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Dr.

Wolfhard Margies

Heilung seelischer Krankheiten


Der Weg zu einer neuen Psychiatrie unter
konsequentem Rückgriff auf das biblische
Menschenbild

Aufbruch-Verlag

Heilung seelischer Krankheiten


Dr. Wolfhard Margies
© Copyright 2013, Aufbruch-Verlag der Gemeinde auf dem Weg
e.V.
Waidmannsluster Damm 7 c-e, 13507 Berlin

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Revidierte Elberfelder Bibel © 1985/1991/2006 SCM R.Brockhaus im
SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten

Satz: Aufbruch-Verlag

Coverbild: Jonathan Margies

ISBN: 978-3-926395-51-1 (E-Book)


ISBN: 978-3-926395-50-4 (lieferbare Buchausgabe)
Widmung
Nachdem ich über 25 Bücher veröffentlicht habe, die, wie es sich
gehört, dem Leser gewidmet waren, will ich dieses Buch meiner
lieben Frau Christa widmen, mit der ich in diesen Tagen 40 Jahre
verheiratet bin. Sie hat mich in den Jahren des gemeinsamen
Lebens und meiner Seelsorge-Tätigkeit immer wieder ermutigt,
meinen Dienst an seelisch Kranken fortzuentwickeln. Sie hat mit
wohlmeinender und konstruktiver Kritik meine Arbeit begleitet und
hat die Ergebnisse, wenn sie ihr solide und belastbar erschienen,
sofort in der Seelsorge in Einzel- und Gruppentherapie in der
Ortsgemeinde erfolgreich umgesetzt. Ich bin so dankbar für Ihre
Mitwirkung, ich bin stolz auf sie. Eine so prachtvolle Frau muss
zwangsläufig auch prachtvolle Kinder haben. Sie hat mir fünf
geschenkt, Kathrin, Jonathan, Christoph, Benjamin und Marianna.
Sie sind alle wunderbare Geschöpfe, alle unterschiedlich und sehr
originell, und sie alle dienen Gott. Sie sind eine einzige Freude und
Grund zur Dankbarkeit. Diesen Dank will ich damit ausdrücken, dass
ich auch ihnen dieses Buch widmen möchte.
Inhaltsverzeichnis

Teil 1
Ein kurzes kämpferisches Vorwort vor einer längeren
Einführung
Einführung

1 Einige unerlässliche erkenntnistheoretische Vorbemerkungen


2 Denk- und Arbeitsvoraussetzungen in Seelsorge und
Psychiatrie und ihre unauflösbaren Gegensätze
2.1 Die biblische Struktur des Menschen
2.2 Das Problem der menschlichen Freiheit und der Teleologie
2.3 Die Möglichkeit der Motivation im Rahmen von Psychotherapie
und Seelsorge
2.4 Autonomie und Selbstfindung
2.5 Gesundheit und definierte Ethik
2.6 Das Problem der Ursachen von Krankheiten
2.7 Das Problem des Bösen
2.8 An dir allein habe ich gesündigt
3 Kurz gefasste Dogmatik für die psychotherapeutische und
psychiatrische Anwendung

4 Die Entwicklung seelischer Krankheiten

5 Krankheits-Einladungen
6 Entwicklung seelischer Krankheiten in fünf Akten

7 Die Mechanik des Bösen und sein Weg in die Krankheit


8 Ein Kapitel Therapie

Teil 2
9 Symptomstrukturen bei neurotischen und psychiatrischen

Krankheitsbildern

10 Die Systematik seelischer Krankheiten


11 Die sogenannten Neurosen und verwandte

Charakterdeformationen
11.1 Hass und Aggression, Verwahrlosung, Moral Insanity,
Gehemmtheit
11.2 Zorn, Wut, Epilepsie, Todeskräfte
11.3 Verachtung, Ironie, Spott, Skepsis, Zynismus und Sarkasmus
11.4 Meidungsverhalten als Ursache und Ausdruck von seelischen
Störungen
11.5 Verweigerung, Lethargie und Passivität
11.6 Selbsterhöhung und Erlösung in Traumwelt und Phantasie
11.7 Flucht in Krankheit, Schwäche und Pflegebedürftigkeit
11.8 Perfektionismus, Gefühlslosigkeit, Intellektualismus,
Zwanghaftigkeit und Hingabestörungen
11.9 Angst, Furcht und Sorge
11.10 Psychosomatische Beschwerden
11.11 Sprunghaftigkeit, Launenhaftigkeit, Unberechenbarkeit
11.12 Liebesunfähigkeit, Beziehungsunfähigkeit,
Partnerschaftsprobleme
11.13 Menschenfurcht, Menschengefälligkeit, Missbrauch des
Sozialengagements, das Helfersyndrom, Overprotection
11.14 Zwanghaftes Lügen und Selbstgefälligkeit
11.15 Sexuelle Störungen, sexuelle Verführung, Perversion,
Drogensucht
11.16 Der Unfallmensch und das Todesprinzip in der Familie
11.17 Die Sucht
12 Selbsterlösung und neurotische Selbstinszenierung, die
egoistische und egozentrische Persönlichkeit in ihren
Erscheinungsformen

13 Die Psychosen in neuer Sicht


13.1 Das depressive Syndrom
13.2 Paranoia
13.3 Die Psychosen des schizophrenen Formenkreises
13.4 Zwangsstörungen
Teil 1
Ein kurzes kämpferisches Vorwort vor
einer längeren Einführung
Wo sind wir hingekommen, wir Christen! Wir haben einen
einzigartigen Herrn und Freund, der für uns sein Leben gelassen
und unsere Schuld, unsere Schmerzen, Pein und Ablehnung
übernommen hat. Ihm verdanken wir Errettung aus Sünde und ihrer
Folgen wie Strafe für Übertretungen, Sinnlosigkeit und Gottesferne.
Durch ihn wird uns Vergebung und Gerechtigkeit mit Frieden mit
Gott und mit uns selbst und unser Vergangenheit zu Teil. Er hat
unsere Schmerzen und seelischen Qualen auf sich genommen und
gab uns statt dessen ein lebenswertes Leben, das in die Ewigkeit
hineinreicht und sie schon heute vermittelt. Er ist der Gott der
Wunder, Heilungen und Befreiungen, der uns aus jeder
Gebundenheit befreien kann.

Das alles ist unser selbstverständliches Gut, aber wenn es darauf


ankommt, dass Christen von ihren seelischen Nöten und Störungen
geheilt werden wollen, dann pilgern sie in Scharen zu den
Psychotherapeuten und Psychiatern, weil angeblich nur sie über das
Fachwissen und die Einblicke in die Tiefen seelischer Verknotungen
und Krankheitshintergründe verfügen. Damit begeben sich unsere
Schwestern und Brüder in die Hände von Experten, die gewiss viel
Wissen über viele medizinische Fakten haben aber nicht wissen, wie
ihre christlichen Patienten ticken, wie sie leben und dass sie ganz
anders leben als sie selbst, ja dass sie ganz anders beschaffen sind
als sie selbst. Denn sie haben ja eine neue Geburt erlebt und haben
eine neue Lebensmitte bekommen, den Geist aus Gott, von dem sie,
die Therapeuten gar keine Kenntnis haben.

Diese Situation stellt einen einzigen Skandal dar. Gott hat seine
Gemeinde mit Gaben von Weisheit, Einsicht und Heilung
ausgestattet, durch die sie die Hintergründe geistlicher und
seelischer Störungen und Läsionen aufdecken können. Aber vor
allem hat er seinem Volk eine umfassende und strukturierte Lehre
über alle Details des Menschs-Seins, der Ursachen des Krank-
Werdens und der Wege zur Gesundung durch sein Wort gegeben.
Und doch lassen wir es zu und ermutigen unsere Kranken sogar, die
Quellen aufzusuchen, die diese heilsamen Einsichten nicht haben
oder diese Wahrheiten bekämpfen. Was für ein beschämender
Zustand, welche Paradoxie und was für ein Verrat eigentlich am
Evangelium!

Wir müssen aufstehen – ein wirklicher Aufstand ist angesagt –


und bekennen, dass wir selbst an dieser Situation schuld sind, weil
wir es versäumt haben, die vielfältigen und überragenden
Aufschlüsse über diese Zusammenhänge im Wort Gottes
herauszuarbeiten und in der praktischen Seelsorge, das ist unsere
Form der Psychotherapie, anzuwenden. Die Folge ist unsere
jämmerliche Inkompetenz in allen Fragen seelischer Krankheiten
und ihrer Heilung. Die Behandlung dieser Krankheiten gehört in
unsere Hände! Wenn die Seelsorger, die christlichen Therapeuten
und die Pastoren, die ihren Herrn kennen, unter Nutzung biblischer
Hilfen selbst gesund geworden sind, dann können sie auch die
Kranken aus unseren Reihen aus diesen Krankheiten heraus führen.
Also, wir kämpfen nicht gegen Ärzte, Therapeuten und Psychiater.
Sie sind unsere Freunde. Sie tun nur das, was ihre Denk- und
Glaubensansätze ihnen vorschreiben. Sie sind mit ihren
Grundsätzen angetreten und handeln diesen gemäß, und, was sie
mit unzulänglicher Ausstattung zu Stande bringen, ist
bewundernswert, wenn nicht gar heroisch.

Wir aber sind aufgerufen, gewissenhaft auf die biblischen


Wissenschaftsvorraussetzungen zu achten, was wir bislang sträflich
versäumt haben und was unser Handeln lähmte. Also muss der
Aufstand gegen unsere eigene Ignoranz gerichtet sein. Wir sind
schuldig, es war unsere Denkträgheit und unsere Angst, gegen den
Strom zu schwimmen und die Wahrheit des Evangeliums gegen die
Anschauungen unser Umwelt zu bekennen, die uns diese
Schwierigkeiten eingebrockt haben. Dieses Aufbegehren ist
überfällig, damit unsere Gemeinden ein Hort geistlicher, seelischer
und sozialer Gesundheit werden.
Einführung
Wie kann man nur ein Buch mit dem Untertitel: „Weg zu einer neuen
Psychiatrie“ schreiben? Das klingt doch reichlich vermessen. Als
Autor halte ich es aber nicht für vermessen, sondern nur für kühn. Es
ist nicht so sehr verwegen im Hinblick auf den steilen Titel, sondern
weil es inhaltlich tatsächlich ein neues Verständnis von seelischen
Krankheiten anbietet, also den Anspruch des Titels zu erfüllen sucht.
Natürlich weiß ich, was ich tue. Der Inhalt dieses Buches ist der
Niederschlag von über 35 Jahren Tätigkeit als Seelsorger, Arzt und
Psychotherapeut. Ich habe in dieser Zeit Erfahrungen gesammelt,
die nicht in den Lehrbüchern der klassischen Schule von
Psychotherapien oder der Psychiatrie beschrieben werden. Das hat
nicht zur Ursache, dass ich mich irgendwelchen exotischen oder
alternativen Ansätzen aus dem naturheilkundlichen oder
esoterischen Bereichen oder anderen spirituellen Quellen von
mystischen und meditativen Techniken und Einsichten ergeben habe
oder einer anderen ausgemachten Außenseiterschule folge. Der
Ansatz, dem ich folge, entstammt dem weisesten Buch der
Weltliteratur, der Bibel.

Weil dieses Buch in seiner immensen Spanne von Erklärungen


und Deutungen, von Hintergrundbeschreibungen und
Ursachenerhellungen aller möglichen Aspekte des menschlichen
Lebens und Leidens ein außerordentlich logisches Buch von
verblüffender Stringenz ist und weil es obendrein eine Offenbarung
auf höchstem ethischen Niveau darstellt, in der Gott selbst zu uns
redet, weil ich mich ständig auf diese Quelle beziehe, ist dieses
Buch, das Sie in der Hand halten, nur noch ein kühnes Buch,
keineswegs ein tollkühnes.

Gleichwohl bleibt es für manchen Leser eine Zumutung. Diese


liegt einfach in der Kollision der Weltanschauungen begründet, die
sich durch Ihre vorgegebene Weltsicht, verehrter Leser, ergibt und
die sich dann wahrscheinlich ständig mit der weltanschaulichen Sicht
reibt, die die Heilige Schrift beschreibt. Die Aufschlüsse der Heiligen
Schrift zu dem Thema psychische Krankheiten sind so
außerordentlich bereichernd und überzeugend, also nicht nur anders
als die bisherigen Anschauungen, sie sind so erfrischend
unterschiedlich und doch auch so plausibel, dass sie einfach nach
Beachtung und Untersuchung und schließlich auch nach
Anwendung in der Heilkunst rufen.

Das hängt einfach mit der Qualität des Wortes Gottes als
verlässliche Quelle für manche unerkannte und hintergründige Kräfte
zusammen, die Erklärungen und Lösungen von Phänomenen
anbieten - die Rede ist von vielen psychopathologischen Fakten und
Rätseln -, für die wir sonst keine überzeugenden Deutungen haben
oder nur Erklärungsmodelle, die doch nicht befriedigen.

Wenn wir also der Heiligen Schrift ganz neue Angebote des
Verständnisses von seelischen Krankheiten verdanken, allerdings
auf dem Boden von präzisen Grundwahrheiten, die ihrerseits auf
letzten vernünftigen Axiomen aufruhen, und wenn die Verzahnung
dieser Werte und Wahrheiten lückenlos und sprungfrei ist, wenn sich
also Offenbarung und Vernunft spannungsfrei und dauerhaft
verbinden, dann gibt es viel Grund, diese Quelle für alles
wissenschaftliche Suchen und Arbeiten in Betracht zu ziehen.

Aber ich will mit offenen Karten spielen. Trotz aller meiner
Beteuerungen, dass diese Quelle, aus der ich schöpfe, rein und klar
ist, das Problem für den Leser bleibt. Er kann unmöglich den
einzelnen Schritten der Entfaltung einer neuen Sicht von
Psychotherapie und Psychiatrie folgen, wenn er die Denk- und
Wertevoraussetzungen der Bibel nicht akzeptiert. Wenn Sie also,
geschätzter Leser, Ihrem Weltbild treu bleiben wollen, werden sie
sich sehr bald, vielleicht schon nach wenigen Zeilen, von der Lektüre
dieses Buches verabschieden müssen. Aber vielleicht könnten sie
dann doch noch die erkenntnistheoretischen Vorbemerkungen lesen,
damit sie dann umso genauer wissen, weswegen Sie sich von
diesem Buch distanzieren oder um dann vielleicht doch
anschließend von heilsamen Zweifeln heimgesucht zu werden und
dann erneut nach dieser Zumutung greifen.

Zum geistigen Standpunkt, den ich einnehme, ist zu sagen, dass


ich mich weitgehend einem wörtlichen Verständnis der Bibel
verpflichtet sehe. Die Theologie, die auf mitteleuropäischen und zum
Teil auch auf nordamerikanischen theologischen Fakultäten gelehrt
wird, die also im weitesten Sinne eine liberale Theologie ist, die die
Inhalte der Schrift umdeutet, entmythologisiert, wie sie es nennt, und
durch neue Interpretationen im Sinne des Weltverständnisses des
modernen, aufgeklärten Menschen ersetzt, also die Schriftaussagen
lediglich als Anknüpfungspunkt für beliebige eigene Deutungen und
Programme nutzt, diese Art von Theologie ist nicht der
Ausgangspunkt für die neue Psychiatrie. Sie kann es auch nicht
sein, denn im Umfeld solcher Theologien, von denen es eine
beachtliche Zahl mit unterschiedlichen Formen und Ausmaß von
Liberalität gibt, sind keine Einsichten mehr für Psychotherapie und
Psychiatrie zu erwarten. In ihnen sind alle Elemente des
Übernatürlichen abwesend, angefangen von der Leugnung der
Existenz eines persönlichen Gottes über Bestreiten von Wundern,
Zeichen und Heilungen bis hin zur Leugnung der Möglichkeit einer
persönlichen Beziehung zu Gott und der Infragestellung von allem,
was irgendwie transzendent, jenseitig und übernatürlich ist. Damit
sind aber, wie schon beschrieben, alle interessanten Momente von
Kraft, Wirkung und Farbe eliminiert, die uns Hilfe in der Bewältigung
menschlichen Leides sein könnten.

Indem ich mich gegen einen solchen theologischen Ansatz


dezidiert verwahre, könnte ich Ihnen, verehrter Leser, einen weiteren
Anstoß geben, auf die Lektüre dieses Buches zu verzichten. Das
kommt insofern einer zweiten Ausladung gleich, weil das einzige,
was Sie noch hätte halten können, die Berufung auf eine kritische
und sauber wissenschaftlich arbeitende Theologie wäre, die einen
Neuentwurf theologischer Reflexion der modernen Welt zum Ziel
hat.
Es kommt noch schlimmer. Indem wir die Offenbarung Gottes,
wie sie die Heilige Schrift vermittelt, von allem entkleiden, was das
Sein und Wirken Gottes und auch sein Hineinwirken in diese Welt
mit Liebe, Gnade und Heilung darstellt, verschmähen und beseitigen
wollen, wiederholen wir jenen berühmten Satz von Immanuel Kant,
nur in umgekehrter Richtung, dass wir nämlich in eine selbst
verschuldete Unmündigkeit zurückkehren, die darin besteht, dass wir
durch unsere Aufklärung alles aufgeben, was zu unserem Heil und
unser Hilfe gereicht.

Wir sind dann völlig auf uns selbst geworfen, erleben keine
Geschenke und keine Gnade, weil es keinen Gott gibt, der schenkt
und liebt, und sind insofern allein unserem beschränkten Wissen und
unserem eignen „Know-how“ ausgeliefert. Das ist ungefähr der
Zustand, wo wir uns heute befinden. Alles, was wir haben, besteht
im Hinblick auf psychotherapeutische Fragestellungen aus dürftigen
und anstrengenden Leistungsfragmenten, die wir Therapie nennen.
Nichts wird uns geschenkt, alles müssen wir mühsam verdienen,
und das auch noch im lädierten Zustand unserer eigenen Krankheit.

Von Hause aus bin ich Internist, und im Rahmen meiner


medizinischen Tätigkeit war ich mit Begeisterung den Möglichkeiten
der Inneren Medizin ergeben als einem Fach, in welchem man
labortechnisch und mit apparativem Aufwand in Gestalt von
endoskopischen Methoden, Laparoskopien und
Röntgenuntersuchungen viel bewirken kann, sowohl diagnostisch als
auch therapeutisch. Als ich mehr und mehr die Grenzen der
somatisch orientierten Medizin wahrnahm und mich teils
psychotherapeutisch und teils seelsorgerlich der offenbaren oder
versteckten seelischen Konflikte der Patienten annahm, dies dann
aber schon mehr in meiner eigenen Praxis, habe ich dennoch meine
Liebe zu einer naturwissenschaftlich geprägten Medizin beibehalten.
Und so geht es mir auch heute noch. Ich sehe keinen Widerspruch
zwischen Naturwissenschaft und einer Betreuung von Leidenden auf
seelsorgerlichem Weg.
Als ich dann später nach sehr intensiven persönlichen geistlichen
Erfahrungen in einer Klinik für psychogene Störungen arbeitete und
mich auf dem Weg zur Lehranalyse nach der Freudschen Schule
befand, änderte sich meine Denkweise dramatisch, nachdem ich
anfing, stringent darauf zu achten, welches die Denk- und
Arbeitsvoraussetzungen von Themen und Programmen sind, die ich
entweder las oder selbst betrieb. So reinigte ich meine
seelsorgerliche Arbeitsweise von allen Lehranteilen und Methoden,
die biblisch nicht korrekt waren und unterzog auch die
Psychoanalyse einer eingehenden Prüfung, in welcher ich keine
Thesen hinnahm, die entweder unscharf waren oder
Weltanschauungsvoraussetzungen in sich trugen, die versteckt in
der Methodik enthalten waren und die ich mit deren Nutzung
unbemerkt übernommen hätte.

Diese habe ich im Laufe dieses Prozesses gerade bei der


Analyse der Freud‘schen Psychoanalyse ununterbrochen
nachweisen können. Es stellten sich mir mehr und mehr die
therapierenden Psychologien als ein einziges Feld von angewandten
Weltanschauungen und nicht von gediegenen wissenschaftlichen
Erkenntnissen dar. Diese Sicht hat sich, was die Beurteilung der
unterschiedlichen Psychotherapien anlangt, bis heute nicht
verändert.

Dennoch, und das wird dem Leser manche Ängste nehmen,


sehe ich die Medizin als eine naturwissenschaftliche Disziplin, in
welcher nun einmal die meisten Abläufe nach biochemischen
Gesetzen vonstatten gehen, wie überhaupt der gesamte
Stoffwechsel, auch der gestörte im Krankheitsfall, sich als
unheimlich komplex aber doch nach den Regeln von Ursache und
Wirkung in chemischen und physikalischen Prozessen bewegt.
Diesen Hintergrund gilt es ständig im Auge zu behalten. Das wird
sich unter Umständen so äußern, dass man dann, wenn
irgendwelche geistlich-biblischen Gesichtspunkte nicht tangiert sind,
einfach im Sinne der naturwissenschaftlich gebotenen Regeln
handelt und zwar ohne jeglichen Skrupel und ohne Ängste.
Selbst heute nach Jahrzehnten der Tätigkeit als Pastor, Lehrer
und Seelsorger kann ich ohne jede Scheu Medikamente
verschreiben. Ich bin aufrichtig dankbar für die heute vorhandenen
Medikamente, die in unzähligen Versuchsreihen auf dem Boden von
naturwissenschaftlich fundierten Prinzipien entwickelt worden sind.
Das hat mich mehr als einmal veranlasst, gläubigen Christen den
Wunsch abzuschlagen, ihnen doch die verordneten
Psychopharmaka zu ersparen, weil sie angeblich die Hilfe des
Glaubens empfangen hatten, was ich in jenen Fällen jedoch nicht
sehen konnte.

Meine Auseinandersetzung mit den gängigen Psychotherapie-


Modellen hat ihren Niederschlag in manchen Veröffentlichungen
gefunden. Ich habe im Laufe der Jahre und Jahrzehnte so viel
Expertise gesammelt und in dieser Zeit die Aussagen der Bibel so
gründlich nach darin enthaltenen Wahrheiten und Geheimnissen
über Krank- und Gesund-Werden untersucht, dass sich daraus wie
von selbst die Entwicklung einer biblischen Lehre von seelischen
Krankheiten ergeben hat.

Im Rahmen dieser Arbeit wurde mir deutlich, dass eine biblisch


begründete Psychotherapie auf einem bestimmten tragenden Sockel
in Gestalt einer präzisen biblischen Anthropologie aufruhen muss.
Dafür gab es durchaus schon manche guten Ansätze in der Literatur,
die allerdings erweitert werden mussten. Insbesondere ging es
darum, den reichen biblischen Schatz an Erkenntnis über geistliches
und seelisches Wachstum in Richtung Mündigkeit zu nutzen, indem
nicht nur eine gleichsam statische Darstellung mit alleiniger
Aufzählung bestimmter Merkmale des biblischen Erklärungsmodells
des Menschen angeboten wird, sondern auch die Entwicklung und
Veränderung dieser Größen beschrieben wird, weil diese gerade bei
Fehlentwicklungen und deren Heilung besonders interessante
Verwandlungen erfahren.

So sehe ich mich genötigt, einige wenige Anteile dieser Lehre


auch in diese Abhandlung zu integrieren, weil ohne deren Kenntnis
es nicht möglich ist, bestimmte Zusammenhänge zwischen
seelischen Krankheiten und deren Entstehungsursachen zu
verstehen. Ich habe keine genaue Statistik über Anzahl, Verlauf und
Ergebnisse meiner seelsorgerlichen Tätigkeit erstellt. Es werden
aber sicher über 10.000 Patienten sein, die ich im Laufe der Jahre in
meiner Sprechstunde hatte. Und so leidenschaftlich ich mich den
Patienten zuwende, wenn ich mich einmal im Gespräch mit ihnen
befinde, kann ich nicht verhehlen, dass ich mich in den letzten
Jahren stärker aus der Psychotherapie herausgenommen habe, weil
sich andere Themen und Herausforderungen in den Vordergrund
gedrängt haben, die meine Aufmerksamkeit suchten und auch
fanden. Während ich mich also in dieser Phase des Suchens und
Ringens um neue thematische und berufliche Schwerpunkte befand
und trotz allem unvermindert im Rahmen der Gemeindearbeit und
ähnlicher Aufgaben für die therapeutischen Bedürfnisse meiner
gläubigen Patienten zur Verfügung stand, und dabei doch in meinem
Herzen mit anderen einladenden Feldern der Beschäftigung
kokettierte, erlebte ich unvermittelt eine Einsicht, die mich verblüffte.

Ich weiß, es klingt sehr merkwürdig, aber zu dem Zeitpunkt, als


ich mich von der biblischen Seelsorge als Hauptwirkungsfeld
verabschieden wollte, weil ihre Faszination auf mich nachgelassen
hatte, sah ich auf einmal, dass sich so viele Ergebnisse und
Hintergrundfakten im Laufe der Jahre meiner Tätigkeit angesammelt
hatten, dass sich nicht nur ein ziemlich rundes Bild einer biblisch
definierten Psychotherapie geformt hatte, sondern dass auch mit
dem Bestand der über Jahre gewonnenen Einsichten ein Befund
vorlag, der ein völlig neues Verständnis der großen Psychosen, dem
Kernbereich der Psychiatrie, ermöglichte, wenn nicht gar erzwang.

Irgendwie war diese Entdeckung überraschend und erregend. Ich


hatte wohl in früheren Jahren der überwiegenden Untersuchung und
Beschäftigung mit den Krankheitsbildern vom Typ der Neurosen nie
davon Abstand genommen, auch die Psychosen aus einer geistlich-
biblischen Sicht ins Visier zu nehmen. Und doch blieben sie ein
Randthema, wenn auch einige Erörterungen über sie in meinen
Büchern zu finden sind. Aber dann rückten sie auf einmal in den
Mittelpunkt meines Interesses. Es wurde mir deutlich, und zwar
interessanterweise im praktischen Umgang mit aller Welt-Problemen
der Mitglieder und Freunde der eigenen Gemeinde, dass
unübersehbar enge Beziehungen zwischen Alltagsverhalten von
seelisch gestörten Menschen, bestimmten unbewussten Reaktionen
und dem allmählichen Heranreifen einer Psychose bestünden.

So entstand, fast wie ein spätes und nicht erwartetes


Abfallprodukt früherer Beschäftigung mit Neurosen, nach und nach
eine Lehre über die Ausbildung von Psychosen. Und weil diese Sicht
in der Tat gänzlich neu ist, muss man sie mit Fug und Recht „Neue
Psychiatrie“ nennen.

Natürlich ist diese Schau nur die Verlängerung der bisherigen


Arbeit über die spezifischen Mechanismen der Ausbildung seelischer
Krankheiten. Ich habe nur genauer hingesehen und alle bisher
gemachten Beobachtungen und erhobenen Befunde neu geordnet
und exakter ihre Fortentwicklung und Verbindung mit benachbarten
Symptomen und seelischen Regungen verfolgt. Diese
Untersuchungen stellen den Hauptteil dieses Buches dar. Eigentlich
hätte ich auf diese Verbindung von Alltagsreaktionen, die mehr oder
weniger unentdeckt und unbewusst ablaufen und zunächst den
Charakter prägen und färben und dann zur Ausbildung von
neurotischen Fehlhaltungen und seelischen Symptomen führen und
schließlich in Psychosen zu münden, schon viel früher kommen
müssen. Aber erst als mein Blick für das Parallelleben meiner
Patienten, die weitgehend meine geistlichen Brüder und Schwestern
waren, geschärft war, und ich entsprechende Bestätigungen und
Deutungen für meine Beobachtungen in der Heiligen Schrift fand,
war der Weg gebahnt, um die Psychosen zu entzaubern. Und noch
mehr, als schon früher beschrieben und verkündigt, war damit die
Chance gegeben, jeden verkehrten Respekt und alle Angst von
diesen unheimlichen Krankheiten zu nehmen.

Somit liegen für mich heute die wichtigsten Erkenntnisse zu den


wesentlichen psychotischen Erkrankungen vor, um präventiv ihr
Auftreten zu verhindern und sie in jedem Fall neu deuten und besser
behandeln zu können. Der Leser wird nicht erstaunt sein, wenn nach
dieser Ankündigung zu erwarten ist, dass die Erklärung der
Ursachen von seelischen Störungen allgemein und der von
Psychosen im besonderen gänzlich von den bisherigen
Vorstellungen der klassischen Psychiatrie differieren. Diese
Feststellung erfüllt mich nicht im Geringsten mit Stolz oder
Genugtuung. Ich liebe diesen Dissens nicht, aber ich kann ihn auch
nicht verhehlen.

Für mich ist die klassische Psychiatrie bei aller Verkennung


wichtiger Krankheitsprinzipien, die ich bei ihr sehe, immer noch eine
gesegnete medizinische Disziplin, die mit ihrem pragmatischen
therapeutischen Instrumentarium so viel Nutzen gestiftet hat und so
viel Ruhe und Ordnung auf die psychiatrischen Stationen unserer
Kliniken und in das Leben der Kranken gebracht hat, dass ich diese
Psychiatrie weder verteufeln noch bekämpfen kann. Ihr Nutzen ist
unbestreitbar. Dieser ist umso größer, als für die meisten an
schweren seelischen Störungen Erkrankten die nachfolgend
beschriebene neue Psychiatrie von vornherein nicht in Betracht
kommt, weil sie zur Vorraussetzung ihrer Wirkung die Anerkennung
des biblischen Menschenbildes erfordert! Obendrein gestehe ich
selbst freimütig ein, dass ich bis zum heutigen Tag in kritischen
Phasen eines psychotischen Schubes bei meinen Patienten
selbstverständlich die verfügbaren modernen Psychopharmaka
verordne. Ich sehe in vielen Fällen keine Alternative zu diesem
Vorgehen. Wie schon eben angedeutet, bedarf es, um in den
Genuss der Heilung auf dem Boden dieses Psychiatrie-
Verständnisses zu gelangen, der Bejahung und Aneignung der
Voraussetzungen dieses neuen Krankheits-Verständnisses. Im
Regelfall wird es so sein, dass der Kranke entweder von vornherein
gläubig ist, und zwar in dem Sinne des Begriffes von Glauben, wie
ihn das Neue Testament formuliert, oder unter dem Leidensdruck
seiner Krankheit und unter Anleitung und zeugnishafter Vermittlung
von Helfern, die ihrerseits überzeugte und glaubwürdige Christen
sind, wird er an die Grundlagen des Glaubens herangeführt werden,
um sich nach reifer Prüfung für diesen zu entscheiden. Erst dadurch
ist der Zugang zu der therapeutischen Hilfe im Sinne der neuen
Psychiatrie möglich.
In jedem Fall muss der Kranke beherzte Entscheidungen treffen,
die von größter Tragweite sind, und die nicht nur die Heilung seiner
Störung, sondern darüber hinaus auch alle Aspekte seines Lebens,
seines Berufes und seiner Familie betreffen, weil Heilung ein
ganzheitliches Geschehen ist. Das ist also die Ausgangssituation,
die jede Art von Manipulation hin zum Glauben und zur Heilung
ausschließt. Somit gibt es in dieser psychiatrischen Therapie keinen
Raum für Erwartungen, dass sich der Kranke in seinen Sessel setzt
oder gar in seinem Bett liegen bleibt, um die Heilung gleichsam an
sich geschehen zu lassen, indem etwa der Arzt an ihm tätig wird und
durch bestimmte Rituale oder durch Medikamente ihn zur Heilung
führt.

Und doch gibt es Ausnahmen von dieser Regel. Sie greifen dann,
wenn der Kranke derartig von seiner Krankheit in Beschlag
genommen und seelisch gelähmt ist, dass jede Bekundung seines
Willens ausgeschlossen erscheint. Unter solchen Gegebenheiten ist
es in manchen Einzelfällen erlaubt und sogar geboten, dass der
Seelsorger seinen Glauben einsetzt, anstatt diesen vom Kranken zu
erwarten, um ihn soweit aus der Krise herauszuführen, bis er dann
im weiteren Verlauf seinen eigenen Willen einsetzen kann. Das kann
oder muss sogar recht häufig auch durch die initiale Verabreichung
von Psychopharmaka geschehen, die die totale geistliche
Unansprechbarkeit etwa zu Beginn eines Schubes durchbrechen
kann, indem dadurch etwa eine lärmende oder depressive oder auch
stupuröse Symptomatik deutlich gemildert wird. Es bleibt also dabei,
die Auswirkungen moderner Psychopharmaka-Therapie, und nicht
nur diese, sondern auch der gesamte Rahmen heutiger
institutioneller Betreuung psychisch erkrankter Menschen ist von
größtem Nutzen für die Gesellschaft. Und dennoch, die Psychiatrie,
so sagt sie es selbst, kann in den wenigsten Fällen psychische
Krankheiten wirklich heilen.

Im Heilungsangebot des Neuen Testamentes wird dem Erkennen


und Verstehen ein großer Raum gewidmet. Glauben und Verstehen
sind mitnichten Gegensätze. Biblischer Glaube beschreibt im
Gegensatz zu dem landläufigen Verständnis nicht einen minderen
Grad an Gewissheit. Glaube heißt vielmehr aktives Ergreifen
dessen, was man vorher als Heilungsgut und Hilfeangebot klar
erkannt hat, was aber nur auf der Ebene einer Vertrauensbeziehung
zu Gott geschehen kann. Dieser Gott hat aber genau in seinem Wort
bekundet, wie und wer er ist, was ihn treibt, uns zu helfen und zu
heilen, unter welchen Bedingungen das geschehen soll und was wir
dabei zu tun und zu lassen haben. Das läuft aber im Wesentlichen
darauf hinaus, das wir unsererseits die Heilung und jede andere
Hilfe begehren müssen, dass wir gleichzeitig Abstand nehmen von
allen Selbsthilfe- und Selbsterlösungsmaßnahmen und uns auf seine
Liebe einlassen, indem wir seine Gnade im Glauben ergreifen.
Gnade meint in diesem Zusammenhang eine Form von Gratis-
Angebot der Heilung, die den Begriff gratis so ausschließlich im
Sinne von „umsonst“ versteht, dass keine eigene Nachhilfe in
irgendeiner Form erlaubt ist. Begehren allerdings ist nötig und darf
nicht mit Selbsthilfe verwechselt werden.

Diese Prinzipien treffen auch für alle psychiatrischen


Heilungsprozesse zu und zwar in exakt definierten Schritten auf dem
Boden eines neuen Verständnisses des Krankheits-Untergrundes.
Die neue Psychiatrie ist keine Geheimwissenschaft. Sie ist eine
Wissenschaft, die die Axiome, unter denen sie antritt, genau kennt.
Sie lässt auch deutlich nach allen Seiten verlauten, dass ihre
Methoden selbstverständlich von diesen Axiomen bestimmt sind,
was man von der klassischen Psychiatrie und der
Hochschulpsychiatrie nicht behaupten kann.

Die Fakten und Schlüsse, um die es bei der neuen Psychiatrie


geht, sind so plausibel und einsichtig, dass sie auch von Laien
verstanden werden können, was auch wichtig ist, damit sie auch von
jedem Kranken geglaubt und verinnerlicht werden können, weil sie
nur so wirksam werden können. Dass dies keine Übertreibung ist,
konnte ich dadurch beweisen, dass ich seit Jahren solche Kurse in
Gemeinden anbiete, in denen gewöhnliche Menschen ohne
akademische Ausbildung als Kranke oder auch als Mitarbeiter in
Kleingruppen nach diesem Modell verfahren. Es gab in den dabei
ablaufenden Prozessen so gut wie nie intellektuelle oder
kommunikative Schwierigkeiten, allerdings durchaus
Verweigerungen, was doch nur die Tatsache bestätigt, dass ohne
willensmäßige Einlassung eines Kranken auf das Therapieangebot
Gottes keine Heilung stattfinden kann.

In diesen Gruppenstunden sind im Durchschnitt vier bis fünf


Teilnehmer unter der Betreuung von zwei Mitarbeitern in Interaktion,
wobei das Erörtern der Symptomatik des jeweiligen
Gruppenmitglieds, welches gerade an der Reihe ist, und die
Herausarbeitung seines lebensgeschichtlichen Hintergrundes
zusammen mit dem Aufdecken seines Parallellebens, also die
Einsicht in den Gegensatz dessen, was er offiziell von sich selbst
denkt, zu dem, was er wirklich meint und in seinem Verhalten
ausdrückt, die Zielsetzung dieses Prozesses ist.

Das führte in großer Regelmäßigkeit sowohl bei dem jeweils


Redenden oder Befragten, wie auch bei den zuhörenden
Gruppenmitgliedern, zu Einsichten über den Hintergrund der
eigenen Erkrankung, die schließlich der Gesundung den Weg
bereiten. Es hat sich herausgestellt, dass ein Großteil der
Teilnehmer dieser Gruppen die geistliche Mechanik dieses
Prozesses versteht. Sie reagieren überwiegend sinnvoll und
wahrhaftig und erleben in diesem Geschehen, wie sie gnadenfähig
werden, das heißt, die Heilung nicht mehr erarbeiten wollen, sondern
schlicht als Geschenk annehmen. Aber manche scheitern hier doch,
weil sie es nicht verwinden können, keinen eigenen Leistungsbeitrag
zu ihrer Gesundung geben zu können.

Und ausgesprochen in diesem Rahmen oder exakter, in der


Vorbereitung und Nachbetreuung dieser therapeutischen
Zusammenkünfte, bei denen ich in der letzten Zeit in den seltensten
Fällen selbst zugegen war, reifte in mir der Gedanke, mein
bisheriges Konzept einer biblisch ausgerichteten Psychotherapie zu
dem einer neuen Psychiatrie zu erweitern. Die Menge der
beobachteten unspektakulären Alltags-Fehlreaktionen und -
haltungen, die sich zunächst zu Alltags-Elend summierten, um dann
schwerere seelische Symptome bis hin zu psychotischen
Phänomenen zu erzeugen, war einfach zu deutlich und ihr
ursächlicher Bezug zu den Psychosen unübersehbar. Erstaunlich
daran war die Wahrnehmung, dass das Zusammentreten von
unauffälligen seelischen Fehlreaktionen zu größeren Symptom-
Paketen nach bestimmten, immer wieder nachweisbaren Mustern
erfolgt und, dass dieser Prozess nicht unbedingt an eine ständige
begleitende theologische Deutung gebunden war, weil er zu
offensichtlich und selbst erklärend war.

Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Teil der Beobachtungen


tatsächlich in Grenzen von weltanschaulicher Deutung losgelöst
werden kann und insofern vielleicht das Interesse säkularer
Psychiater wegen der kaum von der Hand zu weisenden
Schlüssigkeit der angebotenen Erklärung der Symptombildung
findet. Wenn erst einmal die Weichen richtig gestellt sind, was in
diesem Zusammenhang heißen soll, dass die
Arbeitsvoraussetzungen genau geklärt und dann im weiteren
Prozedere auch sorgfältig beachtet werden, dann ergeben sich
weitere hilfreiche Konsequenzen häufig von selbst, ohne dass sie
Schritt für Schritt immer wieder neu von zu klärenden
Wissenschafts-Voraussetzungen abgeleitet werden müssen. Das hat
einfach die Wahrheit, in der man sich bewegt, wenn man sich in ihr
befindet, an sich. Sie ist nach allen Seiten mit Nachbar- Wahrheiten
oder -Richtigkeiten verzahnt und offenbart das durch entsprechend
richtige und hilfreiche Ergebnisse.

Noch ein Wort zu meinem Umgang mit den Zitaten aus der
Literatur. Dieses Buch ist in seinem zweiten Teil so aufgebaut, dass
ich im Kontrast zu eigenen Anschauungen zunächst die einzelnen
Krankheitsbilder aus dem Neurosen-Formenkreis und der
Psychiatrie nach dem klassischen Verständnis der Schulmedizin
kurz vorstelle, indem ich das klinische Bild, also die Gesamtheit der
Symptome, und die Häufigkeit, sowie die Besonderheit des
Auftretens der Krankheiten mit Prognose und Therapie darstelle.
Diese Beschreibungen geben den gegenwärtig geltenden Stand der
Schulmeinung wider. Deswegen wird diese Darstellung kaum mit
Zitaten aus der psychiatrischen Fachliteratur belegt, weil die Inhalte
überall respektiertes Allgemeingut geworden sind und in jedem
Lehrbuch nachzulesen sind.

Anders verhält es sich mit der Abhandlung über Psychotherapie


und Psychiatrie auf der Grundlage des biblischen Menschenbildes.
So gut wie alles, was ich dazu bisher beschrieben habe, sind
Ergebnisse eigenen Forschens anhand von Beobachtungen des
Verhaltens von Gesunden und Patienten und der Reflexion der dabei
gewonnenen Einsichten im Lichte der Heiligen Schrift. Der Rückgriff
auf in der Literatur vorliegende Arbeiten, die explizit von der
biblischen Anthropologie ausgehen, war kaum möglich, da solche
nur in einem beschämend geringen Maße vorliegen. Dieser
Sachverhalt war schon zu Beginn meiner Tätigkeit besonders
ausgeprägt und hat sich in den letzten Jahren kaum verbessert.

So war ich notgedrungen auf mich selbst gestellt und habe über
die Jahre in ständiger Reflexion der bei meinen Patienten
gewonnenen Behandlungsergebnisse und durch Abgleichen der
gewonnenen Beobachtungen mit den Aussagen der Heiligen Schrift
allmählich das Verständnis von Krankheiten entwickelt, das dem in
der biblischen Offenbarung gegebenen entspricht, um dieses über
manche Erkenntnis-Zwischenschritte zu einem Handlungs-Konzept
zu formen. Wenn ich also etwas zu belegen habe, dann könnte es
nur der ständige Verweis auf frühere eigene Veröffentlichungen sein,
die von mir bereits dazu erschienen sind. Unter diesen ist das
zweibändige Buch „Heilung durch sein Wort“ zu nennen, das
vergriffen ist und besonders das Buch mit dem Thema „Ausbrechen
aus Krankheit, Gewohnheit und Gesetzlichkeit“ (erschienen im
Aufbruch-Verlag 2004).

Dieses letztgenannte Buch beschreibt in größerer Breite die


biblische Anthropologie, entfaltet die Methodik einer biblisch
wissenschaftlichen Erhellung des menschlichen Krankheits- und
Leidenshintergrundes und definiert den Anmarschweg zur
Diagnostik und Therapie psychogener Störungen. Es beschäftigt
sich in den genannten Themenbereichen viel intensiver mit den
anhängigen Fragen, als es der begrenzte Raum dieser Abhandlung
gestattet.

Ich bin sicher, dass es manche ähnlichen Ergebnisse wie die in


diesem Buch zusammengetragenen irgendwo in der Welt gibt. Ich
glaube, dass einzelne Pastoren und Ärzte mindestens Fragmente
einer biblischen Psychiatrie für sich entdeckt haben und in keuscher
Redlichkeit für sich und ihre Patienten anwenden, ohne sie je
veröffentlicht zu haben. Oder sie haben ihre Einsichten und
Erfahrungen doch veröffentlicht, aber ich habe sie nicht lesen und
deswegen auch nicht zitieren können, weil ich von ihrer Existenz
nicht Kenntnis bekam. Allerdings bin ich doch davon überzeugt, dass
solche Arbeiten, wenn es sie gibt und wenn sie nicht nur
irgendwelche Teilaspekte, sondern ein Vollbild einer neuen Therapie
auf der Höhe des biblischen Menschenbildes enthalten, mir nicht
hätten verborgen bleiben können. Aber damit meine ich ausdrücklich
nicht solche Arbeiten, die christliche Ansätze mit bestehenden
humanistischen Vorstellungen zu amalgamieren trachten und
insofern letztlich unscharfe synkretistische Produkte darstellen. Von
diesem Genre gibt es einige Arbeiten.

Dieses Buch ist so aufgebaut, dass nach diesem Vorwort, in


welchem ich mich etwas persönlicher erkläre, zunächst die
Axiomatik des Konzept-Ansatzes und einige erkenntnistheoretische
Grundsätze beschrieben werden. Diesen Ausführungen haftet etwas
Apologetisches an, und sie erscheinen kämpferisch und
abgrenzend, was aber nicht so gemeint ist, sondern eher die
unterschiedlichen Weltanschauungshintergründe darstellen und im
Vergleich dazu die biblischen Positionen herausarbeiten soll, damit
der Leser die weitere Entwicklung des Gegenstandes leichter
nachvollziehen kann. Im Teil 1 muss ferner auch notgedrungen ein
kleiner Abriss einer biblischen Dogmatik enthalten sein, der im
Hinblick auf die Zielsetzung, die neue Psychiatrie geistlich zu
begründen, unverzichtbar ist. Diese Ausführungen werden auf ein
absolutes Minimum reduziert bleiben und sind frei von jeglicher
missionarischer Ambition.
Die hier erörterte Thematik der biblischen Anthropologie wird in
diesen Abschnitt der kurz gefassten Dogmatik integriert, was aber
nur jene Anteile dieser Anthropologie betrifft, die für das
Gesamtthema dieser Arbeit von Belang sind. Der Teil 1 enthält ferner
die Hauptaussagen des Buches, indem die einzelnen Haltungs- und
Symptomstränge untersucht werden, die zur Entwicklung der
endgültigen Symptomatik führen. Wie bereits erwähnt, werde ich das
übliche Gliederungsmodell der Einteilung von Krankheiten mit Klinik,
Ursachen-Hintergrund, Entwicklung, Prognose und Therapie
übernehmen und auf diesem Wege die beiden Deutungs- und
Therapiemodelle gegenüberstellen.

Ein wichtiger Gesichtspunkt wird dabei die Darstellung der


Ganzheitlichkeit menschlichen Reagierens sein, indem stärker, als
die klassische Psychiatrie es bewerkstelligen kann, die
Zusammengehörigkeit von Charakterentwicklung, psycho-reaktiven
Störungen (Neurosen) und den großen Psychosen herausgearbeitet
wird. Das soll zum Ausdruck bringen, dass ein Schaden sich
gleichzeitig durch alle menschlichen Struktur- und Krankheitsebenen
hindurch erstreckt. Diese Beobachtung bewerte ich als ein
Charakteristikum meines Ansatzes, der mit verantwortlich ist für die
neue Beurteilung und Einteilung von seelischen Erkrankungen und
insbesondere ihrer Verursachung.
1 Einige unerlässliche
erkenntnistheoretische
Vorbemerkungen1
Es ist ausreichend deutlich geworden, dass dieses Buch mit den
neuen Deutungen und Behandlungen psychischer Krankheiten
einem gänzlich anderen Ansatz folgt als alle anderen auf dem Markt
befindlichen säkularen Schulen. Diese Andersartigkeit beruht auf der
Tatsache, dass der neue Ansatz sich nicht ausschließlich auf
innerweltliche Fakten und Prinzipien gründet, sondern ganz
wesentlich die Offenbarung der Bibel mit einbezieht. Indem diese
Arbeit aber beansprucht, in rationaler Vorgehensweise und logischer
Folgerichtigkeit das Thema seelischer Erkrankungen aufzugreifen
und zu entwickeln und zu nachprüfbaren Schlüssen zu gelangen,
das heißt letztlich einen überprüfbaren Weg zur Heilung
psychiatrischer Erkrankungen aufzuweisen, ist es eine
wissenschaftliche Arbeit, auch wenn sie als Hauptquelle ihrer
Aufschlüsse eine religiöse Offenbarung nutzt. Das aber ist das
Skandalon, das Ärgernis, weil nach tradierter Überzeugung eine
transzendente Erkenntnisquelle niemals ein Ausgangspunkt oder ein
Mittel wissenschaftlicher Erkenntnis sein kann, zumindest dann
nicht, wenn es sich um naturwissenschaftliche Fragestellungen
handelt, wie das in der Medizin und Psychiatrie zweifelsfrei der Fall
ist. Also aus naturwissenschaftlicher und medizinischer Sicht muss
jeder Versuch, in die Psychiatrie neue Erkenntnisse aus biblischer
Perspektive hineintragen zu wollen, von vornherein als ein absolut
abwegiges Unterfangen erscheinen, weil es für alle
wissenschaftlichen Disziplinen eine ausgemachte Sache ist, dass es
zwischen religiösen Thesen oder Glaubenssätzen und
naturwissenschaftlichen Fakten und gesicherten Erkenntnissen
keine Brücke gibt.
Das sind zwei Welten, so der Vorwurf, die eine ist die der
naturwissenschaftlich überprüften Tatsachen und die andere
entspricht der Welt der Spekulationen und der nicht überprüfbaren
transzendenten Überzeugungen, die man nicht aus den
Erfahrungsprozessen weltimmanenter Abläufe ableiten kann und die
sich ferner der Bearbeitung durch die Ratio und dem Zweifel
entziehen und strikte Unterwerfung unter ihre Gewissheiten fordern.

Insofern stellt es eine Zumutung für die verfassten


Wissenschaften dar, dass die Heilige Schrift Hintergrundwissen über
seelisches Krank-Sein bereithält und Kräfte und Einsichten
beschreibt, aus denen Heilung resultiert. Aus der Sicht der
klassischen naturwissenschaftlich orientierten Medizin muss diese
Anmaßung strikt zurückgewiesen werden, weil sie einfach nicht die
für sie unzulässige Grenzüberschreitung zwischen Wissenschaft und
Glauben hinnehmen kann. Die Botschaft der Bibel zu diesem Thema
muss nicht a priori inhaltlich verkehrt sein, so konzedieren
wohlmeinende Vertreter der Wissenschaft, aber es kann einfach
nicht zugestanden werden, dass aus Offenbarungsquellen
naturwissenschaftliche Erkenntnisse abgeleitet werden, weil alle
wissenschaftlichen Verfahren sich grundsätzlich den Geboten
jenseitiger Offenbarung entziehen. Wissenschaftlich korrekt seien
nur die Ergebnisse, die über einen bestimmten Prozess mit
definierter wissenschaftlicher Methodik zu Stande gekommen sind.

Mit diesem Postulat sind wir bei dem eigentlichen Problem in der
erkenntnistheoretischen Auseinandersetzung zwischen moderner
Psychiatrie als ein Teil der naturwissenschaftlichen Medizin
einerseits und der biblischen Offenbarung andererseits
angekommen. Das Problem besteht keineswegs darin, dass die
beiden Ansätze ihre Informationen aus verschiedenen Quellen
beziehen, wobei die Medizin darauf insistiert, dass sie sich allein auf
eindeutige und reproduzierbare Fakten stützt. Wenn das so wäre,
könnten mit Leichtigkeit Gemeinsamkeiten festgestellt und vielfältige
Links zwischen beiden Welten hergestellt werden. Denn eine
theologisch saubere Heilungs-Lehre weist größte Wertschätzung für
nüchterne medizinische Sachverhalte auf.
Die Crux liegt in der fehlenden Objektivität und Werteneutralität
der medizinischen Wissenschaft. Das moderne
Wissenschaftsverständnis ist zu weiten Teilen nicht frei von
weltanschaulichen Vorgaben und unerkannten Hintergrund-Axiomen,
die immanent in seinen Denk- und Erkenntnisvoraussetzungen
eingewoben sind und insofern seine
Zielsetzung und Methodologie2 färben und bestimmen. Das
Tragische daran ist, dass die Medizin das nicht wahrnimmt, sie hält
sich für weltanschauungsfrei und erkenntnistheoretisch für rein und,
was ihre Strebungen und Ziele anlangt, für unbedenklich und keusch
und sieht sich nur der absoluten Wahrheit verpflichtet.

Aber die modernen Wissenschaften sind ein Kind der


abendländischen Basis-Philosophie, des Humanismus. Sie sind
keineswegs weltanschaulich innert und weit von echter Neutralität
bezüglich der geistigen Konzepte und Werte auf dem Markt der
Philosophien und Weltanschauungen entfernt. Der Humanismus
prägt jedem Detail wissenschaftlicher Erkenntnis und Arbeit seinen
Stempel auf. Sein Abdruck enthält immer folgende Aussagen: Der
Mensch ist das Maß aller Dinge, nur er durchschaut und versteht die
Komplexität der Welt. Und diese ist mit den Mitteln seiner Ratio, der
Kritik und der ständig fragenden Zweifeln grundsätzlich
aufschließbar.

Ein solches Denken konzediert zwar, dass einige Rätsel der


Natur und des Lebens möglicherweise erst später zu ergründen
seien, dass sich aber grundsätzlich nichts dem forschenden Zugriff
des Menschen entziehen kann. Und sollte es etwas geben, was der
Mensch nicht erobern kann, so ist es entweder nicht von Bedeutung
oder gar nicht existent. Denn der Humanismus lehrt, dass es jenseits
der mit unseren Sinnen erfassbaren und nachweisbaren Welt kein
anderes Reich und keine andere Wirklichkeit gibt. Was der Mensch
nicht nachweisen kann, existiert nicht. Alles, was da ist, hat einen
Bezug zu ihm, er ist als denkendes Wesen die Mitte des
Bestehenden. Für einen Gott, der in einer ganz anderen Sphäre
wohnt und doch aus dem Unsichtbaren heraus sich den Menschen
mitteilt, für diesen Gott, der sich nicht nachweisen lässt aber sich
selbst erweist, gibt es in diesem Denken keinen Platz, und insofern
gibt es ihn überhaupt nicht, zumindest nicht in wissenschaftlicher
Hinsicht.

Der Skandal, eigentlich eine unfassbar primitive und platte


Verirrung, besteht also darin, dass die Definition wissenschaftlicher
Kenntnis von vornherein so eng gefasst wird, das bestimmte Ebenen
der Realität von Anfang an ausgeblendet bleiben. Dieses plumpe
Grundmuster im Umgang mit anderen unbekannten Wirklichkeiten
erfährt indessen in der praktischen kontroversen Diskussion eine
gewisse Verfeinerung. Die Wissenschaften erklären einfach ihre
methodologische Unzuständigkeit für alles Jenseitige, weil ihnen die
Instrumente für die Verfolgung solcher Fragestellungen fehlen. Das
klingt vornehmer und demütiger, aber führt letztlich zu demselben
Effekt, nur in subtilerer Manier. Es läuft am Ende doch auf die
selbstverständliche Schlussfolgerung hinaus, dass aus einer
geistigen, religiösen und übersinnlichen Sphäre eines Jenseits nichts
zu uns herüber kommt oder kommen kann, was zu untersuchen und
zu erforschen wäre. Mithin bleibt es dabei, dass neben der
physikalisch erfassbaren Welt und auch jenseits der geistigen und
kulturellen Arbeit des Menschen selbst es nichts gibt, was eine
wissenschaftliche Behandlung möglich oder erforderlich macht.

Paulus formuliert in seinem Brief an die Römer (Kapitel 1, Vers


18-21), dass den Menschen alles, was man von Gott erkennen kann,
unter ihnen offenbar ist, weil Gott es ihnen offenbart. Er beschreibt in
diesem Zusammenhang den natürlichen Menschen ohne
vorgegebene christliche Glaubensüberzeugung. Anschließend fährt
er in Verlängerung dieses Gedankenganges fort, dass Gottes
unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, seit der
Schöpfung der Welt gesehen und an seinen Werken
wahrgenommen werden kann, sodass die Menschen keine
Entschuldigung haben. Sie wussten, dass ein Gott ist, und haben ihn
nicht gepriesen als ihren Gott, noch ihm gedankt.

Für Paulus stand es also fest, dass die Menschen seiner Zeit aus
der Anschauung von Natur und der Welt zu der Überzeugung
kommen müssen, dass es einen ewigen Gott gibt, dem sie allerdings
nicht, wie er bemängelt, die ihm zustehende Ehre und Anbetung
zukommen ließen. Wenn es also für die Zeitgenossen von Paulus
ganz selbstverständlich war, aus den Gegebenheiten dieser Welt mit
ihrer Schönheit, ihrer Zweckhaftigkeit und Ordnung auf die Existenz
eines dahinterstehenden Schöpfergottes zu schließen, warum, so
muss man fragen, geschieht das heute nicht im gleichen Umfang?
Die Antwort liegt offensichtlich darin, dass die Menschen heute in
großer Breite weltanschaulich mit einer Doktrin besetzt sind, die
ihnen stillschweigend die Wirklichkeit so deutet, dass bestimmte,
nahe liegende Wahrnehmungen nicht mehr möglich sind. Sie
befinden sich nicht mehr in einem jungfräulichen Erkenntniszustand,
was die letzten Dinge und die tiefsten, existentiellen Fragen des
Mensch-Seins anlangt.

Diese dogmatische Voreingenommenheit ist so tief in den


Menschen humanistischer Gesinnung verankert, dass sie nicht mehr
zu Antworten auf Fragen wie diese im Stande sind: „Wo komm ich
her, wo gehe ich hin, wozu bin ich da, was ist das letzte Ziel meiner
Existenz, wer hat mich gerufen und gebildet?“ Weil es aber auf
Dauer schwer ist, metaphysische Gedanken und Sehnsüchte völlig
zu unterdrücken, wird der Gesellschaft die Postmoderne, das letzte
Kind des Humanismus, nahe gebracht, die mit ihrer Betonung von
Beziehungen und Begegnungen, mit dem Rausch von Erlebnissen
und Ereignissen und einer dahin strömenden Lebenslust (alles fließt)
und mit dem vorrangigen Gebot der Authentizität, das heißt, mit sich
selbst im Reinen und Übereinstimmung zu sein, unsere
Zeitgenossen umgarnt und verzaubert. Ihr wahres Gesicht aber gibt
sie dadurch zu erkennen, dass sie alle absoluten Normen und
Wahrheiten leugnet und dennoch mit ihrer Einladung zu spirituellen
Abenteuern so etwas wie eine Spielwiese von allgemeinen
religiösen, schöngeistigen und unverbindlichen Engagements und
Stimmungen anbietet. Auf dieser können dann die Menschen heute
ihre geistigen und geistlichen Anwandlungen abreagieren, um sich
damit einen Schein von Eigentlichkeit und Tiefgründigkeit zu geben
und so befriedigt und gesättigt und, auf diese Weise erst recht,
gegen alles Wahre immun zu werden.
Wenn eine wissenschaftliche These aufgestellt wird, die
bestimmte Vorgänge oder Lösungen oder auch Ziele mit einer
zugehörigen Methodik formuliert, dann gilt sie dann als verifiziert,
wenn es gelungen ist, auf dem Boden der zugrunde gelegten
Theorie und unter Nutzung ihrer eigenen Methode das gewünschte
Ergebnis herzustellen.

So wurden zum Beispiel viele Entdeckungen von wichtigen


biologischen Substanzen des menschlichen Stoffwechsels
(Hormone, Vitamine usw.) mit dem Nobelpreis als höchste Ehrung
einer wissenschaftlichen Leistung ausgezeichnet. Die Entdecker
hatten die chemische Struktur einer bestimmten Substanz durch
schwierige analytische Prozeduren aufgeklärt, was aber erst dann
als gelungen galt, wenn sie anschließend gemäß der gewonnenen
Strukturformel, diese Substanz haben synthetisieren lassen und ihre
identische Wirksamkeit mit dem biologischen Ausgangsstoff im
Anwendungsfall auch nachweisen konnten.

Ähnliches gilt für die Wirkung vieler Medikamente oder anderer


Fragen- beziehungsweise Aufgabenstellungen. Am Ende muss der
Beweis der ordentlichen Funktion stehen. Das gilt natürlich auch für
alle in dieser Arbeit vorgestellten Theorie- und Lösungskonzepte
bezüglich medizinischer und psychiatrischer Erkrankungen. Der
Verfasser kann auf viele Beispiele zurückschauen, in denen die
Anwendung der vorzustellenden Prinzipien zu Heilungen geführt hat.
Ich rede aber nicht nur von den eigenen Ergebnissen, sondern auch
von den unzähligen guten Erfahrungen vieler Pastoren und
geistlicher Leiter und sogar Laien, die ähnlich überzeugende
Erfahrungen mit der Anwendung genuin-biblischer Lösungswege
gemacht haben.

Die Heilungserfahrungen haben durchaus die Natur eines


Beweises, wenn am Anfang eindeutige, wissenschaftlich begründete
Diagnosen vorlagen und nach Anwendung von spezifischen
geistlichen Prinzipien am Ende die Heilung eintritt. Aus
methodologischer Sicht sind so gewonnenen Resultate Beweise der
Tatsache, dass der angewandte biblische Ansatz richtig und
fruchtbar war.

Und dennoch wollen wir im Zusammenhang unserer


erkenntnistheoretischen Überlegungen lieber von Erweisen reden,
was nicht als eine Relativierung unserer Gewissheit über die
Richtigkeit unserer Ergebnisse verstanden werden soll. Weil wir uns
im Kontext der Gottesfrage befinden und weil wir dezidiert von der
Heilung durch göttliche Kräfte ausgehen, nehmen wir lieber von dem
Begriff Beweis Abstand. Der Begriff erscheint in diesem
Zusammenhang zu sehr belastet, wenn nicht gar anrüchig, weil er in
zu großer Nähe des Gottesbeweises steht. Wir lassen die Aussage
des Apostels Paulus gelten, wonach Gott sich durch wahrnehmbare
Offenbarungen erweist (Römer 1, Vers 19-21). Einen Beweis der
Existenz Gottes und seiner Wirkungen im engeren Sinne stellt eine
so gewonnene Einsicht nicht dar, bestenfalls einen massiven Anstoß
zum Nachdenken. Erst indem man sich auf Sein Wort und Werben
einlässt, entwickelt sich eine Glaubensgewissheit, die die
Wahrnehmung von Gottes gutem und übernatürlichem Tun zu einem
internen Beweis erhebt.

Aber die harten Fakten als Belege bleiben. Gesundheit geschieht


einfach im Umkreis von Glaubenden, die die biblischen Angebote als
Weg, oder wenn man so will, als Methode zum Heil-Werden erleben.
Aber wie seltsam und wie bezeichnend: Im Umfeld der
wissenschaftlichen Hochschul-Theologie findet man solche Erweise
nicht! Woran krankt diese Theologie, dass in ihrem Umfeld die
Kranken nicht gesund werden?

1 Die beiden nachfolgenden Kapitel bringen Ausführungen über


weltanschauliche Grundlagen und Abgrenzungen einer biblischen
Krankheitslehre, die für den engagierten Gläubigen, der seines
Glaubens gewiss ist, nicht unbedingt von Nöten sind. Er kann sie
getrost überblättern, zumal sie auch unvermeidbar abstrakt und
theoretisch sind. Wer aber keine Klarheit hat über die
Unvereinbarkeit von biblischer Seelsorge und säkularer Therapie
und wem bei allein schon bei dieser Ausdrucksweise
regelrecht schaudert, weil er gerade in der Kombination beider
Welten den entscheidenden Gewinn und den Aufbruch in die Weite
sieht, dem ist sehr zu empfehlen, sich mit diesen Fragen
auseinanderzusetzen.

2 Die Methodologie ist die Lehre von der Theorie der Methoden.
Sie ist ein Wissenschaftszweig, der untersucht, welche
Voraussetzungen Verfahren haben müssen, um angemessene,
richtige und ausreichende Ergebnisse liefern zu können.
2 Denk- und Arbeitsvoraussetzungen
in Seelsorge und Psychiatrie und ihre
unauflösbaren Gegensätze
Manche Ausführungen über in diesem Kapitel abgehandelte Fragen
sind einem früheren Buch von mir „Heilung durch sein Wort“
entnommen, wobei sie teilweise gekürzt oder geringfügig modifiziert
wurden.

2.1 Die biblische Struktur des Menschen


Zu den unerlässlichen Voraussetzungen jeder Wissenschaft gehört,
dass der methodologische Hauptsatz wissenschaftlichen Arbeitens
gewahrt wird. Er lautet schlicht: Jede Methode, die zur Erlangung
von Informationen über ein Objekt oder zu dessen Veränderung und
Bearbeitung führen soll, muss dem jeweiligen Untersuchungsobjekt
angemessen sein. Verkehrte Methoden führen zu verkehrten
Ergebnissen. Nicht nur die Untersuchungsabsicht, sondern auch der
Gegenstand selbst bestimmt, welche Methode angemessen ist.
Wenn man zum Beispiel den künstlerischen Gehalt und die
gestalterische Aussagekraft eines Bildes von Rembrandt
untersuchen will, dann ist es methodisch verkehrt, von diesem Bild
eine Materialprobe zu entnehmen, um durch chemische oder
spektroskopische Analyse einen Aufschluss über die
Zusammensetzung des Bildes zu bekommen. Die gewonnenen
Ergebnisse sind für sich zwar richtig, aber in Bezug auf die Frage,
die man ursprünglich abklären wollte, falsch. Man hatte in diesem
Fall einfach eine untaugliche Methode gewählt, die nicht dem Objekt
mit seinen spezifischen Eigenschaften gerecht wurde. Ließe man
diese Antwort gelten, dann würde sich auf die Frage, was ein Bild
von Rembrandt ausmacht, die Antwort ergeben: Dieser und nicht
jener chemische Bestandteil oder eine bestimmte Konstellation von
organischen Farbpartikeln. So kann ein Pseudoresultat und
schlimmer noch, eine Pseudowissenschaft geboren werden.

Die Psychologie fragt danach, was im Menschen abläuft, wie


seine seelischen Regungen und Mechanismen beschaffen sind und
unter welchen Umständen und welchen dazu tretenden Reizen der
seelische Apparat sich verändert. Das Objekt aller bekannten
Psychotherapien ist der Mensch als psychosomatisches Wesen, das
heißt, als Individuum mit Körper und Seele. Das ist aber nicht der
Mensch, wie ihn Gott geschaffen hat und dessen Wesen uns die
Heilige Schrift enthüllt. Der nach dem Bilde Gottes geschaffene
Mensch weist eine dreiteilige Struktur auf.

Ihm ist, neben Seele und Körper, auch noch der Geist eigen.
Diese drei Wesensbestandteile besitzen jeweils eine gewisse
Selbstständigkeit, aber stehen auch gleichzeitig in sinnvoller
Ordnung und Interaktion zueinander. Wer nun diesen derart
gestalteten Menschen untersuchen und behandeln will, kommt mit
den herkömmlichen Methoden der psychotherapeutischen und
psychiatrischen Technik nicht aus. Mittels dieser Methoden können
nie richtige Ergebnisse ermittelt werden, weil sie dem
Untersuchungsgut, dem Menschen selbst, nicht gerecht werden.

Der Fehler aller säkularen Psychotherapien und Psychiatrien liegt


nicht allein darin, dass sie, wissentlich oder nicht, ein falsches
Verfahren wählen. Sie können ihre vertrauten Methoden gar nicht
sinnvoll einsetzen, solange sie sich der Erkenntnis verschließen,
dass der Mensch ein ganz anderer ist, als für den sie ihn halten.
Allein schon die die Beschreibung der Instanz „Psyche“ bereitet der
Psychologie einige Schwierigkeiten. Nicht, dass sie sie leugnet–, sie
verdankt ihr ja ihren Namen, aber sie tut sich in der Definition
dessen, was sie eigentlich ist, sehr schwer. Sie beschränkt sich
daher lieber auf die Beobachtung und Untersuchung von
Äußerungen der Seele, die ihre Existenz beweisen.

Mit dem Begriff „Geist“ indessen vermag sie gar nichts


anzufangen und tut ihn als ein Synonym für Gesinnung und Vernunft
ab, wie er in der spekulativen Philosophie und in den schöngeistigen
Wissenschaften verwendet wird. Es ist ein bemerkenswerter
Umstand, dass dieser exakt definierte Begriff aus der biblischen
Offenbarung, der ein unverzichtbarer Teil des menschlichen Wesens
ist, so verloren gehen kann, dass die Psychiatrie Ihn nicht kennt,
wiewohl sie doch glaubt, alle zum Erforschen und Behandeln des
Menschen notwendigen Voraussetzungen zu besitzen.

Indem die Psychologie und die Psychiatrie mit dem Begriff Geist
nicht umgehen können und ihn insofern einfach als nicht-existent
erklärten, haben sie sich in größte Erklärungsnöte gebracht, was sie
freilich nicht einsehen konnten. Sie haben sich eines unschätzbaren
Mittels beraubt, ohne welches der Mensch nicht verstehbar und
seine Krankheiten nicht zu deuten und erst recht nicht zu heilen sind.

Dass ausgesprochen in der Psychiatrie die großen Psychosen


auch Geisteskrankheiten genannt werden, ist gleichermaßen ein
Kuriosum wie auch ein Indiz dafür, dass die Unschärfe und
Fehlerhaftigkeit der Begrifflichkeit erheblich ist, aber vielleicht auch
ein Ausdruck der Tatsache, dass diese Krankheiten die typischen
menschlichen Krankheiten schlechthin sind, die sonst bei anderen
Lebewesen nicht vorkommen. In ihrer bizarren und beängstigenden
Symptomgestalt bringen sie die Tiefen und Unergründlichkeit
menschlicher Existenz, aber auch das ganze Ausmaß ihrer
Zerstörung zum Ausdruck.

Man wird im Blick auf diese Entwicklung unwillkürlich an eine


Episode aus der Mathematikgeschichte der letzten 50 Jahre erinnert.
Als Wiener die mathematische Wissenschaft der Kybernetik
entwickelte, wurde sie von den marxistischen Wissenschaftlern als
Spielerei und Irrtum abgetan, weil sie sich nicht mit den Theorien
ihres marxistischen Weltbild vertrug. Aber dann wurde doch sehr
bald deutlich, dass sie sich mit dieser grundsätzlichen Entscheidung
von der Entwicklung der Datenverarbeitung mit ihrem heute nicht
mehr zu leugnenden praktischen Nutzen abgeschnitten hatten. Erst
nach einer sehr späten und zögernden Korrektur ihres
grundsätzlichen Vorurteils konnte auch in den Ostblock-Staaten
diese Methode übernommen werden. Die Korrektur der
anthropologischen Fehleinschätzungen seitens der Psychiatrie steht
noch aus. Wird sie jemals kommen?

Viele Christen meinen, dass wir es sind, die im Bereich


Psychotherapie dem Vorsprung der säkularen Wissenschaften
nachlaufen. Aber in Wirklichkeit ist es umgekehrt, denn die
Reduktion des Theorieansatzes liegt bei der Psychologie, während
die biblische Schau vom Menschen mit seinem dreiteiligen Aufbau
vollständig und richtig ist und allein Voraussetzung zur echten Hilfe
für den in Not befindlichen Menschen ist.

Aus dieser Gegenüberstellung wird besonders ersichtlich, was für


einen Gewinn und gleichzeitig welch ein Auftrag es ist, sich auf
verlässliche Grundlagen stützen zu können. Was immer die Bibel
unter Geist versteht, wir werden es noch genauer zu untersuchen
haben, unsere menschliche Vernunft wäre nie von sich aus auf die
Entdeckung dieser Größe in uns gestoßen. Stellen nicht die
zurückliegenden Jahre, in denen viele von uns sich den verkehrten
Vorstellungen über den dualistischen Aufbau des Menschen
angeglichen haben, einen Verlust dar, weswegen manche Christen
nicht die Hilfe erlangt haben, die bereit liegt, nur weil wir uns im
Ungehorsam und in Denkträgheit den verkehrten weltanschaulichen
Annahmen und Techniken überlassen haben?

Ich denke mit Scham und Betroffenheit an die Zeit meines


Engagements in der Psychoanalyse zurück, als ich diese betrieb,
ohne die selbstverständliche und notwendige Prüfung der
Voraussetzungen meiner Arbeitsweise vorgenommen zu haben.
Gewiss war es keine bewusste Sünde, aber das Unterlassen des
Möglichen und Notwendigen, nämlich die Untersuchung der
weltanschaulichen Voraussetzungen meiner Arbeitstechnik, ist in
einem Sinne auch Sünde. Ich nahm an meinen Patienten manche
schmerzhafte Operation vor, die im Grunde keine Hilfe brachte. Wie
tragisch ist es doch in der chirurgischen Praxis, wenn der Operateur
aufgrund einer falschen Diagnose das verkehrte Organ öffnet oder
entfernt. Was ist nicht schon vorher alles an der Psyche herum
operiert worden, während doch der Geist in Wirklichkeit die
krankmachende Ursache aufwies.

Was die Bibel über den Aufbau der menschlichen Person sagt, ist
für jemanden, der von jeher gewohnt war, in den Kategorien der
Dichotomie (Zweiteilige Struktur) von Leib und Seele denken,
erregend. Als ich meine ersten Entdeckungen darüber im Worte
Gottes machte und feststellte, dass es genaue Vorstellungen über
die Natur von Geist, Seele und Körper hat, veranlasste mich das
zunächst, meine alten Ansichten in manchen Detailfragen zu
revidieren, um mich dann schließlich, als die neu entdeckten
biblischen Aussagen immer dringlicher wurden, dahin zu bewegen,
dass ich meine alten Konzepte gänzlich verwarf und mit der neuen
biblischen Schau ersetzte.

Das erste, was ich bei der Prüfung des biblischen Befundes
feststellte, war die Genauigkeit und Schlüssigkeit biblischer
Darlegung in der Wahl und Definition der Begriffe. War der biblische
Begriff Geist für mich früher ein Wort, das im Prinzip mit dem Begriff
Seele identisch war, so belehrte mich das Wort Gottes nun sehr
deutlich, dass Geist etwas Unterschiedliches, fast der Seele
Entgegengesetztes ist, dessen Vernachlässigung oder Vermischung
mit anderen biblischen Begriffen schwerwiegende Folgen hat: „Er
aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch, und euer
Geist samt Seele und Leib müsse bewahrt werden unversehrt,
unsträflich auf die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.“ (1. Thess
5,23).

Diese Textstelle, die in den Schlussermahnungen des Apostel


Paulus an die Thessalonicher eingebettet ist, weist deutlich auf den
dreiteiligen Aufbau der menschlichen Person hin. Die Textumgebung
gestattet keine Abschwächung oder die Möglichkeit einer anderen
Deutung dieser Aussage. Seele und Geist sind nicht identische
Größen und der Geist ist auch keine Unterinstanz der Seele. Sie
sind abgeteilte, voneinander zu unterscheidende und unabhängige
Instanzen der menschlichen Person, auch wenn sie im ständigen
Austausch und Verbund miteinander sind. Wollte man eine
gegenseitige Abhängigkeit oder Über- bzw. Unterordnung
herauslesen, so könnte das nur zugunsten des Geistes geschehen,
von dem es heißt, dass er ganz, samt Seele und Leib, bewahrt
werden soll. Er scheint der anführende und bestimmende Teil zu
sein, der die anderen Bereiche der Person umgreift. Deswegen wohl
auch die auffallende Hervorhebung des Wortes „samt“ in diesem
Satz, die gegen unser Sprachgefühl steht und die besondere
Bedeutung der Größe Geist herausstreicht.

Diese tatsächliche Sonderstellung des Geistes für das


menschliche Wachsen und Reifen macht den Unterschied
christlicher Lebensgestaltung, als eines geistlichen Lebens,
gegenüber jeder anderen Lebensweise aus, und sei diese noch so
beeindruckend und „geistvoll“ und sittlich beispielhaft. Sie ist auch
ein wesentlicher Grund für die Andersartigkeit und letztlich
Unvergleichbarkeit von christozentrischer Seelsorge mit allen
anderen Formen der Psychotherapie und Psychiatrie. Der
Unterschied liegt jedoch nicht allein in dem Vorhandensein eines
zusätzlichen Begriffes, der möglicherweise nur ein anderes
Ordnungsschema darstellt. Hinter diesem von der Bibel eingeführten
Begriff steht eine ganze Welt von Fakten und Wirklichkeiten, die im
Zusammenhang mit einer Person, nämlich Gott selbst, stehen.

Indem uns die Heilige Schrift mit diesem Begriff vertraut macht,
führt sie uns in grundsätzliche, aber auch sehr praktische
Zusammenhänge und Hintergründe unseres eigenen menschlichen
Seins hinein, die uns ein besseres Verstehen von uns selbst
ermöglichen, als es jede psychologische Theorie vermag.
Gleichzeitig vermittelt sie uns damit den therapeutischen Ansatz zur
Heilung des kranken Menschen. Dieses bessere Verstehen des
Menschen ist noch nicht das Heil oder die Heilung selbst, denn
Wissen allein macht noch nicht gesund. Die Bibel berücksichtigt aber
unser Bedürfnis nach Ordnung. Wir bekommen aus der biblischen
Offenbarung so viel Licht und Erkenntnis, dass wir die heilsamen
Absichten Gottes sehen und im Glauben Gehorsamsschritte tun
können, die in Übereinstimmung mit dem schöpfungsmäßigen
Bauplan der menschlichen Person sind. Die dem göttlichen Wort
zugrunde liegende Logik ist eindrucksvoll und erleichtert das
Verständnis des Offenbarungsinhaltes. Seelsorge braucht zwar
Ordnungsstrukturen, aber ihr eigentliches Anliegen ist ein
praktisches: Geistliche und seelisch-körperliche Gesundheit.

Wie wichtig der Heiligen Schrift die Unterscheidung der Begriffe


Seele und Geist ist, wird an folgendem Wort deutlich: „Denn das
Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer denn ein
zweischneidiges Schwert und dringt durch, bis dass es scheidet
Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der
Gedanken und Sinne des Herzens.“ (Hebräer 4,12). Das ist mehr als
eine Begriffstrennung; es soll eine faktische Trennung von Seele und
Geist erreicht werden, was nur das Wort Gottes selbst als
analysierendes und zerteilendes Instrument vermag. Eine derartige
Entmengung von Persönlichkeitsanteilen, was übrigens etwas
anderes als eine Persönlichkeitsspaltung darstellt, ist offensichtlich
für die Ausgeglichenheit und Gesundung des Christen notwendig.
Das Wort wird dabei nicht als zerstörende Waffe verstanden, nur
weil vom Durchdringen die Rede ist. Vielmehr soll das Wort Gottes,
das ja durch und durch gut ist, trennen, was sich fälschlich
verbunden hat und nun ein konturloses Gebilde darstellt. Dem
göttlichen Wort wird hier die Aufgabe eines chirurgischen Messers
zugewiesen, das zunächst trennen muss, bevor Heiligung eintreten
kann.

Dieses Verständnis wird vom Textzusammenhang nachdrücklich


unterstützt, indem hier von dem Ruhen der Kinder Gottes die Rede
ist, und zwar sinnfälliger Weise von dem geistlichen, dem seelischen
und sogar dem physischen Ruhen. Diese betonte Forderung des
Textes nach Ruhe als der Grundbefindlichkeit eines Gläubigen wird
durch das „denn“ mit dem dargestellten Gedanken verbunden, dass
nämlich das Wort Gottes Trennung von Seele und Geist bewirken
soll. Wenn Seelisches den Geist bestimmt und überwuchert, gerät
der Mensch in jene Labilitäten und Schwankungen, die nun einmal
für die Psyche kennzeichnend sind. Er wird unruhig, unstet und
krank. So wird schon hier erkennbar, welche Bedeutung die biblische
Lehre vom Menschen für unsere Untersuchung hat. Die Lehre von
der Psyche (Psychologie) führt niemals zu dem praktischen Gewinn
eines ausgeglichenen und gesunden Lebens.

Das Bild vom Menschen, das in einer Humanwissenschaft


vorhanden ist, bestimmt ihre Arbeitsweise. Das biblische
Menschenbild unterscheidet sich, von der Menschensicht der
abendländischen Geisteswissenschaften in mehr als einer Hinsicht
grundsätzlich. Die Heilige Schrift bietet nun konsequenterweise
einen definierten Weg an, um nicht zu sagen ein geistliches
Verfahren, den wir biblische Seelsorge nennen, welcher die
Realisierung des biblischen Menschenbildes zum Ziele hat.

Wir hatten schon festgestellt, dass nicht nur die therapeutischen


Methoden der psychotherapeutischen Schulen sich von denen der
Seelsorge unterscheiden, wir sahen auch, dass sogar das Objekt
der einzelnen therapeutischen Methoden, der kranke Mensch,
unterschiedlich gesehen wird. Aus christlicher Sicht müssen wir zu
dem erstaunlichen Ergebnis gelangen, dass schon deswegen die
psychotherapeutischen Methoden zu kurz greifen müssen, weil ihr
Behandlungsobjekt nicht der von ihr benutzten
Methode gemäß ist.3 Das nannten wir das erste methodologische
Prinzip wissenschaftlichen Arbeitens bzw. seine Verfehlung. Schon
an diesem ersten Abschnitt der Untersuchung erkennen wir als
Christen bereits die Fragwürdigkeit jeder psychologischen
Arbeitsweise, soweit sie mehr als Beschreibung des augenfällig
Erkennbaren sein möchte. Natürlich ist das nur für den Christen von
Bedeutung, der sich zu dem Prinzip „die Schrift allein!“ bekennt. Ein
solches Bekenntnis ist nicht ohne Folgen für unser Denken. Es ist
viel revolutionärer für unsere Welt- und Menschensicht, als die
meisten Christen sich das träumen lassen.

Die psychotherapeutischen Schulen, von Freud angefangen bis


zu den jüngsten gruppentherapeutischen Bewegungen, beruhen auf
bestimmten weltanschaulichen und philosophischen
Voraussetzungen, die der Wissenschaftstradition des
abendländischen Denkens entstammen. Danach ist
wissenschaftliches Arbeiten nur in einem abgeschlossenen System
vorstellbar, in dem alle materiellen Abläufe nach den Kategorien von
Ursache und Wirkung sich verhalten. Physikalische, chemische und
biologische Vorgänge folgen naturwissenschaftlichen Gesetzen, die
durch die Vernunft aufspürbar und, weil sie selbst vernünftig sind,
verstehbar sind. Die Ratio wurde dadurch der Angelpunkt für das
Verständnis dieser Welt und aller Einzelvorgänge in ihr.

Der nächste Schritt war der, dass nur noch das als wirklich und
wahr galt, was prinzipiell unserer Vernunft zugänglich ist. Darauf
folgte ein weiterer Gedankenschritt, der aussagt, dass es nichts
Irrationales gibt und dass alles, was vorhanden ist, sich auch
kundtun muss. Diese Welt wird bei aller Größe und Mannigfaltigkeit
der Erscheinungen als ein abgeschlossenes System von im Grunde
begreifbaren und untersuchbaren Dingen angesehen. Deswegen
kann die Wissenschaft mit Gott nichts anfangen, weil er ihre
Denkvoraussetzungen nicht erfüllt. Ist er da, so wäre er außerhalb
des Systems. Sofern er gänzlich außerhalb der erfahrbaren und
verstehbaren Welt bliebe, sodass er nicht in unser Weltsystem
hineingreift, berührte er nicht die Wissenschaften und ihre
Voraussetzungen. Ein seiender und handelnder Gott aber, der in die
Diesseitigkeit dieser Welt hineinreicht, ist nach den Vorstellungen
der säkularen Wissenschaften nicht denkmöglich, weil sie unter dem
Prinzip antreten: Nichts, was geschieht und was sie untersuchen,
wird von außen verursacht oder angestoßen. Auf diese
Voraussetzung werden die Methoden zugeschnitten, mehr noch: Aus
dieser a priori-Annahme werden sie gebildet.

Diese Zusammenhänge waren bereits kurz skizziert worden. Sie


bilden aber nicht das Ende der Anstößigkeit. Das Ärgernis wird
dadurch größer, dass Gott sich an diese Verabredung nicht hält. Die
biblische Offenbarung durchkreuzt sie, indem sie mit größter
Selbstverständlichkeit dem geschlossenen Weltbild ein offenes Welt-
System gegenüberstellt.

Gott handelt bis zum heutigen Tag nach dem Urteil der Bibel in
diesem Sinne. So wiederholt sich das Unerhörte, was in der Person
Jesus Christus im besonderen Maße offenkundige Wirklichkeit
wurde, dass nämlich das Diesseitige und das Ewige sich in uns
verbinden. Mit Christus bekommen wir irdischen Menschen den
göttlichen Anteil aus der anderen, nicht erkennbaren Welt, den die
Heilige Schrift den neuen Geist nennt. Die Bibel ist überhaupt nur so
verstehbar, dass wir sie als Wort aus einer anderen Welt sehen.
Sobald wir daran gehen, den Einbruch des Ewigen und
Unsichtbaren in das Zeitliche und Sichtbare aus der Bibel zu
eliminieren, berauben wir uns selbst. Ein solcher Versuch bedeutet
die Übernahme von untauglichen Methoden für das Erfassen des
Offenbarungsinhaltes, was wiederum methodologisch unzulässig ist.
Weil Gott nicht beweisbar ist, er wäre ja sonst kleiner als der
begreifende Verstand, kann es nur so sein, dass Gott sich immer
zuerst in seiner Liebe mit seinem Heils- und Heilungsangebot
erweist, und wir dieses Angebot dann im Glauben annehmen und
erfahren und dann mit einem geheiligten und ausgerichteten
Verstand seine weiteren Offenbarungen aufgreifen.

Seelsorge geht also davon aus, dass der Gott, der da ist, der
persönliche Gott mit Liebe und Vermögen in das Leben von
Menschen unter geschichtlichen Gegebenheiten von Zeit und Raum
hineinwirkt. Eine solche Vorstellung ist für die
psychotherapeutischen Schulen von dem Standpunkt ihrer
wissenschaftlichen Voraussetzungen irreal und skandalös. Der
Gedanke eines Patienten, der mit Überzeugung Christ ist, dass Gott
ihm in der Bewältigung seiner Not helfen könnte, ist etwa in den
Augen eines überzeugten Freudianers bereits für sich ein Signal des
Krankseins. Bedeutet es doch, dass die Realitätsentfremdung
bereits so weit fortgeschritten ist, dass dem Kranken Hoffnung nur
noch auf dem Weg der sogenannten sekundären Ideologisierung
möglich erscheint. Der Therapeut wird also diese Haltung abbauen
müssen, um dadurch stärker den Patienten an die Umwelt anpassen
zu können. Selbst wenn er den Glauben seines Patienten
stillschweigend duldete, würde er dennoch indirekt seine eigene
Weltanschauung mittels der gewählten Methode anbieten und
schließlich in der Therapie durchsetzten.
Solange der Therapeut bei seinen
Wissenschaftsvoraussetzungen bleibt, die theoretisch und faktisch
die Annahme eines innerweltlich handelnden Gottes ausschließen,
gibt es keine Brücke zu seinem christlichen Patienten und somit
auch keine Hilfe für ihn, da er mit jedem Wort, mit seiner Mimik und
Gestik und auch durch sein Schweigen geistliches Leben im
Patienten zerstören würde. Es gibt nämlich keinen Platz im
Menschen, wo Gott nicht gegenwärtig sein und herrschen will, in
welchem die psychologische Methode einen freien Ort der
zugestandenen und unschädlichen Entfaltung hätte. Gott ist ein
verzehrendes Feuer und ein eifernder Gott, der seine Ehre nicht mit
einem anderen Partner, auch nicht mit einer psychologischen
Methode, teilt.

Die Ehre Gottes, die hier angesprochen ist, und nicht das
kleinkarierte und enge Denken von uns konservativen
Evangelikalen, ist der Grund, weswegen die Vermengung von
christlichen Ideen und psychologischen Methoden, die heute
allerorts und ohne Nachdenken empfohlen wird, nicht funktioniert.
Der dazu gebetene oder geduldete Gott handelt dann einfach nicht
mehr.

Vor einigen Tagen hörte ich von einem jungen Christen, der sich
seit Monaten in der engagierten Therapie eines überzeugten
christlichen Psychotherapeuten befand. Obwohl der Therapeut
zusätzlich zu den klassischen Therapiemaßnahmen eine
ungewöhnliche Zuwendung zu seinem Patienten zeigte und ihn im
christlichen Geist auch an seiner Familie und anderen christlichen
Aktivitäten teilnehmen ließ, verschlechterte sich sein Befinden
fortlaufend bis zu einer ausgeprägten Suizidalität. Es zeigte die
nachfolgende Untersuchung dieser Situation, und auch der Patient
verspürte es selbst, dass weder die spezifische Psychotherapie noch
die unter psychologischen Voraussetzungen erfolgende geistliche
Betreuung durch diesen Therapeuten, den ich persönlich hoch
schätze, etwas gegen den verhängnisvollen Ablauf auszurichten
vermochte. Das „Weltliche“ in der angebotenen christlichen Therapie
setzte sich durch. Ein typischer Fall einer gegenseitigen Lähmung
von nicht zusammengehörenden Methoden.

2.2 Das Problem der menschlichen Freiheit und


der Teleologie
Es gehört zu unseren schönen Vorrechten, danach zu fragen, woher
etwas kommt und wozu es da ist. Von diesem selbstverständlichen
Recht macht jeder Mensch, meistens sogar ohne große
Bewusstheit, täglich Gebrauch. Wir nehmen davon auch die großen
Fragen unserer Existenz nicht aus. Es beschäftigt wohl jeden
Menschen, wie es dazu kam, dass er da ist, aber auch die Frage,
warum er da ist und wozu alles gut ist, was er bereits erfahren hat
und was noch vor ihm liegt. Dieses Fragen nach dem Sinn des
Lebens, nicht nur nach dem letzten Sinn des Lebens im
metaphysischen Sinn, ist ein weiterer Gesichtspunkt, an dem sich
die weltanschauliche Begründung unserer Einstellungen ausdrückt.
Es ist nämlich von der Perspektive einer streng wissenschaftlichen
Psychotherapie und Psychologie nicht gestattet, so zu fragen, auch
nicht im Anbetracht von eigenem Leid. Dem Wissenschaftler ist die
Frage verwehrt, weil er auf diese Frage, gemäß den
Voraussetzungen seiner wissenschaftlichen Disziplin, keine Antwort
bekommen kann. Denn Sinn und Zweck eines Geschehens ist nur
dann vorhanden, wenn alles unter einer übergeordneten, weisen
Regie steht. Aber die Vorstellung dieses Prinzips, es muss ja dann
quasi ein göttliches Prinzip sein, ist mit einer wissenschaftlichen
Fragestellung unvereinbar.
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