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Vergangenheitsbewältigung ≠ Kunst

oder

Gedanken über den künstlerischen Wert deutscher Literatur, die an die Vergangenheit
gebunden ist, angeregt durch Tellkamps „Der Schlaf in den Uhren“

Ich mag den „Tellkamp-Text“ nicht. Nicht etwa, weil er strukturlos erscheint, weil er
„modern“ ist, oder weil sein Inhalt mir zuerst fern ist; nein, der Grund ist viel allgemeiner, ist
vielmehr das grundsätzliche Problem deutscher Autoren unserer Zeit:
Wenn sie nicht so alt sind, dass sie aus erster Hand die „historische Schuld“ reflektieren
können, dann verarbeiten sie die Probleme ihrer Väter. Die Generation der in und direkt nach
der Nazi-Ära aufgewachsenen Deutschen hatte das Bild deutscher Literatur in den letzten 30
Jahren entscheidend geprägt. Der Leser ist also an diesen „post-faschistischen“ Stil gewöhnt,
findet überall Gedanken über Deutschland ab 1933.
Schön, dass Tellkamp nun ein wenig weiter schaut, nicht nur den Westen beleuchtet, sondern
die „unwissende“ Hälfte deutscher Bürger nun mit der 1989 hinzugekauften Geschichte und
deren Verarbeitung konfrontiert.
Doch genau hier ergibt sich die Diskrepanz, der Punkt, an dem mir der Text unlieb wird: Als
Leser, dem die Kunst am Herzen liegt (und Literatur sieht sich stets selbst als Kunst), Leser
der dritten Nachkriegsgeneration, habe ich wenig Interesse für die Verarbeitung deutscher
Kriegsschuld dort, wo ich Kunst zu erwarten habe.
Ich hatte Geschichts- und Politikunterricht, in dem ich so objektiv wie möglich sämtliche
Stationen deutscher Geschichte von 33 bis 45 durchleuchtet bekam und mir ein objektives
Urteil über die „deutsche Schuld“ machen durfte, ich führte Diskussionen über unsere Schuld
und trug „meinen Kampf“ gegen die Last des Nationalsozialismus aus. Ich wurde mir
bewusst, dass ich zu einem „Tätervolk“ gehöre und diese Schuld unsere unabwendbare Bürde
ist.
An Schuld gefesselt, weil ich in ein Volk mit Vergangenheit geboren wurde?
Gebrandmarkt wegen meiner Abstammung?
Nein, wenn ich eins gelernt habe aus unserer Vergangenheit, dann, dass man Menschen nicht
auf Grund ihrer Herkunft verurteilen darf.
Auch als Nachfahre aus dem „Tätervolk“ sollte man dies völkische Denken ablegen können,
sollte nach zwei Generationen des freien Denkens wieder zu eigenen Gedanken kommen
können und dürfen. Solche, die nicht der Fremdbestimmung unterliegen, solche, die nicht
durch Nationalismus, Amerikanismus oder Schuldverarbeitung geprägt sind.
Bewusstsein ja; Schuldbewusstsein ebenso wie Nationalbewusstsein und das Bewusstsein der
eigenen Existenz. Doch nicht der unreflektierte Blick auf diese Inhalte, sondern die klare
Vorstellung ihrer Bedeutung für das eigene Handeln.
Meine Nation ist die „westliche Welt“ und wenn mir eine Schuld auferliegt und ich mir einer
Schuld bewusst sein sollte, dann ist es die des weißen Mannes, die Schuld, die unsere Welt
heute prägt.
Ein asiatischer oder arabischer Betrachter differenziert selten zwischen den einzelnen
Nationen Europas und die Öffnung der innereuropäischen Grenzen zeigt auch an, dass hier
zusammenwächst, was schon lange eine gemeinsame Geschichte hatte.
Wenn die Schuld meiner Nation nun also auch die Zerstörung indigener Kultur in
„kolonialisierten“ Gebieten der Welt, die Ausbeutung und Unterdrückung der Länder, die
östlich, westlich und südlich der europäischen Grenzen liegen ist, dann habe ich erkannt, dass
ich historisch schuldig bin.
Doch indem ich mir bewusst bin, dass ich diese Schuld nicht zu tragen habe, sondern sie
selbst als Warnung und die daraus gewonnenen Schlüsse als Lehre der Anleitung zum
korrekten Handeln verstehe, kann ich meine Taten und mein Schaffen nun auf die Zukunft
lenken.
Ich kann also freie Kunst schaffen, solche, die ohne die Last von Schuld und Nation entsteht,
die direkt und ungebunden die Welt erfasst, eine die IST und nicht eine die WAR.
Man muss sich nicht permanent mit der Vergangenheit beschäftigen, wenn sie ein Teil des
Bewusstseins geworden ist.
Ich bin mir über „meine Vergangenheit“ im Klaren und kann mich somit von ihr befreien,
kann schaffen ohne den Ballast vergangener Zeiten, doch mit der Weitsicht, die man durch
Überwindung von Fehlern erlangt hat.
Weshalb also fesseln viele deutsche Autoren ihre Gedanken, binden sich an Vergangenheit
und übersehen die Zukunft?
Als Kind der Welt habe ich durch die Globalisierung das Wissen der gesamten Welt, soweit
es bisher entdeckt und verschriftlicht wurde, zur Verfügung.
Vielleicht ist es meine Art der Vergangenheitsbewältigung, global zu denken, doch wie sonst
komme ich aus diesem Gedankenkäfig heraus, wie kann ich mich der Fesseln entledigen, die
meine Sinne an der Vergangenheit halten?
Freie Kunst entsteht nur im offenen Bewusstsein; in einem Geist, der sich seiner
Vergangenheit und Last bewusst ist, doch die Leichtigkeit der Gegenwart annehmen kann und
mit geöffnetem Blick in die Zukunft sieht.

Was nun Tellkamp angeht, so ist sein „Der Schlaf in den Uhren“ meiner Auffassung von
Kunst nach wenig wertvoll. Er gehört in den Geschichts- und Politikunterricht, zu den
Vergangenheitsbewältigern, jenen, die aus dem Wissen um die Schuld das Bewusstsein der
Last entwickeln müssen.
Die Flügel wahrer Kunst sind nicht mit Blut und Schlamm verklebt und bewegen sich erst
recht nicht durch den Untergrund der Dresdener Vergangenheit.

Alfred Raddatz Hannover, 13. Feb. 2008 05:06 Uhr