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Wahrheit und Deflation

Eine kritische Untersuchung


deflationärer Wahrheitskonzeptionen

Dolf Rami

Erschienen bei: mentis Verlag, Paderborn, 2009

1
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Danksagung

Dieses Buch hat eine abwechslungsreiche Entstehungsgeschichte hinter sich. Es ist eine stark
überarbeitete Version meiner Doktorarbeit, die ich in München zu schreiben begonnen, in
Dresden zur Begutachtung eingereicht und in Göttingen zur Publikation überarbeitet habe.
In Bezug auf die Anfangsphase der Entstehung dieser Arbeit in München bin ich mehreren
Personen für Gespräche und Anregungen dankbar; vor allem Dirk Greimann, Lorenz B. Pun-
tel und Matthias Schirn.
In meiner Dresdner Zeit habe ich sehr davon profitiert, dass mir Wolfgang Künne des Öfteren
seine Aufmerksamkeit geschenkt hat und eine Vorfassung dieses Buches sehr gründlich und
mit dem für ihn typischen kritischen Blick gelesen hat. Der aber wohl wichtigste fachliche
Begleiter in meiner Dresdner Zeit war Heinrich Wansing, der immer ein offenes Ohr für Dis-
kussionen hatte, mich oft beraten und nach Bedarf auch aufgemuntert hat. Von seiner gründli-
chen Lektüre einer Vorfassung dieses Buches habe ich ebenso profitiert. Weiteren Dank für
inhaltliche Anregungen, die in diese Zeit fallen, bin ich William P. Alston, Holm Bräuer, Mar-
tin Grajner, Johannes Haag, Volker Halbach, Paul Horwich, E. J. Lowe und Benjamin Schnie-
der schuldig.
In Göttingen hat mir dann vor allem Felix Mühlhölzer entscheidende Anregungen in vielen
interessanten Diskussionen für die Überarbeitung meiner Doktorarbeit gegeben. Ich bin ihm
dafür sehr dankbar. Insgesamt konnte ich mich in Göttingen nicht über einen Mangel an aus-
gezeichneten Diskussionspartnern beschweren. Ich möchte mich ganz herzlich für fruchtbare
Diskussionen bei Christian Beyer und Tim Kraft bedanken. Ganz besonderer Dank geht an
Wilfried Keller, dessen pointierte Kritik mich an manchen Stellen vor Irrtümern bewahrt hat.
Elia Zardini und Marian David möchte ich ebenso für aufschlussreiche Gespräche während
ihres Aufenthalts in Göttingen danken.
Das gute Gedeihen einer wissenschaftlichen Arbeit bedarf allerdings nicht nur fachlicher Dis-
kussionen, sondern auch materieller Unterstützung. Diesbezüglich möchte ich mich bei der
Universität Graz für die Gewährung eines Forschungsstipendiums, beim DAAD für die Ge-
währung eines Promotionsstipendiums, bei Gerhard Schönrich, meinem Arbeitgeber in Dres-
den, bei Felix Mühlhölzer, meinem gegenwärtigen Professor, und beim Dresdner SFB „Insti-
tutionalität und Geschichtlichkeit“ für die Übernahme der Druckkosten bedanken.
Eine ganze Reihe von Personen war mir während der gesamten Zeit der Entstehung dieses
Buches dabei behilflich, den lästigen Tippfehlern zu Leibe zu rücken, die ich stets mit Vorlie-
be produziere. Ich möchte diesbezüglich den folgenden Personen ganz herzlich danken: Anton
Alexandrov, Gabriele Dillen, Liam Feder, Kati Hertzsch, René Lange, Elisabeth Mayr, Johan-

3
na Meixner, Jan-David Mentzel, Florian Oppermann, Adriana Pavic, Helga Petznick, Rahel
Rami, Gordon Rößler, Sibylle Slavik und Tony Wachtel.
Für die persönliche Unterstützung während der Arbeit an diesem Buch danke ich ganz herz-
lich Schneeweißchen und Rosenrot.
Frühere Versionen von Teilen dieser Arbeit sind bereits als Aufsätze in philosophischen Fach-
zeitschriften veröffentlicht worden, und zwar in der folgenden Form: „Die Probleme der Mi-
nimalistischen Konzeption der Wahrheit“, in: Zeitschrift für Philosophische Forschung, 58, S.
192-223, 2004; “Why the Minimalist Cannot Reduce Facts to True Propositions”, in: Meta-
physica, 5, S. 77-83, 2004; „Der Begriff des Wahrheitsdeflationismus. Ein Rettungsversuch“,
in: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, 30, S. 193-216, 2005. „Wahrheit und Propositio-
nen“ in: Metaphysica, 7, S. 83-115, 2006. "Das Lügnerparadoxon und die Restriktion des W-
Schemas", in: Facta Philosophica, 8, S. 103-118, 2006.

Göttingen, Januar 2009 A. R.

4
Inhalt

0. Vorwort..................................................................................................................................................................9
1. Die Charakterisierung deflationärer Konzeptionen der Wahrheit.......................................................................11
(1.0) Der Begriff und die philosophische Strömung des Wahrheitsdeflationismus...........................................11
(1.1) Normen für die Charakterisierung deflationärer Wahrheitskonzeptionen.................................................13
(1.2) Die Extension des Ausdrucks ‚deflationäre Wahrheitskonzeption’...........................................................14
(1.3) Verbreitete Charakterisierungen deflationärer Wahrheitskonzeptionen....................................................17
(1.4) Eine alternative Charakterisierung deflationärer Wahrheitskonzeptionen................................................24
(1.4.1) Die Charakterisierung radikaler deflationärer Wahrheitskonzeptionen..................................................24
(1.4.2) Die Charakterisierung moderater deflationärer Wahrheitskonzeptionen................................................32
(1.4.3) Die allgemeine Charakterisierung deflationärer Wahrheitskonzeptionen..............................................44
2. Prosententiale Konzeptionen der Wahrheit und ihre Schwächen........................................................................47
(2.0) Einleitung...................................................................................................................................................47
(2.1) Allgemeine Zielsetzungen prosententialer Konzeptionen der Wahrheit....................................................47
(2.2) Die Ausgangspunkte einer prosententialen Konzeption der Wahrheit......................................................48
(2.3) Anaphorische Beziehungen und Proformen..............................................................................................54
(2.4) Die ursprüngliche Version der prosententialen Konzeption der Wahrheit................................................71
(2.4.1) Die erste Variante der ursprünglichen Version.......................................................................................72
(2.4.2) Die zweite Variante der ursprünglichen Version....................................................................................73
(2.4.3) Die dritte Variante der ursprünglichen Version......................................................................................76
(2.5) Grovers Version der prosententialen Konzeption der Wahrheit................................................................90
(2.6) Brandoms Version der prosententialen Konzeption der Wahrheit...........................................................101
(2.7) Schlussfolgerungen..................................................................................................................................108
3. Disquotationale Konzeptionen der Wahrheit und ihre Mängel.........................................................................109
(3.0) Einleitung.................................................................................................................................................109
(3.1) Wahrheit als Anführungstilgung..............................................................................................................109
(3.2) Semantischer Aufstieg und unendliche Konjunktionen von Sätzen........................................................124
(3.3) Die Mängel disquotationaler Konzeptionen der Wahrheit......................................................................132
(3.3.1) Guptas allgemeine Argumentationsstrategie gegen disquotationale Konzeptionen der Wahrheit.......133
(3.3.2) Guptas Argumente gegen die Konjunktionsthese und die Anführungstilgungsthese...........................136
(3.3.3) Die Konsequenzen aus Guptas Argumenten.........................................................................................148
(3.3.4) Argumente gegen die starke Lesart der Anführungstilgungsthese.......................................................150
(3.3.4.1) Der modale Status der Instanzen des W-Schemas.............................................................................150
(3.3.4.2) Der Status der Instanzen des W-Schemas und das Kriterium der implikativen Differenz................155
(3.3.4.3) Der Status der Instanzen des W-Schemas und das Kriterium der propositionalen Differenz...........157
(3.3.4.4) Der Status der Instanzen des W-Schemas und das Kriterium der kognitiven Differenz...................158
(3.3.4.5) Der Status der Instanzen des W-Schemas und das Kriterium der begrifflichen Differenz................162
(3.3.5) Argumente gegen die Angemessenheit der Anführungstilgungsthese..................................................164
(3.3.5.1) Probleme mit nicht homophonen Instanzen des W-Schemas............................................................164
(3.3.5.2) Probleme mit mehrdeutigen Instanzen des W-Schemas....................................................................167
(3.3.5.3) Probleme mit wahrheitswertlosen Instanzen des W-Schemas...........................................................172
(3.3.5.4) Probleme mit indexikalischen Instanzen des W-Schemas.................................................................174
(3.3.5.5) Probleme mit Sätzen als primäre Träger der Wahrheit......................................................................176

5
(3.4) Schlussfolgerungen..................................................................................................................................179
4. Minimale Konzeptionen der Wahrheit und ihre Probleme................................................................................180
(4.0) Einleitung.................................................................................................................................................180
(4.1) Minimale Wahrheitskonzeptionen und ihre Teiltheorien.........................................................................180
(4.1.1) Die minimale Theorie der Wahrheit.....................................................................................................181
(4.1.2) Die minimale Theorie des Verstehens von ‚ist wahr’...........................................................................186
(4.1.3) Die minimale Theorie der Bedeutung von ‚ist wahr’...........................................................................189
(4.1.4) Die minimale Theorie des Begriffs der Wahrheit.................................................................................191
(4.1.5) Die minimale Theorie der Nützlichkeit von ‚ist wahr’.........................................................................192
(4.1.6) Der Zusammenhang zwischen den Teiltheorien der minimalen Konzeption der Wahrheit.................195
(4.2) Probleme der minimalen Konzeption der Wahrheit................................................................................197
(4.2.1) Probleme der minimalen Theorie der Wahrheit....................................................................................197
(4.2.1.1) Probleme mit der Formulierbarkeit der minimalen Theorie der Wahrheit........................................197
(4.2.1.2) Probleme mit wahrheitswertlosen Propositionen..............................................................................199
(4.2.1.3) Probleme mit paradoxen Instanzen des W*-Schemas.......................................................................202
(4.2.1.4) Probleme mit generellen Tatsachen der Wahrheit.............................................................................216
(4.2.1.5) Propositionen als Axiome der minimalen Theorie der Wahrheit.......................................................227
(4.2.1.6) Die Normativität der Wahrheit..........................................................................................................228
(4.2.2) Probleme der minimalen Theorie des Verstehens von ‚ist wahr’.........................................................230
(4.2.2.1) Problematische Voraussetzungen von Horwichs Theorie des Verstehens von ‚ist wahr’.................230
(4.2.2.1.1) Der Begriff der Proposition............................................................................................................230
(4.2.2.1.2) Der Bezug auf Propositionen..........................................................................................................233
(4.2.2.1.3) Das Verständnis des Bikonditionals................................................................................................237
(4.2.2.1.4) Das Verständnis der Instanzen des W*-Schemas...........................................................................240
(4.2.2.2) Hinreichende Bedingungen für das Verstehen von ‚ist wahr’?.........................................................243
(4.2.2.3) Notwendige Bedingungen für das Verstehen von ‚ist wahr’?...........................................................248
(4.2.2.4) Probleme mit nicht prädikativen Gebrauchsweisen von ‚wahr’........................................................252
(4.2.2.5) Probleme mit dem Gebrauch von ‚ist wahr’ in Generalisierungen...................................................256
(4.2.3) Probleme der Theorie der Nützlichkeit von ‚ist wahr’.........................................................................257
(4.2.4) Zur Plausibilität der minimalen Konzeption der Wahrheit...................................................................275
(4.2.4.1) Die Korrespondenzintuition..............................................................................................................276
(4.3) Schlussfolgerungen..................................................................................................................................283
5. Die Grenzen deflationärer Konzeptionen der Wahrheit....................................................................................284
(5.0) Einleitung.................................................................................................................................................284
(5.1) Der Gegenstandsbereich einer Konzeption der Wahrheit........................................................................285
(5.1.1) Genuine Prädikate.................................................................................................................................286
(5.1.2) Die Extension und die Intension eines genuinen Prädikats..................................................................286
(5.1.3) Der Sinn und die Bedeutung eines genuinen Prädikats........................................................................287
(5.1.4) Eigenschaften und Begriffe..................................................................................................................289
(5.1.5) Eine Verstärkung des Begriffs des Sinns eines genuinen Prädikats.....................................................296
(5.1.6) Die Untersuchungsgegenstände einer Konzeption der Wahrheit.........................................................297
(5.2) Der Ausdruck ‚ist wahr’ ist ein genuines Prädikat..................................................................................298
(5.3) Ziele und Mittel der Bestimmung der Inhalte der Wahrheit....................................................................308
(5.3.1) Deskriptive, explikative und stipulative Bestimmungen......................................................................308
(5.3.2) Die Standardauffassung einer Bestimmung der Inhalte der Wahrheit..................................................310

6
(5.3.2.1) Die Asymmetrie zwischen Analysans und Analysandum..................................................................313
(5.3.2.2) Eine wichtige Ergänzung zur Standardauffassung............................................................................317
(5.3.2.3) Probleme der Standardauffassung.....................................................................................................319
(5.3.2.4) Eine Alternative zur Standardauffassung...........................................................................................324
(5.3.2.5) Lehren aus der Alternative für die Standardauffassung.....................................................................332
(5.3.3) Der Zusammenhang der Bestimmungen der Inhalte der Wahrheit.......................................................333
(5.3.4) Der Umfang einer Bestimmung der Inhalte der Wahrheit....................................................................334
(5.4) Propositionen als die primären Träger der Eigenschaft der Wahrheit.....................................................336
(5.4.1) Die Existenz von Propositionen ist anzuerkennen...............................................................................336
(5.4.2) Propositionen sind Träger der Eigenschaft der Wahrheit.....................................................................341
(5.4.3) Propositionen sind die primären Träger der Eigenschaft der Wahrheit................................................344
(5.4.4) Wahrheit als Eigenschaft simpliciter und die Natur von Propositionen...............................................348
(5.4.4.1) Propositionen kommt die Eigenschaft der Wahrheit simpliciter zu..................................................349
(5.4.4.2) Sparsamkeit in Bezug auf die Natur von Propositionen....................................................................352
(5.5) Der Inhalt und die Funktion des W-Schemas..........................................................................................361
(5.5.1) Vier explanatorische Funktionen des W*-Schemas..............................................................................362
(5.5.2) Die Generalisierung des W*-Schemas.................................................................................................374
(5.5.2.1) Probleme bei der Bestimmung der sententialen Quantoren..............................................................378
(5.5.2.2) Der explanatorische Status der Generalisierung des W*-Schemas...................................................386
(5.5.2.3) Wahrheit und sententiale Quantifikationen in der natürlichen Sprache............................................389
(5.5.2.4) Die Generalisierung des W*-Schemas und eine Familie von Wahrheitskonzeptionen.....................395
(5.5.3) Moderate und radikale Varianten der Korrespondenztheorie der Wahrheit.........................................402
(5.5.4) Die Unangemessenheit radikaler Varianten der Korrespondenztheorie der Wahrheit.........................406
6. Literaturverzeichnis..........................................................................................................................................412

7
8
0. Vorwort

Dieses Buch lässt sich in drei Teile gliedern, in denen unterschiedliche allgemeine Ziele ver-
folgt werden. Der erste Teil dieser Arbeit fällt mit dem ersten Kapitel zusammen. In diesem
Kapitel wird das allgemeine Ziel verfolgt, eine Bestimmung der Intension des Ausdrucks ‚de-
flationäre Wahrheitskonzeption’ zu geben. Dieses Kapitel hat somit die terminologische Auf-
gabe, deflationäre Wahrheitskonzeptionen möglichst klar von allen anderen Wahrheitskonzep-
tionen abzugrenzen.
Der zweite Teil dieses Buches, welcher die Kapitel zwei bis vier umfasst, beschäftigt sich mit
drei Arten von deflationären Wahrheitskonzeptionen, nämlich sogenannten prosententialen,
disquotationalen und minimalen Wahrheitskonzeptionen. Diese drei Arten beinhalten all jene
deflationären Wahrheitskonzeptionen, die im Gegensatz zu vielen anderen Varianten in der
aktuellen Debatte noch vertreten und verteidigt werden. Unterschiedliche Versionen dieser Ar-
ten von Wahrheitskonzeptionen werden nacheinander detailliert dargelegt und anschließend
einer ausführlichen kritischen Betrachtung unterzogen. Meiner Ansicht nach sind die hier vor-
gebrachten Kritikpunkte hinreichend, um die besagten Konzeptionen in gerechtfertigter Weise
zurückzuweisen.
Der dritte und letzte Teil dieses Buches fällt mit dem fünften und letzten Kapitel zusammen.
In diesem letzten Teil werden zwei allgemeine Ziele verfolgt. Das erste, kritische Ziel besteht
darin, die Grenzen deflationärer Wahrheitskonzeptionen in einer grundsätzlichen Weise auszu-
loten. Dabei soll aufgezeigt werden, wo die grundlegenden Schwachstellen von deflationären
Wahrheitskonzeptionen im Allgemeinen liegen. Das zweite, konstruktive Ziel des letzten Ka-
pitels besteht darin, eine Wahrheitskonzeption zu entwickeln, die bestimmte plausible Ele-
mente von deflationären Wahrheitskonzeptionen aufnimmt, sich aber in manchen wesentli-
chen Punkten klar von deflationären Wahrheitskonzeptionen abgrenzen lässt. Die Kernthese,
die in diesem Zusammenhang verteidigt wird, besagt, dass sich die Eigenschaft der Wahrheit
durch eine bestimmte Generalisierung der Instanzen des Schemas ‚Die Proposition, dass p, ist
wahr 1 p’ explizit definieren lässt, dass jedoch der Begriff der Wahrheit durch keine der un-
terschiedlichen gängigen Methoden bestimmt werden kann. Es gibt daher meiner Ansicht
nach gute Gründe, von der Unbestimmbarkeit des Begriffs der Wahrheit im Gegensatz zur Be-
stimmbarkeit der Eigenschaft der Wahrheit auszugehen.

1 Der Ausdruck ‚’ wird in diesem Buch als Ausdruck für das materiale Bikonditional verwendet.
9
10
1. Die Charakterisierung deflationärer Konzeptionen der Wahrheit

(1.0) Der Begriff und die philosophische Strömung des Wahrheitsdeflationismus

Philosophische Wahrheitskonzeptionen zeichnen sich ganz grob gesprochen dadurch aus, dass
sie sich mit der Verwendung der Ausdrücke ‚wahr‘ und ‚Wahrheit‘ in alltäglichen und philo-
sophischen Zusammenhängen beschäftigen und bestimmte semantische und pragmatische Ei-
genschaften dieser Ausdrücke zu bestimmen und analysieren versuchen. Deflationäre Wahr-
heitskonzeptionen heben dabei ganz bestimmte Aspekte der Verwendung dieser Ausdrücke
hervor und machen diese zum Leitmotiv ihren philosophischen Analysen und Diagnosen in
Bezug auf die explanatorische Relevanz der Verwendung dieser Ausdrücke in der Philoso-
phie.
Der sogenannte Wahrheitsdeflationismus ist eine philosophische Strömung, die bestrebt ist,
die Vorzüge von deflationären Wahrheitskonzeptionen gegenüber alternativen Ansätzen, die
oft auch ‚substantielle Wahrheitskonzeptionen‘ genannt werden, herauszustellen. Diese ver-
gleichsweise junge philosophische Strömung hat ihre Wurzeln in den wahrheitstheoretischen
Arbeiten von Frege, Ramsey, Ayer, Strawson und Tarski. 2 Diese Arbeiten haben unterschied-
lich schnelle Wirkungen in der philosophischen Wahrheitsdebatte erzielt. Die Relevanz von
Freges Werken für die Wahrheitsdebatte wurde erstmals von Dummett deutlich hervorgeho-
ben.3 Ramseys Arbeiten haben bspw. Ayer bei der Formulierung seiner Variante der Redun-
danztheorie der Wahrheit und Strawson bei der Formulierung seiner performativen Wahrheits-
konzeption stark beeinflusst. Tarskis Arbeiten zur Wahrheit haben ganz unterschiedlich ge-
wirkt. Sie haben Quine und Leeds zu bestimmten Varianten des Wahrheitsdeflationismus in-
spiriert4, anderseits die Auffassungen von Davidson zur wahrheitskonditionalen Semantik ge-
prägt und mit Davidson auch einen prominenten Kritiker deflationärer Wahrheitskonzeptionen
hervorgebracht.5 Darüber hinaus haben sie eine ausführliche und sehr komplexe Debatte über
das Lügnerpardoxon ausgelöst.6 Ihren Höhepunkt hat die Debatte um den Wahrheitsdeflation-
mus wahrscheinlich in den beiden letzten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts erreicht. 7

2 Frege (1892a [1962], 1915 [1969], 1918 [1966]); Ramsey (1927[1990a], 1927[1990b]); Ayer (1936, 1963);
Tarski (1935 [1986], 1944).
3 Dummett (1959 [1972]).
4 Quine (1970) und Leeds (1978).
5 Ersteres vor allem in Davidson (1967), letzteres auch in Davidson (1969, 1990, 1996).
6 Ein weiterer Meilenstein in dieser Debatte neben Tarskis Arbeiten ist Kripke (1975). Die vielleicht wichtigste

aktuelle Monographie zu diesem Thema ist Field (2008).


7 Wichtige Veröffentlichungen zum Thema, die in diese Zeit fallen, sind: David (1994); Field (1986, 1994a,

1994b); Grover (1992); Gupta (1993a); Halbach (1999); Hill (1999); Horwich (1982, 1990, 1998a); Kirkham
(1990); Quine (1990); Richard (1997); Soames (1984, 1997, 1999); Wright (1992, 1999).
11
Das wichtigste und einflussreichste Buch in diesem Zusammenhang wurde von Horwich ver-
öffentlicht.8
Die Ausdrücke ‚deflationär’ und ‚Deflationismus’ sind in ihrer Anwendung auf Wahrheitskon-
zeptionen als Teil des philosophischen Fachjargons erst eine relativ kurze Zeit im Gebrauch 9
und diese Ausdrücke haben sich als Label für bestimmte philosophische Diskussionen über
Wahrheit auch mittlerweile etabliert. Sie wurden allerdings von Anbeginn ihres Gebrauchs
mit einem sehr unklaren und vagen Inhalt versehen; dieser Umstand hat sich mittlerweile zu
einer fast babylonischen Verwirrung bezüglich ihres Gehalts gesteigert. Künne hat daher
bspw. die Empfehlung ausgesprochen, auf den Gebrauch dieser Ausdrücke gänzlich zu ver-
zichten. Seine diesbezügliche Diagnose lautet wie folgt:

I shall steadfastly refrain from using the term ‚deflationism’, which has been applied to various entries of my
flow chart (in particular to nihilism, disquotationalism and minimalism). What deflationism comes to varies with
the target that is alleged to be inflated. So we find a confusing multiplicity of uses in the literature. […] In view
of this terminological chaos, I propose to put the term ‘deflationism’ on what Otto Neurath called, tongue in

cheek, the Index Verborum Prohibitorum.10

Diese Einschätzung halte ich allerdings für etwas zu pessimistisch und ich möchte hier den
Versuch wagen, die Intension des Ausdrucks ‚deflationäre Wahrheitskonzeption’ durch halb-
wegs klare und generalisierbare Kriterien zu bestimmen. Diese Bestimmung wird aufgrund
der verwirrenden Lage in Bezug auf den Gebrauch der Ausdrücke ‚deflationär’ und ‚Deflatio-
nismus’ natürlich auch stipulative Elemente enthalten. Ich möchte aber nichtsdestotrotz damit
einen Inhalt erfassen, der mit einer möglichst weitläufigen Auffassung der Charakterisierung
bestimmter Wahrheitskonzeptionen einhergeht. Ich werde dabei wie folgt vorgehen. In einem
ersten Schritt werde ich mich mit der Extension des Ausdrucks ‚deflationäre Wahrheitskon-
zeption’ befassen. Ich werde zu diesem Zweck zwei Listen erstellen. Einerseits eine Liste von
Wahrheitskonzeptionen, bezüglich derer eine weitreichende Übereinstimmung besteht, sie als
deflationär einzuschätzen; andererseits eine Liste von kontroversen Grenzfällen. Daran an-
schließend werde ich mich kurz mit einigen sehr gängigen Charakterisierungen von deflatio-
nären Wahrheitskonzeptionen kritisch auseinandersetzen. Auf dieser Grundlage werde ich
dann in einem dritten Schritt eine eigene Charakterisierung deflationärer Wahrheitskonzeptio-
nen einführen.

8 Horwich (1990) und die zweite Auflage dieses Buches: Horwich (1998a).
9 Diese Ausdrücke wurden in diesem Zusammenhang meines Wissens von Paul Horwich in seinem Aufsatz
„Three Forms of Realism“ eingeführt. Vgl. dazu: Horwich (1982, S. 194).
10 Künne (2003, S. 20-21).

12
(1.1) Normen für die Charakterisierung deflationärer Wahrheitskonzeptionen

Zuallererst seien allerdings noch ein paar grundlegende Überlegungen zu unserem Vorhaben
angestellt. Wenn es überhaupt Sinn macht, deflationäre Wahrheitskonzeptionen von anderen
Wahrheitskonzeptionen abzugrenzen, dann sollte es mindestens eine spezifische These oder
Annahme geben, auf die alle diese Konzeptionen und nur diese Konzeptionen festgelegt sind.
In diesem Sinn hat eine Charakterisierung deflationärer Wahrheitskonzeptionen die folgende
allgemeine Form:

(CD) x(x ist eine deflationäre Wahrheitskonzeption  x ist eine Wahrheitskonzeption, die auf die Thesen T 1,
T2, …, Tn festgelegt ist).

Unsere Aufgabe wird auf dieser Grundlage nun vor allem darin bestehen, herauszufinden,
welche und wie viele Thesen dafür notwendig sind, das Schema (CD) zu einer Charakterisie-
rung zu transformieren.
In diesem Zusammenhang wird es uns auch um die Erfüllung einiger Normen gehen, die für
eine korrekte Transformierung von (CD) entscheidend sind. Es gibt grundsätzlich einen recht
einfachen und schnellen, aber nicht unproblematischen Weg (CD) zu erfüllen: Man sammelt
alle jene Thesen zusammen, die für die jeweiligen einzelnen Konzeptionen, die man bündeln
will, charakteristisch sind und auf die nur diese festgelegt sind; und vereinigt diese Thesen
dann mittels Disjunktion zu einer Charakterisierung der folgenden Form:

(CD*) x(x ist eine deflationäre Wahrheitskonzeption  x ist eine Wahrheitskonzeption, die auf T1  T2  …
 Tn festgelegt ist).

Eine solche Charakterisierung würde in einem gewissen Sinn auch angemessen sein; sie wür-
de die Extension des Ausdrucks ‚deflationäre Wahrheitskonzeption’ angemessen bestimmen.
Sie weist aber auch zwei wesentliche Mängel auf.
Erstens ist sie nicht projektierbar, d.h., sie lässt sich nicht auf mögliche neue Varianten des
Wahrheitsdeflationismus ausweiten, wenn diese wiederum auf neuen, spezifischen, charakte-
ristischen Thesen basieren. In diesem Sinn liefert die Charakterisierung somit keine Bestim-
mung der Intension des Ausdrucks ‚deflationäre Wahrheitskonzeption’. Zweitens ist sie man-
gelhaft, weil sie unser Verständnis des Wahrheitsdeflationismus nicht vertieft. Denn es werden
nur spezifische Thesen zusammengestellt, aber die Suche nach allgemeinen, übergreifenden
Kriterien wird völlig unterlassen.11 Um diese beiden Mängel zu vermeiden, sollte eine Cha-
rakterisierung daher die folgenden drei Normen erfüllen:

11Von diesen beiden Mängeln sind vor allem die Charakterisierungen in O’Leary-Hawthorne und Oppy (1997)
und in Soames (1999) betroffen. Darüber hinaus birgt dieses Vorgehen die Möglichkeit einer impliziten Doppe-
lung von Kriterien. Eine Kritik an beiden Ansätzen findet sich in Rami (2005a).
13
(N1) Die Anzahl der Thesen zur Charakterisierung deflationärer Wahrheitskonzeptionen sollte so klein wie nur
möglich sein.

(N2) Die Thesen zur Charakterisierung deflationärer Wahrheitskonzeptionen sollten so allgemein wie nur mög-
lich anwendbar sein.

(N3) Die Thesen zur Charakterisierung deflationärer Wahrheitskonzeptionen sollten so wenig disjunktiv wie
nur möglich sein.

Eine weitere Forderung, die sich auf der Grundlage der ersten angeführten Kritik und unserer
eigenen Zielsetzung ergibt, können wir noch zusätzlich derart auf den Punkt bringen:

(N4) Eine Realisierung von (CD) sollte nicht nur extensional, sondern auch intensional angemessen sein.

Eine letzte Forderung sollten wir dann auch an den Inhalt der Thesen stellen:

(N5) Die Thesen zur Charakterisierung deflationärer Wahrheitskonzeptionen sollten so klar und präzise wie nur
möglich formuliert sein.

Denn der wohl größte und verbreitetste Mangel bei der Charakterisierung deflationärer Wahr-
heitskonzeptionen besteht in einer Vielzahl oft wiederholter, unklarer und vager Thesen. Wir
werden uns im Folgenden nun darum bemühen, diese fünf angeführten Normen so gut wie
möglich zu erfüllen.

(1.2) Die Extension des Ausdrucks ‚deflationäre Wahrheitskonzeption’

Bevor wir nun darangehen werden, einige verbreitete Charakterisierungsversuche zu sichten,


um auf dieser Grundlage dann eine eigene Charakterisierung zu entwickeln, möchte ich kurz
einige Betrachtungen über die Bestimmung der Extension des Ausdrucks ‚deflationäre Wahr-
heitskonzeption’ anstellen.
Wenn die Lage bezüglich der Extension des Ausdrucks ‚deflationäre Wahrheitskonzeption’
klar und eindeutig wäre, dann wäre dies eine gute Grundlage für die Bestimmung der Intensi-
on dieses Ausdrucks. Die Lage ist in Wirklichkeit allerdings so, dass nur in Bezug auf die
Mehrzahl der Wahrheitskonzeptionen Konsens herrscht, ob sie als deflationäre Konzeptionen
der Wahrheit aufzufassen sind. Es gibt allerdings auch einige Konzeptionen, bezüglich derer
diese Zuordnung umstritten ist. Ich möchte nun als Grundlage für unsere weiteren Überlegun-
gen damit beginnen, zwei Listen von Wahrheitskonzeptionen zu erstellen. Die erste Liste um-
fasst alle Wahrheitskonzeptionen, bezüglich derer Konsens herrscht, sie als deflationär zu

14
charakterisieren. Die wichtigsten Wahrheitskonzeptionen dieser ersten Liste können derart an-
geführt werden:

Ayers Redundanztheorie der Wahrheit12


Strawsons performative Konzeption der Wahrheit13
Williams Redundanztheorie der Wahrheit14
Williams prosententiale Konzeption der Wahrheit15
Die prosententiale Konzeption der Wahrheit nach Grover, Camp und Belnap16
Grovers (weiterentwickelte) prosententiale Konzeption der Wahrheit17
Brandoms prosententiale Konzeption der Wahrheit18
Quines disquotationale Konzeption der Wahrheit19
Leeds‘ disquotationale Konzeption der Wahrheit20
Fields disquotationale Konzeption der Wahrheit21
Halbachs disquotationale Konzeption der Wahrheit22
Horwichs minimale Konzeption der Wahrheit23
McGraths minimale Konzeption der Wahrheit24
Hills substitutionelle Konzeption der Wahrheit25

Auf die Liste der Konzeptionen der Wahrheit, die nicht völlig eindeutig als deflationär zu be-
zeichnen sind oder nur von manchen Autoren so bezeichnet werden und von anderen als nicht
deflationär ausgezeichnet werden, sollten auf jeden Fall die folgenden Konzeptionen gesetzt
werden:

Freges Konzeption der Wahrheit26

12 Siehe: Ayer (1936); Ayer (1963); Vgl. dazu: Ezorsky (1963, S. 113-121); Odegard (1977); Puntel (1993, S. 71-
72); Horwich (1998b, S. 38); Halbach (2003 Kap. 2).
13 Siehe: Strawson (1949); Strawson (1950); Vgl. dazu: Ezorsky (1963, S. 121-128); Kirkham (1992, S. 307-

312); Puntel (1993, S. 73-76); Lynch (2001, S. 423-424); Halbach (2003, Kap. 2); Künne (2003, S. 56-64).
14 Siehe: Williams (1976); Vgl. dazu: Odegard (1977); Kirkham (1992, S. 321-325); Puntel (1993, S. 81-87);

Halbach (2003, Kap. 2).


15 Siehe: Williams (1992); Vgl. dazu: Künne (2003, S. 64-77).
16 Siehe: Grover, Belnap und Camp (1975); Grover (2001, 2002). Vgl. dazu: Kirkham (1992, S. 325-329); Halb-

ach (2003, Kap. 2); Künne (2003, S. 77-83).


17 Siehe: Grover (1992, Kap. 4-7; Kap. 9)
18 Siehe: Brandom (1994); Brandom (1997); Brandom (2002). Vgl. dazu: Künne (2003, S. 84-86).
19 Siehe: Quine (1970); Quine (1970[1976]); Quine (1992). Vgl. dazu: David (1994); Lynch (2001, S. 424-425);

Halbach (2003, Kap. 2); Künne (2003, S. 225-242).


20 Siehe: Leeds (1978); Vgl. dazu auch: Williams (1986).
21 Siehe: Field (1986); Field (1994a); Field (1994b); Field (2001); Vgl. dazu: Halbach (2003, Kap. 2; Kap 3);

Künne (2003, S. 242-248).


22 Siehe: Halbach (2003).
23 Siehe: Horwich (1990); Horwich (1998a); Horwich (1999); Horwich (2001). Vgl. dazu: Kirkham (1992, S.

339-350); Lynch (2001, S. 426- 428); Halbach (2003, Kap. 2); Künne (2003, S. 318-333).
24 Siehe: McGrath (1996); McGrath (1997).
25 Siehe: Hill (1999); Hill (2002).

15
Ramseys Wahrheitskonzeption in „Facts and Propositions“27
Ramseys Wahrheitskonzeption in „On Truth“28
Whites Beurteilungstheorie der Wahrheit29
Tarskis semantische Konzeption der Wahrheit30
Kneales Konzeption der Wahrheit31
Mackies einfache Konzeption der Wahrheit32
Kalderons Konzeption der Wahrheit33
Künnes bescheidene Konzeption der Wahrheit34

26 Siehe: Frege (1892a [1962]); Frege (1897 [1971]); Frege (1906a [1971]); Frege (1914 [1971]); Frege (1915
[1969]); Frege (1918 [1966]). Freges Werk enthält einige Passagen, die einer Redundanztheorie der Wahrheit das
Wort zu sprechen scheinen. Doch Frege vertritt in anderen Zusammenhängen die Thesen, dass Sätze Wahrheits-
werte bezeichnen und dass Gedanken in einer objektiven Weise Wahrheitswerte haben. Darüber hinaus behauptet
er, dass Wahrheit das Ziel der Wissenschaften ist und dass die Logik die Lehre von den Gesetzen des Wahrseins
ist. Diese unterschiedlichen Auffassungen scheinen auf den ersten Blick nicht leicht vereinbar zu sein, was eine
kohärente Rekonstruktion von Freges Wahrheitskonzeption zu einem anspruchsvollen Unterfangen macht und
die Einordnung seiner Konzeption erschwert. Ein interessanter Versuch der Rekonstruktion wird in Greimann
(2003) unternommen.
27 Siehe: Ramsey (1927[1990]); Ramsey wird von vielen Autoren als einer der Urväter der Redundanztheorie der

Wahrheit angesehen. Vgl. dazu: Forbes (1986); Kirkham (1992, S. 317-321); Puntel (1993, S. 70-71); Horwich
(1998a, S. 38); Lynch (2001, S. 422-423); Halbach (2003, Kap. 3). Field hat allerdings erhebliche Zweifel be-
züglich dieser Zuordnung erhoben. Vgl. dazu: Field (1986, S. 60). Schantz hat versucht, die Auffassung von
Field mit der Standardauffassung zu kombinieren. Vgl. dazu: Schantz (1996, S. 7-9).
28 Siehe: Ramsey (1927-29[1990]); Die Auffassungen von Ramsey in seinem zweiten Text zur Wahrheitsproble-

matik scheinen um einiges klarer formuliert zu sein als die in dem ersten angeführten klassischen Standardtext.
Allerdings ist es dennoch problematisch, Ramsey als Deflationisten auszuweisen. Einerseits weil er sich im Text
selbst einen Vertreter der Korrespondenztheorie der Wahrheit nennt, andererseits weil er zu wenig über die Nütz-
lichkeit des Ausdrucks ‚ist wahr’ sagt, um eine Einordnung wirklich eindeutig vornehmen zu können.
29 Siehe: White (1957, 1970). Kirkham weist darauf hin, dass man White sowohl als Vertreter des Deflationis-

mus, aber auch als Vertreter einer ganz eigenständigen nicht-deflationären Wahrheitsauffassung deuten kann.
Vgl. dazu: Kirkham (1992, S. 315-317).
30 Siehe: Tarski (1935 [1986]). Die Einordnung der semantischen Konzeption der Wahrheit ist ein notorisch

schwieriges Unterfangen. Erstens hat Tarski selbst die semantische Konzeption der Wahrheit als Variante der
Korrespondenztheorie der Wahrheit ausgewiesen. Diesem Urteil haben sich bspw. Popper, Davidson, Kitcher
und Schantz angeschlossen. (Vgl. dazu: Davidson (1969, 1990); Kitcher (2002); Popper (1973); Schantz (1996)).
Diesem Urteil widersprochen wird in Soames (1984), Soames (1999); Halbach (2003) und Horwich (2005a);
diese Autoren weisen Tarski als einen Vertreter des Deflationismus aus. Zweitens ist Tarskis Theorie im Gegen -
satz zu den meisten Wahrheitskonzeptionen als ein konstruktiver Ansatz zu verstehen; d. h., sie versucht nicht,
den natürlichen Begriff der Wahrheit zu explizieren, sondern diesen durch einen besseren und präziseren forma-
len Begriff zu ersetzen. Das macht die Einordnung zusätzlich schwierig, weil deflationäre Konzeptionen der
Wahrheit primär als deskriptive Ansätze aufzufassen sind. Drittens hat Tarski selbst auf die explanatorischen
Vorzüge seiner Theorie der Wahrheit hingewiesen, die eine Nützlichkeit des Wahrheitsprädikats nahe legen, wel-
che mit einer deflationären Auffassung der Wahrheit nicht vereinbar scheint.
31 Siehe: Kneale (1972). Kneale hat lange vor Künne und Hill eine Wahrheitsauffassung eingeführt, die von einer

Generalisierung des Schemas ‚x ist wahr  p’ Gebrauch macht. Allerdings ist es aufgrund der Kürze von Knea-
les Darlegungen über Wahrheit sehr schwer, seine Position richtig zuzuordnen.
32 Siehe: Mackie (1970); Mackie (1973). Mackies Formulierung seiner einfachen Konzeption der Wahrheit ist

leider so unpräzise, dass sie ein gehöriges Maß an Deutungsspielraum zulässt, der es schwer macht, die Theorie
einzuordnen.
33 Siehe: Kalderon (1997). Für Kalderon gilt dasselbe wie für Kneale.
34 Siehe: Künne (1997); Künne (2003). Auch die Einordnung von Künne ist schwierig. Denn einerseits führt er

seine Konzeption selbst als bessere Alternative zu Horwichs minimaler Konzeption der Wahrheit ein. (Vgl. dazu:
Künne (2003, S. 317-318)). Andererseits lehnt er aber die für Horwich zentrale Auffassung ab, dass eine wahr -
heitskonditionale Auffassung der Semantik mit einer Wahrheitskonzeption unvereinbar ist, die wesentlich auf die
Instanzen des Schemas ‚Die Proposition, dass p, ist wahr  p’ zurückgreift. Vgl. dazu: Künne (2003, S. 373).
16
Unsere Aufgabe wird nach einer Sichtung gängiger Charakterisierungen nun darin bestehen,
eine eigenständige Charakterisierung einzuführen, die nicht nur die angeführten fünf Normen
erfüllt, sondern die auch die eindeutigen Fälle von deflationären Konzeptionen der Wahrheit
nach der ersten angeführten Liste allesamt richtig einordnet. Es wird sich darüber hinaus zei-
gen, ob eine Charakterisierung, die die besagten Standards erfüllt, auch eine Entscheidung in
den zweifelhaften Fällen herbeiführen kann.

(1.3) Verbreitete Charakterisierungen deflationärer Wahrheitskonzeptionen

In diesem Abschnitt wollen wir uns mit einigen gängigen und prägnanten Thesen auseinan-
dersetzen, die eingeführt wurden, um das Schema (CD) in eine gehaltvolle Charakterisierung
zu verwandeln. Es handelt sich dabei um eine Auswahl von Kriterien, die meiner Ansicht
nach noch einen gewissen Grad an Plausibilität aufweisen, auch wenn sie sich entweder als
falsch oder verbesserungsbedürftig herausstellen werden.
Eine sehr markante und radikale These, die oft zur Charakterisierung deflationärer Wahrheits-
konzeptionen verwendet wird, besagt in ihrer ontologischen Version Folgendes:

(T1) Es gibt keine Eigenschaft der Wahrheit. 35

Die semantische Version dieser These lässt sich etwas konkreter wie folgt ausdrücken:

(T1*) Der Ausdruck ‚ist wahr’ steht für keine Eigenschaft.36

Diese These ist für den erforderten Zweck allerdings nicht geeignet, weil wir allein durch die
Einsetzung von (T1) oder (T1*) in (CD) dieses Schema in kein wahres Prinzip verwandeln.
Denn dieses Kriterium wird eindeutig nicht durch die angeführten Konzeptionen von Hor-
wich, Hill, McGrath, Halbach und Field erfüllt. Die These (T1*) ist meiner Ansicht nach den-
noch nicht völlig unbrauchbar, weil sie zumindest ein hinreichendes Kriterium für eine defla-
tionäre Wahrheitskonzeption liefert. D.h., alle Konzeptionen, die auf (T1*) festgelegt sind,
sind als deflationäre Wahrheitskonzeptionen anzusehen. Dieser Umstand sollte bei unserem
eigenen Charakterisierungsversuch auf jeden Fall Beachtung finden.
Als ein weiteres Kriterium, das allerdings unvereinbar mit (T1) oder (T1*) ist, wird vor allem
von Horwich zur Charakterisierung seiner eigenen Position die folgende These angeführt:37

35 “The deflationary thesis holds that there is no property of truth.”, in: Kirkham (1992, S. 307). Vgl. dazu auch:
Schmitt (1995, S. 124) und Armour-Garb und Beall (2005b, S. 1).
36 Diese These ist wohl eng verbunden mit der These, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ für kein genuines Prädikat

steht.
37 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 145).

17
(T2) Die Eigenschaft der Wahrheit hat keine zugrundeliegende Natur.38

Der Umstand, dass diese These unvereinbar mit (T1) oder (T1*) ist, ist allerdings nicht weiter
verwunderlich, denn wir haben ja bereits in Bezug auf (T1) und (T1*) feststellen müssen, dass
nicht alle deflationären Wahrheitskonzeptionen dieses Kriterium erfüllen. Da (T1) und (T2)
unvereinbar sind und (T1) aber von manchen deflationären Wahrheitskonzeptionen erfüllt
wird, gilt somit in jedem Fall, dass auch (T2) für sich genommen (CD) nicht in einer ange-
messenen Weise erfüllen kann. Dies sollten wir als ein erstes Indiz dafür nehmen, dass es zu-
mindest oberflächlich eine Kluft zwischen mindestens zwei Arten von deflationären Wahr-
heitskonzeptionen zu geben scheint. Diesem Indiz sollten wir in jedem Fall weiter nachgehen.
Können wir (T2) auch als hinreichendes Kriterium für eine deflationäre Wahrheitskonzeption
ansehen? In Zusammenhang mit dieser Frage wird ein weiterer Mangel von (T2) deutlich,
denn die Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten, weil (T2) von dem unklaren und erklä-
rungsbedürftigen Begriff einer zugrundeliegenden Natur Gebrauch macht. Horwich hat es al-
lerdings verabsäumt, diesen erklärungsbedürftigen Begriff zu erhellen; er vertraut dabei wohl
gänzlich auf unsere Intuitionen. Da mir keine plausible Erhellung dieses Begriffs bekannt ist,
schlag ich vor, von (T2) gänzlich Abstand zu nehmen.
Wenn wir auf der Grundlage dieser weiteren Feststellung nun noch einmal auf die angespro-
chene Kluft zurückkommen, dann zeigt sich eines ganz deutlich: Wenn es wirklich so ist, dass
nach manchen deflationären Wahrheitskonzeptionen ‚ist wahr’ für keine Eigenschaft steht, für
andere Konzeptionen dies aber der Fall ist, dann muss es ein klares Kriterium geben, welches
die Konzeptionen, die (T1) nicht erfüllen, klar von anderen nicht deflationären Wahrheitskon-
zeptionen abgrenzt, wenn die Unterscheidung zwischen deflationären und nicht deflationären
Wahrheitskonzeptionen sinnvoll sein soll. (T2) kann allerdings kein solches Kriterium liefern.
Es wird unsere Aufgabe sein, ein solches Kriterium zu finden.
Einen Versuch, (T2) durch ein etwas klareres Kriterium zu ersetzen, hat Lynch unternommen.
Er hat an die Stelle von (T2) die folgende These gesetzt:

(T3) Es gibt keine einzelne robuste Eigenschaft, die allen Propositionen zukommt, die wir wahr nennen. 39

Als semantisches Gegenstück zu dieser ontologischen These können wir in Analogie zu der
Unterscheidung von (T1) und (T1*) die folgende These einführen:

(T3*) Der Ausdruck ‚ist wahr’ steht für keine einzelne robuste Eigenschaft, die allen Propositionen zukommt,
die wir wahr nennen.

38 Vgl. dazu auch: O’Leary-Hawthorne und Oppy (1997, S. 175); Lynch (2001, S. 421); Devitt (2001, S. 580)
und Armour-Garb und Beall (2005b, S. 1).
39 “… deflationists hold that there is no single robust property shared by all the propositions we take as true.”,
in: Lynch (2001, S. 5). Vgl. dazu: Lynch (2001, S. 422).
18
Die von Lynch formulierte These (T3) bringt einige Probleme mit sich. Erstens wird durch
(T3) nicht wirklich das formuliert, was durch (T3) formuliert werden sollte. Denn wenn wir
(T3) wirklich wörtlich nehmen, dann liefert (T3) keine negative Charakterisierung der Eigen-
schaft von Proposition, die wir gewöhnlich die Eigenschaft der Wahrheit nennen, sondern von
der Eigenschaft, etwas wahr zu nennen. Dieser Makel kann durch die folgende Reformulie-
rung behoben werden:

(T3’) Es gibt keine einzelne robuste Eigenschaft, die allen wahren Propositionen zukommt.

Zweitens ist (T3) so formuliert, dass diese These eigentlich nicht die Eigenschaft der Wahrheit
einer Proposition selbst beschreibt, sondern nur ein notwendiges Merkmal, das mit dieser Ei-
genschaft einhergeht. Auch dieser Makel lässt sich einfach durch eine Umformulierung behe-
ben:

(T3’’) Es gibt keine einzelne robuste Eigenschaft, die allen wahren Propositionen und nur diesen zukommt.

Das Hauptproblem von (T3) liegt allerdings im Gegensatz zu (T1) nicht an seiner nur partiel-
len Anwendbarkeit, sondern ähnlich wie das von (T2) in seiner Verständlichkeit und Klarheit.
Denn ebenso wie (T2) enthält es einen sehr unklaren und erklärungsbedürftigen Begriff, näm-
lich den Begriff einer robusten Eigenschaft. Was ist damit gemeint? Wir erfahren dazu nicht
viel Erhellendes bei Lynch. Andere verwenden im selben Zusammenhang den Begriff einer
substantiellen Eigenschaft und lassen uns darüber genauso im Dunkeln wie Lynch.40 D.h., so-
lange dieser Begriff nur auf vagen Andeutungen basiert, ist (T3) als Klassifikationskriterium
völlig nutzlos.
Wenn wir einmal als erste Annäherung davon ausgehen, dass sich hinter dem Begriff der ro-
busten oder substantiellen Eigenschaften Lewis’ Begriff einer natürlichen Eigenschaft 41 ver-
birgt, dann gäbe es einen weiteren Kritikpunkt an (T3); denn (T3) ist so formuliert, dass es die
Möglichkeit offenlässt, dass sich hinter der Eigenschaft der Wahrheit eine Disjunktion von na-
türlichen Eigenschaften versteckt. In diesem Sinn wäre zwar die Eigenschaft der Wahrheit
selbst keine natürliche Eigenschaft, aber hinter dem Wahrheitsprädikat würden sich zwei ech-
te und unterschiedliche natürliche Eigenschaften verstecken. In dieser Hinsicht wäre (T3) al-
lerdings meiner Ansicht nach zu weit formuliert; denn dieses Diktum trifft auf keinen der an-
geführten Ansätze zu.
Dieser Einwand ist ohnedies in der angeführten Form nicht haltbar, da eine seiner Vorausset-
zungen nicht haltbar ist. Hinter dem Begriff einer robusten oder substantiellen Eigenschaft
40 Vgl. dazu: Blackburn und Simmons (1999, S. 3); Lynch (2001, S. 422); Grover (2002, S. 120); Armour-Garb
und Beall (2005, S. 2); Bar-on und Simmons (2006, S. 607).
41 Vgl. dazu: Lewis (1983, S. 47-49).

19
muss sich mehr verstecken als der Begriff einer natürlichen Eigenschaft nach Lewis. D.h., der
erste Begriff muss noch weiter sein als der letztere. Denn wenn wir Propositionen, die ab-
strakte Entitäten sind, als Träger einer Eigenschaft der Wahrheit ansehen, dann kann es sich
bei dieser Eigenschaft nur um eine nicht-natürliche Eigenschaft im Sinne Lewis handeln.
Denn für Lewis zeichnen sich natürliche Eigenschaften dadurch aus, dass sie (a) kausal wirk-
sam sind, (b) perfekte Ähnlichkeit erklärbar machen, (c) die Gültigkeit von Naturgesetzen er-
klärbar machen, (d) die intrinsische Natur von Dingen mitbestimmen, und (e) nicht disjunktiv
sind. Doch all diese Merkmale können unmöglich irgendeiner Eigenschaft von Propositionen
zukommen und sie treffen in einem noch geringeren Maß auf die Eigenschaft von Propositio-
nen zu, die wir die Eigenschaft der Wahrheit nennen. Die Eigenschaft der Wahrheit ist somit
sowohl für deflationäre als auch für nicht-deflationäre Wahrheitsauffassungen eine nicht-
natürliche Eigenschaft von Propositionen. Genauer gesagt heißt das, wenn wir von Lewis’ Be-
griff der natürlichen Eigenschaft im Rahmen von (T3) Gebrauch machen, dann muss der Be-
griff der robusten oder substantiellen Eigenschaft eine Oberklasse der Klasse der natürlichen
Eigenschaften beschreiben. Damit schrumpft der zuvor angeführte Einwand auf die folgende
Feststellung zusammen: Wenn der Begriff der robusten Eigenschaft geklärt ist, dann sollte auf
dieser Grundlage auch das Zusammenspiel der Ausdrücke ‚einzelne’ und ‚robuste’ in (T3) ein-
deutig geklärt sein.
So wie (T3) von Lynch intendiert war und wie es durch (T3’’) formuliert ist, ist (T3) genauso
unvereinbar mit (T1) wie (T2), da (T3) implizit die Existenz der Eigenschaft der Wahrheit an-
erkennt. Es besteht allerdings die Möglichkeit, (T3’’) so umzuformulieren, dass sie den Kern
ihres Gehalts behält und dennoch vereinbar mit (T1) wird; und zwar durch die folgende Re-
formulierung:

(T3#) Es gibt keine einzelne robuste Eigenschaft der Wahrheit.

Diese These zeichnet sich im Vergleich zu (T2) durch folgende Eigenschaft aus: Es ist mög-
lich, dass (T3#) und (T1) beide gleichzeitig wahr oder beide gleichzeitig falsch sind. Darüber
hinaus impliziert die Wahrheit von (T1) die Wahrheit von (T3#). Andererseits kann (T3#)
wahr sein, wenn (T1) falsch ist. Aufgrund dieser Eigenschaften scheint es auf der Grundlage
von (T3#) zumindest möglich zu sein, ein Kriterium zu finden, welches auf alle deflationären
Wahrheitskonzeptionen zutrifft. Dafür müsste allerdings der problematische Begriff einer ro-
busten Eigenschaft noch geklärt werden.
Die bis jetzt diskutierten Versuche, (CD) in eine Charakterisierung umzuwandeln, haben sich
vor allem mit dem Status der Eigenschaft der Wahrheit und der damit verbundenen Semantik
von ‚ist wahr’ beschäftigt. Es gibt allerdings noch einen anderen verbreiteten Weg, dieses Ziel

20
zu erreichen, nämlich über die explanatorische Funktion des Wahrheitsbegriffs. Gupta hat die-
se Art von Kriterium bspw. in der folgenden Form dargelegt:

(T4) Dem Begriff der Wahrheit kommt keine substantielle Funktion in der Philosophie zu.42

Er ist im Anschluss an diese Charakterisierung bemüht, diese an einigen Beispielen zu erläu-


ten. Zur Etablierung eines klaren und eindeutigen Kriteriums genügt das allerdings nicht. Mit
(T4) ist jedoch etwas angeschnitten worden, was sich in vielen Schriften zum Wahrheitsdefla-
tionismus als Charakteristikum findet und vom Gegensatz zwischen einer expressiven und ei-
ner explanatorischen Funktion eines Ausdrucks oder Begriffs lebt. In diesem Sinn können wir
(T4) auch durch die folgende Reformulierung ersetzen:

(T4*) ‚ist wahr’ kommt keine explanatorische, sondern ausschließlich eine expressive Funktion zu.43

Das Hauptproblem dieser These, wenn sie zur Erfüllung von (CD) eingesetzt werden soll, be-
steht darin, den Gegensatz zwischen einer explanatorischen und einer expressiven Funktion
eines Ausdrucks oder Begriffs möglichst klar und präzise zu bestimmen. Intuitiv lässt sich
dieser Gegensatz wie folgt festmachen: Es gibt einerseits Ausdrücke, deren Einführung in
eine Sprache es einem erlaubt, neue Erklärungen aufzustellen, die vor dieser Einführung nicht
formulierbar waren. Diese wollen wir Ausdrücke mit einer explanatorischen Funktion nen-
nen. Es gibt andererseits Ausdrücke, deren Einführung in eine Sprache nicht den Umfang un-
serer Erklärungen erweitert, sondern uns ermöglicht, unsere alten Erklärungen in einer kom-
pakteren oder einfacheren Form zu formulieren. Solche Ausdrücke wollen wir Ausdrücke mit
einer rein expressiven Funktion nennen. Für viele Autoren ist es ein zentrales Charakteristi-
kum deflationärer Wahrheitskonzeptionen, dass sich ‚ist wahr’ als ein Ausdruck mit rein ex-
pressiver Funktion herausstellt. Unsere Aufgabe wird unter anderem darin bestehen, abzu-
schätzen, inwiefern dieses Kriterium tatsächlich zentral ist und inwiefern es sich präzise for-
mulieren lässt.
Bevor wir nun darangehen werden, eine Charakterisierung auf der Basis des gesammelten
Materials zu entwickeln, sei noch ein letztes Kriterium angeführt, welches Horwich wieder-
holt dazu verwendet, seinen Ansatz von anderen Ansätzen abzugrenzen. Dieses Kriterium
lässt sich wie folgt formulieren:

(T5) Es gibt keine Aussicht auf eine explizite oder reduktive Definition der Wahrheit.44
42 “… deflationism maintains that truth is a simple and clear concept and has no substantial role to play in philo -
sophy.”, in: Gupta (1993a, S. 58). Vgl. dazu: Gupta (1993a, S. 76-77).
43 Vgl. dazu: Grover (1992, S. 14); O’Leary-Hawthorne und Oppy (1994, S. 172); Mou (2000, S. 263); Brandom

(2002, S. 103) und Williams (2002, S. 150).


44 “The deflationary attitude toward truth [...] denies that there is any prospect of an explicit definition or reduct -
ive analysis of truth, even a very approximate one.”, in: Horwich (1998a, S. 120-121). Vgl. dazu: Stoljar (1997,
S. 3).
21
Die Anwendbarkeit dieses Kriteriums hängt wesentlich davon ab, ob wir klar sagen können,
was unter einer expliziten oder reduktiven Definition zu verstehen ist. Eine explizite Definiti-
on bspw. der Extension, der Intension oder des Sinns von ‚ist wahr’ hat die allgemeine Form
‚x(x ist wahr  … x …)’. Durch solch ein Prinzip werden notwendige oder hinreichende
Bedingungen bspw. für das Fallen eines Gegenstandes entweder in die Extension oder die In-
tension von ‚ist wahr’ oder unter den Begriff der Wahrheit formuliert. Eine reduktive Definiti-
on ist eine bestimmte Unterart einer expliziten Definition. Sie hat erstens mindestens die Stär-
ke einer Definition der Intension eines Prädikats; zweitens enthält sie im Definiens Ausdrücke
einer ganz spezifischen Klasse. Um welche Klasse von Ausdrücken es sich dabei handelt,
hängt von der Art der Reduktion ab, die man anstrebt. Bei einer logischen Reduktion wird
bspw. angestrebt, einen bestimmten Ausdruck nur mittels logischer Begriffe zu definieren.
Die Art von Reduktion, die Horwich allerdings im Rahmen von (T5) vor allem im Auge hat,
ist eine sogenannte naturalistische Reduktion; d.h. eine Definition des Ausdrucks ‚ist wahr’
ausschließlich durch solche Begriffe, die mit dem radikalen Naturalismus – der Reduktion al-
ler Tatsachen auf physikalische Tatsachen – vereinbar sind. 45 Diese Art der Reduktion kann
jedoch kein Kriterium sein, um deflationäre von nicht-deflationären Konzeptionen zu unter-
scheiden. Denn wenn man sich auf die These festlegt, dass Propositionen als rein abstrakte
Entitäten die primären Träger der Eigenschaft der Wahrheit sind, dann ist auf dieser Grund-
lage jede naturalistische Reduktion ein aussichtsloses Unterfangen. Diese Festlegung können
somit sowohl deflationäre als auch nicht-deflationäre Wahrheitskonzeptionen machen. In die-
ser Auslegung liefert (T5) daher kein sinnvolles Unterscheidungskriterium. Es scheint auch
keine andere sinnvolle Art von Reduktion zu geben, die eine deflationäre Konzeption klar von
anderen Konzeptionen abgrenzen würde.
Damit stellt sich die Frage, ob wir (T5) auf das erste angeführte Kriterium einschränken kön-
nen. Ist es ein Charakteristikum deflationärer Wahrheitskonzeptionen, dass sie eine explizite
Definition der Wahrheit (a) ablehnen, (b) für nicht notwendig erachten, oder sogar (c) für un-
möglich halten? Diese Frage ist in ihrer Allgemeinheit zu verneinen. Es ist kein wesentliches
Kennzeichen einer deflationären Wahrheitskonzeption, dass sie eine explizite Definition der
Wahrheit in irgendeiner Form ablehnt. Das mag für die Konzeption von Horwich gelten, gilt
aber bestimmt nicht für alle deflationären Wahrheitskonzeptionen. Diesbezügliche Ausnah-
men, die sich auf unserer ersten angeführten Liste finden, sind einerseits die Konzeption von

45 Dieses Projekt im Rahmen der Wahrheitstheorie geht vor allem auf Field (1972) zurück. Vgl. dazu: Horwich

(1998a, S. 142).
22
Hill46 und andererseits auch bestimmte Varianten der disquotationalen Konzeption der Wahr-
heit, die auf bestimmte Versionen einer expliziten Definition der Wahrheit zurückgreifen.47
Was mögen Horwichs Gründe für die Formulierung von (T5) gewesen sein? Horwich ist der
Ansicht, dass man auf der Grundlage der Instanzen des Schemas ‚Die Proposition, dass p, ist
wahr  p’ eine implizite Definition der Bedeutung von ‚ist wahr’ formulieren kann und somit
auf keine explizite Definition angewiesen ist.48 Darüber hinaus hält er jeden Versuch der Ge-
neralisierung dieses Schemas für aussichtslos.49 Eine weitere wichtige Motivation für die Ab-
lehnung einer ganz bestimmten Art von Explizitdefinition der Wahrheit für Horwich ergibt
sich auf der Grundlage seiner These über die Nützlichkeit von ‚ist wahr’. Er ist der Auffas-
sung, dass die Nützlichkeit dieses Ausdrucks primär darin besteht, bestimmte Generalisierun-
gen zu formulieren, die wir ohne das Wahrheitsprädikat nur mittels der sententialen Quantifi-
kation formulieren könnten.50 Nun scheint die Möglichkeit zu bestehen, mittels der sententia-
len Quantifikation den Ausdruck ‚ist wahr’ explizit zu definieren.51 Wenn dadurch wirklich
der Begriff der Wahrheit definiert werden kann, dann würde das Verstehen des Wahrheitsbe-
griffs das Verstehen der sententialen Quantoren voraussetzen. Damit würde dann allerdings
Horwichs These von der Nützlichkeit von ‚ist wahr’ unterlaufen werden. Dies gilt jedoch nur
dann, wenn wir die besagte Generalisierung als Definition des Begriffs der Wahrheit auffas-
sen. Wenn wir sie bspw. nur als Definition der Eigenschaft der Wahrheit ansähen und den Be-
griff der Wahrheit auf anderem Weg charakterisierten oder gar als unexplizierbar einschätzten,
dann ergäbe sich das besagte Vereinbarkeitsproblem nicht.
Zusammenfassend können wir festhalten, dass das Kriterium (T5) Horwich dazu dienen mag,
seine eigene Konzeption von anderen Konzeptionen abzugrenzen, es kann allerdings nicht
sinnvoll dazu verwendet werden, deflationäre von nicht-deflationären Wahrheitskonzeptionen
abzugrenzen.

(1.4) Eine alternative Charakterisierung deflationärer Wahrheitskonzeptionen

Auf der Grundlage der bisherigen Ausführungen ist es meiner Ansicht nach nun an der Zeit,
zwei wichtige Voraussetzungen bei der Suche nach einer Charakterisierung deflationärer
Wahrheitskonzeption zu benennen.
46 Vgl. dazu: Hill (2002, S. 38). Ich sehe allerdings eine bestimmte Spannung in Hills eigenen Ausführungen;
denn einerseits fasst er das Prinzip ‚x(x ist wahr  p((x = die Proposition, dass p)  p))’ in der Stelle, auf die
eben verwiesen wurde, als explizite Definition des Begriffs der Wahrheit auf. Andererseits fasst er allerdings die-
ses Prinzip als ein Axiom einer finiten axiomatischen Theorie der Wahrheit im Sinne von Horwich auf. Vgl.
dazu: Hill (2002, S. 22). Dieses Prinzip kann allerdings nicht sinnvoll beide Rollen erfüllen.
47 Vgl. dazu: Field (1986, S. 58); David (1994, S. 103; S. 107); Resnik (1990, S. 412); Blackburn und Simmons

(1999, S. 13); Lynch (2001, S. 425).


48 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 10-11; S. 23; S. 33-37).
49 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 25-31).
50 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 3; S. 25); Horwich (1999, S. 20).
51 Und zwar durch eine Formel wie die folgende: x(x ist wahr  p((x = die Proposition, dass p)  p)).

23
Erstens müssen wir meines Erachtens dem Umstand Rechnung tragen, dass die Klasse der de-
flationären Wahrheitskonzeptionen in zwei große Unterklassen aufgeteilt werden kann, in die
zwei Arten von Wahrheitskonzeptionen mit wichtigen Gemeinsamkeiten, aber auch wesentli-
chen Unterschieden fallen. Es lässt sich die Klasse der radikalen deflationären Wahrheitskon-
zeptionen – wie ich sie nennen möchte – von der Klasse der moderaten deflationären Wahr-
heitskonzeptionen unterscheiden. Wir müssen daher einerseits herausfinden, wodurch sich die-
se beiden Klassen klar voneinander abgrenzen lassen, und uns auf der anderen Seite darum
kümmern, was diese beiden Klassen nun zu Teilklassen der Klasse der deflationären Wahr-
heitskonzeptionen macht.
Zweitens gibt es meiner Ansicht nach zwei wesentliche Aspekte bezüglich des Ausdrucks ‚ist
wahr’, die in unserem Fokus stehen sollten: Auf der einen Seite der semantische Status dieses
Ausdrucks und auf der anderen Seite seine explanatorische oder expressive Nützlichkeit. In
beiden Fällen wird es uns vor allem darum gehen, diese Aspekte möglichst klar und präzise zu
spezifizieren.

(1.4.1) Die Charakterisierung radikaler deflationärer Wahrheitskonzeptionen

Beginnen wir unsere Klärung deshalb nicht mit der direkten Erfüllung von (CD), sondern
vielmehr mit der Frage, was eine radikale deflationäre Wahrheitskonzeption auszeichnet. Wir
haben bereits festgestellt, dass durch die These (T1*) ein hinreichendes Kriterium für deflatio-
näre Wahrheitskonzeptionen gegeben ist. In Bezug auf radikale deflationäre Wahrheitskonzep-
tionen ist dieses Kriterium allerdings nicht nur hinreichend, sondern obendrein notwendig,
was uns zu der folgenden ersten Charakterisierung führt:

(RD1) x(x ist eine radikale deflationäre Wahrheitskonzeption  x ist eine Wahrheitskonzeption, die auf die
These, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ keine Eigenschaft ausdrückt, festgelegt ist).

Gibt es irgendwelche Bedenken gegen (RD1)? Es gibt zwei Bedenken, die einem dabei recht
schnell in den Sinn kommen. Einerseits gibt es große Kontroversen darüber, wie die Natur
von Eigenschaften zu bestimmen ist. Dabei wird die Frage, welche Prädikate nun wirklich für
Eigenschaften stehen und welche nicht, auch sehr unterschiedlich beantwortet. 52 Zweitens
gibt es darüber hinaus auch Philosophen, die die Existenz von Eigenschaften grundlegend in
Frage stellen. Wir müssten uns daher sowohl auf eine bestimmte Art der Bestimmung des Ei-
genschaftsbegriffs als auch auf die Existenz von Eigenschaften festlegen, um die Anwendbar-
keit von (RD1) zu sichern.

52Lewis hat zu diesem Zweck zwischen zwei Arten von Eigenschaftskonzeptionen unterschieden, nämlich einer-
seits einer spärlichen und andererseits einer übermäßigen. Vgl. dazu: Lewis (1983a, S. 17-49); Lewis (1986, S.
59-61).
24
Man kann sich dieser beiden unwillkommenen Erfordernisse aber relativ gut entledigen, wenn
man auf den Begriff der Eigenschaft gänzlich verzichtet und das Kriterium zu einem rein se-
mantischen Kriterium umformuliert. Dazu muss man nur vom Begriff eines genuinen Prädi-
kates Gebrauch machen.53 Ein genuines Prädikat zeichnet sich dadurch aus, dass es sich pro-
blemlos als Prädikatkonstante in die Sprache der Prädikatenlogik erster Stufe übersetzen lässt.
Einem solchen Ausdruck kann somit in jedem Fall eine Extension und in einer Erweiterung
der klassischen Prädikatenlogik auch eine Intension zugeordnet werden. Wir können also auf
dieser Grundlage (RD1) durch die folgende adaptierte Charakterisierung ersetzen:

(RD2) x(x ist eine radikale deflationäre Wahrheitskonzeption  x eine Wahrheitskonzeption ist, die auf die
These, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ kein genuines Prädikat ist, festgelegt ist).

Dieses Kriterium bietet weit weniger Angriffspunkte als der Vorgänger (RD1) und ist diesem
daher in jedem Fall vorzuziehen. Wenn es uns somit nur darum geht, radikale deflationäre
Wahrheitskonzeptionen von anderen Wahrheitskonzeptionen abzugrenzen, dann können wir
dies in einer recht praktikablen Weise auf der Grundlage von (RD2) tun.
Es gibt allerdings auch mögliche Alternativen zu (RD2). Wenn es uns nicht nur um eine Ab-
grenzung von radikalen deflationären Konzeptionen in Bezug auf andere Konzeptionen geht,
sondern darüber hinaus um eine Unterklassifizierung gängiger radikaler deflationärer Wahr-
heitskonzeptionen, dann macht es sich durchaus bezahlt, vom Begriff der Redundanz in unter-
schiedlicher Variation Gebrauch zu machen.
Radikale deflationäre Wahrheitskonzeptionen zeichnen sich nicht nur dadurch aus, dass sie
(RD2) erfüllen, sie sind auch allesamt auf die Auffassung festgelegt, dass der Ausdruck ‚ist
wahr’ inhaltlich redundant ist. Was ist damit konkret gemeint? Behauptungssätze haben meh-
rere Arten von Gehalten. Die drei wichtigsten Arten von Gehalten eines Satzes sind die Satz-
bedeutung, der propositionale Gehalt und die illokutionäre Rolle. Ein Ausdruck wie ‚ist wahr’
kann als Teilausdruck eines Satzes prinzipiell zu all diesen Gehalten einen Beitrag leisten. Das
Erfassen der Bedeutung von ‚ist wahr’ mag notwendig sein, um die Bedeutung eines Satzes
zu erfassen, der diesen Ausdruck enthält. Der Ausdruck mag einen direkten oder indirekten
Beitrag zu dem propositionalen Gehalt eines Satzes beitragen und es ist auch denkbar, dass
der Ausdruck die illokutionäre Rolle eines Satzes bestimmt oder verändert.
Ein Ausdruck ist in einem der genannten Sinne potent, wenn er die betreffende Aufgabe er-
füllt, und er ist in einem der genannten Sinne redundant, wenn er die betreffende Aufgabe
nicht erfüllt. Wir können auf dieser Grundlage nun verschiedene Begriffe der Redundanz ein-
führen. Der für unsere Zwecke wichtigste Begriff der Redundanz betrifft den propositionalen
Gehalt eines Satzes; genauer gesagt, den direkten Beitrag eines Ausdrucks dazu. Diesen Be-

53 Vgl. dazu: Abschnitt 5.5.1 und 5.2.


25
griff möchte ich den Begriff der inhaltlichen Redundanz nennen. Wir können diesen nun rela-
tiv zu dem Ausdruck ‚ist wahr’ derart bestimmen:

(IR) Der Ausdruck‚ist wahr’ ist inhaltlich redundant  keiner der semantischen Werte von ‚ist wahr’ eine Kon-
stituente derjenigen Propositionen ist, welche durch Sätze ausgedrückt werden, die den Ausdruck ‚ist wahr’
enthalten.

Alle radikalen deflationären Wahrheitskonzeptionen zeichnen sich nun dadurch aus, dass sie
auf die These festgelegt sind, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ inhaltlich redundant ist; und das
grenzt diese Konzeptionen auch von allen anderen ab. Wir können daher die folgende weitere
Charakterisierung als Alternative zu (RD2) anbieten:

(RD3) x(x ist eine radikale deflationäre Wahrheitskonzeption  x ist eine Wahrheitskonzeption, die auf die
These, dass ‚ist wahr’ inhaltlich redundant ist, festgelegt ist).

Auf der Grundlage der möglichen angedeuteten Variationen des Begriffs der Redundanz kön-
nen wir nun allerdings weitere Unterscheidungen vornehmen, die eine Klassifikation der radi-
kalen deflationären Wahrheitskonzeptionen ermöglichen.
Zuvor sei aber etwas über das Verhältnis von (RD2) und (RD3) gesagt. Allgemein gilt Folgen-
des: Jeder Ausdruck, der inhaltlich redundant ist, ist kein genuines Prädikat, aber nicht jeder
Ausdruck, der kein genuines Prädikat ist, ist inhaltlich redundant. Wenn wir allerdings diese
Generalisierung auf alle Ausdrücke einschränken, die in einer prädikativen Position und nur
einer solchen gebraucht werden können, dann scheinen die angeführten Bedingungen notwen-
dig äquivalent zu sein. Sie beschreiben dann ein und dasselbe Phänomen, nur auf der Grund-
lage einer unterschiedlichen Terminologie.
Ein weiterer Begriff der Redundanz, der mit dem Begriff der inhaltlichen Redundanz eng ver-
wandt ist, ist der Begriff der funktionalen Redundanz. Wir haben vorhin davon gesprochen,
dass ein Ausdruck einen direkten und einen indirekten Beitrag zum propositionalen Gehalt ei-
nes Satzes leisten kann. Der nicht vorhandene direkte Beitrag wird durch den Begriff der in-
haltlichen Redundanz thematisiert; der nicht vorhandene indirekte Beitrag wird durch den Be-
griff der funktionalen Redundanz beschrieben. Dieser Begriff lässt sich folgendermaßen be-
stimmen:

(FR) ‚ist wahr’ ist funktional redundant  keiner der semantischen Werte von ‚ist wahr’ einen funktionalen
Beitrag zur Bestimmung der Konstituenten der Propositionen leistet, welche durch Sätze ausgedrückt wer-
den, die den Ausdruck ‚ist wahr’ enthalten.

Inwiefern beschreibt (FR) einen nicht vorhandenen indirekten Beitrag von ‚ist wahr’? Es gibt
radikale deflationäre Wahrheitskonzeptionen, die den Ausdruck ‚ist wahr’ als eine ganz be-

26
stimmte Art von Operator auffassen. Hier seien drei Beispiele für unterschiedliche operative
Deutungen von ‚ist wahr’ angeführt:

(F1) Die Funktion des Operators ‚ist wahr’ besteht darin, die Anführungsfunktion in Bezug auf Sätze rückgän-
gig zu machen.
(F2) Die Funktion des Operators ‚ist wahr’ besteht darin, die Nominalisierungsfunktion des Ausdrucks ‚die Pro-
position, dass’ rückgängig zu machen.
(F3) Die Funktion des Operators ‚ist wahr’ besteht darin, bestimmte Fürsätze zu bilden.54

Am Beispiel der Funktion (F1) lässt sich nun erläutern, warum nach dieser Deutung (IR), aber
nicht (FR) erfüllt wird und wie der indirekte Beitrag eines Ausdrucks zum propositionalen
Gehalt eines Satz zu verstehen ist. Die Anführungszeichen können, wenn sie auf Behaup-
tungssätze angewendet werden, als ein Operator gedeutet werden, der einen bestimmten Satz
auf sich selbst abbildet. Die Funktion von ‚ist wahr’ besteht nach (F2) nun darin, diese Funkti-
on vor allem in Sätzen der Form ‚‚p’ ist wahr’ zu neutralisieren. In diesem Sinn hat dann ein
Satz wie ‚‚Schnee ist weiß’ ist wahr’ denselben propositionalen Gehalt wie ‚Schnee ist weiß’.
Der Ausdruck ‚ist wahr’ leistet zu diesem Gehalt aber nur einen indirekten funktionalen Bei-
trag.
Es gibt allerdings auch Wahrheitskonzeptionen, die nicht den Ausdruck ‚ist wahr’, sondern
den Ausdruck ‚Es ist wahr, dass’ als Operator deuten, der nur einen indirekten Beitrag zum
Gehalt eines Satzes liefert. Nach der sogenannten Doppelnegationstheorie der Wahrheit55 ord-
net der Ausdruck ‚Es ist wahr, dass’ einem Satz der Form ‚Es ist wahr, dass p’ denselben
Wahrheitswert zu wie ‚p’. Der propositionale Gehalt beider Arten von Sätzen wird allerdings
als identisch angesehen. In diesem Sinn ist der Beitrag von ‚Es ist wahr, dass’ zum propositio-
nalen Gehalt eines Satzes ebenso nur ein indirekter Beitrag.
Die radikalste Variante einer radikalen deflationären Wahrheitskonzeption ist die sogenannte
klassische Redundanztheorie der Wahrheit. Diese Konzeption scheint dem Ausdruck ‚ist
wahr’ sogar eine funktionale Rolle bei der Bestimmung des propositionalen Gehalts abzuspre-
chen. Sie geht dabei von der Grundidee aus, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ im Rahmen von Sät-
zen wie ‚Es ist wahr, dass Schnee weiß ist’ keine semantische Funktion erfüllt und dass wir
einen solchen Satz als bloße stilistische, syntaktisch komplexere Variante eines Satzes wie
‚Schnee ist weiß’ ansehen sollen. Diese Grundidee versucht die Redundanztheorie auf alle
Sätze, die den Ausdruck ‚ist wahr’ enthalten, zu übertragen, so dass sie zu der Auffassung ge-
langt, dass alle Sätze, die den Ausdruck ‚ist wahr’ enthalten, in Sätze übersetzt werden kön-
nen, die weder diesen Ausdruck, noch einen damit synonymen Ausdruck enthalten.

54 Fürsätze sind die sententialen Gegenstücke zu anaphorisch gebrauchten Pronomen. Siehe dazu: Abschnitt 2.3.
55 Vgl. dazu: Davidson (1969, S. 38-39).
27
Gibt es Ausdrücke in der natürlichen Sprache, die keinen Beitrag zum semantischen Gehalt
eines Satzes leisten und nur eine bloße syntaktische Funktion haben? In der Linguistik spricht
man in diesem Zusammenhang von expletiven Ausdrücken. Das sind Ausdrücke, die eine be-
stimmte syntaktische Funktion haben, aber keinen Beitrag zum semantischen Gehalt eines
Satzes leisten. Ein allgemein anerkanntes Beispiel ist der Ausdruck „es“ in „es regnet“. Dieser
Ausdruck fungiert in diesem Satz als grammatischer Subjektausdruck ohne einen Beitrag zum
Inhalt zu leisten. Ein anderes Beispiel liefert „es“ in „Es ist wünschenswert, dass Peter und
Maria kommen“. In diesem Satz ist der Ausdruck „es“ auch semantisch leer, er hat aber die
syntaktische Funktion als Platzhalter für das logische Subjekt „dass Peter und Maria kom-
men“ zu fungieren. Der Ausdruck „es“ hat in diesem Zusammenhang auch eine wichtige
pragmatische Funktion, weil er die Informationsstruktur des Satzes verändert und die prädika-
tive Information an die erste Stelle rückt. Auf der Grundlage solcher und ähnlicher Beispiele
kann man den folgenden weiteren Begriff der semantischen Redundanz ins Spiel bringen:

(SR) Der Ausdruck‚ist wahr’ ist semantisch redundant  dieser Ausdruck keinen semantischen Beitrag zur Be-
stimmung des Gehalts eines Satzes leistet, der ihn enthält, sondern eine rein syntaktische Funktion hat.

Für Frege war dies keine sinnvolle Option. 56 Für ihn gilt: Wenn der Ausdruck ‚ist wahr’ kei-
nen semantischen Gehalt hat und das Kompositionalitätsprinzip in Bezug auf den semanti-
schen Gehalt von Sätzen seine Gültigkeit hat, dann kann ein Satz, der einen Ausdruck ohne
semantischen Gehalt enthält, selbst keine Satzbedeutung haben. Diese Prinzip mag für forma-
le Sprache seine Gültigkeit haben, in der natürlichen Sprache kann es solche semantisch lee-
ren Ausdrücke geben. Man kann die Redundanztheorie der Wahrheit so verstehen, dass sie
von diesem Unterschied Gebrauch macht.
Es gibt allerdings auf einer anderen Ebene eine weitere sinnvolle Ergänzung der Redundanzi-
dee. Die klassische Redundanztheorie geht nämlich insofern noch einen Schritt weiter als vie-
le anderen radikale deflationäre Wahrheitskonzeptionen, als sie dem Ausdruck ‚ist wahr’ auch
jede interessante pragmatische Funktion abspricht. Ein erster wichtiger Schritt, um diese et-
was vage These mit Gehalt zu füllen, kann durch die Einführung des Begriffs der illokutio-
nären Redundanz vollzogen werden:

(LR) ‚ist wahr’ ist illokutionär redundant  dieser Ausdruck keinen Beitrag zur Bestimmung der illokutionären
Kraft leistet, mit welcher ein Satz geäußert wird, der den Ausdruck ‚ist wahr’ enthält.

Auf dieser Grundlage ist es nun angebracht, die klassische Redundanztheorie der Wahrheit als
eine Theorie anzusehen, die den Ausdruck ‚ist wahr’ als illokutionär redundant auffasst. Es
gibt allerdings eine radikale deflationäre Wahrheitskonzeption, die mit der klassischen Redun-
56 Vgl. dazu: Frege (1915 [1969], S. 271-272).
28
danztheorie die Auffassung teilt, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ inhaltlich und funktional redun-
dant ist; die aber im Gegensatz dazu die Auffassung ablehnt, dass der Ausdruck ‚ist wahr’
auch illokutionär redundant ist. Für diese Auffassung hat der Ausdruck ‚ist wahr’ eine aus-
schließlich illokutionäre Funktion, die mit der Funktion von illokutionären Verben im Rah-
men explizit performativer Behauptungen vergleichbar ist. Durch die Verwendung des Aus-
drucks ‚ist wahr’ wird nach dieser Auffassung angezeigt, dass jemand, der bspw. behauptet,
dass die Proposition, dass Schnee weiß ist, wahr ist, damit seine Zustimmung zur besagten
Proposition ausdrücken will.
Es würde sich nun bspw. noch die Möglichkeit anbieten, den Ausdruck ‚ist wahr’ in anderer
Hinsicht als pragmatisch redundant einzuschätzen. Man könnte ihm bspw. die Rolle abspre-
chen, als Auslöser von Implikaturen oder Präsuppositionen zu fungieren. Das ist aber für die
hier angestrebten Ziele nicht notwendig, denn wir können nun auf der Grundlage von (IR),
(FR) und (LR) eine angemessene und erhellende Unterklassifikation der radikalen deflatio-
nären Wahrheitskonzeptionen durchführen.
Diese Konzeptionen lassen sich nun in vier unterschiedliche Klassen einteilen. In die erste
Klasse fällt ausschließlich die klassische Redundanztheorie der Wahrheit, wie sie von Ayer,
Prior und C.J.F. Williams vertreten wurde.57 Diese Konzeptionen zeichnen sich dadurch aus,
dass sie den Ausdruck ‚ist wahr’ für semantisch, inhaltlich, funktional und illokutionär redun-
dant halten. In die zweite Klasse fällt die performative Wahrheitskonzeption von Strawson,
die sich dadurch auszeichnet, dass sie den Ausdruck ‚ist wahr’ zwar für inhaltlich und funktio-
nal redundant, nicht aber für illokutionär redundant hält.58 In die dritte Klasse fallen die Wahr-
heitskonzeptionen, die den Ausdruck ‚ist wahr’ für inhaltlich redundant, nicht aber für funk-
tional und illokutionär redundant halten. Das trifft vor allem auf die prosententialen Wahr-
heitskonzeptionen zu, die in drei unterschiedlichen Varianten vertreten werden: (a) in der ur-
sprünglichen Variante nach Grover, Camp und Belnap 59, (b) in der von Grover weiterentwi-
ckelten Variante und (c) in der Variante von Brandom. 60 Alle drei Arten von Konzeptionen
zeichnen sich dadurch aus, dass sie dem Ausdruck ‚ist wahr’ eine bestimmte funktionale Rolle
bei der Bildung von Fürsätzen zuschreiben; und sie sind der Auffassung, dass sich auf dieser
Grundlage auch die einzige kommunikative Funktion von ‚ist wahr’ erklären lässt, die in dem
Ausdruck von Zustimmung besteht. In die vierte und letzte Klasse fallen zwei Wahrheitskon-
zeptionen, die nicht nur in der Hinsicht eine enge Verwandtschaft aufweisen, dass sie den
Ausdruck ‚ist wahr’ zwar für inhaltlich und illokutionär, nicht aber für funktional redundant
57 Vgl. dazu: Ayer (1936, 1963); Prior (1971) und Williams (1976). Ich bin der Auffassung, dass die wahrheits -
theoretischen Arbeiten von Ramsey (vgl. dazu: Ramsey (1927 [1990], 1927-29[1990])) entgegen einer relativ
weit verbreiteten Meinung nicht als Verteidigung der klassischen Redundanztheorie der Wahrheit aufzufassen
sind. Vgl. dazu: Abschnitt 5.5.2.2.
58 Vgl. dazu: Strawson (1949, 1950).
59 Dieser Variante hat sich auch Christopher Williams in Williams (1992) angeschlossen.
60 Vgl. dazu: Grover, Belnap and Camp (1975); Grover (1992, 2002); Brandom (1994, 2002).

29
halten. Es handelt sich dabei einerseits um die sogenannte Disquotationstheorie der Wahr-
heit61 und andererseits um die Denominalisierungstheorie der Wahrheit.62 Für die erstgenannte
Konzeption sind Verwendungen des Ausdrucks ‚ist wahr’ im Rahmen von Sätzen wie
‚„Schnee ist weiß“ ist wahr’ paradigmatisch. Es wird in diesem Zusammenhang davon ausge-
gangen, dass die semantische Funktion des Ausdrucks ‚ist wahr’ sich darin erschöpft, die se-
mantische Funktion der Anführungszeichen bzw. einer sogenannten Anführungsfunktion rück-
gängig zu machen. Auf dieser Grundlage lässt sich dann die These begründen, dass Sätze der
Form ‚‚p’ ist wahr’ und ‚p’ synonym sind. Für die zweite Theorie sind hingegen Verwendun-
gen des Ausdrucks ‚ist wahr’ im Rahmen von Sätzen wie ‚Die Proposition, dass Schnee weiß
ist, ist wahr’ paradigmatisch. Es wird in diesem Zusammenhang davon ausgegangen, dass die
semantische Funktion des Ausdrucks ‚ist wahr’ sich darin erschöpft, die semantische Funktion
des nominalisierenden Ausdrucks ‚Die Proposition, dass’ rückgängig zu machen. Auf dieser
Grundlage lässt sich dann die These begründen, dass Sätze der Form ‚Die Proposition, dass p,
ist wahr’ und ‚p’ synonym sind. Beide Konzeptionen versuchen auf der Grundlage dieser pa-
radigmatischen Verwendungen des Ausdrucks ‚ist wahr’, andere Verwendungen dieses Aus-
drucks zu erklären. Sie sind bspw. der Auffassung, dass man Generalisierungen im Zusam-
menhang mit dem Ausdruck ‚ist wahr’ als Konjunktionen oder Disjunktionen von Sätzen auf-
fassen kann, im Rahmen derer der Ausdruck ‚ist wahr’ in seiner paradigmatischen Verwen-
dung gebraucht wird. Auf dieser Grundlage haben dann Generalisierungen im Zusammenhang
mit dem Ausdruck ‚ist wahr’ denselben Gehalt wie endliche oder unendliche Konjunktionen
von Sätzen, die den Ausdruck ‚ist wahr’ nicht notwendig enthalten. (Beide Konzeptionen wer-
den oft mit Konzeptionen verwechselt, die in die Klasse der moderaten deflationären Konzep-
tionen fallen; nämlich Varianten der disquotationalen und der minimalen Konzeption der
Wahrheit.)
Wir haben nunmehr mittels (RD2) und (RD3) zwei unterschiedliche Möglichkeiten ausfindig
gemacht, die Klasse der radikalen deflationären Wahrheitskonzeptionen nicht nur extensional,
sondern auch intensional klar und eindeutig durch ein universelles Kriterium zu bestimmen.
Die Bestimmung des spezifischen semantischen Status des Ausdrucks ‚ist wahr’ zeigte sich
dafür völlig ausreichend. Damit sind wir allerdings unserer Forderung nicht wirklich nachge-
kommen, nicht nur den semantischen, sondern auch den pragmatischen Status von ‚ist wahr’
zu berücksichtigen. Wir haben zwar gewisse Betrachtungen zur pragmatischen Redundanz an-
gestellt, diese aber waren für die eigentliche Klassifikation durch (RD1) oder (RD2) nicht un-
mittelbar relevant.
Im letzten Abschnitt haben wir festgestellt, dass der Gegensatz zwischen Ausdrücken mit ex-
planatorischen und rein expressiven Funktionen wesentlich für die Einordnung deflationärer
61 Vgl. dazu: Quine (1970, S. 12).
62 Vgl. dazu: Horwich (1990, S. 4-5; S. 52).
30
Wahrheitskonzeptionen ist, dass dieser Gegensatz aber noch weiter zu präzisieren ist. Der
eben angeführte Mangel von (RD2) und (RD3) erweist sich bei genauerer Betrachtung für un-
sere Zwecke allerdings als kein solcher. Denn der semantische Status des Ausdrucks ‚ist wahr’
ist auf der Grundlage von (RD2) und (RD3) derart speziell, dass es grundsätzlich ausgeschlos-
sen ist, diesen Ausdruck als einen Ausdruck aufzufassen, der irgendeine explanatorische
Funktion übernehmen könnte. Wir brauchen uns daher gar nicht erst zu bemühen, den Unter-
schied zwischen explanatorischen und expressiven Funktionen eines Ausdrucks genauer zu
bestimmen. Denn sowohl in Bezug auf (RD2) als auch in Bezug auf (RD3) gelten die folgen-
den trivialen Implikationen:

(I1) Wenn der Ausdruck ‚ist wahr’ inhaltlich redundant ist, dann erweitert die Einführung dieses Ausdrucks in
eine Sprache unmöglich die Klasse der Erklärungen, die wir in dieser Sprache formulieren können.

(I2) Wenn der grammatisch prädikative Ausdruck ‚ist wahr’ kein genuines Prädikat ist, dann erweitert die Ein-
führung dieses Ausdrucks in eine Sprache unmöglich die Klasse der Erklärungen, die wir in dieser Spra-
che formulieren können.

Ich möchte die Gültigkeit von (I1) und (I2) dennoch ganz kurz anhand zweier Beispiele erläu-
tern. Definitionen und gesetzesartige Aussagen gelten unzweifelhaft als Sätze, die Ausdrücke
mit einer explanatorischen Funktion enthalten müssen. Wenn allerdings der Ausdruck ‚ist
wahr’ keinen direkten Beitrag zu der Proposition leistet, die durch eine Definition oder geset-
zesartige Aussage ausgedrückt wird, dann kann diesem Ausdruck in keiner Weise eine expla-
natorische Rolle in diesem Zusammenhang zukommen. Die beiden alternativ angeführten
Kriterien zur Charakterisierung radikaler deflationärer Wahrheitskonzeptionen erfüllen damit
alle wesentlichen von uns gestellten Forderungen.

(1.4.2) Die Charakterisierung moderater deflationärer Wahrheitskonzeptionen

Wir wollen nun wie im Fall der radikalen deflationären Wahrheitskonzeptionen nach einer
Charakterisierung suchen, welche die moderaten deflationären Wahrheitskonzeptionen und
nur diese von allen anderen Wahrheitskonzeptionen abgrenzt. Erst im Anschluss daran werden
wir der Frage nach einem allgemeinen Kriterium für deflationäre Wahrheitskonzeptionen
nachgehen.
Welches sinnvolle und klare Kriterium können wir zu diesem Zweck verwenden? Patterson
hat den folgenden allgemeinen Vorschlag zur Charakterisierung deflationärer Wahrheitskon-
zeptionen gemacht:

31
(sufficiency) A theory of truth for a language L is adequate if it implies for each sentence s of L an instance of
the T-Schema such that the used sentence ‘p’ is a metalanguage sentence equivalent in meaning to s.63

Though I won’t press the point here, I am of the opinion that endorsement of the sufficiency clause is in fact the
clearest criterion of deflationism available – one clearer and more tractable than the usual talk about whether or
not truth is a “real” property.64

Patterson hat insofern Recht mit seiner Einschätzung, als sein Kriterium tatsächlich klarer und
verständlicher ist als es die Kriterien (T2) und (T3) sind. Dennoch ist sein Kriterium auch
nicht frei von Problemen. An erster Stelle ist zu bemerken, dass sein Kriterium so formuliert
ist, dass es nur auf Wahrheitskonzeptionen angewendet werden kann, die Sätze als Wahrheits-
träger ansehen. Man kann diesen Makel beheben, indem man das Kriterium etwas allgemeiner
für alle möglichen Wahrheitsträger zu formulieren versucht. Dabei stößt man aber gleich auf
eine ganze Reihe von Problemen. Erstens muss man dem Umstand gerecht werden, dass das
W-Schema ‚x ist wahr  p’ in Bezug auf unterschiedliche Wahrheitsträger zumeist ganz un-
terschiedlicher Restringierungen bedarf. Da es eine Vielzahl unterschiedlicher Wahrheitsträger
gibt, die unterschiedlicher Restringierungen bedürfen, wird das scheinbar einfache Kriterium
von Patterson dadurch hoffungslos komplex und disjunktiv obendrein. Zweitens muss man
den Umstand berücksichtigen, dass die Semantik von ‚’ ganz unterschiedlich gedeutet wer-
den kann – je nachdem, welche Logik man voraussetzt. Man kann sich aber nicht einfach auf
eine Deutung festlegen. Denn wenn man möglichst viele unterschiedliche Varianten von de-
flationären Wahrheitskonzeptionen erfassen will, muss man sich auf der Grundlage unter-
schiedlicher möglicher Deutungen erneut um eine disjunktive Erweiterung der Bedingungen
des Kriteriums bemühen. Drittens ergibt sich das Problem, dass die Instanzen des W-Schemas
als unterschiedlich starke Äquivalenzen gedeutet werden können. Das hängt einerseits von
den Zielen ab, die man mit diesen Instanzen verfolgt. D.h., ob man bspw. die Extension oder
die Intension von ‚ist wahr’ damit bestimmen will, oder aber auch davon, auf welche Wahr-
heitsträger man durch welche Ausdrücke im Rahmen des W-Schemas Bezug nimmt. Es
scheint auch diesbezüglich nicht ganz einfach zu sein, sich auf eine bestimmte Deutung fest-
zulegen. Wir wären also wieder gezwungen, das Kriterium weiter disjunktiv aufzuweichen.
Als letztes Stellschraubenproblem sei noch der Umstand vermerkt, dass es unterschiedliche
deflationäre Wahrheitskonzeptionen gibt, die den Ausdruck ‚ist wahr’ ganz unterschiedlich
deuten, d.h. auf der allgemeinsten Ebene entweder als genuines Prädikat oder als Operator.
Dieser Umstand müsste bei der Formulierung eines angemessenen Kriteriums für deflationäre
Wahrheitskonzeptionen zusätzlich berücksichtigt werden. All diese Punkte scheinen das Kri-
terium hoffungslos komplex und disjunktiv zu machen – es würde somit in jedem Fall gegen

63 Patterson (2002b, S. 3).


64 Patterson (2002b, S. 6).
32
die Normen (N1)-(N3) verstoßen; und es ist nicht einmal absehbar, ob sich wirklich alle mög-
lichen Nuancen auf der Grundlage einer disjunktiven Aneinanderreihung von Bedingungen
erfassen lassen.
Das Hauptproblem von Pattersons Kriterium besteht allerdings darin, dass es sich gar nicht
auf alle deflationären Wahrheitskonzeptionen anwenden lässt. Denn bspw. im Rahmen aller
Varianten der prosententialen Konzeptionen der Wahrheit spielen die Instanzen des Schemas
‚x ist wahr  p’ keine wesentliche Rolle und sie können somit auch nicht als Maßstab heran-
gezogen werden. Auch die performative Theorie der Wahrheit von Strawson und die klassi-
sche Redundanztheorie der Wahrheit können auf der Grundlage von Pattersons Kriterium
nicht adäquat erfasst werden.
Die Gegenbeispiele sind allerdings allesamt aus der Klasse der radikalen deflationären Wahr-
heitskonzeptionen. Man kann also dem Hauptproblem entgehen, indem man die Grundidee
von Patterson leicht abändert und das Kriterium auf moderate deflationäre Wahrheitskonzep-
tionen einschränkt. Damit wird man auch sogleich eines der angeführten Adaptionsprobleme
los, denn moderate deflationäre Konzeptionen der Wahrheit deuten den Ausdruck ‚ist wahr’
allesamt als genuines Prädikat. Allerdings ändert diese Einschränkung der Idee von Patterson
nichts an den anderen angeführten Problemen und ich sehe keine Möglichkeit, sie in einer
sinnvollen und handhabbaren Weise zu bewältigen, um damit gleichzeitig die aufgestellten
Normen zu erfüllen.
Auch wenn ich das Kriterium von Patterson selbst für problematisch halte, so weist uns die
Einschränkung dieses Kriteriums auf moderate deflationäre Wahrheitskonzeptionen meiner
Ansicht nach einen richtigen Weg. Moderate deflationäre Wahrheitskonzeptionen zeichnen
sich in der Tat dadurch aus, dass die Implikation der Instanzen einer ganz bestimmten Varian-
te der Instanzen des W-Schemas hinreichend für die Angemessenheit dieser Theorie ist. Aber
wenn wir uns nicht in das oben beschriebene Wirrwarr von Bedingungen begeben möchten,
dann müssen wir meiner Ansicht nach ein möglichst allgemeines Kriterium finden, welches
sich aus dem von Patterson beschriebenen Umstand ableiten lässt.
Gibt es so ein Kriterium? Ich denke, dass es ein solches gibt, und es lässt sich nach einer ein-
gehenden Untersuchung des Begriffs der disjunktiven Eigenschaft auch relativ klar formulie-
ren. Als intuitive Ausgangsbasis zur Bestimmung des Begriffs einer disjunktiven Eigenschaft
können wir die folgende Charakterisierung verwenden:

(DE) x(x ist eine disjunktive Eigenschaft  es mindestens zwei unterschiedliche Träger der Eigenschaft x
gibt, die aufgrund unterschiedlicher Merkmale x exemplifizieren.)

Diese Definition gibt uns ein intuitives Grundverständnis davon, was wir unter einer disjunk-
tiven Eigenschaft verstehen sollen. Sie weist allerdings auch eine Reihe von Mängeln auf.
33
Erstens macht sie eine Unterscheidung zwischen Eigenschaften und Merkmalen, die erklärt
werden müsste. Zweitens schließt sie die Möglichkeit aus, dass es eine disjunktive Eigen-
schaft gibt, die aktual nur durch genau einen Gegenstand exemplifiziert wird. Drittens erweist
sie sich für unsere Zwecke in demselben Sinn wie (RD1) als problematisch, weil sie vom Be-
griff der Eigenschaft Gebrauch macht und somit die Uneinigkeit in Bezug auf diesen Begriff
importiert.
Man kann diesem letzten Problem jedenfalls dadurch entgehen, dass man wie schon auf der
Grundlage von (RD1) den Versuch unternimmt, ein rein semantisches Gegenstück zu dem Be-
griff der disjunktiven Eigenschaft zu finden. Das geeignete semantische Gegenstück dazu ist
meiner Ansicht nach der Begriff eines versteckt disjunktiven Prädikats. Die intuitive Grundi-
dee zur Bestimmung dieses alternativen Begriffs lautet, dass etwas ein disjunktives Prädikat
ist gdw. es mit einer Disjunktion von Prädikaten notwendig äquivalent ist. Dieses Kriterium
ist zwar ein notwendiges, aber kein hinreichendes Kriterium für unseren gesuchten Begriff.
Denn in einem trivialen Sinn ist jedes Prädikat mit einer beliebigen Disjunktion von Prädika-
ten notwendig äquivalent. Auf drei problematische Fälle in dieser Hinsicht möchte ich auf-
merksam machen. Erstens: Angenommen, ein Prädikat ‚P’ ist sowohl mit einem Prädikat ‚Q’
als auch mit einem Prädikat ‚R’ notwendig äquivalent, dann ist ‚P’ trivialerweise mit der Dis-
junktion aus ‚Q’ und ‚R’ notwendig äquivalent. Zweitens: Angenommen, ein Prädikat ‚P’ ist
mit einem Prädikat ‚Q’ notwendig äquivalent und ein Prädikat ‚R’ trifft unmöglich auf einen
beliebigen Gegenstand zu, dann ist ‚P’ mit der Disjunktion aus ‚Q’ und ‚R’ notwendig äquiva-
lent. Ein dritter Fall, auf den Langton und Lewis hingewiesen haben, 65 besteht darin, dass je-
des Prädikat ‚P’ mit einer Disjunktion der Form ‚((P  Q)  (P  Q))’ notwendig äquivalent
ist.
Es bedarf somit einiger zusätzlicher Restriktionen, um diese Fälle auszuschließen; und diese
sind bestimmt nicht alle Fälle, die wir ausschließen müssten. Gibt es ein allgemeines intuiti-
ves Kriterium, welches solche Fälle abblockt? Die folgende Reformulierung unserer Aus-
gangsdefinition macht von einem solchen sinnvollen intuitiven Kriterium Gebrauch:

(VD) x(x ist ein versteckt disjunktives Prädikat  es gibt eine Disjunktion von Prädikaten y, mit der x not-
wendig äquivalent ist, und die notwendige Äquivalenz von x mit y ist explanatorisch basal oder konsti-
tutiv für das Zutreffen von x auf beliebige Gegenstände.

Dieses Kriterium setzt meiner Ansicht nach genau am richtigen Punkt an, allerdings ist es sehr
vage und erklärungsbedürftig. Etwas mehr Klarheit können wir meines Erachtens gewinnen,
wenn wir diese neue zusätzliche Bedingung mittels des Konnektivs ‚weil’ etwas präzisier for-
mulieren. Um die Sache auf dieser Grundlage etwas zu vereinfachen, möchte ich (VD) zu die-

65 Vgl. dazu: Langton and Lewis (1999, S. 119).


34
sem Zweck gleich auf das Wahrheitsprädikat herunterbrechen. Wir gelangen dann zu der fol-
genden Adaptierung von (VD):

(VD1) ‚ist wahr’ ist ein versteckt disjunktives Prädikat  ‚ist wahr’ notwendig äquivalent mit einer Disjunkti-
on von Prädikaten ‚P1, P2, …,Pn’ ist und für alle x, die wahr sind, gilt: x ist wahr, weil x P 1 ist oder, …,
oder x Pn ist und für kein x, das x P1 oder, … oder x Pn ist, gilt: x ist P1 oder, …, oder x ist Pn, weil x
wahr ist.

Diese Definition soll uns nunmehr als Grundlage für unsere weiteren Überlegungen dienen.
Sie gibt meiner Ansicht nach ein gutes Grundverständnis des Begriffs eines versteckt disjunk-
tiven Prädikats. Dies sei kurz an einem Beispiel erläutert: Angenommen, wir führen das Prä-
dikat ‚ist grot’ als Abkürzung für das Prädikat ‚ist rot oder grün’ in unsere Sprache ein. Dann
ist dieses Prädikat ein versteckt disjunktives Prädikat. Erstens, weil ‚ist grot’ mit der Disjunk-
tion der Prädikate ‚ist grün’ und ‚ist rot’ notwendig äquivalent ist. Zweitens, weil für alle Din-
ge, die grot sind, gilt, dass sie grot sind, weil sie rot oder grün sind und weil für kein Ding,
das rot oder grün ist, gilt, dass es rot oder grün ist, weil es grot ist.
Inwiefern kann uns der Begriff eines versteckt disjunktiven Prädikats nun für unser Vorhaben
nützlich sein? Wenn die Implikation der Instanzen des W-Schemas in einer bestimmten Ausle-
gung hinreichend für die Korrektheit einer Konzeption der Wahrheit ist, dann erweist sich das
Wahrheitsprädikat dadurch als ein versteckt disjunktives Prädikat; aber nur wenn die Instan-
zen des W-Schemas mindestens die Stärke von notwendigen Äquivalenzen haben. Wir müs-
sen somit eine Erklärung finden, warum die Instanzen des W-Schemas zumindest die Stärke
von notwendigen Äquivalenzen haben sollten, damit wir von (VD1) Gebrauch machen kön-
nen.
Bevor wir uns diesem Vorhaben zuwenden, wollen wir nun der Frage nachgehen, ob (VD1)
für unsere geforderten Zwecke überhaupt genügen würde. Dies scheint nicht der Fall zu sein.
Denn die These, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ ein versteckt disjunktives Prädikat ist, ist noch
zu umfassend und kann moderate deflationäre Wahrheitskonzeptionen noch nicht von allen
möglichen anderen Wahrheitskonzeptionen abgrenzen. Ein Beispiel zur Erläuterung dieses
Punktes: Jemand könnte auf die Idee kommen, die Eigenschaft der Wahrheit in Bezug auf
zwei unterschiedliche Klassen von Propositionen unterschiedlich zu explizieren; bspw. könnte
er die Wahrheit analytischer Propositionen anders erklären wollen als die Wahrheit syntheti-
scher Propositionen. Jemand, der eine solche Wahrheitskonzeption verteidigt, ist darauf fest-
gelegt, den Ausdruck ‚ist wahr’ als versteckt disjunktives Prädikat anzusehen. Es ist aber kei-
neswegs zwingend, eine solche Konzeption als moderate deflationäre Wahrheitskonzeption
auszuweisen. D.h., wenn (VD1) überhaupt sinnvoll auf die moderaten deflationären Wahr-

35
heitskonzeptionen anwendbar sein soll, dann müssen wir das dadurch gegebene Kriterium
noch weiter einschränken.
Es gibt zwei Arten der Unterscheidung von versteckt disjunktiven Prädikaten, die für unsere
Zwecke relevant sind. Nämlich einerseits die Unterscheidung zwischen finiten und infiniten
versteckt disjunktiven Prädikaten; und andererseits die Unterscheidung zwischen nicht-tota-
len und totalen disjunktiven Prädikaten. Wir können aufbauend auf der Definition (VD1) den
Begriff eines infiniten versteckt disjunktiven Prädikates bezüglich des Ausdrucks ‚ist wahr’
derart definieren.

(VD2) ‚ist wahr’ ist ein infinites versteckt disjunktives Prädikat  ‚ist wahr’ ist ein versteckt disjunktives Prä-
dikat und die Anzahl der Prädikate, die die Disjunktion enthält, mit der ‚ist wahr’ in konstitutiver Weise
notwendig äquivalent ist, ist unendlich.

Der Begriff eines finiten versteckt disjunktiven Prädikates lässt sich dann auf dieser Grund-
lage durch Absenkung der Disjunktionsglieder im Rahmen von (VD2) auf eine endliche An-
zahl gewinnen.
Den Begriff eines totalen versteckt disjunktiven Prädikates bezüglich des Ausdrucks ‚ist
wahr’ können wir nun andererseits auf der Grundlage von (VD1) in der folgenden Weise be-
stimmen:66

(VD3) ‚ist wahr’ ist ein totales versteckt disjunktives Prädikat  ‚ist wahr’ ist ein versteckt disjunktives Prädi-
kat und es ist unmöglich, dass es zwei unterschiedliche Gegenstände gibt, auf die sowohl ‚ist wahr’ als
auch dasselbe Prädikat aus der Disjunktion von Prädikaten zutrifft, mit der ‚ist wahr’ in konstitutiver
Weise notwendig äquivalent ist.

Der Begriff eines nicht-totalen versteckt disjunktiven Prädikates ergibt sich durch die Vernei-
nung der zweiten Bedingung von (VD3). Diese beiden Unterscheidungen lassen sich kreuz-
weise zur Erzeugung vier verschiedener Arten von versteckt disjunktiven Prädikaten kombi-
nieren. Unsere Aufgabe besteht nun darin, zu klären, in welche Klasse das Wahrheitsprädikat
moderaten deflationären Wahrheitskonzeptionen zufolge fällt.
Wir haben bereits festgehalten, dass wir auf der Grundlage von (VD1) nur diejenigen Varian-
ten des W-Schemas in Betracht ziehen können, deren Instanzen zumindest notwendige Äqui-
valenzen sind. Auf dieser Grundlage ist nun auch unsere Frage zu beantworten. Es gibt bspw.
eine unendliche Anzahl von Propositionen und diesen unendlich vielen Propositionen steht
eine unendliche Anzahl von W-Instanzen gegenüber. Wenn die Implikation der W-Instanzen
hinreichend ist für die Angemessenheit einer Konzeption der Wahrheit, dann ist das Wahr-
66 Vgl. dazu: “Truth […] is what we might call a “highly singular” property, i.e., a property P such that for every

a and b in its domain, if a  b, then the conditions under which a possesses P are essentially different from the
conditions under which b possesses P. [...] …no two truths have anything substantive in common.”, in: Sher
(1999, S. 139).
36
heitsprädikat vor diesem Hintergrund auch als ein infinites versteckt disjunktives Prädikat an-
zusehen. Denn es gibt in jedem Fall eine unendliche Anzahl von Propositionen mit unendlich
vielen verschiedenen Wahrheitsbedingungen auf der Grundlage der Instanzen des W-Sche-
mas, die notwendige Äquivalenzen sind. Zu einer ganz ähnlichen Einschätzung kommt einer
der Hauptvertreter einer moderaten deflationären Wahrheitskonzeption in der folgenden Pas-
sage:

… we must review what might be meant by ‚a real property’. […] (3) Another possibility is that we count the
following infinitely disjunctive property as ‘real’:

x = the proposition that snow is white and snow is white;


or x = the proposition that God exists and God exists;
or …

But again this is unlikely to be what Wright is supposing since, apart from terminology, it is more or less exactly
the minimalist account of truth.67

Wir sollten daher unser Kriterium genau in dieser Weise weiter einschränken. Es bleibt somit
noch die Frage zu klären, ob es sich bei dem Ausdruck ‚ist wahr’ um ein totales oder ein
nicht-totales unendliches versteckt disjunktives Prädikat handelt. Zwei wichtige Stellen in
Horwichs Werk legen die erste dieser beiden Deutungen nahe:

Perhaps the only points about truth on which most people could agree are, first that each proposition specifies its
own condition for being true (e.g. the proposition that snow is white is true if and only if snow is white), and
second that the underlying nature of truth is a mystery.68

…each statement articulates the conditions that are necessary and sufficient for its own truth. In other words, we
are required to accept that the statement made by “Dogs bark” is true just in case dogs bark, and so on. 69

Diese Deutung ist allerdings nicht per se korrekt. Denn, ob wir die totale Deutung der nicht-
totalen vorziehen können, hängt wesentlich davon ab, wie wir Wahrheitsträger individuieren.
Wenn wir bspw. Propositionen mittels notwendiger Äquivalenz individuieren, dann hat in der
Tat jede unterschiedliche Proposition unterschiedliche Wahrheitsbedingungen auf der Grund-
lage der Instanzen des W-Schemas, die als notwendige Äquivalenzen gedeutet werden. Es
gibt allerdings eine Reihe guter Gründe, die dafür sprechen, dass diese Deutung zu schwach
ist.70 Wenn wir daher Propositionen feinkörniger individuieren, dann gibt es auf der Grund-
lage unserer Voraussetzungen unterschiedliche Propositionen mit denselben Wahrheitsbedin-
gungen. Das würde die nicht-totale Deutung favorisieren. Die Entscheidung zwischen der to-

67 Horwich (1998a, S. 143-144).


68 Horwich (1990, S. xi).
69 Horwich (2004, S. 3).
70 Vgl. dazu: Abschnitt 5.4.4.2.

37
talen und der nicht-totalen Deutung hängt somit in jedem Fall von weiteren Hintergrundan-
nahmen ab.
Allerdings besteht die Möglichkeit, das Kriterium (VD3) in einer bestimmten für uns in jedem
Fall brauchbaren Weise abzuschwächen. Es gibt bspw. Propositionen, die in allen möglichen
Welten wahr sind, und solche, die in einigen möglichen Welten wahr und in anderen Welten
falsch sind und somit kontingente Wahrheiten (oder Falschheiten) sind. Auf dieser Grundlage
können wir nun die besagte Eigenschaft der Totalität auf die kontingenten Träger einer dis-
junktiven Eigenschaft einschränken:

(VD4) ‚ist wahr’ ist ein kontingent totales versteckt disjunktives Prädikat  ‚ist wahr’ ist ein versteckt disjunk-
tives Prädikat und es ist unmöglich, dass es zwei unterschiedliche Gegenstände gibt, auf die ‚ist wahr’
nicht in allen möglichen Welten zutrifft, bezüglich derer gilt, dass sowohl ‚ist wahr’ als auch dasselbe
Prädikat aus der Disjunktion von Prädikaten zutrifft, mit der ‚ist wahr’ in konstitutiver Weise notwendig
äquivalent ist.

Inwiefern ist nun (VD4) für unserer Zwecke nützlicher als (VD3)? Durch die Instanzen des
W-Schemas kann nur dann die Eigenschaft der Wahrheit in Bezug auf beliebige Wahrheitsträ-
ger spezifiziert werden, wenn diese Instanzen mindestens notwendige Äquivalenzen sind. Ich
gehe dabei von der Voraussetzung aus, dass Eigenschaften mittels notwendiger Äquivalenz in-
dividuiert werden.71 Das hat zur Folge, dass auf der Grundlage der Instanzen des W-Schemas
alle notwendigen Wahrheiten unter genau denselben Bedingungen wahr sind, alle kontingen-
ten Wahrheiten aber unterschiedliche Bedingungen bezüglich ihres Wahrseins haben. In die-
sem Sinn wäre ‚ist wahr’ dann als ein Prädikat aufzufassen, welches (VD4) erfüllt. Es ist so-
mit meiner Ansicht nach für eine moderate deflationäre Wahrheitskonzeption zumindest eine
notwendige Bedingung, dass einer solchen Konzeption zufolge der Ausdruck ‚ist wahr’ nicht
nur (VD2), sondern obendrein (VD4) erfüllt.
Bevor wir nun der Frage nachgehen können, ob wir auf dieser Grundlage ein angemessenes
Kriterium für unsere Zwecke haben, möchte ich mich der oben erwähnten Voraussetzung wid-
men, die erfordert, nur solche Lesarten der Instanzen des W-Schemas zuzulassen, die diese
mindestens als notwendige Äquivalenzen auszeichnen. Diese Voraussetzung ist notwendig für
unser Vorhaben, aber wie kann sie gerechtfertigt werden? Eine wichtige Klärung in Bezug auf
unser Gesamtprojekt ist in diesem Zusammenhang nötig. Uns geht es darum, eine Charakteri-
sierung von deflationären Wahrheitskonzeptionen in Bezug auf rein deskriptive Wahrheits-
konzeptionen zu geben; d.h. Wahrheitskonzeptionen, die sich mit dem Ausdruck ‚ist wahr’, so
wie wir diesen in der natürlichen Sprache vorfinden, beschäftigen. Damit möchte ich nicht
ausschließen, dass es auch konstruktive deflationäre Wahrheitskonzeptionen gibt; also Wahr-
71Es gibt gute Gründe, Eigenschaften mindestens über notwendige Äquivalenz zu individuieren. Vgl. dazu: Ab-
schnitt 5.1.4.
38
heitskonzeptionen, die deflationär sind, die aber nach einem geeigneten Ersatz für den Aus-
druck ‚ist wahr’ in unserer natürlichen Sprache auf der Grundlage bestimmter Normen der
wissenschaftlichen Respektabilität suchen. Diese Ansätze sollen allerdings nicht durch die
hier angestrebte Charakterisierung erfasst werden. Wenn es uns somit ausschließlich um den
Ausdruck ‚ist wahr’ geht, so wie wir ihn in der natürlichen Sprache vorfinden, dann können
wir guten Gewissens einfordern, dass eine Wahrheitskonzeption zumindest die Intension von
‚ist wahr’ bestimmen sollte.72 Denn die Merkmale, die für die Semantik und unser Verständnis
des Ausdrucks ‚ist wahr’ wirklich signifikant sind, werden erst von der Ebene der Intension
dieses Ausdrucks an deutlich und sichtbar.
Auf der Grundlage dieser Festsetzung können wir nun unser entwickeltes Kriterium verwen-
den, um eine Charakterisierung moderater deflationärer Wahrheitskonzeptionen in der folgen-
den Weise zu formulieren:

(MD1) x(x ist eine moderate deflationäre Wahrheitskonzeption  x ist eine Wahrheitskonzeption, die auf die
These, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ ein kontingent totales unendliches versteckt disjunktives Prädikat
ist, festgelegt ist).73

Inwiefern erweist sich dieses Kriterium nun als angemessen? Meiner Ansicht nach erweist
sich dieses Kriterium zwar als sehr nahe an der Wahrheit, aber als noch immer zu weit. Es er-
fasst nämlich nicht nur alle moderaten deflationären Konzeptionen der Wahrheit auf unserer
oben angeführten Liste der eindeutig deflationären Wahrheitskonzeptionen, sondern auch eine
ganze Reihe von Konzeptionen aus der Liste der Zweifelsfälle; wie bspw. die Konzeptionen
von Ramsey, Mackie, Kneale, Kalderon und Künne. D.h., (MD1) erfordert nun, mehr Klarheit
in einen noch bestehenden unklaren Grenzbereich zu bringen. Wir müssen nach Gründen Aus-
schau halten, die uns klar sagen, ob die angeführten Konzeptionen von der zweiten Liste nun
auf die erste Liste verschoben werden sollten oder ob sie eigentlich als nicht-deflationäre
Wahrheitskonzeptionen einzustufen sind.
Die Charakterisierung (MD1) macht ebenso wie (RD2) und (RD3) allein von einer Klassifi-
kation des semantischen Status von ‚ist wahr’ Gebrauch, um eine bestimmte Unterklasse de-
flationärer Wahrheitskonzeptionen zu spezifizieren. Wie diese beiden anderen Charakterisie-
rungen stellt auch (MD1) keinen direkten Bezug zu der Nützlichkeit des Ausdrucks ‚ist wahr’
her. Wir haben gesehen, dass sich auf der Grundlage von (RD2) und (RD3) allerdings Konse-
quenzen ableiten lassen, welche die Nützlichkeit von ‚ist wahr’ direkt betreffen. Gilt das auch
72Dass es weitere gute Gründe für diese Festsetzung gibt, werde ich in Abschnitt 5.3.2.1 darlegen.
73Man kann gegen diese Charakterisierung einwenden, dass es prinzipiell möglich ist, dass eine Wahrheitskon-
zeption dieses Kriterium erfüllt, ohne dass die Implikation der Instanzen irgendeiner Variante des W-Schemas für
diese Konzeption hinreichend ist. Diese Möglichkeit besteht in der Tat. Sie scheint mir allerdings ignoriert wer-
den zu können, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass es eine Wahrheitskonzeption gibt, die (MD1) erfüllt,
nicht aber Pattersons Kriterium, und die zumindest den Anschein einer Plausibilität aufweist. Allerdings wäre ich
andererseits auch bereit, diese Ausnahmen in Kauf zu nehmen und sie quasi stipulativ als moderate deflationäre
Wahrheitskonzeptionen zu akzeptieren.
39
in Bezug auf (MD1)? Dies gilt meiner Ansicht nach keinesfalls in analoger Weise. Allein auf
der Grundlage des Umstands, dass eine Wahrheitskonzeption (MD1) erfüllt, kann nichts di-
rekt über den Status der Nützlichkeit von ‚ist wahr’ gesagt werden. Es gibt nämlich sowohl
Konzeptionen, die (MD1) erfüllen und dem Ausdruck ‚ist wahr’ eine explanatorische Funkti-
on zuweisen, als auch solche, die (MD1) zwar erfüllen, die dem Ausdruck ‚ist wahr’ aber eine
rein expressive Funktion zuweisen. Es hängt nämlich noch von weiteren Hintergrundannah-
men eines Vertreters einer Wahrheitskonzeption, die das Kriterium (MD1) erfüllt, ab, welche
Konsequenzen sich daraus für die Nützlichkeit von ‚ist wahr’ ergeben.
Wenn wir es nun schaffen, einen halbwegs klaren Unterschied zwischen einer explanatori-
schen und einer rein expressiven Nützlichkeit von ‚ist wahr’ zu machen, dann können wir
(MD1) auf dieser Grundlage weiter einschränken und damit einige Konzeptionen ausschlie-
ßen, die sich auf unserer zweiten Liste befinden.
Es gibt mindestens zwei rein expressive Funktionen, die dem Ausdruck ‚ist wahr’ von Seiten
mancher moderater Deflationisten zugeschrieben werden, welche diesem Ausdruck auch tat-
sächlich zukommen. Erstens kann der Ausdruck ‚ist wahr’ dazu verwendet werden, sogenann-
te blinde Wahrheitszuschreibungen zu machen. Das sind Wahrheitszuschreibungen wie bspw.
‚Was Peter gestern um diese Zeit zu Michael sagte, ist wahr’. Wir können damit Informatio-
nen übermitteln, aus denen nur jemand einen gehaltvollen Schluss ziehen kann, der über be-
stimmte Zusatzinformationen verfügt. Also nur jemand, der weiß, dass Peter an dem besagten
Tag zu der besagten Zeit gesagt hat, dass Österreich den Nationalsozialismus noch nicht wirk-
lich überwunden hat, kann aus dem Satz ‚Was Peter gestern um diese Zeit zu Michael sagte,
ist wahr’, der angeführten Zusatzinformation und der relevanten Instanz des W-Schemas die
Information ableiten, dass Österreich den Nationalsozialismus noch nicht wirklich überwun-
den hat.74
Zweitens können wir mittels des Wahrheitsprädikats bestimmte Generalisierungen aufstellen,
die einem auf der Grundlage bestimmter Instanzen des W-Schemas die Ableitung der Instan-
zen von Generalisierungen mittels sententialer Quantifikation erlauben. So können wir bspw.
auf diesem Wege aus der Generalisierung, dass alles, was der Papst sagte, wahr ist, die Instan-
zen der Generalisierung ‚p(Der Papst sagte, dass p  p)’ ableiten.75
Diese beiden expressiven Funktionen von ‚ist wahr’ sollten sich nicht nur auf der Grundlage
einer deflationären Wahrheitskonzeption, sondern auch auf der Grundlage jeder angemesse-
nen Wahrheitskonzeption erklären lassen. Wie sieht es aber nun andererseits mit den explana-
torischen Funktionen von ‚ist wahr’ aus? Mir scheint es ein aussichtsloses Unterfangen zu
sein, die zwar sinnvolle intuitive Unterscheidung zwischen einer rein expressiven und einer
explanatorischen Nützlichkeit eines Prädikats in einer klaren und präzisen Weise zu ziehen.
74 Vgl. dazu: Abschnitt 4.1.5, 4.2.1.4 und 4.2.3.
75 Vgl. dazu: Abschnitt 4.1.5, 4.2.1.4 und 4.2.3.
40
Es scheint mir aber auf der anderen Seite möglich zu sein, ein wirklich glasklares Beispiel für
eine (mögliche) explanatorische Funktion des Ausdrucks ‚ist wahr’ anzuführen. Dieses Bei-
spiel möchte ich nicht nur zum Paradigma für eine explanatorische Funktion des Ausdrucks
‚ist wahr’ erheben, ich möchte es aus Ermanglung an klaren Alternativen 76 zu einem Unter-
scheidungskriterium umfunktionieren, um damit und in Verbindung mit (MD1) zwei Arten
von Wahrheitskonzeptionen klar unterscheiden zu können. Welche Funktion meine ich? Für
viele Philosophen ist es unzweifelhaft, dass wir mittels der folgenden beiden Bikonditionale
wichtige Informationen über den semantischen Gehalt der Sätze ‚Snow is white’ und ‚Ich bin
hungrig’ vermitteln können:

(B3) ‚Snow is white’ ist wahr im Englischen  Schnee weiß ist.


(B4) Die Äußerung ‚Ich bin hungrig’ ist wahr  der Äußerer dieser Äußerung hungrig ist.

Der Ausdruck ‚ist wahr’ verfügt auf dieser Grundlage über eine explanatorische Funktion,
weil er es ermöglicht, Wahrheitsbedingungen von Sätzen oder anderen Entitäten zu formulie-
ren, die wichtige Informationen über den Gehalt dieser Entitäten vermitteln. 77 Konkret lässt
sich diese explanatorische Funktion meiner Ansicht nach an der Akzeptanz der Instanzen ei-
nes ganz bestimmten Schemas festmachen. D.h., wenn jemand die Instanzen des folgenden
Schemas akzeptiert, dann schreibt er dem Ausdruck ‚ist wahr’ die angeführte explanatorische
Funktion zu:

(BW) Wenn jemand die Bedeutung des Satzes ‚p’ kennt, dann kennt er die Wahrheitsbedingungen von ‚p’.

Jemand, der darüber hinaus der Auffassung ist, dass das Konditional in (BW) durch ein Bi-
konditional ersetzt werden kann, ohne dass dadurch der Wahrheitswert von (BW) verändert
wird, ist dann obendrein als ein Vertreter einer wahrheitskonditionalen Semantik anzusehen.
Horwich und Field sind prominente Vertreter unterschiedlicher moderater deflationärer Wahr-
heitskonzeptionen, die beide ihrer jeweiligen Wahrheitskonzeption eine Auffassung von Se-
mantik zugrunde legen, die mit (BW) unvereinbar ist.78
Horwich schlägt daher bspw. vor, das Schema (BW) durch das folgende Schema zu erset-
zen:79

76 Es gibt darüber hinaus noch die Debatte über eine kausal explanatorische Rolle von ‚ist wahr’. Ich halte diese
Debatte allerdings für höchst diffus und hoffungslos verworren, weshalb sie bei meinen Überlegungen keine we-
sentliche Rolle spielen wird. (Vgl. dazu: Devitt (1991, Abschnitt 2.1); Leeds (1995), Kitcher (2002) und Dam-
njanovic (2005)).
77 Vgl. dazu: „Many think that the best case for substantive truth is to be found in semantics: truth is the central

concept in the explanation of the meaning of utterances and/or the contents of thoughts.“, in: Devitt (1991, S.
281).
78 Vgl. dazu: Field (1994, S. 355-359); Horwich (1998a, S. 68-71).
79 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 69-70).

41
(BW*) Wenn jemand die Bedeutung des Satzes ‚p’ kennt und über den Wahrheitsbegriff verfügt, dann kennt er
die Wahrheitsbedingungen von ‚p’.

Für ihn sind nur die Instanzen des Schemas (BW*) akzeptabel, nicht aber die Instanzen des
Schemas (BW). Wie können wir auf dieser Grundlage nun die Charakterisierung (MD1) mo-
difizieren und weiter einschränken? Man kann keineswegs fordern, dass irgendeine Wahr-
heitskonzeption die Instanzen des Schemas (BW) selbst implizieren soll. Die Instanzen von
(BW) tragen nichts zur Bestimmung des Wahrheitsbegriffs oder der Eigenschaft der Wahrheit
bei. Was wir aber fordern können, ist der Umstand, dass eine Wahrheitskonzeption auf der
Grundlage aller ihrer Hintergrundannahmen entweder vereinbar oder unvereinbar mit der
Wahrheit der Instanzen von (BW) ist. Horwichs Wahrheitskonzeption ist bspw. unvereinbar
mit der Wahrheit der Instanzen, weil Horwich eine ganz spezifische gebrauchstheoretische
Konzeption der Bedeutung bei seiner Analyse des Begriffs der Wahrheit und der Bedeutung
von ‚ist wahr’ voraussetzt und diese Konzeption im Widerspruch zu der Wahrheit der Instan-
zen von (BW) steht.80 Ähnlich verhält es sich auch mit Fields Wahrheitskonzeption, die auf
einer Inferentiellen-Rollen-Semantik basiert. Aufgrund dieser Voraussetzungen ergibt sich
ebenfalls die Unvereinbarkeit seiner Wahrheitskonzeption mit der Wahrheit der Instanzen von
(BW).81 Vor diesem Hintergrund bietet es sich meiner Ansicht nach nun an, die Charakterisie-
rung (MD1) in der folgenden Weise zu modifizieren:

(MD2) x(x ist eine moderate deflationäre Wahrheitskonzeption  x ist eine Wahrheitskonzeption, die auf die
These, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ ein kontingent totales unendliches versteckt disjunktives Prädikat
ist, festgelegt ist und x mit der Wahrheit der Instanzen von (BW) unvereinbar ist).

Als eine erste Folge dieser Einschränkung ergibt sich bspw., dass die Konzeption von Künne,
obwohl diese die Charakterisierung (MD1) erfüllt, auf der Grundlage von (MD2) als keine
moderate deflationäre Wahrheitskonzeption ausgewiesen wird. Künne hat darauf hingewiesen,
dass auf der Grundlage der Grundannahmen, die er in Bezug auf seine ‚bescheidene’ Wahr-
heitskonzeption macht, keine Unvereinbarkeit zu der Wahrheit der Instanzen von (BW) be-
steht.82 Ein ähnliches Urteil lässt sich meiner Ansicht nach auch in Bezug auf die angeführten
Ansätze von Ramsey, Mackie, Kneale und Kalderon fällen. 83 (MD2) erlaubt uns somit auch
eine Entscheidung in Bezug auf manche Konzeptionen zu treffen, die sich auf unserer Liste
der Zweifelsfälle befanden. Meiner Ansicht nach haben wir somit durch (MD2) einen Weg ge-
funden, die Klasse der moderaten deflationären Wahrheitskonzeptionen ebenso klar von allen

80 Vgl. dazu: Abschnitt 4.2.3.


81 Vgl. dazu: Field (1994, S. 354-355).
82 Vgl. dazu: Künne (2003, S. 373).
83 Genau dasselbe gilt auch für die Wahrheitskonzeption, die ich im letzten Kapitel dieses Buches verteidigen

werde.
42
anderen Wahrheitskonzeptionen abzugrenzen, wie uns dies durch (RD2) oder (RD3) in Bezug
auf die radikalen deflationären Wahrheitskonzeptionen gelungen ist.

(1.4.3) Die allgemeine Charakterisierung deflationärer Wahrheitskonzeptionen

Auf dieser Grundlage bleibt somit nur noch zu klären, wie wir von den nun verfügbaren Cha-
rakterisierungen der beiden Hauptunterklassen deflationärer Wahrheitskonzeptionen zu einer
Charakterisierung übergehen können, die alle deflationären Wahrheitskonzeptionen und nur
diese erfasst. Die einfachste Möglichkeit, dies zu bewerkstelligen, besteht darin, eine Disjunk-
tion aus unseren beiden Teilklassifikationen zu bilden und somit die folgende Charakterisie-
rung zu formulieren:

(AD) x(x ist eine deflationäre Wahrheitskonzeption  x ist eine radikale deflationäre Wahrheitskonzeption 
x ist eine moderate deflationäre Wahrheitskonzeption)

Gegen eine solche einfache und naheliegende Lösung unseres Hauptanliegens auf der Grund-
lage unserer bisherigen Entdeckungen kann man vor allem zwei Einwände erheben. Erstens
erreicht (AD) zumindest nicht das Idealziel der Erfüllung von Norm (N3), weil diese Charak-
terisierung zwar in der einfachsten möglichen Weise, aber dennoch disjunktiv ist. Wenn man
(AD) verteidigen will, müsste man schon zeigen, warum diese einfachste Form der Disjunkti-
vität unvermeidbar ist. Zweitens erfährt man durch (AD) eben gerade nicht, was wirklich al-
len deflationären Wahrheitskonzeptionen gemeinsam ist und was somit die Bildung einer sol-
chen Klasse von Wahrheitskonzeptionen rechtfertigt, weil die beiden Kriterien, auf die (AD)
zurückgreift, völlig disjunkt sind. D.h., wir können zwar die Einführung zweier unterschiedli-
cher Klassen von Wahrheitskonzeptionen auf der Grundlage von (AD) rechtfertigen, nicht
aber die Einführung einer einheitlichen Klasse von Wahrheitskonzeptionen, welche sich aus
der Konjunktion dieser beiden Klassen ergibt.
Der erste Einwand scheint mir insofern zutreffend, als es auf der Grundlage der Unterschei-
dung zwischen einer rein expressiven und einer explanatorischen Nützlichkeit von ‚ist wahr’
tatsächlich möglich scheint, ein allgemeines Kriterium zu finden, welches alle deflationären
Wahrheitskonzeptionen von allen anderen Wahrheitskonzeptionen abgrenzt. Das Problem mit
diesem Ansatz besteht aber meiner Ansicht nach darin, dass es ziemlich aussichtslos erscheint,
dieses Kriterium in einer klaren, präzisen und allgemein anwendbaren Weise zu formulieren.
Ich sehe mich zumindest dazu völlig außer Stande und auch in der Literatur ist kein brauchba-
rer Ansatz dafür zu finden. Wir sollten daher meines Erachtens mit (AD) Vorlieb nehmen, da
sich diese Charakterisierung zumindest durch ihre Klarheit und Eindeutigkeit auszeichnet.
Falls sich meine Einschätzung als richtig erweisen würde, dass sich das einzige sinnvolle,

43
wirklich allgemeine Kriterium, über das wir verfügen, nicht hinreichend in seiner Allgemein-
heit präzisieren lässt, dann würde sich der erste Einwand erledigen. Denn dann ist (AD) oder
ein vergleichbar disjunktives Kriterium wie (AD) wirklich das einzig sinnvolle und brauchba-
re Kriterium, das wir zur Abgrenzung der deflationären Wahrheitskonzeptionen verwenden
können.
Dem zweiten Einwand ist grundsätzlich auch zuzustimmen. Denn wir erfahren direkt durch
(AD) tatsächlich nichts darüber, was allen deflationären Wahrheitskonzeptionen gemeinsam
ist. Ein genauer zweiter Blick zeigt aber, dass dieser Einwand nicht so gravierend ist, wie er
auf den ersten Blick scheinen mag. Denn wir erfahren durch (AD) indirekt sehr wohl etwas
über die bereits angeführte und einzig bestehende Gemeinsamkeit zwischen radikalen und
moderaten deflationären Wahrheitskonzeptionen, die sie de facto von allen anderen Konzep-
tionen abgrenzt. Aufgrund der besonderen radikalen Natur der durch (RD2) oder (RD3) cha-
rakterisierten Wahrheitskonzeptionen ergibt sich aus dem Zutreffen dieser Klassifikationskri-
terien auf eine Wahrheitskonzeption unmittelbar die Folge, dass dem Ausdruck ‚ist wahr’ auf
der Grundlage einer solchen Wahrheitskonzeption unmöglich eine explanatorische Funktion
zukommen kann, ganz unabhängig davon, wie der Begriff einer explanatorischen Funktion ei-
nes Prädikats nun ganz präzise zu bestimmen wäre. Wir erreichen ein ganz ähnliches Resultat
auf der Grundlage von (MD2), wenn wir von einer Hilfsannahme Gebrauch machen, die mei-
ner Ansicht nach sehr plausibel ist. Diese Annahme lautet wie folgt:

(HA) Die einzig sinnvolle (und klare) explanatorische Funktion, die dem Ausdruck ‚ist wahr’ überhaupt zuge -
schrieben werden kann, betrifft die Rolle dieses Ausdrucks im Rahmen von Sätzen, die Wahrheitsbedin-
gungen formulieren, welche wesentliche Informationen über die Gehalte von Sätzen, Äußerungen, Propo-
sitionen etc. vermitteln.

Auf der Grundlage dieser Hilfsannahme und auf der Grundlage der Erfüllung des Kriteriums
(MD2) durch eine Wahrheitskonzeption können wir nun auf die These schließen, dass nach ei-
ner solchen Wahrheitskonzeption dem Ausdruck ‚ist wahr’ unmöglich eine explanatorische
Funktion zugeschrieben werden kann, ganz unabhängig davon, wie der Begriff einer explana-
torischen Funktion eines Prädikats nun ganz präzise zu bestimmen wäre.
Wir erfahren auf der Grundlage von (AD) somit auf eine indirekte Weise sehr wohl etwas dar-
über, was allen deflationären Wahrheitskonzeptionen gemeinsam ist; und wir müssen uns mit
dieser indirekten Art der Informationsvermittlung begnügen, falls die Unterscheidung zwi-
schen einer rein expressiven und einer explanatorischen Nützlichkeit eines Prädikats nicht
eindeutig zu ziehen ist, oder wir müssen meiner Ansicht nach zumindest so lange damit Vor-
lieb nehmen, bis diese Unterscheidung klar gezogen werden kann.

44
Wir können daher nunmehr das Resümee ziehen, dass unsere Untersuchungen in jedem Fall
unser Verständnis der Charakteristika deflationärer Wahrheitskonzeptionen vertieft und ver-
bessert haben. Auf dieser Grundlage sollte es uns auch erlaubt sein, die Ausdrücke ‚deflatio-
när’ und ‚Deflationismus’ in Bezug auf Wahrheitskonzeptionen weiter zu verwenden.

45
2. Prosententiale Konzeptionen der Wahrheit und ihre Schwächen

(2.0) Einleitung

Die prosententiale Konzeption der Wahrheit wird gegenwärtig in drei unterschiedlichen Ver-
sionen vertreten: (i) in ihrer ursprünglichen Version, so wie sie von Grover, Camp und Belnap
erstmalig dargelegt wurde84, (ii) in einer von Grover weiterentwickelten Form85 und (iii) in
der von Brandom vertretenen Form86. Ich werde nun im Folgenden diese drei Versionen der
prosententialen Konzeption der Wahrheit darlegen und miteinander vergleichen, um sie an-
schließend zu kritisieren und als unangemessen zurückzuweisen.

(2.1) Allgemeine Zielsetzungen prosententialer Konzeptionen der Wahrheit

Wie es für Vertreter radikaler deflationärer Wahrheitskonzeptionen charakteristisch ist, sind


Vertreter einer prosententialen Auffassung der Wahrheit der Überzeugung, dass eine philoso-
phische Analyse der Wahrheit auf die Erklärung der semantischen und pragmatischen Eigen-
schaften des Ausdrucks ‚ist wahr’ beschränkt ist.87 Bei der Umsetzung dieser Auffassung
knüpfen Prosententialisten vor allem an einige wahrheitstheoretische Auffassungen von Ram-
sey und Strawson88 an, welche sie durch eine prosententiale Analyse des Ausdrucks ‚ist wahr’
zu verteidigen und zu vereinheitlichen suchen. Das geht aus den folgenden Ausführungen von
Grover recht deutlich hervor:

The prosentential theory of truth can be viewed as developing and explaining Ramsey’s (1927) and Strawson’s
(1950) suggestive insights concerning the content-redundancy and utility of the truth predicate. 89

Im Detail sind es drei allgemeine Überzeugungen, die alle Vertreter einer prosententialen
Konzeption der Wahrheit zu verteidigen bestrebt sind:

(U1) Der semantische Gehalt des Ausdrucks ‚ist wahr’ ist keine Konstituente des propositionalen Gehalts eines
Satzes, der diesen Ausdruck enthält; insofern ist der Ausdruck ‚ist wahr’ inhaltlich redundant. 90

84 In: Grover, Belnap und Camp (1975) bzw. Grover (1992, Kap. 3).
85 Vor allem repräsentiert durch die Kapitel 1, 4, 5, 6, 7 und 9 der Aufsatzsammlung Grover (1992).
86 In: Brandom (1988), (1994), (1997) und (2002).
87 Vgl. dazu: „…all ordinary truth talk (that we need) can be explained in terms of a prosentential role of ‘true’
and ‘false’”, in: Grover (1992, S. 17).
88 Vgl. dazu: Ramsey (1927, 1990); Strawson (1949, 1950).
89 Grover (1992, S. 12). Siehe auch: Grover, Belnap und Camp (1975, S. 70-72).
90 Vgl. dazu: Grover (1992, S. 17-18. S. 99).

46
(U2) Der Ausdruck ‚ist wahr’ steht in keiner semantischen Beziehung zu etwas, was wir die Eigenschaft der
Wahrheit nennen könnten. D.h., Sätze, die diesen Ausdruck enthalten, können nicht dazu verwendet wer-
den, irgendwelchen Entitäten die Eigenschaft der Wahrheit zuzuschreiben. 91

(U3) Der Ausdruck ‚ist wahr’ verfügt, wenn er im Rahmen von Behauptungen verwendet wird, höchstens über
die kommunikative Funktion, Zustimmung bezüglich bereits vollzogener Behauptungen auszudrücken. 92

Die Verteidigung dieser drei Thesen ist, wie bereits angedeutet, kein alleiniges Charakteristi-
kum einer prosententialen Konzeption der Wahrheit. Als Strawson Anfang der 50er Jahre des
20. Jahrhunderts noch eine sogenannte performative Auffassung der Wahrheit vertrat, ver-
suchte er ebenso die drei angeführten Thesen zu verteidigen. 93 Von vielen Autoren werden
Ramseys wahrheitstheoretische Arbeiten so ausgelegt, als ob er die Thesen (U1) und (U2)
vertreten würde.94 Was aber diese Ansätze von der prosententialen Analyse der Wahrheit un-
terscheidet, ist die Art der Rechtfertigung dieser Thesen. Und genau daran wird sich zeigen,
was eine prosententiale Konzeption der Wahrheit ausmacht.
Bevor wir uns im Detail der Frage zuwenden, wie diese drei Thesen von Prosententialisten
verteidigt werden bzw. verteidigt werden können, möchte ich auf die zwei Grundmotivationen
einer prosententialen Konzeption der Wahrheit eingehen.

(2.2) Die Ausgangspunkte einer prosententialen Konzeption der Wahrheit

Der erste Ausgangspunkt für eine prosententiale Analyse des Ausdrucks ‚ist wahr’ ergab sich
für Dorothy Grover auf der Grundlage ihrer Beschäftigung mit der Frage, inwiefern der Quan-
tifikation in Satzpositionen hinein im Rahmen einer formalen Sprache Sinn abgewonnen wer-
den kann. Grover lässt sich bei der Beantwortung dieser Frage von einer Doktrin leiten, die
wie folgt formuliert werden kann:

There are (at least) two ways to specifying what the functors in a formal language mean: on the one hand by giv-
ing a formal semantics or interpretation of the language, and on the other by giving a number of readings in Eng -
lish.95

91 Vgl. dazu: Grover (1992, S. 80, S. 94).


92 Vgl. dazu: Grover (1992, S. 44; S. 77; S. 99; S. 123); Siehe auch: Beebe (2003, S. 3).
93 Hier ist eine kleine zusätzliche Einschränkung nötig: Strawson geht es im Wesentlichen auch um die Verteidi -

gung der These (U3). Er gesteht allerdings ganz bestimmte Ausnahmen ein. Wenn ein Angeklagter bspw. vor Ge-
richt eine Behauptung macht, die den Ausdruck ‚ist wahr’ enthält, dann kann er nach Strawson dadurch nicht nur
eine zuvor gemachte Behauptung bestätigen, sondern er kann damit darüber hinaus ein Geständnis ablegen.
(Vgl. dazu: Strawson (1949 [1968], S. 110, Fn. 8)). Man müsste also (U3) nach Strawson derart abschwächen,
dass das performative Potential von ‚ist wahr’ ausschließlich darin besteht, Behauptungen in Zustimmungen, Be-
stätigungen oder damit eng verwandte Sprechakte zu transformieren. (Vgl. dazu: Künne (2003, S. 56-60)). Es
geht Strawson bei der Verteidigung von (U3) vor allem darum, Gründe für die Wahrheit der These (U2) zu lie-
fern.
94 Vgl. dazu: Ayer (1936 [1970], S. 114-118); Ayer (1963, S. 164-167); Heidelberger (1968, S. 212); Prior (1971,

S. 11); Williams (1976, S. 17); Grover (1992, S. 71); Puntel (1993, S. 70); Forbes (1986, S. 28); Horwich (1990,
S. 38); Kirkham (1992, S. 317) und David (1994, S. 4).
95 Grover (1992, S. 48).

47
Quine hat mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass die Individuenvariablen der Prädikatenlo-
gik erster Stufe eine ähnliche semantische Funktion haben wie anaphorisch gebrauchte Prono-
men in der natürlichen Sprache.96 In dieser Hinsicht scheint zwischen der folgenden Formel
der Prädikatenlogik erster Stufe und dem folgenden Satz der natürlichen Sprache eine gewisse
Entsprechung zu bestehen:

x(Fx  Gx).
(2) Für alle Gegenstände gilt, wenn sie Hunde sind, dann bellen sie.

Es fragt sich nur, welche genaue Entsprechung zwischen (1) und (2) besteht. So wie der
Quantor ‚x’ im Rahmen von (1) die beiden Vorkommnisse der Variablen ‚x’ in (1) bindet, so
scheint in analoger Weise im Rahmen von (2) zwischen dem Ausdruck ‚alle Gegenstände’ und
den beiden Vorkommnissen des Pronomens ‚sie’ eine anaphorische Beziehung zu bestehen.
Was kann nun konkret auf der Grundlage dieser Analogie geschlossen werden? Manche Auto-
ren sehen in der Analogie, die zwischen (1) und (2) besteht, die Möglichkeit, die Wohlge-
formtheit und Sinnhaftigkeit der formalen Quantifikation in die Position eines singulären
Terms hinein zu rechtfertigen. Verallgemeinert man diese Strategie, so bedeutet das, dass nur
solche Arten der formalen Quantifikation gerechtfertigt sind, die eine analoge Entsprechung
in der natürlichen Sprache haben. Für andere Autoren ist die Erklärungsordnung umgekehrt
aufzufassen: Für diese Autoren lässt sich die anaphorische Beziehung, die im Rahmen von
Sätzen wie (2) besteht, auf der Grundlage von (1) überhaupt erst verstehen und erklären. D.h.,
die anaphorische Funktion der Pronomen in (2) wird mit der Funktion von gebundenen Varia-
blen in einer formalen Sprache identifiziert. Welche Erklärungsrichtung angemessen ist und
ob sich auf der Basis dieser Analogie überhaupt eine Erklärung ergibt, wird sich im Weiteren
noch zeigen.
Grover wurde auf jeden Fall durch diese Art von Überlegung – allerdings auf den Fall der
Quantifikation in Satzpositionen hinein angewandt – dazu geführt, einen wesentlichen Grund-
begriff der prosententialen Analyse der Wahrheit einzuführen: den Begriff der Prosentenz (des
Fürsatzes). Da (2) als Entsprechung für (1) in der natürlichen Sprache zu gelten scheint, stellt
sich die Frage, ob es eine solche Entsprechung in der natürlichen Sprache auch für eine For-
mel wie die folgende gibt:

(3) p(pp).

Diese Formel enthält Vorkommnisse der Variablen ‚p’, welche in Satzpositionen stehen. Wie
lässt sich der Gebrauch solcher Variablen rechtfertigen? In erster Linie dadurch, dass man
96 Vgl. dazu: Quine (1939 [1976], S. 198); Quine (1970, S. 66-67); Künne (2003, S. 360-362).
48
eine formale Semantik für sententiale Quantoren angibt. Das hat Grover in einer ihrer ersten
Publikationen zum Thema97 auch getan, indem sie den sententialen Quantoren eine substitu-
tionelle Interpretation gab. Diese besteht grob gesagt darin, sententiale All-Quantifikationen
durch die Konjunktion ihrer Instanzen und sententiale Existenz-Quantifikationen durch die
Disjunktion ihrer Instanzen zu definieren. Sie beschränkte sich bei der Rechtfertigung der
Sinnhaftigkeit der sententialen Quantifikation allerdings nicht darauf, sondern ging darüber
hinaus der Frage nach, ob es eine Entsprechung für Formeln wie (3) in der natürlichen Spra-
che gibt. Ihre erste Antwort bezüglich dieser Frage in Grover (1972) war die folgende:

… there appear to be no sentences in English that serve as adequate readings of formulas containing proposi-
tional quantifiers [like (3)].98

Mit dieser Antwort scheint eine Rechtfertigung von Formeln wie (3) durch eine Analogie zur
natürlichen Sprache auf den ersten Blick ausgeschlossen zu sein. Das ist aber nicht ganz kor-
rekt. Denn es fragt sich, ob es nur ein kontingenter Faktor ist, dass es in der natürlichen Spra-
che keine Ausdrücke gibt, die sententialen Variablen in einer formalen Sprache entsprechen,
oder ob dies grundsätzlich unmöglich ist. Grover ist der Auffassung, dass es sich hierbei um
eine bloß kontingente Tatsache handelt, die durch die Einführung entsprechender Ausdrücke
in die natürliche Sprache behoben werden könne. Welche Ausdrücke sollten dies sein? Grover
bedient sich bei der Beantwortung dieser Frage einer Analogie zu Fällen der anaphorischen
Bezugnahme, wie sie in Sätzen wie (2) zu bestehen scheinen. Sie meint daher, dass solche
Ausdrücke im selben Verhältnis zu Sätzen stehen müssten wie Pronomen zu Eigennamen. Sie
nennt diese Ausdrücke auf der Grundlage dieser Analogie ‚prosentences’, also Prosentenzen
(oder Fürsätze), und gibt die folgende Definition dieser Ausdrücke an:

(a) A prosentence occupies a position in a sentence that a sentence could occupy, just as a pronoun occupies a po-
sition in a sentence that a proper noun or noun phrase could occupy. [...]
(b) A pronoun is like a proper noun in that it can be used to refer to an individual. [...] … prosentences can be
used in many ways that sentences can be used. [...]
(c) A principal function of prosentences is their anaphoric use, which prosentences have in common with pro -
nouns.99

Auf dieser Grundlage wurde von Grover der Ausdruck ‚thatt’ per Stipulation als ein Ausdruck
ins Englische eingeführt, der diese drei Bedingungen erfüllt. Wenn wir also ins Deutsche in
analoger Weise den Ausdruck ‚das-ist-so’ einführen und ihm per Stipulation die angeführten
drei Eigenschaften zuschreiben, dann lässt sich nach der Auffassung von Grover in Analogie
zur Formel (3) der folgende Satz im Deutschen formulieren:
97 In: Grover (1992, Kap 2.).
98 Grover (1992, S. 68).
99 Grover (1992, S. 52-53).

49
(4) Für alle Propositionen gilt, wenn das-ist-so, dann das-ist-so.

Somit scheint durch (4) eine Entsprechung für (3) in der deutschen Sprache gefunden zu sein,
welche mit der angeführten Analogie zwischen (2) und (1) vergleichbar ist. Mit der Möglich-
keit, Fürsätze in eine natürliche Sprache einzuführen, versucht Grover den Umstand zu recht-
fertigen, dass die Quantifikation in Satzposition hinein nicht nur vom Standpunkt einer forma-
len Sprache und ihrer Semantik Sinn macht, sondern auch vom Standpunkt der natürlichen
Sprache nicht grundsätzlich abwegig ist. Welche Rolle diese Fürsätze, die in der natürlichen
Sprache wie Satzvariablen in einer formalen Sprache fungieren sollen, im Rahmen der pro-
sententialen Konzeption der Wahrheit spielen, wird sich im Weiteren noch zeigen. In diesem
Zusammenhang ist es nur wichtig und interessant, zu sehen, auf welchen Wegen Grover zu ei-
nem der Grundbegriffe einer prosententialen Konzeption der Wahrheit gelangt ist.
Den zweiten Ausgangspunkt für eine prosententiale Analyse des Ausdrucks ‚ist wahr’ lieferte
Strawson u. a. durch die folgenden Ausführungen:

If someone says ‘X is Y’, we may state (in the way of denial) that X is not Y, by saying ‘It is not’ or by saying
‘That’s not true’; or we may state (in the way of corroboration, agreement, granting etc.) that X is Y by saying ‘It
is indeed’ or ‘That is true’. In all these cases (of reply, denial and agreement) the context of our utterance, as well
as the words we use, must be taken into account if it is to be clear what we are asserting, namely that X is (or is
not) Y. It seems to me plain that in these cases ‘true’ and ‘not true’ (we rarely use ‘false’) are functioning as ab -
breviatory statement-devices ...100

Aus diesem Zitat ist zu entnehmen, dass Strawson der Auffassung ist, dass wir den Satz ‚Das
ist wahr’ verwenden können, um damit zwei Handlungen gleichzeitig zu vollziehen: Wir kön-
nen damit (a) eine Behauptung des propositionalen Gehalts eines Satzes aufstellen, der im
Diskurs unmittelbar vor dem Satz ‚Das ist wahr’ geäußert wurde, ohne dazu den betreffenden
Satz erneut äußern zu müssen. Und wir können (b) damit unsere Zustimmung gegenüber dem
propositionalen Gehalt einer Behauptung zum Ausdruck bringen, die im Diskurs unmittelbar
vor der Äußerung des Satzes ‚Das ist wahr’ vollzogen wurde. Auf dieser Grundlage ist der
folgende Dialog so zu verstehen, dass A eine Behauptung aufstellt und B diese Behauptung
durch ‚Das ist wahr’ wiederholt und damit gleichzeitig seine Zustimmung ausdrückt:

A: Maria hasst Marion.


B: Das ist wahr.

Ist das tatsächlich eine korrekte Beschreibung dieses Dialogs? Es scheint doch vielmehr so zu
sein, dass B behauptet, dass die Proposition, die durch die Behauptung von A ausgedrückt
wird, wahr ist, und damit ist der Inhalt seiner Behauptung ein anderer als der Inhalt der Be-
100 Strawson (1950 [1999], S. 175)
50
hauptung von A. Nichtsdestotrotz drückt B aber seine Zustimmung zu dem aus, was A be-
hauptet hat. Denn wenn jemand behauptet, dass eine bestimmte Proposition wahr ist, dann
legt er sich auf die betreffende Proposition fest und drückt somit seine Zustimmung zu dem
aus, was (auch) A behauptet hat.
Grover, Camp und Belnap bieten nun eine bestimmte Interpretation des angeführten Dialogs
an, welche die Auffassung Strawsons gegenüber der eben vorgetragenen Standardinterpreta-
tion zu favorisieren scheint. Sie schlagen vor, den Satz ‚Das ist wahr’ als einen Fürsatz der
Bequemlichkeit aufzufassen, der für den Satz ‚Maria hasst Marion’ einsteht und damit in einer
anaphorischen Beziehung zu diesem Satz steht. Das würde bedeuten, dass ‚Das ist wahr’ den
propositionalen Gehalt von ‚Maria hasst Marion’ übernehmen würde, und somit hätten natur-
gemäß die Behauptungen von A und B denselben propositionalen Gehalt.
Diese Analyse ermöglicht es allerdings nicht nur, den Standpunkt von Strawson zu verteidi-
gen, sie hat vielmehr einen wesentlichen Vorteil gegenüber Strawson. Für Strawson ergab sich
das performative Potential von ‚Das ist wahr’ aus der semantischen Tiefenstruktur dieses Sat-
zes, welcher nach Strawson dem Satz ‚Dem stimme ich zu’ entspricht. Diese Auffassung zieht
allerdings Probleme der Erklärung von sogenannten eingebetteten Verwendungen von ‚Das ist
wahr’ wie bspw. im folgenden Dialog nach sich:

A: Maria hasst Marion.


B: Wenn das wahr ist, dann finde ich Maria verabscheuenswert.

Wenn wir nämlich in diesem Zusammenhang den Ausdruck ‚Das ist wahr’ durch ‚Dem stim-
me ich zu’ ersetzen würden, dann würde sich der Sinn dieses Dialogs grundlegend ändern. An
der Analyse von Strawson muss daher etwas falsch sein.101 Dieses Problem ergibt sich aller-
dings nicht, wenn wir der Analyse von Grover, Camp und Belnap folgen und den Ausdruck
‚Das ist wahr’ als Fürsatz der Bequemlichkeit auffassen. Strawsons Fehler scheint darin zu
bestehen, den Ausdruck der Zustimmung semantisch erklären zu wollen. Wie erklären Grover,
Camp und Belnap nun aber die Möglichkeit, durch ‚Das ist wahr’ Zustimmung auszudrücken?
Wenn die oben angeführten Behauptungen von A und B tatsächlich denselben Gehalt haben,
dann drückt B naturgemäß durch seine Behauptung eine Zustimmung gegenüber dem aus,
was A behauptet; weil er sich somit auf denselben Inhalt wie A festlegt. Es fragt sich dann,
was den angeführten Dialog von dem folgenden unterscheidet:

A: Maria hasst Marion.


B: Maria hasst Marion.

101 Vgl. dazu: Geach (1960, S. 223); Horwich (1998a, S. 39-40); Künne (2003, S. 61-63).
51
Grover, Camp und Belnap sind der Auffassung, dass durch die anaphorische Beziehung, die
zwischen ‚Das ist wahr’ und ‚Maria hasst Marion’ besteht, eine besondere Form der Zustim-
mung durch die Behauptung von ‚Das ist wahr’ ausgedrückt wird, die sich von einer bloßen
Wiederholung einer Behauptung unterscheidet. Sie drücken sich in diesem Zusammenhang
wie folgt aus:

In using ‘That is true’, one acknowledges that there is an antecedent, and thereby one acknowledges the source
of the idea. It is necessary that there be an antecedent for one to successfully grant or agree with something, and
if one intends to express agreement, then the antecedent must normally be explicitly acknowledged. The stutter -
ing suggested by the Ramsey translation […] does not do this; put another way, by using ‘That is true’, [B] […]
avoids the charge of plagiarism.102

Mit diesem Versuch der Ehrenrettung von Strawson ist der zweite Grundstein für eine prosen-
tentiale Konzeption der Wahrheit gelegt. Es sind die beiden folgenden Annahmen, auf denen
die ursprüngliche Version der prosententialen Konzeption der Wahrheit nach Grover, Camp
und Belnap basiert: (A1) Es gibt die in der natürlichen Sprache nicht realisierte Kategorie des
genuinen atomaren Fürsatzes.103 Solche Fürsätze könnten in der natürlichen Sprache die se-
mantische Funktion übernehmen, die eine Satzvariable im Rahmen einer formalen Sprache in-
nehat. (A2) Es gibt Fürsätze (der Bequemlichkeit), welche als Stellvertreter für Sätze fungie-
ren können, zu denen sie in einer anaphorischen Beziehung stehen. Das gilt sowohl für die
„einfache“ Verwendung dieser Fürsätze als auch für die Verwendung dieser Sätze im Rahmen
von komplexen Sätzen.

(2.3) Anaphorische Beziehungen und Proformen

Wie wir bereits gesehen haben, macht die prosententiale Analyse der Wahrheit in erheblichem
Maß vom Begriff der Anapher bzw. der anaphorischen Beziehung Gebrauch. Wir sollten uns
daher etwas genauer mit diesem Thema beschäftigen, bevor wir uns den einzelnen Varianten
der prosententialen Konzeption der Wahrheit zuwenden.104
Allgemein scheint es nicht angemessen zu sein, von anaphorischen Ausdrücken zu sprechen,
da viele sogenannte anaphorische Ausdrücke in einer nicht-anaphorischen Weise gebraucht
werden können. Paradigmatisch dafür sind die Pronomen. Personal- und Demonstrativprono-
men der dritten Person können sowohl hinweisend als auch anaphorisch gebraucht werden.
102 Grover (1992, S. 77).
103 Ein genuiner atomarer Fürsatz zeichnet sich dadurch aus, dass er ein Ausdruck ist, der aus einem Wort besteht
und in allen möglichen Satzpositionen als Fürsatz fungieren kann. Grover, Belnap und Camp gestehen ein, dass
es nicht-genuine atomare Fürsätze in der natürlichen Sprache gibt; wie bspw. den Ausdruck ‚Ja’. (Vgl. dazu:
Grover (1992, S. 85)).
104 Vgl. dazu auch: Geach (1967, 1972); Evans (1977); Heim (1982); Levinson (1983 [2000], S. 93-97); King

(1987); Neale (1990, S. 165-263); Wilson (1990, S. 19-22); Taylor (1998, S. 89-112); Beebe (2002); Künne
(2003, S. 64-84, S. 356-368); King (2004).
52
Bspw. kann der Bezug eines Ausdrucks wie ‚er’ entweder durch eine hinweisende Geste (oder
eine bezugnehmende Intention) des Benutzers oder aber durch einen anderen Ausdruck, der
mit diesem Ausdruck in einer anaphorischen Beziehung steht, festgelegt werden. Wir sollten
daher vielmehr von Ausdrücken sprechen, die in einer anaphorischen Weise gebraucht werden
können. Ich werde solche Ausdrücke im Folgenden der Einfachheit halber Anaphern nennen.
Ausdrücke, die in einer anaphorischen Weise gebraucht werden können, stehen zu anderen
Ausdrücken im Diskurs in einer anaphorischen Beziehung. Was heißt das konkret? Solche
Ausdrücke „leihen“ sich von den Ausdrücken, auf die sie in einer anaphorischen Weise bezo-
gen sind, bestimmte Aspekte ihres semantischen Gehalts. So erhalten Pronomen ihren Bezug
von anderen referentiellen Ausdrücken und Proverbien ihren Sinn von anderen Verben. Aber
es ist gar nicht leicht, die unterschiedlichen anaphorischen Beziehungen, die es gibt, im Allge-
meinen zu spezifizieren. Schließlich gibt es auch andere semantische Phänomene, bei denen
der semantische Gehalt eines Ausdrucks durch den Ko-text bzw. Diskurs (mit)bestimmt wird
(z. B. die Bestimmung der Bedeutung von mehrdeutigen Ausdrücken durch den Ko-Text).105
Was zeichnet Anaphern gegenüber anderen Ko-text-Phänomenen aus? Derjenige Ausdruck,
der mit einer Anapher in einer anaphorischen Beziehung steht, wird auch das Antezedens ei-
ner Anapher genannt. Der erste Unterschied zu manch anderen Ko-Text-Phänomenen besteht
also darin, dass nur ein ganz bestimmter Ausdruck, der der Anapher im Satz oder Diskurs vor-
ausgeht, ihren Inhalt bestimmen kann. Ein zweiter wesentlicher Unterschied zu anderen Ko-
Text-Phänomenen besteht darin, dass nicht nur immer ein ganz bestimmter Ausdruck den se-
mantischen Gehalt einer Anapher bestimmt, sondern dass diese Bestimmung großen Ein-
schränkungen unterworfen ist. D.h., nicht jeder beliebige Ausdruck kann als Anapher und
nicht jeder beliebige Ausdruck kann als Antezedens einer Anapher fungieren. Diese Ein-
schränkungen richten sich vor allem nach dem grammatischen Typ der Anapher.
Um dies zu veranschaulichen, sollten wir einen Blick auf einige unterschiedliche Arten von
Ausdrücken werfen, die als Anapher fungieren können. Die prominenteste und meist disku-
tierte Klasse der Anaphern stellen die Pronomen dar. Bemerkenswert ist in diesem Zusam-
menhang, dass mit Ausnahme der Reflexivpronomen nur Pronomen der dritten Person als
Anaphern fungieren können. Bei den Reflexivpronomen, die eine sehr spezielle Klasse der
Anaphern bilden, können die Pronomen jeder personalen Kategorie anaphorisch verwendet
werden.
Die in der philosophischen und linguistischen Literatur am ausführlichsten analysierten Pro-
nomen stellen die Personalpronomen dar. Die (deklinierbaren) Personalpronomen ‚er’, ‚sie’
und ‚es’ der dritten Person Einzahl und das Personalpronomen ‚sie’ der dritten Person Mehr-
zahl sind diejenigen Personalpronomen, die anaphorisch verwendet werden können. Welche

105 Vgl. dazu: King (2004, S. 1).


53
Ausdrücke können nun als Antezedens dieser Anaphern fungieren? Hier sind drei Klassen von
Ausdrücken zu erwähnen: Es können (a) Eigennamen, (b) sogenannte Determinatorphrasen
und (c) demonstrativ bzw. indexikalisch gebrauchte Pronomen (der dritten Person) als Anteze-
dens einer pronominalen Anapher fungieren. Eigennamen zeichnen sich vor allem dadurch
aus, dass es sich bei ihnen um singuläre Terme handelt, deren Bezug allein per Konvention
festgelegt wird; es sind Ausdrücke wie bspw. der Personenname ‚Peter Müller’, der Ortsname
‚London’ oder der Flussname ‚Elbe’. Determinatorphrasen setzen sich aus sogenannten Deter-
minatoren und Nomen oder Nominalkomplexen zusammen. Unter die Determinatoren fallen
die bestimmten und unbestimmten Artikel, andere Artikelwörter wie ‚alle’, ‚einige’ etc., die
Demonstrativpronomen und die Possessivpronomen. D.h., dass Ausdrücke wie ‚ein Haus’,
‚mein Buch’, ,dieses Pferd’, ‚alle Hunde’ und ‚der letzte König von Österreich’ Determinator-
phrasen sind. Demonstrativ gebrauchte Pronomen benötigen zur Festlegung ihres Bezugs ne-
ben der Äußerung dieses Pronomens in einem geeigneten Zusammenhang eine hinweisende
Geste oder bezugnehmende Intention des Benutzers. Das unterscheidet den demonstrativen
oder indexikalischen Gebrauch von Pronomen vom anaphorischen Gebrauch, bei dem der Be-
zug eines Ausdrucks ausschließlich durch eine anaphorische Beziehung festgelegt wird. An-
hand der beiden folgenden Beispiele kann nun gezeigt werden, wie Personalpronomen als
Anaphern von Eigennamen, Determinatorphrasen und demonstrativ gebrauchte Pronomen
fungieren können:

(5) Peter Müller verließ das Haus morgens und er kehrte erst abends wieder zurück.
(6) Das Haus der Familie Müller wurde durch ein Erdbeben schwer beschädigt und es ist gestern abgerissen
worden.
(7) Er [hinweisende Geste auf eine Person] hat das Geld gestohlen und er gehört dafür bestraft.

Neben den Personalpronomen können ebenso Demonstrativ-, Relativ-, Possessiv- und Refle-
xivpronomen als Anaphern fungieren. Demonstrativpronomen wie ‚der’, ‚dieser’, ‚derjenige’
und ‚derselbe’ können in allen vier grammatischen Fällen und hinsichtlich allen drei gramma-
tischen Geschlechtern anaphorisch verwendet werden. Und zwar können diese Ausdrücke für
sich genommen als Anaphern fungieren oder im Rahmen einer sogenannten Determinator-
phrase den anaphorischen Bezug gewährleisten. Diese beiden anaphorischen Gebrauchswei-
sen von Demonstrativpronomen lassen sich durch die folgenden Beispiele belegen:

(8) Peter traf Michael in der Stadt und dieser/derselbe ging mit Peter einkaufen.
(9) Ein Mann mit einer schwarzen Augenbinde überfiel die Bank und dieser Mann flüchtete in einem blauen
Auto.

54
Als Antezedens einer solchen Anapher können nun ebenso wie im Fall der Personalpronomen
(a) Eigennamen, (b) Determinatorphrasen und (c) demonstrativ gebrauchte Pronomen der
dritten Person fungieren. Selbiges gilt auch für die Relativpronomen. Die Relativpronomen
‚der’, ‚welcher’ und ‚wer’ können in allen vier grammatischen Fällen und den drei grammati-
schen Geschlechtern als Anaphern verwendet werden. Als Beispiele für die angeführten Ver-
wendungsweisen von Relativpronomen seien die folgenden Sätze angeführt:

(10) Peter Müller war ein Mann, welcher viel von sich hielt.
(11) Sie [hinweisende Geste auf eine Person], die ich aus meiner Schulzeit kenne, ist eine unmögliche Person.

Possessivpronomen der dritten Person Einzahl und Mehrzahl können als Anaphern fungieren.
Als Antezedens dieser Anaphern kommen wie im Fall der anderen Pronomen Ausdrücke der
drei erwähnten Klassen in Frage. Hier sind zwei Beispielsätze, in denen Ausdrücke, die ein
possessives Pronomen enthalten, als Anaphern fungieren:

(12) Peter glaubt, dass sein Haus abgebrannt ist.


(13) Die Geschwister Peter und Maria flüchteten in das Auto ihrer Eltern.

Als die letzte und außergewöhnlichste Klasse der Pronomen seien hier die Reflexivpronomen
genannt. Diese haben eine ausschließlich anaphorische Verwendung und können in all ihren
grammatischen Formen als Anaphern fungieren; allerdings in einer grammatisch sehr einge-
schränkten Rolle, wie sich an den folgenden Beispielen zeigt:

(14) Der Mann am Eingang mag sich (selbst) nicht.


(15) Peter fürchtet sich vor wilden Tieren.
(16) Ich verlasse mich ganz auf dich.

Als Antezedenzien dieser Anaphern können wie im Fall der anderen Pronomen (a) Eigenna-
men, (b) Determinatorphrasen und (c) demonstrativ gebrauchte Pronomen fungieren.
Aber nicht nur Pronomen können in einer anaphorischen Weise verwendet werden, es gibt
auch noch Ausdrücke anderer grammatischer Kategorien als die der Nomen, welche als Ana-
phern fungieren können. Hier seien als erstes die Proadverbien genannt. Die Ausdrücke ‚so’,
‚ebenso’ und ‚genauso’ können als Anaphern gebraucht werden, die als Antezedens ein Ad-
verb haben, so wie es in dem folgenden Beispiel der Fall ist:

(17) Peter lief die Straße schnell hinunter und Michael lief sie ebenso hinunter.

Aber Ausdrücke wie ‚so’, ‚ebenso’, ‚ebenfalls’, und ‚genauso’ können im Verbund mit Hilfs-
verben und anderen Hilfsausdrücken wie ‚es’ nicht nur als Anaphern für Adverbien dienen,
55
sondern auch als Anaphern für Verben und Adjektive. D.h., es gibt auch Proverbien und Pro-
adjektive, wie aus den folgenden beiden Beispielen hervorgeht:

(18) Peter küsste seine Freundin und Michael ebenfalls/tat es ebenfalls.


(19) Dieser Baum [hinweisende Geste] ist grün und dieser Baum [hinweisende Geste] ist es ebenso.

Die Klasse der Ausdrücke, die als Anaphern verwendet werden können und die wir Profor-
men nennen, scheint allerdings durch die Pronomen, Proadverbien, Proverbien und Proadjek-
tive noch nicht vollständig erfasst zu sein. Es scheint aber noch eine weitere Klasse von Ana-
phern zu geben, die nicht auf der Wort- oder Phrasenebene anzusiedeln ist. Das sind die soge-
nannten Fürsätze (oder Prosentenzen). Wie wir bereits kurz ausgeführt haben, ist diese Kate-
gorie der Fürsätze ein wesentlicher Bestandteil einer prosententialen Konzeption der Wahr-
heit. Im Gegensatz zu den anderen angeführten Proformen gilt es in der philosophischen Dis-
kussion allerdings als umstritten, ob es Fürsätze in der natürlichen Sprache überhaupt gibt.
Welche Evidenzen können die Verfechter dieser Auffassung anführen? Künne ist bspw. der
Auffassung, dass der Ausdruck ‚Die Dinge sind so’ in dem folgenden Beispielsatz als Fürsatz
fungiert:106

(20) Die meisten Studenten machen sich lustig über Professor X und manche hassen ihn sogar, der Dekan weiß
allerdings nicht, dass die Dinge so sind.

Aber nicht nur der Ausdruck ‚Die Dinge sind so’ scheint als Fürsatz fungieren zu können,
sondern auch die Ausdrücke ‚Das/es ist so’ und ‚Das/es verhält sich so’, wie Künne ebenso
betont. Als ein weiterer diesbezüglicher Beleg kann bspw. der folgende Satz angeführt wer-
den:

(21) Michael glaubt, dass Peter nicht mehr in die Schule gehen will, und wenn das so ist, dann ist Peter zu be-
dauern.

Handelt es sich bei den angeführten Beispielen aber tatsächlich um überzeugende Belege für
die Existenz von Fürsätzen? Um eine diesbezüglich genauere Beurteilung abgeben zu können,
ist es notwendig, einige zusätzliche Unterscheidungen im Rahmen der Kategorie der Ana-
phern einzuführen.
Es sind zwei wesentliche Unterscheidungen in Bezug auf Anaphern zu machen; die erste be-
trifft die Art der anaphorischen Beziehung, die zwischen einer Anapher und ihrem Antezedens
bestehen kann; die zweite Unterscheidung betrifft die Reichweite der anaphorischen Bezie-
hung zwischen dem Antezedens und der Anapher. Was die Art der anaphorischen Beziehung
betrifft, so lassen sich sogenannte Stellvertreteranaphern von Abhängigkeitsanaphern unter-
106 Vgl. dazu: Künne (2003, S. 336).
56
scheiden. Eine Stellvertreteranapher fungiert gewöhnlich als bloßer Platzhalter für ihr Anteze-
dens und kann daher durch dieses ersetzt werden, ohne dass der Sinn oder der Wahrheitswert
eines Satzes dadurch verändert werden. Dieser Umstand kann prima facie als Kriterium fun-
gieren, um Stellvertreteranaphern von Abhängigkeitsanaphern abzugrenzen. Wenn die Ana-
pher durch das Antezedens ersetzt werden kann, ohne den Sinn oder die Wahrheitsbedingun-
gen des Satzes, der diesen Ausdruck enthält, zu verändern, dann handelt es sich bei der Ana-
pher um eine Stellvertreteranapher und bei der Beziehung zwischen der Anapher und dem An-
tezedens um eine Stellvertreterbeziehung. Bei Abhängigkeitsanaphern bestimmt das Anteze-
dens den Bezug oder die Bedeutung der Anapher. Die Beziehung zwischen dem Antezedens
und der Anapher ist aber keine Stellvertreterbeziehung, sondern eine Abhängigkeitsbezie-
hung. Die folgenden beiden Beispielsätze können zur Veranschaulichung dieses Unterschieds
zwischen den beiden Arten möglicher anaphorischer Beziehungen dienen:

(22) Peter Müller ist ein erfolgreicher Geschäftsmann und er ist auch ein glücklicher Vater.
(23) Einige Demonstranten hielten große, bunte Transparente hoch, während sie durch die Straße schritten.

Im Beispielsatz (22) lässt sich nun problemlos die Anapher ‚er’ durch das Antezedens ‚Peter
Müller’ ersetzen, ohne den Sinn oder den Wahrheitswert von (22) zu ändern. Ganz anders
sieht das im Fall von (23) aus. Hier würde das Ersetzen von ‚sie’ durch den Ausdruck ‚einige
Demonstranten’ zu einer Änderung des Sinns und des Wahrheitswerts von (23) führen. Denn
durch die Abhängigkeitsbeziehung, die zwischen ‚einige Demonstranten’ und ‚sie’ in (23) be-
steht, wird gewährleistet, dass es dieselben Demonstranten sind, welche die großen, bunten
Plakate tragen, wie die, die durch die Straßen schreiten. Wenn ‚sie’ in (23) durch ‚einige De-
monstranten’ ersetzt würde, würden die dadurch veränderten Wahrheitsbedingungen von (23)
es auch erlauben, dass die Demonstranten mit den Plakaten nicht dieselben sind wie die, die
durch die Straßen schreiten. Somit handelt es sich in (22) und (23) um verschiedene anaphori-
sche Beziehungen, die zwischen einer Anapher und ihrem Antezedens bestehen. Diese Unter-
scheidungen zwischen zwei unterschiedlichen Arten anaphorischer Beziehungen lassen sich
besonders gut in Bezug auf pronominale Anaphern herausstellen, sind aber nicht auf diese
Proformen beschränkt. Bei den Pronomen zeigt sich allerdings, dass es von der grammati-
schen Kategorie des Antezedens’ abhängt, welche Art einer anaphorischen Beziehung zwi-
schen einem Antezedens und einer Anapher besteht. Eigennamen, singuläre Kennzeichnungen
und demonstrativ gebrauchte Pronomen können ausschließlich als Antezedenzien von Stell-
vertreteranaphern fungieren, wohingegen die meisten (anderen) Ausdrücke, die unter die De-
terminatorphrasen fallen, ausschließlich als Abhängigkeitsanaphern verwendet werden kön-
nen.

57
Es gibt seit längerem in der philosophischen und linguistischen Literatur einen Disput dar-
über, wie die Semantik von Abhängigkeitsanaphern analysiert werden soll und ob es mehrere
unterschiedliche Klassen von Abhängigkeitsanaphern gibt. Auf Quine und Geach geht die
These zurück, dass wir die Semantik – zumindest einer großen Klasse von Abhängigkeitsana-
phern – in der natürlichen Sprache in Analogie zur Semantik von gebundenen Variablen im
Rahmen einer formalen Sprache (das betrifft vor allem die klassische Prädikatenlogik erster
Stufe) auffassen können. Nach dieser Auffassung gibt es eine semantische Entsprechung zwi-
schen Sätzen wie den folgenden:

(24) x(Mx  Bx).


(24’) Einige Dinge sind so, dass sie Menschen sind, und dass sie blauäugig sind.

Diese Auffassung der Abhängigkeitsanaphern als gebundene Variablen lässt sich aber nicht
auf alle Verwendungen solcher Anaphern übertragen. Peter Geach hat selbst bereits darauf
hingewiesen, dass in manchen Fällen diese Analogie zwischen der Semantik von Sätzen einer
formalen Sprache und der Semantik von Sätzen der natürlichen Sprache nicht zutreffend ist.
Als zwei Paradebeispiele für diesen Umstand gelten Sätze wie die folgenden:

(25) Jeder, der einen Esel hat, schlägt ihn.


(26) Peter kaufte einige Esel und Michael verkaufte sie.

Der Beispielsatz (25) spricht gegen die angeführte Analogiethese, weil auf der Grundlage die-
ser These (25) falsche Wahrheitsbedingungen zugeordnet würden. Die Analogiethese erfordert
es, den Ausdruck ‚einige Esel’ als Existenzquantor (mit weitem Skopus) zu deuten. Dies führt
allerdings zu einer inkorrekten Entsprechung. Denn nicht (27), sondern (28) repräsentiert die
korrekten Wahrheitsbedingungen von (25): 107

(27) xy((hat (x, y)  Esel(y))  schlägt(x, y)).


(28) xy((hat (x, y)  Esel(y))  schlägt(x, y)).

Ein ähnliches Problem ergibt sich auch in Bezug auf das Beispiel (26). Wenn die Analogiethe-
se richtig ist, dann müsste (26) dieselben Wahrheitsbedingungen wie die folgende Formel ha-
ben:

(29) x(kaufte(Peter, x)  verkaufte(Michael, x)).

Die Wahrheitsbedingungen von (26) erfordern es allerdings, dass (26) nur dann wahr sein
kann, wenn Michael tatsächlich alle Esel und nicht nur manche verkauft, die Peter gekauft
107 Vgl. dazu: Evans (1977); Neale (1990, S. 170-175; S. 180-191); Taylor (1998, S. 98-101); King (2004, S. 4);
58
hat. (29) ist im Gegensatz dazu auch dann wahr, wenn Michael nur einige Esel verkauft, die
Peter gekauft hat. Daher sind (26) und (29) eindeutig nicht äquivalent; was somit ein weiterer
Beleg gegen die Richtigkeit der Deutung von Abhängigkeitsanaphern nach Quine und Geach
ist.
Wie sollen wir mit diesem Ergebnis umgehen? Manche Autoren nehmen diese Probleme zum
Anlass, zwischen zwei unterschiedlichen Typen von Abhängigkeitsanaphern zu unterscheiden,
nämlich solchen, die als gebundene Variablen fungieren, und solchen, die nicht als gebundene
Variablen fungieren. Ich halte diese Reaktion für nicht angebracht. Denn die Gegenbeispiele
zeigen nicht nur, dass der angesprochene Ansatz in manchen Fällen scheitert, sondern sie stel-
len die Plausibilität dieses Ansatzes grundsätzlich in Frage. Dieser Ansatz basiert auf vagen
Analogien zwischen Ausdrücken in der natürlichen Sprache und Ausdrücken in einer forma-
len Sprache. Es scheint aber überhaupt kein klares, allgemeines Kriterium zu geben, um die
Problemfälle von den nicht problematischen Fällen zu unterscheiden. Es macht also m. E. we-
der Sinn, an diesem Ansatz von Quine und Geach in irgendeiner Weise festzuhalten, noch auf
dieser Grundlage zwei unterschiedliche Typen von Abhängigkeitsanaphern zu unterscheiden.
Ein adäquater semantischer Ansatz zur Analyse von Abhängigkeitsanaphern sollte in der Lage
sein, alle Verwendungen dieser Anaphern zu erklären. Ein solcher adäquater Ansatz kann aber
nicht in sinnvoller Weise auf einer solch unbestimmten Relation wie der Analogierelation ba-
sieren.
Ähnliches gilt auch für die angesprochene Analogie in die andere Erklärungsrichtung. Es soll-
te keine notwendige Bedingung für das Einführen von Ausdrücken in eine formale Sprache
sein, dass diese Ausdrücke analoge Entsprechungen in der natürlichen Sprache haben. Es mag
durchaus Ausdrücke geben, die ihrer Form und ihrem Inhalt nach in der natürlichen Sprache
nicht existieren und die dennoch in eine formale Sprache eingeführt werden können, wenn ih-
nen eine eindeutige formale Syntax und Semantik unterlegt werden kann. Auf den Fall der
Fürsätze und die prosententiale Konzeption der Wahrheit angewandt heißt das: Selbst wenn es
keine Fürsätze in der natürlichen Sprache geben sollte, heißt das nicht, dass eine solche Kate-
gorie von Ausdrücken nicht im Rahmen einer formalen Sprache oder als Erweiterung der na-
türlichen Sprache eingeführt werden kann.
Bevor wir nun der Frage nachgehen werden, ob und welche Arten von Fürsätzen es in der na-
türlichen Sprache gibt, möchte ich noch eine weitere Unterscheidung neben der Unterschei-
dung zwischen Stellvertreter- und Abhängigkeitsanaphern einführen, die in der Literatur ge-
bräuchlich ist. Diese Unterscheidung betrifft die Reichweite anaphorischer Beziehungen. Ana-
phorische Beziehungen können nicht nur im Rahmen von einzelnen Sätzen bestehen, sondern
auch über Satzgrenzen hinausreichen. Wenn eine Anapher zu ihrem Antezedens in einer ana-
phorischen Beziehung steht, die nicht über eine Satzgrenze hinausreicht, dann will ich von ei-

59
ner sententialen Anapher sprechen; wenn die Beziehung über eine Satzgrenze hinausreicht,
dann will ich von einer diskursiven Anapher sprechen. Es ist festzuhalten, dass bis auf die Re-
flexivpronomen, die ohnedies eine Sonderstellung einnehmen, alle Anaphern in anaphori-
schen Beziehungen stehen können, die über Satzgrenzen hinausreichen. Hier seien einige Bei-
spiele dafür genannt:

(30) Peter verließ das Haus am Morgen. Er betrat es bis zum Abend nicht.
(31) Peter ging heute nicht zur Schule. Michael tat es ebenfalls nicht.
(32) Peter ist blauäugig. Michael ist es ebenfalls.

Ausgerüstet mit den beiden angeführten Unterscheidungen – mit der Unterscheidung zwi-
schen Stellvertreter- und Abhängigkeitsanaphern und der Unterscheidung zwischen senten-
tialen und diskursiven Anaphern – können wir uns nun der Frage in etwas genauerer Weise
zuwenden, ob und welche Arten von Fürsätzen es in der natürlichen Sprache gibt. Wenn wir
die beiden angeführten Beispiele von Sätzen (20) und (21), die Fürsätze zu enthalten schei-
nen, mit den beiden folgenden Sätzen vergleichen, so scheint dadurch nahegelegt zu werden,
dass die Ausdrücke ‚Die Dinge sind so’ und ‚Das ist so’ in (20) und (21) als Stellvertreterana -
phern fungieren:

(20’) Die meisten Studenten machen sich lustig über Professor X und manche hassen ihn sogar, der Dekan weiß
allerdings nicht, dass die meisten Studenten sich lustig über Professor X machen und manche ihn sogar
hassen.
(21’) Michael glaubt, dass Peter nicht mehr in die Schule gehen will, und wenn Peter nicht mehr in die Schule
gehen will, dann ist Peter zu bedauern.

Gibt es Gründe, die gegen diese Annahme sprechen? Der Ausdruck ‚so’ fungiert im Rahmen
der Ausdrücke ‚Die Dinge sind so’ und ‚Das ist so’, so wie diese Ausdrücke in (20) und (21)
gebraucht werden, in jedem Fall eindeutig als anaphorischer Ausdruck. Er müsste somit zu-
mindest als Proadjektiv gedeutet werden. Nun sind aber weder anaphorische noch nicht-ana-
phorische Deutungen der Ausdrücke ‚das’ und ‚die Dinge’ im Rahmen von (20) und (21) sinn-
voll. Die naheliegendste Deutung der Funktion der Ausdrücke ‚Die Dinge sind so’ und ‚Das
ist so’ in (20) und (21) ist somit, diese als Stellvertreteranaphern aufzufassen. Diese Beispiele
scheinen daher eindeutige Belege für den Umstand zu sein, dass es in der natürlichen Sprache
Fürsätze gibt, die als Stellvertreteranaphern fungieren können.
Wie sich anhand von (20) und (21) zeigt, reichen die anaphorischen Beziehungen von Aus-
drücken wie ‚Die Dinge sind so’ und ‚Das ist so’ sowohl in intensionale Kontexte hinein als
auch von intensionalen Kontexten heraus in extensionale Kontexte. Natürlich können diese

60
Beziehungen auch in rein extensionalen Kontexten bestehen, wie die beiden folgenden Bei-
spiele zeigen:

A: Maria will morgen nicht mitkommen.


B: Wenn die Dinge sich so verhalten, dann sollten wir den Ausflug absagen.

A: Maria will morgen nicht mitkommen.


B: Das ist so. Es ist bedauerlich.

Obendrein zeigen diese Beispiele, dass beide Ausdrücke als diskursive Anaphern fungieren
können. Das hat die folgende Konsequenz für den kommunikativen Nutzen dieser Ausdrücke:
Fürsätze, die als Stellvertreteranaphern fungieren, erlauben einem in unterschiedlichen Zu-
sammenhängen, Gespräche möglichst sparsam zu halten, weil sie es ermöglichen, auf die pro-
positionalen Gehalte von Behauptungen oder Einstellungen zurückzugreifen, ohne dass es da-
für nötig wäre, die ursprünglichen Ausdrücke dieser Gehalte zu äußern. Deswegen werden die
Stellvertreteranaphern in der englischen Literatur auch oft „proforms of laziness“ genannt.
Gibt es in der natürlichen Sprache nun auch Fürsätze, die als Abhängigkeitsanaphern fungie-
ren können? Anhand dieser Frage lässt sich nun auch sehr gut zeigen, warum die angeführte
Analogiethese unangemessen ist. Philosophen, welche diese These vertreten, formulieren die-
se Frage oft wie folgt: Gibt es Ausdrücke in der natürlichen Sprache, die ähnlich wie Satzva-
riablen in einer formalen Sprache fungieren? In diesem Zusammenhang ist folgender Um-
stand zu beachten: Es hängt von der syntaktischen Position des Antezendens’ einer Anapher
ab, um welche Art von Anapher es sich handelt. Das gilt in Bezug auf Personalpronomen,
ebenso wie in Bezug auf Proadverbien oder Fürsätze. D.h., ein Pronomen kann nur einen Aus-
druck in nominaler Position als Antezedens haben, ein Proadverb nur einen Ausdruck in ad-
verbialer Position etc. Und ganz besonders gilt dies auch für Fürsätze. Wir halten diesen Um-
stand wie folgt als These fest:

(T1) Ein Ausdruck kann nur dann als Fürsatz aufgefasst werden, wenn dieser Ausdruck einen Satz als Anteze-
dens hat.

Wir können nun mittels (T1) gegen die Analogiethese derart argumentieren: Eine Satzvariable
nimmt die syntaktische Position eines Satzes ein. Quantorenphrasen, die solche Satzvariablen
binden, nehmen allerdings keine Satzpositionen ein. Somit können Quantorenphrasen, die
Satzvariablen binden, nicht mit dem Antezedens eines Fürsatzes gleichgesetzt werden. Denn
ein Antezedens für einen Fürsatz muss syntaktisch eine Satzposition einnehmen. Dieser Um-
stand ist somit zu berücksichtigen, wenn wir uns fragen, ob es in der natürlichen Sprache Für-
sätze gibt, die als Abhängigkeitsanaphern fungieren.

61
Grover, Camp und Belnap lehnen die These (T1) allerdings ab, weil sie auch die folgende
These für falsch halten:

(T2) Ein Ausdruck kann nur dann als Pronomen aufgefasst werden, wenn dieser Ausdruck einen Ausdruck in
nominaler Position als Antezedens hat.

Sie vertreten im Gegensatz zu (T1) die folgende Auffassung in Bezug auf Fürsätze:

… in the laziness cases the antecedent need not be a declarative sentence, and in the quantificational cases the
antecedent might, for example, be a nominal quantificational phrase. 108

Die Zurückweisung von (T1) scheint mir allerdings völlig unberechtigt. Wie rechtfertigen
Grover, Camp und Belnap diese Zurückweisung? Eigentlich nur indirekt durch die Zurück-
weisung von (T2). Was spricht ihrer Meinung nach nun gegen (T2)? Sie führen zu diesem
Zweck das folgende Beispiel an:

(B1) Johann besuchte uns. Es war eine Überraschung.

Der Satz (B1) enthält im grammatischen Sinne das Pronomen ‚es’, aber dieser Ausdruck fun-
giert in diesem Satz keineswegs als pronominale Anapher, sondern vielmehr als ein ellipti-
scher Ersatz für einen Fürsatz. Das lässt sich meiner Ansicht nach durch die folgende Para-
phrase deutlich machen:

(B1*) Johann besuchte uns. Dass es so war, war eine Überraschung.

Wenn wir (B1) allerdings nicht als Ellipse von (B1*) interpretieren, sondern als davon unab-
hängige Ausdrucksform, dann müssen wir erklären können, wie das Pronomen ‚es’ auf der
Grundlage einer anaphorischen Beziehung zu dem Satz ‚Johann besuchte uns’ zu seinem Be-
zugsgegenstand gelangt. Wir können den Ausdruck ‚es’ auf dieser Grundlage nicht so deuten,
dass er sich beispielsweise auf die Proposition, dass Johann uns besuchte, bezieht. Denn Pro-
positionen können in dem erforderten Sinn keine Überraschungen sein. Dieser Ausdruck muss
sich viel mehr auf die Tatsache, dass Johann uns besuchte, oder das Ereignis des Besuchs von
uns durch Johann beziehen. Hier liegt nun das Hauptproblem dieser Deutung. Sie muss die
betreffende Tatsache oder das betreffende Ereignis als semantischen Wert des Satzes ‚Johann
besuchte uns’ ansehen, um ihn aus einer anaphorischen Beziehung von ‚es’ zu diesem Satz ab-
leiten zu können. Das ist aber nicht nur ein höchst umstrittene Auffassung, sondern eine
höchst unplausible obendrein. Ereignisse oder Tatsachen sind nach den meisten gängigen Se-
mantiken keine semantischen Werte von Sätzen. In dieser Hinsicht ist die elliptische Deutung
dieser alternativen Deutung vorzuziehen, weil sie diese Annahme nicht machen muss. Denn
108 Grover (1992, S. 84).
62
Ausdrücke der Form ‚dass p’ können dazu verwendet werden, auf Tatsachen oder Ereignisse
Bezug zu nehmen. Wir können die Sachlage auf der Grundlage von (B1*) somit auch ohne
die Annahme erklären, dass Ereignisse oder Tatsachen semantische Werte von Sätzen sind.
Das Gegenbeispiel von Grover, Camp und Belnap in Bezug auf (T2) vermag somit nicht zu
überzeugen.
Grover, Camp und Belnap verfolgen mit der Aufgabe von (T1) und (T2) die Strategie, die Art
einer Anapher von der grammatischen Position der Anapher selbst abhängig zu machen. Da
ihre Widerlegung von (T2) jedoch gar nicht zu überzeugen vermag, ist diese Position auch als
fragwürdig einzuschätzen. Ich halte es daher für weitaus sinnvoller, die funktionale Kategorie
einer Anapher nicht an ihrer eigenen grammatischen Position, sondern an der grammatischen
Position des Antezedens’ festzumachen; wodurch wir naturgemäß auf die Wahrheit von (T1)
und (T2) verpflichtet sind. Aber vielleicht ist es Grover, Camp und Belnap ja geglückt, über-
zeugender gegen (T1) als gegen (T2) zu argumentieren? Verfügen sie über ein Beispiel, wel-
ches uns direkt an der Wahrheit von (T1) zweifeln lässt? Das ist keineswegs so. Sie haben
kein Beispiel für einen Fürsatz, der als Stellvertreteranapher fungiert und keinen Satz als An-
tezedens hat. Des Weiteren sind ihre Beispiele für Fürsätze, die als Abhängigkeitsanapher fun-
gieren sollen und keine Sätze als Antezedens haben, nicht angemessen, wie wir noch sehen
werden. Ich möchte daher an (T1) festhalten.
Einfacher wäre die Sachlage in jedem Fall, wenn Folgendes gelten würde: Die Anapher und
das Antezedens müssen immer dieselbe grammatische Position einnehmen, damit zwischen
diesen beiden Ausdrücken überhaupt eine anaphorische Beziehung bestehen kann. Diese The-
se hat jedoch keine allgemeine Gültigkeit, weil sie keinesfalls in Bezug auf Relativpronomen
gilt. Beschäftigen wir uns nun mit der Teilbehauptung dieser These, die nicht durch (T1) und
(T2) ausgedrückt wird.
In Bezug auf Pronomen scheint Folgendes zumindest auf den ersten Blick plausibel zu sein:
Etwas kann nur dann als Pronomen fungieren, wenn es selbst eine nominale Position ein-
nimmt. Ist diese These aber wahr? Was für unsere Zwecke viel entscheidender ist: Wie verhält
sich die Wahrheit dieser These in Bezug auf Fürsätze? Man kann diese These in Bezug auf
Fürsätze grundsätzlich unterschiedlich stark formulieren:

(T3) Nur Sätze können als Fürsätze fungieren.

(T4) Nur Ausdrücke in Satzposition können als Fürsätze fungieren.

Der Ausdruck ‚Fürsatz’ suggeriert, dass wir getrost (T3) akzeptieren können. Es scheint aber
Gegenbeispiele in Bezug auf die Wahrheit von (T3) zu geben. Grover, Camp und Belnap brin-

63
gen das folgende Gegenbeispiel, in dem der Ausdruck ‚so’, der selbst kein Satz ist, im Engli-
schen als Ausdruck in Satzposition und obendrein als Fürsatz fungieren kann:109

(B2) I don’t believe Rachel is sick, but if so, she should stay home.

Sie geben allerdings zu, dass man Bedenken bezüglich dieses Gegenbeispiels anführen kann,
wenn man (B2) als Ellipse des folgenden Satzes auffasst:

(B3) I don’t believe Rachel is sick, but if it is so, she should stay home.

Denn (B3) enthält wiederum einen ganzen Satz, der als Fürsatz gedeutet werden kann. Im
Deutschen kann der Ausdruck ‚so’ nicht wie im Englischen gebraucht werden, aber es scheint
im Deutschen den Ausdruck ‚ja’ zu geben, der die folgende Übersetzung von (B2) erlaubt:

(B2*) Ich glaube nicht, dass Rachel krank ist, aber wenn ja, dann sollte sie zu Hause bleiben.

Dieser Gebrauch von ‚ja’ mag zwar etwas merkwürdig anmuten, er ist aber korrekt. Und im
Unterschied zu (B2) ist es in Bezug auf (B2*) alles andere als leicht, diesen Satz als Ellipse zu
deuten. Mir ist keine Möglichkeit bekannt. Andererseits ist aber (B2*) kein echtes Gegenbei-
spiel in Bezug auf (T3); denn der Ausdruck ‚ja’ kann im Gegensatz zu dem englischen ‚so’
nur in Satzposition gebraucht werden und es liegt somit nahe, diesen Ausdruck als Einwort-
satz anzusehen. D.h., die These (T3) kann zwar als problematisch, aber keineswegs als wider-
legt durch die angeführten Beispiele angesehen werden. Gibt es Vertreter von (T3)? Mir sind
zumindest keine expliziten Vertreter bekannt. Aber es gibt, wie wir bereits festgestellt haben,
Vertreter von (T4). Dies kann wie folgt belegt werden:

A prosentence is understood to be an expression which is like a pronoun but which occupies positions appropri -
ate for sentences rather than positions appropriate for nouns.110

[P]rosentences occupy positions in sentences that declarative sentences can occupy. 111

… a pronoun must occupy a nominal position, a proadjective must occupy an adjectival position, a prosentence
must occupy a (declarative) sentential position.112

Nun lässt sich allerdings in analoger Weise zu (B2) ein Gegenbeispiel auch gegen (T4) formu-
lieren. Wir können dies bspw. derart formulieren:

(B4) Peter betrügt seine Frau mit Maria, aber seine Frau weiß es nicht.

109 Vgl. dazu: Grover (1992, S. 85).


110 Wilson (1990, S. 19).
111 Grover (1992, S. 122).
112 Grover, Belnap und Camp (1975); zitiert nach Grover (1992, S. 84).

64
Der Verteidiger von (T4) kann nun wiederum, analog wie in Bezug auf (B2), die These anfüh-
ren, dass es sich bei (B4) um kein echtes Gegenbeispiel, sondern nur um eine Ellipse für den
folgenden Satz handelt:

(B5) Peter betrügt seine Frau mit Maria, aber seine Frau weiß nicht, dass es so ist.

Dieser Satz enthält nun wiederum einen Fürsatz in Satzposition. Grover, Camp und Belnap
würden aber wohl auf der Grundlage ihrer Haltung gegenüber (B1) versucht sein, auch das
Beispiel (B4) analog zu behandeln. Dann wäre ‚es’ nicht als Fürsatz, sondern als Pronomen
aufzufassen. Diese Festlegung würde in Bezug auf (B4) erfordern, den Ausdruck ‚wissen’ als
einen relationalen Ausdruck aufzufassen, der für eine Relation zwischen Personen und Propo-
sitionen oder Personen und Tatsachen steht. Die erste dieser beiden Deutungen wäre zumin-
dest semantisch unschuldig, da der Satz ‚Peter betrügt seine Frau mit Maria’ die erforderte
Proposition ausdrückt. Wenn man allerdings (B4) auf der Grundlage von (B5) deutet, muss
man Wissen nicht als Relation auffassen. Das ist ein „ideologischer“ Vorteil dieser Deutung.
Andererseits wird die Deutung von Grover, Camp und Belnap vor dem Hintergrund der Pro-
bleme dieser Deutung in Bezug auf (B1) zusätzlich fragwürdig.
Für welche Antworten wir uns hinsichtlich dieser Fragen nun aber entscheiden, die These
(T4) haben wir in jedem Fall ebenso wie (T3) zumindest als problematisch erwiesen. Wir
konnten sie allerdings wie (T3) nicht endgültig widerlegen. Da sich einerseits Grover, Camp
und Belnap und Grover später allein auf die These (T4) wie angeführt explizit festlegen, er-
laube ich mir, ihre eigenen Positionen, wenn es angebracht ist, unter Voraussetzung der Wahr-
heit von (T4) zu beurteilen.
Setzen wir nun auf der Grundlage dieser zusätzlichen Parameter unsere Suche nach Fürsätzen,
die als Abhängigkeitsanaphern fungieren können, fort. Um unsere aufgeworfene Frage besser
beantworten zu können, scheint es mir angemessen zu sein, zuvor eine Antwort auf die fol-
gende Frage zu finden: Gibt es außer den Pronomen überhaupt andere Proformen, die als Ab-
hängigkeitsanaphern fungieren können? Denn bezüglich der Pronomen scheint es eindeutige
Belege für die Existenz von Abhängigkeitsanaphern zu geben, wie die folgenden Beispiele
zeigen:

(33) Ein Mann kam in das Geschäft und er kaufte sich ein Paar Strümpfe.
(34) Aus dem Wald verirrten sich mehrere Füchse ins Dorf und diese Füchse erschreckten manchen Bewohner.

Gibt es aber auch Proadjektive, Proverben oder Proadverbien, die Abhängigkeitsanaphern


sind?113 Werfen wir dazu einen Blick auf die folgenden Beispiele:
113 Vgl. dazu auch: Künne (2003, S. 64-68).
65
(35) Peter tat etwas und Michael tat es ebenfalls.
(36) Peter pflegt seine Pizza in einer bestimmten Weise zu essen und Michael tut dies in ebendieser Weise.
(37) Peter ist irgendwie und Michael ist ebenso.
(38) Peter hatte gestern irgendein Hemd an und Michael hatte gestern ein ebensolches Hemd an.

Der Satz ‚Peter ging in die Schule’ scheint intuitiv den Satz ‚Peter tat etwas’ zu implizieren.
Ebenso scheint der Satz ‚Peter ging in die Schule und Michael ging in die Schule’ den Satz
(35) zu implizieren. In (35) nehmen die Ausdrücke ‚tat etwas’ und ‚tat es ebenfalls’ dieselbe
grammatische Position ein wie die Ausdrücke ‚ging in die Schule’ in ‚Peter ging in die Schule
und Michael ging in die Schule’. Ist es daher angebracht, den Ausdruck ‚tat es ebenfalls’ als
ein Proverb aufzufassen, welches als Abhängigkeitsanapher fungiert? In (35) besteht in jedem
Fall eine anaphorische Abhängigkeitsbeziehung zwischen dem Ausdruck ‚tat es ebenfalls’ und
dem Ausdruck ‚tat etwas’. Darüber hinaus scheint das Verb ‚tun’ nur durch Artikelwörter wie
‚etwas’, ‚nichts’ oder ‚verschiedenes’ sinnvoll ergänzt werden zu können; und solche Aus-
drücke sind, wie wir bereits festgestellt haben, dafür prädestiniert, Teile von Ausdrücken zu
sein, die in einer anaphorischen Beziehung zu anderen Ausdrücken stehen. Somit spricht eini-
ges dafür, (35) als ein Beispiel für die Verwendung eines Proverbs aufzufassen, welches als
Abhängigkeitsanapher fungiert.
Der Satz ‚Peter pflegt seine Pizza hastig zu essen’ scheint intuitiv den Satz ‚Peter pflegt seine
Pizza in einer bestimmten Weise zu essen’ zu implizieren, ebenso wie der Satz ‚Peter pflegt
seine Pizza hastig zu essen und Michael pflegt seine Pizza hastig zu essen’ den Satz (36) zu
implizieren scheint. Der Ausdruck ‚in ebendieser Weise’ in (36) steht darüber hinaus in einer
anaphorischen Abhängigkeitsbeziehung zu dem Ausdruck ‚in einer bestimmten Weise’. Beide
Ausdrücke nehmen die syntaktische Position in (36) ein, die in dem angeführten Satz, aus
dem (36) folgt, das Adverb ‚hastig’ einnimmt. Somit scheint es angemessen zu sein, den Satz
(36) als ein Beispiel für einen Kontext aufzufassen, in dem der Ausdruck ‚in ebendieser Wei-
se’ als Proadverb und als Abhängigkeitsanapher fungiert.
Etwas problematischer als die beiden Beispiele (35) und (36) sind die Beispielsätze (37) und
(38). Sätze wie ‚Peter ist irgendwie’ oder ‚Peter ist etwas’ scheinen im Rahmen der alltägli-
chen Kommunikation alles andere als gebräuchlich zu sein. Es ist somit fraglich, ob
kompetente Sprecher intuitiv akzeptieren würden, dass der Satz ‚Peter ist blond’ den Satz ‚Pe-
ter ist irgendwie’ impliziert und dass der Satz ‚Peter ist blond und Michael ist blond’ den Satz
(37) impliziert. Es scheint intuitiv akzeptabel zu sein, dass der Satz ‚Peter hatte gestern ein
braunes Hemd an’ den Satz ‚Peter hatte gestern irgendein Hemd an’ impliziert. Ganz anders
verhält es sich allerdings mit den Sätzen ‚Peter hatte gestern ein braunes Hemd an und Micha-
el hatte gestern ein braunes Hemd an’ und (38). Es ist inakzeptabel, anzunehmen, dass der ers-
66
te Satz den zweiten impliziert. Denn deutlicher als in (37) scheint es in (38) so zu sein, dass
der Ausdruck ‚ein ebensolches Hemd’ in keiner anaphorischen Beziehung zu ‚irgendein
Hemd’ steht bzw. stehen kann. Der Ausdruck ‚ein ebensolches Hemd’ scheint als Antezedens
einen Ausdruck zu erfordern, der in einer bestimmten Weise etwas über die Eigenschaften des
betreffenden Hemdes aussagt wie z.B. der Ausdruck ‚ein braunes Hemd’. Durch den Aus-
druck ‚irgendein Hemd’ wird allerdings nichts Bestimmtes über das betreffende Hemd ausge-
sagt, weshalb der Ausdruck ‚ein ebensolches Hemd’ in keiner anaphorischen Beziehung zu
dem Ausdruck ‚irgendein Hemd’ stehen kann. Ganz ähnlich scheint es bei genauerem Überle-
gen bezüglich (37) zu sein. (37) und (38) scheinen somit keine angemessenen Beispiele für
die Verwendung von Proadjektiven als Abhängigkeitsanaphern zu sein. Und es ist nicht ganz
klar, ob es angemessene Beispiele dafür gibt.114 Es scheint allerdings in der natürlichen Spra-
che Hilfskonstruktionen zu geben, die diesen Mangel an Ausdruckskraft wieder wettmachen,
denn Sätze wie der folgende sind völlig akzeptabel:

(39) Peter hat eine bestimmte Eigenschaft und Michael hat diese Eigenschaft ebenfalls.

Es scheint ebenso intuitiv akzeptabel zu sein, dass der Satz ‚Peter ist blond und Michael ist
blond’ den Satz (39) impliziert. D.h., durch (39) wird offenbar ausgedrückt, was wir eigentlich
durch (36) ausdrücken wollten. Pronominale Konstruktionen wie ‚eine bestimmte Eigen-
schaft’ scheinen den Mangel an angemessenen Antezedenzien für Proadjektive, die als Abhän-
gigkeitsanaphern fungieren, in der natürlichen Sprache wettzumachen.
Inwiefern lassen sich diese Resultate nun auf Fürsätze übertragen? Wir haben bereits festge-
stellt, dass Ausdrücke wie ‚Das ist so’, ‚Es ist so’, ‚Die Dinge sind so’ und ‚Es verhält sich so’
als Fürsätze aufgefasst werden können, die als Stellvertreteranaphern fungieren. Können diese
Ausdrücke nun auch als Abhängigkeitsanaphern fungieren? Das hängt wesentlich davon ab,
ob es Ausdrücke gibt, die als das Antezedens solcher Abhängigkeitsanaphern fungieren kön-
nen. Wir könnten versuchen, auf der Grundlage der bereits angeführten Proformen, die als
Abhängigkeitsanaphern fungieren können, solche Ausdrücke zu bilden. Es kommen einem
dann Beispiele wie die folgenden in den Sinn:

(40) Peter glaubte, dass jemand etwas in einer bestimmten Weise tut, und auch Michael glaubte, dass es so ist.
(41) Peter glaubt, dass etwas bestimmte Eigenschaften hat, und Michael bezweifelt, dass es so ist.
(42) Wenn die Dinge sich in einer bestimmten Weise verhalten, dann verhalten sie sich so.
(43) Wenn etwas der Fall ist, dann ist es so.

114 Als sinnvolle Variante von (37) wäre der folgende Satz in Erwägung zu ziehen: Michael ist etwas und Peter
ist es ebenfalls.
67
Es fragt sich natürlich auf dieser Grundlage, ob diese Beispielsätze tatsächlich Fürsätze ent-
halten oder ob die anaphorischen Beziehungen im Rahmen dieser Sätze nicht vielmehr auf
subsententialer Ebene bestehen. In Bezug auf die Beispiele (42) und (43) scheinen sich auch
tatsächlich alternative Deutungen finden zu lassen, die Zweifel aufkommen lassen, ob diese
Beispiele tatsächlich Fürsätze enthalten:

(42*) Wenn die Dinge sich in einer bestimmten Weise verhalten, dann verhalten sie sich so.
(43*) Wenn etwas der Fall ist, dann ist es so.

In (42*) fungiert der Ausdruck ‚sie’ als Stellvertreteranapher für den Ausdruck ‚die Dinge’
und der Ausdruck ‚so’ als Abhängigkeitsanapher in Bezug auf den Ausdruck ‚in einer be-
stimmten Weise’. In (43*) fungiert der Ausdruck ‚es’ als Abhängigkeitsanapher in Bezug auf
den Ausdruck ‚etwas’ und der Ausdruck ‚so’ als Stellvertreteranapher für den Ausdruck ‚der
Fall’. In Bezug auf (40) und (41) scheint eine solche alternative Deutung allerdings nicht
möglich zu sein. Im Gegensatz zu dem folgenden Satz scheint es bezüglich (40) keine Deu-
tung zu geben, welche die Teilausdrücke ‚es’ und ‚so’ von ‚es ist so’ so interpretiert, dass diese
in anaphorischen Beziehungen zu den Teilausdrücken von ‚jemand tut etwas in einer be-
stimmten Weise’ stehen:

(44) Peter glaubte, dass jemand etwas in einer bestimmten Weise tut, und auch Michael glaubte, dass er es in
dieser Weise tut.

Ähnliches gilt für den Beispielsatz (41). Diesbezüglich scheint es auch keine alternative Inter-
pretation der anaphorischen Funktion von ‚es ist so’ zu geben. Das zeigt sich vor allem ganz
deutlich, wenn wir die folgende Transformation von (41) betrachten, im Rahmen derer sich
keine anaphorische Beziehung mehr herstellen lässt zwischen dem, was Peter glaubt, und
dem, was Michael bezweifelt:

(45) Peter glaubt, dass Pauls Haus bestimmte Eigenschaften hat, und Michael bezweifelt, dass Pauls Haus so ist.

Die beiden Beispiele (40) und (41) mögen genügen, um die grundsätzlichen Zweifel bestimm-
ter Autoren115 gegen die Existenz von Fürsätzen in der natürlichen Sprache, die als Abhängig-
keitsanapher fungieren, zu zerstreuen. Diese Beispiele geben allerdings aufgrund der Frag-
würdigkeit der Analogiethese noch keinen echten Anlass, die Quantifikation in Satzposition
als gerechtfertigt anzusehen. Wir werden also im Weiteren sehen, welche konkreten Konse-
quenzen die angeführten Tatsachen bezüglich der Anaphern in der natürlichen Sprache für
prosententiale Wahrheitskonzeptionen haben.

115 Vgl. dazu: Forbes (1986, S. 36-37); Wilson (1990, S. 21); van Inwagen (2002, S. 216-217).
68
(2.4) Die ursprüngliche Version der prosententialen Konzeption der Wahrheit

Wir haben in den Abschnitten (2.1) und (2.2) bereits zwei wesentliche Dinge über eine pro-
sententiale Konzeption der Wahrheit erfahren. Erstens, dass sie neben anderen radikalen de-
flationären Wahrheitskonzeptionen die Thesen (U1)-(U3) zu stützen versucht. Diese drei The-
sen richten sich im Wesentlichen gegen eine verbreitete Standardauffassung über den Inhalt
und die Funktion des Ausdrucks ‚ist wahr’. Sie leugnen, dass dieser Ausdruck, was seine logi-
sche Tiefenstruktur betrifft, als prädikativer Ausdruck aufzufassen ist; sie leugnen daher auch,
dass dieser Ausdruck zum Zuschreiben einer Eigenschaft verwendet werden kann; und sie
vertreten die Auffassung, dass die eigentliche Funktion dieses Ausdrucks darin besteht, Zu-
stimmung zu bereits gemachten Behauptungen auszudrücken. Im Gegensatz zu anderen radi-
kalen deflationären Ansätzen versuchen Vertreter einer prosententialen Konzeption der Wahr-
heit, diese drei Thesen (U1)-(U3) durch einen Rückgriff auf den Begriff der Prosentenz bzw.
des Fürsatzes zu rechtfertigen. Sie greifen dabei in zweierlei Weise auf diesen Begriff zurück,
wie wir bereits gesehen haben. Sie versuchen in generalisierenden Zusammenhängen einer-
seits von Fürsätzen Gebrauch zu machen, die als Abhängigkeitsanaphern fungieren, und in
nicht generalisierenden Kontexten machen sie andererseits von Fürsätzen Gebrauch, die als
Stellvertreteranaphern fungieren.
Die ursprüngliche Version der prosententialen Wahrheitskonzeption wurde von Grover, Camp
und Belnap in drei unterschiedlichen Varianten dargelegt.116 Jede dieser Varianten setzt sich
aus zwei Komponenten zusammen. Die erste Komponente besteht in der stipulativen Einfüh-
rung oder Benennung von Fürsätzen, die sowohl als Stellvertreteranaphern als auch als Ab-
hängigkeitsanaphern fungieren können. Nennen wir diese Komponente daher entweder Stipu-
lationsthese oder Existenzthese. Die zweite Komponente ist eine Übersetzungsthese. Diese
These besagt, dass jeder Satz der Sprache Deutsch (oder jeder beliebigen natürlichen Spra-
che), der den Ausdruck ‚ist wahr’ (oder ein damit synonymes Prädikat) enthält, in einen Satz
übersetzt werden kann, der einem Fragment des Deutschen angehört, welches weder den Aus-
druck ‚ist wahr’ noch ein damit synonymes Prädikat enthält, jedoch entweder um die in der
Stipulationsthese eingeführten Fürsätze erweitert wurde oder die betreffenden in der Existenz-
these genannten Fürsätze enthält.

(2.4.1) Die erste Variante der ursprünglichen Version


116 Vgl. dazu: Grover (1992, S. 80-94).
69
Die erste der drei Varianten der ursprüngliche Version der prosententialen Wahrheitskonzepti-
on macht von dem durch Stipulation eingeführten Fürsatz ‚thatt’ Gebrauch. 117 Ich werde im
Folgenden als deutsches Äquivalent hierfür den Ausdruck ‚das-ist-so’ verwenden. Dieser Für-
satz soll laut Stipulation sowohl als Stellvertreteranapher als auch als Abhängigkeitsanapher
fungieren können. Grover glaubte lange Zeit, dass es in der natürlichen Sprache keine Fürsät-
ze geben würde, und sah sich deshalb genötigt, einen Ausdruck dieser Art einzuführen. 118 Die-
ser Umstand lässt sich durch die folgende Stipulationsthese und somit die erste Komponente
dieser ersten Variante der ursprünglichen Version der prosententialen Konzeption der Wahr-
heit ausdrücken:

(E1) Die deutsche Sprache, die keine Fürsätze enthält, kann durch den Ausdruck ‚das-ist-so’ erweitert werden.
Dieser Ausdruck kann sowohl als Stellvertreteranapher als auch als Abhängigkeitsanapher fungieren.

Die auf dieser Stipulationsthese basierende Übersetzungsthese und zweite Komponente dieser
Konzeption kann nun wie folgt formuliert werden.

(Ü1) Jeder Satz des Deutschen, der den Ausdruck ‚ist wahr’ enthält, kann unter Verwendung des Fürsatzes ‚das-
ist-so’ in einen Satz übersetzt werden, der Teil eines Fragments des Deutschen ist, welches weder den
Ausdruck ‚ist wahr’ noch einen mit ihm synonymen Ausdruck enthält.

Wie lassen sich nun auf dieser Grundlage die Thesen (U1)-(U3) rechtfertigen? Wenn Sätze,
die den Ausdruck ‚ist wahr’ enthalten, durch Sätze paraphrasiert werden können, die keinen
Ausdruck, der mit dem Ausdruck ‚ist wahr’ synonym ist, enthalten und statt dessen nur von
dem Fürsatz ‚das-ist-so’ Gebrauch machen, dann kann diesem Ausdruck keine Funktion zu-
kommen, die einem gewöhnlichen prädikativen Ausdruck zukommt; nämlich eine Eigenschaft
auszudrücken und dazu verwendbar zu sein, dieselbe einem Gegenstand zuzuschreiben. Da-
mit scheint durch (E1) und (Ü1) in jedem Fall die These (U2) gerechtfertigt zu sein. Was die
Rechtfertigung der anderen beiden Thesen betrifft, so ist es in diesem Zusammenhang nötig,
einen genaueren Blick auf die einzelnen Paraphrasen zu werfen, welche die prosententiale

117 Eine mit dieser Auffassung sehr eng verwandte Wahrheitskonzeption wird in Williams (1992) vertreten. Wil-
liams führt in dieser Arbeit zu einem sehr ähnlichen Zweck die Ausdrücke ‚somewhether’ und ‚thether’ als Für -
sätze in die natürliche Sprache ein. Vgl. dazu: Williams (1992, S. 92-96) und Künne (2003, S. 64-77). Ich halte
die Wahrheitskonzeption, die in Williams (1976) vertreten wird, im Gegensatz zu Künne nicht für eine Variante
einer prosententialen Wahrheitskonzeption, sondern eher für eine Verteidigung der Redundanztheorie der Wahr-
heit im Sinne von Ayer, Prior und in der Folge bestimmter Anregungen, die auf Ramsey zurückgehen. Der wich-
tigste Grund, der sich für diese Einschätzung anführen lässt, besteht darin, dass in Williams (1976) der Rückgriff
auf Fürsätze weder eine wesentliche Rolle bei der Analyse von Sätzen, die den Ausdruck ‚ist wahr’ enthalten,
noch bei der Rechtfertigung der sententialen Quantifikation spielt. Vgl. dazu: Williams (1976, S. 14-15; S. 85; S.
96).
118 „Because I was initially doubtful that English had any expressions that could be classified as prosentences, I

added ‘tthat’ to English. I stipulated that ‘tthat’ would be generally available for anaphoric work in the way pro-
nouns are available, but with the difference that ‘tthat’ would occupy sentence positions.”, in: Grover (1992, S.
16). Vgl. dazu auch: Grover (1992, S. 86-88).
70
Konzeption der Wahrheit in Bezug auf Sätze anstrebt, die den Ausdruck ‚ist wahr’ enthalten.
Werfen wir dazu einen Blick auf den folgenden, bereits angeführten kurzen Dialog:

A: Maria hasst Marion.


B: Das ist wahr.

Auf der Grundlage von (E1) und (Ü1) ist nun der Satz ‚Das ist wahr’ synonym mit dem Für-
satz ‚Das-ist-so’. Dieser Fürsatz wiederum bezieht seinen Gehalt im angeführten Kontext von
dem Satz ‚Maria hasst Marion’. Das heißt dann aber auch, dass der Satz ‚Das ist wahr’ in dem
gegebenen Zusammenhang mit dem Satz ‚Maria hasst Marion’ synonym ist. Wenn das alles
zutrifft, dann kann der Ausdruck ‚ist wahr’ keinen direkten Beitrag zum propositionalen Ge-
halt des Satzes ‚Das ist wahr’ leisten. Folglich muss dieser Ausdruck ein inhaltlich redundan-
ter Ausdruck sein, denn dieser Umstand trifft, wenn wir (E1) und (Ü1) voraussetzen, nicht nur
auf das Beispiel, sondern auf alle Verwendungen von ‚ist wahr’ zu. Damit lässt sich auf der
Grundlage von (E1) und (Ü1) auch (U1) belegen.
Wie steht es nun aber mit (U3)? In (U3) wird davon gesprochen, dass der Ausdruck ‚ist wahr’
die Funktion hat, Zustimmung auszudrücken. Das scheint sich nun aber auf der Grundlage
von (E1) und (Ü1) keineswegs rechtfertigen zu lassen. Schließlich ergibt sich die Funktion
der Zustimmung in den angesprochenen Fällen auf der Grundlage der anaphorischen Bezie-
hung eines Fürsatzes zu seinem Antezedens und der behauptenden Kraft, mit der ein Fürsatz
geäußert wird. Der Ausdruck ‚ist wahr’ hat damit aber gar nichts zu tun. Denn auch wenn
‚Das ist wahr’ mit ‚Das-ist-so’ synonym ist, so ergibt sich die Möglichkeit, Zustimmung aus-
zudrücken, nicht aus dem semantischen Gehalt oder der pragmatischen Funktion von ‚ist
wahr’. Streng genommen kann (U3) daher auf der Grundlage von (E1) und (Ü1) gar nicht ge-
rechtfertigt werden. Wir werden auf dieses Problem noch im Rahmen einer anderen Variante
der prosententialen Konzeption der Wahrheit zurückkommen.

(2.4.2) Die zweite Variante der ursprünglichen Version

Die zweite angesprochene Variante der ursprünglichen prosententialen Konzeption der Wahr-
heit unterscheidet sich von der ersten in nur zwei kleinen Details. 119 Der erste Unterschied be-
steht darin, dass die zweite Variante nicht auf einen, sondern auf zwei Fürsätze zurückgreift
und die beiden Funktionsweisen, die dem Ausdruck ‚Das-ist-so’ nach der ersten Konzeption
zukamen, auf die beiden unterschiedlichen Fürsätze aufteilt. Der zweite Unterschied besteht
darin, dass die eingeführten Fürsätze den Ausdruck ‚ist wahr’ als einen synkategorematischen
Teilausdruck, also als einen Ausdruck beinhalten, der keinen eigenständigen semantischen

119 Vgl. dazu: Grover (1992, S. 89-94).


71
Gehalt hat. Wir können auf dieser Grundlage die Stipulationsthese, auf der diese zweite Vari-
ante basiert, wie folgt formulieren:

(E2) Die deutsche Sprache, die keine Fürsätze enthält, kann durch die Ausdrücke ‚Das-ist-wahr’ und ‚Es-ist-
wahr’ erweitert werden. Der erste dieser Ausdrücke kann als Stellvertreteranapher fungieren, der zweite
als Abhängigkeitsanapher.

Diese Formulierung weicht in einem wesentlichen Punkt von der originalen Darlegung dieser
Theorie ab, wie sie in Grover, Camp und Belnap (1975) gegeben wurde. Dort heißt es näm-
lich:

In the spirit of Ramsey, our claim is that all truth talk can be viewed as involving only prosentential uses of ‘That
is true’. In order to support this claim, we are going to have recourse to a second artificial language, but this time
one that is a fragment of English instead of an extension like English + ‘thatt’. English* does have the prosen -
tences ‘That is true’ and ‘It is true’; however, these are to be treated as atomic prosentences like ‘thatt’. That is,
the truth predicate will not be isolable: Sentences such as ‘What Barbara said is true’ do not belong to Eng-
lish*.120

Aus diesem Zitat geht hervor, dass die Vertreter der zweiten Variante der ursprünglichen Ver-
sion der prosententialen Konzeption der Wahrheit der Auffassung sind, dass die natürliche
Sprache diejenigen Ausdrücke enthält, die notwendig sind, um Fürsätze zu bilden, und dass es
nur einer besonderen atomistischen Auslegung von Sätzen wie ‚Es ist wahr’ und ‚Das ist
wahr’ bedarf, um diese Sätze auch tatsächlich zu Fürsätzen zu machen. Das scheint allerdings
nicht korrekt zu sein. Denn Sätze wie ‚Es ist wahr’ und ‚Das ist wahr’ haben eindeutig keine
atomare Struktur. Das zeigt sich einerseits daran, wie diese Ausdrücke in der natürlichen
Sprache modifiziert werden können; und zwar hinsichtlich Zeit, Modalität und anderer Para-
meter. Und andererseits zeigt es sich anhand der Möglichkeit einer einheitlichen Deutung des
Ausdrucks ‚ist wahr’ als eines nicht synkategorematischen Teils von komplexeren grammati-
kalischen Gebilden. Da die betreffenden Sätze keine atomare Struktur haben, kann auch per
Stipulation nicht einfach festgesetzt werden, dass es sich bei den betreffenden Ausdrücken um
atomare, nicht weiter zerlegbare Einheiten handelt.
Es gibt in der natürlichen Sprache in der Tat atomare Fürsätze einer bestimmten Art. Der Aus-
druck ‚Ja’ bspw. kann in manchen Satzpositionen, allerdings nicht in beliebigen Satzpositio-
nen als Fürsatz fungieren.121 Er ist somit kein genuiner atomarer Fürsatz. Wenn ich in der na-
türlichen Sprache genuine atomare Fürsätze haben will, dann muss ich diese per Stipulation
einführen. Und diese Erweiterung kann in der Weise geschehen, wie wir dies durch (E2) getan
haben. Auf dieser Grundlage kann nun auch die Übersetzungsthese wie folgt formuliert wer-
den:
120 Grover (1992, S. 89-90).
121 Vgl. dazu: Grover (1992, S. 85); Künne (2003, S. 68).
72
(Ü2) Jeder Satz des Deutschen, der den Ausdruck ‚ist wahr’ enthält, kann unter Verwendung der Fürsätze ‚Das-
ist-wahr’ und ‚Es-ist-wahr’ in einen Satz übersetzt werden, der Teil eines Fragments des Deutschen ist,
welches weder den Ausdruck ‚ist wahr’ noch einen mit diesem Ausdruck synonymen Ausdruck enthält.

Wir haben bereits auf die zwei wesentlichen Unterschiede zwischen (E1) und (Ü1) auf der
einen Seite und (E2) und (Ü2) auf der anderen Seite hingewiesen. Haben diese Unterschiede
irgendwelche Konsequenzen für eine womöglich bessere Rechtfertigung von (U1)-(U3)?
Wenn man die Sache genau betrachtet, dann besteht eigentlich, was die Rechtfertigungsmög-
lichkeiten betrifft, kein Unterschied zwischen der ersten und der zweiten angeführten Konzep-
tion. Das würde heißen, dass beide Konzeptionen dieselben angesprochenen Schwierigkeiten
bei der Rechtfertigung von (U3) haben. Auf der Grundlage von (E2) wird zwar im Gegensatz
zu (E1) der Ausdruck ‚ist wahr’ im Rahmen der eingeführten Fürsätze verwendet, allerdings
in einer Weise, die sich grammatisch grundlegend von der gewöhnlichen Verwendung dieses
Ausdrucks in der Sprache Deutsch unterscheidet. Denn im Deutschen wird der Ausdruck ‚ist
wahr’ in keinem Zusammenhang als bloßer syntaktischer Teil eines atomaren Ausdrucks wie
‚Das-ist-wahr’ verwendet. Daher sind diese beiden unterschiedlichen Verwendungen des Aus-
drucks ‚ist wahr’ keineswegs vergleichbar. Dass der Ausdruck ‚ist wahr’ im Rahmen der ange-
führten Fürsätze verwendet wird, ist überhaupt nicht signifikant; der Ausdruck ‚ist-fahr’ wür-
de genau dieselben Zwecke erfüllen. Der Ausdruck ‚ist wahr’ spielt auf dieser Grundlage in
den Fürsätzen ‚Das-ist-wahr’ und ‚Es-ist-wahr’ überhaupt keine semantische oder pragmati-
sche Rolle. D.h., wir können auf der Grundlage der Semantik oder Pragmatik dieser Fürsätze
nicht auf die semantische oder pragmatische Funktion des Ausdrucks ‚ist wahr’ im Deutschen
schließen. Daher können uns auch (E2) und (Ü2) bei der Rechtfertigung von (U3) in keiner
Weise weiterhelfen. (E2) und (Ü2) haben diesbezüglich denselben explanatorischen Wert wie
(E1) und (Ü1). Diese zweite Variante weist allerdings zumindest schon in die richtige Rich-
tung, was eine mögliche angemessene Rechtfertigung von (U3) auf der Basis einer prosenten-
tialen Konzeption der Wahrheit betrifft. Damit sind wir bei der dritten Variante der ursprüngli-
chen Version der prosententialen Konzeption der Wahrheit angelangt.

(2.4.3) Die dritte Variante der ursprünglichen Version

Diese dritte Version unterscheidet sich in zwei wesentlichen Punkten von ihren Vorgängern. 122
Erstens führt diese Variante keine neuen Ausdrücke in die natürliche Sprache ein, die sie als
Fürsätze ausweist, sondern sie behauptet, dass es Sätze in der betreffenden natürlichen Spra-
che gibt, die als Fürsätze fungieren können. Die Stipulationsthese wird somit zur Existenzthe-
se. Zweitens enthalten die Sätze, von denen behauptet wird, dass sie Fürsätze sind, den Aus-
122 Vgl. dazu: Grover (1992, S. 88-89).
73
druck ‚ist wahr’ als grammatisch nicht-atomaren Teil. D.h., der Ausdruck wird im Rahmen
dieser Sätze zumindest vom grammatischen Standpunkt genauso verwendet wie in allen ande-
ren Zusammenhängen der deutschen Sprache. Wir können daher die Existenzthese dieser drit-
ten Variante der ursprünglichen Version der prosententialen Konzeption der Wahrheit wie
folgt formulieren:

(E3) Die deutsche Sprache enthält die Fürsätze ‚Das ist wahr’ und ‚Es ist wahr’. Der erste dieser Ausdrücke
kann als Stellvertreteranapher fungieren, der zweite als Abhängigkeitsanapher.

Die Übersetzungsthese lässt sich auf dieser Grundlage derart formulieren:

(Ü3) Jeder Satz des Deutschen, der den Ausdruck ‚ist wahr’ enthält, kann unter Verwendung der Fürsätze ‚Das
ist wahr’ und ‚Es ist wahr’ in einen Satz übersetzt werden, der Teil eines Fragments des Deutschen ist,
welches weder den Ausdruck ‚ist wahr’ in einem anderen Zusammenhang als in diesen beiden Fürsätzen
noch einen mit diesem Ausdruck synonymen Ausdruck enthält.

Inwiefern verändern nun die angeführten Unterschiede der dritten Variante der ursprünglichen
prosententialen Konzeption der Wahrheit die explanatorische Kraft dieser Konzeption gegen-
über den beiden anderen angeführten Varianten? Kann die These (U3) nun auf dieser verän-
derten Grundlage gerechtfertigt werden? Das scheint zumindest auf den ersten Blick möglich
zu sein. Der Ausdruck ‚ist wahr’ scheint im Rahmen des angesprochenen Fragments des Deut-
schen in dem Sinn dieselbe grammatische Rolle zu spielen wie im Deutschen, insofern er hier
wie dort als prädikativer Ausdruck fungiert. Wenn Sätze des angeführten Fragments des Deut-
schen mit gewissen Sätzen der Sprache Deutsch synonym sind, dann könnte man auf dieser
Grundlage annehmen, dass die Bedeutung und Funktion von ‚ist wahr’ in beiden Sprachen
dieselbe ist. Kann man diesen Schluss aber wirklich ziehen? Welche Funktion hat ‚ist wahr’
überhaupt in dem angesprochenen Fragment? Es gibt schließlich auch wesentliche Unter-
schiede, was die Grammatik des Deutschen und des angesprochenen Fragments des Deut-
schen betrifft. In der ersten Sprache fungiert der Ausdruck ‚ist wahr’ wie jeder andere prädi-
kative Ausdruck und kann daher im Zusammenhang unterschiedlicher grammatischer Kon-
struktionen eingesetzt werden. In dem angesprochenen Fragment kann der Ausdruck ‚ist
wahr’ nur im Zusammenhang der sogenannten Fürsätze ‚Es ist wahr’ und ‚Das ist wahr’ ver-
wendet werden. Dieser signifikante grammatische Unterschied scheint doch wohl auch zu ei-
nem signifikanten semantischen Unterschied zu führen. Schließlich muss die Funktion von
‚ist wahr’ in einem Fürsatz eine wesentlich andere sein als in einem Satz, der nicht als Fürsatz
fungiert. Kann man aber nun sagen, welche Funktion ‚ist wahr’ in den angesprochenen Für-
sätzen hat? Nach der ursprünglichen Version der prosententialen Konzeption der Wahrheit
scheint diese Funktion von ‚ist wahr’ im Rahmen von Fürsätzen nicht isolierbar zu sein. Wir

74
können zwar die semantische Funktion dieser Fürsätze als Ganzes beschreiben, nicht aber die
Funktion der einzelnen Teile dieser Fürsätze. Zumindest wird auf der Grundlage der Ausfüh-
rungen der Prosententialisten in keiner Weise klar, wie ein solcher Beitrag überhaupt zu iso-
lieren und zu beschreiben ist. Und wenn wir uns die im Abschnitt (2.3) vollzogenen Überle-
gungen über Proformen vergegenwärtigen, dann scheint es auch im Falle der Fürsätze weder
notwendig noch möglich zu sein, eine semantische Funktion von einzelnen Wörtern im Rah-
men von Fürsätzen zu isolieren. Auf dieser Grundlage zeigt sich also, dass (E3) und (Ü3) kei-
ne wirklichen explanatorischen Vorzüge gegenüber ihren Vorgängern haben. Es fragt sich da-
her, was Prosententialisten überhaupt meinen, wenn sie die folgende Behauptung machen:

… all ordinary truth talk (that we need) can be explained in terms of a prosentential role of ‘true’ and ‘false’. 123

Dieses Zitat kann dahingehend ausgelegt werden, dass wir nur das angesprochene Fragment
benötigen, um dasselbe auszudrücken, was wir in der natürlichen Sprache mit anderen Mitteln
ausdrücken. Wenn im Zitat aber der Anspruch erhoben wird, dass unser gewöhnlicher ‚truth
talk’ im Alltag durch die prosententiale Konzeption der Wahrheit erklärt wird, dann scheint
dies ein Irrtum zu sein. Denn die ursprüngliche prosententiale Konzeption der Wahrheit er-
klärt nicht einmal, worin eine prosententiale Rolle des Ausdrucks ‚wahr’ denn überhaupt be-
stehen soll. Sie setzt vielmehr nur voraus, dass der Ausdruck ‚wahr’ im Rahmen von bestimm-
ten Fürsätzen verwendet werden kann und damit eine solche spezifische Rolle haben muss.
Damit ist aber nicht erklärt, worin diese Rolle besteht und wie auf dieser Grundlage der Aus-
druck ‚ist wahr’ in anderen grammatischen und semantischen Zusammenhängen sinnvoll ver-
wendet werden kann. Durch die angeführten Ähnlichkeiten der Verwendung des Ausdrucks
‚ist wahr’ im grammatischen Sinne zwischen Deutsch und dem angesprochenen Fragment des
Deutschen wollen die Prosententialisten den Eindruck erwecken, als könnte man auf der
Grundlage der prosententialen Konzeption der Wahrheit zumindest in der dritten hier vorlie-
genden Version erklären, wie der Ausdruck ‚ist wahr’ in der Sprache Deutsch funktioniert,
d.h. welche semantischen und pragmatischen Rollen er übernimmt. Diese Einschätzung ist
aber falsch. Denn wenn der Ausdruck ‚ist wahr’ tatsächlich im Rahmen eines Fürsatzes ver-
wendet werden kann, was auch noch zu überprüfen sein wird, dann hat dieser Ausdruck in je-
dem Fall eine andere Semantik, als wenn er außerhalb eines Fürsatzes gebraucht wird. Das
einzige, was alle angeführten prosententialen Konzeptionen der Wahrheit, falls sie korrekt
sind, zeigen können, ist, dass wir auf den Ausdruck ‚ist wahr’ in seiner gewöhnlichen Funk-
tion verzichten können, ohne dadurch einen Ausdrucksverlust im Rahmen unserer Sprache
hinnehmen zu müssen. D.h., wir können dem Ausdruck ‚ist wahr’ eine prosententiale Funkti-
on zuschreiben, wie immer die im Detail auszusehen hat, und können damit dieselben Propo-
123 Grover (1992, S. 17).
75
sitionen zum Ausdruck bringen, wie wenn wir den Ausdruck in seiner gewöhnlichen Funktion
verwenden würden. Damit verfehlen die angeführten Wahrheitskonzeptionen allerdings ihren
eigenen Anspruch in einem wesentlichen Punkt. Schließlich haben sie den Anspruch erhoben,
die Bedeutung und Funktion des Ausdrucks ‚ist wahr’ in der natürlichen Sprache zu erklären.
Alles, was sie gezeigt haben, wenn ihre Thesen korrekt sind, ist der Umstand, dass wir auf
den Ausdruck ‚ist wahr’ in seiner gewöhnlichen Bedeutung und Funktion verzichten können,
ohne damit einen Ausdrucksverlust hinnehmen zu müssen, wenn wir uns auf die Möglichkei-
ten besinnen, die sich durch die Verwendung von Fürsätzen ergeben.

(2.4.4) Die Schwächen der ursprünglichen Version der prosententialen Konzeption der
Wahrheit

Es stellt sich auf dieser Grundlage demnach die Frage, ob die angeführten Varianten der ur-
sprünglichen prosententialen Konzeption der Wahrheit, die nicht verwendet werden können,
um (U3) zu rechtfertigen, überhaupt in der Lage sind, die These (U1) und (U2) zu rechtferti-
gen. Wir wollen nun unsere Kritik an der ursprünglichen Version der prosententialen Konzep-
tion der Wahrheit insofern vertiefen, als wir der Frage nachgehen, ob die einzelnen Thesen der
oben angeführten prosententialen Konzeptionen der Wahrheit überhaupt wahr sind.
Die Thesen (E1) und (E2) sind insofern falsch, als wir in Abschnitt (2.3) bereits festgestellt
haben, dass es Fürsätze in der natürlichen Sprache bzw. in der Sprache Deutsch gibt. Was an
diesen Thesen darüber hinaus problematisch zu sein scheint, lässt sich wie folgt ausdrücken:
Ist es tatsächlich möglich, das semantische Repertoire einer Sprache zu erweitern, indem man
Ausdrücke in diese Sprache einführt, denen man keine halbwegs präzise Semantik verleiht
und deren sinnvoller Gebrauch ebensowenig auf der Grundlage des bereits vorhandenen Vo-
kabulars einer Sprache etabliert werden kann? Es ist zumindest fraglich, ob die angeführten
Stipulationen der Prosententialisten wirklich das leisten, was sie zu leisten beanspruchen,
nämlich das semantische Repertoire einer Sprache zu erweitern.
Viel eindeutiger fällt allerdings das Urteil bezüglich der These (E3) aus. Diese These ist
falsch. Weder der Satz ‚Es ist wahr’ noch der Satz ‚Das ist wahr’ können als Fürsätze der
deutschen Sprache angesehen werden. Wir haben im Abschnitt (2.3) festgestellt, dass der Satz
‚Es ist so’ in vielen Zusammenhängen als Fürsatz interpretiert werden kann, der als Stellver-
treteranapher fungiert und in manchen Zusammenhängen auch als Fürsatz interpretiert werden
kann, der als Abhängigkeitsanapher fungiert. Dieser Umstand hat sich daraus ergeben, dass
sich keine andere plausible Erklärung für den sinnvollen Gebrauch von ‚Es ist so’ in den an-
geführten Beispielen finden ließ: Keine pronominale Deutung von ‚es’ schien in diesen Zu-

76
sammenhängen möglich zu sein, ebenso keine proadjektivische Deutung von ‚so’, um die se-
mantische Abhängigkeit des Satzes ‚Es ist so’ von anderen Ausdrücken zu erklären.
Die Sache verhält sich in Bezug auf den Satz ‚Das ist wahr’ gänzlich anders. Es gibt stets eine
alternative Deutung zu der in (E3) angestrebten, und diese Deutung ist auf alle Verwendungen
dieses Satzes anwendbar. Nach dieser Deutung fungiert ‚das’ als bezugnehmender Ausdruck,
der entweder auf eine Proposition oder einen Satz referiert. Der Ausdruck ‚ist wahr’ fungiert
dabei als prädikativer Ausdruck, mit dessen Hilfe der betreffenden Proposition oder dem be-
treffenden Satz die Eigenschaft der Wahrheit zugeschrieben werden kann. Diese plausible Al-
ternative spricht noch nicht für die Falschheit der Deutung von ‚Das ist wahr’ als Fürsatz, sie
stellt diese aber auf jeden Fall in Frage.
Die Tatsache, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ in jedem Zusammenhang seiner Verwendung in
der deutschen Sprache – was seine Oberflächengrammatik betrifft – als prädikativer Ausdruck
gedeutet werden kann, jedoch nicht in jedem Zusammenhang als Teilausdruck eines Fürsat-
zes, verstärkt auf jeden Fall die Zweifel an der Plausibilität dieser Analyse. Dennoch wird die-
se Analyse dadurch nicht ausgeschlossen. Ein Umstand, auf den Grover, Camp und Belnap
selbst hingewiesen haben, scheint speziell gegen die Sinnhaftigkeit der prosententialen Deu-
tung von ‚Das ist wahr’ zu sprechen. Es scheint viele andere Sätze der allgemeinen Form ‚Das
ist F’ zu geben, und beinahe alle Sätze dieser Form können nicht als Fürsätze verwendet wer-
den.124 Warum sollte daher gerade der Satz ‚Das ist wahr’ hier eine Ausnahme sein? Wenn wir
als Einsetzungsinstanzen für ‚F’ im Rahmen von ‚Das ist F’ nur Adjektive zulassen, dann gibt
es tatsächlich keinen Satz, der mit ‚Das ist wahr’ auch nur äquivalent wäre. Wenn wir beliebi-
ge Ausdrücke zulassen, dann gibt es zumindest den Satz ‚Das ist eine Wahrheit’, der mit dem
Ausdruck ‚Das ist wahr’ notwendig äquivalent, wenn nicht gar synonym ist. Unter bestimm-
ten Voraussetzungen, die es noch zu prüfen gilt, können auch die Sätze ‚Das ist der Fall’, ‚Das
ist eine Tatsache’ und ‚Das ist ein bestehender Sachverhalt’ als mit ‚Das ist wahr’ äquivalent
aufgefasst werden. Alle anderen Sätze der Form ‚Das ist F’ scheinen allerdings weder mit
‚Das ist wahr’ äquivalent zu sein noch als Fürsätze fungieren zu können. Sätze wie ‚Das ist
wahrscheinlich’, ‚Das ist verständlich’, ‚Das ist bedauerlich’ oder ‚Das ist glaubwürdig’ kön-
nen nicht als Fürsätze fungieren. Es stellt sich aber vor diesem Hintergrund die folgende Fra-
ge: Wie ist es möglich, dass der Ausdruck ‚Das ist wahr’ eine vollständig andere Semantik als
bspw. der Satz ‚Das ist unbezweifelbar’ hat und die folgenden vier Sätze miteinander syn-
onym sind und für dieselben Zwecke verwendet werden können?

(46) Das ist wahr und das ist (auch) unbezweifelbar.


(47) Das ist unbezweifelbar und das ist (auch) wahr.

124Vgl. dazu: Grover (1992, S. 100-105); siehe dazu auch: Forbes (1986, S. 37); Wilson (1990, S. 24-25); Dodd
(2000, S. 40-42); Halbach (2003, S. 75).
77
(48) Das ist unbezweifelbar und wahr.
(49) Das ist wahr und unbezweifelbar.

Wie kann es sein, dass zwei Ausdrücke in unterschiedlichen syntaktischen Kontexten dieselbe
Rolle einnehmen können und dennoch eine unterschiedliche Semantik haben? Diese unter-
schiedliche Semantik müsste doch auch auf der Ebene der Syntax in bestimmten Zusammen-
hängen hervortreten bzw. markiert sein. Vor allem scheint die Korrektheit der elliptischen
Konstruktionen (48) und (49) schwer erklärbar zu sein, wenn wir annehmen, dass der Aus-
druck ‚wahr’ in (46) und (47) als Teilausdruck eines Fürsatzes fungiert, was er in (48) und
(49) nicht tut. D.h., die angeführten syntaktischen und semantischen Eigenschaften des Aus-
drucks ‚wahr’ lassen darauf schließen, dass der Ausdruck im Zusammenhang des Satzes ‚Das
ist wahr’ keine andere semantische Funktion übernehmen kann als in anderen Zusammenhän-
gen. Daher ist die prosententiale Auslegung des Satzes ‚Das ist wahr’ abzulehnen.
Grover, Camp und Belnap versuchen dieses Problem durch den Hinweis abzuschwächen, dass
die Semantik von anderen Ausdrücken der Form ‚Das ist F’ als ‚Das ist wahr’ keineswegs ein-
deutig ist. D.h., der Ausdruck ‚das’ kann in diesen Zusammenhängen auf unterschiedliche Ob-
jekte bezogen werden: auf Sätze, Propositionen, Tatsachen oder Sachverhalte. 125 Diese Mög-
lichkeit ändert aber nichts daran, dass der Ausdruck ‚das’ in sinnvoller Weise in den genann-
ten Kontexten als bezugnehmender Ausdruck aufzufassen ist. Was ändert dieser korrekte Hin-
weis an dem aufgeworfenen Problem? Natürlich, wenn es so wäre, dass der Ausdruck ‚das’ im
Kontext eines Satzes der Form ‚Das ist F’ nur in dem Fall sinnvoll auf eine Proposition bezo-
gen werden kann, wenn ‚F’ durch ‚wahr’ ersetzt wird, dann würde sich daraus die Möglichkeit
ergeben, diese Bezugnahme anzuzweifeln.126 Nun ist dies aber keineswegs der Fall. Der Aus-
druck ‚das’ kann auch im Rahmen anderer Sätze der Form ‚Das ist F’ als ‚Das ist wahr’ auf
Propositionen bezogen werden. Das gilt bspw. für den Satz ‚Das ist gerechtfertigt’. Der Aus-
druck ‚das’ kann hier in sinnvoller Weise auf Propositionen bezogen werden. Damit ändert die
angeführte Mehrdeutigkeit des Ausdrucks ‚das’ im Rahmen von Sätzen der Form ‚Das ist F’
nichts an dem von uns aufgeworfenen Problem, welches offenbar ein Beleg gegen die prosen-
tentiale Auslegung von ‚Das ist wahr’ ist.
Dieses Problem lässt sich aber auch in einer anderen Weise formulieren und zuspitzen. Der
Ausdruck ‚Das ist gerechtfertigt’ kann nicht als Fürsatz gedeutet werden; der Ausdruck ‚das’
muss in diesem Zusammenhang als bezugnehmender Ausdruck gedeutet werden. Wie geht
man als Prosententialist vor diesem Hintergrund mit dem folgenden Beispielsatz um?127

(50) Das ist wahr und es ist (auch) gerechtfertigt.


125 Vgl. dazu: Grover (1992, S. 102).
126 Vgl. dazu: Grover (1992, S. 102-103).
127 Vgl. dazu auch: Künne (2003, S. 78-79).

78
Das in (50) verwendete Pronomen ‚es’ fungiert hier als Anapher, welche ihren Bezug von ei-
nem Antezedens leiht bzw. leihen muss. Der einzige Ausdruck, der zu diesem Zweck in Frage
kommt, ist der Ausdruck ‚das’. Nun muss dieser aber auch als bezugnehmender Ausdruck ge-
deutet werden, damit das Pronomen ‚es’ in (50) seinen Bezug von diesem Ausdruck leihen
kann. Wir haben durch (50) somit einen eindeutigen Beleg dafür, dass es gute Gründe gibt,
dem Satz ‚Das ist wahr’ eine nicht-prosententiale Auslegung zu geben. Die angeführten Grün-
de dürften somit hinreichend sein, die Behauptung der ursprünglichen prosententialen Kon-
zeption der Wahrheit zurückzuweisen, da es sich bei dem Ausdruck ‚Das ist wahr’ nicht um
einen Fürsatz handelt, der als Stellvertreteranapher fungieren kann.
Wie sieht es nun aber mit der zweiten in (E3) enthaltenen These aus, dass der Satz ‚Es ist
wahr’ als Fürsatz aufgefasst werden kann, der als Abhängigkeitsanapher in der deutschen
Sprache fungieren kann? Um diese These genauer beurteilen zu können, sollten wir uns an-
hand von Beispielen ansehen, wie sich Vertreter der prosententialen Konzeption der Wahrheit
diesen Gebrauch von ‚Es ist wahr’ im Detail vorstellen. Hier sind einige diesbezügliche Bei-
spielsätze von Grover, Camp und Belnap:128

(51) Für alle Propositionen gilt, wenn John sagte, dass es wahr ist, dann ist es wahr.
(52) Für alle Propositionen gilt, es ist wahr oder es ist nicht der Fall, dass es wahr ist.
(53) Für alle Propositionen gilt, wenn es wahr ist, dann ist es wahr.

Anhand dieser Beispiele zeigt sich bereits recht eindeutig, warum die These (E3) in Bezug auf
den Satz ‚Es ist wahr’ falsch ist. Es gibt schlicht weg überhaupt keine sinnvollen Gründe, eine
anaphorische Beziehung zwischen dem Satz ‚es ist wahr’ und dem Ausdruck ‚alle Propositio-
nen’ anzunehmen. Wenn wir von der Wahrheit der These (T1) aus dem Abschnitt (2.3) ausge-
hen, dann ließe sich das auch ganz einfach erklären: Ein Fürsatz kann auf dieser Grundlage
überhaupt nur zu einem Ausdruck in Satzposition eine anaphorische Beziehung eingehen.
Aber selbst wenn wir wie Grover, Camp und Belnap die Wahrheit dieser These ablehnen,
kommen wir nicht umhin, das Faktum zu akzeptieren, dass der Ausdruck ‚alle Propositionen’
nicht dafür geeignet ist, Fürsätze anaphorisch zu binden. Ähnliches gilt für den Ausdruck ‚ei-
nige Propositionen’ oder vergleichbare Ausdrücke. Die Sätze (51)-(53) sind in einem strengen
Sinn nicht einmal semantisch wohlgeformt, da sie jeweils zwei Vorkommnisse des Pronomens
‚es’ enthalten und der Bezug dieser Ausdrücke in den betreffenden Sätzen nicht festgelegt ist.
Dem ließe sich bspw. dadurch abhelfen, dass man diese Vorkommnisse des Pronomens ‚es’
durch Vorkommnisse des Pronomens ‚sie’ ersetzt. Denn dann kann der Ausdruck ‚alle Propo-

128 Vgl. dazu: Grover (1992, S. 72-73; S. 79; S. 86).


79
sitionen’ als Antezedens dieser Pronomen, nicht aber als Antezedens irgendeines Fürsatzes
fungieren.129
Wir haben im Zusammenhang unserer Ausführungen in Abschnitt (2.3) festgestellt, dass die
Kategorie der Fürsätze, die in der natürlichen Sprache als Abhängigkeitsanaphern gedeutet
werden können, relativ eingeschränkt ist. Es hat sich vor allem gezeigt, dass die Ausdrücke,
die in unzweifelhafter Weise als Antezedens solcher Fürsätze fungieren können, sehr rar sind.
Darüber hinaus haben wir gesehen, dass Ausdrücke wie ‚es ist so’, die als Fürsätze fungieren
können, als Komponenten Ausdrücke wie ‚es’ und ‚so’ enthalten, die selbst in bestimmten Zu-
sammenhängen als Anaphern fungieren können. Das scheint nun aber gerade für den Aus-
druck ‚wahr’, der eine Komponente des angeblichen Fürsatzes ‚Es ist wahr’ ist, nicht zu gel-
ten. Dieser Ausdruck kann in keinem Zusammenhang für sich genommen als Anapher fungie-
ren. (Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Ersetzung von ‚es ist wahr’
durch den Ausdruck ‚es ist so’ in (51)-(53) nichts an der Richtigkeit unseres Urteils über den
Ausdruck ‚alle Propositionen’ als Antezedens von Fürsätzen ändern würde.)
Man mag nun so argumentieren, dass dieser Umstand keinen echten Einwand gegen die in
(E3) behauptete Deutung von ‚Es ist wahr’ darstellt. Er zeigt vielmehr, könnte man einwen-
den, dass der Ausdruck ‚wahr’ nur im Zusammenhang von Fürsätzen wie ‚Es ist wahr’ und
‚Das ist wahr’ sein anaphorisches Potential entfalten kann. Im Fall von ‚Es ist so’ haben wir
uns immer mit der Frage beschäftigen müssen, ob es sich bei diesem Ausdruck wirklich um
einen Fürsatz handelt und ob sein anaphorisches Potential nicht dadurch erklärt werden kann,
dass man seinen Teilausdrücken ‚es’ und ‚so’ anaphorische Rollen zuschreibt. Diese Deu-
tungsmöglichkeit ist bei einem Fürsatz wie ‚Es ist wahr’ nicht gegeben.
Doch dieser Strategie kann entgegnet werden: Es gibt Verwendungen von ‚es ist wahr’ in be-
stimmten Kontexten, die mit der Deutung als Abhängigkeitsanapher ganz unvereinbar sind.
Der angesprochene scheinbare Vorteil erweist sich sogleich wieder als Nachteil, wenn wir
einen Blick auf ein Beispiel wie das folgende werfen:

(54) Das ist gerechtfertigt und es ist wahr.

Nehmen wir an, (54) wird von einer Person B als Antwort auf die Behauptung von A verwen-
det, dass es besser ist, arm und glücklich zu sein, als reich und unglücklich. Der Ausdruck ‚es
ist wahr’ kann nach (E3) als Abhängigkeitsanapher, aber nicht als Stellvertreteranapher fun-
gieren. Nun ist es aber ausgeschlossen, dass der Satz ‚es ist wahr’ unter diesen Voraussetzun-
gen in (54) als Abhängigkeitsanapher fungiert, weil es für diesen Zweck kein adäquates Ante-
zedens gibt. Trotzdem ist der Gebrauch von ‚Es ist wahr’ in (54) sinnvoll. Die einzig sinnvolle
Interpretation der semantischen Funktion dieses Satzes in (54) scheint darin zu bestehen, dass
129 Vgl. dazu: Künne (2003, S. 79-81) und auch: van Inwagen (2002, S. 216-221).
80
man den Ausdruck ‚es’ als Pronomen auffasst, welches den referentiell gebrauchten Ausdruck
‚das’ als Antezedens hat, und dass der Ausdruck ‚ist wahr’ als ganz gewöhnlicher prädikativer
Ausdruck aufgefasst wird. D.h., es gibt Kontexte, in denen eine plausible alternative Deu-
tungsmöglichkeit des Ausdrucks ‚Es ist wahr’ notwendig ist. Somit erweist sich der Umstand,
dass der Ausdruck ‚wahr’ selbst nicht als Anapher fungiert, als ein Beleg dafür, dass (E3) auch
in Bezug auf den Satz ‚Es ist wahr’ falsch ist.
Man mag dagegen einwenden, dass ‚Es ist wahr’ in Sätzen wie (54) als Stellvertreteranapher
fungieren kann. Gegen diese Auffassung gibt es aber ähnlich überzeugende Einwände wie ge-
gen die Auffassung, dass ‚Das ist wahr’ als Stellvertreteranapher fungieren kann. Wir brau-
chen nur einen Blick auf die folgenden beiden Beispiele zu werfen.

(54’) Du hast gehört, was Peter gesagt hat. Es ist gerechtfertigt und es ist wahr.
(54’’) Du hast gehört, was Peter gesagt hat. Es ist gerechtfertigt und wahr.

Diese beiden Satzpaare sind synonym. Und die einzig sinnvolle Deutung von ‚Es ist wahr’,
die sowohl die Sinnhaftigkeit von (54’) und (54’’) als auch ihre Synonymie erklärt, ist die
Deutung, welche besagt, dass ‚es’ ein Pronomen ist und ‚ist wahr’ ein gewöhnliches Prädikat.
Es gibt somit auch überzeugende Gründe für die Auffassung, dass der Ausdruck ‚Es ist wahr’
in der deutschen Sprache nicht als Fürsatz fungiert, wie es in (E3) behauptet wird.
Wenden wir uns nun zum Abschluss unserer Kritik an der ursprünglichen Version der prosen-
tentialen Konzeption der Wahrheit den Übersetzungsthesen zu. Es ist klar, dass aus der bereits
nachgewiesenen Falschheit von (E3) auch die Falschheit von (Ü3) folgt. Wenn wir nun aber
den Prosententialisten auf der Grundlage von (E1) und (E2) die Erweiterung der natürlichen
Sprache durch Fürsätze zugestehen, dann stellt sich nach wie vor die Frage, wie es um die
Wahrheit der Übersetzungsthesen (Ü1) und (Ü2) bestellt ist.
Eine allgemeine Schwäche des prosententialen Standpunkts in Bezug auf die Übersetzungs-
thesen besteht darin, dass er keinen Beweis für die Richtigkeit ihrer Übersetzungen anführen
kann, sondern diese nur durch Beispiele zu rechtfertigen sucht. Diese Schwäche besagt natür-
lich nichts Konkretes über die Wahrheit oder Falschheit der Übersetzungsthesen; sie ermög-
licht uns aber in jedem Fall, das gesamte Vorhaben mit einigen Gegenbeispielen zum Schei-
tern zu bringen.
Erste beträchtliche Zweifel an der Korrektheit der Übersetzungen der Prosententialisten tau-
chen auf, wenn wir einen Blick auf die Paraphrasen werfen, welche die Prosententialisten für
Sätze anbieten, die den Ausdruck ‚ist wahr’ im Zusammenhang mit generalisierenden Aus-
drücken enthalten. Betrachten wir als ein konkretes Beispiel dafür die folgende Übersetzung
auf der Grundlage von (E1)130:
130Wir werden uns im Folgenden ausschließlich mit (Ü1) beschäftigen, da zwischen den beiden Konzeptionen,
die auf (E1) und (E2) basieren, keine wesentlichen inhaltlichen Unterschiede bestehen.
81
(55) Alles, was Peter sagte, ist wahr =syn Für alle Propositionen gilt: Wenn Peter sagte, dass das-ist-so, dann das-
ist-so.

Diese Übersetzung erweist sich, selbst wenn wir den Gebrauch des Fürsatzes ‚Das-ist-so’ im
Rahmen des Deutschen akzeptieren, als semantisch nicht wohlgeformt. Das liegt vor allem an
einer bereits aufgezeigten Konvention der natürlichen Sprache: Anaphorische Beziehungen in
Bezug auf Fürsätze können nur zwischen einem Ausdruck in Satzposition und dem betreffen-
den Fürsatz bestehen. Die semantische Wohlgeformtheit von (55) würde es erfordern, dass
zwischen der Determinatorphrase ‚alle Propositionen’ und den beiden Vorkommnissen des
Fürsatzes ‚Das-ist-so’ in (55) anaphorische Beziehungen bestehen. Nun können Determinator-
phrasen aber nicht dieselben syntaktischen Positionen einnehmen wie Sätze. Daher können im
Rahmen von (55) nach den geltenden Konventionen der natürlichen Sprache keine ana-
phorischen Beziehungen bestehen, die für die semantische Wohlgeformtheit der angestrebten
Übersetzung erforderlich sind. Der Prosententialist müsste also Gründe anführen können, wel-
che die Preisgabe der angeführten Konvention rechtfertigen würden. Ich sehe allerdings keine
solchen vernünftigen Gründe, die in mehr bestehen, als dem von uns bereits in Zweifel gezo-
genen Versuch der Prosententialisten, die Wohlgeformtheit von Übersetzungen wie (55) auf
der Grundlage einer Analogie zu bestimmten formalen Sprachen zu rechtfertigen, die senten-
tiale Quantoren enthalten.
Eine weitere problematische Verwendung von ‚ist wahr’ in Bezug auf die Korrektheit der
Übersetzungsthese führen Grover, Camp und Belnap selbst an.131 Der folgende Satz der deut-
schen Sprache, der den Ausdruck ‚ist wahr’ enthält, scheint sich nur schwerlich in das
Deutsch der Prosententialisten auf der Grundlage von (Ü1) übersetzen zu lassen.

(56) ‚Schnee ist weiß’ ist wahr.

Ähnlich problematisch scheinen auch die folgenden Sätze zu sein:

(57) Es ist wahr, dass Schnee weiß ist.


(58) Die Proposition, dass Schnee weiß ist, ist wahr.

Warum sind diese Beispielsätze für die Übersetzungsthese (Ü1) Testfälle? Alle drei angeführ-
ten Beispielsätze drücken singuläre und keine generellen Propositionen aus, d.h., die Verwen-
dung von Fürsätzen, die als Abhängigkeitsanaphern fungieren, scheint somit für das Überset-
zungsvorhaben nicht in Betracht zu kommen. Wie sollen die Sätze (56), (57) und (58) nun un-
ter Zuhilfenahme von Fürsätzen, die als Stellvertreteranaphern fungieren, in die Sprache der
Prosententialisten übersetzt werden? Auf den ersten Blick scheint eine solche Analyse unmög-
131 Vgl. dazu: Grover (1992, S. 99-100).
82
lich zu sein, denn im Rahmen keines der Beispielsätze wird auf einen im Diskurs vor-
ausgehenden Satz oder die durch diesen ausgedrückte Proposition verwiesen. Aber die Ver-
wendung von Fürsätzen, die als Stellvertreteranaphern fungieren, scheint gerade einen sol-
chen konkreten diskursiven Bezug zu erfordern. Lässt sich ein solcher Bezug dennoch in ir-
gendeiner sinnvollen Weise herstellen? Grover, Camp und Belnap schlagen zur Lösung dieses
Problems die folgende Paraphrase von (56) vor:132

(59) Nimm an: Schnee ist weiß. Das-ist-so.

Ist mit (59) eine plausible Paraphrase von (56) gegeben? Ich glaube nicht. Der Ausdruck
‚Nimm an:___’ scheint nach der Auffassung von Grover, Camp und Belnap als ein sententia-
ler Operator zu fungieren, der inhaltlich dem als Operator aufgefassten Ausdruck ‚Es ist anzu-
nehmen, dass’ entsprechen würde. Auf dieser Grundlage würde aber das Antezedens von
‚Das-ist-so’ nicht ‚Schnee ist weiß’, sondern ‚Es ist anzunehmen, dass Schnee weiß ist’ sein.
Damit wird aber nicht nur der Sinn von (56) verfälscht, sondern eine solche Analyse zöge
Konsequenzen nach sich, die gegen diese Auffassung sprechen. Denn (56) ist zumindest ma-
terial äquivalent mit ‚Schnee ist weiß’, dasselbe gilt aber nicht für ‚Es ist anzunehmen, dass
Schnee weiß ist’ bzw. die Konjunktion der Teilsätze von (59). Diese angeführte Paraphrase
von (59) ist somit unangemessen.
Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum (59) eine unangemessene Paraphrase von
(56) ist. Die Anführungszeichen können in den natürlichen Sprachen u.a. als namensbildender
Operator fungieren. D.h., wenn zwei Anführungszeichen auf einen Satz oder einen anderen
Ausdruck angewendet werden, dann kann dadurch ein Name für diesen Satz oder Ausdruck
gebildet werden. Man könnte natürlich nun wie Grover, Camp und Belnap versucht sein, diese
Auffassung abzulehnen, um (59) dadurch zu rehabilitieren. Denn es ist klar, dass der ‚Nimm
an:___’-Operator keine namensbildende Funktion hat. Diese Strategie ist aber nicht nur un-
plausibel, sondern obendrein unangemessen. Sie ist unplausibel, weil es Verwendungen der
Anführungszeichen gibt, bezüglich derer es unmöglich zu sein scheint, ihnen eine namensbil-
dende Funktion abzusprechen. Der folgende Satz ist ein Beispiel dafür:

(60) ‚Schnee ist weiß’ enthält dreizehn lateinische Buchstaben.

Dieser Satz ist wahr und seine Wahrheit kann nur dadurch erklärt werden, dass die Anfüh-
rungszeichen eine namensbildende Funktion haben. Man könnte auf diesen Umstand mit der
Annahme reagieren, dass die Anführungszeichen womöglich mehr als eine Funktion in der
deutschen Sprache haben und daher mehrdeutig sind. Das ist zwar wahr, aber in Bezug auf
(59) hilft uns das keineswegs weiter. Denn es gibt einen eindeutigen Beleg dafür, dass die An-
132 Vgl. dazu: Grover (1992, S. 100).
83
führungszeichen in (56) und in (60) dieselbe Funktion haben: Wie ließe sich sonst die Wahr-
heit und Sinnhaftigkeit des folgenden Satzes erklären:

(61) ‚Schnee ist weiß’ enthält dreizehn lateinische Buchstaben und ist wahr.

Es gibt somit mindestens zwei überzeugende Gründe dafür, warum (59) keine angemessene
Paraphrase von (56) ist; selbst wenn wir (E1) als wahr voraussetzen.133
Gibt es für den Prosententialisten andere Möglichkeiten, mit den angeführten Problemfällen
umzugehen? Es gibt eine Möglichkeit, (56) zu paraphrasieren, die der ersten Schwierigkeit
von (59) entgeht, die allerdings die zweite angesprochene Schwierigkeit mit (59) teilt und
eine neue, weitere Schwierigkeit mit sich bringt. Auf Donald Davidson geht die sogenannte
parataktische Analyse der indirekten Rede zurück.134 Für Davidson lässt sich die Tiefenstruk-
tur eines Satzes wie ‚Peter sagte, dass Schnee weiß ist’ durch die Kombination der Sätze
‚(Schnee ist weiß. Das sagte Peter)’ wiedergeben, wobei der Ausdruck ‚das’ im zweiten Satz
in demonstrativer Weise auf den ersten Satz Bezug nimmt. Julian Dodd hat versucht, diese
Analyse auf Sätze wie (58) zu übertragen. 135 Nach seiner Auffassung können wir (58) wie
folgt paraphrasieren:

(62) (Schnee ist weiß. Das ist wahr).

Dabei bezieht sich allerdings der demonstrativ gebrauchte Ausdruck ‚das’ in (62) nach der
Auffassung von Dodd nicht auf den Satz ‚Schnee ist weiß’, sondern auf die von diesem Satz
ausgedrückte Proposition. Der Prosententialist kann sich diese Analyse zunutze machen, in-
dem er den Ausdruck ‚Das ist wahr’ durch den genuinen und unzweifelhaften Fürsatz ‚Das-
ist-so’ ersetzt. Das Resultat dieser Umformung wäre:

(63) (Schnee ist weiß. Das-ist-so).

Somit hätte der Prosententialist zumindest eine Paraphrase für (58). Was spricht nun aber ge-
gen die Annahme, die den Prosententialisten der angeführten Probleme entledigen würde,
dass (63) nicht nur eine angemessene Paraphrase von (58), sondern auch von (56) und (57)
ist?
(63) ist nicht nur material äquivalent mit ‚Schnee ist weiß’, sondern es drückt notwendiger-
weise dieselbe Proposition wie dieser Satz aus. Schließlich hat ‚Das-ist-so’ als Fürsatz densel-
ben Gehalt wie ‚Schnee ist weiß’. D.h., dass (63) somit dem ersten angeführten Problem von
(59) entgeht. Dieser Umstand wirft allerdings ein anderes Problem auf: Es gibt gute Gründe,

133 Vgl. dazu auch: Beebe (2002, S. 12); Brandom (2002, S. 105); Halbach (2003, S. 74-75).
134 Vgl. dazu: Davidson (1968).
135 Vgl. dazu: Dodd (2000, S. 20-34); siehe auch: Künne (2003, S. 206-208; S. 328-331).

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die dafür sprechen, die Sätze (57) und (58) sogar als synonym aufzufassen. Wenn wir die Sät-
ze (56) und (58) betrachten, so spricht allerdings einiges gegen die These, dass beide Sätze
dieselbe Proposition ausdrücken: Es bedarf des Verfügens über unterschiedliche Begriffe, um
den Gehalt dieser Sätze zu erfassen. Man muss bspw. nicht über den Begriff der Proposition
verfügen, um die Proposition, die (56) ausdrückt, zu erfassen. 136 Demnach können (56) und
(58) nicht synonym sein. Wir können daher (56) nicht durch (63) sinnvoll paraphrasieren.
Darüber hinaus missachtet (63) wie (59) die spezifische Funktion der Anführungsnamen in
der deutschen Sprache. Es fragt sich, wie wir auf der Grundlage von (63) die Sinnhaftigkeit
und Wahrheit von Sätzen wie (61) erklären sollen. Demnach ist durch (63) kein wirklicher
Ausweg aus dem angeführten Problem gezeigt. Es ist fraglich, ob (63) überhaupt eine ange-
messene Paraphrase für (58) ist. (63) drückt unzweifelhaft immer dieselbe Proposition wie
‚Schnee ist weiß’ aus; (58) drückt aber stets eine andere Proposition als ‚Schnee ist weiß’ aus,
da man nicht über dieselben Grundbegriffe verfügen muss, um die Gehalte dieser Sätze erfas-
sen zu können. In jedem Fall scheinen die Beispielsätze (56)-(58) daher echte Prüfsteine für
die Übersetzungsthesen (Ü1) und (Ü2) zu sein. Und nach den von uns angeführten Gründen
bestehen (Ü1) und (Ü2) diese Prüfungen nicht.
Wir können diesen Beispielen noch ein weiteres, ähnliches Beispiel hinzufügen, welches die
Probleme noch zusätzlich zu verstärken scheint:

(64) ‚Snow is white’ ist wahr im Englischen und bedeutungslos im Deutschen.137

Auf diesen Beispielsatz scheint weder die Paraphrasestrategie, die durch (59) repräsentiert
wird, noch die Strategie, die durch (63) repräsentiert wird, sinnvoll angewendet werden zu
können. Wir haben somit Gegenbeispiele gegen die Wahrheit von (Ü1) gefunden.
Aber nicht nur die angeführten Problemfälle sprechen gegen die Richtigkeit von (Ü1) und
(Ü2), es gibt noch weitere Gründe, die dagegen sprechen. Als weiterer Beleg dafür seien hier
sogenannte Modifikationsphänomene angeführt. Denn Ausdrücke wie ‚ist wahr’ lassen sich
im Deutschen temporal, modal und adverbial modifizieren. Dieser Umstand ist den Prosen-
tentialisten auch bewusst gewesen und sie bieten für manche Modifikationsfälle auch halb-
wegs plausible Paraphrasen an. Aber diese Paraphrasen scheint es nicht für alle möglichen
Fälle zu geben.
Nach ihrer allgemeinen Paraphrasestrategie versuchen Grover, Camp und Belnap die Modifi-
kationsphänomene bezüglich des Ausdrucks ‚ist wahr’ in der natürlichen Sprache dadurch zu
erfassen, dass sie diese durch Einführung bestimmter modifizierender Operatoren auslagern

136 Die beiden Sätze sind, wenn man sie ganz wörtlich nimmt, nicht einmal notwendig äquivalent, da es mögli-
che Welten gibt, relativ zu denen die besagte Proposition wahr ist, ohne dass ein Satz in diesen Welten existiert,
der diese Proposition ausdrückt.
137 Vgl. dazu: Grover (1992, S. 100-101).

85
bzw. isolieren.138 D.h., nach dieser Strategie kann die Modifikation, die in einem Satz wie
‚Das ist nicht wahr’ bspw. durch den Ausdruck ‚nicht’ vollzogen wird, durch die Verwendung
und Einführung des Operators ‚Es ist nicht der Fall, dass’ derart ausgelagert werden, dass
‚Das ist nicht wahr’ durch ‚Es ist nicht der Fall, dass das-ist-so’ paraphrasiert werden kann.
Diese Vorgehensweise erfordert somit die Erweiterung der prosententialen Zielsprache um die
verschiedenen notwendigen Modifikationsoperatoren. In dieser Hinsicht müssen die ange-
führten Übersetzungsthesen in jedem Fall erweitert werden.
Hier seien noch einige Beispiele zur Veranschaulichung dieser Strategie angeführt:

(65) Das ist notwendigerweise wahr =syn Es ist notwendig, dass das-ist-so.
(66) Das war wahr =syn Es war der Fall, dass das-ist-so.
(67) Das ist wahrscheinlich wahr =syn Es ist wahrscheinlich, dass das-ist-so.
(68) Das ist gewiss wahr =syn Es ist gewiss, dass das-ist-so.
(69) Das ist hoffentlich wahr =syn Es ist zu hoffen, dass das-ist-so.

Diese Strategie stößt allerdings bei manchen Fällen der Modifikation an ihre Grenzen. 139 Die
folgenden Sätze können allesamt nicht mit Hilfe von Modifikationsoperatoren paraphrasiert
werden, da der Versuch, dies zu tun, in nicht wohlgeformten Satzgebilden endet:

(70) Das ist uneingeschränkt wahr.


(71) Das ist beinahe wahr.
(72) Das ist vollkommen wahr.

Denn sowohl ‚Es ist vollkommen, dass’ als auch ‚Es ist beinahe, dass’ und auch ‚Es ist unein-
geschränkt, dass’ sind keine wohlgeformten und sinnvollen Ausdrücke der deutschen Sprache
und es fällt somit schwer, sich wohlgeformte Paraphrasen von Modifikationsoperatoren ein-
fallen zu lassen, die im Rahmen der Beispiele (70)-(72) anwendbar sind. Da die von den Pro-
sententialisten verwendeten Modifikationsoperatoren allesamt aus der natürlichen Sprache
entlehnt sind, sich aber keine solchen Operatoren in Bezug auf (70)-(72) finden lassen,
scheint dieser Umstand für die Falschheit der Übersetzungsthesen (Ü1) und (Ü2) zu sprechen;
selbst wenn diese in der angeführten Weise modifiziert werden.
Es gibt allerdings noch weitere Gründe für die Falschheit von (Ü1). Ähnliche Gründe haben
wir bereits in Bezug auf die Falschheit von (E3) angeführt. Wie lassen sich Sätze wie die fol-
genden auf der Grundlage von (Ü1) adäquat übersetzen?

(73) Das ist wahr und es ist gerechtfertigt.


(74) Wenn das wahr ist, dann muss es auch akzeptiert werden.
138 Vgl. dazu: Grover (1992, S. 75-76; S. 90-94).
139 Vgl. dazu auch: Wilson (1990, S. 29).
86
Ein Prosententialist, der (Ü1)140 als wahr voraussetzt, würde diese Sätze wie folgt übersetzen
wollen:

(73’) Das-ist-so und es ist gerechtfertigt.


(74’) Wenn das-ist-so, dann muss es auch akzeptiert werden.

Da durch diese Übersetzungen dem Ausdruck ‚es’ allerdings in beiden Sätzen das Antezedens
abhanden kommt, sind sie als nicht angemessen anzusehen. Man könnte natürlich diesem
Umstand dadurch entgegenwirken, dass man das Pronomen ‚es’ einfach durch das Demon-
strativpronomen ‚das’ ersetzt. Dadurch würde der Sinn der Sätze zwar gewahrt bleiben, es
scheint aber zumindest fragwürdig zu sein, wie solche Transformationen von Satzteilen, die
von (Ü1) gar nicht unmittelbar erfasst werden, zu rechtfertigen sind. Demnach müsste (Ü1)
wohl zumindest durch einige weitere Bedingungen ergänzt werden. Die zuvor angeführten
Gründe sind aber offenbar in jedem Fall schwerwiegender. Alle angeführten Gründe reichen
in jedem Falle aus, um die Falschheit von (Ü1) und (Ü2) überzeugend zu belegen.
Es hat sich somit gezeigt, dass die ursprüngliche prosententiale Konzeption der Wahrheit kei-
ne angemessene und vertretbare Wahrheitskonzeption ist: erstens, weil sie selbst unter Voraus-
setzung der Wahrheit ihrer Grundannahmen jene deflationären Auffassungen (=(U1)-(U3)),
die sie zu rechtfertigen beansprucht, nicht angemessen rechtfertigen kann; zweitens, dass es
gute Gründe gibt, die meisten ihrer Grundannahmen (=(E3), (Ü1)-(Ü3)) als falsch zurückzu-
weisen. Eine prosententiale Konzeption der Wahrheit ist in ihrer ursprünglichen Form also ab-
zulehnen.

(2.5) Grovers Version der prosententialen Konzeption der Wahrheit

Dorothy Grover – ohne Zweifel die wichtigste Vertreterin der prosententialen Konzeption der
Wahrheit – ist im Bewusstsein mancher der angeführten Probleme nach der Gemeinschaftspu-
blikation Grover, Camp und Belnap (1975) darangegangen, die ursprüngliche prosententiale
Konzeption in einer Serie von Aufsätzen grundlegend zu verändern und zu einer neuen Versi-
on der prosententialen Konzeption der Wahrheit weiterzuentwickeln.141
Was unterscheidet diese weiterentwickelte Version der prosententialen Konzeption der Wahr-
heit von ihrer ursprünglichen Version? Eine Motivation, die ursprüngliche prosententiale Kon-
zeption der Wahrheit zu verändern, scheint für Grover in zweierlei Hinsicht zu bestehen: (a)
die (oben) aufgeworfenen Probleme bezüglich der Annahme, dass die Sätze ‚Das ist wahr’
und ‚Es ist wahr’ als Fürsätze in der deutschen Sprache fungieren, (b) die (oben) aufgeworfe-
nen Übersetzungsschwierigkeiten; vor allem bezüglich solcher Sätze, die den Ausdruck ‚ist
140 Was für (Ü1) gilt, gilt auch für (Ü2). (Ü2) ist im Wesentlichen nur eine Variation von (Ü1).
141 Vgl. dazu: Grover (1992, Kap. 4, 6, 7, 9).
87
wahr’ enthalten und singuläre Propositionen ausdrücken, wie bspw. der Satz , ,Schnee ist
weiß’ ist wahr’. Grover ist bestrebt, den unter (a) angeführten Problemen dadurch zu begeg-
nen, dass sie konkret anzugeben versucht, welche Funktion die einzelnen Teilausdrücke im
Rahmen von Sätzen wie ‚Das ist wahr’ und ‚Es ist wahr’ übernehmen, um damit die Auffas-
sung dieser Sätze als Fürsätze zu rechtfertigen. 142 Den unter (b) angeführten Problemen ver-
sucht sie durch eine wesentliche Erneuerung und Erweiterung der prosententialen Konzeption
zu entgehen. Sie führt eine neue Klasse von Ausdrücken ein, welche sie inheritors nennt.143
(Ich werde diese Ausdrücke im Folgenden schlicht semantisch abhängige Ausdrücke nennen.)
Die Sätze ‚Das ist wahr’ und ‚Es ist wahr’, die nach der prosententialen Konzeption der Wahr-
heit als Fürsätze aufzufassen sind, stellen nur eine Teilmenge dieser Art von Ausdrücken dar.
Es gibt unter diesen noch andere Sätze, die den Ausdruck ‚ist wahr’ enthalten und selbst keine
Fürsätze sind. Dadurch erhofft sich Grover, die angeführten Übersetzungsprobleme in den
Griff zu bekommen.
Gehen wir nun auf diese Neuerungen im Detail ein. Wie beschreibt Grover nunmehr eine neue
Funktion der Teilausdrücke ‚das’ und ‚ist wahr’ im Rahmen eines Fürsatzes wie ‚Das ist
wahr’? Aus der folgenden Stelle geht dies recht eindeutig hervor:

I now think ‚that’ in ‘That is true’ may sometimes be construed as an independently referring pronoun that picks
out the antecedent of the prosentence. In figuring out what is said, we must distinguish between the grammatical
subject term ‘that’ and the logical subject of ‘That is true’. The grammatical subject term is ‘that’ and it locates
the antecedent; the logical subject derives from the logical subject of the antecedent, and there can be complica -
tions. On this analysis, ‘true’ and ‘false’ are a sign that prosentential anaphora is being employed – the sign that,
e.g. ‘That is true’ and ‘John’s last claim is true’ are inheritors that inherit their content from antecedent sen -
tences.144

Grover scheint nunmehr die Auffassung zu vertreten, dass zumindest in manchen Fällen nicht
der gesamte Satz ‚Das ist wahr’ in einer anaphorischen Beziehung zu einem anderen Satz
steht, sondern dass der Ausdruck ‚das’ in einer referentiellen Beziehung zu einem Satz steht,
der dem Satz ‚Das ist wahr’ im Diskurs vorausgeht, und dass es nun die Funktion des Aus-
drucks ‚ist wahr’ ist, den Gehalt dieses vorausgehenden Satzes auf den Satz ‚Das ist wahr’ zu
übertragen. Daraus ergibt sich auch die Konsequenz, dass der Satz ‚Das ist wahr’ auf zwei un-
terschiedlichen Ebenen unterschiedliche Subjekte hat. Nämlich einerseits ein grammatisches
Subjekt, welches der Bezugsgegenstand von ‚Das’ ist, und ein logisches Subjekt, welches
identisch mit dem Subjekt des Satzes ist, der dem Satz ‚Das ist wahr’ im Diskurs vorausgeht.
Aus dem angeführten Zitat geht ebenso hervor, dass der Grund für diese spezifische Umdeu-

142 Siehe: Grover (1992, S. 122-124; S. 127-128; S. 178-179; S. 219).


143 Siehe: Grover (1992, S. 19-21; S. 122-128; S. 178-180; S. 218-222).
144 Grover (1992, S. 20).

88
tung in der Einführung der erwähnten neuen Kategorie von Ausdrücken liegt; nämlich den so-
genannten semantisch abhängigen Ausdrücken.
Auf dieser Grundlage stellt sich in jedem Fall die Frage, mit welchem Recht noch behauptet
werden kann, dass der Satz ‚Das ist wahr’ ein Fürsatz ist, wenn er selbst in keiner anaphori-
schen Beziehung zu einem anderen Satz steht und wenn nicht einmal einer seiner Teile in ei-
ner solchen anaphorischen Beziehung zu einem anderen Ausdruck steht. Um dieser Frage an-
gemessen nachgehen zu können, scheint es sinnvoll zu sein, sich etwas genauer mit der Kate-
gorie der semantisch abhängigen Ausdrücke zu beschäftigen und diese mit der Kategorie der
Anaphern zu vergleichen.
Wie bestimmt Grover die Kategorie der semantisch abhängigen Ausdrücke im Detail? Aus-
drücke dieser Kategorie erfüllen nach Grover drei wesentliche Bedingungen:

My analysis draws attention to three facts about inheritors: (1) Inheritors are dependent on their antecedents for
their content; inheritors are parasitic. (2) Inheritors can be modified with ‘not’. (3) Inheritors are universally
available in that they can have as their antecedents words and phrases of any grammatical category, whether or
not they are appropriate, as suppliers of semantic content.145

Von diesen drei Bedingungen treffen die ersten beiden auch auf Fürsätze zu. Ihr semantischer
Gehalt hängt von einem Antezedens ab und sie können durch ‚nicht’ modifiziert werden. Die
dritte Bedingung trifft allerdings, so wie sie Grover formuliert, grundsätzlich nicht auf Fürsät-
ze zu; denn wie wir gesehen haben, ist der Umstand, dass Ausdrücke als Antezedens für eine
Anapher fungieren können, bestimmten grammatischen Restriktionen unterworfen. In dieser
Hinsicht unterscheiden sich also Fürsätze von semantisch abhängigen Ausdrücken.
Die semantische Abhängigkeit basiert im Fall von Anaphern darüber hinaus auf dem Bestehen
einer ganz bestimmten Art von Relation, nämlich einer anaphorischen Relation, die zwischen
einer Anapher und ihrem Antezedens besteht. Wesentlich ist dabei, dass anaphorische Bezie-
hungen nicht zwischen Teilen von Anaphern und ihrem Antezedens bestehen, sondern zwi-
schen der Anapher und dem Antezedens als Ganzem. In diesem Sinn ist der Ausdruck ‚Das ist
wahr’, wenn er so gedeutet wird, wie es von Grover in dem vorletzten angeführten Zitat getan
wird, keine Anapher. Die semantische Abhängigkeit und die Übertragung des Inhalts zwi-
schen dem Ausdruck ‚Das ist wahr’ und einem anderen Ausdruck basiert in diesem Fall auf
einer nicht-anaphorischen Relation zwischen einem Teilausdruck von ‚Das ist wahr’, nämlich
dem Ausdruck ‚das’, und dem anderen Ausdruck. Die Übertragung des Inhalts erfolgt nicht
aufgrund des Bestehens einer solchen Beziehung, sondern sie wird durch die spezifische se-
mantische Funktion des Ausdrucks ‚ist wahr’ hergestellt. Die betreffende referentielle Bezie-
hung ist nur ein Mittel zu diesem Zweck. Im Falle von Stellvertreteranaphern ist es aber bspw.
allein die anaphorische Beziehung, welche die Übertragung des Gehalts gewährleistet. Daher
145 Grover (1992, S. 21).
89
kann der Satz ‚Das ist wahr’ nach der neuen von Grover vorgeschlagenen Interpretation nicht
mehr als Anapher oder Fürsatz aufgefasst werden. Und damit wird durch die von Grover an-
gestrebte Modifizierung der ursprünglichen prosententialen Konzeption der Wahrheit eine we-
sentliche Transformierung dieser Konzeption vollzogen, die mit den ursprünglichen Ansprü-
chen nichts Wesentliches mehr zu tun hat und es somit keineswegs mehr verdienen würde,
eine ‚prosententiale Konzeption der Wahrheit’ genannt zu werden.
Inwiefern ist sich Grover dieses Problems bewusst und wie versucht sie, damit umzugehen?
Sie versucht das Problem abzuschwächen, indem sie zwei unterschiedliche Deutungen des
Satzes ‚Das ist wahr’ unterscheidet.146 Da räumt sie bezüglich der ersten Deutung, die wir
oben angeführt haben, ein, dass es sich hierbei um keine prosententiale Deutung des Satzes
‚Das ist wahr’ handelt und von diesem Satz demnach auf dieser Grundlage nicht behauptet
werden kann, dass er ein Fürsatz ist. Diese Deutung ergänzt sie aber durch eine andere Deu-
tung, die es ihrer Ansicht nach ermöglicht, die Annahme aufrechtzuerhalten, dass der Satz
‚Das ist wahr’ als Fürsatz fungieren kann. Diese Deutung lautet wie folgt:

In the case of ‚That is true’, although the tie derives from an anaphoric ‘that’, it is the whole ‘That is true’ which
is the prosentence.147

Durch diese Ergänzung versucht Grover nicht nur die Tatsache zu rechtfertigen, dass der Satz
‚Das ist wahr’ ein Fürsatz ist, sondern obendrein, dass es sich bei dem Ausdruck ‚ist wahr’
(zumindest in manchen Zusammenhängen) um ein „prosentence forming-predicate“148 han-
delt.
Dieser Rettungsversuch muss allerdings als missglückt angesehen werden. Selbst wenn wir
als Vertreter von (T1) aus Abschnitt (2.3) Grover zugestehen würden, dass der Ausdruck ‚das’
im Rahmen von ‚das ist wahr’ in einer anaphorischen Beziehung zu einem Satz stehen kann,
bleibt es auf dieser Grundlage unmöglich, dass ein Satz wie ‚das ist wahr’, der diesen Aus-
druck enthält, selbst in einer anaphorischen Beziehung zu irgendeinem anderen Satz steht.
Fürsätze stehen stets als ganze Ausdrücke zu ihrem Antezedens in einer anaphorischen Bezie-
hung und haben keine Teilausdrücke, die in anaphorischen Beziehungen stehen. Der anaphori-
sche Charakter eines Fürsatzes kann sich daher niemals vom anaphorischen Charakter seiner
Teilausdrücke herleiten lassen. Das macht das Wesen dieser Art der Proformen aus. D.h., das,
was Grover als Fürsatz bezeichnet, verdient diese Bezeichnung in ihrer ursprünglichen Be-
deutung nicht. Somit kann die neue Theorie von Grover auch nicht als Fortführung der ur-
sprünglichen prosententialen Konzeption der Wahrheit aufgefasst werden.
146 Vgl. dazu vor allem: Grover (1992, S. 128, Fn. 5).
147 Grover (1992, S. 122); vgl. auch: „In the case of ‘That is true’, an anaphoric ‘that’ provides a grammatical tie
between it and an antecedent sentence.”, in: Grover (1992, S. 127).
148 Grover (1992, S. 164).

90
Was sich im Gegensatz zur ursprünglichen Variante darüber hinaus geändert hat, ist der Um-
stand, dass Grover manche Verwendungsweisen des Ausdrucks ‚ist wahr’ explizit als unab-
hängig von jeder anaphorischen Beziehung deutet. Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass
sie selbst den Satz ‚Das ist wahr’ manchmal nicht prosentential interpretiert. Grover deutet
darüber hinaus bspw. den Satz , ,Schnee ist weiß’ ist wahr’ nunmehr stets in der folgenden
nicht prosententialen Weise:

The antecedent can also be “displayed”:


(10) ‘Snow is white’ is true.
In (10) the antecedent is a proper part of the inheritor. As inheritors with ‘Snow is white’ as antecedent, [...] (10)
[…][is] about whatever the sentence ‘Snow is white’ is about, and not about the sentence ‘Snow is white’. 149

In dieser Beschreibung spielt erneut die Unterscheidung zwischen einem grammatischen und
einem logischen Subjekt eine wesentliche Rolle. Das grammatische Subjekt des Satzes ,,Snow
is white’ is true’ ist der Satz ‚Snow is white’. Das logische Subjekt des Satzes ist das Subjekt
von ‚Snow is white’, nämlich der Schnee. Wie ist das laut Grover möglich? Der Anführungs-
name liefert einen Satz, dessen Gehalt der Ausdruck ‚is true’ auf den ganzen Satz , ,Snow is
white’ is true’ überträgt. In diesem Sinn hat dieser Satz denselben Gehalt wie der Satz ‚Snow
is white’.
Sie führt auch noch andere Beispiele von Sätzen an, die den Ausdruck ‚ist wahr’ enthalten und
die ihrer Auffassung nach semantisch abhängige Sätze sind, die aber nicht als Fürsätze aufge-
fasst oder mittels Fürsätzen paraphrasiert werden können; und zwar sind das Beispiele wie die
folgenden:

(75) Der erste Absatz dieses Aufsatzes ist wahr.


(76) Johanns letzte Behauptung ist wahr.

Demnach gibt es eine reichliche Anzahl an Sätzen, die den Ausdruck ‚ist wahr’ enthalten und
nicht als Fürsätze gedeutet bzw. unter Zuhilfenahme solcher paraphrasiert werden können.
Widerspricht dieses Ergebnis nicht grundlegend den ursprünglichen Zielsetzungen der prosen-
tentialen Konzeption der Wahrheit? Grover scheint zumindest zu glauben, dass sie diese be-
rechtigten Bedenken wie folgt entschärfen kann:

The use of ‚true’ to form inheritors is clearly a natural extension of the prosentential ‘true’, even though such in -
heritors are not themselves prosentences. They are not prosentences because the ties they have with their ante -
cedents are not grammatical.150

149 Grover (1992, S. 128).


150 Grover (1992, S. 128).
91
Meiner Ansicht nach ist diese Einschätzung nicht korrekt. Denn der Eindruck der Ähnlichkeit
wird von Grover quasi erzwungen; nämlich durch ihre unangemessenen, gerade besprochenen
Deutungen von Sätzen der Form ‚Das ist wahr’ als Fürsätze. Es ist einzugestehen, dass gewis-
se Ähnlichkeiten zwischen Anaphern und den semantisch abhängigen Ausdrücken von Grover
bestehen. Aber letztere als eine natürliche Erweiterung von ersteren anzusehen, halte ich für
verfehlt; vor allem auch deshalb, weil das Phänomen der Anaphern ein verbreitetes und aner-
kanntes Phänomen ist und die Postulierung von semantisch abhängigen Ausdrücken eine Er-
findung von Grover ist, die beinahe gar keine Anerkennung gefunden hat.
Wir sollten die hier besprochene Theorie als eine ganz neue und eigenständige Konzeption der
Wahrheit auffassen, die nur sehr marginale Ähnlichkeiten mit der ursprünglichen prosenten-
tialen Konzeption der Wahrheit hat. Die durch diese Theorie neu eingeführte und als allge-
mein anwendbar gedachte Deutung der Funktion des Ausdrucks ‚ist wahr’ lässt sich nun wie
folgt auf den Punkt bringen: Wenn der Ausdruck ‚ist wahr’ Teil eines Satzes der Form ‚a ist
wahr’ ist, dann besteht die Funktion des Ausdrucks ‚ist wahr’ darin, den Gehalt jenes Satzes
(oder jener Sätze), auf den (die) sich der Ausdruck ‚a’ bezieht, auf den Satz ‚a ist wahr’ zu
übertragen. Somit ließe sich sinnvoll davon sprechen, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ eine ge-
haltsübertragende Funktion hat, aber keineswegs eine anaphorische Funktion.
Mit dieser Transformation der ursprünglichen prosententialen Konzeption der Wahrheit zu ei-
ner völlig neuartigen Konzeption geht indirekt das Eingeständnis einher, dass sich die ur-
sprüngliche prosententiale Konzeption der Wahrheit nicht sinnvoll gegen die erhobenen Ein-
wände verteidigen lässt. Somit ist der Versuch von Grover, die ursprüngliche Version der pro-
sententialen Konzeption der Wahrheit durch die angeführten Erweiterungen und Modifikatio-
nen zu retten, fehlgeschlagen.
Wir sollten daher im Folgenden nicht mehr der Frage nachgehen, inwiefern diese modifizierte
Konzeption nicht mehr mit den Problemen der ursprünglichen prosententialen Konzeption der
Wahrheit behaftet ist, sondern welche Probleme sich für diese modifizierte Konzeption nun
selbst ergeben. D.h., ist es sinnvoll und angemessen, dem Ausdruck ‚ist wahr’ in der natürli-
chen Sprache die beschriebene gehaltsübertragende Funktion zuzuweisen?
Manche Verwendungen des Ausdrucks ‚ist wahr’ scheinen durchaus so gedeutet werden zu
können, dass diesem Ausdruck im Rahmen dieser Verwendungen eine gehaltsübertragende
Funktion zukommt. Das betrifft jedoch keineswegs alle Verwendungen des Ausdrucks ‚ist
wahr’. Halbwegs plausibel erscheint die gehaltsübertragende Deutung des Ausdrucks ‚ist
wahr’ in Bezug auf Sätze der Form ‚a ist wahr’, wenn sich der Ausdruck ‚a’ auf genau einen
Satz bezieht. Unter die Ausdrücke, die diese Funktion im Rahmen von Sätzen der Form ‚a ist
wahr’ übernehmen können, fallen in erster Linie die Anführungsnamen. Damit scheint diese
Deutung eine echte Alternative zu der disquotationalen Deutung von Sätzen der Form , ,p’ ist

92
wahr’ darzustellen.151 Auf diesen Umstand weist Grover auch in verschiedenen Zusammen-
hängen wie folgt hin:

There are some differences in that disquotational theorists seem to focus on a syntactical metalinguistic predicate
while the initial focus of the prosentential theory is on some ordinary uses of the predicate. […] Only the prosen-
tential theory offers an account of how the truth predicate keeps discourse at the level of the object language –
i.e., only the prosentential theory offers an explanation of the fact that truth talk is typically about extralingustic
matters.152

Wie Grover diese Unterschiede darstellt, ist allerdings nicht ganz korrekt. Denn schließlich
gibt es zumindest die Möglichkeit – und dies scheint mir nebenbei bemerkt die beste Ausle-
gung zu sein – den disquotationalen Standpunkt so zu interpretieren, dass sich die semanti-
sche Funktion des Ausdrucks ‚ist wahr’ auf die Rückgängigmachung oder Neutralisierung der
Anführungsfunktion beschränkt, die den Anführungszeichen im Rahmen von Ausdrücken der
Form ‚‚p’’ zukommt. In diesem Sinne wäre das logische Subjekt eines Satzes der Form ‚‚p’ ist
wahr’ mit dem Subjekt des korrespondierenden Satzes der Form ‚p’ identisch. Somit wäre der
Ausdruck ‚ist wahr’ auch auf der Grundlage dieser Deutung nicht im eigentlichen Sinn als
metalinguistisches Prädikat aufzufassen. In dieser Hinsicht unterscheiden sich die beiden An-
sätze keineswegs. Sie unterscheiden sich vielmehr darin, wie sie die semantische Funktion des
Ausdrucks ‚ist wahr’ bestimmen, nicht hinsichtlich der Konsequenzen dieser Deutung.153
Etwas problematischer wird die angeführte These, wenn wir deskriptive Namen von Sätzen
(oder Äußerungen) in Betracht ziehen. Das sind einerseits die von Tarski in die Diskussion
gebrachten strukturell-deskriptiven Namen, welche einen Satz dadurch identifizieren, dass sie
ein-eindeutige syntaktische Eigenschaften dieses Ausdrucks beschreiben. Und andererseits
sind das jene Kennzeichnungsausdrücke, die wir im Alltag verwenden, um uns auf die Äuße-
rungen (Behauptungen) anderer Menschen zu beziehen, wie bspw. den Ausdruck ‚Johanns
letzte Behauptung’ in (76). Diese Fälle sind insofern problematischer, als sich die Wahrheits-
bedingungen von Sätzen der Form ‚a ist wahr’, die deskriptive Namen enthalten, grundlegend
von denen der Sätze unterscheiden, die keine deskriptiven Namen enthalten. Nach Russells
Kennzeichnungstheorie hat der Satz (76) die folgende logische Tiefenstruktur: Es gibt genau
eine Behauptung, welche Johanns letzte Behauptung war, und diese Behauptung ist wahr. Auf
dieser Grundlage scheint es weniger plausibel zu sein, die Funktion des Ausdrucks ‚ist wahr’
im Sinne von Grover zu deuten. Noch problematischer wird die Sache, wenn ein Satz der
Form ‚a ist wahr’ einen Ausdruck enthält, der sich nicht auf eine Entität bezieht, der ein Ge-
halt zugeordnet werden kann, sondern diese Entität selbst ein solcher Gehalt ist. Wir scheinen
151 Vgl. dazu: Abschnitt (3.1).
152 Grover (1992, S. 13-14).
153 Der Vorteil dieser gehaltsübertragenden Deutung gegenüber der disquotationalen Deutung besteht darin, dass

diese Deutung in Bezug auf Anführungsnamen für Sätze fremder Sprachen zu keinen zusätzlichen Problemen
führt.
93
uns auf propositionale Gehalte zu beziehen, wenn wir Ausdrücke wie die folgenden verwen-
den: ‚Das, was Peter gesagt hat’, ‚Der Inhalt von Peters Aussage’, ‚Die Proposition, dass
Schnee weiß ist’. In diesen Fällen müsste die Funktion des Ausdrucks ‚ist wahr’ leicht umge-
deutet werden; ‚ist wahr’ übernimmt dann im Rahmen von Sätzen der Form ‚a ist wahr’ nicht
die Funktion, den Gehalt des Bezugs von ‚a’ auf den Satz ‚a ist wahr’ zu übertragen, sondern
vielmehr den Bezug von ‚a’, der ein propositionaler Gehalt ist, auf ‚a ist wahr’ zu übertragen.
Dieser kleine Unterschied mag einen auf den ersten Blick nicht beunruhigen, aber dies bedeu-
tet natürlich, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ damit zu einem mehrdeutigen Ausdruck wird, der
auf unterschiedliche Ausdrücke angewendet unterschiedliche Funktionen übernimmt – auch
wenn sich diese Funktionen nur leicht unterscheiden.
Wenn wir nun aber auch die Beschränkung auf die Eindeutigkeit des Bezugs von Ausdrücken
der Form ‚a’ im Rahmen von Sätzen der Form ‚a ist wahr’ aufheben, scheint dieser Ansatz der
Interpretation der Semantik von ‚ist wahr’ immer unplausibler zu werden. Nehmen wir zum
Beispiel den Satz ‚Die letzten zwei Bemerkungen von Peter sind wahr’. Grover zufolge müss-
te es nun die Aufgabe des Ausdrucks ‚ist wahr’ sein, den Gehalt von zwei Bemerkungen von
Peter auf den Satz ‚Die letzten zwei Bemerkungen von Peter sind wahr’ zu übertragen. Aber
die Übertragung des Gehalts von zwei Sätzen auf einen Satz kann nicht so ohne Weiteres ge-
schehen. Die Gehalte müssten in einer bestimmten Weise kombiniert bzw. verbunden werden,
und diese Funktionen müssten nun auch von dem Ausdruck ‚ist wahr’ übernommen werden.
Damit käme diesem Ausdruck in solchen Fällen wieder eine andere, zusätzliche Funktion zu,
die ihm im Rahmen von einfacheren Verwendungen, wie wir sie oben angeführt haben, nicht
zukommt. Damit wird der Ausdruck zu einem mehrfach mehrdeutigen Ausdruck, der in ver-
schiedenen Gebrauchskontexten unterschiedliche Funktionen übernimmt. Man könnte dem
zwar entgegenhalten, dass diese Funktionen alle in einem engen Verwandtschaftsverhältnis
stehen, da eine bestimmte gehaltsübertragende Basisfunktion in allen Anwendungsfällen vor-
handen ist; dennoch scheint eine solche Deutung des Ausdrucks ‚ist wahr’ nicht besonders
plausibel zu sein, vor allem vor dem Hintergrund, dass es andere Deutungen des Ausdrucks
gibt, bei denen ihm in allen Verwendungen exakt dieselbe Funktion zugeschrieben werden
kann: bspw. die Funktion, ein Prädikat zu sein, welches eine Eigenschaft ausdrückt.
Die bis hierhin vorgebrachten Bedenken gegen die gehaltsübertragende Funktion von ‚ist
wahr’ stellen keine echten Einwände gegen diese Interpretation dar. Gibt es konkrete Einwän-
de gegen diese Deutung? Gerade im Fall von Sätzen der Form ‚a ist wahr’, die ausschließlich
Anführungsnamen von Sätzen enthalten und bezüglich derer die gehaltsübertragende Funkti-
on von ‚ist wahr’ noch am plausibelsten erscheint, bietet sich allerdings der folgende Einwand
an: Zum Erfassen des Gehalts eines Anführungsnamens für Sätze ist es nicht (unbedingt) not-

94
wendig, den Gehalt eines Satzes zu erfassen. Am deutlichsten tritt dies bei Sätzen wie den fol-
genden zu Tage:

(77) ‚Peter ist blauäugig’ enthält drei Wörter.


(78) ‚Snow is white’ ist ein Satz der englischen Sprache.

Jemand, der den Satz ‚Peter ist blauäugig’ nicht versteht, kann ohne Weiteres den Satz (77)
verstehen. Eine deutschsprachige Person, die kein Englisch versteht, kann durchaus den Satz
(78) verstehen. Gilt das auch für Sätze der Form ‚‚p’ ist wahr’? 154 Intuitiv mag man geneigt
sein, anzunehmen, dass auch in diesem Fall das Verständnis des Anführungsnamens und des
ganzen Satzes unabhängig von dem Verstehen des Gehalts von ‚p’ erfolgen kann. Daraus kann
man nun schließen, dass die These von der gehaltsübertragenden Funktion falsch sein
muss.155 Aber diese Argumentation ist eine petitio principii, denn sie basiert implizit auf der
Voraussetzung, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ ein gewöhnliches Prädikat ist, welches dazu
dient, bestimmten Entitäten Eigenschaften zuzuschreiben. Wenn dies der Fall ist, dann
kann ,,p’ ist wahr’ tatsächlich verstanden werden, ohne dass der Gehalt von ‚p’ erfasst wird.
Aber wenn dies nicht so ist und wenn ‚ist wahr’ kein gewöhnliches Prädikat ist, dann ist die
Sache überhaupt nicht so eindeutig. Und im Fall der These von der gehaltsübertragenden
Funktion des Ausdrucks ‚ist wahr’ wird ein Verständnis des Gehalts von ‚p’ aufgrund der Se-
mantik dieses Ausdrucks erforderlich. Man mag also ruhig den Gehalt von Anführungsnamen
von Sätzen erfassen können, ohne den Gehalt der angeführten Sätze zu erfassen; aber man
kann nach der These von der gehaltsübertragenden Funktion des Ausdrucks ‚ist wahr’ keinen
Satz der Form ,,p’ ist wahr’ verstehen, ohne ‚p’ zu verstehen. Unsere Intuitionen helfen uns
hier überhaupt nicht weiter. Die Frage, ob es für das Verständnis von Sätzen der Form ,,p’ ist
wahr’ notwendig ist, den Gehalt von ‚p’ zu erfassen oder nicht, lässt sich allein auf der Grund-
lage einer Theorie erklären, welche die Semantik von ‚ist wahr’ korrekt expliziert, und nicht
auf der Grundlage der Analogie zu Sätzen wie (77) und (78).
Gibt es eindeutigere Tatsachen, die gegen die gehaltsübertragende Funktion von ‚ist wahr’
sprechen? Solche Tatsachen scheinen sich vor allem in Bezug auf Sätze der Form ‚a ist wahr’
zu ergeben, im Rahmen derer durch den Ausdruck ‚a’ über endlich oder unendlich viele Ge-
genstände quantifiziert wird. Muss jemand, der den Satz ‚Alle Sätze sind wahr’ verstehen
will, tatsächlich den Gehalt aller Sätze erfassen können? Diese Annahme scheint höchst un-
plausibel zu sein. Wie sieht es bspw. mit dem Verständnis des Satzes ‚Einige Sätze sind wahr’
aus? Welche konkreten Sätze muss jemand verstehen, damit er diesen Satz versteht? Durch
den Ausdruck ‚einige Sätze’ beziehe ich mich auf keine bestimmten Sätze. Woher sollte daher
dieser Satz im Sinne der gehaltsübertragenden Funktion von ‚ist wahr’ seinen Gehalt bezie-
154 Vgl. dazu: Abschnitt (3.3.4.4) und (3.3.4.5).
155 Vgl. dazu: Künne (2003, S. 74-75; S. 86; S. 233-234).
95
hen? Müsste ich, wie im Fall des Satzes ‚Alle Sätze sind wahr’, den Gehalt aller Sätze erfas-
sen, um den Gehalt des Satzes ‚Einige Sätze sind wahr’ zu verstehen? Aber die Sätze ‚Alle
Sätze sind wahr’ und ‚Einige Sätze sind wahr’ sind nicht einmal logisch äquivalent. Es kann
also gar nicht sein, dass dieselben Bedingungen erfüllt werden müssen, um diese beiden Sätze
zu verstehen. Ähnliche Probleme ergeben sich bei Sätzen wie ‚Genau ein Satz ist wahr’ und
‚Kein Satz ist wahr’. Das Verständnis dieser Sätze scheint weder das Erfassen des Gehalts ei-
nes bestimmten Satzes noch aller möglichen Sätze zu erfordern. D.h., im Rahmen solcher Ge-
neralisierungen in Bezug auf den Ausdruck ‚ist wahr’ scheint die These von der gehaltsüber-
tragenden Funktion des Ausdrucks ‚ist wahr’ an ihre Grenzen zu stoßen.
Und Grover scheint interessanterweise gar nicht die Absicht gehabt zu haben, diese These
eins zu eins auf solche Generalisierungen zu übertragen. Sie ist bei Grover vielmehr aus-
schließlich für ganz bestimmte Verwendungsweisen des Ausdrucks ‚ist wahr’ reserviert, näm-
lich für die Fälle, die für die ursprüngliche prosententiale Konzeption der Wahrheit ein Pro-
blem darstellten; also Sätze, die den Ausdruck ‚ist wahr’ enthalten, aber eine singuläre Propo-
sition ausdrücken. Heißt das, Grover nimmt zur Rettung ihrer Theorie eine eklatante Mehr-
deutigkeit des Ausdrucks ‚ist wahr’ in Kauf? Denn wie wir eben gesehen haben, lässt sich die
gehaltsübertragende Funktion keineswegs auf alle Fälle übertragen. Das lässt sich noch deutli-
cher anhand von Grovers eigener Analyse solcher Generalisierungen im Zusammenhang mit
dem Ausdruck ‚ist wahr’ zeigen. Grover hält in diesem Zusammenhang immer noch an der
Analyse solcher Generalisierungen nach der ursprünglichen prosententialen Konzeption der
Wahrheit fest. Generalisierungen wie ‚Alles, was Peter sagte, ist wahr’ oder ‚Alle Propositio-
nen sind wahr’ können demnach wie folgt analysiert werden:156

(79) Für alle Propositionen gilt: Wenn Peter sagte, es ist wahr, dann ist es wahr.
(80) Für alle Propositionen gilt: es ist wahr.

Wir haben in Abschnitt (2.4) schon darauf hingewiesen, warum diese Sätze keine sinnvollen
Sätze der deutschen Sprache sind und warum sie keine adäquate Paraphrase der Ausgangssät-
ze darstellen. Lassen wir aber einfach mal diese Bedenken beiseite und fragen wir uns viel-
mehr, wie sich Grover nun im Detail die Semantik von Ausdrücken der Form ‚es ist wahr’
vorstellt.
Nehmen wir an, sie will aus Kohärenzgründen dieselbe Strategie bei der Analyse von ‚es ist
wahr’ anwenden, wie sie es in Bezug auf ‚Das ist wahr’ getan hat. Sie müsste demnach die
Auffassung vertreten, dass der Ausdruck ‚es’ ein anaphorischer Ausdruck ist und dass der
Ausdruck ‚ist wahr’ den Gehalt des Antezedens’ von ‚es’ auf den Satz ‚es ist wahr’ überträgt.
Das erste Problem, welches dabei auftaucht, ist, dass der Ausdruck ‚es’ in (79) und (80) gar
156 Vgl. dazu: Grover (1992, S. 123; S. 148; S. 178; S. 220); Grover (2001, S. 505-506).
96
kein Antezedens hat. Damit der Ausdruck ‚alle Propositionen’ ein Pronomen im Deutschen
binden kann, muss es unter eine ganz bestimmte grammatische Kategorie fallen: Es muss ein
Pronomen der dritten Person Mehrzahl, Femininum sein. Ersetzen wir also ‚es’ durch ‚sie’,
um uns dieses kleinen Problems zu entledigen. Wenn wir dies tun, dann bindet der Ausdruck
‚alle Propositionen’ tatsächlich den Ausdruck ‚sie’, der nunmehr als Abhängigkeitsanapher
fungiert. Damit sind die Schwierigkeiten aber keineswegs behoben: Das Antezedens von ‚sie’
ist die Determinatorphrase ‚alle Propositionen’. Determinatorphrasen können grundsätzlich
nicht denselben Gehalt haben wie Sätze, daher kann der Ausdruck ‚ist wahr’ nicht den Gehalt
des Antezedens’ von ‚sie’ in (79) und (80) auf den Satz ‚sie ist wahr’ übertragen. Wie sollen
wir mit dieser Tatsache umgehen? Wir müssen die These von der gehaltsübertragenden Funk-
tion des Ausdrucks ‚ist wahr’ wohl wiederum abändern. Ist das aber möglich? Es scheint in
keiner sinnvollen Weise möglich zu sein. Denn wenn wir annehmen, der Ausdruck ‚alle Pro-
positionen’ trifft auf alle Propositionen zu bzw. alle Propositionen fallen unter diesen Aus-
druck, dann könnten wir nur die Auffassung vertreten, dass ‚ist wahr’ die Konjunktion aller
Propositionen als Gehalt von ‚sie ist wahr’ bestimmt. Das ist aber eine völlig absurde Annah-
me. Denn nicht nur würde das Verstehen der Sätze (79) und (80) das Erfassen aller Propositio-
nen erfordern, es würde obendrein erfordern, dass das Verständnis von (79) und (80) das Er-
fassen derselben Propositionen erfordert. Nun sind aber diese Sätze nicht einmal logisch äqui-
valent. D.h., auch wenn wir die Paraphrasestrategie der Prosententialisten verfolgen, erweist
sich eine Anwendung der These von der gehaltsabhängigen Funktion von ‚ist wahr’ auf Gene-
ralisierungen im Zusammenhang mit dem Ausdruck ‚ist wahr’ als absurd und aussichtslos.
Dessen scheint sich Grover auch völlig bewusst gewesen zu sein, weil sie diese Auffassung
nicht explizit vertritt und vielmehr der Auffassung ist, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ eine völlig
andere semantische Funktion im Rahmen von Generalisierungen als im Rahmen anderer Sät-
ze hat. Das ergibt sich aus Bemerkungen wie den folgenden:

The quantificational prosentence ‚It is true’ is the analogue in English of a bound propositional variable. 157

…‘true’occurs in the bound prosentence ‘it is true’. […] … bound prosentences function much as bound propos-
itional variables.158

Damit handelt Grover sich aber nicht nur die höchst unplausible Konsequenz ein, dass der
Ausdruck ‚ist wahr’ in einer unsystematischen Weise mehrdeutig ist, weil er in unterschiedli-
chen Zusammenhängen völlig unterschiedliche semantische Funktionen übernimmt, sondern
sie legt sich damit auch auf die Auffassung fest, die bereits von der ursprünglichen Version
der prosententialen Konzeption der Wahrheit vertreten wurde. Diese Auslegung besagte, dass

157 Grover (1992, S.148).


158 Grover (1992, S. 220).
97
der Ausdruck ‚es ist wahr’ als ein Fürsatz gedeutet werden kann, der als Abhängigkeits-
anapher fungiert. Diese Auffassung von Generalisierungen im Zusammenhang mit dem Aus-
druck ‚ist wahr’ hat sich allerdings bereits im Abschnitt (2.4) als unangemessen erwiesen.
D.h. Grovers Versuch, die ursprüngliche Version der prosententialen Konzeption der Wahrheit
zu retten oder zu verbessern, ist als gescheitert anzusehen. Das Ergebnis ihrer Versuche ist
eine ziemlich unplausible, inkohärente Wahrheitskonzeption. Eine Antwort auf die gestellte
Frage bezüglich der Tragfähigkeit der These von der gehaltsübertragenden Funktion von ‚ist
wahr’ muss daher wie folgt lauten: Diese These hat nur in ganz bestimmten Zusammenhängen
der Verwendung von ‚ist wahr’ eine gewisse Plausibilität; sie ist in anderen Zusammenhängen
ziemlich unplausibel und auf manche Fälle der Verwendung von ‚ist wahr’ überhaupt nicht
sinnvoll anwendbar. Die weiterentwickelte Version der prosententialen Konzeption der Wahr-
heit nach Grover kann somit nicht zur Überwindung der Schwierigkeit der ursprünglichen
Version beitragen. Wir werden nun im nächsten Abschnitt sehen, ob Brandom an dieser Tatsa-
che etwas ändern kann. Der Rettungsversuch von Grover ist meines Erachtens als gescheitert
zu betrachten.

(2.6) Brandoms Version der prosententialen Konzeption der Wahrheit

Brandoms Beitrag zur prosententialen Konzeption der Wahrheit beschränkt sich im Wesentli-
chen auf zwei Dinge: er hat (a) versucht, bestimmte Auffassungen, die Grover im Rahmen ih-
rer weiterentwickelten Version der prosententialen Konzeption der Wahrheit eingeführt hat, zu
verteidigen und zu generalisieren;159 und er hat (b) versucht, die prosententiale Konzeption
der Wahrheit um bestimmte wahrheitstheoretische Teilthesen zu erweitern, die sich seiner An-
sicht nach auf der Grundlage seiner veränderten Version der prosententialen Konzeption der
Wahrheit verteidigen lassen.160 Ich werde nun zeigen, warum Brandom in beiderlei Hinsicht
gescheitert ist.
Inwiefern hat Brandom versucht, bestimmte Auffassungen von Grover zu generalisieren?
Grover hat die Auffassung vertreten, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ in ganz bestimmten Zusam-
menhängen als ein sogenanntes „prosentence-forming predicate“ fungiert; nämlich nur dann,
wenn der Ausdruck ‚a’ im Rahmen eines Satzes der Form ‚a ist wahr’ eine Anapher ist. Wir
haben im vorherigen Abschnitt nachgewiesen, warum diese Charakterisierung unangemessen
ist, d.h., warum auf dieser Grundlage nicht erklärt werden kann, was einen Fürsatz ausmacht
und warum Sätze der Form ‚a ist wahr’ als Fürsätze bezeichnet werden können. Brandom geht
nun einfach daran, diese unangemessene These zu generalisieren. Und zwar behauptet er,
ohne eine Einschränkung zu treffen, Folgendes:
159 Siehe: Brandom (1988, S. 89-90); Brandom (1994, S. 283; S. 301-305); Brandom (1997, S. 143-144); Bran-
dom (2002, S. 103-107).
160 Siehe: Brandom (1994, S. 325-333).

98
… it is preferable to understand ‚… is true’ as a prosentence-forming operator, which applies to a noun phrase
specifying an anaphoric antecedent, and yields a prosentence anaphorically dependent on that specified ante-
cedent. According to this approach, understanding a sentence in which the word ‘true’ (or one of its cognates)
appears is a two stage process. First one must process the noun phrase to determine what sentence tokening (or
class of such tokenings) it picks out as anaphoric antecedent(s). Then one determines the sense of the sentences
that is anaphorically dependent on the antecedent(s). The full expressive resources of the language may be
brought to bear in specifying the antecedent, so computing it from the noun phrase is not always done in the
same way.161

Die kleinere Schwierigkeit dieser Auffassung besteht nun darin, dass es falsch ist, die These
von der gehaltsübertragenden Funktion des Ausdrucks ‚ist wahr’, die Brandom in dieser Pas-
sage ausführt und generalisiert, mit der Rechtfertigung der Existenz von Fürsätzen in Verbin-
dung zu bringen. Und zwar aus zwei Gründen, wie wir bereits gesehen haben: (i) Nur solche
Ausdrücke können als Fürsätze aufgefasst werden, die in einer anaphorischen Beziehung zu
einem im Diskurs vorausgehenden Satz stehen. (ii) Ein Satz wird nur dadurch zu einem Für-
satz, dass er als Ganzes in einer anaphorischen Beziehung zu einem anderen Satz (=Anteze-
dens) steht, und nicht dadurch, dass einer seiner Teilausdrücke in irgendeiner beliebigen se-
mantischen Beziehung zu diesem Satz steht. Es ist also in diesem Zusammenhang nicht ange-
bracht, von einem „prosentence-forming operator“ zu sprechen. Man sollte vielmehr von ei-
nem „content-inheriting operator“ sprechen und die in dem Abschnitt enthaltenen falschen
Redensarten von „anaphorischen Beziehungen“ beiseite lassen.162
Die weitaus größere Schwierigkeit besteht aber darin, dass sich die These von der gehalts-
übertragenden Funktion von ‚ist wahr’ nicht sinnvoll generalisieren lässt, wie wir bereits ge-
zeigt haben. Brandom vertritt diese These aber in ihrer uneingeschränkten bzw. generalisier-
ten Form, wie bspw. aus dem folgenden Zitat hervorgeht:

The version I favor understands locutions such as ‘… is true’ and its relatives as proform-forming operators.163

Brandom scheint sich der Konsequenzen dieser Auffassung nicht wirklich bewusst gewesen
zu sein, sonst würde er wohl kaum Paraphrasen von Generalisierungen im Zusammenhang
mit dem Ausdruck ‚ist wahr’ vertreten, welche absurde Konsequenzen nach sich ziehen, wenn
sie auf der Grundlage der generalisierten Version der These von der gehaltsübertragenden
Funktion des Ausdrucks ‚ist wahr’ ausgelegt werden. Werfen wir, um diesen Umstand zu bele-
gen, einen Blick auf die folgende Passage aus Brandoms Werk:

161 Brandom (2002, S. 105-106). Vgl. dazu auch: Brandom (1988, S. 89-90); Brandom (1994, S. 283; S. 303-
305); Brandom (1997, S. 143-144).
162 Vgl. dazu auch: Beebe (2002, S. 13); Künne (2003, S. 84-85); Horwich (2004, S. 18).
163 Brandom (2002, S. 103)

99
As in the pronominal case, the interpretation of prosentences bound by quantificational antecedents is yet more
complex.
17) Every sentence Hegel wrote is true.
This is usefully thought of in the expanded, explicitly conditional form
18) For any sentence, if Hegel wrote it, then it was true.
The immediate anaphoric antecedent of the prosentences is picked out by the pronoun ‚it’ that occurs in it, which
is linked to the ‚it’ in “Hegel wrote it”.164

Im Zusammenhang von 18) ist es nun tatsächlich so, dass der Ausdruck ‚it’ in ‚it is true’ als
anaphorischer Ausdruck gebraucht wird, der als Antezedens den Ausdruck ‚it’ in ‚Hegel wrote
it’ hat, welcher wiederum den Ausdruck ‚any sentence’ als Antezedens hat. Wie kann vor die-
sem Hintergrund die von Brandom generalisierte These von der gehaltsübertragenden Funkti-
on von ‚ist wahr’ auf Sätze wie 18) angewendet werden? Von welchem Satz bezieht der Aus-
druck ‚it is true’ in 18) seinen Gehalt? Dadurch, dass ‚it’ im Rahmen von ‚it is true’ von dem
Ausdruck ‚any sentence’ anaphorisch abhängig ist, könnten es eigentlich nur diejenigen Sätze
sein, auf die der Ausdruck ‚any sentence’ bezogen ist, also auf alle beliebigen Sätze; demnach
bezieht der Satz ‚it is true’ von allen Sätzen seinen Gehalt. Das ist aber absurd und inakzepta-
bel, wie wir bereits festgestellt haben. Gibt es eine sinnvollere Alternative dazu? Man könnte
geneigt sein, den Gehalt von ‚it is true’ von den Instanzen von ‚it’ im Rahmen von 18) zu ak-
quirieren. Das Verhältnis von ‚it’ und seinen Instanzen ist zwar kein anaphorisches, aber die-
sen Umstand hatten wir ja bereits Grover nachgesehen. Abgesehen davon, führt diese Deu-
tung aber zu keinem wesentlich anderen Ergebnis. Denn die Instanzen von ‚it’ sind ja nicht
auf bestimmte Namen von Sätzen beschränkt, sondern umfassen erneut die Namen von allen
Sätzen. Der Ausdruck ‚it is true’ würde demnach wieder seinen Gehalt vom Gehalt aller Sätze
beziehen. Wie schon im Fall der Deutung von Generalisierungen im Zusammenhang mit dem
Ausdruck ‚ist wahr’ nach Grover scheint die These von der gehaltsübertragenden Funktion
von ‚ist wahr’ auch im Rahmen der Paraphrasen solcher Sätze nach Brandom keine sinnvolle
Anwendung zu haben. Entgegen der Absicht von Brandom kann also die These von der ge-
haltsübertragenden Funktion von ‚ist wahr’ gar nicht sinnvoll auf alle Verwendungen von ‚ist
wahr’ generalisiert werden.
Brandom kann diesem Problem so wie Grover nur dadurch entgegenwirken, dass er die Ein-
deutigkeit von ‚ist wahr’ aufgibt und nunmehr die Auffassung vertritt, dass die Funktion von
‚ist wahr’ im Rahmen von Generalisierungen eine andere ist als im Rahmen anderer Sätze.
Damit würde die Plausibilität der Konzeption allerdings in einem hohen Maß in Frage ge-
stellt. Davon abgesehen, haben wir im letzten Abschnitt bereits feststellen müssen, dass die
These von der gehaltsübertragenden Funktion von ‚ist wahr’ nicht nur in ihrer Anwendung auf
Generalisierungen im Zusammenhang mit dem Ausdruck ‚ist wahr’ auf Schwierigkeiten stößt.
164 Brandom (2002, S. 107).
100
Diese These scheint somit auch keinen echten Fortschritt gegenüber der ursprünglichen pro-
sententialen Konzeption der Wahrheit darzustellen.
Wir haben festgehalten, dass Brandom neben der Generalisierung der These von der gehalts-
übertragenden Funktion des Ausdrucks ‚ist wahr’ noch ein zweites Anliegen verfolgt hat;
nämlich bestimmte wahrheitstheoretische Thesen auf der Grundlage der prosententialen Kon-
zeption der Wahrheit zu verteidigen. Brandom stimmt mit Grover darin überein, dass sich auf
der Grundlage einer prosententialen Konzeption die Auffassung [1] rechtfertigen lässt, dass
Sätze wie , ,Schnee ist weiß’ ist wahr’ keine semantischen Tatsachen über den Satz ‚Schnee ist
weiß’ ausdrücken.165 Diese These kann auf der Grundlage der These von der gehaltsübertra-
genden Funktion von ‚ist wahr’ auch tatsächlich gerechtfertigt werden, da ‚ist wahr’ auf dieser
Grundlage kein metasprachliches Prädikat ist und somit keine semantischen Tatsachen durch
die Anwendung dieses Ausdrucks auf den Satz ‚Schnee ist weiß’ ausgedrückt werden können.
D.h., wenn Brandoms Konzeption der Wahrheit von den angeführten gravierenden Problemen
frei wäre, dann ließe sich auf ihrer Grundlage die Auffassung rechtfertigen, dass sich keine se-
mantischen Tatsachen durch die Verwendung des Ausdrucks ‚ist wahr’ formulieren lassen.
Diese Konsequenz hätte eine weitere Konsequenz, die von Brandom akzeptiert wird, unmit-
telbar zur Folge: [2] Eine wahrheitskonditionale Semantik zur Explikation des propositionalen
Gehalts von Deklarativsätzen kann nicht verfolgt werden, wenn durch den Ausdruck ‚ist
wahr’ keine semantischen Tatsachen formuliert werden können.166 Diese beiden Auffassungen
[1] und [2] ließen sich also tatsächlich rechtfertigen, wenn Brandoms Version der prosenten-
tialen Konzeption der Wahrheit unproblematisch und angemessen wäre.
Es gibt allerdings zwei weitere Thesen, die Brandom auf der Grundlage seiner Wahrheitskon-
zeption zu rechtfertigen beabsichtigt, die sich aber selbst unter Voraussetzung der Korrektheit
dieser Konzeption nicht rechtfertigen lassen. Erstens ist das die Auffassung [3], dass es keine
Eigenschaft der Wahrheit gibt.167 Und zweitens die Auffassung [4], dass Tatsachen identisch
mit wahren Behauptungen sind.168 Warum lassen sich diese Thesen durch Brandoms Variante
der prosententialen Konzeption der Wahrheit nicht rechtfertigen? Aus der Tatsache, dass ‚ist
wahr’ keine Eigenschaft ausdrückt, folgt nicht unmittelbar, dass es keine Eigenschaft der
Wahrheit gibt. Es mag Eigenschaften geben, bezüglich derer wir keine Mittel haben, diese Ei-
genschaft auszudrücken oder zuzuschreiben. Dennoch kann es diese Eigenschaft aber geben.
Wie verhält sich die Sache, wenn wir zeigen könnten, dass der Ausdruck ‚Wahrheit’ keine Ei-
genschaft bezeichnet? Wird der Ausdruck ‚die Eigenschaft der Wahrheit’ dadurch bedeutungs-
los oder verliert er damit nur seinen Bezugsgegenstand?

165 Vgl. dazu: Brandom (1994, S. 326).


166 Vgl. dazu: Brandom (1994, S. 326-327).
167 Vgl. dazu: Brandom (1994, S. 325).
168 Vgl. dazu: Brandom (1994, S. 327-329).

101
Auf Searle geht die Auffassung zurück, dass wir einen abstrakten singulären Term wie ‚Wahr-
heit’ nur dann verstehen können, wenn wir vorher den prädikativen Ausdruck ‚ist wahr’ ver-
standen haben.169 Nach Searle ist deshalb die Bedeutung von ‚Wahrheit’ von der Bedeutung
von ‚ist wahr’ abgeleitet. ‚Wahrheit’ ist nichts anderes als eine Nominalisierung von ‚ist
wahr’.
Es würde wahrscheinlich eine solche zusätzliche Prämisse benötigen, um auf der Grundlage
der prosententialen Konzeption der Wahrheit ableiten zu können, dass es keine Eigenschaft
der Wahrheit gibt. Aber nicht einmal das scheint wirklich verbürgt zu sein. Denn wenn die
Bedeutung von ‚Wahrheit’ abgeleitet ist von der Bedeutung von ‚ist wahr’, dann ist der Aus-
druck ‚die Eigenschaft der Wahrheit’ nicht mehr bedeutungsvoll, weil ‚ist wahr’ nach der pro-
sententialen Konzeption der Wahrheit keine Eigenschaft ausdrückt. Auf dieser Grundlage
könnte man also zumindest auf die Sinnlosigkeit des Ausdrucks ‚die Eigenschaft der Wahr-
heit’ schließen. Folgt aus der Sinnlosigkeit des Ausdrucks ‚die Eigenschaft der Wahrheit’ nun
der Umstand, dass es keine Eigenschaft der Wahrheit gibt? Zu behaupten, dass es die Eigen-
schaft der Wahrheit gibt, obwohl der Ausdruck ‚die Eigenschaft der Wahrheit’ sinnlos ist, ist
wohl eine höchst fragwürdige, fast widersprüchliche Annahme. Auch wenn das so ist, so gilt
auf jeden Fall, dass sich die von Brandom vertretene Auffassung [3] nicht allein auf der
Grundlage seiner Wahrheitskonzeption verteidigen lässt. Zusätzliche Annahmen sind hier not-
wendig, um diese Auffassung zu rechtfertigen. (Und es sei nur nebenbei darauf hingewiesen,
dass die Auffassung von Searle, auf die wir zu diesem Zweck zurückgegriffen haben, auch
nicht ganz unproblematisch ist. Es gibt schließlich abstrakte singuläre Terme (wie ‚Animosi-
tät’), die sinnvoll und verständlich sind, denen aber kein prädikativer Ausdruck entspricht.
Wenn die Auffassung von Searle wahr wäre, dürften solche Ausdrücke dann allerdings nicht
bedeutungsvoll oder verständlich sein. Dieser Umstand stellt die gemachte Ableitung noch zu-
sätzlich in Frage.)
Warum ist die Auffassung [4] durch Brandoms Wahrheitskonzeption nicht zu rechtfertigen?
Diese These ist, so wie wir sie in Anlehnung an Brandom formuliert haben, nicht ganz eindeu-
tig, da der Ausdruck ‚Behauptung’ (‚claim’) mehrdeutig ist. In welcher Bedeutung versteht
Brandom diesen Ausdruck? Das geht recht klar aus der folgenden Stelle hervor:

According to the usage endorsed here, facts are just true claims. […] ‘Claims’ here has the semantic sense of
what is claimed, rather than the pragmatic sense of claiming of it – a matter of content, not of force or deontic at-
titude.170

Demnach bezieht sich ‘Behauptung’ für Brandom hier nicht auf einen Akt, sondern auf einen
Inhalt, also den propositionalen Gehalt eines Satzes. Wenn Brandom also behauptet, dass Tat-
169 Vgl. dazu: Searle (1969, S. 119-121).
170 Brandom (1994, S. 327).
102
sachen nichts anderes als wahre Behauptungen sind, dann wird dadurch die Identität von Tat-
sachen mit wahren propositionalen Gehalten ausgedrückt. Die Wahrheit einer solchen Identi-
tätsthese erfordert, dass es so etwas wie Tatsachen und auch so etwas wie wahre propositiona-
le Gehalte gibt. Jetzt fragt sich allerdings, was wahre propositionale Gehalte auf der Grund-
lage von Brandoms Wahrheitskonzeption sein sollen. Wie ist der Ausdruck ‚wahre Fs’ und da-
mit der attributive Gebrauch von ‚wahr’ überhaupt zu verstehen, wenn ‚ist wahr’ für keine Ei-
genschaft steht? Eines ist in jedem Fall klar: Nicht alle propositionalen Gehalte sind Tatsa-
chen, sondern nur eine ganz bestimmte Teilmenge von ihnen. Und wenn es diese Teilmenge
gibt, dann muss sie sich durch ein bestimmtes Merkmal oder eine Eigenschaft von der Menge
der übrigen propositionalen Gehalte unterscheiden. Aber was soll sich hinter diesem Merkmal
verbergen, wenn nicht die Eigenschaft der Wahrheit? Es scheint somit so zu sein, dass die
Identifizierung von Tatsachen mit wahren propositionalen Gehalten nicht nur die Existenz von
Tatsachen und propositionalen Gehalten voraussetzt, sondern auch die Existenz einer Eigen-
schaft, nämlich der Eigenschaft der Wahrheit, die es mir erlaubt, von ‚wahren propositionalen
Gehalten’ zu sprechen, und die es ermöglicht, die Menge der wahren propositionalen Gehalte
von der Menge der übrigen propositionalen Gehalte zu unterscheiden. Damit ist [4] in jedem
Fall mit [3] unvereinbar. Aber [4] ist nicht nur das, es setzt auch obendrein voraus, dass Aus-
drücke wie ‚wahre Behauptung’ oder ‚wahrer propositionaler Gehalt’ sinnvoll sind. Und wie
können diese Ausdrücke als sinnvoll aufgefasst werden, wenn der Ausdruck ‚wahr’ nicht für
eine Eigenschaft steht? (Der Umstand, dass wir den Ausdruck ‚wahr’ in der natürlichen Spra-
che sowohl attributiv als auch prädikativ gebrauchen können und dass der attributive Ge-
brauch von ‚wahr’ in bestimmten Fällen nur dann sinnvoll ist, wenn durch den prädikativen
Gebrauch eine Eigenschaft zugeschrieben werden kann, könnte davon abgesehen als weiterer
Grund angeführt werden, der gegen die Korrektheit der Analyse des Ausdrucks ‚ist wahr’ auf
der Grundlage einer der angeführten Varianten der prosententialen Wahrheitskonzeptionen
spricht.) In diesem Sinn scheint [4] auf der Grundlage von Brandoms Wahrheitskonzeption
nicht vertretbar zu sein.
War sich Brandom dieses Umstandes nicht bewusst? Wie versucht er die Identifizierung von
Tatsachen und wahren Behauptungen überhaupt konkret zu rechtfertigen? Er führt dazu die
folgende Rechtfertigung an:

… “The claim that p is true“ and “It is a fact that p” are two equivalent ways of saying the same thing – express-
ing the same content, and so (if the claim they both express is true) stating the same fact.

Sätze der Form ‘Die Behauptung, dass p, ist wahr’ sind nach Brandom synonym mit Sätzen
der Form ‚p’.171 Wenn nun aber Sätze der Form ‘Die Behauptung, dass p, ist wahr’ mit Sätzen
171 Wir haben bereits in Abschnitt (2.5) gesehen, dass man die These von der gehaltsübertragenden Funktion von
‚ist wahr’ leicht abändern muss, um dies zu bewerkstelligen.
103
der Form ‚p’ synonym sind und Sätze der Form ‚Die Behauptung, dass p, ist wahr’ mit Sätzen
der Form ‚Es ist eine Tatsache, dass p’, dann folgt daraus auch, dass Sätze der Form ‚Es ist
eine Tatsache, dass p’ auch mit Sätzen der Form ‚p’ synonym sind. Macht es dann aber über-
haupt noch Sinn, von Tatsachen zu sprechen? Sätze der Form ‚Dass p, ist eine Tatsache’ schei-
nen naheliegenderweise mit Sätzen der Form ‚Es ist eine Tatsache, dass p’ synonym zu sein.
Aber wenn durch einen Satz der Form ‚Dass p, ist eine Tatsache’ nichts anderes ausgedrückt
wird als durch einen Satz der Form ‚p’, was sollen Tatsachen dann überhaupt für Entitäten
sein? Ist der Ausdruck ‚ist eine Tatsache’ demnach ebenso nur ein gehaltsübertragender Aus-
druck wie ‚ist wahr’? Wenn sich der Ausdruck ‚dass p’ auf Tatsachen bezieht, Tatsachen iden-
tisch mit wahren propositionalen Gehalten sind und die Synonymierelation zwischen den an-
geführten Sätzen besteht, dann scheint diese Auffassung erforderlich zu sein. Was sollen auf
dieser Grundlage dann aber Tatsachen überhaupt sein? Anstatt zu sagen, Tatsachen sind wahre
Behauptungen, kann man auch sagen, Tatsachen sind identisch mit Wahrheiten. Wenn nun
aber die Ausdrücke ‚ist eine Tatsache’ und ‚ist eine Wahrheit’ keine Eigenschaften aus-
drücken, was sollen Tatsachen und Wahrheiten dann überhaupt für Entitäten sein? Es scheint
erforderlich zu sein, dass wir die Existenz von Tatsachen und Wahrheiten leugnen, wenn wir
auf der Grundlage von Brandoms Konzeption der Wahrheit eine Synonymie zwischen Sätzen
wie ‚Dass p, ist eine Tatsache’ und ‚Dass p, ist wahr’ vertreten wollen. Das heißt aber auch,
dass es nicht sinnvoll ist, davon zu sprechen, dass Tatsachen mit wahren Behauptungen iden-
tisch sind, auch wenn es sinnvoll ist, zu sagen, dass ‚Dass p, ist eine Tatsache’ und ‚Dass p, ist
wahr’ synonym sind. Auf jeden Fall gilt somit Folgendes: Auf der Grundlage dieser Synony-
miethese lässt sich [4] in seinem wörtlichen Sinn nicht rechtfertigen. Darüber hinaus ist diese
Synonymiethese zumindest höchst unplausibel; denn sie lässt sich nicht mit unserem intuiti-
ven Verständnis des Begriffs der Wahrheit und des Begriffs der Tatsache in Übereinstimmung
bringen. Nach diesem Verständnis handelt es sich bei diesen beiden Begriffen um verschiede-
ne Begriffe. Somit können die angeführten Sätze auf dieser Grundlage gar nicht synonym
sein.172
Brandom scheitert demnach nicht nur bei dem Versuch, die prosententiale Konzeption der
Wahrheit erfolgreich zu verteidigen und angemessen zu modifizieren, er scheitert auch bei
dem Versuch, bestimmte wahrheitstheoretische Konsequenzen aus dieser Auffassung zu zie-
hen – selbst wenn man die Angemessenheit seiner Theorie voraussetzt. Brandom ist es daher
ebenso wenig wie Grover gelungen, die prosententiale Konzeption der Wahrheit zu rehabili-
tieren.

(2.7) Schlussfolgerungen

172 Vgl. dazu: Abschnitt 4.2.2.2.


104
Wir haben in diesem Kapitel drei unterschiedliche Versionen der prosententialen Konzeption
der Wahrheit besprochen: (a) die ursprüngliche Version dieser Wahrheitskonzeption, die auf
Grover, Camp und Belnap zurückgeht, (b) die weiterentwickelte Version dieser Wahrheitskon-
zeption von Grover und (c) Brandoms Version der prosententialen Konzeption der Wahrheit.
Wir mussten in Bezug auf alle drei Konzeptionen feststellen, dass sie grundlegende Schwä-
chen haben und nicht als angemessene oder plausible Wahrheitskonzeptionen angesehen wer-
den können.

105
3. Disquotationale Konzeptionen der Wahrheit und ihre Mängel

(3.0) Einleitung

Disquotationale Konzeptionen der Wahrheit werden von Autoren wie Leeds, Field, Williams
und Halbach vertreten.173 Diese Konzeptionen erfreuen sich vor allem bei solchen Philoso-
phen großer Beliebtheit, die Quine’sche Skrupel in Bezug auf die Existenz von Propositionen
teilen und die wie Tarski den wahren Kern der Korrespondenzintuition durch die Instanzen
des W-Schemas ‚x ist wahr  p’ ausgedrückt sehen. Eine disquotationale Konzeption der
Wahrheit kann in unterschiedlich radikalen Versionen vertreten werden. Diese Grade der Ra-
dikalität ergeben sich aus unterschiedlich radikalen Auslegungen der Kernthesen einer sol-
chen Wahrheitskonzeption. In den ersten beiden Abschnitten dieses Kapitels werden daher zu-
erst die Kernthesen einer solchen Wahrheitskonzeption herausgearbeitet und sowohl unter-
schiedlich radikale Auslegungen als auch unterschiedlich starke Lesarten dieser Thesen diffe-
renziert. Im Anschluss daran werden diese Thesen dann nacheinander in ihren unterschiedli-
chen Interpretationen mit einer Vielzahl von Einwänden und Problemen konfrontiert.

(3.1) Wahrheit als Anführungstilgung

Die Grundzüge einer disquotationalen Konzeption der Wahrheit gehen auf Quine zurück. Der
locus classicus dieser Art von Wahrheitskonzeption befindet sich in Quines Buch ‚Philosophy
of Logic’. Dort beschreibt er die namensgebende Grundidee dieser Wahrheitsauffassung wie
folgt:

The truth predicate is a reminder that, despite a technical ascent to talk of sentences, our eye is on the world.
This cancellatory force of the truth predicate is explicit in Tarski’s paradigm:
‘Snow is white’ is true if and only if snow is white.
Quotation marks make all the difference between talking about words and talking about snow. The quotation is a
name of a sentence that contains a name, namely ‘snow’, of snow. By calling the sentence true, we call snow
white. The truth predicate is a device of disquotation.174

Was wird nun aber konkret durch diese Passage über die Semantik des Ausdrucks ‚ist wahr’
gesagt? Und was wird vor allem durch den Satz ‚The truth predicate is a device of disquotati-
on’ ausgesagt? Bezüglich der Beantwortung dieser Frage herrscht in der Literatur zum Thema
ein erhebliches Maß an Unklarheit und Uneinigkeit. Halbach bringt diesen Umstand wie folgt
zum Ausdruck:

173 Vgl. dazu: Leeds (1978, 1995); Field (1986, 1994a, 1994b, 2001); Williams (1986, 2002); Halbach (2003).
174 Quine (1970, S. 12).
106
What does it mean that truth is a device of disquotation? The phrase ‘is true’ somehow cancels out the quotation
marks; placing a sentence in quotation marks and then applying the truth predicate yields again the sentence it -

self. Still this is not very precise and one can clarify this in various ways .175

Auf welche unterschiedlichen Weisen kann man nun den Satz ‚The truth predicate is a device
of disquotation’ auslegen? Die meisten Autoren stützen sich bei der Interpretation dieser The-
se vor allem auf den Inhalt des unmittelbar vorangehenden Satzes ‚By calling the sentence
true, we call snow white’. Dieser Satz wird allerdings wiederum von unterschiedlichen Auto-
ren unterschiedlich interpretiert. Drei mögliche Deutungen seien hier angeführt:

(D1) ‚‚Schnee ist weiß’ ist wahr’ ist synonym mit ‚Schnee ist weiß’.176
(D2) ‚‚Schnee ist weiß’ ist wahr’ drückt dieselbe Proposition aus wie ‚Schnee ist weiß’.177
(D3) Zu behaupten, dass ‚Schnee ist weiß’ wahr ist, ist dasselbe wie zu behaupten, dass Schnee weiß ist.178

Die Deutung des angeführten Satzes, die sich wohl am engsten am Original orientiert, ist die
Deutung (D3). Diese Deutung ist aber auch die Deutung, die am meisten an weiterer Erklä-
rung bedarf. Ich möchte die Generalisierung dieser These in Bezug auf Sätze der Form ‚‚p’ ist
wahr’ und ‚p’ die Behauptungsthese nennen, die diesbezügliche Generalisierung von (D2) die
Redundanzthese und die Generalisierung von (D1) die Synonymiethese nennen.
Die Behauptungsthese ist keine These, die etwas Spezifisches über die illokutionäre Rolle von
bestimmten Sprechakten sagt. Sprechakte setzten sich neben dem illokutionären Akt meistens
auch aus einem Äußerungsakt und einem propositionalen Akt zusammen. (D3) sagt nun etwas
über den propositionalen Akt, der durch die Äußerung der Sätze ‚‚Schnee ist weiß’ ist wahr’
und ‚Schnee ist weiß’ mit behauptender Kraft vollzogen wird; und zwar besagt (D3) die dies-
bezügliche Identität der Gehalte. In diesem Sinn ist (D3) eine auf Behauptungen einge-
schränkte Version von (D2) und kann derart reformuliert werden:

(D3*) Wenn die Sätze ‚‚Schnee ist weiß’ ist wahr’ und ‚Schnee ist weiß’ mit behauptender Kraft geäußert wer-
den, dann drücken diese Sätze dieselbe Proposition aus.

Wie verhalten sich nun diese unterschiedlichen Deutungen zueinander? Das hängt einerseits
davon ab, wie wir die These, dass Sätze primäre Wahrheitsträger sind, genau verstehen. In
‚Philosophy of Logic’ fährt Quine noch eine Doppelstrategie. Er sieht einerseits Satz-Tokens
und andererseits solche Satz-Typen, die von ihm ewige Sätze179 genannt werden, als eigentli-
175 Halbach (2003, S. 29).
176 Vgl. dazu: Gupta (1993a, S. 61-62; S. 76); Schmitt (1995, S. 125); Mou (1999, S. 126-128).
177 Vgl. dazu: McGinn (2002, S.196-197); Künne (2003, S. 226-228).
178 Vgl. dazu: David (1994, 68-70); David (2008a, S. 280).
179 „When we call a sentence eternal, therefore, we are calling it eternal relative only to a particular language at a

particular time.”, in: Quine (1970, S. 14). Ein ewiger Satz ist in diesem Sinn ein Satz, der so aufgefasst werden
kann, dass sein Wahrheitswert über alle Zeitpunkte hinweg derselbe bleibt.
107
che Wahrheitsträger an. In ‚Pursuit of Truth’ schränkt er seine Wahrheitsauffassung dann aller-
dings wesentlich auf ewige Sätze ein. Das geht aus den folgenden Bemerkungen hervor:

What are best regarded as true and false are not propositions but sentence tokens, or sentences if they are
eternal.180

Declarative sentences thus refined – eternal sentences – are what I shall regard as truth vehicles in ensuring
pages, for the most part. On the whole it is the convenient line for theoretical purposes. 181

Unter der Voraussetzung, dass wir den Satz ‚Schnee ist weiß’ als ewigen Satz auffassen, kön-
nen wir die Thesen (D1) und (D2) als inhaltlich gleichwertig ansehen, wenn wir Propositio-
nen mittels Synonymie individuieren. Wenn wir Propositionen grobkörniger individuieren,
dann ist die These (D1) unter den gegebenen Voraussetzungen als die stärkere der beiden The-
sen anzusehen, denn dann folgt (D1) aus (D2), aber nicht umgekehrt. Wenn wir ‚Schnee ist
weiß’ als kontextabhängigen Satz auffassen oder zumindest einen solchen an seine Stelle set-
zen, wie das manch anderer Disquotationalist als Quine durchaus in Betracht zieht 182, dann ist
das Verhältnis zwischen (D1) und (D2) etwas komplizierter. Denn dann folgt aus (D1) nur
dann (D2), wenn (D2) so gelesen wird, dass Sätze der Form ‚p’ und ‚‚p’ ist wahr’ relativ zu
denselben kontextuellen Parametern ausgewertet werden. Da die These (D3) eine einge-
schränkte Version von (D2) ist, folgt aus (D2) auch stets (D3). Damit erweisen sich diese un-
terschiedlichen Deutungen auch als unterschiedlich stark.
Welche dieser Deutungen kann nun als die von Quine intendierte angesehen werden? Es gibt
ein grundlegendes Problem, welches die Interpretationen (D1), (D2) und (D3*) betrifft. Quine
lehnt es nämlich ab, sowohl die Existenz von Propositionen anzuerkennen, wie er auch be-
zweifelt, dass der Begriff der Synonymie ein sinnvoller und wissenschaftlich respektabler Be-
griff ist.183 In diesem Sinne würde Quine die angeführten Deutungen selbst ablehnen. D.h. al-
lerdings nicht, dass diese Deutungen grundsätzlich verfehlt sind. Es heißt nur, dass wir, wenn
wir Quine selbst gerecht werden wollen, einen geeigneten Ersatz für den Begriff der Proposi-
tion und für den Begriff der Synonymie finden müssen. Es ist allerdings alles andere als ein-
fach, unter diesen Voraussetzungen eine angemessene Paraphrase für Quines These zu finden,
die klarer ist als seine These selbst. Somit mögen die Quine’schen Restriktionen als ein Grund
für Quines etwas unklare Formulierung seiner These gewertet werden.
Auf den ersten Blick scheint uns auf diesem Hintergrund nur der Versuch offen zu stehen, uns
über (D3) an eine etwas bessere Paraphrase anzunähern. Dabei fallen einem allerdings sofort
zwei Probleme in Bezug auf (D3) oder (D3*) ins Auge. Erstens sind (D3) und (D3*) offen-

180 Quine (1970, S. 14).


181 Quine (1992, S. 79).
182 Vgl. dazu: Field (1986); Williams (1986); Gupta (1993a); David (1994); Field (1994a); Halbach (2001).
183 Vgl. dazu: Quine (1953, S. 21-27); Quine (1960, Kap. 2); Quine (1970, S. 1-10); Quine (1992, S. 77-79).

108
sichtlich nur auf Behauptungen eingeschränkt, d. h., die Beziehung zwischen dem Inhalt des
Satzes ‚‚Schnee ist weiß’ ist wahr’ und dem des Satzes ‚Schnee ist weiß’ ist auf dieser Grund-
lage nicht bestimmt, wenn diese Sätze bspw. als Teilsätze komplexer Sätze mit nicht behaup-
tender Kraft geäußert werden. Zweitens beziehen sich (D3) und (D3*) nur auf Verwendungen
der Sätze ‚‚Schnee ist weiß’ ist wahr’ und ‚Schnee ist weiß’, bei denen sich die behauptende
Kraft auf diese Sätze selbst erstreckt. Alle anderen sogenannten eingebetteten Verwendungen
dieser Sätze im Rahmen von Sätzen, die mit behauptender Kraft geäußert werden, werden von
(D3) und (D3*) nicht erfasst. 184 Das betrifft dann auch die Verwendungen solcher Sätze im
Rahmen des Schemas ‚x ist wahr  p’. In diesem Sinn ist der Umfang von (D3) und (D3*)
gegenüber (D1) und (D2) sehr stark eingeschränkt. Dies wirft vor dem Hintergrund der ge-
machten Restriktionen die Frage auf, ob diese enge Lesart überhaupt von Quine intendiert ist.
Werfen wir, um das besser feststellen zu können, einen Blick auf eine Parallelstelle der be-
rühmten oben angeführten Stelle aus ‚Philosophy of Logic’ in Quines späterer Schrift ‚Pursuit
of Truth’:

To ascribe truth to the sentence [=’Snow is white’] is to ascribe whiteness to snow[.] [...] Ascription of truth just
cancels the quotation marks. Truth is disquotation.
So the truth predicate is superfluous when ascribed to a given sentence; you could just utter the sentence. 185

In diesem Zusammenhang macht Quine nicht von dem Sprechaktverb ‚call’, sondern von dem
Sprechaktverb ‚ascribe’ Gebrauch. Dieser Ausdruck weist allerdings eine interessante Ambi-
guität auf, die ‚call’ nicht aufweist und auf die bereits Searle hingewiesen hat.186 In dem ersten
(engen) Sinne beschreibt das Wort ‚ascribe’ den Akt einer Prädikation im Rahmen bestimmter
Behauptungen.187 In diesem Sinn wäre der Unterschied zwischen (D3) und dieser Version der
These nur marginal. In einem anderen (weiteren) Sinn beschreibt das Wort ‚ascribe’ den Akt
einer Prädikation im Zusammenhang von beliebigen illokutionären Akten und in beliebigen
Satzpositionen. Wenn wir nun vor diesem Hintergrund noch Quines Bedenken gegenüber der
Existenz von Eigenschaften in unser Kalkül ziehen, dann können wir die folgende weitere Pa-
raphrase der hier im Fokus stehenden Behauptung von Quine anführen:188

(D4) Indem man ‚ist wahr’ auf ‘Schnee ist weiß’ in einem weiten Sinne prädiziert, prädiziert man ‚ist weiß’ in
ebendiesem Sinn auf Schnee.

Diese Paraphrase ist nicht nur eine sinnvolle und mögliche Interpretation von Quines ange-
führter These aus ‚Pursuit of Truth’, sie erfüllt obendrein die angeführten strengen Restriktio-

184 Vgl. dazu: David (2008a, S. 280-281).


185 Quine (1992, S. 80).
186 Vgl. dazu: Searle (1969, S. 26; S. 122-123).
187 Die behauptende Kraft erstreckt sich dabei wesentlich auf alle in einem Satz enthaltenen Prädikate.
188 Vgl. dazu: David (2008a, S. 281).

109
nen von Quine. Allerdings ist auch diese Paraphrase nicht unproblematisch. Probleme ergeben
sich vor allem bei dem Versuch, diese These zu generalisieren. Denn wir können in das Sche-
ma ‚x ist wahr  p’ ganz beliebige Arten von Sätzen einsetzen – wie beispielsweise Sätze der
Form ‚p  p’. Solche Sätze können aber in keiner sinnvollen Weise in die Form gebracht
werden, die durch (D4) vorgegeben ist. Denn die behauptende Kraft eines Satzes der Form ‚p
 p’ bezieht sich auf das Konditional ‚’ und nicht die Prädikate, die ein solcher Satz enthal-
ten mag. In diesem Sinn ist eine sehr wörtliche Auslegung des angeführten Satzes aus ‚Pursuit
of Truth’ wiederum ein Nachteil gegenüber anderen angeführten Auslegungen der Parallelstel-
le aus ‚Philosophy of Logic’.
Quine scheint jedoch selbst in dem zuletzt angeführten Zitat einen Ausweg aus diesem Pro-
blem anzudeuten. Denn er führt eine weitere Formulierung seiner These an, die nicht nur von
dem Sprechaktverb ‚ascribe’, sondern auch von dem Sprechaktverb ‚utter’ Gebrauch macht.
Wenn wir nun (D4) auf der Grundlage der Verwendung des Äußerungsbegriffs reformulieren,
dann gelangen wir zu einer Paraphrase, die zumindest generalisierbar ist:

(D5) Das Äußern von ‚‚Schnee ist weiß’ ist wahr’ mit einer beliebigen illoktutionären Kraft in einer beliebigen
Satzposition entspricht dem Äußern von ‚Schnee ist weiß’ mit derselben Kraft in derselben Satzposition.

Diese These scheint auf den ersten Blick unter den von Quine vertretenen Restriktionen von
allen angebotenen Paraphrasen noch am besten das wiederzugeben, was Quine mit den drei
ins Auge gefassten Formulierungen seiner These aus den zwei angeführten Texten sagen woll-
te. Doch ein zweiter Blick fördert ein altbekanntes Problem zu Tage. Der Begriff der Entspre-
chung, von dem (D5) Gebrauch macht, ist erklärungsbedürftig. Wenn man nun versucht, die
Art der Entsprechung zu erläutern, auf die (D5) abzielt, kommt man kaum umhin, diese als
inhaltliche Entsprechung zu verstehen. Auf dieser Grundlage fragt sich nun allerdings, ob
man diesen Begriff verstehen kann, ohne auf den Begriff der Proposition oder der Synonymie
zurückgreifen zu müssen. Man könnte diese Möglichkeit Quine einräumen. Man könnte aber
auch versuchen, dieses Problem etwas zu mildern, wenn man die Entsprechung nicht auf der
semantischen Inhaltsebene ansiedelt, sondern eine pragmatische Entsprechung hinsichtlich
des kommunikativen Zwecks von Äußerungen propagiert. Wir würden dann zu der folgenden
Paraphrase von (D5) gelangen:

(D5*) Das Äußern von ‚‚Schnee ist weiß’ ist wahr’ mit einer beliebigen illoktutionären Kraft in einer beliebi -
gen Satzposition erfüllt dieselbe kommunikative Funktion wie das Äußern von ‚Schnee ist weiß’ mit der-
selben Kraft in derselben Satzposition.

Wenn wir nun an Quine das Zugeständnis machen, dass man den Begriff der kommunikativen
Funktion verstehen kann, ohne vom Begriff der Proposition oder Synonymie Gebrauch ma-
110
chen zu müssen, dann wäre (D5*) ein gutes Angebot, Quines These auf der Basis seiner Re-
striktionen einzufangen.
Ich möchte die Generalisierung der These (D5*) auf beliebige Instanzen die Äußerungsthese
nennen. Ein Disquotationalist, der die Skrupel von Quine gegenüber bestimmten Begriffen
nicht teilt, kann allerdings problemlos auch auf eine der anderen angeführten Paraphrasen zu-
rückgreifen, um eine vergleichbare These aufzustellen.
Was hat aber nun die Äußerungsthese oder eine ihrer angeführten Alternativen mit der Anfüh-
rungstilgungsthese zu tun? Die Äußerungsthese oder eines ihrer angeführten Surrogate kann
meiner Ansicht nach als eine Konsequenz oder als eine Ergänzung zur Anführungstilgungs-
these angesehen, sollte aber keineswegs mit dieser gleichgesetzt werden. Schließlich wird auf
der Grundlage der Äußerungsthese oder einer ihrer Surrogate gar nichts explizit über den so-
genannten anführungstilgenden Charakter des Ausdrucks ‚ist wahr’ gesagt. Die angeführten
Thesen sind obendrein mit ganz unterschiedlichen Auffassungen bezüglich der Semantik des
Ausdrucks ‚ist wahr’ vereinbar, auch mit solchen, die diesem Ausdruck explizit eine anfüh-
rungstilgende Funktion absprechen.189
Manche Autoren gehen sogar noch einen Schritt weiter und setzen die angeführte Anführung-
stilgungsthese mit einer sogenannten Teildefinitionsthese bezüglich des Sinns von ‚ist wahr’
gleich. Ein Beispiel dafür sind die folgenden Ausführungen von Gupta:

… the Disquotation Thesis is understood by the deflationists as saying not just that the T-biconditionals are true,
nor just that they are necessarily true. The claim is rather that the T-biconditionals issue from our very under-
standing of ‘true’, that they explain (at least partially) the meaning of ‘true’.190

Auf Tarski geht die Auffassung zurück, dass bestimmte Instanzen des Schemas ‚x ist wahr 
p’ als Teildefinitionen des Ausdrucks ‚ist wahr’ aufgefasst werden können. Man kann mindes-
tens drei unterschiedliche Lesarten der Teildefinitionsthese unterscheiden. In ihrer stärksten
Lesart besagt diese These, dass bestimmte Instanzen des Schemas ‚x ist wahr  p’ als Teilde-
finitionen bezüglich des Sinns von ‚ist wahr’ aufgefasst werden können. In einer mittleren
Lesart besagt sie, dass bestimmte Instanzen des Schemas ‚x ist wahr  p’ als Teildefinitionen
bezüglich der Intension von ‚ist wahr’ aufgefasst werden können. Und in ihrer schwächsten
Lesart besagt sie, dass bestimmte Instanzen des Schemas ‚x ist wahr  p’ als Teildefinitionen
bezüglich der Extension von ‚ist wahr’ aufgefasst werden können. Im Rahmen aller drei Les-
arten wird vorausgesetzt, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ hinsichtlich seiner logischen Tiefen-
struktur als Prädikat angesehen wird. Nur in der stärksten Lesart erfordert die Teildefinitions-
these die Wahrheit der Synonymiethese. Vor dem Hintergrund der beiden anderen Thesen ge-
189 Man denke dabei bspw. an die angeführten Interpretationen der Instanzen des Schemas ‚‚p’ ist wahr  p’,

welche Vertreter einer prosententialen Wahrheitskonzeption verteidigen. (Siehe dazu: Kapitel 2, Abschnitt (2.4)
und (2.5). Vgl. dazu auch: Künne (2003, S. 227).
190 Gupta (1993a , S. 61).

111
nügt es, dass Sätze der Form ‚‚p’ ist wahr’ mit Sätzen der Form ‚p’ entweder notwendig äqui-
valent oder material äquivalent sind. Die Teildefinitionsthese ist somit eindeutig von der Syn-
onymiethese zu unterscheiden. Nicht nur, weil diese nicht in jeder ihrer Lesarten die Synony-
miethese impliziert, sondern ebenso, weil sie die notwendige Voraussetzung hat, dass der Aus-
druck ‚ist wahr’ hinsichtlich seiner logischen Tiefenstruktur ein Prädikat ist. An diese Voraus-
setzung ist die Synonymiethese nicht notwendig gebunden. Darüber hinaus macht die Teilde-
finitionsthese bezüglich der explanatorischen Funktion bestimmter Instanzen des Schemas ‚x
ist wahr  p’ eine konkrete Aussage im Gegensatz zur Synonymiethese.191
Inwiefern ist nun die Teildefinitionsthese von der Anführungstilgungsthese zu unterscheiden?
Wie schon in Bezug auf die Äußerungsthese und ihre Surrogate festgestellt wurde, scheint
auch die Teildefinitionsthese keine expliziten Hinweise darüber zu enthalten, worin nun ei-
gentlich der anführungstilgende Charakter des Wahrheitsprädikats besteht. Darüber hinaus ist
die Teildefinitionsthese auf die These festgelegt, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ ein genuines
Prädikat ist. Wie wir noch sehen werden, gilt diese Voraussetzung aber nicht notwendigerwei-
se in Bezug auf die Anführungstilgungsthese. Man sollte sich nunmehr nach weiteren Hinwei-
sen umsehen, um herauszufinden, was mit der Anführungstilgungsthese eigentlich gemeint
ist. Meiner Ansicht nach finden sich in Quines Arbeiten unterschiedliche Hinweise zur Inter-
pretation der Anführungstilgungsthese, die zumindest zwei unterschiedliche Auslegungen der-
selben ermöglichen.
Konkrete Hinweise zu einer radikalen Auslegung der Anführungstilgungsthese finden sich in
Quines Aufsatz ‚Truth and Disquotation’. Dort beschreibt er die anführungstilgende Funktion
des Ausdrucks ‚ist wahr’ wie folgt:

I shall write ‚(x)’ for the designatum of x, the thing named by the formula x. The aim of the definition is to as-
sure that every equation of the form
(2) (‘…’) = …,
with any one name in the blanks, comes out true. […] … truth is the special case of  where the argument is a
sentence. Where x is a sentence, ‘(x)’ amounts to ‚x is true’. […] That is, if you attribute truth to a sentence by
attaching the truth predicate (or ‘’) to a quotation of the sentence, and then you eliminate ‘’ step by step […]
you come out with the very sentence that had been quoted and not just some equivalent. […] Thus ‘’ emerges
as a disquotation operator .192

Für Quine haben demnach Sätze der syntaktischen Form ‘x ist wahr’ eine völlig andere se-
mantische Funktion als andere Sätze der syntaktischen Form ‚x ist F’. Durch den Ausdruck
‚ist wahr’ kann dieser Auffassung nach einem Gegenstand keine Eigenschaft zugeschrieben
werden, wie dies für genuine Prädikate wie ‚ist rund’ oder ‚ist mutig’ gilt. Der Ausdruck ‚ist
191 Die Synonymiethese ist vielmehr mit unterschiedlichen explanatorischen Rollen bestimmter Instanzen des
Schemas ‚x ist wahr  p’ vereinbar.
192 Quine (1974 [1976], S. 310; S. 312; S. 314).

112
wahr’ dient vielmehr dazu, jene nominalisierende Funktion, die im Rahmen der natürlichen
Sprache durch Anführungszeichen gewährleistet wird, rückgängig zu machen oder zu neutra-
lisieren, wenn diese Anführungszeichen auf Sätze angewendet werden und der Ausdruck ‚ist
wahr’ dementsprechend auf solche Anführungsnamen von Sätzen angewendet wird. Wenn
man die oben angeführte Stelle aus ‚Philosophy of Logic’ oder aus ‚Pursuit of Truth’ vor die-
sem Hintergrund auslegt, dann ist die eben beschriebene Funktion gemeint, wenn Quine da-
von spricht, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ ein Mittel zur Anführungstilgung (a device of dis-
quotation) ist. So wie man die Anführungszeichen in bestimmten Zusammenhängen der natür-
lichen Sprache als einen nominalisierenden Operator auffassen kann, kann man in Analogie
dazu nach der Auffassung von Quine den Ausdruck ‚ist wahr’ als einen denominalisierenden
Operator interpretieren. Der Ausdruck ‚ist wahr’ wird auf dieser Grundlage zu einem anfüh-
rungstilgenden Operator. Wir können somit der von Quine beispielhaft angeführten Instanz
von Tarskis W-Schema, nämlich ‚‚Schnee ist weiß’ ist wahr  Schnee ist weiß’ die folgende
logische Tiefenstruktur zuschreiben, wenn wir die Anführungszeichen durch den nominalisie-
renden Operator ‚()’ symbolisieren und den Ausdruck ‚ist wahr’ durch den denominalisie-
renden Operator ‚()’193:

(1) ((Schnee ist weiß))  Schnee ist weiß.

Wenn man diese radikale Auslegung der Interpretation der Anführungstilgungsthese zugrunde
legt, dann zeigt sich zweierlei: (a) Aus der Anführungstilgungsthese in ihrer radikalen Ausle-
gung lässt sich die Synonymiethese194 ableiten, nicht aber umgekehrt. (b) Die Anführungstil-
gungsthese in ihrer radikalen Auslegung ist mit der Teildefinitionsthese unvereinbar. Schließ-
lich handelt es sich nach der Anführungstilgungsthese bei dem Ausdruck ‚ist wahr’ um kein
genuines Prädikat.
Diese erste und radikale Auslegung der Anführungstilgungsthese lässt sich nun wie folgt kom-
pakt formulieren:

(RZ) Wenn der Ausdruck ‚ist wahr’ auf Anführungsnamen von Sätzen angewendet wird, dann fungiert er als an-
führungstilgender Operator, dessen semantische Funktion sich darin erschöpft, die Anführungsfunktion,
die aus Sätzen Namen von Sätzen bildet, rückgängig zu machen.

Zwanzig Jahre nachdem die disquotationale Konzeption der Wahrheit von Quine in die Dis-
kussion eingeführt wurde, hat er sie in seinem Buch ‚Pursuit of Truth’ noch einmal rekapitu-
liert und dabei offenbar einige Akzente bei der Darlegung der Konzeption verschoben. Er be-
193 Der Operator ‚()’ drückt eine Funktion aus, welche ihre Argumente auf die Anführungsnamen dieser Argu-
mente abbildet. Der Operator ‚()’ drückt eine Funktion aus, die ihre Argumente, wenn sie die Form () haben
und die Argumente dieser Funktion Sätze sind, auf ebendiese Sätze abbildet.
194 Das gilt ebenso für die Redundanzthese, die Behauptungsthese und meiner Ansicht nach auch für die Äuße-

rungsthese.
113
hauptet in diesem Zusammenhang bspw. explizit, dass die disquotationale Konzeption der
Wahrheit die Gültigkeit der Korrespondenztheorie darin bestätigt, dass die Wahrheit eines Sat-
zes von der Beschaffenheit der Welt abhängt, die dieser Satz beschreibt:

Yet there is some underlying validity to the correspondence theory of truth, as Tarski taught us. […] As already
hinted by the correspondence theory, the truth predicate is an intermediary between words and the world. What is
true is the sentence, but its truth consists in the world’s being as the sentence says. 195

Hier sollte allerdings eingeräumt werden, dass ähnliche, wenn auch nicht ganz so explizite
Äußerungen bezüglich der grundsätzlichen Gültigkeit der Korrespondenzintuition bereits in
‚Philosophy of Logic’ gemacht wurden. Dort heißt es nämlich:

…he is right that truth should hinge on reality, and it does. No sentence is true but reality makes it so. The sen -
tence ‘Snow is white’ is true, as Tarski taught us, if and only if real snow is really white. 196

Vor dem Hintergrund solcher Bemerkungen von Quine stellt sich allerdings die Frage, wie
diese mit der angeführten radikalen Auslegung der Anführungstilgungsthese vereinbar sein
sollen. Denn nur wenn das Prädikat ‚ist wahr’ ein genuines Prädikat ist, welches zum Zu-
schreiben einer Eigenschaft gebraucht werden kann, dann macht es Sinn, davon zu sprechen,
dass Sätze wahr sind und dass ihnen diese Eigenschaft aufgrund der Beschaffenheit der Wirk-
lichkeit zukommt. Da aber die radikale Auslegung der Anführungstilgungsthese die Auffas-
sung des Ausdrucks ‚ist wahr’ als genuines Prädikat explizit ausschließt, ist diese Auslegung
wohl mit den angeführten Ausführungen von Quine unvereinbar.
Quine legt sich in ‚Pursuit of Truth’ explizit auf die These fest, dass Wahrheit eine Eigen-
schaft von Sätzen ist und dass die disquotationale Konzeption der Wahrheit die Bedingungen
expliziert, die ein Satz erfüllen muss, um wahr zu sein:

… in a looser sense the disquotational account does define truth. It tells us what it is for any sentence to be true,
and it tells us this in terms just as clear to us as the sentence in question itself. We understand what it is for the
sentence ‘Snow is white’ to be true as clearly as we understand what it is for snow to be white.197

Auch auf dieser Grundlage kommt es wiederum zu einer Unvereinbarkeit mit der radikalen
Auslegung der Anführungstilgungsthese.
Quine scheint allerdings selbst eine Abhilfe für dieses Problem bereitzustellen. Denn aus den
folgenden Ausführungen in ‚Pursuit of Truth’ lässt sich eine weitaus moderatere Lesart der
Anführungstilgungsthese herauslesen:

The truth predicate will be said to disquote a sentence S if the form

195 Quine (1992, S. 80-81).


196 Quine (1970, S. 10).
197 Quine (1992, S. 82).

114
____ is true if and only if ____
comes out true when S is named in the first blank and written in the second. Thus what the disquotational ac-
count of truth says is that the truth predicate disquotes every eternal sentence.198

In diesem Zitat formuliert Quine eine hinreichende Bedingung für die Wahrheit der These,
dass der Ausdruck ‚ist wahr’ eine disquotationale Funktion in Bezug auf einen beliebigen Satz
S hat. Bei der Formulierung der Bedingung spricht Quine von Sätzen im Allgemeinen, in der
daran anschließenden Erläuterung schränkt er dann allerdings den Umfang der Anwendung
dieser These auf ewige Sätze ein.199
Nun gibt es zwar neben Quine andere Vertreter einer disquotationalen Wahrheitskonzeption,
welche die Anführungstilgungsthese nicht nur auf ewige Sätze einschränken wollen. Wir wol-
len dies berücksichtigen und somit eine weite von einer engen Auslegung der angeführten
hinreichenden Bedingung unterscheiden. Wir können daher in der folgenden Weise Quines
hinreichende Bedingung für unsere Zwecke verwenden:

(HMZ) Für jeden Satz A (bzw. jeden ewigen Satz A) gilt: wenn man A in das Schema ‚x ist wahr  p’ für ‚p’
einsetzt und für ‚x’ einen Anführungsnamen von A und die daraus resultierende Instanz von ‚x ist wahr
 p’ eine wahre Äquivalenz ist, dann erfüllt der Ausdruck ‚ist wahr’ in Bezug auf den Satz A eine an-
führungstilgende Funktion.

Wie das angeführte Zitat zeigt, ist Quine der Auffassung, dass die Bedingung (HMZ) in Be-
zug auf jeden ewigen Satz erfüllt wird, daher leitet er die folgende, nun in dem angeführten
moderaten Sinn zu verstehende Anführungstilgungsthese ab:

(MZ*) Der Ausdruck ‚ist wahr’ hat in Bezug auf jeden ewigen Satz eine anführungstilgende Funktion.

Ein Disquotationalist, der die analoge Auffassung in Bezug auf alle Sätze vertreten würde,
könnte dann in entsprechender Weise aus (HMZ) die folgende Anführungstilgungsthese in der
moderaten Auslegung ableiten:

(MZ) Der Ausdruck ‚ist wahr’ hat in Bezug auf jeden Satz eine anführungstilgende Funktion.

Eine Auslegung der Anführungstilgungsthese, die auf (HMZ) basiert, lässt im Gegensatz zu
der Auslegung (RZ) einigen Deutungsspielraum gegenüber (a) der konkreten Semantik des
Ausdrucks ‚ist wahr’ und (b) dem Status der wahren Instanzen des Schemas ‚x ist wahr  p’
zu. Den unter (a) genannten Deutungsspielraum allerdings sollten wir meiner Ansicht nach
nicht zulassen. Denn wenn wir erlauben, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ auch im Zusammen-
hang von (HMZ) als anführungstilgender Operator gedeutet werden kann, dann besteht auf
198Quine (1992, S. 83).
199Da er nur ewige Sätze als primäre Träger der Wahrheit ansehen will, wie wir bereits festgestellt haben, ist die -
se Einschränkung nur naheliegend.
115
dieser Grundlage die Möglichkeit, dass die moderate Auslegung mit der radikalen Auslegung
der Anführungstilgungsthese zusammenfällt. Um dies zu vermeiden, schlage ich vor, (HMZ)
um die Voraussetzung zu ergänzen, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ in diesem Zusammenhang
nicht als Operator, sondern als genuines Prädikat zu deuten ist. Den unter (b) erwähnten Deu-
tungsspielraum von (HMZ) halte ich allerdings für wesentlich und sinnvoll. Auf dieser
Grundlage hat die moderate Anführungstilgungsthese ebenso wie die erwähnte Teildefiniti-
onsthese mindestens drei unterschiedlich starke Auslegungen. Die Wahrheit dieser Auslegun-
gen hängt davon ab, inwiefern man das verwendete Bikonditional ‚’ im Rahmen von
(HMZ) verstärken kann. Ob man es (a) nur im Sinne der materialen Äquivalenz auslegen
kann oder ob man diesen Ausdruck sinnvoll durch einen Ausdruck ersetzen kann, der (b) für
die notwendige Äquivalenz oder (c) die Synonymie steht. 200 Auf dieser Grundlage allein kön-
nen wir also bereits mindestens drei unterschiedliche Lesarten der moderaten Auslegung der
Anführungstilgungsthese unterscheiden.
Vor dem Hintergrund dieser Ausführungen zeigt sich nun allerdings, warum nicht nur die An-
führungstilgungsthese in ihrer radikalen, sondern auch in ihrer moderaten Auslegung bspw.
von der Synonymiethese zu unterscheiden ist. Die Anführungstilgungsthese in ihrer modera-
ten Auslegung ist von der Synonymiethese zu unterscheiden, weil die erste These die zweite
These ausschließlich im Rahmen einer starken Lesart voraussetzt und somit unmöglich mit ihr
identisch sein kann.
Die Anführungstilgungsthese in ihrer moderaten Auslegung ist auch von der Teildefinitions-
these zu unterscheiden. Obwohl die erste These dieselbe Unbestimmtheit bezüglich mehrerer
Lesarten wie die zweite hat, macht nur die zweite These eine explizite und konkrete Aussage
über die explanatorische Funktion der Instanzen des Schemas ‚x ist wahr  p’. Wohingegen
die erste These hinsichtlich der explanatorischen Funktion dieser Instanzen sehr variabel bzw.
eigentlich völlig unbestimmt ist.
Hier könnte man nun einhaken. Die radikal ausgelegte Anführungstilgungsthese bestimmt die
semantische Funktion von ‚ist wahr’ zumindest in Bezug auf manche Verwendungen dieses
Ausdrucks recht eindeutig. Daraus ergeben sich auch klare Konsequenzen in Bezug auf die
explanatorische Funktion von ‚ist wahr’, die in diesem Fall allerdings im Wesentlichen nega-
tiv ausfallen. Die moderat ausgelegte Anführungstilgungsthese scheint im Gegensatz dazu nur
das Versatzstück eines der vielen markigen Slogans von Quine zu sein, in diesem Fall des Slo-
gans: Truth is disquotation. Diese Auslegung unterfüttert diesen Slogan mit Gehalt, lässt aber
den Wert dieser These fragwürdig erscheinen. Denn dieser Gehalt liefert bspw. keinen konkre-
ten Hinweis über den explanatorischen Wert bestimmter Instanzen des Schemas ‚x ist wahr 
200Manche Autoren ziehen als weitere Deutungsmöglichkeiten (d) die Relation der logischen Äquivalenz, (e) die
Relation der kognitiven Äquivalenz oder (f) die Relation der gegenseitigen Ableitbarkeit in Betracht. Vgl. dazu:
Horwich (1998a, S. 121); Künne (2003, S. 236); McGinn (2002, S. 198-199).
116
p’. In diesem Sinn bedarf die Anführungstilgungsthese in ihrer moderaten Auslegung im Ge-
gensatz zu ihrer radikalen Auslegung meiner Ansicht nach eine sogenannte explanatorische
Ergänzung.
Welche Thesen kommen dafür in Frage? Die moderate Anführungstilgungsthese kann bspw.
durch die Synonymiethese ergänzt werden. (Quine selbst scheint diese These durch die Äuße-
rungsthese zu ergänzen.) Dadurch wird der explanatorische Wert mancher Instanzen des Sche-
mas ‚x ist wahr  p’ zwar bestimmten Restriktionen unterworfen, aber es wird dadurch noch
nicht konkret gesagt, worin dieser Wert besteht. Worin besteht somit eine mögliche echte ex-
planatorische Ergänzung? An erster Stelle kommt einem da wohl die Teildefinitionsthese in
ihren unterschiedlichen Auslegungen in den Sinn, die wir zuvor von der moderaten Anfüh-
rungstilgungsthese klar unterschieden haben. Alle Varianten dieser These eigenen sich dazu,
die Anführungstilgungsthese in der entsprechenden Lesart zu ergänzen. Wenn wir nun erneut
einen Blick auf die angeführten Zitate aus „Pursuit of Truth“ werfen, dann zeigt sich, dass
Quine selbst die moderate Anführungstilgungsthese mit einer ganz bestimmten explanatori-
schen Ergänzung versehen hat. Diese Ergänzung kann wie folgt formuliert werden:201

(EE) Die Instanzen des Schemas ‚x ist wahr  p’, welche die Bedingung (HMZ) erfüllen, geben an, unter wel-
chen Bedingungen einzelne Sätze wahr sind, und im Erfassen dieser Bedingungen besteht unser Verständ-
nis des Wahrheitsbegriffs in Bezug auf singuläre Wahrheitszuschreibungen.

Diese These von Quine hat eine enge Verwandtschaft mit der Teildefinitionsthese. Es ist aller-
dings nicht ganz klar, welcher Lesart der Teildefinitionsthese die These (EE) entspricht. Da
Quine allerdings (MZ) auf der Grundlage von (HMZ) mit der Äußerungsthese kombiniert,
würde ich sagen, dass (EE) die beste Entsprechung in der starken Lesart der Teildefinitions-
these finden würde.202
Wenn wir somit einen echten moderaten Ersatz für die radikale These (RZ) anführen wollen,
dann reicht es dafür nicht aus, (RZ) durch (MZ) auf der Grundlage von (HMZ) zu ersetzen.
Wir müssen diese These darüber hinaus durch (EE) oder eine vergleichsweise explanatorische
Ergänzung wie die Teildefinitionsthese verstärken.
Kehren wir nun noch einmal zu der These (MZ) auf der Grundlage von (HMZ) zurück. Gänz-
lich unproblematisch ist diese moderate Auslegung trotz ihrer Vereinbarkeit mit anderen
wahrheitstheoretischen Bemerkungen von Quine keineswegs. Bei der Formulierung von
(HMZ) auf der Grundlage des angeführten Zitats haben wir über eine Sache eher großzügig
hinweggesehen: Quine spricht in diesem Zusammenhang bloß von Namen für einen Satz und
nicht von Anführungsnamen für einen Satz. Wenn wir Quine wörtlich nehmen, dann würden

201Vgl. dazu: Quine (1992, S. 82).


202Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass wir von Quines Skepsis gegenüber dem Synonymiebegriff für
diese Zwecke absehen.
117
sich die zugelassenen Einsetzungen für ‚x’ in ‚x ist wahr  p’ erheblich erweitern.203 Es wür-
de dadurch allerdings in Frage gestellt, warum man diese These dann als Anführungstilgungs-
these bezeichnen soll; denn wie sagt Künne so treffend: no disquotation without quotation.204
Dieses Problems können wir uns allerdings einfach dadurch entledigen, indem wir Nachsicht
walten lassen und unterstellen, dass Quine in der besagten Passage mit Namen nichts anderes
als Anführungsnamen meinte.
Damit sind allerdings noch nicht alle Probleme beseitigt, die sich in Bezug auf (HMZ) erge-
ben. Denn man mag sich wohl fragen, warum wir dem Wahrheitsprädikat eine anführungstil-
gende Funktion zuschreiben sollten, nur weil Instanzen des Schemas ‚x ist wahr  p’ wie
‚‚Schnee ist weiß’ ist wahr  Schnee weiß ist’ Wahrheiten sind. Mit dem gleichen Recht
könnte man behaupten, dass dem Ausdruck ‚ist wahr’ im Rahmen von Instanzen wie
‚Schnee ist weiß ist wahr  Schnee weiß ist’ die Funktion zu-
kommt, die Verkettungsfunktion von ‚’ zu tilgen. Oder dass dem Ausdruck ‚ist wahr’ im
Rahmen von Instanzen wie ‚Der Satz, dass Schnee weiß ist, ist wahr  Schnee weiß ist’ die
Funktion zukommt, die nominalisierende Funktion von ‚der Satz, dass’ rückgängig zu ma-
chen.
Ein solches Vorgehen scheint deshalb unplausibel zu sein, weil man dem Ausdruck ‚ist wahr’
je nach Verwendungskontext unterschiedliche Funktionen zuschreiben müsste. Wir haben die
moderate Auslegung der Anführungstilgungsthese mit der These verknüpft, dass der Ausdruck
‚ist wahr’ ein genuines Prädikat ist, welches zum Zuschreiben einer Eigenschaft verwendet
werden kann. Auf dieser Grundlage erweist es sich um so mehr als fraglich, warum wir mit
dem Ausdruck ‚ist wahr’ in allen Kontexten einerseits dieselbe Funktion, nämlich die Funkti-
on, damit Eigenschaften zuschreiben zu können, verbinden können und warum sich anderer-
seits eine zusätzliche Funktion dieses Ausdrucks ausmachen lässt, die sich von Kontext zu
Kontext ändert. Ist diese angeblich zusätzliche Funktion nicht völlig redundant? Ist sie über-
haupt vereinbar mit der Funktion eines genuinen Prädikates? Kann ein Ausdruck sowohl ein
genuines Prädikat mit dessen prototypischen Funktionen sein und andererseits eine anfüh-
rungstilgende Funktion haben?
Quine scheint dies allerdings explizit zu behaupten, wie aus dem folgenden bereits angeführ-
ten Zitat hervorgeht205:

203 Tarski hat, nebenbei bemerkt, eine solche erweiterte Deutung vertreten; für ihn waren nicht nur Anführungs -
namen, sondern auch sogenannte strukturell-deskriptive Namen als adäquate Einsetzungsinstanzen für ‚x’ in ‚x
ist wahr  p’ in Betracht zu ziehen. (Vgl. dazu: Tarski (1935 [1986], S. 453-454); Tarski (1944 [1977], S. 144-
145)).
204 Künne (2003, S. 226).
205 Vgl. dazu auch: Künne (2003, S. 225-227).

118
To ascribe truth to the sentence [=’Snow is white’] is to ascribe whiteness to snow; […] Ascription of truth just
cancels the quotation marks. Truth is disquotation.206

Auf der Grundlage unserer Unterscheidungen bestehen meiner Ansicht nach zwei Möglich-
keiten, diesen Ausführungen eine sinnvolle Interpretation zu geben. Entweder man legt das
Gewicht auf den Ausdruck ‚to ascribe truth’ und nimmt diesen sehr wörtlich. Dann sollte man
‚cancels the quotation marks’ nicht allzu wörtlich nehmen und die Passage auf der Grundlage
der moderaten Auslegung der Anführungstilgungsthese interpretieren. Oder aber man legt um-
gekehrt sehr großen Wert darauf, den Ausdruck ‚cancels the quotation marks’ möglichst wört-
lich zu nehmen. Dann sollte man aber ‚to ascribe truth’ nicht wörtlich nehmen und die Passa-
ge auf der Grundlage der radikalen Auslegung der Anführungstilgungsthese interpretieren.
Wir haben bereits gesehen, dass vom Gesichtspunkt der allgemeinen Kohärenz der Ausfüh-
rungen von Quine die erste Interpretation der zweiten vorzuziehen ist. Die Notwendigkeit die-
ser unterschiedlichen Gewichtungen bezüglich der beiden Interpretationen weist allerdings er-
neut auf den Umstand hin, dass es sich bei der moderaten Anführungstilgungsthese nur um
ein markantes, aber unwesentliches Versatzstück von Quines Konzeption handelt.
Es lassen sich weitere Gründe dafür anführen. Man kann einen Satz wie ‚Schnee ist weiß’
durch unterschiedliche Ausdrücke benennen, man benötigt dazu nicht notwendig einen An-
führungsnamen.207 D. h., das Zuschreiben der Eigenschaft der Wahrheit auf den Satz ‚Schnee
ist weiß’ müsste, nach der angeführten These von Quine, auch dann noch dasselbe wie das
Zuschreiben der Eigenschaft des Weiß-seins in Bezug auf Schnee sein. Wenn es wirklich eine
wesentliche semantische Funktion des Ausdrucks ‚ist wahr’ ist, dass er Anführungen tilgt,
dann kann diese Funktion doch nicht allein von der syntaktischen Tatsache abhängen, auf
welche Form von Ausdrücken ‚ist wahr’ angewendet wird. Nach der moderaten Auslegung
der Anführungstilgungsthese scheint es aber keine anderen Gründe als solche syntaktischen
Merkmale zu geben, um sie für die Rechtfertigung des Umstandes heranzuziehen, dass dem
Ausdruck ‚ist wahr’ eine anführungstilgende Funktion zugeschrieben werden kann. Es scheint
also so zu sein, dass die Vereinbarkeit, die durch die moderate Auslegung der Anführungstil-
gungsthese im Gegensatz zur ihrer radikalen Auslegung hinsichtlich anderer von Quine ver-
tretener wahrheitstheoretischer Auffassungen erreicht wird, den Preis hat, dass die Anführung-
stilgungsthese zu einem sonderbaren und relativ überflüssigen Versatzstück wird.
Fassen wir nun unsere erzielten Ergebnisse in Bezug auf die erste Kernkomponente der dis-
quotationalen Konzeption der Wahrheit kurz zusammen. Es lassen sich mindestens zwei un-
terschiedliche Auslegungen der Anführungstilgungsthese unterscheiden: (a) eine radikale und

206Quine (1992, S. 80).


207Strukturell-deskriptive Namen und Verkettungsnamen sind ebenso starre Bezeichnungsausdrücke wie Anfüh-
rungsnamen. D. h., die Möglichkeit, die angesprochene Zuschreibungs-Identität nur auf Anführungsnamen zu
beschränken, weil diese starre Bezeichnungsausdrücke sind, stellt hier keinen Ausweg dar.
119
(b) eine moderate Auslegung. Die radikale Auslegung ist offenbar mit einigen anderen Auffas-
sungen unvereinbar, die zumindest Quine mit der disquotationalen Konzeption der Wahrheit
verbindet. Die moderate Auslegung ist zwar mit diesen zusätzlichen Auffassungen vereinbar,
scheint aber keine These mit einem echten explanatorischen Wert darzustellen. Damit die mo-
derate Auslegung der Anführungstilgungsthese tatsächlich als angemessener Ersatz für die ra-
dikale Auslegung fungieren kann, muss sie mit einer explanatorischen Ergänzung versehen
werden. Als sinnvolle Ergänzung kommt – wie wir gesehen haben – bspw. die Teildefinitions-
these in mehreren Auslegungen in Frage. Trotz dieser explanatorischen Ergänzungsbedüftig-
keit der moderaten Anführungstilgungsthese sollte die Anführungstilgungsthese jedoch in bei-
den Auslegungen weder mit der Synonymiethese – wie bspw. Bou dies tut – noch mit der Äu-
ßerungsthese – wie bspw. David dies tut –, aber auch nicht mit der Teildefinitionsthese – wie
bspw. Gupta dies tut – vermengt werden.

(3.2) Semantischer Aufstieg und unendliche Konjunktionen von Sätzen

Die Anführungstilgungsthese ist zwar die zentrale und namengebende Kernkomponente der
disquotationalen Konzeption der Wahrheit, aber nicht die einzige (Kern)komponente dieser
Konzeption. Mindestens eine weitere Auffassung scheint für diese Wahrheitskonzeption eben-
so wesentlich zu sein. Quine selbst bringt den Umstand, dass die Anführungstilgungsthese al-
leine nicht ausreicht, um unseren Gebrauch des Ausdrucks ‚ist wahr’ angemessen zu beschrei-
ben, wie folgt zum Ausdruck:

We may affirm the single sentence by just uttering it, unaided by quotation or by the truth predicate; but if we
want to affirm some infinite lot of sentences that we can demarcate only by talking about the sentences, then the
truth predicate has its use. We need it to restore the effect of objective reference when for the sake of some gen -
eralization we have resorted to semantic ascent.208

The truth predicate is superfluous when ascribed to a given sentence; you could just utter the sentence. But it is
needed for sentences that are not given. Thus we may want to say that everything someone said on some occa-
sion was true, or that all consequences of true theories are true. Such contexts, when analyzed logically, exhibit
the truth predicate in application not to a quotation but to a pronoun, or bound variable.209

Die Ergänzungsbedürftigkeit der Anführungstilgungsthese ist insofern offensichtlich, als es


natürlich andere Gebrauchsweisen des Wortes ‚ist wahr’ gibt als jene im Zusammenhang mit
Anführungsnamen für Sätze. Selbst wenn diese Gebrauchsweisen als primär angesehen wür-
den, müssen zumindest auf ihrer Grundlage auch andere Gebrauchsweisen erklärbar sein.

208 Quine (1970, S. 12).


209 Quine (1992, S. 80).
120
Aus den beiden angeführten Passagen lässt sich nun eine These über die eigentliche Nützlich-
keit des Ausdrucks ‚ist wahr’ im Rahmen von nicht-disquotationalen Kontexten ableiten, wel-
che Gupta die Generalisierungsthese genannt hat210 und die sich wie folgt formulieren lässt:

(GT) Die Nützlichkeit des Ausdrucks ‚ist wahr’ besteht darin, dass dieser es uns durch semantischen Aufstieg
ermöglicht, in pronominaler Position über Sätze zu quantifizieren.

Manche Autoren verknüpfen diese Auffassung mit einer weiteren These, die sich ihrer Mei-
nung nach aus den ersten der beiden angeführten Ausführungen von Quine herauslesen lässt.
Wobei es nicht völlig eindeutig ist, ob Quine diese Lesart selbst intendiert hatte. Auf jeden
Fall ist es aus systematischer Hinsicht wichtig und interessant, zu fragen, ob diese These als
eine Rechtfertigung der These (GT) angesehen werden kann oder ob sie unabhängig von (GT)
als angemessene Ergänzung zur Anführungstilgungsthese fungieren kann. Der erste Autor, der
Quine diese zusätzliche These in den Mund gelegt hat, war wahrscheinlich Leeds. Er formu-
liert den Zusammenhang zwischen der Anführungstilgungsthese, der Generalisierungsthese
und der angesprochenen zusätzlichen These, die ich im folgenden Konjunktionsthese nennen
werde211, wie folgt:

It is not surprising that we should have use for a predicate P with the property that “’___’ is P” and “___” are al-
ways interdeduciable. For we frequently find ourselves in a position to assert each sentence in a certain infinite
set z […]; lacking the means to formulate infinite conjunctions, we find it convenient to have a single sentence
which is warranted precisely when each member of z is warranted. A predicate P with the property described al-
lows us to construct such a sentence: (x)(xzP(x)). Truth is thus a notion that we might reasonably want to
have on hand, for expressing semantic ascent and descent, infinite conjunction and disjunction.212

Diese zusätzliche These, deren Erforderlichkeit noch festzustellen ist, lässt sich in einer kom-
pakten Weise wie folgt formulieren:

(UT) All- und Existenzquantifikationen drücken im Zusammenhang mit dem Ausdruck ‚ist wahr’ bestimmte
Konjunktionen oder Disjunktionen von Sätzen aus, die den Ausdruck ‚ist wahr’ nicht notwendigerweise
enthalten.

Bevor wir nun den Zusammenhang zwischen der Anführungstilgungsthese, der Generalisie-
rungsthese und der Konjunktionsthese genauer beleuchten werden, will ich ein paar Erläute-
rungen zur Konkretisierung der beiden neu eingeführten Thesen geben.
Inwiefern kann der Ausdruck ‚ist wahr’ als nützlich für die Quantifikation über Sätze betrach-
tet werden? Will man Behauptungen in Bezug auf unendlich viele Gegenstände aufstellen,

210 Vgl. dazu: Gupta (1993a , S. 61).


211 Streng genommen müsste man diese These Konjunktions- und Disjunktionsthese nennen. Zur Vereinfachung
verzichte ich jedoch auf diese umständliche Bezeichnung.
212 Leeds (1978, S. 121).

121
d.h., will man bspw. unendlich vielen Gegenständen eine Eigenschaft zuschreiben, dann ist
man unweigerlich, um dieses Ziel erreichen zu können, auf Generalisierungen angewiesen.
Ich kann bspw. allen Primzahlen die Eigenschaft zuschreiben, natürliche Zahlen zu sein, in-
dem ich behaupte: Für alle x gilt: wenn x eine Primzahl ist, dann ist x eine natürliche Zahl.
Kann man sich nun in Analogie dazu Generalisierungen bedienen, nicht um über unendlich
viele Gegenstände etwas zu behaupten, sondern um in kompakter Weise unendlich viele Be-
hauptungen aufzustellen, oder wie Quine sich ausdrückt: ‚to affirm some infinite lot of sen-
tences’?
Der Umstand, dass überhaupt ein wesentlicher Unterschied zwischen der Quantifikation über
unendlich viele Gegenstände und der Behauptung unendlich vieler Sätze besteht, hängt natür-
lich wesentlich von der semantischen Interpretation von Generalisierungen ab. Wenn man All-
Quantifikationen als Abkürzungen für die Konjunktion all ihrer Instanzen auffasst, dann kann
man vor diesem Hintergrund generell das Behaupten einer All-Quantifikation mit dem Be-
haupten unendlich vieler partikulärer Sätze gleichsetzen. Dieses Diktum gilt allerdings nur für
All-Quantifikationen, nicht aber bspw. für Existenzquantifikationen, die in analoger Weise als
Abkürzungen für die Disjunktion all ihrer Instanzen aufgefasst werden müssten. Die Behaup-
tung einer Existenzquantifikation kann somit keineswegs mit der Behauptung unendlich vieler
Sätze gleichgesetzt werden. Quine gilt allerdings allgemein als jemand, der einer substitutio-
nellen Deutung der Quantifikation ablehnend gegenübersteht. Für ihn lassen sich somit Quan-
tifikationen auch nicht auf durch Junktoren verknüpfte partikuläre Sätze reduzieren. Es gibt
auch gewichtige Gründe, welche gegen eine solche Auffassung sprechen: Erstens verfügt die
natürliche Sprache keineswegs über das umfangreiche Repertoire an Ausdrücken, um jede
Generalisierung auf ihre Instanzen zurückzuführen. Zweitens können wir nicht nur über ab-
zählbar unendliche Bereiche, sondern auch über überabzählbar unendliche Bereiche quantifi-
zieren. Bezüglich solcher Quantifikationen scheint es grundsätzlich nicht möglich zu sein,
diese auf ihre Instanzen zu reduzieren.213
Beabsichtigt man nun im Sinne Quines durch die Behauptung einer Generalisierung bspw. die
unendlich vielen wahren Sätze der Form ‚pp’ zu behaupten, dann scheint sich vor diesem
Hintergrund zunächst die Möglichkeit anzubieten, eine Art der Quantifikation einzuführen,
die es ermöglicht, in Satzpositionen hineinzuquantifizieren, und die somit Sätzen wie dem fol-
genden einen eindeutigen Sinn abgewinnt:

(2) p(p  p).

Würde man die Quantifikation (2) als eine Abkürzung für die Konjunktion ihrer Instanzen
auffassen, dann hätte man mit (2) ein Mittel, das es einem ermöglicht, alle Sätze der Form
213 Vgl. dazu: Quine (1962, 1972).
122
‚pp’ zu behaupten. Quine lehnt allerdings Sätze wie (2) als nicht semantisch wohlgeformt
ab; nicht nur aufgrund der angeführten Bedenken gegen die erwähnte Variante einer substitu-
tionellen Interpretation der Quantifikation, sondern auch aus zwei weiteren Gründen: Erstens
hält Quine ausschließlich die Quantifikation in die Position von singulären Termen für ange-
messen.214 Sätze sind allerdings keine singulären Terme, und daher ist die Quantifikation in
Satzpositionen hinein abzulehnen. Zweitens gibt es für Quine keine sinnvolle Entsprechung
für (2) in der natürlichen Sprache.215 D. h., wir müssten mittels einer formalen Semantik (2)
erst einen Sinn verleihen. Und dass das möglich ist, bezweifelt Quine.
Für Quine besteht die Nützlichkeit des Ausdrucks ‚ist wahr’ gerade darin, dass er uns erlaubt,
Behauptungen zu machen, die der Behauptung von (2) entsprechen, ohne dass wir dafür unse-
re Sprache künstlich erweitern müssten und ohne dass wir in Satzpositionen hineinquantifizie-
ren müssten. Quine ist der Auffassung, dass ein Satz wie der folgende genau die Funktion
übernehmen kann, die (2) seiner Ansicht nach zu haben verspricht, aber nicht einhalten kann:

(3) x(Wenn x ein Satz der Form ‚p  p’ ist, dann ist x wahr).

Diese Ablehnung von Sätzen wie (2) durch Quine und die Bevorzugung von Sätzen wie (3)
für denselben Zweck geht explizit aus der folgenden Passage hervor:

The harder sort of generalization is illustrated by generalization on the clause ‘time flies’ in ‘If time flies, then
time flies’. We want to say that this compound continues true when the clause is supplanted by any other; and we
can do no better than to say just that in so many words, including the word ‘true’. We say “All sentences of the
form ‘If p then p’ are true.” We could not generalize as in ‘All men are mortal’, because ‘time flies’ is not, like
‘Socrates’, a name of one of a range of objects (men) over which to generalize. 216

Bevor wir nun im Detail darauf eingehen werden, welches Verhältnis zwischen Sätzen wie (2)
und (3) besteht und welche Rolle die Konjunktionsthese in Bezug auf die Generalisierungs-
these spielt, seien hier kurz einige Erläuterungen zur Konjunktionsthese gegeben.
Die Konjunktionsthese besagt, dass All-Quantifikationen wie ‚Für alle x gilt: x ist wahr’ be-
stimmte Konjunktionen von Sätzen ausdrücken und dass Existenz-Quantifikationen wie ‚Es
gibt mindestens ein x: x ist wahr’ bestimmte Disjunktionen von Sätzen ausdrücken. Warum es
sich bei diesen Konjunktionen und Disjunktionen um bestimmte Konjunktionen und Disjunk-
tionen handelt, lässt sich wie folgt erklären: Die Konjunktionsthese erfordert nicht nur eine
partielle substitutionelle Interpretation von Generalisierungen im Zusammenhang mit dem
Ausdruck ‚ist wahr’. D. h., dass sich alle Generalisierungen im Zusammenhang mit dem Aus-
druck ‚ist wahr’ auf die durch Junktoren verknüpften Instanzen dieser Generalisierungen zu-

214 Vgl. dazu: Quine (1939 [1976], S. 198); Quine (1970, S. 66-67).
215 Vgl. dazu: Quine (1939 [1976], S. 198); Quine (1970, S. 89); Quine (1974, §26).
216 Quine (1992, S. 81).

123
rückführen lassen. Die Konjunktionsthese setzt darüber hinaus die Wahrheit der Anführung-
stilgungsthese voraus. Diese beiden Komponenten der Konjunktionsthese sollen gewährleis-
ten, dass eine Entsprechung zwischen Sätzen wie den folgenden drei Sätzen besteht:

(4) x(x ist wahr).217


(5) ‚Schnee ist weiß’ ist wahr  ‚Gras ist grün’ ist wahr  … ad inf.
(6) Schnee ist weiß  Gras ist grün  … ad inf.

Die partielle substitutionelle Interpretation von Sätzen wie (4) ermöglicht den Übergang von
(4) zu (5), die Wahrheit der Anführungstilgungsthese wiederum den Übergang von Sätzen wie
(5) zu Sätzen wie (6). Auf dieser Grundlage kann nun davon gesprochen werden, dass Sätze
wie (4) Konjunktionen wie (6) zum Ausdruck bringen.
Wir haben im Rahmen dieser Erklärung in einem sehr vagen Sinn von einer Entsprechung der
drei angeführten Sätze gesprochen bzw. auch davon, dass Sätze wie (4) Konjunktionen wie
(6) ausdrücken. Welcher konkrete Sinn verbirgt sich nun hinter diesen Ausdrücken? Gupta hat
als erster darauf hingewiesen218, dass in Bezug auf das Ausdrucksverhältnis zwischen Sätzen
wie (4) und (6) dieselbe Mehrdeutigkeit besteht wie bezüglich dem Verhältnis zwischen Aus-
drücken der Form ‚‚p’ ist wahr’ und ‚p’ im Rahmen der moderaten Auslegung der Anführung-
stilgungsthese. Da die Anführungstilgungsthese eine wichtige Rolle bei der Bestimmung des
angesprochenen Verhältnisses spielt, gründet sich diese Mehrdeutigkeit, wenn wir die mode-
rate Auslegung der Anführungstilgungsthese voraussetzen, natürlich wesentlich in der Mehr-
deutigkeit der Anführungstilgungsthese. Mit dem Ausdrucksverhältnis zwischen Sätzen wie
(4) und (6) können somit mindestens drei unterschiedliche Verhältnisse gemeint sein: die Be-
ziehung (a) der Synonymie, (b) der notwendigen Äquivalenz oder (c) der materialen Äquiva-
lenz. Da das Verhältnis zwischen Sätzen wie (4) und (6) von den Verhältnissen zwischen Sät-
zen wie (4) und (5) einerseits und Sätzen wie (5) und (6) andererseits abhängt, gilt, das, wenn
bspw. zwischen (4) und (5) ein schwächeres Verhältnis (bspw. materiale Äquivalenz) als zwi-
schen (5) und (6) (bspw. das Verhältnis der notwendigen Äquivalenz) besteht, zwischen Sät-
zen wie (4) und (6) dann auch nur das schwächere der beiden Verhältnisse besteht.
Wie verhält es sich nun in Bezug auf die Konjunktionsthese, wenn wir im Rahmen dieser an-
statt der moderaten Auslegung der Anführungstilgungsthese die radikale Auslegung zugrunde
legen? Verschwindet dann die Mehrdeutigkeit der Konjunktionsthese? Es kommt zu weitaus
negativeren Konsequenzen. Auf der Grundlage der radikalen Auslegung ist der Ausdruck ‚ist

217 Dieser Satz (4) kann – wie Wolfgang Künne mir gegenüber betont hat – unter gewöhnlichen Umständen un-
möglich wahr sein; d.h. zumindest in keiner Sprache, die ein Negationszeichen enthält. Auch wenn (4) Wahr-
heitsbedingungen hat, die unter gewöhnlichen Umständen niemals erfüllt werden können, so hat dieser Satz den-
noch sinnvolle Wahrheitsbedingungen. Und genau um die Charakterisierung derselben geht es mir in den Sätzen
(4)-(6).
218 Vgl. dazu: Gupta (1993a, S. 62-63, S. 76-77).

124
wahr’ als ein anführungstilgender Operator aufzufassen, somit scheint eine Anwendung dieses
Operators nur in der syntaktischen Umgebung eines Anführungsnamens sinnvoll zu sein. Sät-
ze wie (4) sind vor diesem Hintergrund nicht wohlgeformt. Und daher lässt sich die Konjunk-
tionsthese auf der Grundlage der radikalen Auslegung der Anführungstilgungsthese nicht
sinnvoll formulieren. (Das gilt natürlich auch für die Generalisierungsthese. Diese scheint
ebenso wenig mit der radikalen Auslegung der Anführungstilgungsthese vereinbar zu sein.)
Gibt es eine Möglichkeit, diese Unvereinbarkeit aufzulösen? Die einzig sinnvolle Möglich-
keit, diese Unvereinbarkeit aufzuheben, besteht wohl darin, den Ausdruck ‚ist wahr’ als syste-
matisch mehrdeutig aufzufassen. Auf dieser Grundlage ließen sich dann Sätze wie (5), die den
Ausdruck ‚ist wahr’ in seiner primären Bedeutung enthalten, als kontextuelle Definitionen
von Sätzen wie (4) auffassen, die den Ausdruck ‚ist wahr’ in seiner sekundären Bedeutung
enthalten. Natürlich trägt dieser Winkelzug nicht gerade zur Plausibilität der Konzeption bei.
Vor allem drängt sich vor diesem Hintergrund die Frage auf, warum der Ausdruck ‚ist wahr’
in der natürlichen Sprache in denselben syntaktischen Kontexten wie ein genuines Prädikat
gebraucht werden kann, semantisch allerdings nicht die Funktion eines genuinen Prädikats
hat. Schließlich gibt es Alternativen zu dieser uneinheitlichen Erklärung, die im Einklang mit
diesen syntaktischen Tatsachen sind und von keiner Mehrdeutigkeit des Ausdrucks ‚ist wahr’
ausgehen müssen. (In Bezug auf die Generalisierungsthese hieße das ebenso: Wenn wir von
der radikalen Auslegung der Anführungstilgungsthese ausgehen, dann lässt sich eine Verein-
barkeit mit der Generalisierungsthese nur dadurch erzielen, dass wir die eben skizzierte Inter-
pretation der Konjunktionsthese zugrunde legen.)
Wenn man nun von der moderaten Auslegung der Anführungstilgungsthese ausgeht, wie sieht
es dann mit dem Verhältnis zwischen der Generalisierungsthese und der Konjunktionsthese
aus? Um diese Frage beantworten zu können, ist es notwendig, zu klären, welches Verhältnis
zwischen Sätzen wie (2) und (3) besteht. Wenn wir Sätze wie (2) mit Sätzen wie (3) verglei-
chen, dann bietet es sich an, auch Sätze wie den folgenden bei diesem Vergleich in Betracht
zu ziehen:

(7) x(Wenn x wahr ist, dann ist x wahr).

Zu einem Satz wie (7) gelangen wir, wenn wir von einer Instanz von (2) wie der folgenden
ausgehen:

(8) Wenn Hunde bellen, dann bellen Hunde.

Anstatt wie in (2) einen Quantor einzuführen, der es ermöglicht, über Sätze zu quantifizieren,
legen wir einen Zwischenschritt ein, d. h., wir schaffen durch den semantischen Aufstieg, der

125
durch die moderate Auslegung der Anführungstilgungsthese gewährleistet wird, eine Position,
die es uns ermöglicht, in pronominaler Position über Sätze zu quantifizieren, und gelangen so-
mit zu dem folgenden Satz:

(9) Wenn ‚Hunde bellen’ wahr ist, dann ist ‚Hunde bellen’ wahr.

Auf der Grundlage von (9) können wir nun unproblematisch mittels gegenständlicher Quanti-
fikation in die Position des Anführungsnamens ‚Hunde bellen’ hineinquantifizieren. Und er-
halten damit (7) als Endergebnis unserer Umformungen.
Was ihre Syntax betrifft, so unterscheiden sich die Sätze (2), (3) und (7) grundlegend. Wie
verhält es sich nun aber bezüglich der semantischen Beziehungen zwischen diesen Sätzen?
Das hängt natürlich ganz davon ab, welche Semantik wir den Quantoren im Rahmen dieser
Sätze zuweisen. In Bezug auf Sätze wie (2) scheint eine substitutionelle Interpretation der
Quantifikation in Satzpositionen hinein naheliegend zu sein. D. h., wir können eine All-Quan-
tifikation wie (2) bspw. entweder durch die Konjunktion ihrer Instanzen oder über die Wahr-
heit all ihrer Instanzen definieren. Wenn wir Ersteres tun, dann haben wir mit Sätzen wie (2),
wie wir bereits festgestellt haben, ein Mittel, um in kompakter Weise unendlich viele Sätze zu
behaupten. Inwiefern gilt das nun für (3) und (7) ebenso? Wenn wir die Quantoren im Rah-
men von (3) und (7) in ihrer modelltheoretisch-gegenständlichen Standardinterpretation deu-
ten, dann gibt es keinen Grund dafür, anzunehmen, dass die Behauptung von (3) und (7) der
Behauptung unendlich vieler Sätze entspricht. Dies wäre nur dann der Fall, wenn (3) und (7)
als Abkürzungen für die Konjunktion ihrer Instanzen aufgefasst werden würden, was auf der
Grundlage der Standardinterpretation der enthaltenen Quantoren keineswegs der Fall ist. (3)
und (7) müssten mit der Konjunktion ihrer Instanzen synonym sein, damit die Behauptung
von (3) und (7) der Behauptung einer unendlichen Konjunktion ihrer Instanzen und damit der
Behauptung unendlich vieler Sätze entspricht. Eine solche Konsequenz ergibt sich allerdings
nicht auf der Grundlage der Standardinterpretation der in (3) und (7) enthaltenen Quantoren.
Es gibt jedoch eine Möglichkeit, genau diese Konsequenz zu erreichen – indem man nämlich
die Generalisierungsthese mit der Konjunktionsthese (in ihrer stärksten Lesart) kombiniert.
Vor diesem Hintergrund können (3) und auch (7) als Sätze aufgefasst werden, die bestimmte
unendliche Konjunktionen von Sätzen ausdrücken. Bemerkenswert ist allerdings, dass auf
dieser Grundlage ausschließlich (2) und (7) dieselbe Konjunktion von Sätzen ausdrücken,
nicht aber (2) und (3) oder (7) und (3). Die Instanzen von (7) sind Sätze wie (9), die auf der
Grundlage der starken Lesart der Konjunktionsthese mit Sätzen wie (8) synonym sind. Und
Sätze wie (8) sind die Instanzen von (2). Im Gegensatz dazu haben Sätze wie (3) Instanzen
wie den folgenden Satz:

126
(10) Wenn ‚Wenn Hunde bellen, dann bellen Hunde’ ein Satz der Form ‚pp’ ist, dann ist ‚Wenn Hunde bellen,
dann bellen Hunde’ wahr.

Diese Instanzen von (3) sind aber nicht einmal auf der Grundlage der starken Lesart der Kon-
junktionsthese mit den Instanzen von (2) synonym. Wer also (3) behauptet, der behauptet,
selbst wenn wir die Konjunktionsthese als wahr voraussetzen, nicht dasselbe wie mit (2). Was
können wir daraus schließen? Sätze wie (2), (3) und (7) sind notwendige Wahrheiten und da-
her auch miteinander notwendig äquivalent. Es lässt sich deshalb wenig Erhellendes über die
Beziehungen dieser Sätze sagen, wenn wir die Konjunktionsthese als nicht wahr vorausset-
zen. Dieses Problem lässt sich umgehen, wenn wir einfach einen Blick auf andere Beispielsät-
ze werfen, die keine logischen Wahrheiten sind und dennoch in Bezug auf Quines Erläuterun-
gen der Generalisierungsthese an die Stelle der Beispielsätze (2) und (3) treten können, wie
bspw. die folgenden beiden Sätze:

(11) p(Wenn S äußert, dass p, dann p).


(12) x(Wenn S x äußert, dann ist x wahr).

Diese beiden Sätze drücken kontingente Wahrheiten (oder Falschheiten) aus. Wenn wir (11)
für den Zweck der Argumentation als sinnvoll anerkennen, dann sind die Sätze (11) und (12)
(ohne die Wahrheit der Konjunktionsthese in irgendeiner Form vorauszusetzen) höchstens
notwendig äquivalent. D. h., ein Satz wie (12) ermöglicht es uns, in pronominaler Position
über Sätze zu quantifizieren. Dieser Satz drückt deshalb dasselbe wie die sententiale Generali-
sierung (11) aus, weil beide Sätze notwendig äquivalent sind.
Wir können auf dieser Grundlage nun zwei verschieden starke Auslegungen der Generalisie-
rungsthese unterscheiden. Eine starke Auslegung, welche die Wahrheit der Konjunktionsthese
voraussetzt und sich wie folgt formulieren lässt, wäre z.B.:

(GT+) Die Nützlichkeit des Ausdrucks ‚ist wahr’ besteht darin, dass dieser es uns durch semantischen Aufstieg
ermöglicht, in pronominaler Position über Sätze zu quantifizieren, und uns damit die kompakte Behaup -
tung unendlich vieler Sätze erlaubt.

(Diese Auslegung hatte Leeds wohl im Rahmen des angeführten Zitates im Sinn.) Anderer-
seits können wir eine schwache Auslegung unterscheiden, welche unabhängig von der Kon-
junktionsthese vertreten werden kann und die Quine wohl zumindest in ‚Pursuit of Truth’ im
Sinn hatte. Quine spricht dort schließlich niemals explizit vom Behaupten unendlich vieler
Sätze, wie in ‚Philsophy of Logic’, oder gar davon, dass bspw. All-Quantifikationen bestimm-
te Konjunktionen von Sätzen ausdrücken. Darüber hinaus ist das Beispiel (3) – wie wir gese-
hen haben –, welches Quine im Rahmen seiner Veranschaulichung der Generalisierungsthese

127
verwendet, nicht mit einer starken Auslegung der Konjunktionsthese in Einklang zu bringen.
Diese schwache Auslegung lässt sich derart formulieren:

(GT-) Die Nützlichkeit des Ausdrucks ‚ist wahr’ besteht darin, dass dieser es uns durch semantischen Aufstieg
ermöglicht, in pronominaler Position über Sätze zu quantifizieren und uns damit die Formulierung von
Sätzen erlaubt, die mit entsprechenden sententialen Generalisierungen notwendig äquivalent wären, wenn
es sinnvoll wäre, in Satzpositionen hineinzuquantifizieren.

Zusammenfassend lässt sich nun Folgendes festhalten: Die disquotationale Konzeption der
Wahrheit, wie sie von Quine ins Leben gerufen wurde, ist ein ziemlich schillerndes Wesen, da
sie sich in unterschiedlicher Weise präzisieren lässt. Die Kernkomponente dieser Wahrheits-
auffassung stellt die Anführungstilgungsthese dar. Wir haben festgestellt, dass sich mindestens
zwei grundlegend verschiedene Auslegungen dieser These unterscheiden lassen: eine modera-
te und eine radikale Auslegung. Bezüglich der moderaten Auslegung haben wir darüber hin-
aus einige beachtenswerte Mehrdeutigkeiten festgestellt. Die zweite wesentliche Kernkompo-
nente der disquotationalen Konzeption der Wahrheit ist die Generalisierungsthese. Auch diese
These scheint sich in zweierlei Weise auslegen zu lassen. Die radikale Auslegung der Genera-
lisierungsthese setzt ihrerseits eine weitere Kernkomponente der disquotationalen Konzeption
der Wahrheit voraus, nämlich die Konjunktionsthese. Und diese bezieht wiederum die Anfüh-
rungstilgungsthese wesentlich mit ein und ist daher auch von deren Mehrdeutigkeiten betrof-
fen. Die moderate Auslegung der Generalisierungsthese ist im Gegensatz dazu völlig unab-
hängig von der Konjunktionsthese und setzt diese somit nicht voraus. Wenn wir also verein-
facht von der disquotationalen Konzeption der Wahrheit sprechen, dann meinen wir damit ei-
gentlich ein Bündel unterschiedlich eng miteinander verwandter Konzeptionen.

(3.3) Die Mängel disquotationaler Konzeptionen der Wahrheit

Nach diesen Erläuterungen der wesentlichen Kernkomponenten der disquotationalen Konzep-


tion der Wahrheit möchte ich mich nun etwas detaillierter mit den Schwächen und Problemen
dieser Wahrheitskonzeption befassen. Ich werde dabei wie folgt vorgehen: Zuerst werde ich
mich ausführlich mit einigen Argumenten befassen, die Gupta gegen die disquotationale Kon-
zeption der Wahrheit vorgebracht hat und von deren Gültigkeit und Durchschlagskraft gegen-
wärtig immer noch bestimmte Autoren ausgehen.219 Daran anschließend werde ich mich mit
einer Reihe weiterer Einwände befassen, die von unterschiedlichen Autoren gegen die disquo-
tationale Konzeption der Wahrheit vorgebracht wurden, um diese auf ihre Stichhaltigkeit zu
überprüfen.

219
Vgl. dazu: Lynch (2001, S. 425); Künne (2003, S. 241, Fn. 195; S. 242, Fn. 197; S. 245, Fn. 202); Armour-
Garb und Beall (2005b, S. 13-14); Horisk (2005, S. 392, Fn. 3).
128
(3.3.1) Guptas allgemeine Argumentationsstrategie gegen disquotationale Konzeptionen
der Wahrheit

Gupta präsentiert in seinem Aufsatz ‚A Critique of Deflationism’ eine Argumentation in meh-


reren Schritten gegen eine bestimmte Version der disquotationalen Konzeption der Wahrheit.
Diese Version basiert einerseits auf einer moderaten Auslegung der Anführungstilgungsthe-
se.220 Andererseits basiert sie auf einer starken Auslegung der Generalisierungsthese, welche
die Konjunktionsthese voraussetzt.
Den Ausgangspunkt von Guptas Argumentation bildet die Feststellung der bereits angeführten
Mehrdeutigkeiten (a) bezüglich der Anführungstilgungsthese in ihrer moderaten Auslegung
und (b) bezüglich der Konjunktionsthese, wenn diese von der Anführungstilgungsthese in ih-
rer moderaten Auslegung Gebrauch macht. Den Umstand dieser Mehrdeutigkeiten bringt
Gupta mit bestimmten negativen explanatorischen Implikationen in Verbindungen, die nach
Gupta für deflationäre Wahrheitskonzeptionen charakteristisch sind.221 Seine Argumenta-
tionsstrategie fasst er selbst wie folgt kurz zusammen:

The argument I shall develop against deflationism, then, is this. The deflationary description of ‘true’, when it is
taken in the strong and intended way, motivates the deflationary conclusions, but is highly problematic. On the
other hand, when it is taken in the weaker way, the description is correct enough, but does not yield the deflation-
ary conclusions.222

Im Detail besteht Guptas Argumentation demnach wesentlich aus zwei größeren Argumentati-
onsschritten. Der erste Schritt befasst sich mit den von ihm angeführten Mehrdeutigkeiten;
und zwar genauer gesagt mit der Korrektheit dieser unterschiedlichen Deutungen. Er versucht
zu zeigen, dass sowohl die starke Lesart der Anführungstilgungsthese (in ihrer moderaten
Auslegung) als auch die starke Lesart der Konjunktionsthese, die auf der moderaten Lesart
der Anführungstilgungsthese basiert, inkorrekt ist.
Die Konsequenzen dieses ersten Argumentationsschritts hält Gupta allerdings für sich genom-
men nicht für besonders fatal für den Disquotationalisten. Sie zeigen nach Gupta nur be-
stimmte Grenzen bei der Formulierung einer disquotationalen Konzeption der Wahrheit auf.
Er konstatiert in diesem Zusammenhang selbst, dass sowohl die Anführungstilgungsthese in
ihrer moderaten Auslegung als auch die Konjunktionsthese, wenn beide Thesen nicht in ihrer
starken Lesart aufgefasst werden, als korrekt angesehen werden sollten:

There are readings of this account on which it contains no errors, only insights. The key is how we understand
‘express’, ‘device of disquotation’, and ‘definition’.223
220 Wie wir bereits festgestellt haben und wie sich im Weiteren auch noch im Detail zeigen wird, vermengt Gupta
allerdings die Anführungstilgungsthese mit der Teildefinitionsthese.
221 Vgl. dazu: Kapitel 1, Abschnitt (1.6).
222 Gupta (1993a , S. 59).
223 Gupta (1993a, S. 76).

129
Im zweiten Schritt bringt Gupta nun zwei konkrete Thesen ins Spiel, die er für charakteristi-
sche Konsequenzen einer deflationären Konzeption der Wahrheit hält. Diese beiden Thesen
lassen sich wie folgt formulieren:

(DK1) Der Ausdruck ‚ist wahr’ kann unmöglich zur Formulierung einer wahrheitskonditionalen Semantik ver-
wendet werden.224

(DK2) Der Ausdruck ‚ist wahr’ kann keine kausal-explanatorische Rolle im Zusammenhang von gesetzesarti-
gen Aussagen übernehmen.225

Gupta geht auf dieser Grundlage nun von der Annahme aus, dass eine disquotationale Kon-
zeption der Wahrheit nur dann als eine deflationäre Konzeption der Wahrheit angesehen wer-
den kann, wenn sie die Thesen (DK1) und (DK2) impliziert oder zumindest, wenn sich diese
Thesen unter Voraussetzung der betreffenden Wahrheitskonzeption plausibel verteidigen las-
sen.
In einem weiteren Argumentationsschritt versucht Gupta nun zu zeigen, dass eine disquotatio-
nale Konzeption der Wahrheit nur dann die Konsequenzen (DK1) und (DK2) nach sich ziehen
kann, wenn diese Konzeption von der starken Lesart sowohl der Konjunktionsthese als auch
der Anführungstilgungsthese in ihrer moderaten Auslegung Gebrauch macht. Wird dem nicht
Rechnung getragen…

…[then] the account is not strong enough to carry the burden of deflationism.226

Durch die Vereinigung der beiden skizzierten Argumentationsstränge kann Gupta nun sein ei-
gentliches Argumentationsziel verfolgen: Er kann die Konsequenz ziehen, dass eine disquota-
tionale Konzeption der Wahrheit keine angemessene Verteidigung des deflationären Stand-
punktes liefern kann. 227
Wir werden uns im Folgenden ausschließlich mit den Argumenten im Detail auseinanderset-
zen, auf die Gupta im ersten Schritt der eben dargelegten komplexen Argumentation zurück-
greift. Der Hauptgrund für diese Einschränkung besteht darin, dass ich der Auffassung bin,
dass Guptas Argumente für die These, dass nur eine starke Lesart der Konjunktionsthese und
der Anführungstilgungsthese die Konsequenzen (DK1) und (DK2) befördern kann, aus meh-
reren Gründen nicht überzeugend sind. Daher hätte die detaillierte Besprechung der Argumen-

224 Vgl. dazu: Gupta (1993a, S. 68).


225 Vgl. dazu: Gupta (1993a, S. 64).
226 Gupta (1993a, S. 76).
227 Diese Rekonstruktion von Guptas Argumentation steht im Gegensatz zu der Rekonstruktion, welche in Patter-

son (2002a) gegeben wird. Für Patterson bezieht sich Guptas Kritik hauptsächlich auf die Verbindungsthese und
ihre Korrektheit (vgl. Patterson (2002a, S. 100-101)).
130
te für den weiteren Argumentationsgang dieser Arbeit keinen wirklichen Wert und würde nur
einen Umweg bedeuten.
Wo liegen nun kurz gesagt meiner Ansicht nach die Schwächen von Guptas Argumenten?
Guptas Argumentation für die These, dass nur eine starke Lesart der Konjunktionsthese und
der Anführungstilgungsthese die Konsequenz (DK1) befördern kann, macht u. a. von einem
problematischen Argument von Dummett Gebrauch.228 Dieses Argument wird ausführlich im
vierten Kapitel dieser Arbeit besprochen und kritisiert.229 Aufgrund dieser unangemessenen
Voraussetzung scheitert auch die Argumentation von Gupta.
Seine Argumente für die These, dass nur eine starke Lesart der Konjunktionsthese und der
Anführungstilgungsthese die Konsequenz (DK2) befördern kann, weisen meines Erachtens
mehrere Mängel auf. Das liegt allerdings nicht allein an Gupta, sondern an der grundsätzlich
etwas verwirrenden Lage der Beschäftigung mit der Frage, ob ‚ist wahr’ eine kausal-explana-
torische Rolle hat.230 Denn sowohl Behauptungen in die eine als auch in die andere Richtung
basieren oft nur auf bestimmten Analogien, die alles andere als unkontrovers und unproble-
matisch sind.231 So macht auch Gupta bei seiner Argumentation an zentraler Stelle von zwei
Analogien Gebrauch. Nämlich einerseits von einer Analogie in Bezug auf das Verhältnis von
Aussagen mit einem bestimmten modalen Status und andererseits von einer Analogie in Be-
zug auf die Erklärung einer allgemeinen Tatsache auf der Basis unterschiedlicher Erklärungen
singulärer Tatsachen, die sich aus der generellen Tatsache ergeben. 232 Die erste Analogie ba-
siert allerdings auf einer Vermengung unterschiedlich starker Begriffe der notwendigen Wahr-
heit und ist daher unbrauchbar.233 Die zweite Analogie von Gupta basiert auf einer unzulässi-
gen impliziten Gleichsetzung von kausalen Erklärungen einer beliebigen generellen Wahrheit
mit der Erklärung der Wahrheit eines Gesetzes bzw. einer gesetzesartigen Aussage. 234 Daran
zeigt sich exemplarisch, dass die Debatte um die kausal-explanatorische Rolle von ‚ist wahr’
eine ganze Reihe von Untiefen und Fallstricken birgt. Ich halte es daher zumindest für frag-
würdig, ob die Beschäftigung mit diesem Thema viele gehaltvolle Einsichten für unseren Ar-
gumentationsgang zu Tage fördern kann. Wenden wir uns aus diesem Grund nunmehr aus-
228 Vgl. dazu: Gupta (1993a, S. 68).
229 Vgl. dazu: Abschnitt 4.2.3.
230 Siehe: Putnam (1978); Field (1986); Leeds (1995); Horwich (1998a, Kap. 3); Kitcher (2002); Damnjanovic

(2005).
231 Field macht bspw. in diesem Zusammenhang von einer problematischen Analogie zwischen dem Wahrheits-

begriff und dem Valenzbegriff Gebrauch. Diese Analogie wurde wiederum von Leeds kritisiert. (Vgl. dazu: Field
(1972, S. 362-364); Leeds (1978, S. 120-123); Gupta (1993a, S. 64)). Kitcher macht zur Untermauerung der kau-
sal-explanatorischen Rolle von ‚ist wahr’ von einer Landkarten-Analogie Gebrauch, die auch nicht wirklich zu
überzeugen vermag. Vgl. dazu: Kitcher (2002, S. 355-359).
232 Vgl. dazu: Gupta (1993a, S. 63, S. 65).
233 Gupta vermengt den Begriff einer metaphysisch notwendigen Wahrheit unzulässig mit dem Begriff einer bloß

naturgesetzlich notwendigen Wahrheit.


234 Vgl. dazu: Gupta (1993a, S. 67). Die Erklärung der Wahrheit einer nicht gesetzesartigen Generalisierung wie

‚Alle Menschen, die auf dem Boot waren, starben’ kann auf ganz unterschiedlichen singulären Erklärungen ba-
sieren, wenn es im Einzelnen unterschiedliche Todesursachen gegeben hat. Das gilt aber nicht für die Erklärung
einer gesetzesartigen Generalisierung wie bspw. ‚Alle Gase dehnen sich bei Erwärmung aus’. In diesem Fall gibt
es eine uniforme Art der Erklärung, die für alle Einzelfälle gültig ist.
131
schließlich Guptas Argumenten aus dem ersten angeführten Schritt seiner Gesamtargumentati-
on zu.

(3.3.2) Guptas Argumente gegen die Konjunktionsthese und die Anführungstilgungsthe-


se

Beginnen wir mit der Erörterung und Rekonstruktion von Guptas Argumenten gegen die star-
ke Lesart der Konjunktionsthese. Die erste der zwei zu unterscheidenden Argumentationsstra-
tegien basiert auf den folgenden Feststellungen von Gupta:

In the strong sense needed for the connection thesis, the infinite conjunction thesis is plainly false. A universal
statement [...] does not have the same sense as the conjunction of its instances. The two typically do not even im-
ply the same things; they are equivalent only in a much weaker sense. I think that the proponents of the disquota-
tional theory have gone astray because they have ignored the difference between wanting to affirm a generaliza-
tion and wanting to affirm each of its instances. [...] It is because two distinct things (which, to repeat, are affirm -
ing the universal and affirming all the instances) are confused …235

Demnach gibt es für Gupta zwei wesentliche Belege, die gegen eine starke Lesart der Kon-
junktionsthese sprechen. Erstens den Umstand, dass eine universelle Generalisierung gewöhn-
lich nicht einmal dieselben logischen Implikationen wie die Konjunktion ihrer Instanzen hat,
und wir deshalb unmöglich vom Bestehen einer Synonymiebeziehung zwischen einer univer-
sellen Generalisierung und der Konjunktion ihrer Instanzen sprechen können.
Dieser Beleg ist allerdings so allgemein gehalten, dass er nicht sehr überzeugend ist. Es müss-
te schon gezeigt werden, dass es, auf den konkreten Fall einer universellen Generalisierung
im Zusammenhang mit dem Ausdruck ‚ist wahr’ angewendet, konkrete Implikationen gibt,
welche eine solche Generalisierung von der Konjunktion ihrer Instanzen unterscheiden. Bei-
des hat Gupta nicht getan. Er beschränkt sich auf eine zu allgemeine Behauptung; seine Argu-
mentation ist also, so wie er sie vorbringt, nicht überzeugend.
Können wir dem Abhilfe schaffen? Gibt es Implikationen, welche universelle Generalisierun-
gen mit der Konjunktion ihrer Instanzen nicht teilen? Aus der Tatsache, dass alle Entitäten
eine bestimmte Eigenschaft haben, ergibt sich, dass jede einzelne dieser Entitäten diese betref-
fende Eigenschaft hat. Somit folgt aus einer universellen Generalisierung wie ‚Alles ist wahr’
die Konjunktion all ihrer Instanzen. Die umgekehrte Implikation scheint allerdings nicht zu
gelten. Aus einer unendlichen Konjunktion von Sätzen wie ‚a 1 ist F und a2 ist F und ...’ folgt
nicht die Tatsache, dass alle Entitäten (bzw. alle Entitäten einer bestimmten Art) F sind. Auch
dann, wenn wir tatsächlich alle Entitäten (einer bestimmten Art) im Rahmen einer solchen
Konjunktion erfassen, folgt allein daraus nicht, dass es tatsächlich alle sind. Dieser Umstand

235 Gupta (1993a , S. 63).


132
lässt sich auch auf Generalisierungen im Zusammenhang mit dem Ausdruck ‚ist wahr’ über-
tragen. Denn aus (4) folgt zwar (5), aber nicht umgekehrt. Ein weiterer Beleg in dieser Hin-
sicht scheint der folgende zu sein. Eine Generalisierung wie ‚Alle wahren Sätze sind wahr’
hat die logische Form ‚x((Wx  Sx)  Wx)’. Eine solche Generalisierung ist auch dann
wahr, wenn es überhaupt keine Sätze gibt. Das gilt allerdings nicht für die Konjunktion der
Instanzen einer solchen Generalisierung. Wenn es keine Dinge gibt, die ‚Sx’ erfüllen, dann ha-
ben zumindest manche Ausdrücke ‚a1’, ‚a2’, etc. im Rahmen einer unendlichen Konjunktion
wie ‚(((Wa1  Sa1)  Wa1)  ((Wa2  Sa2)  Wa2)  …)’ keine Denotate, bzw. in einer Welt,
in der es überhaupt keine Entitäten gibt, würde dies für alle Ausdrücke ‚a 1’, ‚a2’, etc. gelten.236
Das hat zur Folge, dass manchen oder allen Konjunkten einer unendlichen Konjunktion kein
Wahrheitswert zugeschrieben werden kann und folglich die gesamte Konjunktion keinen
Wahrheitswert hat. Der Fall ist also möglich, dass eine Generalisierung wie ‚x((Wx  Sx) 
Wx)’ wahr ist, jedoch die Konjunktion ihrer Instanzen nicht wahr ist, weil diese Konjunktion
weder wahr noch falsch ist. Dieser Umstand scheint einen Beleg dafür zu liefern, dass aus ei-
ner Generalisierung wie ‚Alle wahren Sätze sind wahr’ nicht die Konjunktion ihrer Instanzen
folgt. Auf jeden Fall ist es auf dieser Grundlage unmöglich, dass eine solche Generalisierung
mit der Konjunktion ihrer Instanzen synonym ist, wenn man beiden in sinnvoller Weise unter-
schiedliche Wahrheitswerte zuordnen kann.
Wir sind somit auf der Grundlage der von Gupta gemachten Andeutungen zu klaren Belegen
gegen die Wahrheit der starken Lesart der Konjunktionsthese gekommen. Diese Belege be-
treffen das allgemeine Verhältnis von Sätzen wie (4) und (5). D. h., selbst wenn die Anfüh-
rungstilgungsthese in ihrer starken Lesart wahr wäre und damit Sätze wie (5) und (6) syn-
onym wären, ergäbe sich aufgrund der Tatsache, dass Sätze wie (4) und (5) nicht synonym
sind, auch die Tatsache, dass Sätze wie (4) und (6) nicht synonym sind.
Diese beiden Belege lassen sich meiner Ansicht nach auch gegen die mittlere Lesart der Kon-
junktionsthese anführen. Diese besagt, dass universelle Generalisierungen im Zusammenhang
mit dem Ausdruck ‚ist wahr’ mit ihren Instanzen notwendig äquivalent sind. (a) Wenn eine
Generalisierung wie ‚Alles ist F’ mit der Konjunktion ihrer Instanzen ‚a 1 ist F und a2 ist F und
...’ notwendig äquivalent ist, dann ist dafür erforderlich, dass in allen Welten, in denen ‚Alles
ist F’ wahr ist, auch die Konjunktion ‚a1 ist F und a2 ist F und ...’ wahr ist und umgekehrt. Es
ist nun aber nicht notwendig, dass in allen Welten, in denen ‚Alles ist F’ wahr ist, dieselbe
Menge von Individuen existiert, die F sind. Das ist allerdings eine notwendige Bedingung da-
für, dass ein und dieselbe Konjunktion der Form ‚a1 ist F und a2 ist F und ...’ in all den Welten
wahr ist, in denen auch ‚Alles ist F’ wahr ist. Aus diesem Umstand folgt, dass eine universelle
236 Die Konstanten ‚a ’, ‚a ’ etc. sind naturgemäß nicht als Anführungsnamen anzusehen, denn solche Namen ha-
1 2
ben – wie Wolfgang Künne mir gegenüber betonte – notwendigerweise ein Denotat; nämlich die jeweiligen Sät-
ze, den diese Namen zwischen den Anführungszeichen enthalten.
133
Generalisierung wie (4) nicht mit der Konjunktion ihrer Instanzen – also (5) – notwendig
äquivalent ist.237 (b) Wenn es möglich ist, dass eine Generalisierung der Form ‚x((Wx  Sx)
 Wx)’ wahr ist und die Konjunktion der Instanzen dieser Generalisierung ‚(((Wa 1  Sa1) 
Wa1)  ((Wa2  Sa2)  Wa2)  …)’ keinen Wahrheitswert hat, dann ist es falsch, dass eine
Generalisierung der Form ‚x((Wx  Sx)  Wx)’ mit der Konjunktion ihrer Instanzen not-
wendig äquivalent ist. D. h., dass wir bereits auf der Grundlage der von uns in Ergänzung zu
Gupta angeführten Gründe darauf schließen können, dass die Konjunktionsthese weder in ih-
rer starken noch in ihrer mittleren Lesart korrekt ist.
Der zweite Beleg, den Gupta in dem angeführten Zitat gegen die starke Lesart der Konjunkti-
onsthese anführt, besagt, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen der Behauptung einer
universellen Generalisierung und der Behauptung jeder ihrer Instanzen besteht. Gupta scheint
diesen Punkt für zentral zu halten, denn er verweist im Rahmen seiner Abhandlung mehrmals
auf diesen Unterschied, so auch in der folgenden Passage:

I think the cause of error here is the same oversight that we found in Quine’s passage in section II: a neglect of
the distinction between “affirming the universal” and “affirming all the instances.” Once the distinction is neg-
lected it becomes easy to read the Infinite Conjunction Thesis in a strong way. Once the distinction is marked,
the strong readings are seen to be plainly false.238

Auf dieser Grundlage lässt sich die Argumentation wie folgt rekonstruieren: Wenn die starke
Lesart der Konjunktionsthese korrekt ist, dann besteht kein wesentlicher Unterschied zwi-
schen der Behauptung einer universellen Generalisierung und der Behauptung jeder oder all
ihrer Instanzen. Nun besteht nach Gupta in diesem Zusammenhang allerdings ein wesentli-
cher Unterschied. Also können wir nach Gupta daraus die Konsequenz ziehen, dass die starke
Lesart der Konjunktionsthese nicht korrekt ist.
So wie die Argumentation formuliert ist, wirft sie mehr Fragen auf, als dass sie eine klare Ant-
wort oder Entscheidung in Bezug auf ein Problem gibt: Es sind vor allem zwei Punkte, die
sich in Bezug auf diese Argumentation aufdrängen und die es zu klären gilt, wenn man der
Argumentation Überzeugungskraft verleihen will: Worin besteht der von Gupta behauptete
wesentliche Unterschied zwischen der Behauptung einer universellen Generalisierung und der
Behauptung jeder oder all ihrer Instanzen? Wenn dieser wesentliche Unterschied tatsächlich
besteht, in welchem konkreten Verhältnis steht dann dieser Unterschied zur Korrektheit der
starken Lesart der Konjunktionsthese?

237 Oder anders ausgedrückt: Es ist möglich, dass eine Generalisierung wie ‘Alles ist F’ in allen möglichen Wel-
ten wahr ist, ohne dass in allen möglichen Welten dieselben Entitäten F sind. Eine Aussage der Form ‚a 1 ist F
und a2 ist F und ...’ kann aber nur dann in allen möglichen Welten wahr sein, wenn in allen möglichen Welten
dieselben Entitäten existieren, die F sind. Daraus folgt, dass Sätze der Form ‘Alles ist F’ und ‚a 1 ist F und a2 ist F
und ...’ nicht notwendig äquivalent sind.
238 Gupta (1993a , S. 67).

134
Als erstes gilt es zu klären, was im Rahmen der Argumentation konkret mit Behauptungen
(„affirmations“) gemeint ist. Dieser Ausdruck ist neben anderen verwandten Ausdrücken von
einer bekannten Akt-Inhalt-Mehrdeutigkeit betroffen. Man kann also mit einer Behauptung
entweder (a) den Akt des Behauptens meinen, oder (b) den Inhalt einer Behauptung, der bei
solch einem Akt ausgedrückt wird. Die erste dieser beiden Deutungen scheint von Gupta nicht
gemeint zu sein. Zwar besteht in der Tat ein Unterschied zwischen (i) der Behauptung einer
universellen Generalisierung, (ii) der Behauptung jeder ihrer Instanzen und (iii) der Behaup-
tung einer unendlichen Konjunktion der Instanzen dieser Generalisierung. Im Rahmen von (i)
haben wir es mit einem einzigen Akt des Behauptens von endlich langer Dauer zu tun. Im
Rahmen von (ii) mit einer unendlichen Anzahl von Behauptungsakten, deren Vollzug eine un-
endlich lange Dauer in Anspruch nehmen würde. Und im Rahmen von (iii) hätten wir es mit
einem einzigen Behauptungsakt von unendlich langer Dauer zu tun. Alle drei angeführten
Akte unterscheiden sich wesentlich voneinander in ihrer Anzahl oder in ihrer Dauer. Auf der
Grundlage dieser zwar wesentlichen Unterschiede kann meiner Ansicht nach allerdings kein
sinnvoller Zusammenhang zur Gültigkeit der starken Lesart der Konjunktionsthese hergestellt
werden.
Wie verhält es sich nun, wenn wir Behauptungen im Rahmen des Arguments als Inhalte von
Behauptungen auffassen? Das hängt von einer weiteren Entscheidung ab. Ob man nämlich an-
nimmt, dass () Satzbedeutungen (zumindest in manchen Fällen) mit propositionalen Gehal-
ten identisch sind, oder () dies ablehnt und davon ausgeht, dass die Satzbedeutungen den
propositionalen Gehalt von Sätzen oder Äußerungen nur mitbestimmen und deshalb davon zu
unterscheiden sind.
Wenn man () voraussetzt, dann ist das Argument hoffnungslos zirkulär; wenn man () vor-
aussetzt, dann basiert es auf einer ungerechtfertigten bzw. falschen Prämisse. Wer auf der
Grundlage von () die Prämisse formuliert, dass sich der propositionale Gehalt der Behaup-
tung eines Satzes wie (4) vom propositionalen Gehalt der Behauptung eines Satzes wie (5)
unterscheidet, und daraus unter Einbeziehung anderer Prämissen schließen möchte, dass Sätze
wie (4) mit Sätzen wie (5) nicht synonym sind, der argumentiert schlicht und einfach zirkulär.
Denn dass zwei Sätze synonym sind, das heißt dann nichts anderes, als dass sie dieselben
Satzbedeutungen haben. Und wenn () wahr ist, dann ist die erste Prämisse der angeführten
Argumentation ja nur eine alternative Formulierung der Konklusion.
Für die Ablehnung von () und die damit verbundene Bevorzugung von () gibt es eine Viel-
zahl von Gründen. Ich möchte mich hier auf zwei solcher Gründe beschränken.
Erstens gibt es Sätze, die in unterschiedlichen Kontexten mit derselben Satzbedeutung ge-
braucht werden und dennoch unterschiedliche Propositionen ausdrücken können. Wenn Peter
mit behauptender Kraft den Satz ‚Ich bin hungrig’ äußert, dann drückt er damit eine andere
135
Proposition aus, als wenn Michael denselben Satz äußert. Der Satz ‚Ich bin hungrig’ hat aber
in beiden Fällen dieselbe Satzbedeutung. Zweitens gibt es Sätze, die unterschiedliche Satzbe-
deutungen haben und dennoch dazu gebraucht werden können, in unterschiedlichen Kontex-
ten dieselben Propositionen auszudrücken. Wenn Peter den Satz ‚Ich bin hungrig’ äußert und
Michael im selben Zusammenhang den Satz ‚Du bist hungrig’ äußert und sich mit ‚du’ auf Pe-
ter bezieht, dann drücken diese beiden unterschiedlichen Sätze mit unterschiedlichen Satzbe-
deutungen in dem angeführten Fall dieselben Propositionen aus.
D. h., wenn man () im Gegensatz zu () vertritt, dann kann man nicht einfach, wie Gupta
dies tut, von einem Unterschied hinsichtlich der propositionalen Gehalte von Behauptungen
von Sätzen auf einen Unterschied hinsichtlich der Satzbedeutungen dieser Sätze schließen.
Die Argumentation von Gupta ist in dieser Lesart zumindest änderungsbedürftig, weil sie auf
einer Prämisse basiert, die keine Allgemeingültigkeit hat.
Wir können also bezüglich der ersten der beiden von Gupta anvisierten Argumentationsstrate-
gien gegen die Korrektheit der starken Lesart der Konjunktionsthese wie folgt resümieren. In
der Form, in der Gupta seine Argumente präsentiert, haben sich diese als nicht überzeugend
erwiesen. Wir konnten diesen Makel teilweise beheben, indem wir dem ersten von zwei
Strängen dieser Argumentation mit zwei zusätzlichen Argumenten einen konkreten Gehalt ga-
ben.
Wie sieht es nun mit der zweiten Argumentationsstrategie aus, die Gupta gegen die Korrekt-
heit der starken Lesart der Konjunktionsthese vorgebracht hat? Vermag diese in ihrer vorge-
brachten Form mehr zu überzeugen? Diese Strategie wird von Gupta in einer sehr kompakten
Weise dargelegt:

The generalizations involving ‚true’ do not mean the same as the corresponding infinite conjunctions/disjunc-
tions, for [...] the two do not involve the same conceptual resources.239

Ein grundsätzlicher formaler Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Argumentati-
onsstrategie besteht darin, dass im Rahmen der ersten Strategie das allgemeine Verhältnis von
Generalisierungen wie (4) und Konjunktionen wie (5) thematisiert wird und damit über die
Vermittlung des Verhältnisses von Sätzen wie (5) und (6) nur indirekt das Verhältnis von Sät-
zen wie (4) und (6) betrachtet wird. Wohingegen die zweite Argumentationsstrategie unmittel-
bar auf das spezifische semantische Verhältnis von Sätzen wie (4) und (6) im Rahmen von
Generalisierungen im Zusammenhang mit dem Ausdruck ‚ist wahr’ Bezug nimmt.
Worin besteht nun der konkrete Kern dieser zweiten Argumentationsstrategie? Um die Bedeu-
tung einer unendlichen Konjunktion von Sätzen wie ‚Schnee ist weiß  Gras ist grün  … ad
inf.’ erfassen zu können, ist es notwendig, die Bedeutung jedes einzelnen dieser Sätze zu er-

239 Gupta (1993a , S. 76).


136
fassen. Auf dieser Grundlage ergeben sich unmittelbar zwei Fragen: (a) Selbst wenn sich die
Konjunkte einer unendlichen Konjunktion von Sätzen aus einem endlichen Vokabular zusam-
mensetzen – ist es überhaupt möglich, die Bedeutung einer solchen unendlichen Konjunktion
von Sätzen zu erfassen? Es scheint im Gegensatz dazu in jedem Fall möglich zu sein, einen
Satz wie ‚Für alle x gilt: x ist wahr’ bzw. ‚Alles ist wahr’ zu verstehen. (b) Selbst wenn wir
unendliche Konjunktionen wie ‚Schnee ist weiß  Gras ist grün  … ad inf.’ erfassen können,
fragt sich, ob es tatsächlich plausibel ist, dass wir, um einen Satz wie ‚Alles ist wahr’ verste -
hen zu können, über dieselben massiven begrifflichen Ressourcen verfügen müssen, die dafür
nötig sind, um eine unendliche Konjunktion von Sätzen zu verstehen. Die begrifflichen Res-
sourcen, die notwendig sind, um die Bedeutungen von Generalisierungen im Zusammenhang
mit dem Ausdruck ‚ist wahr’ erfassen zu können, scheinen weitaus eingeschränkter zu sein als
diejenigen Ressourcen, die erforderlich sind, um unendliche Konjunktionen von Sätzen zu
verstehen.
Wir können auf der Grundlage dieser Überlegungen somit zwei (intuitive) Belege gegen die
Auffassung anführen, dass universelle Generalisierungen wie (4) mit unendlichen Konjunk-
tionen von Sätzen wie (6) synonym sind:

(I1) Kompetente Sprecher sind in der Lage, die Bedeutung von Sätzen wie (4) zu erfassen, sie sind aber prinzi -
piell nicht in der Lage, die Bedeutung einer unendlichen Konjunktion von Sätzen240 wie (6) zu erfassen.

(I2) Das Erfassen der Bedeutung von Sätzen wie (6) erfordert von einem kompetenten Sprecher, dass er über
ein massives (nahezu übermenschliches) begriffliches Wissen verfügt, hingegen scheint ein solches massi-
ves begriffliches Wissen nicht erforderlich zu sein, um die Bedeutung von Sätzen wie (4) zu erfassen.

Beide Intuitionen scheinen als Belege für die Falschheit der starken Lesart der Konjunktions-
these recht überzeugend zu sein. Gupta verweist im Rahmen seiner Ausführungen allerdings
explizit nur auf (I2). Diese Intuition ist die Grundlage für sein Masterargument (=‚objection
from ideology’241), welches er nicht nur gegen die starke Lesart der Konjunktionsthese in
Stellung bringt, sondern auch in leicht abgeänderter Form gegen die starke Lesart der Anfüh-
rungstilgungsthese in ihrer moderaten Auslegung vorbringt. 242 Meiner Ansicht nach ist die
240 Und zwar unabhängig davon, ob im Rahmen all dieser Sätze auf endlich oder unendlich viele begriffliche
Ressourcen zurückgegriffen wird. Angenommen im Rahmen einer unendlichen Konjunktion von Sätzen wie (6)
wird ausschließlich auf die begrifflichen Ressourcen zurückgegriffen, welche zur Bestimmung der Bedeutungen
des gesamten Vokabulars der gegenwärtigen deutschen Sprache notwendig sind. Selbst wenn es nun jemanden
gäbe – was sehr unwahrscheinlich ist –, der über all diese begrifflichen Ressourcen verfügen würde, hieße das
nicht, dass er in der Lage wäre, einen Satz wie (6) zu verstehen. Er erfüllt eine Vorbedingung dafür. Denn um die
Bedeutung von Sätzen wie (6) zu erfassen, ist es darüber hinaus nötig, zu wissen, inwiefern diese begrifflichen
Ressourcen im Rahmen der einzelnen Sätze kombiniert sind. Das kann jemand nur dann wissen, wenn er in der
Lage wäre, die unendlich vielen Kombinationen der begrifflichen Ressourcen der deutschen Sprache zu erfassen,
die im Rahmen von Sätzen wie (6) verwendet werden. Und dazu ist ein endlicher, wenn auch noch so begriffsrei-
cher Geist nicht in der Lage.
241 Vgl. dazu: Gupta (1993a , S. 70-71; S. 76).
242 In Künne (2003, S.234, S. 240-242) wird diese Argumentation auch ‚Argument from Conceptual Overloa-

ding’ genannt.
137
von Gupta vernachlässigte Intuition (I1) allerdings die überzeugendere der beiden Intuitionen.
(I1) scheint wirklich schwerlich bezweifelbar zu sein. Doch solange nicht völlig klar ist, über
welches begriffliche Wissen wir denn tatsächlich verfügen müssen, um (I2) zu verstehen, so
lange bleibt noch eine gewisse Möglichkeit des Zweifels an (I2) übrig.
Diese Argumentation scheint einen weiteren überzeugenden Beleg gegen die Korrektheit der
starken Lesart der Konjunktionsthese zu liefern. Gibt es dennoch eine Möglichkeit, diesem
Einwand zu entgehen? Die einzige Möglichkeit, dies in einer sinnvollen Weise zu tun, besteht
wohl darin, unterschiedliche Standards bezüglich des Erfassens der Bedeutung eines Aus-
drucks einzuführen. Man könnte dafür argumentieren, dass ein Satz wie (4) durch eine Kon-
junktion wie (6) explizit definiert werden kann, dass es aber andererseits für das Verständnis
oder den korrekten Gebrauch des Ausdrucks ‚ist wahr’ im Rahmen von Sätzen wie (4) nicht
notwendig ist, auf solch eine Explizitdefinition zurückzugreifen oder diese zu erfassen. Neh-
men wir an, jeder kompetente Sprecher lernt Sätze wie (4) dadurch verstehen, dass er in end-
lich vielen Fällen der Anwendung lernt, den Ausdruck ‚ist wahr’ korrekt auf bestimmte Ge-
genstände anzuwenden. Jeder weitere Gebrauch dieses Wortes basiert auf den bereits zuvor
vollzogenen Verwendungen und der Fähigkeit des Sprechers, bestimmte Ähnlichkeiten zwi-
schen diesen unterschiedlichen Gebrauchsweisen und möglichen zukünftigen Gebrauchswei-
sen herzustellen. Auf dieser Grundlage kann man sagen, ein Sprecher beherrscht den Ge-
brauch von ‚ist wahr’ und kann auf dieser Grundlage Sätze wie (4) verstehen; er muss dazu
aber nicht in der Lage sein, eine Explizitdefinition des Ausdrucks ‚ist wahr’ angeben oder er-
fassen zu können. Er muss auch nicht in der Lage sein, einen Satz wie (6) zu formulieren oder
zu verstehen, der mit (4) synonym ist. Wenn man also geneigt ist, einen hohen Standard des
Verstehens von Sätzen wie (4), der darin besteht, dass man in der Lage ist, diesen Satz explizit
zu definieren, indem man bspw. Sätze wie (4) auf Sätze wie (6) zurückführt, was das Erfassen
von Sätzen wie (6) erfordert, von einem niedrigeren Standard des Verstehens eines solchen
Satzes zu unterscheiden, der in der Fähigkeit besteht, den Ausdruck ‚ist wahr’ korrekt zu ge-
brauchen und neue Gebrauchsweisen dieses Ausdrucks auf der Grundlage der bereits zuvor
vollzogenen korrekten Gebrauchsweise zu erschließen, dann ließen sich die Intuitionen (I1)
und (I2) wesentlich abschwächen.
Man könnte auf dieser Grundlage (I1) zustimmen, aber gleichzeitig einräumen, dass dieser
Umstand für das Verstehen von (4) hinsichtlich des eingeführten niedrigeren Standards keine
Konsequenzen hat, selbst wenn Sätze wie (4) und (6) synonym sind. Und man könnte auf die-
ser Grundlage (I2) als eine Äquivokation zurückweisen. D. h., man könnte sich auf den Stand-
punkt stellen, dass im Rahmen von (I2) von zwei unterschiedlichen Standards des Verstehens
Gebrauch gemacht wird. Es ließe sich somit einräumen, dass ein hoher Standard des Verste-
hens in Bezug auf Sätze wie (4), welcher das Erfassen von Sätzen wie (6) erfordert, nicht er-

138
reicht werden kann bzw. nicht erreicht werden kann, ohne über ein massives begriffliches
Wissen zu verfügen. Der eingeführte niedrigere Standard kann aber durchaus ohne dieses
massive begriffliche Wissen erreicht werden. Und so könnte man sich auf den Standpunkt zu-
rückziehen, dass (I2) nur deshalb so plausibel scheint, weil hier zwei unterschiedliche Stan-
dards des Verstehens vermengt werden. Ich möchte mich hier nicht auf diesen möglichen Aus-
weg festlegen, weil er noch im Detail durch ausführlichere bedeutungstheoretische Analysen
zu bestätigen oder zu widerlegen wäre. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass eine solche
mögliche Antwort auf das Argument von Gupta besteht.
Kommen wir nun zu der Argumentation, die Gupta gegen die Korrektheit der starken Lesart
der Anführungstilgungsthese in ihrer moderaten Auslegung anführt. Im Gegensatz zu Guptas
Argumentation gegen die starke Lesart der Konjunktionsthese lassen sich in Bezug auf seine
Argumentation gegen die starke Lesart der Anführungstilgungsthese keine unterschiedlichen
Strategien ausmachen. Guptas Argumentation gegen die Korrektheit der starken Lesart der
Anführungstilgungsthese beschränkt sich auf eine Strategie, welche, wie wir bereits angeführt
haben, nichts anderes als eine dem gegebenen Fall angepasste Version der ‚objection from
ideology’ ist, welche Gupta bereits gegen die starke Lesart der Konjunktionsthese vorgebracht
hat. Unter anderem geht dies sehr deutlich aus der folgenden Stelle hervor:

Let the ideology of a term consist of those concepts that are necessary and sufficient for an understanding of the
term (assuming that there is such a totality). [...] The T-biconditionals fail to define the sense of ‘true’ because
they attribute much too large an ideology to ‘true’.243

Wie überträgt Gupta nun seine ‚objection from ideology’ im Detail auf die Anführungs-
tilgungsthese? Dies zeigt sich am deutlichsten auf der Grundlage der folgenden Ausführun-
gen:

We are told that we gain our understanding of ‘true’ through the T-biconditionals, that we acquire ‘true’ by laying
down the totality of T-biconditionals as definitional of ‘true’. [...] If some of the biconditionals are omitted, the
result is at best a partial definition of ‘true’. [...] To have a full notion of truth – to have a full understanding of
the meaning of ‘true’ – requires, on this picture, a grasp of all the T-biconditionals. But this is only possible if the
individual possesses all the concepts expressed by the terms in the right-hand sides of the biconditionals. Hence,
on the above picture of the meaning of ‘true’, a full understanding of ‘true’ is possible only for someone with
massive conceptual resources.244

Die Übertragung der ‚objection from ideology’ auf die Anführungstilgungsthese erfordert
zwei wesentliche zusätzliche Voraussetzungen: (V1) Instanzen des Schemas ‚x ist wahr  p’
wie ‚‚Schnee ist weiß’ ist wahr  Schnee weiß ist’ sind Teildefinitionen des Sinns des Aus-

243 Gupta (1993a , S. 70-71).


244 Gupta (1993a , S. 69-70).
139
drucks ‚ist wahr’. (V2) Ein kompetenter Sprecher erfasst den Sinn des Ausdrucks ‚ist wahr’
vollständig gdw. er alle Instanzen des Schemas ‚x ist wahr  p’ erfasst, die Teildefinitionen
des Sinns des Ausdrucks ‚ist wahr’ sind. Auf dieser Grundlage lässt sich nun derart gegen die
starke Lesart der Anführungstilgungsthese in ihrer moderaten Auslegung argumentieren: Die
Zahl der Instanzen, welche dieselbe Form wie ‚‚Schnee ist weiß’ ist wahr  Schnee weiß ist’
haben, ist unendlich. Wenn wir nur die Instanzen in Bezug auf die deutsche Sprache in Be-
tracht ziehen, dann ist es notwendig, um all diese Instanzen erfassen zu können, über die mas-
siven begrifflichen Ressourcen zu verfügen, die es ermöglichen, alle Sätze der deutschen
Sprache zu verstehen. Ein vollständiges Erfassen des Sinns von ‚ist wahr’ würde somit zwei-
erlei erfordern, (a) das Erfassen der Bedeutung von unendlich vielen Sätzen der Form ‚‚p’ ist
wahr  p’ und (b) das Verfügen über zumindest die begrifflichen Ressourcen, die erforderlich
sind, jeden von unendlich vielen möglichen Sätzen zumindest der deutschen Sprache zu ver-
stehen. Wenn wir in Bezug auf diese beiden Konsequenzen die folgenden evidenten Intuitio-
nen heranziehen, dann scheint sich unter der Voraussetzung all dieser Annahmen der Schluss
ziehen zu lassen, dass Sätze der Form ‚‚p’ ist wahr’ mit Sätzen der Form ‚p’ nicht synonym
sind:

(I3) Kompetente Sprecher sind in keinem endlichen Zeitraum dazu in der Lage, die Bedeutung unendlich vieler
Sätze der Form ‚‚p’ ist wahr  p’ zu erfassen; sie scheinen aber durchaus in einem endlichen Zeitraum dazu
in der Lage zu sein, den Sinn des Ausdrucks ‚ist wahr’ zu erfassen.

(I4) Es ist notwendig, um die Bedeutung aller deutschen Instanzen der Form ‚‚p’ ist wahr  p’ erfassen zu kön-
nen, über die massiven begrifflichen Ressourcen zu verfügen, die nötig sind, um jeden von unendlich vielen
möglichen Sätzen der deutschen Sprache verstehen zu können; es scheint nicht notwendig zu sein, um den
Sinn des Ausdrucks ‚ist wahr’ zu erfassen, über solche massiven begrifflichen Ressourcen zu verfügen.

Diese Variante der ‚objection from ideology’ hat aufgrund zusätzlicher Voraussetzungen, die
diesbezüglich gemacht werden müssen, mehr Angriffsflächen bzw. Schwächen als die Varian-
te in Bezug auf die Konjunktionsthese. Es steht uns zur Zurückweisung dieses Einwandes
nicht nur der Ausweg offen, die Unterscheidung von unterschiedlichen Standards des Verste-
hens einzuführen – was in dem gegebenen Fall noch plausibler zu sein scheint als im Fall der
Konjunktionsthese –, sondern die Argumentation hat darüber hinaus noch andere Schwach-
punkte.
Die einfachste Möglichkeit für den Vertreter einer disquotationalen Konzeption der Wahrheit,
sich diesem Einwand zu entziehen, besteht darin, sich auf die radikale Auslegung der Anfüh-
rungstilgungsthese zurückzuziehen. Diese These ist in jedem Fall immun gegen den angeführ-

140
ten Einwand, da sie, wie wir gezeigt haben, mit der Teildefinitionsthese unvereinbar ist und
deren Richtigkeit eine wesentliche Voraussetzung der Argumentation ist.
Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass Gupta die Anführungstilgungsthese (in ihrer mo-
deraten Auslegung) mit der Teildefinitionsthese gleichsetzt. Nun lässt sich allerdings die An-
führungstilgungsthese sinnvoll vertreten, ohne gleichzeitig der Auffassung zu sein, dass be-
stimmte Instanzen des Schemas ‚x ist wahr  p’ Teildefinitionen des Ausdrucks ‚ist wahr’
sind. D. h., dem Vertreter einer disquotationalen Konzeption der Wahrheit steht es offen, die
Anführungstilgungsthese zu vertreten, ohne sich gleichzeitig auf die Teildefinitionsthese fest-
zulegen. Er kann die Argumentation von Gupta somit einfach dadurch entkräften, dass er (V1)
zurückweist und auf die Vermengung der Anführungstilgungsthese mit der Teildefinitionsthe-
se durch Gupta hinweist.
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Teildefinitionsthese als Ergänzung zur Anführung-
stilgungsthese in ihrer moderaten Auslegung zu akzeptieren und stattdessen die Voraussetzung
(V2) abzulehnen und durch eine plausible Alternative zu ersetzen. 245 Wie könnte eine solche
Alternative aussehen? Die wohl naheliegendste Möglichkeit, einen Ersatz für (V2) und damit
für unendlich viele Teildefinitionen von ‚ist wahr’ zu finden, besteht wohl darin, eine univer-
selle Generalisierung zu finden, die alle Instanzen der Form ‚‚p’ ist wahr  p’ in ihrer starken
Lesart impliziert. Eine Möglichkeit, dies zu bewerkstelligen, die sich bereits bei Tarski findet,
lautet wie folgt:

(QZ) Für alle x gilt: x ist (ein) wahr(er Satz)  p((x=’p’)  p).

Auf dieser Grundlage ließe sich nun (V2) durch die folgende Annahme ersetzen: Ein
kompetenter Sprecher versteht den Ausdruck ‚ist wahr’ vollständig gdw. er die Definition
(QZ) erfasst. Und damit wäre das Argument von Gupta geblockt. Diese Strategie ist allerdings
selbst nicht ganz unproblematisch.
Erstens müsste geklärt werden, ob (QZ) in der Stärke formuliert werden kann, die garantiert,
dass (QZ) tatsächlich unendlich viele Instanzen der Form ‚‚p’ ist wahr  p’ in ihrer starken
Lesart impliziert.
Zweitens müsste eine angemessene Semantik für die Quantifikation in Satzpositionen hinein
gefunden werden, die mit der angestrebten Ersetzung von (V2) vereinbar ist. Denn die beiden
gängigen Ansätze für diesen Zweck scheiden aus, weil sie mit dem Vorhaben unvereinbar
sind; d. h., man kann die Quantifikation in Satzpositionen hinein nicht durch die Wahrheit der
245Auf diese Möglichkeit weist Gupta selbst hin: „An immediate response to this argument is to say that what
defines ‚true’ is not the T-biconditionals, but something in their neighbourhood – perhaps the form (T), or per -
haps the general fact lying behind the T-biconditionals, or perhaps the rule of inference embodied by them.“, in:
Gupta (1993a, S. 70). An diese allgemeine Diagnose anschließend zieht Gupta drei unterschiedliche Möglichkei-
ten in Betracht, die seiner Meinung nach allerdings keinen sinnvollen Ersatz für (V2) ergeben. Die von uns in
Betracht gezogene Möglichkeit hat er erstaunlicherweise dabei nicht bedacht.
141
Instanzen solch einer Quantifikation erklären, weil man dafür bereits ein Verständnis des
Wahrheitsbegriffs voraussetzen müsste. Damit würde die ganze Strategie in einem vitiösen
Zirkel enden. Man kann andererseits auch nicht die Quantifikation in Satzpositionen hinein
durch die Konjunktion oder Disjunktion ihrer Instanzen erklären. Das ist mit der angestrebten
Strategie unvereinbar, da somit das Verständnis von (QZ) wiederum das Verständnis von un-
endlichen Konjunktionen oder Disjunktionen von Sätzen voraussetzen würde. Wir hätten das
Problem also nur um eine Stufe verschoben.
Abschließend lässt sich allerdings noch ein dritter Punkt gegen die anvisierte Strategie zur
Zurückweisung von (V2) anführen. Es scheint relativ unplausibel zu sein, dass ein
kompetenter Sprecher in der Lage sein muss, eine Definition wie (QZ) zu erfassen, um den
Sinn von ‚ist wahr’ zu verstehen.246 Es ist intuitiv plausibel, anzunehmen, dass jemand, der
die Quantifikation in Satzposition hinein nicht beherrscht, dennoch die Bedeutung von ‚ist
wahr’ erfassen kann. Alles in allem scheint diese Möglichkeit der Zurückweisung der Argu-
mentation von Gupta offenbar mit einigen Schwierigkeiten verbunden zu sein.
Womit wir bei der letzten Möglichkeit wären, die Argumentation von Gupta zurückzuweisen.
Durch das Einführen unterschiedlicher Standards bezüglich des Verstehens von ‚ist wahr’
kann (I3) als irrelevant und (I4) als äquivok herausgestellt werden. Man könnte dafür argu-
mentieren, dass für das Verständnis des Sinns von ‚ist wahr’ durch einen kompetenten Spre-
cher ein weitaus niedrigerer Standard als der von Gupta angeführte genügt und dass dieser
niedrige Standard in unproblematischer Weise mit einer disquotationalen Konzeption der
Wahrheit vereinbar ist. Z. B. könnte man annehmen, dass ein Sprecher den niedrigen Standard
für das Verständnis des Sinnes von ‚ist wahr’ erreicht, wenn er einerseits dazu in der Lage ist,
den Ausdruck ‚ist wahr’ korrekt auf bestimmte Gegenstände anzuwenden und somit die Gül-
tigkeit bestimmter Instanzen der Form ‚x ist wahr  p’ begriffen hat. Wenn er nun anderer-
seits auf dieser Grundlage imstande ist, auf der Basis von Ähnlichkeiten zwischen den bereits
vollzogenen Anwendungsfällen zu weiteren korrekten Anwendungsfällen fortzuschreiten,
dann kann man davon sprechen, dass er den niedrigen Standard in Bezug auf das Verstehen
des Sinnes von ‚ist wahr’ erfüllt. Die hier skizzierte Formulierung eines solchen niedrigeren
Standards bezüglich des Verstehens des Sinns von ‚ist wahr’ ist nur eine von unterschiedli-
chen Möglichkeiten, die eine plausible Reaktion auf die Argumentation von Gupta darstellen.
Es mag nun neben diesem niedrigen Standard einen höheren Standard geben, wie er durch
(V2) beschrieben wird. Doch selbst wenn dieser Standard für einen gewöhnlichen Sprecher
unerreichbar ist, ergibt sich dadurch noch kein Problem. Denn die Intuition (I3) ist bezüglich
des Erreichens des niedrigeren Standards völlig irrelevant. Und die Intuition (I4) lässt sich als
unproblematisch und äquivok interpretieren, weil sie auf eine notwendige Bedingung zur Er-

246 Vgl. dazu: Horwich (2004, S. 13-14).


142
reichung des hohen Standards hinweist, die für den niedrigen Standard aber keineswegs not-
wendig ist. Gupta tut so, als wäre jemand, der die starke Lesart der Anführungstilgungsthese
in ihrer moderaten Auslegung vertritt, automatisch und ausschließlich auf den von ihm festge-
legten Standard bezüglich des Verstehens des Sinns von ‚ist wahr’ festgelegt. Beides ist nicht
der Fall. Selbst wenn man die besagte These vertritt, ist man nicht auf den von Gupta skizzier-
ten Weg des Erfassens des Sinnes von ‚ist wahr’ festgelegt, und es bleibt einem zumindest im-
mer noch die Möglichkeit, für alltägliche Zwecke einen niedrigeren Standard einzuführen als
den, welchen Gupta auf der Grundlage bestimmter philosophischer Prädispositionen für den
einzig naheliegenden hält.247
Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass sich Guptas Masterargument in seiner Anwendung
auf die starke Lesart der Anführungstilgungsthese in ihrer moderaten Auslegung alles andere
als meisterlich erwiesen hat. Das Argument lässt dem Vertreter einer disquotationalen Kon-
zeption der Wahrheit einfach zu viele Möglichkeiten offen, diese Argumentation zurückzu-
weisen. Das mag uns allerdings nicht weiter beunruhigen, denn wir werden uns im Rahmen
unserer weiteren Ausführungen noch eindringlich mit Argumenten befassen, welche die In-
korrektheit der starken Lesart der Anführungstilgungsthese in überzeugenderer Weise nahele-
gen.
Was wir in jedem Fall in diesem Abschnitt erreicht haben, ist Folgendes: Durch eigene Bemü-
hungen konnten wir die erste Argumentationsstrategie Guptas gegen die starke Lesart der
Konjunktionsthese durch zwei zusätzlich eingeführte Argumente soweit rehabilitieren, dass
sich auf dieser Grundlage die Falschheit der Konjunktionsthese sowohl in ihrer starken als
auch in ihrer mittleren Lesart nachweisen lässt. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass Guptas
Masterargument (=’objection from ideology’) in Bezug auf die starke Lesart der Konjunkti-
onsthese weitaus überzeugender ist als in Bezug auf die starke Lesart der Anführungstilgungs-
these in ihrer moderaten Auslegung. Im ersten Fall schienen die Möglichkeiten für einen Ver-
treter einer disquotationalen Konzeption der Wahrheit, diese Argumentation zu entkräften,
weitaus eingeschränkter und ungewisser zu sein als im zweiten Fall.

(3.3.3) Die Konsequenzen aus Guptas Argumenten

247 Man kann die Unterscheidung zwischen einem niedrigen und einem hohen Standard des Verstehens auch
durch die Unterscheidung zwischen dem impliziten Wissen bezüglich der Bedeutung eines Wortes und dem ex-
pliziten Wissen bezüglich der Bedeutung eines Wortes rechtfertigen. Implizit weiß jemand bspw., worin die Be-
deutung eines Wortes besteht gdw. er über ein Wissen-wie verfügt, und somit in der Lage ist, das besagte Wort
korrekt zu verwenden. Explizit weiß jemand, worin die Bedeutung eines Wortes besteht gdw. er über ein Wissen-
dass verfügt und somit eine Bedeutungstatsache der Form ‚x bedeutet F’ oder eine explizite Definition in Bezug
auf dieses Wort erfasst bzw. weiß, dass eines von beidem der Fall bzw. wahr ist. Es ist durchaus denkbar, dass
wir bezüglich mancher Ausdrücke prinzipiell über kein explizites Wissen, sondern ausschließlich über ein impli -
zites Wissen ihrer Bedeutung verfügen. (Vgl. dazu auch: Horwich (1998b, S. 16-18). Horwich ist allerdings der
Auffassung, dass der Unterschied zwischen implizitem Wissen und explizitem Wissen unabhängig von dem Un-
terschied zwischen Wissen-wie und Wissen-dass erklärt werden kann.).
143
Welches Resümee können wir nun auf der Grundlage unserer Untersuchungen in Bezug auf
Guptas Argumentation gegen die disquotationale Konzeption der Wahrheit ziehen? Die Argu-
mente, die Gupta gegen die starke Lesart der Konjunktionsthese vorgebracht hat, waren nur
bedingt überzeugend. Wir konnten allerdings durch ergänzende Argumentationen nachweisen,
dass die Konjunktionsthese sowohl in ihrer starken als auch in ihrer mittleren Lesart inkorrekt
ist. Diese beiden eigenen Ergebnisse lassen sich noch durch ein Ergebnis ergänzen, auf wel-
ches Künne ganz zu Recht hingewiesen hat. Denn es lassen sich auch gute Gründe dafür an-
führen, dass die Konjunktionsthese auch dann falsch ist, wenn sie auf der Relation der kogni-
tiven Äquivalenz basiert.248 (Was allerdings nicht weiter verwunderlich ist, da diese Lesart der
Konjunktionsthese ja eine stärkere Lesart ist, als die von uns ebenso zurückgewiesene mittlere
Lesart.) Da wir in Bezug auf keine andere These so viele unterschiedliche Lesarten zurück-
weisen können, ist es angebracht, anzunehmen, dass die Konjunktionsthese die wahrschein-
lich problematischste Komponente einer disquotationalen Konzeption der Wahrheit ist. So-
wohl die starke als auch die mittlere Lesart dieser These haben sich als falsch erwiesen. Somit
können Generalisierungen im Zusammenhang mit dem Ausdruck ‚ist wahr’ allerdings in kei-
ner angemessenen Weise erklärt werden, wenn bei dieser Erklärung auf die Konjunktionsthese
zurückgegriffen wird, wie dies im Rahmen der Generalisierungsthese in ihrer radikalen Ausle-
gung geschieht. Denn alle weiteren Lesarten dieser These sind zu schwach, um solch eine Er-
klärung zu liefern.249
Das zeigte sich besonders deutlich auf der Grundlage der Anführungstilgungsthese in ihrer ra-
dikalen Auslegung. Diese These hat sich bereits für sich genommen als höchst problematisch
erwiesen. Man stößt auf ihrer Grundlage allerdings erst auf eine echte Hürde, wenn man Ge-
neralisierungen im Zusammenhang mit dem Ausdruck ‚ist wahr’ erklären will. Solche Gene-
ralisierungen können dann nur durch die Annahme erklärt werden, dass der Ausdruck ‚ist
wahr’ systematisch mehrdeutig ist. D. h., dass dieser Ausdruck im Rahmen von Generalisie-
rungen eine andere Funktion übernehmen muss, als wenn er auf Namen für Sätze angewendet
wird. Es ist allerdings mittels der Konjunktionsthese möglich, die zweite Bedeutung von ‚ist
wahr’ im Rahmen von Generalisierungen auf ihre erste Bedeutung zurückzuführen bzw. mit
dieser in eine systematische Verbindung zu bringen. Zu diesem Zweck ist jedoch zumindest
eine mittlere Lesart der Anführungstilgungsthese erforderlich. D. h., mit der Zurückweisung
der Konjunktionsthese in ihrer mittleren und starken Lesart verliert eine Variante der disquo-
tationalen Konzeption der Wahrheit, die auf der Anführungstilgungsthese in ihrer radikalen
Auslegung basiert, jede Form von Plausibilität. Dieses Ergebnis lässt sich auch auf eine Kon-
zeption übertragen, die von der moderaten Auslegung der Anführungstilgungsthese ausgeht.
Denn auch in diesem Zusammenhang gilt, dass auf der Grundlage der bloßen materialen
248 Vgl. dazu: Künne (2003, S. 241).
249 Vgl. dazu: Horisk (2005, S. 378, S. 390).
144
Äquivalenz zweier Sätze keine spezifische Funktion eines Ausdrucks gerechtfertigt werden
kann. D.h., die Wahrheit der Generalisierungsthese in ihrer radikalen Auslegung erfordert
mindestens eine logische Stärke der Konjunktionsthese, die einen systematischen inhaltlichen
Zusammenhang zwischen Generalisierungen im Zusammenhang mit dem Wahrheitsprädikat
und bestimmten Konjunktionen und Disjunktionen von Sätzen herstellt. Dazu müsste die
Konjunktionsthese aber zumindest in ihrer mittleren Auslegung korrekt sein. Das ist aller-
dings nicht der Fall.
Damit lassen sich auf der Grundlage der bereits vorgebrachten Argumentationen zwei Varian-
ten der disquotationalen Konzeption der Wahrheit als unangemessen zurückweisen: (i) solche,
die auf die Konjunktionsthese angewiesen sind, um die Funktion von ‚ist wahr’ im Rahmen
von Generalisierungen zu erklären und somit auf die Generalisierungsthese in ihrer radikalen
Auslegung zurückgreifen müssen, und (ii) solche, die auf der Anführungstilgungsthese in ih-
rer radikalen Auslegung basieren.
Das Argument, das Gupta gegen die starke Lesart der Anführungstilgungsthese in ihrer mode-
raten Auslegung vorgebracht hat, erwies sich allerdings nicht als durchschlagend. Es hat aber
zumindest Zweifel an dieser Lesart der Anführungstilgungsthese erweckt. Wir werden nun im
Folgenden versuchen, Argumente zu finden, die in dieser Hinsicht durchschlagender sind.

(3.3.4) Argumente gegen die starke Lesart der Anführungstilgungsthese

In den folgenden fünf Abschnitten werde ich von sieben mehr oder weniger intuitiven Kriteri-
en für Nicht-Synonymie Gebrauch machen, um auf dieser Grundlage festzustellen, ob die
starke Lesart der Anführungstilgungsthese in ihrer moderaten Auslegung angemessen ist. Es
wird sich zeigen, dass auf der Grundlage zumindest mancher dieser Kriterien die Wahrheit der
Synonymiethese in Frage gestellt werden kann.

(3.3.4.1) Der modale Status der Instanzen des W-Schemas

Wenn wir feststellen wollen, ob Sätze der Form ‚p’ mit Sätzen der Form ‚‚p’ ist wahr’ syn -
onym sind oder nicht, dann bietet es sich an, nach Kriterien Ausschau zu halten, deren Zutref-
fen als eindeutiger Beleg für die eine oder die andere Option gilt. Es ist eine sehr delikate und
schwierige Angelegenheit, allgemeine notwendige und hinreichende Bedingungen für die
Synonymie zweier beliebiger Sätze anzugeben. Es gibt allerdings eine ganze Reihe von Be-
dingungen, die mehr oder weniger eindeutig als notwendige Bedingungen für die Synonymie
von zwei Sätzen in Frage kommen. Jede notwendige Bedingung für Synonymie kann mittels
Kontraposition in eine hinreichende Bedingung für Nicht-Synonymie überführt werden. Es

145
gibt daher eine ganze Reihe von Kriterien, die Aufschluss darüber geben können, ob zwei Sät-
ze nicht synonym sind.
Das erste dieser Kriterien, das wir für unsere Zwecke in Betracht ziehen wollen, lässt sich wie
folgt formulieren:

(K1) Wenn der Wahrheitswert eines komplexen Satzes C sich ändert, der den Satz A im Rahmen eines hyper-
intensionalen Kontextes enthält, wenn der Satz A in diesem Kontext durch einen beliebigen Satz B ersetzt
wird, dann ist A mit B nicht synonym.

Eine Position für einen Satz in einem komplexen Satz wird hier als hyperintensional bezeich-
net, wenn der Wahrheitswert des komplexen Satzes nur dann unverändert bleibt, wenn der
Satz B, der für einen Satz A in der betreffenden Position ausgetauscht wird, nicht nur mindes-
tens dieselbe Intension wie A hat, sondern wenn mindestens ein anderer semantischer Wert,
der noch feinkörniger als Intensionen individuiert wird, der beiden Sätze A und B identisch
ist.250
Dieses Kriterium kann nun auch so abgeschwächt werden, dass es zu einem Kriterium für das
Nicht-Zutreffen der Relation der notwendigen Äquivalenz auf zwei Sätze wird. Zwei Sätze
haben dieselbe Intension genau dann, wenn sie notwendig äquivalent sind. Eine Position für
einen Satz in einem komplexen Satz wird als intensional bezeichnet, wenn der Wahrheitswert
des komplexen Satzes nur dann unverändert bleibt, wenn der Satz B, der für einen Satz A in
der betreffenden Position ausgetauscht wird, mindestens dieselbe Intension wie A hat. Vor die-
sem Hintergrund lässt sich (K1) derart umformulieren:

(K2) Wenn der Wahrheitswert eines komplexen Satzes C sich ändert, der den Satz A im Rahmen eines intensio-
nalen Kontextes enthält, falls der Satz A in diesem Kontext durch einen beliebigen Satz B ersetzt wird,
dann ist A mit B nicht notwendig äquivalent.

Aber die Bedingung, welche durch (K2) ausgedrückt wird, kann nicht nur als Kriterium für
das Nicht-Zutreffen von notwendiger Äquivalenz, sondern obendrein auch als Kriterium für
Nicht-Synonymie fungieren. Denn die notwendige Äquivalenz zweier Sätze ist eine notwen-
dige Bedingung für Synonymie dieser Sätze. Somit können wir statt (K1) auch von dem fol-
genden Kriterium Gebrauch machen:

(K2*) Wenn der Wahrheitswert eines komplexen Satzes C sich ändert, der den Satz A im Rahmen eines inten-
sionalen Kontextes enthält, falls der Satz A in diesem Kontext durch den Satz B ersetzt wird, dann ist A
mit B nicht synonym.

250Daraus ergibt sich meiner Ansicht nach, dass Anführungskontexte nicht zu den hyperintensionalen Kontexten
in meinem Sinne zu zählen sind. Denn ein Satz A, der in einem Anführungskontext in einem Satz B gebraucht
wird, trägt keinen seiner semantischen Werte zu den Wahrheitsbedingungen des Satzes B bei.
146
Damit wir die Kriterien (K1) und (K2) auf für unsere Zwecke relevante Satzpaare wie das
Paar bestehend aus ‚Gras ist grün’ und ‚‚Gras ist grün’ ist wahr’ anwenden können, benötigen
wir einerseits mindestens ein Beispiel für einen komplexen Satz, der einen intensionalen Kon-
text für Sätze enthält, und andererseits einen komplexen Beispielsatz, der einen hyperintensio-
nalen Kontext für Sätze enthält. Als Beispiele für Sätze, die einen intensionalen Kontext ent-
halten, möchte ich auf sogenannte kontrafaktische Konditionale zurückgreifen. Diese Sätze
haben die allgemeine Form ‚Wenn p der Fall wäre, dann wäre auch q der Fall’ bzw. in abge-
kürzter Weise ’p  q’ und enthalten die Teilsätze ‚p’ und ‚q’ in einem intensionalen Kontext.
Als Beispiele für Sätze, die einen hyperintensionalen Kontext enthalten, möchte ich Erklärun-
gen der allgemeinen Form ‚p, weil q’ verwenden. Die beiden Teilsätze ‚p’ und ‚q’ stehen in
diesem Fall in einem hyperintensionalen Kontext. 251
Beginnen wir mit der Anwendung von (K2) im Zusammenhang von bestimmten kontrafakti-
schen Konditionalen. Die folgenden beiden Sätze scheinen Beispiele dafür zu sein, wie der
Austausch des Satzes ‚‚Gras ist grün’ ist wahr (in Deutsch)’ im Rahmen des folgenden wahren
Satzes (13) durch den Ausdruck ‚Gras ist grün’ zu dem falschen Satz (14) führt:252

(13) ‚Gras ist grün’ bedeutet (in Deutsch), dass Gras grau ist  (‚Gras ist grün’ ist wahr (in Deutsch)  Gras
grau ist).
(14) ‚Gras ist grün’ bedeutet (in Deutsch), dass Gras grau ist  (Gras ist grün  Gras grau ist).

Handelt es sich bei diesen und vergleichbaren Beispielen aber tatsächlich um überzeugende
Belege für das Zutreffen von (K2) oder (K2*) in Bezug auf die von uns untersuchten Beispiel-
paare? Auf den ersten Blick scheint es so zu sein, dass (K2) erfüllt ist, weil einerseits (13) und
(14) Sätze der Sprache Deutsch sind und da andererseits der deutsche Satz ‚‚Gras ist grün’ ist
wahr (in Deutsch)’ durch den deutschen Satz ‚Gras ist grün’ in (13) zu ersetzen ist, ohne den
Wahrheitswert dieses komplexen Satzes zu verändern, wenn diese beiden Sätze zumindest
notwendig äquivalent sind. In der Tat ist dieser Eindruck aber trügerisch, denn durch den kon-
trafaktischen Kontext, der durch ‚’ erzeugt wird, wird im Sukzedens von (13) mit dem
Ausdruck ‚in Deutsch’ nicht auf die aktuale deutsche Sprache Bezug genommen, sondern auf
die kontrafaktische Variante von Deutsch in der ‚Gras ist grün’ bedeutet, dass Gras grau ist.
Eine angemessene Paraphrase von (13), die diesem Umstand gerecht wird, kann derart formu-
liert werden:

(13’) Wenn ‚Gras ist grün’ (in Deutsch) bedeuten würde, dass Gras grau ist, dann wäre ‚Gras ist grün’ (in die-
sem kontrafaktischen Deutsch) wahr  Gras grau ist.

251Vgl. dazu: Frege (1892a [1962], S. 63); Schnieder (2004, S. 134-137).


252Vgl. dazu: Putnam (1985 [1994], S. 332-333); Soames (1984, S. 422-424); Field (1986, S. 58); David (1994,
S. 130-135); Field (1994a [1999], S. 381-384); Schmitt (1995, S. 132-136); Künne (2003, S. 231-233).
147
Zur Vereinfachung und um mehr Klarheit zu erzielen, will ich die aktuale Sprache Deutsch
nunmehr durch ‚L’ und die angesprochene kontrafaktische Sprache Deutsch durch ‚M’ be-
zeichnen. Der Satz (14) enthält auf dieser Grundlage den Satz ‚Gras ist grün’, der ein Satz von
L ist, und (13) enthält den Satz ‚‚Gras ist grün’ ist wahr (in M)’, der ebenso ein Satz von L ist.
Diese Sätze sind aber keineswegs miteinander synonym oder notwendig äquivalent, da ‚Gras
ist grün’ (in M) bedeutet, dass Gras grau ist und somit mit dem Satz ‚Gras ist grau’ in L syn -
onym oder notwendig äquivalent ist, nicht aber mit dem Satz ‚Gras ist grün’ der Sprache L. Es
ist vor diesem Hintergrund also keineswegs verwunderlich, dass der wahre Satz (13) durch
die vollzogene Ersetzung in den falschen Satz (14) überführt wird. Damit ist allerdings kei-
neswegs gezeigt, dass die Sätze ‚Gras ist grün’ und ‚‚Gras ist grün’ ist wahr (in L)’ nicht syn-
onym oder notwendig äquivalent sind. Die Beispiele (13) und (14) sind damit keine Belege
für das Zutreffen von (K2) auf die von uns betrachteten Beispielsätze.253
Auch wenn die eben erläuterten Beispielsätze keine Belege für das Zutreffen des Kriteriums
(K2) in Bezug auf die von uns betrachteten Sätze geliefert haben, so haben sie dennoch auf
einen wichtigen Umstand hingewiesen. Darauf nämlich, dass zwischen Bedeutungstatsachen
der Form ‚x bedeutet, dass p’ und den Instanzen des Schemas ‚x ist wahr  p’ ein notwendi-
ger Zusammenhang besteht. D. h., das folgende Schema scheint ausschließlich wahre Instan-
zen zu haben:

(15) (x bedeutet in L, dass p  (x ist wahr in L  p)).

Auf dieser Grundlage ließe sich nun die notwendige Äquivalenz von Sätzen der Form ‚p’ und
‚‚p’ ist wahr’ bestätigen, wenn wir zeigen können, dass das folgende Schema ausschließlich
wahre Instanzen hat:

(16) (x bedeutet in L, dass p).

Die Wahrheit der Instanzen von (16) hängt wesentlich von der Frage ab, ob die Identität einer
Sprache durch ihre Bedeutungstatsachen mitkonstituiert wird. D. h., wenn es möglich ist, dass
sich die Bedeutungstatsachen im Rahmen einer Sprache wie L ändern, ohne dass dadurch die
Sprache L als solche zu existieren aufhört und eine neue Sprache L* dadurch entsteht, dann
hat (16) keine wahren Instanzen. Wenn die Identität einer Sprache allerdings wesentlich von
den Bedeutungstatsachen dieser Sprache abhängt, dann können wir die Wahrheit der Instan-
zen von (16) als verbürgt annehmen. Gibt es irgendwelche Gründe, die eindeutig für die eine
oder die andere Auffassung sprechen? In der natürlichen Sprache gibt es eindeutig das Phäno-
men des Bedeutungswandels. D. h., über die Jahrhunderte hinweg verändern sich im Rahmen
253Vgl. dazu: McGee (1993, S. 92-93); David (1994, S. 130-135); Garcia-Carptintero (1998, S. 44-53); Künne
(2003, S. 232-233).
148
natürlicher Sprachen die Bedeutungen einzelner Wörter, dennoch scheinen wir diesen Wandel
nicht mit der Entstehung immer neuer Sprachen gleichzusetzen. Anders sieht die Sache in Be-
zug auf interpretierte künstliche Sprachen aus. Hier wird jede Veränderung der Bedeutung als
eine Veränderung der Identität einer Sprache aufgefasst. Raatikainen stellt daher die folgende
Diagnose:

A truth-definition and T-sentences for it are thus necessarily relativized to a particular interpreted object lan-
guage OL; if the interpretation is changed, the language is not the same anymore. And once a language (with an
interpretation) is fixed, T-sentences are indeed necessary, although it is obviously not necessary that the symbols
of OL have to be interpreted in that way. T-sentences are necessarily true sentences of the metalanguage ML[.] 254

Diese Einschätzung weist auf zweierlei hin: (i) der Umstand, dass jeder Wandel der Bedeu-
tung in einer interpretierten künstlichen Sprache zu der Veränderung der Identität der Sprache
führt, ist ein Grund, anzunehmen, dass bestimmte Instanzen des Schemas ‚x ist wahr  p’
notwendige Wahrheiten relativ zu einer bestimmten Sprache sind; (ii) aus diesem Umstand
kann jedoch nicht, wie wir in naiver Weise angenommen haben, unmittelbar auf die Wahrheit
der Instanzen von (16) geschlossen werden. Ganz im Gegenteil, jeder Satz hätte in jeder Spra-
che – ob künstlich oder natürlich – auch etwas anderes bedeuten können, als er wirklich be-
deutet. Bedeutungstatsachen sind in diesem Sinn keine metaphysisch notwendigen Wahrhei-
ten. Sie haben also einen etwas sonderbaren, nur schwerlich genau zu charakterisierenden Sta-
tus. Sie sind revidierbar, aber wenn sie in einer bestimmten Sprache zu einem bestimmten
Zeitpunkt gelten, dann gelten sie notwendigerweise, d.h. in allen möglichen kontrafaktischen
Situationen. Daher scheint es nun auch angebracht zu sein, als Lösung unseres Problems in
Bezug auf natürliche Sprachen nicht in einem strikten Sinn von der Identität einer natürlichen
Sprache nach einem Bedeutungswandel zu sprechen. In diesem Fall würde für alle Sprache
gelten, dass relativ zu jedem Zeitpunkt, zu dem bestimmte Bedeutungstatsachen bestehen,
diese Tatsachen in allen möglichen Welten bestehen. Eine Möglichkeit, diesen Umstand aus-
zudrücken, wäre die folgende:

(17) t(x bedeutet relativ zu t in L, dass p)  (x bedeutet relativ zu t in L, dass p).

Wir gelangen also auf der Grundlage von (15), (17) und der (grundsätzlich) kontingenten
Wahrheit von Bedeutungstatsachen über die Zeit hinweg zu dem Ergebnis, dass Sätze der
Form ‚p’ und ‚‚p’ ist wahr’ relativ zu einer bestimmten Sprache notwendig äquivalent sind.
Auf der Grundlage dieser Entdeckungen scheint eine weitere Beschäftigung mit den Kriterien
(K2) oder (K2*) für unsere Zwecke nicht weiter zielführend zu sein. Wenden wir uns daher
nun dem Kriterium (K1) zu und den in diesem Zusammenhang relevanten ‚weil’-Sätzen.

254 Raatikainen (2003, S. 43-44).


149
Durch Sätze der Form ‚p, weil q’ können ganz unterschiedliche Arten von Erklärungen gege-
ben werden. Die bekanntesten Erklärungen sind wohl Kausalerklärungen. Werfen wir also
einen Blick auf eine Kausalerklärung wie die folgende:

(18) Ein Schuss löste sich aus der Pistole, weil jemand den Abzug betätigt hatte.

Nehmen wir an, (18) beschreibt eine bestimmte Situation korrekt. Dies ändert sich allerdings
sofort, wenn wir ‚Ein Schuss löste sich aus der Pistole’ durch ‚‚Ein Schuss löste sich aus der
Pistole’ ist wahr’ ersetzen oder ‚Jemand hatte den Abzug betätigt’ durch ‚‚Jemand hatte den
Abzug betätigt’ ist wahr’. Aus einer angemessenen Kausalerklärung wird in dem ersten Fall
eine falsche begriffliche Erklärung und in dem zweiten Fall eine unangemessene Kausalerklä-
rung. (18) scheint somit ein Beleg dafür zu sein, dass das Kriterium (K1) auf Sätze der Form
‚p’ und ‚‚p’ ist wahr’ zutrifft und diese somit nicht synonym sind.

(3.3.4.2) Der Status der Instanzen des W-Schemas und das Kriterium der implikativen
Differenz

Ein weiteres relativ gängiges Kriterium, welches im Rahmen unserer Untersuchungen in Be-
tracht gezogen werden könnte, lautet wie folgt:

(K3) Wenn es mindestens einen Satz C gibt, welcher aus A, nicht aber aus B folgt oder welcher aus B, nicht
aber aus A folgt, dann ist A mit B nicht synonym.

Gibt es Belege dafür, dass dieses Kriterium von unseren Beispielsätzen erfüllt wird? Aus ei-
nem Satz wie ‚Gras ist grün’ folgt bspw. der Satz ‚Es gibt etwas, das grün ist’. Dieser Satz
folgt allerdings nicht unmittelbar aus dem Satz ‚‚Gras ist grün’ ist wahr’. Andererseits folgt
aus dem Satz ‚‚Gras ist grün’ ist wahr’ bspw. der Satz ‚Es gibt etwas, das wahr ist’. Dieser
Satz folgt allerdings nicht unmittelbar aus dem Satz ‚Gras ist grün’. (K3) trifft somit auf Sätze
der Form ‚p’ und ‚‚p’ ist wahr’ zu.
In Bezug auf (K3) ist allerdings anzumerken, dass dieses Kriterium noch nicht eindeutig ge-
nug formuliert ist. Es gibt eine ganze Reihe von unterschiedlichen Begriffen der Folgerung.
Erstens sei hier der Begriff der strikten Implikation genannt. Auf dieser Grundlage gilt der von
uns gemachte Unterschied allerdings nicht, denn dann folgt jede notwendige Wahrheit aus je-
der beliebigen Annahme. D.h., sowohl aus ‚Gras ist grün’ als auch aus ‚‚Gras ist grün’ ist
wahr’ folgt die notwendige Äquivalenz ‚‚Gras ist grün’ ist wahr in L  Gras ist grün’. Auf
der Grundlage dieser Folgerung haben die beiden betrachteten Sätze dann allerdings stets die-
selben Folgerungen.

150
Davon zu unterscheiden wäre der Begriff der logischen Folgerung. Ein Satz B folgt nach die-
ser Ausfassung aus einem Satz A gdw. relativ zu allen Interpretationen, zu denen A wahr ist,
auch B wahr ist. Auf dieser Grundlage kann unser oben angeführtes Urteil bestätigt werden,
da die Äquivalenz ‚‚Gras ist grün’ ist wahr in L  Gras ist grün’ keine logische Äquivalenz
ist und somit nicht aus beliebigen Sätzen folgt. Daher haben die beiden Beispielsätze auf die-
ser Grundlage unterschiedliche Folgerungen. Das Problem dieser Auslegung der Folgerung
besteht allerdings darin, dass auf ihrer Grundlage auch Sätze, die intuitiv eindeutig synonym
sind, unterschiedliche Folgerungen haben. Der Satz ‚Es gibt Erpel’ ist synonym mit dem Satz
‚Es gibt männliche Enten’. Allerdings folgt nur aus letzterem logisch der Satz ‚Es gibt Enten’,
da es allein vom logischen Standpunkt Interpretationen geben könnte, die ‚Es gibt Erpel’ wahr
und ‚Es gibt Enten’ falsch machen. Damit erweist sich unser Kriterium allerdings auch in die-
ser zweiten Lesart als unbrauchbar.
Welcher Folgerungsbegriff könnte uns weiterhelfen? Wir bräuchten bspw. einen Begriff, der
eine Erweiterung des Begriffs der logischen Folgerung um Bedeutungspostulate darstellt.
Denn dann würde auch aus ‚Es gibt Erpel’ der Satz ‚Es gibt Enten’ folgen. Diese Strategie ist
allerdings für unsere Zwecke nicht wirklich hilfreich. Denn die Verteidigung dieser Strategie
erfordert eine Entscheidung darüber, ob manche Instanzen von ‚x ist wahr  p’ den Status
von Bedeutungspostulaten haben. Aber genau diese Entscheidung haben wir uns ja von (K3)
erhofft. Somit ist auch die dritte in Betracht gezogene Strategie unbrauchbar zur Verteidigung
des oben angeführten intuitiven Ergebnisses.
Auch eine relevanzlogische Auslegung der Folgerung kann uns in diesem Zusammenhang
nicht sinnvoll weiterhelfen. Auf der Grundlage einer solchen Auslegung entgehen wir zwar
auch dem Problem, von dem die Auslegung der Folgerung als strikte Implikation betroffen
war. Wir handeln uns aber genau so wie auf der Basis des angeführten Begriffs der logischen
Folgerung das Problem ein, dass das Kriterium unbrauchbar wird, weil es andere klarerweise
synonyme Satzpaare gibt, bezüglich derer die einzelnen Sätze auch unterschiedliche Folge-
rungen haben. Die relevanzlogische Auslegung der Folgerung hat zwar auch wesentliche Vor-
züge gegenüber der angeführten klassischen logischen Auslegung der Folgerung, was die so-
genannten Paradoxien der Implikation betrifft, dennoch scheint uns dieser Begriff bei der Ver-
teidigung von (K3) nicht wirklich weiterzuhelfen. Meiner Ansicht nach gibt es auch keinen
Begriff der Folgerung, der uns in einer nicht zirkulären Weise ermöglicht, zu zeigen, dass das
betrachtete Satzpaar und analoge Satzpaare keine Paare synonymer Sätze sind.255

(3.3.4.3) Der Status der Instanzen des W-Schemas und das Kriterium der propositiona-
len Differenz
255
Vgl. dazu: Künne (2003, S. 233), der zu einer etwas weniger pessimistischen Einschätzung bezüglich (K3)
kommt.
151
Viele Sätze, die synonym sind, können dazu verwendet werden, dieselbe Proposition auszu-
drücken. Besonders eng ist der Zusammenhang zwischen der Satzbedeutung und der ausge-
drückten Proposition bei sogenannten kontextunabhängigen Sätzen; also Sätzen, deren propo-
sitionaler Gehalt sich völlig unabhängig von ihrem Verwendungskontext bestimmen lässt. Bei
kontextabhängigen Sätzen ist der Zusammenhang zwischen Satzbedeutung und ausgedrückter
Proposition etwas komplizierter. Es gibt bspw. Sätze, die, wenn sie mit derselben Satzbedeu-
tung in unterschiedlichen Kontexten verwendet werden, unterschiedliche Propositionen aus-
drücken.
Für unsere Zwecke würde es völlig genügen, wenn wir nur einen Blick auf kontextunabhängi-
ge Instanzen des Schemas ‚x ist wahr  p’ werfen würden. Denn wenn in diesem Zusammen-
hang keine Synonymie zwischen Sätzen der Form ‚p’ und ‚‚p’ ist wahr’ besteht, dann kann
auch keine solche Beziehung in anderen Zusammenhängen bestehen. Für diese Fälle wäre das
folgende Kriterium anzuwenden:

(K4) Wenn A und B kontextunabhängige Sätze sind und unterschiedliche Propositionen ausdrücken, dann ist A
mit B nicht synonym.

Es ist allerdings auch nicht besonders schwierig, dieses Kriterium für kontextabhängige Sätze
zu adaptieren:

(K4*) Wenn die Sätze A und B relativ zu denselben kontextuellen Parametern unterschiedliche Propositionen
ausdrücken, dann ist A mit B nicht synonym.

Die Anwendbarkeit des Kriteriums (K4) hat zwei wesentliche Voraussetzungen: (a) Es gibt
kontextunabhängige Sätze. (b) Es gibt klare Kriterien bezüglich der Identität von Propositio-
nen. Das Kriterium (K4*) hat hingegen nur die zweite dieser beiden Voraussetzungen.256
Wie sieht es mit der Erfüllung von (a) aus? Sätze wie ‚Es regnete am 31.05.1997 am Korn-
markt in Göttingen’, ‚Hunde bellen’, ‚Wasser ist H 20’ oder ‚2+2=4’ sind meiner Ansicht nach
kontextunabhängige Sätze; in Bezug auf keinen Ausdruck, der in diesen Sätzen enthalten ist,
gibt es wirklich eindeutige Hinweise auf eine Kontextabhängigkeit.257 Ebenso kann die Zu-
schreibung der Eigenschaft der Wahrheit im Rahmen von Sätzen der Form ‚‚Hunde bellen’ ist
wahr in L’ relativ zu einer Sprache L als zeitlos angesehen werden. Selbiges gilt für den Be-
zug auf Sätze mit Anführungsnamen. Es gibt somit gute Gründe dafür, anzunehmen, dass die
Bedingung (a) durch bestimmte Instanzen von ‚x ist wahr  p’ erfüllt wird.

256Mir ist niemand bekannt, der den Umstand bezweifelt, dass es kontextabhängige Sätze gibt.
257In Recanati (2004, S. 131-141) wird bspw. auf bestimmte Co-Textabhängigkeiten von Adjektiven und Verben
hingewiesen. Diese Phänomene erweisen sich meiner Ansicht nach allerdings nicht in Bezug auf (K4) als proble-
matisch.
152
Die Erfüllung der Bedingung (b) scheint allerdings weitaus schwieriger zu sein. Die Frage
nach der Natur von Propositionen ist relativ kontrovers. Die Anwendbarkeit von (K4) hängt
allerdings wesentlich davon ab, wie wir Propositionen individuieren. Wenn wir diese wie
manche Autoren über notwendige Äquivalenz individuieren258, dann erweist sich (K4) als völ-
lig nutzlos, weil sich die Instanzen von ‚x ist wahr  p’ bereits als notwendige Wahrheiten er-
wiesen haben. Es bedarf daher einer ganz bestimmten relativ feinkörnigen Individuierung von
Propositionen, um zu einer wahren Einsetzung auf der Grundlage unserer Beispielpaare in
Bezug auf (K4) zu gelangen. Wie eine solche Individuierung aber genau auszusehen hat 259, ist
ebenso umstritten und unklar wie die Bestimmung des Begriffs der Synonymie selbst. Die
Kriterien (K4) und (K4*) erweisen sich somit trotz ihrer Korrektheit für unsere Zwecke als
nicht besonders hilfreich.

(3.3.4.4) Der Status der Instanzen des W-Schemas und das Kriterium der kognitiven Dif-
ferenz

Auf Frege geht ein berühmtes Kriterium der Differenz von Gedanken260 zurück, das als sinn-
volle Ergänzung zu (K4) angesehen werden kann. Dieses Kriterium lässt sich in zwei Varian-
ten wie folgt formulieren:

(PD) Die Sätze A und B drücken relativ zu denselben kontextuellen Parametern unterschiedliche Propositionen
aus, wenn es für jemanden, der die Sätze A und B vollständig versteht, ohne Widerspruch relativ zu den
angeführten kontextuellen Parametern möglich ist, A für wahr und B für falsch zu halten oder umgekehrt.

(PD*) Die Sätze A und B drücken relativ zu denselben kontextuellen Parametern unterschiedliche Propositio-
nen aus, wenn es für jemanden, der die Sätze A und B vollständig versteht, ohne Widerspruch relativ zu
den angeführten kontextuellen Parametern möglich ist, den Gehalt von A für wahr und den Gehalt von B

für falsch zu halten oder umgekehrt. 261

Aus (PD) bzw. (PD*) und (K4*) könnten wir dann das folgende weitere Kriterium der Nicht-
Synonymie von Sätzen ableiten:

(K5) Wenn es für jemanden, der die Sätze A und B vollständig versteht, ohne Widerspruch relativ zu denselben
kontextuellen Parametern möglich ist, (den Gehalt von) A für wahr und (den Gehalt von) B für falsch zu
halten oder umgekehrt, dann sind die Sätze A und B nicht synonym.

Welches Ergebnis erzielen wir nun, wenn wir (K5) auf unser Satzpaar ‚Gras ist grün’ und
‚‚Gras ist grün’ ist wahr’ anwenden? Das Kriterium wird nicht erfüllt, denn die Sätze erweisen
258 Vgl. dazu: Abschnitt 5.4.4.2.
259 Vgl. dazu: Abschnitt 5.1.3, 5.1.4, 5.1.5 und 5.4.4.2.
260 Was Frege Gedanken nannte, nennen wir nunmehr Propositonen. Vgl. dazu: Frege (1918 [1966]).
261 Vgl. dazu: Frege (1906b [1969], S. 213) und Künne (2003, S. 42).

153
sich als kognitiv äquivalent262, da es unmöglich ist für jemanden, der beide Sätze vollständig
versteht, den (Gehalt des) einen für wahr und den (Gehalt des) anderen für falsch zu halten.
Auf der Grundlage von (K5) kann die Synonymiethese also nicht widerlegt werden.
Gibt es eine Möglichkeit (K5) abzuändern, um zu einem anderen Resultat zu kommen? Wer-
fen wir zu diesem Zweck einen Blick auf bestimmte Ausführungen von Künne, der auf ein
mit (PD*) verwandtes Kriterium zu einem sehr ähnlichen Zweck zurückgreift. Künnes Darle-
gung der disquotationalen Konzeption der Wahrheit weicht von der hier in Anschluss an
Gupta diskutierten Darlegung in einer wichtigen Hinsicht ab. Künnes Variante einer disquota-
tionalen Wahrheitskonzeption setzt anstelle der Synonymiethese eine schwächere These vor-
aus; nämlich die sogenannte Redundanzthese.263 Diese Redundanzthese besagt nicht, dass
Sätze der Form ‚p’ und ‚‚p’ ist wahr’ dieselbe sprachliche Bedeutung haben, sie besagt, dass
diese Sätze denselben Gehalt haben und damit relativ zu identischen kontextuellen Parame-
tern dieselbe Proposition ausdrücken. Künne versucht nun, diese Redundanzthese durch die
Verwendung eines mit (PD) verwandten Kriteriums zu widerlegen. Seine diesbezügliche Ar-
gumentation lautet wie folgt:

If (S) [=’Snow is white’] and (T) [=’’Snow is white’ is true’] were to express the same proposition, then nobody
could believe what either of these sentences expresses without eo ipso believing what the other expresses. But a
monoglot German who believes that snow is white may not believe that the English sentence ‘Snow is white’ is
true, and if a monoglot German with defective eyesight believes that snow is bluish but takes my word for it that
the sentence ‘Snow is white’ is true, then he believes the sentence to be true without believing snow to be white.
Hence (S) and (T) do not express the same proposition.264

Das Kriterium, auf das Künne bei dieser Argumentation zurückgreift, lässt sich wie folgt for-
mulieren:

(DD) Die Sätze A und B drücken relativ zu denselben kontextuellen Parametern unterschiedliche Propositio -
nen aus, wenn es für jemanden ohne Widerspruch relativ zu den angeführten kontextuellen Parametern
möglich ist, den Gehalt von A zu glauben, ohne den Gehalt von B zu glauben oder umgekehrt.

Künne nennt dieses Kriterium selbst das Kriterium der doxastischen Differenz. (DD) kann nun
laut Künne dazu verwendet werden, die Redundanzthese zu widerlegen. Seine Argumentation
dafür lautet wie folgt: Wenn ein Deutscher, der kein Englisch kann, den Gehalt des Satzes
‚Snow is white’ glaubt, dann glaubt er, dass Schnee weiß ist. Wenn nun dieser Deutsche wie-
derum den Gehalt des Satzes ‚‚Snow is white’ is true’ glaubt, dann glaubt er, dass ‚Snow is
white’ wahr ist. Im Vertrauen auf eine andere Person, die des Englischen mächtig ist, kann
dieser Deutsche nun glauben, dass ‚Snow is white’ wahr ist. Andererseits kann er laut Künne
262 Vgl. dazu: Künne (2003, S. 236).
263 Vg. dazu: Künne (2003, S. 226-227).
264 Künne (2003, S. 233-234).

154
aufgrund eines schlechten Sehvermögens die Farbe von Schnee nicht kennen und irrtümli-
cherweise glauben, dass Schnee bläulich ist. 265 Auf der Grundlage dieser Situation gelangen
wir nun mittels (DD) zu dem Resultat, dass die englischen Sätze ‚Snow is white’ und ‚‚Snow
is white’ is true’ unterschiedliche Propositionen ausdrücken.
Wenn wir allerdings (PD*) statt (DD) den angeführten Überlegungen zugrunde gelegt hätten,
dann hätten wir dieses Resultat nicht erzielen können. Woran liegt dieser Unterschied? Wenn
man (PD*) und (DD) genauer betrachtet, so stellt man fest, dass sie wirklich sehr eng ver-
wandt sind und der einzige wesentliche Unterschied zwischen (PD*) und (DD) darin besteht,
dass (PD*) im Gegensatz zu (DD) die zusätzliche einschränkende Bedingung enthält, dass je-
mand, der eine Einstellung zu den angeführten Sätzen A und B oder ihren Gehalten hat, diese
Sätze auch vollständig versteht. Diese Bedingung wird in dem von Künne angeführten Bei-
spiel allerdings nicht erfüllt, denn der besagte Deutsche versteht keinen der beiden englischen
Sätze, die Künne in seinen Überlegungen verwendet. Doch in Bezug auf (DD) ist das völlig
irrelevant, weil (DD) im Gegensatz zu (PD*) diese Bedingung nicht enthält, und so ist das
Beispiel auf der Grundlage von (DD) durchschlagend.
Was können wir nun aus dem Vergleich von (DD) und (PD*) lernen? Jemand, der kognitive
Äquivalenz als Kriterium für propositionale Äquivalenz ansehen möchte, könnte natürlich ge-
neigt sein, (DD) als unangemessen zu verwerfen. Das sollte man aber nicht tun. Denn (DD)
macht auf einen wichtigen Umstand aufmerksam: Wenn zwei Sätze wirklich dieselben Gehal-
te haben, dann sollte es nicht möglich sein, zu den jeweiligen Gehalten dieser Sätze unter-
schiedliche Einstellungen zu haben, ganz egal, ob man einen Satz versteht, der diese Gehalte
ausdrückt, oder nicht. In diesem Sinn weist uns (DD) daher auf den Umstand hin, dass die ko-
gnitive Äquivalenz als Kriterium für die Identität von Propositionen zu schwach ist. Selbst
Frege, auf den (PD*) zurückgeht, verwendet an mancher Stelle ein Kriterium, welches (DD)
näher ist als (PD*):

(GD) Der Gedanke, dass p, ist verschieden vom Gedanken, dass q, wenn es für jemanden ohne Widerspruch
möglich ist, den Gedanken, dass p, für wahr zu halten, und den Gedanken, dass q, für falsch zu halten

oder umgekehrt. 266

Wir können somit (DD) auch für unsere Zwecke aufgreifen und aus (DD) und (K4) ein Krite-
rium (K5*) ableiten, welches nun auch in unserem Fall das Ergebnis liefert, dass die Sätze
‚Schnee ist weiß’ und ‚‚Schnee ist weiß’ ist wahr’ nicht synonym sind. Wir brauchen dazu in

265 Man muss hier wohl einräumen, dass auch jemand, der die Farbe des Schnees nicht angemessen wahrnehmen
kann, schwerlich glauben kann, dass Schnee nicht (typischerweise) weiß ist. Wir sollten daher wohl zusätzlich
annehmen, dass er unter sehr bizarren Umständen aufgewachsen ist und nichts von anderen über die Farbe des
Schnees erfahren hat.
266 Vgl. dazu: Frege (1891 [1962], S. 27) und Frege (1892a [1962], S. 47).

155
der von Künne angestellten Überlegung den besagten Deutschen ohne Englischkenntnisse nur
durch einen Engländer ohne Deutschkenntnisse zu ersetzen.
Der Gedanke, dass der im Beispiel von Künne erwähnte Deutsche nur in der Lage ist, die
deutschen Übersetzungen der Sätze ‚Snow is white’ und ‚‚Snow is white’ is true’ zu verste-
hen, bringt uns auf eine Möglichkeit, wie wir auf der Grundlage von (K5) zu dem Ergebnis
gelangen können, dass die von uns betrachteten Beispielsätze ‚Gras ist grün’ und ‚‚Gras ist
grün’ ist wahr’ nicht synonym sind. Wir müssen dazu das Kriterium (K5) nur durch das fol-
gende weitere Kriterium ergänzen:

(K6) Wenn eine korrekte Übersetzung C eines Satzes A in eine andere Sprache mit der korrekten Übersetzung
D eines Satzes B in diese Sprache nicht synonym ist, dann ist A mit B nicht synonym. 267

Dieses Kriterium mag auf den ersten Blick nicht besonders hilfreich erscheinen. Erstens weil
es selbst vom Begriff der Synonymie Gebrauch macht und weil es zweitens den doch relativ
problematischen Begriff der korrekten Übersetzung enthält. Interessanterweise kommen diese
Probleme aber in den Fällen, für die wir uns interessieren, nicht zum tragen. Warum ist das
so? Eine für uns wichtige und unzweifelhafte Annahme besteht darin, dass die korrekte wört-
liche Übersetzung des Satzes ‚‚Gras ist grün’ ist wahr’ ins Englische in dem von uns betrach-
teten Zusammenhang268 der Satz ‚‚Gras ist grün’ is true’ ist und nicht der Satz ‚‚Grass is
green’ is true’. Ebenso unzweifelhaft sollte sein, dass die korrekte Übersetzung von ‚Gras ist
grün’ ins Englische der Satz ‚Grass is green’ ist. D.h., in dem von uns betrachteten speziellen
Fall ist klar, was eine korrekte Übersetzung ist, und wir brauchen dafür auf kein allgemeines
Kriterium zurückzugreifen. Nun können wir allerdings auf die Übersetzungen unserer Bei-
spielsätze ins Englische das Kriterium (K5) erfolgreich anwenden, um zu zeigen, dass sie
nicht synonym sind. In diesem Sinn ist es für unsere Zwecke unproblematisch, dass (K6)
selbst vom Begriff der Synonymie Gebrauch macht. Denn die Sätze ‚‚Gras ist grün’ is true’
und ‚Grass is green’ erfüllen (PD*) und sind daher nicht kognitiv äquivalent. Damit haben wir
mittels (K5) und (K6) dasselbe Resultat erzielt wie mittels (K5*). Die Synonymiethese er-
weist sich damit erneut als nicht haltbar.

(3.3.4.5) Der Status der Instanzen des W-Schemas und das Kriterium der begrifflichen
Differenz

267 Vgl. dazu: Taylor (1998, S. 4-5).


268 Es gibt allerdings Umstände, relativ zu denen sich die Dinge anders verhalten. Wenn ich den Satz ‚‚Gras ist
grün’ ist wahr’ als Autor eines deutschen Buches verwende und dieses Buch ins Englische übersetzt wird, dann
wird dieser Satz durch ‚‚Grass is green’ is true’ übersetzt. Wenn ich allerdings den Satz ‚‚Gras ist grün’ ist wahr’
in dem Zusammenhang des komplexen Satzes ‚‚Gras ist grün’ ist wahr im Deutschen und bedeutungslos im Eng-
lischen’ gebrauche, dann ist die korrekte Übersetzung dieses Satzes ins Englische der Satz ‚‚Gras ist grün’ is true
in German and meaningless in English’. Unser Übersetzungsversuch ist von dieser zweiten Art.
156
Kommen wir nun zu einem allerletzten Kriterium bezüglich der Bewertung der Syno-
nymiethese. Es ist intuitiv sehr einleuchtend, anzunehmen, dass das Verstehen eines Satzes
den Besitz meist mehrerer unterschiedlicher Begriffe erfordert. Von dieser Überzeugung ha-
ben wir im Rahmen von Guptas ‚objection from ideology’ bereits ausführlich Gebrauch ge-
macht. Diese Überzeugung lässt sich allerdings auch völlig unabhängig von der Teildefiniti-
onsthese fruchtbar machen und erlaubt uns die Formulierung des folgenden weiteren Kriteri-
ums der Sinndifferenz:

(K7) Wenn das Verstehen eines Satzes A nicht das Erfassen derselben (Grund-)Begriffe erfordert wie das Ver-
stehen des Satzes B, dann ist A mit B nicht synonym.269

Künne hat auf der Grundlage eines mit (K7) eng verwandten Kriteriums wie folgt gegen die
bereits erwähnte Redundanzthese argumentiert:

Surely one cannot understand an utterance of the English sentence (S) [=’Snow is white’] without exercising
one’s mastery of the concept of snow. But imagine a Bedouin whose rudimentary English comprises only vocab -
ulary that is useful in the desert: he might very well understand the truth ascription (T) [=’’Snow is white’ is
true’] without even having the concept of snow. In order to understand a quotational designator, one does not
have to understand the quoted expression. Otherwise the following verdict would be comprehensible only if it is
false: ‘”Asa nisi masa” is incomprehensible.’ So (S) and (T) do not express the same proposition. 270

Können wir diese Begründung übernehmen, um auf der Grundlage von (K7) gegen die Syn-
onymiethese zu argumentieren? Das hängt im wesentlich davon ab, ob Künne Recht damit
hat, dass man einen Satz wie ‚‚Schnee ist weiß’ ist wahr’ verstehen kann, ohne den Satz
‚Schnee ist weiß’ verstehen zu müssen. Vielleicht aber hat diese These ja nur in Bezug auf be-
stimmte Fälle der Verwendung von Anführungsnamen ihre Gültigkeit.
Betrachten wir, um uns diesbezüglich mehr Klarheit zu verschaffen, die folgenden beiden Sät-
ze:

(19) ‚Peter ist hungrig’ besteht aus vierzehn Buchstaben.


(20) ‚Schree schärgt unwirkig’ ist unverständlich.

Man kann intuitiv sowohl den Satz (19) als auch den Satz (20) verstehen, ohne den Satz ‚Pe-
ter ist hungrig’ oder den Satz ‚Schree schärgt unwirkig’ zu verstehen. Es scheint allerdings
auch ein wesentlicher Unterschied zwischen (19) und (20) zu bestehen. Ich kann den Satz
(19) verifizieren, ohne den Satz ‚Peter ist hungrig’ oder Teilausdrücke dieses Satzes zu verste-
hen. Ich kann allerdings den Satz (20) nicht verifizieren, ohne festzustellen, ob der Satz
‚Schree schärgt unwirkig’ eine Bedeutung hat oder nicht. Im Fall eines Satzes wie ‚‚Schnee ist
269 Vgl. dazu: Künne (2003, S. 47).
270 Künne (2003, S. 234).
157
weiß’ ist wahr’ sind die Verifikationsbedingungen noch anspruchsvoller. Ich kann diesen Satz
nicht verifizieren, ohne die Bedeutung und den Gehalt von ‚Schnee ist weiß’ zu erfassen.
Wenn wir nun die Bedeutung eines Satzes mit den Verifikationsbedingungen dieses Satzes
gleichsetzen würden, dann könnten wir die Argumentation von Künne dadurch entkräften.
Gibt es gute Gründe, die gegen eine solche Gleichsetzung sprechen? Die verifikationistische
Auffassung der Bedeutung liefert wohl einen zu engen Bedeutungsbegriff. Dies lässt sich
bspw. derart zeigen: Wir sind zuvor davon ausgegangen, dass in dem von uns betrachteten
Kontext eine korrekte Übersetzung eines Satzes wie ‚‚Schnee ist weiß’ ist wahr’ nicht die
Übersetzungen des betreffenden Satzes im Anführungskontext beinhaltet. Die Korrektheit die-
ser Bedingung lässt sich nun auch anhand der Sätze (19) und (20) sehr gut veranschaulichen.
Im Fall von (19) würde sich durch die Mitübersetzung des Satzes im Anführungskontext der
Wahrheitswert des ganzen Satzes ändern. Im Falle von (20) ist es andererseits gar nicht mög-
lich, den Satz im Anführungskontext zu übersetzen, weil dieser gar keine Bedeutung hat.
Wenn allerdings die korrekte Übersetzung eines Satzes die Übersetzung eines in diesem Satz
enthaltenen Teilsatzes nicht erfordert, dann kann die Bedeutung dieses Teilsatzes nicht rele-
vant für das Verstehen eines Satzes sein. Auf dieser Grundlage macht es auch keinen Sinn, das
Verstehen der Bedeutung eines Satzes mit dem Erfassen der angeführten Verifikationsbedin-
gungen gleichzusetzen. Anführungsnamen stellen in allen Kontexten dieselben semantischen
Erfordernisse an das Verstehen. Daher ist Künnes Argumentation korrekt und wir können von
ihr Gebrauch machen, um mittels (K7) erneut die Synonymiethese zu falsifizieren.
Das Resümee unsere Überlegungen bezüglich der Synonymiethese kann daher wie folgt lau-
ten: Jede disquotationale Wahrheitskonzeption, die auf der moderaten Anführungstilgungs-
these in ihrer starken Lesart basiert, ist unangemessen. Allerdings hat sich auch gezeigt, dass
der Disquotationalist berechtigterweise bei der mittleren Lesart der moderaten Anführungstil-
gungsthese Zuflucht nehmen kann. Darüber hinaus lässt sich sogar eine Lesart verteidigen,
die zwischen der mittleren und der starken Lesart liegt. Der Disquotationalist kann die Instan-
zen von ‚‚p’ ist wahr  p’ als wahre kognitive Äquivalenzen ansehen. 271 Somit gibt es immer
noch bestimmte Varianten der disquotationalen Konzeption der Wahrheit, die noch im Rennen
sind. Wir wollen nun nach weiteren Gründen suchen, die gegen die explanatorische Angemes-
senheit solcher Konzeptionen sprechen könnten.

(3.3.5) Argumente gegen die Angemessenheit der Anführungstilgungsthese

271 Diese These ist nicht mit der gleichlautenden These von Field zu verwechseln, denn für Field sind zwei Sätze
A und B dann und nur dann kognitiv äquivalent, wenn es die Ableitungsregeln einer Person erlauben, A mög -
lichst direkt aus B abzuleiten und umgekehrt. (Vgl. dazu: Field (1994a [1999], S. 353 Fn 2) und Künne (2003, S.
242)).
158
In den letzten fünf Abschnitten dieses Kapitels werde ich mich fünf unterschiedlichen Pro-
blemfeldern widmen, die eine Herausforderung für einen Verteidiger der Anführungstilgungs-
these in beliebigen Lesarten hinsichtlich ihres explanatorischen Status darstellen. Es wird sich
zeigen, welchen dieser Herausforderungen der Disquotationalist entsprechen kann und an
welchen er meiner Ansicht nach scheitert.

(3.3.5.1) Probleme mit nicht homophonen Instanzen des W-Schemas

Nach der moderaten Auslegung der Anführungstilgungsthese kommt dem Ausdruck ‚ist
wahr’, wenn er auf Anführungsnamen angewendet wird, deshalb eine anführungstilgende
Funktion zu, weil wir zu wahren Instanzen von ‚x ist wahr  p’ gelangen, wenn wir für ‚x’
einen Anführungsnamen einsetzen, der den Satz bezeichnet, den wir für ‚p’ einsetzen. Nun
kann der Ausdruck ‚ist wahr’ aber nicht nur im Zusammenhang mit Anführungsnamen der
deutschen Sprache gebraucht werden, sondern auch im Zusammenhang mit Anführungsna-
men für Sätze fremder Sprachen. Auf dieser Grundlage können ebenso wahre Instanzen des
Schemas ‚x ist wahr  p’ generiert werden; für diese Instanzen gilt allerdings unter keinen
Umständen, dass der für ‚x’ eingesetzte Anführungsname den Satz, der für ‚p’ eingesetzt wird,
bezeichnet. Ein Beispiel für eine solche wahre Instanz des Schemas ‚x ist wahr  p’ ist die
folgende:

(21) ‚Grass is green’ ist wahr (in Englisch)  Gras grün ist.

Daraus ergibt sich, dass die Funktion des Ausdrucks ‚ist wahr’, wenn dieser Ausdruck auf An-
führungsnamen angewendet wird, nicht durch die Anführungstilgungsthese in ihrer moderaten
Auslegung erfasst wird. Daher wird auch jede explanatorische Ergänzung zur moderaten An-
führungstilgungsthese als unangemessen ausgewiesen, da diese unter der Voraussetzung der
Gültigkeit der moderaten Anführungstilgungsthese den sinnvollen Gebrauch von ‚ist wahr’ in
Sätze wie (21) nicht erklären kann.272
Dieses Problem scheint allerdings ausgeräumt werden zu können. Wir können die Wahrheit
einer nicht-homophonen Instanz wie (21) durch ihre korrespondierende homophone Instanz,
also

(22) ‚Gras ist grün’ ist wahr (in Deutsch)  Gras grün ist

erklären, indem wir auf Übersetzungspostulate wie das folgende zurückgreifen:

(23) ‚Grass is green’ bedeutet in Englisch dasselbe wie ‚Gras ist grün’ in Deutsch.
272Vgl. dazu: David (1994, S. 135-139); Field (1994a [1999], S. 377-380); Halbach (2003, S. 117-124); Shapiro
(2003, S. 115-118).
159
Auf der Grundlage der Wahrheit von (22) und (23) erklärt sich die Wahrheit von (21). D. h.,
auch wenn der Gebrauch von ‚ist wahr’ im Rahmen von (21) ein nicht-anführungstilgender
Gebrauch ist, so lässt sich dieser Gebrauch unter Zuhilfenahme relativ unkontroverser Prinzi-
pien wie (23) und den anführungstilgenden Gebrauch von ‚ist wahr’ in (22) erklären.
Die Anwendbarkeit des Ausdrucks ‚ist wahr’ auf Sätze fremder Sprachen stellt aber nicht nur
die Gültigkeit der Anführungstilgungsthese in Frage, sie stellt obendrein auch die Angemes-
senheit einer Konzeption der Wahrheit in Frage, die sich ausschließlich auf die Instanzen des
Schemas ‚x ist wahr  p’ stützt. Es ist durchaus möglich und denkbar, dass es Sätze gibt, die
in unsere aktuale Zielsprache, in der wir über ein anführungstilgendes Wahrheitsprädikat ver-
fügen, nicht übersetzbar sind. Zwei Fälle sind in diesem Zusammenhang denkbar: (a) Es gibt
Sätze in mindestens einer fremden Sprache, die Wahrheitsbedingungen haben. Diese Sätze
sind nicht in die aktuale natürliche Zielsprache übersetzbar, obwohl der betreffende Disquota-
tionalist diese Sätze versteht, weil er die betreffende fremde Sprache beherrscht. (b) Es gibt
Sätze in mindestens einer fremden Sprache, die Wahrheitsbedingungen haben. Diese Sätze
sind nicht in die aktuale natürliche Zielsprache übersetzbar und der betreffende Disquotatio-
nalist versteht diese Sätze nicht. Um dem Fall (a) gerecht werden zu können, kann sich der
Disquotationalist auf seinen Idiolekt zurückziehen und in diesem Zusammenhang ein anfüh-
rungstilgendes Wahrheitsprädikat einführen, welches auf alle Sätze zutrifft, die er versteht.
Auf dieser Grundlage sind auch Instanzen des Schemas ‚x ist wahr  p’ wie die folgenden
denkbar:273

(24) ‚Snow is white’ ist wahr im Idiolekt von D  Snow is white.

Wenn solche Instanzen wie (24) zulässig sind, dann lassen sich auf dieser Grundlage auch die
unter (a) beschriebenen Fälle erfassen. Es mag fremdsprachige Sätze geben, die sich nicht in
die Muttersprache des Disquotationalisten übersetzen lassen, die dieser aber versteht. Der
Disquotationalist kann auf der Grundlage von Instanzen wie (24) die Wahrheitsbedingungen
dieser Sätze angeben.
Schwerwiegender sind allerdings die unter (b) angeführten Fälle. Diese Fälle können nicht
durch Instanzen wie (24) erfasst werden. Der Disquotationalist ist aktual weder im Rahmen
seiner Muttersprache noch im Rahmen seines Idiolekts in der Lage, für solche Sätze Wahr-
heitsbedingungen auf der Grundlage der Instanzen von ‚x ist wahr  p’ zu formulieren, und
er verfügt somit aktual über kein Verständnis der Wahrheitsbedingungen solcher fremdspra-
chiger Sätze. Er verfügt somit zu seinem aktualen Wissensstand über keine Mittel, die Wahr-
heit von singulären Wahrheitszuschreibungen auf die angeführten fremdsprachigen Sätze zu

273 Vgl. dazu: Field (1994a [1999], S. 379-380).


160
erklären. Denn er kann weder direkt homophone Wahrheitsbedingungen für diese Sätze for-
mulieren noch diese Wahrheitsbedingungen durch Übersetzungspostulate auf homophone
Wahrheitsbedingungen, die er versteht, zurückführen.274
Dieses Problem erfordert somit zumindest die Einschränkung der Gültigkeit der Anführung-
stilgungsthese und ihrer explanatorischen Ergänzung auf die Sätze, die jemand in der Lage ist
zu verstehen. Damit kann der Disquotationalist allerdings nicht mehr dem Anspruch nach-
kommen, unseren natürlichen Wahrheitsbegriff275 auf der Basis einer rein disquotationalen
Wahrheitskonzeption zu erfassen.276 Denn es ist ein Kennzeichen dieses Wahrheitsbegriffs,
dass wir auch Sätzen, die wir nicht verstehen können, die Eigenschaft der Wahrheit zuschrei-
ben können. Das gilt sogar für Sätze, deren Verständnis unsere kognitiven Kapazitäten grund-
sätzlich übersteigt. Wir können bspw. einer unendlichen Disjunktion von Sätzen die Eigen-
schaft der Wahrheit zuschreiben, ohne in der Lage sein zu müssen, den Gehalt dieser Disjunk-
tion zu erfassen. Wir können auch Sätzen von außerirdischen Wesen, die uns an kognitiven
Fähigkeiten weit überragen, die Eigenschaft der Wahrheit zuschreiben, ohne in der Lage sein
zu müssen, diese Sätze jemals zu verstehen.277

(3.3.5.2) Probleme mit mehrdeutigen Instanzen des W-Schemas

Ein weiteres Problem in Bezug auf die Angemessenheit der Anführungstilgungsthese in ihrer
moderaten Formulierung stellt der Umstand dar, dass es in natürlichen Sprachen eine große
Anzahl mehrdeutiger Sätze gibt. Wenn ich mittels solcher Sätze Instanzen des Schemas ‚x ist
wahr  p’ erzeuge, dann erhalte ich mehrdeutige Wahrheitsbedingungen für ein und densel-
ben Satz. Ich kann also dem Umstand auf dieser Grundlage nicht angemessen Rechnung tra-
gen, dass ein und derselbe Satz mit unterschiedlichen Bedeutungen verwendet werden kann
und somit in einer Verwendung wahr, in der anderen aber falsch sein kann. Betrachten wir die
folgende Beispielinstanz des Schemas ‚x ist wahr  p’:

(25) ‚Peter wäre gerne Besitzer einer Bank’ ist wahr  Peter gerne Besitzer einer Bank wäre.

Damit die Instanz (25) einen eindeutigen und definitiven Gehalt bekommt, muss ich mich ent-
scheiden, in welchem Sinn ich das Wort ‚Bank’ im Sukzedens von (25) gebrauche. Ich muss
mich auf eine der unterschiedlichen Bedeutungen des Wortes festlegen, sonst erhält der ganze
Satz (25) keinen bestimmten Gehalt und somit keinen explanatorischen Wert in Bezug auf die
Wahrheitsbedingungen des Satzes ‚Peter wäre gerne Besitzer einer Bank’. Ein Vertreter der

274 Vgl. dazu: Künne (2003, S. 245-248); Shapiro (1999, S. 118-122).


275 Das ist der Begriff der Wahrheit, der bspw. durch den Ausdruck ‚ist wahr’ in der natürlichen Sprache Deutsch
ausgedrückt wird.
276 Vgl. dazu: Bar-On und Simmons (2006, S. 616); Künne (2003, S. 246).
277 Vgl. Dazu: Künne (2003, S. 246-247).

161
moderaten Anführungstilgungsthese muss nun einen Weg finden, den Umstand zu erklären,
dass ein und derselbe Satz aufgrund einer Mehrdeutigkeit unterschiedliche Wahrheitsbedin-
gungen und daher auch unterschiedliche Wahrheitswerte haben kann.278
Um mehrdeutigen Sätzen in eindeutiger Weise Wahrheitsbedingungen zuschreiben zu können,
genügt es allerdings nicht, (25) ausschließlich dadurch eindeutig zu machen, dass man die
Mehrdeutigkeiten im Rahmen des Sukzedens von (25) ausräumt, was zu den beiden folgen-
den nicht-homophonen Instanzen des Schemas ‚x ist wahr  p’ führen würde:

(26) ‚Peter wäre gerne Besitzer einer Bank’ ist wahr  Peter gerne Besitzer einer Sitzbank wäre.
(27) ‚Peter wäre gerne Besitzer einer Bank’ ist wahr  Peter gerne Besitzer eines Geldinstituts wäre.

Dieses Vorgehen ist deshalb unangemessen, da sich aus (26) und (27) unmittelbar die folgen-
de Falschheit ableiten lässt:279

(28) Peter wäre gerne Besitzer einer Sitzbank  Peter wäre gerne Besitzer eines Geldinstituts.

Wir müssten, um dieses Problem zu vermeiden, bspw. auch der Mehrdeutigkeit des Vorder-
glieds von (26) und (27) Rechnung tragen können.
Ein allgemeiner Exkurs mag das Verstehen dieses Problems schärfen: Wenn man einen Satz
wie ‚Peter wäre gern Besitzer einer Bank’ im Rahmen einer Argumentation verwendet, dann
kann man das Problem der Äquivokation dadurch vermeiden, indem man fordert, den Satz
stets in derselben Lesart zu verwenden. Es gibt allerdings auch Argumentationen, bezüglich
derer es notwendig sein kann, Sätze in unterschiedlichen Lesarten zu verwenden. Das würde
auf (26) und (27) zutreffen, wenn wir diese Sätze als Prämissen eines Arguments verwenden
möchten. Wie sollen wir nun mit diesem verstärkten Problem der Äquivokation umgehen?
Womöglich sind wir dazu in der Lage, im Geiste die richtigen Zuordnungen in Bezug auf die
verwendeten mehrdeutigen Sätze und ihre Bedeutungen zu machen. 280 Wir können diese in-
nerliche Zuordnung auch durch die Indizierung bestimmter verwendeter Sätze externalisieren.
Wenn wir allerdings (25) im Rahmen eines Arguments zwei unterschiedliche Lesarten zuer-
kennen wollen, dann genügt es dafür nicht, den Satz ‚Peter wäre gern Besitzer einer Bank’ in
den richtigen Kontexten hinsichtlich unterschiedlicher Lesarten zu indizieren, denn diese Art
der bedeutungsbezogenen Indizierung kann nicht einfach so auf das Vorderglied von (25)
übertragen werden. Die Bedeutung eines Satzes, der in einem Anführungskontext gebraucht
wird, ist für die Semantik des Anführungsnamens also völlig irrelevant.

278 Vgl. dazu: David (1994, S. 150-155); Field (1994a [1999], S. 384-386).
279 Da der Ausdruck ‚Peter’ unterschiedliche Bezugsgegenstände hat, könnte dieses Problem auch in Bezug auf
die „Mehrdeutigkeit“ dieses Namens durchexerziert werden.
280 Vgl. dazu Field (1994a [1999], S. 385).

162
Es scheint zwei unterschiedliche Strategien zu geben, dieses weitere Problem in den Griff zu
bekommen. Die eine Strategie besteht darin, an der Indizierungsstrategie grundsätzlich festzu-
halten, sie aber durch weitere Annahmen zu ergänzen. Wir müssen zum Zweck der Unter-
scheidung zweier Lesarten von (25) nicht nur die Lesarten eines Satzes, sondern Sätze selbst
indizieren, um die Ableitung von Falschheiten zu blockieren. (25) kann auf dieser Grundlage
in die folgenden beiden Äquivalenzen überführt werden.

(26*) ‚Peter wäre gerne Besitzer einer Bank1’ ist wahr  Peter gerne Besitzer einer Bank wäre1.
(27*) ‚Peter wäre gerne Besitzer einer Bank2’ ist wahr  Peter gerne Besitzer einer Bank wäre2.

Diese Strategie zieht allerdings zwei Probleme nach sich. Das erste Problem besteht im Fol-
genden: Weil die Indizierung eines Satzes nicht dasselbe wie die Indizierung einer Lesart ist,
sind (26*) und (27*) keine homophonen Instanzen von ‚x ist wahr  p’ und erfüllen somit
die Anforderungen nicht, welche die Anführungstilgungsthese in ihrer moderaten Auslegung
verlangt. Die Bedeutung oder Lesart eines Satzes spielt überhaupt keine Rolle, wenn ein Satz
in einem Anführungskontext gebraucht wird, da Anführungsnamen von Sätzen Namen für
Satztypen sind. Die Relativierung auf der rechten Seite eines Bikonditionals wie (26*) muss
daher von anderer Art sein als die Relativierung auf der linken Seite des Bikonditionals. Denn
auf der rechten Seite wird der Satz verwendet und in diesem Kontext ist seine Mehrdeutigkeit
sehr wohl ein relevanter semantischer Faktor. Diesem Problem kann allerdings Abhilfe ge-
schaffen werden, wenn wir nicht mehr davon ausgehen, dass wir durch die Indizierung von
Sätzen außerhalb von Anführungskontexten Lesarten indizieren, sondern vielmehr davon,
dass wir auch in diesem Zusammenhang Satztypen indizieren; d.h. die Verwendung eines un-
terschiedlichen Satztyps ähnlicher Gestalt. Auch wenn dieser Zug uns nun erlaubt, (26*) und
(27*) als homophone Instanzen von ‚x ist wahr  p’ anzusehen, verstärkt er ein zweites Pro-
blem dieser Lösung. Damit wir (25) auf der Grundlage der erweiterten Indizierungsstrategie
in zwei unterschiedliche Instanzen des Schemas ‚x ist wahr  p’ überführen können, müssen
wir von der Voraussetzung ausgehen, dass es nicht einen, sondern mindestens zwei unter-
schiedliche Satztypen der Form ‚Peter wäre gern Besitzer einer Bank’ gibt. Diesen unter-
schiedlichen Satztypen werden auf der Grundlage von (26*) und (27*) dann unterschiedliche
Wahrheitsbedingungen zugeordnet. Das ist aber eine in gleich mehrerlei Hinsicht unplausible
Voraussetzung.
An erster Stelle verstößt sie wohl gegen das Prinzip, nicht mehr Entitäten zu postulieren, als
dies notwendig ist. Schließlich wird auf dieser Grundlage für jede Satzbedeutung eine eigene
Entität, ein eigenständiger Satztyp postuliert.

163
Da Satztypen in der Syntaxtheorie als strukturierte Einheiten aufgefasst werden, müssen wir
wohl davon ausgehen, dass unterschiedliche Satztypen auch von unterschiedlichen Worttypen
Gebrauch machen. Die Unterscheidung von Worttypen hängt auf dieser Grundlage von se-
mantischen Tatsachen ab. Damit setzte unser Wissen über die syntaktischen Strukturen von
Sätzen ein Wissen über die Semantik dieser Ausdrücke voraus. Das ist allerdings eine höchst
unplausible Konsequenz.
Darüber hinaus werden wir dazu gedrängt, auch Anführungsnamen für mehrdeutige Sätze als
extreme mehrdeutige Ausdrücke anzusehen. Wenn wir allerdings Satztypen nicht mehr allein
über ihre Form individuieren können, sondern ihre Bedeutungen bei der Individuation berück-
sichtigen müssen, dann hängt der Bezug eines Anführungsnamens auch plötzlich vom Wissen
über die Bedeutungen von Sätzen ab. Dies ist vor allem deshalb höchst unplausibel, weil Sät-
ze in Anführungskontexten bei einer Übersetzung eines Satzes in eine andere Sprache nicht
immer mit zu übersetzen sind. Jemand, der einen Anführungsnamen in Bezug auf den Satz ei-
ner fremden Sprache verstehen will, müsste dann den betreffenden Satz der fremden Sprache
verstehen und identifizieren können; was wiederum unplausibel ist.
Des Weiteren gibt es Satztypen, die zwar syntaktisch wohlgeformte Gebilde sind, denen aber
keine Satzbedeutung zukommt. Diese Satztypen werden dann auf ganz andere Weise indivi-
duiert als solche, die Bedeutungen haben. Auch diese Konsequenz ist sehr fragwürdig.
Die unplausiblen Konsequenzen der adaptieren Indizierungsstrategie ließen sich bestimmt
noch vermehren. Das Grundproblem dieser Lösung besteht wohl darin, dass ein semantisches
Problem nicht semantisch gelöst wird, sondern in die Ontologie verschoben wird; was dann
zu einer ganzen Reihe von verqueren Konsequenzen führt. D.h., diese Lösung des Mehrdeu-
tigkeitsproblems hätte in jedem Fall einen sehr hohen Preis; meiner Ansicht nach einen viel zu
hohen Preis.
Die zweite erwähnte Strategie besteht darin, die Indizierungsstrategie aufzugeben und die
oben bereits eingeschlagene Strategie, mehrdeutige Sätze durch synonyme eindeutige Sätze
zu ersetzen, weiter auszubauen. Wie können wir diese Strategie nun adaptieren, um den Sät-
zen (26) und (27) eine Lesart zu geben, welche die Ableitung von (28) nicht ermöglicht? Die
einzige sinnvolle Möglichkeit, dies zu gewährleisten, besteht meiner Ansicht nach darin, eine
Relativierung des Wahrheitsprädikats auf Satzbedeutungen vorzunehmen. Auf dieser Grund-
lage lassen sich (26) und (27) wie folgt transformieren:

(26’) ‚Peter wäre gerne Besitzer einer Bank’ ist wahr relativ zu seiner Bedeutung A  Peter wäre gerne Besit-
zer einer Sitzbank.
(27’) ‚Peter wäre gerne Besitzer einer Bank’ ist wahr relativ zu seiner Bedeutung B  Peter wäre gerne Besit-
zer eines Geldinstituts.

164
Durch diese Relativierung ist es nicht mehr möglich, aus (26’) und (27’) die Konsequenz (28)
unmittelbar abzuleiten. Doch die Instanzen (26’) und (27’) erfüllen ebenso wie (26*) und
(27*) nicht die Anforderungen, die eine moderate Lesart der Anführungstilgungsthese an
manche Instanzen des Schemas ‚x ist wahr  p’ stellt. Auch diese Instanzen sind keine ho-
mophonen Instanzen. Ein zweites gewichtiges Problem dieser Strategie besteht allerdings dar-
in, dass sie auf der sehr fragwürdigen Voraussetzung basiert, dass sich für jeden mehrdeutigen
Satz der natürlichen Sprache eine eindeutige Paraphrase finden lässt. Damit scheitert meiner
Ansicht nach auch diese zweite Strategie zur Verteidigung der Anführungstilgungsthese in ih-
rer moderaten Auslegung in Bezug auf mehrdeutige Sätze. Der Vorwurf, dass der Disquotatio-
nalist die Wahrheitsbedingungen von mehrdeutigen Sätzen nicht angemessen erfassen kann,
bleibt daher bestehen.
Diesem Problem kann man meiner Ansicht nach auch nicht dadurch entgehen, dass man Satz-
vorkommnisse anstelle von Satztypen als primäre Wahrheitsträger auffasst. Wir können auf
dieser Grundlage (25) wie folgt reformulieren:

(25’) Es gibt mindestens ein Satzvorkommnis x, welches vom Typ ‚Peter wäre gerne Besitzer einer Bank’ ist,
und x ist wahr  Peter wäre gerne Besitzer einer Bank.

Damit ist jedoch für den Disquotationalisten nicht viel gewonnen, denn (25’) ist ebenso mehr-
deutig wie (25). Und der Disquotationalist muss genauso wie im Fall des Typs ‚Peter wäre
gerne Besitzer einer Bank’ bezüglich der Vorkommnisse, die diesem Typ entsprechen, zur
Charakterisierung der Wahrheitsbedingungen derselben auf eine nicht-anführungstilgende Va-
riante des Ausdrucks ‚ist wahr’ zurückgreifen. Das Einzige, was sich auf dieser Grundlage auf
den ersten Blick vermeiden ließe, ist eine Relativierung des Wahrheitsprädikats auf Bedeutun-
gen. Denn wir können auf der Grundlage von (25’), (26) und (27) wie folgt reformulieren:

(26’’) Es gibt mindestens ein Satzvorkommnis x, welches vom Typ ‚Peter wäre gerne Besitzer einer Bank’ ist,
und x ist wahr  Peter wäre gerne Besitzer einer Sitzbank.
(27’’) Es gibt mindestens ein Satzvorkommnis x, welches vom Typ ‚Peter wäre gerne Besitzer einer Bank’ ist,
und x ist wahr  Peter wäre gerne Besitzer eines Geldinstituts.

Wäre es nun garantiert, dass (26’’) aufgrund der Existenz eines anderen Satzvorkommnisses
wahr ist wie (27’’), dann wäre auf dieser Grundlage ebenso die Ableitung einer Falschheit, die
(28) entspricht, vermieden. Doch dies ist keineswegs garantiert. Wir können Satzvorkomm-
nisse auch mehrmals verwenden und dadurch unterschiedliche Gehalte ausdrücken. Auf Perry
geht das folgende Beispiel zurück, welches diesen Umstand verdeutlicht:

165
One can imagine the same token being reused as a token of a different type of sentence. Suppose there is a sign
in a flying school, intended to warn would-be pilots: “Flying planes can be dangerous.” The flying school goes
bankrupt; the manager of a park near the airport buys the sign and puts it next to another sign that prohibits
walking of high tightropes. In its new use the sign is a token of a type with [...] a different meaning than in its
original use. In principle, tokens could even be re-used for utterances in different languages[.] 281

Dieser Schwierigkeit können wir entgehen, wenn wir anstatt von Satzvorkommnissen die Äu-
ßerungen derselben als primäre Wahrheitsträger auffassen. Wir müssen vor dem Hintergrund
der Wiederverwendungsmöglichkeit von Satzvorkommnissen jedoch Äußerungen eines Satz-
vorkommnisses nicht nur als Produktionen derselben, sondern als Produktionen oder Verwen-
dungen eines Satzvorkommnisses auffassen. Aber auch eine Reformulierung von (25) auf die-
ser Grundlage löst das Grundproblem nicht. Denn die folgende Spezifizierung der Wahrheits-
bedingungen von Äußerungen des Typs ‚Peter wäre gerne Besitzer einer Bank’ ist ebenso
mehrdeutig wie (25):

(25’’) Es gibt mindestens eine Äußerung eines Satzvorkommnisses x, welches vom Typ ‚Peter wäre gerne Be-
sitzer einer Bank’ ist, und x ist wahr  Peter wäre gerne Besitzer einer Bank.

Diese Änderungen in Bezug auf die primären Wahrheitsträger mögen auf den ersten Blick die
Hoffnung aufkommen lassen, dass wir unter Preisgabe der moderaten Anführungstilgungs-
these wenigsten die Indizierungsstrategie ohne den Rückgriff auf unplausible Zusatzannah-
men anwenden können. Denn dass es unterschiedliche Äußerungen unterschiedlicher Satzvor-
kommnisse gibt, lässt sich schwer bezweifeln. Diese Strategie bringt allerdings einige weitere
Schwierigkeiten mit sich: einerseits die genaue Bestimmung des Verhältnisses zwischen ei-
nem Satztyp und seinen Vorkommnissen und andererseits, die im Rahmen unserer Überlegun-
gen wesentliche Schwierigkeit, eine Erklärung dafür zu liefern, wie Satztypen als sekundäre
Wahrheitsträger wahr oder falsch sein können, wenn es keine Vorkommnisse oder Äußerun-
gen als angebliche primäre Wahrheitsträger gibt, welche diesen Typen entsprechen.
Auf der Grundlage dieser Ausführungen komme ich daher zu dem Schluss, dass mehrdeutige
Einsetzungen für ‚p’ im Rahmen der Instanzen des Schemas ‚x ist wahr  p’ den explanatori-
schen Anspruch der Anführungstilgungsthese in ihrer moderaten Auslegung zumindest in Fra-
ge stellen, wenn auf ihrer Grundlage die Wahrheitsbedingungen beliebiger Sätze angemessen
spezifiziert werden sollen.

(3.3.5.3) Probleme mit wahrheitswertlosen Instanzen des W-Schemas

Aber nicht nur mehrdeutige Sätze werfen Schwierigkeiten in Bezug auf den explanatorischen
Status der Anführungstilgungsthese in ihrer moderaten Auslegung auf, sondern auch solche
281 Perry (2001, S. 38).
166
Sätze, die weder wahr noch falsch sind bzw. bezüglich derer es zumindest gute Gründe gibt,
anzunehmen, dass diese Sätze weder wahr noch falsch sind.
Sätze wie die folgenden werden von manchen Philosophen als Beispiele für Sätze genannt,
die weder wahr noch falsch sind: ‚Sherlock Holmes hat die Blutgruppe A positiv’, ‚Atlantis
liegt 100 km von Madrid entfernt’, ‚Die Menge all der Mengen, die sich nicht selbst als Ele-
ment enthalten, ist ein Element ihrer selbst’. Ein Vertreter der Anführungstilgungsthese in ih-
rer moderaten Auslegung scheint auf die These festgelegt zu sein, dass alle homophonen In-
stanzen des Schemas ‚x ist wahr  p’, die einen propositionalen Gehalt haben, wahr sind.
Seine Aufgabe besteht nun darin, zu erklären, wie Instanzen wie die folgenden, die nach der
Auffassung vieler Philosophen Sätze ohne Wahrheitswert enthalten, selbst wahr sein können:

(29) ‚Sherlock Holmes hat die Blutgruppe A positiv’ ist wahr  Sherlock Holmes die Blutgruppe A positiv
hat.
(30) ‚Atlantis liegt 100 km von Madrid entfernt’ ist wahr  Atlantis 100 km von Madrid entfernt liegt.
(31) ‚Die Menge all der Mengen, die sich nicht selbst als Element enthalten, ist ein Element ihrer selbst’ ist
wahr  die Menge all der Mengen, die sich nicht selbst als Element enthalten, ein Element ihrer selbst
ist.

Dummett hat darauf hingewiesen282, dass eine Wahrheitszuschreibung der Form ‚a ist wahr’ in
Bezug auf einen Satz ‚a’ ohne Wahrheitswert selbst als falsch angesehen werden sollte. Damit
haben die Sätze (29)-(31) ein falsches Vorderglied und ein wahrheitswertloses Hinterglied.
Wie soll auf dieser Grundlage aber die Wahrheit der Sätze (29)-(31) gewährleistet werden?
Dem Disquotationalisten stehen meiner Ansicht nach drei unterschiedliche Strategien zur Lö-
sung dieses Problems offen: (O1) Er bringt Argumente, welche die intuitive Voraussetzung
widerlegen, dass es gehaltvolle Sätze gibt, die weder wahr noch falsch sind. (O2) Er bringt
Argumente, welche die intuitive Voraussetzung widerlegen, dass Sätze, die weder wahr noch
falsch sind, einen propositionalen Gehalt haben und daher zu sinnvollen und wahren Instan-
zen des Schemas ‚x ist wahr  p’ führen können. (O3) Er schreibt dem Bikonditional ‚’ im
Rahmen des Schemas ‚x ist wahr  p’ eine nicht-klassische Semantik zu, welche es erlaubt,
die Instanzen dennoch als wahr anzusehen.
Die ersten beiden Strategien haben eine sehr hohe Beweislast. Wobei die Anforderungen, wel-
che die Strategie (O2) stellt, noch höher und unplausibler sind als die Anforderungen, welche
die erste Strategie stellt. Darüber hinaus scheint es schwer vorstellbar zu sein, dass man viele
ganz unterschiedlich fundierte Intuitionen über wahrheitswertlose Sätze mit ein paar ziemlich
globalen Argumenten unterminieren kann. Wie man es zustande bringen kann, allen intuitiv
wahrheitswertlosen Sätzen einen Gehalt abzusprechen, entzieht sich allerdings gänzlich mei-

282 Vgl. dazu: Dummett (1959 [1972], S. 4-5).


167
ner Vorstellungskraft. Im Gegensatz dazu ist die Option (O3) weitaus eleganter. Es bedarf
zwar auch einiger Überzeugungskraft, die klassische zweiwertige Lesart des Bikonditionals
im Rahmen der Instanzen von ‚x ist wahr  p’ aufzugeben, aber in jedem Fall gibt es diesbe-
züglich bereits unterschiedliche Angebote, die genau das gewünschte Resultat zum Ziel ha-
ben.283 In diesem Sinn scheint dieses Problem für den Disquotationalisten lösbar zu sein,
wenn auch nicht unbedingt auf der Grundlage einer stets gewünschten zusätzlichen Festle-
gung bezüglich der Semantik von Junktoren wie ‚’.

(3.3.5.4) Probleme mit indexikalischen Instanzen des W-Schemas

Eine vierte und letzte Klasse von Sätzen, die hier erwähnt und besprochen werden sollen und
die Probleme bezüglich der Angemessenheit der Anführungstilgungsthese aufwerfen, sind sol-
che Sätze, die sogenannte indexikalische Ausdrücke enthalten. Indexikalische Ausdrücke sind
solche wie ‚ich’, ‚jetzt’, ‚hier’, ‚das’ und ‚dies’. Solche Ausdrücke zeichnen sich dadurch aus,
dass die Bestimmung der propositionalen Gehalte, die diese Ausdrücke enthalten, die Mitein-
beziehung kontextsensitiver Parameter erfordert. D. h., worauf man sich bspw. mit der Äuße-
rung des Satzes ‚Ich bin hungrig’ bezieht, hängt vom Äußerer und dem Zeitpunkt der Äuße-
rung ab.
Sätze, die indexikalische Ausdrücke enthalten, können aufgrund der kontextabhängigen Se-
mantik dieser Ausdrücke keine rein disquotationalen Wahrheitsbedingungen haben, schließ-
lich gibt es unendlich viele mögliche Lesarten hinsichtlich derer die folgenden Instanzen des
Schemas ‚x ist wahr  p’ falsch sind:

(32) ‚Ich bin heute hier angekommen’ ist wahr  ich heute hier angekommen bin.
(33) ‚Das ist ein schönes Buch’ ist wahr  das ein schönes Buch ist.
(34) ‚Der Fisch war so groß’ ist wahr  der Fisch so groß war.

Es ist vielmehr notwendig, um die Wahrheitsbedingungen von Sätzen, die indexikalische Aus-
drücke enthalten, angemessen erklären zu können, ein auf Äußerungskontexte relativiertes
Wahrheitsprädikat einzuführen. Auf dieser Grundlage lassen sich problematische homophone
Instanzen von ‚x ist wahr  p’ wie (32)-(34) in unproblematische nicht-homophone Instan-
zen wie die folgenden überführen:

(32’) ‚Ich bin heute hier angekommen’=u und u ist wahr relativ zu dem Äußerungskontext c  der Äußerer
von u in c zum Zeitpunkt der Äußerung von u in c an dem Ort der Äußerung von u in c angekommen ist.

283 Siehe dazu bspw.: Malinowski (2001, S. 316); Bochvar (1938 [1981]).
168
(33’) ‚Das ist ein schönes Buch’=u und u ist wahr relativ zu dem Äußerungskontext c  der Gegenstand, auf
den der Äußerer von u während der Äußerung von u in c Bezug nimmt, zum Äußerungszeitpunkt von u in
c ein schönes Buch ist.
(34’) ‚Der Fisch war so groß’=u und u ist wahr relativ zu dem Äußerungskontext c  der Fisch, auf den der
Äußerer von u in c Bezug nimmt, diejenige Größe hat, die der Äußerer von u in c dem Adressaten seiner
Äußerung vermittelt.

Es fragt sich, ob der Disquotationalist nun in der Lage ist, die Gültigkeit dieser Instanzen un-
ter Einhaltung der folgenden Bedingungen zu erklären: (a) Er macht zu diesem Zweck keinen
Gebrauch von einem relativierten Wahrheitsprädikat, und (b) er macht zu diesem Zweck kei-
nen Gebrauch von nicht-homophonen Wahrheitsbedingungen.
Wenn es wie in den angeführten Bedingungen um die Wahrheitsbedingungen von Satztypen
geht, dann scheint das Unterfangen des Disquotationalisten aussichtslos zu sein. Den Satzty-
pen, die indexikalische Ausdrücke enthalten, kann ausschließlich relativ zu einem Äußerungs-
kontext ein Wahrheitswert zugeordnet werden. Dieser Umstand wird von Vertretern einer dis-
quotationalen Konzeption der Wahrheit zumeist auch eingestanden:

The first stage concerns sentence-types: here of course there is no hope of defining an unrelativized truth predic -
ate, since sentence-types like ‘I don’t like her’ don’t have a truth-value, but we can associate a truth-value to this
type relative to a pair of objects <b,c>; to say that ‘I don’t like her’ is true relative to <b,c> is simply to say that b
doesn’t like c.284

Der Disquotationalist könnte nun allerdings wie im Fall der mehrdeutigen Sätze versuchen,
zumindest für Äußerungen von Satzvorkommnissen angemessene disquotationale Wahrheits-
bedingungen zu finden. Auf das Beispiel (32) angewendet würde dies auf die folgende Refor-
mulierung hinauslaufen:

(32*) Es gibt mindestens eine Äußerung eines Satzvorkommnisses x, welches vom Typ ‚Ich bin heute hier an-
gekommen’ ist und x ist wahr  ich heute hier angekommen bin.

Damit ist jedoch nichts Wesentliches gegenüber (32) gewonnen, denn (32*) hat ebenso viele
unterschiedliche Lesarten wie (32). Darüber hinaus gibt es wie im Fall von (32) auch im Fall
von (32*) falsche Instanzen; denn es ist klar, dass es nicht für jeden Sachverhalt eine entspre-
chende Äußerung eines Satzvorkommnisses geben muss, die wahr ist.
Diesem Problem kann nur dadurch entgangen werden, dass (32*) wie folgt modal abge-
schwächt wird:

(32**) Es gibt mindestens eine mögliche Äußerung eines Satzvorkommnisses x, welches vom Typ ‚Ich bin
heute hier angekommen’ ist, und x ist wahr  ich heute hier angekommen bin.

284 Field (1994b[1999], S. 386).


169
Auf dieser Grundlage sind allerdings noch nicht alle falschen Instanzen von (32*) ausgeschal-
tet. Schließlich kann es ja durchaus sein, dass das Vorderglied von (32) wahr und das Hinter-
glied dennoch in seiner aktualen bzw. fixierten Lesart falsch ist. Darüber hinaus kann man
(32**) ebenso wenig wie (32) und (32*) auf eine bestimmte Lesart einschränken, denn dann
würde man nur die Wahrheitsbedingungen einer ganz bestimmten Äußerung von ‚Ich bin heu-
te hier angekommen’ mittels (32**) charakterisieren, was völlig unzureichend ist. Um ein vol-
les Verständnis der Wahrheitsbedingungen von Äußerungen des Typs ‚Ich bin heute hier ange-
kommen’ auf der Grundlage von (32**) erlangen zu können, müsste man dazu in der Lage
sein, unendlich viele Lesarten von (32**) zu unterscheiden und zu erfassen. Das ist nicht nur
sehr unökonomisch, sondern für normalsterbliche Sprecher auch unerreichbar. Obendrein ha-
ben Auffassungen, die Äußerungen von Satzvorkommnissen, die indexikalische Ausdrücke
enthalten, und nicht Paare aus (a) Satztypen, die solche Ausdrücke enthalten, und (b) Äuße-
rungskontexten als Träger der Eigenschaft der Wahrheit auffassen, erhebliche Probleme, eine
Logik für indexikalische Ausdrücke zu formulieren. Das betrifft einerseits die Erklärung ein-
deutiger logischer Wahrheiten, die auf dieser Grundlage nicht geleistet werden kann, und an-
dererseits die Gültigkeit bestimmter Schlüsse, die ebenso vor diesem Hintergrund nicht ge-
währleistet werden kann. Darauf hat Kaplan eindrücklich hingewiesen.285 Aber selbst wenn
man von dieser Schwäche absieht, reichen die angeführten anderen Probleme meiner Ansicht
nach völlig aus, um zu diagnostizieren, dass Sätze, die indexikalische Ausdrücke enthalten,
nahezu unüberbrückbare Schwierigkeiten für eine Wahrheitskonzeption darstellen, die die Er-
klärung der Wahrheitsbedingungen einzelner Sätze durch die Anführungstilgungsthese in ihrer
moderaten Auslegung restringiert.286

(3.3.5.5) Probleme mit Sätzen als primäre Träger der Wahrheit

Wir haben bereits feststellen müssen, dass der Disquotationalist den Umstand, dass es in der
natürlichen Sprache möglich ist, dass jemand den Ausdruck ‚ist wahr’ sinnvoll und wahrheits-
gemäß auf Sätze anwenden kann, die er zu dem Zeitpunkt der Verwendung selbst nicht ver-
steht oder grundsätzlich nicht verstehen kann, allein auf der Basis von disquotationalen Wahr-
heitsbedingungen solcher Sätze nicht angemessen erklären kann. Deshalb war der Disquota-
tionalist gezwungen, die These aufzugeben, dass es möglich ist, eine disquotationale Konzep-

285 Vgl. dazu: “Utterances take time, and are produced one at a time; this will not do for the analysis of validity.
By the time an agent finished uttering a very, very long true premise and began uttering the conclusion, the
premise may have gone false. Thus even the most trivial inferences, P therefore P, may appear invalid. Also,
there are sentences which express a truth in certain contexts, but not if uttered. For example ‘I say nothing’. Lo -
gic and semantics are concerned not with the vagaries of actions, but with the varieties of meanings”, in: Kaplan
(1989b, S. 584-585).
286 Vgl. dazu: David (1994, S. 155-158); Field (1994a [1999], S. 386-388); Halbach (2003, S. 128-131).

170
tion der Wahrheit bezüglich des Ausdrucks ‚ist wahr’ – so wie wir ihn in der natürlichen Spra-
che verwenden – zu vertreten.
Ich möchte nun einige weitere Gründe gegen die These anführen, dass eine disquotationale
Wahrheitskonzeption eine angemessene Konzeption unseres natürlichen Wahrheitsbegriffs lie-
fern kann.
Folgendes scheint unbezweifelbar zu sein: In der natürlichen Sprache wenden wir den Aus-
druck ‚ist wahr’ nicht nur auf Anführungsnamen von Sätzen an, sondern wir sagen von unter-
schiedlichen und gänzlich anderen Entitäten als Sätzen, dass sie wahr sind. So sprechen wir
im Alltag und der Philosophie bspw. von wahren Behauptungen, wahren Überzeugungen,
wahren Propositionen und wahren Gedanken. Ein Vertreter einer disquotationalen Konzeption
der Wahrheit ist nun darauf festgelegt, dass entweder Satztypen oder Satztokens die primären
Träger der Eigenschaft der Wahrheit sind. Der Disquotationalist muss auf dieser Grundlage
erklären, inwiefern die Wahrheit sogenannter sekundärer Wahrheitsträger stets von der Wahr-
heit eines primären Wahrheitsträgers abhängig ist. Nun ist aber mehr als fraglich, ob die
Wahrheit jedes sekundären Wahrheitsträgers von der Wahrheit eines Satzes abhängig ist.
Wenn wir Gedanken in einem psychischen Sinn als Wahrheitsträger auffassen, dann müsste es
für jeden solchen Gedanken einen Satz geben, der ihm entspricht. Das können dann wohl nur
mentale Gegenstücke von gewöhnlichen Sätzen sein. Somit fordert die Erfüllung der ange-
führten Bedingung zumindest die Annahme relativ kontroverser Thesen. Aber es gibt auch
noch schwierigere Fälle. Wir können bspw. auch zukünftigen Behauptungen von Personen
Wahrheit zuschreiben, die wir gegenwärtig selbst weder formulieren noch verstehen können.
Der Disquotationalist müsste dann wohl die Wahrheit einer solchen Behauptung entweder
über die Wahrheit eines möglichen Satztokens, welches erst in der Zukunft produziert werden
kann, oder aber über die Wahrheit eines Satztyps, der erst in Zukunft eine Bedeutung haben
wird, erklären. Grundsätzlich scheint es vor allem in Bezug auf Überzeugungen, Behauptun-
gen oder Gedanken eine sehr unplausible Forderung zu sein, die Wahrheit solcher Entitäten
stets über die Wahrheit eines Satzes erklären zu müssen.
Ein weiteres sprachliches Faktum in Bezug auf die natürliche Sprache besteht darin, dass wir
in der natürlichen Sprache beinahe ausschließlich das unrelativierte Wahrheitsprädikat ‚ist
wahr’ gebrauchen. Wenn der Vertreter einer disquotationalen Wahrheitskonzeption das Wahr-
heitsprädikat in dieser unrelativierten Weise verwendet, dann ist seine Verwendung eine ellip-
tische Verwendung für ein Wahrheitsprädikat, welches entweder auf eine Sprache oder einen
Idiolekt relativiert wird. Der Disquotationalist müsste somit, um das angeführte sprachliche
Faktum erklären zu können, alle Verwendungen von ‚ist wahr’ als elliptische Verwendungen
ausweisen, und zwar ausschließlich als elliptische Verwendungen in einer der beiden ange-
führten Weisen. Eine solche Annahme scheint aber nicht nur unplausibel zu sein, sondern sie

171
scheint sehr schwer mit den linguistischen Fakten über unsere Verwendung von ‚ist wahr’ in
Einklang zu bringen zu sein.
Ein weiteres linguistisches Faktum, welches in diesem Zusammenhang die wohl größten Pro-
bleme aufwirft, möchte ich hier noch nennen. Wenn wir Behauptungen, Äußerungen oder
Überzeugungen wahr nennen, dann meinen wir damit nicht die betreffenden Akte oder menta-
len Zustände, sondern wir schreiben den Inhalten dieser Akte oder Zustände Wahrheit zu.
Ganz offensichtlich scheint mir das, wenn wir Ausdrücke wie ‚Was S sagte’ oder ‚Was S be-
hauptet’ oder ‚Wovon S überzeugt ist’ verwenden. Diese Ausdrücke beziehen sich auf die Ge-
halte von Behauptungen oder Überzeugungen und wir können sie mittels des Wahrheitsprädi-
kats zu sinnvollen Sätzen ergänzen. Der Disquotationalist müsste all diese Fakten wegerklä-
ren können. Dies scheint mir ein hoffungsloses Unterfangen zu sein.287
Wenn wir nun hingegen Propositionen als die primären Träger der Wahrheit ansehen und Sät-
ze nur als sekundäre Wahrheitsträger betrachten, dann können wir mit allen angeführten Fak-
ten sehr leicht umgehen. Propositionen können in sinnvoller Weise als die Gehalte von Be-
hauptungen, Äußerungen, Überzeugungen, etc. angesehen werden. Wir können somit auf die-
ser Grundlage dem Umstand ganz einfach Rechnung tragen, dass wir den Inhalten dieser En-
titäten Wahrheit zusprechen, wenn wir Propositionen mit diesen Inhalten identifizieren.
Wir können der Tatsache, dass wir den Ausdruck ‚ist wahr’ in vielen Fällen in einer nicht-
elliptischen Weise verwenden, nur durch die Einführung von Propositionen gerecht werden.
Denn nur Propositionen, wenn sie in einer bestimmten Weise aufgefasst werden, können sim-
pliciter wahr oder falsch sein.
Auch das dritte angeführte Faktum lässt sich nunmehr viel einfacher erklären. Alle Entitäten,
die wir in einem sekundären Sinne wahr nennen, können in einer sinnvollen und auch nahelie-
genden Weise mit entsprechenden Propositionen in Verbindungen gebracht werden. Wir kön-
nen somit das Faktum, dass es viele sekundäre Wahrheitsträger gibt, am besten und einfachs-
ten erklären, indem wir Propositionen als Wahrheitsträger ansehen.
Diese explanatorische Überlegenheit einer alternativen Konzeption in Bezug auf die primären
Träger der Wahrheit legt somit auch den Schluss nahe, dass die disquotationale Konzeption
der Wahrheit auf einer falschen Annahme basiert, wenn sie Sätze zu primären Trägern der Ei-
genschaft der Wahrheit macht. Die disquotationale Konzeption der Wahrheit scheint daher aus
weiteren Gründen keine angemessene Konzeption der Wahrheit zu sein, wenn es uns im Rah-
men einer solchen Konzeption darum geht, unseren natürlichen Begriff der Wahrheit zu be-
stimmen, so wie er bspw. durch den Ausdruck ‚ist wahr’ in der natürlichen Sprache Deutsch
repräsentiert wird.

287In Horisk (2005) wird die These verteidigt, dass der Disquotationalist blinde Wahrheitszuschreibungen wie
bspw. ‚Was Peter sagte, ist wahr’ nicht angemessen erklären kann.
172
(3.4) Schlussfolgerungen

Die angestellten kritischen Untersuchungen in Bezug auf die disquotationale Konzeption der
Wahrheit haben zusammenfassend zu den folgenden Ergebnissen geführt: Eine disquota-
tionale Konzeption der Wahrheit sollte nicht von der Anführungstilgungsthese in ihrer radika-
len Auslegung Gebrauch machen, weil diese These höchst unplausible Konsequenzen nach
sich zieht. Die moderate Auslegung der Anführungstilgungsthese hat sich nur in ihrer starken
Lesart als falsch erwiesen. Sie kann jedoch in der mittleren oder schwachen Lesart vertreten
werden. Die Generalisierungsthese wurde in ihrer moderaten Auslegung, d.h., wenn sie nicht
auf der Konjunktionsthese basiert, in diesem Kapitel keiner Kritik unterzogen.288 Die radikale
Auslegung der Generalisierungsthese konnte allerdings als falsch oder unbrauchbar ausgewie-
sen werden, weil sie nur auf der Basis der mittleren oder starken Lesart der Konjunktionsthese
die von ihr erforderten Zwecke erfüllen kann, aber die Konjunktionsthese in ebendiesen Les-
arten falsch ist. Insgesamt hat sich anhand einiger problematischer Merkmale der Anführung-
stilgungsthese gezeigt, dass eine disquotationale Konzeption der Wahrheit nicht dazu in der
Lage ist, eine Analyse des Wahrheitsbegriffs zu liefern, den wir in der natürlichen Sprache
durch ‚ist wahr’ ausgedrückt finden.

288 Vgl. dazu: Abschnitt 4.2.3.


173
4. Minimale Konzeptionen der Wahrheit und ihre Probleme

(4.0) Einleitung

Die minimale Konzeption der Wahrheit von Paul Horwich 289 gilt gegenwärtig immer noch als
eines der überzeugendsten Exemplare einer deflationären Wahrheitskonzeption, obwohl sie in
den letzten Jahren mit einer ganzen Reihe von Einwänden konfrontiert wurde, um deren Aus-
räumung sich Paul Horwich allerdings ausführlich bemüht hat. 290 Im ersten Teil dieses Kapi-
tels werde ich Horwichs minimale Konzeption der Wahrheit darlegen. Ich werde zeigen, aus
welchen Teiltheorien sie sich zusammensetzt und wie diese Theorien miteinander verbunden
sind. Im zweiten Teil werde ich mich ausführlich mit unterschiedlichen Problemen der Teil-
theorien der minimalen Konzeption der Wahrheit beschäftigen. Den Abschluss dieser Aus-
einandersetzung bildet eine kritische Beurteilung von Horwichs Auslegung der Korrespon-
denzintuition. Auf dieser Grundlage wird sich zeigen, inwiefern sich der minimalistische
Standpunkt verteidigen oder modifizieren lässt und wo die zentralen Schwächen dieses Stand-
punkts liegen.

(4.1) Minimale Wahrheitskonzeptionen und ihre Teiltheorien

Die Ausdrücke ‚Theorie der Wahrheit’ und ‚Konzeption der Wahrheit’ werden oft so verwen-
det, dass der eine stets für den anderen ohne Bedeutungsverlust ausgetauscht werden kann.
Horwich macht jedoch eine terminologische Unterscheidung zwischen seiner minimalen Kon-
zeption der Wahrheit und seiner minimalen Theorie der Wahrheit:

I shall call my theory of truth ‘the minimal theory’, and I shall refer to the surrounding remarks on behalf of its
adequacy as ‘the minimal conception’.291

Wenn wir diese Charakterisierung wörtlich nehmen, dann müssten wir die minimale Wahr-
heitskonzeption in einer etwas eigenwilligen Weise einerseits auf die minimale Theorie der
Wahrheit und andererseits auf alle Bemerkungen bezüglich ihrer Angemessenheit einschrän-
ken. Das kann von Horwich jedoch so nicht gemeint sein. Denn einerseits ergänzt er diese Be-
schreibung der minimalen Wahrheitskonzeption später durch eine Liste von fünf unterschied-
lichen Theorien – die minimale Theorie der Wahrheit ist nur eine dieser Theorien. Anderer-

289 Erstmalig in Horwich (1990).


290 Unter anderem in: Horwich (1990), Horwich (1998a), Horwich (2001), Horwich (2002a) und Horwich
(2005a).
291 Horwich (1998a, S. 6).

174
seits verteidigt er in einem später erschienenen Aufsatz 292 eine minimale Wahrheitskonzeption,
welche die minimale Theorie der Wahrheit gar nicht als Teiltheorie enthält. D.h., wir müssen
in jedem Fall unterschiedliche Auffassungen der minimalen Konzeption der Wahrheit unter-
scheiden. Die zitierte Beschreibung scheint jedoch keine wirklich sinnvolle Beschreibung da-
von zu sein. Als erste zu unterscheidende Beschreibung der minimalen Konzeption der Wahr-
heit möchte ich die Beschreibung ansehen, die Horwich durch die folgende Liste von Theori-
en selbst präsentiert:

1. A theory of the function of the truth predicate;


2. A theory of what it is for someone to understand the word ‘true’;
3. A theory of the meaning of the word ‘true’;
4. A theory of what it is to have, or grasp, the concept of truth;
5. A theory of truth itself. 293

Demnach lässt sich die minimale Wahrheitskonzeption im ersten Sinn als ein Konglomerat
von fünf Teiltheorien auffassen, die fünf unterschiedliche, aber sehr eng verwandte Themen
betreffen. (Keine dieser Theorien ist auf die andere reduzierbar. Manche Teiltheorien haben
allerdings andere Teiltheorien als Voraussetzung.) Den Kern dieser fünf Theorien bildet das,
was Horwich die minimale Theorie der Wahrheit nennt.294 Davon unterscheiden lässt sich
eine minimale Wahrheitskonzeption, die sich auf die erste, zweite und dritte der angeführten
Teiltheorien beschränkt. Diese Konzeption versucht Horwich in „A Defense of Minimalism“
zu verteidigen.295
Da vor diesem Hintergrund alternative Auffassungen der minimalen Konzeption der Wahrheit
nichts anderes als eingeschränkte Varianten der minimalen Konzeption der Wahrheit in ihrem
ersten und ursprünglichen Sinn darstellen, ist es wohl angebracht, sich vorwiegend mit dieser
ursprünglichen Version zu beschäftigen. Uns wird es somit darum gehen, zu klären, wie diese
fünf angeführten Theorien im Detail beschaffen sind und welche konkreten Zusammenhänge
zwischen diesen Teiltheorien bestehen.

(4.1.1) Die minimale Theorie der Wahrheit

292 Horwich (2001) und Horwich (2002a). Wobei der letztgenannte Text eine Überarbeitung des erstgenannten
ist. In beiden Aufsätzen ist zu lesen: „… it is important to be clear about what sort of theoretical work the minim-
alist proposal is not meant to do and should not to be blamed for failing to do. […] [I]t is not a ‘theory of truth’
in the sense of a set of fundamental postulates on the basis of which all other facts about truth can be explained.
Its immediate concern is with the word “true” rather than with truth itself.” Horwich (2001, S. 150-151); Hor-
wich (2002a, S. 59-60).
293 Horwich (1998a, S. 36).
294 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 6-8).
295 Vgl. dazu: Horwich (2001, S. 149-151) und Horwich (2002a, S. 57-60).

175
Beginnen wir mit dem Kernstück der ursprünglichen minimalen Wahrheitskonzeption von
Horwich, der minimalen Theorie der Wahrheit. Im Anschluss an die eben zitierte Aufzählung
liefert Horwich die folgende diesbezügliche Charakterisierung:

… the theory of truth itself – specifying the explanatorily fundamental facts about truth – is made up of instances
of […] [the equivalence] schema.296

Dieser Charakterisierung ist zweierlei zu entnehmen: (a) welche explanatorische Funktion


Horwich einer Theorie der Wahrheit zuschreibt und (b) durch welche Theoreme diese Funkti-
on erfüllt werden soll. Beginnen wir mit den Theoremen, welche die minimale Theorie aus-
machen. Horwich unterscheidet nicht nur unterschiedliche Arten, diese Theoreme einzufüh-
ren,297 er scheint darüber hinaus auch implizit zwei unterschiedliche Arten der Formulierung
der Theoreme zu liefern.
Seine Theorie ist in jedem Fall eine axiomatische Theorie, die eine unendliche Anzahl von
Axiomen hat. Diese Axiome können somit nicht explizit formuliert werden. 298 Es bedarf da-
her einer impliziten Weise, diese Theorie einzuführen. Ich beschränke mich hier auf die zwei-
te und unkompliziertere Weise der Einführung der Axiome der Theorie, die von Horwich vor-
geschlagen wurde.299
Horwich macht zu diesem Zweck von einem Schema Gebrauch, auf dessen Grundlage unend-
lich viele Instanzen erzeugt werden können, welche die besagten Axiome darstellen. Horwich
selbst nennt dieses Schema das Äquivalenzschema; es lässt sich derart formulieren:

(W*) Die Proposition, dass p, ist wahr genau dann, wenn p.

Als zwei Beispiele für Instanzen des Schemas lassen sich die folgenden Sätze anführen:

(W*1) Die Proposition, dass Gras grün ist, ist wahr genau dann, wenn Gras grün ist.
(W*2) Die Proposition, dass Hunde bellen, ist wahr genau dann, wenn Hunde bellen.

296 Horwich (1998a, S. 37). Vgl. dazu: Horwich (1999, S. 20)


297Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 17-20).
298 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 11, S. 20).
299 Die erste Weise lässt sich kurz derart darlegen: Statt von dem Schema ‚<p> ist wahr  p’ – wie eben die

zweite hier besprochene Weise – macht diese Weise von dem Schema ‚<<p> ist wahr  p>’ Gebrauch. Die
Axiome der Theorie der Wahrheit sind auf dieser Grundlage alle Propositionen, die durch die Instanzen dieses
Schemas bezeichnet werden. Um diese Formulierung verallgemeinern zu können, fasst Horwich das Schema
‚<<p> ist wahr  p>’ als Ausdruck für eine Funktion F von Propositionen der Form ‚<p>’ in Propositionen der
Form ‚<<p> ist wahr  p>’ auf. Auf dieser Grundlage lässt sich sagen, dass alle diejenigen Propositionen Axio-
me der Theorie der Wahrheit sind, die durch Anwendung der Funktion F auf beliebige Propositionen als Wert re-
sultieren. Man kann sich allerdings fragen, ob das besagte Schema wirklich für eine Funktion der beschriebenen
Art steht. Aus diesem Grund möchte ich bei meiner Darlegung der Theorie auch nicht von dieser Art der Einfüh-
rung Gebrauch machen. Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 19-20); Garcia-Carpintero (1998, S. 60); Künne (2003, S.
322-323).
176
Die Erzeugung von Instanzen aus einem Schema wie (W*) ist immer bestimmten Restriktio-
nen unterworfen. Horwich selbst führt dafür die folgenden Restriktionen an:

… (a) each ‘p’ is replaced with tokens of an English sentence, (b) these tokens are given the same interpretation
as one another, (c) under that interpretation they express the content of a statement (a proposition), and (d) the
terms ‘that’ and ‘proposition’ are given their English meanings.300

Vor diesem Hintergrund kann man nun in zweierlei Weise eine axiomatische Theorie der
Wahrheit formulieren. Erstens kann man alle Instanzen des W*-Schemas, die die gegebenen
Restriktionen – angewandt auf die Sprache Deutsch – erfüllen, als die Axiome der minimalen
Theorie der Wahrheit auffassen. Da das W*-Schema selbst satzartigen Charakter hat, sind die
Instanzen dieses Schemas als Sätze, genauer gesagt, als Satztypen anzusehen. Zweitens kann
man nicht die restringierten Instanzen des W*-Schemas selbst, sondern man kann die Proposi-
tionen, die durch diese Instanzen ausgedrückt werden, als die Axiome der minimalen Theorie
der Wahrheit ansehen. Es gibt somit eine sententiale und eine propositionale Variante, die mi-
nimale Theorie der Wahrheit zu formulieren. In beiden Fällen handelt es sich um eine Theorie
der Wahrheit von Propositionen, aber nur im letzteren Fall sind die Axiome der Theorie auch
selbst Propositionen.
In Anbetracht bestimmter Widersprüche, die sich aus manchen Instanzen von (W*) unter Hin-
zunahme intuitiv plausibler Annahmen ergeben, die unter dem Ausdruck ‚Lügnerparadoxon’
weite Bekanntheit erlangten, sah sich Horwich allerdings genötigt, den als Axiome seiner
Theorie zulässigen Instanzen des W*-Schemas weitere Restriktionen aufzuerlegen, um damit
die Instanzen auszuschließen, die paradoxe Konsequenzen nach sich ziehen. 301 Wie diese zu-
sätzlichen Restriktionen auszusehen haben, darüber schweigt sich Horwich allerdings in
„Truth“ weitestgehend aus.302 Wir können diese Reformulierung der Theorie somit nur andeu-
ten: Die minimale Theorie der Wahrheit besteht aus den nicht-paradoxen Instanzen des W*-
Schemas, die den oben angeführten Restriktionen unterworfen sind.
Wir wissen nun, welche Versionen der minimalen Theorie der Wahrheit zu unterscheiden sind
und wie diese nach Horwich formuliert werden können; was wir allerdings noch nicht wissen,
ist, was der Zweck oder die Funktion ist, die Horwich mit seiner axiomatischen Theorie der
Wahrheit zu erfüllen gedenkt. Wir kommen somit zu dem zweiten Punkt, der in dem oben an-
geführten Zitat beschrieben wird. Dort heißt es, dass die Axiome der minimalen Theorie der
Wahrheit die explanatorisch fundamentalen Tatsachen der Wahrheit spezifizieren. Was ist da-
mit konkret gemeint? Um diese Charakterisierung zu verstehen, sollten wir einen genaueren

300 Horwich (1998a, S. 126).


301Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 40-43).
302 In Horwich (2005a) wird allerdings ein diesbezüglicher Vorschlag gemacht, auf den wir später noch eingehen

werden.
177
Blick auf die von Horwich eingeführte Adäquatheitsbedingung für eine Theorie der Wahrheit
werfen. Hier einige diesbezüglich relevante Bemerkungen:

According to the minimalist thesis, all of the facts whose expression involves the truth predicate may be ex -
plained in such a way: namely, by assuming no more about truth than instances of the equivalence schema. 303

The virtue of minimalism, I claim, is that it provides a theory of truth that is a theory of nothing else, but which
is sufficient, in combination with theories of other phenomena, to explain all the facts about truth. 304

… an adequate theory of any phenomenon (e.g. truth) must explain all the facts concerning that phenomenon
(e.g. general facts about truth).305

Alleine auf der Grundlage des ersten dieser drei Zitate mag es so erscheinen, als wolle Hor-
wich Folgendes behaupten: Eine Theorie der Wahrheit ist dann adäquat, wenn sie (alleine)
alle Tatsachen der Wahrheit erklären kann. Doch dieser Eindruck wird sogleich durch das
nächste angeführte Zitat zerstreut; es sollte viel mehr heißen: Eine Theorie der Wahrheit ist
dann adäquat, wenn sie zusammen mit anderen Theorien alle Tatsachen der Wahrheit erklären
kann. Bevor wir uns mit dem Verhältnis der minimalen Theorie der Wahrheit zu den anderen
Theorien beschäftigen werden, die in dieser Bedingung angesprochen werden, wollen wir uns
mit zwei weiteren darin enthaltenen Begriffen beschäftigen. Was meint Horwich mit Tatsa-
chen der Wahrheit? Horwich identifiziert allgemein Tatsachen mit wahren Propositionen. 306
Somit sind Tatsachen der Wahrheit wahre Propositionen, die nur durch Sätze ausgedrückt
werden können, die das Wahrheitsprädikat (oder zumindest ein synonymes Prädikat) enthal-
ten. Was versteht Horwich vor diesem Hintergrund nun unter ‚erklären’? Wie können wahre
Propositionen durch die minimale Theorie erklärt werden? Wir sollten meiner Ansicht nach
nicht zu viel in den Begriff der Erklärung hineininterpretieren, denn was Horwich in dem von
uns untersuchten Zusammenhang eigentlich darunter versteht, drückt er in der folgenden Pas-
sage aus:

But in so far as we want to understand truth and the other phenomena, then our task is to explain the relation-
ships between them and not merely to recognize that they exist. We must discover the simplest principles form
which they can all be deduced[.]307

Daraus geht hervor, dass Horwich, wenn er davon spricht, dass die minimale Theorie be-
stimmte wahre Propositionen erklärt, eigentlich nur meint, dass diese wahren Propositionen
aus der minimalen Theorie abgeleitet werden können.308 Wir sollten aus diesem Grund den

303 Horwich (1998a, S. 23).


304 Horwich (1998a, S. 25).
305 Horwich (2005b, S. 83).
306 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 106).
307 Horwich (1998a, S. 24). Vgl. dazu auch: Horwich (1998a, S. 105).

178
Begriff der Erklärung in der Beschreibung der Adäquatheitsbedingung durch den Begriff der
Ableitung ersetzen.
Bevor wir nun dazu übergehen können, die Adäquatheitsbedingung zu formulieren, die Hor-
wich seiner Theorie selbst auferlegt hat, sollten wir noch etwas über das Verhältnis der mini-
malen Theorie der Wahrheit und den anderen erwähnten Theorien sagen. Horwich ist der Auf-
fassung, dass der Begriff der Wahrheit eine bestimmte Reinheit aufweist309, so dass keine we-
sentlichen begrifflichen Verbindungen zwischen dem Begriff der Wahrheit und vielen anderen
Begriffen wie bspw. dem der Referenz oder dem Begriff der Verifikation bestehen.
Es gibt auf dieser Grundlage auf jeden Fall zwei Arten von wahren Propositionen: solche, die
nur durch Sätze ausgedrückt werden können, die das Wahrheitsprädikat oder ein synonymes
Prädikat enthalten, und solche, für die das nicht gilt. Unter den wahren Propositionen, die nur
durch Sätze ausgedrückt werden können, die das Wahrheitsprädikat oder ein synonymes Prä-
dikat enthalten, gibt es nun nach Horwich wiederum zwei Klassen von wahren Propositionen;
nämlich solche, die aus anderen wahren Propositionen abgeleitet werden können, die nicht
alle durch Sätze ausgedrückt werden (müssen), die das Wahrheitsprädikat oder ein synonymes
Prädikat enthalten. Und andererseits solche, die aus keinen anderen wahren Propositionen ab-
geleitet werden können. Letztere Wahrheiten über Wahrheit werden als explanatorisch grund-
legend angesehen und sie entsprechen nach Horwich den Axiomen der minimalen Theorie der
Wahrheit. Aus diesem grundlegenden Stamm an Wahrheiten über Wahrheit können nun nach
Horwich alle Wahrheiten über Wahrheit abgeleitet werden, wenn man diese durch beliebige
Wahrheiten (bzw. Theorien) ergänzt, die allesamt keine Wahrheiten über Wahrheit sind. Vor
diesem Hintergrund lässt sich nun Horwichs Adäquatheitsbedingung sowohl für die proposi-
tionale als auch für die sententiale Variante der minimalen Theorie der Wahrheit derart formu-
lieren:

(PAK) Die minimale Theorie der Wahrheit ist angemessen, wenn aus ihren Axiomen und beliebigen Theorien,
bei deren Formulierung nicht auf das Wahrheitsprädikat (oder ein synonymes Prädikat) zurückgegriffen
werden muss, alle wahren Propositionen ableitbar sind, die nur mit Hilfe des Wahrheitsprädikats (oder
eines synonymen Prädikats) ausgedrückt werden können.

(SAK) Die minimale Theorie der Wahrheit ist angemessen, wenn aus ihren Axiomen und beliebigen Theorien,
bei deren Formulierung nicht auf das Wahrheitsprädikat (oder ein synonymes Prädikat) zurückgegriffen
werden muss, alle wahren Sätze ableitbar sind, die nur mit Hilfe des Wahrheitsprädikats (oder eines
synonymen Prädikats) formuliert werden können.

308 Vgl. dazu auch: „Indeed, every fact about truth can be naturally derived from those biconditionals“, in: Hor -
wich (1998a, S. 12).
309 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 11; S. 24).

179
Wir haben somit beide wichtigen Grundkomponenten von Horwichs Theorie der Wahrheit
identifiziert, nämlich die Axiome dieser Theorie und die von Horwich aufgestellte Adäquat-
heitsbedingung für diese Theorie. Eines haben wir allerdings noch nicht geklärt: Womit be-
schäftigt sich Horwichs Theorie der Wahrheit eigentlich genau? Ist sie eine Theorie des Be-
griffs der Wahrheit oder der Eigenschaft der Wahrheit? Horwich gibt selbst die folgende Ant-
wort auf diese Frage:

… it is prima facie reasonable to distinguish between an account of our concept of truth and an account of truth
itself. […] the latter purports to specify the fundamental facts about what that word stands for – about the phe -
nomenon, truth. […] … the theory of truth itself [...] consists in principles about the property of truth on the
basis of which all the facts about truth are to be explained.310

Horwichs Theorie der Wahrheit ist somit eine Theorie über die Eigenschaft der Wahrheit, die
allerdings weder beansprucht, die Natur dieser Eigenschaft zu bestimmen, noch notwendige
und hinreichende Bedingungen für die Exemplifikation der Eigenschaft der Wahrheit zu lie-
fern.311 Die explanatorischen Aufgaben dieser Theorie der Eigenschaft der Wahrheit werden
für Horwich durch (PAK) und (SAK) ausreichend und vollständig bestimmt.

(4.1.2) Die minimale Theorie des Verstehens von ‚ist wahr’

Nach der Standardauffassung geht eine Analyse der Bedeutung eines Prädikats immer einer
Analyse des Verstehens der Bedeutung dieses Prädikats voraus. Erstere besteht dann in der
Angabe von notwendigen und hinreichenden Bedingungen für das Zutreffen des betreffenden
Prädikats auf Gegenstände; diese Bedingungen müssen so feinkörnig gewählt sein, dass zwi-
schen dem Ausdruck, der diese Bedingungen spezifiziert, und dem Ausdruck, der analysiert
wird, die Beziehung der Synonymie besteht. Auf dieser Grundlage besteht dann zweitens die
Analyse des Verstehens der Bedeutung darin, dass das Verstehen als ein Wissen bezüglich der
Wahrheit der notwendigen und hinreichenden Bedingungen für das Zutreffen des zu analysie-
renden Prädikats auf Gegenstände aufgefasst wird. Horwich lehnt diese Herangehensweise als
verfehlt ab. Er schließt sich vielmehr Wittgenstein und Dummett an und plädiert somit für
eine Umkehr der Erklärungsordnung. Für ihn ist eine Theorie des Verstehens der Bedeutung
primär gegenüber einer Theorie der Bedeutung.
Horwich geht an diese Aufgabenstellung konkret so heran, dass er nach einer Eigenschaft
sucht, die sowohl das Verstehen der Bedeutung eines Wortes erklärt als auch den gesamten
sinnvollen Gebrauch dieses Wortes durch einen verständigen Sprecher. Für ihn besteht diese
Eigenschaft in der Neigung zur Akzeptanz bestimmter basaler Sätze, die das Wort enthalten,
310Horwich (1998a, S. 135).
311Vgl. dazu: „These explanations will confirm the minimalist thesis that no account of the nature of truth, no
principles of the form ‘(x)(x is true iff …x…)’, is called for” , in: Horwich (1998a, S. 23).
180
auf deren Grundlage sich der gesamte sinnvolle Gebrauch dieses Wortes durch einen Sprecher
erklären lässt. Die Instanzen des W*-Schemas sind für Horwich die Sätze, durch deren Ak-
zeptanz der gesamte sinnvolle Gebrauch des Wahrheitsprädikats durch einen Sprecher erklärt
werden kann. Somit besteht für ihn auch das Verstehen von ‚ist wahr’ in der Neigung zur Ak-
zeptanz dieser Sätze. Was Horwich selbst wie folgt darlegt:

Our understanding of ‘is true’ – our knowledge of its meaning – consists in the fact that the explanatory basic
regularity in our use of it is the inclination to accept instantiations of the schema

(E) ‘The proposition that p is true if and only if p’,

by declarative sentences of English (including any extensions of English). 312

Aus diesem Zitat lässt sich nun eine erste von mehreren Varianten von Horwichs Theorie des
Verstehens von ‚ist wahr’ extrahieren:313

(VBW1) x(x versteht die Bedeutung von ‚ist wahr’  x die Neigung hat, die Instanzen von ‚Die Proposition,
dass p, ist wahr  p’ zu akzeptieren.)

Manchmal stellt Horwich seine Theorie allerdings auch in der folgenden vereinfachten Form
dar:314

(VBW2) x(x versteht die Bedeutung von ‚ist wahr’  x die Instanzen von ‚Die Proposition, dass p, ist wahr
 p’ akzeptiert.)

Manchmal ersetzt er auch den Begriff der Neigung in (VBW1) durch den Begriff der Disposi-
tion; was zu der folgenden Variante führt:315

(VBW3) x(x versteht die Bedeutung von ‚ist wahr’  x die Disposition hat, die Instanzen von ‚Die Proposi-
tion, dass p, ist wahr  p’ zu akzeptieren.

Es findet sich darüber hinaus eine weiter eingeschränkte Version von (VBW1) in seinen
Schriften, die wie folgt lautet:316

(VBW1*) x(x versteht die Bedeutung von ‚ist wahr’  x hat die nicht abgeleitete Neigung, die Instanzen
von ‚Die Proposition, dass p, ist wahr  p’ zu akzeptieren.)

Man kann sich allerdings zu Recht fragen, was eine nicht abgeleitete Neigung überhaupt sein
soll. Kann die Akzeptanz eines Satzes nicht abgeleitet sein? Die Akzeptanz eines Satzes A ist
312 Horwich (1998a, S. 35).
313 Vgl. dazu auch: Horwich (1998b, S. 45); Horwich (1999, S. 20).
314 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 17); Horwich (2003, S. 77); Horwich (2005, S. 26; S. 45; S. 51).
315 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 126); Horwich (1998b, S. 140; S. 155; S. 156).
316 Vgl. dazu: Horwich (2001, S. 149).

181
nicht abgeleitet, wenn sich der Umstand, dass eine Person S einen Satz A akzeptiert, nicht aus
einem basalerem Umstand, dass S einen anderen Satz oder andere Sätze akzeptiert, herleiten
lässt. D.h., die besagte Akzeptanz ist dann in einem gewissen Sinn für Horwich explanato-
risch basal. In diesem Sinn könnten auch Neigungen zur Akzeptanz abgeleitet oder nicht ab-
geleitet sein. Sie ist nicht abgeleitet, wenn sich der Umstand, dass eine Person S eine Neigung
hat, einen Satz A zu akzeptieren, nicht aus einem basaleren Umstand, dass diese Person ge-
neigt ist, einen anderen Satz oder andere Sätze zu akzeptieren, hergeleitet werden kann. Auf
dieser Grundlage ist (VBW1*) nun zu verstehen und in ähnlicher Weise ließen sich auch
(VBW2) und (VBW3) abändern. Der Unterschied zwischen (VBW1) und (VBW1*) scheint
vor diesem Hintergrund klar zu sein. Es handelt sich nach (VBW1*) um grundlegende Nei-
gungen, die sich nicht aus anderen grundlegenderen Neigungen herleiten lassen.
Worin besteht nun aber konkret der Unterschied zwischen (VBW1) und (VBW2) oder
(VBW3)? Gibt es da überhaupt einen wesentlichen Unterschied? Es gibt zumindest direkte
Hinweise dafür, dass Horwich einen Unterschied zwischen (VBW1) und (VBW3) macht. Das
geht aus den folgenden Ausführungen hervor:

I would argue that the moral of the ‘liar’ paradoxes is that not all instances of the equivalence schema are cor-
rect. But I don’t believe that those who come to accept this moral, and who come to balk at certain instances, are
thereby altering what they mean by the truth predicate. This is my motivation for supposing that the meaning-
constituting fact about “true” is a mere inclination to accept any instance of the schema, rather than a disposition
to accept any instance. In problematic cases the inclination will be over-ridden. But its continued existence is
what sustains the sense of paradox.317

Die allgemeine Idee, die hinter diesen etwas kryptischen und auch kontroversen Ausführun-
gen steht, scheint die folgende zu sein: Die Neigung, etwas zu akzeptieren, ist in einem gewis-
sen Sinn etwas schwächer als die Disposition, etwas zu akzeptieren. Das könnte bspw. derart
gerechtfertigt werden: Wenn jemand eine Neigung hat, A zu tun, dann gibt es einen bestimm-
ten Wahrscheinlichkeitsgrad, dass er A tut, wenn bestimmte Bedingungen B erfüllt sind. Wenn
jemand eine Disposition hat, A zu tun, dann ist es notwendig, dass er A tut, wenn bestimmte
Bedingungen B erfüllt sind.
Wenn jemand, der die Neigung hat, die Instanzen des W*-Schemas zu akzeptieren, auf dieser
Grundlage mit paradoxen Instanzen des W*-Schemas konfrontiert wird, kann es sein, dass
durch die Widersprüche, die sich aus diesen Instanzen ergeben, die Wahrscheinlichkeit auf
null sinkt und jemand somit davon ablässt, die betreffenden Instanzen zu akzeptieren. 318 Den-
noch bleibt insgesamt die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass, wenn jemand mit irgendeiner

317Vgl. dazu: Horwich (2001, S. 164, Fn. 23).


318Vgl. dazu: „For although certain instances yield contradictions, it might be argued that anyone who means
what we do by ‘true’ has a certain inclination to accept those instances – an inclination that is overridden by the
discovery that they lead to contradiction”, in: Horwich (1998a, S. 136).
182
Instanz des W*-Schemas konfrontiert wird, er diese Instanz auch akzeptiert. Somit hat er zu
einem hohen Grad an Wahrscheinlichkeit die Tendenz, alle Instanzen des W*-Schemas zu ak-
zeptieren. Die besagten Ausnahmen in Bezug auf die paradoxen Instanzen können auf der
Grundlage des dargelegten Dispositionsbegriffs nicht erklärt werden, ohne damit gleich die
These aufzugeben, dass jemand eine Disposition hat, alle Instanzen von (W*) zu akzeptieren.
Natürlich könnte man auf die Idee kommen, die Disposition auf alle nicht-paradoxen Instan-
zen einzuschränken. Jedoch kann dann auf der Grundlage von (VBW3) auch nicht mehr der
gesamte basale Gebrauch des Ausdrucks ‚ist wahr’ durch einen Sprecher erklärt werden. So-
mit bleibt Horwich wohl nichts anderes übrig, als (VBW1) der Konzeption (VBW3) vorzuzie-
hen; und zwar auf der Grundlage eines wie eben dargelegten Begriffs der Neigung, A zu tun.
Somit haben wir nur noch zwei Varianten der Theorie im Angebot. Was spricht nun für die
eine und gegen die andere? Das W*-Schema hat unendlich viele Instanzen. Kein kompetenter
Sprecher kann alle diese Instanzen erfassen oder nur kennen. Damit man aber einen Satz ak-
zeptieren oder für wahr halten kann, muss man den betreffenden Satz zumindest kennen. Ich
kann aber dennoch die Neigung haben, unendlich viele Instanzen eines Schemas zu akzeptie-
ren, ohne all diese Instanzen zu kennen. Vor diesem Hintergrund ist (VBW1) auch (VBW2)
vorzuziehen. Und wir sollten somit die Theorie vom Verstehen von ‚ist wahr’ nach Horwich
so auffassen, dass (VBW1) bzw. (VBW1*) die zentrale These dieser Theorie ist.

(4.1.3) Die minimale Theorie der Bedeutung von ‚ist wahr’

Horwich legt großen Wert auf die Feststellung, dass seine Theorie der Bedeutung von ‚ist
wahr’ auf keiner expliziten Definition der allgemeinen Form ‚x(x ist wahr  … x …)’ ba-
siert, wobei ‚ist wahr’ durch einen mit diesem Term synonymen einfachen oder komplexen
Term analysiert wird.319 Er ist vielmehr bestrebt, eine bestimmte Art einer sogenannten impli-
ziten Definition zu geben.320 Wir haben bereits festgehalten, dass für Horwich eine Theorie
des Verstehens der Bedeutung eines Wortes grundlegender ist als eine Theorie der Bedeutung
eines Wortes. Und so lässt sich für ihn nun die Bestimmung der Bedeutung von ‚ist wahr’ aus
der zuvor angeführten Theorie über das Verstehen von ‚ist wahr’ (VBW1) implizit ableiten.
Wie diese implizite Bestimmung der Bedeutung von ‚ist wahr’ auf der Grundlage des Verste-
hens von ‚ist wahr’ genau zu erfolgen hat, geht am deutlichsten aus der folgenden Passage
hervor:

A central component of the minimalistic picture is its claim about the particular non-semantic fact that provides
the word ‘true’ with its peculiar meaning. This is said to be the fact that a certain basic regularity governs the
overall use of the truth predicate [.] […] Now, as we have just seen, the regularity which plays that explanatory
319 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 10; S. 23; S. 121).
320 Vgl. dazu vor allem: Horwich (1998b, S. 131-142) und in Abschnitt 5.3.2.4.
183
role is the regularity in virtue of which the term is useful; namely, our disposition to accept instances of the truth
schemata. Therefore, this is the fact about the truth predicate that constitutes our meaning by it what we do. 321

Somit können wir nach Horwich die Bedeutung von ‚ist wahr’ auf der Grundlage von
(VBW1) derart implizit bestimmen:

(BEW) Die Bedeutung von ‚ist wahr’ = dasjenige, was jemand versteht, der die (nicht abgeleitete) Neigung hat,
die Instanzen des Schemas ‚Die Proposition, dass p  p’ zu akzeptieren.

Aus dem angeführten Zitat lässt sich auch entnehmen, dass Horwich eine Gebrauchstheorie
der Bedeutung voraussetzt. Denn für ihn konstituieren die Tatsachen, die den gesamten (se-
mantisch korrekten) Gebrauch eines Wortes konstituieren, auch die Bedeutung dieses Wortes.
Auf dieser Grundlage lässt sich auch die folgende Adäquatheitsbedingung für Horwichs Kon-
zeption der Bedeutung von ‚ist wahr’ formulieren:

(ABW) Die minimale Theorie der Bedeutung von ‚ist wahr’ ist angemessen, wenn auf ihrer Grundlage und
mit Hilfe beliebiger Theorien, die den Gebrauch von ‚wahr’ nicht direkt betreffen, der gesamte (se-
mantisch korrekte) Gebrauch des Ausdrucks ‚wahr’ erklärt werden kann.

Wenn man nun Horwichs implizite Bestimmung der Bedeutung von ‚ist wahr’ direkt in diese
Adäquatheitsbedingung einfließen lässt, so erhält man die folgende modifizierte Bedin-
gung:322

(ABW*) Die minimale Theorie der Bedeutung von ‚ist wahr’ ist angemessen, wenn auf der Grundlage der Nei -
gung zur Akzeptanz der Instanzen des Schemas ‚Die Proposition, dass p, ist wahr  p’ eines Spre-
chers und seiner (Neigung zur) Akzeptanz beliebiger Sätze, die den Ausdruck ‚wahr’ nicht enthalten,
der gesamte (semantisch korrekte) Gebrauch des Ausdrucks ‚wahr’ durch diesen Sprecher erklärt
werden kann.

Wenn wir diese Adäquatheitsbedingung nun mit der Adäquatheitsbedingung von Horwich für
seine minimale Theorie der Wahrheit vergleichen, dann zeigt sich, dass sich nur im letzteren
Fall der Ausdruck ‚erklärt werden kann’ unproblematisch durch den Ausdruck ‚abgeleitet wer-
den kann’ ersetzen lässt. Denn es ist alles andere als klar, wie aus Wahrheiten über die Akzep-
tanz oder Neigung zur Akzeptanz bestimmter Sätze Wahrheiten über den semantisch korrek-
ten Gebrauch abgeleitet werden können. Somit kann die Aufgabe dieser Erklärung wohl nicht
einfach darin bestehen, bestimmte wahre Sätze aus anderen wahren Sätzen herzuleiten. In die-
sem Sinne sind die Ansprüche, die durch (ABW*) gestellt werden, nicht nur komplexer, son-
dern auch in einem erheblichen Maße unklarer als im Fall von (PAK) oder (SAK).

321 Horwich (1998a, S. 126).


322 Vgl. dazu: Horwich (1998b, S. 45).
184
Darüber hinaus identifiziert Horwich nun Bedeutungen von Prädikaten über ihre Verstehens-
bedingungen. D.h. bspw., dass ein Ausdruck ‚ist F’ mit dem Prädikat ‚ist wahr’ bedeutungs-
gleich ist, wenn das Verstehen der Bedeutung dieses Ausdrucks auf derselben Akzeptanz-
eigenschaft wie das Verstehen von ‚ist wahr’ basiert.323

(4.1.4) Die minimale Theorie des Begriffs der Wahrheit

Den letzten Bestandteil der ursprünglichen minimalen Konzeption der Wahrheit stellt die
Theorie des Begriffs der Wahrheit dar. Horwich identifiziert allgemein Begriffe mit Bedeutun-
gen von Prädikaten.324 Begriffe und Bedeutungen sind für Horwich abstrakte Entitäten, die al-
lerdings in Abhängigkeit vom Gebrauch bestimmter Ausdrücke existieren bzw. durch be-
stimmte Gebrauchsregularitäten konstituiert werden.325 Allgemein beschreibt Horwich den
Zusammenhang von Begriffen und Bedeutungen von Ausdrücken derart:

The concept F = that which is meant (i.e. indicated) by our “f” and by any word with the same meaning-consti-
tuting property.326

Den Umstand, dass der Begriff der Wahrheit einerseits von der Bedeutung des Ausdrucks ‚ist
wahr’ und andererseits vom korrekten Gebrauch dieses Ausdrucks ‚ist wahr’ abhängig ist, be-
schreibt Horwich in der folgenden Weise:

The concept of truth (i.e. what is meant by the word ‘true’) is that constituent of belief states expressed in uses of
the word by those who understand it – i.e. by those whose use of it is governed by the equivalence schema. 327

[A]n account of our concept of truth […] purports to specify the conditions in which someone uses the word
‘true’ with a certain meaning. […] [T]he meaning of ‘true’ […] is specified by a generalization about the word
‘true’, a generalization that will explain all our uses of it.328

In diesem Sinn setzt die Theorie über den Begriff der Wahrheit sowohl eine Theorie über die
Bedeutung von ‚ist wahr’ (oder einen gleichbedeutenden Ausdruck in einer beliebigen Spra-
che) als auch eine Theorie über das Verstehen der Bedeutung dieses Ausdrucks voraus. Auf
dieser Grundlage lässt sich dann auch der Begriff der Wahrheit wie folgt implizit bestimmen:

323 Vgl. dazu: Horwich (1998b, S. 46; S. 49).


324 Vgl. dazu: Horwich (1998b, S. 4; S. 44); Horwich (2005b, S. 33-34).
325 Vgl. dazu: Horwich (1998b, S. 44-46).
326 Horwich (1998b, S. 26).
327 Horwich (1998a, S. 37).
328 Horwich (1998a, S. 135).

185
(CPW) Der Begriff der Wahrheit = die Bedeutung von ‚ist wahr’ in unserer Sprache und die Bedeutung jedes
Ausdrucks in einer anderen Sprache, dessen Bedeutung mit ‚ist wahr’ identisch ist.

Jemand verfügt vor diesem Hintergrund nur dann über den Begriff der Wahrheit, wenn er die
Bedeutung des Ausdrucks ‚ist wahr’ oder eines anderen damit bedeutungsgleichen Ausdrucks
in einer beliebigen Sprache erfasst oder verstanden hat. Und dieses Verständnis basiert nun
wiederum auf der Neigung, die Instanzen des W*-Schemas oder eines bedeutungsgleichen
Schemas in einer beliebigen Sprache zu akzeptieren.

(4.1.5) Die minimale Theorie der Nützlichkeit von ‚ist wahr’

Horwich ist oft darum bemüht, seine Wahrheitskonzeption von einer gängigen Variante der
sogenannten Redundanztheorie der Wahrheit klar abzugrenzen. Es sind vor allem zwei we-
sentliche Unterschiede, auf die er wiederholt hinweist. Erstens wird die Redundanztheorie der
Wahrheit nach Horwich dem Umstand nicht gerecht, dass ‚ist wahr’ ein genuines Prädikat ist,
d.h. ein Ausdruck, der am einfachsten und besten durch eine einstellige Prädikatkonstante in
die Prädikatenlogik erster Stufe übersetzt werden kann. 329 Zweitens wird die Redundanztheo-
rie der Wahrheit nach Horwich dem Umstand nicht gerecht, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ sehr
wohl eine Funktion oder Nützlichkeit im Rahmen der natürlichen Sprache hat. In diesem Ab-
schnitt wird es nun darum gehen, Horwichs Auffassung von der seines Erachtens sehr spezifi-
schen Funktion oder Nützlichkeit des Ausdrucks ‚ist wahr’ in der natürlichen Sprache zu re-
konstruieren.330
Horwich beginnt seine Ausführungen zur Nützlichkeit von ‚ist wahr’ sehr oft mit dem Hin-
weis, dass wir durch diesen Ausdruck in der Lage sind, ganz spezifische Ableitungen zu ma-
chen. Als Beispiel für solch eine Ableitung mag das folgende Argument fungieren:

(P1) Der Lehrsatz des Pythagoras ist wahr.


(P2) Der Lehrsatz des Pythagoras = die Proposition, dass a2+b2=c2.
(*) a2+b2=c2.

Dieses Argument scheint intuitiv folgerichtig zu sein, auch wenn es formal gesehen nicht fol-
gerichtig ist. Wie lässt sich dieser Umstand am besten und einfachsten erklären? Eine Mög-
lichkeit, zu erklären, warum dieses Argument als folgerichtig akzeptiert wird, besteht darin, es
als ein Enthymem anzusehen; d.h. als ein Argument, das eine versteckte oder missachtete Prä-
misse hat, die, wenn sie zum Argument hinzugefügt wird, die formale Folgerichtigkeit des Ar-
guments herstellt. Die nach Horwich einfachste und naheliegendste Weise, dies zu bewerk-
stelligen, besteht darin, die folgende Instanz des W*-Schemas dem Argument hinzuzufügen:
329 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 37-38; S. 141-144).
330 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 31; S. 38-40; S. 122).
186
(P3) Die Proposition, dass a2+b2=c2, ist wahr  a2+b2=c2.

Auf dieser Grundlage wird die formale Folgerichtigkeit sichergestellt und ebenso erklärt,
warum wir das Argument als intuitiv folgerichtig akzeptiert haben. Die Funktion oder Nütz-
lichkeit des Ausdrucks ‚ist wahr’ in solchen Argumenten ist durch eine sogenannte Redun-
danztheorie der Wahrheit nicht erklärbar.331
Worin besteht nun aber nach Horwich die Nützlichkeit oder Funktion von ‚ist wahr’ in Argu-
menten wie dem angeführten im Detail? Er beschreibt diese Nützlichkeit derart:
On occasion we wish to adopt some attitude towards a proposition […] but find ourselves thwarted by ignorance
of what exactly the proposition is. We might know it only as ‘what Oscar thinks’ or ‘Einstein’s principle’; […] in
such situations the concept of truth is invaluable. For it enables the construction of another proposition, intim-
ately related to the one we can’t identify, which is perfectly appropriate as the alternative object of our atti -
tude.332

Horwichs erste These zur Nützlichkeit des Ausdrucks ‘ist wahr’ kann auf dieser Grundlage
wie folgt formuliert werden:

(NW1) Die Nützlichkeit des Ausdrucks ‚ist wahr’ besteht darin, dass er uns ermöglicht, Gehalte, die wir bspw.
aus Unwissen oder Vergesslichkeit nicht direkt ausdrücken können, indirekt zu kommunizieren oder in-
direkt zu diesen Gehalten eine Einstellung einzunehmen.

Die Nützlichkeit von ‚ist wahr’ erschöpft sich allerdings für Horwich nicht in (NW1). Eine
weitere Funktion von ‚ist wahr’, die für Horwich die primäre Nützlichkeit von ‚ist wahr’ dar-
stellt333, wird von ihm wie folgt beschrieben:334

…the utility and raison d’être of the truth predicate is to enable the explicit formulation of schematic generalisa-
tions. (For example ‘p  p’ becomes ‘Every proposition of the form ‘p  p’ is true’).335

Was ist damit konkret gemeint? Nehmen wir an, wir haben einen Satz wie den folgenden vor
uns, der eine Instanz des Gesetzes vom ausgeschlossenen Dritten darstellt:

(S1) Es regnet oder es regnet nicht.

Wir möchten nun einen Satz formulieren, der nicht nur (S1) erfasst, sondern alle Instanzen des
Gesetzes vom ausgeschlossenen Dritten. Horwich ist der Auffassung, dass wir mittels des
Wahrheitsprädikats einen Satz formulieren können, der den Gehalt indirekt kommuniziert,
331 Die Redundanztheorie der Wahrheit geht davon aus, dass dem Wahrheitsprädikat keine semantische Funktion
zukommt und dass eine Satz wie ‚Es ist wahr, dass Schnee weiß ist’ eine bloße stilistische Variante von ‚Schnee
ist weiß’ ist. Vgl. dazu: Ramsey (1927[1990], S. 38).
332 Horwich (1998a, S. 3).
333 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 123).
334 Vgl. dazu auch: Horwich (1998a, S. 3; S. 25).
335 Horwich (1999, S. 20).

187
den wir durch die Behauptung aller Instanzen des Gesetzes vom ausgeschlossenen Dritten di-
rekt kommunizieren könnten.
In einem ersten Schritt ist es dafür erforderlich, von (S1) mittels der entsprechenden Instanz
von (W*) zu dem folgenden Satz überzugehen:

(S2) Die Proposition, dass es regnet oder nicht regnet, ist wahr.

Wir wissen, dass (S1) eine Proposition der Form: <p  p> ist. Auf dieser Grundlage können
wir nun von (S2) ausgehend die folgende schematische Generalisierung formulieren:

(S3) Alle Propositionen der Form <p  p> sind wahr.

Nach Horwich kommunizieren wir, wenn wir (S3) behaupten, indirekt den Gehalt, den wir di-
rekt ausdrücken würden, wenn wir alle Instanzen des Gesetzes vom ausgeschlossenen Dritten
behaupten würden. In diesem Sinn erlaubt uns nach Horwich der Ausdruck ‚ist wahr’ das For-
mulieren von schematischen Generalisierungen. Wir können daher (NW1) durch die folgende
These ergänzen:336

(NW2) Die Nützlichkeit des Ausdrucks ‚ist wahr’ besteht darin, schematische Generalisierungen formulieren
zu können, die es uns ermöglichen, indirekt bestimmte Gehalte zu kommunizieren, die wir direkt nur
durch unendlich viele oder unendlich lange Sätze ausdrücken könnten.

Horwich ist nun der Meinung, dass mittels (NW1) und (NW2) alles gesagt ist, was über die
Nützlichkeit von ‚ist wahr’ gesagt werden kann. Die minimale Theorie der Nützlichkeit von
‚ist wahr’ lässt sich somit durch die folgende dritte These vervollständigen:337

(NW3) Die Nützlichkeit von ‚ist wahr’ erschöpft sich in den Funktionen, die durch (NW1) und (NW2) be-
schrieben werden; d.h., sie erschöpft sich in den beschriebenen indirekten Kommunikationsfunktionen.

Damit soll gesagt sein, dass die Nützlichkeit von ‚ist wahr’ nicht darin besteht, neue Gehalte
auszudrücken, die man nur mittels dieses Ausdrucks oder eines damit synonymen Ausdrucks
ausdrücken kann, sondern darin, bestimmte Gehalte, die man prinzipiell auch ohne ‚ist wahr’
ausdrücken könnte, besser und einfacher zu kommunizieren. Auf dieser Grundlage spricht
Horwich dem Ausdruck ‚ist wahr’ jede explanatorische Funktion ab. Wir brauchen den Aus-
druck nicht, um neue Arten von Erklärungen formulieren zu können, sondern nur dazu, gewis-
se bereits vorhandene Erklärungen kompakter ausdrücken zu können.338

336 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 3-4; S. 21-22; S. 32-33; S. 122-123; S. 124-125).
337 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 145).
338 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 44-51).

188
(4.1.6) Der Zusammenhang zwischen den Teiltheorien der minimalen Konzeption der
Wahrheit

Wir haben bereits bestimmte Abhängigkeiten zwischen den einzelnen Teiltheorien der mini-
malen Konzeption der Wahrheit festgestellt. Die einzelnen Abhängigkeiten zwischen den un-
terschiedlichen Theorien sollen nun noch einmal kurz zusammengefasst und nachgezeichnet
werden. Die offensichtlichsten Abhängigkeiten bestehen zwischen der Theorie des Verstehens
von ‚ist wahr’, der Theorie der Bedeutung von ‚ist wahr’ und der Theorie des Begriffs der
Wahrheit nach Horwich. Die Theorie des Begriffs der Wahrheit setzt sowohl die Theorie der
Bedeutung von ‚ist wahr’ als auch die Theorie des Verstehens von ‚ist wahr’ voraus und defi-
niert auf dieser Grundlage den Begriff der Wahrheit in impliziter Weise. Die Theorie der Be-
deutung von ‚ist wahr’ setzt nur die Theorie des Verstehens von ‚ist wahr’ voraus und defi-
niert die Bedeutung ebenso in impliziter Weise. Es ist möglich, eine minimale Wahrheitskon-
zeption zu vertreten, die nur auf diesen drei zusammenhängenden Teiltheorien basiert.339
Die Theorie der Wahrheit ist nach Horwich nunmehr weitgehend unabhängig von den eben
angeführten drei Theorien. Sie basiert zwar auch wie die anderen Theorien auf den Instanzen
des W*-Schemas, aber diese Theorie und die drei anderen Theorien können völlig unabhängig
voneinander vertreten werden.
Somit gilt es noch zu klären, welches Verhältnis die Theorie der Nützlichkeit von ‚ist wahr’
gegenüber allen anderen Theorien hat. Meiner Ansicht nach setzt diese Theorie sowohl die
Theorie der Wahrheit als auch die Theorie der Bedeutung von ‚ist wahr’ voraus. Die Theorie
der Wahrheit insofern, als sie auf die Instanzen des W*-Schemas angewiesen ist, um bestimm-
te Umformungen und Ableitungen zu ermöglichen, die mit der Nützlichkeit von ‚ist wahr’
nach Horwich unmittelbar verbunden sind. Wichtig ist dabei, dass die Theorie der Wahrheit
von Horwich auch in diesem Zusammenhang nicht durch eine beliebige Theorie ersetzt wer-
den kann, die die Instanzen von (W*) bspw. impliziert. Denn durch solch eine Theorie kann
der Anspruch der Nützlichkeit von ‚ist wahr’ untergraben werden. Die einfachste Art der Ge-
neralisierung des W*-Schemas erhält man durch die Verwendung von sententialen Quantoren
und Variablen. Auf dieser Grundlage eröffnet sich nun allerdings auch die Möglichkeit, be-
stimmte Generalisierungen ganz ohne die Verwendung von ‚ist wahr’ zu formulieren, die eine
ganz ähnliche Funktion erfüllen. In diesem Sinn ist der Zusammenhang zwischen der Theorie
der Wahrheit und der Theorie der Nützlichkeit von ‚ist wahr’ nach Horwich ein sehr enger Zu-
sammenhang.
Die Theorie der Nützlichkeit von ‚ist wahr’ setzt meiner Ansicht nach nun auch noch zusätz-
lich die Theorie der Bedeutung von ‚ist wahr’ voraus. Denn nur wenn es auch tatsächlich
wahr ist, dass auf der Grundlage der Neigung zur Akzeptanz der Instanzen des W*-Schemas
339 Diese eingeschränkte minimale Theorie der Wahrheit wird bspw. in Horwich (2001) und (2002a) verteidigt.
189
der gesamte basale Gebrauch von ‚ist wahr’ erklärbar ist, dann lässt sich auf diesem Hinter-
grund auch die These rechtfertigen, dass sich die Nützlichkeit von ‚ist wahr’ auf die beschrie-
bene kommunikative Funktion tatsächlich beschränkt. Horwich sieht diesen Zusammenhang
in ähnlicher Weise:

[O]ur use of the term [=’true’] is best explained by our acceptance of the equivalence schema. […] [I]t is justi -
fied by showing that the generalizing function of the truth predicate is explained by our acceptance of that
schema.340

Inwiefern die Theorie der Bedeutung von ‚ist wahr’ aber nun wirklich eine Erklärung für die
von Horwich propagierte Nützlichkeit von ‚ist wahr’ liefert und ob es wirklich die beste Er-
klärung ist, die sich auf dieser Grundlage ergibt, ist allerdings keineswegs so klar wie die an-
deren aufgezeigten Zusammenhänge. Die beschriebene Verbindung zwischen der Theorie der
Bedeutung von ‚ist wahr’ und der Theorie der Nützlichkeit von ‚ist wahr’ ist in jedem Fall ein
von Horwich intendierter Zusammenhang. Ob er tatsächlich besteht, werden unter anderem
die folgenden kritischen Überlegungen zu Horwichs Konzeption der Wahrheit zeigen.

(4.2) Probleme der minimalen Konzeption der Wahrheit

In den folgenden Abschnitten werde ich nun die einzelnen Teiltheorien der minimalen Kon-
zeption der Wahrheit mit unterschiedlichen Problemen konfrontieren, die entweder bereits in
der relevanten Forschungsliteratur vorgebracht wurden oder sich gegen diese Theorie grund-
sätzlich vorbringen lassen. Der Schwerpunkt wird dabei auf Problemen der minimalen Theo-
rie der Wahrheit, der minimalen Theorie des Verstehens von ‚ist wahr’ und der Theorie der
Nützlichkeit von ‚ist wahr’ liegen. Denn alle Probleme, die sich gegen die Theorie des Verste-
hens von ‚ist wahr’ anführen lassen, vererben sich aufgrund der angeführten Abhängigkeiten
auch automatisch auf die Theorie der Bedeutung von ‚ist wahr’ und auf die Theorie des Be-
griffs der Wahrheit.

(4.2.1) Probleme der minimalen Theorie der Wahrheit

Die Probleme der minimalen Theorie der Wahrheit, die ich hier besprechen möchte, lassen
sich in zwei große Klassen einordnen. Die erste Klasse betrifft die Probleme, die sich beim
Versuch der adäquaten Formulierung der Theorie der Wahrheit auf der Grundlage des W*-
Schemas ergeben. Die zweite Klasse betrifft Probleme, die sich in Bezug auf die Erfüllung
von Horwichs Adäquatheitsbedingung durch die Theorie der Wahrheit ergeben.

340 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 145).


190
(4.2.1.1) Probleme mit der Formulierbarkeit der minimalen Theorie der Wahrheit

Unabhängig davon, ob wir die Axiome der minimalen Theorie der Wahrheit als Sätze oder
Propositionen auffassen, sollte die Theorie der Wahrheit so ausdrucksstark sein, dass es für
jede Proposition eine entsprechende Instanz des W*-Schemas gibt, welche die Bedingungen
der Wahrheit dieser Proposition spezifiziert. Das W*-Schema ist ein Schema, das in der Spra-
che Deutsch ausgedrückt wurde. Als Einsetzungen für die Schemenbuchstaben kommen alle
deutschen Sätze in Frage. Durch die Einsetzungen deutscher Sätze in das W*-Schema werden
die Instanzen des Schemas gewonnen. Nun ist die natürliche Sprache Deutsch so beschaffen,
dass die Sätze dieser Sprache nicht dazu verwendet werden können, alle Propositionen auszu-
drücken, die überhaupt existieren. (Diese Sprache verfügt bspw. nicht über die begrifflichen
Ressourcen, manche Theorien, die erst in der Zukunft aufgestellt werden, gegenwärtig zu for-
mulieren.) Vor diesem Hintergrund erweist sich die oben angeführte indirekte Formulierung
der minimalen Theorie der Wahrheit als unvollständig. Sie stellt keine Prozedur bereit, die uns
alle erforderlichen Axiome einer Theorie der Wahrheit liefert. Wie sollen wir mit diesem Pro-
blem umgehen?341
Horwich, der sich dieses Problems völlig bewusst ist, bietet als erste Möglichkeit eine Lösung
an, die von anderen natürlichen Sprachen Gebrauch macht. D.h., wir verwenden zur Formu-
lierung der Axiome nicht nur das W*-Schema, sondern obendrein Übersetzungen dieses Sche-
mas in andere natürliche Sprachen. Diese Lösung legt einen in jedem Fall auf die propositio-
nale Variante der minimalen Theorie fest. Darüber hinaus kann sie das Problem nicht wirklich
lösen. Es mag Propositionen geben, die sich in Deutsch nicht ausdrücken lassen, dafür aber in
Englisch oder einer anderen Sprache. Doch weder eine gegenwärtige natürliche Sprache noch
die Vereinigung aller gegenwärtigen natürlichen Sprachen ist so beschaffen, dass sich auf ih-
rer Grundlage alle Propositionen ausdrücken lassen.
Als weitere Möglichkeit, zu einer Lösung zu gelangen, führt Horwich den Begriff der mögli-
chen Erweiterung einer Sprache ein. D.h., die Axiome der Theorie der Wahrheit ergeben sich
nicht allein aus den Einsetzungen der aktualen Sätze des Deutschen in das W*-Schema, son-
dern durch Einsetzungen aller möglichen Erweiterungen der deutschen Sprache in dieses
Schema. Können auf dieser Grundlage tatsächlich alle relevanten Axiome erfasst werden?
Welche Propositionen wir ausdrücken können, hängt von unseren begrifflichen Ressourcen
ab. Unsere begrifflichen Ressourcen hängen wiederum von unseren kognitiven Kapazitäten
ab. Demnach könnte man dafür argumentieren, dass die möglichen Erweiterungen unserer
Sprache von unseren kognitiven Fähigkeiten determiniert werden. Das würde aber heißen,
dass wir, selbst wenn wir alle möglichen Erweiterungen unserer Sprache in Betracht ziehen

341 Alle hier diskutierten Positionen finden sich in ihrer Grundidee in Horwich (1998a, S. 19 Fn. 3).
191
würden, nicht in der Lage wären, alle Propositionen auszudrücken. Weil es eben Propositio-
nen gibt, deren Ausdruck unsere kognitiven Fähigkeiten übersteigt.
Natürlich könnten wir dem entgegenwirken, indem wir mögliche Erweiterungen unserer ko-
gnitiven Fähigkeiten ebenso in Betracht ziehen. Aber diese Erweiterungen scheinen auch be-
stimmten Begrenzungen unterworfen zu sein, so dass es denkbar ist, dass auch durch dieses
zusätzliche Zugeständnis nicht alle Propositionen durch uns ausgedrückt werden können. 342
Potentiell ließe sich natürlich unsere Ausdrucksstärke ebenso ins Unendliche erweitern wie
unsere kognitiven Fähigkeiten.
Wenn man von möglichen Erweiterungen einer Sprache spricht, dann meint man allerdings
zumeist konservative Erweiterungen; und diese gehen nicht mit einer völligen Transformation
der Rahmenbedingungen einher. Man könnte natürlich eine solche Transformation vorneh-
men. Es fragt sich nur, ob der Preis dafür nicht sehr hoch ist. Wir würden uns die Ausdrück-
barkeit der minimalen Theorie der Wahrheit quasi durch sehr starke metaphysische Annahmen
über potentielle Erweiterungen unserer kognitiven Fähigkeiten erkaufen. Das ist kein prinzipi-
eller Einwand gegen die Theorie, er kratzt nur an der Plausibilität der Herangehensweise von
Horwich, die Theorie über das W*-Schema einzuführen. Gibt es noch eine weitere Möglich-
keit, mit diesem Problem umzugehen?
Horwich zieht noch eine dritte Möglichkeit in Betracht, die auf dem Postulat einer möglichen
Sprache basiert, die so ausdrucksstark ist, dass man in ihr alle Propositionen ausdrücken
kann.343 Auf dieser Grundlage lässt sich die minimale Theorie der Wahrheit dann sowohl in
ihrer propositionalen als auch in ihrer sententialen Variante einführen. Nach der ersten Varian-
te umfasst die minimale Theorie der Wahrheit alle Propositionen, die durch die Instanzen des
Schemas ausgedrückt werden, welches eine Übersetzung des W*-Schemas in die besagte
mögliche Sprache darstellt. Nach der zweiten Variante setzt sich die minimale Theorie der
Wahrheit aus allen Instanzen des Schemas zusammen, welches eine Übersetzung des W*-
Schemas in die besagte mögliche Sprache darstellt. Wenn wir akzeptieren, dass es eine Spra-
che mit der beschriebenen Ausdrucksstärke geben kann, dann haben wir sichergestellt, dass es
möglich ist, die minimale Theorie zu formulieren. Eine solche Annahme ist aber nicht unkon-
trovers und es scheint nicht einfach zu sein, sie zu rechtfertigen. Solche metaphysischen Zu-
geständnisse müssen wir aber wohl hinnehmen, wenn wir der minimalen Theorie der Wahr-
heit die Chance der Formulierbarkeit geben wollen.

(4.2.1.2) Probleme mit wahrheitswertlosen Propositionen

342 Vgl. dazu: Shapiro (2003, S. 118-122); Künne (2003, S. 246-247, S. 323).
343 Vgl. dazu auch: Künne (2003, S. 324).
192
Eine axiomatische Theorie sollte im Allgemeinen nur wahre Axiome haben. Es gibt allerdings
berechtigte Zweifel, ob die minimale axiomatische Theorie der Wahrheit – so wie Horwich sie
formuliert hat – tatsächlich ausschließlich wahre Axiome hat. Es gibt eine Reihe von Proposi-
tionen, die intuitiv nicht wahrheitswertfähig sind: z. B. Propositionen über Gegenstände, die
nicht existieren, Propositionen über zukünftige Ereignisse, Propositionen, die präskriptive Re-
geln ausdrücken, oder Propositionen, die durch Sätze ausgedrückt werden, die vage Aus-
drücke enthalten.344 Auf der Grundlage jeder bis jetzt eingeführten Formulierungen der mini-
malen Theorie der Wahrheit ist es zulässig, Sätze in das W*-Schema einzusetzen, die keine
wahrheitswertfähigen Propositionen ausdrücken, um auf dieser Grundlage Axiome der Theo-
rie der Wahrheit zu erzeugen. Die daraus resultierenden Axiome sind allerdings intuitiv nicht
wahr: Denn wenn wir in das Schema ‚Die Proposition, dass p, ist wahr  p’ für ‚p’ einen Satz
einsetzen, der keine wahrheitswertfähige Proposition ausdrückt, dann erhalten wir eine In-
stanz, die auf der rechten Seite des Bikonditionals keinen Wahrheitswert zugeordnet bekommt
und auf der linken Seite den Wahrheitswert des Falschen; da ein Satz, der eine Proposition
ausdrückt, die von einer nicht wahrheitswertfähigen Proposition behauptet, dass diese wahr
ist, intuitiv falsch ist.345 Vom klassischen Standpunkt der Logik aus betrachtet, kann nun aber
ein Bikonditional, dessen Glieder einerseits den Wahrheitswert des Falschen und andererseits
keinen Wahrheitswert haben, nicht als wahr bewertet werden. D.h., wir haben somit gezeigt,
dass Instanzen des W*-Schemas erzeugt werden können, die intuitiv nicht wahr sind. Eine an-
gemessene axiomatische Theorie sollte allerdings keine nicht wahren Axiome haben. Daher
scheinen zumindest die von Horwich vorgeschlagenen Formulierungen der minimalen Theo-
rie der Wahrheit unangemessen zu sein.
Wie kann der Minimalist auf dieses Problem reagieren? An erster Stelle steht ihm zumindest
die Möglichkeit offen, die angeführte Beschreibung in einem wesentlichen Detail zu adaptie-
ren. Er könnte dafür argumentieren, dass eine Proposition, die besagt, dass eine Proposition,
die nicht wahrheitswertfähig ist, wahr ist, selbst keinen Wahrheitswert hat, weil es einem Ka-
tegoriefehler gleichkommt, einer Entität, die nicht wahrheitswertfähig ist, die Eigenschaft der
Wahrheit zuzuschreiben.346 Auf dieser Grundlage wären dann beide Glieder mancher Instan-
zen von (W*) ohne Wahrheitswert. Aber welchen Nutzen hat eine solche Adaption überhaupt?
Grundsätzlich stehen einem Verteidiger der minimalen Theorie zwei Optionen bezüglich des
angeführten Problems offen. Erstens kann er versuchen, unsere Intuition wegzuerklären, dass
es bestimmte Propositionen gibt, die nicht wahrheitswertfähig sind. Damit lädt er sich aller-
dings eine sehr große Beweislast auf und es ist fraglich, ob er tatsächlich in der Lage ist, für
jeden Fall einer scheinbaren Wahrheitswertunfähigkeit eine plausible Erklärung zu finden.

344 Vgl. dazu: Jackson, Oppy und Smith (1994); Holton (2000).
345 Vgl. dazu: Dummett (1959 [1972], S. 4-5); Künne (2003, S. 38; S. 331-332; S. 355).
346 So wie es ein Kategorienfehler wäre, einem Tisch die Eigenschaft der Wahrheit zuzuschreiben.

193
Horwich selbst ist ein Vertreter dieser Option und er scheint der Auffassung zu sein, dass er
dieses Problem durch eine grundsätzliche Argumentation gegen Wahrheitswertlücken zurück-
weisen kann.347 Im Kern besteht seine Argumentation allerdings nur in dem Verweis auf die
intuitive Plausibilität der klassischen logischen Auffassung der Negation und Falschheit. Es
ist in der Tat wahr, dass die klassische Auffassung von beidem mit Wahrheitswertlücken un-
vereinbar ist. Aber selbst wenn wir diese klassische Auffassung für plausibel und intuitiv hal-
ten mögen, ergibt sich daraus kein überzeugendes Argument gegen die Auffassung, dass es
Proposition gibt, die nicht wahrheitswertfähig sind. Schließlich haben wir oft Intuitionen, die
nicht miteinander vereinbar sind. Horwichs Argument kommt eher einer petitio principii
gleich.348 Solange der Minimalist kein wirklich überzeugendes grundsätzliches Argument für
die Korrektheit der Intuition anführen kann, dass alle Propositionen wahrheitswertfähig sind,
liegt die Beweislast bei ihm und er muss zeigen, wie unsere gegenteiligen Intuitionen im Ein-
zelnen wegerklärt werden können.
Eine zweite Lösungsstrategie besteht darin, dass man von der klassischen Logik und ihrer
Auffassung von Negation und Falschheit Abstand nimmt. Auf dieser Grundlage wird nun die
eben angeführte Adaption der Beschreibung der Problemfälle relevant. Denn je nachdem wel-
che der beiden angeführten Beschreibungen wir wählen, können wir ein logisches System
wählen, welches uns ermöglicht, die Wahrheit der beanstandeten Axiome wiederherzustellen.
Wenn wir die ursprüngliche Beschreibung des Problems für korrekt erachten, dann können
wir Bochvars externe dreiwertige Logik verwenden, um die Wahrheit der Axiome wiederher-
zustellen. Denn auf der Grundlage dieses Systems sind Propositionen der logischen Form <p
 q> auch dann wahr, wenn die Proposition, dass p, falsch ist und die Proposition, dass q,
keinen Wahrheitswert hat.349 Wenn wir uns auf die zweite angeführte Problembeschreibung
festlegen, dann können wir sowohl auf der Grundlage von Bochvars externer dreiwertiger Lo-
gik oder aber von Łukasiewiczs dreiwertiger Logik die Wahrheit der problematisierten Instan-
zen wiederherstellen. Denn auf der Grundlage beider Logiken sind Propositionen der logi-
schen Form <p  q> auch dann wahr, wenn sowohl die Proposition, dass p, als auch die Pro-
position, dass q, keinen Wahrheitswert hat. 350 Die adaptierte Beschreibung der Problemstel-
lung hat somit den Vorteil gegenüber der ursprünglichen Beschreibung, dass auf ihrer Grund-
lage eine größere Wahlmöglichkeit in Bezug auf eine alternative Semantik der Junktoren im
Gegensatz zur klassischen Logik besteht. Die angeführten Optionen zeigen in jedem Fall, dass
der Verteidiger der minimalen Theorie der Wahrheit über Möglichkeiten verfügt, dem hier an-
geführten Einwand entgegenzutreten.

347 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 76-85).


348 Vgl. dazu Horwich (1998a, S. 76-77).
349 Vgl. dazu: Malinowski (2001, S. 316); Bochvar (1938 [1981]).
350 Vgl. dazu: Malinowski (2001, S. 310; S. 316); Łukasiewicz (1930 [1967]); Bochvar (1938 [1981]).

194
(4.2.1.3) Probleme mit paradoxen Instanzen des W*-Schemas

Ein weiteres Problem aller bisher angeführten Formulierungen der minimalen Theorie der
Wahrheit besteht darin, dass aus manchen Instanzen des W*-Schemas sich unter Hinzunahme
zusätzlicher plausibler Prämissen Widersprüche ableiten lassen. Von diesem Problem, welches
unter dem Namen ‚Lügnerparadoxon’ einen prominenten Platz in der wahrheitstheoretischen
Literatur gefunden hat351, ist jede Wahrheitskonzeption betroffen, die wesentlich von den In-
stanzen des W-Schemas ‚x ist wahr  p’ oder den Instanzen eines damit verwandten Schemas
– wie bspw. dem W*-Schema – Gebrauch macht.
Ich möchte nun zeigen, dass eine konservative Lösung dieses Paradoxons, die auf der Ausson-
derung bestimmter Instanzen des W-Schemas oder eines damit verwandten Schemas basiert,
ein aussichtsloses Unterfangen ist. Damit möchte ich der Behauptung von Horwich entgegen-
treten, der diesen Lösungsweg in Horwich (1990) und Horwich (1998a) als den einzig akzep-
tablen vorgeschlagen hat:352

In order to block the derivation of this contradiction our options are: (1) to deny classical logic [...] (2) to deny (à
la Tarski) that the concept of truth can be coherently applied to propositions [...] (3) to deny that the sentence in
capital letters succeeds in formulating a proposition or (4) to reject certain instances of the equivalence schema
[…] the only acceptable solution is (4): only certain instances of the equivalence schema are correct. 353

[W]e must conclude that permissible instantiations of the equivalence schema are restricted in some way so as to
avoid paradoxical results. […] Given our purposes it suffices for us to concede that certain instances of the equi -
valence schema are not to be included as axioms of the minimal theory[.] 354

Zu diesem Zweck werde ich nun wie folgt vorgehen: Zuerst werde ich kurz zu erläutern ver-
suchen, was das Lügnerparadoxon auszeichnet, in welcher Weise es sich formulieren lässt und
welche Möglichkeiten bestehen, die Ursachen für dieses Paradoxon zu lokalisieren. Daran an-
schließend versuche ich zu zeigen, warum jegliche Aussonderung bestimmter Instanzen des
W-Schemas keine gangbare Strategie ist, die Ableitung von Widersprüchen aus dem W-Sche-
ma auf der Grundlage zusätzlicher plausibler Annahmen zu verhindern.
Worin besteht das Lügnerparadoxon im Detail? Wie lässt es sich darstellen? Die gängigste
und einfachste Darlegung dieses Paradoxon lässt sich auf der Grundlage der folgenden, auf
den ersten Blick völlig unproblematischen Instanzen des W-Schemas formulieren:
351 Vgl. dazu: Clark (2002, S. 99-106); Sainsbury (1995, S. 111-133); Rescher (2001, S. 199-203).
352 Eine Alternative dazu, sich des Lügnerparadoxons auf der Grundlage einer minimalistischen Wahrheitskon-
zeption zu entledigen, findet sich in Weir (1996).
353 Horwich (1998a, S. 41).
354 Horwich (1990, S. 41-42).

195
(1) ‚Der Satz (#) ist nicht wahr’ ist wahr  der Satz (#) nicht wahr ist.355

Diese Instanz ist weder falsch noch widersprüchlich. Wenn wir nun aber zusätzlich die folgen-
de, auf den ersten Blick ebenso unproblematische Annahme machen:

(2) ‚Der Satz (#) ist nicht wahr’ = der Satz (#),

dann lässt sich aus (1) und (2) der folgende Widerspruch ableiten:

(3) Der Satz (#) ist wahr  der Satz (#) nicht wahr ist.

Ob dieser Widerspruch selbst zu den Instanzen des W-Schemas zu zählen ist, hängt von den
Restriktionen ab, die wir dem W-Schema auferlegen. Wir können die Instanzen des W-Sche-
mas so restringieren, dass (3) keine Instanz des W-Schemas ist. Wenn wir bspw. die Instanzen
des W-Schemas ‚x ist wahr  p’ wie folgt minimal auf Anführungsnamen als Einsetzungen
für ‚x’ restringieren: ‚p’ ist wahr  p.356
Worin liegt nun die Ursache für die widersprüchlichen Konsequenzen, die sich auf der Basis
mancher Instanzen des W-Schemas ergeben können? Die Ursache für diese Widersprüche
kann nun einerseits in den Instanzen des W-Schemas lokalisiert werden. Diese Instanzen
scheinen nur auf den ersten Blick unproblematisch. Sie kann aber auch in den scheinbar un-
problematischen Zusatzannahmen liegen, die notwendig sind, um einen Widerspruch aus den
minimal restringierten Instanzen des W-Schemas abzuleiten. D.h., grundsätzlich gibt es min-
destens zwei Möglichkeiten, diese Art von Widersprüchen zu verhindern:

(i)Man liefert den Nachweis, dass solche Zusatzannahmen wie (2) die eigentliche Quelle der Widersprüche sind;
und dass diese Annahmen zwar auf den ersten Blick unproblematisch erscheinen, aber auf den zweiten
Blick hin abzulehnen sind.

(ii)Man lokalisiert die Quelle der Widersprüche in den Instanzen des W-Schemas und restringiert die Instanzen
des W-Schemas in solch einer Weise, dass weder Sätze wie (1) noch solche wie (3) zu diesen zählen.

Welche dieser beiden Erklärungs- und Lösungsstrategien ist vielversprechender? Beide Mög-
lichkeiten scheinen nicht unproblematisch zu sein. Vor allem hat es sich als nahezu unmöglich
erwiesen, eine Rechtfertigung für die Zurückweisung der angesprochenen Zusatzannahmen zu
finden, die unabhängig von der Tatsache ist, dass sich aus manchen Instanzen des W-Schemas
zusammen mit diesen Annahmen Widersprüche ableiten lassen. Damit das durch (i) beschrie-
bene Ziel erreicht werden kann, müsste zweierlei gezeigt werden können:
355 Ganz ähnlich paradoxe Instanzen können auch auf der Grundlage des Schemas ‚Die Proposition, dass p, ist
wahr  p’ produziert werden. Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 40-41).
356 Die entsprechende propositionale Variante von (3) ist auch keine Instanz des (ES)-Schemas.

196
() Es ist möglich, auf der Grundlage von Zusatzannahmen wie (2) nicht nur Widersprüche aus manchen In-
stanzen des W-Schemas, sondern auch vergleichbare Widersprüche aus anderen semantischen oder logi-
schen Prinzipien wie den Instanzen des W-Schemas abzuleiten.

() Es ist möglich, die Klasse der Zusatzannahmen, die wie (2) zu Widersprüchen auf der Grundlage der In -
stanzen des W-Schemas führen, durch allgemeine Charakteristika eindeutig zu bestimmen.

Die umfangreiche Paradoxiendiskussion im 20. Jahrhundert hat gezeigt, dass sich eindeutige
Belege für die Erfüllung des Kriteriums () finden lassen. So hat bspw. Russell gezeigt, dass
sich aus der naiven Definition des Mengenbegriffs durch eine plausible Annahme, die mit (2)
hinsichtlich ihrer Selbstbezüglichkeit vergleichbar ist, ein Widerspruch ableiten lässt, der be-
sagt, dass die Menge aller Mengen, die sich nicht selbst als Element enthalten, Element ihrer
selbst ist genau dann, wenn sie nicht Element ihrer selbst ist. 357 Einen weiteren ähnlichen Wi-
derspruch, der auf Zusatzannahmen basiert, die mit (2) vergleichbar sind, hat Kurt Grelling in
Bezug auf das Prädikat ‚ist heterologisch’ und dessen intuitiv plausible Definition festgestellt.
Ein Prädikat ist heterologisch, wenn es nicht auf sich selbst angewendet werden kann; und au-
tologisch, wenn es auf sich selbst angewendet werden kann. Nun ist das Prädikat ‚ist heterolo-
gisch’ heterologisch genau dann, wenn es nicht heterologisch ist.358 Es gibt auch noch eine
ganze Menge anderer Widersprüche dieser Art. D.h., es lassen sich auf der Grundlage von
ähnlich plausiblen Prinzipien wie den Instanzen des W-Schemas und selbstbezüglichen An-
nahmen wie (2) Widersprüche ableiten, die mit (3) in einer Verwandtschaftsbeziehung ste-
hen.359 Damit ist die Bedingung () erfüllt.
Das Problem einer Lösung auf der Grundlage von (i) besteht somit nicht in der Erfüllung von
(), sondern vielmehr in der Erfüllung von (). Denn es sind nicht nur selbstbezügliche Aus-
sagen wie (2), die es ermöglichen, aus manchen Instanzen des W-Schemas Widersprüche wie
(3) abzuleiten. Es lässt sich sehr leicht zeigen, dass wir unter Zuhilfenahme von Annahmen,
die ebenso plausibel sind wie (2), die aber mit (2) keine wesentlichen inhaltlichen Ähnlichkei-
ten haben, Widersprüche aus bestimmten Instanzen des W-Schemas ableiten können. Betrach-
ten wir zu diesem Zweck die beiden folgenden Instanzen des W-Schemas:

(4) ‚Was Peter sagte, ist wahr’ ist wahr  was Peter sagte, wahr ist.
(5) ‚Was Michael sagte, ist nicht wahr’ ist wahr  was Michael sagte, nicht wahr ist.

357 Vgl. dazu: Rescher (2001, S. 170-173); Sainsbury (1995, S. 107-111); Clark (2002, S. 168-173).
358 Vgl. dazu: Rescher (2001, S. 173-176); Sainsbury (1995, S. 147); Clark (2002, S. 80-82).
359 Vgl. dazu: Ramsey (1925 [1990], S. 183-184).

197
Wenn wir diesen beiden Instanzen des W-Schemas nun die beiden folgenden völlig unproble-
matisch erscheinenden Prämissen hinzufügen, dann lässt sich auf dieser Grundlage ein Wider-
spruch wie (3) ableiten:

(6) Was Peter sagte = ‚Was Michael sagte, ist nicht wahr’.
(7) Was Michael sagte = ‚Was Peter sagte, ist wahr’.

Denn aus (4)-(7) folgen die beiden Sätze:

(8) ‚Was Peter sagte, ist wahr’ ist wahr  ‚Was Michael sagte, ist nicht wahr’ wahr ist.
(9) ‚Was Michael sagte, ist nicht wahr’ ist wahr  ‚Was Peter sagte, ist wahr’ nicht wahr ist.

Und aus diesen beiden Sätzen folgt nun wiederum unmittelbar der folgende Widerspruch:

(10) ‚Was Peter sagte, ist wahr’ ist wahr  ‚Was Peter sagte, ist wahr’ nicht wahr ist.

Im Gegensatz zu (2) ist aber weder (6) noch (7) ein Satz, der einen selbstbezüglichen Aus-
druck enthält. Darüber hinaus drücken Sätze wie (6) und (7) empirische Wahrheiten aus, die
für sich genommen in anderen Zusammenhängen als den eben angeführten völlig unproble-
matisch und unbestreitbar sein können. Ein solcher Umstand, wie er durch (6) und (7) be-
schrieben wird, betrifft keine semantische Spitzfindigkeit, wie sie bspw. der Satz (2) be-
schreibt. Es mag aber ganz gewöhnliche, alltägliche Umstände geben, die durch Sätze wie (6)
und (7) in völlig korrekter Weise beschrieben werden können.
Nehmen wir an, zwei Bankräuber werden unabhängig voneinander zum Tathergang eines ih-
rer Raubzüge verhört. Beide wollen zum Tathergang nichts Konkretes sagen und jeder der
beiden verweist auf den jeweils anderen. Nehmen wir des Weiteren an, der erste der beiden
Bankräuber ist ein sehr misstrauischer Mensch und die einzige Aussage, die er zu seiner Ver-
teidigung machen will, besteht darin, dass er behauptet, dass alles, was sein Komplize sagen
wird, nicht wahr ist. Der zweite Bankräuber, der zwar ebenso wenig auskunftsfreudig wie der
erste ist, jedoch ein weitaus vertrauensseligerer Mensch als der erste Bankräuber ist, geht von
der Annahme aus, dass er sich auf die Aussagen des Komplizen völlig verlassen könne, und
behauptet somit nichts anderes, als dass alles, was sein Komplize sagen wird, wahr ist. Das ist
eine halbwegs plausible Situation, die im Alltag eintreten könnte. Wenn sich nun aber jemand
die Mühe machen würde, die Aussagen der beiden Bankräuber auf ihre Wahrheitsbedingun-
gen zu untersuchen, so würde er zu dem merkwürdigen Ergebnis kommen, dass die Aussage
des ersten Bankräubers wahr ist genau dann, wenn sie nicht wahr ist. Wir gelangen also auf
demselben Wege, auf dem wir zu (10) gekommen sind, zu diesem Resultat.

198
Dieses Beispiel zeigt nun zweierlei: Erstens ist es möglich, Widersprüche auf der Grundlage
mancher Instanzen des W-Schemas unter Zuhilfenahme von bestimmten Annahmen abzulei-
ten, die empirisch mögliche Situationen beschreiben. D.h., es gibt keine Gründe, solche An-
nahmen wie (6) und (7) grundsätzlich als falsch zurückzuweisen. Zweitens hat sich gezeigt,
dass ein mit (3) vergleichbarer Widerspruch aus Instanzen des W-Schemas durch Zusatzan-
nahmen abgeleitet werden kann, die im Gegensatz zu der Annahme (2) keine selbstbezügli-
chen Ausdrücke enthalten und somit in keinem eindeutigen inhaltlichen Zusammenhang zu
einer Annahme wie (2) stehen. Darüber hinaus gibt es andere Beispiele in der Literatur, die
zeigen, dass der Art der Zusatzannahmen, mittels derer Widersprüche wie (3) aus den Instan-
zen des W-Schemas abgeleitet werden können, keine wirklichen Grenzen zu setzen sind. 360
D.h., es gibt eine Vielzahl völlig unterschiedlicher Annahmen, die unter Hinzunahme be-
stimmter Instanzen des W-Schemas zu Widersprüchen wie (3) führen. Auf dieser Grundlage
scheint die Erfüllung der Bedingung () nicht möglich zu sein und eine sinnvolle Erklärung
und Lösung des Lügnerparadoxons auf der Grundlage der Strategie (i) nicht in Aussicht zu
stehen.
Können wir diesen Umstand nun als Beleg dafür auffassen, dass die Erklärungsstrategie (ii)
vielversprechender als die Erklärungsstrategie (i) ist? Der dargelegte Umstand disqualifiziert
die Strategie (i), was aber noch nicht bedeutet, dass die Strategie (ii) somit akzeptabler ist als
die Strategie (i). Denn auch diese Strategie ist, wie ich im Folgenden zeigen möchte, von Pro -
blemen betroffen.
Gibt es überhaupt eine sinnvolle Möglichkeit, die Instanzen des W-Schemas zu restringieren?
Dabei sollten in jedem Fall die beiden folgenden Erfordernisse erfüllt werden:

() Eine Restriktion der Instanzen des W-Schemas sollte nicht ad hoc sein; d.h., Restriktionen sollten nicht nur
der Verhinderung einzelner Widersprüche geschuldet sein, sondern durch ein Merkmal begründet sein, das
allen ausgeschlossenen Instanzen gemeinsam ist.

() Eine Restriktion der Instanzen des W-Schemas sollte konservativ sein, d.h., eine Restriktion sollte nicht
mehr Instanzen ausschließen, als für die Vermeidung der Widersprüche nötig ist, und es sollten dabei auch
keine Instanzen ausgeschlossen werden, die in bestimmten Zusammenhängen (auch) in unproblematischer
Weise gebraucht werden können.

Ich werde nun zu zeigen versuchen, dass es aussichtslos ist, eine Aussonderung mancher In-
stanzen des W-Schemas vorzunehmen, die die angeführten Widersprüche verhindert und die
obendrein die beiden eben angeführten Adäquatheitsbedingungen erfüllt.
Welche Art von Restriktion der Instanzen des W-Schemas ist überhaupt dazu geeignet, die an-
geführten Widersprüche zu verhindern? Wenn man einen Blick auf die beiden angeführten Va-

360 Vgl. dazu: Rescher (2001, S. 199-215); Sainsbury (1995, S. 111-133).


199
rianten des Lügnerparadoxons wirft, dann kommt einem in diesem Zusammenhang als Erstes
der folgende Restriktionsvorschlag in den Sinn361:

(R1) Es sind nur solche Einsetzungen für ‚p’ im Rahmen des Schemas ‚x ist wahr  p’ zulässig, die den Aus-
druck ‚ist nicht wahr’ nicht enthalten.

Lassen sich auf der Grundlage von (R1) die angeführten Widersprüche vermeiden? Erfüllt
(R1) die Bedingungen () und ()? Beide Fragen sind mit ‚Nein’ zu beantworten. Durch die
Restriktion (R1) lässt sich zwar die Ableitung der Widersprüche (3) und (10) aus den verwen-
deten Prämissen verhindern, durch Zuhilfenahme weiterer plausibler Prinzipien lassen sich
aber auch auf der Grundlage der Restriktion (R1) die Widersprüche (3) und (10) aus den In-
stanzen des W-Schemas ableiten. Man braucht zu diesem Zweck nur zweierlei Änderungen
vorzunehmen. (a) Man reformuliert die verwendeten Prämissen, indem man den Ausdruck ‚ist
nicht wahr’ durch den Ausdruck ‚ist falsch’ ersetzt. (b) Und man ergänzt die Argumentation
durch die folgende, im Kontext der klassischen Logik plausible Prämisse:

(11) Für alle x: x ist falsch  x nicht wahr ist.

Auf der Grundlage dieser Veränderung lassen sich trotz der Anwendung von (R1) erneut aus
den Instanzen des W-Schemas die Widersprüche (3) und (10) ableiten.
Man hat auf dieser Grundlage natürlich durch (11) einen neuen Angriffspunkt geschaffen, die
Paradoxie aufzulösen. Inwiefern lässt sich (11) bezweifeln? Wenn man das Bivalenzprinzip
aufgibt – und es mag gute Gründe dafür geben –, dann muss man auch (11) aufgeben. Die
Aufgabe des Bivalenzprinzips lässt sich für die Zwecke der angeführten Ableitung allerdings
in sinnvoller Weise kompensieren. Denn wenn man das Bivalenzprinzip aufgibt, ist man zwar
verpflichtet (11) aufzugeben, aber man muss deshalb nicht ebenso (11’) aufgeben:

(11’) Für alle x: wenn x falsch ist, dann ist x nicht wahr.

Und (11’) genügt völlig, um die angeführten Widersprüche aus den Instanzen des W-Schemas
und den modifizierten Zusatzannahmen auf der Grundlage von (R1) abzuleiten. 362 Damit hat
sich (R1) als unzureichend erwiesen.
An diesem Umstand ändert auch eine voreilige Modifikation von (R1) nicht sehr viel, die wie
folgt lauten könnte:

(R1*) Es sind nur solche Einsetzungen für ‚p’ im Rahmen des Schemas ‚x ist wahr  p’ zulässig, die weder
den Ausdruck ‚ist nicht wahr’ noch den Ausdruck ‚ist falsch’ enthalten.
361Ein ähnlicher Vorschlag wird in Halbach (2003, S. 134; S. 186) gemacht.
362Vertreter parakonsistenter Logiken verwerfen allerdings auch (11’) Vgl. dazu: Priest (2008, S. 127-130; S.
166-168).
200
Damit schließe ich zwar eine weitere Möglichkeit aus, die besagten Widersprüche (3) und
(10) aus den Instanzen des W-Schemas und bestimmten Zusatzannahmen abzuleiten, aber ich
schließe damit noch lange nicht alle diesbezüglichen Möglichkeiten aus.
Es gibt noch weitere Möglichkeiten, aus den Instanzen des W-Schemas und zusätzlichen An-
nahmen Widersprüche wie (3) und (10) abzuleiten. Eine dieser Möglichkeiten erfordert die
Anerkennung von zweierlei Dingen: (a) die Möglichkeit der Quantifikation in Satzpositionen
und (b) die Möglichkeit der Quantifikation in Anführungskontexten. Wenn wir diese beiden
Voraussetzungen akzeptieren, dann müssen wir bspw. die folgende Instanz des W-Schemas als
angemessen hinnehmen:

(12) ‚Es ist nicht der Fall, dass es ein p gibt: c=‚p’ und p’ ist wahr  es ist nicht der Fall, dass es ein p gibt:
c=‚p’ und p.

Diese Instanz des W-Schemas verletzt in keiner Weise die Restriktion (R1*), und dennoch
lässt sich auf ihrer Grundlage und aus den beiden folgenden, plausiblen Annahmen ein Wider-
spruch ableiten:

(13) c=‚Es gibt ein p: c=‚p’ und es ist nicht der Fall, dass p’.
(14) Für alle x: x ist nicht wahr  es ist nicht der Fall, dass es ein p gibt: x=‚p’ und p.

Wobei (13) das Pendant zu (2) ist und (14) inhaltlich (11) entspricht. Aus (12)-(14) folgt nun-
mehr der folgende Widerspruch, der (3) inhaltlich eindeutig entspricht:

(15) c ist wahr  c nicht wahr ist.

Somit ist auch (R1*) zu schwach, um die Ableitung von Widersprüchen aus den Instanzen des
W-Schemas auszuschließen. Lässt sich nun überhaupt auf der Grundlage aller angeführten
Beispiele eine plausible Variante der Reformulierung von (R1) finden, welche die Ableitung
der angeführten Widersprüche verhindert? Die folgende Reformulierung von (R1) scheint in
jedem Fall stark genug zu sein, die Ableitung aller angeführten Widersprüche aus den Instan-
zen des W-Schemas zu vermeiden:

(R1**) Es sind nur solche Einsetzungen für ‚p’ im Rahmen des Schemas ‚x ist wahr  p’ zulässig, die weder
den Ausdruck ‚ist nicht wahr’ noch einen damit (notwendig) äquivalenten Ausdruck enthalten.

Und das scheint nicht nur für die angeführten Fälle zu gelten, auch auf der Grundlage von
(R1**) scheint es tatsächlich keine vernünftige Möglichkeit zu geben, durch die Hinzunahme
plausibler Prämissen Widersprüche aus den Instanzen des W-Schemas abzuleiten.

201
Allerdings ist der Preis, der dafür gezahlt wird, extrem hoch. Denn auf der Grundlage von
(R1**) wird nicht nur (), wenn überhaupt, auf sehr fragwürdige Weise erfüllt, sondern vor
allem wird die Bedingung () in einer eklatanten Weise verletzt. Auf der Grundlage von
(R1**) werden einfach zu viele sinnvolle Instanzen des W-Schemas ausgeschlossen, die in
vielen Zusammenhängen völlig unproblematisch sind, wie bspw. die Instanz (5) oder die fol-
gende Instanz:

(16) ‚Manche Sätze sind nicht wahr’ ist wahr  manche Sätze nicht wahr sind.

Darüber hinaus werden auf der Grundlage von (R1**) eine Reihe von Instanzen wie die fol-
gende ausgeschlossen, die keine wesentliche Rolle bei der Konstruktion einer Variante des
Lügnerparadoxons einnehmen:

(17) ‚Es ist nicht wahr, dass manche Sätze nicht wahr sind’ ist wahr  es ist nicht wahr, dass manche Sätze
nicht wahr sind.

Dieser Makel von (R1**) lässt sich zwar in Bezug auf Instanzen wie (17) beheben, wenn wir
(R1**) wie folgt umformulieren:

(R1***) Es sind nur solche Einsetzungen für ‚p’ im Rahmen des Schemas ‚x ist wahr  p’ zulässig, die weder
den Ausdruck ‚ist nicht wahr’ noch einen damit (notwendig) äquivalenten Ausdruck enthalten; davon
ausgenommen sind allerdings diejenigen Einsetzungen für ‚p’, die zwar den Ausdruck ‚ist nicht wahr’
oder einen damit äquivalenten Ausdruck enthalten, jedoch mit einem Satz äquivalent sind, der aus-
schließlich von Ausdrücken der Form ‚ist wahr’ oder einem damit (notwendig) äquivalenten Aus-
druck Gebrauch macht.363

Aber dadurch werden immer noch Instanzen wie (16) ausgeschlossen und die Verletzung von
() besteht daher nach wie vor. Es scheint allerdings auch keine Möglichkeit zu geben, diesen
Makel auf der Grundlage der Lösungsstrategie (ii) zu beseitigen, da es von kontingenten, em-
pirischen Zusatzannahmen abhängig ist, ob eine Instanz des W-Schemas wie (16) völlig un-
problematisch ist oder ob sie einen Beitrag zu der Ableitung eines Widerspruchs leistet. 364
Und genau an diesem Punkt und an der Verletzung von () scheitert die Lösungsstrategie (ii).
Darüber hinaus wird auf der Grundlage von (R1***) auch der Zweifel gestärkt, ob eine Lö-
sung auf der Grundlage von (ii) tatsächlich in der Lage ist, auch () zu erfüllen. Denn (R1***)
scheint ja keine echte Diagnose in Bezug auf die Quelle der Widersprüche zu liefern, sondern

363Kurz gesagt: die Anzahl der enthaltenen Negatoren muss gerade sein.
364Auf diesen wichtigen Punkt hat erstmals Kripke hingewiesen. „The versions of the Liar paradox which use
empirical predicates already point up one major aspect of the problem: many, probably most, of our ordinary as-
sertions about truth and falsity are liable, if the empirical facts are extremely unfavourable, to exhibit paradox-
ical features”, in: Kripke (1975, S. 691).
202
schließt diese mehr schlecht als recht auf der Grundlage der Auseinandersetzung mit be-
stimmten konkreten Varianten des Lügnerparadoxons aus.
Unser Urteil über die Lösungsstrategie (ii) findet eine zusätzliche Bestätigung, wenn wir die
wohl berühmteste Variante einer Lösung des Lügnerparadoxons genauer betrachten, nämlich
die Lösung von Tarski. Tarski trifft die folgende Diagnose in Bezug auf die Quelle der Wider-
sprüche, die eine Restriktion der Instanzen des W-Schemas zur Folge haben würde, die weit
über die Restriktionen hinausgeht, die wir bis dato diskutiert haben:

(I) Wir haben unausgesprochen vorausgesetzt, daß die Sprache, in der die Antinomie konstruiert worden ist, ne-
ben deren Ausdrücken auch die Namen derselben enthält, ferner semantische Terme wie ‚wahr’ in bezug auf
Aussagen dieser Sprache. Wir haben auch vorausgesetzt, daß alle Aussagen, die den angemessenen Gebrauch
dieses Terms festlegen, in der Sprache behauptet werden können. Eine Sprache mit diesen Eigenschaften wird
als ‚semantisch geschlossen’ bezeichnet. [...]
Wir erwägen […] nur die Möglichkeit der Verwerfung von Voraussetzung (I) und entschließen uns, keine seman-
tisch geschlossene Sprache im dargestellten Sinne zu gebrauchen. 365

Wenn man die von Tarski im Rahmen dieser Diagnose angeführten Restriktionen der Instan-
zen des W-Schemas auf die natürliche Sprache überträgt, dann hat dies die folgenden Ein-
schränkungen des W-Schemas zur Folge:

(R2) Es sind nur solche Einsetzungen für ‚p’ im Rahmen des Schemas ‚x ist wahr  p’ zulässig, die (a) keine
semantischen Prädikate und (b) keine Namen für Sätze der natürlichen Sprache enthalten, der die mögli-
chen Einsetzungen für ‚p’ angehören.

Eine solche Restriktion der Instanzen des W-Schemas ist um einiges umfangreicher als alle
Restriktionen, die wir bereits besprochen haben, und sie ist somit in keiner Weise in der Lage,
das Kriterium () zu erfüllen. Darüber hinaus hat (R2) mit bestimmten Uneindeutigkeiten in
Bezug auf die natürliche Sprache zu kämpfen. Denn es scheint kein hinreichend klares Krite-
rium dafür zu geben, welche Ausdrücke der natürlichen Sprache als semantische Prädikate zu
klassifizieren sind und welche nicht.
Tarski ist sich beider Probleme bewusst und zieht daraus die folgenden Schlüsse: (a) Er hält es
für aussichtslos aufgrund der Uneindeutigkeiten der natürlichen Sprache eine angemessene
Lösung des Lügnerparadoxons für die natürliche Sprache zu finden. Dies geht aus der folgen-
den Bemerkung von Tarski hervor:

Unsere Umgangssprache ist sicherlich keine von den Sprachen, die eine exakt bestimmte Struktur besitzen. Wir
wissen nicht genau, welche Ausdrücke Aussagen sind, und noch weniger, welche Aussagen behauptbar sind. Da-
her hat das Problem der Inkonsistenz in Hinblick auf diese Sprache keinen präzisen Sinn. Wir können bestenfalls

365 Tarski (1944 [1977], S. 150-151).


203
die Vermutung wagen, daß eine Sprache, deren Struktur exakt bestimmt worden ist und die unserer Umgangs -
sprache so viel wie möglich ähnelt, inkonsistent wäre.366

Und er zieht sich somit auf den Standpunkt zurück, man müsse eine formale Sprache konstru-
ieren, die ein Wahrheitsprädikat enthält und im Rahmen derer die Ableitung der angeführten
Widersprüche nicht möglich ist. (b) Außerdem führt er, um den starken Ausdrucksverlust auf
der Grundlage von (R2) zu kompensieren, im Rahmen der von ihm betrachteten formalen
Sprachen eine unendliche Hierarchie von Objekt- und Metasprachen ein und damit auch eine
Hierarchie unterschiedlich relativierter Wahrheitsprädikate. Die unterste Objektsprache dieser
Hierarchie von Sprachen zeichnet sich dadurch aus, dass sie keine semantischen Prädikate
und keine Namen für Sätze dieser Sprache enthält. Somit ist es erst in der auf die Objektspra-
che folgenden Metasprache möglich, Instanzen des W-Schemas in Bezug auf diese Objekt-
sprache zu formulieren. Die Einsetzungen für ‚p’ im Rahmen des Schemas ‚x ist wahr in L 
p’ in der Metasprache M sind auf die möglichen Übersetzungen der Sätze der Objektsprache L
in die Metasprache M beschränkt. Somit erfüllen die Instanzen des W-Schemas, die sich auf
der Grundlage der Sprache M formulieren lassen, die angeführte Restriktion (R2). Will man
für diese Sprache M ein Wahrheitsprädikat definieren und somit Instanzen des W-Schemas
formulieren, die alle Sätze der Sprache M umfassen, muss man eine weitere Sprache N ein-
führen, die über das dazu nötige Vokabular verfügt. Und so lässt sich dieses Prozedere bis in
die Unendlichkeit fortführen, was zu einer unendlichen Hierarchie von Sprachen und somit
auch zu einer unendlichen Hierarchie semantischer Ausdrücke führt.
Diese hier skizzierte Unterscheidung zwischen Objekt- und Metasprache mindert zwar den
Ausdrucksverlust, der mit der bloßen Einführung der Restriktion (R2) einhergehen würde, er-
heblich, dennoch kommt es dadurch nicht zu der Erfüllung von (), denn der Ausdrucksver-
lust ist nach wie vor größer als tatsächlich notwendig. Kripke hat auf diesen Umstand wie
folgt eindrücklich hingewiesen:367

Now on any theory that assigns intrinsic “levels” to such statements, so that a statement of a given level can
speak only of the truth or falsity of statements of lower levels, it is plainly impossible for both to succeed: if the
two statements are on the same level, neither can talk about the truth or falsity of the other, while otherwise the
higher can talk about the lower, but not conversely. Yet intuitively, we can often assign unambiguous truth values
to (4) [=’All of Nixon’s utterances about Watergate are false’] and (5) [=‘Everything Dean says about Watergate
is false’]. Suppose Dean has made at least one true statement about Watergate [other than (4)]. Then, independ-
ently of any assessment of (4), we can decide that Nixon’s (5) is false. If all Nixon’s other assertions about Wa -
tergate are false as well, Dean’s (4) is true; if one of them is true, (4) is false. 368

366 Tarski (1944 [1977], S. 151-152).


367 Vgl. dazu auch: Kirkham (1992, S. 281-282).
368 Kripke (1975, S. 696).

204
D.h., selbst auf der Grundlage einer Objekt- und Metasprachen-Unterscheidung ist die Re-
striktion der Instanzen des W-Schemas in Bezug auf die einzelnen Metasprachen weitaus um-
fangreicher, als es die Vermeidung von Widersprüchen wie (3), (10) oder (15) erfordert.
Liefert Tarski für diese immer noch zu umfangreichen Restriktionen in Bezug auf die Vermei-
dung des Lügnerparadoxons eine angemessene Begründung? Warum wird von Tarski der Ge-
brauch von keinen semantischen Ausdrücken ohne Relativierung auf eine Objektsprache zu-
gelassen? Warum verbietet er den Umstand, dass irgendeine Objektsprache über Namen für
ihre Sätze verfügt? Tarski hat auf all diese Fragen Antworten. Es wird an uns liegen, zu ent-
scheiden, ob diese Antworten überzeugend sind.
Der Grund, der Tarski zu der Auffassung geführt hat, man müsse den Gebrauch aller semanti-
schen Ausdrücke restringieren, ergibt sich aus dem Umstand, dass sich nicht nur durch die
Verwendung des Ausdrucks ‚ist wahr’ Paradoxien konstruieren lassen, sondern auch durch die
Verwendung anderer semantischer Prädikate. Es lassen sich – worauf wir bereits hingewiesen
haben – sehr ähnliche Paradoxien wie das Lügnerparadoxon mittels anderer semantischer
Ausdrücke wie ‚ist heterologisch’ oder ‚ist erfüllbar’ bilden. Tarski selbst drückt diesen Um-
stand wie folgt aus:

Andererseits ist eben dieser Universalismus der Umgangssprache im Gebiete der Semantik vermutlich die we -
sentliche Quelle aller sog. semantischen Antinomien, wie der Antinomie des Lügners oder der heterologischen
Worte; diese Antinomien scheinen einfach ein Beweis dafür zu sein, dass sich auf dem Boden jeder Sprache,
welche im obigen Sinne universal wäre und für welche hiebei die normalen Gesetze der Logik gelten sollten, ein
Widerspruch ergeben muß.369

Tarski will mit seiner drastischen Restriktion der Verwendung semantischer Ausdrücke die
Konstruktion semantischer Antinomien grundsätzlich ausschließen. Dabei hat er jedoch über
das Ziel hinausgeschossen. Denn er verbietet auf der Grundlage seiner Restriktionen Verwen-
dungsweisen von semantischen Prädikaten, die völlig unproblematisch sind und die nicht
zwangsweise zu Paradoxien führen; worauf wir bereits in Bezug auf die Annahmen (6), (7)
und (16) hingewiesen haben. Tarskis Gründe sind somit nicht wirklich überzeugend und die
damit unausweichliche Verletzung von () lässt sich auf dieser Grundlage nicht plausibel er-
klären.
Warum verbietet Tarski darüber hinaus den Gebrauch von Anführungsnamen relativ zu jeder
Objektsprache? Tarski war der Auffassung, dass es möglich wäre, ohne die Zuhilfenahme se-
mantischer Prädikate wie ‚ist falsch’ oder ‚ist nicht wahr’ Paradoxien zu konstruieren, die in
dieselbe Klasse von Paradoxien, wie die von uns skizzierten Ableitungen, fallen. Im Unter-
schied zu den angeführten Ableitungen machen derart konstruierte Paradoxien allerdings aus-

369 Tarski (1935 [1986], S. 460).


205
schließlich von Anführungsfunktoren und sententialen Variablen und Quantoren Gebrauch.
Tarski beschreibt diesen Umstand selbst wie folgt:

Der Gebrauch der Anführungsfunktion setzt uns ferner der Gefahr aus, in verschiedene semantische Antinomien,
z. B. in die Antinomie des Lügners, verwickelt zu werden. Das gilt sogar für den Fall, dass wir – weitgehend
Vorsicht walten lassend – nur von den fast evident scheinenden Eigenschaften der besprochenen Funktionen Ge-
brauch machen. Im Gegensatz nämlich zu derjenigen Fassung der Antinomie des Lügners, die wir oben kennen
gelernt haben, kann man die betrachtete Antinomie ganz ohne Anwendung des Ausdrucks ‚wahre Aussage’ for-
mulieren, indem man die Anführungsfunktionen mit variablem Argument einführt.370

Wie sehen solche Ableitungen im Detail aus? Es mag einen nicht verwundern, dass das von
Tarski gewählte Beispiel eine frappierende Ähnlichkeit mit der Variante des Lügnerparadox-
ons hat, die sich auf der Grundlage der Annahmen (12) – (14) ergeben hat. Tarski weist darauf
hin, dass man auf der Grundlage der beiden folgenden Prinzipien und unter Verwendung an-
derer rein logischer Grundannahmen einen Widerspruch ableiten kann, welcher (15) ent-
spricht:371

(18) Es gibt ein p: (18)= ‚p’ und es ist nicht der Fall, dass p.
(19) Für alle p und q: (wenn ‚p’=‚q’, dann (p gdw. q)).

Dieses Resultat ist allerdings kaum verwunderlich, wenn man sich die Verwandtschaft der An-
nahmen (12) und (18) vor Augen führt. Denn (18) ist so wie (12) nur eine Variante der Annah-
me (2). D.h., durch (18) wird ein selbstbezüglicher Satz konstruiert, der mit einem Satz äqui-
valent ist, der seine eigene Falschheit behauptet.
Vor dem Hintergrund dieser Feststellungen hat Tarski in jedem Fall mit seinen Restriktionen
weit über das Ziel hinausgeschossen. Denn auf der Grundlage des von Tarski angeführten Bei-
spiels zeigt sich nicht, dass der Gebrauch von Anführungsnamen grundsätzlich zu verbieten
ist, es zeigt sich nur, dass der Gebrauch derselben im Rahmen von Sätzen, die Ausdrücke ent-
halten, die mit semantischen Prädikaten äquivalent sind, zu Problemen führt. Es ist auf dieser
Grundlage somit nicht notwendig, den Gebrauch von Anführungsnamen grundsätzlich für die
jeweiligen Objektsprachen zu verbieten. Es reicht völlig aus, den Gebrauch von Ausdrücken
zu verbieten, die mit semantischen Prädikaten äquivalent sind, selbst aber aufgrund ihrer syn-
taktischen Struktur nicht als semantische Prädikate aufgefasst werden können, wie eben bspw.
die Ausdrücke, die im Rahmen von (12) und (18) verwendet werden. Tarskis zweite Begrün-
dung für die von ihm vorgeschlagenen massiven Restriktionen vermag also erneut nicht zu
überzeugen. Die Bedingung () wird erneut verletzt.

370 Tarski (1935 [1986], S. 457-458).


371 Vgl. dazu: David (1994, S. 189-190).
206
Die gemachten Feststellungen legen somit sowohl in Bezug auf die vorgestellten Varianten
der Restriktion (R1) als auch in Bezug auf die von Tarski vorgeschlagenen Restriktionen der
Instanzen des W-Schemas den Schluss nahe, dass keine akzeptable Lösung des Lügnerparado-
xons auf der Grundlage der Strategie (ii) vertreten werden kann, welche die von uns formu-
lierten, plausiblen Adäquatheitsbedingungen einhält. Es gilt somit nach wie vor Kripkes Fest-
stellung:

There can be no syntactic or semantic “sieve” that will winnow out the “bad” cases while preserving the “good”
ones.372

Horwichs These, dass die einzig akzeptable Lösung des Lügnerparadoxons darin besteht, be-
stimmte Instanzen des W-Schemas auszuschließen, ist somit auf der Grundlage unserer Fest-
stellungen als falsch zurückzuweisen.373
Gibt es eine andere sinnvolle Möglichkeit für die minimale Theorie, mit dem Lügnerparado-
xon umzugehen? Wie sieht es mit einer kontextabhängigen Restringierung der Instanzen des
W-Schemas aus? Diese Strategie besteht nicht darin, problematische Instanzen ein für alle
mal auszusortieren, sondern bestimmte Instanzen werden nur dann nicht als Instanzen akzep-
tiert, wenn bestimmte Hintergrundannahmen erfüllt sind, die rein empirischer Art sein kön-
nen. Denn eine mechanische Aussortierung aller potentiell problematischen Instanzen des W-
Schemas bringt den Vorwurf ein, mehr Instanzen als notwendig auszuschließen. Wenn wir
dem Umstand gerecht werden wollen, dass es bezüglich mancher Instanzen auch unproblema-
tische Verwendungen gibt, dann müssen wir dem durch ein sensitives Kriterium gerecht wer-
den. Doch diese Strategie scheint von einem anderen bereits aufgeworfenen Problem betrof-
fen zu sein. Die Zusatzannahmen, die zur Konstruktion einer Variante des Lügnerparadoxons
notwendig sind, sind, wie wir gesehen haben, so vielfältig, dass es unmöglich scheint, (a) eine
allgemeine Eigenschaft zu finden, die allen diesen Bedingungen gemeinsam ist oder (b) eine
endliche Liste von Merkmalen anzuführen, die tatsächlich alle möglichen Varianten erfasst.

372Kripke (1975, S. 692).


373 In Horwich (2005a) wird eine Lösung vertreten, welche Ideen von Tarski und Kripke zu kombinieren sucht.
Diese Lösung läuft allerdings wieder auf eine zu rigorose Restringierung der Instanzen des W-Schemas hinaus;
so dass die gegen Tarski vorgebrachten Einwände auch darauf zutreffen.
Horwich schlägt in der Folge von Tarski vor, die Gesamtheit aller Propositionen hierarchisch anzuordnen. L 0
umfasst alle Propositionen, die den Begriff der Wahrheit nicht enthalten, L 1 enthält alle Propositionen von L0
plus alle Propositionen, die den Wahrheitsbegriff enthalten und sich aber ausschließlich auf Propositionen der
Sprache L0 beziehen, und das geht dann von Stufe zu Stufe immer so weiter. Vgl. dazu: Horwich (2005a, S. 81).
Auf dieser Grundlage können wir dann auch eine ganze Hierarchie von Wahrheitsprädikaten unterscheiden. Im
Unterschied zu Tarski vertritt Horwich allerdings die Auffassung, dass wir den Ausdruck ‚ist wahr’ mit der Dis-
junktion all dieser unendlich vielen Wahrheitsprädikate identifizieren sollen. Vgl. dazu: Horwich (2005a, S. 81).
Darüber hinaus greift Horwich auf den Begriff der Gegründetheit von Kripke zurück, definiert ihn allerdings in
anderer Weise. Und zwar auf der Grundlage seiner adaptierten Tarski-Hierarchie. Für Horwich ist eine Propositi-
on gegründet gdw. diese Proposition entweder der Hierarchie 0 angehört oder wenn sie einer Hierarchie n>0 an-
gehört, dann muss diese Proposition oder ihre Negation aus den Propositionen aller Hierarchien m < n abgeleitet
werden können. Vgl. dazu: Horwich (2005b, S. 82). Horwich schlägt auf dieser Grundlage vor, nur gegründete
Propositionen als Instanzen des (ES)-Schemas zu akzeptieren.
207
Wenn wir ein sensitives Kriterium haben wollen, dann muss es bezüglich aller relevanten Zu-
satzannahmen sensitiv sein. Das scheint aber aussichtslos zu sein. Somit gibt es weder eine
angemessene rigide noch eine angemessene sensitive Restringierung der Instanzen des W-
Schemas, die eine Lösung des Lügnerparadoxons ermöglicht. Horwichs Lösungsstrategie ist
somit in beiden Varianten nicht gangbar.
Horwich steht auf dieser Grundlage allerdings noch eine Option offen. Er kann sich auf die
These zurückziehen, dass es einerseits Instanzen des W-Schemas gibt, die zu paradoxen Kon-
sequenzen führen, und andererseits solche, die zu keinen paradoxen Konsequenzen führen,
wir aber unmöglich alle Instanzen mit paradoxen Konsequenzen identifizieren können.374
Es fragt sich, ob sich Horwich auf dieser Grundlage dann auf die folgende These zurückzie-
hen kann: Welche Instanzen auch immer die Instanzen des W*-Schemas ohne paradoxe Kon-
sequenzen sind, diese Instanzen konstituieren die minimale Theorie der Wahrheit.
Das erste Problem dieser Lösung besteht darin, dass die Klasse der Instanzen, die zu parado-
xen Konsequenzen führen, keine ein für alle Mal feststehende Klasse ist, sondern mit dem Be-
stehen oder Nicht-Bestehen bestimmter empirischer Tatsachen variieren kann – wie die empi-
rischen Varianten des Lügnerparadoxons gezeigt haben. Es gäbe damit nicht eine Theorie der
Wahrheit, sondern unterschiedliche, von Zeit zu Zeit variierende Theorien der Wahrheit. Die
Extension von ‚ist wahr’ wäre demnach bestimmten zeitlichen Schwankungen unterworfen,
obwohl die Träger der Eigenschaft der Wahrheit Propositionen sind. Das sind allesamt keine
Konsequenzen, die zur Plausibilität einer Theorie der Wahrheit beitragen.375
Es gibt allerdings eine zweite und noch wesentlichere Schwierigkeit mit dieser Einschränkung
der minimalen Theorie der Wahrheit. Gupta und Armour-Garb haben auf den Umstand hinge-
wiesen376, dass für Horwich eine Einschränkung der Instanzen des W*-Schemas aus anderen
Gründen nicht in Frage kommt.377 Damit Horwich die Wahrheit von universellen Generalisie-
rungen im Zusammenhang mit dem Wahrheitsprädikat auf der Grundlage seiner minimalen
Theorie der Wahrheit erklären kann, muss er auf alle möglichen Instanzen des W*-Schemas
zurückgreifen können. Eine Einschränkung würde ihm somit die angemessene Lösung eines
anderen Problems der minimalen Theorie der Wahrheit verwehren. Dies führt uns unmittelbar
zu unserem nächsten Problemkontext.

(4.2.1.4) Probleme mit generellen Tatsachen der Wahrheit

Wir haben bis jetzt einige Probleme der angeführten ersten Art von Problemen besprochen;
d.h. Probleme, welche die angemessene Formulierung der minimalen Theorie betreffen. Nun
374 Diese ‚epistemische’ Lösung basiert auf unserem Unwissen bezüglich der Instanzen mit potentiell paradoxen
Konsequenzen. Vgl. dazu: Armour-Garb und Beall (2005a, S. 89-91) und Restall (2005, S. 99).
375 Vgl. dazu: Restall (2005, S. 100-101).
376 Vgl. dazu: Gupta (2005, S. 230-231) und Armour-Garb (2004, S. 497).
377 Vgl. dazu auch: Restall (2005, S. 102).

208
werden wir uns Problemen zuwenden, welche die Erfüllung der von Horwich aufgestellten
Adäquatheitsbedingung für eine minimale Theorie der Wahrheit betreffen.
Beginnen wir mit einem Problem, das die Erklärung singulärer Tatsachen der Wahrheit be-
trifft. Wir sind in der natürlichen Sprache dazu in der Lage, Propositionen die Eigenschaft der
Wahrheit zuzuschreiben, die wir gegenwärtig entweder aus Unwissen oder aus Mangel an
sprachlichen Ressourcen nicht ausdrücken können. Der zweite Fall ist für unsere Zwecke hier
relevant. Nehmen wir an, es existiere in der fernen Zukunft eine Population von außerirdi-
schen Kreaturen, die ganz andersartige physikalische Theorien vertreten als wir. Diese Theori-
en sind in unserer gegenwärtigen Terminologie nicht ausdrückbar. Dennoch sind wir gegen-
wärtig dazu in der Lage, Folgendes zu behaupten:

(20) Das erste zentrale Theorem dieser außerirdischen Kreaturen über die Gravitation ist wahr.

Nun nehmen wir weiter an, dass (20) tatsächlich eine wahre Behauptung ist. Wie können wir
dies nun auf der Grundlage der minimalen Theorie der Wahrheit erklären? Wenn wir eine ge-
nerelle Theorie der Wahrheit hätten, die auf einem Prinzip der Form ‚x(x ist wahr  Fx)’
basiert, dann wäre eine Erklärung der Wahrheit von (20) eine relativ einfach Angelegenheit.
Wir würden von der folgenden grundlegenden Tatsache ausgehen:

(21) Das erste zentrale Theorem dieser außerirdischen Kreaturen über die Gravitation ist F.

Auf der Basis dieses Theorems und dem angedeuteten allgemeinen Prinzip über Wahrheit
lässt sich dann (20) ableiten und somit die Wahrheit von (20) auf der Grundlage der Wahrheit
der anderen Annahmen erklären.
Eine Erklärung der Wahrheit von (20) auf der Grundlage der minimalen Theorie der Wahrheit
ist vergleichsweise komplizierter. Erstens erfordert eine solche Erklärung die Identifizierung
der Proposition, auf die in (20) Bezug genommen wird. Wir brauchen somit an erster Stelle
ein Prinzip der Form:

(22) Das erste zentrale Theorem dieser außerirdischen Kreaturen über die Gravitation = die Proposition, dass p.

Darüber hinaus benötigt man zweitens einen Satz, der die durch (22) identifizierte Proposition
ausdrückt. Drittens benötigen wir dann noch die entsprechende Instanz des W*-Schemas,
welche die Wahrheitsbedingungen für die besagte Proposition angibt.
Das Hauptproblem bezüglich des Beispiels (20) besteht nun aber darin, dass wir die besagte
Proposition auf der Basis unserer gegenwärtigen sprachlichen Ressourcen weder identifizie-
ren noch ausdrücken können. Wir sind damit also nicht in der Lage, die Wahrheit von (20) zu
erklären, weil wir die dafür erforderlichen Schritte nicht vollziehen können. Alles, was wir
209
können, ist auf eine mögliche Sprache zu verweisen, in der die besagte Proposition ausge-
drückt werden kann und in der die erforderte Erklärung für die Übersetzung von (20) gegeben
werden kann. Aber ein solcher Verweis ist selbst keine Erklärung. D.h., die Wahrheit von (20)
ist für die minimale Theorie unerklärbar.
Dagegen könnte man einwenden, dass es eigentlich nicht darum geht, die Wahrheit von (20)
zu erklären, sondern vielmehr die Wahrheit der Proposition, die durch (20) ausgedrückt wird.
Auf der Ebene der Propositionen kann die minimale Theorie ja alle Propositionen zur Verfü-
gung stellen, die für die besagte Ableitung nötig sind. Das mag in einer gewissen Weise stim-
men. Dieser Einwand verkennt meiner Ansicht nach aber das Wesen einer Erklärung. Erklä-
rungen sind komplexe Sprechakte. Ganz unabhängig, ob ich erklären will, ob eine Propositi-
on, ein Satz oder eine Behauptung wahr ist, muss ich mich sprachlicher Mittel bedienen, um
diese Erklärung zu geben. Wenn mir die sprachlichen Mittel fehlen, um bestimmte Sprechakte
zu vollziehen, dann kann ich eine Erklärung aktual auch nicht geben. D.h., für den Minimalis-
ten ist es nicht prinzipiell unmöglich, die Wahrheit der Proposition, die durch (20) ausge-
drückt wird, zu erklären, er ist nur gegenwärtig nicht in der Position, eine solche Erklärung zu
geben. Das sehe ich als einen Nachteil dieser Theorie an. Da hilft es auch nicht, wenn man
darauf verweist, dass es Propositionen gibt, aus deren Wahrheit sich die Wahrheit der von (20)
ausgedrückten Proposition ableiten lässt. Solche Verweise sind selbst keine Erklärungen. Und
auch das Bestehen einer Folgerungsbeziehung zwischen Propositionen ist keine Erklärung.
Die einzige Möglichkeit, die ich sehe, diesem Problem zu entgehen, besteht darin, die Ad-
äquatheitsbedingung von Horwich für die propositionale Theorie der Wahrheit derart abzuän-
dern:

(PAK*) Die minimale Theorie der Wahrheit ist angemessen, wenn aus ihren Axiomen und beliebigen Theorien,
bei deren Formulierung nicht auf das Wahrheitsprädikat (oder ein synonymes Prädikat) zurückgegriffen
werden muss, alle wahren Propositionen logisch folgen, die nur mit Hilfe des Wahrheitsprädikats (oder
eines synonymen Prädikats) ausgedrückt werden können.

Dann wäre das besagte Problem zwar kein Problem mehr bezüglich der Erfüllung von
(PAK*), aber dennoch könnte man die besagten Erklärungen von einer Theorie der Wahrheit
einfordern, da sie ja auf der Grundlage anderer Theorien möglich sind. Somit gibt es meiner
Ansicht nach keinen Weg, dem Problem wirklich zu entgehen.
Kommen wir nun zu Problemen bei der Erklärung allgemeiner Wahrheitstatsachen. Tarski hat
bereits bemerkt, dass sich aus den Instanzen des W-Schemas keine Generalisierungen, die das
Wahrheitsprädikat enthalten, direkt herleiten lassen.378 In Bezug auf das W*-Schema haben
vor allem Gupta und Soames eindrücklich auf ein analoges Problem hingewiesen. 379 Worin
378Vgl. dazu: Tarski (1935 [1986], S. 540-544).
379Vgl. dazu: Gupta (1993b, S. 363-364); Soames (1997, S. 30-32) und Soames (1999, S. 247-248). Siehe auch:
Hill (1999, S. 96-97); David (2002, S. 168-175) und Raatikainen (2005, S. 175).
210
besteht das Problem nun konkret? Die folgenden Generalisierungen sind (a) wahr und (b) ent-
halten sie das Wahrheitsprädikat:

(23) Jede Proposition, die beweisbar ist, ist wahr.


(24) Nur Propositionen sind wahr.
(25) Jede Proposition der Form <p  p> ist wahr.

Sie drücken daher wahre Propositionen aus und stehen somit für generelle Tatsachen der
Wahrheit. Diese wahren Propositionen können natürlich nicht alleine aus den Axiomen der
minimalen Theorie der Wahrheit hergeleitet werden. Das sollte von einer Theorie der Wahr-
heit auch keineswegs verlangt werden. Das Problem für die minimale Theorie der Wahrheit
besteht nun allerdings darin, die besagten generellen Wahrheiten ausschließlich aus den Axio-
men der Theorie der Wahrheit und anderen Wahrheiten, die ohne das Wahrheitsprädikat oder
irgendein synonymes Prädikat ausgedrückt werden können, herzuleiten. Die Frage ist somit:
Gibt es solche zusätzlichen Wahrheiten, die keine Tatsachen der Wahrheit sind und die in Ver-
bindung mit der minimalen Theorie der Wahrheit die erforderte Erklärung liefern können?
Oder ist die minimale Theorie der Wahrheit unvollständig, weil es zusätzlicher Tatsachen der
Wahrheit bedarf, um die angeführten Tatsachen der Wahrheit aus den Axiomen der Theorie
der Wahrheit und anderen Wahrheiten ableiten zu können?
Betrachten wir zuerst, zu welchen Tatsachen der Wahrheit wir gelangen können, die in einer
engen Beziehung zu (23) stehen und auf die wir dann die Instanzen des W*-Schemas direkt
anwenden können. Die Generalisierung (23) hat aufgrund ihrer logischen Form380 die folgen-
den Instanzen:

(26) Wenn die Proposition, dass p, eine Proposition ist, dann ist die Proposition, dass p, wahr, wenn die Proposi-
tion, dass p, beweisbar ist.

Wenn wir auf die Instanzen von (26) nun die Instanzen des W*-Schemas anwenden, die die
jeweilige Proposition, dass p, betrifft, dann können wir daraus Instanzen der folgenden Form
ableiten:

(27) Wenn die Proposition, dass p, eine Proposition ist, dann p, wenn die Proposition, dass p, beweisbar ist.

Die Instanzen von (27) drücken, wenn sie wahr sind, keine Tatsachen der Wahrheit aus, da
diese Instanzen weder den Ausdruck ‚ist wahr’ noch einen damit notwendig äquivalenten Aus-
druck enthalten. Somit können sie als der Teil einer Erklärung der Wahrheit von (23) fungie-
ren, der die Theorie der Wahrheit nicht selbst betrifft. Wenn wir von den Instanzen von (27)

380 Diese lautet: x(x ist eine Proposition  (x ist beweisbar  x ist wahr).
211
ausgehen und diese mit den entsprechenden Instanzen des W*-Schemas kombinieren, dann
können wir daraus im Umkehrschritt die Instanzen von (26) ableiten.
Vor diesem Hintergrund scheinen wir nun nur noch einen Übergang zwischen den Instanzen
von (26) zu der Generalisierung (23) gewährleisten zu müssen, um das besagte Problem zu lö-
sen. Das folgende Prinzip scheint, wenn es wahr ist, diese letzte Lücke schließen zu können:

(28) Es ist notwendig, dass wenn jede Instanz einer Generalisierung wahr ist, dann ist die Generalisierung selbst
wahr.

Dieses Prinzip hat allerdings zwei Nachteile. Der erste Nachteil dieses Prinzips besteht darin,
dass es nicht wahr ist. Hier die diesbezügliche Begründung von David:381

Consider the set of premises saying of each of the nine solar planets that it has property F. There could have been
an additional planet that failed to be F; hence, there is a possible world, different from ours, in which all the
premises are true but the conclusion that all solar planets are F is false.382

Der zweite Nachteil von (28) besteht darin, dass es selbst, wenn es wahr wäre, ein Prinzip ist,
das mittels des Wahrheitsprädikats formuliert werden muss. In diesem Sinn ist (28) entweder
selbst erklärungsbedürftig oder müsste zu den Axiomen der Wahrheit hinzugefügt werden.
Horwich ist nun der Auffassung, man könne beide Probleme umgehen. Wir müssen (28) nicht
zu den Axiomen hinzufügen, weil wir (28) durch ein notwendig äquivalentes Prinzip ersetzen
können, welches ohne die Verwendung des Wahrheitsprädikats formuliert werden kann. Und
zwar durch das folgende:383

(29) Die Gesamtheit der Instanzen einer Generalisierung impliziert strikt die Generalisierung selbst.

Nun ist jedoch (29) ebenso falsch wie (28). Horwich ist allerdings der Auffassung, dass es
einen angemessenen Ersatz für (29) gibt, der die Zwecke von (29) erfüllt. Wir brauchen dazu
(29) nur auf die Quantifikation über Propositionen einzuschränken. Man gelangt dann zu dem
folgenden Prinzip:

(30) Die Gesamtheit der Instanzen einer Generalisierung über Propositionen impliziert strikt die Generalisie-
rung selbst.

Ist dieses Prinzip nun uneingeschränkt gültig? Keineswegs. Die Gültigkeit hängt wesentlich
davon ab, welche Konzeption von Propositionen man vertritt. Eine solche Konzeption muss
die folgende Konsequenz nach sich ziehen:384

381 Vgl. dazu auch: Horwich (2001, S. 157) und Horwich (2005a, S. 83).
382 David (2002, S. 171).
383 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 137); David (2002, S. 171).
384 Vgl. dazu: David (2002, S. 172).

212
(31) Für alle Propositionen x gilt: wenn x in einer möglichen Welt existiert, dann existiert x in allen möglichen
Welten.

Welche Konzeptionen von Propositionen haben diese Konsequenz? Auf jeden Fall Konzeptio-
nen, die Propositionen als einfache abstrakte Entitäten auffassen. Eine solche Konzeption
scheint allerdings relativ unplausibel zu sein. Propositionen sollen doch primär die Gehalte
von Sätzen oder Einstellungen repräsentieren. Diese Gehalte haben eine komplexe Struktur;
es ist daher mehr als fraglich, ob diese Gehalte durch einfache abstrakte Gegenstände reprä-
sentiert werden können.
Es gibt allerdings noch eine weitere mögliche Option, die Strategie von Horwich zu begrün-
den. Man fasst zu diesem Zweck Propositionen als komplexe abstrakte Entitäten auf, die aus-
schließlich abstrakte Konstituenten haben. Eine Fregesche Konzeption von Propositionen
scheint dem nahe zu kommen.385 Nach dieser Konzeption bestehen Propositionen ausschließ-
lich aus den Sinnen von sprachlichen Ausdrücken und diese Sinne sind für Frege abstrakte
Gegenstände. Aber auch wenn alle Sinne nur abstrakte Gegenstände sind, so ist es nicht klar,
ob vielleicht manche abstrakten Sinne auch nur in Abhängigkeit zu konkreten Dingen existie-
ren können. Wenn man an Freges eigene Konzeption denkt, dann fällt einem vor allem der
Sinn des Wortes ‚ich’ ein. Für Frege ist jede Person sich selbst in einer ganz besonderen und
exklusiven Weise gegeben. Diese Arten des Gegebenseins repräsentieren unterschiedliche
Sinne des Wortes ‚ich’. Es ist allerdings fraglich, ob eine solch exklusive Gegebenseinsweise
existieren kann, ohne dass die Person existiert, die dadurch gegeben wird und die als einzige
diese Gegebenseinsweise erfasst.386 Darüber hinaus vertritt Horwich selbst eine Auffassung
von Sinnen (=Begriffen), die davon ausgeht, dass Sinne abstrakte Gegenstände sind, die in
Abhängigkeit von Gebrauchsregularitäten existieren.387 Es ist also alles andere als klar, ob
eine Konzeption, wie Horwichs Lösung sie erfordert, überhaupt sinnvoll vertreten werden
kann.
Darüber hinaus gibt es externe Gründe, die gegen die Angemessenheit einer solchen Konzep-
tion sprechen. Erstens hat sich gezeigt, dass vor allem Sätze, die Eigennamen enthalten, in
vielen Zusammenhängen Propositionen ausdrücken, die keine Fregeschen Propositionen sind,
sondern objektabhängige, sogenannte Russellsche Propositionen, die konkrete Dinge als Kon-
stituenten haben. Zweitens hat sich gezeigt, dass es bestimmte Glaubenseinstellungen gibt, so-
genannte de re Glaubenseinstellungen, die auf objektabhängige Propositionen gerichtet
sind.388 Somit scheint weder das Prinzip (31) noch das Prinzip (30) in einer allgemeinen Wei-
385 Vgl. dazu: David (2002, S. 172) und David (2005a, S. 390).
386 Man kann sich grundlegender fragen, ob Sinne überhaupt unabhängig von Wesen mit repräsentationalen und
sprachlichen Fähigkeiten existieren können, selbst wenn sie abstrakte Gegenstände sind.
387 Vgl. dazu: Horwich (1998b, S. 44-46).
388 Vgl. dazu: Abschnitt 5.4.4.2.

213
se vertreten werden zu können. Damit bricht allerdings auch Horwichs Lösung des angeführ-
ten Problems zusammen.389
Aber selbst wenn wir (30) und (31) akzeptieren würden, ist dadurch die geforderte Lösung
noch nicht wirklich erbracht. Denn es gibt noch weitere Probleme der angeführten Strategie.
Erstens: Horwich muss bei seiner Erklärung von unendlich vielen singulären Tatsachen ausge-
hen, die keine Tatsachen der Wahrheit sind, aus denen sich aber dann durch Hinzunahme der
Instanzen des W*-Schemas weitere singuläre Tatsachen der Wahrheit ableiten lassen. Nur al-
lein durch eine unendliche Liste von singulären Tatsachen lässt sich aber nicht die Wahrheit
des Vorderglieds von (30) konstituieren. Es bräuchte dazu noch eine zusätzliche generelle Tat-
sache, die besagt, dass die angeführte unendliche Liste alle Instanzen einer Generalisierung
umfasst. Das Bestehen dieser Tatsache muss aber auch erklärt oder gerechtfertigt werden. Es
scheint aber unklar zu sein, wodurch Horwich das Bestehen dieser zusätzlichen generellen
Tatsachen erklären kann.390 Somit hat die Strategie einen weiteren Schwachpunkt.391
Zweitens: Es trifft auf diese Art der Erklärung derselbe Punkt zu, der auf die oben angeführte
Erklärung einer singulären Tatsache zutraf. Wenn wir Horwich eine Lösung aller bis jetzt an-
geführten Probleme zugestehen würden, dann ließe sich – wenn wir die verwendeten Prinzipi-
en in Bezug auf die propositionale Variante der minimalen Theorie optimieren – das Kriteri-
um (PAK*) erfüllen, nicht aber das ursprüngliche Kriterium (PAK). Die besagte allgemeine
wahre Proposition, die durch (23) ausgedrückt wird, würde aus der Theorie der Wahrheit und
anderen Annahmen, die nicht Wahrheit selbst betreffen, folgen. Aber die Wahrheit dieser Pro-
positionen könnte auf der Basis der gemachten Annahmen nicht erklärt werden. Was man auf
dieser Basis erklären kann, ist die Wahrheit von Propositionen, die durch bestimmte Instanzen
von (26) ausgedrückt werden. Das gilt für endlich viele dieser Instanzen; für den Rest kann
man eine Erklärung nur andeuten als etwas, das in derselben Weise möglich wäre. Da man
aber zur Erklärung der Wahrheit der Proposition, die durch (23) ausgedrückt wird, auf alle
Propositionen zurückgreifen müsste, aber nur ein bestimmter Teil dieser Propositionen in un-
serer gegenwärtigen Terminologie ausdrückbar ist, können wir die Wahrheit von Propositio-
nen, die durch bestimmte Instanzen von (26) ausgedrückt würden, aktual gar nicht erklären.
Wir müssten wieder auf die Möglichkeit einer Sprache verweisen, die dafür ausdrucksstark

389 Man könnte sich auf die radikale Auffassung festlegen, dass alle konkreten Dinge notwendig existieren. Kom-
biniert man diese Auffassung mit einer Auffassung über Eigenschaften und Relationen, die diesen ebenfalls not-
wendige Existenz zuschreibt, dann wäre es möglich, Russellsche Propositionen als notwendig existierende Enti-
täten anzusehen. Es fragt sich nur, ob man einen solch hohen ontologischen Preis zahlen will, um die eigene
Wahrheitskonzeption möglichst einfach zu halten.
390 Man könnte diesem Problem entgehen, indem man (30) durch die sogenannte -Regel ersetzt. Das ist eine

nicht logisch gültige Schlussregel, die einem erlaubt, aus den unendlich vielen Instanzen einer Generalisierung
über Propositionen die Generalisierung selbst abzuleiten. Diese Regel lässt sich auf unser Problem anwenden,
ohne dass wir die generelle Tatsache rechtfertigen müssen, dass die unendliche Liste von Instanzen, von der wir
ausgehen, tatsächlich alle Instanzen einer Generalisierung umfasst. Wir müssen nur de facto von all diesen In-
stanzen ausgehen.
391 Vgl. dazu: David (2002, S. 170) und Künne (1997, S. 54-58).

214
genug wäre, über die wir aber nicht verfügen. (Darüber hinaus müssten wir dann selbst über
die Fähigkeit verfügen, diese unendlich vielen Propositionen auch auszudrücken.) Aber ein
solcher bloßer Verweis beinhaltet keine Erklärung.
Die Sache würde sich auch in Bezug auf (23) ganz anders verhalten, wenn wir über ein allge-
meines Prinzip der Form ‚x(x ist wahr  x ist F)’ verfügen würden. Auf dieser Grundlage
wäre es relativ einfach, die Wahrheit von (23) zu erklären. Man würde dabei von der Wahrheit
des folgenden Prinzips ausgehen:

(32) Jede Proposition, die beweisbar ist, ist F.

Wenn man nun das besagte allgemeine Prinzip der Wahrheit hinzunimmt, kann man aus (32)
und diesem Prinzip dann (23) ableiten. In dieser Hinsicht ist somit eine finit formulierbare
Theorie der Wahrheit einer infiniten überlegen, wenn wir den Begriff der Erklärung so auffas-
sen, dass es sich bei Erklärungen um ganz bestimmte Sprechakte handelt.
Drittens muss Horwich eingestehen, dass er zumindest eine der angeführten Generalisierun-
gen nicht in der angedeuteten Weise „erklären“ kann. Das betrifft vor allem die durch (24)
ausgedrückte Tatsache der Wahrheit. Horwich hält dazu Folgendes fest:

… the equivalence axioms cannot explain why, for example, Julius Caesar is not true. It would seem that a com -
plete theory of truth will require, in addition to MT, the axiom ‘(x) (x is true  x is a proposition)’. 392

Warum lässt sich die Generalisierung (24) im Gegensatz zu anderen Generalisierungen auch
dann nicht erklären, wenn wir Horwich die Korrektheit seiner Erklärungsstrategie zugestehen
würden? Es ist klar, dass die Wahrheit, dass Julius Caesar nicht wahr ist 393, aus den Instanzen
des W*-Schemas und anderen nicht wahrheitsbezogenen Wahrheiten nicht abgeleitet werden
kann. Wir können die Wahrheit von ‚Julius Caesar ist nicht wahr’ allerdings aus (24) und der
folgenden Wahrheit ableiten:

(33) Julius Caesar ist keine Proposition.

Warum können wir unter den gemachten Zugeständnissen die Generalisierung (24) nun nicht
wiederum aus den Instanzen des W*-Schemas und anderen nicht wahrheitsbezogenen Wahr-
heiten ableiten?394 Betrachten wir dazu die Instanzen von (24); diese haben die folgende
Form:

(34) Wenn x wahr ist, dann ist x eine Proposition.

392 Horwich (1998a, S. 23 Fn. 7).


393 Wenn wir diese „Wahrheit“ nicht als Kategorienfehler in dem oben beschriebenen Sinn werten.
394 Vgl. dazu: Gupta (1993b, S. 363).

215
Zu diesen Instanzen gehören nun nicht nur Sätze wie ‚Wenn die Proposition, dass Schnee
weiß ist, wahr ist, dann ist die Proposition, dass Schnee weiß ist, eine Proposition’, sondern
auch Sätze wie ‚Wenn Julius Caesar wahr ist, dann ist Julius Caesar eine Proposition’. Instan-
zen der ersten Art können auf der Grundlage der Instanzen des W*-Schemas auf Sätze zu-
rückgeführt werden, die das Wahrheitsprädikat nicht enthalten. Unser Beispielsatz kann auf
den Satz ‚Wenn Schnee weiß ist, dann ist die Proposition, dass Schnee weiß ist, eine Proposi-
tion’ zurückgeführt werden. Das gilt aber nicht für Instanzen der zweiten Art. Diese können
mittels der Instanzen des W*-Schemas nicht auf Sätze zurückgeführt werden, die das Wahr-
heitsprädikat nicht enthalten. Daran scheint die Ableitung von (24) zu scheitern. Denn wir
würden somit in jedem Fall zusätzliche Wahrheiten über Wahrheit neben den Instanzen des
W*-Schemas benötigen, um die Strategie von Horwich umsetzen zu können.
Wenn das aber der Grund dafür ist, warum wir (24) zu den ursprünglichen Axiomen der Theo-
rie der Wahrheit hinzufügen müssen, dann gilt derselbe Grund für beinahe jede Generalisie-
rung im Zusammenhang mit dem Ausdruck ‚ist wahr’. Nehmen wir bspw. (23). Diese Genera-
lisierung hat die Instanz ‚Wenn Julius Caesar eine Proposition ist, dann ist, wenn Julius Cae-
sar beweisbar ist, Julius Caesar wahr’. Diese Instanz kann nun allerdings ebenso nicht durch
die Instanzen des W*-Schemas in einen Satz überführt werden, der den Ausdruck ‚ist wahr’
nicht enthält. Somit würde Horwichs Strategie auch in Bezug auf die Ableitung von (23)
scheitern.
In diesem Zusammenhang sollten wir jedoch bedenken, dass (30) ohnedies kein Prinzip ist,
das für universell verstandene Generalisierungen geeignet ist. Horwich könnte vor diesem
Hintergrund die Auffassung vertreten, dass Generalisierungen wie (23) oder (25) als restrin-
gierte Generalisierungen aufzufassen sind, deren Bereich auf Propositionen beschränkt ist.
Diese Strategie lässt sich allerdings nicht auf (24) übertragen, wenn (24) die besagte Erklä-
rungsleistung liefern soll. (24) muss also in jedem Fall als universelle Generalisierung aufge-
fasst werden. Wir erhalten als Fazit daraus, dass Horwich, selbst wenn wir seine Strategie ak-
zeptieren würden, auf ihrer Basis nur restringierte Generalisierungen über Propositionen er-
klären könnte, die das Wahrheitsprädikat enthalten. Für alle universellen Generalisierungen,
die das Wahrheitsprädikat enthalten, gilt dasselbe wie für (24): Sie können prinzipiell nicht
durch Horwichs Strategie erklärt werden.
Die minimale Theorie der Wahrheit soll nicht nur dazu da sein, generelle Tatsachen der Wahr-
heit erklären zu können. Horwich legt auch noch zusätzlichen Wert darauf, dass die Instanzen
des folgenden Schemas wahr und erklärbar sind:

(35) Die Proposition, dass p, ist wahr, weil p.

216
Horwich möchte von diesem Schema Gebrauch machen, um die sogenannte Korresponden-
zintuition zu erfassen.395 Die Instanzen von (35) sind allerdings keineswegs mit den Instanzen
des W*-Schemas gleichzusetzen; diese sind nicht einmal mit ersteren notwendig äquivalent.
Wenn Horwich auf die Instanzen von (35) zurückgreifen will, dann muss er sie aus den In-
stanzen des W*-Schemas und anderen Wahrheiten, die nicht Wahrheit betreffen, herleiten
können. Kann er das? Der intuitiv naheliegendste Weg scheint darin zu bestehen, bspw. die
Instanz von (35), dass die Proposition, dass Gras grün ist, wahr ist, weil Gras grün ist, aus den
folgenden beiden Annahmen und der entsprechenden Instanz des W*-Schemas herzuleiten:

(36) Gras ist grün.


(37) Gras ist grün, weil Gras grün ist.

Doch diese Strategie funktioniert nicht, weil (37) eine notwendige Falschheit darstellt, wie
alle vergleichsweisen Behauptungen: Denn nichts kann durch sich selbst erklärt werden. Und
wenn diese Strategie nicht funktioniert, welche Strategie sollte dann funktionieren? Es scheint
aussichtslos zu sein, die Instanzen von (35) auf rein objekt-sprachlicher Ebene aus der mini-
malen Theorie der Wahrheit herzuleiten. Dessen scheint sich auch Horwich bewusst gewesen
zu sein. Gibt es eine zumindest teilweise meta-sprachliche Herleitung der Instanzen von (35)?
Eines ist klar: Die Instanzen von (35) können überhaupt nur aus den Instanzen des W*-Sche-
mas abgeleitet werden, wenn die Instanzen von (W*) mit Wahrheiten wie (36) kombiniert
werden. D.h., die Instanzen von (35) können, wenn überhaupt, nur aus den Instanzen von
(W*) hergeleitet werden, die wahre Propositionen betreffen. Man könnte geneigt sein, für die-
sen Zweck von dem folgenden metasprachlichen Prinzip Gebrauch zu machen:396

(38) Wenn die Instanzen des W*-Schemas, die nur wahre Propositionen betreffen, explanatorisch basale Wahr-
heiten der Wahrheit sind, dann sind die entsprechenden Instanzen von (36) wahr.

Das Problem einer Strategie, die auf (38) basiert, besteht allerdings vor allem darin, die Wahr-
heit des Antezedens’ von (38) zu begründen. Denn selbst aus der Gesamtheit aller Instanzen
des W*-Schemas folgt nicht, dass diese Instanzen explanatorisch basale Wahrheiten der Wahr-
heit sind. Mir ist nicht klar, wie Horwich die Wahrheit dieser Annahme begründen will. Er
gibt dafür kein wirklich zwingendes Argument, behauptet allerdings, dass die Instanzen von
(W*) die explanatorisch basalen Wahrheiten der Wahrheit sind. Das einzige indirekte Argu-
ment für diese These liefert er auf der Basis der Erfüllung von (PAK). Er meint, weil wir auf
der Grundlage der Instanzen des W*-Schemas – zusammen mit Tatsachen, die keine Tatsa-

395Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 104-105).


396Vgl. dazu: David (2002, S. 168). David macht in diesem Zusammenhang von einem metasprachlichen Theo -
rem der folgenden Art Gebrauch: Wenn (38) aus (37) und der entsprechenden Instanz von (ES) folgt, dann folgt
auch die entsprechende Instanz von (36) daraus.
217
chen der Wahrheit sind – alle Tatsachen der Wahrheit erklären können, sind die Instanzen des
W*-Schemas als explanatorisch basale Tatsachen der Wahrheit anzusehen. 397 Aber von dieser
Voraussetzung können wir nicht einfach ausgehen. Denn unser Problem besteht ja gerade in
der Frage, ob diese Voraussetzung erfüllt werden kann, ob (PAK) tatsächlich korrekt ist. Die
Argumentation würde daher hoffnungslos zirkulär werden. Ich sehe aber auch keine andere
Möglichkeit für Horwich, (38) in Stellung zu bringen. Er kann ja auch nicht einfach von der
Wahrheit des Antezedens’ von (38) ausgehen.
Eine weitere Strategie, die betreffende Ableitung zu gewährleisten, geht direkt auf Horwich
zurück. Er ist bestrebt, für die Wahrheit des folgenden Konditionals zu argumentieren, um die
geforderten Ableitungen machen zu können:398

(39) Wenn die Instanzen des W*-Schemas, die nur wahre Propositionen betreffen, so beschaffen sind, dass die
Wahrheit, die durch einen Satz auf der linken Seite einer Instanz von (W*) ausgedrückt wird, explanato-
risch weniger basal ist als die Wahrheit, die durch einen Satz auf der rechten Seite des betreffenden Bi -
konditionals ausgedrückt wird, dann sind die entsprechenden Instanzen von (36) wahr.

Welche Gründe führt Horwich nun für die Wahrheit des Antezedens’ von (39) an? Seiner An-
sicht nach lassen sich Wahrheiten wie (36) aus unseren basalen Theorien über die Welt ablei-
ten. Die Ableitung von ‚Die Proposition, dass Gras grün ist, ist wahr’ aus (36) erfordert zu-
sätzlich die Instanzen von (W*). Denn eine Wahrheit wie ‚Die Proposition, dass Gras grün ist,
ist wahr’ folgt nach Horwich nicht aus unserer basalen Theorie über die Welt. Somit ist nach
Horwich die Wahrheit (36) explanatorisch grundlegender als die Wahrheit ‚Die Proposition,
dass Gras grün ist, ist wahr’. Wenn wir diesen Umstand generalisieren, können wir dadurch
die Wahrheit des Antezedens’ von (39) rechtfertigen.
Ist diese Rechtfertigung von Horwich angemessen? Erstens haben sowohl Künne als auch
Douven und Hindriks darauf hingewiesen, dass die Strategie von Horwich viel zu einge-
schränkt ist, d.h. eine sehr naive Vorstellung von Reduktionismus voraussetzt. Wir können aus
unseren basalen physikalischen Theorien über die Welt bestimmt nicht alle wahren Proposi-
tionen ableiten.399 Zweitens haben Douven und Hindriks darauf aufmerksam gemacht, dass
auch die (wahren) Gesetze, die durch eine basale Theorie der Welt ausgedrückt werden, in das
Schema (35) eingesetzt werden können. Die Erklärung dieser Wahrheiten würde aber nach
Horwich zirkulär werden, weil sein Ansatz ihre Wahrheit zur Erklärung aller Wahrheiten be-
reits voraussetzt.400 Drittens hat Wright auf ein noch grundlegenderes Problem dieser Strate-
gie hingewiesen. Denn diese Strategie erklärt die Wahrheit einer Proposition mittels der Wahr-
heit unserer basalen Theorie über die Welt. Sie erklärt aber nicht, warum die betreffende spe-
397 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 126; S. 138).
398 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 105-106).
399 Vgl. dazu: Künne (2003, S. 156-157); McGrath (2003a, S. 669); Douven und Hindriks (2005, S. 318).
400 Vgl. dazu: Douven und Hindriks (2005, S. 318-319).

218
zifische Instanz von (35) wahr ist, d.h., warum die Proposition, dass Gras grün ist, allein des-
halb wahr ist, weil Gras grün ist. Schließlich könnte es ja so sein, dass unsere basale Theorie
über die Welt die Wahrheit von (36) nicht erklären kann.401 Wir können somit Horwichs Stra-
tegie zur Rechtfertigung der Wahrheit von (39) getrost verwerfen. Es scheint auch keine wei-
tere sinnvolle Strategie der Rechtfertigung von (39) in Aussicht zu stehen.
Wenn wir also wie Horwich annehmen, dass die Instanzen von (35) wichtige singuläre Tatsa-
chen der Wahrheit auszudrücken, dann müssen wir auf der Grundlage unser Ausführungen
schließen, dass Horwich nicht in der Lage ist, die Ableitbarkeit dieser Tatsachen der Wahrheit
aus seiner minimalen Theorie der Wahrheit zu rechtfertigen. Es ist auch überhaupt nicht klar,
ob der Minimalist die Wahrheit der Instanzen von (35) erklären kann. Somit scheint es eine
weitere Klasse von Tatsachen der Wahrheit zu geben, die gegen die Erfüllung von (SAK) oder
(PAK) sprechen. Horwich scheitert somit an seinem selbst auferlegten Adäquatheitskriterium.

(4.2.1.5) Propositionen als Axiome der minimalen Theorie der Wahrheit

Wir sind von der Voraussetzung ausgegangen, dass die minimale Theorie sowohl als eine
Theorie aufgefasst werden kann, deren Axiome Sätze sind, als auch als eine Theorie, deren
Axiome Propositionen sind. Ich möchte nun dafür argumentieren, warum der Minimalist dar-
auf festgelegt ist, die minimalen Axiome der Theorie der Wahrheit als Propositionen aufzufas-
sen.
Es gibt in Bezug auf die natürliche Sprache zwei bekannte semantische Phänomene: (a) das
der Mehrdeutigkeit und (b) das der Kontextabhängigkeit. Sätze wie ‚Peter trifft Michael heute
auf der Bank’ sind mehrdeutig. Sätze wie ‚Ich werde morgen reich sein’ sind gleich in mehrer-
lei Weise kontextabhängig. Erstens sind die Ausdrücke ‚ich’, ,morgen’ und ‚werden’ indexika-
lisch; d.h., ihr Bezug kann sich von Äußerungskontext zu Äußerungskontext ändern. Zweitens
ist der Ausdruck ‚reich’ standardrelativ und kann von Bewertungskontext zu Bewertungskon-
text unterschiedliche Bedingungen des Zutreffens haben. Beide Phänomene übertragen sich
auf die Instanzen des W*-Schemas, so dass diese ebenso mehrdeutig und kontextabhängig
werden. Wenn wir also die Axiome der minimalen Theorie der Wahrheit als Sätze auffassen,
dann stehen manche Axiome für mehrere unterschiedliche Gehalte, manche sogar für potenti-
ell unendlich viele Gehalte. Eine respektable Theorie sollte allerdings keine solchen Unein-
deutigkeiten aufweisen, vor allem wenn es darum geht, mit Hilfe der Axiome eindeutige Ab-
leitungen zu machen. Können wir diesem Problem entgehen? Wenn wir eine ganz bestimmte
Auffassung von Propositionen vertreten, dann können wir diesem Problem entgehen. Solche
Propositionen zeichnen sich durch ihre Eindeutigkeit aus, da alle angeführten Faktoren auf
der Ebene des propositionalen Gehalts eindeutig bestimmt sind. Auf dieser Grundlage können
401 Vgl. dazu: Wright (1992, S. 27).
219
wir dem angeführten Problem entgehen. Diese Lösung legt uns allerdings darauf fest, die
Axiome der Theorie der Wahrheit als Propositionen und nicht als Sätze aufzufassen. Der ein-
zige verbleibende Mangel, den wir auf dieser Grundlage in Kauf nehmen müssen, besteht dar-
in, dass wir zwar in Bezug auf Sätze ein reichliches Angebot an Möglichkeiten haben, den
Begriff der Ableitbarkeit zu spezifizieren; dass es aber in Bezug auf Propositionen keinen ver-
gleichsweise bestimmten Begriff der Ableitbarkeit gibt. Als Richtmaß muss uns dann wohl
hier vorläufig unser intuitiver, allgemein anwendbarer Begriff der Folgerung dienen. Was
wiederum wohl darauf hinausläuft, dass wir doch eher (PAK*) und nicht (PAK) als Adäquat-
heitsbedingung für die minimale Theorie der Wahrheit ansehen sollten.

(4.2.1.6) Die Normativität der Wahrheit

Ein Einwand, der von unterschiedlicher Seite gegen deflationäre Wahrheitskonzeptionen im


Allgemeinen und gegen Horwichs minimale Konzeption der Wahrheit im speziellen immer
wieder ins Feld geführt wird, ist der folgende:402 Wahrheit ist eine Norm von Überzeugungen
und Behauptungen. Diese normative Natur der Wahrheit kann jedoch allein auf der Grundlage
der Instanzen des W*-Schemas nicht erklärt werden. Daher ist die minimale Konzeption der
Wahrheit als unangemessen anzusehen, da sie einen wesentlichen Aspekt der Natur der Wahr-
heit nicht erfasst, nämlich ihre Normativität.
Dieser Einwand birgt allerdings einige Tücken und Unklarheiten in sich. Was bedeutet es kon-
kret, von der Normativität der Wahrheit zu sprechen? Wenn von der Normativität der Wahr-
heit die Rede ist, kann damit zweierlei gemeint sein: (a) Der Begriff der Wahrheit ist ein int-
rinsisch normativer Begriff. (b) Es gibt Normen oder Gebote, deren Formulierung es erfor-
dert, von dem Ausdruck ‚ist wahr’ Gebrauch zu machen. Und nur die Auffassung (a) würde
einen tatsächlich schwerwiegenden Einwand gegen die minimale Konzeption der Wahrheit
darstellen, da sich auf der Grundlage der Instanzen des W*-Schemas und der impliziten Ak-
zeptanz dieser Instanzen die Normativität des Begriffs der Wahrheit nicht erklären lässt.403
Wenn davon gesprochen wird, dass Wahrheit eine Norm von Überzeugungen und Behauptun-
gen ist, dann wird der Ausdruck ‚Wahrheit’ in diesem Zusammenhang relativ ungewöhnlich
gebraucht. Es wird dadurch nicht die Eigenschaft der Wahrheit bezeichnet, wie dies bspw. in
dem Satz ‚Wahrheit ist primär eine Eigenschaft von Propositionen’ getan wird, sondern der
Ausdruck wird in diesem Zusammenhang elliptisch für den Ausdruck ‚Die Wahrheit von
Überzeugungen und Behauptungen’ gebraucht. Etwas klarer und durchsichtiger lässt sich die
Auffassung, dass Wahrheit eine Norm von Überzeugungen und Behauptungen ist, daher wie
folgt formulieren:
402 Vgl. dazu: Dummett (1959 [1972]); Wright (1999); Stoljar (1997); Dodd (1999, 2000); McGrath (2003b);
Lynch (2004).
403 Vgl. dazu: Horwich (2002b, S. 136; S. 144).

220
(NW) Es ist geboten, nur wahre Überzeugungen zu haben und wahre Behauptungen zu machen.

Handelt es sich bei dieser Auffassung nun um eine begriffliche Wahrheit? D.h., muss jemand
diese Auffassung akzeptieren oder verstehen, um den Begriff der Wahrheit zu verstehen? Es
kann Personen geben, die Überzeugungen erwerben und Behauptungen machen, ohne das an-
geführte Gebot zu beachten. Daraus allein kann allerdings nicht geschlossen werden, dass sie
über den Begriff der Wahrheit nicht verfügen. Wenn jemand gegen dieses Gebot verstößt oder
bestimmte Instanzen dieses Gebots ablehnt, so hat das keine wesentlichen Auswirkungen auf
sein Verständnis des Wahrheitsbegriffs. D.h., es scheint nicht plausibel zu sein, anzunehmen,
dass es sich bei (NW) um eine begriffliche Wahrheit handelt, die den Wahrheitsbegriff mit-
konstituiert.404 Und was für den Begriff gilt, gilt auch für die Eigenschaft der Wahrheit: Durch
(NW) werden keine wesentlichen Tatsachen ausgedrückt, die das Zutreffen der Eigenschaft
der Wahrheit auf ihre (primären) Wahrheitsträger bestimmen. Es gibt daher keine Veranlas-
sung, den Begriff der Wahrheit als einen normativen Begriff aufzufassen.
Ähnliches gilt auch für andere Prinzipien, die mit (NW) eng verwandt sind und wie folgt lau-
ten:

(DW) Es ist wünschenswert (bzw. das Ziel rationaler Akteure), nur wahre Überzeugungen zu haben und wahre
Behauptungen zu machen.

(UW) Es ist nützlich, nur wahre Überzeugungen zu haben und wahre Behauptungen zu machen.

(IW) Es ist ein Wert an sich, nur wahre Überzeugungen zu haben und wahre Behauptungen zu machen.

Was immer wir bezüglich des Status dieser Prinzipien denken mögen, ob wir sie verwerfen
oder akzeptieren, sie haben keinen unmittelbaren Einfluss auf die Bestimmung des Wahrheits-
begriffs und auf die Eigenschaft der Wahrheit. Das Erfassen dieser Prinzipien trägt nichts zu
unserem Verständnis des Wahrheitsbegriffs bei, es setzt ihn vielmehr voraus. Diese Prinzipien
sind und sollten somit kein wesentlicher Bestandteil einer Konzeption des Begriffs oder der
Eigenschaft der Wahrheit sein. Natürlich muss die minimale Konzeption der Wahrheit in der
Lage sein, den Gebrauch des Wortes ‚wahr’ im Rahmen der angeführten normativen Prinzipi-
en zu erklären. Darüber hinaus sollten diese Prinzipien, wenn man sie als wahr akzeptiert, aus
der minimalen Theorie der Wahrheit und anderen Theorien ableitbar sein. Aber damit werfen
wir keine neuen Schwierigkeiten auf, die etwas mit der normativen Natur der Wahrheit zu tun
haben.

(4.2.2) Probleme der minimalen Theorie des Verstehens von ‚ist wahr’

404 Vgl. dazu: Horwich (2002a, S. 142).


221
Die minimale Theorie des Verstehens von ‚ist wahr’ ist wie wir gesehen haben das zweite
Kernstück von Horwichs minimaler Konzeption der Wahrheit. Von der Korrektheit dieser
Theorie hängt sowohl die Korrektheit der Theorie der Bedeutung von ‚ist wahr’ als auch die
Korrektheit der Theorie vom Begriff der Wahrheit ab. Wir werden uns aus diesem Grund so-
mit schwerpunktmäßig mit der erstgenannten Theorie beschäftigen. Ich werde mich in diesem
Zusammenhang mit drei unterschiedlichen Arten von Problemen beschäftigen. Die erste Art
von Problem wird Voraussetzungen betreffen, die erfüllt werden müssen, damit die Akzeptanz
der Instanzen des W*-Schemas überhaupt möglich ist. Die zweite Art von Problem wird der
Frage geschuldet sein, ob die Bedingungen, die Horwich für das Verstehen von ‚ist wahr’ an-
führt, notwendig und hinreichend sind. Probleme der dritten Art werden die Frage betreffen,
ob wir auf der Basis von Horwichs Konzeption tatsächlich alle Verwendungen von ‚wahr’ er-
klären können.

(4.2.2.1) Problematische Voraussetzungen von Horwichs Theorie des Verstehens von ‚ist
wahr’

Horwich ist der Auffassung, dass jemand, der die Neigung hat, die Instanzen des Schemas
‚Die Proposition, dass p, ist wahr  p’ zu akzeptieren, den Ausdruck ‚ist wahr’ versteht. Die-
se besagte Neigung hat bestimmte Voraussetzungen, was die übrigen Ausdrücke betrifft, die
neben ‚ist wahr’ Komponenten des Schemas sind.

(4.2.2.1.1) Der Begriff der Proposition

Erstens: Damit jemand die besagte Neigung zur Akzeptanz haben kann, muss jemand den
Ausdruck ‚Proposition’ verstehen. D.h., Horwichs Konzeption setzt voraus, dass jemand vor-
her über den Begriff der Proposition verfügen muss, um über den Begriff der Wahrheit verfü-
gen zu können. Das scheint allerdings eine höchst unplausible Annahme zu sein. Denn der ge-
wöhnliche kompetente Sprecher verfügt zwar über den Begriff der Wahrheit, aber die meisten
gewöhnlichen kompetenten Sprecher verfügen nicht über den Begriff der Proposition. Dieser
Begriff ist ein philosophischer Fachbegriff und daher ist sein Verständnis Philosophen vorbe-
halten.
Wie kann Horwich auf dieses erste Problem reagieren? Zwei Möglichkeiten stehen ihm offen.
Erstens könnte er das W*-Schema durch das folgende Schema ersetzen:

(W**) Dass p, ist wahr  p.

222
Die zweite Option besteht darin, Horwichs Theorie des Verstehens von ‚ist wahr’ als eine
Theorie aufzufassen, die ausschließlich das Verstehen der Bedeutung durch Experten expli-
ziert.
Beide Optionen sind nicht unproblematisch. Die zweite Option hat den Nachteil, dass nun
eine neue Theorie erforderlich ist, um das Verständnis der Bedeutung von ‚ist wahr’ durch
einen gewöhnlichen Sprecher zu erklären. Die Auffassung der sprachlichen Arbeitsteilung
kann Horwich in diesem Zusammenhang hilfreich sein. Doch dabei handelt es sich eher um
eine interessante vage Idee als um eine ernstzunehmende Theorie. Es müsste in jedem Fall ge-
zeigt werden, worin das unvollständige Verständnis des Laien gegenüber dem Experten be-
steht. Und dabei scheint es nahezu unmöglich zu sein, etwas Einfacheres oder Grundlegende-
res als die Instanzen des W*-Schemas zu finden, um das partielle Verständnis des Laien zu er-
klären. Der Wahrheitsbegriff scheint sich wegen seiner einfachen und grundlegenden Natur
der angestrebten Unterscheidung zwischen Experten-Verständnis und Laien-Verständnis zu
versagen. Abgesehen davon, verwendet der gewöhnliche kompetente Sprecher nicht einmal
das Wort ‚Proposition’; es gibt daher auch keine sinnvolle Basis, um überhaupt von einem un-
vollständigen Verständnis dieses Ausdrucks zu sprechen.
Die erste Option ist deshalb problematisch, weil Ausdrücke der Form ‚dass p’ mehrdeutig
sind. Sie können dazu verwendet werden, auf Tatsachen, Sachverhalte, Propositionen und Er-
eignisse zu referieren. Der Deflationist mag zwar wahre Propositionen mit Tatsachen, Propo-
sitionen mit Sachverhalten und Ereignisse mit ganz bestimmten Tatsachen identifizieren. Aber
selbst wenn er diese kontroversen Identifizierungen rechtfertigen könnte, genügt das nicht,
um die besagte Mehrdeutigkeit zu beseitigen. Ein Sprecher kann die Instanzen von (W**) nur
dann verstehen, wenn er zumindest weiß, auf welche Art von Gegenstand sich der Ausdruck
‚dass p’ bezieht. D.h., wenn dieser Ausdruck ebenso wie ‚die Proposition, dass p’ als komple-
xer und deskriptiver singulärer Term aufgefasst wird.
In diesem Zusammenhang ergibt sich allerdings ein weiteres Problem in Bezug auf die Erset-
zung von (W*) durch (W**). Es ist intuitiv einleuchtend und klar, dass Ausdrücke der Form
‚die Proposition, dass p’ komplexe deskriptive singuläre Terme für Propositionen sind. Es ist
allerdings weniger klar, ob dies in derselben eindeutigen Weise auch für Ausdrücke der Form
‚dass p’ gilt. Wenn es sich bei beiden Ausdrücken um singuläre Terme für dieselben Gegen-
stände handelt, dann müssten die folgenden beiden Prinzipien bezüglich dieser Terme gültig
sein:405

(P1) Wenn der Ausdruck t in einem Satz S vorkommt und in diesem Zusammenhang einen Gegenstand o be-
zeichnet, dann kann dieser Ausdruck t durch jeden Ausdruck t’ ersetzt werden, der den Gegenstand o be-
zeichnet, ohne dadurch die syntaktische Wohlgeformtheit von S zu ändern.

405 Vgl. dazu: Rosefeldt (2008, S. 304; S. 306).


223
(P2) Wenn der Ausdruck t in einem Satz S406 vorkommt und in diesem Zusammenhang einen Gegenstand o be-
zeichnet, dann kann dieser Ausdruck t durch jeden Ausdruck t’ ersetzt werden, der den Gegenstand o be-
zeichnet, ohne dadurch den Wahrheitswert von S zu ändern.

Es gibt allerdings Gegenbeispiele, die beide Prinzipien in Bezug auf die zu vergleichenden
Terme falsifizieren. In den folgenden beiden Sätzen können die Ausdrücke ‚die Proposition,
dass die Sonne bald wieder scheint’ und ‚dass die Sonne bald wieder scheint’ nicht füreinan-
der ausgetauscht werden, ohne das Prinzip (P1) zu verletzen.

(40) Peter hofft, dass die Sonne bald wieder scheint.


(41) Die Proposition, dass die Sonne bald wieder scheint, enthält den Sinn von ‚Sonne’ als Konstituente.

In den folgenden weiteren Sätzen können die Ausdrücke ‚die Proposition, dass Hunde bellen’
und ‚dass Hunde bellen’ nicht füreinander ausgetauscht werden, ohne das Prinzip (P2) zu ver-
letzen.

(42) Dass Hunde bellen ist unbezweifelbar und es ist wahr.


(43) Wenn Peter den Satz ‚Hunde bellen’ versteht, dann erfasst er die Proposition, dass Hunde bellen.

Die angeführten Verletzungen der Prinzipien (P1) und (P2) legen nahe, dass der Übergang von
(W*) zu (W**) nicht so unproblematisch ist, wie er auf den ersten Blick scheint.
Gibt es eine Möglichkeit, die angeführten Beispiele als „faulen Zauber“ zu entlarven? Schiffer
hat dies zu tun versucht und dabei die folgende Strategie gewählt: Wenn man zeigen kann,
dass ähnliche Probleme bei ganz einwandfrei ko-referentiellen singulären Termen autreten,
dann hat man einen Beleg dafür, dass die Prinzipien (P1) und (P2) keine allgemeine Gültig-
keit haben und somit auch die angeführten Beispiele als Sonderfälle zu klassifizieren sind.
Die Ausdrücke ‚Pavarotti’ und ‚der größte Tenor aller Zeiten’ sind für Schiffer ko-referentiell.
Nun kann man aber in dem folgenden Zusammenhang den Ausdruck ‚Pavarotti’ nicht durch
den Ausdruck ‚der größte Tenor aller Zeiten’ ersetzen, ohne das Prinzip (P1) zu verletzen:407

(44) Der Italienische Sänger Pavarotti singt unter keinen Umständen Wagner.

Damit ist für Schiffer gezeigt, dass die angeführten Gegenbeispiele nicht überzeugend sind.
Meiner Ansicht nach ist aber vielmehr Schiffers Beispiel nicht überzeugend.408 Denn es ver-
weist auf ein sehr spezielles Problem, das den Austausch von singulären Termen betrifft,
wenn diese als Teilausdrücke anderer komplexer singulärer Terme gebraucht werden. Dieses

406 Man könnte hier die Einschränkung ‚in einem extensionalen Kontext’ machen.
407 Vgl. dazu: Schiffer (2003, S. 92-95).
408 Vgl. dazu: Rosefeldt (2008, S. 307-309).

224
konkrete Phänomen gibt es auch in Bezug auf die von uns diskutierten Beispiele. Ich kann
bspw. den Ausdruck ‚dass Schnee weiß ist’ in dem folgenden Satz nicht durch den vermeint-
lich ko-referentiellen Term ‚Dasjenige, was Peter sagte’ austauschen ohne (P1) zu verletzen:

(45) Die Proposition, dass Schnee weiß ist, ist wahr.

Diese Probleme bestehen in der Tat in Bezug auf alle singulären Terme. Das gilt aber nicht für
die von uns angeführten Probleme, die von wesentlich anderer Art sind. Wir können nämlich
die Prinzipien (P1) und (P2) so einschränken, dass sich die von Schiffer angeführten Proble-
me nicht mehr ergeben, die von uns angeführten aber nach wie vor bestehen. Dazu ist es bloß
notwendig, den Ausdruck ‚ohne selbst Teil eines komplexen singulären Terms zu sein’ in (P1)
und (P2) vor dem ersten ‚und’ einzufügen. Dies zeigt meiner Ansicht nach, dass die besagten
Probleme in jedem Fall den Übergang von (W*) zu (W**) problematisieren. Die erste Option
zur Lösung des ersten von uns aufgeworfenen Problems in Bezug auf die Voraussetzungen
von Horwichs Theorie des Verstehens von ‚ist wahr’ scheint damit ebenso problembehaftet zu
sein wie die zweite Option. Horwichs Theorie des Verstehens von ‚ist wahr’ steht demnach
vor einem echten Problem, das sich aus den Voraussetzungen der Theorie ergibt.

(4.2.2.1.2) Der Bezug auf Propositionen

Wenn wir allerdings einmal von dem eben angeführten Problem absehen und die Kenntnis des
Begriffs der Proposition voraussetzen, dann gibt es ein weiteres allgemeines Problem in Be-
zug auf die Semantik von Ausdrücken der Form ‚die Proposition, dass p’. Diese Ausdrücke
sind komplexe Ausdrücke. Es macht keinen Sinn, sie als semantisch einfach anzusehen. Denn
dann müssten wir in der Lage sein, unendlich viele atomare Ausdrücke zu erfassen, was aber
ausgeschlossen ist. Wenn die Ausdrücke komplex sind, dann muss sich die Semantik des gan-
zen Ausdrucks aus der Semantik seiner Teilausdrücke ergeben. Und intuitiv scheint es auch
recht klar zu sein, wie das funktioniert (auch wenn Davidson da anderer Meinung sein
mag):409 Ein Ausdruck der Form ‚die Proposition, dass p’ bezeichnet die Proposition, die ein
Ausdruck der Form ‚p’ ausdrückt. (Davidsons Problem besteht vor allem darin, dass er meint,
dass die Extension eines Ausdrucks der Form ‚die Proposition, dass p’ sich auf der Grundlage
der Extension von ‚p’ erklären lassen müsse.410 Das Problem mag sich einem so stellen, wenn
man ein sehr enges Bild von Semantik hat, welches sich an der Semantik der Prädikatenlogik
erster Stufe orientiert. Aber da die Semantik der natürlichen Sprache in vielen Bereichen kom-
plexer ist als die Semantik der Prädikatenlogik erster Stufe, gibt es keinen sinnvollen Grund
dafür, die Bedingungen der Erklärung der Kompositionalität von Ausdrücken der Form ‚die
409 Vgl. dazu: Davidson (1996, S. 273).
410 Vgl. dazu: Davidson (1996, S. 273-274).
225
Proposition, dass p’ derart einzuschränken.) Warum können wir die angeführte intuitive Be-
schreibung nicht einfach für bare Münze nehmen? Wenn wir dies tun würden, dann müssten
wir auf der Grundlage des folgenden Schemas in allen Kontexten Ausdrücke der ersten Art
durch Ausdrücke der zweiten Art ersetzen können:

(46) Die Proposition, dass p = die durch ‚p’ ausgedrückte Proposition.

Dass diese Ersetzungen Probleme aufwerfen, zeigen einfache Beispiele. Der Ausdruck ‚die
durch ‚Snow is white’ ausgedrückte Proposition’ kann im Deutschen als sinnvoller Ausdruck
interpretiert werden, nicht aber der Ausdruck ‚die Proposition, dass snow is white’. Darüber
hinaus gibt es Probleme bei der Übersetzung beider Ausdrücke in andere Sprachen. Die kor-
rekte Übersetzung von ‚die Proposition, dass Schnee weiß ist’ ins Englische lautet: the propo-
sition that snow is white. Die korrekte Übersetzung in unserem Zusammenhang von ‚die
durch ‚Schnee ist weiß’ ausgedrückte Proposition’ lautet hingegen: the proposition expressed
by ‚Schnee ist weiß’. Anführungskontexte werden nämlich in diesem Fall nicht mit über-
setzt.411 Auf dieser Grundlage ergibt sich das Hauptproblem von (46) daraus, dass die verwen-
deten Anführungszeichen Probleme aufwerfen. Der Ausdruck ‚die Proposition, dass ( )’ funk-
tioniert wie ein Operator, der den Austausch von Ausdrücken, die dieselbe Proposition aus-
drücken, erlaubt. Darin unterscheidet er sich von Anführungszeichen, die, wenn sie als Opera-
tor gedeutet werden, weitaus striktere Auflagen für die Ersetzung haben.412
Ein anderer Versuch, die Semantik von Ausdrücken der Form ‚die Proposition, dass p’ zu klä-
ren, ist von Dodd gemacht worden.413 Er hat vorgeschlagen, die von Davidson eingeführte pa-
rataktische Analyse von Einstellungssätzen zu modifizieren und auf das hier besprochene Pro-
blem zu übertragen. Für Dodd können Sätze wie der folgende:

(47) Die Proposition, dass Gras grün ist, ist wahr,

derart analysiert werden:

(48) (Gras ist grün. Das ist wahr.)

Wobei der Ausdruck ‚das’ auf die Proposition Bezug nimmt, die durch ‚Gras ist grün’ ausge-
drückt wird.
Diese Analyse hat zwei Vorzüge gegenüber einer Analyse, die auf (46) basiert. Erstens hat sie
nicht die angeführten Probleme mit Übersetzungen von (48) in andere Sprachen. Zweitens
kann sie auch erklären, wie man auf Propositionen Bezug nehmen kann, die durch indexikali-

411 Vgl. dazu: Abschnitt 3.3.4.4. und 3.3.4.5.


412 Vgl. dazu: Ludwig (2004, S. 429-432).
413 Vgl. dazu: Dodd (1997); Dodd (2000, S. 20-34; S. 144-148); siehe auch: Künne (2003, S. 328-331).

226
sche Sätze ausgedrückt werden. Das hätte man auf der Grundlage von (46) noch klären müs-
sen. Und man hätte dafür wohl beide Ausdrücke links und rechts vom Identitätszeichen als
unvollständige Kennzeichnungen deuten müssen, die ihren Bezug von Verwendungskontext
zu Verwendungskontext ändern können.
Gibt es neben den Vorzügen auch Nachteile einer Analyse auf der Grundlage von (48)? Die
Besonderheit von (48) besteht darin, dass der einzelne Satz (47) durch zwei Sätze analysiert
wird, die parataktisch miteinander verknüpft sind.
Kann man nun auch (48) in einen einzelnen Satz transformieren? Grundsätzlich scheint es ja
möglich zu sein, unterschiedliche Sätze durch Junktoren zu einem Satz zu verbinden. Kann
man die Sätze, die (48) enthält, bspw. durch den Junktor ‚und’ verbinden? Dass das nicht
möglich ist, lässt sich ganz einfach zeigen, wenn man die Verneinung von (47) betrachtet. Wir
können den Satz ‚Die Proposition, dass Gras grün ist, ist nicht wahr’ nicht durch den Satz
‚Gras ist grün und das ist nicht wahr’ analysieren, da sich aus letzterem ein Widerspruch ab-
leiten lässt.
Wo liegen die Gründe dafür, dass wir die beiden Sätze, die die parataktische Analyse aus-
zeichnen, nicht durch Junktoren miteinander verbinden kann? Der Teilsatz ‚Das ist wahr’ in
(48) funktioniert wie jeder gewöhnliche Satz der natürlichen Sprache. Diesem Satz kann ein
propositionaler Gehalt und eine illokutionäre Funktion zugeschrieben werden. Letztere zeich-
net diesen Satz als einen Satz mit behauptender Kraft aus. Aber genau darin unterscheidet sich
der erste Teilsatz von (48) vom zweiten. Denn die Funktion dieses Satzes ist so intendiert,
dass der Satz ‚Gras ist grün’ zwar eine Proposition ausdrückt, aber nicht mit einer illokutio-
nären Funktion ausgestattet ist. Der Satz soll nichts anderes bewerkstelligen als eine Proposi-
tion in den Diskurs einzuführen.414 Aber genau darin liegt die Schwäche der parataktischen
Analyse. Sie ist künstlich. Es gibt in der natürlichen Sprache keine sinnvoll gebrauchten Sät-
ze, die nicht auch eine illokutionäre Rolle haben.415
Man mag nun eine Konvention erfinden, die es erlaubt, Sätze zu verwenden, um durch diese
Sätze nur eine Proposition auszudrücken. Jedoch existiert eine solche Konvention noch nicht.
Wir können daher auch nicht unser natürliches Verständnis von Sätzen der Form (47) durch
einen Komplex wie (48) erklären.
Die Künstlichkeit der parataktischen Analyse zeigt sich auch dann, wenn wir sie auf andere
Sätze ausdehnen wollen, wie z.B. auf den folgenden Satz:

414 Man könnte dafür argumentieren, dass es ja den Sprechakt einer Annahme gibt und dass der Satz ‚Gras ist
grün’ in (48) mit der illokutionären Kraft einer Annahme ausgestattet ist. Dann entsteht das angeführte Problem
nicht, weil man annehmen kann, dass p, ohne zu behaupten, dass p. Jemand, der behauptet, dass die Proposition,
dass Gras grau ist, falsch ist, nimmt aber doch wohl in keiner Weise an, dass Gras grau ist. In diesem Sinn
scheint mir der besagte Ausweg für die parataktische Analyse nicht gegeben zu sein.
415 Meiner Ansicht nach gilt das auch – und im Gegensatz zu Searle bspw. – für die fiktionale Rede. Vgl. dazu:

Searle (1979, Kap. 3) und Currie (1985).


227
(49) Die Proposition, dass Gras grün ist  die Proposition, dass Schnee weiß ist.

Eine parataktische Analyse von (49) ist möglich, sie bedarf aber der Einführung einiger weite-
rer Konventionen und könnte dann derart lauten:

(50) [Gras ist grün]1 [Schnee ist weiß]2 Dasp1  dasp2.

Durch die Klammern ‚[]’ wird gekennzeichnet, dass ein Satz nur eine Proposition in den Dis-
kurs einführt, ohne den Satz mit einer illokutionären Rolle in Verbindung zu bringen. Die un-
teren Indizes ermöglichen die Ordnung der in den Diskurs eingeführten Propositionen. Die in-
dizierten Ausdrücke ‚dasp1’ und ‚dasp2’ werden mit der Konvention eingeführt, sich auf die
Proposition der jeweiligen indizierten Ordnung zu beziehen. Vor diesem Hintergrund ist (50)
dann eine Analyse von (49). Aber (50) scheint keineswegs dazu geeignet zu sein, unser intuiti-
ves Verständnis von (49) zu erklären.
Ein weiteres Problem der Analyse von (47) auf der Grundlage von (48) besteht darin, dass der
Ausdruck ‚das’ in (48), wenn er als echtes Demonstrativ verwendet werden soll, eine Spre-
cherabsicht erfordert, die den Bezug dieses Ausdrucks festlegt. 416 Nun scheint aber die Äuße-
rung von (47) keine solchen bezugnehmenden Absichten zu erfordern. Was den Zweifel hegt,
dass (48) nicht erklären kann, warum wir (47) verstehen und sinnvoll verwenden können.417
Wie lässt sich unser Verständnis und die Sinnhaftigkeit von Ausdrücken der Form ‚die Propo-
sition, dass p’ aber dann erklären? Meiner Ansicht nach können wir von (46) ausgehend eine
Regel formulieren, die uns zwar keine eliminative Analyse ermöglicht, die allerdings erklärt
oder verständlich macht, was den sinnvollen Gebrauch von Ausdrücken der Form ‚die Propo-
sition, dass p’ auszeichnet. Eine grobe Formulierung dieser Regel könnte derart lauten:418

(RBP) Bei jeder Verwendung eines Ausdrucks der Form ‚die Proposition, dass p’ in einem Äußerungskontext k
wird genau die Proposition bezeichnet, die durch die Verwendung des (eingebetteten) Satzes ‚p’ im sel-
ben Äußerungskontext k ausgedrückt würde.

Diese Regel erläutert den Gebrauch von Ausdrücken der Form ‚die Proposition, dass p’ ohne
einen Ausdruck zu liefern, durch den die besagten Ausdrücke ersetzt werden können. Horwich
kann nun auf der Grundlage seiner Gebrauchstheorie der Bedeutung dafür argumentieren,
dass wir auf der Grundlage einer Regel wie (RBP) sowohl die Sinnhaftigkeit als auch die
Kompositionalität von Ausdrücken der Form ‚die Proposition, dass p’ erklären können.
416 Man könnte geneigt sein, einen weiteren Vorzug von (48) darin zu sehen, dass auf der Grundlage von (48) die
angesprochene Voraussetzung getilgt wird, über den Begriff der Proposition zu verfügen, um auf Propositionen
Bezug nehmen zu können. Das ist aber nicht so. Denn die Absichten, die den Bezug von ‚das’ festlegen, müssen
deskriptive Absichten sein, die darauf abzielen, eine ganz bestimmte Proposition durch ‚das’ zu bezeichnen. In
diesem Sinn ist das Verfügen über den Begriff der Proposition auch hier unverzichtbar.
417 Vgl. dazu: Ludwig (2004, S. 434).
418 Vgl. dazu: Recanati (1993, S. 351); Ludwig (2004, S. 434-435).

228
(4.2.2.1.3) Das Verständnis des Bikonditionals

Eine zweite Voraussetzung für die Neigung zur Akzeptanz der Instanzen des W*-Schemas ist
das Verständnis des materialen Bikonditionals. Nach der Standardauffassung hat jemand die
Semantik des Bikonditionals erfasst gdw. er die Wahrheitsbedingungen von Sätzen der Form
‚p  q’ kennt. Diese Wahrheitsbedingungen bestehen nun darin, dass ein Satz dieser Form
nur dann wahr ist, wenn beide Teilsätze wahr oder beide falsch sind. Sonst ist ein Satz dieser
Form falsch. Auf diese Standarderklärung kann Horwich allerdings nicht zurückgreifen, weil
die Kenntnis von Wahrheitsbedingungen ja bereits das Verfügen über den Begriff der Wahr-
heit voraussetzt. Nach Horwich soll aber gerade umgekehrt das Verfügen über den Wahrheits-
begriff über die Akzeptanz der Instanzen des W*-Schemas erklärt werden.
Wie entkommt Horwich diesem Zirkularitätsproblem? Seine Strategie, dieses Problem zu lö-
sen, besteht darin, die Theorie vom Verstehen von ‚ist wahr’ umzuformulieren und dabei auf
das W*-Schema gänzlich zu verzichten. Was tritt für Horwich nun an die Stelle des W*-Sche-
mas? Es sind die folgenden beiden Einführungs- und Beseitigungsregeln für Wahrheitszu-
schreibungen:

(TI) p (TE) <p> ist wahr


<p> ist wahr p

Horwich ersetzt nun auf dieser Grundlage (VBW1) durch die folgende Theorie:419

(VBW1*) x(x versteht die Bedeutung von ‚ist wahr’  x hat die Neigung, die Instanzen der Ableitungs-
regeln (TI) und (TE) als gültig zu akzeptieren).

Diese Theorie entgeht offenbar dem angeführten Problem des Verständnisses des Bikonditio-
nals. Aber ist diese Theorie für sich genommen angemessen? Die syntaktischen Regeln (TI)
und (TE) entsprechen auf der semantischen Ebene den folgenden beiden Schemata:

(51) p |= <p> ist wahr.

(52) <p> ist wahr |= p.

Wobei (51) besagt, dass ein Satz der Form ‚p’ einen Satz der Form ‚<p> ist wahr’ logisch im-
pliziert und (52) das umgekehrte Verhältnis behauptet. Es sei hier angemerkt, dass es auf der

419 Vgl. dazu: „More specially, the meaning-constituting fact is this: that the explanatorily basic fact about our
use of the truth predicate is our tendency to infer instances of ‘The proposition that p is true’ from corresponding
instances of ‘p’, and vice versa[.]” in: Horwich (1998a, S. 126); Siehe auch: Horwich (1998a, S. 121).
229
Grundlage von (51) und (52) zu einer erheblichen Verstärkung der Instanzen des W*-Schemas
kommt, die ursprünglich ja durch die Verwendung des materialen Bikonditionals formuliert
wurden.
Inwiefern lässt sich das materiale Bikonditional nun tatsächlich verstärken? Wir dürfen das
materiale Bikonditional in jedem Fall durch das Bikonditional der notwendigen Äquivalenz
ersetzen. Selbst eine Verstärkung durch ein Konnektiv, welches für kognitive Äquivalenz
steht, ist möglich. Denn niemand, der die rechte und die linke Seite der Instanzen des W*-
Schemas versteht, kann ohne Widerspruch die eine Seite für falsch und die andere für wahr
halten. Doch dann scheinen wir beim absoluten Maximum an Verstärkung angekommen zu
sein. Wie sieht es nun mit der Beziehung der logischen Äquivalenz aus? Können wir diese
Verstärkung auch vornehmen? Aus modelltheoretischer Sicht sollte es natürlich keine Bewer-
tung geben, die Ausdrücken der Form ‚p’ und Ausdrücken der Form ‚<p> ist wahr’ unter-
schiedliche Wahrheitswerte zuordnet, was für die besagte Verstärkung spricht. Andererseits
kann das Bestehen der Beziehung der logischen Folgerungen nicht auf der Basis der logischen
Form der betreffenden Sätze gerechtfertigt werden; was wiederum dagegen spricht.
Die Regeln (TI) und (TE) erinnern sehr stark an die Einführungs- und Beseitigungsregeln der
Doppelnegation. Wenn man allerdings wie Horwich keine Redundanztheorie der Wahrheit
vertritt, ist es fragwürdig, ob man die logische Funktion von ‚ist wahr’ der logischen Funktion
der Doppelnegation annähern kann. Eine Verstärkung der Instanzen des W*-Schemas auf der
Grundlage von (51) und (52) ist in jedem Fall kontrovers. Und somit ist auch das syntaktische
Gegenstück dazu, nämlich (TI) und (TE), kontrovers.
Gibt es eine Alternative zu Horwichs Strategie? Grundsätzlich hätte man auch die Semantik
des materialen Bikonditionals mittels Ableitungsregeln anstelle von Wahrheitsbedingungen
erklären können. Dem materialen Bikonditional liegen die folgenden Einführungs- und Besei-
tigungsregeln zugrunde:

(BI) AB (BE) AB AB


BA AB BA
AB

Die Akzeptanz dieser Regeln setzt offensichtlich die Akzeptanz der entsprechenden Regeln
für das materiale Konditional voraus. Dessen Einführungs- und Beseitigungsregeln lauten wie
folgt:

(KI) [A] … B (KE) AB


AB A
B

230
Somit ließe sich auf dieser Grundlage auch das Verstehen der Bedeutung von ‚’ über die
Neigung zur Akzeptanz bestimmter Ableitungsregeln erklären.

(VBK) x(x versteht die Bedeutung von ‚’  x hat die Neigung, die Instanzen der Ableitungsregeln (BI);
(BE), (KI) und (KE) als gültig zu akzeptieren).

Damit würde man auch dem Zirkularitätsproblem entgehen, das sich bei einer wahrheitskon-
ditionalen Auffassung der Semantik von ‚’ ergeben würde. Diese zweite Strategie scheint
auch weniger kontrovers zu sein als die Strategie von Horwich. Warum Horwich nicht von
dieser zweiten Strategie Gebrauch gemacht hat, ist mir nicht klar, vor allem weil er ja durch
sein Vorgehen die Ausdrücke ‚ist wahr’ und ‚< >’ in den Rang von logischen Konstanten er-
hebt.
Welche Bedenken lassen sich gegen diese zweite Strategie vorbringen? Man könnte der Auf-
fassung sein, dass das Verständnis des Wahrheitsbegriffs dem Verständnis des Bikonditionals
vorangeht oder zumindest unabhängig davon ist. Vor diesem Hintergrund wäre die erste Stra-
tegie der zweiten vorzuziehen. Gegen die zweite Strategie mag man somit auch Bedenken ha-
ben, aber ich halte diese Strategie dennoch für weniger kontrovers als die von Horwich favo-
risierte.

(4.2.2.1.4) Das Verständnis der Instanzen des W*-Schemas

Als letzte Frage, die auf Voraussetzungen von Horwichs Theorie des Verstehens von ‚ist wahr’
abzielt, möchte ich die Frage behandeln, in welcher Weise unsere Neigung zur Akzeptanz des
W*-Schemas (oder der entsprechenden Ableitungsregeln) von unserem Verständnis der Ein-
setzungen für ‚p’ in das W*-Schema abhängig ist.
Die Anzahl der Instanzen, die jemand versteht, kann von Sprecher zu Sprecher sehr verschie-
den sein. Besteht unser Verständnis der Bedeutung von ‚ist wahr’ in unserer Neigung, alle In-
stanzen des W*-Schemas zu akzeptieren, egal ob wir diese selbst formulieren oder verstehen
können, oder nur in der Neigung, die Instanzen des W*-Schemas zu akzeptieren, die wir
selbst verstehen oder zumindest formulieren können? Wie positioniert sich Horwich zu diesen
Fragen? Zwei unterschiedliche Bemerkungen von Horwich sind dafür einschlägig. Die erste
dieser Bemerkungen lautet wie folgt:

In particular, the minimal thesis is that the meaning of ‚true’ is constituted by our disposition to accept those in -
stances of the truth schemata that we can formulate. In that way, the word is provided with a constant meaning
wherever it appears – even when ascribed to untranslateable statements.420

420 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 128).


231
Diese Bemerkungen sind nicht ganz eindeutig, denn es wirft sich dabei die folgende weitere
Frage auf: Gibt es Sätze, die wir formulieren, aber nicht verstehen können? Der Ausdruck
‚formulieren’ ist in dieser Hinsicht mehrdeutig. Man kann damit das bloße Reproduzieren ei-
nes Satzes meinen, den man selber nicht versteht, oder man kann eben das verständige Ver-
wenden eines Satzes meinen. Auf dieser Grundlage ist nicht ganz klar, wie Horwich die ange-
führte Einschränkung der Neigung zur Akzeptanz der Instanzen von (W*) verstanden haben
will.
Eine zweite dieser Bemerkungen ist diesbezüglich weitaus eindeutiger. Horwich vertritt dort
die Auffassung, dass die Bedeutung von ‚ist wahr’ konstituiert wird durch

… our inclination to accept instances of the schema [=’The proposition that p is true  p’] that we under-
stand.421

Auf dieser Grundlage wird die These (VBW1) nun in klarer Weise auf die Neigung zur Ak-
zeptanz der Instanzen von (W*) eingeschränkt, die man versteht.
Wir wollen uns nun grundsätzlich der Frage stellen, warum diese Einschränkung sinnvoll und
notwendig ist. Man kann sehr wohl Sätze akzeptieren, die man selbst nicht versteht, wenn die-
se Akzeptanz auf dem Vertrauen auf andere basiert. Die Akzeptanz von Sätzen kann aber wohl
kaum als ein Kriterium für das Verstehen der Bedeutung eines Ausdrucks angesehen werden,
wenn diese Akzeptanz in jedem Fall nur auf dem Vertrauen auf andere basiert. Das heißt aber
zusätzlich auch, dass, wenn das Verstehen der Bedeutung eines Wortes durch die Neigung zur
Akzeptanz bestimmter Sätze konstituiert werden soll, diese Neigung zur Akzeptanz in Bezug
auf alle Sätze, die diesbezüglich relevant sind, auf einer einheitlichen Art von Gründen basie-
ren sollte. Gründe, die auf dem Vertrauen auf andere basieren, kommen dafür meines Erach-
tens allerdings nicht in Frage. Denn jemand, der eine Neigung hat, Sätze, die er nicht versteht,
aufgrund seines Vertrauens auf andere zu akzeptieren, wird dadurch wohl kaum in die Lage
versetzt, irgendeinen Ausdruck zu verstehen.
Welcher Gründe bedarf es dafür? Und inwiefern ist das Verstehen der Instanzen von (W*) da-
für notwendig? Horwich weist explizit darauf hin, dass er die Instanzen von (W*) für konzep-
tuell basal und a priori hält.422 Was könnte damit konkret gemeint sein? Horwich meint damit
wohl, dass es sich bei den Instanzen von (W*) um begriffliche Wahrheiten handelt, deren
Wahrheit a priori gerechtfertigt werden kann. Somit kann meiner Ansicht nach die Akzeptanz
dieser Instanzen auch nur auf a priorischen Gründen basieren, wenn damit das Verstehen von
‚ist wahr’ konstituiert werden soll. Meiner Ansicht nach kann auf dieser Grundlage die Akzep-
tanz der Instanzen von (W*) nur dann eine Rolle bei der Konstitution des Verstehens von ‚ist
wahr’ spielen, wenn diese Akzeptanz auf dem Vorwissen bezüglich der Bedeutung aller Aus-
421 Vgl. dazu: Horwich (2001, S. 156).
422 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 138; S. 145).
232
drücke ‚Die Proposition, dass p, ist wahr  p’ außer ‚ist wahr’ basiert. Die Neigung zur Ak-
zeptanz all jener Instanzen der Form ‚Die Proposition, dass p, ist wahr  p’, die man auf der
Grundlage dieses Vorwissens akzeptieren kann, legt einen somit auf einen ganz bestimmten
Gebrauch des Wortes ‚ist wahr’ fest und durch diese Festlegung ist dann das Verstehen von
‚ist wahr’ konstituiert. Daher scheint es auch angebracht zu sein, die Neigung zur Akzeptanz
der Instanzen von (W*) auf jene Instanzen einzuschränken, die man in der angeführten Weise
partiell verstehen kann. Eine Realisierung meiner Neigung zur Akzeptanz von Instanzen, die
ich nicht in der beschrieben Weise verstehen kann, hat somit überhaupt keine Konsequenzen
in Bezug auf meinen semantisch korrekten Gebrauch von ‚ist wahr’. Denn die Akzeptanz von
Instanzen der Form ‚Die Proposition, dass p, ist wahr  p’, bezüglich der mir ein Verständnis
der Bedeutung einer Einsetzung für ‚p’ fehlt, kann auf dieser Grundlage gar nicht meinen kor-
rekten Gebrauch von ‚ist wahr’ festlegen. Somit ist auch die Neigung alle Instanzen von (W*)
zu akzeptieren, nicht konstitutiv für mein Verstehen von ‚ist wahr’.423
Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen erscheint es mir auch sachlich angemessen, die
Konzeption des Verstehens von ‚ist wahr’ (VBW1) derart zu modifizieren:

(VBW1#) x(x versteht die Bedeutung von ‚ist wahr’  x hat die Neigung, die Instanzen von ‚Die Propositi-
on, dass p, ist wahr  p’ zu akzeptieren, bezüglich derer x über ein Vorwissen der Bedeutung aller
Teilausdrücke dieser Instanzen außer ‚ist wahr’ verfügt).

Diese Einschränkung scheint allerdings auf den ersten Blick sehr unliebsame Folgen zu ha-
ben. Wenn zwei Personen A und B, die unterschiedlich viele Instanzen des W*-Schemas parti-
ell verstehen können, beide die Neigung haben, die jeweiligen Instanzen zu akzeptieren, ha-
ben sie dadurch dann wirklich ein Verständnis von der Bedeutung von ein und demselben
Ausdruck? Man könnte geneigt sein, anzunehmen, dass jede der beiden Personen auf dieser
Grundlage höchstens über die Bedeutung des Ausdrucks ‚ist wahr’ relativ zu ihrem Idiolekt
verfügt, nicht aber über die Bedeutung des Ausdrucks ‚ist wahr’ der Sprache Deutsch.
Aber selbst wenn jemand, der die Sprache Deutsch vollständig beherrschen würde, alle In-
stanzen des W*-Schemas der Sprache Deutsch erfassen könnte, dann hätte er dadurch immer
noch kein vollständiges Verständnis des Ausdrucks ‚ist wahr’ in der Sprache Deutsch. Denn
schließlich können wir den Ausdruck ‚ist wahr’ in der natürlichen Sprache auch auf Proposi-
tionen anwenden, die wir im Deutschen nicht ausdrücken können. Wir müssten demnach eine
uneingeschränkte Neigung haben, Instanzen des W*-Schemas zu akzeptieren, die sich zumin-
dest auch auf mögliche Erweiterungen der natürlichen Sprache Deutsch erstreckten, um tat-
sächlich die Bedeutung von ‚ist wahr’ vollständig zu erfassen.

423 Eine ähnliche Einschätzung wird in Künne (2003, S. 325) gegeben.


233
Zwei Fragen ergeben sich auf dieser Grundlage: Haben wir bei den eben angestellten Überle-
gungen zu hohe Standards für das vollständige Verständnis der Bedeutung von ‚ist wahr’ an-
gesetzt? Oder ist das eingeforderte vollständige Verständnis ohnedies eine Illusion? Wenn es
ein allgemeines Prinzip der Form ‚x(x ist wahr  … x …)’ geben würde, welches uns ein
Verständnis der Bedeutung von ‚ist wahr’ vermitteln könnte, dann wäre das Verständnis auf
der Basis der Instanzen des W*-Schemas, die man verstehen kann, in jedem Fall ein ver-
gleichsweise unvollständiges Verstehen. Wenn allerdings die Instanzen des W*-Schemas
wirklich grundlegend für unser Verständnis der Bedeutung von ‚ist wahr’ sind, dann müssen
wir uns damit abfinden, dass jeder von uns nur ein partielles Verständnis der Bedeutung von
‚ist wahr’ haben kann und nur ein allwissendes Wesen ein vollständiges Verständnis erwerben
könnte.
Auf dieser Grundlage kann durch die Akzeptanz der Instanzen des W*-Schemas, die eine Per-
son versteht, auch nicht der gesamte Gebrauch von ‚ist wahr’ durch alle Sprecher erklärt wer-
den, sondern nur der sinnvolle Gebrauch von ‚ist wahr’ durch diese Person. Der gesamte Ge-
brauch von ‚ist wahr’ müsste dann entweder durch die Konjunktion der Akzeptanz der Instan-
zen des W*-Schemas aller Personen erklärt werden oder zumindest durch die Konjunktion der
Akzeptanz des W*-Schemas von gewissen ausgewählten Gebrauchsexperten. Auf jeden Fall
gibt es unter der Mehrzahl der verschiedenen kompetenten Sprecher immer ein großes Maß
an Übereinstimmung bezüglich der Akzeptanz der Instanzen von (W*), auf dessen Grundlage
sich zumindest ein Paradigma des korrekten Gebrauchs von ‚ist wahr’ festlegen ließe.
Der Umstand, dass das Verständnis auf der Grundlage von Horwichs Konzeption für jeden
Sprecher nur ein partielles Verständnis ist, ist so lange kein Problem für den minimalistischen
Standpunkt, solange wir nicht wissen, ob überhaupt und wie genau ein vollständiges Ver-
ständnis von ‚ist wahr’ auszusehen hat. Da ich selbst über keine klare Antwort auf diese Frage
verfüge, muss das angeführte Problem hier im Zweifel für Horwich entschieden werden.

(4.2.2.2) Hinreichende Bedingungen für das Verstehen von ‚ist wahr’?

Die zweite Klasse der angeführten Probleme betrifft die Frage, inwiefern Horwichs Theorie
des Verstehens von ‚ist wahr’ notwendige und hinreichende Bedingungen für das Verstehen
von ‚ist wahr’ liefert. Ich möchte mit der Frage beginnen, ob die Neigung zur Akzeptanz der
Instanzen des W*-Schemas (oder der damit verbundenen Ableitungsregeln) hinreichend ist
für das Verständnis der Bedeutung von ‚ist wahr’. Wie würde ein Gegenbeispiel gegen diese
Behauptung aussehen? Eine erste Art von Gegenbeispiel müsse die folgenden Anforderungen
erfüllen: Wir müssten zu diesem Zweck einen Ausdruck finden, der ebenso wie der Ausdruck

234
‚wahr’ in das folgende Schema für ‚F’ eingesetzt werden kann und wahre Instanzen liefert und
darüber hinaus nicht synonym mit ‚wahr’ ist:424

(W*-) Die Proposition, dass p, ist F  p.

Es gibt natürlich eine reichliche Anzahl von Ausdrücken, die mit dem Ausdruck ‚wahr’ not-
wendig oder kognitiv äquivalent sind und die somit das angeführte Schema ebenso erfüllen
wie ‚wahr’. Reicht das aber wirklich für ein Gegenbeispiel aus? Wir können bspw. beliebige
Ausdrücke bilden, die mit dem Ausdruck ‚wahr’ kognitiv äquivalent sind, indem wir (a) mit-
tels Konjunktion ein Prädikat anhängen, das auf alles zutrifft, oder indem wir (b) mittels Dis-
junktion ein Prädikat anhängen, das auf nichts zutrifft. Als Beispiel der ersten Art mag der
Ausdruck ‚wahr und ein Gegenstand’ dienen; als Beispiel der zweiten Art der Ausdruck ‚wahr
oder rot und nicht rot’. Diese Ausdrücke können nun für ‚F’ in (W*-) eingesetzt werden und
daraus resultieren dann ebenso wahre Instanzen wie auf der Grundlage von (W*). Können wir
daraus nun schließen, dass sich allein auf der Grundlage der Neigung zur Akzeptanz der In-
stanzen des W*-Schemas das Verstehen von ‚ist wahr’ nicht konstituieren lässt? Das sieht auf
den ersten Blick so aus, aber Horwich hat eine überzeugende Strategie gefunden, gegen diese
Konsequenz zu argumentieren.
Horwich weist auf einen wesentlichen Unterschied zwischen dem W*-Schema und den Sche-
mata hin, die aus (W*-) resultieren, wenn wir ‚F’ mit den oben angeführten beiden Beispielen
ersetzen. Die Akzeptanz der Instanzen dieser beiden resultierenden Schemata ist nämlich eine
abgeleitete Akzeptanz. Sie lässt sich aus der Akzeptanz des W*-Schemas und der Akzeptanz
anderer Prinzipien herleiten. D.h., im ersten Fall ist dieses zusätzliche Prinzip das Prinzip,
dass alle Propositionen Gegenstände sind; im zweiten Fall ist es das Prinzip, dass nichts rot
und nicht rot ist. Im Gegensatz dazu beansprucht Horwich, dass die Akzeptanz der Instanzen
des W*-Schemas (basal und) nicht abgeleitet ist und daher konstitutiv für unser Verstehen von
‚ist wahr’.
Diese Diagnose von Horwich scheint nicht überraschend zu sein, da es sich bei den besagten
Prädikaten in der Tat um komplexe Prädikate handelt, die als Teilkomponente das Wahrheits-
prädikat enthalten. Gibt es darüber hinaus aber andere Prädikate, die das Wahrheitsprädikat
selbst nicht enthalten und dennoch (W*-) erfüllen? Alston hat zwei Beispiele dafür angeführt:
‚wird durch Gott gewusst’ und ‚würde durch ein allwissendes Wesen gewusst werden’. Diese
beiden Prädikate enthalten das Wahrheitsprädikat nicht als Komponente. Stellen sie deswegen
ein echtes Gegenbeispiel dar? Ich denke nicht. Denn der Wissensbegriff ist ein komplexer Be-
griff, der den Wahrheitsbegriff als Komponente enthält. Die Akzeptanz der Schemata, die aus
(W*-) auf der Grundlage von Alstons Beispielen resultiert, leitet sich aus der Akzeptanz ande-
424Diese Art von Problem wurde zuerst von Gupta aufgeworfen. Vgl. dazu: Horwich (1998b, S. 127). In Alston
(1996, S. 53-55) und Horwich (2001, S. 155) wird dieses Problem auch diskutiert.
235
rer Prinzipien ab. Nämlich erstens aus der Akzeptanz des Prinzips, dass jedes Wissen Wahr-
heit impliziert, und zweitens aus der Akzeptanz des Prinzips, dass ein allwissendes Wesen alle
Wahrheiten weiß. Wir haben es somit erneut nicht mit echten Gegenbeispielen zu tun.425
Ein Gegenbeispiel müsste demnach so aussehen, dass es (W*-) in angemessener Weise erfüllt
und sich die Akzeptanz des daraus resultierenden Schemas nicht aus anderen Prinzipien (oder
dem W*-Schema und anderen Prinzipien) herleiten lässt. Gibt es so ein Gegenbeispiel? Wer-
fen wir dazu einen Blick auf ein letztes Beispiel. Das Prädikat ‚ist eine Tatsache’ scheint vor-
dergründig nicht mit ‚ist wahr’ synonym zu sein. 426 Dagegen sprechen einige linguistische
Daten. Die Tatsache, dass die Erde rund ist, kann entdeckt werden. Von der wahren Propositi-
on, dass die Erde rund ist, kann man nicht sinnvoll sagen, dass sie entdeckt werden kann. Die
Tatsache, dass Russland gegen Holland bei der Fußballeuropameisterschaft gewonnen hat,
mag ein Wunder sein. Die entsprechende wahre Proposition kann aber nicht in sinnvoller Wei-
se als Wunder bezeichnet werden. Es macht Sinn, zu sagen, dass die Tatsache, dass Peter den
Abzug gedrückt hat, die Tatsache verursacht hat, dass aus der Pistole eine Kugel abgefeuert
wurde. Wenn wir den Ausdruck ‚Tatsache’ durch den Ausdruck ‚wahre Proposition’ ersetzen,
macht diese Beschreibung keinen Sinn mehr. Die Belege ließen sich noch beliebig verlängern.
In jedem Fall scheint festzustehen, dass der gesamte Gebrauch der Ausdrücke ‚Tatsache’ und
‚wahre Proposition’ nicht analog ist und daher unterschiedlicher Erklärung bedarf.
Horwich vertritt nun allerdings die Auffassung, dass Tatsachen identisch mit wahren Proposi-
tionen sind.427 Vor diesem Hintergrund lässt sich der Ausdruck ‚eine Tatsache’ in das Schema
(W*-) einsetzen, um daraus ein Schema zu erzeugen, das die entsprechenden wahren Instan-
zen wie das W*-Schema hat.
Kann man sich nun auch dagegen verwehren, dieses weitere Schema als Gegenbeispiel gegen
Horwichs Theorie des Verstehens von ‚ist wahr’ anzusehen? Man könnte geneigt sein, dafür
zu argumentieren, dass die Akzeptanz dieses Schemas wiederum eine abgeleitete ist; und zwar
aus der Akzeptanz des W*-Schemas und der These, dass Tatsachen identisch mit wahren Pro-
positionen sind. Diese Reaktion scheint mir allerdings problematisch. Denn wenn Tatsachen
in der Tat identisch mit wahren Propositionen sind, dann darf es keinen wesentlichen Unter-
schied zwischen dem W*-Schema und dem folgenden Schema geben:

(TS) Die Proposition, dass p, ist eine Tatsache  p.

425 Man könnte auf die Idee kommen, dass das Prädikat ‚superbehauptbar’, so wie es von Wright in die Diskussi-
on eingeführt wurde, ein Gegenbeispiel der geforderten Art liefert. Vgl. dazu: Wright (1992, S. 57-61). Ich denke
allerdings nicht, dass das der Fall ist. Dass p, ist superbehauptbar gdw. es gerechtfertigt ist, dass p, zu behaupten,
und es ausgeschlossen ist, dass es zukünftige Evidenzen gibt, die gegen die Behauptbarkeit der Proposition, dass
p, sprechen. Da es wahre Propositionen geben kann, bezüglich deren Behauptbarkeit wir über gar keine Eviden-
zen verfügen, halte ich den Ausdruck ‚superbehauptbar’ für keinen Ausdruck, der (ES-) in der geforderten Allge-
meinheit erfüllt.
426 Vgl. dazu: Parsons (1993, S. 454-457); Künne (1998, S. 195-196).
427 Vgl. dazu: Horwich (1998b, S. 106).

236
Beide Schemata müssten auf der Grundlage der Identifizierung von wahren Propositionen und
Tatsachen als analog angesehen werden. D.h., sie müssen als Schemata aufgefasst werden, die
nur in unterschiedlicher Weise dasselbe ausdrücken. In diesem Sinn müssten dann aber auch
die Ausdrücke ‚ist wahr’ und ‚ist eine Tatsache’ als synonym angesehen werden, weil Hor-
wich die Synonymie von Ausdrücken über die Identität derselben basalen Akzeptanzeigen-
schaft bezüglich des Verstehens der Bedeutung dieser Ausdrücke konstituiert. Für Horwich
kann der gesamte Gebrauch dieser beiden Ausdrücke über diese identische Akzeptanzeigen-
schaft erklärt werden. Nun haben wir allerdings darauf hingewiesen, dass der Gebrauch dieser
beiden Ausdrücke sich in vielen Aspekten unterscheidet, woraus wir nun schließen können,
dass die besagten Ausdrücke nicht wirklich synonym sind. Was hat dies zur Folge? Es falsifi-
ziert die These von der Identität von Tatsachen und wahren Propositionen vor dem Hinter-
grund von Horwichs Auffassung von Bedeutung. Es stellt allerdings keine Probleme für Hor-
wichs Theorie des Verstehens von ‚ist wahr’ dar. Denn dadurch, dass die besagte Identifizie-
rung nicht korrekt ist, ergibt sich auch, dass der Ausdruck ‚eine Tatsache’ nicht das Schema
(W*-) erfüllt. Damit haben wir unser vermeintliches Gegenbeispiel verloren. Es ist auch nicht
absehbar, dass sich wirklich ein Beispiel für einen Ausdruck finden lässt, der in der geforder-
ten Weise (W*-) erfüllt. Von dieser Seite scheint Horwichs Theorie somit nicht bedroht zu
sein.428
Damit ist die Adäquatheit der These, dass es sich bei der Neigung zur Akzeptanz der Instan-
zen des W*-Schemas um eine hinreichende Bedingung des Verstehens von ‚ist wahr’ handelt,
aber noch nicht vollständig abgesichert. Denn es gibt natürlich eine weitere, viel direktere Art
von Gegenbeispielen gegen die besagte These. Man müsste nur zeigen, dass es möglich ist,
dass jemand eine Neigung hat, die Instanzen des W*-Schemas zu akzeptieren und dennoch
nicht die Bedeutung von ‚ist wahr’ erfasst. Kann dies gezeigt werden? Denken wir uns jeman-
den, der auf der Grundlage des Vertrauens auf andere die Neigung erwirbt, die Instanzen des
W*-Schemas zu akzeptieren. Verfügt diese Person damit über ein Verständnis der Bedeutung
von ‚ist wahr’?429 Man kann dies bezweifeln.430
Es ist nun allerdings an der Zeit, sich näher mit dem von Horwich verwendeten Begriff der
Akzeptanz auseinanderzusetzen. Wenn man von einer sehr kruden funktionalistischen Charak-

428 Ein anderes Problem ergibt sich allerdings auf der Grundlage von (ES*). Denn wenn wir von diesem Schema
ausgehen und von der erwiesenen Falschheit der These, dass Tatsachen identisch mit Propositionen sind, dann
müsste sich der Unterschied zwischen (ES*) und dem Schema ‚Dass p, ist eine Tatsache  p’ angemessen erklä-
ren lassen. Dieser Unterschied rührt natürlich von der Mehrdeutigkeit von Ausdrücken der Form ‚dass p’ her.
Diese Mehrdeutigkeit kann wohl nur angemessen erklärt werden, wenn man von (ES*) wieder Abstand nimmt
und zu einem Schema wie (ES) zurückkehrt.
429 Vgl. dazu: Horwich (2005b, S. 41).
430 Vgl. dazu: Abschnitt 4.2.2.1.4.

237
terisierung des Akzeptanzbegriffs absieht, dann liefert Horwich die drei folgenden unter-
schiedlichen positiven Charakterisierungen seines Akzeptanzbegriffs: 431

(AK1) x(x akzeptiert eine Instanz von (W*)  x diese Instanz mit behauptender Kraft zu sich selbst äußert).

(AK2) x(x akzeptiert eine Instanz von (W*)  x diese Instanz für wahr hält).

(AK3) x(x akzeptiert eine Instanz von (W*)  x die durch die Instanz ausgedrückte Proposition akzeptiert).

(Wobei Horwich die Charakterisierungen (AK2) und (AK3) anscheinend für miteinander ver-
woben erachtet.)432 Helfen uns diese Charakterisierungen bei unserem Problem weiter? Ich
kann einen Satz im Vertrauen auf andere akzeptieren, ohne diesen Satz selbst zu verstehen
oder den Gehalt dieses Satzes zu erfassen. Auf der Grundlage von (AK3) ist dies jedoch nicht
möglich. Denn wenn die Akzeptanz eines Satzes mit der Akzeptanz der Proposition einher-
geht, die der Satz ausdrückt, dann ist es zumindest dafür notwendig, die betreffende Propositi-
on zu erfassen. Dies wiederum erfordert zwar nicht das Verständnis des betreffenden Satzes,
der akzeptiert werden soll, aber es erfordert wohl das Verständnis eines Satzes in einer belie-
bigen Sprache, der denselben propositionalen Gehalt hat wie der betreffende akzeptierte Satz.
Wird (AK2) nun an (AK3) gekoppelt, gilt dies natürlich ebenso auf der Grundlage von (AK2).
Ansonsten könnte man (AK2) eventuell auch so auslegen, dass eine Person auch Sätze für
wahr halten kann, die sie nicht vollständig versteht.
Wenn wir (AK1) auf der Grundlage der modernen Sprechakttheorie analysieren, dann gilt
ähnliches wie in Bezug auf (AK3) auch in Bezug auf (AK1). Denn eine Äußerung kann auf
dieser Grundlage nur dann mit behauptender Kraft gemacht werden, wenn diese Äußerung
eine Proposition ausdrückt, die als Gehalt der Äußerung behauptet wird und die der Sprecher
erfassen kann. Man kann allerdings Zweifel an der Korrektheit von (AK1) anmelden. Schließ-
lich kann man Äußerungen mit behauptender Kraft machen, ohne die entsprechenden Sätze
zu akzeptieren. Z.B. kann jemand eine Antwort auf eine Quizfrage mit behauptender Kraft äu-
ßern, ohne den entsprechenden Satz selbst zu akzeptieren oder für wahr zu halten.
Man kann auf der Grundlage von (AK3) keine Instanz von (W*) akzeptieren, ohne den Gehalt
dieser Instanz zu erfassen. Dieser Umstand wirft ein weiteres Problem auf. Damit man näm-
lich die durch eine Instanz des W*-Schemas ausgedrückte Proposition (vollständig) erfassen
kann, muss man bereits über den Begriff der Wahrheit verfügen. D.h., auf der Grundlage von
(AK3) scheint die Erfüllung des Explanans von Horwichs Theorie des Verstehens von ‚ist
wahr’ bereits das vorauszusetzen, was durch die Erfüllung dieser Bedingung erklärt werden

431 Vgl. dazu: Horwich (1998b, S. 94-95).


432 Vgl. dazu: Horwich (1998b, S. 95 Fn. 29).
238
soll. Die Theorie erweist sich vor diesem Hintergrund als explanatorisch unangemessen. Hor-
wich ist somit gut beraten, (AK3) für seine Zwecke zu verwerfen.
Wenn wir nun aber die Forderung aufgeben, dass jemand eine Proposition vollständig oder
unvollständig erfassen muss433, um sie zu akzeptieren, dann können wir auf dieser Grundlage
wiederum ein Gegenbeispiel gegen Horwichs Theorie konstruieren. Jemand kann dann im
Vertrauen auf andere eine Neigung entwickeln, die Propositionen zu akzeptieren, die durch
die Instanzen des W*-Schemas ausgedrückt werden, ohne dabei über die Bedeutung von ‚ist
wahr’ oder den Wahrheitsbegriff zu verfügen. Eine Neigung zur Akzeptanz von Sätzen, die
auf einer solchen Art externer Gründe basiert, kann allerdings nicht sinnvoll als konstitutiv für
mein Verstehen von ‚ist wahr’ angesehen werden.
Diesem Einwand können wir allerdings dadurch entgehen, dass wir einfach die Gründe weiter
einschränken, die für die Neigung zur Akzeptanz relevant sind. Wir haben diese ja bereits so
eingeschränkt, dass es sich um eine nicht abgeleitete Neigung zur Akzeptanz handeln muss.
Nun können wir die Gründe für eine Neigung zur Akzeptanz zusätzlich auf a priorische
Gründe einschränken. D.h., es müssen im Endeffekt nicht abgeleitete a priorische Gründe
sein. Da das Verlassen auf andere Personen aber einen nicht a priorischen Grund darstellt,
wird unser Gegenbeispiel somit ausgeschlossen.434
Auf der Grundlage dieser Einschränkung und der Aufgabe von (AK1) und (AK3) kann Hor-
wich einige gewichtige Einwände gegen seine Theorie des Verstehens von ‚ist wahr’ abblo-
cken. Der einzige offensichtliche Makel, der auch auf der Grundlage von (AK2) zu beanstan-
den ist, besteht wohl darin, dass (AK2) den allgemeinen explanatorischen Ansprüchen von
Horwich nicht gerecht wird. Horwich hat sich selbst das Ziel gesetzt, den Begriff der Bedeu-
tung und des Verstehens der Bedeutung auf der Basis ausschließlich nicht-semantischer Be-
griffe zu explizieren. Der Begriff des Für-wahr-haltens ist nun aber unzweifelhaft ein semanti-
scher Begriff. In diesem Sinn ist auch die letzte verbleibende Explikation von Horwichs Be-
griff der Akzeptanz für ihn problematisch.435

(4.2.2.3) Notwendige Bedingungen für das Verstehen von ‚ist wahr’?

Wir wollen nun der Frage nachgehen, ob sich Gegenbeispiele dafür anführen lassen, dass die
Neigung zur Akzeptanz der Instanzen des W*-Schemas (oder damit verbundener Ableitungs-
regeln) notwendig für das Verständnis der Bedeutung von ‚ist wahr’ ist. Wir haben bereits

433 Für diese Forderung scheint Folgendes zu sprechen: Wenn die Akzeptanz eines Satzes die Akzeptanz der
durch den Satz ausgedrückten Proposition erfordert, dann muss jemand, der den betreffenden Satz akzeptiert,
wissen, welche Proposition der Satz ausdrückt. Dies kann er allerdings nur dann wissen, wenn er diese Propositi-
on vollständig erfasst. Denn ein und derselbe Satz kann in unterschiedlichen Kontexten unterschiedliche Propo-
sitionen ausdrücken, die sich allerdings nur hinsichtlich einer einzigen Komponente unterscheiden können.
434 Vgl. dazu: Hill (2002, S. 65).
435 Vgl. dazu: Horwich (1998b, S. 5; S. 94) und Künne (2003, S. 324-325).

239
festgehalten, dass es keine notwendige Bedingung für das Verständnis der Bedeutung von ‚ist
wahr’ sein kann, dass jemand eine Neigung hat, alle Instanzen des W*-Schemas zu akzeptie-
ren. Denn diese Bedingung könnte nur ein Wesen mit übermenschlichen Fähigkeiten erfüllen,
welches alle (möglichen) Instanzen auch formulieren und verstehen kann. Die besagte not-
wendige Bedingung wurde von uns daher darauf abgeschwächt, dass jemand die Neigung hat,
alle Instanzen des W*-Schemas zu akzeptieren, die er formulieren bzw. in dem angeführten
Sinn partiell verstehen kann. Ein Gegenbeispiel müsste vor diesem Hintergrund so aussehen,
dass jemand über die Bedeutung von ‚ist wahr’ verfügen kann, ohne eine Neigung zu haben,
alle Instanzen des W*-Schemas, die er partiell versteht, zu akzeptieren. Lässt sich so ein Fall
in begründeter Weise konstruieren?
Ein Problem bei der Suche nach so einem Gegenbeispiel besteht darin, dass es – wie wir be-
reits gesehen haben – unterschiedliche Sprecher mit unterschiedlichem Verständnis geben
kann, die unterschiedliche Neigungen bezüglich der Akzeptanz der Instanzen des W*-Sche-
mas haben. Ein Gegenbeispiel muss auf dieser Grundlage so aussehen, dass es zeigt, dass es
zwei Sprecher geben kann, die dieselben Instanzen partiell verstehen und beide ein Verständ-
nis der Bedeutung von ‚ist wahr’ haben, aber dennoch eine unterschiedliche Neigung bezüg-
lich der Akzeptanz der Instanzen des W*-Schemas haben. Ist ein solches Gegenbeispiel mög-
lich?436 Wir brauchen uns dazu nur an den Umstand zurückzuerinnern, dass es manche Philo-
sophen gibt, die der Auffassung sind, dass es Sätze und Propositionen gibt, die keine Wahr-
heitswerte haben. Vor diesem Hintergrund hatten wir Probleme, die Wahrheit aller möglichen
Instanzen des W*-Schemas zu gewährleisten. Es gibt in diesem Zusammenhang genau ge-
nommen drei unterschiedliche Optionen.
(O1) Man hält an der Auffassung fest, dass alle Propositionen entweder wahr oder falsch sind,
und versucht, die Wahrheit oder Falschheit der problematisierten Propositionen (möglichst
allgemein) zu erklären. Auf dieser Grundlage können alle Instanzen des W*-Schemas akzep-
tiert werden, die jemand versteht.
(O2) Man vertritt die Auffassung, dass es Propositionen gibt, die weder wahr noch falsch sind,
und kombiniert diese Auffassung mit einer Semantik des Bikonditionals, die es einem erlaubt,
auch die Instanzen von (W*) für wahr zu halten, die wahrheitswertlose Propositionen betref-
fen.
(O3) Man vertritt die Auffassung, dass es Propositionen gibt, die weder wahr noch falsch sind,
und kombiniert diese Auffassung mit einer Semantik des Bikonditionals, die es einem nicht
erlaubt, die Instanzen von (W*) für wahr zu halten, die wahrheitswertlose Propositionen be-
treffen.

436 Vgl. dazu: Richard (1997, S. 61; S. 69); Horwich (1998b, S. 128-129); Horwich (2001, S. 158-159).
240
Wie wir bereits gesehen haben, gibt es zwei unterschiedliche Möglichkeiten, die Wahrheit al-
ler Instanzen des W*-Schemas auf der Basis einer dreiwertigen Semantik des Bikonditionals
zu retten. Die erste Option ging davon aus, dass eine Instanz von (W*), die eine wahrheits-
wertlose Proposition betrifft, ein falsches linkes Glied des Bikonditionals und ein wahrheits-
wertloses rechtes Glied hat. Um auf dieser Grundlage die Wahrheit der betreffenden Instanz
garantieren zu können, müssen wir bspw. Bochvars externe dreiwertige Logik voraussetzen.
Die zweite Option ging davon aus, dass eine Instanz von (W*), die eine wahrheitswertlose
Proposition betrifft, ein wahrheitswertloses linkes Glied des Bikonditionals und ein wahrheits-
wertloses rechtes Glied hat. Um auf dieser Grundlage die Wahrheit der betreffenden Instanz
garantieren zu können, müssen wir bspw. entweder Bochvars externe dreiwertige Logik oder
Łukasiewiczs dreiwertige Logik voraussetzen.
Welche Semantik muss nun jemand, der solche Instanzen des W*-Schemas für nicht akzepta-
bel hält, deren Komponenten wahrheitswertlose Propositionen ausdrücken, dem Bikonditio-
nal zuordnen? Nach der ersten oben angeführten Option der Wahrheitswertverteilung des Bi-
konditionals muss ein Vertreter von (O3) entweder Łukasiewiczs dreiwertige Logik, Kleenes
starke dreiwertige Logik437 oder Bochvars interne dreiwertige Logik438 voraussetzen. Auf die-
ser Grundlage haben die betreffenden Instanzen von (W*) nicht den Wahrheitswert des Wah-
ren, sondern keinen klassischen Wahrheitswert. Nach der zweiten oben angeführten Option
der Wahrheitswertverteilung des Bikonditionals muss ein Vertreter von (O3) entweder Klee-
nes starke dreiwertige Logik oder Bochvars interne dreiwertige Logik voraussetzen. Auf die-
ser Grundlage haben die betreffenden Instanzen von (W*) dann ebenso nicht den Wahrheits-
wert des Wahren, sondern keinen klassischen Wahrheitswert.
Vor diesem Hintergrund lässt sich nun ein Gegenbeispiel gegen die Auffassung konstruieren,
dass die Neigung zur Akzeptanz der Instanzen von (W*), die man versteht, notwendig für das
Verstehen von ‚ist wahr’ ist. Wir nehmen dazu eine Person A und eine Person B, die beide die-
selben Instanzen von (W*) verstehen. A ist darüber hinaus Vertreter der angeführten Option
(O3). B ist Vertreter der angeführten Option (O1). (Wenn wir von der Voraussetzung ausge-
hen, dass es in der Tat Propositionen gibt, die keinen Wahrheitswert haben, dann können wir
B auch als Vertreter von (O2) ansehen und das Gegenbeispiel ganz analog konstruieren.)
Die Neigung zur Akzeptanz von Instanzen von (W*) durch A und B unterscheidet sich dem-
nach wesentlich. B akzeptiert alle Instanzen, die er versteht. A nur die Instanzen, die keine
wahrheitswertlosen Propositionen betreffen.
Die letzte entscheidende Frage, die für die Etablierung des Gegenbeispiels nun noch zu beant-
worten ist, besteht darin, ob es möglich ist, A und B ein Verständnis der Bedeutung von ‚ist
wahr’ auf der Grundlage der angeführten Voraussetzungen zuzuschreiben. Das muss, wie wir
437 Vgl. dazu: Malinowski (2001, S. 310; S. 316); Kleene (1952).
438 Vgl. dazu: Malinowski (2001, S. 310; S. 316); Bochvar (1938 [1981]).
241
gesehen haben, kein vollständiges Verständnis sein, sie müssen nur ein Verständnis im selben
Umfang besitzen.
Es gibt ganz unterschiedliche Gründe, warum man einer Proposition absprechen kann, dass
sie wahr oder falsch ist. Diese Gründe mögen auf Referenzfehler, Vagheiten, die paradoxe Na-
tur einer Proposition oder die kommunikative Rolle der Sätze rekurrieren, welche die betref-
fenden Propositionen ausdrücken. All diese Gründe erfordern nicht notwendigerweise eine
Veränderung des Wahrheitsbegriffs; diese Gründe können allein von der Beschaffenheit der
betreffenden Proposition abhängen. Auf dieser Grundlage können die Personen A und B das-
selbe Verständnis der Bedeutung von ‚ist wahr’ haben, ohne dieselbe Neigung bezüglich der
Akzeptanz der Instanzen von (W*) zu haben. Dieser Unterschied muss nicht von einer unter-
schiedlichen Auffassung der Semantik von ‚ist wahr’ herrühren, er kann allein aus einer unter-
schiedlichen Auffassung über den Gehalt der Einsetzungen für die Schemenbuchstaben in
(W*) herrühren. Der Umstand, dass A und B unterschiedliche Auffassungen über die Seman-
tik der logischen Konstanten haben, scheint mir damit vereinbar zu sein, dass A und B den-
noch über dasselbe Verständnis von ‚ist wahr’ verfügen. Denn wir können das Beispiel auch
auf der Grundlage einer Modifikation der Optionen (O2) und (O3) so konstruieren, dass die-
selbe Semantik der logischen Ausdrücke von beiden Strategien vorausgesetzt wird. D.h., falls
jemand versucht, das Beispiel auf der Grundlage der Voraussetzung eines unterschiedlichen
logischen Systems in Frage zu stellen, können wir es so modifizieren, dass dieser Unterschied
wegfällt.
In diesem Sinn spricht wohl nichts dagegen, dass unser Gegenbeispiel in der besagten Weise
eingeführt werden kann. Damit würde gezeigt werden, dass Horwichs Konzeption des Verste-
hens von ‚ist wahr’ keine notwendige Bedingung für das Verstehen von ‚ist wahr’ liefern kann
und somit als unangemessen zurückzuweisen ist.
Horwich hat versucht, diesen Einwand zurückzuweisen, und zwar in ähnlicher Weise, wie wir
oben nach einer von zwei Optionen das Problem des Verfügens über den Begriff der Proposi-
tion als Voraussetzung für Horwichs Theorie in den Griff zu bekommen versucht haben; 439
nämlich durch die Theorie der sprachlichen Arbeitsteilung beim Verständnis von ‚ist wahr’.
Horwich ist der Auffassung, dass jemand, der die Option (O1) vertritt, ein Experte im Ge-
brauch von ‚ist wahr’ ist. Wohingegen jemand, der Option (O2) vertritt, ein Laie im Gebrauch
von ‚ist wahr’ ist, der allerdings in mancher Hinsicht einem Missverständnis erliegt, wenn er
bestimmte Instanzen von ‚ist wahr’ ablehnt. Die Übereinstimmung zwischen Experten und
Laien ist somit nur partiell gegeben, aber der Experte gibt vor, was korrekt und inkorrekt ist.
Ich denke, dieser Versuch, den Einwand abzuwehren, basiert auf mehreren falschen Voraus-
setzungen. Erstens haben wir gesehen, dass man die Gründe für die Ablehnung mancher In-

439 Vgl. dazu: Horwich (2001, S. 158-159).


242
stanzen des W*-Schemas so wählen kann, dass sie in keiner Weise ein unvollständiges Ver-
ständnis von ‚ist wahr’ relativ zu dem eigenen Hintergrundwissen voraussetzen.
Zweitens gibt es überhaupt keinen Grund, jemanden, der die Option (O1) vertritt, als einen
Experten im Gebrauch von ‚ist wahr’ auszuzeichnen. Denn es ist alles andere als klar, ob die-
se Option auf wahren Annahmen beruht oder nicht. Natürlich, wenn diese Option auf lauter
wahren Annahmen basieren würde, dann könnte man die Optionen (O2) und (O3) auf diese
Weise als inhaltlich falsch verwerfen. Dennoch könnte jemand dann fälschlicherweise die Op-
tion (O3) vertreten. Auf dieser Grundlage ließe sich dann immer noch ein Gegenbeispiel kon-
struieren, da der Gebrauch von ‚ist wahr’ durch diese Person deshalb nicht von dem gewöhn-
lichen Gebrauch abweichen muss. Der Fehler liegt auch dann nicht an einem falschen Ver-
ständnis von ‚ist wahr’, sondern an falschen Voraussetzungen der Option (O3).
Drittens: Wenn sich herausstellen sollte, dass die Optionen (O2) und (O3) im Gegensatz zu
(O1) auf den wahren Annahmen basieren, dass manche Propositionen tatsächlich weder wahr
noch falsch sind, dann wäre Horwich dazu gezwungen, eine ganz neue und andere Erklärung
für den Unterschied zwischen (O2) und (O3) zu finden. Denn der Unterschied zwischen die-
sen Optionen betrifft höchstens die Semantik des Bikonditionals. Vor diesem Hintergrund
lässt sich dann in keiner zwingenden Weise dem Vertreter der Option (O3) ein unvollständiges
Verständnis von ‚ist wahr’ unterstellen. Die Verteidigung von Horwich scheitert meiner An-
sicht nach aus diesen Gründen. Wir haben daher gute Gründe, davon auszugehen, dass die mi-
nimale Theorie des Verstehens von ‚ist wahr’ nicht angemessen ist.

(4.2.2.4) Probleme mit nicht prädikativen Gebrauchsweisen von ‚wahr’

Horwich erhebt oft nicht nur den Anspruch, auf der Grundlage der minimalen Theorie des
Verstehens von ‚ist wahr’ und der darauf basierenden Theorie der Bedeutung von ‚ist wahr’
den gesamten Gebrauch von ‚wahr’ in seiner prädikativen Verwendung, sondern den gesam-
ten Gebrauch dieses Ausdrucks überhaupt zu erklären. 440 Dass die minimale Theorie der Be-
deutung von ‚ist wahr’ dies auf der Basis ihrer Adäquatheitsbedingung (ABW) nicht erklären
kann, lässt sich meiner Ansicht nach im Folgenden zeigen.
Wir können das Wort ‚wahr’ in ein und derselben Bedeutung nicht nur prädikativ, sondern
auch attributiv, bspw. in Ausdrücken wie ‚wahre Überzeugung’, gebrauchen. Darüber hinaus
kann dieses Wort durch Konkatenation mit dem Suffix ‚-heit’ in das Substantiv ‚Wahrheit’
überführt und somit auch substantivisch gebraucht werden. Und drittens kann das Wort ‚wahr’
im Zusammenhang komplexer Ausdrücke wie ‚für wahr halten’, ‚als wahr hinstellen’ oder ‚als
wahr akzeptieren’ gebraucht werden. Können all diese Gebrauchsweisen des Wortes ‚wahr’

440 Vgl. dazu: Horwich (1998b, S. 45); Horwich (2005b, S. 42-52).


243
tatsächlich auf der Grundlage von Horwichs Theorie der Bedeutung von ‚ist wahr’ erklärt
werden? Dies kann bezweifelt werden.
Die Probleme für Horwichs Auffassung beginnen bereits bei dem attributiven Gebrauch von
‚wahr’. Wenn ein Adjektiv sowohl prädikativ als auch attributiv gebraucht werden kann, dann
besteht in den meisten Fällen ein direkter Zusammenhang zwischen diesen beiden Gebrauchs-
weisen. Dieser Zusammenhang lässt sich in Bezug auf das Wort ‚wahr’ wie folgt ausdrücken:

(Wa) x ist eine wahre Überzeugung  x eine Überzeugung ist und x wahr ist.

Das Problem mit (Wa) ist allerdings, dass es unmittelbar den Gebrauch des Wortes ‚wahr’ be-
trifft. Die Akzeptanz von (Wa) stellt eine echte Ergänzung in Bezug auf die Tatsachen dar, die
den korrekten Gebrauch des Wortes ‚wahr’ erklären. Es führt den attributiven Gebrauch von
‚wahr’ auf den prädikativen Gebrauch zurück. Damit wäre allerdings der Anspruch von Hor-
wich widerlegt, dass sich der korrekte Gebrauch von ‚wahr’ allein auf der Grundlage der Ak-
zeptanz der Instanzen des Schemas ‚Die Proposition, dass p, ist wahr  p’ und anderer Tatsa-
chen erklären lässt, die den Gebrauch von ‚wahr’ nicht unmittelbar betreffen. Gibt es eine
Möglichkeit, dieses Problem auszuräumen? Das Schema (Wa) lässt sich in Bezug auf die no-
minale Position, die der Ausdruck ‚Überzeugung’ in (Wa) einnimmt, generalisieren, was uns
zu folgendem Schema führen würde:

(Wa’) x ist ein wahres F  x ein F ist und x wahr ist.

Aber nur wenn dieses Prinzip sich auch in Bezug auf die Position des Adjektivs ‚wahr’ in
ebensolcher Weise generalisieren ließe, wäre es ein Schema, dessen Akzeptanz nicht direkt
den Gebrauch von ‚wahr’ beträfe. Das ist jedoch aus dem folgenden Grund nicht möglich:
Nicht alle Adjektive können prädikativ und attributiv gebraucht werden. Somit kann (Wa’) in
dieser Hinsicht nicht uneingeschränkt generalisiert werden. Die einzige Möglichkeit, diesem
Problem zu entgehen, besteht wohl in einer eingeschränkten Generalisierung von (Wa’), die
wie folgt lauten würde:

(Wa’’) Wenn ‚w’ attributiv und prädikativ gebraucht werden kann, dann gilt: x ist ein w-es F  x ein F ist und
x w ist.

Die Akzeptanz der Instanzen von (Wa’’) würde nunmehr eine Erklärung des Gebrauchs von
Wörtern ermöglichen, die nicht mehr direkt den Gebrauch des Wortes ‚wahr’ betreffen würde.
Somit ließe sich dafür argumentieren, dass sich auf der Grundlage der Instanzen des Schemas
‚Die Proposition, dass p ist wahr  p’ und der Akzeptanz der Instanzen des Schemas (Wa’’)
auch der attributive Gebrauch des Wortes ‚wahr’ erklären lässt.

244
Weitaus problematischer stehen die Dinge allerdings in Bezug auf den substantivischen Ge-
brauch von ‚wahr’ im Rahmen des Ausdrucks ‚Wahrheit’. Eine Zurückführung dieses Ge-
brauchs auf den prädikativen ist, wenn überhaupt, nur in eingeschränkter Weise möglich.
Durch die Akzeptanz der Instanzen des folgenden Schemas können nur manche Gebrauchs-
weisen des Wortes ‚Wahrheit’ erklärt werden:

(Ws) x ist eine Wahrheit  x wahr ist.

Auf dieser Grundlage können jene Verwendungen des Wortes ‚Wahrheit’ nicht erklärt werden,
im Rahmen derer dieser Ausdruck, wie in ‚Wahrheit ist eine Eigenschaft’, als abstrakter sin-
gulärer Term gebraucht wird. Um den Gebrauch von ‚Wahrheit’ in solchen Zusammenhängen
erklären zu können, bedarf es in jedem Fall anderer, zusätzlicher Prinzipien. Wir müssten
wohl von einem zusätzlichen Abstraktionsprinzip wie dem folgenden Gebrauch machen:

(Wx) Wahrheit = die Eigenschaft, wahr zu sein.

Es scheint allerdings wiederum nicht einfach zu sein, (Wx) so zu generalisieren, da nicht alle
Adjektive durch das Suffix ‚-heit’ substantiviert werden können. Am ehesten kommt dafür
wohl noch ein Prinzip wie das folgende in Frage:

(Wx’) Wenn es Sinn macht von ‚F-heit’ zu sprechen, dann gilt: F-heit = die Eigenschaft, F zu sein.

Kehren wir aber wieder zu (Ws) zurück. (Ws) ist für sich genommen weitaus problematischer
als (Wa). Die Akzeptanz der Instanzen von (Ws) ist ebenso eine Gebrauchstatsache, die den
Gebrauch von ‚wahr’ unmittelbar betrifft. Aber im Gegensatz zu (Wa) scheint sich (Ws) we-
der in uneingeschränkter noch in eingeschränkter Weise generalisieren zu lassen. Es gibt ei-
nerseits eine ganze Reihe von Adjektiven, die sich nicht durch das Suffix ‚-heit’ substantivie-
ren lassen. Zweitens gibt es Adjektive, die sich zwar durch das Suffix ‚-heit’ substantivieren
lassen, bezüglich derer allerdings ein Schema wie (Ws) falsche Instanzen liefert. Jemand mag
tugendhaft sein, dennoch ist er keine Tugendhaftigkeit. Jemand mag dumm sein, dennoch ist
er keine Dummheit. In Bezug auf den ersten dieser beiden Punkte mag es die Möglichkeit ei-
ner sinnvollen Einschränkung einer Generalisierung von (Ws) geben, nicht aber in Bezug auf
den zweiten Punkt. Darüber hinaus ist ebenso denkbar, dass etwas eine F-heit ist, ohne dass
dieses Ding F ist. Scharlach ist bspw. eine Krankheit, aber Scharlach ist nicht krank. Wir ha-
ben somit gute Gründe, anzunehmen, dass der Gebrauch des Ausdrucks ‚Wahrheit’ für Hor-
wichs Erklärung des gesamten korrekten Gebrauchs von ‚wahr’ ein Problem darstellt.
Erhebliche Schwierigkeiten scheint auch der Gebrauch von ‚wahr’ in komplexen Ausdrücken
wie bspw. ‚für wahr halten’, ‚als wahr akzeptieren’, ‚wahr machen’ oder ‚als wahr hinstellen’

245
für Horwichs Erklärungsstrategie darzustellen. Am einfachsten ist es für Horwich in diesem
Zusammenhang wohl noch, einen Ausdruck wie ‚als wahr akzeptieren’ zu analysieren. Die
Gebrauchsweise von ‚wahr’ in diesem Zusammenhang kann mittels der Akzeptanz der Instan-
zen des folgenden Schemas auf die prädikative Gebrauchsweise von ‚wahr’ zurückgeführt
werden:

(Wac) x akzeptiert die Proposition, dass p, als wahr  x akzeptiert, dass die Proposition, dass p, wahr ist.

Wieder ergibt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob sich diese Zurückführung genera-
lisieren lässt. Sie lässt sich auf jeden Fall nicht auf alle Verwendungen des Wortes ‚wahr’ im
Rahmen des Schemas ‚als wahr F-n’ übertragen. Denn die Ausdrücke ‚als wahr betrachten’,
‚als wahr erachten’ und ‚als wahr hinstellen’441 lassen sich nicht in Analogie zu (Wac) auf eine
prädikative Verwendung von ‚wahr’ zurückführen.
Lässt sich die Analyse (Wac) wenigstens in Bezug auf alle Ausdrücke der Form ‚die Proposi-
tion, dass p, als F akzeptieren’ generalisieren? Diese Phrase muss in jedem Fall auf die Klasse
der sinnvollen Einsetzungen für ‚F’ eingeschränkt werden, denn nur eine sehr eingeschränkte
Klasse von Adjektiven kann in diesem Zusammenhang sinnvoll verwendet werden. Außerdem
scheint es keine leichte Aufgabe zu sein, diese Einschränkung zu bewerkstelligen. Wenn diese
Einschränkung möglich sein sollte, dann gibt es allerdings immer noch Problemfälle für diese
Art von Reduktion: Jemand kann in sinnvoller Weise akzeptieren, dass eine Proposition ab-
strakt ist; zu sagen, dass jemand eine Proposition als abstrakt akzeptiert, klingt allerdings zu-
mindest merkwürdig. Ebenso kann jemand akzeptieren, dass eine Proposition unakzeptabel
ist; zu sagen, dass jemand eine Proposition als unakzeptabel akzeptiert, klingt ebenso etwas
paradox. D.h., es ist alles andere als klar, ob (Wac) in einer sinnvollen und eingeschränkten
Weise generalisiert werden kann, was für Horwichs Strategie jedoch erforderlich wäre.
Ich denke, die angeführten Probleme genügen, um die Auffassung zu rechtfertigen, dass der
Erfolg von Horwichs Strategie zur Erklärung des gesamten korrekten Gebrauchs von ‚wahr’
für die deutsche Sprache höchst fragwürdig ist. Horwich sollte daher seine Adäquatheitsthese
(ABW) auf den gesamten prädikativen Gebrauch von ‚wahr’ einschränken.

(4.2.2.5) Probleme mit dem Gebrauch von ‚ist wahr’ in Generalisierungen

Die Adäquatheitsbedingung (ABW) der minimalen Theorie der Bedeutung von ‚ist wahr’ ist
von einem ganz analogen Problem betroffen wie die Adäquatheitsbedingung (PAK) der mini-
malen Theorie der Wahrheit. So, wie die Theorie der Wahrheit alle Tataschen der Wahrheit auf
der Grundlage der Axiome der Theorie der Wahrheit und anderen nicht wahrheitsbezogenen

441 Vgl. dazu: Bar-On und Simmons (2006, S. 622-624).


246
Tatsachen erklären können muss, muss die Theorie der Bedeutung von ‚ist wahr’ alle Ge-
brauchsweisen von ‚ist wahr’ auf der Basis der Neigung zur Akzeptanz der Instanzen von
(W*) und der Akzeptanz anderer Prinzipien, die nicht wahrheitsbezogen sind, erklären kön-
nen. In beiden Fällen werfen Generalisierungen im Zusammenhang mit dem Ausdruck ‚ist
wahr’ Probleme auf. Um die Akzeptanz einer Generalisierung wie ‚Alle Propositionen, die
wahr sind, sind wahr’ auf der Grundlage der Akzeptanz der Instanzen von (W*) erklären zu
können, bedarf es der zusätzlichen Akzeptanz eines allgemeinen Prinzips, welches die Akzep-
tanz der Instanzen einer Generalisierung mit der Akzeptanz der Generalisierung selbst in Ver-
bindung bringt. D.h., wir benötigen dazu die entsprechenden Gegenstücke der Prinzipien (28),
(29) und (30). Diese lauten wie folgt:442

(53) Es ist notwendig, dass, wenn jemand akzeptiert, dass jede Instanz einer Generalisierung wahr ist, er dann
auch akzeptiert, dass die Generalisierung selbst wahr ist.

(54) Die Akzeptanz der Gesamtheit der Instanzen einer Generalisierung impliziert die Akzeptanz der Generali-
sierung selbst strikt.

(55) Die Akzeptanz der Gesamtheit der Instanzen einer Generalisierung über Propositionen impliziert die Ak-
zeptanz der Generalisierung selbst strikt.

Diese Prinzipien haben nun genau dieselben Mängel wie ihre Gegenstücke. 443 Das Prinzip
(53) ist unangemessen, weil es selbst ein Prinzip ist, das das Wahrheitsprädikat zur Formulie-
rung benötigt. Das Prinzip (54) ist zu stark und daher falsch. Wenn sich die Instanzen einer
Generalisierung von einer möglichen Welt zu einer anderen unterscheiden können, dann reicht
die Akzeptanz der Instanzen in einer Welt nicht für die Akzeptanz der Generalisierung in der
anderen Welt aus. (55) ist ebenso wie (30) von dem Problem betroffen, dass seine Wahrheit
eine ganz bestimmte Auffassung von Propositionen voraussetzt, bezüglich der es einerseits
fraglich ist, ob man sie überhaupt vertreten kann, und es andererseits bezweifelt werden kann,
dass sie in Bezug auf alle Propositionen vertreten werden kann.
Es ergibt sich allerdings ein weiteres Problem in Bezug auf (55), welches eine Umformulie-
rung erfordert. Denn die Akzeptanz der Instanzen einer Generalisierung muss auf denselben
Gründen basieren wie die Akzeptanz der Generalisierung, damit aus der einen überhaupt die
andere folgen kann. Somit wäre (55) derart zu präzisieren:444

442 Vgl. dazu: Horwich (2001, S. 157-158); Horwich (2005a, S. 82-84).


443 Wir können diese Prinzipien auch so umformulieren, dass wir den Ausdruck der Akzeptanz durch den Aus-
druck der Neigung zur Akzeptanz ersetzen. An den angeführten Problemen dieser Prinzipien ändert das nichts.
444 Vgl. dazu: Horwich (2005a, S. 84).

247
(55*) Die Akzeptanz der Gesamtheit der Instanzen einer Generalisierung über Propositionen impliziert die Ak -
zeptanz der Generalisierung selbst strikt, wenn diese auf denselben Gründen wie die Akzeptanz der In-
stanzen basiert.

Auch die anderen angeführten Probleme, die wir in Bezug auf Horwichs Strategie zur Ablei-
tung von generellen Tatsachen der Wahrheit angeführt haben, lassen sich in analoger Weise
auf das eben geschilderte verwandte Problem übertragen. Ich möchte es hier allerdings bei
diesem Verweis belassen, ohne die angeführten Probleme noch einmal im Detail auf der
Grundlage der hier vorliegenden Problemstellung darzulegen. Die Probleme liefern auf jeden
Fall einen weiteren Grund, Horwichs Theorie der Bedeutung von ‚ist wahr’ abzulehnen.

(4.2.3) Probleme der Theorie der Nützlichkeit von ‚ist wahr’

Horwichs Theorie von der Nützlichkeit (oder Funktion) von ‚ist wahr’, die sich noch mal kurz
anhand des folgenden Zitats ins Gedächtnis rufen lässt, hat eine relativ interessante Genese
hinter sich:

According to the minimalist conception, the function of the truth predicate is to enable the explicit formulation
of schematic generalizations.445

Die Grundidee hinter dieser Auffassung wurzelt nämlich in einer Wahrheitsauffassung, die
weitaus radikaler ist als die minimale Konzeption der Wahrheit. Diese Auffassung basiert auf
den folgenden zwei zentralen Thesen:

(T1) Der Ausdruck ‚ist wahr’ hat in Sätzen der Form ‚Die Proposition, dass p, ist wahr’ die semantische Funkti -
on eines denominalisierenden Operators. D.h., die semantische Funktion von ‚ist wahr’ erschöpft sich dar-
in, die nominalisierende Funktion des Operators ‚Die Proposition, dass’ rückgängig zu machen.

(T2) Der Ausdruck ‚ist wahr’ hat im Rahmen von Generalisierungen die semantische Funktion, unendliche
Konjunktionen oder Disjunktionen von Sätzen auszudrücken, die den Ausdruck ‚ist wahr’ nicht notwendi-
gerweise enthalten.

Beide Thesen sind sowohl falsch als auch unvereinbar mit der minimalen Konzeption der
Wahrheit, wie sie oben dargelegt wurde. Darüber hinaus ist es alles andere als klar, ob sich
diese beiden Thesen überhaupt in sinnvoller Weise miteinander vereinbaren lassen. 446 Aber
das ist für unsere Zwecke auch nicht relevant. Was für unsere Zwecke interessant ist, ist der
Umstand, dass die These (T2) die Wurzel von Horwichs Auffassung ist, dass die Nützlichkeit
von ‚ist wahr’ im Aufstellen bestimmter Generalisierungen besteht.

445 Horwich (1998a, S. 37).


446 Vgl. dazu: Abschnitt 3.2.
248
Interessant ist darüber hinaus, dass sich in der ersten Auflage von „Truth“ Hinweise darauf
finden, dass Horwich zumindest anfänglich mit (T2) sympathisiert hat. Das geht meiner An-
sicht nach aus der folgenden Passage hervor:

I have argued that the raison d’être of the truth predicate is to provide a device […] to allow us to formulate ‘in-
finite conjunctions’.447

Hinweise auf ein Sympathisieren mit der These (T1) finden sich sowohl in der ersten als auch
in der zweiten Auflage von „Truth“:

… ‘The proposition that p’, occupying a position open to restore the structure of a sentence: it acts simply as de-
nominalizer.448

Man sollte meiner Ansicht nach allerdings nicht sehr viel Gewicht auf diese Stelle legen und
sie vielmehr als Relikt einer Vorstufe zur minimalen Konzeption der Wahrheit ansehen. Denn
diese Stelle macht wohl nur dann Sinn, wenn wir sie im Sinne von (T1) auslegen. Doch diese
These ist mit der These der minimalen Konzeption der Wahrheit unvereinbar, dass der Aus-
druck ‚ist wahr’ logisch gesehen ein Prädikat ist.449
Wenn (T1) und (T2) unproblematisch und wahr wären, dann würde daraus beinahe unmittel-
bar folgen, dass sich die Nützlichkeit von ‚ist wahr’ darin erschöpft, ganz bestimmte Generali-
sierungen formulieren zu können. Wenn man nun allerdings (T1) und (T2) verwirft und statt-
dessen die minimale Konzeption der Wahrheit vertritt, lassen sich dann die mit (T1) und (T2)
zumindest verwandten Thesen (NW1)-(NW3) aus Abschnitt 4.1.5 sinnvoll rechtfertigen? Das
ist die zentrale Frage, mit der wir uns im Folgenden beschäftigen wollen.
Bevor wir uns mit dieser Frage im Detail beschäftigen werden, möchte ich mich vor allem der
These (NW2) widmen. Diese scheint mir zu eng bzw. nicht ganz korrekt formuliert zu sein.
Betrachten wir nunmehr zwei mögliche Wege, eine Generalisierung zu finden, aus der sich
nicht nur der folgende Satz, der den Ausdruck ‚ist wahr’ nicht enthält, sondern alle struktur-
gleichen Sätze ableiten lassen:

(56) (Die Proposition, dass 2+2=4, beweisbar ist  2+2=4).

Die erste Strategie macht von der folgenden Instanz des W*-Schemas Gebrauch:

(57) Die Proposition, dass 2+2=4, ist wahr  2+2=4.

Aus (56) und (57) kann nun die folgende Ableitung gemacht werden:

447 Horwich (1990, S. 52).


448 Horwich (1998a, S. 5); vgl. dazu auch: Horwich (1990, S. 5).
449 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 37-38; S. 141-142).

249
(58) (Die Proposition, dass 2+2=4, beweisbar ist  ist die Proposition, dass 2+2=4, wahr).

Auf dieser Grundlage können wir nun eine objektuale Generalisierung formulieren, die nicht
nur (58) logisch impliziert, sondern auch alle anderen strukturgleichen Instanzen dieser Gene-
ralisierung. Es gibt grundsätzlich drei Möglichkeiten, dies zu tun. Einerseits durch eine uni-
verselle, unbeschränkte Generalisierung wie diese:

(59) x(x beweisbar ist  x ist wahr).

Andererseits durch eine universelle, auf Propositionen beschränkte Generalisierung wie die
folgende:

(60) x(x eine Proposition ist  (x beweisbar ist  x ist wahr)).

Oder aber durch eine auf Propositionen restringierte Generalisierung:

(61) Für alle Propositionen x gilt (x beweisbar ist  x ist wahr).

Sowohl aus (59) als auch aus (61) lässt sich nun unmittelbar die Instanz (58) ableiten und
überdies jede strukturgleiche Instanz. Aus (60) und der Annahme, dass die Proposition, dass
2+2=4, eine Proposition ist, lässt sich ebenso (58) ableiten. Und in ähnlicher Weise ließen sich
auch alle (58) entsprechenden Instanzen von (59) ableiten.
Diese zweite Strategie geht ebenso von (56) aus, macht aber nicht von (57), sondern von der
folgenden Instanz des W*-Schemas Gebrauch:

(62) Die Proposition, dass (die Proposition, dass 2+2=4, beweisbar ist  2+2=4), ist wahr  (Die Proposition,
dass 2+2=4, beweisbar ist  2+2=4).

Aus (56) und (62) folgt wiederum:

(63) Die Proposition, dass (die Proposition, dass 2+2=4, beweisbar ist  2+2=4), ist wahr.

Nun ist Horwich der Ansicht durch das folgende Prinzip eine Generalisierung zu liefern aus
der (63) ableitbar ist:

(64) x(Wenn x eine Proposition der Form <Die Proposition, dass p, ist beweisbar  p> ist, dann ist x wahr.

Aus (64) lässt sich nun direkt die folgende Instanz ableiten:

250
(65) Wenn die Proposition, dass (die Proposition, dass 2+2=4, beweisbar ist  2+2=4), eine Proposition der
Form <Die Proposition, dass p, beweisbar ist  p> ist ‚ dann ist die Proposition, dass (die Proposition,
dass 2+2=4, beweisbar ist  2+2=4), wahr.

Aus dieser Instanz und der Annahme, dass die Proposition, dass (die Proposition, dass 2+2=4,
beweisbar ist  2+2=4), eine Proposition der Form <Die Proposition, dass p, beweisbar ist 
p> ist, lässt sich nun in der Tat (63) ableiten.
Ein Unterschied besteht allerdings zwischen beiden Strategien: Es ist nur auf der Grundlage
der ersten Strategie möglich, allein aus (61) oder (59) und den Instanzen des W*-Schemas
Wahrheiten wie (56) abzuleiten. Die zweite Strategie und die erste Strategie auf der Grund-
lage von (60) benötigen dafür weitere Annahmen. Da aber beide Strategien im Wesentlichen
zu demselben Ergebnis führen, ist die These (NW2) in jedem Fall vor dem Hintergrund der
Existenz beider Strategien abzuändern und zu präzisieren. Und zwar zumindest in der folgen-
den Weise:

(NW2*) Die Nützlichkeit des Ausdrucks ‚ist wahr’ besteht darin, unterschiedliche Arten von Generalisierungen
(der Wahrheit) formulieren zu können.

Damit ist allerdings noch nicht wirklich viel gewonnen. Denn diese These scheint irgendwie
nicht direkt das auszudrücken, was Horwich damit ausdrücken will. Worum geht es Horwich
eigentlich? Wenn wir auf die sententiale Quantifikation in der natürlichen Sprache zurückgrei-
fen könnten, was Horwich allerdings bezweifelt, dann könnten wir eine Annahme wie (56)
auch unmittelbar und ohne auf die Instanzen des W*-Schemas zurückgreifen zu müssen aus
dem folgenden Prinzip ableiten:

(66) p(die Proposition, dass p, beweisbar ist  p).

Da wir nach Horwich aber in der natürlichen Sprache nicht über die Mittel verfügen, um Prin-
zipien wie (66) zu formulieren, besteht die Nützlichkeit des Wahrheitsprädikats nun darin,
dass es uns ermöglicht, andere nicht sententiale Quantifikationen zu formulieren, aus denen
sich mittels der Instanzen von (W*) allerdings die Instanzen einer sententialen Generalisie-
rung wie (66) ableiten lassen. D.h., wir sollten die These (NW2*) durch die folgende These
ersetzen und präzisieren:450

(NW2**) Die Nützlichkeit des Ausdrucks ‚ist wahr’ besteht darin, dass er uns ermöglicht, bestimmte nicht-
sententiale Generalisierungen zu formulieren, aus denen sich unter Hinzunahme der Instanzen des
W*-Schemas die Instanzen von sententialen Quantifikationen ableiten lassen, ohne dafür aber die
sententiale Quantifikation verwenden zu müssen.

450 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 4, Fn. 1; S. 124-125) und Halbach (1999, S. 12-14).
251
Wie sich vor allem auf der Grundlage der ersten angeführten Strategie gezeigt hat, lässt sich
diese von (NW2**) propagierte Nützlichkeit auch wirklich rechtfertigen, und zwar nicht nur
für (56), sondern für beliebige Instanzen der sententialen Quantifikation (66). Und das ganz
unabhängig davon, ob Horwich mit seiner These Recht hat, dass es in der natürlichen Sprache
keine sententiale Quantifikation gibt. Denn selbst wenn es sie gibt, können wir, wie gezeigt
wurde, auf anderem Wege Prinzipien formulieren, die in Verbindung mit den Instanzen des
W*-Schemas dieselben logischen Implikationen wie die besagten sententialen Quantifikatio-
nen haben. Die These (NW2**) ist wohlgemerkt weitaus schwächer als eine These, die be-
hauptet, dass Generalisierungen wie (61) unendliche Konjunktionen von Sätzen wie (56) aus-
drücken, welche die Instanzen von sententialen Quantifikationen sind. Genau in diesem Sinn
ließe sich der abgemilderte Kern einer Idee, die durch (T2) zum Ausdruck gebracht wird, auf
der Basis der minimalen Konzeption der Wahrheit retten.
Doch ganz unproblematisch ist auch (NW2**) nicht, wenn diese These für beliebige Genera-
lisierungen mittels des Ausdrucks ‚ist wahr’ gelten soll. Denn es gibt eine Reihe von Generali-
sierungen im Zusammenhang mit dem Ausdruck ‚ist wahr’, welche über die besagte Nützlich-
keit nicht verfügen. Gemeint sind solche Generalisierungen, die logische Wahrheiten sind, wie
bspw. die folgende:

(67) Für alle Propositionen x gilt (x ist wahr  x ist wahr).

Logische Wahrheiten folgen in trivialer Weise aus beliebigen Sätzen. Das gilt natürlich nicht
nur für logische Wahrheiten wie (67), sondern auch für die Instanzen von (67) und Sätze, die
sich mittels der Instanzen von (W*) aus den Instanzen von (67) gewinnen lassen und die logi-
sche Form ‚p  p’ haben. Alle diese logischen Wahrheiten folgen direkt aus der Logik; wir
brauchen daher auch weder Generalisierungen wie (67) oder irgendwelche sententialen Ent-
sprechungen wie ‚p(p  p)’, um Sätze der Form ‚p  p’ herleiten zu können.
Merkwürdigerweise verwendet Horwich aber oft Beispiele für Generalisierungen mittels des
Ausdrucks ‚ist wahr’, die logische Wahrheiten betreffen, um die Nützlichkeit von ‚ist wahr’
zu veranschaulichen. Das zeigt sich bspw. anhand der folgenden Ausführungen:

To take another example, suppose we wish to state the logical law of excluded middle:

(5) Everything is red or not red, and happy or not happy, and cheap or not cheap, … and so on.

Our problem is to find a single proposition that has the intuitive logical power of the infinite conjunction of all
these instances; and the concept of truth provides a solution.451

451 Horwich (1998a, S. 3).


252
Wie sind diese Äußerungen von Horwich nun mit (NW2**) in Einklang zu bringen? Ich den-
ke, gar nicht. Denn Horwich hat offenbar in dem angeführten Zitat nicht wirklich (NW2**),
sondern eigentlich (T2) im Auge. Denn er spricht ja offenbar von einer Entsprechung zwi-
schen einer Generalisierung und unendlichen Konjunktionen von Sätzen der Form ‚Alles ist F
oder nicht F’. Es kann ihm aber nicht wirklich, wie er sagt, um die logische Stärke eines ein-
zelnen Prinzips gehen, welches einer bestimmten unendlichen Konjunktion entspricht, denn
alle Tautologien haben dieselbe logische Stärke; egal, ob diese nun Generalisierungen sind
oder unendliche Konjunktionen oder einfache Sätze der Form ‚p  p’. Alle logischen Wahr-
heiten sind logisch äquivalent.
Worauf will er also dann hinaus? Er spricht von dem Wunsch, das logische Gesetz des ausge-
schlossenen Dritten zu formulieren. Das klingt nun wiederum sehr nach (NW2*). Heißt das,
dass die Nützlichkeit von ‚ist wahr’ nach Horwich bspw. darin besteht, logische Gesetze for-
mulieren zu können? Brauchen wir wirklich den Ausdruck ‚ist wahr’, um logische Gesetze
formulieren zu können? Horwich bietet nun interessanterweise die folgende Generalisierung
mittels des Wahrheitsprädikats als die angestrebte Formulierung des Gesetzes vom ausge-
schlossenen Dritten an:452

(68) Alle Propositionen der Form <Alles ist F oder nicht F> sind wahr.

Dieses Prinzip ist aber selbst gar kein logisches Gesetz453, es ist nicht logisch wahr, sondern
höchstens notwendig wahr. Daher kann es auch die angeführte Aufgabenstellung der Formu-
lierung eines logischen Gesetzes nicht erfüllen. Worauf will Horwich also wirklich hinaus?
Meiner Ansicht nach gibt es keinen sinnvollen Weg, das angeführte Zitat und die daran an-
schließenden Ausführungen kohärent zu interpretieren. Es macht wohl nur ein gewisses Maß
an Verwirrung von Horwich bezüglich der Rolle von (T2) und (NW2*) sichtbar.
Betrachten wir also ein anderes klareres Zitat aus Horwichs Werk, um etwas mehr Licht in die
Sache zu bringen. Im folgenden unternimmt Horwich einen weiteren Versuch, die Nützlich-
keit von ‚ist wahr’ anhand der Generalisierung von logischen Wahrheiten zu beschreiben:

If Florence is smiling, then Florence is smiling.

How can we extract the law of logic it instantiates? […] The solution provided by our concept of truth is to con -
vert each such proposition into an obviously equivalent one – but one that can be generalized in the normal way.
[…] … we get respectively

The statement that If Florence is smiling then Florence is smiling is true

452 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 4).


453 Auf jeden Fall ist es kein logisches Theorem. Denn man könnte logische Gesetze als Theoreme der Metatheo -
rie auffassen, so dass sie in dieser relativ zu allen Modellen wahr sind. Das gilt aber nicht bezüglich der Objekt -
theorie.
253
[…] each of which generalizes in the standard fashion, yielding

Every statement of the form ‘If p, then p’ is true[.]

From these we can derive (given the truth schemata) all the statements we initially wished to generalize – and
nothing logically weaker would suffice. They may therefore be regarded as generalizations of the intitial state -
ments.454

In diesem Zusammenhang flirtet Horwich nun aber in keiner Weise mit (T2). Er scheint mir
vielmehr anhand eines Beispiels genau die Nützlichkeit von ‚ist wahr’ zu erläutern, die wir
durch (NW2**) zum Ausdruck gebracht haben. Dabei verkennt er aber wohl den besondern
Status von logischen Wahrheiten. Denn wir brauchen kein Prinzip wie (67) oder das folgende

(69) Alle Propositionen der Form <p  p> sind wahr,

um die unendlichen Instanzen des Schemas ‚p  p’ herleiten zu können. Alle logischen Wahr-
heiten lassen sich aus Beliebigem herleiten. Wenn man Horwich etwas vorwerfen will, dann
kann man ihm vorwerfen, dass er die falschen Beispiele verwendet, um (NW2**) zu erläu-
tern. Denn wenn es um die Herleitung logischer Wahrheiten geht, dann haben Generalisierun-
gen mittels ‚ist wahr’ keine besondere Nützlichkeit, diese Herleitung zu gewährleisten.
Die aufgeworfene Schwierigkeit in Bezug auf Tautologien zwingt Horwich aber keineswegs,
(NW2**) ganz aufzugeben. Sie zeigt nur, dass man die dadurch ausgedrückte Nützlichkeit
nicht für alle Generalisierungen mittels ‚ist wahr’ beanspruchen kann. Wenn man sich dessen
bewusst ist, sollte man an (NW2**) aber nicht viel auszusetzen haben. Gegen Horwichs
Theorie von der Nützlichkeit von ‚ist wahr’ ist somit allein auf der Grundlage von (NW2**)
nichts Wesentliches einzuwenden.
Wir können vor dem Hintergrund unserer Präzisierung von (NW2*) nun auch eine Präzisie-
rung von (NW1) vornehmen. Diese Reformulierung sollte nach dem Muster von (NW2**)
nun derart lauten:

(NW1*) Die Nützlichkeit des Ausdrucks ‚ist wahr’ besteht darin, dass er uns ermöglicht, Annahmen wie bspw.
‚Fermats Theorem ist wahr’ zu formulieren, aus denen sich unter Hinzunahme der Instanzen des W*-
Schemas und bestimmten Identitätsannahmen, die einen Ausdruck wie bspw. ‚Fermats Theorem’ ent-
halten, andere Annahmen ableiten lassen, die wir in ganz bestimmten Situationen aus Unwissen, Ver-
gesslichkeit oder Unvermögen nicht direkt ausdrücken oder formulieren können.

Wenn wir den Begriff der indirekten Kommunikation derart schwach ausbuchstabieren, dann
lässt sich gegen die zweite Kernkomponente (NW1*) der minimalen Theorie der Nützlichkeit
von ‚ist wahr’ meiner Ansicht nach ebenso kein triftiger Einwand erheben.

454 Horwich (1998a, S. 122-123).


254
Auf dieser Grundlage zeigt sich nun, dass das, was der Theorie der Nützlichkeit von ‚ist
wahr’ nach Horwich ihre Schärfe gibt und die minimale Konzeption der Wahrheit zu einer so-
genannten deflationären Konzeption der Wahrheit macht, im Wesentlichen durch die These
(NW3) zum Ausdruck gebracht wird. Wir sollten uns daher nun mit der Frage auseinanderset-
zen, ob diese These korrekt ist und sich somit die Nützlichkeit von ‚ist wahr’ allein durch
(NW1*) und (NW2**) beschreiben lässt.
Dazu müssen wir ein bisschen ausholen. Die These, dass das Wahrheitsprädikat ein Mittel ist,
um bestimmte Generalisierungen zu formulieren, lässt sich in einer starken Weise auslegen.
Nach dieser Auslegung basiert sie auf der These (T2) und besagt, dass Generalisierungen im
Zusammenhang mit dem Ausdruck ‚ist wahr’ entweder synonym, logisch, kognitiv oder not-
wendig äquivalent mit Konjunktionen oder Disjunktionen von Sätzen sind, die den Ausdruck
‚ist wahr’ nicht enthalten müssen. In diesen Lesarten ist diese These allerdings falsch. 455 Wir
haben diese These durch eine sehr schwache Auslegung der angeführten Grundidee ersetzt,
was wir durch (NW2**) ausgedrückt haben. In dieser Lesart ist diese These zwar wahr, nur
scheint sie zu schwach zu sein, um die Nützlichkeit von ‚ist wahr’ in allen Generalisierungen
zu erklären. Sie kann wohl nur die Nützlichkeit in All-Quantifikationen (oder negierten Exis-
tenz-Quantifikationen), nicht aber in negierten All-Quantifikationen (oder Existenz-Quantifi-
kationen) erklären. Denn weder aus einer negierten All-Quantifikation noch aus einer Exis-
tenz-Quantifikation kann man einzelne Instanzen ableiten, da solche Formeln logisch gesehen
Disjunktionen entsprechen und wir aus der Wahrheit einer Disjunktion nicht auf die Wahrheit
eines bestimmten Disjunktionsglieds schließen können. Das ist allerdings bei gewöhnlichen,
nicht negierten All-Quantifikationen möglich, da diese logisch gesehen Konjunktionen ent-
sprechen. Darum hat auch (NW2**) in dieser Hinsicht seine Berechtigung. Aber eben nur in
dieser Hinsicht. (NW2**) kann somit die Nützlichkeit von ‚ist wahr’ nur in Bezug auf eine
sehr eingeschränkte Klasse von Generalisierungen erklären.
Wie können wir dieser Konsequenz entgehen? Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Ent-
weder wir ersetzen (NW2**) durch eine These, welche die Nützlichkeit von ‚ist wahr’ im Zu-
sammenhang von allen Generalisierungen erklärt, oder wir ergänzen (NW2**) durch eine
weitere These, welche die Nützlichkeit von ‚ist wahr’ in negierten All-Quantifikationen er-
klärt.
Was die Ersetzung von (NW2**) betrifft, scheint es grundsätzlich nur zwei sinnvolle Mög-
lichkeiten zu geben. Die erste basiert auf der Idee, dass Generalisierungen im Zusammenhang
mit dem Wahrheitsprädikat mit unendlichen Konjunktionen oder Disjunktionen material äqui-
valent sind, die sich in einer infinitären Logik, nicht aber in der natürlichen Sprache formulie-
ren lassen. Die zweite Option basiert auf der Idee, dass Generalisierungen im Zusammenhang

455 Vgl. dazu: Abschnitt 3.2 und 3.3.2.


255
mit dem Wahrheitsprädikat mit ganz bestimmten sententialen Quantifikationen material äqui-
valent sind, die sich in einer formalen Sprache, nicht aber in der natürlichen Sprache formu-
lieren lassen.
Gegen beide Möglichkeiten lässt sich meiner Ansicht nach allerdings derselbe Einwand an-
führen: Wenn Generalisierungen im Zusammenhang mit dem Wahrheitsprädikat einen echten
Ersatz in der natürlichen Sprache für einerseits unendliche Konjunktionen oder Disjunktionen
oder andererseits bestimmte sententiale Quantifikationen darstellen sollen, dann scheint die
Beziehung der materialen Äquivalenz für diesen Zweck zu schwach zu sein. Ein echter Ersatz
für die besagten expressiven Mittel muss in einem engeren Verhältnis zu diesen Mitteln ste-
hen, um tatsächlich in allen sprachlichen Kontexten als Ersatz für diese fungieren zu können.
Damit erweisen sich die besagten Möglichkeiten als keine echten Alternativen zu (NW2**).
Wie sieht es mit einer Ergänzung zu (NW2**) aus? Als einzig sinnvolle Ergänzung zu
(NW2**), welche ausschließlich die Nützlichkeit aller übrigen Generalisierungen im Zusam-
menhang mit dem Wahrheitsprädikat erklären könnte, wäre die folgende Einschränkung der
oben angeführten Ersatzthese zu nennen: Existenz-Quantifizierungen im Zusammenhang mit
dem Wahrheitsprädikat sind mit unendlichen Disjunktionen material äquivalent, die sich nur
in einer infinitären Logik, nicht aber in der natürlichen Sprache ausdrücken lassen. Doch die-
se Einschränkung ist naturgemäß ebenso problematisch wie die Ersatzthese. Es scheint somit
auch keine sinnvolle Ergänzung der Generalisierungsthese in ihrer Auslegung (NW2**) zu
geben. Ich schließe daraus, dass die These (NW3) auf der Grundlage der angeführten Thesen
(NW1*) und (NW2**) als unangemessen einzuschätzen ist. Die Nützlichkeit von ‚ist wahr’
ist nicht derart eingeschränkt, wie die minimale Theorie dies suggeriert.
Gibt es weitere Gründe, die für die Falschheit von (NW3) sprechen? Betrachten wir dazu das
folgende Bikonditional, welches sich aus den Instanzen des W*-Schemas und weiteren An-
nahmen herleiten lässt:

(70) Die Proposition, die durch ‚Snow is white’ im Englischen ausgedrückt wird, ist wahr  Schnee weiß ist.

Wenn ich als kompetenter Sprecher des Deutschen und Englischen jemandem gegenüber (70)
äußere, der zwar der deutschen nicht aber der englischen Sprache mächtig ist, dann kann ich
ihm durch (70) eine wichtige Information zum Verständnis des englischen Satzes ‚Snow is
white’ übermitteln. In dieser Hinsicht scheint das Wahrheitsprädikat eine zusätzliche Nützlich-
keit zu besitzen, die sich nicht auf der Grundlage von (NW1*) oder (NW2**) erklären lässt.
Diese Art der Nützlichkeit des Wahrheitsprädikats besteht allerdings nicht nur in Bezug auf
Sätze fremder Sprache und die durch diese ausgedrückten Propositionen, sondern ebenso in
Bezug auf Sätze oder Äußerungen der deutschen Sprache. Betrachten wir dazu die folgenden
weiteren Beispiele:
256
(71) Die Proposition, die durch eine Äußerung von ‚Ich bin hungrig’ ausgedrückt wird, ist wahr  der Äuße-
rer dieser Äußerung hungrig ist.

(72) Die Proposition, die durch den Satz ‚Der Erfinder der Nähmaschine ist ein Österreicher’ ausgedrückt
wird, ist wahr  es genau ein Ding gibt, das Erfinder der Nähmaschine und Österreicher ist.

Durch (71) werden wichtige Informationen über die Semantik des Satzes ‚Ich bin hungrig’
vermittelt. Gleiches gilt in Bezug auf (72) und die Semantik von Sätzen der Form ‚Der F ist
G’.456
Es drängt sich in diesem Zusammenhang nun die Frage auf, ob die Erklärung dieser angeführ-
ten weiteren Nützlichkeit der Voraussetzung einer wahrheitskonditionalen Semantik oder zu-
mindest damit eng verwandter Prinzipien bedarf.
Eine in jedem Fall auf den ersten Blick plausible Annahme, auf die eine wahrheitskonditiona-
le Semantik auch festgelegt ist, postuliert den folgenden Zusammenhang zwischen dem Ken-
nen der Bedeutung eines Satzes (oder einer Äußerung) und dem Kennen der Wahrheitsbedin-
gungen dieses Satzes (oder dieser Äußerung):

(BW) Für alle Personen x und alle Sätze s: Wenn x die Bedeutung des Satzes s kennt, dann kennt x die Wahr-
heitsbedingungen von s.

Auf der Grundlage von (BW) scheint sich unsere Annahme bezüglich der Nützlichkeit von
(70)-(72) nun bereits bestätigen zu lassen. Wenn wir annehmen, dass (70)-(72) Aufschluss
über die Wahrheitsbedingungen der Sätze ‚Snow is white’, ‚Ich bin hungrig’ und ‚Der Erfin-
der der Nähmaschine ist ein Österreicher’ geben und (BW) wahr ist, dann liefern uns die Sät-
ze (67)-(69) zumindest Informationen, die notwendig sind, um über die Bedeutung der betref-
fenden Ausdrücke zu verfügen. D.h., wir erhalten zumindest einen partiellen Aufschluss über
die Bedeutung von Sätzen oder Äußerungen. Genau darin besteht die Nützlichkeit von (70)-
(72).
In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, dass die Annahme von (BW) zwar eine notwendi-
ge Voraussetzung für eine wahrheitskonditionale Semantik ist, dass jemand aber auch (BW)
vertreten kann, ohne eine wahrheitskonditionale Semantik zu vertreten.
Ein Vertreter einer wahrheitskonditionalen Semantik ist neben (BW) noch auf die Umkehrung
von (BW) festgelegt. Eine zentrale Grundannahme jeder wahrheitskonditionalen Semantik er-
gibt sich somit aus der Kombination von (BW) und der folgenden These:

456In Bezug auf Sätze wie (70) könnte man die Auffassung vertreten, dass bestimmte wahre Sätze der Form ‚‚p’
bedeutet, dass q’ dieselbe Funktion erfüllen können und der Ausdruck ‚ist wahr’ in diesem Zusammenhang somit
keine alternativenlose Nützlichkeit hat. Das gilt meiner Ansicht nach aber keineswegs in Bezug auf Sätze wie
(71) und (72). Denn in diesem Zusammenhang haben die erwähnten Sätze ‚p’ nicht dieselbe Bedeutung wie die
verwendeten Sätze ‚q’.
257
(WB) Für alle Personen x und alle Sätze s: Wenn x die Wahrheitsbedingungen des Satzes s kennt, dann kennt
x die Bedeutung von s.

Wenn wir (BW) und (WB) kombinieren, dann besteht die Nützlichkeit von (67) und (68) nun-
mehr nicht nur darin, uns einen partiellen Aufschluss über die Bedeutung der angeführten Sät-
ze zu geben. Diese Sätze liefern uns dann sogar Informationen, die für die Bedeutung der Sät-
ze ‚Snow is white’ und ‚Ich bin hungrig’ konstitutiv sind. In diesem Sinn erhöht sich die Nütz-
lichkeit der Sätze durch die Kombination von (BW) mit (WB).
Was hat Horwich dieser Diagnose entgegenzuhalten? Horwich ist der Auffassung, dass jede
wahrheitskonditionale Semantik mit seiner minimalen Konzeption der Wahrheit unvereinbar
ist. Er sieht es auf dieser Grundlage allerdings nicht nur für angebracht, (WB), sondern oben-
drein auch (BW) aufzugeben. Er begründet seine Ablehnung durch die folgende Argumenta-
tion:

For example, to know the meaning of “Snow is white” would be to know that ‘Snow is white’ is true iff snow is
white (not merely to know the truth of “’Snow is white’ is true iff snow is white,” which need reflect no under -
standing of English). Now we may take this proposition to convey substantial information about the sentence
“Snow is white” – supposing that the meaning of “… is true iff snow is white” has been independently fixed. Al-
ternatively we may consider it an account of what it will mean to apply the word “true” to “Snow is white.” But
if we want both information about the sentence “Snow is white” and an account of the word “true” we are in the
position of someone with a single equation and two unknowns.457

Es handelt sich bei diesem Argument um eine Version eines Unvereinbarkeitsarguments, wel-
ches auf Dummett zurückgeht.458 Horwichs Version basiert auf der Feststellung, dass man
sich für eine von zwei Optionen entscheiden muss. Denn es gibt zwei unterschiedliche mögli-
che Arten von Konsequenzen, die das Wissen, dass ‚p’ wahr ist  p, haben kann.
Nach der ersten Option geht jemand von dem folgenden Vorwissen aus: Er kennt die Bedeu-
tung von ‚ist wahr’, er kennt die Bedeutung von ‚’ und er kennt die erforderte Funktion der
Anführungszeichen. Wenn jemand auf dieser Grundlage weiß, dass ‚p’ wahr ist  p, dann er-
langt er dadurch gleichzeitig ein Wissen über die Bedeutung des Satzes ‚p’.
Nach der zweiten Option geht jemand von dem folgenden Vorwissen aus: Er kennt die Bedeu-
tung von ‚p’, er kennt die Bedeutung von ‚’ und er kennt die erforderte Funktion von An-
führungszeichen. Wenn er nun auf dieser Grundlage weiß, dass ‚p’ wahr ist  p, dann erlangt
er dadurch gleichzeitig ein Wissen über die Bedingungen des Zutreffens des Wortes ‚wahr’
auf den Satz ‚p’.

457
Horwich (1982, S. 195). Vgl. dazu auch: Horwich (1998a, S. 68-69).
458
Siehe: Dummett (1959 [1972], S. 7). Vgl. dazu auch: Gupta (1993a); Soames (1999); Williams (1999); Dum-
mett (1999, 2002); Brandom (2002); Collins (2002); Patterson (2005); Horisk (2007, 2008).
258
Nach Horwich kann aber das besagte Wissen unmöglich beide Konsequenzen gleichzeitig ha-
ben. D.h., man muss sich entscheiden, ob man von den Instanzen des Schemas ‚‚p’ ist wahr
 p’ im Rahmen einer Bedeutungstheorie oder einer Wahrheitstheorie Gebrauch macht. Hor-
wich hat sich für die zweite Alternative entschieden und er verwirft damit die erste.
Ist Horwichs Unvereinbarkeitsargument überzeugend? Erstens ist festzustellen, dass es sich
nicht eins zu eins übertragen lassen würde, wenn wir dem Argument das W*-Schema zugrun-
de legen würden. Propositionen haben wie Sätze auch Wahrheitsbedingungen. Nur im Fall des
W*-Schemas kann ich einen Ausdruck der Form ‚die Proposition, dass p’ gar nicht verstehen,
ohne zu wissen, welche Proposition ‚p’ ausdrückt. In diesem Sinn wäre es prinzipiell unmög-
lich, die Instanzen des W*-Schemas so aufzufassen, dass sie jemandem die Wahrheitsbedin-
gungen von Propositionen in der oben beschriebenen Weise vermitteln könnten.
Zweitens ist allerdings festzuhalten, dass die beiden angeführten Optionen, die Horwich be-
züglich eines Wissens der Form, dass ‚p’ wahr ist  p, unterscheidet, grundsätzlich irrefüh-
rend sind. Denn ich kann ein Wissen, dass p, unabhängig davon haben, ob ich die sprachliche
Bedeutung irgendeines der Teilausdrücke von ‚p’ kenne. Ich muss nach einer bestimmten Les-
art von Wissenszuschreibungen bspw. nur über die Begriffe (oder Sinne) verfügen, die durch
die Teilausdrücke von ‚p’ bezeichnet werden; ich muss diese Begriffe (oder Sinne) aber nicht
den Teilausdrücken von ‚p’ zuordnen können.459 Wenn ich über diese Sinne nur partiell oder
gar nicht verfüge, dann kann ich in einem bestimmten Sinn überhaupt kein Wissen der Form,
dass ‚p’ wahr ist  p, haben. Mein Wissen über die sprachliche Bedeutung der Teilausdrücke
von ‚‚p’ wahr ist  p’ ist für das hier relevanten Wissen aber in keinem Fall notwendig, selbst
wenn keine Sinne oder Begriffe, sondern Objekte, Eigenschaften und Relationen den Gehalt
meines Wissens konstituieren.
Ein drittes Problem ergibt sich auf der Grundlage, dass man nach Horwichs eigener Konzepti-
on der Wahrheit weder für alle Fälle der Einsetzung für ‚p’ noch für einen speziellen Fall der
Einsetzung wissen muss, dass ‚p’ wahr ist  p, um über den Begriff der Wahrheit zu verfü-
gen. D.h., aus seiner Argumentation folgt nicht direkt, dass eine deflationäre Auffassung des
Wahrheitsbegriffs unvereinbar mit einer wahrheitskonditionalen Semantik ist.
Lassen wir aber einmal dieses nicht wirklich überzeugende Argument von Horwich beiseite
und fragen uns grundsätzlich: Ist die minimale Konzeption der Wahrheit unvereinbar (a) mit
einer wahrheitskonditionalen Semantik oder (b) sogar nur mit dem Prinzip (BW)?
Die erste Frage, die sich in diesem Zusammenhang aufdrängt, lautet: Kann jemand die Wahr-
heitsbedingungen eines Satzes oder einer Proposition kennen, ohne über den Begriff der
Wahrheit zu verfügen? Wenn das Kennen der Wahrheitsbedingungen in dem Wissen besteht,

459 Vgl. dazu: Dummett (1993, S. 99-101).


259
unter welchen Bedingungen ein Satz wahr ist, und man diese Charakterisierung wörtlich
nimmt, dann ist es wohl schwer, diese Frage bejahend zu beantworten.
In diesem Zusammenhang wird nun allerdings die Unterscheidung zwischen de re und de dic-
to Wissen relevant. Es ist einzuräumen, dass diese Unterscheidung nicht unumstritten ist und
dass es auch keine wirklich einheitliche Meinung darüber gibt, wie diese Unterscheidung ge-
nau zu ziehen ist. Für unsere Zwecke scheint es aber angebracht zu sein, auf die Art dieser
Unterscheidung zurückzugreifen, die Horwich selbst vorgeschlagen hat.460 Diese Art der de-
re/de-dicto-Unterscheidung basiert auf einer Unterscheidung von zwei Arten von Propositio-
nen, nämlich zwischen Russellschen und Fregeschen Propositionen. Russellsche Propositio-
nen sind strukturierte abstrakte Entitäten, die Objekte, Eigenschaften und Relationen als Kon-
stituenten haben können. Fregesche Propositionen sind im Gegensatz dazu strukturierte ab-
strakte Entitäten, die ausschließlich die Sinne von sprachlichen Ausdrücken als Konstituenten
haben. Auf dieser Grundlage ergibt sich eine Ambiguität von Wissenszuschreibungen der
Form ‚S weiß, dass p’ auf der Grundlage einer Ambiguität von Ausdrücken der Form ‚dass p’,
die als singuläre Terme für Propositionen aufgefasst werden. Denn mit solchen Termen kann
man entweder eine Russellsche oder eine Fregesche Proposition bezeichnen. Wird ein Aus-
druck der Form ‚dass p’ in einer Zuschreibung der Form ‚S weiß, dass p’ so gelesen, dass die-
ser Ausdruck eine Russellsche Proposition bezeichnet, dann handelt es sich bei der Wissens-
zuschreibung nunmehr um eine de re Zuschreibung. Wird ein Ausdruck der Form ‚dass p’ in
einer Zuschreibung der Form ‚S weiß, dass p’ so gelesen, dass dieser Ausdruck eine Frege-
sche Proposition bezeichnet, dann handelt es sich bei der Wissenszuschreibung um eine de
dicto Zuschreibung.
Wenn wir den Sinn von ‚ist wahr’ mit dem Begriff der Wahrheit identifizieren, dann erfordert
ausschließlich ein de dicto Wissen der Wahrheitsbedingungen eines Satzes den Besitz des Be-
griffs der Wahrheit. Ein reines de re Wissen über die Wahrheitsbedingungen eines Satzes wäre
ein de re Wissen bezüglich eines Satzes und würde als Konstituente nicht den Begriff, son-
dern die Eigenschaft der Wahrheit haben. Wenn wir Begriffe nicht mit Eigenschaften identifi-
zieren461, dann erfordert ein de re Wissen über die Wahrheitsbedingungen eines Satzes nicht
den Besitz des Wahrheitsbegriffs.
Jemand könnte hier allerdings den Einwand erheben, dass er das von uns propagierte reine de
re Wissen für übertrieben hält. Man könnte stattdessen für ein de re Wissen im engeren Sinn
plädieren, welches nur in Bezug auf Objekte nicht das Verfügen über Sinne oder Begriffe, un-
ter welche dieses Objekt fällt, einfordert, nicht aber in Bezug auf Eigenschaften und Relatio-
nen. D.h. in unserem Fall, jemand könnte ein de re Wissen in Bezug auf einen Satz ‚p’ haben,

460Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 90-92).


461Horwich lehnt diese Unterscheidung in Horwich (1998b, S. 92, Fn. 2) noch explizit ab, mittlerweile steht er
dieser Auffassung allerdings etwas aufgeschlossener gegenüber. Vgl. dazu Horwich (2005b, S. 32-33).
260
nämlich dass dieser Satz wahr ist  p. Er müsste dafür nicht über einen Sinn verfügen, unter
den der betreffende Satz fällt, aber er müsste bspw. über den Begriff der Wahrheit oder den
Sinn von ‚’ verfügen, um dieses de re Wissen im engeren Sinn zu haben.
Es besteht somit insgesamt sowohl die Möglichkeit, die aufgeworfene Frage bejahend als
auch verneinend zu beantworten. Eine bejahende Antwort ergibt sich, wenn man das besagte
Wissen als reines de re Wissen auffasst. Eine verneinende Antwort ergibt sich dann, wenn
man es als de dicto Wissen oder als de re Wissen im engeren Sinn auffasst.
Wir kommen nun zu einer zweiten wichtigen Frage: Kann jemand über den Begriff der Wahr-
heit verfügen, ohne die Wahrheitsbedingungen von bestimmten Sätzen zu kennen? Über den
Wahrheitsbegriff verfügt jemand nach Horwich dann und nur dann, wenn er auf der Grund-
lage von a priorischen Gründen die Neigung hat, die Instanzen des Schemas ‚Die Proposition,
dass p, ist wahr  p’ zu akzeptieren. Diese Neigung kann allerdings nur dann realisiert wer-
den, wenn jemand die betreffende Einsetzung für ‚p’ auch versteht. Eine völlig unrealisierbare
Neigung kann aber wohl nicht konstitutiv für das Verfügen über einen Begriff sein. D.h., die
betreffende Neigung muss zumindest in manchen Fällen realisierbar sein und genau in diesen
Fällen muss jemand zu diesem Zweck die Bedeutung der Einsetzung von ‚p’ kennen.
Wenn wir nun (BW) oder die Konjunktion von (BW) und (WB) als wahr voraussetzen, dann
kennt jemand, der die Bedeutung eines Satzes kennt, auch die Wahrheitsbedingungen eines
Satzes. Wenn das Wissen über die Wahrheitsbedingungen eines Satzes entweder ein de dicto
Wissen oder ein de re Wissen im engeren Sinn ist, dann muss jemand, um die Wahrheitsbedin-
gungen eines Satzes zu kennen, über den Wahrheitsbegriff verfügen. Auf dieser Grundlage
würde Horwichs Theorie über den Besitz des Wahrheitsbegriffs allerdings denselben bereits
voraussetzen; was die angeführte Erklärung des Besitzes des Wahrheitsbegriffs zirkulär und
unbrauchbar macht.462 Unsere zweite Frage ist somit negativ zu beantworten, wenn wir die
davor behandelte Frage positiv beantworten. Und sie ist umgekehrt positiv zu beantworten,
wenn wir die erste Frage negativ beantworten.
Ein erstes Resümee bezüglich der Unvereinbarkeit fällt nun derart aus: Wenn wir uns der Auf-
fassung anschließen würden, dass das Wissen bezüglich der Wahrheitsbedingungen eines Sat-
zes ein reines de re Wissen sein kann, dann gibt es keine sinnvollen Gründe, von einer Unver-
einbarkeit einer wahrheitskonditionalen Semantik oder auch von (BW) mit Horwichs minima-
ler Konzeption der Wahrheit auszugehen. Wenn wir andererseits die Auffassung vertreten,
dass das Wissen bezüglich der Wahrheitsbedingungen eines Satzes ein de dicto Wissen oder
ein de re Wissen im engeren Sinn ist, dann besteht eine Unvereinbarkeit einer wahrheitskondi-
tionalen Semantik oder auch von (BW) mit Horwichs minimaler Konzeption der Wahrheit.

462 Diese Argumentation ist eine Kombination aus zwei unterschiedlichen Zirkularitätsargumenten, wie sie in

Horisk (2008, S. 276-279 und S. 284-287) dargelegt werden.


261
Wenn man für die letzte Option plädiert, dann gibt es meiner Ansicht nach unter den gegebe-
nen Voraussetzungen drei Möglichkeiten der Reaktion auf diese Unvereinbarkeit. Die erste ist
Horwichs Reaktion: Man verwirft nicht nur jede Art von wahrheitskonditionaler Semantik,
sondern auch (BW). Die zweite Reaktion besteht darin, zumindest (BW) aufrechtzuerhalten
und dafür Horwichs Erklärung des Besitzes des Wahrheitsbegriffs zu verwerfen. Eine dritte
Reaktion besteht nun darin, bestimmte andere Voraussetzungen der Argumentation zu unter-
laufen. Ein Vorschlag, dies zu tun, geht auf Kölbel zurück. Er hat eine Interpretation von Da-
vidsons wahrheitskonditionaler Semantik vorgeschlagen, die den Besitz unseres intuitiven
Wahrheitsbegriffs nicht voraussetzt.
Davidsons Bedeutungstheorie besteht nach Kölbel darin, dass ein Sprecher auf der Grundlage
des beobachtbaren Sprachverhaltens Theoreme der folgenden kanonischen Form aufstellt:463

(TT) s ist W  p.

Wobei ‚s’ für einen beliebigen Namen eines Satzes steht und ‚p’ als Platzhalter für die Über-
setzung des Satzes in die Metasprache fungiert, der durch den für ‚s’ eingesetzten Namen be-
zeichnet wird. Der Ausdruck ‚ist W’ wird implizit über die Gesamtheit der wahren Theoreme
definiert. Dieser Ausdruck ‚ist W’ hat dieselbe Extension, nicht aber dieselbe Intension wie
‚ist wahr’.464 Der kompetente Sprecher versucht auf der Grundlage seiner anwachsenden In-
formationen über das Sprachverhalten anderer die besagten Theoreme zu bestätigen oder
durch angemessenere Theoreme zu ersetzen. Vor dem Hintergrund der akzeptierten Theoreme
lässt sich dann eine rekursive Wahrheitsdefinition nach Tarski formulieren, die all diese Theo-
reme impliziert und die Kompositionalität der Bedeutung dieser Ausdrücke erklärt. 465 Eine
solche Theorie kann als Bedeutungstheorie bezeichnet werden, weil durch eine spezifische
Schlussregel erlaubt wird, aus den (TT)-Theoremen Theoreme der folgenden Form abzulei-
ten:466

(BT) s bedeutet, dass p.

Diese Art von Bedeutungstheorie kommt ohne ein Verständnis des intuitiven Wahrheitsbe-
griffs aus, weil sie ihren eigenen Ersatz für das Wahrheitsprädikat selbst implizit mitliefert. 467
D.h., die besagten Axiome der Theorie haben eine Doppelfunktion; sie legen eine Interpretati-
on für ‚ist W’ fest und liefern gleichzeitig eine Interpretation der Sätze der Objektsprache. Die
beschriebene Theorie ist daher geeignet, das von uns aufgeworfene Problem zu umgehen.
463 Vgl. dazu: Kölbel (2001, S. 615; S. 626-627) und Horisk (2008, S. 273-274).
464 Kölbel war der Meinung, dass zumindest die Extension dieser Prädikate gleich ist; vgl. dazu: Kölbel (2001, S.
627; S. 634-635). Horisk hat darauf hingewiesen, dass die Intension allerdings unterschiedlich ist; vgl. dazu: Ho-
risk (2007, S. 547-549; S. 555).
465 Vgl. dazu: Kölbel (2001, S. 615) und Horisk (2008, S. 273-274).
466 Vgl. dazu: Kölbel (2001, S. 619-621).
467 Vgl. dazu: Kölbel (2001, S. 627; S. 632).

262
Gibt es überzeugende Gründe, die gegen diese Lösung unseres Problems sprechen? Der erste
Nachteil besteht darin, dass wir uns durch diese Lösung bereits auf eine ganz spezifische Ver-
sion einer wahrheitskonditionalen Semantik festlegen. Diese Konzeption bringt einige be-
kannte Probleme mit sich. Erstens ist es sehr fragwürdig, ob sich alle Aspekte natürlich-
sprachlicher Bedeutung auf der Grundlage einer rein (extensionalen) wahrheitsfunktionalen
Auffassung des semantischen Gehalts rekonstruieren lassen. Zweitens ist es fragwürdig, ob
sich jede Form der Kompositionalität in der natürlichen Sprache durch Wahrheitsfunktionali-
tät erklären lässt. Drittens ist es fragwürdig, ob sich alle Aspekte der Kontextabhängigkeit von
natürlichsprachlichen Ausdrücken im Rahmen einer Bedeutungstheorie nach Davidson erklä-
ren lassen. Es gibt somit einige gewichtige Gründe, die gegen die Festlegung auf eine Bedeu-
tungstheorie nach Davidson sprechen. Ein zweiter Nachteil der skizzierten Lösung unseres
Problems besteht darin, dass sie sich nicht nur auf eine wahrheitskonditionale Semantik nach
Davidson festlegt, sondern grundsätzlich die Konjunktion von (BW) und (WB) als wahr ak-
zeptiert. Denn es ist sehr umstritten, ob Satzbedeutungen wirklich mit Wahrheitsbedingungen
identifiziert werden sollen. Aufgrund dieser angeführten Bedenken möchte ich mich nicht auf
diese erste skizzierte Reaktion auf das Zirkularitätsproblem festlegen.
Damit bleiben zwei Reaktionen auf das Problem übrig. Die Reaktion von Horwich und die
Reaktion, die Horwichs Konzeption des Verfügens über den Wahrheitsbegriff verwirft. Hor-
wichs Reaktion scheint auf den ersten Blick zu radikal und unplausibel zu sein, weil sie sogar
das intuitiv naheliegende Prinzip (BW) verwirft. Horwich kann allerdings eine Erklärung für
diese Reaktion und einen Ersatz für (BW) anbieten. Er könnte (BW) nämlich durch das fol-
gende Prinzip ersetzen:468

(BW*) Wenn jemand die Bedeutung des Satzes ‚p’ kennt und über den Wahrheitsbegriff verfügt, dann kennt er
die Wahrheitsbedingungen von ‚p’.

Und auf dieser Grundlage könnte er nun dafür argumentieren, dass wir (BW) für so plausibel
halten, weil wir es mit (BW*) verwechseln, das auch Horwich für wahr halten kann.
Ist diese Diagnose überzeugend? Verwechseln wir tatsächlich (BW) mit (BW*)? Wenn es sich
bei dem Wissen um die Wahrheitsbedingungen eines Satzes tatsächlich entweder um ein de
dicto Wissen oder ein de re Wissen im engeren Sinn handelt, dann müssten wir Gründe anfüh-
ren können, die (BW) gegenüber (BW*) favorisieren. Wie sollten diese Gründe aber ausse-
hen? Denn schließlich haben wir ja festgestellt, dass das Wissen bezüglich der Wahrheitsbe-
dingungen eines Satzes in dem hier diskutierten Sinn das Verfügen über den Begriff der Wahr-
heit bereits voraussetzt. Wie sollte daher (BW*) im Gegensatz zu (BW) falsch sein? (BW) im-
pliziert logische (BW*). Daher gilt, dass wenn (BW*) falsch ist, auch (BW) falsch ist. Es

468 Vgl. dazu: Horwich (1998a, S. 69-70).


263
bleibt uns daher für unsere Zwecke nur die Möglichkeit (BW*) als redundant gegenüber
(BW) auszuweisen. D.h., wir müssten zeigen können, dass sowohl (BW) als auch (BW*) nur
dann wahr sein können, wenn wir zusätzlich die Instanzen des folgenden Schemas akzeptie-
ren:

(WBW) Wenn jemand die Bedeutung des Satzes ‚p’ kennt, dann verfügt er über den Wahrheitsbegriff.469

Denn aus (WBW) und (BW*) folgt (BW). Wenn wir die Instanzen von (WBW) akzeptieren,
dann ist es somit unmöglich, (BW) aufzugeben, ohne auch (BW*) aufgeben zu müssen. In
diesem Sinne ist (BW*) dann redundant.
Insgesamt scheint die allgemeine Akzeptanz der Instanzen von (WBW) eine recht starke Fest-
legung zu sein. Man müsste den Besitz des Wahrheitsbegriffs wohl als angeboren postulieren,
wenn man die Gültigkeit von (WBW) auch in Bezug auf die ersten Sätze, die Kleinkinder ler-
nen, aufrechterhalten will. Man könnte diesbezüglich allerdings auch so argumentieren, dass
Kleinkinder zwar den richtigen Gebrauch von Sätzen und Wörtern durch die Leitung von Ex-
perten erlernen können, aber erst der Experte im Gebrauch auch dazu in der Lage ist, die Be-
deutung eines Satzes wirklich zu kennen. Dieser Experte verfügt dann allerdings auch über
den Wahrheitsbegriff. Wenn wir also zwei Ebenen des Wissens über die Bedeutung eines Sat-
zes einführen, nämlich ein Laienwissen und ein Expertenwissen, wobei das Laienwissen ein
Wissen-wie in Bezug auf den semantisch korrekten Gebrauch der betreffenden Sätze ist und
das Expertenwissen ein Wissen-dass in Bezug auf die Wahrheitsbedingungen der betreffenden
Sätze, dann gewinnt (WBW) an Plausibilität und wir könnten auf dieser Grundlage in dem an-
geführten Sinn (BW) gegenüber (BW*) favorisieren.
Ein Verteidiger von (BW*) könnte nun allerdings einwenden, dass er den Ausdruck ‚Bedeu-
tung’ in einem weiteren Sinn gebraucht als jemand, der (BW) zu verteidigen sucht. D.h., er
würde sich auf die These festlegen, dass sowohl die Kenntnis der Bedeutung eines Satzes
durch einen Laien als auch die Kenntnis der Bedeutung eines Satzes durch einen Experten,
wenn diese beiden Kenntnisse durch die Kenntnis des Wahrheitsbegriffs ergänzt werden, zur
Kenntnis der Wahrheitsbedingungen eines Satzes führt. Dieser Übergang ist natürlich im Fall
des Expertenwissens völlig trivial und unproblematisch. 470 Aber im Fall des Wissens eines
Laien scheint er auf der Grundlage von (BW*) nicht mehr gegeben zu sein. 471 Das Prinzip hat
in dieser Lesart dann auch falsche Einsetzungen. Denn ein Laie kann ein Wort semantisch
korrekt gebrauchen, weil er mittels sprachlicher Arbeitsteilung den Gebrauch des Experten
ausbeutet oder weil er von Experten im Gebrauch trainiert wurde. Er muss aber zu diesem
Zweck noch nicht über alle Begriffe oder Sinne verfügen, die bspw. für ein de dicto Wissen
469 Denn aus (WBW) und (BW*) folgt (BW).
470 Denn die Wahrheit von (BW) setzt die Wahrheit der Instanzen von (WBW) voraus.
471 Und zwar in den Fällen, die manche Instanzen von (WBW) als falsch erweisen.

264
bezüglich der Wahrheitsbedingungen eines Satzes erforderlich sind. D.h., allein der zusätzli-
che Besitz des Wahrheitsbegriffs würde ihn daher nicht in den Stand setzen, zu wissen 472,
worin die Wahrheitsbedingungen eines Satzes bestehen.473 Wenn die eingeführte Unterschei-
dung zwischen Laienwissen bezüglich der Bedeutung eines Satzes und Expertenwissen be-
züglich der Bedeutung eines Satzes Sinn macht, dann scheint es zumindest möglich, (BW) ge-
genüber (BW*) zu favorisieren.
Wenn diese Strategie fruchtbar wäre, dann wäre es Horwichs Konzeption bezüglich des Besit-
zes des Wahrheitsbegriffs, die sich als problematisch erweisen würde. Denn der Begriff der
Wahrheit könnte dann nicht als ein Begriff erworben werden, der den Besitz sehr vieler Be-
griffe bereits voraussetzt. Der Begriff der Wahrheit müsste dann ein Begriff sein, der anders
als andere Begriffe erworben wird und der entweder vor oder gleichzeitig mit anderen Begrif-
fen erworben werden kann.474
Für unsere Zwecke scheint es aber gar nicht so wichtig zu sein, eine Entscheidung bezüglich
(BW) und (BW*) herbeizuführen. Denn auch wenn wir (BW) durch (BW*) ersetzen, können
wir auf dieser Grundlage eine Erklärung dafür geben, warum der Ausdruck ‚ist wahr’ im Rah-
men der Sätze (70)-(72) eine Nützlichkeit hat, die über die Funktion (NW1*) und (NW2**)
hinausgeht.475 Wir verfügen auf dieser Grundlage somit über mehrere gute Gründe, die These
(NW3) zu verwerfen und Horwichs Theorie über die Nützlichkeit von ‚ist wahr’ damit als un-
angemessen zurückzuweisen.

(4.2.4) Zur Plausibilität der minimalen Konzeption der Wahrheit

Zum Abschluss möchte ich nun noch kurz auf einen Themenbereich eingehen, der die einge-
führten Teiltheorien der minimalen Konzeption der Wahrheit nur indirekt betrifft, aber den-
noch eine Relevanz für die Plausibilität der minimalen Konzeption hat. Und zwar geht es dar-
um, inwiefern die minimale Konzeption der Wahrheit der sogenannten Korrespondenzintuiti-
on gerecht werden kann.

(4.2.4.1) Die Korrespondenzintuition

472 Horwich könnte hier einhaken und sagen, dass man zwei Fälle des Laien-Gebrauchs von Wörtern unterschei -
den muss. Nämlich den semantisch korrekten Gebrauch von Laien, der keine Kenntnis bestimmter Begriffe vor -
aussetzt, und den semantisch korrekten Gebrauch, der diese Kenntnis voraussetzt, der aber nicht notwendig den
Besitz des Wahrheitsbegriffs voraussetzt. Dann könnte er in Bezug auf den ersten Fall des Laien-Gebrauchs die
Einsetzungen für (BW*) ablehnen. Die ganze Sache läuft dann auf die Frage hinaus, welche Begriffe man über-
haupt besitzen kann, ohne den Wahrheitsbegriff zu besitzen. Horwich müsste hier eine maximale Unabhängigkeit
einfordern. Der Verteidiger von (BW) müsste den zweiten unterschiedenen Fall des Laien-Gebrauchs kategorisch
ablehnen.
473 Vgl. dazu: Bar-On, Horsik und Lycan (1999, S. 21).
474 Vgl. dazu auch: Gupta (1993a, S. 69-70).
475 Dummett weist meiner Ansicht nach in folgendem Zusammenhang in ganz ähnlicher Weise auf diese zusätzli-

che Nützlichkeit von ‚ist wahr’ hin: Dummett (1999, S. 278-280).


265
Horwich möchte der sogenannten Korrespondenzintuition wie folgt auf der Grundlage der mi-
nimalen Konzeption der Wahrheit gerecht werden:

... minimalism ... does not deny that truths do correspond – in some sense – to the facts; it acknowledges that
statements owe their truth to the nature of reality[.]476

Diese Bemerkungen geben uns auch Aufschluss darüber, was Horwich genau unter der ‚corre-
spondence intuition’ versteht. Genau genommen fasst er darunter zwei Thesen zusammen, die
auch unabhängig voneinander vertreten werden können. Und zwar sind das die beiden folgen-
den Thesen:

(KI) Wahrheiten stimmen (in einem gewissen Sinn) mit den Tatsachen überein.

(WI) Die Wahrheit eines Satzes, einer Proposition etc. hängt von der Beschaffenheit der Wirklichkeit ab.

Die Intuition (KI) bringt die vage und unbestimmte Grundidee einer korrespondenztheoreti-
schen Auffassung der Wahrheit zum Ausdruck. Die Intuition (WI) bringt die Idee der ontolo-
gischen Fundiertheit der Eigenschaft der Wahrheit zum Ausdruck.
Horwich lehnt allerdings sowohl die Auffassung ab, dass die Wahrheit einer Proposition in ih-
rer Übereinstimmung mit den Tatsachen besteht, als auch, dass es sich bei der Eigenschaft der
Wahrheit um eine universelle extrinsische (bzw. universelle relationale) Eigenschaft handelt;
d.h. eine Eigenschaft, deren Zutreffen vom Bestehen ein und derselben Relation zwischen un-
terschiedlichen Wahrheitsträgern und anderen Entitäten abhängt. Beides lässt sich recht deut-
lich aus der folgenden Bemerkung entnehmen:

The correspondence conception of truth involves two claims: (1) that truths correspond to reality; and (2) that
such correspondence is what truth essentially is. And the minimalist response [...] is to concede the first of these
theses (properly understood) but to deny the second.477

Vor dem Hintergrund dieser Haltung von Horwich stellt sich allerdings die Frage, wie es mög-
lich ist, die minimale Konzeption der Wahrheit mit (KI) und (WI) in Einklang zu bringen.
Dieses Vorhaben erfordert, die ohnedies vagen und uneindeutigen Intuitionen (KI) und (WI)
in einer ganz bestimmten Weise auszulegen.
Horwich beabsichtigt nun, die Intuition (WI) durch die Instanzen des folgenden Schemas zu
erfassen:

(WI*) Die Proposition, dass p, ist wahr, weil p.

476 Horwich (1998a, S. 104).


477 Horwich (1998a, S. 116).
266
Es stellen sich in Bezug auf den Gehalt der Instanzen dieses Schemas unmittelbar zwei Fra-
gen. Welches Verhältnis besteht zwischen den Instanzen des W*-Schemas und denen von
(WI*)? Inwiefern wird durch die Instanzen von (WI*) überhaupt dargelegt, dass die Wahrheit
einer Proposition von der Beschaffenheit der Wirklichkeit abhängt?
Es ist relativ klar, dass die Instanzen von (WI*) weder aus den Instanzen des W*-Schemas ab-
geleitet werden können noch umgekehrt. Das liegt vor allem daran, dass die Semantik der
Ausdrücke ‚weil’ und ‚’ wesentlich verschieden ist. D.h. aber auch, dass die Intuition (WI)
in der gewünschten Auslegung keine direkte Konsequenz der minimalen Theorie der Wahrheit
ist. Damit richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Frage, ob die Instanzen von (WI*) mit der
minimalen Theorie der Wahrheit vereinbar sind.
Es gibt Philosophen, die dies verneinen. Auf Stoljar geht ein Argument zurück, welches zei-
gen soll, dass die Instanzen von (W*) mit den Instanzen von (WI*) unvereinbar sind. 478 Der
Grund dafür liegt nach Stoljar darin, dass sich aus den Instanzen von (W*) und den Instanzen
(WI*) Instanzen des Schemas ‚p, weil p’ ableiten lassen. Solche Ableitungen der Form ‚p,
weil p’ sind aber falsch, da es sich bei der Relation, die durch ‚weil’ im Rahmen von (WI*)
ausgedrückt wird, um eine explanatorische Relation handelt. Eine solche explanatorische Re-
lation kann aber nur dann bestehen, wenn die Relata der Relation nicht identisch sind. Es er-
gibt sich, dass die Instanzen von (W*) mit den Instanzen von (WI*) nicht vereinbar sind, weil
ihre Konjunktion zu notwendig falschen Annahmen führt.
Ist dieser Einwand überzeugend? Die Gültigkeit dieses Einwandes hängt von zweierlei Din-
gen ab. Einerseits von der Stärke der Äquivalenz in Bezug auf die Instanzen von (W*); und
andererseits von der Art des Kontexts, der durch den Junktor ‚weil’, der kein gewöhnlicher
wahrheitsfunktionaler Junktor ist, erzeugt wird. Die Instanzen von (W*) können nicht nur so
ausgelegt werden, dass die Beziehung der notwendigen Äquivalenz zwischen einer Einset-
zung auf der rechten und der linken Seite des Bikonditionals besteht, sondern auch so, dass
sogar die Beziehung der kognitiven Äquivalenz in diesem Zusammenhang besteht. D.h.,
wenn man eine Instanz vollständig versteht, dann kann man keine unterschiedlichen Einstel-
lungen bezüglich der Wahrheitswerte der Äquivalenzglieder haben. Wenn der Ausdruck ‚weil’
demnach höchstens einen kognitiven Kontext erzeugt, d.h. einen Kontext, in dem kognitiv
äquivalente Ausdrücke ausgetauscht werden können, ohne dass sich dadurch der Wahrheits-
wert des betreffenden Satzes ändert, dann würde wohl vordergründig nichts gegen die besagte
Ableitung sprechen. Der Junktor ‚weil’ scheint allerdings eine sehr spezifische Semantik zu
haben. Die Sätze ‚Peter ist eine Junggeselle’ und ‚Peter ist ein unverheirateter Mann’ sind in-
tuitiv nicht nur als kognitiv äquivalent, sondern darüber hinaus als synonym aufzufassen. Wir
gelangen zu einem wahren Satz der Form ‚p, weil q’, wenn wir die beiden angeführten Sätze

478 Vgl. dazu: Stoljar (1997, S. 11-12).


267
in der angeführten Reihenfolge für ‚p’ und ‚q’ einsetzen. Wenn wir nun aber auf der Grund-
lage dieser Synonymie den einen Satz durch den anderen austauschen, erhalten wir wieder
einen Satz der Form ‚p, weil p’ und damit eine notwendige Falschheit. Wenn wir all diese An-
nahmen akzeptieren und dieselben Konsequenzen daraus ziehen wie in Bezug auf die Instan-
zen von (W*) und (WI*), dann müssten wir akzeptieren, dass die Wahrheit des Satzes, der be-
hauptet, dass die beiden angeführten Beispielsätze synonym sind, unvereinbar mit der Wahr-
heit des Satzes ist, der besagt, dass Peter ein Junggeselle ist, weil er ein unverheirateter Mann
ist. Eine solche Unvereinbarkeit zu behaupten ist aber sehr unplausibel. D.h. es scheint viel-
mehr so zu sein, dass der Kontext, den der Ausdruck ‚weil’ erzeugt, ähnlich speziell ist wie
der Kontext, den Anführungszeichen erzeugen. Wir sollten somit nicht voreilig mit unseren
Schlüssen sein und Stoljars Argument nicht akzeptieren. Der Umstand, dass die besagte Erset-
zung von einer Wahrheit zu einer Falschheit führt, zeigt ja vielmehr, dass der gewünschte
Austausch aufgrund der spezifischen Natur des Kontextes, der durch ‚weil’ erzeugt wird,
nicht erlaubt sein sollte. Damit ist allerdings keineswegs die Unvereinbarkeit der Instanzen
von (W*) und (WI*) bewiesen.
Es gibt Philosophen, die die Beobachtung von Stoljar in einer stark abgeänderten Weise inter-
pretiert haben. Für diese Philosophen sind Sätze der Form ‚p, weil p’ keine notwendigen
Falschheiten, sondern triviale Wahrheiten, die keinen explanatorischen Wert haben. 479 Wenn
wir von dieser Annahme ausgehen und darüber hinaus annehmen, dass uns die Instanzen des
W*-Schemas den Übergang von diesen Trivialitäten zu den Instanzen von (WI*) erlauben,
dann könnten wir daraus schließen, dass auch die Instanzen von (WI*) keinen explanatori-
schen Wert haben und daher als Auslegung einer wahren und gehaltvollen Intuition nicht in
Frage kommen. Es gibt allerdings in Bezug auf diese Argumentation mindestens zwei Grün-
de, sie zurückzuweisen. Erstens wird der besagte Austausch erneut als unproblematisch ver-
kauft und die sehr spezifische Natur des Kontextes, der durch ‚weil’ erzeugt wird, verkannt.
Zweitens wird von einer Annahme ausgegangen, die schwer zu rechtfertigen ist. Wenn durch
‚weil’-Sätze überhaupt Erklärungen gegeben werden können, wie sollte es dann sinnvoll mög-
lich sein, dass im Fall von Sätzen der Form ‚p, weil p’ keine falschen Erklärungen gegeben
werden, sondern überhaupt keine Erklärungen gegeben werden, ohne dass wir annehmen
müssten, dass der Ausdruck ‚weil’ in allen Sätzen der Form ‚p, weil p’ etwas anderes bedeutet
als in Sätzen der Form ‚p, weil q’? Meiner Ansicht nach besteht diese Möglichkeit nicht. Wir
sollten daher auch diese weitere Argumentation verwerfen.
Gehen wir einfach einmal davon aus, dass die Instanzen des W*-Schemas mit den Instanzen
von (WI*) vereinbar sind. Können wir die Instanzen von (WI*) dann als plausible Auslegung

479 Vgl. dazu: Douven und Hindriks (2005, S. 320).


268
von (WI) auffassen? Ich denke nicht und möchte zwei Gründe anführen, die dagegen spre-
chen.
Erstens sind Sätze der Form ‚p, weil q’ faktiv. D.h., aus der Wahrheit eines solchen Satzes
folgt die Wahrheit von ‚p und q’. Das bedeutet aber, dass die Intuition (WI) durch (WI*) nicht
angemessen präzisiert wird. Denn wenn (WI) wahr ist, dann hängt die Wahrheit jeder Proposi-
tion, egal, ob diese tatsächlich wahr oder falsch ist, von der Beschaffenheit der Wirklichkeit
ab. Durch Instanzen von (WI*) kann dies aber nicht zum Ausdruck gebracht werden, da die
Instanzen von (WI*) nur dann wahr sind, wenn wir für ‚p’ einen Satz einsetzen, der eine wah-
re Proposition ausdrückt.
Wir können diesem Problem entgehen, indem wir das Schema (WI*) durch das folgende
Schema ersetzen:

(WI**) Wenn die Proposition, dass p, wahr ist, dann ist die Proposition, dass p, wahr, weil p.

Man erzeugt auf der Grundlage von (WI**) keine falschen Instanzen, wenn man Sätze ein-
setzt, die falsche Propositionen ausdrücken. Und wir haben damit obendrein ziemlich genau
das zum Ausdruck gebracht, was Horwich durch (WI) wirklich ausgedrückt sieht:

It is indeed undeniable that whenever a proposition or an utterance is true, it is true because something in the
world is in a certain way – something typically external to the proposition or utterance. 480

Es gibt allerdings einen zweiten Grund, der nicht nur dagegen spricht, die Instanzen von
(WI*) als Ersatz für (WI) anzusehen, sondern der auch die Instanzen von (WI**) betrifft. Be-
trachten wir zu diesem Zweck die folgenden Instanzen von (WI*):

(73) Die Proposition, dass es regnet, wenn es regnet, ist wahr, weil es regnet, wenn es regnet.

(74) Die Proposition, dass alle Junggesellen unverheiratet sind, ist wahr, weil alle Junggesellen unverheiratet
sind.

Diese beiden Instanzen von (WI*) sind wahr und es gibt gute Gründe, sie auch als wahr zu
akzeptieren. Die meisten Philosophen würden allerdings bezweifeln, dass die Wahrheit einer
Tautologie oder einer analytischen Wahrheit von der Beschaffenheit der Wirklichkeit abhän-
gig ist. Es ist also möglich, bestimmte Instanzen von (WI*) zu akzeptieren und gleichzeitig
die Anwendbarkeit von (WI) auf die entsprechenden Propositionen zu leugnen. Das spricht
dafür, dass ein Vertreter der minimalen Konzeption der Wahrheit weder die Instanzen von
(WI*) noch die Instanzen von (WI**) – für die ähnliches gilt – als eine Präzisierung der Intui-
tion (WI) auffassen sollte.

480 Horwich (1998a, S. 104).


269
Aber selbst wenn der Minimalist (WI) verwerfen würde und direkt die Instanzen von (WI*)
oder (WI**) als einzig korrekte Beschreibung einer grundlegenden Intuition ansähe, wäre dies
nach wie vor problematisch. Denn wir haben bereits oben festgestellt, dass der Minimalist zu-
gestehen muss, dass weder die Instanzen von (WI*) noch die von (WI**) direkt aus der mini-
malen Theorie der Wahrheit ableitbar sind. Und es hat sich als ein nahezu unlösbares Problem
herausgestellt, eine Erklärung dafür zu finden, wie diese Ableitungen durch die Hinzunahme
zusätzlicher Theorien, die Wahrheit nicht direkt betreffen, gewährleistet werden könnte.481
Wenden wir uns nun der anderen angeführten Intuition (KI) zu: Welche Strategie verfolgt
Horwich nun in Bezug auf die Auslegung dieser Intuition? Er versucht diese Intuition mit der
minimalen Konzeption der Wahrheit vereinbar zu machen, indem er die Beziehung der Über-
einstimmung, von der in (KI) die Rede ist, als Identitätsbeziehung deutet. Wir können auf die-
ser Grundlage (KI) durch die folgende These ersetzen:

(KI*) Wahre Propositionen sind mit Tatsachen identisch.

Diese Strategie geht aus den folgenden Bemerkungen hervor:

Moreover, there are positive grounds for resisting (5) [<Snow is white> is true because there exists the fact that
snow is white]. For consider, to begin with, a Russellian proposition: [...] … Russellian propositions, when true,
are identical to facts …
Turning to Fregean propositions [...] there are two ways to go. One opinion is to maintain that they also, when
true, are identical to facts. [...]
Alternatively one might suppose that any Fregean proposition – and a sentence would presumably be treated in
the same way – is made true by the existence of the corresponding Russellian fact.482

Die These (KI*) mag für einen Deflationisten wünschenswert sein, da auf ihrer Grundlage
und einer deflationären Wahrheitskonzeption dem Begriff der Tatsache jegliche explanatori-
sche Funktion geraubt wird.483 Vor dem Hintergrund von (KI*) erweist sich somit bspw. jede
tatsachenbasierte Korrespondenztheorie der Wahrheit als unangemessen. D.h. nicht, dass der
Deflationist damit gezeigt hat, dass diese Theorien falsch sind. Was er gezeigt hat, ist nur,
dass eine Theorie, die (KI*) vertritt, mit einer tatsachenbasierten Korrespondenztheorie der
Wahrheit unvereinbar ist.484
Ein weiterer Vorzug von (KI*) besteht darin, dass diese Auffassung unserem Reden über Tat-
sachen in der natürlichen Sprache eine harmlose, aber eindeutige Fundierung gibt. Es wäre
auf jeden Fall ein Nachteil, wenn unser gewöhnlicher Gebrauch des Wortes ‚Tatsache’ mit ei-
481 Vgl. dazu: Abschnitt 4.2.1.4.
482 Horwich (1998a, S. 106).
483 Vgl. dazu: Dodd (2000, S. 2; S. 81-86).
484 Dieser Punkt ist vielleicht nicht ganz unwichtig, da Horwich manchmal behauptet, dass die minimale Kon -

zeption der Wahrheit grundsätzlich mit anderen Wahrheitstheorien kombiniert werden kann. Vgl. dazu: Horwich
(1998a, S. 11).
270
ner deflationären Konzeption der Wahrheit nicht sinnvoll in Einklang gebracht werden könn-
te.
Der Deflationist ist allerdings nicht darauf verpflichtet, (KI*) zu vertreten, um die eben er-
wähnten Zwecke zu erfüllen. Es gibt mindestens noch eine weitere Option für ihn, die nicht
von (KI*) ausgeht und die Intuition (KI) noch etwas ernster nimmt.
Wie sieht diese Position aus? Diese Option macht von der Möglichkeit Gebrauch, Tatsachen
grobkörniger als Propositionen zu individuieren. Wir können bspw. Propositionen mittels ko-
gnitiver Äquivalenz oder Synonymie individuieren und Tatsachen bspw. mittels notwendiger
Äquivalenz. Vor diesem Hintergrund können wir in Analogie zu Horwichs Theorie der Wahr-
heit eine axiomatische Theorie der Tatsachen konzipieren, die auf folgenden unendlich vielen
Axiomen basiert:

(AT) Dass p, ist eine Tatsache  p.

Da Tatsachen anders individuiert werden als Propositionen, ist die wahre Proposition, dass p,
mit der entsprechenden Tatsache, dass p, nicht identisch. Wir können vor diesem Hintergrund
nun in unterschiedlicher Weise eine rein formale Korrespondenzrelation zwischen Propositio-
nen und Tatsachen einführen. Diese Korrespondenzrelation zeichnet sich dadurch aus, dass sie
uns erlaubt, die Intuition (KI) direkt zu verifizieren, ohne dadurch den Begriff der Wahrheit
mittels des Begriffs der Korrespondenz erklären zu müssen. Wir können die besagte Korre-
spondenzrelation bspw. durch ein weiteres Schema und seine Instanzen derart bestimmen:485

(KR) Die Proposition, dass p, korrespondiert mit der Tatsache, dass q  es eine Tatsache ist, dass q und es not-
wendig ist, dass p  q.

D.h., es gibt mindestens zwei Optionen, die Korrespondenzintuition mit der minimalen Theo-
rie der Wahrheit vereinbar zu machen. Entweder man trivialisiert den Begriff der Tatsache, in-
dem man wahre Propositionen mit Tatsachen identifiziert, oder man trivialisiert den Begriff
der Korrespondenz auf der Grundlage einer Konzeption von Tatsachen, die Tatsachen zu blo-
ßen Schatten von wahren Propositionen macht.
Es gibt meiner Ansicht nach einen Grund, warum Horwich eine Auslegung von (KI) auf der
Grundlage von (AT) und bspw. (KR) der Auslegung durch (KI*) vorziehen sollte. Es macht
Sinn, zwischen Begriffen und Eigenschaften zu unterscheiden. Eigenschaften beschreiben Un-
terschiede zwischen möglichen Welten, die nicht allein die Variation des Diskursuniversums
betreffen. Begriffe beschreiben Unterschiede in unserem Denken über die besagten Gegen-
stände und ihre Eigenschaften in einem Diskursuniversum. Begriffe werden kognitiv indivi-
duiert, d.h. mindestens über kognitive Äquivalenz. Eigenschaften werden nicht kognitiv indi-
485 In ähnlich harmloser Weise wird auch in Hill (2002, S. 48-57) der Begriff der Korrespondenz rehabilitiert.
271
viduiert, d.h. höchstens mittels metaphysisch notwendiger Äquivalenz. Da Propositionen die
„sententialen“ Gegenstücke zu Begriffen und Tatsachen die „sententialen“ Gegenstücke zu Ei-
genschaften sind, macht es Sinn, diesen Unterschied auch auf dieser Ebene beizubehalten.
Es gibt allerdings auch einen direkten Grund, der gegen beide angeführten Auslegungen von
(KI) spricht. Wie wir schon festgestellt haben, konfrontiert die These (KI*) Horwichs Theorie
der Bedeutung von ‚ist wahr’ mit schwierigen Problemen. Wenn (KI*) gilt, dann liefert so-
wohl der Ausdruck ‚ist eine wahre Proposition’, als auch der Ausdruck ‚ist eine Tatsache’ die-
selben wahren Instanzen bezüglich des allgemeinen Schemas ‚dass p ist F  p’. Vor dem
Hintergrund der minimalen Theorie der Bedeutung von ‚ist wahr’ heißt das aber nun, dass wir
den Begriff der wahren Proposition mit dem Begriff der Tatsache identifizieren müssen. Jetzt
gibt es aber offenbar wesentliche Unterschiede im Gebrauch der Ausdrücke ‚Tatsache’ und
‚wahre Proposition’ in der natürlichen Sprache. 486 Wenn die gebrauchstheoretisch verstandene
implizite Definition der Bedeutung von ‚ist wahr’ nach Horwich wahr ist, dann dürfte das
nicht der Fall sein. D.h. im Umkehrschluss, dass die These (KI*) nicht mit der minimalen
Theorie der Bedeutung von ‘ist wahr’ vereinbar ist. Horwich sollte von dieser Auslegung von
(KI) somit in jedem Fall Abstand nehmen.487
Dieses Problem ergibt sich allerdings in derselben Weise auch auf der Grundlage von (AT).
Denn wenn der Begriff der Tatsache über dieses Schema eingeführt wird, dann ist Horwich
auf der Grundlage seiner Theorie der Bedeutung von ‚ist wahr’ darauf festgelegt, den Aus-
druck ‚Tatsache’ als synonym mit dem Ausdruck ‚wahre Proposition’ aufzufassen. Zwei syn-
onyme Ausdrücke können allerdings nicht für unterschiedliche Gegenstände stehen. D.h.,
auch die Strategie, die auf (AT) und (KR) basiert, scheint unvereinbar zu sein mit Horwichs
Theorie der Bedeutung von ‚ist wahr’. Horwich ist somit ebenso gut beraten, wenn er auch
diese Auslegung von (KI) verwirft.

(4.3) Schlussfolgerungen

Die angestellten Untersuchungen haben gezeigt, dass Horwichs Konzeption der Wahrheit ge-
gen bestimmte erhobene Einwände entweder durch die Ausräumung dieser Einwände oder
durch die Modifikation der Konzeption verteidigt werden konnte. Es gab allerdings auch Ein-
wände in Bezug auf alle angeführten Teiltheorien der minimalen Konzeptionen der Wahrheit,
die hier nicht ausgeräumt werden konnten. Das Vorliegen dieser Einwände legt nun nahe,
Horwichs Konzeption der Wahrheit den Status einer angemessenen und plausiblen Wahrheits-
konzeption abzusprechen.

486 Vgl. dazu: Abschnitt 4.2.2.2.


487 Vgl. dazu: Abschnitt 4.2.2.2.
272
5. Die Grenzen deflationärer Konzeptionen der Wahrheit

(5.0) Einleitung

Im letzten Kapitel dieser Arbeit werden zwei allgemeine Ziele verfolgt. Erstens wird im Ge-
gensatz zu den vorangegangenen Detailanalysen in grundsätzlicher Weise versucht, die Gren-
zen von deflationären Wahrheitskonzeptionen auszuloten. Zweitens wird eine Wahrheitskon-
zeption eingeführt und entwickelt, die gewisse wesentliche Einsichten mit moderaten deflatio-
nären Wahrheitskonzeptionen teilt, aber in anderen Punkten darüber hinaus geht.
Im ersten Abschnitt dieses Kapitels werde ich darlegen, welche sogenannten Inhalte der
Wahrheit dafür in Frage kommen, als Untersuchungsgegenstand einer Wahrheitskonzeption zu
fungieren. Ich werde zu diesem Zweck einerseits zwischen der Extension, der Intension, dem
Sinn und der Bedeutung von ‚ist wahr’ und andererseits zwischen der Eigenschaft der Wahr-
heit und dem Begriff der Wahrheit unterscheiden. Diese Unterscheidungen lassen sich durch
unterschiedliche Individuationsbedingungen dieser Entitäten begründen.
Der zweite Abschnitt dieses Kapitels wird der Verteidigung einer Grundannahme der hier ver-
teidigten Wahrheitskonzeption gewidmet sein, die besagt, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ ein ge-
nuines monadisches Prädikat ist, welches in einer nicht-relativierten Weise verwendet werden
kann und somit für die Eigenschaft der Wahrheit simpliciter steht.
Im dritten Abschnitt werden zwei verschiedene Methoden zur Bestimmung der Inhalte der
Wahrheit eingeführt. Als erste Methode wird die klassische Form der Analyse durch die Anga-
be von notwendigen und hinreichenden Bedingungen bspw. für das Fallen unter den Begriff
der Wahrheit diskutiert. Als zweite Methode wird die Methode der impliziten Definition von
Bedeutungen und Begriffen eingeführt. Auf dieser Grundlage werden fünf Optionen bei der
Analyse der Inhalte der Wahrheit unterschieden.
Der vierte Abschnitt dieses Kapitels behandelt die Frage nach den Trägern der Eigenschaft der
Wahrheit. In diesem Zusammenhang wird eine weitere Grundannahme der hier verteidigten
Wahrheitskonzeption eingeführt. Diese Annahme besagt, dass Propositionen nicht nur als die
Gegenstände anzusehen sind, denen wir in der natürlichen Sprache vorwiegend Wahrheit zu-
schreiben, sondern dass Propositionen auch in einem explanatorischen Sinn primär sind; d.h.,
dass auf ihrer Grundlage die Wahrheit aller sekundären Wahrheitsträger am besten und ein-
fachsten erklärt werden kann.
Im fünften und letzten Abschnitt dieses Kapitels wird in drei Schritten die hier verteidigte
Wahrheitskonzeption vervollständigt.

273
Der erste Schritt dieser Darlegung beschäftigt sich mit den explanatorischen Funktionen, die
mit den Instanzen des Schemas ‚x ist wahr  p’ verbunden werden können. Es werden zu
diesem Zweck vier mögliche Funktionen unterschieden. Ich werde die These verteidigen, dass
nur zwei dieser Funktionen tatsächlich realisiert werden können.
In einem zweiten Schritt wird eine Bestimmung der Intension von ‚ist wahr’ und der Eigen-
schaft der Wahrheit durch eine bestimmte Generalisierung der Instanzen des Schemas ‚x ist
wahr  p’ gegeben. Es werden in diesem Zusammenhang wiederum vier unterschiedliche
Ansätze vorgestellt, die allesamt von Problemen betroffen sind. Einer dieser Ansätze wird ge-
gen die vorgebrachten Einwände verteidigt.
In einem dritten Schritt werden dann bestimmte Verwandtschaftsverhältnisse der hier vertei-
digten Wahrheitskonzeption zu anderen Wahrheitskonzeptionen beleuchtet. Daran anschlie-
ßend wird eine Unterscheidung zwischen moderaten und radikalen korrespondenztheoreti-
schen Wahrheitskonzeptionen eingeführt und die hier verteidigte Wahrheitsauffassung als mo-
derate Variante der Korrespondenztheorie ausgewiesen. In diesem Zusammenhang wird auch
der Versuch unternommen, jede radikale Version der Korrespondenztheorie der Wahrheit als
unangemessen zurückzuweisen. Eine Zuordnung der hier verteidigten Wahrheitskonzeption
zu den moderaten deflationären Wahrheitskonzeptionen wird aus systematischen Gründen ab-
gelehnt. In diesem Sinn überschreitet die vorgelegte Konzeption die Grenzen des Wahrheits-
deflationismus.

(5.1) Der Gegenstandsbereich einer Konzeption der Wahrheit

Wenn man sich die Frage stellt, mit welchen Gegenständen sich eine Konzeption der Wahrheit
zu beschäftigen hat, dann besagt eine erste grobe Antwort darauf, dass diese sich mit dem
Wahrheitsprädikat ‚ist wahr’ und dem abstrakt singulären Term ‚Wahrheit’ zu beschäftigen
hat. Was genau sollte uns aber an diesen beiden Ausdrücken interessieren? Wieder grob ge-
sprochen, die semantischen Werte dieser Ausdrücke. Was ist nun wiederum darunter zu ver-
stehen? Wenn wir nur den Ausdruck ‚ist wahr’ in Betracht ziehen, mag die folgende Aufzäh-
lung einen ersten Versuch einer Antwort darauf darstellen:

die Extension von ‚ist wahr’


die Intension von ‚ist wahr’
der Sinn von ‚ist wahr’
die Bedeutung von ‚ist wahr’

Wobei in Bezug auf diese Aufzählung allgemein festzuhalten ist, dass nur die Auffassung,
dass genuine Prädikate Extensionen und Intensionen haben, allgemein unstrittig ist.

274
(5.1.1) Genuine Prädikate

Was sind nun genuine Prädikate? Prädikative Ausdrücke wie ‚ist glücklich’ oder ‚ist rot’ der
natürlichen Sprache, die sich am besten und einfachsten als Prädikatkonstanten in die Sprache
der klassischen Prädikatenlogik erster Stufe (oder eine Erweiterung dieser Sprache) überset-
zen lassen, können als genuine Prädikate bezeichnet werden.488 Genuine Prädikate zeichnen
sich daher semantisch vor allem dadurch aus, dass man ihnen sowohl eine Extension als auch
eine Intension zuordnen kann.489 Die Extension eines genuinen Prädikats ist die Menge aller
Gegenstände, auf die das Prädikat in der aktualen Welt zutrifft. Die Intension kann vor diesem
Hintergrund als eine Funktion von möglichen Welten in Extensionen aufgefasst werden.490

(5.1.2) Die Extension und die Intension eines genuinen Prädikats

Der Unterschied zwischen Extensionen und Intensionen lässt sich aber auch ganz unabhängig
von spezifischen Annahmen über die ontologische Natur dieser Entitäten durch die Angabe
unterschiedlicher Identitätsbedingungen erklären:491

(EX) Für alle genuinen Prädikate x und y: Die Extension von x = die Extension von y gdw. für alle Gegenstän-
de z gilt: x trifft auf z zu  y trifft auf z zu.492

(IN) Für alle genuinen Prädikate x und y: Die Intension von x = die Intension von y gdw. es notwendig ist, dass
für alle Gegenstände z gilt: x trifft auf z zu  y trifft auf z zu.

So viel zu den unstrittigen Vorannahmen in Bezug auf die von uns anvisierten Unterscheidun-
gen.

(5.1.3) Der Sinn und die Bedeutung eines genuinen Prädikats

Strittig ist in Bezug auf die angeführte Aufzählung nunmehr allerdings Folgendes: (a) ob die
Bedeutung eines Prädikats etwas ist, das von den anderen angeführten Entitäten unterschieden

488 Man könnte auch alternativ sagen: Das sind prädikative Ausdrücke der natürlichen Sprache, die sich ange-
messen im Rahmen einer beliebigen formalen wahrheitskonditionalen Semantik als Prädikatkonstanten repräsen-
tieren lassen.
489 Als Beispiele für nicht-genuine Prädikate können die Ausdrücke ‚existiert’ und ‚ist möglich’ angesehen wer-

den. Bezüglich beider Ausdrücke scheint es angemessener zu sein, sie nicht als Prädikatkonstanten logisch auf-
zufassen, sondern als Operatoren. ‚Es gibt/existiert mindestens ein x, so dass’ entspricht dann dem Existenzquan-
tor und ‚Es ist möglich, dass’ dem Möglichkeitsoperator.
490 D.h., die Intension legt für jede mögliche Welt fest, welche Extension ein Prädikat relativ zu dieser möglichen

Welt hat.
491 Extensionen werden somit mittels materialer (oder extensionaler) Äquivalenz, Intensionen mittels notwendi -
ger (oder intensionaler) Äquivalenz individuiert.
492 Wobei ‚’ ein Ausdruck für die materiale Äquivalenz ist.

275
werden soll; (b) ob ein Prädikat so etwas wie einen Sinn überhaupt hat und (c) was unter dem
Sinn eines Prädikats im Gegensatz zu seiner Bedeutung zu verstehen ist. Ich denke, dass es
plausibel ist, die Unterscheidung zwischen Sinn und Bedeutung493 zu machen und keinen der
vier angeführten semantischen Werte mit einem anderen zu identifizieren. Dennoch möchte
ich mich in Bezug auf Sinne und Bedeutungen nicht darauf einlassen, angeben zu müssen, um
welche Art von Entität es sich in beiden Fällen handelt. Denn es ist möglich, ohne genaue Be-
stimmung der Art dieser Entitäten eine Unterscheidung zwischen Sinnen und Bedeutungen zu
rechtfertigen, wenn man dazu in der Lage ist, sinnvolle Identitätsbedingungen für Sinne und
Bedeutungen zu liefern, die sich nicht nur voneinander, sondern auch wesentlich von (EX)
und (IN) unterscheiden.
Bei der Bestimmung des Sinnes von Prädikaten möchte ich mich an einer Idee von Frege ori-
entieren. Dieser hat den Begriff der kognitiven Äquivalenz verwendet, um die Identität von
Gedanken zu bestimmen.494 Ich möchte diesen Begriff nun auf den Sinn von Prädikaten an-
wenden und diesen in einer ersten Annäherung mittels kognitiver Äquivalenz wie folgt indivi-
duieren:495

(SI) Für alle genuinen Prädikate x und y: Der Sinn von x = der Sinn von y gdw. es notwendig ist, dass für alle
Gegenstände z und Personen s gilt: wenn s den Sinn von x als Sinn von x und den Sinn von y als Sinn von
y erfasst496, dann gilt: s glaubt, dass x auf z zutrifft  s glaubt, dass y auf z zutrifft.497

Was die Bedeutungen von Prädikaten betrifft, so scheint es intuitiv naheliegend zu sein, diese
mittels Synonymie zu individuieren:

(BE) Für alle genuinen Prädikate x und y: Die Bedeutung von x = die Bedeutung von y gdw. x synonym mit y
ist.

Zur Verteidigung von (BE) bedarf es allerdings mindestens zweier weiterer Schritte. Erstens
muss gezeigt werden, dass es Prädikate gibt, die zwar kognitiv äquivalent, aber nicht syn-
onym sind, um den angestrebten Unterschied zwischen Sinnen und Bedeutungen zu rechtferti-
gen. Zweitens muss die Relation der Synonymie bestimmt werden oder zumindest klar genug
von den anderen verwendeten Relationen abgegrenzt werden.
493 Allerdings nur teilweise im Sinne Freges. Vgl. dazu: Frege (1892a [1962], S. 41-42; S. 46). Der hier verwen -
dete Begriff des Sinns von Prädikaten entspricht in etwa Freges Begriff des Sinns. Freges Begriff der Bedeutung
ist allerdings vom hier eingeführten Begriff der Bedeutung grundverschieden.
494 Vgl. dazu: Frege (1906b [1969], S. 213); Künne (2003, S. 42).
495 Ich habe zum Zweck der Vereinfachung von jeder Art von Kontextabhängigkeit von Prädikaten abgesehen. Es

ist aber keine Schwierigkeit, die angeführten Identitätsbedingungen dahingehend zu adaptieren. Vgl. dazu: Kün -
ne (2003, S. 42) und Abschnitt 3.3.4.3 und 3.3.4.4.
496 Es handelt sich hierbei um die intensionale Art des Erfassens von Sinnen. Vgl. dazu: Dummett (1993, S. 99-

101) und Beyer (2000, S. 76).


497 Intuitiver gesagt: Zwei Prädikate haben denselben Sinn gdw. es ohne Widerspruch für jemanden, der die Sin -

ne beider Prädikate als Sinne dieser Prädikate erfasst, unmöglich ist, zu glauben, dass das eine Prädikat auf einen
Gegenstand zutrifft, während er glaubt, dass das andere Prädikat auf diesen Gegenstand nicht zutrifft.
276
Dem ersten Erfordernis zur Rechtfertigung der angeführten Unterscheidung kann meiner An-
sicht nach durch das folgende Beispiel nachgekommen werden. Die Prädikate ‚ist der Nach-
folger der natürlichen Zahl 3’ und ‚ist der Vorgänger der natürlichen Zahl 5’ sind bspw. kogni-
tiv äquivalent und haben nach (SI) denselben Sinn. 498 Diese beiden Prädikate sind allerdings
nicht synonym, da sie sich (zumindest teilweise) in unterschiedliche Bedeutungskomponenten
zerlegen lassen, auch wenn sie eine ähnliche kompositionale Struktur haben. D.h., neben der
kognitiven Äquivalenz bedarf es demnach zusätzlicher Merkmale, damit Prädikate als syn-
onym ausgewiesen werden können. Eine genaue Angabe dieser zusätzlichen Faktoren würde
eine Bestimmung der Synonymie erfordern. Ich bin hier allerdings nicht in der Lage, den Be-
griff der Synonymie explizit zu definieren.
Daher möchte ich das zweite Erfordernis durch bestimmte Abgrenzungen erfüllen. Zwei Din-
ge können meiner Ansicht nach in jedem Fall zur Abgrenzung von den anderen verwendeten
Relationen festgehalten werden: Die Relation der Synonymie ist feinkörniger als (a) die Re-
lation der materialen Äquivalenz, (b) die Relation der notwendigen Äquivalenz und (c) die
Relation der kognitiven Äquivalenz. D.h., es gibt weniger Prädikate, die in der Beziehung der
Synonymie stehen, als solche, die in den anderen Relationen stehen. Des Weiteren sollte gel-
ten, dass die Beziehung der Synonymie nicht nur die stärkste der angeführten vier Beziehun-
gen zwischen genuinen Prädikaten ist, sondern das Bestehen dieser Relation sollte auch das
Bestehen der anderen Beziehungen strikt implizieren, umgekehrt sollte das aber nicht gelten.
D.h., insgesamt sollte das folgende hierarchische Verhältnis zwischen den vier verwendeten
Beziehungen bestehen:

(H1) Es ist notwendig, dass für alle x und y gilt: wenn x synonym mit y ist, dann ist x kognitiv äquivalent mit y.

(H2) Es ist notwendig, dass für alle x und y gilt: wenn x kognitiv äquivalent mit y ist, dann ist x notwendig
äquivalent mit y.

(H3) Es ist notwendig, dass für alle x und y gilt: Wenn x notwendig äquivalent mit y ist, dann ist x material
äquivalent mit y.499

Damit ist die Synonymie zumindest im Gefüge der vier verwendeten Relationen verortet. Wir
werden im Folgenden noch andere Gründe anführen, die den anvisierten Status der Synony-
mierelation rechtfertigen.

(5.1.4) Eigenschaften und Begriffe

498 Selbiges gilt ebenso für ‚ist halbvoll’ und ‚ist halbleer’ oder die Prädikate ‚ist wahr’ und ‚ist wahr und ge-
rechtfertigt oder nicht gerechtfertigt’.
499 Daraus ergibt sich, dass Bedeutungsgleichheit Sinngleichheit strikt impliziert; so wie Sinngleichheit Intensi-

onsgleichheit und Intensionsgleichheit Extensionsgleichheit impliziert.


277
Wenn wir nun den Ausdruck ‚Wahrheit’ im Kontext seiner Verwendung als abstrakt singulä-
ren Term500 betrachten, dann kann er intuitiv dazu verwendet werden, auf die folgenden Ge-
genstände Bezug zu nehmen:

die Eigenschaft der Wahrheit,


den Begriff der Wahrheit.

Sowohl in Bezug auf Begriffe als auch in Bezug auf Eigenschaften gibt es in der Philosophie
allgemein gesehen keinen Konsens. Erstens ist umstritten, ob es überhaupt Sinn macht, zwi-
schen Eigenschaften und Begriffen zu unterscheiden. Zweitens gibt es keine wirklich einheit-
liche Meinung dazu, was unter Eigenschaften und Begriffen verstanden werden soll und wie
diese Entitäten individuiert werden sollen.
Ich denke, dass es Sinn macht, zwischen Eigenschaften und Begriffen zu unterscheiden. Lei-
tend soll dabei die Intuition sein, dass nur Begriffe kognitiv zugänglich sind – wir erfassen
oder verstehen Begriffe, nicht aber Eigenschaften501 – und dass Eigenschaften als echte Be-
schaffenheiten in der Welt nicht direkt, sondern nur indirekt über die ihnen entsprechenden
Begriffe kognitiv gefasst werden können. Daher sollten Eigenschaften auch grobkörniger in-
dividuiert werden als Begriffe. Denn ein Unterschied in den Eigenschaften sollte einen echten
Unterschied in der Welt ausmachen, während ein Unterschied in den Begriffen auch bloß
einen Unterschied in unserem Denken über die Welt ausmachen kann.502 D.h. aber auch, dass
eine wichtige Beziehung zwischen Begriffen und Eigenschaften besteht: Begriffe repräsentie-
ren in einem näher zu spezifizierenden Sinn Eigenschaften.
Aber um diese Details brauchen wir uns für unsere Zwecke gar nicht zu kümmern, es genügt,
wenn wir die Identitätsbedingungen von Eigenschaften und Begriffen so spezifizieren können,
dass sie dem skizzierten Bild entsprechen. Unter Voraussetzung aller gemachten Annahmen
scheint die folgende unterschiedliche Individuierung von Eigenschaften und Begriffen auf den
ersten Blick plausibel zu sein:

(EG) Für alle Eigenschaften x und y: x = y gdw. es ist notwendig, dass für alle Gegenstände z gilt: z exemplifi -
ziert x  z exemplifiziert y.503

(BG) Für alle Begriffe x und y: x = y gdw. es ist notwendig, dass für alle Gegenstände z und Personen s gilt:
wenn s sowohl x als auch y (vollständig) erfasst hat 504, dann gilt: s glaubt, dass x unter z fällt  s glaubt,
dass y unter z fällt.
500 In Sätzen wie ‚Wahrheit ist das Ziel der Wissenschaften’ wird der Term ‚Wahrheit’ offenbar nicht als singulä -
rer Term gebraucht, der eine spezifische Entität bezeichnet.
501 Vgl. dazu: Strawson (1987, S. 404) und Künne (2007, S. 346-347).
502 Vgl. dazu: Schnieder (2004, S. 63-64).
503 Vgl. dazu: Lewis (1986, S. 51f ); Schnieder (2004, S. 62); Künne (2006, S. 263); Künne (2007, S. 340) und

Moreland (2001, S 118).


504 Für die Individuierung von Begriffen, die wir gegenwärtig nicht vollständig erfassen oder gar nicht erfassen

können, ist dieses Kriterium somit nicht tauglich. Das ist allerdings ein Problem, das ich ausklammern möchte.
278
Damit wären Eigenschaften das sprachunabhängige Gegenstück zu Intensionen von Prädika-
ten und Begriffe das sprachunabhängige Gegenstück zu Sinnen von Prädikaten. 505 Eigen-
schaften und Begriffe können zwar als semantische Werte bspw. von abstrakt singulären Ter-
men fungieren, ihre Identitätsbedingungen weisen sie allerdings als sprachunabhängige Enti-
täten aus. Im Gegensatz dazu weisen die Identitätsbedingungen von Intensionen und Sinnen
diese Entitäten als sprachabhängig aus. Denn zum Zweck der Individuierung wurde in beiden
Fällen von der sprachabhängigen Relation des Zutreffens eines Prädikats auf einen Gegen-
stand Gebrauch gemacht. D.h., auf der Grundlage aller angeführten Identitätsbedingungen be-
steht zwar eine enge Entsprechung zwischen Intensionen und Eigenschaften auf der einen Sei-
te und Sinnen und Begriffen auf der anderen Seite, dennoch sollten wir aus dem genannten
Grund der Sprachunabhängigkeit keine Identifizierungen zwischen den besagten Gegen-
stücken vornehmen.
Gibt es irgendwelche sinnvollen Alternativen zu (EG) und (BG)? Wenn wir an der Auffassung
festhalten wollen, dass nur Begriffe eine kognitive Dimension haben, dann scheint es auf der
Grundlage der oben verwendeten Relationen jeweils eine prinzipiell mögliche Alternative zu
(EG) und (BG) zu geben.
Die eben angedeutete Alternative zu (EG) ist jedoch keine wirklich plausible Alternative.
Denn die Individuierung von Eigenschaften mittels materialer Äquivalenz ist in jedem Fall zu
schwach. Gegen diese Art der Individuierung sprechen eine Reihe von Standardeinwänden.506
Zwei seien hier genannt: Erstens, auf der Grundlage einer solchen Individuierung wäre die Ei-
genschaft, ein Wirbeltier mit einem Herz zu sein, identisch mit der Eigenschaft, ein Wirbeltier
mit einer Niere zu sein, weil in der aktualen Welt dieselben Gegenstände diese beiden Eigen-
schaften exemplifizieren. Nichts aber spricht dagegen, dass es mögliche Welten gibt, in denen
nur eine dieser Eigenschaften von einem Gegenstand exemplifiziert wird. Also sind die bei-
den Eigenschaften zu unterscheiden und die Relation der materialen Äquivalenz zu schwach,
um Eigenschaften zu individuieren.507
Zweitens, in der aktualen Welt gibt es weder drei Meter große Menschen noch Einhörner.
Wenn wir Eigenschaften mittels materialer Äquivalenz individuieren, dann würde die Eigen-
schaft, ein drei Meter großer Mensch zu sein, mit der Eigenschaft, ein Einhorn zu sein, iden-
505 Und zwar dann, wenn wir das Erfassen eines Begriffs als einen sprachunabhängigen Zustand auffassen. D.h.
zumindest als einen Zustand, der in vielen Fällen unabhängig vom Beherrschen einer natürlichen Sprache beste -
hen kann. (Im Gegensatz dazu haben wir das Erfassen des Sinns eines Prädikats als ein Erfassen des Sinns eines
Prädikats als Sinn dieses Prädikats angesehen).
506 Vgl. dazu: Armstrong (1978, S. 29-43); Moreland (2001, S. 30-34).
507 Wir können statt der aktualen Welt auch bestimmte mögliche Welten betrachten, um zu demselben Ergebnis
zu gelangen: Es mag eine mögliche Welt geben, in der nur drei Gegenstände existieren. Alle drei Gegenstände
sind sowohl grün als auch rund. Wenn wir Eigenschaften mittels materialer Äquivalenz individuieren würden,
hätte das zur Folge, dass in dieser Welt sowohl die Eigenschaft, grün zu sein, identisch wäre mit der Eigenschaft,
rund zu sein, als auch beide Eigenschaften mit der Eigenschaft, grün und rund zu sein, identisch wären. Diese
Ergebnisse sind nicht akzeptabel, was wiederum gegen die besagte Individuierung spricht. Vgl. dazu: Moreland
(2001, S. 31-32), Künne (2006, S. 264) und Künne (2007, S. 340).
279
tisch sein. Nichts spricht ernsthaft dagegen, dass es eine mögliche Welt gibt, in der es sowohl
drei Meter große Menschen als auch Einhörner gibt (oder in der es zumindest eines von bei-
dem gibt508) und in der die besagten Eigenschaften somit durch unterschiedliche Gegenstände
exemplifiziert werden. Also sind die beiden Eigenschaften zu unterscheiden und die Relation
der materialen Äquivalenz ist zu schwach, um Eigenschaften zu individuieren.509
Es gibt allerdings auch mit den eben angeführten Einwänden eng verwandte Standardeinwän-
de, die belegen wollen, dass selbst (EG) zu schwach ist, um Eigenschaften angemessen zu in-
dividuieren.510 Erstens wird darauf verwiesen, dass es Eigenschaften gibt, die in allen mögli-
chen Welten von denselben Gegenständen exemplifiziert werden. Als Standardbeispiel wer-
den in diesem Zusammenhang gängigerweise die beiden folgenden Eigenschaften genannt:
die Eigenschaft, drei gleiche Seiten zu haben, und die Eigenschaft, drei gleiche Winkel zu ha-
ben.511 Ein Unterschied zwischen diesen beiden Eigenschaften wird zumeist wie folgt erklärt:
Die Eigenschaft, einen Winkel zu haben, ist auch nach (EG) ganz verschieden von der Eigen-
schaft, eine Seite zu haben, so muss doch wohl auch ein Unterschied zwischen dem Haben
dreier gleicher Winkel und dem Haben dreier gleicher Seiten bestehen.
Zweitens wird auf die Existenz von Eigenschaften verwiesen, die in keiner möglichen Welt
von Gegenständen exemplifiziert werden, aber unterschiedlich sind. Standardbeispiele dafür
wären die folgenden beiden Eigenschaften: die Eigenschaft, ein rundes Viereck zu sein, und
die Eigenschaft, ein schwarzer Schimmel zu sein. Der Unterschied zwischen diesen beiden
Eigenschaften wird durch den Verweis erklärt, dass beide Eigenschaften komplexe Eigen-
schaften sind, die sich aus unterschiedlichen nicht-komplexen Eigenschaften zusammenset-
zen.
Gibt es eine Möglichkeit, diese vordergründig plausiblen Einwände zurückzuweisen? Lewis
hat bspw. auf diese Einwände mit dem Vorwurf der Äquivokation reagiert:512

… we simply have two different conceptions. [...] … we have the word ‚property’, introduced by way of a varied
repertory of ordinary and philosophical uses. […] But it is wrong to speak of the role associated with the word
‘property’, as if it were fully and uncontroversially settled. [...] My answer is, in part, that sets of possibilia are
entities we should believe in which are just for one version of the property role. […] Another version of the
property role ties the properties more closely to the meanings of their standard names, and to the meanings of the
predicates whereby they may be ascribed to things. ‘Triangular’ means having three angles, ‘trilateral’ means
having three sides. These meanings differ.513
508 Für diejenigen, die sich Kripkes Meinung angeschlossen haben, dass der Ausdruck ‚ist ein Einhorn’ notwen -
dig die leere Menge als Extension hat.
509 Vgl. dazu: Künne (2006, S. 264) und Künne (2007, S. 340-341).
510 Vgl. dazu: Moreland (2001, S. 31; S. 119).
511 Genauer gesagt, sollten wir die Eigenschaft, eine geschlossene geometrische Figur mit drei gleichlangen Sei-

ten zu sein, mit der Eigenschaft, eine geschlossene geometrische Figur mit drei gleichgroßen Winkeln zu sein,
vergleichen. Es ließen sich als Beispiele auch die folgenden Eigenschaften anführen: die Eigenschaft, mit Peter
identisch zu sein, und die Eigenschaft, Element der Einermenge bestehend aus Peter zu sein.
512 Vgl. dazu: Schnieder (2004, S. 66-67); Künne (2006, S. 264); Künne (2007, S. 341-342).
513 Lewis (1986, S. 55-56).

280
Ist diese Zurückweisung angemessen? Lewis Zurückweisung ist nur dann angemessen, wenn
der Unterschied zwischen den angeführten Eigenschaften tatsächlich allein in einem Unter-
schied zwischen den Bedeutungen der Ausdrücke besteht, die wir verwenden, um auf die be-
sagten Eigenschaften Bezug zu nehmen. D.h., wenn der Unterschied nur auf einem rein se-
mantischen oder auch rein kognitiven Unterschied basiert, dann sollten wir Lewis Diagnose
zustimmen.
Die Sache ließe sich zu Ungunsten von Lewis entscheiden, wenn wir Identitätsbedingungen
für Eigenschaften liefern könnten, die den besagten Unterschied einfangen, aber weder se-
mantisch noch kognitiv motiviert sind.
Eine Möglichkeit könnte darin bestehen, dass man (EG) durch bestimmte zusätzliche Bedin-
gungen weiter einschränkt, so dass die beanstandeten Eigenschaften als verschieden ausge-
wiesen werden. Mir erscheint es allerdings als ein aussichtsloses Unterfangen, (EG) so zu re-
stringieren, dass ausschließlich die problematisierten Eigenschaften als nicht identisch ausge-
wiesen werden. Eine Restriktion von (EG) auf solche Eigenschaften, die (a) mindestens in ei-
ner möglichen Welt exemplifiziert werden oder die (b) niemals in allen möglichen Welten von
denselben Dingen exemplifiziert werden, wäre natürlich einfach zu bewerkstelligen. Aber das
wäre keine befriedigende Lösung der aufgeworfenen Probleme.
Eine andere Möglichkeit bestünde darin, eine nicht-modale Relation zur Individuierung von
Eigenschaften zu finden, die feinkörnigere Ergebnisse als die Relation der notwendigen Äqui-
valenz liefert und die keine rein semantischen oder kognitiven Unterschiede einfängt. Die ein-
zige Relation, die mir in diesem Zusammenhang einfällt, ist die von Kit Fine in die Diskussi-
on eingeführte Relation der essentiellen Äquivalenz. Fine hat darauf hingewiesen, dass die
Sätze ‚Sokrates existiert’ und ‚Die Einermenge, bestehend aus Sokrates, existiert’ zwar not-
wendig äquivalent sind, dass diese Sätze aber nicht essentiell äquivalent sind, weil es zwar
zum Wesen der Einermenge, bestehend aus Sokrates, gehört, dass Sokrates existiert, aber
nicht umgekehrt zum Wesen von Sokrates gehört, dass die Einermenge, bestehend aus ihm,
existiert.514 Wenn wir nun den auf Entitäten relativierten Operator ‚Es gehört zum Wesen von
…, dass …’ verwenden, um den Junktor ‚’ zu verstärken, dann ließen sich die folgenden al-
ternativen Identitätsbedingungen für Eigenschaften formulieren:

(EG*) Für alle Eigenschaften x und y: x = y gdw. es gehört zum Wesen von x und y, dass für alle Gegenstände
z gilt: z exemplifiziert x  z exemplifiziert y.

Auch wenn es nicht sehr klar ist, wie die Relation der essentiellen Äquivalenz genau zu be-
stimmen ist, so ist es doch relativ klar, dass sie eine feinkörnigere Beziehung als die Relation
der notwendigen Äquivalenz ist. Hilft uns dies nun in Bezug auf die angeführten Gegenbei-
514 Vgl. dazu: Fine (1994, 1995).
281
spiele weiter? Gehört es zum Wesen der Eigenschaft, drei gleiche Seiten zu haben, dass sie
genau dann exemplifiziert wird, wenn auch die Eigenschaft, drei gleiche Winkel zu haben,
durch ein und denselben Gegenstand exemplifiziert wird? Das lässt sich meiner Ansicht nach
schwer leugnen. Gleiches gilt auch in der umgekehrten Richtung. (EG*) liefert uns somit kei-
ne guten Gründe, dass der Unterschied zwischen den besagten Eigenschaften kein bloß kogni-
tiver oder semantischer ist. Gehört es zum Wesen der Eigenschaft, ein rundes Viereck zu sein,
dass sie genau dann exemplifiziert wird, wenn auch die Eigenschaft, ein schwarzer Schimmel
zu sein, durch ein und denselben Gegenstand exemplifiziert wird? Das würde ich intuitiv ver-
neinen. Andererseits gehört es aber sowohl zum Wesen der Eigenschaft, ein rundes Viereck zu
sein, als auch zum Wesen der Eigenschaft, ein schwarzer Schimmel zu sein, dass sie durch
keinen Gegenstand exemplifiziert werden. Dies spräche eher für die Identität der beiden Ei-
genschaften. D.h., auch im Falle des zweiten angeführten Einwandes gegen (EG) liefert
(EG*) kein wirklich klares Ergebnis.
Wie sollen wir mit diesem Resultat nun umgehen? Ich denke, dass wir aus Mangel an sinnvol-
len Alternativen Lewis Zurückweisung der angeführten Einwände akzeptieren sollten. D.h.,
wir sollten akzeptieren, dass die angeführten Unterschiede semantische oder kognitive Unter-
schiede sind, die nichts mit der Beschaffenheit der Wirklichkeit zu tun haben.
Diese Reaktion lässt sich dadurch zusätzlich rechtfertigen, dass wir noch einmal einen ge-
naueren Blick auf die beiden Rollen werfen, die wir oben zur Rechtfertigung der Unterschei-
dung von Eigenschaften und Begriffen angeführt haben. Dort hieß es, dass ein Unterschied
zwischen den Eigenschaften von Gegenständen einen echten Unterschied in der Welt ausma-
chen soll, während ein Unterschied zwischen den Begriffen, unter die ein Gegenstand fällt,
auch einem bloß kognitiven Unterschied entsprechen kann. Was sind nun Unterschiede in der
Welt? Eine mögliche Welt kann sich von einer anderen möglichen Welt nicht nur dadurch un-
terscheiden, dass unterschiedliche Entitäten in diesen beiden Welten existieren, sondern der
Unterschied kann, wenn in beiden Welten dieselben Entitäten existieren, auch bloß in einem
Unterschied der Eigenschaften oder Relationen bestehen, die in diesen Welten exemplifiziert
werden oder bestehen. Und genau diese letztere Art des Unterschieds zwischen möglichen
Welten kann durch (EG) völlig befriedigend erklärt werden. Deshalb sollten wir auf (EG) zu-
rückgreifen und akzeptieren, dass es nach (EG) nur genau eine Eigenschaft gibt, die durch
keinen Gegenstand exemplifiziert wird, und nur genau eine Eigenschaft, die notwendig ko-
exemplifiziert wird. D.h., wir stipulieren hier in einem gewissen Sinn: Für die von uns festge-
setzte Rolle von Eigenschaften ist (EG) völlig befriedigend.515
Befassen wir uns nun mit der Individuation von Begriffen. Gibt es sinnvolle Alternativen zu
(BG)? Eigenschaften, so haben wir festgehalten, sollten völlig sprachunabhängig individuiert

515 Vgl. dazu: Künne (2006, S. 264); Künne (2007, S. 341).


282
werden. Gilt das auch für Begriffe? Auf jeden Fall sollte es so sein, dass man zumindest man -
che Begriffe unabhängig davon erfassen kann, ob man den Sinn oder die Bedeutung eines
Ausdrucks irgendeiner natürlichen Sprache erfasst, der oder die dem Begriff entspricht. Wenn
man nun darüber hinaus den Umstand ablehnt, dass es eine Sprache des Geistes gibt, dann
kann man sich darauf festlegen, dass Begriffe im Allgemeinen nicht sprachabhängig individu-
iert werden sollten. In diesem Sinn können wir Begriffe nicht auf der Grundlage von (BE) in -
dividuieren und damit mit Bedeutungen gleichsetzen. Aber wir könnten Begriffe ebenso fein-
körnig wie Bedeutungen und damit feinkörniger als Sinne individuieren. Welche Gründe spre-
chen dafür, welche dagegen? Betrachten wir zu diesem Zweck einige Beispiele. Sollen wir
den Begriff eines halbleeren Glases mit dem Begriff eines halbvollen Glases identifizieren?
Wenn jemand über beide Begriffe verfügt, dann scheint es unmöglich zu sein, dass er glaubt,
dass ein Gegenstand unter den ersten fällt, ohne dass er glaubt, dass dieser Gegenstand auch
unter den zweiten fällt. Nach (BG) sind diese beiden Begriffe somit identisch. Ist das ein ak-
zeptables Resultat? Der Begriff einer Figur mit genau drei Seiten ist nach (BG) mit dem Be-
griff einer Figur mit genau drei Winkeln identisch; ebenso der Begriff eines Kreises mit dem
Begriff eines Kreises, der entweder einen Durchmesser von drei Zentimetern hat oder keinen
Durchmesser von drei Zentimetern hat. Und letzteres gilt für jeden Begriff A, der mit einem
Begriff B verglichen wird, der sich aus A und einem Begriff C zusammensetzt, unter den tri-
vialerweise alles fällt.516 Wenn wir hier an den Begriff der Wahrheit denken, dann gäbe es
nach (BG) unzählige dieser merkwürdigen Begriffe, die mit dem Begriff der Wahrheit iden-
tisch wären. Darüber hinaus sind nach (BG) wohl auch alle Begriffe, unter die notwendig aus
begrifflichen Gründen keine Gegenstände fallen, miteinander zu identifizieren.517 Was eine
unplausible Konsequenz von (BG) ist. Es liegt somit nahe, (BG) zu verwerfen und weiter zu
verfeinern, um unliebsame Identitäten auszuschließen.
Wodurch könnte das geschehen? Vor allem die zuletzt angeführten Beispiele legen das folgen-
de zusätzliche Kriterium nahe:518 Wenn der Begriff A mit dem Begriff B identisch ist, dann er-
fordert der Besitz des Begriffs A den Besitz derselben (Grund-)Begriffe wie der Besitz des Be-
griffs B.519
Auf dieser Grundlage ist der Begriff eines Kreises nicht mehr identisch mit dem Begriff eines
Kreises, der entweder einen Durchmesser von drei Zentimetern hat oder keinen Durchmesser
von drei Zentimetern hat. Denn der Besitz des letzteren Begriffs setzt den Besitz mehrerer
Grundbegriffe voraus, die beim Besitz des Begriffs des Kreises nicht vorausgesetzt sind. Um
diesen zu besitzen, benötigt man weder den Begriff des Durchmessers noch den Begriff eines
Zentimeters. Auch der Begriff eines Körpers mit drei geschlossenen Seiten ist auf dieser
516 Vgl. dazu: Künne (2003, S. 27).
517 Wie bspw. der Begriff eines runden Vierecks oder der Begriff eines schwarzen Schimmels.
518 Ich möchte die Relation, auf der dieses Kriterium basiert, die Relation der possessiven Äquivalenz nennen.
519 Vgl. dazu: Künne (2003, S. 47).

283
Grundlage nicht mehr identisch mit dem Begriff eines Körpers mit drei geschlossenen Win-
keln. Der Besitz des ersten Begriffs setzt den Besitz des Begriffs des Winkels voraus, der Be-
sitz des zweiten Begriffs den Besitz des Begriffs der Seite. Wieder sorgt das zusätzliche ange-
führte Kriterium für den Unterschied.
Etwas umstrittener ist die Lage in Bezug auf das erste erwähnte Beispiel. Der Besitz des Beg-
riffs eines halbvollen Glases setzt den Besitz des Begriffs von etwas, das voll ist, voraus. Der
Besitz des Begriffs eines halbleeren Glases setzt den Besitz des Begriffs von etwas, das leer
ist, voraus. Die beiden letzteren Begriffe sind nicht identisch. Aber man könnte geneigt sein,
anzunehmen, dass der Besitz eines dieser beiden Grundbegriffe den Besitz des anderen vor-
aussetzt und umgekehrt.520 Damit wäre auch das zusätzliche Kriterium erneut erfüllt und die
angeführten Begriffe wären nach wie vor als identisch ausgewiesen.521 Das ist allerdings kein
Resultat, das uns beunruhigen sollte. Denn es ist keineswegs kontraintuitiv, die beiden ange-
führten Begriffe zu identifizieren, wenn sich der Besitz der besagten Grundbegriffe wirklich
gegenseitig bedingt. Wir haben somit in jedem Fall gute Gründe, (BG) durch das folgende
Prinzip zu ersetzen:

(BG*) Für alle Begriffe x und y: x = y gdw. (es ist notwendig, dass für alle Gegenstände z und Personen s gilt:
wenn s sowohl x als auch y (vollständig) erfasst hat, dann gilt: s glaubt, dass x unter z fällt  s glaubt,
dass y unter z fällt) und (es ist notwendig, dass für alle Personen s gilt und alle Begriffe u gilt: der Be-
sitz von x durch s erfordert den Besitz von u  der Besitz von y durch s den Besitz von u erfordert).

Dieses Kriterium ist allerdings nicht so feinkörnig, dass es als Pendant des Kriteriums für Be-
deutungsgleichheit aufzufassen ist. Das liegt unter anderem daran, dass wir die hartnäckige
Intuition haben, dass das Prädikat ‚ist halb voll’ mit dem Prädikat ‚ist halb leer’ nicht syn-
onym ist. Wenn wir aber voraussetzen, dass wir den Begriff von etwas, das voll ist, nur dann
besitzen können, wenn wir auch den Begriff von etwas, das leer ist, besitzen und umgekehrt,
dann ergibt (BG*), dass diese „beiden“ Begriffe identisch sind.

(5.1.5) Eine Verstärkung des Begriffs des Sinns eines genuinen Prädikats

Entsprechen demnach Begriffe weder Sinnen noch Bedeutungen auf der sprachlichen Ebene?
Das auf keinen Fall. Denn die Probleme, die sich in Bezug auf (BG) ergeben haben, lassen
sich auch auf (SI) übertragen. Nach (SI) hat bspw. das Prädikat ‚ist wahr’ denselben Sinn wie
das Prädikat ‚ist wahr und entweder erkennbar oder nicht erkennbar’. 522 Wir können diese
520 Ähnlich verhält es sich auch bezüglich des Begriffs des Vorgängers einer Zahl und des Begriffs des Nachfol-
gers einer Zahl.
521 Der Begriff einer halb offenen Türe ist mit dem Begriff einer ganz offenen Türe nicht identisch, aber dennoch

setzt der Besitz beider Begriffe den Besitz derselben Grundbegriffe voraus. Denn man begreift nicht, wann eine
Türe halb offen ist, ohne zu wissen, wann sie ganz offen ist.
522 Vgl. dazu: Künne (2003, S. 27).

284
Probleme aber in ganz analoger Weise lösen, indem wir (SI) durch ein zusätzliches Kriterium
ergänzen. Das dafür erforderliche Kriterium lässt sich in Bezug auf Prädikate derart formulie-
ren: Wenn der Sinn des Prädikats A mit dem Sinn des Prädikats B identisch ist, dann setzt das
Erfassen des Sinns des Ausdrucks A den Besitz derselben Grundbegriffe voraus wie das Er-
fassen des Sinns des Ausdrucks B. Auf dieser Grundlage bietet es sich nun an, (SI) durch das
folgende Prinzip zu ersetzen:

(SI*) Für alle genuinen Prädikate x und y: Der Sinn von x = der Sinn von y gdw. (es notwendig ist, dass für alle
Gegenstände z und Personen s gilt: wenn s den Sinn von x als Sinn von x und den Sinn von y als Sinn von
y erfasst, dann gilt: s glaubt, dass x auf z zutrifft  s glaubt, dass y auf z zutrifft) und (es ist notwendig,
dass für alle Personen s gilt und alle Begriffe u gilt: das Erfassen des Sinns von x durch s erfordert den
Besitz von u  das Erfassen des Sinns von y durch s den Besitz von u erfordert).

Vor diesem Hintergrund entsprechen nun Begriffe auf der Seite der Sprache den Sinnen von
Ausdrücken, die für die besagten Begriffe stehen. Bedeutungen sind noch feinkörniger als
Sinne individuiert. Danach haben die Prädikate ‚ist halb voll’ und ‚ist halb leer’ zwar densel-
ben Sinn, aber unterschiedliche Bedeutungen. In diesem Sinne können wir dann zumindest
die folgenden notwendigen Bedingungen für die Synonymie von Prädikaten formulieren:

(SY) Für alle genuinen Prädikate x und y: Wenn x synonym mit y ist, dann (ist es notwendig, dass für alle Ge -
genstände z und Personen s gilt: wenn s x und y versteht, dann gilt: s glaubt, dass x auf z zutrifft  s
glaubt, dass y auf z zutrifft) und (es ist notwendig, dass für alle Personen s gilt und alle Begriffe u gilt: das
Verstehen von x durch s erfordert den Besitz von u  das Verstehen von y durch s den Besitz von u erfor-
dert).523

Alternativ könnte man natürlich auch (SI) als Identitätsbedingung für Sinne aufrechterhalten
und (SI*) als Identitätsbedingung für Bedeutungen annehmen. Dann müsste man entweder ak-
zeptieren, dass manche Ausdrücke, die intuitiv nicht synonym sind, als synonym akzeptiert
werden müssten. Oder man müsste bspw. die Intuition aufgeben, dass der Besitz des Begriffs
von etwas, das leer ist, mit dem Besitz des Begriffs von etwas, das voll ist, einherzugehen hat.
Ich halte allerdings keine dieser Optionen für sinnvoll.

(5.1.6) Die Untersuchungsgegenstände einer Konzeption der Wahrheit

Zusammenfassend können wir nun festhalten: Der mögliche Gegenstandsbereich einer Kon-
zeption der Wahrheit umfasst die vier angeführten Arten von semantischen Werten von ‚ist
wahr’ und die beiden angeführten Arten von semantischen Werten des Ausdrucks ‚Wahrheit’.
523Wir brauchen Begriffe, um dieses Kriterium zu formulieren, denn wenn wir auf der Ausdrucksebene bleiben,
könnten wir nur ein Kriterium wie das folgende formulieren: Wenn die Bedeutung des Prädikats A mit der Be-
deutung des Prädikats B identisch ist, dann setzt das Verstehen des Ausdrucks A das Verstehen derselben Aus-
drücke voraus wie das Verstehen des Ausdrucks B. Dieses Kriterium liefert allerdings nur in Bezug auf manche
Ausdrücke das erwünschte Resultat.
285
Eine Konzeption der Wahrheit kann sich somit mit den folgenden Entitäten befassen: der Be-
deutung von ‚ist wahr’, dem Sinn von ‚ist wahr’, der Intension von ‚ist wahr’, der Extension
von ‚ist wahr’, der Eigenschaft der Wahrheit und dem Begriff der Wahrheit.
Bevor wir nun aber genauer klären können, was eine Konzeption der Wahrheit an diesen Ge-
genständen zu untersuchen oder bezüglich dieser zu bestimmen hat und wie dies genau ge-
schehen soll, muss eine grundlegende Annahme bestätigt oder gerechtfertigt werden, die bei
allen Erläuterungen in diesem Abschnitt stillschweigend vorausgesetzt wurde. Und zwar die
Annahme, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ auch in der Tat ein genuines Prädikat im oben einge-
führten Sinn ist. Denn nur wenn dies sichergestellt ist, macht es auch Sinn, bspw. von der Ex-
tension des Wahrheitsprädikats oder von der Eigenschaft oder von dem Begriff der Wahrheit
zu sprechen.

(5.2) Der Ausdruck ‚ist wahr’ ist ein genuines Prädikat

Genuine Prädikate haben mehr oder weniger eindeutige semantische Eigenschaften, die sie
von anderen Ausdrücken unterscheiden. Ich möchte mich hier auf genuine monadische Prädi-
kate der grammatischen Form ‚ist F’ beschränken. Denn die folgenden beiden Annahmen
sind schwer bezweifelbar: Der Ausdruck ‚ist wahr’ ist ein Ausdruck der grammatischen Form
‚ist F’. Wenn der Ausdruck ‚ist wahr’ ein genuines Prädikat ist, dann ist er ein genuines mona-
disches Prädikat.524 Die wichtigsten Eigenschaften, die meiner Ansicht nach hinreichend dafür
sind, einen Ausdruck der grammatischen Form ‚ist F’ als genuines monadisches Prädikat aus-
zuweisen, lassen sich durch die folgenden Konditionale angeben:

(KG1) Wenn einem Ausdruck der grammatischen Form ‚ist F’ eine Extension und eine Anti-Extension zugeord-
net werden kann, dann ist dieser Ausdruck ein genuines monadisches Prädikat.

(KG2) Wenn durch einfache Sätze der Form ‚a ist F’ einem Gegenstand a eine Eigenschaft zugeschrieben wer-
den kann und durch einfache Sätze der Form ‚a ist nicht F’ einem Gegenstand a eine Eigenschaft abge -
sprochen werden kann, dann ist der Ausdruck ‚ist F’ ein genuines monadisches Prädikat.

(KG3) Wenn sich ein Ausdruck der grammatischen Form ‚ist F’ am besten und einfachsten als monadische Prä-
dikatkonstante in die Sprache der Prädikatenlogik erster Stufe übersetzen lässt, dann ist dieser Ausdruck
ein genuines monadisches Prädikat.

Auf dieser Grundlage lassen sich zwei Arten von Gründen unterschieden, die für die These
angeführt werden können, dass ein Ausdruck der grammatischen Form ‚ist F’ ein genuines
524 Genau genommen müsste man hier noch ergänzen, dass dieses Konditional nur in Bezug auf einen nicht ellip-
tischen Gebrauch von ‚ist wahr’ wahr ist. Manchmal wird der Ausdruck ‚ist wahr’ auch als elliptisch für relati -
vierte Wahrheitsprädikate wie ‚ist wahr relativ zu L’ gebraucht. Diese Wahrheitsprädikate entsprechen aber eher
relationalen Ausdrücken und sind im strengen Sinn keine monadischen Prädikate. Dass es einen nicht-ellipiti-
schen Gebrauch von ‚ist wahr’ gibt, wird in Abschnitt 5.4.4 verteidigt.
286
monadisches Prädikat ist. Direkte Gründe zeichnen sich dadurch aus, dass sie unmittelbare
Belege für die Wahrheit eines Antezedens’ der angeführten Konditionale (KG1)-(KG3) lie-
fern. Indirekte Gründe zeichnen sich dadurch aus, dass sie unmittelbare Belege für die Wahr-
heit bestimmter Voraussetzungen für die Wahrheit eines Antezedens’ der angeführten Kondi-
tionale (KG1)-(KG3) darstellen. Diese Voraussetzungen sollten sich allerdings dadurch aus-
zeichnen, dass ihre Wahrheit in einem hohen Grad die Wahrscheinlichkeit der Wahrheit min-
destens eines Antezedens’ der Konditionale (KG1)-(KG3) nach sich zieht.
Die wichtigsten indirekten Gründe sind meiner Ansicht nach jene Gründe, die für die Wahr-
heit der These sprechen, dass es eine Eigenschaft der Wahrheit gibt. Denn wenn es diese Ei-
genschaft gibt, dann ist es sehr nahe liegend, anzunehmen, dass der Ausdruck ‚ist wahr’ für
diese Eigenschaft steht. In diesem Fall wird es uns somit darum gehen, Mooresche Tatsachen,
d.h. unbezweifelbar bestehende Tatsachen, zu finden, deren Bestehen die Existenz der Eigen-
schaft der Wahrheit erfordert.
Ich möchte die Begründung der These, dass ‚ist wahr’ ein genuines monadisches Prädikat ist,
sogleich mit der Suche nach den eben beschriebenen indirekten Gründen beginnen.
Als erste Begründung dieser Art möchte ich das folgende Argument anführen: Es besteht ein
signifikanter Unterschied zwischen der Behauptung, dass Schnee weiß ist, wenn Schnee weiß
ist, und derselben Behauptung, wenn Schnee nicht weiß ist. Dieser Unterschied kann aber we-
der (allein) an den intrinsischen Eigenschaften dieser Behauptung noch am Weiß-sein von
Schnee festgemacht werden. Denn derselbe signifikante Unterschied besteht zwischen der Be-
hauptung, dass Schnee nicht weiß ist, wenn Schnee nicht weiß ist, und derselben Behauptung,
wenn Schnee weiß ist. Ebenso wie sich das Weiß-sein von Schnee grundlegend von dem
Sachverhalt unterscheidet, dass Schnee nicht weiß ist, so unterscheidet sich die Behauptung,
dass Schnee weiß ist, grundlegend von der Behauptung, dass Schnee nicht weiß ist. Das eine
ist in beiden Fällen das Gegenteil des anderen. Dennoch scheint dieselbe Entsprechung zwi-
schen der Behauptung, dass Schnee weiß ist, wenn Schnee weiß ist, und der Behauptung, dass
Schnee nicht weiß ist, wenn Schnee nicht weiß ist, zu bestehen. Diese Entsprechung zwischen
dem ersten und dem dritten der angeführten möglichen Sachverhalte und der jeweilige signifi-
kante Unterschied einerseits zwischen dem ersten und dem zweiten dieser Sachverhalte und
andererseits zwischen dem dritten und vierten, kann nur durch das Bestehen einer Relation
oder das Zutreffen einer extrinsischen Eigenschaft auf die besagten Behauptungen erklärt
werden. Diese extrinsische Eigenschaft trifft auf die Behauptung, dass Schnee weiß ist, genau
dann zu, wenn Schnee weiß ist, so wie sie auf die Behauptung, dass Schnee nicht weiß ist, ge-
nau dann zutrifft, wenn Schnee nicht weiß ist. Hinter dieser extrinsischen Eigenschaft verbirgt
sich nichts anderes als die Eigenschaft, die wir gewöhnlich die Eigenschaft der Wahrheit nen-
nen. D.h., eine Erklärung der Entsprechung zwischen zwei der angeführten vier Sachverhalte

287
und eine Erklärung der angeführten Unterschiede bedarf der Anerkennung der Eigenschaft der
Wahrheit.
Dieses Argument lässt sich in ein indirektes Argument für die Wahrheit des Antezedens’ des
Konditionals (KG1) umwandeln. Denn auf der Grundlage von Sachverhalten wie dem ersten
und dem dritten angeführten Sachverhalt lässt sich die Extension eines Prädikats konstituie-
ren; und auf der Basis von Sachverhalten wie dem zweiten und dem vierten angeführten lässt
sich die Antiextension eines Prädikats konstituieren. Die Extension dieses Prädikats entspricht
intuitiv der Extension des Wahrheitsprädikats. Gleiches gilt für die Antiextension dieses Prä-
dikats und die Antiextension des Wahrheitsprädikats.
Ein weiteres Argument für die Anerkennung der Eigenschaft der Wahrheit lässt sich derart
formulieren: Die Eigenschaft der (semantischen) Folgerichtigkeit von Argumenten ist nicht
nur der zentrale Gegenstand der Logik, sondern das Zutreffen dieser Eigenschaft erfordert die
Existenz der Eigenschaft der Wahrheit. Denn nur solche Argumente können als folgerichtig
bezeichnet werden, in Bezug auf die gilt, dass es logisch notwendig ist, dass, wenn die Prä-
missen eines solchen Arguments wahr sind, auch die Konklusion wahr ist. Wenn der Aus-
druck ‚ist wahr’ in diesem Zusammenhang nicht für die Eigenschaft der Wahrheit stehen wür-
de, dann würde damit die Eigenschaft der Folgerichtigkeit von Argumenten ebenso ihre Sinn-
haftigkeit und ihre Existenzberechtigung verlieren. Es scheint allerdings eine Mooresche Tat-
sache zu sein, dass es folgerichtige und nicht-folgerichtige Argumente gibt. Weshalb die Exis-
tenz der Eigenschaft der Folgerichtigkeit nicht sinnvoll bezweifelt werden kann. Wenn die
Existenz dieser Eigenschaft jedoch die Existenz der Eigenschaft der Wahrheit voraussetzt,
dann ist dies auch ein Beleg für die Existenz der Eigenschaft der Wahrheit.
In ganz analoger Weise kann man meiner Ansicht nach auf der Grundlage der Mooreschen
Tatsache, dass Wissen Wahrheit impliziert und dass zumindest manche deklarativen Sätze
Wahrheitsbedingungen haben, für dieselbe Konklusion argumentieren.
Als letzte indirekte Begründung sei ein letztes Argument für die Existenz der Eigenschaft der
Wahrheit angeführt. Die Eigenschaftsdebatte der letzten Jahrzehnte hat gezeigt, dass Sätze
wie die folgenden sogenannte abstrakte singuläre Terme enthalten525:

(1) Rot ist eine Farbe.


(2) Rot ähnelt Gelb mehr als Grün.
(3) Mut ist eine Tugend.

Die Wahrheitsbedingungen solcher Sätze erfordern die Existenz jener Eigenschaften, welche
durch die in (1)-(3) enthaltenen, abstrakten singulären Termen bezeichnet werden. Die Se-
mantik dieser Sätze liefert somit einen Beleg für die Existenz der betreffenden Eigenschaften.
525Vgl. dazu: Pap (1959, S. 334-340); Jackson (1977, S. 427-429); Loux (1978, S. 54-87); Armstrong (1978, S.
58-61); Devitt (1980, S. 438); Künne (1983, S. 128-137); Hoffman und Rosenkrantz (2005, S. 56-65).
288
Wenn wir nun in der Lage sind, ähnlich sinnvolle Sätze zu formulieren, die den Ausdruck
‚Wahrheit’ als abstrakt singulären Term enthalten, dann können wir auf dieser Grundlage
einen Beleg für die Existenz der Eigenschaft der Wahrheit liefern.
Der Ausdruck ‚Wahrheit’ ist ein relativ schillernder Ausdruck, der in unterschiedlichen Be-
deutungen gebraucht werden kann. Wenn wir einen Blick auf die folgenden Beispiele werfen,
dann zeigt sich zweierlei:

(4) Wahrheit ist das Ziel unserer Erkenntnisbemühungen.


(5) Sag die Wahrheit!
(6) Wissen impliziert Wahrheit.
(7) Wahrheit ist eine notwendige Bedingung von Gewissheit.

Erstens wird der Ausdruck ‚Wahrheit’ in keinem dieser Sätze als abstrakter singulärer Term
gebraucht, der sich auf eine Eigenschaft bezieht. Zweitens wird der Ausdruck in allen ange-
führten Beispielsätzen in einer anderen Funktion oder Bedeutung gebraucht. Im Rahmen von
(4) kann der Ausdruck ‚Wahrheit’ durch Ausdrücke wie ‚Wahre Überzeugungen’ oder ‚Die
Wahrheit (all) unserer Überzeugungen’ sinnvoll ersetzt werden. Der Satz (5) kann durch den
Satz ‚Sag, was du für wahr hältst!’ paraphrasiert werden; Wahrheit ist in diesem Zusammen-
hang also nicht als das Gegenteil von Falschheit, sondern als das Gegenteil einer Lüge aufzu-
fassen. Besonders ungewöhnlich ist der Gebrauch von ‚Wahrheit’ im Rahmen von (6), denn
die Relation der Implikation ist eine Relation zwischen Sätzen oder Propositionen. (6) besagt
also soviel wie, dass die Proposition, dass eine Proposition P gewusst wird, die Wahrheit der
Proposition P impliziert. Schließlich wird der Ausdruck ‚Wahrheit’ in (7) so gebraucht, dass er
durch den Ausdruck ‚Das Wahr-sein einer Überzeugung’ ersetzt werden kann.
Gibt es nun aber auch Beispielsätze, im Rahmen derer der Ausdruck ‚Wahrheit’ eindeutig als
singulärer abstrakter Term gebraucht wird? Meiner Ansicht nach können die folgenden Sätze
als solche Beispiele aufgefasst werden:

(8) Wahrheit ist weder eine Farbe noch eine Tugend.


(9) Wahrheit ist nicht dasselbe wie Wahrscheinlichkeit oder gerechtfertigte Behauptbarkeit.
(10) Wahrheit ist nicht graduell.

Im Rahmen dieser Sätze fungiert der Ausdruck ‚Wahrheit’ als ein singulärer abstrakter Term,
welcher die Eigenschaft der Wahrheit bezeichnet. Schließlich lassen sich alle diese Sätze in
sinnvoller Weise durch eine Ersetzung des Ausdrucks ‚Wahrheit’ durch den Ausdruck ‚Die Ei-
genschaft der Wahrheit’ paraphrasieren. Darüber hinaus lassen sich auf dieser Grundlage in
der einfachsten und naheliegendsten Weise die Wahrheitsbedingungen der angeführten Sätze

289
spezifizieren. Und schließlich scheinen sich diese Sätze nicht durch die Verwendung des Ei-
genschaftswortes ‚wahr’ paraphrasieren zu lassen. Denn wie die allgemeine Debatte bezüglich
der abstrakten Referenz gezeigt hat, lassen sich offenbar keine angemessenen Paraphrasen für
Sätze wie (1)-(3) oder (8)-(10) finden, die keine existentielle Festlegung auf Eigenschaften
aufweisen.526 Die Semantik der Sätze (8)-(10) liefert somit einen Beleg für die Anerkennung
der Existenz der Eigenschaft der Wahrheit.
Ich möchte nun zu den direkten Begründungen der These übergehen, dass ‚ist wahr’ ein genu-
ines Prädikat ist. Die erste dieser Begründungen bezieht sich auf die Eigenschaft von genui-
nen Prädikaten, die durch das Konditional (KG2) zum Ausdruck gebracht wird. Meiner An-
sicht nach gibt es nur zwei sinnvolle Arten von Belegen, die gegen die These sprechen wür-
den, dass es sich bei Sätzen der Form ‚a ist wahr’ 527 um keine einfachen Prädikationen der Ei-
genschaft der Wahrheit handelt.
Der erste Beleg betrifft ein Kriterium, welches auch durch (KG2) ausgedrückt wird: Wenn ein
Satz der Form ‚a ist F’ als die Zuschreibung der Eigenschaft, F zu sein, auf den Gegenstand a
aufgefasst werden kann, dann muss es ebenso möglich sein, die Verneinung eines solchen Sat-
zes als die Absprechung der Eigenschaft, F zu sein, in Bezug auf den Gegenstand a aufzufas-
sen. Ist letzteres nicht sinnvoll möglich, so handelt es sich bei einem Satz der Form ‚a ist F’
um keine einfache Prädikation der Eigenschaft, F zu sein. Ein gutes Beispiel für Sätze, die
dieses Kriterium für einfache Prädikationen nicht erfüllen, sind Existenzsätze der Form ‚a
existiert’. Denn Sätze der Form ‚Es ist nicht der Fall, dass a existiert’ können unmöglich als
Absprechungen der Eigenschaft der Existenz in Bezug auf einen Gegenstand a angesehen
werden. Damit man einem Gegenstand etwas absprechen kann, muss er existieren. Aber Sätze
der Form ‚Es ist nicht der Fall, dass a existiert’ sind nur dann wahr, wenn der Gegenstand a
eben nicht existiert. D.h., gegen dieses Kriterium kann von rein grammatischen Prädikaten
verstoßen werden. Sätze der Form ‚a ist wahr’ gehören aber nicht dazu. Denn es spricht vor-
dergründig nichts dagegen, einen Satz der Form ‚Es ist nicht der Fall, dass a wahr ist’ als eine
Absprechung der Eigenschaft der Wahrheit in Bezug auf den Gegenstand a aufzufassen. Die
These, dass es sich bei Sätzen der Form ‚a ist wahr’ um einfache Prädikationen der Wahrheit
handelt, lässt sich daher durch die Übertragung dieser Lesart auf die Verneinungen solcher
Sätze nicht widerlegen.
Ein zweiter sinnvoller Beleg, der gegen die Wahrheit des Antezedens’ von (KG2) sprechen
würde, beruht auf der Anwendung des folgenden Kriteriums: Ein Satz der Form ‚a ist F’ kann
dann nicht als eine Zuschreibung der Eigenschaft, F zu sein, aufgefasst werden, wenn dieser
Satz mit einem anderen Satz synonym ist, der eindeutig nicht als Zuschreibung der Eigen-

526 Vgl. dazu vor allem: Loux (1978, S. 54-87); Künne (1983, S. 128-137); Hoffman und Rosenkrantz (2005, S.
56-65).
527 Wobei ‚a’ in den folgenden Beispielen stets als Schemenbuchstabe für singuläre Terme fungiert.

290
schaft, F zu sein, oder einer mit dieser identischen Eigenschaft aufgefasst werden kann. Man-
che Philosophen haben sich in der Tat für die Erfüllung dieses Belegs starkgemacht, und zwar
indem sie für die stärkstmögliche Lesart der Instanzen des W-Schemas ‚x ist wahr  p’ plä-
diert haben und somit die Auffassung zu verteidigen suchten, dass bspw. Sätze der Form ‚Die
Proposition, dass p, ist wahr’ synonym mit den ihnen entsprechenden Sätzen der Form ‚p’
sind. Dies scheint auch der einzige sinnvolle Weg zu sein, Sätzen der Form ‚a ist wahr’ den
Status einer einfachen Prädikation der Eigenschaft der Wahrheit abzusprechen.
Es gibt allerdings überzeugende Gründe dafür, dass diese starke Lesart, die auf Synonymie
basiert, falsch ist. Damit die angeführte Strategie erfolgreich ist, müssen wir nicht nur dafür
plädieren, dass scheinbare Prädikationen der Eigenschaft der Wahrheit der Form ‚Die Proposi-
tion, dass p, ist wahr’ synonym mit Sätzen der Form ‚p’ sind, sondern ebenso, dass dies auch
für andere Arten „scheinbarer“ Wahrheitszuschreibungen gilt; bspw. für solche der Form ‚Der
Satz ‚p’ ist wahr’. Daraus würde allerdings aufgrund der Transitivität der Synonymie folgen,
dass Sätze der Form ‚Die Proposition, dass p, ist wahr’ mit Sätzen der Form ‚Der Satz ‚p’ ist
wahr’ synonym sind. Das scheint allerdings eine sehr unplausible Konsequenz zu sein. Denn
erstens haben Sätze ganz andere Identitätsbedingungen als Propositionen und zweitens kann
ein Satz wie ‚Die Proposition, dass Schnee weiß ist, ist wahr’ wahr sein, während ein Satz wie
‚Der Satz ‚Schnee ist weiß’ ist wahr’ falsch ist. Bspw. unter Umständen, unter denen der Satz
‚Schnee ist weiß’ bedeutungslos ist oder keiner gesprochenen oder existierenden Sprache an-
gehört.
Ein zweiter Grund gegen die starke Lesart lässt sich derart formulieren: Damit zwei Sätze
synonym sind, müssen sie auch possessiv äquivalent sein. D.h., der Besitz derselben Grund-
begriffe ist notwendig, um beide Sätze (vollständig) zu verstehen. Einen Satz wie ‚Die Propo-
sition, dass Gras grün ist, ist wahr’ kann man allerdings nur dann (vollständig) verstehen,
wenn man über den Begriff der Proposition und den Begriff der Wahrheit verfügt. Den Satz
‚Gras ist grün’ kann man aber unabhängig vom Besitz der beiden angeführten Begriffe verste-
hen. Und das gilt für die meisten Instanzen des Schemas ‚Die Proposition, dass p, ist wahr 
p’. Somit sind die Sätze links und rechts vom Bikonditional nicht possessiv äquivalent und
daher auch nicht synonym.
Dieses Argument basiert auf bestimmten Intuitionen über den Begriffsbesitz. Es besteht aller-
dings die Möglichkeit, gegen diese Intuitionen zu argumentieren. Und zwar auf der Grundlage
der folgende