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ÜBERSICHTSARBEITEN

Geschlechtsidentitätsentwicklung jenseits starrer


Zweigeschlechtlichkeit
Ilka Quindeau

Summary
The Development of Gender Identity Beyond Rigid Dichotomy

The conflicts individuals with ambiguous sexual characteristics suffer from are not the result of
genetic features but of the rigid and dichotomous gender order, which is currently undergoing a
renaissance. This also applies to individuals with an uncertain gender identity. In the best inter-
ests of the child a concept of gender seems necessary, that goes beyond a binary separation and
allows gender-specific intermediary stages in the personal development of identity. Such a gen-
der concept can be developed following psychoanalytic theories. The present discourse contains
a scale of connecting factors for a differentiated and less normative conceptualization of gender
development. Starting from Freud’s concept of constitutional bisexuality, Robert Stoller’s theory,
which has been firmly rooted in the mainstream of psychoanalysis for more than 40 years, will be
critically reviewed. By involving Reimut Reiche’s and Jean Laplanche’s arguments, a continuative
psychological gender theory will be drafted, which does not normatively and reductively claim the
demarcation of gender, but rather opens up a space for gender diversity.

Prax. Kinderpsychol. Kinderpsychiat. 63/2014, 437-448

Keywords
maleness – masculinity – femininity – femaleness – gender identity

Zusammenfassung
Die Konflikte, an denen Menschen mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen leiden, resultie-
ren nicht aus den genetischen Besonderheiten, sondern aus der starren dichotomen Geschlech-
terordnung, die gegenwärtig wieder eine Renaissance erlebt. Dasselbe gilt für Menschen mit
unsicherer Geschlechtsidentität. Im Sinne des Kindeswohls scheint dagegen eine Auffassung
von Geschlecht notwendig, die über die binäre Zweiteilung hinausgeht und die personale Iden-
titätsentwicklung durchlässig für geschlechtliche Zwischenstufen gestaltet. Ein solches Ge-
schlechterkonzept lässt sich im Anschluss an psychoanalytische Theorien entwickeln. In diesem

Prax. Kinderpsychol. Kinderpsychiat. 63: 437 – 448 (2014), ISSN: 0032-7034 (print), 2196-8225 (online)
© Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen 2014

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Diskurs findet sich eine Reihe von Anknüpfungspunkten für eine weniger normative, diffe-
renzierte Konzeptualisierung der Geschlechtsentwicklung. Ausgehend von Freuds Konzept der
konstitutionellen Bisexualität wird die inzwischen seit mehr als 40 Jahren im Mainstream der
Psychoanalyse verankerte Theorie von Robert Stoller einem kritischen Blick unterzogen und
mit Reimut Reiches und Jean Laplanches Argumenten eine weiterführende psychologische Ge-
schlechtertheorie skizziert, die nicht reduktionistisch und normativ die dichotome Abgrenzung
des Geschlechts fordert, sondern den Raum für eine Vielfalt der Geschlechter öffnet.

Schlagwörter
Männlichkeit – Weiblichkeit – Geschlechtsidentität – Entwicklung der Geschlechtsidentität

„Bist Du ein Junge oder ein Mädchen“ – wird das Kind, das neu in der Kita ist, ge-
fragt, als es so hoch wie kein anderes auf dem Trampolin springt. „Ich bin beides“
– ruft es den erstaunten Zuschauer/innen zu, und die Mutter erklärt den anderen
Kindern später, dass ihr Kind intersexuell sei und dass dies häufiger vorkomme als
viele denken. Von einem so entspannten und entdramatisierten Umgang mit Zwi-
schengeschlechtlichkeit ist man anderswo noch weit entfernt, doch zeigt die Anhö-
rung des Deutschen Ethikrats (2012), auf der davon berichtet wurde, dass es sich
keineswegs um eine ferne Utopie handeln muss.
Seit vielen Jahren kämpfen Personen mit uneindeutigem Körpergeschlecht um An-
erkennung, es bildeten sich Selbsthilfegruppen, Verbände von betroffenen Eltern und
Angehörigen, die sich gegen die Zwangszuweisung zu einem von zwei Geschlechtern
wehrten. Inzwischen wurde auch das Personenstandsrecht im Jahr 2013 weitgehend
unbemerkt von einer größeren Öffentlichkeit so geändert, dass neben den Kategorien
„männlich“ und „weiblich“ auch „anderes“ gewählt werden bzw. eine geschlechtliche
Festlegung aufgeschoben und zu einem späteren Zeitpunkt in der Entwicklung eines
intersexuellen Kindes erfolgen kann.1
Doch erweist sich die Frage der Intersexualität nicht nur als medizinisches oder juri-
stisches Problem: Es geht nicht nur um die Verhinderung von Zwangsoperationen sowie
-hormonbehandlungen zur Herstellung eines eindeutigen Geschlechtskörpers, sondern
auch um eine grundlegende Anfrage an unser Verständnis von Geschlecht und der Ent-
wicklung der Geschlechtsidentität. Das Problem ergibt sich weniger durch die genetische
Vielfalt der Geschlechtskörper, sondern durch die Vorstellung einer Geschlechterdich-
otomie, die nur zwei Geschlechter kennt, die klar voneinander abgrenzbar sein sollen.
Das Geschlecht spielt nach wie vor eine zentrale Rolle in unserer Kultur; nachdem im
Zuge der zweiten Frauenbewegung die Geschlechtsunterschiede zunächst an Bedeutung

1 Vgl. Personenstandsgesetz vom 19. Februar 2007 (BGBl. I S. 122), das durch Artikel 2 Absatz 14
des Gesetzes vom 7. August 2013 (BGBl. I S. 3154) geändert worden ist.
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verloren, kann man in den letzten zwei Jahrzehnten eine Renaissance der dichotomen
Geschlechterordnung beobachten. In Gesellschaften, in denen das Geschlecht eine zen-
trale Ordnungsfunktion einnimmt, werden geschlechtliche Transgressionen, sei es in
Gestalt von Trans- oder von Intersexualismus, beinahe notwendig stigmatisiert, weil
sie die dichotome Geschlechterordnung mit ihren heteronormativen Grundannahmen
infrage stellen. Diese gesellschaftliche Stigmatisierung schlägt nicht selten auch auf die
Theoriebildung durch; das polare Verhältnis von Männlichkeit und Weiblichkeit wird
als „natürlich“ apostrophiert und theoretisch legitimiert.
Im Unterschied zu Eltern in der vorhergehenden Generation in den 1970er und
1980er Jahren, die der Festlegung von starren Geschlechterrollen bei ihren Kindern
eher entgegenzuwirken suchten, scheint die gegenwärtige Konjunktur von Neurobio-
logie und Genetik Eltern dazu anzuregen, die Unterschiede zwischen den Geschlech-
tern zu forcieren (vgl. Eliot, 2010). In Ratgebern und Sachbüchern lässt sich zuneh-
mend ein Trend zur Geschlechtertrennung und zur Betonung von Unterschieden
zwischen den Geschlechtern beobachten, Bücher wie „Das weibliche Gehirn“ (Bri-
zendine, 2008), „Jungs im Abseits“ (Sax, 2009) oder „Schluss mit der Umerziehung“
(Erler, 2012) entwickeln sich zu Bestsellern. Die Entwicklung einer klar abgrenzten
Geschlechtsidentität gilt in den USA nach wie vor als Voraussetzung psychischer
Gesundheit (vgl. Diamond, 2009). Bereits in den 1960er Jahren begann der US-Psy-
chiater Richard Green eine Längsschnittuntersuchung zur kindlichen Geschlechts-
entwicklung und prägte später den Begriff des „Sissyboy-Syndroms“ (Green, 1987),
der neben dem Begriff des „tomboy“ bei jungenhaften Mädchen zu einer vielzitierten
Wendung im Zusammenhang der so genannten „Geschlechtsidentitätsstörungen“
im Kindes- und Jugendalter wurde. Durch großangelegte Aufklärung wurden El-
tern damals angehalten, ihre Kinder auf geschlechtsuntypische Verhaltensmerkmale
zu untersuchen und sie gegebenenfalls in psychologische Behandlung zu geben. Im
Rahmen von verhaltenstherapeutischen Sitzungen wurde nonkonformes Verhalten
wie die Bevorzugung von falscher Kleidung oder falschem Spielzeug sanktioniert und
richtiges Geschlechtsrollenverhalten trainiert. Meyenburg (2001) erklärt die höhere
Zahl an klinisch auffälligen Kindern und Jugendlichen in den USA im Vergleich zu
Europa damit, dass die Toleranz für geschlechtsatypisches Verhalten geringer ist.
Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht wunder, dass Menschen mit uneindeu-
tigen Geschlechtsmerkmalen an Konflikten leiden. Dasselbe gilt für Menschen mit
unsicherer Geschlechtsidentität. In ihren Empfehlungen zum therapeutischen Um-
gang betont die „Arbeitsgruppe Ethik im Netzwerk Intersexualität ‚Besonderheiten
der Geschlechtsentwicklung‘“ (2008) denn auch, dass diese Konflikte nicht durch die
genetischen Besonderheiten verursacht sind, sondern aus der starren Geschlechter-
dichotomie stammen. Sie gelangt zu der folgenden bemerkenswerten Einschätzung:
„Die Wahrung des Kindeswohls erfolgt nicht automatisch durch die Festlegung auf
ein eindeutiges Geschlecht, vielmehr ist die Entwicklung von Selbstvertrauen und
Selbstbewusstsein im Hinblick auf die persönliche und geschlechtliche Identität ein
vorrangiges therapeutisches Ziel“ (ebd., S. 241).
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Am Beispiel des Intersexualismus wird pointiert sichtbar, wie problematisch die


derzeitigen Erziehungstrends sind, welche die Dichotomie verstärken und auf ein-
deutige, abgegrenzte Geschlechtszuweisungen zielen. Um eine solche Empfehlung im
Sinne des Kindeswohls umsetzen zu können, scheint dagegen eine Auffassung von
Geschlecht notwendig, die über die binäre Zweiteilung hinausgeht und die personale
Identitätsentwicklung durchlässig für geschlechtliche Zwischenstufen gestaltet.
Ein solches Geschlechterkonzept lässt sich im Anschluss an psychoanalytische Theo-
rien entwickeln. In diesem Diskurs findet sich eine Reihe von Anknüpfungspunkten für
eine weniger normative, differenzierte Konzeptualisierung der Geschlechtsentwicklung.
Ausgehend von Freuds Konzept der konstitutionellen Bisexualität möchte ich die in-
zwischen seit mehr als 40 Jahren im Mainstream der Psychoanalyse verankerte Theorie
von Robert Stoller einem kritischen Blick unterziehen und mit Reimut Reiche und Jean
Laplanche Argumente für eine weiterführende psychoanalytische Geschlechtertheorie
skizzieren, die nicht reduktionistisch und normativ die dichotome Abgrenzung des Ge-
schlechts fordert, sondern den Raum für eine Vielfalt der Geschlechter öffnet.

1 Die konstitutionelle Bisexualität

Wenngleich Freuds Ausführungen zu Männlichkeit und Weiblichkeit wohl zu den


umstrittensten Passagen seines Werkes gehören und der phallische Monismus – die
paradigmatische Ausrichtung der Geschlechtsentwicklung auf das männliche Ge-
schlecht – zu Recht zurückgewiesen wird, lässt sich seine Konzeption einer „konsti-
tutionellen Bisexualität“ als Meilenstein der psychoanalytischen Theoriegeschichte
bezeichnen.
„Diese ergibt für den Menschen, daß weder im psychologischen noch im biolo-
gischen Sinne eine reine Männlichkeit oder Weiblichkeit gefunden wird. Jede Ein-
zelperson weist vielmehr eine Vermengung ihres biologischen Geschlechtscharak-
ters mit biologischen Zügen des anderen Geschlechts und eine Vereinigung von
Aktivität und Passivität auf “ (Freud, 1905d, S. 121).
Diese Einsicht scheint mir nach wie vor von grundlegender Bedeutung. Das Kon-
zept einer biologischen, konstitutionellen Bisexualität übernahm Freud von seinem
Freund Wilhelm Fließ; diese Theorie stützt sich zunächst auf anatomische und em-
bryologische Gegebenheiten:
„Ein gewisser Grad von anatomischem Hermaphroditismus gehört nämlich der Norm
an; bei keinem normal gebildeten männlichen oder weiblichen Individuum werden
Spuren vom Apparat des anderen Geschlechts vermisst […]. Die Auffassung, die sich
aus diesen lange bekannten anatomischen Tatsachen ergibt, ist die einer ursprünglich
bisexuellen Veranlagung, die sich im Laufe der Entwicklung bis zur Monosexualität
mit geringen Resten des verkümmerten Geschlechts verändert“ (ebd., S. 40).

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Freud stellte fest, dass diese Besonderheiten „in unerwarteter Weise das Verständnis
der normalen Bildung erleichtern“ (ebd.). Körperliche Männlichkeit und Weiblich-
keit wird auf einem Kontinuum angesiedelt und nicht scharf voneinander abgegrenzt.
Von zentraler Bedeutung erscheint mir, dass Freud die bisexuelle Anlage unmittelbar
im Körperlichen verankert. Von dieser biologischen Bisexualität ist die psychische Bi-
sexualität zu unterscheiden, die sich aus dem Vorhandensein von männlichen und
weiblichen Zügen durch Identifizierungsprozesse mit Mutter und Vater ergibt. Zu-
gleich spiegelt sich die bisexuelle Natur auch im Wunsch nach einem Sexualobjekt, das
die Vereinigung beider Geschlechtscharaktere, den Wunsch nach einem Mann und
zugleich nach einer Frau, umfasst (ebd., S. 44). Die Bedeutung der Bisexualität zeigt
sich auch darin, dass Freud den Ausgang des Ödipuskomplexes auf sie zurückführt:
„Der Ausgang der Ödipussituation in Vater- oder in Mutteridentifizierung scheint
also bei beiden Geschlechtern von der relativen Stärke der beiden Geschlechtsanla-
gen abzuhängen. Dies ist die eine Art, wie sich die Bisexualität in die Schicksale des
Ödipuskomplexes einmengt“ (Freud, 1923b, S. 261). Wenngleich Freud immer an der
Bedeutung der Bisexualität festhielt, führte er dieses Konzept nie systematisch aus;
noch 1930 bedauert er im Unbehagen an der Kultur, dass die „Lehre von der Bisexu-
alität […] noch sehr im Dunkeln [liege], und daß sie noch keine Verknüpfung mit
der Trieblehre gefunden hat, müssen wir in der Psychoanalyse als schwere Störung
verspüren“ (Freud, 1930a, S. 466). Viele seiner direkten Nachfolger/Innen – wie Me-
lanie Klein, Karen Horney und Ernest Jones – rückten bereits von Freuds Konzept ab.
Die Aufgabe des Konzepts der Bisexualität zugunsten einer eindeutigen, zumeist als
angeboren konzipierten Geschlechtsidentität bedeutet eine wichtige Weichenstellung
für die weitere psychoanalytische Theoriebildung, wie dies in der Kleinianischen, der
Ich-, Selbst- und in Teilen der Objektbeziehungspsychologie geschehen ist (ausführ-
lich vgl. Quindeau, 2008). Diese Weichenstellung fällt hinter wichtige psychoanaly-
tische Errungenschaften zurück und muss daher korrigiert werden.

2 Sex und Gender – Stollers Theorie der Geschlechtsentwicklung

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die psychoanalytischen Theorien zur Ge-
schlechtsentwicklung wesentlich durch den angelsächsischen Diskurs geprägt, für
den die Unterscheidung von „sex“ und „gender“ zentral ist. Sie besitzt ihren Ur-
sprung in einer Differenzierung des amerikanischen Sexuologen John Money (Mo-
ney, 1955), die auszudrücken sucht, dass „Hermaphroditen“ trotz ihres unklaren
oder widersprüchlichen Körpergeschlechts (Sex) dennoch in der Lage seien, eine
eindeutige Geschlechtsidentität (Gender) auszubilden. In die Psychoanalyse wurde
diese Unterscheidung durch die Arbeit Robert Stollers (1968) eingeführt. Auf seine
Forschungen mit transsexuellen Menschen in den 1960er Jahren geht eine wirk-
mächtige und bis in die Gegenwart hinein verbreitete Konzeptualisierung des Er-
werbs der Geschlechtsidentität zurück.
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Stoller konzipiert den Begriff einer „geschlechtlichen Kernidentität“ („gender


core identity“), mit der er die früh erworbene Überzeugung des Kindes bezeichnet,
dem einen oder dem anderen Geschlecht anzugehören („that one belongs to one
sex and not the other“; Stoller, 1968, S. 10). Diese Überzeugung werde stark von
den Erwartungen und Einstellungen der Eltern beeinflusst; sie entwickele sich im
Ausgang der „symbiotischen Phase“ im Sinne Mahlers. Im Alter von etwa 18 bis
24 Monaten sei ein Kind nach gegenwärtiger wissenschaftlicher Übereinkunft fä-
hig, sich selbst (meist) in Übereinstimmung mit seinem biologischen Geschlecht als
Junge bzw. Mädchen zu erkennen. Die Kernidentität entstehe nach Stollers Ansicht
im Wesentlichen konfliktfrei und unbemerkt; bei Mädchen führe sie gleichsam na-
turwüchsig die primäre Identifizierung mit der Mutter fort; bei Jungen erfordere sie
hingegen einen Prozess der „Desidentifizierung“ (Greenson, 1968). Um eine männ-
liche Identität zu erwerben, müsse sich der Junge von der Mutter vehement und
deutlich abgrenzen. Bereits hier wird fraglich, ob sich dies so konfliktfrei vollzieht,
wie Stoller annimmt. Vollends fragwürdig ist jedoch seine weitergehende Annah-
me, dass auch eine transsexuelle Kernidentität („core gender identity“) konfliktfrei
erworben werden könne, was im Widerspruch zu vielen Berichten von Klinikern
steht, die mit Transsexuellen arbeiten (Sigusch, 2001; vgl. Richter-Appelt, Schön-
bucher, Schweizer, 2008).
Dem Begriff der geschlechtlichen Kernidentität wird später von Ethel Person und
Lionel Ovesey (1983) das Konzept der Geschlechtsrollenidentität („gender role
identity“)2 zur Seite gestellt, die das geschlechtliche Selbstbild im Hinblick auf gesell-
schaftliche Erwartungen und Normierungen thematisiert. Stollers Konzept der Ker-
nidentität wird von Reimut Reiche (1997) treffend in einem Dreischichtenmodell
veranschaulicht und weitergeführt: Um einen Kern herum lagerten sich zwei kon-
zentrische Kreise oder Schichten an. Den inneren Kern bilde das Körpergeschlecht
(Sex), das jedoch im Unterschied etwa zum Alltagsverständnis keine monolithische
Einheit darstelle, sondern selbst bereits etwas Konstruiertes sei, das sich u. a. aus
verschiedenen anatomischen, morphologischen, endokrinologischen Faktoren zu-
sammensetze. Um diesen Kern lege sich entweder körpergestaltentsprechend (iso-
morph) oder -widersprechend (anisomorph) eine Schicht, die ihrerseits selbst zum
Kern werde: die Kerngeschlechtsidentität. Umhüllt werde dieser Kern schließlich
von der Geschlechtsrollenidentität, die die vielgestaltigen geschlechtsbezogenen
Selbst- und Objektrepräsentanzen sowie die gesellschaftlichen Konventionen und
Normvorstellungen zusammenfasse.
Stollers Modell prägt das psychoanalytische Verständnis der (Entwicklung der)
Geschlechtsidentität seit fast vierzig Jahren. Daher lohnt sich ein kritischer Blick auf
dieses Konzept. Als Ausgangspunkt für die Entwicklung der Kernidentität nimmt
Stoller einen Zustand primärer Feminität bei beiden Geschlechtern an – analog etwa

2 Auch Money (1994) erhebt Anspruch auf Urheberschaft für den Begriff der „gender role
identity“.

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zu den Ansätzen von Ernest Jones oder Melanie Klein.3 Diese Annahme erscheint je-
doch ebenso fragwürdig wie bereits Freuds androzentrische Sicht. Ferner rekurriert
Stoller auf biologische Vorgänge und geht davon aus, dass die Kerngeschlechtsiden-
tität von einer Art „biologischer Kraft“ („biological force“) geprägt („imprinting“)
werde. Person und Ovesey (1983) ist uneingeschränkt zuzustimmen, dass für eine
psychoanalytische Geschlechtertheorie solch ein Rückgriff auf „Prägung“ unnötig sei;
vielmehr scheinen genuin analytische Konzepte wie Identifizierung, Introjektion u. a.
eher geeignet, um den Erwerb der Geschlechtszugehörigkeit zu beschreiben. Sichtbar
wird an der Veranschaulichung des Dreischichtenmodells die Zusammensetzung des
Geschlechtsbegriffs aus folgenden drei Ebenen:
• Körpergeschlecht,
• psychisches Geschlecht,
• soziales Geschlecht.

3 Geschlecht als Mischungsverhältnis – Ansätze zu einem


Geschlechterkonzept jenseits der Dichotomie

Während die Ebenen des somatischen, psychischen und sozialen Geschlechts im


Deutschen mit nur einem Begriff zusammenfassend – gleichsam monolithisch –
bezeichnet werden, verweist die Differenzierung der Begriffe „sex“ und „gender“ im
Englischen auf die Möglichkeit, dass diese drei Ebenen nicht notwendig zusammen-
fallen müssen. Sichtbar wird das Auseinanderfallen der drei Dimensionen etwa bei
Transgender-Personen oder Menschen mit so genannten „Geschlechtsidentitätsstö-
rungen“. Unter der Dominanz des Biologischen ist man häufig auch versucht, dem
Körpergeschlecht die wesentliche Bedeutung beizumessen, doch entscheiden weder
Geschlechtschromosomen noch Genitalien eines Menschen über sein Geschlecht.
Die kritische Auseinandersetzung mit Stoller führt Reimut Reiche (1997) zu einer
interessanten, weiterführenden Sichtweise der Entwicklung der Geschlechtsidentität
im Anschluss an die Allgemeine Verführungstheorie von Jean Laplanche (1988).4 Wie

3 Die Vorstellung „primärer Feminität“ geht auf Ernest Jones (1927) zurück, der Freuds Konzept
der Bisexualität verwarf und stattdessen von angeborener Weiblichkeit ausging. Auch Melanie
Klein (1928) konzipierte eine frühe „Weiblichkeitsphase“ beider Geschlechter, die eine frühe Iden-
tifizierung mit der Mutter zum Inhalt habe.
4 Mit dieser Konstitutionstheorie greift Laplanche die von Freud zu Unrecht verworfene Verfüh-
rungstheorie wieder auf und sucht damit nicht allein die Ätiologie der Hysterie zu erklären, son-
dern die Entstehung der psychischen Struktur, insbesondere des Unbewussten. Von zentraler Be-
deutung in dieser Theorie ist das Primat des Anderen, mit dem Laplanche die Subjektzentrierung
der meisten psychoanalytischen Strömungen überwindet. Als anthropologische Grundsituation
gilt die „Urverführung“, die besagt, dass der Säugling mit der Welt der Erwachsenen – und das
heißt insbesondere mit dem unbewussten Begehren der Erwachsenen – konfrontiert wird, die er
aufgrund seiner noch wenig ausgebildeten somatischen, kognitiven und affektiven Verhaltens- und

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Person und Ovesey kritisiert er Stollers „biologischen“ Ansatz; er geht jedoch noch
darüber hinaus und hinterfragt auch die Annahme eines konfliktfreien Erwerbs der
Kerngeschlechtsidentität, von dem Person und Ovesey überzeugt sind (vgl. auch Per-
son, 2009). Am Beispiel der Trans- und der Intersexuellen zeigt sich die Konflikthaf-
tigkeit bei der Etablierung einer Geschlechtsidentität. Ähnliche Konflikte werden viel-
fach auch in Analysen von Personen mit fragloser, „unauffälliger“ Geschlechtsidentität
sichtbar, mit dem Unterschied allerdings, dass sie ihnen bis dahin meist unbewusst
sind, doch auch für sie stellt sich die Aufgabe, „männliche“ und „weibliche“ Anteile in
der eigenen Person zu integrieren und zu einer personalen Identität zu verbinden.
Diese klinischen Beobachtungen führen Reiche (1997, S. 933) zur Annahme einer
„universellen unbewussten core gender ambiguity“. Anstelle des biologischen Vorgangs
des „imprinting“ bei Stoller siedelt Reiche die Entstehung der Geschlechtsidentität im
Rahmen der Verführungssituation von Erwachsenem und Kind an. Die konkrete Zu-
ordnung, mit der einem Kind ein Geschlecht zugewiesen wird („sex assignment“) –
„Es ist ein Junge!“ bzw. „Es ist ein Mädchen!“ –, lasse sich im Sinne Laplanches als
„rätselhafte Botschaft“ verstehen, die weit über die faktische Bedeutung hinausgehe.
Ihr unbewusster Bedeutungsgehalt umfasse vielmehr ein ganzes Konglomerat von ge-
schlechtsbezogenen Selbst- und Objektrepräsentanzen, die das Kind unausweichlich
introjiziere, wenn es als Junge bzw. als Mädchen bezeichnet werde. Diese Botschaften
hinterließen Spuren, die nicht assimilierbar seien und als „unbewusste Objekte“ mit
zur Gestaltung der Identität beitragen.
Nach dieser Sichtweise „prägt“ das Primärobjekt die Kerngeschlechtsidentität; Rei-
che verwendet den Begriff der „Prägung“ ebenso wie den des „Kerns“ als Metaphern.
Sein Konzept einer Kerngeschlechtsambiguität erscheint mir von weitreichender Be-
deutung für den Geschlechterdiskurs. Damit knüpft er an das Freudsche Konzept der
„konstitutionellen Bisexualität“ an und entwickelt es weiter. Da dessen körperliche
Dimension im Zuge der Dominanz des Genderkonzepts leicht aus dem Blick gerät,
möchte ich noch einmal betonen, dass sich die Zuordnungen des Geschlechts im Rah-
men der Verführungssituation zwischen Erwachsenem und Kind unmittelbar in den
Körper einschreiben. Wie der Begriff „sex assignment“ deutlich macht, geht es um die
Zuschreibung des Körpergeschlechts durch die „rätselhaften Botschaften“ der Eltern.
Auf diese Weise wird der kindliche Geschlechtskörper konstituiert. Meines Erachtens
wird das Kind in dem Moment, in dem es als Junge oder Mädchen identifiziert wird
– sei es prä- oder postnatal –, mit all dem konfrontiert, was es für seine Eltern (und
darüber hinaus zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt in einer gegebenen Kul-
tur) bewusst und unbewusst bedeutet, Junge oder Mädchen – oder auch nicht Junge
oder nicht Mädchen zu sein. Dies zeugt von der zentralen Bedeutung des Geschlechts
als Ordnungsstruktur in unserer Gesellschaft.

Erlebensmöglichkeiten nur sehr unzureichend verarbeiten kann. Die Konfrontation mit diesen
„rätselhaften Botschaften“ der Erwachsenen wird in die im Entstehen begriffene kindliche Struktur
eingeschrieben und bildet den Kern des Unbewussten des Kindes.

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Beispiele, wie Eltern ihre unbewussten Botschaften weitergeben, finden sich etwa in
der Namensgebung des Kindes. Im Namen sind häufig interessante Botschaften zur
Bedeutung des Geschlechts enthalten. So habe ich in Analysen vielfach die Erfahrung
gemacht, wie sehr sich zum einen im Namen gleichsam der Anspruch (im doppelten
Sinne von Anrede und Prätention) der Eltern verdichtet, und zum anderen, wie etwa
geschlechtsunbestimmte Namen oder Namen, die Frauen und Männer gleichermaßen
tragen – beispielsweise Chris oder Kim –, manchmal dazu dienen können, Androgy-
nitätswünsche aufzunehmen bzw. die Geschlechtszugehörigkeit offen zu halten.
Wichtig ist nun, sich zu verdeutlichen, dass diese unbewussten Botschaften – zumal
sie von (mindestens) zwei Erwachsenen stammen – vermutlich weder homogen sind
noch notwendig den Genitalien des Kindes entsprechen müssen. Der Bedeutungsge-
halt der „rätselhaften Botschaften“ bildet vielmehr eine Art Fremdkörper in der psy-
chischen Struktur des Kindes und stellt eine fortdauernde Arbeitsanforderung dar, das
heißt, das Kind muss sich unbewusst mit diesen Bedeutungen auseinandersetzen. Die
Spuren der geschlechtlichen Zuordnung und ihrer Implikationen unterliegen einem
fortlaufenden Prozess von Umschriften, in dem die Nachträglichkeit eine konstitutive
Rolle spielt. Je nach dem aktuellen kognitiven, sozialen oder affektiven Entwicklungs-
stand erhält das Geschlecht neue Bedeutung, entstehen neue unbewusste Versuche,
die rätselhaften elterlichen Botschaften zu entziffern.
Mit dem Modell der „rätselhaften Botschaften“ der Eltern, die sich in den Geschlechts-
körper des Kindes einschreiben und die fortlaufend übersetzt werden, eröffnet sich ein
Blick auf die Vielgestaltigkeit des Geschlechts, das sich nicht reduktionistisch auf die
Zweigeschlechtlichkeit von „männlich“ und „weiblich“ beschränken lässt.
Der Vielfalt von „männlichen“ und „weiblichen“ Zügen in jedem Menschen trägt
Freud mit dem Konzept der Bisexualität Rechnung, das in bemerkenswerter Diffe-
renziertheit des Geschlechtsbegriffs die gängigen Eindeutigkeiten auflöst. Auch wenn
Freud dies in seinen weiteren Konzeptualisierungen nicht durchgehalten hat, sondern
ebenso die traditionelle Geschlechterideologie reproduzierte, liegt in seinen Formulie-
rungen ein möglicher Ansatzpunkt für ein weiterführendes psychoanalytisches Den-
ken über die Geschlechter, das die freudsche Infragestellung der scheinbar eindeutigen
Differenzierung in „männlich“ und „weiblich“ fortführt und diese Unterscheidung
nicht konkreten Individuen zurechnet, sondern sie im Sinne von „Positionen“ fasst.
Der Kern solch eines Geschlechterkonzepts besteht in der Bisexualität und der sich
daraus ergebenden Vielfalt der geschlechtlichen Identifizierungen und psychischen
sowie somatischen Dispositionen.
Im Anschluss an Erik Erikson lässt sich Identität als lebenslanger dialektischer Prozess
begreifen. Dies bedeutet, dass Identität nicht „in einer bestimmten Entwicklungsstufe
erworben wird, sondern (...) ein Prozessgeschehen (ist). Identitätsbildung bewirkt eine
fortschreitende Individualisierung und eine komplexer werdende Selbst-Organisation.
Entwicklung endet nicht, wie in früheren psychoanalytischen Entwicklungsvorstel-
lungen angenommen, in einer stabilen Charakterformation, sondern Identitätsentwick-
lung ist ein lebenslanger dialektischer Prozess“ (Bohleber, 1997, S. 112). Überträgt man
Prax. Kinderpsychol. Kinderpsychiat. 63: 437 – 448 (2014), ISSN: 0032-7034 (print), 2196-8225 (online)
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diesen Gedankengang auf die Bildung der Geschlechtsidentität und betont den Aspekt
der psychischen (Identitäts-)Arbeit, lässt sich folgern, dass sich die Geschlechtsidentität
von Männern und Frauen in einem lebenslangen dialektischen Prozess zwischen den
Polen Männlichkeit und Weiblichkeit formiert. Auch die Geschlechtsidentität stellt so-
mit keine „stabile Charakterformation“ dar, sondern wird im Lebenslauf fortwährend
umgeschrieben. Die Zuschreibung der Geschlechtszugehörigkeit, die spätestens bei der
Geburt erfolgt, lässt sich nicht als fertiges (Gesamt-)Paket verstehen, das den Einzelnen
übergeben wird und das sie sich aneignen müssen.
Versucht man dies nun in einem Modell zu fassen, muss die Metapher der drei
Schichten gründlich überarbeitet und erweitert werden. Denn die Schichten in dem
Modell von Stoller erwecken die Vorstellung, dass die einzelnen Ebenen des Körper-,
des psychischen und des sozialen Geschlechts nebeneinander und unabhängig von-
einander bestehen. Wechselbeziehungen zwischen den Ebenen lassen sich in diesem
Modell schwerlich abbilden. So wird nicht erkennbar, wie etwa die geschlechtsbezo-
genen Beziehungserfahrungen in den Körper eingeschrieben werden oder wie sich
umgekehrt geschlechtliche Körpererfahrungen in den Beziehungserfahrungen nie-
derschlagen. Um solche Interaktionsbeziehungen zwischen den einzelnen Ebenen
angemessen abbilden zu können, möchte ich im Anschluss an Freuds Konzept der
konstitutionellen Bisexualität vorschlagen, nicht nur zwischen den Schichten, son-
dern auch innerhalb jeder der drei Ebenen verschiedene Mischungsverhältnisse aus
„männlichen“ und „weiblichen“ Anteilen zu konzipieren. So setzt sich etwa die Ebe-
ne des Körpergeschlechts aus verschiedenen anatomischen, morphologischen oder
endokrinologischen Merkmalen zusammen, die keineswegs immer gleichsinnig
„männlich“ oder „weiblich“ sind, sondern sowohl Männliches als auch Weibliches
enthalten. Die geschlechtliche Vielfalt zeigt sich bei jedem Menschen nicht nur auf
der Ebene von nebeneinander bestehenden „männlichen“ bzw. „weiblichen“ Verhal-
tensmerkmalen, sondern ebenso etwa in spezifischen Hormonverhältnissen oder Be-
sonderheiten im Körperbau, die in reduktionistischer Weise jeweils dem anderen Ge-
schlecht zugeschrieben werden. Insoweit erscheint es mir wenig sinnvoll, in Bezug auf
das Geschlecht Eindeutigkeit herstellen zu wollen. Überzeugender wäre es hingegen,
vielgestaltige Mischungsverhältnisse zu denken, die sich auf und zwischen den Ebe-
nen ergeben. Auf solch eine Weise könnte der Begriff der Geschlechtervielfalt Gestalt
gewinnen, und zwar nicht als „idealistische“ Kategorie, wie ihr oft unterstellt wird,
sondern auf eine konkrete, materiale Weise, die den Körper einbezieht.
Statt des Dreischichtenmodells der Geschlechtsidentität scheint mir für ein psycho-
analytisches Verständnis der Geschlechtsidentität die Metapher einer Hülle oder eines
Behältnisses angemessener, in dem die verschiedensten bewussten und unbewussten
Aspekte von Männlichkeit und Weiblichkeit auf den unterschiedlichen somatischen,
psychischen und sozialen Dimensionen in je individuellen Mischungsverhältnissen
aufbewahrt sind. So gibt es in unserer Kultur, welche die Geschlechter dichotom kon-
struiert, zwar nur zwei verschiedene Behälter oder Hüllen, diese können aber durch-
aus Gleiches oder zumindest Ähnliches enthalten. Die Metapher der Hülle oder des
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Geschlechtsidentitätsentwicklung jenseits starrer Zweigeschlechtlichkeit������
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Behältnisses macht zudem deutlich, dass es sich bei der Geschlechtsidentität nicht
um etwas Einheitliches, Monolithisches handelt, sondern dass diese Identität sich aus
vielen einzelnen, weiblichen und männlichen, teilweise auch widersprüchlichen und
unvereinbaren Aspekten zusammensetzt. Mit der Metapher einer Hülle oder eines
Behältnisses möchte ich eine andere Sicht auf die Geschlechtsidentität anbieten als
Robert Stoller, dessen Vorstellung der Geschlechtsidentität als „Kern“ dem psycho-
analytischen Diskurs seit etwa 40 Jahren mehr oder weniger explizit zugrunde liegt.
Dabei drehe ich Stollers Perspektive um, der von einem Kern als einer inneren Struk-
tur ausgeht und die Schichten um diesen Kern fokussiert, und richte den Blick von der
sichtbaren Oberfläche aus auf die vielfältigen, dahinter liegenden Aspekte. Während
die Hülle eine zentrale gesellschaftliche Ordnungsfunktion erfüllt und sich ihre binäre
Kodierung für moderne Gesellschaften als unverzichtbar darstellt, scheint mir aus
psychoanalytischer Perspektive der Inhalt des Behältnisses und dessen Vielfalt weit
interessanter. Daher möchte ich dafür plädieren, dass im Anschluss an die genannte
freudsche Differenzierung an die Stelle der kulturellen Dichotomie im psychoanaly-
tischen Denken die Diversifizierung der Geschlechter tritt.

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Korrespondenzanschrift: Prof. Dr. Ilka Quindeau, Fachhochschule Frankfurt am Main,


Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit, Nibelungenplatz 1, 60318 Frankfurt a. M.;
E-Mail: quindeau@em.uni-frankfurt.de

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