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Aus Politik und Zeitgeschichte


13–14/2011 · 28. März 2011

Islam in Deutschland
E. Güvercin · H. Abdel-Samad · L. Kaddor · M. Karimi
Was ist ein zeitgenössischer Islam?

Stefan Weidner
Vom Nutzen und Nachteil der Islamkritik für das Leben

Nimet Şeker
Ist der Islam ein Integrationshindernis?

Mathias Rohe
Islam und säkularer Rechtsstaat

Nilden Vardar · Stephanie Müssig


Rolle von muslimischen Konvertierten im Gemeindeleben

Michael Kiefer
„Islamische Studien“ an deutschen Universitäten

Michael Borgolte
Der Islam als Geburtshelfer Europas
Editorial
Ob der Islam zu Deutschland gehört, ist eine immer wieder
kontrovers geführte gesellschaftspolitische Debatte. Mit ihr
verbinden sich Fragen nach der Identität unserer Gesellschaft
wie nach der tatsächlichen Integration von Musliminnen und
Muslimen. Es geht auch um die Rolle von Religionen im öffent­
lichen Raum und um ihr Verhältnis zum säkularen Rechtsstaat,
an welchen die Debatten um eine „Institutionalisierung und
Akademisierung des Islams“ anknüpfen.

Laut einer aktuellen Studie empfindet etwa die Hälfte der Be­
völkerung in Deutschland den Islam als intolerante Religion.
Hinzu kommt die Auffassung, dass zu viele Musliminnen und
Muslime in Deutschland lebten (46 Prozent) und zu viele Forde­
rungen an den Staat stellten (54 Prozent). Dem steht gegenüber,
dass sich viele Menschen muslimischen Glaubens regelmäßig
diskriminiert fühlen und politischer, gesellschaftlicher, rechtli­
cher und ökonomischer Ungleichbehandlung ausgesetzt sehen.
Diese subjektiven Wahrnehmungen entstehen nicht losgelöst
von den öffentlichen Debatten: Neben differenzierten Sach­
kenntnissen über „den“ Islam und die Lebenswelten von Musli­
men in Deutschland werden sie von häufig pauschalisierenden,
skandalisierenden und konfliktorientierten Berichterstattungen
und politischen Wortmeldungen beeinflusst.

Spätestens seitdem sich „Gastarbeiter“ aus muslimisch gepräg­


ten Ländern, vor allem aus der Türkei, seit den 1960er Jahren
dauerhaft in Deutschland niedergelassen haben, ist der ­Islam in
allen seinen Facetten ein Teil der deutschen Realität und damit
Bestandteil der Gesellschaft, den es auch institutionell zu inte­
grieren gilt. Mehr Austausch und die Bereitschaft zur gegen­
seitigen Akzeptanz sind nötig, möchte man Antworten finden
auf die Herausforderungen, die sich aus einer sich religiös plu­
ralisierenden, gleichzeitig aber weiter säkularisierenden Gesell­
schaft ergeben.

Asiye Öztürk
Eren Güvercin · Hamed Abdel-Samad · im gesellschaftlichen Diskurs immer nur die
konfliktbeladenen Aspekte der Religion be­
Lamya Kaddor · Milad Karimi tont werden.

Was ist ein zeitge­ Sie fordern von den hier lebenden Mus-
limen eine Reform des Islams, einen soge-

nössischer Islam?
nannten aufgeklärten Islam. Dabei stellen
Sie aber auch den Kern der Religion infrage.
Was bleibt denn dann noch von der Religi-
on übrig?
Eren Güvercin · Hamed Abdel-Samad Was ist so schlimm daran, wenn ich die
„Ohne Verherrlichung Unantastbarkeit des Koran infrage stelle? In
einer Demokratie darf man das tun, aus isla­
und ohne Diffamierung“ mischer Sicht nicht. Da beginnt der Konflikt,
weil ich das als mein Recht bezeichne und
Eren Güvercin: Seit einiger Zeit gibt es eine viele Muslime das als Angriff interpretieren.
intensive Debatte über Muslime in Deutsch- Aus intellektueller und zivilgesellschaftli­
land. Es gibt Stimmen, die im Islam einen cher Sicht ist dagegen nichts einzuwenden.
Hauptgrund für die Aber wenn die Muslime ihre Religion über
Eren Güvercin Integrationsprobleme all diese Grundsätze erheben, dann dürfen
Geb. 1980; freier Journalist sehen. Was sind die In- sie das natürlich als Angriff auffassen. Eine
und Autor unter anderem tegrationsprobleme der entspannte Debatte kann aber nur entste­
für „Deutschlandfunk“, „Der Muslime in Deutsch- hen, wenn diese Befindlichkeiten und Emp­
Freitag“ und „Neue Zürcher land, und welche Rol- findlichkeiten nicht den Diskurs bestim­
Zeitung“; zu seinen The- le spielt dabei die Re- men, sondern wenn jeder sagen darf, was
menschwerpunkten gehören ligion? er will, ohne emotional zu werden. Das gilt
neben globalen Ungleichheiten nicht nur für meine Kritik, sondern für jede
auch Migration und Islam in Hamed Abdel-Sa- Form von Kritik.
­Deutschland. mad: Religion beginnt
erenguevercin@gmx.de in der Familie. Wenn Sie sind in Ägypten aufgewachsen und 1995
die Eltern die Religion nach Deutschland gekommen. Wie war es für
Hamed Abdel-Samad als eine geistige Mauer Sie, plötzlich in einer anderen Gesellschaft
M. A., geb. 1972; deutsch- zwischen ihren Kin­ zu leben? Haben Sie den Kontakt zu ande-
ägyptischer Politikwissen­ dern und der hiesigen ren Muslimen gesucht?
schaftler, Historiker und Autor; Gesellschaft missbrau­
er veröffentlichte unter anderem chen, dann kann sie Am Anfang wollte ich den Kontakt zu
„Mein Abschied vom Himmel: zum Hindernis wer­ Muslimen vermeiden. Ich wollte nur Deut­
Aus dem Leben eines Muslims den. Das wäre der Fall, sche um mich haben, um die Sprache richtig
in Deutschland“ (2009), „Der wenn sie Nichtmusli­ zu lernen. Aber als die Identitätskonflikte in
Untergang der islamischen me als „Ungläubige“ mir begangen, habe ich gezielt nach Gleich­
Welt: Eine Prognose“ (2010), bezeichnen oder ihre gesinnten in den Moscheen gesucht, um mich
und „Entweder Broder – Die Kinder vor den Kin­ von den Spannungen zu erholen, die aus den
Deutschland-Safari“ (zusammen dern, „die Schweine­ intensiven Begegnungen mit der anderen
mit Henryk M. Broder) (2010). fleisch essen“, warnen. Kultur entstanden sind. Es ist in der Tat ein
So baut sich eine Mau­ breites Phänomen, dass vor allem unter ara­
er zwischen den Kindern und der Gesellschaft bischen Studenten dort ein unkontrollierter
auf. Auf der institutionellen Ebene kann Reli­ Individualisierungsprozess stattfindet (der
gion ein Integrationshindernis werden, wenn wiederum zu einer Art Identitätskarussell
die Verbände ihre religiösen Vorstellungen führt, oder –  wie ich es nenne – zu einem
über das Zusammenleben stellen, darauf be­ Identitätspoker), wo die Gemeinschaft fehlt,
harren und damit ein Sonderrecht erwirken, die einen kontrolliert, Anerkennung zeigt
was wiederum bei der Mehrheitsgesellschaft und Geborgenheit bietet. Das führt zu ei­
schlecht ankommt. Das heißt, die Religion
muss nicht ein Hindernis sein, aber sie kann es
werden, wenn sowohl in der Familie als auch Das Gespräch fand am 2. März 2011 statt.

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nem Hin- und Hergerissensein. Man wech­ ziehung zwischen dem Staat und den mus­
selt sehr schnell das Lager, kopiert andere limischen Verbänden sowie zwischen den
Sachen und verbrennt seine Finger an der muslimischen Verbänden und den christ­
Freiheit. Und dann geht man reumütig zu­ lichen beziehungsweise jüdischen Verbän­
rück in die Moschee. Die zweite Generation, den zu tun. Dieser gesellschaftlichen, politi­
die hier geboren ist, hat beide Sozialisatio­ schen und wirtschaftlichen Asymmetrie soll
nen parallel erlebt, durch die Familie und die durch mehr Einfluss auf die Inhalte entge­
Gesellschaft. Bei den arabischen Studenten, gengewirkt werden.
die erst später nach Deutschland kamen, er­
folgte das eine nach dem anderen. Das führt Aber grundsätzlich ist es nicht Aufga­
bei einigen zu mehr Druck, Verwirrung und be des Staates, für Religionsunterricht zu
moralischer Desorientierung. sorgen. Das ist eine Sache der Glaubensge­
meinschaften, die sie mit ihren Anhängern
Im Zusammenhang mit der Integration aushandeln. Was der Staat anbieten kann
von Muslimen ist oft die Rede von einer „li- –  das wäre meine Wunschvorstellung  –,
beralen Theologie“, ohne dass klar wird, was ist, dass wir über die Religionen im Un­
damit gemeint ist. Ist die Frage nach der In- terricht aufklären, ohne überall den kon­
tegration überhaupt eine theologische Ange- fessionellen Religionsunterricht einzufüh­
legenheit? Muss man liberal sein, um ein gu- ren. Alle Religionen müssten mit Respekt,
ter Staatsbürger zu sein? aber auch fachlicher Kompetenz unterrich­
tet werden – ohne Verherrlichung und ohne
Ich kenne viele konservative Muslime, die ­Diffamierung.
gut integrierte Staatsbürger sind. Das, was
die Debatten dominiert, ist ein Missver­ Erweitern wir das Bild: In Ihrem Buch
ständnis: Die meisten Nichtintegrierten ha­ „Der Untergang der islamischen Welt“ ver-
ben mit Religion nichts am Hut. Es geht nicht treten Sie die These, dass der Islam als poli-
darum, wie gläubig ein Mensch ist, sondern tische Idee und gesellschaftliche Kultur aus-
darum, wie sich dieser gläubige Mensch in gedient habe. Dennoch gab es vielerorts
Angelegenheiten einmischt, die mit Religi­ Stimmen, die angesichts der Revolutionen in
on nichts zu tun haben wie Schulunterricht, Tunesien und Ägypten vor einer Erstarkung
die Freundschaften seines Kindes, die Regeln und Machtübernahme der Islamisten warn-
auf der Arbeit. Es gibt konservative Leute, ten. Sie haben die Aufstände auf dem Tahrir-
die säkular sind. Es gibt aber auch Leute, die Platz in Kairo miterlebt: Waren die Muslim-
selber nicht fünf Mal am Tag beten, aber re­ brüder bei den Protesten präsent?
ligiöse Grundsätze für alle Bereiche des Le­
bens als maßgeblich betrachten. Das behin­ Sie waren präsent, aber haben die Szene
dert die Integration massiv. Daher geht es für nicht dominiert. Die Umwälzungen in der
mich weniger um eine „liberale Theologie“, arabischen Welt haben die Menschen hier
sondern eher um den Grundsatz, dass Reli­ in Europa überrumpelt. Sie haben die gan­
gion eine Privatsache ist, und sich aus dem ze Welt aufgefordert, sofort zu handeln. Vie­
öffentlichen Raum und dem politischen Dis­ le haben aber nur langsam reagiert. Diese
kurs zurückziehen muss. Das gilt nicht nur Asymmetrie, von der wir gerade gesprochen
für den Islam. haben, zwischen den Migranten und der
deutschen Mehrheitsgesellschaft, zwischen
Wie bewerten Sie die Einführung eines isla­ muslimischen Organisationen und dem
mischen Religionsunterrichts in den Schulen? Staat, herrscht auch zwischen Europa und
der arabisch-islamischen Welt: Wir haben
Ich habe prinzipiell nichts gegen islami­ immer diese Ungleichzeitigkeit, diese zwei
schen Religionsunterricht, aber der deut­ unterschiedlichen Entwicklungsgeschwin­
sche Staat ist getrieben von den eigenen reli­ digkeiten beklagt.
giösen Traditionen, vom Staatskirchenrecht,
und das ist eigentlich ein Sonderfall in Eu­ Doch zum ersten Mal sind es die Ara­
ropa. Im Idealfall ist Religion und Religi­ ber, die schneller sind: Sie nutzen Face­
onsunterricht eine Privatsache. Der Staat book, eine Errungenschaft der Globalisie­
sollte sich da nicht einmischen. Aber wir ha­ rung, und verändern damit in kürzester Zeit
ben es hier mit einer asymmetrischen Be­ ihr Leben. Die Welt schaut zu und staunt,

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mehr aber auch nicht, weil man nicht bereit Eren Güvercin · Lamya Kaddor ·
ist, zu verstehen, dass diese Veränderun­ Milad Karimi
gen auch Europa zwingen, sich zu verän­
dern. Deshalb waren die Reaktionen meist „Zusammen heißt nicht Einheitsbrei“
­verkrampft.

Sie kennen sich mit der Muslimbruderschaft Eren Güvercin: Frau Kaddor, Sie haben vor
aus, da sie selbst Mitglied waren. Wie groß ist kurzem den Liberal-Islamischen Bund (LIB)
die Gefahr, die von ihr ausgeht? gegründet und werben in der Öffentlichkeit
für einen liberalen Is-
Ich sage immer, der ehemalige Präsident lam. Was verstehen Sie Lamya Kaddor
Ägyptens Husni Mubarak wurde 1928 ge­ darunter? M. A., geb. 1978; Islamwis-
boren, und im selben Jahr wurde die Mus­ senschaftlerin und Religions-
limbruderschaft gegründet. Beide gehören Lamya K addor: pädagogin; Vorsitzende des
zur alten Struktur. Die jungen Muslimbrü­ Ein Grund, den Verein Liberal-Islamischen Bundes
der denken anders und haben ganz ande­ zu gründen, war, eine (LIB), Beethovenstraße 19,
re Vorbilder als die alte Garde. Die Türkei Alternative zu den 47226 Duisburg.
als eine islamisch inspirierte Demokratie bisherigen Verbands­ info@lamya-kaddor.de
ist ein wichtiges Vorbild für die neue Ge­ strukturen und Ver­
neration. So heißt die neue Partei, die von tretern eines bestimm­ Milad Karimi
der Muslimbruderschaft nach der Revolu­ ten Islams anzubieten. M. A., geb. 1979; deutsch-afgha-
tion gegründet wurde, „Gerechtigkeit und Wir plädieren dafür, nischer Philosoph und Islamwis-
Freiheit“ – in Anlehnung an die „Partei für dass jeder Muslim sich senschaftler; Verlagsleiter des
Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP) auch das Recht neh­ Kinder- und Jugendbuch Verla-
des türkischen Ministerpräsidenten Recep men soll, für sich sel­ ges Salam, Unterwerk­straße 5,
Tayyip Erdoğan. ber zu entscheiden, wie 79115 Freiburg i. Br.
er sein Leben gestalten karimi@salam-verlag.de
Die jungen Muslimbrüder haben sich möchte. Das bedeutet
längst vom Traum der Errichtung eines für uns, dass die Tore des Idschtihads ❙1 offen
Gottesstaates verabschiedet. Alle reden von stehen, und dass jeder Mensch, jeder Muslim
einer zivilen Gesellschaft, von einem Staat, versuchen sollte, selbstbestimmt sein Leben
der durch seine Institutionen lebt und nicht zu führen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist
durch eine göttliche Macht. Die Jugend, die die Gleichberechtigung zwischen Mann und
früher keine Stimme hatte, hat jetzt eine Frau im Islam. Ich weiß, dass es abgedroschen
Stimme, und braucht die Muslimbrüder klingt, aber letztlich ist es schon ein innerisla­
nicht mehr als Sprachrohr – auch wenn die mischer Anspruch, zu sagen, wie wir mit be­
Muslimbrüder nun nicht mehr kriminali­ stimmten Koranpassagen umgehen und sie auf
siert werden und sich am politischen Spiel die heutige Zeit übertragen können. Wir wol­
beteiligen dürfen. len dies zumindest zur Diskussion stellen.

Der politische Islam hat eigentlich schon Derzeit funktioniert der Islamdiskurs so,
längst an Einfluss verloren, weil er nie im­ dass diejenigen, die Positionen eines „libera-
stande war, die Massen zu mobilisieren. Die len Islams“ kritisieren, als „konservativ“ eti-
Muslimbruderschaft hat es lange Zeit ver­ kettiert werden. Müsste man nicht auf po-
sucht, aber es ist ihnen nicht gelungen. Die litische Zuschreibungen wie „liberal“ oder
jungen Menschen haben sich sowohl von den „konservativ“ verzichten, um dieser Dialek-
alten Strukturen Mubaraks als auch von der tik entgegenzuwirken?
Ideologie der Muslimbruderschaft gelöst.
Der Islam als politische Kraft hat den Mus­ K addor: Es sind in erster Linie keine po­
limen nicht viel zu bieten, es sei denn, er be­ litischen Begriffe. Wir sehen auch in anderen
freit sich von dem wichtigsten Anspruch des Religionen und Konfessionen, dass es immer
politischen Islams, nämlich der Herrschaft
Gottes auf Erden. Doch wenn ich sage, dass Das Gespräch fand am 3. März 2011 statt.
der politische Islam pleitegegangen ist, dann ❙1  Idschtihad bezeichnet das Verfahren, mit dem mus­
werden sowohl Europäer als auch Muslime limische Rechtsgelehrte die religiösen Quellen Koran
sauer. und Hadith (Prophetenüberlieferung) auslegen.

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schon Unterscheidungen etwa zwischen Re­ zig wahre Religion ist, sondern, dass der Is­
form- oder liberalem und orthodoxem Juden­ lam wahr ist und eine Wahrheit hat. Sobald
tum gegeben hat. Die Gründung des LIB ziel­ aber der Anspruch auftaucht, dass der Islam
te nicht darauf ab, den Begriff „liberal“ als die einzig wahre Religion ist, ist das in der Tat
politischen Kampfbegriff zu verwenden. Ich eine politische und nicht mehr religiöse Hal­
sehe aber schon, dass es in der Öffentlichkeit tung. Wenn Religion – wie auch immer – po­
mitunter so dargestellt wird, als ob es einen litisch wird, dann ist sie pervertiert. Die Reli­
tiefen theologischen Graben zwischen liberal gion ist nicht eine Sache, die man in sich trägt,
und konservativ gebe. Den sehe ich aber nicht sondern Religion ist etwas, was uns trägt.
so deutlich, weil ich glaube, dass die Grenzen
fließend sind. In Relation zu anderen habe ich Kaddor: Wie gesagt, der Beweggrund war
persönlich in einigen Dingen wahrscheinlich nicht, ein politisches Statement zum Ausdruck
eine konservative Haltung, würde mich aber zu bringen. Es ging vor allem um die Haltung
dennoch als liberal bezeichnen. Was macht zu Fragen der religiösen Lebenspraxis, die
aber eine liberal-religiöse Haltung aus, was gilt es, von der rituell-spirituellen Dimensi­
macht eine konservative oder fundamentalis­ on zu unterscheiden, und hier kann man sehr
tische Haltung aus? Nehmen wir ein Beispiel wohl entweder eine freiheitliche oder eine re­
aus dem Bereich des gesellschaftlichen Enga­ striktive Position einnehmen. Innerhalb unse­
gements. Viele islamische Fundamentalisten res Vereins gibt es Positionen, die sehr unter­
sagen hier ganz klar: Der Islam ist für mich schiedlich sind: von Mitgliedern, die Kopftuch
die richtige Religion, und er muss es auch für tragen oder nicht, zu Mitgliedern, die prakti­
jedermann sein, ich trage aktiv durch Da’wa zieren oder auch nicht. Das, was uns trägt, ist
[Aufforderung, Einladung zum Islam, E. G.] der Gedanke, dass jeder von uns für sich selber
dazu bei, dass andere zum Islam finden. Kon­ entscheidet und es den Menschen um sich her­
servative würden sagen: Der Islam ist für um frei stellt, Dinge anders zu sehen – solange
mich die richtige Religion und sollte es auch niemand Schaden davon trägt. Das drückt für
für jedermann sein, aber ich trete nicht ak­ uns auch das Liberale aus, das es so in konser­
tiv dafür ein, dass jeder Muslim werden muss. vativen Kreisen einfach nicht gibt.
Ein liberaler Muslim würde sagen: Der Islam
ist für mich die richtige Religion, aber muss Lehrstühle für Islamische Theologie werden
es nicht zwangsläufig für jedermann sein. Bei an verschiedenen Standorten in Deutschland
letzterem wird der Absolutheitsanspruch, gegründet, um unter anderem einen zeitgenös-
der Wahrheitsanspruch relativiert. sischen Islam zu schaffen. Wie kann dieser aus-
sehen, ohne seine Authentizität zu ­verlieren?
Milad Karimi: Da muss ich widerspre­
chen. Für mich sind Begriffe wie „liberal“ K arimi: Die erste und letzte Forderung, die
oder „konservativ“ grundpolitische Begrif­ man an diese Lehrstühle haben muss, ist, dass
fe. Nimmt man an, dass der Islam zunächst sie denken. Dass sie sich denkerisch mit dem
eine Religion sein soll, dann geht es um eine befassen, was hier im Islam sein soll. Keiner
innere, religiöse Haltung. Ob man nun bei fordert von ihnen, dass sie uns vorbeten, son­
der inneren Haltung von einem „liberalen“ dern, dass sie uns die inneren Zusammenhän­
oder „konservativen“ Habitus sprechen kann, ge dieser Religion theologisch darlegen.
möchte ich bezweifeln. Der Islam hat ja gro­
ße Denker und Geister hervorgebracht. Wenn Kaddor: Die Wissenschaft trägt ja auch
wir beispielsweise an Ghazali, Ibn Arabi oder dazu bei, die modernsten Erkenntnisse in den
Avicenna ❙2 denken und uns fragen: Waren das Bereich der Theologie einfließen zu lassen. Das
nun liberale oder konservative Denker? Ich bedeutet auch die Frage nach dem Hier und
könnte das nur schwer beantworten. Warum? Heute: dass man klärt, was bestimmte Aussa­
Weil sie reflektiert und differenziert sind: Ihre gen im Islam heute für uns bedeuten können.
Haltung war nicht, dass der Islam die ein­ Theologen müssen uns das plausibel darlegen.

❙2  Muhiyuddin Muhammad ibn Arabi (1165–1240)


war einer der bekanntesten Sufis und wird in der isla­ mischen Welt zählt. Abu Hamid Ibn Muhammad Ibn
mischen Welt als Shaykh al-Akbar (Der große Meis­ Muhammad at-Tusi asch-Schafi’i Al-Ghazali (1058–
ter) bezeichnet. Ibn Sina, bekannt als Avicenna (980– 1111) war ein bedeutender islamischer Theologe. Ihm
1037), war ein Universalgelehrter, der auch heute ist die Einführung der aristotelischen Logik in die is­
noch zu den wichtigsten Wissenschaftlern in der isla­ lamische Rechtslehre und Theologie zu verdanken.

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Man hört oft, dass die Tradition der islami- lams repräsentieren. ❙3 Mit denen muss man
schen Offenbarung mit ihren verschiedenen sich auseinandersetzen. Man muss sich auch
Rechtsschulen und Methodiken der Exege- die Differenzen zwischen den Rechtsschulen
se in einem Widerspruch zu einem zeitgenös- genauer anschauen und verstehen, warum es
sischen Islam stünden. Ist die Überwindung diese Unterschiede gibt. Zugleich muss man
dieser über Jahrhunderte gewachsenen Tradi- darüber diskutieren, ob das, was im Mittelal­
tion notwendig? ter entschieden worden ist, die ewige absolu­
te Wahrheit Gottes repräsentiert, oder ob wir
K arimi: Die Tradition abzulegen, ist die uns heute mit den jeweiligen Rechtsschulen
Methodik der Fundamentalisten. Wenn man auseinandersetzen und sie weiterentwickeln.
das weiterführen will, dann soll man die Tra­
dition ablegen oder verleugnen. Die histo­ K addor: … oder aufheben!
risch-kritische Methode hat es im Islam schon
immer gegeben, sie ist nichts Neues. Was wir K arimi: Um auf die Institutionen zurück­
für eine Islamische Theologie in Europa for­ zukommen: Ich wäre gegen eine Gleichschal­
dern, ist, dass man sich gerade mit der Tra­ tung. Ich würde mir wünschen, dass dort
dition beschäftigt. Wenn ich Koranexegese nicht nur „Liberale“, sondern auch „Kon­
betreibe, hat es keinen Sinn, dass ich die Exe­ servative“ am Werk sind. Das ist auch gang
geten aus dem 9.  Jahrhundert übersetze und und gäbe in der Theologie. Schauen Sie sich
dies dann praktiziere. Das ist keine Theolo­ die Katholische Theologie an: Alleine an der
gie und schon gar nicht zeitgemäß. Aber diese Universität in Freiburg findet man sehr ge­
Exegeten zu kennen, bietet die Möglichkeit gensätzliche Theologen, die offen debattie­
einer neuen Theologie. Es geht darum, dass ren. Das wünsche ich mir.
man sich den Koran anschaut und ihn mit den
neuesten Methoden der Hermeneutik auslegt. K addor: Aber das beinhaltet ja gerade das
Was heißt es überhaupt, mit einer Sure umzu­ liberale Verständnis, dass man sagt: Es haben
gehen? Was ist eine Sure? Und was ist der Ko­ außer mir auch andere Recht und dürfen ihre
ran? Das sind spannende Fragen. Meinungen diskutieren …

Kaddor: Ganz genau. Die Tradition ist Wenn es um Integration geht, hört man oft
der Beweis dafür, dass sich die Muslime im­ die Forderung, Muslime müssten eine „libe-
mer wieder historisierend und kontextuali­ rale“ Auffassung ihrer Religion vertreten, um
sierend mit dem Koran auseinandergesetzt ein guter Staatsbürger zu sein. Der Islamex-
haben. Deshalb brauchen wir die Tradition. perte Olivier Roy sagt, dass ihn die Forde-
Ich glaube, dass ein Islam losgelöst von sei­ rung nach einer Reformation des Islams nicht
ner Tradition gar nicht bestehen kann. Dann überzeuge: „Die Einpassung der Muslime in
würde ich tatsächlich das machen, was Funda­ den westlichen Kontext hat nichts mit Theo-
mentalisten tun: den Koran aus seinem Kon­ logie zu tun, sondern vielmehr mit der Le-
text reißen und versuchen, ihn wortwörtlich benspraxis und den Anstrengungen jedes Ein-
zu leben. Mir wird ja häufig vorgeworfen, ein zelnen (…). Das kann über kurz oder lang zu
liberaler Islam würde Beliebigkeit walten las­ einer Art Reform des theologischen Denkens
sen. Im Grunde genommen ist es genau umge­ führen, aber grundsätzlich scheint es mir nicht
kehrt: Das, was Fundamentalisten tun, ist be­ sinnvoll, Modernität mit theologischem Libe-
liebig. Denn sie entscheiden letztlich, welche ralismus in eins zu setzen.“
Verse wortwörtlich zu nehmen sind und wel­
che nicht. Das kann man nur machen, wenn Kaddor: Einerseits hat Roy Recht, wenn er
man der Tradition den Rücken gekehrt hat. sagt, dass die Islamische Theologie wenig mit
der Integrationsfrage zu tun hat. Ich glaube, es
K arimi: Aber da muss man auch genauer ist eine Reaktion auf die aktuelle Debatte, die
definieren, was man unter Tradition versteht, absurderweise nicht vorrangig sozial-politisch,
und zwischen zwei Ebenen unterscheiden. sondern theologisch geführt wird. Deshalb gibt
Zum einen gibt es eine rationalistische Tra­ es die Gegenbewegung, die den Islam mit der
dition, die jenseits der entwickelten Rechts-
und Denkschulen existierte. Auf der an­ ❙3  Zu den vier anerkannten Rechtsschulen gehören
deren Seite haben wir die vier anerkannten im sunnitischen Islam die hanefitische, malikitische,
Rechtsschulen, welche die Blütezeit des Is­ schafiitische und hanbalitische Rechtsschule.

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modernen Welt für kompatibel hält. Anderer­ K addor: Ihre Hauptaufgabe ist doch die
seits ließe sich über Roys Auffassung von Theo­ Pflege von Religion?
logie diskutieren. Die Muslime wenden sie in
ihrem Leben automatisch an. Wenn ich darüber K arimi: Genau, und das ist aber keine
nachdenke, wie ich bestimmte islamische Prin­ Theologie. Theologie betreibt man nicht, son­
zipien auf mein Leben hier übertragen kann, dern man betreibt das, was man auch als prak­
ist das im Grunde genommen schon Theolo­ tische Philosophie bezeichnet, also Moralität
gie. Mir geht es darum, als liberale Muslimin zu und Sittlichkeit. Und Sittlichkeit ist ja nur ein
sagen: Entscheidet, was ihr wollt, was für euch Bereich der ganzen theologischen Debatte.
islamisch ist, solange ihr es selber entscheidet!
Orientiert euch dabei an den Theologen, fragt K addor: Es geht schon auch darum, theo­
euch, ob ihre Aussagen nachvollziehbar klin­ logische Inhalte zumindest zu besprechen.
gen, aber lasst sie nicht über euch bestimmen!
Für die Frage nach einem guten Staatsbürger Karimi: Genau, es gibt Religionsbeauftragte,
spielt das erst einmal keine Rolle. Es hat den die dies tun, und das geschieht auf einer ganz
Staat nichts anzugehen, ob ich meine Religion anderen Ebene. Denen geht es ja nicht darum,
liberal oder konservativ verstehe – solange ich zu entscheiden, ob man beispielsweise als Mus­
dabei nicht gegen geltendes Gesetz verstoße. lim von einer Art Substanzlehre ausgehen soll
oder nicht, oder ob die Welt einen Anfang ha­
Ist diese Art der Auseinandersetzung mit ben soll oder nicht. Oder ob der Koran geschaf­
dem Islam nicht auch in den Verbänden vor- fen ist oder nicht? Das wären grundtheologi­
handen? Die Verbände werden ja in der Öf- sche Fragen. Die Verbände machen praktische
fentlichkeit schnell mit dem Etikett „konser- Theologie, das ist eine ganz andere Sache. Das
vativ“ versehen. wurde in unserer Tradition schon immer woan­
ders generiert, nämlich inmitten der Gemein­
Kaddor: Das Problem an den Verbänden ist, den: Der Beste von uns ist gemäß der Tradition
dass sie zusätzlich bestimmte kulturelle Tra­ nicht derjenige, der am besten gedacht hat, son­
ditionen aus den Heimatländern ihrer Grün­ dern derjenige, der am besten gelebt hat.
dungsmitglieder vertreten und zum Teil auch
politische Ansprüche haben. Es ist nicht mal Kaddor: Erstens sind „grundtheologische“
unbedingt das Theologische. Einige mögen Fragen die Basis religiöser Praxis, das lässt sich
konservative oder auch orthodoxe Prinzipien wohl kaum abkoppeln, weder historisch noch
haben, aber das ist ja zunächst nichts Verwerfli­ gegenwärtig. Zweitens müssen wir gerade
ches. Das Problematische an den Verbänden ist diese Tradition heute umdrehen: Es darf eben
ihre politische Einstellung, etwa für alle Mus­ nicht mehr darum gehen, zu schauen, wer sei­
lime sprechen zu wollen. Darüber hinaus fehlt ne Religion nach außen wie lebt. Das mag auch
mir die Debatte und der Diskurs. Man hat bei eine Frage sein, aber in dieser Welt, in der wir
ihnen das Gefühl, jeder Verein macht irgendwie leben, darf sie nicht zentral sein. Zumindest
etwas für sich, und sie verständigen sich nicht muss man sich vermehrt darum bemühen, bei­
einmal untereinander. Es gibt eine Führungs­ des in ein Gleichgewicht zu bringen.
riege, die Funktionäre, und der Rest kriegt
nichts mit. Das ist der Punkt, was sie „rückstän­ K arimi: Ist die Gründung eines Vereins da­
dig“ erscheinen lässt. Da frage ich mich, wieso für eine Lösung? Entweder ist man eine po­
da nicht mehr kommt, denn je mehr wir debat­ litische Vereinigung, dann ist das sowieso
tieren, desto mehr Früchte tragen wir. Einzel­ eine andere Sache, oder eine religiöse Verei­
ne sind vielleicht in der Lage intellektuell und nigung, dann wäre das eine Sekte. Ein eigens
theologisch qualifiziert zu debattieren, aber die dafür bestimmter Verein, islamisch-theolo­
große Masse der Funktionäre ist es nicht. gische Fragen zu bestimmen, wäre demnach
per definitionem eine Sekte.
K arimi: Es liegt im Wesen der Sache, man
kann den Verbandsfunktionären ja nicht vor­ K addor: Dann wären ja alle Sekten …
werfen, dass sie nicht intellektuell genug sind.
Denn das, was sie machen und machen sollen, K arimi: Wenn die einzelnen Vereine den
erfordert nicht Intellektualität. Das sind Ver­ Anspruch haben, religiös zu sein, dann sind
bände und Vereine. Ihre Aufgabe ist nicht, das Sekten. Wenn wir schon von einer moder­
Theologie zu betreiben. nen Welt reden, dann erwarte ich von einem

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Verbandsfunktionär nicht, dass er mir Theo­ Stefan Weidner
logie beibringt. Sie haben ganz andere Aufga­
ben: Die Muslime in Deutschland brauchen
Seelsorger und Leute, die unsere Toten beer­
Vom Nutzen und
digen. Das ist nicht die Aufgabe eines Theo­
logen. Auch wenn ich unabhängig bin, habe
ich ein Herz für die Verbände, weil sie ver­
Nachteil der Islam­
sucht haben, viel zu viel zu machen. Deswe­
gen ist daraus auch nicht viel geworden …
kritik für das Leben
K addor: Sie erheben allerdings den An­ Essay
spruch, eben dies zu tun.

Die Verbände repräsentieren eine große


Anzahl an Moscheegemeinden … D ie Situation ist festgefahren, und mit jedem
Beitrag zur Thematik wird es schlimmer:
Die sogenannten Islamkritiker und ihre Geg­
K addor: … genau, wo Predigten gehal­ ner stehen sich unver­
ten werden oder religiöse Beratung betrieben söhnlich gegenüber; Stefan Weidner
wird – auf der Basis von Theologie, oder auf ein Dialog, in dem ver­ Geb. 1967; Islamwissenschaft-
welcher sonst? Der Schwerpunkt ihrer Ar­ nünftige ­A rgumente ler, Journalist und Übersetzer;
beit liegt für meinen Geschmack zu sehr auf der einen Seite osmo­ er ist Chefredakteur der vom
der praktischen Theologie und zu wenig auf tisch auf die andere Goethe-Institut auf Arabisch,
dem innerislamischen Dialog, der sich zu­ überwechseln könn­ Persisch und Englisch heraus-
nehmend aufdrängt. Aber um das zu leis­ ten, ist restlos ersetzt gegebenen Dialogzeitschrift
ten, muss es innerhalb dieser Verbände mehr durch Konfrontation. „Art&Thought/Fikrun wa Fann“;
Menschen geben, die sich speziell mit theolo­ Dieser Eindruck wird Autor von: Manual für den
gischen Fragen beschäftigen. durch die Tendenz vor Kampf der Kulturen. Warum der
allem in den visuellen Islam eine Herausforderung ist,
Karimi: Man muss ihnen die Arbeit auch Medien verstärkt, die Frankfurt/M. 2008.
wegnehmen. Man sollte nicht nur darauf hin­ Gäste ihrer Talkshows fikrwafann@googlemail.com
weisen, was sie falsch machen, sondern es geht möglichst antagonis­
darum, dass ich hingehe und sage, diese Ar­ tisch auszuwählen, statt an einem Erkenntnis­
beit, die sie tun, kann ich viel besser machen. gewinn, einem eventuell zu erreichenden Kon­
Einige Verbände haben auch versucht, Bücher sens interessiert zu sein. Die Wahrnehmung
zu machen. Aber wie machen Verbände Bü­ verfestigt sich aufgrund der einfachen Selbst­
cher? Sie sind ja keine Verlagsanstalten, keine organisation, Vernetzung und Publikations­
Herausgeber. Sie haben aus ihren Herkunfts­ möglichkeit interessierter, oft radikaler Grup­
ländern Bücher übersetzt oder Gebetsbücher pen im Internet. Das Gespräch über den Islam
für Kinder herausgegeben, die man sich nicht wird nicht aus der Mitte heraus geführt, son­
anschauen kann. Sie sind nicht nur sprachlich dern von den Rändern her: Es scheint nur ein
schlecht, sondern auch in der Gestaltung. Das Entweder-Oder zu geben, ein Für oder Ge­
ist keine Kritik, sondern es berührt mein Herz. gen, bei dem es jeder Seite darum geht, den im­
Wir können aber auch unseren eigenen Beitrag mer kleiner werdenden, unentschiedenen oder
leisten, in dem jeder das macht, was er am bes­ gleichgültigen Teil der Bevölkerung auf seine
ten kann. Was vor allem sehr wichtig ist – das Seite zu ziehen.
tun wir gerade in diesem Augenblick –: mitei­
nander streiten, um dann auch klarzustellen, Diese weitgehend künstliche Bipolarität er­
welche Haltungen wir haben, indem wir Far­ zeugt unnötige Spaltungen und vergiftet die
be bekennen. Dann kann jeder Muslim sehen, Atmosphäre. Auf zahlreichen Vortragsveran­
wo er sich angesprochen fühlt – Zusammen staltungen zur Thematik im ganzen Bundes­
heißt nicht Einheitsbrei. Aber wenn wir nicht gebiet erlebe ich regelmäßig, mit welcher Hef­
miteinander reden aufgrund persönlicher Res­ tigkeit die unterschiedlichen Fraktionen im
sentiments oder Macht- und Politikspielchen, Publikum aufeinander und manchmal auch
dann gibt es kein Zusammen. auf den Dozenten reagieren. Vor allem aber
lässt sich diese Bipolarität nicht aus der Sache
selbst, dem Islam und den Muslimen in Eu­

APuZ 13–14/2011 9
ropa, begründen. Jedem nachdenklichen Be­ te Said die These auf, dass das Aufkommen ei­
obachter sollte klar sein, dass es in Islamfragen ner wissenschaftlichen Orientalistik, aber auch
auch für Positionen zwischen den Extremen des populären Orientbildes im 19. Jahrhundert
haltbare Gründe geben muss; dass bei einem durch die kolonialen ­Ambitionen Großbritan­
bloßen Entweder-Oder zwangsläufig beden­ niens und Frankreichs wesentlich begünstigt
kenswerte Aspekte zu kurz kommen müs­ wurden. Besonders brisant ist Saids Feststel­
sen; dass eine vernünftige und begründbare lung, dass die Orientalistik ideologische, ja
Mittelposition (sie muss nicht in der statisti­ teils offen rassistische Haltungen pflegte, die
schen Mitte der Meinungen selbst liegen) ge­ wiederum von Politikern und Meinungsma­
rade dann vertretbar sein kann, wenn die zen­ chern aufgenommen wurden, um Eingriffe in
trifugalen Kräfte sie zu diskreditieren suchen. den Orient zu rechtfertigen. Ein markantes
Dieser Beitrag wird dem herrschenden Anta­ Beispiel ist die von Said zitierte Aussage des
gonismus vermutlich nicht entgehen. Der Ver­ britischen Orientalisten William Muirs (1819–
such, Argumente gegen die Extreme zu sam­ 1905): „Das Schwert Mohammeds und der
meln, sei dennoch ­unternommen. Koran sind die beiden schlimmsten Feinde der
Zivilisation, der Freiheit und der Wahrheit,
welche die Welt je gesehen hat.“ Von solchen
Wer spricht pro Islam? Aussagen bis zu den islamkritischen Blogs von
heute lässt sich eine gerade Linie ziehen. Wenn
Im Spektrum der Meinungen zum Islam, je­ Edward Said bis heute umstritten ist, liegt das
denfalls in Deutschland und Europa, fällt auf, nicht zuletzt am erschreckend langen Nach­
dass von einer „Islamverherrlichung“ ❙1 nur in leben genau derjenigen Einstellungen gegen­
eng begrenzten, im Übrigen wenig diskurs­ über dem Orient, die er bei den vom ihm un­
mächtigen Milieus die Rede sein kann. Es tersuchten Autoren herausarbeitet.
handelt sich vorwiegend um (gläubige) Mus­
lime, darunter in besonderem Maße Konver­ Problematische Aspekte des Islams werden
titen, sowie vereinzelte „Schwärmer“ oder is­ in der von Edward Said geprägten Denkrich­
lamnahe Gruppen im weiteren Umfeld von tung vor allem deshalb nicht oder nur selten
New Age-Bewegungen, die sich zum Beispiel thematisiert, weil gefürchtet wird, dass sie als
auf den Sufismus, die islamische Mystik, beru­ Rechtfertigung für orientalistische Klischees
fen. In Einzelfällen können auch Islamwissen­ und hegemoniale Ansprüche missbraucht
schaftler dazu gezählt werden, so die im Jahr werden, wie es im Kolonialismus der Fall war.
2003 verstorbene Annemarie Schimmel. ❙2 Damit ist diese Denkschule bereits eine Re­
aktion auf dieselben abendländischen Denk­
Eine solche, aus einer effektiven Nähe zum muster, die sich in der heutigen Islamkritik
Islam als Religion entstandene Apologetik explizit wiederfinden. Die Islamkritik, ob­
wäre zu unterscheiden von einer oft linksin­ wohl der Terminus selbst bis dahin eher un­
tellektuellen und politisch motivierten „Nach­ gebräuchlich war, ist damit keineswegs eine
sicht“ mit dem Islam, als deren Stammvater der Frucht der Anschläge des 11. September 2001,
palästinensisch-amerikanische Literaturwis­ wie zu ihrer Rechtfertigung als einer Art Ver­
senschaftler Edward Said (1935–2003) gelten teidigungsbewegung von ihren Vertretern
kann. In seinem Werk Orientalism (1978) stell­ gern behauptet wird. Die wichtigsten Wer­
ke, auf die sich die Islamkritik heute beruft,
❙1  Vgl. Thorsten Gerald Schneiders (Hrsg.), Islamver­ sind vielmehr vor diesem Datum erschie­
herrlichung. Wenn die Kritik zum Tabu wird, Wies­ nen: Samuel Huntingtons „Kampf der Kul­
baden 2010. Der Band mit dem leicht irreführenden turen“ (1996), die Werke des amerikanischen
Titel macht den vielversprechenden Versuch einer
Islamwissenschaftlers Bernard Lewis oder im
kritischen Erörterung problematischer islamischer
Haltungen ohne die üblichen Vorurteile der her­ deutschsprachigen Bereich die in den 1990er
kömmlichen Islamkritik. Er diskutiert jedoch nicht Jahren publizierten Werke des syrischstäm­
das Milieu möglicher „Islamverherrlicher“. migen Politikwissenschaftlers Bassam Tibi.
❙2  Vgl. Stefan Weidner, On the Threshold of a New
Epoque. Annemarie Schimmel and the Mediation of Naturgemäß zählt Edward Said zu den
Culture between Germany and the Islamic World, in:
Lieblingsfeinden der Islamkritik, die jedoch,
Art&Thought, (2004) 79, S. 62–68; ders., Zurück zur
Vernunft. Islamdebatten und islamische Welt zwi­ da ihre Argumentationsmuster in die Ära
schen 9/11 und den arabischen Revolutionen, Bonn vor Said zurückfallen, das eigentliche Di­
(i. E. 2011). lemma der von Said geprägten Denkrichtung

10 APuZ 13–14/2011
(oft Post-colonial Studies genannt) nicht in des Kritischen an sich, eben von den Leistun­
den Blick bekommt: Diese am Werk Michel gen, mit denen etwa Kulturkritiker den gesell­
Foucaults geschulte Diskurs- und Macht­ schaftlichen Diskurs bereichert haben.
kritik wäre nur konsequent, wenn sie neben
der westlichen Diskursmacht gegenüber dem Gegner der Islamkritik könnten den Begriff
Orient auch die islamische Diskursmacht ge­ freilich als Euphemismus bezeichnen. Ob die
gen alles – gemäß fundamentalistischer is­ Islamkritik für den Islam das leistet, was die
lamischer Deutung – Unislamische in den Gesellschaftskritik für die Gesellschaft, die
Blick bekommt, wie sie sich in der islami­ Kulturkritik für die Kultur leistet, hängt auch
schen Geschichte ebenso findet wie in mo­ von ihrem Niveau ab. Es fällt aber auf, dass die
dernen wertkonservativen und fundamenta­ Islamkritiker, mit Ausnahme der Muslime un­
listischen Strömungen. Eine Machtkritik, die ter ihnen, sich gewiss nicht als Teilmenge des
in den Verdacht gerät, parteiisch zu sein, wird Islams begreifen (auch viele islamkritische oder
unglaubwürdig und macht sich angreifbar. sogenannte Ex-Muslime tun das nicht mehr,
Sie unterminiert ihre eigene Sache. ❙3 ähnlich wie bei uns die Kirchenkritiker oft
auch keine Mitglieder der Kirchen mehr waren),
Wenn aber gesagt wurde, dass die aktuel­ während der Kulturkritiker jedoch zwangs­
le Islamkritik argumentativ im prä-Edward- läufig Teil der Kultur ist, die er kritisiert, der
Said-Stadium verharrt, so ist davon eine be­ Regimekritiker Teil und Opfer der Ordnung,
merkenswerte Ausnahme zu machen. Die in der das Regime herrscht. Die Kritik eines
Islamkritik hat sich sehr erfolgreich emanzi­ solchen Kritikers ist damit immer auch Selbst­
patorische Positionen zu Eigen gemacht, die kritik, so wie es die Kritik islamkritischer,
ein genuines Produkt derselben weltanschau­ aber sich nach wie vor zum Islam bekennender
lichen Strömungen sind, ohne die auch Said Muslime ist, oder wie es die Kirchenkritik des
und seine Schule nicht denkbar wären, näm­ aus der Kirche ausgetretenen Kirchenkritikers
lich Marxismus und Postmoderne. Im Ergeb­ war, sofern er die Kirche noch als Christ kriti­
nis munitionieren Feminismus ❙4 und Homose­ sierte und nicht etwa als Marxist. Der muslimi­
xuellenbewegung die Islamkritik mit einigen sche Islamkritiker sieht den Balken im eigenen
ihrer zugkräftigsten Argumente. Im Rahmen Auge; der nichtmuslimische macht daraus den
des sogenannten Einbürgerungstests wäre die Splitter im Auge des anderen. Halten wir fest:
Zustimmung zu diesen Positionen von Seiten Nichtmuslimische Islamkritik kostet den Kri­
der Kandidaten für die Einbürgerung beinahe tisierenden nichts und tut ihm nicht weh.
zu einem entscheidenden Kriterium für diese
geworden – und damit Positionen der Islam­ Unabhängig davon wird die Islamkritik
kritik zur offiziellen staatlichen Politik. ❙5 von ihren Gegnern inzwischen oft mit An­
tisemitismus und Rassismus verglichen. ❙6
Will der Vergleich nicht einfach pauschal dis­
Herkunft und Verwandtschaft kreditieren, so bedarf er einer präzisen his­
der Islamkritik torischen Einordnung einschließlich einer
Herausarbeitung der Unterschiede. Ein um­
Wer den Begriff Islamkritik geprägt hat, ist fassender Vergleich beider Bewegungen, der
unklar. Faktisch ist mit Islamkritik nichts an­ den Ansprüchen der Geschichtswissenschaft
deres gemeint als die Kritik am Islam. Das genügt, steht leider noch aus. ❙7 Unabhängig
Wort Islamkritik ist damit analog zu Begrif­ vom Ergebnis eines solchen Vergleichs sollte
fen wie Kulturkritik oder Gesellschaftskritik an seiner Ergiebigkeit und Dringlichkeit kein
gebildet. Wie es Kultur-, Regime- und Ge­ Zweifel bestehen. „Liberale verlangten, die
sellschaftskritiker gibt, gibt es nun auch Is­ Juden sollten im Namen universalistischer
lamkritiker. Islamkritik zehrt vom guten Ruf Ideale das vollständige Verschwinden ihrer

❙3  Vgl. ders., Mohammedanische Versuchungen, Zü­ ❙6  Viel Aufsehen erregt haben in diesem Zusammen­
rich 2004, S. 115–119. hang Äußerungen von Wolfgang Benz, dem ehema­
❙4  Vgl. Alice Schwarzer (Hrsg.), Die große Verschleie­ ligen Direktor des Zentrums für Antisemitismusfor­
rung, Köln 2010. Gegenposition bei Birgit Rommels­ schung an der TU Berlin: Hetzer mit Parallelen, in:
pacher, Zur Emanzipation „der“ muslimischen Frau, Süddeutsche Zeitung vom 4. 10. 2010.
in: APuZ, (2009) 5, S. 34–38. ❙7  Vgl. Wolfgang Benz (Hrsg.), Islamfeindschaft und
❙5  Vgl. Patrick Bahners, Die Panikmacher, München ihr Kontext. Dokumentation der Konferenz „Feind­
2011, S. 175–212, insb. S. 193 f. bild Islam – Feindbild Jude“, Berlin 2009.

APuZ 13–14/2011 11
spezifischen Gruppenidentität akzeptieren; Dies gilt mindestens für den harten Kern der
Nationalisten dagegen verlangten ein derar­ Islamkritik einschließlich ihrer medialen Prot­
tiges Verschwinden zugunsten einer höheren agonisten. Wer unter den Islamkritikern seine
partikularistischen Idee, der des modernen Ansichten revidiert, abmildert oder weniger ab­
Nationalstaats“, ❙8 beschreibt Saul Friedländer solut setzt, hat damit zu rechnen, selber wieder
die Situation der Juden um die Wende vom 19. von der Islamkritik angegriffen zu werden, wie
zum 20. Jahrhundert in Deutschland. ich es weiter unten am Beispiel des Politikwis­
senschaftlers Hamed Abdel-Samad zeige.
Vergleichbare Positionen finden sich heute
unter den Islamkritikern gegenüber den Mus­ Trifft aber diese Behauptung über die Un­
limen und prägten unter anderem Diskussio­ verbesserlichkeit des Kerns der Islamkritik
nen um die Aussage des Bundespräsidenten zu, wird sie doch durch die Tatsache entwer­
Christian Wulff vom 3. Oktober 2010, „auch tet, dass die Islamkritiker von ihren Gegnern
der Islam gehört zu Deutschland“. ❙9 Sie tau­ dasselbe behaupten. Eine Beschreibung der
chen die Islamkritik in ein Zwielicht, über das Islamkritik, ebenso wie eine Auseinanderset­
sich diese selbst erst langsam Rechenschaft zung mit ihr, die über Tatsachen oder Tatsa­
ablegt. Auch wenn man islamkritischen Posi­ chenbehauptungen geführt wird, dürfte des­
tionen nicht pauschal Rassismus unterstel­ halb zu keinem Ergebnis kommen. In seiner
len will, muss man feststellen, dass in der Is­ anti-islamkritischen Streitschrift „Die Panik­
lamkritik die weltanschaulich und ­religiös macher“ lässt sich Patrick Bahners, Feuilleton­
begründete Ablehnung einer gesellschaft­ chef der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“
lich minoritären Gruppe korreliert mit einer (FAZ), auf Diskussionen über die Natur des
solchen, die durch den bloßen Anblick eines Islams meistens gar nicht erst ein. Er hinter­
fremd oder anders wirkenden Menschen mo­ fragt vielmehr die immanente Schlüssigkeit
tiviert werden kann. Muslime sehen nun ein­ islamkritischer Thesen und analysiert ihre
mal häufig etwas anders aus als die meisten rechtlichen und weltanschaulichen Implikati­
Mitteleuropäer; oder sie kleiden sich anders, onen. Sie dem Publikum bewusst zu machen,
was die Islamkritik, wie wir an den Kopf­ wie Bahners es tut, bedeutet, die Frage zu
tuch-Debatten sehen, besonders stört. stellen, ob wir – das Publikum – diese Kon­
sequenzen wirklich wollen oder nicht. Dem
Islamkritik ist nicht ursprünglich Rassismus. liegt das Kalkül zugrunde, dass womöglich
Aber sie ist rassistischen Empfindungen gegen­ mehr Menschen islamkritische Thesen über­
über anschlussfähig. Das macht sie angreifbar, nehmen als bereit wären, deren Implikationen
zumal kaum einer ihrer namhaften Vertreter gutzuheißen, wenn sie offen zutage treten.
dies als Problem empfindet und thematisiert.
Es gehört zum Charakteristikum der Islam­ Islamkritische Behauptungen sind, obwohl
kritik, dass sie sich gegenüber ihren schmud­ sie in Form von Wirklichkeitsaussagen daher­
deligen Rändern nicht entschieden abgrenzt. kommen, in aller Regel verkappte (negative)
Werturteile. Ihre Evidenz beziehen sie eben
nicht aus der dem Durchschnittspublikum
Was leistet Islamkritik? ohnedies weitgehend unbekannten Sache des
Islams, sondern dadurch, dass sie mit bewusst
Man säße einer Illusion auf, wenn man glaub­ oder unbewusst bereits vorhandenen Wert­
te, man könnte die islamkritischen Thesen mit urteilen über den als oft fundamental frem­
Hilfe schierer islamwissenschaftlicher Sach­ de Kultur begriffenen Islam harmonieren. Is­
kenntnis in wahre und falsche Behauptungen lamkritische Urteile sind nicht richtig oder
aufteilen und dergestalt eine sachliche Ausein­ falsch und müssen sich nicht an der Wirklich­
andersetzung in die Wege leiten, die zu fundier­ keit messen lassen. Sie müssen in den Ohren
ten Aussagen über den Islam und die Muslime des Publikums nur richtig klingen. Sie klin­
käme. Es ist naiv, anzunehmen, man könnte Is­ gen aber fast immer richtig, aus dem einfachen
lamkritiker „überzeugen“ oder zu einer Revisi­ Grund, dass sie einer Selbstversicherung und
on oder Abmilderung ihrer Ansichten bewegen. Selbstvergewisserung ex negativo dienlich
sind. Jeder islamkritische Satz hält eine impli­
❙8  Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden, zite Aufwertung aller derjenigen Teile des Pu­
München 2007, S. 96. blikums bereit, die sich nicht zum Islam rech­
❙9  Vgl. P. Bahners (Anm. 5), S. 6–48, S. 306 f. nen, die keine Muslime sind oder sich, wie

12 APuZ 13–14/2011
etwa dezidiert säkularisierte, nicht mehr als Bild des Islams medial weithin zu verbreiten,
solche begreifen. Der semantische Wert islam­ wird sich jeder, der sich für einen rechtschaffe­
kritischer Sätze liegt nicht in ihrem Gehalt, nen Bundesbürger hält und diesem Bild glaubt,
sondern in ihrer Bereitschaft zum Urteil. vom Islam abgestoßen fühlen. Zugleich ist er
in den billigen Genuss einer genuinen mora­
Anhand eines vielzitierten islamkritischen lischen Empfindung gekommen, einer morali­
Satzes sei das aufgezeigt. „Der Islam will die schen Empfindung, die unsere überkomplexe
Welteroberung“ ❙10 ist eine Behauptung, die Gesellschaft selten gewährt: Für einmal ganz
sich aus der Sache heraus, nämlich Theolo­ sicher zu wissen, was richtig beziehungsweise
gie und Geschichte des Islams, weder endgül­ falsch ist: die Welteroberung. Also der Islam.
tig belegen noch widerlegen lässt. Wäre man
an einer sachlichen Erörterung interessiert, Die Leistung des islamkritischen Diskur­
müsste man sich auf eine weitaus weniger ses besteht weniger in seinen Erkenntnissen
weitreichende Aussage festlegen: Der Islam ist über den Islam als vielmehr in der Schaffung
eine Religion mit weltmissionarischem An­ einer hohen Anzahl moralischer Urteile so­
spruch, vergleichbar dem Christentum. Wie wie emphatisch für die eigene Sache rekla­
im Christentum finden sich im Islam sowohl mierter Werte. Islamkritik dient zur Selbst­
Beispiele für die Ausbreitung auf gewaltsame besinnung. Dagegen wäre nicht das geringste
als auch auf friedliche Weise, finden sich so­ einzuwenden, täte sie dies nicht auf Kosten
wohl „Kreuzzügler“ als auch „Missionare“. einer in Europa minoritären Gruppe von
Man kann aber schlecht die friedliche Ausbrei­ Menschen, die man auch auf globaler Ebe­
tung des Frühchristentums zur einzig wahren ne kaum zu den Gewinnern der vergangenen
Natur des Christentums verklären und die im zwei bis drei Jahrhunderte zählen kann. Mit
Zuge von Eroberungen sich vollziehende des anderen Worten: Die Selbstbesinnung eines
nachmekkanischen Islams zur einzig wahren militärisch, ökonomisch und kulturell über­
des Islams, nur weil der Pazifismus (der mar­ legenen „Abendländers“ findet auf Kosten
tialischen Rhetorik vieler Islamkritiker zum der Verlierer der Geschichte statt. Zumindest
Trotz) immer noch irgendwie in Mode ist und ist dies nicht sehr christlich. Ob es von weltli­
man sich selbst gern den friedliebenden Men­ cher Weisheit kündet, wird sich zeigen.
schen zurechnet. Selbst wenn gälte, dass „eine
Offenbarungsreligion ihrem Ursprung [Was Die Islamkritik begründet mit der Ableh­
ist das, wo liegt der, wer legt ihn fest?, S. W.] nung des Islams das Axiom eines komplexen
ausdrücklich verpflichtet ist“, ❙11 müsste man Systems von Werten und Weltanschauungen. In
doch zugestehen, dass die Europäer von heute simpler Syllogistik folgt aus dieser Ablehnung
mit den frühen Christen mindestens so wenig alles Weitere, und alles Weitere folgt aus der
gemein haben wie die heutigen Muslime mit Ablehnung des Islams: Weil der Islam schlecht
denen des 7. Jahrhunderts. ist, so die Logik, ist er unvereinbar mit dem, was
nach unserer Auffassung gut ist: Demokratie,
Wiewohl unsachlich, hat der Satz von den is­ Freiheit, Individualität, Gleichberechtigung,
lamischen Welteroberungsgelüsten spätestens Aufklärung und was einem einfallen mag;
seit den Anschlägen vom 11.  September 2001 wenn aber der Islam unvereinbar ist mit Demo­
eine große gefühlte Evidenz. Er entwirft den kratie, Freiheit, Aufklärung, dann kann er nur
Islam als Weltschurken, als Gegenteil eines schlecht sein. Die vollendete Tautologie dieser
idealisierten friedlichen Christentums, das zur Schlussfolgerungen erschließt sich leicht. Mit
Identifikation einlädt. Auch unabhängig vom dem in Historie und Theologie nachweisbaren
Christentum hält die große Mehrheit der Bun­ Islam haben sie längst keinen Konnex mehr.
desbürger – anders als ihre noch für das „Tau­
sendjährige Reich“ kämpfenden (Ur-)Groß­ Um zu seinen Bewertungen zu kommen,
väter – ein Welteroberungsstreben vermutlich muss der Islamkritiker davon ausgehen, dass
für verwerflich. Gelingt es nun, ein solches der Islam seinem Wesen nach durch alle Zeit
weitgehend mit sich selbst identisch geblie­
ben ist, also 1400  Jahre lang und in einem
❙10  Vgl. Egon Flaig, Der Islam will die Welterobe­
geografischen Raum, der den halben Erdball
rung, in: FAZ vom 16. 9. 2006. Vgl. dazu die Replik
von Almut Höfert, Die glorreichen Tage des Dschi­ umfasst. Der Islam wäre das beständigste mit
had sind Geschichte, in: FAZ vom 19. 10. 2006. sich selbst identische kulturelle System der
❙11  P. Bahners (Anm. 5), S. 58. Weltgeschichte: ein Wunder. Nehmen wir die

APuZ 13–14/2011 13
Islamkritik ernst, müssen wir an Allah glau­ kulturelle Lage vieler Muslime im Westen mu­
ben. Freilich, kaum jemand außerhalb ihres nitioniert den Islamkritiker mit schwer zu wi­
harten Kerns und ihrer lautesten Fürsprecher derlegenden Argumenten über die Minder­
nimmt die Islamkritiker in allen ihren An­ wertigkeit des Islams. Je prekärer die Lage des
nahmen und Befürchtungen ernst. Aber ein Islams und der Muslime wird, desto besse­
beträchtlicher Teil der Bevölkerung, wie wir re Argumente hat er an der Hand. Die offen­
sie aus Leserbriefen und Umfragen kennen, bar aus einem politischen Partizipationswillen,
und ein noch beträchtlicherer Teil unter Po­ sprich demokratisch inspirierten Revolutionen
litikern, Berufsbeamten und Intellektuellen in Tunesien und Ägypten Anfang dieses Jahres
übernimmt mit der einen oder anderen Varia­ bringen die Islamkritiker in Verlegenheit.
tion zentrale Thesen der Islamkritiker.
Angesichts dessen, was der islamkritischen
Im harmlosesten Fall verdirbt die Islam­ Ideologie gemäß nicht sein darf, beeilen sie
kritik damit die Stimmung zwischen Altein­ sich, ihr angelerntes Wissen zu bekräftigen:
gesessenen und Zugewanderten im Land. Im „Der Islam war von Anfang an eine Einheit
schlimmsten Fall lässt sie sich als Rechtfer­ von Religion und staatlicher Herrschaft. De­
tigung zum Mord verstehen. ❙12 Dazwischen mokratie setzt aber die Trennung der beiden
liegt die Versuchung zu anti-islamischen Ge­ Bereiche voraus, die es dort nirgendwo gibt.
setzen (Kopftuch-Urteil) und jeder ­Menge Be­ Und wenn wir uns schon im Westen heute –
hauptungen, deren gebetsmühlenartige Wie­ lange nach der Epoche der Aufklärung – ver­
derholung aus islamkritischem Mund genau zweifelt fragen, warum es nicht mehr mündi­
die Werte aushöhlt, die hochgehalten werden ge, rational denkende Menschen als Basis von
sollen. Wenn ein Islamkritiker das Wort Auf­ Politik und Gesellschaft gibt, wie soll dann
klärung benutzt, weiß man schon, dass Auf­ im Islam ‚Demokratie‘ entstehen, wo sogar
klärung im ursprünglichen Sinn eines selbst­ ein Beginn der Aufklärung noch aussteht“,
ständigen und selbstkritischen Denkens ❙13 so hieß es in einem Leserbrief an die FAZ am
nicht gemeint sein kann. Aufklärung wird 5. Februar 2011 zu den Protesten in der ara­
zur Phrase, die nichts als die Gegenposition bischen Welt. Das ist in etwa die Unterstüt­
zu dem von der Islamkritik imaginierten Is­ zung, welche die arabischen Demokraten sich
lam meint und alles Hinterfragen, jede Nach­ vom Westen erhoffen. „Wahrscheinlich kann
denklichkeit, die doch das Kennzeichen von eine reife Demokratie nur auf Basis des christ­
Aufklärung wären, zu einem Akt der Aufklä­ lichen Menschenbildes entstehen und beste­
rungsfeindschaft zu erklären droht. ❙14 hen“, ergänzt auf derselben Leserbriefseite ein
weiterer Kommentar. Ob Aufklärung oder
Christentum für die Demokratie sorgen, ist
Demokratisierungsversuche letztlich gleichgültig: Hauptsache, wir sind
in der islamischen Welt es, nicht die Muslime. Islamkritiker müssen
auf das Scheitern aller Demokratisierungsver­
Die keinem Beobachter entgehende krisenhafte suche in der islamischen Welt hoffen, andern­
Situation in den meisten islamischen Ländern, falls geriete ihr Weltbild in die Brüche.
die seit Jahrzehnten bestehende Verstockt­
heit des religiösen Denkens in der islamischen Der deutsch-ägyptische Politologe Hamed
Welt, die prekäre wirtschaftliche, soziale und Abdel-Samad, bis vor kurzem noch ein be­
liebter muslimischer Gewährsmann der Is­
lamkritiker, löste in Teilen seiner Leserschaft
❙12  Der Mord an der ägyptischen Pharmazeutin Mar­ beträchtliche Irritationen aus, als er nach dem
wa el Sherbini in einem Dresdner Gerichtssaal am
Anschlag auf einen koptischen Gottesdienst
1.  Juli 2009 darf als das erste derartige Verbrechen
gelten, das sich unmittelbar mit dem islamkritischen im Januar 2011 in Alexandria die durch die
Diskurs in Deutschland in Verbindung bringen lässt. Mubarak-Diktatur angestaute Frustration
❙13  Vgl. zur islamkritischen Aufklärungsrhetorik eine der Ursachen des Terrorismus nannte. ❙15
S. Weidner (Anm. 3), S. 135–142.
❙14  Vgl. Patrick Bahners, Fanatismus der Aufklä­
rung, in: Blätter für deutsche und internationale Po­ ❙15  Vgl. Hamed Abdel-Samad, Alexandria hat sich
litik, (2010) 9, online: www.blaetter.de/archiv/jahr­ in der Diktatur verloren, in: Die Welt vom 5. 1.
gaenge/​2010/september/fanatismus-der-aufklaerung 2011, online: www.welt.de/debatte/kommentare/ar­
(17. 2. 2011); Stefan Weidner, Affekt und Ressenti­ ticle11985107/Alexandria-hat-sich-in-der-Diktatur-
ment, in: Süddeutsche Zeitung vom 31. 5. 2010. verloren.html (17. 2. 2011).

14 APuZ 13–14/2011
Eine der ersten Leserreaktionen lautete unver­ Aufklärung des Islams
blümt, dass dies Augenwischerei sei. Solange
man nicht erkenne, dass der Islam die Anbe­ Heißt das in diesem Beitrag Gesagte, dass der
tung des Bösen an sich sei, sei alles andere ein Islam nicht kritisiert werden darf, die Gefüh­
Herumdoktern an Symptomen. ❙16 Auch Wal­ le von Muslimen sakrosankt sind oder die Pro­
ter Laqueur tat sein Unbehagen gegenüber bleme in der islamischen Welt nicht auch etwas
den Thesen von Abdel-Samad kund, ❙17 als mit dem Islam oder der Verstocktheit vieler sei­
dieser mit seinem Buch „Der Untergang der ner Vertreter zu tun haben können? Sicherlich
islamischen Welt“ gegen eines der zentralen nicht. Die Idee aber, dass die westliche Beschäf­
Dogmen der Islamkritik verstieß: dass näm­ tigung mit dem Islam nicht primär dem Er­
lich der Islam im Aufwind begriffen sei und kenntnisinteresse dient, sondern eine Bewer­
immer gefährlicher werde, der Westen also in tung implizieren muss, mutet komisch an. Dient
einen Abwehrkampf genötigt werde. Wenn die Altphilologie heute noch dazu, die Antike
die islamische Welt aber unübersehbare Zei­ zu bewerten? Die Kritik des Islams ist zuerst
chen des Untergangs zeigt, wie Hamed Ab­ die Aufgabe der Muslime selbst, eine Aufgabe
del-Samad, freilich nicht weniger undifferen­ übrigens, die jedenfalls die Intellektuellen unter
ziert, behauptet, dann kann der Westen ihr ihnen in großer Zahl annehmen. ❙18 Man kann
allenfalls den Gnadenstoß versetzen – fürch­ ihnen diese Kritik schmackhaft machen, man
ten muss er sie nicht. Die Islamkritik hätte kann und soll Fragen stellen, Anregungen ge­
ausgedient. ben, nachbohren, auf den Punkt bringen. Wenn
man an einem Gespräch und der Entwicklung
Dass der islamische Fundamentalismus, von Beziehungen interessiert ist, nicht an wech­
zumal der gewaltbereite, eine große Heraus­ selseitigen Vorwürfen und Beschimpfungen,
forderung darstellt, wird nur ein Narr leug­ wird man zwischen den Erfordernissen der
nen. Die Auseinandersetzung mit diesem Höflichkeit und denen von Deutlichkeit und
Fundamentalismus, gleich ob gewaltbereit Offenherzigkeit abzuwägen wissen.
oder nicht, ist auf allen Ebenen zu führen,
wobei der größte Verbündete des Westens Eine Beeinflussung der islamischen Theo­
die Muslime selber sind. Sie vor allem lei­ logie und Exegese, die Aufklärung des Islams,
den unter dem islamistischen Terror und der wird sich nicht, wie die Islamkritik glaubt,
fundamentalistisch begründeten Beschnei­ über lautstark erhobene Forderungen und
dung elementarer Rechte dort, wo der Isla­ Anwürfe vollziehen, sondern über exakte phi­
mismus staatstragend ist: unter allen islami­ lologische Forschung. ❙19 Wenn es unserer Po­
schen Ländern übrigens gegenwärtig in Iran litik ernsthaft darum zu tun ist, sollte es ihr
und Saudi-Arabien. Wenn die Gefahren des primär um eine Verbesserung der personellen
politischen Islams aber so groß sind, wie die Ausstattung der islamwissenschaftlichen Se­
Islamkritik behauptet, schiene es doch an­ minare gehen, überhaupt der philologischen
geraten, nicht nur Iran, sondern auch Saudi- Disziplinen und mit ihnen der Pflege auch des
Arabien, den Hauptförderer der sunnitisch- eigenen geistigen Erbes: Ein Phänomen wie
fundamentalistischen Mission, politisch und die Islamkritik ist zu erklären nicht nur aus
wirtschaftlich zu isolieren. Aber wenn es der krisenhaften Begegnung mit dem Islam,
ums Geld geht, setzt auch beim Islamkri­ sondern auch aus einem Mangel an Bildung
tiker der Realismus ein: So groß erscheint und Denkkultur, einem veräußerlichten, un­
ihm die Gefahr dann doch nicht, dass ihm durchdachten Bezug zu den eigenen, nur noch
ein Benzinpreis von zwei Euro infolge eines als Worthülsen rezipierten kulturellen Tradi­
Boykotts saudischen Öls politisch vermittel­ tionen – die Aufklärung eingeschlossen.
bar wäre.

❙18  Vgl. Ludwig Ammann/Katajun Amirpur (Hrsg.),


❙16  Die Leserkommentare zu dem Artikel sind nicht Der Islam am Wendepunkt, Bonn 2007 (Schriftenrei­
mehr abrufbar. Ich zitiere nach bestem Wissen aus he der bpb, Band 580).
dem Gedächtnis. ❙19  Als Beispiel dafür sei die historisch-kritische
❙17  Vgl. Walter Laqueur, Hamed Abdel Samad prophe­ ­Koran­forschung in Deutschland erwähnt. Bahnbre­
zeit das Ende des Islam, in: Die Welt vom 19. 11. 2010, chende Ergebnisse sind nachzulesen bei Angelika Neu­
online: www.welt.de/kultur/history/article10947310/ wirth, Der Koran als Text der Spätantike, Berlin 2010.
Hamed-Abdel-Samad-prophezeit-das-Ende-des-Is­
lam.html (17. 2. 2011).

APuZ 13–14/2011 15
Nimet Şeker Der migrationspolitische Schlüsselbegriff
„Integration“ ist inhaltlich und analytisch

Ist der Islam ein derart vage, dass er in der öffentlichen Dis­
kussion beliebig verwendet werden kann. Für
sich genommen transportiert der Begriff zu­

Integrations­ nächst keine Inhalte, außer dass „zu integ­


rierende Elemente“ sich in ein als homogen

hindernis?
gedachtes „Ganzes“ einfügen sollen. ❙2 In den
Debatten wird Integration verstanden als das
erwünschte Endziel eines Prozesses, dessen

Essay
Nicht-Existenz oder eben „Scheitern“ in den
Fokus gestellt wird. So herrscht die Meinung
vor, Integration müsse Muslimen „abver­
langt“ werden. Beispiele „erfolgreicher“ Inte­

I n den öffentlichen Debatten überwiegt ein


defizitorientiertes Verständnis von Integra­
tion: Sie wird assoziiert mit Krisen, Parallel­
gration werden in Abgrenzung zu „geschei­
terten“ Integrationsbeispielen und weniger
aus sich heraus definiert.
gesellschaften und Ge­
Nimet Şeker walt. Die ­A rgumente
M. A., geb. 1979; Islamwissen- für ein „Scheitern“ der Kulturelle Marionetten
schaftlerin und Ethnologin; Integration sind viel­ des „Systems Islam“?
Redakteurin bei Qantara.de; fältig: eine unzurei­
Lehrbeauftragte für Islam­ chende Beherrschung Diesem Mehrheitsdiskurs um „Islam“ und
wissenschaft an der Uni­ der deutschen Spra­ „Integration“ liegt ein statisches Verständnis
versität zu Köln. che, Abschottungsten­ von „Kultur“ zugrunde: Der Islam wird als
nimet.seker@gmail.com denzen und ethnische eine Kultur verstanden, welche das Leben der
Segregation. Seit eini­ Menschen wie ein unveränderliches Korsett
gen Jahren wird diese Debatte zunehmend präge. Sie habe unabhängig von Zeit und Ort
vermischt mit einer Debatte um „den Islam“. Gültigkeit und richte sich nach der „Scha­
Prominente Stimmen prangern die „mangeln­ ria“, dem „Gesetz Gottes“, die sich diametral
de Integrationsbereitschaft“ oder die „Integra­ zu den Normen und Werten der „westlichen
tionsunwilligkeit“, teilweise sogar eine „Un­ Kultur“ verhalte. Demnach sind Muslime als
möglichkeit“ der Integration von gläubigen kulturelle Marionetten des „Systems Islam“
Muslimen an. In diesem Diskurs, der Islam in ihrer individuellen Entscheidungsfindung
und Integration verknüpft, gelten ein „vorde­ eingeschränkt. Aufgrund dieser Unverän­
mokratisches Menschen- und Weltbild des Is­ derlichkeit – häufig wird auf das Fehlen ei­
lams“ und „religiös fundierte Traditionen und ner „Aufklärung“ im Islam hingewiesen –
Lebensweisen der Muslime“ ❙1 als zentrale Ur­ entstünden die Integrationsprobleme von
sachen für ihre Integrationsprobleme. Auffal­ Muslimen in Deutschland. Das zugrunde
lend ist, dass soziale Probleme unter den Mi­ liegende Islambild wird von Vorstellungen
granten vornehmlich auf ihre ethnische Her­ und Erscheinungen eines radikalen Islamis­
kunft und Religion zurückgeführt werden. Da mus bestimmt. ❙3 So bestimmen kulturell ver­
die Probleme hauptsächlich unter Türken und standene Dichotomien die Debatten: Westen
Arabern auftreten, könne ja nur der Islam das versus Islam, aufgeklärt versus rückständig,
Problem sein, so eine gängige Argumentation.
❙1  Vgl. Necla Kelek, Erziehungsauftrag und Inte­
Die Scharia und das vermeintliche Ge­
gration. Eine Auseinandersetzung mit Integrations­
waltpotenzial, die als wesensbestimmend für hemmnissen, in: Deutsche Jugend, 55 (2007), S. 54.
den Islam beschrieben werden, gelten als die ❙2  Vgl. Valentin Rauer, Kulturelle Grenzziehung in
größten Hindernisse für die Integration in integrationspolitischen Diskursen, in: Özkan Ezli/
die hiesige Gesellschaft. Das Kopftuch mus­ Dorothee Kimmich/Annette Werberger (Hrsg.), Wi­
limischer Frauen gerät zur Projektionsfläche der den Kulturenzwang. Migration, Kulturalisierung
und Weltliteratur, Bielefeld 2009, S. 82.
Integration negierender Diskurse, so dass
❙3  Vgl. zur Radikalisierung von europäischen Mus­
Kopftuch tragende Frauen als „nicht“ bezie­ limen die Beiträge von Matenia Sirseloudi, Syed
hungsweise „nicht hinreichend integriert“ Mansoob Murshed und Sara Pavan in: APuZ Extre­
angesehen werden. mismus, (2010) 44.

16 APuZ 13–14/2011
demokratisch versus vordemokratisch, mo­ Auffassung nach in seiner Entwicklungsstu­
dern versus vormodern, säkular versus isla­ fe im „Mittelalter“ beziehungsweise in der
mistisch, Menschenrechte versus Gewalt, um „Vormoderne“ stehengeblieben ist. So be­
nur einige zu nennen. schreibt auch eine weitere Publizistin mus­
limische Gemeinschaften als „Kollektive“,
Zwar gibt es in diesem Diskurs Schwierig­ die „Geboten und Verboten“ unterliegen, die
keiten, zu definieren, was „deutsch“ bezie­ „letztlich Gottes Wille sind“. ❙5 Türkei- und
hungsweise „westlich“ ist, und damit zusam­ arabischstämmige Einwanderer missachte­
menhängend die Frage, was einen integrierten ten deswegen die Gesetze der Demokratie,
Muslim von einem nichtintegrierten Muslim denn sie gingen davon aus, dass „Gott selbst
unterscheidet. Dafür fällt aber die kulturelle der Gesetzgeber ist, dass seine im Koran nie­
Abgrenzung zu Muslimen leichter: Die sicht­ dergelegten Offenbarungen Gesetzeskraft
bare Differenz von Muslimen, am auffälligs­ habe und es keinen ‚säkularen‘ Lebensbe­
ten in Kopftüchern und Moscheeminaretten, reich gibt“. ❙6
sind willkommene Folien dafür. Der Diskurs
stellt also eine Hierarchisierung von Kultu­ Hier herrscht offensichtlich ein Verständ­
ren her, die wiederum als statische, in sich nis von „Scharia“ als gottgegebenes Gesetz
widerspruchslose, geschlossene Systeme und und von Menschen unveränderbarem Recht
als „säkular“ (Westen) beziehungsweise „re­ vor. Das ist irreführend, denn die Gleichset­
ligiös“ (Islam) determiniert verstanden wer­ zung von „Scharia“ mit „Islamischem Recht“
den. Religiosität und Areligiosität gelten als stellt eine Bedeutungsverengung dar. Scharia
konstitutiv für Gesellschaft und Kultur. Au­ bezeichnet zunächst nur die Gesamtheit der
ßer Acht gerät dabei, dass Kultur ein kom­ Ge- und Verbote, die durch den Koran und
plexer Vorgang ist, in dem sich Normen und die Prophetentraditionen (Hadithe) offen­
Werte in einem ständigen Aushandlungs­ bart wurden. ❙7 Der Jurist und Islamwissen­
prozess befinden, der zum Wandel derselben schaftler Mathias Rohe betont: „Die Scha­
führt. Dies gilt insbesondere für Migranten­ ria ist nicht etwa ein Gesetzbuch, sondern
kulturen. Kultur ist ein dynamischer Pro­ ein höchst komplexes System von Normen
zess, der geprägt ist von Bedeutungswandel, und Regeln dafür, wie Normen aufgefunden
Hybriditäten sowie Überschneidungen mit und interpretiert werden können. (…) Islami­
und Übernahmen von Elementen weiterer sches Recht (…), aber auch der Umgang mit
Kulturen. religiösen Normen beruhen auf sekundärer
Findung durch Auslegung und Schlussfol­
gerung, also auf menschlicher Denkkunst.“ ❙8
Scharia als Gottesgesetz? Die Scharia ist demnach kein kodifizier­
tes Recht, das sich etwa an einen weltlichen
„Sind Islam und die Scharia, das islamische Vollstrecker dieser Gebote richtet. Das Isla­
‚Rechtssystem‘, in Übereinstimmung zu mische Recht wiederum ist nicht „Gottesge­
bringen mit Demokratie, Menschenrechten, setz“, sondern ein von religiösen Quellen ab­
Meinungsfreiheit, Pluralismus und, dies der geleitetes, menschengemachtes Recht – und
Kernpunkt überhaupt, mit der Gleichstel­ damit veränderbar.
lung der Geschlechter?“, fragt beispielswei­
se ein renommierter Publizist. ❙4 Bei diesem
Ansatz wird die „Scharia“ als eine Ordnung Gewalt „im Namen des Islams“
verstanden, auf die jegliche Form von abwei­
chendem Verhalten von Muslimen zurück­ Ausgelöst von medialen Bildern gewalttäti­
zuführen ist. Sie gilt als normatives System, ger Ereignisse im Namen des Islams, hat sich
das zur Erklärung von Kriminalität und Ge­ in den ineinander fließenden öffentlichen De­
waltverbrechen, Unterdrückung von Frau­
en und jeglichem politischen und sozialen ❙5  N. Kelek (Anm. 1), S. 53, S. 59, S. 55.
Verhalten herangezogen wird und das dieser ❙6  dies., Die muslimische Frau in der Moderne, in:
APuZ, (2006) 1–2, S. 30.
❙7  Vgl. Kathrin Klausing, Zur Terminologie einer is­
❙4  Ralph Giordano, Nicht die Moschee, der Islam ist lamischen Theologie in Deutschland, in: Hikma, 1
das Problem, in: Franz Sommerfeld (Hrsg.), Der Mo­ (2010), S. 50–55.
scheestreit. Eine exemplarische Debatte über Ein­ ❙8  Mathias Rohe, Das islamische Recht. Geschichte
wanderung und Integration, Köln 2008, S. 46. und Gegenwart, München 20092, S. 16.

APuZ 13–14/2011 17
batten um Integration und Islamkritik die Ehrbegriff – oder vielmehr werden die Ehrbe-
Vorstellung vom Islam als einer zur Gewalt griffe – neu verhandelt. Es kommt zu einem
aufrufenden Religion verfestigt. Eng damit komplexen „Ineinander und Gegeneinander
verwoben ist die Assoziation von Islam und von wertetransformierenden und wertestabi­
Zwang: „Zwangsheirat“, Zwang im Glauben lisierenden Prozessen“ (Werner Schiffauer).
und Zwang in der Glaubenspraxis gehören Dies führt dazu, dass das Motiv „Ehre“ in je­
hier zu den Assoziationsfeldern. Im deut­ dem einzelnen „Ehrenmordfall“ mit unter­
schen Kontext häuft sich der Verweis auf Ge­ schiedlichem Inhalt gefüllt wird – es gibt also
waltdelikte gegenüber Frauen, man spricht keinen Konsens darüber, was „Ehre“ bedeu­
von „Ehrenmorden“. Unabhängig von einem tet. Häufig dient sie als Legitimationsgrundla­
hypothetischen Gewaltpotenzial des Islams – ge für individuelles Fehlverhalten. ❙11 „Ehren­
Stichwort Dschihad oder koranisches Straf­ morde“ sind demnach keine Strafen, die aus
recht – und der tatsächlichen Gewalttätigkeit einem parallelen „islamischen“ Rechtssystem
von Muslimen, werden in der Debatte dies­ mit eigener Rechtsprechung resultieren. Auf
bezüglich theologische, islamrechtliche und die Scharia als normative Instanz im Islam
soziologische Fragen vermischt. Denn bei können sich „Ehrenmörder“ nicht berufen.
genauerem Hinsehen lassen sich weder Eh­
renmorde noch Genitalverstümmelung noch Kürzlich wurde der Zusammenhang zwi­
häusliche Gewalt islamisch legitimieren. ❙9 schen islamischer Religiosität und Gewalt­
bereitschaft wissenschaftlich untersucht. ❙12
Eine Repräsentativuntersuchung zur Ge­ Eine Kausalität zwischen beiden Phänome­
walterfahrung von Frauen innerhalb und au­ nen konnte nicht nachgewiesen werden. Viel­
ßerhalb von Familien- und Paarbeziehungen mehr seien es vielfältige Faktoren wie ein kri­
in Deutschland weist zwar eine höhere Ge­ minelles Umfeld und Gewalterfahrungen in
walterfahrung bei türkeistämmigen Frauen der Kindheit die jugendliche Gewalttätigkeit
auf, zeigt aber deutlich, dass diese beispiels­ in Migrantenmilieus fördern. Dagegen steht
weise in osteuropäischen Paarbeziehun­ der Befund, dass die Gewalt bei Jugendlichen
gen ebenfalls hoch ist. ❙10 Ein weiteres wichti­ aus Migrantenfamilien zunimmt, je länger sie
ges Ergebnis der Studie ist: Türkeistämmige in Deutschland leben. Die zunehmende Ge­
Frauen sind nicht häufiger Gewalt ausgesetzt, walt entsteht also erst im deutschen Umfeld
weil Türkeistämmige mehrheitlich Muslime und weniger in den Herkunftsländern. ❙13
sind, sondern weil die betroffenen Frauen sich
aufgrund ihrer sozialen Situation, fehlenden
Sprachkenntnisse, mangelnden Bildung und Kopftuch als Symbol für Desintegration?
ökonomischen Abhängigkeit schwieriger vom
Partner lösen können. Auch migrationsbe­ In der öffentlichen Wahrnehmung von Mus­
dingte Ursachen wie verunsicherte Männlich­ limen in Deutschland fungiert das Kopftuch
keitsbilder aufgrund veränderter Geschlech­ von muslimischen Frauen als visuelle Pro­
terbeziehungen spielen dabei eine Rolle. jektionsfläche für negativ behaftete Vorstel­

Wie kommen „Ehrenmorde“ dann zustan­


❙11  Vgl. Ahmet Toprak, Integrationsunwillige Musli­
de? Werden die Frauen getötet, weil sie ein me? Ein Milieubericht, Freiburg 2010, S. 37–59; Wer­
„unislamisches“ Leben geführt haben? Der ner Schiffauer, Parallelgesellschaften. Wie viel Werte­
Ehrbegriff ist in unterschiedlichen Variatio­ konsens braucht unsere Gesellschaft?, Bielefeld 2008,
nen im gesamten ländlichen Mittelmeerraum S. 21–48.
von Marokko über Spanien, Süditalien, Grie­ ❙12  Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frau­
en und Jugend (Hrsg.), Gewaltphänomene bei männli­
chenland bis zum Nahen Osten verbreitet und
chen, muslimischen Jugendlichen mit Migrationshin­
kein Spezifikum muslimischer Gesellschaften. tergrund und Präventionsstrategien, Berlin 2010; ders.,
So spielt Ehre auch in Mafia- und Camorra- Jugendliche Migranten – muslimische Jugendliche. Ge­
Kreisen eine Rolle. In der Migration wird der walttätigkeit und geschlechterspezifische Einstellungs­
muster, Berlin 2010; Christian Pfeiffer et  al., Kinder
und Jugendliche in Deutschland. Gewalterfahrungen,
❙9  Vgl. ebd., S. 69, S. 342 f. Integration, Medienkonsum, Hannover 2010, S. 416 f.
❙10  Vgl. Monika Schröttle, Gewalt gegen Frauen mit ❙13  Vgl. Landeskommission Berlin gegen Gewalt
türkischem Migrationshintergrund in Deutschland, (Hrsg.), Gewalt von Jungen, männlichen Jugendli­
in: Thorsten Gerald Schneiders (Hrsg.), Islamfeind­ chen und jungen Männern mit Migrationshinter­
lichkeit, Wiesbaden 2009, S. 269–287. grund, Berlin 2007.

18 APuZ 13–14/2011
lungen einer „gescheiterten Integration“. Das Diskriminierung von Frauen in Saudi-Arabi­
Kopftuch gilt als Symbol und zugleich Pro­ en, ferner die Implementierung einer als is­
dukt einer ungleichen islamischen Geschlech­ lamisch definierten Geschlechterordnung im
terordnung und eines politischen, unterdrü­ öffentlichen Raum nach der Islamischen Re­
ckerischen Islams. Diese Vorstellungen sind volution in Iran 1979, wozu auch die Zwangs­
das Resultat eines Diskurses, welcher das verschleierung aller Frauen gehörte. Die neue
muslimische Kopftuch, ähnlich einem „leeren Welle der Verschleierung in Iran und in der
Signifikant“, beliebig mit politischen Inhalten Türkei ist jedoch primär als Reaktion auf die
auflädt und besetzt: Das Kopftuch wird ana­ Zwangsentschleierungspolitik unter Atatürk
log zum christlichen Kreuz zum religiösen und Reza Shah Pahlavi im Zuge ihrer „Mo­
Symbol erklärt. So ließ etwa Karl Kardinal dernisierung von oben“ zu sehen; zumindest
Lehmann, damaliger Vorsitzender der Deut­ wurde die Politisierung des Kopftuchs nicht
schen Bischofskonferenz, auf dem Höhepunkt von der muslimischen Bevölkerung, sondern
der deutschen Kopftuch-Debatte verlautba­ von einheimischen Eliten und dem modernis­
ren, dass Kreuz und Ordenskleidern „nicht tisch-hegemonialen Kulturdiskurs kolonialer
die geringste Spur einer politischen Propa­ Besatzungsmächte bereits im 18. Jahrhundert
ganda eigen“ sei; das Kopftuch dagegen habe begonnen. ❙18
eine politische Bedeutung. ❙14 Dem Kreuz wird
in diesem Diskurs die Bedeutung eines entpo­ Bis vor Kurzem bemühte sich die deutsche
litisierten und pazifistischen Gegensymbols Kopftuch-Debatte kaum um eine Unterschei­
zum „islamischen“ Kopftuch verliehen. dung zwischen den Formen der Verschleie­
rung und ihren Bedeutungen. Bei solch einer
Dabei hat das Kopftuch, das in allen Mit­ Unterscheidung sollten nicht nur lokale Klei­
telmeer-Kulturen von Frauen unterschied­ dungstraditionen berücksichtigt werden, son­
licher religiöser Prägung getragen wird, im dern auch der jeweilige politische Kontext und
Christentum eine weit ältere Tradition als im die dazugehörige Religions- und Kleidungs­
Islam. Die Gender-Forscherinnen Christina politik beispielsweise im postrevolutionären
von Braun und Bettina Mathes sprechen da­ Iran, dem wahhabitischen Saudi-Arabien oder
her von einer „Islamisierung des Schleiers“. ❙15 der Türkei, wo der Laizismus als Leitprin­
Für Alice Schwarzer hingegen ist das Kopf­ zip der Republik in der Verfassung verankert
tuch ein „blutiges Symbol“ und „Flagge des ist – drei völlig unterschiedliche Gesellschaf­
islamistischen Kreuzzugs, der die ganze Welt ten und politische Systeme. Über diese theo­
zum Gottesstaat deformieren will“. ❙16 Hin­ retischen Überlegungen hinaus wäre die Fra­
zu kommt, dass Kopftuchträgerinnen einen ge zu stellen, wie die tatsächliche Stellung der
„freiwilligen Verzicht auf ihre Gleichberech­ Frau in der jeweiligen Gesellschaft ist. In Iran
tigung“ betrieben und Flaggenträgerinnen beispielsweise ist trotz der rigiden Geschlech­
von islamistischen Parteien seien. ❙17 terpolitik seit 1979 der Anteil von Frauen in
allen Bildungsbereichen signifikant gestiegen;
Diese politisierte Wahrnehmung des Kopf­ Frauen drängten zunehmend in die Justiz, in
tuchs ist geprägt von der Rezeption frauen­ die Universitäten und Medien und überhol­
feindlicher Diskurse und Politiken in muslimi­ ten die Männer bei Hochschulabschlüssen. ❙19
schen Ländern: Die prominentesten Beispiele Die dichotomische Annahme, dass eine „auf­
sind die brutale und menschenverachtende geklärte Werteordnung des Westens emanzi­
Frauenpolitik der Taliban sowie die afghani­ pierte Frauen hervorbringt“ und ein „rück­
sche Burka als dessen visuelle Markierung, ständiger Islam Frauen einsperrt“, reduziert
die Zwangsverschleierung und rechtliche die Komplexität der Geschlechterordnungen
und ihre historischen Dynamiken.
❙14  Vgl. Hamburger Abendblatt vom 6. 6. 2004; Heide
Oestreich, Der Kopftuchstreit. Das Abendland und ❙18  Die Fetischisierung und Objektifizierung musli­
ein Quadratmeter Islam, Frankfurt/M. 2004, S. 97. mischer Frauen mitsamt ihrer Kleidung und der Ne­
❙15  Christina von Braun/Bettina Mathes, Verschlei­ gativdiskurs um das Kopftuch als „islamisches“ In­
erte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Wes­ strument zur Unterdrückung von Frauen fand bereits
ten, Berlin 2007, S. 52. in der Kolo­n ialzeit statt. Vgl. Katherine Bullock, Re­
❙16  Alice Schwarzer: Die Gotteskrieger und die falsche thinking Muslim Women and the Veil, Herndon–
Toleranz, zit. nach: H. Oestreich (Anm. 14), S. 108. Richmond 2002.
❙17  Necla Kelek, Himmelsreise. Mein Streit mit den ❙19  Vgl. Maryam Poya, Women, Work and Islamism.
Wächtern des Islam, Köln 2010, S. 146–160. Ideology and Resistance in Iran, London 1999.

APuZ 13–14/2011 19
Und trotz der simplifizierenden Argumen­ ein Kopftuch tragen, wird entkräftet: „Den­
tation ist diese nicht frei von Widersprüchen: noch zeigen die Befunde, dass starke Gläu­
Zum einen wird das Kopftuch abgelehnt, weil bigkeit nicht zwangsläufig mit dem Tragen
es das Bekenntnis zum („politischen“) Islam os­ eines Kopftuchs einhergeht. So verlässt im­
tentativ nach außen trage und damit eine kul­ merhin jede zweite stark gläubige Muslimin
turelle Abgrenzung beinhalte – unterstellt wird unbedeckt das Haus.“ ❙21 Hinzu kommt die
der Trägerin die Ablehnung der herrschenden Erkenntnis, dass Kopftuchträgerinnen sich
Werteordnung innerhalb der deutschen „Leit­ zu 63,6  Prozent „stark oder sehr stark“ mit
kultur“. Zum anderen wird das Kopftuch als Deutschland verbunden fühlen und einen
Beweis für die Unterdrückung der Frau im Is­ Bildungsaufstieg innerhalb der Generationen
lam, sie selbst als passives Subjekt und Opfer verzeichnen, vor allem wenn sie Bildungs­
des patriarchalischen Systems verstanden. Die inlän­de­r in­nen sind. Auch die Freundschafts­
Kopftuchträgerin gerät damit gleichsam zur kontakte zur Mehrheitsgesellschaft sind in
Täterin, zum feindlichen Subjekt und zum Op­ dieser Gruppe häufig. ❙22 Demnach fällt es
fer. Diskriminierungserfahrungen von Kopf­ schwer, in dieser Gruppe eine Distanz zur
tuchträgerinnen, unabhängig davon, ob sie das deutschen Mehrheitsgesellschaft oder gar eine
Tuch durch Zwang oder freiwillig tragen, wer­ Integrationsverweigerung auszumachen.
den kaum thematisiert. Der Körper der Kopf­
tuchträgerin wird zum Träger von Bedeutungen Ähnlich brüchig ist die „Beweisführung“
im Negativdiskurs über den Islam – ihr selbst mit Blick auf die simplifizierende Gleichset­
wird dabei jegliche Definitionsmacht über ih­ zung des Kopftuchs mit patriarchalen und tra­
ren Körper, ihr Kopftuch und damit auch ihrem dierten Geschlechterrollen. Jüngste Studien
Religionsverständnis abgeschrieben. zeigen, dass auch areligiöse türkische und ara­
bische Familien wie auch beispielsweise alevi­
tische, als liberal geltende Muslime, für die das
Häufigkeit und Bedeutungen Kopftuch gerade keine Rolle spielt, an traditi­
des Kopftuchs onellen Geschlechterrollen festhalten. Ein Zu­
sammenhang von Religiosität und traditionel­
Dabei wurde die Frage nach der individuel­ len Geschlechterrollen scheint damit fraglich. ❙23
len Motivation der Kopftuchträgerinnen in Die häufig formulierte Forderung, Muslimin­
Deutschland schon mehrfach wissenschaft­ nen sollten ihr Kopftuch ablegen und sich da­
lich bearbeitet. Die vom Bundesamt für Mi­ mit von patriarchalischen Geschlechterrollen
gration und Flüchtlinge herausgegebene Stu­ befreien, dürfte daher zu kurz gegriffen sein.
die „Muslimisches Leben in Deutschland“
liefert empirische Daten über die Verbreitung Indes findet unter der jungen Generati­
des Kopftuchs unter Musliminnen: 28 Prozent on von Kopftuchträgerinnen und feminis­
der Musliminnen tragen ein Kopftuch, die tisch-islamischen Kritikerinnen bereits ein
deutliche Mehrheit, nämlich 72  Prozent, da­ Kampf gegen patriarchalische Strukturen
gegen keins. Bei den Kopftuchträgerinnen be­ mithilfe von Koran und Prophetentraditi­
trägt der Anteil von Mädchen unter 10 Jahren on statt. ❙24 Dazu gehört die Kritik an frauen­
2,5 Prozent; nur eine geringe Minderheit von feindlichen Auslegungen des Koran und die
Grundschülerinnen trägt es demnach, im Ge­ Dekonstruktion patriarchalischer Traditio­
gensatz zu 50 Prozent der über ­66-Jährigen. nen in der islamischen Rechtsauslegung. Vor
diesem Hintergrund kann die Kleidung den
Die Studie kommt zum Ergebnis, dass in
der zweiten Generation die Häufigkeit des
❙21  Ebd., S. 201.
Kopftuchtragens signifikant abnimmt: „Die
❙22  Vgl. ebd., S. 202 f.
Unterschiede sind offenbar darauf zurück­ ❙23  Vgl. A. Toprak (Anm.  11), S.  26–29; Ministeri­
zuführen, dass die in Deutschland gebore­ um für Arbeit, Integration und soziales des Landes
nen Frauen deutlich seltener regelmäßig ein NRW (Hrsg.), Muslimisches Leben in Nordrhein-
Kopftuch tragen.“ ❙20 Auch die weit verbreite­ Westfalen, Düsseldorf 2010, S. 98 f.
te These, dass ausschließlich religiöse Frauen ❙24  Vgl. Zentrum für Islamische Frauenforschung
und Frauenförderung (Hrsg.), Ein einziges Wort und
seine große Wirkung, Köln 2005; Schirin Amir-Mo­
❙20  Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Hrsg.), azami, Politisierte Religion. Der Kopftuchstreit in
Muslimisches Leben in Deutschland, Nürnberg 2009, Deutschland und Frankreich, Bielefeld 2007, S. 212–
S. 200. 224.

20 APuZ 13–14/2011
jungen Musliminnen eine gewisse Unabhän­ Mathias Rohe
gigkeit vom tradierten Geschlechterverhält­
nis verleihen und zur Abwehr von Anfor­
derungen an ihre weibliche Rolle dienen: die
Islam und säkularer
Kleidung als Merkmal des reflektierten, auf­
geklärten und individualisierten statt eines
von den „Gastarbeiter-Eltern“ übernomme­
Rechtsstaat: Grund­
nen Islams. Das Tragen des Kopftuchs kann
eine bewusst getroffene spirituelle Entschei­
lagen und gesell­
dung zu einem religiösen Gebot sein, es kann
für eine religiös-feministisch inspirierte Kri­ schaftlicher Diskurs
tik an der Sexualisierung des weiblichen Kör­
pers stehen oder auch für ein positiv besetztes
Bekenntnis zur Tradition. ❙25 Für viele junge
Musliminnen dient die bewusste öffentliche
Differenzmarkierung als weibliche, religiö­
R eligion und Säkularität – das mag für man­
che wie die Vereinigung von Feuer und
Wasser klingen. Sind Religionen nicht natürli­
se Minderheit auch zur Konstruktion einer che Gegner einer welt­
positiv besetzten Identität, weil sie immer lich orientierten und Mathias Rohe
wieder Erfahrungen von Exklusion machen, auf religionsneutralen Dr. iur., geb. 1959; Profes-
selbst wenn sie sich in ihrem Selbstbild als Institutionen aufge­ sor für Bürgerliches Recht,
vollständig „integrierte“ Person betrachten. bauten Ordnung? Tat­ Internationales Privatrecht
sächlich haben vor al­ und Rechtsvergleichung an der
lem die monotheisti­ Friedrich-Alexander-Universität
Integration: Aufgabe der Religion? schen Religionen mit Erlangen-Nürnberg; Mitarbeiter
ihren weitreichenden der Deutschen Islamkonferenz
Eine geschlechtergerechte Religiosität muss Geltungsansprüchen (DIK); Gründungsdirektor des
demnach die Partizipation am gesellschaftli­ lange gebraucht, bis Erlanger Zentrums für Islam
chen Leben nicht ausschließen. Demgegenüber sie bereit waren, ihren und Recht in Europa, Schiller­
steht das Argument, dass sich Muslime nicht in Frieden mit säkularen straße 1, 91054 Erlangen.
eine demokratische, pluralistische Gesellschaft Ordnungen zu schlie­ mathias.rohe@
integrieren können, weil eine „Säkularisie­ ßen. Im christlichen jura.uni-erlangen.de
rung des Islams“ nicht möglich sei: Im Begriff Spektrum hat die ka­
„säkulare Muslime“ etwa drückt sich die wi­ tholische Kirche diesen Schritt nachhaltig erst
dersprüchliche Logik des Diskurses aus. Wi­ im Jahr 1965 mit dem Zweiten Vatikanischen
dersprüchlich, da Säkularismus im deutschen Konzil vollzogen. Immer noch finden sich –
Kontext die Trennung von Staat und Religi­ stark modifizierte – Staatskirchensysteme in
on sowie die Neutralität des Staates gegenüber mehreren europäischen Staaten. Auch im Ju­
Religionen meint. Nach dieser Definition kön­ dentum scheint die Lage noch nicht gänzlich
nen Individuen und soziale Verhältnisse nicht geklärt zu sein. Das Modell des Staates ­Israel
säkular sein. Abgesehen von der Grenzziehung als „jüdische Demokratie“ nährt eine noch
zu den „Nicht-Säkularen“ beziehungsweise nicht abgeschlossene Debatte in Israel über
den „Säkularismus-Ablehnenden“, die durch das Verhältnis beider Sphären. ❙1
solche Begriffe als Gruppe erst konstruiert
werden, impliziert der Begriff, dass eine Dis­ Vor allem der Islam und sein Normensys­
tanz zur eigenen Religion die Voraussetzung tem (Scharia) werden von vielen Nichtmus­
für Integration ist. Die Selbstbeschreibung von limen, aber auch manchen Muslimen als der
„Ex-Muslimen“ als „säkular“ treibt den Wider­ gegenwärtige Bedrohungsfaktor für säkula­
spruch noch weiter: Nur der Muslim, der kei­ re demokratische Rechtsstaaten angesehen. ❙2
ner mehr ist, kann säkular sein, so die Aussa­ Scharia bezeichnet im weiten Sinne alle reli­
ge. Damit wird letztlich etwas in Gang gesetzt,
dessen Gegenteil eigentlich gefordert wird: die
Politisierung der Muslime. ❙1  Vgl. beispielsweise die Diskussionen in Israel an­
lässlich der Einführung eines Treueschwurs auf N-TV
online vom 10. 10. 2010, www.n-tv.de/politik/Israel-
❙25  Vgl. H. Oestreich (Anm. 14), S. 140–155. verlangt-Treueschwur-article1682986.html (9. 2. 2011).
❙2  Vgl. Mathias Rohe, Das islamische Recht: Ge­
schichte und Gegenwart, München 20092.

APuZ 13–14/2011 21
giösen und rechtlichen Normen sowie die In­ gängen und den damit verbundenen Begleit­
strumente ihrer Auslegung wie die Vorschrif­ erscheinungen aufs Engste verbunden ist.
ten über die rituellen Gebete, das Fasten oder
auch das Ehe-, Familien- oder Strafrecht. Anders als in klassischen Einwanderungs­
Manche Strömungen beziehen sich auf einen ländern wie Kanada, den USA oder Australi­
engen Scharia-Begriff und meinen damit im en wird hierzulande Migration von vielen im­
Wesentlichen das Ehe-, Erb- und Strafrecht. mer noch weit mehr als Bedrohung denn als
Chance wahrgenommen. Tatsächlich hat die
In den vergangenen Jahren ist ein aggressi­ Zuwanderungspolitik der vergangenen Jahr­
ver islamischer Extremismus („Islamismus“ ❙3) zehnte vorwiegend eher wenig ausgebildete
ideologisch und teils auch massiv gewalttätig Arbeitskräfte für die Verrichtung einfacher
gegen säkulare demokratische Rechtsstaa­ und körperlich anstrengender Tätigkeiten
ten und ihre Bürger in Erscheinung getreten. ins Land gebracht. Deren Arbeitsplätze sind
Nicht von ungefähr ist dieses Thema daher aufgrund des wirtschaftlichen Strukturwan­
auch Gegenstand der zweiten Deutschen Is­ dels der vergangenen Jahrzehnte weitgehend
lamkonferenz (DIK). Stehen solche Phäno­ weggefallen. Anders als zunächst allseits er­
mene aber tatsächlich für „den Islam“ oder wartet, ist ein erheblicher Teil dieser Men­
„die Muslime“, oder sind sie nicht bedrohli­ schen auf Dauer im Land geblieben, ohne
che und mit allen rechtsstaatlichen Mitteln zu dass die notwendigen institutionellen Reak­
bekämpfende Randerscheinungen? Die ange­ tionen beispielsweise im Bildungsbereich er­
messene Behandlung derartiger Fragen setzt folgt wären. Erst in den vergangenen Jahren
vor allem eines voraus: eine nüchterne, realis­ hat sich dies geändert. Hinzu kommt, dass
tische Sachlichkeit und somit Fairness gegen­ sich vor allem seit den Terroranschlägen vom
über den Menschen. Weder der faktenarme 11. September 2001 die öffentliche Wahrneh­
Alarmismus kleinstbürgerlicher Angstphan­ mung von Migranten verändert hat: Zum ei­
tasien ❙4 noch blauäugige Parolen, wonach nen gab es eine diskursive Verschiebung, die
„der Islam“ nichts sei als Frieden, helfen bei sich nunmehr weniger auf „Ausländer“ und
der Bewältigung realer Probleme und bei der mehr auf „Muslime“ konzentriert, zum an­
Nutzung positiver Potenziale der Religionen deren dominiert die defizitorientierte Sicht
zum gemeinsamen Wohl. auf die Migranten. ❙6

Vielfältige Erfahrungen aus öffentlichen


Spätes Bekenntnis Veranstaltungen zeigen, dass oft umstandslos
zur Einwanderungsgesellschaft Probleme mangelnder Sprachbeherrschung
und die damit verbundenen Schwierigkeiten
Angesichts der regelmäßig wiederkehrenden, im Hinblick auf Bildung und Arbeit, Diskri­
oftmals wenig differenzierten ­Islamdebatten minierung oder kulturell bedingte Verhal­
ist es nicht immer leicht, die Sachanalyse in tensweisen (wie das Ehrverständnis oder die
den Vordergrund zu stellen. Symptomatisch Kommunikationskultur) mit der Religion des
sind einige kritische Reaktionen auf die Fest­ Islams vermischt werden. Schon deshalb ist
stellung des Bundespräsidenten Christian zu begrüßen, dass die Bundesregierung die
Wulff im Oktober 2010, wonach auch der Is­ Themenfelder „Integration“ und „Islam“ in­
lam mittlerweile zu Deutschland gehört. ❙5 Dies haltlich und institutionell getrennt hat, indem
gilt umso mehr, als die dauerhafte Präsenz ei­ nicht nur eine – religionsorientierte – Islam­
ner erheblichen Anzahl von Musliminnen und konferenz etabliert wurde, sondern auch Inte­
Muslimen in Deutschland ein vergleichsweise grationsgipfel stattfanden und andere integra­
neues Phänomen ist, das mit Migrationsvor­ tionsbezogene Aktivitäten entfaltet werden.

❙3  Vgl. zur (noch unscharfen) Begrifflichkeit des Der säkulare Rechtsstaat hat sich bei al­
„Isla­m is­mus“ und seinen maßgeblichen Inhalten len Unvollkommenheiten als das historische
ders., Islamismus und Schari’a, in: Bundesamt für
Migration und Flüchtlinge (BAMF) (Hrsg.), Integra­
tion und Islam, Nürnberg 2005, S. 120–156. ❙6  Vgl. Naika Foroutan, Neue Deutsche, Postmigran­
❙4  Vgl. Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab, ten und Bindungs-Identitäten. Wer gehört zum neu­
Berlin 2010. en Deutschland?, in: APuZ, (2010) 46–47, S.  9–15;
❙5  Vgl. Matthias Drobinski, Die neue deutsche Frage, Dietrich Thränhardt, Integrationsrealität und Inte­
in: Süddeutsche Zeitung vom 6. 10. 2010. gra­t ionsdiskurs, in: ebd., S. 16–21.

22 APuZ 13–14/2011
Erfolgsmodell erwiesen. Frieden und Wohl­ auch religiöse Vielfalt – allerdings ist unterhalb
stand scheinen auf seiner Grundlage am bes­ dieser Schwelle in erheblichem Umfang mög­
ten zu gedeihen. Gerade Deutschland hat in lich, teils erwünscht und sogar geboten. Die
der Folge des nationalsozialistischen Ter­ Zeiten des „cuius regio, eius religio“ („Wessen
rorstaats und des DDR-Unrechtsregimes al­ Gebiet, dessen Religion“) sind vergangen.
len Anlass, sich eine an der Menschenwürde
orientierte, freiheitliche, aber auch wehrhaf­ Andererseits hat sich Deutschland gegen
te Ordnung zu geben. Die aus guten Grün­ eine streng laizistische und für eine religions­
den teils mit Unterstützung, teils gegen erbit­ offene und neutrale Säkularität entschieden,
terten Widerstand von Religionsvertretern wie es beispielsweise aus Artikel 4 und Arti­
entstandene säkulare Trennung von Religion kel 7 Absatz 3 des Grundgesetzes sowie dem
und staatlicher Machtausübung zählt zu den Religionsverfassungsrecht insgesamt zu ent­
unverzichtbaren Grundlagen einer solchen nehmen ist. ❙9 Religion ist keineswegs aus dem
staatlichen Ordnung. öffentlichen Raum verbannt. Sie darf sicht­
bar werden, sich in die Debatten einmischen
Wird sie durch den Islam gefährdet? Wenn und ist ein wichtiger Bestandteil universitä­
Moscheen errichtet werden, wenn Empfehlun­ rer Forschung und Lehre. Sie findet auch im
gen zum Umgang mit muslimischer Religion bekenntnisorientierten Religionsunterricht
in Schulen gegeben werden, ❙7 wenn „Halal- in den öffentlichen Schulen vieler deutscher
Fleisch“ (nach islamischen Regeln geschäch­ Länder oder im Rahmen vielfältiger anderer
tetes Fleisch) und Scharia-konforme Invest­ Kooperationen zwischen Staat und Religi­
mentfonds angeboten werden oder wenn einer onsgemeinschaften Raum.
Iranerin von einem deutschen Gericht die ehe­
vertraglich vereinbarte Zahlung von Goldmün­ Anders als in streng laizistisch orientierten
zen im Scheidungsfall zugesprochen wird, be­ Systemen wie in Frankreich oder der Türkei
fürchten manche eine schleichende, vielleicht wird Religion in Deutschland nicht als Bedro­
sogar offene „Islamisierung“ Deutschlands hung des staatlichen Machtanspruchs wahr­
und ein Untergraben des säkularen Staats. ❙8 genommen, sondern als mögliche positive
Ressource für das Zusammenleben und die ge­
meinnützige Sinnstiftung. Nicht nur deshalb
Deutsche Rechtsordnung sind die Religionen aufgefordert, extremisti­
als unumstößliche Grundlage sche Potenziale in den eigenen Reihen ernst
zu nehmen und ihnen mit den zur Verfügung
Notwendiger Ausgangspunkt ist die Feststel­ stehenden Möglichkeiten ­entgegenzutreten.
lung, dass allein die deutsche Rechtsordnung
in allen rechtlich relevanten Bereichen darüber
entscheidet, welche Normen in welchem Um­ Religiöse Normen versus Rechtsnormen
fang und innerhalb welcher Grenzen durch­
gesetzt werden können. Auf dieser Stufe der Generell muss zwischen religiösen Normen
Letztentscheidung ist das Recht einheitlich (wie Beten und Fasten) und Rechtsnormen
und keineswegs „multikulturell“. Vielfalt – (wie Vertragsrecht, Familienrecht und Straf­
recht) unterschieden werden. Dies ist aus der
❙7  Der vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Sicht des deutschen Rechts erforderlich, aber
Jugend und Kultur von Rheinland-Pfalz Anfang des auch aus islamischer Perspektive möglich und
Jahres 2011 herausgegebene Leitfaden „Muslimische bereits in der frühen Normenordnung des Is­
Kinder und Jugendliche in der Schule“ ist inhaltlich lams angelegt, wenngleich es durchaus Über­
am geltenden Recht orientiert. Dennoch löst er Irri­
schneidungsbereiche zwischen Recht und
tationen aus, Kritiker bezeichnen einige Empfehlun­
gen als „antiaufklärerisch“. Das Faltblatt ist online: Religion gibt. ❙10
http://eltern.bildung-rp.de/fileadmin/user_upload/
eltern.bildung-rp.de/Faltblatt_Muslimische_Kin­ ❙9  Vgl. Axel Freiherr von Campenhausen/Heinrich
der_und_Jugendliche_in_der_Schule.pdf (9. 2. 2011). de Wall, Staatskirchenrecht, München 2006 4.
Vgl. zur Diskussion darüber Abdul-Ahmad Ras­ ❙10  Vgl. M. Rohe (Anm. 2), S. 9 ff. Dies verkennt Tilman
hid, Handreichungen für Lehrer in der Kritik, on­ Nagel, Lohn und Strafe im Diesseits und im Jen­
line: www.forumamfreitag.zdf.de/ZDFde/inhalt/​24/​ seits, Rezension zu M. Rohe (Anm. 2), online: www.​
0,1872,8202616,00.html (9. 2. 2011). nzz.ch/nachrichten/kultur/buchrezensionen/lohn_​und_​
❙8  Vgl. Mathias Rohe, Islamisierung des deutschen strafe_im_diesseits_und_im_jenseits_1.​3981865.html
Rechts?, in: JuristenZeitung, 62 (2007) 17, S. 801–806. (9. 2. 2011).

APuZ 13–14/2011 23
Religiöse Normen, auch solche der Scha­ blic) angedeutet: Wo die Anwendung frem­
ria, genießen den Schutz der in Deutschland den Rechts zu Ergebnissen führen würde, die
weitreichenden Religionsfreiheit. Abgesehen unseren rechtlichen Grund­entscheidungen
von historisch begründeten und immer noch widersprechen, endet die Bereitschaft zu sol­
rechtsverbindlichen Sonderregelungen gelten cher Rechtsanwendung. Deshalb kann es im
für alle Religionen und Weltanschauungen (es Inland ebenso wenig eine – noch dazu nur
geht hier um Individuen und ihre individuel­ dem Ehemann vorbehaltene – einseitige Pri­
le Religionsfreiheit oder Organisationen und vatscheidung geben noch eine unflexible, pat­
ihre kollektive Religionsfreiheit, nicht um riarchalisch orientierte Zuordnung des Sorge­
„die Religion“ schlechthin) dieselben Rech­ rechts für Kinder nach Alter und Geschlecht
te und Pflichten. Unser Verfassungssystem oder ein Eheverbot zwischen Musliminnen
kennt keinen „christlichen Religionsvorbe­ und Nichtmuslimen, wie es dem traditionel­
halt“, auch wenn das Christentum sicherlich len islamischen Recht e­ ntspricht.
in besonderer Weise kulturprägend war und
es nach wie vor ist. Sie kann aber nur in die­ Nach alledem gibt es dennoch Grund zur
ser Funktion auch besondere Rechtsrelevanz Entwarnung: Maßgeblich für die Rechts­
gewinnen, beispielweise im Hinblick auf die sprechung in Deutschland bleibt im Grund­
Inhalte von Lehrplänen. Mit anderen Wor­ satz und nach den auch international übli­
ten: Was der Mehrheit zusteht, steht auch den chen Maßstäben das deutsche Recht. Es soll
Angehörigen kleinerer Religions- und Welt­ nicht unerwähnt bleiben, dass auch in vie­
anschauungsgemeinschaften zu. So gesehen len – nicht allen – islamisch geprägten Staa­
ist es eine schlichte Normalität, dass eine auf ten wie Marokko, Jordanien oder Ägypten
Dauer im Lande lebende Bevölkerungsgrup­ Reformen erkämpft werden, welche die Un­
pe, zusehends auch als deutsche Staatsange­ gleichbehandlung der Geschlechter und Reli­
hörige, eine religiöse Infrastruktur aufbaut. gionen aufheben oder jedenfalls eindämmen
sollen, während andernorts wie in Nigeria
Im Bereich rechtlicher Normen herrscht oder in Pakistan politisierte Rückschritte ins
weitgehend das Territorialprinzip: Jeder juristische Patriarchat auf den Weg gebracht
Staat wendet die ihm eigenen Sachnormen an. wurden. Auch daran zeigt sich die Vielgestalt
Das gilt annähernd uneingeschränkt für das der Interpretation nur scheinbar einheitlicher
Strafrecht und das gesamte öffentliche Recht, Regelungen im Islam.
die das Handeln in staatlicher Souveränität
und die Aufrechterhaltung unerlässlicher ge­
meinsamer Verhaltensstandards zum Gegen­ Gefährdung durch den Islam?
stand haben.
Ist der demokratische Rechtsstaat, der Ein­
Im Bereich des Privatrechts jedoch gelten heit und individuelle Gestaltungsfreiheit in
Besonderheiten dort, wo das Wohl einzel­ ein ausgewogenes Verhältnis zu setzen ver­
ner Privatpersonen bei der Ordnung ihrer sucht, durch den Islam gefährdet? Eine bün­
Verhältnisse im Vordergrund steht. Deshalb dige Antwort auf die so gestellte Frage ist un­
stellt die deutsche Rechtsordnung Regeln für möglich: Die Positionen des Islams und der
„internationale“ Sachverhalte im Hinblick Muslime sind dafür zu vielgestaltig, da auch
darauf auf, welches Recht im konkreten Fall der Islam alles andere als ein monolithischer
als das sachnächste anzusehen ist. Man ist Block ist. Deshalb müssen wir die Situation
also im Grundsatz dazu bereit, auch fremdes in Deutschland und Europa gesondert von
Recht anzuwenden, wenn es sachnäher ist als der in anderen Teilen der Welt betrachten.
das eigene. So kann es dazu kommen, dass, Die Unterscheidung ist wichtig, weil Musli­
wie oben erwähnt, ein deutsches Gericht me gerade in freiheitlichen Rechtsstaaten of­
ehevertragliche Ansprüche nach iranischem fen und ohne machtpolitischen Druck über
Recht durchsetzt. Weshalb sollte auch eine Fragen ihrer Religion debattieren und publi­
Ehefrau nicht Vermögenswerte zur Absiche­ zieren können.
rung nach der Scheidung erhalten können?
Was ist anstößig an der Zahlung von Gold­ Andererseits ist es ebenso wahr wie bekla­
münzen anstelle der Zahlung in einer hoch genswert, dass insbesondere in weiten Teilen
inflationären Währung? Damit sind jedoch der arabischen Welt offene Debatten über die
zugleich die Grenzen (sogenannter ordre pu- hier behandelten Fragen nicht geführt wer­

24 APuZ 13–14/2011
den können, weil dort Menschenrechte un­ Teil der Bevölkerung überhaupt ohne tiefere
terdrückt werden, worunter auch die Mei­ Reflexion in das bestehende System einfindet
nungsfreiheit leidet und die Entwicklung von und es in seinen Grundentscheidungen – ein­
offenen Diskursräumen verhindert wird. Ne­ schließlich der Menschenrechte – bejaht.
ben vielen politischen Ursachen ist dieser Zu­
stand auch dadurch bedingt, dass eine brei­
te, intolerante Schicht von Religionsgelehrten Innerislamische Meinungsvielfalt
und religiösen Autodidakten durch solche
Debatten ihre Macht bedroht sieht oder ge­ Muss man sich dafür vom Islam schlechthin
nerell extrem intoleranten Spielarten des Is­ abwenden, wie es eine kleine, aber lautstarke
lams folgt, wie beispielsweise dem in Saudi- Zahl ideologisierter Islamkritiker behauptet?
Arabien dominierenden Wahhabismus. Eine solche Haltung spiegelt eine profunde
Unkenntnis der Materie wider. Das Normen­
Zunächst ist festzuhalten, dass neben den system des Islams, die Scharia, ist auch und
vielen schon im Inland geborenen oder hier gerade in ihren diesseitsbezogenen rechtli­
sozialisierten deutschen Muslimen auch die­ chen Anteilen alles andere als ein unverän­
jenigen vom Balkan oder aus der Türkei in ei­ derliches Gesetzbuch. Auch der Islam trennt
ner rechtskulturellen Umgebung aufgewach­ schon seit seiner Frühzeit Diesseits und Jen­
sen sind, die sich seit vielen Jahrzehnten an seits, religiöse und rechtliche Sachverhalte,
europäischen Staats- und Rechtssystemen auch wenn es mancherlei Verbindungen und
orientieren und sich explizit von islamrecht­ Verflechtungen gibt. Auch im Islam wurde
lich ausgeprägten Systemen abgewandt ha­ seit jeher die Frage erörtert, welche Normen
ben. Aber auch unter Muslimen aus anderen in welchem Kontext und in welcher Weise zu
Teilen der vom Islam geprägten Welt finden interpretieren sind.
sich Anhänger des demokratischen Rechts­
staats in großer Zahl. Nicht wenige von ih­ In der kulturellen Blütezeit des islamischen
nen sind den dortigen, säkular oder religiös Mittelalters, aber auch wieder in der Gegen­
legitimierten Diktaturen ­entflohen. wart wird dem eigenständigen Nachdenken
und Interpretieren (Idschtihad) der religiösen
Breit angelegte Untersuchungen in Deutsch­ Quellen breiter Raum gegeben. Bereits bei der
land aus jüngerer Zeit belegen, ❙11 dass die Zu­ Frage, welche Normen in welchem Verhältnis
stimmung zu den Grundlagen des deutschen zueinander stehen, und ob die eine die andere
Staats- und Rechtssystems unter Muslimen außer Kraft setzen kann, wurden und werden
ungefähr so groß ist wie unter der Gesamtbe­ die unterschiedlichsten Meinungen vertreten.
völkerung. Teilweise ist ihr Vertrauen in die Auch der Koran als oberste normative Quel­
deutschen Institutionen sogar stärker aus­ le enthält keinerlei eindeutige Aussagen zu
geprägt. Mit aller Vorsicht kann gesagt wer­ Staatsaufbau und Rechtssystem sowie zu den
den, dass die wohl bei weitem größte Gruppe Menschenrechten. Immer sind es Menschen,
von Muslimen diejenige der „Alltagspragma­ die geprägt von Ausbildung, Vorverständnis
tiker“ ist, ❙12 welche sich wie wohl der größte sowie dem historischen und sozialen Kon­
text die Normen nach Geltung und Inhalt zu
❙11  Vgl. Katrin Brettfeld/Peter Wetzels, Muslime in interpretieren haben, und die demgemäß zu
Deutschland. Integration, Integrationsbarrieren, Re­ sehr diversen Ergebnissen kommen.
ligion und Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat
und politisch-religiös motivierter Gewalt. Ergebnis­ Unter denjenigen, die religionsbezogene Po­
se von Befragungen im Rahmen einer multizentri­ sitionen beziehen, finden sich Traditionalisten
schen Studie in städtischen Lebensräumen, heraus­
ebenso wie solche, die sich auch mental-intel­
gegeben vom Bundesministerium des Inneren, Berlin
2007, S. 24 ff., S. 492 ff.; BAMF (Hrsg.), Muslimisches lektuell in Deutschland und Europa „einhei­
Leben in Deutschland, Nürnberg 2009. misch“ fühlen. Anders als die Traditionalis­
❙12  Weitere typische Grundhaltungen unter Musli­ ten sehen sie muslimisches Leben hierzulande
men in Europa sind Islamgegner, die vor allem vor nicht als strukturellen Ausnahmezustand an,
dem Hintergrund negativer persönlicher Erfahrun­
gen eine islamkritische Grundhaltung pflegen, Isla­
misten, die sich durch eine eher aggressive Ablehnung gesellschaft hin ausgerichtet sind, sowie einheimische
der Mehrheitsgesellschaft auszeichnen, Traditiona­ Muslime, die dafür plädieren, das Leben von Musli­
listen, die zwar eine traditionalistische Haltung pfle­ men in Europa als Regel anzusehen. Vgl. M. Rohe
gen, aber auf eine Verständigung mit der Mehrheits­ (Anm. 2), S. 383 ff.

APuZ 13–14/2011 25
in dem man sich mit Kompromisslösungen gegen Christen und Nichtmuslimen generell
zurechtfinden muss, sondern begreifen ihre anhalten und sie zur Bildung von Parallel­
Lebenssituation als die neue Normalität eines strukturen aufrufen („Unterwerft euch nicht
Islams in religionspluralen Gesellschaften und den Entscheidungen der Ungläubigen!“), wie
religionsneutralen Staaten. Diese Richtung ist es weit verbreiteten Fatwa-Bänden der pro­
insbesondere im schulischen und akademi­ minenten saudi-arabischen Gelehrten Ibn Baz
schen Bereich sowie in Nichtregierungsorga­ und al-Uthaymeen zu entnehmen ist.
nisationen besonders häufig anzutreffen. Dies
spricht dafür, dass der zu etablierende islami­ Solche Positionen stoßen allerdings auch in
sche Religionsunterricht an Schulen, die ent­ der islamisch geprägten Welt auf Ablehnung.
sprechende universitäre Ausbildung der Lehr­ Nicht zuletzt sind insbesondere unter Jün­
kräfte und die Etablierung einer islamischen geren populäre, charismatische Personen zu
Theologie an Universitäten den wünschens­ nennen, die nicht über Herrschaftsmodelle
werten Prozess muslimischer Selbstreflexion diskutieren, sondern im Wege gesellschaftli­
und -bestimmung im Rahmen des säkularen cher Fundamentalkritik letztlich einen auch
Rechtsstaats deutlich voranbringen werden. ❙13 politischen Ausschließlichkeitsanspruch pro­
pagieren. Auch sie erscheinen trotz ihres be­
Explizite Gegner des säkularen demokra­ sonderen Infiltrationspotenzials indes nicht
tischen Rechtsstaats bilden eine vergleichs­ mehrheitsfähig zu sein.
weise kleine, aber gefährliche Richtung in
Gestalt des „Islamismus“. Dies ist eine auch Nach alledem ist es grundlegend verfehlt,
im Spektrum des Islams durchaus neue po­ „den Islam“ auf eine nur fiktive Essenz fest­
litische Richtung, wenngleich sie sich fälsch­ zulegen und daraus einen Gegensatz zum sä­
lich als Vertreter einer Rückbesinnung auf kularen Rechtsstaat zu konstruieren. Wer so
den „wahren Islam“ ausgibt. Das tradi­tio­ vorgeht, unterstützt im Grunde das Geschäft
nelle islamische Staatsrecht ist seit seiner des Islamismus. Ein Mangel an analytischen
Frühzeit ausgesprochen vage und lässt die Fähigkeiten und wissenschaftlicher Red­
unterschiedlichsten Herrschaftsmodelle zu. lichkeit zeigt zudem eine gelegentlich anzu­
Folgerichtig finden sich in der Neuzeit auch treffende Vergleichsperspektive, welche das
viele Gelehrte, welche die Demokratie als das Deutschland der Gegenwart mit der islami­
System des Islams im 20. und 21.  Jahrhun­ schen Welt der Vergangenheit in Beziehung
dert ansehen. Dagegen richten sich Islamisten und Gegensatz zueinander setzt, damit aber
mit der Parole, alleine Gott könne Gesetzge­ auf die gegenwärtig hier lebenden Muslime
ber sein, weltliche Mehrheitsentscheidungen abzielt. Der neue Volkssport, in Leserbriefen
ohne Letztorientierung auf den Islam hin sei­ und Internetblogs Koransuren aus ihrem text­
en in­akzep­tabel und zu bekämpfen. Nicht­ lichen und interpretativen Kontext zu reißen
muslimen wird nur eine zwar im Grundsatz und daraus ein Bedrohungsszenario zu kons­
geschützte, aber von Gleichberechtigung weit truieren, ist ein Dokument dieser Ignoranz.
entfernte Position zugewiesen.

Es geht diesen Ideologen also primär um die Perspektiven


Durchsetzung des eigenen Machtanspruchs im
religiösen Gewand, wobei nur ein geringer Teil Der Islam steht nicht im strukturellen Gegen­
von ihnen unmittelbar zur Gewaltanwendung satz zum säkularen demokratischen Rechts­
greift (sogenannter Dschihadismus), während staat. Positionen muslimischer Extremisten
die meisten eine legalistische Strategie über lassen sich nicht verallgemeinern und sind un­
Bildungs- und Sozialeinrichtungen verfolgen. ter Muslimen auch nicht mehrheitsfähig. In
Der Iran der Gegenwart ist ein Realität gewor­ der Folge darf sich die notwendige Bekämp­
denes Modell solcher Haltungen. Einschlägige fung des islamischen Extremismus nicht ge­
extremistische Aktivitäten entfaltet in Europa gen Muslime insgesamt richten. Sie bilden
beispielsweise die Gruppierung Hizb al-Tah­ keineswegs eine „Gegengruppe“ zur sonsti­
rir. Zu nennen sind aber auch diejenigen, die gen Bevölkerung, sondern sind Teil der deut­
hier lebende Muslime zu scharfer Abgrenzung schen Gesamtgesellschaft. Als in ihrer über­
großen Mehrheit rechtstreue Bürger haben sie
❙13  Vgl. hierzu den Beitrag von Michael Kiefer in die­ Anspruch auf die gleichen Rechte und unter­
ser Ausgabe. liegen den gleichen Pflichten wie alle anderen.

26 APuZ 13–14/2011
Die Grundlagen unserer Rechtsordnung Missverständnisse im Dialog zwischen
müssen immer wieder neu vermittelt werden, Muslimen und Nicht-Muslimen in Deutsch­
durch alle Bevölkerungsgruppen und über die land sind nicht selten. Verständnisprobleme
Generationen hinweg. Entsprechende Ak­ wurzeln häufig in unterschiedlichen Dialog­
zeptanz ist kein Selbstläufer, sondern bedarf kulturen, soweit Muslime stark von Kommu­
gesamtgesellschaftlicher Überzeugungsarbeit nikationsformen aus ihren Herkunftsländern
in Abwehr und zur Verhinderung jeglicher geprägt sind. Sachliche Anfragen und Kri­
Formen von Extremismus. Den demokrati­ tik werden häufig als persönlicher Angriff
schen Rechtsstaat lehnen nicht nur Islamis­ verstanden. Manchmal mag das beabsichtigt
ten ab, sondern auch Rechts- und Linksex­ sein, oft aber nicht. Umgekehrt wirken die in
treme. Gleichzeitig ist es ein unerlässlicher den meisten Herkunftsländern der Muslime
Bildungsauftrag in Richtung der Gesamtbe­ geläufigen „gesichtswahrenden“ Formen in­
völkerung, dass die vom Rechtsstaat garan­ direkter Problembenennung und Kritik im
tierten Grundrechte nicht nur der Mehrheit mitteleuropäischen Kommunikationskontext
zustehen, sondern dass entgegen verbreiteten als Ausweichen und Verschleierung. Manch­
Ressentiments auch Minderheiten wie Mus­ mal mag auch das beabsichtigt sein, oft aber
lime den gleichen religionsverfassungsrecht­ nicht.
lichen Schutz genießen. In Zeiten sich häu­
fender Brandanschläge gegen Moscheen muss Schließlich fügt sich die Debatte um den
daran erinnert werden. Islam in Deutschland in größere, zukunfts­
bestimmende Zusammenhänge: Welche Rol­
Im islamischen Spektrum ist es erforder­ le sollen Religionen und Weltanschauungen
lich, über alltagspraktische Handhabung hi­ künftig im öffentlichen Raum spielen? Wie
naus religionsorientierte und religiös ver­ soll die Kooperation zwischen ihren Orga­
mittelbare Positionen weiterzuentwickeln, nisationen und dem Staat gestaltet werden?
die Muslimen auch aus religiöser Sicht einen Hier gilt es, immer wieder eine angemessene,
Weg in die Mitte der Gesellschaft aufzeigen. breit vermittelbare Haltung fernab der Ex­
Ansätze hierfür sind vorhanden und müssen treme von Religionsdiktatur und säkularisti­
weiter ausgebaut werden. Insbesondere fin­ scher Ersatzreligion zu definieren.
den sich wesentliche Bereiche inhaltlicher
Übereinstimmung in islamischen und säkula­ Abschließend bleibt festzuhalten, dass die
ren Grundlagennormen (overlapping consen- Behauptung eines clash of civilizations ein
sus), die man nutzbar machen kann. So kann intellektuelles Krisenphänomen ist. Sie un­
auch der Islam positive Beiträge zu gesamtge­ terstellt fälschlich eine innere Homogenität
sellschaftlich relevanten Fragen leisten, Mus­ unterschiedlicher – und als strukturell ge­
lime können sich über religiöse Organisatio­ gensätzlich angesehener – Kulturen. Eher ist
nen hinaus – wie es schon zusehends der Fall ein kulturenübergreifender clash of minds er­
ist – in nicht religiös ausgerichteten Kontex­ kennbar: Wer die Grundlagen des säkularen
ten einbringen. Das setzt die Bereitschaft zur demokratischen Rechtsstaats als gemeinsa­
Öffnung auf allen Seiten voraus. Diese Er­ me Hausordnung akzeptiert, verdient auch
kenntnis ist auch psychologisch bedeutsam: seinen vollen Schutz. Extremismus dagegen
Wer mag schon fortwährend als „Problem“ muss bekämpft werden, und dieser Kampf
wahrgenommen und benannt werden? Nur sollte möglichst alle mobilisieren können, die
bei offener und empathischer – nicht blauäu­ von ihm bedroht sind, über alle Religionen
giger – Bereitschaft zur Verständigung kann und Weltanschauungen hinweg.
aus dem schon weitgehend funktionieren­
den ❙14 Nebeneinander immer mehr Miteinan­
der wachsen.

❙14  Bestehende Probleme resultieren weitgehend aus


bildungsbezogenen, sozialen und wirtschaftlichen Untersuchungen konstatiert wird. Vgl. Katja Irle,
Gegebenheiten im Zusammenhang mit Migrations­ Zweifelhafte Rolle der Imame, in: Frankfurter Rund­
vorgängen. Hier nicht behandelt wird die gewiss drin­ schau vom 7. 6. 2010, online: www.fr-online.de/politik/
gend zu beachtende Frage, ob und wieweit religiöse zweifelhafte-rolle-der-imame/-/​1472596/​4 471348/-/
oder – so zu vermuten – vor allem kulturelle und sozi­ index.html (9. 2. 2011).
ale Prägungen beispielsweise eine vergleichsweise hö­
here Gewaltbereitschaft bedingen, wie sie in manchen

APuZ 13–14/2011 27
Nilden Vardar · Stephanie Müssig berg oder im Institut für interreligiöse Päd­
agogik und Didaktik in Köln. Daneben ar­
Zur Rolle von musli­ beiten und publizieren sie auf vielfältige
Weise zu theologischen Fragen des Islams im

mischen Konvertier­ deutschen Kontext und zu gesellschaftspo­


litischen Themen, die eine Relevanz für das
muslimische Leben in Deutschland aufwei­
ten im Gemeindeleben sen. ❙1 Hier lässt sich die Christlich-Islami­
sche Gesellschaft anführen, ein Verein, der
sich institutionell dem interreligiösen Dialog

D as religiöse Leben von Muslimen in


Deutschland ist geprägt von der Vielfalt
unterschiedlicher islamischer Glaubensrich­
verschrieben hat und dessen Vorsitzender ein
Konvertierter ist.

tungen, Zuwanderer­ Die öffentliche Wahrnehmung von Konver­


Nilden Vardar generationen und Her­ tierten in Deutschland ist durch die Medien­
M. A., geb. 1977; Politikwissen- kunftsregionen. Auch berichterstattung geprägt, welche das Thema
schaftlerin, wissenschaftliche die Gruppe der zum oftmals eindimensional, vereinfachend und
Mitarbeiterin in der Forschungs- Islam Konvertierten polarisierend bearbeitet. Merkmale dieser Art
gruppe des Bundesamts für trägt zu dieser Vielfalt der Darstellung sind unter anderem die Fo­
Migration und Flüchtlinge, bei. Allerdings ist über kussierung auf Gewalt, Sensationsgehalt, Per­
Frankenstraße 210, 90461 letztere vergleichswei­ sonalisierung, Ausschluss-Einschluss-Muster
Nürnberg. se wenig bekannt. An­ sowie die Bereitstellung einfacher Beschrei­
nilden.vardar@bamf.bund.de ders als zu Muslimen bungen statt Analysen komplexer Zusam­
mit Migrationshinter­ menhänge und Konfliktursachen. Bezogen
Stephanie Müssig grund – Personen, die auf Konvertierte hat diese Vorgehensweise zur
M. A., geb. 1977; Politikwissen- selbst  oder deren El­ Folge, dass sie überwiegend unter dem Sicher­
schaftlerin, wissenschaftliche tern aus  einem Her­ heitsaspekt betrachtet und als eine homogene
Mitarbeiterin am Erlanger kunftsland stammen – Gruppe von religiösen Extremisten porträtiert
Zentrum für Islam und Recht in liegen keine Informa­ werden. ❙2 Laut Medienanalysen intensivierte
Europa, Friedrich-Alexander- tionen über die Anzahl sich diese einseitige und unausgewogene Art
Universität Erlangen-Nürnberg, und die soziodemo­ der Darstellung nach dem 11. September 2001,
Schillerstraße 1, 91054 Erlangen. grafische Zusam­men­ insbesondere nach dem vereitelten Anschlag
stephanie.muessig@ set­zung von Konver­ der Sauerland-Gruppe im September 2007,
jura.uni-erlangen.de tierten vor. Gleich­ der vier muslimische Männer, darunter zwei
zeitig ist festzustel­ deutschstämmige Konvertierte, angehörten. ❙3
len, dass in muslimischen Gemeinden und Aufgrund dieses Umgangs der Medien mit
islamischen Verbänden vermehrt Funktionen muslimischen Konvertierten wird der Blick
durch Konvertierte wahrgenommen werden. auf die religiöse und gesellschaftliche Vielfalt,
Mit dem Zentralrat der Muslime in Deutsch­ die dieser Gruppe zu Grunde liegt, weitge­
land und der Islamischen Gemeinschaft der hend verstellt.
schiitischen Gemeinden Deutschlands be­
stehen zwei bundesweite islamische Verbän­ Dieser Artikel gibt zunächst einen kur­
de, in deren Vorständen auch Konvertierte zen Überblick über aktuelle Erkenntnisse
vertreten sind. Ein weiteres Beispiel ist das zu Muslimen mit Migrationshintergrund in
bundesweite Aktionsbündnis muslimischer Deutschland. Er fokussiert im Anschluss auf
Frauen, ein Zusammenschluss zur Verbesse­
rung der politischen und gesellschaftlichen
❙1  Vgl. Cornelia Filter, Mein Gott ist jetzt Allah
Teilhabe muslimischer Frauen, dessen Vor­ und ich befolge seine Gesetze gern, München 2008,
stand knapp zur Hälfte mit Konver­tinnen S. 198 ff.
besetzt ist. Muslimische Konvertierte sind ❙2  Vgl. Keren-Miriam Tamam/Milena Uhlmann, The
darüber hinaus im Bereich der islamischen Media Visibility of Converts to Islam in Germany,
(Aus-)Bildung tätig, wo sie sowohl konzep­ Working Paper 2010, European Forum of the He­
brew University of Jerusalem; Esra Özyürek, Con­
tionelle als auch praktische Aufgaben über­
vert Alert, in: Comparative Studies in Society and
nehmen wie im Interdisziplinären Zentrum History, 51 (2009) 11, S. 91–116.
für Islamische Religionslehre an der Fried­ ❙3  Vgl. K.-M. Tamam/M. Uhlmann (Anm. 2), S. 25 f.,
rich-Alexander-Universität Erlangen-Nürn­ S. 29.

28 APuZ 13–14/2011
das religiöse Gemeindeleben, also den Kon­ fessionsgruppe stellen die Aleviten mit ei­
text, in welchem die aktive Rolle von musli­ nem Anteil von 12,7 Prozent dar. 7,1 Prozent
mischen Konvertierten beobachtet wird. Der rechnen sich dem Schiitentum zu. Aber auch
Beitrag widmet sich danach Erkenntnissen, Personen, die kleineren muslimischen Glau­
die über Konvertierte vorliegen, und zeigt bensgemeinschaften wie der Ahmadiyya
einige offene Fragen der empirischen For­ (1,7 Prozent) und der Ibadiyya (0,3 Prozent)
schung zu muslimischen Konvertierten und angehören oder eher mystische und sufische
ihrer gesellschaftlichen Rolle auf. Glaubenstraditionen (0,1  Prozent) pflegen,
wurden in der Studie erfasst. Insgesamt sind
sie relativ eng mit ihrer Religion verbunden:
Muslime mit Migrationshintergrund Rund 86 Prozent der Befragten gaben auf ei­
ner vierstufigen Skala von „gar nicht gläubig“
Im Jahr 2009 wurde die Studie „Muslimisches bis „sehr stark gläubig“ an, eher gläubig oder
Leben in Deutschland“ (MLD) vorgelegt. ❙4 sehr stark gläubig zu sein. Dieser Befund ist
Die Datenbasis mit Angaben zu rund 17 000 relativ stabil, da eine hohe Religiosität von
Personen mit Migrationshintergrund aus 49 Muslimen auch in anderen Studien nachge­
verschiedenen Herkunftsländern erlaubt ge­ wiesen wurde. ❙6
neralisierbare Aussagen über die muslimische
Bevölkerungsgruppe in Deutschland und tie­
fer gehende Analysen zu ihrer soziodemogra­ Hoher Stellenwert des Gemeindelebens
fischen und sozioökonomischen Situation.
Laut Hochrechnungen leben zwischen 3,8 Im Islam haben die Gemeinschaft fördern­
und 4,3 Millionen Muslime mit Migrations­ den religiösen Handlungen eine hohe Bedeu­
hintergrund in Deutschland. Dies entsprach tung. Für eine solche Religionspraxis steht
im Jahr 2009 einem Bevölkerungsanteil von beispielsweise der Besuch religiöser Veran­
rund 5  Prozent. ❙5 Ein wichtiger Befund der staltungen wie das Freitagsgebet. So neh­
Studie lautet, dass Muslime in Deutschland men 35  Prozent der Befragten mehrmals im
kein monolithischer Block sind. Sie unter­ Monat oder häufiger an religiösen Veran­
scheiden sich nach Herkunftsregionen und staltungen teil. Bei den nichtmuslimischen
zeichnen sich durch unterschiedliche Zuwan­ Befragten sind es 32  Prozent. Indes geben
derungsgeschichten, Bildungsverläufe und die muslimischen Befragten mit einem An­
Religionspraktiken aus. Nach den erfassten teil von 29  Prozent häufiger als nichtmusli­
Angaben der Befragten und ihrer Haushalts­ mische an, nie religiöse Veranstaltungen zu
mitglieder sind 63,2 Prozent türkeistämmig. besuchen. Unter den Nichtmuslimen sind es
Doch rund jeder dritte stammt aus einer an­ dagegen nur 19  Prozent der Befragten. Al­
deren Region: 13,6 Prozent aus Südosteuropa lerdings gibt es innerhalb der muslimischen
und 8,1  Prozent aus dem Nahen Osten. Mit Bevölkerungsgruppe Unterschiede zwischen
6,9  Prozent stellen Muslime aus Nordafrika den Geschlechtern, was die Teilnahme an re­
die viertgrößte Herkunftsgruppe. Geringere ligiösen Veranstaltungen angeht: Während
Anteile kommen aus den Ländern Süd- und rund 43  Prozent der muslimischen Männer
Südostasiens (4,6 Prozent), Iran (1,7 Prozent), angeben, mehrmals im Monat oder häufiger
dem Afrika südlich der Sahara (1,5 Prozent) einen Gottesdienst zu besuchen, sind es unter
sowie Zentralasien (0,4 Prozent). den befragten Musliminnen lediglich 26 Pro­
zent. Ein Grund für den geringeren Anteil an
Die Vielfalt spiegelt sich auch in der kon­ Frauen unter den Moscheebesuchern könn­
fessionellen Zusammensetzung wider. Knapp te sein, dass die Teilnahme am gemeinsamen
drei Viertel (74,1  Prozent) bezeichnen sich Freitagsgebet für männliche Muslime eine re­
oder ihre Haushaltsangehörigen als Sun­ ligiöse Pflicht darstellt, während es Musli­
niten. Die zweitgrößte muslimische Kon­ minnen freigestellt ist.

❙6  Vgl. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Religionsmo­


❙4  Vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nitor 2008, Gütersloh 2008. Eine hohe Religiosität
(Hrsg.), Muslimisches Leben in Deutschland, Nürn­ ist jedoch nicht allein bei den muslimischen Befrag­
berg 2009. ten zu beobachten. Auch nichtmuslimische Personen
❙5  Vgl. ebd., S. 80. Die im Folgenden zitierten Zahlen­ mit Migrationshintergrund bezeichnen sich in einem
angaben sind ebenfalls der Studie entnommen oder ähnlichen Ausmaß als religiös. Vgl. MLD (Anm. 4),
auf Grundlage der Daten berechnet. S. 138 ff.

APuZ 13–14/2011 29
Die hohe Verbundenheit der Muslime mit Angehörige kleinerer Religionsgruppen wie
ihrer Religion zeichnet sich nicht in den in­ der Ahmadiyya oder den Ibaditen, die mit ei­
stitutionalisierten Religionsstrukturen ab. nem Anteil von 23 Prozent häufiger als Sun­
Eine formalisierte Mitgliedschaft in einem niten (13,3  Prozent), Schiiten (11,5  Prozent)
religiösen Verein oder einer Gruppe liegt un­ und Aleviten (6,9 Prozent) angeben, das Ge­
ter den befragten Muslimen seltener vor als meindegeschehen mitzugestalten.
unter den Befragten mit einer anderen Re­
ligionszugehörigkeit. Jeder fünfte befragte
Muslim gibt an, Mitglied in einem religiösen Religiöses Leben der zweiten
Verein zu sein, wohingegen dies bei jedem Zuwanderergeneration
vierten nichtmuslimischen Befragten der Fall
ist. Zum einen ist denkbar, dass insbesonde­ Die Befunde zum religiösen Leben der zwei­
re den Befragten christlichen Glaubens mehr ten Zuwanderergeneration weichen von den
Gelegenheiten zum Beitritt in einen religiö­ bisher dargestellten Ergebnissen etwas ab.
sen Verein zur Verfügung stehen, da sie auch Als zweite Zuwanderergeneration werden
die bestehenden zumeist christlich gepräg­ diejenigen Personen bezeichnet, die selbst in
ten Religionsstrukturen des Aufnahmelan­ Deutschland geboren sind, aber von mindes­
des nutzen können und somit mehr Auswahl tens einem Elternteil abstammen, das nach
zur Verfügung haben. Zum anderen kann der Deutschland zugewandert ist. Mitglieder der
geringere Anteil an Mitgliedschaften in reli­ zweiten Generation sind somit in Deutsch­
giösen Vereinen unter Muslimen auch darauf land aufgewachsen und sozialisiert worden.
zurückzuführen sein, dass im muslimischen Muslime dieser Generation zeigen ein ande­
Kontext eine formalisierte Mitgliedschaft res Teilnahmemuster, was religiöse Veran­
kein Kriterium für die Zugehörigkeit zu ei­ staltungen angeht. Sie berichten zu einem ge­
ner Gruppierung oder einem Verein ist. Viel­ ringeren Anteil als Personen, die selbst nach
mehr entspricht es der Praxis, dass auch nicht Deutschland zugewandert sind, nie eine re­
registrierte Mitglieder als Bestandteil einer ligiöse Veranstaltung wie beispielsweise ein
Gemeinde anerkannt sind. Gemeinschaftsgebet zu besuchen: Während
Personen der ersten Zuwanderergeneration
Innerhalb der muslimischen Gruppe sind zu 32,6  Prozent angeben, nie an einer reli­
indes deutliche Unterschiede zwischen den giösen Veranstaltung teilzunehmen, sind es
Konfessionen und dem Anteil der Mitglied­ unter den Muslimen der Nachfolgegenerati­
schaften in einem religiösen Verein zu be­ on 20,4 Prozent. Zugleich geben die Personen
obachten. Sunnitische Befragte geben zu der Nachfolgegeneration zu einem höheren
22  Prozent an, Mitglied in einem religiösen Anteil (nämlich 37 Prozent) als die Personen
Verein zu sein, während der Anteil unter den der ersten Zuwanderergeneration (33,9  Pro­
befragten Aleviten ebenso wie bei den Schi­ zent) an, mehrmals im Monat oder häufiger
iten bei rund 10  Prozent liegt. Der im Ver­ an einer religiösen Veranstaltung teilzuneh­
gleich zu den Sunniten geringere Anteil an men. Dies deutet darauf hin, dass die Ein­
religiösen Vereinsmitgliedschaften unter den bindung in eine religiöse Gemeinschaft und
Aleviten kann darauf zurückzuführen sein, die gemeinschaftliche Durchführung reli­
dass Aleviten später als andere muslimische giöser Rituale einen relativ hohen Stellen­
Konfessionen mit der religiösen Selbstorga­ wert im Leben von rund einem Drittel der in
nisation in Deutschland begonnen haben. ❙7 Deutschland geborenen Muslime mit Migra­
Angehörige kleinerer muslimischer Gruppie­ tionshintergrund einnimmt.
rungen wie der Ahmadiyya oder den Ibadi­
ten geben mit einem Anteil von rund 29 Pro­ Dagegen ist die institutionelle Bindung
zent häufiger als die anderen Konfessionen per Mitgliedschaft an einen religiösen Verein
an, Mitglied in einem religiösen Verein zu oder eine Gemeinde für Muslime der zwei­
sein. Wendet man sich der aktiven Beteili­ ten Zuwanderergeneration weniger attrak­
gung der Muslime in einem religiösen Verein tiv als für Muslime mit eigener Migrations­
zu, geben 13  Prozent der Befragten an, sich erfahrung. Während erstere zu 18,5 Prozent
zu engagieren. Auch hier sind es wiederum angaben, Mitglied in einem religiösen Verein
zu sein, sind es unter den letzteren 21,3 Pro­
❙7  Vgl. Martin Sökefeld, Aleviten in Deutschland, in: zent. Der Anteil der muslimischen Frauen,
Bertelsmann Stiftung (Anm. 6), S. 32–37. die Mitglied in einem religiösen Verein sind,

30 APuZ 13–14/2011
ist deutlich geringer als der Anteil der musli­ ter und zweiter Generation. Allgemein ist die
mischen Männer. Während knapp jeder vier­ Partizipation im muslimischen Gemeindele­
te muslimische Mann der ersten Generation ben als positiver Trend zu werten, da durch
(24,7  Prozent) eine Mitgliedschaft bestätigt, die Arbeit in den Gemeinden Organisations-
ist es unter den muslimischen Frauen nur und Kommunikationsfähigkeiten erworben
jede sechste (17,1 Prozent). Die Geschlechter­ und erweitert werden, die zur zivilgesell­
differenz ist in der zweiten Generation noch schaftlichen Teilhabe insgesamt beitragen und
deutlicher zu beobachten: Hier gibt ähnlich befähigen.
der ersten Generation knapp jeder vierte an,
Mitglied in einem religiösen Verein zu sein
(22,9 Prozent). Unter den muslimischen Frau­ Muslime ohne Migrationshintergrund:
en ist es hingegen nur jede siebte (14,3  Pro­ Konvertierte Muslime
zent). Die Gründe für diese Geschlechter­
differenz könnten darin liegen, dass die Bei einer näheren Betrachtung der muslimi­
Angebote der religiösen Vereine sich eher an schen Gemeindestrukturen und Institutio­
Männer richten. Ebenso ist es möglich, dass nen ist festzustellen, dass neben Muslimen
Frauen seltener als Männer geneigt sind, eine mit Migrationshintergrund ebenso zum Is­
formale Vereinsmitgliedschaft abzuschließen lam Konvertierte in sehr vielfältigen Funk­
und sich eher informell in das religiöse Ge­ tionen und teilweise Schlüsselpositionen in
meindeleben einbringen. Gemeinden und Organisationen auf loka­
ler, regionaler sowie bundesweiter Ebene ak­
Für letztere Vermutung sprechen die Be­ tiv sind. Ihr Engagement und ihr Einfluss auf
funde zum aktiven Engagement in einer re­ Meinungsbildungsprozesse beschränken sich
ligiösen Gemeinde oder einem Verein. Ins­ dabei nicht nur auf das Gemeindeleben.
gesamt ist die zweite Generation deutlich
aktiver (18,3 Prozent) als die erste Generation Trotz ihrer im islamischen Leben in
(11,2 Prozent). Besonders auffällig ist jedoch, Deutschland sichtbaren und partizipativen
wie sich das Geschlechterverhältnis von der Rolle sind Konvertierte, das heißt Muslime
ersten zur zweiten Migrantengeneration än­ ohne Migrationshintergrund, eine Bevölke­
dert, wenn es um eine aktive Beteiligung in rungsgruppe, die im Rahmen bisheriger Stu­
einem religiösen Verein geht. Während mus­ dien zu Muslimen in Deutschland nicht be­
limische Frauen der ersten Generation in ih­ rücksichtigt wurde. Da die amtliche Statistik
rem Engagement (8,4 Prozent) noch deutlich in Deutschland die Religionszugehörigkeit
hinter den Männern (13,5 Prozent) der ersten nicht erfasst und die islamische Glaubensge­
Generation zurückbleiben, kehrt sich diese meinschaft nicht zentral organisiert ist, liegen
Geschlechterdifferenz in der zweiten Gene­ weder gebündelte Informationen von Seiten
ration um: Hier sind es 19,5 Prozent der weib­ einer solchen Institution zu ihren Angehöri­
lichen Befragten, die sich in ihren Gemeinden gen vor, noch gibt es ein zentrales Register,
engagieren und 17,2  Prozent der muslimi­ in dem zum Islam Konvertierte aufgeführt
schen Männer, die es ihnen gleichtun. sind. Auch ist die formale Konversion zum
Islam ein unbürokratischer Vorgang, bei dem
Das Partizipationsniveau im religiösen Ge­ der Konvertierende in Gegenwart von zwei
meindeleben der in Deutschland geborenen Zeugen das islamische Glaubensbekenntnis
Muslime geht über das der Muslime mit ei­ spricht. Vor diesem Hintergrund sind Schät­
gener Migrationserfahrung hinaus. Eine Er­ zungen zur Zahl von Konvertierten, wie sie
klärung hierfür könnte einerseits eine höhere beispielsweise vom Zentralinstitut Islam-Ar­
Motivation der zweiten Generation sein, sich chiv-Deutschland regelmäßig vorgenommen
mit religiösen Themen auseinanderzusetzen. werden, statistisch kaum belastbar. ❙8 Die bis­
Eine weitere Begründung kann sich aus der lang durchgeführten Untersuchungen kon­
soziodemografischen Zusammensetzung er­ zentrieren sich überwiegend auf den Prozess
geben, die sich zwischen erster und zweiter der Konversion, die unterschiedlichen Mo­
Generation unterscheidet. So liegt das Bil­ tivlagen sowie die persönlichen Konsequen­
dungsniveau der Muslime der zweiten Zu­ zen des Glaubensübertritts.
wanderergeneration beispielsweise über dem
der ersten. Aber auch die herkunftsbezoge­ ❙8  Vgl. Martin Spiewak, Meinungsstark, aber ah­
ne Zusammensetzung variiert zwischen ers­ nungslos, in: Die Zeit vom 19. 4. 2007.

APuZ 13–14/2011 31
Gründe für die Konversion bei kaum eine Rolle. Mystische Konversio­
nen sind solche, die mit einem hohen Grad
Laut Medienberichten scheint sich un­ an Emotionalität einhergehen. Häufig haben
ter der nichtmuslimischen Bevölkerung in vorher bereits Gemeinschaftsaktivitäten in­
Deutschland in den vergangenen zehn Jah­ nerhalb der neuen Religionsgruppe stattge­
ren ein gesteigertes Interesse am Islam ent­ funden. Experimentellen Konversionen liegt
wickelt zu haben, das nicht zuletzt auf sei­ meist Neugier als Motiv zugrunde, Emotio­
ne intensive öffentliche und mediale Präsenz nalität und sozialer Druck sind niedrig. Af­
zurückzuführen ist. In diesem Zusammen­ fektiven Konversionen geht ein Einleben in
hang wird – trotz einer in Bezug auf den Is­ die religiöse Gemeinschaft oder ein posi­
lam stark auf Konfliktthemen und Bilder tiver Kontakt zu einem Gemeindemitglied
eines Kulturkampfes fokussierten Bericht­ voraus. Erweckende Konversionen finden
erstattung ❙9 – sowohl international als auch häufig im Zusammenhang mit Massenveran­
national immer häufiger von einer Zunah­ staltungen und einem hohen Maße an Grup­
me der Konversionen zum Islam berichtet. ❙10 pendruck statt. Die Abgrenzung zu zwangs­
Ein direkter Zusammenhang zwischen ei­ weisen Konversionen ist teilweise schwierig
nem gesteigerten Interesse am Islam und der zu vollziehen.
Anzahl an Konversionen ist zwar statistisch
nicht nachweisbar. Dennoch trifft es zu, Ein weiteres Modell geht von Konversi­
dass ein starkes personen-, gruppen- oder on als einen Veränderungsprozess über eine
diskursbezogenes Interesse am Islam vor­ bestimmte Zeit hinweg aus, der kontextab­
handen sein muss, damit es zu einer Konver­ hängig ist und von einem Grundgefüge aus
sion kommt. ❙11 Beziehungen, Erwartungen und Situatio­
nen beeinflusst wird. ❙13 Die Faktoren des
In der Konversionsforschung haben sich Konversionsprozesses sind hier vielfältig,
einige Theorien zur Erklärung des Phäno­ wechselwirkend und verstärkend. Dazu ge­
mens etabliert, die sich sowohl in ihrer De­ hören kulturelle, soziale, persönliche und
finition der Konversion als auch in ihrer Be­ religiöse Komponenten. Der Konvertieren­
trachtungsweise unterscheiden. Den meisten de durchläuft im Veränderungsprozess ide­
Definitionen ist gemein, dass sie den prozess­ aliter sieben thematische Stufen: kultureller,
haften Charakter des Glaubensübertritts be­ gesellschaftlicher, persönlicher und religiöser
tonen. Eine häufig rezipierte Typologie der Kontext der betroffenen Person, die Krise als
Konversion haben John Lofland und Nor­ Auslöser für den Wandel, die Suche nach Er­
man ­Skonovd entwickelt. ❙12 Sie betrachten füllung und ihre Motive, die Begegnung mit
die religiöse Konversion weitgefasst als die dem Fürsprecher der neuen Religion, die In-
Aufgabe einer weltordnenden Perspektive teraktion und das Aufkommen von Ritualen,
zugunsten einer anderen und unterscheiden Rhetorik sowie die Übernahme neuer Rol­
zwischen sechs idealtypischen Motivmus­ len durch den Konvertierten, Bindungen und
tern, die zu einem Glaubenswechsel führen Verpflichtungen, die ein Konvertierter nach
können: der intellektuellen, mystischen, ex- seiner Konversion eingeht sowie Effekte und
perimentellen, affektiven, erweckenden und Konsequenzen, die mit der Konversion ein­
zwangsweisen Konversion. Demnach fin­ hergehen.
den intellektuelle Konversionen meist ohne
sozialen Druck und mit einem hohen Maß Eine ausführliche Studie zur Erforschung
an intellektueller Auseinandersetzung mit von Konversionen zum Islam ist von Anne
der Religion statt. Emotionalität spielt da­ Sofie Roald vorgelegt worden. ❙14 Die Auto­
rin gründet ihre Thesen auf Untersuchungen
❙9  Vgl. Kai Hafez/Carola Richter, Das Islambild von in Dänemark, Schweden und Norwegen und
ARD und ZDF, in: APuZ, (2007) 26–27, S. 40–46. identifiziert Aspekte in bisherigen Theorien,
❙10  Vgl. New York Times vom 22. 10. 2001; Badische die einer Modifikation bedürfen. So tragen
Zeitung vom 5. 1. 2010.
❙11  Vgl. Monika Wohlrab-Sahr, Konversion zum Is­
lam in Deutschland und den USA, Frankfurt/M. ❙13  Vgl. Lewis R. Rambo, Understanding Religious
1999, S. 383 f. Conversion, New Haven 1993.
❙12  Vgl. John Lofland/Norman Skonovd, Conversion ❙14  Vgl. Anne Sofie Roald, New Muslims in the Euro­
Motifs, in: Journal for the Scientific Study of Religi­ pean Context. The Experience of Scandinavian Con­
on, 20 (1981) 4, S. 373–385. verts, Leiden 2004.

32 APuZ 13–14/2011
die meisten Ansätze dem Unterschied, ob der Natur des Menschen entspricht, Bezug
die Hinwendung zu einer Mehrheits- oder genommen.
Minderheitsreligion erfolgt, kaum Rech­
nung. Jedoch sei gerade bei Konversionen Die umfassendste Studie zu Konvertierten
zum Islam in Europa ein wichtiger Aspekt, zum Islam in Deutschland ist bislang die Ar­
dass der Glaubensübertritt in einem Kon­ beit der Soziologin Monika Wohlrab-Sahr. ❙15
text erfolgt, in dem der Islam eine Minder­ Sie untersuchte die Biografien deutscher und
heitsreligion darstelle und Bestandteil eines amerikanischer Konvertierter in vergleichen­
Minderheitendiskurses sei. Während Kon­ der Perspektive und entwickelte drei Typen
versionen zu einer Mehrheitsreligion in der „problemlösender Kapazitäten der Konversi­
öffentlichen Wahrnehmung keine besonde­ on“, das heißt drei verschiedene Konversions­
ren Irritationen hervorriefen, würden Kon­ typen, bei welcher der Glaubensübertritt zur
versionen zu einer Minderheitsreligion eher Kompensation von vorangegangenen Defizi­
befremden und Ablehnung erzeugen. Dies terfahrungen dient. Beim ersten Typus, Im-
habe zur Folge, dass für eine umfassende Er­ plementierung von Geschlechtslehre, stehen
klärung der Konversion zum Islam über re­ Erfahrungen von Verunsicherung im Hin­
ligiöse und psychologische Aspekte hinaus blick auf die Sexualität, Geschlechterordnung
soziale und gesellschaftspolitische Rah­ und Moral im Vordergrund, die im Zuge der
menbedingungen in stärkerem Maße zu be­ Konversion neu geordnet werden und eine
rücksichtigen seien. Sie kommt auch zu dem Aufwertung erfahren. Erfahrene Normverlet­
Schluss, dass die Krise vielmehr das zeitwei­ zungen im Bereich des Sexuellen und daraus
se Ergebnis einer Konversion sei, und nicht resultierende soziale Diskreditierung und
ihr Auslöser. Ausschluss aus sozialen Strukturen werden
über den Islam als „Religion der Moral“ sym­
Auf Basis dieser Annahmen wird ein bolisch transformiert. Die Konversion dient
dreistufiges Entwicklungsmodell von Lie­ in diesem Kontext als eine Art der Implemen­
be ( falling in love), Ablehnung und Enttäu­ tierung von Ehre. Der zweite Typus, Metho-
schung (rejection) sowie Reife (maturity) er­ disierung der Lebensführung, bezieht sich auf
stellt, das der Konvertierende durchläuft. In die Funktion des Islams als ein stabilisieren­
der ersten Stufe sind Konvertierte demnach der Faktor für Leben und Alltag. Religion
meist von einer unkritischen Faszination für wird hier vor allem als Disziplin verstanden
die Religion erfasst und idealisieren das Re­ und dient als Instrument zur Stabilisierung
ligionsverständnis sowie die Religionspraxis der als konfliktreich empfundenen Lebens­
von gebürtigen Muslimen sehr stark. In der führung. Die symbolische Transformation
zweiten Stufe findet eine Desillusionierung durch die Konversion ermöglicht eine Stabi­
statt, weil viele Muslime doch nicht nach lisierung und Wiederaufnahme der Bildungs-
„idealen islamischen Standards“ leben – vie­ und Berufslaufbahn und geht unmittelbar mit
le Konvertierte wenden sich auf dieser Stu­ religiösem Engagement einher. Dabei können
fe ganz von der Religion ab. Auf der dritten zum Teil auch Alternativkarrieren entstehen.
Stufe entsteht infolge eines Reifeprozesses Der dritte Typus, Symbolische Emigration
einerseits eine gesunde Distanz zu anderen und symbolischer Kampf, betont die Bedeu­
Muslimen, andererseits findet eine Integra­ tung des Islams als Ideologie und neue Form
tion des Islams in die eigene Identität statt. globaler Zugehörigkeit. Dieser Typus geht mit
In der Auffassung des Islams als eine „logi­ einer starken Kontrastierung zwischen dem
sche Religion“, die sich an das Motivmuster bestehenden, als prekär erlebten Lebenskon­
der intellektuellen Konversion von Lofland text und der neuen Zugehörigkeit zur islami­
und Skonovd anlehnt, sieht Roald einen der schen Gemeinschaft, die als Lösung begriffen
Hauptgründe für eine Konversion. Gemeint wird, einher. Der Islam kann dabei auch als
ist damit die in einer Vielzahl von Konversi­ „göttliche Gerechtigkeitsordnung“ in einen
onserzählungen gemachte Aussage, dass die Kontrast mit dem als ungerecht empfundenen
Glaubensgrundsätze des Islams vernunft­ „Westen“ gesetzt werden.
betont seien und in Einklang mit wissen­
schaftlichen Erkenntnissen stünden. Dabei ❙15  Vgl. M. Wohlrab-Sahr (Anm. 11). Die von Wohl­
wird häufig auf eine dem Koran inhärente rab-Sahr untersuchte Gruppe setzt sich größtenteils
Logik, die Kohärenz der islamischen Theo­ aus Personen zusammen, die aus krisenhaften Erfah­
logie sowie ein Rechtsverständnis, welches rungen heraus zum Islam übergetreten sind.

APuZ 13–14/2011 33
Mögliche Rolle von Konvertierten jektes die Rolle deutschstämmiger Konver­
tierter innerhalb muslimischer Gemeinden
in der muslimischen Gemeindestruktur und Netzwerke untersucht. ❙17 Ein wesentli­
ches Erkenntnisinteresse liegt darin, ob und
Unabhängig von den unterschiedlichen Be­ unter welchen Umständen Konvertierte eine
weggründen und Motiven, aus denen Deutsch­ Vermittlerrolle zwischen der muslimischen
stämmige zum Islam konvertieren, lässt bereits Gemeinschaft und der deutschen Mehrheits­
die oberflächliche Beobachtung der muslimi­ gesellschaft übernehmen (können).
schen Gemeinden und deren Organisations­
strukturen sowie -aktivitäten den Schluss zu, Damit verbunden ist die Frage, inwieweit
dass muslimische Konvertierte sich in einem muslimische Konvertierte diese Aufgaben­
nicht unerheblichen Maße daran beteiligen bereiche in den Gemeinden zukünftig mit
und engagieren. Auch ist die Bandbreite an Tä­ der ebenfalls in Deutschland sozialisier­
tigkeitsfeldern, in denen sie aktiv sind, beacht­ ten zweiten muslimischen Zuwandererge­
lich. Die Annahme, dass Konvertierte durch neration teilen werden, die sich auf der Da­
ihr Engagement direkt oder indirekt über ei­ tengrundlage von MLD als vergleichsweise
nen Einfluss verfügen, der sich auf gesell­ aktiv erwiesen hat. Dies steht im engen Zu­
schaftliche und politische Aushandlungspro­ sammenhang mit der Herausbildung eines
zesse zum einen innerhalb der muslimischen „deutsch-muslimischen“ Selbstverständnis­
Gemeinschaft und zum anderen zwischen der ses: Welche Merkmale und Charakteristi­
muslimischen Gemeinschaft und der nicht­ ka schreiben engagierte und aktive Konver­
muslimischen Mehrheitsgesellschaft erstreckt, tierte ihrem Selbstverständnis als „deutscher
liegt daher nahe. Muslim“ zu? Bedeutsam wäre diese Frage­
stellung insbesondere in vergleichender Per­
Eine konstruktive und integrative ­Rolle spektive mit gebürtigen Muslimen mit Mi­
wird  ihnen bereits durch andere Untersu­ grationshintergrund der zweiten und dritten
chungen im europäischen Kontext attestiert. ❙16 Generation. Diese haben einerseits eine sehr
Da Konvertierte mit den sozialen, kulturellen ähnliche Sozialisation im deutschen Bil­
und religiösen Codes sowohl der Mehrheits­ dungssystem erfahren, andererseits unter­
gesellschaft als auch der muslimischen Zu­ scheiden sie sich von Konvertierten in we­
wanderungsgemeinschaft vertraut sind, ver­ sentlichen Aspekten, die identitätsprägend
fügen sie über die Möglichkeit, als Vermittler sind. Sie sind bereits in eine muslimische Fa­
zwischen beiden Sphären zu agieren. Roald milie hineingeboren und haben zudem einen
stellt dazu fest, dass, gerade weil Konvertierte Migrationshintergrund, auch wenn sie per­
meist aus bildungsnahen Schichten stammen sönlich keine Migrationserfahrung gemacht
und zudem zwischen einem „idealen Islam“ haben.
und der gelebten Praxis, die sich häufig mit
Tradition und Kultur vermischt, unterschei­ Vor diesem Hintergrund erscheint die Be­
den können, sie in der Lage seien, zum einen schäftigung mit muslimischen Konvertier­
ihr Wissen um die politischen, sozialen und ten und den unterschiedlichen Rollen, die
kulturellen Strukturen des Aufnahmelandes ihnen bei der zukünftigen Gestaltung mus­
an die muslimische Gemeinschaft weiterzu­ limischen Lebens in Deutschland zukom­
geben. Zum anderen vertreten und erklären men, ein ergiebiges Forschungsfeld. Nicht
sie die Vielfalt innerhalb der muslimischen zuletzt, wenn man bedenkt, dass Kinder von
Gemeinschaft nach außen. Hinzu kommt die Konvertierten die erste Generation von ge­
Vermittlerrolle von Konvertierten in der Zu­ bürtigen Muslimen „ohne Migrationshinter­
sammenarbeit mit staatlichen Institutionen grund“ sein werden.
und im interreligiösen Dialog. Auch mit Blick
auf Deutschland wird im Rahmen eines Pro­
❙17  Vgl. BAMF-Forschungsprojekt „Muslime aus
Deutschland. Qualitative Untersuchung zur Rolle
❙16  Vgl. A. S. Roald (Anm. 14), S. 289 ff.; ­Stefano ­Allievi, muslimischer Konvertierte bei der Integration von
Les convertis à l’Islam, Paris 2008, S.  285 f.; Esra Muslimen“, online: www.bamf.de/cln_111/Shared­
Özyürek, German Converts to Islam Are an Asset, Docs/Projekte/DE/DasBAMF/Forschung/Integra­
Not a Threat, in: Spiegel online vom 13. 9. 2007: www. tion/konvertiten.html?nn=1363666 (21. 2. 2011).
spiegel.de/international/germany/​0 ,1518,505586,00.
html (21. 2. 2011).

34 APuZ 13–14/2011
Michael Kiefer sendestaaten, Zuwanderern und deren Orga­
nisationen angelastet werden können.
„Islamische Studien“ Zunächst ist zu konstatieren, dass die ver­

an deutschen Univer­ antwortliche Politik in Bund, Ländern und


Kommunen mehr als zwei Jahrzehnte lang
nicht zur Kenntnis nahm, dass viele musli­
sitäten – Zielsetzun­ mische Zuwanderer eine Verbleiborientie­
rung entwickelt hatten. „Gastarbeiter“ waren

gen, offene Fragen zu Zuwanderern geworden, die ihren Lebens­


schwerpunkt dauerhaft in Deutschland hatten.

und Perspektiven
Die Entwicklung einer dauerhaften Verbleibo­
rientierung führte auch zu einer veränderten
Bedürfnislage in Sachen Religionsausübung.
Bislang hatten sich viele muslimische Zuwan­

A m 31.  Oktober 2011 feiern Deutschland


und die Türkei den 50. Jahrestag der Un­
terzeichnung des deutsch-türkischen Anwer­
derer mit provisorisch eingerichteten Gebets­
räumen abgefunden. Qualifizierte Imame und
eine lebensweltbezogene Bildungsarbeit in den
beabkommens. Der Gemeinden gab es faktisch nicht. Nun wollte
Michael Kiefer Vertragsabschluss von und forderte man repräsentative Moscheege­
Dr. phil., geb. 1961; Islam­ Bad Godesberg im bäude und in den Schulen einen ordentlichen
wissenschaftler und Publizist, Oktober 1961 und der Religions­unterricht.
er forscht und arbeitet zum The- danach einsetzende
menfeld islamischer Religions- Zuzug türkischer Ar­ Die Politik reagierte auf diese Forderun­
unterricht, Fleher Straße 246, beitskräfte markiert gen äußerst schwerfällig. Als erstes Bundes­
40223 Düsseldorf. mehr als jedes ande­ land entschloss sich Nordrhein-Westfalen ein
michael.kiefer@die-agb.de re Datum in der Ge­ schulisches Bildungsangebot für muslimische
schichte der Bundesre­ Schülerinnen und Schüler einzuführen. Die
publik Deutschland den Beginn eines nachhal­ im Jahr 1986 eingeführte Islamische Unterwei­
tigen Transformationsprozesses, in dem sich sung war jedoch für eine lange Zeit lediglich
eine ethnisch weitgehend homogene, überwie­ ein Bestandteil des muttersprachlichen Unter­
gend christlich geprägte Gesellschaft sukzessiv richts. Erteilt wurde sie zumeist in türkischer
in eine werteplural orientierte Zuwanderungs­ Sprache. Der Islam blieb damit im schulischen
gesellschaft wandelte. Seit spätestens Mitte der Kontext lediglich eine Ausländerreligion. ❙2
1970er Jahre wurden die Veränderungen auch Versäumnisse sind aber auch den Entsende­
im öffentlichen Raum langsam sichtbar. Vor staaten und den hiesigen islamischen Dachver­
allem der Islam in seinen mannigfachen Aus­ bänden anzulasten. Verwiesen sei hier ledig­
prägungen entwickelte sich zu einem wahr­ lich auf die Politik der Türkisch-Islamischen
nehmbaren Bestandteil des urbanen Lebens. Union der Anstalt für Religion e. V. (DITIB),
Die Zahl der Muslime ist seither kontinuier­ einem Dachverband von bundesweit etwa 900
lich gestiegen. Die Studie „Muslimisches Le­ Moscheegemeinden, die wegen ihrer Nähe zur
ben in Deutschland“ schätzt die Zahl der heu­ türkischen Admi­nis­tra­tion wiederholt in der
te in Deutschland lebenden Muslime auf bis zu Kritik stand. Die DITIB stand für einen lan­
4,3 Millionen. ❙1 Der Islam ist nach den christli­ gen Zeitraum einem deutschsprachigen Islam­
chen Kirchen unbestritten die drittgrößte Re­ unterricht in öffentlichen Schulen ablehnend
ligionsgemeinschaft in Deutschland. gegenüber. Durchaus problematisch zu sehen
ist auch ihre Imam-Entsendepraxis, die seit
Obwohl Muslime seit mehr als fünf Deka­ Jahrzehnten im Rotationsprinzip durchge­
den in Deutschland leben, erscheint der Islam führt wird. Eine nachhaltige Beziehungs- und
vielen Menschen, die sich der nichtislami­ Dialogarbeit der Gemeinden zum deutsch­
schen Mehrheitsgesellschaft zurechnen, als
eine hier nicht beheimatete „Ausländerreli­
❙1  Vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
gion“. Verantwortlich für diesen Sachverhalt
(Hrsg.), Muslimisches Leben in Deutschland, Nürn­
sind unter anderem zahlreiche Versäumnisse berg 2009.
der vergangenen zwei Dekaden, die gleicher­ ❙2  Vgl. Michael Kiefer, Islamkunde in deutscher Spra­
maßen der Residenzgesellschaft und den Ent­ che in Nordrhein-Westfalen, Münster 2005, S. 89 ff.

APuZ 13–14/2011 35
sprachigen Gemeindeumfeld wurde und wird Fächer sollen an jedem Standort von vier bis
hierdurch erheblich erschwert. sechs Professuren vertreten werden.

Mittlerweile haben nahezu alle Akteure aus Da der bekenntnisneutrale Staat nicht die
Politik und Moscheegemeinden erkannt, dass Inhalte eines theologischen Studienganges
die gesellschaftliche Implementierung eines bereitstellen kann, sind die Universitäten auf
hier beheimateten Islams eine wichtige Zu­ eine Kooperation mit der jeweiligen Religi­
kunftsaufgabe darstellt. Seit der Einberufung onsgemeinschaft angewiesen. Um die Zusam­
der ersten Deutschen Islamkonferenz (DIK) im menarbeit von Universität und islamischer
Jahr 2006 sind zwei strategische Handlungs­ Religionsgemeinschaft beziehungsweise Re­
felder erkennbar. Ganz oben auf der Agenda ligionsgemeinschaften auf eine verlässliche
steht die Einführung eines islamischen Reli­ Basis zu stellen, schlägt der WR die Einrich­
gionsunterrichts für die geschätzten 800 000 bis tung von Beiräten vor. Die Kompetenzen und
900 000 muslimischen Schülerinnen und Schü­ Mitwirkungsrechte dieser Gremien seien dem
ler. Im zweiten Handlungsfeld soll die Akade­ Verfassungsrecht zu entnehmen. So hätten die
misierung des Islams vorangetrieben werden. Beiräte die Aufgabe, bei der Gründung eines
Instituts für Islamische Studien mitzuwirken.
Darüber hinaus sollten sie an der Ausarbeitung
Aktueller Sachstand der Studiengänge mitarbeiten. Schließlich hät­
ten die Beiräte die Aufgabe, mitzuentscheiden,
Während sich die Einführung eines islami­ ob im Berufungsverfahren für eine Professur
schen Religionsunterrichts nach wie vor gegen eine Kandidatin beziehungsweise einen
schwierig gestaltet, hat es bei der Implemen­ Kandidaten religiöse Einwände bestehen.
tierung islamischer Wissenschaften an deut­
schen Universitäten im Jahr 2010 beträchtli­ Die Empfehlungen des WR fanden rasch
che Fortschritte gegeben. Gewissermaßen als die Zustimmung der Bundesregierung, die für
Initialzündung wirkten die lange erwarteten die Standorte jeweils vier Millionen Euro als
Empfehlungen des deutschen Wissenschafts­ Anschubfinanzierung bereitstellte. Mit der
rates (WR), die im Januar 2010 vorgelegt Durchführung des Auswahlverfahrens wur­
wurden. ❙3 Der WR empfiehlt an zwei bis drei de das Bundesministerium für Bildung und
universitären Standorten die Einrichtung so­ Forschung beauftragt. Bereits im Frühjahr
genannter Islamischer Studien, die in Form und Sommer 2010 reichten die Universitä­
eines Instituts an einer Philosophischen oder ten Erlangen, Gießen/Marburg, Münster und
Kulturwissenschaftlichen Fakultät angesie­ Osnabrück Konzepte ein. Die Entscheidung
delt werden sollen. folgte zeitnah im Oktober. Auf der Grundlage
der Beratungsergebnisse eines hochrangig be­
Diese Institute könnten künftig Religions­ setzten Gutachterausschusses entschied sich
pädagogen und -pädagoginnen, islamische das Ministerium zunächst für Tübingen und
Religionsgelehrte im Kontext der Moschee­ den Doppelstandort Münster/Osnabrück.
gemeinden, qualifizierte Kräfte in der Sozi­ Im Februar 2011 fiel eine zweite Entschei­
alarbeit sowie islamische Theologinnen und dung zugunsten der Universitäten Erlangen
Theologen in der universitären Lehre ausbil­ und Frankfurt/Gießen. Unmittelbar nach
den. Nach Auffassung des WR umfasst das der Entscheidung begannen die ausgewählten
Grundangebot für Islamische Studien die Universitäten mit den V
­ orarbeiten.
Gebiete: Exegese (inklusive Sunna), Systema­
tische Theologie (wie Fundamentaltheo­logie, Die Universität Tübingen plant bereits zum
Dogmatik, Moral und Ethik), Islamische Wintersemester 2011/2012 einen Studiengang
Ökumene, Historische Theologie (inklusive für „Islamische Studien/Islamische Theolo­
Sunna, Kalam, Mystik, Philosophie), Islami­ gie“. Hierbei will die Universität die „durch­
sches Recht und Rechtsmethodik, Praktische gehende Beteiligung der islamischen Verbän­
„Theologie“ und Religionspädagogik. Die de“ sicherstellen: Zunächst ist die Einrichtung
von sechs Lehrstühlen geplant, für deren Be­
setzung in Anlehnung zu den christlichen Fa­
❙3  Vgl. Wissenschaftsrat, Empfehlungen zur Weiter­
entwicklung von Theologien und religionsbezoge­ kultäten das „Prinzip der Konfessionsbin­
nen Wissenschaften an deutschen Hochschulen, Ber­ dung“ zu gelten habe. Die Ausbildung erfolge
lin 2010. dementsprechend ausschließlich durch musli­

36 APuZ 13–14/2011
misches Personal. Geplant sind Professuren zu Als wichtige Akteure in diesem Kontext wer­
den Bereichen: Koran und Koranlesung, Ko­ den die künftigen Religionspädagogen angese­
ran-Exegese, Hadith-Wissenschaften, Islami­ hen, die an staatlichen Schulen im islamischen
sches Recht, Islamische Glaubenslehre, Reli­ Religionsunterricht muslimischen Kindern ei­
gionspädagogik und Islamische Geschichte. ❙4 nen moderaten und aufgeklärten Islam nahe­
bringen sollen. Schließlich geht es auch um die
Die Universitäten Osnabrück und Münster Imame. Der klassische Imam, der dem Gebet
haben bereits in den vergangenen fünf Jah­ vorsteht, die Freitagspredigt hält und Koran­
ren den Nukleus einer islamischen Theolo­ übungen leitet, gilt vielen Politikern in Bund
gie und Religionswissenschaft geschaffen. und Ländern als nicht mehr zeitgemäßes Aus­
Münster verfügt derzeit über eine Professur laufmodell. Gefordert wird nun eine univer­
für Islamische Religionspädagogik. Gut auf­ sitäre Imamausbildung, die multifunktionale
gestellt ist die Religionspädagogik in Osna­ Imame hervorbringen soll. Imame sollen als
brück. Dort wurde unter der Federführung Moschee-Protagonisten im kommunalen Feld
von Bülent Ucar ein eigenes Institut geschaf­ nahezu alle im Gemeindeumfeld vorzufinden­
fen, das über zwei Professuren und vier Mit­ den Problemstellungen bearbeiten. Im Einzel­
telbaustellen verfügt. Wie die Zusammenar­ nen sind dies: ❙7
beit zwischen Münster und Osnabrück im
Detail aussehen soll, lässt sich derzeit noch Wahrnehmung der traditionellen Pflichten.
nicht sagen, da die Verhandlungen noch nicht Der Imam leitet das gemeinschaftliche Gebet
abgeschlossen sind. Fest steht jedoch, dass in der Moschee und hält die Predigt im Frei­
jede Universität mit drei Millionen Euro Bun­ tagsgebet. Darüber hinaus ist er als kunstvol­
desmitteln rechnen kann. Osnabrück plant ler Koranrezitierer tätig und vermittelt diese
für das kommende Wintersemester zwei For­ Fertigkeit an mehr oder minder lernwillige
schungsprofessuren und zwei Nachwuchs­ Schülerinnen und Schüler.
gruppen, in denen sich Habilitanden in den
Bereichen Theologie, Religion und Bildung Lehrkraft für alle islamischen Angele­
qualifizieren sollen. Mittelfristig soll aus den genheiten. Zu den traditionellen Pflichten
Nachwuchsgruppen das Personal für vier sind in der Gemeinde weitere Arbeitsauf­
weitere Professuren erwachsen. gaben hinzugekommen, die der Diaspora­
situation geschuldet sind. Viele Muslime sind
beispielsweise nicht mehr mit den rituellen
Unterschiedliche Erwartungen Handlungen vertraut, die der Alltag erfordert,
und die etwa in einem Sterbefall durchgeführt
Der rasche Aufbau Islamischer Studien an werden müssen. Sie sind in einem hohen Maße
den Universitäten und das damit verbunde­ auf die Hilfe eines sachkundigen Imams an­
ne Engagement von Politik und islamischen gewiesen. Gleiches gilt für die Unterweisung
Verbänden können jedoch nicht darüber hin­ in Speisevorschriften und vieles mehr.
wegtäuschen, dass keineswegs in allen Fragen
Einigkeit besteht. Gravierende Unterschiede Seelsorger. Auch die Seelsorge ist kein klas­
sind bereits in den Erwartungshaltungen fest­ sisches Arbeitsfeld des Imams, denn in isla­
zustellen. Die Bildungspolitik ist der Ansicht, misch geprägten Ländern ist umfassende Für­
mit der Gründung Islamischer Studien ermög­ sorge für Kranke, Gefangene und Menschen
liche man die Chance „zu einer historisch-kri­ in schwierigen Lebenslagen eine klare Aufga­
tischen Methode im Umgang mit dem Koran“. ❙5 be für die Familien. Angesichts dieses histori­
Darüber hinaus ist die Bundesministerin für schen Sachverhalts verwundert es nicht, dass
Bildung und Forschung Annette Schavan der es in der arabischen und türkischen Sprache
Überzeugung, dass die Einrichtung Islami­ keinen Begriff gibt, der auch nur annähernd
scher Studien „auch Teil einer zeitgemäßen mit dem Begriff des Seelsorgers vergleichbar
und überzeugenden Inte­gra­tionspolitik“ sei. ❙6

❙7  Vgl. Michael Kiefer, Zielsetzungen einer Imamaus­


❙4  Vgl. die Pressemitteilung der Eberhard Karls Uni­ bildung in Deutschland – Vom einfachen Vorbe­
versität Tübingen vom 14. 10. 2010. ter zum multifunktionalen Akteur, in: Bülent Ucar
❙5  Annette Schavan, Islamische Studiengänge in (Hrsg.), Imamausbildung in Deutschland. Islami­
Deutschland, in: Politik und Kultur, (2011) 1–2, S. 12. sche Theologie im europäischen Kontext, Osnabrück
❙6  Ebd. 2010, S. 185–193.

APuZ 13–14/2011 37
wäre. Dennoch sehen Muslime neuerdings gen. Diese Regelung habe den Vorteil, dass
hier Handlungsbedarf: Analog zur christli­ der Imam bereits ein Grundgehalt habe. Die
chen Seelsorge halten viele Muslime eine Not­ Moscheegemeinden könnten auf diesem Wege
fall-, Telefon-, Gefangenen- und Polizeiseel­ finanziell erheblich entlastet werden.
sorge für durchaus hilfreich und notwendig.
Die skizzierten Erwartungen finden nicht
Extremismusbeauftragte. Für die Sicher­ den ungeteilten Zuspruch der islamischen Ver­
heitsbehörden in Bund und Ländern ist es seit bände, die im Koordinierungsrat der Muslime
vielen Jahren ein erklärtes Ziel, die Moschee­ in Deutschland (KRM) zusammengeschlossen
gemeinden in die Gefahrenabwehr einzubin­ sind. Die enge Verbindung von Integrations­
den. Objekt der Ansprüche ist hier vor allem fragen und islamischer Theologie wird eher
der Imam, der Radikalisierungsprozesse jun­ skeptisch betrachtet. Die Etablierung einer is­
ger Muslime möglichst frühzeitig erkennen lamischen Theologie an deutschen Universitä­
und durch präventive Maßnahmen vereiteln ten ist für die Verbände zunächst ein wichtiger
soll. Darüber hinaus wird erwartet, dass der Schritt im langjährigen Kampf um Anerken­
Imam als Vorbild für einen zivilgesellschaft­ nung. Von zentralem Interesse sind für die
lich verträglichen Islam in und außerhalb der Verbände die Mitwirkungsmöglichkeiten in
Gemeinde in Erscheinung tritt. Berufungsverfahren. Gerade hier strebt man
ähnliche Regelungen an, wie sie für die großen
Dialogpartner. Die Dialogarbeit der Ge­ christlichen Kirchen gelten. Analog zum nihil
meinden mit dem nichtmuslimischen Mo­ obstat (Unbedenklichkeitserklärung der ka­
scheeumfeld ist von einer herausragenden tholischen Kirche) sollen nach dem Willen der
Bedeutung. Regelmäßige nachbarschaftliche Verbände Vertreter in Beiräten über die Eig­
Kontakte bilden eine wichtige Voraussetzung nung von Kandidaten mitentscheiden.
für einen konfliktfreien Umgang. Vor allem
die Vertreter der Kommunen wünschen Ima­
me als verständnisvolle Dialogpartner, die Probleme und offene Fragen
sachgerecht und kompetent über die Vorha­
ben der Gemeinde informieren. Die Beteiligung der islamischen Verbände bei
den anstehenden Besetzungsverfahren und die
Sozialarbeiter und Integrationslotse. Folgt Organisation der Islamischen Studien an Phi­
man den Verlautbarungen kommunaler Ak­ losophischen Fakultäten ist jedoch alles an­
teure, dann ist die Integrationsarbeit ein wei­ dere als unstrittig. Hier zeigt sich im Vorfeld
teres wichtiges Tätigkeitsfeld für Imame. eine komplexe ­Problemlage. Missverständlich
Imame sollen Gemeindemitgliedern und de­ und unpräzise ist bereits die Bezeichnung Is­
ren Umfeld die Notwendigkeit einer um­ lamische Studien, denn diese verwischt die
fassenden Integration vermitteln. Darüber Grenzen zur etablierten Islamwissenschaft.
hinaus sollen sie möglichst mit fundierten Die Islamwissenschaft betrachtet ihre For­
Kenntnissen des Sozial- und Bildungssys­ schungsgegenstände aus einem neutralen Er­
tems präzise Hilfestellungen anbieten. kenntnisinteresse und ist in der Lehre keinen
religiös begründeten normativen Einschrän­
Erziehungshelfer, Eheberater, Streitschlich­ kungen unterworfen. Anders hingegen ver­
tung und Mediation. Als weiteres Tätigkeits­ hält es sich bei einer islamischen Theologie,
feld der Imame wird neuerdings auch die die Forschung aus einer Binnenperspektive
Problembewältigung in Familien benannt. der Religion betreibt und durchaus mit nor­
Imame sollen beraten und bei alltäglichen mativen Grenzen behaftet ist. Bereits die
Lebensproblemen helfen, und sie sollen in Causa „Sven Kalisch“ ❙8 an der Universität
Familienkonflikten als Streitschlichter oder Münster hat unmissverständlich gezeigt, dass
Mediatoren fungieren. Forschung und Lehre zentrale Dogmen des
Islams nicht infrage stellen dürfen.
Imame als Religionslehrer in der Schule.
Die neueste Tätigkeitsfelderweiterung prä­
❙8  Nachdem Sven Kalisch die Historizität des Pro­
sentierte unlängst das niedersächsische In­ pheten Mohammed infrage gestellt hatte, entzogen
nenministerium. Es will künftige Absolven­ ihm die muslimischen Beiratsmitglieder das Vertrau­
ten einer universitären Imamausbildung mit en. Kalisch wurde daraufhin von der Lehrerausbil­
einer halben Stelle im Schuldienst beschäfti­ dung abgezogen.

38 APuZ 13–14/2011
Ein weiteres Problem ist darin zu sehen, mit ausgezeichneten Deutschkenntnissen
dass erstmalig in der bundesdeutschen Uni­ sind eine Rarität. Nach Lage der Dinge wird
versitätsgeschichte ein bekenntnisgebundenes man sich an den neuen Standorten zunächst
Fach an Philosophischen oder Kulturwissen­ mit Gastprofessuren aushelfen müssen.
schaftlichen Fakultäten angesiedelt werden
soll. Ein solcher Schritt stellt nach Auffassung
der Fachvertreterinnen und Fachvertreter der Islamische Einheitstheologie?
Islamwissenschaft einen gravierenden Ein­
griff in das wissenschaftliche Selbstverständ­ Grundsätzlicher Klärungsbedarf besteht fer­
nis dar. ❙9 Eine säkular orientierte Islamwissen­ ner bei der Festlegung der „Geschäftsberei­
schaft und bekenntnisgebundene islamische che“ einer islamischen Theologie und Reli­
Theologie sind schwerlich unter einem Dach gionspädagogik. Nach knapp einer Dekade
zu vereinen. Eine Unterscheidung der Ab­ Islamdebatte in Europa, die in den Feuilletons
schlüsse wäre formal nicht möglich. Unver­ aller großen Medien mit viel Verve geführt
ständlich ist, weshalb die Politik auf die Ge­ wurde, hat sich mittlerweile herumgespro­
staltung eines angemessenen institutionellen chen, dass der Islam als Interpretationsreli­
Rahmens verzichtet. Der richtige Ort für eine gion vielgestaltig ist. Dies gilt umso mehr für
islamische Theologie, die Wissenschaft aus ei­ „den Islam“ und seine Erscheinungsformen in
ner konfessionellen Gebundenheit betreibt, ist Zuwanderungsgesellschaften, da hier Muslime
sicherlich eine eigens einzurichtende Fakultät aus zahlreichen Ländern mit jeweils verschie­
für Islamische Theologie, die dann auch ent­ denen kulturellen und religiösen Entwicklun­
sprechende Abschlüsse vergeben könnte. gen eine neue Heimat gefunden haben.

Weitere kritische Fragen können auch zu Im Organisationsprozess muslimischer Ver­


den Beiräten gestellt werden: Wer wird über eine und Verbände, der zurzeit zu beobach­
die Besetzung der Beiräte entscheiden? Wel­ ten ist, finden diese Fakten ihren deutlichen
ches Spektrum des Islams ist in den Beiräten Niederschlag. Mittlerweile hat sich beispiels­
abzudecken? Welche Qualifikation müssen weise die Alevitische Gemeinde Deutschland
die Beiratsmitglieder vorweisen, und schließ­ als eigenständige religiöse Tradition inner­
lich: Wie weit gehen die Mitspracherechte in halb des Islams aufstellt und in einigen Bun­
den anstehenden Berufungsverfahren? Ange­ desländern einen alevitischen Religionsunter­
sichts fehlender staatskirchenrechtlicher Ver­ richt beantragt. Baden-Württemberg, Bayern,
einbarungen dürfte sich die Beantwortung Hessen und Nordrhein-Westfalen haben im
dieser Fragen im Detail als schwierig erwei­ Schuljahr 2007/2008 mit der Einführung ei­
sen. Darüber hinaus ist zu befürchten, dass nes alevitischen Religionsunterrichts im Sin­
die Tätigkeit von Beiräten mit weitgehenden ne des Artikels 7 Absatz 3 des Grundgesetzes
Befugnissen in Berufungsverfahren Philoso­ (GG) begonnen. Ein ähnlicher Weg zeichnet
phischer Fakultäten der Freiheit der Lehre sich vielleicht für die schiitischen Gemein­
empfindlichen Schaden zufügen kann. den ab. Im März 2009 gründeten 110 schiiti­
sche Gemeinden den Dachverband Islamische
Gefragt werden kann ferner, ob ausrei­ Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden
chend qualifizierte Kandidatinnen und Kan­ Deutschlands. Seinem Selbstverständnis nach
didaten für die neuen Lehrstühle zur Ver­ ist der Verband eine Religionsgemeinschaft
fügung stehen. Expertinnen und Experten im Sinne des Artikels 140 GG und damit auch
zeigen sich hier skeptisch. Bereits bei den bis­ Ansprechpartner für einen möglichen schiiti­
her erfolgten Besetzungen an den Universitä­ schen Religionsunterricht. In Hessen stellte
ten Münster, Osnabrück und Erlangen muss­ im Januar 2011 die Ahmadiyya einen Antrag
te man teilweise auf fachfremdes Personal aus auf die Einführung eines islamischen Religi­
den Islamwissenschaften oder Sozialwissen­ onsunterrichts. Langfristig könnten sich au­
schaften zugreifen. Grundsätzlich gilt: Aus­ ßerdem, in Analogie zu der Ausdifferenzie­
gebildete habilitierte islamische Theologen rung der jüdischen Gemeinden in orthodoxe
und liberale, neben dem sunnitischen Ver­
❙9  Vgl. die Stellungnahme zur Einrichtung des Fa­
bandsislam liberale muslimische Gemeinden
ches „Islamische Studien“ an deutschen Universitä­ und Organisationen etablieren. Es ist durch­
ten, Oktober 2010, online: www.dmg-web.de/pdf/ aus denkbar, dass diese einen weiteren isla­
Stellungnahme_Islamstudien.pdf (17. 2. 2011). mischen Religionsunterricht beantragen und

APuZ 13–14/2011 39
damit das vorhandene Spektrum erweitern befinden sich in einer prekären Finanzlage, da
würden. sie ihre Arbeit und Immobilien gänzlich aus Ei­
genmitteln, die größtenteils aus Mitgliederbei­
Die skizzierte Entwicklung zeigt, dass sich trägen und Spenden stammen, finanzieren müs­
der Islam in Deutschland in einem Prozess sen. Konkret bedeutet dies, dass akademisch
der Konfessionalisierung befindet. Die Bil­ ausgebildete Imame nach Lage der Dinge nicht
dung weiterer kleinerer islamischer Religi­ finanziert werden können. Lediglich die etwa
onsgemeinschaften im Sinne des Artikels 140 900 DITIB-Gemeinden haben in finanzieller
GG begründet mit Sicherheit neue Ansprüche Hinsicht andere Ausgangsbedingungen. Die
gegenüber der Bildungs- und Wissenschafts­ Imame, die in diesen Gemeinden ihre Dienste
politik der Länder. Es ist deshalb schon bald verrichten, werden in Gänze vom türkischen
damit zu rechnen, dass Forderungen nach ei­ Staat bezahlt. Diese Regelung bringt jedoch
ner an Universitäten verankerten alevitischen andere Probleme mit sich. Die Imame in den
und schiitischen Theologie laut werden. Un­ Gemeinden sind keine Gemeindeangestellten,
klar ist, ob die angestrebten Zentren in ihrem sondern Beamte beziehungsweise Angestellte
jetzigen Zuschnitt der skizzierten Entwick­ des türkischen Staates. Schließlich sollte auch
lung beziehungsweise der zu erwartenden noch erwähnt werden, dass der VIKZ (Verband
Pluralisierung gerecht werden können. islamischer Kulturzentren e. V.) eigene Fach­
schulen für die Imam­ausbildung unterhält. Die
verbandsinterne Besoldung erreicht bei Weitem
Berufsperspektiven für Absolventen nicht das Gehalt akademischer Theologen, die
etwa in Kirchen ihre Dienste verrichten.
Schließlich muss auch noch auf die prekä­
ren Berufsaussichten künftiger Absolventen
der Islamischen Studien hingewiesen wer­ Bereicherung
den. Religionslehrerinnen und -lehrer, Ima­
minnen und Imame sowie sozialpädagogische Wie sich in den kommenden fünf Jahren eine
Gemeinde­arbeiterinnen und -arbeiter sollen in Deutschland beheimatete Islamische Theo­
bereits ab dem Wintersemester 2011/2012 aus­ logie und Religionspädagogik entwickeln
gebildet werden. Junge Menschen, die diese wird, lässt sich auf Grundlage der bisher er­
neuen akademischen Berufe ergreifen wollen, folgten Weichenstellungen nur schwer vor­
sollten sich jedoch darüber im Klaren sein, aussagen. Die Ausschreibungen für die neuen
dass aktuell faktisch kein Arbeitsmarkt für Lehrstühle werden in Tübingen, Osnabrück
diese Professionen existiert. und Münster noch im Laufe des Jahres 2011
erfolgen. Ob die anschließenden Berufungs­
Beginnen wir mit den Berufsaussichten von verfahren konstruktiv und einvernehmlich
islamischen Fachlehrkräften für den Religions­ zwischen Universitäten und Beiräten gestaltet
unterricht. Immer wieder wurde in den ver­ werden können, steht in den Sternen. Erheb­
gangenen Jahren davon gesprochen, dass wir liche Unklarheiten bestehen auch bezüglich
allein für die flächendeckende Einführung ei­ der Bandbreite einer Islamischen Theologie.
nes islamischen Religionsunterrichts über 1000 Es ist durchaus möglich, dass die Vielfalt des
Lehrkräfte benötigen. Diese Bedarfsrechnung Islams in den gegenwärtigen Konzepten kei­
ist aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein rei­ nen Ausdruck finden kann.
nes Zahlenspiel, denn in keinem Bundesland
wird ein regulärer islamischer Religionsunter­ Andererseits ist festzuhalten: Ungeach­
richt angeboten. Lediglich Niedersachsen und tet der skizzierten Problemlagen bietet die
Nordrhein-Westfalen stehen an der Schwel­ Schaffung Islamischer Zentren an deutschen
le zu einem ordentlichen islamischen Religi­ Universitäten große Chancen zur akademi­
onsunterricht. Die Entwicklung in allen ande­ schen Fundierung eines hier beheimateten
ren Flächenstaaten mit einem hohen Anteil an Islams, der inmitten einer werteplural orien­
muslimischer Bevölkerung ist derzeit unklar. tierten Zivilgesellschaft einen festen und si­
cheren Platz finden kann. Für die deutsche
Noch schwieriger stellen sich die Stellen­ Zivilgesellschaft würde dies ohne jede Frage
aussichten für künftig hier ausgebildete Ima­ eine große Bereicherung darstellen.
me dar. In Deutschland gibt es geschätzte 2500
Moscheegemeinden. Viele dieser Gemeinden

40 APuZ 13–14/2011
Michael Borgolte schen Verhältnissen im Norden der Pyrenä­
en und der Alpen kaum anziehend erschien.

Der Islam als Noch wichtiger waren religiöse Vorbehalte


gegen eine Migration. Erfahrungen, die der
Prophet Mohammed selbst und seine ersten

Geburtshelfer Anhänger gemacht hatten, begründeten das


Verbot für Muslime, unter Herrschern einer
anderen Religion zu leben. Wo sie auf Reisen

Europas christliche Länder passieren mussten, soll­


ten sie diese rasch wieder verlassen, um der
Gefahr des Glaubensabfalls auszuweichen.
Schwer zu lösen, war die Frage, wie sich

S ieben Kriegsgefangene waren die ersten


Muslime in Deutschland. Der König von
Asturien hatte sie bei seinem Überfall auf
Muslime verhalten sollten, die von fremden
Mächten unterworfen worden waren. Darü­
ber stritten die Rechtsgelehrten, wenngleich
Lissabon erbeutet und es immer empfehlenswert war, den Ländern
Michael Borgolte im Jahr 798 zusammen der Ungläubigen den Rücken zu kehren.
Dr. phil., geb. 1948; Professor mit ihren Rüstungen
für Geschichte des Mittelalters und Maultieren als Ein kultureller Ausgleich, eine Anpas­
an der Humboldt-Universität zu Freundschaftsgabe an sung der Lebensverhältnisse oder gar eine
Berlin, Institut für Geschichts- Karl den Großen nach gemeinsame Fortentwicklung der je eigenen
wissenschaften; ordentliches Aachen geschickt. Mit Erfahrungen und Errungenschaften waren
Mitglied der Berlin-Branden- ihnen begann noch also Muslimen und Christen nur dort mög­
burgischen Akademie der keine Geschichte des lich, wo die Gläubigen des Korans die Herr­
Wissenschaften; Unter den Islams in Deutsch­ schaft errungen und am besten auch bewahrt
Linden 6, 10099 Berlin. land, da sich die Spur hatten. Hierin unterscheidet sich die mus­
borgoltem@ der Zwangsmigranten limisch-christliche Symbiose grundlegend
geschichte.hu-berlin.de gleich wieder verloren vom Zusammenleben der Juden mit Chris­
hat. Sonst hielten sich ten oder Muslimen, weil Juden überall in
Muslime, wenn sie als Gesandte oder politi­ der Minderheit und politisch abhängig wa­
sche Unterhändler an die Höfe der Karolin­ ren. Militärische Eroberungen durch orien­
ger kamen, als Reisende nur kurz an Orten talische Verbände richteten sich in Europa
wie Paderborn auf. Größeren Eindruck als sie gegen christianisierte Reiche, Regionen und
selbst machte der Elefant, den Harun ar-Ra­ Bevölkerungen. Gewalt und Unterwerfun­
schid im Jahr 802 zu Karl dem Großen brin­ gen, die teilweise als Fremdherrschaft emp­
gen ließ. Der Kalif von Bagdad hatte das exo­ funden und nach Jahrhunderten wieder be­
tische Tier nach dem Onkel des Propheten seitigt wurden, bildeten die Voraussetzungen
und Begründer seiner eigenen Dynastie Abu für kulturelle Austauschprozesse, von denen
Abass genannt. Kaum ein Franke wird diese Europa bis heute zehrt.
Zusammenhänge begriffen haben, aber der
Repräsentant einer fremden und fernen Kul­
tur konnte das Ansehen und den Schrecken Expansion in Richtung Europa
des Kaisers erheblich steigern. Karl nahm je­
denfalls den Elefanten auf seinen Kriegszü­ Schon unmittelbar nach Mohammeds Tod im
gen mit. Aber bevor sein Heer im Jahr 810 auf Jahr 632 waren seine Stellvertreter, die Kali­
die Dänen stieß, verendete Abu Abass an der fen, von der Arabischen Halbinsel aus nach
Lippe. Osten und in den Raum des Mittelmeeres
vorgestoßen. Ihre Kämpfer eroberten Da­
Nur eine große Gruppe von muslimischen maskus, Jerusalem, Antiochien und Ägyp­
Zuwanderern hätte den Franken und spä­ ten, verfehlten jedoch die ersehnte Einnahme
ter den Deutschen die Lösung des Integra­ Konstantinopels, der Kaiserstadt am Bospo­
tionsproblems abverlangt. Doch dazu ist es rus, in den Jahren 674/678 zum ersten Mal.
im Mittelalter nie gekommen. Der kulturel­ Andere muslimische Heerführer setzten bei
len oder gar ethnischen Verflechtung stand Gibraltar nach Europa über (im Jahr 711) und
schon entgegen, dass Berbern, Arabern oder gewannen das christliche Reich der West­
auch Syrern ein Leben unter den klimati­ goten fast ganz bis zu den Pyrenäen.

APuZ 13–14/2011 41
Als der byzantinische Kaiser mit bulgari­ verdrängten die Normannen und endgültig
scher Hilfe in einer zweiten, entscheidenden der Stauferkaiser Friedrich II. die Sarazenen.
Abwehrschlacht vor Konstantinopel siegte In Spanien wurden die Muslime nach 1212
(717/718), hatte sich auch im Westen, in Asturi­ auf das Sultanat Granada eingeschränkt, und
en, eine winzige politische Herrschaft ausgebil­ Städte und Reich der Wolgabulgaren unter­
det, die den Christen erlaubte, zur Rückerobe­ warfen die Mongolen 1236/1237.
rung ihrer Heimat von den fremdgläubigen
Invasoren anzusetzen (716). Die Reconquista Gegenbewegungen aus Asien kehrten den
sollte aber noch jahrhundertelang dauern und Trend aber um. Nach der Eroberung Jerusa­
erst im Jahr 1492 zu ihrem Abschluss gelan­ lems 1244 durch muslimische Mächte brach­
gen. Im Mittelalter blieben die Muslime schon te der Sultan der Mamluken aus Ägypten den
deshalb stets ein Teil Europas, ohne freilich ins Mongolen an der „Goliathsquelle“ (zwischen
Herz des Kontinents vorzustoßen. Man darf Jerusalem und Nablus) eine entscheiden­
indes bezweifeln, dass sie dies jemals ernsthaft de Niederlage bei; der Khan der „Goldenen
beabsichtigt und davon geträumt hatten, die Horde“, dem der größte Teil der Rus folgte,
grüne Fahne des Propheten am Rhein flattern konvertierte bald darauf ebenso zum Islam
zu sehen. Auch der zum Mythos gewordene (1257/66) wie das Ilchanat, die andere mongo­
Sieg des Franken Karl Martell bei Tours und lische Herrschaft in Vorderasien (1295/1304).
Poitiers im Jahr 732 über die Sarazenen (mus­ Der Einflussbereich der Muslime wurde bis
limische Stämme im Mittelmeerraum) war in über den Dnjepr hinaus vorgeschoben.
diesem Sinne keine Entscheidungsschlacht ge­
wesen. Umgekehrt hatte es selbst ein Herr­ Noch einschneidender waren freilich Aus­
scher wie Karl der Große nicht vermocht, ge­ griffe und Eroberungen der türkischen Os­
gen die Muslime auf der Iberischen Halbinsel manen in Byzanz und auf dem Balkan seit
bedeutende Landgewinne zu erzielen. 1354 bis zum Fall der Hauptstadt Konstanti­
nopel selbst (1453). Am Ende des Mittelalters
Erhebliche Zeit nach Spanien war auch Si­ liefen christlich-muslimische Siedlungsgren­
zilien unter die Herrschaft des Islams geraten. zen immer noch durch Europa, wenn auch an
Von Nordafrika aus eroberte eine arabische anderen Orten als zuvor.
Dynastie bis 902 die ganze Insel. Die Muslime
griffen sogar Rom an, plünderten den Vatikan
und zerstörten St. Paul vor den Mauern. Papst Europa entdeckt sich selbst
Leo IV. (847–855) musste sich zum Schutz
der Stadt als Kriegsherr betätigen. Er segne­ Obgleich sich die Muslime nur an den Peri­
te eine Flotte, welche die Angreifer tatsäch­ pherien des Kontinents festsetzen konnten,
lich zerstreute, und ließ die „Leostadt“ mit haben sie die Geschichte Europas nachhaltig
dem Petrus­grab durch eine Festung schützen. beeinflusst. Durch ihre Eroberungen des vor­
In Resten steht die „leoninische Mauer“ noch mals christlichen Nordafrikas, Persiens unter
heute. Besonders den Anstrengungen mehre­ den Sassaniden und des Kaiserreichs von By­
rer Könige aus dem Stamm des großen Karl zanz in dessen asiatischen Provinzen hatten
ist es zuzuschreiben, dass die Sarazenen nicht sie die antike Einheit der Mittelmeerwelt zer­
ganz Unteritalien einnahmen. stört und Europa auf sich selbst verwiesen:
Jetzt erst, im Mittelalter seit dem 8. Jahrhun­
Etwas anders als im Westen und Süden Eu­ dert, entdeckte Europa sich selbst, vor allem,
ropas war es im Osten. An der Wolga nah­ indem sich von Süden nach Norden die Kir­
men die Bulgaren den Islam an (921/922) und che und nach dem Vorbild des Kaisers Kon­
bildeten ein Reich, das wegen seiner handels­ stantin des Großen das christliche König­
politischen Lage von Bedeutung war. Seine tum verbreitete. Mit der Besiedlung Islands
Ausstrahlung in die Nachbarschaft langte und teilweise sogar Grönlands, der Errich­
aber nicht aus zur Konversion der dort le­ tung von Monarchien in Skandinavien und
benden „heidnischen“ Rus, die sich stattdes­ der Konversion der Litauer als letztem gro­
sen für das Christentum orthodoxer Prägung ßen Volk Nordeuropas zum Glauben an den
entschieden haben. Gekreuzigten (1253/1386) waren die Expansi­
onsmöglichkeiten aber erschöpft, zumal man
Im hohen Mittelalter schien der Islam al­ sich bis ins 15. Jahrhundert kaum zu weiten
lenthalben zurückzuweichen. Aus Sizilien Fahrten auf den Atlantik hinaus traute.

42 APuZ 13–14/2011
Den Muslimen hingegen war es gelungen, turpflanzen. So haben die arabischen Aus­
mit ihren frühen Eroberungen in der Levan­ griffe nach Osten dem Mittelmeerraum unter
te die Wasserstraßen zwischen Mittelmeer anderem aus Indien Reis, Zuckerrohr, Zitrus­
und Indischem Ozean und teilweise auch den früchte und Baumwolle, aus Persien Auber­
Zugang zu den asiatischen Seidenstraßen un­ ginen und Artischocken, wohl auch den Spi­
ter ihre Kontrolle zu bringen. Nicht nur für nat, eingebracht. Sie erreichten Europa über
den Handel zwischen Okzident und Ori­ Spanien meist im 10., wenn nicht durch die
ent, sondern vor allem für den Kulturtrans­ Kreuzzügler aus der Levante erst im 12. Jahr­
fer aus Persien, Indien und China besetzten hundert (Aprikosen). Was in Monsungebie­
sie im Mittelalter die Schlüsselposition. Le­ ten üppig gedeiht, muss anderswo künstlich
diglich zwischen dem frühen 13. und der Mit­ bewässert werden, so dass die neuen Pflan­
te des 14. Jahrhunderts waren die lateinischen zen auch zum technologischen take off bei­
Christen aus Westeuropa in der Lage, eigene trugen. Im muslimischen Spanien setzte sich
Direktkontakte bis nach China zu pflegen. die syrische Irrigation so erfolgreich durch,
Ermöglicht hatten dies der Wagemut italieni­ dass man geradezu von einer „Schöpfradre­
scher Kaufleute, die Eroberung des byzantini­ volution“ spricht. Die Steigerung der land­
schen Reiches durch lateinische Kreuzzügler wirtschaftlichen Produktivität verschaffte
(1204) und die etwa gleichzeitige Gründung Handel und Städtewesen Aufschwung und
des mongolischen Großreiches durch Dschin­ Wohlstand. Kein Wunder, dass bald auch die
gis Khan. In den Zeiten der Großen Pest (vor Christen die neue Technik übernahmen und
allem von 1347 bis 1354) endete die Geschichte nach Verdrängung der Muslime beibehielten.
eines Weltsystems, das erstmals die kulturel­
len Inseln von Nordwesteuropa bis zum Fer­ Viel einschneidender noch als die Bereiche­
nen Osten miteinander verbunden hatte. rung des Speisezettels war die Verbreitung des
Papiers, das wiederum die Araber durch ihre
kriegerischen Begegnungen mit den Chine­
Einfluss des Islams sen im 7. Jahrhundert kennengelernt und im
Kalifat (Bagdad 794) auf Kosten des Papyrus
In Wissenschaft und Publizistik wird heute viel eingeführt hatten. In Europa verdrängte es
darüber gestritten, wo die Anfänge Europas zu das Pergament, das für eine Massenproduk­
suchen sind. Viele finden sie in der Antike und tion von Schriftgut viel zu teuer war. Über
besonders bei der Freiheit und Demokratie der Nordafrika wurde der neue Beschreibstoff
Griechen, andere aber erst im Mittelalter. Für nach Andalusien und Sizilien vermittelt.
diese Auffassung spricht die Verlagerung des
historischen Kraftfeldes vom Saum des Mittel­ Für die Papierherstellung blieben die Chris­
meeres nach Norden, zu welcher der Islam mit ten auf die muslimischen Experten angewie­
seiner dynamischen Expansion entscheidend sen. In Italien etablierten sich eher im Norden
beigetragen hat. Über die Kontinentalisierung Zentren der Herstellung und des Exports von
Europas geht aber die Funktion der Muslime Papier (Genua, Bologna), während Papiermüh­
als Geburtshelfer unseres Lebensraumes weit len jenseits der Alpen erst später bezeugt sind
hinaus. Denn der Islam hat gerade von seiner (1338 im französischen Troyes, 1390 in Nürn­
vermeintlichen Randposition her die Geschich­ berg, 1494 im englischen Stevenage). Durch
te Europas tiefgreifend beeinflusst. Entschei­ Verwendung des Papiers multiplizierten sich
dend dafür waren die arabischen Eroberungen die Adressaten von Verwaltung und Politik,
des 7. und 8. Jahrhunderts gewesen. Mit dem Recht, Wissenschaft und Kultur um ein Vielfa­
„islamischen Reich“ war eine riesige Zone für ches: „Mehr als Könige und Kriege veränderte
die Verbreitung von Gütern, Ideen und Techni­ es das menschliche Leben und trug dazu bei,
ken entstanden, die von China und Indien bis Europa von einer mündlichen zu einer schrift­
nach England reichte. Die Begegnung von Völ­ lichen Kultur zu machen.“ (R. I. Burns)
kern, Kulturen und Religionen, nicht zuletzt
des Islams mit Christentum und Judentum, ha­
ben Innovationen und Erfindungen von höchst Entfaltung einer freien Wissenschaft
nachhaltiger Wirkung angeregt. und Philosophie
Agrarische Gesellschaften profitierten da­ Zusammen mit den Pflanzen und den Tech­
bei zunächst durch Verbreitung neuer Kul­ nologien hatte die Araber aus dem Osten

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ein Strom wissenschaftlicher Literatur er­ sionen in der westlichen Wissenschaftsspra­
reicht. Chinesische Werke waren zwar nicht che, nicht aber die arabischen Originale, sind
darunter, dafür aber die reiche Überliefe­ überliefert.
rung Indiens und Persiens, während die Er­
oberung byzantinischer Städte und Klöster Unter den fremden Einflüssen, welche die
den Muslimen auch Zugang zur antiken Na­ Kultur der islamisierten Araber prägten, blie­
turwissenschaft und Philosophie der Grie­ ben die griechischen hinter denen aus dem
chen verschaffte. Angereichert durch die mittleren Orient kaum zurück, zumindest in
Kommentare und Ergänzungen der Araber der Frühzeit. Die Araber konnten dabei von
floss das gelehrte Wissen aus dem Orient älteren Übersetzungen hellenistischer Werke
bis zum hohen Mittelalter auch Unteritali­ ins Syrische profitieren. Die Verwandtschaft
en und Spanien zu, wo es adaptiert und wei­ semitischer Sprachen erleichterte die sekun­
ter bearbeitet wurde. Im Osten wie im Wes­ däre Übertragung ins eigene Idiom, bevor
ten entstanden, wenngleich zeitlich versetzt, sich die arabischen Gelehrten selbst an die
regelrechte Übersetzerkreise, welche die griechischen Originale trauten. Andererseits
fremdsprachigen Abhandlungen den neuen erreichten sie die Werke der Alten über mit­
Lesern im Arabischen, Kastilischen/Katala­ telpersische Versionen.
nischen und Lateinischen besser zugänglich
machten. In der Philosophie waren sie so gründlich,
dass sie im 10. Jahrhundert über den ganzen
In Bagdad erwarb sich besonders der Ka­ Aristoteles verfügten und von Platon einige
lif al-Mamun (813–833) Verdienste um die Dialoge in arabischer Sprache hatten. Auch
Sammlung und Übersetzung griechischer und Neuplatoniker, Stoiker und Neupythagore­
persischer Werke. Für ihn war unter anderem er fanden ihr Interesse. Von den Medizinern,
der wohl aus Persien stammende al-Khwariz­ allen voran von Hippokrates und Galen, er­
mi tätig, der sich von der Mathematik der In­ strebten sie erschöpfende Textcorpora in ih­
der inspirieren ließ. Mit einem seiner Werke rer eigenen Sprache, in der Botanik schätzten
begründete al-Khwarizmi die Algebra, wäh­ sie Dioskurides, in den Naturwissenschaften
rend er in einer anderen Schrift den Gebrauch im Übrigen Euklid, Archimedes und Ptole­
der indischen – später arabisch genannten – maios. Wiederum ging die Aneignung der an­
Zahlen und die grundlegenden arithmeti­ tiken Texte mit der Abfassung eigener Trak­
schen Operationen lehrte. Das zweite Buch tate einher.
fand zwar nicht das Interesse seiner arabi­
schen Zeitgenossen und ist im Original ver­
loren. Beide Abhandlungen wurden jedoch Ruhm der arabischen Wissenschaften
während des 12. Jahrhunderts in Spanien ins
Lateinische übersetzt. Der verballhornte Au­ Die Entfaltung einer freien Wissenschaft
torname in der lateinischen Fassung von al- und Philosophie war allerdings im Kalifat
Khwarizmis Buch über die indischen Zahlen von Bagdad auf Dauer unmöglich. Von jeher
„Algoritmi de numero Indorum“ wurde bis waren im Islam diejenigen Wissenschaften
heute zum mathematischen Terminus techni­ privilegiert, die der Kenntnis und dem Ver­
cus „Algorithmus“. ständnis des Korans sowie des Rechts dien­
ten. Man sprach geradezu von „islamischen
Von besonders großer praktischer Bedeu­ Wissenschaften“, denen in dienender Funkti­
tung war ein drittes Werk mit astronomischen on auch die philologischen Disziplinen zuge­
Tafeln, das die Berechnung der Himmelskör­ ordnet waren, die sich mit arabischer Sprache
per erlaubt. Es beruhte auf einer Urschrift in befassten. Von ihnen streng getrennt waren
Sanskrit, doch berücksichtigte der Gelehrte die „fremden“ Wissenschaften, also die Leh­
von Bagdad auch griechische und persische ren der heidnischen Griechen, die letztlich
Überlieferungen. Schon in der zweiten Hälf­ mit Erfolg bekämpft wurden. Spätestens in
te des 10. Jahrhunderts benutzten und bear­ der Mitte des 11. Jahrhunderts ging deshalb
beiteten arabische Mathematiker am Kalifen­ das „goldene Zeitalter“ der islamischen Kul­
hof von Córdoba al-Khwarizmis Tafelwerk, tur in Bagdad zu Ende.
das in dieser Form auch in Spanien von la­
teinischen Gelehrten übersetzt wurde. Nur Zur gleichen Zeit hatten die von Arabern
die so im 12. Jahrhundert entstandenen Ver­ übersetzten, kommentierten und selbststän­

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dig fortentwickelten Lehren griechischer me und Juden den christlichen Gelehrten zur
und fernöstlicher Gelehrsamkeit das Interes­ Verfügung ­stellten.
se der westeuropäischen Gelehrten geweckt.
Im muslimischen Spanien und im norman­ Manchmal formulierte ein Christ den latei­
nischen beziehungsweise staufischen Unter­ nischen Text zwar direkt nach der arabischen
italien traten die Herrscher und Fürsten als Vorlage, meist aber bildete er ein Team mit
Patrone der Wissenschaft in Erscheinung. In Anderen. Dann pflegte der erste Gelehrte das
Andalusien bildeten die Muslime auch Schu­ arabische Wort laut in die Volkssprache zu
len aus, die sich auf bestimmte Fächer oder übertragen und ein zweiter darauf die lateini­
Gebiete konzentrierten. So war Sevilla im sche Version niederzuschreiben. Der sich der
12. Jahrhundert ein Schwerpunkt für aristo­ Landessprache bediente, war oft ein Jude, der
telische Philosophie. Im Allgemeinen betätig­ andere ein Christ, typischerweise ein Kleri­
ten sich die Gelehrten aber als Philosophen, ker. Trilinguale Juden, die Hebräisch, Ara­
Theologen, Naturwissenschaftler und sogar bisch und eine der romanischen Sprachen be­
Poeten zugleich. Unerfüllter Erkenntnistrieb herrschten, spielten eine Schlüsselrolle. Der
machte sie auch mobil, so dass sie „aus Liebe Prozess der Aneignung arabischer Literatur
zur Wissenschaft“ in den Orient reisten und durch die Lateiner vollzog sich freilich nicht
dabei bis zum mongolischen Observatorium bloß durch Übersetzung, sondern wie bei
in Aserbaidschan v­ orstießen. den Arabern in Bezug auf die Griechen auch
durch Zusammenfassung, Ergänzung und
Der Ruhm der arabischen Wissenschaften selbstständige Fortentwicklung der vorgeleg­
in Spanien verbreitete sich andererseits bis ten Texte.
nach England. Einer, der „nach seinem Ver­
mögen die Studien der Araber durchdringen“ Ähnlich wie im muslimischen Spanien war
wollte und dabei vor allem an Astronomie- auch in Sizilien unter christlichen Herren
Astrologie und an Mathematik dachte, war die Wissenschaft höfisch bestimmt. König
Adelard aus Bath. Er hatte an Schulen in der Roger II. ließ beispielsweise den arabischen
Normandie und an der Loire seine Ausbil­ Geographen al-Idrisi nach jahrzehntelangen
dung in den Sieben Freien Künsten (studia li- Forschungen und ausgedehnten Exkursionen
beralia) erfahren und war dann weitergezo­ eine aufwändige Weltkarte erstellen. Unter
gen, über die französischen Bildungszentren einem seiner Nachfolger wurden auch hier
Tours und Laon nach Salerno und Sizilien Werke des Aristoteles und der ganze Platon
sowie bis nach Antiochien in Syrien. Adelard übersetzt. Die Bibliothek in Syrakus soll die
übersetzte 1126 die astronomischen Tafeln Werke der Weisheitslehrer Heron, Anaxago­
des al-Khwarizmi und übertrug erstmals ras, Aristoteles, Themistios und Plutarch so­
die „Elemente“ des Euklid (eine Zusammen­ wie der Naturwissenschaftler wie Euklid
fassung der bis etwa 280 v. u. Z. entstande­ umfasst haben.
nen Arithmetik und Geometrie) vollständig
vom Arabischen ins Lateinische. Daneben Kaiser Friedrich II., der Nachfolger der
verfasste er auch eigene Abhandlungen, die normannischen Herrscher von Sizilien, such­
zum Beispiel den mathematisch-astronomi­ te den Kontakt mit dem Kaufmann und Ma­
schen Geräten Abakus und Astrolab gewid­ thematiker Leonardo von Pisa, der auf seinen
met ­waren. Handelsreisen unter anderem nach Ägyp­
ten und Syrien immer wieder andere Gelehr­
Wie Adelard suchten auch andere weitge­ te aufsuchte, um sein Wissen zu ergänzen.
reiste Männer das christliche Spanien auf, Durch sein „Buch über den Abakus“ mach­
um die Schätze Griechenlands, Indiens, Per­ te er seinen Landsleuten das Ziffernrechnen
siens und des Islams ins Lateinische zu über­ bekannt und brachte ihnen dessen praktische
tragen. So wenig über den Lebensweg der Vorteile im Geschäftsleben mit zahlreichen
Wissbegierigen bekannt ist, lässt sich erken­ Beispielen aus arabischen, byzantinischen
nen, dass sie aus vielen Ländern des westli­ und lateinischen Quellen nahe. In Fried­
chen Europas kamen, darunter wohl auch richs Umgebung wurde unter anderem auch
aus dem römisch-deutschen Reich. In Tole­ die Tierkunde des Aristoteles aus einer ara­
do, Barcelona und verschiedenen Orten des bischen Fassung ins Lateinische übersetzt,
Ebrotales bildeten sich Zentren der Über­ die der Kaiser für sein eigenes „Falkenbuch“
setzungstätigkeit aus, an denen sich Musli­ ­benutzte.

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Christliche Pilger nach Santiago de Com­ cher der Trojaner an den Griechen. Sein Volk
postela oder nach Rom und sonstige Reisen­ nämlich, die Türken (Teukrer), hielt man
de verbreiteten den Ruhm der neuen Wis­ seit dem frühen Mittelalter für Abkömm­
senschaft und die Kenntnis der latinisierten linge jener von Homer besungenen Helden,
Schriften der Griechen und Araber im gan­ welche die Achaier einst an der Küste Klein­
zen Westen. Besonders in den französischen asiens besiegt haben sollen. Als Nachkom­
Kathedralschulen, die ihrerseits Studieren­ men des ­Aeneas und anderer Überlebender
de auch aus Deutschland anzogen, blühte die und Flüchtlinge galten aber auch die Römer
Gelehrsamkeit auf. In Chartres beispielsweise selbst sowie fast alle Völker Europas, darun­
konnten die lateinischen Dichter und Schrift­ ter die Franzosen, Engländer und Deutschen.
steller der Antike ebenso studiert werden wie Mehmeds Wunsch, sich dieser europäischen
die griechisch-römischen Philosophen und Völkerfamilie zuzugesellen, ja an deren Spit­
Naturwissenschaftler. Nicht zuletzt erregten ze zu treten, wiesen freilich gelehrte Latei­
aber die muslimischen Autoren selbst Auf­ ner sofort zurück. Diese beklagten den Ver­
merksamkeit, denn die Araber galten als „die lust Konstantinopels als einer Stadt Europas
Philosophen“ schlechthin. Avicenna, dessen und einen Teil „unseres Vaterlandes“, zu dem
eigentlicher Name Ibn Sina war, Arzt, Phy­ man die erobernden Osmanen nicht mehr
siker, Philosoph, Jurist, Mathematiker, Ast­ zählen wollte. Der Humanist Enea Silvio
ronom und Alchemist aus Persien, stand als Piccolomini, später als Papst Pius II. bekannt
Autorität neben Aristoteles. Indem sie den geworden, hat viel Mühe auf den Nachweis
Lateinern eine völlig neue Grundlage der verwandt, dass „Teukrer“ (Trojaner) und
Wissenschaft zugänglich machten, wurden Türken nicht identisch seien.
die Araber im hohen Mittelalter zum zweiten
Mal zu Geburtshelfern Europas. Mit dem Fall von Byzanz begann sich das
westliche, christliche Europa von den Türken
Der Ort, an dem die Wissenschaft jetzt zur abzugrenzen und diese von dem Kontinent
Entfaltung kommen sollte, war freilich eine auszuschließen. Die weiteren militärischen
rein lateinische Einrichtung: die Universität. Erfolge von Mehmeds Nachfolger Süleyman
Von Hohen Schulen dieser Art, etwa der in dem Prächtigen, der Belgrad und Rhodos ein­
Paris mit ihren Schwerpunkten auf Philoso­ nahm, die Ungarn entscheidend schlug (1526)
phie und Theologie, waren Muslime und Ju­ und erst vor Wien scheiterte (1529), trug wei­
den fast vollständig ausgeschlossen. Eben­ ter zu der Entzweiung bei. Der deutsche Re­
so hatten spätere Pläne zur Einrichtung von formator Martin Luther erkannte in „dem
Arabisch- oder Hebräischlehrstühlen an Uni­ Türken“ den „Erzfeind Christi“ und rief sei­
versitäten keinen durchschlagenden Erfolg. nen Gott um Hilfe an: „Beweis dein Macht,
Das gemeinsame Bemühen von christlichen, Herr Jhesu Christ, der du Herr aller Herren
muslimischen und jüdischen Übersetzern um bist, beschirm dein arme Christenheit, dass
das rechte Verständnis der alten griechischen sie dich lob in Ewigkeit.“
und neuen arabischen Texte im 12. oder auch
im 13. Jahrhundert hatte keine transkulturel­
le Arbeitsform von Dauer ­begründet.

Beginnende Entzweiung
Als die arabischen (oder berberischen und
syrischen) Muslime aus Spanien und Italien
vertrieben waren, drangen ihre türkischen
Weitere bpb-Angebote:
Glaubensgenossen auf dem Balkan nach Eu­
ropa vor, ohne einen gleich starken Einfluss
Tamim Ansary:
auf die Christen zu gewinnen. Im Gegen­ Die unbekannte Mitte der Welt: Global-
teil trieben die osmanischen Eroberungen geschichte aus islamischer Sicht
beide Religionsgruppen auseinander. Sul­ (Schriftenreihe, Bd. 1098)
tan Mehmed  II. beanspruchte als Eroberer
von Konstantinopel (1453) das Erbe der rö­ www.bpb.de/jugendkultur-islam-demokratie
mischen Imperatoren und fühlte sich als Rä­

46 APuZ 13–14/2011
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Cordula Drautz
Arbeit und Autonomie. Plädoyer für eine nachhaltige Arbeitspolitik ISSN 0479-611 X
Islam in Deutschland APuZ 13–14/2011

E. Güvercin · H. Abdel-Samad · L. Kaddor · M. Karimi


3–9 Was ist ein zeitgenössischer Islam?
In der Islamdebatte ist der Begriff des zeitgenössischen Islams ein geflügeltes Wort.
Doch was heißt zeitgenössischer Islam? Darüber herrschen unter den in Deutsch­
land lebenden Muslimen unterschiedliche und teils kontroverse Ansichten.

Stefan Weidner
9–15 Vom Nutzen und Nachteil der Islamkritik für das Leben
Der Beitrag versucht, sowohl die Attraktivität als auch die gedanklichen Aporien
der Islamkritik zu erläutern, um nach Möglichkeiten einer sachlichen Auseinan­
dersetzung mit problematischen Aspekten des Islams zu fragen.

Nimet Şeker
16–21 Ist der Islam ein Integrationshindernis?
Während die Integrationsdebatte in kulturell verstandenen Dichotomien geführt
wird, haben wissenschaftliche Studien herausgefunden: Islamische Religiosität ist
kein Hindernis für das gesellschaftliche Zusammenleben in Deutschland.

Mathias Rohe
21–27 Islam und säkularer Rechtsstaat

Der Islam wird von vielen als Bedrohungsfaktor für säkulare Rechtsstaaten ange­
sehen. Doch gegen einen strukturellen Gegensatz spricht die hohe Zustimmung
zu den Grundlagen des deutschen Staats- und Rechtssystems unter Muslimen.

Nilden Vardar · Stephanie Müssig


28–34 Zur Rolle von muslimischen Konvertierten im Gemeindeleben

Aktivitäten und Rituale, welche die Gemeinschaft fördern, haben in der muslimi­
schen Religionspraxis einen hohen Stellenwert. Auch Konvertierte übernehmen ver­
mehrt prominente Funktionen und bringen sich so aktiv in das Gemeindeleben ein.

Michael Kiefer
35–40 „Islamische Studien“ an deutschen Universitäten

Bei der gesellschaftlichen Implementierung eines hier beheimateten Islams sind
mindestens zwei strategische Handlungsfelder erkennbar: die Einführung eines
islamischen Religionsunterrichts und die Akademisierung des Islams.

Michael Borgolte
41–46 Der Islam als Geburtshelfer Europas
Europa konnte entdeckt und kulturell durchdrungen werden, als die arabischen
Eroberungen die antike Mittelmeerwelt zerstört hatten. Die Muslime vermittelten
den Christen die Errungenschaften antiker und orientalischer Gelehrsamkeit.