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Spiegeltherapie - ein neues Verfahren in der Therapie neuropathischer


Schmerzen

Article  in  DMW - Deutsche Medizinische Wochenschrift · October 2007


DOI: 10.1055/s-2007-985658

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4 authors, including:

Michael Zenz Christoph Maier


Ruhr-Universität Bochum Ruhr-Universität Bochum
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Übersicht | Review article 2159

Spiegeltherapie – ein neues Verfahren in der Therapie


neuropathischer Schmerzen
Mirror feed-back – a new method for the treatment of neuropathic pain

Autoren A. Schwarzer 1, 2 S. Glaudo 1 M. Zenz 2 C. Maier 1

Institut 1 Abteilung für Schmerztherapie (Prof. Dr. C. Maier); Berufsgenossenschaftliches Universitätsklinikum


Bergmannsheil Bochum
2 Klinik für Anaesthesiologie, Intensiv-, Palliativ- und Schmerzmedizin (Prof. Dr. M. Zenz);
Berufsgenossenschaftliches Universitätsklinikum Bergmannsheil Bochum

Einleitung Verarbeitungsprozesse im Gehirn – und so letztlich Schmerztherapie,

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5 den Schmerz – positiv zu beeinflussen. Rama- Neurologie
Die Spiegeltherapie ist ein Therapieverfahren zur chandran et al. [27] beschrieben erstmals den Ein-
Schlüsselwörter
Behandlung von Nervenschmerzen, d.h. von satz von visuellem Feedback mittels Spiegel bei
Schmerzen, die durch eine Läsion bzw. Erkrankung Probanden mit Phantomschmerzen; „we used a
q Spiegeltherapie

des peripheren oder zentralen Nervensystems her- mirror to resurrect the phantom visually in order
q neuropathischer Schmerz
q Phantomschmerz
vorgerufen sind. Den theoretischen Hintergrund to explore intersensory effects“ (S. 489). q kortikale Reorganisation
dieses Verfahrens bilden Erkenntnisse der moder-
nen Schmerzforschung, die sich auf Veränderungen Key words
der Gehirnfunktion in der Folge von Schmerzen so- Kortikale Reorganisation und Schmerz q mirror feedback
wie Einfluss von sensorischen und motorischen 5 q neuropathic pain

Trainingseffekten auf das Schmerzerleben beziehen. Entgegen der früheren Annahme, dass chronischer
q phantom limb pain

Schmerz immer zu einer Vergrößerung des korti-


q cortical reorganisation

Jeder Mensch repräsentiert die auf ihn einströ- kalen Repräsentationsareals führt [8], existieren
menden Sinneseindrücke in seinem Gehirn. Anhal- mittlerweile eine Vielzahl von experimentellen Be-
tende Veränderung sensorischer Information führt legen, dass chronischer Schmerz bei verschiedenen
zu einer Änderung der kortikalen Funktion und neuropathischen Schmerzsyndromen mit einer
Struktur und wird als kortikale Reorganisation Verkleinerung des entsprechenden kortikalen Re-
oder Neuroplastizität bezeichnet. Dies betrifft so- präsentationsareals einhergeht [10, 23, 25]. Dies
wohl nichtschmerzhafte als auch schmerzhafte betrifft Deafferenzierungsschmerzen, die mit ei-
Sinneseindrücke. So ändert sich bei Geigern oder nem fehlenden oder gestörten afferenten sensori-
Lesern der Braille-Schrift die kortikale Repräsenta- schen Input einhergehen, z.B. Phantomschmerzen
tion der Finger [6, 22]. Für verschiedene Krank- oder Schmerzen beim komplexen regionalen
heitsbilder, die mit Nervenschmerzen einherge- Schmerzsyndrom (CRPS, Morbus Sudeck). Als Fol-
eingereicht 21.5.2007
hen, konnte gezeigt werden, dass sich das Gehirn ge dieser gestörten Afferenz kommt es im somato-
akzeptiert 16.8.2007
der Betroffenen in charakteristischer Weise verän- sensorischen Kortex zu einer Ausdehnung benach-
dert. Diese Erkrankungen gehen einher mit einer barter Repräsentationsareale in das Gebiet, das die Bibliografie
Verminderung der sensorischen Empfindung an vormals gesunde Extremität repräsentierte; diese DOI 10.1055/s-2007-985658
der betroffenen Extremität und mit Veränderun- kortikalen Veränderungen können mit Schmerzen Dtsch Med Wochenschr 2007;
gen der korrespondierenden kortikalen Areale. einhergehen (q Abb. 1). Klinische Auswirkungen, 132: 2159–2162 · © Georg
die z.B. nach einer Amputation auftreten können, Thieme Verlag KG Stuttgart ·
New York · ISSN 0012-0472
Die medikamentöse Behandlung neuropathischer wurden in verschiedenen Fallbeispielen beschrie-
Schmerzen ist oftmals unbefriedigend. In den letz- ben [26]. So berichteten Patienten nach Oberarm-
Korrespondenz
ten Jahren sind verstärkt senso-motorische und amputation bei Berührung der ipsilateralen Ge- Dr. med. Dr. phil. A. Schwarzer
imaginative Trainingsprogramme entwickelt wor- sichtshälfte über Phantomsensationen bzw. - Abteilung für Schmerztherapie;
den, die bei der Behandlung dieser Schmerzen ne- schmerzen; dies entspricht der Topographie von Klinik für Anaesthesiologie, In-
ben der medikamentösen Therapie eingesetzt Hand und Gesicht in der Folge von neuroplasti- tensiv-, Palliativ- und Schmerz-
werden. Zu diesen neurorehabilitativen Therapie- schen Veränderungen nach einer Armamputation. medizin, Berufsgenossenschaft-
liches Universitätsklinikum,
verfahren gehört die so genannte Spiegeltherapie.
Bergmannsheil Bochum
Hier wird mit Hilfe eines Spiegels versucht, die Kortikale Reorganisationsprozesse erfolgen im Ge-
Bürkle-de-la-Camp Platz 1
perfekte Illusion einer gesunden Extremität zu er- hirn innerhalb von Stunden, teils sogar Minuten 44789 Bochum
zeugen, um so im Rahmen eines senso-motori- [31,32] und sind reversibel. Hier liegen die wesent- eMail Andreas.Schwarzer@
schen Trainings die krankheitsbedingt veränderten lichen therapeutischen Ansatzpunkte. Sowohl Be- ruhr-uni-bochum.de
2160 Übersicht | Review article

Motorisches System

Spiegel-
therapie

Visuelles System Körperschema Nozizeption

Imaginations-
training

Sensorisches Training
Sensorisches System

Abb. 2 Heuristisches Schema der für die Nozizeption wichtigen Interakti-


Abb. 1 Funktionelle Magnetresonanztomographie bei einem Patienten mit on von motorischem und sensorischem System mit den jeweiligen Ein-
CRPS ohne Nervenverletzung (M. Sudeck); dargestellt ist die Verkleinerung flussmöglichkeiten von visuellem System und Körperschema; Ansatzpunkt
der kontralateralen kortikalen Repräsentationsareale im somatosensorischen verschiedener Therapieverfahren sind dargestellt.
Kortex vor (A) und die weitgehende Normalisierung dieser Areale nach (B) ei-
nem senso-motorischen Training (zur Methodik s. Pleger et al. [25]).
Visuelle Kontrolle, Motorik und Schmerz
5
handlung mit Opioiden [13] als auch senso-motorisches Training Ein gemeinsames Merkmal von Krankheitsbildern mit Deaffe-
können zu einer Veränderung der kortikalen Reorganisation führen. renzierungsschmerzen ist die Beeinträchtigung des Kreislaufs
Durch senso-motorisches Training soll bei fehlendem oder verän- von motorischer Intention, propriozeptivem Feed-back und vi-

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dertem afferentem Input eine Wiederherstellung der vormaligen suellem Eindruck; diese Beeinträchtigung erleben die Patienten
kortikalen Strukturen mit dem Ziel erreicht werden, dass damit ein- als Schmerz [12, 28]. Weitere klinische Beispiele, die mit Inkon-
hergehend auch der Schmerz reduziert wird. Bei Patienten nach ei- gruenz von Afferenz und visuellem Eindruck einhergehen, stel-
ner Armamputation konnte der Erfolg eines solchen Vorgehens ge- len z.B. Übelkeit und Erbrechen bei Bewegungserkrankungen
zeigt werden [9,14]; in der Folge eines sensorischen Diskriminati- oder auch Schmerzen bei fokalen Dystonien dar.
onstrainings im Bereich des Stumpfes kam es bei allen Patienten zu
einer nachhaltigen Schmerzreduktion und zu einer Rückbildung der Der visuelle Eindruck und die Körperwahrnehmung bedingen
amputationsassoziierten kortikalen Reorganisation. Vergleichbare entscheidend die kortikale Repräsentation und Bewertung der
Ergebnisse zeigten sich auch nach einem senso-motorischen Trai- wahrgenommenen Information; gerade der visuelle Eindruck
ning bei Patienten mit CRPS; verbesserte taktile Diskriminationsfä- scheint ein besonders potenter Stimulus zu sein [29]. Die Be-
higkeit und Wiederherstellung der vormaligen kortikalen Organisa- deutung der Übereinstimmung von visuellem und sensori-
tionsstruktur gingen mit einer Schmerzreduktion einher [24,25]. schem Eindruck verdeutlicht die Untersuchung von Schäfer et
al. [30]. Bei synchroner Stimulation der eigenen und einer via
Dem Gedanken der Wiederherstellung kortikaler Organisations- Video präsentierten Hand nahmen die Patienten die im Video
strukturen entsprechend untersuchten Lotze et al. [16] den Ein- präsentierte Hand als die eigene wahr; bei asynchroner Stimu-
fluss des regelmäßigen Gebrauchs einer myoelektrischen Prothese lation verschwand dieser Eindruck. Gleichzeitig mit der Stimu-
bei Patienten nach Armamputation. Der häufige und regelmäßige lation stellten sich Veränderungen der kortikalen Repräsentati-
Gebrauch einer myoelektrischen Prothese korrelierte positiv mit on ein – allerdings nur, wenn die beobachtete Stimulation der
der Reduktion von Phantomschmerzen und negativ mit kortikalen eigenen Hand zugeschrieben wurde. Vergleichbare Zusammen-
Reorganisationsphänomenen. hänge im Rahmen der Wahrnehmung einer künstlichen Hand,
die als die eigene Hand empfunden wurde („rubber hand illusi-
Aufgrund der pathogenetischen Bedeutung der kortikalen Reorgani- on“), berichteten Ehrsson et al. [5]. Diskrepanzen von visuellem
sation für Deafferenzierungsschmerzen empfahl Harris [12] als the- und motorischem Eindruck führen dementsprechend zu Beein-
rapeutische Option, die normale somatosensorische Landkarte wie- trächtigungen von Bewegungsabläufen [1].
derherzustellen. Dieser Gedanke wird im Rahmen der Spiegelthera-
pie aufgegriffen. Durch das Spiegelbild der gesunden Extremität und Den Einfluss von motorischem und sensorischem System auf die
ein ergotherapeutisches Training mit dem Spiegelbild soll eine kor- Schmerzwahrnehmung zu nutzen, bildet die Grundlage des ergo-
tikale Veränderung und somit Schmerzreduktion hervorgerufen therapeutischen Trainings (q Abb. 2). Der Spiegel bzw. das Spie-
werden. Die Bedeutung des Spiegelbildes für die kortikale Repräsen- gelbild ersetzt als visueller Eindruck beim amputierten Patienten
tation demonstrierten Dohle et al. [4]. Sie präsentierten Probanden den taktilen Reiz. Ein Patient, der die vermeintliche Bewegung sei-
deren reale Hand über einen Monitor als die kontralaterale und ner amputierten Hand im Spiegel sieht, erfährt auf diese Weise so-
konnten im korrespondierenden visuellen Kortex der auf dem Bild- wohl direkte visuell-sensorische Informationen als auch Reize
schirm gezeigten Hand entsprechende Aktivität nachweisen. durch Stimulation des motorischen Systems.

kurzgefasst kurzgefasst

Das Ausmaß der kortikalen Veränderungen in der Folge Durch die Spiegeltherapie soll der beeinträchtigte Kreislauf
von Nervenverletzungen scheint mit dem Ausmaß des er- von motorischer Intention, propriozeptivem Feed-back
lebten Schmerzes zu korrelieren [7]. Durch die Illusion und visuellem Eindruck wiederhergestellt werden.
zweier gesunder Extremitäten durch einen Spiegel und ein
entsprechendes Training sollen die kortikalen Veränderun-
gen rückgängig gemacht werden.

Dtsch Med Wochenschr 2007; 132: 2159–2162 · A. Schwarzer et al., Spiegeltherapie – ein …
Übersicht | Review article 2161

gleichfalls nicht kontrollierten Studie setzte Moseley [21] die


Spiegeltherapie erfolgreich bei Patienten mit neuropathischen
Schmerzen nach Rückenmarksverletzung ein. Im Vergleich mit
Kontrollbedingungen konnte durch die Spiegeltherapie („virtual
walking“) bei den paraplegischen Patienten (vier von fünf Pati-
enten) eine deutlich Schmerzreduktion (> 50%) erzielt werden.

Giraux und Sirigu [11] zeigten bei drei Patienten mit Armple-
xusläsion den Effekt eines der Spiegeltherapie vergleichbaren
Trainingsprogrammes. Bei zwei von drei Patienten konnten sie
Abb. 3 Patienten mit Oberarm- bzw. Oberschenkelamputation bei der mittels funktionellem MRT vor und nach dem Training eine neu
Spiegeltherapie. aufgetretene erhöhte Aktivität im kontralateralen primär moto-
rischen Kortex aufzeigen – begleitet wurde dieser Effekt von ei-
ner signifikanten Schmerzreduktion. Weiterhin wird in Einzel-
Durchführung der Spiegeltherapie fallbeschreibungen über positive Effekte der Spiegeltherapie
5 berichtet [15, 17, 26].
Unter der Spiegeltherapie ist die Präsentation des Spiegelbilds
der gesunden Extremität zu verstehen, das an Stelle der er- Zwei kontrollierte und randomisierte Studien zur Spiegelherapie
krankten oder nach Amputation nicht mehr vorhandenen Extre- liegen vor, bei denen allerdings in der jeweiligen Kontrollbedin-
mität durch den Patienten wahrgenommen wird. Zu diesem gung die möglichen unspezifischen Effekte der Spiegelbedingung

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Zweck steht vor dem Patienten in der Sagittalebene ein Spiegel, nur unzureichend berücksichtigt wurden. Moseley [20] imple-
hinter dem sich die erkrankte bzw. nicht mehr vorhandene Ex- mentierte die Spiegeltherapie in ein umfangreicheres Trainings-
tremität des Patienten befindet. Der Patient blickt in den Spie- programm bei Patienten mit verschiedenen Krankheitsbildern
gel und realisiert im Idealfall zwei „gesunde“ Extremitäten. Un- (Phantomschmerzen, CRPS und Plexusläsionen; n = 51). Dieses
ter dieser Bedingung wird dann unter ergotherapeutischer An- Trainingsprogramm berücksichtigte neben der Spiegeltherapie ein
leitung ein senso-motorisches Trainingsprogramm durchge- Training der Lateralisationswahrnehmung und der Imagination. Es
führt. Der Ablauf des Trainings gliedert sich in eine Evaluations- sollte durch die Abfolge der einzelnen Programmbestandteile, der
und Trainingsphase. Nach ca. fünf Therapiesitzungen kann ab- entscheidende Relevanz für den Therapiererfolg beigemessen
geschätzt werden, ob ein schmerzreduzierender Effekt eintritt. wurde [19], eine sequentielle Aktivierung von prämotorischen und
Im positiven Fall schließen sich 10–15 weitere Therapieeinhei- motorischen Kortexarealen erfolgen. Die Durchführung dieses
ten an. Inhaltlich lassen sich drei verschiedene Trainingsele- Trainingsprogramms führte zu einer signifikanten Schmerzreduk-
mente unterscheiden – sensorische und motorische Übungen tion und signifikanten Verbesserung der Extremitätenfunktion im
sowie Bewegungsübungen, die mit verschiedenen Medien un- Vergleich mit einer medizinischen Standardbehandlung; die posi-
terstützt werden (Abb. 3). Im Anschluss an das Training kann tiven Effekte überdauerten eine Follow-up-Untersuchung sechs
der Patient mit einem eigenen Spiegel das Erlernte eigenständig Monate später. Brodie et al. [2] untersuchten bei 41 bzw. 39 rando-
fortführen. misiert zugeteilten Patienten nach Amputation der unteren Extre-
mität den Einfluss von Spiegeltherapie bzw. einer Kontrollbedin-
Indiziert ist dieses Vorgehen bei Patienten mit Deafferenzie- gung (Betrachtung der gesunden Extremität) u.a. auf Phantom-
rungsschmerzen; konkret betrifft dies Patienten mit Schmerzen schmerzreduktion und gedankliche Beweglichkeit des Phantom-
nach Amputation, beim CRPS (Morbus Sudeck), nach Plexusläsi- gliedes. Es zeigte sich ein signifikanter schmerzreduzierender
on oder nach Hirninfarkt. Gegenwärtig ist davon auszugehen, Effekt, der allerdings in beiden Gruppen auftrat – die Phantombe-
dass der Zeitraum von der Schädigung bis zum Beginn der The- weglichkeit war aber nach der Spiegeltherapie im Vergleich zu der
rapie so kurz wie möglich sein sollte, allerdings stellen auch Kontrollbedingung signifikant verbessert.
längere Zeiträume keine Kontraindikation dar.
kurzgefasst

Bisherige Untersuchungsergebnisse Ergebnisse verschiedener Studien zeigen positive Effekte


5 der Spiegeltherapie, die neben einer Schmerzreduktion mit
Die Untersuchungsergebnisse von Ramachandran et al. [27] einer verbesserten Kontrolle der erkrankten Extremität
zeigten bei der Mehrzahl der Probanden einen positiven Effekt, oder des Phantomgliedes einhergehen.
der sich in einer deutlich verbesserten Beweglichkeit des Phan-
tomgliedes (bei sieben von neun Patienten) und Lösung von zu-
vor schmerzhaften krampfartigen Gefühlen des Phantomgliedes Fazit
(bei vier von fünf Patienten) äußerte. McCabe et al. [18] setzten 5
die Spiegeltherapie erstmals bei Patienten mit CRPS (n = 8) ein. Der Pathomechanismus von Deafferenzierungsschmerzen ist in
Das Ergebnis einer sechswöchigen Intervention mit Spiegelthe- den letzten Jahren weiter aufgeklärt worden. Die beschriebenen
rapie war eine deutliche Schmerzreduktion (> 50%) bei fünf Pa- Zusammenhänge von kortikaler Reorganisation sowie gestörter
tienten, die eine Krankheitsgeschichte von weniger als einem Interaktion von visuellem Eindruck, Propriozeption und motori-
Jahr aufwiesen. Bei den übrigen drei Patienten mit längerer scher Intention sind wesentlicher Bestandteil des Pathomecha-
Anamnese war die Therapie ineffektiv. Darüber hinaus merkten nismus von Deafferenzierungsschmerzen. Spiegeltherapie greift
die Autoren an: „the extent of the analgesic effect surprised in diesen Pathomechanismus ein und stellt so – gerade bei der
both patients and investigator“ (S. 100). Im Rahmen einer oftmals unbefriedigenden medikamentösen Behandlung – eine

Dtsch Med Wochenschr 2007; 132: 2159–2162 · A. Schwarzer et al., Spiegeltherapie – ein …
2162 Übersicht | Review article

wertvolle Alternative bei der Behandlung von Deafferenzie- 10 Flor H, Nikolajsen L, Jensen TS. Phantom limb pain: a case of maladap-
rungsschmerzen dar. Verschiedene Aspekte bleiben jedoch wei- tive CNS plasticity? Nat Rev Neurosci 2006; 7: 873–881
11 Giraux P, Sirigu A. Illusory movements of the paralyzed limb restore
terhin unklar; so sollten auch genetische Faktoren, periphere
motor cortex activity. NeuroImage 2003; 20: S107–S111
Veränderungen oder die Auswirkungen motivationaler und af- 12 Harris AJ. Cortical origins of pathological pain. Lancet 1999; 354:
fektiver Prozesse verstärkt berücksichtigt werden [3, 10]. 1464–1466
13 Huse E, Larbig W, Flor H, Birbaumer N. Effects of opioids on phantom
limb pain and cortical reorganization. Pain 2001; 90: 47–55
Eine Anwendungsbeobachtung der Spiegeltherapie in unserer 14 Huse E, Preissl H, Larbig W, Birbaumer N. Phantom limb pain. Lancet
Klinik bei Patienten nach Amputation zeigte positive Effekte. 2001; 358: 1015
Nahezu die Hälfte der Patienten berichtete im Rahmen einer 15 Karmarkar A, Lieberman I. Mirror box therapy for complex regional
Fragebogenerhebung im Anschluss an die jeweilige Therapiesit- pain syndrome. Anaesthesia 2006; 61: 412–413
16 Lotze M, Grodd W, Birbaumer N, Erb M, Huse E, Flor H. Does use of a
zung über eine Schmerzreduktion. Unklar bleiben die Dauer des myoelectric prosthesis prevent cortical reorganisation and phantom
Effektes, welche Patienten von der Spiegeltherapie profitieren limb pain. Nat Neurosci 1999; 2: 501–502
und ob bestimmte Schmerzqualitäten besonders zu beeinflus- 17 MacLachlan M, McDonald D, Waloch J. Mirror treatment of lower
sen sind; derzeit werden in unserer Klinik Untersuchungen limb phantom pain: A case study. Disability Rehabilitation 2004; 26:
901–904
durchgeführt, die verschiedene Aspekte dieser Fragestellungen 18 McCabe CS, Haigh RC, Ring EFJ, Halligan PW, Wall PD, Blake DR. A con-
berühren. So bleibt gegenwärtig festzuhalten, dass die Spiegel- trolled pilot study of the utility of mirror visual feedback in the
therapie als ein Erfolg versprechendes Verfahren zu betrachten treatment of complex regional pain syndrome (type 1). Rheumatolo-
gy 2003; 42: 97–101
ist, das in pathophysiologische Abläufe bei neuropathischen
19 Moseley GL. Is successful rehabilitation of complex regional pain
Schmerzen nahezu frei von Nebenwirkungen Schmerz reduzie- syndrome due to sustained attention to the affected limb? A rando-
rend eingreift. mised clinical trial. Pain 2005; 114: 54–61

Heruntergeladen von: Universität Bochum. Urheberrechtlich geschützt.


20 Moseley GL. Graded motor imagery for pathologic pain. Neurology
Konsequenz für Klinik und Praxis 2006; 67: 2129–2134
21 Moseley GL. Using visual illusion to reduce at-level neuropathic pain
3Spiegeltherapie ist ein ergotherapeutisches Verfahren, das in paraplegia. Pain 200710.1016/j.pain.2007.01.007 [Epub ahead of
print]
zur Behandlung von Deafferentierungschmerzen, z. B. nach
22 Pascual-Leone A, Wassermann EM, Sadato N, Hallett M. The role of
Amputation, beim CRPS oder nach Plexusläsion eingesetzt reading activity on the modulation of cortical outputs to the reading
wird. hand in Braille readers. Ann Neurol 1995; 38: 910–915
3Aufbauend auf den durch das Spiegelbild induzierten Ein- 23 Pleger B, Tegenthoff M, Schwenkreis P, Janssen F, Ragert P, Dinse HR,
Völker B, Zenz M, Maier C. Mean sustained pain levels are linked to
druck zweier „gesunder“ Extremitäten wird ein sensorisches
hemispherical side-to-side differences of primary somatosensory
und motorisches Training mit den entsprechenden Patienten cortex in the complex regional pain syndrom I. Exp Brain Res 2004;
durchgeführt. 155: 115–119
3Schmerz wird nicht nur durch Stimulation, sondern auch 24 Pleger B, Tegenthoff M, Ragert P, Forster AF, Dinse HR, Schwenkreis P,
Nicolas V, Maier C. Sensorimotor retuning in complex regional pain
durch fehlende Stimulation des Nervensystems hervorgeru- syndrome parallels pain reduction. Ann Neurol 2005; 57: 425–429
fen. Die Spiegeltherapie greift in diesen Pathomechanismus 25 Pleger B, Ragert P, Schwenkreis P, Förster AF, Wilimzig C, Dinse H, Nico-
therapeutisch ein, um durch Normalisierung der kortikalen las V, Maier C, Tegenthoff M. Patterns of cortikal reorganisation paral-
Repräsentation das gestörte Gleichgewicht wieder herzu- lel impaired tactile discrimination and pain intensity in compex re-
gional pain syndrom. NeuroImage 2006; 32: 503–510
stellen. 26 Ramachandran VS. Plasticity and functional recovery in neurology.
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27 Ramachandran VS, Rogers-Ramachandran D, Cobb S. Touching the
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Literatur 28 Ramachandran VS, Rogers-Ramachandran D. Synaesthesia in phan-
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ception 2005; 34: 1153–1155 386
2 Brodie EE, Whyte A, Niven CA. Analgesia through the looking-glass? A 29 Ro T, Wallace R, Hagedorn J, Farnè A, Pienkos E. Visual enhancing of
randomized controlled trial investigating the effect of viewing a ‘vir- tactile perception in the posterior parietal cortex. J Cog Neurosci
tual’ limb upon phantom limb pain, sensation and movement. Eur J 2004; 16: 24–30
Pain 2006; 11: 428–436 30 Schäfer M, Flor H, Heinze HJ, Rotte M. Dynamic modulation of the pri-
3 Desmond DM, MacLachlan M. Affective distress and amputation-rela- mary somatosensory cortex during seeing and feeling a touched
ted pain among older men with long-term, traumatic limb amputa- hand. NeuroImage 2006; 29: 587–592
tions. J Pain Symptom Manage 2006; 31: 362–368 31 Tinazzi M, Zanette G, Polo A, Valpeto D, Manganotti P, Bonato C, Testo-
4 Dohle C, Kleiser R, Seitz RJ, Freund HJ. Body scheme gates visual pro- ni R, Fiaschi A. Transient deafferentation in humans induces rapid
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ling of body ownership is associated with activity in multisensory 1997; 223: 21–24
brain areas. J Neurosci 2005; 9: 10564–10573 32 Weiss T, Miltner WH, Liepert J, Meissner W, Taub E. Rapid functional
6 Elbert T, Pantev C, Wienbruch C, Rockstroh B, Taub E. Increased corti- plasticity in the primary somatomotor cortex and perceptual chan-
cal representations of the fingers of the left hand in string players. ges after nerv block. Eur J Neurosci 2004; 20: 3413–3423
Science 1995; 270: 305–307
7 Flor H, Elbert T, Knecht S, Wienbruch C, Pantev C, Birbaumer N, Larbig
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reorganization following arm amputation. Nature 1995; 375: 482–
484
8 Flor H, Braun C, Elbert T, Birbaumer N. Extensive reorganisation of
primary somatosensory cortex in chronic back pain patients. Neu-
rosci Let 1997; 224: 5–8
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Dtsch Med Wochenschr 2007; 132: 2159–2162 · A. Schwarzer et al., Spiegeltherapie – ein …

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