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Nr. 39a / 26.9.

2017
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Nach der Wahl: Die AfD überrollt die Volksparteien


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BeNeLux € 5,50

SPIEGEL-Gespräch Netzausbau und neue Jobs Medizin


Nazijäger Kurt Schrimm: So gelingt der Wandel Wie die moderne Ernährung
„Gerechtigkeit? Nein.“ zur digitalen Gesellschaft den Darm ruiniert
Der nächste Schritt in Richtung
Energiezukunft.
Erdgas aus Norwegen ist die klimaeffiziente und kostenwirksame Antwort
auf Deutschlands Energiefragen. Vor allem wenn die Bereiche Strom, Wärme
und Verkehr durch die Sektorenkopplung stärker zusammenwachsen, fungiert
Erdgas als verbindendes Element. Durch das gut ausgebaute Leitungsnetz kann
Gas dorthin transportiert werden, wo es gebraucht wird. Die Gasinfrastruktur
wird so zur „Batterie der Energiewende“, die das Stromnetz entlasten und die
Energiezukunft sichern kann. Mehr Information auf statoil.de
Das deutsche Nachrichten-Magazin

Hausmitteilung
Betr.: Titel, Kanzlergipfel

D as Rennen war zäh, das Finale dann


doch überraschend. Die Wahl zum
19. Deutschen Bundestag ist eine Zäsur für

DOMINIK BUTZMANN / DER SPIEGEL


die politische Landschaft Deutschlands: Die
CDU erzielte das schlechteste Wahlergebnis
seit 1949, die SPD erhielt so wenige Stimmen
wie noch nie. Gewinner sind die kleinen
Parteien, allen voran die AfD. „Mit dem
Wahltag hat der Anfang vom Ende der Ära
Merkel begonnen“, sagt René Pfister, der
mit Christiane Hoffmann und Michael Sauga Pfister, Sauga, Hoffmann in Berlin
das Büro des SPIEGEL in Berlin leitet. Schon
am Wahlabend zeichnete sich ab, dass für Angela Merkel als einzige Regierungs-
option die Jamaikakoalition mit FDP und Grünen bleibt. „Wahrscheinlich stehen
wir vor der kompliziertesten Regierungsbildung in der Geschichte der Republik“,
so Pfister. Seite 10

twa 40 SPIEGEL-Redakteure waren un-


E terwegs, um Sieger und Verlierer der
Bundestagswahl zu treffen, um Stimmungen
einzufangen aus einer Republik im Um- Jetzt im
bruch. Barbara Hardinghaus besuchte in
Hannover die afghanische Flüchtlingsfamilie
Sadat, die vor zwei Jahren nach Deutsch-
Handel
land gekommen ist. Lukas Eberle verbrach-
te den Wahlabend in Würselen mit einer
erst wütenden, dann traurigen Doris Harst,
Eberle, Harst in Würselen der Schwester von Martin Schulz. Cathrin
Schmiegel sprach mit einer ebenso ent-
täuschten Paulina Fröhlich von der Anti-AfD-Initiative „Kleiner Fünf“, die es
sich zum Ziel gesetzt hatte, die AfD unter fünf Prozent zu drücken. Dass das
nicht gelang, ist auch dem Publizisten Götz Kubitschek zuzuschreiben, den Re-
dakteur Tobias Rapp auf dessen Rittergut Schnellroda bei Steigra in Sachsen- Lesen Sie dazu:
Anhalt traf. Kubitschek ist einer der Vordenker der neuen Rechten. Fernsehen
gab es nicht bei den „modernefeindlichen“ Kubitscheks, berichtet Rapp, dafür
Wahlnachrichten aus dem Radio und „Abendessen mit Zutaten, frisch aus dem
Gehirntraining
eigenen Garten“. Seite 28 Besser denken
mit Sport
V ier weitere Jahre Merkel-Regierung also: Einer, der darüber wohl glücklich
sein dürfte, ist Willy Brandt. Der Rentner aus dem Saarland, der den Wahl-
abend im Kreis des CDU-Bezirksverbands in St. Wendel verbrachte, war Teil
eines ungewöhnlichen Kanzlergipfels. Aus diversen Ecken der Republik hatte Schule
der SPIEGEL Namensvettern von sechs Bundeskanzlern eingeladen, um über
Deutschland im Jahr 2017 zu diskutieren. Außer Brandt kamen: Helmut Schmidt, Nie wieder Angst
Raumausstatter aus der Nähe von Mainz;
Gerhard Schröder, Lehrer für Pflegeberufe vor Mathe!
HARTMUT SCHWARZBACH / DER SPIEGEL

aus Göttingen; Ludwig Erhard, Zahnarzt aus


München; Helmut Kohl, Diplom-Ingenieur
aus Brühl; und Angelika Merkel, Pflege- Zukunft
dienstangestellte aus Rheinland-Pfalz. Sie
alle zu finden war nicht leicht, berichtet Re-
Wann sind Computer
dakteur Guido Mingels: „Die ersten fünf klüger als wir?
Willy Brandts, die wir versucht haben anzu-
rufen, waren alle schon tot.“ Seite 70 Kanzlergipfel in Hamburg

www.spiegel-wissen.de
DER SPIEGEL 2017 3
Das Beben
Bundestagswahl Eine rechtspopulistische
Partei im Parlament, die Volksparteien
so schwach wie noch nie – Deutschland
steht wohl vor der schwierigsten
Regierungsbildung seiner Geschichte.
Angela Merkel zahlt den Preis für
ihre Politik der Demobilisierung. Seite 10

Momentaufnahmen SPIEGEL-Reporter
über den Tag der Wahl und seine großen
und kleinen Geschichten. Seite 28

Stimmen Thomas Gottschalk, Martin


Walser, Anne Applebaum und andere
kommentieren die Wahl. Seite 46

CHRISTIAN THIEL
Digitale Aufholjagd
Zukunft Deutschland hat die erste Phase
der Digitalisierung verschlafen. Es ist
Zeit für eine Aufholjagd: mit Investitionen
in Netze, Bildung und Gesundheitswesen,
mehr Geld für Start-ups sowie neuen
Regeln für Unternehmen, Arbeitnehmer
und Verbraucherschutz. Seite 78
SCIENCE SOURCE / GETTY IMAGES

wichtige Rolle sie fürs Immunsystem


Heilsamer Glibber spielt, beginnen Forscher gerade erst zu
Medizin Nicht gleich „iiiih“ rufen und verstehen. Nun wird klar: Falsche
DER SPIEGEL

wegblättern, weiterlesen lohnt sich: Ernährung zerstört den Schleim – und


Es geht um die Darmschleimhaut. Welch macht krank. Seite 110

4 Titelbild: Illustration: Mario Wagner für den SPIEGEL, Fotos: Florian Gaertner / Photothek / Getty Images, Thomas Trutschel / Photothek / Getty Images, ODD ANDERSEN / AFP / Getty Images
In diesem Heft

Titel Wirtschaft
Leitartikel Angela Merkels Regierungsstil Ministerien rangeln um Milliardenfonds /
hat die AfD groß gemacht 6 HRE-Prozess geht in die Verlängerung /
Bundestagswahl Das Ergebnis der Wahl München ist selbst Ärzten zu teuer 76
offenbart den Niedergang der Volksparteien 10 Zukunft Die alte Regierung hat die
CDU Innenminister Thomas de Maizière Digitalisierung Deutschlands

MILOS DJURIC / DER SPIEGEL


über die Gründe für die Stimmenverluste vernachlässigt, die neue muss das ändern 78
der Union 15 Eurozone Der IWF will bei künftigen
Grüne Jürgen Trittin über die Rettungsaktionen die EZB an die Kandare
Chancen für eine Jamaikakoalition 18 nehmen 83
FDP Vizechefin Katja Suding stellt Gleichstellung SPIEGEL-Gespräch mit der
Bedingungen für eine Regierungsbeteiligung 19 Juristin Heide Pfarr über die dürre
SPD Olaf Scholz erklärt, warum seine Partei Bilanz der Kanzlerin in der Frauenpolitik 84
in die Opposition gehen muss 21 Finanzen Wenn geschlossene Fonds Heide Pfarr
Wie Martin Schulz um sein politisches pleitegehen, werden manche Anleger
Überleben kämpft 24 noch einmal zur Kasse gebeten 87 Die promovierte Arbeitsrecht-
Berlin Kreuzberg-Friedrichshain lerin kämpft seit über 40 Jah-
verteidigt seinen Ruf als Ausland ren für die Gleichstellung
linkester Wahlkreis der Republik 26 Die nigerianische Regierung geht brutal von Frauen. Im SPIEGEL-Ge-
Juniorwahl Bei Schülern unter 18 sind gegen Separatisten vor / Warum Putin spräch hält sie Angela Merkels
die Grünen beliebt, CDU und AfD Uno-Blauhelme für die Ukraine vorschlägt 88
schneiden bei ihnen besonders schlecht ab 27 Bilanz in der Frauenpolitik
Europa Welche Strategie verfolgen
Momentaufnahmen Der Wahlsonntag die Briten bei den Brexit-Verhandlungen? 90 für dünn. „Es interessiert sie
an Orten, die nicht im Fernsehen waren 28 Italien Die Fünf-Sterne-Bewegung überholt einfach nicht.“ Seite 84
FDP Christian Lindner, der strahlende in Umfragen die klassischen Parteien 94
Sieger der Liberalen 34 Indien Der Kampf der radikalen Hindus
Essay Die Sehnsucht nach mehr um die Kuh 97
Männlichkeit in der Politik 36
Linke Die Linkspartei hat ihre Wahlziele Sport
verfehlt 38
Klassenkampf im Fußball / Magische
Ostdeutschland SPIEGEL-Gespräch mit

KINDERHOSPIZ LÖWENHERZ / EPD


Momente: Der Computerspieler Tim
Wolf Biermann über Hass und Wut in den Schwartmann über seinen Profivertrag 99
neuen Ländern 40
Handball Die bedrohte Idylle
Europa Wie Brüssel auf den Rechtsruck eines deutschen Spitzenklubs 100
in Deutschland reagiert 44
Stimmen Prominente aus Kultur, Wirtschaft,
Politik und Unterhaltung zum Wahlausgang 46 Wissenschaft
Neulinge Die schillerndsten Quereinsteiger Neuer Weg aus dem Wachkoma? /
im nächsten Bundestag 54 Alles Jägerlatein – die Story vom Wolf-
Parteien Was Werbestar Jean-Remy Hund-Mix in Brandenburg / Analyse:
Was eine Wasserstoffbombe im Pazifik
Das Sams
von Matt als Kampagnenplaner für Kanzlerin
Merkel erlebte 58 anrichten würde 104 Der Autor Paul Maar hat das
Umwelt Der Mensch hat das Ökosystem Sams, seine erfolgreiche
der Großen Seen in Nordamerika aus dem
Deutschland Lot gebracht – mit fremdartigen Fischen 106
Kinderbuchfigur, in den anti-
Meinung Kolumne: Im Zweifel links / So Mobilität Ein neuer Pedalantrieb
autoritären Siebzigern erfun-
gesehen: Eine Falle für die AfD 8 macht Fahrradfahrer mühelos schneller 109 den. Nach etlichen Fortsetzun-
Parlamente Wie umgehen mit der AfD? Medizin Wie falsche Ernährung den gen kommt nun der neunte
Abgeordnete in den Ländern warnen Darm zerstören kann – und wie sich das Band – mit viel Quatsch und
davor, die Rechtspopulisten auszutricksen 62 verhindern lässt 110 ernsten Untertönen. Seite 118
Hauptstadt Auf den Ausflugsdampfern
im Regierungsviertel wird das Kultur
Publikum mit Spott und Häme über
die Politik amüsiert 64 Stararchitekt Ole Scheeren baut erstmals
Kommentar Der Flughafen Tegel in Deutschland / Verlag verlost
sollte schließen – auch wenn die Berliner Containerplatz / Kolumne: Zur Zeit 112
es anders entschieden haben 65 Demoskopie Meinungsforschung
Landtagswahl In drei Wochen wird in im Digitalzeitalter 114
JEFF J MITCHELL / GETTY IMAGES

Niedersachsen gewählt – Favorit ist Zeitgeist Das Sams ist wieder da 118
die CDU mit dem unauffälligen Spitzen- Nationalsozialismus Kurt Schrimm,
kandidaten Bernd Althusmann 66 langjähriger Leiter der Ludwigsburger
Verkehr Ein Deutscher raste durch Zentralstelle zur Aufklärung von
die Schweiz – und soll nun dafür in NS-Verbrechen, zieht im SPIEGEL-
Deutschland ins Gefängnis 67 Gespräch eine Bilanz seiner Arbeit 120
Theaterkritik Bertolt Brechts „Kaukasischer
Kreidekreis“ in der Regie von Michael
Gesellschaft Thalheimer am Berliner Ensemble 123 Theresa May
Früher war alles schlechter: Müttersterblich-
keit / Gender Pay Gap beim Taschengeld 68 Die britische Premierministe-
Eine Meldung und ihre Geschichte Wie klaut Impressum, Leserservice 124 rin wollte mit ihrer Rede
man 3,8 Millionen Bienen? 69 Nachrufe 125 zum Brexit einen Befreiungs-
Elefantenrunde Der große SPIEGEL- Personalien 126 schlag erzielen. Aus EU-Sicht
Kanzlergipfel: Helmut Kohl, Ludwig Erhard,
Willy Brandt, Gerhard Schröder, Briefe 128 war ihr Auftritt in Florenz
Helmut Schmidt und Frau Merkel treffen Hohlspiegel / Rückspiegel 130 nur eine weitere verpasste
sich zum Gespräch 70 Chance. Beide Seiten steuern
Kolumne Leitkultur 75 Wegweiser für Informanten: www.spiegel.de/investigativ auf einen Bruch zu. Seite 90

DER SPIEGEL 2017 5


Das deutsche Nachrichten-Magazin

Leitartikel

Der Rechtsruck
Die AfD siegt dramatisch, die Kanzlerin verliert dramatisch – und jetzt?

D
ie einen reden so: „Wir werden sie jagen. Wir wer- Gute Voraussetzungen für gutes Regieren sind dies nicht,
den Frau Merkel oder wen auch immer jagen, und doch es werden wichtige vier Jahre sein: Die liberale De-
wir werden uns unser Land und unser Volk zu- mokratie, auch die deutsche, ist weder gesichert noch
rückholen.“ Das sagte der selbsterklärte Besitzer des Vol- selbstverständlich. Wir erleben in Großbritannien oder
kes, Alexander Gauland, am Sonntag, kurz nach 18 Uhr, Frankreich, wie feine Risse mit der Zeit zu gesellschaft-
die ersten Prognosen waren gerade eingetroffen. lichen Spaltungen werden können; wir erleben in den
Die anderen reden so: „Wir haben uns ein wenig ein USA, in Polen, Ungarn und der Türkei, wie laut und un-
besseres Ergebnis erhofft.“ Das sagte die Bundeskanzlerin erbittlich es dann zugehen kann, wie rasend schnell die
Angela Merkel. Sie sei „nicht enttäuscht“, das sagte sie Unabhängigkeit der Justiz, die Pressefreiheit und die De-
auch, miserabler wurde in der Politik selten geheuchelt. mokratie an und für sich untergraben werden.
Die Bundestagswahl hat eine Zeitenwende herbei- Ob die AfD und mit ihr Intoleranz und Fremdenfeind-
geführt. Die Große Koalition wurde abgewählt, die rechts- lichkeit und auch die Rückkehr von Nazi-Gedankengut
populistische AfD zur drittstärksten Partei. Wer wissen in den Reichstag langfristig eine unbequeme Randerschei-
will, warum es so kam, kann bei nung bleiben oder ob Weidel, Gau-
der Sprache der Politik beginnen. land und Co. beim nächsten Mal
Die AfD gab vor, eindeutig und vielleicht bei 20 Prozent landen
entschlossen zu sein; markig werden, wird davon abhängen,
kommunizierte sie, und die Wäh- wie die neue Regierung und auch
ler belohnten das. Die Kanzlerin der neue Bundestag in diesen kom-
hingegen versuchte, Diskussionen menden Jahren agieren werden.
zu meiden und das große Thema Angela Merkel konnte im Aus-
der Populisten, die ausländischen land Hymnen genießen: Barack
Migranten und die deutsche Ver- Obama übertrug ihr die Aufgabe,
unsicherung, schlicht zu igno- Anführerin des Westens zu sein;
rieren. Merkels Politikstil, die und die jungen Männer, Emma-
Verweigerung der Auseinander- nuel Macron und Justin Trudeau,
setzung, wurde schärfstmöglich sagten, sie lernten von Merkel.
bestraft. Der Blick aus der Nähe ist
Und die SPD schaffte es nicht, meist präziser. Merkel wirkt in
frühzeitig eine Strategie zu finden Krisen neutral, uneindeutig, sie
oder zumindest die spät gefunde- wartet. Die afrikanische Migra-
ne Taktik durchzuhalten; erst tion zeichnete sich seit vielen
nach der Wahl, ab 18.05 Uhr am Jahren ab, doch Merkel wollte
Sonntag, glückte den enthemmt es nicht genauer wissen. Dass
STEFAN BONESS / IPON

enttäuschten Sozialdemokraten Deutschland 2015 für rund zwei


die Abgrenzung zur CDU, was Monate außer Kontrolle geriet,
rührend peinlich war, denn nach war nicht so sehr Folge edlen
der Wahl ist’s in Demokratien lei- Tuns, sondern Konsequenz lau-
der zu spät. sigen Managements. Merkels Kli-
Was nun kommt, scheint klar: mapolitik ist scheinheilig, näm-
eine Koalition aus CDU/CSU, lich nur rhetorisch hin und wie-
FDP und Grünen, vermutlich unter der Führung der sofort der offensiv, im Handeln jedoch stets ängstlich. Zwei
zaghaft und geschrumpft wirkenden und nun auch in der Beispiele nur, die Globalisierung stellt viele Aufgaben.
eigenen Partei angezählten Merkel. Die einzige Alterna- Die Kanzlerin wird zu Entschlossenheit und zur Erklärung
tive wären Neuwahlen oder – in einigen Wochen – ein des eigenen Handelns finden müssen (und sollte obendrein
Wortbruch der SPD, den diese kaum überstehen würde. Identifikation, also echte, gewagte Gefühle ermöglichen),
Also Jamaika. Interessant ist das Neue und auch diese falls sie verhindern will, dass die auch von ihr erschaffenen
mutmaßliche künftige Regierung gewiss; „Jamaika“ klingt Rechtspopulisten bleiben und wachsen werden.
schwer romantisch nach Reggae, Sonne, Rum. Aber das Ähnliches gilt fürs Parlament: Auch der Bundestag war
politische Jamaika ist kein Projekt und hat keine inhalt- zuletzt nicht gut genug. Es gab kaum Debatten, die den
liche Basis, es gibt nur den gemeinsamen Gegner AfD Namen verdienten, und da war keine Regierung, die sich
und die eben nur auf diese Weise erreichbare Macht. Wie dem Parlament verpflichtet gefühlt hätte. Eine bessere,
wollen FDP und Grüne eine Klimapolitik finden, wie die eine ernsthaftere Politik in lauter und hitziger werdenden
CSU und die Grünen das Land und die EU in Migra- Zeiten – einfach wird das nicht, aber nicht weniger braucht
tionsfragen einen? die deutsche Demokratie. Klaus Brinkbäumer

6 DER SPIEGEL 2017


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Meinung
Jakob Augstein Im Zweifel links

Nazis drin
Wenn die AfD in den rechte Geschichtsklitterung ganz selbstbe-
Bundestag kommt, das wusst: Es war nicht nur nicht alles schlecht – Sandschaufel
hatte Sigmar Gabriel sondern manches sogar richtig gut. weg
im Wahlkampf ge- Dennoch ist es interessant zu beobach-
So gesehen Wie die
sagt, dann werden ten, wie – und von wem – die AfD gegen
zum ersten Mal nach das schlimme N-Wort in Schutz genommen Demokratie die ihr eigene
1945 „echte Nazis“ im wird. Zum Beispiel vom knochenkonserva- tückische Weisheit zeigt
deutschen Parlament tiven Historiker Michael Wolffsohn, der
reden. Echte Nazis hat er von Nazis gar nicht sprechen will. Wolff- Im Elite-Internat Salem hat
gesagt. Historisch war das nicht ganz rich- sohn hat dafür einen überraschenden man sich einmal darauf
tig. Aber die Leute wussten schon, was er Grund, der mit den Opfern von Krieg und verständigt, über Lernende
meinte. Gabriel jedoch wusste noch nicht, Holocaust gar nichts zu tun hat. Erstmals ohne sozial auffälliges Ver-
dass diese Nazis nicht nur im Bundestag in der deutschen Geschichte, sagt der halten genauso lange zu
landen – sondern sogar drittstärkste Kraft deutsch-israelische Historiker, gebe es „tat- reden wie über die anderen.
werden. Sind sie aber. Nazis. Drittstärkste sächlich neue Gründe, die weite Teile der Das war die Frucht einer
Kraft. Im Bundestag. Bevölkerung von traditionell eher links bis Erfahrung, deren Angstblüte
Plötzlich ist diese Frage noch wichtiger rechts beunruhigen“ – namentlich der jeder kennt: Im Kindergar-
als zuvor: Darf man jene AfDler, die sich Euro und die Flüchtlingskrise. ten entzweit die Frage, wa-
wie Nazis aufführen, tatsächlich Nazis nen- Weil also die AfD reale Probleme adres- rum der Jasper den anderen
nen? Auf Englisch sagt man ja: to call a siere – die vielen Muslime, den teuren immer die Sandschaufel auf
spade a spade. Einen Spaten einen Spaten Euro –, darf man die Nazis in ihren Reihen den Kopf haut, die eigent-
nennen. Eigentlich ein Übersetzungsfehler nicht Nazis nennen? Warten wir mal ab, lich wohlmeinenden und
– im griechischen Original war von Wasch- ob das für so manchen Konservativen durchaus kollegialen Erzie-
trögen die Rede. Wichtig ist: Man soll nicht nicht der Weg sein wird, auf dem Koopera- herinnen; auf dem Eltern-
um die Dinge herumreden. Ein Trog ist tionen mit der AfD möglich gemacht wer- abend in der Grundschule
ein Trog, ein Spaten ein Spaten, und ein den sollen. Wer meint, solcher Alarmismus ist es die Kleinstgruppe der
Nazi ist ein Nazi. schade nur, sollte den Leitartikel von Theo- Kleinstrüpel, die am meisten
Wenn es im Angesicht dieses Begriffs dor Wolff nachlesen, den er am 31. Januar Redezeit verbraucht. Am
Skrupel geben sollte – von wegen Relativie- 1933 im „Berliner Tageblatt“ veröffentlich- Ende sind alle entnervt und
rung der nationalsozialistischen Mensch- te: „Mag sein, dass man eine stille Gefügig- zerstritten und gehen aus-
heitsverbrechen und so –, dann hat der keit erzwingen, dass man in diesem Lande, einander, ohne die Dinge,
AfD-Mann Gauland in den letzten Wochen das stolz war auf die Freiheit des Denkens zu deren Klärung man zu-
vor der Wahl viel dafür getan, sie zu zer- und des Wortes, jede freimütige Regung sammengekommen ist, auch
streuen. Ein Blick in seine berüchtigte Kyff- niederhalten wird. Es gibt eine Grenze, nur gestreift zu haben. Der
häuser-Rede zeigt: Gauland will gar keinen über die hinweg die Gewalt nicht dringt.“ unberechenbare Störer kann
Schlussstrich. Im Gegenteil. Er will, dass die Welch ein Irrtum. mit der höchsten Aufmerk-
Deutschen auch auf die Nazizeit stolz sein samkeit rechnen, weil er
können – zum Beispiel auf die Leistungen An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, beunruhigt und alle anderen
der deutschen Soldaten. Mit der AfD wird Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel. mit der Frage beschäftigt,
wie mit ihm umzugehen sei.
Im großen Maßstab war das
unlängst in den Vereinigten
Kittihawk Staaten zu besichtigen, und
nun haben wir auch in je-
nem Parlament, in dem man
gut und gerne redet, jede
Menge Jaspers. Möge die
Elefantenrunde am Sonntag-
abend die letzte Aufführung
dieses Dramas gewesen
sein! Und einiges spricht da-
für. Denn Jasper ist groß
geworden und sitzt nun
mit am Tisch der Erzieher,
den Vorsitz hat er aber
nicht. Mit der Schaufel wird
er nicht weit kommen; statt-
dessen soll er Regeln für
gute Führung entwickeln.
Es sieht aus wie eine
Beförderung, aber es ist die
Höchststrafe. Elke Schmitter

8 DER SPIEGEL 2017


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WAHL 2017

Merkels Saat
Bundestagswahl Der Absturz der Union untergräbt die Autorität der Kanzlerin.
Viele Parteifreunde machen sie für den Aufstieg der AfD verantwortlich. Gleichzeitig
muss Angela Merkel eine widerstrebende CSU in die Jamaikakoalition führen.

A
uf die Junge Union ist Verlass, auch diesem Zeitpunkt wie so viele andere unbedingt demonstrieren, dass die Partei
in schweren Stunden. Als um 18 Unionspolitiker noch nicht, ob sie über- gemeinsam mit ihrer Vorsitzenden feiert.
Uhr die ersten Prognosen über die haupt den Wiedereinzug in den Bundestag Auch wenn es nichts zu feiern gibt.
Leinwand im Adenauer-Haus flimmern, schafft. Grütters ist sehr enttäuscht. Doch Denn das Votum der Bürger ist ein Schock
übt sich der Parteinachwuchs in jener Rea- Merkel will um jeden Preis vermeiden, für die Kanzlerin – und eine Zäsur für die
litätsverweigerung, welche auch später die dass Panikstimmung aufkommt. Sie ver- Bundesrepublik. Noch nie in der Geschich-
Kanzlerin auszeichnen wird. Die objekti- pflichtet alle Mitglieder des Parteipräsi- te wurden die beiden Volksparteien zu-
ven Werte sind niederschmetternd, 33 Pro- diums, auch Grütters, sich nach der Ele- sammen so drastisch abgestraft, es scheint,
zent, es ist das zweitschlechteste Ergebnis fantenrunde wieder in der Parteizentrale als hätten beide den Kontakt zu weiten
in der Geschichte der Union. Dennoch ju- einzufinden. Als Grütters einwendet, sie Teilen des Volkes verloren. Protestparteien
beln die jungen Herren und Damen so, als müsse noch in ihrem Wahlkreis vorbei- gab es in Deutschland immer wieder, aber
hätte Angela Merkel einen furiosen Sieg schauen, zischt Merkel: „Da kannst du noch nie hat es eine geschafft, sich in 13
eingefahren. auch um 22 Uhr noch hin.“ Merkel will Landesparlamenten festzusetzen. Und vor
Oben, in der sechsten Etage, wo es keine allem ist es ein Novum, dass eine in Teilen
Kameras gibt und deshalb auch keine Not- offen rechtsradikale Partei als drittstärkste
wendigkeit, Theater zu spielen, ist die Wahlergebnis Partei in den Bundestag einzieht.
Stimmung eine ganz andere. Seit 17 Uhr Vorläufiges amtliches Endergebnis der Der Aufstieg der AfD ist ein Debakel
wissen Merkel und ihre Mitstreiter, dass Wahl zum 19. Deutschen Bundestag für die Kanzlerin, die sich im vergangenen
das Wahlergebnis verheerend ausfallen November entschlossen hat, für eine vierte
wird. Bis dahin hatten die Umfrageinstitute Angaben in Prozent Gewinne/ Amtsperiode anzutreten. Sie trat damit in
Verluste
die Union bei 34 bis 37 Prozent gesehen. 5 %-Hürde in Prozentpunkten die Fußstapfen von Helmut Kohl, der das
Nicht berauschend, aber noch erklärbar. Land 16 Jahre lang regiert hatte. Nun stellt
Dann der Schock: 33 Prozent, möglicher- CDU/CSU 33,0 – 8,5 sich die Frage: War Merkels Entscheidung
weise weniger, damit hatte niemand ge- so falsch wie die von Kohl im Jahr 1994?
rechnet. SPD 20,5 – 5,2 Damals wussten alle Hellsichtigen in der
Zunächst sagt keiner etwas. Die versam- CDU, dass Kohl aus der Zeit gefallen war.
melten Ministerpräsidenten, die Bundes- AfD 12,6 +7,9 Doch niemand wagte es, sich gegen den
minister und Präsidiumsmitglieder, sie alle Alten aufzulehnen.
warten ab, wie die Kanzlerin reagieren
FDP 10,7 +5,9 Wiederholt sich nun Geschichte? Mer-
wird. Linke 9,2 +0,6 kels Wahlkampf legte alle Probleme offen,
„Wir bleiben bei unser Linie“, verkündet die sich mit ihrer Person und ihrem Regie-
Merkel. Grüne 8,9 +0,5 rungsstil verbinden. Lange schien Merkel
Sie hatte am Nachmittag bereits die über den Dingen zu schweben, sie war
Sprachregelung festgelegt: Die CDU habe eine Art überparteiliche Kanzlerin, wes-
alle strategischen Ziele erreicht: Sie sei wegen die meisten Deutschen keine star-
stärkste Partei geworden und habe den Auf- Sitzverteilung im neuen Bundestag ken Gefühle mit ihr verbanden. Das hat
trag, eine Regierung zu bilden. In der Ele- sich seit der Flüchtlingskrise grundlegend
fantenrunde mit den Parteivorsitzenden 246 153 ( –40) 94 ( +94) geändert.
wird Merkel sagen, sie sei „nicht enttäuscht“ ( Veränderung Es gibt viele Bürger, gerade außerhalb
über das Abschneiden ihrer Partei. gegenüber 80 der klassischen CDU-Klientel, die Merkels
2013: –65) ( +80)
Selten hat Merkel die Wirklichkeit so insgesamt Entschluss, die Grenzen nicht zu schließen,
verdreht. 69 für eine große humanitäre Geste halten.
709 Sitze ( +5)
Nicht enttäuscht? (mit Überhang- Gleichzeitig aber polarisiert ihre Flücht-
Um kurz nach 18 Uhr läuft die Kultur- und Ausgleichsmandaten) 67 lingspolitik wie kaum eine politische Ent-
staatsministerin Monika Grütters aschfahl (+4) scheidung zuvor. Nun bahnt sich die Wut
in der Parteizentrale herum. Sie weiß zu Quelle: Bundeswahlleiter mit der AfD den Weg in den Bundestag.

10 DER SPIEGEL 2017


URBAN ZINTEL / DER SPIEGEL

Wahlverliererin Merkel: „Wir bleiben bei unserer Linie“

DER SPIEGEL 2017 11


WAHL 2017

HC PLAMBECK / DER SPIEGEL


Spitzenkandidaten Gauland, Weidel: „Wir werden Merkel jagen“

Sie ist so gesehen auch ein Geschöpf Mer- der Ära Merkel. Schon jetzt gibt es Kräfte krise wurde zur zweiten Geburtsstunde
kels. in der CDU, die auf einen Kurswechsel der AfD, sie vitalisierte und radikalisierte
Die Kanzlerin hat sich auch deshalb drängen, Finanzminister Wolfgang Schäub- die Partei gleichzeitig. Die Flüchtlinge wa-
zwölf Jahre lang im Amt halten können, le gehört dazu, der baden-württembergi- ren, wie es Spitzenkandidat Alexander
weil sie die CDU immer weiter nach links sche Landeschef Thomas Strobl, vor allem Gauland in aller zynischen Offenheit sagte,
gerückt und sich so neue Wählerschichten aber der junge Parlamentarische Staatsse- ein „Geschenk des Himmels“ für die AfD.
erschlossen hat. In der Politik aber gibt es kretär Jens Spahn, den viele inzwischen Die Republik steht nun vor der wohl
kein Vakuum, und so war es nur eine Frage für den starken Mann in der Ära nach Mer- schwierigsten Regierungsbildung ihrer Ge-
der Zeit, bis sich rechts von der Union eine kel halten. schichte. Da ist auf der einen Seite die
neue Partei etablieren würde. Nun ist es Noch stellt niemand Merkels Autorität CSU, die in Bayern dramatisch auf unter
so weit. offen infrage. Aber auf ihrer Amtszeit las- 40 Prozent abgestürzt ist. Sie wird scharf
Merkels konfliktfreier Wahlkampf, die tet jetzt eine Hypothek, die noch kein an- nach rechts ziehen, um die AfD-Konkur-
berühmte asymmetrische Demobilisierung, derer CDU-Kanzler der Partei aufgebürdet renz bei der bevorstehenden Landtagswahl
hat noch einmal die SPD klein halten kön- hat: Der Aufstieg der Alternative für im Herbst 2018 zu bekämpfen. „Wir hatten
nen, sie landete bei 20,5 Prozent, dem Deutschland ist ohne Merkel nicht denkbar, auf der rechten Seite eine offene Flanke“,
schlechtesten Wert seit schon der Name der Partei sagt CSU-Chef Horst Seehofer. Die gelte
Gründung der Bundesrepu- beinhaltet eine Referenz an es nun zu schließen. Die Grünen wiede-
blik. Aber die Wähler der die Kanzlerin, die ihre Euro- rum wollen sich auf keinen Fall mit einer
AfD ließen sich nicht ein- Rettungspolitik als „alterna- Union zusammentun, die von München
schläfern, im Gegenteil. Sie tivlos“ bezeichnet hatte und aus geführt wird. Seehofers Obergrenze
sahen in Merkels entspann- in deren Folge sich die AfD ist für sie Teufelszeug, und ihr überra-
tem, weitgehend inhaltsfrei- dann im Februar 2013 ge- schend starkes Ergebnis gibt ihnen den
em Wahlkampf nur einen gründet hatte. Mut zum Widerspruch. „Der schwierigste
weiteren Beleg für deren Als sich die Griechen- Partner wird die CSU und nicht die Grü-
Machtarroganz. landkrise entspannte, war nen“, sagt Günther Oettinger, der deutsche
In der Union beginnt nun die AfD fast schon wieder EU-Kommissar.
mit aller Härte die Debatte verschwunden, aber dann Zu allem Überfluss fehlt Merkel auch
über die strategische Aus- kam im Herbst 2015 Mer- noch eine Alternative, mit der sie drohen
richtung der Partei, die kels Entscheidung, die deut- könnte, falls die Gespräche stocken. Die
Wahl markiert deshalb schen Grenzen nicht zu SPD hat nach ihrem desaströsen Abschnei-
auch den Anfang vom Ende SPIEGEL-Cover 37/2017 schließen. Die Flüchtlings- den eine Neuauflage der Großen Koalition

12 DER SPIEGEL 2017


Titel

kategorisch ausgeschlossen. Zwar fürchtet Nun beginnt die Abrechnung mit Mer- in der Zeit nach Merkel. Und um die Frage,
Parteichef Martin Schulz den Gang in die kel. „Natürlich geht jetzt die Strategiede- wer ihr nachfolgen wird.
Opposition. Aber sollte er nach einem batte wieder los“, sagt der Europaabgeord- Beide Seiten, die Konservativen und die
Regierungsposten schielen, wäre er weg, nete Elmar Brok. In Wirklichkeit war die Merkel-Anhänger, markieren schon am
bevor er das Wort Vizekanzler ausgespro- Diskussion nie beendet. Sie ruhte nur, weil Wahlabend ihre Positionen. Bereits im
chen hätte. Viele in der SPD halten ihn oh- niemand für ein schlechtes Wahlergebnis Wahlkampf war in Bayern Kritik an der
nehin nur noch für einen Chef auf Abruf. verantwortlich sein wollte. Die ersten Stim- zu großen Nähe von Parteichef Seehofer
Schulz’ Problem war, dass ihn die Bür- men sind schon am Wahlabend zu hören. zu Merkel laut geworden. Nun ist Seehofer
ger nicht als Konkurrenten der Kanzlerin „Man kann natürlich über die Ehe für alle schon aus Gründen der Selbsterhaltung
wahrnahmen. Während des ganzen Wahl- diskutieren, aber ich glaube nicht, dass die- dazu gezwungen, wieder nach rechts zu
kampfes wurde nie ganz klar, worin eigent- ses Thema die Menschen am stärksten be- ziehen. „Wir werden sehr, sehr hart unsere
lich seine Kritik an Merkel besteht. Es gab wegt“, sagt der sächsische Ministerpräsi- Positionen vertreten“, sagt er. „Der Um-
einen Wunsch nach Wechsel, aber Schulz dent Stanislaw Tillich, in dessen Bundes- gang mit der CSU wird nicht einfacher
konnte ihn nicht erfüllen. land die AfD knapp stärkste Partei gewor- werden“, seufzt der Staatsminister im
Dieser Part fiel der AfD zu, die ihren den ist. Kanzleramt, Helge Braun.
Sieg in einem Klub am Berliner Alexan- Die Debatte wird viel heftiger ausfallen Merkel selbst steht noch nicht zur Dis-
derplatz feierte. Polizeihundertschaften rie- als in der abgelaufenen Legislaturperiode. position. Die CDU ist keine Partei, die
gelten am frühen Abend das Hochhaus ab, Nach diesem Wahlergebnis geht niemand eine Kanzlerin in Koalitionsgesprächen
und vom Balkon der ersten Etage aus ver- in der Unionsführung mehr davon aus, stürzt. Wer sollte sie auch ersetzen? Gera-
spotteten siegestrunkene AfD-Mitglieder dass die Kanzlerin noch einmal zu einer de für eine Jamaikakoalition kommt der-
die kleine Gruppe von Demonstranten hin- Bundestagswahl antreten wird. Es geht zeit niemand anders infrage, zumindest
ter der Absperrung. jetzt auch um die Ausrichtung der Union nicht vom rechten Parteiflügel.
Als um 18 Uhr die ersten Aber die gesamte nächs-
Zahlen über die Monitore te Legislaturperiode wird
gingen, stimmte die Menge Ergebnisse der AfD bei den Zweitstimmen von der Frage überschattet
werden, wer Merkel nach-
bei der Wahlparty die Na-
tionalhymne an und skan- 20% und mehr 15 bis unter 20% 10 bis unter 15% unter 10% folgt. Auf der rechten Seite
dierte „AfD! AfD!“ Rhein- Hamburg Berlin bringt sich Jens Spahn in
Wie die Tonlage der rech- Ruhr- Stellung, der junge Staats-
ten Opposition im Bundes- Gebiet sekretär im Finanzministe-
tag sein wird, machte dann rium. Merkel dagegen sähe
gleich Spitzenkandidat es lieber, wenn Ursula von
Gauland deutlich: „Wir wer- der Leyen eines Tages über-
den Frau Merkel jagen, und nähme, als Hüterin ihres
wir werden uns unser Land Erbes.
und unser Volk zurückho- Merkel war lange auch
len“, sagte er. Dass Politiker deshalb kaum angefochten,
„gejagt“ werden sollen, ge- HH weil die Linksverschiebung
hörte bisher eher nicht zu der Union viele neue Wäh-
den demokratischen Ge- ler eingebracht hat. Das hat
pflogenheiten. sich bei der Wahl am Sonn-
Für die AfD ist Merkel tag dramatisch verändert:
Hassobjekt und Existenz- B Vom linken Lager gab es so
begründung zugleich. Die gut wie keinen Zustrom.
Kanzlerin hat ihre Partei in Dafür verloren CDU und
den vergangenen zwölf Jah- CSU rund 1,3 Millionen
ren systematisch in die Mitte Stimmen an die FDP und
gerückt. Sie hat gemeinsam Rhein- rund 1,1 Millionen an die
Ruhr-
mit Ursula von der Leyen da- Gebiet AfD. Besonders bitter für
für gesorgt, dass sich das Merkel: Es war keine Wahl
Frauenbild der Union nach- für die AfD, sondern eine
haltig verändert hat. Nicht Wahl gegen Merkel. 60 Pro-
mehr die Mutter, die ihre gewonnene
zent der AfD-Wähler gaben
Kinder zur Hause erzieht, ist AfD-Direktmandate: an, nicht aus Überzeugung,
seither das Leitbild der CDU, Frauke Petry sondern aus Enttäuschung
sondern die berufstätige Karsten Hilse ihr Kreuz gemacht zu ha-
Frau, die sich eine gute Be- Tino Chrupalla ben. Über 90 Prozent er-
treuung wünscht. Damit traf klärten, sie machten sich
Merkel zwar das Lebensge- Sorgen um den Verlust der
fühl der meisten jungen Frau- Quelle: deutschen Kultur.
Bundeswahlleiter/
en. Viele Konservative hat Statistisches Merkel hat zwar im Jahr
sie jedoch verschreckt. Dass Bundesamt; 2016 ihre Flüchtlingspolitik
vorläufiges
Merkel kurz vor der Bundes- amtliches M nach und nach korrigiert.
tagswahl den Weg zur Ab- Endergebnis Aber noch im Wahlkampf
stimmung über die Ehe für tat sie so, als habe sich ihre
homosexuelle Paare frei ge- München Linie nie geändert. „Ich ver-
macht hat, passte ins Bild. stehe nicht ganz, warum

DER SPIEGEL 2017 13


WAHL 2017

MICHAELA REHLE / REUTERS


CSU-Chef Seehofer: „Wir hatten auf der rechten Seite eine offene Flanke“

man seine Politik korrigiert, weil man Feh- war man nicht vorbereitet. Dazu kam, dass me von über 90 Prozent. Seehofer wies
ler erkannt hat, aber kommunikativ den Seehofer die Nerven verlor. Mitte Septem- Herrmann an, die Zahlen herauszustellen.
Eindruck zu erwecken versucht, als hätte ber stellte der bayerische Innenminister Das Problem war, dass die Zahlen schnell
sich nichts geändert“, stöhnte Bundestags- Joachim Herrmann im bayerischen Kabi- von Experten als politische Augenwische-
präsident Norbert Lammert vor einiger nett ausgesuchte Zahlen aus der vorläufi- rei kritisiert wurden. Tage später präzisier-
Zeit im kleinen Kreis. gen Kriminalstatistik des Landes vor. Er te Herrmann dann: Die Zahl der „überfall-
Zunächst sah es so aus, als ginge Merkels wollte im Anschluss vor der Presse den artigen Vergewaltigungen durch Einzeltä-
Strategie auf. Die CDU gewann überra- Rückgang bei Wohnungseinbrüchen loben. ter“ sei lediglich um insgesamt 4,4 Prozent,
schend die Wahlen im Saarland, in Nord- Seehofer aber stachen andere Zahlen ins nämlich drei Fälle, gestiegen. Der Hinweis
rhein-Westfalen und in Schleswig-Holstein. Auge: der vermeintliche Anstieg von Ver- kam allerdings zu spät, um den Eindruck,
CDU-Generalsekretär Peter Tauber erklär- gewaltigungen in Bayern um fast 48 Pro- wegen der Flüchtlinge sei eine Vergewalti-
te die Mobilisierung der eigenen Leute vor zent, bei der Gruppe der tatverdächtigen gungswelle über Bayern hinweggezogen,
allem mit dem von ihm konzipierten Haus- Zuwanderer sogar angeblich eine Zunah- aus der Welt zu schaffen. Seehofer hatte
türwahlkampf. Einige Kritiker wiesen da-
rauf hin, dass in allen drei Ländern vor al-
lem die Fehler der SPD zum Erfolg geführt Wählerwanderung zur AfD, in Tausend
hätten. Sie wurden als Mäkler abgetan.
Erst drei Wochen vor der Bundestags- CDU/CSU SPD Linke FDP Grüne Nichtwähler Sonstige
wahl dämmerte den Wahlstrategen der 1070 500 430 50 40 1280 740
CDU, dass sie die Lage falsch eingeschätzt
hatten. Beim Duell mit ihrem Herausfor-
derer wurden zu wenige Unterschiede
deutlich. Vor allem die AfD profitierte von
dem Eindruck, dass alles auf eine neue
Große Koalition zuläuft.
Merkel erkannte die Gefahr. Nur wusste
sie nicht, wie sie reagieren sollte. Die Pla-
nungen im Konrad-Adenauer-Haus sahen
ein ruhiges Dahinsegeln der Kanzlerin bis Quelle: infratest dimap für die ARD-Wahlanalyse,
zum Wahlsieg vor. Auf Überraschungen AfD (insgesamt 4110) Stand: 25. September, 3.30 Uhr

14 DER SPIEGEL 2017


Titel

sich zum unfreiwilligen Wahlhelfer der


AfD gemacht.
Noch gibt es die Hoffnung in der CSU,
„Schrei nach Gehör“
dass der Kelch eines Jamaikabündnisses
vielleicht doch noch an der Partei vorbei-
CDU Innenminister Thomas de Maizière, 63, über die Gründe
gehen könnte. Vor der Wahl hatten auch für den Wählerschwund bei der Union.
Merkels Leute keinen Hehl daraus ge-
macht, dass die Kanzlerin eine Große Ko- SPIEGEL: Herr de Maizière, was hat die und Sprache der AfD hinterherlaufen.
alition vorziehen würde. Sie ist nicht dafür Union falsch gemacht? Man muss die Sorgen ernst nehmen und
bekannt, dass sie Experimente schätzt. De Maizière: Für eine abschließende Ana- lösen. Und bei der Lösung von Proble-
Auch die Deutschen sind skeptisch: Weni- lyse ist es am Wahlabend doch etwas zu men endet doch das Latein der AfD. Das
ger als ein Viertel befürworten in Umfra- früh. Schon jetzt scheint aber festzuste- müssen wir deutlich machen.
gen ein Jamaikabündnis. hen, dass sich in den letzten Wochen SPIEGEL: Sollte die Partei vom Verfas-
Trotzdem bleibt Merkel nichts anderes noch einiges verändert hat. Herr Schulz sungsschutz beobachtet werden?
übrig, als ein Regierungsbündnis mit hat in dieser Zeit das Flüchtlingsthema De Maizière: Im jetzigen Zustand fehlt es
Grünen und Liberalen zu sondieren. Die hervorgehoben. Das hat Union und SPD dafür an den rechtlichen Voraussetzun-
geschwächte Kanzlerin wird es mit zwei geschadet und der AfD genutzt, auch gen. Und politisch würde es sie nur noch
selbstbewussten Partnern zu tun haben. weil er leider versäumt hat, unsere ge- mehr in ihrer Märtyrerrolle aufwerten.
Die Grünen haben wider Erwarten trotz meinsamen Anstrengungen und Leistun- Die Vertreter dieser Partei legen es doch
eines eher uninspirierten Wahlkampfs ih- gen zu benennen. Es wäre besser gewe- darauf an, die Unterdrückten zu geben.
ren Stimmenanteil halten können. Und der sen, über die Gestaltung der Zukunft zu Sie provozieren, um in die Opferrolle zu
FDP ist unter Christian Lindner ein trium- streiten. kommen. Das sollten wir nicht unterstüt-
phaler Wiedereinzug gelungen. SPIEGEL: Die CSU hat überdurchschnitt- zen. Jetzt muss man erst mal sehen, wie
Entsprechend ausgelassen ist die Stim- lich verloren, und im Osten ist die AfD in- sie sich weiter aufführen. Und sie in
mung, als Lindner in der Parteizentrale in zwischen zweitstärkste Partei. Haben Sachdebatten demaskieren.
der Reinhardtstraße die Bühne erklimmt. Sie dafür eine Erklärung? SPIEGEL: Können Sie die Entscheidung
Applaus, Jubelrufe, Daumen recken sich De Maizière: Auf dem Land, gerade im Os- der SPD verstehen, in die Opposition zu
nach oben, fast jeder Satz des Parteichefs ten, haben viele Menschen das Gefühl, gehen?
wird von Beifall unterbrochen. abgehängt zu sein. Dafür ist das Flücht- De Maizière: Parteipolitisch verstehe ich
Lindner, der noch am Wahlabend den lingsthema nur ein Verstärker. Ein Bus- die Reaktion. Das würde sie sonst wohl
Fraktionsvorsitz anstrebte, hat zwei Bot- fahrer hat mir gesagt, Hartz-IV-Kinder zerreißen. Die SPD mag außerdem die
schaften mitgebracht. Erstens: Die FDP ist müssten für das Ticket zahlen, Flücht- Opposition, weil man dort recht behält,
wieder da. Zweitens: Sie hat aus den Feh- lingskinder bekämen es umsonst. Ob ohne Verantwortung übernehmen zu
lern der Vergangenheit gelernt, aus der das stimmt oder nicht, spielt bei einigen müssen. Den Reflex, nicht der Punching-
Niederlage vor vier Jahren und dem Tri- gar keine Rolle. Das Wahlergebnis ist ball für Jamaika sein zu wollen, verstehe
umph 2009, den die Liberalen unter Guido auch ein Schrei nach Gehör. ich auch. Ob die SPD mit dieser Haltung
Westerwelle dann in Koalitionsverhand- SPIEGEL: War es falsch, die Union in die allerdings ihrer gesamtstaatlichen Ver-
lungen und den ersten Monaten von Mitte zu rücken und dabei das konserva- antwortung gerecht wird, steht auf einem
Schwarz-Gelb verspielten. Für Lindner tive Spektrum für die AfD zu öffnen? anderen Blatt.
heißt die Lehre: Zurückhaltung. De Maizière: Die FDP ist in der Mitte stär- Interview: Konstantin von Hammerstein
Für die Liberalen ist es kein Vorteil, dass ker geworden. Hat die Union womöglich
sich die Sozialdemokraten in die Opposi- also eher die Mitte vernachlässigt? Nein,
tion zurückziehen wollen und Jamaika da- das ist mir zu einfach. Das Gefühl zum
mit als Regierungsbündnis praktisch als ge- Beispiel von Menschen im ländlichen
setzt gilt. „Das ist verantwortungslos“, Raum, vernachlässigt zu werden, hat
schimpft Parteivize Wolfgang Kubicki über nichts mit rechts und links zu tun. Es
die Sozialdemokraten. geht um das Gefühl, nicht verstanden zu
„Die SPD kann die Verantwortung nicht werden. Insgesamt aber hat vor allem
auf uns abwälzen“, sagt auch FDP-Schatz- die Flüchtlingsdebatte dazu beigetragen,
meister Hermann Otto Solms, einer der dass Teile der Bevölkerung nach rechts
erfahrenen Parlamentarier, der wieder in gerückt sind.
den Bundestag einzieht. Die FDP werde SPIEGEL: Woran liegt das?
sich Zeit lassen. „Wir werden uns nicht De Maizière: An den Ängsten, die Terror-
mehr über den Tisch ziehen lassen“, kün- gefahr, Flüchtlingskrise – Stichwort
digt er mit Blick auf die Gespräche mit der Köln – bei den Menschen hervorrufen
Union an. und deren Lösung vielleicht von uns Poli-
Auch in der Union hat man die vier Jah- tikern nicht gut genug erklärt wurde. Wir
re Schwarz-Gelb von 2009 bis 2013 nicht haben in all diesen Bereichen sehr viel
in bester Erinnerung. Mit Schaudern den- gemacht. Doch die Auswirkungen dieser
ken führende Christdemokraten an das Beschlüsse sind noch nicht überall zu
stümperhafte Agieren der Westerwelle- spüren. Die neuen Polizisten sind nicht
URBAN ZINTEL / DER SPIEGEL

Truppe zurück. Auch im Kanzleramt hat auf einen Schlag da, sie müssen erst
man die Sorge, dass sich so etwas wieder- ausgebildet werden.
holen könnte. SPIEGEL: Wie soll die Union auf den Erfolg
Zwar hat Merkel Respekt vor Lindners der AfD reagieren?
Leistung, seine Partei nach vier Jahren De Maizière: Ich glaube nicht, dass es
wieder ins Parlament geführt zu haben. besser wird, wenn wir nun in Substanz

DER SPIEGEL 2017 15


WAHL 2017

Zugleich hasst Merkel kaum etwas mehr Sicherheit haben einige Landesregierun- Selbst was die Ansprüche auf Kabinetts-
als Illoyalität. Sie hat nicht vergessen, wie gen, an denen die Grünen beteiligt sind, posten angeht, könnten die Überlegungen
Lindner auf dem Höhepunkt der FDP-Kri- während der Flüchtlingskrise pragmatisch von Grünen und Liberalen vereinbar sein.
se 2011 als Generalsekretär das Handtuch regiert. Zudem ist die umstrittene Frage, Bei der FDP hoffen sie auf das Finanzmi-
warf. Seither steht für sie in Zweifel, wie ob die Maghreb-Staaten zu sicheren Her- nisterium, das vermutlich Kubicki bekom-
verlässlich Lindner im Ernstfall ist. In der kunftsländern erklärt werden sollen, der- men soll, da Lindner Fraktionschef wird.
CDU-Führung fürchtet man zudem, bei ei- zeit nicht besonders dringlich, weil die Immer wieder kursiert aber auch der
ner so knappen Mehrheit von den vielen Zahl der Asylbewerber aus Tunesien, Al- Name Alexander Graf Lambsdorff als Kan-
unerfahrenen Abgeordneten der Liberalen gerien und Marokko vergleichsweise nied- didat für das Außenministerium, obwohl
abhängig zu sein. rig ist. Bei einigermaßen geschickter Auf- die Liberalen kaum beide Ministerien für
Bei den Grünen fühlt sich das Spitzen- gabenverteilung könnten alle drei Koali- sich reklamieren werden. Sollte es mit dem
duo Katrin Göring-Eckardt und Cem Öz- tionspartner das Thema zur Profilierung Finanzministerium nicht klappen, wird Ku-
demir unerwartet bestätigt. Rhetorisch be- nutzen. bicki als Justizminister gehandelt. Ganz
reitete Göring-Eckardt schon am Wahl- In anderen Fragen wird es zumindest ohne Frau würde es aber selbst bei der
abend das Bündnis mit Union und FDP für Merkel vielleicht sogar leichter sein, in FDP nicht gehen, heißt es hinter den Ku-
vor: Immer wieder war von der „Verant- einem Dreierbündnis zu regieren. So will lissen. Da Nicola Beer ihren Job als Gene-
wortung“ der Grünen die Rede. Inhaltlich die deutsche Kanzlerin dem französischen ralsekretärin gut mache und zu unerfahren
beschränkten sie und Özdemir sich auf Präsidenten Emmanuel Macron etwa in sei für ein Ministerium, hört man nun häu-
zwei Themen, in denen sie in einer Ja- der Frage eines Finanzministers und eines figer den Namen Katja Suding.
maikaregierung etwas erreichen wollen: eigenen Budgets für die Euro-Gruppe ent- Die Grünen wollen das prestigeträchtige
Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit. gegenkommen. FDP-Chef Lindner ist bis- Außenministerium für sich reklamieren,
Sie wollten die Latte offenbar niedrig- lang strikt dagegen. Die Grünen befürwor- bekommen soll es Katrin Göring-Eckardt.
legen. ten Merkels Linie, sie könnten der Kanz- Da sie Reala ist und dann dementspre-
Den Parteilinken reicht das nicht. Ihr lerin dabei helfen, den harten FDP-Kurs chend auch jemand vom linken Flügel Mi-
Anführer steigt um kurz vor 20 Uhr über- aufzuweichen. nister werden müsste, ist Anton Hofreiter
raschend auf die Bühne der Wahlparty. Entscheidend könnte werden, ob Grüne als Verkehrs- und/oder Umweltminister
Grundlage für Sondierungsgespräche, ruft und FDP nach diesem Wahlkampf, in dem auf grüner Seite quasi gesetzt. Gäbe es
Anton Hofreiter, sei „der von uns allen ge- sie vor allem gegeneinander gekämpft ha- drei Ministerposten für die Grünen, käme
meinsam beschlossene Zehn-Punkte-Plan“. ben, nun aufeinander zugehen. Es gibt ja wieder eine Frau heran, Claudia Roth ist
Dann zählt er alle Punkte des Plans ein- durchaus gemeinsame Ziele: Beide wollen dafür als Entwicklungsministerin im Ge-
zeln auf. „Und wenn’s inhaltlich geht, dann ein Einwanderungsgesetz, und sie fordern spräch. Cem Özdemir würde dann Frak-
geht’s, und wenn nicht, dann geht’s eben mehr Investitionen in Bildung, wollen ein tionschef werden, heißt es in der Partei.
nicht!“ Das ist die Latte, die die Parteilin- eigenes Digitalministerium und Start-ups Die neue Regierung, so viel ist klar,
ken der Realo-Spitze auflegen. Es liegen besser fördern. Auch beim Datenschutz müsste sich auf eine Opposition einstellen,
harte Wochen vor den Grünen. und bei der Gleichstellung homosexueller die es so noch nie gab. Die AfD wird Ja-
Vor allem in der inneren Sicherheit lie- Paare gibt es gleiche Ziele. maika nicht als politischen Gegner betrach-
gen die potenziellen Koalitionspartner ten, sondern als Feind, den es mit allen
weit auseinander. Die CSU, die im kom- Mitteln zu bekämpfen gilt. Als bei der
menden Jahr eine Landtagswahl zu über-
stehen hat, will sich in diesem Bereich pro-
AfD-Wähler Quelle: infratest dimap
für die ARD-Wahlanalyse
Stand: 25. September,
Wahlparty der AfD Beatrix von Storch
noch zu später Stunde die Bühne betritt,
3.30 Uhr
filieren. CSU-Chef Seehofer hat angekün- sagt sie, ihre Partei sorge nun endlich für
Altersgruppen, in Prozent
digt, das Innenministerium zu beanspru- normale Verhältnisse. „Der Slogan ,refu-
chen. Der bayerische Innenminister Herr- 18 bis 24 Jahre 10 gees welcome‘ wird wieder nur ein Spruch
mann war Spitzenkandidat seiner Partei. von linksradikalen Spinnern werden.“
Er traf am Wahlabend bereits zu Gesprä- 25 bis 34 Jahre 15 Linksradikale Spinner, Eidbrecher. Das
chen in der CDU-Zentrale ein. Das in ist das Vokabular, mit dem die AfD in den
Kombination mit der Forderung Lindners, 35 bis 44 Jahre 16 vergangenen Monaten Wahlkampf führte.
bald wieder in „stabile Regionen“ selbst Es war ein ätzender, rüder Ton, der so gar
in Syrien abzuschieben, wird schwer zu 45 bis 59 Jahre 14 nichts mehr gemein hatte mit der AfD, die
akzeptieren sein für die Grünen. Schließ- sich einst als biedere Professorenpartei ge-
lich hatten sie auf ihrem Parteitag die rote 60 bis 69 Jahre 12 gründet hatte. Parteifunktionäre bezeich-
Linie festgezurrt: „Mit uns in der Regie- nen Justizminister Heiko Maas als „Ergeb-
70 Jahre und älter 7
rung wird es keine Abschiebungen in Kri- nis saarländischer Inzucht“ und Angela
senregionen geben, die so unsicher sind Merkel als „alte Fuchtel“ oder „IM Erika“.
wie zum Beispiel Afghanistan momentan.“ Tätigkeiten, in Prozent Die neue AfD organisierte Busse, um ihre
Auch die Dieselkrise hat die Union und Anhänger zur Anti-Merkel-Demo zu kar-
ihre potenziellen Koalitionspartner eher Arbeitslose 22 ren, wo sie gegen die „Diktatorin“ pfiffen
voneinander entfernt. Die Sozialdemokra- und brüllten.
ten hatten kein großes Interesse daran, Arbeiter 21 Nicht nur an der Basis brodelte es, bis
Volkswagen und andere Autokonzerne an die Parteispitze und die vorderen Lis-
durch drastische Strafen oder strenge Vor- Angestellte 13 tenplätze der AfD waren selbst ernannte
gaben zu schwächen. Für die Grünen hin- „Volksanwälte“ am Werk, die ihren Anhän-
gegen ist der Kampf gegen den Verbren- Selbstständige 12 gern weismachten, bei dieser „Schicksals-
nungsmotor ein wichtiges Profilierungs- Rentner 11 wahl“ stehe das Überleben der Nation auf
thema. dem Spiel.
Unüberbrückbar sind die Unterschiede Beamte 10 Den Kulturwandel hat die Partei be-
allerdings nicht. Bei Fragen der inneren wusst betrieben: Viele AfD-Spitzenpoliti-

16 DER SPIEGEL 2017


STEFANIE LOOS / REUTERS
FDP-Chef Lindner: Von der Apo in die Regierung

HC PLAMBECK / DER SPIEGEL

AfD-Siegesfeier in Berlin: Ein neuer, ätzender Ton im Bundestag

DER SPIEGEL 2017 17


WAHL 2017

„Jamaika ist weit“ ker von heute waren schon vor vier Jahren
dabei. So saßen Spitzenkandidat Alexan-
der Gauland und Parteichefin Frauke Petry
im alten wie im neuen Parteivorstand.
Grüne Jürgen Trittin, 63, hat Zweifel an einem Regierungsbündnis Doch das Eurothema, für das die Partei
mit Union und FDP. einst so brannte, bedient sie nur noch
pflichtschuldig. Heute strebt die Partei
SPIEGEL: Herr Trittin, sind Sie zufrieden Trittin: Die FDP müsste sozialer, die CSU nicht weniger als eine Kulturrevolution an.
mit dem Wahlergebnis? liberaler und die CDU ökologischer wer- Sie inszeniert sich als Retterin des Rechts-
Trittin: Es ist ein ordentliches Ergebnis, den. Eine solche Regierung muss ein Ge- staats – „Hol Dir Dein Land zurück“ war
auch wenn wir unser Wahlziel nicht er- genentwurf zum Rechtspopulismus sein. ein Slogan auf vielen Wahlplakaten – und
reicht haben. Wir wollten einen zweistelli- SPIEGEL: Und was müssen die Grünen? als einzige Kraft, die „alles für Deutsch-
gen Stimmenanteil erreichen, und wir Trittin: Wir müssen uns darauf einstellen, land“ gibt. Mit diesem Satz, den einst SA-
wollten dritte Kraft werden. Das haben unsere Positionen unter Bedingungen Truppen in ihre Dolche gravierten, darf
wir nicht geschafft. einer nach rechts verschobenen gesell- nicht geworben werden – für AfD-Patrio-
SPIEGEL: Immerhin könnten die Grünen schaftlichen Stimmung umzusetzen. ten ein völlig übertriebenes Verbot.
bald mitregieren. Eine Jamaika-Koalition SPIEGEL: Bei welchen inhaltlichen Fragen Die Bundestagsfraktion wird die Kräf-
aus Union, FDP und Grünen ist möglich. sehen Sie die größten Probleme? teverhältnisse in der AfD spiegeln: Es do-
Trittin: Wer weiß, wie lange Frau Merkel Trittin: CSU und FDP haben sich zuletzt miniert ein starker rechter bis rechtsextre-
nach diesem historischen Desaster weit rechts von Merkel positioniert, etwa mer Flügel, der im Wahlkampf mit natio-
noch an der Spitze ihrer Partei steht. in der Flüchtlingspolitik, beim Nachzug nalistischen Parolen und teils wüsten
von Familienangehörigen oder Schmähungen gegen die Konkurrenz auf
bei der Frage, in welche Länder sich aufmerksam machte. Der Rest der Par-
abgeschoben werden darf. Das tei und künftigen Fraktion zerfällt in
war falsch. Wir Demokraten Grüppchen gemäßigter Karrieristen und
müssen der AfD entgegentre- Idealisten, die letztlich machtlos bleiben.
ten, anstatt ihr nachzulaufen. Der rechten Parteiplattform lassen sich
SPIEGEL: Union und FDP haben die meisten ostdeutschen Abgeordneten
sich doch bei jeder Gelegenheit zurechnen, allen voran Thüringens Spit-
deutlich von der AfD distanziert. zenkandidat Stephan Brandner und sein
Trittin: Horst Seehofer hat im Landsmann Jürgen Pohl. Pohl war Björn
AfD-Ton von der „Herrschaft des Höckes Büroleiter und dürfte damit sein
Unrechts“ gesprochen. In Sach- heimlicher Statthalter in Berlin werden.
sen und Sachsen-Anhalt spielen Doch auch die Ökonomin Alice Weidel,
Teile der CDU mit dem Gedan- formal das gemäßigt-bürgerliche Gesicht
ken, mit der AfD zu kooperieren. der Partei, hat im Wahlkampf gezeigt, dass
SPIEGEL: Welche Themen müss- sie rechte Schlagwörter wie „Islamisie-
ten die Grünen in einer Jamaika- rung“ und „Identitätsverlust“ beherrscht.
Koalition besetzen? Die Fraktion werden aller Voraussicht
Trittin: Unsere ureigensten The- nach die Spitzenkandidaten Weidel und
men sind und bleiben Umwelt Gauland anführen. Wie viele moderate
DENNIS WILLIAMSON / DER SPIEGEL

und Gerechtigkeit und ein star- Kollegen Zugang zum inneren Machtzirkel
kes Europa. Beispiel Klimapolitik: erhalten, ist ungewiss, doch sehr klar ist,
In zwölf Jahren unter Merkel sind wer machtlos sein wird: Frauke Petry.
die Treibhausgase weniger ge- Als die Parteichefin im Wahlkampf dem
senkt worden als unter Helmut SPIEGEL auf die Frage nach ihrer Zukunft
Kohl. Wir müssen in der Sozial- in der AfD sagte: „Wer soll es denn sonst
politik etwas für die Interessen machen?“, tippten sich ihre Kollegen an
der jüngeren Generation tun, in- die Stirn. Petry habe nicht die geringste
Aber Sie haben recht: Alle demokrati- dem wir für eine Garantierente und die Chance, Parteichefin zu bleiben, geschwei-
schen Parteien stehen jetzt in der Bürgerversicherung sorgen. Wir brauchen ge denn Fraktionschefin zu werden, heißt
Verantwortung auszuloten, was möglich Investitionen, nicht Kürzungen in Europa. es einhellig. „Für mich hat sich diese Frage
ist. Das gilt im Übrigen auch für die SPIEGEL: Das ist viel verlangt von Ihren erledigt“, sagt Gauland auf Anfrage ganz
SPD, auch wenn sie traumatisiert ist. möglichen Koalitionspartnern. offen. „Wer sich im Wahlkampf gegen die
Die kann sich nicht einfach vom Acker Trittin: Das sind die Punkte, für die wir ge- eigenen Parteifreunde stellt, ist ein ,dead
machen. wählt wurden. Unsere Wähler erwarten, man walking‘, wie die Briten sagen.“
SPIEGEL: Was stört Sie am Gedanken an dass wir dies umsetzen, wenn wir uns Es ist gut möglich, dass die neue AfD-
eine Jamaika-Koalition? an einer Regierung beteiligen. Der Weg Fraktion erst einmal mit internen Querelen
Trittin: Es fällt mir schwer, mir ein Bünd- nach Jamaika ist weit. beschäftigt ist. Aber bisher hat der inner-
nis vorzustellen, in dem wir mit der CSU SPIEGEL: Gibt es etwas, was Sie an FDP- parteiliche Streit die Wähler nicht abge-
und der FDP gemeinsam an einem Ziel Chef Christian Lindner schätzen? schreckt. AfD-Anhänger finden sich quer
arbeiten. Ich habe Zweifel, dass das Trittin: Koalitionen werden zwischen Par- durch alle Schichten und Einkommensklas-
funktioniert. Die Gegensätzlichkeit unse- teien gemacht. Es ist hilfreich, wenn sen. Die Schlagzeilen dominieren zwar die
rer Ziele ist mit dem Wahlabend ja nicht man miteinander reden kann. Dafür gutbürgerlichen AfD-Scharfmacher wie
kleiner geworden. muss man sich nicht unbedingt mögen. der Studienrat Höcke, die Juristin Beatrix
SPIEGEL: Was müsste passieren, damit Interview: Ann-Katrin Müller, von Storch oder die Ökonomin Alice Wei-
Jamaika klappt? Alexander Neubacher del. Aber an der Parteibasis versammeln
18 DER SPIEGEL 2017
Titel

sich auch Friseure, Handwerker, Arbeiter.


Menschen, die unter privaten Umständen
niemals befreundet wären, fühlen sich in
der AfD verstanden.
„Wir sind glühende Europäer“
Für ihre politischen Gegner ist die AfD FDP Vizechefin Katja Suding, 41, über den Preis für eine Regierungs-
auch deshalb so schwer zu greifen, weil beteiligung der Liberalen
ihre Mitglieder und Wähler keine Ideologie
verbindet, sondern allenfalls eine ähnliche SPIEGEL: Regierung oder Opposition – gen. Diese Inhaltsleere der AfD werden
Stimmung. Schon der AfD-Gründervater welchen Auftrag ziehen Sie aus dem wir jetzt auf der großen Bühne des
Bernd Lucke rief auf dem ersten Parteitag Wahlergebnis? Bundestages für alle sichtbar machen.
im April 2013 in den Saal: „Wir sind weder Suding: Den Auftrag zur Regierungsbil- SPIEGEL: Der SPD-Vorsitzende Martin
links noch rechts. Wir brauchen keinen dung haben nicht wir, sondern die CDU. Schulz hat eine Fortsetzung der Koalition
ideologischen Wegweiser, wir brauchen Wir werden uns Gesprächen, wenn wir mit CDU und CSU ausgeschlossen,
nur unseren gesunden Menschenverstand.“ dazu eingeladen werden, sicherlich nicht also bleibt nur eine Jamaikakoalition.
Der kleinste gemeinsame Nenner der verweigern. Wir wissen ganz genau, wo Suding: Die Sozialdemokraten müssen
AfD-Wähler ist der Ärger über Merkel. Sie wir hinwollen und was wir in einer Regie- erklären, warum sie eine Regierungs-
ist für alles verantwortlich, darauf kann rung umsetzen wollen. Unklar ist mir im beteiligung so frühzeitig ausgeschlossen
man sich in der AfD schnell einigen: die Moment, was Union und Grüne wollen. haben.
Flüchtlinge, die Eurokrise und im Zweifel Das werden wir sicherlich in den Gesprä- SPIEGEL: Die SPD hat das schlechteste
auch für das schlechte Wetter. chen herausfinden. Wenn der Koalitions- Ergebnis der Nachkriegsgeschichte
In Würselen starrt Doris Harst am Sonn- vertrag keine eindeutige liberale Hand- eingefahren. Das ist doch ein guter
tagabend um 18 Uhr auf die Hochrechnun- schrift trägt, gehen wir selbstbewusst in Grund, in die Opposition zu gehen.
gen auf einem Fernsehbildschirm. die Opposition. Dann kämpfen wir da für Suding: Wenn sich die SPD der Verant-
„Isch versteh dat nischt“, sagt sie, „was unsere Werte und Ziele. wortung entzieht, dann ist das ihre Ent-
ist in diesem Land nur los?“ Harst, 68, ist SPIEGEL: Was müsste in einem Koalitions- scheidung. Das heißt für uns als FDP
die ältere Schwester von Martin Schulz, vertrag stehen, damit Sie in eine Regie- aber nicht, dass wir dann in eine Koali-
auch sie ist SPD-Mitglied, Harst sitzt im rung eintreten? tion gehen müssen.
Kommunalparlament in Würselen und Suding: Eine ganze Menge, allem voran SPIEGEL: Wenn es zu einer neuen Großen
hat in den vergangenen Wochen für ihren die beste Bildung. Wir brauchen ein stär- Koalition käme, würde die AfD den Op-
Bruder in der Fußgängerzone Wahlkampf keres Engagement des Bundes an der positionsführer im Bundestag stellen.
gemacht. Finanzierung von Schulen und Hochschu- Wäre es nicht schon aus diesem Grund
Noch am Sonntagmorgen, erzählt Harst, len. Es muss auch eine bessere Ver- geboten, dass es zu Jamaika kommt?
habe sie mit ihrem Bruder telefoniert. Sie gleichbarkeit von Bildungsabschlüssen Suding: Natürlich wäre mir die SPD als
hätten über die Zeitungsartikel der vergan- zwischen den Bundesländern geben. Oppositionsführerin lieber als die AfD,
genen Tage gesprochen, über die „Abge- Das andere Megathema ist die Digitali- aber wir werden die Beteiligung an
sänge auf den Martin“, wie Harst sagt, und sierung, da dürfen wir nicht länger den einer Regierung ausschließlich von inhalt-
über die Prognosen. Schulz habe gesagt: Kopf in den Sand stecken, sondern müs- lichen Kriterien abhängig machen.
„Zieh dir die Berichte bloß nicht rein.“ sen in die Zukunft unseres Landes inves- SPIEGEL: Der französische Präsident Em-
Und: „Mach dir keine Sorgen.“ tieren. Außerdem brauchen wir ein mo- manuel Macron hat gesagt: „Wenn Mer-
Harst hat sich trotzdem Sorgen gemacht. dernes Einwanderungsgesetz und eine kel mit der FDP koaliert, bin ich tot.“ Was
Zu Recht, wie sich zeigt. In den ersten Entlastung der Bürger. Wir werden gelas- sagen Sie denjenigen in Europa, die
Hochrechnungen der ARD kommt die sen ausloten, was davon möglich ist. sich vor einer Regierungsbeteiligung der
SPD auf 20,2 Prozent. Harst schnappt sich SPIEGEL: Eines Ihrer Wahlziele war, dritte FDP fürchten?
die Fernbedienung. „Ich schalte lieber um Kraft im Deutschen Bundestag zu wer- Suding: Europa wird nicht dadurch stär-
aufs ZDF“, sagt sie, „im Zweiten haben den, das haben Sie verfehlt. ker, dass wir neue EU-Fördertöpfe aufma-
wir immer ein bisschen mehr.“ Doch es Suding: Alle demokratischen Parteien chen, die am Ende in die Transferunion
hilft nichts. Der Moderator spricht vom haben jetzt die Aufgabe, die AfD inhalt- führen. Mit der FDP wird es keine Verge-
historisch schlechten Abschneiden der So- lich zu stellen. Die AfD schürt Ängste und meinschaftung von Schulden geben. Ein
zialdemokraten. Ressentiments, bietet aber keinerlei Lö- starkes Europa gibt es nur, wenn man
Auf dem Fernsehbildschirm taucht jetzt sungen für die Probleme, die vor uns lie- versucht, den Fliehkräften Einhalt zu ge-
ihr Bruder auf. Ein „schwerer und bitterer bieten. Wir sind glühende Europäer.
Tag“, sagt Schulz. Es ist 18.34 Uhr, Harst SPIEGEL: Die Finanzmärkte beunruhigt,
ist nicht mehr wütend, sondern traurig. Sie dass die FDP für Pleitestaaten einen Aus-
kämpft mit den Tränen. Der Martin sei es tritt aus dem Euro fordert.
„ja gewohnt, Niederlagen zu verkünden“, Suding: Wir werden den Euro nicht da-
sagt sie. Dann kramt sie ihr Smartphone durch stärken, dass wir krampfhaft Län-
aus der Handtasche. „Ich schreibe ihm mal der in der Währungsunion halten, denen
eine WhatsApp.“ Sie tippt ein paar Sätze die Mitgliedschaft nachweislich wirt-
ein, löscht sie wieder, beginnt von Neuem. schaftliche Nachteile gebracht hat. De-
Nach zehn Minuten ist sie fertig. Harst nen schaffen wir Möglichkeiten, in der
sagt: „Ich habe ihm geschrieben, dass wir EU zu bleiben, aber nicht im Euro – das
alle bei ihm sind.“ ist ein Fortschritt.
Es ist ein Trost, den Schulz brauchen SPIEGEL: Ist das Finanzressort für die FDP
SINA SCHULDT / DPA

wird. Für die SPD ist das Ergebnis verhee- wichtiger als das Auswärtige Amt?
rend. Nicht einmal 21 Prozent, das schlech- Suding: Lassen Sie uns doch erst mal
teste Resultat der Nachkriegszeit für die die Gespräche führen, dann schauen
deutsche Sozialdemokratie. Im Osten wur- wir weiter. Interview: Christoph Schult

DER SPIEGEL 2017 19


WAHL 2017

RONALD WITTEK / EPA-EFE / REX / SHUTTERSTOCK


Wahlverlierer Schulz im Willy-Brandt-Haus: Kampf um den Fraktionsvorsitz verloren

de die Partei lediglich viertstärkste Kraft. der Führung den klaren Kurs am Nachmit- genommen hat. Prompt trübte sich das
Ein Erosionsprozess, so wirkt es, und ein tag intern nahe. Verhältnis zwischen Schulz und Nahles,
weiterer Beleg dafür, dass die Große Koa- An keiner Stelle brandete der Applaus das lange kooperativ war, merklich ein.
lition für die SPD toxisch ist. für Schulz am Sonntagabend in der Par- Auch ein längeres Telefongespräch am
„Es war ein Schock“, bekannte die rhein- teizentrale kräftiger auf als in dem Mo- vergangenen Samstag brachte keine Klä-
land-pfälzische Ministerpräsidentin Malu ment, als er den Schlussstrich verkündete: rung. Erst als am Sonntag die ersten Er-
Dreyer. Und doch: Gemessen an der Dra- „Zugleich endet die Zusammenarbeit mit gebnisse eintrafen, deutete Schulz auf ei-
matik der Zahlen zeigte sich die Parteispit- der CDU/CSU!“ Nur Vizekanzler Sigmar ner Sitzung der engeren Parteiführung, die
ze am Sonntagabend gefasst. Schon in den Gabriel mahnte intern, die Tür nicht vor- ohne Nahles stattfand, ein Einlenken an.
Tagen vor der Wahl hatte man die Erwar- eilig zuzuschlagen. Er könne sich eine Fraktionsvorsitzende
tungen deutlich gesenkt und sich auf ein Schwieriger verlief das Ringen um die Nahles vorstellen. Ein weiteres Gespräch
historisch schlechtes Ergebnis eingestellt. personelle Neuaufstellung. Für Gabriel der beiden am Sonntagabend brachte zwar
Nun hatte die CDU noch dramatischer ver- und Fraktionschef Thomas Oppermann noch keine endgültige Klärung. Aber seit
loren als die Sozialdemokraten. Ein wei- könnte es eng werden. Und Parteichef auch Thomas Oppermann intern erklärt
terer Trost: Die Genossen haben deutlich Schulz hat den Kampf um den Fraktions- hat, dass eine Verjüngung überfällig sei,
mehr Direktmandate erobert als gedacht. vorsitz verloren. seit sich längst auch Parlamentarische
Die Wahlkreise von Ulrich Kelber (Bonn) Lange hatte Schulz zur Zukunft der Linke und Netzwerker der SPD für die
oder des Gesundheitsexperten Karl Lau- Fraktion geschwiegen, in den letzten Ta- Ministerin ausgesprochen haben, wird
terbach (Leverkusen/Köln) galten als gen vor der Wahl dann allerdings zu son- an diesem Mittwoch wohl Andrea Nahles
kaum zu gewinnen. Beide Kandidaten er- dieren begonnen, welche Chancen er hätte, zur neuen Fraktionsvorsitzenden gewählt
oberten das Direktmandat. zusätzlich zum Parteivorsitz auch nach werden.
Trotzdem war sich die Führungsriege dem mächtigen Posten an der Spitze der Um den Parteivorsitz musste Schulz
schnell einig, als am Sonntagabend die ers- Fraktion zu greifen. Positive Rückmeldun- trotz des historisch schlechten Wahlergeb-
ten Hochrechnungen das Willy-Brandt- gen bekam er nicht. Auch Noch-Fraktions- nisses jedoch vorerst nicht fürchten. Als
Haus erreichten: Eine Fortsetzung der Gro- führer Thomas Oppermann, zuvor oft an er im engsten Kreis erklärte, er wolle die
ßen Koalition kommt nicht mehr infrage, der Seite von Schulz, riet ab. Erneuerung der Partei von der Spitze aus
der Gang in die Opposition ist unvermeid- Das schlechteste Ergebnis aller Zeiten vorantreiben, gab es nur wenig Wider-
lich. Im Wahlkampf war der Parteiführung und dann alle Macht auf sich vereinen? spruch. Lediglich der Hamburger Erste
der Widerwille der Basis gegen ein Bünd- Das wollten zu wenige mittragen. Zumal Bürgermeister und Parteivize Olaf Scholz
nis mit der Union entgegengeschlagen. Arbeitsministerin Andrea Nahles den Frak- muckte kurz auf und erinnerte an den
Spitzenmann Martin Schulz selbst legte tionsvorsitz schon seit Längerem ins Visier missglückten Wahlkampf. Schließlich habe

20 DER SPIEGEL 2017


Titel

„30 Prozent, das muss unser Anspruch sein“


SPD Parteivizechef Olaf Scholz, 59, erklärt, warum die SPD nach der Niederlage in die Opposition geht.

SPIEGEL: Herr Scholz, weniger als 21 Pro- das Leben der Bürgerinnen und Bürger innere und äußere Sicherheit im Auge
zent: Welche Konsequenzen muss die verbessern können. hat und zugleich für den sozialen Zusam-
SPD aus dem Wahlergebnis ziehen? SPIEGEL: Wo soll die SPD hin? Die Mitte menhalt sorgt. Das wird allein die
Scholz: Dies ist das schlechteste Ergebnis schrumpft und ist zu eng für SPD Aufgabe der SPD in der Opposition sein.
der SPD seit Gründung der Bundes- und Union geworden, die Linke hat Ihnen SPIEGEL: Ist es richtig, eine Große
republik. Viermal hintereinander ist es uns die linken Wähler abgegraben. Koalition kategorisch auszuschließen?
nicht gelungen, den Kanzler zu stellen. Scholz: Ich halte von solchen politischen Scholz: Ja, es ist wichtig, dass die SPD
Dreimal in Folge haben wir miserable Er- Kuchentheorien nichts. Die SPD kann nach drei solchen Bündnissen seit den
gebnisse bei einer Bundestagswahl ein- im politischen Wettbewerb auch wieder Sechzigerjahren nicht wieder in eine Große
stecken müssen. Deshalb ist es dringend Stimmen zurückgewinnen, die sie bei Koalition geht. Sonst besteht die Gefahr,
nötig, über die strategische Ausrichtung dieser Wahl an CDU, FDP oder an andere dass der politische Wettbewerb nicht mehr
der Partei zu diskutieren. Parteien verloren hat. zwischen den großen Volksparteien geführt
SPIEGEL: Minus fünf Prozentpunkte – kann SPIEGEL: Müssen Sie die AfD in der parla- wird, also einer fortschrittlichen Partei links
ein Parteivorsitzender, der zugleich mentarischen Auseinandersetzung stellen der Mitte und einer bürgerlichen Partei
Kanzlerkandidat war, bei einem solchen oder vor allem selbst besser werden? rechts der Mitte, sondern von den politi-
Ergebnis im Amt bleiben? Scholz: Der Einzug der AfD in den Bundes- schen Rändern bestimmt wird. Das wäre
Scholz: Er kann. Solche Personalfragen am tag ist eine große Zäsur in Deutschland. für die Demokratie nicht gut. Deshalb
Wahlabend greifen mir aber zu kurz und Und es ist die Aufgabe der SPD, deutlich muss die SPD Oppositionsführerin werden.
entsprechen auch nicht der solidarischen zu machen, dass es möglich ist, eine welt- SPIEGEL: Wird Ihre Partei in den
Kultur der SPD. Wir haben jetzt genügend offene, fortschrittliche und zuversichtliche kommenden Wochen bei dieser Ent-
Zeit, darüber nachzudenken, wie wir uns Politik zu machen, die pragmatisch die scheidung bleiben?
aufstellen wollen, weil wir ja in Scholz: Ganz sicher. Wir haben
der Opposition sein werden. das sehr sorgfältig in der Füh-
Diese Zeit sollten wir uns auch rung diskutiert. Wir alle haben
nehmen und nutzen. Ange- mit sehr vielen Mitgliedern in
sichts der Wahlergebnisse dür- den vergangenen Wochen ge-
fen wir uns keine Fehler mehr sprochen. Diese Entscheidung
erlauben, wenn wir bei der ist ohne Hintertüren und
Bundestagswahl 2021 wieder Schlupflöcher gefallen. Es geht
konkurrenzfähig sein wollen. um Deutschland, es geht
SPIEGEL: Muss sich die SPD per- um die demokratische und
sonell und inhaltlich erneuern? politische Debatte.
Scholz: Die SPD muss sich als SPIEGEL: Gibt es eine staats-
moderne Partei präsentieren. politische Verantwortung der
Wir haben in diesem Jahr mehr SPD?
als 23 000 Neumitglieder hin- Scholz: Ja.
zubekommen, die Mobilisierung SPIEGEL: Und was passiert,
in den eigenen Reihen war so wenn die Jamaikakoalition
groß wie lange nicht. Trotzdem nicht zustande kommt?
hat es nicht für ein besseres Er- Scholz: Sie wird zustande
gebnis gereicht. Anfang des kommen.
Jahres lagen wir bei 30 Prozent, SPIEGEL: Warum sind Sie sich
das muss unser Anspruch sein. so sicher?
SPIEGEL: Worauf muss die in- Scholz: Alle Beteiligten wollen
haltliche Erneuerung abzielen? dies, und im Übrigen haben
Scholz: Wir müssen uns mit den auch sie eine staatsbürgerliche
großen Herausforderungen un- Verantwortung.
serer Zeit auseinandersetzen, SPIEGEL: Schließen Sie Neu-
die etwa aus der Globalisierung wahlen aus?
oder der Digitalisierung für die Scholz: Das wäre ein großes
Bürgerinnen und Bürger ent- politisches Versagen der
stehen. Die Veränderungen der Parteien, die jetzt dazu auf-
HERMANN BREDEHORST / DER SPIEGEL

Lebensverhältnisse führen ja gerufen sind, eine Regierung


nicht nur in Deutschland zu Sor- zu bilden. Ich kann mir nicht
gen und wachsender Unzufrie- vorstellen, dass die Kanzlerin,
denheit. Populistische Parteien die Union, die Grünen und
erhalten dadurch Zulauf. Als die FDP eine solche Peinlich-
liberale, weltoffene und toleran- keit riskieren.
te SPD müssen wir eine kluge Interview: Markus Dettmer,
Perspektive entwickeln, wie wir Horand Knaup

DER SPIEGEL 2017 21


WAHL 2017

hen. Nur dort kann sie einen Gegenpol


zur Union bilden, die zu einem Rechtsruck
gezwungen wird, auch wenn sie mit den
Grünen regieren sollte.
Das ist auch gut so. Merkel hat lange
mit guten Gründen die CDU in die Mitte
geführt, sie hat damit eine Modernisierung
nachvollzogen, die in der Gesellschaft
schon lange angekommen war. Kita-Plätze,
Frauenförderung, auch die faktische Ab-
schaffung der Wehrpflicht – all das waren
keine Opfer, die man dem Zeitgeist brin-
gen musste, sondern schlicht und einfach
notwendige Reformen.
Aber mit ihrer Flüchtlingspolitik hat
Merkel das Land offensichtlich überfordert,
sie hat es versäumt, eine humanitäre Geste
mit einer wirksamen Kontrolle der Zuwan-
derung zu verbinden. Das Ergebnis dieser
verfehlten Politik ist die AfD. Die Partei
wird nur dann wieder verschwinden, wenn
die Union sich wieder ernsthaft um Wähler
des rechten demokratischen Spektrums
kümmert.
Viele AfD-Wähler wollten Merkel einen
Denkzettel verpassen, das zeigen die Um-
fragen. Aber sie sind für die Demokratie
nicht verloren. Die AfD ist stark geworden
bei dieser Wahl, aber sie hat nicht alle Zie-
le erreicht.
Als Leif-Erik Holm die ersten Zahlen
der AfD in einem Bürgerbüro in Schwerin
liest, glaubt er, das Unmögliche sei drin:
Merkel das Direktmandat zu nehmen. Die
Männer rund um den ehemaligen Radio-
moderator recken ihre Sektgläser in die
Höhe, prosten ihrem Spitzenkandidaten
zu.
Holm, 47, ist in Wahlkreis 15 angetreten,
dem Wahlkreis der Kanzlerin, Vorpom-
mern-Rügen Vorpommern-Greifswald I.
Er ist durch die ganze Republik gereist,
URBAN ZINTEL / DER SPIEGEL

hat auch weit im Süden mit seinen Partei-


kollegen gesprochen und Stimmung gegen
Merkel gemacht.
„Schicken wir sie zurück in die Ucker-
mark“, hat er bei seinen Auftritten ins Mi-
kro gerufen, wieder und wieder. Am Ende
Wahlparty der CDU in Berlin: Denkzettel für Merkel
schafft er es doch nicht. Holm ist gerade
beim NDR zum Interview, als die Zahlen
für seinen Wahlkreis kommen. Deutlich
die SPD zwischenzeitlich in Umfragen bei demokraten ist zehn Jahre alt, es wurde mehr Menschen haben für die Kanzlerin
über 30 Prozent rangiert. 2007 in Hamburg verabschiedet. „Die SPD gestimmt. Mehr als doppelt so viele. Das
Die übrigen Vertreter der Parteispitze hat Profilierungsbedarf“, sagt Weil. Eben- drückt die Stimmung in Schwerin. Mit ver-
wollen erst einmal Frieden. So kann sich so wie der hessische Landesvorsitzende schränkten Armen stehen die Männer da,
Schulz – zumindest vorläufig – einer brei- Thorsten Schäfer-Gümbel fordert er die in- die Blicke sind enttäuscht. Kein Klatschen
ten Unterstützung sicher sein. „Martin haltliche Neuaufstellung schon seit Jahren. mehr, keine Bravorufe – nur ungläubiges
Schulz bleibt Parteivorsitzender“, dekre- Im neuen Programm sollen die Themen Schweigen.
tierte, kaum waren die ersten Hochrech- Migration, Umwelt, Mobilität und digitale Melanie Amann, Lukas Eberle, Christiane Hoffmann,
nungen verkündet, der niedersächsische Arbeitswelt deutlich mehr Raum einneh- Horand Knaup, Anna-Sophia Lang, Veit Medick,
Ministerpräsident Stephan Weil. „Wir ha- men, aber auch Verteilungsgerechtigkeit Ann-Katrin Müller, Ralf Neukirch, René Pfister,
Gerald Traufetter, Steffen Winter
ben ein Interesse an stabilen Verhältnissen. wird wohl wieder auf die Tagesordnung
Und Martin Schulz ist ein starker Vorsit- kommen.
zender.“ Was nun? Bei allem Frust bietet das Er- Video: Die Wahlnacht
Inhaltlich wird sich die Partei neu auf- gebnis der Bundestagswahl auch eine im Zeitraffer
stellen müssen, das ist allen Beteiligten Chance. Es war richtig, dass sich die SPD spiegel.de/sp552017wahl
klar. Das Grundsatzprogramm der Sozial- entschieden hat, in die Opposition zu ge- oder in der App DER SPIEGEL

22 DER SPIEGEL 2017


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WAHL 2017

Der Mann im Nichts


SPD Martin Schulz ist mit seiner verpatzten Kanzlerkandidatur die tragische Figur der Sozial-
demokraten. Ist er der Richtige, um die SPD nun in der Opposition wiederzubeleben?

E
in paar Stunden vor der größten Nie- Im Wahlkampf hat der Mann aus Wür- Schulz mit 100 Prozent zum Chef gewählt
derlage seines Lebens steht Martin selen noch mal ins Werk des französischen wurde. „Martin, Martin“, schallte es am
Schulz in seinem Heimatort Würse- Philosophen Blaise Pascal geschaut. Der Wahlabend durch die Parteizentrale. Op-
len und blickt über das Zentrum. Links Mensch, schreibt Pascal, sei ein Mittelding position befreit. Den Kampf gegen rechts
ein Café, rechts ein Grillrestaurant, zwi- zwischen nichts und allem. Ein faszinie- kann er wie kein anderer. Reicht das?
schendrin sein Stammfriseur. „Wenn ich render Satz, findet Schulz. Ein Leitmotiv, Schulz nervt der Vorwurf, ihm fehle der
gewinne“, sagt er und macht eine Bewe- um sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. letzte Machtinstinkt. Deshalb zeigte er sich
gung, als wolle er die gesamte Welt umar- Wir sind alle nur kleine Lichter in der Un- vor der Wahl intern von seiner anderen
men, „wird das hier die Hauptstadt: Wür- endlichkeit, so versteht er ihn. Seite. Nix Sensibelchen – ich bleibe! Und
selen, D. C.“ Jetzt weiß Schulz auch, wie sich das an- vielleicht nehme ich mir auch den Frak-
Schulz zwinkert. Schwarzer Humor, fühlt, alles zu haben. Und plötzlich nichts. tionsvorsitz. Die Tausenden Neumitglieder.
klar. Von wegen Sieg. Glaubt doch nie- Anders als Steinbrück hat Schulz seine Die Stimmung auf den Plätzen. Das war
mand mehr dran. Wird schrecklich, weiß Kandidatur mit Würde zu Ende gebracht. doch real, hat er gesagt. Da haben sie ge-
ich doch. Als sein Vorgänger erkannte, wie aussichts- guckt, seine Parteifreunde. Den Posten will
Aber so schrecklich? los seine Lage war, zeigte er den Stinkefin- Schulz jetzt doch nicht. Ginge auch nicht.
Nicht einmal 21 Prozent sind es für ihn ger. Als Schulz erkannte, wie aussichtslos Wer bei diesem Ergebnis einen doppelten
bei der Bundestagswahl geworden. Was seine Lage war, machte er Zusatztermine. Machtanspruch formuliert, wirkt entrückt.
für eine Zahl. Nie gab es eine schlechtere Durch 41 Kundgebungen hat er sich ge- „Ich war etwas blind“, hat Peer Stein-
für die bundesdeutsche Sozialdemokratie. quält, ist Tausende Kilometer gereist und brück nach seiner Kanzlerkandidatur ge-
Schulz wollte Kanzler werden. Stattdessen hat gegen jene hässliche Proteststimmung sagt. War Schulz blind? Hat er die Situa-
stellt sich die Lage für die Genossen nun angeredet, die zuletzt die Republik erfasste. tion falsch eingeschätzt, die Stimmung im
so dar: vor sich die Union, im Nacken die Schulz ist trotz des Anstands gedemütigt Land? Seine Stärken, seine Schwächen?
Rechten von der AfD, im Kopf all die vie- worden. Oder wegen desselben?

W
len anderen sozialdemokratischen Par- „Ich hätte gern öfter erlebt, Martin, er mit Schulz zuletzt sprach,
teien in Europa, die im Sterben begriffen dass du dich mal ereiferst“, hat ihm die wusste, wie nah er alles an sich
sind wie die Sozialisten in Frankreich. Schriftstellerin Juli Zeh kürzlich entgegen- heranlässt. Abends bin ich jetzt
„Ein schwerer, bitterer Tag“, sagt Schulz, geworfen. Da ist was dran. In Brüssel, da immer depressiv, hat er seinen Leuten er-
als er am Wahlabend im Atrium des Willy- war er die Ereiferung in Person. Hat sich zählt. War Spaß. Aber ein bisschen Ernst
Brandt-Hauses steht. Ja, und dann sagt er mit allen angelegt, mit den Berlusconis, war auch dabei. Seine Familie. Sein schö-
noch, er wolle Parteichef bleiben. den Orbáns. Keine Angst vor Fettnäpfchen, nes Leben in Brüssel. Das hat er ja auch
Wie bitte? Nach diesem Ergebnis? immer frei raus. aufgegeben für diesen Horrortrip.
Es soll jetzt in die Opposition gehen für Schulz, der Gefühlspolitiker. Klar, schwere Fehler hat er auch ge-
die SPD. Irgendwie erneuern und in vier Und im Wahlkampf? Wochenlang lernte macht. Er ist in den letzten Wochen alles
Jahren wieder angreifen, wenn Angela er die deutsche Rentenpolitik auswendig, noch mal durchgegangen. Wie er im Früh-
Merkel vielleicht dann doch irgendwann um den Verdacht zu entkräften, er kenne jahr mit Hannelore Kraft in seinem Vorsit-
mal weg ist. Das ist der Plan, wenn man sich in der Innenpolitik nicht aus. Im TV- zendenbüro saß. Vor sich die glänzenden
denn von einem Plan reden kann. Aber Duell nahm er den Vorwurf zurück, Mer- Umfragen. Läuft doch bestens, sagt er.
mit Schulz an der Spitze? Ist er der Richti- kels Kampagne sei ein „Anschlag“ auf die Aber Kraft sagt: Halt dich da raus aus mei-
ge für die Operation Wiederauferstehung? Demokratie. Und er brachte es auch nicht nem Wahlkampf, ich ziehe in Nordrhein-
Natürlich ist das eine zentrale Frage. über sich, seinem Amtsvorgänger Sigmar Westfalen die SPD allein nach oben.
Aber die Sozialdemokraten wollen und Gabriel zu sagen, er solle doch bitte auf- Nordrhein-Westfalen war der Anfang
können ihn gerade nicht wegschubsen. Es hören, ständig dazwischenzuquatschen. vom Ende, meint Schulz heute. Er hätte
gibt ja noch die Wahl in Niedersachsen. Stattdessen schützte er ihn. die Wahl im SPD-Stammland zu einer Mar-
Davor darf kein Chaos ausbrechen. Und Das war ehrenwert und sympathisch, tin-Schulz-Wahl machen müssen, glaubt
außerdem: Einer Demütigung gleich noch aber auch gefährlich. Zu viel Nachsicht er. Stattdessen hat er sich von Kraft in den
eine zweite hinzufügen, das geht nicht. Bei wird einem im politischen Geschäft schnell Käfig sperren lassen. Er, der Chef!
Steinmeier war es schlimm. Bei Steinbrück als Führungsschwäche ausgelegt. Die Wäh- Schulz muss jetzt viel verarbeiten. Aber
auch. Aber Schulz’ Niederlage ist noch ler haben dafür ein feines Gespür. Und sei- er hat keine Zeit dazu. Er steht schon vor
mal anders als die seiner Vorgänger. ne Partei sowieso. dem nächsten Kampf. Will er überleben,
Brutaler. Tragischer. Die anderen großen Namen in der SPD braucht er Verbündete. Wenn jemand an-
In nicht einmal 200 Tagen ist Schulz zucken noch nicht, aber lauern schon. Es deres die Fraktion leitet, zum Beispiel An-
vom Superhelden zum roten Zwerg ge- machen Szenarien die Runde. Bis zum Par- drea Nahles, dann gibt es ein zweites Kraft-
schrumpft. Er ist bei den Genossen beliebt teitag im Dezember bleibe Schulz im Amt, zentrum. Das ist nie einfach. War auch
wie kaum ein Parteichef vor ihm, aber die danach könnte Schluss sein. Es brauche je- nicht einfach bei Gabriel und Steinmeier.
vergangenen Monate haben zugleich auch manden, der eine Idee für die Partei hat. Die SPD ist schwieriger zu kontrollieren
seine Schwächen bloßgelegt. Schulz Als ob das so einfach wäre mit einer Idee. als ein Sack Flöhe, hat Schulz mal gesagt.
schreckt davor zurück, unangenehme, aber Sein Trumpf ist die Zuneigung der Ge- Aus Spaß. Kann sein, dass er bald merkt,
notwendige Entscheidungen zu treffen. nossen. Es ist erst sechs Monate her, dass wie wahr dieser Satz ist. Veit Medick

24 DER SPIEGEL 2017


Titel

HERMANN BREDEHORST / DER SPIEGEL

SPD-Vorsitzender Schulz
„Schwerer, bitterer Tag“

DER SPIEGEL 2017 25


WAHL 2017

gut 31 Prozent der Erststimmen, 2005 auf punkte Vorsprung hat Meiser, der aus dem

Keine Macht 43, dann auf 46 Prozent, beim letzten Mal


auf knapp 40 Prozent. Ströbele holte an-
teilig immerhin noch mehr als doppelt so
Saarland stammt, am Anfang des Abends.
Später wendet sich das Blatt, und Bayram
liegt vorn, mal deutlich, dann wieder

für niemand viele Erststimmen wie seine Partei Zweit-


stimmen.
Und nun? Als Ströbele abtrat, hat sich
hauchdünn. Zwischendurch fallen bei der
Landeswahlleiterin die IT-Server aus, was
die Spannung weiter erhöht. Als eine ge-
Berlin In Kreuzberg-Friedrichs- Bayram, 51, gegen parteiinterne Wider- fühlte Ewigkeit lang keine neuen Ergeb-
stände als Kandidatin durchgesetzt. Die nisse kommen, wird im Rathaus ein Song
hain, Deutschlands linkestem Anwältin, die als Sechsjährige aus der Ost- von „Ton Steine Scherben“ aufgelegt: „Kei-
Wahlkreis, kämpften eine Grüne türkei nach Deutschland gekommen war, ne Macht für niemand“.
sitzt seit 2006 im Berliner Abgeordneten- Vielleicht war Bayram für den Wahl-
und ein Linker um das haus, zunächst für die SPD, seit 2009 für kreis 83 doch nicht links genug? Oder
Erbe von Christian Ströbele. die Grünen. musste sie bei den Wählern einen Preis da-
Im Wahlkampf hatte Bayram einen al-

A
ls er, auf einen Stock gestützt, in ten Kreuzberger Hausbesetzerspruch pla-
den Saal des Rathauses kommt, katieren lassen: „Die Häuser denen, die Das Liebäugeln der Partei
klatschen die Grünen Beifall. Es ist drin wohnen.“ In Sachen Wohnungspoli-
in Kreuzberg der wohl letzte große Auftritt tik sprach sie von „Enteignungen als Spe- mit Schwarz-Grün oder
einer politischen Legende. kulationsbremse“. Jamaika kam bei ihrer
78 Jahre ist Christian Ströbele alt und Dem grünen Establishment wurde sie ir-
wirkt gebrechlich, für den Bundestag hat gendwann zu links. Volker Ratzmann, lan-
Klientel gar nicht gut an.
er nicht mehr kandidiert. An diesem ge Berliner Grünen-Fraktionsvorsitzender,
Abend will er seine Hochburg, das bun- inzwischen Chef der Landesvertretung Ba- für bezahlen, dass die Grünen und deren
desweit einzige Direktmandat der Grünen, den-Württemberg, schrieb in einem inter- Spitzenpersonal längst konservativer wir-
möglichst unbeschadet an Canan Bayram nen Grünen-Verteiler über Bayram: „Die ken, als es die Kreuzberger aus alten Zei-
übergeben. ist nicht wählbar.“ ten gewöhnt sind? Bayram jedenfalls führt
Herzlich umarmt Ströbele seine Nach- Die parteiinterne Kritik hat ihr beim keineswegs so souverän wie Ströbele bei
folgerin. Er schätzt Bayram sehr, als prin- Kreuzberger Publikum eher geholfen. den letzten Wahlen. Am Ende gewinnt sie
zipientreue linke Grüne. Beide wissen aber Zum Bild der prinzipientreuen Linken das Direktmandat ganz knapp vor ihrem
auch, dass es sehr große Schuhe sind, in passt auch, dass sie wiederholt erklärte, linken Konkurrenten.
die Bayram schlüpfen muss. Sich mit dem eine Jamaikakoalition sei mit ihr nicht zu Im Wahlkampf, erzählt sie, habe sie
„König von Kreuzberg“ messen zu lassen machen. ständig erfahren, dass das Liebäugeln der
ist kein leichter Job. Der Wahlabend im Rathaus Kreuzberg grünen Parteiführung mit Schwarz-Grün
Nicht mal im linkesten Wahlkreis der wird dann doch noch sehr spannend. Zu- oder Jamaika bei ihrer Klientel gar nicht
Bundesrepublik – dem einzigen, in dem nächst landet der Linke Pascal Meiser auf gut ankam. „Du bist in Ordnung“, habe
eine Grüne und ein Linker Kopf an Kopf Platz eins, der bei seiner Partei die zentrale sie oft gehört, „aber deine Partei wird im-
um das Direktmandat kämpfen. Kampagnenabteilung leitet. Fünf Prozent- mer schlimmer.“ Michael Sontheimer
Der Wahlkreis 83 in Berlin erstreckt
sich von Kreuzberg über die Spree bis hin
zu den früheren Ostvierteln Friedrichs-
hain und Teilen des Prenzlauer Bergs. Im
traditionellen Arbeiterbezirk Kreuzberg
siedelten sich seit den 1960er-Jahren Tür-
ken und andere Migranten an. Bald ka-
men Anarchisten, Freaks, Punks und wei-
tere widerständige Geister hinzu. Und
Friedrichshain ist seit Langem eine Bas-
tion der Linken.
Politik funktioniert in diesem Wahlkreis
oft anders als auf der Bundesebene, wilder,
rauer. Und auch die Themen werden mit-
unter anders gesetzt, etwa wenn es darum
geht, unter welchen Umständen Hausbe-
sitzer enteignet werden könnten.
Ströbele hatte früh verstanden, was in
diesem Umfeld möglich ist. Die Grünen
hatten ihn einst auf einen aussichtslosen
Listenplatz verbannt, in die politische
MILOS DJURIC / DER SPIEGEL

Bedeutungslosigkeit – stattdessen holte


er sein Direktmandat. In Kreuzberg ge-
winnt man gegen das Establishment, auch
wenn das Establishment die Grünen
selbst sind.
Viermal in Folge hat er hier als einziger
Grüner im ganzen Land das Direktmandat Grüne Bayram, Ströbele: Kampagnen gegen das Establishment
gewonnen. Im September 2002 kam er auf
26 DER SPIEGEL 2017
„Depp!“
Juniorwahl Was wäre, wenn
Schüler unter 18 Jahren die
Wahl hätten? Angela Merkel
könnte mit einer schwarz-
grünen Koalition regieren.

M
artin Schulz war als Schüler ein
„Sausack“, das sagt er selbst. Das
Gymnasium verließ er ohne Abi-
tur, mit 18 hatte er ein Alkoholproblem.

KARIN DIETL
„Die Mitleidsmasche des SPD-Kanzlerkan-
didaten“ hat den 16-jährigen Schüler Flo
aus München genervt. „Ich will nicht wis- Stimmenauszählung im Münchner Asam-Gymnasium: „Von Anfragen überrannt“
sen, was war. Mich interessiert, was der
Mann in Zukunft anpacken will.“ Der
schlaksige Zehntklässler vom Asam- kabine die AfD angekreuzt. Ein anderer Schülerinnen, die sich in der Wahlkabine
Gymnasium ist noch nicht wahlberechtigt. wurde erzieherisch tätig und schrieb da- nur schwer zwischen Linke und Grünen
Am Freitag, zwei Tage vor der Bundes- neben: „Depp!“ Schulleiter Peter Heinz entscheiden konnte.
tagswahl, durfte er dennoch seine Stimme Rothmann attestierte den minderjährigen Auffällig ist die Sympathie der U-18-
abgeben. So viel verrät er: An Martin Wahlberechtigten „große Ernsthaftigkeit“. Wähler für die Grünen. „Vor einer Absen-
Schulz ging sie nicht. Den Kritzelpenis auf dem Musterwahl- kung des Wahlalters auf 16 Jahre braucht
Flos Gymnasium im ehemaligen Münch- bogen in einer von zwei Wahlkabinen hat die Politik keine Angst zu haben, denn Ju-
ner Arbeiterviertel Giesing ist eine von er geflissentlich übersehen. gendliche sind reif für die Wahl“, sagt die
3478 Schulen in Deutschland, die sich an An seinem Gymnasium durften die Klas- Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-
der „Juniorwahl“ beteiligt haben. In der senstufen zehn und elf wählen. Wer sich Eckardt vor diesem Hintergrund gern.
Woche vor der Bundestagswahl machten mit den Schülern in der langen Schlange Auch Martin Schulz hatte sich fürs Wählen
etwa eine Million Schüler ab der 7. Klasse vor dem Wahllokal im Sanitätsraum der ab 16 ausgesprochen.
ihr Kreuz auf einem hellblauen Wahlzettel, Schule unterhält, merkt, dass es ihnen Hätten die Schüler ihren Wahlzettel am
der sich vom Original kaum unterscheiden nicht darum geht, den Chemieunterricht Tag der Bundestagswahl in die Urne wer-
ließ. ausfallen zu lassen. fen dürfen, hätte das der Rentnerisierung
„Wir wurden von Anfragen überrannt“, Die 16-jährige Sylvie hat in den Som- der Demokratie entgegengewirkt. Das
sagt Projektleiter Gerald Wolf vom merferien das Fernsehduell zwischen durchschnittliche Alter der potenziellen
gemeinnützigen Verein Kumulus, der die Kanzlerin Angela Merkel und Herausfor- Wähler war bei dieser Bundestagswahl so
Aktion organisiert hat. Allein in Bayern derer Martin Schulz verfolgt und sah im hoch wie noch nie. Laut Bundesinstitut für
hätten gern noch 515 Schulen mehr die Streit um die richtige Einwanderungspoli- Bevölkerungsforschung war jeder Zweite
Bundestagswahl simuliert, doch es fehlte tik Schulz vorn. Nicole aus der 11. Klasse der rund 61,5 Millionen Wahlberechtigten
an Spendengeldern. Der Etat des Deut- hält Seehofers Obergrenze für „skandalös älter als 52 Jahre.
schen Bundestags, des Familienministeriums und inhuman. Ich lasse doch auch nieman- Der Organisator der Juniorwahl verbin-
und der Bundeszentrale für politische Bil- den auf meiner Türschwelle verbluten“. det mit dem Projekt gleichwohl keine For-
dung reichte nicht aus, um alle Schüler des Vinzenz will „weniger Videoüberwachung derung nach einer Absenkung des Wahl-
Landes Demokratie spielen zu lassen. im öffentlichen Raum“. Für die Wahlpla- alters. „Uns geht es um die Bekämpfung
Jene Schüler, die abstimmen durften, ha- kate der AfD in ihrem Viertel haben viele von Frust und Gleichgültigkeit gegenüber
ben den Volksparteien CDU und SPD eine nur Verachtung übrig: „Bikini statt Burka. demokratischer Mitbestimmung“, sagt Ge-
Wahlschlappe verpasst. Für die SPD von Wer denkt sich so einen Mist eigentlich rald Wolf.
Martin Schulz haben die Schüler mit 19,3 aus?“, fragt Alexandra. Bei der Elftklässlerin Nicole hat es funk-
Prozent noch weniger Stimmen übrig als Über die Kanzlerin sagen die Schüler tioniert. Für sie war die Juniorwahl das
die volljährigen Wahlberechtigen. Die fast ausnahmslos Positives. Dass ihnen ihre erste positive Erlebnis gelebter Demokra-
CDU erhält mit 27 Prozent sogar deutlich „uneitle Art“ gefalle und ihre klare Hal- tie. Im Juli hatte die Klasse über das Ziel
weniger Stimmen als bei älteren Wählern. tung, zum Beispiel die gegen Seehofers des Wandertags abgestimmt. Aber: „Ich
An der Regierung könnte die Union aber Obergrenze. „Hätte ich auf dem Wahlzet- habe die Gokartbahn vorgeschlagen. Am
bleiben – wenn sie ein Bündnis mit den tel CDU statt CSU ankreuzen können, hät- Ende wurde es, wie immer, der Wildpark
starken Grünen (17,9 Prozent) einginge. te ich sie vielleicht gewählt“, sagt eine der Poing.“ Anna Clauß
Eine Koalition aus den linken Kräften SPD,
Linkspartei und Grünen könnte ebenfalls Juniorwahl 27,0
die Regierung stellen. Die AfD schaffte Abstimmung zur
mit 6 Prozent nur knapp den Einzug in Bundestagswahl 19,3 17,9
den Bundestag. unter 958 462 Jugendlichen
Im Münchner Asam-Gymnasium hat die ab der Klassenstufe 7 13,7
AfD nur sieben Stimmen bekommen – Angaben in Prozent 8,8 7,3 6,0
eine davon war ungültig. Ein Schüler hatte Quelle: www.juniorwahl.de
auf dem Musterwahlzettel in der Wahl- Wahlbeteiligung: 83 Prozent CDU/CSU SPD Grüne FDP Linke AfD Sonstige
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Titel

„Deutsche Erde, Vaterland“


Momentaufnahmen Auf einem ostdeutschen Rittergut beginnt ein neues Spiel, in Athen
fürchtet sich ein Grieche vor Schäuble, afghanische Flüchtlinge lernen, dass
Martin Schulz keine Frau ist, und in der CDU-Zentrale steht: „Alles schön und gut.“

Götz Kubitschek, 47, rechter Vordenker aus Menschen auf die Universitäten schicken voller Kopftücher“, weshalb sie die Merkel
Schnellroda, kann in die Zukunft blicken. zu müssen, ohne Rücksicht auf Qualität zwar früher mal, aber ganz bestimmt nicht
zu nehmen. diesmal gewählt hätte. Sagt Bärbel. Also
In dem kleinen Dorf Schnellroda, Sachsen- Ein politisches Mandat sei ein Auftrag, Linke, wie Jean? „Na, die ganz bestimmt
Anhalt, befindet sich eines der Zentren des kein Ichprojekt, das dürften die Abgeord- nicht, die alten SEDler. Und die Radfah-
rechten Denkens in Deutschland. Der Ver- neten der AfD nicht vergessen. „Ich bin rerpartei schon gar nicht. „Schulz? In Brüs-
leger Götz Kubitschek lebt hier, Aktivist, skeptisch. Aber hoffnungsvoll. Jetzt be- sel hat er mir gut gefallen. Aber in Berlin
Verleger und rechter Vordenker. Er wohnt ginnt das Spiel.“ kam dann nichts. Da ist nichts, wofür der
auf einem alten Hof, der als „Rittergut“ be- steht“, sagt Bärbel, die liebend gern längst
rühmt geworden ist. Sein Verlag ist hier schon umgezogen wäre, nur raus aus dem
und das sogenannte Institut für Staatspoli- Bärbel, Rentnerin, erklärt an einem Tresen Milieuschutzgebiet, die die ganzen Gesich-
tik, eine neurechte Kaderschmiede, veran- hinter der SPD-Zentrale, warum sie nicht ter nicht mehr sehen kann und sich des-
staltet hier Tagungen. Am Nachmittag war SPD gewählt hat. wegen an die alte Weisheit der Kneipen-
Kubitschek mit seiner Frau, der Publizistin gänger hält: Hauptsache, Balance halten –
Ellen Kositza, wählen gewesen in der Bara- Zur Begrüßung für jeden Gast ein „Wahl- „FDP.“
cke des Sportvereins am Dorfrand. schnäpschen“, einen Futschi oder eine
Kubitschek hat in den vergangenen 25 „Berliner Luft“, die nach Zahnpasta
Jahren alles darangesetzt, dass es zu einem schmeckt, was manchmal nicht schadet. Ralf Olschewski, 61, stellvertretender Kreis-
Wahlabend kommt wie heute. Er hat ge- Jean, die so heißt, weil es im Osten nur vorsitzender der CDU Tempelhof-Schöne-
gen die Wehrmachtsausstellung demons- FKK und Ami-Vornamen gab statt Freiheit, berg, wollte seiner Familie in Berlin zeigen,
triert, er hat die Konservativ-Subversive hat schon gleich um neun Uhr gewählt, wie toll es bei der CDU ist.
Aktion mitbegründet, eine rechte Aktivis- noch vorm Tresendienst. „Bis gestern habe
tengruppe. Sein Verlag arbeitet an rechter ich noch geschwankt“, sagt Jean. „Zwi- Im Hauptquartier der CDU, am Berliner
Theorie. Viele Fäden laufen bei ihm zu- schen Linker und FDP. Ich mag die Wa- Lützowufer, hat die Partei große, weiße
sammen. Die AfD-Rechtsaußen Björn Hö- genknecht. Die haben auch bei den Flücht- Partyzelte aufbauen lassen. Unter kleinen
cke und André Poggenburg sind regelmä- lingen gesagt, das muss kontrolliert wer- Laubbäumchen servieren Kellner Back-
ßige Gäste in Schnellroda. den. Also.“ Um kurz vor sechs hat Bärbel, fischbrötchen, Spreewaldgurken und Pum-
Heute ist sein Abend. 13 Prozent für die Rentnerin, ihre Handtasche neben die pernickel, die Werbesprüche der Winzer-
AfD. 21 Prozent in Ostdeutschland. Ein Deutschlandfahne gestellt, über ihr ist stände könnten auch auf den Wahlplaka-
ehemaliger Geschäftsführer des Instituts eine Sammlung von Kneipensprüchen zu ten der CDU stehen: „Alles schön und gut“
für Staatspolitik wird über die hessische lesen, einer: „Ich denke, also bin ich HIER steht auf einem. Vor den Toiletten hat
Landesliste in den Bundestag einziehen. falsch.“ Auf dem Bildschirm erscheint die sich Ralf Olschewski postiert. Olschweski
Kubitschek hat also künftig einen direkten erste Hochrechnung. „Machste mir noch ist ein kräftiger Mann mit beeindrucken-
Draht ins deutsche Parlament. ein’ BMW?“, kommentiert Bärbel die Zah- dem Schnurrbart. Olschewski arbeitet
„Die Aufstellung ist nun komplett“, sagt len. BMW, Bier mit Wasser. sachorientiert, sagt er. Er wünsche sich
er. Wenn Politik ein Spiel sei, dann sitze Auf dem Bildschirm wird in diesem Au- sachgerechte Lösungen für sachgerechte
die AfD nun auf der einen Seite des Bretts genblick eine neue Republik verkündet. Fragen. Außerdem sammelt er Briefmar-
– und alle anderen auf der anderen Seite. Im Willy-Brandt-Haus, 200 Meter Luftlinie ken. Hier, bei den Toiletten, hat er den
Worum wird es in den kommenden vier entfernt, sitzt der Parteivorstand der ältes- besten Blick auf den Flachbildschirm, der
Jahren gehen? Die AfD, sagt Kubitschek, ten deutschen Partei und verabschiedet die Wahlsendungen überträgt. Er hat seine
habe in vielen Punkten noch keine klaren sich von der Macht. „Es ist Zeit“, steht Familie mitgebracht, er wollte denen mal
Positionen, einiges sei noch in Bewegung. groß auf den Plakaten und irgendetwas zeigen, wie das hier so ist, bei der CDU.
Für die Neue Rechte in Deutschland werde von Gerechtigkeit darunter, aber das Klein- Als die ersten Hochrechnungen am Bild-
sich an vier Punkten entscheiden, ob die gedruckte liest man nicht. In „Uschi’s Knei- schirm erscheinen, runzelt Olschewski
AfD Erfolg habe oder nicht. Erstens: Ob pe“ sitzt das Volk und nimmt den Nieder- kurz die Stirn, schaut zu seiner Frau, sein
die Westbindung der Bundesrepublik gang der Volksparteien mit angeheiterter mächtiger Schnurrbart zittert. Olschewski
Deutschland konsequent infrage gestellt Gelassenheit zur Kenntnis. Der Mehring- ist schon lange dabei, seit 43 Jahren Par-
werde. Zweitens: Ob der Neoliberalismus platz, früher Belle-Alliance, ist sozialde- teimitglied. Es gibt da zum Beispiel diese
bekämpft werde, wozu es in der AfD ver- mokratisches Herzland. Franz Mehring, Brücke über den alten Luisenstädtischen
schiedene Haltungen gebe. Drittens: Ob Chefdenker der alten SPD, hat eine Ecke Kanal, die ohne ihn wohl abgerissen wor-
das linksliberale Gesellschaftsexperiment weiter an der Parteischule gelehrt. Dann den wäre. Es ist keine große Brücke, sagt
bekämpft werde und Deutschland wieder wurde alles zusammengebombt im Krieg, er, aber das ist Politik. Doch in seiner
ein Land der Deutschen werde. Und vier- dann „sozial verdichtet“. „Bei dem Nie- ganzen Karriere gab es noch nie so ein
tens: in der Bildung und Erziehung, ob die selregen sieht man sie nicht, weil sie zu schlechtes Ergebnis. Irgendwas ist falsch
Gesellschaft weiter glaube, möglichst viele Hause bleiben. Aber sonst ist hier alles gelaufen in der Republik, so sieht er das.
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WAHL 2017

1 AfD-Mann Protschka,
Pfarrkirchen
2 Wahlurne, Hamburg
3 Publizistenpaar
Kubitschek und Kositza,
Schnellroda
7 4 Schulz-Flyer im Regen,
Hannover
5 Afghanische Familie
Sadat, Hannover
6 FDP-Werber Mengele,
Berlin
7 Grüner Funktionär Timon
Dzienus, Hannover

DER SPIEGEL 2017 29


WAHL 2017

Nebenan feiern sie Merkel mit Sprech- Deutschland unterwegs sind. Es ist ihr vier- Aus Afghanistan waren sie es gewöhnt,
chören. Olschewski will kein Pessimist zehnter Einsatz, zuletzt war sie in Alba- nach Wahlen ewig auf ein Ergebnis zu war-
sein, er hat schließlich auch diese Brücke nien, sie war auch in Montenegro, Turk- ten, beim letzten Präsidenten dauerte es
gerettet. Aber er bleibt lieber hier vor den menistan, den USA, zwei mal in der Tür- Monate. Sayed und seine Familie haben
Toiletten. kei. Sie ist diesmal von der Bundesregie- gehört, dass es die ersten Ergebnisse der
rung eingeladen worden. Wahl in Deutschland schon am frühen
Die OSZE hat ihr die Hamburger Stadt- Abend gibt.
Stathis Stavropoulos, 62, griechischer teile Neustadt und St. Pauli zugeteilt. Auf Es ist 18 Uhr, und eigentlich sitzt die Fa-
Karikaturist aus Athen, zeichnet keine ihrem Stadtplan hat sie Linien gezogen, milie gerade nur vor dem Fernseher, weil
Hakenkreuze mehr. 14 Wahllokale eingekreist, die sie ablaufen sie wissen will, ob das stimmt.
muss. Angela Merkel?
SPIEGEL: Mit welchen Gefühlen verfolgen In Wahlbezirk 11202 will sie den Wahl- „Die ist gut“, sagt Sayed. Er hebt den
Sie als Grieche heute die Wahlen in leiter befragen. „Guten Morgen, ich bin Daumen.
Deutschland? aus der Schweiz“, sagt sie und hält ihm Martin Schulz?
Stavropoulos: Mit Agonie. Hellas ist ein Pro- den OSZE-Ausweis hin. „Oh“, sagt der Lei- „Wir haben ihr Foto gesehen“, sagt er.
tektorat. So wie Pergamon oder Alexan- ter und ruft erst mal seinen Vorgesetzten „Sein Foto“, korrigiert die Tochter.
dria nach Rom schauten, schauen wir Grie- an, um zu fragen, ob er mit ihr sprechen darf. „Schulz ist ein Mann.“
chen jetzt nach Berlin. Griechenland ist Dann darf Kiener Nellen sich setzen, FDP?
eine Sonderwirtschaftszone: mit Niedrig- mit Blick auf die Wahlboxen und die rot „Nichts von gehört.“
oder Hungerlöhnen, ohne feste Arbeitszei- bedeckelten Mülltonnen, in die die Stimm- AfD?
ten, ohne Arbeitsverträge. zettel fallen. „Wie viele Mitglieder hat das Auch von der AfD hat Sayed noch
SPIEGEL: Als Karikaturist für griechische Wahlgremium hier?“ Acht. „Wie viele nichts gehört. Sayeds Tochter schon. Sie
Zeitungen sind Sie mit den Deutschen Frauen?“ Drei. „Wie viele Kartons Wahl- steht auf und holt eine Schulmappe aus ih-
nicht gerade zimperlich umgegangen. Sie zettel haben Sie bekommen?“ Zwei. „Wie rem Zimmer. Auf ein Blatt musste sie im
zeichneten Wehrmachtsoffiziere, Peiniger viele haben heute schon gewählt?“ 40. Unterricht eine Leiste zeichnen und die
mit Hitler-Bärtchen, Hakenkreuze. Sie protokolliert. Dann zieht sie weiter, Parteien darauf eintragen, von links nach
Stavropoulos: Ich habe nichts gegen die eine Mappe unterm Arm, über Scherben, rechts. Ganz rechts hat sie mit kleinen run-
Deutschen. Ich schätze und bewundere sie Bierdosen, durch tiefstes St. Pauli. Sie den Buchstaben „AfD“ geschrieben.
für ihre Errungenschaften in der Kunst und erwarte keine Unregelmäßigkeiten in Ihr Vater schaut sich das eine Weile an.
Kultur. Ich will in meinen Zeichnungen Deutschland, nein, höchstens Besonder- „Die AfD sind Nazis?“, fragt er. „Nazis?“,
zeigen: Deutschland wiederholt die Fehler heiten, sagt sie. fragt auch seine Frau. Von Nazis haben sie
der Vergangenheit. Früher schickte Deutsch- In Wahlbezirk 11204 sagt eine Wahlhel- schon gehört.
land Panzer, heute sind es Zinsen für Kredite. ferin: „Gut, dass Sie da sind.“ Sie sorge
SPIEGEL: Was wäre die schlimmste Folge sich bei dieser Wahl, dass in Sachsen „Fa-
dieser Wahl? schos“ die Wahlzettel entgegennehmen. Timon Dzienus, 21, Sprecher der Grünen
Stavropoulos: Wenn Wolfgang Schäuble Fi- Kiener Nellen hört sich das an, darf dazu Jugend Niedersachsen, muss neu nach-
nanzminister bliebe. Er ist in Griechenland, aber nichts sagen. Sie schaut, ob das Wahl- denken.
gelinde gesagt, extrem unbeliebt. Es geht lokal ruhig ist, behindertengerecht, ob die
nicht um die Person Schäuble, sondern um Wählenden Platz haben, ob niemand Wahl- Leiden? Na ja, wie sollte einer wie Timon
seine Politik. Sie ist gut für die Banken, kampf vor der Tür macht. Alles ruhig. nicht leiden an seinen Grünen, mit einem
nicht für den Arbeitnehmer. Spitzenduo, das so langweilig ist, so realo-
SPIEGEL: Sie sind kürzlich selbst entlassen pragmatischkompromissbereit. Mit einer
worden und haben derzeit keine Auftrag- Sayed Waheedullah Sadat, 49, ist vor zwei Partei, die eine Chance serviert kriegt, „ein
geber. Was für eine Karikatur hätten Sie Jahren mit seiner Familie aus Afghanistan kleines Fukushima“, so nennt Timon die
heute, am Wahlsonntag, gern gezeichnet? nach Hannover gekommen und weiß, was Dieselaffäre, „und sie macht nichts daraus“.
Stavropoulos: Diesmal etwas Positives, be- Nazis sind. Timon Dzienus ist Student der Politik-
wusst in die Zukunft gerichtet: eine deut- wissenschaft in Niedersachsen, ein interes-
sche Frau in der Walhalla. Sie feiert mit Erst lebten sie in zwei Zimmern, jetzt santes Land aus grüner Sicht. Hier ist alles
den einfachen, kleinen Leuten. Nicht nur schon in vier Zimmern, sie haben eine Kü- vertreten: Landwirtschaft (Vechta! Clop-
mit Deutschen, sondern Menschen aus che, ein Badezimmer, einen Balkon mit penburg!), Atomkraft (Gorleben!), Auto
ganz Europa, aus aller Welt. Wäscheständer. Sie leben in einem Wohn- (VW!)
projekt mitten in Hannover, das zum Ziel Timon, in einem Café gegenüber seiner
hat, die Flüchtlinge eigenständig zu machen. Siebener-WG in Hannover-Linden, hat sich
Die Schweizerin Margret Kiener Nellen, 64, Sayed hat in der Woche vor der Wahl darauf eingestellt, dass es kein rundum
war als OSZE-Wahlbeobachterin schon in seinen deutschen Führerschein geschafft, schöner Abend wird. Er ist einer von de-
Tadschikistan unterwegs, jetzt beobachtet in der Theorie mit null Fehlern. Er sitzt nen, die sich fragen, ob die Grünen eigent-
sie St. Pauli. auf dem Sofa vor Gardinen, die die Sozial- lich noch grün sind.
behörde gekauft hat. Und so blickt er dann vom Studenten-
Zu Beginn ihrer Mission muss Margret Kie- Seine Söhne sind 12 und 16 Jahre alt, viertel in Hannover-Linden aus nach Sü-
ner Nellen erst mal erklären, dass sie nicht der kleine will Geschäftsmann werden. Sei- den: Da ist Winfried Kretschmann, der grü-
wegen der AfD in Deutschland ist. Es ist ne Tochter ist 17, sie besucht die Interna- ne Ministerpräsident, bei dem man lange
neun Uhr am Morgen, die letzten Schnaps- tionale Schule und will Ingenieurin wer- überlegen muss, was an dem eigentlich
opfer der Nacht stolpern noch über die Ree- den. Er arbeitete als Ingenieur in Afgha- grün ist und nicht schwarz. Er blickt nach
perbahn, als die Schweizer Nationalrätin vor nistan, seine Frau war Frauenärztin, Vize- Berlin und sieht Katrin Göring-Eckardt
dem Wahllokal ihren Stadtplan aufklappt. direktorin in einer großen Klinik. und Cem Özdemir. Tja. Und man macht
Kiener Nellen ist eine von 43 parlamen- Sie hat im Deutschkurs das Level B1 be- sich Sorgen, als Timon Dzienus. Sorgen
tarischen OSZE-Wahlbeobachtern, die in standen, Sayed ist gerade dabei. wegen Jamaika.
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Titel

1
3

1 Nichtwähler Knitter-
scheidt, Wuppertal
5 2 Wahldekoration, Berlin

3 Linken-Wähler Barthel,
Strausberg
4 Wahlplakate in
München
5 Anti-AfD-Aktivistin
Fröhlich in Hamburg
4

Nun aber – der Wahlabend läuft ein biss- ernd in den Armen. Um 21 Uhr legen wir zentpunkte, trifft ja nicht mehr zu. Werden
chen anders, als er gedacht hat. So vier Schweigeminuten vor dem Bundestag Sie sich umbenennen?
schlimm sieht es nicht aus für die Grünen, ein, nicht als Protest, sondern als Zeichen, Fröhlich: Nein, wir werden unseren Namen
deutlich besser als erwartet – heißt das, dass wir die nächsten vier Jahre nicht einfach als Vision nehmen, für die nächste
die realopragmatischkompromissbereiten schweigen werden. Wahl.
hatten recht? SPIEGEL: Sie sind auch mit einem Omnibus
Timon Dzienus schluckt etwas, dann durch Deutschland getourt. Konnten Sie
sagt er: „Sie hatten recht, wenn wir tat- unterwegs überhaupt jemanden umstim- Yusuf Albayrak, 66, Deutschtürke aus
sächlich wichtige grüne Dinge in einem men? Dortmund, wettet auf Ergebnisse – von
Koalitionsvertrag wiederfinden.“ Fröhlich: Ja, in Neubrandenburg zum Bei- Galatasaray Istanbul.
Natürlich macht er weiter. Wird bleiben, spiel. Da kam ein Herr zu uns, so Anfang
so wie er anderen sagt, dass sie bleiben sechzig, der sagte mir: Ich wähle die AfD. Gute fünf Monate ist es her, als für die
und kämpfen sollen, wenn sie nicht ein- Dann hat er mir erläutert, warum: Er wäre Dortmunder Deutschtürken das letzte Mal
verstanden sind. Gibt es Grenzen für ihn? zwar nicht gegen Flüchtlinge, aber für Aus- wichtige Wahlen anstanden. Damals ging
Er überlegt nicht lange, ja, die gibt es. weiskontrollen an den Grenzen. Außerdem es um das Referendum in der Türkei. Der
Wenn es Jamaika wird, und wenn Jamaika engagiere er sich gegen Atomkraft. Ich habe türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan
bedeutet, die Grünen schließen „schmut- ihm dann erklärt, dass die AfD gar nicht wollte die Verfassung ändern. Knapp 75
zige Flüchtlingsdeals mit Seehofer ab“ – für diese Ziele einstehe. Am Ende ist er auf- Prozent der Türken, die in Dortmund zur
dann geht er. Sagt Timon, und muss nun gestanden und hat gesagt, da sei die Partei Wahl gingen, stimmten dafür. Es war eine
dann wohl doch nicht das Richtige für ihn. Machtdemonstration Erdoğans in Deutsch-
SPIEGEL: Ist diese Form des Protests nicht land. Dortmund war für viele Deutsche
zu leise? plötzlich Erdoğan-City.
Paulina Fröhlich, 26, Co-Gründerin der Anti- Fröhlich: Es existieren mehrere Strategien Jetzt, kurz vor der Bundestagswahl,
AfD-Initiative „Kleiner Fünf“, Berlin, will eine gegen Rechtspopulismus. Wir stehen mit wandte sich Erdoğan wieder an „seine“
Schweigeminute einlegen. unserem Konzept der „radikalen Höflich- Türken. Diesmal an die mit deutschem
keit“ in der Mitte. Wir wollen sachlich auf- Pass. Er bat sie, weder für die CDU noch
SPIEGEL: Das Ziel der Initiative „Kleiner treten, ein Gegengewicht zur Kommuni- für die SPD oder die Grünen zu stimmen.
Fünf“ ist es, ein Einrücken der AfD in den kationsstrategie der AfD bilden, die gar Die seien „Feinde der Türkei“.
Bundestag zu verhindern. Jetzt ist die Par- nicht erst begründet, warum der Islam jetzt Yusuf Albayrak sagt nicht, ob er auf Er-
tei drittstärkste Kraft. Wie geht es Ihnen? so schlimm sei. doğan gehört hat, nicht mal, ob er Teil der
Fröhlich: Ein paar von uns lachen hier vor SPIEGEL: Haben Sie versagt? Ihr Motto 75 Prozent ist. Letzteres ist aber wahr-
Fassungslosigkeit, andere liegen sich trau- „Kleiner Fünf“, also weniger als fünf Pro- scheinlich. Albayrak sagt, dass die deut-
DER SPIEGEL 2017 31
WAHL 2017 2

1 Karikaturist
Stavropoulos, Athen
2 Uschi’s Kneipe, Berlin

3 Wahlbeobachterin 1
Kiener Nellen, Hamburg
4 Türkisches Wettbüro,
Dortmund
5 CDU-Mann Olschewski,
Berlin

3 5

sche Presse lüge, wenn sie behaupte, dass Kevin Knitterscheidt, 28, Nichtwähler aus SPIEGEL: Wollen Sie nicht rechte Parteien
weniger Touristen in die Türkei reisten, Wuppertal, wartet auf eine neue Partei – verhindern?
und er ist überzeugt, dass der in der Türkei oder einen deutschen Donald Trump. Kevin: Wenn man Angst vor der AfD hat:
inhaftierte deutsche Journalist Deniz Yücel unbedingt! Aber es hat nichts darauf hin-
„ganz sicher“ etwas angestellt habe, sonst Kevin fuhr übers Wochenende nach Mün- gedeutet, dass eine rechtsradikale Regie-
hätte man ihn ja nicht eingesperrt. chen, ein Freund feierte am Samstag sei- rung droht.
Albayrak ist ein stiller, zurückhaltender nen 30. Geburtstag auf dem Oktoberfest. SPIEGEL: Was müsste passieren, damit Sie
Mann, der beschlossen hat, mit Fremden Den Sonntag verbrachte er halb im Bett, doch noch wählen gehen?
nicht mehr über Politik zu sprechen. halb im Zug. Kevin: Im besten Fall würde sich eine Partei
Er sitzt in einem Wettbüro unweit des SPIEGEL: Warum gehen Sie nicht wählen? gründen, deren Ziele ich unterstütze und
Dortmunder Borsigplatzes. Auf den Bild- Kevin: Die bestehenden Parteien verlangen die gleichzeitig nichts fordert, was ich nicht
schirmen Sport, keine Politik. mir zu große Kompromisse ab. Für jeden mit meinem Gewissen vereinbaren kann.
Es sei in letzter Zeit einfach ein bisschen Programmpunkt, der mir gefällt, finde ich Im schlechtesten Fall ginge ich aber auch
viel gewesen. Seit Monaten dieser Krach auch einen, dem ich nicht zustimmen kann wählen: Wenn beispielsweise ein deutscher
zwischen Deutschland und der Türkei. – bei allen Parteien. Die CDU zum Beispiel Donald Trump drohen würde, wäre ich zu
Merkel hat gesagt, Erdoğan hat gesagt. Das ist für die Überwachung im Internet, die größeren Kompromissen bereit.
Referendum in der Türkei, das mögliche FDP will an Studiengebühren, die SPD an
Ende der Beitrittsgespräche, die verhafte- Braunkohlekraftwerken festhalten, und die
ten deutschen Journalisten. Albayak will Grünen lehnen das TTIP-Abkommen zwi- Rolf Barthel, 84, Major außer Dienst, lebt in
das alles nicht mehr hören. Er und seine schen der EU und den USA ab. Das möch- der Linken-Hochburg Strausberg und findet,
Freunde, die eine Hälfte AKP-Anhänger, te ich nicht mittragen. die SPD sei schon seit 1914 nicht mehr
die andere Hälfte Erdoğan-Hasser, sie hät- SPIEGEL: Aber geht es nicht bei einer Wahl wählbar.
ten einfach beschlossen, dass jetzt alle mal auch darum, Kompromisse zu machen?
die Klappe halten und nur noch über Fuß- Kevin: Ob mir Sozialpolitik oder Außenpo- Wie jeden Morgen lässt sich Rolf Barthel
ball reden. Und dass Merkel gewonnen litik wichtiger ist, möchte ich nicht entschei- um 6.25 Uhr vom Kulturradio des Rund-
hat, sei ihm jetzt einfach egal. Fragt man den. Ich will aber auch niemanden vom funks Berlin-Brandenburg wecken und
Albayrak, ob es ihm auch egal sei, dass Nichtwählen überzeugen. Wer seine Partei bleibt noch bis Punkt sieben im Bett liegen.
die AfD mit ausländerfeindlichen Parolen gefunden hat, soll gern zur Urne gehen. In seinem Haus in der Karl-Marx-Straße
zur drittstärksten Partei wurde, schweigt SPIEGEL: Schaden Sie der Demokratie? liegen die aktuellsten Ausgaben der sozia-
er einen Moment, schüttelt den Kopf und Kevin: Es sind vor allem die Wähler antide- listischen Zeitung „Neues Deutschland“
sagt: „Ich hoffe, dass Galatasaray ein gutes mokratischer Parteien, die der Demokratie auf Kante gestapelt. Barthel ist einer der
Spiel gegen Bursaspor macht.“ schaden. vielen roten Rentner, die in der Stadt woh-
32 DER SPIEGEL 2017
Titel

nen – Strausberg war in der DDR Sitz des ten wir schon als unbrauchbar aussortiert, „Hol Dir DEIN LAND zurück“, steht auf
Ministeriums für Nationale Verteidigung. aber dann dachten wir, das hat doch was.“ einer blauen AfD-Hüpfburg neben dem
Barthel hat in der Armee als Dokumentar Dann gehen sie rein in die Parteizentrale, Landratsamt, und Stephan Protschka, ein
für Militärwesen gearbeitet und ist ein zu den Anzugträgern. schwerer Mann mit rundem Bauch, zupft
Mann mit ungebrochener Überzeugung: seinen Hemdkragen zurecht, er sagt: „Des
„Der Sozialismus ist die aussichtsreichste hom mia uns verdeant.“ Es ist kurz vor 18
Gesellschaftsordnung“, sagt er. Julia Obermeier, 33, Listenkandidatin der Uhr und Protschka, Direktkandidat im
Um halb zehn fährt er zum Wahllokal, CSU in München, scheitert daran, dass sie Wahlkreis 230, Rottal-Inn, erzählt von Ein-
Lise-Meitner-Oberschule, Raum 106, gelber kein Mann ist. schüchterung und Hetze. Die SPD, die
Linoleumboden. Er hält die Wahlen für „ei- CSU, die Linken, alle hätten ihn hier be-
nen notwendigen, aber nicht sehr wirkungs- Es hätte auch ihr Name sein können, der die schimpft, seine Plakate zerrissen, seine Fa-
vollen Akt“. Barthel bedauert, dass „demo- Riege der Direktkandidaten auf dem Wahl- milie mit anonymen Anrufen bedroht,
kratische Wahlen kein vernünftiges Ergeb- zettel anführt. Stattdessen steht da „Stephan Protschka spricht von „SA-Methoden“. Er
nis garantieren“. Vernünftig, das heißt für Pilsinger, CSU“, gefolgt von neun weiteren ist eigentlich Vermögensberater, war 17
ihn: Sahra Wagenknecht wird Kanzlerin. Kandidaten mit männlichen Vornamen. Jahre lang in der Jungen Union, aber dann
Er hält sie für die humanste Politikerin des Julia Obermeier, Bundestagsabgeordne- begannen die Probleme mit dem Euro,
Landes. „Schulz? Die SPD kann man seit te, wäre gern Direktkandidatin der CSU dann ließ Merkel die Flüchtlinge ins Land.
1914 nicht mehr wählen, als sie die Kredite im Münchner Westen geworden. Aber nur Stephan Protschka sagt, er wolle jetzt Po-
für den Ersten Weltkrieg durchgewunken 18 Prozent der Direktkandidaten, die für litik machen, damit seine Töchter ihn nicht
hat.“ Barthel, der ehemalige NVA-Offizier, Horst Seehofers Partei in den Bundestag eines Tages fragten: „Vati, warum hast du
wünscht sich die DDR zurück: „Chancen- einziehen wollen, sind Frauen. nichts dagegen getan?“ Er habe ihnen
gleichheit und die Gleichberechtigung der Sie kann sich nicht vorwerfen, nicht al- beim Wahlfrühstück versprochen, er wer-
Frau waren in hohem Maße durchgesetzt. les unternommen zu haben, um das rechte de die Islamisierung Deutschlands stoppen,
Es war nicht alles schlecht. Wir sind auf Profil der CSU für Wähler attraktiv zu hal- er werde verhindern, dass fremde Männer
dem Weg zu einer gerechten Gesellschaft ten. Obermeier hat gegen die Ehe für alle es sich von deutschem Geld gemütlich
nur nicht weit genug gekommen.“ gestimmt, sie hat auf dem Oktoberfest 500 machten. Für ihn gebe es weder rechts
Barthel liest viel, er schaut kaum fern, Trillerpfeifen an Frauen verteilt, zusam- noch links, sagt er, „nur a richtig und a
„da läuft nur belangloses Gequatsche“. Als men mit dem Flyer „Freiheit braucht Si- foisch“. Als im Landratsamt die erste
die erste Hochrechnung kommt, isst er zu cherheit“. Sie hat sogar für ein Experiment Hochrechnung über den Bildschirm läuft,
Abend. Den Apparat schaltet er erst um des lokalen Fernsehsenders einen Tag lang stößt Protschka einen tiefen, röhrenden
19.25 Uhr ein. Um diese Zeit guckt er im- mit der Linken-Politikerin Nicole Grohlke Jubelschrei aus wie ein niederbayerischer
mer den Wetterbericht. die Partei getauscht. Da stand sie dann in Hirschbulle zur Brunft. Sein Name steht
der Augustsonne auf heißem Kopfstein- auf Platz neun der Landesliste; das Wahl-
pflaster, verteilte rote Luftballons und sag- ergebnis bedeutet, dass er sicher in den
Andreas Mengele, 53, Matthias Storath, 41, te einem Rentner, der für Entwicklungs- Deutschen Bundestag einzieht.
Werber für die FDP, feiern schon vor der politik statt Waffenexporte ist, dass es „ge- Stunden später, bei der AfD-Party im
Prognose. gen die IS-Schlächter im Irak eben einfach Landgasthof „Zur Hecke“, singt Protschka
mal eine Panzerabwehrrakete“, brauche. zusammen mit drei Dutzend Mitgliedern
Die zwei wichtigsten Wahlhelfer der FDP Stephan Pilsinger ist Mitglied der Aubin- das Bayernlied: „Gott mit dir, du Land der
gehen gut gelaunt die Reinhardtstraße in ger Haserer Genossenschaft. Der 30-Jährige, Bayern, deutsche Erde, Vaterland!“
Berlin entlang, Richtung Parteizentrale, es dessen politische Qualifikation über das Es riecht nach Männerschweiß und Bier.
ist Sonntag gegen 16 Uhr, noch knapp zwei Amt des örtlichen CSU-Ortsvereinsvorsitzen- Je mehr ausgeschenkt wird, desto unge-
Stunden bis zu den ersten Hochrechnun- den nicht hinausragt, ist nicht nur Freund zwungener geht es zu. Ein Parteifreund in
gen. Aber Andreas Mengele und Matthias der Kleintierzüchter im Bundeswahlkreis, Janker redet jetzt von „Negern“ und „mus-
Storath, Geschäftsführer der Berliner Wer- sondern auch Zögling des Münchner CSU- limischen Schleiereulen“, ein anderer vom
beagentur Heimat, wissen bereits jetzt, Bürgermeisters und Freund des ehemaligen „größten Erfolg seit 1945“, und noch ein
dass sie zu den Siegern gehören, ganz egal, CSU-Wahlkreisinhabers Hans-Peter Uhl. anderer schlägt vor, man müsse zur Feier
wie das Wahlergebnis aussehen wird. Das sind die Qualifikationen, auf die es an- des Tages nach Braunau fahren, „oan
Ihr Auftrag lautete, die FDP wieder in kommt, wenn man für die Christlich-Sozia- Kranz niederlegn“.
den Bundestag zu bringen. Mengele und le Union auf direktem Weg in den Bundes- Braunau am Inn, Adolf Hitlers Geburts-
Storath sind zufrieden mit sich. Sie haben tag einziehen will. Er bekam doppelt so vie- stadt, liegt nur 20 Kilometer entfernt, und
aus einer Anzugträgerpartei eine T-Shirt- le Stimmen wie Obermeier. die Männer klingen, als meinten sie es
Partei gemacht. Julia Obermeier musste auf das amtliche ernst. Neben ihnen steht Stephan Protsch-
Mengele erzählt, dass es Christian Lind- Endergebnis warten, bevor sie wusste, ob ka, er macht ein Gesicht, als habe er den
ner war, der den Kontakt zu der Agentur ihr der Wiedereinzug in den Bundestag ge- Vorschlag überhört, und hebt seinen Maß-
suchte. Die Agentur hatte das letzte Mal lingen wird. Sie stand hinter den Direkt- krug zum Prosit, er ruft: „Heid schdengan
vor 16 Jahren für Politik geworben, damals kandidaten auf Platz acht der CSU-Lan- mia olle mitanand!“, heute stehen wir alle
für die Politik von Jürgen Möllemann. Der desliste. Sie fuhr nach der Stimmabgabe zusammen.
wollte auch immer mehr als die anderen. zum Segeln an den Ammersee, ging nicht Ferry Batzoglou, Uwe Buse, Anna Clauß, Maik
Deswegen sagte Lindner Ja zu einem ans Handy, schaute sich die erste Hoch- Großekathöfer, Barbara Hardinghaus, Maren Keller,
Fotografen, der sonst die Rockband Ramm- rechnung auf dem Sofa an. Da ahnte sie, Juan Moreno, Dialika Neufeld, Tobias Rapp, Claas
Relotius, Cathrin Schmiegel, Alexander Smoltczyk,
stein fotografiert, er sagte Ja zu einem Bild, dass es nicht gereicht haben würde. Jonathan Stock, Barbara Supp
das ihn im Unterhemd zeigt. Er nahm sich
einen halben Tag frei, an dem Tausende Video:
von Fotos entstanden. Eines der bekann- Stephan Protschka, 39, AfD-Kandidat im Szenen einer Wahl
testen zeigt Lindner, wie er zu Boden bayerischen Pfarrkirchen, wollte ein guter spiegel.de/sp552017wahltag
guckt. „Das“, erinnert sich Mengele, „hat- Vati sein und ist jetzt im Bundestag. oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 2017 33


WAHL 2017

Dornige Chancen
FDP Nach vier Jahren hat Christian Lindner die Liberalen zurück in den Bundestag geführt.
Nun, kurz vor dem Schritt in die Regierung, wird er vorsichtig.

L
ange bevor er den Saal betritt, wird Lindner stellt sich vor eine Kamera. Das dass alle Koalitionspartner unter Merkel
man sein Gesicht sehen. Im Foyer ZDF hat ihn für kurz nach 19 Uhr einbe- schrumpften. Steht ihm jetzt ein ähnliches
der FDP-Parteizentrale in Berlin stellt. Er muss warten, es dauert nun schon Schicksal bevor?
gibt es Dutzende Christian Lindners. Sie über zehn Minuten, aber Lindner, der ge- Für Lindner ging es bislang nur nach
schauen von Plakaten, kleinen Transpa- rade den größten Erfolg seines Lebens fei- oben. Auch als zwei Wochen vor dem
renten, sie sind auf Türen geklebt. Doch ert, steht völlig bewegungslos da. Als sei Wahltag ein schräges Video auftauchte. Es
einer ist größer als alle anderen. Überle- es schon gefährlich, nur den kleinen Finger zeigt den 18-jährigen Gymnasiasten Lind-
bensgroß. zu rühren. ner, der mit Kuhfellkrawatte, Anzug und
Ein Video, das an die Wand geworfen Dann wird er endlich zugeschaltet. In Aktenkoffer den Manager spielt, der an-
wird, zeigt den FDP-Chef, der in Zeitlupe den vielen Interviews dieses Abends wird geblich schon Großkunden berät. Und den
die Augen öffnet und wieder schließt. er immer wieder sagen, dass er sich nicht schönen Satz sagt: „Probleme sind auch
„Warte nicht auf den Tod“, heißt es in der festlegen wolle auf eine Rolle. Dass ihm nur dornige Chancen.“
Einblendung, „warte nicht auf die gute alte immer noch die Fantasie fehle für eine Lindner ging sofort in die Offensive und
Zeit. Warte nicht auf den Messias.“ Jamaikakoalition. Dass auch Opposition machte sich über das Video lustig, bevor
Die Erscheinung erfolgt am Sonntag- eine verantwortungsvolle Aufgabe sei. Vor es andere tun konnten. Er drehte die Pein-
abend um 18.35 Uhr, und natürlich ist es den Kameras steht kein Messias, da spricht lichkeit zu seinen Gunsten. Der Spott über
doch ein wenig so, als wäre der Messias kein Superman, die Zuschauer sehen je- das Video zeige, wie Deutschland mit Leis-
herabgestiegen. Der Mann, der die FDP- manden, der zögert. tungsträgern umgehe. Wer etwas wolle,
Wähler erlöst hat. Lindner hat feuchte Lindner hat lange Vollgas gegeben. Hat werde als Streber beschimpft.
Augen, als er ruft: „Die vergangene Wahl- laut und lange und oft verkündet, dass er Er erzählt seinem Publikum dazu eine
periode war die erste in der Geschichte will. Zurück in den Bundestag. Zurück in Geschichte: Überlegen Sie mal, Sie gehen
unserer Republik, in der es keine liberale die Verantwortung. Zurück in die Regie- zu einem Arzt, und der sagt Ihnen: Och,
Stimme in unserem Parlament gab. Es soll rung. Er hat öffentlich nachgedacht über ich war in der Schule so schlecht, habe nur
zugleich die letzte gewesen sein.“ Ministerämter, vor allem über das Finanz- gekifft und gesoffen, dann habe ich in Un-
Lindner hat mit der FDP ein Comeback ministerium. Jetzt erweckt er den Ein- garn mein Studium gemacht. Er nennt die-
hingelegt, das noch vor zwei Jahren un- druck, als mache er eine Vollbremsung. sen fiktiven Arzt „Dr. med. Uruguay“.
wahrscheinlicher schien als die Rückkehr Die FDP hat im Wahlkampf viel ver- Lindner ist kaum etwas peinlich, eigent-
von Modern Talking. Die FDP ist zwei- sprochen. Cannabislegalisierung, schnelles lich so gut wie gar nichts. Nicht das Video,
stellig zurück im Bundestag, sie hat ihr Internet, Steuerentlastungen, weniger Bü- nicht die Selfies, nicht sein Porsche. Alles
Wahlergebnis in vier Jahren mehr als rokratie. Sie hat klargemacht, dass sie eine dornige Chancen, Zwischenstationen auf
verdoppelt. 2013 erhielt die Partei nur Koalition mit den Grünen für nahezu un- dem Weg nach oben. So stellt er sich in
4,8 Prozent der Stimmen. Das war das vorstellbar hält. Sie hat genau gesagt, was der Öffentlichkeit dar. Als Mann, der vor
Ende vieler Karrieren. Guido Westerwelle, sie will und was nicht. nichts zurückschreckt.
eben noch Außenminister, verabschiedete Jetzt muss sie vielleicht in die Regierung,

D
sich aus der Politik, Rainer Brüderle hörte doch Koalition bedeutet Kompromiss und och in Wahrheit ist Lindner vor-
auf, der gesamte Parteivorstand trat Dreierkoalition ganz viel Kompromiss. sichtig. Es hat lange gedauert, bis
zurück. Lindner hat viel versprochen. In einer die FDP nach der Wahl 2013 wie-
Der Untergang der alten FDP war die Regierung kann er nicht alle Versprechen der erste Erfolge einfahren konnte. Bei
Voraussetzung für Lindners Aufstieg. Die halten. den Wahlen in Sachsen, Thüringen und
anderen sprachen über die Niederlage, Und dann ist da noch Angela Merkel. Brandenburg konnte sie 2014 in keinem
sie suchten nach Fehlern, Lindner aber re- An einem Spätsommernachmittag, fünf der Länder die Fünfprozenthürde überwin-
dete von der Zukunft. „Ab morgen wird Tage vor der Wahl, tritt Lindner auf dem den. Er habe ja gewusst, dass 2014 ein
die FDP wieder neu aufgebaut“, sagte er Münchner Marienplatz auf. Mehrere Hun- Scheißjahr werde, sagte Lindner. Aber es
in jedes Mikrofon, das ihm hingehalten dert Menschen haben sich vor der Bühne sei eine Sache zu wissen, dass man einen
wurde. versammelt. Es folgt ein typischer Lind- Marathon laufe, und eine andere, wenn ei-
Er war gerade mal 34 Jahre alt und ner-Auftritt. Er spricht frei, mit Mikrofon nem dann die Beine wehtäten.
klang, als wäre er Superman. an der Wange. Das Pult hat Lindner schon Als die FDP im Januar 2015 bei den Bür-
„Die SPD hat gerade gesagt, sie will in vor langer Zeit abgeschafft, damit nichts gerschaftswahlen in Hamburg erstmals
die Opposition“, ruft vier Jahre später in zwischen ihm und den Leuten steht. Lind- 7,4 Prozent erreichte, spottete die „taz“:
der FDP-Zentrale ein Reporter einem an- ner betont jede Silbe, er doziert über die „Freude pur, nach achtzehn Monaten Jam-
deren zu. Im Gejohle hatte man das hier Betreuung von Kindern, er sagt: „PAU! mertal.“
gar nicht mitbekommen. Jamaika, eine SEN! BROT!“ Lindner hätte erleichtert aufdrehen kön-
schwarz-gelb-grüne Koalition, scheint die Er lästert über das TV-Duell, wirft Mar- nen, doch stattdessen bremste er. Der Erfolg
einzige Möglichkeit für eine neue Regie- tin Schulz vor, sich der Kanzlerin als der in Hamburg sei ein erster Schritt. Man müs-
rung zu sein. Die Partei, die vor vier Jah- „nächste Sachbearbeiter“ angedient zu ha- se abwarten. Ruhig bleiben. Weiter hoffen.
ren tot zu sein schien, ist auferstanden. ben. Es ist eine Rolle, die Lindner auf kei- Lindner hat die Geschichte der FDP ge-
Jetzt wird sie wohl bald wieder mit- nen Fall übernehmen will. Nichts wäre ge- nau studiert. Er weiß, dass die Partei durch
regieren. fährlicher für ihn als das. Lindner weiß, Größenwahn klein wurde. Die 18 Prozent,

34 DER SPIEGEL 2017


Titel

GOETZ SCHLESER / LAIF

Hoffnungsträger Lindner
„Wenn die Hofschranzen weg sind, dann macht das was mit dir“

die sich Westerwelle als Wahlziel unter die in Mainz angefangen, und das alles solle nicht mehr frei. Jetzt hat er etwas zu ver-
Schuhsohle gemalt hatte, waren der An- nun nichts mehr gelten? lieren.
fang vom Ende. „Wenn die Hofschranzen weg sind“, sag- Auf dem Münchner Marienplatz, fünf
Er will nicht so enden wie Brüderle, der te er damals, „und dich niemand mehr um- Tage vor der Wahl, riecht es nach
am Wahlabend fast wie ein Gespenst kreist, wenn du protokollarisch ganz Hasch.
durch die Menge läuft. Der nicht mit Lind- hinten bist und weißt, die Hoteliers und Lindner betritt die Bühne. Er ist heiser,
ner auf der Bühne stand, weil er als Mann Apotheker, die du jahrelang hofiert hast, es war ein langer Wahlkampf. „Irgend-
von gestern gilt, der mit dafür gesorgt hat, die haben dich auch nicht in den Bundes- einer raucht hier“, sagt er, „wir wollen es
dass sich die FDP in der Regierung so sehr tag gewählt, dann macht das was mit dir.“ ja legalisieren, aber noch ist es nicht lega-
blamierte, dass sie auf der Strecke blieb. „Und zwar?“ lisiert. Vorsicht, hier ist Polizei.“
Lindner hatte nach dem kleinen Sieg 2015 „Frei.“ Für einen Moment klingt er wie jemand,
in Hamburg gesagt, Brüderle tue ihm leid. Brüderle sieht nicht so aus, als würde der Angst vor seiner eigenen Courage hat.
40 Jahre in der Politik, als Bürgermeister er diese Freiheit genießen. Lindner ist auch Marc Hujer, Britta Stuff

DER SPIEGEL 2017 35


WAHL 2017

Sehnsucht nach dem neuen Mann


Essay Merkels Matriarchat hat sich erschöpft.
In der Politik sind männliche Stereotype wieder gefragt. Von Christiane Hoffmann

M
itte Mai, kurz nachdem Emmanuel Macron die tosteron wurde zum Schimpfwort. Aus dem starken Mann
Präsidentenwahl in Frankreich gewonnen hat, ist wurde ein unbeherrschtes, triebgesteuertes Wesen, dem
plötzlich überall die Rede von einem neuen Typ man Macht auf keinen Fall anvertrauen konnte. Macho-
Politiker: Justin Trudeau, der kanadische Premier, gehört pose, Ellbogen und unverhohlener Machtwille sind seither
dazu, der ehemalige italienische Ministerpräsident Matteo verpönt, nie wieder Bastapolitik. Gerhard Schröder mach-
Renzi, der Österreicher Sebastian Kurz und eben Macron. te sich mit seinem röhrenden Fernsehauftritt nach seiner
Es sind jüngere, gut aussehende Männer, strahlend und Abwahl 2005 zum Inbegriff eines Männertyps, der nicht
charismatisch, eine Mischung aus 007 und JFK. Sie sind gemerkt hatte, dass seine Zeit vorbei war.
Profis der medialen Selbstinszenierung, bestens gekleidet, Doch wer deshalb geglaubt hat, die Zukunft sei weiblich,
bespöttelt als Slim-Fit-Generation. Ihre Person überragt könnte sich irren. Die Merkelmüdigkeit, die der Kanzlerin
die Partei, sie sind unverhohlen machtbewusst und bereit jetzt ein so schwaches Ergebnis beschert hat, ist auch ein
zum Risiko. Überdruss an Merkels Politikstil, der bisher als ihre Stärke
Und es sind ausnahmslos Männer. gegolten hatte. Tatsächlich war diese Politik immer ambi-
In diesen jungen Kennedys steckt der Wunsch nach Er- valent: zugleich wunderbar beruhigend und grässlich ein-
neuerung. Sie bedienen die Sehnsucht nach einer anderen schläfernd.
Politik, entschieden und offensiv, Merkels Erfolgsmodell war die konsequente Kühle, mit
einer Politik, die Ziele benennt, der sie sich von Schröder absetzte. Gleichzeitig vermied
Macron, Trudeau auch wenn sie unbequem sind, die
nicht abwartet und moderiert, son-
sie alles, was weibliche Stereotype bedient hätte. So gelang
ihr die Verwandlung von Kohls Mädchen zum geschlechts-
und Lindner dern zuspitzt und zupackt. Es ist neutralen Wesen: das Merkel. Und dann, als ihre Macht

sind die Antwort


die Sehnsucht nach einer neuen gesichert war und sie nicht mehr fürchten musste, dass
Männlichkeit, die nicht breitbeinig ihr Weiblichkeit als Schwäche ausgelegt würde, ergänzte
auf die Krise und aggressiv daherkommt, ohne
den Muff von Herrenwitz und
sie das Bild durch Supermarkteinkauf und Kartoffelsuppe,
eine wohldosierte Mütterlichkeit. Merkels Kanzlerschaft
der Männlichkeit, Hinterzimmer. Wir erleben die
Rückkehr des Mannes. Auch in
wurde zum Matriarchat.
Zugleich war Mutterschaft ein eigenes politisches
postfeministisch, Deutschland, wo die mächtigste Schlachtfeld, Kinderlosigkeit bot Angriffsfläche – von
sensibel und sexy. Frau der Welt gerade ein histo-
risch schlechtes Ergebnis eingefah-
Frauen gegen Frauen. Die Unterstellung: Wer keine Kin-
der habe, denke nur an das Jetzt. Merkel wurde für ihre
ren hat. Offenbar hat Merkels müt- Kinderlosigkeit von Doris Schröder-Köpf und Frauke Petry
terliches Narrativ von der nüch- attackiert, auch Theresa May musste sich von einer Kon-
ternen, vernunftgesteuerten Frau, die Deutschland in einer kurrentin vorhalten lassen, dass diese als Mutter sich der
Welt voll gefährlicher und unberechenbarer Männer führt, Zukunft des Landes einfach mehr verpflichtet fühle. Mer-
an Überzeugungskraft verloren. kel schadete das nicht, im Gegenteil, vermutlich funktio-
Stattdessen hat FDP-Chef Christian Lindner, der sich nierte das Modell „Mutter der Nation“ gerade deshalb so
selbst in einer Liga mit Macron und Kurz sieht, seine tot gut, weil sie keine eigenen Kinder hat.
geglaubte Partei in den Bundestag zurückgeführt. Er will Während Merkels Zenit der Macht dauerte und dauerte,
Deutschlands neuer Mann sein. Martin Schulz hätte es scheiterten reihenweise Männer: Unionsgranden und SPD-
vielleicht sein können. Da war die anfängliche Begeiste- Kanzlerkandidaten, Horst Köhler und Christian Wulff,
rung: „Martin, du geile Sau!“ Da sollte einer geil regieren, Guido Westerwelle und Karl-Theodor zu Guttenberg. „So-
führungsstark, auch das war ein Antrieb des Hypes um gar der deutsche Papst trat zurück“, sagt der Psychologe
Schulz: nach zwölf Jahren Matriarchat – endlich wieder Stephan Grünewald. Er stellte in seiner Forschung eine
ein Mann. tiefe Verunsicherung der Männer fest. „Das Männliche ist
Gut zehn Jahre zuvor hatte es so etwas wie einen Ab- in der Krise“, sagt er. Männer hätten ein unklares Rollen-
gesang auf den männlichen Machtpolitiker gegeben. Der verständnis, das alte Rollenmodell funktioniere nicht mehr,
politische Alphamann habe ausgedient, hieß es bald nach ein erfolgreiches neues, das nicht nur in der Anpassung
der Wahl von Angela Merkel zur Kanzlerin. Typen wie an die Wünsche der Frau – Typus Schoßhund – bestehe,
Merkel, Hannelore Kraft oder Annegret Kramp-Karren- hätten die wenigsten gefunden.
bauer gehöre die politische Zukunft, uneitel, unprätentiös

D
und unaufgeregt. Ihnen entsprachen Männer wie Olaf as ist das offene Tor, durch das nun die neuen Poli-
Scholz, der – eben noch als Scholzomat verspottet – plötz- tiker marschieren. Macron, Trudeau, Lindner & Co.
lich zum Inbegriff eines beruhigenden Pragmatismus wur- sind die gelebte Antwort auf die Krise der Männ-
de. Langeweile wurde zum Qualitätsmerkmal, quasi gleich- lichkeit. Lindners Fans auf seinen Wahlveranstaltungen
bedeutend mit Verlässlichkeit. Leidenschaft war dagegen waren zu mindestens zwei Dritteln junge Männer. Die
suspekt, irgendwie irrational und nah am Wahnsinn, Tes- neuen Politiker sind – im Gegensatz zu Trump, Putin und

36 DER SPIEGEL 2017


HEINZ RUCKEMANN / UPI / LAIF
MARCO URBAN

Kanzler Schröder 1999, Premier Trudeau: Frauenverstehen statt Herrenwitze

Erdoğan – die zivilisierte Variante des wiedererstarkten er viel zu konziliant und zaghaft, die Beißhemmung, die
Mannes, postfeministisch, also einmal durch die Mangel für einen männlichen Herausforderer gegen Merkel vor
der Frauenbewegung gedreht: Mann, aber nicht Macho, Jahren noch angebracht war, hätte Schulz sich nicht mehr
sensibel, sexy und komplett durchästhetisiert, einschließ- auferlegen müssen. Er hätte viel entschiedener angreifen
lich fünfstelliger Make-up-Kosten, Augenlaser und Haar- können. Schulz habe sich nicht als „durchsetzungsstarker
transplantation. Zugleich sind sie smart, leidenschaftlich Vater“, sondern als „guter Onkel“ erwiesen, sagt Grüne-
und kühn. Macron war bereit, seine Parteikarriere aufzu- wald. Es fehlte einfach der Machtwille: Der tut nichts, der
geben, um allein neu anzufangen, mit vollkommen un- will nur spielen.
gewissem Ausgang. Er selbst bescheinigt seiner Politik

S
einen „heroischen“ Ansatz, sieht sich in der Tradition o einem traut man dann auch die große Politik nicht
einer „jupiterhaften“ Amtsauffassung. Das könnte schon zu. Merkel profitierte bislang vom Auftrumpfen des
fast von Karl-Theodor zu Guttenberg kommen. Patriarchats auf der Weltbühne. Sie war diejenige,
Gerade der Mix von Signalen ist erfolgreich: Führungs- die diese Männer in Schach hielt, indem sie sie auflaufen
stärke und Frauenverstehen, Erotik und Empathie. Tru- ließ: Donald Trump, den wütenden alten Mann, der die
deau ist Boxer, Familienvater und Feminist: „weil es 2015 Welt nicht mehr versteht, Wladimir Putin, der eine Stein-
ist“, sagte er vor zwei Jahren. In Deutschland versucht zeitmännlichkeit zur Schau stellte im halb nackten Kampf
Christian Lindner, es den neuen Männern gleichzutun. Er gegen wilde Tiere, Männer mit übersteigerter Kränkbar-
setzt konsequent auf Äußeres, mit seinem Unterwäsche- keit wie der Türke Recep Tayyip Erdoğan. Doch nun ma-
wahlkampf in NRW hat er als Einziger das Feld der Erotik chen die Neuen der deutschen Kanzlerin auf der großen
bespielt, das in Bundestagswahlkämpfen seit Gerhard Bühne Konkurrenz. Beim Nato-Gipfel im Frühjahr war
Schröder brach gelegen hatte. Anders als Macron, Kurz Macron der Star, weil er den amerikanischen Präsidenten
und Trudeau, die alle hohe Staatsämter innehaben, also im Händeschütteln bezwang, einer Art Schrumpfform des
echte Macht und Verantwortung, ist Lindner allerdings Armdrückens, und damit eine deutlich andere Ansage als
den Beweis noch schuldig, dass er unter dem Lack auch Merkels ruhige Hand. (Besonders gut: wie Melania ihrem
Substanz und Inhalt vorzuweisen hat. Gatten Donald kurz davor auf die Finger haute, als er
Ein Problem der SPD ist, dass sie diesen Typ Politiker versuchte, ihre Hand zu ergreifen.)
nicht im Angebot hat. Es war eben nur Wunschdenken, Zugleich lässt in Deutschland die Aura von Merkels
als die damalige Generalsekretärin Katarina Barley den Mutti-Herrschaft nach. In der Flüchtlingskrise wurde
Spitzenkandidaten bei einem Frauenabend im März als aus der Mutter, die dafür sorgte, dass ihre Bürger ruhig
„George Clooney der SPD“ feierte. Tatsächlich schnitt schlafen konnten, eine fordernde Mutter, die sie mit Zu-
Schulz bei Frauen im direkten Vergleich fast ausnahmslos mutungen behelligte und sich um die fremden Kinder
schlechter ab als Merkel. kümmerte.
Schulz versuchte, den Wunsch nach Führungsstärke zu Aber die Entfremdung geht tiefer: Merkels Mutti-Mo-
bedienen, er forderte Härte gegen Erdoğan und teilte aus dell hat etwas Gestriges. Deutschlands unruhiger Wahl-
gegen Trump. Aber letztlich konnte er die Erwartungen kampf hat gezeigt, dass die Zeit der Apathie, die von
nicht erfüllen. Die Wähler spürten die Pose. Während ihm ausging, an ihr Ende kommt. Dabei hat Deutschland
Schulz in der Partei auf alles und jeden Rücksicht nahm Glück: Die AfD kann bisher nur Alexander Gauland
und Sigmar Gabriel gewähren ließ, der seine Autorität aufbieten. Nicht auszudenken, wenn eines Tages die
als Parteichef systematisch unterminierte, blieb seine Rechtspopulisten die Sehnsucht nach dem neuen Mann
Durchsetzungsstärke nur Attitüde. Im TV-Duell agierte bedienen würden. I

DER SPIEGEL 2017 37


WAHL 2017

THOMAS GRABKA / DER SPIEGEL


Linkenpolitiker Lafontaine, Wagenknecht: „In einem sehr schwierigen Umfeld“

Alles auf Anfang


Linke Die Parteiführung redet das Wahlergebnis schön; dabei ist es eine Niederlage: Die Linke
hat ihren Status als Protestpartei eingebüßt, ihre Position im Bundestag ist geschwächt.

E
s soll ein schönes Bild fürs Fernsehen nächsten Termin bei der ARD. Wird rige Wahlergebnis. Die Linke liege doch
geben, aber die Inszenierung will seine Gemahlin dabei auf der Party nicht stabil bei neun Prozent, „und das in einem
nicht glücken. „Nun haltet doch mal auf großer Bühne eingeblendet, schwillt sehr schwierigen Umfeld“, sagt Wagen-
die Ballons hoch“, fordert der Moderator sein Kopf rot an, und er redet hektisch knecht. Bei den absoluten Stimmenzahlen
auf der Bühne die Genossen im Festsaal auf die Mitarbeiter ein. Es geht einiges habe die Linke zugelegt, betont Bundes-
Kreuzberg auf. „Wegen der Fernsehbilder.“ durcheinander: Statt der Parteifreundin geschäftsführer Matthias Höhn. Selbst in
Aber Jubelstimmung und Jubelbilder fallen hören die Linken über den Bildschirm für sie schwierigen Westbundesländern
den Linken an diesem Abend schwer. So plötzlich ein Interview mit Alice Weidel wie Baden-Württemberg habe die Partei
schwer, dass selbst Oskar Lafontaine noch von der AfD, bis der Moderator persönlich über fünf Prozent geholt, jubelt Linken-
mal persönlich eingreift. den Ton runterpegelt: „Diese Rassistin chef Bernd Riexinger. Das zweitbeste Er-
Als wäre er ihr persönlicher Pressespre- wollen wir nicht hören.“ Die Linken, gebnis bisher überhaupt, sagt Fraktions-
cher, geleitet er seine Gattin, die Fraktions- so scheint es, sind unsortiert an diesem führer Dietmar Bartsch.
vorsitzende Sahra Wagenknecht, von einem Abend. Alles wahr. Trotzdem fühlen sich die Er-
Fernsehinterview zum nächsten. Spricht Nicht nur Lafontaine weiß: Es geht jetzt folge der Linken an diesem Abend an wie
sie beim ZDF, organisiert er schon den um die Deutungshoheit über dieses schwie- eine Niederlage. Die Partei hat keine
38 DER SPIEGEL 2017
Titel
»Wie hieß
Machtperspektive mehr, ihr Status als füh- tet. Wie und womit will man denn noch
rende Regionalpartei des Ostens ist weit- gehört werden in der Opposition neben
gehend dahin. Kein Wunder, dass die einer populistischen AfD und einer SPD,
Mozarts Frau
mit Vornamen?«
Genossen die bittere Realität nun lieber die sich vermutlich auf alte Tugenden be-
verdrängen. sinnt und wieder stärker um Politikfelder
Nur einer, der auf der Party gar nicht buhlt, die die Linke erobert hatte?
dabei ist, spricht es deutlich an: „Wir ha- „Wir fangen jetzt wieder bei null an“,
ben unsere Ziele verfehlt“, sagt Gregor sagt Stefan Liebich, Abgeordneter für Ber-
Gysi. Der Ex-Fraktionsvorsitzende hat lin aus dem Realo-Lager, im Hinblick auf

»Mozarella!«
sich für den Wahlabend aus Berlin nach rot-rot-grüne Träume. „Bei mir überwiegt
Ingolstadt verabschiedet. Er tritt dort als der Frust“, sagt er über das Wahlergebnis
Gast in einem musikalischen Kabarett auf. – und meint nicht nur das der AfD, son-
Humor hat er ja. Aber ihm ist nicht zum dern auch das eigene. So oft haben sie nun
Lachen zumute, nicht nur wegen der AfD. schon nach Wahlabenden ins Bier geweint
Zweistellig werden, unter den sogenann- und sich gegenseitig gesagt: Dann gibt es
ten „Kleinen“ der Oppositionsführer blei- eben in vier Jahren Rot-Rot-Grün.
ben: „Das war unser Anspruch, und das Dabei war das in diesem Wahlkampf
Schülerantwort,
haben wir alles nicht geschafft“, sagt er zwischenzeitlich mehr als nur Rhetorik.
nüchtern. „Es gab diesmal sehr ernsthafte Gespräche 7. Klasse
und Zeichen“, sagt Liebich. Selbst Wagen-
knecht war eingebunden und flirtete mit
Keiner schmeißt mit Schulz von der SPD. Aber dann sei die
SPD nach der verlorenen Landtagswahl
Steinen nach dem im Saarland ausgeschert. „Die hatten die
anderen wie sonst nach Nerven verloren“, sagt Liebich. Nun fin-
den sie sich gemeinsam in der Opposition
Wahlabenden. wieder, SPD und Linke, getrieben von der
AfD. Er fühle sich wie Sisyphos, der immer
Die Linke, so scheint es, ist nicht mehr wieder neu ansetzen müsse für sein Ziel,
die erste Adresse für Protestwähler. Das sagt Liebich. Leichter wird es jedenfalls
Ergebnis der AfD, so sagt es Gysi, gehe nicht.
eben nicht allein auf das Konto der Politik Die Partei wird gegenüber der Fraktion
von Union und SPD: Es sei zu einfach, an Macht gewinnen. Kippings Co-Vorsit-
jetzt wieder mit dem Finger auf die an- zender Bernd Riexinger wird neu mit im
deren Parteien zu zeigen: „Wir müssen Bundestag sitzen, so wie auch schon ihr
auch selber wieder erkennbarer werden“, Schatzmeister Thomas Nord, und dort, so
sagt er. „Stärker in der Ansprache.“ Er wie sie selbst, verstärkt Einfluss nehmen
wägt seine Worte, er wolle ja nur noch auf die künftigen Linien.
Rat geben und niemanden verletzen, Die Fraktion dagegen hat prominentes
aber seine Botschaft ist klar: Ein Gleich- Personal verloren, den in der Friedens-
gewicht des Schreckens zwischen Realos bewegung verankerten Jan van Aken und
und Fundis mit sich widersprechenden die renommierte Rechts- und Netzexpertin
Positionen in der Fraktion mag zum Über- Halina Wawzyniak, Letztere ließ sich auch
leben gereicht haben – auf Dauer ist es aus Frust über den zwischenmenschlichen
ein Problem. Umgang in der Linken nicht wieder auf-
Gysis Worte wird man in Fraktion und stellen.
Partei nicht so gern hören. Dort ist man Wie die Strategie aussehen soll, um vor
einigermaßen beruhigt, dass sie den Ge- allem die ehemaligen Wähler im Osten aus
nerationswechsel von Lafontaine und Gysi dem rechten Lager zurückzugewinnen,
im
zu Katja Kipping in der Partei und der wird eine der großen Streitfragen der Zu-
e t zt
Doppelspitze Wagenknecht / Bartsch in der kunft sein. Den Aufstieg der AfD im Osten J h-
Fraktion halbwegs reibungslos über die habe auch ihre Partei mit zu verantworten, Buc el!
Bühne gebracht haben. sagt jedenfalls die bisherige linke Vizeprä- d
Diese Wahl war auch der erste Test, ob sidentin des Deutschen Bundestages, Petra han
Realos und Fundis im Duo geführt werden Pau. „Die Linke war nicht stark genug.“
und gemeinsam Wahlkampf machen kön- Gysi grübelte am Wahlabend in Ingol-
nen. Bartsch und Wagenknecht sehen das stadt, mit welchem ersten Satz er auf die
als Erfolg, sie fühlen sich bestätigt und wol- Kabarettbühne gehen solle nach so einem
len auch als Doppelspitze weitermachen. Ergebnis, „dieser Gegenreformation durch
Die Absprache gilt: Keiner schmeißt jetzt die AfD, die uns auch als Linke infrage
mit Steinen nach dem anderen wie sonst stellt“. Ihm wollte nichts so recht einfallen.
immer nach Wahlabenden. Ob er vielleicht einfach dableiben solle,
Tatsächlich aber nützt das Ergebnis der im bayerischen Exil? Nicht so lustig.
Linken Wagenknecht mehr als Bartsch. Ein Gysi sprachlos? Dann läuft bei der
Denn die Stimmen in der Linken werden Linken gerade so einiges schief – nicht nur
lauter, die nun wieder ein schärferes Profil die Inszenierung. Markus Deggerich
verlangen, eines, wie es Wagenknecht bie- Mail: markus.deggerich@spiegel.de

DER SPIEGEL 2017 39


WAHL 2017

„Ihr seid Feiglinge“


Ostdeutschland Der Liedermacher und Dichter Wolf Biermann, 80, erlebt zum zweiten Mal, wie
sich Hass und Wut in den neuen Ländern Bahn brechen. Und er hat eine Erklärung dafür.

SPIEGEL: Herr Biermann, die AfD zieht mit straße 131 in Berlin. Sie haben meine Schnauze gehalten, und jetzt reißt ihr sie
einem zweistelligen Ergebnis in den Bun- Freunde eingesperrt, junge Leute ins Ge- auf. Ihr habt euch gebeugt und gedemütigt,
destag ein, in Ostdeutschland ist sie inzwi- fängnis geworfen, weil sie die verbotenen und jetzt, wo es nichts mehr kostet, wollt
schen die zweitstärkste Partei. Beunruhigt Biermann-Lieder gesungen hatten. Sie ha- ihr lynchen. Ihr seid Feiglinge!“
Sie das? ben sich in mein privates Leben, das schon SPIEGEL: Wie hat die Menge reagiert?
Biermann: Ich finde das zum Kotzen, aber kompliziert genug war, brutal eingemischt. Biermann: Geschockt und verwirrt. Darauf
es ist keine Katastrophe. Deutschland ist Ich hatte also wirklich tausend Gründe, waren sie nicht gefasst. Aber von mir ha-
ein stabiler, demokratischer Rechtsstaat. diesen Leuten den Tod zu wünschen. ben sie es sich sagen lassen, weil ich ja in
Das halten wir aus. Platon hat schon vor SPIEGEL: Aber? der privilegierten Lage war, dass ich die
2400 Jahren geklagt, dass die Leute gelang- Biermann: Mit meinem Pfund Vernunft, das Rolle des Wolf Biermann darstellte, also
weilt werden von der Demokratie, die Frei- ich zuverlässig in Reserve habe, begriff ich, des tapferen Widerstandskämpfers. Sie ha-
heiten geringschätzen, zu bequem werden, dass man das Unrecht der Diktatur nicht ben sich das gefallen lassen von mir, aber
sich in ihre eigenen Angelegenheiten ein- beenden kann, wenn man statt endlich das gefallen hat es ihnen, wie Sie schon dunkel
zumischen. Das ist dann der frische, schö- ahnen, gar nicht.
ne Morgen der neuen Tyrannei, der neuen SPIEGEL: Und Sie haben damals in die glei-
Diktatur. Dann sind die Menschen wieder chen hasserfüllten Gesichter geblickt, die
in Ketten, sie werden unterdrückt, dann Sie jetzt auf den Fotos von Merkels Wahl-
jammern sie, dann fangen sie an, wieder kampfveranstaltungen sehen?
rebellisch zu werden und befreien sich, Biermann: Genau.
wenn sie Glück haben. SPIEGEL: Wie erklären Sie sich das?
SPIEGEL: Wir haben Ihnen Fotos von Wahl- Biermann: Kennen Sie die Geschichte vom
kampfveranstaltungen der Kanzlerin in Baron von Münchhausen?
Ostdeutschland mitgebracht. SPIEGEL: Welche?
Biermann: (sieht sich die Bilder aufmerk- Biermann: Die vom Postillon, dem die Töne
sam an. Er liest die Texte der Plakate vor, seines Posthorns im strengen russischen
die im Publikum hochgehalten werden) Winter zu Eis gefrieren? Dann taut die Trö-
„Merkel muss weg“, „Schnauze voll“, te neben dem Küchenfeuer in einer Her-
„Heimatliebe ist kein Verbrechen“, „Hau berge wieder auf, das ist der Witz dieser
ab.“ Ist das alles im Osten? Erzählung, und plötzlich kommen die er-
SPIEGEL: Ja, alles Ostdeutschland. Woher frorenen Töne rausgeplärrt.
kommt dieser Hass? SPIEGEL: Schöne Geschichte, aber was hat
Biermann: Ich kenne diese Hassanfälle aus sie mit Merkel zu tun?
SEAN GALLUP / GETTY IMAGES

der Wendezeit nach dem Fall der Mauer. Biermann: Die Menschen, die jetzt ge-
Damals konnte ich endlich wieder in der schrien haben, Merkel muss weg, hau ab –
DDR singen. Der Staat existierte ja noch. das sind die stummen Untertanen von
SPIEGEL: Wann und wo war das? damals. Das sind die Leute, die zu lange
Biermann: Im Januar 1990, ein Konzert in geschwiegen und alles erduldet, ertragen
Erfurt, in der riesigen Thüringenhalle. Am haben. Sie waren zu feige, weil die läh-
Nachmittag vor meinem Auftritt fand zu- Anti-Merkel-Protest in Finsterwalde mende Angst sie hatte, die ja leider auch
fällig eine Massenveranstaltung auf dem „Masse in aggressiver Aufregung“ begründet war. Ich bin nicht der Meinung,
Domplatz statt, eine Demo gegen die Stasi. dass alle Leute mutig sein müssen. Heiner
Dort war eine Menschenmenge, wie ich Müller hat mir eine Wahrheit gesagt, als
sie selten gesehen habe, der Platz schwarz Recht, erst mal die Rache sprechen lässt. wir uns wiedertrafen: Es gibt ein Men-
von einer Menschenmasse in aggressiver Dazu musste ich kein Christ sein, das wuss- schenrecht auf Feigheit.
Aufregung. Die schrien einen Pastor nie- te ich auch ohne den lieben Gott. SPIEGEL: Aber warum sind diese Menschen
der, einen, der die bissigen Schafe besänf- SPIEGEL: Was haben Sie gemacht? in den 28 Jahren nach dem Mauerfall ruhig
tigen wollte. Was ja auch seine Berufs- Biermann: Na, die Organisatoren dort woll- geblieben?
krankheit ist. ten, dass der Sänger gefälligst seine Schul- Biermann: Die Mehrheit dort ist längst in
SPIEGEL: Was wollte die Menge? digkeit tut und schnell noch vorher auf der der Demokratie heimisch geworden. Aber
Biermann: Die Meute wollte die Stasi-Leute Demonstration ein paar Lieder liefert. Und offenbar brauchen manche länger, weil
in ihrer Erfurter Zentrale lynchen. Viele so stand ich plötzlich auf den Treppen am ihre Hirne und Herzen tief vereist waren
dieser endlich befreiten Untertanen woll- Mikrofon vor dieser brüllenden See. Die durch die kalte Macht der Diktatur. Sie ha-
ten nun totschlagen. Sie brüllten mit Wutwellen der selbst befreiten Sklaven ben beim Zusammenbruch der DDR naiv
Schaum vor dem Mund, hasserfüllt. Und verschlangen fast das Kirchenschiff, den die Wahlpropagandalüge von Helmut Kohl
es war eine paradoxe Situation, denn ich Erfurter Dom. In meiner Verwirrung sang geglaubt von den blühenden Landschaften.
hasste die Stasi-Verbrecher ja noch viel ich nicht gleich ein Lied, sondern tönte Und nach fast 30 Jahren stellt sich heraus,
mehr als die. Das MfS hatte mich zwölf über den Platz: „Das passt zu euch. In der dass diese Lüge eine Wahrheit geworden
Jahre lang schikaniert in der Chaussee- Diktatur habt ihr jahrzehntelang die ist. Die blühenden Landschaften im Osten
40 DER SPIEGEL 2017
Titel

sind entstanden, und allmählich wird den


Zukurzgekommenen bewusst, dass sie
selbst nicht so wunderbar aufgeblüht sind.
Die Brüche in ihrer Lebensgeschichte seit
1989 sind offenbar so schmerzhaft, die Ver-
unsicherungen, die Ängste, der Neid, dass
sie erst jetzt zu sich kommen, indem sie
fatal außer sich sind. Das ist eine höchst
paradoxe Gemütslage. Endlich reißen sie
das Maul auf. Und es ist so falsch wie frü-
her ihre Maulhalterei.
SPIEGEL: Wollen Sie damit sagen, dass die
Menschen mental auf dem Stand von 1989
stehen geblieben sind?
Biermann: Ein Haus oder ein Stadtkern wie
in Leipzig, Schwerin oder Dresden ist
schneller aufgebaut als eine beschädigte
Generation. Sie kennen doch die uralte Ge-
schichte von den Juden, die 40 Jahre durch
die Wüste wandern mussten, nachdem sie
der Sklaverei in Ägypten entronnen waren.
Sie brauchten so viele Jahre, um sich zu
erneuern. Erst dann konnten sie ein besse-
res Gemeinwesen aufbauen. Die erlittenen
Deformationen durch lebenslängliche Un-
terdrückung in ägyptischer Sklaverei oder
in der stalinistischen Diktatur sind eben
wirkungsmächtiger als die fantastische Fä-
higkeit der kaputten Menschen, kaputte
Städte schöner wieder aufzubauen. „Auf-
erstanden aus Ruinen“ geht eben bei Häu-
sern schneller als bei ruinierten Menschen.
SPIEGEL: Auf den Fotos sind aber nicht nur
Alte zu sehen. Da sind alle Generationen
vertreten.
Biermann: Das sind die Leute, die in dieser
Aura aufgewachsen, erzogen und geprägt
sind. Jetzt erst löst sich dieser Krampf,
man könnte sarkastisch sagen, ein Fort-
schritt. Immerhin!
SPIEGEL: Warum jetzt? Wegen der Flücht-
lingskrise?
Biermann: Ja, so denke ich. Das war ein Ka-
talysator. Ich habe einen engen Freund auf
der Insel Usedom, tapfer, lebensklug, ein
fast weiser Graukopf, und auf jeden Fall
abgeklärter als ich. Gerade der hält mir
jetzt Vorträge darüber, was er für eine tiefe
Angst vor Merkels Flüchtlingspolitik hat,
obwohl in seinem Kaff wohl kaum eine
Flüchtlingsfamilie lebt. Er macht seine
Arbeit, sein Kühlschrank ist voll, die Bude
warm, die Kinder gesund, und er genießt
die Freiheiten nach dem Fall der Mauer.
Hat aber diese fatal tiefe Angst. Ich beob-
achte das mit offenem Mund, staune, ver-
suche ihm ein paar Argumente zu liefern,
also bis hin zur einfachen Milchmädchen-
rechnung, dass eine Million Flüchtlinge
HANNES JUNG / DER SPIEGEL

doch nicht ein starkes 80-Millionen-Volk


wie die Deutschen aus den Angeln heben
können.
SPIEGEL: Aber er hört nicht auf Sie.
Biermann: Nein. Besonders so diffuse Ängs-
te werden offenbar immer größer, je un-
Ex-Dissident Biermann: „Sie brüllten mit Schaum vor dem Mund, hasserfüllt“ konkreter sie sind. Das bemerke ich auch
manchmal an mir selbst. Auch ich habe Wut
DER SPIEGEL 2017 41
WAHL 2017

auf Dinge, über die sich mancher die Freiheit und macht Spaß / ein
AfD-Brüller aufregt. Ich verstehe Fluch ist sie, ein Segen / Heimweh
doch, was die ärgert. Und sie haben nach früher hab ich keins / nach al-
sogar in manchen Dingen recht. ten Kümmernissen / Deutschland
SPIEGEL: Womit hat die AfD recht? Deutschland ist wieder eins / Nur
Biermann: Na, dass der Rechtsstaat ich bin noch zerrissen.
ohne Scheu all seine Machtmittel SPIEGEL: Reden Sie mit AfD-Anhän-
einsetzen muss, um dafür zu sor- gern?

HANNES JUNG / DER SPIEGEL


gen, dass Kriminelle, die bei uns Biermann: Ja. Aber mit schiefem
um Asyl bitten und sich wie die Maul. In einer Diktatur lernt man,
Schweine benehmen, gezwungen wie man sich raffiniert dem Druck
werden, das Land zu verlassen. entzieht, wie man irgendwie schlau
Den Missbrauch des Asylrechts durchkommt. Manche lernen sogar,
prangern allerdings alle Parteien Widerstand zu leisten. Aber eines
an. Das ist alt wie die Menschheit: Biermann, SPIEGEL-Redakteur* lernten wir in der DDR nicht: Tole-
Die Geduld wird dadurch er- „Selbstmörderisch falsch“ ranz. Mein Freund Siegmar Faust
schöpft, dass sie zu sehr in An- ist ergrautes Landeskind, das mehr
spruch genommen wird. gelitten hat im Knast als die aller-
SPIEGEL: Das ist erstens nicht nur auf Asyl- sie: Was habe ich denn davon, dass die meisten in der DDR. Ich muss zum Beispiel
bewerber begrenzt und wird zweitens von Frauenkirche in Dresden wiederaufgebaut akzeptieren, dass dieser sture Held jetzt
der AfD vor allem dazu genutzt, um Hass ist? Und sie beneiden die Menschen, die wohl die AfD gewählt hat! Er ist aber keine
und Wut gegen Fremde zu schüren. es geschafft haben, in dem neuen Koordi- Kanaille, sondern ein wunderbarer, tapfe-
Biermann: Richtig. Mit der Wut funktioniert natensystem eine neue Rolle zu finden und rer Kämpfer in dem, was Heinrich Heine
es so ähnlich wie mit Furcht und Angst. sogar gut zu spielen. So wie der Gauck, so so treffend den „Freiheitskrieg der Mensch-
Ich hatte in den Jahren der DDR immer wie die Merkel. heit“ nennt.
große Ängste. Die waren ja auch begrün- SPIEGEL: Das soll der Grund dafür sein, dass SPIEGEL: Wie erklärt er das?
det. Aber nur selten, ein-, zweimal, ist es sich der Hass ausgerechnet gegen eine ost- Biermann: Mit all so Gründen, die mir wohl
leider passiert, nämlich bei dem sowjeti- deutsche Frau richtet? einleuchten, aber eben nicht diese hysteri-
schen Einmarsch in die Tschechoslowakei sche Reaktion rechtfertigen. Die Anlässe
1968, da hatte nicht ich die Angst, sondern Biermanns Ehefrau Pamela hat sich bisher sind meistens verständlich, aber das Maß,
die Angst hatte mich. Und so kann man an dem Gespräch nicht beteiligt, jetzt mel- mit dem ein Hysteriker reagiert, ist ganz
auch Wut haben, ob sie nun mehr oder det sie sich plötzlich zu Wort. und gar falsch. Ja, gefährlich, sogar mör-
weniger begründet ist. Und diese Pegida- derisch und selbstmörderisch falsch. In die-
Leute haben nicht die Wut, sondern die Pamela Biermann: Darf ich mal was sagen? sem Sinne kommt mir die Reaktion dieser
Wut hat sie. Sie sind überwältigt von ihr. SPIEGEL: Ja, klar. AfD-Leute hysterisch vor. Aber ich muss
SPIEGEL: Wenn die Flüchtlingskrise tatsäch- Pamela Biermann: Das ist tradierte Gewalt, lernen, damit zu leben. Das fällt mir schwer.
lich der Katalysator für den ostdeutschen die Fratze der Diktatur, die dort zur Er- SPIEGEL: Sie haben geraten, Merkel zu
Wutausbruch war, stellt sich die Frage, ob scheinung kommt. Die Leute dichten Frau wählen.
sie sich irgendwann auch so Bahn gebro- Merkel eine Allmacht an, die sie gar nicht Biermann: Ja.
chen hätte. SPIEGEL: Warum?
Biermann: Gewiss. Weil es natürlich auch Biermann: Weil sie die hohe Kunst der
noch andere Ursachen für solche aggres-
„In einer Diktatur Politik besser beherrscht als alle anderen
siven Missstimmungen gibt. Wenn ein lernt man, wie Kandidaten. Die SPD wird einem wie mir
Mensch mir irgendwas besonders Gutes man irgendwie schlau immer nah bleiben. Aber hätte ich etwa
tut, mir aufhilft in der Not mit Geld oder den schwächlichen Polit-Hallodri wählen
mit Arbeit oder mit Freundschaft, dann durchkommt.“ sollen, der dieser auf allen Gebieten über-
erzeugt das auch in mir den Reflex, mich legenen Merkel im Wahlkampf ein anma-
zu revanchieren. Man will wieder auf Au- hat, und tun so, als sei sie eine Diktatorin. ßend schwachsinniges Angebot machte?
genhöhe kommen. Wenn aber die Ursa- In der DDR fühlten sich die Menschen zu Man kann bei Wahlen nur wählen, was
chen für solche Dankbarkeit groß sind, so recht fremdbestimmt, sie litten darunter. zur Wahl steht. Das eben ist das chronische
übergroß, dass ich keine Chance habe, Dieses Gefühl der Ohnmacht ist vielleicht Elend jeder Demokratie.
mich jemals zu revanchieren, dann kratzt die Grundlage des Hasses auf die Flücht- SPIEGEL: Wen würden Sie lieber wählen?
das am Selbstbewusstsein. Und dann ver- linge. Die Menschen haben Angst, dass Biermann: Am allerliebsten meine Frau Pa-
sucht man, die genossene Hilfe erst mal diese Flüchtlinge sie fremdbestimmen mela, weil diese lebenskluge und tatkräf-
schön klein- und vor allem die Motive für könnten. Diese hysterisch übertriebene tige Westmenschin unser deutsches Ge-
solche Hilfe schlechtzureden. Angst projizieren sie, zusammen mit ihrem meinwesen wahrscheinlich genauso gut
SPIEGEL: Jetzt bedienen Sie das Klischee sonstigen Lebensfrust, auf Frau Merkel. lenken könnte wie die kluge evangelische
des undankbaren Ossis. Wolf hat mal ein sehr schönes Gedicht ge- Physikerin aus der DDR. Aber diesen eit-
Biermann: Ja. Aber doch nicht generell. Es schrieben. „Um Deutschland ist mir gar len Wunsch werde ich für mich behalten,
gibt eben die sehr verschiedenen Abge- nicht bang.“ aus egoistischen Gründen. Ich brauche Pa-
hängten, nämlich einstmalige Täter und Biermann: Diese erste Zeile ist in Wahrheit mela Biermann für mein Leben seit 34 Jah-
Opfer in der ehemaligen DDR. Gebrochen eine Lüge, zumindest eine halbe. So geht ren als der deutsch-deutsche Liederdichter.
in brutalen Lebensbrüchen. Da wuchern der Text weiter: Die Einheit geht schon ih- Und da müssen solche Nebensachen wie
solche Hassgefühle, wenn Menschen keine ren Gang / unterm Milliardenregen / Wir die Bundesrepublik Deutschland eben ein
Chance sehen, sich jemals zu revanchieren. werden schön verschieden nass / Weh tut bisschen zurückstehen.
Für manchen sind die blühenden Land- SPIEGEL: Herr Biermann, wir danken Ihnen
schaften eine Kränkung. Also schimpfen * Konstantin von Hammerstein im Berliner Tiergarten. für dieses Gespräch.
42 DER SPIEGEL 2017
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WAHL 2017

Macron vor der Tür


Europa Die französische Regierung fordert eine tief greifende Reform der Währungsunion.
Doch der Ausgang der Bundestagswahl lässt den Spielraum der Kanzlerin schrumpfen.

S
att zweistellig. Sollte Günther Oettin- am Donnerstagabend trifft er zum Auftakt Berlin zu Macrons Vorschlägen für einen
ger über das Ergebnis für die AfD er- des EU-Gipfels im estnischen Tallinn mit Umbau der Eurozone positioniert. Vor der
schrocken sein, so lässt er es sich Merkel zusammen. Wahl zeigten sich Merkel und ihr SPD-
nicht anmerken. Satt zweistelliges Prozent- Aus Sicht vieler Europäer könnte der Herausforderer Martin Schulz offen für
punkte für eine Partei, die Europas Eini- Einsatz kaum höher sein: Nach Jahren des die Ideen des Franzosen, einen europäi-
gungsprojekt mit Häme überschüttet und Siechtums in Südeuropa, nach dem nieder- schen Finanzminister zu ernennen und
den Euro verteufelt: Deutschlands EU- schmetternden Brexit-Votum und der Wahl einen eigenen Haushalt für die Währungs-
Kommissar weiß natürlich, dass diese Zahl Donald Trumps zum US-Präsidenten union zu schaffen. Die FDP dagegen warn-
eine schlechte Nachricht für die Zukunft soll der alte Kontinent zu neuem Selbst- te im Wahlkampf unermüdlich davor, eine
Europas ist. bewusstsein finden. „Geldpipeline aus Deutschland“ nach Süd-
Oettinger ist am Sonntagabend auf Das Problem ist nur, dass die Europa- europa zu eröffnen.
dem Weg ins Konrad-Adenauer-Haus, die politik im deutschen Wahlkampf anders als Die entscheidende Frage ist nun, wie
CDU-Parteizentrale, auf dem Weg erhält in Frankreich so gut wie keine Rolle spielte. Merkel sich verhält. Sicher, auch sie wollte
er erste Prognosen zum Ausgang der Bun- Daher gibt das Wahlergebnis Merkel auch im Wahlkampf von der Strahlkraft des
destagswahl: schwere Verluste für die eu- kein Mandat für einen grundlegenden Um- Franzosen profitieren und verkniff es sich,
ropafreundlichen Parteien, Aufschwung bau der EU nach Macrons Vorstellungen. dem Bezwinger von Marine Le Pen die
für die Feinde des Brüsseler Einigungs- Sollte sie künftig in einer Jamaikakoalition kalte Schulter zu zeigen. „Jedem Anfang
werks, das Ergebnis ist schwer zu ver- mit der FDP regieren, muss sie auf eine Par- wohnt ein Zauber inne“, flötete die ge-
dauen. Doch Oettinger fängt sich rasch. tei Rücksicht nehmen, die deutlich euro- wöhnlich eher nüchterne Kanzlerin.
„Wir dürfen uns davon jetzt nicht er- kritischer eingestellt ist als die SPD: Zer- Nun gerät sie in ein Dilemma. Macron
schrecken lassen“, sagt er. „Ich gehe davon stören die wiedererstarkten Liberalen also besteht auf dem Deal, den er den Deut-
aus, dass Angela Merkel und ihre Regie- den erhofften Reformherbst in der EU, be- schen seit Monaten anbietet: Frankreich
rung die nächsten Jahre dazu nutzen wer- vor er richtig begonnen hat?  reformiert seine Wirtschaft, dafür erwartet
den, die nötigen Reformen in Europa an- es Entgegenkommen beim Umbau der
zugehen.“ Eurozone. Während Merkel es in den
Wirklich? Allein die Hoffnung zeigt, mit Der Franzose denkt in nächsten Wochen schwer haben dürfte,
welchen Erwartungen Europa nach der eine Regierung zu bilden, gönnt der Fran-
Bundestagswahl auf Berlin blickt. Geht es gewaltigen Dimensionen. zose ihr keine Atempause. Dabei passt die
nach dem EU-Establishment in Brüssel Offen ist, woher er Zeitleiste des drängelnden Franzosen
und den Europapolitikern in den benach- kaum zum Fahrplan in Deutschland: Vor
barten Hauptstädten, war der Wahlsieg das Geld dafür nimmt. dem 15. Oktober, der Landtagswahl in Nie-
Emmanuel Macrons in Frankreich der ers- dersachsen, dürfte in Berlin kaum über
te Akt auf dem Weg zu einer Renaissance Knapp eine Woche vor der Bundestags- neue Koalitionen geredet werden.
des alten Kontinents. Angela Merkels Wie- wahl sitzt Alexander Graf Lambsdorff in Zuletzt präsentierte Macron seine Vor-
derwahl sollte den nötigen Schub für wei- einem Hotel im Brüsseler Europaviertel stellungen Anfang September vor beein-
tere Fortschritte bringen. und gibt den großen Beschwichtiger. Aus- druckender Kulisse in Athen. Nicht weni-
Doch das Wahlergebnis vom Sonntag gerechnet seine FDP, die sich gern als Eu- ger als eine Neugründung der EU kündigte
ist kaum dazu angetan, dieser Hoffnung ropapartei feiert, ruft im Ausland und auf er da an, darunter macht es der Franzose
Auftrieb zu verleihen. Im Gegenteil: Geg- den Märkten große Sorgen hervor. Zuletzt nicht. Vor der eingerüsteten Akropolis
ner von Merkels Politik der offenen Gren- hatte der Vermögensverwalter Blackrock zitierte Macron Perikles und Hegel, in Kon-
zen wie der Ungar Viktor Orbán werden gewarnt, die Anleihemärkte könnten mit venten sollen die Europäer zu ihren Ideen
den Absturz der Kanzlerpartei als Bestä- Risikoaufschlägen für Schuldenstaaten re- für Europa befragt werden.
tigung ihres harten Kurses in der Flücht- agieren, wenn die Liberalen in die Regie- Macrons Ziel ist es, Ländern, die in Kri-
lingskrise deuten. Und das starke Ab- rung einziehen. Und sogar Frankreichs Prä- sen geraten, Zugang zu Hilfsgeldern zu
schneiden der Eurofeinde von der AfD sident Macron soll, so „Le Monde“, einem verschaffen, ohne dass sie sich den stren-
engt Merkels Spielraum ein, auf Macron Besucher im Élysée-Palast seine Furcht vor gen Bedingungen eines Programms im
zuzugehen. Das deutsche Alleinstellungs- der FDP in der nächsten Regierung Merkel Rahmen des Eurorettungsschirms ESM un-
merkmal in Europa, als eines der wenigen anvertraut haben: „Wenn sie sich mit den terwerfen müssen. Dafür soll es für die Eu-
großen Länder keine rechtsextreme Partei Liberalen verbündet, bin ich tot.“ rozone künftig ein eigenes Budget geben.
im Parlament zu haben – nun ist das eben- Lambsdorff war 13 Jahre lang im Europa- Ein – bislang rein hypothetisches – Bei-
falls Geschichte. parlament und zieht nun in den Bundestag spiel wäre Irland, wenn das Land vom Bre-
Dabei sollte eigentlich der deutsch-fran- ein. Sollte die FDP nach dem Außenminis- xit besonders getroffen würde und seine
zösische Motor das Gemeinschaftswerk terium greifen, wird er sogar als Geheim- Volkswirtschaft in Not geriete. Vorbild
wieder vorantreiben, so wie zu Zeiten Hel- tipp für den Posten des Topdiplomaten ge- sind entsprechende Krisenfonds in den
mut Kohls und François Mitterrands. handelt. „Es gibt aus unserer Sicht keinen USA („Rainy day funds“), aus denen sich
Frankreichs neuer Präsident will diese Wo- Grund zur Beunruhigung“, sagt er trotzig. klamme US-Bundesstaaten bedienen kön-
che mit einer Grundsatzrede seine Reform- Doch es wird schon bald zum Schwur nen, dessen Hilfen sie aber zurückzahlen
vorschläge für die Eurozone präzisieren, kommen, bei der Frage nämlich, wie sich müssen.
44 DER SPIEGEL 2017
Titel

minister für seine Behörde. Ein für die Fi-


nanzpolitik zuständiger Vizekommissions-
präsident solle gleichzeitig die Eurogruppe
leiten und Finanzminister heißen, so Jun-
ckers Vorschlag.
Seine Ideen hatte Juncker zuvor mit
Merkel bei einem Mittagessen in Berlin ab-
gesprochen. Schließlich gilt die Kanzlerin
als heimliche Herrscherin des Kontinents.
Dass sie sich zu Hause mit so profanen
Dingen wie der Pflegemisere herumschla-
gen muss, ist in Europas Hauptstädten
weitgehend unbekannt.
Doch womöglich müssen sich die Politi-
ker in Brüssel auf neue Töne aus Berlin
einstellen. „Es ist eine Illusion in Brüssel,
dass nach der Wahl in Deutschland alles
besser wird“, sagt der Linken-Europa-
abgeordnete Fabio De Masi, der in den neu-
en Bundestag einzieht. Unterstützung er-
hält er von Guntram Wolff, dem Direktor
des einflussreichen Brüsseler Thinktanks
Bruegel. „Mit AfD und FDP werden deut-
lich über 20 Prozent der Abgeordneten im

ZUMA PRESS / ACTION PRESS


nächsten Bundestag die Eurorettungspoli-
tik in unterschiedlichen Schattierungen kri-
tisch sehen“, sagt er. „Das wird für Parla-
mentarier der anderen Parteien, vor allem
der Union, nicht ohne Folgen bleiben.“
Erinnerungen werden wach daran, wie
Euroreformer Macron in Athen: „Wenn sich Merkel mit der FDP verbündet, bin ich tot“
Merkels schwarz-gelbe Koalition zu Be-
ginn der Eurokrise immer wieder um die
Kanzlermehrheit bangen musste, als es um
Merkel hält sich bislang bedeckt. Man trägt sich schon länger mit dem Gedanken, die Eurorettungspakete für Griechenland
könne natürlich darüber nachdenken, den ESM zu einer Art Europäischer Wäh- ging oder darum, den ESM einzuführen.
einen „europäischen Wirtschafts- und rungsfonds auszubauen. „Das Bundes- Dazu kommt, dass sich mit dem starken
Finanzminister“ zu installieren und ein finanzministerium hat dafür das Copy- Abschneiden der AfD ein weiteres Narra-
Budget für die Eurozone, sagte sie Ende right“, sagte er unlängst in Tallinn stolz. tiv der Europafreunde erledigen könnte.
August. Der Fonds, von dem Schäuble redet, wür- Nach dem unerwartet schwachen Ergebnis
Eine Zusage an Macron war das nicht, de dann beim ESM verwaltet. Mit der Auf- für Geert Wilders in den Niederlanden
zumal der Franzose, ganz in der Tradition wertung befördert der Merkel-Vertraute und der Niederlage Le Pens in Frankreich
der Grande Nation, in gewaltigen Dimen- ein altes Ziel: Der Kommission, der er sollte die Bundestagswahl die dritte nie-
sionen denkt. Sein Budget soll mehrere Schludrigkeit als oberste Aufsichtsbehörde derschmetternde Nachricht für Europas
Prozent des Bruttoinlandsprodukts der über den Stabilitäts- und Wachstumspakt Rechtspopulisten bringen.
Eurozone umfassen, pro Prozentpunkt wä- vorwirft, würde ein mächtiger Konkurrent Doch jetzt sitzt die AfD nicht nur im
ren das etwa hundert Milliarden Euro. Wo- erwachsen. deutschen Parlament, sondern ist auch
her Macron das Geld dafür nehmen will, Das wollen die Mächtigen in Brüssel un- noch drittstärkste Kraft. Bereits im Okto-
ist völlig offen. Die Befürchtung in Berlin bedingt verhindern, dort herrscht ohnehin ber droht in Österreich der nächste Rechts-
ist, dass der Franzose mit seinem Extra- die Befürchtung, Deutschland und Frank- ruck. Und der Fraktionschef der Europäi-
budget permanenten Haushaltstransfers reich könnten die Zukunft Europas unter schen Volkspartei im Europaparlament,
Tür und Tor öffnen und sie durch gemein- sich ausmachen. Anfang Dezember will Manfred Weber (CSU), warnt bereits da-
same Anleihen finanzieren will, vulgo: Eu- die Kommission eigene Ideen vorstellen, vor, dass bei den Europawahlen 2019 EU-
robonds. unter anderem dazu, wie es mit dem ESM feindliche Parteien eine Mehrheit im Par-
Andererseits kann Merkel Macron auch weitergehen soll. Noch im selben Monat lament bekommen könnten. „Das Ergeb-
nicht einfach abtropfen lassen. Die Kanz- wollen die Staats- und Regierungschefs der nis zeigt auch: Der Populismus in Europa
lerin weiß, dass sich die gegenwärtige Ruhe Eurozone darüber diskutieren. ist noch lange nicht besiegt.“
in der Eurozone als trügerisch erweisen In seiner Rede zur Lage der Europäi- Luxemburgs Außenminister Jean Assel-
könnte. Spanien könnte durch das Unab- schen Union ist Jean-Claude Juncker kürz- born sagt es ohne Umschweife. Natürlich
hängigkeitsreferendum in Katalonien am lich in Vorleistung getreten. Wenige Tage hat er keinen Zweifel, dass die Demokratie
Sonntag erneut in die Krise gerissen wer- vor der Bundestagswahl legte der Kom- in Deutschland stark genug ist, um mit der
den, und in Italien, dem drittgrößten Euro- missionschef – mit untrüglichem Gespür AfD fertigzuwerden. Trotzdem sei der erst-
land, droht nach der Wahl im Frühjahr eine für Timing – nicht nur nahe, dass Rumänen malige Einzug der Rechtspopulisten in den
Regierung, die mit dem Austritt aus der und Bulgaren sofort in den grenzenfreien Bundestag für Europa eine Zäsur: „Für
Währungsunion liebäugelt (siehe Seite 94). Schengenraum eintreten sollen, eine Steil- einen Europäer ist es beklemmend und
Um Macron entgegenzukommen, ist ein vorlage für die AfD auf den letzten Metern erschreckend“, so Asselborn, „dass über
Weg denkbar, den der Bundesfinanzminis- im Wahlkampf. Vor allem reklamierte Jun- 70 Jahre nach Kriegsende Neonazis im
ter ins Gespräch gebracht hat. Schäuble cker auch gleich Macrons Eurofinanz- Deutschen Bundestag sitzen.“ Peter Müller

DER SPIEGEL 2017 45


Titel

Was sagen Sie zur Wahl?


Stimmen Martin Walser sieht Deutschland im Glück. Juli Zeh möchte nur noch mit dem Kopf gegen
die Wand rennen. Tom Enders hofft auf die Jamaikakoalition. 24 Meinungen von Prominenten.

„Im Parlament,
nicht auf der Straße“
Oliver Bäte, 52, Vorstandsvorsitzender
der Allianz

„Die deutsche Wählerschaft hat sich


für eine größere Vielfalt im Bundes-
tag entschieden. Auch wenn ein
Sechs- bzw. Sieben-Parteien-Parla-
ment nicht bequem sein mag: Es tut
hoffentlich unserer Demokratie gut,
wenn im Parlament und weniger auf
der Straße um den besten Weg gerun-
gen wird. Die Bürgerinnen und Bür-
ger haben auch dafür gesorgt, dass
unter Führung von Frau Merkel eine
neue Regierungskoalition Deutsch-
land und Europa beherzt nach vorne
bringen kann. Das ist eine willkom-
mene Chance, die Zukunft mit neuer
Kraft zu gestalten. Bürger und Wirt-
schaft erwarten mutige Entscheidun-
gen, damit die Dynamik in Deutsch-
land nicht erlahmt.
Mehr noch, ich wünsche mir eine
neue Aufbruchstimmung, die Chancen
der gegenwärtigen weltwirtschaftli-
chen Entwicklungen zur Stärkung von
Standort und Wohlergehen seiner
Bürger nutzt. Die Stichworte dazu
sind Digitalisierung, Bildung, Alters-
vorsorge und alles, was nachhaltiges
Wirtschaftswachstum fördert.“

„Die dummen Widersacher


THOMAS KOEHLER / PHOTOTHEK

des Systems sind drin. Der


Nationalzynismus trium-
phiert. Die Schlechten
einer schlechten Genera-
„Mutiger, ehrgeiziger“ tion, vereint im Fremden-
Zanny Minton Beddoes, 50, Chefredakteurin abwehrverein AfD, blasen
des „Economist“
zur Jagd. Schön wär’s,
„Dass Angela Merkel in dieser Wahl verhältnismäßig schlecht abgeschnitten hat,
darf sie nicht daran hindern, sich weiter durchzusetzen. Sie muss eine möglichst
wenn man sie jagte. Guten
stabile Jamaikakoalition bilden, die bereit ist, das Land mutiger als die scheidende Kater, Deutschland!“
Große Koalition auf die Zukunft vorzubereiten und gemeinsam mit Emmanuel
Macron die Zukunft Europas ehrgeiziger zu gestalten.“ Feridun Zaimoglu, 52, Schriftsteller

46 DER SPIEGEL 2017


WAHL 2017

Das revolutionäre Ausmaß dieser Ver- zutage treten. Die zwei Hauptziele: Es
„Revolutionäre änderung wird gemildert durch die Tat- gilt eine Wirtschafts- und Finanzunion
Veränderung“ sache, dass Angela Merkel ein viertes
Mal den Auftrag zur Regierungsbildung
zu schaffen, die als Synonym für Wohl-
stand und nicht für Krise verstanden
Enrico Letta, 51, ehemaliger erhält. Das immerhin bewahrt Europa wird. Und: an einem Europa zu arbei-
Ministerpräsident Italiens (bis 2014) und Deutschland vor Abenteuern und ten, das seinen Bürgern zur Seite steht
zerstörerischen Irrwegen – genauso wie bei Schlüsselthemen wie Terrorismus,
„Deutschland war das letzte große euro- der Sieg von Emmanuel Macron über Verteidigung und beim Umgang mit
päische Land, in dem das politische Sys- Marine Le Pen im Mai. dem außerordentlich großen Zustrom
tem der Krise widerstanden hat. Seit Aber dieser Trost sollte uns nicht ge- von Zuwanderern.
heute ist es damit vorbei. Die Auswir- nügen. So wie es nicht reicht, sich damit Angela Merkel ist eine herausragende
kungen der Wirtschafts- und Finanzkrise zufriedenzugeben, dass Le Pen nicht europäische Führungspersönlichkeit.
der letzten Jahre auf die Politik scheinen Präsidentin wurde, so wenig genügt es, Die Legitimation, die sie nun vom
nun auch in Berlin angekommen zu sein. sich darüber zu freuen, dass die AfD deutschen Wähler erhalten hat, gibt ihr
Das erschreckend hohe zweistellige Er- nur auf Rang drei gelandet ist und noch das Mandat, an einem einzigartigen
gebnis der AfD verändert die politische nicht regiert. Im Kern geht es nun da- Projekt weiterzuarbeiten: am Ziel, den
Balance in Deutschland und schafft ein rum, dass Europa sich vom Status quo Stillstand des vereinten Europa zu
System aus drei politischen Lagern, so lossagen und eine Zeit des Wandels ein- verhindern und Antworten zu geben
wie es in den vergangenen Jahren be- leiten muss, um Tatsachen zu schaffen auf die massiven Bedrohungen, die den
reits in Frankreich, Großbritannien, Spa- angesichts der Spannungen, die bei den Kontinent von außen wie von innen
nien und Italien geschehen ist. Wählern in ganz Europa offenkundig erschüttern.“

Herausforderungen der Digitalisierung


„Den sozialen Heraus- und dem steigenden Wettbewerbs- und
forderungen stellen“ Leistungsdruck in der Arbeitswelt tat-
sächlich stellen. Glaubt man Parteitags-
Michael Vassiliadis, 53, Vorsitzender und Wahlkampfäußerungen, dann ist
der IG BCE das bei einer Regierung mit FDP und
Grünen zumindest unklar. Erschreckend
„Nach diesem Wahlergebnis steht ist, dass es den Rechtspopulisten mit ei-
Deutschland vor der schwierigsten Re- ner Politik der aggressiven Spaltung der
gierungsbildung seit Langem. Für die Gesellschaft gelungen ist, aus diffusen
SPD hat sich das Ringen um Kompro- Ängsten in einem Teil der Bevölkerung
misse bei wichtigen sozialen Themen Kapital zu schlagen. In den kommenden
dieser Gesellschaft in einem rauen poli- vier Jahren stehen die Demokraten des-
tischen Umfeld trotz Erfolgen nicht aus- halb in der Pflicht, der AfD mit Kompe-
gezahlt. Die Arbeitnehmerinnen und tenz, Know-how und klarer Kante zu
Arbeitnehmer sind jedoch darauf ange- begegnen und die Wähler für das zu-
wiesen, dass in der Bundesregierung rückzugewinnen, was unser Land aus-

CHRISTINA KRATSCH / POP-EYE


Parteien wirken, die sich den sozialen zeichnet: Miteinander und Solidarität!“

„Nicht die Köpfe


blutig kratzen!!!“
Martin Walser, 90, Schriftsteller „Der AfD den Marsch
„Wir haben wieder einmal Glück blasen“
gehabt! Da ich immer Personen
wähle und nie Parteien, bin ich ganz Thomas Gottschalk, 67,
zufrieden. Die zwei Personen, die Fernsehmoderator
ich gewählt habe, sind drin: Angela
Merkel und Christian Lindner (der „Ich zolle der SPD hohen Respekt für
Bundeskanzler 2025)! Die traurigste die Entscheidung, in die Opposition
Nachricht des Tages: Die AfD kommt zu gehen. Ich glaube, das war richtig.
im Osten auf über 20 Prozent!! Jetzt Jamaika halte ich für eine Chance,
müssen wir uns nicht die Köpfe blu- die politische Verkrustung aufzubre-
SLAVICA / DER SPIEGEL

tig kratzen, sondern diese Spätfolge chen, die wir alle beklagt haben.
der deutschen Teilung ernst neh- Jetzt sollen Lindner und Özdemir
men!!! Mehr wirkliche Gleichheit mal beweisen, dass sie Demokraten
zwischen Ost und West, und die AfD sind – und der AfD gemeinsam den
schwindet!!“ Marsch blasen.“

DER SPIEGEL 2017 47


WAHL 2017

„Ich bin angeekelt“


Tom Segev, 72, Historiker, Jerusalem

„Meine erste Reaktion auf dieses


Wahlergebnis ist: Ekel. Die Alternati-
ve für Deutschland wird in den Bun-
destag einziehen. Wir sprechen hier
über Leute, die die Erfolge von Hitler
anerkannt sehen wollen, die salon-
fähig machen wollen, was früher nur
auf Toilettenwände geschmiert wurde
oder in den anonymen Foren im
Internet stattfindet. Dennoch muss ich
sagen: Ich bin angeekelt, aber nicht
alarmiert. Ich glaube, der demo-
kratische Geist der Deutschen ist
stark. Ich hätte Merkel gewählt. Ich
glaube, sie ist gut für Deutschland ge-
wesen. Ihre Entscheidung in der

ANDREA ARTZ
Flüchtlingsfrage war nobel und mutig.
Dennoch bezahlt Merkel nun dafür.
Ihre Partei hat an Stimmen verloren.
Dennoch bin ich froh, dass sie weiter-
Auswirkungen werden am stärksten in hin deutsche Kanzlerin sein wird.
„Deutschland ist nicht so Deutschland selbst zu spüren sein. Dut- Nur eines bedauere ich: dass sie die
außergewöhnlich“ zende Rechtsaußen-Politiker werden
nun eine viel lautere Stimme in der Poli-
Politik unserer Netanyahu-Regierung
unterstützt und die Unterdrückung
Anne Applebaum, 53, Historikerin und tik und in den Medien haben. Aber es des palästinensischen Volkes damit
Russlandexpertin wird auch einen Widerhall im Ausland mitträgt.“
geben. In den unvermeidlichen, künfti-
„Vielleicht ist das eine nützliche Dosis gen Auseinandersetzungen mit US-Prä-
Realismus: Wie sich zeigt, ist Deutsch- sident Trump kann Merkel Deutschland
land doch nicht so außergewöhnlich – nicht länger als moralischen Gegensatz
und auch Angela Merkel ist es nicht. Si- zu den USA hochhalten. In Verhandlun- „Traurig, aber seit Sonntag
cher, sie wird Kanzlerin bleiben, und sie
wird eine zentralisierende, stabilisieren-
gen mit Frankreich und Südeuropa wird
die Notwendigkeit einer breiter aufge-
leider wahr: Die AfD
de Kraft in der westlichen Allianz blei- stellten Koalition sie zwingen, sich ein zieht in den Bundestag –
ben. Doch wie in den Niederlanden, in wenig zurückzuhalten.
Österreich, Frankreich, Polen, Italien, Sogar die Konfrontation mit Russland eine bittere Pille, aber
Skandinavien – und im Grunde fast könnte sich auf subtile Weise verändern:
überall sonst – werden die nationalisti- Die AfD wurde stark von russischen gleichzeitig auch eine
schen, einwanderungsfeindlichen
Rechtsaußen im deutschen Parlament
Stimmen in den sozialen Medien unter-
stützt, und Russland nimmt sie klar als
Herausforderung für unse-
stark vertreten sein. prorussische Partei wahr. Merkel hat ih- re offene Gesellschaft.“
Deutschland ist der populistischen ren Job zurückgewonnen, aber er ist ge-
Welle am Ende nicht entgangen. Die rade sehr viel schwieriger geworden.“ Carolin Kebekus, 37, Komikerin

messene Antwort auf diese Wahl. Die


„Differenzen sind neue Regierung sollte Bildung und For-
überbrückbar“ schung, die Digitalisierung und Globali-
sierung der Wirtschaft, die Energie- und
Clemens Fuest, 49, Chef des Ifo-Instituts Klimapolitik und die europäische Inte-
gration in den Mittelpunkt stellen. Die
„Das Wahlergebnis zeigt, dass Einkom- FDP hat sich klar gegen eine Transfer-
mensungleichheit oder mangelnde Ge- union in der Eurozone ausgesprochen,
rechtigkeit von der Bevölkerung nicht die Grünen eher dafür. Diese Differen-
als Hauptprobleme der deutschen Poli- zen in der Wirtschaftspolitik sind aber
tik angesehen werden. Probleme wie überbrückbar.
die Innere Sicherheit und Immigration Klar ist auch, dass die etablierten Par-
DAVID KLAMMER / LAIF

und die Sicherung des wirtschaftlichen teien mehr über die Lösung der anste-
Wohlstands waren offenbar wichtiger. henden Herausforderungen und weni-
Eine Jamaikakoalition wäre die ange- ger über die AfD reden sollten.“

48 DER SPIEGEL 2017


Titel

„Es wird ernst“


Najem Wali, 60, ist Schriftsteller
und lebt in Berlin

„Leichte Panik ist ausgebrochen. Jetzt


wird es ernst, keiner kann mehr sagen,
er habe nichts gewusst. Die AfD ist
über 13 Prozent, wir brauchen nun
keine Prognosen mehr, keine Statisti-
ken, keine Umfragen. Das ist die Rea-
lität: Über 13 Prozent der deutschen
Wähler haben Rassisten, Hasspredi-
gern und Nationalisten ihre Stimme
gegeben. Angeblich will die AfD eine
starke Opposition sein. Meine ganze
Hoffnung liegt darin, dass es SPD und
Linke sind, die ihre Aufgabe als Oppo-
sition wahrnehmen und die Regierung
kontrollieren werden. In vier Jahren
wird sich dann zeigen, ob das mit der
AfD nur eine Episode gewesen ist
oder sich als deutsche Wirklichkeit
manifestieren wird.“

„Ignorieren war
ein Fehler“
Aiman Mazyek, 48, Vorstands-
vorsitzender des Zentralrats der
Muslime in Deutschland

„Die AfD hat das politische Klima


schon verändert, nun ist sie dabei, es
entscheidend zu vergiften. Ihr Einzug
ULLSTEIN BILD

in den Bundestag ist eine Zäsur. Ich


fürchte mich nicht vor einer Auseinan-
dersetzung, wenn wir uns nicht erneut
der Dramaturgie und dem Diskurs die-
ser Rassisten und Nationalisten unter- „In der Sackgasse des Merkels Handschlag in der Moskauer Re-
werfen. Albert Einstein hat gesagt: sidenz des deutschen Botschafters hat
,Die Welt ist viel zu gefährlich, um da- Nationalismus“ sich mir besonders eingeprägt: Sie hat
rin zu leben – nicht wegen der Men- eine erstaunlich warme und wohlwollen-
schen, die Böses tun, sondern wegen Wiktor Jerofejew, 70, russischer de Hand, die einem sogleich Vertrauen
der Menschen, die danebenstehen und Schriftsteller einflößt. Ich wünschte mir, dieses Ver-
sie gewähren lassen.‘ Man muss leider trauen würde zum Mittelpunkt der deut-
eingestehen, dass die Entzauberung „Mit dieser Wahl hat Deutschland seine schen Politik. Ich kann mir nicht vorstel-
der Rechtextremisten und Populisten politische Unschuld verloren. Die rechts- len, dass Deutschland vom Weg ab-
nicht gelungen ist. Die AfD ist auf die extreme Alternative für Deutschland, die kommt, dass es Freiheiten abschafft und
Zerstörung unserer liberalen Demo- in Gestalt von Alexander Gauland Wehr- jenes vereinte Europa zerstört, das die
kratie aus. Viele glauben das immer machtsverbrechen rechtfertigt und das Zukunft des Kontinents garantiert. Aber
noch nicht so recht. Sie verharmlosen Putin-Regime nicht nur versteht, son- man darf nicht vergessen, dass die Polit-
die Partei. Im Zuge der Auseinander- dern gut Freund mit ihm ist, hat eine rowdies von rechtsaußen mit ihrer Dreis-
setzung mit der AfD im vergangenen Bresche in die deutsche Demokratie ge- tigkeit gute Erfahrungen gemacht haben.
Jahr habe ich mit dem Satz ,Ignorie- schlagen. Die Dummheit hat gesiegt: Sie wissen, wie man anderen seine Agen-
ren statt kopieren‘ an die demokrati- Man meint, die Lösung für Deutschlands da aufzwingt.
schen Parteien appelliert. Heute sage Probleme in der Sackgasse des Nationa- Die deutsche Demokratie muss wie-
ich, dass die Strategie Ignorieren ein lismus gefunden zu haben. Dabei führt der lernen, sich zur Wehr zu setzen,
Fehler war. Wir sollten die volle Auf- jeder Nationalismus in die Isolation und muss Mut fassen, ihre Interessen zu ver-
merksamkeit in Form von Auseinan- zum Verlust menschlicher Werte. Immer- teidigen. Andernfalls wird das Land
dersetzung nicht scheuen und sie im hin, Deutschland hat wieder seine Ange- durchgerüttelt und durchgeschüttelt wie
Sinne der Verteidigung der Freiheit la Merkel. Ich habe vielen Politikern und in einer alten Straßenbahn, die durch
mit Mut und Klarheit führen.“ Künstlern die Hand geschüttelt, aber die nächtliche Stadt fährt.“

DER SPIEGEL 2017 49


Titel

„Jetzt ein
Innovationspaket“
Werner Baumann,
54, Vorstandsvorsitzender Bayer AG

„Ich wünsche mir, dass die Politik sich


nach zügiger Regierungsbildung
schnell wieder den Sachthemen wid-
met, die unser Land voranbringen.
Deutschland muss wieder führend
in so wichtigen Innovationsfeldern
wie Biotechnologie, Digitalisierung,
Automatisierung und Gesundheit wer-
den. Deshalb sollte die neue Bundes-
regierung jetzt ein Innovationspaket
schnüren. Dazu zählt vor allem auch
ein Innovationscheck, mit dem neue
Gesetze auf ihre Folgen für die Inno-
vationsfähigkeit der Wirtschaft über-
prüft werden. Außerdem darf die
Beurteilung und Zulassung neuer Pro-
dukte und Technologien nicht mehr

ROBERT JAEGER / PICTURE ALLIANCE / APA


politisiert werden, sondern ausschließ-
lich auf der Basis wissenschaftlicher
Erkenntnisse erfolgen.“

„Ich bin sehr froh, dass


eine Partei, die Flüchtlinge
„Man muss Angela Merkel wie viel Prozent die AfD erreicht hätte, willkommen heißt, diese
wäre sie nicht noch einmal angetreten.
dankbar sein“ Dass sie trotz ihrer couragierten, anstän- Wahl in Europa gewinnt.
digen Haltung in der Flüchtlingskrise
Daniel Kehlmann, 42, Schriftsteller noch einmal Wahlen gewinnt, hätte man
Herzlichen Glückwunsch,
ja vor einem Jahr kaum für möglich ge- Frau Merkel!“
„Jetzt werden also wirklich wieder halten, aber sie hat gewonnen, sie wird
Rechtsradikale im Bundestag sitzen. weiter international als verkörperte An- Orhan Pamuk, 65, türkischer
Man muss den Schock darüber erst ein- tithese zu Donald Trump dastehen, und Nobelpreisträger für Literatur
mal überwinden. Zugleich muss man das ist immerhin etwas. Wir leben in
Angela Merkel aufrichtig dankbar sein, dunklen Zeiten, aber diese Wahl hätte
denn man wagt kaum sich vorzustellen, noch schlimmer ausgehen können.“

„Besser für Polen“ „Legitimiert, normalisiert“


Ryszard Czarnecki, 54, PiS-Abgeordneter Theresia Enzensberger, 30,
im Europaparlament Schriftstellerin

„Merkel ist besser für Deutschland – „Muss eine Demokratie das aushalten
und besser für Polen. Sie redet nicht können? Es bleibt zu hoffen, dass über
im Tonfall eines Richters oder An- die allgemeinen Bemühungen, ‚mit-
klägers über unser Land wie Martin einander zu reden‘, die in den nächs-
Schulz. Das Projekt Europa betrachtet ten Monaten ja wahrscheinlich noch
sie mit gesundem Menschenverstand zunehmen werden, nicht vergessen
und weniger ideologisch als Schulz. wird, wie dramatisch es ist, dass heute
CHARLOTTE SCHMITZ

Sicher ist: Polen und Deutschland die rechtsradikalen Positionen der


sind zur Zusammenarbeit verurteilt, AfD durch ihren Einzug in den Bun-
egal wer in Berlin regiert oder in destag legitimiert und normalisiert
Warschau.“ wurden.“

50 DER SPIEGEL 2017


WAHL 2017

„Den Gegenbeweis „In der Opposition „Unehrliche


antreten“ regenerieren“ Türkeipolitik“
Tom Enders, 58, Dirk Roßmann, 71, Eigentümer Aykut Küçükkaya, 44,
Vorstandsvorsitzender Airbus der Drogeriekette Rossmann kommissarischer Chefredakteur
der Tageszeitung „Cumhuriyet“
„Den deutschen Wahlkampf hat der „Ich rechne mit Jamaika. Die Zu-
britische ‚Economist‘ mit der For- sammenarbeit zwischen CDU, CSU, „Ich kann mich nicht daran erinnern,
mulierung ‚Deutschland döst‘ um- FDP und Grünen wird besser funk- dass die Türkei jemals so sehr Teil
schrieben. Eine Jamaikakoalition tionieren, als viele befürchten. Die des Wahlkampfs in Deutschland war
sollte zügig den Gegenbeweis an- SPD kann sich in der Opposition rege- wie in diesem Jahr. Daran hat vor
treten, und zeigen, dass sie reform- nerieren. Das Ergebnis der AfD ist allem Erdoğan mit seiner Polemik ge-
freudig, tatkräftig und wirtschafts- eine große Herausforderung für die gen Europa seinen Anteil. Ich glaube
freundlich handelt.“ etablierten Parteien.“ aber auch, dass viele Wähler Merkels
Türkeipolitik für unehrlich halten.
Einerseits macht Merkel Front gegen
einen EU-Beitritt der Türkei, anderer-
seits ist sie während der Flüchtlings-
krise ständig nach Ankara gereist und
hat Erdoğan umgarnt. Ich wünsche
mir, dass sich die neue Bundesregie-
rung stärker als bisher der Demokra-
tie in der Türkei verpflichtet fühlt.“

„Niederschmetternde
Kraft“
Juli Zeh, 43, Autorin

„Eine Frage bringt mich zum Brechen:


Wie gut muss es einem Land eigent-
ALAIN JOCARD / AFP

lich noch gehen, wie viel mehr


Freiheit und Sicherheit und Wohl-
stand und Demokratie und Bildung
und Zivilisiertheit muss man noch
erreichen, damit Menschen sich nicht
gebracht, aber dank der Jahre in der mehr von fremdenfeindlichen Sze-
„Was ist los mit Großen Koalition steckt sie in einem narien aufhetzen lassen? An einem
der Sozialdemokratie?“ Dilemma und muss sich nun fragen, was
und wohin sie eigentlich will.
Tag wie heute will man nur noch mit
dem Kopf gegen die Wand rennen.
Jean-Marc Ayrault, 67, französischer Abgesehen von der spezifisch deut- Das Gefühl der Vergeblichkeit aller
Premierminister unter Präsident schen Situation muss man sich nach die- redlichen Bemühungen erreicht nie-
François Hollande ser Wahl aber auch schlicht fragen, was derschmetternde Kraft.“
eigentlich los ist mit der Sozialdemokra-
„Es ist beunruhigend, dass die extreme tie? Es geht ihr ja nicht nur in Deutsch-
Rechte jetzt auch im Deutschen Bundes- land schlecht, sondern in so vielen ande-
tag vertreten ist – man könnte sagen: ren europäischen Ländern auch.
Nun wird es ernst, auch in Deutschland, Und nun, da die beiden wichtigen
das bisher ja zumindest auf Bundesebe- Wahlen vorbei sind, die Präsident-
ne von Rechtspopulisten im Parlament schaftswahl in Frankreich und diese Bun-
verschont geblieben ist. In Frankreich destagswahl – muss endlich ernsthaft
kennen wir dieses Phänomen seit Lan- über Europa diskutiert werden. Es liegt
gem – durch den Front National. Wie jetzt an Frankreich und an Deutschland,
geht man mit solchen Parteien um, wie Europa trotz aller Hindernisse und Un-
verhindert man, dass deren Gedanken- wegsamkeiten, trotz Brexit, trotz Trump
gut durchsickert und die Gesellschaft wieder voranzubringen – der Moment
insgesamt nach rechts rückt? Diese Fra- dafür ist gekommen. Die wesentlichste
HERMANN BREDEHORST

ge wird jetzt auch die Deutschen umtrei- Frage in den nächsten Jahren aber ist
ben. Für die SPD ist dieses Ergebnis jene zur Zukunft der Demokratie. Wie
mindestens ein sehr undankbares, ei- viel bedeuten uns unsere Grundrechte,
gentlich ist es aber ein ungerechtes Er- unsere Freiheiten, und wie können wir
gebnis. Die SPD hat viel auf den Weg sie beschützen?“

DER SPIEGEL 2017 51


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WAHL 2017

Absolute Beginners
Neulinge Der Bundestag ist der Arbeitsplatz von Berufspolitikern. Doch bei jeder Wahl schicken
die Parteien auch Quereinsteiger ins Parlament – bekannte und unbekannte.

D
ie „Ochsentour“ also, laut Duden:
„langsamer beruflicher Aufstieg,
mühevolle Laufbahn (besonders
eines Politikers)“.
Die meisten von denen, die am Sonntag
als Abgeordnete in den neuen Bundestag
gewählt wurden, haben genau diesen jah-
relangen Weg hinter sich: von den Sitzun-
gen im Ortsverein zum Delegierten des
Bezirksparteitags zum Delegierten des
Landesparteitags. Vom ersten hoffnungs-
losen Platz auf der Landesliste zur todsi-
cheren Kandidatur bei der nächsten oder
übernächsten Bundestagswahl.
Doch jedes Mal, wenn die Macht in der
Republik neu verteilt wird, schicken die
Parteien auch Seiteneinsteiger ins Parla-
ment. Bekannte und unbekannte, die mit
ihren Erfahrungen aus dem normalen Le-
ben einen anderen Politikstil mitbringen
sollen. Menschen mit unterschiedlichen Le-
bensläufen, aber meist einer Gemeinsam-
keit: In den Bundestag sind sie nicht über
den gewöhnlichen Weg gekommen.
Diesmal entsenden Union, Sozialdemo-
kraten und Grüne nicht viele Quereinstei-
ger in den Bundestag. Weil sie weniger
Abgeordnete stellen als in der nun ablau-
fenden Legislaturperiode und weil auf den
vorderen Listenplätzen vor allem Politpro-
fis stehen. Dass es dennoch viele Politik-
neulinge in den Bundestag geschafft haben,
von schillernd bis extrem, liegt vor allem
am Wiedereinzug der FDP und an der Pre-
miere der AfD im Parlament.

Der Manager
Thomas Sattelberger war schon vieles in
seinem Leben: Er war Mitbegründer der
Revolutionären Jugend Deutschlands in
Stuttgart, Mitglied des Kommunistischen
Arbeiterbunds, der ihn in den frühen Sieb-
zigerjahren wegen Abweichlertums aus-
schloss, weil er mit dem kleinbürgerlichen
Autonomen Joschka Fischer befreundet
war.
Die Ausbildung bei Daimler-Benz schloss
er 1975 als Diplom-Betriebswirt ab. Aus
dem Maoisten wurde ein Marktwirtschaft-
ler, einer von denen, die sie in Unterneh-
men „Personaler“ nennen, bei Daimler
FALK HELLER / ARGUM

und der Dasa, Vorstand bei der Lufthansa,


Continental und schließlich der Deut-
schen Telekom.
2012 verabschiedete er sich in den Ruhe-
stand, auch weil er die erschöpfende Rou- Ex-Manager Sattelberger: „Ich bin ein Machtmensch“
tine in den Großkonzernen satthatte. Was
54 DER SPIEGEL 2017
Titel

bei ihm heißt, dass er sein Pensum auf eine Ruhm? Sattelberger war eine der be- gehend aus eigener Kasse finanziert. Wa-
60-Stunden-Woche reduzierte. Schon am kanntesten deutschen Manager-Marken, rum also?
nächsten Tag hielt er wieder seinen ersten in der Telekom hat er als Personalvor- Vor drei Jahren, sagt Sattelberger, habe
Vortrag. Er engagierte sich bei rund einem stand im ersten Dax-Konzern überhaupt er gespürt, dass da noch etwas gehe. Dass
Dutzend Stiftungen, Beiräten, Initiativen. eine Frauenquote von 30 Prozent für alle die Energie noch da sei. „Ich bin ein
Warum tut sich so jemand mit 68 Jahren Führungspositionen durchgeboxt. Geld? Machtmensch, und ich will noch etwas
jetzt eine weitere Karriere an, als Bundes- Darum muss er sich keine Sorgen mehr bewegen.“
tagsabgeordneter der FDP? machen, seinen Wahlkampf hat er weit- Also suchte er sich eine Partei, die ihm
nahestehen könnte, und fand die FDP.
„Die Partei war damals ein Sanierungsfall“,
sagt Sattelberger, „und ich bin ein Spezia-
list für Sanierungsfälle.“ Er schrieb Partei-
chef Christian Lindner Ende 2014, als die
Partei noch am Boden lag, eine SMS, dass
er helfen wolle. Nach Lindners Antwort
trat er in die FDP ein.
Den sicheren Listenplatz in Bayern be-
kam er nicht geschenkt, er musste ihn als
Quereinsteiger erkämpfen. Er durchlief die
Ochsentour im Zeitraffer, in fast drei
Monaten besuchte er knapp 60 der 90
Kreisverbände in Bayern, um für sich zu
werben.
Nun hat er einen Achtjahresplan, für
zwei Legislaturperioden will er im Bun-
destag bleiben, genug Zeit also, um Ein-
fluss zu gewinnen. Drei mögliche Themen-
felder hat er für sich identifiziert, Gebiete
auf denen sich der Ex-Manager auskennt:
„An erster Stelle Arbeit und Soziales, dann
Bildung, Innovation und Forschung und
schließlich, am luftigsten, die Wirtschafts-
politik.“ Seiner Partei empfiehlt er, nicht
um jeden Preis nach der Macht zu greifen.
Es fehle nicht an geeigneten Kandidaten
für Ministerposten, aber möglicherweise
an Erfahrung.
Für sich selbst wird der Ex-Manager erst
einmal nicht den Finger heben, sondern
den Politikbetrieb kennenlernen. „Ich bin
zwar kein Lehrling, aber nur Geselle.“
Doch Sattelberger gilt als Arbeitstier. Sei-
nen Ehrgeiz und Durchsetzungswillen hat
er nie versteckt. „Ich gehe nicht in den
Bundestag, um Hinterbänkler zu werden“,
sagt Sattelberger.

Der Olympiasieger
Jens Lehmanns Büro hängt voll von Er-
innerungen an damals: Bilder aus Sydney,
wo er mit dem Bahnradvierer die olympi-
sche Goldmedaille gewann und von den
Weltmeisterschaften, von denen er sechs
Titel mit nach Hause brachte. Auch Nie-
derlagen werden nicht versteckt: Eine Ur-
kunde dokumentiert einen undankbaren
4. Platz bei der Grillmeisterschaft der Jun-
gen Union.
SVEN DÖRING / DER SPIEGEL

Auf das Rad steigt Lehmann kaum noch.


Er läuft lieber, jeden morgen zehn Kilo-
meter. Er ist mit seinen 49 Jahren immer
noch durchtrainiert, man sieht ihm den
ehemaligen Leistungssportler an. Seine
Karriere hat er 2005 beendet, als einer der
Olympiasieger Lehmann: „Das macht einen als Abgeordneten freier“ erfolgreichsten Radfahrer, die Deutschland
hatte. Jetzt sitzt der Olympiasieger im Bun-
DER SPIEGEL 2017 55
WAHL 2017
MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL

ULLSTEIN BILD
Politikquereinsteiger Boehringer, Domscheit-Berg: Von schillernd bis extrem

destag. Parteifreunde hatten ihm geraten, Ist Lehmann Anhänger von Angela Die Netzaktivistin
auf den Wahlfotos nicht den Sportler he- Merkel? Das Wort Anhänger geht ihm zu Die Linke hat schon öfter mit Seitenein-
rauszustellen. Das wirke nicht seriös ge- weit. Er fand nicht alles richtig, was die steigern experimentiert. Die Partei schick-
nug. Deshalb lächelte Lehmann im tauben- Kanzlerin in der Flüchtlingskrise gemacht te mal eine Hartz-IV-Bezieherin in den
blauen Anzug mit Krawatte von den Pla- hat. Andererseits sieht er niemanden, der Bundestag und stellte den Leipziger Schau-
katen herunter. Er sah darauf zehn Jahre es besser gemacht hätte. Er unterstütze spieler Peter Sodann als Präsidentschafts-
älter aus als im wirklichen Leben. Merkel, sagt er, aber er sei kein glühender kandidaten auf.
Aber es gibt keinen Grund, die Karriere Fan. Mit Anke Domscheit-Berg kommt nun
als Sportler zu verschweigen. Sie hat ihm Lehmann ist Nachfolger von Bettina eine parteilose Frau in den Bundestag, die
geholfen. „Ich war im Wahlkampf erstaunt, Kudla. Die CDU-Abgeordnete hatte es zu gern als „Netzaktivistin“ bezeichnet wird.
wie viele mich noch als Radfahrer kann- einiger Prominenz gebracht, als sie den re- Das klingt nach Moderne, Aufbruch, Wi-
ten“, sagt er. Sport soll auch einer der gierungskritischen türkischen Journalisten derstand, digitaler Pionierin. Und das soll
Schwerpunkte seiner Arbeit im Parlament Can Dündar in einem Tweet als „Cansel es auch, weil die Partei die Sorge hat, in-
sein, vor allem der Leistungssport. Dane- Dünnschiss“ bezeichnet hatte. Merkels zwischen als zu etabliert zu gelten.
ben will er sich um die frühkindliche Bil- Flüchtlingspolitik hatte sie mit dem Nazi- Die 1968 in Brandenburg geborene Be-
dung kümmern. begriff „Umvolkung“ kritisiert. Kudla woll- triebswirtin bringt viele Kontakte mit – zu
Seit Ende seiner Sportlerlaufbahn ar- te erneut antreten, aber Lehmann fand, Gewerkschaften, Fraueninitiativen, Künst-
beitet Lehmann als Erzieher in einem sie habe ihre Chance gehabt. lern, Wissenschaftlern. Sie kennt sich aus
Hort. Auf seinem Schreibtisch steht eine Es ist Lehmanns zweite Kandidatur für in Wirtschaft und Arbeitswelt. Bereits 2010
Weihnachtskarte mit einem Foto seiner den Bundestag. 2005 war er schon einmal war sie gern gesehene Expertin im „Netz-
Schützlinge. „Wenn es nicht geklappt angetreten, auf einem scheinbar aussichts- dialog“ von Bundesinnenminister Thomas
hätte, hätte ich gern weitergemacht“, sagt reichen Listenplatz. Das schwache Ab- de Maizière (CDU): Damals war sie im
er. „Ich bin glücklich mit meinem Beruf.“ schneiden der Union machte seine Hoff- Management von Microsoft Deutschland,
Er wolle auch weiterhin ein- bis zweimal nungen damals zunichte. Diesmal habe er nachdem sie zuvor für Unternehmens-
im Monat im Hort arbeiten, um den Kon- sich bewusst nur als Direktkandidat be- beratungen wie Accenture gearbeitet oder
takt zu den Alltagsproblemen nicht zu ver- worben, sagt er. „Das macht einen als Ab- für McKinsey eine Studie über Frauen in
lieren. geordneten freier.“ Führungspositionen verantwortet hatte.
56 DER SPIEGEL 2017
Titel

Parteipolitisch ist sie nie richtig hei- AfD und damit in die Politik getrieben hat.
misch geworden, erst versuchte sie es bei Einer, der gern vom „Bankenmonopolka-
den Grünen, dann bei den Piraten, bei de- pitalismus“ redet. Eines der wichtigsten
nen sie zur Landeschefin in Brandenburg wirtschaftspolitischen Anliegen des 48-Jäh-
aufstieg, diese aber 2014 wieder verließ. rigen ist es, das deutsche Gold „heimzu-
Eine Parteihopperin? Mit Parteipolitik, holen“, um es zur Grundlage einer neuen,
sagt sie, sei sie eigentlich fertig gewesen stabileren deutschen Währung zu machen.
nach den Piraten, die sie mit lautem Tür- An seinen Worten erkennt man aller-
knall verließ. dings auch den enthemmten AfD-Wutbür-
Sie entschleunigte ihr Leben, zog ins be- ger. Anfang vergangenen Jahres schickte
schauliche Fürstenberg, zusammen mit „pb“ über einen Verteiler eine E-Mail an
Kind und Mann, der einst Sprecher der Ent- seine Fangemeinde, in der er vor fünf Mil-
hüllungsplattform WikiLeaks war. Aber lionen neuen „sunnitisch-muslimischen Be-
dann erstarkte die Rechte durch AfD und reicherern“ im Jahr 2016 warnte: „Die Mer-
Pegida, auch in ihrer Heimat Brandenburg. kelnutte jedoch lässt jeden rein, sie schafft
Das, so sagt sie, habe ihr „keine Ruhe ge- das.“ Dumm sei nur, dass es „UNSER
lassen“. In die Partei Die Linke ist sie zwar Volkskörper ist, der hier gewaltsam pene-
nicht eingetreten, aber mit ihrem Eintreten triert wird“.
für „bedingungslosen Pazifismus“ und „ge- Wen der Ton störe, ließ er seine Anhän-
gen einen Überwachungsstaat“ ist sie die ger wissen, solle sein Mailing einfach ab-
ideale Kandidatin für Parteichefin Katja melden. Aber bis zum „Sturz Merkels“ sei
Kipping, die die Partei gern jünger, femini- dies die angemessene Sprache für die Kri-
ner und moderner aufstellen würde. tiker und die einzig „angemessene DROH-
Beide befürworten ein bedingungsloses sprache“ gegenüber der Kanzlerin. Sein
Grundeinkommen, mit dem Kipping sich besonderer Groll gilt Grünen, Linken und
in der Partei aber nie durchsetzen konnte. Einwanderern aus islamischen Ländern.
Nicht zufällig präsentierten sie zusammen Die Idee eines friedlichen Zusammenle-
im Wahlkampf die digitale Agenda der bens von Muslimen und Andersgläubigen
Partei, die der technischen Revolution hält er für eine „multikulturelle Lebenslü-
eine „soziale Revolution“ zur Seite stellen ge“.
will. Peter Boehringer, Kandidat auf Platz 2
Im Parlament will sich Domscheit-Berg der bayerischen AfD-Landesliste, spiegelt
nicht auf die Rolle als „Fachfrau fürs Digi- in seiner Person die Zusammensetzung der
tale“ festlegen lassen. Sie ist auf Podien AfD-Truppe von Neulingen im Parlament
und in Talkshows gern gesehen, nicht nur, wider. Zum einen ist er eines der wenigen
wenn es um Geschlechtergerechtigkeit profilierten Parteimitglieder, die noch das
geht. In der Aufschreidebatte über Sexis- ursprüngliche AfD-Gründungsthema Euro
mus in der Politik spielte sie eine tragende bedienen. Zum anderen steht er für die is-
Rolle, der Berliner Senat verlieh ihr bereits lamfeindliche, nationalistische bis rechts-
2010 seinen Frauenpreis. radikale Gesinnung von Teilen der neuen
Sie weiß, wie man sich Gehör verschafft, AfD nach Bernd Lucke.
künftig auch im Bundestag. Sie ist für Ein Gespräch mit dem verheirateten Fa-
Transparenz bei Daten, die Verwaltungen milienvater zu führen, ist für Journalisten
und Regierungen sammeln. WikiLeaks im nicht leicht – Boehringer gehört zu der Ka-
Parlament? Oder gar im Geheimdienst- tegorie von AfD-Politikern, die aus ihrem
ausschuss? Das dürfte für Diskussionen Misstrauen gegen die „islamophilen Lü-
sorgen. genmedien“ keinen Hehl machen. Ein Hin-
Für die Debattenkultur im Parlament ist weis ist ihm besonders wichtig: Er verbrei-
sie in jedem Fall eine Bereicherung. Und te niemals Verschwörungstheorien – „alles
sie selbst freut sich auch darauf, dass sie ist faktisch nachprüfbar“.
in Debatten parallel einem ihrer Lieblings- Weil es in der AfD ziemlich viele Fach-
hobbys wird frönen können: stricken. leute für Islamkritik und Ausländerkrimi-
nalität gibt, Finanzexperten dagegen dünn
gesät sind, dürfte Boehringer gute Chan-
Der Eurogegner cen auf den Posten als haushalts- und fi-
Wenn man den AfD-Abgeordneten Peter nanzpolitischer Sprecher der Bundestags-
Boehringer ganz „nüchtern und objektiv“ fraktion haben. Falls die AfD drittstärkste
betrachtet, so wie er es von Journalisten Kraft wird, könnte er sogar Vorsitzender
einfordert, dann gehört er zum gemäßigten des Haushaltsausschusses werden.
Wirtschaftsflügel seiner Partei. Ein Mann Mehrere Finanzpolitiker, so die „Bild“-
vom Fach: Diplom-Kaufmann, Ex-Mana- Zeitung, wollten aber verhindern, dass der
ger, dann Chef der eigenen Firma PBVV Rechtspopulist auf diesen einflussreichen
Vermögensberatung und außerdem seit Posten gelange. Für Boehringer ist ange-
etwa 20 Jahren Autor von Büchern und sichts solcher Gedankenspiele klar: „Die
Beiträgen zu geldpolitischen Themen. Bananenrepublik D-EU-tschland lebt.“
Boehringer gehört zu denen, die die Melanie Amann, Markus Deggerich,
Angst vor dem „Zwangsgeld“ Euro in die Markus Dettmer, Horand Knaup, Ralf Neukirch

DER SPIEGEL 2017 57


Titel

Der Firlefanz
Parteien Darf sich nach dem eher traurigen Wahlsieg Angela Merkels ihr Werber
Jean-Remy von Matt als Sieger fühlen? Von Marc Hujer

W
enn Jean-Remy von Matt in die- dritten Weg gegeben hätte. Warum hat sei- zu schicken, ein Update der politischen
sen Tagen seinen vollen Namen ne Kampagne nicht funktioniert? Lage. Sie enthielt:
googelt, wenn er also „jean-remy Politiker waren für Matt bislang eher Erstens: den Artikel des Tages.
von matt“ in seinen Laptop tippt, ordnet dazu geeignet, um sich über sie lustig zu Zweitens: das Zitat des Tages.
ihm Google vier Wörter zu, die Nutzer im machen, vor allem in Anzeigen, die er für Drittens: den Cartoon des Tages.
Netz aktuell mit seinem Namen verbinden. den Autovermieter Sixt gestaltete. „Sixt Viertens: den Witz des Tages.
Er findet, das sei ein interessantes Experi- verleast auch Autos für Mitarbeiter in der Und schließlich noch den Ort, an dem
ment. Auf seinem Bildschirm steht dann: Probezeit“ textete er etwa, nachdem Os- sich Angela Merkel aufhielt.
kar Lafontaine Gerhard Schröders Kabi- Für einen, der sich eigentlich nicht für
jean-remy von matt wohnung nett verlassen hatte. Auch Merkels Porträt Politik interessiert, weiß Matt inzwischen
jean-remy von matt ehefrau nutzte er, in einer Anzeige für das Mieten sehr viel über Politik. Er liest Interviews,
jean-remy von matt haus von Cabriolets. Er zeigte sie mit einer er hat sogar das Fernsehduell bis zum
jean-remy von matt vermögen Sturmfrisur, darunter setzte er die Zeile: Schluss geschaut, was er sich niemals zu-
„Mieten Sie sich ein Cabrio.“ gemutet hätte, wenn er nicht Merkels
Wenn man die vier Wörter liest, die da Nun aber sollte alles ganz anders wer- oberster Werber gewesen wäre.
untereinander stehen: Wohnung, Ehefrau, den. Erstmals ging es für Matt nicht um Merkel hat ihn einmal pro Woche für
Haus und Vermögen, sind das Wörter, die das coolste Auto, die knappste Unterhose, eine gute Stunde empfangen, er nennt es
ihm eigentlich gefallen könnten, weil sie, das billigste Handynetz, auch nicht um die seinen „Jour fixe“ mit der Kanzlerin. Das
aneinandergereiht, wie die berühmte Spar- beste Zeile für Ricola-Hustenbonbons, son- ist mehr, als er erwartet hatte. So zuvor-
kassenwerbung klingen, die seine Agentur dern um etwas viel Größeres: die Bundes- kommend wird er nicht einmal bei vielen
einmal geschrieben hat: „Mein Haus. Mein kanzlerin, Deutschland, die Demokratie. Großkunden behandelt, wo er sich lange
Auto. Mein Boot.“ Aber sie gefallen ihm Merkels Sieg sollte auch sein Sieg werden. mit untergeordneten Marketingleitern he-
nicht. Nicht „Haus“ will er da lesen. Nicht Als er vor einem Jahr bei Angela Merkel rumschlagen muss, Bürokraten in Streifen-
„Vermögen“. Er schaut einen mit seinem zum Pitch erschien, sah es gar nicht gut hemden, die selten einen Sinn für seine
ewig verzagten Blick an. „Schrecklich“, für die Kanzlerin aus. Die AfD hatte bei geliebten Alliterationen haben. Sie schlei-
sagt er. Er will nicht wie seine eigene Spar- der Landtagswahl in Mecklenburg-Vor- fen seine Ideen ab, bevor er endlich zum
kassenwerbung in Erinnerung bleiben. pommern beängstigend gut abgeschnitten, ersten Mal mit dem Vorstandsvorsitzenden
Genial, aber banal. und erstmals seit elf Jahren schien ein reden kann. Bei Merkel sei das anders:
Im vergangenen Jahr hat sich Jean- Land ohne eine Kanzlerin Merkel möglich. Merkel ist interessiert. Merkel fragt. Mer-
Remy von Matt bei Angela Merkel bewor- Als er den Zuschlag bekam, begann er kel hört zu. Merkel erinnert sich. Merkel
ben, um ihre Wahlkampfwerbung für die zu lesen. Er kaufte sich das Buch „Höllen- entscheidet. Merkel ist schlagfertig. Merkel
Bundestagswahl zu gestalten. Es war ein ritt“ des SPD-Werbers Frank Stauss, ein ist toll. Er klingt dabei fast wieder wie bei
überraschender Schritt. Dass ausgerechnet Buch über Wahlkämpfer und Wahlkämp- seiner Sparkassenwerbung. „Mein Haus.
er, einer der größten, ja vielleicht sogar fe, und fand es so spannend, dass er jedem Mein Auto. Meine Kanzlerin.“
der berühmteste Werber in Deutschland Mitarbeiter auch ein Exemplar davon Er wollte schon immer mehr als ein Wer-
überhaupt, sich für ein Jahr lang verpflich- schenkte. Er begann, alte Slogans zu stu- ber sein, und wer ihn kennt, weiß, was für
tet hat, Reklame für die CDU zu machen, dieren, deren Geschichte, deren Schöpfer. ein begnadeter Geschichtenerzähler und
hat viele verwundert. Denn für Werber, Obamas „Yes, We Can“ natürlich, François Selbstdarsteller er ist.
die etwas auf sich halten, ist politische Re- Mitterrands „La force tranquille“, zwei, Er erzählt gern von seinem ersten Job
klame eigentlich tabu, zu uncool, zu spie- wie er findet, ganz große Claims. Aber als Texter bei der Agentur BMZ in Düssel-
ßig, zu absehbar, schlimmer als Waschmit- auch Donald Trumps „Make America dorf, Mitte der Siebzigerjahre, als er noch
telwerbung, schlimmer als Werbung für Great Again“, ebenfalls gelungen, wie er 1700 Mark brutto verdiente, seine erste
Körperpflegeprodukte, die man die „bo- findet, und viel besser als Hillary Clintons kleine Heldengeschichte.
ring winners“ der Branche nennt. „Stronger Together“. Und natürlich „Kei- Er sollte einen Claim schreiben für die
Bei Jung von Matt gab es deshalb von ne Experimente“, der alte Slogan von Duschwände der Firma Duscholux. Seine
Beginn an nur wenig Begeisterung für das Konrad Adenauer aus dem Bundestags- Aufgabe war, die Vorteile von Duschwän-
Projekt. Holger Jung, der Mitgründer der wahlkampf 1957, wie er findet, der beste den gegenüber Duschvorhängen in eine
Agentur, war strikt gegen einen Pitch bei politische Slogan in der Geschichte der Zeile zu fassen, an die man sich erinnert.
Merkel. Im Vorstand gab es nur einen ein- Bundesrepublik. Er kam so schließlich auf: „Duschfreud
zigen Kollegen, der Matt unterstützte. Es Es war der Claim, an dem er für seine ohne Wischleid“. Sein erster Slogan.
war eine Entscheidung, die er praktisch eigene Kampagne Maß nehmen wollte. Er In seiner Erzählung waren alle begeis-
im Alleingang fällte. wollte wieder so einen Claim produzieren. tert von dem Slogan, seine Vorgesetzten,
Es gebe in der politischen Werbung Die Leute sollten danach sagen: „Wow, die Vertreter der Firma Duscholux. Zur
nur zwei denkbare Botschaften, sagt Matt: ,Keine Experimente‘, Teil 2.“ Belohnung durfte er mit zu Duscholux fah-
„Alles muss sich ändern“ oder „Weiter so“. Für ein ganzes Jahr entsendete er drei ren, wo das Foto für die Anzeigen aufge-
Nun, nach dem enttäuschenden Wahler- Mitarbeiter ins Konrad-Adenauer-Haus, nommen werden sollte, das Foto zu seinem
gebnis, nach Merkels dramatischen Verlus- Verbindungspersonen, die unter anderem Claim: Ein Ehepaar steht im Badezimmer,
ten, stellt sich die Frage, ob es nicht einen die Aufgabe hatten, ihm eine tägliche Mail er nackt hinter der Duschwand, sie ange-

58 DER SPIEGEL 2017


WAHL 2017

eine Vase und erklärte ihr, das sei jetzt


Kunst. Vor ein paar Monaten kaufte er sich
einen Flügel aus Rosenholz und verpflich-
tete eine junge Pianistin, die ihm helfen
soll, nur ein einziges Stück zu erlernen,
Beethovens Mondscheinsonate, die er sei-
ner Frau im Dezember 2018 zu ihrem 50.
Geburtstag vorspielen will. Und dann
pflegt er natürlich die Geschichte vom Bu-
sen seiner Frau, nach dessen Vorbild er
das Kamindach über seinem Wohnzimmer
modellieren ließ, den sogenannten rau-
chenden Busen, den „Smoking Boob“.
Kurz vor der Sommerpause, drei Monate
vor der Bundestagswahl, hält Matt in Berlin
einen Vortrag vor Wirtschaftsvertretern, auf
ihn warten etwa 20 geladene Gäste, die um
einen Konferenztisch sitzen. Unter ihnen ein
Mann von Kärcher, der Firma, die sich mit
Hochdruckreinigern einen Namen gemacht
hat. Matt erkennt den Mann an dessen fir-
meneigenem Polohemd, er steuert auf ihn
zu. Ohne sich lange mit Begrüßungen auf-
zuhalten, beginnt Matt: „Also, ich war neu-
lich in Wien und hab mich verfahren“, sagt
er, „und dann bin ich in der Kärcherstraße
gelandet. Und da hab ich mir gedacht, es
wäre doch mal ’ne schöne Aktion, wenn die
Firma Kärcher die Kärcherstraße in Wien
von Schmutz befreien würde.“ Er schaut
den Mann von Kärcher erwartungsvoll an.
„Das wäre lustig“, sagt der Mann, ohne
es lustig zu finden.
Die inszenierte Spinnerei ist Matts Ge-
schäftsmodell. Er wirkt dabei gerne auch
ein bisschen übergeschnappt. Das hat ihn
in den Neunzigerjahren zum Popstar unter
Deutschlands Werbern gemacht und seine
Agentur Jung von Matt, die er 1991 mit
seinem Kollegen Holger Jung gründete,
zur zweitgrößten inhabergeführten Werbe-
agentur Deutschlands. Er ist jetzt 64, er
lässt sich, wenn es sein muss, von seinen
Kunden für eine Kampagne noch immer
in Unterhosen fotografieren. Wenn man
ihn frage, ob er noch fit genug sei für sei-
STEFFEN JAENICKE / DER SPIEGEL

nen Job, so die Legende, mache er 30 Lie-


gestütze. Sein Grundsatz ist bis heute ge-
blieben: „Nichts ist tödlicher als Langewei-
le.“ Aber wie passt das zu seinem Job als
oberster Werber von Angela Merkel?
Es ist die Tragik seiner Branche, dass
sie gelegentlich Genieleistungen hervor-
Kreativer Matt bringt, Wortspiele auf höchstem Niveau,
Er will nicht wie seine eigene Sparkassenwerbung enden aber letztlich nichts schafft, was für sich
stehen kann. Werbung muss immer einen
Zweck erfüllen, nämlich einen Kunden
zogen davor. Sie reicht ihm das Handtuch, „Ich habe mich sofort ausgezogen.“ zum Kauf eines Produkts bewegen, das er
damit er duschen kann. Aber als der Foto- Es gibt kaum einen Quatsch, den Matt im Zweifel noch nicht einmal braucht. Wer-
graf das erste Bild machen wollte, gab es sich nicht ausgedacht hat. Die Idee etwa, bung, egal, wie gut sie ist, wirkt am Ende
ein Problem mit den Darstellern, erinnert sich ein Jahr lang nur von Bananen zu er- immer irgendwie schnöde.
sich Matt. „Die Frau passte. Aber der nähren. Oder auch die Idee, „Bad-Taste- „Ich wäre eigentlich lieber Erbauer ge-
Mann hatte einen wabbeligen Bauch.“ Partys“ zu veranstalten, für die er einmal worden“, sagt Matt, „nicht Werber, son-
Es ist nicht ganz klar, wer das als Erster einen furzenden Liftboy engagierte. dern Architekt.“
feststellte. In jedem Fall, erinnert sich Matt, Seiner Frau schenkte er zum Geburtstag Erbauer, findet er, klingt besser als Ar-
war der Kunde sehr unglücklich und sagte: keinen Blumenstrauß, sondern einen Bund chitekt. Es ist ein Wort, das er als Kind be-
„Herr von Matt muss das machen.“ pink gefärbter Klobürsten, stellte sie in nutzt hat, weil er das Wort Architekt noch
DER SPIEGEL 2017 59
WAHL 2017

nicht kannte, aber wenn er


nachdenkt, ist es ohnehin das
bessere Wort. Es trifft besser,
was er eigentlich hätte machen
wollen: Brücken bauen, Thea-
ter, Museen, etwas Großes,
Bleibendes schaffen, vor dem
die Leute stehen bleiben und
staunen.
Meint er das ernst?
Jean-Remy von Matt hat
deutsche Werbegeschichte ge-
schrieben. Er gehörte zur
Avantgarde der Branche, den
„Grünblütigen“, wie sich die
Mitarbeiter wegen der Firmen-
farbe nennen. Mit Jung von
Matt verbinden sich Slogans,
die man so schnell nicht ver-
gisst.
Geiz ist geil. Für Saturn.
Bild Dir Deine Meinung! Für
die „Bild“-Zeitung.
Wer hat’s erfunden. Für Ri-
cola-Hustenbonbons.

HERMANN BREDEHORST
3,2,1, meins. Für Ebay.
Wie das Land, so das Jever.
Für das Bier.
Und: Wie, wo, was weiß Obi.
Reicht ihm das nicht?
„Ach“, sagt Matt. „Ich glaube, Unterstützerkampagne „I love Raute“
dass ich als Architekt mehr er- Bei Matt zählt am Ende immer der beste Gag
reicht hätte, als ich als Werber
erreichen konnte. Zumindest
hätten meine Ideen eine längere Lebens- der Titel seines Vortrags an diesem Nach- es nicht besser gewesen, davon die Finger
dauer gehabt.“ mittag. Es ist sein Lebensthema: der Kampf zu lassen? Aber in diesem Moment er-
Aber bei Matt weiß man nie ganz genau, gegen die Langeweile, die zugleich die gro- scheint alles nur amüsant.
wie ernst man ihn nehmen muss, ob das, ße Herausforderung der Werbebranche ist. Einer, der ihn gut kennt, ruft ihm süffi-
was er sagt, nur eitle Koketterie ist oder 1,7 Sekunden beträgt die durchschnitt- sant zu: „Jetzt bin ich aber sehr auf deine
ehrliches Selbstmitleid. Er liebt das Drama, liche Aufmerksamkeitsspanne, die Betrach- CDU-Kampagne gespannt.“ Doch Matt
den Weltschmerz. Bei ihm geht es immer tungsdauer einer Anzeige. Mehr Zeit hat lacht noch immer nicht mit. Er muss auf-
auch um die beste Geschichte. ein Werber nicht, Menschen für ein Pro- passen, dass es nicht noch mehr Witze auf
Wenn nicht sogar vor allem darum. dukt zu gewinnen. Werbung ist, so gese- seine Kosten gibt.
„Ich bin nicht glücklich und zufrieden, hen, ein ewiger Kampf gegen die Flüchtig- Sein Amt verlangt Ernsthaftigkeit, aber
sondern glücklich unzufrieden“, sagt Matt, keit. Darum geht es in seinem Vortrag: wie sein Ernst kann ungeheuer komisch sein.
und falls es einem nicht aufgefallen sein man gegen die Flüchtigkeit kämpft. Um kein Treffen mit Merkel zu verpas-
sollte, fügt er hinzu: „Sie merken: Da fehlt Aber es gehe nicht nur um Relevanz. sen, hat er sich selbst einen einjährigen
nur ein Buchstabe, aber ein Buchstabe „Relevanz geht davon aus, dass der Mensch Urlaubsstopp bis zur Bundestagswahl ver-
macht einen großen Unterschied.“ Egal, rational entscheidet“, sagt Matt. Aber ge- ordnet. Kein Urlaub bis zum 25. Septem-
was er sagt, bei Jean-Remy von Matt zählt rade in Zeiten des digitalen Wandels müsse ber. Er passt zudem genau auf, was er sagt,
am Ende immer der beste Gag. Werbung „emotionalen Mehrwert“ schaf- was er schreibt, vor allem in E-Mails, von
Er spricht mit samtener Stimme. Aber fen. „Ich möchte deshalb dem Begriff Re- denen er glaubt, dass sie gehackt werden
er selbst sagt, dass er auch anders sein levanz einen gleichberechtigten Partner könnten. Er hat sich deshalb vorgenom-
kann, ein Berserker, der „Horror-E-Mails“ an die Seite stellen“, sagt Matt. Er macht men, in seinen Mails „keine Kraftwörter“
an seine Mitarbeiter schreibt, wenn ihm eine Pause wie ein Witzeerzähler vor der mehr zu benutzen. Es ist ihm wichtig, dass
einmal etwas nicht passt, E-Mails, „die ste- Pointe. Dann sagt er: „Firlefanz.“ man das weiß.
chen“, nennt er das. Man könnte auch sa- Alle lachen. Er nicht. Kurz vor dem Wahltag schickt er noch
gen: Er ist unberechenbar. Die Vorstellung, wie Jean-Remy von einmal ein Merkblatt mit den wichtigsten
Der Vortrag vor Wirtschaftsvertretern in Matt vor Angela Merkel steht und ihr et- Punkten, darunter auch die Urlaubsfrage
Berlin ist sein zweiter Vortrag an diesem was von „emotionalem Mehrwert“ und und die Sache mit der politisch korrekten
Tag, vormittags war er bei einer Veranstal- „Firlefanz“ erzählt, dieser Strategin der Wortwahl in seinen E-Mails. Er schreibt
tung in Köln. Er sagt: Das sei jetzt ganz ko- Macht, die mit Emotionen schlechte Erfah- darin über sich selbst: „Von Matt hat das
misch. Vorhin habe er vor 2000 Leuten ge- rungen gemacht hat, nach der Reaktor- ganze Jahr keinen Urlaub gemacht, um an
redet, da sei er ganz entspannt gewesen. katastrophe von Fukushima, in der Flücht- allen wöchentlichen Sitzungen teilnehmen
Jetzt müsse er vor 20 Leuten reden und sei lingskrise, erheitert sein Publikum. Eigent- zu können.“ Und, in indirekter Rede, zum
ganz verunsichert und nervös. „Vom Ende lich eine unmögliche Mission. Später, nach Zitieren: „Seit Monaten schreibe Matt kei-
der Freiheit, langweilen zu dürfen“ lautet der Wahl, wird sich die Frage stellen: Wäre ne Kraftwörter mehr in seine Mails, aus
60 DER SPIEGEL 2017
Titel

Und sie machten tatsächlich


vieles kaputt, seine Alliteratio-
nen, einige seiner besten Ideen.
Zu arrogant. Zu überheblich,
einfach nicht „Angela Merkel“.
Ein Grund findet sich immer.
Er musste tapfer sein. Das
„begehbare Wahlprogramm“
wurde zwar genehmigt, die Un-
terstützerkampagne „I love
Raute“ ebenfalls, aber schon
das Merkel-Emoji kam nicht zu
der erhofften Geltung, das Rau-
te-Symbol auf Twitter war mit
100 000 Euro viel zu teuer. Von
den über 200 Headlines und
Slogans blieb nur eine Hand-
voll zurück und der Claim,
das Wahlkampfmotto: „Für ein
Deutschland, in dem wir gut
und gerne leben“, die slogange-
wordene Bräsigkeit der Bundes-
republik Deutschland.
Ist er enttäuscht?
Er sei froh, sagt Matt, dass

ROLF ZÖLLNER / IMAGO


der Claim am Ende nicht „Stär-
ken erhalten, Neues gestalten“
geheißen habe. Eine sehr di-
plomatische Antwort. „Das
Richtige ist nicht immer das,
CDU-Wahlprogrammhaus in Berlin mit Spielzeugherz
wovon ein Kreativer träumt“,
„Frau Merkel, brauchen Sie mich überhaupt noch?“
sagt er. Er klingt in diesem Mo-
ment schon fast wie Angela
Merkel.
Sorge, dass der Account wie im französi- Er wollte ein Emoji mit Merkel-Gesicht Matt würde nie ein schlechtes Wort über
schen Wahlkampf vor der Wahl noch ge- entwerfen lassen, das auch für ihren Face- Merkel verlieren, aber ein wenig enttäuscht
hackt und alles öffentlich wird.“ book-Account gedacht war, er wollte ein von diesem langweiligen Wahlkampf ist er
Als die SPD Martin Schulz zum Kanz- Merkel-Raute-Symbol für Twitter ent- schon, doch vielleicht hat er sich zuletzt
lerkandidaten nominierte und Medien ihn wickeln, das automatisch angeboten wird, auch zu sehr anstecken lassen von der
den „Gottkanzler“ nannten, wurde Matt wenn man in einem Tweet „Merkel“ Selbstsicherheit der Kanzlerin.
zum ersten Mal ungeduldig. Er fand, dass schreibt, er konzipierte die sogenannte Un- Kurz vor der Wahl hatte er sich ein ho-
sich das alles „sehr bedrohlich“ anfühlte, terstützerkampagne „I love Raute“ mit hes Ziel gesetzt, damit es am Wahlabend
und ging in die Merkel-Treffen mit der fes- Prominenten, die Merkel unterstützen, er noch ein bisschen spannend würde. Er
ten Hoffnung, endlich losschlagen zu kön- ließ dazu Logos für Flyer, T-Shirts, Auf- wollte sein Team und die Leute aus dem
nen mit seiner Werbung. Anzeigen schal- kleber und Tassen mit Merkels Raute-Sym- Konrad-Adenauer-Haus zu einer „Ü-40-
ten. Spots drehen. Klotzen statt kleckern. bol entwerfen, er wollte in einem Haus Party“ in seine Wohnung einladen, bei der
Aber Frau Merkel blieb einfach nur ruhig. ein „begehbares Wahlprogramm“ einrich- es „ausschließlich Drinks mit mindestens
Sie brachte ihm bei, dass in einem Wahl- ten, mit einem tonnenschweren Spielzeug- 40 Prozent Alkohol geben“ sollte, Whis-
kampf nur die Endphase entscheidend sei. herz, das von der Decke hängt und die key, Wodka, Gin. Diese Party sollte nur
Genauer gesagt: die letzten zwei Wochen. deutsche Wirtschaftskraft symbolisiert, stattfinden, wenn Merkel mindestens 40
Er war zum Warten verdammt. und hatte, nicht zuletzt, mehr als 200 Ideen Prozent der Stimmen erreicht. Es war,
Danach wurde im Saarland gewählt, für Plakatschlagzeilen, den eigentlichen auch angesichts der letzten Umfragen, ein
dann in Schleswig-Holstein, dann in Nord- Kern der Kampagne, darunter: übergeschnapptes Ziel.
rhein-Westfalen, die SPD verlor jedes Mal, Die Lotsin, die nie streikt. Am vergangenen Dienstag, bei seinem
Martin Schulz war entzaubert, Merkels Die Felsin in der Brandung. letzten Jour fixe mit der Kanzlerin, hatte
Umfragewerte stiegen wieder, und alles, Schwarz, Rot, Gold wert. er Merkel die Idee präsentiert. Merkel
was Merkel gesagt hatte, schien zu stim- Deutschland verpflichtet. habe ihm den „Kopf gewaschen“, berichtet
men. Man brauchte einfach nur abzuwar- Unsere! Matt. Er hatte ihr von seiner Ü-40-Idee er-
ten. In den nächsten Jour fixe ging Matt Oder die kürzeste und vielleicht ge- zählt, und sie meinte, das sei ein völlig un-
mit der bangen Frage: „Frau Merkel, brau- nialste Zeile überhaupt, einfach nur: Läuft! realistisches Ergebnis. Worauf er sofort ein-
chen Sie mich überhaupt noch?“ Eine wunderbare Idee. Ein Plakat nur lenkte und seine Party wieder absagte.
Der letzte Rest Aufregung war ver- mit Merkel. Und daneben: „Läuft!“ Am Wahlabend trifft er erst spät im
schwunden, bevor alles richtig begann. Aber dann kamen die Tests mit den Fo- Adenauerhaus ein. Eigentlich war ihm gar
Er hatte noch so viele Ideen, aber er kusgruppen, die Bedenkenträger, die er so nicht nach Feiern zumute. Aber das wollte
wusste, je sicherer Merkels Wiederwahl hasst, die „Ich-muss-schlau-wirken-weil- er Merkel nicht antun.
schien, desto geringer war die Bereitschaft, ich-befragt-werde-Menschen“, wie er es Er trinkt ein alkoholfreies Radeberger,
mutig zu sein. nennt, die alles kaputt machen können. dann verschwindet er in der Menge. I

DER SPIEGEL 2017 61


Die unerwünschten Kollegen
Parlamente Wie mit der AfD im Bundestag umgehen? Erfahrungen aus den Landtagen zeigen:
Der Versuch der anderen Abgeordneten, Rechtspopulisten auszutricksen, nutzt diesen nur.

STEFAN BONESS / IPON


Wahlkampfbus in Brandenburg: „Die AfD repräsentiert relevante Bevölkerungsteile“

D
ie neue Fraktion hat ihre Räume Mit jedem Satz will der AfD-Mann vermit- gang mit den Rechtspopulisten treffen müs-
dort, wo früher Angestellte der Ver- teln: Seht her, wir sind doch ganz normal. sen: Versuchen sie, diese von entscheiden-
waltung die Parkausweise ausga- Normal ist es inzwischen geworden, dass den Stellen des Parlamentsbetriebs fern-
ben: auf der vom Rhein abgewandten Seite, AfD-Politiker den Parlamenten angehören. zuhalten? Oder behandeln sie die AfD wie
im Erdgeschoss hinter dem Eingang rechts. Seit der NRW-Landtagswahl im Mai sitzen eine normale Partei?
Andreas Keith gibt sich dennoch zufrieden. die Rechtspopulisten in 13 von 16 Landta- In den Landtagen wurden beide Strate-
„Wir haben keinen Grund zur Beschwerde“, gen. Nach dem deutlich zweistelligen Er- gien erprobt: Die Befürworter der ersten
sagt der Geschäftsführer der AfD-Fraktion gebnis der AfD vom vergangenen Sonntag wollen der AfD keine Möglichkeit geben,
im Düsseldorfer Landtag. Möbel seien vor- kommt nun der Bundestag hinzu – vor vier sich zu inszenieren; die Befürworter der
handen, das Internet funktioniere. Jahren war die Partei noch an der Fünf- anderen lehnen es ab, die AfD legalistisch
Natürlich begegneten ihm Vertreter der prozenthürde gescheitert. auszutricksen. Diese könnte sich dann als
anderen Parteien ablehnend, erzählt Keith. Vorsorglich haben die Regierungsfrak- Opfer inszenieren, was bei ihren Anhän-
„Wenn ich in den Aufzug steige, dann ver- tionen in Berlin die Geschäftsordnung des gern gut ankommt.
stummt so manches Gespräch.“ Einige Bundestages geändert, weil sie der AfD „Alle Rechte, die die AfD laut Geschäfts-
grüßten nicht oder vermieden, ihm die nicht gleich zu Anfang eine Bühne bieten ordnung hat, soll sie wahrnehmen kön-
Hand zu geben. Er sei ganz froh, dass seine wollen. Die konstituierende Sitzung nach nen“, sagt Marc Herter, Parlamentarischer
Partei einen eigenen Bürotrakt belege. der Wahl soll nun nicht mehr der älteste Geschäftsführer der SPD im Düsseldorfer
Die AfD sitzt in Düsseldorf dem Wissen- Parlamentarier eröffnen – das wäre ver- Landtag. Den Gefallen, die AfD auszu-
schaftsausschuss vor, einem „großen, wichti- mutlich ein 77-jähriger AfD-Kandidat aus grenzen, wolle man ihr in Nordrhein-West-
gen Ausschuss“, findet Keith, ein gelernter Niedersachsen gewesen. Die Ehre wird falen nicht tun. „Die dürfen keinen Mär-
Forsttechniker. Den Posten eines Landtags- nun dem dienstältesten Abgeordneten zu- tyrerstatus bekommen“, sagt Herter. Die
vizepräsidenten hat die AfD beansprucht, teil, dem 75-jährigen Wolfgang Schäuble. SPD-Abgeordneten in Düsseldorf haben
die anderen Parteien verweigerten ihr die- Linke und Grüne waren dagegen, mit vereinbart, sich bei Redebeiträgen der 16
sen jedoch. „Hätten die sich über unseren solchen Verfahrenstricks zu arbeiten. Doch AfD-Parlamentarier mit Zwischenrufen zu-
Kandidaten informiert, hätten sie es sich das war nur der Testfall für Entscheidun- rückzuhalten und auf die inhaltliche Aus-
vielleicht anders überlegt“, glaubt Keith. gen, die die Parteien künftig für den Um- einandersetzung zu konzentrieren. Nur ei-
62 DER SPIEGEL 2017
Deutschland

nen Landtagsvizepräsidenten von der AfD, befürchten, dass AfD-Parlamentarier ge-


das wollten sie dann doch nicht. Mit den Rechtspopulisten heime Informationen aus dem Parlamen-
In anderen Landtagen lavieren die Eta-
blierten ähnlich. In Rheinland-Pfalz, wo zog auch ein tarischen Kontrollgremium (PKGr), das
die Arbeit von Nachrichtendiensten über-
die AfD als drittstärkste Kraft einzog, sorg- neuer, kruder Ton in die wacht, an rechte Postillen wie „Compact“
te eine ganz große Koalition aus SPD,
CDU, Grünen und FDP dafür, dass die AfD
Parlamente ein. oder gleich an russische Regierungskreise
weiterleiten könnten.
in den Fachausschüssen nur mit jeweils ei- Für die Etablierten wäre es leicht, die
nem Abgeordneten vertreten ist. die konstituierende Sitzung des Landtags. AfD aus Gremien fernzuhalten, in denen
Bevor der erste Ausschuss tagte, senkte Sie stellte während des G-20-Gipfels in Geheimdienste berichten. Von Parteipro-
diese Koalition die Zahl der Mitglieder pro Hamburg auf Facebook die Frage, warum porz steht nichts im PKGr-Gesetz, jedes
Ausschuss von 13 auf 12 und beschloss ein man Plünderer nicht gleich erschieße. Mitglied muss in geheimer Wahl vom
neues Sitzverteilungsverfahren, das größe- Abgeordnete der anderen Fraktionen Bundestag bestätigt werden. „Wir werden
re Parteien besserstellt. Und weil das die hoffen, dass sich die AfD durch Äußerun- sehen, ob die Kandidaten der AfD eine
Grünen als kleinste Landtagsfraktion kom- gen wie diese selbst entlarvt. Oder dass Mehrheit für eine solche vertrauensvolle
plett aus den Ausschüssen verbannt hätte, sie im parlamentarischen Alltag schnell an Aufgabe bekommen“, sagt der Grünen-Ab-
kam noch eine „Grundmandatsklausel“ ihre Grenzen stößt. geordnete Konstantin von Notz.
zur Anwendung. Sie besagt, dass jede Frak- Den sächsischen Abgeordneten blieb so Auch hier würde ein Ausschluss die AfD
tion mit mindestens einem Abgeordneten ein AfD-Alterspräsident erspart: Der Kan- nur in eine Opferrolle treiben, warnt der
vertreten sein muss. Statt zwei Abgeord- didat musste auf den Posten verzichten, derzeitige PKGr-Vorsitzende Clemens Bin-
neten, die der AfD ursprünglich zugestan- nachdem seine Verbindungen zu rechtsex- ninger (CDU). „Jedes Mitglied in diesem
den hätten, kann die Partei nur einen Ver- tremen Vereinen publik geworden waren. Gremium hat eine besondere Verantwor-
treter in jeden Ausschuss schicken. Die Re- In Sachsen-Anhalt wurde die erste Land- tung. Daran werden sich auch die AfD-Ab-
gierungsfraktionen FDP und Grüne haben tagssitzung, die der Vizepräsident von der geordneten messen lassen müssen.“
dort zusammen zwei, obwohl sie zusam- AfD leitete, nach sieben Minuten abgebro- Schließe man die AfD aus, müsse man
men deutlich weniger Stimmen bekom- chen: Der überforderte Abgeordnete muss- das wohl auch mit den anderen kleineren
men hatten als die AfD allein. te sich mehrfach bei der Verwaltung über Parteien machen, sagt der innenpolitische
In Baden-Württemberg verringerten die die Abläufe rückversichern. Später trat er Sprecher der SPD-Fraktion, Burkhard
Parlamentarier die Anzahl der Landtags- entnervt von seinem Amt zurück. Lischka. „Damit würde man die parlamen-
vizepräsidenten von zwei auf einen, um Von den ehemals 25 AfD-Abgeordneten tarische Kontrolle ad absurdum führen.“
die AfD als drittstärkste Fraktion von dem in Magdeburg haben 3 die Fraktion inzwi- Die bisherigen Mitglieder des PKGr gehen
exponierten Posten fernzuhalten. Ähnlich schen verlassen, ebenso viele Abgänge sind davon aus, dass die Sicherheitsbehörden
war es in Sachsen und Thüringen, als die es in Thüringen, 2 in Baden-Württemberg. künftig verhaltener informieren werden.
AfD dazukam. Doch inzwischen glauben Mit den Rechtspopulisten zog auch ein Auch Institutionen wie die Härtefall-
immer mehr Abgeordnete in den Landta- neuer, kruder Ton in die Parlamente ein: kommission der Hamburgischen Bürger-
gen, dass solche Strategien den Rechts- In Baden-Württemberg beleidigte ein AfD- schaft sortieren sich wegen der AfD neu.
populisten am Ende eher nutzen. Vertreter seine Kollegen als „Volksver- Das Gremium entscheidet, ob Ausländern
Man habe verabredet, auf „Spielchen räter“. In Rheinland-Pfalz schallte einer und ihren Familien der Aufenthalt in
mit der Geschäftsordnung zu verzichten“, Grünen-Ministerin von den AfD-Bänken Deutschland erlaubt wird, obwohl Gerich-
sagt Rico Gebhardt, der Fraktionschef der der Ruf „Kindesmisshandlung“ entgegen. te dies abgelehnt haben. Nur bei einstim-
Linken in Sachsen. Sonst bekäme die AfD Die Sicherheitsbehörden beschäftigen migem Votum dürfen die Betroffenen in
„nur Stoff, um sich als unschuldiges Opfer allerdings noch ganz andere Sorgen. Sie Deutschland bleiben. Also seit der Bür-
des Systems darzustellen“. Alle Gremien gerschaftswahl 2015 theoretisch nur, wenn
im Dresdner Landtag sind gemäß Proporz der von der AfD nominierte Vertreter zu-
besetzt, ein AfD-Mann leitet den Aus- stimmt. „Das wollten wir verhindern“, sagt
Schleswig-
schuss für Soziales, Verbraucherschutz, 5,9
Holstein
Mecklenburg- Antje Möller, die für die Grünen in der
Gleichstellung und Integration. Vorpommern Härtefallkommission sitzt.
In Mecklenburg-Vorpommern sind die Hamburg 6,1 20,8 Deshalb änderten die Kommissionsmit-
Parlamentarier Kummer gewöhnt. Zwei glieder die Regeln: Jetzt reicht es, dass
Bremen 5,5
Legislaturperioden mussten sie mit der Brandenburg 12,2 zwei Drittel zustimmen, um jemandem
NPD im Landtag leben. Die demokrati- den Aufenthalt zu gestatten. Ein ordent-
Sachsen- Berlin
schen Parteien fanden gegen die Rechts- liches AfD-Mitglied gibt es dennoch bis
extremen einen gemeinsamen Kurs, den
Anhalt 14,2 heute nicht: Die anderen Parteien ließen
„Schweriner Weg“: keinerlei Zusammen-
Nordrhein- 24,3 alle AfD-Bewerber mit Mehrheitsbeschluss
Westfalen
arbeit. Jeder NPD-Antrag im Parlament durchfallen. „Es wird an jeder Ecke Recht
wurde geschlossen abgelehnt. In der De- 7,4 Thüringen Sachsen gebeugt, um uns herauszuhalten“, beklagt
batte nahm nur ein Abgeordneter für alle 10,6 9,7 der stellvertretende Landesvorsitzende der
Fraktionen Stellung. Rheinland-Pfalz AfD in Hamburg, Alexander Wolf. Nun
Doch im Fall der AfD, der zweitstärks- wollen Wolf und seine Parteifreunde die
ten Kraft in Schwerin, finden viele diesen
12,6 Besetzung der Kommission vor dem Ver-
Saarland
Weg falsch. „Ob mir das passt oder nicht, AfD in Landtagen waltungsgericht klären. Die Klage, so kün-
die AfD repräsentiert relevante Bevölke- 6,2 Baden- Wahlergebnisse in Prozent digen sie an, würden sie in den kommen-
rungsteile, und das habe ich als Demokrat Württemberg den Tagen einreichen.
zur Kenntnis zu nehmen“, sagt der Schwe-
riner SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas
15,1 Laura Backes, Matthias Bartsch, Lukas Eberle,
Jan Friedmann, Annette Großbongardt,
Krüger. Also eröffnete eine 70-jährige Martin Knobbe, Fidelius Schmid,
AfD-Abgeordnete als Alterspräsidentin Wolf Wiedmann-Schmidt, Steffen Winter

DER SPIEGEL 2017 63


Deutschland

Spott auf der Spree


Hauptstadt Jeden Tag schippern Ausflugsdampfer durchs Regierungsviertel.
Serviert wird Häme über Deutschlands Politiker.

E
twas ändert sich, als das Schiff auf Epochen und historische Ereignisse. Aber te. Oder schniefende Schau-dir-dit-mal-an-
der Spree Richtung Regierungsvier- da die deutsche Geschichte nicht unbe- Gesichter. Der Bundestag wird „die
tel schnauft. Knapp eine Stunde ist dingt zur Unterhaltung taugt, müssen Schwatzbude“ genannt.
vergangen, die Gäste des Ausflugsdamp- regelmäßig die Politiker der Gegenwart Halb Wahres und Aufgeschnapptes fü-
fers wurden mit allerlei Anekdötchen be- herhalten. Es scheint Erleichterung zu ver- gen sich so wie Puzzlesteine zu einem
rieselt, wofür ein Schlaks mit Schirmmütze schaffen, „die da oben“ im Vorbeifahren unschönen Gesamtbild vom Raffke und
zuständig ist. Museum links, Museum verbal anzupinkeln. Nimmersatt, wofür immer neue Beispiele
rechts, hier sei einmal die Grenze zwischen Dabei gibt es, wie man nach mehreren angeführt werden. Ein neues Innenmi-
Ost und West verlaufen. So spult er routi- Fahrten bemerkt, eine Art Hämekatalog. nisterium am Spreeufer reiche wohl
niert sein Programm ab. Im nicht, heißt es an Bord, nein,
grobmaschigen Matrosenpul- es müsse auch noch ein
lover balanciert ein Mann milliardenteurer Neubau
mit Kaffee und Kuchen auf für den BND her. „Unser
dem Oberdeck. schönes Geld“, murmeln
Aber nun – es geht am Gäste.
Bundestag vorbei zum Kanz- Bald fährt der Dampfer an
leramt – wird dazu Häme einem Appartementgebäude
gereicht. vorbei. „Schauen Sie dort
„Schauen Sie mal, da vorn, drüben, das ist die Bundes-
der Schlussstein an der Brü- tagsschlange, ein Wohnkom-
cke“, knarrt es aus den Laut- plex, geplant nur für Abge-
sprechern. „Erkennen Sie ordnete. Aber da wollten sie
die Person?“ nicht rein. Fühlten sich zu
Die Gäste starren in Rich- sehr beobachtet, die feinen
tung der roten Sandsteinbrü- Leute. Horst Seehofer, der
cke, der man entgegenschip- nahm da allerdings eine
pert. Der Alleinunterhalter Wohnung. Sie wissen ja,
macht eine kleine Pause. wozu.“ Ja, wozu eigentlich?
Aber niemand antizipiert Ach ja, fernab der bayeri-
ROLF KREMMING / PICTURE ALLIANCE

den drohenden Scherz. schen Heimat ist er Vater


„Nein, das ist kein Porträt geworden.
von Angela Merkel. Das ist Am Bundespräsidialamt
ein Bildnis von Helmuth darf der Fingerzeig nicht
Moltke, dem preußischen fehlen, dass das Schloss
General, aber achten Sie mal Bellevue dem Bundespräsi-
auf die Mundwinkel.“ denten wohl nicht reiche –
Der Stadtführer zieht nun Touristenschiff am Kanzleramt: „Unser schönes Geld“
als Wohnsitz stehe außer-
selbst die Mundwinkel dog- dem noch eine Dienstvilla
genartig herunter. Leichte zur Verfügung.
Heiterkeit an Deck, eine Dame, von deren Sticheleien zum Thema Berliner Bautätig- Endlich hat der Ausflugsdampfer sein
Frisur der Wind wenig übrig gelassen hat, keit finden sich darin: „Stellen Sie sich Ziel erreicht, Rentner drängeln zum Aus-
stößt ihrem Gatten feixend in die Seite. vor, dieses Haus wurde fristgerecht fertig gang, Reiseleiter winken mit Schildchen
Ein Mann hebt sein Bierglas anerkennend gebaut“, ruft ein Skipper in gespieltem und Schirmen. Da kommt noch ein kleiner
Richtung Moderator. Noch ein kurzer Unglauben. Rentner lächeln wissend, man Hinweis aus den Lautsprechern, ein ver-
Blick auf die Moltke-Skulptur, und schon kennt ja das Schicksal der Berliner Groß- meintlicher Geheimtipp im Flüsterton.
rauscht der Dampfer unter der Brücke projekte. Da hinten, da sei das beste Lokal Berlins,
hindurch. Vom Oberdeck betrachtet, bekommt das der Grill Royal. Es lohne sich, die Nase an
Von Frühjahr bis Herbst fahren Schiffe Volk reichlich Anschauungsmaterial zum den Scheiben platt zu drücken. „Dort tref-
Besucher durch die Berliner Wasserstra- Repräsentationswillen seiner Vertreter. fen sich die Schönen und Reichen, George
ßen. Es gibt Fahrten mit und ohne Live- Hinweise auf die in Berlins Mitte verbau- Clooney, Angela Merkel.“ Das Schiff legt
moderation, Zweistundenfahrten, Drei- ten Steuergelder sorgen für Aufregung an, der Alleinunterhalter verabschiedet die
stundenfahrten und Mondscheinfahrten, unter den Gästen: „Hier, das Kanzleramt, Gäste und hält seine Schirmmütze den
ein Boot heißt sogar „Motorschiff Angela“, das hat Milliarden gekostet. Es hat mehr Fahrgästen entgegen. Jeder geht nun sei-
aber das sei schon drei Jahre vor der heu- Fläche als das Weiße Haus.“ nes Weges.
tigen Bundeskanzlerin vom Stapel gelau- Oder das Parlament: „Wir fahren jetzt Man möchte gern fragen, wie es die Frau
fen, im Jahr 1951, betont der Reeder. Sein an der Bundestagskita vorbei – ja, ja, was mit den herunterhängenden Mundwinkeln
Kahn sei unpolitisch. es hier alles gibt für die Damen und Herren in die Kategorie „reich und schön“ ge-
Es gibt an Deck natürlich kundige Stadt- Abgeordneten.“ Das Publikum ist dank- schafft hat. Aber man lässt es dann doch.
führer mit großem Wissen über Baustile, bar: „Jibs ja nich“-Rufe einzelner Fahrgäs- Stefan Berg

64 DER SPIEGEL 2017


Kommentar

Absurdes Theater
Warum Tegel schließen muss – obwohl die Berliner ihren Flughafen behalten wollen

N
a bravo. Der Flughafen Tegel soll offen bleiben.
So hat es am Sonntag die Mehrheit der wahlbe-
rechtigten Berliner parallel zur Bundestagswahl
in einem Volksentscheid beschlossen. Nun hat der Bürger
endlich die Zuschauerränge verlassen und steht selbst
auf der Bühne des Berliner Flughafentheaters. Nicht als
Statist, sondern als Hauptdarsteller. Bisher waren die
tragischen Rollen für Politiker und Manager reserviert.
Nur: Der Bürgerpart macht das Stück nicht besser, die
Dramaturgie nicht schlüssiger. Es bleibt eine komplett ver-
geigte Tragikomödie. Deren zentrale Akte erzählen die

PHOTOTHEK / IMAGO
Story einer Stadt, die seit Jahrzehnten vergebens versucht,
einen funktionierenden Airport zu bauen. Die Hauptstadt
liefert nun den Beweis, dass sich Geschichte eben doch
wiederholt, die Tragödie wird endgültig zur Farce.
Kaum rückt ganz langsam die Eröffnung des etwas Flugzeug im Anflug auf Airport Tegel
voreilig als „Europas modernster Flughafen“ gefeierten
neuen BER-Terminals in Schönefeld in Sichtweite, da
wünschen sich die Berliner in völliger Überschätzung Offenhaltung Tegels überhaupt nicht beschließen. Das
ihrer strategischen, finanziellen und organisatorischen haben sie in Wahrheit auch gar nicht, sondern lediglich
Fähigkeiten das nächste sinnlose Großprojekt. den Senat aufgefordert zu prüfen, ob der Flughafen Tegel
Denn Tegel (TXL) kann nicht einfach so offen gehalten weiter betrieben werden kann.
werden. Der 45 Jahre alte Terminal ist von Grund auf zu Der Regierende Bürgermeister wird nun erneut Juris-
sanieren – und das womöglich, anders als beim BER, bei ten das Für und Wider wägen lassen. Müller kann gar
laufendem Betrieb. Man mag sich gar nicht ausmalen, was nicht anders, er muss ja den Volkswillen berücksichtigen.
allein die Überprüfung der Brandschutz- und Entrau- Schließlich ist der Volksentscheid auch ein Misstrauens-
chungsanlagen bedeuten würde. Oder votum über seine verkorkste Flughafenstrategie.
die Nachrüstung beim Lärmschutz auf Müller schafft es einfach nicht, diese Politik der Stadt
Es rächt sich, dass heutigen Standard. Von langwierigen zu erklären. Nennenswertes Engagement in der Tegel-
Gerichtsverfahren und den Kosten Debatte ließ der Bürgermeister kaum erkennen – er
der Senat noch ganz zu schweigen. führt auf seine spröde Weise die Wurschtigkeit seines
immer keine Per- Allerdings ist es den hoch verschul- Vorgängers Klaus Wowereit ungerührt fort. Erst im
spektive für den BER deten Berlinern am Ende wohl sowie- Sommer, als die FDP mit der Billigfluglinie Ryanair
so egal, wie viele zusätzliche Milliar- die Stadt mit Tegel-Werbung zuplakatiert hatte, warb
aufzeigt. Dafür gab den sie für ihre exzentrische Flugha- Müllers Senat offensiv für die Schließung des Flug-
es nun die Quittung. fenpolitik verpulvern. hafens. Zu spät.
Eigentlich hatte die Mehrheit der Es rächt sich, dass Müller nach fast drei Jahren im
Bürger längst akzeptiert, dass sie auf Amt noch immer keine Perspektive für den BER aufzei-
ihren City-Airport verzichten müssen, wenn der Groß- gen kann. Vor allem dafür haben ihm die Berliner nun
bau im Südosten der Stadt endlich fertig ist. Der Senat die Quittung gegeben. Denn bis heute kann keiner sagen,
hatte bereits – für Berliner Verhältnisse – schlüssige Pläne wann genau der BER betriebsbereit ist. Vielleicht nennt
für Tegel geschmiedet: Wohnungen auf dem Rollfeld, Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup Ende des Jahres
eine Hochschule im Terminal, Platz für Start-up-Firmen. einen Termin. Das kann Müller nur hoffen.
Dann kam die FDP. Die Liberalen verstanden es, den Fürs Publikum wird unterdessen das Spektakel um zu
BER-Frust und die TXL-Nostalgie der Wähler für sich eröffnende und zu schließende Flughäfen zum absurden
zu nutzen. Theater, in dem jede Wendung möglich scheint. Schon
Immer wieder suggerierten Landeschef Sebastian vor Wochen hatten die Grünen geflachst, FDP-Chef
Czaja und seine Parteifreunde den Bürgern, man könne Czaja könne doch Tegel-Beauftragter des Senats werden
den Senat per Volksentscheid zum Kurswechsel bringen – und dann bitte schön die von ihm herbeigeführten Pro-
und so die Offenhaltung Tegels erzwingen. Sie hatten bleme selbst lösen.
damit Erfolg. Vor einem Jahr schaffte es die FDP mit Die Gattung des absurden Theaters greift gern Ele-
ihrer Tegel-Kampagne zurück ins Abgeordnetenhaus. mente der Commedia dell’Arte auf. Für die Figur des
Mit dem erfolgreichen Volksentscheid setzt sie nun den Scaramuccia wäre Czaja auf der Berliner Bühne eine
rot-rot-grünen Senat des ungeliebten Bürgermeisters ideale Besetzung: der auf seinen Vorteil bedachte Groß-
Michael Müller (SPD) unter Druck. Für eine Opposi- sprecher. Und Müller hat seine Rolle in der Hauptstadt-
tionspartei wie die FDP eine recht stolze Bilanz. posse ohnehin schon gefunden. Es ist der Pagliaccio, der
In der Sache hingegen ändert sich wohl nichts. Denn Tollpatsch in zu großen Kleidern, der am Ende wegen
die Wähler können – Volksentscheid hin oder her – die seiner Fehler verdroschen wird. Andreas Wassermann

DER SPIEGEL 2017 65


Deutschland

Weil kommt bei den Bürgern gut an. Wenn

Bernd wer? sie den ehemaligen Oberbürgermeister


von Hannover direkt wählen könnten, läge
er laut einer Infratest-dimap-Umfrage mit
47 Prozent deutlich vor Althusmann. Eine
Landtagswahl In knapp drei Mehrheit der Niedersachsen (57 Prozent)
Wochen wird in Niedersachsen ist laut der Umfrage mit der Arbeit der

SILAS STEIN / DPA


gewählt. Die CDU mit dem rot-grünen Landesregierung zufrieden.
Spitzenkandidat Nur wollen nicht genug Bürger rot oder
unauffälligen Spitzenkandidaten grün wählen, dass eine solche Koalition
Althusmann
Bernd Althusmann liegt vorn. zustande kommen könnte, ein weiteres
Ergebnis der Umfrage. Weil steht vor einer

D
as Wahlkreisbüro von Bernd Althus- mann als Leiter der Konrad-Adenauer-Stif- absurden Situation: Die Niedersachsen
mann befindet sich an einem Wald- tung nach Namibia. Nun ist er zurück und mögen ihn und finden auch seine Regie-
stück am Ausgang von Fleestedt, könnte gleich Ministerpräsident werden. rung gut, doch für eine Mehrheit reicht es
einem Ort mit 5000 Einwohnern. „Bernd In Umfragen liegt die Niedersachsen- nicht.
wer?“, fragt einer im Dorf. CDU stabil vor der SPD (siehe Grafik). Die Union könnte stärkste politische
„Bernd Althusmann. Er will der nächste Nach dem schlechten Abschneiden beider Kraft werden – vielleicht liegt es daran,
Ministerpräsident von Niedersachsen wer- großen Parteien, Union und SPD, bei der dass man kein großes politisches Projekt
den.“ Bundestagswahl könnte sich der Abwärts- mit Weils Amtszeit verbindet. Was in Er-
„Kenn ich nicht.“ trend in Niedersachsen fortsetzen: „Ich innerung bleibt, ist vor allem sein unglück-
Am Dienstag vor der Bundestagswahl erwarte eher einen Schub für die klei- liches Agieren in der VW-Affäre. Weil hat
hatte der CDU-Spitzenkandidat zur Bür- nen Parteien“, sagt Politikwissenschaftler einen Sitz im Aufsichtsrat des Wolfsburger
gersprechstunde geladen. Vier Interessen- Klaus Schubert von der Universität Müns- Konzerns, an dem das Land Niedersachsen
ten hatten sich angemeldet, einer sagte ter. Die FDP könnte nach dem guten Er- 20 Prozent der Anteile hält. Er wirkte wie
wieder ab. gebnis im Bund zusätzlichen Aufwind be- ein Getriebener, nicht wie ein Aufklärer.
Der CDU-Spitzenkandidat für die Land- kommen. Gleiches gelte für die AfD. Die Am Abend der Bundestagswahl hat die
tagswahl am 15. Oktober sitzt in einem habe jetzt „Oberwasser“. niedersächsische SPD ins Alte Magazin,
Büro, das früher einem Bauunternehmen Schnitten die kleinen Parteien in Han- ein Kinder- und Jugendtheater in der
gehörte. Mit seinem gescheitelten blonden nover gut ab, wäre eine Regierungsbildung Südstadt von Hannover, zur Wahlparty ge-
Haar und dem runden Gesicht ähnelt er ohne Althusmann als Ministerpräsidenten laden. Als um 18 Uhr der Absturz der So-
Alec Baldwin in seiner Paraderolle als Do- kaum möglich. Rot-Rot-Grün erscheint für zialdemokraten auf knapp über 20 Prozent
nald Trump. Bernd Althusmann aber fragt den derzeitigen SPD-Landeschef Stephan verkündet wird, entfährt einer älteren
nach, argumentiert höflich, lächelt freund- Weil (SPD) vielleicht noch erreichbar. Dame ein entrüstetes „O Gott“. Ein Ge-
lich, wenn er mit den Bürgern spricht. Es „Das ist der letzte Strohhalm, an den sich nosse stöhnt, „eine Katastrophe“, und
geht um Parkplätze, Kindergärten und den Weil klammert. Darum schließt er eine Ko- blickt zu Boden.
Einzelhandel. Regionalpolitik. Althusmann alition mit den Linken nicht aus“, sagt der Andere versuchen sich Mut zu machen.
führt einen unaufgeregten Wahlkampf. Herausforderer. „Noch heute Nacht werden wir die neuen
Er ist bislang nicht negativ aufgefallen. Verursacht hat den vorzeitigen Wahl- Plakate für die Landtagswahl kleben“, sagt
Positiv allerdings auch nicht. Er ist noch termin in Niedersachsen die Landtagsabge- einer, der in den Landtag gewählt werden
gar nicht aufgefallen – zumindest nicht in ordnete Elke Twesten, die Anfang August möchte. Stephan Weil sei in Niedersachsen
letzter Zeit. von den Grünen zur CDU gewechselt war beliebt und die Situation mit der im Bund
Als niedersächsischer Kultusminister er- und der Landesregierung die hauchdünne überhaupt nicht vergleichbar. Eine Partei-
langte Althusmann 2011 mit gegen ihn erho- rot-grüne Mehrheit genommen hatte. SPD- freundin ergänzt: „Wir machen einen su-
benen Plagiatsvorwürfen überregionale Be- Regierungschef Weil musste die für Mitte per Wahlkampf. Wir können das schaffen.“
kanntheit. Er hatte bei seiner Dissertation Januar vorgesehene Landtagswahl vorzie- Weil selbst sagt, in Niedersachsen sei „die
grob geschludert. Die Universität Potsdam hen, auf den 15. Oktober. Wahl völlig offen“. Das schlechte Ab-
prüfte monatelang, bevor sie dann entschied, Die niedersächsische SPD steht eigent- schneiden der SPD im Bund könne „zu-
dass er seinen Doktortitel behalten könne. lich ordentlich da: Sie liegt laut Umfragen sätzliche Motivation für uns in Niedersach-
Nach der Abwahl der Unionsregierung etwa zehn Prozentpunkte über dem Bun- sen“ auslösen. Klingt nach Prinzip Hoff-
in Hannover im Jahr 2013 ging Althus- destrend. SPD-Ministerpräsident Stephan nung. Hubert Gude

37 Sonntagsfrage Mögliche Koalitionen


„Welche Partei würden Sie wählen, rechnerisch nach der Sonntagsfrage, Mehrheit über 48,5 Prozent
32 wenn am kommenden
Sonntag in Niedersachsen
Landtagswahl wäre?“
69 53 48 43 42
48,5
10 Große Schwarz-Grün- Ampel Schwarz-Gelb Rot-Grün
7 5 6 Koalition Gelb

CDU SPD AfD Linke FDP Grüne Antwort: Diese Koalition ist „sehr gut/gut“ für Niedersachsen
Veränderung zur letzten Landtagswahl, in Prozentpunkten
+1,0 –0,6 n. a.* +1,9 –3,9 –3,7 41 % 32 % 25 % 40 % 45 %
Angaben in Prozent; Infratest dimap für NDR-Niedersachsentrend vom 30. Aug. bis 5. Sept.; 1001 Befragte; * 2013 nicht angetreten

66 DER SPIEGEL 2017


„Durchgebolzt
wie ein Affe“
Verkehr Ein Schweizer Gericht
verurteilt einen deutschen Auto-
fahrer zu einer harten Strafe –

ALEXANDRA WEY / PICTURE ALLIANCE / KEYSTONE


und will den Raser nun hierzu-
lande im Gefängnis sehen.

E
r wollte eine abendliche Spritztour
machen, vom italienischen Como
über schöne Pässe in der Schweiz
und dann zurück durch den Gotthard-Tun-
nel. Gegen 22 Uhr fuhr Christian R. in den
knapp 17 Kilometer langen Tunnel und gab
Gas. Siebeneinhalb Minuten benötigte er Schweizer Gotthard-Tunnel: Siebeneinhalb Minuten für 17 Kilometer
mit seinem schwarzen, frisierten BMW Z4
bis zum Ausgang. Das entspricht im Durch-
schnitt 135 Kilometern in der Stunde – er- Wer sich in der Schweiz nur ein Bußgeld schrieben: „Wenn ich den erwische, der
laubt sind 80. einhandelt, muss in Deutschland in der Re- mir ins Auto gefahren ist und Unfallflucht
Dabei passierte R. 15 Fahrzeuge, trotz gel nichts befürchten: Ein Abkommen, das beging, reiß ich das Hirn zum Nasenflügel
Überholverbot und Gegenverkehr. Danach deutsche Behörden zum Handeln brächte, raus.“ Einen anderen Verkehrsteilnehmer
überholte er in einem einspurigen Baustel- ist nicht umgesetzt. Nur bei der nächsten beschimpfte R. als „selbst ernannten Dorf-
lenabschnitt noch viermal und kurvte da- Einreise in die Schweiz könnte er Probleme polizisten“, er gab auch noch dessen Auto-
bei um die rot-weiß gestreiften Warnbaken bekommen und an der Weiterfahrt gehin- kennzeichen an.
zwischen den Fahrbahnen herum. dert werden, bis das Bußgeld bezahlt ist. Dem Stuttgarter Radiosender „die neue
Andere Autofahrer alarmierten die Anders sieht es aus, wenn jemand eine 107.7“ schilderte der Raser seine Version
Schweizer Polizei, die wollte den Raser Strafe bekommt – und das geht in der der Gotthard-Fahrt so: Ihn habe „das Rum-
kurz vor dem Lago Maggiore abpassen. Schweiz schneller als in Deutschland. Bei geschiebe angenervt“. Er sei aber verant-
Doch als R. das bemerkte, gab er erst rich- Tempo 70 in einer 30er-Zone oder Tempo wortungsbewusst: „Wenn einer seine Karre
tig Gas und schoss die Rampe zum Luganer 140 statt 80 käme man in Deutschland im Griff hat, dann bin ich das.“ Die Redak-
See hinauf, die Beamten mit 200 Sachen normalerweise mit 160 oder 240 Euro Buß- tion des Senders versichert, dass es sich
und Sirene hinterher. Einholen konnten sie geld und einem Monat Fahrverbot davon; bei dem Anrufer um R. gehandelt habe.
ihn nicht. Die Verkehrszentrale stellte die in der Schweiz ist mindestens ein Jahr Einer Schweizer Boulevardzeitung sagte
Ampel an der Einfahrt des folgenden Tun- Freiheitsstrafe vorgeschrieben. Solche Stra- der Deutsche: „Ich bin durchgebolzt wie
nels auf Rot, erst da hielt R. an. fen versucht die Schweiz auch im Ausland ein Affe.“ Inzwischen wolle er keine Stel-
Als Grund für seine irre Fahrt nannte zu vollstrecken, das zeigt der Fall des lung zu den Vorfällen mehr beziehen, sagt
der Finanzmanager, der nahe Stuttgart Gotthard-Rasers. seine Familie auf Anfrage.
wohnt und heute 43 Jahre alt ist, er habe In Deutschland wäre R. wohl nur wegen Sein Schweizer Pflichtverteidiger konnte
Hunger gehabt und bis 23 Uhr zum Essen Ordnungswidrigkeiten belangt worden, sagt vor Gericht zur Entlastung seines Mandan-
zurück in Como sein wollen. Das fanden Michael Burmann vom Verkehrsrechtsaus- ten lediglich anführen, dass R. vor seiner
die Schweizer offenbar nicht so amüsant schuss des Deutschen Anwaltvereins. Fahrt keinen Alkohol getrunken habe und
wie er selbst. Seinen Sportwagen beschlag- Aus den Aufnahmen der Überwachungs- dass die Sicht gut gewesen sei. Gegenüber
nahmten sie. kameras geht laut dem Strafurteil „klar den Schweizer Behörden habe sich R. arro-
Im Februar, gut zweieinhalb Jahre nach hervor, wie gefährlich die von R. durchge- gant gezeigt, räumt der Pflichtverteidiger
der Fahrt, verurteilte ihn ein Geschwore- führten Überholmanöver waren“. Selbst ein, das habe den Unmut auf Schweizer
nengericht des Kantons Tessin wegen „Ge- „in blinden Kurven“ habe R. überholt und Seite wohl befeuert.
fährdung des Lebens“ anderer und „grober „sich nicht um den Gegenverkehr geküm- Noch ist offen, ob die gegen R. verhängte
Verletzung der Verkehrsregeln“ zu 30 Mo- mert“. Dass R. auf seinen Hunger verwies, Strafe hierzulande vollstreckt werden kann.
naten Freiheitsstrafe, davon 18 auf Bewäh- werten die Richter als „skrupellos“. Den Fachleute des Stuttgarter Justizministeriums
rung. Zudem soll R. rund 16 000 Franken Schweizer Polizisten und dem deutschen finden es heikel, dass R. in Abwesenheit
Prozesskosten zahlen. Richter, die ihn vernehmen wollten, er- verurteilt wurde. Daran seien „besondere
Umgesetzt wurde davon bislang nichts. zählte der Raser, er habe seinen Z4 Anforderungen zu stellen“.
Zum Prozess war der Finanzmanager nicht „gechippt“, damit der „mehr Leistung“ Die scheint das Tessiner Strafurteil jeden-
erschienen. Doch die Schweizer geben habe. Dennoch habe er „nie riskiert, mit falls vordergründig zu erfüllen: R. wurde
nicht auf. Das dortige Bundesamt für Justiz anderen Autos zusammenzustoßen, weil demnach „ordentlich mit Einschreiben“
schickte ein Vollstreckungsersuchen nach ich gut fahre“. vorgeladen. Sein Pflichtverteidiger nahm
Baden-Württemberg. Dieses prüft die Für wen welche Regeln im Straßenver- laut Urteil „zur Kenntnis“, dass die Voraus-
Staatsanwaltschaft Stuttgart, dann muss das kehr gelten sollen, beschäftigt den Auto- setzungen vorgelegen hätten, ihn auch in
Landgericht und am Ende der baden-würt- fahrer offenbar intensiv. Auf seiner Face- Abwesenheit zu verurteilen.
tembergische Justizminister entscheiden. book-Seite hat er schon vor Jahren ge- Jan Friedmann, Dietmar Hipp

DER SPIEGEL 2017 67


Q U E L L E N : W H O, W E LT BA N K
Früher war alles schlechter
Nº 91: Müttersterblichkeit

1990 starben jeden Tag weltweit geschätzt 2000 2015


1500 Frauen infolge von Komplikationen
während der Schwangerschaft oder der Geburt. 1200 Frauen 830 Frauen

Eine tote Mutter alle zwei Minuten. Dass eine Frau bei oder nach dern wie Deutschland bei weniger als 10 Todesfällen pro
der Geburt ihres Kindes stirbt, dass sie also im Moment, da 100 000 Lebendgeburten. Zu verdanken ist dieser Zivilisations-
sie neues Leben erschafft, selbst den Tod erleidet, ist eine be- schritt bekanntlich einem Ungarn namens Ignaz Semmelweis
sonders verwerfliche Idee des Schicksals; völlig inakzeptabel, (1818 bis 1865), der den Zusammenhang von Hygiene und
egal, wie man’s betrachtet, ob moralisch, biologisch, medizi- Kindbettfieber entdeckte und dessen Erkenntnisse die Ärzte
nisch, theologisch. Manche Tintenfischarten machen das zwar das Händewaschen lehrten. Global betrachtet, ist das große
immer so, dass das Weibchen stirbt, nachdem die Jungtiere ge- Müttersterben jedoch keineswegs vorbei, noch immer lassen
schlüpft sind, vielleicht finden sie es poetisch, aber mit uns im Schnitt täglich rund 830 Frauen ihr Leben, nur weil sie ein
Menschen kann man so was nicht machen. Dafür, zum Teufel, Kind bekommen, fast alle in Entwicklungsländern – das ist
sind wir nicht auf Erden. In der westlichen Welt verlief noch eine tote Mutter knapp alle zwei Minuten. Doch der Fortschritt
Mitte des 19. Jahrhunderts etwa jede 200. Schwangerschaft für dauert an: Zwischen 1990 und 2015 ist die globale Müttersterb-
die Mutter tödlich, heute liegt die Müttersterblichkeit in Län- lichkeit um fast die Hälfte weiter gefallen. guido.mingels@spiegel.de

Finanzen Euro mehr als Töchter, näm- den Rasen gemäht hat. Und Schmiedel: Mädchen sind da
Wieso kriegen lich 20 statt 17. Woran liegt’s? wenn das Kind eine zaghafter, stimmt. Die Eltern
Schmiedel: Viele Eltern haben
Söhne mehr Taschen- immer noch dieses archaische
Taschengelderhöhung fordert,
fällt es den Eltern beim Sohn
honorieren es, wenn ihr Sohn
selbstbewusst auftritt und auf
geld als Töchter, Rollenverständnis: Der Sohn oft schwerer, hart zu bleiben, den eigenen Vorteil bedacht
Frau Schmiedel? wird später der Verwalter ei- als bei der Tochter. ist. Er erfüllt ihre Erwartungs-
ner Familie sein, er wird ein- SPIEGEL: Vielleicht verhandeln haltung nach dem Motto:
Stevie Schmiedel, 46, Kultur- mal Frau und Kinder ernäh- die Söhne einfach besser? Jungs sind eben so.
wissenschaftlerin aus Hamburg, ren müssen. Daher soll SPIEGEL: Der Unter-
über den Gender Pay Gap er möglichst früh lernen, schied bei den Kleinen
im Kindesalter mit Geld umzugehen. entspricht im Verhält-
SPIEGEL: Töchter haben nis in etwa der Diffe-
SPIEGEL: Sie sind selbst Mut- das nicht nötig? renz bei den Gehältern
ter – würden Sie einem Jun- Schmiedel: Von ihnen er- von Männern und
gen mehr Taschengeld zahlen warten viele Eltern vor Frauen. Nur Zufall?
als einem Mädchen? allem, dass sie fleißig Schmiedel: Nein. Es ist
WESTEND61 / GETTY IMAGES

Schmiedel: Natürlich nicht. sind. Sie sollen im Haus- auch kein Zufall, dass
Das wäre ungerecht und un- halt helfen, natürlich Mädchen viel eher
zeitgemäß. ohne dafür belohnt zu Spielküchen geschenkt
SPIEGEL: Laut einer Studie werden. Ein Junge kriegt bekommen als Jungen.
haben Söhne schon im schon mal 2 Euro in die Diese Prägungen sitzen
Vorschulalter im Monat 3 Hand gedrückt, wenn er tief. mag

68 DER SPIEGEL 2017


Gesellschaft
es auch nicht mehr „Imkern“, sondern „Urban Beekee-
Summmmm ping“, eine Unterkategorie des „Urban Gardening“. Wo-
mit jetzt nicht der Verdacht erhoben werden soll, dass ir-
gendeine Berliner Hipster-Bande die luxemburgischen
Eine Meldung und ihre Geschichte Bienen eingesammelt hat. Man weiß bislang nichts über
die Täter.
Wie und warum klaut Der große Bienenüberfall in Luxemburg hat im Netz
man 3,8 Millionen Bienen? für einige Schlagzeilen und für Anteilnahme gesorgt, wo-
bei ein User in einem Diskussionsforum empfahl, Bienen-

J
ean-Paul Beck war nicht überrascht, als er von dem stöcke mit GPS-Sendern auszurüsten. Bienen sind zur
Diebstahl hörte. 47 Bienenstöcke, an drei Standorten. heißen Ware geworden, umso mehr natürlich, seit sie be-
Viel haben die Diebe mitgenommen, dachte er sich, droht sind.
verdammt viel. Aber überrascht war er nicht. Er kennt Es gibt viele Missverständnisse, viele Mythen, was Bienen
das Problem. Jeder Imker kennt es. In Frankreich, in Bel- angeht. Das geht beim wohl berühmtesten Bienenzitat los:
gien, in Österreich, in Spanien, in Deutschland – überall „Wenn die Biene von der Erde verschwindet, hat der
werden seit Jahren Bienen geklaut. Mensch nur noch vier Jahre zu leben.“ Das soll Albert Ein-
Beck ist Präsident des luxemburgischen Bienenzüchter- stein gesagt haben, und Anton Hofreiter von den Grünen
verbands. Er ist 59 Jahre alt, und seit vor ein paar Wochen hat das kürzlich auch so auf seine Facebook-Seite gestellt –
die luxemburgische Polizei von einem Bienendiebstahl und es kurz darauf wieder gelöscht. Es stimmt nämlich
„in einem nicht gekannten Ausmaß“ sprach, wird er im- nicht. Albert Einstein war Physiker, nicht Biologe, auch
merzu gefragt, wie um Himmels willen einer 3,8 Millionen nicht Imker. Die Menschheit würde ohne Bienen nicht aus-
Bienen klauen konnte. Und: warum. sterben. Sie hätte nur ein riesiges Problem. Apfel, Birne,
Beck ist ein freundlicher, ruhiger Mann, der im Haupt- Kirsche, Pflaume, sie alle profitieren enorm von der Be-
beruf Direktor in einer luxemburgischen Kellerei ist. „Zum stäubung durch Bienen. Schätzungen zufolge stammt ein
einen“, sagt Beck, der ge- Drittel der weltweiten Ernte
wohnt ist, dass die Leute nicht von Pflanzen, die durch Tiere
den leisesten Schimmer von bestäubt wurden.
Bienen haben, „kann das Man muss auch unterschei-
nicht nur ein Dieb gewesen den, welche Bienen man
sein. Es waren mehrere.“ meint, wenn man vom „Bie-
Ein nicht abgeernteter Bie- nensterben“ spricht. Den Ho-
nenstock kann bis zu 80 Kilo- nigbienen geht es recht gut in
gramm wiegen. Allein könne Deutschland, um die küm-
man schon einen einzigen PETER MÜLLER / CULTURA / PLAINPICTURE
mern sich ja nicht zuletzt die
kaum bewegen. „Und 3,8 Mil- „Urban Beekeeper“. Ganz an-
lionen Bienen, das sind 47 Bie- ders sieht es bei Wildbienen
nenstöcke. 47 Kisten, die im aus, die dummerweise keinen
Wald stehen, auf die keiner Honig produzieren. Die sind
aufpasst. Die kriegen sie lo- teilweise extrem gefährdet.
cker in einen Kleinlaster.“ Nicht zuletzt aufgrund einer
Man braucht nur dicke Hand- Landwirtschaft, die auf Che-
schuhe, eine Imkerjacke mit mie und Monokulturen setzt.
Schleier und genug Nieder- Jean-Paul Beck in Luxem-
tracht. Es ist leicht, 3,8 Millio- burg plant am Wochenende
nen Bienen zu klauen. Anders einen Bienentag. Da wird er
ausgedrückt: Es ist leicht, an den Besuchern das alles in
50 000 Euro zu kommen. So Ruhe erklären. Das Interesse
viel sind die 47 Bienenstöcke an Bienen sei groß, sagt er.
in Luxemburg ungefähr wert. „Die Imkerkurse sind überall
Bienen sind derzeit sehr Aus dem „Tagesspiegel“ voll, bei uns in Luxemburg,
beliebt, nicht nur bei Dieben. aber auch in Deutschland.“
Der Boom ging vor einigen Jahren los. Bienen passten in Was die Diebe angeht, glaube er nicht, dass sie gefasst
die Zeit. Diese Bionade-Manufactum-Landlust-Zeit. Viele würden. „Das gelingt der Polizei praktisch nie.“ Meist sei-
Großstädter mit Biohof-Fantasien entdeckten das Imkern. en es ja andere Imker, die Bienenstöcke stehlen. Wer sonst
Bienen sind perfekte Haustiere, genügsam, schweigsam, könne etwas mit 3,8 Millionen Bienen anfangen? Ein paar
günstig im Unterhalt. Sie besorgen sich das Fressen selbst, solcher Raubzüge, und man könne sich problemlos eine
haben es gern, wenn man sie in Ruhe lässt. Ein Con- Existenz als Berufsimker aufbauen. Man werde nicht reich
venience-Tier. In der Regel reichen ein Imkerkurs, ein Bal- davon, aber eine Familie könne man ernähren.
kon oder eine Terrasse, etwa tausend Euro Startkapital Hinzu komme noch eine andere Schwierigkeit, sagt
und etwa 15 Minuten Zeit pro Woche pro Bienenvolk. Beck: „Bienen sind keine Hunde. Die erkennen ihr Herr-
Das perfekte Hobby für Menschen, die eigentlich keine chen nicht.“ Bienen gelten zwar als recht intelligent, For-
Zeit für ein Hobby haben. scher glauben sogar, dass sie bis drei zählen können, aber
Man stellt sich also den Bienenstock, den man als Star- loyal sind die Tiere nicht. „Sie passen sich der neuen Um-
terkit im Internet bestellen kann, auf die Dachterrasse, gebung sehr schnell an“, sagt Beck, „und es ist ihnen
und schon kann Freunden erzählt werden, dass man „viel schlichtweg egal, welcher Imker ihnen am Ende den Honig
bewusster die Jahreszeiten wahrnimmt“. Natürlich heißt klaut.“ Juan Moreno

DER SPIEGEL 2017 69


Gesellschaft

„Helmut Schmidt mein Name.


Und Sie müssen Frau Merkel sein“
Elefantenrunde Der große Kanzlergipfel: Der SPIEGEL hat Helmut Schmidt,
Willy Brandt, Helmut Kohl, Gerhard Schröder,
Ludwig Erhard und Frau Merkel zum Gespräch zusammengeführt.

D
ie Runde ist aus diversen Ecken der Deutschland. Es sind ganz normale Men- buch – doch bei manchen Kanzlern (Ade-
Republik zum SPIEGEL-Hochhaus schen, die aber besondere Namen tragen: nauer, Kiesinger) blieb die Suche ohne Er-
in Hamburg angereist, man trifft Helmut Kohl (Bundeskanzler von 1982 bis gebnis. Die ersten fünf Willy Brandts, bei
sich zum ersten Mal. Helmut Schmidt, 1998), Ludwig Erhard (1963 bis 1966), Willy denen wir anriefen, waren alle schon tot,
Raumausstatter aus der Nähe von Mainz, Brandt (1969 bis 1974), Helmut Schmidt „vor 40 Jahren verstorben“, hieß es einmal.
scheint an neue Situationen gewöhnt zu (1974 bis 1982), Gerhard Schröder (1998 bis Einfacher war es bei Gerhard Schröder, er
sein, er stellt sich sogleich jedem vor: „Hel- 2005) und Angelika Merkel. Wer einen sol- hat als Gründer einer „Akademie für
mut Schmidt mein Name. Und Sie müssen chen Namen trägt, beschäftigt sich, ob er Wundversorgung“ eine eigene Website.
Frau Merkel sein.“ Die Stimmung ist ge- will oder nicht, mehr mit Politik als andere. Helmut Kohl aus Brühl nahe Köln, telefo-
löst, aber keineswegs albern. Für alle ist Die Eingeladenen, so baten wir zu Beginn nisch erreicht, versicherte rasch und sehr
es ein besonderer Tag. Und endlich einmal des Gesprächs, sollten nicht für oder gegen deutlich, er wolle kein SPIEGEL-Abo und
die Gelegenheit, zu Wort zu kommen. ihre Namensvetter sprechen, sie würden auch nichts anderes kaufen, hörte sich
Der SPIEGEL hat sechs deutsche Wähler nicht als Stellvertreter befragt. Sie waren dann aber doch die Idee des Gesprächs an.
eingeladen zu einem Gespräch über ihr hier als Bürgerinnen und Bürger dieses Und sagte umgehend zu. So war es schließ-
Landes. lich auch bei Ludwig Erhard, Zahnarzt,
Das Gespräch führten die Redakteure Alexander Smol-
Es war nicht leicht, sie alle zu finden. und bei Willy Brandt, Rentner.
tczyk und Guido Mingels. Mitarbeit: Theresa Hein, Laura- Hilfsmittel waren Google, Facebook, Xing, Eine gesprächsbereite zweite Angela
Nadin Naue. StayFriends und das gute alte Telefon- Merkel fanden wir im ganzen Lande nir-
HARTMUT SCHWARZBACH / DER SPIEGEL

HARTMUT SCHWARZBACH / DER SPIEGEL

Helmut Schmidt Willy Brandt


Raumausstatter aus Pfaffen-Schwabenheim Ehemaliger Beamter aus St. Wendel

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WAHL 2017

gends und wichen auf eine Angelika aus, irgendwelchen Auktionen Weizen als An- Innenleben ihrer Bewohner. In der einen
Pflegedienstangestellte aus Rheinland- lageobjekt missbraucht wird. Schule mussten wir Sitzbänke bauen, es
Pfalz. Frau Merkel sagte, wenn das alles SPIEGEL: Herr Brandt? waren keine da. Wenn Sie als Eltern die
kein Scherz sei, dann sei sie sehr gern zu Brandt: Rente. Einfach der gesamte Sozial- Klassenräume renovieren müssen, dann
einem Gespräch mit dem SPIEGEL bereit. sektor. Das ist ja der am besten ausgestat- ist da etwas verkehrt.
SPIEGEL: Nehmen wir einmal an, Sie, Frau tete Haushaltsposten. Da müsste genauer SPIEGEL: Was nun, Herr Kohl?
Merkel, würden zur Kanzlerin Deutsch- untersucht werden, wer was kriegt. Bei Kohl: Gesundheitswesen, Wasserversor-
lands gewählt werden und hätten nun vier den Sozialhilfeempfängern, aber vor allem gung, Stromversorgung, da würde ich an-
Jahre Zeit. Welches Gesetz würden Sie als bei den Flüchtlingen. Nicht mit der Holz- fangen, eventuell der Bahnverkehr. Wenn
erstes auf den Weg bringen? hammermethode, sondern pointiert. Da es um solche Grundbedürfnisse des Men-
Merkel: Ich sage nur: Gesundheitssystem. geht vieles in die falsche Richtung. schen geht – und da drifte ich jetzt wahr-
Das ist das ganz große Thema. Nehmen SPIEGEL: Und wenn Sie, Herr Schröder, es scheinlich weit nach links ab –, da sollten
wir nur die demenziell erkrankten Men- ins Kanzleramt geschafft hätten, was wür- keine Firmen sich eine goldene Nase ver-
schen. Da kommt eine Welle auf uns zu. de sich ändern? dienen. Das muss der Staat machen.
Uns fehlen Arbeitskräfte in der ambulan- Schröder: Das Schulsystem. Komplett. Ich
ten Pflege. Wir werden so schlecht bezahlt, würde unser Bildungssystem von den Kin- Helmut Kohl, 68 Jahre, war sein Berufs-
dass es keiner mehr machen möchte. dergärten bis zur Universität völlig ver- leben lang bei der Bahn, was man hier spü-
SPIEGEL: Was würde ein Kanzler Helmut ändern. Wir haben im Moment ein System, ren kann. Der Diplom-Ingenieur aus Brühl ist
Schmidt anders machen? in dem den Kindern, aber auch den Leh- seit drei Jahren im Ruhestand und war bei
Schmidt: Ich würde das Handwerk besser rern, etwas aufgedrückt wird. Mein Sohn der Deutschen Bahn vor allem für den Aus-
organisieren. Das wäre mir ein echtes An- zum Beispiel liest mit zehn Jahren Kant. bau neuer Strecken zuständig. Kohl ist ver-
liegen. Dann die Pflege im Alter, die sollte SPIEGEL: Die Werke des Philosophen Im- heiratet und hat zwei erwachsene Söhne.
wirklich für jeden bezahlbar sein, da schlie- manuel Kant?
ße ich mich Ihnen an, Frau Merkel. Und Schröder: Er versteht das nicht, aber findet SPIEGEL: Lassen Sie uns über Ihre promi-
ich weiß, wovon ich spreche, meine es hochinteressant. Mein Sohn passt nicht nenten Namen reden. Was machen Sie für
Schwiegermutter wird immer dementer. in die Norm. Und ich kriege gesagt, er solle Erfahrungen damit, Herr Erhard?
Und Rente sollte nur noch nach Lebens- Methylphenidat nehmen. Erhard: Ich war Schuljunge in der Erhard-
arbeitszeit bezahlt werden. SPIEGEL: Wenn jemand mit zehn Jahren Zeit, und einmal war mir der Name wirk-
Erhard: Ich würde was für die Landwirt- Kant liest, muss er Pillen nehmen? lich ein Vorteil. Da wurde in München an
schaft tun. Dass es den Tieren besser geht, Schröder: Ja, das sei ADHS. Da ist ein rich- unserer Buslinie eine neue Haltestelle ge-
dass die Lebensmittel einen gerechten tiges System aufgebaut worden. Und die baut, die hieß Ratzingerplatz. Wir haben
Preis kriegen. Und dass nicht weltweit auf Schulgebäude sehen genauso aus wie das dort mal eine Stinkbombe geworfen. Der
HARTMUT SCHWARZBACH / DER SPIEGEL

HARTMUT SCHWARZBACH / DER SPIEGEL

Angelika Merkel Gerhard Schröder


Pflegedienstangestellte aus Betzdorf Experte für Wundversorgung aus Göttingen

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HARTMUT SCHWARZBACH / DER SPIEGEL

HARTMUT SCHWARZBACH / DER SPIEGEL


Helmut Kohl Ludwig Erhard
Diplom-Ingenieur aus Brühl Zahnarzt aus München

Busfahrer stellt den Bus ab, kommt zu Kohl: Manchmal wird man belächelt, wenn niedrigere Einkommensschichten einkau-
einem Freund und mir und fragt: „Wie heißt man eine Kreditkarte vorlegt. Zur aktiven fen. Weil bei mir „Merkel“ auf dem Na-
ihr?“ Und dann sagt mein Freund: „Rat- Zeit Kohls gab es auch mal Schmähanru- mensschild steht, gerate ich dann schon
zinger.“ „Und wie heißt du?“ „Ludwig Er- fe zu Hause, von Leuten, die ernsthaft mal in die eine oder andere Diskussion.
hard.“ Und dann hat er nur gesagt: „Haut’s dachten, der Kanzler stehe im Telefon- SPIEGEL: Was hören Sie da?
ab, ihr Saubuam.“ So baff war der. buch. Andererseits: Wir haben so eine Franziska Merkel: „Haben Sie irgendwas da-
SPIEGEL: Ihr Freund hieß wirklich Ratzin- Wander-Weingruppe, und wenn wir dann mit zu tun?“ – „Nein, habe ich nicht, nicht
ger? mal in Kohls Heimat unterwegs waren, verwandt und nicht verschwägert.“ – „Bes-
Erhard: Ja, Manfred Ratzinger. Ich glaub, also in der Pfalz, dann wurde ich immer ser so für Sie.“ Solche Sachen.
das war der Neffe vom späteren Papst. vorgeschickt, um Restaurants zu reser- SPIEGEL: Wer von Ihnen ist vom Herzen
SPIEGEL: „Helmut Schmidt“ ist im Zweifel vieren. eher links, wer eher konservativ?
immer eine Eintrittskarte, richtig? SPIEGEL: Mussten Sie sich schon rechtferti-
Schmidt: Der Name ist sehr positiv besetzt. gen für Ihren Namen, Frau Merkel? Gerhard Schröder hebt die Hand für links,
Wenn ich gefragt werde, „Schmidt, und Merkel: Ich bin oft erstaunt, dass es kaum Ludwig Erhard und Helmut Schmidt ver-
wie?“, sage ich immer: „Wie der Altkanz- jemandem auffällt, wenn ich mal den Per- ordnen sich konservativ. Angelika Merkel
ler.“ Einmal war ich, noch zu Helmut sonalausweis zeige oder mit Kreditkarte weiß nicht so recht. Wie auch Helmut Kohl
Schmidts Zeiten, in Bonn eingeladen zu ei- bezahle. Ich heiße zwar nicht Angela Mer- und Willy Brandt, die beiden Älteren.
ner Geburtstagsfeier von ihm, gemeinsam kel, sondern Angelika Merkel. Aber das
mit rund 400 weiteren Helmut Schmidts. sind ja nur zwei Buchstaben mehr. Brandt: Ich möchte sagen, leicht links, als
Tolle Sache. Jeder, der mir entgegenkam, CDU-Konservativer.
hieß Helmut Schmidt, man brauchte sich Angelika Merkel leitet die Abteilungen Haus- Kohl: Das ist ein schwieriges Thema. Was
gar nicht mehr vorzustellen. wirtschaft und Betreuung der Sozialstation ich vertrete – Sie hören es auch am Ton-
in Betzdorf, Rheinland-Pfalz. Mit 55 Jahren fall –, ist ein rheinischer Liberalismus. Man-
Helmut Schmidt aus Pfaffen-Schwaben- ist sie bereits verwitwet und hat ihre drei ches gefällt mir links, und manches gefällt
heim bei Mainz, 62, ist auffallend gut ge- Kinder allein erziehen müssen. Nach lan- mir rechts, im gemäßigten Spektrum.
kleidet, trägt sein volles weißes Haar mit gem Sparen hat sich Merkel einen Balkon Merkel: Genau.
Stolz und hat mehrere Visitenkarten dabei. bauen lassen, auf dem sie den Urlaub ver- SPIEGEL: Nun hat sich das Land seit Herbst
Er ist nicht nur selbstständiger Raum- bracht hat. Merkel hat ihre 23-jährige Toch- 2015 neu sortiert. Linke lobten die Flücht-
ausstattermeister, sondern auch Landes- ter Franziska mit in die Runde gebracht, lingspolitik der Regierung, Konservative
innungsmeister für Rheinland-Pfalz und der eine lebhafte Frau, die sich ungeniert ins machten außerparlamentarische Opposi-
Vertreter des Zentralverbands des deut- Gespräch einbringt. tion, die Lager wurden so unübersichtlich
schen Handwerks in Brüssel. Ein Macher. wie die Lage. Wie war es bei Ihnen? Fühl-
Franziska Merkel: Ich arbeite im Lebensmit- ten Sie sich damals eher auf der Seite der
SPIEGEL: Und der andere Helmut? teleinzelhandel. Bei uns kommen eher Regierung Merkel – Tür auf und reinho-
72 DER SPIEGEL 2017
Gesellschaft

len – oder auf der Seite jener, die gewarnt Mit dem Satz, Frau Merkel, ist die CDU sammenarbeit europaweit verbessern und
haben: Achtung, das geht zu fix? in diesen Wahlkampf gezogen. Sie würden darauf achten, dass der Kriminelle nicht
Erhard: Als man die Bilder von der ungari- dem wahrscheinlich widersprechen? mehr Datenschutz erhält als die Polizei.
schen Grenze gesehen hat, da war ganz Merkel: Ich bin am Schwanken. Ich sehe in Schmidt: Das Problem, Herr Brandt, ist
klar, dass man humanitär etwas machen vielen Dingen auch immer die dunklere doch ein ganz anderes. Was nützt mir die
muss. Aber es ohne Plan und ohne Begren- Seite. Aber wir klagen auf hohem Niveau. Polizeipräsenz? Es muss schneller abge-
zung zu machen, hat mich sehr erschreckt. SPIEGEL: Geht es Ihnen persönlich schlech- urteilt werden. Wenn verurteilt wird, dann
Und tut es eigentlich immer noch. ter als vor 15 Jahren? bitte abschreckende Urteile.
Merkel: Konnte man sich das vorstellen? Merkel: Damals waren meine Kinder klei- Kohl: Also, die Verwaltung im kommunalen
Hatte man in diesem Moment überhaupt ner, und wir mussten zusehen, wie es wei- Umfeld funktioniert ganz gut. Von Leuten,
ein Gefühl für das Ausmaß? tergeht. Ich musste etwas tun, aufstehen. die aus dem Ausland zurückkommen, hört
Schmidt: Ja, doch. Hatte man. Deswegen geht es mir heute besser. man da ganz andere Beispiele.
Merkel: Wirklich in dem Ausmaß? Kohl: Wir machen einen Wandel durch. Ich Schröder: Ich erlebe es so, dass wir uns in
Schmidt: Frau Merkel, ich nenne Ihnen ein komme aus dem katholisch geprägten Deutschland totverwalten. Als ich meine
Beispiel. Wenn in einer Großraumdisko- Rheinland, Jahrgang 1949. Und jetzt, zum Büros in unserem Privathaus unterbringen
thek ein Brand ausbricht, und es wird eine Beispiel, haben wir die Ehe für gleichge- wollte, kamen vier Institutionen zur Be-
Tür aufgemacht, dann rennen die ersten schlechtliche Partnerschaften. Ist okay so. sichtigung, auch die Feuerwehr. Mir wurde
raus und alle hinterher. Mag die Türkei ste- Aber das müssen Sie erst mal verdauen. auferlegt, ein Fenster zu vergittern. Es
hen, wie sie will. Wenn aber der Pakt mit Schmidt: Wir haben teilweise amerikani- könnte ja sein, dass einer die Treppe run-
der Türkei nicht wäre, was meinen Sie, sche Verhältnisse. Wenn sich jemand drei terstürzt und dann durchs Fenster fällt.
was bei uns los wäre! Minijobs suchen muss, um überleben zu SPIEGEL: Fühlen Sie sich heute weniger si-
Merkel: Wollen wir mal hoffen, dass der können, und eine Frau Merkel spricht dann cher in diesem Land als vor einiger Zeit?
Pakt auch hält. davon, dass wir im Jahr 2025 Vollbeschäf- Kohl: Im täglichen Leben nicht. Aber früher
Schmidt: Die wollen alle nach Deutschland tigung haben wollen. Mit was wollen wir bin ich manchmal auch nach Mitternacht
und dann in die skandinavischen Länder. Vollbeschäftigung haben? Mit Minijobs? mit der Straßenbahn nach Hause gefahren.
Weil es ihnen da am besten geht. Schröder: Mein Vater war Arbeiter, Allein- Jetzt nehme ich ein Taxi.
Schmidt: Einen tollen Spruch habe ich die verdiener, wir waren drei Kinder, wir hat- SPIEGEL: Ist Ihnen selbst mal etwas passiert?
Tage zugeschickt bekommen: Was ist der ten nicht viel Geld. Aber wir hatten auch Kohl: Mir nicht, auch im Bekanntenkreis
Unterschied zwischen E. T. und einem deutlich geringere Ausgaben. In den Städ- nicht. Aber an solchen Haltestellen sieht
Flüchtling? E. T. wollte immer nach Hause. ten haben wir ja Parkplatzprobleme, weil man ein bestimmtes Milieu, und man traut
jede Familie zwei Autos hat. Unser An- sich nicht dahin.
Die Runde traut sich nicht so recht, zu spruch an das Leben ist oberflächlicher ge- Merkel: Angst.
lachen. worden. Wir haben einen Werteverfall. Erhard: Was ich schlimm finde, ist die Ein-
bruchskriminalität, dass so wenig getan
Schmidt: Die Flüchtlinge, die wir haben, Gerhard Schröder, 57, ist gelernter Kranken- wird. Es wäre so einfach. Du musst bloß
denen geht es einfach zu gut. pfleger aus Göttingen, machte eine Weiter- an der Grenze diese rumänischen Klein-
SPIEGEL: Bisweilen wird geklagt, es gebe bildung zum Lehrer für Pflegeberufe und laster kontrollieren. Und dann müsste halt
keine starken Persönlichkeiten mehr in der gründete die Akademie für Wundversor- auch was passieren, aber es passiert nix.
Politik, wie Herbert Wehner oder Willy gung. Schröder hat 14 Bücher geschrieben, Kohl: Dann sind wir aber von unserem of-
Brandt. Würden Sie dem zustimmen? hat fünf Kinder, ist zweimal geschieden und fenen Europa weg. Ich finde, der gesell-
Erhard: Ich komme aus dem Bundesland alleinerziehender Vater, die jüngste Tochter schaftliche Konsens geht etwas verloren.
von Franz Josef Strauß. Da hat man nicht ist zehn. Von seinem Namensvetter unter- Wenn ich mir so Pegida-Leute ansehe, mit
diskutieren brauchen über Durchsetzungs- scheidet ihn auch die Konfektionsgröße. denen kann man ja nicht argumentieren.
fähigkeit. Ich glaube, früher hat auch die Schröder ist fast zwei Meter lang. SPIEGEL: Sie glauben, dass das gesellschaft-
Presse mehr Rücksicht genommen. Es ist liche Vertrauen insgesamt schwindet?
nicht alles so ins Detail gezogen worden. Kohl: Wir haben Gott sei Dank keine Or- Kohl: Ja. Pluralismus wird erst mal gelobt.
báns, Erdoğans, Kaczyńskis. Keinen Ich sehe da aber auch einen Nachteil, also,
Ludwig Erhard, 62, stammt aus einer baye- Trump, der nicht alle Tassen im Schrank dass es einen gesellschaftliche Zusammen-
rischen Ärztefamilie, auch Vater und Groß- hat. Zur EU: Da gibt es sicherlich viel Kri- halt von wegen „Das tut man nicht“ immer
vater trugen schon den Namen des ehema- tik, aber ich als Nachkriegsjahrgang schät- weniger gibt. Höflichkeit und Respekt ge-
ligen Bundeskanzlers. Er ist eigentlich Zahn- ze den jahrzehntelangen Frieden. hen verloren. Jeder macht sein Ding.
arzt in München, praktiziert in seiner Frei- SPIEGEL: Es wird gern über den Staat in SPIEGEL: Was sind denn die Werte, die Sie
zeit aber als Veterinär. Er erzählt, dass er Deutschland gespottet, die Beamten und als wichtig erachten?
am Morgen nach dem Gespräch sehr früh ihre Vorschriften. Wie stellt sich das Ihnen Kohl: Na ja, das sind unsere Freiheit, unsere
losfahren wolle, weil er sich zu Hause noch dar? Funktioniert unsere Verwaltung? Demokratie, und die sehe ich bedroht von
um ein krankes Kalb kümmern müsse. Erhard: Ich musste letztes Jahr meinen Perso- links, von rechts und vom Islamismus. Bei
nalausweis verlängern lassen. Da muss man Großereignissen wie in Hamburg beim G-
Merkel: Vielleicht glänzten die Kanzler frü- eine Nummer ziehen in der Früh um sieben. 20-Gipfel, da frage ich mich immer: Wo
her mehr, weil es uns einfach allen besser Aber da standen vor der Tür auch 150 Flücht- sind diese Leute im normalen Leben? Ist
ging? Und weil wir einfach viel mehr Pro- linge. Früher war das in einer halben Stunde er bei irgendeiner Firma, oder macht er
bleme haben in der heutigen Zeit? Es wird erledigt. Da habe ich eine Helferin hingesetzt gar nix? Ich versuche, die andere Seite zu
so viel diskutiert, alles ist komplizierter. und gesagt, ruf mich an, wenn es so weit ist. verstehen. Wollen die Linksautonomen
Die Telefone hatten noch Wählscheiben, SPIEGEL: Damals herrschte auch Ausnah- eine andere Gesellschaft? Wollen sie die
das Fernsehen war in Schwarz-Weiß. Heu- mezustand in München. Demokratie abschaffen? Wollen die Rech-
te ist alles viel schnelllebiger. Brandt: Die Kriminalität nimmt insgesamt ten wieder einen Führer oder einen star-
SPIEGEL: „Heute leben wir im schönsten zu, weil bei allen Sicherheitsorganen Per- ken Mann wie jetzt in der Türkei? Ich
und besten Deutschland, das wir je hatten.“ sonal abgebaut wurde. Man muss die Zu- möchte beides nicht.
DER SPIEGEL 2017 73
WAHL 2017

Brandt: Ich sage: Zu viel Freiheit ist Brandt: Der Mädchenname meiner Mutter
schlecht, zu wenig Freiheit ist viel schlech- war Wiedemayer, und sie wollte nach dem
ter. Das ist mein Spruch. Und daran mache Krieg die polnische Staatsbürgerschaft
ich mein politisches und gesellschaftliches nicht annehmen. Da mussten wir fliehen
Denken fest. und sind schließlich nach Deutschland
SPIEGEL: Mehr Demokratie wagen. gelangt, meine Mutter allein mit uns fünf
Brandt: Das hat der Brandt gesagt, damals. Kindern. Lange her!
Kohl: Sie haben nach Stolz gefragt, aber
Willy Brandt ist jetzt 73 Jahre alt, Rentner in mir klingt Stolz etwas zu pathetisch. Ich
St. Wendel im Saarland, ein höflicher, zu- bin mit diesem Land zufrieden, nicht nur
rückhaltender Mensch mit einem schnellen jetzt, sondern schon lange Zeit. Ich per-
Lächeln. Sein Berufsleben hat er als Beam- sönlich habe keine schlechten Erfahrungen
ter bei der Grenzsicherung verbracht, im gemacht.
mittleren Dienst. Brandt engagiert sich bei Merkel: Ich bin froh, hier in Deutschland
den Windkraftgegnern und ist Mitglied im leben zu können. Es ist so viel Unruhe um

HARTMUT SCHWARZBACH / DER SPIEGEL


örtlichen Ideen- und Erfinderklub. uns herum. Es geht uns gut.
SPIEGEL: Frau Merkel, Herr Brandt, Herr
Schmidt: Herr Brandt, wir haben da ganz Erhard, Herr Kohl, Herr Schröder, Herr
andere Probleme. Afrika ist der jüngste Schmidt, wir danken Ihnen für dieses Ge-
Kontinent ... spräch.

Schmidt setzt an zu einem weltpolitischen Die Diskussion fand einige Zeit vor dem
Rundschlag. Er ist offenkundig bestens in- Wahlwochenende statt, weshalb wir alle
formiert über die Lage in den Herkunfts- Gesprächsteilnehmer Brandt, Erhard, Beteiligten am Abend der Wahl noch mal
gebieten, spricht über Ernährungsgewohn- Schröder, Kohl, Merkel, Schmidt anriefen und um ihren Kommentar zu den
heiten, Soforthilfen, Strukturhilfen und „Es geht uns gut“ Ergebnissen baten:
das, was sein Rotarierklub tun kann. Der
Rest der Runde hört Helmut Schmidt höf- Schmidt: Ich bin stolz auf das Erreichte. Merkel: Ja, was sage ich jetzt? Was die AfD
lich zu. Man ist ja in Hamburg. Wir lagen auf dem Boden und haben uns betrifft, müssen sich die anderen Parteien
wieder hochgerappelt, sind eine Wirt- Gedanken machen, was da passiert ist und
Schmidt: ... Bildung ist eben das A und O. schaftsmacht. Wir sind Exportweltmeister. warum sie so viele Stimmen verloren ha-
In jeder Gesellschaft. Ich bin stolz auf Deutschland, weil wir mit ben. Ich hoffe, dass die CDU das, was sie
SPIEGEL: Welche Politiker imponieren Ih- dazu beigetragen haben, dass wir seit über uns im Pflegebereich versprochen hat,
nen denn, Herr Kohl? 70 Jahren befriedet leben. Ich bin auch wirklich umsetzt.
Kohl: Die jüngeren, in Frankreich Emma- stolz darauf, dass wir eine Führungsposi- Schmidt: Es ist schon erschreckend, wie die
nuel Macron, in Kanada Justin Trudeau. tion in Europa haben. AfD abgeschnitten hat. Wenn über sechs
SPIEGEL: So einen deutschen Macron hätten SPIEGEL: Der Namensvetter von Herrn Kohl Millionen Menschen die AfD wählen, kann
Sie sich durchaus gewünscht? hat aber immer darauf geachtet, dass wir das nicht nur Protest sein.
Kohl: Einfach einen, der sagt, wir packen uns nicht erheben über andere Nationen. Erhard: Ja mei, es war fast zu erwarten.
jetzt die Dinge an. Man sieht ja in den Schmidt: Wir erheben uns nicht, andere ha- Brandt: Ich hätte mir eine Große Koalition
Talkshows immer die gleichen Gesichter, ben uns erhoben. Andere wollten, dass ir- gewünscht. Mit den guten Ergebnissen der
Herrn Bosbach, Frau Wagenknecht, einen gendjemand die Führung übernimmt. FDP habe ich gerechnet, Lindner kann sich
Terrorismus-Professor aus London und Erhard: Stolz bin ich, dass ich ein Bayer gut darstellen. Das Ergebnis der AfD hat
zwischendrin noch eine verhüllte Muslimin. bin. Aber ich bin trotzdem froh, dass Bay- mich aber wirklich schockiert.
Brandt: Wir haben hier gerade eine unruhi- ern in Deutschland liegt. Schröder: Spätestens nach dem Fernseh-
ge Zeit. Da bin ich Anhänger von Stabili- Brandt: Stolz kann man schon gebrauchen, duell war klar, dass die Sozialdemokraten
tät. Angela Merkel steht für Stabilität. Sie aber ich würde eher sagen, ich bin glücklich, aus der Umfrageschlappe nicht mehr hoch-
ist in der Welt bekannt, sie weiß, wie jeder dass ich Deutscher bin. Ich bin als Flücht- kommen.
Staatsmann tickt. lingskind aus Żydów in Mittelpolen mit mei- Kohl: Ich kann nicht nachvollziehen, dass
Erhard: Ich hoffe, dass die CSU die Pfar- ner Mutter nach Deutschland gekommen. eine Partei, die zum großen Teil aus Neo-
rerstochter ein bisschen bremsen kann. Mein Vater galt nach dem Krieg als vermisst. nazis, Antisemiten, Fremdenfeinden und
Dass nicht nur alles humanitär betrachtet Und es geht mir gut, ich bin sehr zufrieden. Ausländerhassern besteht, ins Parlament
wird, sondern auch finanziell. SPIEGEL: Sie sind als Flüchtling nach einzieht. Das ist für mich sehr schwierig
Schröder: Ich glaube, wir brauchen Politi- Deutschland gekommen? zu verkraften. Die Stimmung nach der
ker, die sich durchsetzen können. Und im Brandt: (nickt stumm) ersten Hochrechnung war hier sehr ge-
Moment sehe ich das nicht. SPIEGEL: Willkommen! dämpft, ich habe die Wahl mit Freunden
SPIEGEL: Sind Sie stolz auf dieses Land? bei uns zu Hause verfolgt. Ich will hoffen,
Schröder: Es gibt Dinge, auf die man stolz Das Gespräch ist sehr unaufgeregt verlau- dass viel Kraft von den demokratischen
sein kann. Das sind durchaus bei uns noch fen, nicht anders als der deutsche Wahl- Parteien dafür eingesetzt wird, dass unser
vorhandene Tugenden, die es gibt im Lan- kampf. Doch an dieser Stelle, ganz am Staat nicht nach rechts driftet und die
de. Aber es gibt auch gesellschaftliche Ent- Ende, kommt es doch noch zu einem emo- sozialen Errungenschaften verteidigt wer-
wicklungen, auf die ich nicht stolz bin, die tionalen Moment in der Runde. Die Erin- den.
sich durch alles Gesellschaftliche ziehen. nerung an Vertreibung und Flucht geht
Wenn zum Beispiel jemand liegen gelassen Willy Brandt sichtbar nahe. Sein Vater ist Video:
wird, der Hilfe braucht. von den Russen verschleppt und vermut- Merkel trifft Erhard
SPIEGEL: Das ist aber nichts spezifisch lich erschossen worden. Es dauert ein we- spiegel.de/sp552017kanzler
Deutsches. nig, bis er seine Stimme wiederfindet. oder in der App DER SPIEGEL

74 DER SPIEGEL 2017


Gesellschaft

als hätte ich ihr die Vorfahrt genommen. Dann zerrte sie
ihren Kampfhund weiter.
Wir liefen in den Mauerpark, vorbei an vertranten
Berlintouristen, Drogendealern und anderen Hundebesit-
zern. Es war noch früh, der Berliner Himmel hing direkt
What’s up, buddy? über unseren Köpfen. Winston tobte durch das struppige
Gras, roch hier und da an Duftmarken und setzte selbst
welche. Auf dem Rückweg trafen wir einen kleinen, asia-
Leitkultur Alexander Osang freut sich, dass tisch aussehenden Mann, der von einem Hund durch den
Park gezogen wurde, der doppelt so groß wie er und acht-
in Berlin auch Englisch gesprochen wird. mal so groß wie Winston war.
„You don’t wanna mess with that one“, sagte ich zu
Wie die Bundeskanzlerin mag ich große Hunde nicht. Frü- Winston.
her wechselte ich die Straßenseite, wenn sich ein großer Der Hundebesitzer sagte: „Oh, he’s very friendly.“
Hund näherte, heute rede ich englisch auf den Hund ein. Er hatte einen amerikanischen Akzent, der in diesem
Meine Standardansprache ist: What’s up, buddy? Ein Psy- verpissten Park nicht großmäulig klang, sondern weich
chologe könnte mir sicher erklären, was da in mir vorgeht. und beruhigend. Er klang wie die drei Amerikanerinnen
Wahrscheinlich schiebe ich die Fremdsprache zwischen im verschneiten Wisconsin, die den sexuell frustrierten
mich und den Hund. Vielleicht will ich den Hund auch als Engländer Colin in „Love Actually“ am Ende mit ins Bett
Weltbürger beeindrucken. nehmen. Very friendly.
Egal. Englisch hilft mir. „What breed is it?“, fragte ich. Jetzt redete ich mit dem
Ich habe neulich den Hund einer Kollegin ausgeführt. Mann.
Es gibt noch kein richtiges deutsches Wort für jemanden, „A Leonburger“, sagte er. Lieenbörger.
der Hunde anderer Menschen betreut. In Deutschland Ich habe das später nachgeschlagen, der Leonberger ist
gibt es „Pfötchenhotels“. Dogsitting klingt besser, finde ein Großhund, aus Leonberg, Baden-Württemberg. Er war
ich. Der Hund heißt Winston. Ich so freundlich wie sein Herrchen.
bin – wie gesagt – kein Hundefan, Die Hunde sahen sich interessiert
aber Winston gefiel mir. Richtige an. Dann gingen wir weiter. Ich
Größe, richtiges Temperament, je- war froh, in einer Stadt zu leben,
mand, mit dem man die Stadt aus in der solche Begegnungen mög-
neuer Perspektive kennenlernen lich sind.
kann. Außerdem war meine Frau Der Christdemokrat Jens
an meiner Seite. Wir führten den Spahn hat vor Kurzem erklärt,
Hund in Prenzlauer Berg aus, das dass es ihn nerve, wenn in Berli-
sich – auch was die Hundesitua- ner Restaurants die Bedienungen
tion angeht – in Richtung Brook- Englisch sprechen. Ich habe die
ALEXANDER OSANG / DER SPIEGEL

lyn bewegt. Man trifft immer Klagen hier und da gehört. Oft
öfter Menschen, denen man an- von Leuten, die sich in diesem
sieht, wie wichtig ihnen ihr Hund Zusammenhang als Anwalt der
ist. Ich meine nicht alte Frauen kleinen Leuten präsentieren, die
mit Pudel oder Witwer mit kein Englisch verstehen. Meist be-
Dackel. Ich meine gut ausgebil- schweren sie sich nicht nur über
dete, vorbildlich gekleidete, aber das Englisch der Kellner, sondern
partnerlose Stadtbewohner, die Osang mit Hund Winston
auch noch darüber, wie schlecht
mit einem Hund zusammenleben, das Englisch der Kellner ist. Al-
gleichberechtigt, auf Augenhöhe lein Spahns Brillengestell erzählt
sozusagen. In New York hat man den Eindruck, dass man- mir, dass er ein Weizenbier akzentfrei auf Englisch be-
che Hunde schon auf ihre Besitzer herabsehen. Doggen, stellen könnte.
die sich in winzigen Apartments breitmachen; Windhund- Wenn er was für die einfachen Berliner tun will, sollte
pärchen, die die Hausherren aus dem Bett vertreiben. er sich um den Mieterschutz kümmern.
Loriot wusste es immer: Am Ende übernimmt der Hund. Eine Kollegin hat mir gesagt, sie halte diese Englisch-
Wir liefen Richtung Mauerpark, an der Bernauer Straße feindlichkeit für pegidahaft. Das glaube ich nicht. Ich kann
trafen wir eine mittelalte Deutsche mit einem großen nur sagen, dass ich an diesem Berliner Morgen mit zwei
Hund. Sie hatte den Gesichtsausdruck von Renate Künast, Hundebesitzern ins Gespräch kam. Eine sprach deutsch,
der Hund schien noch schlechter gelaunt zu sein. einer englisch. Der zweite war angenehmer.
Winston blieb stehen und schaute den Hund an. Der Am Ende gingen wir mit Winston zu Konnopke, das ist
große Hund knurrte, seine Oberlippe schnippte hoch und eine Currywurstbude unter den U-Bahn-Gleisen an der
entblößte eine Reihe furchterregender Zähne. Schönhauser Allee. Ich bin als Kind manchmal durch die
„What’s up, buddy?“, sagte ich. halbe Stadt gefahren, um hier eine Currywurst zu essen.
Der Hund zerrte an der Leine. Die Frau wackelte, als Später kam auch Gerhard Schröder. Ich war lange nicht
nähme sie am Hunderodeo teil. hier, weil ich – wie Schröder in seiner Hillu-Phase – nur
Sie schrie uns an: „Einfach weiterlaufen!“ wenig Wurst esse. In der Schlange vor der Luke standen
Ich sagte ihr: „Dann machen Sie’s doch.“ ein paar ausländische Touristen, die von meiner alten Cur-
Ich kannte Winston erst seit 20 Minuten, stellte mich rywurstbude im „Lonely Planet“ gelesen hatten. Konnop-
aber bereits hinter ihn. Mein Hund. Guter Hund. Er ke kündigt seine Gerichte jetzt auch auf Englisch an.
guckt doch nur. Wie wir. Die Frau schüttelte den Kopf, Aber die Würste schmecken so gut wie immer.

DER SPIEGEL 2017 75


BERND LAUTER / GREENPEACE
Greenpeace-Aktion gegen Verbrennungsmotoren

Dieselkrise

Ministerien rangeln um Milliardenfonds


Kommunen befürchten, dass die Gelder für Maßnahmen gegen Fahrverbote zu spät kommen.
In der Bundesregierung herrscht Streit über die eine Milliar- terium dagegen und erinnern ihren Amtskollegen im Hause
de Euro zur Finanzierung von Maßnahmen, mit denen die Dobrindt: „Vorrangig ist eine möglichst schnelle Identifizie-
Kommunen Fahrverbote verhindern sollen. Bundeskanzlerin rung und Priorisierung der förderwürdigen Maßnahmen.“
Angela Merkel hatte diese Summe zuletzt auf dem Diesel- Der Verdacht in den beiden SPD-regierten Ministerien ist,
gipfel am 4. September in Berlin ausgelobt. Doch jetzt zieht dass Dobrindts Leute etwa die Förderung von Elektrobussen
das Verkehrsministerium von Alexander Dobrindt (CSU) den oder Elektrotaxis an sich reißen wollen, obwohl die schon
Zorn des Wirtschafts- und Umweltressorts auf sich. Einer- vor langer Zeit vereinbarte Aufgabenteilung dies für das
seits beanspruche das Verkehrsministerium einen Großteil Umwelt- und das Wirtschaftsministerium vorsehe. Man solle
der Gelder, gleichzeitig aber verzögere es die Bereitstellung, „auf Grundlage der bestehenden Aufgabenteilung“ vorge-
so der Vorwurf. Auf Anweisung des Verkehrsministeriums hen, protestieren die Staatssekretäre Matthias Machnig und
sollen die betroffenen Städte zunächst einmal „Masterpläne“ Jochen Flasbarth. Die Bürgermeister der von Fahrverboten
schreiben, wie sie die hohen Stickoxid- und Feinstaubkon- bedrohten Kommunen sind zunehmend verärgert über die
zentrationen senken wollen. Dabei gibt es schon detaillierte Rangeleien in den Berliner Ressorts. Städte wie Stuttgart
Luftreinhaltepläne in den Kommunen. In einem Brief protes- könnten schon Anfang 2018 dazu gezwungen werden,
tieren die Staatssekretäre aus Wirtschafts- und Umweltminis- Diesel-Pkw aus den Städten zu verbannen. gt

Affären die Lage der Skandalbank zu gesetzt, um Zeugen zu hören ten mit Aktenordnern auf-
HRE-Prozess geht in positiv dargestellt und so und die Vorgänge zu rekon- getaucht, die bislang nur teil-
die Verlängerung Anleger getäuscht zu haben.
Funke und Fell bestreiten
struieren. Hauptgrund für die
Verzögerung ist, dass nach
weise ausgewertet und ein-
bezogen wurden. Auf Wunsch
Im Gerichtsverfahren gegen das. Ursprünglich sollte das wie vor ein entscheidendes der Verteidigung sollen zu-
den ehemaligen Chef der Im- Urteil Ende September fallen. Gutachten fehlt. Es soll klä- dem weitere Zeugen vernom-
mobilienbank Hypo Real Doch der alte Terminplan ist ren, wie prekär die Lage der men werden. Die Verlänge-
Estate (HRE), Georg Funke, längst Makulatur, vermutlich HRE kurz vor ihrem Beinahe- rung könnte dazu führen,
und seinen früheren Finanz- wird der Prozess erst im zusammenbruch im Herbst dass zumindest ein Teil der
chef Markus Fell ist ein Ende nächsten Jahr abgeschlossen. 2008 tatsächlich war. Außer- Vorwürfe gegen Funke und
noch lange nicht in Sicht. Die Das Gericht hat allein bis dem sind in den Katakomben Fell bereits verjährt wäre,
Münchner Staatsanwaltschaft zum 20. Dezember rund ein der Münchner Staatsanwalt- bevor es zum Abschluss der
wirft den Ex-Managern vor, Dutzend weitere Termine an- schaft kürzlich 99 Umzugskis- Hauptverhandlung kommt. did

76 DER SPIEGEL 2017


Wirtschaft
Immobilien 1,6 Prozent der Angebote. Industrie 4.0 ren IoT-Projekten die gesteck-
München ist selbst Selbst Ärzte mit einem Ein-
kommen von 8792 Euro brut- Ziele verfehlt ten Ziele nicht erreicht hät-
ten, 4 Prozent sprachen sogar
Ärzten zu teuer to monatlich können sich in Der Hype um das Internet von einem völligen Fehl-
Viele Normalverdiener kön- der bayerischen Landeshaupt- der Dinge (IoT) ist in Er- schlag. Die Befragten, größ-
nen sich in deutschen Metro- stadt nur noch jedes zweite nüchterung umgeschlagen. In tenteils Manager und
polen kein Eigenheim mehr Haus leisten. In Hamburg und einer Umfrage unter 348 Direktoren von Unterneh-
leisten. Das zeigt eine Auswer- Berlin ist die Lage nur wenig Besuchern der Fachmesse men aus Europa, hatten vor
tung des Internetportals Im- besser: Zwar finden in Ham- „Industry of Things allem erwartet, mit-
mobilienscout24. Das Unter- burg Lehrer, für die ein Ein- World“ vorige Wo- hilfe von Industrie
nehmen hat die Angebote für kommen von 4639 Euro brut- che in Berlin äußer- 4.0 die Effizienz im
Einfamilienhäuser auf seiner to im Monat angenommen te sich fast die Hälf- Betrieb zu erhöhen.
Seite für verschiedene Städte wurde, noch erschwingliche te enttäuscht über Als größte Hinder-
ausgewertet und untersucht, Häuser. Für Handwerker kom- die Ergebnisse der nisse für den Erfolg
was Friseure, Handwerker, men in der Hansestadt jedoch digitalen Vernet- betrachteten die
Lehrer und Ärzte überhaupt nur 7,5 Prozent der Angebote zung, auch Indus- Befragten den Man-
noch bezahlen können. Das in Betracht, in der Bundes- trie 4.0 genannt, für gel an Fachkräften
Ergebnis: In München kom- hauptstadt sind es 10 Prozent. ihr Unternehmen. und die Kultur im
men für Lehrer mit einem an- In Städten wie Augsburg ist 43 Prozent gaben eigenen Unterneh-
genommenen Bruttomonats- die Lage entspannter: Hier an, dass sie mit ih- Industrieroboter men. aju
gehalt von 5151 Euro rein sind 19,1 Prozent der Angebo-
preislich nur noch 5,1 Prozent te sogar für Friseure mit
der Angebote infrage, für Durchschnittseinkommen in-
Handwerker mit üblichem teressant, für Handwerker Bitcoin Geldwäsche und andere Ver-
Einkommen sind es sogar nur sind es 44,3 Prozent. ase „Missbrauch für kri- brechen zu unterdrücken.
SPIEGEL: Infolge des chinesi-
minelle Aktivitäten“ schen Eingreifens hat der Bit-
Yang Dong, Experte für Finanz- coin erheblich an Wert einge-
Landwirtschaft Leben vegetieren Zuchtsauen recht an der Renmin-Universität büßt. Könnte dies das Ende
Kein Ende der in 70 Zentimeter engen Bo-
xen. Diese Praxis verstößt
in Peking, über die jüngsten
Maßnahmen der chinesischen
der Währung bedeuten?
Yang: Nein. Erstens ist Bitcoin
Schweinequal gegen die Mindestanforderun- Behörden gegen den Handel eine globale Währung. China
Der Deutsche Tierschutzbund gen der Tierschutz-Nutztier- mit der virtuellen Währung hat nicht den kompletten
kritisiert die geplante Neu- haltungsverordnung, ent- Bitcoin Handel geschlossen. Zweitens
regelung der Sauenhaltung schied das Bundesverwal- handelt es sich bei digitalen
als völlig unzureichend. Der tungsgericht vergangenen SPIEGEL: China hat damit Währungen um einen welt-
Antrag, den Niedersachsens November. Anders als Meyer begonnen, den Handel mit weiten Trend, der lässt sich
grüner Landwirtschaftsminis- wollen seine grünen Amtskol- Bitcoin zu unterdrücken. nicht aufhalten. Ich glaube,
ter Christian Meyer im Bun- legen in Hessen und Sachsen- Fürchten die Behörden die dass die Regierung in Zu-
desrat eingebracht hat, sehe Anhalt das Urteil zeitnah Konkurrenz für die Landes- kunft ein Registrierungssys-
zwar eine Abkehr der tier- umsetzen und kontrollieren währung Yuan? tem für Bitcoin einführen
quälerischen Kastenhaltung bereits die Stallmaße in den Yang: Solche Sorgen könnten wird. Dabei sollte es sowohl
vor, allerdings kämen die Betrieben. Der grüne Berli- eine Rolle gespielt haben, darum gehen, zu blockieren,
Übergangsfristen von bis zu ner Justizsenator Dirk Beh- aber die Maßnahmen richten als auch zu kanalisieren.
15 Jahren „einem Kniefall rendt will sogar die gesamte sich in erster Linie gegen Bit- SPIEGEL: Heißt das, die Regie-
vor der Agrarlobby“ gleich, Schweinehaltung in Deutsch- coin selbst. Denn diese Wäh- rung könnte den Bitcoin-Han-
sagt Thomas Schröder, Präsi- land per Normenkontrollkla- rung kann für Geldwäsche del wieder erlauben, sobald
dent des Deutschen Tier- ge vom Bundesverfassungs- und Kapitalflucht benutzt sie ein System effektiver Kon-
schutzbundes. Fast ihr halbes gericht überprüfen lassen. nkl werden. China ist ein großer trollen geschaffen hat?
Bitcoin-Markt, 70 bis 80 Pro- Yang: Ja, das glaube ich. Ich
zent des Handels weltweit vertraue auf die Regierung.
werden hier abgewickelt. Nach meiner Einschätzung
Aber Regeln und Gesetze will sie dafür sorgen, dass
hinken der Entwicklung sich virtuelle Währungen auf
hinterher, und ohne eine gute bessere Weise entwickeln.
Kontrolle gibt es große Derzeit ist zu viel schlechtes
Risiken. Geld im Umlauf, welches das
SPIEGEL: Lassen sich Geld- gute Geld vertreibt. Wir
wäsche und Kapitalflucht so müssen aber das gute Geld
tatsächlich stoppen? schützen. Bitcoin an sich ist
Yang: Die jüngsten Maßnah- kein schlechtes Geld. Aber
men sind wirksam. Mit Bit- ohne angemessene Über-
coin kann nicht mehr so wachung lässt es sich eben
leicht gehandelt werden. Und für viele kriminelle Aktivitä-
FRED DOTT

Schweinezuchtanlage diese Tatsache kann dazu bei- ten missbrauchen – und das
tragen, illegales Glücksspiel, ist ein großes Problem. ww

DER SPIEGEL 2017 77


Defizite bei der Digitalisierung in Deutschland

45
Prozent der Bürger Deutschlands
nutzen E-Government-Angebote.
Zum Vergleich: Schweiz 65 Prozent,
Österreich 74 Prozent
Quelle: E-Government-Monitor 2016
Risikokapital-
investitionen
in Mrd. Dollar 2016
Quelle: KPMG

Großbritannien... 4,8
Deutschland..... 1,9
Frankreich .......... 1,6

39 69 16
Asien USA Europa

Zeit für einen Neustart


Zukunft Deutschland hat die digitale Revolution bisher weitgehend verschlafen.
Noch ist es nicht zu spät. Doch die neue Regierung muss dringend
grundlegende Entscheidungen treffen. Und sie muss viel Geld investieren.

A
utos werden smart, Häuser und erstellt, ein erster Ausweis und das Kin- trollrat und die EU stellten deutschen Be-
ganze Städte, doch wie smart ist dergeld würden beantragt, die jungen El- hörden wiederholt miserable Zeugnisse
der Staat? Kaum etwas im Alltag tern an die notwendigen Erstuntersuchun- aus – europaweit lagen sie nach Zahlen
ist noch so analog wie der Umgang mit gen und die Möglichkeiten des Elterngelds der EU-Kommission zuletzt weit abge-
Behörden. Zum Bürgeramt fahren, Num- erinnert. hängt auf Platz 20.
mer ziehen, warten, Formulare ausfüllen – Für den Alltag in Städten und Gemein- Das soll, das muss sich in den nächsten
so sieht er aus, der Alltag in den Kommu- den könnte die Lösung ein Bürgerportal Jahren ändern. Im Sommer verkündete
nen, seit Jahrzehnten kaum verändert. sein, in dem man sich digital anmelden, um- Angela Merkel in Berlin vor den Vertre-
Während wir selbstverständlich online ein- melden, Ausweise beantragen, Mülltonnen tern von Gemeinden und Kommunen den
kaufen, Geld überweisen und den nächs- bestellen und vielleicht sogar schnell und Aufbruch in eine „moderne Verwaltungs-
ten Urlaub buchen, wiehert allerorts der unbürokratisch Firmen gründen kann – so, kultur“, sie klang fast mahnend: Es gehe
analoge Amtsschimmel. wie das in Estland schon seit Jahren mög- nun darum, nicht mehr nur zu sagen, was
Zwar hat der Bundestag 2013 schon ein lich ist: online, in teils unter einer Stunde. nicht geht, „sondern wirklich zu schauen,
„E-Government-Gesetz“ beschlossen, ge- Boberach kennt sich da aus. Er arbeitet wie es woanders auf der Welt auch geht“.
ändert hat sich seither indes wenig. bei der Marktforschungsfirma Kantar TNS Und es dann auch umzusetzen.
Wie es um die digitale Verwaltung hier- und betreut dort den jährlichen E-Govern- Wie weit der Weg ist, wird auch der
zulande bestellt ist, hat Michael Boberach ment-Monitor, der von der Initiative D21 neue E-Government-Monitor wieder zei-
gerade wieder selbst erfahren: Der 41-Jäh- in Auftrag gegeben wird. Deutschland ist gen, wenn er Ende Oktober vorgestellt
rige ist Vater geworden, musste eine Ge- seit Jahren Schlusslicht, rangiert deutlich wird. Danach ist die Zufriedenheit der
burtsurkunde beantragen, einen Kinder- hinter den beiden Vergleichsländern, den Deutschen mit den Onlineangeboten von
ausweis und Kindergeld. Das freudige Er- Nachbarn Schweiz und Österreich. Behörden zuletzt sogar gesunken – von 62
eignis bedeutete Wartezeiten in mehreren Noch weiter ist Estland, das oft als Mo- auf nur noch 54 Prozent.
Ämtern, stets musste er dieselben Daten dellstaat für eine Verwaltung 2.0 gepriesen Es gibt viel zu tun für die neue Regie-
aufs Neue eintragen und unterschreiben. wird. Angela Merkel bemerkte bei einer rung, wenn sie das Land tatsächlich fit ma-
In Zukunft könnte das Krankenhaus die Demonstration der digitalen Bürgerser- chen will für die Zukunft. Die Verwaltung
Geburt bestätigen und damit alles Weitere vices in Tallinn spitz, da könne man schon ist dabei nur ein Beispiel, denn die digitale
auslösen: Die notwendige Urkunde würde neidisch werden. Auch der Normenkon- Revolution erfasst nahezu alle Bereiche
78 DER SPIEGEL 2017
Wirtschaft

Anzahl der Roboter


in der produzierenden Industrie je 10000 Mitarbeiter

Südkorea 531
Länder mit dem schnellsten Internet* Quelle: IFR
Singapur 398
in Megabit pro Sekunde, 1. Quartal 2017
Quelle: Akamai *Durchschnittswerte **China Japan 305
Deutschland 301
Südkorea 28,6 USA 176
Norwegen 23,5 Frankreich 127
Schweden 22,5 Schweiz 119
Hongkong ** 21,9 Großbritannien 71
Schweiz 21,7
Finnland 20,5
Singapur 20,3
Japan 20,2
Dänemark 20,1
USA 18,7

Deutschland 15,3

des Lebens, sie verändert Bildungs- und Ein großer Teil der bisher vom Verkehrs- kohärentes und vorausschauendes Konzept
Gesundheitswesen, die Art zu wirtschaften ministerium bereits ausgegebenen Milliar- für die digitale Gesellschaft und Wirtschaft:
und zu arbeiten. denförderungen flössen in diese „Über- Es muss die Netze für die nächste Mobil-
Schon in wenigen Jahren wird die Welt gangstechnologie“, monieren Kritiker wie funkgeneration 5G ebenso umfassen wie
eine andere sein, es wird Gewinner und Stephan Albers vom Bundesverband Breit- die Funkmasten für das autonome Fahren
Verlierer geben. Wo Deutschland dann ste- bandkommunikation, der von der neuen entlang der Autobahnen und ausreichend
hen wird, entscheidet sich heute. Bundesregierung deshalb einen radikalen Kapazitäten für das Internet der Dinge.
Kurswechsel fordert: „Sie muss endlich Di-
Veraltete Infrastruktur gitalcourage zeigen und auf ein langfristi- Regeln für die Wirtschaft
Noch ist Deutschland ein „digitales Ent- ges ‚Glasfaser only‘-Infrastrukturziel set- Immerhin, bei der Infrastruktur passiert
wicklungsland“, wie die Bertelsmann-Stif- zen: Bis 2025 müssen wir alle Gebäude in etwas. „Aber das reicht nicht aus“, sagt
tung vor Kurzem feststellte, und die Defizi- Deutschland an zukunftssichere, reine Chris Boos, Gründer der Softwarefirma
te lassen sich vor allem in der Infrastruktur Glasfaser anschließen.“ Die Kosten für su- Arago, deren Produkte auf künstlicher In-
besichtigen, quer durch die Republik, in vie- perschnelle Glasfaseranschlüsse in allen telligenz basieren. Vor Kurzem erst hat er
len Industriearealen von Lindlar in NRW Haushalten werden auf rund 80 Milliarden neue Dependancen im Silicon Valley und
über Lichtenfels in Hessen bis nach Wilthen Euro taxiert. im indischen Bangalore eröffnet.
in der Oberlausitz. In Thüringen kriechen Vodafone, als Hauptwettbewerber der Die Stimmung in der deutschen Wirt-
die Bytes besonders langsam: Gerade ein- Telekom, hat in der vorvergangenen Wo- schaft habe sich total gedreht, die Skepti-
mal 23 Prozent der Gewerbegebiete dort che angekündigt, bis 2021 ein Drittel der ker zum Thema Digitalisierung und künst-
bieten superschnelle Verbindungen – ob- deutschen Haushalte, 100 000 Unterneh- liche Intelligenz seien verstummt – „der
wohl die für viele Firmen heute teils schon men und 2000 Gewerbeparks mit gigabit- Riese erwacht“. Nun wünscht sich der Un-
wichtiger sind als ein Autobahnanschluss. fähigen Verbindungen auszustatten. Auch ternehmer von der Regierung einen Rah-
Im Wahlkampf wurde viel über das lang- die Telekom hat ein spezielles Programm men für die künftige Entwicklung: Regeln,
same Internet gesprochen, alle Parteien für Gewerbezonen angekündigt. wie man mit Branchen umgeht, die nicht
versprachen Abhilfe. Und das ist auch gut Der Deutschland-Chef von Vodafone, mehr gebraucht werden, und Gesetze, die
so: Ohne eine entsprechende Infrastruktur Hannes Ametsreiter, fordert von der neuen nicht aus Angst vor den Risiken die Zu-
kann Deutschland den digitalen Umbruch Bundesregierung vor allem Chancengleich- kunft verbauen.
nicht meistern. heit: „Bei der Glasfaser dürfen nicht wie- Die Sorge, dass die Politik gerade die
Neben einer schwachen Politik trägt vor der Monopolstellungen entstehen, wir Zukunft verschläft, treibt auch Johannes
allem der Ex-Monopolist Telekom Schuld brauchen auch weiterhin echten Wettbe- Reck um. Der 32-Jährige hat 2008 das Rei-
an Deutschlands Anschluss-Misere, denn werb.“ Fördermittel sollten künftig „aus- se-Start-up GetYourGuide gegründet. Heu-
er verlegt Glasfaser seit Jahren nur bis in schließlich für Zukunftstechnologien“ ein- te macht er mit rund 400 Mitarbeitern von
die grauen Verteilerkästen und setzt für gesetzt werden – also nicht mehr für das seinem Hauptsitz Berlin aus einen dreistel-
„die letzte Meile“ in die Haushalte auf eine Telekom-Vectoring. ligen Millionenumsatz im Jahr damit, Ur-
neue Technologie für seine alten Kupfer- So oder so handelt es sich dabei um das laubern Ausflüge und Events an ihren Rei-
drähte („Vectoring“). Das ist gut fürs Kon- wichtigste Infrastrukturprojekt der kom- sezielen zu vermitteln.
zernergebnis, von dem auch Berlin profi- menden Bundesregierung – und es geht um Die Politik habe es sich zuletzt ange-
tiert, aber schlecht für den Standort. mehr als Glasfaserkabel. Überfällig ist ein sichts der aktuell guten Daten gemütlich
DER SPIEGEL 2017 79
Kompetenzniveaus
1,5 7,4 Q Rudimentäre Kenntnisse
wie Anklicken eines Links;
24,0 Nutzung von Mail-Programmen Patientenbefragung
Computer- 21,8 Q Bearbeitung einfacher „Welche digitalen Angebote haben Sie bereits genutzt?
und IT-Kenntnisse Dokumente 45 % Mehrfachnennungen möglich

von Achtklässlern Q Ermittlung von Informationen


in Deutschland und Bearbeitung von Quelle: Bitkom
Quelle: ICILS 2013; Dokumenten (mit Hilfe)
Gesundheits-
Angaben in Prozent Q Eigenständige Ermittlung 32 %
Apps
und Organisation von
Informationen; selbstständige
45,3 Erzeugung von Dokumenten Untersuchungs-
Q Sichere Bewertung und ergebnisse auf CD
Organisation selbstständig 18 %
ermittelter Informationen;
Erzeugung anspruchsvoller
Informationsprodukte Onlinetermin-
vereinbarung
2,0
14 %

20,7 17,0
Erinnerung an
Termine per SMS
22,7 oder E-Mail
zum Vergleich:
internationales Niveau
37,6
9% 1%

Kommunikation per E-Mail Onlinesprechstunde


mit Ärzten oder Krankenhäusern mit dem Arzt

gemacht, sagt der junge Unternehmer, er fliegende Autos entwickelt, gar 90 Millio- sind. Airbnb macht nicht nur Hotels Kon-
finde das, was er beobachte – und was nen Dollar sichern – aber das sind die Aus- kurrenz, sondern verschärft die Wohnungs-
eben nicht – „brandgefährlich“. nahmen. knappheit in den Innenstädten, Uber be-
Das beginnt für ihn mit einem Blick in Und diese Summen kommen in aller Re- droht das Taxigewerbe, die Facebook-Toch-
den Dax: „Ich sehe da außer SAP nur alte, gel von Risikokapitalgebern aus den USA, ter WhatsApp mit einer Milliarde Nutzern
reife Konzerne, die im Zenit stehen oder was etwa Klaus Hommels kritisiert, der täglich ist zu einem der schärfsten Wett-
ihn schon überschritten haben.“ In den selbst mit Lakestar einen der größten eu- bewerber für Deutsche Telekom & Co. auf-
USA dominierten junge, stark wachsende ropäischen Wagnisfonds steuert. Die we- gestiegen.
Techgrößen wie Amazon, Apple, Google sentlichen Geschäftsentscheidungen beson- Die Lobbyisten der heimischen Digital-
und Facebook, China habe Tencent, Ali- ders erfolgreicher deutscher Start-ups wür- und Techkonzerne fordern daher seit Jah-
baba und andere. den damit schon heute im Silicon Valley ren zu Recht „gleiche Regeln für alle“ oder
Das liege nicht nur an der Politik, klar. getroffen, monierte er zuletzt wieder auf ein „level playing field“, wie sie es nennen.
Unternehmergeist, den Mut, groß zu den- der Noah-Konferenz in Berlin. In der digi-
ken und Risiken einzugehen, kann eine talen Wirtschaft, hat der Investor ausge- Angst um Jobs
Regierung nicht verordnen. „Sie muss jetzt rechnet, ergebe sich für die Exportnation Die Digitalisierung durchdringt alle Sphä-
aber sehr schnell innovationsfreundliche Deutschland gegenüber den USA schon ren der Arbeitswelt. Erst hat sie das Ge-
Rahmenbedingungen schaffen“, so Reck. heute eine negative Außenhandelsbilanz – schäft von Buchhandlungen, Reisebüros,
„Sonst sehe ich die riesige Gefahr, dass wir ein Alarmsignal, denn die Dominanz der Banken und Medien revolutioniert; dann
in zehn Jahren aufwachen und abgehängt US-Plattformen wächst weiter. folgten Einzelhandel, Maschinenbau und
sind.“ Konkret fordert er ein einfacheres Viele Digitalunternehmer hierzulande die Autoindustrie; jetzt ist das Handwerk
Wirtschaftsrecht: Es müsse leichter werden, sehen den Umgang mit Quasimonopolisten an der Reihe. Selbst in der Glasbläserei
Firmen zu gründen, Kapitalerhöhungen wie Google, Facebook und Co. als eine der halten nun die Roboter Einzug.
durchzuführen und Mitarbeiterbeteiligun- Hauptaufgaben für die neue Bundesregie- „UR 5“ und „UR 10“ heißen die matt-
gen anzubieten. „Sonst verlieren wir den rung. „Wir schauen seit Jahren dabei zu, glänzenden Hightechmaschinen, die neu-
Kampf um die Talente, die wir brauchen.“ wie Monopole aus anderen Ländern sich erdings bei der Firma Hofmann Glastech-
Tatsächlich bewegt sich schon einiges, bei uns breitmachen und dabei unsere Ge- nik im Einsatz sind, einem Familienbetrieb
es gibt Existenzgründer-Foren und Förder- setze brechen“, sagt GetYourGuide-Grün- mit 23 Mitarbeitern im Westerwald, der
fonds für junge Start-ups. Allerdings rei- der Reck, „wenn nicht bald etwas geschieht, technische Gläser für Labore, Medizin und
chen die Mittel meistens nur für die Früh- wird das unsere Industrie hinwegraffen.“ Industrie produziert.
phase. Der Zugang zum großen Kapital ist Tatsächlich gehört es zu den Erfolgsge- Die dreigelenkigen Roboterarme greifen
und bleibt eines der großen Probleme. heimnissen der Plattformunternehmen, in- sich hochempfindliche Glasküvetten und
Reck gehört zu denen, die ihn bekamen: ternational Milliarden umzusetzen, ohne führen sie einer Maschine zu; darin werden
Unter der Führung der US-Beteiligungs- sich beispielsweise an die jeweiligen natio- die Röhren verformt: präzise, konstant,
gesellschaft KKR investierten vor zwei Jah- nalen Datenschutzvorgaben gebunden zu fehlerlos. In diesem Produktionsschritt sei
ren Kapitalgeber 50 Millionen Dollar, der- sehen oder die sonst fälligen hohen Steu- die Effizienz um die Hälfte gestiegen, sagt
selbe Investor stieg auch bei Boos’ Arago ern zu zahlen – dabei haben ihre Aktivitä- Geschäftsführer Robert Hofmann: „Die
ein. Zuletzt konnte sich das Münchner ten massive Auswirkungen auf die lokalen monotonen Aufgaben übernehmen jetzt
Start-up Lilium, das senkrecht startende, Anbieter, die diesen Regeln unterworfen die Roboter.“
80 DER SPIEGEL 2017
Wirtschaft

20
Prozent der Internetnutzer
sind innerhalb eines Jahres
bei Onlinegeschäften
betrogen worden.

9
Prozent der Internetnutzer
haben innerhalb eines Jahres
erlebt, dass jemand E-Mails
in ihrem Namen versandt hat.
Quelle: Bitkom, 2016

Automatisiert werden allerdings nicht Im vergangenen November legte Bun- auch dafür die Bundesagentur ins Spiel –
nur einfache Tätigkeiten in Handwerk und desarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) zum Missfallen von Bitkom.
Industrie, nun erfasst die Digitalisierung das „Weißbuch Arbeiten 4.0“ vor, ein 234- Der Verband plädiert dafür, dass Arbeit-
auch relativ anspruchsvolle Büro- und Seiten-Konvolut darüber, wie die Arbeits- nehmer und Unternehmen selbst Verant-
Servicejobs. Algorithmen und Computer gesellschaft in Zukunft zu gestalten sei. wortung für die Weiterbildung überneh-
übernehmen Aufgaben, die bislang Men- Vorgeschlagen wurde unter anderem, men. Und dass Schulen und Hochschulen
schen vorbehalten waren: Callcentermit- Selbstständige in die gesetzliche Renten- dazu passende Qualifizierungsmodule an-
arbeiter konkurrieren mit Sprachcomputern, versicherung einzubeziehen, die Bundes- bieten sollten – nur gibt es die fast nir-
U-Bahn-Fahrer mit autonomen Transport- agentur für Arbeit stärker auf den Qualifi- gends. Dazu müssten sich die deutschen
systemen, Zahntechniker mit 3-D-Druckern. zierungsservice zu fokussieren und die Ar- Bildungseinrichtungen einem umfassen-
Die Furcht geht um, dass Roboter immer beitslosen- zu einer Arbeitsversicherung den Update unterziehen.
mehr Jobs übernehmen. weiterzuentwickeln, die ebenfalls bei der Was die digitale Kompetenz dort ange-
In seiner Firma bestehe diese Gefahr Weiterqualifizierung mithelfen soll. Dem he, bestehe „erheblicher Nachholbedarf“,
nicht, versichert Hofmann, der aus einer Verband Bitkom, der Vertretung von rund konstatiert der Aktionsrat Bildung, ein mit
alten Glasbläserfamilie stammt. Vielmehr 2400 Unternehmen der digitalen Wirt- zehn Wissenschaftlern besetztes Experten-
kämpfe er heute damit, in seiner Region schaft, widerstrebt schon der Ansatz. gremium, in seinem diesjährigen Gutach-
überhaupt Arbeitskräfte zu finden, sagt Das Weißbuch setze zu sehr auf korpo- ten. Das Problem betreffe alle Ebenen, von
der Unternehmer, schon gar welche, die ratistische Institutionen wie die Bundes- der Frühpädagogik bis zur Hochschule, die
solch eintönige Tätigkeiten übernehmen agentur und die Tarifpartner und orientie- Frage sei, „wie ein digitaler Analphabetis-
wollten. Für das produzierende Gewerbe, re sich zu wenig an den Bedürfnissen von mus vermeidbar ist“.
ist Hofmann überzeugt, seien Roboter ein Betrieben und Beschäftigten, moniert Bit- Eine Vergleichsstudie von 21 Bildungs-
Segen. kom. Auch stelle das Papier neue Arbeits- systemen weltweit ergab, dass nirgendwo
Ob die Maschinen also tatsächlich die modelle allzu negativ dar. So könne die Lehrer so selten Computer im Unterricht
Jobkiller sind, als die sie verschrien sind, Flexibilität in der Selbstständigkeit auch einsetzen wie in Deutschland. Die Bil-
ist umstritten. Immerhin gehört Deutsch- Vorteile bieten, um Familie und Beruf dungspolitik dürfe nach Ansicht des Ak-
land zu den Industrienationen mit der besser zu vereinbaren. Befragungen legen tionsrats nun aber nicht einfach analoge
größten Roboterdichte weltweit – und den- jedenfalls nahe, dass viele sogenannte Lehrmittel durch digitale ersetzen, sondern
noch sind heute so viele Bundesbürger er- Crowdworker ihre Freiheit durchaus schät- müsse neue pädagogisch-didaktische An-
werbstätig wie nie zuvor. zen. Sie erledigen Projekte, wann und wo sätze entwickeln, sonst führe der IT-Aus-
Fest steht aber auch, dass die Digitali- immer sie wollen. bau „schlimmstenfalls bloß zu mehr Elek-
sierung die Anforderungen an die Mitar- troschrott“.
beiter grundlegend verändert: Sie müssen Digitaler Analphabetismus Diesen zweigleisigen Ansatz hatte Bun-
mobiler, flexibler, unabhängiger arbeiten. Durch die Digitalisierung verändert sich desbildungsministerin Johanna Wanka
Die Frage ist nur, ob sie sich auf diesen die Arbeitswelt schneller denn je, lebens- (CDU) vorgeschlagen, als sie vor knapp
Wandel einlassen, ob sie neue Fähigkeiten langes Lernen ist nötig, um sich beschäfti- einem Jahr ankündigte, innerhalb von fünf
erwerben und so ihre Beschäftigung si- gungsfähig zu halten. Arbeitnehmern muss Jahren fünf Milliarden Euro in die digitale
chern. Der Politik kommt die Aufgabe zu, es möglich sein, sich kontinuierlich mit Infrastruktur von Schulen zu investieren.
Hilfestellung zu leisten. Wissen zu versorgen. Das Weißbuch bringt Im gleichen Zug sollten die Länder didak-
DER SPIEGEL 2017 81
Wirtschaft

tische Konzepte entwickeln. Bis heute aber zu gewinnen – und ihre Preise entspre- beispielsweise möglich, Verbraucherdiskri-
hat der Finanzminister kein Geld dafür chend zu gestalten. Sind Menschen mit der minierung oder Datenmissbrauch aufzu-
eingeplant. Die groß angelegte Bildungs- drittletzten Browserversion, aber einem decken“, sagt er.
offensive namens „DigitalPakt#D“ kommt hochwertigen Handy wenig pedantisch
nicht in Gang. und deshalb eher bereit, höhere Preise zu Doktor App
In anderen Staaten Europas steht das zahlen? Haben Menschen, die in Hyatt- Wenn der Chef-Unfallchirurg vormittags
Vermitteln digitaler Kompetenzen höher Hotels buchen, mehr Geld zur Verfügung für die Visite über die Station Stromeyer
im Kurs. In Großbritannien oder Estland und bekommen andere Konditionen ange- des Universitätsklinikums Freiburg läuft,
werden schon Erstklässler ans Program- zeigt, wenn sie Lebensmittel online kaufen, um seine frisch operierten Patienten zu
mieren herangeführt. Auch viele ausländi- als solche, die in Pensionen absteigen? sehen, kann er auf einem Smartphone
sche Universitäten, insbesondere Manage- Wer glaubt, sich durch die Benutzung Patientendaten aufrufen oder MRT-Auf-
mentschulen, spielen da in einer anderen von Fake-Benutzernamen gegen eine der- nahmen per Fingerwisch großziehen. Sein
Liga. Datenanalyse oder Programmieren artige Vorauswahl schützen zu können, Assistenzarzt hat die Daten über den
gehöre hierzulande noch immer nicht zum täuscht sich: Firmen wie Drawbridge ha- Verlauf der Operation auf seinem Tablet
Standard in den Curricula, kritisiert Uve ben es sich zur Aufgabe gemacht, verschie- parat.
Samuels, Geschäftsführer der Hamburg dene Geräte einem konkreten Nutzer zu- Der behandelnde Arzt, der seinen Patien-
School of Business Administration (HSBA), zuordnen, etwa indem sie Daten von Web- ten in die Universitätsklinik zur Operation
einer von Unternehmen gegründeten Wirt- sites und Apps zusammenführen, die Uhr- überwiesen hat, bekommt die Operations-
schaftshochschule. zeit der Nutzung auswerten und den befunde jedoch in aller Regel per Briefpost
Die HSBA bildet in berufsbegleitenden Standort tracken. zugeschickt. Genauso der Patient. Er kann
Programmen Nachwuchskräfte aus und Zwar sollte das Bundeskartellamt nach seine MRT-Aufnahmen auf einer CD mit-
Führungskräfte weiter. Seit gut einem Jahr dem Willen der Großen Koalition eine Art nehmen, wenn er sie zu Hause archivieren
wird dazu auch das „Di-Lab“ genutzt, ein Verbraucherschutzbehörde für das Internet will. Denn Deutschlands digitale Infra-
digitales Labor. Dort entwickeln Firmen werden und sich mit genau solchen, oft struktur hinkt auch in der Medizin hinter-
unter Moderation von Professoren Kon- komplexen Fragen befassen, doch die Re- her. Immer mehr Insellösungen entstehen,
zepte für die digitale Wirtschaft, bislang form blieb halbherzig. Die neue Abteilung der große Wurf fehlt.
sind hier rund 20 Projekte entstanden. darf nur untersuchen, hat aber keine Es gibt Praxen, die noch immer nicht
So hat kürzlich erst eine Hamburger Durchsetzungsbefugnis. Verbraucherschüt- an das Internet angeschlossen sind.
Reederei im „Di-Lab“ ihr Geschäftsmodell zer Müller geht mehrere Schritte weiter Seit 2006 sollte die elektronische Ge-
überarbeitet. Statt Güter nur von Kaikante und fordert einen Algorithmen-TÜV. „Nur sundheitskarte eingeführt sein. Elf Jahre
zu Kaikante zu transportieren, will das Un- wenn eine unabhängige Aufsichtsbehörde und mehr als 1,7 Milliarden ausgegebene
ternehmen künftig die gesamte Kette vom Einblick in die oft sehr komplexen Algo- Euro später gibt es sie noch immer nicht.
Lager bis zum Kunden abbilden, mithilfe rithmen von Anbietern bekommt, ist es Das Projekt, entstanden noch vor Ein-
von Rechnern und Sensoren. In drei Tagen führung des iPhones, ist schon veraltet,
habe man die Idee formuliert, berichtet bevor es verwirklicht ist. Die Zukunft sieht
Samuels, nun werde sie umgesetzt.
Der wahre Schatz liege heute in den Da-
Unterversorgt anders aus: Algorithmen sollen Krebs-
patienten helfen; ein Facebook-Messenger-
ten, die Maschinen generierten, und in de- Anteil der Glasfaserverbindungen an den Bot bietet einen Zika-Virus-Test an; eine
ren Interpretation, sagt Samuels. Dieses Breitbandanschlüssen, in Prozent App erleichtert zu diagnostizieren, ob eine
Verständnis setze sich erst allmählich bei Gehirnerschütterung vorliegt oder nicht –
Unternehmen durch, viele trauten nur Platz 10 30 50 70 dafür misst sie Pupillenbewegungen. Schon
dem, was sie sehen und anfassen können: 1................... Japan 74,9 bald wird dem Patienten ein Bündel zer-
„Sie denken noch sehr in Hardware.“ tifizierter Apps empfohlen, bevor er die
2................... Korea Klinik betritt. Diese kommunizieren wie-
Gläserne Verbraucher derum mit den Krankenhaussystemen.
3............... Lettland
Daten machen auch den Kunden gläsern, Noch aber können sich vielerorts Ärzte
andererseits verfügt der Konsument über 4........... Schweden glücklich schätzen, wenn sie an einer On-
so viele Informationen wie nie zuvor. linefortbildung teilnehmen dürfen. Notfall-
„Das Netz sorgt auf der einen Seite für 5.......... Norwegen protokolle aus dem Rettungswagen werden
wirkliche Verbrauchertransparenz, genau- oft noch per Tablet erfasst, dann aber als
so aber ermöglicht es findigen Unterneh- 6................ Estland Fax ans Krankenhaus übertragen. Dem
men, den Kunden noch professioneller aus- deutschen Gesundheitssystem fehlt für In-
7............... Spanien
zutricksen, als es bisher möglich war“, sagt vestitionen ins Digitale das Geld. Die Bun-
Klaus Müller, Deutschlands oberster Ver- 8................... Island desländer kommen ihrer Investitionspflicht
braucherschützer und Chef des Verbrau- schon seit Jahren nicht nach.
cherzentrale Bundesverbands. Zwar kann 9...............Portugal Deutschland hat da eine Menge aufzu-
heute per Mausklick nach Stromtarifen, In- holen, wie in den anderen Gebieten der
ternetverträgen oder Preisen für elektrische 10............ Finnland Digitalisierung auch. Die Parteien haben
Zahnbürsten gesucht werden, die Auflis- im vergangenen Wahlkampf das Thema
tung bei Vergleichsportalen ist aber oft nur 21,2
zwar entdeckt, sie haben versprochen, die
OECD-Durchschnitt
scheintransparent. Keineswegs steht immer Chancen die Digitalisierung zu nutzen und
der günstigste Anbieter von allen an der die Risiken zu begrenzen.
Spitze, es kann auch jener sein, der Provi- 29.. Deutschland 1,8 Nun aber müssen sie den Worten Taten
sionen an die Vergleichsplattform zahlt. folgen lassen. Bevor Deutschland endgül-
Viele Onlineunternehmen werten alle tig abgehängt ist.
34... Griechenland 0,2
verfügbaren Daten aus, um Informationen Alexander Jung, Armin Mahler,
über potenzielle und tatsächliche Käufer Quelle: OECD, Stand: Dezember 2016 Martin U. Müller, Marcel Rosenbach

82 DER SPIEGEL 2017


Angriff aus
Washington
Eurozone Bei Krisen in der Wäh-
rungsunion will der IWF künftig
nur mitmachen, wenn sich die
EZB seinen Anweisungen unter-
wirft. Die Europäer wehren sich.

D
ie Zukunft der Eurozone sah Fi-
nanzminister Wolfgang Schäuble
(CDU) mit vermeintlicher Klarsicht
und Selbstsicherheit voraus. Die nächste

ARNE DEDERT / DPA


Krise der Währungsunion müssten die Mit-
gliedstaaten wohl allein stemmen, prophe-
zeite er. Der Internationale Währungs-
fonds (IWF), in den Turbulenzen seit 2010
stets an der Seite der Partnerländer, sei EZB-Zentrale in Frankfurt am Main: Die Notenbank in die Pflicht nehmen
ein bisschen „müde, den Europäern zu
helfen“.
Der Schluss lag nahe. Zwei Jahre lang nicht mehr für hilfsberechtigt. Normaler- ausschlaggebend sind, können die Mittel
rang die Washingtoner Organisation zu- weise hilft der IWF souveränen Einzelstaa- des Fonds nicht ohne zufriedenstellende
letzt mit den europäischen Geldgebern, ten, die frei über ihre Finanz- und Geld- Zusicherungen seitens der Unionsebene
vor allem aber mit sich selbst, ob sie sich politik entscheiden können. Im Gegenzug zur Verfügung gestellt werden“, schreiben
am dritten Rettungspaket für Griechenland für die Unterstützung aus Washington un- die IWF-Experten.
beteiligen sollte oder eher nicht. Schließ- terwerfen sich die Regierungen und Insti- Stresstests und Liquiditätsspritzen für
lich gaben sich IWF-Chefin Christine La- tutionen des betreffenden Landes den Be- Banken und deren Abwicklung soll die
garde und ihre Leute einen Ruck – und dingungen, die der IWF stellt. EZB künftig nach Maßgabe des IWF durch-
machten, halbherzig, mit. Bei Mitgliedern von Währungsunionen führen. An anderer Stelle des Papiers wird
Noch einmal, so Schäubles Einschät- verhält es sich anders. Sie haben Teile ihrer auch der Aufkauf von Anleihen erwähnt,
zung, würde sich seine politische Freundin Zuständigkeiten an übernationale Einrich- zu dem sich die Notenbank gegenüber
einen solchen Tort nicht antun. tungen abgetreten, vor allem die Geldver- dem IWF verpflichten müsste. Auch wenn
Weit gefehlt, wie ein aktuelles Arbeits- sorgung, aber auch die Aufsicht über die die Überlegungen nicht die zentrale Auf-
papier aus der Feder von vier IWF-Exper- wichtigsten Banken. In der Eurozone hat gabe der EZB berühren, die Geldpolitik
ten belegt. Dessen Titel: „Program Design die EZB diese Aufgaben übernommen. zu steuern, würden sie deren Unabhängig-
in Currency Unions“, auf Deutsch etwa: Solche Gemeinschaftsinstitutionen ste- keit dennoch massiv einschränken.
Programmzuschnitte in Währungsunionen. hen bislang außerhalb des IWF-Regel- Die Pläne schrecken die Verantwort-
Auf 34 Seiten legen die Autoren dar, was werks. Ihre Mitarbeit bei Rettungspaketen lichen in den Hauptstädten der Eurozone
bei künftigen Krisen besser laufen muss, beruht deshalb nur auf gutem Willen, was auf. Eigentlich sollte sich der IWF-Verwal-
wenn sich der IWF in Pleiteländern ohne dem IWF nicht mehr reicht. „Der jetzige tungsrat schon am Freitag dieser Woche mit
eigene Währung engagieren soll. Auch Zustand ist keine brauchbare Option dem Papier beschäftigen, doch auf Inter-
wenn das Papier die beiden Währungsunio- mehr“, heißt es in dem Papier. vention der europäischen Exekutivdirekto-
nen Afrikas und die der Karibik erwähnt, Stattdessen verlangt der IWF, dass sich ren wurde das Thema von der Tagesord-
arbeitet es sich vor allem an den Erfahrun- künftig auch übernationale Institutionen nung genommen. Jetzt soll es rund um die
gen ab, die IWF-Abgesandte während der den Direktiven aus Washington beugen. Herbsttagung des Fonds, die Mitte Oktober
Eurokrise gemacht haben. „Irgendeine Art von Zusicherung auf Ebe- in Washington stattfindet, erörtert werden.
Die Lehren, die sie ziehen, sehen nicht ne der Währungsunion muss es geben, da- Die Europäer stoßen sich nicht nur an
nach einem Rückzug aus Europa aus, im mit der Fonds Geld auszahlen kann.“ Und den Eingriffen in die Unabhängigkeit der
Gegenteil. Bei künftigen Krisen will der zwar schriftlich. EZB, sie stört auch, dass der IWF ihnen
IWF stärker als bisher den Takt vorgeben, Die Botschaft ist klar: Entweder die Euro- Geld vorenthalten will, das ihnen als Mit-
vor allem hat er vor, die Europäische Zen- zone und ihre auf Unabhängigkeit bedach- gliedern eines Klubs im Notfall zusteht.
tralbank (EZB) als mächtigste Gemein- te Zentralbank unterwerfen sich den Wün- Der IWF stellt schließlich nichts anderes
schaftseinrichtung der Währungsunion in schen aus Washington, oder es gibt kein dar als eine Versicherung für Krisen.
die Pflicht zu nehmen. Die Europäer, in Geld. Der Anspruch auf Mitsprache er- Doch warum manteln sich die Europäer
deren Hauptstädten das Papier aus Wa- streckt sich weniger auf die Geldpolitik. so auf, wenn sie bei künftigen Krisen so-
shington kursiert, sind alarmiert. Sie wer- Lagardes Leute wollen nicht mitbestim- wieso ohne den IWF auskommen wollen?
ten die Überlegungen als Angriff auf die men, wie hoch die Zinsen in der Eurozone Ganz einfach: Sie möchten selbst darüber
Unabhängigkeit der EZB. ausfallen. Im Visier haben sie aber alle In- bestimmen, wann sie Hilfe aus Washington
Tatsächlich halten die IWF-Experten die strumente, die bei der Bankenrettung zum ausschlagen. Diese Entscheidung soll ihnen
Eurozone in ihrem jetzigen Zustand zwar Einsatz kommen. „Wenn es Maßnahmen der IWF nicht abnehmen.
vielleicht noch für hilfsbedürftig, aber gibt, die für den Erfolg eines Programms Christian Reiermann

DER SPIEGEL 2017 83


Wirtschaft

„Frauenpolitik ist hochgefährlich“


SPIEGEL-Gespräch Die Juristin Heide Pfarr über die dürre Bilanz der Kanzlerin in Sachen
Gleichberechtigung, ihre Forderung an die künftige Regierung und das Desinteresse der Männer

SPIEGEL: Frau Pfarr, 1981 haben Sie für die dass sie gleichberechtigt seien, hat Merkel kommen, das ihnen nicht wehtut. Merkel
Bundesregierung den ersten Bericht zur offenbar sehr stark geprägt: Sie hat über- fand das immer stärker werdende Maulen
Lohngleichheit verfasst. 36 Jahre später ha- haupt keinen Sinn für Diskriminierung, sie der Frauen deshalb bedrohlicher als das
ben wir ein Gesetz für mehr Lohngerech- sieht sie nicht. Man muss sie ihr deklinie- der Männer und hat es gemacht. Allerdings
tigkeit, das Frauen aber noch immer keine ren. In der DDR waren Frauen übrigens in der denkbar zartesten Variante, sodass
gleiche Bezahlung für gleichwertige Arbeit nicht wirklich gleichberechtigt, aber sie es keine grundstürzenden Veränderungen
sichert. Wie tief sitzt Ihr Frust? waren ökonomisch nicht abhängig von gibt. Sonst aber hat sie mit Frauenthemen
Pfarr: Sehr tief. Aber er ist nicht anhaltend. Männern – das hatte eine enorme positive nichts am Hut.
Ich habe auch bei der Frauenquote zwi- Wirkung. SPIEGEL: Beim Thema Lohngerechtigkeit
schendurch gedacht, jetzt höre ich auf, ich SPIEGEL: In der „Bild“-Zeitung warb die haben die Frauen doch auch gemault – die
habe keine Lust mehr. Die Frauen zogen CDU vergangene Woche mit einem Foto Kanzlerin hat ein härteres Gesetz aber ver-
nicht mit, es gab hässliche Artikel gegen von Merkel als kleinem Mädchen, darunter hindert.
die Quote in allen Medien, und nichts ge- der Spruch: „Für ein Deutschland, in dem Pfarr: Merkel reagiert auf Druck. In diesem
schah. Dann aber wachten die Medienfrau- jeder alles werden kann“. Ärgert Sie das? Fall war der Druck der Wirtschaft und der
en plötzlich auf mit ProQuote, auch bei den Pfarr: Das ist wieder so typisch für sie! Wa- Gewerkschaften gegen ein hartes Gesetz
Medizinerinnen regte sich etwas, die jungen rum steht da nicht „jeder und jede“? Weil groß. Das war es ihr nicht wert.
starken Frauen wurden aktiv. Ich habe da- Merkel meint, das generische Maskulinum SPIEGEL: In die Ära Merkel fällt aber auch
durch wieder Hoffnung bekommen, dass reicht schon. die Einführung des Elterngeldes, das euro-
wir es schaffen. Und ich gebe auch bei der SPIEGEL: Ist nicht allein Merkels Kanzler- paweit als vorbildlich gilt für die Verein-
Entgeltgleichheit todsicher nicht auf. schaft schon ein Sieg der Gleichstellung? barkeit von Beruf und Familie.
SPIEGEL: Seit gut 40 Jahren kämpfen Sie als Pfarr: Nein. Ihre Kanzlerschaft zeigt ledig- Pfarr: Das hat eindeutig geholfen. Gleich-
Juristin gegen die Benachteiligung von lich: Frauen können so etwas. zeitig haben sich viel zu viele Frauen in
Frauen. Ist der Fortschritt eine Schnecke? den letzten Jahren für Teilzeit entschieden.
Pfarr: Wenn es bei der Geschwindigkeit Das ist so aberwitzig kurzsichtig, dass man
bleibt, die wir gerade draufhaben, braucht „Wir wussten immer, sich erschrecken muss. Bei den Arbeitszei-
es noch geschätzte 250 Jahre, bis die ten muss sich noch viel mehr bewegen:
Gleichstellung endlich erreicht ist. Rück- dass der Mindestlohn vom Rückkehrrecht in die Vollzeit bis zu
schläge noch nicht mit eingerechnet. frauenpolitisch flexibleren Arbeitszeiten.
SPIEGEL: Warum sollte es die geben? SPIEGEL: Auch der Mindestlohn, von der
Pfarr: Mit der AfD zieht jetzt eine Partei
ein Erfolg sein würde.“ Großen Koalition eingeführt, hat vor allem
in den Bundestag ein, die in ihrem Frau- Frauen im Niedriglohnsektor geholfen.
enbild total rückwärtsgewandt ist. Und sie SPIEGEL: Hat die Tatsache, dass eine Frau Pfarr: Dazu eine kleine Anekdote. Ich war
verändert schon jetzt die Politik der ande- Deutschland regiert, dem Feminismus also damals Direktorin des Forschungsinstituts
ren Parteien, die Debatten. eher einen Bärendienst erwiesen? Schaut WSI in der Hans-Böckler-Stiftung, das die
SPIEGEL: Angela Merkel hat nun zwölf Jah- her, wir brauchen keine Gesetze mehr, Mindestlohnkampagne begonnen hatte
re regiert: Hat das den Frauen in Deutsch- Frauen können doch alles werden? und die Gewerkschaften nach und nach
land denn nichts gebracht? Pfarr: Mag sein, dass die Kanzlerin hier und überzeugte. Wir wussten immer, dass der
Pfarr: In der Ära Merkel hat sich zumindest da als Ausrede herhalten muss, aber wenn Mindestlohn frauenpolitisch ein Erfolg sein
eines positiv entwickelt: das Bewusstsein, es die nicht wäre, wäre es eine andere. Sie würde, aber wir Frauen haben uns ge-
dass wirklich etwas geändert werden muss, gehen davon aus, dass es im Bereich der schworen, das nicht laut zu sagen, um das
ist viel stärker geworden. Wir haben in Frauenpolitik auf Argumente ankommt. Projekt nicht zu gefährden. Und es hat ge-
der Gesellschaft riesige Schritte gemacht. Dafür spricht wirklich gar nichts. Wenn es holfen.
Das zeigt auch die breite Mehrheit bei der nach Argumenten ginge, hätten wir die SPIEGEL: Rita Süssmuth soll einmal gesagt
Ehe für alle. Das Bewusstsein, dass andere Gleichstellung längst, schon allein, weil sie haben, wer Frauenpolitik macht, muss
anders sein dürfen und Frauen überall sein ökonomisch vernünftig ist. Und gerecht, Schmerzensgeld bekommen. Gilt das trotz
können, ist gewachsen. das geht zusammen. einer Frau an der Regierungsspitze bis
SPIEGEL: Ist das trotz oder dank Merkel ge- SPIEGEL: Hätten Sie erwartet, dass eine Frau heute?
schehen? an der Regierungsspitze sich stärker für Pfarr: Ja. Es ist doch so: Im besten Fall trifft
Pfarr: Trotz ist falsch. Dank ist auch falsch. Frauen engagiert? man in den mehrheitlich männlichen Frak-
Die Wahrheit ist: ohne Merkel. Sie sieht Pfarr: Nein, nicht zu Beginn. Ich wusste, tionen auf freundliches Desinteresse.
die Leistung von Frauen durchaus und dass Merkel schon als Frauenministerin zö- SPIEGEL: Müssen Frauen überhaupt für Frau-
nutzt sie, deshalb umgibt sie sich mit guten gerlich und nicht besonders einfallsreich en kämpfen – oder ist das ein vermessener
Frauen und nicht mit einer Truppe männ- war. Frauenpolitik macht sie nur, wenn sie Anspruch?
licher Paladine. Aber Frauenpolitik inte- merkt, dass der Widerstand gegen die Frau- Pfarr: Natürlich müssen sie. Wer, wenn nicht
ressiert sie einfach nicht. enpolitik sie mehr kostet als nachzugeben. sie, gerade, wenn sie oben sind? Aber ich
SPIEGEL: Haben Sie eine Erklärung dafür? Beispiel Quote: Es gab das übliche Gemäre weiß auch, dass es für Frauen hochgefähr-
Pfarr: Ich glaube, das ist ihrer Biografie ge- der Wirtschaft, aber selbst die Arbeitgeber lich ist, offen Frauenpolitik zu machen.
schuldet. Die Vorstellung der DDR-Frauen, wussten, am Ende würde etwas heraus- SPIEGEL: Hochgefährlich?

84 DER SPIEGEL 2017


Pfarr: Nehmen wir an, in einem achtköpfi-
gen Vorstand sitzen – bestenfalls – zwei
Frauen und der übliche Typus Männer.
Dann sind sie immerfort gefährdet, sie ma-
chen immer alles falsch: Wenn sie so sind
wie die Männer, ist es falsch. Wenn sie
nicht so sind wie die Männer, ist es falsch.
Wenn sie Fehler machen, liegt es daran,
dass sie Frauen sind. Und wenn sie dann
anfangen, Frauenpolitik zum Thema zu
machen, können sie sich gleich die Pistole
an die Schläfe setzen. Sie können höchs-
tens klammheimlich in ihrem Bereich Frau-
en fördern, aber sie können im Vorstand
dazu nicht den Mund aufmachen.
SPIEGEL: Und wenn doch?
Pfarr: Tja, es finden sich immer Gründe,
weshalb ihre Leistung nicht stimmt. Man
kann aber auch dafür sorgen, dass sie ei-
nen Burn-out bekommen. Das ist nicht
schwer.
SPIEGEL: Auf die Kanzlerin, die mächtigste
Frau im Staate, trifft das nicht zu.
Pfarr: Am Anfang ihrer Amtszeit konnte
ich Merkel noch verstehen. Ihre Macht-
stellung war nicht so gesichert wie zuletzt,
sie musste damals erst noch ein paar
Männer abräumen. Zu einem solchen Zeit-
punkt macht Frau keine Frauenpolitik.
Frauenpolitik bedeutet, sich verwundbar
zu machen. Das wollte sie bis zuletzt nicht.
SPIEGEL: Können Frauen denn etwas lernen
von Merkel, für ihre eigene Karriere?
Pfarr: Unter Gewitter nicht zusammen-
zubrechen, das macht sie gut. Auch ihr
Gleichmut kann hilfreich sein, einfach mal
sagen: Das geht vorbei.
SPIEGEL: Sie haben 2005 gesagt, von einer
Frauenbewegung könne keine Rede mehr
sein. Gibt es sie heute?
Pfarr: Als kollektiven Zusammenschluss
wie gegen den Paragrafen 218 zur Abtrei-
bung gibt es sie nicht mehr. Aber wir sind
heute in anderer Weise weiter: Feminis-
mus wird nicht mehr flächendeckend als
Schimpfwort benutzt. Und mittlerweile ha-
ben es die Frauen geschafft, was wir früher
den Marsch durch die Institutionen nann-
ten. Gucken Sie doch in Ihr Haus. Ich hatte
früher nicht das Gefühl, dass der SPIEGEL
geprägt ist von Menschen, die irgendetwas
Positives im Feminismus sehen. Und jetzt
sitzen hier zwei Frauen vom SPIEGEL, die
MILOS DJURIC / DER SPIEGEL

sich als Frauen nicht verstecken.


SPIEGEL: Vielleicht haben sich ja auch die
Männer verändert?
Pfarr: Ja einige, und manchmal reicht das.
Jede prägende Entscheidung geht ja nicht
ohne die Männer, die überall dort die
Mehrheit stellen, wo es wichtig ist. Man
Heide Pfarr Die Arbeitsrechtlerin wollte te von sechs Geschwistern, promovierte, muss mindestens einen Teil der Männer
eigentlich einen Biobauernhof gründen, wurde 1984 Vizepräsidentin der Uni Ham- überzeugt haben. Hilfreich sind ältere
aber ihre Freundin, Jutta Limbach, die spä- burg und 1991 Frauenministerin in Hessen. Männer mit Töchtern, die kriegt man eher.
tere Präsidentin des Bundesverfassungs- Seit 1971 ist sie SPD-Mitglied und gilt als SPIEGEL: Horst Seehofer?
gerichts, verhinderte das: „Du wirst Profes- eine der politisch profiliertesten Kämpfe- Pfarr: Die ehemalige Justizministerin Herta
sorin“, sagte sie. Pfarr, 72, das zweitjüngs- rinnen für die Gleichstellung von Frauen. Däubler-Gmelin erzählte mir einmal, dass
ihr größter Verbündeter in frauenpoliti-
DER SPIEGEL 2017 85
Wirtschaft

nen Koalition gesehen, die in ihrem Koali-


tionsvertrag ein Gleichstellungsgesetz ver-
einbart hatte. Ich dachte, diese Konstella-
tion bringt den Aufbruch. Und übrig blieb
davon ein Schreiben der Arbeitgeberver-
bände an ihre Mitglieder, sie möchten Frau-
en doch bitte nicht mehr benachteiligen.
SPIEGEL: Ist die SPD da heute progressiver?
Pfarr: Sie hatte in der vergangenen Legisla-
turperiode nur eingeschränkte Möglichkei-
ten, es zu zeigen. Im Arbeitsministerium
und Frauenministerium waren Entschei-
dungen kaum möglich, weil die Arbeitge-
berverbände oder das Kanzleramt gemau-
ert haben.
SPIEGEL: Schulz hatte immerhin verspro-
chen, die Lohngleichheit endlich durchzu-
setzen.
Pfarr: Martin Schulz hat eine ganze Menge
begriffen, er hat erheblich feministischere
Ansätze, als Merkel sie je hatte. Er kommt
ja aus Brüssel, und das EU-Parlament und
die EU-Kommission sind frauenpolitisch
viel weiter als wir. Das geht an einem in-

ULLSTEIN BILD
telligenten Menschen nicht spurlos vorbei.
SPIEGEL: Was müsste die nächste Regierung
Ihrer Meinung nach tun?
Demonstranten gegen Lohndiskriminierung in Mainz 1978 Pfarr: Das Recht einführen, von Teilzeit auf
„Wenn sie Fehler machen, liegt es daran, dass sie Frauen sind“ Vollzeit zu wechseln. Das Ehegattensplit-
ting abschaffen, die prekäre Beschäftigung
eindämmen. Und die Wahlarbeitszeit ein-
schen Fragen ein CSU-Mann mit fünf Töch- verbessern damit seine Wettbewerbsposi- führen, das würde echt etwas verändern.
tern war. Mit dem hatte sie nie Probleme. tion gegenüber einer Frau, die niemanden SPIEGEL: Inwiefern?
SPIEGEL: Für Gleichstellung interessieren hat, der ihr den Rücken freihält. Natürlich Pfarr: Das Recht auf Wahlarbeitszeit würde
sich Männer oft nur, weil sie der Vater ei- macht das keine Frau mit Absicht, aber es Frauen und Männern ein flexibleres Ar-
ner Tochter, der Bruder einer Schwester, ist hochproblematisch. Es sei denn, diese beiten erlauben, damit sie sich mehr um
der Mann einer Frau sind? Frau fordert die Erziehungsarbeit ihres Kinder, Eltern oder sich selbst kümmern
Pfarr: Wenn überhaupt. Das nervt, aber so- Mannes auch dann massiv ein, wenn sie können. Es ist ja erwiesenermaßen so:
lange der Mann mit uns stimmt, habe ich zu Hause bleibt. Frauen verzichten schon mal auf Geld,
ihn richtig gern. Da kann er meinetwegen SPIEGEL: Mit Ihren sehr ehrgeizigen Ent- wenn das Betriebsklima stimmt. Auf Zeit
versuchen, sich mit dem Hinweis auf die würfen sind Sie oft gegen die Wand ge- können sie aber nicht verzichten, da müs-
Tochter bei seinen Kumpels zu entschuldigen. rannt, etwa mit einem Gleichstellungsge- sen sie kämpferischer sein. Und auch von
SPIEGEL: Sie klingen kämpferisch. Viele jun- setz, von dem am Ende nichts übrig blieb. den Männern kommt viel Druck, selbst
ge kinderlose Frauen sagen heute aber, sie War das der falsche Weg? wenn ihre Sabbaticals eher als bei Frauen
fühlten sich gar nicht diskriminiert. Pfarr: Das Gesetz hatte ich 2001 zusammen der Weltreise geschuldet sind als der Pflege
Pfarr: Bis zum Alter von 25 Jahren ist das mit anderen Frauen im Auftrag der Frau- von Eltern oder Kindern. Die IG Metall
naiv, danach dumm. Ab diesem Zeitpunkt enministerin Christine Bergmann entwor- hat erkannt, dass Arbeitszeit ein riesiges
spätestens erfahren sie ja von der Diskri- fen. Aber Gerhard Schröder als Kanzler Thema ist, und zieht mit der Forderung
minierung. Wir wissen aus Studien, dass fuhr damals den Kurs: bloß nichts gegen deshalb in die nächste Tarifrunde.
Frauen schon beim Berufseinstieg schlech- die Wirtschaft. Und auch die Frauen in der SPIEGEL: Wie sollte so ein Gesetz aussehen?
ter bezahlt werden als Männer. Dabei kön- SPD-Fraktion knickten sofort ein. Ich habe Pfarr: Wir im Deutschen Juristinnenbund
nen sie zu dem Zeitpunkt doch noch gar das vor allem als Niederlage der rot-grü- haben ein Modell vorgestellt, bei dem Un-
nicht versagt haben. ternehmen von sich aus Optionen mit fle-
SPIEGEL: Verstehen Sie Frauen, die nach xiblen Arbeitszeiten anbieten müssen – je
Jahren des Kämpfens im Job sagen: Das nachdem, was bei ihnen möglich ist. Eine
bringt alles nichts, ich kümmere mich lie- Baufirma kann natürlich nicht sagen: Jeder
ber um meine Kinder? kommt morgens, wann er will. In anderen
Pfarr: Ja, das kann ich verstehen, aber sie Firmen könnte dafür ganz viel gemacht
MILOS DJURIC / DER SPIEGEL

begeben sich damit in ökonomische Ab- werden. Die Beschäftigten bekämen einen
hängigkeit von einem Mann. Das ist so individuellen Anspruch, diese Optionen
ziemlich das Tödlichste, was eine Frau ma- zu nutzen.
chen kann. Und für die Frauenpolitik sind SPIEGEL: Und wie wäre es mit einem Mann
diese Frauen wirklich problematisch. Sie als Frauenminister?
halten ihrem Mann den Rücken frei und Pfarr: Gern, aber nur, wenn dafür eine Frau
Pfarr beim SPIEGEL-Gespräch* Finanzministerin wird.
* Mit den Redakteurinnen Isabell Hülsen und Ann- „Erst noch ein paar Männer abräumen“ SPIEGEL: Frau Pfarr, wir danken Ihnen für
Katrin Müller in Berlin. dieses Gespräch.
86 DER SPIEGEL 2017
Einer für alle struiert, wie inzwischen bekannt ist: Bei
den meisten wurden horrende Gebühren
fällig für etliche teils bizarre Dienstleistun-
gen im Rahmen der Verwaltung. Noch
Von 1999 bis 2008 überwies die Fonds-
gesellschaft insgesamt 13 037,94 Euro an
Mattausch. Tatsächlich handelte es sich bei
diesen Geldern aber nicht etwa um Mat-
Finanzen Wenn geschlossene dazu arbeiteten viele Gesellschaften mit tauschs Beteiligung an den Überschüssen
Fonds pleitegehen, müssen enormen Krediten, die häufig auch noch des Schiffes. Denn die „Cape Scott“ er-
in Fremdwährungen wie dem Schweizer wirtschaftete in Wahrheit zu „keinem Zeit-
betroffene Anleger oft noch ein- Franken finanziert waren. Wenn der Wech- punkt entnahmefähige Gewinne“, wie es
mal zahlen. Aber nicht alle: Wen selkurs sich ungünstig entwickelte, explo- in den Gerichtsunterlagen heißt.
es trifft, ist häufig willkürlich. dierten die Schulden. Das Geld kam, wie so oft in solchen Fäl-
Von alldem hatten Anleger wie Mat- len, aus der Substanz des Unternehmens.
tausch oft keine Ahnung, als sie ihr Geld Deshalb ist im Fall einer Pleite ein Insol-

W
arum die Wahl wohl auf ihn ge- investierten. Finanzberater kassierten für venzverwalter unter Umständen berech-
fallen ist? Dietrich Mattausch den Verkauf der Produkte enorme Provi- tigt, diese Gelder zurückzuholen, plus
weiß es nicht. Vielleicht, weil er sionen und spielten die Risiken herunter, Zinsen. Bei den deutschen Verbraucher-
ein prominenter Schauspieler ist. Oder verkauften die Produkte manchmal sogar zentralen sprechen noch heute regelmäßig
weil das Geld, das es bei ihm zu holen gab, als eine Art „schwimmendes Sparbuch“. Anleger vor, denen genau das passiert ist.
gerade genug war, um die nötigen Sum- Außerdem schien bei vielen Investments Aber selbst Verbraucherschützer wissen
men zusammenzubekommen. nach außen hin alles in Ordnung zu sein. oft nicht, dass längst nicht immer alle Anle-
Jedenfalls ist er einer von denen, die es „Das Verführerische war, dass viele Fonds ger eines Fonds gleichermaßen zahlen müs-
getroffen hat: Mattausch steckte Mitte der anfangs super liefen“, erinnert sich Schau- sen. „Viele Insolvenzverwalter betreiben da
Neunzigerjahre über einen geschlossenen spieler Mattausch, der insgesamt in ein hal- eine gezielte Rosinenpickerei und suchen
Fonds rund 50 000 Mark in ein Container- bes Dutzend solcher Anlagen investiert sich beispielsweise die zahlungskräftigsten
schiff, die MS „Cape Scott“, benannt nach hatte. Viele schütteten über Jahre hinweg Investoren heraus“, sagt der Rechtsanwalt
einem Landvorsprung an der Westküste regelmäßig Gelder an ihn aus – so auch Volker Hey. Er muss es wissen, denn er ar-
Kanadas. Der Fonds ging vor einigen Jah- der „DS-Rendite Fonds Nr. 51“ für die MS beitet für zahlreiche Verwalter und besorgt
ren in die Insolvenz. Mattauschs Einsatz „Cape Scott“. für sie den Forderungseinzug.
war weg, dafür blieben bei der Fondsge- Hey hat mit seinen Mandanten aller-
sellschaft aber noch Schulden übrig, die dings aus „einem bestimmten Gerechtig-
beglichen werden mussten. Riskantes Investment keitsgefühl heraus“ vereinbart, möglichst
Deshalb bat der zuständige Insolvenz- Wie ein geschlossener Fonds funktioniert alle Anleger gleichermaßen in Anspruch
verwalter die Anleger nochmals zur Kasse. zu nehmen. „Aber das bedeutet natürlich
Allerdings nicht alle 350 in gleichem Maße, auch einen wesentlich größeren bürokra-
sondern nur ein Dutzend von ihnen, so je- tischen Aufwand für den Insolvenzverwal-
denfalls hat es der Anwalt von Schauspie- ter: viel mehr Korrespondenz und unter
ler Mattausch recherchiert. Mattausch näm- Umständen auch eine größere Zahl von
lich ist einer der Betroffenen und muss Investor A Emissionshaus Investor B rechtlichen Auseinandersetzungen.“
jetzt nach jahrelangem Rechtsstreit rund Der Insolvenzverwalter von Mattauschs
14 000 Euro zahlen. Das herausgebende Emissionshaus legt den Schiffsfonds hat sich offenbar für die ein-
„Da fühlt man sich schon sehr betrogen“, Fonds auf und sammelt die Investorengelder fachere Variante entschieden. Der Schau-
sagt der 77-Jährige. ein. Ist die geplante Eigenkapitalquote für den spieler wird deshalb wohl für viele andere
Tatsächlich ist das Vorgehen des Insol- Fonds erreicht, wird er geschlossen. Anleger mitbezahlen müssen.
venzverwalters „zwar nicht gerecht, aber Rein rechtlich könnte er von seinen Mit-
leider legal – und in solchen Fällen durch- investoren zwar anteilige Ausgleichszah-
aus üblich, wenn auf diese Weise genug lungen verlangen – er müsste diese aller-
Geld für die ausstehenden Forderungen dings selbst eintreiben. Sein Anwalt Veil
zusammenkommt“, sagt der Jurist Ralph riet davon ab. „Zum einen brauchen Sie
Veil. Das heißt, es könnte vielen Anlegern dafür erst einmal sämtliche Daten aller In-
wie dem Schauspieler ergehen. vestoren. Und zum anderen wäre das Pro-
Denn in den Neunziger- und Zweitau- zessrisiko gigantisch: Denn jeder, gegen
senderjahren war der Verkauf von ge- den Sie vorgehen, kann sich einen eigenen
schlossenen Fonds ein Massengeschäft: Fi- Anwalt nehmen – den Herr Mattausch
nanzberater und Banken priesen die Pro- dann zahlen müsste, wenn etwas schief-
dukte als lukrative Möglichkeit, um auch Die eingesammelten geht und er ein entsprechendes Gerichts-
als Kleinsparer an großen Unternehmun- Gelder werden entsprechend verfahren doch verliert.“
gen teilzuhaben, an Immobilien, Ferien- der vorher vereinbarten Mittelverwendung Auf dieses juristische Abenteuer will
und Freizeitparks, Filmproduktionen – z.B. in Immobilien, Windparks, Flugzeuge sich der Schauspieler lieber nicht einlassen.
oder eben Schiffen. Die Fonds waren steu- oder Schiffe investiert. Aber er hat aus dem Desaster seine Lehren
erlich lange vorteilhaft, doch spätestens, gezogen. „So etwas mache ich nie wieder“,
als der Fiskus die steuerlichen Abschrei- Die Investoren sollen sagt er.
bungsmöglichkeiten strich, wurden viele regelmäßige Aus- Wie viel er mit seinen geschlossenen
Investments zum finanziellen Albtraum. schüttungen erhalten. Fonds insgesamt verloren hat, will er sich
Seit 2008 sind Expertenschätzungen zu- Scheitert die Unter- lieber nicht ausrechnen. „Ich will mich ja
folge allein Hunderte Schiffsfonds in die nehmung, kann es zu nicht unglücklich machen. Wichtig ist doch,
einem Totalverlust des dass man heiter alt wird“, sagt er.
Pleite gerutscht, und das lag nicht nur an
eingesetzten Kapitals
der Krise des weltweiten Schiffverkehrs. kommen. Anne Seith
Die meisten Fonds waren zu riskant kon- Mail: anne.seith@spiegel.de

DER SPIEGEL 2017 87


Rocket Man
Dieses Bild könnte man sich gut als Cover eines unveröffentlichten Pink-Floyd-Albums
vorstellen. Die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA hat es veröffentlicht, es zeigt
Diktator Kim Jong Un beim Betrachten eines Raketenabschusses. Der genaue Stand-
ort des Testgeländes ist nicht bekannt. Für Kim wurden offenbar eigens ein Schreib-
tisch und ein Feldstecher bereitgestellt. US-Präsident Donald Trump nennt den nord-
koreanischen Diktator spöttisch „Rocket Man“. Selten wirkte der Spitzname so treffend.

Analyse

Bodyguards mit blauen Helmen


Was Putins Vorschlag zu einer Friedenstruppe in der Ukraine bedeutet
Russlands Präsident fehlte vergangene Woche bei der General- schützen, sie wären also eine Art Bodyguards. Kiew dagegen
versammlung der Uno. Die Weltgemeinschaft hat er dennoch will echte Friedenstruppen, die bis zur russisch-ukrainischen
verblüfft. Wladimir Putin sprach sich – vor dem Treffen in Grenze patrouillieren dürften.
New York – für einen Blauhelmeinsatz in der Ostukraine aus. Erklärung Nummer zwei ist: Putins Vorschlag zeugt von
Das ist eine Forderung, die Kiew seit Langem erhoben und einem Politikwechsel. Er hat die Hoffnung verloren, das Mins-
Moskau immer abgelehnt hat. Kiew möchte den Konflikt mit ker Abkommen umzusetzen, und die derzeit bestehende
von Moskau kontrollierten Separatisten im Donbass inter- Situation wird ihm zu teuer. Moskau finanziert die Separatis-
nationalisieren. Moskau verwies bisher darauf, dass im Mins- tengebiete und leidet unter Sanktionen. Deshalb ist er bereit
ker Abkommen von Uno-Truppen keine Rede sei. zu einer Internationalisierung – und nimmt in Kauf, dass das
Es gibt zwei mögliche Erklärungen für Putins Wende. Die Abkommen, das für Moskau stets vorteilhafter war als für
misstrauische: Er will Verwirrung stiften. So hat es der ukrai- Kiew, modifiziert wird. Die wohlwollende schließt die miss-
nische Präsident Petro Poroschenko in seiner New Yorker trauische Erklärung nicht aus. Kluge Diplomatie ist es, Putins
Rede ausgedrückt. Er sprach von einem „hybriden Plan“, mit Vorschlag nicht sofort zurückzuweisen, sondern ihn nach-
dem Moskau seine Kontrolle des Donbass legalisieren wolle. träglich mit Inhalt zu füllen. Das hieße: den Spielraum der
Nach Putins Vorschlag sollen die Friedenstruppen bloß die un- Friedenstruppen in Verhandlungen zu erweitern und ihre Un-
bewaffneten OSZE-Beobachter an der Waffenstillstandslinie abhängigkeit von Moskau sicherzustellen. Christian Esch

88 DER SPIEGEL 2017


Ausland
Ungarn Sondergesetz gegen die von ruhr und gewalttätigen Aktio-
Orbáns heißer Soros gesponserte Universität nen seitens der Opposition“.
Herbst in Budapest vorgegangen.
Der Vizevorsitzende der Re-
Ein regierungsnahes Nachrich-
tenportal denunzierte Jour-
Im Frühjahr wird gewählt, gierungspartei Fidesz, Szilárd nalisten, die für ausländische
und Premier Viktor Orbán ist Németh, warnte vor Nicht- Medienhäuser arbeiten, als
bereits im Wahlkampf. Am regierungsorganisationen, „Verräter“. Für den Oktober
besten läuft es für ihn, wenn die „Aufwiegelei“ betrieben, ist nun eine Art Volksbefra-
er sich seinem Volk als Be- um die „innere Ordnung gung gegen den sogenannten
schützer gegen innere und äu- Ungarns“ zu stören. Fidesz- Soros-Plan vorgesehen. Die-
ßere Feinde präsentiert: Leute verbreiteten, der Ge- ser besage – so behauptet
2010 ging es gegen korrupte heimdienst rechne mit „Auf- Fidesz allen Ernstes –, dass
postkommunistische Eliten, der Milliardär jedes Jahr eine
2014 gegen Flüchtlinge. 2018 Million Flüchtlinge aus Afrika
geht es nun gegen angeblich und Asien in die EU und
vom Ausland bezahlte nach Ungarn schaffen wolle.
Unruhestifter. Diese wollten Die „christliche und nationale
dem Heimatland einen „hei- Identität“ des Landes sei da-
ßen Herbst“ bereiten, be- durch in Gefahr. Orbán sagt,
hauptet Orbán. Gemeint ist nur er und Fidesz seien fähig,
damit vor allem der in den den Untergang des Landes zu

DANIEL BISKUP / LAIF


USA lebende jüdische Milliar- verhindern: „Soros wird alles
där George Soros, der angeb- in seiner Macht Stehende
lich antiungarische Machen- tun, damit in Ungarn eine Re-
schaften finanziert. Im Früh- gierung gewählt wird, die
jahr war Orbán mit einem Orbán nach seiner Pfeife tanzt.“ jpu

Nigeria hat die Regierung jetzt auch Ogbunwezeh: Wenn sich der
Ein zweites Biafra noch eine der Igbo-Gruppen Konflikt weiter verschärft, ist
offiziell zu einer Terror- das nicht ausgeschlossen.
Emmanuel Ogbunwezeh, 44, organisation erklärt – stellt Nigeria könnte untergehen
Afrika-Referent der Internationa- sie also mit den Mördern von wie einst Jugoslawien.
len Gesellschaft für Menschen- Boko Haram auf eine Stufe. SPIEGEL: Könnte es zu
rechte, wirft dem nigerianischen SPIEGEL: Gibt es für die Un- einem zweiten Biafra-Krieg
Militär Mord und Folter vor. taten der Armee Beweise? kommen?
Ogbunwezeh: Uns liegen zahl- Ogbunwezeh: Ich bete, dass
SPIEGEL: Im Südosten des Lan- reiche Amateurvideos, Fotos dies nicht geschieht. Wenn es
KCNA / AFP

des gibt es neue Forderungen und Augenzeugenberichte aber dazu kommt, werden
nach Unabhängigkeit – dort vor. Sie dokumentieren, dass Millionen Menschen fliehen,
lebt vor allem die Volksgrup- die Soldaten auch Zivilisten und wir werden eine Tragö-
pe der Igbo. Was treibt sie an? foltern und ermorden. die erleben, wie sie die Welt
Ogbunwezeh: Die Igbo fühlen SPIEGEL: Droht Nigeria aus- seit dem Völkermord in Ruan-
Fußnote sich an den Rand gedrängt. einanderzubrechen? da nicht mehr gesehen hat. ill
Von den Milliardengewinnen

10 Millionen
Dollar Taschengeld hat
aus dem Öl, das im Süden
Nigerias gefördert wird,
kommt in ihrer Region wenig
an. Die jungen Leute sind
Simbabwes Diktator für arbeitslos und haben keine
sich und seine Entourage Zukunftsperspektive.
auf die Reise zur Uno- SPIEGEL: In der Region riefen
Vollversammlung nach Separatisten 1967 den Staat
New York mitgenommen. Biafra aus, es kam zum Krieg.
Davon profitierten mehr Nun geht das Militär massiv
LEKAN OYEKANMI / PICTURE ALLIANCE / DPA

als 70 Personen, darunter gegen Biafra-Aktivisten vor.


seine Frau, Kinder und Ogbunwezeh: Ja, es will die
Enkelkinder. Unter Robert Bewegung im Keim ersticken
Mugabes Regime ist und verletzt dabei systema-
sein Land zu einer der tisch Menschenrechte. Wir
ärmsten Volkswirtschaf- schätzen, dass die Sicherheits-
ten der Welt verkommen. kräfte in den vergangenen
Seit Langem herrscht zwei Jahren 300 Aktivisten
notorische Knappheit an der Unabhängigkeitsbewe-
Bargeld. gung getötet haben. Zudem Igbo-Aktivist

DER SPIEGEL 2017 89


Ausland

Allein auf weiter See


Europa In den Brexit-Verhandlungen reden Briten und
Europäer seit Wochen wild aneinander vorbei. Das Misstrauen
bleibt auch nach Theresa Mays Florenz-Rede groß.

I
m Herzen Londons, gleich neben dem Chefunterhändler schon in Brüssel gegen-
Dienstsitz der Regierungschefin, steht über, dreimal blieben alle entscheidenden
ein Haus, das Spötter „Ministerium für Brexit-Fragen unbeantwortet. Allen voran
Zauberei“ nennen. Die wenigsten bekom- die Höhe der Austrittsrechnung.
men es je von innen zu sehen, es gehört Vor allem die Briten verhandeln mit ei-
zu den bestgeschützten Gebäuden Groß- ner Langmut, als hätten sie alle Zeit der
britanniens. Der Hausherr ist ein weißhaa- Welt. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Im
riger Mann, der viel von sich hält und stets März 2019 wird der Brexit Realität. Bis da-
zufrieden lächelt. Er hat die Aufgabe, sein hin müssen von Dorschquoten bis zu nu-
Land zurück zu alter Größe zu führen. klearem Abfall unzählige über Jahrzehnte
David Davis hat das neu gegründete gewachsene Gemeinschaftsprojekte aus-
„Ministerium zum Verlassen der Europäi- einanderdividiert werden; Tausende Ge-
schen Union“ vor etwas mehr als 14 Mo- setze und Richtlinien müssen umgeschrie-
naten bezogen. Um seinen Amtssitz in der ben oder neu verfasst werden. Jeder Para-
Downing Street zu schmücken, bestellte graf kann Banken, Unternehmer und Dienst-
er eine Europakarte aus dem 18. Jahrhun- leister Unsummen kosten. Jeder Spiegel-
dert, aus jener Zeit, als Großbritannien strich kann das Leben der gut drei Millio-
noch ein Weltreich war. Außerdem wählte nen EU-Bürger in Großbritannien und von
er Illustrationen der bekannten Seefahrer- 1,2 Millionen Briten in der EU auf den
ballade von Coleridge – eine Zeile darin Kopf stellen, den Alltag von Studenten,
lautet: „Alone, alone, all, all alone / Alone Gastarbeitern, Rentnern verändern.
on a wide wide sea! / And never a saint All diese EU-Bürger fordern immer un-
took pity on / My soul in agony.“ geduldiger wenigstens einen groben Fahr-
Im Herzen Brüssels, an der Rue Archi- plan, um sich wappnen zu können. Aber
mède, steht das Berlaymont, eines der die Unterhändler beharken sich seit
wuchtigsten Gebäude Europas. Auf 240 000 Monaten mit nichtssagenden Freundlich-
Quadratmetern beherbergt es Tausende keiten. Am vergangenen Freitag reiste die
DAN KITWOOD / GETTY IMAGES

Beamte der Europäischen Kommission, britische Regierungschefin Theresa May


darunter einen Mann, der ebenfalls viel eigens nach Florenz, um in einer Kirche
von sich hält und bisweilen etwas sorgen- ihren Glauben an eine gütliche Lösung zu
voll dreinblickt. Er hat die Aufgabe, einen verkünden. Dort warb sie für mehr Zeit
Staatenblock von 27 Ländern zusammen- und versprach, vage, mehr Geld – aus ihrer
zuhalten. Sicht eine Geste der Großmut. Aus EU-
Michel Barnier ist seit fast zwölf Mona- Sicht eine weitere verpasste Gelegenheit.
ten der Beauftragte der EU-Kommission Wenig deutet darauf hin, dass die Staats-
für die Austrittsverhandlungen mit dem und Regierungschefs beim EU-Gipfel
Vereinigten Königreich. In Brüssel kennt Mitte Oktober den Briten „ausreichende David Davis hatte sein politisches Leben
man ihn als den Mann mit den Tabellen. Fortschritte“ bescheinigen, damit endlich bereits hinter sich, als ihn Theresa May im
Darauf verzeichnete er früher, als er schon über die künftigen Beziehungen geredet Juli 2016 zum Brexit-Vollstrecker ernannte.
einmal hier arbeitete, den Stand seiner Ge- werden kann. Mit jeder Woche, die ver- Als EU-skeptischer Europaminister machte
setzesvorhaben: Je grüner die Papiere wur- geht, wird wahrscheinlicher, was beide Sei- er sich in den Neunzigerjahren einen Na-
den, desto mehr hatte der EU-Kommissar ten angeblich verhindern wollen: ein kal- men, aus der Zeit kennt er auch Barnier
durchgesetzt. Zurzeit benutzt er den Grün- ter Bruch. flüchtig. Der Extremsportler schien keine
stift eher selten. Sollte sich dahinter eine geniale Strate- schlechte Wahl für den Job zu sein, zumin-
David Davis ist 68 Jahre alt, Michel Bar- gie verbergen, hat sie noch keiner richtig dest so lange, bis er May zu der desaströ-
nier 66. Man kann sagen, dass die Hoff- verstanden. Viel wahrscheinlicher ist, dass sesten Fehlentscheidung ihrer Amtszeit
nungen eines ganzen Kontinents und einer David Davis und Michel Barnier deshalb verleitete: Offenbar war es der Brexit-Mi-
vorgelagerten Insel auf den Schultern die- nicht vorankommen, weil sie Marionetten nister, der seine Premierministerin im Früh-
ser zwei Herren ruhen. Aber man kann in einem Stück sind, in dem vor allem auf jahr davon überzeugte, Neuwahlen aus-
nicht sagen, dass sie diese Hoffnungen bis- britischer Seite zu viele Eitle und Fanatiker zurufen. Ein Erdrutschsieg, so sein Kalkül,
lang erfüllt hätten. Dreimal saßen sich die die Fäden ziehen. werde die Opposition im Parlament weg-
90 DER SPIEGEL 2017
Premierministerin May: Von EU-Freunden und EU-Hassern gleichermaßen erpressbar

spülen, die Brexit-Gegner im Land mundtot wenig, mal alles. Mal macht man weitrei- Ein Sozialist an der Staatsspitze? Das
machen und die Regierung mit einem bä- chende Zugeständnisse, mal gar keine. weckt bei den Konservativen Überlebens-
renstarken Verhandlungsmandat ausstatten. Theresa May muss es geschehen lassen, instinkte.
So kann man sich täuschen. weil sie von EU-Freunden und EU-Hassern Sollte der Schlamassel, in den die Briten
Tatsächlich verlor May im Juni nicht nur in den eigenen Reihen gleichermaßen er- sich selbst gebracht haben, David Davis
ihre absolute Mehrheit, sondern auch jeg- pressbar ist. Als ihr Außenminister und aufs Gemüt schlagen, dann lässt er sich
liche Autorität, um das Land oder wenigs- ärgster Rivale Boris Johnson kürzlich ei- das nicht anmerken. Auch dass inzwischen
tens ihre Partei auf die wichtigste Zukunfts- genmächtig einen Artikel veröffentlichte, vier hochrangige Beamte sein Ministerium
aufgabe einzuschwören. Seither hält sich in dem er den harten Bruch mit Europa verlassen haben, scheint ihn nicht zu be-
fast jedes Regierungsmitglied für befugt, zum „glorreichen“ Brexit verklärte, feuer- lasten. Davis gilt als frei von Selbstzwei-
unausgegorene Brexit-Ideen unters Volk te ihn May nicht etwa. Sie seufzte nur feln, selbst Parteifreunde sagen, er sei der
zu bringen. Je nach Lesart wollen die Kon- schwach: „Boris ist halt Boris.“ Dass diese Einzige, der sogar im Sitzen stolzieren kön-
servativen null, 20 oder 40 Milliarden Euro Regierung noch nicht implodiert ist, liegt ne. Den Hickhack in Westminster adelte
nach Brüssel überweisen. Mal ändert sich einzig an der alle einenden Angst vor dem er kurzerhand als „konstruktive Mehrdeu-
für EU-Arbeitnehmer in Großbritannien neuen Labour-Superstar Jeremy Corbyn. tigkeit“, tatsächlich, so Davis, liefen die
DER SPIEGEL 2017 91
Ausland

Verhandlungen prächtig. Offenbar so präch- steht es, genau dieses Image zu pflegen. lande, fürchten, das Loch, das die Briten
tig, dass er gern mal früh geht. Er war mehrfach Minister in Frankreich reißen werden, selbst stopfen zu müssen.
„Er ist kein Mann für Details“, sagt ein und EU-Kommissar, er kennt Angela Mer- Staaten wiederum, die in besonderem
langjähriger Weggefährte. kel noch aus der Zeit, als beide Umwelt- Maße von Agrarhilfen oder Fördergeldern
Die 14 Strategiepapiere, die sein Minis- minister waren. Der Mann bewegt sich auf für strukturschwache Gebiete profitieren,
terium seit Mitte August veröffentlicht hat Augenhöhe mit den Großen, zugleich aber treibt die Angst um, dass die Geberländer
und in denen vom Waren- bis zum Daten- ist auch er nur Diener vieler Herren. nicht einspringen werden, daher bestehen
austausch die künftigen Beziehungen zur Die 27 Staats- und Regierungschefs ha- auch sie darauf, dass die Briten ihre Schuld
EU beschrieben werden, hält Davis für ben ihm ein enges Korsett für die Brexit- bis zum letzten Cent begleichen. „Kein
„kreative und einfallsreiche“ Vorschläge. Verhandlungen geschnürt, Barnier darf Mitgliedstaat muss mehr zahlen, weil es
Bei genauerem Studium der Papiere fällt einstweilen nur über drei Themen reden: den Brexit gibt“, sagt Barnier.
jedoch auf, dass alle denselben wider- über die künftigen Rechte der EU-Bürger Er tut viel dafür, dass die Einheit hält.
sprüchlichen Geist atmen: Auf magische auf der Insel, die Höhe der Austrittsrech- Mal trifft Barnier den irischen Außen-
Weise soll zugleich alles anders werden nung und das innerirische Grenzproblem. minister in Luxemburg, mal macht er Ita-
und so bleiben, wie es ist. Eine Grenze Jede Woche muss seine Taskforce an die liens Premier seine Aufwartung. Der Fran-
zwischen Nordirland und Irland? Ja schon, Vertretungen der 27 EU-Staaten berichten. zose weiß, wie sich die polnische Regierung
aber ohne dass man sie sieht. Weg mit der Barniers Stellvertreterin, die zupackende um ihre zahllosen Landsleute in London
Zollunion? Sicher, dafür ein Modell, dass deutsche Handelsexpertin Sabine Weyand, sorgt. Und er kennt die Dubliner Ängste,
diese Zollunion „spiegelt“. Die Briten, so hält unterdessen den Kontakt auf die an- der Brexit könnte den mühsamen Friedens-
der Eindruck in Brüssel, wollen raus aus dere Straßenseite, zum Rat. prozess auf der irischen Insel pulverisieren.
der EU, aber irgendwie auch drinbleiben. Dieser langwierige Prozess frustriert die Akribisch planen Barnier und seine
Mit den Papieren versuche Davis, alle Briten, im Rest der EU schafft er Vertrauen. Taskforce die Entflechtung der jahrzehnte-
widerstreitenden Interessen auf der Insel Vermutlich auch deshalb ist die Hoffnung langen Beziehungen mit den Briten. Bei
auszutarieren, sagt sein Ex-Stabschef der Briten, die Union spalten zu können, derart komplexen Verhandlungen, so Bar-
James Chapman. „Sie sind für die Heimat- bislang nicht aufgegangen. Kurz nach sei- niers Marschroute, bringe es nichts, mit
front bestimmt.“ In Wahrheit könnten sie nem Amtsantritt hatte Brexit-Minister der Lösung aller Streitfragen bis zum letz-
über eines nicht hinwegtäuschen: „Es gibt Davis seine Leute offenbar angewiesen, Da- ten Augenblick zu warten.
weder einen Plan A noch einen Plan B.“ Die Briten dagegen gehen die Gesprä-
Auch Theresa Mays mit Pomp angekün- che so an, wie sie Verhandlungen in Brüs-
digte Rede in der florentinischen Basilika sel auch sonst kennen, etwa wenn es um
Santa Maria Novella konnte diesen Ein- Eurorettungspakete für Griechenland ging:
druck nicht verwischen. Zwar gab sie sich Nichts ist entschieden, bis alles entschie-
dort im Ton konziliant. Sie ließ erkennen, den ist. Alle großen Fragen bleiben offen –
YE PINGFAN / XINHUA / ACTION PRESS

dass London in einer „Einführungsphase“ bis die Chefs in einer Nacht der langen
von zwei Jahren weiter seinen finanziellen Messer selbst zusammenkommen. In Lon-
Verpflichtungen nachkommen werde. don setzen derzeit viele auf Angela Mer-
Aber was heißt das konkret? Dazu gibt es kel. Sie werde, so die Hoffnung, nach der
keine Angaben. Stattdessen untermauerte Bundestagswahl endlich ein Machtwort
sie erneut ihre Drohung, dass „kein Deal sprechen – womöglich eine weitere gran-
besser als ein schlechter“ sei. Der Trip diose Fehleinschätzung.
nach Italien war somit nicht viel mehr als So verhandeln beide Seiten zwar, reden
der Versuch, sich Zeit zu erkaufen. Unterhändler Barnier, Davis
aber aneinander vorbei. Es ist, als spielten
Am Freitagnachmittag, keine zwei Stun- Diener vieler Herren
die einen Kricket, die anderen Fußball. Er-
den nach Mays Rede, sitzt Michel Barnier gebnisse lassen sich so kaum erzielen.
auf einem weißen Ledersessel in seinem Schon gar nicht bei der entscheidenden
makellos aufgeräumten Büro, an der Wand tenbanken über die Wirtschaftslage in den Frage, wie hoch die Austrittsrechnung für
hängt ein Bild, das Barnier begleitet, seit 27 anderen EU-Staaten anzulegen. Sein die Briten am Ende ausfallen soll.
er 14 Jahre alt ist. Es zeigt Charles de Ziel war es, Sollbruchstellen aufzuspüren, Die Forderungen der EU liegen seit Mo-
Gaulle und Konrad Adenauer beim Hand- um Zwietracht und Unruhe in der Union naten auf dem Tisch. Sie bewegen sich zwi-
schlag vor dem Élysée-Palast. säen zu können. Der Plan schlug fehl. Zur schen 60 und 100 Milliarden Euro und be-
Barniers Telefon steht nicht still, Exper- Ironie dieser Tage gehört, dass das Chaos inhalten auch künftige Pensionszahlungen
ten aus den Hauptstädten und Europapar- aus britischer Sicht auf der falschen Seite für britische EU-Beamte. Während der vor-
lamentarier wollen seine Einschätzung zu des Ärmelkanals ausgebrochen ist. erst letzten Verhandlungsrunde zeigten die
Mays Rede hören. „Jetzt kommt es darauf Die EU-Länder auf dem Festland stehen Briten ihren erstaunten EU-Kollegen eine
an, wie die Briten diese zum Teil positiven dagegen weiter überraschend einig hinter Präsentation mit 23 Schaubildern. Nach
Botschaften bei den anstehenden Verhand- Chefunterhändler Barnier. Das liegt daran, drei Stunden Diskussion war klar: Die Bri-
lungen konkret übersetzen“, sagt er diplo- dass bei den Brexit-Verhandlungen zum ten sehen gar keinen Grund, nach dem
matisch, „ich brauche Details.“ May for- Leidwesen der Briten eine Brüsseler Ge- Brexit noch etwas zu zahlen. Um die Stim-
derte Kreativität, um die künftigen Bezie- wissheit außer Kraft gesetzt ist: Ausnahms- mung aufzuhellen, verkündete Davis gön-
hungen zu klären. Barnier schüttelt den weise ist es nicht möglich, die restlichen nerhaft, es gebe auch so etwas wie „mora-
Kopf. „Wenn es um den Binnenmarkt geht, EU-Staaten dort zu spalten, wo es bislang lische Verpflichtungen“.
gibt es keine Kreativität. Wir werden den noch immer Krach gab – in Geldfragen. Mit nur mühsam unterdrückter Wut trat
Binnenmarkt nicht schwächen.“ Beim Brexit wollen weder Geber- noch Barnier daraufhin vor die Presse: Langfris-
Im Gegensatz zu Davis gilt der hoch- Empfängerländer der EU den Briten etwas tige Kredite für die Ukraine, Entwicklungs-
gewachsene Franzose vielen Europäern als schenken, es ist eine ungewöhnliche Alli- hilfe für Afrika, Geld für grüne Infrastruk-
Sinnbild der Vernunft. Und Barnier, ruhig, anz: Länder, die netto ins EU-Budget ein- tur bis 2020, bei alldem wollten sich die
überlegt, mit exakt sitzendem Anzug, ver- zahlen, wie Deutschland oder die Nieder- Briten aus dem Staub machen, sagte er.

92 DER SPIEGEL 2017


FRANCOIS LENOIR / REUTERS
Aufräumarbeiten in Brüssel: Die Kommission stellt sich auf ein Scheitern ein

Davis fand derweil, dass es eigentlich ganz Abkommen wollen. Vor allem die ständi- Die andere Alternative, eine harte Tren-
gut gelaufen sei. gen Provokationen von Jean-Claude Jun- nung, hätte zwar verheerende Auswirkun-
Es ist auch nicht so, dass es gar keine Be- cker sind für sie schwer zu ertragen. Der gen vor allem auf die britische Wirtschaft.
wegung gäbe. Die Gespräche über die Bür- Kommissionspräsident stänkert seit Mona- „Aber wir sprechen hier längst nicht mehr
gerrechte sind immerhin so weit gediehen, ten Richtung Großbritannien, macht sich über rationale Entscheidungen“, sagt
dass Barniers Taskforce bei den EU-Mitglie- lustig über Davis oder die englische Spra- Goodwin. „Für die Tories ist der Brexit
dern nachfragte, wie weiterverhandelt wer- che und hat sich so zu einem Verbündeten viel wichtiger als Wirtschaftsdaten – es
den solle. Eine entscheidende Frage ist, ob nationalistischer Hardliner gemacht. geht um nationales Bewusstsein.“
sich EU-Bürger in Großbritannien auch künf- „Juncker hilft uns nicht“, sagt die kon- Entsprechend befasst sich auch die EU-
tig auf ihre Rechte verlassen und diese vor servative Abgeordnete und EU-Freundin Kommission mit der Frage, die sie bislang,
dem Europäischen Gerichtshof einklagen Nicky Morgan. „Die Europäer müssen auf- nicht nur der Schlagzeilen wegen, gern
können. In Florenz, so hofften die Europäer, passen, es nicht zu übertreiben, sonst kippt ausgeblendet hätte: Was, wenn es schief-
werde May eine derartige Garantie abgeben. die Stimmung endgültig.“ geht? Vor allem an der Geldfrage drohe
Sie scheute davor zurück – vermutlich auch Und so steuern beide Seiten derzeit auf der gesamte Prozess zu zerschellen, steht
deshalb, weil der Gerichtshof für die Brexit- die extremste Form des Brexit zu: einen auch in einem internen Papier des Deut-
Hardliner zu Hause Teufelswerk ist. Bruch der Beziehungen ohne jeden Deal. schen Bundestags. Wörtlich heißt es darin:
Es gebe durchaus Spielraum in den Ver- „Ich glaube, die Konservativen sind be- „Die Verhandlungen drohen noch immer,
handlungen, heißt es in Brüssel. Aber The- reit dazu“, sagt der Politologe Matthew an diesem Punkt zu scheitern.“
resa May muss in ihrer Partei jederzeit mit Goodwin von der Universität Kent. Aus Intern sind längst Weisungen ergange-
einem Aufstand der EU-Feinde rechnen. deren Sicht sei das sogar nachvollziehbar, nen, sich auch auf ein Szenario des Schei-
Tatsächlich braucht es nur vier Dutzend ein softer Brexit nämlich würde bedeuten, terns einzustellen, die Mitgliedstaaten wur-
Stimmen im Londoner Parlament, um ein dass Großbritannien weiter EU-Regeln be- den gebeten, Ansprechpartner zu benen-
Misstrauensvotum gegen sie durchzuset- folgen müsste, ohne in Brüssel noch irgend- nen, um die Vorbereitungen für einen Bre-
zen, entsprechende Listen kursieren be- etwas mitbestimmen zu können. Für pa- xit ohne Abkommen zu treffen.
reits. Die EU-Unterhändler sind unschlüs- triotisch aufgepeitschte EU-Hasser wäre „Der Brexit“, sagt ein hochrangiger EU-
sig, wie unter diesen Umständen belastba- das Verrat, schon hat der Rechtspopulist Diplomat, „folgt keiner ökonomischen,
re Kompromisse zustande kommen sollen. Nigel Farage – eine der treibenden Kräfte sondern einer politischen Logik.“
Umgekehrt fragen sich allerdings auch des Brexit – gedroht, in diesem Fall „wie- Wenn man überhaupt noch von Logik
die Briten, ob die Europäer wirklich ein der an die Front“ zu stürmen. sprechen kann. Peter Müller, Jörg Schindler

DER SPIEGEL 2017 93


Ausland

Die Unruhestifter
Italien Beppe Grillo und seine Fünf-Sterne-Bewegung haben in Rom und Turin die Rathäuser erobert.
Nun wollen die Verfechter radikaler Basisdemokratie auch die Parlamentswahlen gewinnen.

K
onfettiregen setzt ein, als ein schlan- Auf der Bühne ist der 69-Jährige noch Legnano setzen an die tausend Zuschauer
ker Kerl am Samstagabend in Rimi- immer ein Berserker, ein weißhaariger, darauf, dass ihr Zorn auf die herrschende
ni die Bühne betritt: Luigi Di Maio, Gift und Pointen spuckender Wüterich. Ei- Klasse Italiens dank Grillo eine Stimme
31 Jahre alt – der Mann, der demnächst ner, der nichts und niemanden schont: bekommt. Und sie werden nicht ent-
Italien regieren will. „Was entsteht, wenn zwei Italiener zusam- täuscht.
Eben erst ist er zum Spitzenkandidaten men sind?“, fragt er: „Chaos. – Und bei Unklar bleibt, wann bei diesem Ein-
der Fünf-Sterne-Bewegung für die Anfang drei Italienern? – Werden vier politische Mann-Spektakel der Komiker spricht und
2018 anstehenden Parlamentswahlen gekürt Parteien gegründet.“ Gelächter im Saal. wann der Politiker. Mal brüllend, mal ver-
worden. Nun ruft er seinen Anhängern zu: Lange bevor Grillo das M5S ins Leben schwörerisch flüsternd, versendet Grillo
„In den kommenden Monaten muss Italien gerufen hat, rebellierte er als Komiker Botschaften: „Wir haben die Politik in die-
entscheiden, ob es weiter nur ums Überle- schon gegen korrupte Politiker, zog sie ins sem Land schon jetzt verändert, egal was
ben gehen soll oder ob wir anfangen wollen, Lächerliche, erhielt Auftrittsverbot beim noch kommt“, sagt er. Nun sei der Weg
wirklich zu leben.“ Wer ihn und seine Partei Staatssender Rai. An diesem Abend in frei für mündige Bürger: „Vertraut nieman-
wähle, so Di Maio, stimme für „eine Regie-
rung zur Rettung der Italiener“. Es sei nur
eine Frage von Monaten, bis dieser Traum
in Erfüllung gehe.
Der Weg des neuen Spitzenkandidaten
begann ganz unten. Auf einem Video vom
September 2007 ist er noch im Sweatshirt
zwischen Plakate klebenden Aktivisten zu
sehen – beim ersten, vom Komiker Beppe
Grillo ausgerufenen Vaffa-Day. Mit dem
landesweiten Protesttag zorniger italieni-
scher Bürger begann die Erfolgsgeschichte
des von Grillo mit gegründeten Movimen-
to Cinque Stelle (M5S). Mittlerweile ist die
Fünf-Sterne-Bewegung Umfragen zufolge
die stärkste politische Kraft im Land –
noch vor den regierenden Sozialdemokra-
ten um Ex-Premier Matteo Renzi.
Der Vormarsch der Rebellen wird bisher
bemerkenswert wenig ernst genommen,
nicht nur in den europäischen Nachbarlän-
dern, auch in Italien selbst. Die Vorstel-
lung, die drittgrößte Volkswirtschaft der
Eurozone könnte vom M5S regiert werden,
halten viele Italiener noch immer für so
abwegig wie den Gedanken, an Ferragosto
könnten künftig die Strandbäder gesperrt
und an Silvester der Genuss von gefülltem
Schweinsfuß untersagt werden.
Doch die Fünfsternler profitieren weiter
vom Volkszorn auf die trotz wirtschaftli-
cher Stagnation üppig versorgte politische
Elite des Landes. Sie haben wenig Geld,
aber viel Fantasie. M5S-Parlamentarier
spenden einen Teil ihrer Diäten an kleine
und mittelständische Unternehmen; auf In-
frastruktur wird weitgehend, auf Parteibü-
ros fast vollständig verzichtet. Krisensit-
zungen finden im römischen Hotel Forum
statt – weil Parteichef „Beppe“, wie Grillo
von allen genannt wird, dort absteigt,
wenn er von Genua in die Hauptstadt
kommt. Das geschieht nicht oft.
Wer Grillo erleben will, der muss raus
aus Rom und zum Beispiel nach Legnano Parteigründer Grillo, Spitzenkandidat Di Maio:
fahren, nordwestlich von Mailand.
94 DER SPIEGEL 2017
dem, nicht einmal mir, vertraut nur auf plett vernetzte Welt, gesteuert von auf- an die Macht kommen könnte und dabei
euch selbst.“ geklärten Bürgern. Eine digitale Muster- weder eindeutig rechts noch links, weder
Über die Fünfsternler sind die Italiener Polis. minderheiten- noch fremdenfeindlich ist.
uneins wie über keine andere Partei. Von Das Werk des Vaters soll nun der Sohn Vom französischen Front National oder
wahrer Basisdemokratie schwärmen die fortführen. Nach Mitternacht noch sitzen von der griechischen Syriza distanziert
Anhänger der Bewegung; totalitäre Ten- die beiden so unterschiedlichen Männer sich die Bewegung. Traditionelle Parteien
denzen beklagen die Gegner. Unstrittig ist: beisammen: der im Analogzeitalter groß seien „Lichtjahre zurück“ im Vergleich
Die Grillini sind radikal anders. Der poli- gewordene Grillo, einst dafür berüchtigt, zum M5S, sagt Davide Casaleggio.
tische Plan der Bewegung sieht direkte in Liveshows Computer mit dem Hammer Eine geniale Idee von Casaleggio senior,
Demokratie über Online-Abstimmungen zu zertrümmern; und der scheue Internet- sagt der Politikwissenschaftler Giovanni
vor, das Volk soll das Sagen haben. guru Davide Casaleggio. Dessen Mailänder Orsina, sei es gewesen, die Bewegung „als
Hinter dieser Strategie steht ein Mann, Firma betreut den millionenfach geklick- postideologisch zu verkaufen, Vergleichba-
der sich an diesem Abend in Reihe 10 auf ten Blog Grillos. Und liefert die Software res gab es bis dahin nicht in Europa“. Das
Platz 14 versteckt: Davide Casaleggio. Sein für das Projekt, die Fünfsternler landes- verloren gegangene Vertrauen in die Par-
Vater Gianroberto, verstorben 2016, war weit an die Macht zu bringen. Die Rathäu- teien des linken und rechten Lagers sei der
das Gehirn der Fünf-Sterne-Bewegung. Ein ser in Rom und Turin hat die Bewegung Nährboden für den Erfolg des M5S: „Wir
„Genie des Bösen“, wie Grillo über seinen längst erobert. Italiener waren ja schon Anfang der Neun-
kongenialen Partner spöttelte. Casaleggio Das M5S ist die wohl rätselhafteste poli- ziger allen anderen Ländern voraus beim
senior wollte das System repräsentativer tische Neugründung der vergangenen zehn totalen Zusammenbruch der herkömmli-
Demokratie mitsamt den Volksvertretern Jahre in Europa: die erste populistische chen Parteienlandschaft. Silvio Berlusconi
in die Luft jagen. Sein Utopia: eine kom- Partei, die in einem wichtigen EU-Land hat als Erster davon profitiert.“
Zwar liegt das M5S noch weit unter je-
ner 40-Prozent-Schwelle, die bei der Par-
lamentswahl die absolute Mehrheit der Sit-
ze garantieren würde. Aber Umfragen zu-
folge hat die Bewegung bereits alle ande-
ren Parteien überflügelt. Mithilfe eines
Koalitionspartners wie der EU-kritischen
Rechtsaußen-Partei Lega Nord wäre 2018
die Regierungsgewalt in Reichweite.
Von Anfang an traf Grillos Bewegung
den Nerv der Wähler: Kampf der Korrup-
tion, hieß es da, raus aus dem Parlament
mit vorbestraften Politikern. Schon vier
Jahre nach ihrer Gründung zogen die Gril-
lini 2013 als stärkste Einzelpartei ins Ab-
geordnetenhaus ein. Dort sorgten sie für
ein abruptes Ende der Gemütlichkeit: mit
Schreiduellen, Protestplakaten und Hand-
gemengen, aber auch mit unerhörten Vor-
schlägen – darunter jene, die Diäten dras-
tisch zu kürzen und maximal zwei Legis-
laturperioden zu erlauben.
„Mit den Maßstäben traditioneller Par-
teien sind wir nicht zu messen“, sagt sanft
lächelnd Luigi Di Maio in seinem Büro.
Der zweifache Studienabbrecher war be-
reits im Alter von 26 Jahren Vizepräsident
des Abgeordnetenhauses. Als Kandidat
für das Amt des Premiers will er dem-
nächst seine Regierungsmannschaft vor-
stellen. Nach der Parlamentswahl 2018, so
hofft Di Maio, könne „Italien das erste
Land sein, das durch direkte Demokratie
regiert wird“.
Beppe Grillo wird, so viel scheint sicher,
AUGUSTO CASASOLI / A3 / CONTRASTO / LAIF

nach den Wahlen im nächsten Jahr weder


in der Regierung noch im Parlament dabei
sein. Er ist infolge eines Verkehrsunfalls
1981 vorbestraft wegen fahrlässiger Tö-
tung. Den Ton aber gibt er unverändert
vor: Eine vom M5S geführte Regierung,
so Grillo, werde sich nicht mehr „vom kno-
chigen Zeigefinger der Deutschen zum
Schweigen bringen lassen“. Deren Egois-
Traum von einer digitalen Muster-Polis
mus sei mitverantwortlich für das Schei-
tern des Projekts EU: „Dieses Europa hat

DER SPIEGEL 2017 95


also durch Wahlen, im Parlament, über die
Medien – wie soll das gehen? Als wir an-
fingen, war das wie eine Explosion, da war
eine unglaubliche Energie in der Luft; in-
zwischen ist vieles ritualisiert. Ich sage oft:
Beppe, wir müssen wieder mehr raus aus
dem Parlament und hin zum Volk.“
Grillo aber, von dem der Satz stammt,
er sei Anführer einer „Französischen Revo-
lution, nur ohne Guillotine“, hat inzwischen
Geschmack gefunden an seiner Rolle als
Fallbeil. In seinem Wohnort Genua schloss
er die basisdemokratisch gewählte Kan-
didatin fürs Bürgermeisteramt aus – ohne
Angabe von Gründen. In Rom hingegen
hält er weiterhin seine schützende Hand
über Bürgermeisterin Virginia Raggi, der

ALBERTO PIZZOLI / AFP


wegen Amtsmissbrauchs und Falschaussage
ein Prozess droht – was beim M5S bis vor
Kurzem zum sofortigen Rückzug aus allen
politischen Ämtern geführt hätte.
Graffito mit Bildmotiv der Bürgermeisterin Raggi in Rom: „Eine Implosion wird folgen“
Wer wissen will, wie das Experiment
mit den Fünfsternlern ausgeht, der sollte
nach Parma fahren, ins Bilderbuch-Italien,
keine Zukunft, es gleicht einem Narren- Ziel direkter Demokratie nur noch die Fas- einer Stadt, in der sich die Regale unter
schiff.“ sade übrig sei. Schinken, Käse, Saubohnen biegen, einer
Je näher die Macht allerdings rückt, des- Aber wie kommt diese Partei, deren Kurs Wallfahrtsstätte für Opern- wie Architek-
to weiter entfernen sich die Partei und vor laut Statut von gut 100000 eingeschriebenen turliebhaber.
allem Di Maio von den Forderungen frü- Mitgliedern online bestimmt wird, im hoch Parma, so sagte Beppe Grillo 2012, sei
herer Tage. Das Referendum über den industrialisierten italienischen Norden an? das „Stalingrad“ des M5S, die Schicksals-
Euro-Ausstieg gilt nun nur noch als vage Arturo Artom muss es wissen, der Mann, stadt der Bewegung: „Wenn diese Stadt an
Option. Außenpolitisch wird eine Art drit- der in und um Mailand den Fünfsternlern uns fällt, ist alles möglich.“ Und Parma
ter Weg befürwortet, zwischen Washing- Türen zu den Salons derer öffnet, die das fiel tatsächlich – dank Federico Pizzarotti,
ton und Moskau, sowie „ein Austritt Ita- Sagen haben. Artom ist das, was man in der für die Partei ins Bürgermeisteramt
liens aus allen Militäreinsätzen der Nato“. Italien einen „faccendiere“ nennt: ein be- einzog. Es war der erste Triumph des M5S
Verwirrend? Ja. 15 Prozent der M5S- gabter Einfädler und Geschäftemacher. in einer Stadt von Rang.
Anhänger sympathisieren mit der extre- Wenn er nicht gerade Grillo zum Aperitivo Heute, fünf Jahre später, ist Pizzarotti
men Linken, 20 Prozent mit der rechten an der Costa Smeralda trifft oder mit Casa- immer noch da – triumphal wiedergewählt,
Lega Nord, 10 Prozent mit Berlusconis leggio über die Digitalisierung des produ- aber nicht mehr auf dem Ticket des M5S.
Mitte-rechts-Partei. Dem bunt gemischten zierenden Gewerbes berät, dann macht Ar- Grillo hat den Stadtoberen exkommuni-
Wählerreservoir bietet die Bewegung ein tom das, was er am besten kann: Kontakte. ziert. Offiziell, weil „Capitan Pizza“, wie
lagerübergreifendes Programm. Als An- Zurzeit poliert er für die als ungehobelt der Bürgermeister genannt wird, Wahlver-
gebot an die linke Klientel wird ein knapp verschrienen Anhänger der Fünf-Sterne- sprechen nicht einhielt. Tatsächlich wohl
17 Milliarden Euro teures Bürgergehalt Bewegung das gesellschaftliche Parkett. eher, weil Pizzarotti aufbegehrte gegen
für sozial Schwache gefordert. Auf dem Den scheuen Casaleggio schleppt er zu den Machtanspruch der „Taliban“ rund um
rechten Flügel punkten die „Grillini“, weil Soiréen beim US-Generalkonsul in Mai- Grillo, wie er sie nennt – jener Leute, die
sie Widerstand gegen die europäische land, auf denen dann preisgekrönte For- im Namen des M5S politische Tagesbefeh-
Flüchtlingspolitik und rigoroses Vorgehen scher, Verleger und Publizisten den Cin- le anonym per Mail verschicken.
gegen Korruption sowie Verschwendung que-Stelle-Strategen kennenlernen. Und „Eine Bewegung, die von anderen stän-
ankündigen. mit Grillo geht Artom zum Zukunftskon- dig Transparenz einfordert, aber nicht of-
Dass sich die Bewegung im EU-Par- gress nahe Turin, wo der Italienchef des fenlegt, wer eigentlich hinter ihr steht, ist
lament mit dem Brexit-Befürworter Nigel Google-Konzerns über die Welt von mor- für mich nicht akzeptabel“, sagt Pizzarotti,
Farage von Ukip verbündete, zwischen- gen spricht. der den Aufsteiger Di Maio für „unfähig“
durch aber – erfolglos – bei der liberalen Eine „unglaubliche Entwicklung“, sagt hält: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass die
Fraktion des Vorzeige-Europäers Guy Ver- Roberto Fico, habe seine Bewegung genom- Fünf-Sterne-Bewegung in Italien an die
hofstadt anklopfte, scheint den Anhän- men, „am Anfang dieses Abenteuers haben Regierung kommen wird – aber sobald sie
gern der Partei nicht peinlich zu sein. Gril- sich noch alle über uns totgelacht und uns sich an der Macht beweisen muss, wird
lo und Casaleggio stünden für eine Reali- die Türen vor der Nase zugeschlagen“. Der eine Art Implosion folgen.“
tyshow, in der „theatralische Erzählung 42-jährige frühere Fraktionschef des M5S Und dann? „Werden höchstens zehn
sowie Propaganda in den sozialen Netz- ist Vorsitzender des Kontrollgremiums Prozent der heutigen Anhänger übrig
werken“ zu einer Verleugnung der Fakten beim Staatsfernsehen Rai. Er gilt als „Or- bleiben.“ Walter Mayr
führten, kritisiert Nicola Biondo, ehema- thodoxer“, als einer, der die Annäherung Mail: walter.mayr@spiegel.de
liger Parlamentssprecher der Partei und des M5S an die Schaltstellen des Staats und
Co-Autor des Buches „Supernova“. Darin die inzwischen zahlreichen Fernsehauftritte Video:
wird das M5S als eine von der Casaleg- vor allem Di Maios kritisch sieht. Was will Beppe Grillo?
gio-Firma gesteuerte Bewegung mit tota- Fico sagt: „Das System mithilfe der In- spiegel.de/sp552017italien
litärer Struktur beschrieben, in der vom strumente des Systems ändern zu wollen, oder in der App DER SPIEGEL

96 DER SPIEGEL 2017


Ausland

Das Leben der Kuh


Indien Radikale Hindus wollen den Verzehr von Rindfleisch verbieten, sie schließen Schlachthäuser
und terrorisieren Muslime. Sie träumen von einem hinduistischen Einheitsstaat.

I
m Norden Indiens steht ein Mann in ei-
nem Stall, die Füße tief im Stroh, und
tätschelt eine Kuh. Für diese Schönheit
würde Balraj Dungar alles tun; wenn es
sein müsste, auch töten.
Dungar trägt eine orangefarbene Robe,
unter der sich ein Bauch wölbt. Es riecht
nach Dung, der Blick geht auf Weizenfel-
der. Draußen gleitet eine Schlange in das
dunkle Wasser eines Bewässerungskanals.
Hier, nahe der Stadt Meerut, ist Indien
friedlich, und Dungar, wie er so die Kuh
streichelt, wirkt wie ein freundlicher
Mann. Aber Dungar leitet die örtliche
Bajrang Dal, eine Hindu-nationalistische
Gruppe, die auch vor Gewalt nicht zurück-
schreckt. Dungar kämpft in diesen Tagen

RAJESH KUMAR SINGH / AP / DPA


einen Kampf, der ganz Indien erfasst hat.
Es geht um die Frage, ob Menschen Rind-
fleisch essen dürfen, obwohl Hindus im
Land die Kuh als heilig verehren.
In Indien wird derzeit im Durchschnitt
fast jede Woche ein Mensch überfallen,
weil er in den Augen anderer das Falsche
gegessen hat. Es geht um Werte, um Macht Inderin mit heiliger Kuh am Fluss Ganges: Wer das Falsche isst, greift die Nation an
und um die Frage, was für ein Land Indien
im Jahr 2017 sein will. Ein religiös gepräg-
ter Staat, in dem Glauben mehr zählt als sind so arm, dass ihnen keine Wahl bleibt. dreieinhalb Jahren im Amt ist. Er hat zwar
individuelle Freiheiten? Oder das Indien Wie Muslime arbeiten sie oft als Schlachter. gesagt, sein heiliges Buch sei die Verfas-
der Gründerväter: eine säkulare Demokra- Es gab in Indien immer schon Ausschrei- sung. Aber seine Leute setzen im Land die
tie, in der Religion Privatsache ist? tungen zwischen den größten Religions- Agenda seiner Partei BJP um. Manche Bun-
Jenes Indien basierte auf einer verwe- gemeinschaften, den Hindus und den Mus- desstaaten erließen ein Gesetz, das das
genen Idee: dass Menschen unterschiedli- limen. Doch die Zahl der Konflikte nimmt Konvertieren erschwert. 24 von 29 Bundes-
cher Ethnien, Sprachen und Religionen zu laut einem gerade erschienenen Bericht des staaten haben das Schlachten von Kühen
einem Volk zusammenfinden können. Das US-Außenministeriums zu, und immer öf- ganz oder teils verboten. Schulbücher wur-
Land hat 22 offizielle Sprachen, man findet ter gehe es dabei um die Kuh. Ein Großteil den umgeschrieben, um historische Taten
hier fast alle Religionen der Welt. Es gibt der Fälle ereignet sich im Norden des Lan- muslimischer Herrscher herunterzuspielen.
Inder mit weißer Haut und mit schwarzer. des, meistens im Westen des Bundesstaats Die Hindu-Nationalisten in Indien wer-
Es gibt Veganer, Allesesser und solche, die Uttar Pradesh. Hier ist das Zentrum der den stärker, und sie haben ihre Leute an
keine Zwiebeln anrühren. Kuhbewegung, hier lebt Dungar. den richtigen Stellen. Modi trat schon als
Dungar will das ändern. Indisch zu sein Meerut mit seinen verstopften Straßen, Schüler der RSS bei, einer nationalisti-
bedeutet für ihn: Hindu zu sein, so wie 80 Kilometer von Delhi entfernt, hat mehr schen Vereinigung, deren kompliziertes
rund 80 Prozent der Inder. Die Kuh gilt als eine Million Einwohner, fast zwei Drit- Geflecht aus Untergruppen als „Familie“
Hindus als heilig. Wer Rindfleisch isst, tel sind Hindus, ein Drittel Muslime. Pro- bezeichnet wird: Die BJP, Modis Partei,
greift in Dungars Augen die Nation an. bleme gab es immer, aber nie in diesem fungiert als der politische Arm, und die
Die Organisation, der er dient, ist ein- Ausmaß: Unbekannte werfen Schweine- Anhänger der Bajrang Dal sind für die
flussreich, bestens vernetzt und unterhält fleisch in eine Moschee. Ein Mob schlägt Drecksarbeit zuständig. Ihr Ziel ist ein
Verbände im ganzen Land. Die Mitglieder einen Muslim zusammen, weil er sich in Staat nach hinduistischen Regeln. Eine
sind junge Männer, oft arbeitslos, meist eine Hindu verliebt hat. Schläger brechen neue Idee ist das nicht.
ohne Ausbildung. einem Fleischverkäufer die Nase. Das Foto 1923, der Unabhängigkeitskampf gegen
Die „Beschützer der Kuh“ patrouillieren des Anführers landet in der Zeitung, es die Briten tobte, schrieb der Aktivist Veer
auf den Highways und halten Viehtrans- zeigt Dungar. Die Polizei lässt ihn laufen. Savarkar ein Buch, das bis heute aktuell
porter an, angeblich um illegalen Schmug- In Meerut zeigt sich, was passiert, wenn ist. Der Autor war überzeugt, dass aus Viel-
gel zu unterbinden, und durchsuchen Kühl- eine Mehrheit glaubt, sich über eine Min- falt keine Einheit entstehen könne. Um als
schränke. Häufig gibt es Tote. Die Opfer derheit erheben zu können und dabei die Nation zu überleben, glaubte er, brauche
sind meist Muslime, aber auch Christen Rückendeckung der Regierung zu haben. Indien eine Art Leitkultur. Er nannte sie
und Dalits, die „Unberührbaren“. Rind- Das liegt auch am Hindu-nationalisti- „Hindutva“. Das schließt Christen und
fleisch ist in Indien billig, und viele Dalits schen Premier Narendra Modi, der seit fast Muslime als Bürger nicht aus, aber sie müs-

DER SPIEGEL 2017 97


Ausland

sen sich dem Hinduismus unterordnen. te, wie seine Partei von einst 2 Sitzen im Schlachthäuser in Uttar Pradesh überprü-
Eine Gleichberechtigung der Religionen Parlament auf mehr als 280 anwachsen fen, viele mussten schließen. Die meisten
kann es nach Savarkar nicht geben. Diese konnte. Er war jahrelang Präsident der waren im Besitz von Muslimen. Es gab
Gedanken prägen heute große Teile der BJP in Uttar Pradesh. Seit seinem 14. Le- Proteste, aber auch viel Zustimmung.
indischen Politik und wohl auch die Geis- bensjahr ist er RSS-Mitglied. Schon Modi hatte im Wahlkampf 2014
teswelt des Premiers. Die Vorwürfe gegen den Regierungschef das Ende des Schlachtens gefordert. Im
Es dauerte Tage, bis Modi sich aufraffte, nennt er eine Schmutzkampagne. Die Mor- Mai verbot die Regierung in Neu-Delhi
die Morde im Namen seiner Religion zu de seien einzelne Zwischenfälle. Modi habe landesweit den Verkauf von Rindern als
verurteilen. Eine lange Zeit für einen Pre- Stabilität ins Land gebracht, und Adityanath Schlachtvieh auf Märkten. Erst der Obers-
mier, der dauernd twittert. Seine Worte werde das Gleiche für Uttar Pradesh tun. te Gerichtshof stoppte das Vorhaben. Ein
widersprachen zudem seinen Taten. In Mo- Muslime seien willkommen. „Aber es darf Verbot hätte zu einer wirtschaftlichen Ka-
dis Indien werden Hetzer nicht nur tole- nicht sein, dass ein paar wenige das Tier tö- tastrophe geführt. Indien ist neben Brasi-
riert – sie werden befördert. ten, das einer Mehrheit Milch spendet.“ lien der weltgrößte Exporteur für Rind-
Im März dieses Jahres machte Modi den Mehr als 180 Millionen Muslime leben fleisch – das stammt ausschließlich von
Priester Yogi Adityanath zum Regierungs- in Indien, nur in Indonesien und Pakistan Wasserbüffeln, wäre aber auch unter das
chef des Bundesstaates Uttar Pradesh, wo sind es mehr. Doch wenn Bajpai über die Verbot gefallen. Kühe dürfen ohnehin nur
auch Meerut liegt. Es ist einer der ärmsten Muslime redet, klingt es, als wäre der Islam unter bestimmten Bedingungen getötet
Staaten Indiens, aber der politisch wichtigs- erst gestern hier angekommen. Aber der werden, etwa wenn sie alt sind.
Die Fleischindustrie exportiert pro Jahr
Waren im Wert von rund vier Milliarden
Dollar, die meisten davon aus Uttar Pra-
desh. Sie liefert Zehntausende Jobs, für
Hindus wie auch für Muslime. Eigentlich
hat Modi in den Mittelpunkt seiner Politik
die Wirtschaft gestellt, doch diesmal gab
er der Religion den Vorzug. Warum? Weil
es im Wahlkampf so gut funktioniert.
Viele BJP-Wähler glauben an Modis Bot-
schaft des Fortschritts. Einigen wäre es lieb,
die Minister der Partei würden weniger
über Kühe und mehr über Straßen und
Krankenhäuser reden. Aber viele finden
tatsächlich, dass Indiens größte Probleme
nicht Armut oder Korruption seien, son-
CHANDAN KHANNA / AFP / GETTY IMAGES

dern der Islam. Das liegt auch daran, dass


Indien immer wieder islamistischen Terro-
rismus erlebt hat. Andererseits ist die über-
wältigende Mehrheit der Muslime im Land
friedlich. Der Kampf um die Kuh zeigt,
dass der Traum eines religiös geeinten In-
dien bei vielen Hindus wiedererwacht ist.
Bei der Landtagswahl in Uttar Pradesh
Lastwagenkontrolle in Rajasthan: Häufig gibt es Tote
gewann die BJP diesen März drei Viertel
der Sitze. Nun will die BJP unter Regie-
rungschef Adityanath hier das Land ihrer
te: mehr als 200 Millionen Menschen leben Islam gehört seit Jahrhunderten zu Indien. Träume errichten. Ein Land ohne Kuh-
hier, etwa so viele wie in Brasilien. Von 14 Muslime haben dem Land das Taj Mahal, fleisch.
Premiers stammten 8 aus Uttar Pradesh. die Altstadt von Delhi und saftige Kebabs Auf dem Fleischmarkt in der Stadt Mee-
Wer hier regiert, ist eine mächtige Figur. gebracht. Der BJP ist es gelungen, etwas rut sitzt Mohammed Akbar auf einem Flei-
Yogi Adityanath ist zwar ein Meister der zutiefst Indisches als fremd darzustellen. scherblock in seinem Laden und schaut ins
Meditation, das soll der Titel Yogi zeigen. Es ist das Resultat jahrzehntelanger Lobby- Nichts. Ein Ventilator versucht, den süßli-
Er ist aber eher als Hassprediger bekannt. arbeit. chen Geruch der Fäulnis zu vertreiben, der
„Wenn Muslime einen Hindu töten, dann In seinem Buch „Shadow Armies“ be- im Laden klebt, obwohl der Metzger seit
töten wir hundert Muslime“, sagte er ein- schreibt der Journalist Dhirendra Jha, wie Wochen kein Rindfleisch mehr verkauft
mal. Im Wahlkampf behauptete er, dass die Nationalisten in den Achtzigerjahren hat. Der Basar existiert seit mehr als 250
Muslime Hindus aus ihren Dörfern vertrie- in die hintersten Winkel Indiens vordran- Jahren. Akbars Vater war Metzger, sein
ben hätten. Die Polizei ermittelte gegen gen. Sie infiltrierten das Parlament, Tem- Großvater ebenso. Niemand in der Gasse
ihn wegen Hetze und versuchten Mordes. pel, Medien und soziale Einrichtungen. Ge- kann sich an eine Zeit erinnern, in der die
Diese Vorwürfe streitet er ab. Er ist aber schickt verbreiteten sie den Glauben, dass Akbars kein Rindfleisch verkauften.
sicherlich einer der größten Scharfmacher Hindus von Fremden vertrieben werden Aber damit könnte es bald vorbei sein.
des Landes. könnten. Gab es in einem Dorf Streit mit Der 60-Jährige hat in diesen Tagen keine
„Yogi Adityanath ist ein feiner Mann“, Muslimen, waren sie zur Stelle; angeblich Ware, keine Kunden und kein Einkommen.
sagt hingegen Laxmikant Bajpai. Der BJP- um zu schlichten, tatsächlich polarisierten Nicht mal unter den Briten sei es so
Politiker sitzt in seinem Wohnzimmer in sie. Sie merkten schnell, dass die Kuh für schlimm gewesen. „Die BJP“, sagt Akbar,
Meerut, hinter ihm thront eine vergoldete ihre Zwecke bestens geeignet war. „will, dass wir hungrig sterben.“
Hindugottheit. Bajpai ist ein guter Ge- Wenig überraschend ließ der neue Re- Laura Höflinger
sprächspartner, wenn man erfahren möch- gierungschef umgehend die Lizenzen der Mail: laura.hoeflinger@spiegel.de, Twitter: @hoeflingern

98 DER SPIEGEL 2017


Sport
Maximale Zahlungen für einen Fußballprofi mit Adidas-Sponsorenvertrag Sponsoren
pro Saison, Stand 2015/16
Klassenkampf
In der Champions League
600000 € hat sich eine Klassen-
gesellschaft zwischen Top-
Manchester FC Bayern Real FC Juventus klubs und Mitläufern eta-
A-Klub United Chelsea München Madrid Barcelona Turin
bliert. Das meiste Geld
fließt dorthin, wo ohnehin
schon am meisten Kapital
vorhanden ist. Besonders
deutlich wird dies an
FC Manchester FC Paris Saint- AC den Zahlungen des Spon-
B-Klub Liverpool City Arsenal Germain Mailand
300000 € sors Adidas, neben Nike
der wichtigste Ausrüster
im Fußball. Adidas hat
eine klare Einteilung in
vier Klassen, nach denen
Tottenham Borussia Inter AS Atlético
C-Klub
der Schuh- und Trikot-
Hotspur Dortmund Mailand Rom Madrid
200000 € Hersteller Spieler dieser
Vereine vergütet. Profis
des FC Bayern München
erhalten beispielsweise
dreimal so viel Geld wie
Schalke Bayer Ajax FC Galatasaray Benfica 110 000 € die Kollegen bei Borussia
D-Klub* 04 Leverkusen Amsterdam Basel Istanbul Lissabon
*Auswahl Quelle: Football Leaks
Dortmund.

Magische Momente
„Da draußen wachsen Millionen mit dem Sport auf“
Der Computerspieler Tim Schwartmann, 19, über Gaming als neue Boomsportart und sein Leben als Profi

SPIEGEL: Sie haben als soge- Schwartmann: Ja, das wächst Schwartmann: Es wird bald Schwartmann: Ich habe in der
nannter E-Sport-Profi gerade extrem schnell. Wir so sein wie im echten Fuß- Kreisauswahl gespielt. Kann
bei Schalke 04 Ihren Vertrag werden bald nach Fußball ball – mit Ablösesummen, ein bisschen kicken, für
verlängert. Was machen Sie weltweit die Sportart Nummer Beratern und Klauseln. Einer mehr hat es nicht gereicht.
eigentlich genau? zwei sein. Da draußen sind unserer Spieler ist jetzt SPIEGEL: Sie waren mit den
Schwartmann: Ich spiele Millionen, die mit Computer- zu RB Leipzig gewechselt. Profis von Schalke im Juli
professionell auf der Konsole spielen aufwachsen. Das ist SPIEGEL: Sind Sie auch auf auf Chinareise. Fühlen Sie
„FIFA 17“, stehe bei einem nicht aufzuhalten. dem Platz und nicht nur vor sich als Teil des Vereins?
Fußballbundesligisten SPIEGEL: Es gibt sogar schon dem Computer ein guter Schwartmann: Ja klar, ich hab
unter Vertrag und kann Transfers zwischen Vereinen. Fußballer? im Hotel mit Leon Goretzka
davon leben. und den anderen gewohnt,
SPIEGEL: Das heißt, Sie steu- habe ihnen Tipps gegeben.
ern Spieler auf einem vir- Die haben mich total akzep-
tuellen Rasen, Ihr Gegner tiert. Das hat mir gezeigt,
spielt die andere Mannschaft. dass E-Sport ernst genom-
Wie sind Sie dazu ge- men wird.
kommen, das beruflich zu SPIEGEL: Wird man irgend-
machen? wann zu alt für den Job?
Schwartmann: Zufällig, ich Schwartmann: Mit 30 sollte
spiele „FIFA“, seit ich man aufhören, die Reaktions-
sechs Jahre alt bin. Ich habe geschwindigkeit nimmt ab.
viel online gespielt, und Ich habe also noch zehn Jahre.
Schalke ist auf mich aufmerk- SPIEGEL: Und dann?
sam geworden. Man hat Schwartmann: Dann wird der
mich gescoutet. Sport hier so groß sein, dass
SPIEGEL: E-Sport boomt, die ich im Management oder als
Preisgelder gehen in die Mil- Trainer arbeiten kann.
lionen, Spieler verdienen Ich mache mir keine Sorgen
fünfstellig im Monat. Schwartmann beim Zocken um die Zukunft. jdo

DER SPIEGEL 2017 99


Provinzhelden
Handball Die SG Flensburg-Handewitt ist für die lautesten Fans der Bundesliga bekannt,
die Menschen im Norden lieben diesen Sport. Nun ist die Idylle in Gefahr.

D
rei Männer stehen an einem Don- me norddeutscher Brauereien kennt. Kurz Wer das Besondere des Vereins erleben
nerstagabend im September in hinter Schafflund, an einer gottverlassenen will, sollte in die Duburghalle gehen, dort-
einer Handballhalle am Stadtrand Landstraße, flattert einsam eine SG-Flagge hin, wo die Mannschaft in der Woche trai-
von Flensburg und sehen zu, wie eine im Wind. Hier lässt sich erfahren, wie das niert. „Unser Heiligtum“, nennen es res-
Mannschaft vermöbelt wird, auseinander- ist, wenn man sein Leben einem Verein wid- pektvoll Trainer und Spieler.
genommen, nach allen Regeln der Kunst. met. Die Flagge gehört zu einem Hof mit Die Kabine der SG Flensburg-Handewitt
Groth, Heinl und Machulla, so heißen Reetdach, in der Tür steht Rainer Groth. ist fünf Meter lang und drei Meter breit,
die Männer. Der eine jubelt auf der Tribü- Er ist Kammerjäger, aber der Beruf, sagt kaum größer als eine Besenkammer. Rings-
ne, der andere sprintet über den Platz, der Groth, stehe für ihn an zweiter Stelle, „auf um stehen Holzbänke, es riecht nach
dritte gestikuliert an der Seitenlinie. Das Platz 1 ist die SG“. Seine Freunde aus dem Schweiß und benutzten Handballschuhen.
Team, für das ihr Herz schlägt, ist die Fanclub nennen ihn Randgruppen-Rainer, Über den Bänken stapeln sich Trikots,
SG Flensburg-Handewitt. Es jagt den Geg- weil man das singen könne wie „Guanta- Handbälle, Flaschen, an der Wand hängt
ner aus Erlangen durch die Halle. Die Zu- namera“. ein Schild mit einem Spruch von Muham-
schauer brüllen, nach jedem Flensburger Seit mehr als zwanzig Jahren fährt er mad Ali: „I’m going to show you how great
Tor donnert Musik aus den Boxen. Die zu jedem Heimspiel und zu vielen Aus- I am!“
drei Männer sind zufrieden. wärtsspielen, obwohl die von Flensburg Es gibt in Deutschland Schulklassen, die
Rainer Groth, 57, ist Fan seit über zwan- aus immer einer Weltreise gleichkommen. sich luxuriöser umkleiden als die Hand-
zig Jahren. Jacob Heinl, 30, ist Kreisläufer Er war in Paris und Budapest, in Barcelona. baller der SG, die sich gerade auf die Bän-
und der Liebling des Publikums. Maik Ma- Auf seiner Mundharmonika hat er den Kie- ke quetschen: Holger Glandorf, Anders
chulla, 40, trainiert die Mannschaft. Drei ler Fans mal seinen „Anti-THW-Blues“ Eggert, Mattias Andersson, die meisten
Männer, die eines gemeinsam haben: Sie vorgespielt. „Die haben mich gepackt und an die 100 Kilogramm schwer, sie müssen
verwenden das Wort „Familie“, wenn sie in einen Raum gesperrt. Erst nach Spiel- die Tür offen lassen, sonst reicht die Luft
Geschichten über ihren Verein erzählen. ende kam ich frei.“ zum Atmen nicht. Es sind Weltklassespie-
Es gibt hier oben, im nördlichsten Bun- ler, sie könnten in Barcelona oder Paris
desland Deutschlands, keinen Fußball-Erst- spielen, einen Haufen Geld verdienen,
ligisten, der Volkspark in Hamburg liegt Es gibt in Deutschland aber sie haben sich für diese Kabine ent-
zwei Stunden Autofahrt entfernt. Die Syn- schieden.
chronschwimmerinnen sind gut, aber über Schulklassen, die sich Ljubomir Vranjes, 43, hatte diesen Ort
die spricht niemand. Beim Bäcker, im Bus, luxuriöser umkleiden als für „seine Familie“ entworfen. Der gebür-
auf der Straße: In Flensburg reden die Leu- tige Schwede war rund ein Jahrzehnt lang
te über Handball.
die Weltklassespieler. in Flensburg so etwas wie die DNA des
Zwei der Vereine, die den Sport in den Vereins. Er galt früher als einer der besten
vergangenen Jahren dominiert haben, lie- Im März steht Flensburg wieder einmal Rückraumspieler, nach seinem Karriere-
gen nur 70 Kilometer auseinander: der auf Rang 1 der Tabelle. „Dieses Mal schaf- ende 2009 blieb er dort und wurde zu-
THW Kiel und eben Flensburg. Sie sind fen wir es“, sagt Groth, „daran glaube ich.“ nächst Teammanager, später Trainer. Vran-
der Stolz der Menschen zwischen Nord- Stolz zeigt er seine Schalsammlung, singt jes sagte von sich selbst, dass er die SG
und Ostsee. Daniel Günther, Ministerprä- Fansongs vor, dann zieht er sich ein Trikot geschmiert und geölt habe wie eine Ma-
sident von Schleswig-Holstein, sagt, die an und eine Jeanskutte, darüber legt er schine, und irgendwann sei sie „rundge-
Handballbegeisterung im Norden sei einen Fanschal und schlüpft in Socken mit laufen“.
„Wahnsinn, die Mannschaften sind Teil un- dem SG-Logo. In seine Ohrlöcher steckt Für Vranjes war die Kabine eine Art
serer Identität geworden“. er sich bunte Federn, und über seine graue Wohnzimmer. Er hatte diesen Ort nach sei-
Würde man die Bedeutung von Kiel und Haarmatte stülpt er einen Hut aus Leder. nen Vorstellungen gepflegt und entwickelt,
Flensburg auf den Fußball übertragen, ent- Er sieht aus wie ein Indianer vom Stamm jedem Spieler hatte er eine Aufgabe zuge-
spräche Flensburg dem BVB aus Dort- der Flensburger Handballverrückten. teilt: Einer kochte Kaffee fürs Team, einer
mund, der THW Kiel dem FC Bayern Mün- Eine Stunde vor dem Spiel verlässt spielte Musik ab, einer sammelte Strafgeld.
chen. Kiel plant im Jahr mit einem Etat Groth sein Haus und fährt nach Flensburg, Weder durfte in der Kabine Alkohol ge-
von neuneinhalb Millionen Euro, Flens- in die Kneipe St. Knudsborg. Mit Freunden trunken noch eine andere Sprache als
burg kommt mit drei Millionen weniger trinkt er ein paar schnelle Biere, so ma- Deutsch gesprochen werden.
aus. Kiel hat die Stars, Flensburg ein Team, chen sie das immer. Dann geht’s ab auf Selbst für viele Freunde des Vereins kam
so war das immer. die Stehtribüne, die sogenannte Hölle vor einigen Monaten die Nachricht über-
Doch während Kiel in den letzten drei- Nord. Sie ist eine der größten im europäi- raschend, dass Vranjes den Verein zum
zehn Jahren zehnmal Meister war, schaffte schen Handball. Und eine der lautesten. Saisonende verlassen und zu Telekom
Flensburg es nur auf sieben zweite Plätze Warum liebt Groth die SG? Veszprém nach Ungarn wechseln werde.
und vier dritte. Diese Statistik lässt die „Die Mannschaft spielt seit vielen Jahren Er habe lange überlegt, sagte Vranjes da-
Flensburger verzweifeln, sie sticht ins Herz oben mit, ohne Mäzen, ohne Spitzenetat. mals, ob er diesen Schritt gehen solle.
des Handballwahnsinns. Die Fans lieben die Spieler, und die Spieler „Meine Zeit in Flensburg hat mich kaputt-
Am Himmel schiebt der Wind Wolken lieben die Fans. Wir identifizieren uns voll gemacht“, sagte er, „alles wird beobachtet,
wie in den Filmen, die man aus der Rekla- mit dem Verein.“ du hast alle drei Tage ein Spiel, musst im-

100 DER SPIEGEL 2017


Sport

MARTIN LUKAS KIM / DER SPIEGEL


Publikumsliebling Heinl, Hardcore-Fan Groth: „Meine Familie“

MARTIN LUKAS KIM / DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 2017 101


Sport

ten, was Vranjes in Richtung Tribüne


schrie: „Wo ist die Halle?“ Bis weit nach
dem Spiel zürnte der Trainer, „wir spielen
alle drei Tage. Da möchte ich sehen, wie
die Zuschauer für meine Mannschaft auf-
stehen“. Sechs Tage später entschuldigte
er sich, inhaltlich aber legte er nach: „Seit
dem ersten Spieltag dieser Saison ist die
Stimmung in der Flens-Arena viel leiser
geworden.“
Dass das so ist, sieht auch Jacob Heinl
so. Heinl ist der Kreisläufer, die Flensbur-
ger Identifikationsfigur. Ein gut aussehen-
der Hüne mit Bart, der sich aus der Jugend
zu den Profis hochgekämpft hat, er wohnt
mitten in der Stadt. „Alles, was ich habe,
habe ich der SG zu verdanken“, sagt Heinl.
Nach einem Spiel trifft er sich noch mit
dem Stadionsprecher der SG, Michael
Holst, gemeinsam fahren sie zu Heinl und

IMAGO / BEAUTIFUL SPORTS


spielen „FIFA“ auf der Konsole. Hambur-
ger SV gegen St. Pauli, Holst gewinnt mit
dem HSV 3:2. Während sie spielen, erzählt
Heinl.
„Unser Sport wird immer professioneller.
Trainer Machulla (l.): „Ich weiß, wie riesig die Fußstapfen sind“
Das ist gut und richtig. Aber darunter lei-
det das Familiäre, der Kontakt zu den Fans
wird geringer. Handball ist nicht mehr der
mer liefern. In Ungarn ist die Liga schlan- MT Melsungen und am Samstag in der Sport mit Schulhallencharme, der er früher
ker und der Druck kleiner.“ Champions League gegen Veszprém, Vran- war. Auch nicht in Flensburg.“
Es klang wie eine Flucht. Es war Zeit jes’ neues Team. „Es ist utopisch zu glau- Bis zum Beginn der vergangenen Saison
für ihn, sich aus den Zwängen der Familie ben, dass wir in der Champions League machten in Flensburg die Ultras Stimmung,
zu befreien. Manchmal kann ein Idyll auch topfit sein könnten“, sagt Machulla. erzählt Heinl. Eine Gruppe junger Männer,
einengen. Können dich die Menschen dort Der deutsche Handball stehe vor einer die Fahnen schwenkten, sich Choreogra-
erdrücken. großen Herausforderung, so sieht es der fien ausdachten, lauthals Lieder sangen.
Zwei Monate nach dem ersten Treffen Trainer: Weil der Sport hierzulande popu- Die Ultras befeuerten das Image der wil-
in Schafflund ist der Hardcore-Fan Groth lär sei, die Liga so dicht, verlange er seinen den Flensburger, oft gingen sie zu weit:
schlechter Laune. Flensburg hat den Meis- Akteuren alles ab. Zum ersten Mal über- Bei einem Derby in Kiel warfen sie Leucht-
tertitel verpasst, zum 13. Mal in Folge. Im trägt Sky seit dieser Saison alle Spiele live. stoffröhren auf die gegnerischen Fans, sie
entscheidenden Saisonspiel gegen die Das erhöht den Druck. sangen: „THW, Hurensöhne!“ Gegen Ham-
Rhein-Neckar Löwen haben sie verloren. Die Vereine spielen öfter als die Kon- burg schmissen die Ultras Bierbecher. Die
Bei Facebook postete Groth ein Bild kurrenz in anderen europäischen Ligen, Akzeptanz schwand, gemäßigtere Fans
der schlaff hängenden Flagge vor seinem jedes Spiel ist ein Abnutzungskampf. Paris, wehrten sich gegen das Rambo-Image der
Haus, darunter schrieb er einen Post mit Barcelona und Veszprém sind im entschei- SG. Schließlich löste sich die Gruppierung
dem Titel „Klartext“: „Fakt 1: Ich bin sehr denden Moment oft ausgeruhter. „Obwohl auf. Seitdem fliegen keine Leuchtstoffröh-
enttäuscht! Fakt 2: Wir werden wieder die deutsche Liga international die stärkste ren mehr. Aber es ist in der Arena merk-
nur Vize. Fakt 3: Der Trainer erreicht die ist, wird es zukünftig immer schwerer wer- lich leiser geworden.
Mannschaft nicht mehr.“ den, Champions-League-Sieger zu wer- Trainer Machulla sagt, er verspüre keine
Vranjes ist nun Vergangenheit, ein Ge- den“, sagt Machulla. Wehmut, wenn er an die alten Zeiten im
scheiterter. Und die Kommerzialisierung schafft ein Handball denke, die Chancen der Moder-
Seit dem Sommer heißt der neue Trai- weiteres Problem – und das betrifft die ne seien zu groß. Der Spieler Heinl sieht
ner in Flensburg Maik Machulla, es ist der Fans der SG. das ähnlich. Mit Sky kommt die Aufmerk-
bisherige Co-Trainer. „Ich weiß, wie riesig In der vergangenen Saison hatte der da- samkeit, das Geld, vielleicht eines Tages
die Fußstapfen von Vranjes sind“, sagt Ma- malige Trainer Vranjes öfter das Gefühl, ein Spieler, der Flensburg wieder zum
chulla, er hat in sein Haus in Handewitt die eigenen Fans aufwecken zu müssen. Champions-League-Titel wirft, mindestens
eingeladen. Beim Champions-League-Spiel gegen Wis- aber zum Ligatitel. Das sind doch gute
Handewitt ist eine Gemeinde bei Flens- la Plock lag Flensburg zurück, selbst in der Aussichten. Oder?
burg. 11 000 Einwohner, hier wohnen fast berüchtigten Hölle Nord wurde es still. So Rainer Groth aus Schafflund sieht das
alle Handballer der SG. Wegen der Ruhe. still, dass die meisten, die dort waren, hör- anders. Er hat Angst, dass die Fans auf der
Morgens sähen sie sich, wenn sie ihre Kin- Strecke bleiben. Wenn die Spieler nach
der zur Schule bringen, sagt Machulla. Er dem Spiel nicht mehr mit ihm, sondern
sitzt an einem Schreibtisch in seinem Ein- Die Ultras warfen Leucht- mit Sponsoren reden. Wenn der Spielplan
familienhaus, Laptop aufgeklappt, er stu- so eng getaktet ist, dass die alten Fans die
diert Spielszenen des nächsten Gegners.
stoffröhren, sie sangen Lust verlieren.
16 Stunden dauert allein das Sichten und „THW, Hurensöhne!“, dann Dann, sagt Groth, sei die SG nicht mehr
Schneiden der Videos vor einem Spiel. Sei- das, wofür er sie so liebe – eine Familie.
ne Mannschaft spielt am Donnerstag gegen
löste sich die Gruppe auf. Marius Buhl

102 DER SPIEGEL 2017


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Medizin sich Aufmerksamkeit, Bewe- males Bewusstsein“. Auch
Wo beginnt gung und Gehirnaktivität des
Mannes signifikant verbes-
habe sich der Stoffwechsel im
Gehirn erhöht, berichten die
Bewusstsein? sert, berichten die Forscher Forscher. Die Reparatur des
Französische Wissenschaftler im Fachmagazin „Current Gehirns, folgert Angela Siri-
haben einem 35-jährigen Biology“. Obschon zuvor in gu vom Institut des Sciences
Mann Zeichen von Bewusst- einem „vegetativen Status“, Cognitives Marc Jeannerod
sein entlockt, der nach einem habe der Mann nach der ein- in Lyon, sei möglich, „selbst
Verkehrsunfall 15 Jahre lang monatigen Nervenstimula- wenn alle Hoffnung verloren
im Wachkoma lag. Im Hals- tion Objekte wieder mit den schien“. Neben der Hilfe für
bereich des Patienten stimu- Augen verfolgen und seinen Patienten erhofft sich die For-
lierten die Forscher den Kopf auf Nachfrage hin leicht scherin von dem Verfahren
Vagusnerv, der sich aus dem drehen können. Auf Über- neue Erkenntnisse über die
Gehirn kommend bis hinab raschungen reagierte er, in- „faszinierende Fähigkeit unse-
in die Brust- und Bauchorga- dem er die Augen weit öffne- res Verstandes, Bewusstsein
ne zieht. Daraufhin hätten te; alles Zeichen für „mini- zu erzeugen“. phb

Naturschutz den. Bei keiner dieser Proben Wolf. Wären die Wölfe Hy-
„Die Wölfe waren wurde eine Hybridisierung briden, so die Hoffnung,
Füchse“ zwischen Wolf und Hund
festgestellt. Es gibt bei uns
dann könnten sie einfach ab-
geschossen werden, so wie
Andreas Piela, auch keine verwilderten ehe- es bei wildernden Hunden er-
61, Referatslei- maligen Grenzhunde, wie laubt ist. Doch das ist ein
ter Arten- und manchmal behauptet wird. Irrtum. Auch Mischlinge der
Biotopschutz SPIEGEL: Ein Brandenburger ersten Generation fallen noch
des Ministe- Jäger hat DNA-Proben unter den strengen Arten-
riums für Länd- gesammelt, die eine Vermi- schutz, den der Wolf bei uns
liche Entwick- schung nachweisen sollen. genießt.
lung und Landwirtschaft in Bran- Piela: Ich kenne solche Ergeb- SPIEGEL: Die Jäger meinen,
denburg, über angebliche nisse nicht, und ich zweifle Mischlinge unter anderem
Mischlinge aus Wolf und Hund sie auch an. Es ist nicht so ein- daran erkennen zu können,
fach, die DNA von Wolf und dass sie zutraulicher sind.
SPIEGEL: Streifen durch Hund zu unterscheiden. Wir Piela: Auch das ist ein Irrtum.
Brandenburg Wolf-Hund- hatten in Dänemark schon Wild aufwachsende Hybriden
Chimären? mal einen ähnlichen Fall. Die würden nicht plötzlich Hun-
Piela: Nein. Wir haben defini- Analyse der Ergebnisse war deverhalten zeigen. Sie wür-
tiv in ganz Deutschland keine jedoch falsch. Dort waren die den sich wie Wildtiere verhal-
Hybridwölfe. Seit der Rück- angeblichen Wölfe Füchse. ten. Manche Jäger behaupten,
kehr der Wölfe sind vom Sen- SPIEGEL: Warum diese Fabel- es gebe weniger Wild, seit
ckenberg-Forschungsinstitut geschichten? die Wölfe da sind – nur dass
bundesweit rund tausend Piela: Es gibt nach wie vor tie- sich das nicht belegen lässt.
DNA-Proben analysiert wor- fe Ressentiments gegen den Die Wilddichte ist bei uns so Fußnote

:-)
hoch, dass es leicht für Jäger
und Wolf reicht. Die Ab-
schusszahlen sind nicht ge-
sunken.
SPIEGEL: Hört sich so an, als ist 35 – der amerikani-
wären alle Jäger Wolfsfeinde. sche Informatiker Scott
Piela: Nein, das stimmt so Fahlman war es, der 1982
nicht, mit vielen von ihnen das erste Emoticon er-
arbeiten wir gut zusammen, schuf. Er und seine Kolle-
zum Beispiel bei der Wolfs- gen tauschten gern on-
beobachtung und bei der line Witzeleien aus, doch
Beratung im Herdenschutz. die wurden oft fehlge-
SPIEGEL: Kommt Hybri- deutet. Fahlman schlug
daher vor, Scherze mit
SEBASTIAN KOERNER / LUPOVISION.DE

disierung zwischen Wolf und


Hund überhaupt vor? einem Smiley :-) zu mar-
Piela: Sehr selten. In Tsche- kieren, Ernstes mit :-(.
chien gibt es ganz aktuell Bald folgten Zwinkern ;-)
einen Fall. Solche Mischlinge und lautes Lachen :-D,
werden aus Artenschutz- heute gibt es über 1400
gründen aber sofort aus Emojis, von der verliebten
der Population herausgenom- Katze bis zum grinsenden
Wolfsrüde bei Spremberg, Brandenburg men. phb Kothaufen.

104 DER SPIEGEL 2017


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Die Post ist da
An Quallen erinnern sie, die Fallschirme, die
hier aufs antarktische Meereis sinken. Sie
bringen neun Tonnen Versorgungsgüter für die
australische Davis-Forschungsstation. Der
Abwurf ist Resultat einer fliegerischen Meis-
terleistung, die jetzt erstmals gelang: 10 000
Kilometer weit ist der Flug von Melbourne
und retour, Landen auf Eis ist riskant. Also
musste in der Luft nachgetankt werden, hoch
überm stürmischen Südozean.

AFP
Analyse

Tausendmal Hiroshima
Was geschieht, wenn eine Wasserstoffbombe über dem Pazifik detoniert?
Kim Jong Uns Antwort ließ nicht lange auf sich warten. „Ich tion „Castle“. Die Sprengkraft des Monsters überstieg jene
werde den geistig umnachteten Amerikaner endgültig mit Feu- der Hiroshima-Waffe um mehr als das Tausendfache. Wasser-
er bändigen“, sagte Nordkoreas Führer am Freitag, nachdem stoffbomben sind deshalb so mächtig, weil sie ihre Zerstö-
US-Präsident Donald Trump gedroht hatte, sein Land „kom- rungskraft aus der Verschmelzung von Kernen des Elements
plett zu zerstören“. Kims Außenminister Ri Yong Ho wurde Wasserstoff beziehen. Um die für eine Kernfusion notwendi-
konkret: Beim nächsten Test könne es die „stärkste Explosion gen rund 50 Millionen Grad Celsius zu erzeugen, enthält
einer Wasserstoffbombe“ über dem Pazifik geben. Alles ein eine Wasserstoff- immer auch eine Atombombe: als Zünder.
Krieg der Worte? Vermutlich. Doch was, wenn nicht? Die „Bravo“-Bombe pulverisierte drei Inseln des Bikini-
Ob Pjöngjang überhaupt fähig wäre, eine Wasserstoffbombe Atolls. Der Feuerball der Explosion maß sieben Kilometer,
über dem Pazifik zu zünden, ist zwar umstritten; das US-Mili- der Sprengsatz riss einen Krater von zwei Kilometer Durch-
tär allerdings geht zumindest bei seinen Planspielen inzwi- messer. 40 Kilometer stieg der Atompilz in die Höhe, der Fall-
schen davon aus. Falls Kim die Bombe zündet, wäre es der ers- out radioaktiven Materials ging direkt über 18 000 Quadrat-
te Nuklearwaffentest in der Atmosphäre seit 1980. Was dann kilometer Pazifik nieder, einem Gebiet so groß wie Sachsen.
geschehen würde, haben die Amerikaner der Welt in den Fünf- Bis heute ist das Bikini-Atoll praktisch unbewohnbar.
zigerjahren gezeigt, in einer ganzen Serie von Kernwaffentests. Zieht Kim eine solche Katastrophe als Machtdemonstration
Ihre stärkste Wasserstoffbombe mit Namen „Bravo“ deto- wirklich in Erwägung? Wenn der andere Irre mit der Bombe
nierte am 1. März 1954 über dem Bikini-Atoll bei der Opera- ihn weiter reizt, könnte es wohl dazu kommen. Philip Bethge

DER SPIEGEL 2017 105


Gefahr im Ballast
Umwelt Bluttrinkende Neunaugen, gefräßige Lachse, wuchernde Muscheln – an
den Großen Seen in Nordamerika zeigt sich, was geschieht, wenn der Mensch fremde
Arten in intakte Ökosysteme einschleppt: Sie kippen. Für immer.

ALEX S MACLEAN / LANDSLIDES AER

Oberer See: Kaum dass das Mittel zur Eindämmung der einen Plage gefunden war, bahnte sich die nächste an

106 DER SPIEGEL 2017


Wissenschaft

D
er Schlamm, der sich in den Filtern

t ro m
von Hafenanlagen festsetzt, taugt

z-S
gewöhnlich allenfalls zum Verklap-

en
KANADA o r
pen. David Lodge dient er als Lektüre. Es t-L

nk
ist erstaunlich, was der Forscher alles darin

Sa
zu lesen vermag. Oberer See Montreal
Lodges Post kommt aus Hafenstädten
in aller Welt. Vor dem Versand wurden Sankt-Lorenz-
die dreckigen Filter versiegelt, geöffnet Seeweg
werden sie erst in Lodges Reinraumlabor. USA Michigan- Ontario- Atlantik
see Huron- see
Hier ist äußerste Sorgfalt geboten, damit see Toronto

Hudson
der Dreck nicht verunreinigt wird. Eriekanal
Welland-

Mis
Lodge ist Ökologe an der amerika- kanal Niagarafälle

sis si
nischen Cornell-Universität. Er zählt zu Detroit

p
den Pionieren einer neuen Methode zur Eriesee

pi
Analyse von Ökosystemen. Die Kunst Chicago New York
200 km
besteht darin, selbst geringste Mengen von Illinois-Wasserstraße
Erbmaterial in Bächen, Seen oder eben im
Schlamm von Hafenbecken aufzuspüren. rührt – bis die Europäer kamen und mit ihr markantestes Merkmal ist das kreis-
Alle Organismen, die im Wasser leben, ihnen eine ganze Heerschar fremdländi- runde, mit scharfen Hornzähnen besetzte
hinterlassen winzige Spuren ihrer Erb- scher Fische, Muscheln, Schnecken, Algen: Maul. Neunaugen saugen sich damit an
substanz darin. Wer diese sogenannte Um- 189 nicht heimische Arten haben die Bio- ihren Opfern fest und ernähren sich von
welt-DNA nachweist, kann im Prinzip logen katalogisiert. Einige befielen die deren Blut. Die eher trägen Seeforellen
sämtliche Bewohner eines Gewässers iden- Seen regelrecht, wie eine Krankheit. hatten diesen Vampiren der Meere nichts
tifizieren. Kaum etwas erinnere mehr an das Le- entgegenzusetzen.
„Das wird die Ökologie revolutionieren“, ben, das die ersten europäischen Trapper Verzweifelt versuchten Fischer und Bio-
sagt Lodge. Bisher sei die Erfassung eines im 17. Jahrhundert hier vorfanden, sagt logen, den Siegeszug der Neunaugen zu
Ökosystems ein aufwendiges Geschäft: Oft- Lodge. „Heute steht hier am Ende der Nah- stoppen – und dies nach langen, vergebli-
mals bedarf es vieler Helfer, um zu bestim- rungskette ein pazifischer Lachs, sein wich- chen Experimenten sogar mit Erfolg. Sie
men, welche Arten vertreten sind; jeder tigster Futterfisch stammt aus dem Atlan- fanden einen Stoff, der für Neunaugen
Organismus muss auf seine eigene Weise tik, und der Boden der Seen ist gepflastert tödlich, für Fische dagegen weit weniger
gefangen oder registriert werden, und im- mit Muscheln vom Kaspischen Meer.“ toxisch ist. Bis heute verpasst die Fische-
mer bleibt die Sorge, dass einige Spezies Die Great Lakes sind ein enormer Was- reikommission den Seen regelmäßige Gift-
durchs Raster rutschen. serkörper. Auf einer Fläche größer als kuren, für viele Millionen Dollar pro Jahr.
Die neue Methode ändert das radikal. Großbritannien schwappt etwa ein Fünftel Doch kaum dass das Mittel zur Eindäm-
Lodge genügt etwas Filterschlamm, um allen Oberflächensüßwassers der Erde. mung der einen Plage gefunden war, bahn-
festzustellen, welche Schnecken, Muscheln, Mehr als 30 Millionen Menschen leben te sich die nächste an. Diesmal waren es
Krebse oder Fische etwa im Hafen von im Einzugsgebiet. Der Vormarsch biolo- atlantische Flussheringe, etwa sardinengro-
Kiel oder Odessa leben. Und dann kann gischer Invasoren wird hier deshalb seit ße Allerweltsfische, denen die Ausbreitung
er abschätzen, wie gefährlich sie sind. je genau studiert. Schon das erste durch in den Großen Seen gelungen war.
Denn das eigentliche Interesse des US- Vermutlich hätte kaum jemand Notiz
Forschers gilt gar nicht dem Getier selbst. davon genommen – wenn nicht die Zahl
Sein Anliegen ist der Schutz der heimi- Es war, als setzte man Leo- der Seeforellen und anderer Raubfische
schen Gewässer, besonders der Great Lakes durch die Neunaugen so drastisch dezi-
an der Grenze zwischen den USA und Ka- parden im Schwarzwald miert gewesen wäre. So aber fanden die
nada. Mit fernen Häfen beschäftigt sich aus, um einer Kaninchen- Flussheringe fast keine Fressfeinde mehr
Lodge nur, weil von dort die wohl größte vor, ungehindert vermehrten sie sich.
ökologische Bedrohung für die fünf riesi-
plage zu begegnen. Ihr Aufstieg war atemberaubend: 1962
gen Seen ausgeht. schätzten Biologen, dass sie im Michigan-
Denn beim Be- und Entladen wird oft einen Einwanderer ausgelöste Ökodesaster see bereits 17 Prozent der Fischbiomasse
das Ballastwasser der Schiffe abgelassen ist gut dokumentiert. ausmachten. Drei Jahre später war ihr An-
oder aufgefüllt, und mit ihm gelangen Es geschah in den Vierzigerjahren. Fi- teil auf sagenhafte 90 Prozent gestiegen.
Tiere oder deren Eier an Bord. Als blinde scher stellten damals irritiert fest, dass ih- Das konnte nicht lange gut gehen. Im
Passagiere treten diese dann eine Weltreise nen fast keine Seeforellen mehr ins Netz Sommer 1967 machte ein Pilot der
an, die bis nach Amerika führen kann. gingen. Im Jahr 1944 hatten sie noch knapp U. S. Navy einen viele Quadratkilometer
Einige finden dort eine neue Heimat. Sie drei Millionen Kilogramm dieser begehr- großen Teppich aus, der sich weiß glit-
siedeln sich an, vermehren sich und kön- ten Speisefische aus dem Michigansee ge- zernd auf dem See ausdehnte. Es waren
nen, wenn sie erfolgreich sind, das ganze zogen. Fünf Jahre später waren es nur Abermillionen Flussheringe, die bauchauf-
Ökosystem umkrempeln. noch 155 000 Kilogramm. wärts im Wasser trieben. Der Wind wehte
Die Großen Seen sind ein Paradebei- Ein Neuankömmling war es, der den den Schlamassel auf Chicago zu; wochen-
spiel für die fatalen Folgen, die der Eintrag Seeforellen so zusetzte: Unbemerkt müs- lang hing über der Metropole eine Wolke
solcher „invasiven Arten“ haben kann*. sen Meerneunaugen, aus dem Atlantik aus fauligem Fischgestank.
Nach der Eiszeit entstanden, blieb dieses kommend, den Weg durch den Erie- und Später rekonstruierten Biologen, was
gewaltige Binnenwasser weitgehend unbe- den Wellandkanal gefunden und sich bis geschehen war: Die Flussheringe, die
in den Oberen See ausgebreitet haben. eigentlich eher für ein Leben im Salz-
* Dan Egan: „The Death and Life of the Great Lakes“. Diese urtümlichen Wirbeltiere sehen aus wasser geschaffen sind, litten im Süß-
W. W. Norton; 384 Seiten. wie eine Kreuzung von Aal und Blutegel, wasser unter Stress. Als dazu noch die
DER SPIEGEL 2017 107
Wissenschaft

Wassertemperaturen stiegen, kam es zum Forscher haben bereits eine Liste von
Massensterben. Die größte Sorge gilt 68 Kandidatenarten erstellt. Wasserhyazin-
Doch während die Bürger von Chicago then, die große Seeflächen zuwuchern,
noch fassungslos auf das gruselige Ver-
einem Fisch, der sich durch finden sich ebenso darunter wie winzige
mächtnis starrten, das ihnen der See ans die Hintertür in die Ruderfußkrebse oder der Killer-Shrimp,
Ufer spuckte, brachten waghalsige Fische- der nicht nur als gefräßiger Räuber, son-
reiexperten bereits eine Lösung des Fluss-
Seen schleichen könnte. dern auch als Überträger von Parasiten
hering-Problems auf den Weg: Sie setzten gefürchtet ist.
Zigtausende Junglachse in einem Zufluss tanks von Frachtschiffen, ebenso wie Dut- Die größte Sorge allerdings gilt einem
des Michigansees aus. zende Wasserfloh-, Algen- oder Ringel- Fisch, der sich gleichsam durch die Hinter-
Es handelte sich um sogenannte Coho- wurmarten. Den Weg ebnete ihnen der tür in die Großen Seen schleichen könnte:
Lachse aus einer Zucht in Oregon. Diese „Seaway“, eine Abfolge von Schleusen und durch die im 19. Jahrhundert angelegte
Raubfische verbringen einen großen Teil Kanälen, die den Sankt-Lorenz-Strom Wasserstraße, die von Chicago bis hinüber
ihres Lebens im Salzwasser des Pazifiks. schiffbar machen. zum Mississippi führt.
Deshalb war zweifelhaft, wie gut sie in Als dieser Seeweg im Jahr 1959 eröffnet Von dort droht die Invasion asiatischer
den Großen Seen gedeihen würden. Doch wurde, knüpften sich daran große Erwar- Karpfen. Einst wurden sie in Arkansas ein-
vielleicht, meinten die Verantwortlichen tungen, allerdings blieb der Schiffsverkehr geführt, um Klärabwässer zu reinigen. Die
der Fischereibehörde, würden sie ja zumin- weit hinter den Prognosen zurück. Für die unappetitliche Idee dahinter: Man hoffte,
dest einige Flussheringe vertilgen. Außer- blinden Passagiere aber stand der Weg in menschliche Exkremente in wohlschme-
dem wollten sie den Anglern einen Gefal- die Großen Seen offen. ckendes Fischfleisch verwandeln zu kön-
len tun. Die nämlich lieben die Lachse, Oberstes Ziel der Naturschützer ist es nen. Niemand sah die Gefahr kommen –
weil sie ihnen, am Haken hängend, einen jetzt, das Seeweg-Loch zu stopfen. „Wenn es hieß, die Importtiere könnten sich im
besonders erbitterten Kampf liefern. sich eine Art erst einmal festgesetzt hat, Flusssystem des Mississippi nicht eigen-
Ein wenig war es, als hätte man Leopar- ist sie kaum mehr zu kontrollieren“, sagt ständig vermehren.
den im Schwarzwald ausgesetzt, um einer Lodge. Vorsorge sei deshalb die bei Wei- Aber das konnten sie, und zwar gut.
Kaninchenplage zu begegnen. Doch die tem effizienteste Art, das Ökosystem vor Plankton aller Art filterten sie aus dem
Strategie ging auf – und zwar weit besser weiterem Unheil zu bewahren. Wasser, bis nichts mehr übrig blieb für an-
als vermutet. Die Lachse lebten wie im Einen Erfolg können die Umweltschüt- dere Fische.
Schlaraffenland, gemästet mit Flussherin- zer mittlerweile vorweisen: Das Ballast- Bald breiteten sich die Karpfen auch im
gen, wuchsen sie zu Rekordgröße heran. wasser muss auf hoher See ausgetauscht Internet aus: Auf YouTube-Videos ist zu
Und sie vermehrten sich prächtig. werden. Die Flut der Invasoren wurde so sehen, wie sie zu Hunderten aus dem Was-
Diesmal dauerte es mehr als ein Viertel- eingedämmt. Denn die gefährlichsten Spe- ser springen, wenn sie die Geräusche eines
jahrhundert, bis die Bestände zusammen- zies stammen aus salzärmeren Meeren wie Motorboots hören. Meterhoch schießen sie
brachen. Ein weiteres Mal spielte ein öko- der Ostsee und dem Schwarzen Meer. Das aus dem Wasser und können dabei Boots-
logischer Eindringling die Schlüsselrolle. Bad im salzigen Hochseewasser macht ih- leuten, die ihnen in den Weg geraten, die
Die Öffentlichkeit wurde erstmals auf nen oft den Garaus. Zähne ausschlagen.
den Neuling aufmerksam, als in der Stadt Eine Garantie freilich bietet dieses Ver- Immer näher kamen die Karpfen dem
Monroe am Eriesee das Trinkwasser ver- fahren nicht. Deshalb, meint Lodge, sei es Nadelöhr, das Große Seen und Mississippi
siegte. Eine dicke Kruste von Muscheln wichtig, frühzeitig zu erahnen, welche verbindet. Das US-Militär wurde mit der
hatte ein Zuleitungsrohr verstopft. Spezies die Großen Seen vor die nächste Verteidigung beauftragt. Die Generäle
Wenig später kannte jeder Anwohner Herausforderung stellen könnte. Lodges errichteten eine Bastion aus elektrischen
der Großen Seen die Dreikantmuscheln, Fahndung nach Umwelt-DNA im Schlamm Feldern, um den Expansionstrieb der Fi-
die das Debakel verursacht hatten. Aus ferner Häfen soll dabei helfen. sche zu stoppen.
einer Drüse an ihrem Fuß sondern David Lodge sollte mit seinen
sie Haftfäden ab, mit denen sie DNA-Sonden den Vormarsch der
sich bevorzugt an Rohren oder Karpfen verfolgen. Und tatsäch-
Pumpen festsetzen. Da sie in ihrer lich fand er das Erbgut der Karp-
neuen Heimat kaum auf natürliche fen – leider auch jenseits der
Feinde stießen, konnten sich diese elektrischen Barriere. „Es fällt
Muscheln flächendeckend in den schwer, einen anderen Schluss
Großen Seen verbreiten. Inzwi- zu ziehen als den, dass es den
schen bilden sie an einigen Stellen Karpfen gelungen ist, die elektri-
des Seegrunds einen durchgehen- sche Barriere zu überwinden“,
den Teppich vom Bundesstaat Wis- sagt er.
consin nach Michigan. Der Weg in die Weiten der Gro-
Die Muscheln filtern das Wasser ßen Seen steht den asiatischen
ROBERT BARKER/ CORNELL UNIVERSITY

und vertilgen das darin enthaltene Karpfen also offen, schon seit Jah-
Phytoplankton, die Algen. Das ren. Fragt sich nur: Warum sind sie
führt dazu, dass die Flussheringe dort dann nicht schon längst zur
kein Futter mehr finden. Ohne Plage geworden?
Flussheringe aber darben die Lach- Niemand kennt die Antwort auf
se. Die Folge: Die Nahrungspyra- diese Frage. Aber möglicherweise
mide fiel von unten her in sich zu- verwehrt hier ein Eindringling dem
sammen. nächsten den Weg: Die Dreikant-
Es gibt kaum einen Zweifel da- Süßwasserökologe Lodge
muscheln könnten das Wasser der
ran, wie die Muscheln in die Gro- Verhindern, dass der Dreck verunreinigt wird
Großen Seen bereits leer gefressen
ßen Seen gelangt sind: in Ballast- haben. Johann Grolle

108 DER SPIEGEL 2017


Technik

Poesie des
Beim Cyfly-Antrieb wird die Tretkurbel im
Gegensatz zu herkömmlichen Rädern dezentral
mit der Welle verbunden. Dadurch entsteht ein

Sausens
Welle Tretkurbel größerer Hebel.

MÖV E BI KES G MBH / FELI X ROTH DESI G N G MBH


Mobilität Ein deutscher Fahrrad-
hersteller hat einen neuartigen
Pedalantrieb entwickelt. Der Die ovale Form des Kettenblatts
unterstützt die Kraftübertragung
sieht merkwürdig aus – macht dezentrale
aber tatsächlich schneller. Verbindung

Tretric

D
ass die einfachste mechanische h t un herkömmlicher stehen, ohne Fremdenergie über Straßen
Konstruktion häufig auch die beste Bereich der und Wege zu sausen. Ein halbwegs trai-

g
ist, wird kaum ein Ingenieur be- Kraftübertragung nierter Alltagsradler könne mit dem Möve-
zweifeln. Als Beispiel mag der Tretmecha- beim Treten Rad ein Dauertempo von mindestens 25
nismus des Fahrrads dienen: zwei Kurbeln Kilometern pro Stunde erreichen – die
an einer Welle – seit anderthalb Jahrhun- Marke, bei der Pedelecs den E-Boost ab-
derten bewährt. regeln. Spröte beschreibt eine Art smarten
Dieses Prinzip infrage zu stellen er- Kraftmeier, der in kunstreicher Symbiose
scheint kühn – und die Alternative, mit aus Muskelschmalz und Technik am Strom-
der sich der Fahrradhersteller Möve nun schlaffi vorbeizieht, als perfekten Botschaf-
in den Handel wagt, allemal komplex: Es ter seiner Marke.
gibt weiterhin Pedale, aber statt des simp- Exakt zu beziffern, wie hilfreich die Cy-
Bereich der
Ber fly-Mechanik ist, scheint jedoch schwer
len Kurbelpaars umspielt eine Versamm-
Kraftüb
Kraftübertragung
lung exzentrisch schlingernder Stangen das mit Cyfly möglich. Möve nennt einen Drehmoment-
zentrale Tretlager. zuwachs von bis zu 33 Prozent, errechnet
Doch wer die Mechanik namens Cyfly aus den Hebelverhältnissen. Der entspricht
vorschnell als Narretei abtut, statt sie aus- jedoch nicht dem physikalischen Mehrwert
zuprobieren, bringt sich um ein verblüf- während des gesamten Tretvorgangs.
fendes Fahrerlebnis: Das Hebelwerk er- Björn Stapelfeldt, Geschäftsführer und
leichtert das Treten tatsächlich. bis zu 3
33 % wissenschaftlicher Kopf des Freiburger Rad-
stärkeres Drehmoment*
Dre labors, stieß bei den Untersuchungen des
Der Trick besteht darin, dass in diesem
Gefüge immer dann ein längerer Pedal- Möve-Antriebs an Grenzen seiner Mess-
hebel entsteht, wenn sich die Kurbel der *Angaben des Herstellers
methodik. Die ist darauf ausgelegt, die
Waagerechten nähert, in der die Tretkräfte Kräfte exakt zu bestimmen, die im Rahmen
am besten wirken. Der Eindruck, besser vestoren für den formidablen Kraftverstär- der Kreisbewegung eines konventionellen
voranzukommen, ist also kein Placebo- ker zu gewinnen – darunter den von ihm Kurbelantriebs auftreten. Die Cyfly-Pedale
effekt, sondern physikalisch erklärbar und konsultierten Patentanwalt. beschreiben jedoch eine Ellipse.
durch ein biomechanisches Gutachten der Gut anderthalb Millionen Euro flossen Stapelfeldt attestiert dem Antrieb eine
Freiburger Radlabor GmbH von neutraler in die dreijährige Entwicklungsarbeit. Die Effizienzsteigerung, räumt aber Messfehler
Seite beglaubigt. größte Hürde bestand darin, Gewicht und ein, ohne die das Ergebnis womöglich noch
Die junge Manufaktur aus Mühlhausen Größe auf ein zumutbares Niveau zu besser ausgefallen wäre. Das Gutachten
in Thüringen geht mit einer Trumpfkarte schrumpfen, ohne dass die Haltbarkeit lei- nennt keine Zahl. Die kraftsteigernde Wir-
an den Start – und einer hübschen Grün- det. Spröte nennt 20 000 Kilometer ohne kung, schätzt der Autor vorsichtig, dürfte
derstory obendrein. Möve, 1897 als Marke Wartungseingriff als Zielmarke, die das bei „bis zu 20 Prozent“ liegen.
eingetragen, zählt zum deutschen Velo-Ur- Produkt nun auch erreichen soll. Spröte kann die Expertise durchaus als
gestein, war jedoch im Gleichmachersys- Cyfly ist in der jetzt serienreifen Version Ritterschlag werten, wenngleich mit einer
tem der DDR untergegangen. knapp zwei Kilogramm schwerer als eine zarten Einschränkung: Stapelfeldt sieht
Tobias Spröte, fahrradaffiner Leiter eines gewöhnliche Tretmechanik. Das ist immer „vor allem Alltags- und Freizeitradfahrer“
Ingenieurbüros, hatte sich gerade die Mar- noch allerhand, soll aber von den dynami- von der Möve-Mechanik profitieren, weil
kenrechte gesichert, als vor fünf Jahren ein schen Vorzügen der Mechanik mehr als sie den Kurbelantrieb eigentlich falsch be-
sächsischer Erfinder bei ihm mit der Kern- aufgewogen werden. dienen: Der Mensch ist evolutionsbedingt
idee zu Cyfly vorstellig wurde. Der Mann, Ein ernstes Vertriebshemmnis könnte ein Fußgänger; er tritt deshalb stampfend
hochbetagt und öffentlichkeitsscheu, soll der Preis sein. Möve startet mit einem Ak- in die kreisenden Pedale – eine Fehlbedie-
eine anonyme Mythengestalt bleiben. Sprö- tionsangebot von 3725 Euro. Gute Räder nung, die Cyfly kompensiert.
te schildert ihn als hutzeligen Genius, der mit Elektrounterstützung gibt es schon für Profiradler sind darauf trainiert, die
die jungen Ingenieure rasch in seinen Bann 1000 Euro weniger. Und deren Trethilfe ist menschliche Läufernatur zu unterdrücken.
zog. Sie bauten einen Prototyp. deutlich größer. Sie vollziehen mit den Beinen eine Kreis-
Die Antriebsmechanik wog allein acht Das ist auch Spröte bewusst. Er geht je- bewegung. Cyfly würde sie nicht beflügeln,
Kilogramm, zeigte aber auf dem Prüfstand doch davon aus, dass seine Zielklientel die sondern aus dem Konzept bringen.
den gewünschten Effekt. Spröte war end- Dinge nicht so prosaisch betrachtet. Die Christian Wüst
gültig infiziert und schaffte es, robuste In- Poesie seines Antriebs soll eben darin be- Mail: christian.wuest@spiegel.de

DER SPIEGEL 2017 109


Wissenschaft

Aufbau und Funktion


der Schleimschicht

Guter Glitsch des Darms

Medizin Die westliche Ernährungsweise kann der


Darmschleimhaut schaden, sie wird löchrig,
der Mensch krank. Das Rezept dagegen? Ist denkbar einfach.

S
chleim erleichtert das Leben, im Muzinen fehlt, nerven die trockenen Au-
Grunde macht er es erst möglich. Er gen. Ein weiteres Beispiel ist die Stoffwech-
bürgt dafür, dass der Mensch essen, selstörung Mukoviszidose: Weil das Gen
riechen, schmecken, atmen und Sex haben für einen Chlorid-Ionen-Kanal verändert
kann. Die Augen bleiben feucht und die ist, sind die Sekrete zu klebrig. Der Mucus
Gelenke beweglich, weil die gallertartige verkleistert die Lungen. Er muss durch Ab-
Masse zu Diensten ist; und ohne den klopfen gelöst und abgehustet werden, da-
Glitsch wäre jeder Stuhlgang ein stunden- mit der betroffene Mensch besser atmen
langer Kraftakt. kann.
Doch seit einiger Zeit sei es bei vielen Eine besondere Rolle spielt der Schleim
Menschen um die Schleimhaut im Darm im Darm. Dort hilft er nämlich nicht nur
nicht mehr allzu gut bestellt, sagt Mahesh als fabelhaftes Abführmittel, sondern er
Desai, 36, Mikrobiologe am Luxembourg bildet die Grenze zwischen dem mensch- Mikrovilli
Institute of Health in Esch-sur-Alzette. Ge- lichen Körper und Billionen von Bakterien,
meinsam mit Kollegen erforscht Desai je- die im Darm leben. Diese Grenze ist einige
nen Teil des Verdauungsorgans – und stellt Hundert Mikrometer dünn und besteht
nun die bange Frage: Ruiniert die in den aus zwei Schichten. Die innere liegt direkt
Industriestaaten üblich gewordene Ernäh- auf den Darmzellen und ist so zäh, dass
rungsweise den Darmschleim? kein Bakterium in sie eindringen kann.
Viel stünde auf dem Spiel: Industriell Die äußere Schicht dagegen ist weicher Epithelzellen
verarbeitete, ballaststoffarme Nahrung und stellt eine Art Mixed Zone für Bakte- der Darmschleimhaut.
könnte Löcher in den Darmschleim schla- rien dar. Zahllose Fortsätze (Mikrovilli) ver-
gen und auf diese Weise „Einfallstore für In diesem gemischten Bereich geschieht größern die Zelloberfläche für eine effektive
krank machende Mikroorganismen“ schaf- etwas Wunderliches. Immunzellen des Kör- Nährstoffaufnahme. Die Innenseite des Darms
gleicht daher einem flusigen Teppichbelag.
fen, sagt Desai. Die Folgen wären chroni- pers lernen hier, Gut und Böse zu unter-
sche Entzündungen des Darms wie Mor- scheiden. Als nützlich erkannte Bakterien
bus Crohn oder Colitis ulcerosa und ein werden im Schleim geduldet. Schädliche
erhöhtes Risiko für Darmkrebs. werden auf Abstand gehalten, etwa durch
Der Ursprung aller Krankheiten, befand Antikörper und giftige Peptide. „Der Mu- ten Wissenschaftler, wird die Auslese im
der griechische Arzt Hippokrates vor mehr cus dient zum einen als Abwehrmittel ge- Mucus getroffen – der enthält nämlich
als 2000 Jahren, liege im Darm – jetzt gen Mikroben und zum anderen als Nähr- ebenfalls Polysaccharide. Bakterien also,
schauen sich Mediziner dessen schleimige boden für freundliche Bakterien“, konsta- die im Mucus überleben, bestehen damit
Auskleidung genauer an: den intestinalen tiert das Fachblatt „Nature“. den Aufnahmetest: Ganz offenbar sind
Mucus, so nennen Wissenschaftler das gel- Aber welcher Faktor entscheidet darü- sie dazu in der Lage, Ballaststoffe zu ver-
artige Material. Werden Ärzte schon bald ber, ob ein bestimmtes Bakterium willkom- werten.
daran ablesen können, ob sich ein Mensch men ist? Eine Antwort könnte lauten: Es Die Symbiose zwischen Darmbakterien
richtig ernährt, sein Immunsystem gut ar- ist die Fähigkeit, für den Menschen unver- und Darm ist im Lauf der Evolution er-
beitet, ob er gesund bleiben wird? dauliche Nahrungsbestandteile zu verwer- staunlich weit vorangeschritten, wie For-
In dem Sekret, das von einzelligen Drü- ten. Diese Hilfe benötigt der Mensch ins- scher aus Göteborg herausgefunden haben.
sen, den Becherzellen, abgesondert wird, besondere mit den Ballaststoffen. Sie be- Sie untersuchten Mäuse, die unter sterilen
finden sich bestimmte Schleimstoffe, die stehen in Lebensmitteln zum größten Teil Bedingungen auf die Welt gekommen und
Muzine. Das sind fadenförmige Moleküle; aus Polysacchariden, großen Molekülen, aufgewachsen waren und aus diesem
sie fügen sich zu einem Netz, in dessen die Zellwände oder andere Strukturen in Grund keine Darmbakterien hatten. Die
Maschen Wasser eingelagert wird. Pflanzen und Pilzen bilden. sonst so zäh verschlossene erste Mucus-
Würde man sämtliche Schleimhäute des Bestimmte Bakterienstämme können schicht war bei diesen Tieren durchlässig
Körpers auseinanderdröseln und ausbrei- diese großen Moleküle nun in immer klei- für Perlen von der Größe eines Bakteri-
ten, überzögen sie Hunderte Quadrat- nere Einheiten spalten, die sie wiederum ums. Dann wurden diese Mäuse mit Mi-
meter. Das Sekret bildet einen zähen Film, in kurzkettige Fettsäuren umwandeln. Die- kroorganismen kolonisiert. Nach sechs Wo-
der den Körper vor Schadstoffen und se werden direkt von den Dickdarmzellen chen hielt der Schleim dicht. Das könnte
Krankheitserregern schützt. So bewahrt des Menschen aufgenommen und als Bo- bedeuten: Damit der Mucus normal heran-
die Schleimhaut des Magens das Organ tenstoff oder Energiequelle genutzt. Auch reifen kann, müssen bestimmte Mikroben
vor der eigenen Säure. die Bakterien profitieren: Sie leben von anwesend sein.
Je nach Erfordernis hat der Schleim in der Energie, die beim Spalten der Poly- Um dem Körper perfekt dienen zu
den unterschiedlichen Körperregionen saccharide frei wird. können, sollten die winzigen Helferlein
eine ganz bestimmte Konsistenz. Kleine Nur: Wie erkennt der menschliche Kör- das richtige Futter vorgesetzt bekommen.
Abweichungen führen zu großen Proble- per Bakterien, die über die gewünschte Menschen, die noch als Jäger und Samm-
men. Wenn es in der Tränenflüssigkeit an Spaltkraft verfügen? Womöglich, vermu- ler leben, nehmen bis zu zehnmal so viele
110 DER SPIEGEL 2017
Die Schleimschicht (intestinaler Mucus) kleidet das Innere Die nützlichen Bakterien spalten für den
des Darms aus. Sie ermöglicht die Verdauung und schützt den Menschen unverdauliche Polysaccharide,
Körper vor Schadstoffen und Krankheitserregern. In der äußeren die in den Ballaststoffen enthalten sind.
Schicht des Mucus leben etliche nützliche Bakterienarten. Obst und Gemüse sind deren Haupt-
lieferanten.

Polysaccharid
Fehlen Ballaststoffe in der Nahrung,
kann der Darm aus der Balance geraten.
Einige der nützlichen Bakterien sterben
aus, andere beginnen damit, Polysac-
intestinaler Mucus charide aus dem Mucus zu verwerten.
äußere, innere Schicht Auf diese Weise fressen sie Löcher in
Bakterien
den Schleim. Die ungeschützten Darm-
zellen können sich entzünden oder in
Krebszellen verwandeln.

schleim-
produzierende
Becherzelle

Ballaststoffe zu sich wie Mitglieder der dem die Mäuse auf ballaststoffarme Diät Zwei Bakterienstämme machten sich gar
heutigen Industriegesellschaft; ihre Darm- gesetzt worden waren, sank die Zahl der daran, die Polysaccharide aus dem Darm-
flora ist ungewöhnlich artenreich. Viele Bakterien dramatisch; am Ende fehlten schleim zu fressen. Diese eigentlich freund-
Bewohner der Industriestaaten dagegen 60 Prozent der Arten. Als die Tiere wieder lichen Mikroben seien „wütend“ gewor-
ernähren sich zu einem großen Teil das ballaststoffreiche Futter bekamen, er- den, sagt Desai. Sie hätten regelrechte
von industriell verarbeiteten Nahrungs- holte sich die Darmflora nicht mehr voll- Löcher in die innere Mucusschicht gefräst,
mittelprodukten und haben eine verarmte ständig. Bei den Mäusen der Kontrollgrup- sodass die Darmzellen ihren Schutz verlo-
Flora. pe dagegen blieb alles normal. ren. Nun brachte man in einem weiteren
Hängt das eine mit dem anderen zusam- Die ballaststoffarme Kost hatte also et- Experiment die so geschwächten Mäuse
men? Das Forscherpaar Erica und Justin liche der nützlichen Bakterien dauerhaft mit einem Krankheitserreger in Kontakt –
Sonnenburg von der Stanford University vertrieben. Als die Forscher die davon be- sie konnten ihm nichts entgegensetzen.
School of Medicine wollte das herausfin- troffenen Mäuse züchteten und das Futter- Mäuse, die ein Futter mit 15 Prozent Bal-
den. Gemeinsam mit Kollegen kolonisier- experiment über vier Generationen wie- laststoffen bekommen hatten, waren gegen
ten sie junge Mäuse mit den Darmbakte- derholten, gingen immer mehr Bakterien die Übertragung gefeit.
rien eines gesunden Menschen und gaben verloren. Es traf jene Arten, die Poly- „Wenn der Schleim im Darm dauernd
ihnen sechs Wochen lang Futter voll saccharide verwerten. und übermäßig von Bakterien verzehrt
pflanzlicher Ballaststoffe. Sodann teilten Beim Menschen könnte es genauso sein, wird, weil Ballaststoffe fehlen, dann wird
sie die Tiere nach dem Zufallsprinzip in befürchten die Sonnenburgs. Die ballast- unsere Fähigkeit, Krankheitserreger zu be-
zwei Gruppen. Die Tiere in der einen Hälf- stoffarme Ernährung ramponiere offen- kämpfen, geschwächt“, warnt Desai – da-
te bekamen nun sieben Wochen lang eine sichtlich die Darmflora der Menschen in her das höhere Risiko für Darmerkrankun-
ballaststoffarme Kost und anschließend den Industriestaaten. Mehr noch: Die Da- gen oder sogar Darmkrebs.
sechs Wochen lang wieder das ballaststoff- ten zeigten, dass ein „weiterer Verfall der Allerdings sei es für die Schleim-Sanie-
reiche Futter. Die Mäuse in der anderen westlichen Mikrobiota möglich“ sei. rung noch nicht zu spät und das Rezept
Hälfte fraßen ohne Unterbrechung das bal- Dies wiederum schädige den Mucus, ver- ganz einfach: jeden Tag mehr als 35
laststoffreiche Futter. mutete der Luxemburger Forscher Desai. Gramm Ballaststoffe zu sich nehmen, aus
Im Zuge des Experiments untersuchten Um das zu testen, verabreichten er und möglichst vielen Quellen wie Vollkornge-
die Forscher die Zusammensetzung der seine Kollegen Mäusen Futter ganz ohne treide, Obst und Gemüse. Dann geht wie-
winzigen Lebewesen im Darm, der Mikro- Ballaststoffe. Wie erwartet, wurden da- der alles wie geschmiert. Jörg Blech
biota. Das Ergebnis war eindeutig: Nach- durch viele nützliche Mikroben vergrämt. Mail: joerg.blech@spiegel.de

DER SPIEGEL 2017 111


Scheeren-Entwurf für Frankfurter Hochhaus

BURO-OS
Architektur erhöht, was zur Verdichtung der Stadt beiträgt. Die Architek-
Leben statt Leere tur selbst lockert er auf, lässt die Fassaden vor- und zurück-
springen. Das Projekt könnte eine ganze Umbauwelle in den
Ole Scheeren, 46, gebürtig aus Karlsruhe und wohnhaft auf Metropolen auslösen. Scheeren sagt, man schone Ressourcen,
diversen Kontinenten, ist einer der renommiertesten Architek- erreiche aber auch eine andere Art von Nachhaltigkeit: Die
ten seiner Generation – weltweit. In Städten wie Peking, Sin- Umnutzung von Hochhäusern bringe Leben in die oft men-
gapur und Bangkok errichtete er Hochhäuser, die nicht dem schenleeren Geschäftsviertel zurück. Im digitalen Zeitalter
Wolkenkratzer-Einheitslook entsprechen. Nun baut er erstmals müsse die räumliche Aufteilung von Arbeit und Leben über-
in Europa, sogar in seiner Heimat Deutschland – und zwar in dacht werden – „konsequenterweise sollten sich diese beiden
Frankfurt, direkt am Ufer des Mains. Eine weitere Premiere: Sphären unseres Alltags wieder näherkommen“. Bekannt
Scheeren baut nicht völlig neu, sondern übt sich in Upcycling, wurde Scheeren mit dem CCTV Tower in Peking, den er noch
er gestaltet einen Büroturm aus den Siebzigerjahren (bezie- als Mitarbeiter des Niederländers Rem Koolhaas errichtet
hungsweise dessen Betonkern) zum spektakulären Wohnhoch- hatte. Längst sind sie gewichtige Konkurrenten, nun auch auf
haus um. Die derzeit 18 Stockwerke werden um fünf weitere dem europäischen Architekturmarkt. uk

Fernsehen der Niederlage des Ersten ge des 2007 erschienenen Ro- ries und Hendrik Hand-
Packendes Weltkriegs gezeichnete und mans „Der nasse Fisch“ von loegten die aufwendigste
Sittenbild von verschiedenen politi-
schen Strömungen zerrissene
Volker Kutscher drehten die
drei Autoren und Regisseure
Serie, die je in Deutschland
produziert worden ist – ein
Auf den Straßen Berlins pfei- Metropole. Auf der Grundla- Tom Tykwer, Achim von Bor- packendes, insgesamt rund
fen die Menschen den „Ma- zwölf Stunden langes Sitten-
ckie Messer“-Song von Ber- bild. Der Privatsender Sky,
tolt Brecht und Kurt Weill, Szene aus „Babylon Berlin“ der „Babylon Berlin“vom
während rechte Verschwörer 13. Oktober an ausstrahlt, und
bei einer Aufführung der die ARD, die das Mammut-
„Dreigroschenoper“ im Thea- werk rund ein Jahr später
ter am Schiffbauerdamm ein ins Programm nimmt, tragen
Attentat auf Gustav Strese- den Großteil der Produk-
mann planen, den Außenmi- tionskosten von rund 40 Mil-
nister der Weimarer Repu- lionen Euro. Die drei Regis-
blik. Die Fernsehserie Babylon seure wollen in der Serie
Berlin, die an diesem Donners- zeigen, dass die Demokratie
tag am gleichen Ort, im Berli- ein durchaus fragiles Gebilde
ner Ensemble, Premiere fei- ist und immer wieder aufs
ert, taucht in das Jahr 1929 Neue verteidigt werden muss.
ein und beschreibt die deut- „Babylon Berlin“ beweist,
ARD / SKY

sche Hauptstadt als eine vor wie spannend und bewegend


Lebenslust vibrierende, von dieser Kampf sein kann. lob

112 DER SPIEGEL 2017


Kultur
Buchmesse einander. Die unteren drei Nils Minkmar Zur Zeit
Eine Nacht im dienen als Messestände, im
Container obersten kann man übernach-
ten. Der Schlafplatz ist kos-
Absurdes Karussell
Wenn das deutsche Bürger- tenlos, verlost wird er unter Souad Mekhennet schreibt über den
tum nach Frankfurt pilgert, tower@keinundaber.ch. Darü- Maghreb und den Nahen Osten, arbei-
um die größte Buchmesse der ber hinaus gibt es für den tet für die „Washington Post“ und
Welt zu besuchen, wird sich Gast die private Lesung eines kommt aus Frankfurt. Dort kann
für viele die Frage stellen, wo Autors des Verlags, gewis- man sie nach einiger Vorbereitung
man denn nur übernachten sermaßen als Gute-Nacht- treffen, aber sie bittet freundlich
soll – die meisten Hotels sind Geschichte. „Man muss sich darum, sich mit der Beschreibung
schon lange im Voraus aus- eben was einfallen lassen“, von Details zurückzuhalten. Wo sie
gebucht und ohnehin alles an- heißt es bei Kein & Aber. wohnt, soll nicht zu lesen sein. Sie zieht
dere als preiswert. Der Schwei- Immerhin gibt es mehr als die Wut von verschiedenen Seiten an. Da sind die
zer Verlag Kein & Aber 4000 Veranstaltungen, die Rechtsradikalen, denen ihre Herkunft und ihre Religion
nimmt das in diesem Jahr zum um die Aufmerksamkeit der nicht passen. Da sind die radikalen Islamisten, die ihre
Anlass, selbst als Gastgeber Besucher kämpfen. Gastland journalistische Arbeit als Provokation empfinden. Und
aufzutreten, und stapelt in diesem Jahr ist Frankreich, der ein oder andere Geheimdienst war ihr auch schon
im Innenhof einer Messehalle eröffnet wird die Messe am auf den Fersen. Es ist ein Karussell der Drohungen und
vier Schiffscontainer auf- 11. Oktober. red Warnungen: Jede Seite berichtet ihr von den üblen
Plänen der anderen. Sie bewegt sich in einer seltsamen,
gefährlichen, aber bisweilen auch absurden und sogar
komischen Welt. Um den Überblick zu behalten, schreibt
sie alles auf. Ihr Notizbuch liegt auch bei unserem Ge-
spräch auf dem Tisch.
Sie hat ein Buch geschrieben über ihre Begegnungen
mit Dschihadisten, ihre Kindheit in Deutschland und das
Leben als Mittlerin zwischen den Kulturen. Es erschien
zunächst in den Vereinigten Staaten und wurde ein gro-
ßer Erfolg. Nun liegt es auch auf Deutsch vor: „Nur wenn
Du allein kommst“. Es ist spannend und witzig, ein Bil-
dungsroman und ein Abenteuerbuch und sollte Pflicht-
lektüre für alle werden, die sich zum Thema Islamismus,
Terror und zur Rolle der Medien äußern möchten. Ein
Exemplar davon in jeder Talkshow-Garderobe, das wäre
die beste Vorbereitung.
ADAM SENATORI

Mekhennet bietet kein Wohlfühlprogramm für multi-


kulturell gesinnte Großstadtbürger. Im Frankfurter Bahn-
hofsviertel sind ihr die vielen kleinen Moscheen aufge-
fallen, in Hinterhäusern und Etagenwohnungen. Wer wis-
se schon, was die da predigten? Man müsste staatlich
Soziale Medien aus ganz Holland zusammen- geprüfte Imame ausbilden. Aber wird das im gegenwärti-
Talentschmiede gestellt, aber auch aus ande- gen, von Wut auf Muslime geprägten Klima in Europa
Instagram ren Metropolen wie Dubai.
Der New Yorker Fotograf Ja-
je geschehen? Sie zweifelt: „Es wird schwer werden für
die Brückenbauer!“ Sie versteht diesen Begriff nicht in
Die Fotoplattform Instagram cob Santiago lädt Bilder der dem Sinne, dass man jeder Seite erzählt, was sie hören
ist überflutet mit Selbstpor- Gebäude und Straßen seiner möchte, sondern sie damit konfrontiert, was sie eigentlich
träts eitler Menschen, abfoto- Stadt hoch. Und Adam Sena- sein müsste, wenn sie ihre jeweiligen Prinzipien beherzig-
grafiertem Essen und super- tori, hauptberuflich Pilot, te. Ein Muslim sollte schon die Lehre des Propheten
süßen Katzenbildern. Doch macht in erster Linie Luftauf- kennen und daraus eine Botschaft der Friedfertigkeit zie-
dazwischen entwickelt sich nahmen und hat bereits mehr hen. Und der Westen sollte sein universelles Verständnis
eine neue Kunstszene. Wer als 800 000 Anhänger gefun- der Menschenrechte in der Interaktion mit den Menschen
das soziale Netzwerk durch- den. Wer derartigen Profilen anderen Glaubens ernst nehmen, auch in Krisenzeiten.
forstet, das monatlich von folgt, findet täglich neue, sich Insbesondere darf er nicht foltern.
mehr als 700 Millionen Men- immer wieder verändernde Ein Land wie unseres, in dem auch viele Intellektuelle
schen genutzt wird, findet er- Ausstellungen, von professio- Mühe haben, Türken von Arabern, Araber von Iranern
staunlich viele Bilder, die sich nellen Fotografen wie von und Sunniten von Schiiten zu unterscheiden, und dessen
auch auf Ausstellungen in Laien. Wer will, kann sich Diskurs über den Orient weitgehend von Karl May ge-
Kunsthallen gut machen wür- auch direkt mit dem Künstler prägt ist, in dem die Experten für das Schicksal der mus-
den. Nicht wenige davon be- austauschen. Zwar ist die limischen Frau meist zudem christliche Männer in den
schäftigen sich mit Architek- Wirkung eines Bildes auf besten Jahren sind, kann ihre Nachhilfe durchaus gebrau-
tur. Der Amsterdamer Grafik- dem Handydisplay oft be- chen. Mekhennet ist eine Mittlerin, der die Besonnenen
designer Dirk Bakker etwa scheiden, dafür erhält man auf beiden Seiten des dramatischsten Konflikts unserer
hat seinen mehr als 400 000 per Daumendruck Zugang zu Zeit respektvoll zuhören. Mir fällt keine zweite ein.
Followern mehr als 2000 sym- Architektur und Fotografie
metrische Fotos von Fassaden aus aller Welt. red An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.

DER SPIEGEL 2017 113


WAHL 2017

Unsere Meinungsproduktion
Demoskopie Politische Öffentlichkeit entsteht im digitalen Zeitalter schneller
und aggressiver – das hat Folgen für die Demokratie. Über ein System in der Krise.

W
enn die Zahlen kommen, lichtet eine tiefere Veränderung, die auch die eine schnellere Taktung und ermöglichen –
sich der Schleier. Zahlen sind die Demokratie betrifft. oder erzwingen – eine andere Erfahrung
Währung der Demokratie. Sie Die Demoskopie ist schließlich eng ver- von Anwesenheit und Repräsentation.
können, verkündet auch dieses Mal als bunden mit der Demokratie im medialen Wer twittert oder auf Facebook aktiv
feierlich demokratischer Akt mit leicht Zeitalter. Beide brauchen die Öffentlichkeit, ist, ist eben nicht mehr nur Leser oder
televisionärer Verklärung, Schock erzeu- und beide werden vorangetrieben durch Wähler und damit in gewisser Weise passiv.
gen oder Freude, sie erzählen eine Ge- Meinung. Die öffentliche Meinung ist es, Was sich in den sozialen Medien heraus-
schichte über dieses Land. die beide verbindet. Was aber, wenn sich bildet, ist ein Gefühl von Aktivität, von
Aber was ist die Geschichte? Was war das, was Öffentlichkeit und was Meinung Handeln, eine andere Macht, mit einem
diese Wahl? Was bedeutet der Erfolg der ist, gerade unter den digitalen Bedingungen anderen Anspruch – dem, gehört zu wer-
AfD, der größer war als zuletzt angenom- radikal verändert? den und Wirkung zu erzielen. Und damit
men? Warum, vor allem, hatte kaum je- Um es mit Jürgen Habermas zu sagen, entwickelt sich ein anderes Verständnis
mand das Desaster der CDU/CSU kommen dem großen Theoretiker des rationalen des politischen Prozesses. Es gibt, neben
sehen? Und die Grünen: Warum haben sie Diskurses und der repräsentativen Demo- allen anderen Spielarten der Demokratie,
doch dazugewonnen, entgegen den Umfra- kratie: Wir erleben einen Strukturwandel auch ein Dauerplebiszit im Internet: per-
gen vor der Wahl? der Öffentlichkeit. Einen, wie es ihn seit manente Demoskopie, 24 Stunden am Tag,
Das sind Fragen, die Wahlforscher noch der Erfindung der Druckerpresse nicht ge- mit jedem Klick.
lange nach der Wahl beschäftigen werden. geben hat. Und die Krise der Demoskopie Aber was bedeutet das für die Demos-
Sie sind Auguren und auch Wissenschaftler. ist dabei noch mit das kleinste Problem. kopie, die, so beschreibt es Thorsten Faas,
Sie spüren die Zuckungen im System und Nicht die Methoden der klassischen Mei- Professor und Wahlforscher an der Univer-
werden doch selbst von ihnen erfasst. Sie nungsforschung seien schlecht oder falsch, sität Mainz, ja eine „historische Erfah-
sehen die Verschiebungen, und ihre alten rungswissenschaft“ sei, gespeist aus den
Instrumente sind dabei anfällig in der radi- Daten der Vergangenheit? Zugespitzt
kal neuen digitalen Welt, die auch eine Verwirrung entsteht könnte man sagen: Demoskopie geht nach
Welt der digitalen Demokratie ist. hinten, Big Data geht nach vorn.
Sie befinden sich, mit anderen Worten,
bei denen, die Denn das ist die Konkurrenz, das ist der
vielleicht genauso in der Krise wie die öffentliche Meinung Strukturwandel der Meinungsforschung,
repräsentative Demokratie selbst, und die- messen wollen. die ja auch eine Meinungsproduktion an
se Bundestagswahl hat es gezeigt. Die den Grenzen zu Wissenschaft, Politik und
Umwälzungen sind groß, deutlich sichtbar Journalismus ist – eine bislang sehr selbst-
am Ergebnis, weniger deutlich sichtbar sagt Hegelich, es sei das Tempo der Verän- bewusste, nun eher geschockte Filiale der
an den Voraussagen, denn sie waren un- derung, das kaum mehr abbildbar sei, die politischen Wissensproduktion. Und auch
scharf. Zerlegung der Gesellschaft in Milieus und ein Markt, bei dem es um viel Geld geht.
Die Umfrage-Institute, bundesrepublika- Kleinstmilieus, wo es bislang ziemlich ver- „Die Branche steht unter genauer Beobach-
nische Bastionen mit klingenden Namen lässliche Zugehörigkeiten gegeben habe, tung“, sagt Faas, der „Rückzugsgefechte“
wie Emnid oder Allensbach, gaben sich die sich auf Einkommen, Familie, Her- der etablierten Meinungsumfrage-Institute
sicher und selbstbewusst. Die Zweifel waren kunft, Bildung bezogen. „Wir leben“, so beobachtet, die sich hinter ihrer alten Macht
da, ja, aber sie wurden ignoriert. Diese Hegelich, „in einer Übergangszeit.“ und ihren alten Methoden verschanzen.
Wahl hat gezeigt, wenn auch ganz anders Verwirrung ist das Ziel, Verwirrung ent- Denn die Umfragemethoden haben sich
als das Brexit-Votum und die Trump-Wahl, steht dann bei denen, die öffentliche Mei- im Grunde nicht wesentlich geändert, seit
wie schwer die gegenwärtigen politischen nung messen wollen. Mal sind es falsche der Amerikaner George Gallup die moder-
Verhältnisse zu erfassen sind, mit alten Nachrichten, die von Regierungen wie der ne Meinungsforschung und damit das de-
wie mit neuen Methoden. russischen eingesetzt werden und sich moskopische Zeitalter begründete. Seither
Wie kommt es also, dass die Prognosen durch Facebook und Twitter rasch verbrei- ist die Durchleuchtung des Wählers und
so wenig gültig sind? Simon Hegelich, Pro- ten. Mal sind es sogenannte Bots, die agie- des Konsumenten mit technologischen Mit-
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fessor für Political Data Science an der TU ren wie Menschen und Meinung erzeugen teln eine der Grundlagen der westlichen
München, erklärt es so: Die digitale Revo- und doch nur Programme sind, die Gesellschaften und des politischen wie
lution hat längst die Demokratie erreicht menschliches Verhalten simulieren. ökonomischen Systems.
– und damit auch die Demoskopie, deren Was also bislang Öffentlichkeit war, Gallup sagte 1936 die Wiederwahl des
Aufgabe es ist, die Stimmungsschwankun- wird heute mehr und mehr durch die so- demokratischen Präsidenten Franklin D.
gen im System in möglichst harte Fakten zialen Medien ersetzt. Sie sind der Ort, an Roosevelt voraus und war damit im direk-
zu übersetzen. Und wenn, wie man es vor dem die Menschen sich ihre Meinungen ten Widerspruch zum angesehenen und
allem bei der US-Wahl beobachten konnte, bilden, schneller, sprunghafter, oft härter eingesessenen „Literary Digest“, das mehr
die Demoskopie Probleme hat und schwä- und hysterischer als früher. Facebook, als zwei Millionen Wähler befragt hatte.
chelt, dann lässt das Rückschlüsse zu auf Twitter, Instagram und Snapchat geben Gallup fand heraus, dass es nicht darauf
114 DER SPIEGEL 2017
Darstellung des Weltdaten-
stroms – Installation des
Künstlers Ryoji Ikeda bei
der Ausstellung „Big Bang
Data“ 2015 in London

DER SPIEGEL 2017 115


Ausstellungsbesucher
bei „Big Bang
Data“ in London

116 DER SPIEGEL 2017


WAHL 2017

ankommt, möglichst viele Leute zu befra- Verdrehung dessen, was doch eigentlich Deutschland ist seiner Meinung nach,
gen, sondern die richtige Auswahl zu tref- der „Volkswille“ sei? wenn man auf die politische Polarisierung
fen, in seinem Fall 50 000, und daraus Rück- Online gibt es ganz andere Mittel und Me- blickt, ein „Spätkommer“. Das liege, so
schlüsse auf die Allgemeinheit zu ziehen. thoden, den Ausgang von Wahlen zu prog- Siegel, „an unserer Geschichte, aber auch
Das Mittel dazu, damals wie heute, ist nostizieren und daran zu arbeiten, das Ver- daran, dass die überwiegende Mehrheit
Frage und Antwort, persönlich oder am halten der Wähler zu beeinflussen. Nate der Menschen die eigene wirtschaftliche
Telefon, heute auch am Mobiltelefon. Silver, Gründer der einflussreichen Statistik- Situation als zufriedenstellend einstuft“.
Ein Problem war und ist dabei allerdings website FiveThirtyEight ist dabei wohl die Daher die Stille, daher die Verweigerung
nicht nur, dass Fragen immer tendenziös bekannteste Figur. Er wurde berühmt damit, von Streit und Zukunftsthemen in diesem
sein können, es auch fast immer sind. Der dass er die Wahl von Barack Obama 2008 in Wahlkampf, daher auch die Schwierigkeit,
französische Soziologe Pierre Bourdieu allen US-Staaten außer Indiana richtig ein- die Stimmung der Menschen zu messen.
stützte seine Kritik unter anderem auf die- schätzte. Sein Werkzeug war eine Art Aggre- „Wir nehmen eher Veränderungen als
sen Punkt, als er 1972 erklärte, „die öffent- gatsmodell aller verfügbaren Wahlprogno- Kontinuität wahr, und die Kontinuität soll-
liche Meinung gibt es nicht“. Es seien bei sen, eine Art Misch- und Metaanalyse. te daher nicht unterschätzt werden“, sagt
Umfragen immer versteckte Interessen im Aber auch Silver lag 2016 daneben, auch Siegel. „Es wandelt sich nicht alles, es gibt
Spiel, die Objektivität der Zahlen täusche er sah Hillary Clinton deutlich vor Donald auch viele Indikatoren für Stabilität.“ Was
darüber hinweg, dass Umfragen ein Mittel Trump. Er stützte sich wieder auf Big Data, natürlich ein hermeneutisches Problem
der „Mächtigen“ seien, den Diskurs nach gigantische Onlinedatenmengen, aus de- aufwirft: Kann man eine Welt, die sich ver-
ihren Vorstellungen zu bestimmen. Und nen sich bestimmte Muster ablesen lassen ändert, überhaupt mit den alten Instru-
der amerikanische Soziologe Herbert Blu- – bis zu einem gewissen Grad. Vor allem menten und Methoden erfassen, oder
mer stellte fest, dass öffentliche Meinung im Kleinen kann man fast alles herausfin- braucht es dazu eben neue? Siegel ist da
erst dann existiere, wenn man sie messe. den über die Menschen, durch ihr Verhal- so skeptisch wie selbstbewusst. „Wir lie-
Ein anderes Problem war und ist, dass ten im Internet. Mikrotargeting heißt diese fern“, sagt er, „verdichtete Erklärung.“
man mit Umfragen möglicherweise erst die Strategie, bei der man große Datenmengen Die Kritik an der Demoskopie kennt er,
Ergebnisse produziert, die man selbst prog- nutzt, um das richtige Minipublikum für er kann sie runterrattern. 1965 war es Hans
nostizierte, ein demokratischer Rückkop- seine Botschaft zu finden. Magnus Enzensberger, der im SPIEGEL
pelungseffekt also. Der amerikanische Poli- das „Orakel vom Bodensee“ attackierte,
tikwissenschaftler Herbert A. Simon stellte das Meinungsforschungsinstitut Allens-
diese These auf. Wahlen, sagte er, können „Es wandelt sich nicht bach, das heute unter anderem für die
durch Zahlen entschieden werden. Zwei „Frankfurter Allgemeine“ Stimmungsum-
bekannte Phänomene sind dabei der Band-
alles, es gibt auch fragen erarbeitet. Er verlachte die „Pöb-
wagon-Effekt, wonach sich alle dem ver- viele Indikatoren für blick-Riläischns“, er witterte Demagogie
meintlichen Gewinner anschließen, oder und notierte die Naivität der Fragesteller.
umgekehrt der Underdog-Effekt, bei dem
Stabilität.“ 2005 war es Peter Sloterdijk, der ein gan-
das Mitleid mit dem Schwachen überwiegt. zes Gesetz zur Eindämmung der Meinungs-
Und schließlich stellt sich die Frage, ob Die mittlerweile berüchtigte Firma Cam- forschung forderte, von einer „außerparla-
man bei Umfragen die richtigen Leute er- bridge Analytica, die im US-Wahlkampf mentarischen Herrschaftsinstanz“ sprach
wischt. Gallup war dem „Literary Digest“ für Donald Trump arbeitete, gründete ih- und von einer „unlegitimierten Meinungs-
mit der Einsicht überlegen, dass die we- ren Erfolg etwa auf diese Kombination diktatur“. Seither ist durch die sozialen
nigsten Wähler der Demokraten in den von Daten und Psychologie, indem sie Medien und das Smartphone eine neue
1930er-Jahren ein Telefon besaßen und es Profile von Menschen durch deren Ver- kommunikative und damit auch eine neue
also kaum aussagekräftig war, von den halten in den sozialen Netzwerken erstell- demokratische Welt entstanden. Die Amei-
Antworten der Angerufenen auf die Allge- te: 70 Likes, so die Theorie, reichten, um sigkeit der Analysen hat nur zugenommen,
meinheit zu schließen. Heute sind es vor mehr über einen Menschen zu wissen als auch die Hibbeligkeit einer latent hysteri-
allem ältere Menschen, die man erreicht, seine Freunde, 150 Likes, um mehr zu wis- sierten Öffentlichkeit, die immer mehr zer-
wenn man auf einem Festnetzanschluss sen als die Eltern dieses Menschen, und splittert und sich neu zusammensetzt.
anruft – die man aber wiederum nicht im 300 Likes, um ihn genauer zu kennen als Da gibt es die Echokammern, in denen
Blick hat, wenn man nur online auswertet. der Partner. man vor allem das eigene Gesprochene
Aber auch Wähler, die man am Mobil- Die Arbeit und die Erfolge von Cam- oder Gebrüllte hört, wieder und wieder
telefon erreicht hätte, hätten möglicher- bridge Analytica sind umstritten und ha- verstärkt. Da gibt es die Filterblasen, die
weise nicht gesagt, was sie tatsächlich wäh- ben nach der Wahl Donald Trumps für einen vor anderen Meinungen behüten
len wollten. Zum Beispiel die AfD. erhebliche Diskussionen gesorgt, weil die- und die Selbstgewissheit ins Gefährliche
Es gibt also ein Populismusproblem der se Verwendung von Daten in den Bereich steigern. Für die Demokratie – und auch
Demoskopie. Zum einen – und das war fällt, wo Firmen wie Facebook oder Twit- für die Demoskopie – bedeutet das: Die
beim falsch vorausgesagten Brexit-Referen- ter ein überreiches Angebot bilden, eine Grundannahmen darüber, wie der politi-
dum wie bei der ebenso falsch prognosti- Maximalwirkung ermöglichen und gleich- sche Prozess der öffentlichen Meinungs-
zierten Trump-Wahl ähnlich – gibt es immer zeitig die eigene Verantwortung klein- bildung funktioniert, verändern sich.
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noch eine Scheu, eher radikale Positionen reden. Ein Paradox aber bleibt, dass man Eine Vorstellung von der Öffentlichkeit
einem Fremden gegenüber mitzuteilen. zwischen dem großen Feld von Big Data verschwindet, die verwaltete, moderierte
Zum anderen gehört das Instrument der und dem kleinen des Miniwahlkampfs ein und abfederte; eine andere Vorstellung bil-
Demoskopie für die Gegner der bestehen- Feld hat, das momentan schwer zu be- det sich heraus, die roher, direkter, getrie-
den Ordnung, und das sind ja zum Beispiel schreiben ist. Das ist auch der Grund, wa- bener ist, aber möglicherweise auch freier.
viele Wähler der AfD, genau zu dem eta- rum Nico Siegel, Geschäftsführer des Ber- Noch gibt es wenig Daten über das Neue,
blierten System, das sie ablehnen und er- liner Meinungsforschungsinstituts Infratest wenig Erfahrungen und damit Erkenntnis-
setzen wollen. Wieso hätten sie sich also dimap, das unter anderem den Deutsch- se. In ein paar Jahren wissen wir mehr,
an Umfragen beteiligen sollen, deren Er- landtrend für die ARD ermittelt, weiter aber das ist auch nur bedingt tröstlich.
gebnis sie für eine Lüge hielten, für eine auf die bewährten Instrumente setzt. Georg Diez

DER SPIEGEL 2017 117


Merkwürdiges Wesen
Zeitgeist Das gefräßige und rechthaberische Sams gibt es schon seit 44 Jahren. Als eine der beliebtesten
Kinderbuchfiguren hat es viel erlebt. Im neuen Buch klingen auch ernstere Themen an.

W
enn Erwachsene Kinderbücher des Sams mit Herrn Taschenbier erzählte: Bis heute wurden allein fast fünf Mil-
zur Hand nehmen, stellt sich „Am Sonntag Sonne. Am Montag Herr lionen Exemplare der deutschsprachigen
leicht eine gewisse Sentimenta- Mon mit Mohnblumen. Am Dienstag Sams-Bücher verkauft, in den westlichen
lität ein. Ach, damals. Als man noch glaub- Dienst. Am Mittwoch Mitte der Woche. Bundesländern gehören sie zu den erfolg-
te, dass es am Donnerstag häufiger gewit- Am Donnerstag Donner.“ Am Freitag reichsten Kinderbüchern der Nachkriegs-
tert und am Dienstag leider nicht schon konnte der Chef von Herrn Taschenbier zeit. Zudem gibt es Übersetzungen ins Chi-
wieder Wochenende sein nesische, ins Albanische und
konnte, weil die Eltern zur in 22 weitere Sprachen. Was
Arbeit mussten. Dienstag macht die Geschichte so be-
halt. Irgendwann in der Zeit liebt, was macht sie so lang-
seitdem hat man gelernt, lebig?
dass die Wochentage nach Paul Maar ist ein aus-
nordischen Göttern und gesprochen freundlicher
Himmelskörpern benannt Mensch, der das R auf diese
wurden. Kinderbücher erin- weiche Weise rollt, wie man
nern einen daran, dass mit das in Franken macht. An
dem Erwachsenwerden für den Wänden seines Landhau-
viele auch der arglose Spaß ses in der Nähe von Würz-
verloren geht. burg hängen viele Zeich-
Paul Maar kennt Leser nungen und Aquarelle. Es
aus fast allen Altersgruppen. sind Werke von Kollegen,
Im Dezember wird er 80 die sie ihm im Austausch
Jahre alt, vor 44 Jahren hat mit seinen Zeichnungen ge-
er sich das Sams ausgedacht. schickt haben. Auf seinem
Jenes merkwürdige Wesen, Schreibtisch liegen Pinsel
das einen Rüssel im Gesicht und Buntstifte, ein Compu-
trägt und blaue Punkte, ter ist nicht zu entdecken.
dazu hat es feuerrote Haare Maar hat in den Sechziger-
und erscheint an einem jahren an der Kunstakademie
Samstag. Gute Kinderbuch- in Stuttgart studiert. Noch be-
autoren haben das Talent, vor es die Geschichte vom
sich trotz fortschreitenden Sams gab, wusste Maar ge-
Alters eine Vorliebe für nau, wie die Figur aussehen
Verrücktes zu erhalten. Bei soll: Er hatte sie bereits ge-
Maar ist das nicht anders. malt. Seine Kinder schauten
Gerade hat er, der Vater ihm über die Schulter, als er
längst erwachsener Kinder ein Wesen mit wildem Haar
PETER ROGGENTHIN / DER SPIEGEL

und der Großvater mehrerer entwarf, er gab ihm eine spit-


Enkel, den neunten Band ze Nase und Fledermaus-
über das Sams veröffent- ohren, das gefiel seinen Kin-
licht. Diesmal ist es ein dern aber nicht, sie schlugen
Weihnachts- und Winter- vor, es solle mehr wie ein
buch geworden. „Kaufhaus, dickes Kind aussehen. Maar
Feldmaus / Kaufmaus, Kopf- malte einen halb runden Bo-
laus / Kauflaus, Blumen- Sams-Tonfigur in Maars Haus gen als Nase. Langweilig. Es
strauß“, trällert das Sams Pfeift auf Bevormundung sollte mehr so wirken, als ob
auf dem Weg zum Ein- es aus einer Fantasiewelt
kaufen, es braucht wärmere käme. Aus dem halb runden
Kleider. Kenner wissen, dass es diesen den Schlüssel für den Schreibtisch nicht Nasenbogen machte er einen Kreis, nun
Reim im allerersten Band schon mal ge- finden, in dem der Büroschlüssel lag, wes- sah die Nase wie ein Rüssel aus, ein spon-
sungen hat. halb Taschenbier freihatte. Und am Sams- taner Einfall. Den Taucheranzug, den das
Es gehörte fast schon Unerschrocken- tag, klar, das ging dann gar nicht anders, Sams trägt, entdeckte Maar in einer Illus-
heit dazu, wie Paul Maar in dem Buch am Samstag kam das Sams. Herr Taschen- trierten. Genau das ist es, dachte er, ein
„Eine Woche voller Samstage“ in nüchter- bier wird von seiner Vermieterin übrigens Taucheranzug gehört eigentlich ans Meer,
nen Sätzen vom ersten Zusammentreffen oft Herr Flaschenbier genannt. Und die das Sams aber sollte ihn immer anhaben.
Vermieterin heißt Frau Rotkohl. Die meis- Mit dem Bild entstand die Geschichte
Paul Maar: „Das Sams feiert Weihnachten“. Oetinger; ten Kinder kugeln sich nach den ersten Das wichtigste Sams-Detail ist einer
154 Seiten; 12,99 Euro. Seiten vor Lachen. Nachlässigkeit geschuldet. Um einen An-
118 DER SPIEGEL 2017
Kultur

ruf anzunehmen, legte Maar den Pinsel spruch, die damals als hohes pädagogisches abspielen, sogar das Sams entfaltet in die-
ab, ohne ihn auszuwaschen. Anschließend Ziel galt. ser Zeit eine gewisse Biedermeierlichkeit.
tauchte er den Pinsel in Ockerfarbe, er Doch es ist mehr an dieser Figur. Dass Erst 2002 taucht in seiner Welt wieder ein
wollte dem Sams Sommersprossen auftup- das Sams so grenzenlos entspannt ist, kantiger Charakter auf, es sind die Jahre
fen, doch das Blau, in dem er vorher den gefällt heute vielen Kindern, die von sub- von Rot-Grün, es geht um Ehrgeiz und
Taucheranzug gemalt hatte, kam Punkt für tilen Leistungserwartungen gebeutelt sind. Karriere, mit letzter Kraft kann das Sams
Punkt stärker durch. So entstand die Idee Zudem hat die Fantasie in Paul Maars Ge- verhindern, dass die falschen Leute nach
mit den Wunschpunkten. schichten die Kraft, die Realität zu verän- oben kommen.
Wenn Kinder sagen sollen, warum sie dern. Dieser Zugang zur Fantasie ist ein Während Merkels Kanzlerschaft geht
das Sams so toll finden, dann lautet ihre bisschen aus der Mode gekommen. An die dem rebellischen Geist des Sams fast völlig
Antwort meist: wegen der Wünsche. Jeder Stelle sind Fantasyromane gerückt, Storys, die Luft aus, gegen den wachsenden Wohl-
Punkt ein Wunsch, schwierige Wünsche die im Reich des Unwirklichen spielen, die stand und das wattige Wohlfühlklima ist
sogar zwei Punkte. Und weil es nicht un- unterhalten und ablenken. selbst das Sams machtlos. Größere Teile
begrenzt viele Punkte gibt, muss jeder Maars Geschichten aber ermöglichen der Handlung spielen nun am anderen
Wunsch gut überlegt werden. Doch Maar eine Rückkopplung zum eigenen Leben. Ende der Welt, in Australien, es geht um
hat eine gewisse Großzügig- Wolle und Schafe und um
keit walten lassen, es sind das Leben auf dem Land.
viel mehr Wünsche möglich Eigentlich wollte Maar
als die berühmten drei der nur einen einzigen Band
guten Fee. schreiben. Doch dann ka-
Das Sams ist ein Wesen men die Leserbriefe. Die
aus den frühen Siebziger- meisten beginnen ähnlich:
jahren, der erste Band „Hallo Herr Maar, mir gefällt
erschien 1973. Den antiauto- das Sams-Buch sehr gut, und
ritären Zeitgeist dieser Jahre ich wünsche mir ....“ Manche
habe er wohl subkutan in schreiben dann von ihrem
die Handlung übernommen, Vater, der zu Hause aus-
sagt der Autor. Auch den gezogen ist; von der Oma,
subversiven Humor, der die die alles vergisst; oder von
althergebrachte Ordnung er- ihrem verstorbenen Hund.
schüttern sollte. Maar beantwortet alle Briefe
Das Sams lässt sich zur Fi- persönlich. In den vergange-
gurenfamilie um Pippi Lang- nen 44 Jahren kam einiges
strumpf zählen: Es traut sich zusammen. Auch dass das
was, pfeift auf Bevormun- Sams zur Symbolfigur für
dung und entlarvt Autoritä- Intersexuelle wurde, weil es
ten. Und wenn die herrische sagt: Ich bin kein Junge, ich
Frau Rotkohl auf einen bin kein Mädchen, ich bin
Wunsch vom Sams hin ge- ein Sams. In den allermeis-
nau das Gegenteil von dem ten Briefen aber wird eine
sagen muss, was sie eigent- einfache Frage gestellt:
lich sagen will, ist das eine Wann kommt die nächste
der besten Szenen. Fortsetzung?
Von Astrid Lindgren weiß In diesen Tagen erscheint
man, dass sie Pippi als Reak- also der neunte Band. Das
tion auf das Grauen des Stänkern und der Wider-
PETER ROGGENTHIN / DER SPIEGEL

Zweiten Weltkriegs erfand, spruch sind zurück. Es gibt


um dem etwas entgegenzu- aber auch ernstere Passagen,
setzen, um einfach mal Luft das Thema Tod taucht auf.
zu holen, wie ihre Tochter „Jetzt, in meinem Alter“,
später berichtete. Paul Maar sagt Maar, „beschäftigt
begann mit dem Schreiben einen das stärker.“ Herr Ta-
von Kindergeschichten, weil schenbier erzählt dem Sams
seine Frau und er sich als Schriftsteller Maar
beim Kochen des Weih-
Studenten keine neuen Vor- Eine Vorliebe für Verrücktes
nachtsmenüs von seinen ver-
lesebücher für ihre Kinder storbenen Eltern. Und Frau
leisten konnten. Was in der Rotkohl lüftet am Heilig-
Zweigstelle der Stuttgarter Stadtbibliothek Das macht sie besonders. Und weil auch abend ein Geheimnis aus ihrer Kindheit.
stand, „eher ein Kämmerchen als eine Bi- ein Kinderbuchautor nur ein Mensch sei- Am Ende geht es zum Glück nicht ohne
bliothek“, sei auch noch in den frühen ner Zeit ist, lässt sich an den acht Bänden, Blödelei ab: „Stille Nacht, heilige Nacht,
Siebzigerjahren inhaltlich verstaubt gewe- die im Abstand von mehreren Jahren er- alles schläft, ein Sams wacht ...“
sen. „Der Geist des ,Dritten Reichs‘ war schienen sind, ganz gut die Gemütslage Claudia Voigt
in den meisten dieser Bücher noch zu spü- der Bundesrepublik ablesen. Während der
ren.“ Es wurde Zeit für neue Geschichten. Kohl-Ära ist das Sams vor allem als Ehe- Video: Wie Paul Maar
Für eine rebellische Figur, die den Auf- vermittler unterwegs. Taschenbier heiratet, auf das Sams kam
bruchsgeist dieser Jahre spiegelte. Das ein Sohn wächst heran, die Familie ist der spiegel.de/sp552017maar
Sams verkörperte die Freude am Wider- Ort, an dem sich die schönsten Erlebnisse oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 2017 119


Kultur

JOHANNES ARLT / DER SPIEGEL


Autor Schrimm in Hamburg: „Die Mehrheit der Täter glaubte, Befehle ausführen zu müssen“

„Gerechtigkeit? Nein“
SPIEGEL-Gespräch Der Ex-Staatsanwalt und Nazijäger Kurt Schrimm über das fehlende Schuld-
bewusstsein der Täter und die Versäumnisse bei der Aufklärung von NS-Verbrechen

Schrimm, 68, ermittelte bereits als junger SPIEGEL: Herr Schrimm, Sie haben als Schrimm: Das sei ein Komplott. Dabei hatte
Staatsanwalt gegen bekannte NS-Täter. Um Staatsanwalt prominente Nazitäter wie Jo- ich 150 Zeugen.
den in Argentinien untergetauchten SS-Ober- sef Schwammberger oder John Demjanjuk SPIEGEL: Und was hat er darauf erwidert?
scharführer Josef Schwammberger zu über- vernommen. Was waren das für Menschen, Schrimm: Mehrere Augenzeugen hatten mir
führen, vernahm er weltweit 150 Zeugen. welches Bild haben Sie gewonnen? zum Beispiel erzählt, dass er im Getto
Schwammberger war Getto-Kommandant in Schrimm: Schwammberger hat vor und einen Rabbiner erschossen hatte, weil der
Przemyśl im deutsch besetzten Polen gewesen. nach dem Krieg keiner Fliege etwas zulei- am Jom-Kippur-Fest nicht arbeiten wollte.
1992 wurde er wegen Mordes verurteilt. In de getan. Ich habe ihn sechs Tage lang Also habe ich Schwammberger erklärt: Ich
Schrimms nun erscheinenden Memoiren befragt. Am Anfang sollte er erst mal aus habe einen Zeugen aus Australien, einen
(„Schuld, die nicht vergeht. Den letzten NS-Ver- seinem Leben erzählen, und nach dem ers- aus Haifa und einen aus Toronto. Die ha-
brechen auf der Spur“. Heyne; 400 Seiten; ten Tag sagte meine Sekretärin, die alles ben sich nach Auflösung des Gettos nie
22 Euro) sind allerdings auch Niederlagen ver- auf der Schreibmaschine mitschrieb: „Du wiedergesehen, die können kein Komplott
zeichnet: NS-Prozesse zum Beispiel, die mit musst dich irren, das ist kein Massenmör- geschmiedet haben. Darauf hat er gesagt:
Freisprüchen ausgingen, weil die betagten Zeu- der. Das ist ein netter alter Mann.“ Als ich „Dann haben die das eben schon im Getto
gen der Befragung des Gerichts nicht stand- ihn dann über seine Rolle im Krieg aus- abgesprochen.“
hielten. Im Herbst 2000 wurde Schrimm zum fragte, wurde das Gespräch schon frostiger. SPIEGEL: War das seine Verteidigungs-
Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustiz- Er wollte sich an gar nichts mehr erinnern strategie, oder fühlte er sich wirklich un-
verwaltungen zur Aufklärung nationalsozialis- und bestritt alle meine Vorhaltungen. Am schuldig?
tischer Verbrechen in Ludwigsburg ernannt. Ende sagte dieselbe Sekretärin: „Bin ich Schrimm: Beides. Schwammberger war füh-
15 Jahre lang führte er die Ermittlungsbehörde. froh, dass ich dem hier begegnet bin und rergläubig. Der Nationalsozialismus war
Zu seinen spektakulärsten Fällen zählte der nicht im Getto.“ seine Religion und Hitler sein Gott. Er
Prozess gegen den Sobibór-Wachmann John SPIEGEL: Aber was hat er Ihnen entgeg- wäre nie auf die Idee gekommen, etwas
Demjanjuk, den Staatsanwälte aus Schrimms net, wenn Sie ihm die Morde im Getto anzuzweifeln, was Hitler sagte. Wenn Hit-
Team vorbereitet hatten. Das Urteil löste eine Przemyśl vorgehalten haben? ler behauptete, das Judentum sei der Tod-
Ermittlungswelle aus. 2015 ging Schrimm in feind des deutschen Volkes, hieß das für
den Ruhestand. Aber die juristische Aufarbei- Das Gespräch führten die Redakteure Martin Doerry Schwammberger: Der Mord an den Juden
tung der NS-Verbrechen ist noch nicht beendet. und Klaus Wiegrefe in Hamburg. war kein Mord.
120 DER SPIEGEL 2017
CLAUS HECKING
KZ-Gedenkstätte Sobibór in Polen: „Den Ersten umzubringen kostet zehnmal mehr Überwindung, als den Hundertsten zu töten“

SPIEGEL: Fast jeder Mensch muss eine große wurde erschossen, wenn er nicht mitmach- Schrimm: Man hat mit zweierlei Maß ge-
Hemmschwelle überwinden, um Wehrlose te. Es gab jedoch Sanktionen, Versetzun- messen. Leuten wie Götzfrid sagten wir:
einfach so umzubringen. gen in eine Strafkompanie an der Front, Du hättest erkennen müssen, dass der Be-
Schrimm: Ich bin überzeugt davon, dass die zum Beispiel. Aber viele Täter glaubten fehl zum Töten verbrecherisch war. Bei
Mehrheit der Täter glaubte, Befehle aus- eben, dass sie erschossen werden würden. den Juristen, die viel besser gebildet wa-
führen zu müssen. Und dann kommt die SPIEGEL: Das heißt, dass der Druck am ren, hat der Bundesgerichtshof hingegen
Abstumpfung hinzu: Den ersten Menschen Ende eine größere Rolle spielte als die erklärt: Nur wenn sie aus Vorsatz, aus nie-
umzubringen kostet zehnmal mehr Über- Identifikation mit dem Regime? deren Motiven jemanden hinrichten ließen,
windung, als den hundertsten zu töten. Schrimm: Ja, nicht bei Leuten wie Schwamm- war es Unrecht. Das ließ sich natürlich nie
SPIEGEL: Hatten diese Täter kein Unrechts- berger, auf der unteren Ebene hingegen nachweisen.
bewusstsein? schon. Denken Sie an John Demjanjuk. Er SPIEGEL: Woran hat es gelegen, dass so viele
Schrimm: Nehmen Sie den Fall von Alfons war als Rotarmist in deutsche Kriegsgefan- NS-Täter straffrei ausgingen?
Götzfrid, einem Deutschstämmigen aus der genschaft geraten. In diesen Lagern ging Schrimm: Das würde ich so gar nicht sagen.
Sowjetunion. Er wurde von der Wehrmacht es fürchterlich zu, Krankheiten, Hunger, Es sind schon ziemlich viele bestraft wor-
bei der Besetzung der Ukraine aufgelesen die Leute starben zu Tausenden. Eines den. Wenn man alle Urteile der Westalli-
und als Dolmetscher verpflichtet, weil er Tages stellte man ihn vor die Alternative, ierten, der Osteuropäer und der deutschen
Deutsch sprach. Götzfrid hatte schon unter dort irgendwann auch zu verrecken – oder Justiz zusammenzählt, so kommt man auf
Stalin gelernt, dass man besser jedem ge- für die Deutschen zu arbeiten. Also wurde etwa 100 000 Deutsche und Österreicher,
horchte, der einen Stern auf der Schulter Demjanjuk zum Wachmann im Vernich- die wegen verschiedener NS-Verbrechen
hat. Und als die Deutschen ihm Anfang tungslager Sobibór und damit selbst zum verurteilt wurden …
November 1943 erklärten, dass er an der Täter. SPIEGEL: Bei geschätzt 200 000 deutschen
Massenerschießung im Konzentrationslager SPIEGEL: Sie haben sich fast Ihr ganzes und österreichischen Tätern, die allein am
Majdanek teilnehmen müsse, hat er nicht Berufsleben lang mit der Verfolgung von Holocaust beteiligt waren.
einen Augenblick gezögert, sondern etwa NS-Verbrechen beschäftigt. Wenn Sie eine Schrimm: Als Praktiker muss ich Sie dann
500 Juden eigenhändig erschossen, so lange, Bilanz ziehen sollten: Ging es dabei ins- fragen: Wie hätte man diese Aufgabe lösen
bis ihm schlecht wurde. „Zum Befehlen gesamt gerecht zu? sollen? Dafür hätte die Justiz in keinem
sind Offiziere da, zum Ausführen die Sol- Schrimm: (lange Pause) Nein. Wenn man Land Europas genug Leute gehabt.
daten“, so erklärte er uns in der Verneh- beispielsweise an die NS-Juristen denkt, SPIEGEL: In Ihren Memoiren sprechen Sie
mung. Götzfrid hat bis zum letzten Tag die Tausende wegen kleinster Vergehen von der „schon obligatorischen Kritik an
nicht begriffen, warum er verurteilt wurde. zum Tode verurteilt hatten, dann kann der Nachlässigkeit der deutschen Justiz“.
SPIEGEL: Immerhin gab es einige, die sich man nicht von Gerechtigkeit sprechen. Das klingt fast so, als hätte man sich bei
verbrecherischen Befehlen verweigerten. Von diesen Staatsanwälten und Richtern der Verfolgung der NS-Verbrechen im
Schrimm: Nur sehr wenige, denn es gehörte wurde nicht ein Einziger nach dem Krieg Grunde nichts zuschulden kommen lassen.
Zivilcourage dazu. Man wusste ja nicht, rechtskräftig verurteilt. Schrimm: Ich kam 1979 zur Justiz und
was geschah. Heute wissen wir: Niemand SPIEGEL: Warum? habe 1982 erstmals NS-Verbrechen er-
DER SPIEGEL 2017 121
mittelt. Da gab es keine nicht anklagen. Zeitweise
Unregelmäßigkeiten … saßen in Ludwigsburg bis
SPIEGEL: Sie haben eben zu 60 Juristen, die sich in
doch selbst die NS-Rich- der Materie auskannten.
ter erwähnt, die unbe- Sind die Recherchen abge-
helligt blieben, und es schlossen, muss der Fall je-
gab noch viel mehr. Bun- doch an eine Staatsanwalt-
deskanzler Konrad Aden- schaft abgegeben werden.
auer hat 1963 sogar gesagt, Und dort fängt ein Kolle-
die NS-Strafverfolgung ge bei null an. Das führte

ANTIN MAURITZ / GAMMA / STUDIO X


sei „für das Ansehen dann in der Vergangen-
Deutschlands in der Welt heit oft zu nichts.
unerträglich“. SPIEGEL: Sie selbst ermit-
Schrimm: Sie dürfen nicht telten seit den Achtziger-
vergessen, dass der Zeit- jahren, da lagen die Taten
geist in der ganzen west- schon vier Jahrzehnte zu-
lichen Welt so war. Auch rück, die meisten Zeugen
die Alliierten haben die NS- NS-Verbrecher Schwammberger (r.) am Flughafen Stuttgart 1990 lebten nicht mehr …
Täter, wenn sie nicht hin- „Hitler war sein Gott“ Schrimm: Und selbst wenn,
gerichtet worden waren, dann in der Regel nicht in
mit wenigen Ausnahmen Deutschland. Die weni-
vorzeitig freigelassen. Der Kalte Krieg mit Nachfolger Jens Rommel sucht jetzt nach gen überlebenden polnischen Juden, zum
der Sowjetunion war allen viel wichtiger. weiteren Fällen. Beispiel, verließen nach dem Krieg fast
SPIEGEL: Durfte das deutsche Staatsanwäl- SPIEGEL: Fehlte Ihnen und Ihren Kollegen alle ihre Heimat und emigrierten nach Is-
te daran hindern, NS-Verbrechen aufzu- vielleicht die nötige Fantasie, um eine rael oder Amerika. Kein Mensch wusste,
klären? solche Korrektur der Rechtsprechung wo die sich aufhielten. Zeugen zu ermit-
Schrimm: Hat es ja auch nicht. 1958 wurde schon früher zu erzwingen? Alte BGH-Ur- teln war ungeheuer schwierig.
die Zentralstelle in Ludwigsburg gegrün- teile werden immer wieder durch neue ab- SPIEGEL: Das galt auch für die Täter. Israels
det. Ohne die Informationen aus Ludwigs- gelöst. Geheimdienst Mossad hat weltweit recher-
burg hätte es den Frankfurter Auschwitz- Schrimm: Natürlich hätte man das schon chiert und 1960 den Holocaust-Organisator
Prozess kaum gegeben. früher machen können. Ich weiß nicht, wa- Adolf Eichmann kurzerhand aus Argenti-
SPIEGEL: Trotzdem wurden von 6500 SS- rum meine Vorgänger nicht eher aktiv ge- nien entführt. Warum haben die Deut-
Leuten der KZ-Truppe in Auschwitz nur worden sind. Andererseits ist es nicht die schen so etwas nicht gemacht?
etwa 30 in der Bundesrepublik verurteilt. Hauptaufgabe von Staatsanwälten, die Ge- Schrimm: Das ist eines Rechtsstaats unwür-
Schrimm: Das ist die Folge eines Urteils aus richte zu einer Kursänderung zu bewegen. dig. Da hätte ich mal unsere Zeitungen se-
dem Jahr 1969. Der Bundesgerichtshof ent- SPIEGEL: Das Ergebnis ist bekannt: In der hen wollen, wenn der BND Eichmann ent-
schied damals: Wer in Auschwitz war, wo Bundesrepublik hat es Verfahren gegen führt hätte. Was die gezetert hätten!
nicht nur Gaskammern standen, sondern etwa 170 000 Beschuldigte wegen NS-Ver- SPIEGEL: Und trotzdem finden Sie es wahr-
auch Fabriken, in denen Sklavenarbeit ver- brechen gegeben, aber weniger als 7000 scheinlich gut, dass Eichmann in Jerusalem
richtet wurde, dem musste eine konkrete Verurteilungen. vor Gericht stand.
Beteiligung an den Tötungen nachgewie- Schrimm: Das lag nicht in erster Linie da- Schrimm: Natürlich.
sen werden, die Anwesenheit reichte nicht. ran, dass die Justiz nicht gewollt hätte. SPIEGEL: Sie haben die Zentralstelle 15 Jah-
SPIEGEL: Das muss Sie als junger Staatsan- Wenn wir vor 1990 bei den Behörden in re lang geführt. Wie viele Verurteilungen
walt doch empört haben? der DDR oder in Osteuropa um Hilfe ba- gehen auf Ihre Recherchen zurück?
Schrimm: Nein. Da sind Sie erst mal dank- ten, bekamen wir – mit Ausnahme von Schrimm: Unter 30.
bar, dass es überhaupt eine Vorgabe gibt, Polen – keine Antwort. Dabei lagen doch SPIEGEL: Sie haben einen großen Aufwand
an die Sie sich halten können. die meisten Tatorte im Ausland. getrieben, sind viel gereist, allein 13-mal
SPIEGEL: Sie selbst haben dann, allerdings SPIEGEL: Also waren die anderen schuld? nach Brasilien, weil Sie dort NS-Verbre-
erst Jahrzehnte später, dafür gesorgt, dass Schrimm: Ich will hier nichts rechtfertigen, cher vermuteten. Haben Sie denn einen
diese Rechtsprechung korrigiert wurde … sondern nur erklären. Dazu hatte ich in gefunden?
Schrimm: Im Fall Demjanjuk, ja. Aufgrund der Praxis noch ein zusätzliches Problem: Schrimm: Nein.
unserer Vorarbeit verurteilte ihn 2009 das Um die NS-Verbrechen auch weiter verfol- SPIEGEL: Eine teure Angelegenheit.
Landgericht München II. Man konnte ihm gen zu können, hob der Bundestag 1979 Schrimm: Was hätten Sie geschrieben,
zwar konkret nichts nachweisen, aber im die Verjährung von Mord auf – aber nur wenn doch noch einer in Brasilien aufge-
Vernichtungslager Sobibór hatte jeder von Mord, nicht von Totschlag. Für die An- taucht wäre und wir ihn nicht ermittelt hät-
Wachmann nur eine Aufgabe: an der Er- klage wegen Mordes brauchen Sie den ten? Wir hatten den Tipp bekommen, es
mordung der Juden mitzuwirken. Das ge- Nachweis etwa besonderer Grausamkeit gebe Akten mit entsprechenden Hinwei-
nügte. Der BGH hat diese Argumentation oder niederer Beweggründe. Unzählige sen. Leider haben wir die Dokumente
inzwischen übernommen. Male musste ich als junger Staatsanwalt nicht gefunden.
SPIEGEL: Reichlich spät. Die letzten Täter unter die Akte schreiben: Es ist zwar nach- SPIEGEL: Die Verfolgung von NS-Verbre-
sind hochbetagt, das Verfahren gegen einen gewiesen, dass der SS-Mann X oder Y ge- chen geht dem Ende entgegen. Wenn Sie
96-jährigen SS-Sanitäter aus Auschwitz ist tötet hat, jedoch nicht, mit welcher Moti- sich an die vielen Vernehmungen erinnern,
vor zwei Wochen wegen dessen Demenz vation. Das Verfahren ist einzustellen. die Sie geleitet haben: Gab es einen Täter,
eingestellt worden. SPIEGEL: Viele Verfahren sind auch einfach der seine Taten bereut hat?
Schrimm: Der Auschwitz-Buchhalter Oskar nur versandet. Schrimm: Nein.
Gröning wurde immerhin 2015 auf Basis Schrimm: Ja, die Zentralstelle hat einen SPIEGEL: Herr Schrimm, wir danken Ihnen
der neuen Rechtsprechung verurteilt. Mein Konstruktionsfehler: Sie darf ermitteln, nur für dieses Gespräch.
122 DER SPIEGEL 2017
Kultur

startet ist, noch so groß „neu“ und „Gegenwart“ an die


Fassade plakatieren. Thalheimer, der in Berlin bisher am
Deutschen Theater und der Schaubühne inszeniert hat,
konzentriert Personal und Handlung gern auf das Not-
wendigste und dringt so im besten Fall zum Kern des

Hoher Blutdruck Stücks vor.


In seiner „Kreidekreis“-Inszenierung stellt er zudem
einen Gitarristen auf die Bühne, der die Schauspieler im-
Theaterkritik Das Berliner Ensemble mer wieder regelrecht anzutreiben scheint. Ingo Hülsmann
als Erzähler verfällt am Mikro vorn an der Rampe in eitle
startet in die Ära nach Peymann: Rockstarposen und trägt die Geschichte zwischen den
mit Brechts „Kaukasischem Kreidekreis“. Spielszenen so unterkühlt wie überartikuliert vor, was
einem schnell auf die Nerven geht. Der Gitarrensound
und die Anstrengung der Schauspieler, ihn zu übertönen,

I
st es heute noch ein Skandal, wenn ein Kind der leib- sorgen zusätzlich für erhöhten Blutdruck im Publikum –
lichen Mutter weggenommen wird, weil es bei der akustischer Stress, der eine Dringlichkeit behauptet, die
Pflegemutter besser aufgehoben ist? 1954, als Bertolt von der Inszenierung nicht eingelöst wird.
Brecht den „Kaukasischen Kreidekreis“ mit seinem Ber- Am ergreifendsten sind die Szenen, in denen der Regis-
liner Ensemble erstmals auf Deutsch herausbrachte, mag seur seinem Jungstar Reinsperger die Zeit gönnt, vom
das so gewesen sein. Aber 2017? Da ist die Aufregung doch Schicksal der Grusche in direkter Ansprache ans Publikum
viel größer, wenn das Jugendamt mal wieder zu lange ge- zu erzählen. Meist aber hetzt Thalheimer die Grusche
zögert hat, ein vernachlässigtes Kind in Obhut zu nehmen. auf der Flucht von Station zu Station; die Figuren, die
Auch die Magd Grusche, die Heldin in Brechts Para- ihr dabei begegnen, sind durch ihre grelle Überzeichnung
belstück, zögert, bevor sie den kleinen Michel an sich allzu schnell durchschaubar.
nimmt. In ihrem Land hat es einen Umsturz gegeben, Auch der Schreiber Azdak, den es durch die Revolu-
der Gouverneur ist ermordet worden, dessen Gattin ge- tionswirren auf den Richterstuhl verschlagen hat, ist so
flohen – ohne den Sohn Michel. Ihn hat
sie zurückgelassen.
In der Neuinszenierung des „Kauka-
sischen Kreidekreises“ am Berliner En-
semble, die unter der Regie von Michael
Thalheimer am Samstag Premiere hatte,
gehört die Szene zu den stärksten des
Abends. Stefanie Reinsperger zeigt als
Grusche mit wenigen zweifelnden Bli-
cken und zaudernden Gesten die Zerris-
senheit ihrer Figur zwischen dem Egois-
mus, der in Kriegszeiten vielleicht nötig
ist, und der von Brecht vielbeschworenen
„Güte“.
Als sie das am Boden liegende Bündel
mit dem Baby aufnimmt, rutscht Grusche
in einer Blutlache aus, ihr Kittel ist von
nun an befleckt. Es ist das Blut des toten

MATTHIAS HORN
Gouverneurs, das auf die Dienstmagd ab-
färbt: „Die das Glück der Mächtigen nicht
teilten / Teilen oft ihr Unglück. Der stür-
zende Wagen / Reißt die schwitzenden Darstellerin Reinsperger als Grusche (vorn): Akustischer Stress
Zugtiere / Mit in den Abgrund“, heißt es
bei Brecht. Grusche begibt sich durch die
Rettung Michels selbst in Gefahr, das Kind wird von Hä- eine Karikatur. Durch viel Blut ebenfalls als Kriegsver-
schern gesucht. Das Blut ist das zentrale und fast einzige sehrter gekennzeichnet, ist er, so wie Tilo Nest ihn spielt,
Requisit in Thalheimers Inszenierung auf der leeren nur ein proletarischer Clown. Die Sache mit dem Kreide-
schwarzen Bühne. Der Regisseur postuliert, so simpel wie kreis, in den sich beide Mütter stellen müssen, um durch
überzeugend, eine neue Art von Blutsverwandtschaft: Ziehen an ihrem Kind zu zeigen, welche die richtige ist,
Blutspuren trennen die, die von Krieg und Umsturz in erledigt er wie nebenbei.
Mitleidenschaft gezogen wurden – wie Grusches Verlob- Aus Brechts Sicht macht aber erst diese Moral die
ten, den Soldaten Simon, und bald auch das Baby, als die private Geschichte vom Sieg der Pflegemutter über die
Magd es an sich drückt –, von denen, die davongekommen leibliche zu einem politischen Lehrstück.
sind, etwa Grusches Bruder und ihre Schwägerin, die die Wer den Urteilsspruch akzeptiert, so seine Hoff-
Geflüchtete nur widerwillig bei sich aufnehmen. nung, stellt auch alle anderen Eigentumsverhältnisse
Die Methode, die der Regisseur Thalheimer hier an- infrage.
wendet, ist alles andere als neuartig; da kann das Berliner Von einer solchen politischen Dimension ist in der
Ensemble, das nach 18 Jahren unter Claus Peymann mit Inszenierung am Berliner Ensemble nicht einmal etwas
dem „Kreidekreis“ und zwei weiteren Premieren in die zu ahnen. Vielleicht ist das die „Gegenwart“, die draußen
erste Spielzeit unter dem Intendanten Oliver Reese ge- am Theater angekündigt war. Anke Dürr

DER SPIEGEL 2017 123


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