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Interpretation

Einleitung
In Goethes „Faust, der Tragödie erster Teil“ (1808) wird die Zerrissenheit eines nach Erkenntnis
strebenden Wissenschaftlers im Rahmen eines Pakts mit dem Teufel deutlich gemacht. In Fausts
Drang nach ganzheitlicher Erkenntnis spiegelt sich ein Menschenbild, das erst im Streben zu
seiner Erfüllung gelangt. Und das ohne dieses Streben verkümmert. Im Mittelpunkt des Dramas
steht die Entwicklung des Gelehrten Faust, der durch manipulativen Akte des Teufels neue
Dimensionen des Lebens kennenlernt.

In der vorliegenden Textstelle wird das grundlegende Problem Fausts deutlich, sein Nicht-
Zufriedensein mit allem, was er bisher erreicht hat. (Bezug zur Textstelle). Die Textstelle kann in
zwei Teile gegliedert werden. Im ersten Teil lamentiert Faust darüber, dass er trotz seines
enormen Wissens bisher nicht zur Erkenntnis gelangt ist. In einem zweiten Teil erklärt er, dass er
sich der Magie hingegeben hat, um die Geheimnisse der Welt kennenzulernen. (Wiedergabe der
Textstelle, normalerweise mit Zeilenangabe) Diese Textstelle ist die Grundlage für alles, was
folgt, da sich hier die Problematik des ewig Strebenden offenbart, der bereit ist, alles zu tun, um
neue Erkenntnisse zu erlangen – vom Suizid bis hin, sich dem Teufel zu verschreiben.
(Aufgabenstellung und Außentext). In Bezug auf den Außentext kann man also sagen,
dass psychischen Zwiespalt des Menschen, der hin- und hergerissen zwischen Lust und
gedankenvoller Erkenntnis, zwischen Tun und Denken” zumindest angedeutet wird. Der Fokus
der ersten richtigen Szene des Dramas liegt aber auf dem psychischen Zwiespalt, der “Zwei-
Herzen-Problematik”, die hier dadurch angedeutet wird, dass der Protagonist zunächst einmal sein
fundamentales Problem definiert. Zu fragen ist, inwiefern sich der psychische Zwiespalt, wie er
hier und im weiteren Verlauf offenbar wird, mit jenem von Harry Haller in Hesses “Steppenwolf”
vergleichen lassen.

Die Szene hat eine charakterisierende und expositorische Funktion, indem sie das Problem des
Faust deutlich macht und so verdeutlicht, inwiefern sein kraftvolles Streben zu einer Grenze
gekommen ist. Damit deutet die Szene “Nacht” schon sehr früh auf die Problematik des gesamten
Dramas. Die Szene “Nacht”, in der sich die Problematik des Protagonisten schon in der
Regieangabe offenbart, die das Gefangensein des Gelehrten im “engen gotischen Zimmer” auch
über die Szene selbst darstellt, ist die erste Szene des Handlungsgefüges, in dem es um Faust
selbst geht. Zuvor führen drei unterschiedliche Prologe in Goethes wichtigstes Werk ein. Die
“Zueignung” ist eine persönliche poetische Reflexion der Arbeit an dem Werk. Das “Vorspiel auf
dem Theater” bettet das Drama in einen Kontext von Rezeption und Produktion ein. Und der
“Prolog im Himmel” kontextuiert das Drama in einen menschheitsgeschichtlichen
Zusammenhang. All diese Einführungen sind weniger in einem Handlungszusammenhang
relevant, als dass sie die gesamte folgende Handlung kontextuieren. Faust wird damit mehr als ein
gescheiterter Gelehrter. Er wird ein Repräsentant der Menschheit – zumindest innerhalb des
historischen Kontexts. (Überleitung zum Hauptteil).

(Hauptteil) Die Lage Faust wird schon zu Beginn deutlich: “Habe nun, ach! Philosophie.” Die
Interjektion weist darauf hin, warum Faust, wie es in der Regieanweisung heißt, “unruhig” ist. Er
will hoch hinaus, wie es auch das “hochgewölbte” Zimmer andeutet, muss aber feststellen, dass
er, obwohl er
“Juristerei und Medizin, /Und leider auch Theologie” studiert hat, er nicht weiter gekommen ist.
Das ist umso gravierender für ihn, weil er er “durchaus” studiert hat, also tiergehend. Er muss
aber feststellen, dass er sich dennoch nicht weiter entwickelt. Dies bringt er in dem weltbekannten
Zitat zum Ausdruck: “Da steh ich nun, ich armer Tor! /Und bin so klug als wie zuvor;” Hier
spricht also jemand, der nicht weiterkommt, obwohl er alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel
ergriffen hat. Er hat alle Titel, die man haben kann: “Heiße Magister, heiße Doktor gar”. Und er
lehrt seine Schüler. Dennoch bleibt ihm nichts anderes übrig, als zu erkennen:
“Und sehe, daß wir nichts wissen können!/Das will mir schier das Herz verbrennen.” Hier zeigt
sich die intensive Verbindung Fausts mit seinem Wunsch, alles zu verstehen. Es geht nicht um
eine bloße intellektuelle Erfassung, sondern es geht um sein Herz, seine ganze Persönlichkeit. Das
Problem ist, dass, obwohl er weiß, dass er “gescheiter” ist als viele andere und er sich nicht mit
den üblichen Zweifeln plagen muss, er durch sein Scheitern keine Freude mehr empfindet: “Dafür
ist mir auch alle Freud entrissen,/ Bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen, /Bilde mir nicht ein,
ich könnte was lehren, /Die Menschen zu bessern und zu bekehren.” Das ist für Faust
fundamental. Hat er doch soeben gesagt, dass er alles studiert hat, was es zu studieren gibt, zeigt
sich nun, dass er nicht in der Lage ist, dieses Wissen überhaupt weiterzugeben. Er ist resigniert
und geradezu nihilistisch. Aus diesem Grund sucht er nach Alternativen: “Drum hab ich mich der
Magie ergeben, /Ob mir durch Geistes Kraft und Mund /Nicht manch Geheimnis würde kund;”
Auch den Grund dafür, warum Faust sich der Magie widmet, zeigt sich in einem weiteren
berühmten Zitat: Daß ich erkenne, was die Welt /Im Innersten zusammenhält.” Es geht also um
eine tiefgreifende Kenntnis der Welt, die nicht mehr abhängig ist von “Worten”, sondern in
weitere Dimensionen fortdrängt. Wir wissen, dass Faust zahlreiche Versuche unternimmt, seinen
Wissensdrang zu befriedigen. Er ruft den Mond an, beschwört den Erdgeist und hält diesem nicht
Stand. Zuletzt versucht er sogar, sich selbst umzubringen. Hierin zeigt sich die tiefe
Verzweiflung, die zunächst durch die Osterglocken geheilt werden kann. Jedoch: Erst “Vor dem
Tor” wird die Zwei-Seelen-Problematik, wie sie der Außentext artikuliert, relevant. In dem
vorliegenden Teil der Szene “Nacht” zeigt sich zunächst der gelehrsame Teil Faust. Vor allem
aber zeigt sich seine Verzweiflung, die in eine so tiefe Melancholie übergeht, dass sie überhaupt
die Grundlage für den späteren Teufelspakt sein kann. Schon in den ersten Passagen deutet sich
der Teufelspakt an. Faust sagt ja, dass er den Teufel nicht fürchte. Anstatt einer Zwei-Seelen-
Problematik haben wir es hier also zunächst mit dem einen, dem intellektuellen Teil Fausts zu tun.
Die leidenschaftliche Seite, die bis hinein in die Zerstörung reicht, wird Faust erst durch Mephisto
richtig bewusst.

(Vergleich) Der fundamentale Unterschied zwischen Faust und Harry Haller ist, dass Haller nicht
unter seinen zwei Seelen leidet. Dies muss man ausführen, denn: Er meint, dass er darunter leidet.
Vor dem Hintergrund einer für ihn oberflächlichen Bürgerwelt, die ihm zu konservativ ist, indem
sie beispielsweise den Krieg oder neue Technik unterstützt oder schlicht zu oberflächlich, indem
sie humanistische Ideale als bloße Zierde ins Zimmer stellt (Besuch beim Professor), erscheint es
Harry Haller so, als leide er am Dualismus zwischen Steppenwolf und Intellektuellem. (Osvrt na
neko drugo djelo – moze i ne mora biti)

Beide sind in gewisser Weise Außenseiter, beide sind nicht so in die Gesellschaft integriert, wie
Haller es gerne hätte. Zumindest erscheint dies so, wenn Haller die Bürgerwelt, in der er wohnt,
bewundert. Jedoch: Erst im Traktat und dann im magischen Theater wird klar, dass die
Aufteilung, der duale Charakter nicht nur aufgrund der beiden Teile problematisch ist, sondern
weil sich tausende Persönlichkeiten in einem Menschen befinden. Erst mit dieser Erkenntnis und
den aktiven Handlungen, seine eigene Persönlichkeit abzubauen und zu zerstören, um dann in
einem weiteren Schritt diese erst richtig zu finden, kann Haller sich weiterentwickeln. Dies tut er
freilich nicht allein. Hermine ist es, die ihm die Leidenschaft beibringt, so wie es Mephisto ist, der
Faust nach der Verjüngung durch den Hexentrank die Leidenschaft beizubringen gedenkt. Erst zu
dem Zeitpunkt, als Haller beim Tanzen merkt, dass er im Kollektiv aufgeht, überwiegt für ihn das
Tun gegenüber dem Denken, wie der Außentext es aufnimmt.

Bei Faust ergibt sich jene Entwicklung möglicherweise schon zu dem Zeitpunkt, als er Mephisto
darum bittet, ihm “die Dirne zu schaffen”. Verjüngt und mit Leidenschaft umgeben, kümmert sich
Faust nicht um Gretchen, sondern will seine eigenen Triebe befriedigen.

(Deutungsergebnis)Dennoch bleibt der Kampf zwischen Lust und Intellekt in beiden Werken
zentral. Man kann sagen, dass Harry Haller sich weiterentwickelt und den Gegensatz durch seine
völlige Auflösung der Persönlichkeit auflösen kann. Ob er es schafft, sich selbst zu finden, bleibt
zwar unklar. Aber der Humor als mögliche Lösung, die von den Unsterblichen vorschlagen wird,
wird zumindest angedeutet. Während die Textstelle den Dualismus zwischen Intellekt und Trieb
noch nicht beinhaltet, ist dieser dennoch treibende Kraft für beide Werke.

Schluss
Hesse bezieht sich im Steppenwolf explizit auf Goethe und den Faust. Zum einen als Ideal, als
Unsterblichen, der es schafft, aus dem Gram des Intellektuellen aufzuerstehen und dem
Protagonisten erklärt, dass es den Humor über sich selbst braucht, um sich weiterzuentwickeln.
Zum anderen, indem die “Zwei-Seelen-Problematik” sogar im Traktat direkt angesprochen wird.
Harry Haller löst das Problem aber in einer anderen Art und Weise. Während bei Faust die Lust so
weit geht, dass er gesellschaftliche Normen sprengt, indem er Gretchen nicht nur schwängert,
sondern auch ihren Bruder umbringt, tötet Haller im magischen Theater nur einen Teil von sich
selbst. Es bleibt eine abstrakte Handlung, die es erst ermöglicht, dass Haller sich selbst finden
kann. Inwiefern ist ein solcher Widerstreit heute noch relevant? Man könnte sagen, dass sich in
ihm die zahlreichen Konflikte des Menschen symbolisch aufgeladen zeigen. Ob diese immer
dieselben sind, ist dabei weniger wichtig als die Tatsache, dass es im Leben immer wieder zu
einem Widerstreit zwischen verschiedenen Polen kommt, die miteinander verbunden werden
müssen, wenn es nicht zum größeren Konflikt kommen soll. Die vergleichende Analyse
verdeutlicht, dass diese Konflikte literarische gelöst werden können oder ungelöst bleiben.

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