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LITERATUR

KÜNSTLERROMAN "KARTE UND GEBIET"

"Ich habe Lust, glücklich zu sein,


bevor ich sterbe"
Das Erstaunen des denkenden Geistes über sich selbst: Der
französische Starautor Michel Houellebecq verzieht keine Miene
und schreibt seinen aberwitzigen neuen Künstlerroman "Karte
und Gebiet"
VON Iris Radisch | 17. März 2011 - 07:00 Uhr
© Joel Saget/AFP/Getty Images

Der Schriftsteller Michel Houellebecq im November 2010 im französischen Fernsehen, kurz nachdem
er mit dem Prix Goncourt für seinen Roman "Karte und Gebiet" geehrt wurde
Er ist zu einer Marke geworden. Das schüttere Haar. Der Parka. Die vier
Zigarettenpackungen am Tag. Die uralten Dinosaurieraugen. Das Schildkrötengesicht.
Ein Mann, der Sätze sagt wie: »Ich glaube nicht, dass der Westen wirklich leben will.«
Oder: »Der Westen ist für ein menschenwürdiges Leben ungeeignet.« Sich selbst hat er in
Interviews und Romanen als Halbtoten beschrieben. Als jemand, der im eisigen Wasser
versunken oder durch einen Panzer aus Leere von der Welt getrennt ist. Die Psychologie
würde von Autismus sprechen.

Der Autismus der Marke Houellebecq mag ein persönliches Malheur sein. Er wurde von
seinen Eltern vernachlässigt, fand Geborgenheit nur bei der Großmutter. Allen seinen
Romanhelden wird es genauso gehen. Die Großmutter aus der guten alten Zeit ist die
einzige Glücksfigur in den menschlichen Ruinenlandschaften seiner Bücher. Mütter,
zumal berufstätige, sind für ihn der Sargnagel des Lebens. Das hat die Frauen gegen ihn
aufgebracht. Dabei ging es vielleicht gar nicht so sehr um die Mütter, die ihren fordernden
Aufgaben im Turbokapitalismus nachkommen oder sich im Yogakurs davon erholen. Es
ging um den Turbokapitalismus. Und um den Schaden, den er in den Seelen anrichtet.

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LITERATUR

MICHEL HOUELLEBECQ
Sein Romane "Ausweitung der Kampfzone" und
"Elementarteilchen" machten vor zehn Jahren den
1956 geborenen Schriftsteller bekannt. Seine
verstörenden Bücher sind wütende Spurensuchen über die
Verwerfungen, die 68 und der Turbokapitalismus in den
Seelen hinterlassen haben

Deswegen ist der Autismus, der zur Marke Houellebecq unbedingt gehört, auch ein
überpersönlicher, ein gesellschaftlicher Autismus. Wenn der Houellebecqsche Held
in vergeblichem Liebessehnen den halben Fernen Osten kopuliert, um danach wieder
in kosmischer Einsamkeit zu versinken und zwischen unausgepackten Umzugskisten
auf tiefgefrorenem Nahrungsindustriemüll herumzukauen, ist er ein von der modernen
Gesellschaft Gekreuzigter. Denn es waren nicht nur die Frauenemanzipation und
die sexuelle Libertinage, die ihn ans Kreuz geschlagen haben, sondern es war die
kapitalistische Moderne, die das alles zusammen hervorgebracht hat. Weil Houellebecq
jedoch auf die korrekte Unterscheidung zwischen Folge und Verursacher wenig
Wert legte und entfesselte Emanzipation und entfesselte Marktwirtschaft in ein und
dieselbe Tonne trat, hat er die Ehre, sowohl für einen rechten als auch für einen linken
Fortschrittspessimisten zu gelten. Ein Reaktionär für die einen, ein Kapitalismuskritiker
für die anderen. Für den großen Rest ist er einfach ein unglaublich schlecht gelaunter,
vollkommen humorloser und verzweifelter Autor.

So geht das seit ein paar Jahren. Seit der Ausweitung der Kampfzone, seinem Romandebüt
aus dem Jahr 1994, einem Werk, dessen glühender Moralismus zwischen den Zeilen wühlt,
während sich auf der Textoberfläche beinahe nichts regt. Ein aufgeräumter Satz trottet dem
anderen hinterher. Das Buch machte Furore, weil es so todtraurig war und die luftdichte
Selbstbezüglichkeit des westlichen Lebensstils so gut beschrieb. Stilistisch war es aber
nicht allzu weit entfernt von einer Welt, in der man noch Sätze schreiben konnte wie:
»Gegen siebzehn Uhr entstieg die Marquise der Kutsche.« Das Literarische an der Literatur
interessiert ihn nicht. Die ästhetischen Aufbrüche und komplizierten Extravaganzen der
literarischen Moderne waren in den Texten Houellebecqs von Anfang an wie ausgelöscht.

Houellebecq hält die Welt nicht für kompliziert. Nur für schrecklich. Und er hatte bessere
Reparatur-Ideen für die darbende Menschheit, als sie mit formschönen Kunstwerken zu
erheitern. Auch damit hat er sich viele Feinde gemacht. Im Roman Elementarteilchen
aus dem Jahr 1998 war zu lesen, dass »die Lösung aller Probleme – einschließlich
der psychologischen, soziologischen und gemeinhin menschlichen Probleme – nur
technischer Natur sein kann«. Der Gentechnik traute er zu, was die moralisch-ästhetische
Weltverbesserei nie vermochte, woran Bildung und Bildungsroman sich die Zähne
ausgebissen hatten: den Menschen zu verbessern. Hätte man nur den Mut, tiriliert er in
seinem Briefwechsel mit dem Philosophen Bernard-Henri Lévy , zu einer »absoluten
technologischen Kontrolle des Menschen über die Natur (seine eigene biologische Natur

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inbegriffen)«, dann könnte man nicht nur »eine neue Natur erschaffen«, sondern sogar
»eine Universalherrschaft der Liebe etablieren«.

In solchen Augenblicken ist er ein Träumer, der mit den Schraubenschlüsseln der
Gentechnik klappert in der Hoffnung, die Naturwissenschaft könne die gebrochenen
Glücksversprechen der Moderne wieder zusammenschrauben. An Lévy schreibt er: »Nun
gut... Ich bin jetzt älter, ich werde schwächer und habe Lust, glücklich zu sein, bevor ich
sterbe.«

In dieser Stimmung muss er seinen neuen Roman Karte und Gebiet geschrieben haben.
Der Sex, die vielen Nutten, die Erlösungsfantasien in der Größe von zwei Bettlaken, das
Schrille, das Überdrehte, das Dauerbeleidigte der frühen Romane – das alles ist jetzt vorbei.
Es gibt keinen totalen Kontrollwahn mehr über was auch immer, die Frauen, die Natur, die
Gene, die Zukunft. Stattdessen: Kamingespräche, Vernissagen, Landpartien, die altersmilde
Serenität beruflich enorm erfolgreicher Herren, die endlos zusammensitzen, Kaminscheite
nachlegen und noch etwas Unaufschiebbares über Chesterton zu sagen haben. Für diesen
Roman erhielt Michel Houellebecq im vergangenen Jahr den wichtigsten französischen
Literaturpreis, den Prix Goncourt. »Ein großer Wurf, sein bisher bester Roman«, schrieb so
oder so ähnlich die gesamte deutsche und französische Presse, als das Original erschien .
Schon möglich, dass ihn das glücklich gemacht hat.

Möglich und sogar sehr wahrscheinlich ist auch, dass sich Michel Houellebecq mit
diesem großen Wurf über sich und über seine Leser lustig macht, die wie er selber vom
Alter eingeholt und zu mehr oder weniger zufrieden vor sich hin schwadronierenden
Kunstwichtigtuern geworden sind. Einen Vorgeschmack auf diese Maskerade des
Kulturspießers bot schon der erwähnte Briefwechsel mit dem Philosophenstar Lévy aus
dem Jahr 2008, in dem Houellebecq seitenlang Aperçus im Stil von »Ich glaube, dass
Nietzsche, dieser große gerissene Kater, als Erster die Gefahr erkannte...« absonderte und
darüber philosophierte, ob »in der Zeit, als Frédéric Beigbeder für die Literaturkritik in
Voici verantwortlich zeichnete, diese deutlich besser war als die im Canard«. Auch der
neue Roman ähnelt einer Ente, die mit derartigem Geschwätz gestopft ist. Dabei verbreitet
er eine ironische Heiterkeit, die es im düsteren moralischen Frühwerk noch nicht gegeben
hat.

Houellebecq stellt sich gerne als Romantiker dar. Auch den Roman hat er – wenn
dieses Bildungsaperçu jetzt noch gestattet ist – mit den Requisiten des romantischen
Reflexionsromans üppig ausgestattet. Friedrich Schlegel sah in der romantischen Ironie
»das Erstaunen des denkenden Geistes über sich selbst, was sich oft in ein leises Lächeln
auflöst«. Dieses leise, ein wenig dünnlippige Lächeln ist vielleicht auch Houellebecqs
letztes Geheimnis.

In jedem Fall passt das Spiel mit der gebildeten Betriebsamkeit gut zu den großen Themen
dieses romantischen Romans: die Kunstwerke, der Kunstmarkt, die Vermarktungsgesetze,
die Rolle des Künstlers im Medienkapitalismus. Es kommen viele Medienstars darin
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namentlich vor, die Maischbergers und Plasbergs des französischen Fernsehens, die
Redakteure und Kritiker der französischen Zeitungen. Sie alle gehören in einen modernen
Künstlerroman, der das Kunstwerk hinter seinen Konsumenten verschwinden lässt. Zwei
Künstler stehen im Vordergrund, der Maler Jed Martin und der Schriftsteller Michel
Houellebecq, die gewissermaßen den Kunstmarkt unter sich aufteilen (ein Bild des Malers
Jed Martin heißt Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf). Der
Maler bittet den berühmten Schriftsteller, ein Vorwort für seinen Ausstellungskatalog zu
schreiben. Die Ausstellung verläuft sehr erfolgreich, die Bilder erzielen Preise bis zu 12
Millionen Euro (bei Houellebecq hat alles einen genauen Preis: 250 Euro bezahlt man in
diesem Roman für den normalen, 100 Euro extra für analen Geschlechtsverkehr mit einer
Prostituierten).

Das Werk des bildenden Künstlers zerfällt in zwei Werkphasen. In der ersten hat er
Michelin-Straßenkarten abfotografiert. In der zweiten hat er Wirtschaftsbosse wie Bill
Gates, Steve Jobs, Ferdinand Piëch abgemalt. Beides findet im Milieu der Porträtierten
reißenden Absatz. Den höchsten Preis zahlt ein indischer Mobilfunkanbieter für ein
Porträt von Houellebecq. Eine Posse à la Yasmina Reza, die zeigt, dass null mal null
im Kapitalismus 12 Millionen ergeben kann und die Tautologie das erfolgreichste
Produktionsprinzip aller Zeiten ist.

Große Kunst kann es in der tautologischen Kunstepoche nicht mehr geben. Dafür
kommt das Kunstgespräch zu neuem Glanz. Wer sich dafür interessiert, was Tocqueville
über Lamartine gesagt hat, kommt in diesem Roman auf seine Kosten. Eine Reihe von
Besuchen, die der Maler dem Schriftsteller Houellebecq zunächst in dessen Haus in
Irland, dann in seinem französischen Landhaus abstattet, bietet reichlich Möglichkeit
zu allerhand gelehrsamem Gespräch. Wobei sich bald herausstellt, dass auch die beiden
Künstler in einem tautologischen Verhältnis zueinander stehen. Der eine ist wie der
andere, menschenscheu, pessimistisch, misanthropisch. Beide ziehen sich auf ihre alten
Tage jeweils in das Haus ihrer Großmutter zurück, ein Ort, an dem auch der wahre
Houellebecq offenbar seine einzigen glücklichen Jahre verbracht hat. Im Roman lässt er
seinen Namensvetter in diesem Landhaus eines blutigen Todes sterben: Ein verrückter
Kunsträuber aus Nizza trennt ihm und seinem Hund mit einem Laserschneider den Kopf
ab, zerkleinert das Fleisch in tausend Stücke und häuft die Knochen im Kamin auf. Seine
Reste passen in einen Kindersarg, der auf dem Friedhof Montparnasse nicht weit vom
Grab Emmanuel Boves begraben wird. Ein rührendes Bild: der kleine Kindersarg des
zerfleischten Houellebecq neben den Gebeinen des anderen großen einsamen Außenseiters
der französischen Literatur.

Fragt man sich, was den Autor zu dieser eher buffonesken Fortsetzung seines
schwermütigen Œuvres veranlasst hat, wird einem auch darüber in den redseligen
Kamingesprächen Belehrung zuteil. Er habe, sagt Houellebecq, mit »der Welt der
Narration abgeschlossen«. Der Maler sagt: Auch er habe den Glauben verloren, »dass
eine künstlerische Darstellung der Welt möglich sei«. Dem einen hilft der erwähnte

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Laserschneider, dem anderen ein Darmkrebs aus dieser künstlerischen Malaise. Der Roman
behilft sich mit Ironie.

Der Erzähler allerdings verzieht angesichts dieser makabren Narreteien keine Miene.
Im gehobenen und hier natürlich sehr komischen Stil alter Künstlermonografien, wie
Houellebecq ihn selber in seinem Buch über den amerikanischen Schriftsteller H.P.
Lovecraft gepflegt hat, referiert er über die Lebens- und Werketappen eines sich vor
dem Auge des Biografen rundenden Künstlerlebens. Im Epilog wohnt der Maler in der
französischen Provinz, die übrigens – man befindet sich bereits in den dreißiger Jahren des
21. Jahrhunderts – zu einem recht lieblichen Touristendisneyland geworden ist, in dem
chinesische Betreiber mit allerhand regionalen Gebräuchen und Köstlichkeiten aufwarten.
Der Künstler kauft 700 Hektar Land, die er mit einem drei Meter hohen Elektrozaun in
einen hortus conclusus (deutsch: verschlossener Garten) verwandelt – eine Art geistiger
Hochsicherheitstrakt, der, wie Botho Strauß in seinem Bocksgesang schrieb, »nur wenigen
zugänglich ist und aus dem nichts herausdringt, was für die Masse von Wert wäre«.

Der Maler lässt sich durch dieses Gelände, das äußerlich freilich wenig Ähnlichkeit mit
einem Utopia des Geistesaristokratismus hat, eine eigene Autostraße legen, die ihn mehr
oder weniger ungestört bis zum nächsten Supermarkt führt, der »sämtliche menschlichen
Bedürfnisse abdeckte«. Seine letzten Schaffensjahre verbringt er im Spiel mit »kleinen
ergreifenden« Playmobilfiguren. Mit seinen Kunstmillionen und dem erstaunlichen
italienischen Teigwarenangebot seines Zeitalters hat dieser einsame und traurige Künstler
für sein Leben ausgesorgt. Und wir dürfen vermuten, dass es seinem Schöpfer ähnlich geht.
Seine alte Schärfe mag Michel Houellebecq inzwischen verloren haben, aber nicht seinen
sentimentalen Lustekel an der Welt.

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ADRESSE: http://www.zeit.de/2011/12/L-B-Houellebecq