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S36610770170010

S36610770170010

Bayer. Staatsbibliothek
/4. eZ. G/Az. 23/aº
4
D. Chriſtian Auguſt Cruſius,
Profeſſoris primarii zu Leipzig, des Hochſtifts Meiſſen
Prälaten und Domherrn, der Academie Decemviri,
der Churſürſtl. Stipendiaten Ephori c.

Änweiſung
vernünftig zuleben, Darinnen

nach Erklärung
der Natur des menſchlichen
Willens
die natürlichen Pflichten und
allgemeinen Klugheitslehren
im richtigen Zuſammenhange vorgetragen
werden. e
Die dritte und vermehrte Auflage.

L EIPZIG,
verlegts Johann Friedrich Gleditſch, 1767
-
15,5 P; Ä
RE 1A
-
*. :
“---------
s!
---
Vorrede
zur erſten Auflage,
A

Gegenwärtiges Buch führet die Ueber,


ſchrift einer Anweiſung ver:
nünftig zuleben. Zch bin auſ
&ººL ſer Schuld, wenn vielleicht iemand
dby auf die Gedancken kömmt, daß er bloſſe
Klugheitsregeln, oder gar nur Regeln einer guten
Aufführung, darinnen zu ſuchen habe. Zu ei
nem vernünftigen Leben gehört nicht nur, daß
man klug, ſondern auch hauptſächlich, daß man
tugendhaft lebe, worauf die gereinigte Vernunft
am allermeiſten dringet. Folglich bringet es die
natürliche Bedeutung der Worte mit ſich, daß
man zu einer Anweiſung vernünftig zu leben, ſo
wohl die Lehre von den natürlichen Pflichten, als
die Klugheitsregeln, rechnen muß, und ſie wird
mit einem Worte dasjenige ſeyn, was man ſonſt
die Moral, im weiten Verſtande genommen, oder
auch die practiſche Philoſophie ennet.
Unſtreitig iſt dieſelbe der edelſte Theil der na
türlichen Weisheit, welcher ſeinen Nutzen in dem
M 2 menſch
Vorrede.
menſchlichen Leben zu allernächſt zu erkennen giebt,
und welchen man nicht geringe ſchätzen kann, oh
ne zugleich eine Gemüthsbeſchaffenheit zu verra
then, welche man vielmehr verbergen, oder beſſer,
gar abſchaffen ſolte. Der allgemeine Nutzen der
ſelben und die groſſe Menge der Menſchen, welche
moraliſche Schriften zu leſen nöthig haben, wür:
de demnach mein Vorhaben, eine Anweiſung zu
einem vernünſtigen Leben zu ſchreiben, ſchon recht
fertigen können, wenn ich gleich zur Aufnahme
und Verbeſſerung dieſer Wiſſenſchaft nichts wei
ter beyzutragen gedächte, als daß ich zum Dienſte
einer Anzahl Leſer nur dasjenige mit meinen Wor
ten ſagte, was andere mit den ihrigen auch ſchon
oft geſagt haben. Denn wer wird ſich wohl zu
behaupten getrauen, daß der moraliſchen Schrif
ten, wenn ſie anders nur Wahrheit in ſich halten,
zu viel werden können? Jch will zufrieden ſeyn,
wenn man wenigſtens um dieſer allgemeinen Ur
ſachen willen mein Unterfangen nicht misbilliget,
zumahl wenn man ſich etwan, wie gar oft geſchie
het, mit dem bloſſen Titul behelfen, und nicht ge
neigt ſeyn ſolte, mein Buch ſelbſt anzuſehen, oder
durchzuleſen. Hingegen erfordert es meine Schul
digkeit, denenjenigen, welche meine geringe Schrift
ihrer Aufmerkſamkeit würdigen wollen, vorläufig
von meinen Abſichten mit derſelben einige Nach
richt zu geben, und ihnen diejenigen Puncte be
kannt zu machen, in welchen ich mir ſchmeichele,
auch zur Verbeſſerung und vollkommenern Aus
arbeitung der unſchätzbaren moraliſchen Wiſſens
ſhaften etwas dadurch beytragen zu können. Ich
überlaſſe es hernach ihrem eigenen Urtheile, ob ſie
NLINE
Vorrede.
meine Hoffnung vorgegründet oder vergeblich hal
ten wollen, und wünſche nur, daß ſie in der Be
urtheilung meines Buches eben ſo unpartheyiſch
ſeyn mögen, als ich es in Durchleſung der Schrif
ten anderer entweder bin, oder mich doch zu ſeyn
bemühe.
Die moraliſchen Wahrheiten ſind alleſammt
eben ſo alt, als die Welt. Es iſt vergeblich, dar
innen etwas ganz neues ſagen zu wollen. Wer
iſt wohl, auch unter Leuten von mittelmäßigem
9Verſtande, welcher nicht zuweilen die ſchönſten
moraliſchen Gedancken, die nützlichſten Sprüche
und Regeln, mit unter vorbringen ſolte ? Man
nehme einmal in Gedancken alle dieſe von unzehli
chen Menſchen einzeln ausgeſprochene moraliſche
9Wahrheiten zuſammen; ſo wird gewiß alles das
jenige Millionen mahl darunter vorkommen müſ
ſen, was die Weltweiſen in einem moraliſchen
Lehrgebäude zu ſagen vermögend ſind. Allein die
Deutlichkeit und Ordnung, die Gewißheit und
Vollſtändigkeit, die Einſicht in die Gründe und
den Zuſammenhang moraliſcher Wahrheiten iſt
etwas, das bey den meiſten ſich in gar niedrigem
Grade befindet, und welches auch in den Schrif.
ten der gelehrteſten Leute ſelbſt nicht anders als
alſo ſtatt findet, daß ſich beſtändig noch vieles hin
zuſetzen läßt. Eben dieſes ſind diejenigen Stücke,
deren Erhöhung ſowohl bey meinen Vorleſungen,
aus welchen dieſes Buch entſtanden iſt, als auch
bey der fernern Ausarbeitung und verlangten Her
ausgabe deſſelben mein beſtändiges Augenmerk
geweſen ſind. Ich werfe mich keinesweges zum
Richter über die Schriſten wohlverdienter Gelehr
i. M 3 teN
Vorrede.
ten auf. Jch bin auch ſo undanckbar nicht, daß
ich den Nutzen, welchen ich aus ihren Schriften
ſelbſt geſchöpfer habe, dadurch vergelten wolte, daß
ich dieſelben nur auf ihrer unvollkommenen Seite
vorzuſtellen, und um ſolcher Fehler willen, die wir
einander zu gute halten müſſen, herunter zu machen
gedächte. Ich muß aber doch kürzlich anzeigen,
in welchen Stücken ich es ſowohl in Anſehung der
Deutlichkeit und Gewißheit, als auch in Anſe
hung der Vollſtändigkeit und eines ordentlichen
und richtigen Zuſammenhanges moraliſcher
Wahrheiten vor nöthig halte, daß man noch gröſs
ſern Fleiß anwende, und worauf ich meine wenige
Bemühung am meiſten gerichtet habe.
Der Endzweck meines Buches, und nach wel:
chem die Einrichtung deſſelben beurtheilet werden
muß, iſt dieſer, daß man daraus das ganze Ge
bäude der philoſophiſchen Moral nebſt den wah
ren und unbeweglichen Gründen derſelben Deut
lich und überzeugend ſolte zuſammen überſehen
können; daß ein Anfänger dadurch ſo weit möch
te kommen können, daß er, ſo zu reden, ſelbſt mos
raliſch dencken, und ohne Führer weiter gehen
kann; und daß diejenigen, welche viele moraliſche
Schriften unter einander geleſen hätten, ohne das
darinnen befundene wahre und falſche, zweifelhaf
te und gewiſſe, dunckele und deutliche, gehörig uns
terſchieden zu haben, ſowohl ihre Gedancken in
Ordnung bringen, als auch die Quellen der Ue
berzºging entdecken möchten bey aber ha
be ich mich, ſo viel nur möglich, der Kürze be
flºſſen, und dasjenige weggelaſſen, worauf ied
Weder, wenn er das abgehandelte verſtehet, Ä
Vorrede.
ſelbſt fallen wird. Ich hoffe, dadurch meinen
Endzweck bey meinen Leſern überhaupt leichter zu
erhalten, wenn ich ihre Aufmerkſamkeit nicht durch
groſſe Weitläuftigkeit ermüdº. Beſonders aber
mußte ich mich, ſo viel möglich, auch deswegen
kurz faſſen, damit meine Schrift zu den academi
ſchen Vorleſungen, darzu ich dieſelbe beſtimmt
habe, nicht unbequem würde.
Was nun erſtlich den Zweck der Deutlich
keit, Wahrheit und Gewißheit der Moralphi
loſophie anlanget, ſo wird man bey vielen wahr
nehmen, daß ſie dasjenige, was ſchlechterdings
unterſchieden werden muß, wenn man nicht theils
in Verwirrung fallen, theils lächerlich werden
will, entweder gar nicht unterſcheiden, oder doch
den rechten Unterſchied nicht treffen. Die Pflich:
ten und Befugniſſe, die Gerechtigkeit und Zlug
heit, die Tugend und der Wohlſtand, werden
leichtlich unter einander geworfen, oder aus un
zulänglichen Gründen hergeleitet. Es iſt eine
meiner vornehmſten Bemühungen geweſen, in
dieſem Stücke alle Verwirrung zu verhüten, des
wegen ich die Arten und Gründe der Verbind:
lichkeit, den Unterſchied der bürgerlichen und
göttlichen natürlichen Geſetze, die ganz un
terſchiedenen Gründe der VNothwendigkeit,
warum beyde mit Strafen verbunden werden
müſſen, u. ſ f. genau gezeiget, und durchgängig
die Geſetze und Klugheitsregeln, die Befug
niſſe und Pflichten auf das ſorgfältigſte unter
ſchieden habe.
Ferner herrſchet in der Morat noch hin und
wieder eine gewiſſe unfruchtbare Allgemein
M 4 heit,
Vorrede.
heit, ich meine, es kommen ſolche Begriffe und
Sätze vor, welche, ob ſie auch ſchon wahr ſind,
doch den Fehler an ſich haben, daß ſie auf die
Erempel entweder gar nicht appliciret werden kön
nen, oder da man doch in vielen wichtigen Fällen
nicht abſehen kann, wie die Application geſchehen
ſolle. Man darf dahero, wenn man eine wahre
Deutlichkeit liebet, bey denſelben nicht ſtehen blei
ben; ſondern man muß ſie noch weiter determi
mirt und characteriſtiſch machen, welches jedoch
eben das ſchwerſte, aber auch das nützlichſte, iſt,
Man beliebe es deswegen vor nichts überflüßiges
zu halten, wenn von einer Sache vielmahl vier,
fünf und mehr Definitionen nach und nach auf
einander folgen, wenn Eintheilungen und Zer
gliederungen vorkommen, welche einiges Nach
ſinnen haben wollen, und wenn ich z. Er im Rech
te der Natur vielleicht die Regeln von Applica
tion der Pflichten, die Ä
ſtreitender Pflichten und Befugniſſe, die Re
geln von dem Rechte der Wiedererſtattung
und dergleichen, allzumühſam und weitläuftig auf
zuſuchen ſcheine. Es geſchiehet bloß in der Ab
ſicht, die Begriffe und Regeln rechtcharacteriſtiſch
zu machen. Und ich hoffe, die Erfahrung wird
iedweden, der es verſtehet, lehren, daß man ſich
dieſem wichtigen Endzwecke dadurch, wenn er
Ä ganz zu erlangen iſt, doch mercklich nähern
MNE.
Noch weiter iſt, wie bey allen philoſophiſchen
Wiſſenſchaften, alſo bey der practiſchen Philoſo
phie inſonderheit, zuzuſehen, daß man nichts, auch
keine Definition, ohne Beweis annehme. Ä MU
SZOr rede,
muß iedesmahl Achtung geben, was bey einer De
finition zu beweiſen vorkommt, ob man die Wirck
lichkeit des definirten Dinges, oder die Ueberein
ſtimmung mit dem Sprachgebrauche, oder den
Nutzen einer ſolchen Einrichtung der Definition,
und die Vernunftmäßigkeit ſeines Verfahrens,
darzuthun habe. Wir ſtudiren deswegen, daß
wir unſere gemeinen und concreten Begriffe in
abſtracte und deutliche verwandeln wollen, um ſie
hernach beſſer und ſicherer gebrauchen zu können.
Unſere Definitionen ſollen dahero, wenn wir ſie
mit dem definirten Dinge in einen Satz zuſammen
faſſen, ordentlicher Weiſe den Verſtand haben,
daß dieſer oder jener concrete Begriff durch dieſe
Definition in einen abſtracten verwandelt werde.
Allein es muß ſich auch wircklich ſo verhalten. Und
daher muß man von dem Sprachgebrauche nicht
öfter abweichen, als wo man einen Jrrthum oder
eine Unvollſtändigkeit, oder Unbrauchbarkeit des
gemeinen Begriffes, zu verbeſſern gedencket, und
davon iſt man abermahl Rechenſchaft zu geben
ſchuldig. Es kömmt hernach ferner darauf an,
ob man die Wircklichkeit des definirten Dinges
annimmt, und was man der Definition ſelbſt vor
einen Verſtand gebet, ob dieſelbe ſo viel heiſſen
ſoll, daß ſie ein Kennzeichen enthalte, daran man
die Exempel der Sache von allen andern unter
ſcheiden kann, oder ob man meinet, daß das Grund
weſen der Sache dadurch ausgedrucket werde
u. ſ. f. Das alles muß erwieſen werden, oder
man muß erkennen, daß man ſonſt Wörter und
nicht Sachen erkläre, und daß man eine ſolche
Philoſophie herausbringe, welche zwar in derje
M 5 nigen
Vorrede.
nigen Welt gar gut ſeyn würde, in welcher die
angenommenen Definitionen wahr wären, ich
meine, in welcher Dinge, denen das vorgegebene
Weſen zukäme, vorhanden, und hingegen die
Dinge, die ietzo vorhanden ſind, abweſend wären;
welche Philoſophie aber eben deswegen in unſerer
Welt unbrauchbar iſt, und zu Verwirrung An
laß giebt. Denn,lieber, was vor abentheurliche
Moralphiloſophien würde man nicht ſchreiben kön
nen, wenn man, ohne zum Beweis verbunden
zu ſeyn, z. E. die Freyheit, das Geſetz, die Ver
bindlichkeit, das Gewiſſen c. nach Belieben des
finiren dürfte, oder wenn man einen Begriff ge
macht hätte, welcher zwar allen Exempeln des De
finitizukäme, doch aber das zu definirende We
ſen nicht ausmachte, ſondern nur ſonſt damit ver
bunden wäre, denſelben ſogleich vor eine Erklä
rung des Weſens einer Sache ausgeben dürſte.
Jch weiß zwar wohl, daß man gar oft, ja in den
mehreſten Fällen, entweder die Richtigkeit der De
finition überhaupt, oder dieſes oder jenes Umſtan
des inſonderheit, ohne Beweis poſtuliren dürfe.
Am rechten Orte iſt es auch ſehr nöthig,daß ſolches
geſchehe, damit man nicht ohne Noth weitläuftig
ſey. Allein ein Wahrheit liebender Scribentmuß
ſelbſt ſdaufrichtig ſeyn, daß er genau Achtung giebt,
wo etwas zweifelhaftes vorkommt, damit er, ſo
weit daſſelbe Beweis brauchet, denſelben beyfüge.
Jch habe meines Orts in dieſem Buche mit Wil
len niemals den Beweis eines Begriffs auſſenge.
laſſen, als wo ich vermuthet habe, daß er überflüſ
ſigſeyn würde. Auf Verlangen aber bin icherbötig,
von allen meinen Definitionen Rechenſchaft # L»
Vorrede,
Beweis zu geben, gleichwie hingegen diejenigen,
welche meine mit Beweis verſehene Begriffe nicht
einräumen wollen, zuvor auf meinen Beweisant
worten müſſen, ehe ſie mir eine andere Defini
tion auſnöthigen können. Und warum ſolte man
ſich auch weigern, ſeine Definitionen zu erweiſen.
wenn man nicht etwan die Abſicht heget, nur mit
andern Leuten zu reden, gleichwohl aber unvers
merckt die Begriffe zu verändern, und, ohne an
dere Worte zu gebrauchen, doch eine neue, aber
Unerweisliche, Meinung einzuſühren.
Ueber dieſes iſt auch zu erwägen, daß man oft
von einer Sache mehr als eine Definition ge
ben muß, indem man zuerſt nicht nehr als den
erſten Begriff annehmen und beweiſen kann, hers
nach aber die fernern Eigenſchaften der Sache be
ſonders erweiſen muß. Nicht alles das iſt ein
axioma, was man in die Definition ſetzet, und
hernach wiederum herausnimmt. Man könnte
ſonſt alle unerweisliche Sätze zu axiomatibusma
chen. Nur dasjenige iſt ein axioma, was in dem
erſten Begriffe enthalten, oder unmittelbar damit
verbunden iſt, und unter der Bedingung redet
daſſelbe von etwas wircklichem, wiefern die Wircks
lichkeit des definirten Dinges, und die Richtige
keit des erſten Begriffs bewieſen iſt, oder poſtuli
ret werden kann. Alle übrige Sätze, darinnen
die Eigenſchaften eines Dinges beſtimmet wer
den, ſind ihrer Natur nach Lehrſätze, oder doch
ſolche, welche erwieſen werden müſſen, wenn man
gründlich verfahren will. Gleichwohl iſt es nicht
ungewöhnlich, daß man Lehrſätze mit in die De
nitionen nimmt und unter dieſem Vorwande nicht
(TW)és
Vorrede.
erweiſet. Man kannund ſoll zwar, nachdem man
die Eigenſchaften, welche durch Lehrſätze erwieſen
werden müſſen, dargethan hat, hernach immer de
terminirtere und vollſtändigere Definitionen der
Dinge machen, welches beſonders in der Moral
unentbehrlich iſt. Allein dieſe gelten auch nicht
weiter, als wiefern der Beweis der Lehrſätze rich
tig geführet worden. Jch hoffe, daß gegenwär
tiges Buch durchgängig eine Erläuterung dieſer
wichtigen Regel abgeben ſoll.
Endlich iſt auch wegen der Beweiſe noch zu ge
dencken, daß ſie weit genug fortgeführet werden
müſſen, daß man ſie allen, ſovielmöglich, brauch
bar machen, und daß man einen erwieſenen Satz
im folgenden nicht etwan weiter und im andern
YOerſtande appliciren muß, als er ſelbſt erwieſen
worden. Was das erſte anlange, ſo kommt vie
les wiederum auf die Redlichkeit des Scribenten
an, daß er ſelbſt urtheilet, wie weit ein Satz zu
erweiſen ſey, wenn die Ueberzeugung davon voll
kommen und kräftig ſeyn ſoll. Bey vielen zeiget
es ein noch unreifes Nachdencken an, wenn ſie gar
zu weit ausholen. Zu demandern, daß man nem
*lich einen Beweis, ſo viel möglich, allen ſeinen Le
ſern brauchbar mache, dienet inſonderheit, daß
man, wo man es vor nöthig achtet, mehr Beweiſe
mit einander verbinde. Man darf ſolches des
wegen vor keine überflüßige Häufung der Beweis
ſe anſehen. Denn nicht allen Leſern ſind auch alle
Begriffe gleich deutlich. Auch ein richtiger Be
weis wird doch nur denjenigen überzeugen, wel
chem die Begriffe geläufig ſind. Es wird auch die
Furcht, daß man etwas vielleicht überſehe, #
“ Vorrede.
ſich irre, weggenommen, wenn uns mehr als ein
Beweis doch auf einerley Concluſion führet, an-
derer Vortheile zu geſchweigen. Ich bin dieſen
Regeln bey denenjenigen Sätzen nachgegangen,
an denen mir beſonders viel gelegen war. Die
Beweiſe von der Wircklichkeit der göttlichen
Geſetze, von der Unſterblichkeit der Seele, von
dem Endzwecke des menſchlichen Lebens und
andere können zum Erempel dienen. Es war
nöthig, daß die Hauptſätze in völlige Sicherheit
geſtellet würden, dahingegen ich bey andern leich
tern Sätzen den Beweis gar weggelaſſen, oder
nur den Hauptpunct mit wenig Worten angege
ben habe. -

Bey dem allen glaube ich alle unnöthige Ter


minologie vermieden zu haben, gleichwie ich hin
gegen nicht ſehe, wie diejenige, die ich beybehal
ten, oder an etlichen wenigen Orten eingeführet
habe, ohne Verluſt der Deutlichkeit und Gründ
lichkeit leicht zu vermeiden geweſen wäre.
Was zum andern die Vollſtändigkeit einer
Anweiſung vernünftig zu leben anlanger, ſo rech
ne ich darzu nicht eben, daß man alle ſehr leichte
Folgerungen darinnen antreffe, welche iedweder
ſelbſt machen kann, deren Anzahl unendlich iſt,
und welche auch niemand leicht in einem philoſo
phiſchen Buche allererſt ſuchen wird. Wenig
ſtens werden dieſelben in einer kurzen Einleitung
nicht verlanget werden können. Die Vollſtän
digkeit der Moral oder practiſchen Philoſophie be
ſtehet vielmehr meines Erachtens darinnen, daß
man darinnen zur Beurtheilung aller vorkom
menden Begebenheiten die Gründe arf # (0)6
Vorrede.
rechne hieher inſdnderheit dieſes, daß man nicht ede
wan gewiſſe Lehren, welche aus der Vernunft rich:
tig erwieſen werden können, deswegen auſſenlaſſe,
weil ſie den heydniſchen Philoſophen nicht bekannt
geweſen ſind, und weil wir auf den Einfall da
von ebenfalls nicht gekommen ſeyn würden,
Twenn uns nicht dieſelben zuerſt aus der heili
en Schrift wären bekannt gemacht worden.
as dieſer oder jener von den vernünftigen
Wahrheiten gewißt, oder wie er ſich dieſelben vor
geſtellet habe, gehört in die philoſophiſche Hiſtorie.
Eine Meynung wird dadurch zu keiner vernünfti
en Wahrheit, wenn ſie die heydniſchen Weltweit
en gleich geheget haben. So wird auch ein Satz
nicht aufhören, eine vernünftige Wahrheit zu ſeyn,
wenn er gleich denſelben unbekannt geblieben iſt.
Eine Wahrheit heißt deswegen eine philoſophis
ſche oder dernünftige, weil ſie aus Vernunftſä
zen durch richtige Schlüſſe dargethan werden -
kann. Was thut das zur Sache, daß uns die
ſes oder ein anderes Mittel zuerſt auf den Einfall
davon gebracht hat ? Wir pflegen ja auch bey
anderer Gelegenheit darauf nicht Acht zu haben.
Iſt es nicht unleugbar, daß der erſte Einfall der
wichtigſten mathematiſchen Sätze einem Glücks
falle, einem Verſuche, der Erfahrung, einer Wir
ckung des Ingenii zuzuſchreiben iſt? Hören ſie
aber deswegen auf Vernunftſätze zu ſeyn, nachdem
man den Beweis darzu gethan hat? Die Pflich
ten, welche uns die chriſtliche Religion aufleget,
ſind in der Vernunft ebenfalls gegründet. Weil
die Erkenntniß derſelben durch unſer Verderben
verdunckelt war, ſo haben ſie wiederholt werden
muſſen.
Vorrede,
müſſen. Sie werden hernach auf die eigentlichen
bloß geoffenbahrten Wahrheiten nur angewen
det, und bekommen dadurch neue Bewegungs
gründe, gleichwie die Annehmung der chriſtlichen
Religion auch die Kraft zu ihrer Ausübung mit
ſich bringet. Es iſt wahr, daß wir kein Recht
haben, einem Gebothe der heiligen Schrift den
Gehorſam zu verſagen, oder es anders, als nach
den allgemeinen Regeln der Auslegungskunſt zu
erklären, wenn wir nicht den Grund darzu zuvor -
aus der Vernunft einſehen. Allein ſollen wir es
nicht mit Danck und Vergnügen annehmen,
wenn wir denſelben darzu finden können? Oder
ſoll man ſie deswegen von der Philoſophie aus
ſchlieſſen, weil uns Gott von neuen daran erin
mert, daß ſie hinein gehören? Uns lieget vielmehr
ob, daß wir daraus die Gröſſe des menſchlichen:
Verderbens erkennen, daß die Menſchen auf die
wichtigſten und in der Vernunft vollkommen ge
gründeten Wahrheiten ohne göttliche Offenbah
rung nicht einmahl fallen. Wir müſſen daraus
abnehmen, daß alle heydniſche Philoſophie nur ein
Anfang, und noch lange keine vollſtändige Phi
loſophie ſey, weil die wichtigſten, und gar wohl er,
weislichen, Vernunftwahrheiten darinnen fehlen.
Vielmehr giebt dieſes einen ſtarcken Beweis vor
den göttlichen Urſprung der heiligen Schrift ab,
daß die Verfaſſer derſelben das vollkommenſte
Gebäude der vernünftigen Moralvortragen, uns
geachtet es mehrentheils ohne Beweis, und ohne
ſyſtematiſchen Zuſammenhang geſchiehet. Sie
können nicht nur keine Betrüger ſeyn, weil ſie auf
die heiligſten Abſichten m ſondern ſie "Ä
WW
Vorrede,
auch ihre Lehre von Gott empfangen haben, weil
ſie lauter Wahrheiten enthält, darzu man aus
r
der Vernunft ſelbſt die Beweiſe aufſuchen kann;
von welchen man ohne Ungereimtheit nicht ver
muthen kann, daß ſie von ungefehr darauf gefal
len wären; und welche ſie auch von den Heyden
nicht erlernet haben können, da ſie in den Schrif
ten der letztern, wenigſtens vor Ausbreitung der
chriſtlichen Religion, nicht angetroffen werden.
Die Weltweiſen unter den Chriſten haben auch
ſolches ſchon lange erkannt, iedoch einige mehr,
andere weniger, nachdem es ihre Grundſätze ge
litten haben. Daher vernünftige Weltweiſe
die geſetzliche Verbindlichkeit der natürlichen
Pflichten auf den Willen und Befehl Gottes
gebauet, die Liebe Gottes und anderer Men
ſchen zur höchſten Tugend gemacht, die Liebe der
Seinde, Pflicht des Bekenntniſſes Gottes u. ſ f.
gelehret haben, obgleich ihre Beweiſe nicht von
einerley Gewichte ſind. Ich habe mich bemühet,
dasjenige, davon mir bisher in der Philoſophie
noch nichts hinlängliches, vorgekommen, hinzu
zuthun. Ich rechne dahin beſonders die Pflich
ten des vernünftigen Glaubens, welche von der
gröſten Wichtigkeit ſind. Sie werden in der ge
offenbahrten Theologie vorausgeſetzet, und man
kann ſie nirgends als in der Moralphiloſophie
ſuchen. Dasjenige aber, was ich in philoſophis
ſchen Büchern davon gefunden, hat mir, wenn ich
es aufrichtig ſagen ſoll, gar nicht Genüge gethan.
In Anſehung vieler Umſtände kann ich auch da
hin die Lehre von dem Urſprunge des Böſen,
von dem angebohrnen Verderben, von der
NToths
Vorrede.
YTothwendigkeit einer geoffenbahrten Reli
gion und deren Kennzeichen, von den Aergerniſ
ſen, von dem Streite der Vielweiberey und der
Zertrennlichkeit des Eheſtandes mit dem ma
türlichen Geſetze u. ſ. f. zehlen. Jch ſchreibe
dieſes nicht in der Meinung, als ob ich derglei
chen Wahrheiten aus der Vernunft zuerſt erwies -
ſen zu haben vorgeben wolte. Jch ſage nur, daß
ich dieſelben in keinem zuſammenhangenden Lehr
gebäude der philoſophiſchen Moral, ſo, wie ich -
wünſchte, ausgeführet gefunden habe. Es ſoll
mir nur zur Rechtfertigung dienen, warum ich
mich unterſtehe, ſelbſt eine Anweiſung vernünftig
zu leben nach den Schriften ſo vieler hochverdien
ten Männer auszufertigen. Jch habe ſchon ein
geräumet, daß alle moraliſche Wahrheiten hin und
wieder zerſtreuet angetroffen werden. Es kann
auch ſeyn, daß das wichtigſte in vielen Lehrgebäu
den bepſammen ſteher, welche mir nur noch nicht
zu Geſichte gekommen ſind. Jch erkläre nur mei
ne Abſichten, und will gern nichts beſonders ge
ſagt haben, wenn ich nur Wahrheit geſchrieben
habe. - -

Die Klugheitslehre, welche unter allen Wiſ


ſenſchaften eine der unumſchränckteſten iſt, wird
man hoffentlich der Kürze ungeachtet, darinnen
ſie vorgetragen wird, auf ſolche Gründe geſetzt
finden, welche tüchtig genug ſind, ungehindert
ſehr vieles ſelbſt darauf zu bauen, und wobey viel
leicht die Voüſtändigkeit derſelben einen und an
Dern Zuwachs bekommen hat.
Was drittens die Ordnung und den richti
gen Zuſammenhang betrifft, ſo habe ich ſowohl
b 2. wegen
Vorrede.
wegen der Abtheilung der Wiſſenſchaften, als
wegen der Lehrart etwas zum voraus zu erinnern.
Jhrem Weſen nach beſtehet die Moralphiloſophie
aus drey Theilen, ob man gleich die äuſſerliche
Ordnung und Abtheilung nicht darnach, ſondern
vielmehr alſo einrichtet, wie man es am bequems
ſten findet. Die drey weſentlichen Theile ſind,
die allgemeine practiſche Philoſophie, die Leh
re von den Pflichten oder Geſetzen, und die
ZÄlugheitslehre.
Die Pflichten betreffen entweder die tugend
hafte Einrichtung unſeres Zuſtandes, wieſern wir
uns noch nicht gegen andere halten, ſondern nur
die allgemeinen Gründe der Tugend vorausſetzen,
und dieſelben auf unſere Seele und deren Verei
nigung mit dem Leibe appliciren. Dieſes glau
be ich, iſt der wahre, oder wenigſtens der nützliche
ſte, Begriff der Ethik. Halten wir uns hernach
gegen andere Menſchen, und erwägen die uns ge
gen einander obliegenden Pflichten; ſo entſtehet
daraus das Recht der WTatur im engern Ver
ſtande, welches daher auch zugleich die Befug
niſſe der Menſchen gegen einander in ſich faſſen
muß. Hernach iſt noch eine determinirte Erklä
rung der unmittelbaren Pflichten gegen Gott
übrig, welche ich ebenfalls der Bequemlichkeit we
gen zu einer beſondern Wiſſenſchaft gemacht, und
die natürliche Moraltheologie genennet habe.
Jch habe dieſelbe vor das Recht der Natur geſes
zet, welches aber willkührlich iſt, indem ſie auch
nach demſelben hätte ſtehen können.
... Die allgemeine practiſche Philoſophie habe
ich mit gutem Bedachte um der Bequemlichkeit
liener
930 r rede,
meiner Leſer und Zuhörer willen nicht in eine be»
ſondere Wiſſenſchaft abſondern wollen, ſondern
in das erſte Capitel der Ethik, und in das erſte
und andere Capitel des Rechtes der Natur ver
thelet. Es iſt die ſchwerſte und verdrüßlichſte
unter allen moraliſchen Wiſſenſchaften. Und wie
viel ſind derer, welchen man Fleiß und Geduld
genug zutrauen kann, wenn ſie ſich dieſelbe in ei
nem Striche nach einander bekannt machen ſol
len ? Die Ordnung des Vortrages aber hat
durch dieſe Wertheilung nichts gelitten, weil ich
desjenigen, was ich im Rechte der Natur allererſt
davon abgehandelt habe, auch nicht eher als in
demſelbigen benöthiget war,
Hiermit hoffe ich meine Abtheilung der Mo
ralphiloſophie in folgende 49Wiſſenſchaften, die
LEthik, die natürliche Moraltheologie, das
Recht der VNatur im engern Verſtande, und
die allgemeine Klugheitslehre hinlänglich gerecht
fertiget zu haben. Die drey erſten machen das
natürliche Geſetz, oder das Recht der Matur
im weitern Verſtande aus. Ich habe in dem
ſelben beſonders darauf geſehen, eine wahre ge
ſetzliche Verbindlichkeit der Pflichten zu er:
weiſen, damit nicht Geſetz und Klugheit mit ein
ander verwirret werden. Weil es aber auſſerder
ſelben auch noch eine andere Verbindlichkeit
darzu giebt; indem uns unſere eigene Endzwecke,
wenn wir ſie, auch ohne Abſicht auf Gott be
trachtet, mit der beſtmöglichſten Sicherheit erhal
ten wollen, ebenfalls darzu verbinden, daher die
ſelben auch die Natur der ZKlugheitsregeln zu
gleich bekommen: ſo habe ich auch die dahin ge
b 3 hörigen
Vorrede.
hörigen Gründe zugleich mitgenommen, ſo oft ich
es vor nöthig erachtet habe, und ſo oft es mir nicht
wahrſcheinlich war, daß man unerinnert ſogleich
darauf fallen würde.
. Einige pflegen auch die Mittel der Tugend
in eine beſondere Wiſſenſchaft, oder in einen bea
ſondern Theil einer Wiſſenſchaft zuſammen zu
ſammlen. Jch mißbillige ſolches eben nicht, und
man kann in ſolchen Umſtänden leicht iedwedem
Gelehrten ſeine Freyheit laſſen. Es iſt mir aber
daſſelbe deswegen beſchwerlich vorgekomº weil
ich nicht ſahe, wie ich eine überflüßige Wiederho“
lung bey meiner gemachten Einrichtung vermeiden
wote. Die Ethiſchen Tugenden ſind allerſeits
auch ſelbſt Mittel zur Tugend. Und da die Kug“
heitslehre die Kunſt, Mittel zu den menſchlichen
Endzwecken überhaupt zu finden, lehret; ſo kann
man dieſelbe auch zur Beförderung der Tugendanº
wenden. Wo ich einige ſpeciale Mittel oder Be
wegungsgründe zu dieſer oder jener Tugend beys
zubringen vor nöthig erachtete, da wird man ſie
gehörigen Orts gleich bey derſelben mit antreffen.
Uebrigens hoffe ich, daß derjenige, welcher meine
Anweiſung vernünftig zu leben ſich bekannt ge“
macht hat, wenn er anders meiner Beyhülfe be
nöthget iſt, aus derſelben Quellen genug wirdha
ben kennen lernen, eine unzehlige Menge von Mit
teln und Bewegungsgründen zur Tugend herzl
leiten, und nach Belieben in Ordnung zu ſetzen.
Weil die Anweiſung vernünftig zu leben mit
der guten Einrichtung des menſchlichen Willens
ZU thun hat, ſo wird bey denenjenigen, welche al
- es gründlich verſtehen und beweiſen wollen, eine
genaue
- Vor rede,
genaue Erkenntniß des menſchlichen Willens vor -
ausgeſetzet. Ich habe demnach dieſelbe in einer
beſondern Wiſſenſchaft vorangeſchicket, welche ich
die Thelematologie genennet habe. Ich rechne
zwar dieſelbe nicht ſelbſt zur Moralphiloſophie.
Sie muß als ein beſonderer Theil der theoreti
ſchen Philoſophie angeſehen werden; welcher auch
von der Metaphyſik ſelbſt unterſchieden iſt, weil
nicht füglich die ganze Lehre von der menſchlichen
Seele, in deren Einrichtung vieles zufällig iſt, oder
Doch ſeyn kann, ſondern nur die Lehre von dem
nothwendigen Weſen eines Geiſtes überhaupt, von
Rechts wegen zu der Metaphyſik gerechnet werden
ſolte. Zch habe ſie aber der Anweiſung vernünf
tig zu leben deswegen vorgeſetze, damit ich mich in
derſelben darauf beziehen konnte.
Die Betrachtung des menſchlichen Willens iſt
ein ſo wichtiger Gegenſtand, und es kommen das
bey ſo mannigfaltige Dinge zu unterſcheiden vor,
daß ihr Umfang und ihre Wichtigkeit allerdings
verdienet, daß ſie eine beſondere Wiſſenſchaft der
theoretiſchen Philoſophie ausmache. Dasjenige,
was die Gelehrten bishero theils in der Metaphy
ſik, theils in der Moralphiloſophie davon vorge
tragen haben, erſchöpfet die Menge der Wahr
heiten, welche darzu gehören, noch lange nicht, zu
geſchweigen, daß einige ihren Vorurtheilen nach
hängen, und es deswegen unmöglich weit darin
nen bringen, oder eine mit der Erfahrung über
eintreffende Philoſophie heraus bringen konnen,
weil ſie das wahre Syſtema der Kräfte und Eis
genſchaften der menſchlichen Seele beynahe juſt
umkehren. D. Andreas Rüdiger hat in ſeinem
b 4 Buche
Vorrede,
Buche von der Zufriedenheit Cap. VIII § 10, 11,
und in der Philoſºpragmat. §520 die Natur des
menſchlichen Willens etwas genauer, als ande
regethan, zu unterſuchen angefangen. Der ſel,
Herr D. Adolph Friedrich Hoffmann, deſſen
ungemein gründlichen Unterricht ich unter allen
meinen wertheſten Lehrern in der Philoſophie des
ren Verdienſte um mich ich allerſeits hoch ſchätze
und erkenne, am längſten und ganzer fünf Jahr
genoſſen habe, iſt in fernerer Unterſuchung der
* ſelben ungleich weiter gegangen, und der erſte ge
weſen, welcher die Theorie des Willens als eine
beſondere Wiſſenſchaft unter dem Nahmen der
Thelematologie, iedoch nur mündlich in ſeinen
Vorleſungen, vorgetragen hat. Sein frühzeitiger
Tod iſt die Urſache, warum ein ſo nützliches Werck
nicht öffentlich ans Licht getreten iſt. Ich habe
kaum irgend eine Wiſſenſchaft mit ſolcher Begiers
de und mit ſo vielem Vergnügen bey ihm gehöret.
Es kam mir aber gleich damahls ſo vor, daß ſie,
der durchdringenden Scharfſinnigkeit ihres Er
finders ungeachtet, noch nicht völlig auſs reine ge
bracht wäre. Ob ich mir nun gleich nicht heraus
nehme, daß ich daſſelbe hiermit völlig geleiſtet habe,
ſo kann ich doch ſo viel verſichern, daß die gegenwär
tige Verfaſſung derſelben, in welcher ich ſie ans
Licht ſtelle, aus einer mehrjährigen Aufmerckſam
keit ſowohl auf die menſchliche Seele, als auf die
Schriſten anderer Leute, erwachſen iſt. Eben die
Begierde, dieſe Wiſſenſchaft weiter zu cultiviren,
bewog mich auch, zwey dahin einſchlagende Diſpu
tationen zu halten, die erſte, daß die Verderb
niſſe des Verſtandes ihren Grund in dem wº
L.
Vorrede,
len haben, und die andere von den Grundtrie:
ben des menſchlichen Willens. Beſonders in
der letztern trug ich diejenigen Aenderungen vor,
welche ich in dieſer Wiſſenſchaft hauptſächlich noch
vor nöthig hielt, um darüber die Meinungen der
Gelehrten, und beſonders des Herrn D. Hoff
manns ſelbſt, welcher damahls, als ich ſie aus
arbeitete, noch am Leben war, zu dernehmen. Ob
nun gleich der letztere, ehe ſie gehalten werden
konnte, der Welt entriſſen worden, ſo kann ich
es doch nicht anders ſagen, als daß mir dieſe zwey
SVerſuche viel genutzet haben. Auf die rechte Er
klärung und Vertheidigung der Freyheit habe ich
beſonders geſehen, weil viele in Ermangelung des
rechten Begriffes davon eine wirckliche Nothwen
digkeit aller Dinge glauben, ob ſie es gleich nicht
geſtehen, und deswegen die Definitionen ſo ein
richten, daß ſie, ohne die Sache zuzugeſtehen, das
Wort Freyheit beybehalten können. Vor den
Grundbegierden ſchicke ich diejenigen Eigenſchaf
ten vorher, welche ſelbſt etwas anders als Be
gierden ſind. Man brauchet, um ſie erweiſen
zu können, nicht mehr als den Begriff der Be
gierden überhaupt, nicht aber eine determinirte
Abhandlung derſelben. Hingegen war es beque
mer, wenn ich zuerſt davon handelte, weil man
ſolches hernach auf iedwede determinirte Begier
de vor ſich ſelbſt appliciren kann, und ich mir alſo
hierdurch eine überflüßige Wiederholung erſpah
rete. Bey den Grundbegierden habe ich die wah
ren Grundkräfte von denenjenigen, welche nur
abſtra cta oder Eigenſchaften der Grundkräfte ſind,
von einander abgeſondert, wodurch jener Anzahl
b 5 VLTUIs
Vorrede.
verringert, und von dieſen iedwede an ihren rech
ten Ort gebracht worden. Mit den thieriſchen
Begierden bin ich einen ganz beſondern Weg ge
gangen, welcher aber hoffentlich der richtigſte iſt.
Uebrigens ſchreibe ich mir ſelbſt dererjenigen Vers
beſſerungen wegen, welche ich nicht nur in der Ords
nung, ſondern in den weſentlichen Stücken der
9Wiſſenſchaft ſelbſt gemacht zu haben glaube, gar
nicht etwan einen Vorzug vor meinen Vorgän
gern zu. Wer weiß nicht, daß es leichter ſey, zu
erfundenen Dingen etwas hinzuzuſetzen, als ſelbſt
einen Erfinder abzugeben.
Die Lehrart, deren ich mich bediene, iſt, wenn
man von dem Buche überhaupt redet, durchge
hends ſynthetiſch, daß immer dasjenige zuerſt
ſtehet, woraus das folgende erkannt werden muß.
In edwedem einzeln kleinen Stückgen aber habe
ich mit Fleiß nicht überall auf einerley Art verfah
ren, und allezeit den Beweis voranſchlcken wol
len, weil die Aufmerckſamkeit dadurch leicht er
müdet, und die Abwechſelung in allen Dingen
angenehm iſt. Die Materien ſind auch, ſo viel
möglich, beyſammen gelaſſen worden, welche
einige unter dem Vorwande der ſynthetiſchen Me
thode wunderlich zerriſſen und zerſtreuen, ob ſie
gleich zuvor nicht gehörig geprüfet haben, ob ſie
nicht der Methode ohne Schaden dennoch an ei
nem Orte hätten beyſammen bleiben können. Daß
man dem ungeachtet manchmahl einen Satz als
ein Lemma annehmen muß, welchererſt im folgens
den erwieſen wird, iſt wegen der Natur der coor
dinirten Wahrheiten nicht allezeit zu vermeiden.
Niemand verſtehet eine Wiſſenſchaft eher s IC),
Vor rede,
lich, als bis er das ganze zuſammen überſiehet.
Gleichwohl kann man nicht mehr als einen Satz
auf einmahl ſagen. Man darf ſich daher nicht
wundern, wenn allererſt das folgende das vor
hergehende recht vollſtändig und deutlich macht.
Man erfordert nur von einem Scribenten, daß
er dasjenige, woraus das ſolgende erkannt wer
den muß, ſo viel als möglich, voranſchicke.
Wenn ichdenenjenigen zur Erleichterung, welche
in einem Buche nicht bloß auf die Materien ſehen,
ſondern auch logicaliſche Betrachtungen dabey ans
zuſtellen pflegen, kürzlich ſagen ſoll, mach was vor
Lehrart iedwede Sache, einzeln betrachtet, ausge
führet wird; ſo wird es darauf ankommen. Ich
ſetze den Grundbegriff, welcher ſo viel, als nöthig,
erwieſen, und gezeiget wird, wie man darauf
komme. Dieſer Grundbegriff wird durch Hin
zuthuung mehrerer Determinationen vollſtändiger
gemacht, welches durch Lehrſätze geſchiehet, woraus
immer vollſtändigere Definitionen gemacht wer
den. Welche Sachen, ſo zureden, immer in ande:
rer Geſtalt erſcheinen, deren mannichfaltige dis
junctiviſche Determinationen werden durch Ein
theilungen auseinander geſetzet. Die Sachen wer
den untereinander verglichen, und ihre 2Perhält
niſſe beſtimmet, welches noch eine andere Art von
Lehrſätzen ausmacher, als diejenigen, welche ſchon
erwehnet worden. Alles wird zur Erfindung ſol
cher Regeln und Auflöſung ſolcher Aufgaben an
gewendet, welche im menſchlichen Leben nützlich
und von recht practiſchen Nutzen ſind; daher ich
beſonders darauf ſehe, daß alle Begriffe chara
cteriſtiſch werden. Das übrige verſtehet ſich Ä
iG)
Vorrede,
ſich ſelbſten. Hoffentlich wird man wohl ſehen,
daß keiner Schwierigkeit etwan mit Manier bloß
ausgewichen worden. Ich richte mich aber iedes
mahl bloß nach dem Zwecke, um nichts mehr zu
ſagen, als was mir beyoftmahligen Herumſinnen
nöthig geſchienen. -

Ich glaube, dieſes werde dasienige ſeyn, was


viele meinen, wenn ſie auch in der Moralphiloſo
phie die mathematiſche Methode verlangen.
Man hat nicht nöthig über das Wort zu ſtreiten.
Man wird aber doch daraus ſehen, daß die ei
gentliche geometriſche Methode in der pactiſchen
Philoſophie unter andern in folgenden Puncten
erweitert werden muß. Die Definitionen müſ
ſen bewieſen werden. Die erſten Begriffe müſſen
weiter beſtimmet, und muß deswegen oft mehr
als eine Definition, da eine ſtuffenweiſe auf die
andere folget, gegeben werden. Die Eintheilun:
gen müſſen nicht vergeſſen werden. Es kemmen
weſentlich unterſchiedene Gattungen von Lehrſä
tzen vor. Die wahrſcheinlichen Beweiſe ſind auch
nicht aus der Acht zu laſſen, ſondern eben ſowohl
brauchbar, und die moraliſche Gewißheit iſt nicht
unſicherer, als die geometriſche, obgleich iedwede
auf beſondere Art erkannt wird. In der Moral
hat man oft mehr Urſache ſeine Aufmerkſamkeit
darauf zu richten, ob etwas eine Regel ſey, als
darauf, ob es ein Lehrſatz, Zugabe u.ſf. ſey. Weil
die mathematiſchen, oder eigentlicher die logicali
ſchen, Titel der Gedancken und Sätze vielen ver
drüßlich, und vielen nicht ſehr nützlich ſind; ſo ha
be ich die Hinzufügung derſelben lieber den ge
wöhnlichen academiſchen Lehrſtunden vorbchal
ten,
Vor rede.
ten, und an deren ſtatt vielmehr bequeme Summa
rien auf den Rand ſetzen wollen.
Ein gelehrter Mann nimmt, wo er auch nicht
Recht hat, nicht leicht etwas an, darinnen nicht et
was wahres und ſchönes ſtecken ſolte. Dieſes habe
ich aus den Schriften allerley Gelehrten herauszu
ſuchen, und mir zu Nutzen zu machen geſuchet. Die
Bücher ſelbſt aber anzuführen lief wieder meinen
Zweck, daher ſolches nur ein paarmahl an ſolchen
Orten geſchehen, wo mir etwas vorgekommen, das
ich nicht bey andern auch geſunden hatte.
Es hat nicht an meiner Bemühung gefehlet,
mich überall deutlicher Worte zu befleißigen Sol.
teich meinem Vorſatze nicht überall Genüge gelei
ſtet haben, ſo hoffe ich doch, daß die Begriffe eine
wahre Deutlichkeit haben, das iſt geſchickt ſeyn ſol
len, die Sache von allen andern zu unterſcheiden.
Es iſt nicht alles undeutlich, was uns ſchwer vor
kommt, weil die Schwierigkeit auch von der Accu
rateſſe und genauen Einſchränckung der Begrif
fe und Sätze herkommen kann. Die ſcheinbare
Deutlichkeit rühret im Anfange den Verſtand des
Leſers ſtarck, führet ihn aber bey fortgeſetztem
Nachſinnen wiederum in ein Labyrinth der Ver
wirrung. Die wahre Deutlichkeit gelehrter Be
griffe ſcheiner im Anfange Dunckelheit zu ſeyn.
Allein wenn man mur ungefehr zehn Begriffe recht
verſtanden hat, ſo blättern ſich zum wenigſten hun
dert andere dadurch von ſich ſelbſt auf. Wird nun
nicht die angewandte Mühe hierdurch ſattſam ver
golten? Und iſt es nicht billig, lieber anfangs ein
wenig Geduld zu haben, da man nicht Ä MM!
Vorrede,
kann, daß eine gründliche Erkenntniß der Wahr
heit auch ihre Zeit haben wolle?
Vielleicht ſtehet manchen meine Anweiſung ver
nünftig zu leben deswegen nicht an, weil ſie ihnen
gar zu ſcharf, und, wie man gemeiniglich ſaget, zu
theologiſch vorkömmt. Ich habe darauf ſchon
oben geantwortet. Eine Philoſophie, welche den
menſchlichen Laſtern oder Scheintugenden entwe»
der gar ſchmeichelt, oder doch nicht ſehr zuwider iſt,
pfleget freylich angenehmer als diejenige zu ſeyn,
welche Wahrheit enthält. Es wird darauf an
kommen, was ſie mir vor Beweisgründe entgegen
zu ſetzen wiſſen. Wollen ſie mir dieſelben mit
theilen, ſo werde ich, wenn ſie von Erheblichkeit
ſind, und beſcheiden vorgetragen werden, darauf
zu antworten, oder nach Befinden meine Meinung
zu verbeſſern, mich gar nicht entbrechen. Uebri
gens da ich gegenwärtiges Buch bloß zur Beför
derung der Wahrheit und Tugend geſchrieben ha
be, ſo wird es mir angenehmer ſeyn, einen ver
münftigen, als einen weitläuftigen, Beyfall zu er»
langen. Unſer allerheiligſter Geſetzgeber, der Ur
ſprung und unveränderlichſte Liebhaber der Tu
gend, verleihe, daß meine geringe Arbeit, die ich zu
ſeiner Ehre in lauterer Abſicht unternommen ha
be, etwas zur Verbeſſerung der in ſo ſchlechten
Zuſtand verfallenen Menſchen, und zum Baue
ſeines Reiches beytragen möge. Geſchrieben zu
Leipzig an der Oſtermeſſe 1744

Wör
»A. s S $ -
BOL Lede
zur andern Auflage,

egenwärtige andere Auflage meiner


practiſchen Philoſophie, oder An
weiſung vernünftig zu leben, hätte
ich lieber ohne alle Vermehrung abdrucken laſſen,
und dieſelbe dem Leſer wieder völlig ſo in die Hän
de gegeben, wie ſie war, als ſie vor ſieben Jahren
ans Licht trat. Denn nach meiner Ueberzeu
gung fand ich nichts erhebliches, was ich zu än
dern oder zurück zu nehmen Urſache hätte. Die
Abſicht meines Buches aber, davon in der Vor
rede zur erſten Auflage ausführlich Rechenſchaft
gegeben worden, mußte nothwendig mehr die Beys
behaltung der Kürze, als die Erweiterung deſſel
ben, anrathen.

Da ich aber in den gewöhnlichen academiſchen


Lehrſtunden, welche darüber bisher gehalten wor
den, noch auf verſchiedenes gekommen, was der
Gründlichkeit wegen darzu zu gehören ſchien, und
mir bey der erſten Ausarbeitung nicht beygefals
len war, oder was gewiſſer philoſophiſchen Strei
tigkeiten wegen nicht füglich unberühret bleiben
könnte: ſo war es billig, daß von nun an meinen
Herren Zuhörern die Beſchwerlichkeit, ſolches
nachzutragen, erſpahret, und davon, wie bey ans
dern Materien geſchehen, mit wenig Worten ſo
viel eingeſchaltet würde, als Haas ſeyn
Inte/
Vorrede.
könnte, ſich dabey der gehörten Ausführung und
Erläuterung wieder zu erinnern.
Was hiernächſt bey allerley Gelegenheit bis
her von gelehrten Leuten entweder direčte wider
dieſes Buch, oder wider eine und die andere
Wahrheit, welche ich darinnen behauptet habe,
erinnert worden, habe ich zwar keinesweges aus
der Acht gelaſſen. Weil aber die Einwendun
gen gemeiniglich ſich darauf gründeten, daß man
in den übrigen Wiſſenſchaften andere Gründe
annahm, als welche ich zugebe; und gleichwohl
die practiſche Philoſophie unter denenjenigen Büs
chern zuerſt heraus kam, in welchen ich mich be
mühet habe, eine Einleitung in die ſämmtlichen
philoſophiſchen Wiſſenſchaften zu geben: ſo iſt in
meinen nachher herausgegebenen Schriften dar
aufgeſehen worden, daß denen Zweifeln und ſchein
baren Gegengründen gehörigen Ortes Genüge ge
leiſtet würde. Was aber eigentlich in der practis
ſchen Philoſophie ſelbſt zu beantworten und zu er
läutern übrig blieb, das iſt in denen bey dieſer Auf
lage gemachten Zuſätzen ſo weit berühret worden,
als es nothig und der Mühe werth, billigen Leſern
aber hinlänglich, zu ſeyn ſchien,
Hingegen habe ich nicht vor nöthig gehalten,
die Schriften oder Perſonen, worauf ſich dieſe oder
jene Erläuterung beziehet, anzuführen. Bey der
Kürtze, deren ich mich zu befleißigen hatte, würde die
gute Sache der Wahrheit nichts dadurch gewon»
nen haben, ob ſie wohl durch unnöthige Streitig
keiten, und durch die Empfindlichkeit dererjenigen,
die ſich nicht gern perſönlich widerſprechen laſſen,
leicht etwas hätte verlieren können. GW
er
Vorrede,
Wer in den Lehren der practiſchen Philoſophie
eine völlige Einigkeit der Menſchen hoffen wolte,
der müßte ſich das menſchliche Geſchlechte ohne die
9Verderbniſſe vorſtellen, welche wirklich da ſind,
und bleiben werden. So lange es noch Leute ae
ben wird, welche lieber eine leichte, als wahre, Sit
tenlehre haben wollen; welche von ihren Neigun
gen beherrſchet werden, und, durch dieſelben regie
ret, ohne daß ſie es ſelbſt recht innen werden, ſolche
Grundſätze ausdencken oder ergreffen, die denſel
ben ſchmeicheln; und welche hernach auf dieſelben
eine Sittenlehre bauen, welche zwar die Nahmen
der Tugenden beybehält, aber nicht das Weſen
derſelben lehret, noch eine kräftige und unüberwind
liche Verbindlichkeit dazu anweiſet: ſo lange darf
ſich auch kein Verfaſſer einer moraliſchen Schriſt
einen allgemeinen Beyfall verſprechen. Hierzu
kommt noch ein anderes, obwohl leichter zu ertra
gendes, Uebel, nemlich, daß manche irren, oder Jrr
thümer gut heiſſen, ob ſie es wohl nicht böſe meinen,
ſondern nur die Folgen gewiſſer Sätze, welche ſie
billigen, nicht überſehen. Nichts deſto weniger
ſind die Liebhaber der wahren Tugend auch ver
ſichert, daß es ebenfalls zu allen Zeiten eine Menge
Leute geben wird, welche die Wahrheit redlich
ſuchen und annehmen. Es iſt daher auch ſchon
dieſes eine nützliche Abſicht eines Schriftſtellers,
wenn er zum Dienſte derſelben den Grund und
Zuſammenhang wichtiger Wahrheiten vorzuſtel
len ſich bemühet, ob er wohl mit andern, die
unähnliche Gedanken hegen, ſich nicht weitläuf
tig einlaſſen kan.
6 Eben
Vor rede.
Eben dieſes iſt die Abſicht meines vorhabenden
geringen Buches geweſen und ich preiſe die Güte
Gjs, daß dieſbe bis hieher nicht ohne Seegen
geweſen. Was ich darinnen bey dieſer Gelegenheit
zu verbeſſern, oder genauer einzuſchräncken, vor
jöthig befunden, wiewohl ſolches keine Hauptſachen
jen hat, das habe ich, ſo viel mir die Zeit
je Arbeit wieder durchzugehen erlaubet hat, zu
jn nicht unterlaſſen, werde mich auch künftig
jeweigern, wo ich wider Vermuthen noch ger
jhaben möchte, daſſelbe zurückzunehmen, es ſey
nun, daß ich durch eigenes Nachdenken, oder durch
die Erinnerungen und Gedanken anderer dergleichen
jdecke. Die neuen Zuſätze, welche ich hinzuges
han, ſind nur eingeſchaltet worden, ohne die Zah
jerer Paragraphen, zu ändern, um nicht die
Äjegationen derſelben zu ſtören. Goºgle daß
dieſe wiederholte Bemühung, die natürlichen Em
pfindungen des Gewiſſens, wodurch er ſein Geſetz
in unſer Herz geſchrieben, aufzuwecken, und in deut
iche Erkenntniſ zu verwandeln, auch in künftige
nicht ohne Frucht ſeyn möge. Jnſonderheit wün
ſche ich, daß dieſes Buch, oder andere ähnliche
Schjen, durch die Aufklärung des natürlichen
Geſetzes vielen Gemüthern zur Beſtätigung und
Eräuterung der geoffenbarten Religion dienen
möge, welcher die Uebelgeſinnte die ſchuldige Ehr
erbietung nicht verweigern würden, wenn ſie nicht
gewiſſe practiſche Sätze vor vernünftig hielten, die
jn der That unvernünftig ſind. Geſchrieben
Än der Leipziger Michael Meſſe 175 I.
2-e-SS

Vor
FH-53-HH-33 52 999999999
S )-Q & HH-HÖ HWÄS
I =ö=FEFS=FSFE=ZSEESBSZE
Ä?

Vorrede
zur dritten Auflage.

ey der gegenwärtigen dritten Auflage


des practiſchen Theiles meiner phi
loſophiſchen Schriften, welche ohne
gezehlte Theile zu beſtimmen, ein Ganzes,
memlich ein richtig zuſammenhangendes, von
oben herab aus den erſten Gründen der
menſchlichen Erkenntniß, und a poſteriori.
aus der Erfahrung, das iſt, aus Empfindun
gen, welche denen innerlichen oder äuſſerlichen
Sinnen gegenwärtig ſind, oder es leicht ſeyn
können, wenn man nur will, hergeleitetes
Syſtem enthalten, habe ich nichts erhebliches
zum Voraus zu erinnern oder zu empfehlen,
als eben das, was in denen Vorreden zu den
beyden vorigen Ausgaben ſchon ſtehet, daher
ich die geneigten Leſer meiner Schriften nur
bitte, dieſelben durchzugehen, und inſonder
heit die Vorrede zur andern Auflage zu wieder
holen. Aus eben denſelben Gründen, und
völlig nach derjenigen Maaßgabe, welche in
der Vorrede zur zweyten Auflage ſchon be
C 2 ſtim
Vorrede,
ſtimmet iſt, ſind auch in dieſer dritten Auflage
neue, und meines Erachtens ſehr beträchtliche
Zuſätze jetzo darzu gekommen, ohne daß ich
von dem, was in denen vorigen Ausgaben
ſtehet, irgend etwas zurück zu nehmen oder
weſentlich zu verändern Urſache geſunden hätte.
Und warum ſollte ich, da der Irrthum immer
dreiſter hervortritt, und ſowohl die gemeinen
ſittlichen Empfindungen und die natürliche
Sprache des Gewiſſens unkenntlich machen
will, oder ohne richtiges Erklären und Beweis
ſen nur durch einzelne artige, aber gemeinig
lich mangelhafte und groſſentheils falſche Ge
danken, den Witz und das verwöhnte Ge
fühl der zärtlichen und einigen Geſchmack
habenden, aber doch eiteln und nicht auf
den Grund gehenden Menſchen zu vergnügen,
und ſie ſanft einzuwiegen ſuchet, als auch
inſonderheit faſt allenmal darauf umgehet,
dem uns ſo ſchlechterdings unentbehrlichen
und allein unſer wahres Wohl ſchaffenden
göttlichen Worte in der heil. Schrift, Ab
bruch zu thun; warum, ſage ich, ſollte ich
eine ſo bequeme Gelegenheit verſäumen, am
gehörigen Orte etwas nachzutragen, was
dienen kann, die Wahrhit im hellern Lichte
- zu ſehen, und die Gänzen zu bemerken, wo
die
Vorrede.
die auf Empfindungen und Schlüſſe gegrün
dete Erkenntniß Gottes und unſerer Pflich
ten, das iſt, die natürliche Religion, und
die andere Gattung der Erkenntniß göttlicher
Wahrheiten, die nicht weniger, als jene, über
haupt zum urſprünglichen Plan der Schöpfung
gehöret, ihren innern Beſtimmungen nach aber
ſich nach den Bedürfniſſen des gegenwärtigen
verderbten und natürlich unſeligen Zuſtandes
des menſchlichen Geſchlechtes richtet, jedoch von
einem freyen Rathſchluß der Güte Gottes ab
hanget, ganz genuu auf einander paſſen ?
Doch habe ich, um das Buch nicht merklich zu
vergröſſern, die Vorſicht gebraucht, die
Zuſätze, welche ich machen wollte, nur da als
Einſchiebſel dem Terte ſelbſt einzuverleiben, wo
ſie den Gedanken in denſelben mehrere Deter
mination und Deutlichkeit unmittelbar geben
konnten, und doch den Zuſammenhang mit
dem Folgenden nicht ſtörten; hingegen habe ich
Zuſätze anderer Art, welche als eigene Erläu
terungen des im Terte Geſagten angeſehen wer
den konnten, oder worinnen ich gewiſſen wohl
meynenden oder übel geſinnten Gegnern be
gegnen wollte, in Anmerkungen unter den Tert
geſezt, wodurch denn, wegen des kleinern
Druckes, der Raum mehr gewonnen worden.
Sol
Vorrede,
Solche Unterſchiede der Ausgaben meiner
Schriften zu wiſſen, iſt nicht leicht Jemanden
wichtig, der zum Unterrichte oder zum Ver
gnügen dieſelben zu leſen würdiget. Meinen
Herren Zuhörern zu Dienſte aber, welche die
vorige Ausgabe haben, und, was hier hinzuges
kommen, bloß durch eine Vergleichung mit ei
nem Exemplar von der Gegenwärtigen möchten
wiſſen, und das Erheblichſte davon ſich möchten
genau bemerken, oder ins Kürzere gefaßt mach
tragen wollen, erinnere ich nur, daß ſie inſon
derheit folgende §§zu vergleichen haben, ohne
daß ich mich auf genaue Nachſuchung aller Zus
ſätze jezt einzulaſſen Zeit habe, oder es nöthig
finde, nemlich § 161. 64. 179. 22 1. 228.
229.238. 239 ? 537.548. 5 68. 5 72.
5 89. 633.635.636682. Gott wolle ſeinen
Segen über dieſe ſeiner Ehre und ſeinen Abſichten
gewidmete geringe Arbeit ferner walten laſſen.
Geſchrieben zu Leipzig im Junius 1767,

Druckfehler.
S. 206. 1. 13. Liebſonſtigkeit 1. Lebhaftigkeit.
- - 1. 25. nach Erklärung add. der
- 772. I. 16. dieſes durch jenes 1. jenes durch dieſes.
===

De
- Die

TEhelematologieoder

Lehrevonden Kräften
und
- Eigenſchaften des menſch
lichen Willens,
- »
E> **************

Das Capitel,
Von dem Endzwecke der Thele
matologie und dem menſchli
chen Willen überhaupt.
&

%-heich die Anweiſung vernünftig zu le: Was die


ben ſelbſt vor die Hand nehme, ſo iſt Ä*
nöthig, daß ich die Lehre von dem
menſchlichen Willen, als eine Vorbereitung,
voran ſchicke, ohne welche man in dem fol
genden unmöglich fortkommen kan. Denn
da die Anweiſung zu einem vernünftigen Le
ben lauter ſolche Regeln in ſich begreifft, wel
che dem Willen vorgeſchrieben werden, und
welche demnach gröſtentheils von der Be
ſchaffenheit des Willens hergenommen wer
den müſſen, ſo iſt leichte zu erachten, daß
man erſt erkennen müſſe, wie der Wille von
Natur beſchaffenſey und wircke, ehe man
hinlänglich erklären kan, wie derſelbe ſeyn
ſolle. Man kan dieſe Lehre füglich die Thes
lematologie oder Lehre vom Willen nen:
nen, unter welchem Rahmen ich dahero
nichts anders als eine theoretiſche Wiſſen
ſchaft von den Eigenſchaften, Kräften und
Wirckungen des menſchlichen Willens ver
ſtehe. Es iſt demnach die Meinung, daß
wir hier die Urſachen von demjenigen, ſo viel
möglich, aufſuchen wollen, was wir an dem
Willen durch die Erfahrung wahrnehmen, *
ML 2 11
*- -

4 Cap. I Von dem menſchlichen


in der Abſicht, damit man daraus ſowohl
v das gute und böſe beſſer erkennen und beur:
theilen, als auch jenes befördern, dieſes
Warum ſie - d

Ä
handelt glaube, daß hier der rechte Ortſey, dieſe wich:
wird.
tige Materie abzuhandeln. Es iſt zwar be:
kannt, daß viele dieſelbige lieber zur Meta:
phyſic zu rechnen pflegen. Es ſcheinet mir
aber ſolches nicht wohlgethan zu ſeyn, indem
die Metaphyſic alle beſtimmte Schrancken
ohne Zweifel verlieren muß, wenn man in
derſelbigen auch von zufälligen Wahrheiten
handeln darf, von welchen man nicht ver
ſichert iſt, ob ſie nicht in einer andern Welt
anders ſeyn können, und welche man nicht
aus dem nothwendigen Weſen eines Dinges
oder einer Welt überhaupt a priori erkennen
V
kan. Jedoch kan man hierinnen iedwedem
Gelehrten leichtlich ſeine Freyheit laſſen.
§. 2. - -

Was der"
Wille iſt.
Ich verſtehe unter dem Willen die Kraft
eines Geiſtes nach ſeinen Vorſtellungen zu
handeln. Ich meine, der Wille iſt die wir
ckende Urſache, die Vorſtellungen aber ſind
das Modell oder die cauſa exemplaris. Man
handelt aber darnach, wenn man eine vorge:
ſtellte Sache wircklich macht, oder ſich ſolches
zu thun beſtrebet. Durch dieſe Handlung
wird entweder eine Sache allererſt hervorge
bracht, oder ſie wird nur in ein gewiſſes Ver
hältniß gegen uns geſetzet, oder es geſchiehet
beydes zugleich. Auf ſolche Weiſe faſſet mei
Uf
Willen überhaupt. 5
ne Erklärung alles in ſich, was dem Willen,
vermöge des Sprachgebrauchs, zukömmt:
denn das Begehren und Verabſcheuen, in:
gleichen alles daraus herflieſſende Thun und
Laſſen ſchreibet man dem Willen zu. In
allen dieſen Fällen aber iſt es klar, daß eine
Handlung des Geiſtes nach ſeinen Ideen vor:
gehe. Einen Geiſt aber nenne ich hier im Ä
weiten Verſtande eine iedwede Subſtanz, jej
welche Ideen hat, oder, welches bey mirft.
gleichviel iſt, welche dencket. -

- S. 3. -

Ich mache aber ſolchergeſtalt den Begriff Warum der


ſowohl des Geiſtes als des Willess und des Ä º
Denckens weiter als gemeiniglich geſchiehet.weitert wor
Andere verſtehen unter dem Dencken nur die".
Vorftellung abſtracter Begriffe. Der Wil
le aber iſt bey ihnen ebenfalls nur die Kraft
nach abſtracten Begriffen zu handeln, wel:
chen ſie der ſinnlichen Begierde entgegenſe
zen. Und nur dieienigen Subſtanzen nen
nen ſie Geiſter, welche die Wahrheit mit
Bewuſtſeyn und deutlicher Unterſcheidung
erkennen. Ich habe aber folgenden Grund,
dieſe Begriffe zu erweitern. Es iſt ſehr viel
daran gelegen, daß man dasallgemeine We
ſen, welchesalle Subſtanzen, welche die Fä- -
higkeit haben, ſich etwas vorzuſtellen, und
nach ihren Vorſtellungen zu handeln, ge:
meinſchaftlich beſitzen, wohl erwege und vor
ſich betrachte, indem die thieriſchen Seelen
und die eigentlich ſogenannten Geiſter nur
Al 3 beſon
sº Cap. I Von dem menſchlichen
beſondere Gattungen ausmachen, in denen
dieſes allgemeine Weſen angetroffen und
nur immer anders determiniret befunden
wird; welche Determinationen aber man
ohne die Erkenntniß des gemeinſchaftlichen
Weſens, welches ihnen allen zukömmt, und
wodurch ſie ſich von der Materie unterſchei:
den, nicht gründlich erklärenfan. Weil ich
nun keine bequemere Benennung darzu ſin
de, und die obigen unterſchiedenen Benen
- nungen ſelbſt daher entſprungen zu ſeyn ſchei:
nen, weil man auf das gemeinſchaftliche We
ſen derſelben nicht gnugſam Acht gehabt hat;
ſo halte ich vor das dienlichſte, lieber die
, , damit verknüpften Begriffe zum Behuf der
Erkenntniß der Wahrheit zu erweitern.
Gegenwärtige Anmerckung wird ſchon hin
länglich ſeyn, allen Misverſtande vorzubeu
gen. Ich laſſe übrigens iedwedem ſeine
Freyheit, ob er meiner Beſtimmungerwehn
ter Begriffe folgen will, wenn er nur erken
net, daß es im gegenſeitigen Falle auf ei
nenbloſſen Wortſtreit hinauslauffen würde.
Man wird leichte verſtehen,daß ich nach mei
Es giebt ed nen Begriffen die Geiſter in edlere und un
Äedere, vernünftige und unvernünftige ein:
ſtet, theile, und in den Gattungen des Willens
gleichfalls mancherley gar ſehr unterſchiede:
ne Stuffen der Vollkommenheit ſetze,
S. 4.
# Geiſter Alle Geiſter müſſen einen Willen haben.
Ä2N. .
Denn wenn ſie keinen haben, ſo können ſie
nach
Willen überhaupt. , 7
nach ihren Vorſtellungen garnicht handeln,
und mithin ſind dieſelben weder ihnen noch
andern Dingen etwas nütze, ſondern ganz -
vergeblich. * Es iſt aber der Vollkommen:
heit GOttes ſchlechterdings entgegen, etwas -

ganz unnützes und vergebliches zu erſchaffen.


§. 5.
Ein iedwedes Wollen ſehet die Vorſtelº Ä
lung derienigen Sache im Verſtande voraus,jej
welche wir wollen, und inſoweit hanget dieder Sache
Möglichkeit etwas zu wollen allezeit von"
dem Verſtande ab, welcher zuvor die darzu
gehörigen Vorſtellungen dencken muß.Denn
man würde ſich ſonſten ſelbſt wiederſprechen.
§. 2. Und dieſes iſt der wahre Verſtand
des bekannten Satzes, daß der Wille an ſich
ſelbſt eine blinde Kraft ſey, deren Daſeyn
und Wirckung ohne einen Verſtand und
ohne die Vorſtellung der gewollten Sache,
ganz unmöglich und wiederſprechend wäre.
Dem ungeachtet aber iſt der Wille in Ä
allen endlichen Geiſtern eine beſondere und Äuj.
von dem Verſtande unterſchiedene Grund. Ä. Ä
kraft, oder wenn man ganz genau reden jedj
will, ein Inbegriff beſonderer Grundkräf Grundai
te, welche man wegen ihres gemeinſchaftli:
chen Weſens unter einen Nahmen zuſam:
men ſaſſet und den Willennennet, gleichwie ,
- A 4 Unan

" Eben deswegen muß auch der Wille die herrſchende


Kraft in einem Geſte ſenn , welches jedoch wohl
verſtanden werden muß. S. die Metaphyſ. $. 454.
/
-

8 Cap. I Von dem menſchlichen


man die Grundkräfte, welche die Erkennt:
niß der Wahrheit möglich machen, ebenfalls
mit einem Nahmen den Verſtand nennet.
Ich behaupte ſolches mit gutem Bedachte
nur von den endlichen Geiſtern. Denn in
GOtt gebe ich nicht mehr als eine einzige
wahre Grundkraft zu, nemlich die unend:
liche Kraft, welche ſchon vermöge ihres Be
griffes die Fähigkeit zu allen nur möglichen
Handlungen in ſich faſſet, daher der göttli
che Verſtand und Wille nichts anders als
nur unterſchiedene Actionen oder Thätigkei:
/
W
ten und Fähigkeiten der unendlichen Kraft
Wie die ſind. In den endlichen Dingen aber kön
Grundkräfte
beſtimmtet nen wir gar keinen andern Begriff von einer
werden müſ Grundkraft haben, als daß ſie die Mög
ſen. lichkeit einer gewiſſen nächſten Wirckung iſt,
aus welcher das übrige muß verſtanden wer:
deu können, und welche hingegen nicht ſelbſt
wiederum eine Folge, auch nicht einTheil ode:
Umſtand einer andern Kraft deſſelben Din
ges iſt, Metaph. §. 73.2c. Und indem ich
ſage, das übrige, was man einer Grundkraft
auſſer der nächſten Wirkung zuſchreibet, müſ
ſe aus dieſer letztern verſtanden werden kön:
nen, ſo iſt wohl zuzuſehen, daß es daraus nicht
etwan nur als aus einem Generalbegriffe
ſubſumiret, ſondern daßes wircklich, als eine
daraus flieſſende, und dadurch verurſachte
Folge, cauſaliter hergeleitet werde. Denn
wollte man auch die Möglichkeit einer ent:
fernten oder zuſammengeſetzten Wirkungeine
vor
>
willen überhaupt. 9

eine Grnndkraft geltenlaſſen, ſo würden in


der Naturlehre die größten Ungereimtheiten
daraus folgen, und man würde in der That
keine Grundkraft, ſondern nur die Wirckung:
ſelbſt angegeben, und dieſelbe mit dem allge»
meinen Begriffe einer Kraft unter ein ge
meinſchaftliches Wort zuſammengenommen
haben. Man darf ſich auch gar nicht bange
ſeyn laſſen, als ob die Einfachheit der menſch Ä -

lichen Seele dadurch in Gefahr kommen Ä Ä


würde, wenn man in derſelben mehr alscht inÄ
eine Grundkraft glaubet. Denn wenn man Äte
ſaget, die Seeleſey eine einfache Subſtanz, haben.
ſo meinet man nichts anders, als daß ſie
nicht aus andern Subſtanzen zuſammen
geſetzet ſey. Ob ſie eine oder mehr Kräfte
habe, davon iſt hier gar die Frage nicht, und
wenn ein endliches Ding zu mehr als einer
Wirckung geſchickt ſeyn ſoll, ſo muß es mehr
als eine Grundkraft haben, welches aber kei:
ne Zuſammenſetzung der Subſtanz, obwohl
eine Verbindung vieler Eigenſchaften, mit
ſich bringet. Man laſſe ſich auch den Satz
nicht unglaublich vorkommen, daß in ganz
einerley Puncte gar viele jaunzehlige, Kräf- - -
te, welche allerſeits die ganze Subſtanz
durchdringen,beyſammenſeynkönnen. Denn
es lieſſen ſich aus der Naturlehre mit leichter
Mühe viele Erempelſammlen, da man aus
genſcheinlich wahrnimmt, daß ſelbſt in der
Materie unterſchiedene Bewegungskräfte
in ganz einerley Punctebeyſammen ſind.
A 5 § 7.
-
10 Cap, von dem menſchlichen
§. 7.
Ä Ich erweiſe aber meinen Satz, daß der
Ä Wille eine von dem Verſtande ganz unter
Kraft ſep ſchiedene Grundkraft in den Geſchöpfen ſey,
folgendergeſtalt. Wir ſind uns bewuſt, daß
Dencken und Wollen ganz unterſchiedene
Sachen ſind, und deren eines ſich auch aus
dem andern gar nicht verſtehen läßt, wenn
man nicht eine beſondere Kraft, das Gedachs
te wircklich zu machen, hinzu nimmt. Mit
hin treffen wir in dem Verſtande die Kenn-,
zeichen gar nicht an, um welcher willen wir
ihn vor die zureichende Urſache des Wol:
lens halten könten, ob er wohl bey allem
Wollen als ein unentbehrlicher Grund der
Möglichkeit nothwendig vorausgeſetzt wird.
§. 5. Wenn gleich in dem Verſtande eine
Bemühung nach neuen Gedancken ange
nommen wird, ſo kan doch daraus niemals
etwas anders als wiederum eine Gedancke
begriffen werden, keinesweges aber ein Bez
ſtreben das Gedachte auch hervorzubringen,
wenn man nicht eine neue Kraft hinzufüget.
Man betrüget ſich nur leichte, wenn man “
nicht bemercket, daß diejenige Einrichtung,
vermöge welcher eine Gedancke eine andere
veranlaſſet oder erwecket, welches die Einbil
dungskraft thut, deswegen nicht einerley iſt
mit dem Beſtreben das Gedachte wircklich
zu machen, und darinnen der Gedancke als
dem Modell oder der cauſae exemplari zu
folgen, Metaphyſ § 446. Sollte das
LM3
Willen überhaupt. 11

Dencken eine zureichende Urſache von dem -


Wollen ſeyn, und alſo die Annehmung einer
denckenden Kraft in einem Geiſte einen zu
reichenden Grund abgeben, auch von dem
Willen deſſelben, und deſſen Eigenſchaften
- und Wirckungen Rechenſchaft zugeben: ſo
müßte das Wollen nur eine Gattung vom
Dencken ſeyn; oder Dencken und Wollen
müſtenbloß Dingeſeyn,welche der Direction
oder dem Grade nach unterſchieden wären;
oder es wüſte von einer einzigen Grundkraft
das eine vermittelſt des andern können her
vorgebracht werden. Es findet aber keiner
von alle den angegebenen Fällen ſtatt. Denn
daß das Wollen keine Gattung vom Den- -
cken ſey, deſſen ſind wir uns bewuſt. Es
wird es auch niemand ſagen. Daß ſie auch
nicht bloß dem Grade nach unterſchieden -
ſind, iſt daraus unleugbar, weil wir ſonſt bey
einem gewiſſen Grade der Lebhaftigkeit der
Gedancken alle gedachten Dinge müſtenwols
len können, welches der Erfahrung ganß zu
wieder iſt. Sie ſind auch nicht etwan bloß
der Richtung nach unterſchieden. Denn
wir können das Dencken und Wollen einer
Sache noch ganz genau von einander unter
ſcheiden, wenn auch gleich beydes mit ganz
einerley Object beſchäftiget iſt. Ob wirz. E.
gleich dasjenige wollen, worinnen wir eine
Vollkommenheit wahrnehmen, oder wahrzu
nehmen vermeinen, ſo iſt doch die Gedancke,
daß eine Vollkommenheit darinnen sº U
12 Cap. i von dem menſchlichen
lichſey, mit dem Wollen deſſelbigen gar nicht
vor einerley zu halten, ob ſie ſchon verbunden
ſind; wiedenn niemand behaupten wird, daß
verknüpfte Dinge deswegen vor einerley zu
achten ſind. Daß aber das Wollen ſich aus
dem Dencken ohne Hinzunehmung einer
neuen Kraft nicht verſtehen laſſe, iſt deswe
gen unleugbar, denn es wäre in der Wir
ckung mehr als in der Urſache. Und damit
iſt es aus demſelbigen noch gar nicht herge
leitet, daß man nur die Redensart brauchet,
aus der Vorſtellung des Vollkommenen ent
ſtehe die Bemühung nach dem Beſitze deſſel
bigen und nach der Vereinigung mit ihm.
Es bleibet alſo, wenn wir der Vernunft fol
gen wollen, nichts übrig, als daß wir ſagen,
der Wille ſey eine beſondere Grundkraft.
Und wenn man dieſes nicht einräumen, ſon:
dern geſtatten wollte, daß man nur die zu
erklärende Sache als die Wirckung mit dem
allgemeinen Begriffe einer Kraft unter ein
Wort zuſammen faſſen, und nachdem man
daſſelbige einem andern Dinge als eine Ei
genſchaft beygelegt hätte, vor die Erklärung
der Urſache des letztern ausgeben dürfte, es
möchte ſich nun daraus begreiffen laſſen oder
nicht, es möchte ſich auch der Zuſammenhang
deſſelben durch andere Schlüſſe darthunlaſ
ſen oder nicht, welches in unſerm Exempel
gewiß nimmermehr geſchehen kan; ſo würde
es leicht ſeyn, in der Naturlehre alles aus
allen zu erweiſen und herzuleiten. Die ganz
ze

Willen überhaupt. I3

ze Wiſſenſchaft würde dadurch zum Geſpöt


te werden. Den Abergläubiſchen aber und
den Vertheidigern der ſeltſamſten Hirnge
ſpinſte würde man dadurch die Waffen in
die Hände geben. Metaphyſ§73. Uebri
gens enthalte ich mich mit Fleiß, auch den
Saß beſonders darzuthun, daß das Wollen
keine zureichende Urſache des Denckensſey,
und daß alſo auch auf dieſe Weiſe alle beyde
aus einer Grundkraft unmöglich verſtanden
werden können. Denn er iſt weines Erach
tens ſo klar, daß niemals ein Streit darüber
entſtehen wird,
- § 8.
Wenn das Wollen dasjenige auch in der Was ein
That wircklich macht, worauf es gehet, Ä und
oder wenigſtens dasjenige beyträgt, was es Ä Ä
darzubeytragen kan, ſo heißt es ein kräfti
ges, auſſerdem aber, wenn das letztere nicht
geſchiehet, ein unkräfriges Wollen.
9. -

Dasjenige Wollen, welches auf etwas ge: WasBegeh


richtet iſt, das damit übereinſtimmet, und Ä
dadurch wir demnach etwas, das noch nicht abſcheuen iſt
iſt, wircklich zu machen oder inſonderheit ei- -

ne Vereinigung deſſelben mit uns hervorzu:


bringen bemühet ſind, heiſſet, wiefern man
es noch als eine Action innerhalb dem wol
lenden Geiſte betrachtet, ein Begehren:
hingegen wird es ein Verabſcheuen ge
nennet, wenn es auf etwas gerichtet iſt, das
damit nicht übereinſtimmet, und "Ä
€ 13
14 Cap I Von dem menſchlichen
demnach die Wircklichkeit der Sache zu ver
hindern oder inſonderheit die Vereinigung
mit derſelben hinweg zu ſchaffen in Bemü
hung ſind. Von beyden iſt noch ein anderes
Beſtreben unterſchieden, da man das Ge
wollte auch auſſerhalb der Seele zu bewerck
ſtelligen ſuchet. Das Begehren oder Ver
abſcheuen iſt der Grund und die wirckende
Urſache davon. Unterdeſſen da man beyder
ley Thätigkeiten des Willens das Wollen
oder Nichtwollen einer Sache nennet, ſo
werden ſie zuweilen miteinander verwirret.
IO.

Was der Wir können etwas entweder ſchlechter


vorherge dings oder unter gewiſſen Bedingungen
hende und wollen, daher man das Wollen in ein be
nachfolgen
de Wille iſ-dingtes und unbedingtes (voluntatem ordi
natam & abſolutam) eintheilen kan. Wenn
man etwas unter gewiſſen Bedingungen
will, ſo heißt dieſes Wolleu, inſofern, wie
fern man noch nicht weiß, ob die erſorder
ten Bedingungen ſtatt finden werden oder
nicht, oder zum wenigſten wieferne man
noch nicht darauf Acht hat, ob dieſelben vor
handen ſeyn werden oder nicht, der vor
hergehende Wille. Wenn man ſich aber
hernach wircklich determiniret etwas zu thun
oder zu laſſen, in Betrachtung daß die er:
forderten Bedingungen da ſind oder nicht,
ſo wird ſolches der nachfolgende Wille
genennet. Es verſtehet ſich daraus von ſich
ſelbſten, daß der nachfolgende und vorherr
gehen?
Willen überhaupt. . 1
gehende Wille einander unähnlich ſeyn kën
nen, ingleichen daß dieſer Unähnlichkeit uns -“

geachtet der vorhergehende Wille ein ernſt- -


licher und kräftiger geweſen ſeyn kan. Man
kan nemlich eine Sache im Ernſte wollen,
und ſie kan etwas ſeyn, welches, wenn es er
folget wäre, unſerm Begehren würde gemäß
geweſen ſeyn, und uns vergnüget hätte.
Man kan auch zur Beförderung derſelben
dasjenige beygetragen haben, was nach Be
finden der Umſtände beygetragen werden
konte, oder ſolte § 8. Weil aber dieſes
Wollen an eine Bedingung verknüpfet war,
ſo vollziehet man daſſelbe hernach deswegen
nicht, weil die erforderte Bedingung nicht
zu Stande gekommen.
§ II.
Die Fähigkeit des Willens das Gewollte Was das
auch in der That ins Werck zu ſetzen heiſ Ä
ſet ſein Vermögen. Daher hat der Wille iſt
eines Geiſtes ein unendliches Vermögen,
wenn er alles, was ſich der Geiſt vorſtellet,
auch wircklich machen kan. Wenn nun der Was einun
Geiſt auch über dieſes einen unendlichen Än
Verſtand hat, wie denn allerdings keine Art deſſelben iſt,
der Unendlichkeit einer Subſtanz von der
andern in der That abgeſondert werden kan,
ſo heißt er allmächtig.
V § I 2.

Hingegen hat der Wille desjenigen Gei: Ä


ſtes ein endliches Vermögen, welcher ſich Ä
nicht alles mögliche vorſtelleu kan, ingeis ermögen
chen hat.
16 Cap. I Von dem menſchlichen
chen welcher nicht alles vorgeſtellte durch ſein
- Wollen wircklich machen kan. Beydes ge:
, ſchiehet ſonderlich dadurch, wenn ſowohl das
Denckenals Wollen in demſelbigen angewiſ
ſe andere beywirckende Urſachen und Um
ſtände als an Bedingungen verknüpft iſt.
Alle dieſe Arten der Endlichkeit finden ſich
Wenn man an dem menſchlichen Willen. Wenn das
Ä Ä Object des Wollens, welches man betrachtet,
auch ſelbſt ein Willenszuſtand iſt, nemlich
eine gewiſſe kräftige Abrichtung unſerer wol
lenden Kräfte, zu deren Hervorbringung
aber die wirckende Thätigkeit noch keine hin
längliche Urſache iſt; ſo kan man deswegen
ganz richtig ſagen, daßjemand etwas nicht
wollen könne, über welche Redensart ſich
einige ohne Urſache aufhalten.
- - I 3.

Ä. Dasjenige was ein Geiſt will, kanman


Ä in dem weiteſten Verſtande eine Abſicht
Ä oder Endzweck nennen. In der engern
“ Bedeutung aber verſtehet man unter einem
Endzwecke nur etwas, was man mit Be:
wuſtſeyn und deutlicher Erkenntniß will.
So oft ſich ein Geiſt nach einem Endzwe:
cke beſtrebet, ſo kömmt bey dem Beſtreben
deſſelbendreyerleyzu unterſcheiden vor. Es
muß zuvörderſtein wirckſames Wollen vor
handen ſeyn, welches die wirckende Kraft
iſt, welche ſich nach etwas bemühet. Ich
Ä, will
ſubjectiviſché dieſelbe den ſubjectiviſchen Zweck
Ej nennen. Es wird ſich im folgenden zeigen,
daß
Willen überhaupt. 17
daß man ſich hin und wieder in nicht ge
ringe Schwierigkeiten verwickelt, wenn man
in Zergliederung der Umſtände, welche bey
dem Beſtreben nach einem Endzwecke vor:
kommen müſſen, dieſen Begriff nicht deut
lich genug bemercket und von den andern
abſondert. Denn von dem Unterſchiede der
ſubjectiviſchen Zwecke hanget das unterſchie
dene Formale der menſchlichen Thaten ab,
und ohne genaue Bemerckung des Begriffes
von dem ſubjectiviſchen Endzwecke entſtehen -
Circkel in der Erklärung und in dem Be
weiſe moraliſcher Sachen. Ferner muß ei
negewiſſe Sache gedacht werden, nach wel:
cher man ſich bemühet, welche der objecti- Ä*
viſche Endzweck genennet wird. End. Endjeck iſt.
lich muß ein gewiſſes Verhältniß derſelben
Sache gegen den wollenden Geiſt gedacht
werden, welches er zu bewerckſtelligen ſuchet,
und um welches willen er die Handlung un
ternommen, welches der formale End: Was defon
zweck heiſſet. Z. E. Als Alexander den Ä *
Feldzug wieder die Perſer vornahm, ſo war
das Perſiſche Reich der objectiviſche Zweck.
Der formale Zweck war, daß er daſſelbe un
ter ſeine Bothmäßigkeit bringen und beherr
ſchen wolte. Die Herrſchſucht Aleranders
aber war der ſubjectiviſche Zweck. Derjeni
ge Zuſtand des Geiſtes, da das gewollte Ob
jeet in derjenigen Vereinigung mit ihm ſte
het, welche er wünſchet, heißt in weitem Ver:
ſtande der Genuß deſſelbigen. In dergern
en: Genuß
Was der
- B iſt.
-

s Cap. wondºmmenſhchen
gern Bedeutung wird zum Genuſſe auch
noch erfordert, daß man ſich der gewünſch
ten Vereinigung mit dem Objecte deutlich
und mit Ueberlegung bewuſt ſey, welches
-
man den vernünftigen Genuß nennen
kan, und deſſen dannenhero nur die edlern
Ä ÄGeiſter fähig ſind.So ofte derowegen der
je “ formale Endzweck in einer gewiſſen ge:
Ä *wünſchten Vereinigung mit einem Objeete
beſtehet, ſo kan man ſagen, daß der Genuß
der Sache der formale Endzweck der Hand
lung ſey. Es kan aber der formale End
- zweck auch in der Hinwegſchaffung des Ob:
jeetes beſtehen. Dahere beſtehet er alsdenn
nicht in dem Genuſſe der Sache, ob er gleich
die daher vor ihn erwachſenden Folgen zu
genieſſen wünſchet; woraus man ſiehet, daß
der formale Endzweck und der Genuß der
Sache nicht durchgängig einerleyſey. Z. E.
Als der König Ptolemäus Dionyſius den
Pompejus enthaupten ließ, ſo wird niemand
ſagen, daß er den Tod des Pompejus genieſ
ſen wollte; aber die guten Folgen wünſchte
er zu genieſſen, welche vor ſein Land daher,
, wie er glaubte, erwachſen würden.
§ 14. - -

Was ein. Wenn nun ein Geiſt, um ſeine Abſicht


Ä zu erreichen, gewiſſe andere beywirckende
ierleyes iſt. Urſachen vonnöthen hat, ſo muß er in die:
- ſelben wircken und ſie zu ſeiner Abſicht ge
hörig richten können, dafern die letztere er:
folgen ſoll. Eine dergleichen beywirckende
Ur
Willen überhaupt. 19
Urſache, welcher ſich ein Geiſt bedienet, und
dieſelbe, um ſeine Abſicht zu erreichen, zu
derſelben abrichtet, dergeſtalt, daß er zu dem
Gebrauche derſelben durch das Verlangen
nach dem Endzwecke angetrieben wird, heiſ -
ſet ein Mittel. Die beywirckende Urſache Was das
ſelbſt nenne man das materiale Mittel. Ä-
Die Art der Thätigkeit und des Gebrauches Mittel iſt.
aber, welche der Geiſt verrichtet, indem er
ſie zu ſeiner Abſicht richtet und anwendet, -

machet das formale Mittel aus. Z. E. -

Zu dem Zwecke gelehrt zu werden ſind die


Bücher ein materiales, das Studiren aber
und der rechte Gebrauch derſelben das fort
male Mittel. Es iſt aber zu mercken, daß
ein Geiſt auch alsdenn, wenn er an ſich
ſelbſt gnugſame Kraft beſitzet, ſeinen End
zweck unmittelbar zu bewircken, ſich dennoch
willkührlich gewiſſer Mittel bedienen könne,
§ 1 .
Es iſt möglich, daß man einen Endzweck Was ein
um eines andern willen wollen kan, da denn Ät.
jener der mittlere Endzweck, dieſer aber
der fernere Endzweck genennet wird.
Der mittlere Endzweck wird dannenhero in
ſofern als ein Mittel des fernern Endzwe
ckes angeſehen werden müſſen. Jedoch hat
man die mittlern Endzwecke, welche bloß Wie der
in relativiſcher Betrachtung in Anſehung Äs
eines fernern Endzwecks Mittel genennet von dem
werden müſſen, nicht mit denenjenigen vor ſº
einerley anzuſehen, # überhaupt und ſchieden iſt.
-
2. tyrem
ao Cap.I Von dem menſchlichen
„ ihrem ganzen Weſen nach nichts anders als
bloß und allein Mittel ſind. Es iſt ſolches
aus den Erklärungen des Endzwecks und
Mittels leicht abzunehmen. Nemlich, ein
Endzweck iſt etwas, das wir wollen. § 13.
Ein Mittel aber, was wir als eine beywire
- ckende Urſache eines Endzweckes wollen upd
gebrauchen. § 14. Demnach iſt dasjenige
- ein bloſſes Mittel, an welchen uns an und
vor ſich ſelbſt gar nichts gelegen iſt, und
deſſen wir lieber überhoben wären, wenn
wir den Zweck ohne daſſelbe erlangen kön
ten. Dasjenige aber, woran uns auch vor
ſich ſelbſt etwas gelegen iſt, welches wir
aber doch jetzo um eines ferneren Endzwecks
- willen anwenden, iſt ein mittlerer Endzweck,
in welchem alſo die Natur des Zweckes und
des Mittels zuſammen kömmt. Z. E. Bey
einem Bothen iſt die Reiſe, die er thut, ein
bloſſes Mittel, bey demjenigen aber, welcher
gern reiſet, oder ſich eine Bewegung ma
chen will, iedoch iezo die Abſicht hat, einen
. Freund zu beſuchen, iſt dieſelbe ein mittle
rer Zweck. Wenn man einen Endzweck
bloß und allein um ſein ſelbſt willen, nicht
Wa-in, aber um eines andern Endzweckes willen
º *verlanget, ſo will ich ſolchen einen abſolu
ten Endzweck oder einen letzten Zweck
nennen. Es kan deswegen etwas, was ein
letzter Zweck iſt, gleichwol von demjenigen,
was in einem Generalbegriffe ausgedrückt
wird, den man auch als einen letzten
-
-
Zweck
Willen überhaupt, 21.

Zweck anſiehet, ein Theil oder eine Species


ſeyn. Denn hierdurch wird es ihm noch
weder als ein Mittel, noch als ein mittlerer
Endzweck ſubordiniret. Z.E. Die Glückſe -
ligkeit der Frommen kan ſelbſt als ein letzter
ZweckGOttes angeſehen werden, und ſie iſt
auch ein Theil von dem letzten Zwecke GOt
tes an den Geſchöpfen ſeine Eigenſchaften -
zu offenbahren. Hingegen die Verdamm
niß der Gottloſen iſt kein Endzweck GOttes,
geſchweige denn ein letzter Zweck, weil ſie
GOtt gar nicht um ihrer ſelbſt willen ver
langet, oder darinnen irgend ein Object ſei
ner Grundverlangen und ſeines Vergnügens
antrifft, ſondern dieſelbe nur theils eine un
ausbleibliche Folge ſeinerGerechtigkeit, theils
ein Mittel zu andern Endzwecken iſt.
§ 16.
Wir können viele Endzwecke mit einan-Was der
der verbinden und zugleich zu befördern ſu.Ä.
chen. Wenn nun der eine darunter alſo Ä
beſchaffen iſt, daß wenn er hinwegfiele, man Äe
auch die übrigen fahren laſſen würde, welj“
ches hingegen umgekehrt von dieſen nicht
gilt, ſo wird jener der Hauptzweck, dieſer
aber der Webenzweck genennet. Iſt
hingegen die Sache alſo bewandt, daß, un:
geachtet der eine hinwegfiele, wir dennoch
den andern noch ſuchen würden, ſo ſind es
coordinirte Endzwecke geweſen.
B 3 § 17.
22 Cap.I Von dem menſchlichen
Was ſub § 17.
Ä Wenn man den einen Endzweck zur
jejd. Richtſchnur machet, wiefern man den ans
dern ſuchen will, ſo wird der letztere ein
ſubordinirter Endzweck des erſtern ge
nennet. Es giebt demnach zweyerley Art
der Subordination, vermöge welcher die
Endzwecke einander unterworffen werden
Die roſte können,
Und negative ...:
erſtlich die poſitive Subordina
- -

Ätion, wenn man ſich vornimmt, den einen


tion
ben-
derſel-Endzweck
Mittel desinſofern
andernzuabgeben
ſuchen,kan,
wiefern
zumer an
ein

dern die negative Subordination, wenn


man den einen Endzweck nur in ſofern zu be
fördern ſuchet, wiefern der andere dadurch
nicht gehindert wird.
I8.
Ä" Derjenige Endzweck, welche ºr am
Ä. ſtärckſten verlangen, wird der höchſte oder
herrſchende Zweck genennet. Er iſt dan:
Er iſt entwe-nenhero entweder nur Vergleichungsweis
Äſe der höchſte, wenn wir ihn nur beſtiger
oder ſchlech- als die übrigen verlangen, welches wieder:
ĺ"
Dochfte. um entweder nur auf dieſe Art geſchiehet,
- - - -- - -

daß wir ihn ſtärcker als einen jedweden un:


ter den übrigen Endzwecken verlangen, oder
daß uns an ihm auch mehr als an allen
übrigen zuſammen genommen gelegen iſt.
Oder er iſt ein ſchlechterdings höchſter
Zweck, wenn ihm alle übrigen mit Bewuſt
ſeyn und Ueberlegung ſubordiniret werden,
ſie mögen ihm nun mit der poſitiven oder
- negati.
_

WOillen überhaupt. 23

negativen Subordination unterworffen wor


den ſeyn. - -

§ I9.
Ich habe vorhin gedacht, daß ſich ein Es giebt
Geiſt zu Erreichung ſeiner Abſichten Mit-Ä
tel bedienen könne, welche er zu Bewerck-hen, welche
ſtelligung derſelben abrichtet, und zu deren ºd
Gebrauche er durch das Verlangen nach
ſeinem Endzwecke angetrieben wird. Man
muß aber dabey eing Nenck ſeyn, daß es auſ
ſer den Mitteln auch aoch eine andere Art
beywirckender Urſache gebe, welche der wol
lende Geiſt nicht ſelbſt abrichtet, ſondern
welche ſich vermöge der von GOtt gemach
ten Einrichtung der Dinge von ſich ſelbſt
und ohne allererſt abgerichtet zu werden, mit
ſeinen Handlungen verbinden, ja deren
Richtung oder Verhinderung auch wohl
ſeiner Macht gar nicht unterworffen ſeyn
kan. Z. E. Wenn wir geſchwinde gehen,
oder Treppen ſteigen, ſo fängt der Puls an
geſchwinder zu ſchlagen. Dergleichen bey:
wirckende Urſachen, welche ſich ohne Abrich:
tung mit unſern Handlungen verbinden,
können dieſelben entweder befördern oder
verhindern, oder dieſelben gar nichts ange:
hen. Man hat ſich aber zu hüten, daß man -
ſie, im Fall ſie dieſelben befördern helfen,
nicht mit den Mitteln vernwirre. Nemlich
ſie ſind weder Mittel ihrem Urſprunge noch
ihrer Wickſankeit nach, ob man wohl, nach:
dem man dieſelben einmal wahrgenommen,
B 4
-
24 Cap von dem menſchlichen
ſich darnachrichten, und die vortheilhafte
Einrichtung anderer Umſtände nach denen
ſelben zu einem Mittel machen kan.
§ 2o."
Ä Ä. Wenn wir dem allgemeinen Weſen des
Ä Willens ein wenig nachſinnen, ſo laſſen ſich
richtuÄi mancherley Unterſchiede a priori als mög
# Ä lich überſehen, welche GOtt in der Einrich
ns moglichtung des Willens ſeiner Geſchöpfe anbrin
nd. gen kan. Es iſt möglich, daß GOtt den
- Willen endlicher Geiſter alſo einrichtet, daß
dieſelben nicht alle an ſich mögliche Abſich
ten wollen können. Wir ſehen z. E. daß
die eine Art von Vieh lieber verhungert, ehe
ſie das Futter des andern fräſſe, und wir
haben vor vielen Dingen einen unüberwind
lichen Eckel, worzu andere Thiere eine eben
ſo ſtarcke Begierde haben. Ferner kan der
Wille der Geiſter alſo beſchaffen ſeyn, daß
ſie manche Abſichten nothwendig entweder
ſtets oder unter gewiſſen Bedingungen wol
len müſſen. Endlich kan auch die Verfaſ
ſung alſo ſeyn, daß, wenn ein Geiſt dieſes
oder jenes kräftig will, § 8. ſolches nicht an
ders angehet, als daß er zugleich gewiſſe
andere Wirckungen, die zu ſeiner jetzigen
Abſicht nicht mit gehören, verurſachen muß.
Z. E. wenn wir ſcharf nachſinnen, ſo ſehen
wir zugleich die Lebensgeiſter im Gehirne
in eine ſtarcke Bewegung, pflegen auch die
Theile des Geſichtes in eine ganz andere
Sage zu ſetzen. Ja faſt in den meiſten Bege
benhei
z Willen überhaupt. 25

benheiten verurſachen die innerlichen Thaten


der Seele zugleich ſolche äuſſerliche Verän
derungen, daran man ſie erkennen, und ab
nehmen kan, wie einem zumutheſey.
- § 2 I.
Es ſind ferner in einem endlichen Willen Fortſetzung.
unterſchiedene Grade der Heftigkeit des
Wollens möglich. Es läßt ſich auch den
cken, daß äuſſerliche oder innerliche Urſachen
den Grad des Wollens erwecken und ver:
mehren, und im Gegentheil auch ſchwächen
und verhindern können. Noch weiter kan
man auf die Gedancken kommen, daß man
che Geiſter die Vollkommenheit beſitzen kön
nen, daß ſie zu eben der Zeit und bey eben
den Umſtänden, da ſie etwas wolten, das
Wollen auch hätten unterlaſſen oder ihren -
Willen auf etwas anderes richten können.
Ich ſage, dergleichen Kraft läßt ſich als
möglich dencken. Denn man wird bey ge
nauer Ueberlegung allezeit wahrnehmen, daß
die Begriffe, welche wir darinnen ſetzen,
einander nicht wiederſprechen, welches ſchon
genug iſt zu behaupten, daß es der göttli
chen Allmacht auch in der That möglich ſey
dergleichen zu erſchaffen, obgleich in der Art
und Weiſe, wie es mit ihren Thaten zuge
het, noch allezeit etwas Unbegreifliches blei
ben muß, welches auch gar nicht zu ver
wundern iſt. Endlich läßt ſich auch noch
dieſes dencken, daßvielleicht aus einem Wols
len ſich ein anderes oder auch gar vieles an
B 5 dere
, 26 Cap. I Von dem menſchlichen
dere Wollen erzeugen könne. Wir müſſen
dahero Achtung geben, ob und mit was vor
Umſtänden die angegebenen möglichen Fälle
“ an dem menſchlichen Willen, mit welchem
wir hier eigentlich zu thun haben, ſtatt fin
- - den, welches a poſteriori aus demjenigen
beſtimmet werden muß, was wir an dem
menſchlichen Willen durch die Erfahrung
wahrnehmen. ..
§ 22. . . ."

Was die Dasjenige Wollen, welches man beyeben


Ä den Umſtänden unterlaſſen, oder auf etwas
ſt. anderes richten kan, heißt ein freyes VVol.
len, und die Kraft darzu die Sreyheit. Die
jenige Anwendung der Freyheit zu einem
vorkommenden Falle, wodurch man denſel
ben wircklich will, heißt ein Vorſatz oder
Was ein Entſchluß. Ein Entſchluß zu etwas, das
Ä“ allererſt in künftigen Zeiten geſchehen ſoll,
Entſchluß heißt, ſo lange er noch nicht wircklich ins
iſt. Werck geſetzt wird, ein ruhender Entſchluß,
(decretum immanens,) die wirckliche Aus
ſührung deſſelben aber ein wirckſsmer Ents,
ſchluß, (decretum transiens.) *
- § 23.
Äasºn Ein ſolches Wollen, welches auch ohne
ZTrieb in - - - A - * - 4 *

Än Än Vorſatz mit einer Beſtändigkeit fordauret,


Ä wird ein Trieb oder 2Begierde genennet.
j Es giebt dahero ſowohl begehrende als
eb iſt verabſcheuende Triebe. § 9. Weil man
aber uit ganz einerley Kraft und Action
und -
* Vergl. Metaphyſ. § 311.
willen überhaupt 27
und in ganz einerley Abſicht nichts zugleich
wollen und nicht wollen kan, indem ſonſt
das Wollen zugleich ſeyn und nicht ſeyn
müſte; ſo folget aus iedwedem Wollen, es
mag frey ſeyn oder bloß von einer Begierde
herkommen, zugleich dieſes als ein unaus:
bleiblicher Nebenumſtand, daß man dasje-
nige nicht will, was unſerm Wollen wieder:
ſtreitet, oder es unmöglich macht, und daß
man mithin daſſelbe verabſcheuet, wie an
ſeinem Orte weiter ausgeführet wird. §. 98.
Jedoch iſt zu verſtehen, daß man das Ge
gentheil unſers Wollens nur inſofern un
möglich wollen könne, wiefern ein wirckli:
cher Wiederſpruch entſtehet. Ein Trieb,
welcher dem Geiſte weſentlich und keine WasGrund
Folge oder Umſtand eines andern iſt, heiſſetÄ.
ein Grundtrieb oder Grundbegierde im gejd.
engen Verſtande. Alle übrigen Begierden
müſſen dahero entweder nur weſentliche
Solgen und Umſtände der Grundtrie
be ſeyn, oder ſie ſind zufällige Begierden,
welche nur unter gewiſſen Bedingungen aus
den Grundtrieben entſtehen müſſen. Das
her iſt auch die Beſtändigkeit ihrer Fort
dauer nur unter gewiſſen Bedingungen zu
verſtehen.
- S. 24.
Derjenige Zuſtand unſerer Seele, wel Ä Ä
cher aus der Erfüllung eines Wollens ent: j
ſtehet, heiſſet angenehin, und wenn wir Ä.
denſelben mit Bewuſtſeyn erkennen, Ä gnügen iſt
- - gnu
28 Cap. I. Von dem menſchlichen
gnügen.
Das Gegentheil davon über
ÄÄ und wofern man
ſich es als etwas vorſtellet, das in dem wol
lenden Geiſte leidend entſtehet, ſo wird es
Schmerz genennet. Hingegen derjenige
Zuſtand, welcher daher entſtehet, daß wir
uns zugleich bewuſt ſind, unſerm Wollen
geſchehe nicht genug, heißt Misfallen:
und wenn daſſelbige Wollen eine im merk:
lichen Grad wirkſame Begierde geweſen iſt,
ſo heiſſet der Zuſtand, welcher entſtehet, in
dem wir uns bewuſt werden, daß ihr zuwie
der gehandelt werde, Misvergnügen und
moraliſcher Schmerz. Daß dieſes der
wahre Begriffſey, wie das Vergnügen und
Misvergnügen, deſſen Begriffe an ſich un
auflöslich ſind, entſtehe, iſt daraus zu be
greiffen. Die Erfahrung lehret, daß, wenn
wir uns vorhero eine Begierde nach etwas -

oder einer Verabſcheuung eines Dinges be


wuſt geweſen ſind, und es wiederfähret
uns, ſo entſtehet im erſten Falle Vergnügen
und im andern Misvergnügen. Hingegen
auch in demjenigen Falle, da wir uns keis
ner vorhergegangenen Begierde oder Ver
abſcheuung einer Sache bewuſt ſind, finden
wir dennoch, daß, wenn wir ſagen, es ver
gnüget uns etwas, wir uns in einem ſolchen
Zuſtande befinden, da wir etwas empfinden
mit dem Wunſche, dergleichen ins künftige
wiederum zu empfinden: und wenn uns et
was Misvergnügen verurſachet, ſo befinden
Wºr
Willen überhaupt. -29

wir uns in einem ſolchen Zuſtande, da wir


etwas empfinden mit dem Wunſche dergleis
chen nicht mehr zu empfinden. Demnach
iſt auch hier eine Uebereinſtimmung oder
Streit mit demjenigen, was wir wollen, of
fenbar. Hingegen kam man ſicher poſtuli
ren, daß ſich von Vergnügen und Schmerz
keine andere Urſache angeben läſſet, als das
Verhältniß, welches eine Sache gegen den
Willen eines Geiſtes hat. Denn wollte
man etwan ſagen, das Vergnügen ſey das
Anſchauen der Vollkommenheit; ſo iſt die
innerliche Empfindung darwieder, als wei
che lehret, daß das Vergnügen etwas mehr >
als eine bloſſe Vorſtellung iſt. Und ſpräche
man, das Anſchauen der Vollkommenheit
bringe das Vergnügen alſo hervor, daß es
der einzige und an ſich zureichende Grund
davon ſey; ſo würde in der Wirkung mehr
ſeyn, als in der Urſache. Denn eine Ge:
danke kam, ohne Hinzunehmung einer neuen
Urſache, an ſich ſelbſt nicht mehr als der
Grund nur zu einer andern Gedanke ſeyn.
Aus dieſem allen kan man demnach richtig
ſchlieſſen, daß alles Vergnügen oder Mis
vergnügen aus der Uebereinſtimmung oder
Nichtübereinſtimmung mit unſern Begier
den entſpringe, obwir uns gleich der vorher
gegangenen Begierde nicht allezeit bewuſt
geweſen, ja ob es gleich in vielen Fällen ſehr
ſchwer fallen will, die Begierden ausfündig
zu machen, in welchen der Grund des Ver
gnü
A

3o Cap. I. Von dem menſchlichen


gnügens gelegen. Es vergnügen uns dem
nach die Objecte unſerer Begierden, wenn
wir ſie als gegenwärtig empfinden, auch ohs
ne unſern Vorſatz, ja oft wieder denſelbigen.
s Warum es Wenn es vielerley Begierden in uns giebt,
Ä welche ihrer innerlichen Beſchaffenheit und
Schmerz . Wirkung nach unterſchieden ſind; ſo muß
Ä "es auch mancherley Arten vom Vergnügen
und Misvergnügen, und unterſchiedene Em:
pfindungen davon geben, welches auch die
Erfahrung lehret. Man kan demnach das
her, daß etwas angenehm oder unangenehm
iſt, auf eine vorher dageweſene Begierde
ſchlieſſen.
Y
* §. 25.
#º Ä Es kan hier die Frage entſtehen, obauch
Ä“ die unvernünftigen Thiere eines Vergnü
es fähig ich
find.
genszuund Misvergnügens
beyden fähigerfordertha
das Bewuſtſeyn ſind. Weil

be, ſo kan ich ſolches nicht einräumen. Denn


- man hat gar keinen Grund zu glauben, daß
. ſich die Thiere ihrer ſelbſt oder deſſen, was
in ihnen vorgehet, bewuſt ſind, weil man das
von keine Spuhr bey ihnen antrifft, indem
ſich alle ihre Wirkungen ſchon aus der äuſ
d ſerlichen Empfindung, dem Gedächtniß, der
Einbildungskraft und gewiſſen Trieben er
klären laſſen. Wenn man ihnen dahero
- dem ungeachtet ein Bewuſtſeyn beylegen
wollte; ſo geſchähe dieſes mit ebenſo wenig
Grunde, als man die Erdkugel ehemals
vor ein beſeeltes Weſen gehalten, da ſich doch
die
Willen überhaupt. 31

die Veränderungen auf derſelben ohne See:


le erklären laſſen, und man in der Naturleh:
re keine Kräfte vor die lange Weile, und
ohne daß man ſie nöthig hat, anneh:
men darf. Jedoch iſt ſo viel gewiß, daß
- die Empfindungen und ſämtliche Vorſtellun
gen in den Thieren mit ihren Trieben ent
weder übereinkommen oder ſtreiten, dadurch
ſie denn zu gewiſſen Thaten, ſo wie es ihre
Natur mit ſich bringt, determiniret werden.
Weil nun dieſe Thaten in der äuſſerlichen
Art zu verfahren mit demjenigen groſſen
theils übereinkommen, was die Menſchen
mit Ueberlegung thun, und was ein Ver
gnügen oder Misvergnügen bey ihnen an
zeiget; ſo wird man dadurch leicht geneigt,
ihnen auch eben dergleichen innerlichen See:
lenzuſtand, welcher ſich in uns befindet, zu
zuſchreiben. - Wollte man daheroja die Be
deutung des Vergnügens und Misvergnü
gens erweitern, und ſolche auch den Thieren
zuſchreiben; ſo muß man nur den iezt er:
klärten Unterſchied zwiſchen dem menſchli
chen und thieriſchen Schmerz und Vergnü
gen nicht aus der Acht laſſen. Es werden
mehr Fälle vorkommen, da wir die gemachte
Anmerckung ebenfalls werden gebrauchen
Was für
können. In GOtt kan man nicht mehr zu Vergnügen
geben, als ein thätiges Vergnügen und ein ſº GOtt
bloſſes Misfallen, keinesweges aber einen ſtatt ſº.
ſolchen Schmerz und Misvergnügen, wel
cher wie in uns, leidend entſtehen müſte.
- S. 26.
-
32 Cap. I. Von dem menſchlichen
e -

S. 26.
Was ein Was dem Wollen eines Geiſtes gemäß
Ä # er iſt, nennetmaninſoferngut, gleichwie dasje
““ nige, was ihm zuwieder iſt inſofern einUebel
heiſſet. Es beſtehet demnach die Güte der
Dinge ebenſo in dem Verhältniſſe derſelben
gegen einen Willen, damit ſie verglichen
werden, gleichwie die Wahrheit in dem Ver
hältniſſe gegen den Verſtand beruhet.
Wenn wir hingegen dasjenige gut nennen,
was der Vollkommenheit gemäß iſt; ſo iſt
unleugbar, daß ſolches deswegen geſchehe,
weil die vernünftigen Geiſter insgeſamt die
Vollkommenheit an ſich und andern Dins
gen begehren, und wiefern ſie dieſelbige be
gehren; indem ſonſt gar keine Urſache ver
handen wäre, warum man nicht auch das
Unvollkommene gut nennte, ingleichen weil
viele Dinge allererſt deswegen die Vollkoms
menheit der Geiſter befördern, weil ſie ih
men gut ſind, das iſt, weil ſie zu Erfüllung
ihrer Wünſche dienen. Die Vollkommens
heit eines Dinges beſtehetnur in dem Vert
hältniſſe ſeines Zuſtandes gegen die Sums
me der Wirkungen, darzu es geſchickt ſeyn
ſoll, und ie zu mehrern es geſchickt iſt, und
ie geſchickter es darzu iſt, deſto vollkommes
ner iſt es. Daher iſt Güte und Vollkomt
menheit nicht ganz einerley. Der gegebene
Begriff des Guten läßt ſich auch mit leichter
Mühe auf die unter den Weltweiſen bekann
ten Arten des Gutenappliciren. Denn wie
- - - - - ferne
willen überhaupt. 33
ferne nun etwas mit den natürlichen Abſich:
ten GOttes übereinſtimmend befunden wird;
das iſt, wiefern es zu denjenigen Wirkun
gen tüchtig befunden wird, welche GOtt
durch das ihm verliehene Weſen voriezo hat
möglich machen wollen, inſofern iſt es me
taphyfice gut. Wiefern etwas mit dem Worinnen
Ä“
Willen der Geſchöpfe übereinſtimmet, ſo d
heiſſetes phyſice gut. Hat nun das Ge- Ä €
und morali
ſchöpfe ſelbſt einen Willen, ſo wird dasjeni
ge gut vor daſſelbe genennet, was zur Erfül: #
lung deſſelben dienet. Hat es hingegen
ſelbſt keinen Willen, ſo wird doch dasjenige,
was zu der Vollkommenheit deſſelben dienet,
deswegen gut vor daſſelbe genennet, weil die
Vollkommenheit dasjenige iſt, was wir or
dentlicher Weiſe an ihm wünſchen, daher auch
in dieſem Falle klar iſt, daß die Sache gegen
einen Willen der Geſchöpfe gehalten, und
in Abſicht auf dieUebereinſtimmung mit dem
ſelben gut genennet werde. Das mora
liſche Gute aber iſt, was den moraliſchen
Abſichten GOttes, das iſt, denjenigen, welche
er durch die Vernunft und den freyen Wil
len der erſchaffenen Geiſter befördert wiſſen
will, gemäß iſt, oder, welches gleichviel iſt,
was mit ſeinen Geſetzen übereinſtimmet. In
allen dieſen Erempeln iſt offenbar, daß die
Sache allezeit gegen einen Willen gehalten,
und wegen des Verhältniſſes gegen denſel
Wie das
ben gut oder böſe genennet werde. Eben wahre U nd
daraus läßt ſich auch der Unterſchied zwijÄ
E - ſchen
*
34 Cap. I. Von dem menſchlichen
Gute unker
ſchieden iſt. ſchen dem wahren und ſcheinbaren phy
ſicaliſchen Guten leicht abnehmen. Nem:
lich wenn etwas unſerm Wollen zwar vor:
iezo gemäß iſt, nachgehends aber ziehet es
ſolche Folgen nach ſich, wodurch unſerm
Wollen eben ſoviel oder noch mehr zuwieder
gehandelt wird, als die Uebereinſtimmung,
welche die Sache vorher mit unſerm Willen
hatte, austrägt; ſo hat die Sache in der
Thatkeine wahre Uebereinſtimmung mit uns
ſerm Wollen, ob wir es wohl vermeint
haben, indem man ja auf die ganze Sum
me der Uebereinſtimmung und Wiedrigkeit
mit dem Willen Achtung geben muß, wenn
man die Wahrheit des Uebereinkommensbe:
urtheilen will, und demnach iſt die Sache als
denn ein ſcheinbares Gute. Findet man
hingegen, nachdem man die Summe aller mit
dem Willen übereinſtimmenden und ſtreiten
den Wirkungen der Sache ermeſſen, daß die
Uebereinſtimmung auf einer Seite dennoch
gröſſer, als auf der andern der Streitſer; ſo iſt
dieſelbe ein wahres phyſicaliſches Gute,
wenn ſie uns auch gleich eine Zeitlang Be
ſchwerlichkeit und Schmerz verurſachen ſolte.
§. 27.
Erinnerung. Hingegen wird das Weſen des menſchli
chen Willens dadurch noch nicht zur Gnü
ge erkläret, wenn man nur ſaget, daß er eine
Kraftſey allezeit das Gute zu wollen. Denn
das phyſicaliſche Gute heißt allererſt deswe
gen gut, weil wir es wollen. Das morali
ſche
Willen überhaupt. 3%

ſche Gute aber wollen wir auch nicht noth


wendig, ſondern wir ſollen es nur wollen,
und uns nach der göttlichen Abſicht vorſez-
lich darnach bemühen. Nach Anleitung des
jenigen, was bisher von dem Guten geſagt
worden, wird man nunmehro auch die Ar
ten des Böſen leicht aus einander ſetzen kön
nen, daher ich dieſelben nicht beſonders durch
gehen will.
Das II Capitel.
Von dem Vermögen des
menſchlichen Willens.
S. 28.
Wir treffen in unſerm Willen erſtlich ein Das erſte
Vermögen an in den Verſtand Ä
zu wirken, welches ſogleich die Erſahrung Ä
lehrt. Denn wenn wir unſern Verſan
auf eine Sache richten wollen, ſo richtet er en. dº"
ſich auch darauf. Dahingegen wenn er nicht
zweckmäßig gerichtet wird, ſo ſchweiffet die
Empfindung und Einbildung ohne Ordnung
von einem auf das andere herum. Es be
ſtehet aber auch das Vermögen des Wil
lens in den Verſtand zu wirken weiter in
nichts, als daß er die Kräfte des Verſtan
des auf gewiſſe Objecte lange oder kurze
Zeit, mehr oder weniger richten kan. Kei
nesweges aber erſtrecket ſich daſſelbe ſoweit,
daß der Wille auch in den Geſetzen ſelbſt,
nach denen der Verſtand ſeinem Weſen nach
C 2. wirs .
36 Cap. II. Von dem Vermögen
wirket, etwas verändern könte, als wodurch
die Erkenntniß der Wahrheit alle ihre Mög
lichkeit und Gewißheit verlieren würde. Al
le Fehler und Irrthümer des Verſtandes
aber entſtehen urſprünglich aus ſeiner üblen
Richtung; daher man dieſelben auch dem
unrichtigen Gebrauche des Verſtandes, und
mithin dem Willen, beymißt. Denn wofern
der Verſtand nicht richtig gebrauchet wird,
ſo bleibt er unwiſſend, oder wird mit dun
- keln und mangelhaften Begriffen angefül:
let. Die Dunkelheit der Begriffe aber
giebt fernere Gelegenheit zu falſcher Anwen-
dung der Schlußregeln. Und indem man
die Beurtheilungskraft nicht gehörig anwens
det, oder die Sache nur auf der angeneh
men Seite betrachtet, oder ſich übereilet, ſo
wird man geneigt, irrige Sätze vor wahr zu
halten.
§. 29.
Was die Die vorſeßliche Richtung der Empfin:
Mufmerck dungskräfte auf eine Sache heißt Auf
ſamkeit iſt.
merckſamkeit. Eine Empfindnng aber
iſt ein ſolcher Zuſtand, da wir unmittelbar
gezwungen ſind, uns eine Sache als gegens
wärtig vorzuſtellen, ohne daß wir ihre Ge
genwart allererſt durch einen Schluß erken
nen, und ohne daß auch ein anderer Zuſtand
darauffolget, da wir wiederum gewahr wür:
den, daß wir uns ſolches nur eingebildet hät
ten, dergleichen bey dem Traume geſchiehet.
Wir haben daherozweyerley Empfindungen,
IßTs
des menſchlichen Willens. 37
nemlich die äuſſerlichen, dadurch die Be-
griffe von den Dingen, welche auſſer uns
ſind, in uns entſtehen, und die innerlichen,
dadurch wir uns deſſen bewuſt werden, was
in unſerer Seele vorgehet. Eben deswe-Ä
gen mußes auch zweyerley Aufmerckſamkeit Ä
geben, nemlich die äuſſerliche Aufmerck. Äufner
ſamkeit, da wir die äuſſerlichen Empfin"*
dungskräfte auf eine Sache richten, und die
innerliche Aufmerkſamkeit, da wir eben
dieſes mit den innerlichen Empfindungskräf
ten verrichten. Die Richtung aller WÄ Ä
ſtandeskräfte zuſammen, um von einer in Ä
den Gedanken noch unvollkommen vorge: beiſſet.
ſtellten Sache noch mehreres zu erkennen,
nennen wir Betrachten. Nimmt man
hingegen nur die äuſſerlichen Empfindungen
aus, ſo heiſſet die Richtung aller übrigen Ver-
ſtandeskräfte zuſammen, wodurch wir nach
einer vollkommenern Erkenntniß derjenigen
Eigenſchaften der Sache ſtreben, welche uns
noch verborgen ſind, das VNachdenken.
S. 3O.
Zum andern läßt ſich erweiſen, daß in Das andere
dem menſchlichen Willen auch ein Vermö-Ä.
gen ſey in den ZKörper zu wircken. in den Kör
Mantheilet die Actionen, welche ordentlicher Ä
Weiſe in unſerm Körper zu geſcheheu pfle
gen, in drey Claſſen ein. Einige richten
ſich nach unſern Begierden und Entſchlieſ
ſungen, welche wir ačtioncs animales nen: Unterſchied
nen. Andere, welche ſich nicht darnachrich-Ä.
- - C3 TER,
W. *

38 Cap. II. Von dem Vermögen


malium, vi ten, ſind das Kennzeichen des Lebens, wel
valium un
Matucaliun.. che wir actiones vitales nennen, z. E. die
Bewegung des Herzens. Noch andere,
welche unſerer Willkühr ebenfalls nicht un
terworfen ſind, dienen zur Nahrung und
Erhaltung derthieriſchen Natur, welche wir
ačtiones naturales nennen, z. E. die Ver:
dauung und was dahin gehöret. Es giebt
auch gemiſchte Actionen, dergleichen z. E.
das Athemholen iſt. Ich will erſtlich erwei
ſen, daß der Wille das Vermögen habe, die
animaliſchen Actionen zu verurſachen und
hernach auf die übrigen kommen.
• 3I
Beweis.
daß der Wil
Die Erfahrung lehret, wenn die Werck
le dte Urſa zeuge unſeres Leibes geſund ſind, und wir
che der ani
maliſchen
die Glieder auf gewiſſe Art ernſtlich bewe
Bewegun gen wollen, ſo geſchieht dergleichen Bewe
gen iſt. gung. Nun kanman nichtſagen, daß GOtt
dieſe Bewegungiedesmahl unmittelbar ſelbſt
hervorbringe, weil ſolchergeſtalt die Welt
in eine beſtändige Reihe von unmittelbaren
Wirckungen GOttes verwandelt werden
würde, und weil auch daraus unzehlige Fol:
gerungen herflieſſen würden, welche GOtt
höchſt unanſtändig ſind. Man hat auch
gar keinen Grund, die Urſache davon in dem
Baue des Körpers und denen ihn umgeben:
den Materien zu ſuchen. Denn es läßt ſich
kein Triebwerck angeben, welches den Kör
per auf ſo mannigfaltige Art entweder be
wegen ſelte, oder auch nur ſolte
-
Ä M2
des menſchlichen WOillens. 39

können, und die von einigen erdichteten ma


terialen Ideen ſind theils an ſich unmöglich,
theils dem Bau, und denen Wirkungen,
welche aus der Erfahrung bekannt ſind, zu:
wieder. (Log. § 74. Metaphyſ § 430.)
Man nimmt in dem mechaniſchen Baue
des Körpers nichts wahr, daraus der Un
terſchied der animaliſchen Bewegungen in
unterſchiedenen Perſonen, welche doch in
ihrem Leben ganz verſchiedentlich gewirckt
haben, ſich auch nur einiger maſſen be
greiflich machen lieſſe. Es hat ſich ſol
ches auch noch niemand, ſo viel mir wiſ:
ſend iſt, determinate zu thun, unterfangen.
Da man bey der Eröfnung entſeelter Kör
per die Urſache von vielen Bewegungen,
welche gewiſſe Krankheiten mit ſich bringen,
z. E. des kurzen Athems und ſo ferner, ent
decket, warum ſolte man nichtauch, z. E. bey
Vergleichung des Körpers eines Holzhackers
und eines Gelehrten, einige Spuren antref
fen, warum der eine in ſeinem Leben anders
als der andere ſich beweget habe, wenn der
Unterſchied ihrer Bewegungen wircklich in
dem Baue ihrer Maſchinen ſeinen Grund
hätte. Es iſt auch überhaupt nicht glaub
lich, da die Bewegungen der Thiere ſogar
ſehr unregelmäßig und verſchiedentlich ſind,
daß es die Fähigkeit einer ſolchen Maſchine,
als der thieriſche Körper iſt, erlaubte, die
Möglichkeit ſo unzehliger Veränderungen
in dieſelbe zu bringen. Hiezu kömmt noch,
C 4 daß,
49 Cap.I von dem Vermögen
daß, wenn die Geiſter nicht in die Welt und
die Welt in die Geiſter in der That wircken,
und eines gewiſſe Determinationen der Ei
genſchaften und Kräfte des andern in ihm
verurſachen kan, man gar nicht ſiehet, wozu
GOtt die körperliche Welt erſchaffen habe,
oder wie er ſie habe erſchaffen können, indem
ſie ganß unnütze und vergeblich wäre, und
wenn ſie gar nicht da wäre, alles gleichwohl
eben ſo erfolgen würde. Hat er ſie viclleicht
nur deswegen erſchaffen, damit er die Em
pfindungen der Geiſter nach derſelben ein:
ſchräncken wolte? Ich antworte, daß er ſie
nach einer möglichen Welt eben ſowohl, als
nach einer wircklichen einſchräncken konnte,
und daß alſo das wirkliche Daſeyn der Welt
dennoch vergeblich, und ein Gott übel anſte
hendes Spielwerk ſeyn wird. Gleichwohl
iſt unleugbar, daß alle Bewegung endlich
von einem Geiſte ihren Urſprung haben
muß, weil die Reihe der Bewegungen, die
einander verurſachen, nichtunendlich fortge
gen kan. Es wiederſpricht dahero dem Be
griffe eines Geiſtes gar nicht, er mag end:
lich oder unendlich ſeyn, daß er eine Bewe
gung hervorbringen kan. Beyſolchen Um
ſtänden kan man nichts anders ſchlieſſen, als
daß die animaliſchen Bewegungen des Kör
pers von der Seele und ihrem Wollen, nach
welchem ſie ſich unter den gehörigen Bedin
gungen beſtändig richten, verurſachet wer:
den. Wir folgen hierbey der ganz gewöhn:
lichen
des menſchlichen willens. 4
lichen Regel, nach welcher wir ſonſten in -

der Natur und Geiſterlehre die Verhältniſ


ſe der Urſachen und Wirckungen zu beur
theilen pflegen, und welche daſelbſt niemand
in Zweifel zu ziehen begehret: nemlich wenn
zwo Veränderungen, (welche in unſerm
Erempel der Vorſatz ſich zu bewegen und
die Bewegung ſelbſt ſind), mit einer ge:
wiſſen Beſtändigkeit auf einander folgen,
und man keinen Grund anzeigen kan, war:
um es der einen unmöglich ſeyn ſolte, die
andere hervorzubringen, ſo iſt auch die eine -*

wircklich vor die Urſache der andern zu hal:


ten, wofern nicht eine deutlichere Urſache
angegeben, oder ſonſt aus dem Grundſaße
vom Wiederſprach Gegenbeweis geführet
werden kan. ---

§ 32.
Wenn ich meine Meinung weiter erklä-ººmº
ren ſoll, wie es mit dieſer Einwirckung des Ä Ä
Leibes in die Seele zugehen möge, ſo geſtehe dºeibwr
ich zwar ſehr gern, daß es ſich hierinnen nim-“
mermehr zu einer Vollkommenheit bringen
laſſe, nicht allein deswegen, weil wir von der
Natur der Geiſter nur weniges erkennen,
ſondern auch hauptſächlich mit aus dieſey
Urſache, weil uns der Bau der kleineſten
organiſchen Theilgen des Körpersweder be
kannt iſt, noch völlig bekannt werden kan.
Man räume mir unterdeſſen nur den Satz
ein, daß GOtt die Verfaſſung gemacht hat
ben könne, daß eine Seele durch ihr Wollen
§ ihre
-

42 Cap.II Von dem vermögen


ihre eigene Subſtanz in Bewegung ſetzen
kan. Man kan mir hierinnen nichts unge
reimtes zeigen. Denn daß ſich ein endlicher
Geiſt bewegen kan, iſt daraus leichtezuſchlieſ
ſen, weil er doch allezeit irgendwo ſeyn muß,
und weil er vermöge ſeiner Endlichkeit nicht
überall zugleich iſt, ſo muß er aus einem Or
te in den andern kommen können. Ich ſa:
ge auch damit nichts wiederſinniſches, daß
ich ein gewiſſes Geſetz der Actionen annehme,
nach welchem aus einem Wollen die Bewe
gung der Subſtanz des wollenden Geiſtes
erfolgen kan. Wenn ich von Veränderun
gen redete, welche in unterſchiedenen Sub
ſtanzen ſich ereignen, ſo wäre damit freylich
nichts erkläret, wenn ich mich bloß auf ein
Geſetz der Actionen beruffte. Allein das iſt
- ausgemacht, daß in einer einzigen Subſtanz
die Wirckungen ihrer Kräfte nach gewiſſen
Geſetzen der Actionen unter ſich verknüpft
ſeyn, und eine zur Bedingung der andern
gemacht werden muß. Ich könnte dieſes
mit vielen Erempeln aus der Geiſterlehre er:
läutern, wenn ich es vor nöthig hielte. Man
beliebe nur das einzige zu überlegen, daß
nach der Regel der Einbildungskraft eben
falls die eine Gedancke bloß zur Bediugung
gemacht wird, unter welcher eine andere, wel
che darneben gedacht worden, oder mit ihr
in Uebereinſtimmung ſtehet, lebhaft wer
den kan.

§ 33.
Des menſchlichen willene 43

§ 33.
Man ſetze ferner, daß eine Seele von ihrem Fortſetzung.
Körper und von der Art und Weiſe, wie ſie in
denſelben jedesmal wirken ſoll, eine angebohr
ne Idee habe, deren ſie ſich aber nicht bewuſt
iſt, auch nicht bewuſt werden kan, weil das
Bewuſtſeyn ganz beſondere Bedingungen
erfordert. Die Einpflanzung einer ſolchen
Idee gehöret mit zu der Möglichkeit eines
Thieres überhaupt, wie in der Weltlehre er:
wieſen werden muß. Wenn man mir das
vorige einräumet, ſo wird folgen, daß wenn
ſich eine Seele nach einer gewiſſen Idee be
weget, ihr diejenigen Subſtanzen, welche
ſie umgeben, ausweichen müſſen, weil alle
endliche Subſtanzen undurchdringlich ſind.
Wenn nun die Subſtanzen, welche die See
le uingeben, eine ſolche Materie ſind, durch
deren Bewegung ſich ferner die Glieder des
Leibes bewegen laſſen, welches durch die me
chaniſche Structur der Glieder gar ſehr er
leichtert und befördert wird, ſo läßt ſich, wie
mich dünckt, von der Akrt und Weiſe, wie das
Wollen den Körper bewegen könne, ſchon
etwas mehr, als gemeiniglich erkläret wird,
begreiffen. Weil die fernere Ausführung
zuſpeciell werden und zu viel Platz erfordern
würde, ſo muß ich es vor dieſesmal hierbey
bewenden laſſen. *
§ 34.
* Mehreres hiervon ſ in der Naturlehre im I Th.
§ 5O2 ?C.
44 Cap. II Von dem Vermögen
§ 34-
Annerkung. Ich kan mir gar leicht vorſtellen, daß
ſich manche hierbey viele Schwierigkeiten -
erdichten werden, welche daher entſpringen,
weil ſie in Beurtheilung der Natur des ein
fachen, immaterialen u. ſ. f. an ſolche Be
griffe gewöhnet ſind, welche ſich mit meiner
Erklärung nicht werden vergleichen laſſen.
Allein gleichwie ich verſichere, daß ich die
Einfachheit und Immaterialität der Geiſter
nicht allein gar nicht leugne, ſondern auch
mit den bündigſten Beweisgründen beſtär
cken könte, wenn hier der Ort darzu wäre:
ſo will ich meine Herren Gegner nur bitten,
daß ſie ſolche Sätze, welche ſich viele Welt
weiſen im Munde zu führen angewöhnet ha
ben, deswegen noch nicht vor demonſtrirte
Wahrheiten halten, ſondern fein beobachten
wollen, wie weit der Beweis reiche, welchen
ſie davon vorbringen. Wenn ſie dieſes
thun, ſo werden ſie bald gewahr werden, daß
meine Meinung denjenigen Begriffen von
der Einfachheit u. ſ. f. welche wircklich er
wieſen werden können, gar nicht entgegen
ſey, gleichwie hingegen nichts daran gelegen
iſt, ob unerwieſene Meinungen mit derſel
ben beſtehen können oder nicht.
§ 35.
Es iſtglaub- Wer in dem bisherigen mit mir einig iſt,
Aich, daß die daß der Wille der Seele die Urſache von
Seele auch
die Türſche den animaliſchen Bewegungen des Leibes
Ä ſey, der wird, wie ich hoffe, auch nicht viel
Schwie
º.
-

des menſchlichen Willens. 45


Schwierigkeit machen, der Thätigkeit deſſel: natürlichen
Actionen iſt.“
ben auch die natürlichen und vitaliſchen
Bewegungen zuzuſchreiben, jedoch alſo, wel:
ches ſich von ſich ſelbſt verſtehet, daß der Bau
der Maſchine und der jedesmalige Zuſtand
derſelben auch mit darzugenommen werden
muß, und was aus dieſem erkläret werden
kan, der Seele unmittelbar nicht zugeſchrie
ben werden darf. Es kömmt nur dieſer
Unterſchied dabey vor, daß die beyden letz
tern Arten von Wirckungen nicht nur gänz
lich ohne alles unſer Bewuſtſeyn geſchehen,
ſondern auch unſerer Freyheit gar nicht unter
worfen ſind, daß wir ſie unterlaſſen, oder
darinnen willkührlich etwas ändern könten.
Wir können ja ohnedem aus den Verän
derungen des Körpers, welche mit den Affe
cten, z. E. Schrecken, Freude, Traurigkeit
verknüpft ſind, gnugſam abnehmen, daß die
Seele auch ohne Vorſatz in den Leib wir
cken könne. Es läßt ſich auch ein gutec
Grund angeben, warum GOtt die natürli
chen und vitaliſchen Wirckungen unſerer
Willkühr nicht habe unterwerffen können;
weil wir ſonſt eine allzuunumſchränckte
Macht über uns ſelbſt beſäſſen, welcher wir
uns bey einer einzigen Uebereilungzu unſerm
gänzlichen Untergang und Verderben ſo:
gleich und auf einmahl würden misbrau
chen können, welches ſeine Langmuth nicht
geſtatten wollte.
§ 36
46. Cap. III Von der Seyheit
Das dritt - § 36. 4

Ä. Endlich hat der Wille auch zum dritten


de Äsie das Vermögen in ſich ſelbſt zu wircken,
Ä indem nemlich eine Grundkraft des Wil
lens in die andere wircken, und dieſelbe be
ſtimmen, erwecken, vermindern, richten und
einſchräncken kan. Dieſes geſchiehet theils
wenn die Begierden einander beſtimmen
und einſchräncken, theils aber auch wenn die
Freyheit des Willens in die Begierden wir:
- cket. Die Bedingungen, unter denen ſol
ches geſchiehet, werden in den folgenden
Capiteln abgehandelt werden. A
Das III Capitel.
Von der Freyheit des menſch
lichen WiücUs. Bürgerliche
- § 37. Freiheiten

An welchem SſRir nehmen hier das Wort Freyheit nicht


Verſtande in denjenigen politiſchen Bedeutungen,
hier von der - . . SN.»
-

Ä da es zuweilen ſo viel anzeiget, als ein Recht


anderer- etwas ohne Fnrcht der Strafe thun zu kön
“ nen; oder da es ſo viel ſagen will, als ein
ſolcher Stand, da man in Beſorgung ſeiner
Endzwecke ſeinem eigenen Urteile folgen
darf, in welchem Verſtande die Freyheit dem
Stande der Unterwürfigkeit und Herrſchaft
entgegen geſetzt wird. Sondern wir wollen
hier die Freyheit unterſuchen, wiefern ſie ei:
ne natürliche Kraft des Willens iſt. Wirre
den dahero auch an dieſem Orte noch nicht
* - VON
des menſchlichen Willens. 47
von ihrem rechten oder unrechten Gebrauche,
ſondern lediglich von den natürlichen Eigen
ſchaften oder der weſentlichen Beſchaffenheit
derſelben. Ich mache dieſe Vorerinnerung
mit gutem Bedachte, weil man vielfältig
wahrnehmen wird, daß man dieſe Bedeu
tungen mit einander verwirret, und hernach
in der Erklärung der Kraft der Freyheit den
rechten Punct gar aus der Acht läßt.
§ 38.
Ich will erſilich den rechten Begriff auf Ä;
ſuchen, welchen man dem allgemeinen Ä“
Sprachgebrauche gemäß mit den Worte und Ämes
Freyheit verknüpfen muß, wenn es vor eine"
natürliche Kraft der vernünftigen Geiſter
genommen wird, und hernach zeigen, daß
es auch dergleichen Freyheit des Willens
in der That gebe. Ein freyes Wollen ſoll
nach dem gemeinen Begriffe kein äuſſerlich
erzwungenes und auch kein innerlich noth:
wendiges Wollenſeyn. Es ſoll dem Men
ſchen einer ſolchen Zurechnung ſeiner Tha
ten fähig machen, da man ihm nicht nur
dieſelben als der wirckenden Urſache zu
ſchreiben, ſondern auch deswegen, weil er
vielmehr ſo als anders verfahren, loben
oder tadeln, ihn einer ſich zugezogenen
Schuldfähig erkennen, und ihn einer Strafe
oder Belohnung deswegen würdig halten
kan. Die Freyheit ſoll dasjenige ſeyn, wel
ches uns tüchtig macht, einem Geſetze und
Verbindlichkeit unterworffen zu ſeyn, und
PPI
43 Cap. III Von der Sreyheit
von der Einrichtung unſerer Handlungen
Rechenſchaft zu geben. Wenn man dies
ſe vorausgeſetzte Eigenſchaften zuſammen
nimmt, ſo kan ein freyes Weſen nichts
anders ſeyn als ein ſolches, welches zu ei
nerley Zeit und bey einerley Umſtänden et
was thun oder laſſen, oder an deſſen ſtatt
etwas anders thunkan, und die Kraft, ver
möge welcher es darzu fähig iſt, muß die
Sreyheit heiſſen. Eben deswegen untere
ſcheidet man auch in der Freyheit zweyerley
Vermögen, nemlich erſtlich das Vermögen
etwas bey eben denſelben Umſtänden thun
und auch laſſen zu können, welches libertas
contradiétionis heiſſet, und das Vermögen
bey eben denſelben Umſtänden anſtatt der
jetzigen Handlung auch eine andere unterneh
menzukönnen, welches libertas contrarietatis
- genennet wird.
Selbstbestimmung
§ 39.
Ä. Man kan derowegen das Weſen der
Ä j Sreyheit auch durch dieſen Begriff aus?
Ä Us drücken, daß ſie eine Kraft ſey, ſich zu einer
ÄHandlung ſelbſt zu determiniren, ohne daß
ĺ man durch irgend etwas anders, es ſey in
* uns oder auſſer uns, darzu determiniret wer?
de. Denn die Determination heißt die
wirckliche Setzung einer von den möglichen
Arten zu exiſtiren, welche der Sache zukom
men können. Wenn dahero auſſer der freyen
That etwas anderes vorhanden iſt, welches
machet, daß derſelben jetzo dieſe und keine an
dere
-

des menſchlichen Willens. 49


dere Determination zukommen muß, ſo wird
die wirkende Subſtanz dadurch determiniret.
Wenn aber dergleichen nicht vorhanden iſt,
und ſie hat dennoch die Kraft etwas zu unter:
nehmen, ſo determiniret ſie ſich ſelbſt.
S. 40. -

Wolte man den gegebenen Begriff nicht Weitere Ex


einräumen, ſo würde niemahls eine ſolche Ä.
That herauskommen, welche ohne Noth-Ä
wendigkeit wäre. Denn wenn man gleich Ä“
ſolche Thaten zugäbe, darzu die wirckende
Subſtanz durch ihre eigenen Vorſtellun
gen und Begierden determiniret würde,
welches man die Spontaneität oder gei
ſtige Selbſtthätigkeit nennet; ſo wird die
That dadurch doch nicht aufhören nothwen
dig zu ſeyn, weil alles determinirte, wiefern
es determinirt iſt, nothwendig iſt. Dieſes
aber würde zur Sache gar nichts beytragen,
durch was vor Vorſtellungen ein wircken:
der Geiſt determinirt würde, ingleichen ob
die determinirenden Bewegungsgründe in
ſeinem Verſtande zugleich deutlich vorgeſtel
let würden oder nicht. Es würde auch da
durch alle unſre Tugend in ein bloſſes Glück
verwandelt werden, indem ſie daher entſtün
de, wenn einer ein gutes Naturell hätte,
oder in ſolche Verknüpfungen mit andern
Dingen geſetzt worden wäre, dadurch er zu
ſolchen Thaten, welche der Vollkommenheit
gemäß ſind, determiniret würde. Das Lar
ſter hingegen würde ein bloſſes Unglück
D ſeyn,
5o Cap. III Von der Freyheit'
.

ſeyn, daher einem nimmermehr eine wahre


Schuld erwachſen könte, weil ſolches zu ver
meiden nicht bey ihm geſtanden hätte, ſon
dern alles auf das Naturell ankäme, wel
ches ihm der Schöpfer gegeben, und auf
die Verknüpfungen mit andern Dingen,
darein er ihn geſetzt hätte. Ich weiß zwar
wohl, daß man einem auch dieſes vor ein
Lob anrechnet, wenn er nicht allein nichts
böſes thut, ſondern auch dergleichen nicht
thun kan, gleichwie man im Gegentheil ie
manden vor einen ſo viel ſchändlichern Men
ſchen hält, wenn er nicht allein eine Tugend
nicht hat, ſondern auch darzu unfähig iſt.
Allein dieſe Gewohnheit muß ſich ein Ver
ſtändiger in der Beſtimmung des wahren
Begriffes der Feeyheit nicht irre machen
laſſen. Denn weil Loben und Tadeln viel:
mahl nur ſo viel heißt, als urtheilen, ob ge?
wiſſe Eigenſchaften eines Dinges mit der
Vollkommenheit übereinſtimmen oder nicht;
ſo giebt es zweyerley Lob und Tadel, erſtlich
das unmoraliſche, welches nichts anders als
ein Urtheil von der Vollkommenheit oder
Unvollkommenheit einer Sache iſt, und das
moraliſche, da wir einen auch vor den freyen
Urheber einer Eigenſchaft halten, welche
wir des Lobes oder Tadelns würdig erken:
men. Ich werde auch im folgenden zeigen,
daß viele Dinge, welche jetzo nicht mit völ: -
liger Freyheit oder gar ohne Freyheit geſche:
hen, uns dennoch deswegen zu einem wah:
rell
des menſchlichen Willens. 5i
ren moraliſchen Lobe oder zur Schuld zuge
rechnet werden können, weil wir die Urſa
chen darzu ehemahls veranlaſſet haben.
Man kan dahero zwar wohl eine natürliche
gute Eigenſchaft an einem loben. Allein
man muß deswegen nicht leugnen, daß man
ihn auch um willkührlich hervorgebrachter
Thaten oder Eigenſchaften willen loben kön
ne, und muß dieſe beyderley Gattungen des
Lobes und der lobenswürdigen Eigenſchaf
ten nicht mit einander verwirren. Es iſt
auch zu mercken, daß es vielmahl eine auf
Unwiſſenheit gegründete bloſſe Schmeiche
ley iſt, wenn z. E. die Clienten ihren Patro
nen ſo viel von angeſtammter Tugend vor
ſagen. Hierzu kommt, aber auch noch dies
ſer Grund. Weil wir uns im menſchli
ehen Leben darauf nicht verlaſſen können,
was einer ganz willkührlich thut, indem
wir keine Sicherheit haben, daß er ſolches.
ins künftige ferner thun werde; ſo ſchätzen
wir es an denenjenigen, welche wir zu ge
wiſſen Dienſtleiſtungen brauchen, inſonders
heit hoch, wenn ſie von Natur ſchon zu dem
jenigen, was wir an ihnen ſuchen, oder wor
an uns am meiſten gelegen iſt, geneigt ſind.
Ob es dahero gleich eine Regel der Klug
heit iſt, daß man ſich im menſchlichen Leben
nach ſolchen Leuten umſehe, welche von Na
tur ein gutes Gemüthe haben, ja ob auch
gleich dieſes ſelbſt eine natürliche Vollkom
menheit an ihnen iſt; ſo darf man dech des
D 2 wegen
-

52 Cap. III Von der Sreyheit


in einem guten wegen nicht meinen, als ob auch die andere
Charakter (>
Schopenhauer) Art der Vollkommenheit, nemlich die mora- .
liſche, in dem guten Naturell beſtünde, oder
als ob man eine That deswegen frey thue,
weil ſie lobenswürdig iſt, und nicht vielmehr
eine lobenswürdige That allererſt alsdenn
eine freye That ſey, wenn man ſich dazu
ſelbſt entſchloſſen hat, ohne daß man darzu
determiniret worden.
§ 4 I•
ernere Er- Wenn wir der Sache weiter nachſinnen
Ä Äwie eine ſolche Kraft, als die Freyheit nach
Ät.“unſerm Begriffe ſeyn ſoll, möglich ſey, ſo
findet ſich, daß dieſelbe in einer vollkomme
nen innerlichen Thätigkeit beſtehen müſſe.
Es iſt eine Materie, welche in die Meta
phyſik gehöret, * zuerweiſen, daß, weil zwi
ſchen der Wirckung und der wirckenden Ur
ſache die Action oder Thätigkeit darzwiſchen
ſeyn muß, welche Reihe aber nicht unend
lich fortgehen kan, daß man, ſage ich, mit
hin endlich auf erſte Actionen oder Grund
thätigkeiten kommen müſſe, vor welchen
nicht wiederum eine andere Thätigkeit einer
wirckenden Urſache vorhergehen muß, ſon
dern welche unmittelbar aus dem Weſen ei
ner thätigen Grundkraft ſelbſt entſpringen.
Es ſind von denſelben unterſchiedene Arten
möglich. Einige wircken ihre Natur nach
beſtändig, z. E. die Grundkräfte der Ele
mente. Andere ſind an gewiſſe Bedingun
gen
". Metaphyſ. § 21-83.
des menſchlichen Willens. 53

gen verknüpft, und können alſo zwar in Er


mangelung derſelbigen nicht wircken, allein
ſobald die erforderten Bedingungen da
ſind, ſo erfolget ihre Wirckſamkeit ihrer Na
tur nach unausbleiblich. Von dieſer Art
ſind z. E. die Kräfte des menſchlichen Ver
ſtandes. Mit noch andern kan es alſo be:
wandt ſeyn, daß ihre Wirckſamkeit durch
die Bedingungen, welche dabey erfordert
werden, nur möglich gemacht wird. So
bald dannenhero jene vorhanden ſind, ſo
können ſie dieſelbe anfangen, iedoch müſſen
ſie ſolche eben nicht anfangen, ſie können ihre
angefangene Thätigkeit nach Proportion
der Gröſſe ihrer Kraft in gewiſſem Grade
eine Zeitlang fortſetzen, und auch wiederum
abbrechen. Eben dadurch wird eine ſolche
Kraft bey einerley Umſtänden ſowohl zum
Thun als Laſſen, ingleichen zu mehr als ei
nerley Unternehmungen geſchickt. Und von
dieſer Art muß die Freyheit des menſch
lichen Willens ſeyn, daher man den Begriff
derſelben noch ferner alſo beſtimmen kan,
die Freyheit ſey der höchſte Grad der Thä
tigkeit in einem Willen, vermöge welcher er
eine Wirckſamkeit ſelbſt anfangen, richten
und wiedernm abbrechen kan, ungeachtet
dieſelbe durch alle dabey erforderliche Be
dingungen nicht mehr als möglich gemacht
worden. Es würde eine bloſſe Uebereilung
ſeyn, wenn man hierbey dencken wolte, daß
ich ſolchergeſtalt von der bloſſen Möglich
D 3 feit
4 Cap. II von der Freyheit
keit einer Handlung auf ihre Wircklichkeit -
ſchlöſſe. Denn die Rede iſt hier nicht von
Sätzen und Schlüſſen, ſondern von Kräf
ten und Thätigkeiten. Es iſt die Frage
nicht, ob man aus der Möglichkeit die Wirck
lichkeit ſchlüſſen könne, ſondern nur ob nicht
eine thätige Kraft von der Möglichkeit ih:
rer Action zur Wircklichkeit fortgehen kön
ne. Daran zweifelt niemand, daß es nicht
folge, daß eine Sache deswegen wircklich
geſchehe, weil ſie möglich iſt. Allein das
ſaget auch niemand, ſondern ich behaupte
nur ſo viel, daß es wirckende Urſachen gebe,
welche eine von ihren möglichen Thätigkei
ten anfangen können, und welche zu einer
Zeit mehr als eine, nemlich entweder dieſe
oder jene, anzufangen fähig genug ſind, wo
rinnen mir niemand etwas unmögliches zei.
gen ſoll. Es folget nur ſo viel daraus, daß
man bey einer ſelchen Kraft durch einen
endlichen Verſtand a priori gar nicht der
monſtrativ beſtimmen könne, ob ſie zu einer
gewiſſen Zeit wircken werde, und was ſie
thun werde, ſondern daß ſolches entweder
ohne Schluß durch einen unendlichen Ver
ſtand, welcher keine Schlüſſe nöthig hat,
erkannt, oder der Erfolg a poſteriori abge,
wartet werden müſſe. 4 º.
- § 42«
Ä º Daß nun dergleichen Freyheit, wie ich
Ät dieſelbe bishero aus dem Sprachgebrauch
uns ſº erkläret, auch dieſe Erklärung noch ferner

erhö
des menſchlichen Willens, 57
erhöhet habe, in unſerer Seele wircklich vor,
handen ſey, davon wird man ſich durch fol
gendes überzeugen können. Wir ſind uns
erſtlich in vielen Fällen bewuſt, daß wir bey
eben denſelben Umſtänden eine Action auch
unterlaſſen, oder anders einrichten köuten.
Daher beſitzen wir auch dergleichen Kraft
wircklich. Z. E. Ich finde in mir, daß,
indem ich dieſes ſchreibe, ich auch abbrechen
und eine andere Verrichtung vornehmen,
oder in der Stube auf und niedergehen kön
te. So gut ſich ein Dichter oder Redner
bewuſt iſt, daß er Verſe oder Reden verfer
tigen könne, eben ſo ſind ſich alle Menſchen
bewuſt, daß ſie zu einerley Zeit vielfältig
mehr als einerley unternehmen können.
Entweder man muß mir daher den Schluß
einräumen, daß der Menſch dergleichen
Kraft wircklich beſitze, oder man muß der
gleichen Manier zu urtheilen auch bey kei:
nen andern Erempel gelten laſſen, welches
aber offenbar thöricht wäre. Es haben
zwar einige Gelehrte, deren Scharfſinnig
keit ich ſonſt hochſchätze, vermeinet, daß ſich
dergleichen Schluß deswegen nicht machen
lieſſe, weil wir uns ſolches vielleicht nur ein
bildeten, und weil uns die Sache eben ſo
vorkommen würde, ungeachtet wir innerlich
durch ſolche Bewegungsgründe, welche uu
ſerm Begehren gemäß ſind, zu einer Action
vollkommen determiniret würden. Allein
man kan doch dergleichen unwiſſentliche de
D 4 tºr;
s Cap. III von der Freyheit
termirende Bewegungsgründe vor die lan
ge Weile nicht zugeben. Wovon man gar
keine Spur antrifft, und was man auf kei
nerley Weiſe bündig erweiſen kan, das wird
ſchon deswegen mit hinlänglichem Grunde
als falſch verworffen. Denn was würden
wir nicht ſonſt einem iedweden Träumer vor
Erdichtungen einräumen müſſen. Ich weiß
zwar wohl, daß gar viele ſich einbilden, ſie
könten nach der Analogie auf determini
rende Gründe auch in denenjenigen Fällen
ſchlieſſen, wo man ſie nicht gewahr werde.
Es finden aber hier die Bedingungen nicht
ſtatt, unter denen die richtigen Schlüſſe nach
der Analogie gemacht werden müſſen. Log.
§ 386, daher ſie hiermit nur eine petitionen
principii begehen, oder a particulariad vni
uerſale ſchlieſſen. Es bleibt demnach das
bey, daß wir in denjenigen Fällen wircklich
frey handeln, wo wir uns deſſen nach auf
merckſamer und unpartheyiſcher Prüfung
bewuſt ſind, und keine determinirenden Ur
Ärs ſachen wahrnehmen. Dieſes wird noch fer:
ner dadurch erläutert, daß ſich nicht ſelten ſol
che Begebenheiten äuſſern, da wir unter
zwey Mitteln eines erwehlen, von denen
man demonſtriren kan, daß ſie zum Zwecke
vollkommen gleichgültig ſind, ob ſich wohl
in andern Umſtänden, welche in den gegen
wärtigen Zweck keinen Einfluß haben, eine
Unähnlichkeit an ihnen befinden kan. Was
hat man nun von denſelben y- zU "Ä (NI
des menſchlichen Willens. 57
ben Urſache, daß man zu einem von beyden .
determiniret worden ſey? Es iſt auch zum Anderer Be
andern in einer jedweden Welt nothwendig,“
daß freye Geiſter ſeyn müſſen. GOtt kön
te ſonſt gar keine Welt erſchaffen, weil er
keinen Endzweck auf ſeiner Seiten dabey ha
ben könte. * Denn es wäre ſonſt ſo viel,
alsober alles ſelbſtthäte, und die Geſchöpf
fe bekämen durch ihre Wircklichkeit kein an:
deres Verhältniß gegen GOtt, als welches
ſie in dem bloſſen Stande der Möglichkeit
auch ſchon hatten, nemlich daß ihr Seyn
und Weſen von ihm dependirte. Er müſte
dahero dieſelben ohne den geringſten forma
len Endzweck § 13. zur Wircklichkeit brin
gen, welches der göttlichen Vollkommenheit
wiederſpricht. Da nun die göttliche Voll
kommenheit nothwendig iſt, ſo iſt eine Welt
ohne freye Geiſter ein eben ſo unmögliches
Unding als ein viereckigter Zirckel oder ein
hölzernes Eiſen. Wer auch endlich ein Dritter Be
räumet, daß wahrhaftige göttliche Geſetze"
ſind, deren Gewißheit ich an ſeinem Orte
erweiſen werde, der muß auch eben deswe
gen zugeben, daß eine wahre Freyheit in
unsſey, als welche die einzige mögliche Ur
ſache iſt, welche uns in den Stand ſetzet,
einem Geſetze unterwürffig zu ſeyn, und ge
mäß leben zu können. -

Dſ s 43
* Vergl. unten s211. und Metaphyſ. § 281-284.
354
58 Cap. II. von der Sreyheit –
*

- § 43.
# So oft wir etwas frey wollen, ſo ent
des Weeis ſchlieſſen wir uns allezeit zu etwas, darzu
*é"b", eine oder etliche Begierden in uns vorhan
- den ſind, und der formale Endzweck § 13.
beſtehet demnach allezeit in dem Verhält
niſſe, welches eine Sache gegen eine, oder
etliche unſerer Triebe hat. Ich beruffe
mich hierbeh auf die Erfahrung, und es
wird ſelches noch deutlicher erhellen, wenn
ich erſt die Begierden erklärt haben werde.
Man wird z. E. innen werden, daß wir
auch alsdenn nach dem Vollkommenheits
triebe handeln, wen wir etwas bloß deswe:
genthun, um uns ſelbſt oder andere zu ver:
ſichern, daß wir es zu thun vermögen.
Die Freyheit iſt demnach eine Kraft, welche
nur unter unſern vielen Begierden eine
wehlen kan, nach welcher ſie handeln oder
mit welcher ſie ihre Thätigkeit verknüpffen
will. Und hiermit entdecken wir den voll
ſtändigſten Begriff der Freyheit. Es be
ſtehet nemlich die Freyheit in einer inner:
Aichen vollkommenen Thätigkeit des Willeus,
welche vermögend iſt, ihre Wirckſamkeit mit
einem von denenießo erregten Trieben des
Willens zu verknüpfen, oder auch dieſe Ver
knüpfung zu unterlaſſen und unthätig dabey
zu verbleiben, oder auch dieſelbe anſtatt des
vorigen mit einem anderen Triebe zu ver
binden. Es verſtehet ſich leichte, daß die
Freyheit auch ihre Thätigkeit mit depen
wirck
des menſchlichen willens. 9
wirckſamen Begierden in höherm oder gerin:
germ Grade verbinden kan,
4 § 44. --
Weil nun eine Sache deswegen, weil ſie
- - -
Ä.
LINéz
unſerm Wollen gemäß oder zuwieder iſt, im Äen Ä
phyſicaliſchen Verſtande gut oder böſe ge: Ä#
nennet wird, § 26; ſo kan man von einem j
iedweden Wollen, es wircke nun die Frey- wollen.
heit oder ein bloſſer Trieb mit Wahrheit
ſagen, daß man demjenigen was man will,
allezeit eine Güte zuſchreiben, hingegen das-
jenige in ſoweit vor ein Uebel halten müſſe,
was man verabſcheuet. Daß es hingegen
noch nicht hinlänglich ſey, wenn man ſich,
ohne die bisher erklärten Unterſchiede aus
einanderzuſetzen, den Willen als eine Kraft
vorſtellet, das Gute zu begehren und das
Böſe zu verabſcheuen, iſt ſchon oben § 27
erinnert worden. -

- § 4F.
Hiermit efasſ zugleich die Ein: Die Bedin
ſchränckung der Freyheit, ich meine die Be-Ä
dingungen, unter welchen es möglich iſt, ihr eines
daß ſiewircken, und ſich zu etwas entſchlieſÄ
ſen kam. Nemlich es muß ſowohl ein Ob- oet werden.
ject ihrer Handlung, als auch die Art und
Weiſe, wie damit verfahren werden ſoll, im
Verſtande vorgeſtellet werden. Denn die
Freyheit ſoll eine Art des Wollensſeyn, wel
ches allezeit nach Ideen wircket § 2. Fer-
ner müſſen durch die Vorſtellungen des Ver- -
ſtandes eine oder etliche Begierden rege ge
- uwacht
6O Cap.II Von der Freyheit
macht werden, damit ſie eine darunter er:
wehlen kan § 43. Weil ſie ſowohl etwas
thun als laſſen,ingleichen an deſſen ſtatt etwas
anders thun können, §38, welche Wahlaber
mahl die Begriffe davon vorausſetzet, §2;
ſo gehöret zur Möglichkeit eines freyen Wol:
lens ein ſolcher Verſtand, welcher wenigſtens
Thun und Laſſen überhaupt von einander uns
terſcheiden kan. Daher erfordert ſie einen
Geiſt, welcher vernünftig, und des Gebrau
ches ſeiner Vernunft mächtig iſt. Und weil
endlich keine Eigenſchaft eines Weſens den
übrigen zugleich geſetzten Eigenſchaften wie:
derſprechen kan; ſo kan auch das freye Wol
len direéte nichts würcklich machen, was dem
menſchlichen Weſen überhaupt und der we
ſentlichen Beſchaffenheit ſeiner übrigen
Grundeigenſchaften wiederſtreitet. Jngleis
chen kan man, wiefern man ſich etwas ſchon
vorgeſetzet hat, und bey dieſem Vorſatze bleis
bet, daſſelbe durch den freyen Willen nicht
auch zu eben der Zeit nicht wollen, oder das
Beſtreben unterlaſſen, ſondern der Entſchluß
zudemjenigen, was ein Theil oder nothwen
dige Folge des vorhergegangenen und noch
fortdaurenden Entſchluſſes iſt, kanvermöge
des Satzes vom Wiederſpruche nicht auſſen
bleiben.
S. 46.
Ä Damit man ſich hierbey keine unnöthigen
jejWie Schwierigkeiten mache, ſo will ich hiermitſo
Ä -
gleich einen Satz verbinden, welcher an #LUT
des menſchlichen Willens. 61
ſen Ort eigentlich noch nicht gehöret.* Man
kan nemlich aus demjenigen, was bisher ge:
ſagt worden, die Abſicht leichte einſehen, um
welcher willen GOtt den Menſchen die Frey
heit gegeben hat. Sie ſoll nemlich die herr:
ſchende Kraftſeyn, welche die übrigen Kräfte
der Seele, welche ihr unterworfen ſind, res
gieren und ſich ihrer bedienen ſoll; durch wel:
che die Fähigkeiten der Seele in ſolche Fertig
keiten verwandelt werden ſollen, welche man
der wirckenden Subſtanz zurechnen kan; wo?
durch die vielen Begierden einander ſabordi
niret, § 17, und in ein ſolches Syſtema ge: -
bracht werden ſollen, in welchem die von
GOtt abgezielte Vollkommenheit, iedoch
ohne allen Zwang und Nothwendigkeit, iſt.
Wie viel GOtt an einer ſolchen Verfaſſung
der vernünftigen Geſchöpfe gelegen ſey, iſt
daraus abzunehmen, weil er anderer geſtalt
gar keine Welt erſchaffen kan, § 42. Eben Wichtigkeit
deswegen iſt auch der rechte Begrif von Är“
der Freyheit eines von den allerwichtigſten“
Stücken der Philoſophie, weil ſonſten das
ganze Gebäude der menſchlichen Regeln und
Handlungen umgekehret, und der Hauptend
zweck der ganzen Welt umgeworfen wird. **
S 47.
" Man ſehe unten § 236.
* Wiefern die Freyheit das Vermögen iſt, beyſolchen
Dºgen, die noch nicht evident ſind, ſeinürtheiten
und Agiren aufſchieben zu können, wenn auch gleich
auf unſere Sinne und Begierden ein Eindruck da
von gemacht wird, der an ſich ſtarck genug wäre, ei
Men A&Run zu determiniren; ſo iſt ſie auch ohne #
ichk
62 Cap. III von der Freyheit
- - - -

§. 47. -

Ob die
frevet Tha
Diejenigen, welche ſich an den Leibnizi
ten ohne zu ſchen Satz vom zureichenden Grunde ge
reichenden wöhnet haben, werden nicht mit mir zufrie
Ä. *den ſeyn, daß ich die Freyheit des Willens
ſchehen.
auf eine ſolche Art erkläret habe, da die
freyen Thaten, nachdem von ihnen beliebten
Verſtande des Wortes ohne zureichenden
Grund entſtehen müſſen. Allein ich will
nur bitten, daß man den Beweis dieſes Sa-
zes vor ſich nehme, und genauer prüfe, wie
viel eigentlich von dem Satze des ſogenann
ten zureichenden Grundes dadurch erhärtet
werde oder nicht, welches ich in einer beſon
- dern
ſicht auf die Moralität ein wahrer und unſchätzbar
großer Vortheil vor die Menſchen. Denn der
Menſch iſt dadurch in den Stand geſetzt der Noth
wendigkeit unzehliger Irrthämer und Fehler entges
hen zu konnen. Unſere Einſchränkung brachte es un
vermeidlich ſo mit ſich, daß uns nicht alles unmittel
bar ebdent ſern konnte, und doch mußten die Sin
ne, und die Triebe des Willens, ein beſtändiges
und nach feſtſtehenden phyſikaliſchen Regeln einge
richtetes Weſen haben. Dieſes mſſte ben eilrent
- Ä Grade der Lebhaftigkeit der Gedancken und
er Reisung der Triebe einen Aétum in Anſehun
gewiſſer Objectedet rmitiren, wenn gleich noch keſ
ne Kennzeicheil der Wahrheit in den Vorſtellunaen
anzutreffen geweſen waren. Durch die Freyheit
- aber hade! otr es in unſerer Gewalt, den ACtum aufs
zuhalten, mehr nachzudencen und Beweiſe zu pr
fen und zu ſuchen, wenn wir nur den Vorfaß haben
und behalten, nicht anders als nachzureichender
Evidenz handeln u wollen. Daher werden auch bey
Leuten, welche die Freyreif icht zu gebtauchen
pflegen, ihe Handlungen wºckiichthieriſch zu
fahrend, ſchädlich u! w. Ja ſie weden es mehr
als bey denen Therei ſelbſt, welche weiger Ideen
hºben und zu einer gerigen Mannigfaltigkeit der
9ldungen aufgelegt ud. -
des menſchlichen Willens. 63
dern Schrift ausführlich unterſuchet habe *.
Wenn ſie dieſes thun wollen, ſo werden ſie
gar bald gewahr werden, daß ich demjenigen
Theile des Satzes vom zureichenden Grun
de, welcher in der Thaterwieſen werden kan,
" gar nicht zuwieder bin. Hingegen habe ich
zu ihnen das Vertrauen, daß ſie niemanden
zumuthen werden, daß er einen Satz weiter
gelten laſſen ſoll, als er erwieſen werden
kan, indem ſonſt einiedweder alles, was er
wolte, würde erweiſen können. Es iſt nur
ſoviel wahr, daß alles, was entſtehet, aus
einer wirckenden Urſache entſtehe, welche zus
reichende Kraft gehabt, ihm die Wircklich
keit zu geben. Demnach kan auch eine
Thätigkeit entſtehen, wenn nur die Kraft
darzu in der Subſtanz zureichend geweſen,
und keine von den Bedingungen gefehlet
hat, an welche die Möglichkeit zu wircken
gebunden war. Hingegen das iſt ganz un
erwieſen, daß einethätige Subſtanz auch zu
iedweder Thätigkeie völlig determiniret ſeyn
müſſe, ſo daß dieſelbe bey dieſen Umſtänden
nicht auſſen bleiben oder anders geſchehen,
ſondern aus ihren determinirenden Urſachen
VOL?

* Siehe die Diff.de uſu & limitibus principii rationis


determinantis, vulgo ſufficientis, in denen opuſcu
* is philoſophico - theologicis. Oder die deutſche
Ueberſetzung derſelben: Ausführliche Abhandlung
von dem rechten Gebrauche und der Einſchränkung
des ſo genannten Satzes vom zureichenden, oder
beſſer determinirenden Grunde, von M. C. F. Krau
ſen- ... Zwote vermehrte Ausgabe von Hrn. C. E.
Pezold, Leipz. 1766.
A -
64 Cap. III Von der Sreyheit
voraus beſtimmet werden kan. Man iſt
nur deswegen geneigt, nach dergleichen des
terminirenden Grunde zu fragen, weil uns
alsdenn die Entſtehung der Thätigkeit ſelbſt
begreiflicher ſeyn würde. Wer ſiehet aber
nicht, daß unſer Wunſch oder Gewohnheit
zur Wahrheit der Sache nichts beytragen
kan ? Ich bin zwar verſichert, daß vielleicht
die meiſten Vertheidiger des berufenen Sa
zes vomzureichenden Grunde diejenigen Fol:
gen weder einſehen noch zugeſtehen, welche
ſich mit Wahrheit aus demſelben herleiten
laſſen. Wenn man aber in Anſehung der
Sache überhaupt unpartheyiſch ſeyn will,
ſo iſt nicht zu leugnen, daß dieſer Satz mit
beſſerm Rechte der Saß, nicht des zurei
\ chenden, ſondern des determinirenden, und
eine ſchlechterdings unveränderliche Noth
wendigkeit aller Dinge einführenden Grun
des genennet werden könne. Der Einwür:
fe ſind zu viel, welche hierbey meinem Leſer
übrig bleiben können, daher ich abzubre
chen, und denſelben nur zu bitten genöthiget
bin, die ausführliche Beantwortung derſel:
ben, in meiner vorerwehnten Schrift nach
zuſehen.
§ 48.
Daſ freye Eben ſo wenig hält auch derjenige Ein
Äurswurf Stich, wenn
Är freye That,
eiln
da einige vorgeben, als ob eine
man ſich dieſelbe nach un
***" ſerm Begriffe vorſtellet, durch ein blindes
ohngefehr geſchehen müſſe. Denn von un
gefehr
W

des menſchlichen Willens. 65


gefehr geſchehen, heißt entweder ſo viel als
ohne zureichende Urſache erfolgen, oder man
zeiget dadurch nur etwas an, das von keiner
verſtändigen Urſache regieret wird. Man
erwehle, welche Bedeutung man wolle, ſo
iſt augenſcheinlich, daß eine freye Handlung
von dem Vorwurfe eines blinden Ohngefehr
völlig freyzuſprechen ſey. Denn die Vor
ſtellungen des Verſtandes, die Gegenwart
einer oder etlicher erweckten Begierden, und
die der Subſtanz eingepflanztethätige Kraft
machen beyeineriedweden Handlung eine zu
reichende Urſache derſelben aus. Ueber dieſes
aber wird ſie auch allezeit von einer verſtändi
gen Urſache unternommen und regieret, weil
ſie Begriffe des Verſtandes und den Ge
brauch der Vernunft vorausſetzet, §.45.*
§ 49.
* Eben ſo wenig hat es Grund, wenn einige in den
freyen Handlungen der Menſchen das Ohngefehr
behaupten wollen, und es zur Empfehlung und
Vertheidigung der Freyheit des Willens gegen
die Fataliſterey, zu behaupten vermeynen; wobey
noch merckwürdig, daß ſie Gott eben darum die
reyheit abſprechen, als welcher alleieit nach den
ypotheſen des Optimiſini das Beſte einſehe, und
das Beſte zu thun determinirt ſen. Sie leugnen
zwar hiermit ganz recht die Fatalität in den menſch
lichen Handlungen, weiche die Kette der detern -
nirenden lrſachen mit ſich brinat, und welche durch
das Wortſpiel nicht gehoben wird, wenn die Ver
theidiger der letztern ihr den Nahmen einer deter
minirten Freyheit geben. Aber es wird ein anderer
Irrthum an deſſen Seile geſetzt, und es gereichte
en freyen Honelungen zu keiner Ehe, wenn ſie
ohngefebre Hand unten vºn müßte , we!c, ce ſie
aber weder ſind noch enn konnn. Der Vorwand,
wenn der Freyheit ein egºis sºlat Ä
9M!
66 Cap. III Von der Sreyheit
§ 49.
Was die Die Freyheit iſt entweder eine vollkom
vollkomme
ne und Utl: mene oder unvollkommene (Libertas ple
vollkomne IlAR
ne Freyheit
ſey kommt darauf an, daſ zu einem Ohngefehr gehöre
1) daß etwas zufälliaſen und ohne alle Methwendig
keit geſchehe ; 2) daß es ohne Zweck oder Abſicht ſo
geſchehe, wie es geſchiehet. Das letztere nun ſey
darum ben den frenen Handlungen anzutreffen,
weil, wenn unter Aund B gewehlt wird, man kei- >
nen Zweck habe, warum A dem B vorgezogen wird,
ob man gleich einen Zweck habe, warnm man eines
unter beyden miil. Ich antworte: hier wird eine
petitisprincipii gemacht, und unerwieſen zum Vor
aus anaenommen, als ob die vollkommene Selbſt
thättgkeit in dem Willen eines vernünftigen Geiſes,
darum ein Ohngefehr heiſſen müſſe, weil ſie bey ih
ren A&ibus nicht jedesmal nur zu einem einigen Acttr
determinirt iſt, und daher unter Auud B vehlen
kan, ohne daß ſie durch einem beſondern Zweck ſich
determinirt fände das A dem B vorzuziehen. Es iſt
eine neue und willkührlich angenenommene Bedeu
tung, die man dem Worte Ohnaefehr giebt, wenn
das 47:52 -v, die hohe Selbſtthatigkeit, wodurch
» mai einer Handlungen Meiſter iſt, ein Ohmgefehr
gemennet wird. Der Sprachgebrauch weiß nur vork
denen zwo Bedeutungen, welche ich angegeben.
Die erſte, da das Oöngefehre iſt, wº sohne Urſache
geſchieht, kommt in der phioophiſchen Hiſtorie bey
denen Abweichungen der Cpkuri chen Atomen vor,
vielleicht aber auch ſonſt nirgends. Denn meines
Wiſſens iſt iemals je araenommen worden, daß ein
poſitiver Effect ohne poſitive Urſache geſchehe, als
in jener unſinnigen Hypotheſe von dem ungefehren
Abweichen der Atomen. Die andere Bedeutung,
da ohngefehr heißt, was nicht von einer verſtändiger.
Urſache regieret wird, iſt die im gemeinen Redent
gewöhnliche. Dºher wird auch das Ohngefebrei
gentlich allezeit in relativiſcher Bedeutung geſagt:
Man ſetzt es in dem Zuſammentreffen des Erfolgs
zweyer Dinge, wiefern er von demjenigen vernünf
tige Weſen in Aehuns deſſen man etwas Ohn-,
efehr nerrtet, nicht vorhergeſehen worden, noch
n deſſen Gewalt geweſen, ſo daß es denſelben ver
anlaſſet regieret, oder ſich darnach gerichtet Ä L
des menſchlichen Willens. 67
na vel minus plena) Eine vollkommene
Sreyheit iſt, da uns die Unterlaſſung der
E 2 Sa
Wie ſchickte ſich nun aber dieſer Begriff auf unſere
freyen Handlungen, welche in unſerer Gewalt ſind,
# von uns mit Bewußtſern geſchehen. Hingegen
as abſolute Ohnaefehr müßte entweder das ſeyn,
was, wie ih vorhin aeſagt, ohne Urſache geſchähe;
oder es müßte darinnen beſtehen, wenn man eine
ſolche Selbſtthätigkeit der Kraft, wodurch ſie zu A.
B. Cºc. ſich gleichgültig verhält und zu jedem un
ter denenſelben bey eben denſelben Umſtänden,
völliº zureichend iſt, in etwas anderu, als in cinem
verüftigen Geiſte ſetzen wollte. Aber zu geſchwei
gen, daß dieſe Begriffe kein möglich Object vorſtel
len: ſo gedenkt ngn ſicher an keinen von beyden,
wenn man in gemeinen Leben vom Ohn efähr redet.
Man referirt das Ohngefehr allemal auf vernünftige
Geiſter, in Anſehung, welcher der Erfolg des einen
Dinges mit dem andern ſozuſammentrifft, da ſie
es nicht gemacht oder gewußt haben, wobey übri
gens die Effecte ſelbſt, oder vor ſich aenommen, von
ihren zureichenden Urſachen frey oder Ä
abhangen können, als worauf hier nichts ankommt.
Wegen des Irrthums, als ob Gott nicht in eben
dem Verſtande des Wortes freyſen, in welchem wir
frey genennt werden, ſetze ich nur noch hinzu, daß
hiermit dem Effeete, der Creatur, mehr Vollkom
menheit, als der Urſache den Schopfer, zuge
ſchrieben wird. Denn die höchſte Art der Selbſt-
thätigkeit wäre nicht in Gott, ſondern nur in denen
vernünftigen Geſchopfen anzutreffen. Denn die ge
ringſte Art von Thätigkeit hat das bloß paßive We
ſen, wodurch ein anderes wircket, und es regeret
und richtet. E. Die Schreibfeder; darauffolgen
als hohere Arten derſelben, die Thätigkeit der Ma
terte, das ens ſpontaneum , ich meyne, das nach
Ideen wirckende, jedoch liech nicht freye, wovott
es unzehliche Grade ferner giebt; endlich das Frey
wirckende hat die höchſte, das iſt die in ihrer Art
vollſtändigſte Art von Thatigkeit, welche man dems
nach den allervollkommenſte Geiſte durchaus nicht
abſprechen muß. Denen Verwirrungen und Uns
richtigkeiten aber, die in denen ſo beliebtet Meytune
gen von Optimiſmo und von der beſten Welt liegen
kann ſchon anders abgeholfen werden, wie a. ſei:ient
Orte gezeiget wird:
68 Cap. III von der Freyher
Sache oder die Verrichtung einer andern,
mit welcher ſie tezo verglichen wird, oben
ſoleicht ſeyn würde. Eine unvollkommene
Freyheit iſt, da es uns nicht eben ſo leichte
ſeyn würde, uns zudem Gegentheile zu ent:
- - ſchlieſſen. Ja gewiſſe Dinge können der
Freyheit gar auszurichten unmöglich ſeyn,
weil der Wiederſtand, welcher alsdenn über:
wunden werden müſte, ihr Vermögengänz
/ lich überſteiget. *

§ JO.
Wenn die Die vollkommene Freyheit wird auch li
Äbertas indifferentix oder equilibri genen
Ätjnet. Sie findet aber nicht überall, ſon
dern nur alsdenn ſtatt, wenn zwey Objecte
zu den Endzwecken wenigſtens nach unſerer
Einſicht gleichgültig ſind; oder wenn wir
unter zwey Endzwecken, die wir in gleichem
- Grade der Stärcke begehren, uns zu einem
von beyden determiniren ſollen. Weil wir
uns, wie die Erfahrung lehret, in unſern
Urtheilen von der Gleichgültigkeit ſowohl
der Endzwecke als Mittel vielfältig betrü
gen, ſo werden wir in wichtigen Dingen,
das iſt, in ſolchen, welche wir beſtmöglichſt
zu ſuchen uns ſchon ſehr ernſtlich vorgenom
men haben, furchtſam gemacht, die vorhande
nengleichgültig ſcheinenden Mittelfür gleich
gültig zu erkennen, und eines darunter zuer
wehlen, § 45, woraus ein Schwancken und
vielmahl eine rechte Aengſtlichkeit entſtehet.
Alsdenn darf in einer Seeele nur eine gewiſ
/
ſe
des menſchlichen Willens. - 69
ſe Art vom Aberglauben darzukommen, oder
die auf verwirrte Vorſtellungen ſich grün
dende Meinung, daß man auf ſolche Weiſe
an dem etwanzu beſorgenden ungleichen Ause
gange der Sache ohne Schuld ſeyn würde;
ſo wird der freye Wille durch ſeinen eigenen
. vorgefaßten Vorſatz determiniret werden,
§ 45, die Entſcheidung der Sache lieber dem
Looß oder blinden Glücke zu überlaſſen, als
ſelbſt etwas darinnen zu beſtimmen, dadurch
vielleicht der geſuchte Endzweck Schadenlei:
den möchte. -

§ 5 I.
Die unvollkommene Freyheit iſt, wenn Ä der

man bey der Entſchlieſſung zum Gegenthei-Ä.


le einen Wiederſtand überwinden müſte, heit und wie
§ 49. Weil nun der Wiederſtand gröſſer Ä
oder geringer ſeyn kan, ſo iſt dieſelbe den nie.
Graden nach gar ſehr unterſchieden. Bis
weilen würde uns das Gegentheil nur ſauer
ankommen, wir könten aber doch noch daſ
ſelbige ſogleich unternehmen und ausrichten.
Vielmahl aber iſt es nöthig, daß wir, wenn
wir das Gegentheil thun wollen, uns erſt
Bewegungsgründe darzu vorſtellen, und
allerhand beywirckende Urſachen in uuſere
Gewalt bringen und gebrauchen, durch de:
ren Hülfe wir die ſonſt allzuſchwache Kraft
der Freyheit in den Stand ſetzen, dem Wie
derſtande gewachſen zu ſeyn. Es gehet
dieſes auf eben die Art zu, als wie, wenn
ein Fuhrmann, welcher ſeinen Wagen gern
E 3 geho
Fo Espin von der Freyheit
gehoben wiſſen will, ſich ſelbſt aber ſolches
vor ſich zu thun zu ſchwach befinde, ſeine
Winde zur Hand nimmt, oder nach Vor
ſpannung gehet, und ſolchergeſtalt eine Sa?
che, die ihn ſonſt viel zu ſchwer war, durch
kluge Anſtalten dennoch befördert. Wenn
man ſolchergeſtalt ſeinem allzu ohnmächti-,
- gen Vor ein Ausrichtung deſſen, was man
unmittelbär nicht vermag, durch Nachſin:
- nen , Vºrſtellung der Bewegungsgründe
und anderer Hülfsurſachenzuſtatten kömmt;
ſo wird manchmahl mehr, manchmahl we
3; „... niger Zeit, Mühe und Klugheit erfordert,
- ehe man in den Stand kömmt, den gefaß:
ten Vorſatz in der That ins Werckzuſetzen,
Daher kömmt es z. E. daß der bloſſe Vorſaß
- -
ſich zu beſſern die Sache gemeiniglich noch
gar nicht ausrichtet, wenn man nicht die nö.
1higen Anſtalten trifft, das ſchwache Vermö:
gen zum Guten wieder die überwiegende
Macht des Böſen zu verſtärcken, und die
wirckliche Ausübung deſſelben möglich zu
machei. - -

- § 52, -
Ä. Jedoch laſſe man ſich das Wort nicht et
jºdºwan verführen zu glaubes, als ob eine iedwede
Äine Feyheit überhaupt und al
Älenthalben ein Fehler und Unvollkommenheit
menheit in derjenigen Subſtanßſey, in welcher ſie ſich
beſºndct. Sie iſt es nur alsdenn, wenn da?
durch dem Endzwecke der Freyheit wieder:
ſtritten wird, nemlich wenn man ſich auſſer
Stande
des menſchlichen Willens. 71
Staude befindet, das gute oder das beſſere -
erwehlen zu können, § 46. Hingegen die
guten Endzwecke ſollen wir nicht fahren laſ
ſen. Wir ſollen auch dieſelben dnrch rech:
ten Gebrauch der Freyheit ſo ſtarck machen
und das Gemüthe alſo daran gewöhnen, -
daß wir davon gar nicht oder nicht leicht
mehr abweichen können. Dergleichen be
dingte Nothwendigkeit kan uns hernach eben
ſowohl auf eine wahrhaftig moraliſche Art
zugerechnet werden, als dasjenige, was wir -

unmittelbar frey verrichten. Dieſe Erin


nerung muß ſowohl bey der Angewöhnung
zum Guten als zum Böſen ſtattfinden. Es „Ä
giebt demnach dreyerley Arten der Freyheit, Ä
1) eine Freyheit nur zum Guten, welche die ÄÄt
nur unter den möglichen guten Taten eine Ä
frey erwehlen kan, 2) eine Freyheit nuv bei
- C.
nur und
Böſen, Ä
zum Böſen, welche nur unter den mögli- Ä
chen böſen
3) eine Thatenzum
Freyheit eineGuten
frey erwehlen kan, und
und Böſen, zu »Böſen.
Än

welche ſich ſowohl zu guten als böſen Thaten


determiniren kan, weil ihr beyde möglich
ſind. In den Stand der letztern muß ein
endlicher Geiſt, wenn er einer wahren mo
raliſchen Tugend fähig ſeyn ſoll, irgendein
mahl geſetzt werden. Die andere iſt ein
abſcheuliches Verderben eines frenen Gei
ſtes. Die erſtere aber iſt in endlichen Gei- - -
ſtern der Endzweck, warum ihnen die Frey
heit verliehen worden, und zu welcher ſie
durch den rechten Gebrauch der letztern ge
*- E4 langen
-

72 Cap. III Von der Freyheit


langen ſollen, § 46. Demnach iſt die Frey:
heit nicht nothwendig eine Kraft, nach den
beſten Vorſtellungen des Verſtandes zu
handeln, ſondern da, wo unter den vorge;
ſteiten Handlungen wircklich eine die beſte
iſt, da ſoll ſie nur eine Kraft ſeyn, das be
ſte erwehlen zu können, und nach der gött:
lichen Abſicht ſoll ſie zu der wircklichen Ers
greiffung deſſelben angewendet werden.
§ § 3.
Erläute Man kan ſich dieſes noch ferner alſo er:
rung, wie die
Freyhett läutern. -
Die Freyheit iſt in einem endli
-

durch die chen Geiſte eine endliche Kraft, welche ſich


Begierden
eingeſchrän in ihrer Wirckſamkeit allemahl mit einer
ket werde, von den Begierden des Geiſtes verbindet,
§ 43. Wenn alſo der Wiederſtand, wel
chen ſie bey Erwehlung des Gegentheils
überwinden muß, mehr beträget, als das
Vermögen ihrer Thätigkeit, und ſie hat kei:
ne beyhelffenden Urſachen § 5 I, dadurch
ihr Vermögen in dieſem Falle verſtärckt
würde, oderſie bedienet ſich derſelbigen nicht; -
ſo kan ſie auch das Gegentheil nicht wirck
lich machen. Wir wollen uns einmahl das
Vermögen der Freyheit in einem Menſchen
unter einer Zahl vorſtellen. Es ſey gleich
Io, das Vermögen der Begierden, welche
iezo erreget werden, ſey auch gleich Io, ſo
kan die That ſowohl gethan als unterlaſſen
werden. Denn wenn man die Sache nicht
thun will, ſo kan die Freyheit durch ihre
Kraft die Wirckſamkeit der Begierde über
win:
des menſchlichen Willens. 73
winden, daß ſie nicht in die That ausbricht.
Wenn ich hingegen ſetze, daß das Vermö
gen der erweckten Begierde gleich 1oo ſey,
ſo iſt offenbar, daß die Freyheit nichts dars
wieder vermöge, ſondern die That erfolgen
werde. Ebenſo kam man auch ſetzen, daß
zwey oder mehr einander wiederſtreitende
Begierden zugleich erwecket werden. Es
ſey die eine gleich 10, die andere gleich 90,
die dritte gleich 1oo, das Vermögen derFrey
heit gleich 1o. So kan ſie das Object der
erſtern gar nicht bewerkſtelligen, der andern
kan ſie zwar folgen, aber ſie hat dabey einen
Wiederſtand zu überwinden, entſchlieſſet ſie
ſich aber, ſich mit der dritten zu verbinden,
ſo ſtehet ihr gar keine Schwierigkeit im We
ge. Dem ungeachtet aber iſt ein ſolcher
Geiſt wircklich frey, weil ihm das Weſen
der Kraft der Freyheit zukömmt, obgleich
nicht alle ſeine Thaten frey oder nicht völlig
freyſind, weil man das Vermögen der Frey
heit nicht weiter ausdehnen darf, als ihr
Weſen und die Schrancken ihrer Kraft zu:
laſſen, § 45.
§. 4.
Derjenige Zuſtand eines Geiſtes, da das Was die
Böſe in ihm ſo ſtarck iſt, daß es durch das Ä
Vermögen der Freyheit nicht überwunden juen iſt.
werden kan, und dahero nur eine Freyheit
- zum Böſen da iſt, § 5 2 heißt die Sclave
- rey des freyen Willens, in welcher ſich
leider die verderbten Menſchen
EF
von Natur
- alle
- -

74 Cap. III. Von der Sreyheir


Wenn wir alle befinden. Wenn wir den Vorſatz ha
EW(lf Mºlé
D er Willen ben, etwas nicht zu thun, hingegen aber die
hin
zuder That antreibenden Urſachen das Ver
mögen der Freyheit alſo überwiegen, daß ſie
ihres Wiederſtandes ungeachtet in die That
ausbrechen, ſo ſagen wir, daß wir es wieder
Willenthun. Wir werden alsdenn zu der
That leidend determiniret, dergleichen uns
bey allen unſern heftigen Begierden vielfäl
tig begegnet. * Es gehet damit nicht anders
- - , zu
* Zur Vorſicht iſt jedoch hierbey zumerken, daſ der
gleichen Zuſtände, da man lehdend zu etwas wider
Willen determinirt wird, ſich ordentlicher Weiſe
nur ereignen, in Aſicht auf gewiſſe innerliche
Handlunoen, die wirthlin oder unterlaſſen wollen,
und es ezo, wegen der Gewalt der lebhaften Ein
bildungskraft und der wikenden Triebe oder Af
feeten, nichts vermögen, ingleifen in Abſicht auf
die nächſten Asbüche in äuſſerliche Handlungen,
z. E Dutco Gedehrden, oder durch ettfahrende
Werte, nicht aber in ſolchen äuſſerlichen Hand
, lungen, die aus einer gigen Reyhe zweckmäßig
“ mit Bewußtſeyn vetzunehmender Actionen beſtes
heit. Denn im letern Falle kann man durch bey
helfende Urſachen, die man braucen oder ſuchen
kann, der Gewalt der gereizten, Thätigkeiten ent
gegen gehen, "und ſie entweder dämpfen, oder ih
nen ſºu weichen oder die Vollſtreckung aufſchie
ben, wcl! när Eiſt gehraucht wird, ich neyne,
wei:! man ſich nur anſtrengt, und Mittel anwen
- - bct § 5 I Man verwirre daher auch dasjenige,
was in Sclaverev des frenen Willens dergeſtalt
geſcichet, daß man völlig leydend darzu determi
nirt wird, nicht mit demjenigen, was man nur nicht
gern thut, aber ſich aus Noh darzu entſchlieſſet.
Denn zu dem erſtern entſchlieſſet man ſich gar
nicht; bey dem letztern Falle aber entſchlieſſet man
ſich zu einem utter collidirenden Endzwecken. Wenn
die Menſchen oon der Gewalt ihrer Begierden
und Leidenſchaften hingeriſſen werden; ſo liegt es
geneiiglich den Nichtgebrauche der Freyheit des
Willens,
des menſchlichen willens 75
* . - - . .“ –-
zu, als wie weni einer, der auf einer Höhe
ſtund, nachdem er einmal den Schwung bei
konmen, mit Angſt und Geſchrey wieder
Willen hinabſtürzet. Denn ſein freyer
Wille beſitzet zwar das Vermögen, ſeinen
Körper zu bewegen: Allein dieſes Vermö
gen iſt nicht ſo groß, daß er die ganze Schwe
re des Körpers überwinden, ſondern ihn
nur alsdenn auf gewiſſe Weiſe fortbewegen
kan, wenn die Schwere des Körpers auf ei:
ner Fläche auſgelegt iſt. Wenn daher der
Körper einmal im Fällen iſt, ſo thut er ſei
nen Wollen zuviel Wiederſtand, daß dahero
dieſes das Fällen nicht verhindeen kan.
! - - - : "«. »
Nunmehro können wir auch die bekann: Wenn den
te Frage auflöſen, unter welchen BedingunÄ“
gen der Wille dasjenige thun könne, was könne, was
doch der Verſtand ſelbſt vor böſe und vor ĺ
ein geringeres Gut hält. Nemlich wenn oder vorge
dasjenige, was wegen anderer Urſachen köÄs
e oder geringſchätzig enennetzu werden verdas andere
ienet, nur mit irgend einer von unſern Beº
--
gierden
Willens, und nicht an einer rhyſikaliſchen Ueber
wältigung der Frerhet; oder es liegt an einer üb4
en Wuhl der Endzwecke z Edºuan s Ä
ſauer viU werden laſſen. In beyde Féitenkar
man zwar ſagen, es ſen einer phyſice zu etwas de
ternieriet worden, es iſt aber do) nur ſo zu ver-
ſehe, daß bey, den geſetzten Nºtgebraut, der
Freyheit, oder bey der ſchon anderweit geſ reu
und bleibenden Entſchlieſſu:;g gewiſſe End-Vect:
zu behaupten, die Urſachen des jetzt erfolgten Zu
* faides zu völlig determin enden gewordet tºt
er als wenn gar nhts moraliſch zuzurechnendes
abeyvognden wäre.
7s Cap. III Von der Sreyheit
gierden zuſammen hänget, ſo können wir es
erſtlich bisweilen deswegen thun, weil wir
darzu leidend determiniret werden, § 54.
Ueber dieſes aber können wir uns auch dars
zu entſchlieſſen, ungeachtet der freye Wille
noch nicht überwunden worden. Wenn
uns nemlich das Gegentheil ſauer ankom:
men würde, ſo können wir, ungeachtet der
Verſtand urtheilet, daß daſſelbe viel beſſer,
die Beſchwerlichkeit aber vor nichts zu ach:
ten ſey, dennoch die Thätigkeit unſeres
freyen Willens mit der natürlichen Verab:
ſcheuung des Beſchwerlichen verknüpfen, und
alſo das ſchlechtere, welches eben deswegen
wircklich böſe iſt, erwehlen und ausüben.
- Es wird nur dieſes erfordert, daß die Reis
tzung zu dem unedlern Objeete, die Verab
ſcheuungder Beſchwerlichkeit, und das Ver
mögen des freyen Willens, in ihrer Summe
eben ſo viel austrage, als die Kraft der Be
wegungsgründe, welche uns zu dem edlern
Objecte antreiben wolten, wiefern nemlich
die Vorſtellung derſelben voriezo wirckſam
iſt, § 45. Ich weiß zwar, daß die Thätig
keiten der Seele ſich nach Zahlen nicht aus
rechnen laſſen. Unterdeſſen, da ſie doch eben
dergleichen Verhältniß wie die Zahlen un
tereinander haben müſſen, ob uns gleich das
Maaß fehlet, ihre Gröſſe iedesmal deutlich
zu beſtimmen, ſo wird mir hier abermal er
laubt ſeyn, meine Meinung durch Zahlen zu
erläutern. Man ſtelle ſich einen vor, wel
--
cher,

des menſchlichen Willens. 77
cher, wenner des Morgens aufwachet, über
leget, daß es viel beſſer ſey aufzuſtehen, und
nöthige Verrichtungen abzuwarten, als der
Süßigkeit des Schlafs länger zu genieſſen.
Man ſetze die Wirckſamkeit, welche die Vor
ſtellungen der nöthigen Verrichtungen iezo
verurſachen,ſey gleich 1oo, die Freyheitgleich
2o, hingegen die Begierde des Schlafs gleich
2oo, ſo wird er leidend determiniret werden,
lieber liegen zu bleiben, geſetzt auch, daß er
dabey über ſeine eigene Faulheit und Sclas
verey ſeufzet. Oder man ſetze in eben dem
Falle die Begierde zu ſchlafen ſey gleich 8o,
ſo wird er ſich auch frey entſchlieſſen können
liegen zu bleiben, ungeachtet er das Aufſte
hen ſo zureden um 20 Grad vor beſſer hielt.
Aus dieſer gegebenen Erklärung wird unter
andern ganzbegreiflich werden, wodurch die
Sünden wieder ſein eigenes Gewiſſen mög-
lich ſind. Sie entſtehen nemlich alſo, daß
im Verſtande zwar die Vorſtellung da iſt,
daßetwas denen Pflichten gemäß ſey, welche
uns GOtt aufleget, wodurch auch der Ge
wiſſenstrieb im gewiſſen Grade rege wird;
daß man aber nicht dieſem, ſondern einer an
dern Begierde zu folgen wehlet. Hiermit
wird ein ſcheinbaresphyſicaliſchesGutes dem
moraliſchen Guten wiſſentlich vorgezogen,
und durch eine üble Wahl die Creatur dem
Schöpfer, und eine beliebig erwehlte Be
gierde dem Gehorſam gegen ihn, vorgeſetzet.
s s.
78 Cap. III. Von der Freyheit
§ 56. ---
Wie als- So oft ſich aber dergleichen ereignet, da
Ä“ der Verſtand das eine Object vor ſchlechter
ÄWerän- als das andere urtheilet, und wir uns den
Äs noch zu dem ſchlechtern entſchlieſſen, ſo re
je get ſich der Vollkommenheitstrieb und fängt
wird an Wiederſtand zu thun. Es können ſich
auch mit demſelben noch andere Triebe und
Vorſtellungen verbinden. Wenn ich nun
ſetze, daß der Vorſaß die Sache zu thun,
dennoch fortgeſetzt wird, ſo entſteht daraus
nothwendig eine Bemühung, wodurch wir
- den Verſtand antreiben, auf Gründe herum
zu ſinnen, wodurch ſich unſerieziger Vorſatz
entſchuldigen, und als eben ſo gut, oder gar
beſſer, oder doch als nicht viel ſchlechterver
theidigen laſſe. Wir richten daherounſern
Verſtand auf dasjenige, was uns zum Be
huf unſerer Neigungen einfällt, mit groſſer
Aufmerkſamkeit, daß dannenhero die Vor
ſtellungen davon ſehr lebhaft werden. Fällt
uns hingegen ein Zweifel darwieder ein, ſo
wenden wir die Aufmerckſamkeit von demſel
ben hinweg, daß die dahin gehörigen Be
griffe nicht ſo lebhaft oder deutlich werden,
oder die Erinnerung anderer damit ver
knüpfter Wahrheiten nach ſich ziehen können.
Hierdurch wird gemeiniglich im kurzen auch
das vorige Urtheil des Verſtandes ſelbſt wies
derum geändert, dergeſtalt, daß wir währen
der Ausübung der Sache ganz anders als
zuvor davon urtheilen. Denn wie bald iſt es
geſche:
des menſchlichen Willens. 79
geſchehen, daß wir wichtige Begriffe mit ein
ander verwirren, die Einſchränckungen der
allgemeinen Regeln auſſer Augen ſetzen, und
deswegen falſch ſchlieſſen, oder den bloſſen
Ausſpruch unſeres Willens, darinnen nur
geſagt wird, was wir gern wollen oder nicht
wollen, mit einem gegründeten Urtheile des
Verſtandes, darinnen etwas wircklich vor
gut oder böſe erklärt wird, vor einerley hal
ten, wiewohl hernach, wenn die Heftigkeit
der Begierde geſtillet und die Hinderniſſe der
freyen und unpartheyiſchen Ueberlegung hin
weggefallen ſind, ſich nach geſchehener That
auch die Reue ſogleich wiederum einfinden
kan. Wer auf dieſe Veränderungen in uns
ſerm Gemüthe nicht genau Achtung giebt,
der kan ſich leichte einbilden, als ob wir das
ſchlechtere deswegen erwehlet hätten, weil
ſich unſer Urtheil davon zuvor geändert, und
weil uns dahero die Meinung, als ob es das
beſſere ſey, zu Unternehmung der That be
wogen und determiniret habe. Allein die
Sache verhält ſich vielmehr alſo, daß der
Verſtand ſelbſt durch die allzuheftige Be
gierde nach dem unedlern Güte, oder
durch den Vorſatz nach demſelben zu ſtreben,
allererſt determiniret worden, daſſelbe ſolan
ge unter allerhand nichtigen Vorwande vor
beſſer zu halten. Weil wir aher am Ende
unſerer Handlungen meiſtentheils nur das
jenige noch in den Gedancken haben, was
vor dem iezigen Augenblicke zunächſt # Yz
8o Cap. III Von der Freyheit
hergegangen, hingegen das vorige vergeſſen,
oder auch im Anfange wegen der Heftigkeit
unſeres Wollens darauf nicht gnugſam Acht
gehabt haben; ſo betrügen wir uns in Be
urtheilung dieſer Streitfrage vielfältig zu
unſerem Schaden. Da es nun durch aller
ley Urſachen möglich iſt, daß die auf die be
ſchriebene Artentſtandenen Verderbniſſe her
nach fortdauren, und immer vermehret wer
» den; ſo kan es flach einiger Zeit geſchehen,
daß Jemand bey ſolchen Irrthümern aufs
redlichſte und aufrichtigſte zu handeln ſich
einbildet, welche er doch allererſt dadurch zu
erzeugen veranlaſſet worden, weil er ehemals
wiſſentlich das Böſe dem Guten vorgezogen,
das wiederſprechende Gewiſſen aber durch
Ausflüchte und Zerſtreuung nachgehends ge
dämpfet hat. Hierdurch wird das, was ich
vorhin von den Sünden wieder das Ge:
wiſſen zur Erläuterung angeführt habe, wei
ter aufgekläret. Man ſiehet nemlich, daß
das Sündigen wieder das Gewiſſen mit der
boshaftigen Wiederſetzung gegen das
Wahre und Gute überhaupt nicht einerley
iſt. Ich meine, der Begriff der letztern iſt
weiter. Denn ſie kan auch eine Folge von
ehemaligen Sünden wieder das Gewiſſen
ſeyn, wodurch man andere Begriffe zu ſu
chen veranlaſſet worden, die nun zurGewohn
heit geworden ſind, und mit denen ſich nun
heftige Neigungen oder Affecten zu verbin
den pflegen, welche keine Gegenvorſtellung
weiter
des menſchlichen Willens. 81
weiter zu Kräften kommen laſſen. Mithin
kan einer nun bey der böſeſten Sache ſicher
ſeyn, und redlich zu verfahren glauben.
- . 57. -

Es gehöret zwar hieher nicht, von der Was für e


Freyheit des göttlichen Wellns zu handeln. Ä
Ich will aber, um Misverſtand zu verhüten, icÄÄ
davon nur ſo vielerinnern, daß der göttlichen" ſey
Freyheit eben das Weſen zukomme, welches
wir bisher erkläret haben, nur daß alles das
jenige ausgeſchloſſen werde, was eine Unvoll- ,
kommenheit, Endlichkeit und Dependenz mit
ſich bringet. GOttkan vermöge ſeiner Frey:
heit nur dasjenige erwehlen, was nicht mit ſei:
nem weſentlichen Wollen, nemlich mit ſeiner
Güte und Liebe zu der wahren Vollkommen
heit ſtreitet. Alles übrige gehöret gar nicht
unter die möglichen Thaten des unendlichen
Weſens, ſondern iſt ein unmögliches und an
ſich ungereimtes Unding, welches nur in ei
nem unvollkommenen Verſtande, ſo lange
man die Sache nicht gehörig überleget, den
Schein eines möglichen Dinges an ſich
nimmt. Die göttlichen Eigenſchaften wer
den dadurch niemahls eingeſchräncket, ſon:
dern nur erkläret, wenn man ſaget, daß das
durch nichts geſchehen könne, was den übris
gennothwendigen Eigenſchaften des höchſten
Weſenszuwieder wäre; gleichwie auch nicht
einmahl das Vermögen der menſchlichen
Freyheit dadurch eingeſchräncket, ſondern nur
erkläret wird, daß dieſelbe nichts verrichten
- - F kan,
/
82 Cap.iv von denjenigen Eigenſch.
kan, was an ſich, oder wegen der Einrichtung
des menſchlichen Weſens, unmöglich iſt.
Das IV Capitel.
Von den allgemeinen Eigen
ſchaften, welche ſich an den Begier
den der Menſchen, zum theil auch an dem
freyen Wollen finden, und welche
ſelbſt etwas anderes als eine
. . - Begierde ſind. , , ,
- - § 58. . . -

### Ein Trieb oder Begierde iſt ein Wol


Tje Älen, welches auch ohne Vorſatz mit einer
Äse Beſtändigkeit fortdauret, § 23. Daß es
Begierden in uns gebe, können wir theils
durch unmittelbares Bewuſtſeyn wahrneh
men, theils aber erkennen wir es daraus,
weil uns gewiſſe Dinge mit einer Beſtän
digkeit angenehm oder zuwieder ſind, § 24.
Ob aber gleich iedwede Begierde ein beſtän
gig fortdaurendes Beſtreben iſt, ſo wircket
ſie doch, wie die Erfahrung lehret, nicht im
mer mit einerley Grad der Stärcke. Ge
meiniglich iſt eine Begierde in ihrem natür:
lichen und fortdaurenden Zuſtande nicht zu
reichend, daß ſie in die That wircklich aus
brechen könte. Sie kam aber durch die
Vorſtellungen des Verſtandes gereitzet,
das iſt, zu einem ſtärckern Grade der Thäs
Wie daraus tigkeit determiniret werden. Und alsdenn
** "hº“ bricht ſie entweder vor ſich ſelbſt Ä
ZE
der Begierden, welche ſelbſt keine2c. 83
That aus, wenn ihre Thätigkeit ſtärckerchen Thaten
als die Freyheit iſt, oder die Frenheit nicht"
gebraucht wird, § 53; oder der freye UVil
le wird veranlaßt, nach dieſer Begierde
zu handeln, indem ſich der Menſch bewuſt
wird, daß die Sache, darzu er gereizt wird,
eben zu denenjenigen mit gehöre, wornach
er mit ſeiner Freyheit zu ſtreben ſich ſchon
anderweit vorgeſetzet hat § 45, oder wor
nach er zu ſtreben Urſache hat, wenn er ſei:
ne Endzwecke erreichen will § 5 I , oder in
dem er ſich jetzo allererſt darnach zu ſtreben
determiniret, § 39. Alles was eine Be: WaseinBe
gierde reißet, heißt ein Bewegungsgrund. Ä.
Man ſaget dahero gar recht, daß alle Be:
wegungsgründe eine Sache als gut oder böſe
vorſtellen, § 26.
§ 59.
Die Reißung einer Begierde geſchiehet Unterſchie
entweder dadurch, daß das Object derſelben Ä
im Verſtande lebhafter vorgeſtellet wird;gungsgrün
oder daß der Verſtand empfindet oder ur“
theilet, daß ießo das Object gegenwärtig,
oder die Vereinigung mit demſelben möglich,
oder gar wahrſcheinlich oder gewiß ſey;
oder daß es ſonſt iezo darnach zu ſtreben
nöthig ſey, weil ſonſt die Gelegenheit nicht
leicht wiederkommen möchte, oder weil ſol
ches gewiſſe andere Endzwecke erfordern.
Alles demnach, was die Idee von den
Objecten der Triebe unſeres Willens,
oder von der Mothwendigkeit darnach
F 2 ZU.
84 Cap. IV Vdn denjenigen Eigenſch.
zu ſtreben, oder von der Möglichkeit
oder Gewißheit dieſelben zu erlangen,
oder von unſerm anderweitigen Vorſatz
darnach zu ſtreben, lebhaft macht, es mag
ſelbſt die daher gehörigen Ideen unmittel
bar hervorbringen, oder nach den Regeln
der Einbildungskraft Gelegenheit geben,
daß ſie uns dabey einfallen, das reizet den
Willen und iſt ein Bewegungsgrund. Auf
dieſe Weiſe werden ſowohl die begehrenden
als verabſcheuenden Triebe gereizt. Man
ſiehet hieraus, warum ſogleich eine Menge
Triebe erreget werden müſſen, wenn wir
des Morgens aufwachen, weil uns die Dinº
ge, welche wir empfinden, theils ſelbſt rei:
zen, theils nach den Regeln der Einbil
dungskraft uns unſerer Endzwecke und Ent
ſchlieſſungen erinnern.
§ 6O.
„Hherer " Nemlich es gehören dieſe Regeln mit zu
den höchſten Grundgeſetzen der Natur, nach
gen der Be-welchen der Verſtand und Wille mit einan
der verknüpft ſind, daß erſtlich, ſo bald ei
ne Jdee in uns lebhaft wird, wir dies
ſelbe mit unſern Begierden und End
zwecken vergleichen, und uns des Ver
hältniſſes gegen dieſelben bewuſt wer
den, und zum andern, daß ſodann der
daher entſtehende Grad der Lebhaftigkeit
der Triebe der Lebhaftigkeit der Idee
proportional iſt, nemlich mit derſelben
wächſt und abnimmt, es wäre denn, eÄ (H:
der Begierden, welche ſelbſtkeinec 85

Lebhaftigkeit des Triebes durch den Ge


brauch des freyen Willens, oder durch das
Wiederſtreiten anderer Triebe, gemindert
oder aufgehoben würde. Demnach kan man Folgerun
weder in den Willen anderer Menſchen wir *
cken, noch auch in ſich ſelbſt eine Begierde
vorſeßlich ſtarck machen, als vermittelſt des ,
Verſtandes. Und dieſes iſt eine von den Ur
ſachen, warum der Verſtand der Richtung
uuſeres Willens hat unterworfen werden
müſſen, damit wir nemlich durch die Vorſtel
lungen des Verſtandes, welche wir veranlaſ
ſen oder unterhalten, unſere Begierden ſelbſt
auf mancherley Weiſe regieren und beherr
ſchen könten. Daher iſt das Beſtreben nach
vielen und deutlichen Bewegungsgründen
die beſte beyhelfende Urſache, das Vermö
gen unſerer freyen Entſchlieſſungen zu er
höhen, § 51.
§ 6 I. -
Ich habe aber mit gutem Bedachte von Die Bewe
den Vorſtellungen, welche den Willen rei: Ä
zen ſollen, nur dieſes erfordert, daß ſie leb-Ä
Ä
haft ſeyn ſollen, nicht aber eben, daß ſie tion
atjet eine wahre Deutlichkeit beſitzen mü#Ät
ſten. Unter der Lebhaftigkeit einer Idee nach Ä
aber verſtehe ich nur einen erhöheten Grad Ä er
der Thätigkeit, wodurch ſie gedacht wird. Deutlichkeit
Denn durch die abſtracte Detlichkeit wird
oft die Reizung wiederum aufgehoben, wenn
man dadurch gewahr wird, daß dasjenige
Gute, welches auf den erſten Anblick innem
ei
F 3
86 Cap IV Von denjenigen Eigenſch.
nem Objecte zu ſeyn ſchien , in der That
nicht darinnen anzutreffen ſey, oder daß die
Sache die gehérige Güte in Rhſicht auf die
übrigen End wecke der Seele nicht habe.
Daher ſind Leute von rohem Verſtande,
weil ſie ſelten zu einer wahren Deutlichkeit
der Begriffe gelangen, bey ſinnlichen Din
gen zu heftigen und ausſchweiffenden Rei
zungen geneigter als andere. Hingegen
die edlern Begierden laſſen ſich in ihnen de-
ſto ſchwerlicher erwecken, weil die Bewe
gungsgründe darzu nicht anders als durch
deutliche abſtracte Ideen lebhaft werden kën
nen. Ueberhaupt werden die Menſchen durch
ſinnliche Begriffe am meiſten gereizet, weil
dieſe die gröſte Lebhaftigkeit haben.
§ 62.
Warum ſich
der Wille Es läßt ſich aber der Wille bey einem
ken einem Menſchen leichter und mehr als bey dem an:
Menſchen
leichter rei dern reißen. Es ſind vielerley Urſachen da:
Ben laßt, als von möglich. Es kan vieles an der Beſchaf
bey dem am
dern. ſenheit des Verſtandes liegen, vermöge wel
cher er überhaupt oder bey manchen Mate
rien langſam, zu dunckeln Begriffen geneigt,
oder wenig auf einmahl zu dencken fähig iſt.
Es kan auch der Gebrauch des Verſtandes
Schuld daran ſeyn, daß er nicht aufmerck
ſam und thätig, oder nicht cultivirt genug
geweſen. Vieles kömmt auch auf den Kör:
per als das Werckzeug der Seele an. Denn
es kan ſeyn, daß derjenige Zuſtand des Kör
pers, deſſen Empfindung den Willen ſolte
reißen
der Begierden, welche ſelbſt keine2c. 87
reizen helffen, ſchwerlich verurſachet wird.
Oder der Körper wiederſtehet vielleicht den
Wirckungen der Seele zu ſehr, wodurch der
Wille von der einigermaſſen angefangenen
Aetion wiederum abgeſchreckt, und dieſelbe
zu unterlaſſen bewogen wird. Man hat auch
den vorhergegangenen Zuſtand des Gemü
thes in Betrachtung zu ziehen, ob der
Menſch vielleicht mit Vorurtheilen wieder
die Sache eingenommen ſey, oder ob ſich ſol
che Begierden in ihm finden, welche der vor
habenden Reizung wiederſtreiten, als wel
ches beydes nicht nur die Bewegungsgrün
de vor ſich entkräftet, ſondern auch die Auf
merckſamkeit auf dieſelben hindert. Der
Menſch kan auch vorſetzlich wiederſtehen.
Er kan auch zu der Sache, darzu man ihn
reißen will, ſchon vorher einen ſtarcken Trieb
haben, oder ſich ſogleich frey entſchlieſſen zu
folgen, und ſeine Thätigkeit damit zu ver
binden, wodurch denn die Wirckung der
Bewegungsgründe befördert wird. End
lich aber iſt es auch möglich, daß ſich an der
natürlichen Beſchaffenheit der Kräfte des
Willens ſelbſt dieſer Unterſchied befindet,
daß die Fähigkeit gereizt zu werden in der
- einen Seele gröſſer als in der andern iſt.
Wer ſich in vorkommenden Erempeln be
mühet die Gründe der erfolgten unterſchie
denen Reizung zu entdecken, der wird wahr
nehmen, daß man alle dieſe Urſachen zuſam
men nehmen müſſe.
F 4 S 63.»
-

38 Cap.IV Von denjenigen Eigenſch.


- - - - §. 63.
Andere Ei- An iedweder endlichen Kraft laſſen ſich
Ä folgende Vollkommenheiten als möglich uns
kommjet-terſcheiden, erſtlich die Lebhaftigkeit, vermö
Äge welcher ſie leicht in eine heftige, und mit
Äjd groſſer Geſchwindigkeit wirckende, innerliche
trennbar. Thätigkeit geſetzt werden kan; zum andern
die Stärcke oder der Nachdruck, vermöge
deſſen ſie viel Wiederſtand zu überwinden
vermag; endlich die Dauerhaftigkeit, oder
das Vermögen die Wirckſamkeit lange Zeit
fortzuſetzen. Es iſt aber auch möglich,
daß dieſelben nicht allerſeits, ſondern nur
eine oder zwey, oder daß gar keine in ſon
derlichen Grade vorhanden iſt. Eben der:
gleichen Unterſchiede werden wir in der Er
fahrung an den Kräften des menſchlichen
Willens gewahr. Ein Wille, welchem es
an Nachdruck und Dauerhaftigkeit fehlet,
wird dennoch oft leichtlich in eine heſtige
und geſchwind wirckende Action gebracht.
Er ſtehet aber auch gar bald ab, wenn ihm
ein wichtiger Wiederſtand in den Weg ge:
legt wird, und wenn man ihn auch nicht
hindert, ſo läßt er ſeine Endzwecke in kurzen
von ſich ſelbſt wiederum fahren. Der Wil
le anderer hingegen, an welchen ſich bloß
ein beſonderer Grad des Nachdrucks befin
det, läßt ſich auch die gröſte Schwierigkeit
nicht leicht abſchrecken, die Endzwecke, wel:
che er einmahl hat, durchzutreiben. Nach:
dem er ſie aber erhalten hat, ſo verlöſchen
- ſie
der Begierden, welche ſelbſt keinetc. 89.
ſie im kurzen von ſich ſelbſt wiederum, daß
es nicht anders ſcheinet, als ob er ſie nur
habe erlangen, nicht aber fortſetzen oder ſich
zu Nutze machen wollen. Noch andere
Leute unterſcheiden ſich inſonderheit durch
die Dauerhaftigkeit ihres Wollens, ob ſie
gleich in Anſehung der beyden erſtern Voll
kommenheiten nicht ſonderlich ſtarck ſind.
Wenn ihnen dahero ihr Endzweck ietzo zu
erhalten zu ſchwer iſt, ſo behalten ſie ſich
die Ausführung deſſelben immer wiederum
auf eine andere Zeit eben ſo ernſtlich vor,
oder pflegen, wenn darzu keine Hoffnung
übrig ſcheinet, in Gram und Traurigkeit zu
verfallen. Endlich giebts auch ſo unedle
Gemüther, welche in Anſehung keiner der
ietzt erzehlten Vollkommenheiten etwas ſons
derliches an ſich haben. Man findet auch
in der Erfahrung, daß es bey den meiſten
Menſchen mit der einen Gemüthskraft an
ders als mit der andern bewandt iſt, und
daß die eine von den erwehnten Vollkom:
menheiten etwas merckliches beſitzet, unge:
achtet die andere wenig davon hat, welches
aber, gleichwie auch das vorige, gemeinig
lich nicht bloß der natürlichen Beſchaffen:
heit der Kräfte, ſondern zugleich der Cultur
und Angewöhnung zuzuſchreiben iſt. Bey
einer ſo groſſen Mannigfaltigkeit ſowohl
der Kräfte als der Grade der Vollkommen
heit kan es auch nicht fehlen, daß nicht un
- F zehlis
9o Cap, IV von denjenigen Eigenh.
- -
zehlige gemiſchte Gemüthsarten zum Vor
ſchein kommen ſollten.
. . § 64.
Hieraus Es iſt nichts gewöhnlicher, als daß man
flieſſen die
Gemüths im gemeinen Leben gar vieles von den Tem
tempera peramenten der menſchlichen Gemüther re
mente, vel
che etklärt det, welches aber öfters auf ganß dunckele
Wer)ßt. oder gar wiederſprechende Begriffe hinaus
läuft. Die ietzogemachten Wahrnehmun
gen aber geben uns einen deutlichen Grund,
die bekannten Temperamente, wiefern ſie
nemlich das Gemüthe, das iſt den Willen
und denjenigen Zuſtand der Seele, welcher
davon abhanget, betreffen, genau zu unter
ſcheiden, ſo daß auch unſere Beſtimmung
mit dem Sprachgebrauche ſo gut überein
treffen wird, als es beyſolchen Worten mög
lich iſt, deren Gebrauch die Unwiſſenheit und
Verwirrung der Menſchen ſchwanckend ge
macht hat. Das Temperament überhaupt
heiß hier ſo viel als eine Art von Miſchung.
Das Temperament der Gemüthskräfte
aber beſtehet in der Art der Miſchung der
Vollkommenheit und Unvollkommenheit,
welche ſich in der Art und Weiſe des Vers
fahrens überhaupt befindet, welches die Ge
müthskräfte beobachten, indem ſie nach ih
ren Endzwecken ſtreben. Nemlich das We
ſen desjenigen, was in der Seele das ſoge
nannte bloß ſangviniſche Temperament
ausmachet, beſtehet in einer ſolchen Ge
müthsart, da die Kräfte des Willens einen
beſon
der Begierden, welcheſelbſtkeine2e gr
beſondern Grad der Lebhaftigkeit vor vielen
andern beſitzen, in dem Nachdrucke aber und
der Dauerhaftigkeit deſto ſchwächer ſind.
Das bloß choleriſche Temperament
thut es andern an Nachdruck, und das
bloß melancholiſche an der Dauerhaf
tigkeit zuvor, leidet aber wiederum an den
übrigen Vollkommenheiten Abgang. Der
phlegmatiſche Zuſtand aber, denn man
kan ihn eigentlich kein Temperament nen
nen, iſt in Anſehung aller dieſer Eigenſchaf
ten ſchwächer, als ſie bey den meiſten Men
ſchen angetroffen zu werden pflegen. Weil
wir auch ſchon bemercket haben, daß nicht
eben alle Gemüthskräfte in einem Men
ſchen von einerkey Temperamente ſind § 63,
ſo muß man entweder, wenn der Begriff
deutlich ſeyn ſoll, iedesmahl die Kraft nen:
nen, welcher man das Temperament zu:
ſchreibet, oder man muß es alſo verſtehen,
daß es der Perſon in Anſehung der meiſten
Eigenſchaften zukomme. -

§. 65.
Man ſiehet leicht, daß das phlegmatiſche Wenn man
Weſen, welches andere auch ein Tempera. Ä
ment nennen, an ſich eine Unvollkommen: ramentes
heit ſey. Die drey wahren Temperamente Ä
aber ſind getrennte Vollkommenheiten, wel:
che von Rechtswegen alle da ſeyn ſollten.
Wenn ſie nun alle vorhanden ſind, ſo kan
man den Nahmen eines Temperamentes
abermahl gar nicht gebrauchen, ſondern es
v
92 Cap. IV von denjenigen Eigenſch.
iſt alsdenn der Stand der Vollkommenheit,
gleichwie bey dem phlegmatiſchen Weſen
der Stand einer allerſeitigen Unvollkom
menheit vorhanden, daher es z. E, lächerlich
iſt, daß man davon geſchrieben hat, was
Adam vor ein Temperament gehabt habe.
Eben naher kömmt es auch, daß einige nicht
wiſſen, wie ſie daran ſind, wenn ſich an ei:
nigen Leuten gar kein merckliches Tempera
ment hervorthun will, ſondern alle drey
Vollkommenheiten in mittelmäßigem Grade
Die mögli vorhanden ſind. Denn von dergleichen
chen Mi
ſchungen Perſonen muß man eine beſondere Anmer:
der Tempe ckung machen, man kan ſie aber ebenfalls zu
Yanente.
keiner der gewöhnlichen Claſſen rechnen.
Das ſangviniſche und choleriſche, fer
ner des choleriſche und melancholiſche,
ingleichen das ſaugvimiſche und melan
choliſche Temperament können ſich ſowohl
in Anſehung einer einzigen Gemüthskraft,
als in Anſehung der Gemüthsart über
haupt, wenn man die Benennung von dem
größten Theile hernehmen will, verbinden,
woraus denn ſo viel gemiſchte Tempera
mente entſtehen. Hingegen das phlegma
tiſche Weſen kan in Anſehung einer einzi:
gen Gemüthskraft niemahls mit einem
Temperamente zuſammen kommen, weil
man ſich wiederſprechen würde, ob es wohl
der einen Kraft in einer Seele zukommen
kan, ungeachtet ſich an andern Kräften ein
Vorſichtig
keit bey Be
Temperament befindet. Weil es demnach,
- YPLINUI
der Begierden, welche ſelbſt keine 2c,93
wenn man einem ein Temperament zuſchrei der Tempe
- - -

ben will, darauf ankömmt, daß man in ihm j


gewiſſe Vollkommenheiten ſeiner Kräfte in e

ihrer Art zu wircken wahrnehmen muß,


darinnen er vor vielen andern etwas voraus
hat, ingleichen weil nicht alle Kräfte moth:
wendig einerley Temperament haben, ſo ent
ſtehet daher die Folge, daß die Frage, von
was vor Temperamente jemand ſey, in vie:
len Fällen höchſtſchwer oder gar unauflös,
lich iſt, ob man gleich die Temperamente,
überhaupt betrachtet, gar wohl von einan
der unterſcheiden kan.
* § 66.
Man verwirre aber mit dem Tempera: Tatrent
- 1.
Das Te; Dés
mente der Gemüthskräfte nicht etwan das j ä#
Temperament des Leibes, welches zwar in Äu
den Gemüthszuſtand einen gewaltigen Ein
fluß hat, iedennoch aber mit den Tempera
mente der Seele durchaus nicht vor einerley
zu halten iſt. Es kömmt nemlich das Tem:
perament des Leibes theils auf die Beſchaft
fenheit und Spannung der feſten Theile, und
zwar der Nervenfäſergen, theils auf die Be
ſchaffenheit der Säfte, und alſo vorneglich
des Blutes, an. Es iſt auch offenbar, daß
dieſe beyden Urſachen wechſelsweiſe ineinan
der wircken, jedwede zu dem Zuſtande der
andern gar vieles beytragen muß. Denn die
Ausarbeitung der Säfte hanget von der
Güte und Bewegung der feſten Theile ab,
und hinwiederum eine gewiſſe Beſchaffenheit
der
-
94 Cap. V. Von denjenigen Eigenſch.
der Säfte machet, daß die zu den Geſchäf
ten der Seele, und jedes Theiles im Leibe,
nöthigen Materien wohl abgeſendert und be
wegt werden können, gleichwie auch eine
übele Beſchaffenheit derſelben zu Abſetzung
ſchädlicher Materien, Verſchleimung, Ver
hinderung oder groſſer Schwierigkeit der
Verrichtungen, Anlaß geben kan. Durch
dieſes alles können die Wirckungen der See:
letheils unmittelbar befördert, oder auch ver
hindert und ſchwer gemacht werden; theils
können gelegentliche Urſachen zu angenehmen
oder unangenehmen Empfindungen über
haupt, und zu Erweckung gewiſſer Willens
zuſtände inſonderheit, entſtehen. Dieſelbi:
gen haben ſodann in die Art zu verfahren,
welche die Seele in ihren wiſſentlichen Ge
ſchäften beobachtet, und auch in ihre unwiſ
entliche Wirckung in den Leib, mancherley
Einfluß. Wiefern nun ſolche Arten zu ver
fahren mit einer Beſtändigkeit beſtimmet
werden, ſo gehören ſie mit zu dem Tempera
mente eines Menſchen; und zwar ſind ſie zu
dem Temperamente des Leibes zu rechnen,
wiefern die Urſachen davon in dem Leibe an
zutreffen ſind. Man wird hieraus auch bei
greiffen, warum ſich die Temperamente mit,
den Jahren zu verändern pflegen, nemlich
weil ſich der Zuſtand des Leibes ändert, in:
gleichen wie in einem veränderlichen Zuſtan:
de des Leibes ein Grund liegen kan, daß Jes
mand eine Zeitlang anders verfährt,
LUI
der Begierden, welcheſelbſt keine2c,95
ſein Temperament ſonſt mit ſich bringet, und
ſolange ein anderes Temperament bekommen
zu haben ſcheinet. Nichtsdeſtomeniger blei
bet bey denen mit den Jahren ſich ereignen?
den Veränderungen ordentlicher Weiſe auch
etwas ſich ſelbſt ähnliches und beſtändiges,
welches, ob es wohl andere Grade annimmt,
doch die Möglichkeit ein gewiſſes Tempera
ment des Leibes zu unterſcheiden übrig laſſet.
- - § 67. .
Ebenſo unerträglich iſt es, wenn man das Auch nicht
Temperament der Gemüthsfräfte wuit den # Ä"
herrſchenden Begierden und Leidenſchaften j Är
verwirret. Es folgt zwar aus der unter #
e

ſchiedenen Art zu wircken überhaupt, welche encyatten.


die Temperamente ausmacht, auch eine
Neigung zu unterſchiedenen Thaten, z. E. - .
ein ſangviniſcher Menſch ſucht ſolche End- - -

zwecke, welche leicht und geſchwinde zu er


halten ſind, und liebt die Veränderung.
Ein choleriſcher hingegen ſucht ein Vergnü
gen darinnen, daß er ſich in Schwierigkeit
und Gefahr ſtecket, gleichwie ein melancho
liſcher zu ſolchen Endzwecken am geſchickte
ſten iſt, welche lange Zeit brauchen, und ein
phlegmatiſcher am liebſten eine ſolche Le
bensart wehlet, dabey er ſich am wenigſten
thätig verhalten darf. Allein die gewöhn
lichſten Hauptleidenſchaften, Ehrgeiz, Geiß
und Wolluſt können alle Gemüthsarten an
ſich haben. Der Unterſchied beſtehet nur
darinnen, daß ſich iedwedes in Verfolgung
ſeiner
36 Cap.iv Von denjenigen Eigenſch.
ſeiner Abſichten anderer Mittel und einer
- andern Art zu wircken bedienet als das an:
dere, und ſich in ſeinem Beſtreben alſo das
bey aufführet, wie es ſeiner Naturgemäß iſt.
Z. E. ein Ehrgeiziger, welcher choleriſch iſt,
ſuchet ſeine Ehre in ſolchen Dingen, welche
zu erlangen ſchwer oder gar gefährlich ſind,
dahingegen ſie ein Sangviniſcher lieber in
Pracht, Ehrentiteln, Windmacherey und
W dergleichen ſuchet, und ſo ferner.
- - - § d

Dritte Ei- Sobald eine Begierde oder Vorſaß der


Ä geſtalt erwecket worden, daß man darnach
Wollen des wirklich zu handeln anfängt, ſo entſtehet
Ä ein Bemühen, dafern der Zweck nicht un
Bej“ mittelbar in unſerer Gewalt iſt, ſich um
Ä Mit die Mittel darzu zu beſtreben, welches
ebenfalls mit zu den natürlichen Grundge
ſetzen der Seele gehöret; daher wir daſſelbe
auch an den Thieren wahrnehmen, ungeach
tet ſie die Mittel nicht mit Ueberlegung be
urtheilen, ſondern durch einen Trieb der Na
tur, oder durch die Einbildungskraft vermit
telſt des Gedächtniſſes oder der Erfindungs
kraft, darauf gebracht werden. Dieſes Be
ſtreben wircket auch bey den Menſchen oft
ohne Bewuſt ſeyn. Daß dabey die Ideen
und Begierden bloß phyſice wircken können,
lehret ſchon die iezuweilen mit unterlauffen
de Verwirrung, indem man z. E. ſich ver
ſpricht, vergreiffet, verſchreibet u. ſ. w. Je
mehr Ideen im Gedächtniſſe vorhanden Ä
UN
der Begierden, welcheſelbſtkenese. »7
und ſich in der Diſopſition befinden, daß ſie
leichte erwecket werden, deſto beſſer gehet das
Beſtreben nach Mitteln vonſtatten, welches
aus der Bemühung nach einem Endzwecke
natürlicher Weiſe entſtehet, ich meine deſto
leichter fällt man auf mancherley, und wirck
lich brauchbare Mittel. Daher cultiviret
ſich dieſes Vermögen auch bey den unver
nünftigen Thieren, wenn die Menge ih
rer Empfindungen und Gedächtnißideen
mercklich zugenommen. Jedoch, gleichwie
alle Sätze, welche von endlichen Urſachen
und ihren Wirckungen reden, mit der Ein
ſchränckung anzunehmen ſind, daß die Ur
ſache nicht durch andere Dinge verhindert
ſeyn müſſe; alſo kan auch das Beſtreben
nach den Mitteln, welches aus dem Wollen
des Endzweckes natürlicher Weiſe herflieſſen
muß, durch das Wiederſtreiten anderer Des
terminatienen des Willens wiederum auf
gehoben, und verhindert, oder wenigſtens
vermindert werden. Daher iſt es keine all
gemeine Regel, daß, wer den Zweck will,
auch die Mittel wolle, ſondern es geſchiehet
ſolches nur alsdenn, wenn er unverhindert,
oder wenn er weiſe und dabey mächtig genug
iſt. Die Meinung iſt nur, wenn man ei
nen Endzweck der Vernunft gemäß begeh
ret, ſo ſoll man ſich auch von dem Gebrau?
, che der Mittel durch keine eiteln Abſichten
abhalten laſſen,

G § 69:
98 Cap. IV Von denjenigen Eigenſch.
- § 69.
Ä“
genſchaft. Wenn man dasjenige erlanget hat, was
4

ZÄ Wer-man begehret, ſo ſagen wir, das Verlan


Ä # gen werde geſtillet oder erfüller. Wird
jeſänf aber unſer Verlangen iezo nicht erfüllet, ie
Ä " dennoch glauben wir, daß es kunftig wer
de erfüllet werden, und richten unſer Ver
langen auf die künftige Erfüllung, ſo wird
daſſelbe ſuſpendirt oder beſänftiger, wel
ches den Nutzen nach ſich ziehet, daß die
gegenwärtige Ermangelung der gewünſch
ten Objecte keinen Schmerzverurſachet § 24.
Was die Die Erwartung eines zukünftigen Guten
?" heißt Hoffnung. Es gehöret zu derſelben
zweyerley, einmahl, daß man vor gewiß
oder wahrſcheinlich halte, daß das Gute,
davon die Rede iſt, kommen werde; zum
andern, daß man ſich dabey alſo beruhige,
daß man keinen Zweifeln weiter Gehör
giebt, welche uns wegen der Richtigkeit un:
ſeres Urtheils von der Zukunft des Guten
beyfallen. Demnach laſſen ſich die Begier
den durch Hoffnung ſuſpendiren. Ferner
verſtehet man leicht, daß man ſich an einem
Guten ſchon durch die Hoffnung vergnügen
könne. Nachdem die Vermutyungsgrün
de gut ſind, nachdem iſt auch die Hoffnung
vernünftig. Die Erfahrung lehret, daß,
iemehr eine Seele überhaupt oder bey ge
wiſſen Umſtänden zum Begehren und Ver
- gnügen aufgelegt iſt, deſto mehr iſt ſie bey
ſonſt gleichen Umſtänden zum Hoffen ge:
neigt,
der Begierden, welche ſelbſt keine2c. 99
neigt, wovon der höhere Grund darinnen
lieget, weil man, wie weiter unten gezeiget
werden ſoll § 1co, zu der Zeit ſeine Auf
merckſamkeit nicht eben ſowohl auf die ge
genſeitige Gründe richtet; und weil man ſei:
nen Gemüthszuſtand, da man etwas als
möglich wünſchet, undiezokeine Schwierig
"keit oder Wiederſtand dabey empfindet und
ſich mit vorſtellet, mit einer Ueberzeugung
verwirret, daß die Sache in der That zu er
halten wöglich ſeyn und ſich keine ſonderli
che Schwierigkeit dabey finden werde. Da
her macht die Luſt die Leute zum Wagen -
geneigt. *

W
7o. -

Diejenigen Dinge, welche uns Vergnü- Was das


gen oder Misvergnügen verurſachen § 24 dealiſche
rd körper
thun ſelches entweder durch einen abſtra-liche Ver
angen, in
eten Begriff, welchen wir davon haben, gleichen der
z. E. die Schönheit, Ordnung, oder durch ideºliſche
ein bloſſe Empfindung, welche vermittelſt und körperli
che Schmerz
des Körpers geſchiehet, und welche uns an-iſt.
genehm oder ſchmerzhaft iſt, ſobald wir
uns derſelben bewuſt werden, z. E. der Ge-
ſchmack des Weines. Ich will jenes das
idealiſche, dieſes das körperliche Vergnü
gen, ingleichen die erſte Art von Misver:
gnügen den idealiſchen und die andere den
körperlichen Schmerz nennen. Unter
den idealiſchen Schmerzen heißt die Ver
abſcheuung ſeiner eigenen vorigen Thaten,
da man lieber wolte, daß ſie nicht sº
G 2.
100 Cap.IV Vondenjenigen Eigenſch
Was Reue wären, Reue, und die Verabſcheuung der
j Scham Schande,
iſt.
welche
litten zu haben man zuwird
glaube erleiden oder er
Scham ge
Das Ver-nennet. Durch das Vergnügen wird die
Ä die Seele überhaupt zº agiren geneigter ge
Ämacht; dahingegen ſie durch Schmerz leicht
is lich niedergeſchlagen und verzagt wird.
- Denn ſo lange es ihr wohl gehet, ſo glaubt
ſie ihre eigene Vollkommenheit zu empfin
den, ſie wird zum Hoffen geneigt § 69, und
weil ſie iezo keinen Wiederſtand empfindet,
ſo werden ihr ihre Handlungen Ächt ſauer,
von welchen allen alsdenn das Gegentheil
erfolget, wenn ſie vom Misvergnügen beun
ruhiget wird. -

§ 71.
Fünfte E. Man wird in der Erfahrung finden, daß
Ä ſich manche Actionen der Geiſter ſehr lange
Äu Zeit fortſetzen, und wer weiß, ob ſie nicht
begehren: Änaufhörlich fortwähren würden, wenn ih
nen nicht von andern wiederſtritten, und ſie
dadurch aufgehoben würden. Dieſes trifft
bey allen denenjenigen Actionen ein, da ein
Niſus, das iſt, ein fortdaurendes Beſtreben
der Seele, auf eines unter ſeinen möglichen
Objecten gerichtet wird. Von den Actio
nen der Freyheit kan es dahero nicht gelten,
weil der freye Wille kein an ſich fortdauren?
des Beſtreben iſt, indem von den freyen Tha
ten nur die Möglichkeit in der Seele beſtän
dig iſt, § 41, wie denn ſolches auch die Er:
fahrung beſtätiget. Z, E. Wenn manWM§ et
/

der Begierden, welcheſelbſtkeine:c. 101


was ungernthut, und ſich währender Uebung
die Empfindung der Beſchwerlichkeit nicht
etwan phyſice ändert, und ſich verlieret; ſo
entſtehet kein ſich fortſetzendes Beſtrebender:
gleichen weiter zu thun. Denn man that es
bloß durch Anwendung der Freyheit. Man
verband nemlich die Thätigkeit der Freyheit
mit dem Beſtreben,ſich einerBeſchwerlichkeit
zu entſchütten. Daher wenn z. E.junge Leute
aus der Zucht in die Freyheit kommen; ſo blei
ben einige gut,esſey nun ganz moraliſch, oder
halb moraliſch, weil währender Einſchrän:
ckung ſich ihr Gemüthe wohl gewöhnet hat,
Andere aber ſchlagen um, ſobald ſie freywer:
den, und dieſes nicht bloß wegen der Reizun
gen zum Böſen, die ihnen vorkommen, ſons
dern weil ſie das Gute zuvor auch beſtändig
ungern gethan hatten. Hingegen alle Thä
tigkeiten der Begierden, wenn dieſelben auf
ihre Objecte gerichtet werden, ſind fähig, ſich
fortzuſetzen, ſo lange ihnen nicht von andern
Determinationen des Willens wiederſtritten
wird. Wenn man dahero nach einer Be
gierde öfters auf einerley Art handelt, ſo
kömmt die neue Action hinzu, indem die vo:
rige auch noch fortdauret, und weil ſie ſo
wohl von einerley Weſen als von einerley
Richtung mit derſelben iſt, ſo muß ſie ſich
mit ihr eben ſowohl in eine Action vereini
gen, als etwan aus zwey Bewegungskräften
eine einzige Bewegung wird, wenn ſie der
Richtung nach nicht unterſchieden ſind.
G 3 Sol:
102 Cap. IV Von denjenigen Eigenſch.
Solchergeſtalt muß die Determination ei
ner Begierde auf ihr Object immer ſtärcker
werden, ie öfter ſie wiederholet wird, derge
ſtalt, daß ſie ie länger ie mehr ausrichten,
ſich immer mehr fortſetzeu, und gröſſern
- Wiederſtand überwinden kan. Eine iedwe
de dergeſtalt erhöhete Fähigkeit, daß ſie ſich
nicht leicht wiederum hinwegnehmen läßt,
- heißt ein habitus. Folglich wenn man oft
nach einer Begierde agiret, ſo entſtehet ein
habitus zu begehren. Ob ſich nun gleich
die Thätigkeiten des ſreyen Willens ſelbſt
nicht inhabituale Beſtrebungen verwandeln
können, ſo findet doch dieſes wohl öfters bey
den Wirckungen und Folgen freyer Thaten
ſtatt. Denn wenn die freye Action in der
vorſetzlichen Abrichtung einer Begierde auf
eines von ihren Objecten beſtund, ſo wird
ſich dieſe in einen habitum daſſelbe zu begeh
ren verwandeln, ob ſich gleich der Vorſatz
Was eine darein nicht verwandeln kan. Wenn eine
f eitele Begierde zu einem ſtarcken habitu ge
worden, ſo kan man ſie eine Leidenſchaft
nennen, weil dadurch die gehörige Thätig
keit der Freyheit eingeſchränckt wird, und
die Seele ſich mehr leidend verhält, als es
ſeyn ſoll, § 46. Es ſchräncken aber die Lei:
denſchaften die gehörige Thätigkeit der See
le nicht nur dadurch ein, daß ſie ſtarcke,
und deswegen ſchweer zu überwältigende,
habitus im Willen ſind, ſondern hauptſäch:
lich auch dadurch, daß ſie eine übele Rich
- ung
der Begierden, welcheſelbſtkeine:e. 103
tung des Verſtandes mit ſich bringen. Da:
her werden die Leute durch die Leidenſchaften
voll von verkehrten Meinungen, und endlich
unverbeſſerlich. -
S. 72.
Der Erläuterung wegen erinnere ich ſo: Wie man
gleich, daß man hieraus abnehmen könne, Ä.
wie man, wenn man nach einer unedlern ne allzuffar
en habitus
Begierde zu agiren nöthig hat, oder ſich er unedler. "
entſchlieſſet, dennoch verhindern könne, daß Begierden
nicht der Freyheit zum Nachtheil ein ſtarcker entſtehen.
Habitus daraus werde. Es gehet ſolches
auf zweyerley Art an. Erſtlich wenn man
ſich vorſeßlich bemühet, das Objectiedesmahl
nur als ein Mittel zu einem höhern End
zwecke zu gebrauchen, z. E. nicht öfter zu
ſpielen, als man eine Gemüthserqvickung
brauchet. Denn weil die Richtnng der
Begierde auf den höhern Zweck nicht in
dem Weſen der Begierde ſelbſt gegründet
iſt, ſondern in der unmittelbaren Anwendung
der Freyheit beſtehet; ſo iſt ſie keine ſich
fortſetzende Aetion, und wird alſo kein habi
tus daraus, die Sache auch ohne derglei»
chen Verhältniß zu begehren. Ferner,
wenn man ſich iedesmahl ausdrücklich vor:
nimmt, der niedrigen Begierde nicht weiter
zu folgen, als wiefern ſie den höhern End
zwecken nicht wiederſtreitet, z. E. nicht öfter
in Geſellſchaft zu gehen, als man ohne Ver:
abſäumung ſeines Beruffs thun kan; ſo
wird zwar, weil alsdenn die Begierde bloß
- G4 auf
-

104 Capºv von denjenigen Eigenſch.


auf ihr eigenes Object gehet, ein habitus
daraus daſſelbige zu begehren, allein, wenn
kein Selbſtbetrug mit unterläuft, ſo kan ,
G doch derſelbe der Freyheit nicht zu Kopfe
wachſen, weil dieſelbe vorheriedesmahl noch
ihre Macht darüber ausübet, und ihn, wo
er zu ſtarck werden will, ſogleich einſchrän
cket. Mit einem Worte, die Subordina
- tion der Endzwecke § 17 iſt das Mittel,
wodurch man die Herrſchaft über ſich ſelbſt
wieder die anwachſende Gewalt der Begier:
den behaupten kan. -
§ 73.
Die habitus: Man verwirre aber diejenigen habitus,
Ä welche in einer erhöheten Bemühung oder
der biº-conatu beſtehen, nicht mit der andern Claſſe
Ä"der habitur, welche bloß erhöhete Fähig
“keiten oder Möglichkeiten ſind, auf gewiſſe
Art agiren zu können, dergleichen z. E. der
1abitus zu ſchreiben, Verſe zu machen, Holz
zu hacken u. ſ. f. iſt, worunter man deswe
gen noch keinen niſtin verſtehet, die Action
auch wircklich zu unternehmen. Dieſelben
entſtehen zwar ebenfalls durch wiederhohlte
Handlungen, aber ihre Fºrtdauer hat einen
ganz andern Grund. Nemlich die wirken
de Kraft bekömnt die beriefenden Urſa:
- chen immer beſſer in ihre Gewalt, die Stärs
cke der Kraft nimmt zu, die nöthigen Be
griffe werden der Seele inzmer geläufiger,
und ſie erinnert ſich ſogleich der Art und
Weiſe, wie ſie ehemahls verſahren hat, es
werden
-
der Begierden, welche ſelbſt keine.cc. 16%
werden auch die Werckzeuge des Körpers
durch öftere Bewegung zur Action geſchickt
ter als zuvor. .. . .
- §. 74. *. **

Weil unſere natürlichen Begierden auf Sechſte Ei


ein allgemeines Weſen gehen, ſo werden ſie genſchaft.
Aus einer
-
auf eines von ihren Objeeten gerichtet, ſo oft können
Hegierdeſich
man ſie auf etwas richtet, welches ſich aus andere Bez
dem allgemeinen Begriffe, darauf die Be- giede er
gierde gehet, ſubſumiren läßt, das iſt, wor: "”
innen oder wodurch man das gewünſchte
allgemeine Weſen ganz oder zum theil zu
erhalten gedencket. Demnach iſt eine iede
ſolchergeſtalt gerichtete Begierde eine ſich
fortſetzende Action, welche durch die Wieder
holung der That habitual wird, § 71. Fer
ner wird eine Begierde auf denjenigen Um
ſtand des Objectes mehr gerichtet, welchen
man am deutlichſten denket, und worauf man
ſeine Aufmerckſamkeit am meiſten lencket,
§ 6o Folglich wenn man die Aufmerck:
ſamkeit auf einen begehrten Umſtand an
der Sache allein, oder mehr als auf die an
dern richtet; ſo läßt man die übrigen leicht
lich gar aus der Acht, und es entſtehet da
her eine habituale Begierde nach denſelben
Umſtande, und mithin eine neue oder er
zeugte Begierde. Es iſt demnach eine
erzeugte Begierde ein habitual geworde
nes Begehren eines Theiles oder Umſtan
des einer andern Begierde, wobey man den
Grund, warum man denſelben zuerſt bei
G5 gehrte,
10s Cap.IV Von denjenigen Eigenſch.
gehrte, wegen Mangels der Aufmerckſam
keit auf alle Nebenumſtände vergeſſen hat,
und ihn nunmehro um ſein ſelbſt willen bei
gehret. Auf dieſe Weiſe pflegen die weſent-
lichen Begierden von ihrem wahren Objecte
ſo ſehr auszuarten, daß öfters zuletzt die ers
- zeugten Begierden ihrem erſten Urſprunge
nicht mehr ſehr ähnlich ſind.
S. 75.
Ä?“ Nun ſind die Umſtände, welche bey un:
jde-ſerem Beſtreben nach einem verlangten Ob
ĺ jeete vorkommen können, folgende./Wir
ej“ müſſen das gewünſchte Objeet lebhaft den
können. cken. Wir müſſen diejenigen Species nnd
ferner diejenigen einzelnen Dinge beſitzen,
in welchen das allgemeine Weſen, nach wels
chem wir ſtreben, angetroffen wird. Wir
müſſen die Theile des gewünſchten Objectes
beſitzen. Wenn wir das Object haben, ſo
werden auch die weſentlichen Wirckungen
deſſelben möglich, an welchen uns öfters am
/ meiſten gelegen. Wir müſſen die Mittel
und Urſachen des verlangten Objeces in
unſerer Gewalt haben, und iemehr wir das
von beſitzen, deſto mehr iſt es ſchon eben ſo
viel, als ob wir die Sache ſelbſt beſäſſen.
Diejenigen Nebenumſtände müſſen endlich
verhanden ſeyn, mit welchen das Object
verbunden iſt. Es iſt demnach beyiedwee
dem von den erzehlten Umſtänden möglich, -
daß, wenn wir unſere Aufmerkſamkeit be:
ſonders darauf richten, die übrigen aber ver:
- geſſen
der Begierden, welche ſelbſt keine2c. 107
geſſen und aus der Acht laſſen, mittlerweile
aber die Action etliche mahl wiederholen,
daraus eine erzeugte Begierde nach demſel
ben Umſtande entſtehen kan. Weil ſich auch
die Begierde nach dem Urtheile des Verſtan
desrichten muß, ſo kömmt es nicht darauf an,
ob dasjenige, worauf ſich die Begierde rich
tet, das Weſen, welches wir ihm zuſchrei
ben, wircklich an ſich habe, ſondern nur ob
wir daſſelbe darinnen zu finden vermeinen.
- § 76.
Demnach läßt ſich aus einer iedweden Äe
Begierde die Erzeugung folgender neuen Ä
Begierden als möglich ableiten. Nemlich Äege den
die Begierde nach einem Objecte determini""
ret ſich leichtlich 1) auf ein Speciem deſſel
ben, z. E. aus der Wahrheitsbegierde fließt
die Neugierigkeit. 2) auf ein individuum
deſſelben, z. E. aus der Liebe zur Philoſo
phie entſpringet leicht eine habituale Hoch
achtung gegen dieſen oder jenen berühmten
Mann, welches ferner zu dem Vorurtheile
des Ehranſehens Anlaß giebt. 3) auf ein
Mittel des Objectes, z. E. ſo entſtehet die
Geldbegierde. 4) auf die Theile deſſelben,
z. E. aus der Liebe zur Ordnung entſtehet
die Liebe zur Reinlichkeit, welche man zu
weilen um ihrer ſelbſt willen auch ohne und
wieder den Zweck ſuchet. 5) auf die Sol
gen und Wirckungen des Objects, z. E.
aus der Eigenliebe fließt die Hochachtung
vor ſeine eigenen Wercke, aus der Freund
-
ſchafts
108 Cap.TV Von denjenigen Eigenſch.
ſchaftsliebe die Liebe gegen die Kinder des
Geliebten. 6) auf die Zeichen des Ob
jects, z. E. aus der Ehrbegierde folgt das
Vergnügen an Complimenten, an welchen
ſich einige zu vergnügen gewöhnet haben,
ungeachtet ſie wiſſen, daß in dieſem Falle
keine Realität darhinter ſteckt. 7) auf die
darneben empfundenen Dinge, z. E. ſo
erzeuget ſich, wenn es uns an einem Orte
wohlgegangen, eine Liebe zu dem Orte ſelbſt,
dergleichen die Liebe zum Vaterlande iſt.
8) auf die Idee des Objects und auf al
les was die Idee von demſelben oder von
dein Genuſſe deſſelben, oder von einem
andern Uniſtände daran lebhaft machet,
wenn es meinlich ein Bild deſſelben oder
etwas ihm ähnliches iſt, oder wenn es
ſonſt nach den Geſetzen der Einbildungs
kraft die Idee davon erwecket oder uns
terhält, z. E. aus dem Geilheitstriebe ent:
ſtehet die Begierde Liebesgeſchichte zu leſen,
das Vergnügen an unzüchtigen Worten und
Bildern u. ſ. f. Es verſtehet ſich auch von
ſich ſelbſt, daß unter den erzehlten Grün
den bey einem einzigen Erempel mehrere zu:
gleich zuſammen kommen können. Es gilt
auch, was bisher von der Ableitung eines
Triebes von dem andern geſagt worden, eben
ſowohl von verabſcheuenden als von begeh
renden Trieben, weil ſich der angegebene
Grund auf beyde ſchicket,
§ 77.
der Begierden, welcheſelbſtkeine2c, 199
- § 77. - - - -
Weil nun ſolchergeſtalt aus iedweder wer. Die Man
ſentlichen Begierde ſoviel zufällige, und aus Ä
iedweder zufälligen ſo viel andere zufällige, macht die
ingleichen aus etlichen zufälligen oder we #
ſentlichen Begierden zuſammen genommen, ten Begier
wiederum neue Begierden entſtehen können,”
ſo wird dadurch die Anzahl der Begierden
in einer Seele unendlich vermehret. Da-
her iſt die Erklärung, wie dieſe oder jene
Begierde in einem Menſchen auch nur hat
entſtehen können, in vielen Erempeln über- - -
aus ſchwer. Noch gröſſern Schwierigkei
ten aber iſt ſie unterworfen, wenn man zei:
gen ſoll, wie manche Neigung in gewiſſen
einzeln Perſonen wircklich entſtanden ſey,
weil man die vorhergegangenen Umſtän
de ſelten zuverläßig wiſſen kan, und auch die
Perſonen ſelbſt dieſelben mehrentheils ver
geſſen haben, z. E. wenn man erklären ſoll,
warum manche arme Leute dennoch eine
Begierde haben, hoch zu ſpielen, und was
ſie mit ſaurer Mühe verdienet haben, im – -

Spiele willig daran ſetzen, oder warum man


che Leute an gewiſſen Thieren ein ſo groſſes
Vergnügen, oder einen habitualen Ge
ſchmack an gewiſſen Farben oder Kleidert
trachten haben.
S. 78.
Die Begierden ſind in ihrer Thätigkeit.SiehendeE
mancherley Graden der Stärcke und SchwäÄ
che unterworfen, § 58. Einige dieſer Grasſ denj
- de die Affecte
110 Cap.TV Von denjenigen Eigerſh.
de ſind alſo beſchaffen, daß ſie nicht lange
fortgeſetzt werden können, welche wir Affe
cten nennen wollen. Wir verſtehen dem
nach unter den Affecten den veränderlichen
" Grad der Stärcke und Schwäche an der
Thätigkeit der menſchlichen Triebe, wel
- cher ſeiner Natur nach alſo beſchaffen iſt,
daß er ſich nicht beſtändig fortſetzen kan.
Sintheº Es giebt alſo Affecten ſowohl der begeh
**renden als der verabſcheuenden Triebe.
Wickung. Sie hindern nach Proportion ihrer Starcke
der Affeien die Seele in ihren vernünftigen Ueberlegun
gen, und in der bedachtſamen Anwendung
der Mittel zu ihren Endzwecken; daher man
auch dieſes vor das Kennzeichen ihrer Ge
genwart annehmen und ſagen kan, daß einer
um ſoviel mehr im Affecte ſey, iemehr er da:
durch an dem regelmäßigen Gebrauch ſei
ner Vernunft gehindert wird. Man ver
wirre aber die Affecten nicht mit der fort:
daurenden allzuſtarcken Heftigkeit mancher
Begierden, welche man Leidenſchaften nen:
Wie die Anet, § 71. Alle Affecten entſtehen jähling.
Ä " Die Erfahrung lehret auch, daß die Affecten
ſich gemeiniglich an den eiteln Begierden be
finden, und auch alsdenn am heftigſten wer:
den, welches mit zu der menſchlichen Ver: –
derbniß zu rechnen iſt, davon weiter unten
geredet werden ſoll. Und nebſt dem jählin
gen Urſprunge und der Geſchwindigkeit zu
wircken, iſt es aus dieſem Grunde ohne Zwei
fel herzuleiten, daß die Affecten der Mens
- - ſchen
der Begierden, welche ſelbſt keine:c. 111
ſchentheils aus verworrenen Begriffen ent
ſtehen, theils ferner verworrene Begriffe
machen. Weſentlich aber iſt ſolches zu je
dem Affecte überhaupt nicht nöthig, ſondern
es iſt auch ein Stand der Menſchen mög
lich, da mit den Affecten nur ſehr lebhafte N
Begriffe ohne Verwirrung verbunden wä
ren. In demſelben aber müſten ſich die
Affecten allezeit an den guten Begierden be
finden; ſie würden nicht die vernünftige Ue
berlegung und Anwendung der Mittel hin
dern, ſondern nur das Gemüthe in höherm - -

Grade auf gewiſſe Objecte richten; und ſie


würden ungefehr im Willen eben das ſeyn,
was das Feuer der Meditation im Verſtan
de iſt, welches auch nicht immer fortdauret,
welches aber dem Verſtande die gröſte
Wirckſamkeit zu wege bringet, und ihn un
terdeſſen nur von andern Objeeten abziehet.
Die Erzeugung der Affecten ſelbſt ſcheiner
- folgender geſtalt zu geſchehen. Eine jedwe
de Beaierde, wenn ſie auf die Vorſtellung
ihres Objects im Verſtande gerichtet wird,
kan dieſelbe Vorſtellung lebhafter machen.
Es geſchiehet ſolches theils dadurch, daß der
actus cogitandi vermehret wird, theils aber
auch dadurch, daß nach den Regeln der Ein
bildung zu Herbeyſchaffung anderer Ideen,
ingleichen daß zu Abſtraetionen und Urthei
len Gelegenheit gegeben wird. Indem nun
dieſes geſchiehet, ich ſetze, daß nicht andere
Hinderniſſe in den Weg kommen, ſo gebt
die
xa Cap.IV Vondenjenigen Eigenſch.
die gröſſere Lebhaftigkeit der Gedancken auch
dem Willenszuſtande eine noch gröſſere
Wirckſamkeit. Wenn daher mit derſelben
gegen den Verſtand ferner fortgewircket wird,
ſo werden auch die Ideen noch lebendiger,
und ſo vermehret eines die Action des andern
wechſelsweiſe. Dieſes gehet ſo lange fort,
bis die Wirckſamkeit ihren höchſtmöglichen
Grad erreichet hat, zu welchem ſie in dieſer
Seele überhaupt, oder zu welchem ſie doch
bey dieſen Umſtänden gelangen kan. Man
ſetze nun, daß in gewiſſen Fällen dieſe Reyhe
der Veränderungen ſich mit einem auſſeror
dentlichem Grade der Stärcke anſieng, und
nehme einen Fall an, wo ſich dieſelbe auch
eine Zeitlang ohne merckliche Hinderung
fortſetzen kan, oder da auch wol die Lebhaf
tigkeit der Ideen durch neue Empfindungen
vermittelſt des Körpers unterſtützet wird;
ſo läſſet ſich begreiffen, wie zuweilen die
Wirckſamkeit der Triebe ſich bis zu einem
ſolchen Grade erhöhen läſſet, der nicht fort
dauren kan, das iſt, wie ſich ein Trieb im
Affecte befinden kan. Der urſprüngliche
Grad der Stärcke ſelbſt, mit welchem ſich
die Reyhe der Veränderungen anfängt, kan
von mancherley Gründen abhangen. Z. E
vielleicht ſind gewiſſe Empfindungen lebhaft
ter, als gewöhnlich, geweſen; vielleicht ſind
alie oder manche Begierden in gewiſſen Per
ſonen leichter zu reizen, als in andeun; viel»
leicht iſt der Anfang der Actionen geſchwin
der,
A

der Begierden, welche ſelbſt keine:c, 113


der, als gewöhnlich, geweſen, daher er
auch vermögender geworden; vielleicht hat
man dadurch vielbeygetragen, daß man, oh
ne erſt eine Ueberlegung anzufangen, und
hierdurch die Heftigkeit der Action der Ber
gierde zu zerſtreuen und zu ſchwächen, gleich
in dem erſten Augenblicke der Vorſtellung
des Objects zu agiren angefangen hat; viel:
leicht ſind zufälliger Weiſe zu gewiſſer Zeit
weniger Hinderniſſe gewiſſer Zuſtände, oder
mehr beyhelfende Urſachen derſelben, dage
weſen. Die Erfahrung beſtätiget, daß alle
dieſe Gründe wircklich vorkommen, daher
auch manche Leute ihres Naturelles, oder ih
rer Angewöhnung, wegen leichter in Affect
kommen, als andere. Will man ſich die
Sache abermahl mit Zahlen erläutern, ſoſee
zeman, die Lebhaftigkeit der Idee A = 1o
bringe die Begierde in eine Action – B, wels
ches B aber die Action der Idee A ſelbſt zu
einen GradeT 2o erheben kan: ſo wird hier:
auf das verdoppelte A aus dem vorigen
Grunde hinwiederum B verdoppeln, und
2 mal B würde, wenn die Proportion ſo
fortgienge, 4 mal A, und dieſes 4 mal
B, letzteres aber 8 mal A geben, und ſo
weiter, bis der voriezo höchſtmögliche
Grad der Wirckſamkeit entſtünde. Allein
eben deswegen können auch die Affecten
nicht allzulange dauren, weil der Grad
des Willenszuſtandes ſtärcker iſt, als er nach
Beſchaffenheit der Einrichtung der Seele
H ſeyn
114 Cap. IV. Von denjenigen Eigenſch.
ſeynkan, wenn er beſtändig fortwähren ſoll.
ÄDamit ich nunmehro die Affecten ſelbſt or
jh der dentlich erklären kan, ſo muß ich dieſe allge
Ä der meine Erinnerung voran ſchicken,welche man
“ bey allen im Gedächtnißbehalten muß, daß
man nemlich den Nahmen derſelben ſowohl
bey den veränderlichen Graden der Heftig
keit, welchen er eigentlich zukömmt, als auch
bey dem darinnen befindlichen Gemüthszu
ſtande, auch wenn er ohne die erwehntever
änderliche Heftigkeit betrachtet wird, zuge
brauchen pfleget. Da wir aber ießo dieje»
nigen Dinge, welche weſentlich unterſchieden
ſind, auseinander ſetzen wollen, ſo dürffen
wir uns an dieſe ſchwanckende Bedeutungen
des Sprachgebrauches nicht kehren.
* - - § 79.
Ä“ Zuvörderſt müſſen wir einen Affectbemer
rung iſt. cken, welchen die begehrenden und verab
ſcheuenden Triebe mit einander gemein ha
ben. Es iſt derſelbe die Verwunderung,
welche ein Stilleſtehendes Gemüthes iſt über
der Betrachtung einer ſolchen Gröſſe eines
Dinges, welche man noch nicht völlig über:
ſiehet, oder zu überſehen vermeinet, oder wel
che man doch vor ſehr merckwürdig hält.
Ich will ſo viel ſagen. Die Verwunderung
iſt ein ſolcher Gemüthszuſtand, da wir, in
dem wir an einer Sache eine Gröſſe wahr:
nehmen, deren Beſtimmung oder Urſachen
wir noch nicht völlig einſehen, oder welche
wir doch einer tiefen Betrachtung würdig
ſchä
der Begierden, welcheſelbſtkeine:c. 11;
ſchätzen, das Gemüthe mit einer Unterbre
chung anderer Beſchäftigung eine Zeitlang
auf dieſelbe richten, und ſie gleichſam ſtarr
anſchauen. Das eigentliche Object der Ver
wunderung iſt demnach die Gröſſe, die Sai
che ſelbſt mag gut oder böſe ſeyn. Man be
trachtet dieſe Gröſſe theils an der Beſchaf
fenheit der Sache, theils an dem Grade ih:
rer Erwartung. Weil auch eigentlich die
Beſtimmung der Gröſſe dasjenige iſt, was
mau bewundert; ſo findet die Bewunderung
eben ſowohl ſtatt über eine unerwartete Klei
nigkeit einer Sache, als über eine auſſeror:
dentliche Gröſſe derſelben. Je unwiſſender
demnach einer iſt, und ie mehr er geneigt iſt,
das Vertrauen auf ſich ſelbſt, daß er Sachen
gnugſam einſehe oder zu ſchätzen wiſſe, leicht
fallen zu laſſen, deſto mehr iſt er zu häufiger
Verwunderung aufgelegt. Doch iſt die
Verwunderung nicht allemahl ein Zeichen ei:
mer moraliſchen Unvollkommenheit. Viel
mehr würde die Abweſenheit der Verwun:
derung zur rechten Zeit, und bey einer Sai
che, welche dieſelbenach Proportion der Um?
ſtände des betrachtenden verdienet hätte, ein
Zeichen einer Unvollkommenheit ſeyn. Die Gags die
Affecten der begehrenden Triebe inſn-Äd
ein aufge
derheit ſind die Freude und das Lachen. äumtes Ge
Beyden iſt ein bloß vergnügtes, ingleichen "üb .
ein zufriedenes Gemüthe entgegen geſeßt.
Die Freude iſt ein heftiger und mit Be
wuſſeyn verknüpfter Grad des Vergnügens
H 2. Fºck?
116 Cap.IV Von denjenigen Eigenſch.
welcher aus der jähling entſtehenden Vor
ſtellung, daß man ein gewiſſes Gut erlangt
habe, herflieſſet. Wenn man hingegen et:
liche angenehme Empfindungen gehabt hat,
aber die Urſache des Vergnügens nicht mehr
mit Bewuſtſeyn dencket, ſo bleibet ein auf
geräuntes Gemüthe übrig, welches von
der Freude ſowohl dem Grade nach, als auch
darinnen unterſchieden iſt, daß man die Ur
ſachen des Vergnügens vergeſſen hat.
- § 8O. -
Was das Das Lachen iſt ein heftiger Grad eines
*" angenehmen Zuſtandes, darinnen ſich das
Gemüthe über dem jählingen und lebhaften
Eindrucke von der Vorſtellung eines leicht
zu erkennenden Betrugs oder Thorheit, das
bey man ſich aber keine daraus entſtehenden
ſehr ſchädlichen Folgen lebhaft mit vorſtellet,
eine Zeitlang gar vergißt. Ich rede aber
von dem wircklichen Lachen der Seele, nicht
aber von einer anderweitigen Nachahmung
der mit dem Lachen verknüpften Bewegun
gen des Körpers, dergleichen z. E. das La
chen eines Höhniſchen, Wahnwitzigen u. ſ. f.
iſt. Wenn man nun fragt, wie die Vor
ſtellung des Betrugs und der Thorheit ei
nen angenehmen Zuſtand in uns veranlaſſen
-/ könne; ſo antworte ich, daß ſolches vermuth- -
lich deswegen geſchiehet, weil man ſogleich
vor bekannt annimmt, daß man dergleichen
Schwachheit nicht, oder ietzo nicht mehr un
terworfen ſey, daher uns die jählinge entſte-
hende
der Begierden, welche ſelbſt keine2c. 117
hende Empfindung einer vermeinten Voll
kommenheit iezo ſo angenehm geworden iſt.
Man ſiehet hieraus, daß das Lachen ſeinen
Urſprung aus der Eitelkeit des menſchlichen. Was von
Gemüthes nehme, und daß es nicht weiter Ä
entſchuldiget werden könne, als wiefern es --

eine nothwendige Folge der allgemeinen


menſchlichen Schwachheit, oder wiefern
der damit verknüpfte angenehme Zuſtand
ein Mittel zur Erquickung und Ermunte
rung des menſchlichen Gemüthes ohne ans
derweitige eitele Folgen ſeyn kan. Verſtän
dige Leute haben deswegen allezeit mit Recht
ein allzuhäufiges oder allzuheftiges Lachen
für ein Zeichen eines ſehr übelbeſchaffenen
Gemüthes angeſehen.
§ 8 I.
An den verabſcheuenden Trieben treffen. Was die
wir folgende Affecten an: die Furcht, das Ä
Schrecken, den Zorn, die Traurigkeit, cken iſt.
die Angſt und die Verzweifelung. Die
Surcht iſt ein heftiger Grad der Verab-
ſcheuung eines bevorſtehenden Uebels. Da
hero iemehr man etwas vor ein Uebel anſie:
het, und te näher und gewiſſer daſſelbige zu
ſeyn ſcheinet, deſto mehr nimmt bey ſonſt
gleichen Umſtänden die Furcht zu. Das
Schrecken iſt ein heftiger Grad der Ver-
abſcheuung eines gegenwärtigen Uebels,
welcher aus der jählingen Idee von der Ge
genwart deſſelbigen entſtehet. Weil wir in Folgerungen
vielen Fällen eher das böſe als das gute zu"**
H 3 Os
118 Cap.IV Von denjenigen Eigenſch.
fur des vermuthen geneigt ſind; ſo könnmt es daher,
Schreckens.
daß wir über eine iede unvermuthet und
plötzlich ſich ereignende Veränderung zu er
ſchrecken pflegen, ungeachtet wir auch von
der Sache ſelbſt noch keinen hinlänglichen
Begriff haben. Weil ein Uebel um ſo viel
mehr vor groß zu halten iſt, ie weniger man
im Stande iſt Wiederſtand zu thun; ſo er:
eignet ſich Furcht und Schrecken in denje:
nigen Gemüthern am leichteſten, welche ent
weder nicht viel Wiederſtand thun können
oder nicht thun wollen, und ſich deſſen be
wuſt ſind. Weil man auch ferner die Ge
genwart oder Zukunft eines Uebels um ſo
piel mehr zu glauben geneigt iſt, ie mehr man
ſchon vorher Grund gehabt hat, dergleichen
zu vermuthen; ſo ſind Leute, welche ein bö
ſes Gewiſſen haben, ſowohl der Furcht als
dem Schrecken deſto mehr unterworfen.
§ 82.
Ä der
Zorn iſt.
Der Zorn iſt ein heftiger Grad der Ver
abſcheuung des Unrechtes, welcher mit einer
Bemühung verbunden iſt, daſſelbe an den
Tag zu bringen, und Mittel darwieder anzu
wenden. Wenn er heftig wird, ſo pſlegt er
in ſeiner Geſchwindigkeit die Möglichkeit
der Anwendung der Mittel gar leichte zu
übertreffen. Bey den Thieren hat der
Muth und die plötzliche Heftigkeit der
Action, mit welcher ſie auf etwas losgehen,
das ihnen Gefahr drohet, oder ſonſt ver:
haßt iſt, eine Aehnlichkeit mit dem Zorne,
ſo
der Begierden, welcheſelbſtkeinee 119
ſoweit man nur auf die äuſſerliche Art des
Verfahrens Acht hat, ob ihnen gleich das
wahre Weſen des Zornes nicht zukommen
kan. Die Rachgier folgetgemeiniglich aus
dem Zorne, iſt aber doch nicht nothwendig
damit verbunden; wie ſie denn auch etwas
moraliſches, nemlich ein vorſetzliches Be:
ſtreben das Unrecht zu ſtraffen, iſt. Man Einteilung
hält etwas entweder bloß und unmittelbar Ä
deswegen vor unrecht, weil es eine Uebertre.jnjdum
tung der Schuldigkeit und Billigkeit iſt, ſo einen
will ich ſolches den reinen Zorn nennen:
oder deswegen, weil unſern eigenen Begier
den und Abſichten zuwieder gehandelt wor:
den, und wir dadurch beleidigt zu ſeyn glau
ben, welches der unreine oder gemiſchte
Zorn heiſſen kan, welcher alsdenn au heftig
-ſten zu ſeyn pfleget, wenn er ſich auf den Ehr
geiz gründet. Derjenige Zern, welcher in ei: Was Eifer
nem liebenden Gemüthe aus der Vorſtellung ſº ſº
entſtehet, daß ihm eine geliebte Perſon un:
rechtmäßiger Weiſe abwendig gemacht wer
de, wird Eiferſucht genennet. Man erzür: Wie man
net ſich zuweilen auch über unvernünftige Ä
- " . . . - ge
-

und lebloſe Dinge, oder laſſet ſeinen Zorn an Dij


ihnen aus, welche uns doch weder ein Unrecht "a"
zuzufügen, noch davor zu büſſen fähig ſind.
Allein es geſchiehet ſolches aus Unbedacht: X

ſaufeit, weil man dergleichen Dingen aus


Uebereilung oder Unwiſſenheit unvermerckt
eine wahre Schuld zugeſchrieben. Wenn Wiefern
man den Zorn von GOtt ſaget, ſo muß man ” *
H4 UUU
126 Cap. IV Von denjenigen Eigenſch.
zºº ſie nur den Begriff der veränderlichen Heftig
" keit nicht mit darzurechnen. Denn die Ver:
abſcheuung des Unrechtes kömmt ihm in
ganz eigentlichem Verſtande zu, woraus
auch ſeiner Vollkommenheit wegen nachge
hends der Vorſatz zu ſtraffen erfolgen muß.
Daher iſt es falſch, wenn einige ſagen,derZorn
GOttesſey nur ein Beſtreben alles Böſe von
der Creatur abzuſondern. Denn es läſſet
ſich ein anderer Zorn GOttes erweiſen, und
wobey auch das Wort Zorn dem Sprach
gebrauch gemäß angenommen wird. Die
Gegner ſchlieſſen denſelben zum Voraus
durch ihren willkührlichen Begriff aus, wo
durch ſie aber die erweisliche Realität unſer
res Begriffes nichtumſtoſſenkönnen, ſondern
nur Verwirrung anrichten.
§. 83.
Was die Die Traurigkeit iſt eine Ermattung des
Ä, Gemüths, welche aus einer nachſinnenden
jurij Betrachtung ſeines Unglücks entſtehet. Der
Ä* Schmerz ſchlägt nemlich das Gemüthenie
Ä der, § 7o. Dieſes geſchiehet bey der Trau
Äſ-
rä rigkeit in beſonders hohem Grade, daher ein
- - * -

# Trauriger nur ſein Elend bejammert, aber


keine Mittel darwieder anwendet, wie der
Zorn thut. Diejenige Wirckung, welche
die Traurigkeit in dem Gemüthe alsdenn
zurücke läßt, wenn man an die Urſache der
ſelben nicht mehr mit Bewuſtſenn dencket,
Heißt ein niedergeſchlagenes Gemüthe.
Wie die Erfahrung lehre, ſo ſind die
-
."
Ä ?!?
der Begierden, welche ſelbſt keine2c. 121
chen der Traurigkeit die Vorſtellung eines -
verlohrnen Guten, die Vorſtellung der Ver
geblichkeit unſerer Wünſche, der unglückli
chen Unſchuld, und der beleidigten Uiebe.
Wenn wir dergleichen Begebenheiten an
andern Leuten ſehen, und dennoch darüber
traurig werden, ſo trauren wir groſſentheils
über die Möglichkeit unſeres eigenen Un
glücks. Ueberhaupt wenn man wiedrige
Begebenheiten erfahren hat, und ſich derſel:
ben nicht mehr deutlich bewuſt iſt, ſo laſſen
ſie doch einen unaufgeräumten und ver
drüßlichen Gemüthszuſtand übrig, wel:
cher, wenn er anhaltend iſt, Schwermuth
genennet wird. Die Wirckung, welche al- Was B
lerhand dunckele Empfindungen von Furcht sºns
und Traurigkeit verurſachen, heißt, wenn ſie“
im hohen Grade verhanden iſt, Angſt oder
Beängſtigung.
§ 84.
Es können aber auch ſowohl Freude und Freude und
aufgeräumtes Weſen, als auch Traurigkeit Ä
und Beängſtigung ihren Grund öfters in ihren Grund
einem gewiſſen Zuſtande des Leibes ganz Ä #
oder zum theil haben, aus welchem ſie da-ben
hero in hohem Grade entſtehen, wenn nur
einige und vielmahl unmerckliche idealiſche
Urſache hinzukömmt. Denn wenn die See
le einen ſolchen Zuſtand des Körpers empfins
det, wie ſie ihn vermöge ihrer weſentlichen
Begierden wünſchet, und zu erhalten ſucht,
fo wird ſie vergnügt, und im gegenſeitigen
H Falle
I22 Cap.IV Von denjenigen Eigenſch.
Falle misvergnügt. Man hat daheroden
jenigen Zuſtand, da man wegen des Körpers
luſtig oder ſchwermüthig iſt, mit der morali
- ſchen Freude und Traurigkeit nicht zu ver
wirren:
- § 87. -

Ä die Die Verzweifelung iſt ein ſo hoher Grad


Ä der Gemüthsverwirrung, da man ſeinen Zu
“ ſtand vor ſo äuſſerſt böſe hält und alſo ver
abſcheuet, daß man alle ſeine bisherigen
Endzwecke unb Bemühungen fahren läßt,
und ſich nur durch die erſte beſte Gelegenheit
aus der gegenwärtigen Verknüpfung gar
heraus zu ſetzen ſucht, es gerathe wie es
wolle. Wenn man dasjenige darzu nimmt,
was im vorigen § erinnert worden, ſo erhel
let, daß auch an derſelben ſowohl körperli
che als moraliſche Urſachen theil nehmen,
und bald dieſe bald jene ein mehrers dazu
Nochſpeea-beytragen können. Wenn man ſpecialer
*" gehen will, ſo laſſen ſich auch noch andere
Affeeten bemercken, welche nur an etlichen
beſondern verabſcheuenden Trieben anzu
treffen ſind. Dergleichen iſt z. E. der
Der . Schwindel, welcher, wiefern man einen
Sºb". Affect der Seele darunter verſtehet, eine jäh
linge ſehr heftige Verabſcheuung der Mög
lichkeit zu ſtürzen iſt. Die Heftigkeit die
ſer Verabſcheuung hindert nicht nur, wie an
dere Affecten, die innerliche Beſchäftigung
der Seele, ſondern ſie bringet auch diejeni
ge Wirckſamkeit der Seele in den Leib in
Un
der Begierden, welche ſelbſt keine2c. 123
Unordnung, welche zu ordentlichen Empfin
dungen und zu zweckmäßiger Bewegung des
Leibes nöthig iſt. Doch verwirre man mit
demjenigen Schwindel, welcher ein Affect
iſt, und nur anf Ideen der Seele beruhet,
nicht einen andern, der nur ein kräncklicher
Zuſtand im Leibe iſt, welcher aber in den
Wirckungen, liemlich in der verurſachten
Unordnung in den Empfindungen und in >

dem Vermögen ſeine Glieder zu gebrauchen,


jenem ähnlich iſt. Ferner iſt derjenige
WEckel, welcher bloß auf Ideen beruhet, ein Der Eckel.
beſonderer Affect der Verabſcheuung. Denn
er beſtehet darinnen, daß man mit einer
Heftigkeit die Vereinigung mit einem Ob
jecte verabſcheuet, welches einem vorkommt,
oder vorzukommen ſcheinet. Daher wird
er bisweilen durch das eckelhafte Objeet ſelbſt,
manchmal aber durch etwas erwecket, wel:
ches jenem ähnlich iſt, oder nach den Geſe
zen der Einbildung plötzlich auf eine lebhaft
te Gedancke von jenem bringet. Mit de
Affeete des Eckels aber iſt der übrige Eckel,
welcher nur im Leibe ſeinen Grund hat, eben
falls nicht zu verwirren. Es giebt auch auſ Zºeneren
ſerordentliche Affecten der Verabſcheuung, Ä
welche nur bey gewiſſen Perſonen als ein Ärad
wiedernatürlicher Zuſtand angetroffen wer”
den. Einige entſtehen bloß aus gewiſſen
Empfindungen, ohne daß eine abſtracte
Idee dabey mitwircket, z. E. wenn Leute von
Natur gewiſſe Thiere nicht leiden
. . .
er. QM?
124 Cap. IV Von denjenigen Eigenſch.
ſondern ſich übel befinden, oder gar ohn
mächtig werden, ſobald dieſelben da ſind, ge
ſetzt auch daß ſie dieGegenwart derſelben nicht
wiſſen. Denn daraus kan man auf dunckele
Empfindungen gewiſſer Ausdünſtungen ſol
cher Thiere ſchlieſſen, welche dergleichen Per
ſonen äuſſerſt verabſcheuen, welche aber an
dere Leute nicht einmahl empfinden. Sollte
vielleicht Baco von Verulamio auf dergleis
chen Art gewiſſe Veränderungen, welche in
der Atmoſphäre ſich ereignen, wenn eine
Mondfinſterniß iſt, dunckel empfunden, und
durch einen angebohrnen wiedernatürlichen
Affeet verabſcheuet haben, obgleich in natür:
/ lichen Zuſtande dieſelben nicht mercklich oder
wiedrig ſind? Denn es wird von ihm be
richtet, daß er allezeit mit einer Ohnmacht
befallen worden, wenn eine Mondenfinſter
niß geweſen, auch ſo gar, wenn er gleich
nicht gewuſt hat, daß eine ſey. Bey an
dern Affeeten einer wiedernatürlichen Vers
abſcheuung iſt mit der Empfindung eine uns
wiſſentliche abſtracte Idee geſchäftig. Z. E.
Wer kein Blut ſehen kan, bey dem miſchet
ſich eine aus der Menſchenliebe entſpringende
Zärtlichkeit in die Empfindung ein. Denn
das ausgeäderte Blut machet ihn nicht ohn
mächtig, wenn er es nur nicht ſiehet, oder
wenn er nicht weiß, daß es Blut iſt.
§. 86. -

Achte Eigen- Die Fähigkeit etwas kräftig zu wollen,


§ * und mit einem gewiſſen Grade der Thätig
keit,
der Begierden, welche ſelbſt keine2c. 125
keit des Willens nach einem Endzwecke zu
ſtreben, iſt theils von Natur nicht in allen
Menſchen in einerley Grade vorhanden,
theils aber wird ſie auch durch allerhand
wiederſtehende Urſachen in einem Gemüthe
mehr als in dem andern und zu einer Zeit
mehr als zu der andern verhindert. Dies
jenige Gemüthsſtärcke, da man die bey ei
nem Endzwecke vorkommende Hinderniſſe
und Gefährlichkeiten ſich nicht abſchrecken
läßt, ſondern bereit iſt, ſeine Kräfte deſto
mehr anzuſtrengen, um durchzudringen,
und da man zugleich einen guten Ausgang
zu hoffen geneigt iſt, wird Muth genennet, ,
welchem man ein verzagtes Gemüthe
entgegen ſetzet. Wenn man den Urſachen
deſſelben ein wenig nachſinnet, ſo findet man,
daß das Grundweſen des Muthes, wenn
man ihn vor eine Fähigkeit der Seele nimmt,
in dem Vermögen ſeine Endzwecke ſehr
ſtarck zu wollen beſtehe, daher nicht leicht
ein Wiederſtand wieder denſelben viel aus
zurichten vermag. Verſtehet man aber ei
ne Thätigkeit des Gemüths darunter, ſo be
ruhet der Muth theils in einer ſtarcken Leb
haftigkeit des Wollens, theils in der Abwes -
ſenheit einer lebhaften Empfindung wiedri
ger Urſachen, welche ihn hindern würden.
Dergleichen wiedrige Urſachen ſind theils
die Vorſtellungen des Verſtandes, theils
gewiſſe Begierden und andere Zuſtände des
Willens, theils aber auch die gute oder #
\

126 Cap.IV Von denjenigen Eigenſch.


Beſchaffenheit des Leibes § 84. Wir ha
ben demnach zu denjenigen Thaten am meis
ſten Müth, darzu wir die meiſte Kraft ha
ben, oder zu beſitzen vermeinen.
§ 87.
Neunte Ei- - Sowohl mit denen Affecten als wirckſa
Ämen Begierden ſind auch gewiſſe Verän
Weuejnd derungen des Leibes und gewiſſe Be
Äwegungen der Gliedmaſſen deſſelben ver
# Leibesknüpfet, welche, ſobald jene vorhanden ſind,
Ä“
umſtände
verurſachet werden. Man ſiehet es einem
- .

j. z. E. ſogleich an, ob er aufgeräumet, trau


rig, freundlich, zornig u. ſ. f.ſen. Bey
der Freude wird das Blut in ſchnellern Um
lauf gebracht, welchen hingegen die Trau
rigkeit und das Schrecken hindert, und
ganz oder zum theil ins Stecken bringet.
Bey dem Zorne aber wird die Galle häufi
gen ausgepreſſet, u. d. g. Einige Wirckun
gen ſind auch unterſchiedenen Gemüthszu
ſtänden gemein; wie denn die Thränen bey
gewiſſen Umſtänden durch Traurigkeit, Lie
be, Freude, Lachen, Neid und Mangel der
Rache verurſacht werden können. Die
einzige mögliche Urſache, aus welcher ſich
der Erfolg ſolcher Veränderungen verſtehen
läßt, iſt dieſe, daß die Seele von GOtt alſo
eingerichtet und mit dem Leibe verknüpft
ſeyn muß, daß ſie gewiſſe Aetionen des Wil
lens nicht anders wircklich machen kan, als
unter der Bedingung, wenn ſie zugleich
ihre eigene Subſtanz auf gewiſſe beſtimmte
Wei:

der Begierden, welcheſelbſtkeine2c. 127


Weiſe beweget, durch welche Bewegung
ferner die Lebensgeiſter in gewiſſe Nerven
ſtärcker ausgetrieben oder zurückgezogen
werden, woraus hernach die äuſſerlichen
Veränderungen des Körpers ihren Urſprung
nehmen § 20, 33. Man thut am beſten,
wenn man a poſteriori fleißig anmercket,
was ſich vor Veränderungen des Körpers
bey gewiſſen Veränderungen des Willens
zu ereignen pflegen. A priori dürfte ſich
der Grund ſchwerlich finden laſſen, warum
jedesmahl vielmehr dieſe als eine andere er
folge. Soviel ſcheinet aus der Erfahrung
allgemein zu ſeyn, daß die begehrenden Trie
be, und diejenigen Affecten, welche in einer
heftigen Thätigkeit beſtehen, auch die Werck
zeuge der Empfindung und Bewegung ſo
gleich anſtrengen, und in eine ſolche Poſitur
ſetzen, welche ſie zur Empfindung und Be
wegung geſchickter macht, dahingegen bey
Schrecken, Traurigkeit und Schwermuth
das Gegentheil geſchiehet, da die Nieder
ſchlagung und Ermattung des Gemüthes
auch eine Verminderung der lebhaften Wir
ckungen nach ſich zu ziehen ſcheinet, welche
ſonſt die Seele in dem Körper äuſſert.
§ 88. - - -

Es iſt aber dieſe von GOttgemachte Ver: Äas dieſe


knüpfung des Gemüthszuſtandes mit gewiſ Ä
ſen
ſemVeränderungen
Nutzen, theils indes Leibes auf
Abſicht vonuns
ſehrſelbſt,
groſ het.
nach ſich zie?.

weil wir, wenn wir uns nicht ſelbſt


-
Ä
Wolz
N -

128 CvwondenGrundbeg überhaupt.


wollen, unſere Affecten mäßigen müſſen,
theils aber und vornemlich in Abſicht auf
die menſchliche Geſellſchaft. Denn es iſt
gut, daß ſolchergeſtalt die Menſchen den Zu
ſtand ihres Gemüthes gemeiniglich ſelbſt ver
rathen, damit andere ſich darnachrichten kön
nen. Manche von denenjenigen Wirckun
gen der Willensbewegungen, welche äuſſer
lich in die Sinne fallen, ſind der menſchlichen
Willkühr noch einigermaſſen unterworfen,
und können durch Kunſt hinweg oder herber:
geſchaffet werden, wodurch denn viel Verſtel
lung möglich wird. Dieſe Unterwürfigkeit
aber iſt nur mittelbar, und gründet ſich, wies
fern ſie in der Seele ihren Grund hat, dar:
auf, daß man nach und nach die Gemüths
bewegungen ſelbſt, deren Zeichen ſie ſind,
mehr in ſeine Gewalt bekömmt, und dieſel
ben erwecken und dämpfen, oder die Beaier
de darnach zu handeln auf eine andere Zeit
aufſchieben lernet. Wenn daher die Urſa
che eine andere Geſtalt bekömmt, ſo muß ſich
auch die Wirckung verändern.
Das V Capitel.
Von den Grundbegierden
Überhaupt.
§ 89.
Es giebt er
fte Begier
Es hat immer eine Begierde ihren Grund
den in einer oder etlichen andern Begier
den, § 74:77. Da nun aber dieſe Reihe
nicht
C.V YOon den Grundbegüberhaupt. 129
nicht ins unendliche fortgehen kan; ſo müſ
ſen wir zuletzt auf erſte Begierden kom
men, welche nicht durch die Angewöhnung
aus andern entſprungen, und welche der
Grund aller übrigen ſind.
§ 90.
Es laſſenZuvörderſt
ſich zweyerley erſte Begierden Dieſelben
dencken. müſſen ſolche vorhan: ſ d entme- -
der weſent
den ſeyn, welche zu dem menſchlichen Weſen oder zu
ſelbſt, ſo wie es von GOtt eingerichtet wor:
den, gehören, weil ohne dieſelben auch alle
andere zufällige Begierden unmöglich wä
ren. Ich will dieſelben Grundbegier:
den in weitem Verſtande nennen. Es kan
aber auch zufällige erſte Begierden ge
ben, welche nur deswegen unter die erſten
gehören, weil ſie von den Eltern auf die
Kinder fortgepflanzet worden, und welche
deswegen nicht zu den erſten Begierden der
menſchlichen Natur überhaupt, ſondern nur
zu den erſten Begierden derſelben in dem ge
genwärtigen Zuſtande der Welt, oder bey
dieſer oder jener Perſon inſonderheit, gehö
ren. Wenn wir gleich die Art und Weiſe,
wie dieſelben fortgepflanzet werden, nicht
gnugſam verſtehen; ſo kgn man doch aus
dem, was die Erfahrung lehret, abnehmen,
daß dergleichen in der That da ſind. Man
che Leute haben z. E. einen natürlichen Ab:
ſcheu vor gewiſſen Thieren, weil ſich ihre
Mutter währender Schwangerſchaft davor
elf
- J
130 CVVon den Grundbegüberhaupt.
entſeßet hat. Man wird hiervon noch
mehr überzeuget, wenn man ſich aus der
Heil. Schrift beſinnet, daß es angebohrne
böſe Neigungen gebe, welches an ſeinem
Orte auch aus der Vernunft dargethan
werden ſoll.
§ 9 I.
Es iſt noth:
Ein iedweder vernünftiger Geiſt muß
Ä* Grundbegierden haben. Denn er wäre
Änd.ſonſt gar keines Genuſſes des Angenehmen
und keiner Empfindung des Unangenehmen,
und mithin auch keiner Glückſeligkeit fähig
§ 24; oder wenn er ſich durch ſein freyes
Wollen eine iedwede Sache ſelbſt ſolte an:
genehm machen können, ſo würde nicht nur
alles Regelmäßige in der Folge ſeiner Tha
ten aufgehoben, weil man ihn durch keine
Bewegungsgründe regieren könte; ſondern
er würde auch ein independenter Herr ſeiner
eigenen Glückſeligkeit ſeyn, indem er ſich
dieſelbe aus allen Dingen zuwege bringen
könnte, dadurch aber alle Beſtraffung des
Böſen unmöglich gemacht würde. -
§ 92.
Dahegiet Ein iedwedes Wollen iſt eine Handlung
Ä.“nach Ideen, §2. Eine Begierde aber iſt
egriffe. ein fortdaurendes Beſtreben nach gewiſſen
Ideen auf gewiſſe Weiſe zu handeln, § 23.
Wenn es dahero Grundbegierden giebt, ſo
giebt es auch angebohrne Begriffe, welche
darzu gehören, und welche als ein voraus:
zuſetzender und unzertrennlicher Umſtand mit
jenen

cv Vonden Grundbeg überhaupt. 131


jenen zugleich angenommen werden müſſen.
Es folget aber deswegen gar nicht, daß wir Deren wir,
uns derſelben müſſen bewuſt werden können;Äg
wie denn auch die Erfahrung lehret, daß werden köu
wir ſie nicht anders als durch Schlüſſe er "
kennen. Denn das Bewuſtſeyn hat ſeine
beſondern Urſachen und Bedingungen, wel:
ches daraus unleugbar iſt, weil wir uns von
der groſſen Menge der Begriffe, welche in
unſerm Gedächtniß vorhanden ſind, nur ſehr
weniger auf einmahl bewuſt werden. Es
darf dahero die Verfaſſung der Seele nur
alſo beſchaffen ſeyn, daß ſich die nöthigen
Bedingungen des Bewuſtſeyns mit den an:
gebohrnen Ideen, welche zu den Grundbe- /
gierden gehören, nicht verknüpfen können;
ſo wird auch das unmittelbare Bewuſtſeyn
derſelben auſſen bleiben müſſen. Die Erz
fahrung aber lehret, daß ſich die Sache
wircklich alſo verhalte. Es gehöret mit zu
den Geſetzen, nach welchen unſere Seele
- mit der Welt verknüpft und zum Einwohs
ner derſelben gemacht worden, daß wir uns
keiner andern Begriffe bewuſt werden kön
nen, als welche die Empfindung veranlaſs
ſet, oder welche daraus durch Zergliederung
und Schlüſſe herausgebracht werden. Uns
terdeſſen da die bemeldeten angebohrnen
Ideen Umſtände von wirckenden Urſachen,
nemlich von den Grundbegierden ſind; ſo
ſind ſie auch, ehe wir dieſelben deutlich erken
nen, ſchon wirckſam, und eben aus dieſer
I 2 Wirck:
-
-

132 CVVon den Grundbegüberhaupt.


Wirckſamkeit müſſen wir das Daſeyn derſel
ben erweiſen.
§ 93.
Ä
zeichen einer Die Bennzeichen einer Grundbegierde
Grundbe ſind demnach folgende. Erſtlich muß ſie
Ä über nicht an und vor ſich ſelbſt böſe ſeyn,
(Upt.
das iſt der göttlichen oder menſchlichen Voll
kommenheit an ſich wiederſtreiten, weil ſie
ſonſt GOtt nicht in das menſchliche Weſen
gelegt haben könte. Daher kanz. E. die Be
ierde ohne alle Verbindlichkeit zu ſeyn, ob
# ſchon dem Menſchen natürlich iſt, nicht
zu den weſentlichen Grundbegierden, ſon
dern ſie muß zu der Verderbniß gehören,
weil ſie dem weſentlichen Verhältniß einer
Creatur gegen ihren Schöpfer wiederſtrei
tet. Zum andern muß ſie allgemein ſeyn.
Den Beweis ihrer Allgemeinheit bauet man
auf die Erfahrung, indem man entweder
ohne Furcht, daß es andere wiederſprechen
möchten, annehmen kan, daß ſie ſich bey al
len Menſchen äuſſere, z. E. der Trieb nach
Glückſeligkeit; oder weil ſich zum wenig
ſten die Wirckungen derſelben an ſo vielen
Perſonen und mit ſolchen Umſtänden offen:
baren, daß man den Schluß machen kan,
daß ſie bey den übrigen ebenfalls vorhan
denſey, obgleich der Ausbruch derſelben ge:
hindert wird. Endlich muß ſie auch aus
keiner andern hergeleitet werden kön
nen, welches gemeiniglich durch disjuncti
viſche Schlüſſe klar gemacht wird. " Zu
weilen
CVVon den Grundbegüberhaupt. 133
weilen aber kan man auch einen Grund a
priori angeben, warum es nicht glaublich
iſt, daß GOtt zu einer Sache keinen Grund:
trieb anerſchaffen haben ſolte,
§ 94,
Hiernächſt hat ökº ferner dar: #Ä;
auf zu ſehen, daß man in Unterſuchung der Äe
Grundbegierden bis auf diejenigen durch Äel
dringe, welche wahrhaftig erſte und durch Ä
die VNatur ſelbſt unterſchiedene Grund. „Gººd
kräfte ſind.* Wenn man nemlich von Kräf- kräfte ſind. -
ten redet, ſo nimmt man vielmahl eine ent-
ſtehende Wirckung, und wenn ſie noch ſo
zuſammengeſetzt wäre, mit dem allgemeinen
Begriffe der Kraft unter ein Wort zuſam:
men, und abſtrahiret ſolchergeſtalt den Be
griff einer Kraft. Dergleichen Begriffe
ſind z. E. die Kraft Verſe zu machen, die
Kraft zu reden, die Kraft ſich die Welt vor:
zuſtellen. Ferner kan man auch an der ein
fachſten Wirckung unterſchiedene Umſtände
durch Zergliederung von einander ſondern,
und die Möglichkeit eines iedweden eine
Kraft nennen. Man iſt aber hierbey, ſo
lange nicht andere Kennzeichen der einfa
chen Kräfte beſtimmet werden, nicht geſi
chert, daß unſer Begriff eine wahre und er
ſte Grundkraft zum Gegenſtande habe.
Denn im erſtern Falle kan es ſeyn, daß die
betrachtete Wirckung von vielen Kräften
zugleich herrühret: im andern Falle, aber iſt
J 3 (§
* Vergl. Metaphyſ. § 7o-7s.
-“

134 CVVon den Grundbegüberhaupt.


es möglich, daß wir uns einen bloſſen Theil
einer einfachen Kraft als eine beſondere
Kraft vorſtellen. Ich weiß auch gar wohl,
daß es der menſchliche Verſtand nicht in al
len Materien dahin bringen könne, daß er
zu den erſten Grundkräften gelange, wie ſich
denn die Erfindung derſelben bey Erklärung
der Verſtandeskräfte noch nicht durchgäns
gig will möglich machen laſſen. Allein bey
Unterſuchung der Kräfte des Willens laſſen
ſich die wahrhaftig erſten Grundkräfte, we
nigſtens zum Theil, allerdings entdecken.
Unter einer Kraft verſtehen wir die Möglich
keit einer beſtimmten Wirckung, welche an
eine Subſtanz verknüpft iſt. Diejenigen
Kräfte demnach, welche in Bemühungen be
ſtehen, ſind alsdenn erſte Kräfte, wenn ſie be
ſtändig mit einerley nächſter Wirckung be
ſchäftiget ſind, und gleichwohl aus keiner an
dern Kraft als eine Folge oder Umſtand der
ſelben hergeleitet werden können. Es wird
demnach eine Begierde alsdenn eine erſte
Grundkraft der Seele ſeyn, wenn ſie ein Be-
ſtreben nach einer beſtimmten Idee zu han
deln iſt, und wenn ſie dennoch aus keiner ent
ſprungen iſt, oder als ein Theil und Umſtand
derſelben angeſehen werden kan. Ich will
dergleichen Begierde eine Grundbegierde
in engerm Verſtandenennen.
- - § 95. -

Änd-
begerden.
Die Grundbegierden ſind entweder thie
riſche, welche wir mit andern Thieren ge
mein
-

Cap.VIVon denjenigen Eigenſch.2c. 135


mein haben, und welche auf die Endzweckendent
der tieriſchen Natur gehen, oder menſch-Ä
liche, welche wir vor den Thieren vor-liche,
aus haben, und welche auf ein Object ge:
hen, das in einer abſtracten Idee gedacht
werden muß.

. Das VI Capitel.
Von denenjenigen allgemeinen
Eigenſchaften der Begierden über
haupt, Es ſelbſt Begierden
ind.
§ 96.
Wº nennen einiedwedes auch ohne Vor: Wie man nu
- ſaß fortdaurendes Beſtreben aufge: Ärf
wiſſe Weiſe nach Ideen zu handeln eine Be- ###
gierde, § 23. Weil wir nun die Weite un- geget
ſerer Begriffe willkührlich, und anders als Ä
die Natur die Objecte derſelben umgränzet Eigenſch
hat, beſtimmen können; ſo können wir auch Ä
Begierden abſtrahiren, welche an ſich keine
durch die Natur ſelbſt unterſchiedene Kräfte
und dennoch wahre Begierden ſind. Wenn
wir dahero auf gewiſſe Umſtände Achtung
geben, welche Theile oder Eigenſchaften al
er Begierden ſind; ſo entſtehet in uns der
Begriff von gewiſſen Generalbegierden, des “
ren Erkenntniß von groſſem Nutzen iſt, ob
ſie gleich keine beſondern Kräfte des Wil
lens, ſondern als allgemeine Eigenſchaften
in allen zugleich gegründet ſind.
- I4 § 97.
136 Cap.VIVon denjenigen Eigenſch.
-

§ 97.
Ä Eine iede Begierde iſt ein Beſtreben ge:
Djer wiſſe Vorſtellungen zur Wircklichkeit zu
Ä“ bringen, §2, 23. Wenn dieſes geſchehen
WÄg ſoll, ſo muß die Idee des verlangten Din
Ä Obe ges im Verſtande lebhaft erhalten werden.
Ce. Demnach macht der deutliche Begriff des
Objectes allezeit einen Theil desjenigen aus,
wornach wir ſtreben, und dannenhero wird
die Begierde dadurch zum Theil erfüllet,
wenn ſolches nicht andere Urſachen wieder:
um verhindern, welches wir gleich hernach
weiter beſtimmen wollen. Folglich begreif
fen alle Begierden zugleich eine Begierde
nach der deutlichen Vorſtellung des
Objectes und eine Neigung ſich daran zu
verguügen in ſich, >
§ 98.
# Ä Eine Begierde könte ferner kein Beſtre
Äben nach einer Sache ſern, wenn ſie nicht -

# das Gegentheil derſelben zu verhindern in


” Bemühung wäre. Nun heiſſe das Be
ſtreben die Wircklichkeit einer Sache über
haupt, oder in einem gewiſſen Verhältniſſe
gegen uns, zu verhindern eine Verabſcheu
ung, § 9. Demnach entſtehet aus allen
Begierden zugleich eine Verabſcheuung
desjenigen, was ihnen wiederſtreitet,
inwiefern es ihnch nemlich zuwieder iſt.
Dieſes gilt auch von der Vorſtellung des
Gegentheils einer Begierde. Gleichwie die
Vorſtellung des Objectes einer Begierde be
- - - gehred
V.
"

der Grundbegierd, welche ſelbſt2c. 137


gehret wird § 97: ſo richtet ſich auch die
Verabſcheuung des Gegentheils mit auf die
Idee davon, ausgenommen wiefern, we
- gender Verbindung der Dinge, die Vorſtel
- lung einer Sache, die das Gegentheil von
dem Objecte gewiſſer Begierden iſt, ein Mit
tel abgeben kan, wodurch wir darauf ge:
bracht werden, irgendwo etwas mit unſern
Begierden übereinſtimmendes wahrzuneh
men, z. E. wenn man ſich etwas Böſes, als
nach Wunſch beſtraffet, oder als eine Pro
be unſerer Vorzüge, vorſtellet. Daher kan ,
man von dem Abſcheu, den man von einer -
Sache hat, auf eine Begierde ſchlieſſen, wel
cher zu der Zeit wiederſtritten wird. Weil Die Verab
nun der Schmerz und das Sauerwerden Ä
eine Empfindung iſt, daß dem Wunſche und dder Be
der Bemühung unſeres Willens wiederſtritĺ
ten wird; ſo entſtehet aus allen Begierden
die Verabſcheuung des Schmerzens und
der Beſchwerlichkeit, § 24. Den Ur
ſprung des Sauerwerdens kan man ſich alſo
vorſtellen. Gleichwie jede endliche Kraft ih:
ren gemeſſenen höchſtmöglichen Effect hat;
ſo hat auch iede Kraft des Willens irgend
einen gemeſſenen Effect, welchen ſie ohne be
ſchwerliche Anſtrengung und ohne unange:
nehme Empfindung eines Wiederſtandes
hervorbringen kan. Hierdurch iſt ein ger
wiſſer mittlerer Grad der Thätigkeit derſel
ben in der Natur beſtimmet. Was unter
demſelben iſt, wird uns leichte. Was über
J den:
138 Cap.VI Von denjenigen Eigenſch.
denſelben gehet, iſt mit einer beſchwerlichen
Empfindung verbunden, welche wir verab
ſcheuen. Der Punct alſo, wo das Sauers
werden angehet, richtet ſich nach der Stär:
cke der wirckenden Kraft. Daher verändert
er ſich auch, ſobald die Kraft durch die Cul
Wie groß ter verſtärcket wird. Diejenigen Wirckun:
dieſelbe
kaii. "gen, welche an ihre Urſache durch den Satz
des Wiederſpruches verknüpft ſind, müſſen
eben ſo groß als ihre Urſache ſeyn. Daher
iſt die Verabſcheuung des Gegentheils, wel:
che aus einer poſitiven Begierde entſtehet zum
wenigſten eben ſo groß, als die Begierde
ſelbſt war. Sie kanaber auch zufälliger Ur
ſachen wegen, welche ſich damit verbinden,
noch gröſſer ſeyn, weil durch die willkührli
che Angewöhnung ein iedweder Umſtand
an einer Begierde erhöhet werden kan, ohne
daß deswegen eben die andern zugleich mit
vermehret werden, §71. Man wird in der
Erfahrung Leute wahrnehmen, bey denen
ihrer willkührlichen Angewöhnung wegen
alle oder die meiſten verabſcheuenden Triebe
ſtärcker als die begehrenden geworden zu
Aus unter-ſeyn ſcheinen. Uebrigens verſtehet ſich von
ſchiedenen ſich ſelbſt, daß, wenn ich ſage, es entſtehe
Gründen
kanjan ei- aus allen Begehren eine Verabſcheuung
nerley Sa
che begehren des Gegentheiles, hiermit nicht geleugnet
jd jerät werde, daß man nicht das Gegentheil, we
ſcheuen. gen anderer Begierden, welchen daran ge
legen iſt, dennoch wollen könne, obgleich eis
nerley Action des Willens nicht ganz einer
- ley
der Grundbegierd. welche ſelbſt:c. 139
ley Objeet zugleich wollen und nicht wollen
kam. Daher iſt es nicht zu verwundern,
daß man Leute antrifft, welche auch den grö
ſten Schmerz und Beſchwerlichkeit nicht
allein nicht fliehen, ſondern auch zu über:
nehmen recht ernſtlich in Bemühung ſind,
weil nemlich daſſelbe ein Mittel zu demjeniz
gen iſt, was ſie vermöge anderer viel ſtärcke
rer Begierden verlangen. Eben ſo läßt
ſich auch begreiffen, daß man einerley Sa-
che wegen des einen Umſtandes verabſcheu
en, wegen eines andern aber vermöge eben
derſelben Begierde wollen kam, daraus
denn mancherley Streit der Begierden mit
ſich ſelbſt, oder deutlicher der Richtung der
Begierde auf den einen Umſtand, mit der
Richtung derſelben auf den andern, ent
ſtehet.
99
Hiermit können wir nun auch dasjenige Wiefern wis
weiter beſtimmen, was § 97 feſte geſetzt Äche
worden, wieferne nemlich aus einer BegierÄ
de die Neigung nach der deutlichen Vorſtel: wollen.
lung ihres Objectes entſtehen könne. Es
geht nemlich dieſes nur alsdenn an, wenn
wir das Object als gewiß, wahrſcheinlich
oder möglich dencken; eder wenn wir es
zum wenigſten ohne die Idee der Unmög
lichkeit in Anſehung unſerer betrachten, oder
wenn wir jetze nichts weiter als die Idee
davon begehren §76; oder wenn wir nicht
ſonſt durch die Idee deſſelben auf andere
URZ
„“
-
*.

140 Cap.VI von denjenigen Eigenſch.


uns verhaßte Ideen gebracht werden. Denn
in den übrigen Fällen wiederſtreitet die deut
liche Vorſtellung der Sache der Begierde
nach derſelben, daher wir dieſelbe verab:
-
ſcheuen § 98.
§ IOO.
* Wie daraus Es entdecket ſich auch hieraus der Grund,
ÄÄwarum ein Trieb veranlaſſen könne, daß
flieſſet,
et
was leichte man etwas leichte glaubt, und eine Sache
"º" nur auf derjenigen Seite betrachtet, welche
unſerer Neigung gemäß iſt. Denn die
Vorſtellung des Gegentheils verabſcheuen
wi. So lange wir dahero nach einer Be
gierde einmahl handeln, es geſchehe nun will:
kührlich oder gezwungen, ſo verhindern wir
die verdrießlichen Gegenvorſtellungen. Hier
durch determiniren wir den Verſtand, daß
er demjenigen, was wir wünſchen, Bey:
fall giebt, weil er an die gegenſeitigen
Gründe entweder gar nicht oder nicht leb
haft genug gedencket. Alle unſere Beweiſe
vor die Wahrheit einer Sache lauffen end
lich dahinaus, daß ſich das Gegentheil eines
Satzes entweder gar nicht als möglich oder
doch nicht eben ſo leicht als möglich dencken
laſſe, wie in der Vernunftlehre erwieſen
wird. Wenn wir dahero unſern Neigun
gen folgen, ſo verwirren wir den Fall, da
wir den Gegenſatz nicht dencken können, mit
demjenigen, da wir ihn nur iezoanderer Ur
ſachen wegen nicht deneken, ohne daß wir
zulaſſen, daß wir uns der Urſachen,
/ -
F Os
-

der Grundbegierd. welche ſelbſt2c. 14


ſolches komme, bewuſt werden könten. Auf
ſolche Weiſe kan ein verdorbener Wille auch -
den Verſtand verderben, und ihn zu falſchen
Urtheilen von dem Werthe oder Unwerthe
einer Sache nöthigen, wie ich an einem an
dern Orte ausführlich gezeiget habe.*
§ IOf.
Wenn wir dasjenige erlangen wollen, Die dritte
was wir wünſchen, ſo müſſen wir ſelbſt ſeyn Ä,
und leben, weil wir ſonſt weder wirckengen unſerer
noch etwas genieſſen können. Demnach aus
ſchlieſſen alle unſere Triebe zugleich die Be
gierde nach unſerer Eriſtenz oder
Wircklichkeit in ſich. Diejenigen Trie. Die Begier
be demnach, welche auf etwas gehen, das Ä„ .
in dieſer Welt erhalten werden ſoll, enthalben
ten zugleich die Begierde in der Welt zu
leben. Man wird hieraus einſehen, war
um die Begierde zu leben in dem Menſchen
ſo ſtarck ſey, weil ſie durch alle Begierden
zugleich entſtehet. Ferner wird man dar
aus abnehmen, warum die Begierde des
zeitlichen Lebens in einigen Menſchen ſo
ſehr ſtarck ſey, dahingegen ſie um ſo viel
mehr abnehmen muß, jemehr unſer Wille
auf diejenigen Abſichten gerichtet wird, wel:
che in einem zukünftigen Leben erlanget wer
den ſollen. Weil wir unſere Begriffe viel: Warum wir
fältig mit einander zu verwirren pflegen, ſo die Unſterb
- ge:
* Siehe die Diſſ de corruptelis intellectus a volun
tate pendentibus , § 34 - 48. in denen opuſculis
philoſophico-theolog.
142 Cap.VIVon denjenigen Eigenſch.
Änz“ geſchiehet es daher, daß wenn wir uns get
begej wiſſe Vorzüge unſerer Perſon vorſtellen,
I
welche in dem Urtheile anderer Leute beſtes
hen, welches ſie nach unſerem Tode von uns
fällen werden, wir den Fall, da wir uns dies
ſelbe iezo vorſtellen und an der Erwartung
derſelben uns vergnügen, mit demjenigen ver
wirren, da wir nicht mehr vorhanden ſeyn,
- auch davon nichts wiſſen oder genieſſen
- werden. Daher begehren wir dieſelben
- nicht anders, als ob ſie auch noch alsdenn
ein wirckliches Gut für uns ſeyn würden.
Hierauf gründet ſich z. E. die Begierde nach
der Unſterblichkeit ſeines Rahmens. Es
gehet uns, wenn wir nicht beſſere Gründe
haben, alsdenn nicht anders, als den Kin
dern, welche, wenn ſie eine angeputzte Leiche
ſehen, ſich auch zu ſterben wünſchen, um auf
gleiche Art geſchmückt zu werden, dabey ſie
aber nicht überlegen, daß ſie alsdenn nicht
in dem Stande ſeyn werden, ſich an dem
Schmucke, den ſie jetzo ſo hoch ſchätzen, zu
vergnügen.
§ IO2.
Die vierte Jedwede Begierde, welche in einem ver!
Ä. nünftigen Geiſte iſt, verlanget zugleich die
langen der Sicherheit ihres Objectes, und iſt

Ä demnach zugleich eine Begierde des Zu


Ädes künftigen. Denn da das Gegenwärtige
/ *" eineijger Augenblick iſt, welcher, indem
wir daran dencken, verſchwindet, ſo muß
ein Geiſt, welcher den Genuß eines Guten
- ernſt
der Grundbegierd.welcheſelbſt:c. 143
ernſtlich wünſchet, denſelben auch in künfti
gen Zeiten wünſchen, wenn er nur das ge
genwärtige von dem künftigen zu unterſchei
den fähig iſt. Und weil ferner das Unſiche
re, wiefern es unſicher iſt, vor gar nichts zu
rechnen iſt; ſo muß ein Geiſt, ſobald er die
Wircklichkeit einer künftigen Sache wün
ſchet, auch die Gewißheit ihrer Zukunft und ,
die Sicherheit ihres Genuſſes verlangen.
Wir werden weiter unten zeigen, wie aus
dieſer Begierde, wenn ſie ausartet, der Geiß -
entſtehet. -

§ 103.
Aus allen Begierden zugleich folget fer: Die fünfte
ner der Trieb immer in Beſchäftigung.",
zu ſeyn, weil eine iedwede Begierde einejerj
Neigung etwas zu thun iſt. So oft dem Ä
nach nicht andere Urſachen im Wege ſej
hen; ſo iſt es uns unangenehm, wenn unſere
Kräfte müßig ſeyn und zu nichts angewen
det werden ſollen. Die Stärcke dieſes Trie
bes richtet ſich nach der Stärcke der determi
nirten Begierden, als ihrer Urſache. Das
her je lebhaftere Begierden einer hat, deſto
weniger kaner müßig ſeyn, und deſto mehr
nimmt er ſich etwas ſchweres zu thun vor.
Denn inwiefern wir von einer Handlung Der Trieb
noch keine ſonderliche Beſchwerlichkeit em mit ſeiner
pfinden, oder dieſelbe anderer Urſachen Ä“
genießo nicht achten, ſo entſtehet aus eben
dem vorigen Grunde ein Trieb ſeine gan .

3e ZKraft anzuwenden. Dieſes iſt der


- Grund,
144 Cap.VI Von denjenigen Eigenſch.
Grund, warum wir an manchen Menſchen
mit Verwunderung wahrnehmen, daß ſie
nicht ruhen können, wenn ſie nicht etwas
- ſchweres oder gefährliches unter den Hän:
" den haben, weil ſie nemlich ſonſten nicht ihre
ganze Kraft gebrauchen könten, gegen deren
Stärcke ein Wiederſtand, welchen man ſon
ſten vor groß hält, in dieſem Falle doch ein
ſchwaches Verhältniß hat. Man kan auch
deswegen ein Kennzeichen hieraus nehmen,
welcher Trieb oder Kraft in einem Men
- ſchen am ſtärckſten ſey, nemlich derjenige iſt
es, welchen er vor ſich ſelbſten am öfterſten
und liebſten anwendet. Wenn ſich hiermit
in einem Gemüthe die Faulheit, das iſt, die
Gewohnheit alle Beſchwerlichkeit zu fliehen
verbindet, oder es kömmt die Begierde ohne
Verbindlichkeit zu ſeyn, oder das Verbothe
ne zu thun, noch hinzu; ſo entſtehet daraus
F Ä die Begierde unnütze oder ſolche Dinge
ÄinÄvorzunehmen, welche einen nichts an
zunehmen gehen, weil gemeiniglich die unnüßen Be
ſchaftigungen viel weniger Kraft brauchen,
als eine zweckmäßig eingerichtete Arbeit,
oder weil doch die damit verbundene Be
ſchwerlichkeit durch die Erfüllung der thö
richten Begierde überall ſeinem Eigenwillen
zu folgen, wiederum erſetzet wird.
- S. IO4. - - - -

Ä. So oft wie etwas begehren, ſo iſt ein Be


FSjÄſtreben in uns etwas wircklich zu machen,
langen nicht § 2. Durch eine vergebliche Handlung
- -
wirD

\ –
der Grundbegierd. welche ſelbſt2c. 145
wird entweder gar nichts merckliches ver-Älich zu
ſchaffet, oder es geſchiehet zum wenigſten"
dasjenige nicht, was wir wünſchen. Das
her befindet ſich auch an allen menſchlichen
Trieben eine Begierde, daß unſere Hand
lungen nicht vergeblich ſeyn ſollen. -
Daher iſt es z. E. eine höchſt verdrüßliche
Sache, wenn man einen unterrichten ſoll,
welcher nicht Achtung giebt.
§. 1o F.
Was wircklich ſeyn oder werden ſoll, das Die ſieben
muß auch möglich ſeyn. Daher verlangen Ä.
die Begierden eines Geiſtes, der dieſes zu Ä
beurtheilen fähig iſt, nicht nur die Wircklich Ä
keit, ſonder eben deswegen auch die Mög'"
lichkeit ihres Objectes, und wünſchen
dasjenige in ihrer Gewalt zu haben, wodurch
die Erlangung deſſelben möglich wird. Dies
ſe Begierde äuſſert ſich alſo. Wenn wir
ießo nach einer Sache wircklich zu ſtreben
nicht vor gut befinden, ſondern uns daſſelbe
zu anderer Zeit vorbehalten, oder meinen,
daß daſſelbe in unſere Abſichten künftig eins
ſchlagen könne; ſo wollen wir zum wenigſten,
daß uns daſſelbe möglich bleiben, und die
Mittel darzu in unſerer Gewalt ſeyn ſollen.
Aeuſſert ſich hernach eine gute Gelegenheit,
der Sache ſelbſt habhaft zu werden; ſo ver
wandelt ſich dieſer Trieb in eine Begierde,
die gegenwärtige Möglichkeit derſelben ſich
zu Nutze zu machen, § 68. Aus der Ber
gierde nach Möglichkeit hat man z. E. die
- K Ane
-

146 Cap.VI Von denjenigen Eigenſch.


Anſchaffung groſſer Bibliothecken, eines
maunigfaltigen Hausrathes u.ſf. groſſen
theils herzuleiten. Wenn dieſe Begierde
aus der Art ſchlägt, und ſich in ein bloſſes
Begehren der Möglichkeit verwandelt, §76;
ſo entſtehen daraus vielmahl die lächerlich:
ſien Thorheiten. Ein nicht geringerer Feh:
ler iſt es, daß man an manchen Leuten wahr:
nimmt, daß ſie etwas bloß deswegen thun,
Die Regier-weil ießo die Gelegenheit darzu vorhanden
de der Geie
gettheit z iſt, ungeachtet ſie viel wichtigere Zwecke da:
jebrauchen durch verlieren, z. E. ſie verſäumen- ihre
W
nothwendigſten Verrichtungen und gehen
ſpazieren, weil es ein ſchöner Tag iſt. Wer
dergleichen öfters thut, bey dem kam man
ſchlieſſen, daß die Neigung, ſich der Gelegen:
heit zu gebrauchen, zu einer beſondern erzeug
ten Begierde geworden iſt, § 76. Gleichwie
wir aber die Möglichkeit unſerer gewünſch
ten Objecte begehren: alſo verabſcheuen wir
Verabſcheu hingegen die leichte Möglichkeit des Ue
Um dcr
lctºfen bels, welche Verabſcheuung öfters erſtau
Molikeit
des Uchels
nend heftig wird, zunahl wenn man, wel:
ches gar leicht geſchehen kan, die Vorſtellung
der leichten Möglichkeit des Unglücks mit
der Vorſtellung der Wahrſcheinlichkeit oder
Gegenwart deſſelben verwirret. Es iſt z. E.
nichts anders, was einem, der von einer
ſteilen Höhe hinunter in den Abgrund ſieht,
einen Schwindel verurſachet, als die Vor
ſtellung der Moglichkeit des Hinunterſtür
zens. -

§ IO6.
T -

der Grundbegierd. welche ſelbſt:c. 147


\
IQC.
Die achte
Wenn unſere Begierden erfüllet werden, Eiaenſchaft.
ſo entſtehet Vergnügen, § 24. Wir begeh Der Trieb
ren daher daſſelbe, weil wir die Erfüllung nach Glück
ſeligkeit:
derſelben verlangen. Werden hingegen uns
ſere Begierden nicht erfüllet, ſº entſtehet
Schmerß, § 24, welchen wir deswegen ver
abſcheuen, § 98. Es entſtehet demnach
aus allen Begierden zuſammen genommen
ein Verlangen, dieſelbeu allerſeits mit Ver
gnügen erfüllet zu ſehen, und von allem
Schmerze befrepet zu ſeyn, welches der
Trieb nach Glückſeligkeit genennet wird.
Weil wir nun auch eine Begierde zu leben,
§ 101, ingleichen eine Begierde nach voll
kommener Sicherheit der gewünſchten Ob
jecte haben, § 1O2; deren Erfüllung der
Glückſeligkeitstrieb umithin auch verlanget:
So iſt derſelbe, in ſeinem ganzen Umfange
betrachtet, ein Trieb nach einem unauförs -
lichen Leben, darinnen alle unſere Wünſche
mit Vergnügen beſtändig erfullet werden,
und darinneu wir nicht nur von ailem
Schmerz befreyet ſind, ſondern in welchem
auch kein Unglück weiter möglich iſt. Man Der Trieb
ſiehet hieraus, daß der Trieb nach Glückſe nach Giück
etker ge
ligkeit in der That auf ein unendliches Ob het auf ein
ject, nemlich auf ein ſeiches gehet, deſſen u:::::dliches
- er lund
er unendlich fort genieſſen will. Da nun "thet zu
die Erlangung deſſelbeu durch nichts anders, 5Ott,
als durch den Willen und die Macht unſe:
res Schöpfers, möglich iſt; ſo iſt offenbar "
K 2 daß
148 Cap.VI Von denjenigen Eigenſch.
daß der Trieb nach Glückſeligkeit allezeit ver
irret ſey, wenn der Menſch in anderer Ord
nung nach ſeiner Glückſeligkeit ſtrebet, als
A in derjenigen, da er ſich ſeinem Schöpfer
in allen Stücken gefällig zu machen ſucht,
und der Gnade deſſelben verſichert iſt, da
her auch der Trieb nach Glückſeligkeit den
Menſchen, ſobald er nur die Sache recht
überleget, allezeit auf GOtt zu führen pfle
get. Es iſt auch deswegen nicht zu ver
wundern, daß die Vorſtellung von dem
gänzlichen Verluſte der göttlichen Gnade
einen in die äuſſerſte Angſt und Verwirrung
ſetzet, ja in Verzweifelung ſtürzet, weil hier:
durch ſeine ganze Glückſeligkeit unmöglich
gemacht wird, das iſt, das Object aller ſei
ner Begierden verlohren gehet.
§ 107. -

Derºice Dabey aber iſt doch unleugbar, daß der


Ä*Trieb nach Glückſeligkeit keine beſondere
Grundkraft. Grundkraft, § 94, ſondern eine Folge aller
- wirckſamen Begierden zuſammen genom
men, und alſo nur ein Generaltrieb ſey.
Daher kan man auch aus demſelben nicht
erklären, warum der Menſch dieſes oder je
nes begehre oder verabſcheue. Man begeh
ret vermöge des Glückſeligkeitstriebes alles
mögliche Gute und Vergnügen. Warum
man aber dieſes oder jenes vor gut oder
böſe halte, und ſein Vergnügen in etwas
finde oder nicht, das muß aus den ſpecialen
Worum di und determinirten Begierden einer Seele
Ä“ aufgelöſet werden. Weil nun in Ä
chie
der Grundbeg. welche ſelbſt 2c. 149
- - - -
ſchiedenen Perſonen bald dieſer bald jener ihre
-

ÄGlückſe
Trieb ſtärker iſt, und weil ſie auch ihre Frei- j
heit unterſchiedlich gebrauchen; ſo verſtehe Ä
man daraus, warum verſchiedene Menſchen .
auch ihre Glückſeligkeit immer in andern
und andern Objecten am meiſten zu ſetzen
und zu ſuchen pflegen. Ich will weiter un
ten zeigen, wie aus dem Glückſeligkeitstriebe,
wenn er ſich durch eine Verirrung nur auf
dasjenige Vergnügen richtet, dabey man
ſich ganz oder gröſtentheils bloß leidend ver
halten darf, die Wolluſt entſtehe. Dieſes DasViehſt
e i n es
iſt noch zu erinnern, daß das Vieh keines lückſelig
Glückſeligkeitstriebes fähig ſey, weil es die fettriebes -

abſtracte Idee, welche derſelbe zum Objeete *


hat, nicht zu dencken vermag, § 25. Da
her man ihm nicht mehr als eine Wirkſam
keit gewiſſerſinnlicher Begierden zuſchreiben
kan, deren Erfüllung in ihnen eine angeneh -,
me Empfindungnach ſich ziehet.
- § JO8.
Endlich iſt auch noch der moraliſche Deneunte
Geſchmack eine Wirckung, welche aus al Der
Haenſcha
morali
len Begierden zuſammen genommen entſteſ, e Ge
het. Der moraliſche Geſchmack iſt derje-ſchmack.
mige Zuſtand der Seele, welcher macht, daß
uns gewiſſe Dinge, welche zu dencken einige
Abſtractionskraft erfordert wird, angenehm
oder unangenehm ſind, gut oder ſchlecht zu
ſeyn ſcheinen, ohne daß wir zu ſagen wiſſen
warum, oder wenigſtens ehewir noch die Ur:
ſachen davon anzugeben wiſſen, z. E. manche
K 3 > Leute
s
-“ -

-- -
-

Ise Cap. v Von denjenigen Eigenſch


Leute finden einen Geſchmack an einer weit:
läuftigen, andere an einer kurzen Schreibart.
In der Muſic, in der Beurtheilung der
Poeſie, Baukunſt, Auſführung und unzeh
ligen andern Stücken iſt der Geſchmack der
Menſchen ſehr unterſchieden. Man wird
leichte den Vergleichungspunct einſehen,
warum dieſer Zuſtand der Seele ein Ge
ſchmack genennet wird, weil uns nemlich
bey dem Geſchmacke körperlicher Dinge die
Sachen ebenfalls durch die bloſſe Empfin
dung ohne Erkenntniß der Urſachen ſchon
- „Ws der
rund deſ
angenehm und unangenehm ſind. Weil
elden iſt. man nun von der Annehmlichkeit auf eine
vorhergegangene Begierde ſchlieſſen kan,
§ 24; ſo muß der höhere Grund des mora
liſchen Geſchmackes darinnen liegen, daß
wirben demſelben eine dunckele Empfindung
von der Wiedereinſtimmung oder dem Strei
te der Sachen mit gewiſſen Begierden unſe
res Willens haben, welche Begierden ſelbſt
aber wir nicht zu nennen wiſſen, weil wir
noch keine deutliche Erkenntniß ven denſel
ben aben, oder auch wohl nicht geſchickt
ſind, uns dergleichen zu erwerben. Weil
demnach der neraliſche Geſchmack nichts
anders als ein aus vielen Begierden entſte:
hendes dunckeles Begehren oder Verab
ſcheuen der Sache iſt, ſo habe ich davon
lieber an dieſen Orte als in dem 4ten Ca
pitel handeln wollen. -

- § I O9,
der Grundbegierdwelche ſelbſt:c. 151
§. IO9.
Der moraliſche Geſchunack entſtehet alſo Warum der
aus den Begierden. Die Begierden müſäÄ
ſen ſich in dee Wahl ihrer Objecte nach Ä unter
Urtheilen des Verſtandes richten, welche chieden iſt.
er von der Beſchaffenheit der Sache faltet,
um welcher willen ſie Objecte der Begierden
ſind oder ſeyn können, § 5, 59, 6o. Da
nun die Grade und Richtungen der Begier
den in allen Menſchen unterſchieden ſind,
und da ſich dieſelben in iedwedem beſondern
Falle nach den eben ſo ſehr unterſchiedenen
Begriffen und Urtheilen des Verſtandes
richten müſſen: ſo iſt leichte zu erachten,
daß der moraliſche Geſchmack einer unend:
lichen Mannigfaltigkeit unterworfen ſeyn
müſſe. Beſonders muß die groſſe Menge,
der erzeugten Begierden, welche ſich in den
Gemüthern zu finden pflegen, § 76, 77,
nebſt der mehrern oder wenigern Cultur des
Verſtandes den moraliſchen Geſchmack gar
ſehr verändern. Vieles kömmt alſo auf die
Erziehung und Angewöhnung, auf Lehre
und Unterricht an. Weil aber dennoch Äalt
der moraliſche Geſchmack Hon der willkühr Än
lichen Einrichtung des menſchlichen Gemä: den Men
thes abhanget,
Lob d ſo
T kaner den Menſchen auch rücyllet
4 Ä yék
zum Lobe und Tadel, zur Tugend und zur den,
Schuld, angerechnet werden, und es hat
ſich einer damit ſchlecht verantwortet, wenn
er ſeine Thorheit damit entſhºldigen will,
daß er einmal ein Vergnügen an der Sa
K 4 che
152 Cap.VI Von denjenigen Eigenſch.
che finde, und nichts davor könne, daß dass
jenige, woran andere einen Geſchmack fin
den, ihm nicht eben ſo angenehm ſey, z. E.
manche Leute habrn keinen Geſchmack an
gründlichen Studieren, ſondern ſie vertän
deln an ſtatt deſſen die Zeit mit Hunden,
Vögeln, Pferden, beluſtigenden Büchern
und dergleichen. Allein wenn iemand ge
ſtehet, daß er an demjenigen, was wahr
haftig gut und edel iſt, keinen Geſchmack
findet, ſo thut er hiermit nichts weiter, als
, daß er eine ſehr ſchlechte Verfaſſung ſeines
Gemüthes verräth.
§. I IO.
Wenn der Wenn der moraliſche Geſchmack gut ſeyn
Ä ſoll, ſo mußuns vermöge deſſelben eine Sa
## che nach Proportion ihres wahren Werthes
gut

Ä” angenehm oder unangenehm ſeyn, gut oder


ſchlecht vorkommen. Wo demnach in ei
nem Gemüthe die Tugend gar nicht oder
nicht in dem gehörigen Grade befindlich iſt,
da iſt der moraliſche Geſchmacknothwendig
verdorben, weil das alleredelſte Object dem
ſelben gleichfalls entweder gar nicht oder
nicht gnugſam angenehm iſt. Ferner ie:
mehr ſich die Grundbegierden von ihrem
weſentlichen Objeete verirret haben, und auf
bloſſe einzelne Umſtände gerathen ſind, §76,
77, und iemehr der Verſtand mit mangel:
haften Begriffen, Jrtthümern und Vorur
theilen angefüllet iſt, daher alsdenn auch
iedwede Begierde ihr Object am unrechten
Orte,
der Grunbegierd. welche ſelbſt e. 13
Orte, nemlich in Dingen ſuchet, darinnen
es nicht anzutreffen iſt; deſto mehr wird der
moraliſche Geſchmack verdorben. Er kan Wie er zu
demnach durch nichts als durch Erkenntniß verbeſſern.
der Wahrheit und Tugend verbeſſert wer
den, und wenn wir darzu in andern Leuten
etwas beytragen wollen, ſo müſſen wir zu
förderſt für beſſern Unterricht ihres Ver
ſtandes ſorgen, § 5, 59. Man erhält dieſen
Endzweck vielmahls ſchon dadurch, wenn
man Jewanden beſſere Erempel ſehen läſſet,
damit ſich von dem Beſſern eine gute eon
crete Idee bilden kan. Dieſes iſt vornem
lich zu beobachten, wo die abſtracten Begrif
fe, Regeln und Beweiſe ſich ſchwerlich klar
machen laſſen. Z. E. Auf dieſe Weiſe pfle
get man den moraliſchen Geſchmack in der
Beredſamkeit, der Poeſie, dem Umgange
u. ſ. w. zu verbeſſern. In wichtigern
Dingen ſuche man nur das Gewiſſen wacker
zu erwecken, und überhaupt den Willen, zu
thun was gut iſt, und zu meyden was böſe
iſt, zu reizen. Wenn ſodann einem, der
zuvor einen verderbten Geſchmack von der
Tugend hatte, nur ſtatt der falſchen der
Character der wahren Tugend vorgeſtellt
wird, ſo wird der den Vorzug der leztern
gleich durch ein innerliches Gefühl empfin
den, dem es ein Ernſt iſt, das Gute zu
thun.

- K 5 - . Das
Y54 Cap. VII Von den menſchlichen
Das VII Capitel.
Von den menſchlichen Grund
begierden.
§ III,
Der erſte
Gru“dtrieſ,
Ich verſtehe unter den menſchlichen Grund:
nach unſerer * begierden diejenigen, deren Object etwas
eigene Well iſt, welches in einer abſtracten Idee gedacht
kommenheit, werden muß, und welche daherodie menſch:
liche Natur vor den andern Thieren voraus
hat, und dieſen ſetze ich die bloß thieriſchen
Triebe entgegen, §95. Der erſte unter den
menſchlichen Grundtrieben iſt der Trieb
nach unſerer eigenen Vollkommenheit,
oder das Verlangen, unſern Zuſtand in ſei
ner gehörigen Vollkommenheit zu ſehen und
immer vollkommener zu machen. Der Be
riff, welcher im Verſtande zu dieſem Trie
be gehörig iſt, und das Muſter ſeiner Hand
lungen abgiebt, § 92, iſt ein beſtändiges
plus ultra, das iſt, die Jdee der beſtändi
gen Vermchrung unſerer Kräfte und Voll:
kommenheiten,
§ 1 I 2.
Beweis
Ä deſeſ. "m die
Um die Richtigkeit dieſes Grunder
Richtigkeit dieſes Grundtriebes
zu erweiſen haben wir Achtung zu geben,
ob demſelben alle die Kennzeichen zukom
men, welche wir § 93, 94 zu einem Grund
triebe erfordert haben. Daß er nicht an
und vor ſich ſelbſt böſe ſey, braucht keines
Beweiſes. Daß er allgemein ſey, kanman
auch
2 :
Grundbegierden. 17
auch ſicherlich annehmen. Denn wer wür
de ſich wohl nicht in vollkommenere Umſtän
de zu kommen wünſchen? Ferner kan er
auch aus keinen andern hergeleitet werden.
Es ſind nur zwey anſcheinende Möglichkei:
ten, wie dieſer Trieb vielleicht aus andern
erkläret werden könne, wenn man ſich nem
lich vorſtellen wolte, ob er vielleicht ein
Theil von dem Glückſeligkeitstriebeſey, oder
aus ber Eigenliebe entſpringe. Die erſte
aber fällt dadurch hinweg, weil aus dem
Vollkommenheitstriebe allererſt der Grund
herzuholen iſt, warum die Menſchen ihre
Glückſeligkeit in dem Beſitz und Wachsthum
der VollkomReuheit ſuchen, § 1c7. Unter
der Eigenliebe aber kam man nichts anders
verſtehen, als das Vergnügen an ſeinen ei
genen Vollkommenheiten, wiefern uns daſ
ſelbige zu gewiſſen Thaten antreibet. Die
-
ſes Vergnügen aber läßt ſich abermahl nicht
erklären, wenn man nicht ſchon ein Veran
gen nach ſeiner Vollkommenheit vorausſe
zet, § 24. Daß endlich dieſer Teich äuch
eine wirklich einfache Geuſdkraft ſey, iſt
daraus offenbar, weil er ſein Objeet allezeit
um einerley nächſter Urſache willen verlan
get, nemlich deswegen, weil wir dadurch eine
Vermehrung der Vollkommenheit unſers
Zuſtandes zu erlangen gedencken,
« § 1 I 3.
. Was inſonderheit die Allgemeinheit die av-ich
Erelen,
vey
ſes Triebes anlanget, ſo will ich hierbey eine
E - Ers
156 Cap.VII Von den menſchlichen
Beurthe- Erläuterung hinzuſetzen, welche nicht nur
Ä. bey dieſem, ſondern auch bey allen übrigen
j- Grundtrieben zu mercken iſt. Es kan ei
achten ſind nem vorkommen, als ob manche Leute ſo
niederträchtig wären, daß ihnen an dem
Wachsthum ihrer Vollkommenheit nichtsge:
legenſey. Allein man wird dieſes zu behaup
ten aufhören, wenn man erweget, I) daß die
Grundbegierden nicht alle in iedwedem Ge
müthe einerley Grad der Stärcke beſitzen,
2) daß die Wirckung der einen Begierde
durch die Wirckung der übrigen ſehr einge:
> ſchränckt, unterdrückt und verhindert werden
- könne, 3) daß die Begierden, weil ſie eine
Art des Wollens ſind, ſich nach dem Ur
theile des Verſtandes richten müſſen, §2.
Daher ſie durch das Urtheil deſſelben bald
auf dieſes bald auf jenes Object, in welchem
das verlangte Weſen befindlich zu ſeyn
ſcheinet, gerichtet werden. Es kömmt da
her viel auf den Gebrauch und die Cultur
des Verſtandes, auf die Erziehung und An
gewöhnung an, deswegen ſich auch ein Trieb
von ſeinem wahren Object gar verirren, und
aus Selbſtbetrug auf bloſſe Scheingüter
verfallen kan. Es iſt daher nicht zu ver:
wundern, wenn die Menſchen ihre Vollkom:
menheit immer in andern Dingen, und öf
ters in den niederträchtigſten Sachen ſuchen,
ingleichen wenn ſie auch ihre erkannte Voll
kommenheit in unterſchiedenem Grade der
- Heftigkeit begehren.
S 114
Grundbegierden. 157
§ I 14. /
Um nun die mannigfaltigen Wirckun: Wie vieler
gen des Vollkommenheitstriebes einzuſehen, ĺ
muß man bedencken, daß zwar überhaupt eigieb.
eine Sache dadurch allezeit vollkommener
wird, wenn ſie zu mehrern Thätigkeiten und
Wirckungen tüchtig, und alſo die Summe
derjenigen Dinge vermehret wird, welche
durch ſie möglich ſind. Denn die Vollkommen:
heit überhaupt beſtehet in nichts anders als
in der Vergleichung des Zuſtandes einer
Sache mit der Summe derjenigen Thätig:
keiten und Wirckungen, welche durch dieſelbe
möglich ſind, und wie dieſe zunimmt, ſo wird
auch die Vollkommenheit wachſen, welches ei:
ne Materie iſt, die in die Ontologie gehöret.
Inſonderheit aber muß man die Vollkom
menheit eines Dinges aus demjenigen Be
griffe ermeſſen, welchen man von dem We
ſen deſſelben hat. Denn man könte gar --

nicht mit Verſtande ſagen, daß dieſe oder


je Sache vollkommener geworden ſey,
wenn ſie nicht in Anſehung desjenigen We
ſens, wodurch wir ſie denken, vollkomme:
ner geworden wäre. Es giebt demnach
zweyerley Vollkommenheiten, die wes
ſentlichen, wodurch dasjenige Weſen, wel
ches wir an einer Sache betrachten, voll:
kommener wird, und die zufälligen, wo
durch der Sache überhaupt mehrere Folgen
möglich werden, ob ſie ſich gleich auf das
ießo betrachtete Weſen nicht beziehen. Z.#I.
A-
1F8 Cap.VII Von den menſchlichen
An einem Aſtronomiſchen Globo iſt es eine
weſentliche Vollkommenheit, daß die Poli
am rechten Orte ſtehen, hingegen daß er ein
koſtbares Geſtelle hat, iſt einezufällige Voll
kommenheit.
§ I1 .
Weitere Das Weſen eines vollſtändigen Dinges
Ä beſtehe allezeit nächſt dem Subjeete ſelbſt in
ichen Velº gewiſſen Kräften, und wenn es zufällig iſt, ſo
" iſt es um gewiſſer Abſichten willen hervorge
bracht worden. Was dahero ein Ding oder
ſeine weſentliche Kräfte erhält, vermehret,
anzeiget , oder mehr auszurichten geſchickt
macht, das iſt eine Vollkommheit in Anſe
hung ſeines Weſens. Wenn man aber wiſ
ſen will, ob es eine wahre Vollkommenheit
ſey, ſo muß man die Endzwecke aufſuchen,
um welcher willen es da iſt, und Achtung ge:
ben, ob alles mit denſelbigen wohl überein
Der Voll- ſtimme. Es muß demnach ein Trieb, welcher
Ä auf die Vollkommenheit unſeres Zuſtandes
Ä. gehet, ſowohl die weſentliche als zufällige
re # Vollkommenheit deſſelben verlangen, iedoch
Änatürlicher Weiſe die weſentliche am meiſten;
Ä. daher es auch fömint, daß man diejenigen »
teu. Bemühungen, welche dasjenige Weſen, wo
durch ſich der Menſch von dem Viehe unter:
ſcheidet, vollkommener nachen, oder einen
hohen Grad der Kräfte deſſelben vorausſe
zen, edler nennet, als andere, die nur zum
Vergnügen, oder zu den niedrigen Endzwe
eken dienen, oder nicht viel Verſtand erfor
- dern.
-
-
Grundbegierden. I 9

dern. Z. E. Jedermann hält das Studie


ren vor eine edlere Verrichtung, als das
Spielen, oder das Vieh zu hüten.
§ 1 16. -

Sobald wir demnach eine Kraft in uns Wie er das


gewahr werden, ſo muß aus dem Vollkom-"".
menheitstriebe ein Verlangen entſtehen, die- -
ſelbe zu gebrauchen, zu erhalten, zu meh-
rern Verrichtungen geſchickter zu machen,
und ſich auch bewuſt zu werden, daß dieſes
alles geſchehe, § 97, 102. Ebenſo ſuchen
wir uns auch dasjenige, was auſſer uns iſt,
zu Nutzen zu machen, wiefern es in unſe
ren Zuſtand einen Einfluß haben kan. Wo Ä ſeité
dieſe Triebe ſo ſchwach oder verhindert ſind, Äe
daß ſie nach ihren Objecten nicht durch ſºwach iſt.
wirckliche Anwendung der menſchlichen
Kräfte ſtreben; ſo ziehen ſie doch zum we
nigſten dieſe Folge nach ſich, daß uns die
- Vermehrung unſerer Vollkommenheit, wo
wir ohne beſchwerliche Mühe darzukom
men, angenehm und wohlgefällig iſt.
§ I 17.
Weil nun ein Verſtand in uns iſt, ſo ent, „Wº der
- Wahrheits
ſtehet aus dem Vollkommenheitstriebe die Äſt
Begierde, den Verſtand zu gebrauchen, Ä
und damit auf mancherley Weiſe thätig zu Ä Ä
ſeyn. Daraus flieſſet die Begierde zu ſteoet.
empfinden, den Verſtand mit ſehr vie
len Begriffen anzufüllen, zu dichten -
u.ſf. Jedoch verwirre man mit dieſem e# º
Beſtreben nach neuen Empfindungen Ä Ä
- L3
*

16o Cap. VII von den menſchlichen


des Verſan Gedancken, welches eine Wirckung des Wil:
des nac)
neuen Ge lens iſt, und wodurch nur die Wirckſamkeit
danken un des Verſtandesgerichtet, unterhalten, ver
terſchiedet
mehret und angenehm gemacht wird, nicht
iſt. - die Thätigkeit des Verſtandes ſelbſt, wie:
fern nemlich eine Idee die andere ihrer phy
ſikaliſchen Beſchaffenheit oder Verbindung
wegen erwecket, und eine Verſtandeskraft,
ſobald ſie lebendig wird, die Thätigkeit der
andern veranlaſſet. Wer beydes wohl un
terſcheidet, wird leicht einſehen, in was vor
Bedeutung man ſowohl dem Verſtande, als
dem Willen, ein Beſtreben nach neuen Ems
º.
pfindungen oder Gedancken zuſchreiben muß,
und wie gleichwohl das Beſtreben eines ied:
weden von dem andern unterſchieden iſt, und
von ſeinen beſondern Gründen abhanget,
dergeſtalt daß man ats einem allein von den
Wirckungen unſerer Seele nicht Rechenſchaft
geben könte. * Weil auch ferner in dem
menſchlichen Verſtande gewiſſe höchſteGrün:
de und Kennzeichen des Wahren und Fal
ſchen verborgen liegen, wodurch ſich eben der
nmenſchliche Verſtand von dem thieriſchen
unterſcheidet, und von denen in der Ver
nunftlehre gehandelt wird; ſo entſtehet aus
dem Vollkommenheitstriebe ferner eine Be
mühung in dem Menſchen, ſeine Gedancken
mit dieſen höchſten Gründen der Vernunft
zu vergleichen, um ſich bewuſt zu werden, ob
ſie damit übereinſtimmen oder nicht. Das
her
* Vergl. die Logik § 108-114.
Grundbegierden. - 161
her entſtehet die Bemühung Schlüſſe zu
machen, die Urſachen der Dinge zu er»
forſchen, u. ſ. f... Weil durch alle erzehl- -
te Bemühungen die Erkenntniß der Wahr
heit möglich wird, ſo kannan dieſelben zur
ſammen genommen den Wahrheitstrieb
nennen. Weil der Verſtand unſere voll- …--
kommenſte Kraft iſt, und welche zu einer ... . ."
beſtändigen Wirkung eine der geſchickteſten ,
iſt, ſo iſt der Wahrheitstrieb beſtändig ge:
ſchäftig. Die Erkenntniß hat auch ſonder
lich deswegen noch etwas reißendes an ſich, “i.
weil man darinnen immer weiter gehet, und “
doch auch das vorige behält und nutzen kan. »
Ohne dieſen uns weſentlichen Wahrheits- -
trieb würden die Wiſſenſchaften bald in Vers
achtung kommen. Man wird aber aus der
beygebrachten Erklärung verſtehen, daß er - -
nur ein Theil und Determination des Voll:
kommenheitstriebes, nicht aber eine beſon:
dere Grundkraft ſey. Weil nun der Voll
kommenheitstrieb immer nach mehrern ſtre
bet, und die Deutlichkeit eine unentbehrliche
Vollkommenheit unſerer Erkenntniß iſt; ſo
iſt an dem Wahrheitstriebe noch als ein be
ſonders merckwürdiger Theil die Begierde ſerde

nach Deutlichkeit anzumercken. Wenn ĺ


der Wahrheitstrieb durch eine Verirrung“ *

aus der Art ſchlägt § 76; ſo können daraus


die Neugierigkeit, der Aberglaube, der Un
glaube, davon an ſeinem Orte gehandelt
wird, nebſt unzehligen andern erzeugten Ber
- - - - L gier-
162 Cap.VII Von den menſchlichen
gierden entſtehen. Weil es uns auch ver
möge der Wahrheitsbegiede angenehm ſeyn
muß, wenn wir irgendwo Wahrheit wahr:
nehmen, oder nach Regeln, welche mit Ab
ſtraction erkannt ſeyn wollen, handeln; ſo
entſtehet daraus unter andern die Luſt zu
Vergnügenſpielen, das Vergnügen an der Poeſie, Mu
ºn Spiºſic und dergleichen. Denn an dergleichen
Ä“ Dingen vergnügen wir uns um des Regel
mäßigen willen, das darinnen iſt.
w# º Weil ferner der Verſtand vermöge ſei:
Ä“ nes Weſens einzig und allein geſchickt iſt,
# Ä das Muſter unſerer Thaten, wodurch alle
Ä unſere Endzwecke mit Gewißheit erhalten
werden können, zu beſtimmen; ſo entſtehet
ferner aus dem Vollkommenheitstriebe, wie:
ferne er ſich auf den Verſtand richtet, das
Verlangen vernunftmäßig zu verfah
ren, das iſt, in allen unſern Thaten nichts
zu beginnen, als wo uns der Verſtand zei
get, daß unſere Endzwecke ſolchergeſtalt mit
einer völligen, oder doch mit der meiſten Ge:
wißheit befördert werden können. Das Ge
gentheil davon nennen wir eine ungereimte
º That, welche wir mithin verabſcheuen. Es
Ä äuſſert ſich dahero die Begierde, vernunft
ſº uſ- mäßig zu handeln, ſowohl in der Einrich
tung unſerer Urtheile, als in der Voll
ſtreckung derſelben. Wir wollen keinen
Satz als wahr gelten laſſen, als welchen
wir gnugſam beweiſen können, nemlich da
- VIL
Grundbegierden. I63

wir entweder den Gegenſaß deſſelben gar


nicht dencken können, oder doch ſonſt eine
aus dem Weſen unſerer Seele herrührende
Verbindlichkeit erkennen, auf denſelben nicht
weiter Acht zu haben, oder daher Gelegen:
heit zu nehmen, uns ein Bedencken zu ma
chen, ob wir nach demſelben handeln wollen
oder nicht. Eben ſo verlangen wir auch,
daß alle andere menſchliche Thaten alſo ein
gerichtet werden ſollen, daß ſie richtigen Ur
theilen des Verſtandes nicht zuwieder ſind,
z. E. daß die Mittel nicht mit dem Zwecke
ſtreiten, daß die Gelegenheit einen Zweck zu
erlangen nicht verabſäumet wird, daß die
wahre und die bloß ſcheinbareGüteund Voll
kommenheit nicht verwirret wird, u. ſ. w.
Eine That, welche nicht auf dergleichen Ur
theile gegründet wird, halten wir vor unver
nünftig und verabſcheuen dieſelbe.
§ I 19.
Der menſchliche Körper iſt gleichfalls Är
mancherley Vollkommenheiten fähig, welche Ä
ihn zu mancherley Wirckungen geſchickterbºt des
machen, oder welche ſelbſt eine Schj*
deſſelben ausmachen, oder eine Vollkom
menheit der Seele anzeigen. So weit wir
daher einen Begriff davon haben, ſo muß
aus dem Vollkommenheitstriebe auch ein
Verlangen nach den Vollkommenheiten
des Leibes entſtehen. Dergleichen iſt z. E.
die Stärcke und Geſchicklichkeit des Leibes in
mancherley körperlichen Uebungen, und
L 2 Kün:
164 Cap.VII Von den menſchlichen
Künſten, welche vermittelſt eines gewiſſen
Gebrauches unſerer Glieder ausgeübetwer
den, dergleichen das Singen, Schreiben,
Inſtrumente ſpielen u. d.g. ſind. Die Natur
des Vollkommenheitstriebes bringt es mit
ſich, daß wir dergleichen Fertigkeiten theils
haben, theils aber auch, wenn wir ſie haben,
gebrauchen und weiter vermehren wollen.
§ I 2O.
Wie die B Wenn wir weiter wahrnehmen, daß uns
Ä*ſer Zuſtand nicht nur durch diejenigen Kräf
entſtehet te und Eigenſchaften, welche ſich in unſerer
Perſon befinden, ſondern auch durch gewiſſe
Verhältniſſe, in welchen wir mit andern
Dingen ſtehen, vollkommener wird; ſo rich:
tet ſich der Vollkommenheitstrieb auch auf
dieſelbigen, und begehretdieſelben. Weil
uns mehrere Thaten zu unternehmen mög
lich ſind, wenn wir unſerm eigenen Urtheile
- - folgen können, als wenn wir uns nach dem
Willen anderer Leute richten müſſen; ſo ent
ſtehet daraus die Begierde nach Frey
Die Begier-heit. Es giebt gewiſſe beſtändige Verhält:
Ä” niſſe, welche durch den Willen anderer Mens
Feäum ſchen eingeführet werden, oder doch ihre
Äbte Wirkung dadurch hun. Auf dieſelben alle
richtet ſich der Vollkommenheitstrieb, wie
fern wir den Werth derſelben erkennen, oder
zu erkennen vermeinen. Daher entſpringet
Warum die die Begierde nach Macht, Reichthum,
Ä“Sreundſchaft und Ehre. Unter der
Ehre verſtehe ich einen ſolchen Zuſtand, da
(N2
Grundbegierden. 165

andere uns Vollkommenheiten oder gar


Vorzüge vor andern zuſchreiben, und ge
neigt ſind, in ihrem Bezeigen gegen uns auf
eine uns vortheilhafte oder angenehme Art
denſelben-gemäß zu verfahren. Es reißet
daher die Ehre den Vollkommenheitstrieb
auf zweyerley Art, einmahl indem ſie die
Vollkommenheit unſeres Zuſtandes vermeh
ret, indem uns dadurch unzehlige andere
Dinge, welche davon abhangen, zu bewerck
ſtelligen möglich werden, wie denn die Ehre
eines von den allerwichtigſten Mitteln iſt,
und durch welches man faſt mehr als durch
irgend ein anderes ausrichten kan; zum an
dern weil wir die Ehre, als ein Kennzeichen
anſehen, daß wir die uns zugeſchriebenen
Vollkommenheiten beſitzen. Die Ehrbe
gierde kan auch noch durch viel andere zu
fällige Urſachen vermehret werden. Denn
wenn wirz. E. viel Menſchenliebe haben; ſo
müſſen wir auch vermöge derſelben verlangen
von andern Menſchen werthgeſchätzt zu wer
den, weil ſie ſonſten keine Gegenliebe gegen
uns haben können. Hingegen wenn wir wenig
Menſchenliebe und deſto mehr Eigenliebe ha:
ben, ſo wünſchen wir um ſo vielſtärcker, an
dern vorgezogen zu werden. Ja überhaupt
das Object eines jeden Triebes, welches wir
alſo ſchon um anderer Gründe wille begehr
ten, wird zugleich ein Object der Ehrbegier
de, wiefern wir mercken, daß andere Leute
L 3 dar:
166 Cap.VII Von den menſchlichen
daraufhalten, und Vorzüge dadurch zu er
langen ſind. Die Ehre iſt demnach ein Ob
ject des Vollkommenheitstriebes überhaupt,
und ſie kan auch ein Object ſehr vieler oder
aller ſpecialern Triebe inſonderheit werden.
Dieſe Triebe ſämmtlich vereinigen ihre Wir
ckung in Hervorbringung und Unterhaltung
der Ehrbegierde, und dieſe hanget von ihnen
zugleich ab, ſo wie der Trieb nach Glückſe
ligkeit, oder die Begierde zu leben eine Fol
e aller Begierden zuſammengenommen, iſt.
Ä vermag dieſe Vereinigung zu
fälliger Urſachen ſehr viel, wozu etwas ein
ſtarcker Trieb vorhanden iſt, und gleichwol
auſſer der Ehre kein deutlich gedachter Vor
theil davon erwartet wird. Es kommt auch
noch darzu, daß die Ehre als etwas angeſe
hen wird, welches auch nach dem Tode noch
fortdauret, es magnun bey dieſer Meinung
Wahrheit oder Einbildung zum Grundelie
gen. Wenn man dieſe Urſachen zuſammen
nimmt, ſo wird man begreiffenkönnen, wie
die Ehrbegierde in den menſchlichen Gemü
Verlangen thern ſo ſtarck werden könne. Aus der Ehr
nach den
Zeichen der begierde erfolget auch hernach ferner das
Ehre. Verlangen nach den äuſſerlichen Zei
chen der Ehre, z. E. nach Ruhm, Lob,
groſſem Range, Titeln, Complimenten u.ſf.
§ 76. Nemlich unter dem Lobe verſtehen
wir eine Erklärung durch Worte, daß man
einem Vollkommenheiten zuſchreibe. Ruhm
.
A

Grundbegierden. ... 167


iſt ein ſolches Lob, welches uns viele Leute bey
legen, und darinnen ſie uns beſonders wich
tige Vorzüge vor vielen andern zuſchreiben.
Ein Compliment aber iſt ein ſolches äuſſer- -
liches Bezeigen in dem Umgange, dadurch
man eine Werthſchätzung des andern, und
daher flieſſende Bereitwilligkeit, ihm zu die:
nen und Vorzüge zuzugeſtehen, zu erken
nen giebt. -

- § I 21.
Weil es endlich zur Vollkommenheit ein. Das Ver
mehrers beyträgt, eine Sache ganz zu ha: # ein
ben, als nur einen Teil davon zu beſitzen;Ä"
ſo bringet der Vollkommenheitstrieb auch
das Verlangen mit ſich, ſein Object und
den Genuß deſſelbigen ganz zu haben.
Dieſe Begierde verdienet viel Aufmerckſam
keit, weil dieſelbe, wenn ſie aus der Art
ſchlägt, zu den gröſten Thorheiten Anlaß zu
geben pfleget, indem man vielfältig Leute
antrifft, welche einen anſehnlichen Theilei
ner gewünſchten Sache, welchen ſie gar wohl
hätten gebrauchen können, dennoch bloß des:
wegen eigenſinnig verachten und fahren laſ?
ſen, weil ſie nicht den ganzen geſuchten End
zweck in ſeiner höchſten Vollkommenheit auf
einmahl haben können. Z. E. Einige ver
abſäumen das ganze Collegium, weil ſie
den Anfang nicht gehöret haben, ungeachtet
ſie keine Gelegenheit haben, es anderswo zu
hören. Man hat oft bloß deswegen keine
L 4 Luſt
168 Cap. VII Von den menſchlichen
Luſt ſich eines Buches zu bedienen, weil man
nicht die beſte Ausgabe davon beſitzet.
- § 122. -

Ä Der andere unter den menſchlichen Grund


Ä“trieben iſt das Verlangen nach der Ver
Äeinigung
er Vereini-
mit ſºlchen Objekten in wels
* - -

Ä"chen wie Vollkommenheit wahrneh


Ä men, oder wahrzunehmen vermeinen. Er
Ä iſt von dem vorigen darinnen unterſchieden,
kommenheit daß wir vermöge jenes unſere eigene Voll:
ĺ kommenheit begehren, vermöge dieſes aber
die Vereinigung mit dem Vollkommenen
. . . auch ohne Abſicht auf uns ſelbſt und
auf den WTuizen, welchen wir daher er
warten könten, dennoch wünſchen und uns
daran vergnügen.
- § 123. * *

Ä Ll
deſ- Es würde unnöthig ſeyn, ſowohl die Gü
te als die Allgemeinheit dieſes Triebes zuer
weiſen. Denn es iſt ſogleich offenbar, daß
derſelbe die Materie zu den edelſten Tugen
den darreiche. Und derjenige müſte ſich in
der That ſelbſt vergeſſen haben, welcher
leugnen wolte, daß ihm das vollkommenere
nicht beſſer gefiele, obgleich andere Abſicht
ten und Begierden ihn vielmahls hindern,
daß er nicht wircklich darnach ſtrebet,§ 1 13:
Da uns auch das Vollkommenere ſchon um
ſein ſelbſt willen, und ohne Abſicht auf uns
ſern eigenen Rußen gefällt, ſo erkennetman
auch daraus, daß dieſer Trieb einen beſon
den Grund habe, und aus dem Verlangen
- - - - nach
- Grundbegierden. ... º 169
nach unſerer eigenen Vollkommenheit nicht
entſtehen könne. Es würdevergeblichſeyn, EinEinwurf
wenn iemand einwenden wolte, wir ſuchten Än"
die Vollkommenheit an andern Dingen des “
wegen, weil ſie uns Vergnügen verurſache,
wodurch ſie denn auch zu Vermehrung der - -

Vollkommenheit unſeres eigenen Zuſtandes


etwas beytrage. Das letztere hat zwar ſei
ne Richtigkeit, allein es würde unmöglich
erfolgen können, wenn nicht ein beſonderer
Trieb darzu da wäre, welcher das Vergnü
gen an der Vollkommenheit um ihrer ſelbſt
willen möglich machte, § 24. Es läßt ſich Nocheinan.
auch dieſer Trieb nicht etwan mit dem vori: # Ein
gen in einen zuſammennehmen, weil iedwe:
der ſein Object aus einem andern Grunde
verlanget, und dahero weſentlich von dem
andern unterſchieden iſt, § 94. Wenn wir
dahero in der menſchlichen Seele nur einen
Trieb nach Vollkommenheit überhaupt ſe
zen, und denſelben in das Verlangen der
Vollkommenheit an ſich ſelbſt, und unſerer
eigenen Vollkommenheit inſonderheit eine
theilen wolten; ſo würden wir hiermit zwar
einen allgemeinen Begriff ausgedacht, aber
keine wahre Grundkraft des Willens be
ſtimmt haben, weil eine wahrhaftige Grund
begierde ſich in dem Beſtreben nach ihrem
Objeete beſtändig ähnlich bleiben muß, §94.
Sie muß dahero ihr Object allezeitaus ganz
einerley Grunde begehren, ob ſie gleich daſ
ſeldige in mancherley Foº ſuchen, und
-
- 5 zu
17o Cap. VII Von den menſchlichen
zu Erlangung deſſelben mancherley Mittel
. . anwenden kan. - - -

§ I 24.
Mannigfal- Weil wir demnach mit demjenigen, wot
„Felsen rinnen wir Vollkommenheit wahrnehmen,
Gjdtrie- in Vereinigung zu treten wünſchen, ſo ent
be*. - ſteht daher das Verlangen das Vollkom
mene zu ſehen und es zu betrachten,
weil ſolches theils ſchon eine Art der Verei:
nigung iſt, nemlich die Vereinigung der
- Idee mit unſerm Verſtande, theils aber
- auch einen Grund der Möglichkeit einer fer:
nern Vereinigung abgiebt. Ferner nimmt
daher auch das Verlangen vollkomme
ne Objecte, ein iedwedes nach ſeiner Art
zu beſitzen, zu gebrauchen und zuges
nieſſen, ſeinen Urſprung. Es giebtzweyer
ley Vollkommenheiten an den Dingen, nem
lich ideale, wenn wir gewiſſe Ordnung und
Regeln daran warnehmen, und reale, wenn
ſie an ſich eine Kraftund Werth haben, und
Nutzen nach ſich ziehen. Durch die idealen
Vollkommenheiten, werden daher bloß ge
wiſſe Gedancken in demjenigen möglich, wel
cher ſie betrachtet, durch die realen aber
werden auch ohne Abſicht auf unſere Ge
dancken gewiſſe andere Wirckungen möglich.
Das Verlangen nach der Vereinigung mit
dem Vollkommenen vergnüget ſich an allen
beyden. Indem es ſich nun auf die idea
- len Vollkommenheiten richtet, ſo entſtehet
daraus das Vergnügen an Schönheit,
Schmuck
Grundbegierden. 17
Schmuck und Zierrath, an Gemählden,
Gebäuden, Gärten, Muſic, Poeſie, Be
redſamkeit u. ſ. f. In den letzten Erem:
peln wircken gemeiniglich beyde Vollkom:
menheitstriebe zuſammen, § 1 17. Nem:
lich weil ſie uns und andern gefallen, ſo rech
nen wir ihren Beſitz mit zur Vollkommen:
heit unſeres Zuſtandes.
§ 12 J.
Unter allen Begierden, welche aus die: Wie daraus
ſem Grundtriebe abſtammen, iſt keine ſo Ä
merckwürdig als der Trieb der morali- ſchen Liebe
ſchen Liebe, welcher dahere noch beſonders*
erwogen zu werden verdienet. In weiten Unterſchie
Verſtandenennetman ein iedwedes BegehÄ
ren einer Sache Liebe, gleichwie die Ver: Wortes fie
abſcheuung derſelben Haß. Unter der Liebe“
in engerm Verſtande aber, oder unter der Erſter Be
wahren moraliſchen Liebe, verſtehet man #
eine ſolche Neigung die Endzwecke eines be.
andern als ſeine eigene anzuſehen, ſich ihm
gefällig zu machen, und ſich an dem Wohl
ſeyn deſſelben zu vergnügen, welche von
demjenigen unterſchieden iſt, was man aus
Furcht oder um eines geſuchten Nutzens
willen thut. Es kan demnach die moralis B Ä
ſche Liebe in nichts anders beſtehen, als in Ä“
einem ſolchen Zuſtande, da man den Wil
len des andern zu ſeinem Endzwecke macht
ohne Abſicht auf ſich ſelbſt, ich meine ohne
daß man ſich nach denſelben richtet, um ei» - - - -

nen andern Nutzen vor ſich ſelbſt, *die


- ers
172 Cap. VII Von den menſchlichen
Vermeidung ſeines eigenen Schadens zur
Abſicht zu machen, und alſo lediglich um des
andern willen. Nun beſtehet die Vereini
gung der Geiſter darinnen, wenn einer die
Endzwecke des andern als ſeine eigene ohne
fernere Abſicht anſiehet. Denn die bloſſe
Aehnlichkeit des Willens iſt zur Vereini
gung der Geiſter noch lange nicht genug,
gleichwie z. E. niemand ſagen wird, daß der
Wille des Königes in Franckreich Franciſ
cus des erſten und des Kayſers Carls des
fünften deswegen vereinigt geweſen iſt, weil
ſie alle beyde gern Mayland haben wolten,
Zypey Dinge ſind alsdenn allererſt vereinigt,
wenn ſich das eine nach dem andern alſo
richtet, daß wenn in dem Zuſtande des einen
- etwas verändert werden ſolte, auch der Zu:
ſtand des andern dadurch verändert werden
würde, und inſofern werden ſie auch nur
vor vereinigt gehalten. Die Geiſter ſind
demnach dadurch allererſt vereinigt, wenn
der eine die Endzwecke des andern als ſeine
eigenen ohne fernere Abſicht anſiehet. Denn
ſo lange nun jener den betrachteten End
zweck ſuchen wird, ſo lange wird ihn der
andere um jenes willen auch verlangen.
;
Hingegen wird er aufhören, denſelben zu bes
gehren, ſobald er erkennen wird, daß er von
Noch höhe, jenem nicht weiter verlanget werde. Es be
re Erklä
rung der
ſtehen demnach die moraliſche Liebe in
Liebe. dem Verhangen nach der Vereinigung mit
vernünftigen Geiſtern ohne fernere Abſicht.
- -
*---- - - Nun
Grundbegerden. 17
Nun lehret die Erfahrung, daß zum wenige
ſten bey den Menſchen nichts anders ſey,
was ein Verlangen nach der Vereinigung »
mit andern Geiſtern anzünden kan, als
wenn wir an demſelben gewiſſe Vollkom
menheiten anzutreffen glauben. Demnach Vollſtändi
iſt die moraliſche Liebe bey den Menſchen Ä
nichts anders als ein Verlangen nach dera weſens
- - « - Aº. - - menſchliÄr
- -

Vereinigung mit vernünftigen Geiſtern das Ä.


iſt, nach einem ſolchen Zuſtande, da dieſelben
wechſelsweiſe iedweder die Abſichten des an
dern ohne fernern Endzweck vor ſich ſelbſt, als
ſeine eigenen anſiehet, um der an ihn wahr
genommenen Vollkommenheit willen. Es Ä
ware demnach keine wahre Uiebe in uns mög- Ä
lich, wenn ſich nicht ein Grundtrieb in uns ": 1.

befände, die Vollkommenheit um ihrer ſelbſt


willen zu begehren und ſich daran zu ver-
gnügen. - -
„- § 126.
Wenn man dieſen Begriff von der mo: „Was vor
raliſchen Liebe vorausſetzet, ſo werden ſich Ä
die Eigenſchaften, welche man an der Liebe Äeen.de
wahrnimmt, daraus leichte herleiten laſſen, e flie
Wer eine Vereinigung mit dem andern ſu:
chet, der iſt bemühet ſich ihm gefällig zu
machen. Denn ſonſt ſähe er die Endzwe
cke deſſelben nicht als ſeine eigene an. Eben
deswegen vergnüget er ſich auch an dem
Wohlſeyn des Geliebten, als an ſeinem eis
genen. Er dienet dem Geliebten gern um
fonſt, weil er vermöge der Liebe dabey keis
Mß.
174 Cap. VII. Von den menſchlichen
nen Endzweck vor ſich ſelbſt ſuchet. Er
ſuchet Gegenliebe. Denn ſonſt wäre keine
wechſelsweiſe Vereinigung möglich. Er
will, daß der Geliebte mit ihm einerley Men
nung ſeyn ſoll. Denn dieſes befördert die
Vereinigung: Aus eben dem Grunde ſus
chet er ſelbſt dem Geliebten ähnlich zu wer
den. Er redet gern mit dem Geliebten, er
giebt ihm gerne nach. Denn dieſes ſind
Mittel zur Vereinigung. Er iſt gern bey
dem Geliebten und gehet mit ihm um
Denn dieſes iſt ſowohl ein Theil als Mittel
der Vereinigung. Er glaubet auch den Ge
liebten leichte, weil ihm alles was die Ver“
einigung mit denſelben ſtören könte, ver“
Welche aber haßt iſt, § 1oo. Jedoch ſind dieſe Eigen“
Ä ſchaften nicht eben der Liebe ſchlechterdings
ſind. eigen, ſondern ſie können auch aus andern
Gründen entſtehen.
§ I27.
Ä Daher iſt es gekommen, daß man auch
Ä andere Neigungen, welche gewiſſe ſehr in
z Äjtes die Sinne fallende Eigenſchaften mit der
Äad moraliſchen Liebe gemein haben, ºder Ä
j denen ſich dieſelbige leicht zu verknüpfen pfle
get, mit dem Namen der Liebe benennet
hat, welches leicht zu einer Verwirrung der
ſelben mit der eigentlich ſo genannter mora
liſchen Liebe Anlaß geben kan. Denn dar:
aus iſt nicht allein dieſes ohne Zweifel her
zuleiten, was wir ſchon § 125 erinnert ha
ben, daß man ein iedwedes Begehren Liebe
genen
Grundbegierden. 175

genennet hat, ſondern man pfleget auch des


wegen den natürlichen Trieb der Eltern und
Kinder gegen einander, sogyn genannt, in
gleichen den veneriſchen oder Geilheite-Trieb
Liebe zu nennen, weil beyde, theils in ihren ,
Folgen, der Liebe in gewiſſen Stücken ähn
lich ſind, theils auch in den Menſchen die
moraliſche Liebe ſich damit gemeiniglich zu
verbinden pfleget. Man wird auch daraus Was man
abnehmen, warum man das Vergnügen an Ä
ſeinen eigenen wahren oder vermeinten Voll-"
fommenheiten, § 1 12, oder auch wohl gak
den Trieb, ſeine eigene Vollkommenheit
zu befördern, überhaupt die Eigenliebe nen- -
net. Man darf ſich aber dieſe ſchwancken
de Bedeutung des Sprachgebrauches nicht
irre machen laſſen, wenn man ſich anders im
Ernſte bemühet, diejenigen Dinge, welche
ein unterſchiedenes Weſen haben, auch in
der That wohl aus einander zu ſetzen.
§ 128.
Weil man dahero öfters diejenige Be: Was die ei
mühung ſich einem andern gefällig zu ma“ gennützige
chen, dabeyman doch ſeinen eigenen Nutzen Ä.
zur Abſicht machet, welche aber aus andern
Gründen ebenfalls unverwerflich ſeyn kan,
gleichfalls Liebe nennet; ſo iſt es daher ge
kommen, daß man die Liebe in die eigennü
zige oder unreine und reine Liebe einge
heilet hat. Man ſolte ſie vielmehr die Warnung
ſcheinbare und wahre Liebe nennen. Ich vor Misver
ſage hiermit deswegen gar nicht, daßÄ ſtande.
Ls
176 Cap. VII Von den menſchlichen
/

Verlangen, ſeinen eigenen Nutzen zu beför


dern, der Liebe ſchlechterdings zuwieder ſey.
Ich gebe zu, daß es damit verknüpft werden
könne. Ich bin auch nicht in Abrede, daß
die Hoffnung, ſeinen eigenen Nutzen durch
jemanden zu befördern, einen Bewegungs
grund zur Liebe abgeben, und daß man da -
durch Liebe gegen denſelben in ſich zu erwe:
cken verſuchen könne. Nur ſo viel behaupt
te ich, daß die Begierde durch iemandes
Hülfe ſeinen Nutzen zu ſchaffen, mit der Ute
be nicht einerley ſey, und daß ſie auch von
demjenigen, wovon wir eigentlich ſagen, daß
es aus Liebe geſchehe, nicht der fernere Zweck
ſeyn könne, weil das Weſen der Liebe auf
höret, wenn man ſie zu etwas machen will,
das einen fernern Zweck habe, § 125. *
- -
" - - - § I 29.
A
/.

Die Güte: Es hat vielmehr überhaupt ſeine Rich


des Willetts
reißet dietigkeit, daß ungeachtet alle an einem ver
Liebe am nünftigen Weſen wahrgenommene Vollkom
meiſten.
menheiten, ſie mögen auch wahre oder ver
meinte ſeyn, Liebe gegen daſſelbe zu erwecken
fähig ſind; dennoch nichts ſo viel Gewalt
über unſer Gemüthe hat, als die Wohltha:
ten und Vortheile, welche wir von demſel
ben genieſſen, und die Güte des Willens,
welche wir ihn zuſchreiben. Denn dadurch
wird der Liebestrieb gar auf vielerley Art
gereizet. Denn erſtlich iſt die Vereinigung
mit einem ſolchen Objecte am leichteſten
möglich. Daher, ſo lange nicht neue G €
Grundbegierden. 177

de hinzukommen, ſuchen wir ſie mit demſel


ben am meiſten, § 1o. Hiernächſt aber iſt
auch die Gütigkeit und Dienſtfertigkeit ſelbſt -
eine der allergröſten Vollkommenheiten.
Ja ſie iſt nicht nur überhaupt eine Voll:
kommenheit, ſondern weil ſie iezo zu unſe
rem Vortheil inſonderheit gerichtet wird,
ſo reizet ſie zwey ſtarke Begierden in uns,
daher ſie deſto mehr vermag, und iemehr
wir unſer eigenes Wohlſeyn iezo wünſchen,
oder uns der Liebe würdig achten, deſto
gröſſerkömmt ſie uns vor. Im Gegentheil Ohne dieſe
wenn wir einer Perſon eine ſolche unverbeſ, Ä“
ſerliche Bosheit des Willens zuſchreiben, lich.
welche uns ſchädlich oder verhaßt iſt, ſo iſt
gegen dieſelbige gar keine Liebe möglich, **

wenn ſie gleich ſonſt allerhand andere Eigen


ſchaften, welche wir an ſich ſelbſt für Voll:
kommenheiten halten, an ſich hätte, weil uns
ſere Triebe, ſo oft wir mit Vernunft han
deln, allezeit auf ein mögliches Object ge
hen, § 105. Daher kan man z. E. den
Teufel nicht lieben.
§ 1 30.
Weil nun ſchon die allgemeinen Vorzü: Der Tred
ge der menſchlichen Natur ſehr wichtig und Ä --

Liebe zu erwecken geſchickt ſind; und weil ſchenliebe


wir dieſelben ferner um ſo viel mehr vor ĺ
groß achten, weil allezeit vor uns ſelbſt die
angenehme Folge darinnen liegt, daß wir
um derſelben willen auch Liebe verdienen,
wozu noch ferner die Neigung des Gewiſ
M ſens
178 Cap. VII Von den menſchlichen
ſenstriebes kömmt, vermöge welcher wir
andern eben das ſchuldig zu ſeyn erkennen,
was wir von ihnen verlangen, davon bald
mehreres geſagt werden ſoll: ſo muß der
Trieb der natürlichen Menſchenliebe
ein allgemeiner Crieb ſeyn. Ich meine,
er iſt eine ſolche Determination von dem
Triebe nach der Vereinigung mit dem Voll:
kommenen, welche in allen Menſchen dar
aus nothwendig entſtehen muß. Dieſes
beſtätiget auch die Erfahrung. Denn wo
auch wegen des Wiederſtrebens anderer Be:
gierden die Wirckungen der Menſchenliebe
bey Leuten ſehr unterdrücket werden, daäuſ:
ſert ſich doch dieſelbe noch dadurch, daß die
Menſchen ſich an den Geſprächen und dem
Umgange mit andern Menſchen vergnügen,
daß ſie an der Freude über das Wohlerge
hen anderer Theil nehmen, oder bey einem
ſehr groſſen und ſinnlich gedachten Unglücke
Anmerkung derſelben mitleidig werden, § 26. Im übri
Ä" gen da bey der Freundſchaftsliebe die Aus:
Äche ſchweiffungen nicht ſo gewöhnlich als bey
deſſelben andern Begierden ſind, und wenig Leute
ſich allzugutherzig finden laſſen; ſo erhellet
daraus in den meiſten Menſchen eine nas
türliche Schwäche dieſes Triebes, welche
mit zu dem Verderben gehöret. Daher
. iſt es auch nicht zu verwundern, daß ſie
durch das Uebergewichte anderer Begier
W . d
den bey einigen ſogar ſehr unterdrücket wer
- C. -

Äſ den kan. Es iſt aber der natürliche


º LU.
Grundbegierden. I79

der Menſchenliebe von unbeſchreiblichen -


Nutzen, weil die geſellſchaftlichen Pflich
ten ſonſt noch viel ärger übertreten werden
würden. -

§ 131. - -

Man theilet auch ſonſten die Liebe ein Ä


in die Liebe des Wohlgefallens, des Ä
Wohlwollens, des Verlangens und Ä
der Vereinigung. Allein es erhelletleich ĺ“
te, daß dieſes keine wahre Eintheilung von
unterſchiedenen Arten der Liebe, ſondern nur
eine Erklärung unterſchiedener Stücke ſey,
welche bey der Liebe vorkommen. Denn
wenn wir ein Object lieben ſollen, ſo muß
es uns erſt gefallen, hernach werden wir ge
neigt, uns an dem Wohlſeyn deſſelben zu
vergnügen, und ſtreben nach einer fernern
Vereinigung mit ihm, und wenn wir der
ſelben völlig theilhaftig geworden, ſo wird
die Liebe erfüllet, und verwandelt ſich in ei: -
nen angenehmen Genuß des Geliebten,
§ 69, I 3.
§ 132.
Endlich iſt der dritte unter den menſchli: „Der dritte
chen Grundtrieben der natürliche Trieb, ein Ä
göttliches moraliſches Geſetz zu erkennen, ſenstrieb.
das iſt, eine ſolche Regel der menſchlichen
Thaten zu glauben, darinnen beſtimmt wird,
was GOtt aus Gehorſam um unſerer Des
pendenz willen von ihm gethan oder gelaſſen
wiſſen, auſſerdem aber ſtraffen will. Weil
es nun eines von den natürlichen Grundgeſes
M 2 zen
/

18o Cap.VII Von den menſchlichen


zen der menſchlichen Seele iſt, nach welcher
die Wirckungen derſelben auseinander fol
gen, daß wir die Begriffe des Verſtandes
gegen unſere Begierden halten, um uns be
wuſt zu werden, was in den Objecten derſel
bigen dieſen gemäß oder zuwieder ſey, § 6o;
ſo entſteht daher eine Neigung über die Mo
ralität, das iſt, über die Gerechtigkeit oder
Ungerechtigkeit ſeiner Thaten zu urtheilen,
und wofern ſie dem Geſetze nicht gemäß
ſind, deswegen GOttes Zorn und Strafe zu
» fürchten. Nun nennet man das Urtheil
Was das über die Moralität ſeiner Thaten das ÜGe
°ºſſº wiſſen. Daher wollen wir den Grund
„Ätrieb, eingöttliches moraliſches Geſetz zu er
wiſſenstrie- kennen, welcher von jenem der Grund iſt,
bes. den Gewiſſenetrieb nennen. Daß das
Ä Gewiſſen kein bloß theoretiſches Urtheil des
Grundin ei- Verſtandes ſey, ſondern ſeinen Grund in
Äeinem Triebe des Willens haben müſſe, kan
hat. man auch ſchon daraus urtheilen, weil es
Warnun erfreuet und ängſtet, § 24. Man verwirre
vor Verwir aber das Gewiſſen nicht mit dem Bewuſt
" ſeyn überhaupt, oder mit dem Bewuſtſeyn
der Vollkommenheit oder Unvollkommens
heit ſeiner Thaten überhaupt, noch auch
mit dem bloſſen Bewuſtſeyn der Verſtellung,
ingleichen der eigenen Veranlaſſung einer
Sache, ob man wohl im gemeinen Reden
auch in dieſen beyden letztern Fällen zu ſagen
pfleget, daßJemandeingutes oder böſes Ge
wiſſen habe, oder daß er von ſeinem Gewiſſen
beſtra:
Grundbegierden. I81

beſtraffet werde. Denn ein anders iſt, ſich


ein Gewiſſen über etwas machen, ein anders
aber, ſich nur irgendwo der ermangelnden
Wahrheit, oder überhaupt einer Unvollkom
menheit in ſeinem Thun und Laſſen, bewuſt
ſeyn, auch wohl deswegen eine Reue über
ſeine Thaten empfinden, weil man ſich be
wuſt iſt, daß ſie vergeblich, oder wieder den
Endzweck, oder ſchädlich ſind, oder daß das
durch der Liebe zuwieder gehandelt worden.
Denn ob ſich gleich bey dem Bewuſtſeyn
eines übertretenen göttlichen Geſetzes auch
andere Arten der Reue zugleich damit ver
knüpfen können; ſo verbindet ſich doch nicht
umgekehrt auch mit den letztern allezeit der
jenige Zuſtand, da wir ſagen, daß wir uns
ein Gewiſſen über etwas machen, z. E.
man kan ſich bewuſt ſeyn, daß man eine
Feder wegen Eilfertigkeit nicht gut geſchnit
ten habe, und die Eilfertigkeit kan uns des
wegen reuen, ohne daß wir uns ein Gewiſ
ſen darüber machen. Das deutſche Wort
Gewiſſen drücket nicht dasjenige aus, was
bey den guten Lateinern conſcientia, ſon
dern was religioheiſſet.
§ I 33.
Der Gewiſſenstrieb iſt alſo bloß ein Was Schul
Trieb, gewiſſe Schuldigkeiten, das iſt, Ä“
ſolche allgemeine Verbindlichkeiten zu erken-“
nen, die man aus Gehorſam zu beobachten
hat, wenn man auch den daher rührenden
Nußen oder Schaden nicht in Erwegung
M 3 ziehen
-

182 Cap, VII Von den menſchlichen -

ziehen will, deren Uebertretung hingegen


GOtt ſtraffen will, und auch, wenn ſein
Geſetz nicht vergeblich ſeyn ſoll, ſtraffen
muß. Der Beweis, daß es dergleichen
Schuldigkeiten und alſo wahrhaftige mo:
raliſche Geſetze GOttes gebe, gehört noch
nicht hieher, ſondern wird an ſeinem Orte
ausführlich erfolgen. Jetzo will ich zu
mehrerer Erläuterung nur den Beweis bey
fügen, daß wir mit dem Worte Schul:
digkeit nach Anleitung der Natur denjeni
gen Begriff, welchen ich angegeben habe,
Beweis der verknüpfen. Es erhellet ſolches folgender
geg, n-n geſtalt. Wir unterſcheiden
Erklärung dasjenige, was
dayyi, uns eine Schuldigkeit aufleget, von den
Bewegungsgründen überhaupt, und wenn
wir durch Bewegungsgründe zu etwas ge
neigt gemacht, oder auch völlig determiniret
werden ſind; ſo folgt es deswegen noch
nicht, daß wir eine Schuldigkeit darzu ge:
habt haben. Denn es giebt auch Bewe
gungsgründe zum Böſen, ingleichen zu
gleichgültigen Sachen. Weiter iſt die
Schuldigkeit von allem innerlichen und äuſ:
ſerlichen Zwange unterſchieden. Denn wor:
zu man gezwungen wird, darzu hat man
deswegen noch keine Schuldigkeit. Wir
unterſcheiden die Schuldigkeit ferner von
demjenigen, was man aus Furcht oder
Hoffnung thut. Denn wie manches thut
man aus Furcht, rrorzu man nicht verbun
den iſt, und wie oſt ſagen wir, dieſes oder
jenes
Grundbegierden. 18 3
jenesſey unſer eigener Nutzen, es ſey aber
auch unſere Schuldigkeit. Endlich iſt auch
die Schuldigkeit mit demjenigen nicht einer- >
ley, was man bloß aus Liebe thut. Denn
alle Menſchen kommen darinn überein,
daß eine Schuldigkeit nichts ſolches ſeyn
dürffe, da es auf unſer eigenes Belieben
ankommt, ob wir es thun wollen, oder nicht,
ich meine, da das Weſen der Schuldigkeit
durch die Veränderung unſers Willens hin-
wegfallen kan. Es bleibet dahero nichts -
übrig, als daß eine Schuldigkeit ein ſolches
Thun oder Laſſen ſeyn muß, welches wir
bloß aus Gehorſam gegen GOtt, als unſern
höchſten Oberherrn, Schöpfer und Erhal:
ter, um ſeines Befehls willen, beobachten
ſollen. Es beſtehet daher in dem Gewiſ ºdege
ſenstriebe das ächte Grundweſen der geſeh-Ä“
lichen Verbindlichkeit. Denn die Verbind: und die De
lichkeit des Geſetzes ſoll dasjenige ſeyn, was”
den Unterworfenen antreibt, den Befehlen
ſeines Oberherrn zu gehorchen. Dieſes
aber kan nichts anders ſeyn, als die Vor
ſtellung ſeiner Dependenß von demſelben.
Unter der Dependenz iſt bey Geiſtern nichts
anders zu verſtehen, als ein ſolches Verhält
niß des einen gegen den andern, da der eine
gewiſſe Güter von dem Willen des andern
hat, dergeſtalt, daß wenn dieſer Wille hin
wegfiele, auch die Güter hinwegfallen wür
den. Daher iſt offenbar, daß wir in allen
Stücken von GOtt dependiren.
- M 4 Wie kön:„Nothmen:
jedigkeit eines
184 Cap.VII Von den menſchlichen
Grundtre-te uns aber ſchon an und vor ſich ſelbſt die
*" Vorſtellung derDependenzzu Vollbringung
der Befehle unſers Oberherrn antreiben,
wenn nicht ein natürlicher Grundtrieb in
uns verhanden wäre, unſerer Dependenß
von GOttgemäß zu handeln? -

§ 134.
Da derGe- Es wird daher nicht nöthig ſeyn, beſon
Äders zu erweiſen, daß der Gewiſſenstrieb ein
rer und gn- von dem vorigen unterſchiedener Grundtrieb
**** ſey, da das Object deſſelben von dem Objecte
- aller andern Triebe ſo ſehr unterſchieden iſt.
Eben ſo überflüßig würde es ſeyn, die Güte
deſſelben beweiſen zu wollen, indem ja von
ſich ſelbſt klar iſt, daß ohne die Uebereinſtim:
mung mit dem göttlichen Geſetze nichts gut
ſeyn kan. Denn es fiele nicht nur die mora:
liſche Güte hinweg, ſondern weil GOtt die
Uebertretung des Geſetzes ſtraffen müßte,
ſo wäre auch keine wahre phyſicaliſche Güte
verhanden, § 26. -

- S I 35.
Ä“ Die Allgemeinheit des Gewiſſenstriebes
trieb“güge- aber bedarf eines beſondern Beweiſes, weil
Ä ſ" es wegen der vielfältigen Verhinderung und
Unterdrückung deſſelben, § 1 13, das Anſe
hen gewinnen kan, als ob derſelbe in vielen
Erſter Be- Leuten
weis, lichkeit fehle. Wenn man
der göttlichen erſtlich
Geſetze die Wirck
vorausſezet,
welche wir weiter unten darthun wollen;
*.
ſo wird man leichte einen Grund a priori
einſehen, warum es einen angebohrnen Ge
- wiſſens
Grundbegierden. I8%

wiſſenstrieb geben müſſe. Denn der Ge


wiſſenstrieb, welcher gleichwohl aus keinem
andern entſtehen kam, ſondern ſelbſt ein
Grundtriebſeyn muß, § 134, iſt allein fähig
bey dem Gehorſam gegen das göttliche Ge
ſetz den ſubjectiviſchen Endzweck, § 13. ab»
zugeben, § 133. Ich meine bey dem Ge
horſam muß ein anerſchaffener Trieb nach
Verbindlichkeiten um der Dependenz wil
len zu handeln eben die nächſte wirckende
Kraft im Willen ſeyn, mit welcher die >
Freyheit des Willens ihre Thätigkeit ver-
bindet, § 43. Andere Geſtalt iſt gar kein
Gehorſam gegen eine geſetzliche Verbindlich
keit möglich, auch kein Bewegungsgrund
darzu. Denn die Wirckſamkeit aller an
dern Begierden machet an ſich ſelbſt nie:
mahls einen Gehorſam gegen eine geſetzli- ,
che Verbindlichkeit aus, ſondern ſie ſoll nur
der Bemühung Schuldigkeiten zu erfüllen
ſubordiniret werden. Soll aber Jemand
zu dergleichen Beſtreben beweget werden,
ſo muß ein Trieb da ſeyn, deſſen nächſtes
Object die Schuldigkeit iſt, welcher daher
durch Vorhaltung derſelben rege gemacht
wird, welchem mau folget, indem man
ſich zum Gehorſam entſchlieſſet, und wel: * -

cher nebſt der Freyheit bey dem Gehorſam -


die nächſte wirckende Kraft im Willen aus:
machet. Ferner, und wenn man auch hier. AndererBe
auf noch nicht ſehen will, kann man ſchlieſ“
ſen, da GOtt zu viel geringern Endzwecken
M 5 Grund:
186 Cap. VII Von den menſchlichen
Grundtriebe anerſchaffen hat, welche groſ
ſentheils auch zu mehrerer Sicherheit der
ſelben Endzwecke dienen ſollen; ſolte er nicht
vor die Tugend als ſeinen Hauptendzweck
auf eben die Art geſorget, ſondern die Men
ſchen in einen ſolchen Zuſtand geſetzet ha
ben, in welchem es möglich wäre, allen
Begriff von einem wahrhaftigen Geſetze
Dritter
weis.
Be-GOttes
Weg, GOtt zu vertilgen? Es iſt durch
und ſeinen Willen auch Be:
der -

weiſe zu erkennen, und das, was uns da:


von geſagt wird, durch deutliche Schlüſſe
zu beurtheilen, vor die meiſten Menſchen
viel zu weitläuftig. Die meiſten Gelehr:
ten bringen es nicht weit darinnen; und wie
wollen vollends die Ungelehrten zurechte -
kommen ? Da nun aber alle Menſchen
dem göttlichen Geſetze unterworfen ſind, und
darnach gerichtet werden ſollen; ſo iſt leich
te zu erachten, daß er zur Erkenntniß deſ:
ſelben einen kürzern Weg werde erſchaffen,
und ſeinen Willen auf eine ſolche Art kund
gethan haben, daß er zu iedermanns Wiſ:
ſen gelangen kan.
§ 136.
Noch andere Mit dieſem ſtimmet auch die Erfahrung
Ä wohl überein. 1) Alle Menſchen erkennen
poſteriori,
da der Ge-gewiſſe Dinge vor recht oder unrecht, billig
Ä” oder unbillig unter welchen Worten nichts
iſt. Erſter anders als eine dunckele Vorſtellung eines
* allgemeinen Geſetzes verborgen liegt, § 133.
Die Eydſchwüre, welche gleichwohl unter
allen
- - - - – ---

Grundbegierden. 187
allen Völckern jederzeit gewöhnlich geweſen,
erläutern es inſonderheit, daß denen Men:
ſchen die Empfindung eines Rechtes und
Unrechtes und eines Unterſchiedes zwiſchen
moraliſchem Guten und Böſen natürlich ſeyn
muß, und zwar dergeſtalt, daß zu dem -
Guten eine göttliche Verbindlichkeit einge- -

ſtanden, das Böſe aber als ſtrafwürdigan


geſehen wird, und daß man es GOtt als
eine Vollkommenheit, und als ein Vor
recht ſeiner Hoheit und Regierung, zueig: -
net, daß er das Böſe ſtrafet. 2) Ein Anderer Re
mittelmäßiger Verſtand wird in den ſchwe: "**
reſten und verworrenſten Händeln gar bald
gewahr werden, was dabey recht oder
unrecht ſey, ungeachtet er keine hinlängli:
chen Gründe ſeines Urtheils deutlich ange:
ben, oder noch nicht vertheidigen kan, wor
aus abermahl, erhellet, daß eine natürliche
Empfindung der Gerechtigkeit und Billig
keit in uns ſey, weiche noch etwas mehr als
die bloſſen Urtheile des Verſtandes zum
Grunde hat. 3) Die meiſten, welche ein gött Dritter Be
liches Geſeß glauben, können doch keinen "
richtigen und unumſtößlichen Beweis deſ
ſelben angeben. Ja die wenigſten Sitten:
lehrer beweiſen daſſelbige gründlich, und es
iſt eine gewöhnliche aber wohlgegründete
Klage, daß man faſt nirgends ſchlechtere
Beweiſe als in moraliſchen Schriften an. - -
- trifft. Gleichwohl iſt das natürliche Recht
etwas, welches unſern gewöhnlichen Stei:
-
gingen
188 Capviſ Von den menſchlichen
gungen zuwieder iſt, und die Einſchränckung
und Verbeſſerung derſelben verlanget. Nun
möchte ich wiſſen, woher es komme, da man
andere unerwieſene Dinge, welche unſern
Neigungen zuwieder ſind, gar bald verwor
fen und verlachet hat, daß gleichwohl alle
rechtſchaffene Leute das Recht der Natur
gebilliget, und um der ſchlechten Beweiſe
willen, welche man darinnen antrifft, gar
nicht verworffen, ſondern vielmehr vor nö
thig gehalten haben, auf beſſere zu ſinnen.
Siehet man nicht hieraus augenſcheinlich,
daß ein Zeuge vor die Wahrheit deſſelben
Vierter Be- in uns ſelbſt verborgenſey? 4) Die Gelehr
"* ,ten ſind noch immer uneinig, welches das
principium ſey, worauf man die natürlichen
- Pflichten bauen müſſe. In den wichtigſten
Pflichten aber kommen ſie gleichwohl alle
überein. Ein iedweder ſucht dieſelben aus
ſeinen Grundſätzen herzuleiten, und wiewohl
ſolches vielmahls durch ganz unrichtige und
unzulängliche Schlüſſe geſchiehet, ſo ſieheter
doch die Unzulänglichkeit derſelben in dieſem
Stücke nicht ein, läſſet ſich auch davon nicht
überzeugen. Denn ſo gehet es. Wenn
wir eine Folgerung zu glauben ſchon vorher
geneigt ſind, ſo dürffen wir nur etwas, das
einigermaſſen einem Beweiſe gleich ſiehet,
erfunden haben, ſo halten wir dieſelbe das
durch ſchon vor erwieſen. Ich bin gewiß
verſichert, daß die Weltweiſen meiſtentheils
die Grundſätze nicht in der Abſicht
00.
Grundbegierden. 18»
daß ſie daraus erkennen mögen, was recht
oder unrecht ſey. Ihre Bemühung iſt
vielmehr ordentlicher Weiſe nur dieſe, daß
ſie die Pflichten, welche dem Menſchen die »
Natur lehret, in ein ordentliches Lehrgebäu
de verfaſſen, und deswegen Gründe ſuchen
wollen, woraus ſich dieſelben herleiten laſſen, -
welches auch der Gründlichkeit gar nichts
verſchläget, wenn nur ſonſt die Schlüſſe,
deren ſie ſich bedienen, ihre Richtigkeit ha:
ben. 5) Manche Menſchen wollen ihr Gewiſ: Fünfter Ba
ſen mit Fleiß ausrotten, und ſuchen deswe: ".
gen allen Begriff von GOtt und einem Ge
ſetze in ſich zu vertilgen. Allein ihr Vorha
ben gehet ihnen gemeiniglich gar nicht, oder
doch nicht beſtändig von ſtatten. Auch
bey Beſtreitung der Religion und Geſetze
entfahren ihnen Redensarten, ja ſie ſind
ihnen unentbehrlich, welche den ſenſum -
communem verrathen, und worinnen der
gemeine Begriff von Schuldigkeit, Pflicht,
Verbindlichkeit, vorausgeſetzt wird, und
eingewickelt liegt. Daher die ärgſten Re
ligionsſpötter doch immer nicht das Anſehen
haben wollen, daß ſie die Tugend beſtreiten
wollten, mithin allgemeine Verbindlichkei
ten, welche ohne Abſicht auf den Geſchmack,
Schaden oder Nutzen daſind, und unverän- | »
derlich ſind, denn ſo nimmt man die Tugend
an, vorausſetzen. Hiernächſt können ſie
nicht wehren, daß, wenn ſie auf ſich ſelbſt
unpartheyiſch Acht haben, ihnen nicht ein
Schauer
W

19o Cap.VI Von den menſchlichen


Schauer und Furcht vor der Gerechtigkeit
Ä Gottes ankomme, welchen ſie
doch wiederlegen zu können vermeinen, oder
welchem ſie zum wenigſten die Eigenſchaft
abſprechen, daß er ein wahrhaftiger Geſetz:
- geber ſey. - Wäre ihnen nun der Gewiſ
ſenstrieb nicht natürlich, ſondern daß man
natürliche Schuldigkeiten glaubet, käme
von der bloſſen Angewöhnung her; ſo ſie:
- het man nickt, warum ſich nicht das Gewiſ
2", ſen leichter als alle andere Meinungen ſolte
ausrotten laſſen, da es an allen unſern vers
derbten Neigungen ſo viel Feinde hat.
- § 1 37. -

Daß wir ei- Wenn nun aber ein Trieb in uns iſt, ein
Ägöttliches
ne Idee von Geſetz zu“
erkennen, und demſelben
- -

dem aöttli- gen:äß zu handeln; ſo muß es auch eine


Ä*angebohrne Idee von dem natürlichen Ge
- ſetze in uns geben, welche das Muſter iſt,
nach welcher der Gewiſſenstrieb die menſch
lichen Thaten eingerichtet wiſſen will.
Dieſes hat man aber nicht alſo anzuneh
men Urſache, als ob uns der Begriff aller -
einzelnen Pflichten eingepflanßet ſeyn müſte.
Es iſt genug, wenn uns GOtt eine allge
meine Regel unſerer Thaten eingepräget
hat, aus welcher ſich die einzelnen Fälle
Worinnen beurtheilen laſſen. Wenn wir nun auf
Ä“ "diejenigen materialen Pflichten a poſteriori
Achtung geben, welche das Gewiſſen leh
ret; ſo wird ſich zeigen, daß wenigſtens
die meiſten ſich in dieſe Regel zuſammen
faſſen
Grundbegierden. I9 I

faſſen laſſen: thue, was der Vollkon- - -


heit GOrtes und deinem Verhältiſſe
ggen ihn, und ferner was der weſeit
lichen Vollkommenheit der Inenſchli
chen UNaturgemäß iſt, und unterlaſſe
das Gegentheil. Die Thaten eines Gei:
ſtes aber heiſſen alsdenn einer Vellkemmen: -

heit gemäß, wenn man aus ihrer Einrich


tung verſtehen kan, daß ſie der Geiſt erken
ne und vor Augen habe. Demnach kön: Man ndige
nen wir den ausführlichen Begriff
- T" - . . .
des Ge ÄOrt. Wenn
wiſſenstriebes füglich alſo einrichten: Der Weſejes
Gewiſſenstrieb iſt ein natürlicher Grund-Än“
trieb, welcher uns antreibet, dasjenige,“
was der göttlichen und menſchlichen Voll- -

kommenheit weſentlich gemäß iſt, aus Ge-


horſam gegen GOttes Willen um unſerer
Dependenz willen von ihm zu beobachten, -

und wiedrigenfalls ſeinen Zorn und Straf


fe zu fürchten. Wir mercken hier zugleich Daß es eine
an, daß es derowegen auch allerdings eine Ä“
angebohrne Idee von GOtt gebe.* GOttgiebet.
-
SI 38.
." Hierbey iſt noch zu erinnern: 1) Es giebt Leute,
welche alle geoffenbahrte Religion unter dem Vor
wande verwerfen, weil einem jeden Menſchen eine
ſolche Idee von GOtt, und von allem, was ihm zu
wiſſeu nothwendig iſt, angebohren ſey, daß er dar
an genug habe. Hiermit reden ſie nur der Deiſte
rey das Wort. Dieſes zu beſtreiten aber leugnen
odann auch manche Wohlgeſinnte alle angebohrne
dee von GOtt, ſo daß es ſcheinet, als ob ſie die
elbe auch nach dem Begriffe, wie ich ſie hier behau
ptet habe, beſtritten. Sie übereilen ſich aber nur,
und drücken ſich mangelhaft aus. Man ſieht es
aus der Anwendung, die ſie machen, daß ſie nur ſa
geI.
192 Cap. VII Von den menſchlichen
§ I 38.
Wie aus So oft ſich demnach der Gewiſſenstrieb
Ä bey einem Menſchen wirckſam erzeiget, ſo
- ÄGewiſ-treibet er den Verſtand an, die menſchli
Ä entſ“ chen Thaten mit dem in ihm abgebildeten
natürlichen Geſetze zu vergleichen, und nachs
dem er ſich der Uebereinſtimmung mit dem:
ſelben
gen wollen, esſey keine ſolche angebohrne Idee von
GOtt in uns, welche an ſich ſelbſt und ohne Unter
richt zum Bewußtſeyn komme, viel weniger eine
ſolche, die den Menſchen ohne alles göttliche Wort
- zur Tugend und zur Seligkeit zulänglich ſey. Da
mit aber wird nicht aufgehoben, daß, wm einen na
türlichen Gewiſſenstrieb möglich zu machen, eine
- ſolche anerſchaffene Idee von GOtt in uns ſey, wel
dabey vorausgeſetzt werden muß, und deren
aſeyn man aus ihren Wirkungeu ſchlieſſen muß,
ob ſie gleich ohne Bewußtſeyit vorhanden iſt, und
nur die Wirckungen eines Grundtriebes ſo beſtim
men hilft, daß man ihre Wircklichkeit darans erken
nen und ſchlieſſen kan. 2) Man findet bisweilen,
daß Atheiſten die angebohre Idee von GOtt darum
leugnen, weil einige Theologen eben aus derſelben
- das Daſeyn GOttes beweiſen wollten, und es dar
Um vor ausgemacht hielten, ohne daß ſie einen rich
igen Beweis klar machen konten. (Man ſehe den
ſelden in der Metaphyſ § 232.) Hier lag es alſo nur
an der Ungeſchicklichkeit derer, welche das Daſeyn
GOttes beweiſen ſollten und es nicht recht angriffen.
Man wird aber finden, daß gleichwohl manche die
angebohrne Idee von GOtt darum ſchlechthin leug
- nen, weil ſie allen Verdacht von ſich ablehnen wols
“ len, als baueten ſie auf ſchlechte Beweiſe. Hier
mit nehmen ſie etwas vergebliches vor, und was ſie
Aveder Ä hakten, mit ihren Ä
/ Sätzen übereinſtimmt. Denn dergleichen Gelehrte.
pflegen doch einen angebohrmen Trieb zur Erkennt
ß GOttes und der Religion einzuräumen, und
deucken nur nicht daran, daß in jedem Triebe eine
Idee in dem Geiſte, und in einem anerſchaffenen
Grundtriebe folglich eine anerſchaffene Idee von
dem Objecte des Triebes, vorausgeſetzt wird, und
implicite darinnen lieget.
Grundbegierden. - 193
ſelben bewuſt wird, oder nicht, nachdem ſind
auch die Wirckungen davon unterſchieden.
Das daher entſtehende Urtheil des Ver
ſtandes aber von der Moralität unſerer
Thaten pfleget man das Gewiſſen zu nen >.
nen, § 132. Wir machen alsdenn alle:
zeit einen ſyllogiſtiſchen Schluß. Nemlich
welche That ſo oder ſo beſchaffen iſt, oder
nicht, die iſt recht oder unrecht. Nun aber
iſt dieſe oder jene That ſo oder ſo beſchaffen,
oder nicht. Darum iſt ſie recht oder un- ,
recht. Wenn wir in dieſem Schluſſe bey: Was einge
de Vörderſätze dergeſtalt vor wahr halten, Ä
daß wir uns dabey völlig beruhigen, ſo heißt Gejen
es ein gewiſſes, auſſerdem aber ein zwei-“ -
felhaftes oder ſcrupulöſes Gewiſſen.
Weil ferner der Verſtand, wenn er übel ge: „Was ein
5. richtiges und
braucht und angewöhnet wird, in IrrthüÄ
mer verleitet werden kan; ſo kan es auch gewiſſen iſt.
ſchehen, daß das Urtheil, welches wir über
die Moralität unſerer Thaten fällen, unrich
tig iſt. Daher theilet man das Gewiſſen
in das richtige und irrende Gewiſſen ein.
Weil noch ferner das Urtheil, welches wir … Was das
über die Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit Änd
unſerer Thaten fällen, aus mancherley Ur-nachfolgen
ſachen vor der That anders als nach der *
That beſchaffen ſeyn kan; ſo pfleget man
ferner das vorhergehende und nachfol
gende Gewiſſen zu unterſcheiden. Es
kan entweder beydes richtig, oder beydes
unrichtig, oder eines von beyden richtig
- N ſeyn
I94 Cap. VII Von den menſchlichen
ſeyn, daher ſie auch beyde einander bald
Äähnlich, bald aber unähnlich ſind. Unter
ſes Gewiſſen einem guten Gewiſſen aber verſtehet man,
iſt- wenn man ſich guter Thaten, gleichwie uns
ter einem böſen Gewiſſen, wenn man ſich
böſer Thaten bewuſt iſt.
- §: I 39
«Ä #. Weil die Wirckſamkeit aller Grundtrie
jndjbe durch zufällige Urſachen gehindert wer
Ä. den kan, § 13, und der Gewiſſenstrieb in
Ä ſonderheit ſo viel Feinde in einer Seele hat,
; - ſo viel eitele Begierden in derſelben ange:
troffen werden: ſo kan auch die Wirckung
- deſſelben vielfältig verhindert werden, wel
* che ſich aber, auch, wenn die Hinderniſſe
hinweggeſchaffet worden, wiederum einfin
- det. Daher kan man den Zuſtand des
, Gemüthes in Abſicht auf den Gewiſſens
, trieb in den Stand des ſchlafenden und
erwachenden Gewiſſens eintheilen, deſ
ſen Begriff hieraus ſogleich abzunehmen
iſt. - Nemlich der Stand des ſchlafenden
Gewiſſens iſt, da der Gewiſſenstrieb in
- der Seele keine merckliche Wirckung thut.
Hingegen der Stand des erwachenden
- Gewiſſens iſt, wenn der Gewiſſenstrieb,
. . . nachdem die Hinderniſſe ſeiner Wirckung
bey Seite geſchaffet worden, ſich alſo thä
tigerzeiget, daß der Menſch zu einer ernſt:
- lichen Ueberlegung der Gerechtigkeit oder
> Ungerechtigkeit ſeiner Thaten angetrieben
wird, und wiefern er ſich bewuſt wird, daß
- ſein
Grundbegierden. I9%

ſein Bezeigen dem Geſeße nicht gemäß ge:


weſen, deswegen daſſelbe zu verabſcheuen
und Strafe zu fürchten anfänget.
§. I4O.
Die Urſachen des ſchlafenden Gewiſſens Alaemeine
ſind im Verſtande der mangelhafte Ge- Ä
bräuch deſſelben, die dunckeln und unrichti: Schlafe des
gen Begriffe und Schlüſſe und die Vorur"ſ".
theile. Im Willen ſind es alle diejenigen
Neigungen, welche dem Gewiſſen wieder:
ſtreiten. Aus dieſen Urſachen entſtehet der Wiederan
Schlaf des Gewiſſens, indem man entwe-Ä F
der die Freyheit ſeines Willens gar nicht geſens entſt
brauchet,ſondern den determinirenden Grün."
den in der Seele ihren Lauf läßt; oder in
dem man vermittelſt ſeiner Freyheit ſeine
Kräfte eben alſo anwendet, daß in dem Ver-
ſtande eine anſcheinende aber falſche Wahr-
ſcheinlichkeit zum Behuf derjenigen Abſich:
ten, nach welchen wir uns zu handeln deter
miniren, entſtehen muß, § 56, 1oo, welche
uns hernach in den Stand ſetzet, endlich uns
ſern Begierden ruhig zu folgen, § 45, dies
ſelben durch wiederholte Thaten zu verſtär:
cken, §71, und dadurch zuletzt ſo mächtig zu
machen, daß ſich das Gewiſſen um ihres
Uebergewichts willen nicht weiter mercklich
regen kan. Die Einſchläferung des Gewiſ Zufängeur
ſens wird erleichtert, wenn daſſelbe von NaÄ
tur, gegen andere Begierden gerechnet, des Gewiſ
ſchwach iſt. Die Fortſetzung aber von dem "
Schlafe des Gewiſſens wird dadurch beför
- N 2. dert,
196 Cap. VII Von den menſchlichen
dert, wenn man ſeine Gedancken beſtändig
in mancherley Dinge zerſtreuet, und ſich mit
ſolchen Verrichtungen beſchäftiget, wodurch
die dem Gewiſſen wiederſtreitende Urſachen
von neuen erwecket werden.
I4 I«
Wodurch Man wird hieraus auch die natürlichen
das Gewiſſen Urſachen beſtimmen können, wodurch das
RyiederUn!
aufwachet. Gewiſſen nachgehends wiederum aufwachen
kan. Ueberhaupt wird darzu erfordert, daß
die Hinderniſſe ſeiner Wirckung weichen,
daß es durch einen Bewegungsgrund gerei
zet wird, § 58, 59, und daß der Menſchwe
nigſtens nicht gleich vom Anfange ſich mit
ſeinem freyen Willen wiederſetze, § 3. Da:
hin gehöret alſo erſtlich, wenn dem Ver:
ſtande beſſere Begriffe beygebracht werden;
oder wenn er an denen, die er ehemahls
gehabt hat, durch Ermahnungen erinnert
wird, und dabey die Wirckung des Ver
ſtandes nicht durch eine aus der Wieder
ſpenſtigkeit des Willens herrührende Par
theylichkeit, § 1oo, irre gemacht wird. Fer
ner Ä die äuſſerlichen Reizungen der ei
teln oder fremden Begierden hinwegfallen,
oder ſonſt die heftigen Triebe des Willens
in Ruhe kommen, z. E. im Alter. Wenn
inſonderheit die verabſcheuenden Triebe und
Affecten rege werden, ich meine, wenn der
Menſch in Furcht, Schrecken und Trau
rigkeit, in Gefahr, Kranckheit, Unglück und
Wiederwärtigkeiten kömmt, oder ſeinen Tod
- POLs
/
Grundbegierden. 197

vorausſiehet. Denn weil doch die Seele


in etwas ihre Glückſeligkeit ſuchen muß;
hingegen den übrigen Begierden ihr Ob
ject entzogen wird: ſo iſt es hernach leich-
ter möglich, daß der Menſch an GOtt, und
mithin an ſeine Schuldigkeit, mit Ernſt ge:
dencke. Endlich kam noch dieſes zu dem
Aufwachen des Gewiſſens ſehr vieles bey
- tragen, wenn das Gemüthe plötzlich und un
vermuthet, und mit einer gewiſſen Geſchwin
digkeit, einen lebhaften Eindruck von einem
in die Sinne fallenden groſſen Unrecht oder
Strafe bekömmt. Denn es kommen hier
nicht allein alle vorigen Urſachen zuſammen,
und dem Gemüthe wird nicht Zeit gelaſſen,
ſich in Gegenverfaſſung zu ſetzen, ſondern
es iſt auch noch dieſes zu erwegen, daß eine
iedwede Kraft mehr vermag, wenn ſie ge
ſchwind wircket. Wenn man dieſe angeführ
ten Urſachen zuſammen nimmt, ſo wird man
verſtehen, warum das Gewiſſen leichternach
der That als vor derſelben aufwachet, und
dieſes um ſo viel mehr, ie ſchändlichere Fol:
gen die böſe That ſchon nach ſich gezogen
hat, oder ie böſere Wirckungen derſelben
man noch künftig vorausſiehet. Das Auf Was das
wachen des Gewiſſens wird dadurch erleich: Ä
tert, wenn der Trieb von Natur ſtarck, oder ſeichtert.
einer lebhaften Reizung leicht fähig iſt, in:
gleichen wenn das Gemüthe noch nicht ſehr
verhärtet iſt, ſondern bey ſeinen vorigen bö
ſen Thaten öfters den Wiederſpruch des Ge
N 3 wiſſens
198 Cap.VII Von den menſchlichen
wiſſens empfunden, und denſelben iedes
mahl auf die Weiſe, wie wir es § 14obes
Warum es ſchrieben, hat überwinden müſſen. Unter
Ä„deſſen ſiehet man auch hieraus, warum das
ſchen nicht Gewiſſen bey manchen Menſchen aller an:
aufwachet gewandten Mühe ungeachtet nicht zum
Aufwachen gebracht werden kan. Denn
- es kan ſeyn, daß der Habitus der Verhär:
tung ſo groß iſt, daß er auf einmahl nicht
überwunden werden kan. Der Verſtand
kan in ſolchen Vorurtheilen ſtecken, welche
ſich kaum durch mühſame Erlernung gau
zer Wiſſenſchaften wiederlegen laſſen. Und
es kömmt gar zu viel, ja das allermeiſte,
, darauf an, wie ſich der Menſch zu der Zeit
vermöge ſeiner Freyheit willkührlich einrich
tet, wenn man an ſeiner Verbeſſerung ar
beitet.
S I 42.
Äw . Die
Ä iſſe che ausunangenehmen Empfindungen,
dem böſen Gewiſſen wel
§ 138 entſte:
hen, werden Gewiſſensbiſſe genennet.
Ä Es kan aber nichts ſchrecklichers als dieſel
bein da ºben gedacht werden. Denn vors erſte muß
Äste die Vorſtellung unſeres Unrechtes und äuſ
ſerſten Undanckes und Unbilligkeit gegen
GOtt ſchon an und vor ſich ſelbſt Schmerz
verurſachen, weil derZuſtand, in welchem
wir uns alsdenn befinden, einer weſentli»
chen Begierde der Seele wiederſtreitet, § 24.
So gut das Gegentheil anderer Begier:
den ſchmerzhafft iſt; ſo gut muß es auch
- das
Grundbegierden. ... 199
das Bewußtſeyn einer übertretenen Gewiſ,
ſenspflicht ſeyn. Hierzu könmt zum an
dern, daß wir alsdenn GOttes Straffe
fürchten, das iſt, wir glauben, daß ein ſol
cher Herr unſer Feindſey, und den Vor
ſaz habe, uns zu quälen, wieder welchen
uns nichts ſchützen kan, da kein Leugnen
oder Entſchuldigen etwas hilft, welchem
man nicht entfliehen kan, welcher eben durch
die in der Natur gemachte Ordnung, daß auf
das Böſe Gewiſſensbiſſe erfolgen, uns hier
mit ſeinen Zorn und Urtheilsſpruch ankün
diget, und welcher ohne ſeiner eigenen Voll
kommenheit etwas zu vergeben, weder das
Unrecht ungeſtraft laſſen, noch von ſeinem
Entſchluſſe abgehen kan. Hiermit aber
wird nicht etwan nur einem Triebe ſondern
allen zugleich wiederſtritten, und uns der
Verluſt unſerer Glückſeligkeit angekündiger.
Wie viel aber dieſes zu ſagen habe, iſt ſchon
oben § 106 erinnert worden. Hierzu
kömmt endlich noch, daß, weil das göttli
che Geſetz in der That nichts anders als die
wahren Regeln und Mittel der Vollkom
menheit enthält, § 137, ſich mit den Gewiſ
ſensbiſſen auch alle übrige Arten der Reue
und Beſchämung § 132 verknüpfen. In
dem wir nemlich in unſern Thaten nichts
als Thorheit, Schändlichkeit, Vergeblich
keit, Liebloſigkeit, Untreue, Selbſtbetrug
u. ſ. f. erblicken, und gleichwohl niemanden
als uns ſelbſt die Schuld davon zuſchrei
--- N 4 ben,
20o Cap. vit von den thieriſchen
ben, denn dieſes bringet das aufwachende
Gewiſſen mit ſich; ſo verlieren hierdurch die
Vollkommenheitstriebe ihr Objeet, daraus
nichts anders als ein Verdruß über ſich
ſelbſt, und das empfindlichſte Mißvergnügen
entſtehen kan. Wenn durch ſolche Gemüths:
unruhe der Geſundheit des Leibes merklich
geſchadet worden, ſo vermehret wechſels
weiſe der übele Leibeszuſtand der Krankheit
des Gemüthes, und dieſe hinwiederum un
terhält und verſchlimmert jenen. Deswe
gen können heftige Gewiſſensbiſſe Raſerey
und Verzweifelung wirken. Auſſer den an:
geführtenUrſachen, die im Menſchen ſelbſtlie
gen,können auch mehrere äuſſerliche Urſachen
mit einſchlagen, wiefern ein ſtrafendes Ge
richte Gottes einen Verbrecher ins Verder
ben zu geben beſchloſſen hat, und ſeinen
ſchrecklichen Untergang doch zu einem Er
empel der Warnung vor andere Sünder
machen will, welches zwar, vermöge der Ab
ſicht des jetzigen Lebens der Menſchen, nicht
eben oft, aber doch bisweilen, geſchiehet.
Das VIII Capitel.
Von den thieriſchen Grund
trieben, -

S I43.
J komme nunmehro auf die genauere
Erklärung der thieriſchen Grund
triebe
Grundtrieben. 201
triebe oder Begierden, das iſt dererjenigen, Grundtrie
welche wir mit andern Thieren gemein ha-Ä Ä“
ben, und welche nur auf die Endzwecke der man davon
thieriſchen Natur, nemlich auf ihre Bewe-""
gung, Ernährung, Fortpflanzung und den
unmittelbar ſinnlichen Genuß der körper
lichen Güter gehen, § 95. Es läßt ſich
weder die Anzahl derſelben, noch ihr näch- -

ſtes Object, ich meine, die Idee nach deren -


Hervorbringung j Erhaltung ſie ſtres
ben, mit völliger Determination angeben.
Wir können dahero nichts weiter thun, als
daß wir die allgemeineſten Claſſen derſel
ben aufſuchen, unter welchen wir hernach
die Wirckungen derſelben, welche die Er
fahrung lehret, und welche man unmöglich
anders als a poſteriori ausmachen kan, in
Ordnung ſetzen können. Es ſind deren
zwey, erſtlich der Trieb aufgewiſſe Wei
ſe in ſeinen Körper zu wircken, zum an
dern das Verlangen nach einem gewiſſen
determinirten Zuſtande ſeines Körpers.
- S. 144.
Ich ſage erſtlich, es ſind den Thieren Die erſte
natürliche Triebe anerſchaffen, in ihren Ä
ZKörper auf gewiſſe Weiſe zu wircken, beriſchen
welches mit ſich bringet, daß ihnen auch Ä“
die Idee von ihrem Körper, inſofern ſolche gewiſſe Wei-
darzu nöthig iſt, und ferner auch die Idee Ä
von der determinirten Wirckung, welche ge-wircken.
ſchehen ſoll, angebohren ſeyn muß. Denn
dieſes gehöret, sº § zu der Möglich
keit
202 Cap.VII. Von den thieriſchen
keit eines Thieres, nemlich zu der Möglich
keit, wie eine Seele mit einem Körper ver
einigt werden, und wie ihr derſelbe brauch
bar gemacht werden kan. Daher iſt auch
die Seelenwanderung der Alten vor einen
ungegründeten Traum zu halten, weil ſich
nicht iedwede Seele zu einem iedweden
Körper, ſondern nur zu dem ihrigen ſchi
. cket, von welchem ihr die Idee angebohren
iſt; dahero ſie, wenn ſie in einen andern
Körper käme, nicht wircken, noch denſelben
- gehörig gebrauchen könte.
§ 145.
Zºº Dieſe Triebe ſind wiederum von zweyer
jedjley Art. ... Denn einige beſtehen in einer
Äf Bemühung in den ZKörper auf gewiſſe
Ä“ UVeiſe beſtändig zu wircken. Ich mei
Ä be, ne, vermöge derſelben werden gewiſſe Ar
Ä“ ten zu wirken beſtändig alſo fortgeſetzet,
daß ſie, ſo lange das Thier lebet, niemahls
ganz aufhören, ob auch gleich der Grad,
in welchem ſie da ſind, Veränderungen lei
det. Denn daß dieſes letzte wircklich ge
- ſchiehet, und ſich nach gewiſſen dunckeln
Empfindungen einer Annehmlichkeit oder
Beſchwerlichkeit richtet, oder bey gewiſſen
Affecten als ein Nebenumſtand zugleich mit
entſtehet, obwohl in beyden Fällen ohne
Bewuſtſeyn, und ohne Willkühr, kan
man aus allerley Erfahrungen deutlich ge
nug abnehmen. Dergleichen fortwähren
de Wirckſamkeit gewiſſer Triebe nach be
7 . ſtimm
Grundtrieben. - 2O3

ſtimmten Ideen und Regeln iſt dasjenige


Triebwerck, durch welches, mit Beyhülfe
und nach Beſchaffenheit der mechaniſchen
Structur desthieriſchen Körpers, und ande
rer in demſelben befindlicher und gegen ihn
wirckender phyſicaliſcher Urſachen, die aëtio
nes vitales und naturales hervorgebracht,
und modificiret werden, § 30, 35. Da
dieſe Bemühung entweder einmahl wie das
andere in einem Striche fortwircket, oder
doch weder unſerm Bewuſtſeyn noch unſe
rer Freyheit unmittelbar im geringſten un
terworfen iſt; ſo verſtehet man daraus,
wie, wenn einmahl durch mechaniſche oder
phyſicaliſche Urſachen in dem Körper des
Thieres eine Unordnung angerichtet worden,
die Seele durch ihre Wirckung derſelben
nicht abhelfen kan, ſondern durch dieſelbe,
weil ſie nicht unterlaſſen werden kan, das
Uebel wohl immer ärger wird. Es gehet
eben ſo zu, als wie, wenn in einer Uhr ein:
mahl etwas zerbrochen iſt, das Gewichte
und der Perpendicul aber einmahl wie das
andere fortwircken, die Uhr durch eben die
jenigen Urſachen noch mehr ruinirt wird,
welche ſonſt zu Beförderung ihrer Vollkom
menheit dienten. -

- § 146.
Auſſerdem giebt es noch eine Gattung von
dem natürlichen Beſtreben der Thiere au
gewiſſe determinirte Weiſe in ihren Kör ſj Bedin
per zu wircken, welche nicht beſtändig fort.”
wäh
/
294 Cap. VIII Von den thieriſchen
währet, ſondern an gewiſſe Bedingun
gen verknüpft iſt, und welche ſich deswe:
gen nicht eher, auch nicht weiter, äuſſern -
kan, als die erforderte Bedingung gegen
wärtig iſt. Die Möglichkeit ſolcher Kräf
te erhellet aus demjenigen, was § 2o, 32
erwieſen worden, die Erfahrung aber beſtä
Ädie tiget die Gewißheit derſelben. Die Be
Ä“, dingung kan entweder eine gewiſſe Em
pfindung ſeyn, bey deren Gegenwart der
Trieb rege und wirckſam wird, als wiez. E.
eine gewiſſe Empfindung im Magen das
Kind veranlaſſet, die Bruſt zu ſuchen, und
die Gliedmaſſen ſeines Mundes und Halſes
alſo zu gebrauchen, daß es die Milch in ſich
ziehet; oder die Entſtehung einer andern
Action kan die Bedingung davon ſeyn, weil
nemlich jene nicht anders unternommen
werden kan, als alſo, daß dieſe zugleich
geſchehe, §2o. Auf ſolche Weiſe ſind mit
den Affecten gewiſſe Wirckungen verknüpft,
dadurch der Zuſtand des Körpers geändert
wird, § 35, 87.
- § 147.
Unterſchied So vielerley Arten von Thieren es giebt,
Ä"ſovielmahl ſind auch die Triebe auf gewiſ
denen Thie-ſe Weiſe in und durch ihren Körper zu wir
" cken unterſchieden, davon dieſes der Grund
iſt, weil ein thieriſcher Körper anders als
der andere beſchaffen, und auch ein Thier
von GOtt ſelbſt zu andern Verrichtungen
Äde als das andere beſtimmet iſt. Aus der
gleichen
Grundtrieben. 205

gleichen Trieben muß man die HandÄÄn


- gen der unvernünftigen Thiere alle erklä-“
ren, wie ſich denn dadurch auch die aller
wunderbareſten Wirckungen, welche wir
beſonders an den Inſecten wahrnehmen,
verſtehen laſſen. Denn Vernunft haben
ſie nicht. Ich verſtehe aber unter der
Vernunft die Kraft, Wahrheit mit Be- # Ä
wuſſeyn zu erkennen. Denn da die Thie Ä“
re die menſchliche Sprache, wiefern ſie ab:
ſtracte Begriffe betrifft, nicht verſtehen
noch gebrauchen lernen, ungeachtet es ih
nen groſſentheils weder an den Werckzeu
gen der Ausſprache, noch an der Gelegen:
heit, ſie zu erlernen, fehlet, z. E. den Vös
geln und Hunden*, auf welche manche
Leute den ganzen Tag mehr als auf die Kin
der hineinreden: ſo ſiehet man wohl, daß
es ihnen an der Vernunft, nemlich an dem
Bewuſtſeyn und dem daraus flieſſenden - ,
Vermögen zu abſtrahiren, zu urtheilen und
zu ſchlieſſen, fehlet. Eben dieſes kan man
auch daraus erkennen, daßdie Thiere immer
in einerley Zuſtande bleiben, ich meyne, daß
ſie ihren Zuſtand nicht durch eine eigene
Cultur verändern, wie es bey denen Mens
ſchen geſchiehet, da aus einer barbariſchen
Nation eine cultivirte wird, und umgekehrt.
Worzu
* Ein Erempel von einem Hunde, welcher, wie der
Herr von Leibnitz ſelbſt geſehen und gehöret, gar
viele und ſchwere Worte hatte ausſprechen lernen,
ſtehet in der Hiſt. de l'Acad. Royale des Sciences
17I5. P. 4. edit. Amſt.
206 Cap.VIM Vondenthieriſchen
Worzu noch kommt, daß die gelehrigen
Thiere, denen die Menſchen allerley lernen,
doch einander nicht lehren können, ſondern
iedes von Menſchen abgerichtet werden muß,
und überhaupt kein Geſchäfte, darzu ein ſehv
ſchlechter Menſch geſchickt iſt, einem Thiere
aufgetragen werden kann. Z. E. dem fein
ften Hunde kann die Aufſicht einer Heerde
nicht auvertrauet werden, die ein alberner
Menſch ſo leichte verwaltet, und den Hund
dabey nutzet. Woraus zugleich klar iſt,
daß dieſer Unterſchied nicht etwa von dem
Grade der Munterkeit und Liebſonſtigkeit der
Kräfte herkommt, ſondern daß die Kräfe
te in Menſchen und Thieren der Qualität
nach unterſchieden ſeyn müſſen. Denn an
der Munterkeit der niedern Verſtandeskräf
te übertreffen die feinſten Thiere einen
trägen oder dummen Menſchen weit,
und doch bleiben ſie zu Geſchäften unge
ſchickt, darzu man dieſen brauchen kann, nur
darum, weil zu denſelbigen Vernunft, ob
wohl in geringem Grade, gehört. Aus
dem, was bisher geſagt worden, erhellet
auch, daß man zu Erklärung Wirckungen
der Thiere keine Vernunft vorauszuſetzen
nöthig habe. Aus einiger Aehnlichkeit
gewiſſer Thaten der Tziere mit den
menſchlichen kan man deswegen noch nicht
nach einer Analogie ſhlieſſen, daß es in
netlich bey ihnen damit eben ſo, wie bey
Uns zugehe. Weil ſie Geſchöpfe von ande:
UE
- Grundtrieben. 207

rer Art ſind, ſo fällt der Grund, unmittelbar


nach einer Analogie zu ſchlieſſen, hinweg,
und man muß mur zuſehen, auf was vor
Kräfte ſich aus ihren Handlungen ſchlieſſen
läſſet, und was die Wirckungen vor eine Be
ſchaffenheit der Urſachen ſchlußmäßig vor:
ausſehen. Man betrüget ſich aber ſehr,
wenn man aus ſeltenen und ſonderbarent
«Handlungen der Thiere, welche denen vere
nünftigen ähnlich ſcheinen, ſogleich ſchlieſſet,
daß ſie von der Vernunft herkommen. Denn
wäre dieſe die Urſache, ſo würden ſie nicht
ſelten ſeyn, und als ſonderbar angemerckee
werden, ſondern es würden dergleichep be
ſtändig vorkommen, wie bey den Menſchen,
unter welchen auch die gemeinſten Leute alſo
verfahren, daß ſich die Vernunft ſtets zu ers
kennen giebt, und nicht erſt durch Verſuche
und Hiſtörchen bewieſen zu werden brauchet,
Die beſonders merckwürdigen Thäten der
Thiere ſind demnach vielmehr, wenn ſie nicht
gewöhnlich ſind, von einem glücklichen uns
gefehr herzuleiten, und wenn etwas, worauf
ſie auf dieſe Weiſe gekommen, von einem an
genehmen Erfolg begleitet worden, ſo pro
Äen ſie daſſelbe nach den Regeln der Ein
bildungskraft weiter, und bey einer gnugſa
Äebhaftigkeit der Einbildungskraft, jd
beſonders bey einem guten Ingenio, erfin
º ſie leicht mehrere bequeme Mittel ihrer
Abſichten darzu. Das übrige aber, j
was bey ihnen das gewöhnliche iſt, muß von
- gewiſ
208 Cap. VIII Von den thieriſchen
gewiſſen Trieben hergeleitet werden. Daß
ſolches auch gar füglich angehet, wenn man
nur erſt Gelegenheit gehabt, Nachricht rnd
Erfahrung genug einzuziehen, iſt in den
neuern Zeiten bey der genauern Cultur der
natürlichen Hiſtorie ſchon an manchen
Erempeln, z. E. an den Bienen und Amei:
ſen, klar geworden. Ja wenn die Thiere
zu der Erkenntniß der ungemeinen Künſte,
die wir hin und wieder an ihnen wahrneh
men, durch den Gebrauch ihrer eigenen
Vernunft gelangen ſolten, ſo müſten ſie in
der That mehr Vernunft als der Menſch
haben, weil ſie dieſelben ohne Anweiſung
erlernen, dahingegen der Menſch, wenn er
nicht vielfältig angewieſen wird, in der grö
ſten Ungeſchicklichkeit bleibet. Daß ihnen
aber dergleichen Vorzug keinesweges zu
kommt, iſt aus der Beſchaffenheit und Ver:
gleichung ihrer übrigen Thaten augenſchein
lich. Man vergleiche hiermit, was § 25
geſagt worden. Wie ſchlimm wäre es auch
vor die Menſchen, wenn die ſchädlichen und
reiſſenden Thiere Vernunft hätten, ſich be
reden, Geſellſchaften errichten, und ihre
Wuth gegen uns zweckmäſſig vereinigen -
könnten!
S I48.
Wie weit Unterdeſſen da die Natur nichts ver:
Ä"gebliches thut, ſo hat ſie auch den Men:
Triebe in ſchen und Thieren nicht mehr natürliche
Ä“Fähigkeit durch ihren Körper zu wircken
zu wirken
Und
erſtrecken.
Grundtrieben. 209

und ihn zu gebrauchen verliehen, als zu


ihren Abſichten nöthig war. Der Menſch
bringt nur ſo viel Geſchicklichkeit ſeinen
Körper zu bewegen und zu gebrauchen mit
auf die Welt, als zu deſſen Erhaltung ſo
lange nöthig iſt, bis er nach und nach zu
allerhand Verrichtungen angewöhnet wer- *
den kan. Z. E. Die Natur lehrt zwar
dem Kinde die Bruſt ſuchen, aber die Ge
ſchicklichkeit zu gehey muß durch die Ue
bung erlanget werden. Den unvernünſ
tigen Thieren iſt in dieſem Stücke mehr
als dem Menſchen verliehen, weil es ihnen ...
ſowohl an ſorgfältiger Wartung als Ange-
wöhnung gebricht, und ſie denen Menſchen “
wenig zur Bequemlichkeit dienen würden,
wenn ihre Erziehung und Angewöhnung ſo
mühſam, wie die menſchliche, wäre. Daher
liegt in der Mühe, die auf etwas gewandt
werden muß, ein natürlich Kennzeichen,
wie edel deſſen Weſen ſey. Nemlich das
Unedelſte machet die Natur fertig, weil es
ſich der Mühe nicht verlohnte, Arbeit das
ran zu verwenden.
§ 149.
Die andere Hauptclaſſe der thieriſchen Z Äe
Triebe, § 143, iſt das Verlangen nachei Ä“
Elt Ä determinirten Zuſtande ##
des Körpers, von welchem ihnen die Idee Ä“
gleichfalls angebohren ſeyn muß. Was Ä
demnach dieſen Zuſtand hervorbringt, oder Ä
erhält oder sinºs, welches man apo-*örrers.
CT1O
21o Cap. VIII Von den chieriſchen
ſteriori erlernen muß, daſſelbe iſt uns an
genehm, das Gegentheil aber unangenehm.
Daraus ent-Hieraus entſtehn ſehr vielerley Arten des
Ä“ Vergnügens und Schmerzens, welches
Sj man das körperliche Oergnügen und
Ä „Ä“ den körperlichen Schmerz nennet § 7o:
“ nicht zwar in der Abſicht, als wenn ihn
der Körper empfinden könte, denn Empfin
# kömmt nicht der Materie, ſondern nur
deh Geiſtern, zu; ſondern weil er vermit
telſt der Empfindung von dem Zuſtande
unſeres sº Ä5 der Seele
unterſchie-entſtehet. Daher flieſſet das Vergnügen,
Ä" welches die Menſchen und Thiere Ä
Bewegung ſchöpfen, und zwar um ſo viel:
mehr,ie mehr ſie jung und geſund ſind.
Nemlich es wirket die nätürliche Tendenz
zur Geſchäftigkeit, ſo lange noch kein Sau.
erwerden entſtehet § ro3. Ferner gehöret
dahin das Vergnügen des Geſchmackes,
Geruches und mamigfaltigen Gefüh
les. Denn in allen dieſen Fällen geſchiehet
in unſerm Körper nichts, als daß die klein
ſten Fibern der Nerven auf gewiſſe Weiſe
in Bewegung geſetzt werden, und ihr Zu
" . . . ſtand verändert wird. Wenn uns dahero
dieſes Annehmlichkeit verurſachet; ſo müſ
...ſen wir einen ſolchen Zuſtand der Nerven,
- als zu der Zeit entſtehet, ſchon vorher un
wiſſend begehret haben. Iſt es uns hinge:
gen ſchmerzhaft, ſo müſſen wir ihn verab
- ſcheuet haben, weil man von Schmerz und
- - - - - - Ver
/
*
-

Grundtrieben. 2 II

Vergnügen allezeit auf eine vorhergegan


gene Begierde zurückſchlieſſen kan, § 24. „Warum
Bey dem Vergnügen der Augen und Äer
Ohren muß man nicht verwirren, wieſern Schmerz
eine angenehme oder unangenehme Empfin-Är.
dung bloß von einem gewiſſen Zuſtande der änderlich iſt.
Nerven abhangt; ſo weit hat es in thieri
ſchen Trieben ſeinen Grund: und wiefern
Vergnügen oder Misfallen, von wahrge:
nommener Ordnung und Unordnung, die
man dunkel in concerten Ideen empfindet,
abhangen; denn ſo fern wircken die Voll
kommenheitstriebe mit, und es wird einige
Abſtraetion darzu erfordert. Wenn ſich
demnach die Beſchaffenheit der Werckzeuge
unſerer Sinne verändert, ſo kann uns eine
Sache angenehm oder leidlich werden, wel
che uns zuvor höchſt empfindlich war; Gleis
chergeſtalt kann uns auch dasjenige, woran
wir uns ſonſt ſehr vergnügten, nun einen
Eckel verurſachen; wie ſolches die Erfah
rung nicht nur bey Kranken, ſondern auch
bey den Veränderungen, welche ſich mit
dem menſchlichen Alter ereignen, zur Gnüge
beſtätiget, und beyiedermann am Tage liegt,
wie vieles von dem körperlichen Ä
oder Schmerz bloß auf die Gewohnheit an
komme. Denn es kan einerley Urſache ganz
unterſchiedene Wirckung thun, wenn das
Object, darein ſie wircket, unterſchieden iſt.
Jedoch iſt zu erinnern, daß ich hiermit nur Erinnerung.
den erſten und weſentlichen Urſprung des
- O 2 kör/
212 Cap. VIII Von den thieriſchen
körperlichen Schmerzens und Vergnügens
erklärt habe, nemlich warum uns manche
Dinge auch gleich auf das erſte mahl wohl
oder wehethun. Weil wir es aber nicht an
ders als a poſteriori durch Verſuchen er:
kundigen können, welche Objecte dergleichen
Witckung thun; ſo iſt hernach die Erinne
rung, daß uns etwas ehemahls angenehm
oder unangenehm geweſen, ingleichen die
Erfahrung anderer Leute, welcher wir Glau
ben beymeſſen, die Urſache, warum wir daſ
- ſelbige ferner ſuchen oder davor fliehen.
§ 1 o.
# veneri- Der veneriſche oder Geilheitetrieb ent:
Äsſtehet aus beyden Gattungen der thieriſchen
benden Gat-Grundtriebe zugleich. Denn die Natur
Ä“ lehret den Tbieren, was ſie zu Fortpflan
zung ihres Geſchlechtes thun müſſen, und
dieſes gehöret zu der erſten Claſſe, § 146.
Gleichwohl iſt auch die Verknüpfung der
beyden Geſchlechter mit Annehmlichkeit
verbunden, woraus man ſiehet, daß alsdenn
ein ſolcher Zuſtand ihres Körpers vorhan
den ſeyn muß, welchen ſie begehren, § 149.
«Dasjenige aber, was nach dem ſich ſelbſt
gelaſſenen Lauffe der Natur die Thiere an
treibt, dieſelbe zu ſuchen, iſt eine unanges
nehme Empfindung in denjenigen Gliede
maſſen ihres Leibes, welche zu Fortpflan:
zung des Geſchlechtes beſtimmet ſind, und
welche binwegzunehmen die Erfüllung ihrer
Brunſt das Mittel iſt, § 68; wobey es
klgr
*.

-
Grundbegierden. 213 -

klar iſt, daß abermahl beyde Claſſen von


thieriſchen Trieben zuſammenkommen. Aus
der letztern gemachten Anmerckung wird
man abnehmen können, warum manche
Thiere ihre geſetzte Zeit zur Brunſt haben,
andere aber beſtändig geil ſeyn können.
Der natürliche Trieb der Alten ihre Jun„Ä
genauf gewiſſe Weiſe zu verſorgen, wel Ä
cher Fogy heiſſet, gehört bloß zu der erſten erſten Caſe
Claſſe, § 146, indem die bey der Geburt
entſtehenden Empfindungsideen und die
davon nachgehends abhangenden Erinne: -

rungsideen das Thier antreiben, gewiſſe


Handlungen nach der von der Natur in ſie
gepflanzten Idee in Anſehung der Jungen
vorzunehmen, welche nemlich die Natur
den Jungen zum beſten veranſtaltet hat.
Daher kan auch, wenn die nöthigen Ent
pfindungen, welche die Bedingung von der
Wirckſamkeit dieſes Triebes ſind, durchzu
fällige Urſachen auſſenbleiben, derſelbe in
ſeiner Wirckung oft irre gemacht werden,
welches z. E. geſchiehet, wenn manche Thies
re ihre Jungen freſſen.
S Iſ H.
Die bisher gegebene Erklärung von den Obdasºr
Urſachen des körperlichen Schmerzes und Ä
Vergnügens wird mit der Erfahrung beſſer der jüeber
übereinſtimmen, als wenn man nur über-Ä
haupt ſaget, daß uns dasjenige Luſt verur: kommenheit
ſache, was den Zºº3 des Körpers ÄÄ
OM:
-

214 Cap.VIII Von den chieriſchen


kommener macht, hingegen dasjenige wehe
thue, was der Vollkommenheit des Kör
pers wiederſtreitet. Die Erfahrung lehret
in hundert Erempeln das Gegentheil. Es
kömmt vielmehr alles darauf an, ob die
Veränderung, welche in dem Körper vor
gehet, juſt den Zuſtand derjenigen organi
ſchen Theile betreffe, von denen wir eine
angebohrne Idee haben, und einen gewiſſen
Zuſtand derſelben begehren, und hernach
ferner, wie der Zuſtand derſelben verändert
werde. Die Erfahrung lehret, daß uns
unmittelbar nichts als der Zuſtand der Ner
ven in unſerm Körper vergnüge oder
ſchmerze, und die Theile des Leibes daher
um ſo viel mehr oder weniger empfindlich
ſind, iemehr oder weniger ſie mit Nerven
verſehen ſind. Was dahero an irgend ei
nem Theile des Körpers die Nerven in den
gewünſchten Zuſtand ſetzet, das deucht uns
ſo lange wohl, es mag ſonſt dem Körper
überhaupt, oder auch wohl demſelben Glie
de inſonderheit, nützlich oder ſchädlich ſeyn.
Wiederum was die Nerven an einem Orte
in einen Zuſtand ſetzet, welchen wir verab:
ſcheuen, da können wir nicht hindern, daß
es wehe thue, und wenn wir gleich wiſſen
und überlegen, daß ſolches dem Körper zu
träglich ſey. Das thieriſche Schreyen kan
man durch eine gute Gegenverfaſſung hin:
dern; man kan auch durch Gegenvorſtellun
gen, wenn nicht der Schmerz unſere Kräfte
8ar
Grundtrieben. - - 21%.

gar zu weit überſteiget, verhindern, daß


nicht das Gemüthe in unordentliche Ver:
wirrung gerathe. Allein das Wehethun
ſelbſt können wir unmöglich verhindern,
wir müſten denn nach und nach den Zuſtand
des Körpers ändern, § 149, weil aus dem
Streite, wodurch einer Grundbegierde zu
* wieder gehandelt wird, nothwendig Schmerz
entſtehen muß, § 24. - -

§ I 52.
Ich kan hierbey nicht umhin, diejenigeWarum wir
Erinnerung, welche ich ſchon mehrmahlenÄo.
gemacht habe, nochmahlsanzuhängen, daßeete, der
man ſich nemlich nicht etwan eine SchwieÄt
rigkeit daraus mache, daß wir uns des näch-bewu wer
ſten Objectes unſerer thieriſchen Begierden,""
nemlich derjenigen Idee, damit ſie zu thun
haben, nicht deutlich bewuſt werden. Wenn
man keinen wichtigern Einwurff wieder un
ſere Meinung aufzubringen weiß, ſo ſind
wir ganz ſicher. Es iſt darauf ſchon zur
Gnüge geantwortet worden. Das Bewuſt
ſeyn hat ſeine beſondern Bedingungen, wel- -

che ſich hieher nicht ſchicken, § 92. Wenn -


wir das nächſte Object unſerer thieriſchen
Triebe deutlich erkennten, ſo würden wir
ohne Zweifel allzuviele Gewalt über unſern
Körper bekommen, durch deren Misbrauch
wir uns ohne Hinderniß ruiniren könten,
ſo bald ein eiteler Endzweck uns zu dieſem
Vorſaße verführte, ohne daß hernach wei
O 4 eL
21s Cap.VIII Vondenthieriſchen
ter Rath und Hülffe vor uns wäre § 35.
So nöthig es demnach bey den menſchli
chen Begierden iſt, daß wir uns um das
nächſte Object derſelben genau bekümmern,
und daſſelbe wohl verſtehen, damit nicht
dieſelbigen ſich verirren, und Scheingüter
an ſtatt der wahren ſuchen; ebenſo nöthig
iſt es hingegen bey den thieriſchen Grund-
trieben, daß wir die genaue Idee unſeres
Körpers und der Art und Weiſe, wie mit
Vortheil in die Haupttriebwercke deſſelben
unmittelbar gewircket werden kan, welche
in uns verborgen liegt, nicht zu einer deut
Ä" lichen Erkenntniß erheben können. Man
Äe mache daher, anſtatt jenes zu begehren,
Ä“ Ot- vielmehr eine ſolche Betrachtung hierbey,
let, "daß man die unbeſchreibliche Güte GOttes
erwege, welcher durch die thieriſchen Trie:
be die Thiere unzehliger Annehmlichkeiten
in der Welt fähig, und zu einem vielfälti
gen Genuſſe derſelben geſchickt gemacht hat.
S I 3.
Die hieri- Indem ſich mit den thieriſchen Grund
Ätrieben in den Menſchen der Gebrauch der
## Vernunft und die menſchlichen Begierden
Äg verbinden; ſo entſtehen in ihrem Zuſtande
mit den “ und Wirckungen mancherley Veränderun:
Ä” gen, welche wir an den Beſtien nicht wahr
Dieſes wird nehmen. Mit dem Vergnügen des Ge
Ä„"ſchmackes, Geruches und ſo ferner verbin
ſchmack det ſich leicht die Begierde etwas ſeltenes,
*
i- - NeUeß
Grundtrieben. 217

neues, koſtbares, ausländiſches und der


gleichen zugenieſſen; daher man nicht uns
recht ſagt, daß das meiſte bey dem Geſchma
cke auf die Einbildung ankomme. Dieſes
ſoll ſo viel heiſſen, die Annehmlichkeit hans
ge groſſentheils von gewiſſen zufälligen Be:
trachtungen, und ſolchen Begierden ab,
deren Objecte keinen andern Werth haben,
als welchen ihnen unſere ungegründete Ein
bildungen beylegen. Mit dem Veneriſchen an der Ve
Triebe pfleget ſich bey den Menſchen ſowohl Ä
der Vollkommenheitstrieb als die morali:“
ſche Liebe leicht zu verbinden. Sie verbin: -

den- ſich auch damit mehr oder weniger.


Daher ſind die Verliebten von ſehr unter:
ſchiedenem Geſchmack, und werden auch
bald mehr geil, bald aber mehr verliebt
genennet. Hiernächſt erzeugen ſich auch
aus dem ſolchergeſtalt mannigfaltig modi
ficirten Veneriſchen Triebe ſehr viel neue
Begierden, § 76, faſt mehr als aus irgend
einem andern Triebe. Hierzu trägt ſon
derlich die Vielfachheit der Unterſchiede bey,
welche die Natur in der Bildung und dem
ganzen Zuſtande der Perſonen beyderley
Geſchlechtes gemach hat, und welche in vie
lerley Betrachtung, auch zur Erhaltung
der Erbarkeit der Sitten, nöthig war.
Gleichwohl kan ein jedweder ſolcher Unter:
ſchied zu der Entſtehung einer beſondern ab -
geleiteten Begierde Gelegenheit geben. Dar:
zu aber, daß dergleichen abgeleitete Bes
O5 giers
218 Cap. VIII Von den thieriſchen
gierden wircklich häufig entſtehen, und her
nach mit einer wunderlichen Verwirrung
und Miſchung unter einander wircken, trägt
ferner die Heftigkeit und leichte Reizung
des Geilheitstriebes, und die dadurch ent
ſtehende Lebhaftigkeit der Phantaſie bey.
Beyde Urſachen reizen und vermehren ein:
ander wechſelsweiſe. Doch ſcheinet bey
den Menſchen darauf, daß ſie gewiſſen Phan
». taſien dießfalls nachzuhängen pflegen, das
Ä meiſte anzukommen. Die sogyn oder Nei
ÄÄgung der Eltern und Kinder gegen einander
die Kinder iſt bey Menſchen nicht bloß ein thieriſcher
Trieb, ſondern da ſich die Vernunft damit
verbindet, ſo geheter auf die abſtracte Idee
von Eltern und Kindern. Die Eigenliebe
nimmt auch ſehr groſſen Antheil daran, zu
mahl wenn die Kinder den Eltern am Leibe
und Gemüthe ähnlich ſind. Denn die El
tern lieben die Kinder nicht nur als ihr
Fleiſch und Blut, und ſehen ſie deswegen
als ſich ſelbſt an, ſondern weil ſie die Aehn
- lichkeit mit ihnen ſelbſt ſchon vor Vollkom
menheit halten, ſo lieben ſie dieſelben deſto
mehr.
§ I F4.
Ä“ Endlich muß ich die Frage noch unterſu
ějºchen, warum der körperliche Schmerz ſo
ſo betig heftig ſey? Denn er ſcheinet faſt durchge
“ hends den Idealiſchen, § 7o, an Empfind
lichkeit zu übertreffen. Es ſind davon drey
"Natürliche Urſachen möglich, welche man zu
- - ſam
Grundtrieben. 219
ſammennehmen muß. Erſtlich ſind viel
leicht die thieriſchen Tviebe von Natur ſehr
ſtarck, welches deswegen ſo eingerichtet ſeyn
kan, damit wir nicht, weil doch auf dens
ſelben die Begierde des zeitlichen Lebens be
ruhet, § 1oI, uns beyiedweder Wieders
wärtigkeit die ſündliche Entſchlieſſung möch- -
ten in den Sinn kommen laſſen, uns ſelbſt
zu tödten. Zum andern ſind ſie vielleicht
unſerer Willkühr nicht eben ſowohl unter-,
worffen, daß ſie dadurch geſchwächet, ein
geſchräncket und ſuſpendiret werden könten,
§ 69, und mithin auch der Schmerz als
ihre Wirckung vermieden würde. Drit
tens iſt zu bedencken, daß bey dem körperli
chen Schmerze nicht etwan nur einer Be
gierde in actuprimo, ſondern allezeit einem
wircklichen Beſtreben oder conatui in ačtu
ſecundo, und einer aétioni transeunti, wie
derſtritten wird. Denn die Seele begeh
ret nicht allein einen gewiſſen Zuſtand ihres
Körpers, ſondern ſie muß auch denſelben
durch ihre eigene Thätigkeit erhalten helfen,
und iſt in beſtändiger Bemühung, einenge
wiſſen Tonum der Nervenfibern, welchem
ietzo auf eine ihr verhaßte Weiſe wiederſtrit
ten wird, hervorbringen zu helffen, wel
ches man nicht leugnen wird, wenn man der
Seele unter den Urſachen der actionum vita
lium und naturalium einen Platz einräumet,
§ 35, 145. Nun gehet es uns auch bey
den menſchlichen Begierden alſo, daß es
UUS
220 Cap.VIII Vondenthier, Grundtr.
uns verdrüßlicher iſt, wenn wir mitten in
unſern Verrichtungen, an denen uns viel
gelegen iſt, geſtöret werden, als wenn man
uns daran hindert, ehe wir angefangen ha
ben. Daher muß es auch empfindlicher
ſeyn, wenn einem thätigen Beſtreben eis
nen gewiſſen Zuſtand des Körpers zu be
werckſtelligen wiederſtritten wird, als wenn
nur ein bloſſer Wunſch deſſelben Zuſtandes
nicht erfüllet würde. Als eine auſſerordent
liche Urſache kömmt öfters noch die Zärt
lichkeit hinzu, ſowol die phyſicaliſche Zärt:
lichkeit, wenn der Körper bey Jemanden
weniger, als bey andern Leuten, zur Ertra:
gung allerley Veränderungen gewöhnet -
worden, als vornehmlich die moraliſche
Zärtlichkeit, ich meine eine angewöhnteall:
zuſtarcke Begierde, dergleichen Vergnügen
ungeſtört zu genieſſen, welches aus einem un:
gekränckten guten Zuſtande des Kör
pers entſtehet.

Ende der Thelematologie


- Die -

Äthik
oder

Lehre von der tugend


haften Einrichtung des
Gemüthes.
-
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BE===ººg
Das I Capitel.
Von der Tugend überhaupt
undſen,
denen dahingehörige Ägrif
wie auch von den moraliſchen
Wiſſenſchaften überhaupt.
- § IFF. «

N achdem bisher in der Thelematologie Was dieAn


die Kräfte und Eigenſchaften des Ä Ä
menſchlichen Willens abgehandelt, leben iſt.
und hiermit erkläret worden, wie derſelbe
von Natur iſt und wirket, § 2; ſo kan ich
nunmehro die Anweiſung vernünftig zu le
ben, oder die Lehre, wie der menſchliche
Wille ſeyn und handeln ſoll, ſelbſt vor die
Hand nehmen, welche Lehre man auch die
Moral oder praeriſche Philoſophie nen
net. Ich verſtehe demnach unter der An
weiſung vernünftig zu leben, diejenige
Wiſſenſchaft, welche die Regeln in ſich hält,
wie der menſchliche Wille nach der Vor
# der Vernunft beſchaffen ſeyn und
andeln ſoll. - - r
- - - § 1 56. v

Wenn man fraget, wie der Wille be- Wie viele


ſchaffen ſeyn ſoll, und ſolches bloß nach der Ä.
Vorſchrift der Vernunft beſtimmen will: nünftig zu
ſo hält man ihn entweder gegen allgemeine“
und durch die Vernunft, das iſt, durch Be
trachtung der Geſchöpfe, zu erkennende Ge-
ſetze,GOttes, und will wiſſen, welche die
* ſelben
224 Cap. I Von der
ſelben ſind, und wie man ſich ihnen ge:
mäß bezeigen ſoll; Oder man vergleichet
denſelben nur mit der menſchlichen Glück
ſeligkeit und Vollkommenheit, und will
die Regeln erklären, wie der Wille ſein
Thun und Laſſeneinrichten müſſe, damit ſei
wohl die Vollkommenheit und Glückſeligkeit
eines iedweden Menſchen inſonderheit, als
- - auch aller zuſammen, ſo gutals möglich bei
fördert werden könne. Kurº fraget
entweder, wie der menſchliche Wille beſchaf
fen ſeyn ſoll in Abſicht auf göttliche na
türliche Geſetze, welche man als Ende
zwecke des Schöpfers anſiehet; oder wie er
beſchaffen ſeyn ſoll in Abſicht auf die
menſchlichen Endzwecke, welche ſie alle
- ſamt begehren, nemlich in Abſicht auf die
Beförderung ihrer Vollkommenheit und
Glückſeligkeit. -

§ 1 7. -

Da der Ich habe mit gutem Bedacht den Stand


Ä“ der eigenen Vollkommenheit und der
Äu Glückſeligkeit des Menſchen zuſammen ge
Äſezet. Denn dieſe beiden Begriffe reden
Ä Ä ganz einerley Sache. Denn die Voll
üeleviſ kommenheit des Menſchen iſt, wenn ſein
Zuſtand mit allen ſeinen Endzwecken über
einſtimmet. § 1 15. Folglich müſſen alle
Wünſche deſſelben dadurch ſo gut als mög
lich erfüllet werden, und es muß ſo viel gut
tes vor den Menſchen erlanget werden, als
möglich, § 26. Die Glückſeligkeit aberiſt
EUR
7 ".

Tugend überhaupt. 22 -

ein Zuſtand, darinnen alle unſere Wünſche


mit Vergnügen und mit vollkommener Si
cherheit erfüllet werden. § 1o6. Es entſtehet
demnach die Glückſeligkeit aus dem Stande
der Vollkommenheit, und man redet in bey
den Fällen von einerley Sache. -

§ 1 8. s
Nun iſt dasjenige, was die Menſchen Ä Ä
zuerſt auf die Nothwendigkeit der Moral, Ä
oder einer Anweiſung vernünftig zu leben Ä
zu führen pfleget, allerdings nichts anders, Ärſt
als das Verlangen nach ihrer Glückſelig. die
keit. Denn da ſie dieſelbe allerſeits begehÄ
ren und ſuchen, und gleichwohl die Erfah: Moral.
rung lehret, daß nicht ein iedweder Weg
zu derſelben führe, ſondern viele Menſchen
ſich in der Beſtimmung der Zwecke, die ſie
als die Theile ihrer Glückſeligkeit anſehen,
und in der Wahl der Mittel darzu, erbärm
lich betrügen; ſo erhellet daraus unſtreitig
die Nothwendigkeit, Regeln zu ſuchen, wie
man ſo gut und ſo ſicher als möglich zu ei
nem wahren und dauerhaften Wohlſeynge
langen könne. Demnach iſt unſtreitig, daß
in der Anweiſung vernünftig zu leben die
Mittel der Glückſeligkeit unterſuchet und -

vorgetragen werden müſſen. -

§ 159.
Wenn man aber auch gleich unterdeſſen Hierdurch
den Begriff von der Moral anfangs alſo ÄÄf
beſtimmet, daß ſie die Wiſſenſchaft der Re- die ünterſu
geln ſeyn ſoll, welche den Weg zur menſch Ä -

P - lichen Geſetze und


-
ſ
-

-*
225 Cap. I Von der
deren Wirk-lichen Glückſeligkeit zeigen; ſo werden wir
Ä 9“ doch eben dadurch theils auf die Nothwen
digkeit der Unterſuchung, ob göttliche Ge
ſetze ſind, theils auf die Wircklichkeit derſel
ben geführer. Denn wenn es göttliche Ge
ſetze gäbe; ſo hätte GOtt einen moraliſchen
Gehorſam ſeiner vernünftigen Geſchöpfe zur
Abſicht, und er verlangte, daß es dieſelbigen
zu ihrem höchſten Endzwecke machen ſolten,
GOtt zu ſuchen und ſeinen Willen zu thun,
und hätte beſchloſſen, daß ſie unter dieſer
Bedingung zur Glückſeligkeit gelangen ſol
ten. Dieſe beyden Stücke ſind allezeit un
zertrennlich. Wenn göttliche Geſetze mög
lich ſind; ſo muß auch hiermit als möglich
zugegeben werden, daß GOttes Hauptab
ſicht iſt, daß wir ihn moraliſch wehlen, und
ihm gehorchen ſollen. Und wenn dieſelben
wircklich vorhanden ſind; ſo iſt auch gewiß,
daß GOtt frey zu unſerm höchſten Gutege
wehlet ſeyn, und ihm gehorchet wiſſen will.
Geſetzt derowegen, es wären göttliche Ge
ſetze; ſo würden wir unſerer Glückſeligkeit
verluſtig werden, wenn wir uns darum nicht
bekümmert, und dahero denſelben nicht ge
mäß gelebet hätten. Folglich müſſen wir
uns darum bekümmern. Hiernächſt aber,
wenn wir den Mitteln unſerer Glückſeligkeit
ſelbſt nachſinnen, und deswegen das Weſen
und die Vollkommenheit der menſchlichen
Natur unterſuchen; ſo entdecken wir das
durch zugleich unumſtößliche Beweisgrün
- de,
Tugendüberhaupt, 227

de, daß und warum göttliche Geſetze ſind,


wie weiter unten erhellen wird. Ja es
wird gezeiget werden, daß uns die göttlichen
Geſetze nichts anders, als die wahren Mit
tel unſerer Glückſeligkeit und Vollkommen
heit verordnen; daß die Sorge vor unſere
Vollkommenheit und Glückſeligkeit ſelbſt mit
darunter gehöre; ja daß ſie gröſtentheils
aus derjenigen Einrichtung der Welt, ver
möge welcher GOttgewiſſe Mittel mit dem
Endzwecke unſeres Wohlergehens unauf
löslich verdunden hat, erwieſen werden
müſſen. Demnach iſt klar, daß die An
weiſung vernünftig zu leben ſowohl eine
Lehre von den natürlichen Geſetzen GOttes,
als von den Mitteln unſerer Vollkommen
heit und Glückſeligkeit ſey, und daß ſie je
nes zugleich ſeyn müſſe, wenn ſie dieſes
ſeyn ſoll. Jedoch wird im folgenden gezei-
get werden, daß es auch Regeln von Er
langung unſerer eigenen guten Zwecke
giebt, welche deswegen noch keine Geſetze
ſind, auch damit nicht verwirret werden
müſſen; welche man aber dem ungeachtet,
wenn ſie allgemein ſind, in der Moral
auch zu ſuchen hat. Ich kam demnach die
Anweiſung vernünftig zu leben ausfuhr: Ausführl
licher alſo beſchreiben, daß ſie eine Wiſſen Äj
ſchaft ſey, welche aus der Vernunft ſowohl Ä
die göttlichen Geſetze, als die übrigen ge
meinen Regeln zu Erlangung guter End Ä” “
zwecke zeige, und hiermit den Weg, zu der
- P 2 menſch
228 Cap. I Von der
/

menſchlichen Vollkommenheit und Glückſe


ligkeit, ſo gut als möglich, zu gelangen, er
kläret.
§ 16o. –
Was Pflich- Eine Pflicht im weiten Verſtande
Ä“ iſt ein Thun oder laſſen, darzu eine mera
ten ſind. liſche Nothwendigkeit vorhanden iſt. Eine
moraliſche Mothwendigkeit iſt ein ſol
ches Verhältniß eines Thuns oder Laſſens
gegen gewiſſe Endzwecke, daraus ein ver
nünftiger Geiſt verſtehen kan, daß es ge
than oder gelaſſen werden ſoll. Derjeni
ge Zuſtand, in welchem eine moraliſche Noth
wendigkeit zu etwas vorhanden iſt, wird die
Verbindlichkeit in weitem Verſtande ge:
nennet. Demnach handelt die Moral von
Pflichten und Verbindlichkeiten.
§ 161.
# # Unter der ZKlugheit verſtehen wir die
ÄGeſchicklichkeit, zu ſeinen Endzwecken gute
Ä Mittel zu erwehlen und anzuwenden. Die
Ä Tugend aber iſt die Uebereinſtimmung des
- moraliſchen Zuſtandes eines Geiſtes mit dem
göttlichen Geſetze. Daher nennet man auch
einen iedweden einzelnen Theil deſſelben eine
Tugend. Ich laſſe mich hier nicht irren,
daß zuweilen das Wort Tugend auch im
weitern Verſtande vor eine iedwede lobens
würdige Eigenſchaft genommen wird. Denn
dieſe Bedeutung iſt ietzo zu meinem Ende
zwecke nicht dienlich, da ich weſentlich unter
ſchiedene Dinge aus einander ſetzen will.
Mo
W
Tugendüberhaupt. 229

Moraliſch aber nenne ich alles dasjenige,


was ſeine Wirkung vermittelſt eines freyen
Willens hervorbringet.* Z. E. Eine Rede
iſt ein moraliſches Mittel, einen zu bewegen.
P3 Wenn
* Alles, was nach Endzwecken mit Bewußtſeyn ge
ſchiehet, rechnet man deswegen unter das Moralt
ſche, weil das Vermögen alſo zu agiren. nur in
freyen Geiſtern anzutreffen iſt, und dergleichen
Handlungen wenigſtens der Freyheit unterworfen
ſeyn können und ſollen. Es kan aber in einzelnen
Fällen doch geſchehen, daß eine ſolche Handlung
nicht frey, ſondern durch Leidenſchaft und Affect
jetzt unausbleiblich determinirt iſt. Man laſſe des
wegen das Grundweſen des Moraliſchen nicht aus
der Acht, welches nicht in der Vernunft, ſondern
in der Freyheit des Willens, die allemahl die Ver
nunft vorausſetzet, beſtehet: und welches hinge
gen von denen nicht beybehalten wird, welche die
Freyheit aufheben, und zwar dein Menſchen das
Handeln nach deutlichen Begriffen, und mit Be
wußtſeyn nicht abſprechen können, aber doch an
nehmen, daß jeder Zuſtand deſſelben durch völlig de
terminirende Urſachen unausbleiblich - ſo erfolget,
wie er erfolget. Hier ſehen manche die Verwir
rung nicht ein, ſondern meynen, man behielke
doch moraliſche Handlungen, weil mit Vernunft
und Bewußtſeyn agirt werde. Denn deraleichen
Handlungen nenne man morariſch. Nemlich man
nennt ſie darum ſo, weil ſie der Freyheit unterwor
fen ſind, oder unterworfen ſeyn ſollen und können,
welches aber den Verleugnern der Freyheit nicht zu
ſtatten kommt.
Bey Unterſuchung der Moralität ſiehet man
1) auf ihre Eriſtent, ob überhaupt eine Handlung
unter die moraliſchen gehört, und ob ſie im vorba
benden Falle moraliſch geſchehen iſt. Nemlich darzu
× gehört, daß das Subject Vernunft und den Ge
brauch der Vernunft, wie auch Freyheit des Wil
lens hat, und die Handlung dergeſtalt nach End
zwecken mit Bewußtſeyn geſchahe, daß ſie der Frey
heit unterworfen war, oder doch unterworfen ſevn
konnte und ſollte. 2) Aufihre moraliſche Beſchaf
fenheit, das iſt was vor eine Art von Moralität und
was vor ein Werth ihr zukomme. Weil daher ÄM
-
-

-
230 Cap. I Von der
Wenn ich dahero ſage, die Tugendſey eine
Uebereinſtimmung des moraliſchen Zuſtan
des eines Geiſtes mit dem göttlichen Geſetze;
ſo meine ich, es ſoll alles, was nur irgend
auf eine Art von unſerm ſreyen Willen ab
hanget, und entweder davon unmittelbar ge-
wircket wird, oder eine Folge ſeiner Thaten
iſt, oder demſelben hätte unterwerffen wer:
den können, mit dem göttlichen Geſetze über
einſtimmen,
- § 162.
Was eine Nunmehro kam ich die beyden Arten der
Ä Pflichten und Verbindlichkeiten, davon §
likt der 1ſo geſagt worden, zeigen. Nemlich das:
Äjenige, worauf ich die moraliſche Nothwen
eijdigkeit eines Thuns oder Laſſens gründet,
Ä' ich meine, woher ſie verſtanden werden ſoll,
bindlichkeit wird entweder nur in gewiſſen ſchon vorher
ift. von uns begehtten Endzwecken geſucht; da
wir denn nur auf die der menſchlichen Natur
nach der Thelematologie weſentlichen End
zwecke zu ſehen haben, welche man anderer
geſtalt nicht würde erreichen können; ſo
will ich die Pflicht, welche, und wiefern, ſie
. . . ſich
das Verhältniſ einer moraliſchen Handlung gegen
die Endzwecke und Regeln, woraus ihre Güte beur
thctet werden ſoll, mithin aegen die Geſetze, oder
gegen die Endzwecke der Klugheit, die Moralität
enennet wird: ſo gebe man im Sprachgebrauch
chtung, was jedesmal gemeynt iſt, ob die Eriſtent
der Moralität, da man etwas ſur überhaupt als eine
moraliſche Handlung anſehet, z. E. die Verſtellung,
oder die Art der Meralität, da etwas Ugieic) als
Tugend oder Laſter, Klugheit oder Thorheit, ange
ſehrn wird, z. E. bey dem Begriff der Lügen.
-

Tugend überhaupt. 23 I

ſich darauf gründet, eine Pflicht der ZKluge


heit § 161 nennen, gleichwie die daraus
erwachſende Verbindlichkeit darzu, die Ver
bindlichkeit der ZKlugbeit heiſſen kan.
Oder der Grund der moraliſchen Nothwen
digkeit liegt in einem Geſetze und in unſerer
Schuldigkeit, daſſelbige zu erfüllen; ſo will
ich dergleichen Pflicht eine Pflicht der Tu
gend nennen. Die daraus erwachſende
Verbindlichkeit darzu aber kam die geſetzli
che Verbindlichkeit, oder die Verbind
lichkeit der Tugend, oder auch die wah:
re Verbindlichkeit im engern Verſtande,
heiſſen, Derowegen iſt die Verbindlich
keit der ZRlugheit in der Moral dasjeni
ge Verhältniß eines Thuns oder Laſſens ge:
gen gewiſſe Endzwecke, welche wir vermö:
ge unſerer Natur begehren, und wiefern
wir ſie alſo begehren, welches macht, daß
wenn wir nicht ſo oder ſo verfahren, dieſel
ben Endzwecke nicht erlanget werden kön
nen. Die Verbindlichkeit der Tugend
iſt dasjenige Verhältniß eines Thuns oder
Laſſens gegen ein göttliches Geſetz, welches
macht, daß wenn wir nicht ſo oder ſo ver
fahren, das Geſetz übertreten wird. Ei
ne Pflicht der Klugheit iſt, worzu eine
Verbindlichkeit der Klugheit vorhanden iſt.
Eine Pflicht der Tugend hingegen iſt,
worzu eine Verbindlichkeit der Tugend vor
handen iſt. Dasjenige, worzu eine geſetz:
P 4 liche
232 Cap. I Von der
liche Verbindlichkeit vorhanden iſt, pfleget
man auch eine Schuldigkeit zu nennen.
§ 163.
Ä“. Ungeachtet ich aber die Pflichten und
Weind Verbindlichkeiten der Tugend und Klugheit
Ä ſorgfaltig unterſchieden habe; ſo darf nuan
mahu doch nicht meinen, als ob nicht bey der Tu
Ä“ gend ſelbſt alle beyde Arten der Verbind
ichkeit der lichkeit zuſammen kämen, und dahero eine
*"sº Pflicht der Tugend nicht allemahl auch zu-
gleich eine Pflicht der Klugheit wäre. Denn
da, wie im folgenden erhellen wird, das
göttliche Geſetz die wahrhaftigen Mittel un
ſers Wohlſeyns verordnet; ſo werden die
weſentlichen Wünſche unſerer Seele eben
dadurch erfüllet, wenn wir dem göttlichen
Geſetze gehorchen: und demnach hat iedwe
de Pflicht der Tugend auch zugleich die Na
Ä z, Ä einer Pflicht der Klugheit. Sie ſind
Ä, aber beyde erſtlich deswegen zu unterſchei
terſcheiben den, damit nicht, wenn man nur die Ver
ſind. bindlichkeit der Klugheit annimmt, die wah
re geſetzliche Verbindlichkeit und das We
ſen der Tugend gar aufgehoben werde, wels
ches leider von vielen zu geſchehen ſcheinet.
Ferner deswegen, weil, wo ſie auch beyſam.»
men ſind, doch iedwede beſonders erwieſen
werden muß. Es folgt nicht, wenn man
von zwey Dingen, welche in der That bey:
ſammen ſind, eines erwieſen hat, daß des:
gen auch das andere dargethan ſey, wenn es
ſich nemlich aus jenem nicht folgern läßt,
- - - oder
Tugend überhaupt. 233

oder wenigſtens nicht wirklich daraus gefol:


gert worden. Endlich iſt es auch deswegen
nöthig, beyde zu unterſcheiden, weil ſie nicht
allezeit beyſammen ſind. Denn obgleich
alle Pflichten der Tugend auch Pflichten der
Klugheit ſind; ſo werden wir doch im fol
genden ſehen, daß deswegen nicht umge
kehrt, auch alles eine Pflicht der Tugend
ſey, worzu ſich irgend eine Verbindlichkeit
der Klugheit erweiſen läßt. Es iſt auch
zu bedencken, daß, obgleich in der That alle
Pflichten zur Wohlfarth der Menſchen die
nen, doch deswegen nicht folget, daß ſie al
lezeit zur zeitlichen Glückſeligkeit derer ein
zelnen Perſonen gereichen, welche ſie aus
üben, auch nicht daß ſie allezeit aus der Gü
te der Felgen verſtanden werden könnten.
Denn die Folgen einer Handlung überſehen
wir gemeiniglich nicht weit und nicht zuver
läßig, und es muß auch oft das gemeine
Beſte, oder die Sicherheit deſſelben, dem
Nutzen einzelner Menſchen vorgezogen wer
den. - In ſolchen Fällen muß der Vortheil,
welchen zuletzt diejenigen erlangen, welche
ihre Pflicht ausüben, von GOtt mit Ver
trauen erwartet werden, er mag nun in die:
ſem oder in einem andern Leben erſolgen.
Demnach hat man auch keinen andern Grund
denſelben gewiß zu erwarten, als die göttli
che Verbindlichkeit, welche uns zu den Pflich:
ten oblieget, und über welche Verbindlich
keit der höchſtvollkommene, gütige und un“
P 5 wans
\

234. Cap. I von der

wandelbare GOtt unfehlbar halten wird.


- Wem an den göttlichen Geſetzen und an der
Tugend im Ernſte etwas gelegen iſt, und
wer nicht etwan aus Selbſtbetrug, oder der
Eitelkeit der Menſchen zu Gefallen, welche
es auf eine thörichte Art vor philoſophiſch
hält, wenn man die Moral auf keine wah
ren göttlichen Geſetze bauet, eine ungegrün
dete Geſetzloſigkeit einzuführen gedencket,
der wird wohl ſehen, wie viel an dem er
klärten Unterſchiede gelegen ſey.
W - SI64. - .

Was ein. Man kan alles dasjenige, was zur Mög


Älichkeit oder Wircklichkeit eines Dingeset
Gründe der was beyträget, inwiefern es etwas darzu
Äs beyträget, einen Grund deſſelbigen nennen,
molchen es mag nun der Grund etwas zu der Sache
Ä“ ſelbſt oder nur zu der Erkänntniß derſelben
ichkeit un- beytragen, welches zu einer fernern Einthei
en lung in den Jdeal- und Realgrund Ge
legenheit giebt, welche ich aber hier nicht aus?
führen kan. Nun giebt es zweyerley Arten
der Wircklichkeit und Möglichkeit, nemlich
die phyſicaliſche und moraliſche. Die
phyſicaliſche Wircklichkeit iſt, nach wel-
dher etwas iſt, die moraliſche aber, nach
welcher es ſeyn ſoll. Die phyſicaliſche
Möglichkeit iſt, wenn man gnugſame
Kraft hat etwas zu thun, die moraliſche
aber iſt, wenn man es thun darf, ohne
eine Verbindli hkeit dadurch zu veriezen
Ebenſo kan man auch das VNichtſeyn und
die
V
– –

Tugend überhaupt. 23
die Unmöglichkeit eintbeilen. Demnach
wird es auch zweyerley Gründe geben, nem
lich Gründe der phyſicaliſchen Mög
lichkeit und UVircklichkeit, und auch
Gründe der moraliſchen. Weil es nun
zweyerley Verbindlichkeit giebt, § 162; ſo
iſt ein moraliſcher Grund entweder ein
Grund der Tugend, oder ein Grund
der Klugheit. Ein moraliſcher Grund
der Klugheit, daraus man die Wirck
lichkeit einer Sache erweiſet, iſt, welcher
uns die nothwendige Verbindung derſelben
mit unſern Endzwecken vorſtellet. Ein mos -
7.

raliſcher Grund der ZKlugheit, daraus


man die Möglichkeit eines Dinges erwei
ſet, iſt, woraus man erkennet, daß etwas uns
ſern Abſichten unbeſchadet geſchehen könne.
Ein moraliſcher Grund der Tugend,
woraus man die Wircklichkeit einer Sa
che erweiſet, iſt, welcher uns den nothwen
digen Zuſammenhang derſelben mit einem
Geſetze vorhält, welches wiedrigenfalls wür
de übertreten werden. Ein moraliſcher
Grund der Tugend, woraus man die
Möglichkeit einer Sache erweiſet, iſt,
woraus man erkennet, daß etwas, ohne wie
der ein Geſetz zu handeln geſchehen könne.
Demnach kan etwas ein Grund der Tugend
und Klugheit zugleich ſeyn. Die Gründe
der Tugend ſind, wenn ſie auf einer andern
Seite betrachtet werden, allemahl zugleich
Gründe der Klugheit, obgleich dieſe Be
- - trach?
* -
236 Cap.I Von der
trachtungen ſelbſt untereinander nicht einer:
ley ſind, und es auch nicht umgekehrt gilt,
daß alle Gründe der Klugheit zugleich oder
eben deswegen Gründe der Tugend wären,
§ 163. Jahhabenicht umhin gekonnt, die:
ſe Materie weitläuftiger, als es vielleicht
einigen nöthig ſcheinen wird, einmahl vor al
lemahl auseinander zu ſetzen, weil ich ge:
mercket habe, daß es oft an einer deutlichen
Erkänntniß derſelben fehlet, auch wohl gar
Verwirrung vorgehet, wenn man nur mit
einer undeterminirten philoſophiſchen Spra
che von Gründen und zureichenden Gründen
redet. * Ein zureichender Grund ſoll ei:
f“ - gentlich
" Unter andern ſind ſolaende Fehler leider nur allzu
gewöhnlich; 1) Man verwirret die Entſtehungsart
einer Handlung aus ihren wirckenden Urſachen (ge
neſin phyſicam) mit der Verbindlichkeit, Z E.
Wenn man ſagt, die Natur verbinde uns durch die
Vorſtellung des Guten; denn dieſe Vorſtellung,
worinnen wir etwas vor ein Gut halten, treibe uns
an, darnach zu ſtreben. Es iſt nemlich ein thele
matologiſcher, und alſo pſychologiſcher Satz, daß
wir, was wir wollen, darum wollen, weil es gut
iſt oder zu ſeyn ſcheiner. § 44. Dieſer Satz gehört
zur geneſ phyſica der Actionen des Willens. Bey
der Verbindlichkeit aber will man nicht wiſſen, wo
durch eine Handlung geſchiehet, denn die böſen und
guten Actionen haben ihre zureichenden wirckenden
Urſachen; ſondern man verlangt zu wiſſen, ob und
warum etwas geſchehen ſoll, oder darf. Gleiche
Verwirrung liegt in dem Begriffe, die Verbind
lichkeit ſey die Verknüpfuna der Bewegungsgründe
mit den Handlungen Meynt man nun: Berve
gungsaründe, woraus die Handlung erfolgt, geneſ
phyſica ? oder vermöge welcher ſie geſchehen ſoll?
Denn auch die böſen Handlungen geſchehen nach
Bewegungsgründen; und wenn ſich dergleichen mit
dem Vorſatz geſchäftig zu ſeyn, nicht verari
- Ul
Cugend überhaupt. 237
gentlich heiſſen, worinnen nichts fehlet, was
zu der Sache, davon man redet, erfordert
wird.
und ihn determinirten, ſo geſchähen ſie nicht. Die
Quelle der Verwirrung liegt ohne Zweifel in der ſo
genannten determinirten Freyheit, das iſt, in der
Ahleugnung der wahren Freyheit. Denn hernach
wird Verbindlichkeit und die phyſikaliſche Entſte
bungsart der Handlungen freylich einerley. Daher
winden ſich auch diejenigen hier wunderbar, welche
den Irrthum aus keiner böſen Meinung vertheidi
gen, und eine wahre Verbindlichkeit dabey behau
pten wollen. Auch alle freye Handlungen haben
antreibende Urſachen. Aber ein thun ſollen läßt
ſich nur verſtehen, ſo lange wahre Freyheit geſetzt
wird; auſſerdem wird das Thun oder Laſſen blo
hyſice determinirt, nemlich in den Geiſtern dur
# und Triebe, wie in den Körpern nach den
eſetzen der Bewegung. 2) Man verwirret gern
den der Tugend die Pflicht und den Reit darzu.
Die Pflicht oder Verbindlichkeit in der engern Be
deutung, welche auch die Schuldigkeit heiſſet, und
die man beweiſen ſollte, muß aus einem geſetzlichen
Willen GOttes verſtanden werden. „Der Reiz be
ziehet ſich nur auf unſere Triebe , Geſchmack und
Geſinnung, z. E. Begierde nach Ehre Gewinn,
die Liebe u. ſ. w. Dieſer Begriff wird alſo noch wei
ter als ſelbſt die Verbindlichkeit der Klugheit.
Z) Bey dem Begriff von der Angewöhnung zur
Tunend verwirren viele die Bildung der wah-
ren Tugend im Gemüthe vermittelſ einer Wahl
der gebothenen Endzwecke und nach den wahren
Gründen der Verbindlichkeit; ferner diejenige
Ausübung materialiter guter Handlungen, wel
che war moraliſch und mit einer wircklichen Wahl
geſchiehet, aber nur um Gründe der Klugheit
willen oder bloß aus Geſchmack und Vergnü
gen, das man daran findet; endlich die unmora
liſche Angewöhnung zu gewiſſen Handlungen
- und Arten zu verfahren, da man die Menſchen ſo
angewöhnet, wie man auch die Thiere abrichtet,
und jene Angewöhnung ſich nur auf mehreres er
ſtreckt. Die Erziehung und die Polizey ſuchet das
andere und dritte zu erhalten, wenn und wiefern
die wahre Tugend nicht da iſt, als zu welcher jeder
Menſch ſelbſt wircken muß. In der Moral aber
muß die wahre Tugend doch mit denen heyden an
dern Begriffen nicht verwirret werden.
238 Cap. Von der
wird. Wenn einige vollends gar dieGrün
de der phyſicaliſchen Wircklichkeit oder Mög
lichkeit mit den moraliſchen Gründen ver
wirren, und dahero die Verbindlichkeit er
kläret zu haben glauben, wenn ſie eine Reihe
wirckender Urſachen angeben, welche in der
Seele auf einander folgen, und den Effect
determiniren, z. E. wie gewiſſe Vorſtellun
gen den Willen rege machen, und dieſer her
nach ferner in Thaten ausbricht: ſo iſt ſol
. ches ein Fehler, welcher ſich nicht entſchuldi
gen läßt. -

§ 16. -
«Ä' Ä Es iſt nöthig, daß ich hier den Begriff
Öberherr iſt von dem göttlichen Geſetze noch weiter aus:
führe, wiewohl die Erklärung davon ſchon
§ 132, 133 gegeben worden. Ein Ges
ſetz iſt ein allgemeiner Wille eines mäch:
tigern, welcher nicht wiederum einen an:
dern nächtigern über ſich hat, wodurch de
nen ihm unterworfenen eine Schuldigkeit
etwas zu thun oder zu laſſen aufgeleget wird,
welche aus dem Willen deſſelben entſpringet.
Derſelbe mächtigere, welcher das Geſetzgie
bet, wird ein Oberherr genennet. Jcher
fordere deswegen allezeit eine Art von Allge:
meinheit in dem Geſetze, damit es von eine
zelnen Befehlen unterſchieden ſey. Es ge:
ſchieht aber ſolches nur, um den Begriff
ganz genau zu beſtimmen. Denn in Abr
ſicht auf die Verbindlichkeit gegen den Wil
len GOttes iſt es einerſey, er mag ein allge
meiner
Tugend überhaupt. 239
meiner Wille, oder ein beſonderer Befehl -
ſeyu, nur daß wir in der Philoſophie von
dem letztern nichts wiſſen. Wenn man den
Willen ſeines Oberherrn aus Schuldigkeit. Was Ge
beobachtet; ſo heißt ſolches Gehorſam.""
Nun gründet ſich alle Schuldigkeit auf die >
Dependenz. Denn da dieſelbe dasjenige
Verhältniß ſeyn ſoll, welches eine morali
ſche Rothwendigkeit mit ſich bringet, ein
Geſetz, wiefern es ein Geſetz iſt, wenn wir
auch unſern eigenen Nutzen und Schaden
nicht mitrechnen wollten, dennoch zu voll
bringen, vermöge des erſten Begriffes; ſo
bleibt nichts anders übrig, als daß ſie die
Vorſtellung der Dependenß iſt, welche in
uns eben dadurch wirckſam gemacht wird,
daß ſie uns zum Gehorſam antreiben kan,
weil ein Grundtrieb in uns iſt, derſelben ge:
mäß zu handeln, § 133. Demnach iſt ein Fernere Er
Geſetz ein allgemeiner Wille eines indepen-Ä.“
denten Oberherrn, worinnen beſtimmet wird, 4.

was Leute, welche von ihm dependiren, aus


Gehorſam gegen ſeinen Befehlthun oder laſ
ſen ſollen, in der Abſicht ihrer Dependenz
von ihm gemäß zu handeln.
§ 166.
Zwey Dinge dependiren von einander, Was die De
wiefern das eine etwas von dem andern em" *
pfangen muß. Demnckh iſt die Depen
denz der Geiſter von einander dasjenige
Verhältniß, vermöge deſſen der eine gewiſſe
Güter von dem Willen des andern hat, der
geſtalt
M

240 Cap. I Von der


geſtalt, daß, wenn dieſer Wille hinwegfiele,
auch die Güter hinwegfallen würden, § 133.
Hieraus ſiehet man, wie die wahre moralis
ſche Dependenz von der bloß überwiegenden
Macht des einen über den andern unterſchie
den ſey, und was daher vor ein Unterſchied
zwiſchen einem Oberherrn ſey, deſſen Wille
eine verbindliche Kraft hat, und zwiſchen ei
nem andern mächtigern, welcher einen nur
zu Vollbringung ſeines Willens zwinget.
Z. E. Ein Straſſenräuberkan uns auch nö
thigen, ihm unſere Baarſchaft herauszuge
ben, aber aus dem Willen deſſelben erfolget
keine Verbindlichkeit darzu, welches hinge»
gen bey einem wahren Geſetzgeber ſtatt fin:
det. Nemlich einem Geſetzgeber müſſen wir
gewiſſe Güter zu dancken haben, welche, weil
er keinen andern Obern über ſich hat, bloß
ſeinem Willen zuzuſchreiben ſind. Daher
erfordert es nicht nur unſer Nutzen ihm zu
gehorchen, damit wir der Güter nicht ver-
luſtig werden,ingleichen unſere Vollkommen:
heit, weil das Wiederſtreben vergeblich ſeyn
würde, welches beydes zuſammen, die Ver
bindlichkeit der Klugheit ausmachet; ſon
dern wir empfinden auch, vermöge des Ge
wiſſenstriebes, § 133, eine Schuldigkeit
zum Gehorſam und eine natürliche Billig
keit deſſelbigen, daher eine geſetzliche Ver:
bindlichkeit entſtehet.
§ 167.
Tugend überhaupt. 24 I

§ 167.
Hieraus ſiehet man zugleich, daß die ##*
Begriffe eines Geſetzes und Geſetzgebers ſich Ägji
auf die bürgerlichen Geſetze nicht anders als Ä #
nur unter gewiſſer Bedingung appliciren laſ Älchen
ſen. Ein weltlicher Geſetzgeber iſt nur ſo: Ä aps
fern independent, wiefern die Beſorgung j
der öffentlichen Angelegenheiten eines Landes
ſeinem Gutbefinden völlig überlaſſen iſt, als
ſo daß er darinnen keinen andern weltlichen
Richter über ſich erkennet, ob er gleich von
GOtt dependiret. Die weltlichen Geſetze * -

ſind nur allgemeine Anſtalten zum gemeinen


Beſten. Sie bekommen ihre geſetzliche
Verbindlichkeit allererſt von GOtt, nemlich
von demjenigen Geſetze der Natur, welches
der Obrigkeit gehorchet wiſſen will. Auſſer
dem hätte ſie nichts weiter als eine Verbinde
lichkeit der Klugheit. Die obrigkeitliche
Würde iſt nur ein beſonderes öffentliches
Amt, welches zu reſpectiren eine göttliche
Verbindlichkeit da iſt. Die Unterthanen
dependiren alſo von der Obrigkeit nur we
gen des göttlichen Befehles, und der Wille
der Obrigkeit hat nur ſofern eine Kraft dies
ſelben geſetzlich zu verbinden, wiefern ihm
der göttliche Wille eine Art von Indepens
denz und eine verbindliche Kraft ertheilet
hat. Dieſes alles wird an ſeinem Orte er:
wieſen werden. Ich erinnere ſolches allhier
nur, um Schwierigkeit und Verwirrung zu
verhüten. Es iſt demnach ganz unrichtig,
Q U) (IW
4.

242 Cap. I Von der


wenn einige die Natur der bürgerlichen Ge
ſetze zur Richtſchnur machen, und die Be
ſchaffenheit der göttlichen Geſetze darnach bei
urtheilen, oder vielmehr verdrehen. Man
muß vielmehr erwegen, was vor göttliche
Geſetze erwieſen werden können, und her
nach unterſuchen, ob und unter was vor Bes
dingungen, der dadurch feſtgeſetzte Begriff
der Geſetze ſich auf die bürgerlichen applicis
ren laſſe. -

§ 168.
na da.
ehöret, die
Ich habe nun zuvörderſt die Wircklich
ircklich keit göttlicher Geſetze in demjenigen Ver
keit natürli ſtande, welchen ich angenommen, und
cher ħ 133, 165 aus dem Sprachgebrauch er:
zu erwei
wieſen habe, darzuthun. Es gehöret dar:
zu dreyerley, 1) daß man erkenne, daß ein
independenter GOtt ſey, 2) daß die Mens
ſchen von ihm dependiren, 3) daß er etwas
von ihnen in Abſicht auf dieſe Dependenz
und um derſelben willen gethan oder gelaſ
ſen wiſſen wolle, und dieſen Willen in der
Natur kund gethan habe. Denn wenn
die Eriſtenz des Geſetzgebers ſeine Richtig
keit hat; wenn die vorgegebene Dependenß
eine wahre iſt, damit das Geſetz, wenn ei:
nes iſt, eine Verbindlichkeit haben kan;
und wenn er auch etwas um der Depen:
denz willen beobachtet wiſſen will, und die
ſen Willen in der Natur kund gethan hat:
ſo iſt keine gegründete Möglichkeit mehr
übrig, wie man die Wircklichkeit göttlicher
- - natüv
*

Tugend überhaupt. 243

natürlicher Geſetze in Zweifel ziehen kan.


Nun ſehe ich hier die Wircklichkeit und Ei
genſchaften GOttes aus der natürlichen Got,
tesgelahrheit voraus. Eben deswegen ſetze
ich auch voraus, daß der Menſch in Anſe
hung ſeines Seyns, Weſens und alles Wohl,
ſeyns, von GOtt ſchlechterdings, einzig und
allein, und nothwendig, und alſo auf das
allervollkommenſte dependire. Mithin habe
ich nur ſo viel an dieſem Orte zu beweiſen,
daß GOtt gewiſſe Dinge von den Men
ſchen in der Abſicht gethan oder gelaſſen
wiſſen wolle, daß ſie ſich dabey zum End
zwecke vorſetzen, deswegen zu gehorchen,
damit ſie ihrer weſentlichen Dependenß von
GOtt gemäß handeln. Indem ich dieſes
aus der Vernunft erweiſen werde; ſo iſt
vor ſich klar, daß dieſer Wille GOttes durch
die Natur den Menſchen kund gethan ſey,
und von ihnen, wenn ſie nur ihren Ver
ſtand gebrauchen wollen, erkannt werden
könne. Es iſt alſo der vollſtändige Begriff Polºndge
vºn einem gelichen Ärchen Geſetze, Ä
wenn wir alles nochmahls kurz zuſammen Ä
faſſen, dieſer: es iſt ein allgemeiner ver: es.
bindlicher Wille GOttes, welcher den Men:
ſchen durch die Natur der Geſchöpfe ſelbſt
und den Gebrauch ihrer Vernunft kundge
than, und darinnen beſtimmet wird, was
ſie in der Abſicht thun oder laſſen ſollen,
damit ſie dadurch ihrer Dependenz von
GOtt gemäß handeln mögen. -

Q 2 § I69.
244 Cap. I Von der
§ 169.
Erſter Be- Man kan die Gewißheit göttlicher natür
Ä &# licher Geſetze erſtlich a poſteriori aus dem
- ÄGewiſſenºebe erweiſen, § I 36, welcher
Äauch zugleich den Innhalt derſelben anzei
ſind. get, § 135. Denn da alle andere Grund
triebe ein exiſtirendes Object haben, ſo wird
es auch dieſer haben. Ja er muß es ha
ben, weil ihn ſonſt GOtt der Seele vers
geblich anerſchaffen hätte, weil er nur die
Menſchen zu quälen diente, und weil man
ihn ſeiner Natur nach vor nichts als vor ei
ne Sprache GOttes durch die Natur an
nehmen kan. Zur Erläuterung ſehe ich noch
dieſes hinzu, daß man auch gleich bey Kin
dern, ſobald ſich der Verſtand in ihnen
hervorthut, wahrnimmt, daß ſie andern
bey gewiſſen Umſtänden eine wirckliche mo
raliſche Schuld beymeſſen, daraus der an
gebohrne Trieb erhellet, moraliſche Schuld,
und mithin auch ſolche Verbindlichkeiten zu
erkennen, aus deren Uebertretung ſie ent
ſtehen kan. Denn das wird niemand ſa
gen, daß ſie durch eigenes Nachſinnen zu
einem ſo ſchweren Begriffe gelanget wären.
Aus der Angewöhnung kan man es auch
nicht herleiten, theils weil es ſich gleich vom
Anfange, und vor einem mercklichen Unter
richte noch äuſſert, theils weil man auch kei
nen Grund der Allgemeinheit dieſer Eigen:
ſchaft ſahe, und man auch die Kinder zu
nichts angewöhnen kan, als was ſchon mit
gewiſ?
Tugend überhaupt. 245

gewiſſen natürlichen Trieben derſelben in ei:


niger Uebereinſtimmung ſtehet.
§ 17o.
Eben deswegen, weil ein Gewiſſenstrieb Andererse
in uns iſt; ſo läßt ſich auch die Nothwen-Ä
digkeit ein göttliches Geſetz zu erkennen, und Glückſelig
ſich nach demſelben zu richten, aus der Na-*
tur der Glückſeligkeit ſelbſt erweiſen. Denn
ſoll dieſelbe erhalten werden, ſo müſſen alle
weſentliche Grundtriebe der Seele erfüllet
werden, § 106. Folglich muß auch dem
Gewiſſenstriebe Genüge gethan, und mit
hin dieſes zum höchſten Zwecke gemacht wer
den, daß wir der § 137 beſtimmten allgemei
nen Regel menſchlicher Thaten aus Gehor
ſam gegen GOtt nachkommen.
§ 171. -

Ferner läßt ſich auch die Nothwendigkeit Dritter Be


der göttlichen Geſetze und zugleich der In: Ä it
halt derſelben a priori alſo erweiſen. * Ich Ä Ä
ſetze voraus, daß GOtt die weſentliche Voll- Ä
ommenheit der Dinge, und was damitwe Ä“
ſentlich verknüpfet iſt, nothwendig wolle, weil priori
er ohne dieſen Willen ſelbſt nicht alle mög
liche Vollkommenheiten haben, und mithin
nicht das vollkommenſte Weſen ſeyn würde.
Ich rede mit Fleiß nur von den weſentlichen
Vollkommenheiten, § 114, 1 1 . Denn von
den zufälligen habe ich keinen Grund, ſolches
zu behaupten, eben deswegen, weil ſie zufäl
lig ſind, und alſo mit den Endzwecken, wel
Q 3 che
* Vergl. Metaphyſ. $28s - 285.
246 Cap. I Von der
che ſich GOttvorgeſetzet hat, und nachdenen
ſich ein weiſes Weſen einzig und allein rich
tet, keinen Zuſammenhang haben; daher er
ſeiner Weisheit unbeſchadet unterlaſſen kan,
ſich darum zu bekümmern. Daraus folgt,
daß, ſobaldfreye Geſchöpfe geſetzet werden,
GOtt auch nothwendig wollen müſſe, daß
ihre freyen Handlungen, undwas davon ab
hanget, der weſentlichen Vollkommenheit
der Dinge gemäß ſeyn ſollen. Nun kömmt
an den Dingen zweyerley zu betrachten vor,
einmahl das Weſen eines iedweden inſonder
heit, zum andern die Verhältniſſe und Ver
knüpfungen, welche ſie untereinander haben.
Demnach will GOtt nothwendig, daß die
freyen Handlungen, und was davon abhan
get, demjenigen gemäß ſeyn ſollen, was die
Regeln der weſentlichen Vollkommenheitſo
wohl in Abſicht auf das Weſen GOttes, als
auf das Weſen der freyen Creatur ſelbſt, fer
ner auf das Weſen anderer Creaturen, und
endlich auch in Abſicht auf die Verhältniſſe,
in welchen ſie ſowohl gegen GOtt als unter
einander ſelbſt ſtehen, gemäß iſt. Nun wol
len wir den einen Theil unſerer herausge
brachten Concluſion fahren laſſen, und inſon
derheiterwägen, was dem Verhältniſſe, in
welchem ſich eine Creatur gegen GOtt befin:
det, gemäß iſt.
§ I72.
Fortſetzung. Eine Handlung eines vernünftigen Gei:
ſtes heißt alsdenn der Vollkommenheit ge:
mäß,
Cugend überhaupt. 247

mäß, wenn man aus ihrer Einrichtung


verſtehen kan, daß der Geiſt jene erkenne
und vor Augen habe, § 137. Sie wird
alſo dem Verhältniß gegen GOtt gemäß
ſeyn, wenn man aus ihrer Einrichtung ab:
nehmen kan, daß der vernünftige Geiſt
daſſelbe Verhältniß erkenne, und vor Aus
gen habe. Nun iſt das natürliche Ver:
hältntß, in welchem wir und alle Geſchöpfe
gegen GOtt ſtehen, dieſes, daß wir in allen “
Stücke von ihm einzig und allein und
mothwendig dependiren, § 166, 168. Das
iſt der einzige Zuſtand, welcher uns ſchlech
terdings weſentlich iſt. Alle übrige Zuſtän
de ſind uns zufällig. Daher muß auch ein
Weſen, welches die weſentliche Vollkommen
heit liebet, auf denſelben mehr als auf alle
andere ſehen. Demnach will GOtt noth:
wendig, daß alle freye Handlungen vernünf
tiger Geſchöpfe, und was davon abhanget,
alſo eingerichtet werden, daß man aus ihrer
Einrichtung verſtehen kan, daß ſie ihre völ
lige und nothwendige Dependenz von GOtt
erkennen und vor Augen haben, oder wel
ches gleichvieliſt, GOtt will, daß vernünf
tige Geſchöpfe ihre freye Thaten der Depen
denz von GOttgemäßeinrichten.
§ 173.
Nun ſind unſere Än der Dependenß Fortſeuss
von GOtt dadurch noch nicht gemäß, wenn - -

wir nur eben das wollen, was er will, ob:


wohl ſolches aus einem andern Grunde mit
gewiſſer Einſchränckung auch erfordert wird,
Q 4 § 17I.
248 Cap. I Von der
§ 171. Denn aus der Aehnlichkeit zweyer
Willen läßt ſich noch nicht verſtehen, daß
der eine eine Dependenz von dem andern
erkenne. Ferner iſt auch das noch nicht ge
nug, wenn wir alles was GOtt will, deswe
gen, weil ers will, aus Liebe thäten, § 125;
obwohl ſolches aus andern Gründen aucher
fordert wird. Denn daraus, daß ein Geiſt
aus Liebe ſich dem andern gefällig zu machen
ſuchet, läßt ſich abermahl noch nicht verſte
hen, daß er eine Dependenz von ihm erken
neund vor Augen habe. Folglich muß auſ
ſer dem vorigen auch noch dieſes hinzu kom
men, daß wir alles, was GOtt gethan wiſs
ſen will, nemlich was der weſentlichen Voll
kommenheit der Dinge gemäß iſt, auch aus
Gehorſam gegen ihn, als unſern Schöpfer,
Erhalter und verbindlich gebietenden Ober
herrn und Geſetzgeber,thun. Denn auseis
ner ſolchen Einrichtung unſerer Thaten läßt
ſich allererſt verſtehen, daß wir eine Depen
denz von GOtt erkennen und vor Augen ha
ben. Da derowegen GOttonothwendig
will, daß wir etwas um der Dependenzwil
len von ihm thun ſollen; ſo iſt auch noth
wendig ein göttliches natürliches Geſetz, deſs
ſen Inhalt hiermit zugleich erhellet. Und
eben dieſer nothwendige Wille GOttes iſt
der Grund von dem moraliſchen Guten, §
Ä gj 26; woraus man ſiehet, daß das morali
ſche Gute, wie alles andere, ſeinen Grund
in einem Willen habe. Ob man dahero
I - + lei gleich
Tugend überhaupt. 249

gleich ſagen kan, daß etwas auch ohne Abſicht


auf den Willen GOttes der Vollkommen
Heit gemäß oder zuwieder ſey; ſo kan man
Doch nicht zugeben, daß es ohne Abſicht auf
denſelben moraliter gut oder böſe ſey, weil
man ſich ſolchergeſtalt entweder wiederſpre:
chen, oder den gewöhnlichen Begriff von
dem guten oder böſen ohne Noth ändern
würde, § 26. Jedoch iſt deswegen das
moraliſche Gute nicht alles willkührlich,
weil dasjenige Wollen GOttes, in welchem
die natürlichen höchſten Geſetze ihren Grund
haben, kein freyes ſondern ein nothwendia
ges Wollen iſt.
S I74.
Hiermit habe ich alſo das höchſte natür? Welches das
liche Grundgeſetz a priori hergeleitet, Ä (2.
ches ich § 137 nur aus der Erfahrung Äs
angenommen habe, und welches dieſes iſt: iſt.
Thue aus Gehorſam gegen den Befehl
deines Schöpfers, als deines natürli
chen und nothwendigen Oberherrn, al
les dasjenige, was der Vollkommenheit
GOttes, und ferner was der weſentli
chen Vollkommenheit deiner eigenen
U7atur und aller andern Geſchöpfe, end
lich auch was den Verhältniſſen der
Dinge gegeneinander, welche ergemacht
hat, gemäß iſt, und unterlaſſe das Ge
gentheil.
Q 5 § 175.
25e Cap. I Von der
§ 175.
Ä
ÄÄ
Da nun die Tugend eine uebereinſm
mung des moraliſchen Zuſtandes eines Gei
Tugend. ſtes mit dem göttlichen Geſetze iſt, § 16 1;
ſo iſt dieſelbe ihrem vollſtändigern Begriffe
nach eine Fertigkeit, alles was der weſent
lichen Vollkommenheit GOttes, unſerer
ſelbſt, und aller andern Dinge, gemäß iſt,
aus Gehorſam gegen den göttlichen Willen
als unſers Oberherrn, zu beobachten.
- § 176.
Erläute- Die Meinung iſt, der Gehorſam gegen
Är GOtt, § 165, ſoll unſer ſchlechterdings
Endzweck höchſter, § 18, ſubjectiviſcher, GOtt ſelbſt
# * der höchſte objectiviſche, und die Vollbrin
gung ſeines Willens und Befehles der
* höchſte formale Endzweck, § 13, ſeyn, wel»
chem alle andere Endzwecke und Begier:
den, auch ſelbſt die Begierde unſeres Nu *.
>

* - zens und Vermeidung unſeres Schadens,


ſubordiniret, § 17, ſeyn ſollen. Alsdenn
wird unſere Glückſeligkeit aus der Tugend,
und in dem Stande der Tugend, von ſich
ſelbſt erfolgen; welche wir dahero auch be
gehren, ſuchen, und mit Dancke annehmen
können und ſollen, aber nur nicht zum
Zwecke des Gehorſams machen dürfen,
- weil dieſer dadurch ſein Weſen verlieren
"Ä würde, § 133. Damit es uns nun mög:
Ä lichſey, die Begierde, unſerer Dependen
Ä gemäß zu handeln, zum Hauptzwecke zuma
wird. chen; ſo iſt uns deswegen der Gº trie
Tugend überhaupt. z1
trieb eingepflanzet, vermöge deſſen uns die
Empfindung der Dependenz zum Gehorſam
antreibet, daß wir denſelben mit Luſt leiſten
können, wenn wir nur dem Gewiſſenstriebe
in der Seele die Herrſchaft einräumen, das
von bald mit mehrern gehandelt werden ſoll.
Wäre nicht der Gewiſſenstrieb in uns vors
handen, ſo würde freylich weder Gehorſam
noch Tugend möglich ſeyn; weil wir vermö
ge unſerer übrigen weſentlichen Triebe ſonſt
allezeit unſern Nutzen oder Vergnügenzum
Zwecke machen, oder wenigſtens bloß aus
Liebe agiren würden, § 43, welches aber
noch kein Gehorſam wäre, § 165, 173. Es Daß man
liegt ſehr viel daran, daß man dieſen GrundÄ“
der Verbindlichkeit der Tugend recht einſe: ninahe
he, weil ſonſt nicht allein keine wahre geſetz: Ä:
liche, ſondern auch nicht einmahl eine hin- genderwe
längliche Verbindlichkeit der Klugheit, §162, ſenkan
erwieſen werden kan. Denn ſollte die Ver
bindlichkeit zur Tugend ſich auf nichts ans
ders gründen, als daß die Tugend unſern ei
genen Nutzen in der Welt befördere; ſo kan
einer derſelben dadurch ausweichen, wenn er
ſpricht, er wolle der Tugend in gewiſſen Stü
cken nicht folgen, begebe ſich aber auch gut
willig des daher zu erwartenden Nutzens.
Es kan einer auch einwenden, die Tugend
würde zwar das beſte Mittel zur Glückſelig
keit ſeyn, wenn ſie von allen beobachtet wür
de. Allein da dieſes nicht geſchehe, ſo falle
die Sicherheit dieſes Mittels, und ";(AU
252 Cap. I Von der
auch die Verbindlichkeit darzuhinweg. Ja,
wenn man die wahre geſetzliche Verbindlich
keit nicht annimmt, ſondern nur die Ver
bindlichkeit der Klugheit bey den natürlichen
Pflichten zum Grunde leget; ſo folget gar
daraus, ie mehr ſich ein Menſch GOttes Bes
fehl und ſeine Schuldigkeit zur Tugend an
treiben laſſe, deſto unvollkommener werde ſei
ne Tugend, welches erſchrecklich zu ſagen iſt.
Es flieſſet aber dieſe Folge deswegen daraus,
weil nach der Meinung desjenigen, welcher
die Tugend nicht auf die wahre göttliche
Verbindlichkeit bauet, bey Leuten, welche auf
GOttes Befehlſehen, an die Stelle des in
nerlichen, und entweder allein wahren, oder
doch edelſten, Grundes der Verbindlichkeit,
ein äuſſerlicher, und bloß zufälliger, mithin
unedlerer, Grund untergeſchoben würde.
Hierdurch müſte das Weſen der Tugend,
nothwendig ſchlechter werden, nicht anders
als wie eine Maſſe geringſchätziger wird,
wenn man an ſtatt einer edlern Materie eis
ne unedlere unterſchiebt, und z. E. unter
Wein Waſſer gießt, oder unter eine Gold
maſſe Silber miſchet.
§ 177.
Was das Wenn man dasjenige, was bey dem Wes
Änd ſen einer Sache zu betrachten vorkömmt,
Änd alſo abtheilet, daß man etwas unterſchei
iſt. det, in welchem noch etwas anders befind
lich ſeyn muß, wenn das verlangte Weſen
da ſeyn ſoll, und wiederum etwas, welches!!
Tugend überhaupt. 253

in jenem befindlich iſt, und durch deſſen


Hinzukunft eben das verlangte Weſen zum
Vorſchein kömmt; ſo nennet man jenes die
Materie oder das Materiale, dieſes die
Sorm oder das Formale. Weil nun al
les, was von einem vernünftigen Geſchöpfe
der weſentlichen Vollkommenheit der Din
ge gemäß geſchiehet, allererſt dadurch zur
Tugend wird, wenn es aus Gehorſam ge
gen den göttlichen Willen geſchiehet, § 173;
ſo kan man die Abſicht, Gehorſam gegen
den göttlichen Willen auszuüben, das For
male der Tugend nennen. Dasjenige
Thun oder Uaſſen aber, welches an ſich be
trachtet, der göttlichen oder menſchlichen
Vollkommenheit gemäß iſt, und von dem
Gehorſam unterſchieden wird, machet das
Materiale der Tugend aus. Derjenige Waene
Zuſtandeines vernünftigen Geſchöpfes, in Äd
welchem ein weſentlicher Theil der Tugenderen unter
fehlet, iedoch ſo, daß wegen anderer Ei: Ä"
genſchaften, welche derſelbe mit der Tu
gend gemein hat, leichte der Schein der
Tugend entſtehet, wird eine Scheintus
gend genennet. Es giebt demnach drey
erley Arten der Scheintugenden: erſtlich,
wenn man zwar die Abſicht hat, Gehorſam
gegen GOtt auszuüben, aber es wird nicht
das gehörige materiale beobachtet; Zum
andern wenn das materiale ganz oder zum
Theilvorhanden iſt, aber es fehlet an dem
formali; Drittens wenn in einer gewiſſen
Hands
254 Cap. I Von der
Handlung zwarbeydes beyſammen iſt, aber
weil es ſich nicht mit allen andern Hand
lungen eben ſo verhält, ſo fehlet die Ueber
einſtimmung des ganzen moraliſchen Zu
ſtandes mit dem Geſetze, welches doch zum
Weſen der Tugend erfordert wird, § 161.
Man ſiehet daraus, daß auch eine Hand
lung aus mehr als einem Grunde zugleich
eine Scheintugend ſeyn könne. Geſetzt
Ä Ä. alſo, daß diejenigen, welche keine andere als
Ä Ät die Verbindlichkeit der Klugheit, § 162,
man nicht annehmen, indem ſie unſere eigene Voll
Ä“ kommenheit oder Glückſeligkeit zum höch:
ſten oder einzigen Grunde der Verbindlich
keit machen, gleich alle die materialen Tu
genden, § 161, auch lehrten, welche wir
vortragen werden; ſo begreifft ihre Moral
doch bloſſe Scheintugenden, dadurch un
ſerer Verbindlichkeit noch nicht genug ge
ſchiehet, und alſo unſere wahre Glückſelig
keit verlohren gehet, § 1 59.
S 78:
Der Aus demjenigen, was bisher erwieſen
Ä worden, laſſen ſich nunmehro die natürli
Ä chenprincipiacogngſcend des göttlichen
## Geſetzes, das iſt, diejenigen Wege genau
je beſtimmen, wodurch wir zur Erkenntniß
wiſſen- deſſelben gelangen können. Der erſte iſt
apoſteriori, nemlich der natürliche Ge
wiſſenstrieb, § 137, 169; indem wirnem
lich Achtung geben, was uns derſelbe, wenn
wir ihn nicht durch unſere Begierden, § 6,
IOC,
Tugend überhaupt. 25

100, und Affecten, § 78, hindern, als gut


oder böſe, ehrbar oder ſchändlich, billig oder
unbillig lehret. Aus dieſem Erkenntniß
grunde ſchöpfen nicht allein die gemeinen
Leute, ſondern auch die Gelehrtenſelbſt grö
ſtentheils die Erkenntniß der Pflichten, nur
daß die letztern hernach deutliche Beweiſe
darzu ſuchen, § 136.
§ 179.
Es giebt zwar auch ein irrendes und zwei Erläute-
felhaftes Gewiſſen, § 138. Allein dieſe Ä.
Schwierigkeiten muß man ſich nicht ſo gar wiſſen ein
großvorſtellen, als ob es deswegen gar nicht Ä
mehr möglichſey, daß das Gewiſſen einigenatürlichen
ſichern Erkenntnißgrund der Pflichten apo- #
ſteriori abgeben könne, obgleich ſo viel dar:
aus folget, daß GOtt, der die Herzen ken
net, über den richtigen Gebrauch deſſelben
allein Richterſeynkan. Man muß nur die
Urſachen des irrigen und zweifelhaften Ges -
wiſſens aufſuchen und hinwegſchaffen. Es
gehet hier, wie mit der auſſerlichen Empfin
dung, und es iſt weiter kein Unterſchied das
bey, als daß die äuſſerlichen Empfindungen ,
nur ihre Idee vor ſich ſelbſt leichter hervor:
bringen, dahingegen die innerlichen Em: ,
pfindungen vom Recht und Unrecht, vom
Ehrbarn und Schändlichen, vom Billigen
und Unbilligen, von Schuldigkeit und an
dern Bewegungsgründen, eine gewiſſe
Stille, Aufmerckſamkeit, Beſcheidenheit,
und Regierung des Gemüthes erfordern,
mit
256 Cap. I Von der
mithin nicht bey jedweden Zuſtande des Ge
müthes möglich oder leichte ſind, und doch
der Zuſtand ſelbſt, in welchem ſie ſtatt haben,
unſerer Freyheit unterworfen iſt, und durch
dieſelbe zugelaſſen werden muß, auch geför
dert und gehindert werden kan. Wenn nur
das Gemüthe nicht im unbequemen Zuſtans
de iſt, ſo werden die innerlichen Empfindun
gen ſo evident als die äuſſerlichen; und ſo
werden es auch die Empfindungen des Ge
wiſſens. Wer würde aber ſagen, daß die
äuſſerliche Empfindung ein ungewiſſes oder
untüchtiges principiumſey, Wahrheit zuer
kennen, ob ſich gleich viele durch vermeinte
Erfahrungen betrügen. Denn die Urſachen
des bey Einziehung und Beurtheilung der
Erfahrung oft mit unterlaufenden Betrugs
laſſen ſich, wie in der Vernunftlehre gezei
get werden muß, gar wohl bey Seite ſchaf»
fen. Hingegen ſo viel räume ich ein, daß
das Gewiſſen ordentlicher Weiſe nur des
Menſchen eigener Lehrer ſeyn könne. Hint
gegen andere Leute müſſen wir durch Ber
weiſe überzeugen, es wäre denn, daß wir
uns auf das Zeugniß ihres eigenen Gewiſ:
ſens ebenfalls ſicher beruffen, oder aus dem,
was die meiſten oder alle verſtändige Mens
ſchen vorrecht halten, ſchlüſſen könnten, daß
ſolche Meinung in dem allgemeinen Weſen
des Gewiſſens und nicht in dem beſondern
Zuſtande einzeler Perſonen gegründet ſey.
Unter:
Tugend überhaupt. 257
Unterdeſſen obgleich iedweder Menſch alle Obmanver
nur mögliche Vorſichtigkeit wieder das irren Ä
de Gewiſſenzu gebrauchen hat, § 171; ſo iſt den Gewiſ
er doch in dem Falle, da er es einmahl nicht Ä.""
verbeſſert hat, oder nicht hat verbeſſern kön:
nen, demſelben dennoch zu folgen verbun
den, weil man ihm ſonſt den Vorſatz ſeiner
Dependenz zuwieder zu handeln, erlauben
müſte.
- § 18O. -

Sowohl das irrende als zweifelhafte GesjÄ


wiſſen gründet ſich theils auf den Mangelden und
und Unvollſtändigkeit der Erkenntniß, dün-Än
ckele Begriffe, falſche Schlüſſe, Irrthümer abhelfen
und Vorurtheile, § , theils auf denjenigen *
übeln Gebrauch des Verſtandes, welcher ſei
nen Grund im Willen hat, § 56, 78, Ioo.
Wieder das erſtere kan man keinen andern
Rath geben, als daß man ſich bemühe, ſei
ne Erkenntniß zu verbeſſern. Dieſes wird
aber auch gewiß gut vonſtattengehen, wenn
man in Anſehung des letzten folgende Re:
geln beobachtet. 1) Man prüfe ſich nur
unpartheyiſch, ob man ſich in der That ge
zwungen fühle, etwas vorrecht oder unrecht,
oder doch vor billiger zu halten, und ob man
auch, wenn man deshalben von GOtt zur
Rechenſchaft gefordert werden ſollte, dabey
zu bleiben gedencke, daß man gezwungen ge
weſen ſey, ſich die Sache alſo vorzuſtellen.
Bey den Pflichten gegen andere iſt es ein
gutes Mittel genau
-

denAusſEs
Sjf;
-”

2 58 Cap. I Von der


Gewiſſens zu kommen, wenn man ſich in den
Gedancken an ihre Stelle, ſie ſelbſt aber an
die unſrige ſezet, und ſich ſelbſt fraget, wie
wir zu urteilen geneigt ſeyn, und was wir
vor recht und billig halten würden, wenn wir
an der Stelle des andern wären. 2) Man
hüte ſich, daß man nicht bloſſe Wünſche und
Verabſcheuungen mit wircklichen Urtheilen
des Verſtandes verwirre, welche letztern die
- Probe halten müſſen, wenn man auch bis
zu den oberſten logicaliſchen Gründen der
Wahrheit in die Höhe ſteiget. 3) Man
e dämpfe zu der Zeit, da man die Sache über
legt, die heftigen Begierden und Affecten.
4) Man überlege die Sache zu der Zeit,
wenn man ruhig iſt, und die Begierden und
Affecten auſſer dem Stande der Reizung
ſind, § 58, 59. 5) Man nehme ſich vor, das
Gute zu thun, und das Böſe zu meiden, es
koſte auch, was es wolle, ſo wird hernach der
Verſtand viel freher urtheilen, § 1oo. 6)
Wenn man ſich über dasjenige kein Gewiſ
ſenunacht, worzu man, vermöge ſeines Na
turells, oder aus andern Gründen, ſchon ge
neigt iſt, ſo iſt es allezeit verdächtig, weil
daraus eine leichte Möglichkeit eines irrigen
Gewiſſens erſcheinet. Daher hat man als
denn am meiſten auf eine ſcharfe Ueberzeu
gung zu dringen. Eben ſo verhält es ſich
im entgegengeſetzten Falle, wenn man ohne
Ä Gründe angeben zu können, ſich ein Gewiſ
jtje-ſen über etwas machet, und ſich eines ſchwer
- - müthi:
*
Tugend überhaupt. 259
müthigen Temperamentes bewuſt iſt. 7)bet, wenn
Man halte nicht davor, daß das Gewiſſen Ä
zweifelhaft bleiben müſſe, wenn die heraus: djurj
gebrachte Entſcheidung etwan nicht demonjic
ſtrativ, ſondern nur wahrſcheinlich iſt. Denn“
iſt gleich die Pflicht alsdenn nicht an und
vor ſich ſelbſt demonſtrativ erwieſen; ſo läſ:
ſet ſich doch das demonſtriren, daß man in
- - zweifelhaften Fällen der Wahrſcheinlichkeit
zu folgen ſchuldig ſey, weil man ſonſt dasje
nige thäte, was wahrſcheinlich unrecht iſt,
wodurch denn in dem Gemüthe alle ernſt
liche Abſicht, GOtt zu gehorchen, aufgehe
ben würde. Es muß nur eine wahre, und
nicht etwan bloß ſcheinbare Wahrſcheinlich:
keit oder Sophiſtereyſeyn, welches die Ver
nunftlehre deutlich zu entſcheiden lehren muß.
8) Man nehme den Rath und die Schriften
anderer Leute zu Hülfe, beurtheile ſie aber
nach Maßgebung der vorigen Regeln. Denn
dadurch werden wir auf mehr Umſtände und
Gründe gebracht werden. v

. . . - § I 8 I.
Der andere Weg, zur Wiſſenſchaft der Ä
- göttlichen natürlichen Geſetze durch die Vergrund des
nunft zu gelangen, § 178, iſt der Weg der Ä.
deutlichen Erkenntniſ , da man die deutliche
Pflichten aus der Natur der göttlichen und Ääfe
menſchlichen weſentlichen Voilkonumenheit
durch deutliche und bündige Schlüſſe herei:
tet, indem man zeiget, daß etwas dem Be
griffe der Vollkommenheit GOttes, oder ei:
R 2 . . ns *
26O - Cap. I Von der
nes Dinges überhaupt, an ſich gemäß oder
zuwieder ſey, oder daß die Abſichten GOt
tes, welche er bey den Dingen in der Welt
gehabt hat, ſonſt gar nicht, oder nicht ſicher
erreichet, und beſonders die weſentlichen
menſchlichen Grundtriebe der Seele nicht
anders geſättiget werden können. Ich rede
mit gutem Bedacht nur von den menſchli
chen Grundtrieben. Denn weil der Menſch,
wie im folgenden Capitel beſonders ausge
führet werden ſoll, nur in ſofern ein letzter
Zweck GOttes in der Welt iſt, wiefern er
ein vernünftiges Geſchöpfe iſt; ſo ſind die
thieriſchen Begierden, wiefern es nicht an:
dere Gründe erfordern, hieher nicht zurech
nen, weil ſie der vernünftigen Natur zufäl:
lig ſind. Die Abſichten GOttes aber, wel
che er bey einer Sache gehabt hat, findet
man, wenn man Achtung giebt, worzu ſie
ihrem Weſen nach geſchickt iſt, und alles
mit einander wohl vergleichet.
S I 82.
Ä Es giebt zweyerley Regeln der Voll:
Äskommenheit. Einige flieſſen aus dem
Äſchlechterdings nothwendigen Weſen der
Ät Dinge, andere aber aus der zufälligen Ein
Ä“ richtung dieſer Welt. Wenn wir daher
aus der Natur der Vollkommenheit die
Pflichten beſtimmen wollen, ſo haben wir
dieſen Unterſcheid wohl zu bemercken. Nem
lich manchmahl liegt der Grund der Pflich
ten darinnen, weil dieſelben zur menſchlichen
Sicher:
Tugend überhaupt. 26 I

Sicherheit und Zufriedenheit das einzige


Mittel ſind; daher es die Einrichtung der
Welt mit ſich bringet, daß ſie GOtt beob
achtet wiſſen will. Manchmahl aber liegt
er nicht in einem zur weltlichen Zufrieden:
heit gehörigen Endzwecke, ſondern darinnen,
daß das Geſetz aus der Natur GOttes, und
eines vernünftigen Geſchöpfes,und dem Ver
hältniſſe zwiſchen beyden an und vor ſich ſelbſt
nothwendig folgt, davon wir § 173 ein Erem
pel geſehen. Manchmahl liegt er auch in
beyden zugleich. Es wird ſich im folgenden
Ä
laſſe,
wie gut ſich dieſer Unterſcheid nutzen
§ 183.
Es giebt
Es ſind auch dahero die Geſeße nicht alle nothwendige
von einerley Nothwendigkeit, weil einige und zufällige
Geſetze und
aus dem Weſen GOttes und einer Welt Pflichten
überhaupt folgen, andere von der zufälligen
Einrichtung dieſer Welt abhangen, welches
letztere wiederum auf mehr als einerley Art
beſchaffen ſeyn kan. Hieraus entſtehet ein
wichtiger Unterſchied in den Pflichten, wel
che man deswegen in nothwendige und
zufällige, und jene wiederum in ſchlechter
dings nothwendige und in hypothetice
nothwendige eintheilen kan. Ich nen
ne eine ſchlechterdings nothwendige
Pflicht eine ſolche, welche ſich auf ein Ge
ſetz gründet, welches aus dem Weſen GOt
tes und einer vernünftigen Creatur und dem
Verhältniſſe zwiſchen beyden an und vor ſich
R 3 ſelbſt
>

262 Cap. I Von der


ſelbſt folget. Z. E. Die Pflicht, GOtt und
andere Menſchen zu lieben. Eine hypothe
tice nothwendige Pflicht iſt, die ſich auf
ein Geſetz gründet, welches bey Setzung der
gegenwärtigen Welt nur nicht anders ſeyn,
kan, ich meine, welches ſich auf diejenige zu:
fällige Einrichtung dieſer Welt gründet, wels
che GOtt ſelbſt darinnen gemacht hat. Z. E.
Die Pflicht der Eltern, vor die Erziehung
ihrer Kinder zu ſorgen. Eine zufällige
Pflicht aber nenne ich eine ſolche, die ſich
auf ein ſolches Geſetz gründet, welches aus
dem zufälligen Zuſtande der Welt herfließt,
in wiefern derſelbe nicht von GOtt und ſei:
ner Einrichtung, ſondern von den freyen
Handlungen der Menſchen herkömmt. Nem:
lich ein ſolches Geſetz verordnet etwas, das
bey den iezigen Umſtänden, wie ſie einmahl
ſind, zu Erhaltung der göttlichen Abſichten
das beſte, und, wenigſtens in den meiſten
Fällen, das ſicherſte Mittel iſt. Z. E. Der
Gehorſam gegen die Obrigkeit,
§ 184.
Ä Ein Geſetz iſt entweder ein gebietendes,
Ä welches will, daß etwas geſchehe, oder ein
oder verbie-verbietendes, welches will, daß etwas un
* terlaſſen werde, Nemlich dasjenige wird
verboten, was der weſentlichen Vollkommen:
heit der Dinge wiederſtreitet, was ihr aber
Ä gemäß iſt, wird geboten, § 174. Ein ver:
Ä bietendes Geſeßmuß dahero beſtändig erfül
Ä"let werden. Das gebietende aber kam auch
* - - von
Cugend überhaupt. 263
von etwas reden, welches nur bey gewiſſen
Umſtänden geſchehen ſoll.
§ 18F.
Was weder geboten noch verboten iſt, Ärlºt
heißt erlaubt. Daß es gewiſſe Dinge ge: Ä º
be, welche bloß erlaubt ſind, erkennet man Äubte D
a poſteriori daraus, weil man bey Unter: i, sº
laſſung gewiſſer Dinge keine Gewiſſensbiſſe,
§ 142, fühlet. A priori aber laſſen ſich die
ſelben auf zweyerley Art als möglich begreif
fen. Denn erſtlich kan es Dinge geben,
welche der weſentlichen Vollkommenheit des
Menſchen zufällig ſind, und damit nicht
nothwendig zuſammenhangen; daher GOtt
nicht nöthig gehabt hat, in Anſehung derſel-
ben etwas zu verordnen, § 171. Es wird
weiter unten gezeiget werden, daß die bloß
idealiſchen Vollkommenheiten, § 124, und
alles, was bloß zum Vergnügen dienet, zu
dieſer Claſſe der Dinge gehören. Ferner
kan es zwar ſeyn, daß etwas ein Mittel zu ei:
nem ſolchen Endzwecke iſt, welcher mit zur
weſentlichen Vollkommenheit der Dinge ge
höret: allein es kan ſeyn, daß es kein einzi
ges iſt, ſondern es deren mehrere giebt; oder
daß es nicht nöthig iſt, den Endzweck beſtän:
dig zu befördern, ſondern nur dann und
wann; oder daß zu Beförderung deſſelben
nicht alle Menſchen nöthig ſind. Z. E. Es
giebt vielerleyNahrungsmittel zu der menſch:
lichen Erhaltung; es iſt nöthig, daß wir
ſchlafen, aber nicht eben zu dieſer oder jener
R 4 Stun:
24 Cap. 1 Von der

Stunde; es iſt nöthig, daß Heyrathen ge


ſchloſſen werden, aber nicht eben, daß alle
Menſchen heyrathen. In allen dieſen Fäl
lenkan GOtt den Menſchen ſeiner Vollkom
menheit unbeſchadet frey laſſen, ihrem eige
nen Willen zu folgen, und es iſt mit eine von
den ausnehmendſten Proben ſeiner Güte, daß
er die Welt ſo eingerichtet hat, daß wir, oh
ne wieder eine Pflicht zu handeln, in unzeh
ligen Fällen unſerm eigenen Belieben folgen
dürfen, welches uns angenehm iſt, und an:
zeiget, daß GOtt ſo gütigſey, und uns nicht
weiter einzuſchräncken begehre, als er es
vermöge ſeiner eigenen Vollkommenheit
nicht verhindern kan. -

§ 186.
Wodurch ei-
ne ſonſt er-
Man kanaber eine Sache nur überhaupt
-

Ä oder in abſtracto betrachtet, erlaubt nennen.


böſe wird. Denn in concreto oder bey der wircklichen
Ausübung dieſer oder jener Perſon kan ſie
dem ungeachtet unerlaubt und böſe werden.
Denn weil der Menſch beſtändig zu dem
höchſten Gehorſam gegen GOtt verbunden
- iſt, welcher mit Bewuſtſeyn ausgeübt wer
den muß, § 173; ſo wird eine ſonſt erlaubte
Sache unerlaubt, wenn ſie mit einem ſol
chen Gemüthszuſtande geſchiehet, welcherei
nem ſolchen Gehorſam wiederſtreitet. Sie
wird dannenheroböſe, wenn man nicht dars
an dencket, daß ſie erlaubt ſey, cder wenn
man nicht weiß, ob ſie erlaubt ſey, ſondern
daran zweifelt, § 179, oder dencket, ſie ſey
nicht
Tugend überhaupt. 26.
nicht erlaubt, und die Sache dennoch thut.
Ferner wird ſie auch böſe, wenn man ſeine
Pflichten darüber verſäumet, welches beſon
ders bey denenjenigen an ſich erlaubten Hand
lungen vorkömmt, welche Koſten und viel
Zeit erfordern.
§ 187.
Was mit den göttlichen Geſetzen über Ä
einſtimmet, heißt moraliter gut, § 26, undin gute, je
was ihnen wiederſtreitet, moraliter böſe laubt
A.
Ä <

oder ſündlich. Nun giebt es zweyerley z


Uebereinſtimmung, die poſitive, wenn
die in dem Geſetze vorgeſchriebenen Abſich:
ten dadurch geſuchet und befördert werden,
da alſo unſere Thaten dem Geſetze mit der
poſitiven Subordination, § 17, unterworfen
ſind, und ferner die negative, wenn etwas
dem Geſetze nur nicht wiederſtreitet, und als
ſo unſere Handlungen dem Geſetze mit der
negativen Subordination unterworfen wer
den. Wenn man nun, indem man etwas
moraliter gut nennet, nur die poſitive Ueber- >
einſtimmung mit dem Geſetze meinet, ſo muß
man drey Claſſen der menſchlichen Handlun
gen machen, nnd ſie in gute, böſe und bloß
erlaubte eintheilen, welche leßtern man auch
indifferente oder Mitteldinge nennet.
Redet man aber von beyderley Gattungen
der Uebereinſtimmung, ſo werden nur zwey
Claſſen menſchlicher Thaten daraus, nemlich
gute und böſe, die guten aber muß man
ferner in Tugenden, § 161, und bloßer
R . laub:
266 Cap von der
laubte Thaten eintheilen. Der Sprach
gebrauch iſt hier ſchwanckend. Es iſt aber
meines Erachtens beſſer, daß man bey der
erſten Abtheilung bleibet, und nicht ſaget,
daß die indifferenten Dinge gut, ſondern nur,
daß ſie nicht böſe ſind. Denn wir werden
bald zeigen, daß die Tugenden und bloß er
laubten Handlungen nicht von einerley Wer
the, und in ihren Folgen ſehr unterſchieden
ſind.
§ I 88.
Die Pflich. Weil dahero die gebietenden Geſetze ſo
ten ſind ent
Iveder deter wolin Anſehung der Zeit als anderer Um
minirte oder
Undetermi
ſtände noch viel unbeſtimmtes in ſich hals
Mirte. ten können, § 184, 185; ſo ſind aus dies
ſem Grunde auch die Pflichten, welche das
her entſtehen, in determinirte oder be
ſtimmte, und undeterminirte oder un
beſtimmte Pflichten einzutheilen. Eine
Pflicht wird determinirt genennet, wenn
man ſie gegen diejenigen Umſtände hält,
welche darinnen genau beſtimmt werden,
und wenn dieſelben alle beſtimmt werden,
ſo iſt ſie völlig determinirt. Hingegen
heiſſet ſie undeterminirt, wiefern man
ſie gegen gewiſſe Umſtände hält, welche
darinnen nicht beſtimmet werden, ſondern
da uns erlaubt iſt, unter vielen möglichen
Determinationen eine nach Belieben hin
zuzuſetzen. Es kan demnach eine Pflicht
in Anſehung des Subjectes, Objectes,
Q3C32

W
Tugend überhaupt. 267

Grades, der Zeit, der Art und Weiſe


- u. ſ. f. unbeſtimmt ſeyn.
§ 189.
Das göttliche Geſetz darf nicht vergeb: Das Gute
lich ſeyn, weil etwas vergebliches zu thun, ĺ
dem Begriffe des vollkommenſten Weſens -
wieberſpricht. Dennach muß ein Unter- - >

ſchied zwiſchen denen gemacht werden, wel:


che daſſelbe gehalten, und welche es über:
treten haben, und nachdem daſſelbe mehr
oder weniger gehalten worden oder nicht,
nachdem muß auch der Unterſcheid groß
ſeyn, Dasjenige nun, was den tugend
haften wiederfähret, iſt etwas gutes, weil
die Güte GOttes, zu welcher er gegen ſeine
Geſchöpfe ohnedem bereit iſt, durch nichts ge
hindert wird. Ein Gutes, welches der Ge-
ſetzgeber um der geleiſteten Tugend willen
giebt, heißt eine geſetzliche Belohnung.
Folglich muß die Tugend belohnet werden,
ia nicht ein einziger Grad oder Umſtand deſ
ſelben darf ohne Wirckung, und mithin auch
nicht ohne Belohnung ſeyn.
- § 190. -
Demnach bleibet in Anſehung der Laſter: Das Böſe
haften nichts anders übrig, als daß ſie das Ä
Gute, welches der Tugend beſtimmet war,
nicht erlangen. Folglich wiederfähret ihnen
ein Uebel, und zwar, damit nichts in dem
Geſetze vergeblich ſey, ſo wiederfähret ihnen
um ſo vielmehr Uebel, iemehr moraliſches
Böſe ſiegethan haben. Ein Uebel, welches
VON
288 Cap. I Von der
von dem Geſetzgeber einenUngehorſamen um
des übertretenen Geſetzes willen zugefüget
wird, heiſſet eine Strafe. Folglich wird
das Böſe von GOtt beſtrafet, und iemehr
Böſes geſchehen, deſto gröſſer iſt die Strafe."
Eben dieſes lehret auch apoſteriori das Ge
wiſſen, weil wir vermöge deſſelben urtheilen,
daß die Laſter Strafe verdienen, und ihre
Beſtrafung vorrecht erkennen. Denn wenn
ſie, wie hierdurch die Natur ſelbſt lebret,
ſtrafwürdig ſind; ſo folget, daß ſie GOtt
ſtrafen muß, weil niemand ſonſt das Ver
mögen hat, weder den Grad des Böſen völ
lig zu beurtheilen, noch die Strafe ergehen
zu laſſen, als GOtt, und weil auch das Recht
zu ſtrafen Niemanden als dem Geſetzgeber
zukommen kan. Es gehöret demnach die
Beſtrafung des Böſen mit zu den vorzüg
lichſten Vollkommenheiten, welche uns das
Gewiſſen an dem höchſten Weſen erkennen
und verehren lehret.
- § 19 I.
Ä- Wenn der Unterſchied zwiſchen den Tu
ëÄuß gendhaften und Laſterhaften, ingleichen
Ä zwiſchen denen, welche eines oder das an
Ä"dere in höherm Grade geweſen ſind, ein
mahl wiederum weggenommen wird, und
man ſetzet, daß die vernünftigen Geſchöpfe
hernach in einen ſolchen Zuſtand kommen,
in welchem ſie nicht mehr Böſes thun kön
nen, § 52; ſo iſt es ſo viel, als ob auch zu
vor kein Unterſchied zwiſchen ihnen gewes
- " ſen
Tugend überhaupt. 269

ſen wäre. Und mithin iſt das göttliche


Geſetz in der Welt vergeblich gegeben ge:
weſen. Da er nun dieſes unmöglich ge
ſchehen laſſen kan, ſo muß der Unterſchied
ohne Aufhören fortdauren, und alſo, wenn
- ein anderes Leben iſt, welches ich bald er- /
weiſen werde, die Tugend unaufhörlich be
lohnet, und das Böſe unaufhörlich beſtra
fet werden.
§ 192. . .

Die weſentliche Vollkommenheit GOÄ.


tes, wiefern ſie mit den Geſetzen zu thun rechtkeit
hat, wird ſeine Gerechtigkeit genennet.° iſt.
Es giebt alſo dreyerley Gerechtigkeit in
GOtt, erſtlich die weſentliche, im engern
Verſtande, oder die Heiligkeit, vermöge
welcher er das noraliſche Gute nothwen- -

dig will, und daher Geſetze giebt, § 171,


172, 173, ferner die belohnende, § 189,
und beſtrafende, § 190, Gerechtigkeit.
§ I93.
Man wird hieraus verſtehen, daß die Ob die gött
göttliche Strafgerechtigkeit eine unvermeid- Ä
zliche Folge ſeiner unendlichen Vollkommen: Ä
heit ſey; daher man auch nicht etwan Urſa: dabe.
che hat, allererſt nach einem fernern End
zwecke GOttes bey den Strafen zu fragen,
oder ſich einzubilden, als ob derſelbe die Ver
beſſerung der laſterhaften Geſchöpfe ſeyn
müſte. Man ſiehet vielmehr, daß, inwiefern
ein über den Laſterhaften verhangenes Uebel
ihm in der Abſicht zugeſchickt wird, damit
LE
27o Cap. I Von der
er dadurch künftig gebeſſert werde, ſolches
noch nicht vor eine wahre Strafe zu halten
ſey. Wenn man fraget, warum GOtt ſolche
Creaturen erſchaffe, von denen er doch zu
vorſiehet, daß er ſie ihrer laſterhaftenThaten
wegen werde ſtrafen müſſen; ſo iſt die Ant
wort, daß ſolche Schöpfung zu Offenbahrung
ſeiner Vollkommenheit geſchehe. * Wenn -
man aber einmahl ſetzet, daß eine laſterhafte
Creatur vorhanden ſey; ſo iſt die endliche
Beſtrafung derſelben eine an die Natur
-
der göttlichen Vollkommenheit verknüpfte
nothwendige Folge, welche nicht auſſen
Warum uns bleiben kan. Daß aber die göttlichen Stra
die aöttli
chen Stra Änſen denen Menſchen leicht unglaublich, oder
leicht un- allzuhart vorkommen, liegt an zufälligen Ur
glaubli
Oder a u ſachen, welche in die Wahrheit und Gewiß
hart vor- heit der Sache an ſich ſelbſt keinen Einfluß
" , haben. Denn einmahl werden ſie leicht par
theyiſch im Urtheilen, weil ſie in den Gedan
ken unvermerckt einen Schluß auf ſich ſelbſt
machen, und befinden, daß, wenn es mit ei
ner ſolchen Strafgerechtigkeit GOttes feine
Richtigkeit hat, ſie ſelbſt ſich in einer ſolchen
Gefahr befinden, welche ſie aufs äuſſerſte
verabſcheuen, § Ico. Hiernächſt gedencken
ſie an die irgendwo erfolgenden göttlichen
Strafen gemeiniglich nicht mit deutlicher
Vorſtellung ihresGrundes und Urſprunges,
ſondern pflegen durch einen Sprung darauf
zu kommen. Daher überlegen ſie nicht, daß
- - die
* Vergl. Metaphyſ. § 300. 3o1.
Tugend überhaupt. 271

die Strafen denen Verbrechen und der mo


raliſchen Schuld bey denenſelben proportio
nal ſeyn müſſen, und daß daraus folget,
wenn viele Verbrechen zuſammen kommen,
oder die Schuld durch ſehr viele Umſtände
vergröſſert worden, daß auch die Strafe da
durch gröſſer gemacht wird. Geſetzt daher,
daß die Strafe auf ein einzelnes, oder auf
das kleinſte, Verbrechen gar geringe wäre:
ſo wird ſie doch im Erfolg bey ſolchen Leu
ten ſehr hart und empfindlich werden müſ:
ſen, welche vor ſehr viele und groſſe Verbre
chen zugleich, und alſo beſtrafet werden,
daß die Strafen allenthalben die gehörige
Proportion halten. Noch ein anderer -
Hauptumſtand iſt, daß der Zuſtand derer,
welche von GOtt geſtrafet werden, ſo einge
richtet werden muß, daß er ihnen nicht gleich
gültig ſeyn kan, und daß ſie ſich denſelben
auch durch keinen Trotz und vorſetzlicheVer
achtung des Beſſern gleichgültig machgn
können. Denn das Böſe muß dem Beſtraf
ten alſo verbittert werden, daß der Unters
ſchied und die Verſchlimmerung ſeines jetzi:
gen Zuſtandes in Vergleichung mit dem gu
ten Zuſtande, der auf die Tugend erfolgt
ſeyn würde, offenbahr und „leugbar wird,
§ 189. Demnach gehöret nach Befinden
der Perſonen, und zumahl bey ſehr verwe
genen und leichtſinnigen Verächtern des Gus
ten, ein groſſer Grad des Uebels darzu, wenn
die Bosheit derſelben dergeſtalt überwunden
Und
272 Cap. I Von der
und gebändiget werden ſoll,daß ſie empfinden
müſſen, und nicht leugnen können, daß ſie
ſich durch die Verachtung GOttes und ſei
nes Willens unglücklich gemachet haben.
Wie kan es demnach anders ſeyn, als daß
einem, der dieſe Gründe nicht überleget, und
in den Gedancken durch die gehörigen Stuf
fen zu der Beſtimmung der Strafe vor ge
wiſſe laſterhafte Perſonen fortgehet,dieStra
fen leicht Ä vorkommen? Denn er
betrachtet hernach das Strafübel nicht als
Strafe, ſondern nur als ein Uebel, und als
einen Schmerz oder ein Unglück, wodurch
denn ein Mitleiden erwecket wird, und eine
Neigung entſtehet, die Zufügung eines ſo
empfindlichen Schadens oder Schmerzens
als etwas tyranniſches anzuſehen.
> S I94.
Ä“ Man hüte ſich ferner vor dem Irrthu
jenme, als ob die göttlichen Strafen und Be
Äohnungen deswegen nöthig wären, eit
damit
jÄ das Geſetz dadurch eine Verbindlichk be
komme, indem eben die Furcht der erſtern
ben-
und Hoffnung der letztern die Menſchen
zum Gehorſam antreiben, und der End
zweck des Gehorſams ſeyn müſte. Denn
dadurch würde alle wahre geſetzliche Ver
bindlichkeit, § 162, 173, und auch aller
wahrerGehorſam, § 165, aufgehoben. Die
göttliche Vollkommenheit erfordert es, auf
ſolche Weiſe über das Anſehen ſeiner Ge
ſetze zu halten, § 189. Die Verbindlich
keit
Tugend überhaupt. 273

keit aber gegen daſſelbe erwächſet aus un


ſerer Dependenz von ihm, § 1 33. Weil
die Strafen den bürgerlichen Geſetzen ihre S
äuſſerliche Sicherheit geben, ſo meinet man
leichte, ſie gäben ihnen auch die Verbind
lichkeit, § 167, und appliciret hernach ſol
che Meinung auch auf die göttlichen Ge
ſeße. Die Hoffnung der Belohnungen
und Furcht der Strafen ſollen zwar als
antreibende Urſachen mit dem Gehorſam
zugleich verknüpft werden; ſie ſollen die
unſchlachtigen zum Gehorſam vorbereiten;
ſie ſollen durchgehends die Idee von der
Gewißheit und Unverbrüchlichkeit der Ge
ſetze lebhaft machen und erhalten; ſie ſol
len auch dadurch den Gehorſam vermögen
der machen, ſich durch keine Reizung zum
Böſen verführen zu laſſen. Aber der End
zweck des Gehorſams und das Weſen der
geſetzlichen Verbindlichkeit können und ſol
len ſie nicht ſeyn. Wem dieſes vielleicht
eine unnütze Subtilität zu ſeyn ſcheinet, der
erinnere ſich, daß wir wiedrigenfalls das For
male der Tugend verlieren werden, S. 177.
§ 19 F.
Weil aber der Grund von der Noth: Bloß erlaub
wendigkeit der Belohnungen und Stra-ĺ
fen die göttlichen Geſetze ſind, damit nem- Belohnung
lich die heiligen Forderungen deſſelben nicht" ſº:
vergeblich und ohne Wirckung ſind, wel
cher Grund hingegen auf die indifferenten
Dinge ſich nicht ſchicket, mit welchen das
S Geſetz,
274 Cap. I Von der
Geſetz, in ſofern ſie indifferent ſind, nichts
zu thun hat; ſo ſind auch dieſelben in ſo
weit weder einer Belohnung noch Strafe
fähig. Demnach ſind die bloß erlaubten
Dinge in ihren Folgen von den Tugenden
gar ſehr unterſchieden, S. 187.
§ 196.
Ä Es ſind zweyerley Strafen möglich,
Ä"erſtlich beraubende oder Privatvae, wel
Ä Äu- che uns nur an der Erlangung eines Guten
* hindern, welches wir auſſerdem haben kenne
ten, und poſitive oder quälende Straſen,
wenn an die Stelle deſſen, das wir wüns
ſchen, ein poſitives Gegentheil deſſelben ge“
ſetzet wird. Z. E. Wenn man einen ein
ſperret, ſo iſt es eine beraubende Strafe, die
Schläge aber ſind eine poſitive. Wenn ei:
ne beraubende Strafe einer ſolchen Begier
de ihr Object entziehet, welche man nicht
fahren laſſen kan, oder will; ſo entſtehetal
lezeit ein poſitiver Schmerz, und die Strafe
wird dahero zugleich poſitiv. Ebenſo kan
man auch die Belohnungen in remotive
oder befreyende, welche ein Uebel verhüten,
und poſitive oder vergnügende, welche ein
- Gut zuwege bringen, eintheilen
§ I97. -
Ä. Aus einem andern Grunde ſind die Stra
Äfen und Belohnungen entweder natür
enºriiche, welche GOtt durch den Lauf der Na
natürliche - - . "
Ä turals ordentliche Wirckungen an die guten
käoriae oder böſen Thatenverbunden hat, in der Ab
ſicht,
Tugend überhaupt. 275

ſicht, jene zu belohnen, und dieſe zu beſtra:


fen. Sie flieſſen daraus entweder wegen
der phyſicaliſchen Beſchaffenheit der Dinge
an ſich ſelbſt, oder wegen der natürlichen
Verbindungen und Verhältniſſe, darinnen
die Geiſter untereinander ſtehen. Z. E.
Auf die letztere Art iſt Haß und Verachtung
eine natürliche Strafe des Hochmuthes.
Hingegen auf die erſtere Art iſt ein langes
Leben eine natürliche Belohnung der Mäßig
keit, ein frühzeitiger Tod aber eine natürliche
Strafe der Unmäßigkeit. Man hüte ſich,
daß man ſich nicht einbilde, der Begriff der
Strafen und Belohnungen ſchicke ſich nicht
auf dasjenige, was natürlicher Weiſe nicht
auſſenbleiben kan. Denn da GOtt der Ur
heber der Natur iſt, ſo iſt es gleichviel, ob
er etwas in der Natur vorherbeſtimmet hat,
oder oberes unmittelbar ausrichtet. Doch
verdienen diejenigen natürlichen Strafen ei-
ne beſondere Aufmerckſamkeit, welche nicht
ſchlechterdings nothwendig, ſondern nur we
gen der gegenwärtigen zufälligen Einrich
tung der Welt, an ſolche Thaten verbunden
ſind, von denen ſchon anderweit bekannt iſt,
daß ſie mit der Vollkommenheit ſtreiten, z. E.
bey der Trunckenheit, Unzucht u.ſ w. Oder
die Strafen und Belohnungen ſind ferner
willkührlich, wenn ſie über das, was na
türlicher Weiſe aus der Sache folget, noch
hinzugethan werden. Dieſe letztevn ſind zu
dem Ende nöthig, damit die gehörige Pro
- S 2 pors
276 Cap. I Von der
portion im Belohnen und Beſtrafen durch:
gängig beobachtet werden könne. Denn
was z. E. die Strafen anlanget, ſo iſt au
genſcheinlich, daß nicht allezeit die gröſſere
Sünde auch ein gröſſeres phyſicaliſches Uet
bel natürlicher Weiſe nach ſich ziehe. Das
mit derowegen die nöthige Proportion den
Regeln der Vollkommenheitgemäß, § 189,
196, erhalten werde, ſo iſt nöthig, daß will:
kührliche Strafen, ſo oft es nöthig iſt, von
GOtt hinzu gethan werden.
§ 198.
„Ä“ Dasjenige Verhältniß eines Unterwor
j fenen gegen ein Geſetz, vermöge deſſen er
als ein Uebertreter deſſelben angeſehen wer
den muß, heiſſet die moraliſche Schuld.
Weil nun daraus auf Seiten GOttes eine
Nothwendigkeit flieſſet, ihn zu ſtrafen,
§ 19o; ſo unterſcheidet man an der mora
liſchen Schuld zwey Theile, die Schuld
der Sünde, (reaturn culpae) vermöge
deren einer ein Uebertreter des Geſetzes iſt,
und mit Wahrheit genennet werden kan,
und die Schuld der Strafe, (reatum
poenae) vermöge welcher er der morali
ſchen Nothwendigkeit geſtrafet zu werden
unterworfen iſt.
- S I99.
Ä" Dasjenige Urtheil, da man einem eine
unjie Wirckung als einer ſelbſtthätigen, § 41,
lerev ſie iſt und freywirckenden Urſache zuſchreibet, heiſ
ſet die Surechnung. Wenn man dahero
Elf
Tugend überhaupt. 277

eine That bloß gegen die Regeln der Voll


kommenheit hält; ſo kan man einem etwas
Zum Lobe oder Tadel zurechnen, § 40.
Betrachtet man aber die moraliſche Güte
derſelben in Abſicht auf ein Geſetz, welchem
er unterworfen iſt; ſo kan man ihm dieſelbe
zur Tugend oder Laſter zurechnen: wor
aus denn auch ferner folget, daß der Geſetz
geber ſie ihm zur Belohnung oder Strafe
zurechne, § 189, 19o. Weil die Zurech: Ä
nung ihren Grund in der Freyheit hat: So Ä
erhellet auch daraus, daß einem etwas aus
vielerley Grunde zugerechnet werden könne,
weil er ſeine Freyheit auf mancherley Artge
brauchen, und auf mancherley Art zur Rich
tung der natürlichen Urſachen anwenden kam.
Denn erſtlich iſt einer von demjenigen, was Mankanet
man ihm zurechnen kan, entweder ſelbſt Ä
durch ſeine eigene Perſon die Urſache, oder tun oder
nicht. Z.E. Was andere auf unſern Be."
fehl, oder in unſerm Nahmen thun, oder
worzu wir ſie auch nur überredet und beweget
haben, das iſt uns zuzurechnen. Denn wir
ſind eine freywirckende Urſache von dem, was
geſchiehet. Ferner kan man zu dem, was uns Ä
zugerechnet wird, durch ſeine Freyheit et. Ä.
was pºſitive, oder negatitebeygetragen hat Ä
ben. Wir verhalten uns dabeypoſitive, wenn ĺ“
wir die Sache ſelbſtgethan, oder veranſtaltet
haben; Hingegen negative, wenn wir unſere
Freyheit zu demjenigen Gebrauche unſerer
Kräfte nicht angewandt haben, worzu wir ſie
S 3 hät»
278 Cap. I Von der
hätten anwenden ſollen. Z. E. Wenn wir
in Unwiſſenheit und Irrthum gerathen,
weil wir uns keine Mühe gegeben, ihn zu
vermeiden, oder wenn durch unſere Unacht
ſamkeit, durch Verſäumung unſeres Am
„Ä u. ſ. f. Schade geſchiehet. Noch wei
Äitter dependiret dasjenige, was uns zuge
eahr rechnet wird, von unſerer Freyheit, entwe
# "der unmittelbahr, oder mittelbahr.
Denn was aus der willkührlichen Rich
tung und dem Gebrauche unſerer Kräfte
und anderer Dinge als eine natürliche Fol:
ge herflieſſet, oder deswegen aus natürli:
chen Urſachen entſtehet, weil wir die Ent
ſtehung deſſelben ſo, wie wir ſolten, nicht
verhindert haben, das wird unſerer Frey:
heit, als einer wahren Urſache, zugeſchrieben.
ÄZE Worzu einen eine heftige Leidenſchaft
jaj determiniret, das kan ihm doch zugerech
Äne werden, weil er dieſelbe in ſich er
jzeuge t, oder wenigſtens nicht verbeſſert
Ähat. Endlich geſchiehet dasjenige, was
jehj uns zugerechnet wird, entweder alſo, daß
"erden unſere Sreybeit als eine Urſache, war
um es geſchieher, angeſehen werden
kan; Oder wir verhalten uns doch ſen
ſten dergeſtalt darzu, daß es eben ſo viel
iſt, als ob wir vernirtelſt unſerer
Sreyheit eine Urſache davon wären.
Das letztere geſchiehet, wenn wir beuuuhet
geweſen ſind, etwas zu thun, aber nur an
der Ausführung deſſelben gehindert wor
- den,
Tugend überhaupt. 279

den, oder wenn etwas zwar aus natürli


chen Urſachen in uns entſtanden iſt, aber
wir billigen es doch nachgehends freywillig
und dergeſtalt, daß wir es ſelbſt verurſachet
haben würden, wenn wir gekonnt hätten.
Wenn wir hingegen etwas, das nicht geſche- Wenn die
hen ſelte, aus einer unvermeidlichen ünwißÄ*
ſenheit, oder doch aus einer ſolchen Unwiſfindet.
ſenheit veranlaſſen, welche zu vermeiden wir
keine Verbindlichkeit hatten; oder wenn wir Y
phyſice zu etwas gezwungen werden, davon
uns die Urſachen des phyſicaliſchen Zwanges
nicht zugerechnet werden können; oder wenn
wir etwas deswegen nicht thun, weil es uns
phyſice oder moraliter nicht möglich iſt, und
wir auch an der Ermangelung der Mög
lichkeit keine Schuld haben: So kan uns
ſolches nicht zugerechnet werden. Man mü Weitere Be
ſte ſonſten die Bedeutung des Wortes zu Ä #
rechnen erweitern, und darunter ein iedwe: j.
des Urtheil verſtehen wollen, da man etwas
einem denckenden Weſen als eine wahre Ei
genſchaft, oder als eine wahre Wirckung zur
ſchreibet. Jedoch könnte man auch alsdenn
nicht leugnen, daß dasjenige aus der Zurech
mung in dem letztern Verſtande nicht folge,
was aus derſelben in der erſtern Bedeutung
flieſſet.
CCO.

Ein Recht oder Befugniß iſt ein mo: Was ein


raliſches Vermögen, § 164, etwas zu hun ###
oder zu laſſen, das iſt ein ſolches moralhes“
S 4. Ver:
2ZO Cap. I Von der
Verhältniß eines Geiſtes gegen ein gewiſſes
Thun oder Laſſen, vermöge deſſen er an dems
< ſelben durch kein Geſetz verhindert wird.
Es iſt dahero ein Recht etwas, das ſowol
dem Geſetzgeber als dem Unterworfenen zu:
kommen kan. Ferner kan man ein Recht
zu etwas, ſowol gegen ein vernünftiges als
unvernünftiges Weſen haben. Es iſt dem:
nach ein Recht eines Menſchen ein morali
ſches Vermögen, in gewiſſen Stücken ſeinem
eigenen Willen zu folgen, und alſo eines phy
ſicaliſchen Guten, § 24, unverhindert zu ge:
nieſſen, § 13. Das Befugniß wird dem
phyſicaliſchen Vermögen entgegengeſetzt, da
man zu etwas bleß die natürliche Kraft be:
Wodurch die ſitzet. Es wird dahero ein Befugniß einer
Befugniſſe
moglich wer Creatur allererſt durch einen freyen Willen,
den. deſſen ſie ſich entweder ſchon gebrauchet, oder
künftig gebrauchen wird, und durch einen
erlaubenden Willen GOttes möglich ge:
macht: woraus man zugleich ſiehet, daß ei:
ne Creatur gegen GOtt kein von ihm inde:
pendentes Recht haben kan; weil ſie, da ſie
ſchlechterdings von ihm dependiret, keine mo
raliſche Möglichkeit, etwas zu thun, oder zu
laſſen, haben kam, ohne nur, welche er ihr
zugeſtehet. Es wird daheroein menſchliches
Recht, welches von einer Verbindlichkeit un
unterſchieden und alſo ein bloſſes Recht iſt,
allererſt dadurch möglich, daßentwederman
che Dinge mit der weſentlichen Vollkommen:
heit GOttes und der Creaturen nicht noth:
wendig
Tugend überhaupt. 28 I

wendig zuſammenhangen, oder daß ſie damit


nur als ſolche Mittelzuſammenhangen,an des
ren Statt auch andere da geweſen wären,
§ 185. Gewiſſe Pflichten aber heiſſen darum .
auch Rechte, weil ſie als ſolche Sachen be
trachtet werden, an denen uns wegen unſerer
natürlichen Triebe ſelbſt etwas gelegen iſt,
daß wir alſo, indem wir dieſelben ſuchen, uns
ſerm eigenen Willen gewiſſermaſſen folgen.
§ 2OI.
Es kan demnach mit einem Rechte auch Die Beſug
eine wirckliche Verbindlichkeit verknüpfetÄ
ſeyn, welche aber inſofern ein Recht heiſſet, frene oder
weil uns das Object derſelben wegen einer €

ſchon vorher in uns befindlichen Begierdean


genehm iſt, § 24, daß wir alſo dabey, indem
wir derſelben folgen, gewiſſermaſſen auch
unſern eigenen Willen ungehindert vollbrin
gen. Dergleichen iſt z. E. das Recht, ſein
Leben und Geſundheit zu erhalten, § 1o1.
Man betrachtet alsdenn die Sache, darzu
man eine Verbindlichkeit hat, nur auf einer
andern Seite. Man kan demnach die Bes
fugniſſe in freye und verbindliche eins
theilen. Die letztern ſind zugleich Pflich
ten, die erſtern aber bloſſe Befugniſſe. Un
terdeſſen wird man hierauszugleich ſchon
verſtehen, daß es unerweislich und falſchſey,
wenn man vorgebt, daß zu jedwedem Rech:
te auf der andern Seite eine Verbindlichkeit,
oder auch umgekehrt, vorhanden ſeyn müſſe.
-Dieſes muß vielmehr iedesmal beſonders un:
5 Es
282 Cap. I Von der
terſucht werden, daher man die Befugniſſe
in edlere und unedlere eintheilen kan.
Hiervon aber wird im Rechte der Natur
ausführlich zu reden ſeyn. Uebrigens ver:
wirre man die gegenwärtige Bedeutung des
Wortes Recht nicht mit derjenigen, da man
darunter einen Inbegriff von Geſetzen ver:
ſtehet.
§ 202.
Ä“ ſetzgebers,
ſº Die Diſpenſation iſt ein Wille des Ge
Pl da er einen, welcher dem Geſetze
unterworfen iſt, und in einem Falle, in wel
chem er ihm unterworfen iſt, dergeſtalt da
von ausnimmt, daß er das Gegentheil deſ:
ſelben, ohne ſich eine moraliſche Schuld zu
zuziehen, thun darf. Demnach iſt es keine
Diſpenſation, wenn einer das vermeinte Ge
ſetz in demjenigen Falle nicht erfüllen darf,
von welchem es nicht zu verſtehen iſt, oder
wenn ihn das Geſetz nicht mit angehet. In:
gleichen iſt es keine Diſpenſation, wenn ei
ner ausdrücklichen Befehl von dem Geſeß:
geber erhält, etwas zu thun, welches er ſonſt
nicht thun dürfte. Denn die Diſpenſation
Wie ſie von ſoll eine bloſſe Erlaubniß ſeyn. Man ver:
# Äwirre ſie auch nicht mit der Tachſicht,
Ädej (tolerantia) da der Geſetzgeber wegen ande:
rer bewegender Urſachen eine Uebertretung
ſeines Geſetzes ungeſtraft hingehen läßt, ob
ſie gleich eine wirckliche Schuld nach ſich zie:
het. Wenn nun gefragt wird, ob die na:
türlichen Pflichten und Geſetze diſpenſabel
ſind;
Tugend überhaupt. 283
ſind; ſo dienet zur Antwort, daß die Diſpen
ſation nur in Anſehung dererjenigen möglich
ſey, welche nicht ſchlechterdings nothwendig
ſind, § 183. Es dient aber dieſe Frage
- nur zur Vollſtändigkeit unſerer Erkenntniß.
Denn die Vernunft kam von der Wirklich
keit göttlicher Diſpenſationen nichts wiſſen.
§ 2O3.
Der Inbegriff aller Pflichten der Tugend Ä
zuſammengenommen, welche die Vernunft Ätür in
iehret wird das Recht der Faturinwei Ä“
tem Yerſtande genennet. Da nun alle
Pflichten der Tugend ihre Verbindlichkeit
von GOtt haben, und aus Gehorſam gegen
den göttlichen Befehl ausgeübet werden müſs
ſen, § 173; ſo iſt das Recht der Natur ſei:
nem Weſen nach nichts anders, als der
practiſche Theil der natürlichen Gottesge
lahrheit. -

§ 2C4.
Damit aber der Umfang einer einzigen Einteilun
Wiſſenſchaft nicht allzu groß würde, ſo hat Ä
es der Gebrauch eingeführet, daſſelbe davon che Mºral
abzuſondern, und nach den drey Hauptgat-Ä
tungen der Pflichten, welche darinnen vor der Natur
kommen, läſſet es ſich ganz beqvem in dreyÄ
Wiſſenſchaften zertheilen, welcher Einthei und die
lung ich iezo folgen werde. Nemlich die °
natürliche Moraltheologie handelt von
den unmittelbaren Pflichten gegen GOtt,
das Recht der Matur im engern Ver:
ſtande, von den Pflichten und Befugniſſen
- Der
284 Cap. I Von der
der Menſchen gegen andere Menſchen, und
die Ethik von den Pflichten, welche unmit
telbar die tugendhafte Einrichtung unſers
eigenen Gemüthes und Zuſtandes betreffen,
welche mangemeiniglich Pflichten gegen ſich
ſelbſt nennet; wiewohl ſich meines Erach
tens wieder die Richtigkeit dieſer Benen
nung noch viel erhebliches mit Grunde ein
wenden lieſſe, welches ich aber, weil es einen
Wortſtreit betrifft, nicht weiter treiben will.
Es giebt zwar auch noch andere Pflichten,
welche die Vernunft erkennet, nemlich die
Pflichten in Anſehung der unvernünftigen
und lebloſen Geſchöpfe. Da ſie aber aus dem
allgemeinenGrundgeſetze der Tugend,§ 174,
ſich leicht verſtehen, und ſich in den andern
Wiſſenſchaften füglich mit einbringen laſ:
ſen; ſo hat man nicht nöthig, daraus ei:
nen beſondern Theil des natürlichen Rech
# # tes zu machen. Da unterdeſſen die in der
Ä Ethik zu erklärenden Pflichten nicht allein
wird, natürliche Pflichten, ſondern zugleich dies
jenige Vorbereitung des Gemüthes zu den
übrigen Tugenden ſind, wodurch die Er:
füllung derſelben allererſt möglich werden
muß; ſo iſt es der natürlichen Ordnung
gemäß, daß von denſelbigen zuerſt gehan
delt werde.
§ 2oº.
Ä. Eine von den Ethiſchen Pflichten iſt,
lehre iſt und wie im folgenden gezeiget werden wird,
"auf die Verbindlichkeit zur Klugheit, § "E
Cs
Tugend überhaupt. 28%

Es laſſen ſich aber von der Klugheit be- Äf


ſondere allgemeine und nützliche Regeln ge: Ä
ben, welche man hernach auch bey allen
andern Endzwecken, auch bey denenjenigen,
darzu man keine Verbindlichkeit hat, ge:
brauchen kan. Von denſelben muß in
der Moral auch gehandelt werden. Sie
gehören aber nicht zum Rechte der Natur
ſelbſt, eben ſo wenig als die Vernunftleh
re etwan aus dieſem Grunde zum Rechte
der Natur gezogen werden kan, weil wir
die Pflicht haben, uns nach der Erkennt
niß der Wahrheit zu beſtreben. Hieraus
entſtehet demnach eine beſondere Wiſſen
ſchaft, nemlich die Klugheitslehre, welche
von den allgemeinen Regeln handelt, wie
man ſich eine Fertigkeit der Klugheit erwer:
ben ſoll. Es begreift Ä die Moral Ä
zwey weſentlich unterſchiedene Theile in ſich, chunter
nemlich erſtlich die Lehre von den Pflich- Ä
ten der Tugend, oder das Recht der Ma- Moral ſind.
tur im weitern Verſtande, § 204, mit ſei
nen drey Wiſſenſchaften, zum andern die
ZKlugheitslehre.
§ 2O6.
Man könte zwar auch noch eine mora: #Ä
liſche Wiſſenſchaft, nemlich die allgemeijeph
ne practiſche Philoſophie, machen, dar: Ä“
innen diejenigen Begriffe und Sätze von Ä
moraliſchen Dingen erkläret und bewieſen
würden, welche bey Erklärung determinir
ter Pflichten ſchon vorausgeſezet werden.
In
286 Cap. II Von den Endzwecke
In dieſelbe gehöret die Lehre von der Tu
gend überhaupt und denen dabey vorkom
menden Begriffen, z. E. von Geſetzen,
Strafen, Zurechnung u. ſ. f. weiter von
der Wircklichkeit göttlicher Geſetze, von den
Eintheilungen der Pflichten und Befug
niſſe, von Entſcheidung ſtreitender Pflich:
ten und dergleichen. Weil aber dieſe Wiſ
ſenſchaft, wenn ſie gründlich werden ſoll, -
ſehr abſtract, und deswegen trocken iſt,
und man in der Ethik und natürlichen
Moraltheologie ohnedem noch nicht alles,
was darinnen vorkommt, brauchet; ſo ha
be ich die Materien lieber theilen, und in
dem ietzo abgehandelten Capitel davon ſo viel
beybringen wollen, als ichietzonöthig gehabt
habe. Das übrige habe ich, der Wahrheit
und Ordnung unbeſchadet, bis in das Recht
der Natur im engern Verſtande verſparet,
da wir deſſelbigen allererſt nöthig habeu
werden.

Das II Capitel.
Von dem Endzwecke des
menſchlichen Lebens,
§ 207.
Wir ſollen nunmehro in der Ethik, § 204,
zeigen, wie wir den Zuſtand unſerer
Ä Seele tugendhaft, § 174, das iſt, den Re
geln der weſentlichen Vollkommenheit ge
mäß,
- des menſchlichen Lebens. 287
mäß, einrichten ſollen. Weil nun dieſes
nirgends anders woher, als aus der Natur
der Vollkommenheit überhaupt, und aus den
determinirten Abſichten GOttes, dazu wir
erſchaffen ſind,geurtheilet werden kan,§ 181;
ſo haben wir zuförderſt von dem Endzwecke
des menſchlichen Lebens zu handeln.
§ 2O8.
Der Endzweck der Welt, wiefern ſie Welches der
die Menſchen angehet, iſt dieſer, daß ſie Ät.
durch ihre gemeinſchaftliche freye Be- lichen Le
mühungen die Tugend in ihren See-"."
len bilden, ausüben und ſtärcken, § 175,
und hiernächſt die Erlaubniß haben
ſollen, der Tugend unbeſchadet, § 186,
die Güter der Welt zu ihrer Zufrieden
heit und Vergnügen zu genieſſen, wor
auf ſie in ein anderes unaufhörliches Le
ben verſetzt werden ſollen, in welchem
die Tugendhaften vollkommen glückſe
lig gemacht, die Ungehorſamen aber be
ſtraft werden ſollen, und in welchemſo
wohl die Beſtrafungen als Belohnun
gen nach Proportion der Tugend oder
Untugend eingerichtet werden ſollen.
Dieſen Hauptſatz will ich nunmehro durch
gehen, und von Stück zu Stück beweiſen.
§ 2O9.»
Daß erſtlich die Welt um eines End Beweis a
zwecks willen von GOtt erſchaffen ſey, Ät
erhellet a poſteriori aus dem Regelmäßi um eines
gen, welches ſowohl in den einzeln Theilen Ä
der ſchaffen iſt. -
288 Cap. II Von dem Endzwecke
derſelben, als in der Betrachtung des Gan
zen allenthalben hervorleuchtet. Man wird
zwar einwenden, daß auch vieles in der
Welt ganz unordentlich und unregelmäßig
zu ſeyn ſcheinet. Allein ich antworte, daß
dieſes nur daher komme, weil wir nicht das
Ganze in ſeinem Zuſammenhange überſe
hen. Es läßt ſich zwar auch aus einem
Theile des Ganzen eine Ordnung verſtehen,
nemlich diejenige, welche darinnen befind:
lich iſt. Hingegen wenn man von der Unt
ordnung zuverläßig urtheilen will, ſo muß
man das Ganze hinlänglich überſehen, und
die Abſichten deſſelben wiſſen, weil es jaſeyn
kan, daß etwas in den Theilen eine Unord:
nung zu ſeyn ſcheinet, was doch mit zu dem
Endzwecke des Ganzen gehöret, oder we
nigſtens damit beſtehen kan. Die wahre
Unordnung findet ſich nur in demjenigen
Zuſtande der Welt, welcher den freyen Tha
ten der Geſchöpfe unterworfen iſt, und
darinnen alſo ohne GOttes Schuld Ver
derbniß hat angerichtet werden können.
Beweis a A priori aber iſt daraus klar, daß die Welt
Priºr von GOtt um eines Endzwecks willen er
ſchaffen ſeyn müſſe, weil er das vollkom
Wie der menſte und weiſeſte Weſen iſt. Da nun
Ä das Verlangen der Vollkommenheit und
beſchaffen die Güte die einzigen beyden letzten ſubje
" ctiviſchenrEndzweckes 13, 15, in GOtt ſind,
wie in der natürlichen Gottesgelahrheit zu
erweiſen iſt; ſo erhellet auch ſogleich, daß
- der
des menſchlichen Lebens. 289
der Endzweck der Welt alſo beſchaffen ſeyn
muß, wie es dieſen göttlichen Eigenſchaften
genmäß ſey.
§ 2 IO.
Wir fragen nun ferner nach den letz Daß die
ten objectiviſchen Endzwecken GOt: Menſche n
lezte objectis
tes, § 13. Dieſelben müſſen alſo beſchaf hiſche End
fen ſeyn, daß ſie die Welt erkennen und Ä
ſind.
genieſſen können, weil ſonſt ſo viele Güter, tes
welche genoſſen zu werden fähig ſind, um -

ſonſt erſchaffen waren. Nun iſt nur der


vernünftige Genuß, § 1 3, vor einen wah
ren Genuß zu halten. Demnach muß die
Welt vor vernünftige Geiſter, unter wel
che alſo die Menſchen gehören, erſchaffen
ſeyn. Wenn GOtt gütig iſt, ſo muß er
auch ſeine Güte in der Welt haben offen
baren wollen, § 209. Da nun dieſes
nicht möglich iſt, wenn nicht vernünftige
Geiſter gewiſſes Gute auf eine den Voll
kommenheiten GOttes gemäſſe Art genieſ:
ſen; ſo iſt abermal offenbahr, daß die Welt
vor vernünftige Geiſter hat beſtimmet wer
den müſſen. A poſteriori finden wir auf
dem Erdboden keine andern, als die Men
ſchen. Denn die andern Thiere haben kei
ne Vernunft, § 25, 147. Die Beſtien und
Pflanzen haben auch der Menſchen nicht
weiter nöthig, als wiefern ſie mehr cultivirt,
das iſt, zu unſerm Endzwecke geſchickt wer
den ſollen. Daher ſind wir nicht um ihrent
willen, ſondern ſie ſind um unſertwillen da.
- T Dan
29o Cap. II Von dem Endzwecke
Dannenhero ſind die Menſchenletzte objecti
viſche Endzwecke GOttes, und zum wenig:
ſten der Erdboden iſt um ihrentwillen er
ſchaffen.
§ 2 I I.
Ä Ä. Nun iſt ferner zu unterſuchen, was vor
ÄThaten und was vor ein Zuſtand der Men
ſchen der formale Endzweck GOttes in Aue
#Ä„
wa ſehung derſelben ſey, § 13. Hiervon laßt
Ä ſich erſtlich erweiſen, daß der formale
Äd Endzweck GOttes mit den Menſchen et
was ſeyn müſſe, das durch ihre freyen
Thaten, § 38, 39, 41, 43, befördert wer
den ſoll. Dieſes verſtehet man apoſteriori
daher, weilGOtt die Menſchen frey gemacht
hat, und weil gleichwohl die Freyheit ihrer
Natur nach eine ſolche Kraft iſt, welche, da
fern ſie nicht ſelbſt den göttlichen Hauptzweck
ausmachen hilft, nothwendig mit den Abſich:
ten eines weiſen GOttes in der Welt ſtreis
ten würde. Denn durch die Freyheit wer
den alle Abſichten der natürlichen Dinge, ſo
weit ſie nur dem Vermögen der Freyheit un
terworfen ſind, unſicher gemacht, dergeſtalt,
daß ſie verhindert werden können. Dem
nach müſſen die freyen Thaten unter den ge
hörigen Bedingungen entweder ſelbſt der
Zweckſeyn, oder es darf den Geſchöpfengar
keine Freyheit anerſchaffen werden. Apriori
aber iſt die Nothwendigkeit eines ſolchenEnd
zweckes GOttes, welcher durch freye Thaten.
der vernünftigen Geſchöpfe befördert werden
ſoll,
des menſchlichen Lebens. 291
ſoll, daraus abzunehmen, weil ſonſt die Welt
in Anſehung GOttes vergeblich erſchaffen
wäre. Denn es wäre eben ſo viel, als ob
GOtt alles ſelbſt thate. Mithin bekämen
die Dinge durch ihre Eriſtenz kein anderes
Verhältniß gegen GOtt, alswelches ſie ſchon
zuvor im Stande ihrer Möglichkeit hatten,
memlich dieſes, daß ihre Möglichkeit und -
Wircklichkeit von GOtt dependirte. Die
Idee aber, welche GOtt von ſeiner Kraft
hat, eine Welt zu erſchaffen, wird dadurch
nicht deutlicher, wenn er eine erſchafft.
Wenn er daherolauter ſolche Dinge hervor:
bringet, welche nach allen Umſtänden von
ihn ſelbſt determiniret werden; ſo iſt es in
Anſehung ſeiner gleichviel, ob ſie ſind oder
nicht ſind, mithin iſt die Schöpfung auf Sei»
ten GOttes vergeblich. Nun kan aber GOtt
vermöge ſeiner Vollkommenheit nichts ver
gebliches thun. Wenn er demnach eine Welt
erſchaffet, ſo müſſen ſolche Dinge darinnen
vorkommen, welche von ihm nicht nach allen
Umſtänden determinirt werden, das iſt, wel
che frey geſchehen, § 47, und die Freyheit
derſelben muß an ſeinem letzten formalen
Endzwecke ein nöthiger Umſtand ſeyn. * Beantwor
Ich weiß zwar wohl, daß ſich einige einbil-ÄÄ
den, als ob die Schöpfung der Welt, wenn Einwurfs.
auch gleich keine freyen Thaten zur Abſicht
gemacht würden, dennoch nicht vergeblich
ſey, weil doch die Creaturen dadurch eines
T 2. Ges
* Vergl. Metaphyſ. § 231.
292 Cap. II Von dem Endzwecke
Genuſſes desGutentheilhaftiggemacht wür
den. Allein davon iſt die Frage nicht.
Wenn ein vernünftiges Weſen etwas nach
den Regeln der Weisheit thut; ſo muß auch
in Abſicht auf das wirckende Weſen ſelbſt
ein gewiſſes Verhältniß möglich gemacht
werden, welches die Sache gegen daſſelbe
nicht ſchon zuvor hatte. Denn es handelte
ſonſt ohne Endzweck, nemlich ohne formalen
Endzweck, welcher doch bey iedwedem End:
zwecke mit befindlich ſeyn muß, § 13, welches
wieder die Weisheit wäre.
§ 2 I 2.
Der End Ferner erlernen wir a poſteriori, daß der
zweck der
Menſchen Endzweck GOttes mit den Menſchen etwas
ſoll aeſellig
erhalfen
ſey, das durch gemeinſchaftliche Bemü
Werdet. hungen derſelben erhalten werden ſoll. Denn
GOtt hat die Menſchen geſellig erſchaffen,
daß immer einer des andern Hülfe braucht.
Apriori ſehe ich keinen nothwendigenGrund,
warum GOtt eben in iedweder Welt ge
ſellige Geiſter erſchaffen müſſe.
§ 21 3.
Ä
zweck dieſes Der Hauptzweck GOttes in dieſem
Levenstſt die Leben iſt die Tugend. Ich meine, er
Tugend. beſtehet darinnen, daß moraliſche Thaten
geſchehen ſollen, nemlich daßtheils der ins
nerliche Zuſtand der menſchlichen Seelen
von ihnen ſelbſt moraliſch frey gebildet wer
den ſoll, theils daß auch äuſſerlich durch den
Gebrauch aller Kräfte, welche ihrer Will
kühr unterworfen ſind, moraliſche Handlun
gen
A

des menſchlichen Lebens. 293


gen geſchehen, daß aber die Menſchen in
beyden Fällen einer Richtſchnur folgen, und
zwar daß ſie in der Einrichtung ihres gan
zen Zuſtandes dasjenige beobachten ſollen,
was den Regeln der weſentlichen Vollkom
menheit der Dinge gemäß iſt, und daß auch
ſolches in der rechten Abſicht um der De
pendenz willen von dem Schöpfer, der die
ſes will, und befiehlet, geſchehen ſoll. Man
kan erſtlich a priori zeigen, daß GOtt in
einer iedweden Welt gewiſſen vernünftigen
Geiſtern zuerſt ein ſolches Leben verordnen
müſſe, darinnen die Erlangung und Ausüs
bung der Tugend ſein Hauptzweck iſt.* Denn
in einer iedweden Welt müſſen freye Tha
ten geſchehen, § 21 1. GOtt will ferner,
daß dieſelben nothwendig der Tugend ge:
mäß eingerichtet werden, § 171, 172, 173,
worauf hernach eine Belohnung oder Bes
ſtrafung folget, § 189, 19o. Vermöge ſei:
ner Güte aber will er die vernünftigen Gei
ſter glückſelig machen. Dieſe Sätze können
nicht anders neben einander beſtehen, als
wenn GOtt in einer Welt vernünftige Gei
ſter erſtlich in den Zuſtand ſetzet, in welchem
ſie eine freye Tugend ausüben können, und
ihnen hernach allererſt nach Proportion der
Tugend die Glückſeligkeit angedeyhen läßt.
Und an denſelben wird ſolchergeſtalt ſowohl
die Vollkommenheit als Güte GOttes ge
offenbahret. Erſchaffet er aber in derſeibi
gen zugleich ſolche ergºs Geiſter, wel
* Vergl. Metaphyſ. § ... ch e
294 Cap. II Von dem Endzwecke
che hernach um ihrer Laſter willen unglück:
ſelig werden; ſo geſchiehet ſolches bloß zu
Offenbahrung der göttlichen Vollkommen
heit, neunlich ſeiner Machtund Strafgerech
tigkeit, § 193, welche ſodann nicht nur durch
Abſtraction und Schlüſſe, ſondern auch durch
Proben und wircklich vor Augen liegende
Erempel, und mithin reichlicher und auf
vielfachere Art, erkannt wird. Hierdurch
wird auch ſeiner Güte nicht zuwieder gehan:
delt, weil ſich dieſelbige auf diejenigen Fälle
gar nicht erſtrecket, da der göttlichen Voll:
kommenheit wiederſtritten werden müſte.
Vielmehr entſtehet vor die glückſeligen Ge
ſchöpfe noch ein zufälliger Nutzen daraus,
welcher der Güte GOttes gegen dieſelbigen
gemäß iſt. Denn die Vergleichung ihres
eigenen Zuſtandes mit dem Zuſtande derer,
die geſtrafet werden, erhebet die Empfin
dung ihrer Glückſeligkeit, und ſtellet ihnen
dieſelbe deſto vorzüglicher vor. Und bey
Setzung einesgnugſamen Grades der Voll
kommenheit und Weisheit in denenſelben er
zeuget ſich auch weder ein Mitleiden mit dem
Elende der Beſtraften, noch eine unangeneh
me Vorſtellung der Gefahr in gleiches Uebel
zu gerathen, dergleichen in dem gegenwärti
gen Leben in uns zu entſtehen, und ſich auch
unvermerckt in unſere Urtheile einzuflechten
pfleget. Hingegen würde wohl der göttli
chen Vollkommenheit zuwieder gehandelt,
wenn in der Welt gar keine freye Tugend
- beloh
des menſchlichen Lebens. 295
belohnet würde. Es iſt aber GOtt in der
That nichts möglich, als was mit Setzung
aller ſeiner Eigenſchaften beſtehen kan.
§ 214.
Die angeführten Gründe ſchicken ſich zwarAÄ
( -

nicht auf die Seelen dererjenigen Menſchen, Äj


welche in der Kindheit wiederum ſterben, da halten
Äu ſey.
her es ſcheinen kan, als ob ſie weder einer
Glückſeligkeit noch Unglückſeligkeit fähig wä
ren, weil ſie noch keiner freyen Tugend fähig
geweſen ſind. Allein ich antworte, daß ſie
nach meinen Gründen allerdings einer Glück
ſeligkeit fähig ſind, nur daß ſie den Grad ih-
rer Glückſeligkeit, welchenihnen GOttſchen
cken will, nicht als eine Belohnung, ſondern
als eine ganz freye Wohlthat und bloſſe Wir
ckung ſeiner Güte empfangen. Wenn ein
mahl eine Welt geſetzt wird, ſo iſt es wohl
möglich, daß GOtt auch einzelne Creaturen
ohne vorhergegangene Tugend, wenn ſie
nemlich derſelben noch nicht fähig geweſen
ſind, dennoch glückſelig mache. Denn weil
hier kein Streit mit einer göttlichen Eigen
ſchaft entſtehet, * indem ſolches der Gütege
mäß, der Gerechtigkeit aber nicht zuwieder
iſt, und die Weisheit in der Verknüpfung
aller Dinge unter einander auch ihre beſon
dern Abſichten dabey haben kan; ſo gehöret
ſolches unter diejenigen Thaten, welche der
göttlichen Freyheit möglich ſind, § 57. Ich
habe im vorigen nur ſo viel behauptet, daß
T 4 ins
* ! Petaphyſ. § 291,29y.
296 Cap. II Von dem Endzwecke
in einer iedweden Welt irgendeinige Geiſter
durch freye Tugend glückſelig werden müſſen.
ÄEs dienet dieſes zu einer ſchönen Erläute
Einrichtung rung desjenigen, was in der moraliſchen Ein
Ä richtung der Welt willkührlich, und was hy
odernoth- pothetice nothwendig iſt. Nemlich das iſt
"ºft nothwendig, ſo bald die Schöpfung einer
Welt geſetzet wird, daßfreye Thaten darin
nen geſchehen, und freye Tugenden belohnet
werden. Hingegen dieſes ſcheinetwillkühr:
lich zu ſeyn, daß auch ſolche Geiſter erſchaf
fen werden, von denen GOtt vorher weiß,
daß er ſie um ihres Ungehorſams willenwert
de beſtrafen müſſen, ingleichen, daß einige
Geiſter glückſelig werden, ohne daß ſie zuvor
der Ausübung der Tugend fähig gemacht
würden. Zum wenigſten können wir nicht
wiſſen, ob es nicht willkührlich iſt. Hier
durch fallen zugleich viele Schwierigkeiten
hinweg, welche auch gewiſſen Gelehrten vom
erſten Range unauflöslich geſchienen, und da
hero andere veranlaſſet haben, ſolche Auflö
ſungen derſelben zu erdichten, welche den gött
lichen Vollkommenheiten, oder auch wol der
Tugend überhaupt, nachtheilig ſind.
§ 2I .
Ä Wenn die Tugend der Hauptzweck des
Lebengebi- menſchlichen Lebens in dieſer Welt iſt; ſo
# Äwird erfordert, daß dieſelbe in den Gemü
thern entweder von vornen an ganz und
gar allererſt gebildet, oder wenn ſchon die
Natur einen mercklichen Anfang derſelbigen
( LJEs
ßeß
des menſchlichen Lebens. 297
gegeben hat, weiter ausgebildet, und »
zur Vollſtändigkeit gebracht, in beyden
Fällen aber herach eine Zeitlang geüber,
und bis zu einem gewiſſen Ziele, welches
GOtt willkührlich ſetzen muß, geſtärcket,
und dem Grade nach erhöhet werde. Das
her iſt es auch nöthig, daß denen vernünfti
gen Geiſtern gewiſſe Objecte, an denen ſie Tu
gend ausüben ſollen, vorgeleget werden.
§ 216.
Hiermit ſtimmet auch a poſteriori die Wede Er
Erfahrung überein, vermittelſtwelcher wirÄlte,
eine ſolche Einrichtung der gegenwärtigen einſtimmet.
Welt wahrnehmen, daß wir in ganz un
auflösliche Schwierigkeiten, jagar auf Wie
derſprüche, verfallen, wenn wir einen an
dern von GOtt abgezielten Endzweck des >
menſchlichen Lebens als die Bildung, Stär
ckung und Ausübung der Tugend annehmen
wollen. Denn ſollte die Tugend nicht der
Endzweck ſeyn, ſo müſte es vielleicht die Er
kenntniß der Wahrheit oder die Glückſelig
keit ſeyn. Allein die Erkenntniß kan der
Hauptzweck nicht ſeyn. Denn der Vers
ſtand kan ſeiner Natur nach nicht anders ſeyn,
als wegen des Willens, damit nemlich eis
nem thätigen Weſen dadurch die Erlangung
gewiſſer Endzwecke zuwege gebracht werden
könne, § 4. Die Glückſeligkeit kan in dies
ſem Leben der Hauptzweck GOttes auch nicht
ſeyn. Denn die Einrichtung der Welt iſt
zu Erlangung dieſes Endzwecks ganz unge
T. § ſchickt.
298 Cap.II Von dem Endzwecke
ſchickt. Wir werden mit bloſſen Fähigkei
ten gebohren. Die Natur bringt uns faſt
alle Materien, welche wir gebrauchen wol
len, noch roh und unausgearbeitet hervor, ja
ſie verbirget ihre Schätze und Geheimniſſe
vor uns. Wir können zu nichts ohne ſaure
Mühe und Arbeitgelangen. Was kanman
anders daraus ſchlieſſen, als daß die Abſicht
des Schöpfersſey, daß wir uns ſelbſt Mühe
geben ſollen, und daß das menſchliche Ges
ſchlechte nur ſoviel Fertigkeit des Verſtandes
Und anderer Ä und ſo viel Genuß der
in der Welt befindlichen Güter beſitzen ſoll,
als ſie ſich durch ihre eigene Bemühungen
erwerben. Da nun GOtt verlangen muß,
daß dieſe Bemühungen den Regeln der Voll:
kommenheit gemäß eingerichtet werden ſol:
len, § 171; ſo iſt eben dadurch erwieſen, daß
die Tugend der Hauptzweck des menſchlichen
Lebens ſey, § 174. Und dieſen kan auch ein
iedweder in ſeinem Stande, er treibe auch ei
ne Arbeit, was vor eine er wolle, ſich vorſe
zen und wircklich befördern. Da die menſch
lichen Kräfte alleſamt allererſt durch öftere
Bemühung und vielmal überwundenenWie
derſtand ſtarck werden; ſo iſt es vor keine
Schwierigkeit mehr zu achten, daß GOtt
den Menſchen theils in der Natur ſelbſt viel:
fältigen Wiederſtand zu überwinden verles
get, theils aber die Vorlegung deſſelben zu
läßt. Hingegen diejenigen Hinderniſſe, wel
che der Tugend, als dem göttlichen Haupt
* zwecke,
des menſchlichen Lebens. 299
zwecke, durch das von den Menſchen ſelbſt
veranlaßte Verderben und was davon abhan
get, in den Weg geleget werden, gehören hier
her nicht, ſondern es wird an ſeinem Orte
davon gehandelt werden, was ſich daraus
ſchlieſſen laſſe. Jeßo iſt nur die Abſicht ge:
weſen, denjenigen Endzweck der Menſchen
in der Welt auszumachen, welcher durch die
von GOtt ſelbſt gemachte Verfaſſung der:
ſelben geſuchet worden und daraus erwieſen
werden kan.
§ 217.
Die Menſchen ſollen hiernächſt das Beguem.
Recht haben, die Güter der Welt ſich Ä Und

zu ihrer Zufriedenheit und Vergnügenſ Ä,


zu UTNutzen zu machen. Wir reden nemlich Äſ
hier nicht von demjenigen Genuſſe der Gü: Ä
ter der Welt, welcher zur Nothdurft un-bens.
entbehrlich, und daher wegen ſeines Zuſam
menhanges mit der weſentlichen Vollkon
menheit der menſchlichen Natur gebothen
iſt, ſondern von demjenigen, welcher nur
zur Ergötzung und Bequemlichkeit der Men
ſchen dienet. Und hierinnen beſtehet der
Nebenzweck des menſchlichen Lebens. Daß
man nur befugt, nicht aber verbunden ſey,
Bequemlichkeit und Vergnügen, iedoch der
Tugend unbeſchadet, zu ſuchen, lehret uns
a poſteriori der Gewiſſenstrieb, weil man
darüber keine Gewiſſensbiſſe empfindet,
wenn man ſich nur eines Vergnügens be
geben hat. Man kan es aber auch alſo
erweis
300 Cap. II Von dem Endzwecke
erweiſen. Was bloß zum Vergnügen die
net, das läſt, wenn es vorbey iſt, keine
fernere Wirckung ordentlicher Weiſe hinter
ſich. Daher iſt es der menſchlichen Voll
kommenheit zufällig, daß GOtt dahero in
Anſehung deſſelbigen ein Geſetz zu geben
nicht nöthig hat. Ferner iſt es zwar eine
reale Möglichkeit, daß GOtt ſo vieles Gu:
te zu dem Ende in der Welt erſchaffen ha
be, damit es genoſſen werde. Es iſt aber
auch möglich, daß wir durch die Enthal:
tung von demſelben vielleicht einen Gehor:
ſam ausüben ſollen, in welchem Falle die
Schöpfung deſſelben auch nicht vergeblich
wäre. Da ſich nun, weil allezeit die ent:
gegengeſetzte Möglichkeit eben ſowohl übrig
bleibt, zu keinem von beyden eine Verbind
lichkeit erweiſen läſt; ſo verordnet das
Geſetz in Anſehung der bloſſen Bequem
lichkeit und Vergnügung gar nichts. Mit
hin iſt ſie erlaubt, § 185, und wir haben
ein Recht dazu, § 2oo, welches Recht uns
zu geſtatten, der göttliche Nebenzweck ge:
weſen ſeyn muß, § 16.
§ 2 I8.
# Es gehet aber der göttliche Endzweck
jenÄmit den Menſchen noch weiter, als auf die
Ä“ſº gegenwärtige Leben, und die Seele
iſt. des Menſchen iſt unſterblich. Die
Unſterblichkeit iſt diejenige Eigenſchaft ei
nes lebendigen Weſens, vermöge welcher
es zu leben niemahls aufhöret. Daß die:
ſelbe
des menſchlichen Lebens. 301
ſelbe der menſchlichen Seele zukomme, läſt
ſich folgendergeſtalt erweiſen. Die Mens
ſchen ſind letzte objectiviſche Endzwecke GOt
tes, § 21o, das iſt, ſie ſind nicht als bloſſe
Mittel für andere Creaturen, ſondern zu
einem vor ſie ſelbſt beſtimmten Endzwecke
erſchaffen. Demnach iſt in keinem andern
Endzwecke ein Grund zu finden, warum
ſie GOtt wiederum vernichten, oder verder
ben laſſen ſolte. Folglich müſte er ſolches
entweder ohne allen Endzweck thun, wel
ches der Weisheit zuwieder wäre, oder er
müſte ſie gleich vom Anfange zu einem
Endzwecke erſchaffen haben, welcher nur
einige Zeit dauren ſolte. Dieſes findet
aber wiederum bey den letzten objectiviſchen
Endzwecken nicht ſtatt. Denn ſobald die
ſe Zeit verfloſſen ſeyn würde, ſo würde es eben
ſo vielſeyn, als ob die Creaturen niemahls
da geweſen wären. Mithin würde eine Zeit
kommen, da es eben ſo viel wäre, ob die
Welt wäre erſchaffen worden, oder nicht, das
iſt, da ihre Schöpfung vergeblich wäre. Da
es nun wieder die göttliche Vollkommenheit
iſt, vergebliche Dinge zu thun; ſo kan erſol
ches nicht zulaſſen, ſondern er muß ſeine letz
ten objectiviſchen Endzwecke ewig erhalten.
Hingegen mercke man wohl, daß dieſer Bes
weis ſich auf die Materie und andere uned
lere Geſchöpfe nicht ſchicke: weil dieſelben
als Mittel zu andern Endzwecken erſchaffen
ſind, und in die Determination des Zuſtan
des
302 Cap. II Von dem Endzwecke
des der ewig daurenden Creaturen auch als
denn noch einen Einfluß haben, wenn ſie
nicht mehr vorhanden ſind; daherniemahls
eine Zeit kommt, da es in Anſehung aller
noch vorhandenen Dinge gleichviel wäre, ob
die vorigen da geweſen wären, oder nicht.
§ 2 I9.
Anderer Be
weis der
Ein anderer Beweis vor die Unſterblich
Unſterblich keit der Seele kam daher genommen wer
keit der den, daß ſie GOtt ihrem Weſen nach zur
menſchli
chen Seele. Erkenntniß, zur Begierde und zum Genuſſe
eines ewigen Endzwecks geſchickt gemacht
hat, welches dadurch geſchehen iſt, indem er
ihr Vernunft und menſchliche Begierden ver
liehen, aus welchen beyden ein ſolcher Glück
ſeligkeitstrieberwächſt, welcher unendlich fort
noch mehr verlanget, § 106. Denn ſolte
GOtt die Seele nicht ewig erhalten; ſo hät:
te er ihr dieſes Weſen vergeblich gegeben.
Da nun GOtt nichts vergebliches thun kan;
ſo will er ſie ewig erhalten. Dieſer Be
weisgrund hingegen ſchicket ſich nicht auf die
Seelen der Beſtien. Denn obgleich dieſel
ben auch immer nach neuen Handlungen ſtre
ben, wie es die Natur einer ieden lebendi
gen Thätigkeit mit ſich bringt; ſo ſind ſie
doch weder ein unendliches Object zu erken
nen, § 147, noch zu begehren, § 107, noch
zu genieſſen, § 25, fähig.
§ 22O.
Dritter Be Ferner haben wir erwieſen, daß GOtt
weis.
alles Gutenach Proportion ſeiner Gröſſe be
lohnet,
*,

des menſchlichen Lebens. " 303


lohnet, und alles Böſe ebenfalls nach Pro
portion ſeiner Grade beſtrafen müſſe, § 189,
190. Da nun dieſes in dem gegenwärti
gen Leben gar nicht oder gar ſelten geſchie
het, wie die Erfahrung lehret, ſo muß ein
anderes Leben bevorſtehen, welches er zu Of
fenbahrung ſeiner belohnenden und beſtra
fenden Gerechtigkeit beſtimmet haben muß.
Da nun die Belohnungen und Strafen uns
aufhörlich ſeyn müſſen, § 191; ſo muß daſ
ſelbe andere Leben ein Stand einer wirckli
chen Unſterblichkeit ſeyn. Das übrige, was
noch zum Beweiſe des Hauptſaßes, §2o8,
erfordert werden könnte, iſt entweder von ſich
ſelbſten klar, oder allbereit im vorigen Capi
tel erwieſen worden.
§ 22 I. -

Ich habe nur noch wegen der Beweiſe Warum


vor die Unſterblichkeit der Seele einige ErÄ“
innerungen beyzufügen. Man wundere ſich Ä
ja nicht, daß ich dieſelben aus guter mora# #
liſchen Gründen hergeleitet habe. DjÄ“
dieſe ſind es einzig und allein, welche zum kan.
Beweiſe derſelbigen geſchickt ſind. Aus dem
Weſen der Seele läſt ſich ihre Unſterblich
keit nicht herleiten. Denn da unſere Seele
ehemahls nicht gelebt hat; ſo ſiehet man,
daß ihr das Lebenzufällig ſey. Danun alle
lebendige Thätigkeiten unſerer Seele an eis
nen gewiſſen Zuſtand unſers Körpers ver
knüpft ſind, welches dadurch möglich iſt, daß
die denckenden Kräfte an eine beſtimmte Be
weßung
304 Cap. II Von dem Endzwecke
wegung der Subſtanz des Geiſtes, als an
eine Bedingung, oder etwas Mitfolgendes
(concomitans), verbunden ſind, Log. § 79
u. f.; Und da die Thätigkeiten der Seele,
wenn ihr der Zuſtand des Leibes zu ſehr wie
derſtehet, oder ſonſtingroſſe Unordnung ge:
bracht iſt, aufhören, wie die Erfahrung be
zeuget, daher auch dieſelben in der Kindheit
und im Alter gar unvollkommen ſind: So
läſt ſich, wenn man aus der bloß phyſikalis
ſchen Beſchaffenheit der Dinge urtheilet,
kein anderer vermuthlicher Schluß machen,
als daß der Tod unſerer Seele bey dem Unter
gange des Körpers zugleich erfolgen müſſe.
Denn der Ort der Seele in dem ihr zugetheil:
ten Leibe muß zu ihrer Wirckſamkeit der be:
quemſte ſeyn. Auſſer demſelben wird ſie mit
Materien umgeben ſeyn, die ihr mehr wider:
ſtehen, das iſt, welche die Bewegung der
Subſtanz der Seele, ohne welche ihre geiſti
gen Thätigkeiten auch nicht geſchehen, mehr
verhindern, als je geſchehen kan, ſolange ſie
im Leibeiſt. Denn die Cohäſion der Theile
des Leibes dependirt ſelbſt von einem Drucke
von auſſen (VNaturlehre § 195 u. f.) wor
aus offenbar iſt, daß die Preſſung der Mate:
rien von auſſen ſtärcker iſt gegen den Leib,
als ſie von innen heraus ſeyn kan, und daß
ſie mithin auch ſtärcker iſt, als dieſelbe im
Leibe ein Flüßiges gegen das andere - oder
irgend ein Flüßiges gegen die Subſtanz der
Seele, ausüben kam. Bloß deswegen kan
Und
des menſchlichen Lebens. 305
und muß demnach die menſchliche Seele un
ſterblich ſeyn, wenn man erweiſen kan, daß
ſie GOtt beym Leben, das iſt, in dem Stan
de lebendiger Thätigkeiten, erhalten wolle.
Man verwirre nur nicht mit einander die
Unſterblichkeit und Unverweslichkeit. Wenn
ſich gleich aus dem einfachen Weſen der See
le ihre Unverweslichkeit, welche nur der Zer
trennung entgegengeſetzt wird,erweiſen läßt;
ſo iſt hiermit die Unſterblichkeit noch nicht
dargethan, welche dem Aufhören lebendiger
Thätigkeiten in der Seele entgegen geſetzet
iſt, und welche ein ſolcher Zuſtand ſeyn muß,
da ſich die Seele ihrer bewuſt bleibet, und
deutliche Begriffe behält. Die Elemente ſind
auch einfach, aber weder ſterblich noch uns
ſterblich. Die Seelen der Beſtien ſind eben
ſo unverweslich, als die Seelen der Mens
ſchen, aber ſie ſterben dennoch mit ihrem
Leibe. Wer vollends die präſtabilirte Har
monie annimmt, der muß, wenn er nicht
falſche Schlüſſe machen will, unwieder
ſprechlich einräumen, daß die Seele der
Menſchen mit ihrem Leibe ſterbe, und we
nigſtens ſo lange todt bleibe, bis ſie irgend
einmahl einen andern Leib wieder bekomme.
Denn nach derſelben ſind die deutlichen Bes
griffe in ihrer vorſtellenden Kraft der Welt
nach ihrem Körper eingeſchränckt. Mit
demſelben müſſen ſie alſo auch vergehen,
gleichwie ſie mit demſelben entſtanden ſind,
und ſich beſtändig en gerichtet Ä
- (
366 Cap. II Von den Endzwecke
Alle unſere deutlichen Gedancken, die nicht
ſelbſt Empfindungen ſind, erzeugen wir aus
denſelben. So bald alſo die Möglichkeit
der Empfindung hinwegfällt; ſo müſſen
natürlicher Weiſe auch alle übrige deutliche
Gedancken, und inithin der ganze morali
ſche Zuſtand der Seele, hinwegfallen. Aus
allem dieſem erhellet, wie nöthig es ſey, den
Beweis der Unſterblichkeit der Seele aus
moraliſchen Gründen herzuholen. Jaman
verſtehet daraus zugleich, daß GOtt die ab
geſchiedenen Seelen nach ihrer Trennung
vom Leibe in dieſer Welt, ich meyne auf der
Erde oder in der Atmoſphäre derſelben,
nicht laſſen könne, weil ſie ſterben, oder, wenn
dieſes zu hart klinget, in einen Schlaf vers
fallen würden, ſondern daß er ſie in eine
andere Verknüpfung von Dingen ſetzen
müſſe, welche den Zuſtand deutlicher Ge
dancken zum wenigſten nicht hindert, wie
wo es in Anſehung der Tugendhaften zu
ihrer Belohnung vielmehr glaublich iſt, daß
derſelbe ſogleich noch mehr befördert und
vollkommener gemacht werde. *
" . . . § 222.
* Es iſt daher auch noch zu erinnern, daß hiermit, in
den wir aus Vernunftgründen darthun, daß das
Leben einer vernünftigen Seele mit dem Verluſte
und Untergange ihres Leides, gewiß nicht aufhore
noc, nicht ausgemacht iſt, oder ausgemacht ſeyn
ſoU warnmt die Seele ihres Leibes verluſtig wid
Wir nehmen es hier nur als eine Erfahrung an,
daß die Menſchen ſterben. Die Urſache, warum
eszeiehet ſey, welche ſie wolle, ſo iſt durch die
seführten Beweiſe gewida die vernünftige S
des menſchlichen Lebens. . 307
-- - - § 222.
Auſſer denenjenigen, welche dieSterblich- „Än
keit der Seele ſich als einen ſolchen Zuſtand jg der
eines einfachen Weſens vorſtellen, in welchem Ä.
es alle deutliche Gedancken und Bewuſtſeyntj
verlieret, iſt auch noch eine andere Meinung
U 2 auf
le mit dem Leibe nicht ſtirbt, ſondern im Stande
lebendiger Thätigkeiten bleibet, es ſey wo es wol
le, und durch was vor Mittel es auch geſchehen
mag. Der Urſprung des Todes der Menſchen iſt
eine Frage, die hiſtoriſch auszumachen iſt und die
aus dem göttlichen Worte entſchieden werden
muß, welches uns auch allein das Beſimmutere
vom Zuſtande der Seelen auſſer dem Leibe, und
von allen künftigen Schickſalen derſelben ſagen
kann. Daß es voreylia ſey, wenn man den Tod
der Menſchen darum vor etwas hält das zur
menſchlichen Natur weſentlich gehöre, weil er ver
möge der Erfahrung da iſt; ferner daß dasjenige,
was die bendniſchen Weltweiſen vom Tode und
von den Seelen auſſer dem Leibe geſagt, keinen
Grund hat, und theils Petitio principii, theils
widerleglich iſt, und von ihnen nur angenommen
worden, weil ſie ohne Gottes Wort nichts beſ
ſers wußten, und, was in den älteſten Menſchen
geſchlechtern aus der Offenbahrung und Tradi
tton bekannt war, hatten unteraehen laſſen, oder
nicht wiſſen wollten; und endlich daß manches
von ſolchen Meynungen auch noch vielen unter
uns anhºnget habe ich in einen „anºe Orte
ausführlich vor Augen geleget M. ſebe die
Abhandlung von den Ueberbleibſeln des
eydenthums in den Meynungen vom To
Se, Leiya 1765. 8. Wenn die den chriſtlichen
Lehrer die von den Heyden anerkannte Unſterb
lichkeit der Seele als zur Vertheidigung des Chris
ſtenthums dienlich ergriffen, und gegen ſie ſelbſt
gebraucht haben z. Und wenn man aegen die Nas
turaliſten ſich noch jezt ehen dieſes Vortheils bes
dienet: ſo muß man darum nicht mehnen, als ob
* die ſich ſelbſtaelaſſene Vernunft den eigentlichen
Urſprung des Todesanzuzeigen wiſſe viel weniger
# eine natürliche Ä des Todes
f,
308 Cap. II Von dem Endzwecke
auf dem Tapete, nennlich der höchſt abge
ſchmackte Irrthum der Materialiſten, wel
che deswegen glauben, daß die Seele mit
dem Leibe entſtehe, wachſe und untergehe,
weil ſie dieſelbe gar nicht für eine beſondere
Subſtanz, ſondern nur vor eine Menge ge
wiſſer Wirckungen halten, welche bloß aus
der mechaniſchen Structur der Theile, und
der Bewegung der in ihnen befindlichen und
von auſſen gegen ſie wirckenden Materien,
ihren Urſprung nehmen. Sie bilden ſich
ein, die äuſſerlichen Dinge verurſachten ge
wiſſe Vorſtellungen von ſich in dem Gehir
ne. Weil nun alle Actionen des Verſtan
des mit Ideen zu thun haben, und nach ihr
rer und anderer Meinung die Thaten des
Willens Wirckungen von den Thaten un:
ſers Verſtandes ſind; ſo glauben ſie hier:
mit den Urſprung aller Wirckungen der
Seele erklärt zu haben. Allein dieſe Hers
ren ſind von ſo ſtumpfen Verſtande, daß
ſie nicht mercken, daß ſie ihre Begriffe ver
ndern, und an ſtatt einer gründlichen Auf
löſung leere Worte und ein einfältiges Ge
wäſche verkaufen. Denn eine Vorſtellung
heißt ganz etwas anders, wenn man eine
Gedancke, und wenn man ein Bild daruns
ter verſtehet. Ein Bild heißt nur deswe
gen eine Vorſtellung des Abgebildeten, weil
deſſen Anſchauung einem denckenden Weſen
zu eben einer ſolchen Gedancke Anlaß giebt,
als es bekommen haben würde, wenn es das
Ob:
des menſchlichen Lebens. 309
Objeetſelbſt angeſchauet haben würde. Al
lein weder das Bild der Sache, noch das
Bild des Bildes, iſt eine Gedancke von der
Sache, oder von dem Bilde, und es iſt lä
cherlich, daß ſtudierte Leute nicht einſehen,
daß eine Materie, welche in Form eines
Würfels im Gehirnezuſammen geſetzt wird,
deswegen keine Gedancke von einem Wür
felſey. Aus einer Bewegung wird niemals
etwas anders als eine Bewegung, wodurch
Subſtanzen fortbewegt, und Materie zuſam
mengeſetzt oder getrennt werden kan. Kei
ne Gedancke aber kan nimmermehr daraus
begriffen werden. Da hiermit der erſte
Grund wiederlegt iſt, auf welchen ſie ihre
Einwürfe wieder uns bauen können, ſo ſind
ſie alle zuſammen von keiner Erheblichkeit. *
§ 223.
Es wird vielfältig geklaget, daß die Warum ſich
Vernunft von der unſterblichkeit der See-Ä
le wenig gewiſſes erkenne. Wenn man die Venuſt
die ſubjectiviſche Vernunft meinet, nem Ä“
lich den Zuſtand des Verſtandes, wie er in der See
dieſem oder jenem Menſchen befindlich iſt;**
ſo räume ich ein, daß ſie ſelten die Unſterb:
U 3 lich:
* Den ausführlichen Beweis von der Immateriali
tät aller Geiſter, ſuche man in der Metaphyſik,
in der Geiſterlehre. Ich habe dort inſonderheit,
in der andern und dritten Auflage, auſſer dem
metaphyſiſchen Hauptbeweiſe, noch eine Menge
andere phyſikaliſche Beweiſe beygefüget, daß das
Denken und Wollen der Menſchen nicht von der
Bewegung, noch von dem Bau ihres Leibes ent
ſtehen kann 53o. auch die Scheingründe der
Materialiſten wiederlegt § 437 u. f.
310 Cap. II Von dem Endzwecke
lichkeit der Seele durch deutliche Schlüſſe
zu behaupten wiſſen, ob ſie wol, wenn ſie
unpartheyiſch ſind, der Gewiſſenstrieb den
noch dieſelbe zu glauben nöthiget. Aber
von der Vernunft in abſtracto, das iſt,
von der Fähigkeit, Wahrheit durch richtige
Schlüſſe herauszubringen, kan ich ſolches
nicht zugeſtehen. Denn die Beweiſe, wel
- che ich aus moraliſchen Gründen vor die
Unſterblichkeit der Seele geführet habe, ſind
ſo bündig, als man ſie verlangen kan. Daß
aber viele gleichwol denſelben keinen rechten
Eingang in ihr Gemüthe verſtatten wollen,
davon ſind folgende Urſachen. Erſtlich
ſind die moraliſchen Beweiſe, wenn ſie ganz
ausgeführet werden ſollen, gemeiniglich
weitläuftiger und ſchwerer, als in andern
Wiſſenſchaften; Sie haben auch ihr eige:
mes in der Methode, man kan nicht, wie in
der reinen Mathematik, mit dem bloſſen
Satz vom Widerſpruch auskommen, noch
auch, wie in der Phyſik, Verſuche anſtellen,
noch die Sachen ſinnlich machen; und gleich:
wohl finden ausgeführte moraliſche Bewei
ſe weniger Liebhaber, weil man nicht ſo,
wie in der Mathematik, den Wiederſpre
chern durch die Erfahrung das Maul ſto
pfen kan, ſondern ſie bloß durch den Ver
ſtand begreiffen muß. Die gegenwärtigen
Beweiſe zumal ſeßen die ganze Thelemato
logie, die natürliche Gottesgelahrheit, und
das vorige Capitel von der Tugend, voraus.
- -- - - Da:
des menſchlichen Lebens. 311
Daher iſt es nicht zu verwundern, wenn ſie
bey Leuten, welche in den erwehnten Stü
cken nicht geübt genug ſind, ihre Kraft nicht
äuſſern können. Ferner haben ſie alle die
Hinderniſſe wieder ſich, welche dem Gewiſ
ſenstriebe und der Tugend entgegen geſetzt
ſind, § 56, 1oo. In Anſehung dererjeni
gen, welche ein böſes Gewiſſes haben, iſt es
ein geringeres Uebel, gar unterzugehen, als
zu einem elenden Leben aufbehalten zu wer
den, § 142. Daher glauben ſie entweder,
daß es geſchehen werde, oder ſie ſind doch
geneigter zu glauben, daß es leichte mög
lich ſey, und dahero unnütze Zweifel zu er
dichten, und das Gewiſſen einzuſchläfern, A

§ 14o. Hierzu kommt endlich die Nach


läßigkeit oder Ungeſchicklichkeit mancher
Schriftſteller ſelbſt, welche dieſe Beweiſe
nicht in ihrer gehörigen Schärfe vortra
gen, oder wohl gar auſſen laſſen, weil ſie
in dem Vorurtheile ſtecken, daß alles, was
einer Sache zukömmt, aus ihrem Weſen
hergeleitet werden müſſe.

u4 Das
312 C.III Von den Pflicht. in Abſicht
Das III Capitel.
Von der tugendhaften Einrich
tung des Gemüthes und übrigen
Zuſtandes in unmittelbarer Abſicht auf
Den dºrº des menſchlichen
ebens,

§ 224.
Endzweck
dieſes Capis eil die Tugend der Hauptzweck unſeres
tels, zeitlichen Lebens iſt, ſo iſt es ein Theil
dieſes Hauptzweckes, daß wir unſern eigenen
Zuſtand ſo einrichten, wie es der Vollkom:
menheit unſers Weſens gemäß iſt, § 174,
welches wir nun weiter auszuführen haben,
Was aber der Vollkommenheit unſeres We:
ſens gemäß iſt, davon müſſen wir aus der
Betrachtung unſerer Eigenſchaften und
Kräfte urtheilen.
§ 22%.
Die Pflicht, Unſere Seele befindet ſich mit einem Körz
den Stand
der Vereini per, und durch denſelben mit der Welt ver
Ä mit einiget. Durch dieſen gelanget ſie zu deut
em Körper
zu erhalten lichen Begriffen, und ſowol zu der Empfin
Und wohlan dung der auſſer ihr und in ihr befindlichen
Uyenden,
Dinge, als auch des annehmlichen in der
Welt. Sooft ſie, wenigſtens mit Bewuſt
ſeyn, wircket, ſo muß ſie zugleich in den Kör
per wircken, §2o: und ſo oft in die zur Em
pfindung beſtimmte Werckzeuge deſſelben auf
gewiſſe Weiſe gewircket wird, ſo wird auch
der Zuſtand der Seele ſelbſt geändert, Ä
. ve:
auf dem Hauptzweck des Lebens. 313
bekömmt Empfindungen, ſie wird in ihren
innerlichen Thätigkeiten dadurch gefördert
oder gehindert, ja ſiekan bloß durch den Kör
per zuallen vernünftigen Thaten ungeſchickt
gemacht werden. Da alſo die Möglichkeit
von dem ganzen göttlichen Endzwecke des
menſchlichen Lebens in der Welt von der
Vereinigung mit dem Körper und von dem
Zuſtande deſſelben abhanget; ſo iſt es uns
ſerer weſentlichen Vollkommenheit gemäß,
und alſo eine Pflicht, daß wir durch den
ZKörper ſo lange als möglich mit der
Welt verknüpft bleiben, und den Stand
dieſer Verknüpfung zu Erlangung gu
ter Eigenſchaften der Seele und zu Auss
übung der Tugend anwenden ſollen.
Hingegen iſt es ein ungegründetes Gedich- -
te, daß viele unter den Alten den Körper
vor ein bloſſes Gefängniß der Seele ausge:
geben haben.
§ 226.
Man kan ſich die Meinung, daß der Ä
Körper ein Gefängniß der Seele ſey, aufj
zweyerley Art vorſtellen: entweder alſo, Seele ſev.
daß die Seelen, ehe ſie in den Körper ge:
kommen, geſündiget haben, und zur Stra
fe darein verſchloſſen worden; oder nur als
ſo, daß wenigſtens die Seele ihrem bloſſen
Weſen nach, und ohne daß ſie allererſt von
GOtt in eine andere Verknüpfung von Din
gen geſeht werde, dennoch auſſer dem Kör
per vollkommener als in demſelben ſeyn
- U 5 müſſe
314 Cap. III Von den Pflicht in Abſicht
müſſe. Daß nun überhaupt der Körper kein
Gefängniß der Seele, ſondern ein weſent
licher Theil des Menſchen ſey, welcher der
Seele zu ihrer gröſſern Vollkommenheit get
geben iſt, erhellet aus folgenden Gründen.
Erſtlich hat die Seele eine anerſchaffene Idee
von ihrem Körper, § 144; woraus manſie
het, daß dieſelbe von dem Schöpfer ſelbſt
durch die Einrichtung ihres Weſens zur Ver
einigung mit ihm beſtimmt ſey. Zum an
dern lehret die Erfahrung nebſt denen dar:
aufgebaueten Schlüſſen, daß die Seele ver:
möge ihres Weſens Nutzen von dem Körper
habe, und ſich in demſelbem an dem vor ſie
bequemſten Orte befinde. Denn da wir
durch den Körper Empfindungen bekommen,
und zwar Empfindungen von groſſer Man
nigfaltigkeit; ſo iſt augenſcheinlich, daßge
wiſſe Bewegungen der Seele, § 32, 33, wel
che nicht anders als vermittelſt des Körpers
gegen ſie verurſacht werden können, vermöge
der von GOtt gemachten Einrichtung ihres
Weſens zur Bedingung gemacht worden,
unter welcher die der Möglichkeit nach ſchon
in ihr verborgen liegenden Begriffe von ge
wiſſen Dingen gebildet werden, oder zur Leb
haftigkeit gelangen können, deren ſie alſo nas
türlicher Weiſe, wenn ſie auſſer dem Körper
iſt, entbehren muß. Ferner kanman aus der
Erfahrung beniercken, daß wenn die flüßige
Materie der Nerven, welche das nächſte
Werckzeug der Empfindungen und aller Thäs
tig"
auf den Hauptzweck des Lebens. 31%
tigkeiten unſerer Seele iſt, allzuſehr gedrän
get und gepreſſet iſt, oder wenn eine gröbere
Materie an deren Stelle tritt, oder ſich das
mit vermiſchet, daß, ſage ich, alsdenn das
Bewuſtſeyn und die davon abhangenden
vernünftigen Thaten hinwegfallen. Dieſes
wird man auf keine andere Art erklären kön
nen, als wenn man ſaget, daß dadurch ge
wiſſe Bewegungen der Subſtanz der Seele,
welche von GOtt dazu beſtimmt worden, daß
ſie unter deren Bedingung mit Bewuſtſeyn
wircken kan, verhindert werden. Nemlich
weil die Bewegungskraft der Seele ſehr
ſchwach iſt, indem ſie ſonſt keines Körpers,
welcher ihre Bewegung durch mechaniſche
Vortheile erleichtert und modiſcirt, nöthig
hätte; ſo wird ihre Bewegung, durch eine
iedwede andere Materie, welche weniger als
die ſogenannten Lebensgeiſter beweglich iſt,
verhindert, wodurch aber auch zugleich ihre
mit Bewuſtſeyn anzuſtellenden vernünftigen
Thaten unmöglich gemacht werden. Da es
nun höchſtwahrſcheinlich iſt, daß die auſſer
uns befindlichen Materien alleſamt weniger
beweglich ſind, als die gnugſam ſubtiliſirten
Lebensgeiſter; ſo iſt die Seele, wenn ſie ſich
in einem geſunden Körper befindet, an den
bequemſten Ort geſtellet, wo ſie am beſten un
gehindert wircken kan. Dieſes alles wird
natürlicher Weiſe hinwegfallen, weun ſie ſich
auſſer ihrem Körper befindet, und ſie wird
entweder in gänzliche Finſterniß, oder gar in
- einen
316 Cap. III Von den Pflicht, in Abſicht
einen ſehr unangenehmen Zuſtand, verfallen
müſſen.* Noch weiterlehret drittens die Ers
fahrung, daß wir durch den Körper die Welt
zu bewohnen und zu genieſſen fähig ſind. Es
ſind auch thieriſche Grundtriebe da, § 149:
woraus man abermahl ſiehet, daß der Kör
per ein ſolcher weſentlicher Theil gewiſſer
vernünftigen Einwohner der Welt ſey, oh
ne welchen ſie diejenigen letzten objectiviſchen
Zwecke GOttes, § 13, in der Welt nicht ſeyn
könten, welche ſie wircklich ſind, §21o. Noch
weiter läßt ſich viertens aus der überaus
künſtlichen Bildung menſchlicher Körper,
und der zur Ernährung derſelben eben ſo
künſtlich abgerichteten Maſchinen, nicht an
ders ſchlieſſen, als daß dergleichen Körper
ſelbſt zu den Endzwecken GOttes in dieſer
Welt mit gehören, welche einen weſentlis
chen Theil der Vollkommenheit derſelben
ausmachen ſollen. Der menſchliche Körper
trägt auch gleich in ſeiner Bildung das Bild
der Herrſchaft über den Erdboden an ſich.
Endlich überſiehet man a priori, daß in ei
ner Welt ſowol Geiſter mit Körpern, als
ohne dieſelben'möglich ſind, und einen guten
Endzweck haben können. Da wir nun a
poſteriori ſolche Geiſter in der Welt antrefs
fen, welche mit Körpern verſehen ſind; wor
aus wolten wir denn ſchlieſſen, daß nicht bey
deweſentliche Theile ſolcher Subſtanzen vers
möge einer ausdrücklichen Einrichtung GOt
teß
* Vergl. Metaphyſ. § 475.
auf den Hauptzweck des Lebens. 317
tes zuſammen und zur Vollkommenheit der
Welt gehörten? Wieder die erſte Meinung,
da man ſich eingebildet hat, daß die Seelen
zur Strafe wegen vorher begangener Sün
den in die Körper verſperret wären, dienet
noch ferner dieſes, daß wer geſtraft wird,
wiſſen müſſe, daß und warum er geſtrafet
werde. Da wir uns nun keines auſſerdem
Körper gehabten Lebens bewuſt ſind; ſo iſt
es ungereimt zu ſagen, daß wir zur Strafe
in den Körper eingeſchloſſen worden. Hin
gegen das häufige Elend, welches der Leib
denen Menſchen zu verurſachen pfleget, kan
nicht beweiſen, daß der Leib ſeiner urſprüng
lichen Einrichtung nach darzu beſtimmet ges
weſen, ſolches, als eine Strafe, zu veranlaſs
ſen. Denn wenigſtens iſt unleugbar, daß
dieſes Elend eben ſo leichte von einer Ver
ſchlimmerung des menſchlichen Zuſtandes,
und von einer Abweichung deſſelben von ſeis
ner urſprünglichen Vollkommenheit herkoms
men könte, wie im folgenden mit mehrern
erhellen wird.
§ 227.
Wir müſſen demnach unſer Leben, Die Pflicht,
ſº lange als möglich, zu erhalten ſinÄ*
chen, und es dahero weder ohne Noth in
Gefahr ſetzen, noch gewaltſamer oder auf
andere Weiſe abkürzen. Denn ſonſt bei
fördern wir den weſentlichen Endzweck uns
ſerer Natur nicht ſo gut als möglich. Ein
ieder Augenblick des zeitlichen Lebens iſt von
unend
318 Cap. III Von den Pflicht. in Abſicht
unendlichem Werthe. Denn die Anwen
dung deſſelben hat einen unaufhörlichen Ein
fluß in unſere Glückſeligkeit, § 189, 19o,
und ſetzet uns in den Stand der Mög:
lichkeit, einen höhern Grad der Belohnung
unaufhörlich zu beſitzen, § 191. Man ſtelle
ſich den Vorzug deſſelben ſo geringe vor als
man will, ſo wird doch, weil die Theile deſ
ſelben ſeiner Unaufhörlichkeit wegen unend
lich fortwachſen, auch das gröſte zeitliche
Gut, wenn man ſich daſſelbe in Gedancken
durch Theile von eben der Gröſſe vorſtellet,
durch Vergleichung mit jenem allen Werth
Ä verlieren.
Der Weil man nun auch in einem elen
Ä“ den Leben doch noch Tugend ausüben kan;
laubl. ſo gilt dieſer Beweis von demſelben ebenſo:
wol, als von einem glücklichen und bequer
men Leben: daher man in keinem Falle einen
Selbſtmord erlauben kan. Ich nenne aber
einen Selbſtmord eine That, wodurch man
ſichtödtet, und wobey man die Abſicht hat,
ſich ums Leben zu bringen, ohne daß es an:
derweitige Pflichten erfordern, das Leben ietzo
zu wagen und aufzuopfern.
§ 228.
Ä Aus eben dem Grunde müſſen wir ferner
ein guten unſern ZRörper beſtändig in demjeni
# "gen Zuſtande zu erhalten ſuchen, in wel
chem er ein tüchtiges Werckzeug der Seele
abgeben, und ihre Actionen befördern kan.
Folglich müſſen wir ſowol vor die Geſund
heit deſſelben überhaupt, als beſonders vor
die Erhaltung der Verckzeuge der
MEns
auf den Hauptzweck des Lebens. 319
Empfindung, Sorge tragen, und deswe
gen eine gute Diät in Speiſe und Tranck,
im Schlafe und Arbeit, wie auch in Beherr
ſchung des Gemüths, beobachten, hingegen
bey ſich ereignender Kranckheit dienliche Mit
teldarwieder, und mit gehöriger Vorſichtig“
keit, gebrauchen. Hingegen iſt eine ſolche
Ueberfüllung mit Eſſen oder Trincken,
welche die Seele zu vernunftiger Ueberiegung unerlaubt.
ihrer Thaten untüchtig macht, eine groſſe
Sünde, weil das Vergnügen zum höchſten
Zwecke gemacht, der Hauptzweck aber aus
den Augen geſetzt wird, § 21.3, 216, 217.
Es iſt auch ſolches aus vielerley andern
Gründen ſchändlich, ſchädlich und gefährlich,
und alſo der weſentlichen Vollkommenheit
des Menſchen zuwieder. Nemlich gefähr: Schändlich
lich iſt die Trunckenheit, weil durch dieſelbe Ä
der Gebrauch der Vernunft verhindert, oder beit.
ganz weggenommen wird, wodurch alle Gü
ter des Gemüthes, Leibes und Glückes in
Gefahr geſetzt ſind, da die Vernunft beyal
len Handlungen die Führerin ſeyn muß;
worzu noch kommt, daß mit der Abnahme
derſelben gleichwohl die Gewalt und Reiz- ,
barkeit der Begierden und Affectenzunimmt,
z. E. Der Geilheit, des Zornes und der
Zanckſucht, der Leichtſinnigkeit, Verwe
genheit u. ſ. w. Eben darum iſt auch die
Trunckenheit an ſich etwas ſchändliches und
niederträchtiges, weil eben die Vernunft
den Vorzug der Menſchen vor dem Viehe
AUSz
32o Cap. III Von den Pflicht in Abſicht
ausmacht. Wie ſchädlich ſie der Geſund
heit und dem Hausweſen zu ſeyn pflege, iſt
auch bekannt. Eine beſondere Unbilligkeit
derſelben gegen GOtt iſt noch darinnen zu be
mercken, weil ſie die natürlichen Wohltha
ten GOttes umbringet, und machet, daß
ſeine Gabentheils nicht genutzt, theilsgera
de wieder alle Abſichten des Gebers anges
wendet werden. Daher iſt auch in dem ſo
gewöhnlichen Nöthigen zur Unmäßigkeit et
was nicht nur ungerechtes, ſondern auch
unanſtändiges und unziemliches. Die Ur
ſache aber, warum es ſo wenig eingeſehen
wird, liegttheils in der Geringſchätzung der
Religion und Tugend überhaupt, theils ins
ſonderheit in der angenehmen Empfindung,
welche die Frölichkeit bey ſich hat, wodurch
man ſich der Trunckenheit ſtuffenweiſe nä
hert, von welcher auch die Erinnerung hin:
terher noch angenehm iſt. Denn dieſe Frös
lichkeit machet leichtſinnig und unbedacht
ſam. Mehreres will ich, weil es leichte zu
finden iſt, nicht weitläuftig ausführen. -
§ 229.
Ä. Weil nun die Lebensmittel, nachdem Re
bung j publicken eingeführet worden, durch eigen
Ä„bümliches Vermögen geſetzmäßig erlangt,
und auf rechtmäßige Art in unſern eigen
thümlichen Beſitz gebracht werden müſſen,
davon der Grund und die fernere Determi
nation in dem Rechte der Natur erkläret
werden ſoll; ſo müſſen wir ſo viel Vermös
gen
auf den Hauptzweck des Lebens. 32t
# in unſern rechtmäßigen Beſitz zu
ringen ſuchen, als ſowol zum täglichen
Unterhalte und Gebrauche, als auch
zur Bedürfniß auf künftige Fälle erfot
dert wird. Ich meyne, ſo viel zu dieſen
Zwecken vor uns, und vor diejenigen, vor
welche wir zu ſorgen haben, wirklich erfor
dert wird, ſo weit erſtreckt ſich die Pflicht
es zu ſuchen. Wenn einer mehr ſuchet, je:
doch durch rechtmäßige Mittel, und daß auch
dadurch andern Pflichten nicht wiederſtrit
ten wird; ſo gehört es nur unter das Er
laubte. Zu allen dieſen Stücken iſt Ar
beitſamkeit, Sparſamkeit und eine gute
(Eintheilung und Haushaltung nöthig.
Unter der Arbeitſamteit verſtehetmanent
weder die Gewohnheit zweckmäßig, und
zwar nach einem ſolchen Endzwecke zu han
deln, welcher nicht bloß das Vergnügen,
ſondern ein fernerer Nutzen vor uns oder ans
dere Leute iſt. In einem engern Verſtande
aber meinet man dadurch die Gewohnheit,
ſich keine Beſchwerlichkeit abhalten zu laſ
ſen, um eigenthümliches Vermögen rechts
mäßig an ſich zu bringen. Jetzo erfordern
wir die Arbeitſamkeit in dem letztern Ver:
ſtande. Unter der Sparſamkeit aber vers
ſtehen wir die Gewohnheit, unnützen Auf
wand zu vermeiden, undwas man ietzonicht
nöthig hat, zu guten Endzwecken auf künf
tige Zeiten aufzuheben. Es iſt davon, wies
fern ſie Pflicht, oder " erlaubt iſt,
WM
322 Cap.II Vonden Pflicht in Abſicht
das zu merken, was vorhin vom Erwerben
erinnert worden. Daher iſt es der pflicht:
mäßigen Sparſamkeit nicht zuwieder, wenn
Leute, die reich ſind, oder nach ihren Um
ſtänden mehr erwerben, als ſie nöthig ha
ben, proportionirlich aufwenden, um an:
dern zu verdienen zu geben, ſondern es iſt
an ſeinem Orte löblich. Wenn hernach an:
dere mit ſolchen des bloſſen Standes wegen
certiren, und meynen, daß ſie es deswegen
jenen gleich oder zuvorthun müßten; ſo iſt
es unbedachtſam, und machet ſie bey Ver:
ſtändigen verächtlich.
§ 23O.
llgemeine
Pflichten in
In unſerer Seele treffen wir Vernunft
Anſehung und freyen Willen an. Die Vernunft
der Seele. nenne ich denjenigen Grad der Vollkom
menheit eines Verſtandes, wodurch er in
den Stand geſetzt wird, Wahrheit mit Be:
wuſtſeyn und deutlicher Unterſcheidung zu
erkennen. Aus beyden zugleich flieſſet das
Vermögen, Endzwecke und Mittel vorſetz:
lich zuſammen zu ordnen, und das Zukünfti:
ge zu überſehen, weswegen auch die Natur
dem Menſchen viel weniger als dem Viehe
lehret, was ihm nützlich undſchädlichiſt, da:
miter ſeine Vernunft gebrauchen ſoll, § 148.
Die Schul
digkeit, nie Daraus flieſſet erſtlich die Schuldigkeit,
mals ohne niemals ohne Endzweck zu handeln.
Endzweck zu Der Endzweck kan auch etwas bloß erlaub:
handeln
tesſeyn, nemlich unſer Vergnügen zu ſuchen,
oder uns unſeres Rechtes zu bedienen. Als
lein
auf den Hauptzweck desLebens. 323
lein wenn man auch dergleichen Endzweck
nicht mit Bewuſtſeyn als erlaubt dencket, ſo 7
wird er eben dadurch unerlaubt,§ 186. Zum Die Ver
andern entſtehet daraus die Schuldigkeit, Ä.
bey denenjenigen Endzwecken, darzu
wir verbunden ſind, alle mögliche Älug
heit zu gebrauchen; denn dieſes iſt die
einzige Art und Weiſe, wie wir dieſelben ſi
cher befördern können. Wer dahero zudem
Endzwecke verbunden iſt, der iſt auch zu -
dem einzigen Mittel darzu verbunden. Ich
ſetze aber die Verbindlichkeit zur Klugheit
mit Fleißnur bey denenjenigen Endzwecken,
dazu wir verbunden ſind, weil bey den bloß
erlaubten Dingen die Endzwecke ſelbſt, und
mithiu auch die Mitkel, wodurch wir ſie ſu
chen wollen, dem Geſetze gleichgültig ſind,
§ 185. Z. E. Wer aus Unvorſichtigkeit
iemanden beſchädiget, der ſündiget, nicht
aber, wer aus Unvorſichtigkeit das Spiel
verlieret. Drittens entſtehet daraus die die Pflicht,
Pflicht, niemals bloß aufs Gegenwärtige, ##
ſondern, weil an dem Zukünftigen unendlichiu ſehen
mahl mehr gelegen iſt, vielmehr auf das
Zukünftige zu ſehen. Weil das Gegen
wärtige eigentlich nur ein einziger Augen
blick iſt, ſo verſtehet man hier dasjenige
darunter, was zunächſt damit verknüpft iſt.
§ 23 I.
Die Pfl
Was den Verſtand insbeſondere an Ä;
langt, ſo bringen wir davon nur die bloſſe Ä
Fähigkeit mit auf die Welt, und alſo muß”ſtande.
3. 2 er
324 Cap.III Von den Pflicht in Abſicht -
Die Pflicht, er cultivirt werden. Die Cultur des
Ä. Ä Verſtandes iſt die Erhöhung des Grades
Ä“ ſeiner Vollkommenheit, welche durch Fleiß
und Uebung erlanget wird. Man hat
alſo dabey auf dreyerley zu ſehen, theils
" auf die Weite der Erkenntniß, damit
der Verſtand mit vielen Begriffen ange
. füllet werde, theils auf die Arten der
Thätigkeiten des Verſtandes, damit wir
denſelben auf vielerley Art gebrauchen ler:
nen, theils auf die Güte der Erkenntniß,
damit die Gedancken wahr, und die Unter
ſcheidung genau werden möge. Weil aber
nicht iedweder Menſch ſich auf alle Arten
der Erkenntniß und des Gebrauchs der
Verſtandeskräfte legen kan; ſo haben wir
zu unterſuchen, welche Cultur und Anwen
dung des Verſtandes einemiedweden zu ſei
ner weſentlichen Vollkommenheit ſchlechter
dings nöthig ſey.
232.
Zºº" Zuvörderſt muß iedweder, ſo vieler Ge
Äulegenheit hat, beſtändig vor die allgemei
erweitern. nen Vollkommenheiten des Verſtandes
ſorgen, nemlich vor die Deutlichkeit, UVahr
heit und Vielheit der Gedancken. Denn
ſonſt machet er ſich zu Ausübung ſeiner
Pflichten nicht ſo geſchickt, als möglich, und
verſäumet alſo ſeinen Hauptzweck, § 21 3.
# Ä Daher entſteht die Schuldigkeit, ſich zur
Ääuſſerlichen und innerlichen Aufmerck
und Mun- ſamkeit, § 29, und zu einer thätigen Mun
TEU's
auf den Hauptzweck des Lebens. 325

terkeit zum VNachſinnen zu gewöhnen. Die terkeit im


ſes ſind die nächſten und allgemeinen MitÄ
tel zur Cultur unſers Verſtandes; da hin: jen.
gegen nicht alle Leute Gelegenheit finden, "
die Vernunftlehre zu lernen, welche alſo nur
vor diejenigen gehört, welche die Gelegen:
heit dazu haben.
§ 233. -

Nun iſt der Verſtand des Willens we: Die Pflicht,


gen, damit er ihm die Objecte und die Be: Ä
wegungsgründe ſeiner Thatenvorſtellen, ĺ
und zu den Handlungen des Willens das
Modell, oder die cauſam exemplarem, ab:
geben ſoll, § 4, 5, 6o. Demnach muß man
niemals etwas bloß deswegen wiſſen
wollen, daß man es weiß, man müſte denn
die Erkenntniß deſſelben mit der gehörigen
Einſchränckung als ein bloß erlaubtes Ver
gnügen mit Bewuſtſeyn begehren, § 186,
ſondern alle Erkenntniß ſoll ordentlicher
Weiſe nützlich ſeyn. Hingegen hüte man Die Plicht,
ſich, daß man nicht durch den Willen den Ä #
Verſtand an unparrheyiſcher Unterſu dºch den
chung der Wahrheit hindere, oder irre Ä."
mache, § 6, 100, 140, und zu Irrthümern
und Vorurtheilen Anlaß gebe.
§ 234.
Verſtand und Wille ſind deswegen mit Die pflicht,
einander vereinigt, daß der Menſch ſeinen Ä #
Hauptzweck erreichen ſoll, nemlich die Tu: ſich ſelbſt zu
gend, und nachgehends die Glückſeligkeit, erk"
S 213. Dieſe kannan ohne gründliche Er:
3. 3 kennt:
326 Cap III Von den Pflicht. in Abſicht.
kenntniß ſeiner ſelbſt nicht erlangen, weil
iede Tugend mit Bewuſtſeyn geübt werden
muß, § 45. Demnach ſind die drey we
ſentlichen Objecte, zu deren Erkeuntniß ieder
Menſch ſeinen Verſtand ſchlechterdings an:
wenden, und darinnen immer weiter gehen
muß, dieſe, daß er GOtt, die Tugend
und ſich ſelbſt, ich meine ſeinen Gemüths
zuſtand, die Endzwecke und Meinungen, wel
che er heget, wohl erkenne. Die übrigen
Arten der Erkenntniß ſind nur zufällige
Grade der Vollkommenheit, welche entwe:
der nur beſondern Ständen obliegen, oder
nur zu einem erlaubten Vergnügen dienen,
r Er
# §gehöret 185. Zur Erkenntniß der Tugend aber
zweyerley, einmal, daß man über
der Tugend
gehörtzwey haupt wiſſe, was gut oder böſe, vergönnt
erley. ,
oder verboten ſey, welches die ganze Moral
lehren muß; hernach aber auch, daß man
die allgemeinen Regeln aufiedweden vor
kommenden Fall zu appliciren, und zu
urtheilen wiſſe, was man davon zu halten
habe. Dieſes ſind zwey ganz unterſchiede:
ne Fertigkeiten, und wer die erſte hat, der
beſitzt deswegen die andere noch lange nicht.
Die letztere muß mit Vorausſetzung der er
ſtern durch viele Uebung erlangt werden.
Man mercke dabey die Regel, daß ein ein
ziger Umſtand die ganze Sache verän
dern könne, deswegen man ſich zu genauer
Aufmerckſamkeit auf alle Umſtände gewöh
nen, und nach und nach die Geſchicklichkeit
erlans
auf den Hauptzweck des Lebens. 327
erlangen muß, daß man ſowol iedesmal das
nöthige ſogleich wahrnimmt, dergeſtalt, daß
uns nichts leicht entwiſchet, als auch vieles
auf einmal unterſcheiden und beurtheilen
lernet. Weil unſer Verſtand bey der Be: „Wie man
urtheilung einzeler Fälle doch allezeit aus Ä
allgemeinen Regeln ſubſumiren muß, wel-moraliſchen
ches aber gemeinglich dunckel, und desweē
wegen mit vieler Verwirrung geſchiehet; ſo kan.
gewöhne man ſich an, den dabeyvorkommen:
den Syllogiſmumiedesmal deutlich zu dens
cken. Er wird alſo heiſſen: was ſo oder ſo.
beſchaffen iſt, das bin ich zu thun oder zu
laſſen ſchuldig oder befugt. Nun kömmt
iezo ſo ein Fall vor, da etwas ſo oder ſo be
ſchaffen iſt, folglich bin ich es zu thun oder
zu laſſen ſchuldig oder befugt. Oder weil
der Grund, warum wir eine Verbindlich
keit oder Befugniß zu etwas haben, doch in
den Umſtänden der Sache liegen muß; ſo
kam man aus dem erſten Vörderſatze auch
einen verneinenden Satz durch einenunvoll
kommenen Cauſalſchluß nach der Regelhers
ausziehen, wiefern die zureichende Urſache
eines Dinges aufhöret, ſo höret auch ihre
Wirckung auf, welcher demnach alſo heiſſet:
was nicht ſo oder ſo beſchaffen iſt, das bin
ich entweder gar nicht, oder wenigſtens nicht
aus dieſem Grunde zu thun oder zu laſſen
verbunden oder befugt; woraus man ferner
ſchlieſſen kan, nun aber iſt in dem ietzigen
Falle die Sache nicht ſo oder ſo beſchaffen.
. . 3. 4 Folg
328 C.III Von denPflicht, in Abſicht
Folglich findet auch die Befugniß oder Ver:
bindlichkeit entweder gar nicht, oder nicht
aus dem angegebenen Grunde, ſtatt. Die
, Termini ſolcher Schlüſſe werden gemeinig:
lich, vermöge der Empfindung des Gewiſs
ſens, als unaufgelöſete Begriffe gedacht,
welches aber nicht hindert, daß dergleichen
Ideen doch brauchbar ſeyn, und in denen
Erempeln hinlänglich kennbar ſeyn können.
Ja man muß die concrete Empfindungs
idee von dem, was recht und billig iſt, und
welche das Gewiſſen an die Hand giebt, als
lezeit auch bey dem ſcharfſinnigen Nachden
ken, zum Grunde legen, oder doch wenig
ſtens zugleich mit in Erwägung ziehen, das
mit man nicht den natürlichen Leitfaden zur
Beurtheilung moraliſcher Wahrheiten ver
lieret, ohne welchen man gemeiniglich in un:
endliche Spitzfindigkeiten verwickelt werden
würde. Wir ſubſumiren ja auch in andern
Fällen, ja in allen Geſchäften des menſchli
chen Lebens, häufig aus concreten Begrif
fen, und ſind zufrieden, wenn ſie nur die
gemeine Deutlichkeit oder Klarheit haben,
daß wir die Erempel darnach kennen und
beurtheilen können, z. E. bey Thieren,
Kräutern u. ſ. w. Indem man aber auf
die beſchriebene Art die beyden Vörderſätze,
worauf unſer Thun und Laſſen ſich gründen
ſoll, deutlich zu beſtimmen, und die Begrif
fe des Pflichtmäßigen, Billigen, Anſtändi
gen, Löblichen u. ſ f.ſowolüberhaupt, als in
- denen
auf den Hauptzweck des Lebens. 329
denen Erempeln, aufzulöſen ſuchen wird;
ſo wird auch eben dadurch unſere Aufmerks
ſamkeit ſo vortheilhaftig auf die rechten
Puncte gelenket werden, daß man ſich dar:
üder wundern wird. Man kan entweder
alsdenn einen iedweden Vörderſaß ſolange
zu prüfen, einzuſchräncken und zu verbeſſern
fortfahren, bis man zur Deutlichkeit und
Gewißheit gelanget, dabey auch dasjenige
inſonderheit gute Dienſte thun ſoll, was im
Rechte der Natur von Entſcheidung ſtreiten
der Pflichten und Befugniſſe geſagtwerden
wird: oder wenn es ſich irgendwo nicht zu
einer völligen Deutlichkeit in aufgelöſeten
Begriffen bringen läſſet, ſo wird doch die
concrete Idee ſo lebhaft geworden ſeyn, daß
man ſie im Schlüſſen mit mehrerer Sicher
heit anwenden kan,
§ 23 F. -

In dem Willen treffen wir theils Be: Die Pflich


gerden theils die Freyheit an, § 22, 23.ĺ
Was die Begierden anlangt, ſo verſieÄ
bet man ſogleich, daß wir zuſehen müſſen, Ä Ä“
damit dieſelben allezeit auf ihr wahre Ä,
Object gerichtet werden, und ſich nicht den verdi“
etwan verirren, welches durch unrichtiges“
Urtheilen geſchiehet, oder aus der Art ſchla:
gen, welches geſchiehet, wenn wir den Ur
ſprung der erzeugten Begierden vergeſſen,
S 75,76. Ferner müſſen wir iedes Object Ä ge

nach Proportion ſeiner wahren Güte Ä


oder Schädlichkeit begehren oder verab-Ä.
3. 5 ſcheuſj.
330 C.III Von den Pflicht, in Abſicht.
ſchenen. Wenn dieſe zwey Regeln nicht
beobachtet werden, ſo werden wir zu Unter
ſcheidung des Guten und Böſen, und alſo
zu unſerm Hauptzwecke, untüchtig.
§ 236.
Die Pflicht. So lange die Begierden in ihrem na
Ätürlichen Zuſtande verbleiben, ſo begehren ſie
zuſubordini- allerſeits ihr Object als einen le;ten Zweck
Cl. um ſein ſelbſt willen. Dieſes iſt auch an
ſich noch keine Unvollkommenheit, ſondern es
gehöret zum Weſen einer vernünftigen Crea
tur. Es wäre aber eine Unvollkommen
heit, wenn ſie in dieſem Zuſtande gelaſſen
würden, weil ſie alsdenn wieder einander
laufen, und Verwirrung in der Seele an
richten, alles regelmäßige aufheben, ſich ver
irren, den Menſchen zu den vorkommenden
Dingenhinreiſſen, den Gehorſam aber gegen
GOtt ganz ausſchlieſſen würden. Hinge:
gen können ſie vermittelſt der Kraft der
Sreyheit einander ſubordinirt, und alſo
in eine den Regeln der Vollkommenheit ge
mäſſe Uebereinſtimmung gebracht werden.
Folglich iſt die Freyheit zu dem Ende gege
ben, daß dieſes geſchehe, welches auch ſchon
Wie vieler § 46 erinnert worden. Die Subordina
Ä“tion, mit welcher die Endzwecke der Begier
der Begier- den einander unterworfen werden können,
iſt entweder die poſitive, wenn man ſich
vornimmt, den einen Endzweck als ein Mit
tel des andern zu ſuchen, oder die negative,
wenn man ſich nur vornimmt, den einen
nicht
auf den Hauptzweck des Lebens. 33r
nicht weiter zu ſuchen, als wiefern der an
dere nicht gehindert wird, § 17. Die erſte
findet bey den gebothenen, die andere bey
den erlaubten Dingen ſtatt.
§ 237.
Hieraus entſpringen ſogleich zwey Re: Man ſoll
geln, erſtlich, daß man ſich beſtändig in # v

dem Stande der Möglichkeit erhal-inSej


te, ſeine Sreyheit gebräuchen zu könÄ"
nen. Daraus flieſſet, daß man keinen
Affect, §78, in ſich ſo ſtarck müſſe werden
laſſen, daß der Verſtand an den vernünfti
gen Ueberlegungen dadurch gehindert, und
der Wille hingeriſſen wird, § 54. Denn
in dieſem Falle wäre der Grad des Affectes
böſe. Man verſtehet darauszugleich, daß
wenn ſich der Affect vollends gar an einer bö
ſen Begierde befindet, der Fehler nicht bloß
an dem Grade liegt, ſondern der Affect als:
denn ganz und gar böſe iſt. Auſſerdem
ſind die Affecten nicht zu verwerfen, ſondern
die darinnen befindliche Lebhaftigkeit kommt
vielmahldem zweckmäßigen Vorſaße zu ſtat
ten, § 5 1, und vermehret den Muth, § 86.
Weiter läſt ſich aus der beygebrachten Re
gel zugleich ſchlieſſen, daß es böſe iſt, wenn
man die Begierden, ohne ſie zu beherrſchen,
ſich in Leidenſchaften verwandeln, und -
dadurch die Freyheit in Sclaverey verfal:
len läſt, § 54, 71. Die andere Regel iſt, anſoder
daß wir alle Endzwecke und Begierden ĺ
einander dergeſtalt vermitteiſt der Ä nach den Re
Het
s32 Cap. III Von den Pflicht in Abſicht
#k der heit ſubordiniren, es geſchehe nun nach
Äb. Befinden mit der poſitiven oder negativen
ordiniren Subordination, § 7o, daß dadurch ein
ſolches Syſtema herauskommt, wel
ches der weſentlichen Vollkommenheit
der Dinge gemäß, und in welchem alſo
Tugend befindlich iſt, § 175. Wie dieſes
geſchehe, haben wir nun weiter auszuführen.
§ 238.
Ane End. Ich habe ſchon im vorigen aus der wer
Ä”ſentlichen Vollkommenheit GOtteserwieſen,
müſſen dem daß der Gehorſam, und alſo der Gewiſ
Äetſenstrieb, über alle unſere Endzwecke
werden die Herrſchaft führen müſſe, § 171, 172,
173. Dieſes kan ich hier nochmahls auch aus
dem Weſen unſerer Seele ſelbſt darthun.
Die weſentliche Vollkommenheit der Seele
erfordert, daß alle Grundbegierden, ſo viel
möglich, zugleich erfüllet werden. * Ä Ot!

* Zur Erläuterung füge ich noch folgendes bey. In


em ich ſage: die weſentliche Vollkommenheit
der Seele erfordere, daß alle Grundbegierden, ſo
vielmöglich, zugleich erfüllet werden ſo unter
ſcheide man zwey Hauptbegriffe. Der erſte iſt: da
uns der Schöpfer Grundtriebe anerſchaffen; ſo muß
irgend eine Erfüllung derſelben GOtte End
weck ſeyn. Das Allgemeinſte, was ſich ſogleich
avon ausmachen läßt, iſt folgendes. a) Wiefern
aus der Entbehrung des Objectes eines Grund
triebes ein unvermeydlicher Schmerz entſtehet, ſo
ſoll dieſer Schmerz vermieden werden, wenn nicht
* im Colliſionsſalle ein wichtigerer Gegengrund die
Erduldung deſſelben erweislich fordert. b) Alle
Verirrung der Triebe von ihrem wahren Object
muß vermieden werden, das iſt, ſie ſollen ſich nicht
auf Objecte determiniren, darinnen das begehrte
Weſen nicht anzutreffen iſt, oder darinnen es n
auf den Hauptzweck des Lebens. 333
ſonſt ſtimmet ihr Zuſtand mit dem Begriffe
ihres Weſens nicht ſo überein, wie er ſoll,
§ 1I5 :
in dem verlangten Grade iſt, oder von welchen man
gar Schaden hat. „So viel folgt gleich aus dem Be
riff von der Vollkommenheit überhaupt, wiefern
ein der Setzung einer poſitiven Realität beſtehen
muß, und demjenigen entgegen geſetzt wird, was
als Nichts anzuſehen iſt, dergleichen iſt, was mit
ſich ſelbſt ſtreitet und ſich vernichtet, was mehr Ein
buſſe bringt, als es überhaupt die Realität ver
mehrt, was ſo aufhöret, daß es keine # hin
ter ſich läßt, ſondern es ſodann gleichvieliſt, ob es
geweſen oder nicht geweſen iſt, welches ein morali
ſches Nichts ausmachet.
Derandere Hauptbegriff, den ich ſetze iſt: die »
von dem Schöpfer anerſchaffenen Grundtriebe ſol-
len, ſo viel möglich, Ä erfüllet werden.
Daraus folget, daß die Erfüllung des einen nicht
auf ſo eine Art geſucht werden darf, wodurch die Er
füllung des andern ohne Noth ausgeſchloſſen und
unmöglich gemacht wird, z. E. ein Object, deſſen
man ohne Schmerz entbehren konnte, darf nicht
ein anderes verdrängen, welches unentbehrlich iſt,
wenn man nicht Schmerz leiden oder gar um
kommen ſoll. Ferner fließt daraus ſo bald gewiſſe
Zwecke des Schöpfers erwieſen ſind, welchen zu
Folge der eine Trieb wichtiger als der andere, oder
darf nicht die
der eine um des andern willen iſt, ſowichtigen
Erfüllung des unedlern und weniger dem
Objecte des edleren und wichtigeren vºrgezogen wer
den. Z. E. So iſt an den vernünftigen Trie
ben mehr gelegen, als an den theriſchen, weil *
der Menſch unter die abſoluten Zwecke Gottes gehö
ret, nicht wiefern er Thier, ſondern wiefern er
vernünftig iſt. Es darf daher nicht das Object des
thieriſchen Triebes, als des unedlern, der Errei
chung der Abſicht der edleren Triebe, vielweniges
dem Hauptzwecke des Weſens, hinderlich Ä
unb
dieſe ausſchlieſſen. Durch eine ſolche Einſchränckung
wird der unedlere Trieb darum nicht unnütze, wenn
gleich bey manchen Perſon ſein Object gar nichter
langt wird. Denn das Daſeyndeſſelben kan ſeinen
Nutzen vor die Speciembaben, ohne daß es nöthig
iſt, daß Jedes Indiuiduum davon Gebrauch mache;
dergleichen iſt der Trieb, zur Fortpflanzung ' # f
334 Cap. III Von den Pflicht, in Abſicht
§ 1 I 5; und ſolange dieſes nicht iſt, ſo bleibet
die Seele unvollkommen, und wenn ſie noch
ſo viel zufällige Vollkommenheiten erlangte,
§ 1 14. Nun iſt der Gewiſſenstrieb auch ei:
ner von unſern weſentlichen Trieben, § 136.
Er iſt aber ſeinem Weſen nach alſo beſchaf
fen, daß er keiner Subordination fähig iſt,
und nicht erfüllet werden kan, als wenn er
über
ſchlechtes. Der höchſte Endzweck aber muß vor alle
Indiuidua beſtimmt ſeyn, und die edleren Triebe
heiſſen eben diejenigen, welche am meiſten, oder
welche ganz weſentlich und unzertrennlich damit
verbunden ſind. -
Hingegen ſoll hiermit nicht geſagt ſeyn, als ob
alle mögliche Applicationen aller Triebe zu Stande
kommen müßten, weil Gott wolle, daß alle Grund
triebe, ſo viel möglich, zugleich erfüllet werden ſri
ten. Denn die moglichen Applicationen haben kei
ne Zahl, ſondern ſind unendlich mannigfaltta, und
ſehr viele darunter ſind etwas bloß erlaubtes, und
dieſes wiederum in Anſehung mehrerer oder weniger
Umſtände § 185. Es ſoll auch nicht aeleuanet wer
den, daß es Triebe geben kan, welche nur gewiſſe
erlaubte Dinae haben ſollen moaltch machen helfen.
Nemlich ſie ſollen machen, daß uns aewiſſe Dinge
nicht indifferent, ſondern uns zum Vergnügen zu
dienen fähig ſind, ohne daß derwegen die Beſtre
buna nach dieſer Art von Vergnügen ein verbindli
cher Zweck Gottes iſt. . Eheben einem Triede dieſe
Möglichkeit in Betrachtung gezogen und widerlegt
iſt; ſo kan man nicht ſchlieſſen, daß die actuale Er
füllung des Triebes ein Zweck ſey, woru uns der
Schöpfer verbinde. Es iſt genug, daß die Erfüllung
erlaubt iſt, wiefern edlern und aebotenen Endzwe
cken keiu wiederrechtlicher Abbruch geſchiehct An
ders könnten auch nicht alle Grundtriebe des geiſti
gen Weſens ſo viel möglich, zugleich erfüllet
werden. Mon hat dieſes ber denen Arten des kör
perlichen und idealiſchen Ve;gnügens wohl zu mer
cken, daß man nicht dieſelben wichtigern Dinaert
vorziehe und daß man auch nicht mevne, als ſe»
man verbunden ſich ſo viel Vergnügen, als nur
möglich zu machen.
auf den sauptzweck des Lebens. 335
über alle die Herrſchaft führet. Das letz
tere verſtehet man ſogleich aus dem Objecte
deſſelben, § 137. Ebenſo iſt auch leichte zu
begreiffen, daß er keiner Subordination
fähig iſt. Der poſitiven Subordination iſt er
nicht fähig. Denn da das Gewiſſen haben
will, daß wir den Willen GOttes aus Schul
digkeit, und alſo ohne unſern Nutzen oder
Vergnügen zur fernern Abſicht zu machen,
§ 133, thun ſollen; ſo würde derjenige, wel:
cher vorgeben wolte, daß er den Gewiſſens
trieb einer andern Begierde poſitive ſubordi
nirte, ſo viel ſagen müſſen, er thäte GOttes
Befehl ohne weitere Abſicht, hätte aber eine
weitere Abſicht dabey, womit er aber ſich
ſelbſt wiederſpräche. Indem ich ſpräche, ich
gehorche GOtt, daß ich meinen Nutzen beför
dere, und meinte es ſo, daß die Begierde,
meinen Nutzen zu befördern, nicht etwan
bloß eine antreibende Urſache, ſondern ein
höherer Zweckſey, ſo würde hiermit der Ge
horſam geleugnet. Ebenſo wenig iſt der
Gewiſſenstricb einer negativen Subordina
tion fähig. Denn das hieſſe hernach ſoviel,
man wolle ſeiner Schuldigkeit gehorchen,
wiefern ſich nicht die Schuldigkeit mit unſern
eigenen Abſichten collidirte. Hiermit würde
aber die Erkenntniß einer ſolchen Schuldig
keit, wie die Vollkommenheit GOttes und
die höchſte Dependenz von ihm mit ſich
bringt, gar aufgehoben. Hingegen gehet es
wohl an, daß andere Begierden dem Ge
wiſſen
835 Cap.III Von den Pflicht. in Abſicht
wiſſen unterworfen werden können. Z. E.
Ich kan ſagen, ich liebe GOtt, damit ich ſei
nen Willen thue, ich ſuche meinen Nutzen,
damit ich die Abſichten ſeiner Geſetze erfülle,
oder damit ich mich der gegebenen Erlaub
niß bediene. Ja da die Glückſeligkeit aus
der Vollkommenheit erwächſt, § 157, und
das göttliche Geſetzeben die Regeln der wah
ren Vollkommenheit vorſchreibt, § 174; ſo
verlieret keine einzige Grundbegierde irgend
ein wahres Gut, § 26, wenn ſie dem Ges
wiſſenstriebe unterworfen wird. Demnach
fließt aus der Vollkommenheit der Seele
dieſer Hauptſaß, daß alle Endzwecke und
Begierden dem Gewiſſenstriebe oder dem
Gehorſam gegen GOtt ſubordinirt werden
müſſen.
- § 239. -

ne deter- Wir haben die Fähigkeit, GOtt zu lieben,


Ä und er verdienet ſeiner unendlichen Vollkom
der Liebe zu menheit wegen, welche ſowolin ſeinem Wil
GOtt zu len, als in ſeinen übrigen Eigenſchaften iſt,
die höchſt möglichſte Liebe, worzu auch ein
iedweder, der die Sache gehörig überleget,
eben hierdurch gnugſame Bewegungsgrün
de findet, § 12 , I29. Folglich ſind wir
GOtt die höchſt möglichſte Liebe ſchuldig.
Denn dieſes erfordert ſowol ſeine Vollkom
menheit, welche dieſelbe verdienet; als die
Natur der Liebe überhaupt, welche, ſo oft ſie
wicht verirret iſt, ein Verlangen nach der
Vereinigung mit andern Geiſtern iſt, um
Dg
auf den Hauptzweck des Lebens. 337
der an ihnen wahrgenommenen wahrhaften
Vollkommenheit willen; als auch die Voll
kommenheit des Weſens unſerer Seele in
ſonderheit, weil die Liebe ein uns weſentlie >
cher, und zwar menſchlicher, Triebiſt, § 125,
durch welchen ſo viel Gutes, als möglich iſt,
geſchaffet werden muß, dafern die Vollkom
menheit unſers Weſens, § 1 I 5, erlanget wer
den ſoll. * Weil nun alle andere determinir
te

* Die Rede iſt hier von derjenigen Liebe, welche in


ihrer Art, der Qualität nach, die höchſt mögliche
iſt. Von den Graden derſelben giebt es beſondere
Fragen, welche mit der Beſtimmung der Qualität
der GOtt ſchuldigen Liebe nicht zu verwirren ſind.
Auch die der Qualität nach volltommenſe Art von
Liebe, leidet noch Grade der Gröſſe. Sie kam und
ſoll dem Grade nach in einem endlichen Geiſte zu
nehmen, in dem ſeine übrige Vollkommenheit,
z. E. die Erkenntniß, zu höhern Graden fortgehet.
In den Graden der Tugend bleibt auch etwas zufäl
liges und der Willkühr überlaſſenes, wodurch die
gröſſere und kleinere Tugend Unterſchieden iſt, und
doch in benden Fällen wahre Tugend da iſt ; wie
wohl die Gränzen zwiſchen der kleinen, aber wah
ren, Tugend, und derjenigen Untugend, da man
aus Leichtſinn oder eiteln Begierden nicht weiter
ſtreben mag, ſondern träge iſt, und mit dem klein
ſten Grade zufrieden ſeyn will und hiermit ſowohl
GOtt, als die vorzüglichen Folgen des vollbrachten
Willens GOttes, geringe ſchätzet, ſehr ſchwer zu
beſtimmen, und oft in Erempeln denen Menſchen
zu unterſcheiden nicht möglich ſind. Es ſoll alſo -
nicht verwirret werden amor ſupremi generis und
ſummus gradus amoris. Man ſtelle ſich die unenſch
liche Fähigkeit zu lieben nach denen verſchiedenen
Arten ihrer Application vor; ſo entſtehen Claſſen .
oder Gattungen der Liebe, deren eine edler als die
andere iſt. Ich ſage nun, bey der niedrigſten und -
unedelſten Claſſe ſtehen bleiben zu wollen. wider
ſtritte dem Begriff der Vollkommenheit des Weſens
unſerer Seele. Denn iſt an dem Liebestrieh Ä
PL
338 Cap.III Von den Pflicht in Abſicht
te Endzwecke ſich der Liebe ſubordiniren laſ
ſen, weil dieſelbe eine Neigung, ſich in allen
Stücken gefällig zu machen, in ſich ſchlieſſet,
§ 126; ſo iſt diejenige Liebe, welche wir
GOrt ſchuldig ſind, eine ſolche, wel
cher alle unſere determinirte Endzwe
cke ſinbordiniret werden müſſen, § 17.
Es iſt dahero nicht genung, daß wir GOtt
nur mehr als ein iedwedes anderes Ding
lieben, ſondern wir müſſen ihn auch mehr
als alle zugleich lieben. Dieſes kan nicht
geſchehen, wenn wir uns nicht bewuſt Ä
da
viel gelegen. Denn er iſt ein weſentlicher und zwar
ſolcher Trieb, aus welchem ein unvermeidlicher
Schmerz, nemlich ein idealiſcher Schmerz, entſte
het, wenn er nicht irgend ein gnuaſames Objeet hat.
Und er iſt auch ein vernünftiger Trieb, und welcher
von demjenigen, was das Edelſtein dem menſchlichen
Weſen iſt, einen anſehnlichen Theil ausmachet.
Daraus folget, daß durch denſelben ſo viel Gutes
als möglich, geſchaffet werden muß, das iſt er nuß
ſo angewendet und gerichtet werden, daß weniaſtens
allezeit diejenige Art von Liebe, welche der Qualität
nach die vollkommenſte iſt, zu Stande gebracht wird,
obgleich ihr Grad ſelber theilswächſet, theils Zu
fälligkeiten leidet. Es iſt alſo die höchſt mögliche
Liebe GOttes, welche zum Weſen der Tugend ge
höret, nicht von dem höchſtmöglichen Grade der An
ſtrengung unſerer Kräfte in Geſchäften auch nicht
von einer Richtung derſelben auf alle mögliche Ob2
jeete zu verſtehen:, Bendes wäre in der praxi
theils uncharacteriſtiſch theilsſchlöſſe es die Grade
der Tuaend ſelbſt aus. heils hübe es alle bloß er
laubte Dinge auf. Es hübe den Unterſchied zwiſchen
dem Gebothenen und Erlaubten auf, und es bräch
te eine Aengſtlichkeit in die Geſchäftigkeit eines tu
gendhaften Geiſtes, da er immer unewiß ſeyn
müßte, ob er ſich nicht noch mehr hätte anſtrengen,
und ſeinen eigenen Endzwecken noch mehr hätte
abbrechen können, um noch reichlicher ausdrück
liche Pflichten zu leiſten.
auf den Hauptzweck des Lebens. 339
daß es geſchehe. Wir können uns aber deſ
ſen nicht bewuſt ſeyn, wenn wir nicht der
Liebe zu GOtt alle Endzwecke wiſſentlich ſub
ordiniren,
§ 24O. -

Demnach iſt die Liebe GOttes über alle Ä


Dinge die Haupttugend, aus welcher alle an j Äg
dere Tugenden, § 161, flieſſen müſſen. Der º Ä
Gehorſam vor ſich betrachtet, § 165, iſt noch Än'
eine undeterminirte Pflicht und bloſſes For-ſind
male der Tugend, § 177. Wo aber die
Tugend wircklich vorhanden ſeyn ſoll, da
muß noch ein Materiale dazu kommen.
Die höchſte materiale Tugend demnach iſt
die Liebe GOttes, welche zu dem Gehorſam
als die nächſte Determination gehöret, und
mit ihm zuſammen genommen das determi
nirte Grundweſen der Tugend ausmachet.
Die Liebe zu GOtt macht den Gehorſam
willig, gleichwie der Gehorſam die Liebe zu
GOtt zur wahren Tugend macht. Man Ä
kan alſo den determinirten Begriff der Tuj Ä
gend alſo abfaſſen, daß ſie eine Fertigkeit
ſey, GOtt als unſern höchſten Oberhe:rn
über alle Dinge zu lieben, und uns darzu
vor verbunden zu erkennen, § 175.
§ 24I. - -

Es ſoll alſo alles unſer Wollen und Thun „Die guten


dem Gehorſam und der Liebe gegen GOtt Ä
ſubordinirt ſeyn. Die Subordination Äund der
ſelbſt kan entweder mittelbar oder unmit Ä“
telbar ſeyn, §15, Bey der nmittelbaren iſt bar oder un
- P) 2 oft
34o Cap. III Von den Pflicht, in Abſicht
mittelbar oft die Reyhe der mittlern Endzwecke bis
ſubordinirt auf den höchſten ſehr lang, welche man dem
nach ſich oft vorſtellen, und ſich recht voll
kommen geläufig machen muß, weil man
Ä*ſonſt nicht darnach handeln kan. Man kan
Ä. ſich die Arbeit dadurch erleichtern, wenn
tion füglich man ſich die Reyhe der allgemeineſten End
ſº zwecke GOttes recht bekannt macht. Denn
hernach darf man die ſpecialern Fälle nur
bis auf einen von dieſen als bekannt vor:
ausgeſetzten guten Endzwecken zurückführen.
Doch hat man ſich dabey vor Selbſtbetrug
in Acht zu nehmen, daß man nicht die Gü
tegewiſſer uns angenehmen Endzwecke ohne
Grund vor bekannt annehme, § 18o, oder
die Wahrheit eines Vörderſatzes auf mehr
Fälle ausdehne, als auf welche ſich ſein Be:
weisgrund ſchicket. Damit man die rechte
Art und Weiſe, wie alle unſere Endzwecke
dem Gehorſam und der Liebe GOttes mit:
telbar oderunmittelbar zu ſubordiniren ſind,
deſto beſſer verſtehe; ſo will ich davon noch
etliche Specialregeln beyfügen.
§ 242.
Die hieri- Die thieriſchen Triebe ſind ſchlechter:
Ädings den menſchlichen zu ſubordiniren,
Denn was die thieriſche Vollkommenheit
menſchit:
Äbefördert, das iſt, vor dieienige Natur, wel
che unsfähig macht, letzte objectiviſche Zwe
cke GOttes zu ſeyn, § 21o, und welche uns
alſo zur Vereinigung mit ihm und zur Glück,
ſeligkeit tüchtig macht, nur eine zufällige
Voll:
auf den Hauptzweck des Lebens. 341
Vollkommenheit. Diethieriſche Naturiſtin
uns mit der vernünftigen nur deswegen vers “

knüpft, daß ſich die vernünftige derſelben als


eines Mittels zu den Endzwecken ihres We
ſens bedienen ſoll. Daher muß auch die -
vernünftige die Herrſchaft führen.
§ 243
Die Deſcendenten einer iedweden die Ä
Grundbegierde, § 76, müſſen zunächſt Ä >
den Begierden, daraus ſie entſtanden ſind, Änd
beſtandig ſubordinirt bleiben. Nemlich Ät
man ſoll wiſſen, was man an einer Sache, bleiben.
und warum man ſie wünſchet oder verabs
ſcheuet. Denn die erzeugten Begierden
ſchlagen ſonſt aus der Art, ſie verirren ſich,
und man begehret die Sache nicht mehr um
des gehörigen Weſens willen, § 235.
§ 244.
Welche Endzwecke dem Gehorſam DÄ:
und der Liebe gegen GOtt mit der po Ä
ſitiven Subordination unterworfen zu der Ä
werden fähig ſind, bey denen und in ſo ÄÄÄ
ferne muß man ſich nicht bloß an der Ä."
negativen Subordination, § 17, begnü“
# laſſen, ſondern die poſitive Ä
enn es zeigte ſonſten eine Mattigkeit in
der Liebe, und mithin keine Liebe GOttes
über alle Dinge an, § 239. Deswegen
müſſen die erlaubten Vergnügungen als Er
weckungsmittel zur Dankbarkeit gegenGOtt,
und als Mittel zur Geſundheit des Leibes
und Munterkeit des Gemüths, gebraucht
P 3 WeT2

- -
342 Cap.III Von den Pflicht, in Abſicht
werden. Weil es aber deren zweyerley
giebt, indem einige die andern Endzwecke
gar nicht hindern, einige aber beſondere Zeit,
Koſten und Abmüßigungen erfordern; ſo
muß man auf die letzten, wo man ſie nicht
zugleich als Mittel beſtimmter guter End
zwecke zu gebrauchen gedencket, um der bloſs
ſen Vergnügung willen doch nicht allzuviel
Zeit wenden, weil es ſonſt abermal eine
Kaltſinnigkeit in der Bemühung, Gutes zu
befördern, anzeigen würde.
§ 24 F
Ä In Ausübung der Pflichten der Tu
eine gend, dürfen wir uns keine Schwierig
Äkeit, kein Sauerwerden, und keine Lang
chen laſſen wierigkeit abhalten oder irre machen laſ
ſen. Denn zu dem Ende hat GOtt unſerm
Gehorſam viel Wiederſtand vorgeleget, daß
dadurch die guten Habitus ſtarck werden
ſollen,
- § 246.
Manſoudie Je mehr die Tugend geübt wird, deſto
Ä, ſtärcker werden die tugendhaften Habitus,
unüberwind, § 71, und deſto weniger wird es uns von
Ä Zeit zu Zeit möglich, von der Tugend ab
chen, zuweichen, § 5 1. Dadurch wird endlich
- die Freyheit nur zum Guten determinirt,
§ 52, und dieſes iſt der Zuſtand, welchem
wir uns beſtändig zu nähern ſuchen ſollen,
weil darinnen die menſchliche Vollkommen
heit, und zwar eine wahre moraliſche Voll
kommenheit beſtehet, ich meine eine ſolche,
- welche
auf dem Hauptzweck des Lebens. 343
welche uns als einer moraliſchen Urſache,
§ 161, zugerechnet werden kan. Wir ſol--
len uns nemlich gewöhnen, das Gute mit *
unüberwindlichem Vorſatze, § 49, zu
wollen, ſo daß wir beyiedweder Handlung
uns dieſes Vorſatzes ſogleich erinnern, und
hernach nicht davon abweichen können noch
– wollen, iedoch ſo, daß wir die gehörige tu
gendhafte Abſicht dabeyhaben, § 175. Mit
dieſer Fertigkeit der Tugend verwirre man -
nicht denjenigen Zuſtand, da man ein ma:
teriales Gute, § 177, ohne den wahren
Endzweck bloß aus Gewohnheitthut. Denn
eine ſolche Gewohnheit iſt keine Stärcke >
eines tugendhaften Habitus, ſondern ſie iſt
der Tugend entgegen geſetzt, weil ein Tu
gendhafter niemals ohne Zweck agiren darf,
S23O.
§ 247.
Aus dem, was bisher angeführt worden, Wievieler
kan man nun allererſt von den Arten der Be- Ä“
wegungsgründe zur Tugend urtheilen, § 8. Wründe zur
Nemlich dieſelben erwecken entweder den º
Gewiſſenstrieb, und treiben alſo unmittel:
bar zur Tugend an, dieſe will ich unmittel
bare oder directe Bewegungsgründe zur
Tugend nennen; oder ſie erwecken unmit
telbar eine andere Begierde, deren Object
aber ein Materiale der Tugend iſt, nemlich
den Vollkommenheitstrieb, oder die Liebe,
oder überhaupt den Glückſeligkeitstrieb.
Dieſe will ich mittelbare oder indirecte
P 4 Be
344 C.III Von den Pflicht. in Abſicht
Bewegungsgründe zur Tugend nennen.
Ihre Entſtehung iſt ein mitfolgender und
unzertrennlicher Umſtand von der Einrich:
tung GOttes, vermöge welcher uns die Tu
gend auch phyſice gut ſeyn ſollte. Denn
dieſes konnte ſie nur durch ihre Ueberein
ſtimmung mit gewiſſen Grundtrieben unſe:
res Weſens ſeyn. Indem aber dieſe Ue
bereinſtimmung geſezt wird, ſo wird jede
Vorſtellung, in welcher dieſelbe gedacht
– wird, ein Bewegungsgrund. Wenn dem:
nach in einem Gemüthe die Begierden, mit
denen das Materiale der Tugend zu thun
hat, und dieſelbigen erfüllet, der Tugend
altbereit ſubordiniret ſind; ſo erwecken und
ſtärcken dergleichen Bewegungsgründe die
tugendhaften Actionen, und beſonders ha:
ben ſie den Nutzen, daß ſie den guten Vor
ſaß tugendhafter Gemüther zu Ueberwin
dung eines gröſſern Wiederſtandes geſchickt
machen, § 5 I. Hingegen in einem Gemüs
the, darinnen die Tugend noch nicht gebil,
det iſt, bahnen ſie doch derſelben den Weg,
und ſind eine Vorbereitung darzu. Man
kan und ſoll ſich demnach ſo gewöhnen, daß
uns alle Dinge in der Welt zu beſtändigen
Bewegungsgründen zur Tugend werden.
§ 248.
Oh die er Einige werden vielleicht wieder unſer bis
kärten
Pflichten der her erklärtes Syſtema von der Einrichtung
trenſ“ (t
(hen Natur
unſeres Seelenzuſtandes den Einwurf mas
noglich ſind. chen, daß, weil unſere Seele ſich nicht vº
-
25e:
auf den Hauptzweck des Lebens. 345
Begriffe auf einmal bewuſt ſeyr könne, ſie
auch ihrem Weſen nach zu dergleichen Ge
horſam, als wir erfordern, nicht fähig ſey.
Denn da ſie ſich des Syſtematis ihrer End:
zwecke nicht beſtändig bewuſt ſeyn könne; ſo .

könne ſie auch dieſelben der Tugend nicht be


ſtändig ſubordiniren, ſondern müſſe, indem
ſie ihre Gedanken auf die Ausführung ei >
nes Geſchäftes richtet, das Syſtema ihrer - *

Endzwecke aus ihrem Bewuſtſeyn verlieren.


Allein ich autworte, daß dergleichen beſtän
diges Bewuſtſeyn ſeiner Zwecke zum wirck
- lichen Daſeyn derſelben auch nicht nöthigſey.
Es iſt genug, daß einer bey dem Anfange
eines Geſchäftes ſich den rechten Zweck und 4“

in der rechten Subordination vorſeßet, und


hernach, ſo oft er ſich aufrichtig prüfet und
fraget, bey ſich befindet, daß er denſelben
noch im Ernſte und unveränderthabe. Es
iſt eben ſo, als wie einer, der an einen Ort
reiſet, die Abſicht, dahin zu reiſen, in allen
Augenblicken wircklich hat, wenn er ſich dies
ſelbe nur bey dem Antritt ſeiner Reiſe mit
Bewuſtſeyn vorſezet, und hernach, ſo oft er
nur daran gedenckt, dieſen Vorſatz noch be
ſtändig bey ſich gewahr wird, ob er ſich gleich
das Ziel ſeiner Reiſe nicht in allen Augen
blicken mit Bewuſtſeyn vorſtellet. So viel
iſt demnach gewiß, daß das Syſtema der
Tugend, welches wir erwieſen haben, das
Vermögen des menſchlichen Weſens an ſich
ſelbſt, wiefern wir verſichert ſeyn können,
P) 5 daß
346 Cap. IV Von dem
daß die Einrichtung deſſelben von GOtt ab:
- - hangt, nicht überſteiget. Hingegen iſt das
kein gültiger Einwurf, wenn die erwieſene
Tugend den Menſchen nur nach ihrem ietzi
gen ſubjectiviſchen Zuſtande, inſonderheit
wegen ihrer zufälligen Begierden, und was
davon abhanget, zu ſchwer iſt. Denn es
iſt ja möglich, daß der Zuſtand derſelben
verderbt ſeyn kan. Die Grundkräfte der See
le müſſen zwar von GOtt ſeyn. Allein ge
wiſſe Neigungen derſelben, gewiſſe Unver:
mögen derſelben, ihre Leichtſinnigkeit und
Unachtſamkeit, können von einer Verderb
niß herrühren.

Das IV Capitel.
Von dem moraliſchen Böſen.
§ 249.
Daßdas nös
raliſcheBöſe
A Menſchen machen ſich wahrhaftigbö
allen Men
ſer Thaten, § 26, ſchuldig. Denn
º gemein niemand wird ſagen können, daß er den bis:
her erwieſenen Pflichten allezeit nachgekom
men ſey, z. E. daß er niemahls ohne Zweck
gehandelt, und ſeine Endzwecke allezeit in
der rechten Subordination und in dem gehö
rigen Grade gewolt habe. Es wird auch
niemand leugnen können, daß ſolches nicht
allezeit bloß aus Unwiſſenheit and Ueberei:
lung, ſondern zuweilen alſo geſchehen ſey,
daß es gar wohl hätte können vermieden wer
den, wenn er allen möglichen Fleißangewen
- det
moraliſchen Böſen. 347

det hätte. Es wird es auch niemand dahin


bringen, daß er von allem moraliſchen Bö- >
ſen ganz frey ſeyn ſollte.
§ 25 o.
Gewiſſe Neigungen zu dem moraliſchen Daß unsge
Böſen ſind den Menſchen angebohren, SÄ
90. Denn man ſieht ſonſt keinen Grund, Än
warum daſſelbe ſo allgemein ſey, und ſich Ä
nicht ausrotten laſſe; warum es auch bey -

Kindern, welche noch ſo ſorgfältig erzogen


werden, ſich dennoch ſogleich äuſſere, ob:
gleich der Grad deſſelben, und auch die Rich
tung auf unterſchiedene Objecte, mannich
faltig iſt, und warum es endlich leichterſey,
daß ſich ein Tugendhafter wiederum zum
Böſen gewöhne, als daß ſich ein Laſterhaft
zum Guten angewöhme,
§ 25 I» -

Es iſt nun die Frage, woher das morali-Ä


ſche Böſe zuerſt ſeinen Urſprung genom-Äjen
men habe. Die Urſache davon muß entÄe.
weder in uns, oder auſſer uns, oder in uns 0
und auſſer uns zugleich befindlich ſeyn.
Wenn ſie auſſer uns iſt, ſo liegt ſie entwe
der in einer Creatur, welches wiederum ent
weder die Materie oder ein Geiſt ſeyn kan,
oder ſie liegt in einer ewigen und unerſchaf
fenen Urſache. Wenn ſie in uns iſt, ſo
liegt ſie entweder in unſerm Weſen, nem
lich in deſſen Einſchränckung, oder in unſerm
freyen Willen, und in dem, was davon ab
hanget.
§ 252,
348 Cap. IV Von dem
§ 252.
Die ure- Nun kan ſie erſtlich in der Materie nicht
Ä liegen. Denn es läſt ſich davon nichtsver
Äsen liegt ſtändliches erklären. Die Materie könnte
Änichtsthun, als daß ſie uns entweder durch
“ ihren Wiederſtand unſere Actionen nur ſau:
er machte, oder daß ſie durch gewiſſe Be
wegungen Empfindungen in uns veranlaß
te, daraus das Böſe erfolgte. Allein im
erſtern Falle entſtehet daraus noch kein mo:
raliſches Böſe, § 216, und im andern Falle
müſte man doch entweder eine andere äuſſer
liche Urſache darzu nehmen, welche die Ge:
ſetze der Bewegungen und des Willens ge:
macht hätte; oder eine innerliche Urſache,
welche das Böſe daraus erzeugte. Mit
hin hätte man hiermit noch keine zureichen:
Auch nicht de Urſache des Böſen gefunden. Ebenſo
Ä“ wenig kan man die zureichende Urſache des
Geiſte.“ Böſen in einem erſchaffenen Geiſte auſſer
uns ſuchen. Denn derſelbe hätte doch nicht
mehr, als die Menſchen verführen können,
Die Verführung aber iſt noch keine zurei:
chende Urſache einer That, wenn nicht noch
ein innerlicher Grund hinzukommt.
§ 25 3.
GOtt iſt Allein vielleicht liegt ſie in einer uner:
# Är ſchaffenen äuſſerlichen Urſache. Dieſelbe
j“ müſte entweder GOtt, oder ein anderer ewi
ger Geiſt ſeyn. Nun kan aber weder das
angewöhnte noch das angebohrne moralis
ſche Böſe ſeinen Urſprung von Goº II»
moraliſchen Böſen. 349

ben. Er kan es nicht unmittelbar hervor:


gebracht, und auch keinen ſolchen Grund
dazu in die Natur gelegt haben, aus wel
cheu es nothwendig hätte erfolgen müſſen.
Denn das moraliſche Böſe iſt etwas, das
GOtt nicht will, § 26, noch wollen kan,
§ 171, 172, 173. Sollte es daheroGOtt
mittelbar oder unmittelbar gewolt haben,
ſo müſte er, weil alle Schöpfung durch
ein Wollen geſchiehet, das Daſeyn etnes
Dinges gewolt haben, deſſen Daſeyn er be
ſtändig nicht will. Es müſte alſo der Wil
le dazu gleich geweſen ſeyn und nicht gewe
ſenrſeyn, welches ſich wiederſpricht. Hinge:
gen liegt es eben daran, daß die Menſchen
häufig zu gem ungereimten Irrthume ge
neigt ſind, als könnte auch wohl das Böſe
von GOtt ſelbſt herkommen, weil ſie daſſel
be nicht vor etwas halten, welches ſeiner we
ſentlichen Beſchaffenheit nachGOttmißfällt,
und von ihm gehaſſet wird. Sie ſehen es
nur überhaupt als irgend eine Unvollkom- -
menheit an den Creaturen an, welche zwar
freylich auch andere weſentliche Folgen ha
be, als die Vollkommenheit nach ſich ziehe,
welche aber hervorzubringen GOtt eben ſo:
wohl beſchloſſen habe, oder gar darzu genö
thigetgeweſen ſey. Man kan auch den Be:AndererBe
weis noch auf andere Art folgendergeſtalt”
begreiffen. So oft GOtt auſſer ſich wir:
cker, ſo iſt ſeine Freyheit des Willens thä
tig, und zwar alſo, daß er nach einem oder
meh
r
3FO Cap. IV Von dem
mehrern ſeiner weſentlichen Grundverlangen
wircket, und eines von denen Objecten der
ſelben zur Eriſtenz bringet. Metaphyſ
§ 276, 308. Nun ſind aber keine andern
Grundverlangen, oder, ſo zu reden, Grund
begierden, in dem Willen des allervollkom
menſten Geiſtes möglich, als die Güte, und
das Wollen der Vollkommenheit, woraus
die Heiligkeit flieſſet. Folglich kaner nichts
ÖGºtt erſchaffen, als was gut iſt. Man gedencke
Ä. auch nicht etwan, GOtt ſchaffe vielleicht das
„e zu Böſe, damit er es hernach beſtraffen möge,
ſtrafen.
und hiermit handele er auch nach einer von
den Eigenſchafften ſeines Willens, nemlich
nach der Strafgerechtigkeit. Denn wenn
GOtt nach der Strafgerechtigkeit handelt;
ſo wird ſchon das Daſeyn ſolcher Geſchöpfe,
die unter einem Geſetze ſind, und deren Zu
ſtand auf eine vermeidliche Art von dem Ge
ſetze abweichet, vorausgeſetzt. Denn die
Strafe ſoll eine Folge von dem nothwendi
gen Wollen der Vollkommenheit in GOtt
ſeyn, § 190. Nun iſt es zwar eine Voll:
kommenheit in GOtt, freye Thaten derver:
nünftigen Geſchöpfe zur Abſicht zu machen,
Metaphyſ § 281, und auch in den Hand
lungen derſelben eine ſolche Einrichtung zu
verlangen, welche den Regeln der weſentli
chen Vollkommenheitgemäß iſt, § 171, mit
hin ein Geſetz zu geben, § 173, und vor die
unterſchiedene Aufführung in Anſehung des
Geſetzes unterſchiedene Folgen zu beſtimmen,
§ 189.
moraliſchen Böſen. 3ſ I

§ 189 e. Allein es wäre wieder die Voll


kommenheit, von den Creaturen zu verlan
gen, was doch nach der von GOtt ſelbſt ge-
machten Einrichtung gar nicht möglich iſt;
gleichwie es auch wieder die Güte und Voll
kommenheit wäre, dieſelben ohne Urſache zu
plagen. Es iſt demnach klar, daß die Straf
gerechtigkeit GOttes ein ſolcher Trieb ſeines
Willens iſt, deſſen Wirckung ſchon das Da
ſeyn eiues vernünftigen Geſchöpfes, bey deſ
ſen Schöpfung GOtt nach ſeiner Heiligkeit,
oder Güte, oder nach beyden wircket, vors
aus ſetzet, und bey welchem auch ein von
GOtt nicht abhangender Zuſtandvorausge
ſetzt wird, um welches willen die GOtt we
ſentliche Vollkommenheit zu ſtrafen befieh
let. Es iſt ein lauterer Betrug, wenn man Qb wenn
alſo ſchlüſſen zu können vermeinet: GOtt Ä
hat entweder das Böſe gewolt, oder er hat wollte es
es nicht gewolt. Wenn er es nicht gewoltÄ”
hat, ſo hat es auch nicht entſtehen können,
oder er müſte es nicht haben verhindern kön
nen, welches beydes falſch iſt. Daferneres
aber gewolt hat; ſo hat es auch durch ſeinen
Willen entſtehen müſſen, oder wenigſtens kan
es ihm nicht mißfällig ſeyn. Denn in dem
erſten Vörderſaße werden ganz verſchiedene
Bedeutungen des Ausdrucks wollen und
nicht wollen zuſammengenommen und ver
menget. Man unterſcheide dieſelben, ſo er
hellet, daß die angenommenen Sätze nicht
daraus folgen. Es werden nemlich die zwey
Haupt
352 Cap. IV Von dem
Hauptbegriffe mit einander verwirret, auf
deren Unterſcheidung hier alles ankommt.
Wenn man ſaget, GOtt will etwas: ſo redet
man entweder von einem auſſer ihm wirck:
ſamen Wollen (voluntate tranſeunte) wo:
durch er es hervorbringet; oder man willnur
ſo viel ſagen, esſey etwas ein Object von den
weſentlichen Grundbegierden des göttlichen
Willens, das iſt, es ſey darinnen dasjenige
anzutreffen, was GOtt vermöge ſeiner
Grundverlangen will, und woran er ſich dem:
nachvergnüget und Wohlgefallen hat. Wie
derum wenn man ſaget, daß GOtt etwas
nicht will: ſo meinet man entweder, daß er
beſchloſſen hat, es ſoll nicht zur Eriſtenzkom
men, und daß er deswegen weder hervorbrin:
"gen, noch möglich machen, noch zulaſſen will;
oder es ſoll nur angezeiget werden, es ſey et:
was, welches ein ausdrückliches Gegentheil
von den Objecten der göttlichen Grundbe:
gierden in ſich hält, und woran er ſich alſo
nicht vergnügen kan, ſondern welches ihn
mißfällig iſt. Wenn von den letztern die
Rede iſt; ſo kan man nicht ſchlüſſen, daß
dasjenige, was GOtt mißfällt, deswegen
nicht ſeyn könne. Man nähme zum Vor
aus fälſchlich an, daß auch alle Zuſtände der
Creaturen von GOtt ſelbſt hervorgebracht
würden, da er denn, wie geſagt, freylich alle
zeitnach der Güte und Vollkommenheit wir
cken müſte, und alſo nichts ihm mißfälliges
hervorbringen könte. GOtt kan die Ge
ſchöpfe,
moraliſchen Böſen, 3ſ 3

ſchöpfe, an denen das ihm Mißfällige ent:


ſtehet, wohl wegen der Verbindung mit an
dern guten Endzwecken erſchaffen. Nur den
böſen Zuſtand in ihnen kan er nicht erſchaft
fen, oder durch das, was er erſchaffet, als uns
vermeidlich determiniren. Man könte zwar
dencken, vielleicht ſey das Böſe darzuerſchaft
fen worden, damit durch die Ueberwindung
deſſelben die guten Kräfte geübt und geſtärckt
werden ſolten. Allein es iſt augenſcheinlich,
daß die Tugend geſchwinder gebildet werden,
und wachſen würde, wenn kein moraliſches
Böſe in uns wäre, welches die guten Thä
tigkeiten des Willensiedesmal ſchwächte und
verhinderte. Das freye Beſtreben, tugend
haft zu ſeyn, kan ſchon durch äuſſerlichen
Wiederſtand, z. E. durch das ſauer werden,
oder durch die Verſuchungen anderer Ge
ſchöpfe, genugſam geübet werden. Demnach Nur die
kan GOtt nicht mehr als die Möglichkeit desBöſen iſt
des moraliſchen Böſen zugeſchrieben werden. von GOtt,
Allein dieſelbe iſt auch nichts anders als die welche aber
Schöpfung des freyen Willens ſelbſt, und##a
alſo die Möglichkeit einer freywilligen Tu: Tugend
gend ſelbſt, wenn man dieſelbe auf einer an: "
dern Seite betrachtet, § 21 1.
§ 2 4.»
Es kan auch ferner keinen unerſchaffe. Es iſt guch
neºgen GeºeGSt geben, von ĺ
welchem das moraliſche Böſe herkäme, der “
gleichen die alten Perſer und die Mani
chäer geglaubet, und ihn den böſen Gott
Z . ges
354 Cap. V Vondem
genennet haben. Denn ich antworte erſt
lich, daß von einem ſolchen ewigen böſen
Geiſte doch allenfalls nicht mehr, als die,
angebohrne Neigung, und was daraus er:
folge, wiefern es nothwendig daraus erfol:
gen muß, herkommen könte. Wir ſind
uns aber bewuſt, daß auch willkührliches
Böſe in uns geſchehe, und wiſſen daher,
daß unſer freyer Wille eine Urſache des
Böſen abgeben könne. Da wir nun bald
zeigen wollen, daß durch die Folgen der
freyen Thaten in den Menſchen auch ſelbſt
die angebohrnen Neigungen zum Böſen
in andern Menſchen möglich ſind; ſo wä
re es ja vergeblich, allererſt eine andere ewi
ge Urſache dazu, davon wir keine Spuhr
antreffen, zu erdichten. Ferner iſt aber
auch ein ewiger böſer Geiſt wieder alle Ver
nunft. Denn was ewig iſt, iſt nothwen
dig. Was nothwendig iſt, deſſen Nicht
ſeyn muß ſich nicht dencken laſſen. Eine
Subſtanz, deren Nichtſeyn ſich nicht ſoll
dencken laſſen, muß alle nur mögliche Voll
kommenheiten haben. Dieſe hat ein ewi:
ger böſer Geiſt nicht, weil er die Vollkom
menheit nicht liebet, § 171. Folglich iſt
auch kein ewiger böſer Geiſt möglich. End
lich aber iſt es auch eine groſſe Beleidi
gung GOttes, einen böſen Gott zu glau
ben; geſetzt auch, daß man die Unmöglich
keit deſſelben nicht zeigen könte, ſondern
nur eine andere Möglichkeit ſähe, den Ur
ſprung
moraliſchen Böſen. 3%
ſprung des Böſen zu erklären, und alſo nicht
genöthiget wäre, ihn anzunehmen. Denn
Man legte alsdenn gewiſſe Eigenſchaften und
Vorrechte GOttes ohne allej einem
ſolchen Dinge bey, dasGOt haſſen müſte,
durch welches auch ſeine Macht und Voll
kommenheit eingeſchränckt würde; und wel
ghes auch GOtt auſſer Stand ſetzte, unſer
Geſetzgeber und Richter zu ſeyn, weil wir
allemal die Schuld ableugnen, und ſie der
böſen Macht andichten könnten; welches
ºtes der Ehrerbietung und Liebe zu GOtt
ſchlechterdings zuwieder iſt,
- - -- - S 2 - - =
... Das Böſe hat demnach ſeine ureichende Ä Urs
Urſache nicht in einem auſſer dem menſch- # #
ichen Geſchlechte befindlichen äuſſerlichen Äs
Dinge. Es hat aber auch ſeinen zureichen Ä,
den Grund ferner nicht etwaj noth-ºſeres Wes
wendigen Einſchränckung und Endlichkeit #
des menſchlichen Weſens. Die Einſchrän erklärej
ckung des menſchlichen Weſens iſt zwar ein
Grund der Möglichkeit zum Böſen. Allein
die wirckliche Entſtehung deſſelben läſt ſich
daraus noch gar nicht verſtehen, und es iſt
keine zureichende Urſache vorhanden, welche
zur Möglichkeit des Böſen das, was noch
fehlte, wenn es wircklich werden ſolte, hin
ºgethan habe, oder auch nur habe hinzuº
bun können. Ich will ſiezo nicht erwäh
en, was diejenigen, welche den Urſprung
des Böſen aus dieſem Grunde zu erklären
Z 2 belies
356 Cap IV Von dem
belieben, vor unrichtige Begriffe von dem
Weſen und andern dabey vorkommenden
Materien der Ontologie annehmen, weil ich
hier den Platz nicht dazu habe, ſolches aus
zuführen. Ich erinnere nur dieſes, daß,
wenn man das moraliſche Böſe aus der
Einſchränckung des Weſens als eine ſolche
Folge herleitet, welche bey Setzung deſſel
ben nicht hat auſſenbleiben können, hierdurch
das moraliſche Böſe nicht erkläret, ſondern
geleugnet wird. Denn das wahre moralis
ſche Böſe ſoll etwas ſeyn, welches GOtt
mißfällig iſt, welches ſeinem Willen, und
denen mit den Creaturen abgezielten End
zwecken wiederſtreitet, § 171, und daher zu
gerechnet, § 199, und beſtrafet wird, § 19o.
Nun wäre es aber ungereimt zu ſagen, daß
GOtt etwas mißfiele, oder daß er etwas
ſtrafe, was ein unausbleiblicher Umſtand
oder Folge eines Weſens iſt, welches er
ſelbſt erſchaffen hat, und nicht anders hat er
ſchaffen können. Man muß alſo eines von
beyden nothwendig zugeſtehen, entweder daß
es kein moraliſches Böſe giebt, oder daß
aus der Einſchränckung des menſchlichen
Weſens nicht die wirckliche Entſtehung, ſon:
dern nur ein unzureichender Grund der Mög
lichkeit des Böſen, hergeleitet werden kön
ne. Endlich folget auch noch dieſes dar,
aus, daß alle endliche Geiſter ſtets ſündigen
müſſen, wenn die Sünde eine unausbleib:
liche
moraliſchen Böſen. 357

liche Folge ihrer Endlichkeit iſt, welches kein


Vernünftiger einräumen wird.
§ 256.
Zu mehrerer Erläuterung beliebe man Erläute
zu unterſcheiden, daß es dreyerley Art von Äie Ä
Unvollkommenheit gebe. Erſtlich diejeni-tenvon un
ge Einſchränckung, welche die bloſſe Ab-Ä «
weſenheit der Unendlichkeit iſt. Dieſe iſt giebt.
aber auch keine Sünde, weil ſie einer ied:
weden Creatur nothwendig iſt. Zum an:
dern, die Abweſenheit einer gröſſern Voll
kommenheit, welche ſich an andern Crea
turen befindet, welche aber zu dem End
zwecke dieſer Creaturen inſonderheit nicht
mit gehöret, weil ſie durch das ihr beyge
legte Weſen zu erreichen nicht möglich iſt.
Dieſe iſt abermal keine Sünde, weil ein
Geiſt, in welchem ſie ſich befindet, ſeine
weſentliche Vollkommenheit dem ohnge
achtet haben kan; hingegen das morali
ſche Böſe in der Ermangelung der Ueber
einſtimmung des moraliſchen Zuſtandes mit
ſeiner weſentlichen Vollkommenheit beſtehet.
Die dritte Art von Unvollkommenheit iſt ein
ſolcher Zuſtand, welcher dem Endzwecke, um
welches willen die Sache da iſt, und um
welches willen ſie von GOtt geſchaffen wor
den, zuwieder iſt, dergleichen iſt die Thor- -
heit, Bosheit, Ungerechtigkeit. Solche Un
vollkommenheit an einem vernünftigen Geis
ſte iſt allererſt Sünde, welche aber, wenn
nicht noch eine Urſache hinzukommt, aus der
Z 3 Cud:
358 Cap. IV Von dem
Endlichkeit nicht fließt, ſondern in derſelben
nur einen Grund ihrer Möglichkeit hat.
§ 257.
Ä#
Urſprungt
Es mußvon
Urſprung alſodem
dasMißbrauche
moraliſche Böſe ſeinen
des menſch
von den lichen freyen Willens haben. Es können
Ä Verführungen anderer Geiſter dazu gekom
Willens ha- men ſeyn, Da aber dieſes eine hiſtoriſche
he. Sache iſt, ſo läſt ſich aus der Vernunft hie
von nichts ausmachen. GOtt aber muß
den Menſchen im Anfange entweder ſo er
ſchaffen haben, daß er ſich zum Guten und
Böſen indifferent verhielt, oder, welches
noch wahrſcheinlicher iſt, daß er gar zum
Guten eine Neigung gehabt, welche er hin
gegen zum Böſen nicht hatte. Es läſt ſich
auch erſtlich aus der Natur des freyen Wil:
lens wohl begreifen, daß derſelbe gemiß:
braucher werden, und ſich deswegen zum
Böſen entſchlieſſen könne, wie § 55, 56 ge
zeiget worden, mit welcher Erklärung hof
fentlich diejenigen zufrieden ſeyn werden, wel
che nur wohl eingedenck ſind, daß wir hier
nicht mit einer Urſache zu thun haben, wel
che allezeit durch überwiegende Gründe de
terminirt werden muß, wenn ſie wircken
ſoll, § 47; ſondern mit einer ſolchen, von
welcher man nur zu erweiſen nöthig hat, daß
ihr eine Wirckung möglich geweſen, wenn
man ihr dieſelbe in demjenigen Falle mit
Wahrheit will zuſchreiben können, da alle
übrige anſcheinende Möglichkeiten ſich hin
weg?
moraliſchen Böſen. 359

wegſchaffen laſſen. Wir können uns hier Rechtferti


begnügen laſſen, eine ſolche Urſache des BöÄÄ“
ſen gefunden zu haben, welche die einzige von dem Ur
des
iſt, welcher dieſe Wirckung möglich gewe: ſprunge
Böſen.
ſen, und welcher wir dahero dieſelbezuſchrei:
ben, nachdem uns von dem Daſeyn derſel,
ben die Erfahrung a poſteriori überzeuget
hat. Dieſes iſt ganz etwas anders, als
wenn man ſich daran begnügen läſt, die
Möglichkeit des Böſen aus der Einſchrän
ckung des menſchlichen Weſens angenom
men zu haben, weil die Einſchränckung nur
ein Theil von demjenigen iſt, was zur wirck
lichen Möglichkeit, daß Böſes entſtehe, er
fordert wird, als worzu noch ferner gehöret,
daß in einem eingeſchränckten Geiſte der
ſreye Wille und deſſen Mißbrauch hinzu
komme. Indem wir dieſen zur Urſache des
Böſen angeben, ſo beruffen wir uns auf ei
nethätige Kraft, welche von der Möglich
keit zur Wircklichkeit fortgehet, das iſt, wel
che durch ihre Thätigkeit dasjenige wircklich
machet, was ihr zu verurſachen möglich
war. Wer hingegen den Urſprung des Bö
ſen aus der Einſchränckung des menſchlichen
Weſens herleitet, welche doch das Böſe nur
möglich machet, der muß von der Möglich
keit auf die Wircklichkeit ſchlüſſen. Sein
Urtheil iſt daher eben ſo unzulänglich, als
wenn Jemand den Urſprung einer Feuers
brunſt dadurch erklärt zu haben vorgäbe,.
weil er gezeigt hätte, daß verbrennliche Ma
34 teris
360 Cap. IV Von dem
terie an dem Orte da geweſen, wo das Feuer
ausgekommen, oder gewütet hat. Ferner
erfolgen aus den freyen Thaten gewiſſe Ver:
änderungen, welche hernach in dem Men
ſchen fortdauren, und iemehr der freye Wil
le gemißbraucht wird, deſto mehr Verderb
niſſe noch ferner nach ſich ziehen. Endlich
muß aus dergleichen in den Menſchen ein
mahl entſtandenen Verderbniſſen auch die
Fortpflanzung des Böſen eben ſowohl als
möglich zugegeben werden, als es aus an
dern Umſtänden bekannt iſt, daß, obgleich
die Eltern weder die Subſtanz der Seele
des Kindes ſelbſt, noch irgend eine Grund
kraft derſelben hervorzubringen vermögen,
ſie dennoch die Kräfte und den Zuſtand ders
ſelben auf mancherley Weiſe determiniren
können, § 90.
§ 258. -

Ä“ Was nun aber die vornehmſten Arten


j jli, des unter den Menſchen im Schwange ge
Äöſen henden moraliſchen Böſen anlanget; ſo fin:
den wir theils eine Schwäche der guten
ZKräfte und ein unrichtiges Verhältniß
der edlern zu den unedlern, theils aber
auch ganz böſe Richtungen und Anges
wöhnungen unſerer Kräfte, welche ihren
nächſten Sitz im Verſtande, oder im
Willen, oder in beyden zugleich haben.
Und dieſe letztern ſind keine bloß negativi
ſchen Dinge, ob es gleich auch keine Grund
kräfte ſind; woraus man ſehen kan, daß
die
moraliſchen Böſen. 361

die Meinung derer nicht beſtehen könne,


welche alles moraliſche Böſe vor etwas
bloß negativiſches halten.
§ 259.
Es iſt zwar unmöglich, alle Arten der Welches die
moraliſchen Verderbniſſe durchzugehen. Ä
Jedoch muß ich die vornehmſten davon niſſe in An
berühren. Unter denenjenigen, welche Ä
ihre Wirckung im Verſtande äuſſern, ver- ſind
dienen beſonders folgende angemerckt zu -

werden. 1) Die VNeigung, bey dum-„Die Neº -

ckeln Begriffen ſtehen zu bleiben, weil Änº


ches den Grund zu allen Irrthümern und griffen ſie
Verwirrungen legt. Dabey ſich dem un-Ä
geachtet bey den Menſchen eine groſſe Kühn
heit findet, ſich auf ihre eigenen Urtheile,
beſonders in moraliſchen Materien, ſogleich
zu verlaſſen. 2) Die Vorurtheile, worun-D. Vorur
ter man ſolche unerwieſene Sätze verſtehet, theile.
welche uns dergeſtalt zur Gewohnheit ge
worden ſind, daß wir auch unwiſſend aus
denſelben urtheilen. Die Vorurtheile ſind
demnach ordentlicher Weiſe falſche Sätze,
doch können ſie auch zufälliger Weiſe wahr
ſeyn. Man verwirre die Vorurtheile
nicht mit derjenigen Erkenntniß der ge
meinen Leute, welche ſich auf eine inner
liche Empfindung gründet, daß auf ei:
ner Seite mehr Grund als auf der andern
vorhanden ſey, ob ſie ſich gleich darüber nicht
deutlich zu erklären, oder zu vertheidigen
wiſſen. Denn weil der Verſtand in allen
Z 5 Mews
362 Cap.TV Von dem
Menſchen nach einerley Regeln wirckt; ſo
iſt alsdenn in der That eine Ueberzeugung
vorhanden, und mithin wird ein ſolcher
Satz nicht unerwieſen angenommen.
ÄDie Vorurtheile bekommen ihre Stärcke
der Vorur
thele entweder nur dadurch, daß der Verſtand
an einen gewiſſen Saß oder gewiſſe Art
zu dencken angewöhnet worden, oder zu
gleich dadurch, daß auch gewiſſe Neigun
gen uuſers Willens dabey intereßirt ſind,
§ 1oo. Die letztern ſind viel ſchwerer
zu vertreiben, als die erſtern, weil man
bey Hinwegſchaffung derſelben zwo Urſa
chen überwinden muß. Es iſt aber zu
mercken, daß ſich unſere Neigungen viel
mal bey Sätzen intereßiren, welche noch ſo
theoretiſch zu ſeyn ſcheinen, wenn wir die
ſelben z. E. etwan ſchon zu vertheidigen über
wommen haben, oder wenn ſie Mode ſind,
und wir unſern Vortheil dabey hoffen, und
Äſº ferner. Die gewöhnlichen Vorur
Ätheile, welche unter den Menſchen im
thelle ſind. Schwange gehen, ſind diejenigen, da ſie
ſich ein unveränderliches Verhängniß und
eine Nothwendigkeit aller Dinge, einen fal:
ſchen Endzweck des menſchlichen Lebens,oder
eine Gleichgültigkeit der menſchlichen Hand
lungen, einbilden, ingleichen das Vorur
theil des Ehranſehens, und des allzu groſ:
ſen Vertrauens auf ſich ſelbſt, oder des all
zu groſſen Mißtrauens gegen ſich ſelbſt.
Ich habe an einem andern Orte davon aus
führ
moraliſchen Böſen. 363
>
führlicher gehandelt. * zº
3) Die äuſſer
liche und innerliche Unachtſamkeit, §29. -

4) Die WNeugierigkeit, d.i, die ÖNeigung Äs


individualiſche Begebenheiten, welche uns“
nichts angehen, bloß um ihrer Neuigkeit
willen wiſſen zu wollen, und darüber wich:
tigere Geſchäfte hintanzuſetzen. 5) Der Der Aber“
Aberglaube, welcher eine Neigung iſt,”
geheimnißvolle Kräfte, durch welche die
Welt und die menſchlichen Begebenheiten
regieret werden ſollen, ohne vernünftige
Urſache, und vornemlich in ſolchen Dingen
zu glauben, welche derſelben nicht fähig ſind,
6) Derverſtehe,
gung Unglaube,
nichtsworunter ichzueine
vor wahr Nei. glaube.
halten, Der Unº
wenn es nicht ſinnlich gemacht, oder voll
kommen deutlich begriffen werden kan, ob
es gleich ſo viel Beweisgrund vor ſich hat,
als nöthig iſt, oder gar, als es in ſeiner
Art haben kan. Der Argwohn, Scepti
ciſmus und Unglaube gegen die Religion
ſind Gattungen davon. Ein ſolcher Menſch
will ſich nicht beruhigen, ſo lange er ſich
wahrhaftig oder fälſchlich überredet, es
ſey noch ein höherer Grad von Ueberzeu
gung möglich, welchen er auch bey der vors
habenden Sache verlanget, oder ſie wiedri
genfalls verwerfen will, ungeachtet ſo viel
Beweisgrund vor die Sache da iſt, daß
das
* Sieße die Difſ de corruptelis intelleaus a vo
lººrate Pºdenribus, § 49- 60, in deuen opuſculi
Philoſophico-theologicis. - Pulculus,
364 Cap.IV Von dem
dadurch ein vernünftiges Weſen ſchon zum
Beyfall verbunden wird, wenn auch gleich
die andere Art von Ueberzeugung nicht hin:
zukommt, oder gar nicht möglich iſt. Das
bey iſt er immer geneigt, neue Zweifel zu er
regen, und gleichwol ungeduldig, die Auflö
ſung derſelben anzuhören, und die Neigung,
bey ſeinem Urtheile zu bleiben, veranlaſſet
ihn, ſeine Aufmerkſamkeit nur auf dasjenige
zu richten, was ihn darinnen beſtätiget,
nicht aber auf die Gegengründe, welche ihn
nöthigen möchten, davon abzuweichen.
§ 26o.
Welches die In dem menſchlichen Willen will ich als
einfachern
Mrten der die einfachern Arten der Verderbniſſe vor:
Verderbniſ
ſeim Willen
nemlich folgende bemerken. 1) Die Saul
heit oder Gewohnheit, diejenigen Handlun
Ä
Beit.
sº(U? gen zu unterlaſſen und zu verabſcheuen, wel
che uns ſauer werden, darum weil ſie uns
ſauer werden, § 245. Die Faulheit grün
det ſich ferner auf ein ſchwaches Begehren
der guten Endzwecke, bey deſſen Daſeyn ſie
uns nicht ſauer werden, oder wir das Sauer
werden nicht achten würden, § 103, und auf
den unterlaſſenen Gebrauch des freyen Wil
lens, §58. Wie daraus untergewiſſen Be
dingungen die Neigung entſtehe, unnütze,
oder uns nichts angehende Dinge vorzuneh
Die Zärt men, iſt ſchon § 103 gezeiget worden. 2) Die
Ä? Zärtlichkeit, d. i. eine allzu ſtarcke Verabs
ſcheuung aller körperlichen Unannehmlich
keit. Dieſe zeiget eine Schwäche "Ä erſt
moraliſchen Böſen. 36%

lern, und Stärcke der unedlern Begierden


an. Man verwirre ſie aber nicht mit dem
jenigen Zuſtande, da einer nur wegen
Schwachheit ſeiner Natur, oder wegen der
Erziehung, welche er gehabt hat, nicht viel
vertragen kan, welches aber etwas Unmo- -

raliſches iſt. 3) Die Sinnlichkeit oder Die Sinn


Neigung, ſeine Glückſeligkeit in Objecten"
der äuſſerlichen Sinne zu ſuchen. Die
Herrſchaft der thieriſchen Begierden über
die menſchlichen iſt eine Gattung hiervon.
4) Die Verabſcheuung aller Verbind. Die Verab
lichkeit, welche ſehr gemein iſt. Es entſte-Ä“
het daher die Wiederſpenſtigkeit wiederlichkeit.
Zucht und Ordnung, ein heimlicher Haß
wieder die Religion, und gegen die Leute,
welche damit zu thun haben, ein Wunſch,
daß kein GOtt ſeyn möchte, oder daß wir
mit ihm nichts zu thun haben dürften, ja
vielmahl eine Verabſcheuung aller zweck
mäßig und nach Regeln eingerichteten Hand
lungen. In dieſem Zuſtande iſt die natür
liche und unſchuldige Begierde nach Freys
heit, § 12o, verirret. Die Niederträch
tigkeit, welche der lobenswürdigen Begier
de frey zu ſeyn zum Theil entgegen geſetzt
wird, iſt nur deswegen tadelhaft, weil ſie ei
ne ſolche Verabſäumung der uns zukommen
den Rechte iſt, welche ſich auf Furchtſam
keit, Faulheit und die Herrſchaft der uned
lern Begierden gründet. 5) Die verderb: Die Eigen
te Eigenliebe, § 112, 127, d.i, die aus“
dem
366 Cap. IV Von dem
dem Vergnügen an ſeinem eigenen vermein
ten Vollkommenheiten herrührende Ge
wohnheit, ſich andern ohne Urſache und oh:
ne fernere Abſicht vorzuziehen und zu ver:
- langen, daß uns auch andere vorziehen ſol
Der Eigen-len. 6) Der Eigennutz, da man in allen
Wu- Handlungen ſeinen eigenen Nutzen zum
höchſten Zwecke macht, und nichts aus Liebe
Die Verän- oder Schuldigkeit thun will. 7) Die Ver
derºbe änderlichkeit, welche daher rühret, weil
man in nichtswürdigen Dingen zu viel Güs
te geſucht, hingegen die Güte der vollkom
Ä menſten Objectenicht eingeſehen hat. 8) Die
Die
Ä“#effigkeit der Affecten, §78, und die alſ
Leicake zu groſſe Leichtigkeit, darzu heftig gerei
Ä."zer zu werden. 9) Eine entſetzliche Men
Mancheege aus der Art geſchlagener Begierden.
Ä*Z.E. Die Begierde, lauter ſeltene Sachen,
oder lauter neue Sachen zu haben, oder al
les ins kurze gebracht zu wiſſen, immer zu
Ganz und ſpielen und zu ſcherzen, und ſo ferner. Ja
Ä** einige dergleichen erzeugte Begierden ſind
dergeſtalt aus der Art geſchlagen, daß nicht
etwan nur gewiſſe Umſtände daran einer
- Verbeſſerung bedürfen, ſondern, daß gar
Der Neid. nichts Gutes mehr daran iſt. Von ſol
cher Art iſt z. E. der WNeid, d. i. derjenige
Gemüthszuſtand, da man über das Wohl
ſeyn eines andern mißvergnügt wird; daher
man es ihm dergeſtalt zu entziehen ſuchet,
daß man lieber ſähe, wenn es von gar
niemanden beſeſſen würde, als daß es von
ihm
V
moraliſchen Böſen. 367

ihm genoſſen werden ſoll. Ferner die Scha-Äcº


denfreude, da man aus dem Schaden des”
andern ein Vergnügen ſchöpft. Wenn wir
an ſolchen Schmerzen des andern ein Ver
gnügen ſchöpfen, welche wir ihm ſelbſt zufü:
gen, ſo wird es Grauſamkeit geneiner Ära"
Eine Gattung von den ganz und gar böſen Ägier
Begierden iſt auch die Begierde, andern # Ä
Leuten etwas zum Poſſen zu thun, die Be-Ä Ä“
gierde, einen andern vor einen Narren zu Ä -

halten, und die Spötterey, d. i. die Nei: zert


gung, aus den Vorſtellungen wahrer oder
vermeinter Fehler anderer Leute ein Vergnü
gen zu ſchöpfen. 10) Der verdorbene Är
moraliſche Geſchmack, § 1081 ) Die Ä“
Hartnäckigkeit, oder derjenige
Seele, welcher macht, daß man Zuſtand
immerder
int Är"
ä

einerley Zuſtande des Gemüthes bleiben


will, wiefern der Menſch dadurch geneigt
gemacht wird, keinen guten Vorſtellungen
zur Beſſerung Gehör zu geben. Die Art
und Weiſe, wie die Entſtehung dieſer und
unzehlicher anderer Verderbniſſe des Wil
lens möglich ſey, und gleichwol die Schuld
zuletzt allezeit auf den unterlaſſenen, oder un
vollſtändigen, oder ganz böſen Gebrauch des
freyen Willens ankomme, iſt aus der The
lematologie leicht zu begreiffen; daher ich
in beſonderer Ausführung derſelben nicht
weitläuſtig ſeyn will.

S 261.
368 Cap. IV Von dem
§ 26 I.
Ä Unter den mehr zuſammengeſetzten Arten
j der Verderbniſſe des Willens hat man zeit
Än hero beſonders drey bemerckt, welche ſehr
Ä häufig vorkommen, und deswegen vor an:
Ä, der in Augen gefallen ſind, Es iſt ſol:
Äd. ches der Ehrgeiz, der Geldgeiz und die
Wolluſt, deswegenich dieſelben noch inſon
derheit ausführen will, wobey man ſich aber
nicht einbilden muß, als ob alle Laſter unter
denſelbigen begriffen ſeyn müſten.
§ 262.
Was die Die Wolluſt kan man im engern Ver:
Ä ſtande vor eine ſolche Angewöhnung des
ſtande iſt. Gemüthes halten, da man lauter ſolch Ver
gnügen ohne fernere Abſicht begehret, bey
welchem man ſich ganz, oder gröſtentheils
Eintheilung nur leidend verhalten darf. Sietheilet ſich
Äin die körperliche, welche körperliches Ver
werliche und gnügen ſuchet, §7o, und in die idealiſche,
*** welche nach idealiſchem Vergnügen ſtrebt,
d. i. nach ſolchem, welches uns vermittelſteis
ner Idee vergnüget, zu welcher Abſtractions:
kraft nöthig iſt. Jedoch iſt zu verſtehen,
daß die idealiſche Wolluſt nur mit ſolchenOb
jeeten zu thun habe, beywelchen es an einer
dunckeln Abſtraction genung iſt, weil das
Vergnügen, welches aus deutlicher Erkennt:
niß der Wahrheit beſtehet, ein thätiges Ver
enere Eingnügen iſt. Als Gattungen gehören zu der
Äkörperlichen Wolluſt die leckerhafte, ge
Wolluſt fräßige, verſoffene, zärtliche, verſchlafe
- E
/
moraliſchen Böſen. 369

ne und veneriſche Wolluſt, welche letztere


wiederum bald mehr eine geile, bald mehr
eine verliebte iſt, § 153. Die Begriffe
der erzehlten Arten der Wolluſt wird man
ſogleich aus ihren Nahmen verſtehen. Die Noch ande
Wollüſtigen haben gemeiniglich noch viel Ä
andere Laſter an ſich, nicht eben deswegen, je
als ob ſie aus der Wolluſt herflöſſen, ſon:
dern darum, weil ſie der Wolluſt am we-
nigſten wiederſtreiten; daher die andern
Begierden, welche der eigentliche Grund
davon ſind, in einem wollüſtigen Gemüthe
nicht verhindert werden. Dergleichen iſt
die unmäßige Begierde zu ſpielen, zu tan
zen, die WTeugierigkeit, Pracht und Ver
ſchwendung u. ſ. f. Die Wollüſtigen
ſind auch ſehr veränderlich, weil ſie gemei
niglich ſangviniſch ſind, § 64, und weil die
Eitelkeit und die betrogene Hoffnung der .
Glückſeligkeit ſich an ihren Objecten am
leichteſten offenbahret, § 260. Jn einem Was die
weitern Verſtandenennet man auch über: Ä.
haupt den verirrten Glückſeligkeitstrieb, daſjeſ.
man überall das Vergnügen zum höchſten
Zwecke macht, mit dem Namen der Wolluſt,
und alsdenn macht die gelehrte Wolluſt,
das iſt, die Gewohnheit bloß um des Ver
gnügens willen zu ſtudiren, noch eine merk:
würdige Claſſe aus. Wenn in einem Ge: Warum ,
müthe, welches bloß das Vergnügen zum Ä.
höchſten Zwecke macht, gewiſſe Kräfte ſehr mühſames
ſtarck ſind, daß ſie s a wenn ſie "# #“
gan
37o Cap. TV Von dem
ganz gebrauchen, auch bey einer vielfachen
Thätigkeit keine ſonderliche Beſchwerlichkeit
empfinden, § 103, und alſo auch die eigent
liche Wolluſt, wiefern ſie in Anſehung ge:
wiſſer Begierden vorhanden iſt, dadurch
nicht mercklich geſtöhret wird; ſo nehmen ſie
öfters Dinge vor, darzu ſehr viele Bemü
hung gehöret, und welche doch, wenn ſie ge:
ſchehen, zu weiter nichts als zum Vergnü
gen dienen, und weiter keinen Nutzen hinter
ſich laſſen, woraus man ſogleich ſiehet, daß
bloß das Vergnügen der Endzweck geweſen
ſeyn müſſe, z.E. ſie legen ſich auf die Muſik,
Mahlerey, Poeſie, ſie treiben beſchwerliche
Uebungen des Körpers, u.ſf.
ºr
Was der Dressiºnen:
eitz iſt eine Gewohnheit, ohne
er

Ehrgei fernere # zu begehren, daß uns die Leu


Unterſchied te andern vorziehen ſollen. Die edlern
Ä Arten deſſelben ſuchen die Vorzüge zu ver
lernten dienen, und verlangen auch eine wahre Eh:
* res120; daher ſie entweder die innerliche
MEhre und die äuſſerlichen Zeichen derſelben,
welche man die äuſſerliche Ehre nennet,
zugleich verlangen, oder ſich auch wohl nur
an der innerlichen Ehre begnügen laſſen.
- Die unedlern Arten aber verlangen die
Ehre ohne wahrhaftige Verdienſte. Das
her meinen ſie, daß ſie dieſelbe ſchon wegen
ihrer natürlichenGaben oderGlücksvorzüge
verdienen; oder ſie nehmen nurdurch Wind
macherey denSchein der Verdienſte an ſich;
- »- oder
moroliſchen Böſen. 371
oder ſie gebrauchen ſich allerhand äuſſerlicher
Mittel, welche der gemeine Mann zu be:
wundern und deswegen einen dem andern
vorzuziehen geneigt iſt, dergleichen ſind
Pracht, Ehrentitel, der Umgang mit vor:
nehmen Perſonen und dergleichen; oder ſie
ſuchen gar die Ehre durch Gewalt und Liſt,
durch Unterdrückung und Verleumdung an
derer, und durch allerley Ungerechtigkeit zu
behaupten. So vielerley Arten von Gü
tern und Vollkommenheiten es giebt, um
derentwillen iemand ſeines gleichen, oder
auch wohl ein Stand andern Ständen vor
gezogen zu werden pflegt, ſo vielerley Mittel
giebt es auch, welche der Ehrgeiz zu ſeinem
Endzwecke anwendet. Es bekommt daher
der Ehrgeiz von den Mitteln, wodurch er
Vorzüge zu erlangen ſucht, unterſchiedene
Nahmen. Der gelehrte Ehrgeiz iſt, wel: Ägeehrte
cher die Ehre in den Wiſſenſchaften ſucht. Sºrge:
Der geiſtliche Ehrgeiz iſt, welcher ſie geiſtliche
durch den Schein der Frömmigkeit oder”
durchReligions-Eyfer undReligions-Strei:
tigkeiten zu erlangen bemühet iſt. Der raider raiſon
ſonnable Ehrgeiz ſuchet die Ehre durch Ä Ehr
ſolche Dienſte, welche er andern mit dem “
Scheine der Großmuth erweiſet. Der
männliche Ehrgeiz ſeßet ſeine Ehre in der männl
der Stärcke und männlichen Uebungen des***bgeº
Körpers. Der ſoldatiſche Ehrgeiz ſu: der ſoldat
chet ſie durch unerſchrocknen Muth im Krieſche Ehrgei
ge und Schlägereyen.
Aa .
Der wei weibl
LEht, he Ehrgeit
372 Cap. (W YOon dem -

MEhrgeiz bemühet ſich durch Schönheit und


Putz Vorzüge zu erlangen. Man verwirre
ihn nicht mit dem weiblichen Ehrgeize über
haupt, welcher ſich auch auf andere Ob
jecte, z. E. auf eine geſchickte Wirthſchaft,
Ä erſtrecket. Der prahlende Ehrgeiz beſtre
* bet ſich durch Erzehlungen von ſich ſelbſt,
wodurch er Vorzüge zu erlangen vermei
net, ſie mögen nun wahr oder erdichtet
ſeyn, eine groſſe Meinung von ſich zu er:
#Äwecken: Der pedantiſche Ehrgeiz ſuchet
ſeine Ehre dadurch, daß er über unnütze
Kleinigkeiten, welche er aber vor wichtige
Dinge hält, und ſich einmal zur unveränder
lichen Regel gemacht hat, ſteiffund feſte hält.
Ä" nung
Die poltronnerie
d anderer, daß iſt,
ſie wenn manMuth
uns viel die Mei
zu
ſchreiben ſollen, durch den Gebrauch ſolcher
Worte, Gebehrden und anderer Bezeigun
gen zu erlangen ſucht, welche ſonſt als Zei
chen eines groſſen Muthes angeſehen wer
den, iedoch ſo, daß keine Gründlichkeit dars
hinter ſteckt, und daher, wenn es zur That
kommt, die Blöſſe eines ſolchen Menſchens
auf eine lächerliche Art offenbahr wird.
º Der Bauerſtolz iſt ein ſolches Bezeigen,
- da man dadurch Ehre zu erlangen ſucht,
daß man ſich ſelbſt andern vorziehet, iedoch
ſo, daß ſolches mit einer in die Sinne fal:
lenden Ungeſchicklichkeit geſchiehet. Es laſ
ſen ſich beſtändig noch mehr dergleichen Gat
tungen des Ehrgeizes wahrnehmen, weil die
Zahl
moraliſchen Böſen. 373

Zahl der Objecte, worauf der Ehrgeiz ver


fallen kan, unermeßlich groß iſt. Die er:
zählten aber werden die vornehmſten ſeyn.
§ 264.
Mit dem Ehrgeize iſt ein anderes Laſter Was der
nahe verwandt, nemlich der Hochmuth, Fºt
worunter man die Gewohnheit verſtehet,“
ſich andern, wegen einer allzu hohen Mei:
nung, welche man von ſeinen eigenen wah
ren oder eingebildeten Vollkommenheiten
hat, weiter, als man Urſache hat, vorzu:
ziehen. Es kan demnach aus dem Hoch Ä #
muthe Ehrgeiz, und aus dem Ehrgeizej Ä
Hochmuth entſtehen. Das letztere iſt Ä
durch möglich, weil man ſich den Nutzen Ä
und das Vergnügen, welches andere von
der Ehre zu haben ſcheinen, anfangs kan
antreiben laſſen, dieſelbe gleichfalls zu be
gehren, hernach aber, wenn ſie uns erwie:
ſen wird, ſich leichte verführen läſt, zu glau:
ben, daß wir dieſelbe in der That verdie
nen. Dem Ehrgeize iſt als der andere Ab:
weg die Niederträchtigkeit entgegen ge Äs.
ſetzt, welche eine Gewohnheit iſt, die Vorzü-tigkeit iſt
ge ohne tugendhafte Abſicht, nemlich aus
Mangel der Erkenntniß, oder wegen Faul:
heit und Herrſchaft der unedlern Begier:
den, nur ſchlechterdingszu verachten, § 26o.
Mit dem Ehrgeize iſt ein anderes Laſter Der Ehrgeiz
nicht zu verwirren, nemlich derjenige herr-Än
ſchende Vollkommenheitstrieb, da man jükj
die Vollkommenheit ſeines eigenen Weſens"b"
Aa 3 zur
374 Cap. IV Von dem
Ä zur höchſten Abſicht macht, iedoch nur auf
Ä“ eine ſcheinbare Vollkommenheit verfällt,
weil man dieſelbe nicht in der Tugend ſu:
chet. Hierbey haben einige nicht eben den
Endzweck, daß ihre Vollkommenheit andern
bekannt werden ſoll, ſondern es iſt ihnen ge:
nug, wenn ſie ſich deren ſelbſt bewuſt ſind.
Z. E. Sie ſtudirenbeſtändig, wollen aber mit
Fleiß verborgen bleiben; ſie ziehen andere
durch, vergnügen ſich aber an nichts ſo ſehr,
als wenn es jene nicht gemerckt haben, weil
ſie ſich ſelbſt deswegen eine beſondere Kunſt
Ä een zuſchreiben. Weil einige mit dem Ehrgei
Ä Ä ze das Beſtreben nach Vollkommenheit oder
geiz giebt Ehre überhaupt verwirret haben, welches un
ter den gehörigen Bedingungen da ſeyn kan
und ſoll, wie an ſeinem Ort gezeigt werden
wird; ſo reden ſie auch von einem erlaub
ten und lobenswürdigen Ehrgeize, unter wel:
cher Benennung ſie ihren eigenen Ehrgeiz
auch allemahl entſchuldigen. Weil aber dies
ſes leicht zur Verwirrung Anlaß geben kan;
ſo wird es beſſer ſeyn das letztere, die tu
gendhafte Ehrliebe oder Ehrbegierde
Oºder Ehr“ zu nennen. Manche Leute ſehen es nicht
Ägerne, daß man den Ehrgeiz unter die Laſter
## rechnet, weil ſie meinen, daß derſelbe das
?" vornehmſte Mittel ſey, welches edle Gemü
ther zu einem unintereßirten Beſtreben nach
lobenswürdigen Thaten antreibe. Allein ich
antworte, daß das Gute, welches der Ehr
geiß ſchaffet, nur zufälliger Weiſe daraus
- LL
moraliſchen Böſen. 377

erfolge. Wenn die Tugend in einem Ge


müthe der höchſte Antrieb iſt; ſo wird
alles dieſes Gute ebenfalls geſchehen: Hin
gegen die Ausſchweifungen und der Schade,
welchen der Ehrgeiz zugleich anrichtet, wer
den dabey vermieden werden. Denn es iſt
ja unleugbar, wie viel Neid, Feindſchaft,
Mord, Aufruhr, Argliſt, Unterdrückung
der Tugend, und Gewaltthätigkeit, der Ehr
geiß nach ſich ziehet, wie er auch das Ges -
müthe ſelbſt qvälet und beunruhiget,
§ 265.
Der Geitz iſt dasjenige Laſter, da der Was der
verirrete und bloßaufden Beſitz eigenthüm-°"
licher Güter gerichtete Trieb nach Sicherheit
auf das Zukünftige, nach und nach von dem
gehörigen Endzwecke abgeleitet wird. Es
iſt demnach der Geiz im Anfange eine Be- ,
gierde ſeine Sicherheit aufsZukünftige durch
den Beſitz des Eigenthums, ſo viel es mög
lich iſt, zu befördern. Indem aber die Men
ſchen dieſen Endzweck nach und nach vergeſ
ſen; ſo verwandelt er ſich in eine Gewohn:
heit, den Beſitz des Eigenthums ohne ferne
re Abſicht zu begehren. Daher will er das
Erlangte nicht wiederum aufwenden, auch wo
es der Endzweck des Eigenthumserfodert.
Er ſuchet auch immer mehr zu erlangen,
und vergnüget ſich alſo bloß an dem Beſi:
ze. Man verwirre den Geiß nicht mit WiederGeh
der Geldbegierde, oder Begierde nach Ä
überhaupt
Reichthum überhaupt, welche ſich auch unterſchie
Aa 4 Mitj
376 Cap. IV Von dem
mit andern Begierden verknüpfet, nur daß
jene den Reichthum als ein Mittel zu ihren
Abſichten verlangen, z. E. der Faule will
Geld haben, damit er nicht arbeiten dürfe,
der Wollüſtige, damit er ſich was zu gute
thun könne, der Ehrgeizige, damit er Staat
machen oder groſſe Abſichten ausführen kön:
neu.ſf. Der Geizige aber wünſchet den
Beſitz des Eigenthums, bloß um es zu ſpa
ren und zuvermehren. Jedoch können ſich
wohl mit dem Geize andere Neigungen ver
knüpfen: daher auch hernach unterſchiede
ne Wirckungen erfolgen. Im niedrigen
Grade giebt der Geiß nur nicht gerne her,
thut aber niemanden unrecht, welches der
se karge Geitz heißt. Im höhern Grade
Äunge- folget daraus der ungerechte Geiz, wel
rechte Geiz.cher ſich auch mit anderer Leute Schaden be
reichert. Wenn der Geitz es nur an andern
Leuten fehlen läſt, ſich ſelbſt aber nichts ab:
bricht, weil er nemlich noch mit andern hefs
tigen Leidenſchaften verknüpfet iſt; ſo iſt es
Ä der neidiſche Geitz. Wenn er aber auch
Der ſordide ſich ſelbſt abbricht, ſo wird es der ſordide
G Geitz genennet, beywelchem man der Gelds
begierde ſeine Ehre, Beqvemlichkeit und
Vergnügen aufopfert. In Anſehung der
Mittel, welche der Geiß anwendet, iſt er in
. Äden
UO)» wagenden und furchtſamen einzu:
- -

Ä # theilen, unter denen jener viel waget, um


viel zu gewinnen, dieſer aber lieber den Ge
winſt entbehret, um nichts zu verlieren.
Man
moraliſchen Böſen. 377

Man kan dieſe Eintheilung auch bey dem


Verfahren aller andern Begierden machen.
An dem Ehrgeize fällt die Richtigkeit der:
ſelben inſonderheit ſehr in die Augen. Es
kömmt darauf an, ob bey einem Menſchen
der Muth von Natur ſtarck iſt, § 86.
§ 266.
Diejenigen Laſter, welche darinnen beſte-Ä
hen, daß man einer Sache, welche dem Bosheiten
Menſchen vermögeeine natürlichen Begier- Ä
de angenehm iſt, weiter als es die Tugend ſind.
erlaubt, nachhängt, werden auch im engern
Verſtande Eitelkeiten genennet. Man
ſetzet denſelben die Bosheiten im engern
Verſtande entgegen, worunter man ſolche
Laſter verſtehet, von welchen man nicht prä
ſumiret, daß eine natürliche Begierde zu
dem Objecte vorhanden geweſen ſey. Im „Was im
weitern Verſtandenennet man alles dasje-Ä“
nige eitel, was nicht ohne Aufhören gute heißt
Folgen nach ſich ziehet, und da man dan
nenhero ſich entweder ganz und gar vergeb
liche Mühe gegeben, oder da doch die Sache
mit der Zeit einmal dergeſtalt vergehet, daß
ſie weiter keinen Nutzen hinter ſich läſt,
§ 267.
Wenn ein laſterhafter Trieb ſo ſtark iſt, WaLeiden
daß die Freyheit des Willens denſelben gar Ä.
nicht mehr, oder wenigſtens nicht ſo gleich j
überwinden kan; ſo kan man ihn eine Lei-Ä
denſchaft nennen, § 71: weil der Menſch Än"
bey Reizung derſelben entweder ganz und
Aa 5 gar
378 Cap. IV Von dem
gar gezwungen iſt, derſelben zufolgen, § 8,
cder ſich doch weniger thätig verhält, als er
ſoll, § 237. Diejenigen Leidenſchaften, nach
denen man am öfterſten handelt, und welchen
man im Colliſionsfalle am meiſten folget,
heiſſen herrſchende Leidenſchaften. Es
werden aber die herrſchenden Leidenſchaften
entweder nur Vergleichungsweiſe alſo
genennet, weil ſie nemlich in ihrer Wirck
ſamkeit ſtärcker, als andere ſind, mit wel:
chen man ſie vergleichet. In dieſem Ver
ſtande kan mehr als eine herrſchende Leiden
ſchaft in einer Seele ſeyn. Oder eine Lei:
denſchaft wird ſchlechterdings die herr
ſchende genennet, wenn ſie den ſchlechterdings
höchſten Zweck ausmacht, ſo daß alle andere
ihr ſubordinirt ſind, und von ihr regieret
werden, § 18.
§ 286.
Was vor Wir haben nunmehro noch den Scha
Schaden
das Böſe den, ich meine dasphyſicaliſche Böſe, § 26,
nach ſich zie zu betrachten, welches aus dem moraliſchen
het. Böſen entſtehet: da denn erhellen wird, daß,
wenn wir nicht dasjenige beobachten, was
GOtt von uns beobachtet wiſſen will, auch
dasjenige, was wir wünſchen, unmöglich
erlanget werden könne, ſondern vielmehr das
Gegentheil davon zu unſerm gröſten Schmerz
Äieſes Scha
und Unglück erfolge. Zu dem Ende haben
dens. wir theils auf die ſchädlichen phyſicalis
ſchen Wirckungen Achtung zu geben, wel:
ehe die Laſter in uns ſelbſt nach ſich Ä
theils
moraliſchen Böſen. 379

theils auf die ſchädlichen Verhältniſſe,


in welche wir dadurch mit GOrt und andern
Menſchen gerathen.
§ 269.
Das moraliſche Böſe ziehet ſchädliche ſ# HGP

natürliche Folgen ſowohl in unſerer Seele Ä


als Leibe nach ſich, welche als natürliche Ä“
Strafen deſſelben, § 197, anzuſehen ſind. Ä.
Der Zuſtand unſerer Seelenkräfte iſt und Die Ä
bleibet dadurch unvollkommen. Die la: Ä
ſterhaften Begierden gründen ſich auf lau: Der Selbſt
ter Selbſtbetrug, da man den Dingen ent-Ä
weder gar ein falſches Weſen, oder doch ei: der Objecte.
nen ganz falſchen Grad der Güte und
Schädlichkeit, des Werthes und Unwer:
thes, zuſchreibt. Ferner iſt es ein Selbſt: Der Selbſt
dadurch die laſterhaften Ä
betrug, daß manſättigen
Begierden zu gedencket, wenn des Äre
man ihnen nachlebet, da ſie doch, wenn ſie #*
nicht in tugendhafter Subordination ſte: “
hen, dadurch nothwendig nur hungeriger -
werden, indem ſie ihr Object als einen
letzten Zweck ſuchen, und folglich davon
immer mehr begehren, gleichwohl aber, da
dieſem unumſchränckten Verlangen nicht ge:
nug geſchehen kan, ſich von ihrer Sätti
gung immer weiter entfernen. Man ſiehet
es auch in der Erfahrung, wie z. E. der
Geiz und Ehrgeiz niemals genung haben,
und immer dürftiger werden, ie mehr ſiebe
kommen, weil unterdeſſen die Begierde im
mer zugenommen hat. Die Wollüſtigen
wer:
380 Cap. IV Von dem
werden zwar der individualiſchen Objecte
bald überdrüsig, allein die Begierde andere
an deren ſtatt und neue Veränderungen zu
haben, wird immer gröſſer, das Gemüthe
ſelbſt aber immer eckeler, und die Empfin:
dung des Angenehmen ſtumpfer, ſo daß ih
nenzuletzt nichts mehr gut genung iſt. Noch
weiter iſt zu erwegen, daß der aus den La
? ſtern herrührende Stand der Unvollkom
menheit der Seele beſtändig zunehme.
Ä
n mehrere
Denn aus einem Laſter verfällt man immer
-

Äſtej“in andere und noch gröſſere: wie denn alle


Laſter in einer ſolchen Verknüpfung unter
einander ſtehen, daß man aus einem in unr
zehlige andere verfallen kan; indem die re:
gelmäßige Oberherrſchaft der Tugend in der
Seele nicht vorhanden iſt, welche allein fä:
hig war, ſo unzehlige Begierden und Rei
zungen derſelben zuregieren und in Ordnung
Der Gradzu erhalten. Ja weil auch das vorherge:
Ä"gangene Laſter das Gemüthe zu einem noch
Ähe-höhern Grade entweder eben dieſer oder an:
Ä # derer Eitelkeiten und Bosheiten vorbereitet;
bet. ſo muß es mit einem böſen Gemüthe auch
dem Grad nach, mit welchem es ſich nach
einem böſen Objecte beſtrebet, ie länger ie
ärger werden. Noch weiter iſt zu beden
cken, daß ſich die Laſter immer in noch gröſ:
Der Äusſere habitus verwandeln. Dadurch nimmt
Ät aber auch die Hartnäckigkeit zu, und der
ÄÄh wird immer ungeneigter, gute Vor
Äſtellungen anzunehmen, oder dieſelben un:
ſerung- Pars
moraliſchen Böſen. 381

partheyiſch zu erwegen, da hingegen die


Macht der Vorurtheile immer gröſſer wird.
Da alſo hierdurch die Leidenſchaften immer
zunehmen, hingegen die Möglichkeit, ſie wie ,
der hinwegzuſchaffen, beſtändig abnimmt;
ſo muß endlich die Seele in eine ſolche Scla: Die Sela
vereyverfallen, aus welcherſehernach durch Ä #.
kein moraliſches Mittel mehr in Freyheit ge: iens.
ſetzt werden kan. Aus dieſer Unvollkom
menheit der Seele, welche die moraliſchen Mancherlev
Verderbniſſe einführen, ſolget nun unzehli Fºssi
ges Mißvergnügen, Schmerz und Unglück:
ſeligkeit. Denn weil die unordentlichen Ä der
Begierden wieder einanderlaufen, und dem-Ä
Ä nicht alleſamt erfüllet werden Äumsfest
ſo entſtehet daraus Streit und Unruhe. Die
Affecten und Neigungen kämpfen miteinan
der, und das was der einen zu Gefallen ge
ſchiehet, beträgt meiſtentheils nicht ſo viel,
als das, was andern zuwieder geſchiehet.
Es müſſen aber der Gelegenheit ſehr viel
ſeyn, da den laſterhaften Abſichten wieder
ſtanden wird, weil die Laſter nichts anders
als ein Aufruhr wieder die von GOtt ge
machte Ordnung der Dinge ſind, und gleich:
ſam wieder den Strohm ſchwimmen wol
len. Erhält run ein laſterhaftes Gemüthe
nicht, was es ſuchet; ſo wird der Schmerz
deſto gröſſer, ie unbändiger es iſt. Wird Reue und
aber dasſo Gemüthe
wahr; ſeinen Selbſtbetru
entſtehet daraus Äſſeus
g ge angſt.
Reue, Scham,
Furcht und Gewiſſensangſt. Hingegen muß
NQI.
382 Cap. IV Von dem
man bey den Laſtern des wahren und gründ:
lichen Vergnügens entbehren, welches aus
Krankheit der Tugend erfolgt ſeyn würde. In Anſe
Ähung unſers Leibes ziehet das moraliſche Bö
- ĺ ſe vielmahl Kranckheiten und die Beſchleu
nigung des Todes nach ſich.
- - § 27O.
„ĺ Es werden aber auch laſterhafte Men
ſjlij ſchen durch ihre Laſter in die ſchädlichſten
##e Verhältniſſe mit andern Menſchen geſetzt.
jenjer Die menſchliche Geſellſchaft, auf welcher
Äe das gemeinſchaftliche Wohlſeyn der Men:
Dj-ſchen beruhet, wird getrennet. Einer ſcha
ÄGÄdet und beleidiget den andern. Sie hin
ĺ dern einander ſowohl an der Erlangung ih
res Hauptzweckes, als ihrer Zufriedenheit
und Vergnügens. Man wird es in der Er
fahrung wahrnehmen, daß das meiſte Uebel,
welches das menſchliche Geſchlechte drücket,
nicht von dem Laufe der Natur, ſondern von
den Laſtern herkomme; da ſich denn die
Folgen von den laſterhaften Thaten eines
einzigen vielmahl auf ſehr viel andere erſtre
cken, welche dadurch unglücklich gemacht
Die Laſter werden. Ja die laſterhaften Thaten ina
Ächen auch ordentlicher Weiſe bey andern Leu
ten verhaßt, und verurſachen, daß ſie uns
die nöthigen Dienſte nicht leiſten, weil ſie
uns derſelben unwürdig achten, oder ſie ſetzen
andere gar in Bereitſchaft uns zu ſchaden,
weil ſie ſich oder ihre Geliebten rächen wollen,
oder weil ſie beſorgen, daß dergleichen böſe
Leute
moraliſchen Böſen. 383

Leute auch ihnen ins künftige ſchädlich ſeyn


dürften. Viele Laſterziehen auch bey andern Ärgen
Leuten Schimpf T Sº nach ſich. #EMt
71. -

Hauptſächlich aber muß man ſich davon In was vor


gewiß überzeugen, daß die Laſter allerſeitsſchädliche
die Menſchen in das allerſchädlichſte Ver-Ä
hältniß gegen GOtt
den dadurch ſetzen. Denn Glückſe-Ä
der unaufhörlichen ſie wer: Menſchen
GO.

ligkeit verluſtig, welche ſie auſſerdem hät:


ten haben, und vornehmlich in der ſeligen
Vereinigung mit GOtt, beſonders in der
Ewigkeit, finden können. An ſtatt deſſen
aber verurſachen ſie auf Seiten GOttes eine
unvermeidliche Nothwendigkeit, dieſelben
ohne Aufhören zu ſtrafen, § 190, 191, 193.
Das V Capitel.
Von den Mitteln, das Böſe
wiederum hinweg zu ſchaffen, und
die guten Handlungen wieder das Böſe
zu ſtärcken und zu befördern,
§ 272.
Da diejenigen, welche in den Laſtern un-Äde
geſcheuet fortfahren, ſowohl die ſchäd-ÄÄ
lichen natürlichen Folgen endlich gewiß em: Böſendurch
pfinden, als auch die zukünftigen Strafen Ä.
GOttes in einem andern noch bevorſtehen-rung abge
den Leben, S218, 29,229, unfehlbar erfah-Ä
ren müſſen, iſt aus demjenigen, was § 269, -

27O,
384 Cap. V Von den Mitteln,
270,271 erwieſen worden, ganz unleugbar.
Nun läſt ſich aber dencken, daß der von dem
moraliſchen Böſen abhangende Schade viel
leicht abgewandt werden könne, wenn man
daſſelbe dereue, und nach Möglichkeit abzu:
ſchaffen und zu verbeſſern ſuche.
§ 273.
Nothwen: Nun iſt zwar ſo viel ganz unſtreitig, daß
Ä* derſelbe durch Bereuung und Beſſerung zum
wenigſten gemindert, ich meine, daß die Ver
gröſſerung deſſelben verhütet werden kan,
§ 19o. Daher dieſes eine Regel ohne alle
Ausnahme iſt, daß, ſobald wir etwas Bös
ſes an uns gewahr werden, unſer erſtes
ſeyn müſſe, auf eine ſchleunige Hinweg
ſchaffung deſſelben ſo gut als möglich zu
gedencken, -

§ 274.
Es iſt uns Allein wenn man von einer ſolchen Ver:
Ä“beſſerung redet, wodurch der menſchliche Zu
Werbeſſe ſtand dem von uns bisher erklärten göttfi
Ä "9“ chen Geſetze durchgängig ähnlich gemacht
werden ſoll: ſolehret die Erfahrung, daß es
dahin niemand bringen könne, ungeachtet
wir unſere Beweiſe richtig geführet haben,
§248, 249. Daher alle unſere Bemühung
nichts weitet ausrichtet, als daß wir uns dem
Stande einer völligen Tugend nur ſo viel
möglich zu nähern ſuchen.
S - - - -- - - -
§ 275.
Ä. Hiernächſt aber wäre es noch eine andere
Ä Frage: ob, wenn wir uns vollkommen ver:
beſſern,
das Böſe hinwegzuſchaffen. 28
beſſern, und nach Ablegung unſerer vorigen rung dieFol
Laſter eine vollkommene Tugend ausüben Ä:
könnten, dadurch die erſtern ſo gut als unge:men würde,
ſchehen gemacht werden würden? Man er
kennet leicht ſoviel, daßes aufs höchſte wei-
ter nicht möglich ſeyn könte, das Böſeſe gut >
als ungeſchehen zu machen, als nur allenfalls
inſofern, daß die Schuld, § 198, und Strg
fe, § 190. oder vielmehr die Folgen derſelben,
ºefern ſie uns unangenehm ſind, hinwegge
nommen werden müſten. Hingegen in Ab
ſicht auf unſere zukünftige Glückſeligkeit kan
es niemals einerley ſeyn, ob wir beſtändig
Gutes gethan, oder ob wir zuvor Böſes ger
than, hernach aber uns gebeſſert und Vj
gebung erlanget hätten. Denn wenn wir
beſtändig Gutes gethan hätten, ſo müſte die
Glückſeligkeit unſtreitig gröſſer geworden
ſeyn, § 189. Jedoch da dieſe Frage vonei
nem Falle redet, welcher ſich auf uns nicht
ſchicket, ſº wollen wir uns dabey nicht län
ger aufhalten,
- § 276.
Damit wir aber wiederum auf das vori- ob GOtt
gekommen, ſo kan man das nicht einräu. ##
men, daß GOrt mit einer unvollkom Ä
menen Verbeſſerung zufrieden ſeyn und zUs
daferne ſie nur nach allen Äräften ge- Ä eyl.

ſchebe, die zukünftigen Strafen erlaſſen


müſſe. Es ſcheinet zwar daber zu erhellen, Wº ſich zu
weil GOtt das menſchliche Geſchlecht erÄ
hält und fortpflanzen läſt, Ungeachtet alle gen läſt.
Bh Men:
386 Cap.V Von den Mitteln,
Menſchen ſowohl des angebohrnen als
> willkührlichen moraliſchen Böſen ſchuldig
ſind. Denn er kan ſie doch unmöglich oh
ne Zweck und zu unvermeidlicher Quaal
und Marter erſchaffen haben. Es ſcheinet,
daß er als ein gerechter GOtt einem iedwe
/den nur dasjenige zurechnen könne, was er
> mit vollkommener Freyheit gethan hat, und
was in ſeinem Gemüthe als eine Wirckung
vollkommener freyer Thaten zurück geblie
ben iſt. Hingegen da wir gleich von Na
tur ſehr verderbet, § 25o, und mancher
ley heftigen Reißungen zum Böſen unter:
worfen ſind; ſo müſſe er als ein gütiger
GOtt mit unſerer Schwachheit Geduld ha
ben, und nicht alles genau nehmen. Der
freye Wille ſeyja ſonſt dem Menſchen nichts
anders als ein Fallſtrick, und es ſey auſſer:
dem beſſer ein Vieh als ein Menſch zu ſeyn.
eÄ Gleichwohl aber ſtehen uns auf der andern
jr Seite die unumſtößlichen Beweiſe vor die
ſind- Heiligkeit,§ 171, 172, 173,und Strafgerech
tigkeit GOttes, § 190, 191, 193, im Wege.
WÄ“ Und obgleich die Menſchen bey Unterſuchung
Ä- dieſer Frage durch ihren natürlichen Glückſe
he. Äie-ligkeitstrieb das Beſte vor ſich zu hoffenge:
n # neigt gemacht werden; ſo kan doch dieſe ſubje:
d ctiviſche Wahrſcheinlichkeit, weil ſie eine bleſ
ſe Verhinderung des Verſtandes iſt, § 100,
und nicht etwan einen richtigen Zuſammen:
hang der Concluſion mit den erſten Grund:
wahrheiten der menſchlichen Vernunft, ſon:
- - dern
das Böſe hinweg zu ſchaffen. 387
dern bloß einen Zuſammenhang derſelben
mit unſern Wünſchen und Verlangen, zum
Grunde hat, den Ausſchlag gar nichtgeben,
und derGewißheit und Unumſtößlichkeit bey
der Beweiſe weder pro noch contra im ge:
ringſten etwas vergeben.
§ 277.
Es iſt demnach aus der bloſſen Vernunft Die Ver
kein tüchtiger Entſcheidungsgrund möglich, Ä.
wie obige einander wiederſtreitende Beweiſe nicht detj
determinirt mit einander verglichen werden #º
können. Demnach führet uns hier die Ver: -

nunft in ein ſolches Labyrinth, aus welchem


kein Ausgang zu finden. So lange wir Ä“
keine Entſcheidung wiſſen, ſo
lich kein anderer Ä # freyÄ
als daß wir # Ent
uns nur ſo gut als möglich verbeſſern, Ä*
und uns im übrigen der göttlichen
2Barmherzigkeit überlaſſen, § 273. Sol
len wir aber zur Gewißheit und Beruhigung
gelangen, ſo muß ſich GOtt ſelbſt darüber
ausdrücklich erklären, wie er es in dieſem
Stückehalten wolle. Demnach flieſſet hier: Wie daraus
aus nicht allein ein ſpecialer Grunddermo Ä“
raliſchen Möglichkeit einer überna-ia einen
türlich geoffenbahrten Religion, ſon ĺ
dern auch die Pflicht, einen ſolchen ge- ºº und die
offenbahrten Willen. GOrtes zu i-Ä
chen, darinnen ſolche Mittel zu Et-chen s

langung des Hauptzwecks der Men-“


ſchen an die Hand gegeben werden,
bey welchen die Güte und Gerechtig
- - - Bb 2 keit
388 Cap. V Von den Mitteln
Eeit GOttes unverletzt neben einander:
beſtehen könne. Ich meine, es wäre zwar
eine göttliche Offenbahrung auch ſchon des
wegen GOtt anſtändig und zu erwarten, weil
dieſelbe die andere Hauptart ausmachet, wie
GOtt ſeine Eigenſchaften und Werke denen
Geſchöpfen bekannt machen kan. Hinge:
gen iſt es nicht glaublich, daß GOtt, wenn
er eine Welt erſchaffet, irgevd eine von den
Hauptclaſſen der Dinge darinnen fehlen laſ
ſen ſollte. Ferner iſt die göttliche übernatür
liche Offenbahrung auch darum möglich, weil
dadurch dasjenige von den Wercken und Ab
ſichten GOttes bekannt werden kan, was hi
ſtoriſch iſt, und ſich durch Schlüſſe nicht aus
machen läſſet, und was er uns doch nach
ſeiner Güte wiſſen laſſen will. Es können
auch Eigenſchaften in GOttſelbſtſeyn, wel
che ſich aus den Wercken nicht ſchlüſſen laſ
ſen, weil nicht alle Eigenſchaften einer wir
ckenden Urſache ſich ſogleich aus dem Effecte
erkennen laſſen. Wären nun dergleichen,
und GOtt wollte ſie kund thun, weil ſie ei
nen Theil der alleredelſten Erkenntniß aus:
machten; ſo ſähe man wiederum einen an
ſtändigen Grund, eine übernatürliche Offens
bahrung zu geben. Dieſe und andere der
gleichen Gründe ſollen hiermit nicht geleug
net, ſondern vorausgeſetzet werden.* Allein
das
* S. hiervon die Abhandlung: Daß es den Men
ſchen weſentlich iſt, durch ein göttliches Wort des
lebret zu werden: , welche die fünfte iſt in der
gründlichen Belehrung von der chriſtlichen
Kirche. Leipzig 1767. s.
das Böſe hinweg zu ſchaffen. 339
das gegenwärtige Verderben des menſchli
chen Geſchlechtes, und die Ungewißheit, in
welcher wir uns wegen des Zukünftigen be
finden, ſolange ſich GOtt ſelbſt deshalben
nicht näher erkläret, ſind ein ſpecialer Grund,
warum bey dem gegenwärtigen Zuſtande der
Menſchen eine geoffenbahrte Religion mög
lich, ja zu wünſchen und zu ſuchen iſt. Noch
ein anderer Grund folget, § 280. Niemand Ob dieſe eh
werfe mir
ſophie hiertheologiſch
gar zu vor, als ob ich meineund
einrichtete, Philo Ä
dar: ret. A

innen ſolche Sätze behauptete, auf welche ich


ohne die heilige Schrift nicht gekommen ſeyn
würde. Ich räume zwar dieſes gar gerne
ein. Allein ſo lange man wieder die Rich
tigkeit der geführten Beweiſe nichts einwen
den kan; ſo muß man zugeben, daß eineied
wede Lehre allerdings philoſophiſch ſey, wel
che aus bloſſen Vernunftſätzen durchrichtige
Schlüſſe hergeleitet wird, die erſte Gelegen:
heit, wie wir darauf gekommen ſind, mag
auch ſeyn, welche ſie will. Ich habe ießo
nicht die Abſicht, nur dasjenige anzuführen,
was die heydniſchen Weltweiſen gewuſt ha
ben, welches in die philoſophiſche Hiſtorie
gehört. Ich laſſe mich auch nicht auf die
Unterſuchung der Frage ein, ob, und wiefern
ſie daſſelbe nach ihren Umſtänden haben wiſ:
ſen können, welches hieher abermahl gar
nicht gehöret; ſondern ich unterſuche nur,
was ſich aus der Betrachtung der Creatu
ren durch richtige Schlüſſe erweiſen laſſe,
s Bb 3 W)(IT
390 Cap. V Von den Mitteln
wenn man ſie auf eine ſolche Art betrachtet,
welche geſchickt iſt, uns auf die nöthigen, ie
doch bloß vernünftigen, Vörderſätze zu brin
gen. Wenn man etwas deswegen vor kei
ne vernünftige Wahrheit halten wolte, weil
ſie die alten Weltweiſen nicht gewuſt haben,
oder weil ſie dieſer oder jener Menſch nicht
durch ſein eigenes Nachſinnen herausge
bracht hat; ſo muß man auch die meiſten
mathematiſchen Wahrheiten nicht vor ver
nünftig halten. Denn die Alten haben ſie
auch nicht gewuſt. Und die heutigen Ge
lehrtan würden ordentlicher Weiſe auch nicht
darauf fallen, wenn ſie dieſelben nicht aller
erſt aus Büchern erlerneten, oder durch an:
dere auf den Einfall gebracht würden.
§ 278.
Noch ferne Damit wir aber in Aufſuchung der wah
re Kennzei
chen einer ren geoffenbahrten Religion nicht irre ge:
wahrhaft hen mögen; ſo wollen wir auſſer dem
gen göttli
dhen Offen § 277 angeführten noch einige andere
bahruna.
Sie darf der Kennzeichen hinzuthun, welche ſich davon
Vernunft zum voraus beſtimmen laſſen. Nemlich
und dem Ge
wiſſen nicht die göttliche Offenbahrung muß zum
A
wiederſpre andern ſowohl richtigen Vernunft
chen.
wahrheiten, als auch dem allgemei
nen Ausſpruche des natürlichen Ge
wiſſenstriebes nicht zuwieder ſeyn.
Denn da ſowohl die vernünftigen als ge:
offenbahrten Wahrheiten beyderſeits in
dem göttlichen Verſtande beyſammen ſind;
ſo können ſie einander nicht wiederſprechen.
Eben
das Böſe hinweg zu ſchaffen. 391
Eben ſo wenig könnnen ſie der Lehre des
Gewiſſenstriebes wiederſprechen, welcher
eine Art der natürlichen Offenbahrung des
göttlichen Willens iſt. Man hüte ſich ge
nur, daß man nicht die wircklichen Ver: r -.

nunftwahrheiten mit der ſubjectiviſchen Ä Ä.


Vernunft, nemlich mit ſolchen Sätzen, die Är
dieſer oder jener Menſch fälſchlich vor ver: Menen
nunftmäßig anſiehet, verwirre. Daher Ä
hat man nicht eher Grund, einen vorge, heiten halte.
offenbahrt ausgegebenen Satz, um des
Streites mit der Vernunft willen, als uns
gereimt zu verwerfen, ohne nur, wo der
gleichen Verwirrung nicht zu beſorgeu iſt.
Z. E. Es iſt weit gefehlt, wenn man ſich
auf ſeine eigenen geſchloſſenen Sätze, oder
auf die Meinung dieſer oder jener philoſo
phiſchen Secte, ſehr verlaſſen will. Man
hat vielmehr die Richtigkeit der vorgegebe:
nen göttlichen Offenbahrung a poſteriori zu
unterſuchen. Und wenn dieſelbe nur wahr
ſcheinlich iſt, ſo muß die ſectiriſche Meinung
ſchon nachſtehen. Denn alsdenn iſt es
wahrſcheinlich, daß die Lehre geoffenbahret,
und alſo untrüglich iſt. Hingegen iſt es
eben ſo leichte möglich, daß wir in unſern
Schlüſſen etwas überſehen haben können.
Ein anders wäre es, wenn ein vor geoffen»
bahrt gehaltener Satz mit der Erfahrung,
dem Satz vom Wiederſpruch, oder derglei
chen ganz ausgemachten Wahrheiten, ſtrit
te, und auch bey der Beurtheilung des Strei
Bb 4 tes
392 Cap. V Von den Mitteln
tes kein Betrug zu beſorgen wäre; da man
allerdings zu leugnen Urſache hätte, daß er
von GOttgeoffenbahret ſeyn könne, derglei
chen aber bey der chriſtlichen Religion nie
mand wird erweislich machen können.
§ 279.
Än Jedoch muß zum dritten die Offen
Äer bahrung weiter als die Vernunft ge
als die je-hen, daher auch keine Schwierigkeit
Ä daraus gemacht werden muß, wenn
Geejeſie unbegreifliche Geheimniſſe in ſich
°" hält, weil ſich auch ſelbſt in der Philo
ſophie die Erkenntniß GOttes und ganze
Geiſterlehre, ja auch die Naturlehre ſelbſt,
endlich in Geheimniſſe auſlöſer, und die
Einſchranckung unſerer Vernunft am Ta
Ä-ge lieget. Ich verſtehe aber unter einem
"- ÖGeheimniſſe einen ſeiner Exiſtenz nach
richtig erwieſenen Satz, welcher aber von
ſolchen undeterminirten Dingen redet, zu
welchen es uns nicht möglich iſt, die noch
fehlenden innerlichen Determinationen hin
zu zu denken, und da wir uns alſo die Sa
che nicht anders als durch negativiſche und
relativiſche Eigenſchaften vorſtellen kön:
nen. Und dieſes iſt es, was man meinet,
wenn man ſagt, daß man von Geheimniſ,
ſen zwar erkenne, daß ſie ſind, aber nicht,
wie es damit zugehe.
§ 28C.
# z Zum vierten muß ohne Zweifel die
Ä geoffenbahrte Religion das G# EC
-

das Böſe hinweg zu ſchaffen. 393


der Matur wiederholen, weil die Er Ä
fahrung lehret, daß das Verderben der Ä.
Menſchen ſo groß iſt, daß die meiſten daſ
ſelbe nicht allein nicht vollſtändig wiſſen,
ſondern auch weder Fähigkeit noch Geles
genheit haben, daſſelbe durch Schlüſſe zu
erlernen. Denn es iſt nicht zu vermuthen,
daß GOtt, wenn er ſich einmahl hat offen
bahren wollen, dieſem Mangel nicht werde Ö
abgeholfen haben. Ja dieſer Grund iſt
ſo wichtig, daß, da mit dem natürlichen >
Geſetze die Glückſeligkeit des Menſchen
unzertrennlich verknüpfet iſt, ſchon deswe
gen eine geoffenbahrte Religion nützlich
und zu wünſchen wäre, geſetzt auch, daß
nicht nöthig wäre, daß ſie etwas neues ent
hielte.
§ 28I.
Endlich, weil GOtt überall in der Na: Welche die
tur den kürzeſten Weg gehe; ſo iſt nicht ĺ
wahrſcheinlich, daß er ſich iedwedem Men: Perſonen
ſchen beſonders offenbahren werde. Wenn Ä Ä
er ſich aber nur manchen offenbahret, wel: gechen.
che hernach die übrigen durch Reden oder Ä“
Schriften lehren ſollen; ſo muß er ihnen anderº
gnügſame Kennzeichen einer göttlichen Ä
Sendung mitgeben, damit man vor dem ſollen.
Betruge hinlanglich geſichert ſey. Nun
iſt das noch keinzureichendes Kennzeichen,
wenn die Lehrer, welche vorgeben, daß ih
nen GOtt ſeinen Willen unmittelbar geof
fenbahret habe, tugendhafte Leute ſind.
Bb 5 Denn
394 Cap. V Von den Mitteln
d Denn die Heucheley und Verſtellung iſt in
#Ä der Welt gar zu groß. Es iſt auch noch
Lehre. nicht genung, wenn man in ihren Lehren
eine Uebereinſtimmung mit der Vernunft
und dem Gewiſſen wahrnimmt. Denn es
kan ſeyn, daß es eine vermeinte Ueberein
ſtimmung iſt, oder welche noch nicht groß
genug iſt. Ob daherogleich das letztere un
ter den obigen Bedingungen auch nöthig iſt;
ſo wird doch noch über dieſes erfordert, daß
ſie GOtt durch ſolche ungewöhnliche Tha
ten, welche durch dieſelben, oder mit einer
Beziehung auf ſie, geſchehen, in Anſehenſe
tze, von welchen Thaten es gewiß, oder ſehr
wahrſcheinlich iſt, daß ſie die natürlichen
# ÄKräfteüberſteigen. Dergleichen Thaten ſind
Ä“ die Weiſſagungen und Wunderwercke.
Äer- Unter den Weiſſagungen verſtehe ich hier
Bercke. - * A e“ “. -

Äine eine ſolche Vorherſagung zukünftiger Bege


Weiſſagung benheiten, welche der Verſtand desjenigen,
der ſie ſtellet, aus den gegenwärtigen Ums
ſtänden noch nicht hat ſchlieſſen können.
# Ä Damit man aber wiſſe, ob etwas eine Weiſ:
Ä ſagung iſt, ſo muß man Achtung geben, ob
die Umſtände ſo ſind, daß, wenn man ſprä
che, ſie ſey von ohngefehr eingetroffen, eine
Unwahrſcheinlichkeit entſtehen würde. Und
ie gröſſer dieſe Unwahrſcheinlichkeit iſt, deſto
gewiſſer iſt es, daß es eine Weiſſagung ge:
Äs weſen iſt. Da wir nun an der menſchli
jen chen Seele keine Kraft, auf dergleichen Art
laſſe. zu weiſſagen, wahrnehmen, ſondern ihr #
MCHL
das Böſe hinwegzuſchaffen. 39.
mehr dieſelbe ohne allen Grund, ja allen
Regeln vernünftiger Unterſuchungen zuwie
der, zuſchreiben würden; Da auch dieſelbe
von keinem andern etwa böſen Geiſte her:
kommen kan, wenn dieſelbe zur Bekräfti
gung einer ſolchen Religion, wie wir ſie in
den vorigen Kennzeichen beſtimmt haben,
vorgebracht wird: So kan ſie niemanden,
als GOtt, es ſey nun unmittelbar oder mit:
telbar, vermittelſteines andern erſchaffenen
guten Geiſtes, welches hier gleich gilt, zum
Urheber haben. Es iſt vor ſich klar, daß
die Entdeckung anderer verborgenen Bege
benheiten, die etwan in der Abweſenheit vor:
gehen, oder ſich ehemahls zugetragen, unter
den gehörigen Bedingungen einer Weiſſa
gung gleich gelten können. Unter einem Was ein
Wunderwercke verſtehe ich eine unmittel: Ä
bare und auſſerordentliche Wirckung GOt- -

tes in der Natur. * Daß dergleichen mög: Daſ Wun


lich, und nicht wieder die Vollkommenheit Än
der Welt ſey, beweiſe ich daraus, weil die
Vollkommenheit der Welt aus ihrem End
zwecke beurtheilt werden muß. Da nun
derſelbe in der Regierung der Geiſter zu be
finden iſt, § 21 o; ſo kan GOtt den mecha
niſchen Vollkommenheiten der Welt, weil
ſie nur ein Mittel zu ſeinem Zwecke ſeyn
ſollen, ſo ofte zuwieder handeln, als ſein
Endzweck ſolches erfordert. Man verwirre Von den
nicht mit der Natur der Wunderwercke die Än
Kenn derwej.
* Vergl. in der Metaphyſ. § 339-342.374-377.
396 Cap.v Von den Mitteln,
Kennzeichen ihrer Wircklichkeit. Es iſt
möglich, daß auch Wunderwercke im ver
borgenen geſchehen, und in der Metaphyſik
läſt ſich erweiſen, daß dergleichen bey der
göttlichen Vorſehung höchſt wahrſcheinlich
ſind. Diejenigen aber, welche zur Bes
kräftigung einer geoffenbahrten Religion
dienen ſollen, müſſen mit ſolchen Umſtän
den verknüpft ſeyn, daß man ſie erkennen
kan. Und dieſes kan auch gar wohl geſche
hen. Denn ob wir gleich nicht alle Kräfte
der Natur wiſſen; ſo iſt doch in unzehligen
Fällen ein ſo unermeßlicher Grad der Wahr:
ſcheinlichkeit möglich, welcher der Demon
ſtration völlig gleich gilt, z. E. daß niemand
Todte, welche allbereits ſtincken, durch
Kunſt wiederum lebendig machen könne.
Es iſt aber dergleichen Beweis nicht einmal
allezeit nöthig, ſondern es iſt ſowohl in Be
urtheilung der Wunderwercke, als einer ge:
offenbahrten Religion überhaupt, ein hoher
Grad der Wahrſcheinlichkeit ſchon genung,
uns zum Glauben auf eine höchſt vernünf
tige Weiſe zu verbinden; indem wir ſonſt,
da ſich hier keine Neutralität erwehlen läſt,
wenn wir eine wahrſcheinlich erwieſene gött
liche Offenbahrung nicht annähmen, dasje
nige thun würden, wodurch wahrſcheinli:
cher Weiſe GOtt beleidiget wird: wodurch
denn ſowol ein ernſtlicher Vorſaß, GOtt zu
gehorchen, als die Liebe zu ihm, über alle
Dinge ausgeſchloſſen würde, wie an
(2
das Böſe hinweg zu ſchaffen. 397
Orte weiter ausgeführet wird. In Abſicht
auf den Beweis, den man vor die Religion
aus den Wunderwercken hernimmt, können
auch Begebenheiten, die in der Natur ſchon
vorher beſtimmet waren, aber mit einer ge
wiſſen Harmonie der Umſtände erfolgen, in
gleichen die Wirckungen guter Engel, der
nen Wunderwercken in der engeſten Bedeu
tung gleich gelten. Die heilige Schrift nen:
net deswegen alle dergleichen Dinge mit ei
nem gemeinſchaftlichen Nahmen Zeichen.
- § 282.
Es haben ſich einige Feinde der Wahr: Beantwor
heit gar überredet, als ob keine göttliche Ä
Offenbahrung überhaupt und an ſich mög-Äme
lich ſey, welcher Irrthum urſprünglich aus Ä
der ungereimten Meinung hergekommen, Ä
als ob alle Gewißheit der Erkenntniß und möglichſey.
vernünftige Verbindlichkeit, etwas zu glau
ben, daher entſpringen müſte, daß wir etwas
aus dem Weſen der Dinge durch den Satz
des Wiederſpruchs erweiſen könten. Sie
haben vorgegeben, daß die Leute ſelbſt, des
nen ſie GOtt geoffenbahret haben ſolte, die
göttlichen Offenbahrungen von andern Ge
dancken nicht mit Gewißheit hätten unters
ſcheiden können. Allein wenn ſie zu der Zeit
innerlich vollkommen gezwungen geweſen
ſind, zu dencken, daß ſich GOtt ihnen offen
bahre; wenn ſie dabey einen klaren Unters
ſcheid des ietzigen Zuſtandes von den Träus
men und Einbildungen innerlich empfunden
haben;
398 Cap. V Von den Mitteln,
haben; und wenn darauf kein anderer Zus
ſtand gefolget iſt, in welchem ſie ſich bewuſt
geworden, daß ſie ſich das Vorigenur einge:
bildet hätten, oder in welchem ſie wiederum
daran hätten zweifeln können: So haben ſie
die Richtigkeit der ihnen geſchehenen göttli:
chen Offenbahrung mit eben der Gewißheit
wiſſen können, mit welcher wir wiſſen, daß
am Tage die Sonne ſcheine, oder irgend eine
andere Erfahrung vor wahr halten, § 29,
woran ſich hoffentlich ein ieder Vernünftiger
begnügen laſſen wird. Spricht man, die
Schwärmer bildeten ſich bey ihren vermein
ten Offenbahrungen dergleichen Gewißheit
ebenfalls ein; ſo antworte ich, daß ſie an die
ſem Selbſtbetrug auch durch eigene Parthey:
lichkeit Schuld ſind. So wenig aber deut:
liche Erfahrungen dadurch ungewiß werden,
weil ſie unachtſame, krancke oder im Affect
begriffene Leute auch durch vermeinte Em:
pfindungen betrügen; ebenſo wenig darf
den wahren Geſandten GOttes ihre Gewiß:
heit deswegen ſtreitig gemacht werden, weil
die Schwärmer ſich die Vorzüge deſſelben
ohne Grund, aus Eigenliebe und krancker
Einbildungskraft, anmaſſen Ueber dieſes
iſt ja auch zu bedencken, daß die Beſchaffen:
heit der Lehre, und die göttlichen Thaten,
davon bisher geredet worden, wie auch der
wirckliche Erfolg und die Verbundung der
Begebenheiten, als eine fernere Beſtätigung
hinzukommen, und gar bald unſtreitig aus?
machen
Y
das Böſe hinweg zu ſchaffen. 399
machen können, ob Jemanden eine göttliche
Offenbahrung geſchehen iſt. Und dieſe letz
tern Gründe dienen ſowohl demjenigen, wel
chem ſich GOttoffenbahret, als andern, die
ihn beurtheilen ſollen, zu gemeinſchaftlichen
und ſichern Kennzeichen der Wahrheit, wel
che keine Schwärmerey nachmachen kan,
§ 283.
Ob wir aber gleich ſolchergeſtalt die de: Mittel zur
terminirte Anweiſung zur Verbeſſerung der Werbeſſe
Menſchen und zur Erlangung ihres Haupt- Ä.“a
zweckes, einer geoffenbahrten Religion, nem jewe
lich der Heiligen Schriſt, überlaſſen müſſen, ſºnalien
auf welche ſich die Kennzeichen einer göttli:
chen geoffenbahrten Religion einzig und al
lein ſchicken, und deren Göttlichkeit auch
a poſteriori unumſtößlich erwieſen werden
kan: So können wir doch hier diejenigen Mit
tel zur Verbeſſerung hinzuthun, welche ſich
aus der Vernunft richtig erweiſen laſſen,
weil wir wiſſen, daß ſie ſich auf die in der
geoffenbahrten Religion angewieſenen Mit
tel zu unſerm Hauptzwecke müſſen appliciren
laſſen, § 278. Das erſte unter allen wird
ſeyn, daß wir erkennen, wie ſehr wir einer
Verbeſſerung bedürfen, wie nothwendig und
weitläuftig dieſelbe iſt, worauf ſie ſich erſtre
cken ſoll, und was vor Bewegungsgründe
man haben muß, indem man ſich derſelben
befleißiget. Wir müſſen demnach das mo»
raliſche Böſeſowohl überhaupt vor das arö
ſte Uebel anſehen, als auch inſonderheit an
UN6
400 Cap. V Von den Mitteln,
uns ſelbſt kennen lernen, was darzu zurech
nen iſt. Um ſodann daſſelbe, ſo viel mög
lich, auch wircklich hinwegzuſchaffen, kommt
alles darauf an, daß wir uns die Urſachen
des in uns geſchehenden Böſen, ingleichen
ſowohl die Hinderniſſe als Urſachen des
Guten, bekannt machen, und hernach
durch einernſtliches und fortgeſetztes Wollen
die Urſachen des Böſen hinwegräumen, hin
gegen die Urſachen des Guten in unſere Ge
wait bringen, und darinnen erhalten, die
Hinderniſſe aber ausrotten, oder, ſovielmög
lich, entkräften. Aus dieſen Gründen lieſs
ſen ſich gar viele Mittel der Verbeſſerung
herleiten. Da ich mich aber der Kürze zu
befleißigen habe, ſo werde ich mir begnügen
laſſen, etliche der vornehmſten nahmhaft zu
machen.
§ 284.
Ä. Weil ſowohlvienatürlicheals angewöhnt
Ä Ä te Neigung zum Böſen in uns iſt, und wir
meiden, auch heftige Affecten haben, denen wir, wenn
ſie jähling ſtarck gereizt werden, nicht leicht
gewachſen ſind: Sofolget daraus 1) daß wir
uns unſerer Schwachheit bewuſt bleiben, und
deswegen die Gelegenheit zum Böſen,
ſo viel möglich, meiden, wo ſie aber nicht
zu vermeiden iſt, uns beyzeiten in gute
und ſich von Poſitur darwieder ſetzen müſſen. 2) Daß
ĺ wir uns von dem Böſen beſtändig in
fejtdaten. gnugſamer Weite entfernt halten müſ
ſen, damit wir auch zur Zeit der ſtarckſten
- Reis
das Böſe hinweg zu ſchaffen. 4oi
Reizung entweder davon frey bleiben, oder
uns doch nicht allzuweit vergehen mögen.
Wir haben uns dahero nicht nur zu prüfen,
ob wir bishero von einem Laſter frey geblie
ben, ſondern auch, ob wir vielleicht demſel:
ben näher gekommen ſind. Es entſpringen Präſerviren
daraus beſondere Tugenden, welche man „º
präſervirende Tugenden nennen kan, und
welche groſſentheils deswegen unter die
Pflichten gehören, weil ſie uns und andere
in gnugſamer Weite von den Laſtern entfer
net halten. Dahin gehöretz. E. die Ange
wöhnung zur Schamhaftigkeit, zur Ernſthaft
tigkeit, zur Beſcheidenheit und Höflichkeit,
zur Bedachtſamkeit in Reden u.ſ f.
§ 28ſ, - - -

Weil 3) der Grund des moraliſchen Bö: Manmu


ſen im Verſtande in den dunckeln Begriſ- Ä º“
fen, Irrthümern und Vorurtheilen liegt: Währheit
So müſſen wir den Vorſatz faſſen, die Ä
Wahrheit annehmen zu wollen, wo wir men
ſie finden, und ihr zu folgen, ſie mag
uns angenehm oder unangenehm ſeyn.
Solchergeſtalt werden wir unpartheyiſch
verfahren, und den Verſtand in ſeinen Wir
ckungen nicht hindern. Mit dieſem Vor
ſatze aber müſſen wir hernach an der Cultur
des Verſtandes, beſonders in moraliſchen
Wahrheiten, fleißig arbeiten.
§ 286. -

Da wir 4) viele verirrete Begierden ha: Man muß


ben: So haben wir -

Ä Grund und ö. »A, den Grund


un) das Oh:

/
492 Cap. IV Von den Mitteln
jeet der Be-Object einer jeden Begierde ingleichen
/
*
Äauf unſere
moraliſchen Geſchmacks, deut
j "lich und genau aufzuſuchen. Denn
ſo bald der Betrug offenbahr wird, ſo wird
auch die Begierde, wenigſtens gröſtentheils,
Manſoudiehinwegfallen. Und da )die unedlern Trie“
Äusº zu ſtarck, die edlern aber zu ſchwach ſind:
ÄSo müſſen wir die menſchlichen Grund
ben. . triebe, nemlich das Gewiſſen, die Liebe und
den Vollkommenheitstrieb, zu erhöhen
trachten, hingegen diethieriſchen Begierden
nicht reizen, ſondern uns ordentlicher Weis
ſe begnügen laſſen, dieſelben im Stande eis
ner bloſſen Zufriedenheit zu erhalten.
287.
Manſoudie Weil alle wahre Tugend mit Freyheitge
Ä ſchehen muß: So iſt 6) nöthig, daß wir die
Freyheit zu ſtärcken ſuchen. Dieſes ges
ſchieht, wenn wir überall wiſſentlich nacheis
nem guten Zwecke handeln, und uns in dem
Zuſtande erhalten, die Sache auch ſogleich
laſſen zu können, ſobald der Zweck hinweg
fällt. Eine Uebung der Freyheit iſt es auch,
wenn man bey indifferenten Dingen, wel
che uns aber angenehm oder zuwieder ſind,
zuweilen der Annehmlichkeit mit Fleiß ent
ſaget, und die Beſchwerlichkeit über ſich
nimmt, um zu erfahren, ob man ſolches
noch könne.
- § 288.
Man ea Es befinden ſich gemeiniglich allerhand
den böſen böſe Habitus in uns, daher wir7) dieſelben
wohl
das osſ hinwegzuſchaffen es
*---
wohl bemercken, und durch die entgegen Ä
geſetzten guten Habitur zu ſchwächen, und Ä
endlich auszurotten ſuchen müſſen. Und
weil faſt zu allen Laſtern die gefährlichſte
Quelle die Faulheit iſt: So muß man ſich 8)und ſich zur
zu einer beſtändigen muntern Arbeitſam-Ä
keit angewöhnen. nen.
§ 289.
Unſere Ideen wirken nur nach Propor: Man ſoll das
tion ihrer Lebhaftigkeit als BewegungsgrünÄ Ä:
de in den Willen, § 61. Daher iſt 9) nö. Ä
thig, das Bild ſowohl der
der Bewegungsgründe Tugend,
dazu, als Ä HM “
beſtändigj
- lebhaft in ſich zu erhalten, und alles zu
thun, was nach den Geſetzen der Imagina
tion dazu dienen kan. Hierzu iſt beſon
ders nützlich, wenn man über die im menſch
lichen Leben vorkommenden Begebenhei:
ten, und alle andere ſinnliche Objecte, mo
raliſcheBetrachtungen anſtellt, und ſolte man
ſie auch bloß als Bilder moraliſcher Dinge
anſehen. Denn wir werden hiervon den
Vortheil haben, daß uns hernach nach den
Geſetzen der Einbildungskraft die Ideen un-
ſerer Pflichten und der Motiven darzu bey
aller Gelegenheit einfallen, und öfter in
uns zu deutlichem Bewuſtſeyn kommen.
Weil in denenjenigen Büchern, welche mit
dergleichen Betrachtungen angefüllet ſind,
gemeiniglich keine groſſe Kunſt ſtecket: So
laſſen ſich viele dadurch verführen, daß ſie
die Sache ſelbſt sº ſchäzen, und die
Q, E 2 Ver:
404 Cap.V Von den Mitteln, - -

Verachtung, welche die Verfaſſer ſolcher


Bücher, bey denen, die überall neue Wahr
heiten ſuchen, oder die aus Zweifelſucht nur
immer nichts als Beweiſe ſuchen, davon zu
tragen pflegen, auch auf die Anſtellung mos
raliſcher Betrachtungen ſelbſt ausdehnen.
Allein man ſollte das Lob, welches die Sa
cheverdienet, nicht mit dem Lobe verwirren,
welches demjenigen gebühret, der damit be
ſchäftiget iſt. So wenig man den Ackerbau
geringeſchätzen kan, ungeachtet daraus noch
nicht folget, daß die Bauern mehr Ehre als
andereStände verdienen: So wenig hat man
auch moraliſche Betrachtungen über alltä
gige Dinge vor etwas geringſchätziges zu
halten, ob ich gleich gerne zugeſtehe, daß meh
rentheilsfreylich keine groſſe Kunſt dazu ge
# #te hört. Hingegen die Annehmlichkeit der La
Ä“ſter, und die Bewegungsgründe darzu, muß
ſo man ſich man ſich, wenn es nicht ein beſonderer Zweck
Ä“ erfordert, niemahls allzu lebhaft, zumahlin
Application auf ſich ſelbſt, vorſtellen, weil
daraus leichte allerley Ausflüchte, und eine
falſche ſubjectiviſche Wahrſcheinlichkeit, zu
Beſondere entſtehen pflegen. Beſonders hat man ſol
Ä ches bey denjenigen Laſtern zu verhüten, zu
die bloſſe denen die Neigung durch die bloſſe Vorſtel
Är lung des Objectes erwecket wird, dergleichen
zet. z. E. die veneriſche Wolluſt iſt; da man
hingegen zu andern Laſtern, z. E. Diebſtahl,
Betrug, nicht durch die Idee des nächſten
Objectes ſelbſt, ſondern durch die Vorſtel
lung
das Böſe hinweg zu ſchaffen. 405
lung gewiſſer daran verknüpfter angeneh
mer Folgen, allererſt gereizet werden muß.
§ 290.
Wir pflegen mit unſern Worten nicht Die Nah
nur gewiſſe Sachen zu bezeichnen, ſondern Ä.
auch ein gewiſſes Verhältniß derſelben ge-gend nennet,
gen unſern Willen zugleich auszudrücken. Ä“
Eben deswegen vertritt auch ein iedwederdeen bey
ſolcher Ausdruck zugleich die Stelle einiges ſich b”
Bewegungsgrundes, § 59, und nicht ſelten
laſſen ſich die Menſchen dadurch zu einem La
ſter verführen, weil ſie daſſelbe mit einem
Nahmen benennen, der eine angenehme Ne
benidee bey ſich hat. Weil alſo hierinnen
einige Kraft über das menſchliche Gemüthe
liegt: So können wir dieſen Umſtand auch
zur Beförderung der Tugend anwenden,
wenn wir 1o) die Tugenden und ihre
Gründe iedesmahl unter ſolchen Wor
*
- ten zu dencken uns angewöhnen, wel
che kräftige und in den Willen wircken
de Nebenideen bey ſich haben. Da:
hin gehören z. E. die Nahmen, welche die
Nebenidee des wichtigen, nützlichen, löbli
chen, verehrungswürdigen bey ſich haben."
Ein ieder ſuche ſich diejenigen aus, welche.
ſeinen Willen am ſtärckſten rühren. Eben
dieſes iſt auch zu beobachten, wenn man -
ſich GOtt, ſeine Eigenſchaften und Werke
vorſtellet, ja es iſt bey allen Bewegungs
gründen zur Tugend, und was nur dahin
gehöret, vonnöthen . -
sº Hie
-
sº Ä.
Nah
A.
406 Cap. V Von den Mitteln
Ä und was denſelben anhängig iſt, muß man
jeen micht durch ſolche Worte dencken, welche
# ſich ba- eine gute oder wenigſtens ſcherzhafte
und
leichtſinnige Nebenidee bey ſich haben, ſon:
dern ihnen vielmehr ſolche Nahmen geben,
welche zugleich ihre Schändlichkeit, Straf
würdigkeit und Thorheit ausdrücken. Die
Beobachtung dieſer Regel gehöret mit uns
ter die präſervirenden Tugenden, § 284.
Ä*E iſt bekannt, wie viel in der Beredſam
Ä- keit auf dieſen Vortheil ankomme, um ſei
keit. nen Vortrag kräftig, oder, wie man ſaget,
geiſtreich zu machen.
§ 29 I.
Ä Auſſer den Mitteln, welche wir ſelbſt zu
Ä“Hinwegſchaffung des Böſen anwenden
iſt ein Mit- können, iſt auch noch zu mercken, daß, ie
Ä“ mehr die Menſchen Böſes thun, oder an
ſich haben, deſto mehr iſt es auf Seiten
GOttes ein gutes und nothwendiges Mit
tel ihrer Verbeſſerung geworden, wenn er
ihnen allerley Schmerz und Wiederwäre
tigkeit wiederfahren läßt. Denn durch
den Schmerz wird die Heftigkeit der Be
gierden niedergeſchlagen, § 7o. Die Mens
ſchen werden aufmerckſam gemacht, und
angetrieben, ihre Eitelkeit einzuſehen, mit
Schaden klug zu werden, und die Noth
wendigkeit zu erkennen, daß die Glückſe
ligkeit ihrer Seele nicht in der Welt, ſon:
dern in einer innerlichen Gemüthsverfaſ
ſung und in dem Verhältniſſe der Seele
gegen
A
das Böſe hinweg zu ſchaffen. 407
gegen GOtt, zu ſuchen ſey. Jedoch iſt die Wer ſich
Zufügung des Schmerzens nur ein Mitte, Ä
deſſen ſich GOtt zur Verbeſſerung der Men:fe.
ſchen in der Einrichtung ihrer Schickſale be-
dienen kan; dahingegen man ihnen ſelbſt es
nicht anpreiſen darf, ſich denſelben zu ihrer
Verbeſſerung zuzufügen. Denn wenn ſie
noch nicht die ernſtliche Abſicht haben, ſich
zubeſſern: So werden ſie dieſes Mittelohne
dem nicht gebrauchen, ob es gleich nöthig
iſt, daß es GOtt alsdenn gebrauche. Iſt
aber ſchon ein ernſtlicher Vorſatz zur Verbeſ
ſerung vorhanden: So wird derſelbe durch
die erzehlten moraliſchen Mittel viel beſſer
vonſtatten gehen. Hingegen wenn ſie ſelbſt
ſich in elende Umſtände ſetzen wolten, um
hernach zur Tugend deſto eher tüchtig zu ſeyn,
ſo würden ſie ſich ſelbſt in eine Verſuchung
führen, welche leicht übel ausſchlagen könte.
Und es wiederſtreitet auch ſchon dem Gehor
ſam und der Liebe gegen GOtt, ſich der bloſ:
ſen Gefahr zu ſündigen auszuſetzen.
Das VI Capitel.
Von der Zufriedenheit und dem
Vergnügen, als dem Nebenzwecke
des menſchlichen Lebens.
§ 292.
Da Vergnügen oder die Empfindung des Der Ä
Angenehmen entſtehet aus der poſitiven Ä“
Erfüllung einer Begierde, § 24. Und der ſich in dieſer
Ce 4 Stand
408 Cap. VI Von der
Ä„º Stand der Glückſeligkeit iſt, wenn alle un
ſere Begierden mit Vergnügen beſtändig
und dergeſtalt erfüllet werden, daß auch kein
Unglück weiter möglich iſt, § 106. Wer
ſiehet alſo nicht, daß der Stand der Glückſe
ligkeit in dieſem Leben von niemanden erlan
get werden kan, § 216.
- § 293.
Ä Denjenigen Zuſtand, da zwar eine Bes
Ägierde noch nicht erfüllet, iedoch auch derſel
Ä ben nicht poſitive wiederſtritten wird, und
“ alſo eine Freyheit von Schmerz da iſt, will
X ich den Stand einer bloſſen Zufriedenheit
oder Indolentiam nennen. Ju dieſem Zus
ſtande beſindet ſich eine Begierde alsdenn,
wenn ſie entweder nicht wirckſam, oder wenn
ſie ſuſpendirt iſt, § 69, und er iſt ein mitt
lerer Zuſtand zwiſchen Schmerz und Ver
gnügen. Man verſtehet hieraus ſogleich,
daß nicht alle Begierden in einem Menſchen,
der ſich ſeiner bewuſt iſt, zugleich im Stan:
de einer bloſſen Zufriedenheit ſeyn können,
weil er, wenn er ſie alle ſuſpendiren ſolte,
ohne alle Thätigkeit ſeyn müſte. Wenn man
dahero nicht von der Zufriedenheit einer ein:
zeln Begierde, ſondern von dem Stande
der Zufriedenheit des menſchlichen Ge
müthes überhaupt reden will: So kanman
ſich denſelben, wenn es ein möglicher Zuſtand
ſeyn ſoll, nicht anders vorſtellen, als einen
ſolchen, in welchem einige Begierden poſitive
erfüllet werden, die übrigen aber ſich im
Stande
Zufriedenheit. 409
Stande der Zufriedenheit befinden, und da
alſo das Gemüthe einiges Vergnügen, und
dabey keinen Schmerz empfindet. Wenn
man dieſen Begriff gegen die Umſtände in
der Welt hält: So wird man leichtlich wahr
nehmen, daß in derſelben auch nicht einmahl
ein beſtändiger Stand einer völligen Ges
müthszufriedenheit möglich ſey, ich meine,
daß die Menſchen nicht nur noch nicht alles
haben, was ſie wünſchen, ſondern daß ſie
auch nicht einmahl von allem Schmerze he
freyet ſeyn können. Jedoch weil man den Doch kan
Schmeezdurch die Vorſtellung gewiſſer GeÄ
gengründe und andere Mittel mindern, und deage
alſo das Gemüthe auch alsdenn, wenn es erlangen
Ä
demſelben unterworfen iſt, entweder in ei:
nen der Zufriedenheit gleichgültigen Stand
ſetzen, oder es doch demſelben nähern kan;
weil man ferner durch ſein eigenes Verſchul
den ſich mehr oder weniger Schmerz zuzie:
hen kan: So iſt klar, daß zu Beförderung
der Zufriedenheit gewiſſe Regeln gegebe:
werden können, und daß ſich die Zufrieden:
heit in höherm Grade erlangen laſſe, als
Was die
gemeiniglich geſchieht. Wenn zu dem Be zeitliche
ſitze der Zufriedenheit ein mercklicher Grad Glückſelig
von poſitiven Vergnügen hinzu kommt: keit iſt.
So kan man es die zeitliche Glückſeligkeit
nennen, von welcher man alſo nur zu mer:
cken hat, daß ſie weder beſtändig, noch voll:
kommen in der Welt ſeyn könne. Jedoch
kan der Grad derſelben ebenfalls durch
Cc 5 Bes
410 Cap.IV Von der
Beobachtung guter Regeln mercklich erhö
het werden.
S. 294.
Ä Sowohl die tötest, als
die etliche die Zufriedenheit, iſt unter der Bedingung,
Ä wenn ſie mit der Tugend verknüpft iſt, vor
wahre Gjein wahres Gut zu halten. Denn gut iſt,
Äwas unſerm Begehren gemäß iſt, und wenn
verknüjet es beſtändig ein anderes Gut, oder kein
iſt, gleich groſſes oder noch gröſſeres Uebel, nach
ſich ziehet, ſo iſt es ein wahres Gut, §26.
Folglich iſt zeitliche Glückſeligkeit und Zu
friedenheit ein Gut, weil der eine Theil dar
innen unſerm Begehren poſitive, der ande:
re aber zum wenigſten negative, gemäß iſt.
Jedoch iſt beydes nur unter der Bedingung
ein wahres Gut, daferne es mit der Tugend
verknüpfet iſt; weil ſonſt auf die Verache
tung der göttlichen Geſetze Strafe erfolgen
würde, § 199. Ohne Tugend alſo iſt bey
des ein bloſſes Scheingut. Wer daher zeit
liche Glückſeligkeit und Zufriedenheit ver
nünftig ſuchen will, der muß vor allen Din
gen tugendhaft werden. Die Tugend ſelbſt
" aber wird ihn hernach lehren, daß er nicht
die zeitliche Glückſeligkeit oder Zufriedenheit
ſelbſt zum Zwecke machen, ſondern nur der
Tugend unbeſchadet, ſo viel als möglich,
mitnehmen dürfe; dahingegen er bereit ſeyn
müſſe, wo es ſeine Pflichten erfordern, bey
des aufzuopfern. Und wenn er alſo geſin:
net iſt: So befindet er ſich eben dadurch auf
dem
Zufriedenheit. 411

dem Wege zu einer unaufhörlichen Glückſe


ligkeit, welche er erlangen wird, daferne er
nicht ſie ſelbſt, ſondern die Tugend, zum ,
höchſten Zwecke macht.
§ 295.
Die Tugend aber iſt unter allen das Die Tugend
höchſte Gut. Sie iſt ſchon für ſich betrach-Ä
tet gut, weil dadurch der Gewiſſenstrieber:
füllet wird, § 26. Das höchſte Gut aber
iſt ſie, weil dadurch in der Einrichtung des
Gemüthszuſtandes ſelbſt ſo viel Vollkom
menheit, als möglich, befördert wird; weil
ſie auch inskünftige eine unaufhörlicheGlück
ſeligkeit nach ſichziehet, § 189; und weil ſir
der zeitlichen Glückſeligkeit und der wahren
Zufriedenheit allererſt das Weſen eines wah
ren Guten geben muß, § 294.
§ 296.
Die übrigen Güter, welche die zeitliche Är
Glückſeligkeit ausmachen, kan man in edlere Ä
und unedlere eintheilen. Dieedlern nennekeit kommen
ich diejenigen, welche nicht allein AnnehmÄ.
-lichkeit geben, ſondern auch, weil ſie zugleichter vor.
ein Materiale der Tugend, § 177, in ſich hals
ten, unter den gehörigen Bedingungen eine
Belohnung beyGOtt nach ſich ziehen, § 189,
und alſo beſtändig eine gute Wirckung hin
ter ſich laſſen können. Z. E. die Erkennt
niß der Wahrheit, die aufrichtige Freund
ſchaftsliebe. Unedlere Güter aber ſind
diejenigen, welche bloß in dem Genuſſe eines
erlaubten Vergnügens beſtehen, und * alſo
412 Cap.VI Von der
alſo den Hauptzweck zwar nicht befördern,
aber unter den gehörigen Einſchränckungen
auch nicht hindern. Z. E. körperliche Er
gözlichkeiten.
§ 297.
Ä Ä. Weil uns nun die zeitliche Glückſelig
Äen "keit, iedoch auf eine tugendhafte Art, ſo
Ä viel als möglich, zu ſuchen erlaubt iſt:
führen Ä“ So haben wir nunmehro noch zweyerley
- zu unterſuchen. Erſtlich, welches die
Mittel ſind, wodurch die Empfindung
des Vergnügens in der Welt vermehret,
die Empfindung des Schmerzens aber
verhütet oder vermindert, und alſo die
Zufriedenheit und zeitliche Glückſeligkeit be
fördert werden kan; Zum andern, wie die
2Begierde des mannigfaltigen Vergnü
gens in der Welt, und die Verabſcheu»
ung des Schmerzens, den Regeln der
weſentlichen Vollkommenheit gemäß re
gieret und eingeſchräncket werden müſſe,
woraus unterſchiedene Specialtugenden in
Anſehung des Vergnügens und Mißver
gnügens herflieſſen werden. Das erſtere
wollen wir iezo ausführen, und das letztere
in das folgende Capitel verſparen.
Die Mittel - § 298. .
Ä Zu Vermehrung des Vergnügens
ung des werden folgende Mittel dienen. < 1) Man
Ä“ mache ſºwohl die Liebe gegen GCrt als
Än mache andere Menſchen in ſich recht ſtarck.
Liebe ge-
gen GOtt Denn weil das, was unſerm
-

ei: -
Zufriedenheit. 4I3

angenehm iſt, vermöge der Natur der Liebe º Ä


uns zugleich ein poſitives Vergnügen ſchafft ſenſarck.
So wird uns alsdenn ſowohl die Erfüllung
des göttlichens Willens, als das Gute, wel
ches andern Menſchen wiederfährt, allemal
zugleich mit vergnügen; dahingegen der
Eigenſinn und Neid den Menſchen qvälen
muß. Man ſiehet hieraus, daß die gröſten
Tugenden, wenn man ſie auf einer andern
Seite betrachtet, zugleich die Natur der
Klugheitsregeln haben.
§ 299. - -

Man gewöhnet ſich zum 2)an das ideali-Mangewöh


ſche Vergnügen der Wahrheitsbegierde, Ä
ich meine, daß man ein Vergnügen daraus Vergnügen.
ſchöpfe, wenn man die Ordnung und die
natürliche Vollkommenheit der Dinge in
der Welt betrachtet; wenn man erweget,
wie ſie zur Tugend leiten; wenn man die
daraus hervorleuchtenden Spuhren der
göttlichen Eigenſchaften wahrnimmt; fer
ner wenn man die Kunſtſtücke der menſch
lichen Weisheit ſowol in den Wercken der
Kunſt, als in der klugen Einrichtung ih
rer Geſchäfte einſiehet; und endlich, wenn
man in ſich ſelbſt empfindet, wie man das
durch in der Erkenntniß der Wahrheit im
mer weiter kommt. Wenn man dieſe zwey
Mittel fleißig gebrauchet: So werden faſt
alle indifferent ſcheinende Dinge ein Ob
ject unſerer Begierden, nemlich der Voll:
kommenheits- und Wahrheitsbegierde, der
Liebe
414 Cap. VI Von der
Liebe und des Gewiſſenstriebes, werden, und
uns ein poſitives Vergnügen verſchaffen.
Ein ſolches Gemüthe wird durch ſeine ei:
genen Betrachtungen und gute Anwen
dung ſeiner Kräfte beynahe ein beſtändi
ges Vergnügen genieſſen, welches ihm eben
ſoviel, oder noch mehr Annehmlichkeit geben
wird, als andern der Beſitz und Genuß der
unedlern Güter. Denn weil die Empfin
dung des Angenehmen bloß aus der Erfül:
lung einer Begierde entſpringt, § 24: So
kömmt es nur darauf an, daß einer die edlern
Begierden in ſich genugſam verſtärcket, und
ſich nach denſelben zu handeln gewöhnet hat.
Und gleichwohl kan er dieſes alles umſonſt
haben.
3OO.
Man ſuche Ueberhaupt gewöhne man ſich 3) an ſol
Äs ches Vergnügen, welches man ohne viele
Koſten. Zoſten und groſſe Zurüſtungen haben,
und darzu man nach Beſchaffenheit ſeiner
Umſtände am leichteſten gelangen kan. Es
wird eben ſo annehmlich ſeyn, als das rare,
neue und koſtbare. Es beruhet nur alles
auf der moraliſchen Verſtärckung der dahin
Qas Ver-gehörigen Begierden. 4) Das Vergnü
Ägen der äuſſerlichen Sinne genieſſe man
Äj mäßig, und nicht allzu häufig. Denn
#Ä ſolchergeſtalt wird es uns am annehmlichſten
rühren. Wir werden ſonſt des vorigen bald
überdrüßig werden, und etwas neues ſuchen,
welches gleichwohl nichts helfen wird, indem
die
Zufriedenheit. 4I

die Empfindung der daher zu erwartenden


Annehmlichkeit immer ſtumpfer wird. Man
ſuche demnach mehrentheils die thieriſchen
Begierden nur in dem Stande derZufrieden:
heit zu erhalten, und befleißige ſich deſto mehr
auf das idealiſche Vergnügen der menſchli
chen Begierden, da man immer etwas neues
dazu bekömmt, und doch das Vorige auch
noch gebrauchen kan. Man genieſſe 5) das
Vergnügen allezeit mit vielfacher Re:
flexion. . Denn ie mehr man darüber re: Mangeneſ
ſectiret, deſto mehr verdienetes allererſt den Ä
Nahmen eines Genuſſes. Man ſtelle ſich Äe
daſſelbe vorher in der Hoffnung vor; ſoge”
nieſſet man es ſchon, ehe es da iſt: und erin
nere ſich deſſelben hernach; ſo genieſſet man
es auch noch, wenn es ſchon vorbeyiſt, § 13.
§ 3OI.
Zu Beförderung der Zufriedenheit „Ä»
iſt zweyerley nöthig. Erſtlich, daß man ſich Ä.“
in den Stand ſetze, daß unſern Begier-Äde Zu
den ſelten wiederſtritten werden an."
Zum andern, daß, wenn ihnen auch wies - .
derſtritten wird, und ſolches nicht zu vermei
den ſtehet, es dennoch ſo wenig als mög
lich geſchehe.
§ 302.
Damit Än unſern Begierden nicht „Ä
oft wiederſtritten werden könne: SÄÄ“
geÄſch ) an die edelſten mojÄ
raliſchen Güter, nemlich an die heftige Äe.
Begierde der Tugend. Denn die edelſten
Ej" Ägefich
416 Cap. VI Von der
an die edel-Güter können uns niemals genommen wer
**den. Daher iſt in einem ſolchem Gemäche
allezeit noch vieles vorhanden, woran es ſich
vergnügen kan. Und wenn es auch einen
unvermeidlichen Schmerz erdulden muß:
So kan es ſich dadurch beruhigen, wenn es
ſeine Gedancken auf die alleredelſten Güter
richtet, welche es gleichwohl noch beſitzet.
Weil es auch der Gnade des Schöpfers
verſichert iſt: So kan es die Begierden,
- denen iezo wiederſtritten wird, durch Hoff
Ä nung beſänftigen. Man ſtelle ſich 2) die
Ä. ÄErlangung oder beſtändige Erhaltung der
Ä irdiſchen Güter niemals als ganz ge
Äwiß oder höchſtnöthig vor: So wird
ſowohl te fehlgeſchlagene Hoffnung, als
der Verluſt derſelben, keine heftige Verab.
ſcheuung, und mithin auch keinen allzu
groſſen Schmerz, verurſachen.
sie wiean ſchaffe ſich 3)jedes
Ran ſchaffe die überflüßigen
ÄÄ Begierden vom Halſe: So wird die Ä
den ab. zahl der möglichen Fälle, in welchen uns
Schmerz wiederfahren kam, vermindert.
Die Natur iſt mit wenigen zufrieden. Z.E.
man begehre nicht Ehre, ſondern nur einen
ehrlichen Nahmen; nicht Bequemlichkeit
des Leibes, oder eine zärtliche Wartung deſ:
ſelben, ſondern nur, daß er erhalten werde,
und ſich frey von Schmerzen befinde; nicht
Reichthum, ſondern nur einen nothdürftigen
Unterhalt. Wer dieſes thut, und ſich das
bey
Zufriedenheit. 417

bey zur Arbeitſamkeit und Klugheit gewöh


net, der wird doch allezeit mehr erlangen,
als er ſchlechterdings verlanget hätte. Er
kan daſſelbe hernach dem ungeachtet mitneh
men und genieſſen, und die unvermuthete
Erlangung wird ihm deſto angenehmerſeyn.
Die Güter der Welt behalten gegen unſere "

weſentlichen Begierden noch allezeit ſo viel


Verhältniß, daß ſie uns, wenn wir ſie beſi
zen, angenehm rühren, wenngleich die über
füßigen Begierden hinweg geſchaffet ſind.
Es werden ſolchergeſtalt die Urſachen des
Schmerzens vermindert, und doch gehet
den Urſachen eines ſolchen Vergnügens,
welches ein wahres Gut iſt, nichts ab.
Man vermindere 4) die Affecten, und Ä:
ſchaffe die Leidenſchaften ab: So kam die Ä#
Verabſcheuung des Wiedrigen nicht allzu denſcj
heftig werden, und weder das Gemüthe
verwirren oder niederſchlagen, noch dem Leis
beleichte Schaden thun.
S 3O4.
Damit aber auch alsdenn, wenn uns Mittel den
ſern Begierden wiederſtritten wird, und Är
ſolches unvermeidlich iſt, dennoch der mindern.
Streit, und mithin auch die Unans
nehmlichkeit, ſo geringe als möglichſey:
So iſt überhaupt nöthig: daß man die gu-Manſouſ-d
ten Tage dazu anwende, ſcheine Menge Ä
von guten Vorſtellungen und Fertigkeiten öen gefaſ
zu erwerben, die hernach bey ſchmerzhaft".
ten Umſtänden das Gemüthe beſänftigen
Dd können.
418 Cap. VI Von der
können. Zu der Zeit aber, wenn das Uebel
einmahl da iſt, wird beſonders die Beob:
achtung folgender Regeln guten Nutzen
ſchaffen.
§ 3Oſ. -

Ä Man ſinne 1) den Urſachen


eit
ſeines Kum
jen“ mers und Unzufriedenh in der Abſicht
Änach, daß man ſich einen abſtracten und
Äej"deutlichen Begriff von der Beſchaffenheit,
Ä den wahren Werthe, den Urſachen und
chen- Wirckungen des Uebels, zu machen ſuche.
Solchergeſtalt wird ſich finden, daß wir
uns entweder von einem bloß eingebildeten
Undinge fürchten; oder daß dasjenige, was
wir verabſcheuen, wenn es ein wirckliches
- Ding iſt, entweder kein wahres Uebel ſey,
oder doch wenigſten kein ſo groſſes Uebel als
wir meinen, daferne wir nur tugendhaft
ſind; oder wir werden auch wohl die Urſa
chen des Uebels leichte hinwegſchaffen, und
uns entweder gar davon befreyen, oder
doch den Schmerz mindern können. Zu
dem letztern dienet unter andern inſonderheit,
daß man ſich die Menge gleichgültiger Mits
tel zu den menſchlichen Endzwecken, und die
Mannigfaltigkeit der Wege, dieſelben zu fin
- den, oder gleichgültig zu machen, deutlich
Ä Hingegen hänge man 2) der
Ä. Betrübniß nicht nach, welches geſchiehet,
hängen, wenn man bloß die concrete Idee von einem
unangenehmen Objeete in ſich lebhaft erhält,
und ſeine Gedancken darauf richtet, ohne
nach
Zufriedenheit. . 419

nach einer abſtracten Deutlichkeitzu ſtreben,


oder Gegenmittel zu ergreifen. Vielmehr
3) ſo bald man ein Uebel gewahr wird; ſo
denckeſogleich
nur man, auf
ohneMittel,
ſich darüber zu entſetzen,
wie ihm zuvor zu Äjºte egel
kommen, oder aufseheſte abzuhelfen, oder
wie es doch, ſo viel möglich, zu vermindern
ſey. Was ſich aber nicht ändern läſt, das und ertrage
ſetze man ſich vor, ſtandhaft zu ertragen, Ä.
damit man nicht Uebel ärger mache. Weil nicht ändern
auch der Schmerz ſowohl überhaupt dem läſt.
menſchlichen Gemüthe groſſen Nutzen
ſchafft, § 292, als auch vielmahl noch über
dieſes zu einem ſpecialen Mittel individualer
guter Abſichten gemacht werden kan, wenn
man nur das in einem Uebel noch befindli
che Gute geſchickt heraus zu ſuchen weiß; ſo „
dencke man 4) darauf, wie man das unver-Ä#
meidliche Uebel zu einem Mittel des Gu- ejej
ten machen möge. Solchergeſtalt wird." "
durch die Hoffnung des daher zu erwarten-“
den Guten der Schmerzgedämpfet oder ge:
mindert.

Das VII Capitel.


Von den Pflichten in Anſehung
des Vergnügens und Miß
vergnügens.
§ 306.
W der Trieb, ſein Vergnügen zu ſu: Welches die
chen, bey den Dd
Menſchen
2
ordentlicher
Weiſ
Ä f
42o Cap.VII Von den Pflicht. in Anſeh.
Ä Weiſe viel zu ſtarck iſt, und ſie darüber ihre
Ä Pflichten zu verſäumen, oder nicht getreulich
Ä genug abzuwarten pflegen: So flieſſet da:
her die erſte Hauptpflicht, die Begier:
de, zeitliches Vergnügen in der Welt
zu genieſſen, einzuſchräncken, damit
Was dieTu- nemlich der Tugend kein Abbruch geſchehe.
EÄ. Die Fertigkeit, den Trieb nach Vergnügen
iſt. der Tugend gemäßeinzuſchräncken, und dem
Vergnügen da, wo es der Tugend nicht ge:
mäß ſeyn würde, gar abzuſagen, heißt Con
tinentia, oder die Tugend der Enthaltung,
deren fürnehmſter Bewegungsgrund dieſer
iſt, daß die Glückſeligkeit in dieſer Welt der
Zweck noch nicht ſey, und auch zu erlangen
noch nicht möglich ſey. Die Continentia
demnach ſtrebetmehr nach Zufriedenheit, als
nach Vergnügen.
3O7.
Beſondere Die Tugend der Enthaltung bekommt in
Änſehung des merckwürdigſten Claſſen des
Ullg. Vergnügens beſondere Nahmen. Die tu
gendhafte Beherrſchung des veneriſchen Luſt
Die Keuſch-triebes heißt ZKeuſchheit. Es kommt dem
heit, nach die Keuſchheit darauf an, daß man das
veneriſche Vergnügen nicht anders, als wo
man den natürlichen Zweck deſſelben zu be
fördern ſich vorſetzet, und auch alsdenn nicht
anders, als andern Pflichten unbeſchadet,
verlanget und gebrauchet. In dem Rechte
der Natur wird gezeiget werden, daß das mit
dem Triebe zur Fortpflanzung des Geſchlech
E6
des Vergnügens und Mißverg, 421
tes natürlich verbundene Vergnügen die
Menſchen zum Eheſtandeantreiben, und die
Laſten deſſelbigen, und die faſt fürchterlichen
Verbindlichkeiten, welche die Eltern gegen
ihre Kinder, ſobald ſie erzeuget worden, ha
ben, verſüſſen ſolle. Ein keuſches Gemütheº
darf derowegen das veneriſche Vergnügen jejej
auch nicht anders, als in einem rechtmäßigende nöthis.
Eheſtande begehren. Jedoch darf auch daſ
ſelbe alsdenn nicht anders, als der Tugend
und Klugheitgemäß gebrauchet werden. Die
aus dem veneriſchen Triebe leichtlich entſtes
henden verirrten Begierden dürfen dahero
auch im Eheſtande ſelbſt nicht erfüllet wer
den, weil ſie vielmehr ſchlechterdings abzu
ſchaffen ſind. Ingleichen müſſen ſich Eheleu
te gegen einander alſo aufführen, daß nicht
aus der Unmäßigkeit ein Ueberdruß entſtehe,
und dadurch die Dauerhaftigkeit der ehe
lichen Freundſchaft verhindert werde. Die
Keuſchheit iſt in die innerliche und äuſſer
liche einzutheilen. Die erſtere hat mit Neue
der tugendhaften Einrichtung des innerº“
chen Gemüthszuſtandes, die letztere aber Keuſchheit.
mit der Vermeidung der äuſſerlichen Voll:
ſtreckung unkeuſcher Abſichten zu thun. Uns
ter die präſervirenden Tugenden wieder die
Unkeuſchheit, § 284, gehöret eine Gattung
der Schamhaftigkeit, (pudicitia) nem Ämt
ich diejenige, welche auf Vermeidung ates”
deſſen zielet, was als ein Zeichen der Un
keuſchheit, oder einer geringen Liebe zur
Dd 3 Keuſchs
422 Cap.VII Von den Pflicht. in Anſeh.
Keuſchheit, angeſehen werden könte. Dieſe
Schamhaftigkeit iſt nicht allein in der gans
en übrigen Aufführung, ſondern auch haupt
ſächlich im Reden zu beobachten, weil die Un
keuſchheit eine von denenjenigen Neigungen
iſt, welche durch die bloſſe Vorſtellung ihres
Objectes erwecket werden, ohne daß man
erſt die Folgen deſſelben überlegt § 289.
Die Schamhaftigkeit überhaupt aber
iſt eine vorſichtige Bemühung, vor andern
Leuten alle Zeichen der Unvollkommenheit
Wichtigkeit zu vermeiden. Es iſt ſehr unvernünftig,
º Keuſch- daß die Menſchen den Trieb des veneri
heit. ſchen Vergnügens, deſſen Zweck doch bey
allen Menſchen nur ſehr ſelten befördert wer
den, und in Anſehung vieler gar niemahls
zur Wircklichkeit kommen kanund darf, und
welcher Trieb doch von Natur ſtärcker iſt,
als er ſeyn ſoll, noch darzureißen, und das
mit ſie davon noch deſto mehr unerlaubtes
Vergnügen genieſſen mögen, allerhand ver
irrete Begierden daraus erzeugen, denen
ſie hernach nachhängen. Dieſe Unbeſonnen:
heit iſt um ſo viel laſterhafter, ie wichtiger
der Zweck des Eheſtandes iſt, welcher das
durch verletzet oder unſicher gemachet wird;
ie mehr ferner die Geilheit, wenn man ihr
Plaß verſtattet, das ganze Gemüthe einzu:
nehmen, und zu nützlichen Geſchäften un
tüchtig zu machen pflegt; und endlich, ie
unbilliger es iſt, das Vergnügen, welches die
ſo ſehr groſſen Laſten und Verbindlichkeiten
des
des Vergnügens und Mißverg, 423
des Eheſtandes erleichtern ſoll, zu begehren,
und dennoch die Laſt ſelbſt und die Verbind
lichkeiten, um deren willen der Trieb in die
Natur geleget worden, entweder gar nicht
übernehmen zu wollen, oder ſich doch des
Vergnügens anzumaſſen, ehe man die letz?
tern übernimmt.
§3O8.
tugendhafte ng derjeni: Die Mäßig
genDie
Luſttriebe, Einſchränku
welche auf das Vergnügen eit.

des Geſchmacks gehen, heißt die Mäßig


Eeit im engern Verſtande. Ich ſage mit
Fleiß, im engern Verſtande. Denn in ei
ner weitern Bedeutung wird auch zuweilen
die Mäßigung in dem Gebrauche eines ieden
ſinnlichen Vergnügens Mäßigkeit genennet.
Es beſtehet demnach die Mäßigkeit darin:
nen, daß man durch den Geſchmack nicht
mehr Vergnügen zu genieſſen ſuche, als man
ohne Schaden ſeines Leibes vertragen kan,
§ 228, und ferner, ſo weit man ſich nicht
dadurch an demjenigen Gebrauche des Ver:
ſtandes hindert, welcher zu ununterbrochener
Ausübung der Tugend nöthig iſt, § 23o,
oder nöthige Geſchäfte darüber verſäumet,
§ 186. Wenn mandie Pflichten darzuüber
leget, welche im Rechte der Natur erwieſen
werden ſollen: So wird man ſehen, daß
auch ſchon dieſes der Mäßigkeit zuwiederſey,
wenn man auf ſein Vergnügen mehr Zeit
oder Koſten wendet, als, ohne den Pflich
ten gegen andere Menſchen, und beſonders
Dd 4 den
424 C.VII Von den Pflicht. in Anſeh.
º/ den Pflichten der Liebe und Gutthätigkeit,
Eintrag zu thun, geſchehen kan. Gattun
gen von der Unmäßigkeit ſind die Lecker
haftigkeit, Freßigkeit, Crunckenheit und
Verſoffenheit.
§ 309.
Die tugends Unter denen idealiſchen Vergnügungen
hafte Ein
ſchränkung rühret uns keine ſo ſehr, als die Ehre, dess
dÄhrbe- wegen wir beſonders auftugendhafte Ein
gierde,
ſchränckung der Ehrbegierde zur dencken
haben. Dieſes geſchiehet, wenn man die
Ehre nicht anders, als einen ſubordinirten
Endzweck, nemlich als ein Mittel oder als
eine bloß erlaubte Sache, iedoch mit Bes
wuſtſeyn und ohne Selbſtbetrug, begehret,
und wenn man über dieſes auch keine ande:
re als eine wahre und wircklich verdiente
Ehre, und ferner auch nur eine ſolche, darzu
man nach ſeinen Umſtänden gelangen kan,
begehret und ſuchet. Eine hieher gehörige
Die Des Specialtugendiſt die Demuth, welche aber
wuuth.
nicht alle Pflichten unter ſich begreifet, wel
che uns in Anſehung der Ehre obliegen, ſons
dern nur eine ſolche lebhafte Vorſtellung ſei
ner eigenen Niedrigkeit und Unvollkommen
heit iſt, wodurch man ſich zugleich antreiben
läßt, ſich derſelben gemäß zu verhalten.
Die Demuth verlanget daher nicht allein
keine unverdienten Vorzüge, und mißbrau
chet ſich derjenigen nicht, welche ſie wircklich
verdienet; ſondern ſie iſt vielmehr von ihren
eigenen Rechten nachzugeben bereit, ſo viel
- es
des Vergnügens und Mißverg, 425
es nur die Schuldigkeit oder Klugheit erlau:
bet, und machet ſich ein Vergnügen daraus,
andern den ſchuldigen Vorzug zuzugeſtehen,
und iedermann mit Ehrerbietung und Hoch
achtung zu begegnen. Wenn man erweget, Ä
auf wie viel Betrug, Irrthum und Unwiſ Ä
ſenheit, ſich die Ehre gründet, welche die
Menſchen einander erweiſen; ferner, wie
viel Unruhe bey Erhaltung und Erwerbung
derſelbigen ſey; wie gemeiniglich nicht die
Verdienſte, ſondern das Glück, den gröſten
Antheil daran haben; wie die Erlangung
der Ehre gar nicht in unſerer Gewalt ſey;
wie die Anzahl der Perſonen, die uns ehren,
gegen diejenigen, die uns verachten, oder.
gar nicht kennen, ſehr geringe ſey; wie alle
Ehre, in ſoferne ſie nicht als ein Mittel zu
fernern Endzwecken angeſehen wird, ganz
vergeblich ſey, und in unſern Hamptzweck
keinen weitern Einfluß habe; und wie gleich:
wohl die Ehre vor die edelſten Gemüther
eine ſehr verführeriſche und gefährliche Lock
ſpeiſe zu ſeyn pfleget, wodurch ſie von einer
wahren Tugend leicht auf Abwege gerathen:
So wird man darinnen kräftige Bewe.
gungsgründe zur Demuth antreffen.
§ 31 O.
Weil ferner das Vergnügen nur einer Die andere
laubter Nebenzweck iſt, und folglich der Ä
Tugend, als dem Hauptzwecke, nicht vor: anüjt
gezogen werden darf, § 217; So entſte: ##
het daraus die andere Hauptpflicht, daß ſieben
Dd 5 IGI.
426 C.VII Von den Pflicht. in Anſeh.
man das Mißvergnügen nicht mit Ue
bertretung ſeiner Pflichten fliehen ſolle.
Beſondere Wenn man dieſe allgemeine Pflicht auf die
Ä merkwürdigſten Arten des Mißvergnügens
appliciret; ſo entſtehen daraus wiederum
Die
ſam
Ärbeit etlicheabermahl
her ſpeciale Tugenden. Es gehöretderen
die Arbeitſamkeit, hie:
Nothwendigkeit ſchon mehr als aus einers
ley Grunde gezeiget worden, § 229, 288;
unter die Specialtugenden aber in Anſet
hung des Mißvergnügens gehöret ſie in ſo:
fern, wiefern ſie eine Fertigkeit iſt, ſich in
Beförderung guter Zwecke keine Beſchwer
lichkeit oder Sauerwerden irre machen zu
laſſen, § 24. Auſſerdem verdienet in An
ſehung des gegenwärtigen Misvergnügens
noch die Sanftmuth und Geduld, und
in Anſehung des noch zu befürchtenden die
Tapferkeit, beſonders erwogen zu werden.
§ 3 I I.
Die Sanft- Mäßigung
Die Sanftmuth
des Zorns.iſt die tugendhafte
Muth. Es gehöret alſo
dazu, theils, daß man allen unrechtmäßi
gen und unvernünftigen Zorn vermeide,
memlich daß man ſich nicht über vernunft
und lebloſe Dinge, über unſchuldige oder
gar löbliche Sachen, oder über bloſſe Ver
ſehen, erzürne; theils auch, daß man ſich
durch wirckliche Beleidigung nicht in einen
ausſchweifenden Zorn und in Verwirrung
des Gemüthes ſetzen laſſe. In dem Recht
te der Natur wird gezeiget werden, daßun
teL
des Vergnügens und Mißverg, 427
ter die Pflichten der Sanftmuth auch dies
ſes gehöre, daß man nicht rachgierig, ſon
dern zum Nachgeben und zur Verſöhnung
bereit ſey. Unter die Bewegungsgründe Ä
zur Sanftmuth gehöret, daß man ſich vor: Sjmj.
ſtelle, daß wir ſelbſt ebenfalls oft fehlen,
und andere beleidigen; und daß man ſich
bey keinem Affeete ſo leicht vergehe, und ſich
auch ſelbſt ſo ſehr Schaden thue, als bey
dem Zorne; als welcher Kleinigkeiten für
groß anſiehet, keine Vorſtellung annimmt,
den Menſchen im Beurtheilen partheyiſch
macht, oder ihm vielmehr den Gebrauch
ſeiner Vernunft gar benimmt, dem Leibe
Kranckheiten verurſacht, vor GOtt und an
dern Menſchen Verantwortung nach ſich
ziehet, und im kurzen, aber wenn es zu
ſpät iſt, ſein Verfahren ſelbſt als thöricht
bereuet. Wenn
präſervirende bey irgend
Tugenden nöthigeinem
ſind, §Affeete Mittel da"
284: WW:
So iſt es bey dem Zorne, darunter beſon
ders gehöret, daß man die eingeriſſenen
Vorurtheile, als ob ein aus Zorne began
gener Fehler keiner groſſen Zurechnung fä
hig ſey, ablege, und den Ehrgeiz, welcher
die heftigſte Art vom Zorneverurſacht, §82,
in ſich dämpfe,
§ 3 I 2,
Die Geduld iſt die tugendhafte Mäßi: DieGeduld,
gung in der Verabſcheuung eines iedweden
gegenwärtigen Schmerzens. Sie beſtehet
alſo in derjenigen Fertigkeit, vermöge Ä e
428 C.VIIVonden Pflicht in Anſeh.
cher man ſich durch den Schmerz nicht in
Verwirrung ſetzen oder niederſchlagen läſt,
ſondern bereit iſt, denſelben ſo lange zu er:
tragen, als es unſere Schuldigkeit und die
Natur der Sache erfordert. „Die Mittel
Was er darzu ſind die Croſtgründe. Ein Troſt
zº grund iſt eine abſtracte Gedancke, welche
man dem Schmerzen entgegen ſetzet, um
## das Gemüthe dadurch zu beſänftigen. Er
entweder ein iſt entweder ein Wiederlegungsgrund,
Ä. dadurch man zeiget, das Uebel, darüber
man ſich kräncket, ſey kein wahres Uebel,
weil man ſich vielleicht die ganze Sache nur
einbildet, oder weil ſie ein Mittel eines gröſ:
ſern Guten iſt; oder das Uebelſey wenig:
ſtens nicht ſo groß, als wir es dafür anſe
hen, weil es nicht lange währet, weil es
leicht hinweg zu ſchaffen iſt, weil noch viel
Gutes dabey befindlich iſt u. ſ. f. § 3o :
oder ein Be- Oder er iſt ein Bewegungsgrund einer
Är oder etlicher guter Begierden, dadurch
guten Be- die guten Begierden, welche den Schmerz
* überwinden können, erwecket werden, und
das Gemüthe überzeuget wird, wie pflicht
dder vernunftmäßig es ſey, dem Schmerze
ſtandhaft zu wiederſtehen, z. E. weil er un
vermeidlich iſt, weil es andern nicht beſſer
ergeht, weil man die Sache nur ſchlimmer
machen würde u.ſ. f. Hierzu gehöret auch,
wenn man einen ſeines ehemahligen Vor
ſatzes und ſeiner vormahligen Reden und
Thaten wieder erinnert.
S 3 I 3.
des Vergnügens und Mißverg, 429
§ 3 I 3.
Die Tapferkeit
tigkeit, iſt eine tugendhafte
eine zu beſorgende Fer:
Gefahr nicht zu Die
kait.
«
fürchten, ſondern ſeine Kräfte der Vernunft
und Klugheit gemäß anzuwenden, dieſelbe
zu überwinden, mit einer Bereitwilligkeit
das Uebel, wenn es nicht zu vermeiden ſeyn
ſolte, zu übernehmen. Es giebt demnach Ä dex
eine Tapferkeit nicht nur im Kriege, ſondern EIHEI.
in allen menſchlichen Handlungen, welche
mit Gefahr verknüpft ſind. Sie unter: Was die
ſcheidet ſich von der Öerwegenheit, welche ĺ
ein übel regierter Muth iſt, vermöge welches
man ſich ohne Vernunft und Schuldigkeit in
Gefahr begiebet. Die natürliche Stärcke
des Muthes wird mit der Tapferkeit leicht
verwirret, weil ſie einen Grund davon aus
macht, ohne welchen ſie nicht leichte zu einer
ſonderlichen Stärcke gelangen wird.
§ 314.
Aus beyden Pflichten zugleich, nemlich Beſondere
ſowohl aus der tugendhaften Einſchränckung Äs
des Vergnügens, als aus der Beobachtung Hauptpflich
der Schuldigkeit, das Mißvergnügen nicht Ä*
ſeiner Pflicht zuwieder zu fliehen, entſtehet Die Groß
die Tugend der Großmuth, welche diejenige"
tugendhafte Gemüthsſtärcke iſt, da man ſich
weder durch glückliche noch unglücklicheBe
gebenheiten in unordentliche Gemüthsbewe
gung ſetzen, und ſich weder zu ſehr reizen,
noch zu ſehr niederſchlagen läßt. Sie entſteht
aus der Gewohnheit, alle Dinge nach Ä
V092
430 C.VII Von den Pflicht. in Anſeh.
wahren Beſchaffenheit und nach ihrem wah
ren Werthe zu beurtheilen, und aus der
Stärcke des Vorſatzes, tugendhaft zu ſeyn.
Man verwirre ſie nicht mit der Gröſſe des
Verſtandes, welche eine Fähigkeit iſt, viel
auf einmahl zu dencken und zu überſehen;
welches eine beyhelfende Urſache der Groß
muth iſt,
§ 3 Iſ.
Die Ver-, Ferner fließt aus beyden Hauptpflichten
"sº"zugleich, welche wir in Anſehung des Ver
gnügensundMißvergnügens erkläret haben,
A die Tugend der Vergnügſamkeit (autag
- xsta) welche eine angewöhnte tugendhafte
Gemüthsverfaſſung iſt, vermöge welcher
man mit dem Guten, das man nach Bes
ſchaffenheit ſeiner Umſtände erlangen kan,
zufrieden iſt. Ein ſolches Gemüthe neidet
andere nicht, welche mehr haben, es grämet
ſich auch darüber nicht, daß es nicht mehr
erlangen kan, ob es gleich deswegen nicht
müßig zu ſeyn brauchet, ſeine Umſtände ſo
weit zu verbeſſern, als die Mittel dazu in ſeis
ner Gewalt ſind, oder ſich darein bringen
Mittel. zur laſſen. Als Mittel zur Vergnügſamkeit die:
Vergnüg
ſamkeit. nen unter andern folgende Vorſtellungen.
Man erwege I)daß diejenigen Begebenhei
ten, welche in das menſchliche Leben einen
wichtigen Einfluß haben, durch eine göttliche
Vorſehung regieret werden, und daß derſels
ben niemand etwas vorzuſchreiben, oder et
was von ihr mit Gewalt zu fordern berech:
tiget
des Vergnügens und Mißverg, 431
tiget ſey; da vielmehr der Menſch ſchon
dafür GOtt den gröſten Danck ſchuldig iſt,
daß er ihn hervorgebracht, und ihn mit ei
nem menſchlichen, das iſt, einem ſolchen
Weſen verſehen hat, welches ihn zu einer
ewigen Glückſeligkeit fähig macht. Man
betrachte 2) das Gute, welches man beſitzet,
mehr abſolute in Anſehung ſeines eigenen
Werthes, als comparative in Vergleichung
mit andern Menſchen, welche mehr beſitzen.
3) Man ſtelle ſich die Unvollkommenheit
aller zeitlichen Glückſeligkeit vor, und daß
ſie zu unſerm Hauptzwecke nicht weſentlich
gehöre. 4) Man erwege, daß man viel
mahls andern Leuten wegen unzulänglicher
Einſicht in ihre Umſtände einen gröſſern
Grad zeitlicher Glückſeligkeit zuſchreibe, als
ſie wircklich beſitzen, und daß man, wenn
man alles genauer wüſte, dennochBedencken
tragen würde, an ihre Stelle zu treten.
Hierzu kommt noch 5) daß man ſowohl in
Anſehung der menſchlichen Geſellſchaft, als
in Abſicht auf ſeine eigene Perſon die Sache
doch nur noch ſchlimmer machen würde,
wenn man nicht zufrieden ſeyn, und andern
entweder in ihre Rechte eingreiffen, oder
ſich grämen wolte.
§ 3 I6.
Hingegen eine völlige Unempfindlichkeit Ä
gegen alles zeitliche Vergnügen, oder MißÄ -

vergnügen, oder auch eine völlige Be-halten iſt.


freyung von allen damit verknüpften Af
fecten,
432 Cap. VII Von den Pflichten 2c.
fecten, gehöret nicht unter die Pflichten,
weil ſie nicht nur der menſchlichen Natur
an ſich betrachtet unmöglich iſt, ſondern
auch dem Endzwecke der Welt zuwieder
wäre. Denn wenn man durch nichts Ans
genehmes mehr gerühret werden ſolte; ſo
wären entweder alle Güter der Welt ver:
geblich erſchaffen, oder man legte doch die
Laſt, ſich derſelben zu enthalten, den Mens
ſchen ohne allen Grund auf, § 217. Es
würden auch viel gute Vorbereitungen, Be
wegungsgründe und Belohnungen der Tu
gend hinwegfallen. Man ſchreibet gemei
niglich den Stoikern zu, als ob ſie derglei
chen Unempfindlichkeit erforderthätten; wie
wohl eigentlich ihre Meinung nur dieſe
geweſen iſt, daß ſich ein Weiſer keine Ge
müthsbewegung in Verwirrung ſetzen,
oder ſich derſelben, wenn ſie durch äuſſer
liche Urſachen überlaſſen
olle.

Ende der Ethik.


Die

natürliche
Koraltheologie
Lehre von den unmittelbahren
Pflichten gegen GOtt.

Ee
- -
* ---
B> <GG-GB-SS B-3-GB-H-GB- s
Das I Capitel.
Von den unmittelbaren Pflich.
ten gegen GOtt überhaupt, und
dem Gehorſam inſonderheit.
§ 317.
Ihlle Pflichten der Tugend ſind zwar Was unmit
A Pflichten gegen GOtt. Denn alle Ä
geſetzliche Verbindlichkeit gründet ſich
(MG

gen GOtt
auf GOttes Willen, und alle Tugendjnd.
mit ausdrücklicher Abſicht auf denſelben ger
leiſtet werden, § 176. Wenn wir aber von
unmittelbahren Pflichten gegen GOttres
den: So meinen wir diejenigen Tugenden,
dabe, wir GQ zum unmittelbaren O -

jecte haben. Dieſes iſt nicht alſo zu verſte: - Wie man


ben, als ob ein Geſchöpfe in GOtt wircen Än
könnte. Denn darzu iſt das göttliche Äo.
ſen viel zu vollkommen. Wir können uns Ä#
aber GOtt wohl als gegenwärtig vorſtellen, machenj
und indem wir die Thätigkeit unſers Wil -

lens auf dieſe Vorſtellung richten, ſolche


Handlungen vornehmen, welche dem Be
griff GOttes und unſerm Verhältniſſe ge
gen GQttgemäß ſind. Wenn wir nun das
bey die Abſicht haben, daß durch dieſe Hand:
lungen nicht bloß die Idee von GO zu uns
ſerer fernern eigenen Bequemlichkeit lebhaft
erhalten, oder deutlich gemacht werden ſoll,
ſondern daß unſere Handlungen dem s
€ 2 er:
436 Cap. I Yonden Pflichten
derſelben zu Ehren gereichen ſollen: So iſt
GOttalsdenn ſelbſt das Object unſerer Tha
ten, und unſere Handlungen werden auf
GOtt unmittelbahr, ſo gut als es nemlich
einem endlichen Geſchöpfe möglich iſt, ge:
richtet. Es iſt nicht zu verwundern, daß,
wenn wir GOttzum unmittelbahren Objecte
unſerer moraliſchen Thaten machen, ſolches
gewiſſermaſſen auf andere Art, als bey al
len andern Dingen auf der Welt geſchehen
muß. Denn die Natur GOttes und ſeiner
Vollkommenheit leidet es nicht anders.
§ 3 I 8.
„Ä Alle Tugenden ſind ſolche Handlungen,
Ä welche der weſentlichen Vollkommenheit der
Pflichege-Dinge und ihren Verhältniſſen gemäß ſind,
Ä § 175. Demnach können auch die unmit:
müſſen. telbahren Pflichten gegen GOrt in nichts
anders beſtehen, als daß wir uns GOtt ſo,
wie es ſeinen Vollkommenheiten gemäß iſt,
vorſtellen, und zu der Zeit etwas thun, was
die Vollkommenheit GOttes und unſer Ver
hältniß gegen ihn bey ſolcher Gelegenheit
entweder allezeit, oder unter gewiſſen Be
dingungen erfordert.
§ 3 19.
# Ä Da wir nun von GOtt in allen Stücken
Ä dependiren, und dieſer Zuſtand uns unter
Pfige- allen an allerweſentlichſten iſt: So erfor
sº GDt. dern die Regeln der Vollkommenheit, daß
wir deſſen beſtändig eingedenck ſind, und
demſelben gemäß handeln. Und da dieſes
feruer
gegen GOtt überhaupt 2c. 437
ferner nicht anders geſchehen kan, als wenn
wir alles Thun und Laſſen dem befehlenden
oder erlaubenden Willen GOttes um unſe
rer Dependenz willen gemäß einrichten,
§ 173, 186: So iſt die allgemeineſte unmit
telbahre Pflicht gegen GOtt, welche bey al
lem unſern Thun und Laſſen zugleich beob:
achtet werden muß, der Gehorſam, das
iſt, eine fertige und bereitwillige Bemü
hung, uns dem Willen GOttes aus Schul
digkeit iederzeit gemäß zu bezeigen, § 165.
Dieſer iſt die allgemeineſte Tugend, ja das
Formale der Tugend, welches erſt allen an
dern Tugenden ihr wahres Weſen giebt,
§ 177. Und gleichwie die mittelbahre Ver
knüpfung der Dinge ſich allezeit auf die un
mittelbahre Verknüpfung der Zwiſchenglie:
der gründet: Alſo läſt ſich auch keine mit
telbahre Pflicht gegen GOtt ohne die höch
ſte unmittelbahre, nemlich den Gehorſam,
ausüben.
32O.
Es ſtehen zwar einige in den Gedancken, Ob es eine
als ſey es zu der Tugend genug, wenn man Ä
nur dasjenige thue, was der Vollkommen: GOttesſen,
heit des Weſens der Dinge an ſich betrach-Ä
tet, gemäß iſt, ob man gleich eben nichtdert.
die Betrachtung der Schuldigkeit und eines
geſetzlichen göttlichen Willens dabey zur
Hauptabſicht mache. Sie geben vor, GOtt
ſey ſo herrſchſüchtig nicht, daß er dieſes ver
lange. Allein eskan vor das erſte, da wir
Ee 3 VON
438 C.II Von den Pflicht gegen GOtt,
von GOttweſentlich dependiren, keine Hand
lung der Vollkommenheit unſers Weſens
gemäß ſeyn, als wenn ſie aus Gehorſam
gegen GOtt geleiſtet wird, § 171, 172. Zum
andern iſt es auch keine Herrſchſucht, daß
GOtt ſolches verlanget. Dieſes Wollen
iſt vielmehr in GOtt nothwendig, weil er
ſonſt die weſentliche Vollkommenheit nicht
liebte, und mithin unvollkommen, das iſt,
gar nicht GOtt wäre. Die Herrſchſucht
aber iſt eine Begierde, ohne Befugniß und
ohne vernünftigen Zweck zu herrſchen.

Das II Capitel,
Von den beſondern Pflichten
gegen GOtt in Anſehung des
Verſtandes oder Willens,
§ 32 I.
Pflicht ge
en GOft in
D vernünftigen Geiſter ſind die einzigen
nferung
Geſchöpfe, welche eben vermittelſt ih:
des Verſian-rer Vernunft GOtt zu erkennen fähig ſind.
# nackt. Die Erkenntniß GOttes iſt die alleredelſte.
derEkennt. Sie iſt auch in Abſicht auf die Wahrheit
*** ſelbſt die allerwichtigſte, weil ſich ohne dies
/ ſelbe von dem Urſprunge und dem Grunde
der Einrichtung und Verknüpfung der Din
ge nichts gründliches erkennen läſt. Die
Menſchen können auch in dem Gebrauche
ihrer Vernunft ihrer Dependenz von GOtt
nicht gemäß handeln, wenn ſie dieſelbe nicht
zup
in Anſ des Verſtand. od.Willens. 439
zur Erkenntniß des Schöpfers, der ſie ge
geben hat, auwenden. Wir haben dem
nach die Verbindlichkeit, GOtt zu erken
nen, und es iſt nun weiter zu unterſuchen,
was dieſe Pflicht zur Erkenntniß GOttes
mit ſich bringe. -

§ 322.
Es gehöret nemlich dazu 1) daß man, Maoſ
ſo viel nur möglich, von der Wircklich Ä“
keit GOttes und ſeinen Eigenſchaften, etd.Ä.
ferner von ſeinem Willen und AbſichÄ
ten, von ſeinen allgemeinen Wirckungen, Werke D
memlich der Schöpfung, Erhaltung ĺ
und Regierung der Welt, und von ſei:
nem Reiche, welches er unter und mit den ver:
nünſtigen Geſchöpfen aufgerichtet hat, eine
gegründete Erkenntniß mit zuverläßiger
Ueberzeugung zu erlangen, und dieſelbe zu
vermehren trachte. Weil aber dieſe Erkennt: «Ä Ä
niß den göttlichen Vollkommenheiten gemäß Ä
ſeyn muß; ſo folget daraus, theils daß man ſeyn muß
ſich dieſelbe ernſtlich müſſe angelegen ſeyn
laſſen, theils aber auch, daß man ſich da
bey ſeiner Endlichkeit beſtändig erinnere,
und alſo das unendliche Weſen nicht weiter
begreifen wolle, als es uns ſelbſt die Kräfte
und Mittel dazu darbietet.
- § 323.
Man hat ſich ferner 2) dazu anzugewöh. Man ſoll al
nen, daß man alle Dinge in ihrer Sub-Ä
ordination unter GOrt betrachte. Wir Ät
haben uns hier theilsEedie 4natürliche SubÄ
Ordi:
440 C.II Von den Pflicht. gegenGOtt,
Ä ordination vorzuſtellen, wie alle Erkennt
Ä“ niß der Wahrheit von dem göttlichen Ver
ÄF ſtande, gleichwie das Weſen, der Urſprung
iſt. * °9 und die Erhaltung derſelben von der göttli
chen Macht, und ferner die Güte aller Din
ge von der Güte und Weisheit GOttes den
Urſprung habe, auch alle Dinge unter der
Vorſehung GOttes ſtehen. Theils haben
wir auch auf die moraliſche Subordina
tion der Dinge unter GOtt Achtung zu ge
ben, was nemlich vor Endzwecke GOttes
durch das natürliche Weſen, oder durch den
freyen Willen der Geſchöpfe und durch ihre
Verknüpfungen unter einander befördert
werden ſollen.
§ 324.
Ä Wir haben uns ferner 3) zu bemühen,
GÄsdaß ſowohl die Erkenntniß der göttlichen
Ä er- Wircklichkeit und Eigenſchaften, als der
Subordination aller Dinge unter dieſelben,
- A beſtändig in unſeum Verſtande wirck
ſam und lebhaft erhalten werden, weß
wegen die dazu dienlichen Mittel zu gebrau
chen ſind, z. E. daß man ſich dieſelben oft
vorſtelle, und durch Anwendung auf vor
kommende Individualfälle deutlich und ge
läufig mache. "Solchergeſtalt wird unſere
ganze Beſtrebung nach Wahrheit GOtt,
wie ſichsgebühret, unterworfen. Aus der
Wichtigkeit der göttlichen Wahrheiten fließt
Än ſºll ſie
öher als al- 4) daß man die Erkenntniß derſelben
e

Ä.“ höher als alle andere ſchätzen muß,


Und
zen. -
in Anſd. Verſtand. oder Willens. 441
und um dieſe Hochachtung nicht zu vermin
dern, oder die Erkenntniß unkräftig zu ma: göttlichen
- - -
ĺon
chen, nicht allein niemahlsgottlos und ÖÄcht
ärgerlich, ſondern auch niemahls leicht. oder
- -
Ä leicht
ſinnig und ſcherzhaft davon dencken oderj.
reden dürfe.
§ 325.
Jn Anſehung des Willens iſt die Pflichtenge
Hauptpflicht, welche wir GOtt unmittelbar Ä“
ſchuldig ſind, die Liebe, welche, weil ſie Äns.
nebſt dem Gehorſam das Grundweſen aller Die Liebe
Tugend ausmachet, ſchon im vorigen § 239,
24oerwieſen worden. Die Verbindlichkeit Nochmahl
dazu läſt ſich auch noch auf andere Art fol- Ä“
gender Geſtalt begreifen. Weil GOttuns
als letzte Endzwecke anſieht § 21o, und das
her vermöge ſeiner Güte unſere Glückſelig
keit und Vereinigung mit ihm ohne fernere
Abſicht begehret: So liebet er uns, § 125,
und folglich verlanget er Gegenliebe, § 126.
Da nun ein iedweder Wille GOttes, dar
innen er etwas von uns gethan wiſſen will,
vermöge unſerer Dependenz von ihm, uns
eine Verbindlichkeit aufleget: So ſind wir
ſchuldig, ihn zu lieben, darzu uns auch ſeine
Vollkommenheit, und beſonders die Güte
ſeines Willens willig machen muß. Dieſe Die Liebe
Liebe muß zuförderſteine wahreſeyn. Man Ä
verwirre ſie daher nicht mit derjenigen Be: ſeyn.
gierde nach ſeiner Glückſeligkeit, da man
dieſelbe zwar durch GOtt zu erhalten ſucht,
iedoch aber ſich ſelbſt zum Hauptzwecke dabey
Ee . macht,
442C.IIVon den Pflichten gegen GOtt,
macht, welches noch keine wahre Liebe iſt.
Denn obgleich das Verlangen nach ſeiner ei:
genen Glückſeligkeit mit der Liebe GOttes
beſtehen kan, und die Bewegungsgründe
zu derſelben kräftig machen ſoll: So muß es
doch derſelben ſubordinirt, keinesweges aber
zum Zwecke gemacht werden, indem die
Liebe ſonſt ihr Weſen verlieren würde § 128.
#Äs Ferner aber iſt auch die Liebe, welche wir
Ä“ GOtt ſchuldig ſind, die höchſtmögliche
Liebeſepn: Liebe, welche nicht darinnen beſtehet, daß
man GOtt nur mehr als ein iedes anderes
& Gut liebe, ſondern daß man, weil ſich alle
Endzwecke der Liebe zu GOtt ſubordiniren
laſſen, ihr dieſelben auch wircklich ſubordi
Wie die ü-nire §239. Es flieſſen demnach aus der Lie:
Ä be GOttes alle andere Tugenden. Entwe
er Liebe zu der ſie laſſen ſich daraus ſogleich a priori
°ſ" erweiſen, oder ſie flieſſen doch daraus ver
mittelſt der Erkenntniß, daß dieſes oder je:
nes GOtt angenehm ſey, weil in der Liebe
eine Bemühung iſt, ſich dem Geliebten in
allem gefällig zu machen § 125. Es müſ.
ſen demnach alle andere determinirte Pflich
ten entweder aus der Schuldigkeit, GOtt
zu lieben, allererſt erwieſen werden, oder
doch zum wenigſten aus Liebe und mit Liebe
geſchehen. Jezo haben wir nun weiter zu
unterſuchen, zu was vor unmittelbahren
Pflichten gegen GOtt in Anſehung unſeres
Än
Oll»
uns die Liebe zu ihm antreiben,
§ 326.
in Anſd. Verſtand. oder Willens. 443
§ 326.
Weil 1) die Liebe ſowohl eine Determi Die Liebe zu
nation eines Grundtriebes iſt, wodurch er Ä
- zur Tu
-

unmittelbar auf eines von ſeinen Objectengendjilj


gerichtet wird, als auch keinen fernern Nu: "ºben.
zen vor ſich zum Zwecke macht; ſo iſt ſie
allezeit willig. Da nun alle Tugend aus
Liebe geſchehen ſoll, §24o; ſo mußalle Tu
gend willig ſeyn, das iſt, nicht gezwungen,
und als ein nothwendiges Uebel, ſondern
aus einer innerlichen Zuneigung, welche aus
der Liebe zu GOtt herflieſſet, geleiſtet wer
den. Weil ferner 2) die Liebe den Willen Sieläßt ſich
§des125,
Geliebten
und ſichals ihrenvöllig
dahero eigenen anſiehet,
darinnen Äg
be-faej
ruhiget; ſo flieſſet aus der Uiebe zu GOtt
die Pflicht, ſich GOttes Willen gerne
gefallen zu laſſen, woraus eine Zufrieden
heit mit der göttlichen Regierung und mit
unſerm Zuſtande folgt. Weil 3) die Verei: Sie macht,
nigung mit dem Geliebten, welche die Liebe Ä
ſuchet, ohne die Erkenntniß deſſelben nicht j
möglich iſt; ſo entſtehet aus der Liebe GOt. Ä be
tes nicht allein eine Begierde, GOtt im Äst
mer mehr zu erkennen, ſondern auch ein anvergnügt
Vergnügen an der Erkenntniß GOttes,
und an allem demjenigen, was dieſelbe
befördert. Und da man ferner 4) die End: Sie enü
zwecke des Geliebten noch nicht völlig als Ä
ſeine eigene anſehen kan, wenn man nicht inch zu wer
denjenigen Stücken, darinnen er eine Aehn-“
lichkeit mit ſich verſtatten will, ihm ähnlich
zu
- -
444 C.II Von den Pflicht. gegen GOtt,
zu werden ſuchet; ſo entſtehet auch aus der
Liebe GOttes eine Bemühung, demſelben,
wiefern es ohne Verletzung ſeines Wil
lens, und der Vorrechte ſeiner Hoheit
und Herrſchaft, geſchehen kan, ähnlich
zu werden.
§ 327.
Die Pflicht Die Danckbarkeit iſt eine aus der Lie:
der Danck
barkeit ae beherrührende Bereitwilligkeit, der empfan
gen GOtt. genen Wohlthaten eingedenck zu ſeyn, und
ſich denſelben gemäß zu bezeigen. Da wir
nun alles Gute von GOtt haben, und es
ihm daher auch zuſchreiben müſſen; ſo ver
bindet uns 5) die Liebe zu GOtt zur Danck
barkeit gegen ihn. Vermöge dieſer Danck
barkeit ſuchen wir alles empfangene Gute
den göttlichen Endzwecken beſtmöglichſt ge:
mäß anzuwenden, weil dieſes das einzigeiſt,
was wir ihm davor erweiſen können, und
was er auch dadurch ſuchet.
§ 328.
Das Gebet. Weil alles wahre Gute von GOtt ſeinen
Urſprung hat; ſo muß auch alles Verlan:
gen um das wahre Gute auf GOtt, als den
einzigen wahren Geber deſſelben, gerichtet
werden, welches ſowohl eine aus der Liebe
GOttesvorſich ſelbſt erfolgende Eigenſchaft,
als auch ein ferneres Mittel zur Erhaltung
und Vermehrung der Liebe iſt. Das auf
GOtt gerichtete Verlangen um das wahre
Gute kan im weitern Verſtande ein Gebet
genennet werden, zu welchen uns alſo #
f)ß
in Anſ des Verſtand. oder Willens. 345
Liebe GOttes verbindet. Man kan daſſelbe Was das
in das vollkommene Gebet, oder GebetÄ.
im engern Verſtande, eintheilen, welches ei: vollkomme
ne ſolche Verrichtung iſt, dabey man ſonſt"**
nichts anders thut, als unmittelbahre Pflich
ten gegen GOttausübet; und in das umwoll
Eommene, welches mit Verrichtung ande
rer Geſchäfte verknüpft wird, und dahero
eine beſtändige Pflicht iſt. Mit dem voll
kommenen Gebete, da man nemlich, ohne
ſonſt ein anderes Geſchäfte dabey zu ver
richten, ſein Verlangen um das wahre Gu
te bloß auf GOtt, als die Qvelle deſſelben,
richtet, kan man auch noch andere Vorſtel
lungen der göttlichen Eigenſchaften derge
ſtalt verknüpfen, daß man die Abſicht hat,
daß dieſe Uebung der Liebe GOttes unmit
telbahr GOtt zu Ehren gereichen ſoll. Un
ter denſelben heiſſet die lebhafte Vorſtellung
und das ehrerbietige Bekenntniß der Voll
kommenheit der göttlichenEigenſchaften und
Wercke das Lob GOttes. Hingegen die Ä
Vorſtellung und das innerliche Bekenntniß 4

ſeiner Verbindlichkeit gegen GOtt wegen


empfangener Wohlthaten wird Danckſ Ä
gung gegen GOtt genennet. Dieſengj Megelt
ſetzet man hernach das Verlangen um noch°O iſt.
mehrere Wohlthaten inſonderheit entgegen,
und nennet es das Gebet im eigeſten Ver: #
ſtande. Weil nun das vollkommene Geeeeen
bet ſowohl eine natürliche Wirckung der ĺ
Liebe zu GOtt iſt, als auch zur Uebung Ä 2.
446 C.II Von den Pflicht gegen GOtt,
- - Erweckung der Liebe GOttes und aller gu
ten Bewegungen höchſtnöthig iſt; ſo iſt aus
beyden Urſachen eine Verbindlichkeit vor
handen, daſſelbe öfters zu verrichten. Je
doch ſiehet man zugleich, daß deswegen ans
dere gute Geſchäfte nicht zu verſäumen ſind.
Man hat auch keinen Grund zu behaupten,
daß das Gebet die tugendhafteſte Verrich
tung unter allen überhaupt ſey,weil der Grad
der Tugend in einer Handlung lediglich aus
dem Grade der Uebereinſtimmung derſelben
mit dem Geſetze zu ermeſſen iſt.
§ 329.
Das Ver- Weil GOtt das wahre und zudem menſch
Ä " lichen Hauptzwecke weſentlich gehörige Gute
den Menſchen unter der Bedingung der Tu
gend unfehlbar wiederfahren läſt; ſo muß
es auch 7) vermöge der Liebe unter eben den:
ſelben Bedingungen unfehlbar zuverſichtlich
von ihm erwartet werden, welche Wirckung
der Liebe GOttes das Vertrauen auf
Wenn das GOtt genennet wird. Daher iſt das Ver
Verkrallen ... r -

Ä trauen alsdenn ungegründet und eitel, wenn


ungegründet entweder auf unſerer Seite die Tugend nicht
iſt. zur Bedingung gemacht wird; oder wenn
man etwas, das kein wahres Gut iſt, von
GOtt erwartet; oder wenn man etwas un:
fehlbar von GOtt erwartet, davon man nicht
weiß, ob es ein wahres Gut vor uns ſeyn
wird; oder ob es zu unſerm Endzwecke we:
ſentlich gehören wird, oder ob es wenigſtens
wegen eines beſondern Beruffs, und wegen
Lttler
in Anſ. d. Verſtand oder Willens. 447
einer beſondern Beſtimmung gewiſſer Per
ſonen, die aus den Umſtänden beurtheilet
Ä je
werden müſte, zu erwarten ſeyn dürfte. Es
muß demnach auch das Gebet mit Ver-Äen
trauen auf GOttſeyn.
Leben verknüpfet ÄÄ*
und einem tugendhaften Ä pſt

§. 33O. -

Die Erhörung des Gebetes iſt die Er-Ä


j höruna des
langung des Gebetenen um des Gebets wil: jeſ.
len. Da nun eben das tugendhafte Ver- Ä
langen des Guten von GOft diejenige Be-Äs
dingung iſt, unter welcher er daſſelbige geben derſelben
will; ſo wird ein ſolches Gebet unter den
geſetzten Bedingungen nicht allein allezeit
erhöret, ſondern das Gute wird auch ohne
daſſelbe nicht erlanget. Die Schwierig:
keit, welche ſich manche hierbey machen,
würde leicht hinwegfallen, wenn ſie nicht
entweder in der Auslegung der göttlichen
Eigenſchaften, oder des Lehrſatzes von der
Erhörung des Gebetes unbillig verführen.
Denn wer z. E. meinet, es ſtreite mit der
Hoheit GOttes, in der Regierung der Be
gebenheiten auf das Gebet zu ſehen, der er
dichtet ſich einen verkehrten Begriff von der
göttlichen Hoheit, und bedencket nicht, daß
es unſtreitig zu der wahren Hoheit eines wei
ſen, gütigen und gerechten Regenten gehö
ret, daß er ſein Reich nach Beſchaffenheit
der Unterthanen regieret. Wer ſich einbil
det, die Erhörung des Gebetes könne mit
der Unveränderlichkeit GOttes nicht beſte:
hen,
448 C.II Von den Pflicht. gegenGOtt,
hen, der faſſet gar nicht, wovon die Rede iſt.
Denn es wird hiermit nicht eine Verände:
rung der göttlichen Rathſchlüſſe, ſondern nur
die Vollſtreckung eines bedingten Rathſchluſ'
ſes angenommen. Ferner wäre es eine un:
billige Auslegung des Begriffes von der Er:
hörung des Gebetes, wenn man dabey aus
der Acht laſſen wolte, daß bey derſelben die
Möglichkeit der gebetenen Sache nothwen:
dig vorauszuſetzen iſt. Und zwar iſt theils
die phyſikaliſche, theils die moraliſche Mög:
lichkeit, ingleichentheils die Möglichkeit einer
Sache überhaupt, theils die Möglichkeit der:
ſelben in Anſehung dieſer Perſonen, und der
geſetzten Verknüpfung der Umſtände, in Ber
trachtung zu ziehen. Die Erhörung des Ge
betes ſelbſt aber kan in Natur, oder durchet
was gleichgültiges, oder gar beſſeres, geſche:
hen; ingleichen kan ſie entweder ſogleich ge:
ſchehen, oder auf eine bequemere Zeit aufge:
ſchoben werden. Man verſtehet hieraus zu:
gleich, daß die Gewißheit der Erhörung des
Gebetes unter denen gehörigen Bedingun
gen nur durch allgemeine Beweiſe dargethan
werden muß, hingegen ihrer Natur nach
durch die Erfahrung nicht ausgemacht wer:
den kan. Denn wenn man etwas, darum
man gebeten, erlanget, ſo kan ſolches, ohne
allgemeine Gründe darzu zu nehmen, noch
nicht zureichend beweiſen, daß das Gebet von
GOtt erhöret werde. Denn man könte ſa:
gen, daß die Sache vielleicht ſchon ſo be
ſtimut
in Anſeh. d. Verſtand. od. Willens 449
ſtimmt geweſen, und ohne das Gebet eben
ſo gelauffen ſeyn würde. Im letztern Falle
aber, würde freylich keine eigentliche Erhö
rung des Gebetes da ſeyn, obwol die Vor
herbeſtimmung einer Begebenheit in der
Natur der Erhörung des Gebetes an ſich
noch nicht wiederſtreitet, wenn nur dabey
angenommen und zugegeben wird, daß die
Vorherbeſtimmung von GOtt eben in Ab
ſich auf das vorhergeſehene Gebet beſchloſ
ſen worden. Gleichermaſſen kan man, wenn
das Gebetene nicht erfolget, durchaus nicht
ſagen, die Erfahrung wiederlege den Satz
von der Erhörung des Gebetes. Denn
wie wollen wir ausmachen, theils ob auch
die Sache nach der Weisheit GOttes bey
dieſen Perſonen und Umſtänden moraliter
möglich geweſen iſt; theils, wenn ſie es auch
iſt, ob nicht die Erhörung vielleicht durch
etwas dem Werthe nach Gleichgültiges ge:
ſchiehet, oder voriezo nur auf eine andere
Zeit verſchoben worden? *

§ 33 f«
Weil GOtt gerecht iſt, § 192, und ſein Diekind
Weſen nicht ändern kan; ſo ſtehet es nach Ä*
einmahl geſchehener Sünde nicht bey ihm,
die Straffe nachzulaſſen, § 190,193. Dieſe
Vorſtellung muß dahero, wenn wir ihn lie:
ben, die gröſte Vorſichtigkeit in uns veran:
laſſen, ihn nicht zu beleidigen, und dadurch
den gütigen, aber zugleich höchſt vollkom
menen GOtt zu unſerer Beſtrafung zu nös
F thigen
45e C.II Von den Pflicht, gegenGOtt,
thigen. Einen beleidigen aber heißt, ihn
etwas nicht leiſten, was er doch mit Rechte
fordern kan, und zu deſſen Leiſtung wir eine
Verbindlichkeit haben. Dieſe 8) aus der
Liebe GOttes herrührende Vorſichtigkeit,
ihn nicht zu beleidigen, und dadurch der
Vereinigung mit ihm unfähig zu werden,
heißt die kindliche Furcht GOrtes,
welche ſich daher auf die Liebe und auf die
Vorſtellung ſeinerVollkommenheit zugleich
Was die gründet. Mit derſelben iſt die knechtiſche
knechtiſche Furcht nicht zu verwirren, worunter man
Furcht iſt.
eine ſolche Gemüthsbeſchaffenheit verſtehet,
da man lieber mit GOtt gar nichts zu thun
haben möchte, und weil ſolches nicht ange:
het, ſeinen Willen, den man für ein noth
wendiges Uebel anſiehet, nur in der Abſicht
thut, um der Strafe zu entgehen, welches
dahero eines der gröſten Laſter iſt.
§ 332.
Die Pflicht Einen ehren heißt ihmgröſſere Vollkom
GOtt zu eh
Pß menheiten als andern zuſchreiben, und dee:
wegen geneigt ſeyn, denſelben andern vorzus
ziehen, und in dem Bezeigen gegen ihn, den
Vorzügen deſſelben auf eine ihm anſtändige
und angenehme Art gemäß zu verfahren,
§ 12o. Da nun GOtt unendlich vollkom:
mener als alle Geſchöpfe, ja die Qvelle als
ler Vollkommenheiten iſt; ſo verbinden uns
die Regeln der weſentlichen Vollkommenheit
ten der Dinge 9) ihn über alles zu ehren.
Eben hierzu treibet auch die Liebe gegen
- GOtt
in Anſ des Verſtand.od. Willens. 451
GOtt an, welche eben die Vollkommenhei
ten deſſelben zu ihrem Bewegungsgrunde
hat. Daraus entſpringet die Ehrfurcht Die Ehr
vor GOrt, das iſt, eine aus der Hoch-Ä"
achtung und Erkenntniß unſerer Dependenz
von GOtt herrührende Scheu aller derjeni
gen Thaten, welche den göttlichen Vollkom
menheiten und unſerm Verhältniſſe gegen
einen ſo groſſen GOtt unanſtändig wären.
§ 333.
Weil die Liebe den Vollkommenheiten DieDemus
des Geliebten gemäßzuhandeln bemühet iſt,"Gott
theils weil ſie eben dadurch erwecket wird,
theils damit ſie ſich dem Geliebten nicht miß
fällig mache; ſo verbindet ſie uns auch 1o)
zur Demuth gegen GOtt. Die Demuth
gegen GOtt iſt eine wirckſame Vorſtellung
unſerer Niedrigkeit gegen GOtt § 309. d.i.
eine ſolche Gewohnheit, ſich den unendlichen
Unterſchied zwiſchen GOtt und uns, und
unſere gänzliche Dependenz von ihm vorzu
ſtellen, wodurch wir uns autreiben laſſen,
ſeiner freyen Güte alles Gute zuzuſchreiben,
ſeinen Regierungen und Befehlen uns gänz
lich zu unterwerfen, und uns gegen ihn nicht
das geringſte von ihm independente Recht
§ 2co. heraus zu nehmen. Eben hierzu
verbindet uns auch ſchon die göttliche Voll
kommenheit und unſer Verhältniß gegen ihn
an ſich ſelbſten. In der Ausübung iſt die
Demuth eine von denen erſten und Grund:
Ff 2 tugen
472 Cap. III. Von dem
tugenden, welche das Gemüthe zu denen
andern vorbereiten und fähig machen muß.
Das III Capitel.
Von dem vernünftigen Glau
ben, als einer Pflicht gegen GOtt
in Anſehung des Verſtandes und
Willens zugleich.
§ 334.
Das Wort (F)as Wort Glauben, welches nach dem
Glauben hat * Sprachgebrauche gar ſchwanckend iſt,
zweyerley
Äg. wird in zweyerley Bedeutung genommen.
Was ein
weiten Ver In der weitern Bedeutung wird es dem
º heiſ
t.
Zweifel und der Verneinung entgegen geſe
zet, und heiſt ſoviel, als einem Satze Bey:
fall geben, das iſt, denſelben dergeſtalt als
wahr annehmen, daß man ſich dabey berus
higt. In dieſer Bedeutung beſtehet dem:
nach das Glauben in demjenigen Zuſtan
de eines vernünftigen Geiſtes, da ſich ſein
Wille entſchlieſt, einen vorgeſtellten Satz
als wahr gelten zu laſſen, und demſelben,
wiefern ſolches nicht durch andere Urſachen
wiederum verhindert wird, bey Gelegenheit
gemäß zu handeln, und da er deswegen den
Verſtand entweder gar nicht antreibt, wei
tern Beweis zu ſuchen, oder doch ſolches nicht
in der Abſicht thut, daß er den Satz noch
nicht zugeben, oder darnach handeln wolte,
im Fall ſich kein weiterer Beweis davon
finden
vernünftigen Glauben. 453
finden laſſen ſolte. In der engern Be-WasSlam
deutung aber wird das bloſſe Glauben Ä“
einer ſolchen Ueberzeugung entgegengeſetzet,ande be
beyderen Setzung man nicht weiter zweifeln
kan, und faſſet alſo nur eine Gattung des
Vorwahrhaltens unter ſich. Man betrach: „Wederle
te aber, welche Bedeutungman will; ſowird.Ä.
man finden, daß diejenige Erklärung nicht klärung.
hinlänglich ſey, welche einige geben, wenn
ſie ſagen, glauben heiſſe ſo viel, als einem
Satze um des Zeugniſſes eines andern wil
len Beyfall geben. Ich ſage, dieſes kan
nicht die Erklärung des Glaubens im wei:
tern Verſtande ſeyn; denn die Gegner räu
men hiermit ſelbſt ein, daß man einem Sa
ze auch aus andern Gründen Beyfall geben
könne. Es kann aber auch keine Erklärung
des Glaubens im engern Verſtande abgeben.
Denn es iſt unſtreitig, daß man auch ſeinen
eigenen Träumen und andern ungegründeten
Einfällen glauben könne, da doch weder ei
ne Demonſtration noch ein Zeugnißeines an
dern zum Grunde liegt. Es wäre auch ver
geblich zuſagen, daß man alsdenn ſeinem ei
genen Zeugniſſe glaube, weil unſer eigenes
Zeugniß, wenn man nicht die Worte im uns
eigentlichen Verſtandenehmenwill, gar kein
Zeugniß iſt. Jetzo wollen wir unterſuchen, Hº
was in Anſehung des Glaubens ſowohl im Ä
weiten als engen Verſtande vor Pflichten Ä
vorkommen können, welche man unmittel-Ä
bahr den göttlichen Eigenſchaften zu Ehren
Ff 3 beob:
454 Cap. III Von dem -

beobachten ſoll. Weil nun vermöge der ge:


gebenen Begriffe das Glauben etwas iſt,dar
zu ſowohl der Verſtand, als der Wille das
ſeinige beytragen muß; ſo werden dieſes
Pflichten gegen GOttin Anſehung des Ver
Ob dieſe ſtandes und Willens zugleich ſeyn. Man
#* meine nicht, daß dieſe Lehre vielleicht in die
geoffenbahrte Theologie gehöre. Denn ich
werde nicht von dem übernatürlichen Glau
ben, auch nicht von dem Glauben an dieſe
oder jene geoffenbahrte Wahrheit, ſondern,
von dem bloß vernünftigen Glauben reden,
auch hierbey keine andern, als bloſſe Ver
nunftſätze zum Grunde legen. Die allge:
meinen Wahrheiten aber von der Natur und
Verbindlichkeit des vernünftigen Glaubens,
welche die geoffenbahrte Theologie ſchon vor
ausſetzet, müſſen nothwendig in der Moral
philoſophie geſuchet werden.
S 33 - . .
d Ä -

Um die Pflichten des vernünftigen Glau


des Äbens richtig beſtimmen und erweiſen zu kön
Ä Bey“ nen, müſſen wir zuförderſt die Gründe des
menſchlichen Vorwahrhaltens, welche
ſowohl in dem Verſtande, als in dem
Willen liegen, unterſuchen, und erklären,
wie das Vorwahrhalten aus allen zugleich
als eine zuſammengeſetzte Wirckung entſte:
eÄ # he. Was nun erſtlich den Verſtand an:
ſelben in langet; ſo muß man, wenn man alles ge
Ä” nehmen , und nicht ſchon zum voraus
1QUI
Ä“ lies Verwirrung anrichten will, nicht mehr Ä

vernünftigen Glauben. 455
die Kraft zu dencken, oder eigentlicher zures
den, den Inbegriff der Denckungskraft dar:
zu rechnen. Alles Vermögen aber, Gedan:
cken zu gebrauchen und anzuwenden, es ge
ſchehe nun zu Hervorbringung einer zweck
mäßigen Reihe von Gedancken, oder zu Aus
führung gewiſſer Geſchäfte, gehöret vor den
Willen, weil alsdenn nichts anders als eine
Handlung des Geiſtes nach ſeinen Ideen
vorgehet, §2. Es ſind nemlich die Grund- Ä
kräfte des Verſtandes, die Kraft der äuſſer-jedes
lichen Empfindung, das Bewuſſeynº"
oder die innerliche Empfindung, § 29.“
das Gedächtniß, die Erfindungskraft,
und die ZKraft ſeine Begriffe zu zerglie
dern, oder das judicium. Aus etlichen Ä
zuſammen genommen entſtehen wiederum jejen
andere; wie denn durch das Gedächtniß und Ä Ä
die Erfindungskraft, oder das Äſe" -

die Einbildungskraft möglich wird, gleich


wie das Gedächtniß und die innerliche Em
pfindung die Erinnerung hervorbringt.
Wenn nun die Aufmerckſamkeit, das Be-Ä
trachten un