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Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Mario Wiesmann M.A. mwiesma@uni-mainz.de

Workshop Erzähltheorie
Faktual, fiktional, fiktiv
Es gibt faktuales Erzählen (Geschichtsschreibung, …) und fiktionales (Märchen, …).
Eine literarische Erzählung handelt von Fiktivem und ist deshalb fiktional.
Es gibt fiktionale Texte, fiktionale Filme, fiktionales Erzählen usw.
In ihnen wird von fiktiven Geschehnissen, Personen und Orten erzählt.

Wie und Was der Erzählung


Was Wie

Boris Tomaševskij

Fabula = Motive/Ereignisse in der Sjužet (Sujet) = dieselben Motive, aber in


Reihenfolge und Verknüpfung, wie sie der Reihenfolge und Verknüpfung, wie sie
sich in der fiktiven Realität zugetragen im Text vorliegen + Erzähler
haben

Eberhard Lämmert

Geschichte = Fabula bei Tomaševskij Fabel = Sjužet bei Tomaševskij

Tzvetan Todorov

Histoire = umfasst nicht nur die Discours = umfasst nicht nur Reihenfolge
Ereignisse, sondern die ganze damit und Verknüpfung der Ereignisse, sondern
suggerierte fiktive Welt auch Perspektive, Stil, Modus des
Erzählens
Handlung
Handlung: Plotelemente

vs.

vs.

→ Hier geht es nicht um die Unterscheidung von Was und Wie der Erzählung. Story und
Plot gehören beide zum Was!
→ Ereignisse zeichnet ihre Unvorhersagbarkeit aus (Erwartungsbruch). Sie sind aktive
Handlungen von Figuren. Davon kann man Geschehnisse, unauffällige
Zustandsveränderungen in der Umwelt, unterscheiden, die oft nicht motivierend sind
und daher zwar Teil des Geschehens, aber für die Geschichte unerheblich.

Handlung: Raumsemantik
Jurij Lotman: Handlung als Grenzüberschreitung
Ereignis = Überschreitung einer Grenze zwischen zwei bedeutsamen „Unterräumen“ (im
wörtlichen oder metaphorischen Sinne): Oben und Unten, Erde und Himmel, Unterschicht
und Oberschicht, Gut und Böse
Bsp.: Kafkas Schloss: K. versucht vergeblich, aus dem Dorf zum Schloss vorzudringen.
Sujet (Lotman) = Handlungsschema, das eine Grenzüberschreitung enthält
→ Nicht zu verwechseln mit dem Sujet-Begriff von Tomaševskij!
3 typische Handlungsmuster
1. Erfolgreiche Grenzüberschreitung
2. Erfolglose Grenzüberschreitung
3. Grenzüberschreitung, die wieder rückgängig gemacht wird
Karl Nikolaus Renner: „Mengen“ als umfassenderer Begriff statt „Räumen“, z. B. religiöse
Identitäten, soziale Zugehörigkeiten
Figuren: Figurenkonzeption
Typ/Aktant Individuum

E. M. Forster

Flat character Round character

Manfred Pfister

Statisch Dynamisch

Eindimensional Mehrdimensional

Völlig definiert Offen, mysteriös

Transpsychologisch (Klaus Ziegler) = trotz Psychologisch = psychologisch plausibel,


psychischer Einschränkungen (Affekte, begrenzte Selbsteinsicht
Leidenschaften) vollständig ihrer selbst
bewusst, über sich selbst reflektierend

Figuren: Kategorien
Greimas: 6 Kategorien von Aktanten:
1. Das Objekt begehrendes Subjekt (oft Held)
2. Begehrtes Objekt (Prinzessin, Macht, …)
3. Adressat des Objekts (für den das Objekt erstritten wird, oft 1.)
4. Opponent, der sich zwischen S. und O. stellt (Gegenspieler, Eigenschaft des
Subjekts, …)
5. Schiedsrichter, der Konflikt entscheidet (Akteur, Schicksal, Gesellschaft, Zufall, …)
6. Helfer von Subjekt oder Opponent

Figuren: Figurenkonstellationen
Paarkonstellation
Kontrastpaar = zwei Figuren in einem gegensätzlichen Verhältnis zueinander
Korrespondenzpaar = zwei sich ähnelnde Figuren
Dreieckskonstellation = zwei Figuren haben ein konkurrierendes Verhältnis zu einer dritten
Figur; Dreieckskonstellationen bilden sich durch Kontrast- und Korrespondenzpaare.
→ Konstellationen können sich im Verlauf der Geschichte ändern.
Anhaltspunkte für Konstellationen zwischen Figuren:
1. Form der Bezugnahme des Erzählers auf die Figuren
2. Merkmalsrelationen der Figuren (einfältig vs. gewitzt, …)
3. Handlungsfunktionen der Figuren (Held vs. Gegenspieler, …)

Figuren: Figurencharakterisierung
Direkte Figurencharakterisierung
• Erzählerrede
• Figurenrede anderer Figuren
Indirekte Figurencharakterisierung
• Handlungen
• Inhalt und Stil der direkten Rede
• Äußeres Erscheinungsbild
• Umwelt (z. B. Einrichtung der Wohnung)
• Name (v. a. telling names wie „Else Schweigestill“ in Doktor Faustus)

3 Hauptaspekte des Erzählens nach Genette


Zeit = Verhältnis zwischen Zeit der Erzählung und Zeit des Geschehens
Modus = Grad der Mittelbarkeit und Perspektivierung des Erzählten
Stimme = Akt des Erzählens, der das Verhältnis des erzählenden Subjekts zum Erzählten
sowie zum Leser umfasst

Zeit
Erzählzeit = Zeit, die Erzähler für das Erzählen seiner Geschichte benötig; ersatzweise der
Seitenumfang eines schriftlichen narrativen Textes.
im Drama: Spielzeit
Erzählte Zeit = Dauer des Erzählten
im Drama: gespielte Zeit
Genette: 3 Aspekte der Zeit: Ordnung, Dauer, Frequenz
1. Ordnung = In welcher Reihenfolge wird das Geschehen vermittelt?
2. Dauer = Welche Dauer beansprucht die Darstellung?
3. Frequenz = In welchen Wiederholungsbeziehungen stehen das Erzählte und das
Erzählen?
Zeit: Ordnung
Anachronien in der Ordnung der Erzählung:
Analepse = nachträgliche Darstellung eines früher stattgefundenen Ereignisses
Prolepse = vorwegnehmende Darstellung eines in der Zukunft liegenden Ereignisses
Reichweite = wie weit geht die Anachronie in der Geschichte vor bzw. zurück?
intern vs. extern = innerhalb der Grenzen der erzählten Hauptgeschichte bzw. jenseits dieser
Grenzen
Umfang = Wie viel Geschehen umfasst die Anachronie?
komplett vs. partiell = Führt die Anachronie wieder bis zum Punkt der Erzählung, wo der
Sprung stattgefunden hat, hin/zurück? Wenn eine Lücke bleibt, ist sie partiell.
Achronie = Erzählung von Ereignissen, die anscheinend in keinem zeitlichen
Zusammenhang stehen

Zeit: Dauer
Erzählgeschwindigkeit = Verhältnis Erzählzeit/erzählte Zeit
1. Zeitsprung (Ellipse)
explizit vs. implizit = je nachdem, ob der Erzähler erwähnt, dass Zeit vergangen ist
bestimmt vs. unbestimmt = je nachde, ob der Erzähler auch noch angibt, wie viel Zeit
vergangen ist
2. Zeitraffendes/summarisches Erzählen (Raffung)
3. Zeitdeckendes Erzählen (Szene)
4. Zeitdehnendes Erzählen (Dehnung)
5. Pause

Zeit: Frequenz
1. Singulatives Erzählen = einmal erzählen, was sich einmal ereignet
2. Repetitives Erzählen = wiederholt erzählen, was sich einmal ereignet
3. Iteratives Erzählen = einmal erzählen, was sich wiederholt ereignet

Modus
Zwei Facetten:
1. Distanz (= Mittelbarkeit) und
2. Fokalisierung (= Perspektivierung) des Erzählens

Modus: Distanz
Henry James/Norman Friedman: showing vs. telling
Geht zurück auf Platon: mimesis vs. diegesis
➔ Beim Erzählen von Ereignissen gibt es immer eine gewisse Distanz, weil Ereignisse
im Gegensatz zu Figurenrede nicht sprachlich sind. Bei der Redewiedergabe ist
größere Nähe möglich, aber auch hier können Tonfall, Sprechgeschwindigkeit etc.
nur beschrieben werden (telling).
Modus: Distanz bei Redewiedergabe

Wiedergabe von Gedanken einer Figur Wiedergabe von Figurenrede Modus

Autonomer Innerer Monolog Autonome direkte Figurenrede


Autonom = ohne verba sentiendi (dachte er) Autonom = ohne verba dicendi (sagte er)
„Was ist mit mir geschehen?“ (Anführungszeichen optional) „Weißt du Grete, wir haben ein Nest in unserm
Garten …“ (Anführungszeichen optional)
Wenn Denken dabei in seiner Inkohärenz wiedergegeben wird: Zitierte Figurenrede/
Bewusstseinsstrom zitierter innerer Monolog
(dramatischer Modus)
Gedankenzitat Direkte Figurenrede
„Was ist mit mir geschehen?“, fragte er sich. „Weißt du Grete“, sagte er, „wir haben ein Nest in
unserm Garten …“
bei längerer Anwendung: Selbstgespräch
Erlebte „Rede“ Erlebte Rede
keine verba sentiendi, in 3. Person Sing. und Präteritum, aber sonst im keine verba dicendi, in 3. Person Sing. und
Wortlaut Präteritum, aber sonst im Wortlaut
Was war mit ihm geschehen? Sie hatten ein Nest in ihrem Garten.

Bei längerer konsequenter Anwendung: Erzählter Innerer Monolog Transponierte Figurenrede


Indirekte „Rede“ Indirekte Rede
Er fragte sich, was mit ihm geschehen war. Er erzählte Grete, dass sie ein Nest in ihrem
Garten hatten.

Bewusstseinsbericht Raffung
Er rätselte über seine Verwandlung. Er sprach mit Grete. Erzählte Figurenrede
(narrativer Modus)
Modus: Fokalisierung (= Perspektivierung)
Fokalisierung = Grad der Kopplung der Erzählung an die beschränkte Perspektive der
erlebenden Figur
→ Oft ändert sich die Fokalisierung im Textverlauf!
Nullfokalisierung = Der Erzähler weiß/sagt mehr, als irgendeine der Figuren
weiß/wahrnimmt
Interne Fokalisierung = Mitsicht, der Erzähler sagt nicht mehr, als die Figur weiß
feste int. Fok. = (fast) ohne Wechsel auf eine Figur fokalisiert
multiple int. Fok. = das vollständige Geschehen mehrmals aus Innenperspektiven
mehrerer Figuren erzählt
variable int. Fok. = das Geschehen einmal erzählt, im Verlauf Wechsel zwischen
mehreren Innenperspektiven
Externe Fokalisierung = Außensicht: Der Erzähler sagt weniger, als die Figur weiß.
Stanzel beschreibt typische Situationen, keine einzelnen Merkmale:
Auktoriale Erzählsituation = allwissend (nullfokalisiert); Mittelsmann zur fiktiven Welt
(heterodiegetisch), kommentierend/Geschehen organisierend, hauptsächlich berichtendes
Erzählen (narrativer Modus)
Ich-Erzählsituation = Erzähler ist Figur (homodiegetisch),
spricht in 1. Person Singular (interne Fokalisierung),
auch hauptsächlich berichtend (narrativer Modus)
Personale Erzählsituation = Innenperspektive einer Figur (interne Fokalisierung),
unvermittelt; es wird weniger erzählt als erlebt (szenischer Modus)

Stimme
= Frage danach, wer spricht, also nach dem Erzähler und seiner Erzählsituation, nicht
danach, wer sieht, also nicht mehr nach der Perspektive des Erzählens
4 Aspekte:
1. Zeitpunkt des Erzählens
2. Ort des Erzählens
3. Stellung des Erzählers zum erzählten Geschehen
4. Subjekt und Adressat des Erzählens

Stimme: Zeitpunkt des Erzählens


Früheres Erzählen = im Futur
Gleichzeitiges Erzählen = im Präsens
Späteres Erzählen = im epischen Präteritum
Episches Präteritum (Käte Hamburger) = Präteritum in Erzähltexten, das lediglich die
Nachträglichkeit des Erzählens markiert, ohne dass der Zeitpunkt des Erzählens bestimmbar
wäre; kann daher mit inkongruenten Zeitadverbien kombiniert werden: „Morgen war
Weihnachtsabend.“
Historisches Präsens = Späteres Erzählen im Präsens zur Erhöhung der Unmittelbarkeit:
„1450 erfindet Gutenberg den Buchdruck.“
Sonderform bei gleichzeitiger zeitdeckender Erzählgeschwindigkeit: szenisches
Präsens
Sonderfall eingeschobenes Erzählen = Neben dem späteren Erzählen gibt es Passagen
aus der gegenwärtigen Situation des Erzählers (Goethe: Die Leiden des jungen Werthers).
→ Wenn die Geschichte mit dem Ende des Erzählens an diese Gegenwart, von der aus
erzählt wird, anschließt, dann geht das spätere in gleichzeitiges Erzählen über (Daniel
Defoe: Robinson Crusoe).

Stimme: Ort (= Ebene) des Erzählens


metametameta …
metametadiegetisch
Binnenhandlung,
Erzähler einer
metadiegetisch Binnenerzählung
in der
Binnenerzählung
(Rahmen-)
Handlung,
(intra-)diegetisch
Erzähler einer
Binnenerzählung
Erzähler
der
extradiegetisch
(Rahmen-)
Erzählung

Der Erzähler der Rahmenerzählung ist extradiegetisch, weil er als Erzähler der Geschichte
die erzählte Welt erst hervorbringt, außerhalb von ihr steht („extra-“).

Eine Binnenerzählung wird von einer intradiegetischen Figur erzählt und eröffnet eine
metadiegetische Erzählebene.

Narrative Metalepse = Kurzschluss zwischen zwei Erzählebenen


Bsp.: Figuren sprechen über den Autor. Erzähler fordert Figur auf, die Handlung zu
unterbrechen. (Julio Cortázar: Continuidad de los Parques)
Mise en abyme = Extremform der Metalepse, bei der die Rahmen- und Binnenerzählung
sich paradoxerweise wechselseitig enthalten
Bsp.: Der Erzähler entdeckt eine Maschine, die literarische Texte produzieren kann. Der
Text, den sie produziert, beginnt exakt wie die Geschichte, die der Erzähler erzählt. (R. C.
Phelan: Something invented me)
Stimme: Stellung des Erzählers zum Geschehen
Homodiegetischer Erzähler = an erzähltem Geschehen beteiligt
Mögliche Formen nach Susan Sniadar Lanser:
unbeteiligter Beobachter
beteiligter Beobachter
Nebenfigur
eine der Hauptfiguren
Hauptfigur (= Genette: autodiegetischer Erzähler)
Heterodiegetischer Erzähler = nicht an erzähltem Geschehen beteiligt

Stimme: Subjekt und Adressat des Erzählens


Grad, in dem der Erzähler als Sprecher und Gestalter der Erzählung in den Vordergrund tritt
(durch Reflexionen, Sprünge, Ansprachen des Lesers) und ein Bild von ihm entsteht
Grad, in dem der Leser vom Erzähler angesprochen wird und dem Erzählen ein bestimmtes
Bild der Adressaten der Erzählung (ihrer Ansichten und Normen etc.) zugrunde liegt
→ Erzählstimme/narrative Instanz und narrativer Adressat sind bessere Begriffe als
„Erzähler“ und „Leser“, weil es sich bei beiden nicht um (bestimmte) Personen handeln
muss.

Literaturempfehlungen
Grundlegend:
Genette, Gérard: Die Erzählung. 3., durchges. u. überarb. Aufl. Paderborn 2010.
Jahn, Silke/Meister, Jan Christoph: Einführung in die Erzähltextanalyse. Stuttgart/Weimar
2008.
Martínez, Matías/Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. 10., überarb. Aufl.
München 2016.
Wenzel, Peter (Hg.): Einführung in die Erzähltextanalyse. Kategorien, Modelle, Probleme.
Trier 2004.
Weiterführend:
Huber, Martin/Schmid, Wolf (Hgg.): Grundthemen der Literaturwissenschaft: Erzählen.
Berlin/Boston 2018.
Martínez, Matías (Hg.): Handbuch Erzählliteratur. Theorie, Analyse, Geschichte. Stuttgart
2011.
Renner, Karl Nikolaus: Grenze und Ereignis: Weiterführende Überlegungen zum
Ereigniskonzept von J. M. Lotman. In: Frank, Gustav/Lukas, Wolfgang (Hgg.): Norm –
Grenze – Abweichung: Kultursemiotische Studien zu Literatur, Medien und Wirtschaft.
Passau 2004. S. 357-381.

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