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Landesamt für Landwirtschaft,

Umwelt und ländliche Räume


Schleswig-Holstein

Wildnis in Schleswig-Holstein
Herausgeber:

Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt

und ländliche Räume des Landes

Schleswig-Holstein (LLUR)

Hamburger Chaussee 25

24220 Flintbek

Tel.: 0 43 47 / 704-0

www.llur.schleswig-holstein.de

Autor und Ansprechpartner:

Dr. Henning Thiessen

Tel. 0 43 47 / 704-336

Titelfotos:

Von Helgoland bis Ostseestrand -

Beispiele für Wildnis in S-H

(Fotos: H. Thiessen)

wenn nicht anders angegeben, alle

Fotos im Innenteil vom Autor

Herstellung:

Pirwitz Druck & Design, Kronshagen

November 2010

ISBN: 978-3-937937-49-6

Schriftenreihe: LLUR SH – Natur; 17

Diese Broschüre wurde auf

Recyclingpapier hergestellt.

Diese Druckschrift wird im Rahmen der

Öffentlichkeitsarbeit der schleswig-

holsteinischen Landesregierung heraus-

gegeben. Sie darf weder von Parteien

noch von Personen, die Wahlwerbung

oder Wahlhilfe betreiben, im Wahl-

kampf zum Zwecke der Wahlwerbung

verwendet werden. Auch ohne zeit-

lichen Bezug zu einer bevorstehenden

Wahl darf die Druckschrift nicht in einer

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könnte. Den Parteien ist es gestattet,

die Druckschrift zur Unterrichtung ihrer

eigenen Mitglieder zu verwenden.

Die Landesregierung im Internet:

www.landesregierung.schleswig-holstein.de
Inhalt

Vorwort ............................................................................................................................5

1. Einleitung .......................................................................................................................6

2. Initiativen zum Schutz von Wildnissen .....................................................8

3. Gebiete in Schleswig-Holstein .....................................................................10


3.1 Nordseeküste .......................................................................................................10
3.1.1 Dünenlandschaften auf Sylt und Amrum .........................................................10
3.1.2 Nationalpark Wattenmeer – Weltnaturerbe .....................................................14
3.1.3 Helgoland mit Felssockel .................................................................................25

3.2 Neue Wildnis in Speicherkögen ....................................................................28

3.3 Hochmoore .............................................................................................................33


3.3.1 Wildes Moor bei Schwabstedt ........................................................................33
3.3.2 Dellstedter Moor ..............................................................................................34
3.3.3 Salemer Moor ..................................................................................................36
3.3.4 Wittmoor ..........................................................................................................38

3.4 Wälder .....................................................................................................................40


3.4.1 Der Riesewohld ...............................................................................................43
3.4.2 Tönsheider Wald im Aukrug.............................................................................45
3.4.3 Luhnstedter Gehege und weitere Naturwälder auf der Geest ........................47
3.4.4 Segeberger Forst Buchholz..............................................................................51
3.4.5 Friedeholz/Pugum ............................................................................................52
3.4.6 Hevenbruch......................................................................................................54
3.4.7 Wälder der Schaalsee-Landschaft....................................................................56
3.4.8 Sümpfe und Brüche .........................................................................................57

3.5 Seen .........................................................................................................................62


3.5.1 Uferwälder und Flachwassergebiete am Selenter See ...................................63
3.5.2 Waldinseln im Großen Plöner See und anderen Seen ....................................66
3.5.3 Hemmelsdorfer See / Aalbeek-Niederung .......................................................69
3.5.4 Nährstoffarme Waldseen: Garrensee, Plötschersee, Schwarze Kuhle und
andere besondere Waldseen und umgebende Naturwälder in Lauenburg .....70
3.5.4 Seen im Hellbachtal .........................................................................................74

3.6 Fließgewässer ......................................................................................................77


3.6.1 Wakenitz ..........................................................................................................77
3.6.2 Schwentine ......................................................................................................78
3.6.3 Bille ..................................................................................................................79
3.6.4 Waldbäche und Quellen im Aukrug und Geestwäldern ...................................81
3.6.5 Bachschluchten................................................................................................83

3
3.7 Unterelbe .................................................................................................................85

3.8 Ostseeküste ........................................................................................................90


3.8.1 Steilküsten .....................................................................................................90
3.8.2 Strandwälle und Nehrungshaken ...................................................................97
3.8.3 Lagunen und Strandseen .............................................................................101

3.9 Wildes Meer – Flachgründe der Kieler und Lübecker Bucht .........104

3.10 Junge Wildnis auf Spülflächen und Brachen ........................................106

4. Mut zu mehr Wildnis .........................................................................................109

5. Karte der vorgestellten Gebiete ................................................................113

4 „
Vorwort

Mehr Wildnis in Deutschland, ungenutzte Na- Der Natur in Teilen auch Raum zu geben für
tur in 3% unserer Landschaft als ein Beitrag ihre eigenständige Entwicklung, in ihre Wildnis
zum Erhalt der Artenvielfalt. Mit dieser Forde- nicht einzugreifen, aber bei jedem Besuch von
rung an die Bundesrepublik Deutschland wirkt ihr zu lernen, sich an ihrer V ielfalt, Eigenart
das zu Ende gehende Internationale Jahr der und Schönheit zu erfreuen, sind Eindrücke
Biodiversität 2010 in die Zukunft des Natur- und Empfindungen, die keiner Bewertung
schutzes in unserem Lande. nach Maß und Zahl bedürfen. Sie stellen
schon einen Wert für sich dar.
Naturschutz durch Nichtstun, Verzicht auf
Nutzung und Pflege - das stößt nicht von Wilde Natur ist in den letzten 20-30 Jahren in
vornherein auf allgemeines Verständnis. Nach ihrem Anteil auch in Schleswig-Holstein ge-
Jahrhunderten der „Eroberung“ der Natur wachsen. Diese Natur zu zeigen, die uns viel-
durch den Menschen führt die zunehmende leicht gar nicht bewusst ist, sie zu entdecken
Erkenntnis über den Verlust von Natur und und für ihren Erhalt Verständnis zu wecken, ist
den Folgen für uns und unsere Mitwelt zu ei- ein wesentliches Anliegen dieser Broschüre.
nem Umdenken. Der Wert der Natur, ihre Ich würde mich freuen, wenn wir bei Ihnen
Dienstleistungen und die daraus resultieren- damit ein wenig „Wildnis-Begeisterung“ we-
den Wertschöpfungen rücken angesichts cken könnten. Simon Schama bringt es in sei-
knapper werdender Ressourcen und fort- nem Buch „Der Traum von der Wildnis“ auf
schreitender Verluste an Lebensräumen und den Punkt: „Es ist keine weitere Erörterung
Arten, sowie Einschränkungen von Funktio- dessen, was wir verloren haben, sondern eine
nen des Naturhaushaltes vermehrt in das Erkundung, was wir noch finden können.“
Blickfeld von Gesellschaft und Politik. Im Rah-
men einer international angelegten Studie der Herzlichst Ihr
Vereinten Nationen in Zusammenarbeit mit
der Europäischen Union und insbesondere
auch Deutschland wurden Methoden zur Er-
mittlung des ökonomischen Wertes der
Dienstleistungen der Natur entwickelt. Damit Wolfgang Vogel
kann zukünftig aufgezeigt und bemessen wer- Direktor des Landesamtes für Landwirtschaft,
den, was Natur für uns leistet und was der Umwelt und ländliche Räume Schleswig-Hol-
Verlust wirtschaftlich bedeutet. stein

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1. Einleitung

Ist es nicht etwas vermessen, von Wildnissen Heute gibt es 14 Nationalparke in Deutsch-
in Schleswig-Holstein zu sprechen? Zugege- land. In diesen Gebieten wird das Ziel verfolgt,
ben – wenn man an tropische Urwälder, afrika- Nutzungen, soweit noch vorhanden, aufzuge-
nische Savannen oder kanadische Weiten ben und die Natur eigendynamisch sich entwi-
denkt, mutet es schon seltsam an, in unserem ckeln zu lassen. Unser Wattenmeer ist der
Land an Vergleichbares zu denken. Große von größte Nationalpark in Deutschland. In ihm
Menschen kaum genutzte Landstriche gibt es sind inzwischen in Teilbereichen wirtschaftli-
natürlich nicht bei uns. Schon ganz lange nicht che Nutzungen aufgegeben worden.
und möglicherweise auch nicht solange es Naturschutzgebiete werden in Schleswig-
Menschen gibt. Menschliches Wirken ist Holstein seit 1923 ausgewiesen. Bis heute
mehr oder weniger kontinuierlich seit der letz- sind 191 Gebiete mit insgesamt 2,9 % der
ten Eiszeit vor 12.000 Jahren und auch wäh- Landesfläche unter Schutz gestellt. Es handelt
rend der Eiszeit am Rande des Eises nachzu- sich um einige nicht genutzte Gebiete und
weisen. Aber natürlich war der Einfluss der überwiegend um historische oder artenreiche
Menschen auf die Natur anders als in späte- Kulturlandschaftsausschnitte, die nach Zielen
ren Zeiten. Als Jäger und Sammler haben sie des Naturschutzes gepflegt und entwickelt
den Tieren offenbar so intensiv nachgestellt, werden.
dass viele Arten verschwunden sind. Mit der
Sesshaftwerdung wurden Tiere und Pflanzen Neben einigen Naturschutzgebieten gibt es
domestiziert und Land kultiviert. Alles was aber eine Reihe weiterer Landschaftsteile, die
nutzbar war, wurde im Rahmen der Möglich- zumindest seit längerer Zeit nicht genutzt wer-
keiten genutzt. So gibt es vermutlich kaum ei- den, aufgrund ihrer Situation nicht nutzbar
nen Flecken bei uns, der nicht wenigstens ir- sind oder sich seit einigen Jahren auf dem
gendwann einmal menschliche Einflüsse er- Wege zu einer „Wildnis von morgen“ befin-
fahren hat. den.

Erst seit wenig mehr als 100 Jahren gibt es Viele dieser Gebiete entsprechen nicht den
das Bemühen, Reste der schwindenden Natur Kriterien der Internationalen Naturschutz-Verei-
zu schützen – der Naturschutz forderte den nigung (IUCN), die Wildnis formuliert als
Schutz von Arten und Gebieten, in denen die „ein ausgedehntes, ursprüngliches oder leicht
Natur Vorrang haben sollte vor menschlicher verändertes Gebiet, das seinen ursprünglichen
Nutzung. Dabei stand der Schutz ungestörter Charakter bewahrt hat, eine weitgehend unge-
Naturabläufe nicht im Vordergrund, sondern störte Lebensraumdynamik und biologische
einzelne Arten oder meistens kleinflächige be- Vielfalt aufweist, in dem keine ständigen Sied-
sondere Kulturlandschaftsausschnitte waren lungen sowie sonstige Infrastrukturen mit gra-
im Fokus der Schutzbemühungen. Die Idee vierendem Einfluss existieren und dessen
zum Schutz von größeren, wirtschaftlich nicht Schutz und Management dazu dienen, seinen
genutzten Landschaften entwickelte sich in ursprünglichen Charakter zu erhalten.“
den USA mit dem Begriff Nationalpark. Die
Philosophie des Nichteingreifens in die Natur Unsere Gebiete sind im Allgemeinen kleiner.
gilt heute weltweit als Leitlinie für Nationalpar- In dieser Broschüre wird der Begriff Wildnis
ke. Dabei handelt es sich häufig um Gebiete, angewandt auf Gebiete, die nicht oder nicht
die durchaus nicht ohne menschliche Nutzung mehr genutzt werden oder sich weitgehend
waren, die sich aber zumindest in den Kernzo- unbeeinflusst von menschlicher Nutzung ent-
nen durch Nutzungsverzicht zur „Wildnis“ ent- wickeln können. Es liegt auf der Hand, dass
wickeln sollen. So wurden in Deutschland gerade bei kleinen Gebieten bestimmte Flä-
nach dem Bayrischen Wald das Schleswig- chennutzungen, wie Jagd und teilweise auch
Holsteinische Wattenmeer und vor allem nach Erholungsnutzungen Einflüsse haben, aber
der Wiedervereinigung 10 weitere Gebiete zu keine grundsätzlichen Ausschlusskriterien sein
Nationalparken erklärt. müssen.

6
Unser Verhältnis zur Wildnis ist ambivalent Ziel dieser Broschüre ist es, wilde Land-
und bewegt sich zwischen Faszination und schaften und Lebensräume in Schleswig-Hol-
Furcht. Die großartige Erhabenheit der Alpen- stein vorzustellen und auf deren besondere
berge, die Weite der Meeresküsten ziehen Wertigkeit hinzuweisen – ein Wert, der sich
viele Menschen an, die Undurchdringlichkeit vielfach vermutlich unserer Wahrnehmung
eines Sumpfwaldes, eines Weidendickichts und Würdigung entzieht. Bewusstsein und
oder einer Hochstauden-Brachfläche hingegen Blick sollen gelenkt werden auf Landschaften,
wirkt auf die meisten von uns nicht gerade die sich weitgehend unbeeinflusst entwickelt
einladend. In einem „unordentlichen Wald“ haben. Dort können wir Natur in ihrer Ur-
kann man nicht „ordentlich“ spazieren gehen. sprünglichkeit begegnen und ihre besondere
Unser ästhetisches Empfinden konkurriert mit Ästhetik, ihre Eigenart und Vielfalt kennen ler-
unserer Angst vor Unordnung, Unübersicht- nen, die uns vielleicht staunen lässt über das,
lichkeit, Kontrollverlust oder Gefahr. Die Sicht- was in der Natur geschieht, wenn Raum für
weise hat aber auch etwas mit unserer Un- Entwicklungsmöglichkeiten gegeben ist .
kenntnis über Natur in ihrer Verschiedenartig- Manch wilder Naturschatz lässt sich so noch
keit zu tun. erkunden und soll daher in dieser V eröffentli-
chung vorgestellt werden. Die Bandbreite und
Der besondere Erfolg von Nationalparken und Verschiedenartigkeit der natürlichen Lebens-
größeren Schutzgebieten weist aber auch da- räume unserer Heimat, die wir hier vorfinden,
rauf hin, dass viele Menschen offenbar eine ist beeindruckend.
gewisse Sehnsucht nach „Wildnis“ haben und
Erholung in ihr suchen. Diese „Sehnsucht Es soll hiermit auch ein Beitrag zum internatio-
nach wilder Natur“ geht durch die ganze nalen Jahr der Biologischen Vielfalt 2010 ge-
Menschheitsgeschichte und ist immer wieder leistet werden. Unsere Bemühungen Natur zu
auch Gegenstand in der Malerei und der Lite- schützen und zu verstehen, sie in all ihren Fa-
ratur. Natur nicht nur als Objekt der Ausbeu- cetten wahrzunehmen und zu achten, wird
tung, sondern auch der Erholung und der Kon- über dieses Jahr andauern – eine Aufgabe,
templation – durchaus auch der Traum von der aber auch Freude für unsere und kommende
Wildnis und die Suche nach dem „verlorenen Generationen.
Paradies“.

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2. Initiativen zum Schutz von Wildnissen

In den letzten Jahren ist vermehrt der bessere 1. Das Ansehen von Wildnis und Wildgebie-
Schutz von Wildnissen gefordert worden. Aus ten in Europa zu steigern.
der Vielzahl der Empfehlungen, Resolutionen
und Initiativen zum Schutz von Wildnisgebie- 2. Einen Fahrplan zum Schutz und der Wie-
ten sollen hier nur beispielhaft folgende ge- derherstellung solcher Gebiete zu empfeh-
nannt werden: len.
3. Eine Partnerschaft zwischen Sektoren auf-
zubauen, die auf einer Übereinkunft zur
A. Entschließung des Europäischen Umsetzung dieser Strategie beruht.
Parlaments zur Wildnis in Europa vom
3. Februar 2009 (Auszug):
C. Nationale Strategie zur biologischen
Das Europäische Parlament fordert die Vielfalt des BMU von 2007
Kommission auf, Deutschland hat im November 2007 eine
durch das Bundeskabinett beschlossene Na-
1. den Begriff „Wildnis“ zu definieren; vertritt tionale Strategie zur biologischen Vielfalt im
die Auffassung, dass die Definition ver- Rahmen der Biodiversitätskonvention verab-
schiedene Aspekte wie Ökosystemleistun- schiedet, die auch Thema war auf der 9. V er-
gen, Schutzwert, Klimawandel und nach- tragsstaatenkonferenz, die im Mai 2008 in
haltige Nutzung umfassen sollte; Bonn stattgefunden hat. Darin wurde zum
Thema Wildnis die Vision von „faszinierenden
2. die Europäische Umweltagentur und ande- Wildnisgebieten, in denen Entwicklungspro-
re einschlägige europäische Institutionen zesse natürlich und ungestört ablaufen kön-
damit zu beauftragen, eine Bestandsauf- nen“, entwickelt.
nahme der letzten Wildnisgebiete Europas
durchzuführen, um die gegenwärtige Ver- Als Ziel wird ein Anteil von 2 % der Landesflä-
teilung, die biologische Vielfalt in verschie- che Deutschlands als Wildnisgebiete bis zum
denen Gebieten und die Fläche noch unbe- Jahre 2020 formuliert. Die Begründung lau-
rührter Gebiete sowie auch jene Gebiete, tet: „Heute gibt es in Deutschland kaum noch
in denen nur minimale menschliche Aktivi- Wildnis. Wildnisgebiete umfassen deutlich
tät stattfindet (und die in größere Lebens- weniger als 1 % der Landesfläche. In den ver-
raumtypen wie Wald, unberührte Binnen- gangenen Jahrhunderten wurden umfangrei-
gewässer und unberührte Seegebiete un- che Anstrengungen unternommen, um die für
terteilt werden können), zu erfassen; Wildnisgebiete typische natürliche Dynamik
weitgehend zu unterdrücken. Das führte u. a.
3. des Wildnisschutzes durchzuführen, in de- dazu, dass die davon abhängigen Lebensräu-
ren Rahmen insbesondere die Themen me (Pionierbiotope, intakte Auwälder usw.)
Ökosystemleistungen, biologische Vielfalt weitgehend aus der Landschaft verschwun-
in Wildnisgebieten, Anpassung an den Kli- den sind. Um die natürlichen Prozesse der Le-
mawandel und nachhaltiger Naturtouris- bensraumdynamik wieder zu aktivieren, muss
mus untersucht werden sollten. ein bestimmter Flächenanteil Deutschlands
von menschlicher Einflussnahme freigestellt
werden. Dies betrifft vor allem die verbliebe-
B. Konferenz über Wildnis und große, nen Reste der natürlichen Ökosysteme, kann
natürliche Lebensräume in Europa am jedoch auch Bereiche umfassen, die aus der
27. und 28. Mai 2009 in Prag menschlichen Nutzung fallen und sich künftig
Das Ziel der Konferenz war, über die Wichtig- in Richtung auf eine „neue Wildnis“ hin entwi-
keit von Wildnisgebieten innerhalb der EU und ckeln können. Solche Wildnisgebiete können
auf gesamteuropäischer Ebene zu reflektieren, auch helfen, die Natur zu verstehen und zu er-
um folgende Punkte zu erreichen: leben.“

8
Auf der Wildniskonferenz von Potsdam im Deutschland zuzulassen fördert die interna-
Mai 2010 wurde die Strategie konkretisiert tionale Glaubwürdigkeit.
und die Begründung für Wildnis in Deutsch-
land wie folgt formuliert: 앫 Deutschland hat z. Zt. bei großzügiger Be-
rechnung knapp 0,4 % seiner Landesfläche
앫 Wildnis trägt im hohen Maße zur Erhaltung als Wildnisgebiete geschützt und ist damit
der Biologischen Vielfalt (Gene, Arten, von dem 2 % Ziel der Bundesregierung
Ökosysteme) bei. noch sehr weit entfernt.“

앫 Wildnis leistet, insbesondere bei der für Um dieses Ziel zu erreichen, wird vorgeschla-
Deutschland typischen Waldentwicklung, gen, künftig Räume zur Verfügung zu stellen
mit Kohlenstoffbindung einen wichtigen und die Voraussetzungen dafür zu schaffen,
Beitrag zum Klimaschutz. dass Wildnisentwicklungsgebiete entstehen
können, in denen (künftig) solche Prozesse
앫 Natürliche Ökosysteme, wie sie für Wildnis der natürlichen Dynamik wieder vermehrt ab-
charakteristisch sind, erbringen eine Fülle laufen bzw. zugelassen werden.
von Leistungen für uns Menschen (z. B.
Reinigungsleistung von Wasser und Luft,
Pufferung von extremen Wettersituatio- D. Bundesnaturschutzgesetz –
nen, Genbanken) §1: Eigenwert der Natur
Das Bundesnaturschutzgesetz formuliert in
앫 Nur in Wildnisgebieten findet die natürliche seinem ersten Satz: „Natur und Landschaft
Evolution unabhängig vom Menschen statt. sind auf Grund ihres eigenen W ertes und als
Lebensgrundlagen des Menschen auch in Ver-
앫 Wildnis bietet eine wichtige Referenz zu antwortung für die künftigen Generationen…“
den Kulturlandschaften. Ohne direkten zu schützen.
menschlichen Einfluss können natürliche
oder menschengemachte großräumige Dieser Ansatz ist als Ausdruck dessen zu ver-
Veränderungen besser erkannt werden. stehen, dass Naturschutz auch eine Ethik der
Selbstbeschränkung beinhaltet. Der Natur
앫 Wildnisgebiete sind einzigartige Untersu- wird im Vergleich mit der von Menschen ge-
chungsräume für wissenschaftliche Studi- prägten Welt ein höherer Wert zugeschrieben
en. und daher Zurückhaltung gegenüber der Natur
gefordert.
앫 Wildnis hat ein hohes touristisches Poten-
zial. Daraus lässt sich auch ableiten, dass es auch
zu unseren Aufgaben gehört, die Eigendyna-
앫 Global wird der Schutz der Tropenwälder mik der Natur, den Ablauf natürlicher Prozesse
und anderer Wildnisgebiete eingefordert. zuzulassen und solche Bereiche zu schützen.
Wildnis in begrenztem Maße auch in

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3. Gebiete in Schleswig-Holstein

3.1 Nordseeküste

3.1.1 Dünenlandschaften auf Sylt und


Amrum
Dünen entstehen überall dort, wo Wind und Die größten Teile unserer Dünen auf Sylt und
Sand aufeinander treffen. Dies geschieht da- Amrum sind daher als Naturschutzgebiete
her vor allem an den Meeresküsten. Im Bin- ausgewiesen. Nach fortschreitender Entwick-
nenland sind Dünen bei uns vor allem wäh- lung und Alterung werden Primär-, Weiß-,
rend und nach der Eiszeit entstanden, als die Grau- und Braundünen unterschieden. Die
Landschaft noch vegetationsarm war. Die gro- niedrigen Primärdünen, die auf den Stränden
ßen Dünengebiete auf unseren Inseln Sylt und entstehen können, sind sehr labil und werden
Amrum sind großenteils auf Festlandsberei- von Hochwasser schnell verändert. Aus Pri-
chen aufgeweht und haben teilweise als märdünen können höhere Weißdünen entste-
„Wanderdünen“ menschliche Siedlungen ver- hen, auf denen Strandhafer und Strandroggen
schüttet. Die Menschen haben im Laufe der wachsen. Nach einer ersten Humusbildung
Geschichte immer wieder auch diese W ande- entstehen artenreichere Graudünen, mit bunt
rungen durch intensive Bepflanzung ge- blühenden Rasengesellschaften aus Silber-
bremst. Heute sind die Dünen von Sylt und gras, Labkraut, Flechten und Moosen. Die äl-
Amrum weitgehend dem Einfluss der Natur- teren Braundünen schließlich sind hauptsäch-
kräfte überlassen. In einer Größenordnung von lich von Zwergsträuchern wie Besenheide und
etwa 2.500 ha auf Sylt und 1.000 ha auf Am- Krähenbeere, schließlich auch von Kriechwei-
rum können sie trotz touristischer Nutzung dengebüschen bewachsen und können örtlich
und Dank einer guten Besucherlenkung als natürlich bewalden.
besondere Wildnisgebiete angesehen werden.

Hohe Weißdünen in vorderster Linie zur Küste mit starker Windexposition und Dynamik. Im V ordergrund feuchtes Dünental und Graud üne
mit fast geschlossener Vegetation auf Amrum

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Primärdünen mit erstem Strandhaferbewuchs am Rande des Kniepsandes auf Amrum im Übergang zu der hohen Dünenlandschaft. Bei
Sturmfluten können diese Bereiche wieder abgetragen werden.

Erodierte Weißdüne auf Amrum mit Blick auf den weiten Kniepsand.

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Zwischen den Dünen, die 30-35 m hoch wer- deutschen Küste bilden. Silbermöwen brüten
den können, bestehen in den Dünentälern mit mehr als 2.000 Paaren und auch für
häufig sehr feuchte Lebensräume mit Gewäs- Sturmmöwen ist Amrum mit ca. 2.000 Paaren
sern und Moorbildungen und entsprechenden ein Schwerpunktgebiet geworden. Eine Be-
Pflanzenvorkommen, wie Orchideen, Torfmoo- sonderheit sind Hohltauben und Dohlen, die in
sen, Sonnentau und Glockenheide und Tierar- Kaninchenhöhlen in den Dünen brüten.
ten, wie Kreuzkröten, Moorfröschen, Libellen
und vielen weiteren Arten. Der breite Kniepsand mit seinen ausgedehn-
ten Primärdünenfeldern und die ständig unter
Herausragende Bedeutung haben die Amru- dem Einfluss von Wind sich verändernden of-
mer Dünen als Brutplatz für Küstenvögel : fenen hoch aufgewehten Weißdünen an der
in den 1970-er Jahren brüteten hier über westlichen Kante von Wittdün bis zur Nord-
2.000 Eiderenten-Paare, deren Bestand aber spitze der Insel, aber auch die weiten mit
auf unter 100 zurückging. Spektakulär ist die Feucht- und Trockenheide und Trockenrasen
Zunahme des Bestandes der Heringsmöwen, bewachsenen Dünentäler vermitteln den Ein-
die erst um 1985 erschienen und dann die ge- druck einer großartigen ursprünglichen, von
samten Dünenbereiche besiedelten und heute menschlicher Nutzung unbeeinflussten Wild-
mit 12.000 Paaren die größte Kolonie an der nis.

Sandwatt mit besonders hoher Dynamik im Grenzbereich von Sandplate zur Nordsee.

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Das Morsum Kliff auf Sylt ist mit seinen Ablagerungen aus Glimmerton, Limonitsandstein und Kaolinsand eine einzigartige naturku ndliche
und erdgeschichtliche Erscheinung am Rande des W attenmeeres.

Die Dünenlandschaft auf Sylt ist vergleichbar und das erdgeschichtlich erheblich ältere
der von Amrum. Es fehlen jedoch die weit- Morsum-Kliff mit seinen bis zu 10 Mio. Jahre
läufigen Primärdünenfelder. Dafür sind auf alten Erdschichten. Das Morsum-Kliff und
Sylt die größten Wanderdünen des gesamten das große Dünengebiet des Listlandes im
Wattenmeeres anzutreffen. Sie sind bis heu- Norden Sylts wurden 1923 als erste Natur-
te nicht festgelegt und wandern, beständig schutzgebiete Schleswig-Holsteins ausgewie-
vom Wind getrieben, von W est nach Ost sen. Die herausragende geologische Bedeu-
über alles hinweg. Bemerkenswert sind auch tung wurde mit der Auszeichnung des Mor-
die Steilufer, wie das Abbruchufer des Saale- sum-Kliffs als „Nationales Geotop“ zum Aus-
eiszeitlichen Roten Kliffs an der W estküste druck gebracht.

13
3.1.2 Nationalpark Wattenmeer –
Weltnaturerbe
Das Wattenmeer ist eine der größten Küsten- Im Wattenmeer leben rund 10.000 Tier- und
landschaften der Welt, die durch den Wech- Pflanzenarten, von einzelligen Organismen bis
sel von Ebbe und Flut geprägt sind. Hier kön- zu Fischen, Vögeln und Säugetieren. Die Dich-
nen Naturkräfte weitgehend unbeeinflusst te vieler Organismen, die im und auf dem
durch menschliche Aktivitäten wirken. Das Watt leben, ist dabei enorm. Besonders fallen
Zusammenspiel von Wind, Strömung, Gezei- uns bei einer Wattwanderung die Spuren von
ten und Wellen und die Aktivitäten von Pflan- Würmern, Schnecken, Muscheln und Krebsen
zen und Tieren sorgen für ständige Verände- auf. Sie leben überwiegend von Millionen mi-
rungen. Wattflächen, Priele, Dünen, Salzwie- kroskopisch kleiner Kieselalgen. Dieser große
sen und Sände prägen diese dynamische Reichtum ist besonders bei Ebbe für Vögel
Landschaft. sehr gut verfügbar. Dies wird herausragend
sichtbar an den teilweise riesigen Schwärmen
Das Wattenmeer hat zweifellos unter den Na- von Zugvögeln, die hier von Ende Juli bis in
turlandschaften in Deutschland eine Sonder- den Mai hinein zu beobachten sind. Man
stellung. Das Schleswig-Holsteinische Watten- schätzt, dass 10 bis 12 Millionen Zugvögel
meer hat von der Elbmündung bis zur däni- jährlich sich hier für kurze oder längere Zeit
schen Grenze eine Gesamtfläche von 4.367 aufhalten und wichtige Phasen ihres Lebens-
km². Mit der Ausweisung von Teilgebieten zu- zyklus verbringen. Auf der Durchreise von ih-
nächst als Naturschutzgebiete und vor allem ren Brutgebieten im hohen Norden und der
dann des gesamten Gebietes vor 25 Jahren Arktis zu ihren Überwinterungsorten bis nach
als Nationalpark wurde diese besondere W er- Afrika und wieder zurück finden sie im W at-
tigkeit und die nationale Verantwortung für tenmeer genug Nahrung für die lange Reise,
seinen Schutz zum Ausdruck gebracht und für die erfolgreiche Mauser und auch für die
schließlich hat die Auszeichnung als W eltnatu- Brut. Gänse wie die Ringel- und die Nonnen-
rerbe im Jahre 2010 das W attenmeer in eine gans weiden auf den grünen Salzwiesen. Das
Reihe gestellt mit anderen bedeutenden Na- Wattenmeer ist für die Nonnengans eines der
tionalparken der Erde. wichtigsten Überwinterungsgebiete.

Ebbe und Flut prägen die dynamische V ielfalt der Wattenflächen mit Prielen, Schlick und Sand.

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Die große Dichte von Sandhaufen des Pierwurms macht die enorme biologische Produktivität und den Reichtum des Wattenmeeres
sichtbar.

Für die Brutvögel des Wattenmeeres sind Nah- Krebsen genutzt. Für viele Fische der Nordsee
rungsreichtum und Ungestörtheit besonders ist das Wattenmeer wichtige “Kinderstube”,
günstige Bedingungen. Sie brüten gerne in den also besonders günstiges Aufwuchsgebiet der
Salzwiesen und Dünen oder auf Grasflächen und Jungfische.
Stränden. Möwen, wie die Herings- und die Sil-
bermöwe sind die häufigsten Brutvögel, neben Vom Fischreichtum profitieren Meeressäugetie-
Seeschwalben, Watvögeln und Entenvögeln. Für re, wie Seehunde, Kegelrobben und Schweins-
Brandseeschwalben ist das Wattenmeer das wale. Im Wattenmeer leben heute mehr als
weitaus wichtigste Brutgebiet in Mitteleuropa. 20.000 Seehunde, davon in unserem National-
park über 6.000. Das ist eine deutliche Zunahme
Im Wattenmeer mausern große Anzahlen von seit der Gründung des Nationalparks und ein
Brandgänsen und Eiderenten. Im Sommer ver- großer Erfolg des Schutzes. Heute kann man sie
sammeln sich fast 80 % aller europäischen häufig in großen Rudeln von Schiffsfahrten aus
Brandgänse bei der Insel Trischen, wo sie ihre auf den Sandbänken und am Rande der W at-
Federn wechseln. In dieser Phase können sie ei- tströme beobachten. Auch Kegelrobben sind mit
nige Wochen lang nicht fliegen und sind somit mehr als 2.000 Tieren heute viel häufiger als frü-
von diesem ruhigen Gebiet stark abhängig. her. Die kleinsten Wale, die Schweinswale, nut-
zen sowohl die Nordsee als auch das W atten-
Bei Flut wird der Nahrungsreichtum von ver- meer.
schiedenen Fischarten, Garnelen und anderen

15
Das Wattenmeer ist Drehscheibe des Vogelzuges für Millionen von Wat- und Wasservögeln – hier Austernfischer.

Seitdem Seehunde geschützt sind, zeigen sie kaum noch Scheu und sind wie hier auf einer Sandbank bei Langeness sogar von einer Fähre aus sehr
schön zu beobachten. (Foto: H-J. Augst)

16
Wattwanderungen – hier im Bereich des W esterheversandes - über den trocken gefallenen Meeresboden sind besondere Naturerlebniss e
in Schleswig-Holstein.

Salzwiesen
Die meisten Salzwiesen wurden durch gelegen - bildet die südliche Fortsetzung der
menschliches Wirken in der Vergangenheit Kette der Außensände. Diese ausgedehnten
verändert und genutzt. Entwässerung, Lah- Sände und Sandbänke und das sandige V or-
nungsbau und Beweidung haben die Struktur land von St. Peter-Ording mit seinen Übergän-
und das Bild geprägt. Große Flächen der inner- gen zu Dünen zählen zu den besonders dyna-
halb von Lahnungen herangewachsenen Salz- mischen, urwüchsigen und vielfältigsten Küs-
wiesen und vor allen Dingen Salzwiesen mit tenbereichen. Der südliche Teil des Vorlandes
natürlichen Strukturen sind im Nationalpark bei St. Peter-Böhl, als Zone 1 im Nationalpark,
seit dessen Gründung vor 25 Jahren nicht zeigt ohne Nutzung eine besonders artenrei-
mehr genutzt. Heute sind 50 % der Salzwie- che und natürliche Salzwiese. Vor Ording sind
sen im Vorland und auf den Inseln nicht mehr das breite Dünental mit Lagunen und Kolken,
beweidet und unterliegen einer ungestörten artenreichen Salzwiesen und kleinen Dünen-
natürlichen Dynamik. Dazu gehören beispiels- talmooren hinter der langen und hohen Dü-
weise die natürlich entstandenen Salzwiesen nenkette bemerkenswert und trotz hoher
von St. Peter-Ording und der Insel Trischen so- Strandbesucherzahlen weitgehend ungestört
wie ausgedehnte Bereiche in den Deichvorlän- und natürlich geblieben. Die Dünen sind nach
dern entlang der nordfriesischen und dithmar- Sylt und Amrum die drittgrößten in Schleswig-
scher Küste. Holstein und die einzigen bedeutenden an der
deutschen Festlandküste. Das gesamte Ge-
Die sandige Küstenlinie mit den vorgelagerten biet ist ein „Hot-Spot“ des Vorkommens ge-
Sänden von St. Peter-Ording und Westerhever fährdeter und seltener Arten in Schleswig-Hol-
– an der Westspitze der Halbinsel Eiderstedt stein.

17
Im Herbst färbt
sich der Queller rot
und gibt den Salz-
wiesen eine beson-
dere Farbigkeit.
Seine reifen Samen
werden gerne von
durchziehenden
Singvögeln ver-
zehrt.

Grenzbereich Land
– Meer: mäandrie-
render Priel im
Übergang vom
Sandwatt zur Salz-
wiese an der Süd-
spitze des St. Pe-
ter-Vorlandes.

18
Auf den Sandsalz-
wiesen von St. Pe-
ter kommen Quel-
ler und Strandflie-
der nebeneinander
vor.

Hinter der Dünen-


kette vor St. Peter
liegt eine weite La-
gunen- und Salz-
wiesenlandschaft.
Im Vordergrund
fruchtende Stran-
dastern (Foto: S.
Thiessen)

19
Der endlose Horizont und das wechselnde W etter lassen das Wattenmeer zu einem besonderen - immer wieder neuen - Erlebnis zu allen
Jahreszeiten werden.

Nordfriesische Außensände
Fernab der Deiche in Nordfriesland liegen im nenbildung finden erst seit wenigen Jahren
Nationalpark – im Übergang zur Nordsee - drei statt. Auf dem Norderoogsand hat sich aus ei-
ausschließlich aus Sand bestehende, über die nem Primärdünenfeld inzwischen ein großes
Hochwassermarke hinausgewachsene große Weißdünengebiet entwickelt. Von der Hallig
Sände: Der Japsand (ca. 300 ha), der Norder- Hooge aus betrachtet, sieht der Sand schon
oogsand (900 ha) und der Süderoogsand wie eine Insel aus. Die Außensände sind viel-
(1.500 ha). Sie haben sich im Laufe der Jahre leicht die unberührtesten Gebiete Deutsch-
durch Wind und Sturmfluten verändert, wan- lands. Große Vogelschwärme rasten hier bei
dern allmählich von West nach Ost und wir- Hochwasser, Eiderenten nutzen den Sand als
ken wie eine lebensfeindliche Wüste. Eine An- Mauserplatz und an den Ufern liegen große
siedlung höherer Pflanzen und eine stabile Dü- Seehundrudel.

20
Der wüstenartige
Süderoogsand mit
wellenförmigen Pri-
märdünen. Die Ret-
tungsbake ist die
einzige menschli-
che Spur (Foto: M.
Stock)

Ungestörte Dynamik des Süderoogsandes mit Sandriffen am Westrand des Wattenmeeres. (Foto: M. Stock)

21
Auf dem Wege zu einer neuen Insel? Auf dem Norderoogsand sind seit einigen Jahren dauerhafte Dünen entstanden. (Foto: J. Gem-
perlein)

Insel Trischen
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die chelförmige Sand umschließt ein großes Sal-
besondere Dynamik des Wattenmeeres ist die zwiesengebiet, welches in seinen natürlichen
unbewohnte Insel Trischen. Sie liegt zwischen Strukturen mit baumartig verzweigten Prielen,
den Mündungen von Eider und Elbe etwa 10 kleinen Inseln und den Übergängen zum W att
km vor der Dithmarscher Küste und wird auch und zu sich ständig verändernden Dünen eine
als „Perle des Nationalparks“ bezeichnet. Hier einzigartige natürliche bunte Salzwiesenvege-
hat die Natur uneingeschränktes Vorrecht. Tri- tation zeigt.
schen ist ein “wandernder Sand”, der sich
jährlich rund 20 Meter nach Osten verschiebt. Auch die Entwicklung der Vogelwelt auf Tri-
Für einige Jahrzehnte bestand auf Trischen ein schen, in die seit etwa 20 Jahren nicht mehr
bedeichter Koog mit landwirtschaftlicher Nut- eingegriffen wird, zeigt beispielhaft etwas von
zung. Diese wurde vor 70 Jahren aufgegeben der natürlichen, von uns ungestörten Dynamik
und seitdem unterliegt die Insel dem freien und dem Wechsel und den Interaktionen der
Spiel der Naturkräfte. Gebäude und Deich sind Vogelpopulationen. Die Anteile der verschiede-
längst verschwunden und es sind nur noch nen Brutvogelarten haben sich seit Mitte des
Reststrukturen menschlichen Wirkens zu fin- letzten Jahrhunderts verschoben: war die In-
den. Die Insel ist ein einzigartiges Gebiet, in sel bis Mitte der fünfziger Jahre eine reine
dem verfolgt werden kann, wie sich die Natur Fluss- und Küstenseeschwalbeninsel mit bis
ohne unser Zutun entwickelt und wie die zu 9.000 Paaren, so hat sie sich in den letzten
natürlichen Kräfte Natur gestalten. Hier kann Jahrzehnten immer mehr zu einer Möwenin-
uns bewusst werden, daß Natur Zeit braucht sel gewandelt. Seit einigen Jahren brütet auch
und dass die Veränderungen, die wir im Zeit- ein Wanderfalkenpaar auf dem Boden und in
raum eines Menschenlebens beobachten, nur neuerer Zeit auch Kormorane, Löffler und
ein kleiner Abschnitt in einer langen Entwick- Nonnengänse.
lung sind. Der etwa 6 km lange mondsi-

22
Trischen von Norden aus der Luft im Jahr 1981.

Trischen von Süden im Jahr 2008 (Foto: M. Stock)

23
Die Salzwiese auf Trischen im Übergang zum Watt. In der ehemals begrüppten Salzwiese haben sich nach Nutzungseinstellung wieder
mäandrierende Priele ausgebildet und das alte Grüppensystem entwickelt sich zurück. (Foto: M. Stock)

Teil aus einer Ansammlung von über 100.000 mausernden Brandgänsen bei T rischen aus 1 000 m Höhe – Aufnahme 12.8.1981.

24
3.1.3 Helgoland mit Felssockel
Der rote Buntsandsteinfelsen von Helgoland schutzgebiete ausgewiesen. Mit der allgemei-
ist allgemein bekannt. Zu Helgoland gehören nen Zunahme der Seehundbestände sind auch
aber auch die für die deutsche Bucht einzigar- hier regelmäßig Seehunde zu beobachten, die
tigen ausgedehnten „Felswattbereiche“ so- auf den Felsen und am Strand Ruheplätze ha-
wie der unterseeische Felssockel um die In- ben. Der Bestand wechselt im Laufe des Jah-
sel. Neben seiner erdgeschichtlichen Bedeu- res – es wurden schon bis 1.200 T iere gezählt.
tung nimmt das Gebiet als einzige Felseninsel
der deutschen Bucht zweifellos eine Sonder- Zu den Besonderheiten gehören die Kegel-
stellung mit entsprechenden naturkundlichen robben - mit bis zu 300 kg sind sie die größte
Besonderheiten ein. Dazu zählt der so genann- deutsche Raubtierart -, die in dem Felswattbe-
te „Lummenfelsen“ mit bedeutenden und in reich und der Nordsee rund um Helgoland seit
Deutschland einzigen Brutvorkommen u.a. Ende der 80-er Jahre regelmäßig leben. Hier
von z.Z. etwa 2.600 Paaren (P) der T rottellum- werden in jedem Winter von November bis
me, 20 P Tordalken, 300 P Basstölpel, 7.500 P Ende Dezember seit Ende der 90-er Jahre
Dreizehenmöwen und 100 P Eissturmvögel. auch Jungtiere (2008/2009: 70 Geburten) ge-
Felswatt und Felssockel sind Lebensraum ei- boren. Neben einer Sandbank bei Amrum im
ner eigenständigen Lebensgemeinschaft mit Nationalpark Wattenmeer ist dies der zweite
ausgedehnten Großalgenfeldern, artenreicher Wurfplatz an unserer Küste. Da die Tiere nicht
Fisch- und Wirbellosenfauna, u.a. mit Vorkom- mehr verfolgt werden, sind sie hier sehr we-
men des Hummers. nig scheu und gut zu beobachten.

Während früher noch von den Helgoländern Wegen der im Vergleich mit früheren Zeiten
die Vögel des Lummenfelsens, die Zugvögel nicht mehr stattfindenden Nutzung und der
und Robben, sowie die Meeresfrüchte des daher kaum gestörten natürlichen dynami-
Felssockels zur Ernährung intensiv genutzt schen Vorgänge können heute das Helgolän-
wurden, werden heute hier nur noch Taschen- der Felswatt - also der im Tiderhythmus regel-
krebse und etwa 200-300 Hummer pro Jahr mäßig trockenfallende Teil des Felssockels -
gefangen - vor dem Krieg waren es bis über und der Vogelfelsen zu den Wildnissen unse-
50 000. Heute sind Vogelfelsen und Felsso- res Landes gezählt werden.
ckel mit zusammen etwa 5.200 ha als Natur-

Blick vom Oberland


auf Lummenfelsen
und Lange Anna
bei Flut.

25
Blick auf das Fels-
watt bei Ebbe. Die
schräg stehenden
Gesteinsschichten
erklären die strei-
fenförmige Struk-
tur.

Trottellummen,
Basstölpel und
Dreizehenmöwen
im NSG Lummen-
felsen, Mai 2010.

26
Kegelrobben sind die größten deutschen Raubtiere und leben seit einigen Jahren rund um Helgoland. Ihre geringe Scheu ist ein be sonde-
res Naturerlebnis, welches sonst nur in Nationalparken ferner Küsten zu finden ist.

27
3.2 Neue Wildnis in Speicherkögen

Beltringharder Koog – auf dem W ege zur


größten Wildnis in Schleswig-Holstein
Der Beltringharder Koog ist ein durch Eindei- Das Gebiet ist ein vogelkundlich herausra-
chung einer 3.350 ha großen W attenmeerflä- gendes Brut- und Rastgebiet insbesondere
che zwischen der ehemaligen Insel Nord- für Wat- und Wasservögel, sowie mit fort-
strand und dem alten Deich auf der Höhe von schreitender Entwicklung und Wandlung der
Bredstedt, der Nordstrander Bucht, im Jahre Vegetation auch für Röhricht- und Gebüsch-
1987 entstanden. Das Gebiet war vorher Teil brüter geworden. Die großen „Sekundär-
des Naturschutzgebietes Nordfriesisches Wat- Wildnisbereiche“ sind zu einem Lebensraum
tenmeer und wurde danach vollständig als Na- z.B. für eine Reihe von Vogelarten geworden,
turschutzgebiet „Beltringharder Koog“ ausge- die hier mit den größten Beständen in Schles-
wiesen. Teilbereiche werden als Feuchtgrün- wig-Holstein vorkommen. Über 20 Paare der
land beweidet, die größten Areale entwickeln Rohrweihe, 70 Paare Braunkehlchen, 100 Paa-
sich ungestört ohne Nutzung. Neben großen re Blaukehlchen, 90 Paare Feldschwirl, 1.400
Süßwasserspeicherseen ist ein lagunenartiger Paare Schilfrohrsänger, 250 Paare Sumpfrohr-
Salzwassersee mit tideabhängigem Ein- und sänger, 700 Paare Teichrohrsänger, 200 Paare
Ausstrom von Salzwasser aus dem W atten- Bartmeisen und 1.200 Paare Rohrammern
meer eingerichtet worden. Auf den seit der sind hier in den letzten Jahren bis 2009 fest-
Eindeichung sich ungestört entwickelnden gestellt worden. Der gesamte Koog gehört
ehemaligen Wattflächen und Vordeichländerei- mit knapp 10.000 Vogelbrutpaaren zu den be-
en haben sich etwa 23 Jahre nach der Eindei- deutendsten Brutgebieten für Vögel in Schles-
chung, der Trockenlegung der Gebiete und der wig-Holstein. Die „Sekundärwildnis“ des Belt-
danach einsetzenden allmählichen Aussüßung ringharder Kooges umfasst eine Fläche von
ausgedehnte sehr artenreiche, vielfältige und etwa 1.200 ha Land- und Überflutungsfläche
sehr großflächige offene Lebensräume aus und 400 ha Wasserfläche und ist damit das
Hochstaudenbereichen, steppenartigen Flä- größte zusammenhängende ungenutzte Ge-
chen, halboffenen Bereichen mit einzelnen biet außerhalb der Meeresbereiche in Schles-
Weidengebüschen und ersten kleinen Wald- wig-Holstein.
parzellen entwickelt.

Blick vom Arlausiel auf die großen Wildnisflächen 26 Jahre nach der Eindeichung.

28
Große offene Flächen und nur langsam aufkommende Gehölze vermitteln den Eindruck einer weiten Savannenlandschaft in der größten
sekundären Wildnis in Schleswig-Holstein.

Kronenloch
Bereits 9 Jahre vorher ist der Speicherkoog dern und Röhrichten entstanden. Weidenar-
Dithmarschen durch die im Jahre 1978 abge- ten, Sanddorn und weitere Gehölze breiten
schlossene Eindeichung eines Teiles der Mel- sich aus, auf offeneren Flächen haben sich ei-
dorfer Bucht entstanden. Als Ausgleich wur- nige Orchideenarten stark ausgebreitet. Die
den seinerzeit zwei Naturschutzgebiete im Zahl der Vogelarten hat stark zugenommen -
Koog ausgewiesen. Das im nördlichen Teil lie- Rohrweihe, Blaukehlchen und Bartmeise ha-
gende „Wöhrdener Loch“ sowie im Südteil ben hier bedeutende Bestände, der Schilfrohr-
das 532 ha große „Kronenloch“. Auch hier sänger seinen höchsten Brutbestand in
wurde durch Ein- und Auslassbauwerke der Schleswig-Holstein. Selbst der Seeadler brütet
Zustrom von Salzwasser mit allerdings stark bereits in den nur 30 Jahre alten W eiden.
gebremster Tide geschaffen und die natürliche
eigendynamische Entwicklung ohne jegliche Auch die Lebensgemeinschaft in der Salzwas-
Nutzung festgeschrieben. Nach nunmehr über serlagune hat sich erstaunlich entwickelt. Mu-
30-jähriger ungestörter Entwicklung ist hier die schel-, Schnecken-, Wurm- und Krebsarten,
Entwicklung noch weiter vorangeschritten als Seesterne, Seerosen des Wattenmeeres ha-
im Beltringharder Koog. Es ist bis heute (2010) ben sich hier ebenso stark entwickelt wie ver-
eine äußerst diverse Vegetation von Salz- und schiedene Fischarten, wie Scholle, Aal, Seena-
Brackwiesen bis hin zu Weichholz- Pionierwäl- del, Hering, Stint und Grundeln.

29
Auf den ehemaligen höheren Wattflächen ist 30 Jahre nach der Eindeichung eine komplexe strukturreiche Landschaft aus Hochstaude n,
Röhrichten, Weiden- und Sanddorngebüschen entstanden. Am Rande des Salzwassersees kommen Salzrasen und Brackröhrichte vor .

30
Schwabstedter Westerkoog
Westlich von Schwabstedt liegt in der Fluss- Nach und nach wurde die landwirtschaftliche
landschaft von Eider; Treene und Sorge am Nutzung aufgegeben und so entstand in die-
Fuße des Geestrückens der 200 ha große sem Gebiet eine völlig neue Landschaft, die
Schwabstedter Westerkoog. Es handelt sich heute nach etwa 50 Jahren der ungelenkten
um ein 1968/69 eingedeichtes Niedermoorge- Entwicklung aus Schilfröhrichten und einem
biet, welches als Überlaufpolder für die Treene immer noch weiter zunehmenden dichten
dient und dazu mit einem Kanal mit dieser in kaum zu durchdringenden Dickicht aus W ei-
Verbindung steht. Die Wasserstandsschwan- dengebüschen auf dem Wege zum Weiden-
kungen betragen aber heute nur etwa 80 cm. wald besteht.
Bis etwa 1955 wurde hier Torf gewonnen.

Luftbild des nördli-


chen Teils des
Schwabstedter
Westerkoogs im
August 1997 (Foto:
Michael-Otto-Stif-
tung)

„Tropische Sumpf-
landschaft“ im
Westerkoog, Mai
2010

31
Der das Gebiet durchziehende Graben, die a tential der Natur und was Natur macht, ohne
und einige Wasserflächen vermitteln mit ihren unser Zutun. Das Gebiet ist in seinem Auwald-
dichten über das Wasser ragenden Ufergehöl- charakter in dieser Ausdehnung einzigartig.
zen den Charakter einer eher tropischen Die Untersuchungen der Vogelwelt zeigen zu-
Sumpflandschaft, die man in Schleswig-Hol- mindest, dass der Koog zu einem Schwer-
stein nicht vermuten würde. Dieses ist ein punktgebiet in Schleswig-Holstein geworden
sehr eindrucksvolles Beispiel dafür, wie die ist für viele Singvogelarten. Der Sprosser hat
Natur sich auf solchen degenerierten Nieder- hier mit etwa 30 Revieren einen V erbreitungs-
moorstandorten ohne Lenkung und Flächen- schwerpunkt, und von einer Reihe weiterer
nutzung entwickeln kann. Eine Bewertung des Baum-, Gebüsch- und Röhrichtvögel leben hier
heutigen Zustandes ist objektiv nicht möglich, landesweit höchste Bestände.
man kann staunen über das Entwicklungspo-

Kaum zu durchdrin-
gende Weidendi-
ckichte mit reicher
Moosflora und Nie-
dermoor- und
Sumpfvegetation
im Schwabstedter
Westerkoog Ende
April 2009

32
3.3 Hochmoore
Bis ins 19. Jahrhundert hinein gab es noch Eider-Treene-Sorge-Region Beispiele sind, und
etwa 45.000 ha Hochmoore in Schleswig-Hol- der kontinentalen Region im südöstlichen
stein. Die Entwässerung und Inkulturnahme Schleswig-Holstein, wo wir z.B. mit dem Sale-
und der Torfabbau haben alle Moore in Schles- mer Moor einen Typus des so genannten Lau-
wig-Holstein betroffen und heute sind nur enburgischen Waldhochmoores finden.
noch Reste mit etwa 5.500 ha in einem stark
degenerierten Zustand geblieben. Unbeein-
trächtigte urwüchsige Moore gibt es bei uns 3.3.1 Wildes Moor bei Schwabstedt
nicht mehr. Um die degenerierten Restmoore Das Wilde Moor bei Schwabstedt wurde nach
hat sich der Naturschutz in den letzten 30 Jah- Entwässerungen zum großen Teil noch bis in
ren intensiv bemüht und durch verschiedene die 1980-er Jahre landwirtschaftlich genutzt.
Regenerationsmaßnahmen teilweise ein neu- Ab etwa 1980 kann sich nach Ankauf vieler
es Moorwachstum initiiert. Durch Wiederans- Flächen durch Rückbau von Entwässerungs-
tau und Wasserrückhaltemaßnahmen konnte gräben ein großer Teil des Moores allmählich
in einigen Mooren ein Zustand erreicht wer- wieder regenerieren. Heute sind von der ehe-
den, in welchem eine weitere künftige unge- maligen landwirtschaftlichen Nutzung nur
störte Entwicklung möglich ist. Somit gibt es noch Reste zu erkennen und der größte T eil
heute wieder einige sekundäre Wildnisse in des Moores kann sich künftig wieder unge-
unseren Mooren. Diese vermitteln zum Teil ei- stört entwickeln. Die für Hochmoore typische
nen Eindruck ursprünglicher Verhältnisse und uhrglasartige Aufwölbung zur Mitte ist hier
Hochmoorlebensgemeinschaften, im Übrigen noch zu erkennen. Die Hochmoorvegetation
aber auch neue Kombinationen und Sekundär- aus Torfmoosen, Glockenheide, Besenheide,
lebensräume, z.B. im Stadium von Birkenwäl- Rosmarinheide, Moosbeere, Wollgras und
dern und neuen Moorseen. weiteren Arten hat sich durch die Vernässung
auch auf ehemalige landwirtschaftlich genutz-
Schleswig-Holstein befindet sich im klimatisch te Flächen ausgedehnt. Gagelsträucher brei-
bedingten Übergangsbereich zwischen der at- ten sich aus. In den Moorrandbereichen wach-
lantischen Region, wofür das Wilde Moor bei sen teilweise dichte Weidendickichte und
Schwabstedt und das Dellstedter Moor in der nährstoffreichere Niedermoore.

Gagelsträucher breiten sich in den Randbereichen des Moores aus.

33
Der Rundblättrige Sonnentau und Wollgräser wachsen auf den Torfmoosen, welche das Niederschlagswasser halten und neues Hoch-
moorwachstum begründen.

3.3.2 Dellstedter Moor


Das „Dellstedter Birkwildmoor“ ist seit 1989 schen Hochmoorpflanzen haben sich wieder
Naturschutzgebiet. Es umfasst zwei Teilgebie- ausgebreitet und das Moor beginnt sich zu re-
te, das Nordermoor und das Ostermoor und generieren. Neben den ausgedehnten Hoch-
umfasst eine Fläche von 620 ha. Wie alle moorflächen sind im Randbereich große
Hochmoore des Landes ist auch dieses Moor Sumpfbereiche aus Niedermooren, Weiden-
in der Vergangenheit durch intensive Entwäs- und Birkenwälder entstanden. Diese komple-
serungsmaßnahmen, Torfabbau und landwirt- xe und vielfältige neue Sumpf- und Moorland-
schaftliche Nutzungen erheblich verändert schaft kann sich künftig unbeeinflusst als eine
worden. Durch Ankauf der Flächen von Seiten artenreiche Wildnis in Schleswig-Holstein wei-
des Naturschutzes, Aufgabe der Bewirtschaf- ter entwickeln.
tung und nach Abschluss intensiver Regenera-
tionsmaßnahmen, insbesondere der Wieder- Die Weite und Großflächigkeit dieses Gebie-
herstellung eines hochmoortypischen Wasser- tes ist beeindruckend und man kann sich hier
haushaltes mit einer hohen Wassersättigung besonders gut die ursprünglichen, ausgedehn-
des Torfkörpers, befinden sich heute große ten und von Menschen kaum zu durchqueren-
Teile dieses Gebietes wieder in einem neuen, den Moorlandschaften im Bereich der Schles-
ungestörten Wachstum. Die charakteristi- wig-Holsteinischen Geest vorstellen.

34
Nach abgeschlossenen Maßnahmen zur Verhinderung einer weiteren Entwässerung läuft im Dellstedter Moor eine ungestörte Entwick-
lung mit dem Ziel eines großflächigen Moorwachstums, teilweise über Nieder - und Zwischenmoorstadien. (Foto B. Lezius)

Ausgedehnte Ra-
sen aus dem Schei-
digen Wollgras auf
wiedervernässten
Flächen zeigen ein
neu beginnendes
flächiges Wachs-
tum des Moores
an. (Foto: B. Lezi-
us)

35
Der sehr seltene Mittlere Sonnentau wächst besonders auf wechselfeuchten offenen Torfböden und hat sich durch die Regenerations -
maßnahmen vermehrt.

3.3.3 Salemer Moor


Im Unterschied zu den atlantischen Hochmoo- mende seltene Pflanzengesellschaften sind
ren, die im Zentrum natürlicherweise baumfrei die Sumpfporst-Torfmoosgesellschaft und der
sind, liegt das Salemer Moor im kontinentalen Sumpfporst-Kiefernwald. Das Salemer Moor
Einflussbereich und ist von einem schütteren ist mit 50 ha vergleichsweise klein, steht aber
Kiefernwald bewachsen. Dieser ist allerdings im unmittelbaren Kontakt und Verbindung zu
erst entstanden, nachdem auch hier durch den angrenzenden Waldflächen mit den hier
Torfabgrabung das Moor verändert wurde. Im eingebetteten nährstoffarmen Seen (siehe un-
Unterschied aber zu vielen anderen schleswig- ten). Durch Ankaufsmaßnahmen des Natur-
holsteinischen Mooren blieb der moortypische schutzes sind auch die Randbereiche des
Wasserhaushalt hier noch intakt, wodurch Moores in eine natürliche Entwicklung mit ein-
auch das Torfmooswachstum weitgehend er- bezogen worden, so dass wir hier eine für
halten blieb. Unter den Zwergsträuchern hat schleswig-holsteinische Verhältnisse bemer-
hier der Sumpfporst sein östlichstes Vorkom- kenswerte, komplexe Naturlandschaft vorfin-
men. Der Kranich ist hier schon lange als Brut- den, die sich zu einer ungestörten Wildnis
vogel bekannt. Charakteristische hier vorkom- weiter entwickeln kann.

36
Ein schütterer Birken- und Kiefernbewuchs mit dem gefährdeten Sumpfporst im Kernbereich des Salemer Moores.

Die Randbereiche werden z. T. von Seggensümpfen gebildet, die das Moor (rechts) vom W ald trennen.

37
Ein undurchdringliches Weidendickicht mit dichter Moosflora umgibt Teile des Salemer Moores.

3.3.4 Wittmoor
Das Wittmoor gehört zu der Kette von Moo- Staugewässer gebildet haben. Heute ist hier
ren, die im Hamburger Randbereich auf der eine neue Wildnis entstanden, mit verschie-
schleswig-holsteinischen Geest liegen. Wie denen Moorbirken-Wäldern und Heideflä-
alle anderen Hochmoore wurde früher auch chen, sowie in den wiedervernässten Berei-
das Wittmoor durch Torfabbau entwässert chen mit hochmoortypischen Pflanzen, z.B.
und verändert. Auch hier sind in der Folge Wollgräsern, aber auch Schlangenwurz, Kö-
durch den Naturschutz umfangreiche Rege- nigsfarn und weiteren Arten. Eine ähnliche
nerationsmaßnahmen durchgeführt worden, Situation hat sich in verschiedenen anderen
insbesondere die Verschließung von Entwäs- ehemals abgetorften Mooren in Schleswig-
serungsgräben, wodurch sich in den Torfsti- Holstein ergeben. Das Wittmoor ist ein Bei-
chen und im Zentrum des Gebietes größere spiel dafür.

38
Auf wiedervernässten ehemaligen Abtorfungsflächen sind Birken abgestorben und neues Moorwachstum beginnt.

Lichte Birkenwälder bilden neue Wildnisse auf degenerierten abgetorften trockeneren Hochmoorbereichen - über Bohlenwege kann di e
Natur erlebt werden

39
3.4 Wälder
An unseren Wäldern wird uns besonders be- Es gibt in unserem Lande aber seit jeher einige
wusst, dass sie Zeit brauchen um zu wach- Bereiche, die durch ihre Lage sich einer Nut-
sen. Sie gehören zu den Lebensräumen mit zung durch Menschen entzogen haben, wo
der längsten Reifezeit, d.h. ein W ald braucht eine Nutzung erschwert war und ist oder in Ein-
Jahrhunderte bis Jahrtausende um alt zu wer- zelfällen auch darauf verzichtet wurde. So sind
den und seine gesamte Artenvielfalt entwi- vor allem in unseren Sumpf- und Feuchtwäl-
ckeln zu können. Menschliche Nutzungen ha- dern an unseren Seen, den Bruchwäldern, aber
ben den Wald in unserem Land stark zurück- auch an Steilufern, z.B. an unseren Seeufern, in
gedrängt. Holz wurde für vielfältige Nutzung Schluchten oder in schwer zugänglichen Gebie-
gebraucht und landwirtschaftliche Nutzungen ten Waldbereiche erhalten geblieben, die ein
waren ertragreicher als der Wald. wenig den Eindruck von „Urwäldern“ vermit-
teln. Wenige Naturschutzgebiete umfassen
Mitte des 19. Jahrhunderts gab es nur noch auch Wald ohne Nutzung. Meist handelt es
etwa 4 % Waldanteil in Schleswig-Holstein. sich um Sonderformen, wie Krattwälder oder
Der Brennholzbedarf in den Kriegs- und Nach- Niederwälder.
kriegsjahren sowie Reparationshiebe haben
den Wald in vielen Bereichen auch von Schwer bewirtschaftbare Waldparzellen sind
Schleswig-Holstein im Altersaufbau stark ver- Hang- oder Schluchtbereiche, namentlich im
ändert. Heute sind wieder etwa 10 % der Lan- östlichen Hügelland. Beispiele sind zu finden im
desfläche mit Wald bedeckt. Die Fläche alter, Bereich von Bachschluchten, etwa am Bungs-
mehrhundertjähriger Waldstandorte ist also je- berg, am Elbhang im Kreis Lauenburg und auch
denfalls sehr klein. Nie von Menschen genutz- nicht mehr aktive, „tote“ Ostseekliffs, z.B. am
te „Urwälder“ gibt es wohl kaum in unserem Großen Binnensee, an der Flensburger Förde,
Land. der Eckernförder Bucht und an anderen Stellen
wären zu nennen. Dazu gehören aber auch stei-
Den Wald als eines der naturnächsten Öko- le Seeufer, wie z.B. an einigen Schwentine-
systeme auf vielen Standorten unseres Lan- Seen, am Selenter See und am Schaalsee.
des zu erhalten, ist also eine ganz besondere
Verpflichtung und Aufgabe und hierfür haben In den letzten 20 bis 30 Jahren sind nennens-
wir auch unter dem von der Forstwissen- werte Waldbereiche mit dem Ziel einer unge-
schaft geprägten Begriff der Nachhaltigkeit störten Entwicklung zu „Urwäldern von mor-
eine große Verantwortung. gen“ aus der forstlichen Nutzung herausge-
nommen worden. Einer der ersten größeren
Gerade ältere, reife Stadien eines W aldes ha- privaten Wälder, der wirtschaftlich nicht mehr
ben eine wesentliche Bedeutung für bestimm- genutzt wird und als Naturschutzgebiet sicher-
te Tier- und Pflanzenarten, die daran gebunden gestellt wurde, ist der Tönsheider Wald im Au-
sind. Bei der Rotbuche und auch der Eiche krug.
setzt die besonders artenreiche Alters- und
Zerfallsphase erst jenseits von 250-300 Jahren Durch Beschluss der Landesforstverwaltung
ein. So leben z.B. in Mitteleuropa etwa 2.000 bzw. der Landesregierung sind von 1994 bis
verschiedene Käferarten im oder am Alt- und 2008 5 % des Landeswaldes als Naturwaldbe-
Totholz. 600 verschiedene Großpilzarten sind reiche ausgewiesen worden - z.B. im Buchholz
am Abbau von Holz beteiligt. Spechte und an- im Segeberger Forst, im Luhnstedter und Haa-
dere Vogelarten ernähren sich von Insektenlar- ler Gehege, im Dodauer Forst und am Uklei-
ven im Holz und bauen ihre Bruthöhlen bevor- See sowie in der Hahnheide. Ein bedeutender
zugt im morschen Holz. Viele andere Tiere nut- Naturwaldbereich im Staatsforstbereich befin-
zen das Angebot an Baumhöhlen, von Eulen det sich am Pugumer See auf der Halbinsel
bis hin zu Fledermäusen. Holnis an der Flensburger Förde.

Die Vielfalt der Lebewesen eines Waldes ist Der zum Lübecker Stadtwaldbereich gehörende
nur zu sichern und zu schützen, wenn alte Wald „Hevenbruch“ ist bereits 2003 als Natur-
Waldstandorte erhalten werden und Nutzun- schutzgebiet mit 173 ha als Naturwald ohne
gen soweit wie möglich reduziert werden und forstliche Nutzung ausgewiesen worden. In
in Teilen ganz auf eine Nutzung verzichtet den Kreisforsten Herzogtum Lauenburg wurden
wird. Damit können „Urwälder von morgen“ 1.163 ha in mehreren großen Waldgebieten
entstehen. seit etwa 15 Jahren aus der Nutzung genom-
men.

40
Totes ehemaliges Ostsee-Kliff am Großen Binnensee/Kreis Plön mit Hangbuchenwald als Beispiel ungestörter , nicht bewirtschafteter
Wald-Sonderstandorte mit besonderen Wuchsformen der Bäume.

Ungestörter Schluchtwald in Ostholstein; die Buchen bilden hier gegen das Abrutschen besonders ausgeprägte Wurzeln.

41
Steilufer mit Seeterrasse und flächenhaften Quellaustritten am Dieksee/Kreis Ostholstein – hereinstürzende Bäume bleiben liegen . An un-
seren bewaldeten Seeufern sind besonders viele markante Baumgestalten und Baumveteranen in urwüchsiger Form zu finden – Wildnis-
reste in Schleswig-Holstein.

Buchenwald ohne Nutzung mit hoher Strukturvielfalt am Steilhang des Schwentinedurchbruchtals bei Oppendorf/Plön.

42
Sodann sind insbesondere durch die Stiftung wiegend aus Laubwaldflächen mit zahlreichen
Naturschutz seit etwa dem Jahre 2000 einige ungestörten Quellregionen und Bächen. Die
Wälder angekauft worden mit dem Ziel einer klimatischen, bodenbedingten und geschichtli-
„Urwaldentwicklung“. Dazu gehören z.B. der chen Besonderheiten dieses Standorts haben
Riesewohld in Dithmarschen und der Stodtha- zur Bildung von in Schleswig-Holstein einmali-
gener Wald im Dänischen Wohld. Weiterhin gen Waldbeständen geführt. So weist der Rie-
hat die private Schrobach-Stiftung insbesonde- sewohld von nährstoffarmen (oligotrophen) Ei-
re im Aukrug und in den Fröruper Bergen auch chenwäldern über mesotrophe Buchenwälder
Wald erworben. bis zu lebermoosreichen Bruchwäldern nahezu
alle Facetten eines mitteleuropäischen Urwal-
Schließlich sind im Rahmen des Schaalsee- des auf. Aufgrund geschichtlicher Zeugnisse
Projektes einige Wälder dazugekommen und und alten Kartendarstellungen kann man da-
z. T. als Naturschutzgebiet ausgewiesen wor- von ausgehen, dass der Riesewohld seit ein-
den, z.B. das Garrenseeholz und das Mecho- einhalb Jahrtausenden Wald ist. Viele staunas-
wer Holz. se, lehmige Feuchtwaldpartien dürften seit
der Eiszeit ständig Wald gewesen sein, natür-
Alte Waldstandorte - also Standorte, die seit lich mit immer wieder wechselndem, von der
mehreren hundert Jahren kontinuierlich mit jeweiligen Nutzung geprägtem Waldbild. Der
Wald bestanden sind, sind aufgrund ihrer Bio- Riesewohld liegt im Bereich der höchsten Nie-
diversität von besonderer Bedeutung. Trotz er- derschläge in Schleswig-Holstein. Dadurch
heblichem Nutzungsdruck haben einige Wald- sind seine Bodenvegetation, insbesondere die
reste dennoch überdauert. Sie gehören auf- Moos- und Flechtenflora sowie seine Pilzvor-
grund ihrer langen Kontinuität zu den am we- kommen sehr artenreich. Auffällig sind die
nigsten veränderten Landökosystemen in großen Bestände des Winterschachtelhalmes,
Schleswig-Holstein. Damit haben diese Relikt- Besonderheiten sind das Vorkommen einiger
standorte einen besonderen Wert für den Ar- Waldorchideen und z.B. der Schaftlosen Pri-
ten- und Lebensraumschutz. Die folgenden mel. Zudem ist die Käferfauna mit fast 700
beschriebenen Naturwälder in Schleswig-Hol- festgestellten Arten herausragend. Durch den
stein liegen in Bereichen, die seit historischen Ankauf großer Anteile des Waldes durch die
Zeiten immer Waldstandorte gewesen sind. Stiftung Naturschutz und die völlige Nutzungs-
aufgabe besteht die Chance, eine weitere un-
gestörte Entwicklung zum „Urwald von mor-
3.4.1 Der Riesewohld gen“ zu erleben. Der Anteil von Totholz ist
ist Dithmarschens größtes Waldgebiet, über- schon jetzt groß.

Eichen-Buchenwald
im Riesewohld in
ungestörter Situati-
on mit urwaldtypi-
schen Zerfallspha-
sen und artenrei-
chem Pilzvorkom-
men.

43
Die Schaftlose Schlüsselblume wächst auf feuchten Böden im Traubenkirschen-Erlen-Wald.

44
Großflächige Quellbereiche und kühle Waldbäche mit artenreicher spezialisierter Moos- und Krautflora und –fauna und weitgehend unge-
störter Bodenstruktur in der niederschlagsreichsten Region des Landes charakterisieren den Riesewohld.

3.4.2 Tönsheider Wald im Aukrug


Der Aukrug ist eine abwechslungsreiche, sehr auf lichteren Stellen die Besenheide. Zahlrei-
bewegte Landschaft der Hohen Geest mit che Quellbereiche, deren Wasser sich zu ei-
über 70 m hohen größtenteils bewaldeten Alt- nem mäandrierenden Waldbach vereinigen,
moränenzügen und weiten Flussniederungen. kennzeichnen, wie an vielen Stellen des Au-
Das 67 Hektar große Naturschutzgebiet Töns- krugs, das Gebiet. In den Bächen kommen
heider Wald auf dem Gelände der Fachklinik Bachneunaugen vor und in den Quellen lebt
Aukrug besteht zum größten Teil (ca. 40 ha) eine spezialisierte Tierwelt, die an die ganzjäh-
aus einem seit mehreren Jahrzehnten nicht rig konstante Wassertemperatur von etwa 9°
mehr forstwirtschaftlich genutzten Laubwald C angepasst ist. Dies ist auch der Grund dafür ,
aus Rot- und Weißbuchen, Eschen, Erlen, dass auch im Winter die Bereiche sich durch
Stiel- und Traubeneichen, z. T. mit Stechpal- eine grüne Quellflora hervorheben. Vom ho-
men im Unterwuchs. Der Anteil an gestürzten hen Totholzanteil profitieren verschiedene
und gebrochenen Bäumen ist hoch. Auf Wur- Spechtarten und Höhlenbewohner, wie die
zeltellern keimen neue junge Bäume, der seltene Bechsteinfledermaus. Quellen und Bä-
Farn-, Moos- und Pilzreichtum ist groß. Auf che des Aukrugs sind aufgrund ihrer Naturnä-
trockeneren sandigen Bereichen wachsen he landesweit bedeutend.
Blaubeeren, Maiglöckchen und Siebenstern,

45
Die Strukturvielfalt und die Vielfalt der Wuchsformen der Bäume zeigen sich nach mehreren Jahrzehnten der Nichtnutzung.
Auf Wurzeltellern gedeiht reiches Farn- und Moosleben, neue Bäume wachsen darauf, werden besondere Wuchsformen bilden und das
Waldbild weiter verändern.

Auf Wurzeltellern gedeiht reiches Farn- und Moosleben, neue Bäume wachsen darauf, werden besondere Wuchsformen bilden und das
Waldbild weiter verändern.

46
3.4.3 Luhnstedter Gehege und weitere
Naturwälder auf der Geest
Das Luhnstedter Gehege gehört zu den Wäl- Waldbach durchflossen. Neben bodensauren
dern der nördlichen Itzehoer Geest. Diese Eichen-Buchenwäldern zum Teil mit einem ho-
Landschaft entstand Ende der vorletzten Eis- hen Anteil der Stechpalme kommen hier auf
zeit und ist relativ flach. Aufgrund der unter- feuchteren Standorten auch Eichen-Eschen-
schiedlichen Bodenverhältnisse und Wasser- Wälder sowie Auwälder und Erlenbruchwälder
stände ist das Waldbild hier besonders vielfäl- vor. Die besondere Naturnähe dieses W aldes
tig. Ein Teil des Geheges ist als Naturwald und der hohe Anteil von alten und morschen
ausgewiesen und wird schon länger forstwirt- Bäumen finden ihren Niederschlag auch in der
schaftlich nicht genutzt, wodurch sich interes- hohen Anzahl von höhlenbrütenden Vogelar-
sante „urwaldartige“ Verhältnisse mit einem ten, worunter eine besonders hohe Dichte
hohen Anteil von liegendem und stehendem von Mittelspechten hervorzuheben ist. In klei-
Totholz sowie einer vergleichsweise hohen neren Wasserflächen innerhalb des Waldes
Baumartenzahl ausgebildet hat. Das Gebiet lebt u.a. der Bergmolch.
wird von einem naturnahen mäandrierenden

Der Mittelspecht
ist im Luhnstedter
Gehege ein relativ
häufiger Brutvogel,
der aber unauffällig
und schwer zu ent-
decken ist, da er
nicht trommelt wie
viele andere Spech-
tarten. Er wird land-
läufig auch als „Ur-
waldspecht“ be-
zeichnet, kann inso-
fern als „Wildnis-
zeiger“ gelten.
(Foto: Nill)

47
Herbstlicher Eichen-Hainbuchenwald im Luhnstedter Gehege.

48
Die Eichen bilden auf schwer durchwurzelbaren Standorten ausgeprägte Stelzenwurzeln aus.

Eine ca. 300-jährige Buche schafft nach ihrem Sterben auf der entstandenen Lichtung neuen Lebensraum für eine neue W aldgeneration

49
Moose, Flechten und Pilze sind in hoher Artenzahl und Dichte wichtige und typische Organismen des Naturwaldes. Häufigere Pilze am to-
ten Holz sind der Buchen-Schleimrübling (oben) und das Stockschwämmchen.

50
Weitere vergleichbare Waldbereiche, die sich Naturwälder ohne Nutzung in die forstliche
durch eine besondere Naturnähe auszeichnen, Einrichtungsplanung aufgenommen wurden,
weil sie seit teilweise mehreren Jahrzehnten sind z.B. Teile im Westerholz, Himmelreich
kaum bewirtschaftet und seit 15-20 Jahren als und Haaler Gehege.

Eichen-Hainbuchenwald im Gehege Himmelreich im Frühjahrsaspekt.

3.4.4 Segeberger Forst Buchholz


Das Buchholz ist ein vergleichsweise kleiner Anteil von alten Buchen und liegendem und
Buchenwaldausschnitt inmitten eines ausge- stehendem Totholz. Dieser Wald ist ein sehr
dehnten Nadelwaldes. Dieser Bereich ist be- schönes Beispiel, an dem wir studieren kön-
reits seit vielen Jahrzehnten, insbesondere nen, wie Buchenurwälder und ihre Dynamik
durch das persönliche Engagement der zu- auf diesen Geeststandorten aussehen. In der
ständigen Revierförster, nicht bewirtschaftet Krautschicht wachsen Schlängelschmiele, Pil-
worden und zeigt heute ein Buchenaltholz in lensegge, Siebenstern und Blaubeere, die für
beginnender Zerfallsphase mit einem hohen diesen Waldtyp charakteristisch sind.

51
Buchenwald auf sandigem Boden in Zerfallsphase mit sehr hohem T otholzanteil im Buchholz im Segeberger Forst nach ca. 50-jährige r
Nichtbewirtschaftung.

3.4.5 Friedeholz/Pugum
Am Fuße der Halbinsel Holnis an der Flensbur- bodensauren Buchenwald über Eichen-Bu-
ger Förde liegt das Naturschutzgebiet Pugu- chenwald, einen feuchten Buchen-Eschen-
mer See, zu dem ein W aldbereich gehört, der wald, Erlen-Sumpfwald bis hin zu einem dich-
zu den wenigen Naturwäldern auf der Jung- ten Weidegebüsch im Uferbereich des Pugu-
moränenlandschaft in Schleswig-Holstein ge- mer Sees. Kalkreiche Quellbereiche mit gro-
hört. Aufgrund des hohen Altholzanteils und ßen Beständen des Riesenschachtelhalms,
einer weitgehend intakten Abfolge standort- kleine Fließgewässer und mehrere ungestörte
charakteristischer Waldtypen sind hier bemer- Kesselmoore in Geländemulden bereichern
kenswerte Waldbilder zu sehen - von einem das Bild dieses Naturschutzgebietes.

52
Eichen-Buchenwald auf trockenerem Hang im Übergang zum feuchten Buchen-Eschenwald im NSG Pugum/Kreis Schleswig-Flensburg.

Kesselmoor im NSG Pugum.

53
Erlen-Sumpfwald und dichtes teilweise schwimmendes Weidengebüsch zum Seeufer des Pugumer Sees.

3.4.6 Hevenbruch
Dieser Wald im Eigentum der Hansestadt Lü- Die Ausgangsbedingungen waren hier ver-
beck wurde 2003 mit 173 ha als Naturschutz- gleichsweise günstig, weil der Anteil alter
gebiet ausgewiesen mit dem Ziel, hier künftig Baumbestände teilweise hoch war und sich
jede forstliche Nutzung einzustellen und die- die Menge von Totholz und die Zahl von höh-
sen Wald sich eigendynamisch entwickeln zu lenbauenden und –bewohnenden Tierarten,
lassen, also die Entwicklung zu einem „Ur- wie Fledermäusen und z.B. dem Mittelspecht
wald von morgen“ zuzulassen. Die Entwick- und dem Schwarzspecht relativ schnell erhöht
lung wird durch Untersuchungen dokumen- haben. Die alten Waldstandorte werden au-
tiert und beobachtet. Der Hevenbruch ist der ßerdem bevorzugt von Trauerschnäpper, Wei-
größte unbewirtschaftete Naturwald in Schles- denmeise und Zwergschnäpper. Durch die
wig-Holstein. Er ist durch eine besonders be- Einstellung jeglicher Entwässerungsmaßnah-
wegte Topografie mit ausgeprägten steilen men sind zahlreiche und verschiedene W ald-
Kuppen und feuchten Senken, sowie unter- gewässer und Sümpfe innerhalb des W aldes
schiedlichen Bodenverhältnissen sehr struktur- erhalten oder haben sich neu gebildet. Diese
reich. prägen in besonderer Weise diesen Wald und
sind u.a. Brutplatz von Kranichen.

54
In W aldtümpeln le-
ben u.a. T eich- und
Kammmolche.

Die nassen Sümpfe innerhalb des W aldes sind Brutplätze des Kranichs und Lebensräume z.B. von Laub- und Moorfrosch.

55
3.4.7 Wälder der Schaalsee-Landschaft
Der 2.300 Hektar große Schaalsee ist mit 72 jektes. Auf schleswig-holsteinischer Seite
Meter der tiefste See in der norddeutschen konnten mehr als 700 ha W ald in verschiede-
Tiefebene. Er ist durch seine vielen Buchten, nen Gebieten erworben werden. Die Lauen-
Halbinseln und Inseln besonders stark geglie- burgischen Kreisforsten brachten weitere 172
dert und landschaftlich außerordentlich reizvoll. ha in das Projekt ein. Hinzu kommen in Natur-
Die ehemalige innerdeutsche Grenze durch- schutzgebieten liegende Waldflächen, für die
trennte ihn einerseits über Jahrzehnte, führte vom Land Schleswig-Holstein für den Nut-
aber auch besonders auf mecklenburgischer zungsverzicht Ausgleich gezahlt wurde.
Seite zum Erhalt großer ungestörter und unge-
nutzter Bereiche. Insgesamt beläuft sich die Fläche der unge-
nutzten Wälder sowie der Flächen, die sich
Im Rahmen des besonders vom WWF initiier- über eine natürliche Sukzession zu Wäldern
ten und vom Bundesumweltministerium geför- entwickeln sollen, allein auf schleswig-holstei-
derten länderübergreifenden Großschutzprojek- nischer Seite auf über 1.000 ha. Das Spektrum
tes „Schaalsee-Landschaft“ zwischen Schles- reicht von alten, totholzreichen, urwaldartigen
wig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern Buchenwaldbereichen bis hin zu jüngsten Bir-
wurden seit 1991auf einer Kerngebietsfläche ken-Pionierwäldern. Beispiele alter Wälder sind
von 14.700 ha, beiderseits der Landesgrenze, das Mechower Holz, Seebruch und Garrensee-
Natur- und Landschaftsschutzmaßnahmen um- holz. Einige der Wälder stehen im V erbund mit
gesetzt. Als Projektträger wurde der Zweckver- ungestörten Mooren und Seen, so dass hier
band „Schaalsee-Landschaft“ gegründet. heute verschiedene komplexe Landschaften
erhalten werden konnten oder sich entwickeln,
Der Ankauf von Waldflächen und Waldentwick- in denen die Natur sich selbst überlassen
lungsflächen waren wesentliche Ziele des Pro- bleibt.

Der Anteil der Wildnisflächen in Wäldern, Mooren und Seen ist beiderseits der Grenze zwischen Mecklenburg-V orpommern und Schles-
wig-Holstein im Bereich des Schaalsees und seiner Umgebung vergleichsweise groß. (Foto: WWF/ Neumann).

56
3.4.8 Sümpfe und Brüche
In den Feuchtwaldbereichen, den Sümpfen gemeinen bilden sie an den Seen schmalere
und Brüchen, sind wegen ihrer Unzugänglich- saumartige, in ruhigen Buchten breitere Wäl-
keit und der forstwirtschaftlich weniger wert- der. An breiteren Quellaustritten in Hanglagen
vollen Baum- und Gebüschbestände beson- können besondere, nährstoffarme Quellbruch-
ders viele ungestörte Bereiche vorhanden wälder entstehen. Die wichtigste bestandsbil-
und vermitteln in ihrer Unberührtheit und dende Baumart in den Brüchen ist die
dem meistens dichten Pflanzenwuchs den Schwarzerle, weil sie im Unterschied zu ande-
Charakter von exotischen Wildnissen. Das ren Baumarten auf den extrem nassen Böden
besonders feuchte Mikroklima und der hohe wachsen kann. Die große Regenerationsfähig-
Anteil von Totholz verschiedener Zerfallspha- keit der Schwarzerle führt durch Stockaus-
sen sind Ursache einer reichen Moos- und schlag häufig zu vielstämmigen, urwüchsigen
Farnvegetation. Wechselnde Wasserstände Gestalten. Auf mineralischem staunassem
sind typisch. Boden, z.B. an Gewässerrändern, können Er-
len zu stattlichen Bäumen heranwachsen.
Sümpfe und Brüche sind geschützt, d.h. sie
dürfen nicht beseitigt oder nachhaltig geschä- Die Bruch- und Sumpfwälder kommen je
digt werden. Echte Bruchwälder wachsen auf nach Bodenart und Wasserqualität in unter-
einem Niedermoorboden als Endstufe der na- schiedlicher Zusammensetzung vor. Sie sind
türlichen Verlandung eines Gewässers in Sen- Primärlebensräume und Ausgangsbiotope für
ken oder an unseren Seeufern. Dabei können viele Arten der Feuchtwiesen, wie Sumpfdot-
sie bei flachen oder flachscharigen Gewäs- terblume, Schwertlilie, Wiesenschaumkraut
sern sich sehr ausgedehnt entwickeln. Im All- und verschiedene Seggenarten.

Frühjahrsaspekt mit Sumpfdotterblumen und Schwertlilien im Erlenbruch.

57
Die Schwertlilie ist eine Charakterart der nährstoffreicheren Erlenbrüche, Sümpfe und V erlandungszonen.

Wechselwasserstände charakterisieren die Bruchwälder an unseren Seen.

58
Der Sumpffarn en-
trollt seine Wedel
Anfang Mai.

Frühsommer im Er-
lensumpfwald am
Rande eines Kes-
selmoores im östli-
chen Hügelland.

59
Auf dem Höhepunkt der Vegetationsentwicklung im Hochsommer vermitteln Sumpfwälder - wie hier im NSG Selenter See - den Eindruck
tropischer Urwälder mit einer enormen Vielfalt an Strukturen, Habitaten und Arten. Diese kaum zugänglichen V erlandungsbereiche gehö-
ren sicher zu den wenigen primären Wildnissen, d.h. noch nie genutzten Naturarealen, in Schleswig-Holstein.

60
Moorfrösche sind
in Schleswig-Hol-
stein noch relativ
weit verbreitet,
Sümpfe und Bruch-
wälder gehören zu
ihren Primärlebens-
räumen.

Sumpfdotterblume
im Weidensumpf
des NSG Lebrader
Teich, Kreis Plön.

Weidendickichte sind teilweise Erlenbruchwäl- genutzt und zeigt heute vielfältige Übergänge
dern an den Seeufern vorgelagert, bilden aber von Moor-Kiefernwald über halboffene Moor-
auch z.B. an quelligen Standorten und auf sau- flächen und kaum zu durchdringenden W ei-
ren Moorböden dichte stabile Bestände. Ein densümpfen bis hin zu dem seit einigen Jah-
schönes Beispiel einer komplexen Naturland- ren nicht mehr bewirtschafteten Teich. Das
schaft ist im 177 ha großen Naturschutzge- Gebiet ist ornithologisch herausragend und,
biet Lebrader Teich mit dem Lebrader Moor zumindest der terrestrische Teil, heute als
im Kreis Plön zu finden. Dieses Gebiet ist teil- eine Wildnis inmitten genutzter Kulturland-
weise bereits seit ca. 150 Jahren nicht mehr schaft zu bezeichnen.

61
3.5 Seen
Die etwa 300 Seen in Schleswig-Holstein ge- gesamt fast 2.000 km lang sind, gehören heu-
hören zu den charakteristischen Landschafts- te auf weiten Strecken zu den beständigsten
teilen unseres Landes. Jeder See hat dabei und am wenigsten durch menschliches Wir-
mit seiner Form, seinen Ufern, der Umge- ken künstlich veränderten Grenzlebensräu-
bung und dem Unterwasserprofil seinen eige- men von hoher natürlicher Dynamik. Auch die
nen Charakter. Viele unserer Seen zeigen rela- häufig angrenzenden Bruch- und Sumpfwäl-
tiv ungestörte oder unveränderte Bereiche. der werden heute kaum noch genutzt – einige
Während in früheren Zeiten z.B. fast alle Röh- wurden es vermutlich nie – vielleicht verber-
richte an unseren Seen noch größtenteils zur gen sich in unseren kaum betretbaren, tief-
Dach-Reetgewinnung genutzt wurden, findet gründigen Niedermoorwäldern und den Wei-
diese heute nur noch an wenigen Stellen dendickichten letzte primäre Wildnisse in un-
statt. Die Seeufer an unseren Seen, die ins- serem Land.

Gewässer und Ufer mit ihren veränderlichen Licht- und Spiegeleffekten werden von den meisten Menschen als besonders reizvoll un d
schön empfunden und zur Erholung und Naturbetrachtung aufgesucht - hier am Selenter See.

Auch die Unterwasserbereiche, die Seebö- wird bezeichnen können. Gleichwohl gibt es
den unterliegen keiner Nutzung oder nachhal- viele Seen und Teile von Seen, die man als
tigen Störung. So sind das Plankton, die Un- sehr naturnah bis natürlich bezeichnen kann.
terwasservegetation, die Tiere des Seegrun- Dazu gehören die Unterwasservegetation
des und die Fische von der Art der Sedimen- und die Röhrichte.
te und von der W asserqualität beeinflusst.
Die fischereiliche Nutzung und Bewirtschaf- Entscheidend für die Charakteristik eines
tung verändern aber die Zusammensetzung Sees ist der Nährstoffgehalt des W assers.
der Lebensgemeinschaften der Gewässer, Nährstoffarme Seen sind heute selten in
während Freizeitnutzungen sich sehr unter- Schleswig-Holstein. Zu ihnen gehören einige,
schiedlich und eher nur punktuell darauf aus- weitgehend von Wald umschlossene Seen
wirken. Daher sind primäre unbeeinträchtigte mit geringen Zuflüssen. Spezielle auf die
Zustände auch in unseren Seen kaum zu fin- Nährstoffarmut und das klare W asser ange-
den, so dass man sie kaum als menschlich passte Tier- und Pflanzenarten leben hier: sie
nicht veränderte ursprüngliche „Wildnisse“ repräsentieren sehr ursprüngliche Zustände.

62
3.5.1 Uferwälder und Flachwassergebiete
am Selenter See
Der 22,4 km² große Selenter See wird fast Armleuchteralgenarten) bis in über 5 m W as-
vollständig umgeben von unverbauten natur- sertiefe in fast lehrbuchhafter Abfolge vorhan-
nahen und ungenutzten Ufern mit teilweise den. U.a. sind 70 Arten der Makrofauna nach-
ausgedehnten urwaldartigen Erlenbruchwäl- gewiesen. Aufgrund des Vorkommens von bis
dern, auf breiten Seeterrassen Erlen-Eschen- zu 9.000 mausernden Reiherenten, 1.500 Hau-
wäldern und Übergängen zu Buchenwäldern bentauchern und weiteren Arten ist der See
sowie umfangreichen Röhrichtbeständen oder als international bedeutendes Wasservogelge-
Brandungsufern. Aufgrund seiner geringen biet eingestuft. Insbesondere in den windge-
Nährstoffbelastung wird er als größter meso- schützten Flachwasserbereichen der nördli-
tropher See des Landes eingestuft. Durch die chen Buchten ist eine weitgehend natürliche
große Sichttiefe ist eine flächendeckende ge- Zonierung der Verlandungsgesellschaften von
schlossene Besiedlung mit Unterwasserpflan- Schwimmblattzonen über Röhrichte zum
zen (18 Arten, insbesondere verschiedene Bruchwald zu finden.

Große Rastbestände von Reiherenten und anderen W asservögeln nutzen den Nahrungsreichtum der Unterwasserpflanzen und der Boden-
fauna - insbesondere Muscheln - in den Flachwasserbereichen des Sees - z.B. zur Durchführung der Schwingenmauser im Sommer bis
Herbst.

63
Das klare Wasser
des mesotrophen
Selenter Sees und
die meist sandigen
Sedimente der
flachscharigen See-
ufer sind gute Be-
dingungen für ei-
nen fast flächende-
ckenden Bewuchs
mit Unterwasser-
pflanzen und in
windstillen Berei-
chen von
Schwimmblatt-
pflanzen vor dem
Röhrichtsaum in
lehrbuchhafter Ab-
folge.

Kaum zu durchdrin-
gende Erlenbruch-
wälder und
schwimmende
Weidensümpfe und
Hochstauden-be-
stände in Buchten
am Nordufer des
Selenter Sees ver-
mitteln den Ein-
druck subtropischer
Wildnisse.

64
Unbewirtschafteter
Baumbestand aus
Buchen, Ulmen
und Eschen auf ei-
ner kaum zugängli-
chen Insel mit einer
besonderen An-
sammlung großer
Findlinge. Solche
Orte wirken auf
manche Menschen
in ihrer geheimnis-
vollen Eigenart und
wurden und wer-
den als magische
oder mystische
Orte empfunden
und bezeichnet.

Erlenbruchwald mit
stark wechselnden
Wasserständen am
Seeausfluss.

65
3.5.2 Waldinseln im Großen Plöner See
und anderen Seen
Die zahlreichen Inseln prägen die besondere findet abgestorbene Bäume, deren Verrottung
Kulisse des Großen Plöner Sees. Die meisten sehr unterschiedlich weit vorangeschritten ist.
von ihnen sind nach einer Absenkung des Im niedriger gelegenen nördlichen Teil der In-
Seespiegels um über einen Meter im Jahre sel wächst ein Erlen-Eschenwald, auf dem hö-
1881 erst „aufgetaucht“ oder vorhandene heren Teil der Insel ein Ulmen-Eschenwald mit
wurden vergrößert. So wurde die Prinzeninsel teils mächtigen Buchen und Eichen. Infolge
zu einer Halbinsel. So wie diese bewaldeten des fehlenden Wildverbisses und der unter-
sich auch die Inseln, die nicht als Möwenbrut- schiedlichen Boden- und Feuchtigkeitsverhält-
inseln baumfrei gehalten wurden, im Laufe nisse haben wir hier eine sehr abwechslungs-
der Jahrzehnte weitgehend unbeeinflusst zu reiche Krautschicht.
heute urwüchsigen Naturwaldinseln. Die brei-
ten Schilfröhrichte, die bis vor 20 Jahren noch Der Große Plöner See ist das bedeutendste
die Inseln umgeben haben, sind durch unbe- Brutgebiet für Graugänse in Schleswig-Hol-
kannte Ursachen heute völlig zurückgegangen. stein, die vor allem auf den W aldinseln ihre
Nester haben. In Baumhöhlen nisten Schellen-
Der Ascheberger Warder ist mit 9 ha die größ- ten und Gänsesäger und auf einigen Inseln
te Insel im Großen Plöner See und schon seit auch Seeadler, die aber alle Inseln als Sitzplät-
1955 NSG. Auf ihr wächst ein urwaldähnlicher ze nutzen und sich besonders im Winter nicht
Wald mit mehr als 10 Baumarten, der für selten zu mehr als 10 Tieren hier versammeln
Schleswig-Holstein einzigartig ist. Typisch für können.
einen Urwald ist der hohe Totholzanteil. Man

Insel Konau im Ascheberger Teil des Großen Plöner Sees.

66
Insel Hankenburg im Plöner Teil des Großen Plöner Sees mit efeuberankten Bäumen.

Urwald auf dem


Ascheberger War-
der im Februar
2010.

67
Insel Buchhorst im Dassower See im September 2009.

Weitere weitgehend ungestörte und unge- Die Insel wurde bis etwa 1945 noch bewirt-
nutzte Inseln befinden sich auch in einigen schaftet und lag aufgrund der deutschen Tei-
weiteren Seen, wie am Schaalsee. Kleine lung im Grenzbereich zur DDR sehr abge-
baumbestandene Inseln sind an verschiede- schieden und hat sich unbeeinflusst entwi-
nen weiteren Seen vorhanden. Viele dieser In- ckelt. Sie zeigt heute interessante Trocken-
seln wurden in historischer Zeit als relativ gut grasfluren mit Pechnelken und weitere Ent-
geschützte Siedlungsplätze genutzt und sind wicklungen zu Hochstaudenfluren und Ge-
interessante archäologische Stätten. Auch auf büschdickichten. Sie ist ein Beispiel für lang-
der Insel Buchhorst im Dassower See soll fristige Sukzessionen, deren weitere Entwick-
eine mittelalterliche Burg bestanden haben, lung zu beobachten spannend sein wird.
von der aber keine Spuren mehr erhalten sind.

68
3.5.3 Hemmelsdorfer See / Aalbek-
Niederung
Im nördlichen Teil des nährstoffreichen Hem- Der Hemmelsdorfer See ist an der tiefsten Stelle
melsdorfer Sees mit seinem in die Ostsee abflie- 39,5 Meter tief – dieses ist damit die tiefste Stel-
ßenden Gewässer, der Aalbek, besteht ein be- le unter dem Meeresspiegel (Normal-Null) in
sonders ausgedehnter ungestörter lehrbuchartig Deutschland. Wegen des an diesem östlichen
ausgeprägter Verlandungsbereich an einem nähr- Teil des Sees aber flach auslaufenden Ufers hat
stoffreichen Gewässer mit bis über 50m breiten sich hier eine besonders breite Verlandungszone
Röhrichtzonen und urwüchsigen Weiden- und Er- aus Röhrichten und anschließenden Weidenge-
lenbruchwäldern. büschen sowie ausgedehnten Sumpf- und Erlen-
bruchwäldern entwickelt.

NSG Aalbekniede-
rung am Hemmels-
dorfer See mit brei-
ter Röhricht- und
Bruchwaldzone.

Blick vom Aussicht-


sturm im Natur-
schutzgebiet auf
die breite Verlan-
dungszone.

69
3.5.4 Nährstoffarme Waldseen: Garrensee,
Plötschersee, Schwarze Kuhle und
andere besondere Waldseen und um-
gebende Naturwälder in Lauenburg
Diese von Wald umgebenen Seen bilden zu- men mit den ungenutzten Waldufern und den
sammen mit dem angrenzenden Salemer aus der forstlichen Nutzung herausgenomme-
Moor (s. 3.3.3) eine große komplexe naturna- nen Waldbereichen eine besonders vielfältige
he Landschaft. Das gesamte Gebiet ist NSG. Naturlandschaft der lauenburgischen Seen
Der Garrensee ist darin einer der seltenen und Wälder im südöstlichen Schleswig-Hol-
nährstoffarmen Seen in Schleswig-Holstein stein.
mit kiesigen Ufern und der seltenen Strand-
lings-Gesellschaft. Der nährstoffreichere Plöt- Im Schatten der ehemaligen deutsch-deut-
scher See ist durch einen wiedervernässten, schen Grenze sind weitere Seen erhalten ge-
sich regenerierenden Sumpfwald mit großen blieben, die zusammen mit den sie umgeben-
Beständen der Sumpf-Calla mit der Schwar- den Wäldern, in ihrer Ungestörtheit und Nut-
zen Kuhle verbunden, einem sauren, humin- zungsfreiheit beispielhafte großartige Wildnis-
säurereichen Moorsee mit einem breiten se sind und zusammen mit Mecklenburg-Vor-
Schwingrasen-Verlandungsgürtel mit Torfmoo- pommern als Naturschutzgebiete gesichert
sen, Sumpf-Porst, Wollgräsern und Sonnen- sind, wie z.B. am Lankowersee oder am
tau. Beide Seen sind völlig nutzungsfrei. Der Schaalsee.
gesamte Bereich repräsentiert auch zusam-

Plötscher See: typisch für nährstoffarme Seen ist der kaum ausgebildete Röhrichtsaum.

70
Garrensee: große
Bereiche der umge-
benden Wälder
werden seit einigen
Jahren nicht mehr
bewirtschaftet und
entwickeln sich zu
„Urwäldern von
morgen“.

Wiedervernässter
ehemaliger Fichten-
wald am Plötscher-
see mit neuer
Moor- und Sumpf-
bildung mit großen
Beständen der
Sumpf-Calla und
dem gelb blühen-
den Wasser-
schlauch. (Foto:
WWF Mölln)

71
Sumpfwald am Lankower See.

72
Ungestörte Waldufer und Inseln am versteckt liegenden Lankower See an der Landesgrenze zu Mecklenburg.

73
3.5.5 Seen im Hellbachtal
Das landschaftlich reizvolle Hellbachtal ist Teil Der Schwarzsee ist dagegen von ganz ande-
eines eiszeitlich entstandenen Tunneltales, rem Charakter, er ist ebenfalls nährstoffarm,
welches sich als deutlich ausgeprägte Rinne aber ein humusreicher Braunwassersee, der
über etwa 10 km von Mölln bis nach Gudow umgeben ist von unbetretbaren Schwingra-
erstreckt. Neben dem Hellbach, der sich durch sen aus Pflanzengesellschaften der Wald-
eine parkartige Wiesen- und Sumpfniederung Hochmoore. Der See befindet sich also in der
windet, nach Norden fließt und in den waldum- Entwicklung zu einem Hochmoor. Die
standenen Drüsensee mündet, liegen dicht Schwingrasen am Ufer werden gebildet von
beieinander drei sehr unterschiedlich ausgebil- großen Beständen der Sumpf-Calla, sowie
dete kleinere Seen, die ohne direkten mensch- Torfmoosen, Binsen- und Seggenarten. An-
lichen Einfluss sind und nicht genutzt werden. grenzend wächst ein Birken-Waldkiefern-
Bruchwald mit Sumpfporst und Rauschbeere.
Der Krebssee ist ein nährstoffarmer See und Der See ist u.a. Lebensraum seltener Libel-
gehört mit einer Sichttiefe von sieben Meter lenarten.
zu den saubersten Seen in Norddeutschland.
Sein Bodensubstrat ist sandig und er ist voll- Der Lottsee ist ein kreisrunder, flacher und
ständig umgeben von ungestörten bewalde- nährstoffreicher kleiner See mit ausgedehn-
ten Ufern innerhalb des Waldgebietes „Lehm- ten Seerosen- und Fieberkleebeständen, mit
rader Tannen“. Am Rande des Sees wächst Röhrichtsaum und Weidengebüschen. Im Un-
stellenweise ein Seggenried mit der sehr sel- terschied zu den beiden Waldseen liegt er nur
tenen Binsen-Schneide, die nur noch an sehr von einem schmalen Gebüschsaum umgeben
wenigen Standorten im Lande vorkommt. in der Wiesenniederung des Talraumes.

Der klare Krebssee liegt malerisch inmitten des W aldes.

74
Am Krebssee besteht nur stellenweise ein schmaler Röhrichtsaum, z.T . mit der Binsen-Schneide.

Schwarzsee – an schwedische Landschaften erinnernder einsam und still ruhender Spiegel.

75
Schwingrasen – Verlandungsufer am Schwarzsee.

Der Lottsee im Hellbachtal.

76
3.6 Fließgewässer
Flüsse und Bäche prägen auch in unserem 3.6.1 Wakenitz
Land die Landschaft und sind je nach T opogra- Zwischen Lübeck und dem Ratzeburger See
fie, Bodenverhältnissen und Nutzung sehr un- fließt die Wakenitz durch eine ausgedehnte
terschiedlich. Insbesondere durch Kultivierung Sumpf- und Bruchwaldlandschaft entlang der
von Landschaft für die landwirtschaftliche Nut- Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern. Durch
zung wurde in die Gestalt unserer Fließgewäs- die jahrzehntelange erzwungene Ruhe und
ser eingegriffen. So sind wenig veränderte na- Nichtnutzung im Bereich der ehemaligen
turnahe Gewässerabschnitte, in denen noch deutsch-deutschen Grenze vermittelt die Wa-
die gestaltende Kraft fließenden Wassers be- kenitz in ihrer unverbauten, ursprünglichen Un-
obachtet werden kann, vor allem dort erhalten berührtheit, dem dichten, farn- und moosrei-
geblieben, wo die Eingriffe und Veränderun- chen und von Wasser durchströmten feuchten
gen wenig Vorteile für die Nutzbarkeit der Flä- Wäldern das Bild eines tropischen Regenwal-
chen gebracht hätten oder ein Ausbau nicht des und wurde deshalb auch als „Amazonas
notwendig oder unverhältnismäßig war. So des Nordens“ bezeichnet. Diesen Eindruck
sind „Wildbäche“ vor allem in manchen Wäl- bekommt man auch auf einer Schifffahrt mit
dern oder in Schluchten, wo sich die Bäche den Motorschiffen auf dieser Strecke. Da die
dem Zugriff des Menschen quasi durch die Fließgeschwindigkeit hier nur sehr gering ist,
Eintiefung selber entzogen haben, noch erhal- konnte sich auf weiten Strecken eine
ten geblieben. Naturnahe Fließgewässerab- Schwimmblattzone und dichte Unterwasser-
schnitte sind also vor allem im Hügelland und vegetation ausbilden. Bei den Fischarten ist
in Wäldern zu finden. Beispiele für Gewässer, das Vorkommen von z.T. sehr großen Welsen
die letzte Wildnisse zeigen, sollen hier kurz besonders bemerkenswert.
beschrieben werden.

Besonders am Mecklenburger Ufer sind an der W akenitz großflächige Sumpf- und Bruchwälder erhalten.

77
3.6.2 Schwentine
Die Schwentine ist mit 62 km einer der längs- fast mittelgebirgsartig in einem steinigen
ten Flüsse Schleswig-Holsteins. Sie entspringt Bachbett durch kleine Schluchten weitgehend
am Bungsberg und durchfließt die gesamte unbeeinträchtigt. Im Bereich zwischen Plön
Holsteinische Schweiz mit verschiedenen und Preetz fließt dann der Fluss durch ver-
Seen. Der Fluss fließt durch die Orte Eutin, schiedene Seen und waldgesäumte Ufer. Un-
Bad Malente, Plön, Preetz, Schwentinental terhalb von Preetz sind insbesondere bei Ras-
und mündet in Kiel zwischen den beiden torf in einem tief eingeschnittenen Durch-
Stadtteilen Neumühlen-Dietrichsdorf und Wel- bruchstal teilweise sehr ursprüngliche, vor al-
lingdorf in die Kieler Förde. Obwohl die lem bei Hochwasser durchströmte Auwaldbe-
Schwentine schon immer von Menschen ge- reiche vorhanden. Unterhalb von Oppendorf
nutzt wird, viele landwirtschaftliche Nutzungen schließlich ist der Verlauf durch bemerkens-
und Siedlungen in ihrem Einzugsgebiet liegen werte Steilufer mit eindrucksvollem, völlig un-
und in ihrem Verlauf auch verschiedene Staue genutztem Buchenhangwald mit mächtigen
gebaut wurden, ist sie insbesondere durch ih- Bäumen und sehr viel Totholz, in das Wasser
ren vielfach durch Talräume gehenden Verlauf stürzenden und herüberragenden Bäumen ein
in sehr vielen Abschnitten naturnah geblieben. besonderes Wildnisgebiet ohne Vergleich in
Der Oberlauf im Bungsbergbereich verläuft Schleswig-Holstein.

Schwentine im Bereich des Durchbruchstals zwischen Raisdorf und Oppendorf.

78
3.6.3 Bille
Auch die Bille ist insbesondere in ihrem ge- die Wasserqualität ist gut bei insgesamt - we-
schützten Teil am Rande des Sachsenwaldes gen zahlreicher Quellzuläufe - kühler W asser-
als ein echter Wildfluss erhalten geblieben mit temperatur. Bachforelle, Äsche, Groppe und
fließgewässertypischen Strukturen und an- Elritze sowie Bachmuschel und Prachtlibellen
grenzenden Auwäldern und Buchenhangwäl- sind Anzeiger naturnaher und strömungsrei-
dern von hoher Naturnähe. Die Uferstrukturen cher Fließgewässer.
sind vielfältig, das Substrat ist kiesig-sandig,

Großflächige Quellsümpfe und markante Altbäume mit viel T otholz sind typisch für das Billetal.

79
Erodierende Prallufer am Rande des Sachsenwaldes zeugen von der hohen Fließdynamik.

Markante Baumgestalten säumen die Steilufer an der Bille.

80
3.6.4 Waldbäche und Quellen im Aukrug
und Geestwäldern
Die am wenigsten durch menschliche Einflüs- Grad. Daran sind spezialisierte Tierarten ange-
se veränderten kleinen Bäche sind in unserem passt, die nur hier und in den Bächen vorkom-
Lande in einigen Wäldern erhalten geblieben. men. Die gewundenen Waldbäche sind durch
Insbesondere findet man in Wäldern auf der Gleit- und Prallufer, Abtrags- und Sedimentati-
Geest noch weitgehend natürliche Bäche, die onsflächen, sowie Auskolkungen und durch
sich aus Quellen innerhalb der Wälder spei- Steine, Laub und Holz sehr vielfältig und struk-
sen. Der Reichtum an unverbauten und unge- turreich. Bizarre Baumwurzeln bilden sich stel-
störten Quellen verschiedener Art ist im Be- lenweise an den Ufern aus, der Bewuchs mit
reich des Aukruges besonders groß. Sie füh- Laub- und Lebermoosen und Farnen ist ty-
ren das ganze Jahr über W asser und haben pisch. In einigen Bächen leben Bachneunau-
eine konstante kühle Temperatur von etwa 9 gen und Forellen.

Sellbek im NSG Tönsheider Wald/Aukrug mit dichtem Moos- und Farnbewuchs am Gewässerrand.

Glasbek im Aukrug.

81
Quellbereiche sind im Winter aufgrund ihrer konstanten Temperatur durch wachsende Pflanzenfluren hervorgehoben. Die W aldbäche, hier
die Glasbek, zeigen die ganze Strukturvielfalt und Dynamik natürlicher Bäche.

Waldbach im Naturwald des Luhnstedter Geheges.

82
3.6.5 Bachschluchten
In der Jungmoränenlandschaft haben sich in Viele Bachschluchten sind aufgrund der
den teilweise relativ steilen und stark beweg- schweren Zugänglichkeit und der einge-
ten Moränenhängen Fließgewässer im Laufe schränkten Nutzbarkeit sicher alte primäre
der Zeit durch Erosion stark eingetieft. So Waldstandorte, d.h. hier hat vermutlich immer
kann man hier über lange Strecken in Schluch- Wald gestanden. Daher ist häufig auch der An-
ten verlaufende Fließgewässer finden, die teil- teil alter, toter und krummwüchsiger Bäume
weise fast mittelgebirgsartigen Charakter ha- besonders hoch.
ben, was dadurch betont wird, dass sich hier
durch die Abschwemmung des Sandes beson- Bachschluchten sind in verschiedenen Lan-
ders viele Steine angehäuft haben. Auch die desteilen als z.T sehr versteckte bandförmige
sehr steilen Prallhänge und die Steilhänge ver- Wildnisgebiete vor allem im Östlichen Hügel-
hindern eine intensivere menschliche Nut- land zu finden; einige, wie die Dallbekschlucht
zung. Dadurch sind in diesen Schluchten be- bei Geesthacht oder die Steinerne Rinne am
merkenswerte natürliche Landschaftsteile er- Ratzeburger See sind als Naturschutzgebiete
halten geblieben. Die stark gewundenen Bach- ausgewiesen, verschiedene Bachschluchten
läufe zeigen dabei den besonderen Struktur- sind als FFH-Gebiete gemeldet worden. Bach-
reichtum natürlicher Fließgewässer mit einer schluchten und Schluchtwälder gehören zu
hierin lebenden spezialisierten Kleintierwelt. den gesetzlich geschützten Biotopen.

Die Strukturvielfalt eines natürlichen Fließgewässers mit Steinen, Grobkies und Sand kann sich in tiefen Schluchten mit ungenut zten
Hangwäldern ungestört entwickeln. Der Wechsel zwischen turbulent strömenden Erosions- und langsamer fließenden Sedimentationsbe -
reichen ist hier besonders ungestört ausgebildet.

83
In den tief eingeschnittenen Schluchten kommt es zu Hangrutschungen, stürzen Bäume herein und bilden Steinblöcke teilweise kompakte
Felssubstrate – solche Bereiche haben sich dem menschlichen Einfluss weitgehend entzogen.

84
3.7 Unterelbe
Die Elbmarschen sind ein Teil des Elbeästuars, Sand überspült. Die Nutzungen waren großen-
d.h. des von Ebbe und Flut geprägten und ge- teils nicht mehr möglich oder rentabel und
stalteten Mündungsbereichs der Elbe in die wurden sukzessive eingestellt.
Nordsee. Dieser Raum zwischen Wedel und
Krückau ist in Seestermüher Marsch, Haseldor- Mit der Unterschutzstellung der Vordeichgebie-
fer Marsch und Wedeler Marsch gegliedert. te, z.B. der Eschschallen und dem Elbufer
Die Böden werden von nacheiszeitlich entstan- südlich Glückstadt, eines Teiles der einge-
denen Torf-, Klei- und Wattsandschichten über deichten Haseldorfer Marsch sowie der Elb-
kiesigen Sanden bestimmt. Der gesamte inseln Rhinplate, Pagensand und Auberg-
Raum war vor dem Beginn menschlichen Wir- Drommel wurde in großen Bereichen die Be-
kens eine amphibische, von den Gezeiten be- wirtschaftung eingestellt und die Natur sich
stimmte Auwald- und Röhrichtlandschaft. Die selbst überlassen. Heute ist hier neue Wildnis
ersten Eindeichungen erfolgten im 12. Jahr- entstanden, die aus großflächigen naturraumty-
hundert, womit bereits ein Großteil der Natur- pischen Biotopkomplexen aus Süßwasserwat-
landschaft in Kultur genommen wurde. Auch ten, Stränden, Röhrichten und Hochstaudenrie-
Krückau und Pinnau wurden bereits frühzeitig dern (u.a. mit Tideschmiele und Tidefenchel),
eingedeicht. Bis zum Jahre 1976 stand jedoch und Tide-Auwald besteht. Viele Bereiche sind
weiterhin das vor dem alten Deich gelegene kaum begehbar und außerordentlich unzugäng-
Gebiet unter regelmäßigem bzw. gelegentli- lich. Auf den südlichen Ufern der Inseln befin-
chem Einfluss von Tide und Sturmfluten. Watt den sich Sandstrände mit z.T. dichten Weiden-
und Röhricht, Auwald und Priele im ufernahen dickichten oder Süßwasserwatten mit Über-
Bereich und extensiv genutzte Feuchtweiden gängen zu Binsen- und Schilfröhrichten und
und Nasswiesen in höher gelegenen Gebieten Großseggenriedern. Verschiedene seltene, en-
prägten außendeichs das Landschaftsbild. Teil- demische Stromtalpflanzen kommen hier vor,
weise wurden Bandweiden- und Obstbaumkul- wie die Strom-Schmiele, der Tidefenchel oder
turen angelegt, Schilf und Binsen wurden ge- der Knollige Kälberkropf. Unter den vielen Brut-
nutzt. Im Rahmen der Unterhaltung des Schiff- vögeln ist besonders das Vorkommen der sel-
fahrtsweges der Elbe wurden große Teile der teneren Arten Blaukehlchen, Nachtigall, Beutel-
Elbvorländer und der Elbinseln wiederholt mit meise und Bartmeise hervorzuheben.

Sandwatt vor Auberg mit Strom-Schmiele, Gift-Hahnenfuß, Tide-Röhricht, Weiden-Pionier-Vegetation und Weichholzauwald. Im Hinter-
grund links: Industrieansiedlung am Niedersächsischen Elbufer.

85
Elbseitig ist an den Ufern festes Sandwatt und stellenweise Sandstrand vorhanden.

Weichholzauwald mit urwaldartigen Dickichten auf Auberg-Drommel.

86
Priel im Auwald auf der Insel Auberg-Drommel bei Hochwasser .

Tide-Auwälder sind durch Hochwasser und z.B. winterlichen Eisgang extremen Bedingungen ausgesetzt. Dies führt zu besonderen
Wuchsformen der Bäume.

87
Blick vom Elbdeich über die Eschschallen zur Insel Pagensand.

Süßwasser-Sandwatt mit Weichholzaue und Tideröhricht vor den Eschschallen. (Foto: U. Mehl)

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Überflutungsdynamik im Tideauwald vor der Haseldorfer Marsch. Hochwasser kann große Sandbarrieren im Auwald bilden, die zum Rüc k-
stau von Wasser führen.

89
3.8 Ostseeküste
Unsere Ostseeküste in Schleswig-Holstein Entsprechend vielfältig ist die Tier- und Pflan-
ist – die Schlei mitgerechnet - etwa 637 km zenwelt dieser Pionierlebensräume, die in ih-
lang. Im Unterschied zur Nordseeküste gibt rer überwiegend ungestörten Dynamik zwei-
es an unserer Ostseeküste zwar nicht Ebbe fellos zu den besonders schutzwürdigen Wild-
und Flut aber dennoch W asserstandsschwan- nisgebieten in unserem Lande gehören. Die
kungen, die durch Wind verursacht werden. aktiven Abbruchufer sind natürlicher Lebens-
Hochwasser mit Wind und W ellen gestalten raum von 20 – 30.000 Uferschwalbenpaaren,
dabei ganz besonders die Gestalt der Küste, die hier ihre Brutröhren anlegen. Einige Wild-
indem der Sand an den Steilküsten abgetra- bienenarten kommen nur hier vor und bauen
gen, meist küstenparallel transportiert und an ihre Gänge in den Sand in teilweise sehr ho-
anderen Stellen wieder abgelegt wird. Eine hen Dichten. Auch seltene Pflanzenarten sind
hohe Dynamik kennzeichnet somit die Ost- hier zu finden.
seeküste: Hochwasser wirft das Material zu
Strandwällen auf, diese bilden schließlich Wenn Kliffs soweit abgetragen worden sind,
Nehrungen und können auch Strandseen und dass sie sich dem direkten Einfluss der Bran-
Lagunen einschließen und an geeigneten dungen entzogen haben, bewachsen sie sich
Stellen können Dünen entstehen. Im Schutze zu dichten Gebüschbereichen oder Hangwäl-
von Strandwällen können Salzwiesen entste- dern mit teilweise besonderen Wuchsformen.
hen. Die Lebensräume der Ostseeküste sind
also zum großen Teil sehr jung. Beispielhaft sollen folgende Steilufer vorge-
stellt werden:

3.8.1 Steilküsten
Auf etwa 146 km gibt es Steilküsten an un- Langballigau
serer Ostseeküste. Die Vielfalt der Steilufer Das Steilufer nördlich von Langballig zeichnet
ist dabei außerordentlich groß. Etwa 50 km sich insbesondere dadurch aus, dass durch
davon sind aktive Kliffs, also noch unregel- den dynamischen Abbruch und das Abrut-
mäßig abbrechende Ufer, die uns einen Ein- schen ganzer waldbestandener Bereiche die-
blick in den geologischen Aufbau der Jung- ser Abschnitt an unserer Ostseeküste trocke-
moränenlandschaft und damit in ein Stück nen Fußes nicht begangen werden kann. Auf
Geschichte der letzten Eiszeit geben. Die üb- mehrere Kilometer erstreckt sich hier ein Ufer
rigen Steilufer sind als so genannte „tote von einer eigenen speziellen Dynamik, der
Kliffs“ zum Teil mit Wald und Gebüsch be- Wald rutscht hier bis an das Ufer und herein-
standen. Es gibt toniges, sandiges und kalk- fallende Bäume blockieren das unbeschwerte
haltiges Material und schließlich ist auch die Begehen der Küste. Ursache ist der Aufbau
Ausrichtung der Steilküsten entscheidend. Ei- der Erdschichten, die viele Tonschichten ent-
nige sind extrem sonnenexponiert, andere halten mit zahlreichen Quellaustritten. Ent-
liegen im ständigen Schatten. Quellaustritte sprechend vielfältig ist die Vegetation in die-
an den Steilküsten kommen häufig vor, sie sem weitgehend sich selbst überlassenen
sind besondere Lebensräume und können Küstenabschnitt. Neben Quellfluren mit Wal-
bei kalkigem Untergrund kleine Kalkquellmoo- dorchideen sind sandige kleinen Abbruchwän-
re mit seltenen Tier- und Pflanzenarten bil- de und Wurzelteller zu finden, in denen z.B.
den. der Eisvogel brütet.

90
Wildnis an der Ostseeküste westlich Langballigau.

Surendorf / Dänisch-Nienhof
Bewaldete Steilküsten auf sandigem Boden, haltige Ufer, wie etwa bei Langballigau. Hier
die nicht so starken Hochwassereinwirkun- sehen Bäume anders aus, versuchen z.B.
gen ausgesetzt sind, wie am Südufer der durch säbelförmigen Wuchs die Hangrut-
Eckernförder Bucht bei Surendorf, zeigen ein schung auszugleichen und die Bodenflora der
etwas anderes Abbruchverhalten als solche, Hänge ist artenreich und besonders - abhän-
an denen eine landwirtschaftliche Nutzung gig von der Dynamik und den Bodenverhält-
bis an die Abbruchkante reicht oder stark ton- nissen.

91
Hangwald am Steilufer bei Dänisch-Nienhof.

Aktives Kliff mit episodischen Hangrutschungen an einem bewaldeten nordexponierten Ufer mit unterschiedlichen Sedimenten bei
Schwedeneck. Es entstehen hier sehr vielfältige Strukturen und Habitate mit einer V ielzahl an Organismen von Primärlebensräumen .

92
Abbruchufer aus kompaktem festem Lehmmaterial bei Surendorf

Sehlendorf – Friederikenhof
Die Küstenbereiche in der Hohwachter Bucht see“ bei Behrensdorf und „Sehlendorfer Bin-
sind besonders vielfältig. Hier bestehen neben nensee“ bei Hohwacht. Damit sind hier ver-
aktiven Steilufern auch „tote“, d.h. nicht mehr schiedene für eine so genannte Ausgleichs-
abbrechende, mit Büschen und Bäumen be- küste typische Formen in vergleichsweise
wachsene Kliffs neben feinsandigen Stränden durchgehender Verbindung und unbeeinträch-
und Sandbänken bei Hohwacht und Sehlen- tigter Situation zu finden.
dorf sowie die Strandseen „Kleiner Binnen-

93
Das aktive Kliff im Hintergrund liefert den Sand für den Strand bei Sehlendorf, während das Geröll und die Felsblöcke weitgehen d vor den
Steilufern liegen bleiben. Nach einer gewissen Zeit ist der Rückgang des Steilufers beendet und es wird zu einem inaktiven, „to ten“ Kliff,
welches sich allmählich bewaldet – hier rechts im Bild zu sehen.

Winterimpressionen im Februar 2010. Nach längeren Wintern und stärkerem Frost ist der Abbruch an den Steilufern besonders groß. Eis-
gang beeinflusst die Dynamik an der Küste in besonderer W eise.

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Staberhuk – Katharinenhof / Fehmarn

Das Steilufer bei Katharinenhof auf Fehmarn Fossilien. Das das tertiäre Kliff überlagernde
ist eine der wenigen Stellen in Schleswig-Hol- und umgebende Grundmoränenmaterial ist
stein, an denen ältere als eiszeitliche Ablage- z.T. sehr plastisch, was an der Küste zu Erd-
rungen – also tertiäre Schichten – aufge- rutschen führt, wodurch das bewaldete Ufer
schlossen sind. Es handelt sich hier um den eine sehr bewegte Topografie hat und ständig
graugrünen bis fast weißen und relativ festen auch Bäume herabstürzen. Große Findlinge
Tarraston aus dem Zeitalter des Eozän, der am Ufer mit besonders ausgeprägten Glet-
auch interessante geologische Funde erlaubt, scherschrammen zeugen von der gestalten-
wie u.a. Eisensteingeoden und verschiedene den Kraft der eiszeitlichen Vorgänge.

95
Vor vielen Steilufern ist die Ansammlung von großen Felsen besonders markant, wie bei Staberhuk/Fehmarn – während das Feinmater ial
abtransportiert wird und an anderen Stellen Sandstrand bildet, bleiben die Großgeschiebe liegen und bilden teilweise weit in di e Ostsee
hineinreichende Unterwasserriffe mit artenreicher Besiedlung von Meerespflanzen und –tieren. (Foto: I. Rabe)

Brodtener Ufer
Die Steilküste des Brodtener Ufers zwischen Austritt von Grundwasser in Quellhorizonten
Travemünde und Niendorf ist bis zu 20 m und starke Niederschläge führen zum Durch-
hoch, ist in weiten Teilen aktiv und gehört, ob- weichen und zum Abrutschen von Hangberei-
wohl bewaldet, mit 50-100 cm pro Jahr zu chen, so dass der Wanderweg immer wieder
den Steilufern mit dem höchsten Abbruch in neu verlegt werden muss. In den sandigen
Schleswig-Holstein. Hier kann die Dynamik Abbruchufern des Brodtener Ufers besteht
der Ostseesteilufer durch die ungeschützte mit etwa 2.000 Brutröhren der Uferschwalbe
Wirkung der Naturkräfte, insbesondere von die größte Kolonie dieser Vogelart in Schles-
winterlichen Hochwassern, besonders ein- wig-Holstein.
drucksvoll beobachtet werden. Aber auch der

96
Nach dem langen und schneereichen Winter 2009/10 sind mit den Abbrüchen auch viele große Bäume am Brodtener Ufer abgestürzt.

3.8.2 Strandwälle und Nehrungshaken


Jüngere nicht genutzte Strandwälle und Neh- gen Stellen unserer Küste sind solche „Wild-
rungshaken mit stellenweise darauf gebilde- nisgebiete“ zu betrachten, z.B. an der Geltin-
ten Dünen sind auch an der Ostseeküste Le- ger Birk und im Naturschutzgebiet „Bewalde-
bensräume für typische Pflanzengesellschaf- te Düne bei Noer“.
ten in einer regelmäßigen Zonierung. Die
meisten älteren Strandwall- und Nehrungsge- Ein weiteres ungestörtes größeres Wildnisge-
biete sind beweidet. Bei ungestörter Entwick- biet ist das Naturschutzgebiet „ Krumms-
lung können auf älteren Strandwällen Ge- teert“ auf der Insel Fehmarn. Hier sind auf
büschformationen und schließlich Wälder ent- diesem vergleichsweise jungen Gebiet ver-
stehen. Da diese sehr mageren Lebensräume schieden alte Strandwälle und Strandhaken
extremen Bedingungen ausgesetzt sind, wie mit kleinen Strandseen und ungestörten Ost-
Wind und Salzwasser, können an diesen „öko- seesalzwiesen vorhanden. Teile weiterer Na-
logischen Kampfzonen“ besondere und ge- turschutzgebiete zeigen ungestörte Situatio-
heimnisvoll wirkende, sehr langsam wachsen- nen, wie z.B. im Strandbereich des Kleinen
de Baumgestalten entstehen. Tief beastete, Binnensees und des Sehlendorfer Binnensees
niedrigwüchsige, bizarr-verwobene Eichen prä- bei Hohwacht sowie der Nehrungshaken des
gen hier das Bild. Es dauert wohl Jahrhunder- Bottsandes an der Kieler Außenförde.
te bis solche Wälder hier entstehen. An weni-

97
Alter „Gespensterwald“ auf der Geltinger Birk.

98
Bizarre, sehr alte Baumgestalten auf dem Strandwall im NSG „Bewaldete Düne bei Noer“

99
Natürliche artenreiche Salzwiese an einer Lagune des NSG Krummsteert.

Ungestörte Dynamik mit Abtrag und Anlandung von Sand durch wechselnde W asserstände.

100
3.8.3 Lagunen und Strandseen
Durch natürliche Sandtransporte können an Bei den meisten Strandseen ist die V erbin-
der sandigen Ostseeküste durch Nehrungen dung zur Ostsee technisch verbaut oder regu-
und Strandwälle Gewässer eingeschlossen liert. Der einzige größere Strandsee mit noch
werden, die noch Verbindung zur Ostsee ha- offener Verbindung (so genannter Broek) zur
ben oder in die unregelmäßig Salzwasser bei Ostsee ist der Sehlendorfer Binnensee bei
Hochwasser einströmt. Kleinere flache Lagu- Hohwacht in der Gemeinde Sehlendorf. Hier
nen sind Bestandteile der Nehrungslandschaf- sind der flache Binnensee, Teile der Ufer und
ten, z.B. des Graswarders, von Schleimünde des hohen Strandwalles mit Dünen, sowie der
oder dem Krummsteert. Größere Strandseen dynamisch sich verändernde Broek und der
sind z.B. der Schwansener See, der Kleine Strandbereich ohne Nutzung. Insbesondere
Binnensee bei Hohwacht oder an der Nord- sind hier zu jeder Jahreszeit sehr gute Vogel-
küste von Fehmarn - hier ist das Höftland Mar- beobachtungen möglich.
kelsdorfer Huk bei Westermarkelsdorf ein be-
sonders schönes Beispiel einer ungenutzten
dynamischen Küstenlandschaft.

Reiches Vogelleben im flachen Sehlendorfer Binnensee.

101
Die Salzmalve (Ech-
ter Eibisch) wächst
in großen Bestän-
den am Ufer des
Sehlendorfer Bin-
nensees.

102
Lagune und Strandwall mit Meerstrandbinse und Strandaster am Markelsdorfer Huk/Nordfehmarn.

Ausgedehnte Strandwallbereiche mit großflächigen einjährigen Spülsaumgesellschaften mit Meersenf, Strandkamille, Strandmelde un d
weiteren Arten befinden sich auf dem Höftland am Markelsdorfer Huk/Nordfehmarn.

103
3.9 Wilder Meeresgrund –
Flachgründe der Kieler und
Lübecker Bucht
Der westlichste Teil der Ostsee liegt vor der Wenngleich infolge der Zunahme von Nähr-
schleswig-holsteinischen Küste. Die Kieler und stoffen in der Ostsee sich die V erbreitung
die Lübecker Bucht sind dabei im Mittel mit mancher Arten verändert und die Bedingun-
weniger als 20 Meter Wassertiefe flacher als gen sich verschlechtert haben - z.B. ist die
viele Binnenseen unseres Landes. Seegang Verbreitung des Blasentanges stark zurückge-
und Strömungen sowie die nacheiszeitliche gangen - ist dennoch die Besiedelung vieler-
Erosion und Sedimentation haben Höhenun- orts auf den Flachgründen noch vergleichswei-
terschiede stark nivelliert. Neben den flachen se natürlich. Braun- und Rotalgen wachsen auf
Vorstrandbereichen, die vor allem vor Steilküs- den Steinen, Seegraswiesen auf sandigeren
ten, z.B. vor dem Brodtener Ufer bei T rave- Bereichen. Die Bodenfauna umfasst 200-300
münde, aus dichten Steinpackungen bestehen Arten mit Seesternen, Seenelken, vielen Arten
können, gibt es einige Bereiche in der Ostsee, von Muscheln, Schnecken, Würmern, Kreb-
die sich bis auf eine W assertiefe von nur 6 bis sen, Schwämmen und verschiedenen Grund-
10 Metern herausheben. Beispiele sind der fischarten.
Stoller Grund vor der Eckernförder Bucht und
der Walkyriengrund vor Neustadt in der Lü- Die besondere Dichte von Tieren und Pflanzen
becker Bucht. Diese Flachgründe sind durch und ihre gute Erreichbarkeit im vergleichswei-
ein größeres Vorkommen von Steinen und se flachen Wasser sind die Ursachen für gro-
Felsblöcken charakterisiert - so genannte ße Ansammlungen von Tauchenten im Winter-
Restsedimentflächen. Viele der größeren Stei- halbjahr. Bis zu 120.000 Eiderenten, 40.000 Ei-
ne und Findlinge sind zwar noch bis in die senten und 30.000 Trauerenten aus dem nord-
1970er Jahre durch Steinfischer mit speziellen europäischen Raum sind hier versammelt und
Schiffen entnommen worden, die Bereiche nutzen die Früchte des Meeresbodens.
bestehen aber zum Teil immer noch aus gro-
ßen, dicht besiedelten Hartsubstratflächen ne- Aufgrund ihrer hohen naturkundlichen Wertig-
ben sandigen und siltigen Sedimenten. Durch keit und Nutzungsfreiheit wurden große Teile
die geringe Meerestiefe dringt Licht bis auf der deutschen Ostsee als Natura2000-Gebiete
den Meeresgrund und es lebt hier eine sehr gemeldet.
artenreiche vielfältige und ungestörte Meeres-
bodenlebensgemeinschaft.

Seesterne und Seescheiden können in hoher Dichte auf Felsblöcken leben. (Foto: U. Kunz)

104
Miesmuscheln und Tangwälder überziehen stellenweise als dichter Bewuchs die Felsen am Meeresgrund (Foto: U. Kunz)

Seegras und Blutroter Seeampfer auf sandigem und kiesigem Boden (Foto: U. Kunz)

105
3.10 Junge Wildnis auf Spülflächen
und Brachen
Anhand der hier vorgestellten Gebiete wurde den und teilweise auch immer wieder neu
gezeigt, dass es unbeeinflusste Natur in unse- entstehen. Auf diesen Flächen, die im Allge-
rem Land zwischen den Meeren noch gibt - meinen aus unterschiedlichen Sedimenten be-
oder wieder gibt. Neben diesen Gebieten und stehen, hat die Natur die Chance sich über un-
Lebensräumen gibt es auch in unserem Lande terschiedlich lange Zeiträume ungestört zu
weitere Bereiche und Flächen, auf denen wir entwickeln. Einige Gebiete werden nicht mehr
anschaulich verfolgen können, wie sich Natur genutzt und haben sich schon über mehrere
auf ehemals genutzten oder auf durch uns Jahrzehnte ungestört entwickeln können. Eine
künstlich entstandenen Arealen ohne unser hohe Anzahl gefährdeter und seltener Pflan-
lenkendes Eingreifen entwickelt. Neben den zen- und Tierarten ist hier zu finden. Manche
beschriebenen Gebieten in den Kögen an der Flächen haben sich zu „ Paradiesen aus Men-
Westküste gibt es weitere Erfahrungen mit schenhand“ entwickelt. Die Spülfläche
der natürlichen Entwicklung auf ehemaligen Schachtholm bei Rendsburg wurde als NSG
Nutzflächen oder auf Sonderstandorten, wie ausgewiesen, ebenso alle zu Schleswig-Hol-
Kiesabbauflächen und Spülflächen. stein gehörenden Inseln an der Unterelbe.

Neben stillgelegten Kiesabbaugebieten sind Weitere langfristigere Sukzessionsflächen sind


interessante größerflächige Beispiele für die zumindest teilweise in einigen militärischen
Entwicklung auf Sonderstandorten in Schles- Übungsplätzen zu finden. Diese, wie schließ-
wig- Holstein die Spülflächen, die z.B. bei der lich auch Industriebrachen, wie stillgelegte
Unterhaltung und dem Ausbau des Nord-Ost- Eisenbahnanlagen, Fabrikgelände etc. sind als
see-Kanals oder der Unterelbe, vor allem auf Fundorte teilweise seltener Lebensgemein-
den beschriebenen Elbinseln, angelegt wur- schaften und Arten bekannt.

Spülfläche Schachtholm am NOK (vorbeifahrendes Schiff im Hintergrund) mit hoher Standortvielfalt aus ausgedehnten Trockenlebensräu-
men oder auch Feuchtbereichen und beginnender Bewaldung durch Pioniergehölze.

106
Auf der Spülfläche am Nord-Ostsee-Kanal bei Tackesdorf ist durch die Vielfalt der Sedimente und damit der Topografie nach ungestörter
Sukzession über einen Zeitraum von etwa 20-30 Jahren ein Gebiet von hoher Biodiversität und reizvollem Landschaftsbild entstanden,
welches von natürlichen Landschaften kaum noch zu unterscheiden ist. Durch wasserhaltende T on- und Moorsedimente konnten auch
stark gegliederte Wasserlandschaften entstehen.

Reste einer ehemaligen Munitionsfabrik im NSG „Besenhorster Sandberge“ im Elbeurstromtal bei Geesthacht nach weitgehend unbeein flusster
Entwicklung seit dem 2.Weltkrieg. Auf den elbbegleitenden Dünen ist ein artenreicher Kiefern- und Eichenwald entstanden. (Foto: M. Kairies)

107
Etwa 30 Jährige Brachen auf Sandboden im NSG „ Ehemalige Baggergrube Basedow“, Kreis Herzogtum Lauenburg. Das Ziel ist in die-
sem Schutzgebiet die weitere dauerhaft ungestörte Entwicklung. Eine Bewaldung mit Pioniergehölzen erfolgt nur sehr langsam – di e
Struktur- und Artenvielfalt in diesem früheren Kiesabbaugebiet ist bemerkenswert. (Foto: M. Kairies).

108
4. Mut zu mehr Wildnis
Mit den beschriebenen Gebieten und Lebens- volkswirtschaftlich bedeutsame Dienstleistun-
räumen aus Schleswig-Holstein wurden einige gen.
Beispiele von „wilder Natur“ vorgestellt. Die
Mehrzahl dieser Gebiete ist irgendwann ge- Viele der in dieser Broschüre gezeigten Land-
nutzt oder bewirtschaftet worden. Einige ha- schaften haben neben ihrem ökologischen
ben sich entweder durch Aufgabe der Nut- Wert zweifellos in ihrer Eigenart auch ihre be-
zung, andere durch Unterschutzstellung, An- sondere Schönheit, die gelegentlich verborgen
kauf, freiwilligen Nutzungsverzicht oder auf- ist und sich erst auf den zweiten Blick zeigt.
grund von Unrentabilität unbeeinflusst entwi- Um dies zu verstehen und anzuerkennen ist
ckelt. es wichtig, Natur in ihrer V ielfalt mit allen Sin-
nen zu erleben und zu erfahren. Durch Zeit
Hinsichtlich der weiteren Entwicklung spielt und Muße beim Betrachten von Natur kann
die Ausgangssituation einer natürlichen Ent- ein Verständnis für natürliche Abläufe und Zu-
wicklung eine entscheidende Rolle für das Er- sammenhänge und für ungestörte Prozesse
gebnis und für unsere Bereitschaft, Wildnis und den Eigenwert der Natur entstehen und
anzunehmen. Ein Wald mit 200-jährigen Bäu- vertieft werden. Die Erlebbarkeit dieser Natur
men wird nach Nutzungseinstellung schneller zu erhalten ist eine besondere Aufgabe. V iele
einen „Urwald“-Charakter vermitteln und ein Wege sind möglich, um das Naturerleben und
entsprechendes Artenspektrum haben, als die den Zugang zur wilden Natur zu verbessern.
natürliche Sukzession auf einem ehemaligen
Acker. Die Reifezeit von Ökosystemen ist z.T. Vor wenigen Jahrzehnten war die Nutzungsin-
sehr lang und eine Menschengeneration ver- tensität der Gesamtlandschaft geringer als
gleichsweise kurz. Geduld ist also notwendig. heute, dafür gab es weniger gänzlich unge-
Die Erfahrungen aus den verschiedenen Ge- nutzte Gebiete. Dieser Anteil hat in den letz-
bieten können uns aber auch zeigen, dass das ten 20 Jahren zugenommen, nicht zuletzt
Unterlassen von Nutzungen ein richtiger W eg durch Aktivitäten des Naturschutzes. Abgese-
ist, die biologische Vielfalt zu schützen und zu hen von unserem Wattenmeer-Nationalpark, in
entwickeln. Auch durch das Brachfallen von dem erhebliche Anteile heute nutzungsfrei
sonstigen Nutzflächen können sehr interes- sind, ist die Mehrzahl der Gebiete relativ klein,
sante schutzwürdige Lebensräume entstehen, erreicht auf jeden Fall nicht die Größe von
deren Entwicklung nicht immer vorhersagbar Wildnissen nach der IUCN- Definition. Eine ge-
ist, die jeder für sich aber einen eigenen Cha- nauere Zusammenstellung des Anteiles unge-
rakter haben und insgesamt eine enorme V iel- nutzter Bereiche gibt es noch nicht, ohne das
falt zeigen. Wattenmeer dürfte die Fläche aber weniger
als 1 % der Landesfläche betragen. Wie kann
Die Regeneration vormals stark nutzungsge- dieser Anteil gesichert und wie und wo erhöht
prägter Landschaften und Lebensräume hat werden?
vor allen Dingen auch positive Auswirkungen
auf den gesamten Naturhaushalt. So werden Das Bundesamt für Naturschutz macht sich in
etwa mit der Wiederherstellung ursprünglicher einem Informationspapier vom Mai 2010 über
Wasserverhältnisse auch Beiträge geleistet „Wildnis und Wildnisgebiete in Deutschland“
zum Gewässerschutz, zur Gewässerreinhal- Gedanken darüber, wie das in der Einleitung
tung und zum Klimaschutz. Die Wiederzulas- genannte 2 %-Ziel der „Nationalen Strategie
sung natürlicher Dynamiken im Bereich von zur Biologischen Vielfalt“ der Bundesregierung
Fließgewässern und Auen ist auch deshalb erreicht werden kann. Danach wird die größte
eine zentrale Aufgabe der Europäischen W as- Chance über die Umsetzung des NATURA
serrahmenrichtlinie. Es sind somit gute Ansät- 2000-Netzes gesehen, denn zwei Drittel der
ze einer Kooperation bei der Etablierung von zu schützenden Lebensraumtypen (3,2 % der
neuen Naturentwicklungsgebieten im Einzugs- Landfläche) würden ohne Nutzung oder spe-
bereich von Gewässern gegeben. Naturwäl- zielles Management auskommen, kämen also
der und Moore, die nicht mehr entwässert theoretisch für eine ungestörte Entwicklung in
werden, sondern wieder wachsen können, Betracht. Allerdings seien viele der kleineren
sind bedeutende Kohlenstoffspeicher und leis- Natura 2000-Gebiete aufgrund der zu geringen
ten so ihren Beitrag zum Klimaschutz. Diese Fläche als großflächige Wildnisentwicklungs-
Lebensräume übernehmen somit zahlreiche gebiete nicht geeignet.

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In Schleswig-Holstein sind offenbar die Bedin- ten fällt uns schwer. Der Natur Raum und Zeit
gungen und Voraussetzungen günstig. Die zu geben, in der sie sich eigendynamisch ent-
Stiftung Naturschutz sowie weitere private wickeln kann, muss weiter und noch mehr als
Naturschutzstiftungen sind im Besitz von bisher als eine Verpflichtung von uns Men-
mehr als 2 % der Landesfläche. Obwohl sich schen gegenüber der Natur und damit auch zu
das 2 % -Ziel der Nationalen Strategie auf unserem eigenen Nutzen, erkannt und umge-
großflächige Gebiete bezieht, besteht mit die- setzt werden. Die letzte Wildnis bei uns dau-
sen Flächen die Chance, auch auf vielen klei- erhaft zu schützen und nach intensivem Dia-
neren Flächen von einigen 100 ha eine unge- log mit den Beteiligten ihren Anteil zu erhöhen
störte Natur zuzulassen. Durch Arrondierun- und unkontrollierte Prozesse zuzulassen erfor-
gen mit weiteren landeseigenen Flächen be- dert aber auch Mut und Entschlossenheit. Ge-
steht die Möglichkeit, umfangreiche Wildnis- duld, Gelassenheit und die Fähigkeit abzuwar-
gebiete in den verschiedenen Naturräumen ten sind wichtige Voraussetzungen.
des Landes zu entwickeln. Damit könnte
Schleswig-Holstein einen großen Beitrag zum Die Arbeitsgemeinschaft Nationalparks in
Schutz der nationalen Biodiversität leisten. Ziel Deutschland hat im Juni 2010 den Wildnis-Ge-
muss es sein, nach geeigneten Potentialen für danken sehr schön - knapp aber differenziert –
solche Flächen zu suchen, eine fachliche ausformuliert. Auch wenn hier ganz speziell
Schutzgüterabwägung und Zieldiskussion vor- auf Nationalparke abgehoben wird, kann es
zunehmen und sich zu mehr Wildnis zu beken- doch stellvertretend für Wildnis generell ste-
nen. hen und soll die in dieser Broschüre vorge-
stellten Aspekte von Wildnis in Schleswig-Hol-
Das Nichteingreifen in natürliche Abläufe, die stein abrunden.
Nichtnutzung potentiell nutzbarer Landschaf-

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Erlebnis Wildnis
„Die Natur hat – anders als wir Menschen – keine Maßstäbe für Zeit, Ordnung und
Schönheit. In der Natur gibt es weder Chaos noch wirtschaftliche Ziele, weder Nutzen
noch Schaden. Die Natur kennt nur einen dynamischen Prozess von W erden, Wachsen
und Vergehen. Nationalparks repräsentieren die großflächigsten noch naturnahen Land-
schaften Deutschlands. Deshalb sind sie für die Entwicklung von Wildnis, Wildnis-Pädago-
gik und Wildnis-Erfahrung besonders geeignet.

Nationalparks in Deutschland liefern schon heute echte, glaubwürdige Wildnis-Bilder , -Er-


fahrungen und -Gefühle. Wildnis entsteht als Gegenposition zur Kultur , zur Zivilisation.
Wildnis ist somit ein kulturelles Phänomen. Wildnis lässt sich nicht naturwissenschaftlich
definieren. Wildnis meint den dynamischen Ansatz im Naturschutz (Natur Natur sein las-
sen), das Zulassen natürlicher Prozesse ohne das Gestalten der Menschen und ohne vor-
gefertigtes Wissen über Weg und Endpunkt des Prozesses. Wildnis beginnt, sobald die
ablaufenden natürlichen Prozesse die Gestaltung des Menschen überprägen. National-
parks gewährleisten dies dauerhaft auf großer Fläche. Sie sind damit das Herzstück für
die Umsetzung der Wildnisziele der nationalen Biodiversitätsstrategie. Es ist eine wichtige
Aufgabe, Wildniskonzeptionen des Naturschutzes durch Umweltbildungs- und Naturerleb-
nisangebote einem großen Spektrum an Zielgruppen erlebbar zu machen. Mit diesen An-
geboten und deren Vermittlung durch geeignete Kommunikations- und Marketingmaßnah-
men soll ein gesellschaftliches Interesse für Wildnis erzeugt werden, um diese als W ert
an sich zu vermitteln. Die Vermittlung von Wildnis lässt sich somit als kulturelle Aufgabe
verstehen und mit pädagogischen Inhalten und Marketing-Ansätzen verknüpfen. Wildnis
ist mit allen Sinnen zu erfahren: Wildnis ist schön, ist erlebenswert, Wildnisgefühle sind
erhaben. Daraus lässt sich Sehnsucht nach Wildnis wecken.“

Veröffentlicht in: „Wildnis in deutschen Nationalparks“, Hrsg: Europark Deutschland e.V .

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Landesamt für Landwirtschaft,
Umwelt und ländliche Räume
Schleswig-Holstein

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