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Das Ganesha Atharva Shīrsha

Dieses alte Gebet wird überall in Indien zur Verehrung des elefantenköpfigen Hindu-
Gottes Shri Gaņesha verwendet und gilt diesbezüglich als ältester und bedeutendster Text.

Die Hindu-Mythologie erzählt, wie sich Shri Pārvatī als Muttergöttin einen Sohn
erschafft und diesen beauftragt ihr Badezimmer zu bewachen, damit sie ungestört ihr Bad
einnehmen kann. Als der Junge, der seine Aufgabe sehr ernst nimmt, Lord Shiva, dem
Gemahl Shri Pārvatīs, den Zutritt verwehrt, führt dies in der Folge zu einem schrecklichen
Kampf mit den Gaņas, dem vielgestaltigen himmlischen Gefolge Shri Shivas. Der Junge
scheint unbesiegbar zu sein und Shri Shiva gelingt es erst durch Anwendung einer List den
Sohn seiner Gemahlin zu besiegen und ihm den Kopf abzutrennen. Um zu verhindern, dass
Shri Pāvatī in ihrem Zorn über die Ermordung ihres Sohnes das gesamte Universum zerstört,
wird der Junge wieder zum Leben erweckt, indem sein Kopf gegen den eines Elefanten mit
einem Stoßzahn ausgetauscht wird. In der Folge erhält Junge mit dem Elefantenkopf den
Namen Shri Gaņesha und zum Führer der Gaņas ernannt. Ferner wird der Göttin zugesichert,
dass Shri Gaņesha in Gebeten und allen Arten von heiligen Zeremonien, sowie vor Reisen
oder anderen Unternehmungen immer als erster angerufen werden soll. Dies auch deshalb,
weil er Shri Vighneshvara, der „Beseitiger von Hindernissen“ ist. Wird er günstig gestimmt,
beseitigt er alle Hindernisse auf dem Weg zum Erfolg, ignoriert man ihn, schafft er welche.
Eine alte Geschichte erzählt von Shri Shiva, der sich auf den Weg macht um Tripura, die
dreiteilige Stadt der Rakshasas (Dämonen) zu zerstören. Als plötzlich ein Rad seines
Streitwagens zerbricht erkennt er durch seine übernatürlichen Kräfte, dass er vergessen hatte
vor der Unternehmung Shri Ganesha seinen Respekt zu erweisen. Nachdem er dieses
Versäumnis nachgeholt hatte, war ihm Erfolg beschieden.

Der Name Gaņesha ist eine Zusammensetzung aus den Wörtern Gaņa (Truppen) und
Īsha (höchster Herr) und bedeutet „Führer, höchster Meister oder Herr der Truppen“. Im
Gebet selbst wird er meist als Gaņapati bezeichnet, was die selbe Bedeutung hat. Eine
Eigenart im Sanskrit ist, dass man von jeder Silbe eines Wortes eine Bedeutung ableiten kann.
Beim Wort Ga-ņa-pati z.B.: „Ga“ für Elefant (skrt.: „gaja“), „na“ für Mensch (skrt.: „nara“)
und „pati“ für Herr, abgeleitet von „pa“, was soviel wie „schützen“ bedeutet. Man könnte
Gaņapati daher auch als den obersten Schirmherren, der selbst Elefant und Mensch ist,
bezeichnen. Angeblich soll auch Jesus Christus im Mittelalter manchmal als Elefant verehrt
worden sein.

Shri Gaņesha ist der „Herr der Weisheit“ und als dieser völlig den Wünschen seiner
Mutter hingegeben, welche die höchste Göttin, die Ādi Shakti oder das schöpferische Prinzip
des Universums ist. Er ist der „Sohn“ der göttlichen Familie und seine unbefleckte Geburt
spiegelt sich in der Geburt Jesus Christus wieder. Wie Jesus Christus („Ich bin Alpha und
Omega“ – der Anfang und das Ende) umfasst auch Shri Ganesha das gesamte Universum vom
kleinsten Teilchen der Materie bis zum höchsten Geist.

Seine Qualitäten der Unschuld, Reinheit, Weisheit und Glückverheißung sind für alle
göttlichen Inkarnation und Sat-Gurus (wahre Meister) unumgänglich. Er ist das
„Mūlādhāra“, die ursprüngliche Stütze und damit das Fundament für das gesamte subtile
göttliche System. Nur wenn er in uns erweckt wird, kann die Kuņdalinī Shakti zum
Sahasrāra Chakra aufsteigen und sich mit dem Ātmā/Spirit vereinigen, um uns so die
Selbstverwirklichung zu schenken.
Für den Titel At’harva Shīrsha gibt es eigentlich keine klare Übersetzung. Shīrsha
bedeutet ‚Kopf’ und Atharva ist der Name eines Weisen, welcher die letzte der vier Vedas
zusammengestellt hat. Man könnte At’harva Shīrsha also mit ‚vom Haupt des Weisen
Atharva kommend’ übersetzen. Das Gebet findet sich jedoch nirgends in den noch
vorhandenen Manuskripten der Atharva Veda. Tatsächlich wird Shri Gaņesha in keiner der
vier Veden erwähnt! Vielleicht lässt sich ein Zusammenhang herstellen, weil der Atharva
Veda großteils Anrufungen des Göttlichen für verschiedene Zwecke enthält, welche im
gleichen Stil wie im Atharva Shīrsha gehalten sind. Mit At’harva könnte auch einfach
‚Gebet’ gemeint sein und Shīrsha könnte man auch mit ‚oberstes’ oder ‚höchstes’ übersetzen,
sodass man den Titel auch ‚höchster Lobgesang’ nennen könnte. Eine weitere Interpretation
von At’harva ist ‚unerschütterlich’, verbunden mit Shīrsha – ‚Kopf oder Verstand’ kämen
wir dann zum ‚unerschütterlichen’ auf die Selbstverwirklichung gerichteten Geist.

Das Gaņesha Atharva Shīrsha wird manchmal auch als Mahā Gaņapati Upanishad
bezeichnet. Es enthält vielfältige Weisheiten, jeder der zehn Verse ist in einem anderen Stil
und Metrum geschrieben und weist auf die verschiedenen Wissensaspekte Shri Gaņeshas hin.
Man nimmt an, dass das Gaņesha Atharva Shīrsha nach der Rāmayāna und Mahābhārata,
in der puranischen Periode, zw. 0 – 1700 n. Chr. entstanden ist. Die Veden selbst dagegen
sind ca. 2000 Jahre älter.

Die im Gaņesha Atharva Shīrsha ausgedrückten Ideen stimmen mit der Samkhya
Philosophie überein.

Es ist weithin bekannt, dass das Gaņesha Atharva Shīrsha große Kraft hat und viele
Wunder und spirituelle Fortschritte werden seiner Anwendung zugeschrieben. Im Phala-
shruti (skrt. „hören der Ergebnisse“), das sind sechs dem Gebet angehängte Verse, werden
einige der durch die Anrufung Śhrī Gaņeshas resultierende Kräfte beschrieben. Es heißt, dass
sich durch die Wiederholung von 1000 Namen jeder Wunsch des Schülers erfüllt. Wie das
Rām-raksha und viele andere große Gebete wurde auch das Gaņesha Atharva Shīrsha in
einem göttlich inspirierten Traum empfangen, obwohl die Identität des Autors unklar bleibt.

Übersetzung:
Siegfried Hadeyer