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Selbstorganisation Pressearbeit Gegenöffentlichkeit 21

Autonomie Mediensystem Aktivismus Transparenz


Protest

#unibrennt und
die ­Pressearbeit 2.0
Neue Technologien in der Praxis
einer zivilgesellschaftlichen Bewegung

«Es ist absurd, aber: selbst der beste Press-Room, den Österreich je hatte, selbst die Audimax-Besetzer-
Zentrale glaubte erst an sich, als "unsere" Medien sie akzeptiert hatten.»
Martin Blumenau

Oktober 2009: Das Audimax der Universität Wien wird von Studierenden besetzt. #unibrennt,
eine neue soziale Bewegung, ist geboren und dominiert mit Attributen wie «beispielloser Einsatz
von Social Media» und «digitale Revolution» die Medien. Im September wird #unibrennt mit dem
Prix Ars Electronica 2010 in der Kategorie "Digital Communities" ausgezeichnet. Die #unibrennt-
Aktivist_innen setzen in ihrem Protest auf eine beispiellose Kombination aus modernen Kommuni-
kationstechnologien und klassischer Medienarbeit.
Um auf das große Medieninteresse ab dem ersten Tag der Besetzung reagieren zu können, organisier-
ten die Aktivist_innen eine Presseabteilung. Diese betreute nicht nur die Medienvertreter_innen vor
Ort, sondern auch alle anderen Kommunikationskanäle: Social Networks, Website, E-Mail-Account
und Pressehandy. Web 2.0-Tools wurden sowohl für die interne als auch die externe Kommunika-
tion genutzt.

Informationsfluss und Virtualität


In der nicht hierarchisch organisierten #unibrennt-Bewegung war die Aufrechterhaltung des Infor-
mationsflusses eine der größten Herausforderungen. Selbstverantwortlich handelnde Arbeitsgrup-
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pen gaben ihre Informationen großteils per E-Mail an die Presse AG weiter. Kontaktadressen von
Aktivist_innen, Arbeitsgruppen und Medienvertreter_innen wurden in Listen gesammelt und so-
wohl zur individuellen als auch massenhaften Verbreitung von Informationen genutzt. Anonymität
und Personenungebundenheit der E-Mail-Adressen von Arbeitsgruppen waren dabei von Vorteil, sie
führten vor allem in der Hochphase des Protests zu hoher Flexibilität und kurzen Reaktionszeiten in
der Mobilisierung . Manchmal war allerdings unklar, welche Adressen noch "ansprechbar" waren,
und wer tatsächlich erreicht wurde.
Vor allem zu Beginn der Besetzung unterstützte der Infotisch vor dem Audimax, den Informations-
fluss zwischen den verschiedenen Arbeitsgruppen. Dieses physisch existierende Informations- und
Kommunikationszentrum erleichterte auch den Einstieg neuer Aktivist_innen, da Menschen, die
sich engagieren wollten, hier persönliche Ansprechpartner_innen fanden. Am Ende der Besetzung
war das Fehlen eines solchen Verteilungspunkts deutlich spürbar.
Die beim Presseteam eingehenden Informationen wurden über E-Mail, Social Networks und Web-
site, Presseaussendungen und im persönlichen Kontakt mit Journalist_innen weiterverteilt. Um den
E-Mail-Verkehr zu erleichtern, halfen Adressenlisten #030 . Gruppiert nach Kontakttypen – zum
Beispiel Arbeitsgruppen und Journalist_innen – ermöglichen diese eine schnelle und gezielte Ver-
breitung von Informationen. Wenn Listen sehr groß werden ist es ratsam, sie in kleinere Portionen
(à 300 Einträge) zu unterteilen, da manche E-Mail-Provider über Spam-Filter verfügen, die bei zu
großen Massenmails den Account sperren.
In der Presse AG wurde der Freemail-Anbieter GMail genutzt. Die gesamte E-Mail-Kommunikati-
on wurde über einen, für alle Mitarbeiter_innen zugänglichen, Account abgewickelt. GMail bietet
nicht nur einen beinahe unbegrenzten Speicher, sondern auch einen Kalender, in dem Termine und
"Schichten" organisiert werden können, sowie eine Dokumentenverwaltung. In dieser können ohne
großen Aufwand wichtige Informationen wie To-do-Listen, Interview-Leitfäden und Ähnliches ge-
meinschaftlich bearbeitet und für alle zugänglich gemacht werden. Anbieter wie GMail sind von
jedem Computer mit Internetanschluss erreichbar, wodurch es relativ einfach möglich ist dezentral
zu arbeiten.

Der Press-Room der Audimax Besetzer_innen.


1. Einer der unzähligen Medienberichte zum besetzten Audimax und der Neuartigkeit der Protestform
von #unibrennt. 2. Ein Kamerateam des ORF-Fernsehens interviewte einen Aktivisten im Presseraum.
Die #uni­brennt-Bewegung stellte den Wünschen der Presse und Politik zum Trotz keine Pressesprecher_in
ins Rampenlicht. Interviews wurden immer wieder von verschiedenen Personen übernommen, die nie
als Sprecher_innen, sondern als Aktivist_innen der Bewegung antworteten. (Foto ©Martin Juen) 
3. Im «Prominentenzimmer», wie der Raum neben dem Audimax der Uni Wien heißt, arbeiteten die­
Presse AG, die AG internationale ­Vernetzung, die AG IT, AG Facebook, Fotograf_innen, die AG Doku usw.
­zusammen. (Foto ©sAgd)
fallbeispiele.sozialebewegungen.org/unibrennt
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Die Revolution der Social Networks


Das Angebot an Social Networks im Internet ist unüberschaubar, dominiert wird der Markt aber
von einigen wenigen Produkten. Die Pressearbeit im Audimax konzentrierte sich auf die Giganten
des deutschsprachigen Raums. Österreichische Studierende sind vor allem in der Social Community
 Facebook #040 anzutreffen, die dortige #unibrennt-Seite hatte schnell rasende Zuwachsraten. Als
optimale Verbindung nach Deutschland entpuppte sich vor allem die Facebook-Konkurrenz Stu-
diVZ, die unter deutschen Studierenden sehr beliebt ist.
Große Aufmerksamkeit erregte #unibrennt auch durch den Einsatz von Twitter #060 . Zahlreiche
Aktivist_innen berichteten unabhängig voneinander von der Bewegung, und die Hashtags #090
#unibrennt, #unsereuni und #audimax dominierten die deutschsprachigen Twittercharts.
Das Potenzial von Social Networking-Portalen wie Facebook, StudiVZ und Twitter ist groß, und im
Netz finden sich dazu zahllose, bessere und schlechtere, Anleitungen. Einfacher ist es, jemanden zu
finden, der schon mit den Funktionen der verschiedenen Angebote vertraut ist. Die Wartung einer
erstellten Fanpage in Facebook und StudiVZ ist mit guten Internetkenntnissen dann kein Problem
mehr. Erfolg in Twitter hängt vor allem von der Rezeption in der Twitter-Community und der
Reichweite der beteiligten User_innen ab.

#unibrennt auf Facebook


Die Facebook-Seite «Audimax-Besetzung in der Uni Wien – Die Uni brennt!» war
bald Diskussions- und Informationszentrum für über 30.000 Unterstützer_innen.
Regelmäßige Status-Updates zu Demonstrationen, Protestaktionen, Veranstaltun-
gen und vieles mehr, riefen ständig die Anliegen der Protestbewegung in Erinne-
rung. Die große Partizipation der Unterstützer_innen machte immer mehr Face-
book-User_innen auf #unibrennt aufmerksam.
Diese relativ aufwendige Facebook-Betreuung wurde in Hochzeiten von drei oder
mehr Aktivist_innen gleichzeitig durchgeführt. Bis zu fünf Aktivist_innen waren
als Administrator_innen eingetragen und konnten rund um die Uhr und von über-
all Updates veröffentlichen. Das System der Pinnwand in Facebook, auf der alle
User_innen Inhalte veröffentlichen können, verstärkte ebenfalls die Partizipation
und führte zu einem, oft sehr wichtigen, Rückfluss an Informationen aus der Be-
wegung in die Arbeitsgruppe Presse.
Ein wichtiger Aspekt der Audimax-Facebook-Seite war von Anfang an die Mög-
lichkeit der Interaktion zwischen Besetzungs-Befürworter_innen und "-Gegner_
innen", die im real besetzten Audimax nicht oft erfolgte. Studierende, welche
die Besetzung als Protestform ablehnten, suchten nur selten die Diskussion im
besetzten Raum selbst und hatten durch die Facebook-Präsenz der unibrennt-
Bewegung die Möglichkeit, ihre Kritikpunkte anzubringen oder auch einfach nur
offene Fragen zu diskutieren. Die Facebook-Administrator_innen hielten sich bei
Diskussionen bewusst im Hintergrund und schritten nur ein, wenn es zu Beleidi-
gungen oder sonstigen Verstößen gegen die Netiquette kam.
Viele "Fans" nutzten die Facebook-Seite zudem als niederschwelligen Zugang zur
Auseinandersetzung mit dem Bildungsthema im Allgemeinen und den Möglichkei-
ten des Protests.
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Im Audimax war Twitter vor allem Mittel, um Informationen schnell zu verbreiten sowie um die
deutschsprachige Blogosphäre zu erreichen. Die ersten Meldungen von Demonstrationen oder an-
deren Protestaktionen waren meist auf Twitter zu finden, weshalb das Portal fast ständig im Auge
behalten wurde. Die Reichweite einer Seite in einem Social Network hängt von der Einbeziehung
der "Fans" ab. Je mehr diese sich mit Kommentaren und Ähnlichem beteiligen, desto öfter scheint
die Seite auch bei deren "Freund_innen" auf. Eine gute Social Network-Präsenz ist immer aktuell
und fördert aktiv die Partizipation der "Fans".

unsereuni.at – Der virtuelle Infotisch


Neben dem physisch existierenden Infotisch vor dem Audimax in der Universität fungierte die Web-
site unibrennt.at als zentraler Informationsverteiler. Dort präsentierte sich die Bewegung selbst, ver-
öffentlicht Forderungen, Berichte und Fotos von Protestaktionen , Presseaussendungen und vieles
mehr. Hier sind die Links zu allen mit der Bewegung zu tun habenden Webseiten zu finden, zum
Wiki und den AG, zu unibrennt.tv , den Websites anderer brennender Unis und vieles mehr. Der
Einsatz des Content-Management-Systems Wordpress ermöglichte eine schnell zu erlernende War-
tung und eine optimale Vernetzung der Inhalte mit den Social Networks. Die Einschulung von neu-
en Aktivist_innen in allen verwendeten Kommunikationsmitteln dauerte in der Regel nicht länger
als eine halbe Stunde. Um eine funktionsfähige und flexible Website auf die Beine zu stellen, sind
Expert_innen unabdingbar. In den ersten Tagen von #unibrennt wurde durch die IT AG, einige Ak-
tivist_innen mit Programmierkenntnissen, Tag und Nacht daran gearbeitet, eine Infrastruktur und
Plattform der Größenordnung aufzubauen, wie sie sonst von Professionisten über die Entwicklungs-
zeit eines guten halben Jahres entwickelt würden. In der Bewegung mit der Beteiligung vieler junger
Studierender stellte das Erweitern der Funktionalität der unsereuni.at-Plattform kein Problem dar.

Neue Medien und traditionelles Pressehandwerk


Eigene Onlinekanäle bieten ein Portal für die Öffentlichkeit und schaffen neben dem Informations-
austausch auch eine Unabhängigkeit und Gegenöffentlichkeit zu traditionellen Medien wie Fernse-
hen, Hörfunk oder den Printmedien. Doch um eine möglichst große Zielgruppe und Öffentlichkeit
zu erreichen, darf auch die traditionelle Pressearbeit nicht vernachlässigt werden. Journalist_innen
stehen meist unter Zeitdruck und in Zeiten der Onlineberichterstattung sind sie auf schnelle und
aktuelle Informationen angewiesen. Ständige, persönliche Erreichbarkeit ist eine wichtige Voraus-
setzung, wenn man im Mediengeschehen eine Rolle spielen möchte. Ab dem ersten Tag wurde das
Pressehandy zum ständigen Begleiter der Studierenden der Presse AG, um für Medienvertreter_in-
nen jederzeit schnell und unkompliziert erreichbar zu sein.
Bei großen sozialen Bewegungen ist es unmöglich, stets über jeden Schritt der Akteur_innen und
jedes Einzelereignis informiert zu sein. Die Studierenden in der Presseabteilung standen immer
­wieder vor der Herausforderung, Fragen beantworten zu müssen ohne alle Details zu kennen. Auch
aufgrund der basisdemokratischen Organisation konnten manche Fragen einfach nicht konkret
­beantwortet werden, da Entscheidungen noch ausstanden. Auch Journalist_innen sind sich bewusst,
dass es in solchen Bewegungen ohne Führungsriege unmöglich ist, jederzeit über alles informiert zu
sein. Besorge dir intern die notwendigen Informationen und ruf den/die Journalist_in zurück – das
ist gängige Praxis und kein Grund verunsichert zu sein. Von einer guten Beziehung zwischen Pres-
seabteilung und Journalist_innen profitieren beide Seiten. Dennoch sollte nicht vergessen werden,
fallbeispiele.sozialebewegungen.org/unibrennt
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in Gesprächen die offiziellen von den inoffiziellen Informationen zu trennen – so können Missver-
ständnisse vermieden werden.

Die Bewegung liefert die Bilder und verwaltet das eigene Archiv.
1. Mit «unibrennt.tv» hat die Bewegung einen eigenen TV-Kanal und das Archiv über selbst produzierte
Info-Sendungen, Dokumentation von Aktionen, Berichte von Demonstrationen. Jede und jeder kann Videos
hochladen.  2. Ob die Unileitung zu Gast war, das Plenum lief oder Jean Ziegler eine Rede im Audimax
hält, die Bewegung streamte live ins World Wide Web und zeichnete alles selbst auf.  3. Der eigene flickr-
Account von #unibrennt kam in den Besetzungmonaten auf Hunderttausende Aufrufe. Er wurde und wird
von mehreren Fotograf_innen befüllt und bot und bietet Fotoalben zu Besetzungen, Demos und Aktivitäten
in diversen Universitätsstädten.

Informationen schnell in die Medien gebracht


Mit Presseaussendungen kannst du den Medien Neuigkeiten und Ankündigungen mitteilen. Bei
gut geschriebenen Aussendungen mit einem hohen Nachrichtenwert steigen die Chancen, dass sie
für die Berichterstattung übernommen und (online) schnell veröffentlicht werden. Auch Presseaus-
sendungen werden heute per E-Mail versandt und zwar direkt als Mailtext, denn das erspart das
Öffnen des Anhangs, und die Gefahr im Spamfilter zu landen wird verringert. Im Betreff sollten die
versendende Organisation und ein aussagekräftiger Titel stehen.
«#unibrennt: BesetzerInnen bieten Umzug ins Parlament an.» (Beispiel einer Betreffzeile, so versandt
am 8.12.2009
Journalist_innen bekommen jeden Tag unzählige E-Mails: Je aussagekräftiger der Titel, umso grö-
ßer die Wahrscheinlichkeit, dass der/die betreffende Journalist_in die Nachricht auch liest. Beim
Versenden von E-Mails an größere Verteiler sollten die Adressen stets als BCC versandt werden.
Erfolgreiche Pressearbeit beinhaltet eine Kombination von Web 2.0 und klassischen PR-Mitteln. So
wird eine große Öffentlichkeit erreicht. Presseaussendungen wurden meist von zwei bis drei Mitglie-
dern der Presse AG geschrieben. Dies ist zwar unüblich, aber basisdemokratische soziale Bewegun-
gen, in denen es keine verantwortlichen Führungspositionen und keine offiziellen Sprecher_innen
gibt, sollten als Sonderfall behandelt w­ erden. Räumliche Trennung war hierbei kein Problem, da
Onlineanbieter wie Piratenpad ein gemeinsames Arbeiten an einem Text problemlos ermöglichen:
So können mehrere Personen gleichzeitig ein Dokument bearbeiten und jede_r hat zeitgleich die
Vorschläge der anderen und die aktuelle Version vor sich. War dies zeitlich nicht möglich, wurde
ein aufgesetzter Textvorschlag per E-Mail an andere Mitglieder der Presse AG versandt und um
Verbesserungsvorschläge gebeten. War die Presseaussendung versandt, galt es die Medienreaktionen
abzuwarten. Eine Evaluierung der Pressearbeit ist essenziell, um sie verbessern und anpassen zu
können. Täglich wurde ein Medienspiegel zusammengestellt, welcher die Online-Berichterstattung
in Zeitungen und Weblogs beinhaltete. Um schnell auf Aussagen politischer Akteur_innen reagieren
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zu können, wurden die Medien und OTS-Meldungen stets im Auge behalten. Das Zusammenstel-
len des Medienspiegels diente nicht nur der Evaluation, sondern war auch ein wichtiger Beitrag zur
Archivierung und chronologischen Nachvollziehbarkeit der Ereignisse.

Kooperationen mit Fotograf_innen und Videojournalist_innen


#unibrennt arbeitet bis heute mit professionellen Fotograf_innen und Videojournalist_innen zu-
sammen. Sie hatten während der Besetzung uneingeschränkte Film- und Fotografiemöglichkeiten
innerhalb der Bewegung, wir durften im Gegenzug kostenlos ihre Werke nutzen. Die Fotos wurden
auf Flickr #080 , die Videos auf YouTube #070 veröffentlicht.
Von einer guten Zusammenarbeit mit Fotograf_innen und Filmemacher_innen können beide Sei-
ten profitieren: Bei Anfragen von Journalist_innen nach Fotos und Videomaterial muss immer auf
die Urheberrechte verwiesen und das Copyright beachtet werden. Einen direkten Kontakt zu den
Urheber_innen herzustellen ist empfehle nswert.

Das Plenum im Live-Stream


Eine der großen und schnell bekannt gewordenen Neuheiten der #unibrennt-Bewe-
gung war die Übertragung aller wichtigen Ereignisse ins Internet via Live-Stream
#110 . Dies begann bei den Plena und ermöglichte Tausenden Unterstützer_innen,
die nicht physisch vor Ort sein konnten, die Diskussionen und Entscheidungen zu-
mindest live mitzuverfolgen. Bald war der dieser neu gesetzte Standard der Live-
Übertragung ständiger Begleiter. Übertragen wurde bei Konzerten und Diskussi-
onsveranstaltungen, bei Demonstrationen und von Protestaktionen. Live-Stream
Kanäle gab es nicht nur aus dem Audimax sondern oft mehrere nebeneinander
von verschiedenen Schauplätzen. Diese beinahe lückenlose Öffentlichkeit der Be-
wegung war nicht von allen Aktivist_innen gern gesehen und führte immer wieder
zu hitzigen Diskussionen. Regelmäßig setzte sich dabei aber die Meinung durch,
dass ein authentischer und autonomer Zugang zu Öffentlichkeit für #unibrennt
von essenzieller Bedeutung war. Auch die im Lauf der Zeit schwindende Betei-
ligung an den Plena wurde von manchen auf die Übertragungen zurückgeführt,
schließlich konnte man alles auch bequem von zu Hause, weit ab von der Stadt
und auch aus dem Ausland aus verfolgen.
Trotz aller Kritik verbreitete sich das Phänomen des Live-Streams über die Be-
wegung #unibrennt hinaus. Die Aktivist_innen der #unibrennt-Bewegungen setz-
ten einen Live-Stream beim ministeriellen Hochschuldialog durch. Dieser einmal
eta­blierte Standard für Transparenz etablierte sich sowohl bei den Hörsaalbeset-
zungen im ganzen deutschsprachigen Raum als auch bei Demonstrationen und
­Aktionen. Und auch viele andere "offizielle" Veranstaltungen wie die «Armuts­
konferenz» ­werden heute live im Internet übertragen.

Interne Organisation und Kommunikation


Auch eine basisdemokratische Bewegung braucht Menschen, die sich dafür verantwortlich fühlen,
dass die offiziellen Kanäle genutzt und mit Informationen versorgt werden. In der #unibrennt Pres-
seabteilung wurde dies durch ein Koordinations-Team sichergestellt, das stets den Überblick be-
fallbeispiele.sozialebewegungen.org/unibrennt
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hielt. Ein (wechselndes) Koordinations-Team ist von Vorteil und stellt einen internen reibungslosen
Ablauf sicher. So wird keine Aufgabe vergessen und die Öffentlichkeit optimal informiert. Um die
wichtigsten internen Informationen austauschen zu können, fanden regelmäßige Meetings statt,
die telefonische Erreichbarkeit der einzelnen Presse AG-Mitglieder ermöglichte eine schnelle und
zuverlässige Kommunikation.
Besondere Synergien entstehen, wo alte Methoden mit neuen Technologien verknüpft werden. Per-
sönliche Kommunikation bleibt zwar entscheidend für soziale Bewegungen, kann aber durch neue
Technologien wie die Internettelefonie kostenneutral über internationale Grenzen hinweg stattfin-
den. Programme wie Skype #404 unterstützen auch Videotelefonie und Konferenzschaltungen.
Einige der intensivsten Momente der #unibrennt-Bewegung waren Videokonferenzen zwischen
besetzten Hörsälen in verschiedenen Ländern. Je besser die Vernetzung zu anderen Organisatio-
nen oder Bewegungen war, desto einfacher war auch der Informationsaustausch. Ein gutes internes
Kommunikationsnetz war deshalb von entscheidender Bedeutung.

Präsenz & Transparenz im Web, Stärke ab der ersten Minute.


1. Tweets aus den ersten Tagen der Besetzung des Audimax. Über Twitter verlinkt und mit Mobiltele­
fonen aufgenommen, gelangten sofort erste das Geschehen dokumentierende Live-Streams und Fotos nach
­außen.  2. Wenige Minuten nach dem Beschluss, das Audimax besetzt zu halten, ging bereits die Facebook-
Seite der Besetzung online und wurde zu einem Kommunikationskanal der Bewegung.  3. Die provisorische
#unibrennt-Website der ersten Stunden, das «Freie Bildung» Blog. Noch in den ersten Tagen ging «unsereuni.
at» ans Netz und wurde binnen kurzer Zeit zu einer höchst gerankten Website.

Zusammenfassung
Es verwundert, dass der erfolgreiche Einsatz neuer Technologien die Öffentlichkeit und die bildungs-
politischen Verantwortungsträger_innen derart überraschte. #unibrennt war der erste große Protest
einer Studierendengeneration, für die das Internet allgegenwärtig ist und diverse Web 2.0-Tools
alltägliche Kommunikationsmittel sind. Studieren ist ohne E-Mail und E-Learning-Plattformen,
Facebook und Twitter nicht mehr vorstellbar. Jede Generation bedient sich der Mittel, mit denen sie
aufgewachsen ist, und so setzten junge Studierende auch im Protest stark auf neue Kommunikati-
onstechnologien. Die Aktivist_innen von #unibrennt waren aber stets bemüht, neue Technologien
mit bewährter klassischer Pressearbeit zu verbinden.
Facebook, Twitter, GMail und andere können die Arbeit zivilgesellschaftlicher Bewegungen erleich-
tern und ihre Reichweiten beträchtlich erhöhen. Kundige Aktivist_innen sind in der heutigen Zeit
einfach zu finden. Bei aller Begeisterung für neue Technologien sollte aber die klassische Pressearbeit
nicht vergessen und der Wert persönlicher Kommunikation nicht unterschätzt werden.
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Verschiedene E-Mailverteiler, sortiert nach Themen/Ressorts ermöglichen eine zielgerichtete


Arbeit. Haltet die Verteiler aktuell, versucht sie zu erweitern, tragt aber auch Personen aus,
die keine E-Mails mehr bekommen wollen.
E-Mails an mehrere Empfänger als BCC verschicken.
Eine enge und funktionierende Vernetzung ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Arbeit,
sowohl im Team und zwischen Aktivist_innen als auch mit Journalist_innen.
Lade Fotograf_innen zu Aktionen ein, haltet sie mit Ankündigungen am Laufenden und stellt
ihnen nach Möglichkeit vor Ort Internetzugang, Speicher- und Bearbeitungsmöglichkeiten
für ihr Material zur Verfügung. Von einer guten Beziehung mit Fotograf_innen profitieren alle
Seiten.

Virtuelle und Online-Kommunikation nach innen und außen reicht nicht aus:
Persönliche Kontakte und Zusammenarbeit sind wichtig.
Interne Informationen werden nicht nach außen gegeben. Offenheit und Ehrlichkeit
fördern das Vertrauen zu Journalist_innen, noch wichtiger ist aber, dass innerhalb der Gruppe
der Aktivist_innen vertrauenswürdige Kommunikation gesichert ist.
Urheber- und Persönlichkeitsrechte bei Film- und Fotomaterial sind nicht auf die leichte
­Schulter zu nehmen.

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Selbstverwaltung, Audimaxbesetzung, Studierendeproteste, Social Media, arsbrennt, Ars Electronica

Kommentare

Besetzerin_aus_Innsbruck sagt: sowimax.at


Starke Aussage, wie war die gemeint? Wann bzw. wo soll Martin Blumenau denn
das ­gesagt haben? Ich meine das Eingangszitat ...

Infopoint Audimax sagt: twitter.com/infopointaudim


ihi @Besetzerin_aus_Innsbruck:
Blumenau hielt bei den Sommergespräche 2010 in der Waldviertel-­
Akademie in Weitra einen Vortrag. Eigentlich ging's gar nicht um #uni­
brennt, sondern um das Jungsein allgemein, Diskursverweigerung und
mit was man sich heutzutage so rumschlagen muss. Interessant zu
­lesen: http://fm4.orf.at/stories/1662943

Rector Karl Hermann des ISTA sagt: ista.co.at


Der Prix Ars Electronica wird schon seit Mitte der 80er in Linz verliehen. Es ist einer
der weltweit wichtigsten Preise für Technologie und Kunst. Die Kategorie “Digital
Communities” wird erst seit 2004 vergeben, damals mit dem würdigen Gewinner
“wikipedia”.
fallbeispiele.sozialebewegungen.org/unibrennt
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Bemerkenswert ist, dass jetzt mit #unibrennt eine soziale Bewegung, nichts ande-
res als ein chaotisches politisches Ereignis ausgezeichnet wurde. Aber naja.

Coppelius sagt: twitter.com/coppelius


Rhizomorph war dabei und hat gebloggt: rhizomorph.wordpress.com/
arsbrennt/
… ich sag nur eins: arsbrennt ;-)

Kossma sagt: twitter.com/kossma


Die Bilder von den Tweets und Facebook Einträgen der ersten Stunden sind ja
nett!! Im Text nicht erwähnt, aber es gibt eine interessante Analyse von Gerald Bäck
und Max Kossatz zum Phänomen #unibrennt auf Twitter: bit.ly/unibrennttwittert
Allein in den ersten vier Wochen gab es 66.379 Tweets zum Thema - und da war die
Audimaxbesetzung in Wien noch lange nicht beendet. In der ersten Besetzungs-
woche waren übrigens #unibrennt, #unsereuni und #audimax in den Top 5 der ge-
twitterten Hashtags. Und was die Facebook-Seite «Audimax-Besetzung» betrifft,
da darf nicht vergessen werde, dass zusätzlich zur der ersten und wirklich inner-
halb kürzester Zeit sehr wichtigen Kommunikations-Plattform noch eine Vielzahl
weiterer Facebook-Seiten eingerichtet wurden, für Unis in Österreich, Deutschland
und der Schweiz.