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Heinz Duchhardt Zeremoniell waren seit dem Zeitpunkt zu ei-

nem „internationalen“ Problem geworden,

Der Wiener Kon- an dem die sich verfestigenden Gemeinwe-


sen dazu übergegangen waren, mehr oder we-
niger regelmäßig Gesandte auszutauschen.❙3

gress und seine Die Anfänge lassen sich in Italien lokalisieren,


doch die Praxis des Diplomatenaustauschs mit
dem primären Ziel, Kriege zu verhindern und
„diplomatische Auswege aus Krisensituationen zu finden,
war rasch zu einer gesamteuropäischen Er-

Revolution“. Ein
scheinung geworden, der sich nach und nach
auch die peripheren Staaten anschlossen. Die
vielen Handbücher, die seit dem 17. Jahrhun-

kulturgeschicht-
dert erschienen und sich mit dem „perfekten“
Diplomaten und seinen Qualitäten und Qua-
lifikationen beschäftigten,❙4 waren freilich nur

licher Streifzug eine damit zusammenhängende Entwicklung;


eine andere waren die Probleme, die sich vor
Ort ergaben, wenn die Repräsentanten ver-
schiedener fürstlicher Souveräne oder gar von

W as im 17. Annex der Wiener Kongress-


akte im Juni 1815 verbindlich geregelt
wurde,❙1 kam einer „diplomatischen Revo-
Fürsten und Republiken zusammentrafen, sei
es an einem Hof oder auf einem großen Kon-
gress wie jenem in Wien.
lution“ nahe. Die den
Heinz Duchhardt Kongress dominieren-
Dr. phil. habil., Dr. h. c., geb. den Hauptmächte – Präzedenz als internationales Problem
1943; Professor em. für Neuere die Signatarmächte des
Geschichte; bis 2011 Direktor im Frühsommer 1814 Diese Probleme resultierten in erster Linie aus
des Leibniz-Instituts für Europä- geschlossenen Ers- dem unterschiedlichen Rang, den die Entsende-
ische Geschichte, bis 2015 Präsi- ten Pariser Friedens staaten ihren Diplomaten beilegten, sowie aus
dent der Max Weber Stiftung. (Russland, Großbri- den Unklarheiten, die hinsichtlich des Vorrangs,
heidu43@web.de tannien, Österreich, der „Präzedenz“, bestanden. An der Wende vom
Preußen, Spanien, Por- 15. zum 16. Jahrhundert war zwar die eine oder
tugal und Schweden) sowie das sehr rasch andere päpstliche Rangtabelle – insbesondere
zu diesem Mächtekartell wieder zugelassene die Anmerkungen des Zeremonienmeisters Pa-
Frankreich – hatten sich auf Anregung des ris de Grassis❙5 – entstanden, um der Kurie über
französischen Außenministers Talleyrand die Probleme und Unsicherheiten bei der Einstu-
im Dezember 1814 darauf verständigt, eine fung von Diplomaten aus der gesamten Chris-
Kommission einzurichten, die sich mit dem tenheit hinwegzuhelfen. Diese hatten jedoch
Rang der Fürsten und ihrer Repräsentanten nie allgemeine Anerkennung gefunden. Kon-
beschäftigte. Diese Kommission, der die Ver- sens bestand allenfalls über den Vorrang kaiser-
treter aller acht genannten Staaten angehör-
ten, hatte insgesamt nur dreimal getagt und ❙1 Johann Ludwig Klüber (Hrsg.), Acten des Wiener
sich auf einen Bericht verständigt, der Mitte Congresses in den Jahren 1814 und 1815, Bd. 6, Erlan-
Januar 1815 dem zentralen Achterausschuss gen 1816, S. 204–207.
des Kongresses vorgelegt wurde. ❙2 Dazu aus der rasch zunehmenden Spezialliteratur
u. a. Milos Vec, Zeremonialwissenschaft im Fürsten-
staat, Frank furt/M. 1998.
Dass auf dem Feld des diplomatischen Ran- ❙3 Viel Material zu diesen Prozessen bei Pietro Ger-
ges dringender Handlungsbedarf bestand, bore, Formen und Stile der Diplomatie, Reinbek
hatte seit Generationen nicht nur die jeweils 1964. Vgl. zudem Wilhelm Janssen, Die Anfänge des
Betroffenen, sondern auch die Autoren des modernen Völkerrechts und der neuzeitlichen Diplo-
Völkerrechts und der sich allmählich entwi- matie, Stuttgart 1965.
❙4 Vgl. u. a. Abraham van Wicquefort, L’ambassadeur
ckelnden akademischen Disziplin der inter-
et ses fonctions, Den Haag 1681; François de Calli-
nationalen Beziehungen bewegt und zu einer ères, De la manière de négocier avec les souverains,
Reihe von Werken zum „Theatrum Ceremoni- Paris 1716.
ale“ geführt.❙2 Diplomatie und diplomatisches ❙5 P. Gerbore (Anm. 3), S. 87.

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licher Diplomaten, aber dahinter entstand ein abzulaufen, Samuel Pepys köstlich berichtet,❙6
perpetuierliches Gerangel, zunächst vor allem besonders häufig aber auch in Rom, einem
zwischen Spanien und Frankreich, dann auch Zentrum und Tummelplatz der frühneuzeitli-
zwischen den anderen Mächten, die eine öffent- chen Diplomatie und einem Ort, an dem die
liche Aufwertung und Rangerhöhung anstreb- Päpste mit habsburgischen oder französischen
ten. Im 17. und frühen 18. Jahrhundert hatten Präferenzen einander abwechselten, drohten
sich solche Ambitionen von Möchtegern-Auf- Kriege auszubrechen. Entschuldigungs- und
steiger-Staaten gehäuft – sei es von Schweden Demutsakte wurden gefordert, und um sol-
oder Polen, von Dänemark oder Russland, von che Eklats zu vermeiden, gingen Diplomaten
den Niederlanden oder Preußen. konkurrierender Staaten einander nicht selten
ganz aus dem Weg – wenn denn der heimische
In der Staatenfamilie bestand auch weit- Hof solche Akte politischer Klugheit erlaub-
gehend Einigkeit darüber, dass das Recht te. Der Hof Ludwigs XIV. hatte dies sogar er-
zur Entsendung von „Ambassadeuren“ aus- zwungen: Spanische Diplomaten erschienen
schließlich den gekrönten Häuptern zustand, seit den 1660er Jahren grundsätzlich nicht
also vor allem nicht den Republiken wie den mehr zu offiziellen Veranstaltungen, an denen
niederländischen Generalstaaten oder der französische Kollegen teilnahmen.
Eidgenossenschaft. Wie aber waren Gemein-
wesen zu behandeln und einzuordnen, die Natürlich brachen längst nicht immer die
nach eigenem Selbstverständnis königliche Diplomaten vor Ort solche Konflikte vom
Parität hatten, wie Venedig oder Savoyen, das Zaun: Es waren die jeweiligen Fürsten, die
seit den 1630er Jahren mit abenteuerlichen die Dinge auf die Spitze trieben und aus ei-
Argumentationsketten Königsgleichheit be- nem Sessel mit Lehne oder einem Teppich, aus
anspruchte, aber erst im frühen 18. Jahrhun- einer Karosse mit acht Pferden oder aus einer
dert mit der Königskrone ausgestattet wur- Anrede in der eigenen oder einer dritten Spra-
de? Schon im Ancien Régime entwickelte sich che eine Staatsaffäre machten, um vermeint-
ein fein abgestuftes, drei Ränge umfassendes liche Positionsvorteile im ewigen Ringen der
System diplomatischer Rangstufen, die aber Staaten um ihren Platz in der Hierarchie zu
immer dann infrage standen, wenn niedrig- erwirken. Die diplomatischen Beziehungen
rangige Diplomaten von Großmächten mit zwischen der Kurie und Frankreich lagen im
höherrangigen Diplomaten beispielsweise 18. Jahrhundert über viele Monate hinweg
von Republiken zusammentrafen. Natürlich brach, da man dem französischen Botschaf-
prätendierten auch die Reichsfürsten mit den ter eine lange Zeit benutzte Loge in der römi-
Kurfürsten an der Spitze „Königsgleichheit“ schen Oper vorenthielt. Die Fürsten des 17.
und fochten lange Kämpfe aus, um darin be- und 18. Jahrhunderts waren von einem un-
stätigt zu werden. Der Rang eines Diplomaten stillbaren monarchischen Ehrgeiz geprägt,
war nicht zuletzt auch ein politisches Signal: von einer geradezu manischen Sucht nach
Schickte Frankreich einen bloßen Gesandten Prestige. Dem hatten ihre Diplomaten in ad-
an einen Hof, an dem traditionellerweise ein äquater Weise möglichst massiv Ausdruck zu
Ambassadeur amtierte, sollte damit natürlich verleihen. Die Festlichkeiten, die Diplomaten
etwas zum Ausdruck gebracht werden. an ihrem jeweiligen Dienstort anlässlich dy-
nastischer Ereignisse ihres Entsendestaates,
Da das System der Rangtabellen nicht funk- militärischer Erfolge oder Friedensschlüsse
tionierte und es keine Instanz gab, die alterna- in Szene setzten, die Feuerwerke, Illuminatio-
tive Regeln aufstellte, verlagerte sich der Wett- nen und Bälle sind Legion und geradezu zu ei-
streit der Staaten – sofern nicht auf die Ebene nem Kennzeichen jener Epoche geworden, die
des Krieges – auf die Ebene des Zeremoniells: man lange als die des Absolutismus bezeichnet
Präzedenz wurde zum Schlüsselbegriff des hat. Und die Konkurrenz war besonders in-
Staatenlebens und der Staatenkonkurrenz. spirierend, wenn Diplomaten – wie während
Streitigkeiten an dritten Orten gab es zuhauf. der großen Friedenskongresse der Vormoder-
Über diese teils blutigen Auseinandersetzun- ne – gewissermaßen Haus an Haus wohnten
gen insbesondere zwischen spanischen und und nicht nur das städtische Publikum durch
französischen Diplomaten in London Mitte ihre Aktivitäten zu beeindrucken suchten,
des 17. Jahrhunderts, über deren trickreiche
Bemühungen, der Gegenseite beim Besuch ei- ❙6 Siehe Samuel Pepys, Tagebuch aus dem London des
nes neu angekommenen Diplomaten den Rang 17. Jahrhunderts, Stuttgart 1980, S. 96 f.

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sondern die ganze Welt. Dies geschah in Ge- auf jeden Auslandsposten zu. Anders als heu-
stalt von Kupferstichen, die unmittelbar nach te, wo Angehörige des Auswärtigen Dienstes
einem Event herausgebracht wurden.❙7 sowohl von der Besoldung als auch vom ge-
sellschaftlichen Ansehen her zur oberen Etage
der Funktionselite zählen, war das in der Vor-
Die Kunst, Frieden zu schließen moderne längst nicht so eindeutig. Die Besol-
dung war, wenn überhaupt eine gewährt wur-
Im persönlichen Umgang verhielten sich die de, in aller Regel mäßig und entsprach längst
einander in befohlener Gegnerschaft gegen- nicht den vielen Repräsentationsaufgaben,
überstehenden Diplomaten jedoch keines- sodass für viele adlige Diplomaten ein Aus-
wegs wie Feuer und Wasser. Selbst bei Kriegs- landsposten eher ein Zuschussgeschäft war,
zustand zwischen ihren Entsendestaaten war das man möglichst bald wieder hinter sich
ihnen an dritten Orten ein zivilisierter Um- bringen wollte. Hinzu kam, dass längere Aus-
gang durchaus gestattet, der gelegentlich sogar landsaufenthalte die Nähe zu Hof und Herr-
scharf mit den Spannungen unter Kollegen in scher relativierten. Diese war für die Adligen
der eigenen Delegation oder Mission kontras- jedoch elementar wichtig, weil sie nur durch
tierte. Bekannt ist beispielsweise der Fall, dass ständige Präsenz von Ehrentiteln, Pfründen
während eines französisch-spanischen Krieges und symbolischem Kapital profitieren konn-
ein französischer Botschafter in Rom seinen ten, die für ihre Familien gesellschaftlich und
spanischen Amtskollegen vor einem geplan- wirtschaftlich unverzichtbar waren. Die ös-
ten Attentat gegen ihn warnte. Grundsätzliche terreichischen Adligen des 17. Jahrhunderts
Antipathien gab es gewiss auch. Die neuere mussten daher manchmal geradezu zur Über-
Forschung hat jedoch den beachtlichen Grad nahme eines Auslandspostens geprügelt wer-
an common sense unter den Protagonisten her- den.❙10 Zu diesem unterschwelligen Frust der
vorgehoben, der auf ihrem Gefühl der gemein- oft hochadligen Diplomaten, die die „promi-
samen Zugehörigkeit zu einer Funktionselite nenten“ Missionen besetzten und bei Kon-
fußte,❙8 die zu einem guten Teil aus Fachleuten gressen als primarii fungierten, gesellten sich
bestand, die immer wieder aufeinandertrafen, andere Probleme, die in den sozialen Unter-
sich gut kannten und auch familiär miteinan- schieden zu und den Differenzen mit den
der verkehrten. Sie wussten den anderen ein- nachdrängenden bürgerlichen Juristen grün-
zuschätzen und hatten ein Gespür dafür, wann deten, die oft genug auch für alternative poli-
Weiterverhandeln noch lohnte oder die rote tische Optionen standen. Eine Delegation auf
Linie überschritten war. Die Diplomaten etwa einem Friedenskongress oder eine Mission in
auf den Friedenskongressen der ludoviziani- einem Drittland war nicht selten ein fragiles
schen Epoche waren eine Art Sozialkörper, die und eher inkohärentes Gebilde.
das Dienstliche, Soziale und Private klar von-
einander zu trennen wussten und eine Kunst Seit dem letzten Drittel des 17. Jahrhun-
des Fintierens, des psychischen Drucks, des derts verdichtete sich die diplomatische Ver-
Bluffs zu entwickeln wussten, sodass in der netzung des Kontinents. Auch Russland be-
französischen Forschung nicht zufällig von gann meist mittels ausländischer Fachleute
der „Kunst des Verhandelns“ und der „Kunst seine diplomatische Präsenz deutlich auszu-
des Friedenschließens“ die Rede ist.❙9 bauen, vermochte aber mit dem hohen Grad
an Repräsentanz etwa Frankreichs oder der
Die Diplomaten auf den Friedenskongres- Niederlande zunächst nicht Schritt zu halten.
sen standen für eine begrenzte Zeit im Licht Beschränkt wurde die (kostenträchtige) stän-
der Öffentlichkeit, solche Posten waren daher dige Präsenz der Staaten in Drittstaaten regel-
durchaus begehrt. Dies traf aber längst nicht mäßig durch Grad und Potenzial gemeinsamer
Interessen – und im Fall der Kurie auch durch
❙7 Vgl. bspw. Anja Stiglic, Ganz Münster ist ein Freu- den Glauben: Erst kurz vor der Französischen
dental …, Münster 1998. Revolution begann das Papsttum, auch in pro-
❙8 Vgl. bspw. Matthias Köhler, Strategie und Symbo- testantischen Staaten Missionen einzurichten.
lik. Verhandeln auf dem Kongress von Nimwegen, Dass die ständigen Diplomaten an den Höfen
Köln–Weimar–Wien 2011.
❙9 Lucien Bély, L’art de la paix en Europe, Paris 2007;
den Lauf der Dinge wirklich einmal in eine
Christoph Kampmann et al. (Hrsg.), L’art de la paix.
Kongresswesen und Friedensstiftung im Zeitalter des ❙10 Vgl. Mark Hengerer, Kaiserhof und Adel in der
Westfälischen Friedens, Münster 2011. Mitte des 17. Jahrhunderts, Konstanz 2004.

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andere Richtung lenkten, war eher die Aus- sollte. Dies hatte sicher nicht nur etwas mit
nahme. Ein markantes Beispiel ist die Mission Napoleons „Hundert Tagen“ zu tun, die einen
des Grafen Kaunitz nach Versailles in den frü- heilsamen Druck auf die Minister und Diplo-
hen 1750er Jahren. Ihm gelang, was undenk- maten ausübten, sondern auch damit, dass in
bar schien und worum sich andere Diplomaten Wien von Anfang an Etikette- und Präzedenz-
seit Generationen vergeblich bemüht hatten: streitigkeiten unterbunden worden waren.
die Aussöhnung zwischen den beiden „klas-
sischen“ Antagonisten der Vormoderne, dem
habsburgischen und dem französischen Hof. Wiener Rangkommission
Neben Aufwand und Durchsetzung der Nach all den frustrierenden Erfahrungen der
Präzedenz war die Sprache ein weiteres wich- Streitigkeiten im 17. und 18. Jahrhundert so-
tiges Feld des interstaatlichen Wettbewerbs. In wie den endlosen Diskussionen über die Ab-
der frühen Neuzeit zog sich die Lingua franca stufungen diplomatischer Ränge schien die
der Antike und des Mittelalters, das Lateini- Zeit reif für eine neue Ordnung in der Di-
sche, nach und nach zurück, ohne durch eine plomatie. Fast alle der in Wien versammel-
neue Lingua franca abgelöst zu werden. Auf ten Minister und Diplomaten wurzelten im
den großen Friedenskongressen der Vormo- Ancien Régime und wussten genau, wie sehr
derne fand daher ein regelmäßiges Tauziehen in früheren Zeiten die Auseinandersetzun-
um die Sprache der Schlussdokumente statt. gen zwischen Diplomaten den Gang der Ver-
Die deutschen Teilnehmer an solchen Kon- handlungen immer wieder aufgehalten und
gressen protestierten teils mit, zunehmend sogar bis an den Rand von Kriegen geführt
jedoch ohne Erfolg gegen eine gewisse Fran- hatten. Sie alle hatten durch ihre Ausbildung
kophonierung des zwischenstaatlichen Le- oder die Lektüre einschlägiger Abhandlun-
bens – aber das galt lange, bis zum Utrechter gen und Aktensammlungen eine präzise Vor-
Frieden 1713 und dem Übergang Spaniens in stellung davon, was in der Vergangenheit die
bourbonische Hände, beispielsweise auch für Diplomatie zu einem Exerzierfeld staatlichen
Spanien. Die Westfälischen Friedensschlüsse Neben- und Gegeneinanders gemacht hatte.
wurden noch in lateinischer Sprache ausge- Von Talleyrand, der zwischen 1800 und 1806
fertigt, der Vrede van Munster in niederlän- den französischen auswärtigen Dienst reor-
discher (!) und spanischer; in den Verträgen ganisiert und auch die Wiener Rangkommis-
zum Frieden von Utrecht dominierte dann das sion angeregt hatte, wissen wir, dass er über
Französische, doch das Reich bestand darauf, die Auseinandersetzungen auf dem Westfäli-
dass der ergänzende Friede von Baden 1714 in schen Friedenskongress wohlinformiert war;
lateinischer Sprache gefasst wurde. auch der preußische Gesandte Wilhelm von
Humboldt und sein österreichischer Kollege
In Wien 1815, um zu unserem Ausgangs- Johann von Wessenberg, um nur diese beiden
punkt zurückzukehren, gab es keine Diskus- Mitglieder der Wiener Rangkommission zu
sionen mehr um die Sprache: Die Verhandlun- nennen, hatten sich in Göttingen beziehungs-
gen fanden in aller Regel auf Französisch statt, weise Straßburg ausgiebig mit Geschichte
wobei die mäßigen Französischkenntnisse des und Staatsrecht beschäftigt und tiefe Einbli-
britischen Außenministers Castlereagh, die cke in die einschlägigen Probleme der Ver-
gelegentlich sogar Hilfen notwendig machten, gangenheit gewonnen. Vor diesem Hinter-
negativ auffielen. Es war keine Frage, dass auch grund war es sicher eine weise Entscheidung
die Kongressakte auf Französisch ausgefertigt der Wiener Protagonisten, von vornherein
würde. Letztendlich lag nach einer Verhand- auf alle Rangunterschiede und zeremoniel-
lungszeit von „nur“ neun Monaten ein präsen- len Formen zu verzichten. „Wohl auf keinem
tables Ergebnis vor: ein Dokument, das die eu- Congreß der drei letzten Jahrhunderte“, so
ropäische Staatenlandschaft neu schnitt und formulierte es der Publizist Johann Ludwig
für die Mitte des Kontinents eine staatsrecht- Klüber, „empfieng die Göttin des Ceremo-
liche Lösung zustande brachte, die zwar die niels und der Etiquette so wenig Huldigun-
Hoffnungen vieler Liberaler und dem Modell gen, als auf dem wiener.“❙11
des Alten Reiches verbunden Gebliebener so-
wie jener, die sich einen stärker bundesstaatli- ❙11 Johann Ludwig Klüber, Uebersicht der diplomati-
chen Charakter gewünscht hätten, enttäusch- schen Verhandlungen des wiener Congresses, Erlan-
te, aber dennoch etliche Jahrzehnte bestehen gen 1816, S. 163.

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Die Kommission wandelte von Anfang an zur Königswürde aufgestiegenen Bayern,
ihren Auftrag ab, der auch den Rang der Sou- Sachsen und Württemberg oder der welfi-
veräne umfasste, und konzentrierte sich auf sche Kurfürst von Hannover, der während
den der Diplomaten. Es kam in den insgesamt des Kongresses die Aneignung des Königs-
nur drei Sitzungen zu etlichen Kontroversen, titels publik machte. Auch die (freilich
etwa über die Notwendigkeit beziehungs- nicht schriftlich formulierte) Einschrän-
weise die Anzahl der Klassen und Abstufun- kung, dass nur Großmächte – also im We-
gen von Diplomaten. Am Ende setzte sich sentlichen die „Großen Fünf“ von Wien –
das „Dreiermodell“ durch, das sich faktisch Botschafter entsenden konnten, störte den
schon am Ende des Ancien Régime weitge- Eindruck der Rationalität erheblich. Diese
hend etabliert hatte und von den russischen, Praxis sollte im Übrigen erst ab dem ausge-
preußischen, schwedischen, französischen henden 19. Jahrhundert peu à peu überholt
und österreichischen Vertretern bevorzugt werden. Zugleich war mit Blick auf die Eid-
wurde. Die im März erzielte Einigung ging genossenschaft und die Vereinigten Staa-
als Artikel 118 der Anlage 17 in die Kongress- ten die Einordnung der großen Republiken
akte ein. noch nicht schlüssig. Reste einer Zweiklas-
sengesellschaft blieben unter den Staaten zu
Fortan sollte es also drei Rangklassen geben: diesem Zeitpunkt also noch erhalten.
(1) Botschafter (Ambassadeure), Legaten und
Nuntien mit Repräsentativcharakter, also dem Zeremonialstreitigkeiten waren damit für
Recht, ihren Souverän zu vertreten und mit die Zukunft immerhin weitgehend ausge-
dem empfangenden Staatsoberhaupt direkt zu schlossen. Wie gewisse Differenzen jedoch
kommunizieren; (2) Gesandte (Envoyés) und schon angedeutet hatten, ließ sich das Wiener
Minister, die beim empfangenden Souverän System noch optimieren. Dies sollte auf dem
akkreditiert wurden, und (3) Geschäftsträ- ersten Folgekongress geschehen: dem Kon-
ger (Chargés d’affaires), die beim jeweiligen vent der Monarchen und Minister in Aachen
Außenministerium akkreditiert wurden. Da- 1818. Dort wurde das Losverfahren für die
bei blieb jedem Staat anheimgestellt, mit wel- Reihenfolge der Unterschriftleistung der
chem Rang er seine Diplomaten auf ihre Au- Staaten bei multilateralen Abkommen wieder
ßenposten schickte. Die Vereinbarung enthielt aufgegeben und stattdessen das französische
aber noch einen weiteren entscheidenden Pas- Alphabet zur Grundlage des staatlichen Mit-
sus: Innerhalb jeder Klasse sollte das Datum einanders – „Autriche“ sollte fortan immer
der Überreichung des Beglaubigungsschrei- vor „Grande-Bretagne“ und „Russie“ rangie-
bens das Kriterium für die hierarchische Ein- ren. Dieses nochmalige Mehr an Rationalität,
ordnung des Amtsträgers sein und nicht mehr das bei der Unterzeichnung der Kongressak-
Familienpakte oder Allianzen zwischen den te in Wien übrigens schon zur Anwendung
involvierten Höfen, die „Macht“ eines Staa- gekommen war, schloss „Missverständnis-
tes oder sein Alter. Das war der Durchbruch se“ aus. Dennoch war diese Regelung offen
zu mehr Rationalität im diplomatischen Ver- für Manipulationen: Nach den Pariser Vor-
kehr und zur Gleichberechtigung der Staaten. ortverträgen traten die Staaten 1922 in Genua
In dieselbe Richtung zielte auch die Bestim- zur ersten gemeinsamen Konferenz zusam-
mung, dass bei Verträgen, die von mehreren men, die Sieger und Besiegte an einem Tisch
Staaten unterschrieben wurden, das Los über zusammenführte. Dem französischen Alpha-
die Reihenfolge entscheiden sollte. bet entsprechend hätten ausgerechnet „Alle-
magne“ und „Autriche“ ganz oben stehen
Aber so progressiv war das Konstrukt müssen, was die Siegermächte als unzumut-
von 1815 dann doch (noch) nicht. Es blie- bar empfanden. Daher verfielen sie auf den
ben Diskriminierungen bestehen, die dem Trick, zwischen den „einladenden“ Staaten
Grundsatz der Gleichheit aller Staaten deut- und den „eingeladenen“, also den Besiegten
lich zuwiderliefen, etwa die Begrenzung der und Blockfreien, zu unterscheiden und nur
Bestimmungen auf den Kreis der gekrön- innerhalb dieser beiden Gruppen das franzö-
ten Häupter. Die ehemaligen Generalstaa- sische Alphabet anzuwenden. Seit der Grün-
ten, deren Diplomaten generationenlang dung der Vereinten Nationen ist wiederum
zurückgesetzt worden waren, schätzten ein schleichender Prozess zu beobachten, in
sich glücklich, nun zu diesem Kreis zu zäh- dem das englische Alphabet zunehmend das
len, ebenso wie die von Napoleons Gnaden französische ablöst.

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Die Wiener und Aachener Beschlüsse hat- Ausblick
ten darüber hinaus bestätigt, dass das „Di-
plomatische Corps“ – der Begriff ist bis heute Bis zum Inkrafttreten des Wiener Überein-
nicht verbindlich definiert – eine Einheit war kommens 1964 blieb das Völker(gewohn-
und letztlich auch als Einheit behandelt wer- heits)recht in Bezug auf die Diplomatie im
den wollte. Die Praxis des 19. Jahrhunderts Prinzip auf der Grundlage, die die Staats-
entsprach dem mehr und mehr, auch wenn männer auf dem Wiener und dem Aachener
ausgerechnet in Wien Metternich dem kol- Kongress legten. Es wurde zwar weiterent-
lektiven Auftreten des Diplomatischen Corps wickelt, aber die entscheidenden Wegmar-
immer einen Riegel hatte vorschieben wollen. ken – die Dreiteilung des Diplomatischen
Es entwickelte sich ein Zeremoniell, das die Corps sowie das Datum der Übergabe des
ursprünglich betonten Unterschiede zwi- Kreditivs und das französische Alphabet als
schen erster und zweiter Klasse immer mehr Kriterien für die Einordnung der Diplomaten
in den Hintergrund treten ließ.❙12 Traf ein und der Staaten – sind bis heute gültig.❙14
neuer Missionschef an einem Auslandsposten
ein und hatte er dem Souverän sein Kreditiv Aber so vorbildhaft das diplomatische Ze-
ausgehändigt, benachrichtigte er den Doyen remoniell in mancher Hinsicht sogar für das
des Diplomatischen Corps – in großen Teilen allgemeine Staatszeremoniell geworden ist,
der „westlichen“ Welt völkergewohnheits- führt doch kein Weg an der Feststellung vor-
rechtlich der päpstliche Nuntius – und alle bei, dass sich die Rolle der Diplomatie verän-
anderen Missionschefs vor Ort. Sobald die- dert hat: Die persönlichen Treffen der Staats-
se geantwortet hatten, stattete er den höher- oberhäupter und Regierungschefs haben eine
oder gleichrangigen einen Besuch ab und sah nie dagewesene Dichte erreicht; moderne
dem Besuch der niedrigerrangigen Missions- Kommunikationsmittel machen Nachrichten-
chefs entgegen. Zudem wurde es im 19. Jahr- beschaffung und auch das Kommentieren des
hundert gängige Praxis, nach dieser ersten Geschehens im Empfängerstaat zunehmend
Kontaktaufnahme als Neuankömmling allen entbehrlich; große Konzerne agieren interna-
Mitgliedern des Corps einen Empfang zu ge- tional jenseits der diplomatischen Bühne; die
ben, an dem in der Regel auch der Zeremoni- EU hat ein konkurrierendes System der Re-
enmeister oder der Protokollchef der ortsan- präsentanz in Drittstaaten aufgebaut. Zwar
sässigen Regierung mitwirkte. erfüllen die Diplomaten und ihre Botschaften
für die vielen zwischenstaatlichen Probleme
Der Aufgabenbereich des Doyens war 1815 des Alltags von der Visaerteilung bis zur Hil-
noch nicht festgelegt worden. Er entwickel- fe bei der Akkreditierung von Einrichtungen
te sich gewohnheitsrechtlich im 19. Jahrhun- des Entsendestaates weiterhin ihre Funkti-
dert und wurde im Wiener Übereinkommen on, aber die großen Stunden der Diplomatie
über diplomatische Beziehungen von 1961 scheinen der Vergangenheit anzugehören – so
präzisiert. So überwacht der Doyen etwa die zumindest die Kritiker und Skeptiker, die sich
Respektierung der Diplomaten gewährten nicht zuletzt an den immensen Kosten rei-
Vorrechte und Immunitäten und wird gege- ben. Andererseits sind auf die Diplomaten im
benenfalls beim Gastgeberstaat vorstellig. Ausland heute neue Aufgaben zugekommen,
Aber das Wiener Übereinkommen ging noch etwa im Bereich der Vorbereitung von Kon-
weiter, auch wenn es im Wesentlichen Selbst- ferenzen oder auch der Betreuung nicht nur
verständlichkeiten wie etwa die (schon in der der Hauptstadt, sondern des gesamten Gast-
Antike geläufige) Immunität der Diploma- landes. Die nationale Diplomatie wird sich, so
ten❙13 und die Exterritorialität ihres Dienst- ist zu prognostizieren, weder entbehrlich ma-
sitzes noch einmal bestätigte: So regelte es chen noch entbehrlich werden.
beispielsweise den Prozess der Akkreditie-
rung genauer und definierte eingehend den
Diplomatenstatus, also den Personenkreis,
der die diplomatischen Immunitäten genießt.
❙14 Erstaunlicherweise blendet die völkerrechtsge-
schichtliche Studie von Robert Rie, Der Wiener Kon-
❙12 Vgl. zum Folgenden insb. Jürgen Hartmann, gress und das Völkerrecht, Bonn 1957, das Thema
Staatszeremoniell, Köln u. a. 20003, Kapitel 4.9. völlig aus.
❙13 Vgl. Linda S. Frey/Marsha L. Frey, The History of
Diplomatic Immunity, Columbus 1998.

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