golfprofis ab 50 Jahren
PGA European Tour
6 Turnierserie für Profis
2

8-mal
Ryder Cup Major-Siege
für Europa bei PGA-Turnieren

Erster der
Geldrangliste auf der Championstour

Golf
Das Phänomen
RO B CA RR / A FP

2
Bernhard Langer wurde bereits vor 15 Jahren in die Hall of
22,6 Mio. $ Fame aufgenommen, die Ruhmeshalle des Golfsports in
St. Augustine, Florida. Die statistikverliebten Amerikaner
sind begeistert vom Mann aus Anhausen. Vergangenen
Gesamtplatzierung in
der Geldrangliste auf der Championstour Sonntag hat der 59-Jährige seinen neunten Major-Sieg auf
der Championstour der über 50-Jährigen gewonnen. Neuer
Rekord. Er überholte damit die Golflegende Jack Nicklaus.
W. J. MEHL / INTERTOPICS

Magische Momente
„Mit Roberto Carlos über den Rasen hüpfen“
Fußball-Torwart Bodo Illgner, 50, über seinen Champions-League-Sieg gegen Juventus Turin und Zinédine Zidane

SPIEGEL: 19 Jahre nach Ihrem Illgner: Natürlich der Siegtref- geworden, Juve hatte mit zum WM-Titel mit Deutsch-
Erfolg mit Madrid stehen fer von Predrag Mijatović, Del Piero, Inzaghi und land 1990?
sich im Champions-League- eine Parade von mir gegen Zidane eine fantastische Illgner: Bei der WM war ich
Endspiel wieder Real und Ju- Edgar Davids und die unbän- Offensive. Ein Schlüssel 23. Bis dahin verlief meine
ventus Turin gegenüber. Was dige Freude über La Séptima, für unseren Erfolg war aber Karriere nur positiv. Der
erwarten Sie von dem Duell? den siebten Europapokalsieg, die spielerisch bessere Titel war wie eine logische
Illgner: Ich befürchte ein lan- auf den Madrid damals 32 Innenverteidigung. Die Ita- Konsequenz. Er fiel mir qua-
ges 0:0 oder ein 1:1 mit Elf- Jahre lang gewartet hatte. liener schlugen viele Bälle si in den Schoß. Mit 31 die
meterschießen. Falls Juven- SPIEGEL: War Juve 1998 einfach weg, wir bauten Champions League zu gewin-
tus in Führung geht, sehen in Amsterdam der Favorit? besser auf. nen, das fühlte sich noch
wir vielleicht den alten Ca- Illgner: Wir waren in der SPIEGEL: Wie bewerten Sie intensiver an. Mit Roberto
tenaccio. Hoffentlich schießt Meisterschaft nur Vierter diesen Sieg im Vergleich Carlos und den anderen
Real das erste Tor. über den Rasen zu hüpfen –
SPIEGEL: Juventus Turins das war tatsächlich ein ma-
Torhüter Gigi Buffon ist 39, gischer Moment.
bewundern Sie ihn? SPIEGEL: Danach wurde Trai-
Illgner: Buffon ist ein toller ner Jupp Heynckes entlassen.
Keeper, der seine Liebe Was war passiert?
zu Juventus ja auch in der Illgner: Seine Entlassung war
zweiten Liga bewiesen hat. schon vor dem Spiel ein offe-
Man könnte ihm wünschen, nes Geheimnis. Insgesamt war
seine Karriere mit diesem die Saison nicht gut gelaufen.
POPPERFOTO / GETTY IMAGES

großen Titel zu beenden – Heynckes tat mir leid. Im Jahr


ich als Madridista kann zuvor hatte Fabio Capello al-
diesen Plan allerdings nicht les aus unserem Team heraus-
gutheißen. gekitzelt. Er hatte uns ausge-
SPIEGEL: Was kommt Ihnen in presst, und diese Spannung
den Sinn, wenn Sie an den konnte Heynckes nicht perma-
Triumph von 1998 denken? Illgner mit Champions-League-Pokal 1998 in Amsterdam nent aufrechterhalten. pk

DER SPIEGEL 23 / 2017 89


Ende der Romantik
Fußball Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke erlebt die schwerste
Phase seiner zwölfjährigen Amtszeit. Er wird kritisiert wie nie zuvor –
und wünscht sich doch nur etwas Dankbarkeit. Von Markus Feldenkirchen

MAGICS / ACTION PRESS

Manager Watzke

90 DER SPIEGEL 23 / 2017


Sport

A
m Morgen vor dem Finale zündet ihn drei Tage später entlassen wird, kann einem fensterlosen Raum des Stadions ent-
sich Hans-Joachim Watzke schon er nur mühsam verbergen. scheiden, wann gespielt wird. Watzke er-
um zehn die erste Zigarette an. Er Die Situation belaste ihn, sagt er, als wähnt die knapp 150 000 Mitglieder des
sitzt im schwarz-gelben Trainingsanzug auf Tuchel weg ist. „Weil ich eigentlich ein Vereins, den politischen Druck, die eng
der Terrasse des Schlosshotels Grunewald, Harmoniemensch bin.“ Er wirkt jetzt nicht getakteten Kalender im Turbokapitalis-
des Mannschaftsquartiers. Am Abend wird wie der forsche, kecke „Aki“ aus dem mus namens Profifußball. „Die Entschei-
Borussia Dortmund im Berliner Olympia- Fernsehen, eher wie ein 57-jähriger Mann, dung in dem Krisenstab, die treff ich ja
stadion um den DFB-Pokal spielen, für den der immer auf der Sonnenseite des Lebens nicht für mich.“
Geschäftsführer könnte es ein wunderschö- unterwegs war und sich nun fragt, was sich Diese Entscheidung aber wird zur Keim-
ner Tag werden. verändert hat. Wie etwas so aus dem Ru- zelle eines Dramas. Watzke beteuert, dass
Watzke zieht an der Kippe und sagt: der laufen konnte. Trainer Tuchel keinerlei Einwand gegen
„Ich bin völlig fertig.“ In den Anfängen des Dramas, fünf Wo- den Plan, am Tag nach dem Anschlag zu
Ein paar Meter entfernt, im Hotelgarten, chen vorher, steuert Watzke seinen silber- spielen, artikuliert habe. Auch nicht, nach-
sitzt Zeitung lesend Thomas Tuchel, der am farbenen Mercedes Richtung Mönchenglad- dem die Spieler Marco Reus und Gonzalo
Abend den Pokal holen und den Watzke bach. Es läuft Akis Musikmix, was bedeu- Castro in einer Mannschaftssitzung ihr
drei Tage danach entlassen wird. Die Sonne tet, dass auf Angelika Milster erst Guns N’ Unbehagen zum Ausdruck gebracht hat-
scheint, die Vögel zwitschern, aber nichts Roses und dann deutsche Schlager folgen. ten. Viermal habe er vor dem Spiel mit
ist in Ordnung. Watzke denkt in diesen Stun- „Ich hab alles“, sagt Watzke, „3000 Lieder. dem Trainer gesprochen, sagt Watzke.
den über seinen Rücktritt nach, falls das Fi- Selbst geladen.“ Er grinst verschmitzt, die Immer habe dieser betont, dass man spie-
nale verloren geht, er hat bereits mit anderen Wangen zerknittern. Kaum jemand kann len solle.
Vereinsfunktionären darüber gesprochen. sich herrlicher über sich selbst freuen. Nach dem Spiel verfolgt Watzke auf
Hinter ihm liegen die härtesten Wochen dem Bildschirm seiner Stadionloge, was
seit vielen Jahren. Anfang Februar greifen sein Trainer unten bei der Pressekonfe-
Dortmunder Chaoten Anhänger von RB renz sagt. „Wir hatten das Gefühl, dass
Leipzig vor dem Stadion an. Es gibt Ver- wir behandelt werden, als wäre ’ne Bier-
letzte und schockierende Bilder. Watzke dose an unseren Bus geflogen“, klagt Tu-
wird als geistiger Brandstifter dargestellt, chel, man sei, ohne gefragt zu werden, per
weil er über das Leipziger Konstrukt ge- SMS informiert worden. „Das Gefühl hat
sagt hatte: „Da wird Fußball gespielt, um sich festgesetzt, dass die Termine vorge-
eine Getränkedose zu performen.“ geben werden und wir zu funktionieren
Mitte April wurde kurz vor dem Cham- haben.“
pions-League-Viertelfinale ein Bomben- „Es war, als hätte Mike Tyson dir aus
anschlag auf den Mannschaftsbus des BVB dem Nichts eine vor den Kopf geballert“,
verübt. Das große Weltgeschehen und die sagt Watzke über diesen Moment. Er
hohe Politik drangen in den Alltag seines glaubt, dass Tuchel die Situation genutzt
Vereins. Der Klub sollte im Namen der habe, um sich mit den Spielern, zu denen
ganzen Gesellschaft ein Zeichen setzen: er bis dahin ein eher unherzliches Verhält-
dass man sich von Terroristen nicht in die nis pflegte, gegen die Vereinsführung zu
Knie zwingen lässt. Über den richtigen verbrüdern. Mit seinem Statement, so
Umgang mit diesem Anschlag wird es empfindet es Watzke, habe der Trainer
REINALDO CODDOU H.

dann zum Eklat mit jenem Mann kommen, ihn neben die Gruppe gestellt. „Auf einmal
der jetzt im Garten Zeitung liest. war ich der seelenlose Technokrat. Ich!“
Lange genoss Hans-Joachim Watzke Dabei habe er doch immer so großen Wert
den Ruf, die sympathische Alternative zu darauf gelegt, eine Art Vaterfigur für seine
Uli Hoeneß zu sein, zumindest im speziel- Trainer Tuchel Spieler zu sein.
len Kosmos der Fußballbosse. Nach diesen „Als wäre ’ne Bierdose an den Bus geflogen“ Auch andere Führungskräfte des Ver-
Wochen aber hat er mehr Gegner denn je. eins fühlten sich von Tuchels Sprüchen ver-
Watzke weiß, dass ihn viele nun für einen Drei Tage zuvor ist der BVB in Monaco letzt. Schon vorher hatte es mehrere
Alleinherrscher halten. Für einen eitlen aus der Champions League ausgeschieden. Vorfälle zwischen dem Trainer und der
Fatzke, dem es nur um sich gehe. Am Vortag präsentierte die Polizei den Vereinsführung gegeben, die Watzke für
Das treffe ihn, sagt Watzke. Vielleicht vermeintlichen Attentäter. Dortmund steht einen möglichen Kündigungsgrund hielt.
sei er ein bisschen zu verwöhnt gewesen. nur auf Rang vier der Tabelle, die direkte Er möchte nicht, dass diese Dinge öffent-
„Ich wollte am liebsten immer 99 bis 100 Qualifikation für die Champions League lich werden, auch wenn sie manchem Fan
Prozent Zustimmung.“ Deshalb, sagt er, ist in Gefahr und mit ihr das Geschäfts- Tuchels Entlassung vielleicht verständ-
der seit Langem Mitglied der CDU ist, sei modell des Vereins. Er habe zum Glück licher machen würden. Es sei um Ehrlich-
er auch nie Berufspolitiker geworden. Da einen sehr niedrigen Blutdruck, sagt Watz- keit und den menschlichen Umgang mit-
müsse man schon mit 40 Prozent Zustim- ke hinter dem Steuer, „dass ich an Herz- einander gegangen. Trotzdem sei er ent-
mung zufrieden sein. infarkt sterbe, ist nicht sehr wahrschein- schlossen gewesen, den Vertrag mit Tuchel
Ein paar Zigaretten später betritt Thomas lich.“ Kurze Pause. „Es sei denn, es kom- zu verlängern, sagt Watzke, das habe er
Tuchel, 43, die Terrasse, Zeit fürs Abschluss- men noch einmal Wochen wie gerade.“ zwei Tage vor dem Anschlag auch im Fern-
training. Tuchel erblickt seinen Boss, den Besonders krass sei die Sitzung des Kri- sehen bekundet. Tuchels Pressekonferenz
einzigen Gast auf der Terrasse, er zögert senstabs gewesen, kurz nach dem An- aber war für ihn eine Zäsur.
kurz, dann läuft er auf Watzkes Tisch zu. schlag: „Maximaler Druck, komprimiert Als sein Wagen auf den VIP-Parkplatz
Ein Händedruck, zweimal falsches Lächeln. in 30 Minuten.“ Während Mannschaft und des Mönchengladbacher Stadions rollt,
„Na, hast du deinen Schlachtplan gemacht?“ Trainer noch neben dem zerstörten Bus erzählt Watzke fröhlich, dass ihm die
Jaja, murmelt Tuchel. „Viel Glück“, ruft standen, musste er mit Vertretern der Sekretärin des Gladbacher Präsidenten
Watzke seinem Trainer noch nach. Dass er Uefa und des Gegners AS Monaco in etwas Gutes tun wollte, er habe einen noch

DER SPIEGEL 23 / 2017 91


Sport

besseren Parkplatz als sonst bekommen. aber sie liegen alle im Umkreis von weni- Gestern abtrotzen. Er hält den Moderni-
Platz 70 statt 119, näher am Eingang. So gen Hundert Metern. Er bleibt dem Ver- sierungskurs der Kanzlerin samt Flücht-
was gefällt ihm. Er kurvt lange über den trauten treu. Mit seiner Frau Annette ist lingspolitik für einen großen Fehler. Als
Parkplatz. „Wo ist denn die verdammte er seit über 30 Jahren verheiratet. Sein Gemütsmensch ist er ohnehin näher bei
70?“ Als er sie gefunden hat, stellt Watzke Sohn André, der in Dortmund BWL stu- seinem Kumpel Gerhard Schröder als bei
fest, dass sie weit schlechter liegt als der diert, begleitet seinen Vater zu fast jedem der leidenschaftsarmen Merkel. In der
alte Parkplatz. Er nimmt dann doch die Spiel, ein ruhiger, höflicher Mann, den der Politik wurde Schröders Stil irgendwann
119. Vater seinen wichtigsten Berater nennt. von der Zeit überholt. Der Profifußball
Watzke öffnet den Kofferraum, um sei- „Es gab nie einen Bruch im Leben“, sagt hat sich bislang dem Zeitgeist widersetzt,
ne BVB-Jacke zu holen. Am rechten Rand Watzke. „Alles ist rundgelaufen.“ auch wenn sich die Dinge nun zu ändern
steht eine Kiste mit Tabletten zum Magen- Gegen halb elf abends biegt sein Wagen scheinen.
aufräumen, Zigarettenschachteln und Grip- auf den Parkplatz eines Dortmunder Mö- Dass der konservative Watzke als Fuß-
postad. Was echte Kerle eben brauchen. belhauses ein. Wie nach fast jedem Spiel ballboss die Aura eines Arbeitervereins
Das Spiel gewinnt Dortmund mit 3:2, wird gleich sein „inner circle“ tagen, zu mit sozialdemokratischen Wurzeln bewah-
der Siegtreffer fällt kurz vor Schluss, was dem ein paar Freunde und Mitarbeiter ren will, ist nur vermeintlich ein Wider-
zu ausgelassenen Tänzen Tuchels mit sei- gehören. Watzke betritt das dunkle Foyer spruch. Selbst in der kalten Welt des mo-
nen Spielern führt. Watzke weiß, dass es des Möbelhauses und läuft links auf den dernen Profifußballs, deren Regeln er per-
mit jedem Sieg komplizierter wird, den Eingang eines Restaurants zu. Ein Restau- fekt beherrscht, hat ein Rest von Nostalgie
Trainer am Saisonende zu entlassen. rant im Möbelhaus? „Ja klar“, sagt Watz- und Melancholie in ihm überwintert. Er
Auf der Rückfahrt kommt er auf seine ke. „Weil da habe ich hinten ja den Raum, hadert oft mit der Entwicklung des moder-
Anfänge als Geschäftsführer zu sprechen, da können wir rauchen.“ Das klingt lo- nen Fußballs, nicht nur wenn er das Modell
den Gründungsmythos der Aki-Watzke- gisch. RB Leipzig kritisiert. Und wenn sich des-
Saga. „Ich war damals ein Niemand“, sagt Man darf nicht schreiben, was an diesem sen Vormarsch ein wenig verlangsamen
er. „Ein Nichts. Mich kannte keine Sau.“ Abend besprochen wird, meist geht es um lässt, ist Watzke mit von der Partie.
In seinem ersten Spiel habe man bei den die großen Fragen des Vereins. Watzke Vier Tage nach dem Gladbach-Spiel ist
Bayern nach 28 Minuten 0:3 hinten gele- sagt, er brauche diese Runde nach den er in München, am Abend geht es im Halb-
gen, am Ende stand es 0:5. Uli Hoeneß Spielen, weil er da „Druck abbauen“ kön- finale des DFB-Pokals gegen die Bayern.
habe damals nicht mal seinen Namen ge- ne und weil die Teilnehmer des Kreises Vor der Abschlussbesprechung läuft Tho-
wusst. Neben Watzke auf der Tribüne saß, keine Skrupel hätten, ihm offen die Mei- mas Tuchel durchs Foyer des Mannschafts-
wie immer zu dieser Zeit, der Vorsitzende nung zu sagen. Was als Chef ja nicht un- hotels. „Thomas“, ruft Watzke. „Aki“, ruft
des Gläubigerausschusses. wichtig sei und was an diesem Abend tat- Tuchel und läuft weiter. „Da können Sie
Watzke stand einem Verein vor, der sächlich der Fall ist. ja jetzt schreiben: Tuchel kommt nicht mal
mehr Schulden hatte, als er Umsatz mach- Auch diese Runde lebt, wie vieles bei vorbei“, sagt Watzke. Man könne Gift
te. Er hatte viele, teils windige Gläubiger Watzke, von festen Ritualen. Die Zahl der drauf nehmen, dass der Jürgen Klopp zum
am Hals, mit denen er Vereinbarungen Tisch gekommen wäre.
treffen und die er bei Laune halten musste.
Wäre einer abgesprungen, hätte er Insol-
In der kalten Welt des Für ihn war Jürgen Klopp, der von 2008
bis 2015 Trainer des BVB war und der den
venz anmelden müssen. Das Szenario modernen Profifußballs Verein zu zwei Meisterschaften, einem
stand fest: Der BVB hätte den Rest der Sai-
son 2004/2005 mit Geldern aus dem Not-
hat die Melancholie in DFB-Pokalsieg und ins Champions-League-
Finale führte, der größte Beleg für das Aki-
hilfe-Fonds der Deutschen Fußball Liga zu ihm überwintert. Watzke-Glück. Oft saßen sie abends bei-
Ende gespielt und wäre dann, sagt Watzke, sammen, schauten Fußball und tranken
in die Kreisliga C abgestiegen. Zigaretten. Der Wein. Das Essen. Watzke ein paar Gläschen. Mit dem Asketen Tu-
„Es war, als wärst du zweimal auf der bestellt fast immer die Dorade mit Gemü- chel konnte er sich bestenfalls auf einen
Wasserrutsche unterwegs gewesen und se, sein Sohn die Dorade mit sehr viel Ge- Quinoa-Salat treffen.
solltest nun den Mount Everest besteigen“, müse. André achtet auch darauf, dass sein Ihm sei schon bewusst, dass es unfair
sagt Watzke. Heute ist der Verein schul- Vater nicht allzu spät aufbricht und nicht wäre, sein persönliches Verhältnis zu
denfrei, bald wird Watzke den nächsten zu viel raucht. Das macht er gewissenhaft, Klopp zum Maßstab für dessen Nachfolger
Rekordumsatz verkünden. „Wir sind Platz aber nicht immer erfolgreich. zu machen, betont Watzke. Einen Trainer
sieben in Europa, und hinter uns fast nur Watzke liebt feste Gewohnheiten, Tra- würde er nie, nie, nie aus persönlicher Be-
Aasgeier mit viel mehr Kohle“, sagt er. ditionen und klare Strukturen. Vielleicht findlichkeit entlassen, das Interesse des
„Dass die Leute vor mir ’ne gewisse Hoch- erklärt dies seine aktuelle Krise am besten. Vereins gehe immer vor. Aber gemütlicher
achtung haben, ist mir nicht mal peinlich.“ Er ist ein Konservativer, der zuletzt in war’s schon mit Klopp.
Momente fröhlicher Begeisterung über immer neue Konflikte mit der Moderne „Dass ich patriarchalische Züge habe,
sich selbst können bei ihm binnen Sekun- geriet. Erst mit dem Ultrakommerz des wird Ihnen ja nicht verborgen geblieben
den in Demut umschlagen. Umgekehrt RB Leipzig. Dann mit dem Terror, dem sein“, sagt Watzke. „Aber es fühlen sich
funktioniert das auch. „Ich habe mein gan- Grundübel der Gegenwart. Schließlich mit halt auch alle wohl bei mir.“ Wie alle guten
zes Leben nur Glück gehabt. Tolle Familie, einem Mann aus der neuen Trainergene- Patriarchen, da ist Watzke Uli Hoeneß
tolles Elternhaus. Ehe, Kinder, alles schön.“ ration, der zwar meist erfolgreichen Fuß- nicht ganz unähnlich, achtet er darauf, dass
Sein Vater Hans war gelernter Maurer, ball spielen ließ, aber auch einen Hang zu es den Menschen um ihn herum gut geht.
die Familie wohnte in einer 34 Quadrat- Experimenten und zur Widerborstigkeit Der Preis für diese Fürsorglichkeit ist Loya-
meter großen Mansardenwohnung in Er- zeigte. Einem Mann, der Pep Guardiola lität. „Sie hat für mich eine dramatische
linghausen, einem Dorf im Hochsauerland, zum Vorbild hatte, den Inbegriff des mo- Wichtigkeit.“
aus dem seine Mutter stammt und in dem dernen Trainers – optisch, habituell, fuß- Auf der Fahrt zur Münchner Arena
er noch heute mit seiner Frau wohnt. Watz- ballerisch. bekommt er die Aufstellung aufs Handy
ke ist in seinem Leben ein paarmal umge- Als Konservativer will Watzke der Ge- geschickt. Er nickt zufrieden. Endlich kei-
zogen. Die Wohnungen wurden größer, genwart so viel wie möglich vom guten ne Experimente. Ein solides 4-4-2-System,
92 DER SPIEGEL 23 / 2017
ODD ANDERSEN / AFP
BVB-Stürmer Pierre-Emerick Aubameyang beim Pokalfinale Ende Mai in Berlin: Endlich keine Experimente

die Missionarsstellung unter den Mann- dem Netz, wo Watzke nach Tuchels Ent- Verein aufopfere, mit dem er sich über alles
schaftsaufstellungen. lassung Spott, Häme und Hass entgegen- identifiziere, und den er vor nicht weniger
In der Arena eilt er die Rolltreppen nach schlägt, auch von BVB-Fans. Er hat selbst bewahrt habe als dem Untergang.
oben, lässt die hypergeschminkten Hostes- in ein paar Fanforen reingelesen. Er kommt jetzt wieder auf die Anfänge
sen rechts und links liegen, steuert schnur- Am häufigsten wird Watzke mit dem zu sprechen, darauf, dass die Jugendarbeit
stracks auf die Raucherlounge zu und lässt Vorwurf der Eitelkeit konfrontiert. Wel- des Vereins damals katastrophal gewesen
sich in einem Ledersessel nieder. „Super cher Mensch in herausgehobener Position sei. „Wir waren organisiert wie ’ne Pom-
hier.“ Er habe, trotz aller Rivalität, großen sei denn, bitte schön, nicht eitel, fragt er mesbude.“ Dass die A- und B-Jugend des
Respekt vor den Bayern. Was da auch poli- am Tisch. Und wenn er angeblich so eitel BVB zuletzt viermal deutscher Meister ge-
tisch aufgebaut worden sei, wie der Verein sei und keine starken Typen neben sich worden sei. „Ich bin ja jetzt in der Situa-
als Marke eines ganzen Bundeslandes dulde, wie er jetzt überall lese, wie sei er tion, mich immer selbst loben zu müssen“,
funktioniere, sei eine große Leistung. Vor denn dann, bitte schön, mit einem Alpha- sagt Watzke. „Fällt mir aber auch nicht
allem von Uli Hoeneß. tier wie Jürgen Klopp klargekommen? schwer.“
Es mag eine Zeit gegeben haben, als „Der hat mich doch ganz klar überstrahlt.“ Da offensichtlich ist, dass in den letzten
Hoeneß eine Art Vorbild für Watzke war. Natürlich, er habe bewusst daran gear- Wochen etwas schiefgelaufen ist, dass viele
Inzwischen wird er selbst von einigen als beitet, sich interessanter und bekannter beschädigt wurden, nicht zuletzt er selbst,
der neue Hoeneß bezeichnet. Es gebe da zu machen, sagt Watzke. Vor einigen Jah- stellt sich abschließend die Frage, was er
gewiss ein paar Parallelen, sagt Watzke. ren engagierte er dafür Thomas Steg, den selbst falsch gemacht hat.
Aber auch vieles, was sie trenne. Und früheren Regierungssprecher von Gerhard Tja, sagt Watzke, er blickt seinen Sohn
zwar? Watzke denkt lange nach. „Ich bin Schröder. Der sollte ihn mit interessanten an. Darüber hätten sie vor ein paar Tagen
nicht so ein Killer“, sagt er schließlich. Leuten zusammenbringen und in Image- lange gesprochen. Aber auch, wenn das
Das Spiel in München endet 3:2 für Dort- fragen beraten. jetzt nicht der allgemeinen Meinung ent-
mund, der BVB steht im Pokalfinale. Es Als Chef einer Aktiengesellschaft, die spreche: „Ich sehe keine gravierenden Feh-
scheint, als würde Tuchel nicht mehr auf- Borussia Dortmund nun mal sei, müsse ler. Ich bin da in etwas reingeraten und
hören zu siegen. man schon aus wirtschaftlichen Gründen wusste irgendwann nicht mehr, wie ich da
Am Mittwochnachmittag, vier Tage nach einen gewissen Namen haben, erklärt rauskomme.“
dem Pokalsieg in Berlin und einen Tag Watzke. Sonst käme manches Geschäft Watzke lehnt sich im Stuhl zurück, er
nach Tuchels Entlassung, sitzt er wieder nicht zustande. „Und das wird mir dann bläst den Rauch in die Luft und schaut ihm
beim Möbelhaus-Italiener. Er, der stets als Eitelkeit ausgelegt.“ lange hinterher. Er ahnt, dass gerade etwas
frisch Rasierte, hat nun einen Zwei-bis-drei- Er schüttelt den Kopf, klagt über die „heu- geschieht mit ihm. Dass die Zeit, als sein
Tage-Bart. In all den Wochen wirkte er nie tigen Zeiten“, in denen Wertschätzung und Leben ohne Bruch auskam, nun vorbei ist.
so verzweifelt und angeschlagen wie jetzt. Dankbarkeit anscheinend keine Kategorien
Sohn André ist bei ihm, die Tochter ruft mehr seien. Wie sonst könne es sein, dass Video: Chronik einer
ihn alle paar Stunden an, aus Sorge um manche Fans jetzt zu einem Trainer hielten, Entfremdung
den Vater. Zwischendurch schickt sie ihm der gerade mal zwei Jahre an Bord war, statt spiegel.de/sp232017watzke
Screenshots mit üblen Beschimpfungen aus zu ihm, der sich seit zwölf Jahren für diesen oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 23 / 2017 93


Sport

Das große Schweigen


Affären Cristiano Ronaldo ist der größte Fußballheld der Welt. Er ist so entrückt, dass selbst
Vorwürfe einer Vergewaltigung und des massiven Steuerbetrugs an ihm abprallen.

U
m einen Fußballer wie Cristiano Wer zur Hölle ist Susan K.? PR-Berater. Sie alle hatten in den vergan-
Ronaldo wird es nie richtig still, die Ronaldo bestreitet, die Amerikanerin genen Monaten gut zu tun.
Welt spricht über seine Tore, seine im Juni 2009 in einer Suite im Palms Place Vorigen Dezember erschien im SPIEGEL
Frisur, seine Steuererklärung. Im Internet Hotel in Las Vegas vergewaltigt zu haben. eine Titelgeschichte, die anhand von Doku-
und in Zeitungen tauchen Bilder auf von Fest steht, dass es zwischen den beiden zu menten der Enthüllungsplattform Football
ihm in Unterwäsche oder wie sich seine einer außergerichtlichen Einigung kam. Er Leaks die Steuertricksereien Ronaldos the-
Freundin im Bikini vor ihm bückt. bezahlte 375 000 Dollar, im Gegenzug ver- matisierte. Inzwischen hat Ronaldos Spre-
Es ist ein Dauerrauschen. Umso irritie- pflichtete sich die Frau dazu, für immer cher eingestanden, dass der Spieler nicht alle
render wirkt es deshalb, wenn ein Thema zu schweigen. Steuern bezahlt habe – er hätte aber nicht
komplett ausgeblendet wird. Nachdem der SPIEGEL über den Fall be- absichtlich betrogen. Zwischen 2011 und 2014
Vor acht Jahren begegnete Ronaldo in richtet hatte, gab die Agentur von Ronal- könnte er 15 Millionen Euro Steuern hinter-
Las Vegas einer Frau, Susan K. Sie behaup- do-Berater Jorge Mendes eine Stellungnah- zogen haben, die Staatsanwaltschaft ermit-
tete später, von ihm vergewaltigt worden me heraus. Sie war voller Unwahrheiten. telt. Sollte es zu einem Prozess kommen,
zu sein. Der SPIEGEL hat im April über Unter anderem hieß es, es gebe keinerlei droht dem Superstar eine Haftstrafe.
die Vorwürfe der Amerikanerin berichtet. Belege, dass Ronaldo mit der Sache etwas Ronaldos Abwehrchef ist seit Jahren der
Der Fall schlug kurz Wellen. Dann schoss zu tun habe. portugiesische Jurist Carlos Osório de Castro,
Ronaldo fünf Tore in den Champions- Das Statement wurde weltweit zitiert. ein kühler Kopf, der nicht so schnell den
League-Viertelfinalspielen gegen den FC Und fast wirkte es, als seien alle erleichtert. Überblick verliert. Er war auch einer der Ers-
Bayern und später noch mal drei im Halb- Sehet! Sie sagen, er war es nicht! ten, die im Juli 2009 von den Vorwürfen Su-
finale gegen Atlético Madrid. Die Ge- Der SPIEGEL veröffentlichte daraufhin san K.s erfuhren – und er reagierte prompt.
schichte der Susan K. war danach ver- einen zweiten Artikel und zeigte Aus- Er kontaktierte erfahrene Anwälte in den
gessen. schnitte der außergerichtlichen Einigung USA, stellte eine juristische Abwehrkette auf.
Ronaldo trat vor die Kameras und Mi- zwischen Susan K. und Ronaldo mit der Ronaldos Truppe agierte mitunter wie
krofone der Reporter und sprach über sei- Unterschrift des Fußballers. Diesmal kam Figuren einer Grisham-Verfilmung. Ein Pri-
ne Ziele mit Real Madrid. Niemand fragte kein Statement von der Ronaldo-Agentur. vatdetektiv wurde auf Susan K. angesetzt.
ihn nach diesem Fall in Las Vegas. Dafür Es war auch nicht notwendig. Denn die Er sammelte Details zu ihrem Lebenslauf,
versendeten seine Fans Posts und Tweets, neuen Fakten drangen nicht mehr durch Informationen zu Strafzetteln fürs Falsch-
in denen das Vergewaltigungsthema wie bis zum Publikum, sie prallten bei den parken. Der Mann observierte das Haus
ein vergiftetes Stilmittel auftauchte. meisten Medienhäusern ab, als gäbe es da von Susan K., er beschattete die Zielperson
„Dabei zuzusehen, wie Ronaldo die eine unsichtbare Wand. Die große spani- manchmal stundenlang.
stärksten Teams in Europa vergewaltigt, sche Zeitung „El País“ aus Madrid berich- Einmal notierte der Detektiv in einem Pro-
ist so Ronaldoesque.“ tet bis heute nicht über die Vergewalti- tokoll, das dem SPIEGEL vorliegt: „Ms K.
„Als Nächstes wird er Juve vergewal- gungsvorwürfe gegen Ronaldo. hat das Haus gestern Abend um kurz vor
tigen.“ Die Publizistin und Frauenrechtlerin 20 Uhr verlassen, fuhr zum MGM-Hotel,
Fußball ist ein Emotionskino, das Shireen Ahmed sagt: „Diese Ruhe ist parkte ihr Auto und traf sich mit einem jun-
manchmal schwer zu begreifen ist. Es wird bizarr.“ Die Aktivistin aus Kanada setzt gen Mann, den sie am Fahrstuhl umarmte.“
schneller verziehen, gehasst und wieder sich seit Jahren kritisch mit dem Fußball- An einem anderen Tag beobachtete er sie in
verziehen als im normalen Leben. Ein Sieg, geschäft auseinander. Die Untätigkeit der einem Restaurant: „Susan K. trank Rotwein.
eine Niederlage, ein Tor kann alles ver- Medien im Fall Ronaldo und Susan K. em- Sie hatte mehr als (3) drei Gläser Wein.“
ändern. pört sie. „Einige Leute denken wohl, gut, Für den Detektiv war der Auftrag lukrativ.
Es gibt auch bedingungslose Verehrung. er hat bezahlt, es ist vorbei. Aber so läuft Zwischen August und November 2009 be-
Diego Maradona ist ein Spinner, aber er das nicht“, sagt Ahmed, „auch wenn die rechnete er Honorare in Höhe von 4881 Dol-
wird von seinen Fans geliebt, weil er ein Causa privat geklärt wurde, heißt das lar, 8079 Dollar, 11 152 Dollar, 10 000 Dollar
Genie am Ball war. Franz Beckenbauer nicht, dass es diesen Vorfall nicht gegeben und im Dezember sogar 23 668 Dollar. Die
hat in seiner Laufbahn viel Unfug erzählt, hat und dass er nicht relevant ist.“ Ergebnisse, die der Mann lieferte, schienen
aber seine Anhänger stehen zu ihm, denn Beim Champions-League-Finale am seine Auftraggeber allerdings nicht zufrie-
er holte für Deutschland als Spieler und Samstag in Cardiff wird sich nicht entschei- denzustellen. Einer der US-Anwälte drängte
als Trainer die Weltmeisterschaft. den, wo Cristiano Ronaldo als Fußballer in einer Mail darauf, einen zweiten Schnüff-
Auch Ronaldo ist für seine Fans vor al- einzustufen ist. Egal ob er gewinnt oder ler einzusetzen, um so die Behauptung des
lem eine Märchenfigur. Ein Junge aus ein- verliert, er gehört längst zu den Größten mutmaßlichen Opfers zu widerlegen, es lei-
fachen Verhältnissen. Mit 17 Jahren debü- dieses Sports. de psychisch unter den Folgen der Tat: „Hof-
tierte er im Profiteam von Sporting Lissa- Aber ist er auch eine große Persönlich- fentlich erleben wir Momente, in denen sie
bon. Mit 18 wechselte er zu Manchester keit? Oder ist er ein Lügner, ein Betrüger? ausgeht und das Nachtleben und die Män-
United. Mit 23 fuhr er einen Ferrari zu Stars wie Ronaldo leben in einer Blase. ner von Las Vegas genießt.“
Schrott. Inzwischen ist Ronaldo 32 Jahre Den Portugiesen umgibt eine Entourage, Susan K. behauptet, Ronaldo habe sie
alt, und alles an ihm scheint riesig zu sein. die sich um seine Geschäfte, sein Wohl- in den Morgenstunden des 13. Juni 2009
Er verdient fast 40 Millionen Euro im Jahr ergehen und den Schmutz, der manchmal anal vergewaltigt. Nach der angeblichen
bei Real und hat 119 Millionen Follower anfällt, kümmert. Zum Team gehören Tat fuhr sie zunächst nach Hause. Dann
bei Facebook. Finanz- und Marketingexperten, Anwälte, rief sie die Polizei an und ließ sich von den
94 DER SPIEGEL 23 / 2017
WALKER / ALL4PRICES
Weltfußballer Ronaldo: „Ich mache die Dinge richtig“

Beamten in ein Krankenhaus bringen. Dort Chancen stünden dann „50/50“ – es drohte Bezahlung der Einigungssumme an das
unterzog sich K. einem „rape kit“, einer also eine jahrelange Haftstrafe. mutmaßliche Opfer wählten Ronaldos An-
speziellen Untersuchung für Opfer sexuel- War die Sache womöglich doch nicht wälte das Konto einer Offshore-Firma auf
ler Gewalt. Dabei wurden bei ihr Verlet- so klar? den British Virgin Islands. Eine Anfrage
zungen im Analbereich festgestellt. Nachdem Real Madrid vor knapp zwei des SPIEGEL dazu blieb unbeantwortet.
Ronaldos Anwälten war es offenbar Wochen die spanische Meisterschaft ge- Ronaldo hat sich bislang nicht zu dem
besonders wichtig, diesen Befund ab- wonnen hatte, gab Cristiano Ronaldo ein Vergewaltigungsvorwurf geäußert. Susan
zuwerten. Dem SPIEGEL liegt ein Schrift- kurzes Interview. Er sprach nicht direkt K. spricht auch nicht über das, was in
satz vor, den die Juristen für einen Media- über den Steuerfall, er sprach nicht über der Suite im Palms Place Hotel vorgefal-
tionstermin im Januar 2010 vorbereitet Susan K. Er sagte, es gebe da draußen Leu- len sein soll. Sie hält sich eisern an die
hatten. In dem Dokument wird ein „medi- te, die hätten „Steine in der Hand“, mit Schweigeabmachung.
cal expert“ zitiert, der angibt, K.s Ver- denen sie nach ihm werfen wollten. Ihre Sicht auf die Nacht hat sie Monate
letzungen könnten durch „verschiedene Ronaldo spricht gern in Andeutungen. nach der angeblichen Tat in einem Brief
Gegenstände“ herbeigeführt worden sein. Er ist eine Drama-Queen. „Über mich wird an Ronaldo niedergeschrieben. Die Schil-
Es folgen die Ausführungen eines pensio- geredet, als wäre ich ein Verbrecher“, sagt derungen K.s sind drastisch, sie war tief
nierten Ermittlers, der erklärt, K. habe aus- er. Am Ende müssten alle Kritiker schwei- verletzt, ihre Wut unermesslich.
reichend Zeit gehabt, sich die Verletzun- gen. „Ich mache die Dinge richtig.“ In der außergerichtlichen Einigung
gen bis zum Eintreffen der Polizei selbst Es ist schwer zu sagen, ob der Fall Susan zwischen Susan K. und Ronaldo wurde
zuzufügen. K. überhaupt an ihn herankommt. Sein festgelegt, dass sein Anwalt Carlos Osório
In dem Papier steht auch eine Summe, Verein, seine Sponsoren ignorieren die Af- de Castro seinem Klienten dieses Schrei-
die die Anwälte Susan K. offenbar anbie- färe. Weder Nike, der Ernährungskonzern ben vorlesen müsse. Ob es dazu kam, ist
ten wollten: 40 000 Dollar. „Ein sehr groß- Herbalife noch der Uhrenhersteller TAG allerdings unklar. Als der Jurist Ende
zügiges Angebot“, fanden die Juristen. Am Heuer antworteten auf eine SPIEGEL-An- September 2010 von einem der US-Anwäl-
Ende zahlten sie fast das Zehnfache. frage. Die Medien in Spanien und Portugal te an die Vereinbarung erinnert wurde,
Warum hat Ronaldo die Amerikanerin thematisieren lieber das Balltalent von schrieb Osório de Castro zurück, ja, er
nicht verklagt, wenn er sich nichts vorzu- Ronaldos Sohn oder die neueste Gardero- habe Ronaldo den Brief vorgetragen.
werfen hatte? Warum kam es zu einer be seiner Freundin. Alle machen einfach Wenn das stimmt, war das für Ronaldo
außergerichtlichen Einigung? Warum zahl- weiter, als wäre nichts geschehen. kein einfacher Termin. Vielleicht weiß er
te er ein Schweigegeld? Aus dem Umfeld des Weltfußballers ist aber bis heute nicht, was in dem Brief steht.
In den Dokumenten, die dem SPIEGEL zu hören, problematischer als der Verge- Als Osório de Castro den US-Anwälten be-
vorliegen – sie stammen aus einem Foot- waltigungsvorwurf könnte für ihn werden, stätigte, dass er das Schreiben vorgelesen
ball-Leaks-Datenpaket –, findet sich eine wie der Vorgang Susan K. finanziell abge- habe, sendete er diese Mail in Kopie an ei-
Mail, in der einer der Ronaldo-Anwälte wickelt wurde. Die Anwaltskosten damals nen Anwaltskollegen in Portugal. Der
die Einschätzung eines Strafrechtsexperten beliefen sich auf einen hohen sechsstelli- schickte Osório de Castro eine Mail zurück.
aus Las Vegas wiedergibt. Der Experte ma- gen Betrag. Die Rechnungen dafür gingen Darin steht nur ein Wort: „Pinocchio.“
che sich „große Sorgen“, sollte der Vor- an die irische Firma MIM, die die Werbe- Rafael Buschmann, Christoph Henrichs,
gang doch vor Gericht kommen. Ronaldos einnahmen Ronaldos verwaltet. Für die Gerhard Pfeil, Antje Windmann, Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 23 / 2017 95


Höllenfeuer auf YouTube spiegel.de/
gammelt, wird es in den nächsten
zwei Jahren komplett digitalisiert.
210 oberirdische Atomwaffentests den mit Hochgeschwindigkeits- sp232017atombombe Insgesamt 63 der einst streng
oder in der App
führten die USA bis 1962 durch. kameras auf 10 000 Filmen DER SPIEGEL geheimen Aufnahmen sind be-
Die ungeheuren Explosionen wur- festgehalten. Weil das Archiv ver- reits auf dem YouTube-Kanal der

Altertum und Obelisken keine richtigen bestattet. Die Halswirbel der Krause: Die demografische
„Kaufleute gingen auf Afrikaner waren. Warum? Toten wurden angebohrt, um Wirkung dieser sogenannten
Krause: Sie lebten zwar in Afri- Knochenpulver für die DNA- schwarzen Pharaonen war
Menschenjagd“ ka, aber unsere Untersuchung Tests zu gewinnen. Die Balsa- gleich null. Georg I. aus dem
Der Direktor am zeigt, dass die antiken Ägypter mierten stammen etwa aus der Haus Hannover, der zum
SVEN DOERING / AG. FOCUS

Max-Planck-Institut sehr stark den Menschen im Zeit von 1300 vor Christus bis britischen König aufstieg, löste
für Menschheitsge- Nahen Osten ähnelten. Auch 450 nach Christus, als das ja auch keine deutsche Mas-
schichte in Jena, Jo- zu den Ackerbauern Europas Römische Imperium unterging. senwanderung nach England
hannes Krause, 36, bestand eine enge Verwandt- Obwohl das Pharaonenreich aus. Und die Wüste wirkte wie
hat anhand eines schaft. Einen genetischen Aus- damals von Griechen, Römern eine Barriere, der Pyramiden-
Mumien-Scree- tausch mit den Gebieten süd- und anderen Fremdherrschern staat war abgeschottet.
nings die geneti- lich der Sahara gab es dagegen überrannt wurde, veränderte SPIEGEL: Und warum ist das
schen Wurzeln der alten Ägypter kaum. sich das Erbgut der Bauern aus Erbgut der heutigen Ägypter
untersucht – mit erstaunlichem SPIEGEL: Woher wissen Sie das? Abu Sir nicht. so stark vom schwarzen Konti-
Resultat. Krause: Wir haben 151 Mumien SPIEGEL: Aber um 700 vor nent geprägt?
aus Abu Sir al-Malak in Mittel- Christus saßen doch sogar Krause: Das liegt vermutlich
SPIEGEL: Sie behaupten, dass ägypten untersucht, auf dem dunkelhäutige Nubier auf dem am Sklavenhandel. Jeder fünf-
die Erbauer der Pyramiden Friedhof sind Zehntausende Thron am Nil. te moderne Bürger dort trägt

96 DER SPIEGEL 23 / 2017 Mail: wissenschaft@spiegel.de · Twitter: @SPIEGEL_Wissen · Facebook: facebook.com/spiegelwissen


Wissenschaft+Technik
Einwurf

Lob des Nickerchens


Wächst sich der Schlafmangel zu einer gefährlichen Volksseuche aus?
Der Schlaf ist der Bruder des Todes – und zwischen sechs und elf Monaten spielt bereits
wohl deshalb bei den Leistungsträgern des mit Tablet oder Smartphone herum. Jede
globalisierten Spätkapitalismus so unbeliebt. Stunde am Display erhöht aber ihre Grund-
Ständig tanzen sie durch zwölf Zeitzonen, spannung und lässt die Kleinkinder nachts
ein Leben im Dauer-Jetlag. Es gilt: Wer zuerst 15 Minuten weniger schlummern. Auch der
wegdöst, hat verloren. Die Bloggerin Pure Klimawandel spielt dem Phänomen in die
Doxyk empfiehlt deshalb einen „polyphasi- Hände: Bei Hitze wühlt man länger im Kis-
schen Schlafrhythmus“. Sechs auf den Tag sen. Wenn es mit dem Klimawandel so weiter-
verteilte 20-Minuten-Nickerchen würden rei- geht bis 2050, werden die US-Amerikaner
chen, um fit zu bleiben. Was für eine Folter. 230 Millionen Marternächte mehr im Jahr
In Wahrheit macht Schlafmangel nicht nur erleiden. Das haben Forscher aus Harvard
dick, sondern auch doof – Studien zufolge errechnet. Zwar heißt es von Leonardo da
verringert er die Lernfähigkeit. Er stört den Vinci, dass er täglich nur anderthalb Stunden
Stuhlgang und steigert das Risiko von Herz- duselte. Dschingis Khan schlief sogar im
Kreislauf-Erkrankungen. Nur merkwürdig: Sattel. Und Kanzlerin Angela Merkel hat mal
Obwohl alle vom Chillen reden, geht keiner 35 Stunden am Stück verhandelt, ohne zu
mehr zeitig zu Bett. Bloß 6 Stunden 49 Minu- ermüden. Doch der Normalmensch braucht
ten und 48 Sekunden schläft der arbeitende weder Wecker noch Internet und keinen Mail-
Bundesbürger laut einer neuen Analyse des ordner, der ständig bimmelt, sondern RUU-
Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. HEE!!! Man denke nur an Napoleon. Der
Selbst Säuglinge sind immer länger wach. gönnte sich nachts kaum vier Stunden Schlaf.
Die Hälfte aller britischen Babys im Alter Und wo endete er? In Waterloo. Matthias Schulz

Medizin trickreich auf den Markt Unterlagen einreicht und kli-


Todesstrafe für gebracht. Nachprüfungen der nische Studien manipuliert,
staatlichen Behörde für Arz- kommt für drei Jahre ins Ge-
Quacksalber
GETTY IMAGES

neimittel CFDA ergaben, fängnis. Schadet das Medika-


China will Betrügereien bei dass es bei 80 Prozent aller ment der Gesundheit, anstatt
der Zulassung neuer Medika- angebotenen Medikamente zu heilen, erhöht sich die
mente in Zukunft hart bestra- im Land Unregelmäßigkeiten Haftzeit auf zehn Jahre. In
US-Bombenschmiede Lawrence fen. Bislang gilt das Reich der bei der Zulassung gab. Oft besonders schlimmen Fällen,
Livermore National Laboratory zu Mitte als Tummelplatz zwie- machten die Hersteller fal- etwa wenn Kinder durch
sehen – auch unsere Visual Story lichtiger Pillendreher. Heil- sche Angaben zu Wirksam- schlechte Impfstoffe sterben,
„Big Bang“ im digitalen SPIEGEL mittel, die bei Tests in den keit und Verträglichkeit. sollen sogar Todesurteile
(und via QR-Code) erzählt davon. USA oder in Europa durchge- Nun droht den Quacksalbern gefällt werden, fordert der
fallen sind, werden in China Ungemach: Wer gefälschte Oberste Volksgerichtshof. slz

mitochondriale DNA in sich,


die typisch für das südliche
Afrika ist. Unsere Studie
zeigt, dass die Vermischung
sprunghaft um 700 nach
Christus einsetzte. Damals
begannen die arabischen
Kaufleute der frühen islami-
schen Reiche mit der Men-
BAO KANGXUAN / IMAGINECHINA / LAIF

schenjagd bis tief in die Tro-


pen. Etwa sechs bis sieben
Millionen Sklaven wurden
durch das große Sandmeer
nach Norden transportiert.
Der Handel endete erst im 20.
Jahrhundert. Das hat die Be-
völkerung am Nil völlig neu
gemischt. slz Apotheke in Dongyang, China

DER SPIEGEL 23 / 2017 97


Wissenschaft

„Die Liebe ist uns eigen“


SPIEGEL-Gespräch Der amerikanische Ornithologe Richard Prum hat den Sex der Vögel bis
ins Detail studiert, nun erklärt er, wie die Schönheit in die Welt kam – und wie
die Evolution auch den wilden Menschenmann in ein friedliches Wesen verwandelt hat.
Prum, 55, ist Kurator des Naturkundemuse- Federkleid und Balzritual der Männchen SPIEGEL: Wozu der Aufwand? Wäre es nicht
ums an der Yale-Universität in Connecticut. hat sich bei den Weibchen eine Vorliebe einfacher, den Aggressor zu erdulden?
Jahrzehntelang hat er das Balzverhalten von für ebendiese Merkmale entwickelt. Wir Prum: Um das zu verstehen, muss man sich
Vögeln erforscht. Unerschöpflich scheint ihm sprechen von Koevolution. das Wirken der evolutionären Kräfte ver-
die Vielfalt der Methoden, mit denen Männ- SPIEGEL: Klingt nicht sehr konfliktreich. gegenwärtigen: Wenn das Weibchen den
chen um das Wohlgefallen ihrer Partnerinnen Prum: Die Paare bleiben ja auch einträchtig Partner bekommt, den es mag, dann wer-
werben (siehe Seite 100). In seinem neuen – zusammen, bis die Eier gelegt sind und die den ihre Nachkommen den grünen Hals
bislang nur auf Englisch erschienenen – Buch Weibchen zu brüten beginnen. Der offene und das schöne Quak-Quak-Quak erben,
untersucht der Ornithologe, wie es in der Evo- Konflikt bricht erst danach aus. Denn nun jene Merkmale also, die ihr an dem Part-
lution zu dieser unglaublichen Opulenz kom- verfolgen die Erpel eine alternative Paa- ner so gut gefallen haben. Und weil andere
men konnte*. rungsstrategie: Sie versuchen, Kopulatio- Weibchen diese Vorlieben teilen, werden
nen mit Gewalt zu erzwingen. Und dabei ihre Söhne viel Erfolg haben und ihr ent-
SPIEGEL: Professor Prum, unter all den kommt ihnen nun das inzwischen heran- sprechend viele Enkel bescheren. Wenn
Wundern der Natur hat ausgerechnet der gewachsene Genital zugute. Es handelt sie hingegen gewaltsam befruchtet wird,
Sex der Enten Ihre Forschung inspiriert. sich um ein höchst bizarres Gebilde. Der dann wird ein zufälliges Männchen der Va-
Wieso? ter ihrer Kinder. Diese werden also nicht
Prum: Seit je fasziniert mich das sexuelle unbedingt die Eigenschaften erben, die ihr
Leben der Vögel. Aber wohl bei keinem und den anderen Weibchen so gefallen.
anderen Tier tritt der sexuelle Konflikt, Und das heißt: weniger Enkel. Deshalb be-
den das weibliche und das männliche Ge- günstigt die Evolution jede Mutation, die
schlecht miteinander austragen, so offen dazu beiträgt, dass die freie Partnerwahl
zutage wie bei den Enten. der Ente bewahrt wird – zum Beispiel in-
SPIEGEL: Und deshalb haben Sie sich dem dem sie ihre Vagina zur Festung gegen er-
Studium ihrer Genitalien zugewandt? zwungenen Sex macht.
Prum: Nein, angefangen hat es viel banaler. SPIEGEL: Die Natur schützt die Rechte des
Eine Mitarbeiterin suchte ein neues For- weiblichen Geschlechts?
schungsthema und wollte sich mit Geni- Prum: So kann man es sehen. Sexuelle
BRYAN PFEIFFER / WINGS PHOTOGRAPHY

talien beschäftigen. Ich dachte: Warum Autonomie ist jedenfalls wichtig, auch für
nicht? Mit diesem Ende des Vogels habe Tiere. Es handelt sich nicht um eine Idee,
ich mich noch nie befasst. Dass daraus die von Feministinnen erfunden wurde,
sechs, sieben Jahre intensive Forschung sondern um ein natürlich evolviertes Merk-
über Entensex hervorgehen würden, habe mal sozialer Spezies.
ich nicht geahnt. SPIEGEL: Die Natur hat es also so eingerich-
SPIEGEL: Was hat Sie am meisten über- tet, dass es ein auf Autonomie und ein auf
rascht? Gewalt ausgerichtetes Geschlecht gibt? Ein
Prum: Oh, vieles! Es fing schon damit an, Männlicher Entenvogel (postkoital) gutes und ein böses?
dass in der Literatur riesige Entenpenisse „Ihr Penis ist ein bizarres Gebilde“ Prum: Sie haben recht, heute betrachten
beschrieben wurden. Dann guckten wir wir die Verletzung der Autonomie als eine
selbst nach und fanden – fast nichts. Was Entenpenis ist gegen den Uhrzeigersinn Art von Machtmissbrauch. Aber natürlich
war da los? So entdeckten wir, dass die gewunden, und seine Erektion vollzieht heißt das nicht, dass es unter Enten ethi-
Genitalien von Enten jedes Jahr neu wach- sich in weniger als einer halben Sekunde. sche Maßstäbe gäbe wie unter uns Men-
sen. Ein Penis, der im Frühsommer 10 oder Erektion, Penetration und Ejakulation sind schen. Das weibliche Geschlecht ist nicht
15 Zentimeter lang ist, schrumpft im Win- bei Enten ein und derselbe Vorgang, und an sich moralischer als das männliche, son-
ter auf weniger als einen Zentimeter zu- dieser geschieht sehr, sehr schnell. dern es liegt im Wesen der weiblichen Re-
sammen. SPIEGEL: Was bedeutet all das für die Weib- produktion, dass sich ihre Ziele nicht durch
SPIEGEL: Hängt das mit dem sexuellen Kon- chen? Ausübung von sexueller Gewalt erreichen
flikt zusammen, von dem Sie sprechen? Prum: Genau das ist das Interessante: Bei lassen.
Prum: In der Tat. Dazu muss man zunächst den Weibchen hat sich parallel zur Ent- SPIEGEL: Es scheint, als hätten Vögel erfolg-
wissen, dass die Zeit der Partnerwahl der wicklung des Entenpenis eine Vagina he- reicher als andere Tiere ihre sexuelle Au-
Herbst oder der Winter ist. Die Männchen rausgebildet, die darauf ausgerichtet ist, tonomie durchgesetzt – jedenfalls ist bei
balzen, die Weibchen treffen danach ihre den erzwungenen Verkehr zu verhindern. ihnen das Prinzip der Damenwahl beson-
Wahl. Denn parallel zur Entwicklung von Es finden sich dort Sackgassen und Spira- ders weit verbreitet. Warum?
len, die im Uhrzeigersinn, also entgegen Prum: Ganz einfach: Weil, anders als bei
* Richard O. Prum: „The Evolution Of Beauty: How der Drehrichtung des Penis, gewunden den Enten, 97 Prozent aller Vögel den Ge-
Darwin’s Forgotten Theory of Mate Choice Shapes
the Animal World – and Us“. Doubleday; 448 Seiten. sind – regelrechte Anti-Schraub-Vorrich- schlechtsverkehr nicht erzwingen können.
Das Gespräch führte der Redakteur Johann Grolle. tungen. Sie haben nämlich keinen Penis. Bei der
98 DER SPIEGEL 23 / 2017
Vogelforscher Prum
„Eros als Ursprung von Kunst und Schönheit“

Kopulation drücken die Partner ihre Ge-


nitalöffnungen, die sogenannten Kloaken,
aufeinander. Damit es zur Befruchtung
kommt, muss das Weibchen die Spermien
aktiv aufnehmen, sodass es die volle Kon-
trolle über die Begattung behält. Das halte
ich im Übrigen auch für den Grund dafür,
dass Vögel so schön sind: Weil die Weib-
chen die Freiheit der Wahl haben, entwi-
ckelten sie ästhetische Vorlieben, und als
Reaktion auf diese Vorlieben bildeten die
Männchen ihre überbordende Vielfalt von
Ornamenten aus.
SPIEGEL: Das heißt, wo immer Weibchen
ihre Partner wählen, bringt die Natur
Schönheit hervor?
Prum: Es kommt auf die Wahlfreiheit an,
nicht darauf, dass es die Weibchen sind,
die wählen. Es gibt auch Fälle männlicher
oder wechselseitiger Partnerwahl. Nehmen
Sie die Papageitaucher: Die werben mit
ausgeklügelten Ritualen und bunten Schnä-
beln umeinander, aber weil sie sich dabei
wechselseitig wählen, sehen beide Ge-
schlechter gleich aus, und auch ihr ästheti-
sches Empfinden ist dasselbe.
SPIEGEL: Geht auch unser Sinn für das Schö-
ne auf die Partnerwahl zurück?
Prum: Davon bin ich überzeugt. Schon So-
krates interessierte sich für Eros als Ur-
sprung von Kunst und Schönheit. Wobei
es wichtig ist zu begreifen, dass sich der
Sinn fürs Ästhetische im Zuge der Mensch-
werdung neu entwickelte. Bei unseren
nächsten Verwandten, den Menschenaffen,
gibt es kaum Indizien dafür, dass sie ihre
Sexpartner auswählen. Ein männlicher
Schimpanse wird jede sexuelle Gelegen-
heit nutzen, die sich ihm bietet, und ein
Weibchen wird sich jedem sexuellen An-
sinnen fügen.
SPIEGEL: Und wann kam das Schöne in un-
sere menschliche Welt?
Prum: Diese Frage ist sehr schwer zu be-
antworten. Aber schon sie zu stellen, ist
ein großer Fortschritt. Bisher kommt die
Frage aktiver Partnerwahl in der Literatur
über die menschliche Evolution praktisch
nicht vor.
SPIEGEL: Waren es denn eher die Männer
oder die Frauen, die wählerisch wurden?
Prum: Anfangs waren es sicherlich die
Frauen. Die Männer hatten zunächst kei-
nen Grund dazu. Ein aktives Interesse an
der Partnerwahl entwickelte sich unter
ihnen erst, als sie begannen, sich aktiv um
den Nachwuchs zu kümmern. Und das
kam viel, viel später.
SPIEGEL: Was waren denn die Kriterien, nach
denen Frauen ihre Partner aussuchten?
BEN SKLAR / DER SPIEGEL

Prum: Sicher wissen wir das nicht. Aber


ich nehme an, dass das wichtigste Orna-
ment des Mannes, das für die Frauen den
Ausschlag gab, seine Persönlichkeit war.
DER SPIEGEL 23 / 2017 99
Wissenschaft

SPIEGEL: Das heißt, es ging schlicht um die begünstigte es als ein sexuelles Symbol, gischen Analyse unserer Reproduktion
Frage: Mag ich ihn? das den Grad der männlichen Entwaffnung fehlt, ist das Ästhetische. Und klar ist:
Prum: Sie sagen es. Und das führt uns zu zur Schau stellt. Wenn die Liebe irgendetwas ist, dann eine
vielen Persönlichkeitsmerkmalen, die wir SPIEGEL: Hat sich auch unsere Fähigkeit, zutiefst emotionale und zutiefst ästhe-
normalerweise gar nicht als sexuelle Or- sich zu verlieben, erst im Zuge der Mensch- tische Empfindung.
namente betrachten: Humor, Empathie, werdung entwickelt? SPIEGEL: Aber handelt es sich beim ästhe-
Einfühlungsvermögen … Prum: Ja, die Liebe, die wir für einen Part- tischen Empfinden der Vögel und dem-
SPIEGEL: … also die inneren Werte? ner empfinden, ist eine Eigenheit des Men- jenigen der Menschen wirklich um das
Prum: Lassen Sie mich auch, was das Äu- schen. Ich glaube nicht, dass sie unter Af- gleiche Phänomen? Schließlich spricht
ßerliche betrifft, eine Hypothese aufstellen: fen existiert. der Schönheitssinn eines Pfauenweibchens
Ich glaube, dass eines der Merkmale, die SPIEGEL: Einige Vögel schließen durchaus ausschließlich auf die Reize des Pfauen-
sich durch weibliche Partnerwahl gewan- einen sehr innigen Bund fürs Leben – kann rads an, während wir auch Blumen,
delt haben, die männlichen Eckzähne sind. man da von Liebe sprechen? Landschaften oder Kunst schön finden
Einer der ins Auge springenden Unter- Prum: Ich scheue mich nicht zu spekulieren, können.
schiede zwischen uns und unseren äffi- dass die langfristigen Bindungen von Prum: Gewiss, der Reichtum unserer ästhe-
schen Verwandten ist doch die Tatsache, Vögeln unserer Liebe durchaus ähneln. tischen Erfahrungen ist ohne Vergleich.
dass männliche Primaten tödliche Waffen Das ist ja gerade das Problem bei allen Aber auch Vögel können ein erstaunlich
in ihrem Gesicht tragen, die bei uns Men- Versuchen, die Liebe biologisch zu be- vielfältiges Interesse an Schönem ent-
schen verschwunden sind. Die Frage ist schreiben: Wenn Sie in ein Lehrbuch der wickeln. Nehmen Sie die Laubenvögel, die
nun, unter welchen Umständen Männer Evolutionsbiologie gucken, werden Sie eine Art Verführungsarena einrichten, die
bereit sind, auf ihre Waffen zu verzichten. Paarbindungen mit Begriffen der Spiel- dazu dient, den Weibchen ausgewählte
Glauben Sie mir, wir in den USA wissen, theorie abgehandelt finden: Wer kriegt Objekte zu präsentieren. Ich zeige Ihnen
wie schwierig das ist. Evolutionär betrach- die meisten Ressourcen? Wer betrügt mal was … (zieht ein Foto aus einem Sta-
tet gibt es jedoch eine einfache Antwort wen? Mit welcher Strategie kann man am pel auf seinem Schreibtisch). Hier können
auf diese Frage: wenn Waffen zu tragen meisten für sich herausschlagen? Wer das Sie sich eine solche Schau mal angucken –
unsexy wird. ernst nimmt, der müsste, statt sich zu ver- sehen Sie, was er alles ausgebreitet hat?
SPIEGEL: Die Frauen standen also auf kleine lieben, schleunigst zum Anwalt gehen und Das hier sind rote Blüten, und dies ist
Eckzähne? einen Ehevertrag aushandeln. Aber so ein Haufen schwarzer Holzkohle. Blau-
Prum: Genau. Ich glaube, dass so auch das funktioniert menschliche Paarung nicht. beeren hat er hier, schwarz schimmernde
Lächeln in die Welt kam: Die Evolution Was in der üblichen evolutionsbiolo- Käfer dort arrangiert. Das Grüne, das ist

Augen lugen dann zwischen den 1


Schwingen hervor, neugierig darauf,

Fest der Triebe wie die Darbietung ankommt.

Insgesamt 54 Arten von Schnurrvögeln

NATIONAL GEOGRAPHIC / GETTY IMAGES


Verhalten Federschau, Flügel- oder Pipras sind bekannt, deren jede ihr
eigenes Balzritual entwickelt hat. Die
song, Mannschaftstanz – Männchen der Keulenschwingenpipras
die verrückten Verführungs- etwa versuchen, ihre Partnerinnen akus-
künste der Vögel tisch zu bezirzen: Sie singen, und zwar
SENCKENBERG

mit ihren Flügeln. Um dem Federkleid


Töne zu entlocken, waren anatomische
Wenn es ums Gefieder geht, kann sich Veränderungen nötig: Einige Flugfedern
kaum ein Vogel mit dem männlichen sind bei diesen Vögeln eigenartig defor-
Argusfasan messen. Seine Pracht setzt miert. Der Schaft ist verbreitert, die Spit-
er nur in Szene, wenn ein Weibchen ze zu einer Art Knauf verdreht. Eine Es handelt sich um eine Art Formations-
seinen Balzplatz besucht. Aufgeregt Hochgeschwindigkeitskamera verriet hüpfen, das eine Handvoll Männchen auf
pickend stolziert der Hahn vor der Um- dem Team um den Ornithologen Ri- einem Ast präsentiert. Mitunter wird die
worbenen umher. Ganz plötzlich beugt chard Prum, wie diese umfunktionierten Choreografie jahrelang einstudiert, vor
er sich nieder und stülpt seine Flügel- Federn Klänge erzeugen: Mit rasend allem gilt es, die Sprünge mit dem Ge-
federn empor. Es ist ein einzigartiges schnellen Muskelbewegungen reiben die sang abzustimmen. Nur wer beim Vor-
Spektakel: Goldgelb leuchtend wölbt Pipras die Federn aneinander, sodass, tanz perfekte Koordination beweist, wird
sich ein etwa 1,20 Meter hoher Feder- ähnlich wie bei Grillen, helle Zirpgeräu- am Ende mit Sex belohnt. Allerdings
schirm vor dem weiblichen Vogel. sche entstehen. Zwar beeinträchtigt der kommt nur das Alphamännchen zum
Sichtbar wird darauf ein raffiniert ver- Umbau zum Musikinstrument die Flug- Zuge. Den anderen bleibt nur die Hoff-
schlungenes Streifenmuster, aus dem tauglichkeit der Flügel. Dem Erfolg beim nung, irgendwann selbst in diesen Rang
ganze Ketten goldener Kreise blitzen. weiblichen Geschlecht tut das jedoch kei- aufzusteigen, um ein eigenes Tanzteam
Dem Weibchen müssen diese dank nen Abbruch: Die Weibchen finden die gründen zu können. Bei den Blaubrustpi-
täuschend echter Schatten dreidimen- Flügelgesänge offenbar unwiderstehlich. pras, meint Ornithologe Richard Prum,
sional wie Kugeln erscheinen. Den hätten die Weibchen den vollkommenen
Kopf übrigens steckt das Männchen Die Männchen der Blaubrustpipras bal- Sieg im Geschlechterkampf davongetra-
während der Präsentation manchmal zen auf ganz andere Weise: Sie führen gen. Denn sie hätten bei der Partnerwahl
unter den Flügel. Nur die schwarzen vor den Weibchen Mannschaftstänze auf. Kriterien gefunden, die den männlichen

100 DER SPIEGEL 23 / 2017


verrottendes Holz mit einem schwam- Prum: Ich bin überzeugt davon, dass die in eine längere Kindheit – egal ob es um
migen Pilz darauf. Und Sie wollen mir Entwicklung ästhetischen Empfindens eine Sprache, Kultur oder Technik geht. Nichts
sagen, dass sein ästhetisches Empfinden entscheidende Voraussetzung für unsere von alledem wäre möglich, wenn ein gro-
begrenzt sei? Entwicklung war. Nur dank sexueller Se- ßer Teil der Babys männlicher Gewalt zum
SPIEGEL: Aber das ist eine Ausnahme … lektion durch weibliche Partnerwahl wur- Opfer fiele.
Prum: … Moment, ich gebe Ihnen ein wei- den die Männer von aggressiven, hochge- SPIEGEL: Und wie haben die Weibchen die-
teres Beispiel. Viele Vögel lernen ihre Ge- rüsteten Kontrollfreaks in sozial verträg- ses Problem gelöst?
sänge, und einige sogar diejenigen anderer lichere Wesen verwandelt. Vergessen Sie Prum: Ganz ähnlich wie ich es vorhin für
Vögel. In Südamerika gibt es die Lawrence- nicht, der durchschnittliche männliche Pri- die Vagina der Enten beschrieben habe:
Drossel, bei der die Männchen die Stim- mat ist ein kindermordender Psychopath! Unter allen Vorlieben, die Weibchen zu-
men von mehr als 170 Vogelarten im Re- Wenn zum Beispiel ein Pavianmännchen fällig entwickelten, wurden von der Evo-
pertoire haben. Und diese Vögel imitieren die Kontrolle über eine Gruppe von Weib- lution jene begünstigt, die ihre sexuelle
nicht den Klang von Bächen, sie imitieren chen gewinnt, bringt er als Allererstes alle Autonomie vergrößerten und die sexuelle
keine Windgeräusche. Nein, sie imitieren noch säugenden Babys um. Das eröffnet Kontrolle der Männchen verringerte. Auf
andere Vögel, weil deren Gesänge einen ihm neue sexuelle Gelegenheiten, wäh- diese Weise sorgte die Evolution dafür,
ästhetischen Wert für sie haben. Oder der rend er andernfalls viel Zeit verschwenden dass die Waffen der Männer Stück für
Fall eines Sumpfrohrsängers: Ein Forscher würde, in der die Weibchen Nachwuchs Stück gestutzt und ihr Dominanzverhalten
in Schweden stellte fest, dass er das Lied hochpäppeln, der nicht der seine ist. abgeschwächt wurde.
eines in Uganda verbreiteten Vogels flöte- SPIEGEL: Und diese Mordlust haben die SPIEGEL: Und damit stand der Weltherr-
te. Er hat also einen ästhetischen Reiz aus Weibchen den Männchen durch Partner- schaft des Homo sapiens nichts mehr im
einem anderen Kontinent in die akustische wahl ausgetrieben? Wege?
Umgebung Europas eingeführt. Könnte ein Prum: Ja. Der Infantizid war die vielleicht Prum: Jedenfalls bin ich überzeugt: Das
Mensch ästhetisch Faszinierenderes tun? größte Herausforderung der menschlichen Ende des Infantizids ist einer der entschei-
Und wer sagt uns, dass dieses Lied in dem Evolution. Bei Gorillas und Schimpansen denden Gründe dafür, dass der Mensch
Weibchen, das es hört, nicht nostalgische ist er die bedeutsamste Ursache von Kin- heute die dominierende Spezies der Erde
Erinnerungen an sein Winterquartier in dersterblichkeit, unter den Jungtieren ge- ist, während Gorillas und Schimpansen in
Uganda weckt? hen rund 30 Prozent aller Todesfälle auf den Urwäldern Afrikas vom Aussterben
SPIEGEL: Wie wichtig war der sich entwi- männlichen Infantizid zurück. Anderer- bedroht sind.
ckelnde Schönheitssinn im Verlauf der seits erfordert alles, was zum Wesen des SPIEGEL: Professor Prum, wir danken Ihnen
Menschwerdung? Menschen gehört, eine größere Investition für dieses Gespräch.

2 3 4 5

1 Argusfasan
2 Keulenschwingenpipra
AKG-IMAGES / SCIENCE PHOTO LIBRAY

3 Blaubrustpipras
M. BREITER / PICTURE ALLIANCE

4 Anchiornis-Rekonstruktion
5 Graulaubenvogel

Aggressionstrieb zügeln. Sie erwählten weiß-schwarz gebänderte Konturfedern konstruieren die Männchen Hütten oder
nur jene, die sich als Meister im Schmie- an den Beinen, einen rotbraunen Iro- Alleen, in die sie die Weibchen zur Paa-
den von Freundschaften erwiesen hätten. kesenschopf auf dem Kopf. Schon vor rung locken. Vor ihrer Laube räumen sie
Kurzum: Den Weibchen der Blaubrust- 160 Millionen Jahren dienten Federn einen Balzplatz frei, auf dem sie Schätze
pipras sei es gelungen, sich Männchen zu demnach der Prachtentfaltung. Möglicher- zur Schau stellen. Bei der Auswahl ist
züchten, die friedfertig sind. weise, meint Prum, war das sogar ihre ur- meist die Farbe entscheidend: Einige
sprüngliche Funktion: Die Oberfläche der Arten tragen blaue Blüten und Federn,
„Es war, als schriebe ich einen Naturfüh- Federn habe gleichsam als Leinwand ge- aber auch blaue Plastikdeckel und Bon-
rer für ‚Jurassic Park‘“, sagt Prum, wenn dient, auf der bunte Muster besonders bonpapiere zusammen, andere bevor-
er an die Zeit zurückdenkt, als er elek- brillant zur Geltung kamen. Erst später zugen weiße oder gelbe Objekte. Eine
tronenmikroskopische Aufnahmen von seien die Federn von der Evolution zum besonders exzentrische Vorliebe begeg-
fossilen Dinosaurierfedern studierte. Er Zwecke des Fliegens umgewidmet wor- nete Prum bei einem Graulaubenvogel
wusste: Wurstförmige Farbstoffbeutel den. Falls diese Hypothese zutrifft, wäre in Australien. Er hatte vor seiner Laube
enthalten ein schwarzes, bohnenförmige es der Schönheitssinn gewesen, der den strahlend weiße Muschelfossilien arran-
hingegen ein rotbraunes Pigment. Stück Vögeln den Weg in die Lüfte ebnete. giert. „Als Kurator eines Museums fühlte
für Stück rekonstruierte er so das Feder- ich sofort eine tiefe Verbundenheit zur
kleid des Anchiornis, eines Sauriers, der Einzigartig im Tierreich sind die Verfüh- paläontologischen Leidenschaft dieses
dem Velociraptor ähnelt. Prum fand: rungskünste der Laubenvögel. Aus Ästen Vogels“, sagt Prum.

DER SPIEGEL 23 / 2017 101


Wissenschaft

Träumt weiter, Cyborgs


Neurowissenschaft Können wir bald Hirne ins Netz hochladen? Ein Tübinger Arzt hält solche
Visionen für Unfug und fordert mehr praktische Forschung. Er zum Beispiel hilft Gelähmten.

W
as ist die größere Leistung: ein Computer. Ihm ist es gelungen, mit Ist das nicht genau das, wovon man auch
menschliches Gehirn mit einem Locked-in-Patienten, die nicht einmal bei Facebook und Neuralink träumt?
Rechner zu vernetzen? Oder ei- mehr blinzeln können, über ihre Hirn- Überhaupt nicht, sagt Soekadar. Ein
nen Löffel zum Mund zu führen? Diese ströme zu kommunizieren. Im Jahr 2012 wichtiger Unterschied sei zum Beispiel,
Frage spaltet die Elite der Hirnforscher. wurden Birbaumer und Soekadar mit dass Elon Musks Neuralink-Team eben-
Auf der einen Seite steht Regina Dugan, einem Preis für ihre Forschung an „Hirn- diese Schnittstelle ins Gehirn pflanzen will;
die Leiterin von „Building 8“, einem In- Computer-Schnittstellen“ geehrt. es soll das Wispern der Neuronen belau-
novationslabor beim sozialen Netzwerk Jetzt hat sich Soekadar an ein neues Pro- schen. Die Tübinger Arbeitsgruppe dage-
Facebook. „Was wäre, wenn Sie direkt aus jekt gewagt; im Dezember veröffentlichte gen misst die Hirnströme lediglich von
Ihrem Gehirn tippen könnten?“, fragte sie er Videos, die Aufsehen erregten: Ein Ge- außen, ohne einen blutigen Eingriff, also
unlängst bei der jährlichen Entwicklerkon- lähmter ist darauf zu sehen, er sitzt im nicht invasiv. Denn solche Eingriffe ins
ferenz des Unternehmens, während diese Rollstuhl. Über eine Elektrodenkappe wer- Hirn sind riskant. Ein winziger Fehler kann
Worte hinter ihr wie von Geisterhand auf den seine Hirnströme gemessen und an zu Gedächtnisverlusten, Lähmungen oder
dem Bühnen-Display erschienen. eine elektrische Prothese am rechten Arm zum Tod führen.
Früher arbeitete Dugan bei der Darpa, gesendet. Der Mann konzentriert sich – Und was passiert, wenn Hirnhacker die
der Forschungseinrichtung des US-Militärs, und plötzlich greift seine Maschinenhand Schnittstelle kapern wie einen fremden
die auch den Vorläufer des Internets finan- eine Gabel. Er hat sie nur mit Gedanken- Rechner? Über derlei Gefahren, die bis
ziert hat. „In wenigen Jahren“, so hofft kraft gesteuert – sein Wille geschehe. Ein vor Kurzem nach reiner Science-Fiction
sie, könnten die Nutzer allein mit Gedan- Bild von fast biblischer Wucht: Heilung ei- geklungen hätten, diskutiert Soekadar im-
kenkraft ihre Status-Updates posten. nes Gelähmten. mer wieder mit seinem Mentor Birbaumer.
Auch Elon Musk, dessen Elek- Sie denken auch über eine Art
troauto-Start-up Tesla trotz feh- Bildungsinitiative nach, um der
lender Profite an der Börse teils Öffentlichkeit so etwas wie das
höher bewertet wird als General kleine Einmaleins der Hirnfor-
Motors, plant neben der Besie- schung zu vermitteln. Um unter-
delung des Mars eine weitere scheiden zu lernen, was Markt-
Expedition ins Unbekannte: das schreierei ist – und wo im Stillen
menschliche Gehirn. die wirklichen Fortschritte statt-
Neuralink heißt die Firma, die finden.
Musk jüngst gegründet hat. Sein Soekadar ist nicht nur For-
verwegener Plan: eine Schnitt- scher, sondern auch Arzt – das
stelle ins Hirn zu implantieren, zwingt zu eisernem Realismus.
um zum Beispiel durch hauch- Fast täglich behandelt er Patien-
feine Kabel, ein sogenanntes ten in der Uniklinik; von dort
Neural Lace, Mensch und Maschi- oben hat man einen weiten Blick
ne zu hochintelligenten Mischwe- über das Fachwerklabyrinth der
sen aufzurüsten, Cyborgs. Diese Altstadt von Tübingen.
könnten theoretisch, wenn ihr Im Sprechzimmer sitzt An-
Körper stirbt, ihre Gedanken als nette Dreher, sie ist 51 Jahre alt,
Back-up in einem Rechenzen- ihre rechte Hand ist gelähmt.
trum sichern. „Wo hakt es, was kann ich ver-
Sind Visionäre wie Musk mu- bessern?“, fragt Soekadar, und
tige Vordenker – oder auf dem dann schraubt und dreht er an
Holzweg? „Der Traum von einer dem Exoskelett, das für Dreher
Menschheit mit verkabelten Ge- maßangefertigt wurde, millime-
hirnen ist ein paranoides Wahn- tergenau mit einem 3-D-Drucker.
gespinst“, sagt Surjo Soekadar, Die Plastikhand lässt sich mit
Arzt an der Klinik für Psychia- Hirnströmen steuern.
trie und Psychotherapie der Uni- „Ich hatte meinen Schlaganfall
versität Tübingen und einer der ganz jung, ich war erst 25 Jahre
jungen Stars der Hirnforscher- alt“, erzählt Dreher. Sie war da-
WOLFRAM SCHEIBLE / DER SPIEGEL

szene. mals Studentin in den USA. Mor-


Soekadar, dessen Namen man gens unter der Dusche fiel sie
„Sukádar“ ausspricht, ist kein plötzlich um, im Krankenhaus lag
Maschinenstürmer, im Gegenteil. sie stundenlang im Koma. Als sie
Jahrelang hat er mit Niels Bir- erwachte, konnte sie die rechte
baumer zusammengearbeitet, Körperhälfte nicht mehr bewegen.
einem Vorreiter auf dem Gebiet Viele Patienten rutschen nach
der Verschaltung von Hirn und Patientin Dreher mit Exoskelett: Hand mit Hirnströmen steuern einem Schlaganfall in eine Depres-
102 DER SPIEGEL 23 / 2017
sion, doch Dreher ließ sich nicht unterkrie-
gen. Sie heiratete, bekam einen Sohn, ihr
Geld verdient sie mit der Gestaltung von
Websites. Die Therapie mit der gedanken-
gesteuerten Greifhilfe habe ihr geholfen, die
gelähmte Hand zu entspannen: „Ich konnte
die Prothese schon nach zehn Minuten steu-
ern“, sagt sie: „Dabei war vor allem wichtig,
dass ich nicht zu viel daran denke.“
Soekadar findet die Konstruktion noch
„zu schwer und zu starr“. Die nächste Ge-
neration soll aus leichtem Silikon sein und
sich weich an die Haut schmiegen.
„Ich bewundere den Unternehmergeist
von Elon Musk“, sagt Soekadar. „Aber
seine Vision ist nicht von medizinischer
Notwendigkeit getrieben, sondern von
irrationalen Ängsten.“
Immer wieder fantasiert Musk öffentlich
davon, wie er die Menschheit retten will.
Er glaubt, dass Computer uns über den
Kopf wachsen. Schon bald, sagt der Tesla-

WOLFRAM SCHEIBLE / DER SPIEGEL


Gründer, könnten allwissende künstliche
Intelligenzen uns Normalmenschen wie
Haustiere halten, hilflos wie Kätzchen. Er
sieht nur einen Ausweg: Der Mensch muss
sein dummes, altes Hirn mit Computern
vernetzen, um mit den selbst geschaffenen
Digitalgeschöpfen mithalten zu können.
Musk denkt dabei weniger an Patienten Mediziner Soekadar, Proband in Magnet-Enzephalograf: Zerstörerische Gedanken stoppen
wie Annette Dreher. Ihn inspirieren die
Visionen des britischen Romanautors Iain derzeit in den Genuss einer EEG-Therapie was keine Schäden zu hinterlassen scheint.
Banks. In dessen Weltraumsaga „Culture“ kommen, wie wir sie hier anbieten?“ „Aber vielleicht können wir daraus später
steuern sogenannte Minds eine Digitaldik- Kunstpause. „273.“ einmal eine Therapie entwickeln, um zer-
tatur, Elektronenhirne, die in Raumschif- Soekadars Ziel: Die Geräte sollten billi- störerische Endlosschleifen von Gedanken
fen hausen. Glücklich, wer über ein Ner- ger und alltagstauglicher werden, die EEG- zu unterbrechen“, spekuliert Soekadar.
venimplantat wenigstens schmalbandig Kappen bequemer, die Prothesen leichter. Die Behandlung mit Magnetfeldern, so
Anschluss findet an den rasenden Fort- „Hirn-Computer-Schnittstellen werden hofft er, könnte schonender wirken als die
schritt. Musk verwendet für seinen Traum bald in den Alltag vordringen“, glaubt Einnahme von Psychopharmaka. Sanfter
von der Schnittstelle im Kopf den Begriff auch Jose Luis Contreras-Vidal, genannt als der blutige Einbau der von Musk er-
aus dem Roman: „Neural Lace“. Pepe, ein Ingenieur, der an der University träumten Neural-Lace-Schnittstelle wäre
Musks Endzeitprophezeiungen seien of Houston Gelähmten das Gehen ermög- sie sowieso.
„völlig absurd und frei von wissenschaft- licht, indem sie ein Exoskelett mit Gedan- Die bescheidenen Erfolge von Patien-
lichen Fakten“, sagt Miguel Nicolelis, Hirn- kenkraft steuern. ten wie Annette Dreher mögen weniger
forscher an der Duke University in Dur- „Wir befinden uns bei der Hirnforschung faszinieren als die Visionen eines Elon
ham, North Carolina. Seine eigenen Expe- sozusagen noch in der Steinzeit“, sagt Soe- Musk oder irgendwelcher Facebook-Fan-
rimente zählen zu den gewagteren in dem kadar. Stolz führt er zu seinem Allerhei- tasten. Aber vielleicht können auch die
Forschungsfeld, etwa wenn er die Gehirne ligsten: einem Labor ein paar Straßen wei- Sensationen des Forschungsalltags ver-
zweier Ratten elektronisch miteinander ter, wo ein riesiger Magnet-Enzephalograf zaubern – wenn man die richtige Wellen-
verschaltet. Nicolelis hat zwei Mitarbeiter steht, ein Sensor, der außen am Kopf das länge trifft.
in Musks neuem Team ausgebildet – er natürliche Magnetfeld ausliest, das beim Dazu muss man sich nur das Video
weiß, wovon er spricht, wenn er den Tesla- Denken entsteht. Denn jeder Gedanke von Soekadars Gruppe anschauen, das
Mann kritisiert: „Musks falsche Verspre- geht einher mit feuernden Neuronen, die die gedankengesteuerte Prothese demons-
chen befeuern überzogene Erwartungen. elektrische Impulse versenden, und die triert.
Das sät Misstrauen und bremst den wissen- wiederum verursachen ein schwaches Ma- Die Kamera verweilt auf einem Gelähm-
schaftlichen Fortschritt.“ Ein naiver Traum, gnetfeld. Schon der Zündfunke eines Auto- ten, der mit seiner Kunsthand einen Kar-
ein Cyborg-Alb. motors draußen an der Straße könnte die toffelchip zum Mund führt: Flugs hat er
„Ich habe gar nichts gegen Science- Geräte irritieren – wenn sie nicht von di- den Chip zwischen den Lippen, er beginnt
Fiction“, sagt Soekadar, und aus seiner cken Bleimauern umhüllt wären. zu kauen. Und auf seinem Gesicht breitet
Sicht könnte Musk auch weiter vor sich Hier müssen Probanden lange Zahlen- sich ein großes, ein seliges Grinsen aus.
hin fantasieren – wenn es nicht so viele reihen subtrahieren, während Soekadars Welch ein Triumph. Hilmar Schmundt
Patienten gäbe, die dringend die Hilfe und Team mit genau abgestimmten Magnetfel- Twitter: @hilmarschmundt
Kreativität der Hirnforscher brauchen. dern ihr Hirn stimuliert. „Wenn man die
„Die Therapien sind einfach noch zu teu- richtige Frequenz trifft, lässt sich das Ge- Video: So können Gedanken
er“, sagt Soekadar: „Über fünf Millionen hirn beeinflussen“, sagt Soekadar. Prothesen steuern
Schlaganfallpatienten gibt es weltweit, Derzeit versucht er, kurzfristig das Kurz- spiegel.de/sp232017prothesen
aber wissen Sie, wie viele von denen zeitgedächtnis von Probanden zu stören, oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 23 / 2017 103


Wissenschaft

Vampir im Bauch
Verhütung Hormonspiralen sind für den Pharmakonzern Bayer ein Milliardengeschäft. Doch sie
stehen im Verdacht, Frauen krank zu machen. Verharmlost der Hersteller das Risiko?

L
ena Freimüllers erster Sohn war Die Panikattacken: verschwunden. Die University Medical Center in Rotterdam;
noch klein, zweieinhalb, als die Zwil- Nervosität: als wäre sie nie da gewesen. seine Entdeckung wurde Ende Februar in
linge zur Welt kamen. Sie erwartete Nach der Arbeit geht sie entspannt nach der Fachzeitschrift „Psychoneuroendocri-
nicht, dass ihr Leben ein sonderlich ruhiges Hause und freut sich auf ihre Familie. nology“ veröffentlicht.
werden würde. Entsprechend fand Frei- Tatsächlich deutet einiges darauf hin, „Ursprünglich wollten wir etwas ganz
müller nichts dabei, ein weiteres Jahr spä- dass Hormonspiralen häufiger psychische anderes untersuchen“, sagt Kushner. Doch
ter, das war 2008, wieder arbeiten zu ge- Nebenwirkungen verursachen als oft be- während eines Experiments, in dem Pro-
hen: als Lehrerin an einer Grundschule. hauptet, und zwar nicht nur eine Depres- banden sozialem Stress ausgesetzt waren,
Nur, dass sie jetzt immer dünnhäutiger sion und depressive Stimmung, die als häu- wurde klar, dass einige Teilnehmerinnen
wurde. Kleinigkeiten reichten aus, ihre fige Nebenwirkungen (1 bis 10 Frauen von deutlich größere Mengen des Stresshor-
Wut zu entzünden. 100 betreffend) im Beipackzettel stehen, mons Kortisol ausschütteten als die ande-
Es folgten Phasen der Niedergeschlagen- sondern, so wie bei Lena Freimüller, eine ren; auch ihre Herzfrequenz stieg deutlich
heit, der tiefen Erschöpfung. „Ich war Mit- ganze Bandbreite seelischer Beschwerden. stärker. Nachforschungen ergaben: Die
te dreißig, aber ich fühlte mich doppelt so Deshalb stehen alle Hormonspiralen, die meisten dieser Teilnehmerinnen trugen
alt“, erzählt Freimüller, die eigentlich an- Levonorgestrel enthalten, derzeit auf dem eine levonorgestrelhaltige Hormonspirale.
ders heißt. „Ich hatte oft das Gefühl: Wenn Prüfstand. Außer Mirena sind das vor allem Ein anderer Test, den Kushners Team
ich mich jetzt hinsetze, dann kann ich nicht Jaydess und Kyleena, Letztere kam in daraufhin durchführte, konnte einen Hin-
mehr aufstehen.“ Deutschland erst Mitte Mai auf den Markt. weis auf den Wirkmechanismus des Le-
Was stimmte nicht mit ihr? „Im Traum Alle drei Produkte stammen aus dem Hause vonorgestrels liefern: Möglicherweise setzt
nicht“ sei sie darauf gekommen, sagt sie Bayer; 2016 machte der Konzern mit seinen das Hormon im Gehirn eine Kaskade in
heute, dass es möglicherweise jenes unge- Hormonspiralen erstmals mehr als eine Mil- Gang, die am Ende in den Nebennieren-
fähr drei Zentimeter lange Kunststoffteil liarde Euro Umsatz. Mehr als 45 Millionen rinden eine erhöhte Kortisolausschüttung
in Ankerform sein könnte, das ihr das Le- dieser Spiralen wurden seit 1990 eingesetzt. zur Folge hat (siehe Grafik).
ben so schwer machte: die Hormonspirale Allerdings hatte schon 2009 die Arznei- Später kam heraus: Auch in den Haaren
Mirena, die in ihrer Gebärmutter saß und mittelkommission der deutschen Ärzte- von Hormonspiralenträgerinnen finden
aus einem winzigen Reservoir peu à peu schaft kritisiert, dass viele Gynäkologen sich auffällig hohe Kortisolwerte – ein Hin-
das Hormon Levonorgestrel in ihren Kör- die Patientinnen nicht oder nicht ausrei- weis darauf, dass diese Frauen im Alltag
per entließ, um eine Schwangerschaft zu chend über mögliche psychische Neben- auf Stresssituationen besonders stark rea-
verhindern. wirkungen der Hormonspiralen aufklärten. gieren. Chronischer Stress gilt als wichtiger
Ihre Frauenärztin hatte geschwärmt, als In der Datenbank des Bundesinstituts für Risikofaktor für viele der befürchteten psy-
sie ihr die Spirale 2008 einsetzte: von deren Arzneimittel und Medizinprodukte zu un- chischen Nebenwirkungen der Hormon-
guter Verträglichkeit, alle Frauen seien erwünschten Arzneimittelwirkungen fin- spiralen, darunter Depressionen, Ängste,
sehr zufrieden, man müsse sich um nichts den sich allein für Mirena mehr als 270 ge- Panikattacken und Schlafstörungen.
mehr kümmern. „Als ich der Frauenärztin meldete Verdachtsfälle von Depression, „Auf jeden Fall zeigen unsere Experi-
später von meiner Erschöpfung und den Aggression, Nervosität, Schlaflosigkeit, mente klar, dass levonorgestrelhaltige Hor-
Stimmungsschwankungen erzählt habe, verminderter Libido und Panikattacken. monspiralen nicht nur lokal in der Gebär-
verschrieb sie mir ein Vitaminpräparat“, Weil sich die Hinweise häuften, prüft mutter wirken“, sagt Kushner. In der Mi-
erzählt Freimüller. Die Spirale blieb drin. jetzt auch die Europäische Arzneimittel- rena-Broschüre von Bayer, „Kopf frei für
Nachdem ihr die Folgespirale eingesetzt behörde, ob es einen ursächlichen Zusam- die Liebe“, ist hingegen an vielen Stellen
worden war, konnte Freimüller kaum noch menhang gibt zwischen Hormonspiralen von einer lokalen Freisetzung und Wir-
einschlafen. Gelang es ihr irgendwann doch, mit Levonorgestrel und Ängsten, Stim- kung des Hormons die Rede, auch wenn
schreckte sie nachts wieder hoch, lag stun- mungsveränderungen, Schlafstörungen so- Bayer „lokal“ vorsorglich in Anführungs-
denlang wach, schweißüberströmt. Tags- wie innerer Unruhe. In der kommenden zeichen gesetzt hat. Dies diene, so Bayer
über war sie unruhig, immerzu, jahrelang. Woche soll über die Ergebnisse dieser auf Anfrage des SPIEGEL, der „einfachen
Als sie die Spirale das siebte Jahr trug, Untersuchung beraten werden. Darstellung“ und „Betonung des Wirk-
bekam Freimüller Panikattacken, ihr Herz Bayer sagte auf SPIEGEL-Anfrage, es mechanismus“. Den Vorwurf einer bewuss-
raste, mit Todesangst fuhr sie in die Not- gebe nach allen der Firma vorliegenden ten Irreführung weist Bayer zurück.
aufnahme, mehrmals. Doch die Ärzte Daten „keinen Anhaltspunkt, dass es „Diese Broschüre“, schimpft hingegen
konnten nie etwas feststellen. Im Sommer zwischen der Verwendung von levonor- Beate K., „ist Frauenverarschung.“ K., pro-
2015 erlitt sie dann einen „Totalzusammen- gestrelhaltigen Intrauterinsystemen und movierte Apothekerin, bekam 1999 ihre
bruch“, wie sie selbst es nennt. Psychiater der Entwicklung von schwerwiegenden erste Hormonspirale gelegt. Ihre Frauen-
verschrieben Antidepressiva. psychiatrischen Erkrankungen einen Zu- ärztin pries damals die angeblich rein ört-
Schließlich, Ende 2016, nach mehr als sammenhang gibt“. liche Wirkung des Verhütungsmittels.
acht Jahren Leiden, habe sie eine Art „Ein- Doch inzwischen glauben Wissenschaft- K. hatte vor 1999, während sie die Pille
gebung“ gehabt, sagt Freimüller. Sie ler sogar zu verstehen, auf welche Weise nahm, unter Depressionen und starken
forschte im Internet – und fand auf Anhieb Levonorgestrel psychische Beschwerden Stimmungsschwankungen gelitten. Mirena
eine Vielzahl ihrer Symptome. auslösen könnte. Ein Vorreiter auf diesem könnte bei solcher Vorbelastung anfälliger
Seitdem sie sich die Hormonspirale zie- Gebiet ist Steven Kushner, Professor für für einen Rückfall machen; das steht so im
hen ließ, geht es ihr mit jedem Tag besser. neurobiologische Psychiatrie am Erasmus Beipackzettel – in Kanada. Die Entfernung
104 DER SPIEGEL 23 / 2017
Gehirn
der Hormonspirale müsse dann erwogen
werden, da diese die Ursache für die Ver-
schlimmerung sein könne.
Im deutschen Beipackzettel steht davon
2 nichts. Aufgrund lokaler Behördenpositio-
nen könnten die Inhalte der nationalen Pro-
duktinformationen variieren, erklärt Bayer
Stressige dazu. Den deutschen Frauen würden keine
wichtigen Informationen vorenthalten.
Spirale Doch K., obwohl selbst Fachfrau, blieb
ahnungslos. Ihre Ärztin offenbar auch:
2005 und 2011 setzte sie K. Mirena Num-
mer zwei und drei ein. Immer tiefer rutsch-
te K. in die Depression, Konzentrations-
störungen kamen hinzu, außerdem eine
soziale Phobie. 2008 wurde K. berufsun-
fähig. „Ich habe nie verstanden, warum es
Hormonspirale Zylinder mit ... und wie sie das mir so schlecht ging“, erzählt sie.
Mirena Levonorgestrel- Risiko für psychische Nach 16 Jahren, da war sie 53, fragte
Depot Erkrankungen erhöhen sich K. schließlich, ob sie überhaupt noch
verhüten müsse. Am 4. Oktober 2015, die-
könnte ses Datum wird sie nie vergessen, setzte
sie sich an ihren Computer und googelte
1 Über die Gebärmutter- „Mirena“ und „Nebenwirkungen“. Am
schleimhaut wird das Hormon 5. Oktober war sie die Spirale los.
KES

in kleinen Mengen in die Blut- „Das war der beste Tag in meinem Le-
bahn aufgenommen und ben!“, sagt K. „Ich bin bei der Frauenärz-
gelangt von dort ins Gehirn. tin zur Tür rausgegangen, und ich hatte
das Gefühl, dass die Sonne aufgeht. Dass
die Welt mir offensteht.“ Die Hormon-
2 Über das Gehirn könnte spirale sei „wie ein kleiner eingebauter
Levonorgestrel die Reaktion Vampir“ gewesen, der ihr alle Kraft raubte.
des Körpers auf Stress Ob Jaydess und Kyleena, weil sie weni-
verstärken. ger Levonorgestrel enthalten als Mirena,
auch schwächer auf die Psyche wirken, ist
fraglich. Auch in den Beipackzetteln von
Neben- Jaydess und Kyleena sind depressive Stim-
nieren- 3 in der Nebennierenrinde
rinde wird dann vermehrt das mung und Depression als häufige Neben-
3 Stresshormon Kortisol aus- wirkungen aufgeführt. In einer Jaydess-
geschüttet. Studie beging eine 20-Jährige, die zuvor
nicht an Depressionen gelitten hatte,
Selbstmord. „Bis zum Beweis des Gegen-
Stress erhöht das Risiko teils“, sagt Stressforscher Kushner, „muss
für eine Reihe psychischer man die Sorge haben, dass Jaydess und
Beschwerden, etwa Kyleena ebenfalls die Stressreaktion be-
Depression, Angstzustände einflussen könnten.“
und Nervosität. „Frauen, die verhüten, müssen besser
1 geschützt werden“, sagt Kathrin Vogler,
gesundheitspolitische Sprecherin der Frak-
Gebärmutter
Spirale tion Die Linke im Bundestag. „Deshalb
muss Werbematerial der Pharmaindustrie
in Arztpraxen verboten werden.“
Beate K.s Depressionen sind zwar nicht
Verhütung mit der vollständig verschwunden, und sie weiß
Hormonspirale… auch nicht, ob sie noch einmal ganz die Alte
werden wird. Aber so, wie es sich jetzt an-
Verminderung des Aufbaus fühlt, kann sie damit leben. Und kämpfen.
der Gebärmutterschleimhaut. Bei der Bayer-Hauptversammlung Ende
April hielt sie, der einst eine soziale Phobie
Schleimpfropfbildung im Gebär- attestiert wurde, eine Rede, in der sie
mutterhals, um die Spermien am dem versammelten Bayer-Vorstand höchst
Passieren zu hindern. unangenehme Fragen stellte. „Ich wollte
Spermien, die doch weiter- ein Zeichen setzen“, sagt K., sie verhehlt
gelangt sind, werden in ihrer ihren Stolz nicht. „So geht man nicht
Aktivität gehemmt. mit Frauen um! So nicht!“
Veronika Hackenbroch
Mail: veronika.hackenbroch@spiegel.de

DER SPIEGEL 23 / 2017 105


Dokumentationen
Zerrissene Diva
Irgendwann traf sie die Töne
nicht mehr, die sehr hohen
Töne, die ihr einige ihrer Hits
wie „I Will Always Love You“
abverlangten. Whitney Hous-
tons Stimme war angegriffen,
von vielen Auftritten und vie-
len Drogen. Nick Broomfields
und Rudi Dolezals Dokumen-
tation Whitney – Can I Be Me, die
nun ins Kino kommt, ist das
berührende Porträt eines Pop-
stars, der seine Probleme klar
reflektierte und doch an ihnen
zugrunde ging. Im Februar 2012
wurde die Sängerin im Alter
von 48 Jahren tot in der Bade-
wanne eines Hotelzimmers
entdeckt, im Blut fanden sich
Spuren von Kokain und Beruhi-
gungsmitteln. Der Film lässt
den Zuschauer spüren, wie zer-
rissen Houston zwischen ihrer
langjährigen Lebenspartnerin
Robyn Crawford und ihrem
späteren Ehemann war, dem
R&B-Star Bobby Brown. Dass
sie gern weniger gearbeitet
hätte, aber unter dem Druck
stand, ihren Familienclan er-
nähren zu müssen. Und wie sie
darunter litt, von schwarzen
Zuschauern ausgepfiffen zu
werden, wenn sie Songs sang,
die auch einem weißen Publi-

BERTRAND GUAY / AFP


kum gefallen sollten. Der Film
zieht den Zuschauer hinein
in diese 30 Jahre umspannende Houston 1991
Tragödie. lob

Museen sie lange bekannt. Danach


Scientology-Affäre ging es plötzlich schnell.
Dem Mann wurde ebenso
weitet sich aus wie zwei weiteren Mitarbei-
Das Münchner Haus der tern, die der Verfassungs-
Kunst muss sich abermals mit schutz überprüft hatte, ge-
Scientology-Vorwürfen aus- kündigt. Die von CSU-Minis-
einandersetzen: Offenbar hat ter Spaenle versprochene
die bayerische SPD-Landtags- Aufklärung der Affäre geht
abgeordnete Isabell Zacharias indes schleppend voran.
weitere Scientologen ent- Zacharias’ Aussagen über
deckt, die für das Museum neu entdeckte Scientologen
arbeiten. Im Februar bereits nannte Spaenle „ungeprüfte
JOHANNES SIMON / SZ PHOTO

hatte Zacharias erreicht, Behauptungen“. Allerdings


dass die Scientology-Zugehö- gab der Minister zu, es gebe
rigkeit eines einflussreichen „eine Handvoll“ Mitarbeiter,
externen Personalverwalters die den Fragebogen zum
öffentlich wurde – dem Ausschluss einer Scientology-
Aufsichtsrat und dem Kultus- Zugehörigkeit nicht unter-
Haus der Kunst in München minister Ludwig Spaenle war schrieben hätten. cnm

106 DER SPIEGEL 23 / 2017


Kultur
Schriftsteller I Exil lebte, gestorben. Im Nils Minkmar Zur Zeit
Münchner Literaturhaus wird
Dicke Hose
Wie er da immer sitzt, in den
am 2. Juni eine Ausstellung
über Grafs Leben in der Frem-
Millionen Rehkitze
Wirtshäusern der Welt, einen de eröffnet. In der ersten Vitri- Bis vor wenigen Wochen neideten viele
Bierkrug vor sich auf dem ne, hell erleuchtet, hängt seine Franzosen uns die Kanzlerin, wünsch-
Tisch und den Arm meist um Lederhose, für die war er ten sich eine eigene Merkel. Das
irgendein Männchen geschlun- berühmt, in New York lief er scheint ewig her, denn die Wahl Em-
gen, das in seinen Riesen- damit herum oder auf einem manuel Macrons hat die politische
armen zu versinken scheint. Schriftstellerkongress in Mos- Szene Europas verändert und das
Das ist Oskar Maria Graf, kau. „Ich bin kein Emigrant“, darauf agierende Personal herausge-
„Provinzschriftsteller“, wie er hat er gesagt. Weil man ihn fordert. Ein neuer Stil breitet sich
sich stolz auf seinen Visiten- aus seiner Sprache nicht ver- aus. Frei nach Saint-Just könnte man sa-
karten nannte. 1894 kam treiben könne. Oskar Maria gen: Der Mut ist eine neue Idee in Europa.
er als Sohn eines Bäckers in Graf war einer der originells- Am Montagabend sprach der Erste Bürgermeister
Berg am Starnberger See auf ten und besten deutschen Hamburgs Olaf Scholz in der französischen Botschaft in
die Welt, mit 17 ging er nach Schriftsteller seiner Zeit. Ein Berlin. Er hielt die Lecture de l’Académie de Berlin. Es
München, um Schriftsteller zu Gigant. In seine Lederhose war eine frei vorgetragene, nachdenkliche Rede, die sich
werden. Vor 50 Jahren ist er in würden so drei, vier Gegen- nicht auf Textbausteine verließ. Schon stilistisch merkte
New York, wo er seit 1938 im wartsautoren reinpassen. vw man den Wunsch, auf der Höhe einer durch den Macron-
Schock veränderten Gegenwart zu sein. Ihr Tenor: Zeigt
Mut! Das sagte er dezent, aber beschwörend, als müsste
er nicht allein sein Publikum, sondern auch sich und die
Politiker seiner Generation überzeugen. Denn so zu han-
deln wie Macron, der persönliche und politische Risiken
einging, um für mehr Europa zu werben, ist unüblich.
Die Bürgerinnen und Bürger sind skeptisch – da soll man
BAYERISCHE STAATSBIBLIOTHEK MÜNCHEN

den Verunsicherten, den Ängstlichen noch mehr Europa,


noch mehr Öffnung und Welt zumuten? Scholz erinnerte
uns und sich daran, dass es ebenso fatal sein kann, Risi-
ken zu meiden. Er fragte, ob sich die Europäische Union
nicht zu wenig vornehme, wenn sie weiterhin bloß ein
Binnenmarkt sein wolle. Was ist mit einer gemeinsamen
Außen- und Sicherheitspolitik? Was kann die Europäi-
sche Union beitragen, um Lösungen für das Zusammen-
leben auf einer sich schnell bevölkernden Erde zu ent-
Graf (2. v. l.), Freunde in New Jersey Anfang der Sechzigerjahre wickeln? Und wie müsste sie sich demokratisch umstruk-
turieren? Man könne, formulierte Scholz nachdenklich,
nicht nur vor Herausforderungen oder Gegnern versagen,
Schriftsteller II Bild eines Autors, der sich in man könne auch versagen, indem man eine Gelegenheit
der antifaschistischen Bewe- nicht ergreife.
Trophäen fürs Golfen gung Frankreichs öffentlich Es ist wie im privaten Leben: Wer sich stets zu wenig
Der französische Autor Em- engagierte und noch aus dem zutraut, wird irgendwann ein Problem darin sehen,
manuel Bove (1898 bis 1945) algerischen Exil heraus gegen einmal am Tag zum Briefkasten und zurück zu kommen.
wird von seinen Biografen oft die Nazis kämpfte. Bove war Die politischen und rhetorischen Folgerungen aus so einer
als frühexistenzialistischer in der Zwischenkriegszeit Erkenntnis aber haben es in sich. Seit Ulrich Beck den
Trauerkloß geschildert, dem ein gefeierter Autor gewesen, Begriff der Risikogesellschaft prägte, ging es im politischen
das Pech – materiell und berühmte Kollegen suchten Diskurs stets darum, Risiken wie die Kernkraft einzu-
künstlerisch – an den Sohlen seine Nähe: Rainer Maria Ril- hegen, zu kontrollieren oder abzuwenden. Die Wähler zu
klebte. Die Tatsache, dass ihn kes Übersetzer bezeugte ge- schützen, indem man das Risiko, so gut es geht, draußen
der wenig humoraffine Peter meinsame „Lachausbrüche“ verortet und hält. Aber in einer riskanten Zeit kann es
Handke in den Achtzigerjah- beider Schriftsteller. Der an- fatal sein, nichts zu riskieren. In Wahlkämpfen wird
ren wiederentdeckte und ins geblich lebensferne Autor das vergessen, da werden die Wähler angesprochen wie
Deutsche übersetzte, mag Bove nahm an Golfturnieren Millionen staunende Rehkitze. Bloß kein Geräusch.
dieses Image befördert haben. teil. „Le Figaro“ bescheinigte Man sollte das ändern. Die französische Philosophin Cyn-
Doch der Verfasser von ele- ihm 1933 das stolze Handicap thia Fleury empfiehlt, den Mut als wichtige politische
gant geschriebenen, melan- von 13. Bove spielte zumeist Ressource bürgerlichen Selbstbewusstseins zu begreifen.
cholisch-düsteren Romanen in gemischten Teams zusam- Er schützt vor der Lähmung durch Sorge und verviel-
(„Meine Freunde“, „Die Fal- men mit Bourbonen-Prinzes- fältigt unsere Kraft. Daher muss man ihn stärken, schon
le“) war alles andere als ein sinnen und anderen Spitzen in der Schule und auch am Arbeitsplatz. Auch solche
Misanthrop, wie eine Bove- der Pariser Gesellschaft. Reden helfen, die nach neuen Gedanken, Thesen, For-
Ausstellung zeigt, die der Und er gewann oft. „Bove“, mulierungen suchen, uns weder Bange machen noch
Literaturexperte Reinhard so die Bilanz von Reinhard beschwichtigen, sondern herausfordern. Es geht noch
Pabst in der Darmstädter Uni- Pabst, „hat mehr Golftro- mehr in diesem Leben.
Bibliothek präsentiert (bis phäen errungen als Literatur-
2. Juli). Pabst zeichnet das preise erhalten.“ dy An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.

DER SPIEGEL 23 / 2017 107


STEFFEN JAENICKE / DER SPIEGEL

Andacht in der Kapelle auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin: Den Glauben in der Kunst suchen

108 DER SPIEGEL 23 / 2017


Kultur

Wo ist er?
Religion An Pfingsten feiern Protestanten und Katholiken den Geburtstag der Kirche.
In säkularen Zeiten suchen sie nach einem modernen Glauben. Eine Pilgerfahrt in das vom
Untergang bedrohte Reich des Herrn.

E
s werde Licht. Und es ward Licht. Katholiken würden sich wahrscheinlich Herrn. Das Wort Pilgern selbst kommt aus
So, sagt die Bibel, beginnt alles. Ent- an die Psychedelik ihrer lateinischen Mes- dem Lateinischen: peregrinari, was so viel
steht Leben in der Finsternis. Gott sen erinnert fühlen. Atheisten und Agnos- heißt wie in der Fremde zu sein, umherzu-
ist das Licht, sagen die Christen, die Er- tiker an eine Sekte, die das Licht feiert schweifen. Sie führt nicht nach Rom oder
leuchtung. Licht, sagen die Physiker, ist und zu viel Drogen nimmt. Und Protes- Jerusalem oder auf den Jakobsweg, auf
elektromagnetische Strahlung, deren Wel- tanten? Nun ja, das ist die Kirche, in der der Suche nach Wundern und Reliquien,
lenlängen sich in Nanometer messen las- alles möglich ist. nach Heilung und Erlösung. Sondern
sen. Man würde beides gern verstehen. Die Bibel erzählt vom Pfingstwunder, als macht sich auf die Suche nach dem, was
Seltsame Sache, dieses Licht. Aber wenn sich 50 Tage nach dem Tod Jesu am Kreuz das sein könnte: moderner Glaube in einer
bei Sonnenuntergang in der Kapelle des die Jünger in Jerusalem sammeln. „Und es modernen Kirche.
Dorotheenstädtischen Friedhofs in Berlin- geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel
Mitte der Computer gestartet wird, scheint wie von einem gewaltigen Sturm und erfüll-
es, als ob sich Gott und Physik vielleicht te das ganze Haus, in dem sie saßen. Und Die Kapelle des Lichts
doch miteinander versöhnten. es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und Berlin, Chausseestraße. Die strahlende
Die Kapelle ist vor 90 Jahren erbaut wor- wie von Feuer, und setzten sich auf einen LSD-Kapelle auf dem Dorotheenstädti-
den. Zwischendurch ein wenig verrottet jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt schen Friedhof, die erste Station dieser Pil-
und vergessen, wurde sie vor zwei Jahren von dem Heiligen Geist und fingen an zu gerfahrt, ist womöglich eine Art Geheim-
neu erschaffen. Jetzt sieht sie aus, als hätte predigen in andern Sprachen, wie der Geist treff protestantischer Mystiker. Kaum je-
sich Mies van der Rohe am Miniaturnach- ihnen zu reden eingab.“ Es ist der Beginn mand, der davon gehört, kaum jemand,
bau eines antiken Tempels versucht. Klare der christlichen Kirche, es ist die Geburt der der sie gesehen hat. Was schade ist und
Formen, weiße Wände, kantige Bänke. Missionsidee, den Glauben von der Erlö- kaum verständlich, geschaffen hat sie näm-
Keine Bilder, kein Schmuck, nichts. Eine sung durch den Messias hinauszutragen in lich der Amerikaner James Turrell, der als
protestantische Kältekammer. alle Welt. Fast 2000 Jahre später brauchte einer der großen Künstler der Gegenwart
Aber wenn der Computer startet, ge- die Christenheit im säkularisierten Westen gilt. Turrells Idee ist interessant und gleich-
schehen ungeheure Dinge. Unsichtbare unbedingt ein neues Pfingstwunder. zeitig jahrhundertealt: den Glauben in der
LED-Lichtquellen illuminieren den Raum. Die Aufklärung und die Vernunft, der Kunst zu suchen.
Wände, Decken, Fenster und Altar strah- Atheismus und der Agnostizismus, die In Arizona baut er seit Jahrzehnten ei-
len in den schönsten Farben des Spek- Freikirchler und die Esoteriker scheinen nen erloschenen Vulkan zu einem Him-
trums, alle zwei Minuten ein anderes Licht, die Schlacht zu gewinnen. Nicht mal vier melsobservatorium um. Natur und Archi-
eine andere Wärme und eine, nun ja, tat- Prozent der Protestanten gehen sonntags tektur, das sind seine Leinwände, natürli-
sächlich andere Energie. Die Farben ver- noch in die Kirche, bei den Katholiken ches und künstliches Licht seine Pinsel. Er
dinglichen sich, umspülen den Besucher sind es immerhin zehn Prozent. Die Zahl kommt aus einer Quäkerfamilie. Quäker
wie eine Brandung, während der Raum der in beiden Konfessionen organisierten haben ihre Wurzeln im freikirchlichen Pro-
selbst kein Raum mehr ist, sondern nur Christen hat sich seit 1990 von 58 auf 46 testantismus und glauben, dass ausnahms-
noch – ja, was eigentlich? Das Nichts viel- Millionen reduziert, von denen viele mög- los jedem Menschen das Licht Gottes inne-
leicht. Oder die Ewigkeit? Fühlt sich so licherweise gar nicht mehr wissen, warum wohne. Keine Riten, kein Klerus, sondern
der Himmel an? sie noch in der Kirche sind. religiöse Selbsterfahrung. Turrell wurde
Manchmal kommen abends junge Leute So unterschiedlich die beiden Konfessio- 1943 in Los Angeles geboren, hat weiße
in die Kapelle, es muss interessant sein, nen sein mögen, in beiden Lagern tobt der Haare und einen langen, weißen Bart. Er
hier bewusstseinserweiternde Substanzen Kampf um den richtigen Weg aus der Krise. sieht aus wie ein alter Hippie oder so, wie
im Blut zu haben. Der Pfarrer Jürgen Hilft es, dass die Katholiken immer protes- sich Kinder den lieben Gott vorstellen.
Quandt hat in den Achtzigerjahren in sei- tantischer und die Protestanten immer ka- „Licht“, sagt Turrell, „ist Aufklärung, Er-
ner Kreuzberger Kirche das Kirchenasyl tholischer werden? Oder ist ein moderner leuchtung, Geist, und es macht die Welt
eingeführt und ist heute Geschäftsführer Fatalismus die Antwort? Ein Beharren auf hinter der Welt sichtbar.“
des Evangelischen Friedhofverbands, alles der reinen Heilslehre, ein Schmelzen der In Turrells Kapelle wirft das Licht kei-
andere als ein Mystiker, aber auch er spricht beiden Kirchen bis auf ihren glühenden nen Schatten. Schatten ist das Gegenteil
davon, dass man in dieser Kapelle in eine Kern, mögen die Ungläubigen doch blei- von Licht und Erleuchtung, das Dunkle,
„andere Seinsweise gerät“. Ist das moder- ben, wo sie wollen? die Angst. Schatten, das ist der Tod, der
ner christlicher Glaube? Ein LSD-Trip? Diese Geschichte ist eine Pilgerfahrt von dort draußen auf dem Friedhof sein Reich
Eine transzendentale Meditation? Agnostikern ins untergehende Reich des gefunden hat. Man könnte sagen, dass Tur-
DER SPIEGEL 23 / 2017 109
Kultur

rell mit seinem Licht die Wiederauferste-


hung feiert.
Es sind besondere Tote, die dort ruhen,
eine Art Best-of deutschen Geistes: Der
Dramatiker Bertolt Brecht liegt hier, der
Regisseur Heiner Müller, die Schriftsteller
Heinrich Mann, Arnold Zweig, Christa
Wolf, der ehemalige SPIEGEL-Chefredak-
teur Günter Gaus, sogar der Apo-Clown
Fritz Teufel hat sich hierhin verirrt.
Einträchtig sind, nur ein paar Meter von-
einander entfernt, die Philosophen Johann
Gottlieb Fichte und Georg Wilhelm Fried-
rich Hegel begraben. Fichte, der schon im
Schlussspurt des 18. Jahrhunderts im
„Atheismusstreit“ die Frage aufgeworfen
hatte, ob eine moralische Weltordnung
möglich sein könnte ohne Vorstellung von
der Existenz Gottes. Hegel, der Denker
des Weltgeistes, der versuchte, Philosophie
und Theologie, Glauben und Vernunft mit-
einander zu versöhnen, was ihm, wie vie-
len anderen davor und danach, auch nicht
so richtig gelang. Fichte liegt seit 1814 hier,
Hegel seit 1831. Das Werk dieser Toten ist
unsterblich, aber ihre Seelen? Sind sie jetzt
zu Hause im himmlisch-goldenen Jerusa-
lem? Schauen zu, was wir hier unten trei-
ben? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Die Physik erklärt heute die Rätsel der
Natur, die Medizin die des Körpers, die
Psychologie die der Seele, und so ist der
Zauber aus der Welt verschwunden. Das
wissenschaftlich-rationale Denken hat das
magisch-religiöse abgelöst. Aber auch ab-
geschafft?
Denn auf die ganz großen Fragen
menschlicher Existenz hat auch die Wis-
senschaft keine Antwort. Woher wir kom-
men. Wohin wir gehen. Was das alles soll.
Und wie die Zeit sinnvoll füllen zwischen
Ankunft und Abgang. Wie die Bürden des
Lebens meistern. Wie umgehen mit Hass
und Verachtung, mit Katastrophen und Papst Franziskus im Petersdom in Rom: Der erste Protestant an der Spitze der katholischen Kirche
Krankheiten, wie mit eigenem Versagen
und Missetaten und dem Bösen in einem
selbst. Und wie sich abfinden mit dieser schen Kirche zu sehr nach Sekte schmeckt. oder unzufrieden mit ihrem Pastor, dass
verdammten Endlichkeit unserer Existenz. Aber so soll ja alles angefangen haben, da- sie theologische Positionen verurteilten,
Kann also Kunst die Menschen zurück- mals vor fast 2000 Jahren. dass sie sich über Missbrauchsfälle geärgert
führen in den Glauben? Der Hamburger hätten. Auch die Kirchensteuer sei nicht
Theologe Johann Hinrich Claussen, seit der dominierende Grund. „Es ist drama-
vergangenem Jahr Kulturbeauftragter der Das erloschene Feuer des Glaubens tisch“, sagt Pollack, „die Menschen treten
Evangelischen Kirche in Deutschland, hat Berlin-Friedenau, eine Altbauwohnung am heute aus der Kirche aus, weil ihnen die
Turrells Kapelle zum Glücksfall erklärt. Perelsplatz. Detlef Pollack lebt hier, Reli- Kirche egal ist.“ Erschütternderweise ver-
Claussen, auch er kein Mystiker oder viel- gionssoziologe und gläubiger Protestant. liere die evangelische Kirche seit Jahrzehn-
leicht nur ein ganz klein wenig, glaubt, Er findet, dass seine Kirche eigentlich alles ten sogar noch mehr Mitglieder als die
dass die evangelische Kirche keine Ant- richtig gemacht habe. Sie sei dialogischer katholische, trotz oder wegen ihres ent-
wort hat auf die Sehnsüchte moderner geworden, reflektierter, selbstkritischer, schieden moderneren Kurses.
Menschen nach Transparenz und Glück, sie habe sich auf die moderne Gesellschaft Selbstsäkularisierung nennen das Kriti-
nach Liebe und Anerkennung. Stattdessen eingestellt – und trotzdem seien die Kir- ker. Die evangelische Kirche setze sich für
habe sie ein Darstellungsproblem. Kirchen, chenbänke leer geblieben. Es ist zum Ver- Frieden, Umwelt und Gerechtigkeit ein,
sagt Claussen, müssten Manifestationen zweifeln. Pollack, 61, klingt wie ein Mann, sie sei als Werteagentur erfolgreich, auch
einer Gegenwelt sein, sie müssten der Ort der den Glauben verloren hat an die Zu- als Sozialkonzern, aber als Verkünder des
sein, wo Menschen Sinn und Geschmack kunft der eigenen Kirche. Evangeliums? Worin natürlich eine bittere
fürs Unendliche entwickeln. Auch wenn Er hat ehemalige Mitglieder gefragt, Ironie liegt im Jahr des Reformationsjubi-
das möglicherweise den Traditionalisten, wieso sie ausgetreten sind. Die wenigsten läums. War es nicht Luther, der sagte, es
aber auch den Linken in der protestanti- antworteten, dass sie Kirchengegner seien bedürfe keiner guten Werke zur Rechtfer-
110 DER SPIEGEL 23 / 2017
aufgeladene Orte, Kathedralen der Mo-
derne, in denen Menschen Gemeinschaft
und Glauben, Erfüllung und Massenthe-
rapie suchen? Und finden?
Gott lebt, wer immer das auch ist, wo
immer auch er sich versteckt. Die Suche
nach dem Heiligen Geist ist eine schwieri-
ge Mission.
Die klassisch-abendländische Vorstel-
lung schied das Diesseits vom Jenseits –
und im Diesseits das Profane vom trans-
zendenten Heiligen, dem Sakralen. Heute
hingegen gibt es die Tendenz, beide zu-
sammenzurücken, nach asiatischem Vor-
bild die Welt und die Menschen zu heiligen,
das Profane und das Sakrale ineinander-
fließen zu lassen. Nichts ist dem modernen
Menschen dabei so heilig wie sein Körper.
Und nun? Der Religionssoziologe Pol-
lack ist womöglich ein moderner Fatalist.
Er findet, dass man die Leute nicht beleh-
ren und indoktrinieren könne. Es sei des-
wegen richtig und auch geschickt, dass die
evangelische Kirche die Religion nicht nur
als Religion verkauft. Sondern zusammen
mit Kunst. Mit Politik. Mit Nachbarschafts-
hilfe. Womit auch immer. Dass die Men-
schen dadurch zum Glauben zurückfin-
den? Eher nicht. „Religion“, sagt Pollack,
„ist den Menschen nicht mehr so wichtig.“
Den Leuten geht es zu gut. Und wenn sie
sich verlieren in der modernen Welt und
nach Sinn suchen und nach Halt? Dann
machen sie halt eine Psychotherapie.

Der Pragmatismus eines Katholiken


FRANCO ORIGLIA / GETTY IMAGES

Essen, Pfarrei St. Ignatius. Der Jesuit Hans


Waldenfels ist jetzt 85 Jahre alt. Er war
der Nachnachfolger Joseph Ratzingers auf
dem Lehrstuhl für Fundamentaltheologie
in Bonn. Die katholische Fundamental-
theologie hat es sich zur Aufgabe gemacht,
den christlichen Glauben vor der Vernunft
zu rechtfertigen, was ein ziemlich ambi-
tioniertes Projekt ist. Ratzingers Schriften
tigung durch Gott, sondern allein des Glau- Orthodoxie. In Vorderasien der Aufschwung sind für Laien praktisch unverständlich.
bens? Sola fide. des Islam. In Afrika und Lateinamerika Waldenfels kann man lesen, vor allem weil
Und die katholische Kirche? Der Zöli- der Eroberungsfeldzug freikirchlicher Er- er selbst kein Dogmatiker ist.
bat, der Verzicht auf Priesterinnen, die weckungsbewegungen. Antworten sind Inzwischen lebt er wieder in Essen und
rigide Sexualmoral, das Luxusgehabe des das auf die Zumutungen der Globalisie- gibt regelmäßig eine theologische Sprech-
ehemaligen Limburger Bischofs Franz- rung und die Aufklärungsübermacht des stunde. „Wir leben in der postchristlichen
Peter Tebartz-van Elst. „Ihre Mitglieder“, säkularisierten Westens, der seinerseits ei- Moderne“, sagt er, „und dennoch ist selten
sagt Pollack, „reiben sich an ihrer Kirche, nen heißblütigen Atheismus hervorge- so viel über Religion geredet worden. Aber
und diese Reibung hat nicht nur Absto- bracht hat, der gleichzeitig ziemlich kalt die katholische Kirche hat sich zu viel mit
ßungseffekte. Sie bringt auch Resonanz, und nihilistisch wirken kann. Oder der sich Strukturen beschäftigt und diese spirituelle
Leidenschaft, Feuer, sie hält das Thema eine wohlig-wärmende, durchaus narziss- Seite vernachlässigt.“
Religion lebendig.“ Hinzu kommt, dass tisch geprägte Art von Spiritualität zusam- Also Meditation, Stille, Selbsterfahrung,
dogmatische, konservative Positionen die menbastelt, die ihren Ausdruck findet in Körperlichkeit. All das, was in den Esote-
einen abstoßen, die anderen anziehen. Sie Baumärkten, die Vorgarten-Buddhas im rik-und-Spiritualität-Ecken der Buchhand-
stiften Identität. Der evangelischen Kirche, Sortiment führen, in den Yoga-Buden der lungen zu finden ist, gibt es längst auch
sagt Pollack, gehe es ausgerechnet dort am Großstädte, die Rücken und Seele thera- mit katholischem Geschmack. Das Institut
besten, wo sie evangelikal sei oder sogar pieren, in Rebirthing-Kursen, die das Trau- für Demoskopie Allensbach hat herausge-
fundamentalistisch. ma der eigenen Geburt überwinden hel- funden, dass der Glaube an „irgendeine
Der Glaube erkaltet nicht überall, er fen, das Hineingeworfensein in ein Leben, überirdische Macht“ in den vergangenen
läuft sogar heiß in vielen Regionen dieser nach dem niemand gefragt hat. Und sind Jahrzehnten eher konstant geblieben ist.
Welt. In Russland ist es die Rückkehr der nicht auch Fußballstadien transzendental Was an Boden verloren hat, sind die
DER SPIEGEL 23 / 2017 111
Kultur

„Kernbestände des Christentums“: der nannten Brunnenviertel. Westberliner Plat- baut aus Lehm und den geschredderten
Glaube an Jesus Christus als Gottes Sohn, tenbau, Gabelstaplerfahrer, Klofrauen, Ar- Steinen der alten Kirche, ein ovaler Raum,
an die Auferstehung. „Man kann“, sagt beitslose, überdurchschnittlich viele Mi- der einen erdig-warm umfängt, obwohl
der Meinungsforscher Thomas Petersen, granten. Nur 1000 der 9000 sind Mitglied nicht ein einziges Bild an seinen Wänden
„sogar von einer schleichenden Rückkehr der evangelischen Kirche, nur 20 bis 30 von hängt. Sie ist längst eine Touristenattrak-
der Naturreligionen sprechen, wenn auch ihnen kommen sonntags zum Gottesdienst. tion. 1500 Besucher täglich: Guck mal hier,
mit christlichem Mobiliar.“ In den vergangenen vier Jahren hat es in eine schicke Kirche.
Waldenfels selbst hat lange in Japan der Kirche eine Taufe gegeben. Eine einzige.
gelebt. Er hat Verständnis dafür, dass Leu- Es ist die Gemeinde von Thomas Jeutner,
te zum Yoga gehen oder zu den Zen- blaue Jack-Wolfskin-Jacke, Trekkingschu- Das Wunder in der Schweiz
buddhisten. Er vertritt eine „kontextuelle he, ein Pfarrer auf der Grenze. Zwischen Effretikon, Kanton Zürich. Eigentlich müss-
Theologie“, in der die Außenwahrneh- Ost und West, Reich und Arm, Gestern und te man diese Schlafstadt zu einem Pilger-
mung der Kirche mehr in den Blick ge- Morgen. Zwischen altem und neuem Pro- ort erklären. Die katholische Gemeinde
nommen wird, und ähnelt damit auch pro- testantismus. Vor vier Jahren kam er hier- St. Martin dort ist eine von Frauen geführ-
testantischen Theologen wie dem Ham- her, aus einer Gemeinde in einem sehr te Gemeinde.
burger Claussen. wohlhabenden Vorort von Hamburg. Er Monika Schmid ist seit 2006 im Dienst.
Und dann spricht Waldenfels vom Papst wollte dort weg, aber die Frage stellte sich, Der formal zuständige Pfarrer, ein Pater,
in Rom. Einem politischen Papst, der die was genau er im Wedding eigentlich tun hat selbst eine große Pfarrei zu leiten, und
Armut in der Welt anprangert, das Nord- soll. Migranten bekehren? Seine Antwort: die mitarbeitenden Priester sind bereits
Süd-Gefälle, einem Mann der Ökumene, Seelsorge, Sozialarbeit. „Wer hier wohnt, weit im Pensionsalter. In weiten Teilen des
der Barmherzigkeit predigt und Beschei- hat es fast aufgegeben“, sagt Jeutner, „mir christlichen Abendlands wird der Katho-
denheit lebt, einem Papst in ausgelatschten sind in meinem Leben nie zuvor so viele lizismus durch Greisenarbeit aufrecht-
Schuhen, der in Rom auch im fünften Jahr Depressionen begegnet.“ erhalten, die Priesterseminare in der
seines Pontifikats im Gästehaus Santa Mar- Er klingelt oft an fremden Türen, bei Schweiz sind ebenso leer wie in Deutsch-
ta wohnt, nicht im Palazzo. Und dessen Menschen, die er nicht kennt. Als Pfarrer land. Der Bischof hatte zwar dogmatische
Demutsgesten so protestantisch wirken, muss man ziemlich stark sein, um sich Bauchschmerzen, aber nun duldet er es.
dass Protestanten davon fast genauso ge- dann nicht wie einer dieser freikirchlichen Man könnte es auch Verzweiflung nennen.
nervt sind, wie es die Traditionellen der Haustür-Evangelikalen zu fühlen, die Schmid ist eine unkomplizierte Frau,
katholischen Kirche empört. Auch seine manchmal bei einem klingeln. Sein Vater, eher vom heiteren Wesen eines Domini-
Art päpstlicher Führung hat etwas von der der auch Pfarrer war und noch nicht mal kaners, und in ihrer Gemeinde beliebt und
protestantischen Idee der Kirche von un- ein Gemeindehaus hatte, damals in der respektiert. Die Kirche ist voll. Sie sagt:
ten. „Papst Franziskus“, sagt Waldenfels, DDR, habe das auch schon so gemacht. „Leute sprechen mich oft mit Frau Pfarrer
„wartet auf die Wünsche und Vorstellun- Es gebe immer wieder Leute, die ihn an. Zuerst habe ich sie korrigiert. Aber
gen von unten. Deshalb hat er uns aufge- gar nicht reinließen, „weil es drinnen so das ist den meisten zu kompliziert. Also
fordert, über alles zu sprechen. Und das elend ist, weil es riecht, weil die Wände lass ich’s.“
wird noch viel zu wenig getan, auch von gelb sind vom Nikotin“. Jeutner hat einen In St. Martin gibt es neben der Gemein-
der Deutschen Bischofskonferenz.“ Gemeinderaum, aber die Gitarrenkurse, deleiterin eine Pfarreikoordinatorin, eine
Was jetzt genau? „Auf die Dauer wird die er veranstaltet, bietet er bewusst nicht Religionspädagogin, eine Jugendarbeiterin
es nicht ohne ein verändertes Amtsver- dort an, sondern im Jugendfreizeitzentrum und eine Sozialbetreuerin. Die Pastoral-
ständnis gehen, wohl auch nicht ohne des Viertels, auf weltanschaulich neutra- assistentin wurde nach ihrem Weggang
Frauenordination“, sagt Waldenfels und er- lem Boden – „um Kontakt zu halten zur durch einen Mann ersetzt, weil es, sagt die
zählt von Maria Magdalena. Sie war die Mehrheitsbevölkerung unseres Viertels“. Katholikin Frau Schmid, „auch Männer
erste Zeugin der Auferstehung. Vor einem Zu den Kursen kommen Russen, Bulgaren, geben muss in der Seelsorge“.
Jahr hat Papst Franziskus sie, die „Apostola Türken, Nigerianer, auch einige Deutsche. Von den Sakramenten muss sie als Laie
Apostolorum“, den zwölf Aposteln litur- In der Zionskirche, nur ein paar Straßen und Frau die Finger lassen. Also nimmt
gisch gleichgestellt. „Damit hat der Papst entfernt, gebe es manchmal zehn Taufen Monika Schmid keine Beichte ab, hält
ein Fenster aufgestoßen. Wir dürfen das pro Gottesdienst. Die sanierten Altbauwoh- stattdessen Beratungsgespräche, auf Wunsch
jetzt nicht auf die lange Bank schieben.“ nungen dort im Stadtteil Prenzlauer Berg auch mit Gebet. Sie liest keine Messe, aber
Waldenfels hält Spiritualität für wichtig, kosten gern mal 15 Euro Miete pro Qua- Wortgottesdienste, in denen zwar nicht
sinnliche Gotteserfahrung, was sehr ka- dratmeter, gut gebildete Schwaben, Hessen, Eucharistie gefeiert wird, aber die Kom-
tholisch ist, andererseits ist er Pragmatiker Hamburger leben dort. Sie bringen viel munion ausgeteilt. „Gotteswort mit Kom-
und Realist. Er predigt nicht die reine Leh- Geld mit und mit dem Geld ihre Kirchlich- munionsspendung“ steht dann im Pro-
re, er stellt sich auf die Begebenheiten ein, keit. Der Sonntagsgottesdienst als soziales gramm. Es ist eine Mimikry, bei der das
er will, dass christliche Theologie auch von Event, die Kirchenmitgliedschaft als Aus- Wunder die lebendige Gemeinde und we-
Atheisten und Andersgläubigen verstan- weis der eigenen Kultur- und Großbürger- niger die Realpräsenz ist: „Brot ist Brot“,
den werden kann. Nur so habe der christ- lichkeit. Jeutner mag das nicht so richtig. sagt Monika Schmid. „Lieber ein guter
liche Glaube Zukunft. Es ist nicht weit Draußen vor seiner Kirche liegt im Gras Wortgottesdienst als eine schlechte Eucha-
vom Pragmatismus zum Protestantismus. ein Kreuz, verbogen, verrostet. Es thronte ristiefeier. Oder?“
einst auf der alten Versöhnungskirche, die Sollten sich eines Tages die beiden Kon-
die DDR-Machthaber 1985 sprengten. Für fessionen vereinigen, in all ihrer Not, wird
Der Pfarrer als Sozialarbeiter Jeutner ist das Kreuz ein Symbol. „Es steht man sich an Monika Schmid erinnern.
Berlin, Bernauer Straße. Die evangelische nicht auf der Spitze, es liegt am Boden.
Versöhnungsgemeinde am Mauerstreifen Wie die Menschen hier. Es ist zerbeult,
zwischen Wedding und Prenzlauer Berg ist aber es strahlt noch immer etwas aus, es Das Versuchslabor im Copyshop
so etwas wie die Zukunft der evangelischen steckt noch Kraft in ihm. Mich tröstet das.“ Dresden, Bischofsweg. Der Straßenname
Kirche, wenn’s weiterhin so schlecht läuft. Wo einst die Versöhnungskirche stand, täuscht, der Theologe Peter Jost empfängt
Etwa 9000 Menschen leben hier im soge- steht inzwischen eine kleine Kapelle, ge- in einem ehemaligen Copyshop. „Bunte
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ANNE GABRIEL-JUERGENS / DER SPIEGEL

Katholikin Schmid in der Kirche St. Martin in Effretikon: Die Menschen nennen sie Frau Pfarrer

DER SPIEGEL 23 / 2017 113


Kultur

Kirche Neustadt“ hat er auf das Schild an Als er im Mai 2014 zum Bischof geweiht Weg zu einem modernen Glauben? „Wir
der Fassade schreiben lassen. Eine Kirche wurde, begrüßte er die 5000 Besucher müssen uns trotz allem fragen: Was kön-
für Konfessionslose, für Agnostiker und mit dem Victoryzeichen. „So muss sich nen wir von ihnen lernen?“
Atheisten – für die übergroße Mehrheit Pfingsten angefühlt haben“, sagte er da- Alle zwei Wochen lädt Oster sonntags
der Menschen im Osten also; nur jeder nach, „ein Geist der Leichtigkeit, des in die Krypta der Universitätskirche St.
fünfte Sachse ist Mitglied einer christlichen Aufbruchs.“ Nikola ein, zu einem Glaubens- und Ge-
Kirche. „Wir verstehen uns als Versuchsla- Als Student verdiente Oster sein Geld betsabend für junge Menschen. Er duzt
bor“, sagt Jost. „Wir wollen die Menschen als jonglierender Clown, später als Mode- die Besucher, die Rechte in der Hosenta-
erreichen, die die Sprache der Kirche nicht rator beim Privatsender Radio Charivari, sche. Es wird gesungen: „Komm, Heiliger
mehr verstehen. Wir wollen neu formulie- „Morning Man Stefan“. Ein gut aussehen- Geist, setz die Herzen in Brand.“ „Hey-
ren, was es heißt, Christ zu sein.“ der Mann, dunkelblond, jungenhaftes Lä- oh, I receive your mercy. Hey-oh, I receive
Gesucht wird ein neues Vertriebs- cheln, bayerische Stimmfärbung. Ein biss- your grace.“ Es kann vorkommen, dass da
konzept für Jesus. Jost schreibt seine Dok- chen erinnert er an den Schlagersänger jemand so sehr vom Heiligen Geist er-
torarbeit in Praktischer Theologie an der Patrick Lindner. Auf der Deutschen Bi- wischt wird, dass die Arme in die Höhe
Universität Greifswald, sein Doktorvater, schofskonferenz kürzlich wurde er zum gehen, die Augen geschlossen werden, die
Professor Michael Herbst, ist Experte für Jugendbischof gewählt. Seine moderne Körper schwingen und kreisen. Als säße
Mission und Gemeindeaufbau in säkularen Attitüde kombiniert er mit einer konser- man in einem Gottesdienst der Pfingst-
Gesellschaften. Er hat viel geforscht zu vativen Gesinnung, verteidigt den Zölibat, bewegung.
den sogenannten Fresh Expressions of predigt „Ehe oder Enthaltsamkeit“, verur-
Church, neuen Ausdrucksformen von Kir- teilt praktizierte Homosexualität und kri-
che, die vor 13 Jahren in der anglikani- tisiert eine „ideologisierte Gender-De- Die Kirche des heiligen Obama
schen und methodistischen Kirche in Eng- batte“, die „eine Gefahr für die Gesell- Berlin, Brandenburger Tor. Die letzte Sta-
land aufkamen. Sie gehen zu den Men- schaft“ bedeute. Oster ist niemand, der sich tion der Pilgerfahrt. Barack Obama auf
schen, statt darauf zu warten, dass die dem Zeitgeist in die Arme wirft. „Ein dem Kirchentag. 70 000 andere sind eben-
Menschen zu ihnen kommen. Kirche im weich gespültes Evangelium hat keine Re- falls gekommen. Fast 2000 Jahre ist es nun
Kaffee, Kirche in der Kneipe. Josts Vater, levanz“, verkündet er. „Das Schlimmste her, dass die christliche Kirche erfunden
ein schwäbischer Pietist, war Missionar in ist vermutlich die Lauheit, die dazu führt, wurde.
Papua-Neuguinea, sein Sohn muss jetzt dass wir irgendwann ganz einfach verges- Sie hat fast 1500 Jahre lang überlebt
wieder vor der eigenen Haustür anfangen. sen werden.“ ohne Text, den alle lesen konnten. Die Ge-
Er sucht neue Wege der Bekehrung. In Osters Bistum Passau steht die ka- schichte des Erlösers Jesus Christus hat
Die Bunte Kirche Neustadt hat einen tholische Kirche gut da, 78 Prozent Ka- sich verbreitet von Dorf zu Dorf, von
religionspädagogischen Eltern-Kind-Treff tholikenanteil, der höchste in Deutschland, Mund zu Mund, eine Geschichte, die, im
entwickelt, der biblische Geschichten lehrt, und als Bonus einer der bedeutendsten Lichte der Vernunft betrachtet, natürlich
einen Gebets- und Meditationsabend, und Wallfahrtsorte Europas, Altötting. „Wir ha- eine ziemlich unplausible Geschichte ist.
sie lädt regelmäßig zum „Feierabend“ ein, ben noch viel Geld und viel Manpower“, Sie hat so lange überlebt, weil es tatsäch-
den sie als „barrierefreien“ Gottesdienst sagt Oster. Aber hat Oster auch eine Ant- lich das Bedürfnis gibt nach Sinn, Erklä-
bewirbt. Seine Liturgie sollen auch Men- wort auf die Frage, wie Menschen heute rung und Erleuchtung. Und sie hat über-
schen verstehen, die keinen Konfirmati- in Kontakt mit dem Glauben kommen lebt, weil es immer wieder Menschen
onsunterricht hatten, ein „Gottesdienst re- können? Wie das geht: Evangelisierung im gegeben hat, die besonders gute Geschich-
loaded“ mit Poetry Slam statt Predigt, mit 21. Jahrhundert? tenerzähler sind.
Songs von U2 und Sting, Silbermond und Beim Bier aus der bistumseigenen Barack Obama war bei seinem Antritt
den Sportfreunden Stiller statt der Lieder Brauerei Hacklberg spricht Oster davon, als Präsident der Vereinigten Staaten
aus dem Evangelischen Gesangbuch. Als dass die Christen ihren Glauben verharm- von Amerika als Erlöser gefeiert worden.
Segensgruß heben die Teilnehmer die lost und ihre Botschaft allzu oft auf Ethik Nach acht Jahren ist nicht viel davon
rechte Hand, spreizen die Finger zwischen und Wellness reduziert hätten, auf einen geblieben. Heilsversprechen in der Poli-
Mittel- und Ringfinger, so dass sie ein V „Humanismus der Nettigkeit“. Künftig tik, das funktioniert eher nicht. Aber wo-
formen: „Lebe lang und in Frieden!“ Es wolle er nicht mehr jedes Paar trauen, nur möglich ist er als Prediger besser denn als
ist der Vulkaniergruß der Science-Fiction- weil es Kirchensteuer zahlt und sich mal Präsident.
Figur Spock aus „Star Trek“. Die Zeit- eine halbe Stunde zum Vorgespräch treffe; Auf YouTube findet sich eine Rede von
schrift „Chrismon“, das Magazin der evan- das Paar müsse ernsthaft glauben. ihm, die er im Juni 2015 in einer schwarzen
gelischen Kirche, würdigte das Konzept Die Kirche brauche Menschen, die bren- Kirche in Charleston, South Carolina, ge-
vor wenigen Wochen mit einem Preis. nen, Glaube kristallisiere sich immer an halten hat. Wenige Tage zuvor hatte ein
In der durchrationalisierten Moderne ist charismatischen Personen, an Menschen junger Mann, gerade 21 Jahre alt, blass
die Sehnsucht nach mystischen Räumen mit der Kraft, das Evangelium wieder zum und dünn, in der Bibelstunde des schwar-
offenbar groß, so groß, wie lange nicht Leuchten zu bringen. Gut möglich, dass zen Predigers Clementa Pinckney neun
mehr. „Die evangelische Kirche kann da- er von sich selbst spricht. Menschen getötet. Er war etwas zu spät
her zurzeit viel lernen von der katholi- Für Oster liegt die Modernisierung des gekommen, Pinckney bot ihm einen Platz
schen.“ Das sagt der evangelische Theo- katholischen Glaubens auch darin, vom an und eine Bibel. Eine Dreiviertelstunde
loge aus dem Copyshop. Im Protestantis- Feind zu lernen. Überall auf der Welt, vor lang hörte er zu. Dann holte er seine Pis-
mus ist wirklich alles möglich. Die Frage allem in Afrika und Lateinamerika, wach- tole hervor.
ist nur, ob es funktioniert. sen die evangelikalen und charismatischen Es war der Anschlag eines Rechtsradi-
Gemeinden auf Kosten der katholischen. kalen und Rassisten, der den Bürgerkrieg
Dort, sagt Oster, würde von den Mitglie- zwischen Weißen und Schwarzen befeuern
Der Patrick Lindner des Katholizismus dern mehr Entschiedenheit und Gemein- wollte. Aber als er dem Haftprüfer vorge-
Passau, Dom. Stefan Oster ist das, was da- schaft gefordert, natürlich mitsamt der Ge- führt wurde, gab es niemanden unter den
bei herauskommt, wenn sich die katholi- fahren wie Bibelfundamentalismus, Ge- Angehörigen der Opfer, die das Todesur-
sche Kirche von oben herunter verjüngt. fühlsreligion, Sektenstruktur. Ist das der teil forderten. Stattdessen vergaben sie ihm
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DIETER MAYR / DER SPIEGEL

Bischof Oster im Dom St. Stephan in Passau: Auf der Suche nach Charismatikern

DER SPIEGEL 23 / 2017 115


Kultur

STEFFI LOOS / GETTY IMAGES


Expräsident Obama beim Kirchentag in Berlin: Moderner Glaube ist Patchworkglaube

öffentlich. Gottes Gnade gilt auch für den die fromme Hymne der Sklaven: „Wun- sei zum Kompromiss. In einem frühen In-
schlimmsten Sünder. Wenn es jemals gute derbare Gnade, wie süß der Klang, die ei- terview sagte er: „Je mehr man sich mit
Gründe gegeben hat für Frömmigkeit und nen armen Sünder wie mich errettete! Ich der Welt beschäftigt, je mehr man sich da-
Glauben, dann zeigten sie sich an jenem war einst verloren, aber nun bin ich ge- mit auseinandersetzt, was gut ist und was
Sommermorgen im Juni 2015 in einem Ge- funden, war blind, aber nun sehe ich.“ böse, und je mehr man sich den großen
richtssaal in Charleston. Willkommen in der Kirche des heiligen moralischen Fragen der Gegenwart stellen
Die Gnade Gottes, seine Güte, das war Obama. muss, umso wichtiger ist der Polarstern,
auch das Thema der Predigt Obamas, die Er nennt sich selbst einen „Christian by der einen leitet.“ Glaube könne helfen,
er vor ein paar Tausend Menschen in der choice“, einen Wahlchristen. Er ist das nicht verrückt zu werden.
Emanuel African Methodist Episcopal Kind von Agnostikern. Die Mutter eine Glaube und Zweifel. Hoffnung und
Church in Charleston hielt: „Gottes Wege weiße Anthropologin, der Vater aus einer Furcht. Ehrgeiz und Demut. Trost, der
sind rätselhaft.“ Und dann entwickelte er muslimischen Familie in Kenia. Nach der mächtiger ist als Verzweiflung und Hoff-
einen Gedanken, der von den Ursprüngen Scheidung zog sie nach Indonesien, wo nungslosigkeit. Die Gewissheit, dass sich
der schwarzen Kirche in der Sklaverei über Obama auf eine katholische Schule ging Angst und Hass überwinden lassen. So
die weißen Aktivisten des europäischen und mit der Mutter buddhistische Tempel ungefähr würde das Glaubensbekenntnis
Protestantismus, die für die Freiheit der und islamische Moscheen besuchte. Erst der Kirche des heiligen Obama aussehen.
Sklaven kämpften, über Martin Luther spät fand er als Sozialarbeiter für die Einer Kirche für alle. Für Gläubige und
King und die Bürgerrechtsbewegung bis Kirchen in den Gettos von Chicago zum Atheisten, für Agnostiker und Esoteriker.
in die Gegenwart der Polizeigewalt und Glauben. Eine Kirche, die Politik, Ethik und Glaube
Millionen Schwarzer in den Gefängnissen Moderne Familien sind Patchworkfami- versöhnt, in der plötzlich Worte wie
reichte. lien. Moderner Glaube ist womöglich ein „Gott“, „Gnade“, „Güte“ nicht fromm,
Von der Idee, dass Gottes Gnade und Patchworkglaube. Aber anders als bei sei- nicht leer klingen.
Güte den Gläubigen nicht nur die eigenen nem Vorgänger George W. Bush, dessen Er war der Star des Kirchentags. 70 000
Fehler und Missetaten verzeiht, dass aber Bekehrung zum Methodismus ihm half, Menschen jubelten. Sogar Angela Merkel
die Gnade Gottes auch eine Konsequenz sich vom Alkohol zu befreien, und dessen neben ihm, die öffentliche Auftritte dieser
hat. Zu zeigen, dass man diese Güte und Frömmigkeit in den liberalen Medien des Art nicht sonderlich schätzt, sprach plötz-
Gnade wertschätzt, indem man jedem an- Westens als Beleg galt für einen gefährli- lich frei und authentisch von sich und ih-
deren Menschen, egal ob er Bruder oder chen Rechts-Evangelikanismus, war Oba- rem Glauben. Die Kirche des heiligen Oba-
Schwester oder Vater oder Mutter tötet mas Glaube nur selten ein Thema, auch ma hätte viele Mitglieder.
oder nur ein Fahrrad klaut, mit gleicher wenn die Sprache seiner Kampagnen – Ist das also moderner Glaube? Mögli-
Güte und Gnade entgegentritt. Dass Ge- change! hope! – durchaus religiösen Sub- cherweise. Aber ein Charismatiker allein
rechtigkeit dadurch entsteht, dass man sich text hatte. Demokratie ist für ihn eine Art wird nicht reichen. Die Kirchen müssen
auch im anderen erkennt. Dass die eigene logische, unvermeidbare Konsequenz von weitersuchen. Tobias Becker, Lothar Gorris,
Freiheit abhängig ist von der Freiheit des religiösem Humanismus. Alexander Smoltczyk, Peter Wensierski
anderen. Und dass „ein offenes Herz“ In Berlin erzählte Obama davon, wie
wichtiger ist als richtige Politik und schlaue wichtig der Zweifel sei in seinem Glauben. Video: Kirche
Analysen. Dass die Demut des Zweifels dazu führe, in der Todeszone
Schließlich stimmte Obama an jenem anderen zuzuhören und sie nicht nieder- spiegel.de/sp232017religion
Sommertag das Lied „Amazing Grace“ an, zuschreien, dass der Zweifel auch ein Weg oder in der App DER SPIEGEL

116 DER SPIEGEL 23 / 2017


Unsere Werte.
Unsere Zukunft.
Die Sonderausgabe zur Nachhaltigkeit
Themen unserer Zeit: Klimaschutz, Energiewende, neue
Lösungen für Mobilität und Kommunikation, Produktion
und Konsum. Aber Nachhaltigkeit bedeutet viel mehr: Wie
stärken wir die Demokratie? Wie unterstützen wir künftige
Generationen? Und wie sichern wir für sie den Frieden in
Europa und der ganzen Welt? Fragen und Antworten –
am 4. Juni in Ihrer WELT AM SONNTAG.

Sonntag
4. Juni
am Kiosk
Kultur

HENNING ROGGE / SKULPTUR PROJEKTE 2017


Erkmen-Beitrag „Auf dem Wasser“: Nasse Füße holen

Ein bisschen langsamer


Kunst „Skulptur Projekte“ in Münster ist so eigensinnig wie wenige andere Ausstellungen weltweit.
Selbst die Einwohner der Stadt haben sich nach Jahrzehnten mit ihr angefreundet.

M
ünster, sehr sonnig, deutlich über König und einige Leute aus seinem ton, der wiederum wie verwachsen ist mit
30 Grad. Kasper König radelt Team testen an diesem Tag die erste Hälfte lauter Gehhilfen. In vollendeter Ausfüh-
schon mal vorweg, quer durch die der Brücke. Schuhe aus, rein ins Hafen- rung wird die Skulptur eine freie Kopie
Stadt. Irgendwie scheinen die Ampeln bei becken. Metallgitter liegen knapp unter des sogenannten Nietzsche-Felsens im
ihm immer Grün anzuzeigen, manchmal der Wasseroberfläche, sie sind der Unter- Schweizer Sils Maria sein, an dem der Phi-
scheinen sie ihm auch gleichgültig zu sein, grund, auf dem die Besucher laufen wer- losoph gern verweilte, an dem ihm angeb-
auf jeden Fall ist er besonders schnell am den, dieser Weg ist mehr als 60 Meter lang lich der Gedanke von der „Wiederkehr des
Hafen. Dort wird gerade Kunst installiert: und über 6 Meter breit. Wer danebenstapft, Gleichen“ kam. Matherly, der das alles
eine Unterwasserbrücke. Die Menschen fällt ins grünliche Wasser, doch werden nach Münster und ins Jetzt holt, wirkt auch
sollen sich bald nasse Füße holen. Taucher die Aufsicht übernehmen. eher in sich gekehrt, er hat nur Augen für
In der kommenden Woche beginnen in Geplant hat das alles die türkische Bild- den Aufbau.
Münster die „Skulptur Projekte“, eine hauerin Ayşe Erkmen, sie lehrte etliche Noch mehr Grün und dort der halb fer-
Kunstausstellung, die so eigensinnig ist wie Jahre an der Kunstakademie dieser Stadt, tige Brunnen der Amerikanerin Nicole
kaum eine andere weltweit – und die selte- sie ist mit dem Geist des Ortes vertraut. Eisenman, er wird die „queere“ Version
ner als alle anderen stattfindet: seit 1977 Nun lässt sie das katholisch geprägte Müns- einer klassischen Fontäne sein. Die beiden
alle zehn Jahre. Venedig, Berlin und Syd- ter spüren, wie es sich anfühlt, übers Was- Bronzeskulpturen, die schon installiert
ney haben Biennalen. Diese Stadt in West- ser zu wandeln – bequem ist es nicht, über sind und deren Geschlechtszugehörigkeit
falen hat sozusagen eine Decennale. die Metallstreben zu spazieren, eher könn- nicht so eindeutig ist, sollen von Gips-
Am Anfang war das nicht so geplant, te die Strecke schmerzhaft und daher lang modellen ergänzt werden, die hier drau-
niemand dachte an eine Fortsetzung, es werden. Kein Vergleich übrigens mit dem ßen bald verrotten dürften. Es werden
ergab sich so, fügte sich geradezu im Laufe gelben Wasserteppich von Christo im ver- außerdem noch Gipsstücke im Rasen ver-
der Zeit. Jetzt aber eilt es, erst verrinnen gangenen Jahr in Italien, der war künstle- teilt werden. Die Künstlerin meine damit
die Jahre, plötzlich die Stunden. König, rische Wellness. Spermaspuren, sagt König.
der berühmte Kurator, der von Anfang an 35 Beiträge sind bei den Skulptur Pro- Das alles in einer Stadt, in der die Uhren
dabei gewesen ist, seit 40 Jahren also, jekten zu sehen, viele im Stadtraum. Der vielleicht wirklich anders gehen, der Stadt
scheint diesen Aspekt der Zeit, ihrer New Yorker Justin Matherly erwartet in der Fahrradfahrer, der Kirchtürme, des
scheinbar verschiedenen Geschwindig- den Mittagsstunden auf einer Grünfläche harmlosesten „Tatorts“. Eine Stadt, in der
keiten, sogar zu einem Schwerpunktthema einen Lastwagen, der kommt pünktlich, die Wiederholung des Immerselben ganz
der neuen fünften Ausgabe zu machen. und er liefert einen riesigen Brocken Be- bestimmt viel gilt. König, Jahrgang 1943,

118 DER SPIEGEL 23 / 2017


Gegenwart kommen vor. Doch die von
ihnen ausgewählten Künstler beweisen
eine intellektuelle Tiefe, die Humor nicht
zwangsläufig ausschließt.
Aram Bartholl aus Berlin hängt in der
Unterführung zum Schlossplatz neofeuda-
le Kronleuchter mit LED-Lichtern auf. Die-
se betreibt er mit der Energie aus bren-
nenden Teelichtern, ästhetisch wirkt das
Ensemble sehr cool. Einen Router am Fern-
meldeturm versorgt er mithilfe eines Grills,
eine Handyladestation mit einem Lager-
feuer.
Man kann, wenn man weiter durch
Münster radelt, das Schaufenster eines neu-
en Tattooladens entdecken. Eine Klebe-
folie zeigt zwei Engel mit einer Wünschel-
rute. Der US-Künstler Michael Smith ist

HENNING ROGGE / SKULPTUR PROJEKTE 2017


für das Geschäft zuständig, er bat befreun-
dete Künstler sowie frühere und aktuelle
Teilnehmer der Skulptur Projekte um Mo-
tivvorlagen, es sollen sogar Kopien von
Kunstwerken darunter sein. Tätowierun-
gen für Anspruchsvolle. Smith bietet einen
Seniorenrabatt an. Alle können Skulptur
werden. Auch so erfindet man Städte neu.
In Workshops des Franzosen Xavier Le
Bartholl-Installation „3 V“: Neofeudale Coolness Roy und der Chinesin Scarlet Yu kann je-
der trainieren, andere Menschen in ein Ge-
stammt aus einer bürgerlichen Münster- in die 300 000-Einwohner-Stadt. Inzwischen spräch über Kunst zu verwickeln und dann
länder Familie, heute sei Münster, sagt er, droht der Schau fürs Skulpturale sogar die in einer irgendwie skulptural wirkenden
das „akademische Florida“. Ältere, wohl- Deformation durch zu viel Zuneigung. Der Verrenkung zu verharren. Es bleibt den
habende Leute ließen sich hier für den Katalog ist auch deshalb so umfangreich, Teilnehmern überlassen, das nur unter
Lebensabend nieder, Juristen, Ärzte. weil unglaublich viele Persönlichkeiten am Freunden zu wagen oder abends in der
Man kann in der Ausstellung viel lernen. Anfang ein Grußwort unterbringen woll- Kneipe. Dieses menschliche Werk ist
Über einen besonderen Mikrokosmos mit- ten. König weiß um die Gefahr, er sagt, schwer zu erwischen. Niemand wird etwas
ten im Land, über das enorme Potenzial wegen des Erfolgs wollten einige Leute dokumentieren, so gut wie nichts bleibt
des öffentlichen Raumes (das allmählich den Turnus verkürzen, die Ausstellung alle für die Nachwelt. Die Künstler sagen, ihre
auch außerhalb Münsters mehr und mehr fünf Jahre ausrichten, dann aber ginge Leistung bestehe darin, das hinzunehmen.
wiederentdeckt wird) und über das Ver- er vor Gericht – und „zwar bis nach Karls- Alles wird ins Gegenteil verkehrt, der
hältnis der Deutschen zur Kunst. ruhe“. Kunstbegriff, letztlich auch die Stadt, die
Die Idee zu den ersten Skulptur Projek- Gleichgültig, wie andere expandieren – gern ihre Vergangenheit zur Schau stellt
ten hatte der Kunsthistoriker Klaus Buß- die Biennale von Venedig ist wegen der und doch zum Hintergrund für Avantgarde
mann. Er wollte die Münsteraner mit Un- Masse an Werken nicht mehr zu bewälti- wird. Jahrzehnt für Jahrzehnt. Auch in sei-
gewöhnlichem wachrütteln. Und er holte gen, die Documenta richtet in diesem Jahr nen Jahren als Leiter der renommierten
eben Kasper König dazu, der viele Jahre statt einer gleich zwei Ausstellungen aus, Frankfurter Akademie Städelschule, dann
in New York gelebt hatte und die Kontakte die eine in Kassel, die andere in Athen –, des Kölner Museums Ludwig hat sich Kö-
zu den US-Künstlern herstellen sollte, König will das Format nicht verändern. Er nig immer Zeit für Münster genommen.
denn sie waren weiter, einfallsreicher, sagt, die Pause von zehn Jahren zwischen Er glaubt sehr wohl, dass die Ausstellung
wenn es darum ging, Kunst in die Land- den Ausstellungen sei ein Alleinstellungs- dabei hilft, das schärfere Sehen und Denken
schaft zu setzen. merkmal, auch international. So viel Zeit zu schulen. Nächstes Jahr beherbergt Müns-
Gerade ihre Beiträge aber wurden als verstreichen zu lassen – wer schafft das in ter den Katholikentag, und zum ersten Mal
Angriff auf den ortsüblichen Geschmack dieser Ära der Eile schon? in dessen Geschichte wird die Gastgeber-
empfunden. Die Zeitungen druckten gifti- Und vergrößern? Man geht 2017 eine be- stadt keinen Barzuschuss gewähren. In
ge Leserbriefe. Selbst die Studenten waren scheidene Kooperation mit Marl ein, der Münster finden sie, die katholische Kirche
1977 von so viel Moderne überfordert. Sie nicht weit entfernten Stadt, die vor allem habe genug Geld. König ist sich sicher, ohne
versuchten, Claes Oldenburgs drei „Giant dank ihres Chemieparks in den Wirt- Kunst wäre das so nicht passiert.
Pool Balls“ am Aasee ins Wasser zu schub- schaftswunderjahren über viel Geld ver- Zurück aufs Rad. Eine Mitarbeiterin aus
sen, doch die Betonkugeln sind gut im fügte und heute so wirkt, als hätte sie den Königs Presseteam hat es sich ausgeborgt.
Boden verankert gewesen. Anschluss verpasst. Aber diese Zusammen- Dann, irgendwo auf einem Fahrradweg:
Seit damals aber, seit der ersten Ausga- arbeit hat nichts mit Wachstumsbestrebun- Ein junger Mann bremst, hält an, fragt
be, ist Münster auf der Kunstweltkarte ver- gen zu tun. freundlich bis skeptisch, ob Judith dieses
zeichnet. Und dann – zwar noch nicht 1987, König, dem künstlerischen Leiter, und Rad verliehen habe.
auch noch nicht wirklich 1997, aber doch den Kuratorinnen Marianne Wagner und Woanders achten Leute auf Gesichter,
2007 – erkannten auch die Münsteraner Britta Peters gelingt noch mehr. Sie haben in Münster erkennen sie Zweiräder wieder.
den Mehrwert durch die Skulptur Projekte. sich ein zweites Alleinstellungsmerkmal Und dank König und seinen Kuratorinnen
600 000 Besucher kamen vor zehn Jahren geschaffen. Viele virulente Probleme der auch gute Kunst. Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 23 / 2017 119


Kultur

„Wer den Dschihad verstehen will,


muss auf Deutschland schauen“
SPIEGEL-Gespräch Pankaj Mishra ist der Intellektuelle der Globalisierung.
Er denkt vernetzt, verbindet historische Zusammenhänge weltweit – und erklärt, warum
die Deutschen schon im 19. Jahrhundert einen heiligen Krieg geführt haben.

Mishra, 48, ist im nordindischen Jhansi auf- Er eroberte Europa als Herold der Ver- fühlen. Die sich als Opfer sehen, die aus
gewachsen, heute lebt er in London, schreibt nunft. Dabei hatte sich Frankreich längst den ländlichen Gebieten kommen. Überall
für Magazine wie den „New Yorker“ und die in eine imperialistische Macht verwandelt. auf der Welt. Dieser Konflikt findet mit
„New York Review of Books“. In seinem neuen SPIEGEL: Warum wehren sich Menschen ge- Voltaire und Rousseau seine ersten beiden
Buch „Das Zeitalter des Zorns. Eine Geschich- gen den Fortschritt? Symbolfiguren.
te der Gegenwart“ versucht er, dem Hass und Mishra: Die Deutschen fühlten sich für ihre SPIEGEL: Das müssen Sie erklären.
der Angst auf den Grund zu gehen, die unsere Rückständigkeit verhöhnt. Was einen dop- Mishra: Im Europa des 18. Jahrhunderts
Welt prägen – durch einen Blick auf die Ge- pelten Prozess lostrat. Zum einen eiferten entsteht eine Öffentlichkeit, in der über
schichte der Aufklärung*. sie den Franzosen nach und begannen die neuen Ideen gestritten werden kann.
ebenfalls, einen funktionierenden National- Voltaire ist der Held dieser Ära. Er geht
SPIEGEL: Herr Mishra, Ihr neues Buch han- staat aufzubauen. Zum anderen setzte eine Risiken ein, legt sich mit einigen Aristo-
delt von den Verwerfungen unserer heuti- leidenschaftliche Rhetorik der Abgrenzung kraten und der Kirche an – vor allem sieht
gen Welt. Schon im Vorwort beziehen Sie und des Hasses ein, der Wunsch, diesen er aber die neuen Möglichkeiten. Als klu-
sich allerdings auf ein längst vergangenes Feind vernichten zu wollen. Eine Reaktion, ger Mann kann man enorme Reichtümer
Ereignis: 1813 ruft der deutsche Dichter die es seitdem wieder und wieder und wie- anhäufen, wenn man sich mit den Mächti-
Theodor Körner zum „heil’gen Krieg“ ge- der gegeben hat. In anderen europäischen gen einlässt. Rousseau dagegen ist der pro-
gen Napoleon. Warum dieser Dschihad? Ländern, in Asien und in Afrika. vinzielle Außenseiter. Der Fremde, der in
Mishra: Ich weiß, dass sich das für Deutsche SPIEGEL: Länder, für die der Westen Feind die große Stadt kommt und sich entfrem-
merkwürdig anhört. Aber was ich mit und gleichzeitig Sehnsuchtsort war? det und zurückgestoßen fühlt von einer
Dschihad meine, hat erst einmal nichts mit Mishra: Genau. Wer den heutigen islamis- gut vernetzten Gruppe von Intellektuellen.
Religion zu tun. Ich benutze den Begriff, tischen Terrorismus verstehen will und Er sieht den Reichtum und die Weltläufig-
um eine Situation zu beschreiben, in der sein komplexes Verhältnis zum Westen, keit dieser Leute und sagt: so nicht. Es ist
ein Volk aufgerufen wird, in einen heiligen sollte sich nicht mit dem Koran beschäfti- problematisch, den Menschen den Fort-
Krieg um seine Existenz einzutreten. Und schritt aufzuzwingen. Sich über ihre Reli-
das geschah in Deutschland, nachdem es
von Napoleon erobert und besiegt worden
„Die Vorstellung, die gion lustig zu machen.
SPIEGEL: Sie vereinfachen.
war. Briten brauchten Europa Mishra: Selbstverständlich. Trotzdem ist im
SPIEGEL: Warum kämpften die Deutschen
damals überhaupt so begeistert gegen Na-
nicht, ist eine Streit zwischen Voltaire und Rousseau bei-
spielhaft ein Konflikt angelegt, der heute
poleon? Es gab keinen vereinten deutschen postkoloniale Fantasie.“ wieder die Welt zerreißt: zwischen einer
Staat, keine deutsche Armee, auch keine Elite, die Gutes tut und sich dabei berei-
ausformulierte nationale Identität. gen. Viel interessanter ist es, sich das chern will. Und Leuten, die von der Aus-
Mishra: Napoleon war der erste moderne Deutschland des 19. Jahrhunderts anzu- sicht, in einer neuen Gesellschaft leben zu
Imperialist. Er war ein Kind der Revolu- schauen, die Art, wie sich dort die Moder- müssen, nicht begeistert sind.
tion, er hatte die französische Bevölkerung nisierung vollzieht. Es gab eine Zeit, wo SPIEGEL: Sie klingen, als würden Sie Rous-
hinter sich, die Ressourcen seines Staats, Deutschland noch nicht zum Westen ge- seau den Vorzug geben.
vor allem aber die Idee des gesellschaftli- hörte – sondern sich eine Identität in Ab- Mishra: Nein. Ich sehe in Rousseaus Den-
chen Fortschritts. Diesen Universalismus grenzung zum Westen gab. ken sehr viele problematische Elemente.
versuchte er den Deutschen aufzuzwingen. SPIEGEL: Die beiden zentralen Denker Ihres Aber ich mag generell keine Helden. Ich
Dagegen wehrten sie sich. Buchs kommen allerdings nicht aus Deutsch- stelle mich auf keine Seite. Mir geht es da-
SPIEGEL: Dabei hatten einige Deutsche die land. Was ist heute noch so interessant an rum, einen Konflikt darzustellen. Voltaire
Französische Revolution begrüßt. Voltaire und Jean-Jacques Rousseau? ist immer gut weggekommen in der Kultur-
Mishra: Deshalb ist dieser historische Augen- Mishra: Ich glaube, dass man die heutigen geschichte, weil er für die Ideale eintritt,
blick so interessant, wenn wir über die Ge- politischen Verwerfungen nicht mehr ent- an die die Menschen glauben, die schrei-
genwart nachdenken. Die Deutschen spür- lang der Unterscheidung zwischen rechts ben. Was darüber oft in Vergessenheit ge-
ten als Erste die Kehrseite der Aufklärung. und links erklären kann. Ich würde eher rät, ist, dass er ein Kind seiner Zeit war.
Denn das war ja das Selbstbild Napoleons. sagen, dass wir zwischen einer Klasse von Er wollte vor allem Platz schaffen für Leu-
Menschen unterscheiden sollten, die von te wie ihn selbst.
* Pankaj Mishra: „Das Zeitalter des Zorns. Eine Ge- der Globalisierung profitiert haben, die SPIEGEL: Er war kein Demokrat?
schichte der Gegenwart“. Aus dem Englischen von Laura weltweit vernetzt und gut ausgebildet sind. Mishra: Es führt keine gerade Linie von der
Su Bischoff und Michael Bischoff. S. Fischer; 416 Seiten; Die in den prosperierenden Städten leben. Aufklärung zur Demokratie. Keiner der
24 Euro. Erscheint am 22. Juni.
Das Gespräch führten die Redakteure Tobias Rapp und Und einer Mehrheit der Menschen, die sich Aufklärer interessierte sich für die armen
Eva Thöne. von dieser Klasse abgehängt und betrogen Massen. Voltaire verachtete sie sogar, für
120 DER SPIEGEL 23 / 2017
HORST A. FRIEDRICHS / DER SPIEGEL

Denker Mishra in London: „Es gibt Probleme, für die gibt es keine Lösung“

Leute, die Schuhe machten, hatte er nur Mishra: Es gibt Probleme, für die gibt es Mishra: Es gibt die Idee der deutschen Ge-
Spott übrig. Voltaire war mit einigen der keine Lösung. Ich glaube, dass wir es hier schichte als „langen Weg nach Westen“.
großen aufgeklärten Despoten seiner Zeit mit einem grundlegenden Widerspruch der Aber was ist der Westen heute? Er ist zer-
befreundet. Die brutale Modernisierung Moderne zu tun haben. Den muss man splittert. Die Deutschen können sich nicht
Russlands unter Katharina der Großen versuchen zu verstehen. mehr darauf verlassen, ein Teil des säku-
fand seinen Gefallen. Er riet ihr, die Tür- SPIEGEL: Die Vorstellung, dass die Vernunft laren, demokratischen Westens zu sein,
ken anzugreifen, um den rückständigen eine Kehrseite hat, dass der Fortschritt sei- weil es dieses gemeinsame Projekt des
Muslimen eine Lektion zu erteilen. Wenn ne eigenen Monster mit sich bringt, ist uns säkularen, demokratischen Westens als
wir die Wut verstehen wollen, die seitdem Deutschen aus unserer Geschichte ver- solchen gar nicht mehr gibt. Er besteht aus
immer wieder den Eliten entgegengeschla- traut. Sie übertragen den Gedanken nun zutiefst gespaltenen Gesellschaften, die
gen ist, die solche Projekte verfolgt haben, auf die ganze Welt. ihre Vorbildfunktion für den Rest der Welt
müssen wir uns Voltaire und seine Zeit an- Mishra: Deutschland hat sich selbst lange verloren haben. Anders als Deutschland
schauen. als „verspätete Nation“ gesehen. Als Land, übrigens, das einen exzellenten Ruf hat,
SPIEGEL: So wie Sie Voltaire beschreiben, das spät in die Moderne eingetreten ist, besonders in Asien.
ist er der Ahnherr der Neokonservativen. das spät zum Nationalstaat wurde. Länder SPIEGEL: Warum?
Ein Stichwortgeber des „regime change“. mit dieser Geschichte haben oft das Ge- Mishra: Kein Land mit einer Kolonialver-
Mishra: Ich glaube, dass wir nach den gro- fühl, ihnen bleibe keine Zeit mehr. Alles gangenheit hat bislang seine Verbrechen
ßen gesellschaftlichen Beben der vergan- müsse jetzt schnell gehen, Kolonien müs- aufgearbeitet und zugegeben. Es wird sehr
genen Jahre noch einmal über die Rolle sen her, Industrialisierung, starke Armeen. genau wahrgenommen, dass Deutschland
des Intellektuellen nachdenken sollten. Sie müssen von den Feinden lernen. Das das einzige Land ist, dessen politische Kul-
SPIEGEL: Warum? lässt sich im Deutschland des 19. Jahrhun- tur geradezu darauf aufbaut, sich über das
Mishra: Ich sehe überall – sei es in Indien, derts beobachten. Dann in Japan, das sich Unheil im Klaren zu sein, das man über
in Indonesien, in Europa oder den USA – an Deutschland orientiert. Und dann kom- die Welt gebracht hat.
eine Schicht von Intellektuellen, die eine men viele andere Länder in Afrika und SPIEGEL: Sie sprechen vom Zweiten Welt-
teure Erziehung hatten, die die Privilegien Asien. krieg, vom Holocaust. Nicht von der deut-
der globalisierten Welt genießen und die SPIEGEL: Sind die „verspäteten Nationen“ schen Kolonialvergangenheit.
glauben, für eine große Zahl von Leuten möglicherweise der Normalfall? Und nicht Mishra: Auch die wird langsam aufgearbei-
entscheiden zu können, was für sie richtig Frankreich, England oder die Vereinigten tet. Aber das deutsche Kolonialreich war
ist. Von den Entwicklungsprogrammen, Staaten? nie so groß und wichtig wie das britische.
die die sogenannten Schwellenländer ins Mishra: Ganz genau! Die amerikanische Es ist von außen nur schwer vorstellbar,
21. Jahrhundert holen sollen, über die oder englische Erfahrung sind die histori- wie wichtig die kolonialen Denktraditio-
Weltverbesserungsfantasien der IT-Indus- sche Ausnahme. Deren Begriffe von De- nen in Großbritannien bis heute sind.
trie bis zu den Plänen, die politische Struk- mokratie, Modernität, Fortschritt bauen Ohne sie hätte es keinen Brexit gegeben.
tur von Staaten umzustürzen. Dieses Den- auf Erfahrungen auf, die sehr speziell nur Die Vorstellung, die Briten brauchten
ken fängt bei Voltaire an. Die Idee, man von ihnen gemacht wurden. Europa nicht, man könne einfach wieder
könne die Aufklärung mit dem Schwert SPIEGEL: Aber zeigt das deutsche Beispiel das Commonwealth aufleben lassen, ist
bringen. Intellektuelle, die sich mit der nicht auch, dass alles ein bisschen eine postkoloniale Fantasie. Theresa Mays
Macht verbünden, bilden eine problema- komplizierter ist? Angela Merkel wird Schatzkanzler Philip Hammond ist in dem
tische Konstellation. Damals wie heute. seit dem Wahlsieg Donald Trumps oft Irrglauben nach Indien gereist, das Land
SPIEGEL: Was wäre denn die Alternative? als neue Anführerin des Westens be- könne den wegfallenden Handel mit der
Nicht die Welt verbessern zu wollen? zeichnet. EU ausgleichen. Regierungsbeamte haben
DER SPIEGEL 23 / 2017 121
Kultur

SAMSTAG, 3. 6., 19.30 – 20.15 UHR | ARTE

Metropolen von unten: Paris dies als „Empire 2.0“ bezeich-


Lebendig und nostalgisch, mit brei- net. So etwas gibt es in
ten Boulevards und weltbekannten Deutschland nur am Rand des
Sehenswürdigkeiten: Auch unter der politischen Spektrums.
Erde kann die französische Haupt- SPIEGEL: Immer wieder sind es
junge Männer, die diese spe-
zielle Wut in sich tragen, die
in Gewalt umschlägt. Deut-
sche Befreiungskämpfer, rus-
sische und italienische Anar-
chisten, japanische Nationalis-
ten, militante Hindus, radikale
Iraner, Islamisten verschie-
denster Couleur. Was treibt sie
an?
Mishra: Die Last der Befreiung.
In der Moderne ist die Befrei-

EHRT / AKG
ung ja zu einer Art Pflicht des
SPIEGEL TV

Individuums geworden. Junge


Männer müssen die Vergan- Rebellen Wagner (o. l.), Bakunin (u. r.)
Pariser Katakomben-Fan Jean-Baptiste genheit hinter sich lassen und „Zwei Wege in die Moderne“
sich aufmachen in ein neues
stadt überraschen und verzaubern. Zeitalter, um neue Möglichkei-
Eine Expedition in die Pariser Unter- ten der Selbstentfaltung und
welt und das Porträt einer Stadt aus Ausdehnung zu erschließen.
einem ungewöhnlichen Blickwinkel. Das birgt viele Möglichkeiten
der Enttäuschung. Wenn die
Gesellschaft etwa noch nicht
SPIEGEL TV MAGAZIN weit genug entwickelt ist, die-
SONNTAG, 4. 6. | RTL se Bedürfnisse aufzufangen.
SPIEGEL: Und aus der Frustra-
Die Sendung entfällt wegen des tion ergeben sich politische
Pfingstsonderprogramms. Fantasien?
Mishra: Häufig. Wer einmal
von einem Weltreich träumt,
SPIEGEL TV REPORTAGE
BIANCHETTI / LEEMAGE / DPA

ist nur schwer mit dem Wahl-


DIENSTAG, 6. 6., 23.10 – 0.15 UHR | SAT.1 recht zufriedenzustellen.
SPIEGEL: Sie beschreiben in Ih-
Gewalt auf der Straße: Wie rem Buch, wie der Anarchist
schütze ich mich vor Angreifern? Michail Bakunin und der
Angrapschen im Klub, Überfälle Komponist Richard Wagner
auf der Straße, Schlägereien aus 1849 gemeinsam in einer Kut- Philosophen Voltaire, Rousseau
nichtigem Anlass: Gewalttaten sche aus Dresden fliehen, als „Keine gerade Linie von der Aufklärung zur Demokratie“
haben zugenommen in Deutschland, die deutsche Revolution schei-
das Bedürfnis nach Sicherheit tert. Zwei junge Männer, die sehr unter- anarchistischer Gewalt, etwa mit Atten-
wächst. Aber wie kann man sich schiedliche Wege gehen werden. taten auf die Pariser Börse oder auf die
vor Angriffen im Alltag schützen? Mishra: Wo ein Wagner ist, da findet sich französische Nationalversammlung. Ter-
Die SPIEGEL-TV-Reportage macht immer auch ein Bakunin. Es sind zwei roristen waren schon immer Menschen
den Test. Wege in die Moderne. Der eine steht für mit den unterschiedlichsten ethnischen
den kulturellen Nationalismus. Der an- und weltanschaulichen Hintergründen –
dere ist anarchistisch, militant, glaubt an es gibt keine religiöse Tradition, die Terror
SPIEGEL GESCHICHTE die Kraft von Gewalt und Zerstörung. begünstigt.
FREITAG, 9. 6., 20.15 – 21.00 UHR | SKY Wagner entspricht einem Land, das sich SPIEGEL: Sie sehen den Terrorismus als
schnell aufschwingt in der Welt, Bakunin Symptom der Moderne?
Geschäftsmodell kriminell: fehlt ein Land. Er wird der Vordenker Mishra: Absolut. Mit der Aufklärung star-
Der Anlagebetrüger eines internationalen Netzwerks von tete Europa einen Prozess, der jetzt uni-
Anfang 2009 begannen die Ermitt- Anarchisten und Militanten; er führt einen versell ist. Sich vorzustellen, dass Men-
lungen gegen Allen Stanford, neuen Politikmodus ein, der gelenkt wird schen heute irgendwo auf der Welt noch
einen der einflussreichsten Banker von kleinen Gruppen und verstreuten In- so religiös sein könnten wie im Mittelalter
der Welt. Damals war der Texaner dividuen und die Vergangenheit mythisch – das ist eine Fantasie. Wir mögen unsere
Geschäftsführer einer Investment- verklärt, etwas Verlorengeglaubtes wie- Loyalitäten haben, unsere Neigungen.
firma mit 31 000 Kunden. Niemand deraufbauen will. Daraus entwickelt sich Aber in der Art, wie wir die Welt inter-
ahnte, dass es sich um eines der eine Politik, die wir heute Terrorismus pretieren, wie wir um uns schauen, sind
größten Schneeballsysteme handel- nennen. wir heute unentrinnbar säkularisiert, ob
te, die die Finanzwelt je gesehen SPIEGEL: Die Anarchisten sind nicht religiös. wir wollen oder nicht.
hat. Schließlich wurde Stanford zu Mishra: Die Geschichte des Terrorismus SPIEGEL: Sie zeichnen ein sehr düsteres Bild
110 Jahren Haft verurteilt. beginnt im späten 19. Jahrhundert mit der Gegenwart. Sind die Möglichkeiten
122 DER SPIEGEL 23 / 2017
der modernen Welt nicht auch Errungen- Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom Fachmagazin „buchreport“ (Daten: media control);
schaften? Nie hatten Menschen so viel nähere Informationen finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestseller
Freiheit, sich auszusuchen, wie sie leben
wollen. Belletristik Sachbuch
Mishra: Das kann man so sehen. Trotzdem
ist es wichtig, sich die Wurzeln ebendieser 1 (15) Donna Leon 1 (1) Andreas Michalsen
Freiheitsidee genau anzugucken. Die Idee Stille Wasser Heilen mit der Kraft der Natur
der individuellen Freiheit wird im 18. Jahr- Diogenes; 24 Euro Insel; 19,95 Euro
hundert zum ersten Mal von einer klei- Donna Leons Commissario 2 (2) Peter Wohlleben Das geheime Leben
nen Gruppe von Männern formuliert, die Brunetti hat 25 Fälle gelöst
und leidet unter Burn-out. der Bäume Ludwig; 19,99 Euro
längst Macht hatten. Es sind Ideen einer
Doch seine Erfinderin gönnt
Minderheit, die im 19. Jahrhundert durch ihm keine echte Pause 3 (3) Eckart von Hirschhausen Wunder
den globalen Kapitalismus, die Industria- wirken Wunder Rowohlt; 19,95 Euro
lisierung und Urbanisierung universell 2 (1) Maja Lunde
wurden. Die Geschichte der Bienen btb; 20 Euro 4 (6) Andrea Wulf Alexander von Humboldt
SPIEGEL: Daran ist noch nichts Schlimmes.
und die Erfindung der Natur
3 (2) Jussi Adler-Olsen C. Bertelsmann; 24,99 Euro
Mishra: Es sind Ideale, die trügerisch sind.
Selfies dtv; 23 Euro
Im 19. Jahrhundert verloren Menschen ihre 5 (5) Yuval Noah Harari
Berufe, weil die Massenproduktion auf- 4 (6) Elena Ferrante Meine geniale Homo Deus C. H. Beck; 24,95 Euro
tauchte – gleichzeitig tauchten die wüten- Freundin Suhrkamp; 22 Euro
den Massen auf, viele wurden empfänglich 6 (4) Cameron Bloom / Bradley Trevor Greive
für die einfachen Parolen von Demagogen, 5 (3) Rebecca Gablé Penguin Bloom Knaus; 19,99 Euro

die bestimmte Gruppen zu Sündenböcken Die fremde Königin Lübbe; 26 Euro 7 (8) Roger Willemsen
machten. Hier zeigt sich, wie unabsehbar Wer wir waren S. Fischer; 12 Euro
die Folgen der Aufklärung waren. Ich will 6 (4) Gerhard Polt
den Aufklärern gar nicht die Schuld dafür Der große Polt Kein & Aber; 12 Euro 8 (7) Robin Alexander
geben, sie wussten ja damals auch nicht, Die Getriebenen Siedler; 19,99 Euro
7 (5) Martin Walker
was sie lostraten – wie hätten sie auch? Grand Prix Diogenes; 24 Euro 9 (9) J. D. Vance
Aber die Wahl Trumps oder die Entschei- Hillbilly-Elegie Ullstein; 22 Euro
dung für den Brexit sind auch Folgen die- 8 (7) Carlos Ruiz Zafón Das Labyrinth
ses Prozesses. der Lichter S. Fischer; 25 Euro 10 (11) Christian Nürnberger / Petra Gerster
SPIEGEL: Ist Ihre Karriere – aus der indi- Der rebellische Mönch, die entlaufene
schen Provinz an die renommiertesten 9 (10) Elena Ferrante Die Geschichte Nonne und der größte Bestseller aller
Universitäten – nicht das beste Beispiel, eines neuen Namens Suhrkamp; 25 Euro Zeiten – Martin Luther Gabriel; 14,99 Euro
dass die Folgen der Moderne auch positiv 11 (–) Michael Wolffsohn
ausfallen können? 10 (8) Martin Suter
Elefant Diogenes; 24 Euro Deutschjüdische
Mishra: Natürlich scheine ich wie der le- Glückskinder
bende Beweis, dass Globalisierung funk- 11 (18) Karl Ove Knausgård dtv; 26 Euro
tioniert. In Wirklichkeit waren es vor allem Kämpfen Luchterhand; 29 Euro
Zufälle. Der Historiker Michael Wolff-
sohn schildert im Jahr
SPIEGEL: Zufälle? 12 (12) Sebastian Fitzek seines 70. Geburtstags die
Mishra: Ich bekam die Möglichkeit, für eine Das Paket Droemer; 19,99 Euro Geschichte seiner Familie
indische Zeitung Buchrezensionen zu
13 (11) Natascha Wodin 12 (10) Hannelore Hoger Ohne Liebe trauern
schreiben, obwohl ich gar keine Schreib-
Sie kam aus Mariupol die Sterne Rowohlt; 19,95 Euro
maschine hatte. Ich traf einen Redakteur Rowohlt; 19,95 Euro
des „New York Review of Books“. Wenn 13 (15) Katrin Weber
ich sagen würde, dass ich es wegen meines 14 (9) Julian Barnes
Sie werden lachen Aufbau; 18,95 Euro
Talents geschafft habe, würde ich mich Der Lärm der Zeit
selbst belügen. Ich kenne so viele talen-
Kiepenheuer & Witsch; 20 Euro 14 (12) Zana Ramadani Die verschleierte
tierte Menschen in Indien, für die sich kei- Gefahr Europa; 18,90 Euro
15 (–) Mary E. Pearson
ne Möglichkeiten eröffnet haben. Das Herz des Verräters One; 18 Euro 15 (13) Hannes Jaenicke
SPIEGEL: Haben Sie über wütende junge Wer der Herde folgt, sieht nur Ärsche
Männer geschrieben, um darüber nachzu- 16 (14) John Grisham Gütersloher Verlagshaus; 19,99 Euro
denken, was auch aus Ihnen hätte werden Bestechung Heyne; 22,99 Euro
können? 16 (18) Peter Wohlleben Das Seelenleben
Mishra: Gedanken kommen immer aus der 17 (–) Nora Roberts der Tiere Ludwig; 19,99 Euro

individuellen Erfahrung. Ich bin von Eltern Die Stunde der Schuld
17 (20) Henning Sußebach Deutschland ab
aufgezogen worden, deren Erziehung vor- Blanvalet; 19,99 Euro
vom Wege Rowohlt; 19,95 Euro
modern war, geprägt von Religion und My-
18 (13) Zsuzsa Bánk 18 (19) Barbara Stollberg-Rilinger
then. Ich habe die meiste Zeit meines Le-
Schlafen werden wir später Maria Theresia
bens in einem kleinen indischen Dorf im S. Fischer; 24 Euro
C. H. Beck; 34 Euro
Himalaja verbracht und habe dort die jun- 19 (–) Leon Windscheid Das Geheimnis
gen Männer beobachtet, die alle etwas su- 19 (16) Toni Morrison der Psyche Ariston; 19,99 Euro
chen. Das habe ich versucht in ein Buch Gott, hilf dem Kind Rowohlt; 19,95 Euro
zu packen. 20 (–) Dalai Lama, Franz Alt Der Appell
SPIEGEL: Herr Mishra, wir danken Ihnen 20 (17) Hanya Yanagihara des Dalai Lama an die Welt
für dieses Gespräch. Ein wenig Leben Hanser Berlin; 28 Euro Benevento; 4,99 Euro

DER SPIEGEL 23 / 2017 123


Kultur

Water“ den Themen, die sie interessieren. „Für alle unbe-


quemen Frauen“ lautet die Widmung. Hawkins deshalb
als feministische Schriftstellerin zu bezeichnen ginge zu
weit. Ihr Buch ist vor allem ein Krimi. Die Frage „Who-
dunit“, „Wer war es?“, treibt die Geschichte an, die Hand-
Von der Klippe lung ist ordentlich strukturiert, an der schmucklosen Spra-
che ließe sich herummeckern, aber was soll’s, Hawkins
wetteifert nicht um den Booker Prize. Sie will unterhalten,
Literaturkritik „Into the Water“: das und das gelingt ihr. Und sie bewahrt sich ihre Eigensin-
nigkeit bei der Wahl der Charaktere. Die Heldin ist auch
zweite Buch von Paula Hawkins, diesmal eine Frau, eine sperrige Person, die keinem Ideal
Autorin des Bestsellers „Girl on the Train“ entspricht und oft schlechte Laune hat.
Weil ein guter Krimi immer auch ein Gesellschafts-

W
enn eine unbekannte Schriftstellerin von ihrem roman ist, reflektiert Hawkins in „Into the Water“ die Le-
ersten Roman weltweit über 19 Millionen Exem- bensentwürfe von Frauen; diesmal sind es Frauen, die ge-
plare verkauft, muss sie mit diesem Buch einen rade nicht in Städten wie London oder New York leben.
Nerv getroffen haben. Als die Britin Paula Hawkins sich Ihr Thema sind die Grenzen, die diesen Lebensentwürfen
an das Manuskript von „Girl on the Train“ setzte, hatte bis heute gesetzt sind, aller Emanzipation zum Trotz.
sie schon einige Jahre als Wirtschaftsjournalistin für die Im Mittelpunkt des Buchs stehen die Schwestern Julia
Londoner „Times“ gearbeitet und unter dem Pseudonym und Nel, sie sind in Beckford aufgewachsen, einem kleinen
Amy Silver Schmonzetten veröffentlicht, die ihr selbst englischen Ort in der Nähe von Worcester. Nel ist die Äl-
nicht gefielen. Es waren Versuche, Geld zu verdienen, tere, als junges Mädchen war sie diejenige, hinter der alle
mehr nicht. Jungs her waren, später wurde sie eine international er-
„Girl on the Train“, so erzählt es Hawkins, entstand an folgreiche Fotografin. Irgendwann zog sie mit ihrer Tochter
einem Tiefpunkt ihres Lebens. Sie war pleite, sie zweifelte Lena zurück in ihren Heimatort, in das Haus, in dem die
an ihrer Berufswahl und entschied sich, endlich den Ro- Familie früher lebte. Es ist ein altes Mühlhaus, direkt an
man zu schreiben, den sie selbst gern lesen würde. Eine jenem Fluss gelegen, der den Ort durchzieht und den zahl-
düstere Mordgeschichte mit einer ramponierten Heldin reiche Geschichten umgeben.
im Mittelpunkt; ein Buch, das Fragen nach den psycholo- Im sogenannten Drowning Pool – einer tieferen Stelle
gischen Auswirkungen von Gewalt stellt. Zudem beschäf- des Flusses, an der eine Klippe aufragt – sollen im 17. Jahr-
hundert „Hexenbäder“ veranstaltet worden
sein. Frauen, die angeblich Hexen waren,
wurden hier ertränkt. Später, sehr viel später,
1983, stürzte sich eine Bewohnerin des Ortes
von der Klippe, und jüngst beging die beste
Freundin von Lena in dem Fluss Selbstmord.
Nel plante ein Projekt, bei dem sie die Le-
bensgeschichten der verstorbenen Frauen er-
zählen wollte. Doch als die Handlung ein-
setzt, ist auch Nel tot. Ebenfalls ertrunken.
CHRIS FLOYD / CAMERA PRESS / PICTURE PRESS

Ihre Schwester Julia kehrt in ihr Heimatdorf


zurück, äußerst widerwillig, um der Nichte
beizustehen, um mehr über die Umstände
des Todes ihrer Schwester zu erfahren. Dabei
offenbart sich ein Spektrum männlicher Ge-
walt gegen Frauen, so viel kann verraten
werden, ohne dem Buch die Spannung zu
nehmen.
Ein wenig erinnert „Into the Water“ an
J. K. Rowlings Roman „Ein plötzlicher To-
Schriftstellerin Hawkins: Endlich den Roman geschrieben, den sie selbst lesen wollte desfall“, den diese nach ihrer Harry-Potter-
Serie veröffentlichte. Zwar ist der Aufbau
tigte Hawkins die Beobachtung, welchen Druck viele Frau- von Hawkins’ Buch ein völlig anderer, doch auch Hawkins
en empfinden, ein glückliches und damit vorzeigbares Le- ist eine gute psychologische Erzählerin und versucht,
ben führen zu müssen. „Girl on the Train“ erschien 2015 im Kleinstadtleben das Exemplarische zu entdecken. Da-
unter Hawkins’ richtigem Namen, ihr erstes eigenes Buch rüber gerät ihr das Buch bisweilen sehr ernsthaft, und
eben. Im vergangenen Jahr zählte die Britin zu den zehn vielleicht muss man auch ein Faible für Großbritannien
bestverdienenden Schriftstellern weltweit. haben, um dieser etwas biederen Welt so viel abzuge-
Nun liegt ihr neues Werk vor, „Into the Water“ heißt winnen.
es. Ein zweiter Roman ist immer ein schwieriges Buch, Doch allen Einwänden zum Trotz dürfte „Into the Wa-
umso mehr, wenn das erste von Stephen King gelobt und ter“ wieder ein Bestseller werden, zahlreiche Leserinnen
in Hollywood verfilmt wurde. Doch scheinbar unbeein- werden es als Urlaubslektüre einpacken, das Hollywood-
druckt vom Erfolgstrubel folgt Hawkins auch in „Into the studio Dreamworks hat sich bereits die Filmrechte ge-
sichert. Und Hawkins gebührt Sympathie dafür, dass sie
Paula Hawkins: „Into the Water“. Aus dem Englischen von Christoph Göhler. die Freiheit ihres enormen Erfolgs nutzt, um unbequeme
Blanvalet; 480 Seiten; 14,99 Euro. Frauen zu Heldinnen zu machen. Claudia Voigt

124 DER SPIEGEL 23 / 2017


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W I RTS C H A F T Leitung: Armin Mahler, Raulf, Barbara Rödiger, Doris Wilhelm Cordelia Freiwald (stellv.), Axel Pult Elektronische Version, Frankfurter Stiftung für Blinde
Susanne Amann (stellv.), Markus Brauck TITELBILD Katja Kollmann, Arne Vogt; (stellv.), Peter Wahle (stellv.); Jörg-Hinrich Telefon: 069 9551240
(stellv.). Redaktion: Simon Hage, Isabell Suze Barrett, Svenja Kruse, Iris Kuhlmann, Ahrens, Zahra Akhgar, Dr. Susmita
Hülsen, Alexander Jung, Nils Klawitter, Gershom Schwalfenberg Arp, Viola Broecker, Dr. Heiko Buschke, Abonnementspreise
Alexander Kühn, Martin U. Müller, Ann- Johannes Eltzschig, Klaus Falkenberg, Inland: 52 Ausgaben € 239,20
REDAKTIONSVERTRE TUNGEN
Kathrin Nezik, Simone Salden, Jörg Catrin Fandja, Dr. André Geicke, Silke Studenten Inland: 52 Ausgaben € 163,80
D E U TS C H L A N D
Schmitt. Autoren, Reporter: Hauke Goos, Geister, Thorsten Hapke, Susanne Heitker,
BERLIN Alexanderufer 5, 10117 Berlin;
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Juliane von Mittelstaedt (stellv.), Mathieu Gesellschaft Tel. 030 886688-200, Gussek, Ulrich Klötzer, Ines Köster, Der digitale SPIEGEL: 52 Ausgaben € 213,20
von Rohr (stellv.). Redaktion: Dieter Fax 886688-222 Anna Kovac, Peter Lakemeier, Dr. Walter (der Anteil für das E-Paper beträgt € 187,20)
Bednarz, Katrin Kuntz, Jan Puhl, Tobias Lehmann-Wiesner, Dr. Petra Ludwig-Sidow, Befristete Abonnements werden anteilig berechnet.
Rapp, Sandra Schulz, Samiha Shafy, He- DRESDEN Steffen Winter, Wallgäßchen 4, Rainer Lübbert, Sonja Maaß, Nadine
lene Zuber. Autoren, Reporter: Marian 01097 Dresden, Tel. 0351 26620-0, Markwaldt-Buchhorn, Dr. Andreas Mey-
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126 DER SPIEGEL 23 / 2017


Nachrufe
LAURA BIAGIOTTI, 73 Augen und starkem polni-
Es war ihr Parfum, das sie schem Akzent“ („New York
weltberühmt machte. Ein Times“), war eine treibende
klassischer Duft nach mediter- Kraft hinter der Geiselbefrei-

JOSE ANGEL MURILLO / POLARIS / LAIF


raner Mandelblüte, mit der ung in Iran im Jahr 1980, die
Frische von Schwarzer Johan- im Desaster endete. Er sorgte
nisbeere und einer sonnen- mit dafür, dass Washington
geküssten Basis aus orientali- afghanische Islamisten im
schen Hölzern und Vanille. Kampf gegen die Sowjet-
Sie ließ das Parfum in einen invasion bewaffnete. In späte-
säulenförmigen Flakon aus ren Jahren, nach dem Ende
Milchglas füllen und benannte der Sowjetunion, vertrat der
es nach ihrer lebenslangen In- streitbare Außenpolitiker ge-
MANUEL NORIEGA, 83 spiration und Heimat: Roma. mäßigtere Positionen. So
Der panamaische Diktator war der Inbegriff eines mittel- warnte er vor der Irakinvasion
amerikanischen Despoten: Er liebte Waffen und Whiskey, 2003, unterstützte Barack
mischte im Drogenhandel mit und verdiente Millionen mit Obama und kritisierte Donald
dem Verkauf panamaischer Pässe. Seine Gegner ließ er fol- Trumps außenpolitische Ideen
tern und ermorden. Er schmiss Partys mit Prostituierten und als unausgegoren. Zbigniew
Kokain, kleidete seine Teddybären in Fallschirmjägerunifor- Brzeziński starb am 26. Mai
men und schwang bei Reden eine Machete. Noriega trat als in Falls Church, Virginia. ch
junger Mann der Nationalgarde bei; der nationalistische
Diktator Omar Torrijos förderte seinen Aufstieg. Nach Torri- ALOIS MOCK, 82

DPA
jos’ Tod beförderte sich Noriega 1983 zum General und wur- Auf dem Bild, das ihn unsterb-
de der starke Mann Panamas. Während des Kalten Kriegs in lich machen sollte, hantiert er
den Achtzigerjahren arbeitete er als Informant für die CIA, Biagiotti, schneewittchen- mit einem Bolzenschneider
zugleich pflegte er beste Kontakte zu Kolumbiens Rausch- schön und elegant bis zuletzt, im Drahtverhau: Österreichs
giftkartellen. Erst als sein Gangstergebaren amerikanischen wuchs als Tochter einer Außenminister Alois Mock,
Interessen immer gefährlicher wurde, ließ die US-Regierung Schneiderin auf. Mitte der neben seinem Amtskollegen
ihn fallen: Im Dezember 1989 entsandte der damalige Präsi- Sechzigerjahre begann sie, Gyula Horn, wie er am 27. Juni
dent George Bush 27 000 Soldaten nach Panama, um Norie- aus deren Atelier ein Mode- 1989 den Eisernen Vorhang
ga zu stürzen. Bei den Gefechten starben 26 Amerikaner imperium zu schaffen, das in Ungarn demontiert – der
und Hunderte Panamaer. Die US-Truppen brachten Noriega italienisches Prêt-à-porter in Anfang vom Ende des Kalten
nach Miami, wo er wegen Drogenhandels zu 40 Jahren Ge- die Welt bis nach China und Kriegs. Dass das Foto eine PR-
fängnis verurteilt wurde. 2010 wurde er nach Frankreich in den Kreml trug. Ihr Mar- Nummer war, weil Ungarn zu
überstellt und dort wegen Geldwäsche zu weiteren sieben kenzeichen waren Kaschmir
Jahren Haft verurteilt. Bereits ein Jahr später lieferte Paris und die Farbe Weiß. Laura
ihn nach Panama aus, wo er wegen der Ermordung von Biagiotti starb am 26. Mai in
Regimegegnern noch einige Jahre im Gefängnis verbrachte. Rom an einem Herzinfarkt. fio
Manuel Noriega starb am 29. Mai in Panama-Stadt. jgl

KAROLY MATUSZ / PA / DPA


ZBIGNIEW BRZEZIŃSKI, 89
Er war hart, arrogant, und er
TANKRED DORST, 91 hat in seiner aktiven Zeit
Er war der Zauberer der deut- schwere Fehler gemacht. Aber
schen Theaterwelt. „Merlin“ war es gibt wenige Männer, die
sein Held, einer von vielen, vie- Amerikas Außenpolitik so
len Helden, die Tankred Dorst lange beeinflusst haben wie diesem Zeitpunkt bereits
in seinen wohl 50 Theaterstü- der Sohn eines polnischen Di- klammheimlich den Großteil
cken auf die Bühne gebracht hat. plomaten. Als sich die Sow- seiner Grenzbefestigungen ab-
ISOLDE OHLBAUM / LAIF

„Merlin oder Das wüste Land“ jets nach dem Zweiten Welt- gebaut hatte, wurde erst spä-
wurde 1981 in Düsseldorf urauf- krieg die alte Heimat einver- ter bekannt. Im Juni 1991 be-
geführt, die unendlich reiche leibten, musste seine Familie trieb Mock, langjähriger Chef
Mythenwelt der Artus-Sage im Exil bleiben. Der junge der Österreichischen Volkspar-
schrieb Dorst hier in die Gegen- Brzeziński promovierte in tei, mit seinem deutschen
wart hinein. Es wurde sein größ- Harvard und wurde später Po- Amtskollegen Hans-Dietrich
ter Erfolg. Am 19. Dezember 1925 war er als Sohn eines Ma- litikberater mit diversen Funk- Genscher die vielfach als über-
schinenfabrikanten in Oberlind in Thüringen auf die Welt tionen in Washington. Er ord- stürzt kritisierte Anerkennung
gekommen. Schon als Elfjähriger entwarf er ein Theater- nete dem Kampf gegen die der Unabhängigkeit Slowe-
stück über Kartoffeln und die Preußen. Nach dem Krieg Sowjets und den Kommunis- niens und Kroatiens. Knapp
ging er nach München, studierte ein wenig Theaterwissen- mus alles unter. Auch deshalb drei Jahre später landete
schaften und schrieb Stücke für ein Marionettentheater. befürwortete der Demokrat Mock seinen größten Sieg: Am
1968 gelang ihm mit „Toller“ der Durchbruch, dem Drama den Vietnamkrieg. 1977 er- 1. März 1994 durfte er nach 80-
des gescheiterten, naiven, deutschen Revolutionärs. Dorst nannte Präsident Jimmy stündigen Verhandlungen in
selbst war ein Revolutionär der Menschlichkeit. Seit den Carter ihn zu seinem Nationa- Brüssel die Aufnahme Öster-
Siebzigerjahren schrieb er seine Stücke mit seiner Lebens- len Sicherheitsberater. Brze- reichs in die Europäische Uni-
partnerin Ursula Ehler. Ein Dramatikerpaar: Auch darin war ziński, eine „einschüchternde on verkünden. Alois Mock
er revolutionär. Tankred Dorst starb am 1. Juni in Berlin. vw Gestalt mit durchdringenden starb am 1. Juni in Wien. wma
DER SPIEGEL 23 / 2017 127
ULLSTEIN BILD
An allen Fronten det sich offiziell im Kriegszustand mit Israel, Waren werden
boykottiert, Reisende, die aus dem Nachbarland in den Liba-
Nur Stunden vor der Premiere von „Wonder Woman“ in Bei- non wollen, werden oft abgewiesen. Kinobetreiber sind
rut am vergangenen Mittwoch verfügte das libanesische Innen- von der kurzfristigen Entscheidung überrascht, die Premiere
ministerium ein Verbot, den Film aufzuführen. Die Haupt- war groß beworben worden. Fans äußern sich in sozialen
darstellerin Gal Gadot, 32, sei Israelin und unterstütze zudem Netzwerken enttäuscht: Nur eine Minderheit sei gegen den
das israelische Militär; der Film müsse also als israelisches Film. In der Vergangenheit sind mehrere Kinofilme mit Gadot
Produkt betrachtet werden, seine Aufführung sei mithin ille- im Libanon gezeigt worden. Als „Wonder Woman“ soll
gal, so die Argumentation. Gadot, 2004 zur Miss Israel ge- sie jetzt nicht nur auf der Leinwand die Welt retten, sondern
krönt, absolvierte zwei Jahre lang den obligatorischen Militär- auch Hollywood: Der US-amerikanische Kinosommer war
dienst und hatte die Streitkräfte während des Gazakonflikts bisher eine finanzielle Enttäuschung; die Superheldin soll es
im Jahr 2014 auf ihrer Facebook-Seite gelobt. Libanon befin- richten. Am 15. Juni ist Deutschlandpremiere. ks

Ohrabschneider der diese Rolle 1956 in dem


Film „Ein Leben in Leiden-
Welcher Schauspieler würde schaft“ mit großer Vehemenz
nicht gern einen Mann dar- verkörperte. Schnabel ist
stellen, der als Prediger schei- fasziniert von van Gogh. Die
tert, sich als eines der größ- Konzentration auf die Natur,
ten Malergenies aller Zeiten die er in seinen Bildern ein-
erweist, dem Irrsinn verfällt zufangen versuchte, habe den
und sich ein Ohr abschnei- Maler seinen Mitmenschen
det? Der Amerikaner Willem entfremdet. Dafoe sei „genau
Dafoe, 61, darf sich glücklich diese Art von Person“, ist
schätzen – er soll in einem Schnabel überzeugt und hat
ILYA S. SAVENOK / GETTY IMAGES

Film des US-Regisseurs Julian mit dem Schauspieler schon


Schnabel („Schmetterling Testaufnahmen gemacht. Da-
und Taucherglocke“) Vincent foe wird dennoch ein gutes
van Gogh spielen, den be- Make-up brauchen. Er ist fast
rühmten Impressionisten. ein Vierteljahrhundert älter
Damit tritt Dafoe in die Fuß- als van Gogh zum Zeitpunkt
stapfen von Kirk Douglas, seines Todes. lob

128 DER SPIEGEL 23 / 2017


Personalien
Kampf im Netz den, auf dem das Buch in ei-
nen Ofen gehalten wird. Auch
Bundesjustizminister Heiko AfD-Mann Björn Höcke ver-
Maas, 50, muss dieser Tage suchte, das Werk zu nutzen,
viel Ablehnung ertragen. Sein um gegen Maas Stimmung zu
umstrittener Gesetzesvor- machen. Auf seiner Facebook-
schlag zur Regulierung sozia- Seite veröffentlichte er ein
ler Netzwerke wie Facebook manipuliertes Cover: Der Un-
sorgt für Aufruhr. Kritik tertitel „Eine Strategie gegen

PETER SCHINZLER / DER SPIEGEL


macht sich auch an unerwar- Rechts“ lautete nun „Eine
teter Stelle bemerkbar: in Strategie gegen das Recht“.
Buchrezensionen auf Ama- Der Verlag hat rechtliche
zon. Vergangene Woche ist Schritte eingeleitet. Die Neu-
Maas’ Buch „Aufstehen statt erscheinung wird bei Amazon
wegducken“ beim Piper Ver- als Bestseller auf Platz eins
lag erschienen; es geht darin geführt – in der Kategorie
um Rechtspopulismus und Rechtsextremismus. mum
wie man ihm begegnen kann. Der Augenzeuge
Das Buch war gerade erhält-
lich, da gab es schon die ers-
ten negativen Bewertungen.
Eistüte statt Joint
Nur hinter einem Bruchteil HERMANN BREDEHORST / DER SPIEGEL Schwerkranke können seit März Cannabis auf Rezept erhalten.
der rund hundert Rezensio- Der Unternehmer Wenzel Cerveny, 56, möchte in München
nen steht ein von Amazon ve- das bundesweit erste Cannabis-Therapie-Zentrum eröffnen. Um
rifizierter Buchkauf. Die Bei- dieses zu finanzieren, hat er einen Hanfsupermarkt eröffnet,
träge arbeiten sich an Maas’ der bei Kiffern nicht nur Glücksgefühle auslöst.
Gesetzesvorhaben, aber auch
an der Flüchtlingspolitik oder „Wer bei mir eine Kugel Hanfeis kauft, sollte wissen,
seiner Pegida-Kritik ab. Ein dass die Tüte nicht high macht. Die karamellisierten oder
Nutzer hat ein Bild hochgela- schokolierten Hanfsamen, die wir bei der Herstellung
verwenden, stammen von Pflanzen, denen das berau-
schende THC weggezüchtet wurde. Auch den Jugend-
lichen, der fragte, ob man die Blätter unseres Hanftees
Nervös in Stockholm wachsender Verzweiflung rauchen könne, musste ich enttäuschen. Der Marihuana-