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Ostalgie in Mosambik

Erinnerungen ehemaliger mosambikanischer VertragsarbeiterInnen in der DDR


Von Marcia C. Schenck

Mehr als 21.000 MosambikanerInnen


kamen bis 1989 in die DDR. Die meisten
kehrten zurück, doch längst nicht alle
wurden wieder heimisch in Mosambik.
Als Magermanes träumen sie von
besseren Tagen in der DDR. Nicht
wenige von ihnen werden derweil von
den Magermanitos gesucht.

Juma Madeira ist der geborene Geschich-


tenerzähler und ein Zeitreisender der ganz
besonderen Sorte. Aufgewachsen in einer
muslimischen Bauernfamilie in Nampula
im Norden Mosambiks bewarb er sich 1981
für das Arbeits- und Ausbildungspro-
gramm in der DDR und arbeitete bis 1989
als Vertragsarbeiter beim VEB Motorrad-
werk Zschopau.
Er verließ Mosambik mit achtzehn Jah-
ren, als »kleiner Junge der bis dahin weder
Alkohol getrunken, geraucht oder mit
einer Frau geschlafen hatte«, und kam als

Foto: privat
Familienvater mit acht Jahren Arbeitser-
fahrung als Schweißer und Dreher zurück.
Nach vielen Jahren als Verkäufer, Wach- Jung und verwegen: Für Juma Madeira waren die Jahre in Zschopau »die beste Zeit« seines Lebens
mann und Händler in Mosambik macht
Senhor Madeira heute den »Kampf« der der DDR«, das einen vierjährigen Arbeits- Reisten 1979 479 Arbeiter ein, waren es
Magermanes, wie die aus der DDR zurück- und Ausbildungsaufenthalt junger Mo- 1988 bereits 6.464. Insgesamt wurden circa
gekehrten mosambikanischen Vertragsar- sambikanerInnen regelte. Die BewerberIn- 21.600 Verträge unterzeichnet. Mit der stei-
beiterInnen im Volksmund genannt wer- nen mussten einen Abschluss der vierten genden Zahl der ArbeiterInnen litt die
den, zu seinem Lebensinhalt. 1 Klasse vorweisen, zwischen 18 und 25 Jahre Qualität des Programms, da die Kontrolle
Als Schatzmeister des Vereins der aus alt sein, und vor allem physisch geeignet. der Ausbildungskomponenten zuneh-
Deutschland zurückgekehrten ehemaligen Das mosambikanische Arbeitsministe- mend schwieriger wurde. Die ersten Arbei-
Vertragsarbeiter ATMA (Associação dos rium organisierte die Ab- und Einreise, tergruppen genossen neben dem Arbeits-
antigos Trabalhadores Regressados da und bereits am Flughafen wurden die einsatz noch eine gute Ausbildung, eine
Alemanha) hilft er Demonstrationen zu or- Gruppen in die wartenden Busse verschie- Tendenz, die zum Ende hin abnahm.
ganisieren und im seit vielen Jahren von dener Betriebe verteilt. Der Bürgerkrieg in Mosambik brachte
den Arbeitern besetzten Park »Jardim 28 de Der Vertrag regelte, dass die mosambi- die Wiedereingliederungspläne der Rück-
Maio«, besser bekannt als »Jardim dos Ma- kanischen ArbeiterInnen vor allem in sol- kehrer auf dem heimischen Arbeitsmarkt
germans«, eine Art soziale Anlaufstelle für chen Bereichen angelernt werden sollten, zum Entgleisen. Die geplanten Großpro-
marginalisierte Kollegen zu bilden. Der die die mosambikanisch-ostdeutsche wirt- jekte konnten nicht mehr realisiert wer-
Park ist heute der sichtbarste Ort der ehe- schaftliche Zusammenarbeit unterstütz- den, vorhandene Industrien gerieten in
maligen Vertragsarbeiter, die nach der ten. Hier ging es vor allem um Braunkoh- Schwierigkeiten. Nicht wenige Arbeiter
Rückkehr im ganzen Land verstreut leben. lebergbau (Tagebau), Kupferbergbau (Ver- entschieden sich, angesichts der schwieri-
Sie leben zum Teil ganz in ihren Erinne- arbeitung), Textilindustrie, Landwirtschaft gen Lage ein weiteres Mal in die DDR zu-
rungen und erhalten so ein Stück DDR-Ge- und Herstellung von Lastkraftwagen. rückzukehren – auch um dem Militär-
schichte im fernen Mosambik lebendig. Die Leitidee des Programms war das dienst zu entgehen.
beiderseitige Interesse, eine Mischung aus Nicht jeder bewältigte psychisch die
wirtschaftlicher Zusammenarbeit und So- Rückkehr ins Heimatland. Besonders zu
Mosambikanische Werktätige
lidaritätsgedanken. Auf mosambikani- leiden hatte, wer aus ländlichen Gebieten
in DDR-Betrieben
scher Seite dominierte das Interesse an kam, die vom Krieg direkt betroffen waren,
Am 24. Februar 1979 unterzeichneten Mar- Ausbildungsmöglichkeiten, die der natio- und anschließend in die Perspektivlosig-
celino dos Santos, der damalige mosambi- nale Arbeitsmarkt kaum bot. Die DDR be- keit dieser Gebiete entlassen wurde. Aber
kanische Planungs- und Entwicklungsmi- nötigte in den 1980er Jahren dringend Ar- auch die in die relative Sicherheit der gro-
nister, und Günter Mittag, ZK-Sekretär für beitskräfte. Die Einreisezahlen mosambi- ßen Städte zurückkehrenden ArbeiterIn-
Wirtschaft, ein »Abkommen über die zeit- kanischer Arbeiter stiegen, und damit auch nen hatten es nicht einfach.
weilige Beschäftigung mosambikanischer ihr Beitrag zum Schuldenabbau ihres Lan- Sie erwarteten von ihrer Regierung in
Werktätiger in sozialistischen Betrieben des. 2 relevanten Arbeitsverhältnissen platziert zu

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Foto: Marcia C. Schenck


Frust im »Jardim dos Magermans«: Viele RückkehrerInnen haben bis heute einen Teil der Löhne und
Sozialleistungen ihrer Arbeit in der DDR nicht ausbezahlt bekommen

werden, stattdessen mussten sie sich in die Arbeiter hinterließen auch ihre Spuren
einer freien Marktwirtschaft zurechtfinden. in der DDR. So wächst in Deutschland eine
Der typische Rückkehrer arbeitet als Taxi- neue Generation von »Magermanitos«
fahrer oder im Sicherheitsdienst. Einige heran, wie die Kinder der ehemaligen Ver-
müssen sich als ambulante Verkäufer oder tragsarbeiter liebevoll genannt werden.
Putzfrauen durschlagen, andere haben Fest- Wie viele es genau sind, ist ungewiss. Peter
anstellungen im Transportwesen, in Häfen Steudtner, der sich bei Reencontro Familiar
oder in Regierungsinstitutionen. engagiert, schätzt ihre Zahl auf zwischen
Die ehemaligen Vertragsarbeiter spü- 2.500 und 5.000.
ren die Auswirkungen des Abkommens auf Reencontro Familiar hilft dabei, die
ihr Leben bis heute. Sie haben sich in ver- Verbindung zwischen den in Deutschland
schiedenen Organisationen zusammenge- lebenden Kindern und ihren nach Mosam-
schlossen, um von der Frelimo-Regierung bik zurückgekehrten Vätern wieder herzu-
die Auszahlung von damals einbehaltenen stellen. 4 In den ersten Monaten des Jahres
Lohnanteilen und Sozialleistungen zu for- 2015 konnten bereits vier Familien wieder
dern. Intrigen und Korruptionsanschuldi- zusammengeführt werden, insgesamt sind
gungen führen jedoch dazu, dass die Füh- es nun etwa 20 Fälle. Reencontro arbeitet
rungseliten dieser Organisationen ausge- ausschließlich mit ehrenamtlich engagier-
wechselt werden oder neue regionale Or- ten deutschen und mosambikanischen
ganisationen entstehen. ATMA zählt heute Kontaktpersonen.
die meisten Mitglieder und organisiert die Für Manuel Siegert ging ein Kindheits-
Demonstrationen, die mittlerweile nur wunsch in Erfüllung, als er seinen Vater
noch unregelmäßig durch Maputos Innen- kennenlernte. »Es bedeutet mir sehr viel.
stadt führen und Geldauszahlungen for- Ich habe mich neu kennengelernt«, er-
dern. Es gab bereits verschiedene intrans- innert sich der Mitbegründer von Reen-
parente und unvollständige Auszahlungs- contro Familiar. Wie Manuel suchen viele
prozesse. 3 Für die mosambikanische und nach ihren mosambikanischen Wurzeln.
die deutsche Regierung ist das Thema offi- Auch die Nachfrage der Väter ist gut fün-
ziell Vergangenheit. fundzwanzig Jahre nach ihrer Rückkehr
sehr groß; während einer Recherche in Mo-
sambik konnte ich allein 70 neue Gesuche
Von Magermanes zu Magermanitos
registrieren. Viele tragen ein mittlerweile
Die DDR hat nicht nur in den Gedanken altes, zerflattertes Foto ihrer damaligen
der Arbeiter Spuren hinterlassen, sondern Babys im Portemonnaie.

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Die ArbeiterInnen wurden zum Spiel- sicher war. »Das Leben damals, das war ein des Landes verbreiteten Bantu-Sprache. Der Name ist
ball der geopolitischen Geschichte, sie er- Paradies für mich, die beste Zeit meines Le- in Mosambik vorwiegend negativ besetzt, da er vor
allem mit den mehr oder minder regelmäßigen wö-
lebten den Übergang von der portugiesi- bens«, erinnert sich Senhor Madeira, und chentlichen Demonstrationen einiger ehemaliger Arbei-
schen Kolonialzeit zur Unabhängigkeit als mit dieser Einschätzung trifft er den Nerv ter durch die Innenstadt Maputos in Verbindung steht.
Jugendliche, bauten den Sozialismus in vieler Kollegen. Manche beschweren sich Die Remigranten gelten als unbequeme Aufwiegler und
Mosambik mit auf, erlebten ihn in der DDR über die Arbeitsverhältnisse, immer wie- überhebliche Unruhestifter, die nicht bereit sind, sich
wieder in die mosambikanische Gesellschaft einzufin-
und kehrten mit dem Ende des Sozia- der wird von Alltagsrassismen erzählt. Für den.
lismus in ein grundlegend verändertes viele war die Angst vor rassistischen Über- 2 Eine sehr gute Übersicht gibt Hans-Joachim Döring:

Mosambik zurück. Viele haben sich nie so fällen nach der Wende eines der Haupt- »Es geht um unsere Existenz«. Die Politik der DDR
recht von all den Anpassungen erholt und rückkehrargumente. gegenüber der Dritten Welt am Beispiel von Mosambik
und Äthiopien, Berlin 1999, S. 230-238.
stehen nun am Rande der Gesellschaft. Bei weitem überwiegen jedoch die po- 3 In den Medien kursieren viele falsche Angaben über
sitiven Erfahrungen, das Jungsein, die Auszahlungen und Forderungen. Fest steht nur, dass
Freundschaften, Reisen und Feiern. So wird der Prozess der Auszahlung der einbehaltenen Lohnan-
Ein Paradies der Vergangenheit teile und Sozialversicherungsbeiträge von der mosam-
ein nostalgischer Traum der DDR weiter
bikanischen Regierung an die ehemaligen Arbeiter
Geblieben sind ihnen von ihren glorrei- geträumt in Mosambik. »Ich würde sofort intransparent war und ist, und von vielen Missverständ-
chen Tagen als Avantgarde der sozialisti- zurückkehren nach Deutschland, wenn ich nissen auf beiden Seiten gekennzeichnet.
4 Informationen über die Arbeit von Reencontro Fami-
schen Arbeiter ihres Heimatlandes nur die könnte. Aber wie soll ich mir jemals das
liar bietet der Blog www.reencontrofamiliar.wordpress.
Erinnerungen. Schwärmerische Erinne- Flugticket leisten?«, fragt Juma Madeira
com sowie auch eine Facebook Gruppe. Hier werden
rungen an eine DDR, in der Milch und und lässt seinen Blick sehnsüchtig einem auch regelmäßig Gesuche gepostet und über den Fort-
Honig flossen: ein Leben im Überfluss, die über uns gen Europa fliegenden Flugzeug schritt der laufenden Suchen informiert.
neueste Mode aus den Westläden, billiger folgen. So bleibt sein Paradies für immer
Alkohol, Musik, Disko, und jede Menge Wo- gefangen in der Vorstellung, verankert in Marcia C. Schenck ist Doktorandin
der Geschichte an der Princeton
chenendreisen, um andere Mosambikane- der Vergangenheit. 
Universität in den USA, wo sie an
rInnen in der ganzen DDR zu besuchen. 1 Das Wort Magerman setzt sich aus der Vorsilbe Ma einer Dissertation über die ehema-
Foto: privat

Dazu kam, dass das Leben in der DDR, und dem Nomen German zusammen. Es bedeutet so ligen Vertragsarbeiter aus Angola
fern vom mosambikanischen Bürgerkrieg, viel wie »die Deutschen« in Shangaan, einer im Süden und Mosambik schreibt.

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