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Rheingold ist besser als kein Gold
Wagner, Richard (1813-1883)

Befragte man den Mann oder die Frau auf der Straße um eine ungefdhre, unver-
bindliche Schätzung die körperliche Größe Wagners betreffend, so erhielte man
unweigerlich zur Antwort: ein Meter dreiundneunzigeinhalb. Ohne Schuhe. Die-
ses Phänomen deucht jene eigentümlich, welche das schier unschätzbare Wissen
horten, daß Wagner in Wirklichkeit mindestens drei Kindsköpfe kleiner war, dem-
nach eher ausgesprochen mickrig von Statur: ein sogenannter Sitzriese. Woher
nun aber stammt der übermächt'ge Drang besagten Mannes auf der Straße - der
zugegeben nichts Besseres zu tun zu haben scheint, als seine Freizeit demAllens-
bacher Meinungsforschungsinstitut zu spenden wie andere ihr Blut dem Roten
Kreuz -, Wagnern zum Riesen hochzustilisieren? Es ist des Meisters musikali-
sches Vermächtnis, welches ihn oder auch sie dergestalt verwirrt. Die Antwort
liegt platt auf der Hand: Wer so viel wundervoll bombastischen Lärm geschrieben
hat für lauter Götter, Recken und Walküren, der muß zuLebzeiten einen entspre-
chenden Körper sein eigen genannt haben. Das ist halt so: da gibt es nichts zu
deuteln. Die Frau auf der französischen Straße von anno dazumal, die von den
Liebesromanen Balzacs und für den Schöpfer derselben heiß entflammt war, hätte
schließlich auch niemals gedanklich die schnöde Wahrheit akzeptiert, daß der
ersehnte Mittelpunkt ihrer erotischen Träume ein echter Ball von einem Sack war.
Lassen wir das Straßenpack beiseite und befragen statt dessen die akademische
Elite, was wt niemals tun dürfen, müssen wir uns zur Strafe im Handumdrehen
mit einem anderen Mißverständnis herumschlagen. Die Wissenschaft will uns
nämlich augenblicklich einreden, der Mensch, Künstler und Sachse Wagner sei
ein so facetterueiches, allumfassendes, kilometertiefschtirfendes Superwesen, daß
wir ihn niemals durch und durch verstehen können, und werm wir uns und ihn auf
den Kopf stellen. Der bloße Versuch hierzu sei bereits Schläge wert, wird uns bald
suggeriert; das ist fast so, als wolle man auf Anhieb Gott erkennen. Oder Kafka.
Der Kerl besitze Tausende von widersprüchlichen Fähigkeiten, Eigenschaften und
Unarten, so daß er einfach vor lauter Größe (geistig diesmal) und Komplexität
nicht mehr za packen sei. Völliger Blödsinn ist das, muß man dem unverblümt ent-
gegnen. Das krasse Gegenteil schält sich heraus bei sorgfältiger Betrachtung, ja,
Entzauberung: Der Gigant entpuppt sich am Ende als dermaßen simpel gestrickt,
daß es fast schon wieder peinlich wirkt, und zwar für alle beteiligten Parteien. Er
läßt sich bequem auf zwei oder drei Faktoren reduzieren, wenn man den Schleier
wegreißt; die zahllosen Charakterzüge erweisen sich als reines Trug- und Gaukel-

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bild, als Blendwerk des Chamäleons. Doch müssen wir dem Manne eines zuge-
stehen - mit seinen zwei, drei Eigenschaften wußt' er ein Fantasiegeschöpf
erstehn zu lassen, welches nicht seinesgleichen findet in der Menschenwelt. Er
selbst beschreibt dies Phänomen hübsch anschaulich in seinem Rheingold, wo
sich Zwerg Alberich, im Besitz der von Brüderchen Mime geschmiedeten Tirn-
und Verwandlungskappe, in Gegenwart der Götter und der großen Jungs aufbläht
zum Band-, Verzeihung, Lindwurm und gar schrecklich angibt. Doch Zwerg bleibt
Zwerg, und ist erst mal das Käppi runter, erscheint der Kleine uns in all seiner
Erbärmlichkeit ... Nun gibt es auch bei Zwergen Rangunterschiede; Alberichs
Bruder Mime zum Exempel war nicht ganz so blöd, wie Wagner uns das glauben
machen will. Letztgenanntem Schwarzalben gebührt im folgenden unsere volle
Aufmerksamkeit aufgrund der ungezdtrlten tragenden Rollen, welche er in Rich-
ard Wagners Leben spielen durfte. Wir erinnern uns an das berühmte Portrait des
Meisters - und an das auff?illige Käppchen, das er immer trug. Das Käppi mach-
te nicht nur einen schlanken Fuß, sondem ließ den Guten dreißig Zentimeter in die
Höhe schießen - körperlich, geistig und überhaupt. Ohne Kappe nur Attrappe,
körurte man da sagen.
>Mime< gilt uns fortan als Zauberwort, als Schlüssel zum Verständnis Meister
Wagners. Richard fing ntimlich sehr klein an im Leben und hörte leider sehr klein
wieder auf, zumindest was das Körperliche angeht. Nun wissen wir, daß die
Durchschnitts>größe< eines deutschen Komponisten von Weltrang weit unter dem
Gardemaß des Durchschnittsmenschen angesiedelt war - Wagner befand sich also
eigentlich in allerbester und edelster Gesellschaft, und sein Kopf war sogar sehr
viel größer und breiter als etwa der von Beethoven oder Schubert. Allein das
genügte ihm nicht. Er strebte nicht nur nach Größe, sondem nach Länge, nach
profaner vertikaler Ausdehnung. Das mag darin begründet sein, daß er wie sein
Hen Stiefpapa, Geyer geheißen, sehr frtih nach Heldenrollen im Gesangs- und
Sprechtheater lechzte; drei seiner Schwestem, diesbezüglich mit Erfolg gesegnet,
hätten größenmäßig glatt den Hamlet spielen können und unser kleiner Richard
nicht. Er kam höchstens für Rigoletto in Frage, und der war noch nicht geschrie-
ben. Diese physische Ungerechtigkeit lindwurmte Klein-Wagnern mächtig.
Doch den direkten Anlaß zu seinem großangelegten Zwergenaufstand, einer
revolutionären Erhebung, die er sein Leben lang unter den verschiedensten Deck-
mäntelchen proben sollte, gaben seine Irhrer an diversen Gymnasien. Schon als
winziger Schüler schrieb Richard ein Heldenepos namens Leubald, welches
scheußlich zu lesen war und noch schauriger anzuschaun, aber bereits so lang wie
seine längsten Opern. Ausdauer hatte der Knabe nämlich. Doch was sagten seine
Erzieher, die seine hochfliegenden Pläne kannten sowie sein schauspielerisches
häusliches Ambiente? >Aus dir wird niemals mehr als so ein kleiner Mime wer
den, weiß der Geyer!<< war alles, was er zu hören bekam. Zur Bestätigung stuften

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sie ihn von der Sekunda in die Tertia zurück, mangels Reife. Da versprach ihnen
Richard insgeheim, einmal der Welt größten Drachen steigen zu lassen. Mit Don-
ner und Getöse.
Die große Tragik im Leben des allzeit kleinen Richard bestand eigentlich darin,
daß der Runenspruch der drei Nornen, die seiner Mutter einst geweissagt hatten,
nicht ordnungsgemäß vollstreckt bzw. vollzogen werden konnte. Dazu muß man
wissen, daß die Mythologie und Mdrchenwelt im Hause Wagner schon von alters
her - genaugenornmen seit der Ankunft des langiährigen Hausfreundes Geyer,
dieses grotSen, berühmten Mimen - eine geradezu lebenswichtige Rolle gespielt
hatte. Mutter Wagner konnte man unbesorgt jedes Märchen auftischen; auch Vater
Wagner, seines Zeichens und Berufsstandes Polizeiaktuat amLeipziger Stadtge-
richt und daher naturgemäß ein stets treuherziger, offener Mensch, akzeptierte in
reinem Kinderglauben jeden Mythos, jeden Bliren und jeden Schwan, den man
ihm auf den breiten Rücken band. Der große Mime Geyer liebte die beiden von
Herzen, so wie später Richard die beiden Wesendonks oder die beiden Bülows
liebte: den Herrn des Hauses brüderlich-platonisch, die Dame des Hauses irgend-
wie ... anders. So mag es uns zuerst verwundern, wenn wir hören, daß der
Dresdener Hofschauspieler nach dem Ableben seines teuren Freundes ohne zu
zögern nicht nur dessen Frau, sondem sämtliche neun Blagen übernahm. Frauen,
die machten so was öfter damals, weil sie sonst ohne Gespons verhungert wä-
ren und auf die Art wenigstens den Brei aufschlabbem durften, den die neun klei-
nen Monster auf dem Teller ließen. Aber Hausfreunde, die klaglos das ganze Pack
mit in Kauf nahmen, konnte man an einem Armstumpf abzählen. Und was haben
wü von Richards eigener Aussage zu halten, Geyer sei sein eigentlicher Yater
gewesen? Gut, Richard hat von seinem Namensgeber nicht mehr viel mitbekom-
men, in jedem Sinne des Wortes, denn dieser wurde kurz nach des Knaben Geburt
von einem Schicksal hinweggerafft, welches die Biographen äußerst schwammig
mit einem >Fieber, hervorgerufen durch die Völkerschlacht bei Leipzig<
umschreiben. Eine kamische Sache. Bedenken wir des weiteren, daß mindestens
fünf der neun Ableger Multi-Tälente waren, die schauspielem, singen, Regie
führen oder zumindest die Theatergarderoben ausfegen konnten, dann überkom-
men uns heftige Zweifel an der biologischen Vaterschaft Wagner seniors. Gewiß,
auch ein Aktenschieber mag auf seinem Gebiet ein absolutes Genie sein, und
doch...
Die Wahrheit liegt wie immer viel tiefer, und zwar ironischerweise in den Gefil-
den der Mythologie. Der Geyer kam oft das traute Nest der Freunde besuchen, in
welchem er sich mehr als heimisch, mehr als zugehörig fühlte; doch nahm er nicht
immer den direkten Weg zu Mutter Wagner. Als ausgemachter, hausgemachter
Mime, der er war, besaß er selbstredend ein Wunder von einem Tamkäppchen,
welches die Frucht seiner Ränkeschmiedekunst darstellte. Wir dürfen uns den

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Mimen Geyer nun jedoch nicht als Zwergen denken, ganz im Gegenteil. Er war
ein schöner, großer Mann, der einen Kobold bequem in der Hosentasche mit sich
führen konnte, was er denn übrigens auch tat. Besuchte der Geyer die züchtige
Hausfrau, war Freund Wagner in der Regel mit anderen Akten beschäftigt, spät in
der Nacht im Amtsstübchen. Geschwind setzte der wohlmeinende Ersatzmann
seine Tarnkappe auf und suchte in der Gestalt des Schreiberlings dessen Gattin
auf, gattz Zihnlich übrigens wie Recke Siegfried die Brünnhilde in Gunthers
äuß'rer Hülle. Wohl wunderte sich Frau Wagner bei solchen Gelegenheiten leise,
was wohl auf einmal mit des Gatten Kobold sich ereignet haben mochte, daß der
plötzlich so ungestüm; allein sie hinterfragte niemals diesen Sachverhalt. Das
hatte ihr einstens ein singender Schwanenritter verboten, oder vielleicht auch ein
reitender Geyer. Wagners Mama Rosine war sehr viel gehorsamer als später die
von Sohnemann erdichtete Elsa. Sie freute sich über jeden Besuch ihres so ganz
und gar verwandelten Mannes, dieses in seinem Saft und seiner Kraft fast götter-
gleichen Wesens.
Die obengenannte Prophezeiung der drei Nonnen, pardon, Nornen - das sind
die Damen, die immer ihr Strickzeug dabeihaben und mit ihren unegalen Fingem
am Weltenschicksal herumzupfen, bis ihnen der Faden reißt - bezog sich aus-
schließlich auf den geplanten Richard, den neunten seines edlen Stammes. Auf
Richard den Neunten konzentrierten sich jedermanns Bemühungen, denn die
Neun ist seit jeher eine mächtig magische Zahl: Es gibt neun Walküren, neun Rös-
ser für die Walküren ... was sonst noch? Nun - neun Garnituren Lederwäsche für
die Mädels sowie neun Brünnen und neun Schwerter ... Ach ja, nicht zu verges-
sen gab es da noch den neunmalklugen Siegfried. Wenn das keine Symbolik ist.
Das Projekt der Richardschen Zeugung sollte dementsprechend ein Riesenunter-
nehmen werden, denn die Nornen hatten Rosine einen veritablen Giganten ver-
sprochen, der den Weltenlauf in völlig neue Bahnen lenken sollte mit der ihm
innewohnenden Kraft. Alles ward auf das sorgf?iltigste vorbereitet; Rosine zog ihr
schönstes Hemdlein an, der Geyer kam mit seinem Kobold, hübsch geschniegelt
und getrimmt. Die getarnte Operation Hünensprung war bereits in vollstem
Gange und stand unmittelbar vor ihrerVollendung, als sie aufgrund der allzu früh-
zeitigen Wiederkehr von >Vater< Wagner mittendrin abruptestens beendet werden
mußte. Der Geyer wollte seinem platonischen Freunde keinesfalls zumuten, quasi
sich selbst bei seiner Gattin zu erblicken, denn das hätte zwangsläufig zu einer
schweren Identitätskrise geführt, wenn nicht zu Schlimmerem. So schwang der
Geyer flugs sich aus dem Fenster und ließ die verwinte Rosine bei ihrem recht-
mäßigen Gemahl, der in der Türe stand. Rosines Frage - hätte sie je eine gestellt
- hätte wahrscheinlich gelautet: >>Wie kommt es nur, daß du jetzt schon von der
Tür aus - << Aber sie fragte eben nie. Das Opfer dieser übereilten Staatsaktion
wurde schließlich, wie wir uns denken können, Richard - nach all dem Streß, der

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Hetze und der übereilten Flucht des Erzeugers konnte aus ihm ja nichts anderes
werden als ein abgebrochener Riese.
Des großen Mimen Vermächtnis konnte Klein-Wagnem für einiges entschädi-
gen, doch bei weitem nicht für das ganze Ausmaß des Fehlschlags. Nachdem
Wagner senior an der Völkerschlacht oder amLeipziger Allerlei gestorben war,
übemahm der Geyer auch den anderen Teil der Vaterrolle, nämlich das Großzie-
hen, was jedoch ausgerechnet bei seinem Liebling Richard voll in die Hose ging.
Bei ihm war leider nicht mehr viel in die L?inge zu ziehen, so sehr der Geyer sich
bemühte. Nummer Neun, das ehrgeizigste aller Projekte des Erzeugers, blieb mit-
hin sein letztes; nachdem das Thmen überflüssig geworden war, machte es schein-
bar keinen Spaß mehr, und der Geyer war sowieso viel zu intensiv damit beschäf-
tigt, den zu klein geratenen und zu kurz gekommenen Sohnemann künstlich nach-
zubessern. Immerhin schaffte er es, den größten aller Zwerge aus dem Richard-
schen Rohmaterial zu gestalten, doch damit hatte es sich dann auch. Zudem laug-
te die Anstrengung, die das Auseinanderziehen des Kleinen mit sich brachte, den
Geyer dermaßen aus, daß er sich noch vor Richards zehntem Geburtstag ver-
flüchtigte. Bevor er seinen Schwanengesang anstimmte, um in Richtung Grals-
burg davonzuflattern, überließ er seinem Liebling die Tarnkappe mit ungefähr fol-
genden Worten: >>Dieses Mützchen wird dir gute Dienste tun. Groß wirst du wohl
nicht mehr werden, darum sieh zu, daß die Leute dich wenigstens grol3 wähnen.
Das heißt im Klartext: Pfleg'und erhalte deinen angebor'nen Größenwalrn. Und
trainier'noch ein bißchen mit dem Expander - schaden kann's ja nicht. Du weißt,
mein kleiner Mime, einZwerg mag nur zum Recken sich erheben, wenn er gar
ordentlich sich reckt und streckt -<< Er wollte noch mehr sagen, der Geyer, wollte
Klein-Richard einige Einzelheiten zur ordnungsgemäßen Benutzung des Käppis
mit auf den weiten Weg geben. Es sollte nicht sein. Des Geyers guter Geist ent-
schwob gen göttliche Gefilde.
Was Richard damals noch nicht kannte, später jedoch in seinem Ring des Nibe-
lungen ganz genau beschrieb, war die praktische Dreizweckverwendung der
Kappe, die da wdre: l. Unsichtbarwerdung des Trägers; 2. Verwandlung desselben
in jede gewünschte Gestalt, sei sie Mensch, Tier, Pflanze oder Mineral, fest, flüs-
sig oder gasförmig; 3. prompte Beförderung des Trägers an jeden gewünschten
Ort, allerdings ohne Reiserücktrittsversicherung. Daß mit Hilfe der Mütze etwas
Großes aus ihm zu machen sei, hatte Richard begriffen. Alle seine Bedürfnisse
sozusagen unter einen Hut zu bringen, stellte zunächst jedoch eine Aufgabe dar,
der er, nun ja, noch nicht gewachsen war. Seiner Natur und den Empfehlungen des
Herm Papa entsprechend wollte Richard solorr berühmt werden, ohne auch nur
einen Täg Zeit zu verlieren. Womit genau, das wußte er noch nicht so recht - am
besten mit allem auf einmal. Er erlernte laut eigenem Gesländnis niemals richtig
das Klavierspiel, aber er blies ausgezeichnet auf dem Kamm, und als er >eines

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Abends eine Beethovensche Symphonie aufführen hörte, ... darauf Fieber bekam<
und krank wurde, wußte er nach seiner vermeintlichen Genesung, welche in
Watuheit niemals eintrat, daß er >Musiker geworden war<. Das klingt verdächtig
nach der Wirkung des Käppchens, und tatsächlich: Uber Nacht und unvermutet
hatte sich Richard, der bis dahin weder Talent noch Interesse an Musik bekunde-
te, in einen zu neunzig Prozent aus Wasser und heißer Luft bestehenden Organis-
mus verwandelt, extrem aufgeblasen und kurz vor demAbheben, welcher, ähnlich
einem Ballon, merkwürdige Laute von sich zu geben imstande war - im Volks-
mund laienhaft auch >Musiker< genannt. Er wußte selbst nicht, wie ihm geschehen
war, doch ließ der Zauber sich zeitlebens nicht mehr rückgängig machen, sehr
zum Entsetzen manches seiner Zeitgenossen. Auch andere Funktionen seines
Käppis wußte Richard noch nicht gezielteinzusetzen und hatte zunächst erheblich
weniger Glück mit den Auswirkungen als im obengenannten Fall. lnsbesondere
die (wohlgemerkt absichtliche) Unsichtbarwerdung erwies sich als eine extrem
diffizile Kunst. Mußte Richard etwa vor Gläubigern flüchten wie 1839 aus Riga,
klappte der Trick mit dem Verschwinden überhaupt noch nicht, und er war tatsäch-
lich gezwungen, ein ordindres Schiff zu besteigen, ja sogar den Umweg über Lon-
don nach Paris in Kauf zu nehmen! Andererseits ist er an den Orten, wo er nach-
weislich-aktenkundig als Kapellmeister tätig war, nämlich in Würzburg, Lauch-
städt, Magdeburg oder Königsberg, trotz seiner durchaus gegenteiligen Bemühun-
gen gar nicht aufgefallen, sondern unscheinbar geblieben. Er wurde absolut nicht
wahrgenommen, nicht einmal von der später hinzugetretenen Musikkritik, die
heute noch nicht zu erklären weiß, wie er aus heiterem Himmel an seine Frau
Minna geriet. Plötzlich war der Knabe verheiratet, und keiner wußte oder weiß
den Grund. Allerdings muß man einräumen, daß auch Richard ein paar Tage nach
der Eheschließung bereits den Grund vergessen hatte. Gerüchten zufolge wurde
ihm vor oder nach der Hochzeit ein Gedächtnisschwundtrank eingetrichtert, genau
so einer, wie ihn Siegfried von Gutrune in der Götterdrimmerung ktedenzt
bekommt. Das einzige, was Richard an Minna Planer, welche gleichzeitig mit ihm
theatralisch in Magdeburg wirkte, fasziniert haben kann, waren zweifellos ihre
Hosen. Richard hegte immer eine ausgeprägte Schwäche für starke Frauen, und
als er Minna in Hosen sah, muß er geistig ausgerastet sein. Nachdem sie sich in
der Hochzeitsnacht der Beinkleider erst einmal entledigt hatte, zeigte er keinerlei
Interesse mehr, schleifte sie jedoch weiter mit durch die Lande. Seinen Neufund-
länder ließ er schließlich auch nicht so einfach im Stich.
AIs besonders verhängnisvoll stellte sich Richards eklatant falscher Umgang
mit der Kappe in Paris heraus. Die wenigsten Leute wissen, und noch weniger
Leute möchten es wahrhaben, daß der Wagner Richard damals noch ein ausge-
sprochen undeutscher Patron gewesen ist, einer, der die Seine-Mefropole für das
Mekka der Opemschaffenden schlechthin hielt, was es im übrigen damals auch

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war. Paris galt als das Zentrum der Großen Oper, und Richard wollte nicht bloß
mit großen, sondern mit geradezu gigantischen Opern die Herzen der vermeintli-
chen Kenner im Sturm erobern. Sein zweites Musikwerk - das erste, Die Feen
genannt, war ein eindeutiges Tamkappenprodukt und ist es bis heute geblieben -
hatte bereits Richards bösen Willen zum Ausdruck gebracht, sein Vaterland zu
schmähen, daß es nur so rauchte: Das Machwerk Liebesverbot spielt in Sizilien,
und der einzige Böse in dem Sttick ist der finstere deutsche Statthalter, der für die
lebensfrohen Sitten und Unsitten seiner heißblütigen Untertanen so gar kein Ver-
ständnis aufbringt. Ein eigens für den fiesen Friedrich geschriebener Spottchor
darf dort ausdrücklich und auf vielfachen Wunsch des Verfassers Sachen singen
wie etwa: >>Der deutsche Na:T, auf lacht ihn aus!<< TJa, da wiüe ein gewisser Mann
mit kleinem Schnurrbart hundert Jährchen später gewiß ordentlich ins Grübeln
gekommen, hätte er das Zeug je gehört oder das vom Meister wie immer selbst
verbrochene Libretto gelesen. Der Richard zeigte sich vor und teils während sei-
ner Pariser Zeit offen als der schlimme Finger, der er auch nachher blieb, der
jedoch später mit dem Käppi umzugehen verstand und dessen Umtriebe daher bis
zum heutigen Tage gründlichst mißdeutet wurden. Richard vertrat die aufmüpfige
Ideenwelt des sogenannten >jungen Deutschland<, welches verschiedene vage
Ziele im Auge hatte wie z.B. Revolution, freie Liebe, Abschaffung alles Deut-
schen - was immer das sein mochte -, noch mehr Revolution, >Emanzipation des
Fleisches<, Anarchie, Abschaffrrng der Zensur und Sperrstunden in Kunst, Litera-
tur und Wirtschaften. Besonders wichtig blieben für Wagner bis zu seinem Tode
die Ergüsse eines Monsieur Proudhon, insbesondere dessen berühmter Satz
>Eigentum ist Diebstahl<. Diesen Spruch beherzigte Richard, alldieweil er ihn mit
Absicht mißverstand wie die meisten Leute. Gemeint konnte nur das Eigentum
von anderen sein, und das galt es den Besitzenden abzuknöpfen mit List, Tücke
und, wenn nötig, Schleimerei. Richard war schon ein rechter Teufelsbraten, denn
damals reimte sich bei ihm das Wort >Liebe< noch voll und ganz auf >Triebe< und
nicht wie in späteren Opern >sittlich< auf ,unerbittlich<. In jenen wilden Tagen
stieg Wagrrer auch noch ohne Tamkappe auf die Barrikaden - denn dort oben, das
fühlte er instinktiv, kamen sogar Zwerge Eanz groß raus.
Den Rienzi schrieb der Richard praktisch eigens für Paris. Er wollte das Pariser
Publikum mit dessen schierer Länge erschlagen; bis zu seinem gewaltsam herbei-
geführten Ende dauerte dieser letzte der Tribunen immerhin schlappe sechs Stun-
den, vielleicht acht, denn nach den ersten/ünl Stunden stoppte keiner mehr mit.
Beim Brand des Kapitols am Schluß wurden die Zuschauer sowieso rechtzeitig
wieder wach. Der Rienzi stellte nämlich noch eine echte Revolutionsoper dar, wie
es alle frühen Projekte ihres Schöpfers gewesen waren und alle späteren sein soll-
ten, letztere eben nur im geheimen, als vertraglich abgesicherte Diplomatemebel-
lion. Leider wurde der Rienziletzten Endes gar nicht in Paris uraufgeführt noch

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sonstwie zur Kenntnis genommen, was wieder einmal auf Richards damalige feh-
lende Geschicklichkeit zurückzuführen ist. Daß Paris ein teures Pflaster ist, wo
das Gold zwar auf der Straße liegt, aber laut höherem Finanzgesetz nur von Ban-
kiers namens Rothschild & Co. aufgehoben werden darf, weiß Richard vage vor
seiner Ankunft. Kein Problem, denkt er, die macht er sich eben ganz schnell zu
Freunden mit seinem einnehmenden Wesen. Er setzt das Käppi auf, dreht sich
dreimal im Kreis auf seinen Zwergenfüßchen und kräht: >Ach wie gut, daß nie-
mand weiß <<, bis ihm einfüllt, daß das mit Sicherheit der falsche Spruch ist, weil
er doch überhaupt kein Gold spinnen kann mit der Mütze. Drei Funktionen hat das
Ding, und die müßten genügen. Also nochmal: drei Umdrehungen, begleitet von
dem Spruch >>Dreimal hau' ich auf den Gong, dann bin ich Löwe im Salong!<
Oder so ähnlich. Tatsächlich wirkt die Verbindung Käppi und Zauberspruch. Ri-
chard befindet sich im Chambre s6parde bei Rothschilds zu Hause, doch hat er
sich leider nicht in einen Salonlöwen verwandelt wie geplant, sondern lediglich
wieder unsichtbar gemacht. Er ist der rechte Mann am rechten Ort, bloß sieht ihn
keiner, den armen kleinen Tropf. Da will er sich wenigstens Gehör verschaffen.
Wirklich vernimmt jeder der Anwesenden eine recht laute, obgleich körperlose
sächsische Stimme, die ununterbrochen etwas von einer >grosen Ober< faselt.
>Geld< fordert die Stimme obendrein für das zwielichtige Untemehmen, und auf
dem O}r sind Rothschild und seine Freunde absolut taub. Kurz vor der endgülti-
gen Verzweiflung hext sich Wagner mittels Käppi zum Komponistenkollegen
Meyerbeer, den der Zwerg in ihm allerdings nicht ausstehen karn. Meyerbeer
erfreut sich eines gar widerlichen Charakterzuges: Er hat von seinen Vorvätern
Geld ererbt, noch dazu in Massen. So einen Dieb und Räuber (siehe oben) muß
man schließlich hassen, genauso wie daheim den Mendelssohn, dieses stinkreiche
Früchtchen. Kaum hat Meyerbeer dem als Busenfreund getarnten Richard die
Uraufführung des Rienzi versprochen und sich umgedreht, da gewinnt der kleine
Mime Oberhand und verpaßt dem ekelhaften Gönner einen Tritt, daß es dem
Zwerg eine wahre Freude ist. Meyerbeer rappelt sich erscbrocken auf und sieht -
keine Menschenseele im Salon. Doch die winzigen Fußspuren in der Asche des
Kamins bringen ihn bald auf eigenartige Gedanken - durchaus die richtigen, wie
wir wissen -, und er hält sich fürderhin mit Beweisen der Freundschaft zu Wag-
ner zurück. Er ist zwar reich, aber nicht doof.
Atrntictr traf es der Richard allerorten in Paris, und das drei geschlagene Jah-
re lang. Diese Periode geht unter der Bezeiclurung >Hungerjahre< in seine Bio-
graphie ein, so wie er selbst ja auch beinahe einging in jener denkwürdigen
Epoche. Was seine Frau in der Hungerzeit trieb, scheint unbekannt; vielleicht
konnte sie sich als grüne Minna ein Zubrot zu dem Essen verdienen, welches ihr
Richard nicht auf den Tisch brachte. Man könnte meinen, einen Zwergen dürfe
das Darben nicht über Gebühr erschüttern, doch Richard hatte immer einen Rie-

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senhunger, und es dürstete ihn ständig nach Ruhm und Anerkennung. Die trostlo-
sen Jobs, die er übernehmen mußte, löschten diesen seinen Durst nicht im gering-
sten, ganz im Gegenteil. Wenn er Glück hatte, durfte er anderer L,eute Noten
abmalen und sogenannte Klavierauszüge anfertigen oder auch mal ein Artikel-
chen schreiben, für das er nicht bezahlt wurde. Als er fühlte, daß er genug Kla-
viere ausgezogen hatte und in jenem fremden, bösen Land nicht mal als Garten-
zwerg Beschäftigung finden konnte, funktionierte Gott sei Dank endlich der drit-
te Gang seiner Kappe. Er wünschte sich in seine angestammten, d.h. in deutsche
Gefilde zurück. Zwar landete er daraufhin in Sachsen, aber das liegt immerhin
ziemlich in der Nähe, und es sollte seinen zukünftigen Anforderungen vollkom-
men genügen.
Endlich daheim, hier in treudeutschen Landen, klappte seine Tamung unver-
gleichlich besser. Während der fiese kleine Mime der französischen Hauptstadt,
deren Bewohner ihn dermaßen links und rechts hatten liegenlassen, nicht nur Pest
und Cholera an den Hals wünschte, sondem die ultimative Revolution ersann -
>die, die mit dem Niederbrande von Paris beginnt< -, spielte der Wagner von der
Großen Kappe und daher minder traurigen Gestalt fortan den urdeutschen Super-
recken. Schwuppdiwupp wurden alle seine Opern zu Erfolgen; der reuig heimge-
kehrte Sünder, der dem Franzmann-Babel Adieu gesagt hatte, weil er seine Liebe
zum Rhein und zur Wartburg entdeckt hatte, war plötzlich beinahe deutscher als
die Polizei erlaubte. Er sorgte nachdrücklichst dafür, daß die Musikkritiker ihn
persönlich in seinen Werken wiederentdecken konnten, nein, mut3ten' so mimte er
den Fliegenden Holländer, jenen nach Erlösung strebenden Seefahrer, der nur alle
Jubeljahre sichtbar wird und prompt heiraten will. Wagner selbst war bestenfalls
ein Fliechender Sochse, doch nahm jeder ihm den Gag ab, bis heute. Dabei weiß
der, welcher die Oper recht versteht, daß es die Senta ist, die dringend errettet wer-
den muß: Wenn sie ihre Ballade nicht singen darf, so ist ihr Untergang besiegelt,
und sie fängt unweigerlich an zu spinnen wie die anderen Mädels mit ihren
Rädem. Die Tarnungsgeschichte wurde in den folgenden Opern immer krasser.
Eines der unverschämtesten Beispiele stellt bereits der Tannhciuser dar. Dieser
>Deutsche vom Kopf bi s zur Zehe<, wie Richard ihn in einem Begleitbrief zur Par-
titur nennt, kann natürlich niemand anderer sein als der Tonkünstler selbst: Gera-
de aus dem Sündenpfuhl entkommen, der sich Paris oder auch Venusberg nennt,
kehrt er reumütig zurück in die geliebten deutschen Lande und sorgt zum Dank
dafür, daß die Elisabeth zu einer ordentlichen Heiligen wird. An jenem Wende-
punkt Wagnerschen Schaffens jedoch ereignet sich ein krasser Akt der Spaltung:
Wagner der Mimenzwerg und Wagner der große Recke sind nicht länger ganz
unter einem Käppi vereint zu halten. Der Zwerg geht seine eigenen obskuren
Wege, denn gemäß seiner Natur zieht es ihn in die Unterwelt, in denUntergrund.
Der offene Kampf des großen deutschen Reckentums ist seine Sache nicht; Mime

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arbeitet viel lieber im Verborgenen, schmiedet dort Pläne und Ränke, kurz: Er
bleibt im Venusberg zurück, als unverbesserlicher Intrigant. Er hat es gar nicht mal
so sehr mit den Mädels dort, sondern eher mit der dunkel-geheimnisvollen
Höhlendekoration. Von dort aus läßt es sich ganz wunderbar unterminieren, noch
dazu in alle gewünschten Richtungen. Wer sich je fragte, warum der Wagner zeit-
lebens solch eine ausgeprägte Vorliebe für Hügel pflegte - reiste der Richard doch
von Venushügel zu grünem Hügel zu Bayreuther Festspielhügel -, dem wird nun
die Antwort zuteTl. Unter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen, fand stets
der böse Mime sein Zuhaus; wo Wagner weilte, wohnt' auch er, tief drunten in den
unterird'schen Klüften, und grub dort seine hinterhält'gen Fallen. Verrat war alles,
was er sann von Morgenstund' bis Abenddämmern, welche er ja sowieso nie zu
sehen kriegte in seiner Behausung. Einmal versuchte Mime, dem Meister, der er
irgendwie doch auch selber war, einen Adelstitel abzürotzen; er weigerte sich, als
dummer kleinerWicht im Nibelungen-Reigen zu posieren, sondern verlangte eine
Gegendarstellung mit Entschuldigung. Er drohte mit der Gründung einer revolu-
tiondren Zwergenpower-Partei, falls Wagner, dessen kappenlosen Kern er schließ-
lich bildete, sich nicht einverstanden zeigte, auch mal einen Winzling von kühnem
Krieger auftreten zu lassen. Du zeigst doch eine derart ausgeprögte Vorliebe für
die >arbeitenden Volksschichten<, Richard, säuselte der Schurke, siehst dich als
einzig wahren Sozialisten - aber du hast kein Herz für Zwerge, wie du immerhin
selber einer bist! Des weiteren wies Mime darauf hin, daß seine schweißtreiben-
de Arbeit im Bergwerk mit Hacke und Schüppchen und später mit Hammer und
Sichel, pardon, Amboß, ihn adelte wie keinen zweiten werktätigen Zwerg. Fazit:
Er wollte eine eig'ne Oper, Prinz Eisenerz genannt.
Das ließ Wagner dem Zwergen in seinem unterhöhlten Innern nicht durchge-
hen. Er fühlte sich dem widerlichen Winzling von Maulwurf längst entwachsen,
dünkte sich einen echten, naturverwöhnten Riesen, nimmer dem Umstand Rech-
nung tragend, daß der begabte Mime es doch war, der die grundlegende Entschei-
dung traf - mit Köppi oder ohne. So geschah es immer öfter, daß die Wünsche,
Vorstellungen und Taten von Mime Schwarzalb und Wagner Lichtalb nicht mehr
in Einklang standen, gar einander ausschlossen. Diese Tatsache sorgte im Endef-
fekt für die unglaublich krause Biographie des Richard Wagner, welche noch weit
chaotischer anmuten würde, wenn der Zwerg nicht im trüben gefischt und
geschuftet hätte, um seine Umtriebe vor Kritikem und Menschen verborgen zu
halten. Zum Beispiel erwiesen sich beide Teile Wagnerns als extrem politisch
bzw. politisch extrem, zudem in extrem verschiedenen Richtungen. Deshalb hat
nie jemand kapiert, was Wagner wirklich wollte. Wir wissen nun, daß das auch
unmöglich zu bestimmen war! Der kleine Mime, der sich nur zu gut an die Hun-
gerzeit im reichen Paris und das fehlende Kleingeld erinnern konnte, zeigte sich
den ausgesprochen schnöden Dingen des Lebens keineswegs abgeneigt - Seine-

t25
gold hätte ihm schon gut gefallen, aber Rheingold schien ihm noch viel besser.
Besagtes Gold den Besitzenden abzutrotzen, ward fortan ihm höchstes Ziel. Zu
diesem Behufe strebte er nach der einzig folgerichtigen Form der Selbstverwirk-
lichung, nämlich nach der Verbindung aller deutschenZwergstaaten unter seiner
mimischen Leitung. Von diesen Zwergen gab es eine Menge zu jener Zeit, was
ständige Verwimrng stiftete - und das Chaos kam dem zersetzenden kleinen
Unterwanderer gerade gelegen. So setzte der Erste Königlich Sächsische Kapell-
meister von und zu Dresden heimlich alles daran, sich eine Alleinherrschaftsposi-
tion in Sachsen zu erschleimen, indem er seinen fürstlichen Vorgesetzten einen
Entwurf eines Nationaltheaters des Königreiches Sachsen vorlegte. Wagner fun-
gierte als Wortführer in den Wirren der Revolution von 1848 und ließ dabei den
Sozialisten sehr weit heraushängen, wie man so sagt; er propagierte die absolute
Abschaffung allen Adels, doch blieb er selbstverständlich so rücksichtsvoll, dabei
Könige und Fürsten völlig auszuklammern, zumal letztere ihn finanziell unter-
stützen konnten. Wie man sieht, war seine ideelle Position damals eine sehr
schwierige, vielleicht sogar etwas widersprüchliche ...
Der andere Wagner, d.h. der Menschenfreund Richard der Große, verfolgte
wiederum ganz andere Ziele, welche die Situation noch weit komplizierter mach-
ten, als sie ohnehin war. Nur gut, daß damals allgemeine Revolution herrschte,
sonst hätte man den Kapellmeister bald in die Klapsmühle gesteckt, anstatt ihm
nur steckbrieflich das Zuchthausleben schmackhaft machen zu wollen. Richard
der Große wollte nicht Oberster Zwerg der Opernlandschaft werden, indem er sich
von unten den Fürsten und dem Großkapital andiente und -biederte. Er plante im
Gegenteil, ein großes Deutschland zu erschaffen, wo alles im Namen der hehren
Menschenliebe und der Abschaffung des Goldes erst einmal in kleine Stücke zer-
hauen und dann eventuell wieder aufgebaut werden sollte. Oder auch umgekehrt.
Ach, er wußt's ja selber kaum, der reine Tor, der in die Herzen aller proletar'schen
Massen die hohe Liebe einzuflößen aufgebrochen war! Die Politik ist eine
garst'ge Angelegenheit, zumal für einen Mann, in dessen Brust zwei Seelen sich
bekriegen: eine gehört dem niedern Wesen, diesem Hortwächter des eklen Nibe-
lungengoldes, welches die Menschheit knechtet und die Wurzel allen Übels dar-
stellt; die andre Seele ist dem Gralshüter zu eigen, dem überirdisch edlen Ritter,
der auf seine Weise die Millionen fest umschlungen halten möchte. Dabei hätte
sich vielleicht sogar ein Kompromiß finden lassen, denn wo steht geschrieben,
daß dieser sagenhafte Gralspott keinen materiellen Wert aufzuweisen hatte, in
Karat zu messen oder, wenn schon nicht in Rheingold, dann in Feingold? Mithin
hätten die feindlichen Seelen sich leicht zusammenraufen können, indem der klei-
ne Mime Hauptkassierer und Verwalter, der große Künstler Chef und Erster
Schriftführer im gemeinen, nützigen Gralshüterclub e.V. geworden waret Liebe
und Gold schlossen einander angeblich völlig aus; die heiße Liebe zum Golde

t26
jedoch hätte alle glücklich zusammengeführt. Aber diese revolutionären Fanatiker
bleiben sprichwörtlich unbelehrbar.
Mime, der in seinem Triebleben unterdräckte kleine Goldhamster, brachte kurz
nach der Entstehung des Lohengrin, dq ihn wiederum bloß ärgerte mit seinem
dämlichen Schwanenritter und heiligen Gralsgetue, das Faß zum Überlaufen. Als
die '48er Revolution von Dresden sich als totaler Flop herauszustellen begann,
sorgte er dafür, daß das Käppi vemrtschte und der Kapellmeister in seiner ganzen
wahren Größe für jedermarur sichtbar wurde - so sichtbar, daß man nach allge-
meinen Angaben obengenannten Steckbrief anfertigen konnte. Noch nie im Leben
war Wagner ein derart gesuchter Zeitgenosse gewesen; er vermochte sich vor den
zudringlichen Liebesbeweisen der werktätigen Bevölkerung kaum zu retten, die
sich ein Stückchen schnöden Goldes von einem Gralsritter-Judasküßchen ver-
sprach. Seine Revoluzzerfreunde hatte man bereits einkassiert, darunter einen
wirklich völlig verrückten jungen Mann namens August Röckel: Dieser Röckel
hatte nicht etwa plausible Dinge gefordert wie Fürstenmord oderAbschaffung der
Ehe, nein; er hatte darauf beharrt, schreibt Wagner später in seiner Autobiogra-
phie, daß es eine Gleichheit aller arbeitenden Menschen geben sollte - ohne Son-
derregelung für Künstler. Dabei war Richard Wagner offenkundig doch viel glei-
cher als das Pack!
Richard und Mime flohen dann mit Minna in die Schweiz, jedoch nicht ohne
zuvor ein Comeback in Paris zu versuchen. Schon nach einer Woche war Wagner
dort wieder so berühmt wie frtiher, nämlich überhaupt nicht, und er floh zurück in
die Schweiz, angeekelt von der gänzlich goldregierten, vermeyerbeerten Metro-
pole. Nun galt es, musikalisch endgültig mit dem Geldsackpöbel abzurechnen,
und zwar in der Tetralogie Der Ring des Nibelungen. Also drei richtige Opern und
ein Vorspiel, welches wegen seiner unglaublichen Kürze von zweieinhalb Stunden
kaum Erwähnung verdient. Mime war bereits vorgewarnt, daß Wagner bei der
Unternehmung ihn, seinen eigenen innersten Kern, verleugnen und der Lächer-
lichkeit preisgeben wollte, und wappnete sich frühzeitig mit seinem Käppchen.
Was aus diesem Grunde bis heute niemand weiß, ist die Tatsache, daß Mime sich
auf seine gewohnt subtile, hinterhältige Art gegen die Verunglimpfung zur Wehr
setzte, indem er ebenfalls den Ring schrieb - gleichzeitig mit Wagner. Sogar vor
seinem ungeliebten Kappenbruder vermochte er seine Manipulationen zu ver-
heimlichen! Der Intrigant machte es sich zunutze, daß Wagner im Zürcher Exil
gerade in das Nachbarhaus der Villa Wesendonk eingezogen war, und in das Her-
zelein von Frau Wesendonk. Diese Dame trachtete Richard trotz Anwesenheit
ihres Gemahls, ihrer Kinderlein und Wagners Mirura nach dem Seelenfrieden,
welchen sie auch bekam, mit Liebesbrief und rosa Schleifchen drumherum. Ach,
ihr Otto war zu Anfang so verblendet, als er dem Meister das Haus auf dem
Nebengrundstück zur Verfügung stellte, welches >Asyl< genannt ward. Menschen-

127
freund Otto hatte das Gebäude extra für seinen lieben Freund erworben, weil ihm
nämlich zu Ohren gekommen war, daß ursprünglich ein Irrenarzt es kaufen und
dort zwei Dutzend Bekloppte unterbringen wollte. Kurzerhand sagte sich da der
gute Gönner, ein einzelner Wagner sei immer noch weit besser als eine ganze
Klapsmühle, selbst eine unter privater Leitung. Er konnte ja nicht ahnen, daß Wag-
ners Hausstand bald dieselben Formen annehmen und er persönlich unter den
Capricen eines ausgemachten Irren leiden sollte. Der Name des Hauses zumindest
scheint passend gewählt: In jenem >Asyl<, einstens Umschreibung für Heil- und
Pflegeanstalt, kurierte Wagner seinen Freund von allen wahnwitzigen Idealen und
pflegte gleichzeitig ausgiebig seine eigenen Marotten. Dergestalt zerstreut durch
a) die hohe Minne zwischen ihm und Mathilde, eine Liebe, die bekanntlich ihren
musikalischen Niederschlag in Tristan und Isolde fand, wo sie jedoch nicht
annähemd so komisch wirkte, und b) die Nörgeleien der niederen Minna, die
Wagner nicht halb so getreulich nach dem Munde redete wie Papo, sein geliebter
Papagei, war Richard ziemlich leicht von seiner Ring-Aufzeichnung abzulenken.
Das aber machte Mime sich zvntttze, der böse Intrigant. Ganz abgesehen davon,
daß er schon hier die Partituren des Rheingold und der Walküre nach seinem Gusto
umschrieb - wie, das werden wir noch sehen -, konnte detZwerg, wann immer er
von seinen Wühlarbeiten unterm grünen Hügel vorkam, die Macht voll an sich
reißen und den schnöden Mammon regieren lassen. Unter dem Mäntelchen oder
besser Käppi der reinen Menschenliebe verstand er's, Otto weiszumachen, Wag-
ner höchstselbst, der Empfangende, sei der eigentliche Wohltriter in dieser etwas
einseitigen Beziehung: >Ach Gott, wenn ich in Ihrer Lage wzire und es vermöch-
te, würde ich gewiß ganz dasselbe tun, denn Geben ist seliger als Nehmen, das ist
so recht meine Art ... Ich danke Ihnen für Ihr Anerbieten kaum, da ich sicher
weiß, daß das Gefühl, ein solches Anerbieten stellen zu können, eine Wonne sein
muß --<< Ein edler Schnorrer war der Richard immerdar, bloß konnt'es Mime sich
vonZeit zu Zeit nicht ganz verkneifen, jenem eitlen Gönner Otto, der so ganz auf
Dank verzichtete, gar kräftig in den Allerwertesten zu treten.
Hinzu kam ganz erschwerend folgender Umstand: Wesendonks Otto, widerlich
reicher Patrizier, der er war, durfte sich mit dem verfluchten Golde einen Traum
von einer Villa bauen, ein Domizil, wie es nur einem Gott bzw. einem Riesen von
Kapitalisten zukam! Das ging nicht an. Solch ein Walhall von fremder Hand hier
aufgetürmt zu sehen, schmerzte Wagnern in seinem Innersten und reizte den
gerechten Zom des Meisters. Wenn er den Bau schon nicht verhindern konnte,
wollte er zumindest so viel Zaster wie möglich von dem gigantomanischen Pro-
jekt abführen und das fremde Häuschen auf die Art etwas kleiner gestalten. Das-
selbe Prinzip herrschte übrigens auch später vor, als das dumme, blutjunge Frücht-
chen König Ludwig Numero Zweiim Bayernland seine Prachtschlösser errichte-
te. Der Rotzlöffel erdreistete sich gar, mehrere Walhalls oder Walhallen aufzustel-

r28
len, wie ein Kind, welches mit Riesenklötzchen spielen darf! Wagner, als wahres
Genie gleichfalls der einzig wahre König, versalzte Ludewig die Burgenbauerei,
so gut er es vermochte: Neuschwanstein und die anderen Klötze galt es zu unter-
höhlen, sofem sie nicht bereits vor ilrer Errichtung zum Einsturz zu bringen
waren. Wie aber vermag man einen so ekelhaft reichen Gönner zu bekämpfen,
einen Jüngling, der schon seit dem zwölften Lebensjahr darauf gelauert hat, als
allererste Amtshandlung nach der Thronbesteigung sein ihm ausgeliefertes Opfer
zu erwählen, den Fünfzigjähr'gen mir nichts, dir nichts dem Hungertod sowie
dem wohl'gen Schatten des Schuldturms zu enfeißen und ihn in grausam-kindi-
scher Willkür kurzerhand zu seinem Leib- und Magenkomponisten zu erkläen?
Da gab es nur eine Möglichkeit, wie dieser >Märchenkönig< möglichst unschäd-
lich zu machen war: Richard spielte mit ihm, so wie auch mit den meisten ande-
ren, das Mdrchen vom Schwan, kleb' an! Ludwig schien schließlich ganz vernarrt
in Schwäne, seit er einstens als noch nicht Sechzehnjähr'ger den Lohengrin
gesehn. Der Knabe hielt Wagnem ftir den legitimen Schwanenritter, der er tatsäch-
lich war; denn wer immer ihn berührte, klebte fortan an ihm mit einer Loyalität,
die man nur unheimlich nennen kann. Was jedoch insbesondere für den Mann
unter der Schwanenmaske zählte, war der Begleitumstand, daß auch das Geld und
Gold seines Gefolges an ihm kleben blieb wie Pech, nur eben sehr viel angeneh-
mer. Ein Kuriosum an besagter Situation bestand darin, daß haargenau dasselbe
Gold, welches der König zum Bau dessen verwenden wollte, was er für seine und
des Meisters Gralsburg hielt, dem Mime in die Hände fiel, zur Konstruktion >sei-
nes< Walhalls. Färwahr ein einz'ges Chaos!
Mime treibt's immer toller, holt hinter Richards Rücken all seine alten Revoluz-
zerbrüder ins Reich Bayem und treibt tiefe Risse zwischen Volk und König. Des-
sen Großvater hatte man dereinst der Tänzerin Lola Montez wegen vom Thrön-
chen geschubst; nun ist Richard da, den man in Münchner Kreisen bald >Lolus<
nennt ... Nur ist's der König, welcher tanzt, und zwar nach Rattenfänger Mimes
Pfeife. Zum Glück fär Ludwig 2 zitiert Wagner Hans von Bülow zu sich an sei-
nen Hof, mit ihm sein ungetreues Weib, Cosima, diese eingebor'ne Liszt. Daß er
sich Bülows Frauchen untem Nagel reißt, darf niemanden entrüsten; schon lange
vorher nannte er Hansemann sein >Alter-Ego<, und so einem kann man logischer-
weise gar nichts wegnehmen, wenn man die Sachlage richtig betrachtet. Alsdann:
Schwan, kleb' an! Ludwigs Glück besteht darin, daß Klatsch und Tratsch in sei-
nem Mdrchenkönigreich durch Cosimas und Richards Eskapaden immer lauter
werden, so daß Wagner ihn quasi selber dazu zwingt, den Proteg6 an die nicht-
bayrische Luft zu setzen. Wagners Glück besteht darin, daß er zwar weiter Lud-
wigs vitaminreiche Finanzspritzen erhält, jedoch den vor Begeisterung hecheln-
den Atem des Mäzens nicht dauernd mehr in seinem Nacken spürt. Er wohnt mit
Cosima jetzt tn einem Orte bei Luzem, Triebschen genannt, und mit diesem sei-

129
nem Triebschen muß er sich fortan auseinandersetzen. Richard weiß nicht, welch
abgebrühtes Wesen Cosima in ihrem Innem ist: Es ist der größenwahnsinnige
Zwerg in ihm, dem ihre Liebe eigentlich gehört und dem sie hörig ist. Mit Mime
ist die getreue Treulose im Bunde, exemplarische Brecherin aller Verträge wie
sonst nur Siegfried! Cosima n2imlich treibt dem Richard endgültig all seine Flau-
sen aus dem Hirn, den Quatsch von Menschenliebe, Gleichheit und sozialem Stre-
ben nach dem Gral. Sie hält's mit Mime, hält's mit seinem Hang zum Golde und
seinem geheimen Wunsche, Walhall für sich aufzubau'n - und ewig zu erhalten!
Als eingefleischte Aristokratin, die sie ist, bringt sie Wagnem dazu, den Glau-
ben an die Ungleichheit der Menschen anzunehmen, an die Elitestellung seiner
eig'nen hehren Kunst. Wir, die wir wissen, wie der Marm seine Mitmenschen ohne
Eigennutz stets liebte, können errnessen, was für einer Gehirnwiische Cosima ihn
da unterzogen haben muß ... Und Mime, ihr lüstemer geheimer Buhle, lachte sich
ins Fäustchen und schrieb, wie im folgenden kurz angedeutet, sämtliche Partitu-
ren des Nibelungenrings in seinem Sinne um.
Wie allgemein bekannt, waren dem Meister die geschrieb'nen Worte nicht min-
der wichtig als die zugehörige Musik. Man liest das Werk zwischen den Zeilen des
Textes, hört die Töne zwischen den Noten der Partitur. Beide Aspekte galt es nun
zu verändem mit schier unendlicher Behutsamkeit, so daß der Richard selbst den
Schwindel nicht durchschaute. Zweierlei wollte Mime sich erkämpfen: 1. Eine
angemessene Selbstdarstellung, weil doch aus dem Prinz Eisenerz-Projekt gar
nichts geworden war, wdtrend Wagner als Holl2inder, Tannhäuser, Lohengrin und
Tristan in Verklärung und Erhöhung glänzen durfte. 2. Nichts weniger als den end-
gültigen Sieg des Goldes über die Liebe - und der mit diesem Gold ge-
schaff'nen Burg Walhall. Der Eingeweihte weiß, daß Wagners Noten oftmals mehr
aussagen als jede Geste oder Blume. Steht beispielsweise Loh'ngrins Elsa am Bal-
kon und macht schmachtend Winke-Winke, kann das zu gleicher Zeit durch das
Orchester intonierte Leitmotiv uns zu verstehen geben, was sie tatsächlich denkt,
nZimlich: >Ach hol' dich doch endlich der Schwan, zum Kuckuck!< Durch solche
Griffe in die musikalische Tlickkiste wurde Wagner berühmt; Mime, der dieselben
Kniffe anwandte, blieb im Verborgenen, wie es seiner Neigung und Natur ent-
sprach. Seinen Dreh- und Fußangelpunkt bildet das Tarnkappen-Leitmotiv, wel-
ches stets unsichtbar und ebenso unhörbar bleibt und ihm deshalb auch überhaupt
nicht nachzuweisen ist! Es gibt lediglich zwei Anhaltspunkte in der original
gefdlschten Partitur, die sich, in unsäglich farbloser Tinte hinzugefügt, durch die
gesamte Tetralogie plus Vorspiel schlitngeln wie ein winziger getamter Lindwurm:
Es sind dies zum einen die harmlos anmutenden musikalischen Vorhagsanweisun-
gen >cresc.<, also crescendo, und >decresc.<, d.h. decrescendo. Jeder Nichtahnende
inklusive Wagner mußte das flir die einfachen Bezeichnungen für )anschwel-
lend/abschwellend< bzw. >lauterÄeiser werdend< halten, wie es die übliche haxis

130
förmlich gebot. Doch was heißt das Wort crescere anderes als Wachsen, decresce'
re dagegen Schrumpfen! Denn das ist durchaus wörtlich zu verstehen in diosem
speziellen Fall. Sobald Mime irgendwo auftriff, braucht er sich in der Szene phy-
sisch gar nicht zu verändem, weil schon die Anweisung, das Leitmotiv uns kund-
tut, daß der Kerl dauernd über sich hinauswächst. Musikalisch halt. Und geht der
Mime weg, Göttergezücht und Riesengeschlecht ihrem Schicksal überlassend, wir-
d's sofort wieder leiser im Orchestergraben (den Mime übrigens selber gezogen
hat). Doch die andere musikalische Anweisung ist von weit größerer Bedeutung,
alldieweil sie die Handlung des gesamten Rings in völlig neuem Licht erscheinen
lZißt. Es ist dies die folgenschwere Bezeichnung >a capp.<
Obige Abkürzung muß den unwissenden Leser oder Kapellmeister dazu verlei-
ten, die solcherart markierte Stelle a cappella zu interpretieren, d.h. zu glauben,
Sänger und/oder Sängerin sollten hier ganz ohne Begleitung singen, wie in der
Kapelle eben. Sicher wird der Getäuschte zunächst stutzen, denn Gesang ohne
Orchester scheint ausgerechnet für Wagner, den Mann mit dem Riesentamtam,
gelinde gesagt uncharakteristisch. Wie soll der Normalsterbliche auch begreifen,
daß dieses >a capp.< nichts mit Kapellen zu tun hat. Es heißt in Wahrheit schlicht
a cappello und bedeutet >mit Hut<, stellt mithin den eigentlichen Grundstein dar
für das so überaus wichtige Tarnkappen-Leitmotiv! Dieses Form- und Ausdrucks-
mittel der getarnten Tarnkappe hndet in der gesamten Musikwelt des Okzidents
wohl kaum noch seinesgleichen. Wo immer nämlich das Wort >a capp.< in der Par-
titur erscheint, braucht Mime gar nrcht in persona aufzutauchen, denn man weiß
schon, daß er entweder unsichtbar auf der Bühne weilt oder, weit naheliegender,
sich unter seinem Hut ftir eine der anderen agierenden Figuren ausgibt!
Selbstversfändlich ändert das den Verlauf der Tetralogie in einem Maße ab, daß
man von einer vollständigen Umwandlung, ja Umkehrung der zugrundeliegenden
philosophischen Bedeutung sprechen muß. Fassen wir also anhand des durch >a
capp.< gekennzeichneten Motivs zunächst kurz die einschneidendsten Transfor-
mationen zusarnmen: Im Rheingold ist Zwerg Mime, der nicht nur von Göttern,
sondern auch einem fiesen Zwergenbruder unterdrückt wird, keineswegs so blöd,
die Tarnkappe aus der Hand zu geben, ohne sich zuvor eine Zweitkappe geschmie-
det zu haben. Das Know-how dazu besitzt er schließlich. Mit dieser Kappe stiftet
er das hundsgemeine Chaos, welches sich gemeinhin Die Walküre, Siegfried und
Götterdrimmerung nennt.In der Walküre scheint Mime überhaupt nicht mitzuma-
chen, was uns nimmermehr zu fäuschen vermag. Der Walküre Brünnhilde ihr
brünstiges Roß, das aufgrund seines auf der Walstatt ausgeübten Berufes als Wal-
roß zu bezeichnen ist und zudem Grane heißt, wird im Text ausdrticklich erwähnt,
jedoch nicht vorne im Personenverzeichnis, wahrscheinlich weil es nicht singt.
Dieses Roß ist der getamte Mime, der mit seinem Pferdeverstand stets die Hand-
lung miwerfolgt; daß er im rasenden Galopp öfter ins Schwitzen kommt, stört ihn

t3t
nicht, denn auch das Schmiedehandwerk ist eine ziemlich heiße Sache. Im Sleg-
friedwiederum mischt er kräftigst mit, und zwar mehr unerkannt als offen. Mime
kriegt Siegfried, den er irgendwann zwischen Walkürenschluß und L Szene Sieg-
fried aufgezogen hat, dazu, sich sein Schwert zu schmieden, weil er selber es
angeblich nicht kann, der Schwindler. Siegfried geht den Drachen erschlagen und
badet in dessen Blut, was ihn, wie der Dämlack glaubt, dazu befähigt, die Stim-
men der Tiere zu verstehen. Doch warum singt das verdächt'ge Waldvöglein wohl
>a capp.<? Antworf Weil es der getarnte Mime ist, der Siegfried listig vor sich sel-
ber warnt, ihn gar noch aufhetzt, ihn gleich umzubringen. Mime weiß, daß er,
wenn er schon im 2. Aufzug mausetot scheint, in der Götterdcimmerung wirken
kann, wie es ihm paßt. Deshalb verwandelt er sich stracks in Mime zurück, gibt
auf Siegfrieds Stichworte hin die provozierendsten Antworten (>Ich will dem
Kind nur den Kopf abhaun!<) und wartet auf den vermeintlich tödlichen Hieb. Er
weiß doch, daß das Schwert aus der Theaterrequisite stammt und niemanden auch
nur ritzen könnte; der Drache wußte das leider nicht und ist demnach vor lauter
Schreck krepiert. Ubrigens kann man den Waldvogel durch die Modulation seines
Gesanges eindeutig gattungsmäßig einordnen und als Goldamner identifizieren . . .
Was allerdings einen Gipfelpunkt an Dreistigkeit und Geschick darstellt, ist der
Kniff Mimes, die Rolle des geheimnisvollen Wanderers zu übernehmen. Jeder
Unbedarfte hält den Wanderer mit dem Schlapphut und derAugenklappe für Gott
Wotan, der zum Aussteiger geworden ist. Tatsächlich ist er Mime! Entsprechend
schwierig gestaltet sich die Situation im 1. Aufzug,2. Szene, wo der Dialog bzw.
das Selbstgespräch Mime-Wanderer geführt wird. Diese Stelle verlangt einen Sän-
ger mit ausgeprägten bauchrednerischen Qualitäten. Doch wer freiwillig Wagner
singt, dem wird schließlich stets das Allerletzte abverlangt, von Stimmbändern
und Zwerchfell. Schreiten wir nun zur Götterdrimmerung, in der es nur noch drun-
ter und drtiber geht, ohne Rücksicht auf Verluste. Wir erkennen unschwer, daß
Mime sich wiederum in das Walroß Grane verwandelt hat, mit gutem Grund:
Siegfried sagt seiner Tante Brünnhilde, welche auch seine Frau ist, aus unerfind-
lichen Motiven Lebewohl und zieht von darmen. Wen jedoch nimmt er mit ins
Zentrum der Handlung? Tantchens Pferd Graneffime. So kommt Freund Mime
an den Rhein, zur Burg der Gibichungen, wo er prima intrigieren kann. Siegfried
säuft den Trank, vergißt Tante und Braut und erklärt sich bereit, dem Gunter die
Brünnhilde selbst zu freien. Als angeblich Siegfried mit seinem Käppchen zu
Timte Hilde geht, als Gunter verkleidet, ist es aber in Wahrheit Mime, der mit sei-
nem Zweitkäppchen zu Hilde geht, als Siegfüed verkleidet, der sich als Gunter
getamt hat. So weit, so klar. Durch diese Freveltat kommt alles Weitere ins Rol-
len. Siegfried wird umgebracht, Hagen säuft ab, Tante Brünnhilde ist untröstlich.
Mime beginnt innerlich zu frohlocken, denn er sieht sich schon fast im Besitz des
Ringes, des Goldes, der Burg Walhall und überhaupt. Da erschreckt Hildchen ihn

t32
ein letztes Mal noch fast zu Tode: Sie will in ihrer Trauer auf den Scheiterhaufon,
zusammen mit ihrem Neffen und - dem Gaul! Oh Gott, das muß verhindert wer-
den! Wotan sei Dank besitzt Mime das Käppchen; als der Scheiterhaufen hoch
auflodert, verwandelt er sich von Grane, dem Walroß, in ein Seepferd, welchos
munter in den Rhein entfleucht. Ha! meinenvielleicht nun sogenannte Kenner, die
Rheintöchter kriegen aber doch den Ring! Wir wissen, wie verspielt und - sagen
wir's offen - selten dämlich diese Weiber sind: Für einen Ritt auf dem neckischen,
süßen Seepferdchen geben sie den Tänd garantiert sofort wieder ab. Wetten? Und
im Vertrauen auf seinen letztendlichen Sieg singt Mime, während in der Ferne
Walhall untergeht, das Couplet: >>Marmor, Stein und Eisen bricht,/ Doch mein
Rheingold kriegt ihr nicht!< Allerdings wurde der Zweizeiler von Cosima Wagner
heimlich aus der original gef?ilschten Partitur entfernt, denn Mime hatte sich
törichterweise, vom Rheinwein erfüllt, zu dieser Enttarnung hinreißen lassen. Die
Genugtuung muß wohl zuviel für ihn gewesen sein.
Und so lebten Zwerg Mime und seine Gattin Cosima glücklich und in Frieden
in Bayreuth, in ihrer Villa Größenwahn, während ein and'rer Sachse, May mit
Namen, seine Villa Bärenfett benannte. Cosima ward fortan die Verwalterin des
Hügels, unter welchem Mime buddelte und auf welchem Sänger aus allen Län-
dem Festspiele zu Ehren des Gottes Wotan Wagner aufführten. Der alte Revoluz-
zer Richard, er war nicht mehr zu finden; mit ihm entschwunden war zugleich der
feste Vorsatz, den Ring des Nibelungen einzig darzustellen, um zu zeigen, wie
man die schnöde, bourgeoise, goldgeschaff'ne Festung mit sozialistischem Elan
zum Einsturz bringt, wie's sich für Menschenfreunde halt gehört. Aus dem ehe-
maligenTraum, einen Bühnenbau am Rhein zu errichten, dieNibelungez dort auf-
zuführen, um das Gebäude sogleich wieder abzureißen, hatte sich ein über-
ird'sches Etablissement entwickelt, welches kein menschlich'Wesen anzutasten
mehr imstande war. Es fragt sich bloß: Jenes Gebäude, welches da im Ring zum
Schluß verkokelte - war das wirklich die Feste Wotans oder vielleicht gar ... die
Gralsburg?

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