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Frauen und Tiere

Perspektiven jenseits der Macht

as hat Feminismus mit Tierrechten zu tun? Welche Zusam- Mieke Roscher zeigt schließlich die historischen Verwick-
W menhänge bestehen zwischen der Herrschaft über Frauen und
über Tiere? Haben Frauen wirklich die Antivivisektionsbewegung
lungen von Frauenwahlrechts- und Antivivisektionsbe-
wegungen auf. Dabei lernen wir Protagonistinnen ken-
eingeläutet? Diesen und noch anderen Fragen möchten wir uns in nen, die sich Mitte und Ende des 19. und Anfang des
unserer Frühlingsausgabe der Tierbefreiung stellen. 20. Jahrhunderts sowohl für die Sache der Frauen als
Zu Beginn greift die Wienerin Dr. Susi Harringer die ihr seit Jahren auch für die Befreiung der Tiere aus Versuchslaboren
begegnenden Vorurteile und Mythen zum Feminismus auf und bie- einsetzten. Eine historische Zeitreise in die Anfänge
tet in ihrer ganz persönlichen und - wie wir finden - herzerfri- der Tierrechtsbewegung ...
schenden Art und Weise Paroli. Dabei kommt sie auch auf „heiße Ei- Wir bedanken uns ganz herzlich bei den Autorin-
sen“ der Tierrechtsbewegung, wie z. B. Anti-Pelz-Models, zu spre- nen für ihre Beiträge und bei der Künstlerin
chen. Corinna Krell, die eigens für diese Titelstory Il-
Im zweiten Teil greift unsere Mitredakteurin Tina Möller die histo- lustrationen geschaffen hat, und wünschen
risch bedingten Zusammenhänge von Frauen- und Tierfeindlichkeit unseren LeserInnen viel Spaß bei diesem
auf und plädiert für einen mit den Tieren solidarischen Feminismus. Heft.

„The animals of the world exist for their own reasons.


They were not made for humans any more than black people were ma de
„Die Tiere dieser Welt existieren um ihrer selbst willen.
Sie sind genauso wenig für Menschen gemacht wie schwarze Mensche n fü r w
04 tierbefreiung – das aktuelle tierrechtsmagazin
ma de for whites or women for men.“

fü r weiße oder Frauen für Männer.“


Beobachtung des Jäger-Treffpunkts
Alice Walker, afroamerikanische Autorin und Feministin tierbefreiung – das aktuelle tierrechtsmagazin 05
„Und wieso, bitte,
ist Fleischessen männlich?“
Über das Verbindende von Feminismus und Tierrecht
von Susi Harringer
ie Tierrechtsbewegung im deutschspra-
D chigen Raum ist noch nicht alt, und es
kommen darin Menschen aus unterschiedli-
Heutzutage sind die Frauen ohnehin emanzi-
piert, die Bewegung hat ihr Ablaufdatum
überschritten.
euch schon, wenn wir bereit sind (wenn
Ostern und Weihnachten auf einen Tag fall-
en, nirgendwo etwas im Fernsehen läuft, die
chen Richtungen und verschiedener persön- Schön wär’s. In jeder gesellschaftlichen Hölle zufriert), und bis dahin nervt nicht mit
licher Motivation zusammen. In dieser Phase Gruppierung und Schicht sind nach wie vor eurem Frauenkram“.
reger inhaltlicher und strategischer Diskus- die Lebenschancen für Frauen schlechter als Frauen haben - trotz aller Verschiedenheiten
sionen sollte meiner Meinung nach der für Männer verteilt. Bei gebildeten einhei- - viel gemeinsam, sie werden anders und in
feministische Zugang zum Tierrecht nicht zu mischen Mittelschichtfrauen äußert sich das wichtigen Bereichen schlechter behandelt als
kurz kommen. Dazu kann es nicht schaden, natürlich nicht so schlimm wie bei Migran- Männer. Um diese Diskriminierung zu
auf ein paar häufig gestellte Fragen noch ein- tinnen oder behinderten Frauen, aber stati- bekämpfen, müssen wir uns unsere Gemein-
mal einzugehen. stisch - jaja, wir wissen schon, jeder kennt ei- samkeiten bewusst machen und genau an-
ne Ausnahme! - sind Frauen im Gegensatz schauen, wie die Diskriminierung sich in
Im Feminismus geht es um die Gleichberech- zu Männern deutlich schlechter gestellt. Sie verschiedenen Fällen äußert und wie sie
tigung der Frauen? arbeiten bei gleicher Ausbildung meist in funktioniert.
Ja, es geht um Unterdrückungsverhältnisse, schlechteren Positionen, verdienen deutlich Die Unterteilung nach Geschlechtern ist ur-
Gewalt und Hierarchien in der Gesellschaft. weniger, sind viel öfter von Gewalt betroffen alt und sicher nicht die Idee der Frauen.We-
Aber nicht nur, was die Geschlechterverhält- und geraten wesentlich öfter - vor allem der ich noch meine Mutter noch meine
nisse betrifft, sondern im gesamten Zusam- wenn sie alleinerziehend oder alt sind - in Groß- oder Urgroßmütter haben dafür ge-
menhang von Arbeit und Leben der Men- echte Armut. stimmt, dass Frauen als ein bisschen schlicht
schen. Nur mit einer fünfzigprozentigen gelten, weniger verdienen, einen Großteil
Teilnahme der Frauen an allem wäre es nicht Aber die Frauen denken doch, sie haben im- der Hausarbeit erledigen und dafür sexuell
getan, denn unsere Gesellschaft ist nach kapi- mer Recht? belästigt werden sollen. Und dass jeder Trot-
talistischen Gesichtspunkten organisiert, und Nein, das denken die Frauen nicht, auch tel laut Kommentare über unser Aussehen
es geht doch darum,Ausbeutung und Gewalt nicht die engagiertesten. Obwohl es natür- abgeben darf.
insgesamt abzuschaffen und nicht gleich- lich eine lustige Vorstellung ist: Die Frau Zuwenig an das Gemeinsame zu denken, ist
mäßig aufzuteilen. Genauso wenig bringt es, steht in der Früh auf, hat ja so Recht, duscht nicht das Problem der Frauen. Sie kommen
wenn Frauen an gewaltbereiten, hierarchi- und trinkt Kaffee mit Sojamilch, hat dabei sich viel eher egoistisch und unsolidarisch
schen Organisationen wie dem Militär teil- Recht. Dann fährt sie mit dem Rad ins Büro vor, wenn sie durchaus berechtigte Forde-
nehmen, es sollte lieber gar kein Mensch - wahrscheinlich ist sie Richterin, weil sie rungen für sich entwickeln.
daran teilnehmen. immer so Recht hat - und winkt fröhlich
dem Briefträger, weil sie ja ... eh schon wis- Aber männerfeindlich sind sie schon, diese
Dabei können doch nur die Frauen gewin- sen. Unterwegs kauft sie noch Brot und Äp- Feministinnen!
nen? fel und hat dabei dauernd Recht ... den Rund 95 % aller Frauen sind heterosexuell,
Nicht unbedingt, auch das Rollenklischee, ganzen Tag und immer fort. und etwas mehr als die Hälfte aller Kinder,
das Männern zugeordnet wird, ist keine rei- Wahrscheinlich hat der Urheber dieser die auf die Welt kommen, sind Buben. Also
ne Freude. Den ganzen Tag und das ganze merkwürdigen Vorstellung in den falschen was soll’s?
Leben Leistung und Überblick produzieren Hals bekommen, dass Frauen nicht automatisch
zu müssen und auf keinen Fall müde, erfolg- unrecht haben und genauso ernst genommen Und warum wollen die Frauen dann manch-
los, schwach oder gefühlvoll sein zu dürfen, werden wollen wie alle anderen. mal eigene Schlafräume oder lehnen es ab, mit
ist auch nicht beneidenswert. Es wäre ge- einem Mann allein zu sein?
samtgesellschaftlich ein großer Fortschritt, Es gibt Frauen, die schreckliche Dinge tun, Ja, das fühlt sich wirklich unangenehm an,
wenn weder Männer noch Frauen autofah- das sagt uns doch etwas. wie ein potenzieller Belästiger oder Verge-
ren wie die Henker; in Wald und Feld, aber Ja, das sagt uns etwas, und zwar, dass Frauen - waltiger behandelt zu werden. Und höchst-
auch in Haus und Garten niemanden er- aufgrund ihrer Erziehung und ihrer gesell- wahrscheinlich irren sich diese Frauen auch,
schießen; nicht ihre Machtstellung unter den schaftlichen Rolle und nicht irgendwelcher wenn sie so vorsichtig sind. Aber sie haben
Lebewesen demonstrieren, indem sie andere geheimnisvoller genetischer Merkmale - viel sich auch schon früher geirrt, als sie ihren
aufessen; und keinem Lebewesen Gewalt in seltener Gewaltverbrechen begehen als Män- Verwandten, Bekannten oder Kollegen ge-
physischer oder psychischer Form antun. ner. Die wenigen Ausnahmen fallen umso traut und die sich an ihnen vergangen haben,
mehr auf. sie vergewaltigt und missbraucht haben. Be-
Aha, aber an allem sind die Männer schuld? schwerden sollten also an die männlichen
„Die Männer“ gibt es genauso wenig wie Wozu müssen sich die Frauen manchmal ge- Sexattentäter gerichtet werden und nicht an
„die Frauen“. Sogar biologisch sind die Un- trennt organisieren? ihre Opfer.
terschiede innerhalb einer Gruppe von Frau- Viele Männer mögen es nicht, dass Frauen
en und einer Gruppe von Männern größer sich ohne sie politisch betätigen. Manche Und warum sind die Feministinnen so bissig?
als zwischen den beiden Gruppen. Es kommt meinen es wohl ernst, wenn sie sagen, dass Beim Klischee von der bösartigen Feministin
vielmehr darauf an, ob jemand die her- „man lieber gemeinsam etwas gegen die Dis- scheint es sich um einen moderner Mythos
kömmlichen Machtverhältnisse unterstützt kriminierung unternehmen sollte“. Andere zu handeln, so etwas wie die Spinne in der
und für sich ausnutzt oder nicht. sagen das als vornehme Formulierung für: Yucca-Palme. Die Feministinnen im wirkli-
„Jetzt beruhigt euch schleunigst, wir sagen chen Leben sind mehrheitlich engagierte,

06 tierbefreiung – das aktuelle tierrechtsmagazin


überarbeitete, besorgte Frauen, die sicher Bond oder John Wayne, Nussnudeln oder ein mit einer anderen Kampagne recht gut ge-
keine Zeit mit sinnlosem Gezänk vergeuden. Marmeladenbrötchen essen, das ist nicht lungen, den Zusammenhang zwischen Por-
Aber immerhin, es stimmt schon, dass kleine, männlich. nographie und Fleischkonsum zu zeigen:Auf
zarte Menschen mit heller Stimme sich auf- Dazu zwei Beispiele: Ein junger Mann liegt einem Plakat hält eine junge Frau einen pa-
führen müssen wie Rumpelstilz, um dieselbe erschöpft und missmutig nach seinem langen nierten Geflügelschenkel in der Hand und
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen wie Arbeitstag in der Badewanne. Erst als seine verkündet, dass sie auf schöne Schenkel steht.
Schränke mit tiefer Stimme. Aber was mehr Frau ihm sagt, dass es zum Abendessen Wurst Zugleich starrt sie auf die behaarten Schen-
ins Gewicht fällt: Seit Jahrhunderten erwartet und Schinken gibt, wird er munter, springt kel eines jungen Mannes in knappen Shorts,
man von Frauen, dass sie sich höflicher, leiser auf und läuft, nur mit Schaum am Körper, an der neben ihr sitzt. Auch wenn in einer Art
und verbindlicher benehmen, und es fällt un- den Esstisch. Dort beginnt er, unter den er- Pseudoemanzipation eine Frau die Konsu-
angenehm auf, wenn sie genauso laut oder staunten Blicken eines älteren Paares, mit den mentin mimt, sind die Elemente wie die tra-
grantig werden wie Männer. Frauen können Händen die verheißenen Fleischprodukte zu ditionellen: Körper werden konsumiert, ent-
auch nicht mit demselben Mitleid rechnen konsumieren. Andere Szene: Älterer gutsitu- weder sexuell oder buchstäblich, es geht
wie betrunkene oder wütende Männer, die ierter Herr sitzt trübsinnig in seinem Fau- nicht um das gesamte Lebewesen, sondern
Streit anfangen oder herumnerven oder teuil. Als seine Frau ihm sagt, dass es Schnit- um einzelne Körperteile, es findet kein im
„halt so sind“. Frauen sollten lieber mitden- zel gibt, springt er vor Freude in die Luft, entferntesten gleichberechtigter Akt statt,
ken, was sie auslösen: Dass sie womöglich und beim Essen schaut sie ihm glücklich zu, sondern ein einseitiger Konsum, der für das
wilde Lüste wecken, wenn sie „falsch“ ange- wie glücklich und vital er wieder ist. Also Huhn tödlich, für Menschen abwertend ist.
zogen sind, und dass sie einem Mann ganz, macht Fleisch müde Männer munter, und
ganz vorsichtig mitteilen müssen, dass sie ih- Frauen können ihren Männern damit Vita- Aber humorlos sind sie schon, die Feministin-
rer eigenen Wege gehen wollen. Sonst dürfen lität verleihen. Und wie der Zufall es will, nen, wenn sie über deftige Witze und Sexhef-
sie nicht jammern, wenn sie überfallen und stehen die Frauen wie im schönsten Rol- te die Nase rümpfen?
ermordet werden. Frauen sind leicht „selber lenklischee auch persönlich in der Küche. Es kommt halt darauf an, was man lustig fin-
schuld“. Diese vielsagenden Kurzdramen sind im det. In unserer Kultur ist es zutiefst verwur-
Auftrag der AMA, der österreichischen zelt, dass man Frauenkörper ungeniert an-
Und wieso, bitte, ist Fleischessen männlich? Fleischwerbung, wochenlang im Fernsehen starren kann, bekleidete und nackte. Darum
Fleisch gilt seit altersher als besonders wert- gelaufen. In Deutschland lassen sich sicher fällt es auf den ersten Blick gar nicht auf, dass
volle Nahrung, die Energie des getöteten genug ähnliche Beispiele finden. dieses Verhalten zu Kummer und Leid, Ver-
Tieres verleiht dem Esser gewissermaßen Wenn also Fleischessen die traditionelle letzten und Toten führt. Wenn gestarrt wer-
Energie und Vitalität. Es zeigt, dass es in sei- chauvinistische Wertvorstellung unterstützt, den darf, ist auch klar, wer diejenigen sind,
ner Macht steht, sich andere Lebewesen ein- dann kann Vegetarismus ihre Ablehnung be- die schauen und gustieren und bewerten,
zuverleiben. Dementsprechend ist Fleisches- deuten und einen Widerstand gegen das Pa- und wer angeschaut, bewertet und bedrängt
sen Männersache, es verleiht Männern auch triarchat verkörpern. wird. Es führt notwendigerweise dazu, dass
heute noch Vitalität und bestätigt ihre Rolle die einen denken: „Das meint sie sicher nicht
als führende Lebewesen. Nie sieht man ir- Ja, und Fleischessen und Pornographie? ernst, wenn sie nein sagt!“ und „Ich lass mich
gendein Urbild der Männlichkeit, wie James Der fleißigen AMA-Fleischwerbung ist es doch nicht immer abweisen!“ und „Ich bin

Chauvinistische Fleischwerbung der CMA in Deutschland (Foto: Tina Möller)

tierbefreiung – das aktuelle tierrechtsmagazin 07


titelstory

ihr wohl nicht gut genug!“, und die anderen herrschenden System, in der Arbeitswelt, in thisch. In der traditionellen Hierarchie ste-
auf der Straße angeblödelt werden, sich dau- der Sozialversicherung sind strukturelle hen die weißen Männer ganz oben, dann
ernd in Acht nehmen müssen und trotzdem Schranken eingebaut, die früher oder später kommen - je nach Stand der Auseinander-
oft überfallen werden. fast jede Frau kalt erwischen. Da wäre es setzungen - die weißen Frauen oder die
Gerade in der Tierrechtsbewegung geht es doch günstig, bereit zu sein und sich beraten nichtweißen Männer - und so weiter, und
doch darum, dass man sich nicht aussuchen zu lassen und nicht zu denken, das liegt nur ganz unten vegetieren die nichtmenschli-
darf, welche Lebewesen man respektiert und an mir, ich bin eben unfähig, anderen Frauen chen Tiere. Diese Hierarchie gilt nicht nur
gut behandelt und welche man ruhig ein bis- passiert so was nicht. im Großen, sondern auch im Alltag. Oft
schen missachten kann. Es kommt auch der Wenn wir gerade stark sind, können wir von schlagen oder töten Männer die Tiere im
politischen Glaubwürdigkeit sehr zugute, unserer Stärke ja denen etwas abgeben, die es Haushalt, um ihre Frauen und Kinder einzu-
wenn man sich an seine eigenen Vorgaben brauchen, die vergewaltigt oder ausgerackert schüchtern.
hält. oder eingeschüchtert oder arm sind. Es Jahrhundertlang haben die Frauen sich abge-
klingt pathetisch, aber wir haben es anderen strampelt, in dieser Hierarchie hinaufzukom-
Was ist denn so schlimm an nackten Anti- Frauen zu verdanken, wenn wir überhaupt men und zu zeigen, dass sie ebenso gut
Pelz-Models? studieren oder in die Bibliothek gehen oder schreiben, rechnen und denken können wie
Bei dieser Kampagne ging es darum, mit demonstrieren können. Diese Frauen haben die Männer. Aber auch wenn jemand nicht
dem bewährten Werbemittel schöne junge sich in den letzten Jahrzehnten und Jahrhun- gut rechnen kann, hat niemand die Berech-
nackte Frauen möglichst viele Menschen zu derten dafür engagiert und für uns lächerlich tigung, ihn auszunutzen und zu quälen. Das
erreichen und gegen das Pelztragen einzu- gemacht und viele persönliche, oft sogar exi- gilt auch für die Tiere: Egal ob sie sprechen
nehmen. Die feministische Kritik an dieser stenzbedrohliche Nachteile deswegen in können oder uns gefallen oder nicht, sie ha-
Werbestrategie wurde anscheinend als ermü- Kauf genommen. ben ein Recht auf Unversehrtheit. Dieses
dend empfunden. Wieso eigentlich, wenn Recht darf nicht vom Platz in der Hierarchie
man sich’s recht überlegt? Feministinnen Frauen sind oft so sentimental! abhängen.
verstehen doch etwas vom Nicht-Pelzetra-
gen. Ich kenne keine einzige engagierte Und wenn das alles so schlüssig ist, wo sind
Frau, die eine Pelzjacke hat. Pelz vermittelt dann die vielen Frauen in der Tierrechtsbewe-
im Grunde genommen ein merkwürdiges gung?
Frauenbild. Was soll es denn attraktiv daran Leider funktioniert das in Europa noch nicht
sein, mit den Haaren anderer Lebewesen so gut. Während in Nordamerika sehr viele
Flauschigkeit vorzutäuschen? Würden wir Feministinnen sozusagen automatisch Vege-
das denn gut und anziehend finden, wenn es tarierinnen sind, haben die Frauen bei uns
vom Leiden zu trennen wäre? Ich bin viel oft Angst, durch zu viel Nähe zu den Tieren
eher dafür, in der Anti-Pelzreklame alle Ge- „heruntergezogen“ zu werden. Die vielen
danken an „sexy“ zu vermeiden.Wir sollten chauvinistischen und speziesistischen Verglei-
generell kritisieren, wenn Menschen sich mit che von Frauen und Tieren, von geiler Katze
fremden Haaren und fremden Federn bis blöde Gans, und die Untermenschendik-
schmücken. Es scheint mir überhaupt frag- tion des Faschismus haben Nachwirkungen.
lich, ob man Mitgefühl mit anderen Wesen Es wird auch von der Tierrechtsbewegung
mit einem so abgeschmackten Werbemittel abhängen, wie viele Frauen sich für die Tie-
verkaufen kann, zu dem jede grindige Vor- re engagieren werden.
stadtbar und jeder Gebrauchtwagenhändler No, schlecht? Die Rolle, die den Frauen seit Kann die Tierrechtsbewegung auf das müh-
greift. Und dabei macht es keinen Unter- Jahrhunderten zugeschrieben wird, als sam gesammelte Wissen von Frauen über
schied, wie ästhetisch die Bilder wirken und schwächere, sanftere, gütigere Wesen, erlaubt Ausbeutung, wie sie funktioniert, wie sie
mit wie viel künstlerischem Geschick und ihnen auch, Gefühle zu zeigen. Das ist aller- verteidigt und versteckt wird und wie man
wie viel Weichzeichner gearbeitet wurde. dings eine widersprüchliche Sache: einerseits sich wehren kann, verzichten? Bisher wur-
konnten Frauen offen ihr Mitgefühl für lei- den nichtmenschliche Tiere als die
Aha, jetzt ist es heraußen, die Feministinnen dende Lebewesen und ihre Ablehnung von grundsätzlich Anderen ausgegrenzt und
wollen die Frauen hässlich machen! Gewalt und Tod zeigen, andererseits gelten rechtlos gelassen. Ist es dann geschickt, wenn
Na ja, Schönheit hat bekanntlich ihren Preis, sie dadurch umso mehr als gefühlsgesteuerte wir uns selbst als die ganz Anderen, die nichts
und der hohe gesellschaftliche Druck, attrak- Lebewesen, die eben zu dumm sind, Wirt- mit „normaler Politik“ zu tun haben wollen,
tiv zu sein, treibt viele Mädchen und Frauen schaftsrationalität und Fortschrittslogik zu verstehen? Wenn wir nicht auf die unter-
geradewegs in die Selbstbeschädigung: im- begreifen. Ich persönlich finde, dass eine Ra- schiedliche Einstellung der Menschen zu den
mer mehr werden magersüchtig, viele lassen tionalität, die Kriege, Imperialismus,Ausbeu- Tieren und ihrer Ausbeutung eingehen, auch
sich freiwillig operieren, weil sie mit ihren tung und Quälerei von Mensch und Tier wenn sie noch nicht vegetarisch und vegan
Körpern unzufrieden gemacht werden. Eine rechtfertigt, wohl einen Fehler im Ansatz ha- sind? Es ist doch ein großer Unterschied, ob
riesige Industrie ernährt sich davon, die ben muss. Ihre „Sentimentalität“ hat auch wir mit einer Rentnerin reden, die mit zwei
Angst zu verbreiten, dass nur junge, fesche dazu geführt, dass Frauen sich immer zahl- Katzen aus dem Tierheim lebt, oder mit ei-
Menschen Liebe und Sex erwarten können. reich im Tierschutz engagiert haben. Wir nem Wurstfabrikanten, mit einem konserva-
Und inzwischen auch einen Arbeitsplatz und könnten auch von der vorhandenen Sympa- tiven Theologen oder mit jungen Eltern, die
ein geregeltes Einkommen. thie der Menschen für die Tiere ausgehen sich um die Ernährung ihrer Kinder sorgen,
Ja, tatsächlich, meinetwegen können die und verhindern, dass sie ihnen von der mit einem frauenfeindlichen Jäger oder einer
Leute bleiben, wie sie sind, groß oder klein, Fleisch-, Pelz- und Tierversuchsindustrie ökologisch bewussten Yogalehrerin.
dick oder dünn, hell oder dunkel, glatt oder ausgeredet wird.
runzlig. Liebe LeserInnen, dieses Thema liegt mir sehr am
Die Feministinnen haben an allem etwas zu Herzen und ich könnte noch seitenlang weiter-
Aber immer diese Opferrolle! meckern! schreiben. Aber jetzt sollten lieber Tina und Mie-
Natürlich bringt es nichts, den ganzen Tag Ja, nicht wahr, ist das nicht toll? Dieser ke zu Wort kommen. Zum Weiterlesen haben wir
eingeschüchtert dazusitzen und zu denken: grundsätzlichen Zweifel an der abendländi- eine kleine Literaturliste zusammengestellt. Und
Ich bin ein Opfer, ich kann gar nicht anders. schen Wertehierarchie, diese Abneigung, Le- die Diskussion geht weiter. Susi Harringer
Aber das ist ja auch nicht der Punkt. Im bewesen einzuteilen, macht doch sympa-

08 tierbefreiung – das aktuelle tierrechtsmagazin


Jenseits der „Krone der Schöpfung“
von Tina Möller
Nur was nicht von selbst auf den Teller bzw. so genannten Jägerlatein, einer eigenartigen
Von echten Kerlen in unser Bett hüpft, bekommt unserer volle männlichen Erfindung, finden wir Begriffe,
und wilden Aufmerksamkeit. Zumindest solange, bis wir
irgendwo da draußen eine neue Fährte wit-
die sexistischen2 Ursprungs sind. „Luder“
beispielsweise nennt der Jäger3 ein bereits
Stuten - Männerkult tern.“ getötetes Tier, das zur Anlockung weiterer
Was an diesem Artikel vor allem auffällig ist, Wildtiere ausgelegt wird. Ein Luder dient al-
im Frauenmagazin ist die Sprache: Begriffe aus der traditionel- so als Köder für weitere Opfer des Jägers. Im
Braucht noch jemand einen Beleg dafür, dass len Jagd auf so genannte Wildtiere werden allgemeinen Sprachgebrauch werden dieje-
die Emanzipationsbewegung von Frauen ihr synonym für die Jagd auf Frauen verwendet. nigen Frauen als Luder bezeichnet, die we-
Ziel noch lange nicht erreicht hat und dass Frauen werden als „Beutetiere“ bezeichnet, gen körperbetonter Kleidung oder „aufrei-
das Geschlecht nicht neutral gesehen, son- es wird „Verfolgung“ aufgenommen und zendem“ Verhalten als „verführerisch“ ange-
dern nach wie vor (mit) ausschlaggebend für neue „Fährten“ gewittert. Ein kurzfristiges sehen werden. Dass sich junge Frauen mit
die soziale Stellung und Behandlung in der Hochgefühl erleben Männer dann, wenn sie Aufkommen der Spaßgesellschaft diese her-
Gesellschaft ist? Dann schlage diese/r doch ein „veritables1 Superweib in die eigene Fal- absetzende Selbsttitulierung auf ihre T-Shirts
bitte die Märzausgabe des „internationalen le“ gelockt, wenn sie das Unberührbare „er- geschrieben haben, zeigt, wie wenig die An-
Magazins für Frauen“, die „Cosmopolitan“, legt“ haben und „zum Abschuss gekommen“ strengungen der weiblichen Emanzipations-
auf und lasse sich den Artikel „Jagdinstinkt. sind.Während die SpeziesistInnen unter den bewegung bei den nachfolgenden Genera-
Den Reizen erlegen“ von Jesko Prieß in der FeministInnen empört sind über die Gleich- tionen gefruchtet haben. Oder habe ich da
Rubrik „Männer-Welt“ (S. 44) auf der Zun- setzung von „Beutetieren“ und Frauen, so was falsch verstanden? Ist die freiwillige
ge zergehen. Bereits die Einleitung zeigt der sollte weiterdenkenden Menschen folgendes Selbstbezeichnung als „Luder“ ein Zeichen
ahnungslosen Leserin bzw. dem ahnungslo- deutlich werden: In diesem Artikel wird of- von Emanzipation? Wohl kaum.
sen Leser auf, wohin die Reise gehen wird: fenkundig, welches Grundverständnis von Auch die so genannte Schnalle, die Männer
„Säbelzahntiger, Parkplätze in der City, schö- Tieren und Frauen zugrunde gelegt wird. gern mal verwenden, wenn es um die Se-
ne Frauen - seit Millionen von Jahren gehen Verharmlosend und humoristisch aufgepeppt xualpartnerin geht, ist der Jägersprache ent-
Männer auf die Pirsch. Jesko Prieß erklärt, wird hier offenkundig, wie die Welt funktio- lehnt:Als „Schnalle“ bezeichnet der Jäger das
warum echte Kerle beim Anblick neuer niert und wie sie immer funktioniert hat - Geschlechtsteil eines weiblichen „Raubwil-
Beute keine Schonzeit kennen.“ Die Wort- und das nicht als satirisch zu verstehender des“, das nach der Tötung des „Stückes“ zur
wahl und die Formulierungen in dieser Einschub, sondern als ganz normaler Artikel „Ausmerze“ ansteht, was auf deutsch so viel
Überschrift lassen keine Zweifel aufkom- unter der Rubrik „Männerkult“ in einem bedeutet wie das Herausschneiden des Ge-
men: Männer gehen auf die Jagd - Frauen internationalen Frauenmagazin im März schlechtsteils weiblicher Füchsinnen oder
sind Beute der Männer! Und nicht nur das. 2005! Der Artikel zeigt die immer noch vor- anderer weiblicher „Raub“tiere, die der Jä-
Der sarkastische Unterton soll dem Inhalt herrschende jahrtausendealte Dominanzkultur, in ger als Konkurrenz ansieht. Die Sozialwis-
des Artikels die Schärfe nehmen, doch der Männer jagen (oder „wilde Stuten zähmen“) senschaftlerin Birgit Mütherich konstatiert:
gleichzeitig wird unumwunden dargestellt und somit Gewalt ausüben, in denen Frauen und „Dass derartige Spezialbezeichnungen für Tiere
und festgeschrieben, an welchen Merkmalen Tiere zu Beute, zu Verfügungsobjekten und zu und ihre (weiblichen) Körperteile auch in die sexi-
auch in heutiger Zeit „echte Kerle“ zu er- Opfern männlicher Gewalt werden. Noch Fra- stische Alltagssprache einfließen, zeigt sich darin,
kennen sind. Nämlich vor allem an ihrem gen? dass beide Bezeichnungen in gleichzeitig animie-
Verständnis von Frauen und von Tieren als render und herabsetzender Weise zur Charakteri-
sierung von Frauen eingesetzt werden.“
Freiwild, als Beute in einem unendlichen
Jagdgebiet.
Vom Luder, Frisch- Auch in der Welt des Fleisches hat bereits
Tenor des Artikels ist, dass sich Männer dank fleisch und anderen Nick Fiddes 1991 Zusammenhänge aufge-
deckt: „Frischfleisch“ wurden früher Prosti-
ihres Jagdinstinktes „hübsch weiterent-
wickelt“ und sich „den Platz ganz oben auf Diskriminierungen tuierte genannt, die neu im Geschäft waren,
dem Schöpfungstreppchen redlich verdient“ und auch heute noch kennt man den Begriff
Nur wenige Sozialwissen- „Fleischbeschau“ oder
hätten: sie würden ihrem Glück nicht hinter-
schaftlerInnen haben sich „Fleischmarkt“,
her rennen, sondern sie würden es jagen. Das
mit den Verwicklun- wenn
Jagdrevier der Männer sei nicht mehr der
gen zwischen der
Wald oder die Wiese, sondern Plattenladen,
Diskriminierung
Büro oder Sportplatz. Es wäre nicht bloß die
von Tieren und
Gier nach Macht und Anerkennung, die sie
von Frauen
zur Jagd treibe, sondern es wäre auch „die
auseinander-
Sehnsucht nach dem Unberührten und dem
gesetzt, dieje-
Unberührbaren.“ Erlegt werden sollen hier
nigen Ausar-
in erster Linie Frauen. Der männliche Jag-
beitungen
dinstinkt, auf den hier nicht ohne Stolz ver-
dazu sind des-
wiesen wird, kenne keine Zufriedenheit,
halb um so
denn „jede erfolgreiche Jagd hinterlässt lei-
wertvoller. Ich
der eine tragische Leere und ist plötzlich nur
habe mich bei meinem Ar-
noch langweiliger Besitz“.Aus diesem Grun-
tikel vor allem auf die wunder-
de müssten Männer ständig nach neuen
baren wissenschaftlichen Erkennt-
Abenteuern und Nervenkitzel Ausschau hal-
nisse der Dortmunder Sozialwis-
ten, und nur nach harter Verfolgungsjagd
senschaftlerin und Tierrechtlerin
stelle sich ein wirkliches Glückgefühl ein:
Birgit Mütherich bezogen (s. Li-
„Schließlich bedeutet Jagen wilde Stuten
teraturhinweise).
zähmen und nicht Pony-Karussel zu fahren.
Bleiben wir doch bei der Jagd. Im

britische Tierversuchsgegnerin gibt den Ton an


titelstory

männliche Betrachter Frauen (vor allem de-


ren Körper) anschauen und nach ihren Maß-
stäben bewerten. Frauen werden also hierbei
von Männern als („zu verzehrende“) Objek-
te angesehen - genau wie das Stück Fleisch,
das vorher dem lebendigen Tier angehört
hatte. Das Fleisch der Tiere, vor allem das der
so genannten Nutztiere, wird selten als die
Verkörperung der Lebendigkeit des Tieres
angesehen, sondern vor allem als Nahrungs-
mittel für den Menschen. Fiddes sieht im Doppelte Diskriminierung „Rasse“ und Geschlecht: Weibliche Samoanerinnen als „Ausstellungsstücke“ im Hamburger Zoo Hagenbeck
Fleisch - sowohl im Fleisch des getöteten um 1910 (Quelle: Herve/Steinmann/Wurms (Hrsg.): Das Weiberlexikon 1995)
Tiers als auch in der Bezeichnung der Frau stehenden Alten. Dies gilt auch für die sozia- Gegenpart zum rationalen, durch Vernunft
als „Frischfleisch“ oder ähnliches - „ein her- len Rollen der Geschlechter und die Bezie- gesteuerten Menschen (und der Maßstab ei-
vorragendes Symbol für die Kontrolle des hung zu den Tieren. nes Menschen war immer „der Mann“) de-
Mannes über die natürliche Welt“. In patriarchalen Gesellschaften, in denen finiert, als wild, instinktgeleitet und ohne
Männer die Macht und somit die Definiti- Vernunft.
onsgewalt über andere hatten, wurde der
Frauen und Tiere im Rest der Welt vor allem als natürliche Res-
Grundkonzept der source des Mannes definiert.Tiere, aber auch Biologie als
patriarchalen
Frauen wurden bereits lange vor dem 19.
Jahrhundert als das Gegenstück zum Mann
Ideologie – „Die
Weltordnung definiert. „Sein ist das Weib, Denken der soziale Konstruktion
Mann“, formulierte bereits der deutsche
Die Herabsetzung von Frauen und die maß-
Philosoph Ludwig Feuerbach (1804-1872) des Anderen“
und brachte damit das zum Ausdruck, was als
lose Abwertung der Tiere haben eine Ge- Grundsätzlich galten seit Jahrhunderten be-
allgemeine Wahrheit angenommen wurde.
schichte. Das, was heutzutage Normalität ist, stimmte kulturelle Denkschemen, die sich
Während Männern vor allem Stereotype wie
eben jenes Frauen- und Tierbild, das in der hartnäckig durch die Geschichte zogen. Da-
Rationalität,Aktivität und Stärke zugeschrie-
Gesellschaft vorherrscht, kommt nicht aus zu gehören vor allem Dualismen, also Zwei-
ben wurden, waren Frauen eher der Natur,
dem Nichts - es ist historisch-kulturell ent- teilungen, in denen zwischen Kultur und
vor allem der Emotionalität, der Passivität
standen, und so sollte es auch verstanden Natur unterschieden wurde, zwischen
und Schwäche zugeordnet. Birgit Mütherich
werden. Dass uralte Frauen- und Tierbilder Mensch (mit dem Mann als Maßstab) und
schrieb dazu: „Die Reduktion auf Naturhaf-
noch lange nicht überwunden sind, zeigt die Tier, zwischen Mann und Frau, zwischen
tigkeit, Körper und Instinkt sowie die Un-
Realität. Trotz unaufhaltsamem „sozialem Rationalität und Emotionalität. Diese Zwei-
terstellung eines Mangels an Vernunft und
Wandel“ (im positiven und negativen Sinn) teilung hatte vor allem die Funktion, das ei-
Individualität, die im Falle der Tiere deren
bleiben Strukturen sichtbar, denn alles Neue ne vom anderen abzugrenzen, somit auch
Versachlichung ermöglicht und die totale
wird erst deutlich im Vergleich mit dem be- den Menschen (Mann) vom Tier/von der
Herrschaft über ihre Körper und Psychen si-
Natur, den Mann von der Frau (den Weißen
chert, gehörte über zweitausend Jahre lang
vom Schwarzen, den „Arier“ vom Juden
auch zum Ausgrenzungs- und Unter-
usw. usf.) und die Herrschaft des einen über
drückungsmuster gegenüber Frauen.“ Frau-
den anderen festzuschreiben. Wenn derjeni-
en wurden vor allem als instinkt- und emo-
ge, der aufgrund seiner sozialen Position die
tionsgeleitet angesehen, mit niederem Ent-
Definitionsmacht ausübt, das „Andere“ be-
wicklungsniveau und vor allem deshalb auf
stimmt, demonstriert er damit gleichzeitig
der Welt, um ihrer „von der Natur zugewie-
seine Machtposition und festigt sie. Das von
senen“ Rolle als Hausfrau und Mutter nach-
ihm abgegrenzte Andere oder das Fremde
zukommen und dem Manne zu Diensten zu
nennt er grundsätzlich minderwertiger als er
sein. Begründet wurde dies mit ihrem weib-
sich selbst. Die biologische Kategorie ist dabei das
lichen Geschlecht. „Wie die Tiere seit un-
bestimmende Merkmal, anhand dessen festgelegt
denklichen Zeiten immer dasselbe tun, so
wird, wer zur herrschenden (und unterdrückenden)
würde auch das menschliche Geschlecht,
Gruppe gehört und wer nicht. Es war und ist das
wenn es nur Weiber gäbe, in seinem Urzu-
Kriterium, das jahrhundertelang als Ausgren-
stand geblieben sein. Aller Fortschritt geht
zungs- und Unterdrückungsargument be-
vom Manne aus“, schrieb einst der Psychia-
nutzt wurde - bei Frauen und bei Tieren.
ter Paul Julius Möbis (1853-1907). Auch der
Mütherich schließt daraus auf eine gewisse
bekannte deutsche Physiker Max Planck ließ
Grundhaltung gegenüber dem „Anderen“,
sich in einem Gutachten zu der Aussage hin-
die von Distanzierung, Degradierung, Ver-
reißen, dass die Natur der Frau die Rolle der
dinglichung und Gewalt geprägt ist. Bei den
Hausfrau und Mutter zuschreibe und dass
Frauen führte es u. a. zur Fremdbestimmung
dies unter keinen Umständen ignoriert wer-
durch den Mann, die die Frau zum sexuellen
den dürfe.4 Was hier klar wird, ist vor allem
Objekt machte, zum Opfer sexueller, psychi-
eins: Die Definitionsmacht über das, was „die
scher und physischer Gewalt. Bei Tieren sind
Frau“ ausmacht und welche Rolle und wel-
die Folgen der Ausgrenzung noch folgenrei-
chen Status sie in der Gesellschaft innehaben
cher und offensichtlicher, denn die rohe tag-
soll, übernahmen Männer, also diejenigen,
tägliche Gewalt, die gegen sie verübt wird, ist
die die Macht innehatten und nicht gewillt
gesellschaftlich und institutionell legitimiert:
waren, sie zu teilen, geschweige denn abzu-
Ihnen werden (bis auf wenige Ausnahmen)
geben.
grundsätzlich keinerlei Unversehrtheitsrech-
Die Verbindung zu den Tieren ist nicht weg-
te zugestanden, sie besitzen in der vom Men-
zudiskutieren: Auch Tiere wurden als der
„Doppelzüngigkeit“

10 tierbefreiung – das aktuelle tierrechtsmagazin


schen beherrschten Welt „keine Daseinsbe- schaftskritik zu verstehen ist, und trotz ge-
rechtigung jenseits menschlicher Verfügungs- setzlich geregelter Gleichberechtigung ma-
zwecke“. Sie werden als Ressource betrach- chen eingefahrene Strukturen, Vorurteile
tet und dementsprechend behandelt - Zucht, und alte Traditionen und Werte es den Frau-
Qual und Mord im Akkord.Trotz der offen- en schwer, am politischen Weltgeschehen ak-
sichtlichen Tatsache, dass vor allem so ge- tiv teilzunehmen. Aktuellen Studien zufolge
nannte höhere Tiere Sozialwesen und lei- sind Frauen immer noch Mangelware in den
densfähig sind - sogar ein Großteil der Na- hohen Etagen der Wirtschaft, der Wissen-
tur- und SozialwissenschaftlerInnen erken- schaft und der Politik, also dort, wo das Welt-
nen ihre Sozialkompetenzen und Kogniti- geschehen bestimmt wird - „old-boys-net-
onsleistungen an - ändert dies nichts an works“ nennt man das wohl. Männer regie-
ihrem Status als Ausbeutbare, denn sie blei- ren weiterhin die Welt. Es ist jedoch illuso-
ben Tiere, das biologisch Andere. So werden risch zu glauben, durch die Parole „Frauen
doch wieder elementare Gemeinsamkeiten an die Macht“ werde man die Welt verbes-
wie Schmerzempfinden, Leidensfähigkeit, sern können. Und damit es hier nicht zu
Emotionalität, Kognition und Sozialität - all Missverständnissen kommt: Es geht hier
das, was sie mit den Menschen eint - zur nicht darum, die Welt einzuteilen in „böse
marginalen Sache erklärt. Biologie als Ideo- Männer“ und „liebe Frauen“, sondern es „Frau zum Verkauf“ von Martinet, engl. Heiratsmarkt im frühen
19. Jhdt. (Quelle: Herve/Steinmann/Wurms
logie in ihrer schlimmsten Form. geht um kulturelle Rollenverständnisse und (Hrsg.): Das Weiberlexikon 1995)
damit einhergehende Diskriminierungen fern, indem sie auf die Jagd oder zum Militär
„Bestimmte Dualismen haben sich in der und Ausschließungen, die auch heute noch gehen, in dem sie für die Forschung Tiere se-
westlichen Tradition hartnäckig durchgehal- vorhanden sind. Frauen sind nicht besser zieren und eine Politik betreiben oder unter-
ten, sie waren systematischer Bestandteil der oder schlechter als Männer, nur weil sie ein stützen, die Krieg und Ausbeutung produ-
Logiken und Praktiken der Herrschaft über anderes Geschlecht haben. Sie sind auch auf- ziert. Sie sollten nicht an Unterdrückung
Frauen, farbige Menschen, Natur, ArbeiterIn- grund ihres Geschlechtes nicht grundsätzlich teilhaben, sondern sie bekämpfen und dabei
nen, Tiere - kurz: der Herrschaft über all jene, anders. Frauen sind beteiligt an Gewalt, sie entschlossen und kreativ vorgehen.
die als Andere konstituiert werden und deren sind Teilhaberinnen oder selbst Täterinnen, Bis zu einem gewissen Grad haben dies An-
Funktion es ist, Spiegel des Selbst zu sein.“ und sie sind auch Opfer.Von allem etwas. fang des 20. Jahrhunderts bereits britische
(Donna Haraway: Die Neuerfindung der Natur, Aber ist es nicht eine Chance, wenn wir er- Frauen vorgemacht - sie haben sich gegen
Frankfurt 1995, S. 67) kennen, dass die bisherige Weltpolitik von herrschende Normalitäten gewehrt. Ihre
Männern dominiert war? Können wir da- spannende Geschichte wird uns nun Mieke
durch nicht neue Politikbilder entwerfen,
Visionen Politikbilder, an denen endlich auch Frauen
Roscher erzählen.
Alle Unterdrückungsformen haben Unter- mitschneidern? Alle Wissenschaft - wie wir ja 1 veritabel: wahrhaft, echt, aufrichtig
schiedlichkeiten, aber ebenso Gemeinsam- bereits von Herrn Möbius gehört haben -, 2 Sexismus: Unter Sexismus (oder Geschlechts-
keiten. Ein wichtiges Prinzip von Unter- „aller Fortschritt geht vom Manne aus“, weil vorurteil) fallen geschlechtsbezogene Stereotype,
drückung ist die (Über)Betonung der Diffe- die Frauen in Jahrtausenden keine Gelegen- Affekte oder zugeschriebene Verhaltensweisen, die
renzen bzw. der vermeintlichen Differenzen. heit dazu bekommen haben.Was hat uns die- einen ungleichen sozialen Status von Frauen und
Bei den Frauen war es jahrhundertlang das ser Fortschritt neben einigen (manchmal Männern zur Folge haben (Quelle: Swim, Janet
K./Campbell, Bernadette: Sexism: Attitudes, Be-
andere Geschlecht und die damit einherge- fragwürdigen) Bequemlichkeiten und Ver-
liefs and Behaviors. In: Brown, Rupert/Samuel L.
henden Zuschreibungen wie Schwäche oder besserungen gebracht? Kriege, Großkapita- Gaertner (Hrsg.): Blackwell Handbook of Social
Emotionalität. Bei den Tieren ist es schlicht lismus auf der einen, Armut und Hunger auf Psychology: Intergroup Processes, Oxord, UK:
das Nicht-Mensch-Sein. So verschiedenartig der anderen Seite, Atomkraftwerke, Tierver- Blackwell, S. 218-237).
die Tierarten untereinander sind, so unter- suchsanstalten, Schlachthöfe und und und. 3 Ich spreche hier von Jägern, weil die Jagd tradi-
schiedlich wird auch ihre Ausbeutung be- Gewaltpolitik könnte man so etwas nennen. tionell eine männliche Domäne ist, auch wenn im-
trieben. Grundsätzlich gilt jedoch immer Wird es nicht Zeit, dieser Politik in den Hin- mer mehr Frauen zur Flinte greifen.
4 Interessant ist hierbei, dass diese Aussage aus ei-
noch: „Es sind ja nur Tiere“. tern zu treten und etwas anderes zu versu-
nem Gutachten von Universitätsprofessoren aus
Trotz jahrzehntelanger Frauenbewegung, der chen? dem Jahre 1897 stammt, in der über die Befähi-
Institutionalisierung von Frauen- und Ge- Emanzipation sollte nicht dahin zielen, dass gung von Frauen zum wissenschaftlichen Beruf
schlechterforschung, die vor allem als Gesell- Frauen männlichen Machtgelüsten nachei- beratschlagt wurde.

tierbefreiung – das aktuelle tierrechtsmagazin 11


titelstory

Votes for Women, Rights for Animals!


– Wahlrecht für Frauen, Rechte für Tiere
Über den teils militanten Kampf der britischen Suffragetten für Tiere
und Frauen vor 100 Jahren
er Kampf um das Wahlrecht der Frau in
D Großbritannien begann Mitte des 19.
Jahrhunderts, nahm jedoch vor allem nach
wäre. Für sie waren Feminismus und Anti-
vivisektionsaktivismus Teile desselben
Kampfes gegen Unterdrückung.
Independent Labour Party, der Vorläuferin
der heutigen Labour Party, um Emmeline
Pankhurst (1858-1928) mit dem Ziel, die
der Jahrhundertwende einen herausragenden Women’s Social and Political Union (WS-
Platz in der öffentlichen Wahrnehmung ein. Frauenwahlrechtsvereinigungen bestanden PU) zu gründen. Sie organisierten eigene
Das Bildnis der Suffragetten, der Wahlrechts- seit den 1860ern. Die National Society for Kampagnen unabhängig von parteipoliti-
kämpferinnen wurde allgegenwärtig. Women’s scher Affinität. Die engagierten Frauen ka-
Gleichzeitig war die britische Tierrechtsbe- men zumeist aus der unteren Mittelschicht.
wegung der Zeit durch ein überdurch- Unter ihnen waren auch einzelne Intellektu-
schnittliches Engagement von Frauen ge- elle, Lehrerinnen und Büroangestellte. Ih-
kennzeichnet. Eine Verbindung der Tier- nen war es anders als den Frauen der Ar-
rechtsbewegung zur Frauenwahlrechts- beiterschicht möglich, auch Reisen zu
bewegung erscheint deshalb auch ei- Demonstrationen und zu Propagan-
ne logische Erweiterung Frauenin- dazwecken zu unternehmen.Aller-
teressen aufgreifender Debatten. dings war in der Bewegung eine
Beispielhaft sei hier etwa Fran- erstaunlich klassenübergreifen-
ces Power Cobbe (1822- de Zusammenarbeit zu verfol-
1904) zu benennen. Diese gen.
prominenteste Antivivisekti-
onsaktivistin des viktoriani-
schen Zeitalters problemati- Entschlos-
sierte in ihren Schriften
gleichermaßen häusliche
senheit und
Gewalt gegenüber Frauen Militanz
- auch als Verlängerung der
Gewalt gegenüber dem – die Sufra-
Tier - und forderte deren
Überwindung durch die
getten
Durchsetzung des Selbstbe-
stimmungsrecht der Frau Gerade in ihrer militanten
durch Wahlmöglichkeit und Erscheinungsform, die der
Eigentumsfreiheit. Dieses Suffragettes (im Englischen
Selbstbestimmungsrecht for- gibt es die Unterscheidung
derte gleichsam die Emanzipati- zwischen Suffragettes und Suf-
on auch von tradierten sozialen fragists; letztere bevorzugen den
Verhältnissen und hatte somit ei- konstitutionellen und gesetze-
nen klar politischen Charakter. Frau- streuen Weg), die durch die WSPU
enwahlrecht wurde als Voraussetzung geprägt war, übernahm die Frauen-
für allgemeine soziale und moralische wahlrechtsbewegung Methoden, die den
Veränderungen gesehen. Frances Power Cobbe (1822-1904), Quelle: BUAV-Archive Protestformen der radikalen Arbeitertradi-
„Das natürliche Feld weiblicher Courage liegt tion entliehen waren und auf die sich zu-
darin, Sympathie und Hilfe denjenigen entgegen- mindest auch die moderne Tierrechtsbewe-
zubringen, die am schwächsten und einsamsten Suffrage gung direkt bezog. Die Historikerin Hilda
unter Gottes Kreaturen sind. Seien es nun Män- ist hier zu benennen, der sowohl Frances Po- Kean stellt heraus, dass sich die Übernahme
ner, Frauen, Kinder oder Tiere.“ wer Cobbe als auch Elisabeth Blackwell von Direkten Aktionen wie Demonstratio-
schrieb Cobbe in ihrer Autobiografie. (1821-1910), eine der ersten britischen Me- nen und Störungen, welcher sich die Suffra-
Feministinnen waren sich darin einig, dass sie dizinerinnen und ebenfalls Vivisektionskriti- getten bedienten, auch unmittelbar auf die
durch das Erlangen des Wahlrechtes die kerin, angehörten. Verbunden war diese Tierrechtsbewegung übergingen und zwar
schlimmsten Auswüchse männlicher Gewalt Gruppe jedoch vor allem mit dem Namen aufgrund von personellen Überschneidun-
verhindern oder abmildern könnten. Dies Millicent Fawcett (1847-1929). Ihre Erfolge gen beider Bewegungen und ähnlichem
bezog sich zum einen auf die Frage nach und ersten Kampagnen war allerdings noch SympathisantInnenklientel. Menschliches
Tierversuchen und zum anderen auf die Be- auf Umsetzung von Besitzrechten von Frau- Leben galt als unantastbar, aber, so Emmeline
ziehung zum nichtmenschlichen Tier allge- en und Sorgerechtsfragen beschränkt, bzw. Pankhurst 1913:
mein, sowie auf das Verhältnis zwischen den anderen sozialreformerischen Maßnahmen „Wenn es dafür notwendig ist, um das Wahrecht
Geschlechtern. Frances Power Cobbe etwa wie der Einschränkung von Kinderarbeit. zu erhalten, werden wir soviel Schaden an Eigen-
war der Meinung, dass durch die Erlangung Gesetzesvorschläge für ein Frauenwahlrecht, tum anrichten, wie wir können.“
des Frauenwahlrechts, als „wichtigste Schlacht wie etwa 1867 von John Stuart Mill im Par-
in der Geschichte“, der friedfertigste Zustand lament eingebracht, wurden immer wieder Mit „Taten statt Worten“ als Motto wurden
erreicht würde, den die Welt je gesehen hät- eindeutig abgeschmettert. Als Reaktion auf direkte Taktiken ab 1905 aufgenommen, ab
te und dass ein Übel wie die Vivisektion diese andauernde Missachtung traf sich 1903 1909 dann militant. Rechtfertigung fand dies
dann politisch erst gar nicht durchsetzbar eine zunächst kleine Gruppe von Frauen der in der Erfolglosigkeit von 50jähriger konsti-

12 tierbefreiung – das aktuelle tierrechtsmagazin


tutioneller Frauenwahlrechtsarbeit. Die Di- teil, in dem sie ihre sonstige politische Arbeit
rekten Aktionen äußerten sich in einer
Die Protagonistinnen primär umsetzte. Das Brown Dog Denkmal,
Bandbreite von Handlungsmöglichkeiten,
die zunächst nicht unmittelbar gewalttätig
ihrer Zeit symbolisch errichtet für die Opfer der Vivi-
sektion, war Ausgangspunkt für die heftigsten
waren: Demonstrationen, Störungen von und militantesten Auseinandersetzungen, die
Parlamentssitzungen, Streikposten, Anket- Abgesehen von der Wahl der Mittel, gab es die britische Tierrechtsbewegung bis dahin
tungen, Angriffe auf Regierungsmitglieder personell weitreichende Überschneidungen geführt hatte. Über Jahre kam es zu teilweise
waren Aktionen, die direkt gegen die Regie- zwischen Frauenwahlrechts- und Tierrechts- tätlichen Auseinandersetzungen. Despard
rungen gerichtet waren; Zerstörungen von bewegung. Frances Power Cobbe war im verteidigte Lind-af-Hageby auf öffentlichen
Fensterscheiben, Golfplätzen, Briefkästen Exekutivkomittee der bereits 1868 gegrün- Veranstaltungen gegen verbale Angriffe von
und Briefsendungen, Brandbomben, Brand- deten National Society for Woman Suffrage. Medizinstudenten, die ihre Hauptgegner in
stiftung an Häusern, Bahnhöfen und Schlös- Cobbe galt als Begründerin der Victoria diesem Konflikt waren. Des Weiteren war sie
sern, Bilderzerstörung waren mit dem Ziel Street Society, der Vorgängerorganisation der Sprecherin auf dem Tierschutzkongress
durchgeführt worden, größtmöglichen ma- noch heute bestehenden National Anti-Vi- 1909. Auch Charlotte Despard war davon
teriellen Schaden zu verursachen. Damit er- visection Society (NAVS), sowie der British überzeugt, dass Frauenemanzipation die
hofften sich die Suffragetten, indirekt über Union for the Abolition of Vivisection Voraussetzung für die Rechtserweiterung
die Versicherungen Druck auf die Regierung (BUAV). Die Sozialistin Isabella Ford enga- auf Tiere sei. Auf einer Versammlung der
ausüben zu können. Des Weiteren verwei- gierte sich für die Rechte der Frauen aus der National Canine Defence League sagte sie:
gerten sich einige der Steuerzahlung. Arbeiterklasse und war gleichzeitig gegen die „Je eher wir das Frauenwahlrecht erhalten, desto
„Es gibt etwas, um das sich Regierungen viel mehr Vivisektion und andere Tierausbeutung in eher werden wir in der Lage sein, Hunde von Mis-
Sorgen machen, als um menschliches Leben, und der Humanitarian League aktiv. Louise Lind- sbrauch und Grausamkeit zu emanzipieren.“
das ist die Sicherheit des Eigentums. Und so ist es af-Hageby (1878-1963), eine strenge, in ei- 1907 wurde sie bei einer Auseinandersetzung
durch das Eigentum, dass wir den Feind bekämp- genen Worten militante Vegetarierin und anlässlich der Nichterwähnung eines Frau-
fen werden. Seid militant, jede auf ihre Art“, Gründerin der Animal Defence and Anti-Vi- enwahlrechtsgesetzes in der Ansprache des
sagte Emmeline Pankhurst und ließ ferner visection Society (ADAVS 1909), Organisa- Königs zur Eröffnung des neuen Parlaments
verlautbaren: „Das Argument der zerbro- torin des International Anti-Vivisection and verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe in
chenen Fensterscheibe ist das wertvollste Animal Protection Congress in London Holloway verurteilt. Damit teilte sie das
Argument moderner Politik.“ 1909 und Verfasserin der weltweit unter- Schicksal mit hunderten anderen Suffraget-
Das Resultat dieser Militanz war ein signifi- stützten Anti-Vivisection Declaration, war ten, die zwischen 1903 und 1915 Haftstrafen
kantes Anwachsen der Suffragettengruppen, ebenfalls als aktive Frauenwahlrechtskämpfe- absitzen mussten, so beispielsweise mit Emi-
sie verlieh dem Kampf ums Frauenwahlrecht rin in der Women’s Freedom League (WFL) ly Wilding Davison (1872-1913), die als eine
durchaus Attraktivität. bekannt. Sie betätigte sich darüber hinaus in der militantesten Suffragetten die zahlrei-
„Bei der Betrachtung der großen Ungerechtigkeit, Kampagnen zur Gefängnisreform und setzte chen Brandanschläge auf Briefkästen initiier-
die von der Wahlunmündigkeit der Frau ausgeht“, sich gegen legalisierte Prostitution ein. Sie te. Sie bekannte sich außerdem zum Bran-
so Emmelines Tochter Christabel (1880- schrieb sich 1902 als Medizinstudentin in der danschlag auf das Privathaus des Premiermi-
1958), „sagen wir, dass die Zerstörung von Fen- Women’s School of Medicine, King’s und nisters Lloyd George. Zur Märtyrerin der
sterscheiben ein kleiner Preis dafür ist, dieses Übel University College in London ein, um effek- Frauenwahlrechtsbewegung wurde sie, als sie
abzuschaffen.“ tiver gegen die Vivisektion vorgehen zu kön- 1913 beim Derby vor das Pferd des Königs
In der Entscheidung zur Aufnahme der Mi- nen. Sie gehörte auch dem Vorstand des An- lief und an den Folgen ihrer Verletzungen
litanz als letzte Möglichkeit wurde gleichzei- tivivisection Hospitals in Battersea an, einem starb. Auch sie erkannte Tierrechte als logi-
tig mit der Aufnahme des Geschlechterkrie- Krankenhaus in London, welches auf Tier- sche Erweiterung feministischer Bezüge.
ges gedroht. Frauen würden sich ihrer gesell- versuche und daraus gewonnene Erkenntnis- Davison war nicht einziges Opfer der Aus-
schaftlich aufoktroyierten Rolle als Ehefrau se verzichtete. Zahlreiche Antivivisektions- einandersetzung. Bereits 1910 endete eine
und Mutter verweigern. Ab 1912 war die veranstaltungen wurden von ihr organisiert Demonstration vor dem Parlament mit einer
WSPU praktisch eine illegale Organisation, und geleitet und sie galt als gefragte Redne- mehrstündigen Straßenschlacht mit der Poli-
ihre Anführerinnen entweder im Gefängnis rin zu allen Aspekten der Tierrechtsarbeit. zei, zwei Frauen kamen zu Tode, Dutzende
oder im Exil in Paris, von wo sie die Leitung Die von ihr 1907 gegründete International wurden zum Teil schwer verletzt. Ab 1909
über den Untergrund weiterführten. Medical Anti-Vivisection Association nahmen die Suffragetten, unter ihnen Davi-
bemühte sich zudem um eine rein wissen- son, den Hungerstreik als Mittel politischer
schaftliche Kritik am Tierversuch. Darüber Auseinandersetzung auf. Vor allem ging es
hinaus brachte sie die Anti-Vivisection Re- ihnen um die Anerkennung als politische
view heraus. Gefangene. Die Regierung reagierte mit
Eine weitere prägnante Persönlichkeit war Zwangsernährung und der Verabschiedung
Charlotte Despard (1844-1939), zunächst des so genannten „Cats and Mouse Acts“.
führendes Mitglied der 1903 gegründeten Dieser erlaubte es den Behörden von Hun-
Women’s Social and Political Union (WS- gerstreik geschwächte Suffragetten aus dem
PU) der Pankhursts, später Mitbegründerin Gefängnis zu entlassen, um sie dann bei Bes-
der Women’s Freedom League (WFL). Auch serung ihres Gesundheitszustandes wieder-
ihre Tierrechtsarbeit beschränkte sich nicht um in Haft zu nehmen.
bloß auf Antivivsektionismus. Im Alter von Zum Freundeskreis von Davison zählten an-
47 Jahren wurde sie Vegetarierin und trat der dere aktive Suffragetten, die ihr Tierrechtsin-
London Vegetarian Society bei, als deren Vi- teresse teilten. Gertrude Baillie Weaver
zevorsitzende sie agierte und deren Präsi- (1857-1926), Romanautorin und Davisons
dentschaft sie ab 1920 übernahm.Vegetaris- spätere Biografin, und ihr Ehemann Harold,
mus war für sie Grundlage für soziale Verän- aktives Mitglied der Men’s League for Wo-
derung, für die Freiheit von Mensch und men Suffrage, gründeten gemeinsam das Na-
Tier; der Verzehr von Fleisch symptomatisch tional Council for Animals’ Welfare Work
für eine korrupte, ungerechte Gesellschaft. und waren VegetarierInnen und Antivivisek-
1906 begleitete sie die Enthüllung des Bro- tionsaktivistInnen. Harold Baillie Weaver
wn Dog Denkmals in Battersea, jenem Stadt- sprach von dem unmittelbaren Zusammen-
Britische Antivivisektionszeitung aus dem Jahre 1917

tierbefreiung – das aktuelle tierrechtsmagazin 13


titelstory

hang der Befreiungsbewegung, auch wenn er Fortschritts betrachteten, dürfte auf der
Tierschutz an erster Stelle platzierte, da „er Hand liegen. In der öffentlichen
bekämpft, was ich als abscheulichste Form der Wahrnehmung kam es jedoch zu
Ausbeutung der Schwachen durch die Starken be- einer Verwischung von Bildern,
trachte, die in der Welt heute existiert.“ welche den vivisezierten Hund
Beide unterstützen gemeinsam mit Despard mit den im Hungerstreik
die Our Dumb Friends Society (gegründet zwangsernährten Suffragetten
1897) und die National Canine Defence vergleichbar machten.
League. Gertrude Baillie Weavers Ablehnung
der Vivisektion basierte auf ihrer Philoso-
phie, dass Zwecke niemals die Mittel recht- Vergleich
fertigten, wenn diese mit Schaden für andere
verbunden seien; und unter „Anderen“ sub-
Großbritanni-
sumierte sie auch Tiere. Entsprechend war en und Verei-
es die erklärte Absicht militanter Suffra-
getten, im Zuge ihrer Brandstiftungen nie- nigte Staaten
mals Menschen oder Tiere zu Schaden
kommen zu lassen. Sie war aktive Unter-
von Amerika
stützerin der WFL, Humanitarian League, Anders als in Großbritannien
BUAV und der ADAVS. Den Nachnamen gab es in den Vereinigten
ihres ersten Ehemannes Henry Arthur Col- Staaten zwar thematische
more nutzend, schrieb sie mehrere Romane, Überschneidungen zwischen
die sich explizit mit der Tierrechtsproblema- Tierschutz zu anderen sozia-
tik beschäftigten. Der 1908 veröffentlichte len Themen der Zeit, allen
Roman „Priests of Progress“, wurde sogar von voran Abstinenz, jedoch wur-
der Research Defence Society, dem Interes- den Frauenfragen und vor al-
senverband der Tierexperimentatoren, als lem das Frauenwahlrecht aus-
potenzielle Gefahr für die VerteidigerInnen geklammert. So verlor die An-
der Vivisektion erachtet. Auch Elinor Penn tivivisektionsbewegung auch an
Gaskell, enge Vertraute von Davison und Vor- Unterstützung und Mitglie-
sitzende der WSPU Abteilung in Nord Lon- dern, als das Reforminteres-
don engagierte sich in Tierschutzvereinigun- se amerikanischer
gen und setzte sich im Animals’ Defence
Committee der Humanitarian League aktiv
für die Abschaffung der Jagd ein.

Von den Medizinstudenten des University


College, welche ab 1906 gegen die Aufstel-
lung des Brown Dog Denkmals als Symbol
der Opfer der Vivisektion protestierten,
wurde eine Gleichsetzung von Antivivisekti-
on und Frauenwahlrechtsbewegung vorge-
nommen. Folglich störten sie zeitweise zahl- Frauen sich
reiche Veranstaltungen letzterer, um so gegen eben Frauen direkt den-
die Antivivisektionsbewegung vorzugehen. betreffende Themen annahm. Historisch ge- frage. Die allergrößte Mehrzahl der Frauen-
Dass diese Gleichsetzung so einfach nicht sehen entwickelte sich die Frauenrechtsbe- wahlrechtlerinnen, vor allem in der einflus-
gemacht werden kann, dass es sowohl Antivi- wegung in den Vereinigten Staaten früher als sreichen 1890 gegründeten National Ameri-
visektionsaktivistInnen gab, die gegen das in Großbritannien vor allem in Kooperation can Women Suffrage Association (NAWSA),
Frauenwahlrecht waren, sowie Suffragetten, mit der Antisklavereibewegung und galt si- versuchten es mit politischer Lobbyarbeit
die Tierversuche als Garant medizinischen cherlich zunächst als Inspirationsquelle für oder bevorzugten schriftliche Publikationen,
britische Aktivistinnen - auch wenn sich die- Werbekampagnen in Kinos und im Radio -
ses Verhältnis spätestens ab 1900 umkehren ganz wie in Großbritannien auch. Die Über-
sollte. Bereits 1848 gab es gemeinsame De- schneidung mit und konzeptionelle Aufnah-
klarationen zur Forderung von Wahlrecht für me von Tierschutz fand hier jedoch nicht
Frauen und die Emanzipation der Sklaven. denselben Platz. Allerdings übernahmen ei-
Teilerfolge gab es durch die schrittweise Ein- nige prominente Frauenwahlrechtlerinnen
führung in einzelnen Bundesstaaten. Mili- der ersten Generation wie Elisabeth Cady
tanz als Mittel der Auseinandersetzung wur- Stanton (1815-1902), Susan B. Anthony
de dort jedoch erst 1917 umgesetzt, als Alice (1820-1906), Amelia Bloomer (1818-1894)
Paul, die sich bereits in Großbritannien in und Lucy Stone (1818-1893), Sarah und An-
der radikalen Suffragettenbewegung und gelina Grimké (1792-1873) und Victoria
Mitglied der WSPU engagiert hatte, Massen- Woodhull (1838-1927) den Vegetarismus
veranstaltungen, Demonstrationen, Streik- und sympathisierten mit der Tierschutzidee.
blockaden vorm Weißen Haus und Hunger- Letztere war aufgrund ihrer Idee freier Liebe
streik einführte. Paul’s Women’s Party (1914) jedoch niemals einflussreich in der purita-
griff jedoch nie zu den radikalen Mitteln nisch geprägten Bewegung.
britischer Suffragetten. Auch hier spaltete
sich dennoch die Bewegung an der Metho- Die Suffragettenbewegung spaltete sich mit
Medizinstudenten attackieren eine Sufragetten-Veranstaltung

14 tierbefreiung – das aktuelle tierrechtsmagazin


Beginn des ersten Weltkrieges.Während sich Anmerkung: Die im Text präsentierten Er- • Linklater, Andro: An Unhusbanded Life:
eine Vielzahl der Frauen, vor allem die Pank- kenntnisse basieren auf Forschungen, die Teil mei- Charlotte Despard, Suffragette, Socialist and
hursts, auf ihre „patriotischen Pflichten“ be- ner noch nicht abgeschlossenen Dissertation sind. Sinn Feiner, Hutchinson, London, 1980
sannen und die militante Frauenwahlrechts- • Morley,Ann; Stanley, Liz: The Life and De-
kampagne zu Gunsten der Kriegsunterstüt- Quellen: ath of Emily Wilding Davison,The Women’s
zung aufgaben, übernahmen vor allem die Press, London, 1988
Sozialistinnen unter ihnen einen pazifisti- • Banks, Olive: Faces of Feminism, Martin • Mulvihill, Margaret: Charlotte Despard, A
schen Kurs. Die öffentliche Auseinanderset- Robertson, Oxford, 1981 Biography, Pandora Press, London u.a., 1989
zung fand jedoch kaum noch statt. 1918 • BUAV, Annual Report, 1909, S. 19; Annual • National Canine Defence League, Annual
wurde den Frauen in Großbritannien, die Report 1910 Report, 1910
über 30 Jahre alt waren, das Wahlrecht offizi- • Cobbe, Frances Power: Life of Frances Po- • Raeburn, Antonie: The Suffragette View,
ell aufgrund ihres Einsatzes für den Krieg wer Cobbe as told by herself, Swan Sonnen- David & Charles, London u.a., 1976,1989
„geschenkt“ und nicht aufgrund der vorhe- schein, London, 1904 • Roberts, Marie Mulvey und Mizuta,Tamae
rigen Auseinandersetzungen. Frauen ab 21 • Ford, Isabella: The Woman’s Movement in (Hrsg,): The Militants, Suffragette Activism,
Jahren bekamen 1928 die vollständige Wahl- relation to Humanitarianism, in: Humanity, Routledge/Thoemmes Press, London, 1994
berechtigung. Dies war noch zuvor aufgrund Vol.III, No. 47, Januar 1899 • Rosen, Andrew: Rise Up,Women! The Mi-
des Frauenüberschusses in der Gesamtbevöl- • Humanitarian League, Eighteenth Annual litant Campaign of the Women’s Social and
kerung abgelehnt worden. In den Vereinigten Report,1908-1909, Twenty-First Annual Re- Political Union, 1903-1914, London, 1974
Staaten wurde 1920 mit dem 19. Zusatzarti- port, 1911 • Rowbotham, Sheila: Im Dunkel der Ge-
kel zur Verfassung das allgemeine Frauen- • Kean Hilda, Animal Rights, Political and schichte, Frauenbewegung in England vom
wahlrecht eingeführt. Social Change in Britain since 1800, Reakti- 17. bis 20. Jahrhundert, Campus Verlag,
on Books, London, 1998 Frankfurt, 1980
In der modernen Bezugnahme auf soziale • Kingsley Kent, Susan: Sex and Suffrage in • Rowbotham, Sheila: A Century of Women:
Bewegungen durch die Tierrechtsbewegung Britain, 1860-1914, Routledge, London, The History of Women and Britain and the
nimmt die Suffragettenbewegung sowohl in 1990 United States,Viking Press, London, 1997
der Konstruktion der Forderungen als auch • Lansbury, Coral: The Old Brown Dog,Wo- • The Anti-Vivisection Review, Vol. I, De-
der Methodik eine besondere Stellung ein; men, Workers and Vivisection in Edwardian zember, 1909
die personellen Überschneidungen beweisen England, The University of Wisconsin Press, • The Humanitarian, Vol. III, No. 70, De-
gleichzeitig die zeitgenössische Relevanz. Madison, 1985 zember 1907

Nick Fiddes Anderen - Zur soziologischen Frage


Literaturhinweise Fleisch - Symbol der Macht nach dem Tier.
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Adams, Carol J.
The Sexual Politics of Meat. Haraway, Donna Mütherich, Birgit
New York 1990 Die Neuerfindung der Natur. Prima- Das Fremde und das Eigene. Gesell-
in deutsch erschienen unter: ten, Cyborgs und Frauen schaftspolitische Aspekte der Mensch-
Zum Verzehr bestimmt. Eine femini- Frankfurt am Main 1995 Tier-Beziehung.
stisch-vegetarische Theorie.
Guthmann-Peterson, Wien/Mülheim a.d.Ruhr Mütherich Birgit Brunner, Andreas:
2002 Die soziale Tiere beschreiben.
Konstruk- Harald Fischer Verlag 2003, S.16-42
Adams, Carol J. t i o n
Neither Man nor Beast: Feminism and des
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Adams, Carol J./Donovan,


Josephine (Hrsg.)
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Birke, Lynda
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Corinna Krell

tierbefreiung – das aktuelle tierrechtsmagazin 15