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Was fördert die menschliche Leistung – Glück oder Unglück?

Nach einer kürzlich veröffentlichten Studie des Allensbacher Instituts für Demoskopie beno-
ten durchschnittliche Deutsche ihr Wohlbefinden mit sieben von zehn möglichen Punkten. Es
liegt durchaus nahe, dieses Ergebnis positiv zu bewerten. Doch für Kulturkritiker ist es Anlass
zur Sorge: Wer nur das eigene kleine Glück zum Ziel habe, so argumentieren sie, sei ein Ego-
5 ist, der nichts zum Wohle der Gemeinschaft beitrage.
Das Misstrauen gegenüber dem Wohlbefinden hat in Deutschland Tradition: Unsere Kultur
hält negative Gefühle für wertvoller als positive. Das leidende Individuum als Quelle außer-
gewöhnlicher Leistungen und die unerfüllte Liebe als die einzig wirkliche sind häufig zu fin-
dende Motive in der deutschen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts. Auch wenn kaum je-
10 mand noch Romane aus dieser Zeit liest, deren Vorstellungen nehmen wir heute noch unge-
fragt hin: Glücksgefühle mögen angenehm sein, aber sie bringen uns selbst und vor allem
andere nicht weiter. So kritisierte etwa der Philosoph Wilhelm Schmid vor kurzem die einsei-
tige Orientierung am individuellen Glück, die sich zu unserem Schaden in unserer Gesell-
schaft breitmache: „Hätten in der Geschichte nur Glück und Zufriedenheit geherrscht, säßen
15 wir wahrscheinlich immer noch auf den Bäumen.“
Haben wir also eine Pflicht zum Unglücklichsein? Ein Blick in aktuelle Krankheitsstatistiken
lässt diese Frage zynisch erscheinen, denn einerseits fühlt sich laut oben genannter Studie die
Mehrheit der Deutschen wohl, andererseits steigt jedoch die Zahl der Depressiven. Jeder
zwölfte Einwohner Deutschlands litt 2011 an einer mehrwöchigen Depression. Neue sozial-
20 medizinische Untersuchungen zeigen zudem, dass Menschen einander mit ihrer depressiven
Stimmung sogar anstecken. Wer also allzu oft traurige Gedanken hat, tut weder seiner eige-
nen seelischen Gesundheit noch der seiner Mitmenschen etwas Gutes.
Aber fördern sie wenigstens den kulturellen Fortschritt der Menschheit? Die Fürsprecher der
Melancholie sind davon überzeugt, dass unglückliche Menschen ungewöhnlich kreativ und
25 sozial sind. Tatsächlich suchte die psychologische Forschung ein Vierteljahrhundert lang nach
Hinweisen darauf. Bahnbrechende Forschung dazu leistete die kürzlich verstorbene Alice Isen
an der amerikanischen Cornell University. In einem ihrer Experimente gab sie Versuchsper-
sonen je eine Schachtel Reißnägel, Streichhölzer und eine Kerze. Mit diesen Materialien soll-
ten sie die Kerze so an der Wand befestigen, dass kein Wachs heruntertropft, wenn die Flam-
30 me brennt. Bevor Isen diese Aufgabe stellte, zeigte sie den Probanden Filme. Eine Gruppe
bekam fünf Minuten aus einem Programm für den Mathematikunterricht zu sehen, die andere
durfte über Comedy-Sketche lachen. Die Probanden, die sich mit dem Schulfilm gelangweilt
hatten, standen meist ratlos vor dem Problem. Von denjenigen hingegen, die sich amüsiert
hatten, fanden drei Viertel die richtige Lösung: Sie entleerten das Schächtelchen, befestigten
35 es mit ein paar Reißnägeln an der Wand und stellten die Kerze darauf.
Seit diesem Experiment haben mehr als 60 weitere Untersuchungen alle Vorstellungen vom
unglücklichen Genie widerlegt. Zweifellos seien es eher die guten Gefühle, die Menschen
einfallsreich machten, schreibt der niederländische Arbeitspsychologe Matthijs Baas in einem
kürzlich erschienenen Übersichtsartikel: „Die Stimmung ist einer der am besten untersuchten
40 und am wenigsten umstrittenen Einflüsse auf Kreativität.“
Aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang auch die Erkenntnisse der Neurobiologen. Sie
gehen davon aus, dass Glück wie jedes Gefühl in der Evolution als Signal entstand: Es gibt
dem Organismus einen Hinweis darauf, dass eine Situation aussichtsreich ist. Mit positiven
Emotionen verführt die Natur zu einem Verhalten, das die Chancen auf Überleben und Fort-
45 pflanzung steigert: Essen, Sex und Geselligkeit. Dieselben Mechanismen, die Vorfreude auf-
kommen lassen, bewirken aber auch, dass sich das Gehirn die jeweiligen Umstände einprägt,
wenn ein Bedürfnis erfüllt wird. Der Organismus soll bei der nächsten Gelegenheit wieder die
Chance ergreifen.
Eine zentrale Rolle dabei spielt der körpereigene Botenstoff Dopamin. Als sogenannter Neu-
50 romodulator wirkt er als ein Umschalter im System Gehirn. Wie die Pausenglocke einer
Schule Hunderte Kinder schlagartig in einen anderen Zustand versetzt, so ändern Millionen
graue Zellen ihre Arbeitsweise, sobald Dopamin freigesetzt wird. Wir erleben dies als einen
Zustand freudiger Erregung; zugleich aber macht sich das Gedächtnis zum Lernen bereit. Do-
pamin fördert nämlich das Entstehen neuer Verbindungen zwischen den Neuronen. So sind
55 Gefühle und Gedanken, gute Stimmung und geistige Leistung untrennbar miteinander ver-
knüpft.
Dopamin wirkt überdies auf die Aufmerksamkeit, sodass sich der geistige Horizont weitet:
Menschen verlieren in gehobener Stimmung den verengten Blick, der sie im Zustand von
Trauer und Angst davon abhält, ungewöhnliche Lösungen zu finden.
60 Wenn Organisationen trotzdem noch immer mit negativen Emotionen zu motivieren versu-
chen – Schulen mit Angst vor Nicht-Versetzung, Universitäten mit Angst um den Abschluss
und Unternehmen mit Angst um den Arbeitsplatz – betreiben sie eine gigantische Ver-
schwendung menschlichen Talents. Ebenso wenig bewegt Unglück Menschen zum Einsatz
für die Kunst, die Wissenschaft oder die Gerechtigkeit.
65 5338 Zeichen (mit Leerzeichen)

Quelle: Stefan Klein, in Süddeutsche Zeitung vom 25.10.2012


Wissenschaftssprachliche Strukturen

Bitte formen Sie die unterstrichenen Satzteile so um, dass der Sinn der Originalsätze erhalten
bleibt. Beachten Sie dabei die begonnenen Strukturen, die Ihnen verdeutlichen, welche
grammatische Umformung notwendig ist.

Es liegt durchaus nahe, dieses Ergebnis posi- Eine ____________________________


tiv zu bewerten.
____________________liegt durchaus nahe.
2P

Wer nur das eigene kleine Glück zum Ziel Wer nur das eigene kleine Glück zum Ziel
habe, so argumentieren sie, sei ein Egoist,
der nichts zum Wohle der Gemeinschaft habe, so argumentieren sie, sei ein ________
beitrage.
____________________________________

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...denn einerseits fühlt sich laut oben genann- ...denn ______________________________


ter Studie die Mehrheit der Deutschen wohl,
andererseits steigt jedoch die Zahl der De- ____________________________________
pressiven.
fühlt sich laut oben genannter Studie die

Mehrheit der Deutschen wohl. 2P

Es gibt dem Organismus einen Hinweis auf Es gibt dem Organismus einen Hinweis auf
eine unbedingt zu nutzende Situation.
eine Situation,________________________

________________________________. 2 P

Mit positiven Emotionen verführt die Natur Mit positiven Emotionen verführt die Natur
zu einem Verhalten, das die Überlebens-
chancen steigert. zu einem Verhalten, das die Chancen ______

___________________steigert. 1P
„Zweifellos sind es eher die guten Gefühle, Der niederländische Arbeitspsychologe
die Menschen einfallsreich machen“,
schreibt der niederländische Arbeitspsycho- Matthijs Baas schreibt in einem kürzlich er-
loge Matthijs Baas in einem kürzlich er-
schienenen Übersichtsartikel. schienenen Übersichtsartikel, dass _____

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_____________________________. 2P
Verstehen und Verarbeiten eines Lesetextes
Was fördert die menschliche Leistung – Glück oder Unglück?

1. Warum steht in Zeile 16 das Wort „also“ 1P

2. Worauf bezieht sich „sie“ (Z.23)? 1P

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3. Worauf bezieht sich „darauf“ (Z.26)?


1P

4. In welcher Tradition steht in Deutschland das Misstrauen gegenüber den guten Gefühlen?
1P

5. Geben Sie bitte die These des Philosophen Wilhelm Schmid in einem Satz mit eigenen
Worten wieder. 2P

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6. Fassen Sie bitte zusammen, zu welchem Ergebnis die Forscherin Alice Isen kam und wie
sie zu diesem Ergebnis kam. 5P

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7. Beschreiben Sie bitte die Wirkung des Botenstoffs Dopamin.


5P
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8. Ergänzen Sie die folgende Gliederung des Textes. 3P

1. Traditionelles Misstrauen der Deutschen gegenüber positiven Gefühlen

2. Aktuelle Krankheitsstatistiken und sozialmedizinische Untersuchungen

3. Die Ergebnisse der psychologischen Forschung

a) Das Experiment der Forscherin Isen

b) Fazit weiterer Untersuchungen

4. Die Erkenntnisse der Neurobiologen

a) ________________________________________

b) ________________________________________

5. ____________________________________________________

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