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Johannes vom Kreuz

Biographisches 1
1. Wie wichtig es ist, die Seele über die dunkle Nacht zu belehren 2
2. Über die Unvollkommenheiten der Anfänger 4
3. Beginn der Abhandlung über die dunkle Nacht 8
4. Zeichen, an denen man erkennen kann, ob eine geistliche Seele auf dem Wege dieser Nacht und der sinnlichen Reinigung wandelt 9
5. Die drei Zeichen für das Aufgeben der Betrachtung nach dem „Aufstieg“ 12
6. Das beschauliche Beten 15
7. Wie sich solche Seelen in dieser dunklen Nacht zu verhalten haben 21
8. Vorteile, welche diese Nacht des Sinnes in der Seele hervorbringt 23
9. Die Leiden des Erleuchtungsweges 27
10. Weisungen für die Seele in der Nacht des Sinnes 28
11. Beginn der Abhandlung über die Nacht des Geistes. Zeit ihres Beginnes 30
12. Inwiefern die dunkle Beschauung für die Seele nicht bloß eine Nacht, sondern auch eine Pein und Qual ist 31
13. Leiden, welche die Seele in dieser Nacht peinigen 33
14. Das Leben der Vereinigung mit Gott 35
15. Gesang der Seele 36
16. Warum die umwandelnde Vereinigung selten ist 37
17. Gebet der liebenden Seele 38
18. Inbegriff der Vollkommenheit 39

Biographisches

Johannes vom Kreuz, mit der heiligen Theresia Begründer des Ordens der Unbeschuhten Karmeliten,
Kirchenlehrer, Mystiker, Klassiker der spanischen Literatur, ist als Sohn des armen, wegen seiner
nicht standesgemäßen Heirat enterbten Edelmanns Gonzalo de Yepes zu Fontiveros [Kastilien] am
24. Juni 1542 geboren. Im Jahre 1563 trat Johannes bei den Karmeliten ein, studierte in Salamanca
thomistische Philosophie und Theologie und wurde 1567 zum Priester geweiht. Er war entschlossen,
zu den Kartäusern überzutreten, als er die heilige Theresia kennenlernte. Theresia zeigte ihm, dass er
nur die ursprüngliche Karmeliterregel in ihrer Strenge zu beobachten brauche, um das zu finden, was
er suche. Er blieb und wurde der Begründer der Reform. Sein Name war ihm Leitmotiv: Liebe zum
Kreuz, zu Dem, der sich selbst erniedrigt hat bis zum Tode am Kreuze. Das Kreuz kam von außen in
dem Kampf um die Reform. Sie brachte ihm neun Monate Haft in einem dunklen Kerker und andere
Verfolgungen. Es kam von innen in dem Mitleiden mit den Seelen, die er führte, in den schwersten
seelischen Läuterungsleiden, in dem Leid, dass „die Liebe nicht geliebt wird“. Johannes vom Kreuz
wurde durch seine Erfahrungen der Lehrer des Kreuzweges, auf welchem Gott die ihm großherzig
liebende Seele an sich zieht und sie durch alle Nächte der Sinne und des Geistes sicher im reinen, von
allem nur Natürlich-Menschlichen entblößten Glauben zur Vereinigung mit sich führt. Es gibt
niemand, der diesen schmalen, steilen Weg und seine Engpässe besser erklärt hätte. Deshalb nennt
das Breve seiner Erhebung zum Kirchenlehrer ihn „Lehrer der Heiligkeit und Frömmigkeit“ und seine
Schriften ein „Gesetzbuch und eine Schule der gläubigen Seele“. Seine Lehre über das Gebet und die
Krisen des geistlichen Lebens wird man am klarsten in seinem Werke „Die dunkle Nacht“ dargelegt
finden. Als Oberer wurde Johannes in die Auseinandersetzungen über die künftige Richtung des von
ihm erneuerten Ordens verwickelt und abgesetzt. Er bekam Befehl, mit zwölf Gefährten nach Mexiko
in die Mission zu gehen. Der Heilige rüstete sich zu der Wanderung, aber Geschwüre am rechten Fuß
und Fieber zwangen ihn, ein Kloster aufzusuchen. Er wählte Ubeda, weil dessen Prior ihm sehr
feindlich gesinnt war. Bei unwürdiger und hartherziger Behandlung litt er hier zweieinhalb Monate
die größten Schmerzen in heroischer Geduld und starb am 14. Dezember 1951, Gott dankend, dass

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er ihm seinen dreifachen Wunsch erfüllt hatte: nicht als Oberer zu sterben, als Unbekannter und
nach vielen Leiden. Sein Fest ist am 24. November.

O Gott, du schenktest deinem heiligen Bekenner und Kirchenlehrer Johannes eine hervorragende
Liebe zur vollkommenen Selbstverleugnung und zum Kreuze; gib, dass wir uns unablässig bestreben,
ihn nachzuahmen, und so die ewige Herrlichkeit erlangen. (Kirchengebet)

1. Wie wichtig es ist, die Seele über die dunkle Nacht zu belehren
(Aufstieg, Vorrede)

Was mich bewogen hat, diese Schrift abzufassen, war nicht etwa die Einbildung, dass ich mich für ein
so hohes und schwieriges Unternehmen eigne. Nein, ich vertraue vielmehr auf den Herrn; der wird
mir beistehen, dass ich etwas bringen kann, was der großen Bedrängnis so mancher Seelen
abzuhelfen imstande ist. Denn es gibt so viele Seelen, welche den Pfad der Tugend betreten haben,
die aber, sobald sie von Gott in jene dunkle Nacht eingeführt werden, durch die sie zur Vereinigung
mit Gott gelangen sollen, nicht mehr weiterfinden. Die einen vollen dann nicht eingehen in jene
dunkle Nacht oder sich nicht einführen lassen, die anderen finden sich nicht zurecht, oder es fehlt
ihnen an tüchtigen und erfahrenen Führern, die sie bis zum Gipfel des Berges leiten könnten. Ist es
doch bedauerlich, so viele Seelen sehen zu müssen, denen Gott Fähigkeit und Gnade verliehen hat,
um Fortschritte zu machen, die, wenn sie sich nur etwas ermannen wollten, sicher auf diese hohe
Stufe gelangen würden. So aber bleiben sie auf einer niedrigeren Stufe des Verkehrs mit Gott
stecken, weil es ihnen entweder an der nötigen Willenskraft oder Einsicht fehlt, oder weil sie
niemand haben, der sie führt und belehrt, wie sie sich von diesen ersten Anfängen losmachen sollen.
Und selbst wenn unser Herr sie schließlich derart begnadigt, dass er sie ohne eigenes Wagen und
ohne belehrende Führung in diese Nacht eingehen lässt, so gelangen sie erst sehr spät und mit
größerem Kraftaufwand und mit weniger Verdienst ans Ziel, weil sie sich nicht Gott überlassen haben
und sich nicht willig auf den reinen sicheren Weg der Vereinigung führen ließen. Es ist wohl richtig:
Gott, der die Seelen führt, kann sie auch ohne ihr Zutun führen. Aber sie kommen weniger voran, da
sie sich nicht führen lassen, sondern ihrem Führer widerstehen. Und darum haben sie auch nicht so
viel Verdienste, da sie ihren Willen nicht beugen, und sie müssen eben darum auch mehr ausstehen.
Ja, es gibt Seelen, die anstatt sich Gott zu überlassen und sich von ihm helfen zu lassen, vielmehr ihm
durch ihre unbesonnene Handlungsweise und ihr Widerstreben direkt entgegenarbeiten. Sie sind wie
kleine Kinder, die strampeln und heulen, sobald sie die Mutter auf den Arm nehmen will, und um
jeden Preis selbstständig gehen wollen, auch wenn sie noch gar nicht vorwärtskommen, oder wenn
auch, dann doch nur mit Kleinkinderschrittchen.

Damit also die Seelen lernen, sich der Führung Gottes zu überlassen, wann es der göttlichen Majestät
beliebt sie vorwärtszubringen, so wollen wir hier mit Gottes Hilfe sowohl für Anfänger wie für
Fortgeschrittene einige Ratschläge und Anweisungen erteilen. Diese mögen ihnen behilflich sein,
dass sie sich selbst kennenlernen oder sich wenigstens von Gott führen lassen. Denn es gibt so
manche Beichtväter und Seelenführer, die weder Wissen noch Erfahrung in diesen Wegen haben, un
eben deshalb solche Seelen, denen sie Helfer und Führer hätten sein sollen, eher aufhalten und
hemmen auf diesem Wege. Es geht ihnen wie einst den Bauleuten von Babylon, die anstatt
passendes Material beizubringen, ganz ungeeignetes beibrachten, weil sie sich gegenseitig nicht
mehr verstanden. Und eben darum kam nichts zustande. Es ist deshalb etwas gar Unangenehmes

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und Peinliches, wenn sich eine Seele in solchen Fällen selbst nicht kennt noch auch jemand hat, der
sie versteht. Kann es doch bisweilen vorkommen, dass Gott ein Seele auf dem erhabensten Weg
dunkler Beschauung und Trockenheit führt, während die Seele meint, sie gehe verloren; oder
während sie so von Finsternis und Verwirrung und Beängstigungen und Versuchungen gepeinigt
wird, findet sie wohl gar noch jemand, der ihr wie einst die Freunde Jobs sagt: es sei das alles nur
Melancholie, Trübsinn oder Naturanlage; ja es könne auch sein, dass irgendein geheimes Laster
schuld sei, warum sie Gott verlassen habe. Und sogleich sind dann solche Menschen mit ihrem Urteil
fertig: diese Seele müsse doch ganz schlecht sein oder wenigstens gewesen sein, da es ihr so schlimm
ergehe. Wieder andere behaupten sogar, mit dieser Seele gehe es rückwärts, weil sie keinen
Geschmack und keine Freude mehr habe an den göttlichen Dingen wie ehedem. So macht man es
dieser armen Seele doppelt schwer. Es kann nämlich sehr wohl sein, dass die große Bitterkeit, welche
die Seele empfindet, aus der Erkenntnis ihrer eigenen Armseligkeit herkommt, indem sie in jenem
Licht der Erkenntnis, das Gott ihr in der dunklen Nacht der Beschauung mitteilt (wie wir weiter unten
ausführen werden), sonnenklar erkennt, sie sei voller Fehler und Sünden. Wenn nun gar jemand der
gleichen Ansicht ist wie sie selbst und ihr sagt, dass sie an alledem selber schuld sei, so steigert sich
die Bitterkeit und Not dieser Seele ins Ungemessene und wird sie sterbensunglücklich. Aber noch
nicht genug, dass solche Beichtväter behaupten, es rühre das alles von früheren Sünden her,
veranlassen sie solche Seelen, immer wieder ihr Gewissen zu erforschen, und lassen sie eine
Generalbeichte um die andere machen und kreuzigen sie so immer wieder aufs neue. Sie sehen eben
nicht ein, dass jetzt weder für das eine noch für das andere der rechte Augenblick da sei, dass man
vielmehr solche Seelen der Läuterung überlassen müsse, die Gott ihnen geschickt hat, und sie trösten
und ermutigen solle, sich in das zu fügen, was Gott mit ihnen vorhat. Denn solange Gott nicht
Wandel schafft, ist doch alles umsonst, mögen diese tun und jene sagen was sie wollen. Davon nun
wollen wir, so Gott will, später reden, wie sich in solcher Lage die Seele zu verhalten und was ihr
Beichtvater dabei zu tun habe. Auch davon, an welchen Merkmalen man erkennen kann, ob jener
Zustand die Läuterung des sinnlichen Menschen oder des geistigen zu tun hat – die dunkle Nacht, wie
wir sie nennen wollen –, ferner, woran man erkennen kann, ob es sich nur um Schwermut oder um
eine andere sinnliche oder geistige Störung handelt. Es kommt nämlich vor, dass manche Seelen oder
auch deren Beichtväter glauben, Gott führe sie auf dem Wege durch die dunkle Nacht der geistigen
Läuterung, während es sich in Wirklichkeit nur um eine der genannten Störungen handelt. Anderseits
können manche Seelen meinen, sie könnten gar nicht beten, während sie in der Tat eine sehr hohe
Gebetsweise üben; und wieder andere gibt es, die auf hoher Gebetsstufe zu sein wähnen, während
ihr Gebet weniger als nichts ist.

Es gibt ferner manche Seelen, die sich ganz jämmerlich abmühen und quälen, und die doch nicht
vorwärtskommen. Diese halten nämlich für Fortschritt, was keiner ist, sondern vielmehr ein
Hindernis. Wieder andere hingegen schreiten in Ruhe und Sicherheit auf dem Wege der
Vollkommenheit weit voran. Einigen Seelen wieder gereichen gerade die Gnadengaben, die Gott
ihnen zur geistigen Förderung verleiht, zum Anstoß und Hindernis, so dass sie nicht
vorwärtskommen. Und noch manch anderes kann denen, die diesen Weg wandern, begegnen, Freud
und Leid, Hoffnung und Schmerz, was teils in Geiste der Vollkommenheit, teils in dem der
Unvollkommenheit seinen Ursprung hat. Von alledem wollen wir mit Gottes Hilfe reden, damit jeder
Leser einigermaßen den Weg erkenne, auf dem er wandelt, aber auch den, den er zu gehen hat,
sofern er auf den Gipfel dieses Berges gelangen will.

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2. Über die Unvollkommenheiten der Anfänger
(Dunkle Nacht I,1,1 bis I,8,7)

Sobald die Seele mit Entschiedenheit sich zum Dienste Gottes wendet, beginnt Gott gewöhnlich, sie
geistigerweise so zu hegen und zu pflegen, wie eine liebende Mutter ihr zartes Kindlein. Diese
erwärmt es an ihrer Mutterbrust, nährt es mit süßer Milch und weicher und wohlschmeckender
Speise, nimmt es in ihre Arme und pflegt es. Je mehr es aber heranwächst, um so mehr entzieht die
Mutter ihm die Pflege, indem sie ihre zarte Liebe verbirgt und ihr süße Brust mit Bitterstoff
bestreicht; sie nimmt es nicht mehr auf ihre Arme, sondern lässt es auf eigenen Füßen stehen, damit
es die Eigenheiten des Kindes ablegt und sich wichtigeren und mehr wesentlichen Dingen zuwendet.

Sobald die Gnade Gottes, diese zärtlich liebende Mutter, eine Seele zu neuem Leben und Eifer im
Dienste Gottes (geistig) wiedergeboren hat, verfährt sie mit ihr auf dieselbe Weise. Sie lässt sie ohne
alle Mühe ihrerseits in allen göttlichen Dingen die süße und wohlschmeckende geistige Milch und
große Freude an den geistlichen Übungen finden. Gott reicht ihr, wie es bei einem kleinen Kinde
geschieht, die Brust seiner zärtlichen Liebe.

Solche Seelen finden ihre Wonne daran, lange Zeit, ja selbst ganze Nächte dem Gebete zu widmen;
Bußübungen sind ihnen ein Vergnügen, Fasten eine Freude, der Empfang der Sakramente und
geistliche Gespräche ihr Trost. Obwohl nun solch geistliche Seelen mit großer Entschiedenheit und
Beharrlichkeit diese Heilsmittel gebrauchen und sehr sorgfältig wandeln, so legen sie doch,
geistigerweise gesprochen, nicht selten große Schwäche und Unvollkommenheit an den Tag. Sie
lassen sich nämlich zu diesen geistlichen Übungen und Beschäftigungen durch den Trost und die
Freude bestimmen, die sie darin finden.

Damit man nun klar einsieht, wie schwach diese Anfänger noch in der Tugendübung sind und wie sie
nur das mit Leichtigkeit tun, was ihnen solche Freude bereitet, wollen wir hier die sieben
Hauptsünden behandeln und einige von den vielen Unvollkommenheiten anführen, die sie bei jeder
derselben begehen. Dabei wird man klar erkennen, dass sie noch bei all ihrem Tun nach Art der
Kinder handeln. Man wird aber auch sehen, wie viel Gutes die dunkle Nacht, von der wir eben reden
wollen, mit sich bringt, da sie die Seele von allen Unvollkommenheiten läutert und reinigt.

Wenn diese Anfänger bezüglich der geistlichen Dinge und ihrer Andachtsübungen sich so inbrünstig
und eifrig sehen, erwacht in ihnen, da sie noch unvollkommen sind, infolge dieses Wohlergehens gar
oft eine gewisse Art verborgenen Hochmutes, obwohl solch erhabene Dinge an und für sich demütig
machen sollen. So fallen sie der Versuchung zum Opfer, an ihren Werken und an sich ein Genügen zu
finden. Daraus erwächst ein etwas eitles und manchmal auch sehr eitles Verlangen vor anderen über
geistliche Dinge zu reden. Sie wollen oft lieber andere belehren, als selber Belehrung annehmen und
verurteilen in ihrem Herzen andere, wenn sie dieselben nicht so andächtig sehen, wie sie es
wünschen. Mitunter sprechen sie sich auch darüber aus wie jener Pharisäer, der sich im Gebete vor
Gott seiner Werke rühmte und mit Verachtung auf den Zöllner herabschaute (Lk. 18,11 u. 12).

Einige dieser Seelen machen sich wenig aus ihren Fehlern; manchmal aber werden sie übermäßig
betrübt sehen zu müssen, dass sie in dieselben fallen. Sie glauben schon heilig zu sein und geraten so
in heftigen Unwillen und Ärger über sich selbst, was wieder zu einer anderen Unvollkommenheit
führt. Oft wenden sie sich mit bekümmertem Herzen zu Gott, er möge sie von ihren
Unvollkommenheiten und Fehlern befreien, jedoch mehr, um von ihnen nicht belästigt in Frieden

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leben zu können, als um Gottes willen. Sie sehen nicht ein, dass sie vielleicht noch hochmütiger
wären, wenn er sie davon befreien würde. Sie können es nicht ertragen, wenn andere gelobt werden,
sehen es aber gerne, wenn ihnen Lob gespendet wird, und verlangen es mitunter sogar. Und hierin
gleichen sie den törichten Jungfrauen, die ihre ausgelöschten Lampen in Händen hielten und das Öl
bei anderen suchten (Mt. 26,8).

Viele dieser Anfänger ergeben sich auch zuweilen allzusehr der geistigen Habsucht. Man sieht sie fast
nie zufrieden mit der Seelenverfassung, die Gott ihnen gibt, sie sind ganz trostlos und missvergnügt,
weil sie in den geistlichen Dingen nicht den Trost finden, den sie suchen. Viele können gar nie genug
geistlichen Rat und Belehrung anhören, nehmen viele Bücher zur Hand und lesen die diesbezüglichen
Abhandlungen und vergeuden damit viel mehr Zeit, als sie auf die Erwerbung der ihnen so
notwenigen Selbstverleugnung und Vervollkommnung der inneren Armut des Geistes verwenden.

Bezüglich der Hauptsünde der Unkeuschheit sehe ich von dem Falle geistlicher Personen in diese
Sünde ab: denn ich will nur von den Unvollkommenheiten reden, von denen man sich in der dunklen
Nacht freimachen muss. Da gibt es viele Unvollkommenheiten, die man geistige Unlauterkeit nennen
könnte, nicht als ob dies wirklich Unlauterkeit wäre, sondern weil geistliche Dinge sie hervorrufen.
Denn oft geschieht es, dass selbst bei den geistlichen Übungen, ohne dass man es hindern kann,
unehrbare Regungen und Vorgänge sich bilden und entstehen und oft sogar, wenn der Geist im
Gebete tief gesammelt ist oder wenn man die Sakramente der Buße und des Altares empfängt. Diese
unwillkürlichen Regungen entspringen aus einer der drei nachfolgenden Ursachen.

Die erste Ursache ist oft das Wonnegefühl, das die Natur an geistlichen Dingen findet. Denn da dem
Geist und der Sinnlichkeit ein Genuss zuteil wird, so kommt jeder dieser beiden Teile im Menschen je
nach seiner Eigenheit und Veranlagung in wonnige Erregung. Der Geist wird als der höhere Teil von
der Freude und dem Wonnegefühl in Gott angeregt und die Sinnlichkeit als der niedrige Teil vom
sinnlichen Wohlgefallen und Ergötzen. Denn diese vermag nichts anderes zu erfassen und zu
genießen. Und ihr Genuss erstreckt sich mehr auf das, was ihr am nächsten steht, d.h. auf das
sinnliche Ergötzen. Und so kann die Seele dem Geiste nach innig mit Gott im Gebete verbunden sein,
und andererseits im sinnlichen Teile Empörungen, Regungen und Lust verursachende Vorgänge ganz
gegen ihren Willen fühlen und erleiden. Und dies kommt oft vor bei der heiligen Kommunion; denn
da der Seele bei diesem Liebesakte Freude und Wonne zuteil wird, wenn der Herr sie verleiht – und
er schenkt sich uns ja auch zu diesem Zwecke –, so empfindet auch der sinnliche Teil seine Freude,
aber nach seiner Art. Und da beide Teile im Grunde genommen nur ein Wesen ausmachen, so
nehmen gewöhnlich beide an dem, was der eine von ihnen empfindet, Anteil, aber jeder in seiner
Weise.

Die zweite Ursache, aus welcher zuweilen solche Empörungen entspringen, ist der böse Feind. Dieser
sucht die Seele zur Zeit, wo sie betet oder beten will, zu beunruhigen und zu verwirren, und ruft zu
diesem Zweck in ihrem Naturtrieb diese schändlichen Regungen hervor. Und wenn die Seele
denselben sich irgendwie überlässt, erleidet sie großen Schaden. Denn sie lässt aus Furcht vor dieser
Belästigung vom Gebete etwas ab – und das will er ja gerade –, um gegen diese Regungen
anzukämpfen; ja manche geben dasselbe ganz auf. Denn sie glauben, dass ihnen bei dieser Übung
derartige Dinge häufiger begegnen als sonst, und es ist auch wirklich so. Der Teufel setzt ihnen eben
beim Gebete mehr zu als bei einer anderen Beschäftigung, damit sie von dieser geistlichen Übung
lassen. Und nicht nur dies, er geht sogar soweit, dass er ihnen sehr hässliche und schändliche Dinge

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vor Augen führt und oft in innigster Verbindung mit geistlichen Dingen und Personen, die ihrer Seele
förderlich sind. Dadurch will er sie verzagt und mutlos machen.

Die dritte Quelle dieser unehrbaren Regungen und des durch sie hervorgerufenen Kampfes ist
gewöhnlich die Furcht, welche solche Personen vor dergleichen Regungen und schändlichen
Vorstellungen schon von vornherein in sich tragen. Und diese Furcht, die sie bei der plötzlichen
Erinnerung an das, was sie sehen, tun und denken, befällt, bewirkt, dass sie diese Regungen ganz
ohne ihre Schuld erleiden.

Bei manchen geistlichen Seelen erwacht, wenn sie über geistliche Dinge reden oder sich damit
beschäftigen, eine gewisse feurige Lebhaftigkeit beim Gedanken an Personen, die sie eben vor sich
haben und mit denen sie sich in eitlem Wohlgefallen unterhalten. Dies ist auch eine Folge der
geistigen Unlauterkeit, wie wir sie hier verstehen, wozu dann gewöhnlich das Wohlgefallen im Willen
kommt.

Manche derselben unterhalten mit einigen Personen geistige Privatfreundschaften, die aber oft in
der Unlauterkeit und nicht im Geiste ihren Ursprung haben. Dies kann man daraus ersehen, dass bei
der Erinnerung an jene Freundschaft nicht das Andenken und die Liebe zu Gott, sondern die
Gewissensbisse sich steigern. Denn wenn diese Freundschaft rein geistig ist, dann muss mit ihr auch
die Liebe zu Gott wachsen. Und je öfter man sich derselben erinnert, desto häufiger denkt man auch
an Gott und findet Freude an ihm. Mit dem Wachstum der einen wächst auch die andere.

Da viele Anfänger nach geistigen Genüssen Verlangen tragen, so begehen sie, wenn sie im Besitze
derselben sich befinden, oft gar viele Unvollkommenheiten bezüglich der Hauptsünde des Zornes.
Wird ihnen einmal dieser Geschmack und Genuss an geistigen Dingen entzogen, so fühlen sie sich
natürlicherweise unbefriedigt. Und dieses Missbehagen macht sie verdrießlich bei ihren
Berufsarbeiten, sie erzürnen sich leicht über jede Kleinigkeit und werden manchmal ganz
unerträglich. Es gibt wieder andere, die mit nicht geringer Ungeduld sich gegen sich selbst entrüsten,
wenn sie eine Unvollkommenheit an sich wahrnehmen. Sie werden deswegen so ungeduldig, weil sie
an einem Tage heilig sein wollten. Gar manche von ihnen legen sich vieles auf und machen
großherzige Vorsätze, aber da sie nicht demütig sind und auf sich selbst vertrauen, so fallen sie um so
öfter, je mehr sie Vorsätze fassen. Und weil sie nicht mit Geduld erwarten können, dass Gott ihnen
geben werde, was und wann es ihm gefällt, so werden sie immer unwilliger. Und das ist wieder gegen
die genannte Sanftmut des Geistes.

Über die vierte Hauptsünde, geistige Unmäßigkeit genannt, gibt es vieles zu sagen. Es findet sich
kaum ein Anfänger, der trotz seiner guten Fortschritte nicht in eine der vielen Unvollkommenheiten
fiele, die an diesen Seelen bezüglich dieser Hauptsünde zutage treten und hervorgerufen werden
durch den Wohlgeschmack, den sie anfangs bei den geistlichen Übungen finden. Angezogen vom
Genusse, den sie dabei finden, richten sich manche durch Bußwerke zugrunde, andere schwächen
sich durch Fasten, indem sie ohne Anordnung und Rat eines anderen mehr tun, als ihre Schwäche
ihnen gestattet; sie tragen den Forderungen ihres Leibes keine Rechnung, die sie in dieser Beziehung
berücksichtigen sollten, ja manche wagen dies sogar zu tun, wenn ihnen auch das Gegenteil befohlen
wird. Das sind die Unvollkommensten, Menschen ohne Verstand, welche Bußwerke höher achten als
Unterwürfigkeit und Gehorsam.

Sie leben in dem Glauben, es hänge alles davon ab, dass man bei den Gebetsübungen sinnliches
Wonne- und Andachtsgefühl empfinde; sie suchen sich dies mit Gewalt zu verschaffen und
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erschöpfen so ihre Kräfte und ermüden ihren Kopf. Und finden sie dieses Wonnegefühl nicht, dann
geraten sie in große Trostlosigkeit und glauben, nichts getan zu haben. Durch dieses ihr Bestreben
verlieren sie die wahre Andacht und den rechten Geist, der in geduldigem, demütigem Ausharren, im
Misstrauen auf sich selbst und in der Absicht, Gott allein zu gefallen, besteht. Finden solche Seelen
einmal bei dieser oder jener geistlichen Übung kein süßes Wonnegefühl, so erfasst sie ein großes
Missbehagen und Widerstreben, sich derselben hinzugeben, und manchmal unterlassen sie dieselbe
auch wirklich. Sie sind, wie schon erwähnt, den kleinen Kindern ähnlich, die sich nicht von der
Vernunft, sondern vom Genuss zum Handeln leiten lassen. Ihr ganzes Sinnen und Denken zielt darauf
hin, überall geistigen Genuss und Trost zu suchen, weshalb sie auch nicht genug Bücher lesen
können.

Außer dieser Hinneigung zu jenen Tröstungen tragen solche Seelen auch noch eine andere sehr
große Unvollkommenheit an sich. Sie sind nämlich allzu lässig und träge, um den beschwerlichen
Weg des Kreuzes zu wandeln. Denn eine Seele, die sich dem Genusse hingibt, scheut
natürlicherweise vor allen Unannehmlichkeiten der Selbstverleugnung zurück. Solche Seelen sind
aber auch noch mit vielen anderen Unvollkommenheiten behaftet, die aus den genannten
entspringen. Der Herr heilt sie zu seiner Zeit durch Versuchungen, Trockenheiten und andere
Beschwerden, die alle in den Bereich der dunklen Nacht gehören. Von all diesem will ich, um nicht
weitläufig zu werden, hier nicht handeln; ich möchte nur erwähnen, dass die geistige Nüchternheit
und Mäßigung ganz anders sich in der Abtötung, in der Furcht und in jeglicher Art von
Unterwürfigkeit zeigen; diese geistige Nüchternheit wird auch zur Einsicht verhelfen, dass die
Vollkommenheit und der Wert der Dinge nicht in der großen Zahl und im Wohlgefallen an den
Werken, sondern darin liege, dass man sich in ihnen zu überwinden wisse.

Auch bezüglich der zwei noch übrigen Hauptsünden des geistigen Neides und der Trägheit pflegen
die Anfänger viele Unvollkommenheiten zu begehen. Was den Neid betrifft, so werden viele von
ihnen von Regungen des Ärgers über die anderen zuteil gewordenen geistlichen Güter angefochten.
Es bereitet ihnen fühlbare Betrübnis, dass jene auf diesem Wege sie übertreffen, und es ist ihnen
unangenehm zu sehen, dass andere Anerkennung ernten. Sie betrüben sich über die Tugenden
anderer, und oft können sie sich nicht enthalten, gegenteilige Bemerkungen zu machen und dieses
Lob, so viel sie es vermögen, zu verringern; sie finden daran, wie man sagt, ihr Vergnügen. Sie fühlen
es schmerzlich, dass man ihnen nicht die gleiche Anerkennung ausspricht, da sie in allen Stücken
einen Vorzug genießen wollen. Dies aber ist der Liebe direkt entgegengesetzt, die sich wie der hl.
Paulus sagt, am Guten erfreut (vgl. Kor. 13,6). Finden sie einmal bei einer Gebetsübung nicht jene
Befriedigung, die nach ihrem Geschmacke ist und die ihnen Gott diesmal zu ihrer Prüfung versagt, so
wollen sie sich derselben nicht mehr hingeben; manchmal unterlassen sie dieselbe ganz oder
verrichten sie nur mit Widerstreben. Und so setzen sie durch diese Trägheit den Weg der
Vollkommenheit, der in der Verleugnung ihres Willens und Geschmackes aus Liebe zu Gott besteht,
dem Geschmack und dem Ergötzen ihres eigenen Willens nach und wollen so mehr ihren als den
göttlichen Willen befriedigen. Viele derselben haben auch den Wunsch Gott möchte sich ihrem
Willen anpassen, und werden mit Betrübnis erfüllt, wenn sie sich dem Willen Gottes unterordnen
sollen; und nur mit Widerstreben unterwerfen sie ihren Willen dem göttlichen. Daher kommt es,
dass sie oft das, was nicht nach ihrem Willen und Geschmack ist, nicht als Willen Gottes ansehen.

Es mag hier die Aufzählung dieser Unvollkommenheiten genügen; es sind nur einige von den vielen,
in welche die Anfänger im ersten Stadium des geistlichen Lebens fallen. Daraus ist ersichtlich, wie
notwendig es ist, dass Gott sie in den Stand der Fortschreitenden versetze. Dies geschieht dadurch,
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dass sie Gott in die dunkle Nacht einführt, von der wir sprechen werden. In dieser entfernt er sie von
der Mutterbrust der Wonne und Süßigkeit und schickt ihnen innere Trockenheit und Finsternis,
wodurch er alle diese Unvollkommenheiten und Kindereien beseitigt und sie auf ganz anderen
Wegen zur Tugend führt. So sehr auch der Anfänger der Abtötung bezüglich seiner Handlungen und
Leidenschaften sich befleißigt, so wird er doch nie ganz, ja nicht einmal annähernd zum Ziele
kommen, bis nicht Gott mittels der Reinigung der dunklen Nacht ihn dazu führt.

3. Beginn der Abhandlung über die dunkle Nacht


(Dunkle Nacht I, 9, 8)

Diese Nacht, welche wir die Beschauung nannten, verursacht in geistlichen Personen eine zweifache
Art von Finsternis und Reinigung entsprechend der zweifachen Natur des Menschen, der sinnlichen
und geistigen. Die eine Nacht oder die sinnliche Reinigung, wodurch eine Seele bezüglich des
sinnlichen Teiles geläutert und entblößt wird, unterwirft diesen dem Geiste; die andere Nacht oder
die geistige Reinigung, wodurch die Seele in geistiger Beziehung gereinigt und geläutert wird,
bereitet und befähigt dieselbe zur liebenden Vereinigung mit Gott. Die sinnliche Nacht ist etwas
Gewöhnliches und kommt bei vielen vor, nämlich bei den Anfängern, von denen wir zuerst reden
werden. Die Nacht des Geistes findet sich nur bei sehr wenigen, und das sind jene, die schon in der
Tugend erprobt und vorangeschritten sind. Von diesen werden wir nachher sprechen.

Die erste Nacht oder Reinigung ist bitter und schrecklich für den sinnlichen Menschen. Die zweite ist
ohne Vergleich weit schrecklicher und entsetzlicher für den Geist, wie wir alsbald erklären werden.
Weil die sinnliche Nacht der Ordnung nach die erste ist und auch zuerst eintritt, so wollen wir davon
nur in Kürze einiges sagen – über sie ist nämlich sehr viel geschrieben worden, da sie etwas
Gewöhnlicheres ist –, damit wir dann eingehender über die Nacht des Geistes reden können. Von ihr
wird sehr selten weder in mündlicher noch in schriftlicher Belehrung gesprochen; und man hat
darüber auch wenig Erfahrung.

Da die Handlungsweise dieser Anfänger in ihrem Wandel zu Gott noch sehr unvollkommen und, wie
oben angedeutet, vielfach von Eigenliebe und Selbstsucht angesteckt ist, so will sie Gott weiter
fördern, von dieser untersten Stufe der Liebe entfernen und zu einem höheren Grade der Liebe zu
ihm erheben. Er will sie von dieser gewöhnlichen Übung des Sinnens und Nachdenkens, bei der sie
nur mit Mühe und mit so viel Schwierigkeiten ihn suchten, befreien, und sie in die Schule des Geistes
nehmen, in der sie in weit höherem Grade und viel vollkommener mit Gott verkehren können. Haben
sie sich eine Zeitlang auf dem Wege der Tugend geübt, in der Betrachtung und im Gebete sich treu
erwiesen und durch die Süßigkeit und den Genuss, den sie dabei gefunden, sich von der
Anhänglichkeit und der Liebe zu den Dingen dieser Welt freigemacht, haben sie sich endlich einige
geistige Kraft in Gott erworben, wodurch sie das Gelüsten nach den Geschöpfen bezähmen und um
Gottes willen einige Beschwerden und Trockenheiten ertragen können, ohne sich nach jener
besseren Zeit zurückzusehnen, wo sie an den geistlichen Dingen mehr Wohlgeschmack und Genuss
empfanden und ihnen nach ihrer Meinung das Sonnenlicht der Gunstbezeugungen Gottes heller
leuchtete: dann verdunkelt ihnen Gott all dieses Licht, verschließt ihnen die Türe und verstopft ihnen
die Quelle des süßen Wassers des Geistes, aus der sie bisher immer, und so oft es ihnen beliebte,
getrunken hatten. Solange sie nämlich noch schwach und weichlich waren, war ihnen die Türe nicht
verschlossen, wie der hl. Johannes in der Geheimen Offenbarung sagt (Offb. 3,8). Jetzt aber versetzt

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er sie in Finsternis, so dass sie nicht wissen, wohin sie sich mit ihrer Einbildungskraft und ihren
Gedanken wenden sollen. Sie können nun in keiner Weise mehr betrachten, wie sie es vorher
gewohnt waren, da die inneren Sinne schon in diese Nacht versenkt und in solche Trockenheit
versetzt sind, dass ihnen die geistigen Dinge und frommen Übungen, an denen sie ehedem ihre
Freude und Wonne fanden, saftlos und geschmacklos erscheinen, ja sogar Widerwillen und
Überdruss verursachen. Gott hat nämlich, wie schon erwähnt, ihr anfängliches Wachstum
wahrgenommen, und um sie mehr zu kräftigen und ihnen aus den Kinderschuhen zu helfen, reißt er
sie los von der süßen Mutterbrust; und indem er sie von seinen Armen herablässt, lehrt er sie auf
eigenen Füßen gehen. Dass alles erscheint ihnen als ganz neu, da sich alles ins Gegenteil gekehrt hat.

Dies tritt bei Personen, die zurückgezogen vom weltlichen Geräusch ein geistliches Leben zu führen
beginnen, meistens schneller ein als bei anderen; denn sie sind viel mehr den Gelegenheiten
entrückt, wieder umzukehren, und wenden ihre Begierden viel schneller von den Dingen der Welt ab.
Dies alles wird erfordert für den Beginn des Eintritts in die beseligende Nacht des Sinnes. Für
gewöhnlich vergeht, nachdem sie einmal angefangen haben, nicht viel Zeit, bis der größte Teil
derselben in die dunkle Nacht des Sinnes eintritt; denn man nimmt gewöhnlich wahr, dass sie in
diese Trockenheiten versetzt werden.

4. Zeichen, an denen man erkennen kann, ob eine geistliche Seele auf dem
Wege dieser Nacht und der sinnlichen Reinigung wandelt
(Dunkle Nacht I,10,9)

Weil nun diese Trockenheiten oft nicht in der genannten Nacht und Reinigung des sinnlichen
Gelüstens, sondern in den Sünden und Unvollkommenheiten, in der Schlaffheit und Lauheit, in einer
üblen Laune oder Unpässlichkeit des Körpers ihren Grund haben, so möchte ich hier einige Zeichen
angeben, aus denen man erkenne kann, ob diese Trockenheit aus der genannten Reinigung oder aus
den hier angeführten Fehlern entspringt. Ich finde hierfür vorzüglich drei Kennzeichen.

Das erste Zeichen ist vorhanden, wenn die Seele ebenso wie sie an göttlichen Dingen keinen
Geschmack und keinen Trost findet, auch aus den Geschöpfen keinen gewinnt. Denn da Gott die
Seele in diese dunkle Nacht versetzt, um das sinnliche Gelüste auszutrocknen und sie davon zu
reinigen, so lässt er sie an keiner Sache mehr Gefallen und Geschmack finden. Daraus erkennt man
mit ziemlicher Sicherheit, dass diese Trockenheit und dieses Missbehagen nicht von den erst vor
kurzem begangenen Sünden und Unvollkommenheiten herrühren. Wäre dies der Fall, so würde die
Natur eine Neigung oder Begierde nach anderen als göttlichen Dingen in sich fühlen. Sobald man
nämlich in irgendeiner Unvollkommenheit dem Gelüste die Zügel schießen lässt, fühlt man sogleich
auch eine größere oder geringere Neigung zu derselben, je nach dem Maße des Wohlgefallens und
der Zuneigung, die man ihr entgegenbringt. Weil aber dieser Widerwille an himmlischen und
irdischen Dingen aus irgendeiner körperlichen Unpässlichkeit oder aus melancholischer
Gemütsverfassung kommen könnte, wobei man oft auch an nichts Gefallen findet, so ist auch das
zweite Kennzeichen, die zweite Eigenschaft, notwendig.

Das zweite Kennzeichen und die zweite Eigenschaft, aus der man auf die genannte Reinigung
schließen kann, besteht darin, dass die Seele gewöhnlich mit peinlicher Angst und Sorge an Gott
denkt und glaubt, sie diene ihm nicht und es gehe rückwärts, weil sie keine Freude an göttlichen

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Dingen in sich wahrnimmt. Daraus ersieht man, dass dieser Widerwille und diese Trockenheit nicht
im Kaltsinn und in der Lauheit ihren Grund haben; denn es ist eine Eigenschaft der Lauheit, dass sie
sich nicht viel um göttliche Dinge kümmert und innerlich sich darüber keine Sorge macht. Deshalb
besteht zwischen Trockenheit und Lauheit ein großer Unterschied. Die Lauheit äußert sich durch
große Schlaffheit des Geistes und Trägheit des Willens, verbunden mit großer Sorglosigkeit betreffs
des Dienstes Gottes; in der reinigenden Trockenheit aber ist die Seele, wie schon erwähnt,
gewöhnlich in peinlicher und schmerzlicher Sorge, sie möchte Gott nicht dienen. Wenn auch diese
Trockenheit manchmal mit Melancholie oder mit einer anderen Gemütsart, wie es zuweilen
geschieht, verbunden ist, so bewirkt sie deswegen die Reinigung des Gelüstens nicht in geringerem
Maße; denn sie nimmt der Seele jeden sinnlichen Wohlgeschmack und richtet einzig und allein ihre
Gedanken auf Gott. Ist es aber nur eine reine Gemütsstimmung, so bewirkt sie nur Widerwillen und
Zerstörung der Natur und zwar ohne dass damit das Verlangen Gott zu dienen verbunden ist, das sich
in der reinigenden Trockenheit immer findet; und wenn auch deswegen der sinnliche Teil infolge des
geringen Genusses, den er dabei findet, ganz schlaff, träge und kraftlos zum Handeln sich fühlt, so ist
doch der Geist regsam und stark.

Der Grund dieser Trockenheit ist folgender: Gott überträgt die Güter und Kräfte des sinnlichen Teiles
auf den Geist, und da die Sinnlichkeit und die natürliche Kraft für diese Güter keine Empfänglichkeit
haben, darum leiden sie Entbehrung, bleiben trocken und leer. Denn der sinnliche Teil des Menschen
hat keine Befähigung für das, was des Geistes ist. Wenn daher der Geist Erquickung findet, fühlt das
Fleisch Widerwillen und zeigt sich schlaff zum Handeln. Der Geist aber, der zur selben Zeit Nahrung
empfängt, wird weit kräftiger, wachsamer und umsichtiger als vorher, um es im Dienste Gottes an
nichts fehlen zu lassen. Wegen dieser plötzlichen Änderung fühlt er nicht gleich anfangs die geistige
Wonne und Süßigkeit, sondern Trockenheit und Missvergnügen, da sein Geschmack bisher an
sinnliche Genüsse gewöhnt und die Augen immer darauf gerichtet waren. Denn der geistige
Geschmack ist für einen so erhabenen Genuss noch nicht zubereitet und gereinigt und muss erst
allmählich mittels dieser Trockenheit und dunklen Nacht befähigt werden; deshalb kann er die
geistige Süßigkeit, dieses Gut, nicht genießen, sondern empfindet nur Trockenheit und Missbehagen,
indem ihm der Genuss entzogen ist, der ihm vorher so leicht zuteil wurde. Solche Seelen, die Gott
durch diese Einsamkeit der Wüste zu führen beginnt, sind den Kindern Israels ähnlich, welchen Gott
in der Wüste Brot vom Himmel gab, das alle Süßigkeit in sich enthielt, so dass alle den Geschmack
fanden, den sie suchten. Dessen ungeachtet fühlten sie den Mangel des Genusses und
Wohlgeschmackes der Fleischspeisen und Zwiebeln, die sie in Ägypten genossen hatten, weit mehr
als die wohlschmeckende Süßigkeit dieser Himmelsspeise; ihre Gaumen waren nämlich an diese
Genüsse gewöhnt und von ihnen eingenommen. Im Besitze dieser Himmelsspeise weinten und
seufzten sie nach den Fleischtöpfen. „Wir gedenken der Fische, die wir in Ägypten umsonst aßen,
und die Kürbisse, Melonen, Lauche, Zwiebeln und der Knoblauch kommen uns in den Sinn“ (4. Mos.
11,5). So tief sind wir in unseren Begierden gesunken, dass wir nach unserem Elend Verlangen tragen
und an dem unvergleichlichen Gute des Himmels Ekel empfinden. Wenn aber diese Trockenheit, wie
gesagt, von der reinigenden Nacht des sinnlichen Begehrungsvermögens kommt, so gewinnt der
Geist, wenn er auch anfangs aus den angeführten Gründen keine Wonne fühlt, doch Kraft und
Entschlossenheit zum Handeln infolge der inneren Speise, die ihm dadurch zuteil wird. Diese innere
Speise besteht im Eintritt in die dunkle und für den sinnlichen Menschen trockene Beschauung, die
etwas Verborgenes und geheimnisvoll ist auch für den, der sie besitzt. Gewöhnlich verschafft diese
Beschauung neben jener Trockenheit und Leere, womit sie den sinnlichen Menschen erfüllt, der
Seele eine Neigung und ein Verlangen nach Einsamkeit und Ruhe, ohne dass sie an etwas Bestimmtes
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denken könnte noch auch wollte. Würden jene Seelen, denen dies begegnet, es verstehen, sich ruhig
zu verhalten, würden sie sich weder um ihre innere noch äußere Tätigkeit kümmern, noch auch
besorgt und bestrebt sein, etwas zu tun, so würden sie gar bald in dieser Ruhe und in diesem
Vergessen aller Dinge jene überaus köstliche innere Erquickung empfinden. Diese Erquickung ist
nämlich so zart, dass sie die Seele gewöhnlich nicht fühlt, wenn sie ein übermäßiges Verlangen
danach trägt oder in besonderer Weise um den Genuss derselben besorgt ist. Denn sie bringt, wie
gesagt, ihre Wirkung in der Seele hervor, wenn diese sich in größter Ruhe und Selbstvergessenheit
befindet. Sie gleicht der Luft, die sogleich entschwindet, wenn man sie mit der Hand erfassen will.
Gott behandelt die Seele in diesem Stande in der Weise und führt sie auf einem so eigenartigen
Wege, dass sie, wenn sie aus eigener Kraft und Fähigkeit wirken will, das Werk Gottes, das in ihr
zustande kommen soll, eher hindert als fördert. Das war vorher ganz anders. Der Grund ist der: Da
die Seele im Stande der Beschauung vom forschenden Nachsinnen in den Stand der Fortschreitenden
übergeht, so wirkt Gott in der Seele, in der Weise, dass es den Anschein gewinnt, als binde er die
inneren Seelenkräfte und entziehe er dem Verstande die Stütze, dem Willen die innere Kraft und
dem Gedächtnis das Nachsinnen. Was die Seele in diesem Stande aus sich selbst tun kann, dient, wie
schon erwähnt, nur dazu, den inneren Frieden und das Werk, das Gott in jener Trockenheit des
sinnlichen Menschen im Geiste wirkt, zu stören. Da dieser Friede geistig und überaus köstlich ist, so
ist auch sein Wirken ruhig, zart, still, befriedigend und friedvoll und von den früheren Genüssen, die
mehr fühlbar und sinnlich wahrnehmbar waren, durchaus verschieden. Es ist das jener Friede, den
Gott nach den Worten Davids in die Seele hineinspricht, um sie geistig zu machen (Ps. 84,9). Und
darin liegt der Grund des dritten Kennzeichens.

Das dritte Kennzeichen, aus dem wir auf diese Reinigung des sinnlichen Menschen schließen können,
besteht darin, dass die Seele nicht mehr betrachten und nachsinnen und trotz aller Anstrengung den
inneren Sinn der Einbildungskraft nicht mehr gebrauchen kann, um ihn zur Betrachtung anzuregen.
Gott teilt sich in diesem Stande der Seele nicht mehr durch die Sinne mit, wie er es vorher mittels des
forschenden Nachdenkens tat, das die Erkenntnisse miteinander verband und voneinander trennte,
sondern er hat jetzt begonnen, sich mittels des reinen Geistes mitzuteilen, wobei ein
Aufeinanderfolgen von Gedanken nicht mehr stattfindet, nämlich mittels des Aktes der einfachen
Beschauung, zu der weder die inneren noch äußeren Sinne des sinnlichen Menschen eine Befähigung
haben. Daher kommt es, dass die Einbildungskraft und die Phantasie bei der Betrachtung nicht mehr
als Stütze zu dienen vermögen und man sich ihrer auch nicht mehr bedienen kann.

Bezüglich dieses Kennzeichens ist zu bemerken, dass diese Hemmung der Seelenkräfte und ihr
Widerwille nicht von einem krankhaften Gemütszustand herrühren. Würde dieses Unvermögen
daher kommen, dann könnte die Seele, sobald dieser Gemütszustand, der sich nie gleich bleibt, ein
Ende genommen, mit Aufwand einer auch nur geringen Sorgfalt sogleich wieder tun, was sie vorher
vermochte, und sich ihrer Kräfte bedienen. Bei der Reinigung des sinnlichen Begehrungsvermögens
aber ist es nicht so. Sobald die Seele in dieselbe eintritt, nimmt das Unvermögen, ihre Kräfte zum
Nachdenken zu gebrauchen, immer mehr zu. Allerdings ist diese Reinigung bei einzelnen anfangs
nicht von solcher Beständigkeit, dass sie nicht auch manchmal sinnliche Ergötzung und Erholung
finden; denn wegen ihrer Schwachheit können sie nicht mit einem Schlag der Mutterbrust entwöhnt
werden; allein sie treten immer mehr in diese Reinigung ein, wobei die Sinnestätigkeit, wenn sie
wirklich voranschreiten, ein Ende nimmt. Mit jenen, die nicht auf dem Wege der Beschauung
wandeln, verhält es sich ganz anders. Bei ihnen pflegt die Nacht der Trockenheit bezüglich des
sinnlichen Menschen nicht etwas Dauerndes zu sein; manchmal leiden sie an derselben, manchmal

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auch nicht; und wenn sie auch zu Zeiten nicht betrachten könne, so vermögen sie es ein andermal
wieder ebenso gut wie gewöhnlich. Denn Gott versetzt sie nur deshalb in diese Nacht, um sie zu
unterweisen, zu demütigen und das sinnliche Begehrungsvermögen zu läutern, damit sie sich nicht
an eine verkehrte Naschhaftigkeit in geistlichen Dingen gewöhnen, nicht aber um sie auf dem Wege
des Geistes, d.h. der Beschauung zu führen. Nicht alle, die ihrem Stande gemäß ein geistliches Leben
führen, erhebt Gott zur vollkommenen Beschauung; die Ursache daran ist nur ihm bekannt. Deshalb
entwöhnt er die Sinne dieser Seelen nie ganz der Mutterbrust der Betrachtung und des forschenden
Nachdenkens, sondern nur zuweilen und in gewissen Zwischenräumen.

5. Die drei Zeichen für das Aufgeben der Betrachtung nach dem „Aufstieg“
(2.Buch, 2.Teil, Kap. 11 u. 12)

Der Merkmale, welche der geistliche Mensch an sich gewahren muss, wenn er die Betrachtung auf
dem Wege des Nachdenkens aufgeben soll, sind drei.

Erstens muss er an sich die Wahrnehmung machen, dass er mit Hilfe der Einbildungskraft nicht mehr
betrachtend tätig sein kann und dass er dieser Betrachtungsweise keinen Geschmack mehr
abgewinnt wie früher. Im Gegenteil, er findet in dem, was früher den Sinn festzuhalten pflegte und
woraus er Erquickung schöpfte, nur mehr Trockenheit. Sollte er indes noch Erquickung darin finden
und bei der Betrachtung noch nachdenken können, so dürfte er sie nicht aufgeben, außer es fände
sich seine Seele in jenen Frieden und jene Ruhe versetzt, von welchem beim dritten Merkmal die
Rede ist.

Zweitens muss er finden, dass er keine Lust mehr hat, die Einbildungskraft oder den Sinn auf andere,
besondere Gegenstände äußerlicher oder innerer Art zu richten. Ich spreche hier nicht davon, dass
die Phantasie unwillkürlich abschweift – was ja auch bei großer Sammlung vorzukommen pflegt –,
sondern davon, dass die Seele keine Neigung fühlt, sie absichtlich auf andere Gegenstände zu
richten.

Drittens – und dies ist das sicherste Kennzeichen – muss die Seele gewahr werden, dass sie Freude
daran hat, ganz allein zu sein in liebendem Aufmerken auf Gott, ohne besondere Erwägungen
anzustellen, in innerem Frieden, in erquickender Ruhe, ohne Akte und Übungen des
Seelenvermögen, des Gedächtnisses, Verstandes und Willens, wenigstens ohne nachsinnende
Tätigkeit, wobei man von einem Punkt auf den andere schließt, sondern, wie gesagt, einzig in einem
allgemeinen liebenden Erkennen und Aufmerken, ohne auf andere Dinge besonders zu achten.

Nur wenn sie diese drei Kennzeichen zumal an sich gewahrt, darf die geistliche Seele es sicher wagen,
den Stand der Betrachtung und des Sinnes aufzugeben und in den Zustand der Beschauung und des
Geistes überzugehen. Es genügt durchaus nicht, dass man etwa nur das erste Kennzeichen vorfindet
ohne das zweite. Denn es könnte sehr wohl sein, dass eigene Zerstreuung und zu geringe Sammlung
die Schuld daran wären, dass man nicht mehr wie früher über die göttlichen Dinge nachdenken und
betrachten könnte. Darum muss eine solche Seele auch das zweite Kennzeichen an sich vorfinden,
nämlich, dass sie weder Lust noch Verlangen hat, an andere, fremdartige Dinge zu denken. Sobald
nämlich Zerstreuung und Lauheit der Grund des Unvermögens ist, die Phantasie und die Sinne auf
göttliche Dinge festzulegen, dann hat man sogleich Lust und Liebe, dieselbe auf verschiedene andere
Gegenstände zu lenken und fühlt damit auch einen Antrieb sich von ersteren wegzuwenden. Aber es
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genügt auch nicht, nur das erste und zweite Merkmal an sich wahrzunehmen, wenn nicht auch das
dritte hinzukommt. Denn wenn man auch sieht, dass man kein diskursives Denken zustande bringt
und über göttliche Dinge nicht nachsinnen kann, dass man aber gleichwohl auch keine Lust hat, an
andere Dinge zu denken, so könnte dies auch von der Melancholie oder einer anderen üblen Laune,
die im Gehirn oder im Herzen ihren Herd hat, herkommen; denn so etwas verursacht gewöhnlich im
sinnlichen Teil eine gewisse Stumpfheit und Befangenheit, die einen an nichts denken und auch keine
Lust aufkommen lassen, etwas zu denken, so dass man am liebsten in dieser behaglichen
Gedankenlosigkeit verbleiben möchte. Dem gegenüber muss man sich auf das dritte Kennzeichen
berufen können, nämlich jenes Erkennen und liebende Aufmerken im Frieden, wie wir’s genannt
haben. Allerdings ist richtig, dass man am Anfang, wo dieser Zustand beginnt, dieses liebende
Erkennen kaum bemerkt, und zwar aus zwei Gründen: erstens, weil dieses liebende Erkennen
anfangs gewöhnlich sehr fein und zart, ja fast unmerklich ist; zweitens kann die Seele, die an eine
andere Betrachtungsweise, die ganz sinnlicher Art war, gewöhnt ist, jenes nicht sinnenfällige Neue,
das schon rein geistiger Art ist, fast nicht gewahr werden.

Und dies um so mehr dann, wenn die Seele für dieses Neue kein Verständnis hat, sich deshalb auch
keine Ruhe gönnt und sich immer nur um jenes mehr Sinnenfällige abmüht. Daher kommt es dann,
dass die Seele diesen liebeatmenden Frieden, auch wenn er in noch so reicher Fülle vorhanden ist,
nicht wahrnimmt und genießt. Je mehr sich dagegen die Seele der Ruhe hingibt, um so mehr wird sie
in diesem Frieden zunehmen und um so mehr wird sie jenes allgemeine liebende Erkennen Gottes
fühlen. Darin wird sie größere Freude kosten als an allen Dingen; denn dieses wird ihr Frieden, Ruhe
Wohlgeschmack und Wonne bereiten, um mühelos davon zu kosten.

Der Zweck des Betrachtens und des Nachsinnens über göttliche Dinge besteht gerade darin, dass
man Erkenntnis und Liebe Gottes daraus schöpfe. Sooft nun die Seele in der Betrachtung das tut, übt
sie einen solchen Akt. Wie nun viele Akte in irgendeiner Beziehung in der Seele allmählich einen
bleibenden Zustand bewirken, so bringen es eine Reihe von Akten dieser liebenden Erkenntnis,
welche die Seele zustande gebracht hat, durch fortgesetzte Übung so weit, dass sie zu einem
bleibenden Zustand wird. Indes ruft Gott sehr häufig diesen Zustand in manchen Seelen auch ohne
Vermittlung dieser Akte hervor, wenigstens, ohne dass viele derselben vorausgegangen sind, indem
er sie mit einem Male in den Zustand der Beschauung und Liebe versetzt. So ist nun das, was die
Seele vorher bisweilen durch mühevolles Nachsinnen in Einzelkenntnissen gewonnen hat, durch
Übung, wie gesagt in ihr zum bleibenden Zustand und zum Wesen einer allgemeinen liebenden
Erkenntnis geworden, die jedoch keine Unterscheidung zulässt und nicht ins Einzelne geht wie
früher. Wenn nun die Seele in solchem Zustand sich ins Gebet begibt, dann trinkt ist, wie einer, der
das Wasser zur Hand hat, mühelos und mit Wonne und hat nicht nötig, es erst mittels der
Schöpfeimer vorausgehender Betrachtungen, Bilder und Vorstellungen zu schöpfen. Sowie sie sich zu
Gott begibt, tritt sogleich jenes dunkle, liebende, befriedigende und beruhigende Erkennen in
Wirksamkeit, in welchem die Seele Weisheit, Liebe und Wonne schlürft. Daher kommt es dann, dass
die Seele soviel Beschwernis und Unbehagen empfindet, sobald man von ihr verlangt, sie solle in
diesem Zustand der Ruhe nachsinnen und sich in Einzelerkenntnissen abmühen. Es geht ihr dann wie
einem Kindlein, das an der Mutterbrust liegt und daraus in vollen Zügen die Milch schlürft, das man
aber dann wegnimmt und erst nach vielem Hin- und Hertasten von neuem zur Milch gelangen lässt.
Oder es ergeht ihr wie einem, der bereits die Schale zerbrochen hat und eben daran ist, den Kern zu
genießen, dem man aber sagt, er solle sich wieder über die Schale hermache, die er doch schon
weggeworfen. Der würde die Schale nicht mehr finden und auch am Kerne keinen Genuss mehr

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haben, den er doch schon in Händen gehabt, und gliche so einem, der die Beute, die schon in seinem
Besitze ist, wieder fahren lässt für eine andere, die er nicht hat.

Bezüglich des zweiten Merkmals ist wenig zu sagen. Man sieht ja schon, dass die Seele in diesem
Zeitpunkt kein Bedürfnis hat, an anderen verschiedenartigen Vorstellungen, die von dieser Welt sind,
Freude zu haben, wenn sie doch schon an solchen, die ihr mehr entsprechen, wie den göttlichen, aus
den angegebenen Gründen keinen Geschmack findet. Nur pflegt, wie oben bemerkt, die
Einbildungskraft bei dieser inneren Sammlung abzuschweifen und bald auf dieses, bald auf jenes zu
verfallen, jedoch ohne dass die Seele es eigentlich will und daran Freude hat. Im Gegenteil, es ist ihr
dies vielmehr peinlich, da es ihren Frieden und ihre Wonne beeinträchtigt.

Dass nun auch das dritte Kennzeichen, welches in einem allgemeinen und liebenden Erkennen und
Aufmerken auf Gott besteht, angebracht, ja notwendig sei, um uns zu erkennen zu geben, dass man
die genannte Betrachtungsweise aufgeben könne, darüber noch viele Worte zu verlieren, scheint mir
nicht notwendig.

Jedoch darf nicht übersehen werden, dass dieses allgemeine Erkennen, von welchem eben die Rede
war, bisweilen so fein und zart ist, zumal wenn es schon reiner, einfacher und vollkommener,
geistiger und innerlicher ist, dass die Seele, obschon ganz damit beschäftigt, es doch nicht
wahrnimmt und nicht fühlt. Und dies ist besonders dann der Fall, wenn, wie gesagt, dieses Erkennen
deutlicher, geläuterter, einfacher und vollendeter ist; dies ist es aber, wenn es sich ergießt in eine
ganz lautere Seele, in eine Seele, die frei ist von anderweitigen Eindrücken und Einzelerkenntnissen,
die sich Verstand oder Gefühl zu eigen machen könnten. Weil nun die Seele diese (Eindrücke und
Kenntnisse) nicht hat, in deren Betätigung der Verstand und das Gefühl eine gewisse Fertigkeit sich
angeeignet haben, so nimmt sie dieselbe nicht wahr in dem Grade, als ihr die gewohnten sinnlichen
Maße fehlen. Dies ist auch der Grund, warum der Verstand dieses Erkennen um so weniger
wahrnimmt und es ihm um so dunkler vorkommt, je reiner, vollkommener und einfacher es ist. Je
weniger rein und einfach es dagegen im Verstande wohnt, um so deutlicher und fassbarer dünkt es
diesem, da es dann umkleidet und vermischt und umgeben ist mit gewissen übersinnlich
erkennbaren Formen, welche der Verstand oder der Sinn leichter wahrnehmen kann.

Dies wird noch verständlicher durch folgenden Vergleich: Betrachten wir den Sonnenstrahl, der
durch das Fenster fällt, so gewahren wir, dass derselbe dem Gesichtssinn um so fassbarer,
erkenntlicher und deutlicher erscheint, je mehr derselbe mit kleinsten Körperchen und Stäubchen
geschwängert ist. Und doch ist klar, dass der Sonnenstrahl in diesem Falle weniger rein und klar,
getrübter und unvollkommener ist, je mehr er von solchen Körperchen und Stäubchen gesättigt ist.
Und doch bemerken wir, dass er dem leiblichen Auge weniger fassbar und dunkler vorkommt, je
reiner und freier von solchen Stäubchen er ist; und je reiner er ist, um so dunkler und weniger
wahrnehmbar ist er. Wäre also dieser Sonnenstrahl erst vollständig rein und frei von jeglichen
Fäserchen und Stäubchen, auch von den allerfeinsten Stäubchen, dann wäre er erste den Augen
völlig dunkel und unwahrnehmbar; denn es fehlt dann das Sichtbare, das für den Gesichtssinn das
erkennbare Objekt abgeben würde. Und so hätte das Auge nichts Sichtbares, auf dem es haften
könnte, da ja das Licht nicht das sichtbare Objekt des Gesichtssinnes ist, sondern nur das Mittel,
durch welches das Auge das Sichtbare wahrnimmt. Wären also sinnenfällige Dinge, an denen der
Sonnenstrahl oder das Licht sich brechen kann, nicht vorhanden, so könnte man nichts sehen. Träte
also der Sonnenstrahl durch eine Öffnung ein und durch eine andere wieder aus, ohne auf etwas
Körperliches zu fallen, dann würde man offenbar nichts davon gewahren. Aber trotz alledem wäre
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der Sonnenstrahl an sich viel reiner und heller, als wenn er, geschwängert mit sichtbaren Körpern,
ganz klar sichtbar und wahrnehmbar ist.

Ein Gleiches gilt von dem geistigen Licht gegenüber dem Auge der Seele, d.i. dem Verstande, in
welches jenes übernatürliche Erkennen, jenes Licht, von dem wir sprachen, so rein und ungeteilt, so
entleert und frei von allen geistig wahrnehmbaren Eindrücken, als den dem Verstande
entsprechenden Objekten, sich ergießt, dass der Verstand sie nicht wahrnimmt und nicht sieht. Ja,
bisweilen kommt es vor, besonders dann, wenn dieses Licht ganz rein, dass es den Verstand
verdunkelt, weil es ihm sein gewöhnliches Licht, seine gewohnten Formen und Phantasiebilder
benimmt; und dann gewahrt und bemerkt man das Dunkel gar wohl.

Die Seele kann, wenn sie nur einigermaßen darauf achthaben will, erkennen, dass sie mit jener
Erkenntnis begnadigt sei. Sie fühlt sich nämlich in eine gewisse Liebeswonne versenkt, ohne indes
genau zu wissen, was der Gegenstand ihrer Liebe ist. Aus diesem Grund heißt diese Erkenntnis eine
liebevolle und allgemeine. Denn so wie sie dem Verstande innewohnt, dem sie sich geheimnisvoll
mitteilt, so ist sie auch im Willen, in welchem sie eine gewisse Liebeswonne hervorruft, ohne dass
man indes bestimmt sagen könnte, was der Gegenstand der Liebe ist.

6. Das beschauliche Beten


(Lebendige Liebesflamme, 3.Str., 3.Vers, §6-10)

Gab man der Seele anfangs Stoff zum Betrachten und betrachtete sie, so muss man ihr jetzt
denselben nehmen, damit sie nicht betrachte. Und sie könnte es auch, wie gesagt, nicht mehr, wenn
sie auch wollte, und anstatt sich zu sammeln, würde sie sich nur zerstreuen. Wenn sie früher Wonne
und Liebe und Inbrunst suchte und fand, so darf sie jetzt nicht mehr danach verlangen noch auch sich
darum bemühen. Sie würde diese Dinge trotz ihrer Sorgfalt nicht nur nicht finden, sondern vielmehr
in Trockenheit geraten. Sie würde sich durch die Tätigkeit, die sie mittels der Sinne vollziehen wollte,
von dem friedvollen und beruhigenden Gute wegwenden, das ihr auf geheimnisvolle Weise im Geiste
verliehen wird und so das eine verlieren und das andere nicht vollbringen, da ihr die Gnadengüter
nicht mehr wie ehedem durch die Sinne verliehen werden. Deshalb darf man von der Seele in diesem
Stande nicht verlangen, dass sie betrachte oder sich in Akten des Nachdenkens übe, noch auch dass
sie ängstlich nach Tröstung und Inbrunst strebe; denn dies alles hieße nichts anderes als demjenigen
ein Hindernis in den Weg legen, der, wie gesagt, die Haupttätigkeit vollzieht, nämlich Gott. Er senkt
der Seele geheim und friedevoll Weisheit und liebende Erkenntnis ein, ohne dass sie einzelne Akte
erweckt, wenn er auch bisweilen zulässt, dass einzelne Akte sich vollziehen und kurze Zeit andauern.
Und da soll die Seele nur in liebendem Aufmerken vor Gott stehen, ohne selbstständig zu sein und
durch eigene Beschäftigung etwas beitragen zu wollen, sich, wie gesagt, passiv verhalten in
liebendem, einfältigem, einfachem und zuversichtlichem Aufmerken, wie ein Mensch, der in
liebender Aufmerksamkeit jemandem seine Augen zuwendet. Gott tritt hier als Geber der Seele in
einfacher und liebender Erkenntnis nahe, und so muss auch die Seele als Empfängerin in einfacher
und liebender Erkenntnis und Aufmerksamkeit vor ihm stehen, damit sich so Erkenntnis mit
Erkenntnis und Liebe mit Liebe verbinden. Denn wer etwas empfängt, muss sich in Einklang setzen
mit dem, was er empfängt, und darf nicht anders geartet sein, damit er das Gegebene aufnehmen
und behalten kann, wie es ihm gegeben wird. Die Seele würde jene Gnadengüter, die ihr Gott in
dieser liebenden Erkenntnis auf übernatürlichem Wege mitteilen will, verhindern, wenn sie selbst

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tätig sein und sich anders verhalten wollte; sie möge nur, wie gesagt, in passiver, liebender
Aufmerksamkeit, ganz untätig und ruhig vor Gott stehen, ohne ihre gewohnte Tätigkeit
aufzunehmen, außer es vereinigt sich Gott mit ihr in einem Akte. Diese Gnaden werden ihr anfangs,
wie oben erwähnt, durch innere, bedrängnisvolle Läuterungsarbeit zuteil, später aber in
Liebeswonne. Wenn nun diese liebende Erkenntnis sozusagen – und es verhält sich auch wirklich so –
von der Seele ohne ihr Zutun und nach der Gott eigenen Weise, nicht aber in einer der Seele
eigentümlichen Weise aufgenommen wird, so folgt, dass die Seele, um zur Aufnahme derselben fähig
zu sein, ihre natürliche Tätigkeit vollständig einstellen und nach der Weise Gottes ganz frei, untätig,
ohne Bewegung friedlich und ruhig sein muss, ebenso wie die Luft von der Sonne um so mehr
erleuchtet und erwärmt wird, je dunstfreier, reiner und ruhiger sie ist. Darum darf sich die Seele hier
an nichts hängen, weder an die Übung der Betrachtung, noch des forschenden Nachdenkens, der
Geist muss hier so ganz frei und allem erstorben sein, dass jeder Gedanke, jedes Nachsinnen und
jeder Genuss, dem sie sich hingeben wollte, sie hemmen, beunruhigen und aufregen würde. Hier
müssen Sinne und Geist so vollständig schweigen, dass sie die tiefinnerliche und zärtliche Ansprache
Gottes vernehmen können, die er nach den Worten des Propheten Oseas in der Einsamkeit an das
Herz ergehen lässt (Hosea 2,4). Im tiefsten Frieden und in Ruhe muss die Seele, wie David sagt,
lauschen und hören, was Gott der Herr spricht (Ps. 84,9); und diesen Frieden teilt er ihr in jener
Einsamkeit mit.

Wenn nun der Fall eintritt, dass sich die Seele in dieses Schweigen und Lauschen versetzt sieht, so
muss sie gleichsam auch auf die genannte Betätigung des liebenden Aufmerkens vergessen, um ganz
frei zu sein für das, was der Herr will. Denn dieses liebende Aufmerken ist nur dann in Anwendung zu
bringen, wenn sie sich nicht in diese innere Einsamkeit oder Untätigkeit, in dieses geistige Vergessen
und Lauschen versetzt sieht; damit die Seele diesen Zustand wahrnimmt, ist er, so oft er eintritt,
immer mit sanfter Ruhe und innerem Entzücken verbunden.

Sobald nun die Seele in diesen einfachen und dunklen Zustand der Beschauung eingetreten ist, wo
sie nicht betrachten und damit auch nichts erreichen kann, muss sie während dieser ganzen Zeit vom
forschenden Nachdenken ablassen und darf sich nicht geistigen Genüssen und Süßigkeiten hingeben,
sie muss sich loslösen von allem und mit entblößtem Geiste über allem stehen, wie Habakuk sich
ausdrückt, der das auch tun musste, um zu hören, was der Herr spricht; „Ich will mich“, sagt er, „auf
meine Warte stellen und meinen Fuß auf die Feste setzen und schauen, was man mir sagt“ (Hab.
2,1). Er will damit sagen: Ich will meinen Geist über alle Tätigkeiten und Erkenntnisse erheben, die in
den Bereich meiner Sinne fallen, und alles von mir weisen, was diese behalten und bei sich bewahren
können. Und ich will den Fuß auf die Feste meiner Seelenkräfte setzen und nicht zugeben, dass sie
auch nur im geringsten selbsttätig sind, damit ich aufnehmen kann, was mir Gott mitteilt. Denn, wie
wir schon gezeigt, besteht die reine Beschauung im Empfangen.

Diese höchste Weisheit und Sprache Gottes, die Beschauung, kann nur von einem Geiste
aufgenommen werden, der ganz in Ruhe und von allen Wonnegenüssen und den durch forschendes
Nachdenken gewonnen Erkenntnissen frei ist. Denn so sprich Isaias: „Wen will ich Erkenntnis lehren
und wem seine Lehre vernehmlich machen?“ Und er antwortet darauf: „Den von der Milch (d.h. von
Genüssen und Süßigkeiten) Entwöhnten, den von der Mutterbrust Genommenen“ (Jes. 28,9), d.h.
denen, die sich frei gemacht von Einzelerkenntnissen und Wahrnehmungen.

Entferne darum, o geistliche Seele, die Fäserchen, die Haare und den Nebel und reinige dein Auge,
und es wird dir leuchten die helle Sonne, und du wirst klar sehen. Erwirb deiner Seele den Frieden;
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erlöse und befreie sie vom Joche und der Knechtschaft ihrer natürlichen, schwächlichen Tätigkeit. Es
ist das alles nur ägyptische Sklaverei und bedeutet nicht viel mehr als Strohsammeln, um Ziegelsteine
damit zu brennen. Geleite sie, o geistlicher Führer, in das Land der Verheißung, das von Milch und
Honig fließt, und bedenke, dass Gott durch diese heilige Freiheit und Untätigkeit der Kinder Gottes
sie in die Einsamkeit ruft. Hier wird sie mit dem Festgewande, mit Gold- und Silbergeschmeide
geschmückt werden. Denn Ägypten ist schon geplündert, seine Reichtümer, die im sinnlichen Teil
sich befanden, sind ihm abgenommen; und nicht nur dies, auch die mächtigen Feinde sind schon ins
Meer der Beschauung gestürzt, wo der mächtige, sinnliche Mensch keinen Fuß und keinen Boden
mehr findet und ertrunken ist und das Kind Gottes, den Geist, in Ruhe lässt. Jetzt ist dieser über die
Grenzen und die Knechtschaft der Sinne, nämlich über sein niedriges Denken, über sein schwaches
Fühlen und sein armseliges Lieben und Genießen hinausgeschritten. Gott gibt ihm das süße Manna
(Weish. 16,20), dessen Wohlgeschmack zwar all jene Wonnen und Süßigkeiten, mit denen sich, o
geistlicher Führer, die Seele nach deinem Wunsch befassen soll, enthält, der aber desungeachtet
wegen seiner Zartheit im Munde sogleich zerfließt und nicht empfunden wird, wenn er sich mit
einem anderen Genuss oder einer anderen Sache verbindet. Wenn also die Seele zu diesem Zustande
gelangt ist, so sorge dafür, dass sie sich von allen Gelüsten nach Erquickung, Süßigkeiten,
Wonnegenüssen und geistigen Erwägungen losmache; beunruhige sie nicht mit Sorgen und
Kümmernis, weder bezüglich übernatürlicher noch weniger bezüglich natürlicher Dinge, und suche
sie soviel als möglich in den Zustand gänzlicher Losschälung und Einsamkeit zu versetzen. Je
vollkommener sie dies erreicht und je schneller sie zu dieser untätigen Ruhe gelangt, um so
reichlicher ergießt sich über sie der Geist der göttlichen Weisheit, dieser Geist der Liebe, der Ruhe,
der Einsamkeit, des Friedens, der Süßigkeit, der den Menschengeist mit sich fortreißt, so dass dieser
sich zart berührt und sanft entrückt fühlt, ohne zu wissen, von wem, woher und wie; der Grund ist,
weil er ihm ohne sein eigenes Zutun mitgeteilt wird.

Und das Geringste, was Gott in dieser heiligen Untätigkeit und Vereinsamung wirkt, ist ein
unschätzbares Gut, oft viel höher, als die Seele und ihr Führer es sich vorstellen können. Jetzt ist es
noch nicht so sichtbar, wie es seinerzeit ins Licht treten wird. Was jetzt die Seele bald mehr, bald
weniger zu empfinden vermag, ist höchstens eine Entfremdung und Entäußerung von allen Dingen
mit einer Vorliebe zur Vereinsamung und einem Ekel an allen Geschöpfen, verbunden mit einem
süßen Anhauch der Liebe und des Lebens im Geiste. Dabei kommt ihr alles, was diese Entfremdung
vereitelt, geschmacklos vor; denn sobald man einmal den Geist verkostet, verliert man an allem, was
vom Fleische stammt, den Geschmack.

Aber die Güter, in deren Besitz die Seele durch diese stille Mitteilung und Beschauung gelangt ist,
sind ganz unschätzbar, wenn sie auch dieselben nicht wahrnimmt. Es sind geheimnisvolle und
überaus zarte Salbungen des Heiligen Geistes, welche die Seele auf verborgene Weise erreichen und
mit geistigen Gaben und Gnaden ausstatten; denn da er Gott ist, so handelt er wie Gott und wirkt
wie Gott.

Aber weder die Seele noch ihr Führer können diese kostbaren und erhabenen Salbungen und
Überschattungen des Heiligen Geistes infolge ihrer Zartheit und außerordentlichen Reinheit
erkennen, sondern nur derjenige, der sie der Seele als Beweis seiner besonderen Liebe spendet, und
deshalb können dieselben gar leicht gestört und hintangehalten werden. Diese Störung kann durch
das geringste Selbsttätigsein der Seele, sei es des Gedächtnisses, des Verstandes oder des Willens,
oder auch durch sinnliche Tätigkeit erfolgen, indem sie sich einem Gelüste, einer Erkenntnis, einem
Genuss oder Wonnegefühl überlässt.
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Dieser Schaden ist ungemein groß, ja größer, als man es mit Worten auszudrücken vermag, und doch
ist er so allgemein und häufig, dass man selten einen geistlichen Führer findet, der ihn nicht jenen
Seelen, die Gott auf diese Weise in den Stand der Beschauung zu erheben beginnt, zufügen würde.
Wie oft salbt nicht Gott die beschauliche Seele mit einer überaus zarten Salbung einer liebenden,
ruhigen, friedvollen, ganz einzigen, über alles Sinnen und Denken erhabenen Erkenntnis, wobei sie
weder etwas betrachten noch an irgend etwas denken noch auch an etwas Übernatürlichem oder
Natürlichem einen Genuss finden kann, weil Gott sie mit jener einzigartigen Salbung und Hinneigung
zur Untätigkeit und Vereinsamung beschäftigt: und da kommt ein geistlicher Führer, der wie ein
Grobschmied mit den Seelenkräften nur zu hämmern und zu schlagen weiß, und weil er sonst nichts
gelernt und nur vom Betrachten Kenntnis hat, der Seele allsogleich befiehlt: Fort, lass all diese Dinge,
sie sind nur Müßiggang und Zeitverlust, nimm etwas zur Hand, betrachte und erwecke innere Akte;
du musst selbsttätig sein, alles andere sind nur Träumereien und Torheiten.

Solche Seelenführer sollen doch beachten und bedenken, dass bei diesem Werke nicht sie, sondern
der Heilige Geist die Hauptarbeit tut und der Führer und Beweger der Seelen ist, der nie aufhört für
sie zu sorgen. Sie sind nur die Werkzeuge, um dieselben durch den Glauben und das Gesetz Gottes
auf dem Wege der Vervollkommnung zu geleiten, entsprechend dem Geiste, den Gott einer jeden
verleihen will. Darum soll ihre ganze Sorgfalt darin bestehen, den Maßstab für die Seelenleitung nicht
nach ihrer gewohnten Eigenart und Seelenverfassung zu nehmen, sondern – wenn sie sich anders
darauf verstehen – beachten, auf welchem Wege Gott sie führt. Verstehen sie sich aber nicht darauf,
dann mögen sie die Seele gewähren lassen und sie nicht beunruhigen. In Übereinstimmung mit den
Forderungen des Geistes, nach welchem Gott sie führt, sollen sie sich Mühe geben, ihnen zu noch
größerer Vereinsamung, Ruhe und Freiheit des Geistes Anleitung zu geben, und sie nicht zwingen,
den körperlichen Sinn und den Geist an etwas Innerliches oder Äußerliches zu binden, wenn Gott sie
auf dem Weg zur Vereinsamung führt. Sie mögen sich nicht quälen und ängstigen mit dem
Gedanken, als würde dadurch nichts geschehen; denn ist auch dabei die Seele untätig, so wirkt doch
Gott in ihr. Sie mögen dafür Sorge tragen, die Seele frei zu machen und ihr zur Vereinsamung und
Untätigkeit zu verhelfen, so dass sie an keine Einzelerkenntnis weder der natürlichen noch der
übernatürlichen Ordnung gebunden ist und kein sehnsüchtiges Verlangen nach irgendeinem
Wonnegefühl oder Genuss oder einer Wahrnehmung mehr kennt. In dem Maße, als sie durch
vollständige Loslösung von den Geschöpfen leer geworden ist, findet sie sich im Stande der geistigen
Armut. Darin besteht die ganze Beschäftigung der Seele nach dem Rate des Sohnes Gottes, der da
lautet: „Wer nicht allem entsagt, was er besitzt, kann mein Jünger nicht sein.“ Dies ist nicht nur zu
verstehen von der Entblößung von den körperlichen und zeitlichen Dingen dem Willen nach, sondern
auch von der Entäußerung der geistigen Dinge; und darin besteht die geistige Armut, deren Bekenner
der Sohn Gottes selig preist (Mt. 5,3). Und hat sich die Seele auf diese Weise frei gemacht von allen
Dinge, ist sie bezüglich der selben leer und besitzlos geworden, – was sie ja, wie schon erwähnt, tun
kann – dann muss, nachdem die Seele das Ihrige tut, ohne Zweifel auch Gott das Seinige tun, indem
er sich ihr, wenigstens in stiller Verborgenheit, mitteilt; und dies geschieht noch viel sicherer, als die
Sonne einen hellen und schattenlosen Ort bescheint. Wie die Sonne schon frühe sich erhebt, um in
dein Haus hineinzuleuchten, wenn du die Fensterläden öffnest, so wird auch Gott, der Wächter
Israels (Ps. 120,4), nicht schlummern und schlafen, er wird in eine leere Seele einkehren und sie mit
übernatürlichen Gütern erfüllen.1

1
aus Lebendige Liebesflamme, S.17: Der Vater der Lichter, dessen Hand nicht gekürzt ist, spendet in Fülle
überall ohne Ansehen der Person Segen, wo immer er eine Stätte findet. Er leuchtet ihnen gleich dem
18
Sage also nicht: Ach die Seele kommt nicht vorwärts, da sie nichts tut, so könnte ich dadurch allein,
dass sie nichts tut, beweisen, dass sie viel tut. Hat sich einmal der Verstand von den natürlichen und
übernatürlichen Einzelerkenntnissen losgemacht, so geht es vorwärts, und je mehr er sich frei macht
von Einzelerkenntnissen und der Erkenntnistätigkeit, desto mehr erhebt er sich auf dem Weg zum
höchsten übernatürlichen Gut.

O sage nicht, dass die Seele nichts Bestimmtes mehr erkennt und so auch nicht vorwärts kommen
kann; sage vielmehr, dass sie nicht im Guten zunimmt, weil sie bestimmte Erkenntnisse gewinnt. Der
Grund ist, weil Gott den Verstand, der ihm zustrebt, selbst übersteigt. Und so ist er unbegreiflich und
unerreichbar für den Verstand und zwar in dem Maße, als dieser ihn begreifen will. Er wird so nicht
zu ihm gelangen, sondern eher sich von ihm entfernen. Vielmehr muss sich der Verstand von sich
selbst und seiner Erkenntnistätigkeit losmachen, um durch den Wandel im Glauben zu Gott zu
gelangen; er muss glauben und nicht verstehen wollen. Auf diese Weise erhebt sich der Verstand zur
Vollkommenheit; denn durch den Glauben und nicht durch andere Mittel vereinigt man sich mit
Gott. Und die Seele nähert sich Gott mehr durch Nichtverstehen als durch Verstehenwollen.
Kümmere dich darum nicht! Wenn der Verstand nicht rückwärts schreitet, – was der Fall wäre, wenn
er sich bestimmten Erkenntnissen, nachforschender Denkarbeit zuwenden und verstehen wollte –
sondern wenn er untätig bleiben will dann schreitet er voran, da er sich frei macht von allem, was in
seinen Bereich fallen kann. Denn nichts von alledem ist, wie wir erwähnt, Gott; Gott kann man nicht
aufnehmen, wenn das Herz schon angefüllt ist. Und in diesem Stande der Vollkommenheit ist das
Nichtrückwärtsgehen ein Vorwärtsschreiten, und das Vorwärtsschreiten des Verstandes ist ein
Mehrsichbefestigen im Glauben; und so ist das Vorwärtsgehen ein Verfinstertwerden, da der Glaube
Finsternis für den Verstand ist. Eben weil der Verstand nicht zu fassen weiß, was Gott ist, so muss er
in Unterwürfigkeit wandeln, d.h. in Nichtverstehen. Und so gereicht ihm gerade das zum Besten, was
du verwirfst, d.h. er darf sich nicht bestimmten Erkenntnissen zuwenden. Denn dadurch kann er
nicht zu Gott gelangen, vielmehr wird er sich selbst zum Hindernis auf dem Weg zu ihm.

Du wirst aber entgegnen: Wenn der Verstand sich bestimmter Erkenntnisse beraubt sieht, dann wird
der Wille müßig sein und keine Liebesakte setzen und davor muss man sich im geistlichen Leben
immer hüten. Der Grund ist, weil der Wille nicht lieben kann, was der Verstand nicht erkennt. Das gilt
vor allem bei den natürlichen Tätigkeiten und Akten der Liebe, bei denen der Wille nur das in Liebe
umfassen kann, was der Verstand bestimmt erkennt. Aber bei der hier erwähnten Beschauung, bei
der, wie gesagt, Gott sich der Seele selbst mitteilt, ist weder eine bestimmte Erkenntnis noch auch
die Tätigkeit des nachforschenden Denkens notwendig. Denn Gott verleiht ihr in einem Akte zugleich
Licht und Liebe, jene übernatürliche Liebeserkenntnis, die wir ein brennendes Licht nennen können,
das erwärmt und zugleich liebeglühend ist.

Und dieses Licht ist unbestimmt und dunkel für den Verstand. Es ist eine Erkenntnis der Beschauung,
die nach den Worten des Hl. Dionysius dem Verstand als ein Strahl der Finsternis erscheint, durch
den sich die Liebe im Willen ebenso gestaltet, wie die Erkenntnis im Verstande. Wie diese von Gott
eingegossenen Erkenntnis im Verstande allgemein dunkel und unbestimmt ist, so ist auch die Liebe
des Willens eine allgemeine, ohne sich auf etwas bestimmt Erkanntes im besonderen zu erstrecken.
Wie Gott bei dieser göttlichen Mitteilung Licht und Liebe für die Seele ist, so stattet er auch diese
beiden Vermögen der Seele, Verstand und Willen, mit göttlicher Erkenntnis und Liebe aus; und da er

Sonnenstrahl überall auf Straßen und Wegen wohltuend entgegen und zögert nicht und schlägt es nicht gering
an, seine Freude in der Vereinigung mit den Menschenkindern zu finden.
19
selbst in diesem Leben nicht erkannt werden kann, so ist die Erkenntnis dunkel und dunkel auch die
Liebe im Willen. Manchmal teilt sich Gott bei diesem zärtlichen Verkehr der Seele in höherem Maße
mit und berührt die eine Seelenkraft inniger als die andere; zuweilen ist die Erkenntnis intensiver als
die Liebe und dann wieder mehr die Liebe als die Erkenntnis, oft ist auch nur allein die Erkenntnis
fühlbar und nicht die Liebe, ein andermal nur die Liebe und nicht die Erkenntnis. Deshalb sage ich,
dass die Seele bei ihrer natürlichen Tätigkeit nicht lieben kann ohne Erkenntnis, aber bei der Tätigkeit
und Einwirkung Gottes auf die Seele, von der wir hier sprechen, ist es anders. Denn Gott kann auf
eine Seelenkraft einwirken mit Ausschluss der anderen, und so vermag er den Willen zu entzünden
mit dem Feuer seiner Liebe, während dem Verstand keine Erkenntnis zuteil wird, ebenso wie eine
Person vom Feuer erwärmt sein kann, ohne dass sie das Feuer wahrnimmt.

So ist oft der Wille gerührt, von Inbrunst und Liebe entflammt, ohne etwas wie ehedem mehr im
einzelnen zu erfassen und zu erkennen. Gott ordnet eben, wie die Braut im Hohenliede sagt, in ihm
die Liebe: „Der König führte mich in den Weinkeller und ordnete in mir die Liebe“ (Hl. 2,4). So hat
man die Untätigkeit des Willens in diesem Stande nicht zu fürchten; denn sobald er aufhört aus sich
Akte der Liebe bezüglich bestimmter Einzelerkenntnisse zu erwecken, wirkt Gott in ihm und
entzündet ihn auf verborgene Weise durch die eingegossene Liebe entweder mittels der Erkenntnis
der Beschauung oder ohne sie, wie wir soeben gesagt. Und diese Akte der Liebe sind im Verhältnis zu
jenen, die sie selbst erweckt, um so wonnevoller und verdienstlicher, als Gott der die Anregung dazu
gibt und sie eingießt, höher steht.

Diese Liebe gießt Gott dem Willen ein, während derselbe leer und losgeschält ist von allen
besonderen Genüssen und Neigungen, sowohl höherer wie niederer Art. Daher soll man Sorge
tragen, dass der Wille leer und losgeschält bleibt von seinen Neigungen. Solange er nämlich nicht von
neuem irgendeine Süßigkeit oder einen Genuss kosten will, wandelt er, wenn er auch nichts
Besonderes in Gott erkennt, über alle Dinge hinweg Gott entgegen, und zwar ohne an irgend etwas
Genuss zu finden. Und hat er auch keinen besonderen und bestimmten Genuss von Gott und liebt er
ihn auch nicht durch einen bestimmten Akt, so kostet er ihn doch in jener allgemeinen, dunklen und
verborgenen Mitteilung in höherem Maße als alle bestimmten Dinge. Er sieht da ganz deutlich, dass
ihm nichts so großen Genuss bereiten kann als jene einsame Ruhe. Nun liebt er ihn mehr als alles,
was Liebe verdient, da er auf alle anderen Süßigkeiten und Genüsse verzichtet und den Geschmack
an ihnen verloren hat. Man braucht also keine Sorge mehr zu haben; sobald der Wille einmal nicht
mehr auf die Süßigkeiten und Ergötzungen bei den einzelnen Akten achtet, schreitet er voran. Denn
nicht zurückkehren zum Sinnlichen, sondern sich davon losmachen, heißt dem unnahbaren Gott
entgegengehen. Und so ist es kein Wunder, dass man kein Gefühl davon hat. Darum muss sich der
Wille, um sich Gott nahen zu können, eher von allen angenehmen und wohltuenden Dingen frei
machen, als sich auf dieselben stützen. So wird am besten das Gebot der Liebe erfüllt, das uns Gott
mehr als alle Dinge zu lieben befiehlt, was ohne Verzichtleistung und geistige Entblößung von allen
Dingen unmöglich ist.

Man hat auch nichts davon zu fürchten, dass das Gedächtnis frei bleibt von Formen und Bildern;
denn da Gott keine Form und Gestalt hat, so wandelt die Seele durch Zurückdrängung aller Formen
und Bilder ganz sicher und kommt Gott näher; je mehr sich das Gedächtnis auf die Einbildungskraft
stützt, desto mehr entfernt es sich von Gott und ist um so größerer Gefahr ausgesetzt, da Gott der
Unerforschliche, von der Einbildungskraft nicht erfasst werden kann.

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7. Wie sich solche Seelen in dieser dunklen Nacht zu verhalten haben
(Dunkle Nacht I,11,10)

Zur Zeit der Trockenheit dieser Nacht des Sinnes, in welcher Gott den oben besprochenen Wandel
schafft und die Seele vom Wege der Sinne auf den Weg des Geistes, d.h. von der Betrachtung zur
Beschauung führt, wo sie aus sich nichts mehr tun und ihre Kräfte zum Nachdenken über göttliche
Dinge nicht mehr gebrauchen kann, in dieser Zeit leiden geistliche Seelen große Trübsal; der Grund
dieser Erscheinung ist nicht bloß die Trockenheit, die sie befällt, sondern auch die Furcht, sie
möchten auf diesem Wege sich verwirrt haben. Sie leben in dem Glauben, alle geistlichen Güter
verloren zu haben und von Gott verlassen worden zu sein, da sie an etwas Gutem keine Stütze und
keinen Geschmack mehr finden. Jetzt plagen sie sich ab und versuchen ihrer Gewohnheit gemäß
durch Nachdenken über irgendeinen Gegenstand den Seelenkräften einen Genuss zu verschaffen in
der Meinung, sie würden nichts tun, wenn sie nicht so handelten und auf ihre eigene Tätigkeit ihr
Augenmerk richteten. Dies geschieht aber nicht ohne Unlust und inneres Widerstreben der Seele, die
in diesem Frieden, in dieser Ruhe und Untätigkeit ihrer Kräfte verbleiben möchte. Indem sie sich so
von dem einen abwenden, gewinnen sie nichts aus dem anderen, und während sie mit ihrem
eigenen Verstande tätig sein wollen, verlieren sie den Geist der Ruhe und des Friedens, den sie
besaßen. Sie gleichen einem Menschen, der sein bereits vollendetes Werk lässt, um es von neuem zu
beginnen, oder einem der aus der Stadt gezogen und dorthin nun von neuem zurückkehrt, oder
endlich einem, der die Jagd aufgibt, um wiederum auf die Jagd zu gehen; dieser Versuch ist
überflüssig, da man nichts mehr finden wird und, wie gesagt, wieder zur früheren Handlungsweise
zurückkehrt.

Finden solche Seelen in dieser Zeit niemand der sie versteht, so machen sie Rückschritte; sie
verlassen entweder den rechten Weg, oder sie erschlaffen oder werden sich in ihrem Fortschritte
selbst zum Hindernis. Infolge ihrer vielen Anstrengungen, die sie machen, um auf dem früheren Weg
der Betrachtung und des Nachdenkens wieder wandeln zu können, ermüden sie ihre Natur und
quälen sich übermäßig ab in der Meinung, ihre Nachlässigkeit und ihre Sünden seien daran schuld.
Dies alles ist jetzt überflüssig, da sie Gott schon einen anderen Weg, den der Beschauung führt, der
vom ersteren vollständig verschieden ist. Der erstere ist der Weg der Betrachtung und des
Nachdenkens, beim anderen hat die Einbildungskraft und das forschende Nachdenken keinen Platz
mehr. Jene, die zur Erkenntnis kommen, dass sie auf diesem Wege wandeln, müssen sich Trost
zusprechen und in Geduld ausharren; sie sollen sich keine Sorge machen und auf Gott vertrauen, der
diejenigen nicht verlässt, die ihn mit einfältigem und aufrichtigem Herzen suche, und der nicht
säumen wird, ihnen das Notwendige auf diesem Wege mitzuteilen, bis er sie zum klaren und reinen
Lichte der Liebe erhebt. Und dieses wir er ihnen verleihen mittels der anderen dunklen Nacht des
Geistes, wenn sie von Gott in dieselbe versetzt zu werden verdienen.

Das Verhalten in dieser Nacht der Sinne besteht darin, dass man sich mit Nachdenken und
Betrachten nicht mehr befasse; denn dazu ist, wie schon erwähnt, keine Zeit mehr. Man muss
vielmehr die Seele in Gelassenheit und Ruhe erhalten, wenn es auch den Anschein hat, als tue man
nichts und verliere die Zeit, und wenn man auch glaubt, man habe aus Trägheit keine Lust an etwas
zu denken. Solche Seelen tun schon viel, wenn sie Geduld bewahren und im Gebete ausharren ohne
irgendeine Tätigkeit; es wird hier von ihnen allein gefordert, dass sie ihre Seele frei und unbehindert
von allen Erkenntnissen und Gedanken und in Ruhe bewahren, ohne sich darum zu kümmern, was
man denken und betrachten soll; es genügt, wenn sie in einem ruhigen und liebenden Aufmerken auf

21
Gott verharren und jede Besorgnis, jede Tätigkeit und jedes übermäßige Verlangen, Gott
wahrzunehmen und zu kosten, ausschließen. Alle diese Bemühungen beunruhigen und zerstreuen
die Seele und berauben sie des süßen Friedens und der lieblichen Ruhe der Beschauung, die ihnen da
zuteil wird. Und kommen ihnen auch noch soviel Gewissensbedenken, als würden sie die Zeit
verlieren und besser etwas anderes tun, da sie beim Gebete nichts fertigbringen und an nichts
denken können, so sollen sie sich selbst ertragen und ruhig bleiben, überzeugt, dass sie sich nur zum
Gebete begeben sollen um Gott zu gefallen und die Freiheit des Geistes zu finden. Wollten sie hier
aus sich selbst durch die inneren Seelenkräfte wirken, so würden sie nichts anderes erreichen als die
Güter verhindern und verlieren, die Gott mittels dieses Friedens und dieser Ruhe der Seele verleiht
und innerlich mitteilt. Wenn z.B. ein Maler das Angesicht eines Menschen malen oder zeichnen
wollte, während dieser sein Angesicht zu irgendeiner Tätigkeit bald dahin bald dorthin wendete, so
käme er zu keinem Ziele, und es würde auch seine bisherige Arbeit zunichte werden. Ebenso würde
auch die Seele in diesem Frieden und in dieser Ruhe jede Tätigkeit, jede Mühe und Aufmerksamkeit,
die sie dabei an den Tag legte, zerstreuen und beunruhigen und in ihr das Gefühl der Trockenheit und
Leere wachrufen. Denn je mehr die Seele sich auf einen Sinneseindruck oder eine Erkenntnis stützt,
desto mehr wird sie daran Mangel leiden, der auf diesem Wege nicht ersetzt werden kann. Deshalb
muss die Seele es gering anschlagen, dass ihre Vermögen die Tätigkeit einstellen, und sich freuen,
dass dies möglichst schnell geschehe. Denn wenn die Seele der Wirksamkeit der eingegossenen, von
Gott mitgeteilten Beschauung kein Hindernis in den Weg legt, erquickt sie der Herr mit größerer
Friedensfülle und bewirkt, dass sie vom Geiste der Liebe sich entzünde und entflamme, den diese
dunkle und geheimnisvolle Beschauung mit sich bringt und der Seele mitteilt. Denn die Beschauung
ist nichts anderes als ein geheimnisvolles, fried- und liebevolles Einströmen Gottes, welches, wenn
man es nicht hindert, die Seele mit dem Geiste der Liebe entflammt.

Die Entflammung der Liebe nimmt man anfangs gewöhnlich deshalb nicht wahr, weil sie infolge der
Unreinheit der Natur noch nicht zu brennen angefangen hat, oder weil sie die Seele, die sich, wie
schon erwähnt, selber nicht zurechtfindet, nicht ruhig wirken lässt. Aber zuweilen fühlt die Seele, sei
es dass sie dies tut oder nicht, plötzlich einen Sehnsuchtsdrang nach Gott in sich erwachen, und je
mehr sie vorausschreitet, desto mehr sieht sie sich von Liebe zu Gott erfasst und entflammt, ohne zu
wissen und zu verstehen, wie und woher diese Liebe und Hingabe an Gott kommt. Dieses Liebesfeuer
und dieses Entbrennen gewinnt, wie ihr scheint, manchmal so an Wachstum, dass sie in
Liebessehnen nach Gott verlangt wie David, der sich, versetzt in diese Nacht, also ausspricht:
„Entflammt war mein Herz (von der Liebe der Beschauung), meine Sinne und Neigungen waren in
Bewegung (vom sinnlichen Wege zum geistigen, nämlich durch jene heilige Trockenheit und das
Aufhören jedes sinnlichen Wohlgeschmackes). Und ich war zunichte (sagte sie) und kannte es nicht“
(Ps. 72,21). Wie wir schon erwähnt haben, weiß die Seele nicht, welchen Weg sie geht, da sie sich
sowohl bezüglich der übernatürlichen wie der natürlichen geistigen Erfahrungen, die ihr Genuss zu
verschaffen pflegten, zunichte gemacht sieht. Sie fühlt sich ganz von Liebe verwundet und weiß nicht
wie. Und da diese Entflammung der Liebe im Geiste zuweilen sehr zunimmt, so wird die Sehnsucht
nach Gott in der Seele so groß, dass ihre Gebeine zu vertrocknen, ihre Natur zu erschlaffen, ihre
Lebenswärme und Lebenskraft zu entschwinden scheinen; die Seele fühlt, dass dieser Durst der Liebe
in ihr lebendig ist. Dasselbe Gefühl hatte auch David als er ausrief: „Meine Seele dürstet nach dem
lebendigen Gott“ (Ps. 41,3). Er wollte damit sagen: Lebendig war der Durst, den meine Seele fühlte.
Und da dieser Durst lebendig ist, so können wir sagen, dass er vor Durst töte. Man muss aber
bemerken, dass die Heftigkeit dieses Durstes nicht andauernd ist, sondern nur von Zeit zu Zeit
auftritt, wenn man auch für gewöhnlich Durst zu fühlen pflegt. Es ist aber, wie schon erwähnt, darauf
22
zu achten, dass man im Anfang gewöhnlich diesen Liebesdrang nicht fühlt, sondern nur Trockenheit
und Leere, wovon wir jetzt sprechen werden. Denn das, was die Seele hier statt der Liebe, die sich
erst entzündet, inmitten der Trockenheit und Leere ihrer Vermögen empfindet, ist gewöhnlich Angst
und Besorgnis, verbunden mit schmerzlicher Furcht, sie möchte Gott nicht in rechter Weise dienen.
Und es ist für Gott ein angenehmes Opfer, wenn er sieht, wie der Geist in Betrübnis und Angst ist aus
Liebe zu ihm. Dies Angst und Besorgnis wird in der Seele durch jene geheimnisvolle Beschauung
verursacht, welche, wenn im Laufe der Zeit die Sinne, d.h. die natürlichen Neigungen und Kräfte im
sinnlichen Teile des Menschen, mittels jener Trockenheit einigermaßen gereinigt sind, den Geist mit
jener göttlichen Liebe entflammt. Während dieser Zeit besteht die ganze Aufgabe der Seele darin,
dass sie in jener dunklen Nacht und trockenen Reinigung der Sinne leide wie einer, der von seinen
Schwachheiten geheilt wird. Sie soll sich von ihren vielen Unvollkommenheiten frei machen und viel
Eifer auf die Übung der Tugenden verwenden, bis sie jener Liebe fähig ist.

Bevor die Seele in diese Nacht trat, fiel sie fast bei jedem Schritte in tausend Unvollkommenheiten
und Torheiten, wie wir es oben bei Behandlung der sieben Hauptsünden ausgeführt haben. Von all
diesen Fehlern bleibt sie jetzt frei; denn diese Nacht beseitigt alle Genüsse höherer und niederer Art,
setzt alle nachforschende Tätigkeit ins Dunkel und schafft unzählige andere Vorteile bezüglich der
Erwerbung der Tugenden, was wir jetzt besprechen wollen.

8. Vorteile, welche diese Nacht des Sinnes in der Seele hervorbringt


(Dunkle Nacht I,2,12 u. I,3,13)

Der erste dieser Vorteile ist die Erkenntnis seiner selbst und seines eigenen Elends. Denn abgesehen
davon, dass alle anderen Gnaden, welche Gott in der Seele wirkt, gewöhnlich in dieser Erkenntnis
eingeschlossen sind, schaffen diese Trockenheiten und diese Leere der Seelenkräfte im Vergleich mit
der früheren Reichhaltigkeit der Sinneswahrnehmungen, sowie der Überdruss, den die Seele am
Guten findet, in ihr eine solche Erkenntnis ihres Elendes und ihrer Armseligkeit, wie sie dieselbe zur
Zeit ihres Wohlergehens nie wahrnehmen konnte. Denn zu der Zeit, als sie noch an Gott großen
Trost, Süßigkeit und Stütze fand, war sie mehr befriedigt und mit sich zufrieden, weil sie Gott
einigermaßen zu dienen vermeinte. Wenn sie auch nicht ausdrücklich daran festhält, dass dies so sei,
so ist sie doch wegen der Befriedigung, die sie im Genusse findet, von dieser Ansicht in etwa
eingenommen. Hat aber die Seele dieses Gewand der Dürftigkeit, der Trockenheit und Hilflosigkeit
angezogen, dann besitzt sie, nachdem ihre früheren Erleuchtungen sich in Dunkel gehüllt haben, jene
erhabene und notwendige Tugend der Selbsterkenntnis in weit höherem Grade. Jetzt macht sie in
keinem Stücke mehr etwas aus sich und gestattet sich keine Befriedigung, weil sie sieht, dass sie aus
sich nichts tue und nichts vermöge. Dieses Unbefriedigtsein mit sich selbst und diese Betrübnis
darüber, dass sie Gott nicht diene, achtet und schätzt Gott weit höher als alle früheren Werke, die
die Seele verrichtete, und alle Süßigkeiten, die ihr zuteil wurden, so erhaben sie auch gewesen sein
mochten. Denn dieselben waren für sie ein Anlass zu vielen Unvollkommenheiten und Torheiten.

Die Seele erwirbt sich eine weit größere Ehrfurcht und Bescheidenheit im Handeln und im Umgang
mit Gott, die im Verkehr mit dem Allerhöchsten immer erfordert werden. Diese hat sie, als es ihr bei
ihren Tröstungen und Genüssen wohlerging, nicht an den Tag gelegt. Denn jene wohltuenden
Gunstbezeugungen, die ihr zuteil wurden, bewirkten, dass ihr Verlangen nach Gott sich in einer mehr
anmaßenden, unbescheidenen und unüberlegten Form äußerte, als es sich geziemte. Gott bereitete

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auch den Job um mit ihm zu sprechen, nicht durch Wonnegenüsse und Beseligung, die ihm nach
seinem eigenen Geständnis früher in seinem Verkehr mit Gott zuteil wurden, vor, sondern dadurch,
dass er ihn nackt, verlassen und verfolgt von seinen Freunden und erfüllt von Seelenqual und
Bitterkeit auf einen Düngerhaufen setzte, der von Würmern ganz übersät war. Jetzt erst und auf
diese Weise würdigte sich Gott, der Allerhöchste, der den Armen aus dem Staube erhebt, sich
herabzulassen und mit ihm von Angesicht zu Angesicht zu sprechen, jetzt erst eröffnete er ihm die
tiefen Schätze seiner Weisheit, wie er es zur Zeit seines Wohlergehens niemals getan.

So steht es also fest, dass aus dieser trockenen Nacht zuerst die Erkenntnis seiner selbst hervorgeht,
und diese verursacht wiederum die Erkenntnis Gottes. Deshalb spricht der hl. Augustinus zu Gott:
„Herr, würde ich mich erkennen, dann besäße ich auch die Erkenntnis deiner.“ Denn, wie die
Philosophen sagen, das eine Extrem wird am besten durch das andere erkannt. Um die Wirksamkeit
dieser Nacht des Sinnes, welche durch ihre Trockenheit die höhere Erleuchtung Gottes in der Seele
verursacht, klarer hervorzuheben, will ich jene Stelle Davids anführen, in der er in ganz vorzüglicher
Weise das erhabene Wirken dieser Nacht bezüglich der Mitteilung jener tiefen Erkenntnis Gottes mit
folgenden Worten schildert: „Im wüsten, unwegsamen und wasserlosen Lande erscheine ich vor dir
im Heiligtume, um deine Macht und Herrlichkeit zu schauen“ (Ps. 62,3). Es ist wirklich zum Erstaunen,
wie David uns hier zu verstehen gibt, dass nicht die geistigen Freuden und zahlreichen Genüsse, die
ihm zuteil wurden, die Voraussetzung und das Mittel zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes waren,
sondern Trockenheit und Entblößung des sinnlichen Menschen, was hier mit den Worten
„wasserloses und wüstes Land“ bezeichnet wird. Ebenso bemerkt er, dass für ihn nicht jene Begriffe
von Gott und jene diskursiven Gedanken an ihn, womit er sich oft beschäftigte, der Weg waren, um
Gottes Macht wahrzunehmen und zu schauen, sondern das Unvermögen, sich von Gott weder einen
Begriff zu machen noch durch nachforschendes Betrachten mittels der Einbildungskraft
voranzukommen, was er hier mit den Worten „unwegsames Land“ ausdrückt. Somit ist diese dunkle
Nacht mit ihrer Trockenheit und Leere das Mittel, um Gott und sich selbst kennenzulernen, wenn
auch nicht in jener vollkommenen und vollendeten Weise, wie es in der andere Nacht des Geistes
geschieht; denn diese Erkenntnis ist nur der Anfang der anderen.

In der Trockenheit und Leere dieser Nacht des Sinnes nimmt die Seele auch an Demut des Geistes zu.
Diese Tugend ist das Gegenteil der ersten Hauptsünde, die wir geistige Hoffart nannten. Durch diese
Demut, welche die genannte Selbsterkenntnis der Seele verschafft, reinigte sie sich von all jenen
Unvollkommenheiten, in welche sie bezüglich der Hoffart zur Zeit ihres Wohlergehens fiel. Denn
wenn sie sich so trocken und elend sieht, steigen in ihr nicht einmal die Spuren von Regungen auf,
dass die besser als andere sei, oder als übertreffe sie dieselben, wie es früher der Fall war; vielmehr
erkennt sie, dass andere weit vollkommener handeln. Daraus entspringt denn auch die Liebe zum
Nächsten; sie achtet andere hoch, beurteilt sie nicht mehr wie ehedem, wo sie an sich größeren Eifer
wahrnahm als an anderen; sie erkennt jetzt nur ihr eigenes Elend, das ihr so lebhaft vor Augen
schwebt, dass sie keine Zeit mehr findet, dieselben auf jemand anders zu richten. In diesem Zustand
des geistlichen Lebens werden die Seelen auch unterwürfig und gehorsam. Denn da sie sich so elend
sehen, hören sie nicht bloß die Belehrungen anderer an, sondern wünschen sogar, dass jeder ihnen
die Wege weise und ihnen sage, was sie zu tun hätten. Auch verlieren sie jene Anmaßung, die sie oft
an den Tag legten.

Was die aus der geistigen Habsucht hervorgehenden Unvollkommenheiten betrifft, die bald nach
diesen bald nach jenen geistlichen Dingen Verlangen trug, so wird die Seele jetzt in dieser dunklen
und trockenen Nacht auch in dieser Beziehung völlig umgestaltet. Denn infolge der Lüsternheit des
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sinnlichen Begehrungsvermögens und des Genusses, den sie an geistlichen Dingen fand, gab sie sich
weder mit diesen noch mit jenen Übungen zufrieden. Da sie nun jenen gewohnten Genuss und
Geschmack nicht mehr daran findet, sondern nur Widerwillen und Betrübnis, so gibt sie sich
denselben mit solcher Mäßigung hin, dass sie eher durch zu wenig den Verlust derselben befürchten
könnte, als es ihr früher durch zu viel begegnete. Verleiht Gott auch denjenigen, die er in diese Nacht
führt, gewöhnlich Demut und Bereitwilligkeit zum Guten, so tun sie doch alles, was ihnen
aufgetragen wird, rein um Gottes willen, wenn sie auch keine Befriedigung dabei finden. Und so
entäußern sie sich in vielen Stücken, da sie keinen Genuss dabei finden.

Auch bezüglich der geistigen Lüsternheit wird die Seele, wie es sich klar zeigt, durch diese
Trockenheit und diesen Widerwillen des sinnlichen Teiles an geistigen Dingen von allen
obengenannten Unvollkommenheiten befreit. Denn diese gehen ja, wie schon erwähnt, gewöhnlich
aus dem Genusse hervor, der vom Geiste auf das sinnliche Begehrungsvermögen überströmt.

Nachdem einmal die Gelüste und Begierlichkeiten zur Ruhe gebracht sind, lebt auch die Seele in
Frieden und geistiger Ruhe. Denn wo weder das Gelüsten noch die Begierlichkeit die Herrschaft
führt, da gibt es keine Verwirrung, sondern Friede und Gottes Trost. Daraus entspringt dann ein
zweiter Vorteil, eine anhaltende Erinnerung an Gott, verbunden mit Furcht und Besorgnis, man
möchte, wie bereits gesagt wurde, rückfällig werden im geistigen Leben. Das ist ein großes geistiges
Gut und keineswegs eines von den geringsten, die man bei dieser Trockenheit und Reinigung des
sinnlichen Begehrungsvermögens erwirbt.

Da ist vor allem die Ergebung und ausharrende Geduld, die in hohem Grade die Seele in dieser
Trockenheit und inneren Leere an den Tag legt, indem sie in ihren geistlichen Übungen auch ohne
Trost und Erquickung geduldig bleibt. Da übt sie ferner die Liebe zu Gott, da nicht das Empfinden des
wohltuenden Genusses der Beweggrund ihres Handelns ist, sondern allein Gott. Auch die Übung der
Tugend des Starkmutes zeigt sich an ihr; denn bei jenen Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten,
die ihrem Wirken entgegentreten, schöpft sie Kraft aus der Schwäche und wird dadurch stark; kurz,
die Seele übt sich in dieser Trockenheit in allen Tugenden, in den Kardinaltugenden wie in den
sittlichen Tugenden, sowohl körperlich wie geistig. Dass die Seele alle diese hier aufgezählten
Vorteile in dieser Nacht sich erwirbt, nämlich einen beseligenden Frieden, eine anhaltende, mit
liebender Besorgnis verbundene Erinnerung an Gott, Lauterkeit und Reinheit der Seele und Übung
der aufgezählten Tugenden, bezeugt David, der sich selbst in dieser Nacht befunden und also spricht:
„Meine Seele wollte sich nicht trösten lassen, da dachte ich an Gott, ich fand Trost, und ich mühte
mich ab in Sorge, und mein Geist schmachtete dahin“ (Ps. 76,3-4). Und weiter sagt er: „Und ich sann
des Nachts in meinem Herzen und härmte mich ab und durchforschte und reinigte meinen Geist“ (Ps.
76,6), nämlich von allen Neigungen.

Auch von den Unvollkommenheiten der übrigen drei oben erwähnten Hauptsünden, des Neides,
Zornes und der Trägheit reinigt sich die Seele in dieser Trockenheit des sinnlichen Gelüstens und
erwirbt sich die ihnen entgegengesetzten Tugenden. Zerknirscht und gedemütigt durch diese
Trockenheiten und Schwierigkeiten, sowie durch andere Versuchungen und Beschwerden, mit denen
sie Gott außerdem noch in dieser Nacht prüfte, erwirbt sie sich den Frieden mit Gott, mit sich und
dem Nächsten. Jetzt regt sie sich nicht mehr leidenschaftlich auf über sich wegen ihrer eigenen
Fehler noch auch über die Fehler des Nächsten; sie ist nicht mehr unzufrieden mit Gott, noch klagt
sie auch ehrfurchtslos über ihn, dass er sie nicht sogleich vollkommen macht. Was den Neid betrifft,
so ist sie jetzt liebevoll gegen alle, hebt sie auch noch eine gewisse Eifersucht, so ist sie doch nicht
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mehr sündhaft wie früher, als sie noch schmerzlich berührt wurde, wenn andere ihr vorgezogen
wurden oder sie übertrafen. Jetzt, da sie sich so elend sieht, gibt sie ihnen gerne den Vorzug. Und
wenn sie noch Eifersucht im Herzen trägt, ich sage wenn, dann ist diese eine tugendhafte; denn sie
besteht in dem Verlangen anderen nachzufolgen; und dies ist gewiss ein Zeichen von großer Tugend.

Auch die Unlust und der Ekel an geistigen Dingen ist nicht mehr sündhaft wie ehedem; diese
Stimmung entstand aus den geistigen Genüssen, die der Seele manchmal zuteil wurden, und nach
denen sie verlangte, wenn sie dieselben nicht kostete. Aber dieser Ekel geht nicht hervor aus der
Schwäche des Wonnegefühls; denn in dieser Reinigung der sinnlichen Gelüste hat sich die Seele
bezüglich aller Dinge Gott hingegeben.

Inmitten dieser Trockenheiten und Bedrängnisse teilt Gott der Seele manchmal, wenn sie am
wenigsten daran denkt, eine geistige Süßigkeit und reine Liebe sowie oft ganz erhabene geistige
Kenntnisse mit, von denen jede einzelne mehr fördert und kostbarer ist als alle früheren Genüsse.
Freilich hat die Seele im Anfang nicht dieses Empfinden, denn der geistige Einfluss ist hier überaus
zart, er bleibt dem sinnlichen Menschen verborgen.

Da sich die Seele hier von allen sinnlichen Neigungen und Gelüsten reinigt, gelangt sie in den Besitz
der Freiheit des Geistes, in welcher sie sich die zwölf Früchte des Heiligen Geistes erwirbt.2 Ebenso
wird sie hier auch in bewunderungswürdiger Weise den Händen der drei Feinde, des Teufels, der
Welt und des Fleisches entrissen; ist sie einmal dem sinnlichen Wohlgeschmack und Genuss an allen
Dingen abgestorben, dann sind auch dem Teufel, der Welt und der Sinnlichkeit die Waffen und die
Kraft genommen, sich wider den Geist aufzulehnen.

Diese Trockenheiten bewirken, dass die Seele in reiner Liebe sich Gott hingeben kann; jetzt wird sie
nicht mehr durch Lust und Freude am Werke zum Handeln bestimmt, wie vielleicht früher, als sie
noch fühlbare Süßigkeit empfand, sondern nur durch das Verlangen, Gott zu gefallen. Jetzt handelt
sie nicht mehr aus Anmaßung und Eigendünkel wie zur Zeit ihres Wohlergehens, sondern ist in Furcht
und Sorge über sich selbst und frei von jeder Selbstzufriedenheit. Und darin besteht die heilige
Furcht, die Hüterin und Förderin der Tugenden. Diese Trockenheit beseitigt auch, wie schon erwähnt,
die Begierlichkeit und Heftigkeit der Natur. Denn würde ihr Gott nicht aus sich von Zeit zu Zeit einen
Genuss bereiten, so wäre es, wie gesagt, ein Wunder, wenn sie durch eigenes Bemühen irgendeinen
sinnlichen Genuss oder Trost an einem Werke oder einer geistlichen Übung fände.

Es nimmt in dieser trockenen Nacht die Besorgnis und Angst zu in bezug auf den Dienst Gottes. Da
nämlich die Brüste der Sinnlichkeit, an denen die Seele ihre Gelüste befriedigte und an denen sie
hing, allmählich vertrocknen, so bleibt in dieser Trockenheit und Entblößung nur mehr die ängstliche
Besorgnis um den Dienst Gottes. Und dies ist Gott überaus wohlgefällig nach den Worten des
Psalmisten: „Ein Opfer vor Gott ist ein zerknirschter Geist“ (Ps. 50,19)

2
„Die Früchte des Geistes aber sind: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Milde, Güte, Treue, Sanftmut,
Bescheidenheit, Enthaltsamkeit, Keuschheit“ (Gal. 5,23)
26
9. Die Leiden des Erleuchtungsweges
(Dunkle Nacht I,3,14)

Nachdem durch die genannte Nacht der sinnlichen Reinigung die Leidenschaften ertötet, die
Begierden beschwichtigt, die Gelüste beruhigt und eingeschläfert waren, entwich die Seele, um den
Weg des Geistes zu wandeln; es ist dies der der Weg der Fortschreitenden und Vorangeschrittenen,
den man auch Erleuchtungsweg oder eingegossene Beschauung nennt. Auf diesem Wege belehrt und
erquickt Gott selbst die Seele, wobei das schlussfolgernde Nachdenken und jede Betätigung und
aktive Mitwirkung der Seele selbst unterbleibt. Darin besteht für die Seele, wie schon erwähnt, die
Nacht oder Reinigung des Sinnes. Diese ist bei denen, die später, um zur übernatürlichen
Liebesvereinigung mit Gott zu gelangen, in die andere weit dunklere Nacht des Geistes eintreten – es
treten aber gewöhnlich nicht alle, sondern nur sehr wenige in dieselbe ein –, von schweren Trübsalen
und sinnlichen Versuchungen begleitet, die bei den einzelnen nicht von gleich langer Dauer sind.
Einigen naht sich der Satansengel, der Geist der Unlauterkeit, der ihre Sinne mit heftigen und
abscheulichen Versuchungen quält, den Geist mit hässlichen Gedanken und die Einbildungskraft mit
so lebendigen Vorstellungen martert, dass es ihnen größere Qual bereitet als selbst der Tod.

Manchmal gesellt sich zu dieser Nacht auch noch der Geist der Gotteslästerung, der alle ihre Begriffe
und Gedanken mit unerträglichen Gotteslästerungen erfüllt und sie mitunter der Einbildungskraft so
lebendig eindrückt, dass er sie zu ihrer größten Qual gleichsam drängt, dieselben auszusprechen.

Bisweilen überfällt sie ein anderer verabscheuungswürdiger Geist, den man den Geist des Schwindels
nennt, nicht um sie zu Fall zu bringen, sondern um sie zu prüfen. Dieser verdunkelt derart ihre Sinne
und erfüllt ihre Urteilskraft mit tausend Skrupeln und solcher Verwirrung und Ratlosigkeit, dass sie
mit nichts sich zufrieden geben und ihr Urteil dem Rat und der Meinung anderer nicht unterwerfen
können. Das ist eine der schwersten und schaudervollsten Versuchungen, die jenen Vorgängen in der
Nacht des Geistes am meisten nachkommt.

Mit diesen Stürmen und Trübsalen prüft Gott in dieser Nacht und Reinigung des Sinnes gewöhnlich
diejenigen, die er später in die Nacht des Geistes einführt, wenn auch nicht alle in dieselbe eintreten.
So gezüchtigt und gleichsam mit Fäusten geschlagen sollen sie ihre Sinne und Seelenkräfte einüben,
abhärten und vorbereiten für die Vereinigung mit der Weisheit, die ihnen dort zuteil werden soll.
Denn solange die Seele nicht durch Versuchungen und Trübsale geprüft, geübt und erprobt ist, ist die
Sinnlichkeit für die Weisheit nicht reif. Darum heißt es im Buche Sirach: „Wer nicht versucht wurde,
was weiß der? Und wer nichts erfahren hat, kennt wenig“ (Sir. 34,9 u. 10). Diese Wahrheit bezeugt in
treffender Weise Jeremias, wenn er sagt: „Du hast mich gezüchtigt und ich ward unterwiesen“ (Jer.
31,18). Die gewöhnlichste Art dieser Züchtigung für den Empfang der Weisheit besteht nun in diesen
inneren Bedrängnissen: sie reinigen die Sinne weit wirksamer von allen Genüssen und Tröstungen,
denen die Seele infolge ihrer natürlichen Schwäche zugetan war, und durch sie wird auch die Seele
gründlich gedemütigt für die kommende Erhöhung.

Es lässt sich nun nicht bestimmt sagen, wie lange die Seele in dieser Enthaltsamkeit und Bußübung in
bezug auf die Sinnlichkeit verbleiben muss. Denn nicht alle werden in gleicher Weise behandelt, nicht
alle erleiden dieselben Versuchungen; es wird ihnen dies durch den göttlichen Willen zugemessen je
nach dem Grad der Unvollkommenheit, von der sie gereinigt werden müssen. Und je nach dem
Grade der Liebesvereinigung, zu der sie Gott erheben will, ist auch die Demütigung mehr oder
minder gründlich und währt längere oder kürzere Zeit. Wer mehr Befähigung und Kraft zum Leiden

27
besitzt, wird gründlicher und schneller gereinigt. Schwächere prüft er in dieser Nacht durch leichte
Versuchungen und mit großer Nachsicht, aber längere Zeit hindurch und bereitet ihnen meistens
sinnliche Erquickungen, damit sie nicht umkehren. Darum gelangen sie auch nur spät zur
vollkommenen Reinheit in diesem Leben und manche erreichen sie überhaupt nie; sie befinden sich
eigentlich nie vollkommen in dieser Nacht und nie ganz außer derselben. Wenn sie auch nicht
vorwärtskommen, so prüft sie Gott, damit sie in der Demut und Selbsterkenntnis erhalten werden,
dennoch manchmal durch diese Trockenheit und Versuchungen und kommt ihnen von Zeit zu Zeit
mit seinen Tröstungen zu Hilfe, damit sie den Mut nicht verlieren und wieder irdischen Trost suchen.

Anderen noch schwächeren Seelen entzieht sich Gott, verbirgt sich gleichsam vor ihnen, um ihre
Liebe auf die Probe zu stellen; denn würde er sie nicht auf diese Weise zurückstoßen, dann lernten
sie nie, sich Gott zu nähern.

Übrigens müssen diese Seelen, die zu dem beseligenden und erhabenen Stand der Liebesvereinigung
gelangen sollen, gewöhnlich ziemlich lange in diesen Trockenheiten und Versuchungen verbleiben,
wenn sie auch Gott sehr schnell in denselben erhebt. Dies bestätigt die Erfahrung.

10. Weisungen für die Seele in der Nacht des Sinnes


(Aufstieg I,13)

Es sind nun noch einige Weisungen zu geben, wie man es recht anstellen soll, um in diese Nacht des
Sinnes einzugehen. Sie sind zwar kurz und bündig; doch glaube ich, sie seien nicht minder nützlich
und wirksam als kurz gefasst. Wer sich also allen Ernstes darin schulen will, der wird keine anderen
mehr brauchen, da er in ihnen alle hat.

Erstens: Trage immerfort das Verlangen, Christus in allen Dingen nachzuahmen und dein Leben dem
seinen gleichförmig zu machen. Darum musst du es betrachten, damit du es nachahmen und in allem
dich so verhalten kannst, wie er sich verhalten würde.

Zweitens: Damit du dies ja gut fertigbringst, musst du auf jeden Genuss, der sich deinen Sinnen
bietet, verzichten und von dir fern halten, wenn er nicht einzig zur Ehre und Verherrlichung Gottes
gereicht. Und zwar sollst du dies tun aus Liebe zu Jesus, der in seinem Leben keine andere Freude
und kein Verlangen kannte, als den Willen seines Vaters zu vollziehen. Dies nannte er seine Speise
und Nahrung. Wenn sich dir z.B. ein Vergnügen bietet im Anhören von Dingen, die nicht zum Dienste
Gottes beitragen, dann sollst du daran weder Freude haben noch sie anhören wollen. Oder, wenn es
dir Genuss bereiten würde, etwas zu sehen, das nicht zu Gott führt, dann weise den Genuss von dir,
schau solche Sachen nicht an! Mache es genau so im Reden und bei allen anderen Gelegenheiten!
Ebenso übe Entsagung in bezug auf alle deine Sinne, sofern du ihre Eindrücke gut abweisen kannst.
Denn wofern du dies nicht kannst, genügt es, dass du wenigstens keine Freude daran hast, wenn
diese Dinge auch an dich herantreten. Sorge desgleichen dafür, wie du deine Sinne abtötest und
unberührt bewahrest von jener Lust. Dann werden sie gleichsam im Dunkeln sein, und du wirst so in
kurzer Zeit große Fortschritte machen.

Als durchgreifendes Mittel zur Abtötung und harmonischen Ordnung der vier natürlichen
Leidenschaften: Freude, Hoffnung, Furcht und Schmerz, mögen folgende Leitsätze dienen. Denn wo

28
diese Leidenschaften beruhigt und wohlgeordnet sind, da können obige Güter und viele andere
gedeihen. Darum sind diese Leitsätze auch von großem Wert und die Wurzel großer Tugenden.

Trage Sorge dafür, dass deine Neigung stets gerichtet sei:

Nicht auf das Leichtere, sondern auf das Schwierigere,


Nicht auf das Angenehmere, sondern auf das Unangenehmere,
Nicht auf das, was dir mehr Freude, sondern auf das, was dir Unfreude bringt,
Nicht auf das, was dir Trost, sondern vielmehr auf das was dir Misstrost,
Nicht auf die Ruhe, sondern auf die Mühe,
Nicht auf das Mehr, sondern auf das Weniger,
Nicht auf das Höhere und Wertvollere, sondern auf das Niedrige und Unscheinbare,
Nicht auf das, was etwas sein will, sondern auf das, was nichts sein will.

Nicht das Bessere in den Dingen suchen, sondern das Schlechtere. Verlange um Christi willen
einzugehen in völlige Entblößung und Freiheit und Armut von allem, was es in der Welt gibt. Diese
Werke sollst du von Herzen umfangen und dich bemühen, den Willen in ihnen aufgehen zu lassen.
Denn, so du dies von Herzen gerne tust, wirst du es in kurzem dahin bringen, dass du darin große
Freude und Trost findest. Du musst jedoch darin Ordnung halten und klug vorgehen.

Wird das Gesagte recht gehandhabt, so genügt es, um eingehen zu können in die Nacht des Sinnes.
Jedoch zu allem Überfluss wollen wir noch eine andere Methode angeben, welche uns lehrt, „die
Fleischeslust, die Augenlust und die Hoffart des Lebens“ zu ertöten, von denen der hl. Johannes (1
Joh. 2,16) sagt, dass diese drei in der Welt herrschen; und aus ihnen leiten sich alle übrigen Gelüste
her.

Fürs erste: Trachte nach dem, was dir Verachtung einträgt, und verlange, dass auch andere dich
gering schätzen. Dies schützt gegen die Begierlichkeit des Fleisches.

Fürs zweite: Bemühe dich, stets zu reden, was dich gering macht (in den Augen anderer), und sorge
dafür, dass auch andere es tun. Dies hilft gegen die Begierlichkeit der Augen.

Fürs dritte: Gib dir Mühe, gering von dir zu denken, wenn du dich selbst gering schätzest, und
wünsche, dass auch andere gering denken von dir. Dies hilft gegen die Hoffart des Lebens.

Lasst mich zum Abschluss dieser Weisungen und der angeführten Lebensregeln noch die Verse
beifügen, welche die Lehre enthalten, wie man zur Höhe der Vereinigung gelangt.

Die Verse lauten also:

1. Willst du dahin gelangen, alles zu kosten, suche in nichts Genuss.


2. Willst du dahin gelangen, alles zu wissen, verlange in nichts etwas zu wissen.
3. Willst du dahin gelangen, alles zu besitzen, verlange in nichts etwas zu besitzen.
4. Willst du dahin gelangen, alles zu sein, verlange in nichts etwas zu sein.
5. Willst du dahin gelangen, was du nicht genießest, musst du hingehen, wo du nichts
genießest.
6. Willst du gelangen zu dem, was du nicht weißt, musst du hingehen, wo du nichts weißt.
7. Willst du gelangen zu dem, was du nicht besitzest, musst du hingehen, wo du nichts
besitzest.
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8. Willst du erlangen, was du nicht bist, musst du hingehen, wo du nichts bist.
9. Sobald du dein Genügen suchest im Kleinsten, hörst du auf, dich hinzugeben ans Ganze.
10. Sofern du willst gelangen vom Ganzen zum Ganzen, musst du dich entäußern von allem
in allem.
11. Sobald du es dahin bringst, alles zu haben, musst du es haben, ohne etwas zu verlangen.
12. Denn, so du haben willst etwas im ganzen, hast du nicht rein in Gott deinen Schatz.

In solcher Entäußerung findet der Geist seine Ruhe und Erquickung. Denn, wo er nach nichts
verlangt, da fällt ihm nichts beschwerlich nach oben und drückt ihn nichts nach unten, da er ja so im
Mittelpunkt seiner Niedrigkeit sich befindet. Sobald er dagegen nur nach irgend etwas ein Verlangen
trägt, wird ihm gerade dies zur Ermüdung und Pein.

11. Beginn der Abhandlung über die Nacht des Geistes. Zeit ihres Beginnes
(Dunkle Nacht II, 1,1, u. II,2,2)

Hat die Seele, die Gott weiter fördern will, einmal die Trockenheiten und Beschwerden der ersten
Reinigung und Nacht der Sinne durchgekostet, so versetzt sie Seine Majestät nicht sogleich in die
Nacht des Geistes. Vielmehr geht eine lange Zeit vorüber, es verfließen Jahre, in welchen die Seele,
nachdem sie den Stand der Anfänger verlassen, auf den Wegen der Fortschreitenden wandelt. Eine
solche Seele kann sich, wie wenn sie einem dunklen Kerker entflohen wäre, mit viel größerer Freiheit
und Befriedigung göttlichen Dingen hingeben und findet darin eine weit reichlichere und
tiefgehendere Wonne als ehedem vor ihrem Eintritt in die genannte dunkle Nacht; ihre
Einbildungskraft und ihre Seelenkräfte sind auch nicht mehr an das nachforschende Denken und an
gewisse Vorschriften des geistlichen Lebens gebunden. Ohne sich mit Nachdenken Mühe zu geben,
wird ihrem Geiste sogleich eine beruhigende und liebende Beschauung und geistige Wonne zuteil.
Aber es fehlt noch die Hauptsache, die Reinigung des Geistes; ohne diese kann wegen der innigen
Verbindung beider Teile im Menschen, die zusammen ein Individuum ausmachen, die Reinigung der
Seele keine vollendete und vollkommene sein, wenn auch die Nacht der Sinne noch so beschwerlich
gewesen ist. Und eben deshalb, weil die Reinigung der Seele noch nicht vollendet ist, werden sich
manchmal gewisse Bedrängnisse, Trockenheiten, Finsternisse und Seelenängste einstellen, die oft
viel intensiver sind als die vorhergehenden. Sie sind gleichsam die Anzeichen und Vorboten der
kommenden Nacht, dauern aber nicht so lange wie die Nacht selbst, die man erwartet. Denn sobald
einige Zeitabschnitte oder Tage in dieser Nacht oder in diesem Sturme verstrichen sind, stellt sich die
gewohnte Gemütsruhe wieder ein. Auf diese Weise reinigt Gott manche Seelen, die keine so hohe
Stufe der Liebe besteigen sollen wie andere, indem er sie mit Unterbrechung von Zeit zu Zeit in diese
Nacht der Beschauung oder geistigen Reinigung führt und ihnen für kurze Zeit die Sonne auf- und
dann wieder untergehen lässt. Es erfüllt sich hier, was David sagt, dass er sein Eis, nämlich die
Beschauung, hinwirft wie Brocken (Ps. 147,17). Diese Brocken der dunklen Beschauung sind jedoch
nie so wirkungsvoll wie jene schreckliche Nacht der Beschauung, von der wir jetzt reden werden, in
welche Gott die Seele in der Absicht führt, um sie zur göttlichen Vereinigung zu erheben.

Dieser Wohlgeschmack und innere Genuss, den diese Fortgeschrittenen, wie schon erwähnt,
geistigerweise weit reichlicher und leichter empfinden und verkosten, wird ihnen in größerer Fülle
zuteil als früher und strömt von da auf den sinnlichen Teil weit fühlbarer über als vor der Reinigung
der Sinne. Denn da die Sinne schon mehr geläutert sind, so besitzen sie eine größere Fähigkeit,

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wenigstens nach ihrer Art die Süßigkeiten des Geistes zu kosten. Und da schließlich der sinnliche Teil
der Seele zu schwach und unfähig ist, um die starke Kraft des Geistes in sich aufzunehmen, so
erleiden die Fortgeschrittenen infolge dieser Verbindung des Geistes mit dem sinnlichen Teil gar
manche Schwächen, Nachteile und Verdauungsstörungen und infolgedessen auch geistige
Beschwerden nach den Worten des weisen Mannes: „Der vergängliche Leib beschwert die Seele“
(Weish. 9,15). Und daher können diese Mitteilungen nie so mächtig, tiefgehend und geistig sein, wie
sie für die übernatürliche Vereinigung mit Gott erfordert werden, und zwar infolge der Schwäche und
Verdorbenheit des sinnlichen Teiles, der davon betroffen wird. Darin haben auch die Entrückungen,
Herzkrämpfe und Verrenkungen der der Glieder ihren Grund, die immer eintreten, wenn die
Mitteilungen nicht rein geistig sind, d.h. nicht dem Geiste allein widerfahren, wie es bei den
Vollkommenen der Fall ist, die schon durch diese zweite Nacht des Geistes gereinigt sind. Bei diesen
haben alle Verzückungen und körperlichen Peinen ein Ende, sie erfreuen sich der Freiheit des
Geistes, ohne dass sie der sinnliche Teil verfinstert oder ablenkt. Deshalb muss die Seele, damit sie zu
dieser Vereinigung gelangt, in die zweite Nacht des Geiste eintreten, wo die Sinne und der Geist von
allen Wahrnehmungen und sinnlichen Gefühlen vollständig entblößt werden, sie muss im dunklen
und reinen Glauben wandeln, welcher das geeignetste und passendste Mittel zur Vereinigung mit
Gott ist nach den Worten des Oseas: „Ich werde dich mir verloben“, d.h. dich mit mir vereinigen, „im
Glauben“ (Hos. 2,20).

12. Inwiefern die dunkle Beschauung für die Seele nicht bloß eine Nacht,
sondern auch eine Pein und Qual ist
(Dunkle Nacht II,1,5)

Diese dunkle Nacht ist ein Einwirken Gottes auf die Seele, welches sie reinigt von ihrer Unwissenheit
und ihren bleibenden Unvollkommenheiten, sowohl natürlichen wie geistigen. Die Gelehrten nennen
sie eingegossene Beschauung oder mystische Gottesweisheit. In ihr belehrt und unterweist Gott die
Seele in geheimnisvoller Weise in der Vollkommenheit der Liebe, ohne dass sie selber etwas tut,
noch auch versteht, wie diese eingegossene Beschauung vor sich geht. Die liebende Weisheit Gottes
ist es nämlich, welche die Hauptwirkung in der Seele hervorbringt, sie bereitet dieselbe durch ihre
reinigende und erleuchtende Tätigkeit vor für die Liebesvereinigung mit Gott.

Es entsteht nun die Frage, warum hier die Seele dieses göttliche Licht, das sie erleuchtet und von
ihrer Unwissenheit reinigt, eine dunkle Nacht nennt. Darauf ist zu antworten, dass die göttliche
Weisheit aus zwei Ursachen nicht nur Nacht und Finsternis für die Seele ist, sondern auch eine Pein
und Qual. Die erste ist die Erhabenheit der göttlichen Weisheit, welche die Fassungskraft der Seele
übersteigt und in dieser Beziehung ist sie für die Seele peinlich, schmerzlich und dunkel. Zum
Beweise des ersten müssen wir einen Lehrsatz der Philosophie zur Grundlage nehmen, der da sagt: Je
klarer und offenbarer die göttlichen Dinge an sich sind, um so dunkler und verborgener sind sie
naturgemäß für die Seele. Es ist ebenso wie beim Lichte. Je heller es ist, desto mehr blendet und
verdunkelt es das Auge der Nachteule. Und je fester einer in das volle Sonnenlicht schaut, um so
mehr verdunkelt er seine Sehkraft, ja er wird derselben, weil sie im Verhältnis zu dem
überschwänglichen Lichte der Sonne zu schwach ist, sogar beraubt. Wenn daher dieses göttliche
Licht der Beschauung in die Seele tritt, die noch nicht vollständig erleuchtet ist, so verursacht es in ihr
geistige Finsternis. Denn es übersteigt nicht nur die natürliche Erkenntniskraft, sondern verdunkelt
auch den Akt des Erkennens und beraubt sie derselben.
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Darum nennen der hl. Dionysius und andere mystische Theologen diese eingegossene Beschauung
einen Strahl der Finsternis für die noch nicht erleuchtete und gereinigte Seele. Denn durch ihr
außerordentliches übernatürliches Licht wird die natürliche Erkenntniskraft der Seele überwältigt
und ausgelöscht. Deshalb spricht auch David: „Gewölk und Dunkel ist um Gott herum“ (Ps. 96,2).
Nicht als ob es in sich so wäre, sondern nur in bezug auf unsern schwachen Verstand, der durch
dieses unermessliche Licht geblendet und verdunkelt wird, weil er so Erhabenes nicht fassen kann.
Dies ist auch der Grund, warum Gott, wenn er diesen hell glänzenden Strahl seiner geheimnisvollen
Weisheit in die noch nicht umgewandelte Seele einströmen lässt, dunkle Finsternis im Verstande
verursacht. Und dass diese dunkle Beschauung am Anfang für die Seele sich auch peinlich gestaltet,
ist klar: Denn da diese göttliche eingegossene Beschauung eine Fülle von äußerst erhabener
Vollkommenheit in sich begreift, die noch nicht gereinigte Seele aber, die sie empfängt, in ein Meer
äußerst schrecklichen Elendes gerät, so wird sie, da zwei Gegensätze in einem Subjekte nicht
bestehen können, notwendigerweise gequält und gepeinigt. Wenn nämlich dieses reine Licht in die
Seele einströmt, um die Unreinheit aus derselben zu beseitigen, fühlt sich dieselbe so unrein und
elend, dass es ihr scheint, als sei Gott ihr und sie Gottes Feind. Dies bereitet ihr so großen Schmerz
und solche Betrübnis, dass sie glaubt, von Gott wirklich verstoßen zu sein. Dies war eines der
schmerzlichen Leiden Jobs, der in die folgenden Worte ausbrach, als ihn Gott auf diese Weise
heimsuchte: „Warum hast du mich dir zum Gegner gesetzt, so dass ich mir selbst zur Last geworden
bin“ (Hiob 7,20). Wenn nämlich die Seele mittelst dieses hellen und reinen Lichtes, wenn auch im
Dunkel, ihre Unreinheit klar, sieht, so hält sie sich Gottes und aller Geschöpfe für vollkommen
unwürdig. Was ihr aber am schmerzlichsten fällt, ist die Furcht, dass sie nie Gottes würdig werde und
all ihre Gnadenschätze eingebüßt habe. Die Ursache davon ist die tiefe Versenkung des Geistes in die
Erkenntnis und in das Gefühl ihrer Sünden und ihres Elendes. Denn hier offenbart dieses göttliche
und dunkle Licht ganz deutlich das ganze Sündenelend, und die Seele sieht klar ein, dass sie aus sich
nichts anderes haben könne.

Die zweite Art der Peinigung der Seele hat ihren Grund in ihrer natürlichen, sittlichen und geistigen
Schwäche. Denn da die göttliche Beschauung die Seele etwas heftig erfasst, um sie zu kräftigen und
zu beherrschen, so leidet sie in ihrer Schwäche derart, dass sie beinahe verzweifeln möchte; dies
geschieht manchmal besonders dann, wenn die Beschauung mit außerordentlicher Gewalt sie
erfasst. Da leiden Sinne und Geist, als ob sie von einer ungeheuren dunklen Last zu Boden gedrückt
würden, und sie geraten in solche Todesängste, dass sie gerne den Tod als eine Erleichterung und
Begünstigung wünschten. Dies hat auch der hl. Job erfahren, wenn er ausrief: „Ich will nicht, dass er
mit der Fülle seiner Kraft mit mir streite, damit er mich nicht erdrücke mit der Last seiner Größe“
(Hiob 23,6). Denn unter der Macht dieses Druckes und dieser Last fühlt sich die Seele jeder
Gunstbezeugung so vollständig leer, dass es ihr scheint – und es ist auch so –, es sei ihr jetzt alles,
woran sie noch irgendwie eine Stütze gefunden, mit allem übrigen entschwunden und es könnte
niemand mehr mit ihr Mitleid haben. In dieser Beziehung spricht auch Job: „Erbarmt euch meiner,
erbarmt euch meiner, wenigstens ihr meine Freunde, denn die Hand des Herrn hat mich berührt“
(Hiob 19,21). Es ist in der Tat recht staunens- und bewundernswert, dass die Seele so schwach und
unrein ist und infolgedessen die an sich freundliche und liebevolle Hand so schwer und feindlich
empfindet, die sie doch nicht drücken und ihr eine Last auflegen, sondern nur aus Barmherzigkeit
berühren will, und zwar nicht um sie zu züchtigen, sondern um ihr Gnade zu erweisen.

32
13. Leiden, welche die Seele in dieser Nacht peinigen
(Dunkle Nacht II,2,6 u. 3,7; II,3,13)

Auf diese Weise zermürbt und vernichtet Gott die geistige Substanz der Seele und hüllt sie in eine so
tiefe und schwarze Finsternis ein, dass sie sich angesichts und in Anbetracht ihres Elendes der
Vernichtung und Auflösung durch einen schrecklichen Geistestod preisgegeben glaubt. Es ist ihr, als
sähe sie sich von einer Bestie verschlungen, liegend in deren finsterem Bauch, und als fühlte sie sich
schon verdaut von ihr und als würde sie die gleichen Seelenkämpfe ausstehen wie Jonas im Bauche
jenes Seeungeheuers (Jon. 2,1). In diesem Grabe muss sie verbleiben bis zur geistigen Auferstehung,
die sie erhofft.

Die Art dieser Peinen, die wirklich alle anderen Arten übertreffen, beschreibt David mit den Worten:
„Todesschmerzen haben mich umrungen…, des Totenreiches Qualen umfingen mich, in meier Not
habe ich zum Herrn gerufen und zu meinem Gott gefleht“ (Ps. 17,5-7). Was aber die betrübte Seele
hier am schmerzlichsten empfindet, ist der Gedanke, Gott habe sie allem Anscheine nach verstoßen
und als verabscheuungswürdiges Geschöpf in die Finsternis gestürzt, und dieser Glaube, Gott habe
sie verlassen, ist für sie eine überaus schwere und mitleiderregende Pein. Dies hat auch David in
dieser schweren Heimsuchung empfunden, wenn er sagt: „Ich bin gleich den Erschlagenen, die in den
Gräbern ruhen, die von deiner Hand verstoßen sind und deren du nicht mehr gedenkst; sie senkten
mich in die tiefste Grube, unten in Finsternis und in Todesschatten. Auf mir ruhte schwer dein Grimm
und alle deine Wogen führtest du über mich dahin“ (Ps. 8,5-7). Wenn darum diese reinigende
Beschauung die Seele erfasst, dann fühlt sie in der Tat Todesschatten, Todesseufzer und Schmerzen
der Hölle aufs lebhafteste. Es ist dies das Gefühl ohne Gott zu sein, von Gott in seinem großen
Unwillen und Zorn gestraft und verworfen zu sein. Das alles empfindet die Seele in dieser Lage und
noch dazu die furchtbare Angst, dass es allem Anscheine nach immer so bleiben werde. Und sie fühlt
sich ebenso verlassen und verachtet von allen Geschöpfen, besonders aber von seiten ihrer Freunde.
Deshalb fährt David sogleich fort mit den Worten: „Du hast alle meine Freunde und Bekannten von
mir entfernt, sie machten mich zu einem Abscheu für sich“ (Ps. 87,9).

Dazu kommt noch, dass die Seele infolge der Einsamkeit und Verlassenheit, welche diese dunkle
Nacht in ihr verursacht, weder an einer Belehrung noch an einem geistlichen Führer Trost und Stütze
finden kann. Wenn man ihr auch die mannigfachsten Trostgründe vor Augen führt, wodurch sie sich
im Hinblick auf die Güter, die ihr aus diesen Leiden erwachsen, aufrichten könnte, so kann sie es
doch nie glauben; da sie nämlich so lebendig durchdrungen und eingenommen ist vom Gefühl dieser
Übel, an welchen sie ihr Elend ganz klar erkennt, so meint sie, andere sähen nicht, was sie sehe und
fühle, oder redeten nur so, ohne davon Kenntnis zu haben. Und statt des Trostes wird sie mit neuem
Schmerze erfüllt, da nach ihrer Ansicht dies alles ihrem üblen Zustande nicht abhelfen könne. Und es
ist auch in der Tat so. Denn solange der Herr die Reinigung nicht auf jene Weise vollzogen hat, wie es
ihm gefällt, findet sich kein Mittel und keine Arznei, ihren Schmerz zu lindern. Ja, die Seele kann sich
in diesem Zustande ebensowenig selbst helfen wie ein Gefangener, der im finsteren Kerker an
Händen und Füßen gebunden ist, sich weder bewegen noch etwas sehen noch auch himmlischen
oder irdischen Trost empfangen kann, bis sie dem Geiste nach ganz sanft, demütig und rein und so
klug, einfältig und klein geworden ist, dass sie eins werden kann mit dem Geiste Gottes je nach dem
Grade der Liebesvereinigung, den ihr seine Barmherzigkeit gewähren will. Dieser Grad steht immer
im Verhältnis zu der größeren oder geringeren Schärfe der Reinigung und der längeren oder kürzeren
Dauer derselben. Soll diese Reinigung irgendwie eine ernstliche sein, so dauert sie, wie strenge sie

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auch immer sein mag, einige Jahre, wenn auch in dieser Zeit sich manche Unterbrechungen und
Erleichterungen einstellen, in denen die dunkle Beschauung nach Gottes Anordnung nicht in
reinigender, sondern erleuchtender und wohltuender Weise auf die Seele einwirkt. Da fühlt sich
dann die Seele wie aus einem Kerker und von Fesseln befreit und versetzt in die Freiheit und
Zwanglosigkeit , sie fühlt und genießt die höchste Wonne des Friedens und der liebenden
Freundschaft mit Gott, so dass sie leicht und in überfließender Weise geistig mit ihm verkehren kann.
Dies alles ist für die Seele ein Zeichen ihres Heiles, das durch die genannte Reinigung in ihr bewirkt
wird, eine Ankündigung des zu erwartenden Reichtums. Ja, manche werden so von geistigen
Tröstungen überschüttet, dass sie glauben, all ihre Beschwerden seien nun schon zu Ende. Aber diese
Meinung hat die Seele nicht oft. Denn solange die geistige Reinigung nicht ganz vollzogen ist, werden
ihr die süßen Mitteilungen Gottes selten in solcher Fülle zuteil dass sie die noch zurückbleibende
Wurzel (der Unvollkommenheit) ganz bedecken; die Seele hat noch immer in ihrem Innern das
Gefühl, dass ihr noch etwas fehle und an ihrer Vervollkommnung weiter gearbeitet werden müsse.
Dieses Gefühl lässt sie nie jene Erquickung vollkommen genießen, da sie noch immer einen Feind in
ihrem Innern wahrnimmt, der zwar jetzt beruhigt ist und schläft, von dem sie aber stets fürchtet, er
könnte sich erheben und sein Werk fortsetzen.

Und dies ist auch wirklich so der Fall. Denn gerade da, wo die Seele am wenigsten daran denkt und
sich ganz sicher glaubt, sucht er sie wieder zu verschlingen und in eine noch schwerere, härtere,
dunklere und schmerzlichere Leidensstufe hinabzustürzen als früher, und diese Leidenszeit wird
vielleicht noch länger dauern als die vorhergehende. Und auch hier lebt die Seele wiederum im
Glauben, all ihre Gnadenschätze seien ihr für immer entzogen. Auch der Genuss der früheren, nach
der ersten Heimsuchung ihr zuteil gewordenen Gnadengüter, deren Süßigkeit in ihr den Gedanken
wachrief, als hätte sie nun nichts mehr zu leiden, ist nicht imstande, sie auf dieser zweiten Stufe der
Bedrängnisse von der Meinung abzubringen, dass all ihre Glücksfülle vorüber sei und das frühere
Wohlergehen nicht mehr zurückkehre. Wenn sie auch die drei göttlichen Tugenden, Glaube,
Hoffnung und Liebe habituell besitzt, so hindert sie doch das gegenwärtige Gefühl der Leiden und der
Entfernung von Gott am Genuss des wirklichen Gutes und Trostes dieser Tugenden. Denn wenn die
Seelen auch wahrnehmen, dass sie Gott lieben, so finden sie doch daran keinen Trost, weil sie nicht
glauben können, dass Gott sie liebe, und sie dieser Liebe würdig seien. Da sie sich vielmehr in ihrer
elenden Lage derselben beraubt sehen, so meinen sie, sie verdienten aus vielen Gründen, von Gott
verachtet und mit vollem Rechte für immer verworfen zu werden. Und wenn auch die Seele in dieser
Reinigung wahrnimmt, dass sie Gott liebe und tausend Leben für ihn hingeben würde – und solche
Seelen lieben auch wirklich in dieser Trübsal Gott aufs innigste –, so verschafft ihr das keinen Trost,
vielmehr noch größere Betrübnis. Sie liebt nämlich Gott so sehr, dass sie um sonst nichts besorgt ist.
Da sie sich aber so elend sieht, so kann sie nicht glauben, dass Gott sie liebe, noch dass er Ursache
habe oder haben werde sie zu lieben; vielmehr ist sie überzeugt, dass sie mit vollem Rechte nicht
bloß ihm, sondern auch allen Geschöpfen ein Gegenstand der Verachtung und selber die Ursache sei,
weswegen sie von dem verworfen werde, den sie so sehr liebt und nach dem sie so großes Verlangen
trägt.

In jenem Entbrennen der Liebe können wir einige der lieblichsten Wirkungen ersehen, welche diese
dunkle Nacht der Beschauung in der Seele hervorbringt. Manchmal ist dieselbe inmitten dieser
Finsternis voll Licht, „und das Licht leuchtet in der Finsternis“ (Joh. 1,5); es strömt diese
geheimnisvolle Erkenntnis in den Verstand, wobei der Wille in Trockenheit bleibt, ohne an der
wirklichen Liebesvereinigung teilzunehmen. Dabei befinden sich die Sinne der Seele in einer so zarten

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und lieblichen Ruhe und Einfalt, dass man es gar nicht auszudrücken vermag, in dem man bald in
dieser, bald in jener Weise das Gefühl der Nähe Gottes hat. Manchmal verwundet diese
Liebesflamme, wie schon erwähnt, auch den Willen, so dass in ihm die Liebe voll Innigkeit,
Zärtlichkeit und Kraft entbrennt. Denn diese beiden Seelenkräfte, Verstand und Wille, vereinigen sich
nach dem bereits Gesagten bisweilen um so vollkommener und erhabener, je mehr der Verstand
gereinigt ist. Aber bevor man dazu gelangt, fühlt man gewöhnlich eher die Einwirkung dieser
Entzündung im Willen, als die Mitteilung der vollkommenen Erkenntnis im Verstande.

Anfangs, wenn diese geistige Nacht beginnt, fühlt man diese Liebesglut noch nicht, weil jenes Feuer
der Liebe noch nicht zu wirken begonnen hat: statt dessen aber verleiht der Herr der Seele alsbald
eine so innige Liebe der Wertschätzung, dass das Ärgste, was die Seele in den Bedrängnissen dieser
Nacht leidet und fühlt, der Gedanke ist, sie habe Gott verloren und sei von ihm verlassen . Und so
können wir immer sagen, dass die Seele schon gleich bei Beginn dieser Nacht von diesem
Liebesdrang erfasst ist, sei es von Liebe der Wertschätzung oder von der genannten Liebesglut.

Man kann daran ersehen, dass die größte Pein, die sie in diesen Bedrängnissen erduldet, jene Furcht
ist. Und wenn sie in dieser Lage sicher wissen könnte, das nicht alles verloren und zu Ende sei, dass
vielmehr ihre Pein ihr zum Besten gereiche, wie es auch wirklich der Fall ist, und dass Gott ihr nicht
zürne, dann würde sie all diese Beängstigungen für nichts achten, ja sich sogar freuen im
Bewusstsein, Gott dadurch einen Dienst zu erweisen. Denn die Liebe der Hochschätzung, die sie,
wenn auch nur dunkel und ohne sie zu fühlen, zu Gott trägt, ist so mächtig, dass sie nicht bloß die
genannten Peinen erdulden, sondern auch mit größter Freude vielmals für ihn sterben würde, um
ihm zu gefallen. Hat aber einmal die Liebesglut die Seele entzündet und sich mit der schon in ihr
wohnenden Liebe der Hochschätzung Gottes vereinigt, so gewinnt sie durch die Mitteilung des
Feuers der Liebe eine solche Kraft und solchen Mut und wird von einem so heftigen Sehnsuchtsdrang
nach Gott erfüllt, dass sie mit der größten Kühnheit, ohne auf etwas zu achten oder Rücksicht zu
nehmen und ohne viel um ihr Tun sich zu kümmern, in der Kraft und Trunkenheit der Liebe das
Äußerste und Ungewohnteste, welcher Art es auch immer sei, vollbringen würde, um den zu finden,
den ihre Seele liebt.

14. Das Leben der Vereinigung mit Gott


(Lebendige Liebesflamme, 2.Str., 6.Vers)

Das natürliche Begehrungsvermögen, das nur Befähigung und Fassungskraft für den Genuss und
Wohlgeschmack am Geschöpflichen hatte, der zum Tode führt, ergötzt und ersättigt sich jetzt am
Göttlichen, angetrieben und befriedigt durch eine andere, mehr lebendige Grundursache, durch die
Freude an Gott; denn er ist vereinigt mit ihm und kennt nur mehr ein Verlangen nach Gott. Endlich
sind alle Regungen, Tätigkeiten und Neigungen der Seele, die vorher in ihrem natürlichen Leben ihren
Ursprung hatten und aus demselben ihre Kraft schöpften, umgewandelt in göttliche Regungen, die
ihrer natürlichen Tätigkeit und Neigung abgestorben sind und nun leben in Gott. Als wahre Tochter
Gottes wird die Seele nun mehr angetrieben vom Geiste Gottes, wie es der hl. Paulus lehrt, wenn er
sagt: „Jene, die vom Geiste Gottes getrieben werden, sind Kinder Gottes“ (Röm. 8,14).

Nach dem bisher Gesagten ist also der Verstand einer solchen Seele umgestaltet in einen göttlichen
Verstand und auch ihr Wille, ihr Gedächtnis und ihre Wonne, sie alle sind vergöttlicht. Das Wesen der

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Seele ist zwar kein göttliches Wesen, da es sich nicht in Gott verwandeln kann, aber durch die
Vereinigung mit Gott und durch das Hineingezogensein in sein Wesen ist es in diesem Stande göttlich
durch Teilnahme. Das alles vollzieht sich in diesem vollkommenen Stande des geistlichen Lebens,
wenn auch nicht so vollständig wie im anderen Leben. Auf diese Weise ist die Seele all dem Ihrigen,
das für sie todbringend war, erstorben und lebt allein dem in sich Göttlichen.

Daraus folgt, dass die Seele sich mit vollem Rechte jenes Wortes des hl. Paulus bedienen kann. „Ich
lebe, doch nicht ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal. 2,20). In diesem Stande eines so
vollkommenen Lebens ist die Seele innerlich und äußerlich immer in Festesstimmung und der Mund
ihres Geistes ist gar häufig voll des Frohlockens in Gott, das einem Lobliede gleicht, in welchem
immer neue Freude, Liebe und Erkenntnis ihres glückseligen Standes durchklingt. Manchmal spricht
sie aus der Fülle ihrer Freude und ihres Wonnegenusses im Geiste jene Worte Jobs nach, die da
lauten: „Meine Beseligung erneuert sich fortwährend und wie die Palme werde ich meine Tage
mehren“ (Job 29,20). Das heißt: Gott der in einer Hinsicht sich immer gleich bleibt, macht nach den
Worten des weisen Mannes alles neu, und da er immer in Seligkeit mit mir vereinigt ist, wird er
dieselbe auch immer erneuern; er wird nicht zulassen, dass sie wie früher wieder abnehme, er wird
meine Tage, d.h. meine Verdienste mehren bis zum Himmel, wie der Palmbaum seine Zweige
emportreibt. Denn die Verdienste der Seele sind in diesem Stande gewöhnlich groß nach Zahl und
Beschaffenheit und auch ihr Wandel geht häufig auf in Lobpreisung Gottes im Geiste, was alles David
in jenem Psalm zum Ausdruck bringt, der da beginnt: „Ich will dich erheben, o Herr, denn du hast
mich beschirmt“; besonders in den zwei letzten Versen weist er darauf hin mit den Worten: „In
Wonne schufst du um meine Trauer, zogst mir ein Bußkleid an und umhülltest mich mit Freude, auf
das ich dir lobsinge in meiner Herrlichkeit und kein Leid empfinde, o Herr, mein Gott und dich
lobpreise in Ewigkeit“ (Ps. 29,1 u. 12-13). Es ist nicht zu verwundern, dass die Seele sehr häufig erfüllt
ist von Freude und Frohlocken, von Wonne und Lobpreis Gottes; denn neben dem Bewusstsein der
erhabenen Gnade, die sie empfangen, fühlt sie, dass Gott so sorgfältig darauf bedacht ist, sie mit
seinen köstlichen, zärtlichen und liebevollen Worten zu beglücken, und bald durch diese, blad durch
jene Gnade noch mehr zu Ehren zu bringen; und so kommt es ihr vor, als habe er sonst keine Seele
auf der Welt, die er erfreuen wolle, und sonst nichts anderes, dem er seine Liebe zuwende, als nur
sie ganz allein. Und aus diesem Gefühle heraus bricht sie in die Worte der Braut im Hohenliede aus:
„Mein Geliebter ist mein und ich bin sein“ (Hl. 2,16).

15. Gesang der Seele


(Aufstieg S.3, Dunkle Nacht S.2)

1. Es war in dunkler Nacht, 3. In jener Nacht voll Glück,


Ich brannte von Liebeswehen, – Da sich kein Aug‘ mir wandte,
O Glück, das selig macht! – Der Augen blöder Blick
Entwich ich ungesehen Kein weisend Licht erkannte,
Und ließ mein Haus in Ruhe stehen. Als das, so mir im Herzen brannte.
2. Gehüllt in dunkle Nacht, 4. Mit ihm fand sich’rer ich
Vermummt musst ich entsteigen. Als in des Mittags Schimmer
O Glück, das selig macht! – Ihn, der geharrt auf mich,
In heimlich, dunklem Schweigen Den ich geliebt schon immer.
Lag still das Haus, das mir zu eigen. Ein ander Gut traf ich dort nimmer.
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5. Du warst mir Führer, Nacht; 7. Als schon der Morgenwind
Nacht, süßer als der Morgen, Begann sein Haar zu spreiten,
Hast Herz zu Herz gebracht, Um meinen Nacken lind
Hast uns in Lieb geborgen: Ließ er die Rechte gleiten;
Mich im Geliebten, ihn in mir verborgen. Mir schmolz das Herz in Seligkeiten.
6. An meiner sel’gen Brust, 8. Ich gab, ergab mich ganz,
Die ihm allein zu eigen, Das Haupt am Lieb geborgen.
Ruht er in süßer Lust. Es schwand der Dinge Glanz,
Und ich: mich liebend zu ihm neigen, Vergessen war mein Sorgen,
Ihm Kühlung weh’n mit Zedernzweigen. Da ich in Lilienduft geborgen.

16. Warum die umwandelnde Vereinigung selten ist


(Lebendige Liebesflamme, 2.Str., 5.Vers)

Wir müssen auch auf den Grund hinweisen, warum die Zahl derjenigen so gering ist, die zu diesem
erhabenen Stand der vollkommenen Vereinigung mit Gott gelangen. Die Ursache ist nicht darin zu
suchen, dass Gott nur wenige geistliche Seelen dazu erheben will – vielmehr würde er gerne alle
vollkommen sehen –, sondern darin, dass er nur wenige Gefäße findet, die diese schwierige und
erhabene Bearbeitung ertragen. Prüft er sie auch nur ein wenig, so findet er sie so schwach, dass sie
alsbald die Anstrengung fliehen; sie weigern sich, geringfügige Trostlosigkeiten und Abtötungen auf
sich zu nehmen, sowie auch mit beharrlicher Geduld zu wirken. Und da er sie nicht stark und treu
findet in diesen geringfügigen Dingen, wodurch er ihnen die Gnade erweisen würde, das Werk der
Läuterung und Vollendung zu beginnen, so sieht er, dass sie noch viel weniger in größeren Dingen in
Treue bestehen. Und so führt er sie auch nicht weiter vorwärts, um sie durch Werke der Abtötung zu
reinigen und aus dem Staub der Erde zu erheben; denn dazu würde eine größere Kraft und
Beständigkeit erfordert werden, als sie an den Tag legen. Darum gibt es viele, die den Wunsch hegen,
vorwärts zu schreiten, und Gott sehr anhaltend bitten, er möge sie zum Stande der Vollkommenheit
führen und geleiten; aber wenn Gott damit beginnen will, sie durch die ersten Beschwerden und
Abtötungen, so wie es nötig ist, zu erheben, wollen sie dieselben nicht auf sich nehmen; sie weichen
dem Stoß geschickt aus, fliehen den engen Weg des Lebens und suchen den breiten Weg des Trostes,
der ihnen zum Verderben wird. Sie geben Gott keine Gelegenheit, das von ihm zu empfangen, um
was sie bitten, wenn er es ihnen zu gewähren beginnt, und so bleiben sie unnütze Gefäße. Denn
wenn er sie zum Stande der Vollkommenen erheben will, lassen sie sich nicht auf dem Wege der
Beschwerden dahin führen, sondern wollen kaum die ersten Schritte auf demselben machen und sich
nicht einmal in unbedeutenden Dingen ganz gewöhnlicher Art überwinden. Diesen kann man mit den
Worten des Jeremias antworten: „Wenn du schon Mühe hast, mit Fußgängern Schritt zu halten, wie
wirst du es mit Rossen aufnehmen können? Wenn du in dem Lande, wo Friede ist, nicht sicher bist,
was wirst du tun beim Trutz des Jordan?“ (Jer. 12,5). Das heißt nichts anderes als: Wenn du bei den
Trübsalen, die nach dem gewöhnlichen und menschlichen Laufe der Dinge alle Sterblichen treffen,
schon so kurze Schritte machtest und dieses Einherwandeln schon für eine so große Mühe hieltest,
dass du laufen zu müssen glaubtest, wie könntest du denn mit Pferden gleichen Schritt halten? Denn
da heißt es schon größere und mehr als gewöhnliche und allen gemeinsame Beschwerden auf sich
nehmen, wozu auch mehr als menschliche Kraft und Behändigkeit erfordert wird. Wenn du, um den
Frieden und die Behaglichkeit deines Landes, nämlich der Sinnlichkeit, zu bewahren, dich nicht
einmal zum Kampfe aufraffen und in nichts Widerspruch erdulden willst, wie wirst du dann durch die
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stürmischen Gewässer der mehr innerlichen Beschwerden und Trübsale des Geistes wandeln
können?

O ihr Seelen, die ihr im geistlichen Leben in Sicherheit und Tröstungen zu wandeln wünscht, wenn ihr
doch wüsstet, wie notwendig euch die Leiden zur Erwerbung dieser Sicherheit und dieses Trostes
sind, und wie man ohne dieselben nicht erlangen kann, was die Seele wünscht, sondern vielmehr
zurückschreitet, so dass man an nichts, weder in Gott noch in den Geschöpfen, Trost findet! Nehmt
vielmehr das Kreuz auf euch und trinkt an dasselbe geheftet Galle und unvermischten Essig. Haltet es
für ein großes Glück, wenn ihr der Welt und euch selbst absterbend ein Leben der Wonne des
Geistes in Gott beginnen könnt. Wenn ihr mit Geduld die geringen äußeren Beschwerden ertraget,
werdet ihr der Gnade gewürdigt, dass Gott seine Augen euch zuwendet, um euch durch gewisse
geistige Müdigkeiten mehr innerlich zu läutern und zu reinigen und euch mehr innerliche
Gnadengüter zu schenken. Viele Dienste müssen diejenigen Gott erwiesen, große Geduld und
Standhaftigkeit müssen sie an den Tag gelegt haben, äußerst angenehm müssen sie in ihrem Leben
und in ihren Werken vor seinen Augen geworden sein, denen er, um sie durch Gnade und Verdienst
zu bevorzugen, die ganz besondere Gnade der inneren Prüfung verleiht. So geschah es auch beim hl.
Tobias, zu dem der Engel sprach: „Weil du angenehm warst vor Gott, hat er dir die Gnade erwiesen,
dir Prüfungen zu senden, damit du noch mehr erprobt und mehr begnadigt werdest.“ (Tob. 12,13).
Und darum gestaltete sich auch gemäß den Worten der Heiligen Schrift sein Leben nach diesen
Prüfungen so, dass es nur in Freuden dahinfloss.

Deshalb ist es für die Seele von großem Nutzen in all diesen Trübsalen und Beschwerden mit großer
Geduld und Standhaftigkeit auszuharren, mögen dieselben nun geistige oder körperliche, größere
oder kleinere sein, äußerlich oder innerlich von Gott über die Seele verhängt werden. Sie soll
dieselben als ein Gut und Heilmittel für sich annehmen und ihnen nicht aus dem Wege gehen, da sie
der Seele zur Gesundung verhelfen. Denn der Kampf mit den Beschwerden, die Beängstigungen und
Versuchungen rotten die schlimmen Gewohnheiten und Unvollkommenheiten der Seele aus und
reinigen und stärken sie. Darum soll sich die Seele sehr glücklich schätzen, wenn ihr Gott innere und
äußere Leiden schickt, und wohl bedenken, dass nur wenige es verdienen, durch Leiden zur
Vollendung zu gelangen. Möge sie darum jenen erhabenen Stand als Ziel ihrer Leiden vor Augen
haben!

17. Gebet der liebenden Seele


Herr, mein Gott, mein Geliebter, wenn du immer noch meiner Sünden gedenkst und dich weigerst,
meine Bitte zu erhören, so geschehe hierin dein Wille. Das ist mein einziger Wunsch. Erzeige mir
deine Güte und Barmherzigkeit, und meine Sünden offenbaren, was du bist. Und wenn du, um
meinen Bitten Erhörung zu gewähren, auf meine Werke wartest, so gewähre dieselben und wirke sie
in mir, indem du als Sühne die Leiden annimmst, die ich auf mich zu nehmen bereit bin. Wartest du
aber auf meine Werke nicht, auf was rechnest du dann, mein barmherziger Herr? Warum zögerst du?
Wenn ich mich zuletzt doch nur auf deine Gnade und Barmherzigkeit verlassen muss, um die ich dich
durch die Verdienste deines Sohnes bitte, so nimm deinem Willen gemäß mein schwaches Können an
und gewähre mir dieses Gut, da dies auch deinem Willen entspricht.

Wer ist imstande, o mein Gott, sich von den armseligen Wegen und Weisen, dich zu lieben, frei zu
machen, wenn du ihn nicht selbst zu dir erhebst in der Reinheit der Liebe?

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Wie könnte sich der Mensch, erzeugt und geboren in Armseligkeit, zu dir erheben, wenn du, o Herr,
ihn nicht an dich ziehen würdest durch die Hand, die ihn erschaffen?

Du wirst mir, o mein Gott, nicht das entziehen, was du mir in deinem eingeborenen Sohne gegeben,
in dem du mir alles geschenkt hast, was ich verlange; und deshalb darf ich mich auf deine Ankunft
freuen, wenn ich auf dich hoffe.

Wie magst du noch länger warten, meine Seele? Kannst du denn nicht von diesem Augenblicke an
Gott lieben von ganzem Herzen?

Mein ist der Himmel und mein die Erde, mein sind die Völker, die Gerechten und Sünder. Mein sind
die Engel, die Mutter Gottes und alle geschaffenen Dinge; Gott selbst ist mein und für mich, da Jesus
Christus mein und ganz für mich ist. Was verlangst du, was suchst du noch mehr, meine Seele? All
das ist dein und alles für dich.

Halte dich nicht für klein und begnüge dich nicht mit den Brosamen, die vom Tische deines Vaters
fallen; steh auf von deiner Niedrigkeit und rühme dich deine Herrlichkeit, verbirg dich in ihr, und du
wirst alles besitzen, was dein Herz begehrt!

Mein Vielgeliebter, alles für dich und nichts für mich; aber auch nichts für dich und alles für mich.
Alles Harte und Beschwerliche wünsche ich für mich und nicht für dich.

O wie süß ist deine Gegenwart für mich, der du das höchste Gut bist! Ich will mich dir in der Stille
nähern und deine Fußspuren zu entdecken suchen, damit es dir gefällt, mich mit dir zu vereinigen
und mich als deine Braut anzunehmen. Ich werde nur glücklich sein, wenn mich deine Arme
umfangen. Und jetzt bitte ich dich, o Herr, verlass mich nie, damit ist stets in dir gesammelt bleibe;
denn meine Seele will alles hingeben für dich.

18. Inbegriff der Vollkommenheit


Vergiss die Geschöpfe,
Denk an den Schöpfer,
Merk auf das Inn’re
Und lieb den Geliebten.

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