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Die Wende als radikaler Umbruch im Roman "Simple Storys" von Ingo

Schulze
IngoSchulzesRoman”SimpleStorys”.Ein Roman aus derostdeutschen Provinz erzählt in
aneinander gereihten kurzen Geschichten vom Leben in der thüringischen Stadt Altenburgin
denerstensechs Jahrennachdem Fall der Mauer. Die Sorgen, Lebensumstände, Wünsche und
Beziehungen seiner nahe zuausschließlichen Ost‐Figuren stehen im Mittelpunkt des Romans
und lassen so eine Stimmung entstehen, die dem Leser einen Einblick in das Lebensgefühl der
Post‐Mauerfall‐Atmosphäregibt.Schulze machte keinen Hehl daraus, dass ihn Meister der
Kurzprosa wie R. Carver, E. Hemingway und R. Ford zum Schreiben des Romans
inspirierten. Der Autor war auch sehr beeindruckt von R. Altmans „Short Cuts“.

Durchnseinen Stil, der sehr an die amerikanische stort story schafft Schulzeeinebeklemmende
unddesillusionierteStimmung, inderdieFigurenderDingeharren,diedakommenmögen.Schon
der Titel verweist auf sein literarisches Programm. Nicht um Geschichte geht es ihm, sondern
um einfache Geschichten, nicht um ein einig Volk, sondern um einzelne Menschen.

Jede einzelne Geschichte zeichnet das charakteristische Bild einer Zeit, eines Lebensgefühls.
Geschichten erweisen sich als subjektive Realitätsfragmente, die sich nicht nur ergänzen,
sondern auch eine Vorstellung von historischer Wahrheit relativieren.

Schulze erzählt von Schuld und Verstrickung, er untersucht das Gift der Lüge und der
Feigheit und wie es in den Menschen entsteht, und seine Geschichten sind moralisch. Der
Generation, die am meisten von der Wende betroffen wurde, gehilren diejenigen Menschen
an, die sich zur Zeit der Wiedervereinigung in der mittleren Phase ihres Lehens befanden, also
zu jener Zeit ungefähr dreißig Jahre alt waren oder Anfang vierzig. Für sie bedeutete die
Wende einen radikalen Umbruch in ihrem Leben. Diese Umbruchssituation verband sich sehr
häufig mit der Entwertung worhandener beruflicher Qualifikationen, was meistens
Arbeitslosigkeit zur Folge hatte. Der Umhruch äußerte sich vor allem dadurch, dass bisher
Vertrautes durch Fremdes und Neues ersetzt wurde.

Im ersten Kapitel wird der Leser sofort in die Grundproblemen des Romans eingeführt.
Schulze gestattet seinen Figuren keine Gefühle, keinen inneren Monolog.Die Geschichte der
Italienreise von Ernst und Renate Meurer ist die Stimmungslage der Menschen, die nach der
Wende in Altenburg lebten. Das Problem beim Ehepaar Meurer auf der Reise: Sie sind in
einem fremden Land, kennen weder die Landessprache noch die Sitten und fühlen sich
deshalb unsicher: "Für mich klang alles nach Honolulu.","Wir waren zu dick angezogen.”.

Die alte Gesellschaftsstruktur der DDR ist nicht mehr leistungsfähig und die Menschen
müssen mit den Innovationen der Welt fertig werden. Die Problematik des Identitätsverlustes
wird im ersten Kapitel deutlich dadurch, dass Ernst und Renate Meurer gefälschte Pässe
angeboten werden und in der Folge auch ihre Namen geändert wurden.

Hinter jeder Geschichte steckt ein Gefühl, das im gesamten Buch gekonnt konstruiert wird.
Kurz gesagt, wie uns Schulze auf subtile und einfache Weise sagt, ist der Osten nicht der
Westen.
Das Verständigungsproblem macht sich auch im ersten Kapitel gut bemerkbar, als Renata und
Ernst im Restaurant sind. Sie sprechen kein Italienisch und haben daher Probleme, sich in
Italien zurechtzufinden.”Ernst versuchte, den Kellner heranzuwinken, während ich
daraufachtete, daß sein Finger nicht von der Zeile mit »Pizza con funghi«rutschte.”

In ihrer Beziehung gibt es auch Verständigungsprobleme.“ Ernst und ich haben nicht viel
geredet, aber immerhin mehr als in den letzten Monaten.“

Geldsorgen werden im ersten Kapitel „Enst und Renata essen aus dem Rucksack mit Essen
und können es sich nur einmal leisten, in einem Restaurant zu essen“ erwähnt.

Neben all diesen Neuerungen hat es Veränderung mit sich gebracht, das heißt, das Gefühl des
Unbekannten, der Verlust der Identität, Kommunikationsprobleme, das Scheitern in
zwischenmenschlichen Beziehungen und Geldsorgen, die Vergangenheit taucht immer wieder
auf.

In „Simple Stories“ bietet Ingo Schulze seinem Leser die Möglichkeit, nach und nach in ein
sehr dichtes gesellschaftliches Gefüge, ein Gefüge vieler Akteure einzutauchen. Ein in einem
einzelnen Kapitel behandeltes Thema, das vom Leser nicht immer vollständig verstanden
wird, wird dann aufgegriffen und aus einem anderen Blickwinkel behandelt.