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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Christof Heinz

Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Skriptum zum Grundkurs

Wien 2007

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Inhalt:
Teil A: Sprachwissenschaftliche Grundbegriffe
Teil B: Slavische Sprachen

1. A Einleitung
1.1. Bedeutungen von „Sprache“
1.2. Kommunikationsmodelle
1.2.1. Bestandteile des Kommunikationsprozesses
1.2.2. Kommunikative Funktionen
1.3. Das sprachliche Zeichen
1.3.1. Zeichenmodelle
1.3.2. Arten von Zeichen
1.3.3. Dimensionen des Zeichens
1.4. Sprachwissenschaftliche Teilgebiete
1.4.1. Teilgebiete der sprachlichen Bedeutung: Pragmatik, Semantik und
Lexikologie
1.4.2. Teilgebiete des sprachlichen Ausdrucks: Phonetik / Phonologie,
Morphologie und Syntax

1. B Einordnung und Binnengliederung der slavischen Sprachen


1.1. Einteilungskriterien für Sprachen
1.1.1. nach der Entstehung (natürliche und künstliche Sprachen)
1.1.2. nach der Vitalität (lebende und tote Sprachen)
1.1.3. typologische (strukturelle) Einteilung
1.1.4. geographische Einteilung
1.2. Historisch-genetische Einteilung
1.2.1. Sprachfamilien
1.2.2. Sprachzweige des Indoeuropäischen
1.2.3. Binnenklassifizierung der slavischen Sprachen
1.3. Funktionale Einteilung
1.3.1. Standardsprachen und Nichtstandardsprachen
1.3.2. Quantitative Einteilung
1.3.3. Verhältnis Sprachgebiet - Staatsgebiet
1.4. Einige wichtige Gemeinsamkeiten der slavischen Sprachen

2. A Phonetik
2.1. Phonetik und Phonologie
2.2. Teilgebiete der Phonetik
2.3. Artikulationsorgane
2.4. Einteilung der Laute: Vokale und Konsonanten
2.5. Einteilung der Vokale
2.5.1. Inhärente Merkmale: Vokaldreieck, Labialisierung, Nasalität,
Diphthongierung
2.5.2. Suprasegmentale Merkmale: Quantität, Intonation und Betonung
2.6. Einteilung der Konsonanten
2.6.1. Artikulationsstelle und -modus, Stimmton und Palatalisierung

2 B Slavischsprachige Schriftsysteme und Alphabete


2.7. Verwendung der Alphabete
2.7.1. Exkurs: Entstehung des kyrillischen Alphabets

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

2.8. Transkription – Transliteration


2.9. Sonderzeichen in kyrillischen und lateinischen Alphabeten: Diakritika und
Digraphen (Ligaturen)
2.10. Zur Wiedergabe palatalisierter Konsonanten: die Funktion der jotierten
Vokalbuchstaben im Russischen, Polnischen und Tschechischen
2.11. Orthographiesysteme: historisches, morphologisches und phonetisches
Prinzip

3. A Phonologie
3.1. Definition "Phonem"
3.2. Bestimmung von Phonemen
3.3. Der Begriff Allophon
3.3.1. Freie Allophone
3.3.2. Distributionelle Varianten
3.4. Phonembestimmung in den slavischen Sprachen
3.4.1. Phonemcharakter palatalisierter Konsonanten
3.4.2. Beispiele von Allophonie in den slavischen Sprachen
3.5. Neutralisation des Phonemunterschieds
3.6. Überblick über das Phoneminventar slavischer Sprachen

3 B Slavische Sprachgeschichte: Grundlagen und Beispiele


3.7. Überblick: Periodisierung der Geschichte slavischer Sprachen
3.8. Sprachgeschichte: Drei wichtige Unterscheidungen
3.8.1. Synchrone vs. diachrone Sprachwissenschaft
3.8.2. Innere vs. äußere Sprachgeschichte
3.8.3. Lautgesetze vs. morphologischer Ausgleich
3.9. Ausgewählte Beispiele für Lautentwicklungen in den slavischen Sprachen
3.9.1. Die Palatalisierungen
3.9.2. Die Halbvokal-Entwicklung
3.9.3. Die Liquida-Metathese

4. A Morphologie
4.1. Definition Morphem
4.2. Ermittlung von Morphemen
4.3. Grammatische und lexikalische Morphologie
4.4. Arten von Morphemen
4.4.1. Wurzeln
4.4.2. Affixe
4.4.3. Endungen
4.5. Allomorphie
4.6. Wortarten
4.6.1. Einteilung der Wortarten
4.6.2. Definitionsmöglichkeiten
4.7. Grammatische Kategorien
4.7.1. Nominale Kategorien
4.7.2. Verbale Kategorien

4 B Die einzelsprachliche historische Entwicklung des Russischen,


Polnischen und Tschechischen
4.8. Russisch

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

4.8.1. Altostlavische Periode: 9. – 13. Jh.


4.8.2. Altrussische Periode: 14. – 17. Jh.
4.8.3. Beginn der modernen russischen Literatursprache: ab dem 18. Jh.
4.9. Polnisch
4.9.1. Vorschriftliche und altpolnische Periode: bis zum 16. Jh.
4.9.2. Mittelpolnische Periode: 17. – Mitte 18. Jh.
4.9.3. Neupolnische Periode: ab Mitte des 18. Jh.
4.10. Tschechisch
4.10.1. Urtschechisch: Ende 10. – Mitte des 12. Jh.
4.10.2. Alttschechisch: Mitte 12. – Ende des 15. Jh.
4.10.3. Mitteltschechisch: 16. – 18. Jh.
4.10.4. Neutschechisch: ab dem 19. Jh.

5. Wortbildung und Lexikologie


5.1. Wortbildung
5.1.1. Onomasiologie und Semasiologie
5.1.2. Möglichkeiten zur Wortschatzerweiterung
5.1.3. Zentrale Begriffe der Wortbildung
5.1.3.1. Formale Einteilung der Wortbildunsverfahren
5.1.3.2. Semantische Einteilung der Wortbildungsverfahren
5.1.3.3. Beispiele für Wortbildungsverfahren
5.1.4. Entlehnung
5.1.4.1. Unterscheidung Lehnwort / Fremdwort
5.1.4.2. Begriffe Entlehnung, Lehnbedeutung, Lehnübersetzung
5.2. Lexikologie
5.2.1. Einteilung des Wortschatzes
5.2.2. Inhaltliche Beziehungen zwischen Lexemen
5.2.2.1. Homonymie und Polysemie
5.2.2.2. Synonymie und Antonymie

6. Syntax
6.1. Definition
6.1.1. Syntax: Definition und Aufgaben
6.1.2. Der Satzbegriff
6.2. Einteilung von Sätzen
6.2.1. Satztypen nach der Struktur
6.2.2. Satztypen nach der Illokution
6.3. Satzglieder
6.3.1. Ermittlung von Satzgliedern
6.3.2. Arten der Zusammengehörigkeit
6.3.2.1. Kongruenz
6.3.2.2. Rektion
6.3.2.3. Adjunktion
6.4. Syntaxtheorien
6.4.1. Traditionelle Grammatik
6.4.2. Generative Grammatik (Konstituentenstruktur)
6.4.3. Valenzgrammatik
6.4.4. Kasusgrammatik: Thematische Rollen
6.4.5. Funktionale Satzperspektive

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Auswahlbibliographie zur Einführung:

I Sprachwissenschaft allgemein
Crystal, David: Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache. Übersetzung und Bearbeitung der
deutschen Ausgabe von Stefan Röhrig, Ariane Böckler und Manfred Jansen. Frankfurt
a. M. - New York: Campus, 1995. (interessantes Buch rund um linguistische
Fragestellungen, zum Nachlesen auch für NichtwissenschaftlerInnen)
Ehlich, Konrad et al. [Hg.]: Hochsprachen in Europa: Entstehung, Geltung, Zukunft. Freiburg
2001.
Ernst, Peter: Germanistische Sprachwissenschaft. Wien: Facultas, 2004. (grundlegende
Einführung in die sprachwissenschaftlichen Grundbegriffe, richtet sich in erster Linie an
Germanisten, aber auch von allgemeinem Interesse)
Funkkolleg Sprache. Eine Einführung in die moderne Linguistik. Band I und II. Frankfurt:
Fischer, 1973.
Geier, Manfred: Orientierung Linguistik. Was sie kann, was sie will. Reinbek: Rowohlt. 1998.
Hentschel, Elke – Weydt, Harald: Handbuch der deutschen Grammatik. Berlin, New York: de
Gruyter, 2003.
Hentschel, Gerd (Hg.): Über Muttersprachen und Vaterländer. Frankfurt: Lang, 1997.
(interessanter Sammelband über den Zusammenhang Sprache - Nation und verwandte
Probleme. Darin einige Artikel zu den slavischen Sprachen)
Römer, Christine: Morphologie der deutschen Sprache. Tübingen: UTB, 2006.
Vater, Heinz: Einführung in die Sprachwissenschaft. München: UTB, 1996. (gut lesbare
Einführung in die Allgemeine Sprachwissenschaft mit theoretischem Anspruch, für
SprachwissenschaftlerInnen)
II Slavische Sprachwissenschaft allgemein
Comrie, Bernard – Corbett, Greville G. [Hg.]: The Slavonic Languages. London - New York:
Routledge, 1993 (derzeit bestes Handbuch der slavischen Sprachen, ausführliche
Beschreibungen jeder einzelnen Sprache auf allen linguistischen Ebenen)
Franz, Norbert: Einführung in die slavische Philologie. S. –
Lehfeldt, Werner: Einführung in die Sprachwissenschaft für Slavisten. München: Otto
Sagner, 1996 (am besten zum Thema passendes Einführungsbuch, in erster Linie für
Slavistlnnen bestimmt)
Panzer, Baldur: Die slavischen Sprachen in Gegenwart und Geschichte. Frankfurt a.M.:
Peter Lang, 1991.
Rehder, Peter [Hg.]: Einführung in die slavischen Sprachen. Darmstadt: Wissenschaftliche
Buchgesellschaft, 1998 (Enthält Charakterisierungen aller lebenden slavischen
Sprachen, darunter auch der Kleinschriftsprachen, sowie des Urslavischen und des
Altkirchenslavischen. Ähnlich Comrie/Corbett, aber auf Deutsch und kürzer)
Townsend, Charles; Janda, Laura: Gemeinslavisch und Slavisch im Vergleich. München
2002.
III Zu den einzelnen slavischen Sprachen:

a) Russisch
Andrews, A.: Russian. SEELRC 2001. Im Netz unter:
http://www.seelrc.org:8080/grammar/mainframe.jsp?nLanguageID=6

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Isačenko, A.V.: Die russische Sprache der Gegenwart. Teil I Formenlehre. München 1968.
(Ausführliche, grundlegende Beschreibung der russischen Sprache. Für SlawistInnen,
dennoch gut lesbar)
Lehmann, Volkmar: Linguistik des Russischen. Einführung in die formal-funktionale
Beschreibung. Hamburg 2007. Im Netz unter:
http://www.agoracommsy.uni-hamburg.de/homepage.php?cid=972134&fct=detail
Mulisch, Herbert: Handbuch der russischen Gegenwartssprache. Leipzig – Berlin - München
1993 (Sehr übersichtliche Darstellung der russischen Grammatik, z.T. in tabellarischer
Form).
Panzer, Baldur: Das Russische. Tübingen: UTB, 1991.
b) Polnisch
Bartnicka, B. / Hansen, B. / Klemm, W. / Lehmann, V. / Satkiewicz, H.: Grammatik des
Polnischen. München: Sagner 2004. (Ausführliche Beschreibung der polnischen
Grammatik mit wissenschaftlichem Anspruch)
Feldstein, R. F.: A Concise Polish Grammar. SEELRC 2001. Im Netz unter:
http://www.seelrc.org:8080/grammar/mainframe.jsp?nLanguageID=4
Kotyczka, Josef: Kurze polnische Sprachlehre. Berlin: Volk und Wissen 1976. (Übersichtliche
Kurzgrammatik, vorwiegend in tabellarischer Form)
c) Tschechisch
Janda, L.A. - Townsend, C.E.: Czech. SEELRC 2002. Im Netz unter:
http://www.seelrc.org:8080/grammar/mainframe.jsp?nLanguageID=2
Lommatzsch, Bohdana; Adam, Hana: Kurze tschechische Sprachlehre. Leipzig: Volk und
Wissen 1996. (Übersichtliche Kurzgrammatik, vorwiegend in tabellarischer Form)
Vintr, Josef. Das Tschechische. Hauptzüge seiner Sprachstruktur in Gegenwart und
Geschichte. München: Sagner. 2001. (Derzeit einzige grundlegende Beschreibung der
tschechischen Sprache auf deutsch, vorwiegend für SlavistInnen bestimmt)

Lektüreliste:
• Geier, Manfred: Wie Ferdinand des Saussure die Linguistik begründet hat. In: ders.:
Orientierung Linguistik. Was sie kann, was sie will. Reinbek: Rowohlt, 1998. S. 29-51.
• de Vincenz, Andrzej: Völker, Nationen und Nationalsprachen: Frankreich, Deutschland
und Polen im Zentrum Europas. In: Hentschel, G.(Hg.): Über Muttersprachen und
Vaterländer. Frankfurt/M. 1997.
• Hentschel, Gerd: Rußland, Weißrußland, Ukraine: Sprachen und Staaten der "slavischen
Nachfolge" von Zarenreich und Sowjetunion. In: Hentschel, G.(Hg.): Über Muttersprachen
und Vaterländer. Frankfurt/M. 1997. S. 211-240.
• Hentschel, Gerd: Das Polnische – eine sichere Bastion unter den slavischen
Standardsprachen? In: Ehlich, Konrad, Ossner, Jakob, Stammerjohann, Harro (Hgg.):
Hochsprachen in Europa. Entstehung, Geltung, Zukunft. Freiburg 2001. S. 209-222.
• Berger, Tilman: Tschechen und Slowaken: Zum Scheitern einer gemeinsamen,
tschechoslowakischen Schriftsprache. In: Hentschel, G.(Hg.): Über Muttersprachen und
Vaterländer. Frankfurt/M. 1997. S. 223-240.

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Teil 1 A: Sprachwissenschaftliche Grundbegriffe

1. Bedeutungen von „Sprache“


2. Kommunikationsmodelle
2.1. Bestandteile des Kommunikationsprozesses
2.2. Kommunikative Funktionen
3. Das sprachliche Zeichen
3.1. Zeichenmodelle
3.2. Arten von Zeichen
3.3. Dimensionen des Zeichens
4. Sprachwissenschaftliche Teilgebiete
4.1. Teilgebiete der sprachlichen Bedeutung: Pragmatik, Semantik und
Lexikologie
4.2. Teilgebiete des sprachlichen Ausdrucks: Phonetik/Phonologie,
Morphologie und Syntax

Sprachwissenschaft (Linguistik) ist die wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der
menschlichen Sprache beschäftigt. Diese stellt den Gegenstand der
wissenschaftlichen Untersuchung dar. Sprachwissenschaftler (Linguisten) versuchen
daher Antworten auf folgende Fragen zu finden:

• Was ist Sprache? Wie kann der Begriff definiert werden? Welche Art von
Phänomenen versteht man darunter? Womit hat sich die Linguistik zu
beschäftigen – und womit nicht?

• Wozu dient Sprache? Wozu brauchen wir Sprache, wie benutzen wir sie?
Welche Funktionen erfüllt sie?

• Wie funktioniert Sprache? Auf welche Art kann Sprache ihre Aufgaben erfüllen
kann? Welche Voraussetzungen sind dazu nötig?

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

1. Bedeutungen von „Sprache“

Beginnen wir mit der ersten Frage: „Was ist Sprache?“

Um das Arbeitsgebiet der Linguistik abzugrenzen, müssen wir uns erst einmal
darüber verständigen, was unser Untersuchungsgebiet sein soll, d.h. welche
Erscheinungen wir unter dem Begriff „Sprache“ fassen wollen und welche nicht.

Die allgemeinste Definition für Sprache lautet: Sprache ist ein Mittel der
menschlichen Kommunikation auf lautlicher Grundlage.
In der alltagssprachlichen Verwendung werden mit dem Wort „Sprache“ jedoch oft
ganz unterschiedliche Erscheinungen benannt. Vergleichen wir etwa die folgenden
Äußerungen (vgl. dazu auch die Bsp. in Vater: S. xxx)

A "Unser Nachbar hat die Sprache verloren."


B "Sie kann sich in über sieben Sprachen verständigen."
C "In dieser Sprache spricht man nicht mit seinem Vater"
D "Er verrät sich durch seine Körpersprache."
E "In welcher Sprache ist der Computer programmiert."
F "Diese Bilder sprechen eine deutliche Sprache."

Wir stellen fest, dass mit dem Wort „Sprache“ folgendes gemeint sein kann:

1. Die menschliche Kommunikationsfähigkeit schlechthin (Satz A).


2. Eine bestimmte Einzelsprache, etwa Deutsch, Englisch, Russisch, Polnisch,
Tschechisch, Chinesisch, usw… (Satz B)
3. Eine ganz bestimmte Art der Sprachverwendung (Satz C)
4. Andere Arten von Kommunikationsmitteln: nichtsprachliche Kommunikationsmittel
(Satz E) oder künstliche Sprachen (Satz D).
5. Metaphorische Verwendungen des Wortes „Sprache“ für das kommunikative
Potenzial von Gegenständen (Satz F)

Gegenstand der wissenschaftlichen Beschreibung sind nur die ersten 3 Bedeutungen


(Sätze A, B und C). Bei den übrigen handelt es sich nicht um „Sprache“ im Sinne der
Sprachwissenschaft, sondern um übertragene Bedeutungen:
Im Satz D wird zwar kommuniziert, jedoch nicht mit Hilfe lautlicher Äußerungen. In
den Sätzen E und F ist zumindest ein Kommunikationsteilnehmer kein Mensch,
sondern eine Maschine (Satz E) bzw. Bilder (Satz F).

Die drei Verwendungen, mit denen sich Linguisten befassen, kann man auch
begrifflich unterscheiden:
Der Begriff „langage“ bezeichnet die universale Fähigkeit des Menschen, Sprache zu
verwenden (auch: „Sprachkompetenz“).
Unter „langue“ versteht man die Sprache als ein System von Einheiten, die
untereinander in regelhaften Beziehungen stehen.
Unter „parole“ schließlich versteht man den tatsächlichen Sprachgebrauch, d.h.
konkrete sprachliche Äußerungen, das eigentliche „Sprechen“ (auch: Performanz).

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Langage = Sprachfähigkeit / Kompetenz: Die universale für alle Menschen


kennzeichnende Fähigkeit zu sprechen.
Langue = Sprachsystem: Die jeder einzelnen Sprache zugrunde liegenden
Regeln, die für alle Sprecher einer Sprache bindend sind. Diese
unterscheiden sich jedoch von Sprache zu Sprache. Die langue ist
daher einzelsprachlich verschieden aber überindividuell.
Parole = Sprachgebrauch / konkrete Sprechäußerung / Performanz: Das,
was wir tatsächlich sprechen und schreiben bzw. zu hören und zu lesen
kriegen (Laute, Texte). Diese sind individuell von Person zu Person
verschieden und können auch von Situation zu Situation wechseln.

SPRACHE

LANGAGE LANGUE PAROLE

Sprachfähigkeit Sprachsystem Sprachgebrauch


„Sprechen“

KOMPETENZ PERFORMANZ

universal einzelsprachlich situationsabhängig


überindividuell individuell

Abb. 1: Die drei Bedeutungen von Sprache

Die Unterscheidung langue – parole geht auf Ferdinand de Saussure zurück, den
Begründer der sprachwissenschaftlichen Richtung des Strukturalismus (Anfang des
20. Jahrhunderts). Die Unterscheidng zwischen Kompetenz und Performanz stammt
von Noam Chomsky, dem Begründer des Generativismus in den 1950er Jahren.
(vgl. Ernst 2004: 51)

Womit beschäftigt sich nun eigentlich die Linguistik?


Linguistik im weitesten Sinne beschäftigt sich mit allen drei oben skizzierten
Bedeutungen von Sprache, allerdings sind nicht alle dem "Kernbereich" der Linguistik
zuzurechnen. Einige Fragestellungen grenzen an Untersuchungsgebiete anderer
Wissenschaften und überschneiden sich mit diesen. Man nennt diese Teilbereiche
der Linguistik "Bindestrichlinguistik", da sie in den Bereich von anderen
Wissenschaften übergreifen.

Mit der Fähigkeit zu sprechen beschäftigen sich Bereiche der Linguistik, die die
körperlichen (physiologischen und neurologischen) und geistigen (psychologischen
und kognitiven) Voraussetzungen für das Beherrschen von Sprache untersuchen.
Diese sind an der Grenze zur Neurophysiologie, zur Gehirnforschung, zur
Kognitionswissenschaft und zur Psychologie angesiedelt. Diese linguistischen
Teildisziplinen nennen sich daher Neurolinguistik, kognitive Linguistik,

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Psycholinguistik, usw. Hierher gehört etwa auch die Spracherwerbsforschung, die


erforscht, wie Kinder sprechen lernen, aber auch Erwachsene etwa beim Erlernen
einer Fremdsprache. Praktische Anwendungen dieser Gebiete sind etwa die
Logopädie, die Sprachlehr- und Sprachlernforschung und die Sprachdidaktik, die
beim Fremdsprachenunterricht Verwendung finden.

Die Beschäftigung mit der tatsächlichen Verwendung von Sprache und ihrem
Zusammenhang mit der kulturellen und sozialen Umgebung ihrer Verwender bildet
den Übergang von der Linguistik zu Fächern wie Soziologie, Kulturwissenschaft,
Ethnologie, Politologie u.a. Die Soziolinguistik beschäftigt sich mit dem
Zusammenhang von Sprache und Gesellschaft. Sie untersucht den Zusammenhang
von sozialer Herkunft und Sprachgebrauch. Zur Soziolinguistik gehört u.a. auch die
Dialektologie. Daneben untersucht die Soziolinguistik auch, wie sich der
Sprachgebrauch in verschiedenen Sprechsituationen und -anlässen ändert. Hierin
bildet sie auch den Übergang zur linguistischen Pragmatik, die die Bedingungen für
das Gelingen von sprachlichen Handlungen (Sprechakten) untersucht. Ein relativ
junger Zweig der Sprachwissenschaft ist die Diskursanalyse, die versucht, den
Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Diskurs und Sprachgebrauch zu
erklären und dabei Phänomene wie sprachliche Diskriminierung, den
Zusammenhang zwischen Sprache und Macht, etc. untersucht. Praktische
Anwendung dieser linguistischen Teildisziplinen sind etwa die Stilistik, die
Sprachberatung, die Rhetorik, aber auch Sprachpflege und Sprachpolitik.

Die Untersuchung des Sprachsystems schließlich stellt den eigentlichen


Kernbereich der Linguistik dar. Hier spricht man daher von der Linguistik im engeren
Sinne oder von „Systemlinguistik“ (in etwa das, was man gemeinhin mit dem Begriff
"Grammatik" verbindet). Sie versucht zu erklären, wie Sprache eigentlich funktioniert.
Dazu untersucht sie die systematischen Zusammenhänge zwischen den einzelnen
Elementen der Sprache: Welche Gesetzmäßigkeiten müssen zwischen diesen
bestehen, damit Sprache ihren Zweck, als Mittel der Kommunikation zu dienen,
überhaupt erfüllen kann. Dabei blendet die Systemlinguistik alle außersprachlichen
Elemente aus und betrachtet Sprache als eine abstrakte Struktur. Dies geschieht
jedoch nicht, weil die Existenz außersprachlicher Faktoren von der Systemlinguisitk
geleugnet würde, sondern weil sich ihr Erkenntnisinteresse in erster Linie auf diese
innersprachlichen Gesetzmäßigkeiten richtet. Die Kenntnis dieser regelmäßigen
Beziehungen innerhalb der Sprache ist die Voraussetzung, um alle anderen Bereiche
adäquat beschreiben zu können.

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

2. Kommunikationsmodelle
Kommen wir nun zur zweiten Frage: „Wozu dient Sprache? Welches sind ihre
Funktionen?“

Die wichtigste Funktion der Sprache ist die kommunikative Funktion, d.h. die
Funktion, Nachrichten zu übermitteln. Sprache ist ein Mittel, mit dessen Hilfe
Kommunikation möglich wird, jedoch nicht das einzige. Es existieren auch
nichtsprachliche Mittel der Kommunikation (man denke etwa an Piktogramme,
Verkehrszeichen, Gesten, usw.) Die Kommunikationswissenschaft beschäftigt sich
daher nicht nur mit Sprache sondern auch mit nichtsprachlicher Kommunikation
(Film, Bild, Körpersprache, nichtsprachliche Lautäußerungen etc.).

2.1 Bestandteile des Kommunikationsaktes


Sehen wir uns zunächst einige einfache Modelle der Kommunikation im Allgemeinen
an: Welche Einheiten sind an einem Kommunikationsakt beteiligt? Dies sind zum
einen die Kommunikationsteilnehmer (Sender und Empfänger), eine Verbindung
zwischen beiden (Kanal, Signal, Medium), die zu übermittelnde Nachricht und ein
gemeinsamer Kode.

SIGNAL

Quelle Sender KANAL Empfänger Verarbeitung


vorsprachliche Encodieren nachsprachliche
Decodieren
Information Reaktion

KODE

Nachricht
sachlicher Kommunikationsinhalt

Abb. 2: Modell der Sprachlichen Kommunikation, nach: Herrlitz, in Funk-Kolleg(1973): 45f. bearbeitet.

Kommunikationsteilnehmer:
An einem Kommunikationsakt sind immer mindestens zwei Individuen beteiligt.
(Selbstgespräche sind daher also keine Kommunikation):
Der Sender: Er setzt die vorsprachliche Information in sprachliche Form um (=
Encodieren) und schickt sie auf den Weg zum Empfänger.
Der Empfänger: Er nimmt die sprachliche Äußerung wahr und verarbeitet sie, d.h. er
setzt das sprachliche Signal wieder in nichtsprachliche Information um (=
Decodieren) und reagiert darauf. Diese Reaktion kann wiederum in einem
Kommunikationsakt bestehen. Daher ist klar, dass die Rollen von Sender und
Empfänger prinzipiell zwischen den beiden Kommunikationsteilnehmern wechseln
können.

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Nachricht (auch: Message, Botschaft, Inhalt):


Die Nachricht ist der sachliche Gegenstand der Kommunikation, die zu übermittelnde
Information, das, was kommuniziert werden soll. Sie wird auch als Denotat
(denotative Bedeutung) bezeichnet. Dieses ist zunächst außersprachlich, d.h. es
existiert unabhängig von der sprachlichen Umsetzung.

Kanal:
Der Kanal verbindet Sender und Empfänger. Damit Sender und Empfänger
Nachrichten austauschen können, muss zwischen beiden eine materielle Verbindung
bestehen. Diese kann unterschiedlicher Art sein: Sie kann aus Schallwellen,
Funkwellen, Lichtwellen, einer elektronischen Verbindung, einem Seil, usw.
bestehen.

Signal:
Das Signal ist eine materielle Veränderung des Kanals. Damit über den Kanal
Nachrichten gesendet werden können, muss dieser veränderbar sein, d.h. er muss
verschiedene Zustände zulassen. Die verschiedenen materiellen Zustände des
Kanals bezeichnet man als Signal, d.h. die charakteristischen Veränderung der
Schallwellen, der Lichtwellen, der Seilspannung, usw.

Medium:
Das Medium ist eine bestimmte konventionalisierte Form von Signalen: man
unterscheidet grundsätzlich zwischen mündlichen und schriftlichen
Kommunikationsmedien. Diese können weiter unterteilt werden in direktes
persönliches Gespräch, Telefongespräch, Briefverkehr, E-mail, Radio, Fernsehen,
Printmedien, Internet usw.

Kode:
Ein Kode ist ein Vorrat an Zeichen, über den sowohl Sender als auch Empfänger
verfügen müssen, um Information austauschen zu können. Jedes Zeichen ist eine
konventionalisierte Verbindung eines Signals (Ausdruck) mit einem Teil der Nachricht
(Inhalt). Der Kode legt also fest, welche Bedeutung die materiellen Veränderungen
des Kanals haben, z.B. bestimmte Kombinationen von Lauten, eine Abfolge von
Lichtblitzen, eine Kolonne von Einsen und Nullen, Straffung und Lockerung des
Seils.

Daneben ist zu berücksichtigen, dass jede Kommunikation in einem bestimmten


(situativen, sozialen und kulturellen) Kontext stattfindet, dass beide
Kommunikationsteilnehmer über ihren je eigenen Erfahrungshintergrund
(Sprachwissen, Weltwissen, Situationswissen etc.) verfügen. Dies bedingt

Konnotat:
Das Konnotat ist die über die sachliche Nachricht hinausgehende Information. Im
Gegensatz zum überindividuellen Inhalt des Denotats, ist das Konnotat vom
Erfahrungshintergrund und vom Weltwissen der Kommunikationsteilnehmer
abhängig. Meist verknüpfen die Kommunikationsteilnehmer mit den verwendeten
Zeichen auch individuelle Bedeutungen (Erfahrungen, Empfindungen). Diese mit
Zeichen verbundenen nichtkonventionalisierten Assoziationen, die nennt man
Konnotationen.

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Kontakt:
Unter Kontakt versteht man die (meist nicht explizit gemachte) soziale Komponente
der Kommunikation, die aus dem sozialen und emotionalen Verhältnis der beiden
Kommunikationspartner zueinander besteht (etwa ob sie einander bekannt oder
unbekannt, sympathisch oder unsympathisch sind, ob sie gleichberechtigt sind oder
in einem hierarchischen Verhältnis zueinander stehen, ob die Situation der
Kommunikation symmetrisch oder asymmetrisch ist usw.).

Kontext:
Der Kontext ist die konkrete Situation, in der der Kommunikationsakt stattfindet. Der
Kontext bezieht alle Arten von Umständen ein, die den Kommunikationsprozess
beeinflussen können, die Konsituation (wie Störungen des Kanals, physische und
psychische Voraussetzung der Kommunikationsteilnehmer, wie Müdigkeit,
Unkonzentiertheit, Nervosität) aber auch das Vorher und Nachher der
Kommunikation (den sogenannten Ko-Text).

2.2 Kommunikative Funktionen


Die Äußerung kann mit allen am Kommunikationsakt beteiligten Sphären in
Beziehung stehen, oft sogar mit mehreren gleichzeitig. Man unterscheidet demnach
verschiedene Äußerungsfunktionen. Diese sind in jeder Äußerung gleichzeitig
präsent, können jedoch unterschiedlich gewichtet sein.
Die drei grundlegenden Funktionen sprachlicher Äußerungen können sein:
• sachlicher Art (Mitteilung, Information):
Sie betreffen die Beziehung Zeichen – Kontext
= Darstellungsfunktion bei Bühler, = referentielle Funktion bei Jakobson
• expressiver Art (Emotionen, Gedanken):
Sie betreffen die Beziehung Zeichen – Sender
= Ausdrucksfunktion bei Bühler, = emotive Funktion bei Jakobson.
• appellativer Art (Wünsche, Aufforderungen):
Sie betreffen die Beziehung Zeichen – Empfänger
= Appellfunktion bei Bühler, = konative Funktion bei Jakobson.

Abb. 3: Das Bühler’sche Organonmodell, nach: Bühler (1934): Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache.

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Im Modell von Jakobson kommen daneben noch 3 weitere Funktionen vor:


• die phatische Funktion: betrifft die Beziehung Zeichen – Kontakt und dient
der Aufrechterhaltung der Kommunikation als solches. Phatische Äußerungen
thematisieren somit das Stattfindens von Kommunikation selbst. (z.B.
Äußerungen vom Typ „Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit“)
• die metasprachliche Funktion: betrifft die Beziehung Zeichen – Kode und
dient der Verständigung über die Bedeutung der verwendeten Zeichen.
Metasprachliche Äußerungen thematisieren so den Inhalt sprachlicher
Zeichen.
• die ästhetische (auch: poetische) Funktion: betrifft die Beziehung Zeichen
– Mitteilung. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf die Art und Weise des
sprachlichen Ausdrucks und ist damit laut Jakobson selbstreferentiell, d.h. das
Zeichen thematisiert sich selbst und die Art seiner materiellen Beschaffenheit.

Abb. 4: Erweiterung des Bühlerschen Modells; nach: Roman Jakobson (1960): Linguistik und Poetik

Weitere Funktionen von Sprache


Neben der kommunikativen Funktion erfüllt Sprache daneben auch andere
Funktionen:

So dient sie als Medium, in dem Wissen erworben und gespeichert wird. Durch
Sprache wird das Verstehen und Verarbeiten von Information erst ermöglicht.
Sprache erfüllt also eine wichtige Funktion im menschlichen Denken, hat also eine
kognitive (epistemische) Funktion.

Im gesellschaftlichen Zusammenhang ist Sprache ein wichtiger Faktor für die


Selbstdefinition und Identitätsbildung von Individuen. Die Verwendung der eigenen
Sprache ist bis zu einem gewissen Sinne auch ein menschliches Grundrecht.
Sprache hat in diesem Sinne auch eine wichtige symbolische und politische
Funktion.

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3. Das sprachliche Zeichen

3.1 Zeichenmodelle

Wir haben den Kode als einen Vorrat an Zeichen definiert, über den sowohl Sender
als auch Empfänger verfügen müssen, um kommunizieren zu können. Sehen wir uns
nun den Begriff des Zeichens näher an. Mit den Zeichen (auch nichtsprachlichen)
beschäftigt sich eine eigene Wissenschaft, die Semiotik. In der Semiotik versteht
man unter einem Zeichen die Verbindung eines Signals (Ausdruck) mit einem Teil
der Nachricht (Inhalt). Jedes Zeichen vereinigt also zwei Seiten in sich: eine
Ausdrucksseite und eine Inhaltsseite.

Der Ausdruck ist die materielle Seite des Zeichens und hängt vom jeweiligen Kanal
ab: er kann optischer, akustischer oder auch anderer Art sein (etwa in der Art der
Seilspannung bestehen). Beim sprachlichen Zeichen ist der Ausdruck stets eine
Lautverbindung, etwa die Kombination der Laute [b]-[a]-[u]-[m]. Dies gilt auch beim
schriftlichen Gebrauch der Sprache: bei Lautschriften steht die optische Form
stellvertretend für eine Kombination von Lauten. Diese Laute wiederum sind mit
Bedeutung verbunden. Eine direkte Verbindung von optischem Signal und
Bedeutung (etwa eine rote Ampel) ist daher kein sprachliches Zeichen. Doch auch
eine bestimmte Folge von gesprochenen Lauten allein ist für sich betrachtet noch
kein "Zeichen". Dazu wird sie erst, wenn ihr eine bestimmte Bedeutung zugeordnet
ist, hier mit dem Inhalt „Baum“.

Der Inhalt ist die immaterielle Seite des Zeichens, sein Bedeutungsgehalt. Die
sprachliche Bedeutung besteht aus einer gedanklichen Vorstellung: mit der
Lautverbindung [b-a-u-m] ist also nicht notwendigerweise ein bestimmter Baum
gemeint, sondern u.U. alle Bäume bzw. nur das gedankliche Konzept „Baum“ im
allgemeinen.

Ausdruck Inhalt
(materiell) (immateriell)
Bezeichnendes Bezeichnetes
Signifikant Signifikat
signifié signifiant
Zeichenträger Bedeutungsgehalt
Lautkörper Konzept

[b–a–u–m]

Abb. 5: Die zwei Seiten des sprachlichen Zeichens

15
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Wenn der Sprecher jedoch über einen ganz bestimmten Baum in der Wirklichkeit
spricht, kommt noch eine dritte Seite des Zeichens hinzu. Dies ist die tatsächliche
Entsprechung der gedanklichen Vorstellung in der außersprachlichen Realität, auf
die sich das Zeichen bezieht. Diese Beziehung zwischen Zeichen und
außersprachlicher Realität nennt man Referenz. Das Zeichen „referiert“ auf etwas in
der Wirklichkeit. Die Entsprechung des sprachlichen Inhalts in der Wirklichkeit nennt
man daher auch den Referenten. Die drei Seiten des Zeichens: sprachlicher
Ausdruck, sprachlicher Inhalt und Referent bilden das semiotische Dreieck.

Sprachlicher Ausdruck Sprachliche Bedeutung

[b–a–u–m]

Referent = Entsprechung in der


außersprachlichen Realität

Abb. 6: Das semiotische Dreieck

3.2 Drei Arten von Zeichen


Die Verbindung zwischen der Ausdrucks- und der Inhaltsseite des Zeichens kann
unterschiedlicher Art sein. Auf der Grundlage dieser Beziehung unterscheidet Peirce
drei Arten von Zeichen:

• Ikonische Zeichen:
Die Verbindung von Ausdruck und Inhalt beruht auf äußerer Ähnlichkeit. Der
Ausdruck bildet den Inhalt ab, er macht eine Kopie der außersprachlichen
Realität. Diese Art der Verbindung nennt man bildlich oder ikonisch.

• Indexikalische Zeichen:
Die Verbindung von Ausdruck und Inhalt beruht auf einer inneren
Notwendigkeit: Der Ausdruck ist hier nicht Abbild sondern die notwendige
Folge des Inhalts. Die äußere Form des Zeichens ist somit infolge ihres Inhalts
entstanden, sie verweist daher auf ihn oder indiziert ihn.

• Symbolische Zeichen:
Die Verbindung von Ausdruck und Inhalt ist rein willkürlich festgelegt. Es
besteht weder äußerliche Ähnlichkeit noch innere Notwendigkeit. Im Prinzip
könnte daher für denselben Inhalt auch ein völlig anderer Ausdruck stehen.

16
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Die Verbindung zwischen beiden ist frei wählbar, d.h. arbiträr. Sender und
Empfänger müssen aber diese Verbindung kennen, um miteinander
kommunizieren zu können. Sie müssen sich also auf diese Verbindung
geeinigt haben, die Verbindung ist daher konventionell.
Zeichen, die auf diesem Prinzip beruhen, nennt man symbolische Zeichen
(oder Symbole). Die überwiegende Mehrzahl der sprachlichen Zeichen beruht
auf Konvention. Sprachliche Zeichen sind daher im semiotischen Sinne
Symbole.
Drei Arten von Zeichen
(Charles S. Peirce)

Ikonisches Indexikalisches Symbolisches


Zeichen Zeichen Zeichen
Verbindung Verbindung Verbindung
Ausdruck –Inhalt: Ausdruck –Inhalt: Ausdruck –Inhalt:

Äußere Ähnlichkeit Innere Notwendigkeit Willkürlich gewählt


(Abbildhaftigkeit) (Kausalität) (Arbitrarität)
beruht auf Konvention

Abb. 7: Beispiele für ikonische, indexikalische und symbolische Zeichen

17
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

3.3 Drei Dimensionen von Zeichen

Das Zeichen kennt nach Morris drei Dimensionen:


• Die pragmatische Dimension tritt in der Beziehung zwischen dem Zeichen
und seinem Benutzer (Interpretant) auf. Pragmatik ist also der Bereich der
Zeichenverwendung, die linguistische Pragmatik beschäftigt sich mit der
Sprachverwendung.

• Die semantische Dimension betrifft das Verhältnis zwischen dem Zeichen


und seinem Designat (seinem Inhalt). Die Semantik ist also der Bereich, der
sich mit dem Inhalt des sprachlichen Zeichens beschäftigt.

• Die syntaktische Dimension betrifft das Verhältnis von Zeichen zu anderen


Zeichen (Zeichenträgern). Die Syntax im weitesten Sinne ist also der
Bereich der Verknüpfung von Zeichen.

Abb.8: Dimensionen des Zeichens, nach: Charles Morris (1938): Foundations of a Theory of Signs

Nach diesen 3 Dimensionen des Zeichens kann man auch die drei Hauptgebiete der
Linguistik unterscheiden: Pragmatik, Semantik und Syntaktik.

18
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

4. Teilgebiete der Linguistik

4.1 Teilgebiete der sprachlichen Bedeutung

Pragmatik
Vergleichen wir die Äußerungen "Darf ich dich etwas fragen, Herr Professor?"
Oder die "Ich erkläre euch zu Mann und Frau" (wenn der Sprecher kein Priester oder
Standesbeamter ist). Wir stellen fest, dass diese Äußerungen weder formal noch
inhaltlich „falsch“ sind. Der Fehler besteht eher in der Äußerungssituation, in der
inadäquaten Verwendung von Sprache. Die Äußerungen sind daher nicht „falsch“ im
grammatischen oder im semantischen Sinn, sondern "pragmatisch falsch", d.h. falsch
gebraucht. Die Pragmatik beschäftigt sich also mit dem Zusammenhang von
Sprache und Äußerungssituation. Ein und dieselbe Äußerung kann in einer Situation
angebracht ("richtig") sein, in einer anderen Situation nicht. Dieser Zusammenhang
ist aber nicht willkürlich, sondern unterliegt auch bestimmten Regeln. (Regeln für
Höflichkeit, Sprecherwechsel, Rückfragen, Glückensbedingungen für Sprechakte
etc.…).

Semantik
Betrachten wir Äußerungen wie Chomskys berühmten Satz Colourful green ideas
sleep furiously oder das Gedicht Dunkel war's, der Mond schien helle, als ein Wagen
blitzeschnelle, langsam um die Ecke fuhr, so stellen wir fest, dass auch hier
„grammatisch“ betrachtet alles richtig ist, sofern man unter Grammatik nur den
sprachlichen Ausdruck versteht. Der Fehler besteht jedoch nicht im Ausdruck,
sondern im Inhalt der sprachlichen Äußerung. Sie ist daher nicht "grammatisch
falsch", sondern "semantisch falsch".

Syntaktik:
Lexikon und Grammatik
Die syntaktische Dimension beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen den
Zeichenträgern. Man unterscheidet zwei Arten von Beziehungen: paradigmatische
und syntagmatische Beziehungen. Diese werden zwei Teilbereichen der Sprache
zugeordnet: dem Lexikon und der Grammatik.

Das Lexikon (der Wortschatz) enthält eine offene (unendliche) Menge von
lexikalischen Einheiten. Einheiten des Wortschatzes stehen zueinander in
paradigmatischer Beziehung. Es sind Einheiten, die in einem Satz gegeneinander
ausgetauscht werden können, die an die selbe Stelle gesetzt werden können =
Ersetzungsrelation.
Mit dem Wortschatz der Sprache beschäftigt sich die Lexikologie.

Die Grammatik enthält demgegenüber eine geschlossene (endliche) Menge von


Regeln zum Aufbau, zur Veränderung und zur Verbindung dieser Einheiten. Die
Grammatik stellt also zwischen den Einheiten des Wortschatzes eine
syntagmatische Beziehung her: Verknüpfung von Einheiten zu einer Äußerung
(einem Satz). = Verknüpfungsrelation.

19
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Peter half die Bücher drucken Æ Syntagma


Verknüpfung von
Anna kam die Hefte holen Einheiten

Das Kind sah eine Kerze brennen



Paradigma
Ersetzung von Einheiten
Abb.9: Syntagmatische und paradigmatische Relatinonen
nach: Baumgärtner, Klaus – Fritz, Gerd, in: Funk-Kolleg (1973): 123.

4.2 Teilgebiete des sprachlichen Ausdrucks: Phonetik/Phonologie,


Morphologie und Syntax

Sprachliche Einheiten und linguistische Beschreibungsebenen:


Sprachliche Äußerungen sind in Bestandteile zerlegbar (= segmentierbar oder
analysierbar). Durch Analyse oder Kombination dieser Bestandteile erhält man die
jeweiligen linguistischen Beschreibungsebenen.
Die kleinsten Einheiten erhält man durch Teilung (Analyse) von größeren Einheiten.
Sie bilden die Mikroebene der linguistischen Beschreibung.
Die größeren Einheiten erhält man durch Kombination von kleineren Einheiten. Sie
befinden sich auf der Makroebene der linguistischen Beschreibung.
Die Ebenen der sprachlichen Beschreibung im einzelnen sind:
• Laut (Phon/Phonem): Der Sprachlaut ist die kleinste sprachliche Einheit und
nicht weiter zerlegbar, vereinigt in sich aber "Bündel" von Merkmalen, die ihn von
anderen Lauten unterscheidbar machen.
• Morphem: Ein Morphem besteht aus (keinem), einem oder mehreren Lauten.
• Wort: Ein Wort besteht aus einem oder mehreren Morphemen.
• Satzglied (Syntagma): Ein Satzglied besteht aus einem oder mehreren Wörtern.
• Satz: ein Satz besteht aus einem oder mehreren Satzgliedern.
• Text: ein Text besteht aus einem oder mehreren Sätzen.
• Diskurs: ein Diskurs besteht aus einem oder mehreren Texten.

Teilgebiete der Sprachwissenschaft:


Nach diesen Beschreibungsebenen werden die einzelnen Teilgebiete der
Sprachwissenschaft (linguistische Teildisziplinen) eingeteilt. Sie beschäftigen sich mit
den entsprechenden Bestandteilen der sprachlichen Äußerung:
• Phonetik: beschäftigt sich mit den Lauten der Sprache, d.h. mit ihrer Erzeugung
(der Artikulation) und mit ihren physikalischen Eigenschaften
• Phonologie: beschäftigt sich mit der Funktion der Laute im System der Sprache,
d.h. welche Lautunterschiede können Bedeutungsunterschiede nach sich ziehen
• Morphologie (Formbildung, Wortbildung): beschäftigt sich mit den
Bestandteilen des Wortes und ihrer Funktion
• Syntax: beschäftigt sich mit der Verbindung von Wörtern zu größeren Einheiten:
Wortverbindungen (Syntagmen) bis zur Ebene des Satzes.
• Textlinguistik / Textsyntax: beschäftigt sich mit der Verbindung von Sätzen zu
größeren Einheiten (Satzverbindungen bis zur Ebene des Textes)
• Diskursanalyse: beschäftigt sich mit der inhaltlichen und sprachlichen Analyse
gesellschaftlicher Diskurse

20
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

• Lexikologie: beschäftigt sich mit den regelmäßigen Beziehungen zwischen den


Wörtern
• Lexikographie: Lehre von der Erstellung von Wörterbüchern
• Semantik: Lehre von der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke (von Morphemen,
Wörtern, Sätzen)
• Pragmatik: Lehre von der Beziehung der Sprache zum außersprachlichen
Kontext (Situation, soziales Umfeld, "Diskurs", "Sprechhandlung")

Abb. 10: Sprachliche Ebenen und Teilgebiete der Sprachwissenschaft, nach: Jana Kubišta, Holger Kuße.

Weiterführende Literatur:

Ernst, Peter: Germanistische Sprachwissenschaft. Wien: Facultas, 2004.


Grundlagen: Der Mensch und seine Sprache. S. 11-58.
Funk-Kolleg Sprache. Eine Einführung in die moderne Linguistik. Band I. Frankfurt a.
M.: Fischer, 1973. Teil I: Kommunikation und Sprache. S. 27-102.
Geier, Manfred: Orientierung Linguistik. Was sie kann, was sie will. Reinbek:
Rowohlt, 1998.
Kubišta, Jana – Kuße, Holger: Einführung in die Sprachwissenschaft für Slawisten.
Im Netz unter: http://www.tu-dresden.de/slk/slav0.htm
Lehfeldt, Werner: Einführung in die Sprachwissenschaft für Slavisten. München: Otto
Sagner, 1996.
Vater, Heinz: Einführung in die Sprachwissenschaft.

21
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Teil 1 B: Einteilung der slavischen Sprachen:

5. Einteilungskriterien für Sprachen


5.1. nach der Entstehung (natürliche und künstliche Sprachen)
5.2. nach der Vitalität (lebende und tote Sprachen)
5.3. typologische (strukturelle) Einteilung
5.4. geographische Einteilung
6. Historisch-genetische Einteilung
6.1. Sprachfamilien
6.2. Sprachzweige des Indoeuropäischen
6.3. Binnenklassifizierung der slavischen Sprachen
7. Funktionale Einteilung
7.1. Standardsprachen und Nichtstandardsprachen
7.2. Quantitative Einteilung
7.3. Verhältnis Sprachgebiet - Staatsgebiet
8. Grammatische Gemeinsamkeiten slavischer Sprachen

1. Einteilungskriterien für Sprachen


Die slavische Sprachwissenschaft (Slavistik) beschäftigt sich nur mit einem
bestimmten Ausschnitt von Einzelsprachen, die gemeinsame Abstammung
aufweisen, also miteinander „verwandt“ sind und somit auch über eine Reihe
gemeinsamer Merkmale verfügen. "Slavische" Sprachen sind also das Ergebnis
einer Einteilung der Sprachen nach dem Kriterium der Verwandtschaft. Es gibt aber
auch andere Kriterien, nach denen Sprachen eingeteilt werden können. Dazu zählen
u.a.:

• Nach der Art der Entstehung: natürliche vs. künstliche Sprachen: Natürliche
Sprachen haben sich im Laufe der Geschichte gewissermaßen selbstständig,
weitgehend ohne planende Eingriffe entwickelt. Künstliche Sprachen dagegen
sind willentlich geschaffene und geplante Sprachen (man spricht daher auch von
Plansprachen). Kunstsprachen sind etwa Esperanto, Programmiersprachen wie
Java, C++, aber auch für bestimmte Fächer geschaffene Notationen (etwa in der
Mathematik in der Logik, Musik, Chemie, ...) Aber auch moderne
Standardsprachen sind das Ergebnis von geplanten Eingriffen und daher bis zu
einem gewissen Grad ebenfalls „künstlich“.
• Nach der aktuellen Verwendung: lebende vs. tote Sprachen: Lebende
Sprachen werden in der Gegenwart von mindestens einem Menschen als
Muttersprache gesprochen. Tote Sprachen können zwar noch im Gebrauch sein
(zu bestimmten Funktionen, wie etwa in der Liturgie oder der Wissenschaft)
werden aber im Alltag nicht mehr verwendet und sind niemandes Muttersprache.
Zu den toten Sprachen zählen ausgestorbene Sprachen, wie Hethitisch,
Awestisch, Gotisch, keltische Sprachen wie Cornish und Manx, im Bereich der
slawischen Sprachen etwa das Elb- und Ostseeslavische (Polabisch, Slovinzisch,
22
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Polabisch), daneben aber auch die historischen Vorläufer der heutigen


Standardsprachen, etwa Latein, Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch, Altenglisch,
bei den slawischen Sprachen Altkirchenslavisch, Altrussisch, Alttschechisch,
Altpolnisch usw.
• Typologische (strukturelle) Einteilung:
Die typologische oder strukturelle Einteilung teilt Sprachen nach der Art und
Weise wie sie bestimmte, v.a. abstrakte grammatische Bedeutungen ausdrücken:
sie teilt dabei die Sprachen der Welt in 3 große Haupttypen ein:
o flektierende Sprachen: In flektierenden Sprachen verändern die Wörter ihre
Form, etwa durch das Anfügen von Endungen. Charakteristisch für
flektierende Sprachen ist, dass Endungen meist mehrere grammatische
Bedeutungen auf einmal ausdrücken (vgl. etwa -ам in russ. книгам: drückt
Dativ + Plural aus; -m in tsch. vidím: drückt 1.Person + Singular + Präsens +
Indikativ + Aktiv aus). Zu den flektierenden Sprachen gehören die meisten uns
bekannten Sprachen, etwa Latein, Deutsch, und v.a. die slavischen Sprachen.
o agglutinierende Sprachen: Auch in den agglutinierenden Sprachen
verändern die Wörter ihre Form, meist durch das Anhängen von Suffixen.
Dabei entspricht jedoch jedes Suffix genau einer grammatischen Kategorie:
vgl. etwa das Ungarische: ünnepeket „Feiertage (Akk.)“, wo -k- das Zeichen
für den Plural darstellt, -t dagegen das Zeichen für Akkusativ. Agglutinierende
Sprachen sind etwas das Ungarische oder das Türkische. Agglutinierende
Elemente gibt es auch im Deutschen, etwa beim Dativ Plural, den Kindern, wo
-er- den Plural anzeigt, -n den Dativ.
o isolierende Sprachen: In isolierenden Sprachen bleiben die Wörter
unverändert, ihre Bedeutung erhalten sie erst im Satzzusammenhang.
Isolierende Sprachen verfügen daher über grammatische Wörter, die nur zum
Ausdruck grammatischer Kategorien dienen, etwa das engl. of für den Genitiv.
Beispiele für isolierende Sprachen sind das Chinesisch, aber auch das
Englische entwickelt sich durch den Verlust der Flexion in Richtung einer
isolierenden Sprache.
o introflektivische / polysynthetische Sprachen: In introflektivischen
Sprachen können sich die Wörter sehr stark verändern und drücken dadurch
komplexe Sachverhalte wie etwa syntaktische Bezüge sehr kondensiert aus.
Beispiele sind etwa die Sprachen der nordamerikanischen Indianer, aber auch
in den indoeuropäischen Sprachen gibt es introflektivische Elemente, etwa
Vokalwechsel im Stamm zum Ausdruck von Tempus und Modus (engl. sing,
sang, sung; dt. gebe, gäbe, gab, gib).
• Daneben kann man Sprachen typologisch auch nach dem Vorkommen
bestimmter grammatischer Erscheinungen klassifizieren, etwa nach dem
Vorkommen einer bestimmten Wortart, wie Artikel (Artikelsprachen verfügen über
die Wortart Artikel im Gegensatz zu artikellosen Sprachen) oder einer
grammatischen Kategorie (Aspektsprachen drücken die Kategorie Aspekt
grammatisch aus; Tempussprachen drücken die Kategorie Tempus grammatisch
aus, usw.)
• Geographische Einteilung:
• Nach geographischen Kriterien kann man Sprachen in benachbarte und entfernte
Sprachen einteilen. Mit der geographischen Verteilung von Sprachen beschäftigt
sich die sog. Areallinguistik. Häufig ist dabei das Phänomen zu beobachten, dass
benachbarte Sprachen sich gegenseitig beeinflussen und somit bestimmte
Gemeinsamkeiten aufweisen, obwohl sie genetisch nicht miteinander verwandt

23
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

sind. In diesem Fall spricht man von einem „Sprachbund“. Der bekannteste
derartige Fall in Europa ist der sog. „Balkansprachbund“: zu ihm gehören
Sprachen unterschiedlicher Abstammung wie, Rumänisch, Albanisch, Griechisch,
Türkisch, Bulgarisch, Mazedonisch und einige ostserbische Dialekte, die durch
jahrhundertelangen Sprachkontakt eine Reihe von typologischen Phänomenen
gemeinsam haben (etwa einen nachgestellten Artikel, den Modus Narrativ u.a.)

In unserer Betrachtung der slavischen Sprachen wollen wir uns auf zwei
Einteilungskriterien konzentrieren: auf die genetische Einteilung und die
funktionale Einteilung.

2. Genetische (historische) Einteilung der Sprachen:


2.1 Sprachfamilien

Diese Klassifikation folgt genetischen und historischen Kriterien, d.h. sie


berücksichtigt die gemeinsame Abstammung und die geschichtliche Entwicklung von
Sprachen. Sie gruppiert Sprachen also nach dem Grad ihrer Verwandtschaft
zueinander. Man spricht daher von Sprachfamilien.
Zu einer Familie gehören Sprachen, die sich historisch aus einer gemeinsamen
Ursprache entwickelt haben. Innerhalb der Sprachfamilien kann man weiter in
Sprachzweige und Sprachgruppen und schließlich in einzelne Sprachen teilen.
Doch auch innerhalb der heutigen Einzelsprachen kann man nach historischen
Gesichtspunkten weiter unterteilen, in historisch verwandte Dialektgruppen und
schließlich bis hin zu den einzelnen Dialekten.

Die slawischen Sprachen gehören zur Sprachfamilie des Indoeuropäischen (oder


Indogermanischen). Diese Sprachen lassen sich auf eine gemeinsame Ursprache,
das Indoeuropäische (oder Indogermanische) zurückführen. Da diese Sprache
vorhistorisch ist, also nicht durch schrifltiche Denkmäler belegt ist, kann sie nur
rekonstruiert werden, d.h. man schließt durch den Vergleich der heutigen Sprachen
(oder ihrer historischen Vorläufer) auf die allen zugrunde liegende gemeinsame
Ursprache zurück. Diese sprachwissenschaftliche Methode nennt man historisch-
vergleichende Methode, die zugehörige Disziplin historisch-vergleichende
Sprachwissenschaft. Sie war v.a. im 19. Jahrhundert die vorherrschende Richtung
der Sprachwissenschaft, als man Sprache vorwiegend als das Ergebnis einer
geschichtlichen Entwicklung betrachtete und sich hauptsächlich für historische
Fragestellungen interessierte. Nach dem historisch-genetischen Prinzip werden aber
bis heute die philologischen Fächer Germanistik, Anglistik, Romanistik, Gräzistik,
Slawistik, Keltistik, Baltistik usw. eingeteilt.
Neben der indoeuropäischen Sprachfamilie gibt es in Europa nur noch wenige Sprachen
die anderen Sprachfamilien angehören.
• Finnisch, Ungarisch, Estnisch und einige kleinere Sprachen auf dem Territorium
der russischen Föderation gehören zur uralischen (oder finno-ugrischen)
Sprachfamilie.
• Türkisch gehört wie Turkmenisch, Aserbaidschanisch, Mongolisch zur altaischen
Sprachfamilie (auch Turksprachen)
• Das Baskische bildet eine eigene Sprachfamilie.
• Zur hamito-semitischen (afro-asiatischen) Sprachfamilie gehören u.a.
Hebräisch, Aramäisch, Arabisch, Ägyptisch, und Maltesisch.
• Eine eigene Sprachfamilie bilden die kaukasischen Sprachen (u.a. Georgisch,
Tschetschenisch, Inguschisch, Abchasisch)

24
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

• Eine Reihe von Sprachen in der Russischen Föderation gehören zur


paläosibirischen Sprachfamilie (u.a. Tschuktschisch, Tschuwaschisch)
Die meisten Sprachfamilien sind jedoch außerhalb Europas verbreitet: u.a. die
drawidischen Sprachen im Süden der indischen Halbinsel, austro-asiatische Sprachen,
Tai-Sprachen, sino-tibetische Sprachen, nilo-saharische Sprachen, Niger-Kongo-
Sprachen, indopazifische Sprachen, und verschiedene Sprachfamilien auf dem
amerikansichen Kontinent (u.a. Indianersprachen)

Sprachfamilien in Europa
Quelle: Matthew Dryer, http://linguistics.buffalo.edu/people/faculty/dryer/dryer/map.europe.gif

Indoeuropäische Sprachfamilie
Finno-ugrische (uralische) Sprachfamilie
Altaische Sprachfamilie (Turksprachen)
Baskisch
Hemito-semitische Sprachfamilie

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

2.2 Sprachzweige des Indoeuropäischen

Innerhalb der indoeuropäischen Sprachfamilie unterscheidet man die folgenden


Sprachzweige:

• Slavische Sprachen (siehe genauer nächste Seite )


• Baltische Sprachen:
Litauisch, Lettisch (historisch: Altpreußisch)
• Germanische Sprachen: drei Untergruppen:
o ostgermanisch: Gotisch (historisch)
o nordgermanisch: skandinavische Sprachen:
Schwedisch, Norwegisch, Dänisch, Isländisch, Färöisch
o westgermanisch:
Englisch, Deutsch, Niederländisch, Friesisch, Jiddisch, Afrikaans
• Keltische Sprachen:
Irisch, Schottisch (Gälisch), Walisisch, Bretonisch (historisch: Manx und Kornisch)
• Italische (romanische) Sprachen:
Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch, Rumänisch, Katalanisch,
Galizisch, Sardisch, Korsisch, Okzitanisch, Rätoromanisch, Ladinisch (historisch:
Latein, Dalmatinisch)
• Indo-iranische Sprachen: zwei große Gruppen:
o indo-arische Sprachen mit über 500 Sprachen, darunter:
Hindi (Urdu), Pandschabi, Bengali, Singhalesisch, Romani (Sprache der
Roma) (historisch: Sanskrit).
o iranische Sprachen:
Persisch, Tadschikisch, Paschto, Ossetisch, Kurdisch; historisch: Awestisch
• Griechisch:
bildet einen eigenen Zweig innerhalb des Indoeuropäischen; seit dem 14. Jh. v.
Chr. belegt
• Albanisch:
eigener Zweig innerhalb des Indoeuropäischen.
• Armenisch:
die älteste bis heute gesprochene Schriftsprache
• Anatolische Sprachen:
eine Gruppe ausgestorbener Sprachen, zu denen u.a. Hethitisch gehört, die
Sprache, in der die ältesten bekannten indoeuropäischen Schriftbelege verfasst
sind.
• Tocharisch:
historische Sprache, die bis ca. 1000 n.Chr. in Chinesisch-Turkestan gesprochen.
und erst um das Jahr 1890 wiederentdeckt wurde.

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Indoeuroäische Sprachzweige in Europa


Quelle: Matthew Dryer, http://linguistics.buffalo.edu/people/faculty/dryer/dryer/map.euro.ie.GIF

Slavische Sprachen
Germanische Sprachen
Romanische Sprachen
Keltische Sprachen
Baltische Sprachen
Griechisch
Albanisch
Nicht-indoeuropäische Sprachen

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

2.3 Binnengliederung der slavischen Sprachen:


Die slavischen Sprachen stellen einen eigenen Zweig innerhalb der
indoeuropäischen Sprachfamilie dar. Sie sind also mit den germanischen Sprachen
"urverwandt". Innerhalb der indoeuropäischen Sprachen sind die slavischen am
nächsten mit den baltischen Sprachen verwandt. Man nimmt an, dass es bei der
Entwicklung vom Indogermanischen zum Urlavischen eine gemeinsame
"baltoslawische" Entwicklungsstufe gab.
Die älteste slawische Sprache ist das "Urslavische". Diese ist jedoch ebenfalls nicht
schriftlich belegt, kann also ebenso wie das Indogermanische nur erschlossen
(rekonstruiert) werden. Die älteste durch schriftliche Denkmäler belegte Sprache ist
das Altkirchenslawische (oder Altbulgarische).

Innerhalb der slavischen Sprachen werden 3 große Untergruppen unterschieden:


• ostslavische Sprachen:
Die drei heutigen ostslavischen Standardsprachen sind: Russisch, Ukrainisch
und Weißrussisch (Belorussisch).
Daneben gibt es einige kleinere ostslavische Sprachen: Westpolessisch wird im
Grenzgebiet zwischen Weißrussland, der Ukraine und Polen gesprochen. Vom
Russinischen existieren zwei räumlich getrennte Varianten: das Karpato-
Russinisch oder Ruthenisch wird von einer Minderheit in der Westukraine, der
Ostslowakei und im Nordosten Ungarns gesprochen, das Jugoslavo-Russinische
ist ein sprachliche Minderheit im Norden Serbiens (in der Vojvodina).
• westslavische Sprachen:
Die drei westslavischen Standardprachen sind: Polnisch, Tschechisch und
Slovakisch.
Zu den westslavischen Kleinschriftsprachen gehört Sorbisch im Osten
Deutschlands, das zwei Sprachen bildet: Obersorbisch in der Lausitz rund um
Bautzen, und Niedersorbisch im Spreewald nahe Cottbus. Daneben kann auch
das an der Ostsee in der Gegend von Danzig gesprochene Kaschubische als
eigene Sprachen gelten, obwohl es Tendenen zeigt, den Status eines polnischen
Dialekts anzunehmen. Ausgestorbene westslavische Sprachen sind das
sogenannte Elb- und Ostseeslavisch: Polabischan der Elbe im heutigen
Wendland, Pomoranisch in Pommern und Slovinzisch südlich von Danzig.
• südslavische Sprachen:
Zu den südslavischen Standardsprachen zählen heute Bulgarisch, Slovenisch,
Mazedonisch, sowie die drei Nachfolgesprachen, des Serbokroatischen:
Serbisch, Kroatisch und Bosnisch, die sich erst seit ca. 15 Jahren zu
eigenständigen Standardsprachen entwickeln.
Daneben gibt es außerhalb des slavischsprachigen Territoriums eine Reihe von
südslavischen Kleinschriftsprachen. Dazu gehören das Burgenländer Kroatisch
und das Kärntner Slovenisch in Österreich, auf dem Gebiet Italiens das
Resianische in Friaul und das Moliseslavische in Süditalien, sowie das Banater
Bulgarische in Rumänien.
Die wichtigste historische südslavische Sprache ist Altkirchenslavisch (oft auch
als Altbulgarisch bezeichnet), die slavische Sprache, die als erste schriftlich fixiert
wurde und für die ein eigenes slavisches Alphabet geschaffen wurde. Sie wurde
v.a. im byzanthinisch-orthodoxen Raum jahrhundertelang in der Liturgie
weiterverwendet und übte großen Einfluss auf die Entwicklung auch der anderen
slavischen Sprachen aus.

28
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Die slavischen Sprachen


(Einteilung nach: Reder (Hg.) 1993)

Russisch

Kaschubisch
Weißrussisch

Niedersorbisch
Polnisch
Obersorbisch
Westpolessisch
Ukrainisch

Tschechisch
Karpato-Russinisch /
Slovakisch Ruthenisch

Burgenländer
Kroatisch

Banater Bulgarisch
Resianisch Slovenisch
Kroatisch Jugoslavo-
Russinisch
Bosnisch
Serbisch
Bulgarisch

Moliseslawisch
Makedonisch

Ostslavische Sprachen
Westslavische Sprachen
Südslavische Sprachen

Slavische Standardsprachen
Slavische Kleinschriftsprachen (Mikroliteratursprachen)

29
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

3. Funktionale Einteilung:
Nach funktionalen Kriterien werden Sprachen klassifiziert, je nachdem welche
kommunikationen Funktionen sie in den staatlichen Gebilden, in denen sie
gesprochen werden, erfüllen können Die wichtigste Unterscheidungen ist die
zwischen Standardsprachen und Nichtstandardsprachen. Unter Standardsprachen
versteht man voll funktionsfähige, „ausgebaute“ Sprachen (andere Begriffe sind
Hochsprache, Schriftsprache, Literatursprache). Standardsprachen verfügen über
eine festgelgte Form ihrer schriftlichen Wiedergabe, sie sind in Schreibung und
Aussprache normiert und können in wichtigen offiziellen Funktionen verwendet
werden (z.B. für Verträge, Gesetzestexte, in der Wissenschaft, der Literatur, in den
Massenmedien, usw.).
Als Standardsprachen sind heute die in der Karte auf S. 8 fett gedruckten 12
slavischen Sprachen anerkannt. Sie können heute in den Ländern, in denen sie
gesprochen werden, offizielle Funktionen übernehmen, sind offiziell als
Staatssprache anerkannt, bzw. als Amtssprache zugelassen. Daneben gibt es jedoch
eine Reihe von slavischen Sprachen, für die zwar eine schriftliche Form existiert, die
jedoch nicht in der Funktion von Staats- oder Amtssprachen gebraucht werden,
sondern die lediglich von Minderheiten auf dem Territorium anderer Sprachen
gebraucht werden. Sie werden daher als Kleinschriftsprachen (oder
Mikroliteratursprachen) bezeichnet.
Daneben gibt es eine Gruppe von Sprachen, die in ihrer Geschichte eine gewisse
sprachliche Eigenständigkeit, z.T. sogar eine schritliche Tradition aufwiesen, diese
mittlerweile jedoch verloren haben und daher heute nur noch als Dialekte der sie
umgebenden Standardsprachen betrachtet werden können. Dazu zählen das
Schlesische (oder Lachische), das heute ein polnischer Dialekt ist, das Prekmurische
im Osten Sloweniens, sowie die kroatischen Dialekte Kajkavisch (im Norden
Kroatiens um Zagreb) und Čakavisch (an der dalmatinischen Küste), die früher
eigene Schriftsprachen darstellten.
Schließlich gibt es die bereits erwähnten ausgestorbenen und historischen Sprachen.

Quantitative Einteilung:
Man kann Sprachen nach der Zahl ihrer Sprecher einteilen und gelangt so zu einer
Reihenfolge der am meisten gesprochenen Sprachen. Dabei kann man noch einmal
unterscheiden zwischen muttersprachlichen und fremdsprachlichen Sprechern.

Tabelle der slavischen Standardsprachen nach Sprecherzahl:


(ungefähre Angaben lt. Rehder 1993)

1. Russisch ca. 150,0 Millionen


2. Ukrainisch ca. 40 Millionen
3. Polnisch ca. 38 Millionen
4. Serbisch ca. 12 Millionen
5. Tschechisch ca. 10,5 Millionen
6. Bulgarisch ca. 9 Millionen
7. Weißrussisch ca. 7,9 Milliondn
8. Slovakisch ca. 5 Millionen
9. Kroatisch ca. 4,7 Millionen
10. Slovenisch ca. 2,2 Millionen
11. Makedonisch ca. 2 Millionen
12. Bosnisch keine Angaben

30
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Slavische Standard- und Kleinschriftsprachen


(nach Rehder: 1993)
Eine Kombination der geografischen und funktionalen Einteilung der slavischen
Sprachen ergibt in etwa das folgende Bild:

Slavische Sprachen

Westslavische Südslavische Ostslavische


Sprachen Sprachen Sprachen

Standardsprachen

Polnisch Slovenisch Russisch


Tschechisch Kroatisch Ukrainisch
Slovakisch Bosnisch Weißrussisch
Serbisch
Makedonisch
Bulgarisch

Kleinschriftsprachen (Mikroliteratursprachen)

Resianisch Jugoslavo-Rusinisch
Obersorbisch
Moliseslavisch Karpato-Rusinisch
Niedersorbisch
Burgenländisch-Kroatisch (Ruthenisch)
Kaschubisch
Banater Bulgarisch Westpolessisch

nicht mehr selbständige Sprachen (heute Dialekte)

Lachisch Prekmurisch Lipovenisch


(Schlesisch) Kajkavisch
Čakavisch
Bessarabisches Bulgarisch

Historische (ausgestorbene) Sprachen

Drawäno-Polabisch
Pomoranisch Altkirchenslavisch
Slovinzisch

31
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

4. Verhältnis Staatsgebiet / Sprachgebiet:


Das Verhältnis von Sprachgebiet (geographische Verbreitung der Sprache) und
Staatsgebiet (Grenzen des Staates, innerhalb dessen die Sprache gesprochen wird)
sind nicht immer deckungsgleich. Je nach Art des Verhältnisses kann man folgende
Formen annehmen:
o "Nationalsprachen": Sprachen, die von der überwiegenden Mehrheit der
Einwohner eines Staates gesprochen werden: Russisch, Ukrainisch,
Weißrussisch, Polnisch, Tschechisch, Slowakisch, Slowenisch, Bulgarisch,
Makedonisch
o Status als eigene Sprache ungeklärt: lange Zeit im Falle des Makedonischen, das
als Dialekt des Bulgarischen betrachtet wurde. Derzeit ist der Übergang des
Bosnischen, Kroatischen und Serbischen von regionale Varianten des
Serbokroatischen hin zu eigenen Standardsprachen zu beobachten. Die
umgekehrte Entwicklung ist beim Weißrussischen zu beobachten, dessen
standardsprachlicher Charakter aufgrund des starken Einflusses des Russischen
sowie aufgrund von Kontrastmangel mehr und mehr gefährdet erscheint.
o Einige slavischer Sprachen sind "Minderheitensprachen" (Sorbisch, Kaschubisch,
Polessisch, Russinisch, Burgenländer Kroatisch, Resianisch), d.h. sie werden
innerhalb eines mehrheitlich anderssprachigen Staatsgebiets gesprochen
o Einige slavischsprachige Länder haben auf dem eigenen Staatsgebiet eine
beträchtliche Anzahl von Sprechern anderer Sprachen. Dies sind v.a. die
zahlreichen sprachlichen Minderheiten im staatlichen Territiorium der Russischen
Föderation, daneben gibt es albanische Minderheiten in Serbien und Mazedonien;
Roma in Tschechien und der Slowakei; Ungarn in der Slowakei; z.T. auch
Sprecher anderer slawischer Sprachen: russisch Sprechende in der Ukraine und
Weißrussland, Kaschuben in Polen, Slovaken und Rusinen in der Vojvodina, u.a.
o Schließlich kann sich das Sprachgebiet einer Sprache auch über das staatliche
Territorium hinaus erstrecken. Das der Fall bei der russischsprechenden
Bevölkerung in ehemaligen Sowjetrepubliken (in der Ukraine, Weißrussland und
in den balitschen Staaten), aber auch im Falle von Auswanderern, in Westeuropa
(russischsprachige Minderheiten in Deutschland, jugoslawische Gastarbeiter in
Deutschland und Österreich, slowenische und kroatische Minderheiten in
Österreich, tschechische Exilanten etc.) und Nordamerika (große russisch-,
tschechisch- und polnischsprachige Communities in den USA und Kanada).

5. Grammatische Gemeinsamkeiten slawischer Sprachen

Aufgrund ihrer genetischen Verwandtschaft weisen die slavischen Sprachen auf


verschiedenen linguistischen Beschreibungsebenen charakteristische
Gemeinsamkeiten auf, die wir im folgenden kurz skizzieren wollen(nach
Comrie/Corbett). Auf Einzelheiten wird in den Kapiteln zu den jeweiligen
sprachwissenschaftlichen Teildisziplinen näher eingegangen.

• Lautlehre:
Auf lautlicher Ebene ist für die slavischen Sprachen v.a. das Vorhandensein
sogenannter "weicher" d.h. palataler Konsonanten. Oft ist die Unterscheidung
von weichen (palatalen) und harten (nichtpalatalen) Konsonanten
bedeutungsunterscheidend. Am konsequentesten ausgebaut ist diese Opposition
im Russischen.

32
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

• Regelmäßige Lautwechsel:
Auch im Bereich der regelmäßigen (morphonoloigschen) Lautwechsel weisen die
slavischen Sprachen zahlreiche Gemeinsamkeiten auf. Häufig sind hier v.a.
Konsonantenwechsel, die bei der Bildung von Wortformen ebenso wie bei der
Ableitung neuer Wörter auftreten (bedingt meist durch historische
Palatalisierungen), vgl. tsch.: kniha-knize; russ. крик – кричать; polnisch: ręka –
rączka.
• Grammatische Morphologie:
Die meisten slavischen Sprachen verfügen über großen Formenreichtum der
einzelnen Wortarten. Sie gelten daher als stark flektierende Sprachen, d.h. sie
besitzen viele unterschiedliche grammatische Formen für ein Wort. Dieser
Formenreichtum ist aus dem Indoeuropäischen ererbt, die slavischen Sprachen
haben ihn weitgehend beibehalten und gelten daher als konservierende
Sprachen. Der Formenreichtum wirkt sich in der Vielzahl an Kasusendungen aus
(Ausnahmen sind Bulgarisch und Mazedonisch), aber auch in der Vielzahl von
Deklinations- und Konjugationsklassen. Die slavischen Sprachen gehören dabei
weitgehend dem flektierenden Sprachtyp an, d.h. die Endung drückt mehrere
grammatische Kategorien aus.
• Grammatische Kategorien:
Im Bereich der grammatischen Kategorien verfügen die slavischen Sprachen
gegenüber dem Deutschen über zwei Besdonderheiten:
o Nominale Kategorie der Belebtheit: Die slavischen Sprachen weisen einen
unterschiedlicher Formenbestand bei Bezeichnungen für Lebewesen und
unbelebte Gegenstände auf.
o Verbale Kategorie des Aspekts: Alle slavische Sprachen kennen
verschiedene Wörter (Wortformen) zur Unterscheidung von zeitlicher
Begrenztheit und Unbegrenztheit der Handlung.
• Satzbau:
o Starke Kongruenz zwischen den Satzgliedern: die Form der Wörter zeigt die
Zusammengehörigkeit von Attribut und zugehörigem Substantiv und von
Prädikat und Subjekt an. Als Folge davon können im Tschechischen und
Polnischen die Personalpronomen, wenn sie nicht besonders betont sind,
weggelassen werden (pro-drop), im Russischen kann dagegen die Kopula
(das Verb „sein“) wegfallen.
o Freie Wortstellung: Die Wortstellung ist in den slavischen Sprachen
weitgehend frei, d.h. sie drückt keine syntaktischen Bezüge zwischen den
Wörtern aus (wie etwa die feste Wortstellung des Englischen), sondern ist von
anderen Faktoren (wie Fokussierung, Thematik) bestimmt.

Weiterführende Literatur:

Comrie, Bernard; Corbett, Greville G. [Hg.]: The Slavonic Languages. London - New
York: Routledge, 1993.
Rehder, Peter [Hg.]: Einführung in die slavischen Sprachen. Darmstadt:
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998 .
Panzer, Baldur: Die slavischen Sprachen in Gegenwart und Geschichte. Frankfurt
a.M.: Peter Lang, 1991.
Lehfeldt, Werner: Einführung in die Sprachwissenschaft für Slavisten. München: Otto
Sagner, 1996.

33
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Skriptum Teil 2 A: Phonetik

1. Phonetik und Phonologie


2. Teilgebiete der Phonetik
3. Artikulationsorgane
4. Einteilung der Laute: Vokale und Konsonanten
5. Einteilung der Vokale
5.1. Inhärente Merkmale: Vokaldreieck, Labialisierung, Nasalität,
Diphthongierung
5.2. Suprasegmentale Merkmale: Quantität, Intonation und Betonung
6. Einteilung der Konsonanten
6.1. Artikulationsstelle und -modus
6.2. Stimmton und Palatalisierung

1. Phonetik und Phonologie


Gegenstand von Phonetik und Phonologie sind die Sprachlaute. Sie sind die
kleinsten Einheiten der Sprache und nicht mehr weiter in Untereinheiten zerlegbar.
Sie sind aber als Bündel von Merkmalen beschreibbar, mittels derer sie sich von
einander unterscheiden. Mit den Sprachlauten beschäftigen sich zwei linguistische
Disziplinen: Phonetik und Phonologie. Worin besteht der Unterschied zwischen
beiden?
In Teil 1 A haben wir zwischen zwei Bedeutungen von "Sprache" unterschieden:
Sprache als System (langue) und Sprache als konkreter Äußerung in einer
bestimmten Situation (parole). Grob gesprochen kann man sagen, dass sich die
Phonetik mit den Lauten der parole beschäftigt, die Phonologie mit den Lauten der
langue.
Wir können sprachliche Laute unter zweierlei Gesichtspunkten betrachten: einmal im
Hinblick auf ihre „realen" lautlichen Eigenschaften, einmal im Hinblick auf ihre
"sprachlichen" Eigenschaften. Sprachlaute haben also einen "realen" und einen
"systemischen" Charakter. Die Laute als reale (physikalische / akustische)
Phänomene nennen wir Phone, die Laute als Einheiten im Sprachsystem Phoneme.
Als Phoneme gelten Laute nur, wenn sie im Sprachsystem bei der Unterscheidung
von Bedeutungen eine Rolle spielen. Nicht alle Phone haben aber im Sprachsystem
auch tatsächlich diese Funktion (siehe dazu genauer Teil 3 A: Phonologie). Auch in
der wissenschaftlichen Schreibweise unterscheidet man Phone und Phoneme:
Phone werden in eckigen Klammern geschrieben, Phoneme zwischen Schrägstriche.

parole - Ebene langue - Ebene


Phone Phoneme
materielle Seite der Laute funktionelle Seite der Laute
= beim Sprechen erzeugte reale Laute: = abstrakte, systematische Laute:
messbare, akustische Phänomene bedeutungsunterscheidene Funktion
Gegenstand der Phonetik Gegenstand der Phonologie
Schreibweise: [ a ] Schreibweise: / a /

34
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

2. Teilgebiete der Phonetik


Mit den beim Sprechen erzeugten realen Lautphänomenen, den Phonen, beschäftigt
sich die Phonetik. Der Untersuchungsgegendstand der Phonetik sind also objektiv
beobachtbare Phänomene der Realität. Sie überschneidet sich mit verschiedenen
naturwissenschaftlichen Disziplinen, v.a. mit der Physik (Akustik) und der Biologie
(Physiologie).
Es gibt drei große Teilgebiete der Phonetik, die sich drei verschiedene Fragen
stellen:
• Wie werden die Sprachlaute produziert?
= artikulatorische Phonetik (1)
• Welche (physikalischen / akustischen) Eigenschaften haben die Sprachlaute?
= akustische Phonetik (2)
• Wie werden die Sprachlaute wahrgenommen (verarbeitet)?
= auditive Phonetik (3)

Abb. 1: Die drei Teilbereiche der Phonetik (Quelle: Ernst 2004: 32)

Am besten erforscht ist bisher die artikulatorische Phonetik. Mit ihr werden wir uns
hier auch am intensivsten beschäftigen. Die artikulatorische Phonetik spielt eine
wichtige Rolle im Fremdsprachenunterricht. Beim Erlernen einer fremden Sprache ist
man meist auch mit Lauten konfrontiert, die in der Muttersprache nicht vorkommen.
Diese „fremdartigen“ Laute stellen für die Lernenden ein doppeltes Problem dar: zum
einen bei der Produktion der Laute: für das Nachahmen dieser Laute sind
Einstellungen und Bewegungen der Artikulationsorgane notwendig, an die die
Sprechenden aus ihrer Muttersprache nicht gewöhnt sind, und deren Artikulation
ihnen daher schwer fällt. Zum anderen können fremde Laute aber auch bei der
Sprachrezeption Schwierigkeiten bereiten: sie entsprechen nicht den aus der
Muttersprache bekannten „Hörgewohnheiten“ und werden daher oft nicht richtig
identifiziert und mit anderen Lauten verwechselt.
Vergleichen wir den Bestand an deutschen und russischen Phonen, so sehen wir,
dass zwar viele Laute in beiden Sprachen vorkommen (oder zumindest in beiden
Sprachen sehr ähnlich artikuliert werden). Daneben gibt es aber einige Laute, die nur
dem Russischen eigen sind, und daher deutschen Lernenden Schwierigkeiten
bereiten (etwa stimmhaftes sch, der Vokal ы, die palatalisierten Konsonanten).
Umgekehrt treten im Deutschen Laute auf, die das Russische nicht kennt, und die für
russischsprachige Lerner des Deutschen problematisch sind (die Umlaute ö und ü,
sowie der Konsonant h). Im Tschechischen bereiten ebenfalls die palataliserten
Konsonanten (ď, ť, ň), vor allem aber der Konsonant ř Ausspracheprobleme, im
Polnischen neben den palatalen Konsonanten (ć, ś, ź), der Gleitlaut ł und die
Nasalvokale ą und ę.
35
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Lautbestand des
Deutschen Lautbestand des
Russischen

ö h t
n p m
e
ы
d нь
a b л рь
ü
u
r ль
i o щ дь
ж

Abb. 2: Vergleichender Lautbestand des Deutschen und des Russischen

Die akustische Phonetik untersucht die physikalischen Eigenschaften von


Sprachlauten: sogenannte Oszillographen machen die Schallwellen sichtbar, die bei
der Artikulation der Sprachlaute entstehen. Praktische Anwendung findet die
akustische Phonetik u.a. im Bereich der automatischen Spracherkennung.
Oszillographen ausgewählter Sätze

Здравствуйте!

Dobrý den!

Dzień dobry!

Abb. 3: Oszillographen russischer, tschechischer und polnischer Begrüßungen.

Die auditive Phonetik untersucht, wie Sprachlaute vom menschlichen Ohr


wahrgenommen und weiterverarbeitet werden. Dabei ist u.a. von Interesse, wie vom

36
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

menschlichen Gehirn trotz der oft sehr unterschiedlicher Realisierung dennoch


einheitliche Sprachlaute wahrgenommen werden können.
3. Artikulationsorgane
Die artikulatorische Phonetik teilt die Laute nach der Art ihrer Erzeugung ein. Diese
geschieht mit Hilfe der Sprechwerkzeuge (Artikulationsorgane).
Die Organe, die an der Erzeugung von Sprachlauten beteiligt sind, sind:
• Luftröhre: erzeugt den Luftstrom (Phonationsstrom)
• Stimmbänder (Stimmlippen): erzeugen den Stimmton (bei Vokalen und
stimmhaften Konsonanten)
• Stimmritze / Kehlkopfdeckel (Glottis): erzeugt den sogenannten „Knacklaut“
(im Deutschen etwa bei Vokalen im Anlaut)
• Mundraum und Nasenraum: dienen als Resonanzraum: dort wird der
Phonationsstrom wird auf bestimmte Art verändert und erhält dadurch die für
jeden Laut charakteristischen akustischen Eigenschaften.
Für die Artikulation unterscheidet man danach bewegliche (aktive) und unbewegliche
(passive) Artikulationsorgane. Aktiv am Artikulationsvorgang beteiligt sind:
• Zunge
• Lippen
Alle anderen Artikulationsorgane sind passiv: sie bleiben unbeweglich und werden
lediglich von der Zunge berührt:
• Zähne
• Gaumen
• Gaumenzäpfchen

Abb. 4: Die Sprechwerkzeuge (Quelle: Ernst 2004: 69)

37
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

4. Unterscheidung: Vokale – Konsonanten

Die Sprachlaute lassen sich in zwei große Gruppen einteilen: in Vokale und
Konsonanten. Zur Definition von Vokalen und Konsonanten existieren drei
verschiedene Definitionsmöglichkeit: artikulatorisch, akustisch und phonologisch:

Artikulatorische Definition: nach der Art ihrer Erzeugung


Vokale sind Öffnungslaute:
Der Phonationsstrom kann ungehindert passieren und erhält seine Färbung
durch Formung des Mundraums / bzw. Nasenraums.
Konsonanten sind Hemmlaute:
Der Phonationsstrom wird durch die Artikulationsorgane behindert (gehemmt)
oder unterbrochen.

Akustische Definition: nach ihren akustischen Eigenschaften


Vokale sind Klanglaute:
Sie weisen ein periodisch wiederkehrendes Frequenzmuster auf.
Konsonanten sind Geräuschlaute:
Sie weisen kein periodisches Frequenzmuster auf.

Abb. 5: Klang- und Geräuschlaute (Quelle: Ernst 2004: 85)

Phonologische Definition: anhand ihrer Verwendung in der Silbenstruktur


Vokale sind silbenbildend (silbisch):
Sie bilden innerhalb der Silbenstruktur das Zentrum (Silbenmitte / Silbengipfel)
Konsonanten sind unsilbisch:
Ihre typische Verwendung ist am Silbenrand (Anfang oder Ende)
Die prototypische Silbe hat also die Struktur: CVC (C = consonant; V = vowel)

Diese 3 Definitionen können dabei bei bestimmten Lauten in Widerspruch


zueinander geraten: So sind etwa die Laute r und l nach artikulatorischer Definition
Konsonanten (Hemmlaute), da bei ihrer Erzeugung ein Hindernis gebildet wird.
Nach akustischer Definition hingegen sind sie Vokale, da sie – wie Klanglaute –
einen periodischen Schwingungsverlauf aufweisen). Auch nach der phonologischer
Definition können sie als Vokale betrachtet werden: in manchen Sprachen Silben
können sie den Silbengipfel bilden: (vgl. etwa im Tschechischen: prst, vlk, bratr,
mohl).

38
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Demgegenüber können auch Vokale unsilbisch werden und gehen dann in den
Bereich der Konsonanten über. Unsilbische Vokale bezeichnet man auch als
Gleitlaute (glides) oder Halbvokale.
Die Grenze zwischen Vokalen und Konsonanten ist also weniger eindeutig als
zunächst angenommen. Man kann zwischen beiden Bereichen einen
Übergangsbereich feststellen.
Man teilt daher die Konsonanten (nach artikulatorischer Definition) noch einmal in
zwei Gruppen:
• Sonoranten sind der akustischen Definition nach Vokale. Sie können u.U.
silbisch werden. Sie kommen nur in einer stimmhaft vor.
• Obstruenten gelten auch nach der akustischen Definition als Konsonanten. Sie
sind immer unsilbisch. Sie können stimmhaft oder stimmlos sein.

Vokale, Sonoranten und Obstruenten:


artikulatorische akustische phonologische Laute
Definition Definition Definition
silbenbildend Vokale (Vollvokale): a, e, i, o, u, …
Öffnungslaute
unsilbisch Gleitlaute (Halbvokale): j, poln. ł
Sonoranten:
Klanglaute
manchmal Nasale: m, n, ň
silbenbildend Liquide (Laterale und Vibranten): r, l
kommen nur stimmhaft vor
Hemmlaute
Obstruenten:
kommen stimmhaft oder stimmlos
Geräuschlaute unsilbisch
vor:
p, b, t, d, k, g, v, f, s, ch,….

5. Einteilung der Vokale:

Vokale sind artikulatorisch Öffnungslaute und akustisch Klanglaute.


Sie werden durch den ausströmenden Phonationsstrom (= expiratorische Laute)
und mit Beteiligung der Stimmbändder (stimmhaft) erzeugt.
Bei der Einteilung der Vokale unterscheidet man zwischen inhärenten Merkmalen,
die die Eigenschaften des Lautes selbst bestimmen, und sogenannten
suprasegmentalen (oder prosodischen) Merkmalen, die erst im Vergleich zweier
Laute im Redefluss deutlich werden.
Die inhärenten Merkmale zur Einteilung der Vokale sind:
• Horizontale Zungenstellung
• Vertikale Zungenstellung
• Lippenrundung
• Nasalität
• Gespanntheit
• Zungenbewegung
Horizontale Zungenstellung
Je nachdem, welcher Teil der Zunge beim Sprechen gehoben wird unterscheiden wir
vordere, mittlere und hintere Vokale. Vordere Vokale sind i und e, ein mittlere Vokal
ist a, hintere Vokale sind o und u.
Vertikale Zungenstellung
Je nach dem Grad der Zungenhebung erhält man hohe, mittlere und tiefe Vokale.
Hohe Vokale sind i und u, mittlere Vokale sind e und o, ein tiefer Vokal ist a. Mit der
vertikalen Zungenstellung hängt auch der Öffnungsgrad des Mundes (Kieferwinkel)

39
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

zusammen: der Kieferwinkel ist bei tiefen Vokalen am größten (man spricht daher
auch von „offenen“ oder „breiten“ Vokalen), bei hohen Vokalen am geringsten (man
spricht auch von „engen“ Vokalen).
Nach der Zungenstellung kann man die Vokale in einem sogenannten Vokaldreieck
anordnen. Man spricht von den 5 sogenannten Kardinalvokalen.
Horizontale Zungenstellung
vorne mittel hinten
Vertikale hoch i u
Zungenstellung mittel e o
tief a

Vokaldreieck (Kardinalvokale)

i u

e о

a
Abb. 5: Vokaldreieck
Die 5 Kardinalvokale kommen in vielen Sprachen vor. Manche Sprachen verfügen
darüberhinaus noch über andere Vokale: so ist etwa das deutsche ä ein tiefer
Vorderzungenvokal, das russische ы ein hoher Mittelzungenvokal, das å in
skandinavischen Sprachen ein tiefer Hinterzungenvokal, usw. Einen mittleren
Mittelzungenvokal bezeichnet man als Murmelllaut (oder „Schwa“). Er wird ohne jede
Zungenbewegung erzeugt und tritt oft in unbetonten (reduzierten) Silben auf (etwa in
dt. Vorsilben wie ver-, be- u.ä.). Im Bulgarischen kommt er auch in betonten Silben
vor und wird mit dem Buchstaben ъ bezeichnet. Bezieht man diese Vokale in das
Bild mit ein, so kann man das Vokaldreieck zu einem Vokaltrapez erweitern.
Horizontale Zungenstellung
vorne mittel hinten
Vertikale hoch i russ. ы u
Zungenstellung mittel e „Schwa“ o
tief ä a dunkles å

i ы u

e ъ о

ä a å

40
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Abb. 5: Vokaltrapez
Dabei ist zu beachten, dass der Übergang zwischen den einzelnen Vokalen fließend
ist. Theoretisch wären daher unendlich feine Abstufungen und damit unendlich viele
Vokale möglich. Zur besseren Unterscheidbarkeit werden jedoch zur
Bedeutungsdifferenzierung v.a die weit voneinander entfernten Vokale gebraucht
(Vokalstreuung). Der stufenlose Übergang zwischen den Vokallauten wird in der
folgenden Abbildung anhand der deutschen Wörter Wild, Welt und Wald
demonstriert:

Abb. 6: stufenloser Übergang zwischen den Vokalen (Quelle: Veith 2002:39)

Weitere Kriterien zur Einteilung von Vokalen:


Lippenrundung (Labilalisierung):
Nach der Lippenrundung unterscheidet man gerundete (labialisierte) und
nichtgerundete (nicht labialisierte) Vokale: gerundet sind etwa die Vokale o und u.
In den slavischen Sprachen besteht eine feste Korrelation zwischen den Merkmalen
„Hinterzungenvokal“ und „gerundet“. Hintere Vokale kommen nur gerundet vor,
vordere Vokale nur ungerundet. Man spricht in diesem Fall von einem „ko-okurrenten
Merkmal“, d.h. das Merkmal kommt nicht selbstständig vor, sondern ist an ein
weiteres Merkmal gekoppelt. Im Deutschen hingegen können auch vordere Vokale
gerundet sein: ü (hoch-vorne gerundet) und ö (mittel-vorne gerundet).
Nasal- und Oralvokale:
Bei den Oralvokalen dient als Resonanzraum der Mundraum, bei den Nasalvokalen
hingegen der Nasenraum. Bei der Artikulation von Nasalvokalen wird im Rachen das
Gaumensegel gesenkt und damit der Phonationsstrom in den Nasenraum umgeleitet.
Nasalvokale gab es im Urlsavischen, die jedoch in den meisten heutigen slavischen
Sprachen durch Oralvokale ersetzt wurden. Von den lebenden slavischen Sprachen
verfügt nur das Polnische über Nasalvokale: ę und ą (gesprochen wie nasales o).
Gespanntheit:
Das Deutsche kennt den Unterschied zwischen gespannten und ungespannten
Vokalen. Das Merkmal ist jedoch an die Quantität (Länge/Kürze) gekoppelt: im
Deutschen sind lange Vokale stets gespannt (biete, Ofen, beten), kurze Vokale
dagegen ungespannt (bitte, offen, betten).
Zungenbewegung: Monophthonge und Diphthonge:
Vokale, bei denen die Zungenstellung während der Artikulation stabil bleibt, heißen
Monophthonge, bewegt sich die Zunge während der Artikulation, so spricht man von
Diphthongen. Das Deutsche kennt drei Diphthonge: au (aÆo), ei (aÆe), eu (oÆe). In

41
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

den slavischen Sprachen treten Diphthonge vor allem im Tschechischen auf: ou


(offenes o Æ u) und ej (neben den nur in Fremdwörtern auftretenden eu, au).

i u
dt.: eu
tsch.: ej
tsch.: ou

e о

dt.: ei dt.: au

a
Abb. 7: Tschechische und deutsche Diphthonge im Vokaltrapez

Suprasegmentale (prosodische) Merkmale


Der Begriff Segment bezeichnet einen aus dem Redefluss isolierbaren Sprachlaut.
Merkmale, die sich an einem einzelnen Segment zeigen, heißen inhärente Merkmale.
Merkmale, die sich erst an einem größeren, über das Segment hinausgehenden
Sprechabschnitt zeigen, nennt man suprasegmentale (oder prosodische) Merkmale.
Die prosodischen Merkmale lassen sich nach den akustischen Eigenschaften der
gesprochenen Äußerung einteilen. Diese sind:
• Dauer: Die zeitliche Dauer der Schwingung ist für die Länge der Vokale (ihre
Quantität) verantwortlich.
• Frequenz: die Frequenz (Zahl der Schwingungen pro Zeiteinheit) verändert
die Tonhöhe.
• Amplitude: die Intensität des Schwingungsausschlags verändert die
Lautstärke.

Abb.8: akustische Eigenschaften der gesprochenen Sprache (Quelle: Ernst 2004: 84 )

Länge (Quantität):
Die bisher behandelten vokalischen Merkmale verändern stets die klanglichen
Eigenschaften des Lautes selbst, seine Qualität. Das Merkmal Quantität dagegen
verändert die Dauer der Artikulation eines Vokals, dessen Qualität für die Dauer der
Artikulation unverändert bleibt. Entscheidend ist dabei natürlich nicht die absolute,
sondern die relative Artikulationsdauer im Verhältnis zu anderen Vokalen.
Bedeutungsunterscheidung durch Quantität gibt es im Deutschen (vgl .etwa kam –
Kamm; Mus – muss), in den slavischen Sprachen gibt es diese Unterscheidung im

42
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Tschechischen: ráda „gern (weibl. Form)“ – rada „der Rat“; dál „weiter“ - dal „er gab“,
můžu „ich kann“ – mužů „der Männer (Genitiv Plural)“, daneben auch im
Slovakischen und im Bosnischen / Kroatischen / Serbischen.
Tonhöhe (musikalischer Akzent):
Die Veränderung der physikalischen Eigenschaft Frequenz bewirkt eine Änderung
der Tonhöhe. Auch die Tonhöhe kann im Sprachsystem eine Rolle spielen. Im
Deutschen wird sie v.a. zur Unterscheidung von Satztypen (Fragesatz, Aussagesatz,
Befehlssatz) eingesetzt, zum Ausdruck von Emotion (Überraschung, Empörung,
Nachdruck), oder zur Hervorhebung (Das blaue Auto vs. Das blaue Auto). Den
Tonhöhenverlauf in einer längeren Sequenz von Lauten, etwa einem ganzen Satz
bezeichnet man als Intonation (Satzintonation).
Manche Sprachen nutzen jedoch die Tonhöhe auch zur Unterscheidung von
Wortbedeutungen (= Wortintonation, Silbenintonation), etwa das Chinesische, aber
auch einige skandinavische Sprachen.
Unter den slavischen Sprachen gehören dazu das Bosnische, Kroatische, Serbische
sowie das Slovenische. Sie unterscheiden zwei Arten von Intonation: steigende und
fallende. Im Bosnisch-Kroatisch-Serbischen ist die Tonhöhe darüber hinaus
gekoppelt mit der Quantität. So ergeben sich 4 Kombinationsmöglichkeiten: kurz-
fallend, kurz-steigend, lang- fallend und lang-steigend:
Tonhöhe
steigend fallend
lang á (rúka) â (môre)
Quantität à ( žè na)
kurz ȁ (sȍba)
Sowohl Tonhöhe als auch Quantität können Bedeutungen unterscheiden kann, vgl.
die Wörter grâd (lang-fallend) "Stadt" – grȁd (kurz-fallend) "Hagel" / kȕpiti (kurz
fallend) "sammeln"– kúpiti (lang steigend) "kaufen". Beide Merkmale bleiben jedoch
normalerweise im Schriftbild unbezeichnet (die Akzentzeichen werden nur in
Wörterbüchern, Lehrbüchern, Grammatiken verwendet).
Betonung (Druckakzent, Intensität):
Das Merkmal Betonung ist mit der physikalischen Eigenschaft der Amplitude
gekoppelt. Die betonte Silbe wird mit stärkerer Intensität (größerem Druck)
gesprochen und weist daher gegenüber den umgebenden Silben eine höhere
Lautstärke auf. Man spricht daher auch von „Druckakzent“.
Die slavischen Sprachen kennen unterschiedliche Regelungen zur Verteilung des
Druckakzents (der Betonung) innerhalb des Wortes.
Feste Betonung (fester Akzent):
Bei fester Betonung ist immer dieselbe Silbe innerhalb eines Wortes (oder einer
engen Wortverbindung wie zwischen Präposition und nachfolgendem Substantiv)
betont. Feste Betonung haben die westslavischen Sprachen:
• Tschechisch und Slovakisch: es ist immer die 1. Silbe im Wort betont. Bei der
Kombination Präposition + Substantiv liegt die Betonung auf der Präposition:
na shledanou, do Prahy.
• Polnisch: es ist immer die vorletzte Silbe im Wort betont (Penultimabetonung).
Ausgenommen sind nur einige zusammengesetzte Verbformen im Präteritum
und Konditional (chciałbysmy, chciałbyscie u.ä.)

43
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Freie und bewegliche Betonung (freier und beweglicher Akzent):


Das Russische verfügt dagegen über einen freien und beweglichen Akzent. Dabei
bedeutet freie Betonung, dass prinzipiell jede Silbe im Wort betont sein kann. Die
Betonungsstelle kann dabei auch verschiedene Bedeutungen unterscheiden, vgl.
мукá „Mehl“ - мýка „Qual“, замóк „Türschloss“ зáмок „Schloss (Gebäude)“.
Mit beweglicher Betonung ist meint, dass die Betonungsstelle auch innerhalb der
verschiedenen Formen eines Wortes wechseln kann, vgl. etwa:
рукá, (Nom. Sg.), рýку (Akk.Sg.); рýки (Nom. Pl.), рукáм (Dat. Pl.)
пишý (1.Pers. Sg.), пи́шешь (2. Pers. Sg.)
былá (Präteritum fem.), бы́ло (neutr.), бы́ли (Plural)
Die Betonung bleibt in russischen Texten normalerweise unbezeichnet (die
Betonungszeichen werden nur in Wörterbüchern, Lehrbüchern, Grammatiken
verwendet). Daher stellt das Erlernen der Betonungsregeln für Lernende ein
beträchtliches Problem dar, v.a. da unbetonte Vokale auch der Reduktion
unterliegen.
Reduktion:
Zusätzlich zur freien und beweglichen Betonung kennt das Russische das
Phänomen der Reduktion. Damit wird das Phänomen bezeichnet, dass die
Betonungsstelle nicht nur die Lautstärke (Intensität) der Vokale beeinflusst, sondern
auch deren Qualität. Unbetonte Vokale werden „reduziert“ gesprochen, d.h. sie
verändern ihre Qualität.
Im Russischen gelten folgende Regeln für die Reduktion der unbetonten Vokale:
• Akanje: unbetontes o wird wie a ausgesprochen: мáло [mala], городóк
[garadok], разговóр [razgavor].
• Ikanje: unbetontes e wird wie i ausgesprochen: переговóр [pirigavor], сейчáс
[s’ijtšas], десяти [d’is’iti].
• nach palatalen Konsonanten wird аuch unbetontes a wie i ausgesprochen: часóв
[tš’isof], пятóй [p’itoj], лягýшка [l’iguška].
Diese Veränderungen werden im Russischen jedoch im Schriftbild nicht
wiedergegeben, so dass Schreibung und Aussprache oft erheblich voneinander
abweichen können.

Die abschließende Tabelle gibt eine Übersicht über das Auftreten der prosodischen
Merkmale in den slavischen Sprachen:
+ heißt, das betreffende Merkmal tritt auf und kann verschiedene Bedeutungen
unterscheiden
– heißt das betreffende Merkmal tritt nicht auf und unterscheidet keine
Bedeutungen).

Russisch Tschechisch Polnisch BKS Bulgarisch


Quantität – + – + –
Tonhöhe – – – + –
Betonung + – – + +
(erste Silbe) (vorletzte Silbe)
Reduktion + – – – +

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

6. Einteilung der Konsonanten:

Konsonanten sind nach artikulatorischer Definition Hemmlaute und nach akustischer


Geräuschlaute. Sie werden erzeugt, indem für den ausströmenden
Phonationsstrom ein Hindernis gebildet wird. Dabei können die Stimmbänder
beteiligt sein (stimmhafte Konsonanten) oder nicht (stimmlose Konsonanten).
Die Einteilung der Konsonanten erfolgt nach:
• Artikulationsort (beteiligte Sprechwerkzeuge)
• Artikulationsart (Artkulationsmodus)
• Stimmbeteiligung
• Palatalität

Artikulationsort (Artikulationsstelle): Einteilung nach beteiligten Organen


Dieses Kriterium unterteilt die Laute je nach dem Sprechwerkzeug, mit dessen Hilfe
das Hindernis für den Phonationsstrom gebildet wird (vgl. die Darstellung der
Sprechwerkzeuge in Abb. 4).
• Lippen (labia):
Die mit den Lippen gebildeten Laute heißen Labiale. Man unterscheidet Bilabiale
(mit beiden Lippen gebildet) und Labiodentale (gebildet mit Zähnen und
Unterlippe). Zu den Labialen gehören: b, p, m, v, f.
• Zähne (dentes):
Mit Zähnen und Zunge gebildete Laute heißen Dentale. Man unterscheidet
Interdentale (etwa das engl. th) und Alveodentale (eher etwas hinter den
Zähnen). Zu den Alveodentalen zählen: d, t, n, (stimmhaftes und stimmloses) s.
• Vorderer Gaumen (Zahndamm/Alveol):
Am vorderen Gaumen mit der Zunge gebildete Laute heißen Alveolare. Dazu
gehören: l und r.
• Mittlerer Gaumen (harter Gaumen / Palatum):
Mit der Zunge am harten Gaumen gebildete Laute heißen Palatale. Zwischen
vorderem und mittlerem Gaumen gebildete Laute heißen Alveopalatale.
Alveopalatal sind etwa die Zischlaute sch, tsch, reine Palatale sind j und ch (ich-
Laut).
• hinterer Gaumen (weicher Gaumen / Velum):
Am weichen Gaumen gebildete Laute heißen Velare. Zu den Velaren zählen: g,
k, ch, ng.
• Gaumenzäpfchen (Uvula):
Mit dem Gaumenzäpfchen gebildete Laute heißen Uvulare (im Deutschen das
„Zäpfchen-R“)
• Rachen (Pharynx):
Im Rachen gebildete Laute (Hauchlaute) heißen Pharyngale. Dazu gehört etwa
der Laut h.
• Stimmritze (Kehlkopfdeckel / Glottis):
Mit dem Kehlkopfdeckel gebildete Laute nennt man Glottale (etwa der
sogenannte „Knacklaut“).

Man kann die Laute auch nach dem Teil der Zunge benennen, der an der
Artikulation beteiligt ist. Die Teile der Zunge sind:
• Zungenspitze (Apex): mit der Zungenspitze gebildete Laute heißen Apikale
oder Vorderzungenlaute.

45
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

• Zungenrücken (Zungenblatt, Corona): mit dem Zungenblatt gebildete Laute


heißen Koronale oder Mittelzungenlaute.
• Zungenwurzel (Hinterzunge, Dorsum): Mit der Zungenwurzel gebildete
Laute heißen Dorsale oder Hinterzungenlaute.

Artikulationsart (Artikulationsmodus): Einteilung nach Art der Erzeugung


Hier werden die Konsonanten nach der Art ihrer Erzeugung werden eingeteilt. Man
unterscheidet Verschlusslaute (Klusile), bei denen Zunge und beteiligtes
Artikulationsorgan einen vollständigen Verschluss bilden, und Engelaute, bei denen
nur eine Engstelle für den Luftstrom gebildet wird. Eine weitergehende Einteilung
ergibt folgendes Bild:
• Plosive:
Plosive sind Verschlusslaute. Es wird ein vollständiges Hindernis für den
Phonationsstrom gebildet, das plötzlich gelöst („gesprengt“) wird. Zu den Plosiven
zählen: b, p, d, t, k, g.
• Frikative (Reibelaute):
Frikative sind Engelaute. Das Hindernis für den Phonationsstrom, wird nicht
gelöst, die Luft kann vielmehr durch eine Engstelle entweichen. Frikative sind f, v,
(stimmhaftes und stimmloses) s, (stimmhaftes und stimmloses) sch, j, ch.
• Affrikaten:
Eine Kombination aus Plosiv und Frikativ stellen die Affrikaten dar. Es wird zuerst
ein Verschluss gebildet, der in einen Reibelaut übergeht. Beispiele: ts, tsch, pf.
• Laterale (Approximanten):
Es wird ein teilweiser Verschluss gebildet, bei dem die Luft seitlich entweichen
kann. Beispiel: l.
• Vibranten (Intermittierende):
Es werden mehrere Verschlüsse nacheinander gebildet und wieder gelöst.
Beispiel: r.
Vibranten und Laterale zusammen nennt man Liquide.
• Nasale:
Die Nasale gehören zu den Verschlusslauten. Der Verschluss wird jedoch nicht
gesprengt, der Luftstrom entweicht durch den Nasenraum. Beispiele: m, n, ng.
• Gleitlaute (Glides, oder Halbvokale):
Bei den Gleitlauten (oder Halböffnungslauten) wird kein Hindernis gebildet,
sondern lediglich eine Enge, die der Phonationsstrom passieren muss. Gleitlaute
bilden den Übergang zwischen Vokalen und Konsonanten. Beispiele: j und
polnisches ł.

Stimmbeteiligung (Stimmton, Stimmhaftigkeit):


Nach der Beteiligung der Stimmbänder werden stimmhafte und stimmlose
Konsonanten unterschieden.
Stimmhaft sind: b, d, g, v, j, h, stimmhaftes s, sch, ts und tsch (in tschechischer
Orthographie: z, ž, dz und dž).
Stimmlos sind demgegenüber p, t, k, f, ch, stimmloses s, sch, ds und tsch (in
tschechischer Orthographie: s, š, c und č).
Das Merkmal Stimmhaftigkeit tritt nur bei Obstruenten auf. Sonoranten (Nasale,
Liquide, Gleitlaute) sind wie Vokale immer stimmhaft.
Überblick über stimmlose und stimmhafte Entsprechungen bei den Obstruenten:
stimmhafte Konsonanten b v d ď dz z dž ž k ch
stimmlose Konsonanten p f t ť c s č š g h

46
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Behauchung (Aspiration):
Im Deutschen tritt bei stimmlosen Plosiven zusätzlich das Merkmal der Behauchung
auf. P, t und k werden demnach am Wortanfang „behaucht“, d.h. gefolgt von h
ausgesprochen. In den slawischen Sprachen sind diese Laute dagegen unbehaucht.
Stimmlose Konsonanten klingen daher für „deutsche Ohren“ häufig wie stimmhafte
und werden deshalb gerne verwechselt.

Palatalität (Palatalisierung):
In den slavischen Sprachen tritt bei einer Reihe von Konsonanten das Merkmal der
Palatalität auf. Dies bedeutet, dass die Konsonanten in "J-Stellung" ausgesprochen
werden. Die Artikulationsstelle ist also zum harten Gaumen hin verschoben. Man
spricht auch von "Erweichung" der Konsonanten.

!!! nicht verwechseln:


Unter den Bezeichnungen "weich" und "hart" versteht man in den
slavischen Sprachen meist die Korrelation palatalisierte / nichtpalatalisierte
Konsonanten. Dies darf nicht mit dem Unterschied "stimmhaft" / "stimmlos"
verwechselt werden, für den im Deutschen manchmal auch "weich" und
"hart" gebraucht wird.

Das Russische hat eine beinahe vollständige Palatalitätskorrelation, d.h. fast alle
Konsonanten kommen sowohl nichtpalatalisiert („hart“) oder palatalisiert („weich“)
vor. Die Palatalität des Konsonanten wird graphisch entweder durch das sogenannte
„weiche Zeichen“ ( ь ) oder durch den nachfolgenden Vokalbuchstaben ausgedrückt
(vgl. zur graphischen Wiedergabe palataler Konsonanten genauer: Teil 2B, S. 8ff.
Die Palatalitätskorrelation im Russischen:
nichtpalatalisier
б п м в ф л р д т с з н к г х
te Konsonanten
palatalisierte
б’ п’ м’ в’ ф’ л’ р’ д’ т’ с’ з’ н’ к’ г’ х’
Konsonanten
Außerhalb der Palatalitätskorrelation stehen im Russischen nur 5 Konsonanten:
ш, ж und ц: kommen nur nichtpalatal vor
щ und ч: kommen nur palatal vor
Im Polnischen tritt die Palatalitätskorrelation bei folgenden Konsonanten auf:
• bei l: Hier fungiert der Gleitlaut ł als „harte“ und l als „weiche“ Entsprechung).
• bei den Labialen b, p, m, w und dem Dental n. Sie fehlt lediglich beim r.
• Bei den alveodentalen d, t, s und z sind die „weichen“ Entsprechungen dź, ć, ś
und ź tatsächliche palatale (nicht nur palatalisierte) Laute.
Graphisch wird die Palatalität entweder durch einen Strich über dem Buchstaben
oder durch nachfolgendes i ausgedrückt.
Die Palatalitätskorrelation im Polnischen:
nichtpalatale
b p m w f ł d t n s z k g ch
Konsonanten
palatalisierte
b’ p’ m’ w’ f’ l ń k’ g’ ch’
Konsonanten
palatale
dź ć ś ź
Konsonanten

47
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Im Tschechischen schließlich tritt die Palatalitätskorrelation nur noch bei den drei
Dentalen d, t und n auf, die palatalisierten Entsprechungen sind ď, ť und ň.
Graphisch wird die Palatalität entweder durch einen Haken („háček“) über dem
Buchstaben oder durch nachfolgendes ě bzw. i / í ausgedrückt.
Die Palatalitätskorrelation im Tschechischen:
nichtpalatale Konsonanten d t n
palatalisierte Konsonanten ď ť ň

Da es im Deutschen keine Palatalitätskorrelation gibt, gehören die palatalisierten


Konsonanten zu den schwierigsten Bereichen der Phonetik slavischer Sprachen und
bereiten nichtslavischen Muttersprachlern beim Erlernen der Fremdsprache daher
vielfach Probleme.

Konsonantenschema

Die Tabelle auf der folgenden Seite zeigt die in den slavischen Sprachen
vorkommenden Konsonanten in einer Tabelle (einem sogenannten
Konsonantenschema).
Dabei wird auf der horizontaler Achse die Artikulationsstelle angetragen, wobei
jeweils noch in nichtpalatalisiert (-p) und palatalisiert (+p) unterteilt wird.
Auf der vertikalen Achse ist die Artikulationsart verzeichnet: zunächst die
Obstruenten gefolgt von den Sonoranten und Gleitlauten. Bei den Obstruenten wird
zusätzlich nach dem Merkmal Stimmbeteiligung differenziert. (vgl. eine ähnliche
Konsonantentabelle für das Deutsche bei Ernst 2004:75 bzw. Vater 1994:18)..

Weiterführende Literatur:

Ernst, Peter: Germanistische Sprachwissenschaft. Wien: Facultas, 2004.


Grundlagen: Der Mensch und seine Sprache. S. 11-58.
Mulisch, Herbert: Handbuch der russischen Gegenwartssprache. Leipzig, Berlin,
München: Langenscheidt, 1993. S. 23-59.
Lehfeldt, Werner: Einführung in die Sprachwissenschaft für Slavisten. München: Otto
Sagner, 1996. S. 53-66.
Vater, Heinz: Einführung in die Sprachwissenschaft.
Vintr, Josef: Das Tschechische.

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Konsonantenschema slavischer Sprachen

Artikulationsstelle Î Lippenlaute Vorderzungenlaute Mittelzungenlaute Hinterzungenlaute


Labiale Apikale Koronale Dorsale
bilabial labiodental alveo-dental alveo-palatal palatal velar uvular pharyngal
Artikulations-
art – +
-p +p -p +p palatalisiert palatalisiert
-p +p +p -p +p -p -p

stimmhaf
Plosive t b b' d ď g g'
stimmlos p p' t ť k k'
stimmhaf
t dz dž dź
Obstruenten

Affrikaten
stimmlos c č č’ ć
stimmhaf
t v v' z z' ž ź h
ś
Frikative ch
stimmlos f f' s s' š ch („ach- ch’
(„ich- Laut”)
Laut”)
stimmhaf
Nasale
t m m' n ň
Sonoranten

stimmhaf
Laterale
t l ľ
stimmhaf
Vibranten
t r r' ř R
Gleitlaute / stimmhaf
Halbvokale t ł j

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

50
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Teil 2 B: Schrift- und Orthographiesysteme in den slavischen Sprachen

1. Schriftsysteme
Exkurs: die historische Entwicklung der kyrillischen Schrift
2. Transliteration und Transkription
3. Sonderzeichen in den lateinischen und kyrillischen Alphabeten:
Diakritika und Ligaturen (Digraphen)
4. Zur Wiedergabe palatalisierter Konsonanten: die Funktion der jotierten
Vokalbuchstaben im Russischen, Polnsichen und Tschechischen
5. Orthografiesysteme: historisches, morphologisches und phonetisches
Prinzip

1. Slavische Sprachen und Schriftsysteme


In den slavischen Sprachen verwenden zwei grundsätzlich verschiedene
Schriftsysteme verwendet:
• Die lateinische Schrift verwenden:
Alle westslavische Sprachen und Slovenisch.
• Die kyrillische Schrift verwenden:
Alle ostslavischen Sprachen, Bulgarisch, Mazedonisch.
Ein Sonderfall ist das ehemalige Serbokroatische: Es konnte (und kann) sowohl in
lateinischer als auch in kyrillischer Schrift wiedergegeben werden. Heute verwenden
die Nachfolgesprachen Kroatisch und Bosnisch beinahe ausschließlich die
lateinische Schrift. Das Serbische hingegen kann weiterhin in beiden
Schriftsystemen, lateinisch und kyrillisch wiedergegeben werden.

Slavische Sprachen

Westslavische Südslavische Ostslavische


Sprachen Sprachen Sprachen

Polnisch Slovenisch Mazedonisch Russisch


Tschechisch Kroatisch Bulgarisch Ukrainisch
Slovakisch Bosnisch Weißrussich

lateinische Schrift Serbisch kyrillische Schrift

Abb. 1: Die slavischen Sprachen und die in ihnen verwendeten Schriftsysteme

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Exkurs: Historische Entwicklung der kyrillischen Schrift


• Slavenmission: Im Jahr 862 bittet der Fürst Rastislav des Großmährischen Reiches (in etwa auf dem
Gebiet des heutigen Ungarn, derSlavische Sprachen
westlichen Slovakei, südöstliches Tschechien) den byzantinischen
Kaiser um Entsendung von Gelehrten, die den christlichen Glauben in slavischer Sprache lehren.
• Die Slavenapostel Hl. Kyrill und Method (zwei griechische Mönche) entwickeln zur Wiedergabe der
slavischen Laute ein eigenes Schriftsystem: Die glagolitische Schrift (Glagolica) (nicht die kyrillische
Schrift !!!) Sie basiert auf einer griechischen Minuskelschrift (= Kleinbuchstabenschrift).
• Die Glagolica wurde noch eine gewisse Südslavische
Westslavische Zeit auf heute tschechischem Gebiet (im Sázava-Kloster), im
Ostslavische
heutigen Kroatien
Sprachen(eckige Variante) und imSprachen
heutigen Mazedonien und Westbulgarien
Sprachen (Ochrid: runde
Variante) verwendet.
• Grundlage der heutigen kyrillische Schrift ist dagegen die Kyrillica, die in Ostbulgarien (Preslav)
entwickelt und zu Ehren des Hl. Kyrill nach diesem benannt wurde. Sie basiert auf einer griechischen
Majuskelschrift (= Großbuchstabenschrift).
• Polnisch
Diese Schrift Slovenisch
gelangt im 10. Jh. Mazedonisch
im Zuge der Christianisierung Russisch
des Kiever Reichs aus dem südslavischen
Tschechisch Kroatisch Bulgarisch Ukrainisch
Bereich nach Russland und erfuhr dort im 10.-14. Jh. einige Anpassungen an die ostslavische
Slovakisch
Aussprache. Bosnisch Weißrussich
• Diese Änderungen wurden jedoch im 14. und 15. Jh. durch den sogenannten „Zweiten südslavischen
Einfluss“ wieder rückgängigSchrift
lateinische gemacht. Serbisch kyrillische Schrift
• Die moderne kyrillische Schrift entstand erst durch mehrere Reformen ab dem 18 Jahrhundert:
• Die Orthographiereform Peters des Großen: (1708-10): Angleichung der Buchstaben an westliche
Alphabete: sogenannte Bürgerschrift (гражданский шрифт)
• Die endgültige heutige Form erhielt das kyrillische Alphabet erst 1918 durch die Orthographiereform nach
der Oktoberrevolution. Sie beinhaltete u.a. die Abschaffung "überflüssiger" Buchstaben (i und v Æ и; ѣ Æ
e; ӨÆ ф; ω Æ o) und die Abschaffung des harten Zeichens am Wortende.
• Die kyrillische Schrift wurde und wird auch für einige nichtslavische Sprachen verwendet: im 19.
Jahrhundert z.B. für das Rumänische, zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Alphabetisierung
nichtslavischer (kaukasischer, mittelasiatischer, sibirischer Sprachen) Sprachen z.T. auf der Grundlage
der kyrillischen Schrift durchgeführt.

Abb. 2: Verschiedene Versionen der Glagolica, ihre Zahl- und Lautwerte (nur zur Illustration)

52
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

2. Transliteration und Transkription


Für die Wiedergabe der kyrillischen Schrift mit lateinischen Buchstaben gibt es
prinzipiell zwei verschiedene Regelungen (Wiedergabesysteme): die Transliteration
und Transkription.
Transliteration:
dient zur wissenschaftlich exakten Wiedergabe kyrillisch geschriebener Texte
(Wörter, Buchstaben). Wird v.a in Werken mit wissenschaftlichem Anspruch (v.a. in
der Slavistik) verwendet. Ziel der Transliteration ist die Eindeutigkeit der
Entsprechung. Jedem kyrillischen Buchstaben ist daher genau ein lateinischer
Buchstabe zugeordnet. Bei der Rückübertragung aus dem Lateinischen kommt so
wieder der kyrillische Originaltext zustande.
Die wissenschaftliche Transliteration verwendet ein System von diakritischen
Zeichen, das v.a aus dem tschechischem Alphabet übernommen ist. Die
Transliteration ist im Duden festgelegt (Duden-Transliteration), daneben gibt es eine
geringfügig abweichende Transliteration für bibliothekarische Zwecke (sog. ISO-
Transliteration).
Transkription:
dient zur ungefähren Wiedergabe der Lautung in "unwissenschaftlichen", populären
Kontexten. Ziel ist es, dem Leser, der der kyrillisch schreibenden Sprache nicht
mächtig ist, eine ungefähre Vorstellung von der originalen Lautung zu geben. Die
Wiedergabe geschieht daher durch "lautähnliche" lateinische Buchstaben. Dabei
werden nicht alle lautlichen Unterschiede der Originalsprache auch tatsächlich
wiedergegeben. So wird etwa der Unterschied zwischen den kyrillischen Buchstaben
с und з ignoriert (beides wird mit lat. s wiedergegeben), ebenso der Unterschied
zwischen ш und ж (beides mit sch).
Die Transkription ist darüberhinaus nicht international. Einige markante Unterschiede
in den nationalen Transkriptionen sind etwa:

kyrillische deutschsprachige englischsprachige französischsprachige


Originalschreibung Transkription Transkription Transkription
х ch kh h
ч tsch ch tch
ж sch sh
я, ю ja, ju ya, yu

Durch die unterschiedliche Traditionen der Transkription in verschiedenen Sprachen


erklären sich auch die oft abweichenden Schreibungen russischer Namen, vgl. etwa:

kyrillische deutschsprachige englischsprachige französischsprachige


Originalschreibung Transkription Transkription Transkription
Горбачёв Gorbatschow Gorbachev Gorbatchev
Чехов Tschechow Chekhov Tchehov
Достоевский Dostojewski Dostoyevsky
Жуков Schukow Zhukov

53
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Transliteration und Transkription des russischen Alphabets

Russisches wissenschaftliche deutsche (populäre) Transkription


Alphabet Transliteration
А а a a
Б б b b
В в v w
Г г g g (in den Endungen -ogo und ego: w)
Д д d d
Е е e e (am Wortanfang,
nach Vokal, ь und ъ: je)
Ё ё ё jo
З з z s
Ж ж ž sch
И и i i
Й й j i (vor Vokal: j;
am Wortende nach i nicht transkribiert
К к k k
Л л l l
М м m m
Н н n n
О о o o
П п p p
Р р r r
С с s s (zwischen zwei Vokalen: ss)
Т т t t
У у u u
Ф ф f f
Х х ch ch
Ц ц c z (oder ts)
Ч ч č tsch
Ш ш š sch
Щ щ šč schtsch
ъ - nicht transkribiert
ы y y
ь ' nur vor o, sonst nicht transkribiert
Э э ė e
Ю ю ju ju
Я я ja ja
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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

3. Sonderzeichen in slavischen Alphabeten: Diakritika und Ligaturen


Lateinische Schrift
Um das lateinische Alphabet für die Wiedergabe des slavischsprachigen
Lautsystems geeignet zu machen, mussten einige Anpassungen erfolgen. V.a.
mussten Schriftzeichen (Grapheme) für die im Lateinischen und anderen Sprachen
nicht existierenden Laute gefunden werden. Zur schriftlichen Wiedergabe von
zusätzlichen Lauten gibt es prinzipiell drei Möglichkeiten:
• Erfindung eines völlig neuen Schriftzeichens: z.B. das deutsche ß, serbisch
ђ und ћ.
• Modifizierung (Veränderung) eines vorhandenen Buchstabens durch
diakritische Zeichen: z.B. die deutschen Umlaute ä, ö, ü; die tschechischen
Buchstaben: č, á, ů usw.; die polnischen ł, ć, ż, ą, usw.
• Kombination von zwei oder mehreren Buchstaben: Digraphen oder
Ligaturen: z.B. die deutschen sch, tz, ch; im tschechischen Alphabet ch, im
polnischen cz, sz, dż
Innerhalb der slavischen Sprachen, die lateinisches Alphabet verwenden, existiert
kein einheitliches Schriftsystem, die Wiedergabe der Laute unterscheidet sich in den
lateinisch schreibenden slavischen Sprachen mitunter sehr stark.

Diakritische Zeichen (Diakritika):


Modifikationen der lateinischen Buchstaben durch diakritische Zeichen verwenden
v.a. das tschechische und slovakische Alphabet, daneben aber auch das slovenische
sowie die lateinische Schreibung des Serbokroatischen. Aber auch das Polnische
weist einige durch diakritische Zeichen modifizierte Buchstaben auf.
Die wichtigsten diakritischen Zeichen in den lateinisch schreibenden slavischen
Sprachen sind:

• Der Haken ˇ (tschechisch: háček):


Er bezeichnet im Tschechischen, Slovakischen, Slovenischen und im
Kroatischen/Bosnischen zu den alveodentalen Frikativen s, z (stimmhaftes s)
und c (Lautwert: ts) die jeweiligen alveopalatalen Entsprechungen: š
(stimmloses sch), ž (stimmhaftes sch) und č (tsch). Im Tschechischen und
Slovakischen tritt er darüberhinaus bei den alveodentalen Verschlusslauten d,
t und n auf und bezeichnet deren palatalisierte Entsprechungen ď, ť und ň. Im
Tschechischen bezeichnet er bei r das sogenannte aspirierte ř, einen
palatalen Vibranten (gesprochen wie r und sch gleichzeitig). Das tschechische
ě hat die Funktion, die Palatalität des vorangehenden Konsonanten zu
bezeichnen (vgl. S. 10). Statt einem Haken auf dem Graphem, kann bei d und
t auch ein Apostroph nach dem Graphem stehen. Dieser Apostroph
bezeichnet im Slovakischen auch die Palatalität von L.
• der Strick ´ (tschechisch čárka):
Er hat im Tschechischen und Slovakischen die Funktion, lange Vokale zu
bezeichnen. Im Slovakischen bezeichnet er die Länge auch bei silbischen l
und r ( ĺ, ŕ). Im Polnischen (und bei c auch im Kroatischen/Bosnischen) steht
der Strich dagegen über Konsonantenbuchstaben. Er bezeichnet hier die
palatalen Entsprechungen ń, ć, ś und ź zu den alveodentalen n, t, s und z.
Lediglich beim Vokalbuchstaben o bezeichnet er im Polnischen den Laut u.

55
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Weitere (seltenere) Diakritika in lateinisch schreibenden slavischen Sprachen sind:


- Das Ringlein (kroužek) auf dem u (ů): bezeichnet im Tschechischen langes u.
- Das Trema (zwei Punkte): kennzeichnet im Slovakischen den Laut ä.
- Das Dach auf dem o (ô): kennzeichnet im Slovakischen den Diphthong uo.
- Der Punkt auf dem z (ż): kennzeichnet im Polnischen das stimmhafte sch.
- Die Welle durch das L (Ł ł): kennzeichnet im Polnischen einen biliabialen Gleitlaut.
- Das Häkchen unter den Buchstaben a und e (ą und ę): signalisiert im Polnischen die
Nasalität des entsprechenden Vokals.
- Der Strich durch d (Đ đ): kennzeichnet im Kroatischen/Bosnischen das palatalisierte
D.

Überblick über die in den lateinisch schreibenden Sprachen verwendeten


Buchstaben mit diakritischen Zeichen:

Buchstabe Lautwert Sprachen


č tsch Tschechisch, Slovakisch,
š stimmloses sch Slovenisch und Kroatisch /
ž stimmhaftes sch Bosnisch
ň, ť, ď palatalisiertes d, t und n
Tschechisch und Slovakisch
á, é, í, ó, ú, ý lange Vokale
ř r und sch gleichzeitig
ů langes u
Tschechisch
bezeichnet Palatalität des
ě vorangehenden Konsonanten
ľ palatales L
ĺ, ŕ lange silbische L und R
Slovakisch
ä ähnlich deutschem ä
ô Diphthong uo
ć, đ, palatales T und D Kroatisch / Bosnisch
ż stimmhaftes sch, wie tsch. ž
palatales tsch, n, stimmloses
ć, ń, ś, ź sch und stimmhaftes sch
bilabiales, unsilbisches u Polnisch
ł
ą, ę Nasalvokale
ó wie u gesprochen

Tschechisch ň, ť, ď ě, ř, ů
Slovakisch á, é, í, ó, ú, ý ľ, ĺ, ŕ, ä, ô
č, š, ž
Kroatisch ć, đ
Slovenisch
Polnisch ć, ń, ś, ź, ż, ł, ą, ę, ó

Buchstabenverbindungen (Ligaturen oder Digraphen):


Buchstabenverbindungen kennt v.a. das polnische Alphabet, vereinzelt kommen
Digraphen jedoch auch im Bosnischen / Kroatischen und selten im Tschechischen
und Slovakischen vor.

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Buchstaben- Lautwert Sprachen


verbindung
wie im Deutschen Tschechisch, Slovakisch und
ch Polnisch
dz stimmhaftes ds alle lateinisch schreibenden
stimmhaftes dsch Tschechisch, Slovakisch und
dž Kroatisch / Bosnisch
lj, nj palatalisierte L und N Kroatisch / Bosnisch
dź palatales dsch
dż stimmhaftes alveopalatales dsch
cz stimmloses tsch, wie tsch. č
Polnisch
sz stimmloses sch, wie tsch. š
szcz Kombination aus sz und cz
rz wie stimmhaftes sch gesprochen

Überblick über die in den lateinisch schreibenden Sprachen verwendeten


Buchstabenverbindungen:

Tschechisch

Slovakisch ch
Polnisch dź, dż, cz, sz, szcz, rz
Kroatisch dž, lj, nj

Einige wichtige Ausspracheunterschiede:


Einige Grapheme kommen in den lateinischen Alphabeten mehrerer slavischen Sprachen
vor, haben aber in den einzelnen Sprachen unterschiedliche Lautwerte. Diese sind:
ó: Wird im Tschechischen und Slovakischen als langes o im Polnischen hingegen als
(kurzes) u.
y: Ist im Tschechsichen und Slovakischen mit i identisch, im Polnischen hingegen ein
Zwischenlaut zwischen i und e.
h: Wird im Tschechischen, Slovakischen und Polnischen wie das Deutsche h
ausgesprochen, im Slovenischen und Kroatischen/Bosnischen dagegen wie ch.

Kyrillische Schrift
Auch innerhalb der slavischen Sprachen, die kyrillisches Alphabet verwenden, gibt
es leichte Abweichungen: in einzelnen Sprachen werden zusätzliche Schriftzeichen
verwendet.

Überblick über die in den kyrillisch schreibenden Sprachen verwendeten


gegenüber dem Russischen abweichenden Buchstaben:

Buchstabe Lautwert Sprachen


i (Das kyrillische и wird im Ukrainischen
i wie russ. ы gesprochen)
Ukrainisch und Weißrussisch
ї ji
є je Ukrainisch
ґ g (Das г wird im Ukrainischen wie h
gesprochen)
ў (unsilbisches) u Weißrussisch

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

ј j (vor Vokalen)
љ, њ palatales L, N Serbisch und Mazedonisch
џ stimmhaftes dsch
ђ, ћ palatales D und T Serbisch
ѓ, ќ palatales D und T
Mazedonisch
ѕ stimmhaftes ds
ъ "Schwa-Laut" Bulgarisch

Ukrainisch
ї, є, ґ
i
Weißrussisch ў
Serbisch
ђ, ћ
Mazedonisch ј, љ, њ, џ,
ѓ, ќ, ѕ
Einige wichtige Ausspracheunterschiede:
Auch in den kyrillischen Alphabeten kommen einige Grapheme in mehreren
Sprachen vor, haben aber in den einzelnen Sprachen unterschiedliche Lautwerte.
Diese sind:

и: Wird im Russischen wie i ausgesprochen, im Ukrainischen dagegen wie russisches


ы.
е: Wird im Russichen wie je ausgesprochen, in allen anderen kyrillisch schreibenden
Sprachen dagegen wie e.
г: Wird im Russischen (und Bulgarischen) wie g ausgesprochen, im Ukrainischen und
Weißrussischen dagegen wie h (stimmhafter Velarer Reibelaut, ähnlich dem g im
Niederländischen).
щ: Wird im Russischen als langes palatalisiertes s ausgesprochen (ähnlich einem langen
polnischen śś), im Bulgarischen dagegen als št.

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

4. „Weiche“ (palatalisierte) Laute und ihre Wiedergabe

Zur Wiedergabe der palatalisierten (sogenannten „weichen“) Laute haben die


slavischen Sprachen unterschiedliche Regelungen. Meist signalisiert der
nachfolgende Vokalbuchstabe, ob der vorangehende Konsonant hart oder weich
gesprochen werden muss. Dies „erweichenden“ oder „palatalisierenden“ Buchstaben
sind:
Im Russischen: е, ё, и, ю, я
Im Tschechischen: ě, i
Im Polnischen: i
Nur vor Konsonanten und am Wortende gibt es im Tschechischen und Polnischen
eigene Buchstaben, im Russischen dient dann das „weiche Zeichen“ ( ь ) zum
Ausdruck der Palatalität.
Beispiele für die Wiedergabe palatalisierter Konsonanten:
Tschechis
Russisch Polnisch
ch
palatalisiertes
vor Vokal дя, дю, де, ди, дё dě, di dzi
D am
Wortende дь Ďď dź
palatalisiertes
vor Vokal тя, тю, те, ти, тё tě, ti ci
T am
Wortende ть Ťť Ćć
palatalisiertes
vor Vokal ня, ню, не, ни, нё ně, ni ni
N am
Wortende нь Ňň Ńń
palatalisiertes
vor Vokal ля, лю, ле, ли, лё
L am
Wortende ль
si / Ś ś
ebenso bei: б, п, в, м, с, з, р
zi / Ź ź

Funktion der jotierten Vokale


Russisch:
Im Russischen gibt es nur 5 Vokalphoneme, aber 10 Vokalgrapheme. Dabei
entsprechen einander: a – я / э – е / ы – и / о – ё und у – ю.
Die sogenannten jotierten Vokalbuchstaben я, е, и, ё und ю bezeichnen dabei
dasselbe Vokalphonem wie die nichtjotierten, sie haben darüberhinaus aber noch
folgende Funktionen:
• Nach Konsonanten kennzeichnen sie die Palatalität des vorausgehenden
Konsonanten. Die graphische Verbindung д + я bezeichnet also die
Phonemkombination /d'/ + /a/.
• Am Wortanfang, nach Vokal und nach weichem oder hartem Zeichen (ь oder ъ)
bezeichnen sie die Phonemkombination /j/ + Vokal:
Wortanfang: есть [jest'], ёлка [jolka], ясно [jasna], юбка [jubka]. Lediglich и wird
am Wortanfang unjotiert gesprochen: игра [igra].
nach Vokal: читаем, даёт, стоять, читаю. Auch hier wird и nur leicht jotiert:
стоим.
nach ъ: Kombination harter Konsonant + j: отъехать, объём, изъявить; statt
der Kombination ъ + и wird ы geschrieben: отыскать.
nach ь: Kombination weicher Konsonant + j: бельё [bil’jo], пью [p’ju]

59
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Polnisch:
Im Polnischen zeigt der Buchstabe i die Palatalität des vorausgehenden
Konsonanten an. Dabei wird die Kombination t+i graphisch zu ci die Kombination
d+i graphisch zu dzi.

Steht nur der Buchstabe i allein, so erfüllt er eine Doppelfunktion: er bezeichnet die
Palatalität des vorangehenden Konsonanten und gleichzeitig den Laut [ i ]:
ci = ć + i : cicho
dzi = dź + i : dziśaj
zi = ź + i: zima
si = ś + i : siła
ni = ń + i: niski
Steht der Buchstabe i vor einem anderen Vokal, so bezeichnet er nur die Palatalität
ohne eigenen Lautwert:
cia = ć + a: ciało
dzie = dź + e: dziecko
zie = ź + e: zielony
się = ś + ę
nie = ń + e: nie.

Tschechisch:
Im Tschechischen zeigen die Buchstaben ě und i (í) die Palatalität der
vorangehenden Konsonanten d, t und n an:
dě = ď + e: děti
tě = ť + e: tělo
ně = ň + e: něco
di = ď + i: dítě
ti = ť + i: tisíc
ni = ň + i: nikdo

Nach den Buchstaben b, p, f, v zeigt der Buchstabe ě den Einschub des Phonems "j"
an: běžet [bježеt] pěkný [pjekn’i:], věnovat [vjenovat]. Nach m zeigt der Buchstabe ě
den Einschub des Phonems ň an: město [mňesto]

Die Schreibung von i oder y nach den Buchstaben b, p, f, v, m und nach l, s und z
ist im Tschechischen nurmehr eine rein orthographische Norm, die keinen
Ausspracheunterschied mehr bezeichnet, vgl. bílý - byli, mít - mýt, síla – sýr

5. Orthographiesysteme

Die Orthographie regelt die einheitliche schrifltliche Wiedergabe einer Sprache. Es


existieren 3 Hauptprinzipien für die Festlegung von orthographischen Regeln, die
jedoch in keiner Sprache konsequent durchgehalten werden können. In den meisten
Orthographiesystemen sind daher alle drei Prinzipien vermischt.

Das phonetisches Prinzip:


Die Orthographie gibt Laute genau so wieder, wie sie gesprochen werden.

Das morphologisches Prinzip:

60
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Die Orthographie gibt gleiche Morpheme auf dieselbe Art wieder, auch wenn diese
unterschiedlich gesprochen werden.

Das historisches Prinzip:


Die Orthographie orientiert sich an der traditionellen Schreibweise, auch wenn sich
die Aussprache oder die morphologischen Gegebenheiten mittlerweile geändert
haben.

Beispiele für das Vorhandensein einzelner Prinzipien in den slavischen


Sprachen:

Phonetisches Prinzip:
Im Russischen: Schreibung von рас-, вос-, ис- vor stimmlosen Konsonanten:
раскричать, восклицать, исписать; аber: разрешить, возвести, извинить
Phonetische Schreibung von engl./frz. sprachigen Fremdwörtern/Namen: гоган,
уошингтон, u.ä.
Im Tschechischen: Schreibung von Fremdwörtern: v kurzu, univerzita
Im Polnischen: Phonetische Schreibung von z bzw. s: nisky; Vereinheitlichung von s
und z zu einer Präposition.
Vorteile des phonetischen Prinzips ist die genaue Phonem-Graphementsprechung,
die zu Ausspracheerleichterungen führt.
Nachteil ist die große Zahl von notwendigen Graphemen, um die tatsächlichen
phonetischen Unterschiede kennzeichnen zu können. Daneben auch der häufige
graphische Wechsel bei morphologisch zusammengehörigen Wörtern (vgl. etwa die
Schreibung der Stimmtonassimilation im BKS: Srbija aber: srpski).

Morphologisches Prinzip:
Im Russischen: Nichtberücksichtigung der Vokalreduktion in der Schreibung: окно
statt акно; мало statt мала; очень очинь usw. (vgl. dagegen die Schreibung des
Аkanje im Weißrussischen)
Im Tschechischen: keine Assimilation bei Vorsilben z- und s-: sbírat (sprich: zbírat),
zpracovat (sprich: spracovat)
Vorteil des morphologischen Prinzips: Durchsichtigkeit für Wortbildungsprozesse /
Erkennbarkeit von Wurzeln / Morphemen, auch bei Ausspracheänderung
Nachteil: Aussprache weicht in best. Fällen von Schreibung ab

Historisches Prinzip:
im Russischen: Schreibung der Genitivendung –ого trotz Aussprache -ovo
im Polnischen: Differenzierung von rz und ż trotz identischer Aussprache
im Tschechischen: Schreibung von i in Fremdwörtern: titul, diskuse obwohl "harte
Aussprache von d / t. Beihaltung der Differenzierung von i und y in der Schreibung,
obwohl kein Ausspracheunterschied.
Vorteil des historischen Prinzips: Gewöhnung und Tradition bringen Sicherheit
Nachteil: u.U. extremes Auseinanderklaffen von lautlicher und graphischer
Wiedergabe (etwa im Englischen oder Französischen.

61
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Teil 3 A: Phonologie

1. Definition "Phonem"
2. Bestimmung von Phonemen
3. Der Begriff Allophon
3.1. Freie Allophone
3.2. Distributionelle Varianten
4. Phonembestimmung in den slavischen Sprachen
4.1. Phonemcharakter palatalisierter Konsonanten
4.2. Beispiele von Allophonie in den slavischen Sprachen
5. Neutralisation des Phonemunterschieds
6. Überblick über das Phoneminventar slavischer Sprachen

1. Definition „Phonem“
Im Gegensatz zur Phonetik untersucht die Phonologie nicht die beim Sprechen
erzeugten Laute an sich, sondern die ihre Funktion im System der Sprache. Die
Phonologie beschäftigt sich also mit "abstrakten" Eigenschaften der Laute, vor allem
mit ihrem Verhältnis zueinander.
Als "Phoneme" haben die beim Sprechen erzeugten Laute eine bestimmte Funktion
innerhalb des Systems Sprache. In Kapitel 1 A wurde festgestellt, dass bei der
sprachlichen Kommunikation durch Laute bestimmte Inhalte übermittelt werden.
Durch verschiedene Laute werden also auch verschiedene Inhalte übermittelt. Die
einzige Art, in der Sprache einen Unterschied im Inhalt deutlich zu machen, ist
verschiedene Laute zu benutzen. Die Laute haben im System Sprache also eine
ganz wichtige Funktion: sie unterscheiden Bedeutungen. Die Laute, die in der Lage
sind, im Sprachsystem verschiedene Bedeutungen zu unterscheiden, nennt man
PHONEME:
Definition Phonem:
Ein Phonem ist die kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit auf der Ebene
des Sprachsystems (langue).

2. Bestimmung von Phonemen


Um zu bestimmen, welche Laute in einer Sprache als Phoneme gelten, also
tatsächlich zur Unterscheidung von Bedeutungen genutzt werden, bedient man sich
der Methode der Minimalpaarbildung. Als Minimalpaare bezeichnet man eine
unveränderte lautliche Umgebung, in denen zwei artikulatorisch unterschiedliche
Laute gegeneinander ausgetauscht werden. Ändert sich dabei die Bedeutung, so
kann man den lautlichen Unterschied als bedeutungsunterscheidend ansehen: die
Unterscheidung der beiden Laute hat "Phonemcharakter". Man spricht dann von
phonologischer Opposition.

62
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Beispiel:
Opposition lautliche Umgebung Minimalpaar Bedeutungsveränderung
Baum – Raum ____ aum B–R +
Baum – beim B ____ m Au – Ei +
Baum – Bauch Bau _____ M – Ch +

Als distinktive Merkmale bezeichnet man die artikulatorischen Merkmale, die bei
der Unterscheidung von Phonemen relevant sind. Im ersten Beispiel sind dies etwa
Artikulationsstelle (labial vs. alveolar), Artikulationsart (Plosiv vs. Vibrant) usw.
Zur Ermittlung der distinktiven Merkmale werden Minimalpaare gebildet, die sich nur
durch ein einziges artikulatorisches Merkmal unterscheiden:
Bei Konsonanten sind dies:
• Bach – Dach: Artikulationsort
• Teil – Seil: Artikulationsart
• backen – packen: Stimmbeteiligung
• russ.: рад – ряд: Palatalität
Bei Vokalen sind dies:
• Mond – Mund: vertikale Zungenstellung
• Tochter – Töchter: horizontale Zungenstellung
• Züge – Ziege: Lippenrundung
• Poln.: piszę – pisze: Nasalität
• Tsch.: rada – ráda: Vokalquantität
• Russ.: мукá – мýка: Betonung

3. Der Begriff „Allophon“


3.1 Freie Allophone
Nicht alle Unterschiede zwischen realen Lauten (Phonen) führen jedoch zu
Bedeutungsveränderungen. So kann etwa im Deutschen das Phonem /r/ (z.B. in
dem Wort Rasen) auf unterschiedliche Art ausgesprochen werden:
• als alveodentaler Vibrant (= sog. „Zungenspitzen-R“)
• als uvularer Vibrant (= sog. „Zäpfchen-R“)
Dabei handelt es sich bei beiden Aussprachevarianten um verschiedene Phone: sie
werden auf unterschiedliche Art artikuliert (sie unterscheiden sich im Artikulationsort),
sie haben unterschiedliche akustische Eigenschaften und können auch beim Hören
voneinander unterschieden werden. Die Bedeutung des Wortes Rasen ändert sich
jedoch nicht, wenn statt des Zungenspitzen- ein Zäpfchen-R gesprochen wird. Die
unterschiedlichen phonetischen Realisierungen von /r/ sind hier also nicht
bedeutungsunterscheidend.
Der Unterschied zwischen den beiden Phonen ist also für das Sprachsystem
(zumindest das deutsche) nicht relevant. Zungenspitzen- und Zäpfchen-R sind also
im Deutschen keine verschiedenen Phoneme, der Unterschied ist nicht phonologisch
relevant. Man bezeichnet sie daher als Realisierungen (Varianten) eines Phonems
oder als Allophone.
Definition Allophon:
Allophone sind verschiedenen Aussprachevarianten eines Phonems, die nicht
bedeutungsrelevant sind.

63
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Im oben skizzierten Fall können die beiden Allophone in allen Positionen


gegeneinander ausgetauscht werden, nie wird die Bedeutung geändert. Laute, die in
allen Positionen durch einander ersetzbar sind heißen freie Allophone. Die
Tatsache, dass Allphone keine (lexikalischen oder grammatischen) Bedeutungen
unterscheiden, heißt nicht, dass sie keinerlei Informationswert besitzen: ob ein
Sprecher das Wort Rasen mit Zungenspitzen- oder Zäpfchen-R artikuliert, kann u.U.
etwas über ihn aussagen (etwa über seine Herkunft, seinen Beruf, seine
Sprechgewohnheiten). Diese Unterschiede betreffen aber nicht das Sprachsystem,
sondern unterscheiden vielmehr verschiedenen Varietäten (Stilebenen, Dialekte,...).
Freie Allophone können also stilistisch relevant sein.

3.2 Distributionelle Varianten


Betrachten wir nun die Realisierungen der im Deutschen durch die
Buchstabenkombination ch wiedergegebenen Laute. Dieser tritt in zwei Varianten
auf:
• am harten Gaumen artikuliert = palatal: dichten, weichen,sprechen, köcheln,
Küche, ächzen ( = sogenannter „Ich-Laut“)
• am weichen Gaumen artikuliert = velar: Buch, Koch, lachen (= sogenannter „Ach-
Laut“)
Diese beiden Laute können schon allein deshalb keine Bedeutungen unterscheiden,
weil sie nie in derselben Position vorkommen. Es lässt sich also keine identische
Umgebung finden, in denen die beiden Laute gegeneinander austauschbar wären.
Man spricht in diesem Fall von komplementärer Distribution, die beiden Laute sind
komplementär (sich gegenseitig ausschließend) verteilt (distribuiert).
• der Ich-Laut tritt auf, wenn ihm ein vorderer Vokal (i, ü, e, ö, ä, ei) vorausgeht.
• der Ach-Laut tritt auf, wenn ihm ein hinterer Vokal (a, o, u) vorausgeht.
Die beiden unterschiedlichen Phone „Ich-„ und „Ach-Laut“ sind also ebenfalls
Varianten eines Phonems. Das Phonem /ch/ wird je nach seiner Distribution (=
lautlichen Umgebung) unterschiedlich realisiert. Ich- und Achlaut sind also
sogenannte "distributionelle Varianten" eines Phonems.
Definition Distributionelle Variante:
Distributionelle Varianten sind Aussprachevarianten eines Phonems, die nicht in
identischer lautlicher Umgebung auftreten und daher nicht bedeutungsrelevant sind.
Wir können also drei verschiedene Verhältnisse zwischen zwei Phonen
unterscheiden:
• zwei Phone kommen in derselben lautlichen Umgebung vor und
unterscheiden verschiedene Bedeutungen = Phoneme
• zwei Phone kommen in derselben lautlichen Umgebung vor und
unterscheiden keine Bedeutungen = freie Allophone eines Phonems
• zwei Phone kommen nur in unterschiedlicher lautlicher Umgebung vor und
können deshalb keine Bedeutungen unterscheiden
= distributionelle Varianten eines Phonems

unterschiedliche Vorkommen in derselben Bedeutungsunterscheidung


Phone lautlichen Umgebung
Phoneme + +
freie Allophone + –
distributionelle
Varianten – –

64
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Die Frage, ob der Unterschied zwischen zwei Lauten Phonemcharakter hat, ob es


sich bei ihnen um freie Allophone oder um distributionelle Varianten handelt,
kann nicht universal sondern nur für jede Einzelsprache extra beantwortet werden.
Jede Sprache hat somit ein eigenes Inventar an Phonemen und deren Realisierung
und Verteilung. Die phonologische Beschreibung einer Sprache beinhaltet also die
Aufzählung der für die Bedeutungsunterscheidung relevanten Laute, d.h ihren
Phonembestand (Phoneminventar), daneben auch die Kombinationsmöglichkeiten
von Phonemen (suprasegmentale Phonologie). Die korrekte Realisierung von
Allophonen in ihrer jeweiligen lautlichen Umgebung ist dagegen Teil der
phonetischen (genauer: der artikulatorischen) Beschreibung der Sprache.

4. Phonembestimmung in den slavischen Sprachen


Die phonologischen Systeme der slavischen Sprachen werden wir nun genauer
betrachten. Insbesondere gilt es dabei zwischen Phonemen, freien Allophonen und
distributionellen Varianten eines Phonems zu unterscheiden. Wir haben gesehen,
dass wir durch die Bildung von Minimalpaaren den Phonembestand einer Sprache
ermitteln können. Auf diese Weise wollen wir nun den phonematischen Charakter
folgender Laute ermitteln:
• Status der palatalisierten Konsonanten im Russischen, Tschechischen
• Status der palatalisierten Velare (k‘, g‘, ch‘) im Russischen
• Status der Vokale и und ы im Russischen und i und y im Polnischen

4.1 Phonemcharakter palatalisierter Konsonanten


Um den Phonemstatus des Merkmals palatalisiert-nichtpalatalisiert überpüfen zu
können, müssen wir Minimalpaare finden, in denen lediglich ein palatalisierter und
ein nichtpalatalisierter Konsonant gegeneinander ausgetauscht werden, während die
lautliche Umgebung unverändert bleibt.

Beispiele im Russischen:
Minimalpaar in Minimalpaar in Lautschrift lautliche Phonem-
russischer Umgebung opposition
Orthographie
рад ряд [r a d] [r' a d] ___ ad r - r'
мать мять [m a t'] [m' a t'] ___ at' m – m'
саду сяду [s a d u] [s' a d u] ___ adu s - s'
лук люк [l u k] [l' u k] ___ uk l – l'
вол вёл [v o l] [v' o l] ___ ol v – v'
вaрит вaрить [v a r ' i t ] [v a r ' i t' ] var'i ___ t – t'
вон вонь [v o n] [v o n'] vo___ n – n'

In all diesen Fällen ist die lautliche Umgebung tatsächlich identisch, da die
Vokalbuchstaben я, ю, ё usw. nur die Palatalität des vorausgehenden Konsonanten
anzeigen. Bedeutungsunterscheidende Funktion hat in bei diesen Minimalpaaren
also nur durch die unterschiedliche Palatalität der Konsonanten. Das Merkmal
Palatalität Nichtpalatalität kann im Russischen also Bedeutungen unterscheiden,
palatale und nichtpalatale Konsonanten sind im Russischen daher verschiedene
Phoneme.

65
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Beispiele im Tschechischen:
Minimalpaar in Minimalpaar in Lautschrift lautliche Phonem-
tschechischer Umgebung opposition
Orthografie
dej děj [d e j] [d' e j] ____ej d–ď
nemá němá [n e m a:] [n' e m a:] ___ emá n–ň
tele těle [t e l e] [t' e l e] ___ ele t–ť
ty ti [t i ] [t' i ] ___ i t–ť
tykat tikat [t i k a t] [t' i k a t] ___ ikat t–ť
dýky díky [d i: k i] [d' i: k i] ___ i:ky d–ď
krásný krásní [k r a: s n i:] [k r a: s n' i:] kras i: n–ň
Auch hier ist die lautliche Umgebung in allen Fällen identisch, da die
Vokalbuchstaben ě und i (bzw. í) lediglich die Palatalität des vorausgehenden
Konsonanten anzeigen. Das Merkmal Palatalität weist also auch im Tschechischen
Phonemcharakter auf, tritt allerdings nur bei den alveolar-dentalen Konsonanten d/ď,
t/ť und n/ň auf.

Beispiele im Polnischen:
Minimalpaar in Minimalpaar in Lautschrift lautliche Phonem-
polnischer Umgebung opposition
Orthografie
pasek piasek [p a s e k] [p’ a s e k] ____ asek p - p‘
syna sina [s i n a] [ś i n a ] ____ ina s-ś
ładny ładni [l a d n i] [l a d n’ i] lad ___ i n-ń
młody młodzi [m ł o d i] [m ł o dź i] mło ___ i d - dź
bogaty bogaci [b o g a t i] [b o g a ć i] boga ___i t-ć
mały mali [m a ł i] [m a l i] ma i ł-l

4.2 Beispiele für Allophonie in den slavischen Sprachen


• Palatalität velarer Konsonanten
Auch die velaren Konsonanten к, г, х treten im Russischen in 2 Allophonen auf:
o Palatale Allophone [g'], [k'], [x‘] : книги, книге, руки, руке, мухи, мухе
o Velare Allophone [g], [k], [x]: книга, книгу, книгой, книгам, книгах,
книгами, рука, руку, рукой, рукам, руками, руках, муха, муху, мухой,
мухам, мухах, мухами
Es gibt jedoch keine lautliche Umgebung, in der man k und k’, g und g’, x und x’
gegenseitig ersetzen könnte. Die velaren Allophone treten vor hinteren Vokalen (a, o,
u), die palatalen dagegen vor vorderen Vokale (e, i) auf. Die Verteilung ist also
komplementär. Das Merkmal Palatalität ist bei den velaren Konsonanten also nicht
bedeutungsunterscheidend sondern hängt von der lautlichen Umgebung ab.
• Allophoncharakter von russ. ы - и / poln. y und i
Nachdem wir vorhin den Phonemcharakter von palatalen und nichtpalatalen
Konsonanten im Russischen festgestellt haben, d.h. die bedeutungsunterscheidende
Funktion der Palatalität, betrachten wir nun folgende Minimalpaare:

Minimalpaar in russischer Minimalpaar in Lautschrift


Orthographie

быть бить [b y t'] [b' i t']


мыл мил [m y l] [m' i l]
вила выла [v y l a] [v' i l a]
тикать тыкать [t' i k a t'] [t y k a t']

66
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Wir stellen fest, dass и und ы nie in identischer lautlicher Umgebung auftreten:
o ы: tritt nur nach nichtpalatalen Konsonanten ([b], m, v , t) auf
o и: tritt nur nach palatalen Konsonanten (b', m', v', t') auf
Es gibt also keine lautliche Umgebung, in der sowohl ы als auch и stehen können
und der Ausspracheunterschied bedeutungsunterscheidend wäre. Damit sind die
Phone и und ы lediglich distributionelle Varianten eines Phonems /i/. Dieses wird
jedoch je nach lautlicher Umgebung unterschiedlich realisiert:
o als [ы] nach nichtpalatalebn Konsonanten
o als [и] in allen anderen Positionen: am Wortanfang: играть, nach Vokal
стоит und palatalem Konsonanten: вить
Das bestätigt sich, wenn wir folgende Beispiele betrachten:
• in manchen Fällen wird auch graphisches и wie ы ausgesprochen, und zwar,
wenn es (aus orthographischer Konvention) nach nichtpalatalen (harten)
Konsonanten steht:
o nach den "unpaarigen" harten Konsonanten ж und ш: жизнь, хороший
o Wenn Wörtern, die mit и beginnen, eine Präposition vorausgeht, die auf
harten Konsonanten endet: в институте [v ynst'itut'e] , в Италии [v Ytal'ii],
из Испании [iz Yspan'ii], с интересом [s ynt'ir'esam]
• Bei der Präfigierung wird dies sogar in der Schreibung wiedergegeben, vgl.:
с+играть Æ сыграть; без+имя Æ безымённый

Ähnlich verhält es sich im Polnischen mit den Allophonen i und y: "y" wird im
Polnischen „zentralisiert“ (als ungespanntes "e") ausgesprochen. Es tritt ebenfalls nur
nach nichtpalatalen Konsonanten auf, i dagegen nur nach palatalen.
Bedeutungsunterscheidend ist also wiederum allein die Palatalität der Konsonanten.

Im Tschechischen hingegen werden i und y identisch ausgesprochen, die beiden


Grapheme i und y sind also ledichglich verschiedene Schreibweisen für dasselbe
Phon. Man spricht daher von Allographen. Nach vorausgehendem d, t, n bezeichnen
sie die Palatalität der Konsonanten. Nach den übrigen Konsonanten ist die
Schreibung von i oder y eine reine orthographische Konvention, die keinerlei
Ausspracheunterschied nach sich zieht, vgl. etwa die "Homophone" být – bít / mýt
– mít.

5. Neutralisierung des Phonemunterschieds

Koartikulation / Assimilation:
Wir haben gesehen, dass Phoneme in Abhängigkeit von ihrer lautlichen Umgebung
unterschiedlich realisiert werden können. Der Grund für diese Veränderungen der
Aussprache liegt in der gegenseitigen Beeinflussung zweier benachbarter Laute der
sogenannten Koartikulation. Folgen der Koartikulation können sein.
• die Angleichung der Laute oder ihrer artikulatorischen Eigenschaften sein =
Assimilation.
• Die Differenzierung zweier ähnlicher benachbarter Laute mit dem Ziel der
besseren Unterscheidbarkeit sein = Dissimilation.
Je nach Richtung, in der die Anpassung wirkt unterscheidet man:
• progressive Wirkung: der vorausgehende beeinflusst den nachfolgenden Laut.
• regressive Wirkung: der nachfolgende beeinflusst den vorausgehenden Laut.

67
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Durch die Koartikulation entstehen also Allophone (distributionelle Varianten) von


Phonemen. Diese Allophone können mit anderen Phonemen identisch sein, die
normalerweise durch die Artikulation unterschieden werden. Der Unterschied
zwischen zwei Phonemen kann an also in bestimmten lautlichen Umgebungen
aufgehoben sein. Man spricht in diesem Fall von der Neutralisierung des
Phonemunterschieds.
Beispiele hierfür sind v.a. der Wechsel von stimmhaften Konsonanten und ihren
stimmlosen Entsprechungen.
Der Unterschied zwischen stimmhaften und stimmlosen Konsonanten tritt in den
meisten slawischen Sprachen nur in bestimmten Positionen auf:
wenn ein Vokal nachfolgt (am Wortanfang oder in der Wortmitte):
russ. дом - том
tsch.: body - boty
poln.: bas - pas
In anderen Positionen hingegen ist der Unterschied neutralisiert, d.h. es tritt nur die
stimmlose Variante auf. Die stimmhaften Konsonanten b, v, d, z, ž, g, h haben also in
diesen Positionen distributionelle Varianten, die mit den jeweiligen stimmlosen
Entsprechungen identisch sind. Man spricht von der Neutralisierung des Merkmals
Stimmhaftigkeit oder von der Stimmtonassimilation.
Diese tritt auf:
• am Wortende: man spricht vom Stimmtonverlust im Auslaut
• vor stimmlosen Konsonanten: dies ist ein Fall von regressiver Assimilation,
d.h. der vorangehende Konsonant gleicht sich im Merkmal Stimmhaftigkeit
an den nachfolgenden an.
• Im Polnischen gibt es auch Beispiele progressiver Assimilation, in denen
der vorausgehende Konsonant auf den nachfolgenden wirkt.

Assimilation: stimmhaft Î stimmlos am Wortende


Russisch Tschechisch Polnisch
рад rád sad
глаз obraz głaz
нож muž piar
гриб chyb chleb
слов slov rów
книг / бог knih / bůh

regressive Assimilation:
stimmhaft Î stimmlos vor stimmlosem Konsonanten
Russisch Tschechisch Polnisch
редко prohlídka nadpsuty
procházka zszyć
книжка tužka świeższy
трубка obchod babka
входить dívka wkopać
завтра přestávka
lehký

progressive Assimilation stimmhaft Îstimmlos nach stimmlosem Konsonanten


Russisch Tschechisch Polnisch
twardy
sprzedawać

68
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Im Russischen, Tschechischen und in bestimmten Fällen auch im Polnischen kommt


es bei der regressiven Assimilation zum umgekehrten Fall, dass sich stimmlose
Konsonanten an den vorausgehenden stimmhaften angleichen:
regressive Assimilation: stimmlos Îstimmhaft vor stimmhaftem Konsonanten
Russisch Tschechisch Polnisch
сдача sbírat prośba
также kdo także
от города s dědečkem

Ein Beispiel für die Dissimilation benachbarter Laute ist die Kombination [-gk-] im
Russischen. Durch Stimmtonassimilation träfen zwei identische Laute [-kk-]
aufeinander. Zur besseren Unterscheidbarkeit wird daher beim ersten die
Artikulationsart von plosiv zu frikativ dissimiliert [-chk-].

regressive Dissimilation der Artikulationsart:


Russisch Tschechisch Polnisch
лёгкий

Ausbleiben der Assimilation kann am Beispiel des Verhaltens von v im


Tschechischen beobachtet werden. Dieser Laut unterliegt zwar der Assimilation
(chov, dívka), bewirkt sie aber nicht selbst: svět, kvůli.

69
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

6. Überblick über das Phoneminventar in den slavischen Sprachen

Zum Abschluss betrachten wir den Phonembestand der drei von uns behandelten
slawischen Sprachen im Überblick:

Wenn wir die Phonembestände der drei slawischen Sprachen vergleichen, so fällt
auf, dass das Russische die meisten Konsonantenphoneme aufweist, gefolgt vom
Polnischen, das Tschechische die wenigsten. Das hat mit der Palatalitätskorrelation
zu tun: im Russischen kommen (bis auf die 7 unpaarigen Konsonanten) alle
Konsonanten als palatale und nichtpalatale Entsprechung vor, die Phonemcharakter
hat. Ähnlich im Polnischen, wo lediglich bei die Palatalitätskorrelation bei r fehlt.
Etwas abweichend ist die Palatalität bei den dentalen Frikativen und Affrikaten (s, z,
c, dz) und bei den dentalen Plosiven (werden stärker palatalisiert: ć, dź). Im
Tschechischen hingegen gibt es die Palatalitätskorrelation nur bei drei Konsonanten:
den Dentalen: d, t und n (ď, ť und ň). Alle anderen Konsonanten kommen nur in
nichtpalataler Form vor.

Umgekehrt verhält es sich bei der Zahl der Vokalphoneme. Hier hat das Russische
mit 5 die wenigsten Phoneme, das Polnische in der Mitte mit 7 Phonemen, die
meisten (11) weist das Tschechische auf. Das hängt mit der Quantitätsopposition
zusammen, die im Tschechischen phonematischen Charakter hat. Alle 5 Vokale
treten im Tschechischen in kurzer und langer Form auf, so dass sich die Zahl der
Vokalphoneme verdoppelt. Im Russischen sind hingegen nur 5 Vokalphoneme zu
unterscheiden, diese treten jedoch in zahlreichen allophonischen Varianten (vgl. и
und ы) auf. Im Polnischen besteht ebenfalls keine Quantitätsopposition, jedoch tritt
hier das Merkmal der Nasalität in phonembildender Funktion auf. Durch die beiden
Nasalvokalphoneme erhöht sich die Zahl der Vokalphoneme auf 7.

70
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Phonembestand Russisch: 34 Konsonanten-, 5 Vokalphoneme

Artikulationsstelle mediopalata
bilabial labiodental alveodental alveopalatal velar
l
Artikulations-
art -palatal +palatal -p +p -p +p -p +p +p -p +p
stimmhaft б б' д д' г
Plosive
stimmlos п п' т т' к
stimmhaft
Affrikaten
stimmlos ц ч'
stimmhaft в в' з з' ж й
Frikative
stimmlos ф ф' с с' ш щ' х
Nasale stimmhaft м м' н н'
Laterale stimmhaft л л'
Vibranten stimmhaft р р'

и (ы) у

e о

71
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Phonembestand Polnisch: 33 Konsonanten-, 7 Vokalphoneme:

Artikulationsstelle Prädorsal (Vorderzungenlaute) Mediodorsal (Mittelzungenlaute) Postdorsal (Hinterzungenlaute)


bilabial labiodental alveodental alveopalatal mediopalatal velar

Artikulations- -palatal +palatal -p +p -p +p -p +p -p +p -p +p


art
stimmhaft b b' d g
Plosive
stimmlos p p' t k
stimmhaft dz dż dź
Affrikaten
stimmlos c cz ć
stimmhaft v v' z ż / rz ź
Frikative
stimmlos f f' s sz ś ch
Nasale stimmhaft m m' n ń
Laterale stimmhaft l
Vibranten stimmhaft r
Halbvokale stimmhaft ł j

i u

(y)

ę e о ą

72
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Phonembestand Tschechisch: 25 Konsonanten-, 11 Vokalphoneme

Artikulationsstelle Prädorsal (Vorderzungenlaute) Mediodorsal (Mittelzungenlaute) Postdorsal (Hinterzungenlaute)


bilabial labiodental alveodental alveopalatal mediopalatal velar

Artikulations- -p +p -p +p -palatal +palatal -p +p -p +p -p +p


art
stimmhaft b d ď (g)
Plosive
stimmlos p t ť k
stimmhaft
Affrikaten
stimmlos c č
stimmhaft v z ž j h
Frikative
stimmlos f s š ch
Nasale stimmhaft m n ň
Laterale stimmhaft l
Vibranten stimmhaft r ř

i í u ú

ou

e é o (ó)

a á

73
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

74
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Teil 3 B: Sprachgeschichte:

1. Überblick: Periodisierung der Geschichte slavischer Sprachen


2. Sprachgeschichte: Drei wichtige Unterscheidungen
2.1. Synchrone vs. diachrone Sprachwissenschaft
2.2. Innere vs. äußere Sprachgeschichte
2.3. Lautgesetze vs. morphologischer Ausgleich
3. Ausgewählte Lautentwicklungen in den slavischen Sprachen
3.1. Palatalisierungen
3.2. Halbvokal-Entwicklung
3.3. Liquida-Metathese

Gegenstand dieses Abschnitts ist die historische Entwicklung der slavischen


Sprachen. Wozu kann die Kenntnis der geschichtlichen Entwicklung hilfreich sein?
Sie kann zum einen erklären, wie Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den
heutigen slavischen Sprachen zustandegekommen sind. Historische Kenntnisse
können daneben aber auch helfen, bestimmte grammatische Erscheinungen, die in
den heutigen slavischen Sprachen zu Unregelmäßigkeiten geführt haben und die wir
im Fremdsprachenunterricht als „Ausnahmen“ lernen müssen, besser zu verstehen.

1. Historische Entwicklung der slavischen Sprachen im Überblick


Wie in Kapitel 1.B erwähnt, gehören die slavischen Sprachen zur großen
Sprachfamilie der indogermanischen Sprachen. Bereits in vorhistorischer Zeit hat
sich aus der urindoeuropäischen Sprache der slavische Sprachzweig herausgebildet.
Die heutigen slavischen Sprachen stammen allesamt von einer gemeinsamen
Ursprache, dem sogenannten Urslavischen ab. Dieses existierte bis etwa 500 n.Chr.
als einheitlicher Dialekt, die letzte Stufe vor der Trennung nennt man Gemeinslavisch
(auch: Spätgemeinslavisch). Von diesem gemeinsamen Ursprache verlief die
Entwicklung zunächst über die Trennung in ostslavische, südslavische und
westslavische Sprachen (6. - 9. Jh.) bis hin zur Aufspaltung in Einzelsprachen (ca.
um das Jahr 1000). Von da ab kommt es zu einzelsprachlichen sprachhistorischen
Entwicklungen, die im folgdenden Kapiteln (4B) für das Russische, Polnische und
Tschechische nachvollzogen werden soll.
Hier interesseieren uns hingegen in erster Linie die ererbten slavischen
Gemeinsamkeiten. Alle modernen slavischen Sprachen weisen in der einen oder in
der anderen Form bis heute slavisches "Erbe" auf , d.h. sie verfügen über bestimmte
Charakteristika, die bis auf die Zeit des Urslavischen zurückgehen und die sie daher
mit anderen slavischen Sprachen verbinden. Dieses gemeinslavische Erbe findet
sich im Wortschatz der slavischen Sprachen, aber ebenso in der Grammatik und z.T.
auch in der Lautlehre.
Andere, spätere Entwicklungen hingegen fanden zu einem Zeitpunkt statt, als sich
die slavischen Sprachen bereits in eine ost-, süd- und westslavische Gruppe getrennt
hatten. Diese Entwicklungen stellen heute Besonderheiten der west-, süd- und

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

ostslavischen Sprachen dar, die sie von den anderen Sprachgruppen trennen
(sogenannte West-, Ost-, Südslavismen).
Noch später kam es zu Entwicklungen, die in die Zeit nach der Trennung in
Einzelsprachen fallen. Diese sind nur für eine einzelne slavische Sprache
charakteristisch und können als einzelsprachliche Entwicklung gelten.
Die folgende Tabelle gibt einen kurzen Überblick über die historische Entwicklung
vom Indogermanischen bis zu den heutigen slavischen Sprachen. Die Datierungen
sind nur zur groben zeitlichen Einordnung gedacht und stellen keine exakten
historischen Datierungen dar.

Ungefähre Periodisierung der Geschichte einiger slavischer Sprachen


Indoeuropäisch
ca. 3. Jahrtausend vor
bis ca. 5. Jh. n. Chr.

Urslavisch

Spätgemeinslavisch

Ostslavisch Westslavisch Südslavisch


6. bis 9. Jh
ca. 10. Jh

Altostslavisch lachische tschechoslova- westsüdslavische ostsüdslavische


Gruppe kische Gruppe Gruppe Gruppe

Ukrainisch Slovenisch
Weißrussisch Altkirchenslavisch
11.-15. Jh.

Slovakisch (Altbulgarisch)
Seit dem 11. Jh. 9.-11-Jh.
Altrussisch Ur-und
12.-17.Jh. (wechselnde Alttschechisch
südslavische / Altpolnisch 10.-15. Jh.
kirchenslavische 12.-15. Jh. Mittelbulgarisch
Einflüsse) 12.-14.Jh.
Kajkavische,
16. – Anfang 18.

čakavische und
štokavische Denkmäler
Jh.

Mittel- Mitteltschechisch
polnisch 16.-18. Jh
16.-18. Jh. Mazedonisch
Nationalsprache Mitte 19.- Ende 20.Jh.
18. Jh. bis heute

ab 18. Jh Neupolnisch Serbokroatische


seit 18. Jh. Neutschechisch Standardsprache
seit Mitte 18. Jh
Ende 20. Jh. Seit Mitte 19. Jh
Einzelsprachen Neubulgarische
Bosnisch, Kroatisch, Standardsprache
Serbisch

76
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

2. Sprachgeschichte: 3 wichtige Unterscheidungen


Bevor wir uns den einzelnen sprachgeschichtlichen Entwicklungen zuwenden,
müssen wir die folgenden Begriffe voneinander unterscheiden:
• diachrone vs. synchrone Sprachwissenschaft
• innere vs. äußere Sprachgeschichte
• Lautgesetze vs. morphologischen Ausgleich

2.1 Synchronie vs. Diachronie


Der erste Unterschied besteht zwischen synchroner und diachroner
Sprachwissenschaft. Er geht auf Ferdinand de Saussure zurück. Synchron bedeutet
"gleichzeitig", diachron hingegen "ungleichzeitig". Damit ist der wichtigste
Unterschied zwischen beiden bezeichnet:
• die synchrone Sprachwissenschaft vergleicht verschiedene sprachliche
Phänomene (Laute, Morpheme, Wörter, Regeln, Bedeutungen) zur gleichen Zeit
und versucht Regularitäten zwischen ihnen festzustellen. D
• die diachrone Sprachwissenschaft hingegen betrachtet die Entwicklung eines
bestimmten Phänomens in seiner Entwicklung, d.h. über verschiedene Zeitstufen
hinweg.
Beide Richtungen untersuchen also die sprachlichen Phänomene unter
verschiedenen Gesichtspunkten:
• die synchrone Sprachwissenschaft stellt die Frage: "Wie funktioniert das
sprachliche System (oder eines seiner Teilsysteme) zu einem bestimmten
Zeitpunkt?" (nicht notwendigerweise der gegenwärtige, es kann auch ein früherer
Sprachzustand synchron beschrieben werden). Die Fragestellung der synchronen
Sprachwissenschaft ist also funktional oder strukturell.
• Dagegen interessiert sich die diachrone Sprachwissenschaft für die Frage:
"Woher kommt das Phänomen?" "Wie ist es entstanden, wie hat es sich in der
Geschichte entwickelt, wie ist es zum gegenwärtigen Zustand gekommen und
welche Ursachen können dafür verantwortlich sein?" Die diachrone Fragestellung
ist also historisch und kausal.
Beide Betrachtungsweisen schließen sich nicht aus, sondern ergänzen einander. Ein
und dasselbe Phänomen lässt sich sowohl synchron als auch diachron erklären: z.B.
werden die beiden unterschiedlichen Formen der Wurzel pros- (im Infinitiv, in der 2.
Person Sg.) und proš- (in der 1. Pers. Sg.) synchron als Allomorphe eines Morphems
erklärt, diachron hingegen können sie als Ergebnis einer Palatalisierung durch j
beschrieben werden.
Der Zweig der Sprachwissenschaft, der sich mit der historischen Entwicklung einer
Sprache beschäftigt, wird "diachrone" Sprachwissenschaft genannt. Die Blütezeit
der diachronen Sprachwissenschaft war das 19. Jahrhundert. In dieser Zeit verglich
man verschiedene Sprachen miteinander und versuchte aufgrund von
Gemeinsamkeiten und Unterschieden Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den
Sprachen festzustellen und eine historische Ursprache, aus der sich die heutigen
Sprachen entwickelt haben, zu rekonstruieren. Daher nennt sich dieser Zweig der
Sprachwissenschaft "historisch-vergleichend".

synchrone Sprachwissenschaft diachrone Sprachwissenschaft


gleichzeitig: ungleichzeitig:
Sprache zu einem bestimmten Zeitpunkt Sprache in historischer Entwicklung
Fragestellung: funktional / strukturell Fragestellung: historisch / kausal
"Wie funktioniert das System?“ "Woher kommt das Phänomen?"

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

2.2 Innere vs. äußere Sprachgeschichte


Man kann die Geschichte einer Sprache unter zwei Gesichtspunkten betrachten:
• Die innere Sprachgeschichte betrachtet vorwiegend die sprachlichen
Gegebenheiten als solche und beschreibt ihre Entwicklung: Veränderungen im
Lautsystem, in der Grammatik, Veränderungen in der Wortbedeutung usw.
• Die äußere Sprachgeschichte beschäftigt sich dagegen mit den
außersprachlichen Gegebenheiten, die als auslösende Momente für den Wandel
der Sprachen gewirkt haben könnten. Dies können geographische Bedingungen
(etwa die Völkerwanderung) sein, die zur Trennung von verwandten Sprachen
führen, aber auch zum Kontakt und zur gegenseitigen Beeinflussung zweier
nichtverwandter Sprachen. Daneben beschreibt die äußere Sprachgeschichte
auch Veränderungen politischer, sozialer und kultureller Art, die sich auf die
Sprache auswirken: das Auftauchen neuer Erfindungen, neuer Textsorten,
literarischer Genres, der Wandel des politischen Systems, das Entstehen neuer
sozialer Schichten usw.
Die äußere Sprachgeschichte wird unser Thema in den nächsten Wochen sein, wir
werden uns die Entwicklung der russischen, polnischen und tschechischen
Literatursprache in ihrem historischen Verlauf und unter den herrschenden
historischen Bedingungen ansehen. Heute wollen wir einen kurzen Blick auf die
innere Sprachgeschichte und ihre Auswirkungen in den modernen Slavinen werfen.

Innere Sprachgeschichte Äußere Sprachgeschichte


sprachliche Phänomene außersprachliche Phänomene
und ihre innere Logik; und ihre Auswirkungen auf die Sprache;
sprachimmanente Gründe für externe Auslöser für Veränderungen
Veränderungen

2.3 Lautgesetze vs. morphologischer Ausgleich


Innerhalb der inneren Sprachgeschichte sind zwei gegenläufige Prinizipien wirksam,
die gegeneinander arbeiten und von denen sich mal das eine, mal das andere
Prinzip durchsetzt: Lautgesetze und morphologischer Ausgleich:

Lautgesetze sind Regeln, nach denen die Entwicklung eines Lautes in Abhängigkeit
von seiner Umgebung präzise vorhergesagt werden kann: Lautgesetze werden bei
der Rekonstruktion älterer Sprachstufen aufgestellt und erklären die unterschiedliche
Entwicklung in den einzelnen zweigen.
Lautgesetze haben die allgemeine Form: x > y / a _ b
was soviel bedeutet wie: "X wird zu Y in der Umgebung nach a und vor b"
Zwei Beispiele für Lautgesetze aus der slavischen Sprachgeschichte sind:
k>c/_e „k wird in Position vor e zu c“
s+j>š „s und j verschmelzen in direktem Kontakt zu š“
Das gegenläufige Prinzip ist der sogenannte morphologische Ausgleich. Die
mechanische Befolgung der Lautgesetze führt nämlich häufig dazu, dass innerhalb
eines Paradigmas (d.h. innerhalb des Deklinations- oder Konjugationsmuster eines
Worts) Unregelmäßigkeiten entstehen. Sprachen haben aber die Tendenz zur
Regelmäßigkeit, d.h. zu einem möglichst einheitlichen und durchschaubaren System.
Daher versuchen sie, Unregelmäßigkeiten möglichst zu vermeiden und zu
beseitigen. Ein Beispiel aus dem Deutschen wäre die fortschreitende Tendenz, aus
unregelmäßigen starken Verben regelmäßige schwache Verben zu machen: etwa
fragen – fragte oder backen – backte, wo früher die starken Formen "frug" oder "buk"
auftraten.

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Die beiden oben beschriebenen Lautgesetze führen in den slavischen Sprachen zu


folgenden Unregelmäßigkeiten:
Wo in der Deklination von Substantiven, die auf -k auslauten, ein -e als Endung
auftrat, kam es zum Wechsel von k zu c (Beispiel ruka). Wo in der Konjugation von
Verben mit dem Themavokal -i- eine vokalische Endung auftrat, wurde das i zuerst
unsilbisch, dann zu j, welches daraufhin mit dem vorangehenden s zu š verschmolz
(Beispiel prosit).
Nom. ruka Infin. prosit
Gen. ruky 1. Sg prošu
Akk. ruku 2. Sg. prosiš
Instr. ruką 3. Sg. prosit
Dat. / Lok. ruce 1. Pl. prosim(e)
2. Pl. prosite
3. Pl. prosęt

In manchen slavische Sprachen wurden nun diese Unregelmäßigkeit durch


morphologischen Ausgleich wieer beseitigt:
Das Russische hat den Wechsel kÎ c rückgängig gemacht, und damit heute ein
regelmäßiges Deklinationsparadigma:
Nom. рука
Gen. руки
Akk. руку
Instr. рукой
Dat. / Lok. руке

Das Tschechische hat prošu durch die regelmäßige Form prosím ersetzt und damit
ein heute einheitliches Konjugationsparadigma.
Infin. prosit
1. Sg prosím
2. Sg. prosíš
3. Sg. prosí
1. Pl. prosíme
2. Pl. prosíte
3. Pl. prosí

Beide morphologischen Ausgleiche führten jedoch dazu, dass die heutigen Formen
руке (russ.) und prosím (tsch.) lauthistorisch nicht mehr korrekt hergeleitet werden
können. Diachron gesehen stellen sie also Unregelmäßigkeiten dar. Die
Wechselwirkung zwischen Lautgesetzen einerseits und morphologischem Ausgleich
andererseits lässt sich in etwa so darstellen:

Lautgesetz

diachron regelmäßig
synchron unregelmäßig Æ morphologischer Ausgleich

synchron regelmäßig
diachron unregelmäßig

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

3. Drei wichtige Lautentwicklungen in den slavischen Sprachen

Betrachten wir nun exemplarisch drei Entwicklungen im Lautsystem der


slavischen Sprachen genauer und sehen uns an, wie sie sich in den heutigen
slavischen Sprachen (z.T. unterschiedlich entwickelt haben).
1. Palatalisierungen, d.h. die Entwicklung der velaren Konsonanten k, g, ch zu den
alveopalatalen č, š, ž (oder dž) bzw. zu alveodentalen c, s, z (oder dz).
2. Entwicklung der Halbvokale, d.h. extrem kurzer (reduzierter) Vokale, die in den
heutigen slavischen Sprachen für das Phänomen der „flüchtigen“ Vokale
verantwortlich sind
3. Die sogenannte Liquidametathese, d.h. die Umstellung von Vokal und den
Liquiden r und l. Diese ist heute v.a. für lautliche Unterschiede zwischen den
slavischen Sprachen verantwortlich.

3.1 Palatalisierungen
Unter (historischer) Palatalisierung versteht man die Entwicklung von nichtpalatalen
Lauten zu palatalen, d.h. eine Verschiebung des Artikulationsorts hin zum harten
Gaumen (Palatum). Von der Palatalisierung betroffenen sind die velaren
Konsonanten k, g und ch. Die Verschiebung wird ausgelöst durch die lautliche
Umgebung. Stehen die Velare in direktem Kontakt mit einem vorderer Vokal (e, i, ě,
ę, ь) oder j, so verändern sie aufgrund der Koartikulation - der gemeinsamen
Artikulation zweier im Redefluss unmittelbar aufeinanderfolgener Laute - ihre
Eigenschaften. Die am hinteren Gaumen artikulierten Velare orientieren sich in
Richtung der Vokale, der Artikulationsort wandert vom harten Gaumen (Velum)
allmählich nach vorne, aus velaren Konsonanten werden zunächst palatale, aus
diesen dann später alveopalatale oder alveodentale:
k Æ k' Æ ć Æ č' Æ č Æ c' Æ c;
g Æ g' Æ dź Æ dž' Æ dž (Æ ž) Æ dz' Æ dz (Æ z);
ch Æ ch' Æ ś Æ š' Æ š Æ s' Æ s;
Bei den Plosiven k und g verändert sich darüberhinaus der Artikulationsmodus: aus
dem plosiven k werden die Affrikaten č bzw. c, aus dem plosiven g werden zunächst
auch Affrikaten (dž bzw. dz), die sich dann sogar noch weiter zu reinen Frikativen
entwickeln (ž bzw. z). Lediglich bei der Entwicklung des ch bleibt die frikative
Artikulationsart erhalten.
Die Palatalisierung ist kein rein slavischsprachiges Phänomen. Durch Koartikulation
verursachte Lautveränderungen dieser Art können wir in vielen Sprachen
beobachten, im Deutschen etwa bei Fremdwörtern lateinischen Ursprungs
(Provokation - provozieren) oder in bestimmten Dialekten („Isch liebe disch“).
Im Laufe der historischen Entwicklung des Slavischen gab es drei "Wellen" der
Palatalisierung: man spricht daher von der 1., 2. und 3. Palatalisierung, sowie von
der j-Palatalisierung.
1. Palatalisierung:
Der Vokal steht hinter dem Velar und wirkt nach vorne (regressiv). Das Ergebnis
sind die Alveopalatale č, ž und š.
k Æ č: russ.: рука Æ ручка; tsch.: ruka Æ ručka; poln. ręka Æ rączka
(Auslöser ist in allen Fällen das Verkleinerungssuffix –ьkъ)
g Æ ž: russ.: могу Æ можешь; tsch. mohu Æ můžeš; poln.: mogę Æ możesz
(Auslöser ist hier die Personalendung -eš)
ch Æ š: russ.: сухой Æ сушить; tsch.: suchý Æ sušit; poln.: suchy Æ suszyć
(Auslöser ist hier das verbale Suffix -i-)

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

2. Palatalisierung:
Auch hier steht der Vokal steht hinter dem Velar und wirkt nach vorne (regressiv).
Das Ergebnis sind im Unterschied zur ersten Palatalisierung jedoch die
Alveodentale c, z (bzw. dz) und s (bzw. š). Die Ergebnisse der 2.Palatalisierung
sind heute v.a. in der Deklination zu beobachten, v.a. in den Endungen von Dativ
und Lokativ Singular und im Nominativ Plural, da hier die Endungen einen
vorderen Vokal beinhalteten.
• k Æ c: tsch.: ruka Æ v ruce; poln.: ręka Æ w ręce.
• g Æ z / dz: Im Tschechischen wandelte sich später noch g zu h, so dass
heute
die Alternation h zu z auftritt: noha Æ na noze. Im Polnischen tritt die Alternation g
Æ dz auf: noga Î na nodze.
• ch Æ š: (im Westslavischen): tsch.: střecha Æ na střeše; poln.: mucha -
musze. In den südslavischen Sprachen dagegen ch Î s, vgl. BKS: tepih Î
na tepisima.
Das heutige Russische hat die Ergebnisse der zweiten Palatalisierung durch
morphologischen Ausgleich (bis auf wenige Ausnahmen, etwa друг Æ друзья) beseitigt.
Es gab sie jedoch noch im Altrussischen sowie in den anderen ostslavischen Sprachen
Ukrainisch und Weißrussisch.
3. Palatalisierung:
Auslöser sind wieder vordere Vokale, diesmal ist die Wirkungsrichtung jedoch
progressiv, d.h. der auslösende Vokal steht vor dem betreffenden Konsonanten.
Ergebnisse der 3. Palatalisierung sind nur noch in einigen Wörtern, etwa:
отец / otec / ojciec „Vater“ aus *otьkъ
князь / kněz / ksiądz „Fürst bzw. Priester“ aus *knęgъ
всё / všechno / wszystko „alles“ aus *vьcho)
erhalten und nicht mehr im Formbildungs- oder Wortbildungssystem erkennbar.

auslösende betroffener
Richtung Ergebnis Beispiele
r Laut Laut
k č ручка – ručka - rączka
voderer regressiv книжка – knižka – księżka
1. Palatalisierung
Vokal Å g ž
ch š сушить – sušit – suszyć
k c v ruce – w ręce
voderer regessiv g z na noze – na nodze
2. Palatalisierung Å o mouše – o musze
Vokal ch š westsl.
s südsl.
k c отец – otec – ojciec
voderer progressiv g z князь – kněz – ksiądz
3. Palatalisierung Æ всё – všechno – wszystko
Vokal ch s ostsl.
š westsl.

J-Palatalisierung
Von der j-Palatalisierung sind nicht nur die velaren, sondern auch andere
Konsonanten betroffen: die Alveodentale d, t, s, z, die Konsonanten-gruppen kt, gd,
im Russischen zusätzlich die Labiale. Der auslösende Laut j verschmilzt mit dem
vorangehenden Konsonanten und ist daher in den resultierenden Formen nicht mehr
erkennbar. J-Palatalisierungen treten in verschiedenen Formen auf: in der 1.Person
Singular (v.a. bei Verben der i-Konjugation), beim Partizip Passiv, bei der Bildung
von Verbalsubstantiven.

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

betroffener Ergebnisse Beispiele


Laut
ktj ostsl.č westsl. c südsl. щ ночь – noc - noc
tj ostsl.č westsl. c südsl. щ свеча – svíce - świeca
dj ostsl. ž westsl. z südsl. жд чужой – cizí - cudzy
sj š. пишу – píšu – piszę
zj ž покажу – ukážu – pokażę
b bl люблю – líbím - lubię
p pl куплю – koupím - kupię
v vl ловлю – lovím – lowię
m ml земля – země - ziemia

3.2 Halbvokale
Unter Halbvokalen versteht man extrem kurze (sogenannte "reduzierte") Vokale, die
im Urslavischen noch vorhanden waren, in den modernen slavischen Sprachen
jedoch nicht mehr existiern. Sie wurden entweder zu normalen (sog. "Vollvokalen" =
Hebung der Halbvokale) oder sind verschwunden (= Ausfall der Halbvokale). Dieser
Ausfall der Halbvokale ist für das in allen slavischen Sprachen bekannte Phänomene
der sog. "flüchtigen" Vokale verantwortlich: ein Vokal, der in einer Form vorhanden ist
(z.B. im Nom. Sg. день / den / dzień) fehlt in anderen Formen (etwa im Gen. Sg. дня
/ dne / dnia).
Das Urslavische hatte zwei Halbvokale: einen hinteren („harten“, geschrieben: ъ )
und einen vorderen („weichen“, geschrieben: ь ). Bei der Hebung der Halbvokale
behielten die ostslavischen Sprachen diesen Unterschied bei (der hintere Halbvokal
wurde zu o, der vordere zu e), die westslavischen Sprachen gaben ihn auf (beide
wurden zu e).
Die Entwicklung der Halbvokale hängt von der Position ab, die sie im Wort
innehatten:
• Standen sie an letzter Stelle im Wort oder unmittelbar vor einem Vollvokal,
so kam es zum Ausfall.
• Standen sie jedoch unmittelbar vor einem anderen Halbvokal, so wurden sie
„gehoben“, d.h. sie wurden selbst zu Vollvokalen.
Daher sind heute „flüchtige“ Vokale v.a. in Formen anzutreffen, in denen keine
Endung mehr folgt. Historisch ist die heutige „Nullendung“ aus einem ausgefallenen
Halbvokal entstanden. Der unmittelbar vor ihr stehende Halbvokal wurde deshalb
zum Vollvokal. In anderen Fällen, wo ein Vollvokal in der Endung stand, fiel dagegen
der Halbvokal aus. Einige Beispiele:

Ordnung (Nom. Sg.) - in Ordnung (Lok. Sg.)


Nom Sg. Lokativ / Präpositiv Sg.
urslavisch *por'ędъkъ *vъ por'ędъkе
russ. порядок в порядке
tsch. pořádek v pořádku
poln. porządek w porządku

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Tag (Nom. Sg.) - des Tages (Gen. Sg.)


Nom Sg. Genitiv Sg.
urslavisch *dьnь *dьn’a
russ. день дня
tsch. den dne
poln. dzień dnia

Fenster (Gen. Pl.) - Fenster (Nom. Sg.)


Genitiv Plural Nom Sg.
urslavisch *okъnъ *okъno
russ. окон окно
tsch. oken okno
poln. okien okno

3.3 Liquidametathese
Mit dem Begriff Liquidametathese bezeichnet man die Umstellung (Metathese) der
Kombination Vokal + liquider Konsonanten (R oder L). Dabei tauschten Vokal und
Liquid die Plätze, d.h. aus einer Folge CVLC (consonant – vowel – liquid –
consonant) wurde die Folge CLVC.

KONSONANT – VOKAL – LIQUID – KONSONANT

KONSONANT –LIQUID – VOKAL – KONSONANT

Beispiele: melk – mlek; gort – grod; golv – glov; golt – glot, usw.
Diese Umstellung fand in allen slavischen Sprachen statt und unterscheidet sie von
anderen indoeuropäischen Sprachen, die z.T. dieselben Wortwurzeln kennen.
Unterschiedlich verlief jedoch die weitere Entwicklung der Ergebnisse dieser
Umstellung:
• In den südslavischen Sprachen und in der tschechischoslovakischen Gruppe
der westslavischen Sprachen wurde der Vokal danach gedehnt, aus langem o
wurde dabei a: mléko, grad, glav, zlat.
• Im Polnischen blieb der Vokal kurz: mleko, gród, głowa, złoto.
• In den ostslavischen Sprachen, kam es zum sogenannten Volllaut
(Polnoglasie), d.h. es wurde vor dem Liquid ein zusätzlicher Vokal
eingeschoben: moloko, gorod, golova, zoloto.
Beispiele für Ergebnisse der Liquidametathese finden sich in den heutigen
slavischen Sprachen noch zahlreich. Sie treten in verschiedenen Wortarten auf: bei
Substantiven Adjektiven, Verben, sogar bei Präpositionen und Präfixen. Neben der
Lautung konnte sich dabei in der einzelsprachlichen Entwicklung auch die Bedeutung
verschieben (vgl. etwa das Beispiel город „Stadt“ - hrad „Burg“). Das Beispiel der
Entwicklung des historischen Eigennamens Karls des Großen, der in der Bedeutung

83
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

„König“ in allen slavischen Sprachen auftritt, lässt eine historische Datierung der
lautlichen Veränderung zu. Es zeigt, dass dieser Sprachwandelprozess zu Lebzeiten
Karls (d.h. nach dem Jahr 800) noch aktiv gewesen sein muss.
Einige Beispiele:
Beispiele aus
vermutete
anderen
indoeuropäische Russisch Tschechisch Polnisch indoeuropäischen
Form
Sprachen
*melk молоко mléko mleko dt.: Milch, engl.:
milk
*gord город hrad gród dt.: Garten, engl.:
Bedeutung: Stadt Bedeutung: Burg veraltet: Burg garden, frz.:
jardin, lat.: hortus
*chold xолод chlad chłód vgl. dt. kalt
*zolt золото zlato złoto vgl. dt. Gold
*gols голос hlas głos vgl. dt. Hals
*karl король král król vom Eigennamen
Karl, der Große
andere Wortarten:
*kort- короткий krátký krótki vgl. dt. kurz
*mol-ti молоть mlít mleć vgl. dt. mahlen
*perd перед před przed
Im Russischen existiert eine Reihe von Wörtern, die nicht die ostslavische Lautung mit
Volllaut aufweisen, sondern die südslavische Entsprechung mit Liquidametathese und
Dehnung. Diese Wörter entstammen nicht dem (ostslavischen) Russisch, sondern sind aus
dem Südslavischen entlehnt und über das sogenannte Russisch-Kirchenslavische in das
heutige Russische gelangt. Man spricht daher von „Südslavismen“ im heutigen Russischen.
Im modernen Russischen gibt es daher auch Fälle, in denen beide Formen (die ostslavische
und die südslavische) nebeneinander bei demselben Wort vorkommen. Dabei kam es zu
einer Differenzierung der Bedeutung: häufig hat dabei das ostslavische Wort eine
konkretere, die südslavische Entsprechung dagegen eine eher abstrakte Bedeutung, vgl. die
Beispiele:
голова „Kopf“ - глава „(Buch-)Kapitel; Oberhaupt“
переворот „Umsturz“ - преврат „Verwandlung“

Die südslavische Variante findet daneben oft Verwendung bei der Bildung von Städtenamen
und Wortzusammensetzungen:
Städtenamen auf -град: Ленинград, Волгоград - aber: Новгород
Komposita des Typs: хладотехника – "Kühltechnik"
Wissenschaftliche Termini: млечный путь – "Milchstraße"
Politische Begriffe: гласность - „Lautstärke, Öffentlichkeit“

84
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Teil 4 A: Morphologie

1. Definition Morphem
2. Ermittlung von Morphemen
3. Morphemklassen
3.1. Nach der Bedeutung: grammatische und lexikalische Morpheme
3.2. Nach der Position im Wort: Wurzeln, Affixe, Endungen
3.3. Nach Art der Realisierung
3.4. Nach der Distribution: freie und gebundene Morpheme
4. Allomorphie
5. Wortarten
5.1. Einteilung der Wortarten
5.2. Definitionsmöglichkeiten
6. Grammatische Kategorien
6.1. Nominalkategorien
6.2. Verbalkategorien

In diesem Kapitel beschäftigen wir uns mit der linguistischen Beschreibungsebene


der Morphologie. Ihr Gegenstand sind die Morpheme. Wir werden zunächst den
Begriff Morphem definieren (4.1) und eine Methode zur Ermittlung von Morphemen
kennenlernen (4.2). Danach werden wir die Morpheme in Klassen einteilen: je nach
der Art der Bedeutung, die sie tragen (4.3), und nach der Position, die sie im Wort
einnehmen (4.5). Schließlich werden wir verschiedene Formen der Realisierung von
Morphemen kennenlernen (4.5)
In den Kapiteln 4.6 und 4.7 schließlich werden wir uns genauer mit einem Teilgebiet
der Morphologie auseinandersetzen: der grammatischen Morphologie. Hier werden
uns die Begriffe „Wortart“ und „grammatische Kategorie“ besonders interessieren.

1. Definition Morphem
In den beiden vorhergendenen Kapiteln haben wir die kleinsten Einheiten untersucht,
in die man sprachliche Äußerungen zerlegen kann, die Laute. In diesem Kapitel
wollen wir die nächsthöhere linguistische Beschreibungsebene betrachten. Welche
ist das? Ist es bereits die Ebene des Wortes? Oder existiert zwischen Laut und Wort
noch eine weitere Beschreibungsebene?
Wir haben gesehen, dass ein Phonem selbst noch keine Bedeutung trägt, sondern
nur zur Unterscheidung von Bedeutungen beitragen kann. Welches sind nun die
kleinsten sprachlichen Einheiten, die selbst Bedeutung tragen?
Fügt man Phoneme zu größeren Einheiten zusammen, so erhält man als
nächstgrößere phonologische (phonotaktische) Einheit die Silbe: Silben müssen als
Silbengipfel immer einen Vokal (oder einen silbischen Konsonanten) aufweisen.
Doch auch Silben müssen noch nicht Träger einer Bedeutung sein.
Betrachten wir etwa in unseren 3 slavsichen Sprachen das Wort für „Schule“
russ. школа, tsch. škola, poln. szkoła

85
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Wir sehen, dass dieses Wort in allen drei Sprachen aus 2 Silben besteht:
russ. шко – ла, tsch. ško – la, poln. szko – ła

Doch keine der beiden Silben verfügt über eine eigene Bedeutung. Die Einteilung in
Silben berücksichtigt also die Bedeutung nicht, sondern folgt rein phonetischen
Überlegungen.

Berücksichtigen wir die Bedeutung bei der Einteilung der Wörter jedoch mit, so
erhalten wir dagegen die Wortbestandteile:
russ. школ – а, tsch. škol – a, poln. szkoł – a

Diese Bestandteile tragen sehr wohl eine eigene Bedeutung: die Bestandteile школ,
škol, szkoł können selbstständig im Text auftreten, als Form des Genitiv Plural. Der
Bestandteil –a hingegen hat die Bedeutung „Nominativ Singular“. Man erhält so also
Wortbestandteile, die selbst Bedeutung tragen. Diese Einheiten bezeichnet man als
Morpheme. Morpheme sind abstrakte Einheiten mit identischer Bedeutung auf
langue-Ebene, ihre konkreten Realisierungen im Text bzw. in der gesprochenen
Äußerung (auf parole-Ebene) nennt man Morphe:
Definition Morphem:
Ein Morphem ist die kleinste bedeutungstragende Einheit auf der Ebene des
Sprachsystems (langue-Ebene).
Morpheme werden in geschweiften Klammern { } geschrieben.
Ein Morph ist dagegen die konkrete Realisierung eines Morphems auf der Ebene des
Textes / der Äußerung (parole-Ebene).

2. Ermittlung von Morphemen:

Zur Ermittlung von Morphemen bedienen wir uns zweier Schritte:


1. Segmentieren: Zerlegen einer unsegmentierten Einheit in bedeutungstragende
Einheiten
2. Klassifizieren: Einteilung der gefundenen Einheiten in Klassen eingeteilt
Wie stellen wir nun fest, wo die Grenze zwischen zwei Morphemen liegt? Wo
müssen wir trennen, wenn wir ein Wort in seine bedeutungstragenden Abschnitte
einteilen wollen? Ähnlich wie bei der Bestimmung von Phonemen, gehen wir vom
Prinzip der Opposition aus. Wir betrachten dabei Wörter, die sich nur durch ein
Morphem unterscheiden. Die Morphemgrenze (#) setzen wir dort an, wo
Gleichbleibendes und Veränderliches zusammentreffen.

Betrachten Sie dazu die Beispiele auf dieser und der folgenden Seite:
Beispiel 1:
russ.: школа, школы, школе, школу, школой, школ, школам,
школами, школах
tschech.: škola, školy, škole, školu, školo, školou, školy, škol, školám,
školami, školách
poln.: szkoła, szkoły, szkole, szkołę, szkoło, szkołą, szkoły, szkoł,
szkołom, szkołami, szkołach

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

russisch tschechisch polnisch


школ а škol a szkoł a
школ и škol y szkoł y
школ е škol e szkol e
школ у škol u szkoł ę
škol o szkoł o
школ ой škol ou szkol e
школ е škol e szkoł ą
школ и škol y szkoł y
школ škol szkoł
школ ам škol ám szkoł om
школ и škol y szkoł y
школ ами škol ami szkoł ami
школ ах škol ách szkoł ach
Beispiel 2:
russ.: школа, рука, книга, сестра, песня, аудитория
tschech.: škola, ruka, kniha, sestra, voda
poln.: szkoła, ręka, księżka, siostra

russisch tschechisch polnisch


школ а škol a szkoł a
рук a ruk a ręk a
книг a knih a księżk a
сестр a sestr a siostr a
песн‘ a

Beispiel 3: aus dem Bereich des Verbums:


russ.: хвалю, хвалишь, хвалит, хвалим, хвалите, хвалят
tschech.: chválím, chválíš, chválí, chválíme, chválíte, chválí
poln.: chwalę, chwalisz, chwali, chwalimy, chwalicie, chwalą

russisch tschechisch polnisch


хвал’ у chvál ím chwal ę
хвал’ ишь chvál íš chwal isz
хвал’ ит chvál í chwal i
хвал’ им chvál íme chwal imy
хвал’ ите chvál íte chwal icie
хвал’ ат chvál í chwal ą

Beispiel 4:
russ.: хвалю, говорю, варю, читаю, советую, несу
tschech.: chválím, mluvím, vařím, chodím, čistím
poln.: chwalę, mówę, varzę, chodzę, ????

russisch tschechisch polnisch


хвал’ у chvál ím chwal ę
говор у mluv ím mów ę
вар у vař ím var ę
читай у chod ím chod ę
советуй у čist ím
нес у vid ím

87
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

3. Morphemklassen
3.1 Nach Art der Bedeurung: Grammatische und lexikalische Morpheme
(Formbildung und Wortbildung)

Nachdem wir auf durch Segmentierung die Grenzen der Morpheme festgestellt
haben, können wir die gefundenen Morpheme in einem nächsten Schritt
klassifizieren, d.h. nach ihren Eigenschaften in Klassen einteilen.
Das wichtigste Einteilungskriterium ist dabei die Art der Bedeutung, die die
Morpheme in die Gesamtbedeutung des Wortes einbringen.
Sehen wir uns die Art der Veränderung der Bedeutung an in unseren Beispielen
an:

o Im Beispiel 1 blieb der Ausdruck школ / škol / szkoł konstant, es änderte sich
nur das Wortende. Auch der Inhalt "Schule" blieb gleich, lediglich die zusätzliche
Bedeutungen "Kasus" bzw. "Numerus" wurden geändert.
o Im Beispiel 3. blieben der Teil хвал / chvál / chwal und der Inhalt „loben“
konstant, nur die zusätzliche Information „Person“ und „Numerus“ wurde
verändert.

Solche Veränderungen, bei denen die lexikalische Grundbedeutung erhalten bleibt,


nennen wir Formbildung oder Flexion. Dabei entstehen keine neuen Wörter,
sondern nur neue Wortormen (grammatische Formen eines Worts). Wortformen
haben keinen eigenen Eintrag im Lexikon und bilden daher keine neuen Lexeme.

Definition grammatisches Morphem:


Morpheme, die kein neues Lexem bilden, sondern nur Formen eines Lexems
verändern nennen wir grammatische Morpheme.
Ihren Beitrag zur Gesamtbedeutung nennen wir grammatische Bedeutung, den
Vorgang selbst Formbildung oder Flexion.

o Im Beispiel 2 hingegen blieb die grammatische Bedeutung „Nominativ Singular“


erhalten, es änderte sich jedoch die lexikalische Wortbedeutung (Schule, Hand,
Buche, Wasser, Schwester, Lied, Hörsaal, …).
o Im Beispiel 4 blieb die grammatische Bedeutung „1. Person Singular“ konstant,
es änderte sich ebenso die lexikalische Wortbedeutung (loben, sprechen, kochen,
lesen, raten, tragen, gehen, sehen, putzen, … ).

Diese Art von Veränderungen, bei denen sich die lexikalische Grundbedeutung
verändert, nennen wir Wortbildung oder Derivation. Dabei entstehen neue Wörter,
die einen eigenen Eintrag im Lexikon haben und daher verschiedene Lexeme
darstellen.

Definition lexikalisches Morphem:


Morpheme, die und ein neues Wort bilden, das einen eigenen Eintrag im Lexikon
erhält, nennnen wir lexikalische Morpheme.
Ihren Beitrag zur Gesamtbedeutung nennen wir lexikalische Bedeutung, den
Vorgang selbst Wortbildung oder Derivation.

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Formbildung Wortbildung
grammatische Morphologie lexikalische Morphologie
= Flexion = Derivation
• kein eigener Wörterbucheintrag • eigener Wörterbucheintrag
• "Form" eines Wortes • neues Wort (Lexem) mit eigenen
Formen
• grammatische Bedeutung ändert sich • lexikalische Bedeutung ändert sich
• grammatische Morpheme (Endungen, • lexikalische Morpheme (Wurzeln,
Affixe) Affixe)
• geschlossene Klasse: Es kommen • offene Klasse: es können neue
keine neuen Einheiten hinzu, die Einheiten hinzukommen, die Anzahl
Anzahl grammatischer Morpheme ist lexikalischer Morpheme ist daher
begrenzt, und kann vollständig prinzipiell unbegrenzt, und kann nicht
aufgezählt werden. vollständig aufgezählt werden.

3.2 Nach der Position im Wort


Morpheme können darüber hinaus nach ihrer Position im Wort eingeteilt werden.
Man unterscheidet demnach:
• Wurzelmorpheme
• Endungsmorpheme
• Affixmorpheme
Wurzelmorpheme (Wurzeln):
Alle autosemantischen Wörter verfügen über mindestens ein Wurzelmorphem.
Wurzelmorpheme sind immer lexikalische Morpheme. Sie tragen die lexikalische
Kernbedeutung. In unseren Beispielen waren Wurzelmorpheme:
рук, вод, сестр, стран, книг; говор, читай, нес, пиш
ruk , vod, sestr, škol, knih; mluv, chval, vař, …
Endungsmorpheme (Endungen):
Endungsmorpheme tragen ausschließlich grammatische Bedeutung. In der Regel
stehen sie nach der Wurzel, jedoch nicht immer am Ende des Wortes.
Endungsmorpheme in unseren Beispielen waren:
a, и, е, у, ой, ам, ах, ами und Ø.
Affixmorpheme (Affixe):
Affixmorpheme werden an die Wurzel angefügt und können lexikalische oder
grammatische Bedeutung haben. Meist bringen sie in die lexikalische Kernbedeutung
der Wurzel eine zusätzliche Bedeutung ein. Diese ist jedoch lexikalischer Art, da sie
die Wortbedeutung verändert und zu einem neuen Lexikoneintrag führt:
student + ka Î studentka: Zusatzbedeutung „weiblich“
učit + tel Î učitel: Zusatzbedeutung „Ausführender der Handlung“
pra + les Î prales: Zusatzbedeutung „Ur-“
In bestimmten Fällen können Affixe aber auch grammatische Bedeutung haben:
- bei den sogenannten „aspektändernden“ Präfixen:
на + писать Î написать / na + psát Î napsat / na + pisać Î napisać
- bei der Bildung des sogenanntent „reflexiven Passiv“:
писать + ся Î Письмо пишется.
psát + se Î Dopis se píše.
pisać + się Î List pisze się.

89
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Wurzel immer lexikalische Bedeutung


Affix lexikalische oder grammatische Bedeutung
Endung immer grammatische Bedeutung

Affix:
lexikalische
Zusatzbedeutung

Endung:
grammatikalische Wurzel:
Zusatzbedeutung lexikalische
Kernbedeutung

Affixe werden je nach ihrer Position im Wort unterschieden in:


• Präfixe: stehen vor der Wurzel:
пра-бабушка, за-говорить, до-писать, ...
pra-les, za-plákat, do-psat
pra-dziadek, za-kupywać, do-pisać
• Suffixe: stehen nach der Wurzel:
учи-тель, учитель-ниц-а, крас-от-а, совет-ова-ть
uči-tel, učitel-k-a, tepl-ot-a, telefon-ova-t
pracow-nik, park-owa-ć
• Postfixe: stehen nach der Endung:
учить-ся: учу-сь, учишь-ся,…
kdo-si, koho-si, komu-si,…; kdo-koliv, koho-koliv,…
coś, czegoś, czemuś....
• Extrafixe: stehen graphisch außerhalb des Wortes, tragen aber einen Teil der
Gesamtbedeutung. Man spricht daher von diskontinuierlichen Wörtern.
Beispiele: im Deutschen: abtrennbare Präfixe:
Verena darf am Samstag im Stadttheater auftreten.
Verena tritt am Samstag im Stadttheater auf.
im Tschechischen und Polnischen : Reflexivverben
Petr se už několik let pilně učí německy.
Piotr się długo uczy.
• Zirkumfixe: Kombination aus Präfix und Suffix / Präfix und Postfix / Präfix und
Extrafix, die gleichzeitig an die Wurzel antreten. Man spricht hier von
diskontinuierlichen Morphemen:
im Deutschen:
Präfix + Suffix: ge + lern + t Î gelernt : Zirkumfix: ge-__-t
im Russischen:
Präfix + Postfix: до + звать + ся Î дозваться. Zirkumfix: до-__-ся
im Tschechischen:
Präfix + Extrafix: na + jíst + se Î najíst se. Zirkumfix: na-__ se

90
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Morphemklassen im Überblick

Benennung Bedeutung Beispiele


дом, книг, говор, пиш, молод, добр
Wurzelmorpheme
lexikalischer Kern dům, knih, mluv, píš, mlad, dobr
dom, księg, młów, pisz, młod, dobr
Affixmorpheme
раз вы- , от-
Präfixe roz-, vy- , od-
lexikalische (oder roz-, wy-, ot-
grammatikalische)
Zusatzbedeutung -тель / -к- / -ниц-
Suffixe -tel / -k- / -nic-
-ciel, -k-, -nic-
-ся
Postfixe /
se
Extrafixe
się
-a / -у / -ишь / -л / -ой / -ого
grammatikalische
Endungsmorpheme -u, -ím / -íš / -l / -ý / -ého
Zusatzbedeutung
-a, -ę, -isz, -ł, -y, -ego

3.3 Nach Art der Realisierung


Daneben kann man Morpheme einteilen nach der Art ihrer Realisierung und nach
ihrem Vorkommen (Verteilung / Distribution). Nach der Art ihrer Realisierung
unterscheidet man realisierte und nichtrealisierte Morpheme.
Ein Morphem kann demnach wir folgt realisiert sein:
Durch mehrere Laute (школ; škol; szkoł), durch einen Laut: (-a / -y / -e / -u, … ) oder
durch gar keinen Laut (nicht realisiert = Nullmorphem). Hier drückt das Fehlen eines
Lauts drückt eine bestimmte (meist grammatikalische) Bedeutung aus:
o Nominativ Singular der Maskulina: student
o Genitiv Plural der Feminina und Neutra: knih, aut
o Tschechisch und Polnisch: 3. Person Singular in der Konjugation:
Prosisz, prosimy, prosicie : prosi
Prosím, prosíš, prosíme : prosí
o Imperativ: dt.: geh; russ.: читай; poln.: chodź, tsch.: mluv

3.4 Nach der Distribution: freie und gebundene Morpheme


Nach dem Vorkommen (der Verteilung / Distribution) unterscheidet man freie und
gebundene Morpheme. Freie Morpheme können (etwa in Verbindung mit einem
Nullmorphem) als selbständige Wörter vorkommen, gebundene Morpheme dagegen
kommen nur in Kombination mit anderen (realisierten) Morphemen (als
Wortbestandteile) vor. Meist handelt es sich bei freien Morpheme um lexikalische
Morpheme, bei gebundenen Morphemen dagegen um grammatische Morpheme.
Es existieren jedoch auch gebundene lexikalische Morpheme (Affixe), in Einzelfällen
sogar gebundene Wurzeln (vgl. etwa dt. Him-beere, russ. до-стичь, по-стичь, за-
стичь).
Daneben tritt aber auch der umgekehrte Fall auf, dass grammatische Morpheme als
eigenständige Wörter vorkommen. Diese stellen also freie grammatische Morpheme
dar, man bezeichnet sie als grammatische Wörter (Hilfswörter oder Auxiliare), die zur
Bildung von grammatischen Formen dienen. Man spricht dann von „analytischer
Bildung“ grammatischer Formen, wenn zur grammatischen Formbildung Auxiliare
verwendet werden. Beispiele für analytische Formen sind in den slavischen

91
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Sprachen etwa das imperfektive Futur (буду писать / budu psát / będę pisał) im
Tschechischen auch einige Vergangenheitsformen (psal jsem, psal jsi, psali jsme,
psali jste). Im Gegensatz dazu nennt man die Bildung grammatischer Formen mit
Hilfe gebundener Morpheme (Endungen und Affixe) „synthetische Bildung“.

lexikalische Bedeutung grammatische Bedeutung


grammatische Wörter
freie Wurzeln:
freie (Hilfswörter / Auxiliare):
Morpheme
student, mluv
jsem, budu
Affixe: Endungen:
-k- / -tel / pra- -u, -eš, -e
gebundene
Morpheme
gebundene Wurzeln: grammatische Affixe:
Him- / -стичь нa- / - ся

4. Allomorphie
In Kapitel 4.1 haben wir ein Morphem als die kleinste bedeutungstragende Einheit
definiert. Ein Morphem ist eine abstrakte Einheit des Sprachsystems, das auf der
Ebene der parole (der konkreten Äußerung, des konkreten Texts) als Morph realisiert
ist. Nun kann es jedoch sein, dass die Morphe sich in ihrer lautlichen Gestalt
unterscheiden, obwohl sie dieselbe Bedeutung tragen. In diesem Fall sprechen wir
von Allomorphie: als Allomorphe bezeichnen wir verschiedene lautliche
Realisierungen eines Morphems mit identischer Bedeutung.
Definition Allomorph:
Allomorphe sind verschiedenen lautliche Realisierungen eines Morphems, die
dieselbe Bedeutung tragen.
Allomorphie kann auf verschiedene Weise zustande kommen:
• aufgrund von Allophonie
• aufgrund der historischen Entwicklung
• aufgrund des grammatischen Systems
• durch Suppletion
Für diese Arten der Allomorphie wollen wir im folgenden einige Beispiele anführen.

4.1 Allomorphie als Folge der Allophonie:


Bedingt durch die lautliche Umgebung treten bei verschiedenen Morphen
unterschiedliche Allophone eines Phonems auf. Betrachten wir im folgenden Beispiel
die Wortformen und die in ihnen auftretenden Wurzelallomorphe:
Russisch Tschechisch Polnisch
Wortform Wurzelallomorphe Wortform Wurzelallomorphe Wortform Wurzelallomorphe
город [ g o r o t] hrad [ h r a t] gród [ g r u t]
города [ g o r o d] hradu [ h r a d] grodu [ g r o d]
городе [ g o r o ď] hradě [ h r a ď] grodzie [ g r o dź]
Ebenfalls durch die lautliche Umgebung bedingt sind:
die Allomorphe des Postfixes im Russischen:
nach Vokal: учусь, учитесь, учись, учились, …
nach Konsonant: учишься, учится, учимся, учился,…Аlomorphe: -ся / -сь
Die Allomorphe mancher Endungen im Tschechischen:
nach harten Konsonanten: -ou: nesou; -a: žena
nach weichen Konsonanten: -í : pracují, -e: ulice

92
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

4.2 Allomorphie als Folge der historische Entwicklung:


In vielen slavischen Sprachen kam es im Laufe der historischen Entwicklung zu
lautlichen Veränderungen der Morphe, die in der synchronen Betrachtung zu
Allomorphie geführt haben. Man spricht daher auch von historisch bedingten (oder
morphonologischen) Lautwechseln.
Betrachten wir die Paradigmen (Formenbestände) folgender Wörter und stellen wir
die unterschiedlichen lautlichen Varianten des Wurzelmorphems fest.
Beispiel 1: russ. отец, tsch. otec, poln. ojciec: „Vater“
Russisch Tschechisch Polnisch
отец Ø otec Ø ojciec Ø
а / y / e / oм
e/i/ a / owi / ów /
отц ы / ам / ами оtc оjc
ů / ům / ích om / ach
/ ах
оtč e оjcz e

Das russische Wurzelmorphem hat die Morphe отец und отц-, das tschechische die
Morphe otec, otc und otč, das polnische die Morphe ojciec, ojc und ojcz. Diese sind
Allomorphe desselben Wurzelmorphems. Alle Morphe tragen dieselbe Bedeutung („Vater“),
sie sind phonetisch ähnlich (Fehlen des -e-) und komplementär distribuiert: das Allomorph
отец tritt vor Nullendung auf, das Allomorph отц- vor einer lautlich realisierten Endung.
Historisch ist für die Allomorphie in der synchronen Betrachtung das Phänomen des Ausfalls
bzw. der Hebung der Halbvokale verantwortlich.
Beispiel 2: russ. мочь, tsch. moci / moct, poln. moc „können“
Russisch Tschechisch Polnisch
y,/ ут moh / můž u / оu ę/ą
мог mog
Ø / ла / ли moh l / la / li ł / ła / li / ły
мож ешь / ет / můž eš / e / moż esz / e /
ем / ете eme / ete emy / ecie
мочь -Ø moc t/i moc i
Das Wurzelmorphem hat die Allomorphe мог/мож/мочь im Russischen, moh/můž/moc im
Tschechischen und mog/moż/moc im Polnischen.
Beispiel 3: tsch. kniha „Buch“, poln. ręka „Hand“
Tschechisch Polnisch
knih a ręk a
kniz e ręc e
rąk Ø
Das tschechische Wurzelmorphem hat die Morphe knih und kniz, das polnische die Morphe
ręk und ręc.

4.3 Allomorphie als Folge des grammatischen Systems

Diese Form der Allomorphie ist sehr häufig bei grammatischen Morphemen, v.a. bei
Endungsmorphemen zu beobachten. Damit wird das Phänomen beschrieben, dass
eine grammatische Bedeutung durch eine Reihe verschiedener Endungen
ausgedrückt werden kann. Da diese jedoch alle dieselbe Bedeutung haben, können
sie als Allomorphe eines Endungsmorphems aufgefasst werden. Die Auswahl der
Allomorphe dient dann zur Unterscheidung verschiedener grammatischer
Paradigmen (Deklinations- bzw. Konjugationsmuster).

93
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Beispiele für grammatische Allomorphie in den slavischen Sprachen:


Allomorphe des Nominativ Plural Morphems:
russ.: -и/ы (студенты, книги), -а (окна, дома, учителя), -овья (сыновья)
tsch.: -i/y (studenti, knihy), -a (okna), -e/ě (pokoje, skříně), -é (občané),
-ové (Italové)
poln.: -i (
Allomorphe des Genitiv Plural-Morphems im Russischen:
russ.: -ов (домов), -eй (костей)oder Nullmorphem (книг, песень)
tsch.: -ů (studentů), -í (růží) und Nullmorphem (knih, měst).
poln.:
Allomorphe des Morphems für die 1.Person Singular im Tschechischen:
russ.: -м (дам, ем), -у (несу, пишу, читаю, говорю,…)
tsch.: -m (dělám, mluvím), -i (pracuji), -u (nesu)
poln.: -m (mieszkam), -ę (piszę)

4.4 Allomorphie durch Suppletion


Eine Sonderform der Allomorphie ist die Suppletion: hier besteht zwischen den
beiden Allomorphen keine phonetische Ähnlichkeit und keine gemeinsame
historische Entwicklung. Allomorphie kommt hier durch die Zusammenstellung
verschiedener Wurzeln zu einem Paradigma zustande, im Deutschen etwa beim
Verb „sein“: war – bin – sind: 3 verschiedene Wurzeln: ein Lexem "sein"
Beispiele für Suppletion in den slavischen Sprachen:

russ tsch poln


„sein“ есть – быть jsem - byl jest – być
„nehmen“ брать – взять brát –vzít brać - wziąć
„Mensch“ человек – люди člověk –lidé człowiek – liudzie
„gut“ хорошо -лучше dobrý - lepší dobry - lepszy
„Kind“ ребёнок - дети

4.5 „Freie“ Allomorphie (stilistische Dubletten)


In seltenen Fällen können Allomorphe auch lediglich zur stilistischen Differenzierung
führen. Man könnte in diesen Fällen von freien Allomorphen sprechen, da sie
unabhängig von der lautlichen und grammatischen Umgebung in allen Fällen
gegeneinander ausgetauscht werden können. Die Morphemvarianten stellen somit
Dubletten dar, die keinen Bedeutungsunterschied signalisieren, jedoch
verschiedenen Stilebenen angehören.

Beispiele:
Russisch: Instrumental Singular der femininen Deklination:
книгой (neutrale Variante) книгою (veraltete, buchsprachlich / poetisch).
Tschechisch: Lokativ Singular der Maskulina:
na papíru (neutral) / na papíře (regional bzw. buchsprachlich);
1.Person Singular der Verben auf -ovat:
děkuji (neutral bis leicht schriftsprachlich) / děkuju (etwas
umgangssprachlichere Form).

94
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

5 Wortarten
Wir haben festgestellt, dass die Formen eines Wortes die grammatische Bedeutung
verändern. Die Art der Information, die von grammatischen Morpheme in die
Gesamtbedeutung des Wortes eingebracht wird, ist jedoch von der jeweiligen
Wortart abhängig. So ist der Unterschied zwischen den Wortformen škola – školy ein
anderer als zwischen den Wortformen mluvím – mluvíš.
Betrachten wir daher zunächst genauer den Begriff der Wortart.
5.1 Definitionsmöglichkeiten für Wortart
Der Begriff der Wortart scheint intuitiv klar zu sein und hat in der Geschichte der
Sprachwissenschaft eine lange Tradition. Bei genauerem Hinsehen ist die Einteilung
des Wortschatzes in Wortarten jedoch weit problematischer als es zunächst scheint.
Die Einteilung der Wörter in Wortarten stellt eine Art der Klassifizeirung des
Wortschatzes dar. Wichtig ist bei der Klassifizierung, dass alle Mitglieder einer
Wortart über gemeinsame Eigenschaften verfügen, über die die Nichtmitglieder nicht
verfügen. D.h. die Definition der Wortarten muss einerseits für alle Mitglieder gültig
(inklusiv) sein, darf andererseits jedoch nicht auf Mitglieder anderer Wortarten
zutreffen (exklusiv). Dies ist bei der klassischen Einteilung der Wortarten vielfach
nicht der Fall.
Überlegen wir, nach welchen Kriterien, Wörter einer bestimmten Wortart zugeordnet
werden können. Dies kann einmal ihre Bedeutung sein, d.h. alle Mitglieder verfügen
über eine gemeinsame (notwendigerweise sehr abstrakte) Grundbedeutung (=
semantische Definition). Das Kriterium für die Einteilung in Wortarten kann aber auch
die Funktion sein, die die Wörter im Satz ausfüllen (= syntaktische Definition).
Schließlich gibt es die Möglichkeit, Wortarten nach den Formen einzuteilen, die ihre
Mitglieder bilden können (= morphologische Definition).

• Semantische Definition: Alle Mitglieder einer Wortart haben eine gemeinsame


Grundbedeutung, etwa: Substantive: Substanz; Verben: Handlung; Adjektive:
Eigenschaften; usw...

• Syntaktische Definition: Alle Mitglieder einer Wortart erfüllen im Satz eine


bestimmte Funktion. Substantive: Subjekt, Objekt; Verben: Prädikat; Adjektive:
Attribut, ...

• Morphologische Definition: Alle Mitglieder einer Wortart bilden ihre Formen


nach demselben Muster, und können daher dieselben grammatischen Kategorien
ausdrücken: Substantive: Genus, Kasus, Numerus, (Kategorie der Belebtheit);
Verben: Person, Numerus, Tempus, Modus, Aspekt, Genus verbi; Adjektive:
Genus, Kasus, Numerus, Komparation; usw.

Wir sehen bereits, dass bei der traditionellen Einteilung der Wortarten diese drei
Kriterien häufig vermischt werden. Die Einteilung der Wortarten ist also nicht immer
inklusiv (trifft auf alle Mitglieder zu) und auch nicht immer exklusiv (trifft nur auf
Mitglieder zu). So gehören zu den Substantiven etwa auch Abstrakta (Bläue, das
Schreiben), die nach der semantischen Definition nicht dazu gehören dürften. Nach
der morphologischen Definition dagegen gehören auch Adjektive, Pronomen und
Numeralien zu den Substantiven, da sie ebenfalls nach Kasus, Genus und Numerus
abwandelbar sind.

95
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Einen Überblick über die Wortarten und ihre verschiedenen Definitionsmöglichkeiten


bietet folgende Tabelle.

Wortarten: verschiedene Definitionen

semantische morphologische syntaktische


Wortart Definition: Definition: Definition:
Allgemeinbedeutung Ausdruck grammatischer syntaktische
Kategorien Hauptfunktionen
"Substanz": Personen, Kasus und Numerus
Substantiv Subjekt / Objekt
Gegenstände, Abstrakta Genus ist festgelegt
Eigenschaften, Kasus, Numerus und
Adjektiv Attribut
Beziehungen Genus; komparierbar
"Prozesse": Numerus, Person,
Verbum Handlungen, Tätigkeiten, Tempus, Modus, Aspekt, Prädikat
Ereignisse, Zustände Genus verbi
Quantitäten und
Zahlwort Genus und Kasus Quantoren
Reihenfolgen
stellvertretend für Genus, Kasus Numerus
Pronomen wie Substantiv
Substantive und Person
Umstände z.T. komparierbar,
Adverb Adverbiale
(zeitlich, örtlich, modal) z.T. keine Formen
Verhältnisse zwischen stets in Verbindung
Präposition Keine Formen
Substanzen mit Substantiv
Verhältnisse zwischen
Konjunktion Keine Formen Satzverbindung
Prozessen
Pragmatische
Partikel Keine Formen Satzbestimmung
Information zu Sätzen
keine syntaktische
Interjektion Expressive Bedeutung Keine Formen
Funktion

5.2 Einteilung der Wortarten

Die Wortarten selbst werden nach 2 Kriterien in Untergruppen eingeteilt:

• nach der Fähigkeit, Formen zu bilden unterscheidet man flektierende


(veränderliche, nach grammatischen Formen abwandelbare) und
nichtflektierende (unveränderliche) Wortarten. Zu den flektierenden Wortarten
gehören Substantive, Adjektive, Verben, Pronomen, Zahlwörter, auch abgeleitete
Adverbien, zu den nichtflektierbaren Wortarten gehören die nichtabgeleitete
Adverbien, Präpositionen, Konjunktionen, Partikel und Interjektionen.

• Nach der Art ihrer (lexikalischen) Bedeutung unterscheidet man autosemantische


und synsemantische Wortarten. Autosemantische Wörter tragen eine eigene,
durch grammatische Formen nicht veränderbare Bedeutung, synsemantische
Wortarten hingegen tragen keine eigene lexikalische Bedeutung, sondern
erlangen ihre Bedeutung erst in Verbindung mit einem autosemantischen Wort
im Satzzusammenhang. Zu den autosemantischen Wortarten gehören:
Substantiv, Adjektiv, Zahlwort, Verb und Adverb. Zu den synsemantischen
Wortarten zählt man Pronomen, Präposition, Konjunktion, Partikel und
Interjektion.

96
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Durch die Kreuzung beider Kriterien erhält man folgende Einteilung der Wortarten:

flektierend nichtflektierend
Substantiv
Adjektiv
autosemantisch Adverb
Zahlwort
Verb
Präposition
Konjunktion
synsemantisch Pronomen
Partikel
Interjektion

Traditionell teilt man Wörter in die folgenden 10 Wortarten ein:

Substantiv:
Zu den Substantiven gehören Bezeichnungen für Personen oder Dinge (Konkreta),
für Gruppen von Personen oder Dingen (Kollektiva), aber auch für abstrakte
Vorstellungen (Abstrakta). Innerhalb der Konkreta unterscheidet man zwischen
Bezeichnungen für eine Klasse von Personen oder Dingen (Appellativa) und
Bezeichnungen für bestimmte Einzelpersonen oder -dinge (Eigennamen, Propria).

otec, učitelka отец, учительница ojciec, nauczicielka


dům, kniha, okno дом, книга, окно dom, księżka, okno
národ, rychlost народ, скорость narod, szybkość
Eva, Praha Ирина, Москва Еwa, Warszawa

Adjektiv:
Zu den Adjektiven gehören Bezeichnungen für Eigenschaften (Qualitätsadjektive),
aber auch Wörter, die nur eine Relation zwischen zwei Dingen zum Ausdruck
bringen (Beziehungsadjektive).

dobrý, velký добрый, большой dobry, duży


železný железны żelazny
národní, letní народный, летний narodowy, szkolny

Pronomen:
Zu den Pronomen gehören eine Reihe verschiedener Untergruppen:
Personalpronomen vertreten ein Substantiv im Satz, Possessivpronomen zeigen
Besitzverhältnisse an. Daneben existieren eine Reihe anderer Untergruppen u.a.
Demonstrativpronomen, Interrogativpronomen (Fragepronomen), Relativpronomen,
Distributivpronomen,…

já, ty, on, my я, ты, он, мы ja, ty, on, my


můj, jeho, náš мой, его, наш mój, jego, nasz
ten, kdo этот, кто ten, kto
který, kdy который, когда który, kiedy
všechen, každý весь, каждый wszystek, każdy

Zahlwort (Numerale):
Das Zahlwort ist eine rein semantisch definierte Wortart. Innerhalb der Zahlwörter
unterscheidet man Kardinalzahlen (Quantitäten) und Ordinalzahlen (Reihenfolgen),
daneben existieren Multiplikations-, Distributions-, Bruchzahlwörter. Außerdem

97
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

werden auch unbestimmte Zahlwörter (paar, einige, viele) zu den Zahlwörtern


gezählt.

jeden, dva,..., sto один, два, ..., сто jeden, dwa, ...sto
první, druhý первый, второй pierwszy, drugi
kolik, mnoho сколько, много ilu, dużo

Verb:
Zu den Verben gehören Bezeichnungen für Ereignisse, Prozesse und Zustände, sie
können willentlich beabsichtigte Handlungen und Tätigkeiten, oder unwillkürlich
ablaufende Ereignisse und Vorgänge beschreiben.

psát, telefonovat писать, советовать pisać, telefonować


spát, mrznout спать, морозить spać, marznąć
být, mít, patřit быть, иметь być, mieć

Prädikativ:
Im Russischen, aber auch in anderen slavischen Sprachen existiert eine kleine
Gruppe von Wörtern, die keiner der oben genannten Wortarten zugeordnet werden
kann. Sie treten meist im Prädikat auf, werden jedoch im Gegensatz zum Verb nicht
flektiert. Meist bringen sie in die Satzbedeutung eine modale Komponente ein. Man
hat diese Gruppe von Wörtern in eine eigene Klasse eingeordnet, die man
„Prädikativa“ nennt.

lze, nelze надо, нельзя, можно

Adverb:
Es existieren zwei große Untergruppen: Qualitätsadverbien sind meist von Adjektiven
abgeleitet und steigerbar. Umstandsadverbien geben Begleitumstände der Handlung
an und können in Orts-, Richtungs-, Zeit- und Gradationsadverbien eingeteilt werden.

dobře, lépe хорошо, лучше, dobrze, lepiej


tady, doleva здесь, направо tutaj, na lewo
dnes, tak, jinak сегодня, так, иначе dzisiaj, tak, inaczej

Präposition:
Präpositionen stehen vor einer Nominalgruppe (Substantiv mit Attributen) und
erfordern einen bestimmten Fall (regierend). Nach ihrer Form kann man einfache
(primäre) und zusammengesetzte (abgeleitete, sekundäre) Präpositionen
unterscheiden, nach der Bedeutung räumliche, zeitliche und abstrakte Präpositionen.

v, na, od, za в, на, от, за w, na, od, za


během, vzhledem k из-за, несмотря на

Konjunktionen:
Konjunktionen verbinden Wörter, Satzteile oder Sätze zu größeren Einheiten. Nach
dem Verhältnis der verbundenen Teile unterscheidet man koordinierende und
subordinierende, nach der Form einfache und zusammengesetzte Konjunktionen.

a, nebo и, или a, albo, jako


když, protože, ačkoli когда, если, хотя kiedy, jeśli
mezi tím, že потому что, так как w razie

98
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Schaltwort (Partikel):
Partikeln bringen in die Äußerungsbedeutung des gesamten Satzes eine zusätzliche
(pragmatische oder diskurssteuernde) Bedeutung ein. Durch die Verwendung von
Partikeln signalisiert der Sprecher dem Hörer, wie die Äußerung zu interpretieren ist.

ale, sice, totiž, přece, přece ведь, разве, неужели ale, właśnie, więć
jenom

Interjektion:
Interjektionen sind Emotionswörter oder Ausrufe. Sie stehen außerhalb des
Satzverbunds und dienen meist der Expression. Oft weisen sie eine für die jeweilige
Sprache untypische phonologische Form auf.

no, hele, viď ну, ой, пока, увы, вот no, ach, hej

Artikel:
Artikel ist eine Wortart, die in den meisten slavischen Sprachen nicht vorkommt. Im
deutschen ist der Artikel eine rein grammatische Wortart: an ihr werden die
Nominalkategorien Genus, Kasus und Numerus formal ausgedrückt, während die
Substantive selbst häufig unverändert bleiben. Die Wahl des Artikels dient zum
Ausdruck der Kategorie Bestimmtheit (Definitheit).

6 Grammatikalische Kategorien:

Wörter flektierender Wortarten können bei identischer lexikalischer Bedeutung ihre


Form verändern. Die Wortformen dienen zum Ausdruck verschiedener
grammatikalscher Kategorien. Diese sind von Wortart zu Wortart verschieden.
Die Tabelle zeigt die flektierenden Wortarten und die von ihnen ausgedrückten
grammatikalischen Kategorien:

Wortart ausgedrückte grammatische Kategorien


Genus (klassifizierend), Kasus, Numerus
Substantiv
Belebtheit (Agentivität)
Genus, Kasus, Numerus, Belebtheit (in Kongruenz)
Adjektiv
Komparation
Pronomen Genus, Kasus, Numerus, Person
Zahlwort Genus, Kasus
Adverb Komparation
Person, Numerus (in Kongruenz zum Subjekt), Tempus
Verb (absolutes und relatives), Modus, Aspekt,
Genus verbi

Genus, Kasus und Numerus werden von den Wortarten Substantiv, Adjektiv,
Pronomen und Numerale ausgedrückt. Diese Wortarten fasst man unter dem
Überbegriff Nomen (oder nominale Wortarten) zusammen. Genus, Kasus und
Numerus gelten daher als nominale Kategorien. Die Abwandlung nach nominalen
Kategorien nennt man Deklination.
Die Kategorien Person, Tempus, Modus, Aspekt und Genus verbie werden von der
Wortart Verb ausgedrückt. Sie gelten daher als verbale Kategorien (oder
Verbalkategorien). Die Abwandlung nach Verbalkategorien nennt man Konjugation.

99
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Innerhalb der grammatikalischen Kategorien kann man folgende Unterscheidung


treffen:

• Flektivische vs. Klassifizierende Kategorie:


Nach flektivischen Kategorien können bei ein und demselben Wort verschiedene
Wortformen abgeleitet werden, z.B. Kasus und Numerus beim Substantiv.
Nach klassifizierenden Kategorien kann man dagegen Wörter in Klassen
einteilen. Eine klassifizierende Kategorie ist etwa das Genus beim Substantiv:
jedes Substantiv verfügt über ein bestimmtes Genus, es kann jedoch nicht nach
dem Genus abgewandelt werden.

• Ausdrucks- vs. Kongruenzkategorie:


Ausdruckskategorien zeigen an, dass die grammatische Bedeutung beim
flektierten Wort selbst sich geändert hat, etwa von Singular zu Plural, von
Präsens zu Präteritum. Kongruenzkategorien dagegen drücken nidht die
grammatische Bedeutung am Wort selbst aus, sondern signalisieren lediglich die
Zusammengehörigkeit zweier Wörter im Satz. Kongruenzkategorien sind etwa
Kasus, Genus und Numerus beim Adjektiv sowie der Numerus beim Verb.

Innerhalb jeder einzelnen grammatikalischen Kategorie muss man genau zwischen


zwei Teilbereichen unterschieden:
• Die Ausdruckskategorie: die (mindestens zwei) durch morphologische Mittel
(Endungen, Affixe) unterschiedenen Wortformen (etwa Singular und Plural)
• Die Inhaltskategorie: die durch die beiden Glieder ausgedrückten
grammatischen Bedeutungen.
Nicht immer herrscht zwischen Ausdrucks- und Inhaltskategorie Isomorphie, d.h. alle
Glieder der einen Ausdruckskategorie drücken genau eine Inhaltskategorie aus.

6.1 Nominalkategorien

Numerus:
книга - книги
kniha – knihy
księżka - księżki
Ausdruckskategorie:
2 Glieder: Singular und Plural (in manchen Sprachen auch: Dual)
Inhaltskategorie:
Die Kategorie Numerus drückt die Anzahl der am Geschehen Beteiligten aus.
Bedingung für das Auftreten der Kategorie ist die Zählbarkeit des bezeichneten
Gegenstandes. Daher kann bei nicht zählbaren Substantiven der Plural fehlen.
Defektive Glieder: Singularia tantum und Pluralia tantum.

Kasus:
книга – книги – книге – книгу – книгой – в книге
kniha – knihy – knize – knihu – knihou – v knize
księżka – księżki – księżce – księżkię – ksieżką – w księżce
Ausdruckskategorie:
morphologische Kasus: Russisch: 6 Glieder; Polnisch und Tschechisch: 7 Glieder:
Nominativ, Akkusativ, Genitiv, Dativ, Lokativ (Präpositiv), Instrumental;
Tschechisch und Polnisch zusätzlich: Vokativ

Inhaltskategorie:
100
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Die Kategorie Kasus drückt die Beziehungen zwischen den Beteiligten im Satz aus.
Kasus ist daher eine syntaktische Kategorie. Durch den Kasus werden bestimmte
"Rollen" im Satz unterschieden. Die Bedeutungen der Kasus sind sehr abstrakt, und
können daher auch nur äußerst vage angegeben werden (vgl. dazu die
semantischen Satzglieder im Teil Syntax 6A Kapitel 4.4) Die hier angegebenen
Kasusbedeutungen sind daher stark verallgemeinernd und decken selbstverständlich
nicht alle Verwendungen der Kasus ab:
Nominativ: Subjektkasus; Nennkasus: bloßes Nennen / Existenz
Akkusativ: Objektkasus: Ziel / direkt Betroffener einer Handlung
Genitiv: Entfernung, Teilung, Abwesenheit, Besitz: nur teilweises Betroffensein
von der Handlung
Dativ: Indirekt von der Handlung Betroffener (Adressat, Wahrnehmende/r)
Instrumental: Instrument, Verursacher, Grund, Auslöser für die Handlung
Präpositiv: drückt äußere Umstände der Handlung (Raum-, Zeitrahmen) aus.
Vokativ: eigener Fall für die Anrede: keine syntaktische Beziehung zu anderen
Beiteiligten im Satz, sondern zu den Beteiligten an der Sprechsituation)
(im Deutschen und Russischen immer mit dem Nominativ identisch)

Genus:
отец – мать – животное / стол – книга - окно
otec – matka – dítě / stůl – kniha – okno
ojciec – matka – dziecko / stoł – księżka - okno
Ausdruckskategorie:
3 Glieder: Maskulinum, Femininum und Neutrum
Inhaltskategorie:
Beim Substantiv ist Genus eine rein "klassifikatorische" Kategorie. Jedes Substantiv
weist zwar ein grammatisches Genus auf, dieses kann jedoch im Rahmen der
Formbildung nicht geändert werden. Eine Änderung des Genus bei Substantiven
stellt bereits Wortbildungsvorgang dar (vgl. im Wortbildungsteil 5A, Kapitel 1.3.2).
Das Genus der Substantive dient jedoch zur Einteilung in Deklinationsklassen (man
spricht daher in den slavischen Sprachen von Genusflexion).
Beim Adjektiv und Pronomen (sowie bei einigen Verbformen) ist die Kategorie Genus
dagegen eine Kongruenzkategorie: sie bringt die Zusammengehörigkeit von
Substantiv und Attribut (bzw. Subjekt und Prädikat) zum Ausdruck. Die Kategorie
Genus drückt hier also rein grammatische Eigenschaft aus.
Ein direkter Zusammenhang zwischen grammatischem Genus und biologischem
Geschlecht (Sexus) kann nur bei Bezeichnungen für Personen angenommen
werden. Auch hier gibt es jedoch zahlreiche Abweichungen.

Kategorie der Belebtheit (auch: Beseeltheit, Agentivität):


Я знаю этот дом. - Я знаю этого студента.
Vidím ten stůl. - Vidím toho učitele.
Mamy nowy samochód. - Mamy nowego profesora.
Die Belebtheit ist eine Kategorie, die für die slavischen Sprachen typisch ist, jedoch
im Deutschen nicht existiert.
Ausdruckskategorie:
Die Kategorie drückt - ähnlich wie das Genus - bestimmte grammatische Eigenschaft
der Bezeichnung aus.
Die meisten slavischen Sprachen unterscheiden nach Belebtheit die Form des
Akkusativ Singular der maskulinen Substantive: unbelebte Substantive haben hier
eine mit dem Nominativ identische Form (=Nominativ-Akkusativ), belebte eine mit
dem Genitiv identische (= Genitiv-Akkusativ).

101
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

In anderen Fällen ist der Ausdruck der Belebtheit jedoch von Sprache zu Sprache
unterschiedlich.
Russisch:
unterscheidet nach dieser Kategorie auch die Form des Akkusativ Plural und das bei
Substantiven aller drei Genera:
Я знаю этих студентов / этих студенток / этих лиц.
Tschechisch:
unterscheidet nach dieser Kategorie im Singular der maskulinen Substantive neben
dem Akkusativ auch die Formen des Genitiv, Dativ und Lokativ:
u doktora – u kiosku / k doktorovi – ke kiosku / o doktorovi – o kiosku
Im Plural sind die Formen des Nominativ nach Belebtheit unterschieden:
To jsou doktoři, obchodníci – to jsou reproduktory, chodníky
Polnisch: verfügt im Plural über ein sogenanntes "Personlagenus", d.h. von der
Unterscheidung sind nur Bezeichnungen für männliche Personen betroffen.
Unterschieden werden die Formen des Nominativ und Akkusativ Plural:
Inhaltskategorie:
Die Unterschiede im Ausdruck sind von der lexikalischen Semantik der betroffenen
Substantive abhängig.Nach der Belebtheit unterscheidet man individuell
handlungsfähige von nicht individuell handlungsfähigen Beteiligten (daher verwendet
man statt des traditionellen Begriffs „Belebtheit“ in neuerer Zeit auch
"Individualagentivität"). Von der Kategorie sind v.a. Bezeichnungen für Menschen,
Tiere, höhere und mythologische Wesen erfasst, nicht jedoch Bezeichnungen für
Pflanzen und Gruppen von Lebewesen (Kollektiva).

Bestimmtheit (Definitheit):
ein Lehrer – der Lehrer
Die Bestimmtheit ist eine nominale Kategorie, die das Deutsche aufweist. In den
slavischen Sprachen ist sie normalerweise nicht grammatikalisiert. Die Bedeutung
der Kategorie muss daher durch andere (lexikalische oder syntaktische) Mittel
ausgedrückt werden.
Ausnahmen sind das Bulgarische und das Mazedonische, die über einen bestimmten
Artikel verfügen. Dieser tritt jedoch nicht als eigenes Wort auf, sondern wird an das
entsprechende Substantiv angehängt, vgl. мъж – ein Mann мъжът – der Mann жена
– eine Frau жената - die Frau дете – ein Kind детето – das Kind.

Komparation:
новый – более нобый / новее – самый новый / новейший
nový – novější - nejnovější
nowy – nowszy - najnowszy
Ausdruckskategorien:
3 Glieder: Positiv, Komparativ, Superlativ
Inhaltskategorien:
Die Kategorie Komparation drückt das Ausmaß der Eigenschaft im Vergleich mit
anderen Entitäten aus (= relativer Grad der Eigenschaft).
Komparativ: Vergleich zwischen zwei Entitäten
Superlativ: Vergleich zwischen allen Entitäten einer Klasse

102
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

6.2 Verbalkategorien:

Verben können mehr grammatikalische Kategorien als das Substantiv ausdrücken


und verfügen so auch über eine größere Anzahl an Wortformen. Innerhalb der
Verbalformen eines Verblexems (dem Verbalparadigma) unterscheidet man daher
noch einmal zwei große Untergruppen:
• Finite Formen: drücken die Kategorie Person aus und erfüllen im Satz die Rolle
des Prädikats. Finite Formen sind konjugierbar (nach Person und Numerus
veränderbar).
• Infinite Formen: drücken die Kategorie Person nicht aus und können im Satz
andere Funktionen übernehmen. Zu den infiniten Formen zählen: Infinitiv,
Partizipien, Adverbialpartizipien (Gerundien, Transgressive).

Person:
работаю – работаешь - работает
pracuji – pracuješ – pracuje
pracuję – pracujesz - pracuje
Ausdruckskategorie:
3 Glieder: Formen der 1., 2. und 3. Person
Inhaltskategorie:
Die Kategorie Person drückt das Verhältnis der Verbalhandlung zu den Beteiligten an
der Sprechsituation aus:
1. Person: der Sprecher ist am erzählten Geschehen beteiligt
2. Person: der Hörer ist am erzählten Geschehen beteiligt
3. Person: weder Sprecher noch Hörer sin am erzählten Geschehen beteiligt

Numerus:
работаю - работаем
pracuji – pracujeme
pracuję - pracujemy
Ausdruckskategorie:
2 Glieder: Singular und Plural
Inhaltskategorie:
Der Numerus wie beim Substantiv die Anzahl der am erzählten Geschehen
Beteiligten aus. Als Verbalkategorie ist der Numerus eine Kongruenzkategorie, da er
stets mit dem Numerus des Satzsubjekts übereinstimmt.

Modus:
работаю – работал бы – работай
pracuji – pracoval bych – pracuj
pracuję – pracowałbym - pracuj
Ausdruckskategorie:
4 (5) Glieder: Indikativ, Konjuktiv, Imperativ, Infinitiv, (Renarrativ)
Inhaltskategorie:
Die Kategorie Modus drückt das Verhältnis des erzählten Ereignisses zur Realität
aus.
Indikativ: das erzählte Ereignis wird als real präsentiert
Konjunktiv: das erzählte Ereignis wird als nicht real (möglich, еrwünscht oder
unmöglich / irreal) präsentiert.
Imperativ: das erzählte Ereignis wird als nicht real, aber seine Ausführung als
erwünscht präsentiert.

103
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Infinitiv: bloße Nennung der Handlung: lässt das Verhältnis zur Realität
unausgedrückt.
Renarrativ: im Bulgarischen gibt es darüberhinaus einen Modus für die
Nichtaugenzeugenschaft (Renarrativ). Er drückt aus, dass der Sprecher das erzählte
Ereignis aus „dritter Hand“ erfahren hat, und lässt den Wahrheitsgehalt des Erzählten
unausgedrückt, ähnlich dem Deutschen Konjunktiv in der indirekten Rede: „Die
Arbeitslosigkeit sei im vergangenen Quartal merklich zurückgegangen, so Müntefering.“

Tempus:
Bei der Kategorie Tempus können zwei Unterkategorien unterschieden werden:
Absolutes und relatives Tempus:

Absolutes Tempus:
работаю – работал – буду работать
pracuji – pracoval jsem – budu pracovat
рracuję – pracowałem – bedzię pracować
Ausdruckskategorie:
3 Glieder: Präsens, Präteritum, Futur
Inhaltskategorie:
Das absolute Tempus drückt das Verhältnis zwischen dem Zeitpunkt des erzählten
Ereignisses (= Ereigniszeitpunkt) und dem Zeitpunkt des Erzählens selbst ( =
Sprechzeitpunkt) aus.
Präsens: das erzählte Ereignis findet zum Sprechzeitpunkt statt = Gleichzeitigkeit
von Ereigniszeitpunkt und Sprechzeitpunkt.
Präteritum: das erzählte Ereignis hat zum Sprechzeitpunkt bereits stattgefunden =
Vorzeitigkeit des Ereigniszeitpunkt zum Sprechzeitpunkt.
Futur: das erzählte Ereignis wird zum Sprechzeitpunkt erst noch stattfinden =
Nachzeitigkeit des Ereigniszeitpunkts zum Sprechzeitpunkt.

Relatives Tempus (auch: Taxis):


er hat eingekauft – er hatte eingekauft – er wird eingekauft haben
Ausdruckskategorie:
Zeitformen Perfekt, Plusquamperfekt und Futur II, (Futur I und II in der
Vergangenheit).
Inhaltskategorie:
Das relative Tempus drückt das Verhältnis zwischen dem Zeitpunkt des erzählten
Ereignisses im Verhältnis zu einem anderen erzählten Ereignis aus.
Perfekt: das erzählte Ereignis fand vor einem anderen gegenwärtigen Ereignis
= Vorzeitigkeit zur Gegenwart
Plusquamperfekt:: das erzählte Ereignis fand vor anderem vergangenen Ereignis
= Vorzeitigkeit zur Vergangenheit
Futur II: das erzähltes Ereignis findet vor anderem zukünftigen Ereignis statt
= Vorzeitigkeit zur Zukunft.
In anderen Sprachen (etwa im Bulgarischen) gibt es noch weiter Beispiele für relatives
Tempus:
Futur in der Vergangenheit: das erzählte Ereignis liegt nach einem anderen, bereits
vergangenen Ereignis: "Einstein war zwar ein schlechter Schüler, sollte aber später noch
Nobelpreisträger werden"
Futur II in der Vergangenheit: das erzählte Ereignis liegt vor einem anderen erzählten
Ereignis, das wiederum nach einem Bezugspunkt in der Vergangenheit liegt: "Einstein war
zwar ein schlechter Schüler, aber bereits wenige Jahre später sollte er den Nobelpreis
gewonnen haben."

104
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

In den ost- und westslavischen Sprachen ist nur die Kategorie des absoluten
Tempus grammatisch ausgedrückt. Daher haben diese slavischen Sprachen auch
nur drei Zeitformen: Gegenwart, Vergangenheit und Futur. Die Bedeutungen der
relativen Tempora werden dagegen durch die Verbindung der Kategorien Tempus
und Aspekt ausgedrückt.

Aspekt:
Я писал письмо. – Я написал письмо.
Psal jsem dopis. – Napsal jsem dopis.
Pisałem list. – Napisałem list.

Ausdruckskategorie:
2 Glieder: imperfektiver und perfektiver Aspekt.
Bildung der Aspektpartner :
Die Bildung der Aspektformen kann auf zweierlei Art geschehen. Das Grundschema
sieht so aus:
• Verben ohne Präfix und Suffix (Simplicia) sind meistens imperfektiv:
писать / psát / pisać: "schreiben"
• Perfektivierung durch Präfigierung:
Von diesen bildet man den perfektiven Aspektpartner, indem man ein Präfix
anfügt. Das Präfix ändert hier nur die grammatische Kategorie Aspekt, nicht
jedoch die lexikalische Bedeutung (= grammatisches Präfix):
написать / napsat / napisać: "schreiben"
• In vielen Fällen bewirkt jedoch das Präfix nicht nur eine Änderung des Aspekts,
sondern gleichzeitig auch der lexikalischen Bedeutung:
дописать / dopsat / dopisać: "fertigschreiben"
• Imperfektivierung durch Suffigierung):
Zu diesen neu entstandenen perfektiven Verben bildet man den imperfektiven
Aspektpartner, in dem man ein Suffix anfügt:
дописывать / dopisovat / dopisować: "fertigschreiben"

Schema der Aspektbildung

einfaches Verb
präfigiertes Verb suffigiertes Verb
(Simplex)
Aspekt Imperfektiv perfektiv imperfektiv
grammatisches
писать написать
Präfix
psát napsat
на-
pisać napisać
na-

lexikalisches
дописать дописывать
Präfix
dopsat dopisovat
до-
dopisać dopisywać
do-

Von diesem Grundschema gibt es jedoch einige Abweichungen:


• Einige Simplicia sind perfektiv, v.a. Verben, die Besitzwechsel ausdrücken
(geben, nehmen, kaufen) oder historisch präfigiert sind.

105
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

• Einige präfigierte Verben sind imperfektiv, v.a. Verben, die Zustände


ausdrücken: abhängen, gehören
• Das Suffix -нуть / -nout / -nąć verhält sich wie ein Präfix: es bildet perfektive
Entsprechungen, meist mit der Bedeutung „einmal“.

Regel Ausnahmen
perfektive einfache Verben:
einfaches Verb дать, взять, купить, пасть, лечь
= imperfektiv dát, vzít, koupit, říct, hodit
dać, kupić, wziąć
imperfektive präfigierte Verben:
Präfigierung macht perfektiv
зависеть, принадлежать
(Perfektvierung)
záležet, předpokládat
zależeć, należeć
perfektivierendes Suffix :
Suffigierung macht imperfektiv -нуть
(Imperfektivierung) -nout
-nąć

Inhaltskategorie:
Die grammatische Kategorie Aspekt ist im Deutschen nicht grammatikalisiert und
bereitet daher beim Erlernen slavischer Sprachen große Schwierigkeiten.
Welche Bedeutung hat nun die Kategorie Aspekt? Im Gegensatz zum Tempus bringt
der Aspekt nicht das Verhältnis zwischen zwei Ereignissen (erzähltes Ereignis –
Sprechzeitpunkt) zum Ausdruck, sondern den zeitlichen Ablauf innerhalb des
erzählten Ereignisses selbst. Der Aspekt sagt etwas darüber aus, ob das erzählte
Ereignis zeitlich begrenzt ist oder nicht, und ob das Ereignis eine zeitliche
Ausdehnung hat oder nicht.

Dabei sagt der perfektive Aspekt explizit aus, dass das erzählte Ereignis zeitlich
begrenzt ist. Diese Begrenzung kann auftreten:
• Wenn das Ereignis einmalig ist und zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfindet.
• Wenn das Ereignis bereits vollendet (abgeschlossen) ist und ein Resultat hat.
• Wenn das Ereignis gar keine Dauer hat, also punktuell (oder momentan) ist.
• Wenn das Ereignis am Anfang oder am Ende (oder beidseitig) begrenzt ist
• Wenn zwei Handlungen im perfektiven Aspekt stehen, so bedeutet dies, dass sie
nacheinander stattfinden.
• In Kombination mit dem imperfektiven Aspekt bezeichnet der perfektive Aspekt
stets das neu eintretende Ereignis.

Der imperfektive Aspekt sagt demgegenüber Ereignisse aus, die entweder keine
zeitliche Begrenzung haben, oder bei denen die zeitliche Begrenzung keine Rolle
spielt. Daher kann der imperfektive Aspekt aussagen:
• einen gerade ablaufenden Vorgang, einen Prozess, eine Entwicklung.
• wiederholte, gewöhnliche, immer wiederkehrende Ereignisse.
• Zustände, immer gültige, unveränderliche Tatsachen.
• das bloße Nennen (Konstatieren) der Handlung.
• Wenn zwei Handlungen im imperfektiven Aspekt stehen, so bedeutet dies, dass
sie gleichzeitig ablaufen.

106
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

• In Kombination mit dem perfektiven Aspekt drückt der imperfektive Aspekt immer
die bereist laufende Hintergrundhandlung aus.

Bedeutungen der Kategorie Aspekt im Überblick:

imperfektiver Aspekt perfektiver Aspekt


Handlung Handlung
ohne zeitliche Begrenzung mit zeitlicher Begrenzung
bei einer Handlung
• in ihrem Verlauf (unvollendet) • als abgeschlossen (vollendet) mit
erreichtem Resultat
• in der Wiederholung • als einmalig, zu einem ganz
bestimmten Zeitpunkt
• zur bloßen Nennung / Konstatierung • als von extrem kurzer Dauer
des Stattfindens (momentan)
• als Beginn oder Ende einer Handlung
bei mehreren Handlungen
• die Hintergrundhandlung steht im • die neu eintretende Handlung steht im
imperfektiven Aspekt perfektiven Aspekt
• beide Handlungen laufen gleichzeitig • es folgen zwei Handlungen
ab aufeinander

Verbindung von Aspekt und Tempus:


Verbindet man die Formen des Aspekts mit den 3 Tempusformen, so ergeben sich
insgesamt 5 Möglichkeiten:
• Perfektives und imperfektives Präteritum
• Perfektives und imperfektives Futur
• Imperfektives Präsens
Weil ein in der Gegenwart gerade ablaufendes Ereignis nicht schon zeitlich begrenzt
sein kann, gibt es für den perfektiven Aspekt keine Präsensform. Er kommt daher nur
in der Vergangenheit und der Zukunft vor (vgl. etwa im Deutschen die Sätze: Der
Ballon ist zerplatzt. Der Ballon zerplatzt gleich. Aber nicht: *Der Ballon zerplatzt
gerade.). Dabei ist jedoch zu beachten, dass die bei perfektiven Verben die Form
des Präsens die Bedeutung des perfektiven Futurs hat (bzw. haben kann). Der
imperfektive Aspekt kann hingegen in allen drei Zeitstufen auftreten.

Überblick über die Formen von Aspekt und Tempus

Präteritum Präsens Futur


писал пишу буду писать
imperfektiv psal jsem píšu budu psát
pisałem piszę będę pisał
написал напишу
perfektiv napsal jsem – napíšu
napisałem napiszę

107
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Genus verbi
Кдо-нибудь написал письмо. Письмо написано.
Někdo napsal dopis. Dopis je napsan.
Kdoś napisał list. List jest napisan.
Ausdruckskategorie:
2 (oder 3) Glieder: Aktiv, Passiv, (Medium)
Inhaltskategorie:
Die Kategorie Genus verbi (oder Diathese) drückt das Verhältnis zwischen dem
grammatischen Subjekt des Satzes (meist im Nominativ) und dem Ausführenden der
Handlung (Agens) aus.
Das Aktiv drückt aus, dass es sich beim syntaktischen Subjekt ubd dem
Ausführenden der Handlung (Agens) um ein und dieselbe Entität (Person oder
Gegenstand) handelt (Subjekt und Agens sind „koreferent“).
Das Passiv drückt im Gegensatz dazu aus dass Subjekt und Ausführender der
Handlung nicht identisch sind. Das Subjekt kann u.U. der Betroffene der Handlung
(Patiens) sein. Der Agens kann damit im Satz eliminiert werden.
Eine dritte Form (das Medium) sagt nichts über die Verteilung der Handlungsrollen
im Satz aus. Zum Medium werden sogenannte „unpersönliche“ oder reflexive
Konstruktionen gerechnet, wie:
russ.: говорилось об этом,
tsch.: mluvilo se o tom,
dt. Man hat darüber gesprochen.

Überblick über die grammatischen Kategorien


Hier noch einmal die grammatischen Kategorien im Überblick, geordnet nach
Wortarten, bei denen sie auftreten. Angeführt sind jeweils die Ausdruckskategorie
(Glieder) und die Inhaltskategorie (Bedeutung):

Substantiv

Audruckskategorie Inhaltskategorie
Kategorie
(Glieder) (Bedeutung)
gibt die Zahl der Beteiligten an:
Numerus Singular, Plural, (Dual)
eine(r), zwei, mehrere
Nominativ, Genitiv, Dativ, gibt die "Rolle" an, die in der
Akkusativ Handlung eingenommen wird:
Kasus
Instrumental, Präpositiv (Lokativ), Ausführender, Betroffener,
Vokativ Instrument, Ort, …
teilt die Beteiligten nach ihrem
Genus Maskulinum, Femininum, Neutrum
grammatischen Geschlecht ein:
teilt die Beteiligten nach Belebtheit
Belebtheit belebt (Personalgenus), unbelebt
(Handlungsfähigkeit) ein:
identifiziert die am Geschehen
Bestimmtheit bestimmt, unbestimmt
Beteiligten

Adjektiv

Kategorie Glieder Bedeutung


Numerus Kongruenzkategorien:
Kasus zeigen Zusammengehörigkeit von
(wie beim Substantiv)
Genus Adjektiv und Substantiv im Satz
Belebtheit an
geben den Grad der Eigenschaft
Komparation Positiv, Komparativ, Superlativ
im Vergleich zu anderen an

108
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Verbum

Kategorie Glieder Bedeutung


Verhältnis des erzählten Geschehens zu den
Kommunikationsteilnehmern:
Person 1. Person: Sprecher
2. Person: Hörer
3. Person: Dritter (weder Sprecher noch Hörer)
Zahl der Beteiligten am erzählten Geschehen
(in Kongruenz zum Subjekt):
Numerus Singular: eine(r)
Plural: mehre als einer
(Dual): (zwei)
Verhältnis des erzählten Geschehens zur
Realität:
Indikativ: real
Modus Konjunktiv: irreal
Imperativ: erwünscht
(Renarrativ): (angeblich)
Infinitiv: unausgedrückt
Verhältnis des erzählten Geschehens zum
Sprechzeitpunkt:
absolutes
Präsens: gleichzeitig
Tempus
Präteritum: vorzeitig
Futur: nachzeitig
Verhältnis des erzählten Geschehens zu
Tempus einem anderen erzählten Geschehen:
Perfekt: vorzeitig zu gegenwärtigem Ereignis
relatives Plusquamperfekt: vorzeitig zu vergangenem Ereignis
Tempus Futur II: vorzeitig zu künftigem Ereignis
(Futur in der
Vergangenheit): (nachzeitig zu vergangenem Ereignis)

Zeitlicher Ablauf des erzählten Geschehens:


Aspekt perfektiv: zeitlich begrenzt
imperfektiv: zeitlich unbegrenzt
Verhältnis der am erzählten Geschehen
Beteiligten zum erzählten Geschehen:
Genus verbi
Aktiv: Subjekt identisch mit Agens
(Diathese)
Passiv: Subjekt verschieden vom Agens
(Medium): unausgedrückt

109
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Teil 4 B: Sprachgeschichte: Entwicklung der slavischen Einzelsprachen


7. Russisch
7.1. Altostlavische Periode: 9. – 13. Jh.
7.2. Altrussische Periode: 14. – 17. Jh.
7.3. Beginn der russischen Literatursprache: ab dem 18. Jh.
8. Polnisch
8.1. Vorschriftliche und altpolnische Periode: bis zum 16. Jh.
8.2. Mittelpolnische Periode: 17. – Mitte 18. Jh.
8.3. Neupolnische Periode: ab Mitte des 18. Jh.
9. Tschechisch
9.1. Urtschechisch: Ende 10. – Mitte des 12. Jh.
9.2. Alttschechisch: Mitte 12. – Ende des 15. Jh.
9.3. Mitteltschechisch: 16. – 18. Jh.
9.4. Neutschechisch: ab dem 19. Jh.

1. Historische Entwicklung des Russischen

Periodisierung:
1. Altostslavische Periode: 9.-13. Jh.
2. Altrussische Periode: 14.-17. Jh.
3. Beginn der neurussischen Literatursprache: ab dem 18. Jh.

1.1 Altostslavische Periode (9.-13. Jahrhundert)

Die wichtigsten Daten:


881 Begründung des Kiever Reichs (Rus') durch Oleg
988 Christianisierung der Kiever Rus': Taufe Vladimirs des Heiligen
= erster südslavischer Einfluss
Dieses Datum markiert den Beginn des Schrifttums im ostslavischen Bereich:
Schriftsprache und Liturgiesprache ist jedoch das südslavische Kirchenslavisch.
Ostlavisch dient lediglich als mündliche Umgangssprache. Daher sind nur wenige
ostslavische Schriftdenkmäler erhalten, etwa die Birkenrindentexte (private
Korrespondenz). In den Chroniken sind nur teilweise ostslavische Einflüsse
feststellbar. Im Verlauf des 11. -12. Jahrhundert erfolgt jedoch eine allmähliche
Angleichung des Kirchenslavischen an die ostslavische Lautung. Es entseht das
"Russisch-Kirchenslavisch" eine Mischung aus süd- und ostslavischen
Elementen.

1169 Zerstörung Kievs durch Andrej Bogoljubskij: Ende der Kiever Rus'
Aufstieg anderer Fürstentümer (v.a. Vladimir und Suzdal')
Zersplitterung in Teilfürstentümer
1240-1380: Tatarenherrschaft in Russland
Dies hat die politische Trennung der ostslavischen Völker zur Folge: Russland
(mit Ausnahme des äußersten Nordwestens um Novgorod und Pskov) gehört

110
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

zum Tatarenreich, die Ukraine gerät unter polnische, Weißrussland unter


litauische Herrschaft (beide werden später durch Personalunion vereint).
Dadurch kommt es auch sprachlich zur Aufsplitterung des Ostslavischen in die
drei Sprachen Russich, Ukrainisch und Weißrussisch. Erst von da an kann
man also von einer einzelsprachlichen „russischen“ Entwicklung sprechen.

1.2. Altrussische Periode (14.-17. Jahrhundert)


Ende des 14. Jahrhunderts kommt es zur Lockerung der Tatarenherrschaft,
gleichzeitig findet der Türkeneinfall auf dem Balkan statt. Dies hat die Flucht
südslavischer Gelehrter in den ostslavischen Raum zur Folge
= zweiter südslavischer Einfluss
In dessen Folge kommt es zu einer starken sprachlichen Revision in der
ostslavischen Entwicklung:
• Rückgängigmachen von ostslavischen Einflüssen im Kirchenslavischen
• Archaisierung / Rebulgarisierung:
• Grund: Vorstellung der Identität von Ausdruck und Inhalt Æ Veränderungen im
Ausdurck verändern auch den Sinn der Texte Æ in heiligen Texten darf Sinn nicht
verändert werden
• Starke Anlehnung an das Griechische (v.a. im Bereich syntkatischer
Konstruktionen und Lehnübersetzungen) und an das Bulgarische (Südslavische)
(im Bereich der Orthographie und Lautlichkeit)
Æ Folge: Entstehen einer beständigen Diglossie Kirchenslavisch - Ostslavisch
Funktionelle Verteilung: Kirchenslavisch = Liturgiesprache: für ostslavische
Bevölkerung unverständlich
(ostslavisches) Russisch ist auf die Funktionen der Alltagssprache und auf
den nichtliturgischen Sektor (Geschäftsstil, Kanzleistil) beschränkt.

1.3. Neurussisch (ab 18. Jahrhundert, vollständige entwickelt zu Beginn des 19.
Jahrhunderts)
18. Jahrhundert
Petrinische Reformen (Peter der Große)
Entlehnungen, Übersetzung aus westeuropäischen Sprachen in "allgemeines
Russisch"
Orthographiereform
gescheiterter Reformversuch (des Schriftstellers)Tredjakovskijs
Schaffung einer "gepflegten" russischen Aussprachenorm, orientiert an der
Umgangssprache des russischen Adels
Lomonosov: Theorie der 3 Stile
Zuordnung verschiedener Stilebenen zu verschiedenen literarischen Genres:
• hoher Stil: Oden, Heldenpoeme, Tragödien = vorwiegend Kirchenslavisch
• mittlerer Stil: Theaterstücke, Briefe, wissenschaftliche Abhandlungen =
Mischung aus kirchenslavischen und ostslavischen Elementen: Basis für
russische Literatursprache
• niederer Stil: Prosa, Komödien, Satiren = vorwiegend Ostslavisch
Karamzin: "novyj slog"
Verwendung von kirchenslavischen und oststlavischen Elementen:
nicht nach Genres sondern nach stilistischer Funktion: stilistische Differenzierung /
Bevorzugung der Umgangssprache / Schaffung von Neologismen
Æ Gegenbewegung: Šiškov: konservative Orientierung an Kirchenslavisch /
Aufrechterhaltung der Diglossie; Sprachpurismus

111
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Anfang des 19. Jahrhunderts


Schriftsteller Krylov (Fabeln), Griboedov (Komödien), Puškin
allmähliche Schaffung einer natürlichen Synthese aus russischen und
kirchenslavischen Elementen (Eingesetzt zur Figurencharakterisierung, sozialen
Differenzierung),
Vollständig gelungen: bei Puškin: setzt Elemente nach rhythmischen
Gesichtspunkten ein
Æ Etablieren einer Russischen Literatursprache (ostslavische Sprache wird
literaturfähig; starke Durchsetzung mit südslavischen Elementen: noch im modernen
Russischen

Dialektale Gliederung des Russischen:


3 große Dialektgebiete:
• nordgroßrussisch: Kennzeichnen: sog. "Okanje": keine Reduzierung von
unbetontem o
• mittelgroßrussisch: Übergangsbereich: Basis für russ. Standardsprache
• südgroßrussisch: Kennzeichen: frikative Aussprache von g

Eckert, Rainer - Crome, Emilia - Fleckenstein, Christa: Geschichte der russischen Sprache.
Leipzig 1983.

Abb.: Dialektale Gliederung des russischen Sprachraums; Quelle: Crome-Eckert-Fleckenstein 1983.

112
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

2. Historische Entwicklung des Polnischen

Periodisierung:

1. vorschriftliche Epoche (bis zum 13. Jh.)


2. altpolnische Epoche (14.-16. Jh.)
3. mittelpolnische Epoche (17.- Mitte 18. Jh.)
4. neupolnische Epoche (ab Mitte 18. Jh.)

2.1 vorschriftliche Zeit: (-13.Jh.) und altpolnische Epoche


Trennung der westslavischen Sprachen in lachische und tschechoslovakische
Gruppe
Entstehen des polnischen Staats und Annahme des Christentums
schon 1136: Gnesener Bulle: in lateinischer Sprache; in slavischer Sprache waren
v.a. Orts- und Personennamen (= onomastisches Sprachmaterial)

altpolnische Epoche (14.-16. Jh.)


ab dem 14. Jh.: erste Sprachdenkmäler in altpolnischer Sprache
seither kontinuierliche schriftsprachliche Entwicklung: v.a. religiöse Literatur
(Predigten, Lieder); allmählich auch weltliche Schriftdenkmäler (polnische Prosa und
Lyrik)
beginnende Funktionserweiterung des Polnischen gegenüber dem Lateinischen

15.-16. Jh.: intenisve Kontakte zu Norditalien, Blütezeit der Renaissanceliteratur


(v.a. die Schriftsteller Mikołaj Rej, Jan Kochanowski)
Ausbau des Polnischen in Richtung moderner Standardsprache
(Polyfunktionalität, stilistische Differenzierung, Kodifizierungsversuche)
Dialektaler Einfluss v.a. des Raums Posen (Großpolen) und Krakau (Kleinpolen)

2.2 mittelpolnische Epoche (17.-18 Jh.)


Ende 16.Jh. Verlegung der Hauptstadt nach Warschau: Polonisierung des
ruthenischen und litauischen Adels (masowische und ostrandpolnische dialektale
Einflüsse auf das Hochpolnische). Das heutige Polnisch ist daher eine Mischung
verschiedener Regionalismen (mit Ausnahme der Regionen Schlesien und
Kaschubei)

Polnische Teilungen im 18. Jh.: der Verlust der politischen Einheit führt zum Verlust
der Standardsprachenfunktionen des Polnischen. Hinwendung des polnischen Adels
zum Französischen: Sprachverfall

2.3 Neupolnische Epoche


Übergang zur neupolnischen Epoche (ab Mitte des 18. Jh.)
Der Sprachpurismus der Aufklärungszeit führt zur Normierung der Aussprache
Neue Blüte der Literatur in der Romanitk (Hauptvertreter Adam Mickiewicz)
Die hochsprachliche Tradierung des Polnischen hält auch durch die Krisenzeiten der
Teilung im 19.Jh. hin an.
Ausbau der polnischen Hochsprache zur Standardsprache ab 1918
1918-1939: großer nichtpolnischer Bevölkerungsanteil, v.a. ostslavisch
ab 1945: weitgehende sprachliche Homogenität der Bevölkerung

113
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Dialektale Gliederung des Polnischen


Fünf große Dialektgebiete:
• Großpolnisch (Gegend um Posen)
• Kleinpolnisch (Krakau)
• Masowisch (Warschau): typisches Kennzeichen ist das sogenannte „Masurieren“
(d.h. Aussprache von sz als s / cz als c / ż als z).
• Schlesisch
• Kaschubisch
Das heutige Standardpolnische enthält (mit Ausnahme des Schlesischen und
Kaschubischen) Elemente aller Dialektgebiete.
Der Status des Schlesischen und des Kaschubischen sind gegenwärtig ungeklärt.
Während das Schlesische die Tendenz aufweist, sich als Dialekt in den polnischen
Sprachraum zu integrieren, hat sich das Kaschubische eine gewisse sprachliche
Eigenständigkeit bewahrt.
Bis 1945 zählten zu den polnischen Dialekten auch die Mundarten der sogenannten
"Kresy", der heute zur Ukraine, Litauen bzw. Weißrussland gehörenden ehemals
ostpolnischen Territorien, das sogen. „Ostrandpolnische“

Abb.: Dialektale Gliederung des polnischen Sprachraums; Quelle: Comrie – Corbett 1993: 755.

114
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

3. Historische Entwicklung des Tschechischen

Periodisierung (nach Vintr):


1. vorhistorische Phase
2. Urtschechisch: Ende des 10. – Mitte des 12. Jh.
3. Alttschechisch: Mitte des 12. – Ende des 15. Jh.
4. Mitteltschechisch: 16.-18. Jh.
5. Neutschechisch: 19-20.Jh.

3.1. vorhistorische Periode und Urtschechisch


830 Großmährisches Reich
die damaligen Bewohner Böhmens sprechen späturslavisch mit spezifisch
westslavischen Abweichungen im Wortschatz und in der Aussprache
863 Mährische Mission: Mährische Periode des Altkirchenslavischen
Phase der Koexistenz von Tschechisch (Westslavisch) und
(Alt)Kirchenslavisch
Pflege der altkirchenslavischen literarischen Tradition im Sázava-Kloster:
"böhmische Redaktion" des Kirchenslavischen
905 Magyareneinfall: Zerfall des großmährischen Reiches; Räumliche Trennung des
Tschechoslovakischen vom Südslavischen

Urtschechisch
924-1306 Herrschaft der Přemysliden
Belege für das Urtschechische beschränken sich vorwiegend auf
Namensmaterial:
tschechischsprachige Namen in der lateinischen Kosmas-Chronik (Anang 12.
Jh.) sowie in Verstorbenenverzeichnissen. Appellativa v.a. in Glossen zu
lateinischen Texten

3.2. Alttschechisch
im 13. Jh. Beginn der alttschechischen Literatur;
Entstehung religiöser Literatur (Legenden) und Dichtung (in Chroniken)
ab 1310 Herrschaft der Luxemburger
14. Jh. Blütezeit der alttschechischen (auch weltlichen) Literatur:
1348 Gründung der Prager Universität: Unterrichtssprachen Latein und Tschechisch
Alttschechisch umfasst ein weites Spektrum literarischen Schaffens (Vorbild
des Deutschen): Dalimilchronik, Fürstenspiegel, Verssatiren, Lyrik, Fabeln,
Oster- und Passionsspiele
Anfänge tschechischer Prosa; wissenschafltiche und juristische Texte
funktionelle Vielfalt: stabiles und einheitliches Sprachsystem (Hochsprache)
Ende 14. Jh.: Hussitische Zeit:
sprachreformerische Tätigkeit von Jan Hus (1370-1415): reformiert das
Schriftsystem; führt diakritische Zeichen ein
Hussitische Bewegung drängt Einfluss des Latein und des Deutschen zurück:
wachsende Bedeutung der tschechischen Schrift auch für niedere Stände
(Demokratisierung der Hochsprache)
1419-36 Hussitenkriege; Hussitenliteratur: religiöse Literatur und Lieder

3.3 Mitteltschechisch
Humanistische Periode: Beginn philologischen Interesses an der tschechischen
Sprache

115
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

16. Jh. erste tschechische Grammatik von Jan Blahoslav


1579 Králicer Bibel = Norm für Schriftsprache der tschechischen Wiedergeburt
1618 Prager Fenstersturz: Beginn des Dreissigjährigen Kriegs
1620 Schlacht am Weissen Berg:
Verlust der staatlichen Eigenständigkeit: Böhmen wird Teil des Habsburger Reiches:
Gegenreformation: Zurückdrängen des mit der Reformation verknüpften
Tschechischen
Barockzeit (17./18. Jh.): "temno" (Zeit der Dunkelheit)
das Tschechische verliert für fast 2 Jahrhunderte den Charakter einer Schriftsprache
(nur z.T. Barockliteratur: Jan Amos Komenský)

3.4. Neutschechisch
Anfang 19.Jh. Nationale Wiedergeburt (národní obrození)
Wiederentdeckung des Tschechischen zunächst aus philologischem Interesse
Anfänge einer neutschechischen Literatur: Romantik: Karel Hynek Mácha
Josef Jungmann (erstes tschechisches Wörterbuch)
Josef Dobrovský: tschechische Grammatik auf der Grundlage der Králicer
Bibel (1580): sprachliche Entwicklung vom 17.-19. Jahrhundert ignoriert:
Æ Zweiteilung des Tschechischen in:
archaisierende Schriftsprache (spisovná čeština) und weiterentwickelte
Umgangssprache auf Grundlage des mittelböhmischen Dialekts (obecná
čeština und regionale Varianten): bis heute aufrechterhaltene Diglossie
19. Jahrhundert: Epoche des Sprachpurismus: v.a. Säuberung von Germanismen

Dialektale Gliederung des Tschechischen: vier große Dialektgruppen


• böhmische Dialekte: heute fast vollständig durch Interdialekt (sog.
"Gemeintschechisch") ersetzt
• mittelmährische (mährisch-hanakische) Dialekte
• ostmährische (mährisch-slovakische) Dialekte: bilden den Übergang zum
Slovakischen
• nordmährische (mährisch-schlesische) Dialekte: bilden den Übergang zum
Polnischen

Abb.: Dialektale Gliederung des tschechischen Sprachraums; Quelle: Comrie – Corbett 1993:528.

116
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Teil 5 A: Wortbildung und Lexikologie

1. Wortbildung
1.1. Onomasiologie und Semasiologie
1.2. Möglichkeiten zur Wortschatzerweiterung
1.3. Zentrale Begriffe der Wortbildung
1.3.1. Formale Einteilung der Wortbildunsverfahren
1.3.2. Semantische Einteilung der Wortbildungsverfahren
1.3.3. Beispiele für Wortbildungsverfahren
1.4. Entlehnung
1.4.1. Unterscheidung Lehnwort / Fremdwort
1.4.2. Begriffe Entlehnung, Lehnbedeutung, Lehnübersetzung
2. Lexikologie
2.1. Einteilung des Wortschatzes
2.2. Inhaltliche Beziehungen zwischen Lexemen
2.2.1. Homonymie, Polysemie
2.2.2. Synonymie, Antonymie
2.2.3. Hyponymie

1. Wortbildung
In diesem Abschnitt beschäftigen wir uns mit dem Wortschatz und seiner
Erweiterung. Die Lehre vom Wortschatz heißt Lexikologie. Mit der Erweiterung des
Wortschatzes beschäftigt sich die Wortbildungslehre. Die Wortbildungslehre ist der
Teil der Morphologie, der sich mit den lexikalischen Morphemen beschäftigt
(lexikalische Morphologie). Da die Bildung neuer Wörter jedoch zur Erweiterung des
Wortschatzes beiträgt, ist die Wortbildungslehre auch Teil der Lexikologie. Sie bildet
also den Übergangsbereich zwischen (grammatischer) Morphologie und Lexikologie
und stellt so ein Verbindungsglied zwischen Grammatik und Wortschatz einer
Sprache dar.

1.1 Onomasiologie und Semasiologie


Für die Wortbildungslehre sind zwei Begriffe grundlegend: die onomasiologische und
die semasiologische Betrachtungsweise. Beide haben mit der Beziehung zwischen
Ausdrucks- und Inhaltsseite des sprachlichen Zeichens zu tun. Auf der
Ausdrucksseite befindet sich die sprachliche Bezeichnung (lautliche Gestalt), auf der
Inhaltsseite der damit verbundene Begriff (gedankliches Konzept). Diese beiden
Seiten können nun unter unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden:
Bei der onomasiologischen Fragestellung ist der Begriff gegeben, gefragt wird nach
der Bezeichnung für ihn. Die onomasiologische Fragestellung lautet daher: „Wie
nennt man das?“ Den Vorgang der Zuordnung einer Bezeichnung zu einem
gegebenen Begriff nennt man Benennung.
Bei der semasiologischen Fragestellung hingegen ist die Bezeichnung gegeben,
gefragt wird hier nach dem Begriff. Die semasiologische Fragestellung lautet daher:

117
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

„Was bedeutet das?“. Den Vorgang der Zuordnung eines Begriffs zu einer
gegebenen Bezeichnung nennt man Bedeutung

Definitionen:

Begriff: = gedankliches Konzept / psychische Repräsentation der Realität


/ sprachlicher Inhalt

Bezeichnung: = lautliche Gestalt / lautliches Material = sprachlicher Ausdruck

Onomasiologie: Gegeben: Begriff / Gesucht: Bezeichnung


Frage: "Wie nennt man....?"

Semasiologie: Gegeben: Bezeichnung / Gesucht: Begriff


Frage: "Was bedeutet....?"

Benennung: = Zuordnung einer Bezeichnung zu einem gegebenen Begriff

Bedeutung: = Zuordnung eines Begriffs zu einer gegebenen Bezeichnung

Begriff Bezeichnung
Onomasiologische Fragestellung:
"Wie nennt man ... ?" = Benennung стол
stůl
stół

Semasiologische Fragestellung:
"Was bedeutet … ?" = Bedeutung

1.2 Möglichkeiten zur Wortschatzerweiterung

Wenn in der außersprachlichen Realität ein neuer Begriff (neue Entdeckung,


technische Erfindung, neue Kommunikationsbedürfnisse, Verhaltensweise, usw.)
entsteht, so stellt sich zunächst die onomasiologische Frage: „Wie sollen wir das
nennen?“ Lebende Sprachen müssen also über Mechanismen verfügen, wie für
neue Begriffe neue Bezeichnungen gebildet werden können. Dies sind die
Möglichkeiten der Wortschatzerweiterung. Diese Möglichkeiten existieren
grundsätzlich in allen Sprachen, werden jedoch in den jeweiligen Einzelsprachen
unterschiedlich stark genutzt.
Grundsätzlich existieren vier Möglichkeiten, wie neue Bezeichnungen (Wörter, aber
auch Wortverbindungen) gebildet werden können. Alle Arten von neuen Wörtern
werden als Neologismen (im weiteren Sinne) bezeichnet.
Diese vier Möglichkeiten sind:
• Neuschöpfung
Unter Neuschöpfung versteht man die Bildung völlig neuer Wörter durch
vollkommen neue Lautkombinationen: es entstehen so also erfundene Wörter,
die es vorher noch nie gegeben hat. Manchmal werden auch nur diese
Neuschöpfungen als Neologismen bezeichnet (= Neologismen i.e.S.). Wirklich

118
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

neue Wörter sind jedoch selten, sie treten etwa bei der Benennung von neuen
Marken-, oder Produktnamen (wie Fenjala, sebamed, Zafira, tesa u.ä.) auf. Meist
sind jedoch auch bei diesen bereits bestimmte Assoziationen vorhanden, ja oft
sogar erwünscht.
• Wortbildung (i.e.S.)
Die eigentliche Wortbildung ist die Ableitung neuer Wörter auf der Basis von
bereits vorhandenen Wörtern. Sie geschieht mit Hilfe eigensprachlicher Mittel,
wie etwa durch Anfügen von lexikalischen Morphemen ( = Derivation), durch die
Kombination von Wurzeln (Komposition und Phraseologisierung) oder durch
Abkürzung vorhandener Wörter (Abbreviation). Genauer zur Wortbildung i.e.S.
siehe unter 1.3.
• Entlehnung
Unter Entlehnung versteht man die Übernahme von Bezeichnungen aus
anderen Sprachen. Dabei werden v.a. lautliche und begriffliche Übernahmen
unterschieden. Genauer zur Entlehnung siehe unter 1.4.
• Bedeutungsveränderung
Eine Möglichkeit zur Wortschatzerweiterung ist die Bedeutungsveränderung.
Dabei wird die lautliche Gestalt eines vorhandenen Wortes beibehalten, diese
lautliche Gestalt erhält aber eine neue (zusätzliche) Bedeutung. Zur
Systematisierung der Bedeutungsveränderung siehe genauer unter Punkt 2.2.

Wortschatzerweiterung
(Neologismen)

Neuschöpfung Wortbildung Entlehnung Bedeutungsveränderung

Wir befassen uns im Folgenden nun näher mit der Wortbildung, der Entlehung
und (im Rahmen der Lexikologie) mit der Bedeutungsveränderung.

1.3 Zentrale Begriffe der Wortbildung

Unter dem Begriff Wortbildung versteht man die Ableitung neuer Wörter (lexikalischer
Einheiten / Lexeme) auf der Grundlage bereits vorhandener Wörter. Die auf diese Art
neu gebildeten Wörter verfügen über einen eigenen Bestand an grammatischen
Formen (Paradigma) und erhalten einen eigenen Eintrag im Wörterbuch (Lemma).
An jedem Wortbildungsvorgang sind stets zwei Wörter beteiligt: das Ausgangswort
(Derivand) und das neu gebildete Wort (Derivat). Im unten genannten Beispiel ist
kniha der Derivand, knížka hingegen das Derivat.

119
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Ausgangswort abgeleitetes Wort


= Derivand = Derivat

kniha knížka

Das Derivat kann jedoch erneut Ausgangspunkt für eine weitere Ableitung sein. In
diesem Fall spricht man von einer Wortbildungskette. Vgl. etwa im Tschechischen:
kniha Î knížka Î knížečka. Das Wort knížka ist hier im Verhältnis zu kniha das
Derivat, im Verhältnis zu knížečka jedoch Derivand.

Wortbildungskette:
Derivat = Derivand für erneute Ableitung

kniha knížka knížečka

Im Prozess der Wortbildung kann der Fall auftreten, dass ein Wort den
Ausgangspunkt für mehrere Wortbildungsvorgänge darstellt. Man spricht in diesem
Fall von einem Wortbildungsnest. In unserem Beispiel ist kniha der Ausgangspunkt
für insgesamt 5 Wortbildungsvorgänge: Die von ihm abgeleiteten Derivate sind
knížka, knihovna, knihář, knihovat.

Wortbildungsnest
Derivand
= Ausgangspunkt für mehrere Ableitungen

knihovat

knihovna kniha knížka

knižní
knihář

Verbindet man Wotbildungsketten und Wortbildungsnester so erhält man sämtliche


von einer Wurzel abgeleiteten Derivate. Die Gesamtheit aller Derivate zu einer
Wurzel nennt man Wortfamilie.

120
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Weitere Begriffe der Wortbildung:

Motivation:
Die Bedeutung abgeleiteter Wörter kann man als "motiviert" bezeichnen, da man sie
aus der Bedeutung der einzelnen Morpheme erschließen kann. Demgegenüber
gelten Wörter, bei denen ein „Erschließen“ der Bedeutung synchron nicht mehr
möglich ist (etwa bei Wörtern, die nur aus – unabgeleiteten – Wurzeln bestehen,
aber auch bei Fremdwörtern) als „unmotiviert". Ihre Bedeutung kann synchon und
innersprachlich nicht mehr hergeleitet werden. Zur Erklärung ihrer Bedeutung sind
daher entweder sprachhistorische oder fremdsprachliche Kenntnisse nötig. Der
Bereich der Sprachwissenschaft, der sich mit der Erklärung von unmotivierten
(„verhüllten“) Bedeutungen beschäftigt, ist die Etymologie.
Ein Beispiel für Motivation:
Die Bedeutung des tschechischen Wortes knihovna ist durch die Bedeutungen der
Wurzel knih- und des Suffixes –ovn(a) motiviert. Kennt man die Bedeutung beider
Morpheme, so kann man sich die Bedeutung „Ort, an dem es Bücher gibt“
erschließen. Ähnlich ist die Motivation des deutschen Wortes Bücherei. Nicht so
hingegen beim russischen библиотека oder beim englischen library. Zu diesen gibt
es kein eigensprachliches Wort, von dem es abgeleitet ist. Diese Wörter sind also
innersprachlich unmotiviert, ihre Bedeutung ist verhüllt und kann nur durch
Kenntnisse des Griechischen bzw. Lateinischen erklärt werden.

Produktivität:
Wortbildungsmuster können produktiv sein, d.h. mit ihrer Hilfe können gegenwärtig
noch immer neue Wörter gebildet werden. Andere Wortbildungsmuster dagegen
können zwar am Bestand der Sprache noch nachgewiesen werden (es gibt mehrere
parallel gebildete Beispiele), es kommen jedoch keine auf diese Art gebildeten neuen
Wörter mehr hinzu. Diese Wortbildungsmuster nennt man unproduktiv.
Produktiv sind in den slavischen Sprachen etwa die Ableitungen mit den Suffixen –tel
/ -тель / - ciel für Ausführende der Handlung oder -nost, -ность, -ność für Abstrakta,
die Eigenschaften bezeichnen. Unproduktiv sind dagegen im Tschechischen Suffixe
wie –och: es existieren zwar mehrere Beispiele (černoch , běloch), doch es können
keine weiteren Wörter mehr nach diesem Muster gebildet werden. Im Russichen
etwa –уха, im Deutschen –nis.

Einteilung von Wortbildungsverfahren


Wortbildungsverfahren kann man nach zwei Kriterien Einteilen. Nach formalen und
semantischen Gesichtspunkten:

• Die formale Einteilung teilt die Wortbildungsverfahren nach dem Unterschied


im Ausdruck zwischen Derivand und Derivat ein.

• Die semantische Einteilung teilt die Wortbildungsverfahren nach dem


Unterschied in der Bedeutung zwischen Derivand und Derivat ein.

121
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

1.3.1 Formale Einteilung der Wortbildunsverfahren


Nach der formalen Einteilung unterscheidet man 3 große Bereiche:
Derivation, Komposition und Abbreviation. In manchen Handbüchern werden als
weitere Verfahren der Wortbildung noch die Phraseologisierung (Bildung von
Phrasemen / festen Wortverbindungen) und die Grammatikalisierung (Übergang von
der lexikalischen in die grammatikalische Ebene) genannt.

Wortbildung
(formale Einteilung)

Derivation Komposition Abbreviation


• Präfigierung • verbunden / unverbunden • Buchstabenwort
• Suffigierung • hierarchisch / nichthierarchisch • Silbenwort
• Postfigierung / Extrafigierung • Zusammenrückung • Kopfwort
• Präsuffigierung / Zirkumfigierung • Komposition + Derivation • Univerbisierung
• Desuffigierung
• Konversion

Derivation:
Bei der Derivation ist stets ein Wurzelmorphem vorhanden. Die Ableitung geschieht
mit Hilfe von lexikalischen Affixen. Je nach Art der verwendeten Affixe unterscheidet
man: Präfigierung, Suffigierung, Postfigierung bzw. Extrafigierung, Zirkumfigierung,
daneben auch Desuffigierung und Konversion.
• Präfigierung:
Charakteristisch für die Präfigierung ist, dass die Wortart des Derivanden stets
erhalten bleibt. Auch die lexikalische Grundbedeutung bleibt meist unverändert,
das Präfix bringt meist eine spezialisierende Bedeutungskomponente ein. (Urwald
= eine bestimmte Art von Wald; abschreiben= eine bestimmte Art zu schreiben).
Präfigierung tritt am häufigsten bei Verben auf, seltener bei Substantiven oder
Adjektiven. Beispiele für Präfigierung:
russ.: говорить – договорить; лес – пралес; полезный - бесполезный
tsch.: mluvit – domluvit; les – prales; krásný – překrásný
poln.: prosić – przepraszać; las – pralas;
• Suffigierung:
Bei der Suffigierung kann die Wortart erhalten bleiben, sie kann sich aber auch
ändern. Die Änderung der Bedeutung durch das Suffix ist meist weitgehender als
bei der Präfigierung. Durch Suffixe werden häufig auch lautliche Veränderungen
an der Wurzel (Allomorphie) ausgelöst:
russ.: книга – книжка; студент – студентка; учить – чуитель;
скорый – скорость; сухой – сушить; сухой – сохнуть
tsch.: kniha – knížka; student – studentka; učit – učitel;
rychlý – rychlost; suchý – sušit; starý – stárnout
poln.: ręka – rączka; student – studentka; nauczyć – nauczyciel;
szybki – szykość; suchi – suszyć;
• Postfigierung / Extrafigierung:
Tritt meist bei Verben auf und hat dort die Bedeutung der Reflexivität
(Selbstbezüglichkeit oder Gegenseitigkeit) der Handlung.
russ.: мыть - мыться
tsch.: učit – učit se
poln.: uczyć - uczyć się

122
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

• Zirkumfigierung:
Kombination aus Präfigierung und Suffigierung (auch Präsuffigierung genannt)
oder Präfigierung und Zirkumfigierung (oder Extrafigierung). Tritt meist bei der
Ableitung von Verben auf.
Beispiele:
Präsuffigierung:
tschech.: nemocný „krank“ Î onemocnět „erkranken“
Prä- und Postfigierung:
russ.: звонить „anrufen“ Î дозвониться „telefonisch erreichen“
Prä- und Extrafigierung:
tschech.: jíst „essen“ Î najíst se „sich satt essen“
• Desuffigierung:
Von Desuffigierung wird gesprochen, wenn der Derivand über ein Suffix verfügt,
das Derivat durch Weglassen des Suffixes gebildet ist. Desuffigierung tritt häufig
bei der Ableitung von Substantiven auf der Basis von Verben auf. Logisch setzt
das deverbale Substantiv das Verb voraus, so dass man nicht von einer
Suffigierung des Substantivs ausgehen kann:
Beispiele: dt.: spielen – Spiel ; tanzen – Tanz; jagen - Jagd
russ.: игать - игра
tsch.: honit – hon; lovit – lov

• Konversion:
Von Konversion spricht man, wenn zwischen Derivand und Derivat keine formale
Veränderung festzustellen ist, beide Wörter jedoch unterschiedlichen Wortarten
angehören. Konversion bezeichnet also den Wechsel der Wortart ohne formale
Kennzeichnung. Beispiele sind:
tsch.: ticho (Adv.) Î ticho (Subst.)
cestující (Adj.) Î cestující (Subst.)
russ. вечером (Subst. Instr. Sg.) Î вечером (Adv.)
engl.: love (Verb) Î love (Subst.)
deutsch: gehen (Verb) Î Gehen (Subst.)

Komposition:
• Komposita und Zweiwort-Lexeme
Im Gegensatz zur Derivation sind bei der Komposition mindestens zwei
Wurzelmorpheme im Spiel, die miteinander zu einem Wort verbunden werden. Das
auf diese Art entstandene Wort nennt man Kompositum. Im Deutschen ist die
Komposition das häufigste und produktivste Wortbildungsmittel. In den slavischen
Sprachen entsprechen deutschen Komposita dagegen häufig Kombinationen aus
Adjektiv + Substantiv, vgl.:
Dt. Lesesaal russ. читальный сал
Dt. Waschmaschine russ. стиральная машина
Dt. Fahrplan tsch. jízdní řád
Dt. Schreibtisch tsch. psací stůl
Dt. Schuljahr tsch. školní rok usw.
Dabei ist zum einen zu beachten, dass die Adjektive in diesen Verbindungen keine
andere Bedeutung haben, als erster Teil eines Kompositums zu sein. Die Bedeutung
von читальный, стиральная, jízdní, psací, školní kann also im Deutschen nur
schwer wiedergegeben werden. Die Bezeichnung für diese Art von Adjektiva, die
keine Qualitäten („schulisch“) sondern nur Beziehungen („Schul-„) zum Inhalt haben,
lautet Beziehungsadjektiva. Ferner ist zu beachten, dass die oben genannten

123
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Zweiwortverbindungen lexikalische Einheiten darstellen, also auch im Wörterbuch


verzeichnet sind. Man spricht daher von „Zwei-Wort-Lexemen“. Dennoch gibt es
auch in den slavischen Sprachen gar nicht so selten auch echte Komposita, etwa
wenn Zweiwortverbindungen in andere Wortarten überführt werden, vgl.:
russ. железная дорога Î железнодорожный
tsch. vysoká škola Î vysokoškolský
• Verbundene und unverbundene Komposita
Die beiden Bestandteile eines Kompositums können auf unterschiedliche Art und
Weise miteinander verbunden sein. In den slavischen Sprachen tritt zwischen die
beiden Wurzeln meist ein Vokal (Bindevokal):
жизнерaдостный, домострой, самовар
černobílý, velkoměsto
Unverbunden sind Komposita häufig dann, wenn der vordere Teil bereits auf Vokal
endet: technohudba; autodílna
• Hierarchische und nichthierarchische Komposita
Bei der hierarchischen Komposition haben die beiden Teile des Kompositums
unterschiedliche Funktionen: der erste Teil wird Bestimmungswort genannt, der
zweite Teil bestimmtes Wort. Im deutschen Wort „Leberwurst“ ist etwa Leber das
Bestimmungswort „Wurst“ das bestimmte Wort. Das bestimmte Wort legt die Wortart
(sowie das grammatische Genus) und die Grundbedeutung des Kompositums fest,
das Bestimmungswort bringt in die Gesamtbedeutung lediglich eine Spezialisierung
ein. Die Bedeutung dieser Spezialisierung kann dabei unterschiedlich sein.
Nichthierarchisch ist eine Komposition dann, wenn die Bedeutungen beider Wörter
gleichberechtigt sind und lediglich „addiert“ werden, vgl. tsch.: černobílý bzw. im
Russischen die sogenannten „Binomina“ vom Typ: генерал-защитель oder эконом-
специалист.
• Zusammenrückung:
Von Zusammenrückung spricht man dann, wenn die beiden Teile eines
Kompositums im Satzgefüge selbständige Wörter bleiben und auch selbständig
dekliniert werden. Beispiele sind in den slavischen Sprachen etwa die
zusammengesetzten Zahlwörter:
tsch.: dvacet pět stupňů - do dvaceti pěti stupňů
russ.: пятдесят шесть метров – од пятидесяти шести метров
• Phraseologisierung:
Bei der Phraseologisierung werden zwei Wörter nicht zu einem Wort verbunden,
sondern behalten im Satz ihre Eigenständigkeit. Ihre Bedeutungen sind jedoch so
eng verschmolzen, dass sie sich nicht mehr aus der Kombination der Bedeutungen
der beiden Teile zusammensetzen lässt. Beide Wörter bilden so eine semantisch
nicht mehr motivierte Einheit und stellen als solches auch eine lexikalische Einheit
dar. Phraseologismen sind also lexikalisierte Wortverbindungen. Sie stellen den
Übergang zwischen Lexikologie und Syntax dar. Die Abgrenzung zwischen
Phraseologismus und „freier“ syntaktischer Fügung ist fließend. Beispiele für
Phraseologismen:
dt.: die Kurve kratzen; das Heft in der Hand haben; etwas auf dem Herzen
haben; sein Schäfchen ins Trockene bringen, usw.
russ.: бить баклуши „auf der faulen Haut liegen“; он на этом собаку съел
„er ist darin ein Meister“, делать из муха слона „aus einer Mücke einen
Elefanten machen“
tsch.: vzít něco na své triko „etwas auf seine Kappe nehmen“, lámat si hlavu
„sich den Kopf zerbrechen“, kout pikle „Ränke schmieden“, dělat
z komára velblouda „aus einer Mücke einen Elefanten machen“…

124
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Von den Phraseologismen zu unterscheiden sind idiomatische Wendungen oder


häufige Kollokationen, d.h. Wörter die häufige gemeinsam verwendet werden, aber
dennoch ihre semantische Eigenschaften beibehalten haben, vgl. etwa syntaktische
Konstruktionen wie:
Dt.: Gültigkeit erlangen
Tsch.: vstoupit v platnost

Abbreviation / Abkürzung:
Bei der Abkürzung oder Abbrevation werden vorhandene Wörter gekürzt. Die
Ergebnisse der Abbreviation sind Kurzwörter oder Abkürzungen. Sie lassen sich wie
folgt einteilen:
• Buchstabenwörter (Inititalwörter):
Sind aus den Anfangsbuchstaben der Grundwörter zusammengesetzt. Sie
können nach der Aussprache unterteilt werden in
ƒ Initialbuchstabentyp (Buchstaben werden einzeln gesprochen): USA, SPD,
FCKW, ADAC; russ.: РФ (Российская Федерация), США,…
ƒ Initiallauttyp (Buchstaben werden als Wort gesprochen): Uno, Bafög;
Vor allem letztere können in den slavischen Sprachen oft als neues Wort
interpretiert und somit auch dekliniert werden, vgl. tsch.: Nato: vstup do Nata.
Russ.: вуз (высшее учебное заведение): в вузе.
• Kopfwörter:
Bei Kopfwörtern bleibt nur der Anfang des vollen Wortes (der „Kopf“) erhalten. Die
Abkürzung erfolgt dabei nach dem Silben- nicht nach dem Morphemprinzip.
Beispiele im Deutschen: Promi, Uni, Prof, Demo, Dis, Habil; tsch.: bezva, bájo
• Silbenwörter:
Von mehreren Wörtern werden nur die jeweiligen Anfangssilben kombiniert:
dt.: Azubi, Kripo, Kuwi, Моped,…
Im Russischen vor allem in der Sowjetzeit sehr produktiver Wortbildungstyp:
колхоз (коллективное хозяйство), гаспром (газовая промышленность),
универмаг (универсальный магаузин), комсомол (коммунистическая союз
молодёжи) …
• Univerbisierung:
Aus einem Zweiwortlexem wird – meist mit Hilfe von Suffix – eine
Einwortbenennung gebildet:
russ. стиральная машина Æ стиралька
tsch. smažený sýr Æ smažák
svařené víno Î svařák
nákladní vůz Î náklaďák
• Wortmischung / Blending:
zwei Wörter verschmelzen zu einem Wort (von jedem Ausgangswort sind nur
Teile vorhanden): Infotainment, Cooltour, smog (Í smoke + fog)
• Kombination verschiedener formaler Wortbildungsmuster
Komposition + Derivation:
tsch. hora + lézt + Suffix –ec: horolezec
Abbrevation + Derivation:
tsch. CD + Suffix -čko: CD-čko
russ.: комсомол – комсомольский

125
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

1.3.2 Semantische Einteilung der Wortbildungsverfahren


Bei der semantischen Einteilung werden Wortbildungsverfahren je nach dem
Unterschied klassifiziert, der in der Bedeutung von Derivand und Derivat auftritt. Drei
Arten der Bedeutungsveränderung können dabei unterschieden werden:
• Wird der Wortinhalt des Derivanden völlig geändert, spricht man von Mutation.
• Wird der Wortinhalt des Derivanden grundsätzlich beibehalten und erhält nur eine
zusätzliche Erweiterung, spricht man von Modifikation.
• Bleibt der Wortinhalt des Derivanden unverändert und nur in eine andere Wortart
überführt, spricht man von Transposition.

Wortbildung
(semantische Einteilung)

Mutation: Modifikation: Transposition:


Wortinhalt geändert Wortinhalt erweitert Wortinhalt beibehalten

Mutation: Änderung des Wortinhaltes:


Bei der Mutation wird der Wortinhalt des Derivanden geändert. Er kann dabei in der
Bedeutung des Derivats zwar noch enthalten sein, wird dabei aber im Rahmen einer
anderen Begriffskategorie ausgedrückt. Durch den Wortbildungsvorgang wird bei
Mutationen dem Wortinhalt des Derivanden eine komplexere Zusatzinformation
hinzugefügt. Bei diesem Vorgang kann die Wortart beibehalten oder geändert
werden. Dementsprechen spricht man von wortartüberschreitender oder –
wortartbeibehaltenden Wortbilldungsverfahren:

Beispiele für wortartüberschreitende Mutationen:


učit Æ učitel: „lernen“ + Zusatzbedeutung "jemand, der X tut" (=Nomina agentis)
slepý – slepec: „blind“ + Zusatzbedeutung "jemand, der Eigenschaft X aufweist"
čekat – čekárna: „warten“ + Zusatzbedeutung: „Ort, an dem X ausgeführt werden
kann“
číst – čitelný: „lesen“ + Zusatzbedeutung "Ausführbarkeit der Tätigkeit"
сухой – сушить: „trocken“ + Zusatzbedeutung "etwas die Eigenschaft X verleihen" (=
faktitive Verben)
сухой – сохнуть: „trocken“ + Zusatzbedeutung "die Eigenschaft X annehmen"
starý – stárnout: „alt“ + Bedeutung "die Eigenschaft X annehmen" (= mutative
Verben)
Beispiele für wortarterhaltende Mutationen:
zahrada Æ zahradník: „Gartebn“ + Zusatzbedeutung "jemand, der in X arbeitet"
noviny Î novinář: „Zeitung“ + Zusatzbedeutung „jemand der für X arbeitet“
ryba – rybář: „Fisch“ + Zusatzbedeutung „jemand, der X fängt“
zeď Î zedník: „Mauer“ + Zusatzbedeutung „jemand, der X herstellt“
ryba - rybník: „Fisch“ + Zusatzbedeutung „Ort, wo X zu finden ist“
Praha – Pražan: „Prag“ + Zusatzbedeutung „jemand, der an X wohnt“
Москва - Москвич: „Moskau“ + Zusatzbedeutung „jemand, der an X wohnt“
Bei Verben tritt wortarterhaltende Mutation auf, wenn das Präfix die Bedeutung des
Ausgansverbs ändert:
jít - najít; идти – найти: gehen – finden
dát – nadat: geben - schimpfen

126
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Modifikation:
Modifikationen erweitern den Wortinhalt des Derivanden um genau eine zusätzliche
Bedeutungskomponente (ein Sem). Sie bringen keine komplexe, sondern lediglich
eine spezialisierende Zusatzbedeutung in den Wortinhalt ein. Sie sind immer
wortarterhaltend. Die Bedeutungskomponente kann bestehen:
• im natürlichen Geschlecht des Bezeichneten: učitel Æ učitelka: „Lehrer“ +
Bedeutungskomponente "weiblich" = Motion (oder Movierung).
• in der Anzahl der Bezeichneten (ein einzelner Vertreter Æ eine Gruppe
Gleichartiger): učitel Æ učitelství: „Lehrer“ + Bedeutung "eine Gruppe von X" =
Kollektivierung
• in der Größe des Bezeichneten: kniha Æ knížka: „Buch“ + Bedeutung "klein" =
Deminutiva.

Transposition:
Bei der Transposition wird der Wortinhalt des Derivanden beibehalten, jedoch im
Rahmen einer anderen Wortart ausgedrückt. Transposition ist daher immer
wortartüberschreitend:
Bsp: Adjektiv – Substantiv. teplý – teplota
красивый – красота
Verb – Substantiv: mluvit – mluvení
читать - чтение
Substantiv – Adjektiv: škola – školní
железо - железный
Substantiv – Verb: telefon – telefonovat
совет – советовать

1.4. Entlehnung
1.4.1 Unterscheidung Lehnwort / Fremdwort
Von Entlehnung spricht man, wenn eine Lücke im Wortschatz nicht durch
eigensprachliche Mittel, sondern durch die Übernahme aus einer anderen Sprache
geschlossen wird. An einem Entlehnungsprozess sind also stets 2 Sprachen
beteiligt: die Sprache, aus der entlehnt wird (Gebersprache) und die aufnehmende
Sprache (Nehmersprache). Entlehnt werden können prinzipiell sprachliche Einheiten
auf allen Ebenen: Wörter, aber auch Morpheme, Phoneme, syntaktische
Konstruktionen. Entlehnung ist die auffälligste Folge von Sprachkontakt, d.h. der
gegenseitigen Beeinflussung zweier Sprache durch (räumliche) Nähe.
Übernahmen aus anderen Sprachen sind im System der Nehmersprache zunächst
Fremdwörter. Diese weichen in ihrer phonetischen und morphologischen Gestalt
deutlich vom eigensprachlichen Wortschatz ab und werden von den Sprechern der
Nehmersprache als fremd empfunden. Im Laufe des Entlehnungsprozesses kann es
jedoch allmählich zu einer Angleichung an das phonologische und morphologische
System der Nehmersprache kommen. Als Ergebnis dieses Prozesses wird das
entlehnte Wort von den Sprechern der entlehnenden Sprache nicht mehr als fremd
empfunden wird. Seine fremdsprachliche Herkunft ist für den sprachwissenschaftlich
nicht geschulten Sprecher nicht ohne weiteres erkennbar. In diesem Stadium der
Entlehnung spricht man von Lehnwörtern. Der Lehnwortschatz, d.h. der Teil des
Wortschatzes, der aus anderen Sprachen übernommen ist, ist z.T. sehr alt und hat
daher einen jahrhundertelangen Angleichungsprozess durchlaufen. Die Herkunft
eines Wortes ist daher heute oft nicht mehr eindeutig erkennbar und daher
127
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Gegenstand einer eigenen Disziplin. Die Lehre von der Herkunft der Wörter nennt
man Etymologie.
Entlehnung kann auf drei unterschiedliche Weisen vonstatten gehen:
• Wird aus der Gebersprache sowohl die lautliche Gestalt als auch die damit
verbundene Bedeutung entlehnt so spricht man von lautlicher Übernahme (oder
Lehnwort i.e.S.)
• Wird aus der Gebersprache sowohl die Bedeutung als auch die morphematische
Struktur übernommen, diese aber mit eigensprachlichen Mitteln ausgedrückt, so
spricht man von Lehnübersetzung.
• Schließlich kann es geschehen, dass aus der Gebersprache nur der Begriff
entlehnt wird, dieser aber mit einem eigensprachlichen Wort verbunden wird. Hier
spricht man von Lehnbedeutung.

Entlehnung

lautliche Übernahme Lehnübersetzung Lehnbedeutung

Lautliche Übernahme (Lehnwort):


Übernahme der Lautung + Bedeutung aus anderer Sprache.

Bei der Übernahme kann es zu Veränderungen auf verschiedenen sprachlichen Ebenen


kommen: vgl. etwa das russ. бутерброд mit dem dt. Butterbrot. Wir stellen Veränderungen
auf folgenden linguistischen Ebenen fest:
• auf der Ebene der Semantik: die russ. Bedeutung „belegtes Brot“ entspricht nicht
der des deutschen Vorbildes.
• auf der Ebene der Morphologie: das russ. Wort gehört dem mask. Genus an, das
dt. dem neutralen. Das russ. Wort kann darüber hinaus grammatische Formen
(бутерброда, бутерброде, бутерброды,...) nach russischem Muster bilden,
sowie als Ausgangspunkt für innersprachliche Wortbildungsprozesse dienen (vgl.
бутербродная).
• auf der Ebene der Phonologie: das russ. Wort hat die Betonungsstelle auf die
letzte Silbe zurückgezogen, die unbetonten Silben unterliegen den russischen
Reduktionsregeln [ but’irbrot ]

Auch die Art der Adaption an das orthographische System kann in verschiedenen Sprachen
unterschiedlich sein. Man unterscheidet phonetische und orthographische Übernahmen:
• phonetische Übernahme: das Wort wird in der fremdsprachigen Lautung
übernommen, die Schreibung wird angepasst, vgl. russ. футбол Í engl. football; dt.
Schal Í engl. shawl
• orthographische Übernahme: das Wort wird in der fremdsprachigen Schreibung
übernommen, die Aussprache wird angepasst, vgl. tsch. fotbal [fodbal], dt. Pullover

Lehnübersetzung:
Wiedergabe der Bedeutung mit eigensprachlichen Mitteln. Dabei wird das
übernommene Wort in seine Bestandteile zerlegt und diese einzeln in die
Nehmersprache übertragen, man spricht daher auch von „Glied-für-Glied
Übersetzung oder Calquierung.
Bsp.: engl. computer (von to compute „rechnen“): tsch. počítač (zu počítat), frz.
ordinateur, dt. Rechner.

128
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Beispiele für Calquierungen deutscher Begriffe in den slavischen Sprachen sind


etwa:
dt. Weltanschauung Î russ.: мирoвоззрение (мир „Welt” воззрение
„Anschauung“)
dt. Vorstellung Î russ.: представление
dt. Mitteilung Î tsch. sdělení
dt. sich durchsetzen Î tsch. prosadit se
lat. Geographie Î tsch. zeměpis

Lehnbedeutung
Ein bestehendes Wort erhält eine neue Bedeutung, die aus einer anderen Sprache
übernommen ist:
Tsch. myš / russ.: мышка: entlehnte Bedeutung: Computermaus
Tsch.: paměť: „Gedächtnis“ entlehnte Bedeutung: Speicher (Computer)

Einteilung des Lehnwortschatzes


Der Lehnwortschatz einer Sprache kann nach verschiedenen Kriterien unterteilt
werden:
Nach der Herkunft der Wörter:
• Internationalismen: in vielen europäischen Sprachen gleicher Wortschatz, meist
lateinischen oder griechischen Ursprungs.
Teilweise nutzen die Sprachen jedoch unterschiedliche Arten der Adaptierung. So
können internationale Suffixe verschiedene Form haben (vgl. russ. демократия, poln.
demokracja, tsch. demokracie; russ. телефонировать tsch. telefonovat). Manchmal
haben Internationalismen in verschiedenen Sprachen auch unterschiedliches Genus:
russ. интересная тема, tsch.: zajímavé téma; russ. проблема, процент; tsch.: problem,
procento ...
• Anglizismen: ebenfalls weitverbreiteter internationaler Wortschatz, v.a. in den Bereichen
Wirtschaft (бизнес, biznes), Computertechnik (файл), Medien (клип, хеппи-энд), Sport
(офф-сайд). Vorteil der Verbreitung von Anglizismen ist die gegenseitige Angleichung
der Sprachen und die dadurch leichte Verständlichkeit. Anglizismen setzen sich jedoch in
verschiedenen Sprachen unterschiedlich stark durch, vgl.: russ.: плейер; файл tsch.:
přehrávač, soubor
• Germanismen: aus dem Deutschen übernommenes Wortmaterial in anderen Sprachen.
In den slavischen Sprachen sind Germanismen weit verbreitet. Sie unterscheiden sich
jedoch nach Entlehnungszeitraum, Sachbereich und stilistischem Wert z.T. stark. Einige
Beispiele für Germanismen in den slavischen Sprachen:
o russ.: v.a. in den Bereichen Handwerk, Militär, Verwaltung: штраф, шлягбаум,
бухгальтер, ефрейтер,
o tsch.: z.T. sehr alte Germanismen mit starken lautlichen Abweichungen: cihel,
žehnat, židle; Entlehnungen aus deutschen Dialekten, auch im heutigen
Tschechischen oft stark umgangssprachlich: kšeft, ksicht, fotr, holt, furt; viele
syntaktische und phraseologische Germanismen: přijít o život, přijde na to, ...
o poln.: dach, szoltys.
Weitere Einteilungskriterien
• Nach der Chronologie (historische Einteilung): anhand der historischen
Einteilung lassen sich bestimmte Phasen der historischen Beziehungen der
Sprachen und ihrer Gesellschaften nachvollziehen.
• Nach Sachgruppen (onomasiologische Einteilung): Wirtschaftsleben,
Handwerk, Militär, Technologie, Mode, Philosophie, ...
• Nach Grad der Adaption (morphologische Einteilung)
• Nach dem stilistischen Wert in der Nehmersprache (neutral /
standardsprachlich, fachsprachlich, dialektal / umgangssprachlich)

129
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

2. Lexikologie
Lexikologie ist der Teil der Sprachwissenschaft, der sich mit dem Wortschatz
beschäftigt. Sie untersucht die Strukturen innerhalb des Wortschatzes und die
regelmäßigen Beziehungen zwischen den lexikalischen Einheiten.

2.1 Einteilung des Wortschatzes


Der Wortschatz einer Sprache stellt keine unstrukturierte Menge von lexikalischen
Einheiten dar. Vielmehr können zwischen den Elementen des Wortschatzes
Beziehungen verschiedenster Art festgestellt werden. Nach der Art dieser Beziehung
kann man den Wortschatz nach folgenden Kriterien einteilen:
• formale Einteilung:
o nach grammatischen Kriterien: Wortarten:
o nach derivativen Kriterien: Wortfamilien, abgeleitete / nicht abgeleitete
Wörter
• stilistische Einteilung:
o nach stilistischen Kriterien: stilistisch unmarkierter (neutraler) / stilistisch
markierter Wortschatz
o nach der Art und Weise der Verwendung von Wörtern: regionale, soziale oder
funktionale Kriterien: Regiolekte, Soziolekte, Funktiolekte
• semantische Einteilung:
o nach inhaltlichen Kriterien: Verhältnis der Bedeutungen zueinander:
Homonyme und Polyseme; Synonyme und Antonyme; Hyperonyme
und Hyponyme

Einteilung des Wortschatzes

Formale Einteilung Stilistische Einteilung Semantische Einteilung


nach morphologischen Kriterien: nach Art der Verwendung: nach inhaltlichen Kriterien:
grammatisch: in Wortarten: stilistische neutral / markiert Beziehung der Wortbedeutungen:
• flektierbar - nicht flektierbar Zugehörigkeit zu Subvarietäten: • Homonymie / Polysemie
• nach Flexionsklassen • Regionalismen • Synonymie / Antonymie
lexikalisch: in Wortfamilien: • Jargonismen / Argotismen • Hyperonomie / Hyponymie
• abgeleitet / unabgeleitet • Termini
• präfigiert / suffigiert • Archaismen / Neologismen

Im Folgenden beschäftigen wir uns in erster Linie mit den semantischen


Beziehungen zwischen lexikalischen Einheiten.

130
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

2.2 Inhaltliche Beziehungen zwischen Lexemen


Die Inhaltliche Beziehung zwischen Lexemen untersucht die Beziehung zwischen
sprachlichem Ausdruck und sprachlichem Inhalt.

2.2.1 Homonymie oder Polysemie


Bei Homonymie und Polysemie tritt dasselbe Verhältnis von Ausdruck und Inhalt
zutage. Einem sprachlichen Ausdruck sind mehrere sprachliche Inhalte zugeordnet.
Der Unterschied besteht im Verhältnis der beiden Inhalte zueinander. Im Falle der
Polysemie sind beide Inhalte gedanklich miteinander verknüpft. Im Falle der
Homonymie besteht zwischen den beiden Inhalten keine gedankliche Verbindung
(mehr).

Polysemie: ein Ausdruck - mehrere Inhalte

Inhalt 1

Ausdruck
gedankliche Verbindung

Inhalt 2

Polysemie:
Zwischen beiden sprachlichen Bedeutungen besteht ein gedanklicher
Zusammenhang. Polysemie ist das Ergebnis einer Bedeutungsübertragung. Diese
Übertragung ist synchron noch erkennbar. Für die Bedeutungsübertragung existieren
verschiedene Möglichkeiten:
• Metaphorische Übertragung: beruht auf der äußeren (optischen, akustischen,
o.ä.) Ähnlichkeit der beiden außersprachlichen Referenten. Beide weisen eine
gemeinsame Eigenschaft (Form, Farbe, Größe, etc.)
Beispiele für metaphorische Übertragung:
russ. конь1: Lebewesen / конь2: Schachfigur
dt.: Birne1: Obstsorte / Birne2: umgspr. f. Kopf
• Metonymische Übertragung: beruht auf einem gedanklichen Zusammanhang
zwischen beiden Bedeutungen: diese kann räumliche oder zeitliche Nähe aber
auch eine kausale oder materielle Verbindung zwischen den beiden Referenten
sein.
Beispiele für metonymische Übertragungen:
Handlung – Ort der Handlung:
dt.: Bad1: Prozedur, Handlung (ein Bad nehmen) / Bad2: Ort, an dem Bad1 stattfindet.
ähnlich: Gang, Reparatur (das Auto ist in der Reparatur)
Tätigkeit – Produkt der Tätigkeit:
tsch. psaní1:Tätigkeit „Schreiben“ / psaní2: Produkt des Schreibens (Schriftstück)
Material – Erzeugnis aus Material:
Leder1: Material / Leder2: Ding, das aus dem Material besteht (Fußball)

131
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Glas1: Material / Glas2: Gefäß, das aus Glas1 besteht / Glas3: Inhalt von Glas2 (ein
Glas Wein).
Beim Übersetzen in Fremsprachen ist Polysemie u.U. problematisch, da Polysemien einer
Sprache in anderen Sprachen oft differenziert sind: so ist etwa nur die Polysemie von Glas2
und Glas3 auch im Russischen (стакан вина) und im Tschechischen (sklenice vína) existent,
während die Polysemie von Glas1 und Glas2 in beiden Sprachen differenziert ist (скло -
стакан; sklo - sklenice).
Weitere Möglichkeiten von polysemen Bedeutungen:
• Synekdoche: Teil-Ganzes-Beziehung
• Bedeutungserweiterung / Bedeutungsverengung: besteht in der Veränderung des
Umfangs der Bedeutung, d.h. der Anzahl der möglichen Referenten.
• Bedeutungsverschlechterung / Bedeutungsverbesserung: besteht in der Veränderung
des konnotativen Gehalts der Bedeutung. Diese kann negative aber auch positive
Wendungen erfahren. Eine starke Bedeutungsverschlechterung kann bis hin zur
Tabuisierung führen
• Apellativisierung / Deapellativisierung: besteht im Wechsel von Eigennamen und
Gattungsnamen.

Homonymie:
Homonyme sind sprachliche Ausdrücke, denen zwei oder mehrere Inhalte
zugeordnet sind, ohne dass eine gedankliche Verbindung zwischen diesen besteht.
Homonymie: ein Ausdruck - mehrere Inhalte

Inhalt 1

Ausdruck
keine
Verbindung

Inhalt 2

Homonymie kann auf 2 Arten zustande kommen:


• aus einer ursprünglichen Polysemie, deren gedankliche Verbindung verloren
gegangen ist.
Bsp.: russ.: стирать1 „reiben“ / стирать2 „waschen“
tsch.: prát 1 „schlagen“ / prát2 „waschen“
dt. etwa: Schloss, Bank, u.ä.
• durch Entlehnung: Fremdsprachliches und eigensprachliches Wort fallen
lautlich zusammen:
tsch.: čelo1 (eigensprachliches Wort) „Stirn“ / čelo2 (Fremdwort) „Cello“

2.2.2 Synonymie und Antonymie

Synonymie
Bei Synonymie tritt das umgekehrte Verhältnis von Ausdruck und Inhalt auf. Einer
sprachlichen Bedeutung sind mehrere sprachliche Ausdrücke zugeordnet. Das
Verhältnis der beiden sprachlichen Ausdrücken zueinander kann unterschiedlich
sein.

132
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Synonymie: mehrere Ausdrücke - ein Inhalt

Ausdruck 1

Inhalt

Ausdruck 2

Im Fall von totale Synonymie besteht zwischen beiden Ausdrücken keinerlei


Unterschied in der Verwendung oder im stilistischen Wert.
dt. jetzt – nun
tsch. tady – zde
Totale Synoymie ist jedoch selten. Meist werden Synonyme stilistisch differenziert:
beide Ausdrücke stehen zwar für denselben lexikalischen Inhalt (sind semantisch
gleich), gehören aber unterschiedlichen Stilebenen an:
Bsp.: dt. Kopf (neutrale Stilebene) – Birne (umgangssprachlich
tsch. plákat – brečet
russ. отец – папа
Meist ist ein Glied stilistisch neutral, das zweite Glied stilistisch markiert, d.h. es
gehört einer bestimmten stilistischen Schicht an (umgangssprachlich, familiär,
emotional, buchsprachlich, fachsprachlich,…)
Möglich ist auch der Fall der Teilsynonymie: ein polysemes Wort fällt nur in einer
seiner Teilbedeutungen mit einem anderen sprachlichen Ausdruck zusammen.
Bsp: dt. Hier und da: nur in räumlicher Bedeutung synonym nicht in zeitlicher.
Daneben existiert der Fall, dass die usuellen Differenzierung von Synonymen. Von
zwei synonymen Wörtern kann nur eines in einer bestimmten sprachlichen
Umgebung auftreten:
Bsp.: Bedeutung „Weg“: russ.: путь / дорога
Аber nur: железная дорога
Nicht: * железный путь

Antonmymie
Als Antonyme bezeichnet man zwei sprachliche Ausdrücke, deren Bedeutungen in
gegensätzlichem Verhältnis zueinander bestehen.
Man unterscheidet mehrere Arten von Antonymie:
polare Antonymie: die beiden Glieder der Antonymie stellen zwei Extrempunkte
(Pole) auf einer Achse (einem Kontinuum) dar, auf dem beliebig viele
Zwischenstufen denkbar sind: hoch - tief, teuer -billg, reich - arm
exklusive Antonymie: die beiden Glieder der Antonymie stehen im Verhältnis des
gegenseitigen Ausschlusses: nützlich - nutzlos, frei - besetzt
komplementäre Antonymie: die beiden Glieder stehen im Verhältnis der
gegenseitigen Ergänzung: Bruder - Schwester; Start - Ziel;

Hyponymie – Hyperonymie
Verhältnis: Unterbegriff – Oberbegriff
= logisches Verhältnis der Inklusion: ein Ausdruck schließt den anderen mit ein

133
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Bsp.: Pferd – Schimmel: Jeder Schimmel ist ein Pferd, aber nicht umgekehrt.
Die Bedeutung von "Schimmel" schließt die Bedeutung von „Pferd“ logisch mit ein.

Extension vs. Intension von Bedeutungen:


Unter Extension versteht man die Menge der unter dem Begriff zu fassenden
Gegenstände. Die Extension des Begriffs "Pferd" ist also größer als die des Begriffs
"Schimmel", da die Menge der Pferde ist größer als die Menge der Schimmel.
Unter Intension versteht man die Menge der Information (Bedeutungseinheiten /
Seme), die ein Begriff enthält. Die Intension des Begriffs "Schimmel" ist größer als
die des Begriffs „Pferd“ , da es die zusätzliche Information über die Farbe enthält, die
bei "Pferd" nicht enthalten ist.
Dieses Verhältnis hat auch Konsequenzen auf der Ebene des Textes: in einem Text
kann man das Wort "Schimmel" durch das Wort "Pferd" ersetzen, nicht aber
umgekehrt. Daraus folgt, dass “Pferd“ ein Synonym für „Schimmel“ ist, aber
„Schimmel“ kein Synonym für „Pferd“.
Hypnoyme können hierarchisch angeordnet werden: Die Oberbegriffe haben die
höchste Extension, aber nur eine geringe Intension: sie sind „allumfassend“ aber
„vage“. Je tiefer man in der Hierarchie der Bedeutungen hinabsteigt, desto geringer
wird die Extension, und umso größer die Intension: die Begriffe werden spezieller
oder genauer.

Semanalyse:
Eine Analyse der Bedeutungen listet die einzelnen Bedeutungsbestandteile eines
sprachlichen Begriffs auf. Die kleinsten Bedeutungsbestandteile nennt man Seme.
Eine vollständige Aufzählung der Seme eines Begriffs nennt man Semanalyse. Die
Tabelle zeigt eine vergleichende Semananalyse verschiedener Begriffe in
tabellarischer Form: dabei bedeutet + Vorhandensein des Merkmals, – Abwesenheit
des Merkmals, 0 Irrelevanz (Nichtanwendbarkeit des Merkmals).
Farbe weiß
erwachsen
Lebewese
individuell

weiblich
konkret

tierisch
Seme

Pferd

Größe – 0 0 0 0 0 0 0
Stein – + – 0 0 0 0 0
Herde + – + + 0 0 0 0
Tier + + + + 0 0 0 0
Kuh + + + + – 0 0 0
Pferd + + + + + 0 0 0
Schimmel + + + + + + 0 0
Fohlen + + + + + 0 – 0
Hengst + + + + + 0 + –
Stute + + + + + 0 + +

134
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Teil 6 A: Syntax

1. Definition
1.1. Syntax: Definition und Aufgaben
1.2. Der Satzbegriff

2. Einteilung von Sätzen


2.1. Satztypen nach der Struktur
2.2. Satztypen nach der Illokution

3. Satzglieder
3.1. Ermittlung von Satzgliedern
3.2. Arten der Zusammengehörigkeit
3.2.1. Kongruenz
3.2.2. Rektion
3.2.3. Adjunktion

4. Syntaxtheorien
4.1. Traditionelle Grammatik
4.2. Generative Grammatik (Konstituentenstruktur)
4.3. Valenzgrammatik
4.4. Kasusgrammatik: Thematische Rollen
4.5. Funktionale Satzperspektive
(aktuelle Gliederung oder Thema/Rhema-Gliederung)

1. Definition
1.1. Definition: Syntax

Die Syntax ist der Teil der Sprachwissenschaft, der über die Ebene des Wortes
hinausgeht und sich mit der Verbindung von Wörtern zu größeren Einheiten
beschäftigt bis hin zur Ebene des Satzes. Syntax wird daher auch als Satzlehre
bezeichnet. Gegenstand der Syntax sind jedoch nicht nur Sätze, sondern jedliche
Verbindungen von zwei oder mehreren Wörtern (Syntagmen).
Durch die Syntax erfahren wir, wie lexikalische Einheiten (Wörter) zu größeren
Einheiten kombiniert werden können. Aufgaben der Syntax sind daher:
• Einteilung der Sätze in Klassen mit gleichen Eigenschaften ein (Satztypen)
• Festlegen der richtigen Reihenfolge der Elemente im Satz (Wortfolge)
• Einteilen von richtigen und falsche Sätze sind (Grammatikalität von Sätzen)
• Aufzeigen von Strukturen innerhalb des Satzes:
o Aufteilen der Sätze in ihre Bestandteile (Satzglieder)
o Beschreibung der Beziehungen zwischen den Elementen
Im (amerikanischen) Strukturalismus galt der Satz als die höchste grammatisch
beschreibbare Ebene der Grammatik. In der heutigen Linguistik gibt es jedoch auch
Teilgebiete, die sich mit den satzüberschreitenden Regelmäßigkeiten beschäftigen.
Diese sind die Textlinguistik (oder Textsyntax)

135
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

1.2. Definition: Satz

Die scheinbar einfache Frage „Was ist ein Satz?“ ist – ähnlich wie die Frage nach
dem Wort – schwer zu beantworten. Die Definitionen sind abhängig von den
verwendeten Kriterien und kommen daher zu unterschiedlichen Ergebnissen. Einige
Satzdefinitionen seien hier angeführt:
• formale Definition: Satz = alles was mehr als ein Wort enthält.
• graphische Definition: Satz = was zwischen zwei Punkten steht.
• phonetische Defintion: Satz = was zwischen zwei Sprechpausen zu hören ist und
eine typische Satzmelodie (Intonationsverlauf) hat.
• morphologische Definition: Satz = alles, was ein finites Verb enthält.
• semantische Definition: Satz = alles, was ein eine Aussage enthält.
(vgl. auch die noch zahlreicheren Satzdefinitionen bei Hentschel-Weydt 2003: 333)
Es ist klar, dass sich diese Definitionen gegenseitig widersprechen und sich zu jeder
Definition Gegenbeispiele finden lassen. Wir stellen daher fest, dass der
nichtterminologische Gebrauch des „Satz“ unscharf ist, und für die Zwecke der
linguistischen Untersuchung präzisiert werden muss. Man muss sich also bei der
Untersuchung von Sätzen darüber im klaren sein, ob man von einem
orthographischen, phonetischen, morphologischen oder semantischen Satz ausgeht.
Einige Satzdefinitionen werden der besseren Unterscheidbarkeit durch eigene
Benennungen ersetzt:
• Die Verbindung von mindestens zwei Wörtern zu einer größeren Einheit nennt
man Syntagma. Syntagmen sind Gegenstand der formalen oder Morphosyntax.
• Das durch den Satz zum Ausdruck Gebrachte, die Satzbedeutung, nennt man
Proposition. Propositionen sind Gegenstand der Satzsemantik oder Semosyntax.

2. Einteilung von Sätzen


Sätze können nach unterschiedlichen Kriterien in verschiedene Klassen eingeteilt
werden. Man erhält auf diese Art und Weise verschiedene Satztypen oder Satzarten.
Die beiden grundlegenden Einteilungskriterien sind die formale Struktur des Satzes
und seine kommunikative Funktion, sein illokutiver Gehalt.

2.1. Einteilung nach Struktur:


Vergleichen wir die folgenen vier Sätze:

Andrea war müde.


Andrea war an diesem Abend unendlich müde.
Andrea war müde und ging nach Hause.
Weil Andrea müde war, ging sie nach Hause.

Die ersten beiden Sätze unterscheiden sich von den zweiten beiden dadurch, dass
sie nur eine Aussage (und auch nur ein finites Verb) beinhalten. Wir können nach
diesem Strukturprinzip – ein oder mehrere Aussagen / Prädikate - einfache von
zusammengesetzten Sätzen unterscheiden.
Vergleichen wir die beiden einfachen Sätze, so stellen wir fest, dass der zweite von
ihnen „überflüssiges“, zum Verständnis der Aussage nicht unbedingt notwendiges
Material enthält. Vom ersten Satz hingegen kann nichts weggelassen werden, ohne
das Verständnis zu gefährden. Man spricht in diesem Fall, wenn ein Satz nur
unbedingt notwendige Information enthält, von einem Kernsatz, im zweiten Fall,
wenn weitere Information vorhanden ist von einem erweiterter Satz.

136
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

In der gesprochenen Rede können jedoch auch von einem Kernsatz u.U. Teile
weggelassen werden, wenn sie aus dem Ko-Text (dem vorher Gesagten) oder dem
Kontext (der nichtsprachlichen Situation), klar genug hervorgehen. So können etwa
die Sätze

Weil sie müde war.


War müde.
Andrea.

verständlich sein, wenn sie etwa im Dialog auf die Fragen: „Warum ging Andrea nach
Hause?“ oder „Wer ist müde?“ antworten. In diesen Fällen spricht man von
unvollständigen Sätzen oder Ellipsen. Diese sind nur in einem gegebenen Kontext
verständlich, in kontextfreier Verwendung ist ihr kommunikativer Wert beeinträchtigt.

Vergleichen wir nun die beiden zusammengesetzten Sätze. Sie enthalten beide zwei
Teilsätze und damit zwei Aussagen.
Im ersten Satz ist das Verhältnis der beiden Teilsätze nichthierarchisch. Beide
Aussagen werden gleichberechtigt nebeneinander gestellt. Man spricht in diesem
Fall von einer koordinierenden Satzverbindung oder Parataxe.
Im zweiten Fall ist das Verhältnis der beiden Teilsätze dagegen hierarchisch. Ein
Teilsatz ist dem anderen übergeordnet (Hauptsatz), der andere dagegen
untergeordnet (Nebensatz). Man spricht in diesem Fall von einem Satzgefüge, einer
subordinierenden Satzverbindung oder Hypotaxe. Dabei ist zu beachten, dass der
untergeordnete Teilsatz innerhalb der übergeordneten Satzstruktur als Satzglied (in
diesem Fall als Adverbialbestimmung) fungiert. Untergeordnete Strukturen innerhalb
eines Satzgefüges werden daher auch als „eingebettete Sätze“ bezeichnen.
Übersicht über die Satztypen nach der Struktur:

Sätze

Einfache Sätze Zusammengesetzte Sätze

Eingliedrige Sätze Mehrgliedrige Sätze Satzverbindungen Satzgefüge


(Koordination) (Subordination)

Einteilung von Sätzen nach der Struktur

2.2. Einteilung nach dem illokutiven Gehalt

Vergleichen wir die folgenden Sätze,

a Peter liest das Buch.


b Liest Peter das Buch?
c Peter, lies das Buch!
d Peter liest das Buch nicht.
e Peter, lies das Buch nicht!
f Liest Peter nicht das Buch?

137
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

so stellen wir fest, dass sie alle eine inhaltliche Gemeinsamkeit aufweisen: sie haben
die Tatsache, dass Peter ein Buch liest, zum Gegenstand. Diese Tatsache wird zwar
auf unterschiedliche Art kommunikativ eingesetzt. Dennoch ist das „Thema“ der
Äußerung immer dasselbe. Man spricht in diesen Fällen von einer identischen
Proposition. Die Gemeinsamkeit aller Sätze ist der logische Inhalt, „dass Peter ein
Buch liest“. Dies kann man auch als logisches Kalkül notieren in der Form:

LESEN (Peter; Buch)

Der Unterschied zwischen den Sätzen besteht darin, in welcher kommunikativen


Absicht der Satz geäußert wird, d.h. was der Sprecher dem Hörer mit dem Äußern
der Proposition P mitteilen will:

Im Satz a wird P als in der Realität vorhanden präsentiert.


Im Satz b will der Sprecher vom Hörer eine Information darüber, ob P Realität ist.
Im Satz c will der Sprecher vom Hörer, dass er P Realität werden lässt.
Im Satz d wird P als Nichtrealität präsentiert.
Im Satz e will der Sprecher vom Hörer, dass er P nicht Realität werden lässt.
Im Satz f will der Sprecher vom Hörer eine Information darüber, ob P Realität ist.
(= identische Illokution wie in Satz b)

Diese zusätzliche, über die Proposition hinausgehende Information, die den


kommunikativen Wert eines Satzes bestimmt, nennt man Illokution. Zur Illokution
gehört auch die Verneinung. Nach der Illokution unterscheidet man Aussagesätze,
Fragesätze und Befehlssätze. Innerhalb der Aussagesätze kann man positive und
negative Aussagen unterscheiden (P ist real oder nicht real), ebenso innerhalb der
Befehlssätze (P ist erwünscht: Befehl, Rat, Wunsch; P ist unerwünscht: Verbot,
Warnung). Bei den Fragesätzen kann man unterscheiden, ob nach der gesamten
Proposition gefragt wird (Entscheidungsfragen) oder nur nach einem Teil von ihr
(Ergänzungsfragen).

Sätze

Konstativsätze Befehlssätze Interrogativsätze


(unmarkiert)

positiv negativ positiv negativ Entscheidungs- Ergänzungs-


fragen fragen

Einteilung von Sätzen nach dem illokutiven Gehalt

3. Satzglieder
Zwischen den Ebenen des Worts und des Satzes lässt sich noch eine weitere
Beschreibungsebene feststellen, die Ebene der Satzglieder. Im Folgenden werden
wir feststellen, wie man Satzglieder ermittelt und welche Arten der Beziehungen
zwischen den Satzgliedern und Wörtern bestehen können.

138
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

3.1. Ermittlung von Satzgliedern


Zwischen den einzelnen Elementen eines Satzes können unterschiedliche
Beziehungen bestehen. Nicht alle Wörter innerhalb eines Satzes sind gleich eng
miteinander verbunden, einige gehören enger zusammen, andere weniger eng. Die
enger zusammengehörigen Teile werden als Satzteile oder Satzglieder bezeichnet.
Wie kann man feststellen, welche Teile enger zusammengehören und somit
zusammen ein Satzglied bilden?
Dafür gibt es – für das Deutsche – drei Testverfahren. Für die slavischen Sprachen
funktionieren diese Tests nur teilweise.
• Umstellprobe (Permutation):
Elemente, die bei einer Umstellung des Satzes zusammenbleiben, bilden ein
Satzglied. Innerhalb eines Satzgliedes sind meist keine Umstellungen möglich.
Mein Freund Peter liest ein neues Buch im Wohnzimmer.

im Wohnzimmer liest mein Freund Peter ein neues Buch.


aber:
*Mein Peter Freund liest Wohnzimmer im ein Buch neues.
In den slavischen Sprachen gilt diese Probe nur eingeschränkt, da hier auch
Satzglieder räumlich getrennt stehen können, vgl.
russ.: Книгу она получила очень интересную.
tsch.: Fráček má zelený.
• Ersetzungsprobe (Substitution)
Teile, die zusammen durch ein anderes Wort / Satzglied ersetzt werden können,
gehören zusammen und bilden ein Satzglied.
Mein Freund Peter liest ein neues Buch im Wohnzimmer.

Er liest ein neues Buch im Wohnzimmer.

Mein Freund Peter liest es im Wohnzimmer.

Mein Freund Peter liest ein neues Buch dort.

• Weglassprobe (Elimination):
Innerhalb von zusammengehörigen Teilen können bestimmte Wörter weggelassen
werden, ohne dass der Satz dadurch der Satz ungrammatisch wird.
Mein Freund Peter liest schon lange ein neues Buch im hellen Wohnzimmer.
Peter liest ein Buch im Wohnzimmer.

3.2. Arten der Zusammengehörigkeit von Satzgliedern


Um die Struktur des Satzes zu beschreiben, genügt es nicht, die Sätze in ihre
Bestandteile zu zerlegen. Es ist ebenso notwendig, zu zeigen, welche Teile einander
auf welche Art beeinflussen. Dabei kann sich die syntaktische Zusammengehörigkeit
auf die morphologische Form eines Satzteils auswirken. Die morphologische Form
eines Satzteils signalisiert so deren syntaktische Verbindungen. Insgesamt lassen
sich drei Arten von Auswirkungen der syntaktischen Beziehung auf die
morphologische Form der Satzglieder feststellen:
• Kongruenz
• Rektion
• Adjunktion

Diese wollen wir anhand des folgenden Beispielssatzes beschreiben:


russ.: Студент читает новую книгу профессора.
tsch.: Student čte novou knihu profesora.

139
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

poln.: Student czyta nową księżkę profesora.


3.2.1 Kongruenz
Von Kongruenz (Übereinstimmung) spricht man, wenn die zusammengehörigen
Satzglieder in ihrer morphologischen Form übereinstimmen, d.h. dieselben
grammatikalischen Kategorien ausdrücken.
Kongruenz kann auftreten:
• zwischen Subjekt und Prädikat:
Subjekt und Prädikat (auch Prädikatsnomen) müssen in der grammatikalischen
Kategorie des Numerus (in den slavischen Sprachen manchmal auch im Genus)
übereinstimmen, vgl.
Студент читает *Студент читают. *Студент читала.
Student čte *Student čtou. *Student četla. *Studentka četla.
Student czyta *Student czytają. *Student czytała.
• Innerhalb von zusammengehörigen Satzteilen (meist zwischen Substantiv und
seinen Attributen): diese müssen in allen vom Substantiv ausdrückbaren
grammatischen Kategorien (Kasus, Numerus, Genus und Belebtheit)
übereinstimmen.
новую книгу *новой книгу / нового книгу / новые книгу
novou knihu *nové knihu / nového knihu
nową księżkę *nowej księżkę / nowy księżkę

3.2.2 Rektion
Von Rektion spricht man, wenn ein Satzteil die Forme eines anderen Satzteils
bestimmt, wobei aber keine Übereinstimmung zwischen beiden Satzgliedern
bestehen muss.
Rektion tritt v.a. bei Verben auf: das Verb bestimmt dabei die Form (Kasus) des
Objekts:
* Студент читает новoй книге / новой книгой профессора.
* Student čte nové knize / novou knihou profesora.
* Student czyta nowej księżce / nową księżką profesora.
Daneben können aber vereinzelt auch Substantive und Adjektive abhängige
Satzglieder regieren, z. B. das Interesse an Politik / er ist an Politik interessiert.

3.2.3 Adjunktion
Von Adjunktion spricht man, wenn die syntaktische Zusammengehörigkeit nicht
durch ein äußeres (morphologisches) Signal zum Ausdruck kommt. Beispiele für
Adjunktion sind:
• die Adverbiale: liest gerade, liest schön,….
• das Genitivattribut:
книгa профессора
kniha profesora
księżka profesora

140
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Syntaktische Beziehungen zwischen Satzgliedern

Kongruenz: Rektion: Adjunktion:

cтудент ↔ читает читает ↔ книгу книга ↔ профессора


student ↔ čte čte ↔ knihu kniha ↔ profesora
student ↔ czyta czyta ↔ książkę książka ↔ profesora

4. Syntaxtheorien

Zur Beschreibung der Satzstruktur existieren eine große Zahl von verschiedenen
Theorien, die hier ausführlich darzustellen weder möglich noch erforderlich ist. Wir
beschränken uns hier auf drei Hauptrichtungen, deren Grundzüge und wichtigste
Unterschiede wir kennenlernen wollen. Zur Vertiefung der hier beschriebenen
Grundzüge sei das Kapitel „Syntaxmodelle“ in Hentschel / Weydt: Handbuch der
deutschen Grammatik (S. 444ff.) empfohlen.
Die drei hier kurz erläuterten Syntaxmodelle sind:
• traditionelle Grammatik
• Konstituentenstrukturgrammatik
• Valenzgrammatik
Daneben wollen wir uns auch mit drei weiteren Syntaxmodellen befassen, die einen
etwas anderen Schwerpunkt haben und jeweils eine anderen Beschreibungsebene
innerhalb des Satzes thematisieren:
• Kasusgrammatik
• Aktuelle Satzperspektive
• Funktionelle Grammatik

4.1. Traditionelle Grammatik

In der traditionellen Grammatik (oder Schulgrammatik) wird der Satz in die aus der
klassischen (lateinischen) Grammatik bekannten Satzglieder zerlegt. Die Satzglieder
bestehen typischer Weise aus bestimmten Wortarten, werden durch Fragen
bestimmt und nach ihrer Funktion im Satz benannt.
Die aus der traditionellen Grammatik bekannten Satzglieder sind:
• Subjekt: Das Subjekt wir mit der Frage „Wer?“ oder „Was?“ bestimmt. Es wird
i.d.R. durch ein Nomen (Substantiv oder Pronomen) im Nominativ vertreten.
Im Satz übernimmt es die Rolle des Ausführenden der Handlung.
• Prädikat: Das Prädikat wird mit der Frage „Was geschieht?“ bestimmt. Es
wird fast immer durch ein finites Verb vertreten. Es erfüllt im Satz die Rolle der
Handlung selbst.
• Objekt: Das Objekt wird durch die Frage „Wen?“ oder „Was?“ bestimmt. Es
wird somit durch ein Nomen (Substantiv oder Pronomen) im Akkusativ
vertreten und erfüllt im Satz die Rolle des von der Handlung direkt
Betroffenen. Für die Rolle des nur indirekt von der Handlung Betroffenen
existiert daneben das Satzglied des indirektem Objekts, das durch andere
Fallfragen („wem?“) bestimmt werden kann.

141
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

• Adverbialbestimmung: Kann durch verschiedene Fragen bestimmt werden


(„Wo? Wann? Wie? Wozu?...) und durch verschiedene Wortarten
wiedergegeben werden (Adverbien, Nomen in Präpositionalkasus). Gibt im
Satz die (räumlichen, zeitlichen oder sonstigen) Begleitumstände der
Handlung an.
• Attribut: Wird durch die Frage „Was für ein?“ bestimmt und meist durch ein
Adjektiv oder ein Substantiv im Genitiv ausgedrückt. Die Rolle im Satz ist die
nähere Bestimmung eines anderen Satzglieds.
• Prädikative Ergänzung: Wird durch die Frage „Wer oder Was?“ bestimmt
und meist durch ein Nomen (Substantiv oder Adjektiv) im Nominativ
ausgedrückt. Rolle im Satz ist die nähere Bestimmung des Prädikats.

Überblick über die Satzglieder der traditionellen Grammatik und ihre Bestimmung:
Satzglied Frage ausgefüllt von: Beispiel
Substantiven,
Wer oder was tut Pronomen im
Subjekt Peter liest ein Buch.
etwas? Nominativ
Verb im Infinitiv
Prädikat Was geschieht? finite Verben Peter liest ein Buch.
Substantive,
direktes Wen oder was betrifft
Pronomen im Peter liest ein Buch.
Objekt die Handlung?
Akkusativ
Objekt Wen betrifft die Substantive,
indirektes Handlung indirekt: Pronomen in Peter gab das Buch
Objekt Wem oder andere obliquen Kasus seiner Schwester.
Fragewörter
Peter las das Buch
Adverbien,
Adverbialbestimmu Wann, wo, wie geht gestern im
Substantive in
ng die Handlung vor sich Wohnzimmer sehr
Präpositionalkasus
aufmerksam.
Was für ein?
Adjektive, Partizipien Mein guter Freund
Attribut Wie ist ein anderes
liest ein neues Buch
Satzglied beschaffen?
Mein Freund Peter
Sonderform des
Apposition Substantive liest den Roman
Attributs: Apposition)
Moby Dick.
Substantiven oder
Peter ist mein
Prädikative Adjektiven im
Wer oder wie ist…? Freund.
Ergänzung Prädikat (=
Das Buch ist dick.
Prädikatsnomen)

Nachteil der traditionellen Grammatik ist, dass die Satzglieder nicht nach eindeutigen
Kriterien bestimmt sind. Da sie semantische (funktionelle) mit formalen
(morphologischen) Kriterien vermischt, treten häufig Widersprüche und
Inkonsistenzen bei der Satzgliedbestimmung auf. Auch wird der Unterschied
zwischen der syntaktischen Kategorie Satzglied und der morphologischen Kategorie
Wortart dadurch verwischt. Daher wird in moderneren Syntaxmodellen meist eine
Trennung von semantischen und formalen Satzgliedern vorgenommen. In der
Konstituentenstrukturgrammatik und ihren Nachfolgern (generative Grammatik)
erfolgt sogar zunächst eine rein formale Betrachtung, die die Semantik gänzlich
außen vor lässt. In der Valenzgrammatik wird dagegen eine Trennung in
syntaktische und semantische Valenz vorgenommen.
142
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Студент читает новую книгу в библиотеке


Student čte novou knihu v knihovně
Student czyta nową książkę w bibliotece

Subjekt Prädikat Attribut Objekt Adverbialbestimmung

Darstellung der Satzglieder und ihrer Abhängigkeit in der traditionellen Grammatik

4.2 Generative Grammatik (Konstituentenstrukturgrammatik)

Eine Reihe von Syntaxtheorien beruht auf dem Prinzip der Konstituentenstruktur. Die
älteste ist die vom amerikanischen Strukturalisten Bloomfield entwickelte
Phrasenstrukturgrammatik. Auf dieser beruht die in den 1960er Jahren von Noam
Chomsky entwickelte Generative Transformationsgrammatik. Diese begründete die
Generativistik, eine sehr einflussreiche Schule innerhalb der modernen Linguistik, auf
der eine ganze Reihe anderer Syntaxtheorien (u.a. Kasusgrammatik, X-Bar-Theorie,
Optimalitätstheorie, generative Semantik, Head Driven Phrase Structure Grammar /
HDPSG u.v.m.) basieren. Die Basis dieser Theorie lässt sich wie folgt beschreiben:
Jede Einheit lässt sich in kleinere Bestandteile (Konstituenten) zerlegen. Jedes
Segment ist damit Teil eines größeren Elements. Inhalt der Grammatik sind die
Regeln zur Verbindung bzw. Zerlegung der Einheiten. Damit ist gewissermaßen jede
Grammatik Syntax, da die Regeln zur Zerlegung und Kombination von Konstituenten
auf allen Ebenen anwendbar ist.
Die Grammatik lässt dabei zwei Richtungen der Betrachtung zu: Analyseregeln
dienen zur Zerlegung (Analyse) von Sätzen. Sie verfolgt daher die Richtung: Ganzes
Æ Teil. Die Generierungsregeln dagegen dienen zur Erzeugung (Synthese) von
Sätzen. Sie verfolgen somit die Richtung: Teil Æ Ganzes. Aufgrund dieser Regeln
können also auch Sätze erzeugt („generiert“) werden (daher „generative
Grammatik“).
Chomsky ging davon aus, dass jedem Menschen eine solche Fähigkeit (Kompetenz)
zur Erzeugung von Sätzen (eine sog. Universalgrammatik) angeboren ist. Die Regeln
der Universalgrammatik erzeugen dabei nicht gleich Sätze, sondern zunächst
abstrakte Satzstrukturen, die sogenannte Tiefenstruktur. Jede konkrete Äußerung
besitzt jedoch eine Oberflächenstruktur, der eine Tiefenstruktur zugrunde liegt. Die
Umsetzung von der Tiefen- zur Oberflächenstruktur nennt Chomsky Transformation.
Erst auf der Oberflächenstruktur treten Unterschiede zwischen den Einzelsprachen
auf, daher sind nur die Tranformationsregeln einzelsprachlich verschieden. Zur
Erzeugung der tatsächlichen Äußerung (Performanz) ist schließlich noch die
Auffüllung der Struktur mit Elementen aus dem Wortschatz notwendig.
Sprache besteht im generativistischen Modell aus den beiden Modulen Grammatik +
Wortschatz. Die Grammatik enthält dabei Anweisungen (Regeln) für die Zerlegung.
Die höchste Kategorie ist dabei ein Satz (S). Dieser kann in seine unmittelbaren
(nächstkleineren) Bestandteile (immidiate constituents, IC) zerlegt werden, etwa eine
Nominalphrase (NP) und eine Verbalphrase (VP). Diese können wiederum in
kleinere Einheiten zerlegt werden usw. Falls keine weitere Zerlegung mehr möglich
ist spricht man von sogenannten „terminalen“ Symbolen, die die Wortart des

143
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

einzusetzenden Elements aus dem Wortschatz angeben (N = noun; ADJ = adjective;


Det = determiner (Artikelwort); V = verb; Prep = preposition usw.)
Der Wortschatz enthält eine Menge von Elementen (Wörtern) + die zugehörigen
Angaben ("labels") z.B. Informationen über ihre Wortartzugehörigkeit, aber auch über
etwaige Verwendungsbeschränkungen (Selektionsregeln).
Dies wollen wir anhand eines sehr einfachen Beispiels erläutern:

Gegeben sind die Regeln: S Æ NP + VP; NP Æ N; VP Æ V + NP; NP Æ ADJ + N


und die Elemente: N = {студент, книгу}; V = {читает}; A = {новую}

Zunächst wird durch schrittweise Anwendung der Regeln die Struktur erzeugt,
danach werden für die terminalen Symbole Elemente aus dem Wortschatz eingesetzt
und daraus der Satz Студент читает новую книгу generiert.

Grammatik Wortschatz:
S Æ NP + VP N = {студент, книгу}
NP Æ N V = {читает}
VP Æ V + NP A = {новую}
NP Æ ADJ + N

Eine solche Satzstruktur kann auf zweierlei Weise notiert werden:


Als Klammerschreibweise:
[S [NP [N студент] ] [VP [V читает] [NP [Aновую] [Nкнигу] ] ] ]

Als Baumnotation:

VP
NP

NP
V

N
ADJ N

читает новую
Студент книгу
čte novou
Student knihu
czyta nową
Student książkę

Jeder Ebene ist ein Zerlegungsvorgang zugeordnet. Die Knoten (Verzweigungen)


sind durch weiter zerlegbare Einheiten besetzt. Die nicht weiter zerlegbaren
Einheiten werden durch Elemente aus dem Wortschatz aufgefüllt. Prinzipiell ist es
jedoch auch möglich, die Zerlegung auf den tieferliegenden Ebenen vom Satz bis
zum einzelnen Laut fortzusetzen und so eine generative Morphologie und
Phonologie zu beschreiben.
Diese strukturelle Beschreibung ist im Prinzip kontextfrei, d.h. es findet keine
Bedeutungszuweisung statt. Um auszuschließen, dass auf diese Art zwar strukturell
richtige, aber unsinnige Sätze erzeugt werden, wurden sogenannte
Subkategorisierungsregeln und Selektionsbeschränkungen eingeführt: d.h. dass die
Elemente des Wortschatzes auch bereits Informationen darüber tragen, welche
(semantischen) Eigenschaften sie selbst tragen, und welche dieser Eigenschaften

144
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

sie selbst erfordern (selegieren). Damit ist die Kontextfreiheit der generativen
Grammatik jedoch bereits eingeschränkt.
Warum ist die Beschreibung der Satzstruktur dennoch wichtig? Da zwischen
Oberflächen- und Tiefenstruktur keine 1:1- Entsprechung besteht, kann eine
Tiefenstruktur auf der Oberflächenstruktur mehrere verschiedene Entsprechungen
haben. Eine Oberflächenstruktur kann somit auch auf verschiedene Tiefenstrukturen
zurückgeführt werden. In der Tiefenstruktur hinterlassen Elemente Spuren, die auf
der Oberflächenstruktur nicht mehr erscheinen. Erst die Strukturanalyse macht dann
klar, welche Bedeutung tatsächlich auftritt.
Daher spielt die Konstituentenstruktur (IC-) Grammatik heute eine wesentliche Rolle
v.a. in der Computerlinguistik (etwa bei automatischen Übersetzungsprogrammen
u.ä.), vgl. etwa die Einführung in die Head Driven Phrase Structure Grammar von
Müller 2007.

4.3 Valenzgrammatik (Dependenzgrammatik)

Die Valenzgrammatik oder Dependenzgrammatik wurde vom französischen


Slawisten Lucien Tesniere in der 1.Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt, und spielt
seither v.a. in der Fremdsprachendidaktik eine entscheidende Rolle.
Der wichtigste Unterschied zur Konstituentenstrukturgrammatik besteht darin, dass
die Valenzgrammatik keine Zerlegung des Satzes in kleinere Bestandteile vornimmt,
sondern die Abhängigkeit (Dependenz) der einzelnen Satzglieder voneinander
darstellt.
Im Zentrum des Satzes steht dabei das Verb. Alle anderen Satzglieder hängen von
ihm ab. Unter dem Begriff Valenz (Wertigkeit) versteht man daher eine besondere
Eigenschaft des Verbums, nämlich seine Fähigkeit, abhängige Glieder zu verlangen.
Jedes Verb „braucht“ demnach eine bestimmte Anzahl von Satzgliedern.

читает
čte
czyta

студент книгу
student knihu
student książkę

новую
novou
nową

Ein grammatikalisch richtiger Satz entsteht dann, wenn alle vom Verb benötigten
freien Plätze gefüllt sind. Dabei ist es wichtig, eine Unterscheidung in notwendige
Glieder (Aktanten) und nicht notwendige Glieder (freie Ergänzungen) zu treffen.
Freie Ergänzungen können auch weggelassen werden, Aktantenstellen hingegen
müssen besetzt sein.

145
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

vgl.: Peter kauft morgen im Supermarkt ein Brot


Verb: kaufen
notwendige Glieder (Aktanten): Peter / Brot
nicht notwenige Glieder (freie Ergänzungen): morgen / im Supermarkt
Dabei sind verschiedene Arten der Valenz zu unterscheiden: syntaktische und
semantische Valenz, innerhalb der syntaktischen Valenz wiederum quantitative und
qualitative Valenz.

Quantitative Valenz (Zahl der Aktanten):


Die quantitative Valenz gibt an, wieviele Aktanten ein Verb zu sich nehmen kann
bzw. muss. Aufgrund der Zahl der vom Verb geforderten Aktanten unterscheidet
man:
• nullwertige Verben: Witterungsverben wie tsch. sněžit, pršet, mrznout
• einwertige Verben: gehen, sprechen, warten, lachen, schlafen
• zweiwertige Verben: besprechen, helfen, sammeln, schreiben, lesen, kochen
• dreiwertige Verben: geben, sagen, mitteilen, informieren, schenken, versprechen
• vierwertige Verben (selten): jemanden von A nach B bringen / A wischt B den
Fleck vom Mantel u.ä.
Als Aktant kann dabei nicht nur ein Substantiv (mit oder ohne Attribute), sondern u.U.
auch ganzer Satz sein: Ich verspreche dir, dass ich komme (Aktanten: ich; dir; dass
ich komme

Qualitative Valenz (Form der Aktanten):


Die qualitative Valenz gibt neben der bloßen Anzahl bei jedem Aktanten auch die
morphologische Form an, in der er stehen muss. Dies ist meist eine bestimmte
Kasusform. So verlangt etwa das Wort schreiben (russ. писать, tsch. psát, poln.
pisać) zwei Ergänzungen: eine im Nominativ und eine im Akkusativ. Man notiert die
quantiative und qualitative Valenz so: schreiben2 (N, A)
Vgl.: helfen2 (N, D), ebenso: russ. помочь, tsch. pomoci, poln. pomóc

Ein Verb kann neben einem „reinen“ Kasus auch eine Verbindung aus Präposition
und Kasus (sog. Präpositionalkasus) erfordern. So erfordert etwa das deutsche Verb
„sich interessieren“ zwei Ergänzungen eine im Nominativ + die Präposition für + ein
Substantiv im Akkusativ. Ähnlich tsch. zajímat se: Nominativ + Präposition o +
Substantiv im Akkusativ; russ. нуждаться: Nominativ + Präposition v + Substantiv im
Präpositiv.

Semantische Valenz (Art der Aktanten):


Während die syntaktische Valenz die Zahl der notwendigen Aktanten an und deren
(Kasus)Form angibt, bringt die semantische Valenz zum Ausdruck, welche Art von
Aktanten / Ergänzungen an der jeweiligen Stelle stehen können. Sie legt also nicht
nur die Zahl und die morphologische Form der Aktanten, sondern auch deren
semantische Eigenschaften fest.
Bsp.: geben / дать / dát / dać:
syntaktische Valenz: quantitativ: 3-wertig
qualitativ: N (obligatorisch) + A (fakultativ)+ D (fakultativ)
semantische Valenz: N (belebt) + A (unbelebt) + D (belebt)

146
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

Valenz

syntaktische Valenz

quantitative Valenz: qualitative Valenz: semantische Valenz:

gibt die Zahl der gibt die syntaktische gibt die semantischen
Aktanten an Form der Aktanten an Eigenschaften der Aktanten an

Mit der Valenztheorie lassen sich Unterschiede in der Valenz zwischen den
Einzelsprachen sehr übersichtlich und leicht erlernbar darstellen. Die Valenztheorie
hatte daher v.a. im Bereich des Fremdsprachenunterrichts großen Einfluss und wird
häufig bei der Erstellung von Lehrbüchern verwendet.
Im folgenden geben wir ein Beispiel für die überblicksartige Darstellung der
Valenzunterschiede im Deutschen, Tschechischen und Russischen:

deutsch tschechisch russisch

warten: N + (auf + A) čekat: N + (na + A) ждать: N + G


Eva wartet auf ihren Bruder Eva čeká na bratra. Ирина ждёт брата.

erwarten: N + A дождаться: N + G
očekávat: N + A
Eva erwartet die Ankunft des Ирина дожидалась приезда
Eva očekává příjezd vlaku.
Zuges. поезда.

danken: N + D děkovat:N + D благодарить: N + A


Eva dankt ihrem Vater Eva děkuje otci. Ирина благодарит отца.

blahopřát / poblahopřát: поздравлять / поздравить:


gratulieren: N + D + (zu + D)
N + D + (k + D) N + A + (с + I)
Eva gratuliert ihrem Vater zum
Eva blahopřeje otci k Ирина поздравляет отца с
Geburtstag
narozeninám. днём рождения.
нуждаться: N + (в + P)
brauchen: N + A potřebovat: N + A
Пётр нуждается в новой
Peter braucht ein neues Auto. Petr potřebuje nové auto.
машине.

wünschen: N + D + A přát: N + D + A желать: N + D + G


Eva wünscht ihrem Vater Glück. Eva přeje otci štěstí. Ирина желает отцу счастья.

verstehen: N + A rozumět: N + D понимать / понять: N + A


Peter versteht den Text. Petr rozumí textu. Пётр понимает текст.

147
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

anrufen: N + A volat / zavolat: N + D звонить / позвонить: N + D


Eva ruft ihren Bruder an. Eva volá bratrovit. Ирина звоинт брату.

dosáhnout / dosahovat: N +
erreichen: N + A достигать / достичь: N + G
G
Peter erreichte das Ziel. Пётр достиг цели.
Petr dosáhl cíli.

sich beschäftigen: N + (mit +D) заниматься: N + I


zabývat se: N + I
Eva beschäftigt sich mit Ирина занимается
Eva se zabývá literaturou.
Literatur. литературой.

sich interessieren: N + (für + A) интересоваться: N + I


zajímat se: N + (o + A)
Peter interessiert sich für Пётр интересуется
Petr se zajímá o literaturu.
Literatur литературой.

benutzen: N + A použít:N + G пользоваться: N + I


Eva benutzt das Wörterbuch Eva používá slovníku. Ирина пользуется словарём.
träumen: N zdát se: D сниться: D
Ich habe geträumt. Zdalo se mi. Мне снилось.

4.4. Kasusgrammatik
Die Kasusgrammatik wurde Ende der 1960er Jahre von Charles Fillmore auf der
Grundlage der Generativen Transformationsgrammatik entwickelt. Sie erweitert diese
jedoch um einen semantischen Aspekt, indem sie den einzelnen Terminalsymbolen
nicht nur strukturelle, sondern auch semantische Rollen zuweist. Fillmore übernimmt
von Chomsky das Modell der Oberflächen- und Tiefenstruktur und unterscheidet
demnach zwischen Oberflächenkasus und Tiefenkasus.
Unter Oberflächenkasus versteht er die traditionellen morphologischen (bzw.
syntaktischen Kasusformen). Als Tiefenkasus (oder semantische Kasus) versteht er
die semantischen Rollen, die Satzglieder im Satz übernehmen können. Die Zahl der
semantischen Kasus ist umstritten (einige Forscher nehmen z.T. bis zu 40
semantische Kasusrollen an).
Die wichtigsten semantischen Kasus sind:
• Agens: Rolle des willentlichen Ausführender einer Handlung, daher
notwendigerweise belebt:
Peter schreibt einen Brief. Eva studiert Betriebswirtschaft. Der Hund läuft davon.
• Force (cause, Kausator): nichtwillentlicher Verursacher (Ursache, Quelle) einer
Handlung: in der Regel unbelebt, kann aber auch der belebte Verursacher einer
unwillentlichen Handlung sein:
Der Wind stößt die Tür auf. Das Wetter macht mir Kopfschmerzen. Peter verhakt sich mit
dem Ärmel an der Türklinke.
• Goal (object): von der Handlung betroffenes (unbelebtes) Objekt:
Eva bekommt ein Geschenk. Das Haus stürzt ein.
Oft nochmals unterteilt in:
o Patiens: von der Handlung direkt betroffener (belebt):
Der Arzt untersucht Peter.
o Effiziens: durch die Handlung hervorgebrachtes Objekt:
Peter schreibt ein Buch.
o Affiziens: bereits vor der Handlung existentes, aber durch die Handlung
verändertes Objekt:
Eva streicht den Zaun gelb an.

148
Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

o Cognate: kognates Objekt: Abstraktes Ergebnis der Handlung:


Peter machte darüber Mitteilung; Eva äußerte ihren größten Wunsch.
• Adressat (recipient): Rolle des indirekt von der Handlung Betroffenen (meist
belebt): Vater schenkt Peter ein Fahrrad. Peter bekommt von seinem Vater ein Fahrrad.
• Experiencer: Rolle des Wahrnehmenden (belebt):
• Possessor / Possessed: Rolle des Besitzers / des Besitzes:
Eva hat eine Katze.
• Instrument: Mittel zur Ausführung der Handlung.
Peter schreibt einen Brief mit der Hand. Eva kommt mit dem Fahrrad.
• Prozessor (Zustandsträger) / Eigenschaftsträger: Peter schläft. Eva ist
schlagfertig.
• Ort / Richtung / Zeit: Das Haus steht auf dem Hügel. Wir gingen in den Keller. Es war
so gegen neun Uhr abends.
u.v.a.
Bei Grepl / Karlík sind die semantischen Rollen in 4 Obergruppen zusammengefasst:
• Physische Objekte: Agens, Patiens, Kausator, Prozessor, Eigenschaftsträger,
Possessor, Experiencer, Recipient, Instrument.
• Orte: Location, Direction, Ursprung
• Tempus: Zeitpunkte oder -abschnitte
• Situative Aktanten: Information, Instruktion, Anlass, Zweck

4.5 Funktionale Satzperspektive (aktuelle Satzgliederung oder Thema / Rhema-


Gliederung)

Die funktionale Satzperspektive (auch aktuelle Satzgliederung oder Thema/Rhema-


Gliederung) teilt untergliedert den Satz nach dem Grad ihres Informationsgehalt
seiner Glieder. Die funktionale Satzperspektive ist demnach nur im jeweiligen
Kontext (daher „aktuelle“ Satzgliederung) zu bestimmen, sie weist damit den Schritt
über die Grenzen des einzelnen Satzes hinaus hin zu einer den
Gesamtzusammenhang der kommunikativen Situation berücksichtigenden Sicht auf
den Text.
Die funktionale Satzperspektive unterscheidet in jeder Äußerung zwei Bereiche:
• das, was aus dem vorher Gesagten bereits bekannt ist und daher vorausgesetzt
werden kann: das Gegebene (Vorerwähnte) = Thema.
• das, was an neuer, noch nicht erwähnter Information hinzukommt: die neue
Information (das Neuerwähnte) = Rhema.

Da steht ein Fahrrad.

Thema Rhema

Das Fahrrad gehört Sylvia.


Diese Einteilung hat – v.a. in Sprachen ohne feste Wortfolge, wie den slavischen
Sprachen – u.a. auch Einfluss auf die Reihenfolge der Satzglieder (andere
Auswirkungen der Thema/Rhema-Gliederung liegen etwa in der Satzintonation, der
Hervorhebung durch Lautstärke, die Wahl von enklitischen / proklitischen Formen
von Pronomina, Vollformen / Kurzformen von Hilfsverben usw.).
Durch die Anordnung der Satzglieder kann so der Informationsgehalt der Satzteile
grammatisch kodiert werden. Für die normale, emotional unmarkierte Aussage gilt

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Skriptum: Einführung in die slavische Sprachwissenschaft

dabei folgende Reihenfolge: der Satz beginnt mit dem Thema (dem Gegebenen,
Bekannten), das Rhema (die Neuinformation) folgt am Ende des Satzes.
Nur in emotionale stark markierten (expressiven) Sätzen gilt die umgekehrte
Reihenfolge: das Rhema steht am Anfang, das Thema folgt danach.
Unmarkierte (neutrale) Reihenfolge Markierte (expressive) Reihenfolge
Thema – Rhema Rhema – Thema
Das Fahrrad gehört Sylvia. Sylvia gehört das Fahrrad.

Funktionale Grammatik
Unter dem Begriff „funktionale Grammatik“ werden eine Reihe von z.T. stark
verschiedenen Syntaxtheorien verstanden, die den Aspekt der kommunikativen
Funktion der Aussage in den Vordergrund stellen. Viele von ihnen zeichnen sich
jedoch durch eine Zusammenfassung von Elementen der Valenzgrammatik, der
Kasusgrammatik und der aktueller Satzgliederung aus, so v.a. in der funktionalen
Grammatik von Halliday.
Diese unterscheidet drei Arten von Subjekten:
• Grammatisches (syntaktisches) Subjekt: Nomen im Nominativ, das in Kongruenz
zum Prädikat steht. = N
• Semantisches (logisches) Subjekt: Agens / Force: Ausführender / Verursacher
der Handlung. = A
• Thematisches (informationelles, kommunikatives) Subjekt: Das, wovon die Rede
ist, neue Information, Rhema. = R
Diese 3 Subjekte können im Satz in einem Satzglied zusammenfallen, sie können
aber auch auf unterschiedliche Satzglieder verteilt sein, vgl. die folgenden Beispiele
mit der identischen Proposition SCHENKEN (Peter, Buch, Eva). Dabei steht N für
das grammatische Subjekt (Nominativ), A für das semantische Subjekt (Agens) und
R für das thematische Subjekt (Rhema):
Verhältnis der
aktueller Kontext Beispielssatz
3 „Subjekte“
„Wer schenkt Eva das Buch?“ „Peter schenkt Eva das Buch.“ N=A=R
N=A
„Wem schenkt Peter das Buch?“ „Peter schenkt das Buch Eva.“
R
„Wer hat das Buch von Peter „Das Buch von Peter hat Eva N=R
geschenkt bekommen?“ geschenkt bekommen.“ A
„Von wem hat Eva das Buch „Eva hat das Buch von Peter A=R
geschenkt bekommen?“ geschenkt bekommen.“ N
N=A
Was schenkt Peter Eva? „Peter schenkt Eva ein Buch.“
R
N
Was hat Eva von Peter geschenkt „Eva hat von Peter ein Buch
bekommen? geschenkt bekommen?“
A
R

Literatur:
Ernst, Peter: Germanistische Sprachwissenschaft. S. 122-171.
Grepl, Miroslav – Karlík, Petr: Skladba spisovné češtiny. Olomouc, 1998.
Halliday, M.A.K.: An Introduction to Functional Grammar. London 1985.
Hentschel, Elke – Weydt, Harald: Handbuch der deutschen Grammatik. 3. Auflage. Berlin,
New York 2003. S. 444-477.

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