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Forschung

Wirkungen und Nebenwirkungen


der Senna-haltigen Laxativa1
Tatsachen und Expertenzitate

«Sennapräparate werden heute noch Gemäss Auskunft von Prof. Ried geis- schrieben, dass stimulierende Abführ-
tern diese falschen Vorstellungen über mittel ohne ärztlichen Rat nicht über
völlig zu Unrecht verteufelt und die Pa- Senna-haltige Präparate überall in der Se- längere Zeiträume (1 bis 2 Wochen)
kundärliteratur herum, ohne dass er her- eingenommen werden dürfen und
tienten, die sie anwenden, fast schon ausfinden konnte, woher sie stammen. dass sie wegen unzureichender toxiko-
logischer Untersuchungen in der
kriminalisiert. Der Irrglaube, dass Im Inter net und in der Fach- Schwangerschaft und Stillzeit nicht
literatur ausgewogen anzuwenden seien (Sennae Folium)
Senna zu neurogenen Schädigungen beziehungsweise, dass entsprechende
Mit diesen Aussagen in Übereinstim- Präparate im ersten Drittel der Schwan-
führt, ist leider immer noch verbreitet.» mung findet man im Internet sehr aus- gerschaft nur dann eingesetzt werden
gewogene Informationen für Laien soll, wenn durch Ernährungsumstel-
Prof. Michael Fried, 2001 über Senna-haltige Abführmittel. Die lung oder Quellstoffpräparate kein the-
Wirkungen, Nebenwirkungen und das rapeutischer Effekt erzielt werden kann
Abhängigkeitspotenzial werden er- (Sennae Fructus).
Christoph Bachmann staunlich objektiv dargestellt. So steht Sehr ähnlich drücken sich die ES-
zum Beispiel in einer Internetseite COP-Monografien «Sennae folium»
über Abführmittel: und «Sennae fructus acutifoliae» aus
Einleitung Eine Anwendung in höherer Dosierung (2). Die Nebenwirkungen und Warn-
oder über längere Zeit bewirkt eine Störung hinweise werden etwa gleich beschrie-
Das obige Zitat von Prof. Michael des Elektrolythaushalts und führt insbeson- ben wie in der Monografie der Kom-
Fried kann man als Leitsatz für einen dere zu Kaliumverlusten. Ein Kalium- mission E. Speziell in den ESCOP-
Artikel über die Problematik der mangel führt wiederum zur Obstipation, so- Monografien ist aber die Alterslimite
Senna-Verwendung nehmen. Die ei- dass eine Abhängigkeit entstehen kann. für Kinder. Während andere Quellen
gentliche Problematik ist aber nicht die Oder unter www.naturheilkundelexi- empfehlen, Senna-haltige Arzneipräpa-
Verwendung, sondern die falschen Vor- kon.de steht beim Stichwort «Anthra- rate nicht an Kinder unter 12 Jahren
stellungen über die Nebenwirkungen chinon» über Nebenwirkungen kurz abzugeben, setzen die ESCOP-Mono-
und das Abhängigkeitspotenzial der und knapp geschrieben: Die Nebenwir- grafien dafür 10 Jahre fest.
Sennespräparate. Wohl über keine kungen sind, ausser bei Abusus, gering.
Gruppe von Arzneimitteln herrschen In Chatforen im Internet über Ab- Nebenwirkungen entstehen
so viele und tief sitzende Vorurteile wie führmittel wird zwar viel über die chro- erst bei chronischem
über die Sennoside. Schon der kurzzei- nische Verwendung und Überdosierung
tigen Verwendung werden schädi- von Abführmitteln im Allgemeinen ge- Gebrauch oder zu hoher
gende Wirkungen nachgesagt, die vor schrieben und ausgetauscht. Senna-hal- Dosier ung
allem in Toleranzentwicklung und Ab- tige Laxativa werden aber nicht speziell
hängigkeit bestehen sollen. Bei den hervorgehoben, beziehungsweise es Es fällt auf, dass die Beschreibung
Nebenwirkungen wird immer wieder werden nicht speziell Präparate ge- der Nebenwirkungen immer in Zusam-
auf eine mögliche kanzerogene Wir- nannt, die Sennoside enthalten. menhang mit chronischer Anwendung
kung hingewiesen. Dabei scheint es Auch in der Fachliteratur findet man gebracht wird. Auch in Wagner, Wie-
eine erstaunliche Tatsache zu sein, dass keine Spuren dieser Verteufelung der senauer: Phyotherapie (3), wo ausführ-
diese Vorurteile vor allem bei den Sennoside. In den Monografien Sen- lich auf mögliche Nebenwirkungen von
Fachleuten verbreitet sind und weni- nae Folium beziehungsweise Sennae Anthranoid-Drogen eingegangen wird,
ger in der Bevölkerung. Hand aufs Fructus der Kommission E steht unter steht ausdrücklich geschrieben, dass
Herz: Wird in einer Apotheke im gege- Nebenwirkungen: diese bei chronischem Gebrauch (im
benen Moment ein Senna-haltiges La- In Einzelfällen krampfartige Magen- Buch so kursiv hervorgehoben) in Be-
xativum ohne Bedenken im Hinter- Darm-Beschwerden. In diesen Fällen ist eine tracht kommen.
kopf empfohlen? Und verhält es sich in Dosisreduktion erforderlich. Bei chronischem Könnte der chronische Gebrauch be-
der Arztpraxis mit dem Verschreiben Gebrauch/Missbrauch: Elektrolytverluste, ziehungsweise Missbrauch ein Grund
nicht auch so? insbesondere Kaliumverluste, Albuminurie oder sogar der Grund für den schlech-
und Hämaturie; Pigmenteinlagerung in die ten Ruf sein, den die Senna-haltigen
Darmschleimhaut (Pseudomelanosis coli), Laxantien geniessen? Und in der Tat
1 Als Grundlage dieses Artikels diente ein Vor- die jedoch harmlos ist und sich nach Abset- sind die chronische Verwendung und
trag von Frau Dr. med. Annette Thommen, gehal-
ten am 28.10.2004 in Baden im Rahmen des zen der Droge in der Regel zurückbildet (1). der Missbrauch von Laxantien eine be-
SMGP-Ausbildungszyklus. Als Warnhinweise steht weiter ge- kannte Erscheinung. Dies ist aber nicht

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Forschung

auf Senna-haltige Laxantien be- ● Diarrhö der fortschreitenden Degeneration von


schränkt, sondern kommt bei Abführ- ● Vitamin-, Elektrolyt- und Flüssigkeits- Neuronen, wie sie mit zunehmendem
mitteln im Allgemeinen vor. In jeder verlust Alter und bei gewissen systemischen Er-
Apotheke sind vorwiegend weibliche ● Darmreizung. krankungen auftritt, die Obstipation,
Patienten bekannt, die in kurzen Ab- Diese unerwünschten Wirkungen sind wegen der zunehmend schlechter wer-
ständen Laxativa verlangen und auch jedoch nicht auf die Senna-haltigen Ab- denden Funktion, der neuro-mus-
freimütig erzählen, sie bräuchten regel- führmittel beschränkt, sondern treten kulären Einheit zunimmt, was eine
mässig höhere Dosen. Auf das Problem bei Überdosierung bei allen Laxativa Dosisanpassung erfordert.
der Dosiserhöhung wird weiter unten auf!
eingegangen. Dabei kommt noch ein Kontraindikationen
weiteres Problem dazu: Die falschen In- Interaktionen Bei folgenden Beschwerden dürfen
dikationen. Es gehört zu einer weit ver- Mit folgenden Medikamentengruppen Senna-haltige Laxativa nicht eingesetzt
breiteten, kaum ausrottbaren Mei- können Sennoside Interaktionen ein- werden:
nung, man könne mit der Einnahme gehen: ● Morbus Crohn, Colitis ulcerativa
von Abführmitteln abnehmen. Und in ● Herzglykoside ● Intestinale Obstruktionen
dieser Absicht werden Laxativa, und da- ● Kortikosteroide ● Akute entzündliche Darmerkrankun-
mit auch Senna-haltige, oft eingenom- ● Diuretika gen
men. Weiter wurden den Laxativa in ● Antikoagulantien ● Abdominalschmerzen unbekannter
der Vergangenheit während langer Zeit ● Ciprofloxazin, Tetrazykline Genese
eine so genannte blutreinigende und ● Etidronat ● Kinder unter 12 Jahren (vgl. ESCOP-
verdauungsfördernde Wirkung zuge- Monografien!)
schrieben. In diesem Sinne hat die Arz- Keine Abhängigkeit bei ● Relativ: Schwangere, Stillende
neimittelkommission der Deutschen nor maler Ver wendung
Apotheker im Jahre 1996 verfügt, dass Melanosis coli
Antharanoid-haltige Drogen nur noch «Obwohl es sich bei Senna um das bestdo-
bei Obstipation, nicht aber zur «Blut- kumentierte Laxans hinsichtlich Toxizität, Die schon erwähnte Melanosis coli ist
reinigung» und Verdauungsförderung Kanzerogenität und Mutagenität handelt, eine schellenartige, braune Pigment-
eingesetzt werden dürfen (4). sind unterschwellige Befürchtungen in Rich- einlagerung, meistens im Caecum und
tung Abhängigkeit immer noch vorhanden» der Rectumregion. Diese entsteht
Objektive Wirkungen, Neben- (Dr. Cornel Sieber, HUG, 2001). durch die Aufnahme von Lipofuscin-
wirkungen, Interaktionen und Dieses weitere Zitat eines Fachman- Pigment aus apoptotischen Zellen. Die
nes zeigt, in welche Richtung die Vor- Verfärbung verschwindet nach dem Ab-
Kontraindikationen urteile gegenüber den Senna-haltigen setzen der Senna-Einnahme.
Wenn die zur Verfügung stehenden Präparaten gehen. Bei normaler Ver-
Angaben ausgewertet werden, dann wendung von Sennosiden entsteht aber Toxizität, Kanzerogenität,
entsteht folgendes objektives Profil der keine Gewöhnung! Der Serum Aldos- Genotoxizität
Anthranoid-haltigen Laxativa: teron-Spiegel und die Na(+)-K(+)-AT-
Pase-Aktivitäten in Dünndarm und Die Senna-haltigen Präparate zeich-
Wirkungen Kolon veränderten sich unter einer nen sich durch eine ausgesprochen ge-
Folgende Wirkungen sind belegt: Therapie mit Sennosiden nicht. Es gab ringe Toxizität aus! Und gerade die
● Erhöhung der Schleimsekretion: Ver- keine Zeichen von Gewöhnung, von se- potentesten Laxativkomponenten, die
besserung der Gleitfähigkeit kundärem Hyperaldosteronismus auf- Sennoside A und B, besitzen die klein-
● Stimulation der Chlorid-, Natrium-, grund von Sennosiden oder Danthron ste Toxizität, und die Fraktionen mit
Wassersekretion: Der Stuhl wird wei- trotz chronischer Diarrhö von mehr als der geringsten laxierenden Aktivität
cher 6 Monaten (5). Es gibt sogar auch Quel- (Rhein-8-Glucosid) weisen die höchste
● Hemmung der nichtpropulsiven Kon- len, die die schädlichen Wirkungen akute Toxizität auf (7, 8).
traktionen, Stimulation der propulsi- beim chronischen Gebrauch in Frage Eine retrospektive Fall-Kontroll-Stu-
ven Kontraktionen stellen: So schreibt Wald: «Although sti- die aus dem Jahre 1999 (9) bezeichnete
● Erleichterung und Beschleunigung mulant laxatives cause structural damage to Analgetika und Laxativa als Risikofak-
des Transites surface epithelial cells that is of uncertain toren für die Entstehung von Urothel-
● Verminderung der Flüssigkeits- functional significance, there is no convinc- Tumoren im Nierenbecken, im Ure-
rückresorption ing evidence that their chronic use causes ther und in der Blase. Das höchste
● Volumenerhöhung, Verbesserung structural or functional impairment of ente- Risiko wurde in der Studie Senna-halti-
der Rektumfüllung ric nerves or intestinal smooth muscle. Nor gen Präparaten zugeschrieben. Eine
● Stimulation des Defäkationsreflexes are there reliable data to link chronic use of zwar ältere, das Thema aber spezifisch
● Verbesserung der Stuhl-Frequenz stimulant laxatives to colorectal cancer and untersuchende Studie kam zu einem ge-
und -Konsistenz. other tumors. The risks of laxative abuse genteiligen Resultat (10). Drei Gruppen
have been overemphasized, and this has mi- von Ratten erhielten während 2 Jahren
Unerwünschte Wirkungen bei zu hoher nimized their rational use by physicians. (6) 0,5. (5) beziehungsweise 25 mg/kg Sen-
Dosis Wo liegen nun aber die Gründe für naextrakt. Eine Kontrollgruppe erhielt
Bei zu hoher Dosierung werden fol- die notwendige Dosiserhöhung, die bei keinen Sennaextrakt. Es konnte keinen
gende, unerwünschte Wirkungen be- manchen Patienten beobachtet wird? Mortalitätsunterschied zwischen den
obachtet: Eine mögliche Erklärung liegt beim Al- behandelten Ratten und den Ratten
● Blähungen, Krämpfe ter der Patienten, weil insbesondere bei der Kontrollgruppe festgestellt werden.

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Forschung/Verbände

Auch zeigten sich weder histopatholo- offenbar vor allem bei Fachleuten ver- 6. Wald A.: Is chronic use of stimulant laxatives
gische Unterschiede in der Inzidenz breitet sind, sollten diese im Umgang harmful to the colon? J Clinic Gastroenterol 2003
von Neoplasien noch ultrastrukturelle mit Senna-haltigen Laxativa den hier (5); 36: 386–389.

Veränderungen im myenterischen Ner- aufgeführten Tatsachen Rechnung tra- 7. Hietala P., Marvola M.: Laxative potency and
acute toxicity of some anthraquinone derivatives,
venplexus von Kolon und Jejunum. gen und diese als sehr wirksame und si- senna extracts and fractions of senna extracts.
Auch die Melbourne Colorectal Can- chere Arzneimittel handhaben. ■ Helsinki. Pharmacol Toxicol. 1987 Aug; 61(2).
cer Study (11) fand bei einer Auswer- 8. Mengs U., Mitchell J., McPherson S.,
tung der Daten von 684 Patienten mit ei- Anschrift des Verfassers: Gregson R., Tigner J.: A 13-week oral toxicity
Dr. Christoph Bachmann study of senna in the rat with an 8-week recovery
nem Kolon-Karzinom kein erhöhtes
Hirschmattstrasse 46 period, Arch Toxicol. 2004 May; 78(5): 269–75.
Risiko bei der Einnahme von Laxantien. 6003 Luzern
9. Bronder E., Klimpel A., Helmert U., Greiser E.,
Eine 1998 erschiene Studie (12) ging der bachmann.gaus@triamun.net
Molzahn M., Pommer W.: Analgesics and laxatives
Frage der Genotoxizität von Sennosiden as risk factors for cancer in the efferent urinary tract
bei Albinomäusen nach und fand bei Literaturreferenzen: – results of the Berlin Urothelial Carcinoma Study,
oraler Gabe kein signifikantes Auftreten 1. Bundesanzeiger 21.7.1993, Heftnummer 133. Soz Praventivmed 1999; 44(3): 117–25.
von chromosomalen Aberrationen oder 2. ESCOP Monographs, Second edition, Thieme 10. Lyden-Sokolowski A., Nilsson A., Sjoberg P.:
aberranten Knochenmarkszellen. 2003, 456 bzw. 463. Two-year carcinogenicity study with sennosides in
3. Wagner, Wiesenauer: Phyotherapie, Wissen- the rat: emphasis on gastro-intestinal alterations, J
schaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart Pharmacology 1993 (Suppl 1): 209–215.
Schlussfolger ungen 2003, 177. 11. Kune G.A., Kune S., Watson L.F.: The Mel-
4. Wald A.: Is chronic use of stimulant laxatives bourne Colorectal Cancer Study. Characterization
Als Schlussfolgerung kann gesagt harmful to the colon? J Clinic Gastroenterol 2003 of patients with a family history of colorectal can-
werden, dass Senna-haltige Arznei- (5); 36: 386–389. cer, Dis Colon Rectum 1987 Aug 30 (8):
600–606.
präparate sehr wirksam sind, bei richti- 4. Nachzulesen in: Wagner, Wiesenauer:
Phytotherapie, Wissenschaftliche Verlagsgesell- 12. Mukhopadhyay M.J., Saha A., Dutta A., De
ger Dosierung sehr wenig Nebenwir-
schaft mbH Stuttgart 2003, 177. B., Mukherjee A.: Genotoxicity of sennosides on
kungen und ein vernachlässigbar the bone marrow cells of mice, Centre for Advan-
kleines Abhängigkeitspotenzial besit- 5. Leng-Peschlow E., Odenthal K.P., Voderholzer
ced Studies on Cell and Chromosome Research,
W., Muller-Lissner S.: 71Chronic sennoside treat-
zen und weder kanzerogene noch mu- Food Chem Toxicol. 1998 Nov; 36(11): 937–40.
ment does not cause habituation and secondary
tagene Eigenschaften haben. Da die hyperaldosteronism in rats. Pharmacology. 1993
Vorurteile gegenüber den Sennosiden Oct; 47 Suppl 1:162.

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