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Enzyklopädie der Neuzeit Online

Deutsche Einheit
(730 words)

Der Begri f D. E. kennzeichnet das Bestreben der sog. dt. Nationalbewegung nach staatlicher
Vereinigung der im Sinne Herders sprachlich-kulturell de nierten dt. Nation. Bereits der
Reichspublizistik des 18. Jh.s hatte »Einheit« als Maßstab für die Beurteilung der
Reichsverfassung gedient: Sie bedeutete nicht Zentralismus, sondern nur ein ausgewogenes
Gleichgewicht zwischen Kaiser und Reichsständen. Daher el es angesichts wachsenden
Souveränitäts-Bewusstseins der Territorialherren zunehmend schwer, das Alte Reich als eine
Einheit wahrzunehmen. 1806 löste sich mit dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation
die rechtliche Verbindung der einzelnen Territorien auf, wodurch das nationale Band weiter
gelockert schien. Anstelle der konkreten Reichsverfassung wurde die sprachlich-kulturell
de nierte Nation zum Bezugspunkt der programmatischen Forderung nach D. E.

Neben diese eher romantische Komponente trat eine politische mit der Idee der
Volkssouveränität: Das nach Beseitigung ständischer Ungleichheit aus freien und
gleichberechtigten Individuen (Individualität) zusammengesetzte Volk sollte Träger
nationalstaatlicher Souveränität sein ( Nationalstaat). In diesem Sinne war schon 1799 Ziel
eines Verfassungsentwurfs »der eine und unzerteilbare dt. Freistaat«, in dem die »dt.
Völkerschaft« ihr »einziger Oberherr« sein sollte [1. 184]. Zwar setzten sich solche
republikanischen Extrempositionen nicht durch, doch genügte die Forderung nach bloßer
Teilnahme des Volkes an der Staatsgewalt (Konstitutionalismus), um den Gedanken
bürgerlicher Freiheit mit der Idee der D. E. programmatisch zu verschmelzen. Die dt.
Nationalbewegung forderte mit der D. E. also immanent die Beseitigung der hergebrachten
feudal-ständischen Ordnung (Stand, Stände), wodurch D. E., über den nationalen Aspekt
hinaus, zum Schlagwort für liberale und demokratische Ideen wurde. Im Ergebnis erschienen
Liberalismus und Nationalismus daher nahezu als Synonyme (»Freiheit, das ist die Nation«,
Ferdinand Freiligrath 1848). Weiter versprach man sich durch D. E. auch kulturelle Entfaltung
sowie, als Folge einer Beseitigung der zahlreichen dt. Binnengrenzen, wirtschaftlichen
Wohlstand. Insgesamt entwickelte sich der Begri f D. E. damit zu einem nahezu alle
Zukunftsho fnungen umfassenden »Zauberwort« [4. 3].

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Die vormärzliche Verfassungssituation stand zur Forderung nach D. E. in deutlichem
Widerspruch (Vormärz). Zwar hatten Preußen und Russland in den Befreiungskriegen auf die
Kraft der nationalen Idee gesetzt und die »Einheit« Deutschlands beschworen (Proklamation
von Kalisch, 1813), doch wurden die derart angefachten Ho fnungen nach dem Sieg über
Napoleon enttäuscht: Der 1815 gegründete Deutsche Bund konnte als bloßer Staatenbund
nationalstaatlichen Ansprüchen nicht genügen; er erschien im Gegenteil als »der organisierte
Mangel der staatsrechtlichen Einheit der dt. Nation« (Droysen 1848; [6. 140]). In diesem Sinne
ließ Metternich im Rahmen einer Zensurmaßnahme den Ausdruck D. E. durch »Dt. Einigkeit«
ersetzen [5. 40], einen Begri f, der schon seit dem 16. Jh. eine erheblich lockerere Verbindung
autonomer Gebilde kennzeichnete [6. 122].

Während die innere Politik des Dt. Bundes seit dem Wartburgfest 1817 zunehmend von Abwehr
gegen die revolutionäre Kraft der Nationalbewegung gekennzeichnet war, ho fte diese, die
Verfassung des Dt. Bundes durch eine Vertretung des Volkes zu ergänzen und somit
»Deutschlands Einheit durch Nationalrepräsentation« [2] herzustellen. 1848 scheiterte jedoch
die Paulskirchenversammlung beim Versuch, die D. E. durch eine Bundesstaats-Verfassung zu
realisieren, am Gegensatz zwischen der »natürliche[n] Einheit der durch gleiche Abstammung
und Sprache bedingten Nationalität«, also der D. E., und der »politische[n] Einheit der
Staatsgewalt« insbes. Österreichs [3. 217].

Die D. E. blieb somit unrealisiert; auch die Gründung des Dt. Reichs 1870/71 verwirklichte das in
diesem Begri f enthaltene Programm nicht zur Gänze. So lebte der Wunsch nach D. E. im
»großdt.« Denken bis zu dessen Desavouierung durch den Nationalsozialismus fort. Nach 1949
bezieht sich die Idee der D. E. auf die Vereinigung von DDR und BRD.

Dem Wunsch nach D. E. ähnliche Bestrebungen gab es auch in anderen Teilen Europas; sie
hatten unterschiedlichen Erfolg. Während der Panslawismus ebenfalls scheiterte, führte in
Italien die Bewegung des Risorgimento (»Wiederauferstehung«) letztlich zu einem
Einheitsstaat (Ende des Kirchenstaats 1870).

Verwandte Artikel: Deutscher Bund | Nation | Nationalismus | Reichsverfassung

Gerald Kohl

Bibliography

Quellen

[1] H. D (Hrsg.), Die Anfänge des Konstitutionalismus in Deutschland. Texte dt.


Verfassungsentwürfe am Ende des 18. Jh.s., 1991

[2] W. S , Deutschlands Einheit durch Nationalrepräsentation, 1832

[3] W. S , Art. Einheit, in: C. R / C. W , (Hrsg.), Staats-Lexikon.


Encyklopädie der sämmtlichen Staatswissenschaften für alle Stände 4, 21846, 217–222
/
[4] J. G. A. W , Das Nationalfest der Deutschen zu Hambach, 1832.

Sekundärliteratur

[5] W. B , Leseverein und Rechtskultur. Der Juridisch-politische Leseverein zu Wien


1840 bis 1990, 1992

[6] L. G / D. B , Art. Einheit, in: GGB 2, 31992, 117–151

[7] W. D. G , Die dt. Frage in Europa 1800 bis 1990, 1993

[8] E. R. H , Dt. Verfassungsgeschichte seit 1789 (28 Bde.), 1967–1991

[9] H. S , Der Weg zum Nationalstaat. Die dt. Nationalbewegung vom 18. Jh. bis zur
Reichsgründung, 1985

[10] W. S , Vom Staatenbund zum Nationalstaat. Deutschland 1806–1871 (Neue Dt.


Geschichte Bd. 7), 1995

[11] H. S , Dt. Einheit, 1935–1942.

Cite this page

Kohl, Gerald, “Deutsche Einheit”, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online, Im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen) und in Verbindung
mit den Fachherausgebern herausgegeben von Friedrich Jaeger. Copyright © J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag
GmbH 2005–2012. Consulted online on 14 May 2020 <http://dx-doi-org.uaccess.univie.ac.at/10.1163/2352-0248_edn_SIM_253412>
First published online: 2019

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