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1. Sitzung: Leid als Unrecht


1) Psalm 3 (Morgenlied in böser Zeit)
Aufbauanalyse
V. 1: Überschrift: Zuordnung David, Situation
V. 2-3: Schilderung der Not (Feinde), direkte Anrede Gott (invocatio)
V. 4: Weiterhin direkte Anrede Gott, Gewissheit Gott hilft
V. 5-7: Betende Person spricht über Jahwe, nicht mehr mit, Gewissheit erhört und gehalten
zu werden, keine Furcht vor Feinden
V. 8a: Wechsel in direkte Anrede, Bitte um Rettung
V. 8b: Zwischen 8a und 8b Stimmungsumschwung: Bericht von Rettung (Gott schlägt Feinde
auf die Backe und zerschmettert ihre Zähne)
V. 9: Generelle Rettungsgewissheit („Bei dem Herrn findet man Hilfe.“), Bekenntnis
Wiederholungen
• V. 2-3: „viel“: Betonung der Not
• V. 3, 8: „Rettung“: Entwicklung von keiner Rettung (Aussage Feinde) über Aufforderung zur
Rettung in V. 8 zur geschehenen Rettung in V. 9; Weil Feinde behaupten, es gäbe keine
Rettung bei Gott, erhält Vers 9 Gewicht
• V. 2: „die Aufstehenden“ sind gegen den Betenden; in V. 8 hetzt der Betende Gott auf seine
Feinde „Steh auf“
• V. 8: Jahwe hat Backen und Zähne zerbrochen + zerschlagen, weil die Feinde des Betenden
gesagt haben, es gäbe bei Gott keine Rettung (V. 3)
• V. 9: Einschluss des einzelnen Beters in das „Volk“, auf welchem der Segen Gottes liegt → Die
Bedeutung „Volk“ ändert sich im Psalm von „den vielen des Volkes“ (V. 7), das negativ
bewertet wird, bis zum Volk Gottes (positive Bewertung)
Integritätsanalyse
• V.1: Titel, floh vor Sohn Absalom (=Feind, Singular)
• V.2: Betonung vieler Feinde (=Plural, Absalom kann nicht gemeint sein)
o V. 1 sekundär hinzugefügt
• V. 5: „Berg seiner Heiligkeit“: Das kann David nicht gesagt haben, da der Tempel erst durch
seinen Sohn Salomo gebaut wurde
o V. 1 sekundär hinzugefügt
Redaktionsgeschichte
Vergleich Psalm 2 & 3
• Psalm 2 gibt Psalm 3 neue Sinnebene
• Psalm 2: Ankündigung Sieg für König → Psalm 3: Beschreibung des Sieges
• Psalm 2: Verheißung der Rettung → Psalm 3: Erfüllung der Verheißung
• Gründe für Leid nicht genannt, Gott ist aber mit Leidenden in Psalm 3

Heiliger Berg Zion Berg seiner Heiligkeit


murmeln sagen
Feindesrede Feindesrede
zerstören zerschlagen
Formgeschichte
• Gattung: Klagelied des Einzelnen
• Möglicher Sitz im Leben: Teil der persönlichen Frömmigkeit im eigenen Haus
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o Aber: Auffälligkeit Stimmungsumschwung zwischen V. 8a und 8a: Möglicherweise
wurde der Psalm im Kult als Gebetsformular genutzt und der Stimmungsumbruch ist
durch die Rettungszusage durch einen Priester zu erklären
o Gebetsformular, da nicht auf best. Situation eingrenzbar → Allgemein gehalten, da
sich möglichst viele Beter hineinfinden können → Daher sind Psalmen bis heute
erhalten
• Wenn Beachtung Überschrift: Kein Klagelied mehr, sondern Erzählung, wie David ein
Klagelied gesungen hat
Anwendbarkeit auf unsere Situation
Damals
Konkrete Situation

Abstraktion

Konkretisierung auf unsere Situation


Heute
Traditionsgeschichte
• Gottesbild: Retter und Kämpfer („Schild“)
Sinnesebenen
1. Mit Überschrift: David fungiert als Vorbeter
2. Ohne Überschrift: Klagelied des Einzelnen
3. In Verbindung Mit Psalm 2 als Gewissheit, dass Gott seine Verheißungen erfüllt
Historischer Ort
• Jerusalem; Tempel muss bei der Verschriftung des Psalms schon gestanden haben →
Datierung nachsalomonisch (aber nicht weiter eingrenzbar)
• Kein Anhaltpunkt, wer die „Feinde“ sind, da der Psalm als Gebetsformular ausgelegt ist
Fazit:
• Leid als unerklärtes Unrecht, Psalm kann als Gebetsvorlage (oder David als Vorbeter) genutzt
werden, um Trost und Hoffnung in einer unrechten Leidenssituation zu finden
• Rettungsgewissheit: Wir dürfen hoffen, deshalb sollen wir hoffen!

2) Psalmen (AT)
I. Das Buch der Psalmen wird im Judentum „Tehillim“ oder auch „Buch der Lobgesänge“
genannt und umfasst 150 Psalmen, die sich auf fünf Bücher aufteilen, deren Ende jeweils
durch eine Schlussdoxologie aufgeteilt ist. Die Septuaginta dagegen betitelt das Buch
„Saitenlieder“ (Entsprechung vielfachem Psalmentitel „Saitenlied“). Die Vulgata nennt es
„Buch der Psalmen“. „Psalter“ stammt vom griechischen Codex Alexandrinus und bedeutet
„Sammlung von Saitenliedern“. Die Überschriften der Psalmen sind nachträglich hinzugefügt
und bilden Psalmengruppen. Die Psalmen werden Verfassern zugeschrieben. Am häufigsten
(73-Mal) wird David genannt. Der Sinn der Zuschreibungen ist jedoch unklar. Dies hängt mit
einer Präposition zusammen, die sowohl „von“ als auch „für“ bedeuten könnte. Außerdem
sind oft Situationsangaben und Angaben der liturgischen Verwendung oder des Vortrages zu
finden. Der Psalter ist aus Teilsammlungen zusammengesetzt, die redaktionell verknüpf
wurden.

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II. Die Forschung hinterfragt nicht nur die Zuschreibungen der Psalmen, sondern generell den
Versuch der präzisen Datierung der Psalmen, da die Texte keine Rückschlüsse auf eine
bestimmte Ereignisgeschichte bieten. Gunkel entwickelte einen form- und
gattungsgeschichtlichen Ansatz. Seine aufgestellten Gattungen lassen sich auf den „Sitz im
Leben“ (bestimmter sozialer u. institutioneller Hintergrund) zurückführen. Die vorliegenden
Texte bieten jedoch oft keine eindeutigen Rückschlüsse darauf. Auch entsprechen die
vorliegenden Texte oft nicht den idealtypischen Gattungen, sondern sind Mischungen
verschiedener Gattungen oder haben sich vom ursprünglichen kultischen Sitz gelöst. Die
Gattungen wurden mit der Zeit verändert. Die Einzelpsalmen sind planvoll angeordnet und
ergeben zusammen einen größeren Zusammenhang als jeder Psalm einzeln. Es gibt im
Psalter eine Bewegung von der Klage zum Lob. Gattungsgeschichtliche können Vergleiche
mit Texten des AT (außerhalb Psalter), mit Texten von altorientalischen Nachbarkulturen, mit
dem Quram und den Apokryphen angestellt werden.
III. Die Gattungen lauten: Hymnus, Klagelieder des Einzelnen, Danklieder des Einzelnen,
Klagelieder des Volkes. Außerdem gibt es Psalmengruppen mit gemeinsamer Thematik wie
die Jhwh-Königs-Psalmen, die Königspsalmen, die Zionspsalmen, die Geschichtspsalmen,
die Weisheitspsalmen. Es gibt zwei Sonderformen, die Akrostichischen Psalmen (Verse
beginnen mit je einem der 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets) und die Liturgien
(Wechsel verschiedener Sprachen).
Die Klagelieder des Einzelnen sind in drei Teile aufgeteilt. Zuerst kommt die Anrufung (meist
mit Gottesnamen). Dann kommt der Hauptteil, die Klage, oft mit der Frage nach dem Grund
oder der Dauer des Leidens. Die Verursacher des Leidens können Gott (Gottklage), die
Feinde (Feindklage) oder der Beter selbst Ich-klage) sein. Es folgt die Bitte um Hilfe, oft mit
befehlenden Aufforderungen. Auch werden Argumente für das Einschreiten durch Gott
genannt. Typische KE schließen mit einem Vertrauensbekenntnis oder einem Lobgelübde
und der Gewissheit, dass Gott das Gebet erhört hat und helfen wird, ab. Der Umbruch von
der Klage zur Gewissheit wird „Stimmungsumschwung“ genannt. Kollektive Klagelieder sind
gleich aufgebaut, werden nur nicht von einem Individuum gebetet, sondern von einer ganzen
Gemeinde.
IV. Das gottesbildliche Zentrum bildet die Vorstellung von Gott als König. Wichtig ist aber auch
Gott als Richter und helfender Gott. In den Psalmen verdichten sich Grunderfahrungen
menschlicher, existenzieller Not. Wichtig ist die Gottunmittelnbarkeit. Besonders ist, dass
Gott zwar um Hilfe gebeten wird, jedoch oft auch angeklagt wird. Die typische Feindklage
kann verschiedene Hintergründe (Krankheit, Verfolgung, …) haben.
V. Den Psalmen kommen im jüdischen und christlichen Gottesdienst auch heute noch eine
zentrale liturgische Bedeutung zu.

2. Sitzung: Leid aufgrund der Willkür Gottes


1) Klagelieder 2 (Klage über die Verwüstung Judas und Jerusalems)

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Aufbauanalyse
V. 1-10: Schilderung des Leids: Zerstörung Jerusalems und Judas
V. 11-19: Sprecher spricht in Ich-Form die Stadt als Betroffene an
V. 20-22: Direkte Ansprache Gott
Formgeschichte
• Klagelied
o Pro: Intensive Schilderung der Not
o Contra Klagelied:
▪ Normalerweise klagen vom Leiden betroffene, anders in Jeremias zweiten
Klagelied
▪ Ich-Perspektive, Beschreibung der Not eher als Außenstehender, der Mitleid
empfindet
▪ Leidenden statt Gott werden angesprochen
▪ Element der Bitte fehlt
• Leichenklagelied
o Pro: Leichenklageelemente: „Ach“, Gegenüberstellung von positiver Zeit und „Jetzt-
Zeit“
▪ V. 1: Er hat vom Himmel zur Erde geworfen Israels Pracht“
▪ V. 10: Asche auf das Haupt und Sack angezogen: Sich den Toten gleich
machen (ABER kein Leichenklagelied)
o Contra: Aufforderung nach Jahwe zu rufen ist als Toter nicht mehr möglich
• Trostgespräch (Am wahrscheinlichstem)
o Pro:
▪ Stadt wird als Betroffene angeredet, V. 13: Sprecher nimmt Anteil →
Sprecher will Betroffene wieder zum Gebet führen
▪ Trostgespräch mündet in Gebet
• Kein Gebet, sondern Anklageschrift: Gott wird angeklagt Leid verursacht zu haben.
o Das Leid ist so groß, dass man nicht mehr Beten kann → Anklage ist die einzige Art,
wie man noch mit Gott reden kann
o Anklage Gott für seine Inkonsequenz, verstößt gegen eigene Gesetze, indem er
Verhältnisse schafft, wo Mütter ihre Kinder essen und Priester geschändet werden
Kontext und Redaktionsgeschichte
o Vergleich mit Klgl. 1: Schuldeingeständnis (war gegen Wort Gottes), Betroffener klagt
sein Leid, bezeichnet Gott als gerecht, alle Völker/ganze Welt wird angesprochen
o Vergleich Klgl. 3: Man soll stumm und in Demut dasitzen und sein Leid ertragen; wie
man mit Leid umgeht (sich fügen und Leid annehmen)
Historischer Ort
• Kurz nach der Zerstörung geschrieben
• Für späte Datierung:
o Akrostichon: Poetische Gestaltung benötigt Zeit
o Botschaft der Akrosticha: Inhalt und Form widersprechen sich, Form ist dadurch
geordnet, aber Inhalt ist chaotisch
→ Hoffnung auf die verborgene Ordnung im Chaos
Traditionsgeschichte
• Tochter Zion/Zionstheologie/Jerusalemer Theologie
o Gott wohnt im Tempel, Tempel steht in Jerusalem auf dem Berg Zion (theologisch
gesehen höchster Berg), Jerusalem als Zentrum der Welt

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▪ Konsequenz: Zion uneinnehmbar, fruchtbar, schön, Davidischer König sorgt
für Gerechtigkeit
o Aber: Jerusalem wurde eingenommen → Zerstörung Zionstheologie
o Alternative Lösung: Gott hat den Untergang Jerusalems gewollt
• Klagelieder 2 ist wichtig für die Entwicklung des weiteren Judentums und die Entstehung des
Christentums!
• Tochter Zion: Spannung zwischen „Herr“ und „Tochter“ → Assoziationen Tochter: kleines
schutzbedürftiges Mädchen; Assoziationen Herr: Schutz → Verkehrte Welt
Gottesbilder
• Kriegerischer Gott/Bogenschütze (Tag seines Zornes → Bogen gespannt durch Tag des
Herrn), düsteres Gottesbild
• Tag des Herrn im AT
o Amos: Tag des Herrn = Tag des Unheils
o Klagelied 2: Tag des Herrn ist geschehen
o Wiederkunft des Tags des Herrn als Heilstag (Vorstellung wird in die Zukunft
verlagert) → Sonntag (mit Erwartung verbunden, dass Jesus zurückkehrt)
Fazit:
• Leid aufgrund der Willkür Gottes: Anklage gegen Gott kann in schwierigen Situationen, die
u.a. unverschuldet sind, Erleichterung bringen.

2) Klagelieder Jeremias
I. Threni: Buch der Klagelieder Jeremias (5). Quinot, übersetzt „Leichenklagelieder“ ist ein
weiterer Name, der daher rührt, dass man Jeremia das Buch zugeschrieben hat und er
„Leichenklagelieder“ angestimmt hat (galten allerdings dem Tod von Josia). Ein anderer
Name für das Buch ist „Echa“, was so viel heißt wie „Ach!“. Der Ausruf ist der Totenklage
entnommen und eröffnet die Lieder I, II und IV. Festzuhalten ist, dass es eine
Sinnverschiebung von dem hebräischen Begriff, der die Totenklage meint, hin zu u.a. dem
Begriff Threni, der die Klage über Leid allgemein versteht.
II. Lied I: Leid Jerusalems erst aus Distanz, dann von Betroffenen (Jerusalem als Frau
personifiziert), wendet sich im Gebet an Gott, Trostgespräch, Erzähler erklärt Leid durch
Verweis auf eigene Schuld, am Ende findet Klagende zum Gebet, Jahwe hat als gerechter
Gott die Stadt zerstört, um die Schuld Israels zu bestrafen
Lied II: ältestes Lied, Leid erst aus Distanz, dann im Ich-Stil und die personifizierte Stadt wird
angesprochen, wendet sich an Gott, Trostgespräch (Sprecher unbetroffen, Schilderung
richtet sich an Betroffene, drückt Mitleid und Solidarität aus), zielt darauf ab, dass Menschen
wieder beten nach der Katastrophe (erste Schritte zu Wiederherstellung Gottesverhältnis)
Lied III: Unbekannter Betroffener berichtet Leid im Ich-Stil, ermöglicht Identifikation, mahnt
Leid geduldig zu ertragen und spricht über Gottes unendliche Gnade, Begründung Leid in
Sünde Menschen, Aufruf Einstimmung in im Wir-Stil verfasstest Sündenbekenntnis, Bitte um
Rettung; Bewegung im Lied: Erst Leid durch Jahwe, dann Vertrauen auf Gnade Gottes führt
zu Sündenbekenntnis und Bitte um Gnade
Lied IV: Trostgespräch, erst unpersönliche Schilderung, kurze Unterbrechung durch Ich-Sätze,
dann Wir-Stil von Betroffenen, Schilderung der Leiden der Menschen, Erklärung Leid durch
Schuld Jerusalemer Priester und Propheten, am Ende eine Heilsankündigung will Hoffnung
schenken
Lied V: kürzer, keine Akrostichie oder Sprecherwechsel, Wir-Gruppe (Volksklagelied), erklärt
die Not mit der Schuld des Volkes; Beginn mit Anrufung Jahwe und Bitte um Gottes

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Hinwendung, Beschreibung der Not und Sündenbekenntnis; Am Ende Bitte um
Wiederherstellung und Bitte um Hinwendung
III. Komposition selbstständiger Lieder: mehrere Verfasser haben an den Klageliedern
gearbeitet oder Klagelieder als wohldurchdachte Komposition unter Annahme der
Einheitlichkeit; Entstehungsort: Jerusalem, Datierung in die Jahre nach 587 v. Chr.; Wichtig
die poetische Gestalt: Akrostichie
IV. Zuschreibung: Jeremia; Pro: Sprachliche Gemeinsamkeiten, sachliche Übereinstimmungen;
Contra: Gottestitel „Herr“ erscheint im Jeremiabuch immer mit einem Tetragramm, im
Threni nie; Jeremia übte in seinem Buch Kritik an Zedekia, in Klagelied IV wird er gelobt;
Ursache sprachliche Gemeinsamkeiten kann auf eine literarische Abhängigkeit
zurückgeführt werden, inhaltliche Übereinstimmungen sind nicht signifikant
V. Rückgriffe und Verwendung der Klagelieder in Musik und bildender Kunst; Klagelieder in
Karliturgie; Klagelieder markieren Tiefpunkt, danach folgt die Wende (Christentum Ostern,
Judentum Zeit des Trostes), höhere Stellung im katholischen Gottesdienst als im
evangelischen; Bedeutung Klagelieder: Auf eigenes Leiden übertragen, getröstet werden,
hoffen und verarbeiten.

3. Sitzung: Leid als Folge von Schuld 1


1) Klagelieder 4 (Zions Elend und Schmach)

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• V. 1: Gold/Feingold/heilige Steine angelaufen: Gold läuft nicht an, zeigt, dass unmögliches
passiert ist → Gold ist Metapher für Zions- und Erwählungstheologie → Sie ist zerstört, was
für unmöglich gehalten wurde
Aufbauanalyse
1-16: Klage und Schilderung Leid, 3x „meines Volkes“ (Keine Ich-Perspektive, sondern
vermutlich feste Redewendung: „Tochter meines Volkes“)
V. 17-20: Wir-Perspektive, Klage
V. 21-22: Plötzliche Anrede Tochter Edoms (= Erzfeind Israels), stilistischer Einschnitt
zwischen Vers 20 und 21, Schuld Tochter Zion ist abgetan, das Leid wird ein Ende finden,
Tochter Edom aber wird heimgesucht
Formgeschichte
• Leichenklagelied
o Pro: „Ach“, Gegenüberstellung früher und heute
o Contra: Ansprache Tochter Zion, was nicht möglich ist, wenn sie tot ist
• Volksklagelied
o Pro: Klage
o Contra: Anrede Gottes und Bitte fehlt, aber nicht betroffene Personen (Plural!)
sprechen
• Trostgespräch
o Pro: Unpersönliche Schilderung des Leids und der Klage
o Contra: Mehrere Stimmen (Erzähler, „Wir“, Bote) Gespräch richtet sich an die
Leidenden
Historischer Ort
• Jerusalem
• Leid der eingeschlossenen in der Stadt wird beklagt, Hungersnot → zeigt an, dass es kurz
nach der Zerstörung der Stadt sein muss → frühexilische Zeit
• V. 22: Führung ins Exil ist zu befürchten; Schreiber/Sprecher aus der Umgebung des Königs
• Verfasser klagt Priester und Propheten an
Traditionsgeschichte
• Klagelieder 2: Schreiber ist ohnmächtig + gibt Gott die Schuld
• Klagelied 4: Schuldige sind Propheten und Priester (Menschen)
o Positive Perspektive: V. 22 „Deine Schuld ist abgetan, du Tochter Zion“
o Aus dem Ergehen und der Länge des Leids wird auf die Größe der Tat geschlossen:
Sodom wurde schnell vernichtet, das Leid in Jerusalem ist jedoch viel größer und
länger und daher wird darauf geschlossen, dass Jerusalems Sünde größer war (vgl.
V.6)
Tun-Ergehen-Zusammenhang
• Weisheit (Sprüche): Gesetze zum Zusammenleben
• Klageliedern: Geschichtsdarstellung, Leiderklärung
• Prophetie → Weissagung aus dem Geschehen, Leiderklärung und Erziehung

2) Tun-Ergehen-Zusammenhang
I. Terminologie
• Enger Zusammenhang von Taten und Folgen der Taten im AT
• Im AT beschäftigen sich die Traditionen Weisheit, Prophetie und Recht mit Aspekten
des Tun-Ergehen-Zusammenhangs
• Anerkannte These: Vergeltungsglauben durchzieht AT (Hinterfragung ab 1955)
• These Koch: „schicksalwirkende Tatsphäre“
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II. Forschungsgeschichte
• Voraussetzungen (kritisierter) Aspekt Vergeltung: 1. übergeordnete richterliche
Instanz, 2. Lohn + Strafe werden von außen zugeteilt, 3. Vorgegebene Strafe
→ Schicksal: Notwendigkeit mit dem Tun und Ergehen einander entsprechen
→ Sphäre: Tat als machthaltigem Ding und Bereich, den der Täter selbst schafft und
sich dann darin aufhält
• Schicksalwirkende Tatsphäre in Zusammenhang mit Wirken Jahwehs: Gott wendet
die Folgen einer Tat auf den Täter zurück → Eigenwirksamkeit menschlicher Tat
und Handeln Jahwehs
→ Widerspricht modernen Ansichten, erzeugt Missverständnisse, daher wird eher
vom „Tun-Ergehen-Zusammenhang“ gesprochen
→ „Konnektive Gerechtigkeit“ = Prinzip der Gegenseitigkeit (Gott folgt in seiner
Rolle nach Janowski diesem Prinzip)
o Rolle Gottes bei schlechten Handlungen: Es ist zu erwarten, dass Gott
negatives Verhalten entsprechend vergelte, aber man darf hoffen, dass er
es aus Gnade nicht tut
• Offene Fragen: Vorausgesetzter Ordnungsbegriff, zeitliche Relation, Rolle Jahwehs
bei Umsetzung des Zusammenhangs
III. Weisheit
• Tun-Ergehen-Zusammenhang als zentrales Motiv alttestamentlicher Weisheit
• Pädagogisch ausgerichtete Weisheit: Wie man den Tun-Ergehen-Zusammenhang
fruchtbar machen kann
• Kritisch-ausgerichtete Weisheit: widersprüchliche Erfahrung → Ringen um
Orientierung
• Sprüchebuch: Will Orientierung in den Zusammenhängen des Lebens geben, sie
nicht erklären → Widersprüche werden wahrgenommen, aber Intention ist
pädagogisch
→ gelungenes Leben als Folge von Jahwehs Wirken und menschlichem Tun
• Hiobbuch: Erfahrungen wieder den Tun-Ergehen Zusammenhang; Annahme Gutes,
wie Schlechtes ist Zeichen der Unterunordnung unter die Souveränität Gottes
→ Gott: Paradigmenwechsel; über Tun-Ergehen-Zusammenhang hinweg, macht Hiob
klar, keine Einsicht in Gottes Wirken in der Welt hat
• Prediger: Relativierung Tun-Ergehen-Zusammenhang, Grenzsetzung durch Gott, für
den Menschen nicht durchschaubares, Wirken
IV. Prophetie
• Prophetische Botschaft: Gegenwärtige Missstände ziehen Unheil unweigerlich als
Folge nach sich; Tun-Ergehen-Zusammenhang als Deutungskategorie;
Gegenwartskritik und Zukunftsansage
• Schmidt: Vision in ausstehendes Gericht lenkt Sicht auf gegenwärtige Missstände,
dient nur Nachvollzug der Zukunftsansage
V. Recht: Kein hebräisches Wort für Strafe vorhanden → Alttestamentliches Recht nicht nur
durch Vergeltungsgedanken geprägt, sondern zielt auf eine heilvolle Balance:
Konfliktregelung durch Ausgleich entstandener Ansprüche

4. Sitzung: Leid als Folge von Schuld 2


1) Ex 32,1-6 (Das goldene Kalb)
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Aufbauanalyse
V. 1: Einleitung: Mose bleibt lange weg, Volk spricht zu Aaron, er solle neue Götter machen
V. 2-4a: Aaron stell goldenen Kalb aus Ohrringen der Israeliten her
o 4a: „Und sie sprachen: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägyptenland
geführt haben!“
4b-6: Einweihung des Kalbes, Bau Altar
o Menschengemacht, Verstoß gegen Grundforderungen Dtn 6 und 12: Verstoß gegen
Monotheismus (Plural: „Götter“), Verstoß gegen Verehrung an nur einem Kultort;
Verstoß gegen Bilderverbot (2. Gebot)
Integritätsanalyse
• V. 8 vs. V. 19: Gott erzählt Mose, was passiert, dann in V. 19 kommt Mose und ist überrascht,
was passiert ist, obwohl er es nach V. 8 schon wissen müsste
• V. 14 vs. V. 33: Erst Vergebung schon geschehen und dann in V. 33 wird gesagt, es wird keine
Vergebung geben
• V. 14 vs. V. 27-28 und vs. V. 34-35: Vergebung ist geschehen vs. Tötungen im Namen Jahwehs
vs. Aussage, dass noch niemand bestraft worden ist
• V. 5 vs. V. 6: „Götter“, goldenes Kalb müsste sich aber auf Jahweh beziehen (denn er hat das
Volk aus Ägypten rausgeführt), Verb steht aber im Plural („die dich herausgeführt haben“),
→ Wäre ein Verstoß gegen das Bilderverbot und gegen das erste Gebot, man solle nur einen
Gott haben → Sünde des Volkes wäre noch größer
→ Verb wurde vermutlich durch redaktionelle Bearbeitung in den Plural gesetzt (Aus V. 8 in
V. 4 eingewandert) → keine Spannung!
• V. 4: „Und sie sagten: Das sind deine Götter, Israel.“ → Redet das Volk Israel in der dritten
Person über sich?
Historischer Ort
• Verbindung Exodus 32,1-6 und 1Kön 12,28-32f.
o Bau von 2 goldenen Kälbern (Dan und Bethel), gleiche Redewendung („Das sind
deine Götter, Israel, die dich aus Ägyptenland geführt haben“)
o Exoduserzählung spielt auf Jerobeams Tat an
→ Entstehung Exodus 32,1-6: Nach/zur Zeit Jerobeams (2.König Nordreich)
Überlieferungsgeschichte
• These: Hinter Ex 32,1-6 steht eine positive Fassung vom Bau des Stierbildes
o Aaron (Priester) durchweg positive Figur → warum wurde Aaron genommen, um den
Stier zu bauen? Daher die Vermutung, dass die Stiergeschichte erst positiv gesehen
und sekundär negativ umgearbeitet wurde
Formgeschichte
• Gattung positive Fassung: Kultätiologie
• Gattung negative Fassung: Ätiologie Untergang Nordreich → Stierbildverehrer
Historischer Ort 2
• Stier als Symbol für Stärke und Kraft → Wie Gott, der Israel aus Ägypten geführt hat
o Dan Nordgrenze Israel, Bethel Südgrenze Israel, Stiere an Grenzen aufgestellt,
symbolisiert die Stärke der Grenzen des Reiches
• In welcher Religion spielt ein Stier eine Rolle?
o Bethel → in Beth-EL wurde El verehrt, Hypothese: Verbindung El mit Stierbild; Aaron
soll Priester von Bethel gewesen sein
▪ Vorform Ex 32,1-6: Ätiologie von der Gründung des Stierkultes durch Aaron
o Bethel wurde jahwesiert, Ätiologie von Bethel wurde in die Wüste projiziert
o Jerobeam erhebt alte Stierkulte zu Staatsheiligtümern
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o Polemische Form von Ex 32: Ätiologie des Untergangs des Nordreiches und
Untergang des Stierkultes

Fazit: Leid als Folge von Schuld: Das kommende Leid der Juden über Jahrtausende wird mit diesem
Abfall von Gott erklärt.

Notizen
• Tetrateuch: 4 Bücher Mose: Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri
• Pentateuch: 5 Bücher Mose: Gen, Ex, Lev, Num, Dtn
• Hexateuch: 5 Bücher Mose und Josua Buch (Erfüllung der verheißenen Landgabe im Buch
Josua)
• Deuteronomium: Reden und Tod Mose, Deuteronomium gibt nur einen einzigen Tag wieder
• Deuteronomistisches Geschichtswerk: Dtn, Jos, Ri, 1&2Sam, 1&2Kön
→ Dtn als Teil des Pentateuchs oder Teil des deuteronomistischen Geschichtswerkes?

2) Deuteronomismus
I. Martin Noths dtrG-Hypothese: Zusammenschluss der Bücher Deuteronomium, Josua,
Richter, Samuel und Könige zu einem Geschichtsbuch aufgrund von Ähnlichkeiten im Stil,
Ausdruck und Inhalt. Nach Noth geht das dtrG auf einen einzigen Autor, den sogenannten
Deuteronomisten zurück, der alte vorhandene Dokumente gewissenhaft herausgab aber
auch selber die Geschichte Israels dargestellte, um dessen späteres Schicksal zu erklären.
II. Frank Moore Cross entwickelte das Modell der doppelten Redaktion. Demnach erfuhr das
dtrG unter Josia eine zweite Redaktion. Darauf weisen Unterschiede in einigen Erzählungen
hin, wobei der Autor/die Autoren dieser Erzählungen um Kohärenz mit den anderen Texten
bemüht war/waren. Im Gegensatz zu Noth ging Cross von einer Nutzung des dtrG zu
Zwecken Josias (Kulturreform und militärische Zwecke) aus.
III. Rudolf Smend bestimmte das dtrG neu (Göttinger Schule), indem er feststellte, dass einige
der dtrG Texte mehrschichtig sind, d.h. dass es mehrere Redaktionen gab. Wie Noth datiert
Smend das dtrG in die exilische Zeit, jedoch geht er anders als dieser von mehreren
Schreibern aus.
IV. Vereint man die einzelnen Analysen in einer ergeben sich daraus 3 Stufen. Zunächst begann
der Deuteronomismus unter (1) Josia (Deuteronomium, Josua, Samuel, Könige). Im nächsten
Schritt wurde das dtrG in der (2) babylonischen oder frühen Perserzeit ausgearbeitet. Ziel ist
die Erklärung der Gründe für die Zerstörung Jerusalems und für die Verbannung ins Exil. In
einem dritten und letzten Schritt wurde das dtrG in der (3) Perserzeit überarbeitet. So sind
mehrere Schreiber und auch die Unterschiede in Sprachgebrauch und Syntax zu erklären
V. Die Auflösung des dtrG folgte 400-350 v.Chr. als Folge des Zusammenschlusses der Bücher
Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium zum Pentatuch. Das Buch
Deuteronomium wurde einer Patriarchenredaktion unterzogen, um es den anderen Büchern
des Pentatuchs anzugleichen und eine Grenze zum Buch Josua zu ziehen.
VI. Es besteht weitgehende Einigkeit darüber, dass eine kleine Gruppe judäischer Intellektuelle
unter „Dtr.“ Zu verstehen ist. Brüche und Schwankungen sind mit der Idee der „Dtr.
Bibliothek“ zu erklären, d.h. dass das dtrG nie als Ganzes auf einer Schriftrolle stand, sondern
auf mehrere Rollen aufgeteilt war, um die sich verschiedene Deuteronomisten kümmerten.

5. Sitzung: Leid als Prüfung 1


1) Gen 22,1-19 (Das Opfer Abrahams)

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• Wann lebte Abraham?
o 18./19. Jahrhundert vor Christus oder 2162 v. Chr. Geburt Abraham; Tod 1987 v. Chr.
o Verschiedene Zeiten durch verschiedene Bibelübersetzung → Keine historischen
Zahlen!
• Fähigkeit zur direkten Ansprache Gottes
• Was ist mit Isaak? Stellt die Frage nach dem fehlenden Schaf, ist aber sonst nicht erwähnt →
kein Protest, Angst, Zustimmung? Wie alt?
Aufbauanalyse
1a: Einführung
1b-10: Bestehen der Prüfung
2: Auferlegung der Prüfung
3-6: Wanderung Abraham und Isaak
7-8: Gespräch Abraham und Isaak über fehlendes Brandopfer
9-10: Prüfung endet mit Bestehung
11-12: Engel hält Abraham auf, Verkündung des Bestehens
13-18: Brandopfer Widder, Belohnung (Verheißung ab V. 15)
19: Rückkehr
Integritätsanalyse
• V. 14a: sekundär eingefügt
o Jahwe sonst im Text nicht genannt
o „Jahwe sieht“: Gemeint ist indirekt das gnädige Handeln Jahwehs, er sieht nicht nur,
er hilft auch → Problem: Der Text war anstößig (negatives Gottesbild) → Intention V.
14a gegen das negative Gottesbild: Gott ist gnädig und hilft (Art den Text zu lesen und
Gott zu sehen, wird durch den Einschub verändert)
o V. 5 und V. 8 erscheinen dadurch in neuem Licht (als wüsste er, was Gott vorhat)
• V. 15-18: sekundär eingefügt
o V.17-18 ist eine Zitatensammlung von Verheißungen aus der Genesis (z.B.
Nachkommen mehren, wie die Sterne am Himmel)
o V. 14 und V. 19: Gehen lückenlos ineinander über
o Botschaft: Vertraue wie Abraham und du wirst belohnt werden
• V. 2: Morija = Jerusalem, Berg = Berg Zion
• Josias Kultreform: Kulteinheit und Kultreinheit: Aschera wird aus Tempel verbunden, es darf
nur noch in Jerusalem geopfert werden
o Abraham hat ungeschriebenes Gesetz befolgt
Historischer Ort
• Abrahams Zeit ab Geburt 100 Jahre
• Biblische Chronologie 19./18. Jh. v. Chr.
• 6. Jh. v. Chr. wird ein genealogisches Konzept einer Abstammung Israels von Abraham
entwickelt
o Exilzeit: Gefährdung/Rettung Isaaks spiegelt Israels Leid und Hoffnung wider
Überlieferungsgeschichte
• These: Gen 22 ist eine Ätiologie zum Ende des Menschenopfers
o Gottesbild wird wieder besser, da er keinen Menschen tötet
o Pro: Gott setzt sich dafür ein
o Contra: Gott hat es nur aufgrund Abrahams Gottesvertrauen unterbunden,
Menschenopfer waren nicht üblich
• Gen 22 im Judentum: Aqeda (Fesselung)
o Isaak als gefesselte Hauptfigur
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o Isaak = Leid von ganz Israel, Urbild der Opfer im Krieg
• Gen 22 im Christentum
o Hebr 11,17: Abraham als Hauptfigur
o Allegorie: Isaak und Jesus tragen beide ihr Holz und werden „geopfert“
• Gen 22 im Islam
o Sure 37,99ff.: Ismaels Bereitschaft zum Tod
o Isaak = Vorbild für Muslime
Formgeschichte
• Gattung: Legende: Vermittlung religiöser Werte (Gottvertrauen)
o Abraham als religiöses Vorbild
o Ortsätiologie für Jerusalem (wird geadelt)
Fazit: Leid als Prüfung: Vertraue auf Gott, Bearbeitung der Gen 22 im Unterricht: Isaak als
Identifikationsfigur (Ohnmacht und Hilfslosigkeit)

2) Abraham
I. Namenswechsel von Abram zu Abraham (verschiedene Dialekte) (Gen 17,5), Datierung nicht
möglich, Mögliche Deutung: „Der (Mein?) Vater ist erhaben“, Namenswechsel als Zeichen der
Rolle Abrahams und der Intervention Gottes, Abraham bekommt Land und eine Vielzahl von
Nachkommen verheißen, Gott schließt mit Abraham einen Bund (Gen 17) → Verheißungen
werden mehrfach wiederholt + Beschneidung als Zeichen des Bundes, Abraham als
Grundnenner aller drei großen monotheistischen Religionen, Ab Abraham nur endogame
Verbindungen, Isaak als Bindeglied und genealogischer Übergang von Abraham zu Jakob (Vater
der 12 Stämme Israels), Abraham als treu befundener, als Vorbild des Gerechten, als Freund
Gottes
II. Der Mensch Abraham ist historisch nicht greifbar, es geht um Abraham als Identifikationsfigur
in Bezug auf den Glauben, Gehorsam, Verheißung und Hoffnung. Die Abraham-Erzählung
spielt im zweiten Jahrtausend v. Chr. (ca. 19./18. Jh. v. Chr.). Verschriftlicht wurde die
Erzählung jedoch erst später. Vorher habe es mündliche, vorexilisch datierte Erzählungen
gegeben haben. Erst im Babylonischen Exil wurde das genealogische Konzept einer
Abstammung Israels von A. entwickelt.
III. A. im Judentum als Gesetzeslehrer: Hat ungeschriebenes Gesetz gehalten und weitergegeben,
A. als Vater vieler Völker, A. als Kulturbringer: Brachte Ägypten, Griechenland und Kanaan
Kultur, A. als Astrologe: Durch die Beobachtung der Stern hat A. erkannt, dass sie keine Götter
sind → Entdeckung Monotheismus (Zog dadurch Zorn der Völker Mesopotamiens auf sich und
musste auswandern), A. als Erfinder: Entwickelt Sämaschine, überwindet die Plage der
Samenfressenden Raben, A. als Ideal des Weisen als König, Sondertradition: Abraham lebt bei
Geburt Jakob und Esau noch und ist Jakob zugetan, A. als Musterbeispiel für ein an die
Tradition und Tora gebundenes Leben in heidnischer Umwelt, A. als Vater vieler Völker und
als Vater Israels und Garant der Erwählung, A. als wahrer Glauben (Unwahren Glauben (Sterne
als Götter → niedriges Wissen) aufgegeben, um nach Wahrheit/wahrem Glauben zu suchen,
Verbindung Vernunft, Offenbarung, Natur, Tora → Glauben als Vollendung von Wissen,
Abrahams Rolle wurde stark von der Umwelt der jeweiligen Autoren geprägt
IV. A. im Christentum als identitätsstiftende Figur und als „Chriffre“ für die Zugehörigkeit zum Volk
Israel („Abrahamskindschaft“ (umstritten)), A. steh für gültige Verheißungen, A. als
eschatologische/jenseitige Figur → steht für das ewige Leben, Abrahams Rechtfertigung durch
Glaube, A. als Orientierung für Jesu und alle Israeliten und Juden, A., Isaak und Jakob als „bei
Gott lebende Personen“ stehen für die Auferstehung der Toten (denn Jahwe ist Gott der
Lebenden), A. wird zur Rechtfertigung der „gesetzesfreien Heidenmission“ des Paulus genutzt

12
(Aus dem Glauben wird man gerecht gesprochen, Gott verheißt Abraham Land und
Nachkommen, bevor A. beschnitten ist), durch die Zugehörigkeit Jesus Christus zu Abraham
werden auch die Heiden mit in den Bund genommen, bei Abraham wirken Glaube und Gesetz
zusammen: durch die Werke wurde der Glaube vollendet, A. als Freund Gottes, Vorbild für
Gastfreundschaft, Gehorsam und Demut, Abraham als Ort der Glückseligkeit, der Gerechte bei
aufnimmt (eschatologische Funktion)
V. A. im Islam als Hanife (Verweigerung des arabischen Glaubens an mehrere Götter),
Abstammung Mohammed von A. über Ismael, Mohammed wollte anfangs keine neue Religion
gründen → A. als wichtige Figur der Religionen der Schriften (Islam, Christentum und
Judentum), A. als Identifikationsfigur gegen Götzenverehrung, Abraham-Geschichten als
Spiegelgeschichten für eigene Situation → Überlieferung physische Ähnlichkeit A. und
Mohammed, medinische Phase: Bruch mit Judentum, politischer Sieg Mohammed →
Arabisierung prophetische Botschaft, Aufwertung Ismael-Tradition (als bevorzugter Sohn), A.
als Kronzeuge gegen Judentum und Christentum (Religion Abrahams war vor den beiden
Religionen da und wird vom Islam neu repräsentiert), Abraham als vorbildlicher Moslem:
Gottvertrauen und Unterwerfung

6. Sitzung: Leid als Prüfung 2


1) Hi 1-2, 42,7-17

13
Unterschied Rahmenerzählung und Dichtung
• Unterschiedliche Hiobbilder: Rahmerzählung frommer Mann, Dichtung: Hiob als Klagender
→ verschiedene Autoren
• Die Erzählung muss älter sein als die Dichtung, weil die Dichtung das Leiden Hiobs bereits
voraussetzt
Aufbauanalyse
Hi 1-2: Prolog
Hi 1,1-5: Vorstellung Hiob (Frömmigkeit, Besitz, Brandopfer)
Hi 1,6- 2,10: Prüfungen
Hi 1,6-22: 1. Prüfung → Himmelsszene: V. 6-12
Hi 2,1-10: 2. Prüfung (Steigerung) → Himmelsszene: V. 1-6
V. 42,7-17: Epilog (Gott rechtfertigt Hiob)
Integritätsanalyse
• These: 1,6-12 (1. Himmelszene) ist sekundär (falsch)
o Pro: V. 1,13: Seine Söhne, seine Töchter ergibt nur Sinn, wenn man dies auf V. 5
rückbezieht (Sonst wäre V.13 auf Satan bezogen, weil von diesem im Satz vorher die
Rede ist
o Contra:
▪ „Seine“ könnte sich auch auf das Wort „Hiob“ von Vers 14 beziehen
(nachgestelltes Bezugswort)
▪ Außerdem: V. 16: „Feuer Gottes“, V. 21: „Der Herr hat es gegeben, …“
Unheil wird auf Gott zurückgeführt, nicht auf den Verursacher Satan (2.
Argument ungültig, weil Hiob nicht wissen darf und kann, dass Satan daran
beteiligt ist, denn sonst funktioniert die Prüfung nicht!)
▪ Spannungskurve der Erzählung: Wird in Himmelsszene erzeugt, ohne
Himmelsszene wäre Erzählung kaputt → Himmelsszene kann nicht sekundär
sein
• These: 42, 9b-10 sekundär
o Pro: Reihenfolge passt nicht, V. 10 = Happy End (Herr erhört Hiob), V. 11: Freunde
kommen, um Hiob zu trösten; V. 10 setzt V. 8 voraus
o Contra: -
• These: 2,11-13 sekundär
o Pro: Freunde wurden eingefügt, um Rahmenerzählung und Dichtung zu verknüpfen,
Freunde als Dublette zur Verwandtschaft, die kommt und ihn rettet, Konkurrenz zu
42,11 → V. 42,11 schloss direkt an
• These: 42,7-9 sekundär
o Hi 42,11 wurde von einem Redaktor zur Verknüpfung der Dichtung und der
Rahmenerzählung genutzt
Historischer Ort
• Uz (Edom oder Aram?) → Feindgebiet, Hiob lebt im Feindesgebiet und verehrt Jahwe →
frommer Ausländer (wie Königin von Saba oder König Melchisedek)
Formgeschichte
• Gattung Rahmenerzählung: Lehrerzählung
• Zusage an Menschen, dass Gott einen sieht
• Anleitung für richtiges Verhalten im Leidensfall
• Tun-Ergehen-Zusammenhang funktioniert doch
o Bei Hiob und bei seinen Kindern (Kinder feiern viel + lästern Gott vielleicht, sterben)

14
o Bei Frau allerdings nicht (sagt Hiob, er soll vom Glauben abfallen, aber wird nicht
selbst bestraft)
• Oder Gattung Beispielerzählung
o Gottesvertrauen
o Ausländerfreundlichkeit
Vergleich Hiob – Jona
• Hiob: Leid wird zugefügt, obwohl er nichts gemacht hat, beschwert sich, dass gestraft wird,
obwohl keine Sünde vorliegt
• Jona: Beschwert sich über Gnade Gottes, dass Sünder (in Stadt) nicht bestraft werden,
falscher Prophet, weil seine Weissagung nicht eingetroffen ist, deshalb sauer
Satan (Nur dreimal im AT): Literarische Figur, wird benötigt, um Gott nicht noch schlechter
darzustellen

2) Erzählende Gattungen (AT)


I. Erzählen ist ein Kommunikationsakt, der sich auf die Gegenwart bezieht, ohne ausdrücklich
von ihr zu reden.
a. In sich geschlossener Handlungs- und Ereigniszusammenhang
b. Ebene der Vergangenheit und aktuelle Ebene
c. Erzählsituation weicht von aktueller Situation ab, bezieht sich jedoch indirekt auf
diese
d. Offenheit von Erzählungen lässt Tradierung erst zu
e. Erzählungen folgen dem Gesetz der Spannungskurve
f. Erzählungen bieten Identifikationsfiguren an
II. Erzählung im weiten Sinne: Oberbegriff für alle erzählenden Gattungen (mündlich oder
schriftlich; Erzählung im engeren Sinne: Spezielle erzählende Gattungen: Novelle, Roman,
Kurzgeschichte, Erzählung
a. Spezielle Formen von Novellen und Erzählungen: Mythos, Familien-Erzählung,
Sage/Helden-Erzählung, Legende (Heiligen-Erzählung), Herrscher-Erzählung,
Propheten-Erzählung, Kriegs-Erzählung, Ätiologie, Orts-Erzählung, Kult-Erzählung,
Fabel, Märchen, Weisheitliche Lehrerzählung, Gleichnis
III. Erzählungen haben ihren eigenen Wahrheitswert: Sie sind nicht an Fakten gebunden
a. Die Wahrheit einer Erzählung liegt in dem vorgestellten Lebens- und Weltentwurf
und dessen Fruchtbarkeit für Lebens- und Weltbewältigung
IV. Erzählungen sind Parabeln: Ein Leser/Hörer versteht eine Erzählung erst, wenn nicht nur die
erste, sondern auch die zweite Ebene erkannt und die Erzählung als Parabel erfasst wird, die
auf eine tiefere Wahrheit deutet.
a. Das gegenwärtige Kommunikationsgeschehen muss bei der Auslegung einer
Erzählung im Zentrum stehen
V. Erst der Leser macht eine Erzählung zu einer Lehrerzählung.
a. Der Leser entscheidet, ob die Erzählung nur einen unterhaltenden oder auch
belehrenden Charakter hat und was die Erzählung lehrt.
VI. Merkmale alttestamentlicher Erzählungen:
a. Tempus der Vergangenheit;
b. nur eine, klar aufgebaute Episode;
c. nur wenige (zwei bis vier) Handlungsträger, die polarisierend, d.h. in klaren
Gegensätzen gezeichnet werden;
d. szenische Zweiheit, d.h. nur zwei Personen treten gleichzeitig auf, auch wenn
mehr anwesend sind (nur Dialoge);
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e. Konzentration auf die Hauptperson, die in (fast) allen Szenen auftritt;
f. die Handlung wird in ihrem Verlauf einfach und ohne Rückblicke dargestellt;
g. Wechsel von ausführlichem und gerafftem Stil; nur was für die Handlung wichtig
ist, wird ausgeführt, anderes bleibt im Dunkeln;
h. Gedanken und Gefühle werden nicht ausgesprochen, sondern gehen allenfalls
aus Reden oder Handlungen hervor;
i. keine ausführlichen, sondern nur schematisierte Beschreibungen von Personen,
Orten und Umständen, die für die Handlung relevant sind;
j. in längeren Erzählungen können retardierende Elemente, z.B. Scheinlösungen,
die sich als Sackgasse entpuppen, die Lösung hinauszögern;
k. wörtliche Rede treibt die Handlung voran, da sie vielfach in die Zukunft weist,
indem Pläne geschmiedet oder Befehle gegeben werden.

7. Sitzung: Leid als erzieherische Maßnahme Gottes


1) Hiob 36,1-21 (Elihus letzte Rede)
16
Aufbauanalyse
V. 1: Einleitung, Ankündigung Elihus Rede vom Erzähler
V. 2-4: Selbsteinführung, Ankündigung Rede von Elihu selbst
V. 5-15: Allgemeiner Teil
5-7: Beginn der Rede, Beschreibung Gottes, Beginn der Rede, Argumentationsbasis
8-15: Schlussfolgerungen auf der Basis (Gehorchen vs. Nichtgehorchen)
V: 15: Fazit: „Aber den Elenden wird er durch sein Elend erretten und
ihm das Ohr öffnen durch Trübsal.2
V. 16-17: Zusage (Evangelium)
V. 18-21: Anweisung für Hiob → Mahnungen (Gesetz)
Formgeschichte
• Gattung:
o Lehrerzählung: Rede Elihus in Erzählung eingebettet (V. 1 = Rahmen)
o Lehrrede ab V. 2: Formmerkmale: Argumentationsbasis (V.5-7) und schließend
Schlussfolgerungen (V. 15), Applikation auf Hiob ab V. 16
Traditionsgeschichte
• V. 15: Elender wird durch sein Elend gerettet, öffnet ihr Ohr durch sein Leid
• V. 10: Gott öffnet ihr Ohr zur Warnung (lässt durch Leid die Sünden erkennen), Gott macht so
klar, dass er/man sich vom Elend abkehren soll → Grund von Leid
• Gott als Schöpfer, der Hiob (und allgemein die Menschen) in seiner Hand hält, aber auch „in
der Hand hat“ → Gott allein hat die Macht
Parallelstellen
• Menander: „Der Mensch, der nicht geschunden wird, ist nicht erzogen“
• Klagelieder 3,27: „Gut ist es für den Mann, wenn er das Joch in seiner Jugend trägt.“
• Hiob 3,15ff.: „Leid dient der Warnung, um Menschen Hochmut auszutreiben.“
• Sprüche 3,11f.: 11Verachte nicht, mein Sohn, die Unterweisung durch den Herrn und sei
nicht unwillig, wenn er dich ermahnt. 12Denn wen der Herr liebt, den weist er zurecht, und
er ist ihm zugetan wie ein Vater dem Sohn.
• Hi 5,17-18 → Seligpreisung von Männern, die Gott zurechtweist
• Ps 119,71 → Durch Leid lernt man die Satzungen Gottes kennen
• 2 Makk 6,12ff. → sofortige Strafe ist ein Zeichen großer Güte → Gott will durch Strafe nicht
vernichten, sondern erziehen
• Heb 12,4-11 → „Wen der Herr liebt hat, den züchtigt er, schlägt jeden Sohn, den er
annimmt“ (V. 6) → dient zur Erziehung, wenn man dulden muss
Fazit: Leid als erzieherische Maßnahme Gottes → Leid als Zeichen der Liebe Gottes!
o Für schulische Zwecke in Ordnung, diese Möglichkeit von sich aus einem Leidenden
Menschen anzubieten ist jedoch eher unangebracht.

2) Hiob/Hiobbuch
I. Hiob = „Wo ist der (göttliche Vater?“, Hiob als Programmname für „der (von Gott)
Angefeindete“ (Nur Assoziationsfläche), Im Koran: „Umkehrer/Büßer“ (Nur
Assoziationsfläche), gehört zu den Ketubim („Schriften“) der hebräischen Bibel,
siebengliedriger Aufbau (zugespitze Pyramide), lange Kompositions- und
Redaktionsgeschichte → mehrere (hochgebildete) Autoren, Das Hiobbuch ist eine
Auseinandersetzung über Grundfragen menschlicher und göttlicher Existenz
→ Gliederung: 1. Prolog (Hi 1-2), 2. Die Lebensklage Hiobs (Hi 3), 3. Dialog zwischen
Hiob und seinen Freunden (Hi 4-28), 4. Der Monolog Hiobs (Hi 29-31), 5. Die
Elihureden (Hi 32-37), 6. Die Gottesreden (Hi 38-42,6), 7. Epilog (Hi 42,7-17)
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II. 4 große literargeschichtliche Phasen:
1. Die Hiobdichtung und ihre eigenständige Überlieferung und Erweiterung
2. Die Hiobnovelle und ihre eigenständige Überlieferung und Erweiterung
3. Die redaktionelle Verknüpfung der Hiobnovelle und der Hiobdichtung zu einem
aus Prosarahmen und poetischem Hauptteil bestehenden Hiobbuch
4. Redaktionelle Bearbeitungen des Hiobbuches
III. Die Tradition vom Leidenden Gerechten gab es im vororientalischen Raum (Texte aus
Mesopotamien, Ägypten, Syrien, Griechenland) schon seit dem 3./2. Jahrtausend vor
Christus
→ der jeweilige religiöse und kulturelle Kontext sowie die literarischen und formalen
Besonderheiten der Texte müssen beachtet werden
→ motivische Anklänge durch gemeinsame weisheitliche Wirklichkeitsauffassung seit 3.
Jahrtausend vor Christus
IV. Eine Theologie, die die nachfolgenden Voraussetzungen erfüllt, spricht aufrichtig von Gott:
1) Wissen um die Doppeldeutigkeit von Gotteserfahrungen
→ Nähe Gottes (lebensfördernd vs. lebensbedrohlich)
→ Macht Gottes (chaosbezwingend vs. lebenszerstörend)
→ Umgang Gottes mit dem Recht (berechenbar vs. willkürlich)
2) Keine Ausblendung der dunklen Seiten Gottes, keine dualistische Auflösung der
Spannungen im Gottesbild
3) Auf den Einklang von Tradition, Situation und Person achten
V. Sinn des Hiobbuches: Anleitung zum rechten Verhalten im Leiden
→ Prämisse: 5 Leidensbedeutungen besitzen eine teilweise Wahrheit
1. Leiden als Form der Bewährung des Gerechten
2. Leiden als Strafe für verborgene und offene Sünden
3. Leiden als Erziehungsmaßnahme Gottes
4. Leiden als Ursache der geschöpflich bedingten Sündhaftigkeit des Menschen
5. Leiden als Geheimnis, das durch Gott so geplant ist, aber trotzdem unerklärlich
bleibt

8. Sitzung: Leid als stellvertretendes Leiden


1) Deuterojesaja („Zweiter Jesaja“, 40-55)

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I. Anonymer Prophet, Wirkzeit im Exil zwischen 550 und 540 v. Chr., Biographische Daten
nur aus seiner Botschaft erschließbar, Eroberung Babylons und Befreiung Volk Israel
habe Prophet vorhergesagt, aber nicht mehr miterlebt → Ort Verkündung Babylonien,
Zielgruppe Volk Israel in Gefangenschaft, umstritten: Deutung Gottesknechtlieder auf
Propheten → Verhaftung und Hinrichtung durch Babylonier, Begräbnis bei Verbrechern
a. Deuterojesaja könnte aus levitischer Tempelsängerschaft stammen
b. Deuerojesaja als ein Prophet oder Prophetengruppe? → Wiedersprüche und
Unterschiede lassen sich durch Überarbeitungen und Ergänzungen eines
Grundtextes erklären
II. Heilsmacht und Heilswillen zeigt sich in der creatio continua: Neuer Exodus, der alten
übertrifft, Verbindung Heilsglaube und Schöpfungsglaube: das Neue gehört zu den
Schöpfungswerken Jahwes, Jahwes beständiges Wirken
III. Ohne Unterscheidung von Schichten ist ein historisches und theologisches Verständnis des
Deuterojesajbuches nicht möglich → 3 Schichtmodell (Hermission 2017)
a. Grundbestand (Jes 40,1-52,12): Prophet könnte selbst mitgewirkt haben
b. Sonderüberlieferungen: Die ersten drei Gottesknechtslieder (Jes 42,1-4;
c. Jes 49,1-6; Jes 50,4-9) gehören zur selben Schicht. Das vierte wurde nach dem Tod
des Propheten hinzugefügt
d. Naherwartungsschicht (Redaktionsschicht): Die Gottesknechtlieder werden in den
Grundbestand integriert und neu interpretiert
e. Bilderschicht (Götzenbilderschicht): Spöttische Auseinandersetzung mit fremden
Götzen
f. Weitere Texte: Lassen sich keiner Schicht zuordnen
IV. Botschaft: Der Prophet verkündet die Befreiung des immer noch erwählten (character
indelebilis) Volkes Israels aus dem babylonischen Exil und seine Heimkehr durch die Wüste in
das verheißene Land als ein Wunder Jahwes, in dem Jahwe seine rettende Schöpfermacht
als der einzige Gott vor allen Völkern beweist, die ganze Welt soll sich zu ihm bekennen
und ihn anerkennen
a. Voraussetzung für die Befreiung des Volkes Israels: Sündenvergebung durch Gott
b. Erlösung: Loskauf von Sippenangehörigen aus Sklaverei → Analogie zum Verhältnis
von Gott zum Volk Israel → Durch Gottes Versprechen besteht seine Pflicht zur
Befreiung seines Volkes
V. Gattung Heilsorakel: Der Prophet tröstet das Volk Israel
a. Orakeleinleitung: Anrede (Jakob bzw. Israel), Erwählungsaussagen (Berufung),
Botenformel „so spricht Jahwe“
b. Aufforderung: „Fürchte dich nicht“, Einleitung Hilfs- und Beistandszusage
c. Orakelkorpus: Grundzusage im Perfekt
d. Zielaussage
VI. Jahwes Beauftragte
a. Prophetischer Gottesknecht, als aktiver Zeuge, der das ungläubige Israel zum
Glauben und auf den Weg bringt, Gottesknecht bei argumentierender Gerichtsrede
b. Gottesknecht Jakob/Israel als den zuerst passiven Zeugen, der sich auf den Weg
macht und die Wunder an sich geschehen lässt
c. Kyros als Gesalbter, den Jahwe geschickt hat, um Babylon zu erobern und das Volk
Israel befreien

9. Sitzung: Leid als Teil eines göttlichen Plans


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1) Gen 37,1-11 (Josefs Träume)
Kontextanalyse
• Brücke Erzelterngeschichte & Exoduserzählung
o Wie Israel nach Ägypten kam
• Funktion Zusammenhang Exodus-Josua
o Ätiologie der Landnahme
• Josephsgeschichte ursprünglich selbstständig?
o PRO
▪ Rahel stirbt vorher, lebt aber in Josephsgeschichte (Gen 37,10)
▪ Gen 37,35: „Töchter“ vorher nur Rede von einer Tochter
o Liest Josephsgeschichte in Kontext: Führung Gottes erkennbar
o Wenn selbstständig: andere Bedeutungsebene: Josefs weises Handeln im Fokus
• Was macht Josef mit Simeon + Benjamin in Ägypten?
o 2 Prüfungen für die anderen Brüder, guckt, ob sich ihr Verhalten geändert hat
Aufbauanalyse
V. 1-4: Einleitung
V. 5-7: Erster Traum: Gaben Brüder stellen sich um seine auf und verneigen
V. 8: Reaktionen der Brüder
V. 9-11: Zweiter Traum + Reaktionen Brüder + Vater
Funktion Träume
• Prolepse: Deuten Ende voraus
o Träume werden wahr
▪ Erst verbeugen sich Brüder Gen 42,6
▪ Dann Vater Gen 47,31
• Warum 2 Träume Josef?
o 2 bedeutende Zahl, druckt aus, dass die Sache für Gott beschlossene Sache ist (2
Träume Josef, 2 Träume Pharao)
Integritätsanalyse → keine Einheitlichkeit Josefsgeschichte
• Gen 37,27-29: Ruben holt Josef wieder mit raus zum Verkauf an Ismaelitern, warum ist er
nachher erstaunt, dass Josef nicht mehr da ist?
• Gen 45,3: Fragt, ob Vater noch lebt → Brüder haben vorher noch von Vater gesprochen, wie
er Nachricht noch ein Sohn verloren aufnehmen würde
• Vermutlich aus Quellenschriften zusammengesetzt, keine Redaktionsschicht
Formgeschichte
• Gattung: Novelle (nur formal!) → Konflikt + Hauptperson allein
o Diasporanovelle: Aufstieg Israelit in Fremde
▪ Probleme Diaspora → Assimilation oder Abgrenzung? → Josefsgeschichte
nimmt Stellung: Assimilation (nimmt ägyptische Frau)
▪ Ex-Erzählung anti Ägypten, Josef Plädoyer für Assimilation (wie Ruth (Kinder
heiraten moabitische Frauen, Daniel)
• Gattung: Weisheitliche Lehrerzählung
o Geht nicht auf Frau Potifar ein
o Politisch weise
o Kein Bericht, da keine Zeitangabe + welcher Pharao + Spannungsaufbau
Lehre Josefsgeschichte
1) Tun-Ergehen-Zusammenhang → Durchbrochen
• Bei den Brüdern durchbrochen → haben schlechtes getan, aber werden nicht bestraft →
50,15: Brüder haben nach Tod Vaters Angst vor Rache Josef
20
o Gen 50,20: Leid wird mit Plan Gottes erklärt
• Bei Frau Portifars: Auch durchbrochen
2) Rolle Gottes
• Wirkt im Hintergrund, Explizit nur in Gen 39,2 Und Herr war mit Josef
• Mehrere Stellen: „Jahwe war bei ihm“
3) Politische Botschaft
• Wirtschaftsflüchtlinge aufnehmen (Leute um Ägypten kommen dahin wegen
Hungersnot)
• Erfindung Silowirtschaft durch Israeliten
4) Moralische Lehre
• Solidarität unter Brüdern
• Vergeben, nicht nachtragen
• Identifikationsfiguren
o Josef: Treue, vergeben
o Brüder: Neue Chance, man kann sich ändern → Hoffnung
Fazit: Erklärung von Leid als Teil eines göttlichen Plans

2) Josef/Josefsgeschichte (Gen 37-50)


1. Kontext
o Josefsgeschichte als Bindeglied zwischen den Erzelterngeschichten und der Mose-
Exodus-Erzählung
▪ Durch Josefserzählung mit Ansiedlung Sippe Jakobs in Ägypten wird die
Voraussetzung für Exodus geschaffen
o Josef als 11. Sohn Jakobs und erster Sohn Rahels (Lieblingsfrau Jakobs, zunächst, wie
Erzmütter unfruchtbar)
2. Gliederung
o Exposition: Gen 37: Zwei Träume und Aufbau Bruderkonflikt
o Hauptteil 1: Gen 39,1-41,57: Josef in Not auf sich allein gestellt; in drei Anläufen vom
Sklaven zum Vizepharao und Landwirtschaftsminister
o Hauptteil 2: Gen 42,1-47,28: Dreifache Reise der Brüder, Sippe Jakobs nach Ägypten
o Hauptteil 3: Gen 47,29-50,14: Vorbereitung Jakobs auf Tod, Tod und Bestattung
o Abschluss: Versöhnung Josef und Brüder nach Tod Jakob
o Dopplungen: Träume, zwei Karawanen, zweimalige Versuchung durch seine Herrin,
zweimalige Verleugnung durch sie, zweimalige Reise der Brüder nach Ägypten und
zwei Prüfungen, zwei Versöhnungen, zweimal der Wunsch Jakobs, in Ägypten
beerdigt zu werden
3. Gattung
o Diasporanovelle: Formale Kriterien einer Novelle (Konflikt durch Normbruch,
Protagonist in Schwierigkeiten auf sich gestellt, Höhepunkt ist eine „unerhörte
Begebenheit“, „unerhörte Begebenheit“ und Zufall, Klimax: Grundlage für Auflösung
des Konflikts, weiteres Ergehen des Helden wird am Ende nur noch angedeutet) sind
erfüllt und zusätzlich wird das Thema „Fremde“ für einen Israeliten behandelt (Eins
der Probleme, die in der Diaspora öfter auftraten und durch entsprechende
Erzählungen behandelt wurden)
o Weisheitliche Lehrerzählung: Josef und sein Wandel in Ägypten entsprechen
weisheitlichen Idealen
4. Entstehungshypothesen & Datierung

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o Urkundenhypothese: Text auf Quellen Jahwist und Elohist und eine priesterliche
Überarbeitung zurückzuführen, später weitere Einschübe
o Ergänzungshypothese: Ursprünglich nur ein Sprecher (Ruben oder Juda) in der
Grundschicht, in einer ersten Stufe wurde der jeweils andere hinzugefügt, später
priesterliche Überarbeitung und weitere Einschübe
o Einheitlichkeitshypothese: Dopplungen und Spannungen als literarische Stilmittel,
spätere Bearbeitungen/Einfügungen Gen 38,48,49 und priesterliche Überarbeitung
o Datierung umstritten, priesterschriftliche Redaktion nachexilisch (6./5. Jh. v. Chr.),
Vorschläge von 10./9. Jh. v. Chr. (davidisch-salomonische Aufklärung) bis 6./5. Jh. v.
Chr. (Perserzeit)
5. Theologie
o Providentia dei: göttliche Vorsehung, auch wenn das Handeln Gottes nicht direkt zu
erkennen ist, ist Gott da, der das Geschick der Menschen leitet → Josef gelingt alles,
weil Gott bei ihm ist; Gott kann auch das Böse noch zum Guten wenden,
▪ Josef macht Brüder nicht allein für die Bösen Taten an ihm verantwortlich,
referiert auf providentia dei
o Josef als Glückspilz und Mann der Gottesfurcht, der sich an Gottes Gebote hält →
Ideal eines weisen Mannes
o Josef als durch Gott erwählten Herrscher, der weiß, dass er einen mächtigeren über
sich hat, Herrschen = Dienst am Leben, Herrscher setzten Tun-Ergehen-
Zusammenhang im alten Orient durch, aber Josef geht lässt Gnade vor Gerechtigkeit
bei seinen Brüdern ergehen (Vergebung vor Vergeltung, Erhaltung des Lebens durch
Versöhnung, wenn Mensch Schuld bekennt)

Josef-Christus-Typologie: Rock vs. menschliche Gestalt, Verkauf Josefs vs. Passion Christi, Kaufpreis
Josef vs. Bezahlung Judas

10. Sitzung: Leid als Teil des Lebens der Gerechten

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1) Dan 6 (Daniel in der Löwengrube)
Aufbauanalyse
V. 1-4: Einleitung ((2) 120 Statthalter + (3) 3 Fürsten)
V. 5-19
V. 5-6: Planung der Falle für Daniel
V. 7-10: Gesetz (Bitten in den nächsten dreißig Tagen nur an König, keine Götter,
sonst Löwengrube)
V. 11-16: Daniels Gebet und Verurteilung
V. 17-19: Daniel wird in die Grube geworfen
V. 20-29: Lösung des Konfliktes
V. 20-23: Wunder, Daniel hat überlebt
V. 24-25: Bestrafung der Ankläger
V. 26-29: Schluss
→ Inklusio (Einklammerung): V. 8 und V. 25: Gesetz = Falle für Daniel, die den Stadthaltern
selbst zum Verhängnis wird (Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein)
Integritätsanalyse
• V. 14: „Gefangener“ → Aber ist König bekannt und hoch aufgestiegen → Könnte aber auch
„runter machen“ von Daniel sein, eigentlich unwürdig seiner Stelle
• 2-3 vs. V.25:
o V. 2: Daniel wurde über 120 Männer gesetzt
o V. 25: „Diese Männer“ (V. 6,12,16,25) kommen in die Grube → Steigerung
Vergleich Daniel 6 und Dan 14,23-42
• Daniel bleibt bei seinem Glauben
• König bekennt sich zu Daniels Gott (6,27f. / 14,41)
• König sympathisiert mit Daniel (6,19/14,30)
• Engel hilft Daniel (6,23/14,33-39)
• Personen: Daniel, König, Gegner (Dan 6: Perser, Dan 14: Babylonier)
• Aufbauparallelen
o Gesetz, welches durch Daniel gebrochen wird
o König erkennt Sinnlosigkeit des Gesetzes
o Gegner landen in Grube
• Welche Fassung ist älter?
o These: Dan 6 älter, weil Dan 14 eine Steigerung ist
▪ Dan 6: 1 Tag Löwengrube, Dan 14: 7 Tage
o These Dan 14 älter: Heldenrolle in Dan 14 positiver
Entstehung: Mischung aus älterer Erzählung, die nicht mehr Erhalten ist
Formgeschichte
• Gattung: Legende
o Notizen: Heiligenlegende (katholisch) vs. Heldenlegende (evangelisch)
→ Heilige: Gottvertrauen, Vermittlung religiöser Werte; Held: Held
im Mittelpunkt, Kräfte unabhängig von Gott
• Lehre:
o Gottes Gesetz steht über dem Menschengesetz (ethisch)
o Rettungszusage bei Treue und Gottvertrauen (soteriologisch) → Du sollst
vertrauen (stiftet Hoffnung)
Historischer Ort
• Historizität: König in Dan 6 ist Darius aus Medien

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o Aber: Zur Zeit Darius waren die Meder bereits ca. 30 Jahre vernichtet,
Darius war eigentlich Perser → Weckt Zweifel an Historizität von Dan 6
▪ Also war Darius ein persischer König, der bekehrt wurde → Aber:
In der Geschichte gibt es nicht einen persischen König, der sich
hat bekehren lassen
→ Fazit: Nicht historisch
Vergleich mit Joseph
• Beide politisch aufgestiegen, werden beide an zweiter Stelle des Königsreichs gestellt, trotz
des Lebens in der Diaspora → Identifikationsträger
Fazit: Leid als Teil des Lebens der Gerechten, aber nur vorläufig, denn Gott belohnt Treue

2) Daniel/Danielbuch
I. Grundsätzliches
- Daniel = Idealgestalt, keine historische Gestalt; Traumdeuter + Weiser
- Gehört zur Gruppe der 4 großen Propheten (Jesaja, Jeremia, Ezechiel, Daniel)
- Leitmotive Danielbuch: Angriff auf Jerusalemer Heiligtum & individuelle Treue zum Gott
Israels in Diaspora-Kontexten
II. Aufbau & Stellung im Kanon
- Christliche Bibel: Zwischen Exilsprophet Ezechiel und Zwölfprophetenbuch
- Dan 1-6:
- Sammlung eigenständiger Erzählungen über Daniel + Visionsschilderungen (andere
Adressaten, Inhalte und Einbettung als bei Dan 7-12)
- Dan 1: Eroberung Jerusalem durch Nebukadnezar (König Babel); Deportation junger
Israeliten vornehmer Abstammung (Daniel, Hananja, Michael, Asarja), weisheitliche
Ausbildung am Hofe, um König zu dienen
- Dan 2-6: Daniel und Gefährten besondere Stellung am Hof, gleichzeitig Konflikte mit
Hof durch Gottestreue, Verhältnis Daniel zu Hof aber positiv
- Dan 7-12: Visionsschilderungen, Träume und Deutung im Zentrum
- Vision Kampf Widder (Medien & Persien) und Ziegenbock (Griechenland,
Gewinner); Daniel Auseinandersetzung mit Verheißung Jeremia (Engel: 490 Jahre
Zerstörung Jerusalem, dann Verderben über Verwüster), Geschichte Judäas
- Dan 7: Scharnierstelle und Herzstück
- Visionen über Verfall Großmächte (4 Bestien aus Chaosmeer), Vision über Gericht
eines „Hochbetagten“ über Tiere, Übergabe Herrschaft an „einem wie einen
Menschensohn“
III. Textüberlieferung
- Dan 1,1-2,4a & Dan 8-12: Hebräische Sprache
- Dan 2,4b-7,28: Aramäische Sprache
- Dan 7: Scharnierstelle, verbindet durch Sprache Dan 1-6 und 7-12
→ Übergang der Gattung fällt nicht mit sprachlichen Brüchen zusammen
IV. Entstehungshypothesen, Spannungen & Widersprüche
- Exilsthese: Babylonisches Exil historischer Hintergrund, Daniel Verfasser
- Makkabäer-These: Entstehung zwischen Entweihung Tempel durch Antiochus IV. Epiphanes
und Wiederaufnahme jüdischer Kult nach Reinigung Tempel durch Makkabäer 164 v. Chr.,
pseudonyme Verfasserschaft → plausibler
- Spannungen in Theologie, Chronologie, Stil& Sprache → Längere Entstehungsgeschichte
- Fragmenthypothese: Zusammenstellung einzelner, selbstständiger Erzählungen

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- Aufstockungshypothese: Sammlung einzelner Erzählungen bildet zuerst in Perserzeit Dan 1-
6/7, Ergänzung Dan 7/8-12 in makkabäischer Zeit (Anerkannte Hypothese)
V. Geschichtlicher Hintergrund
- Hellenisierungsbestrebungen Antiochos IV. Epiphanes (Seleukide): Einig Juden nehmen an,
andere Widerstand, jüdisches Gesetz sollte Relevanz verlieren, Entweihung Tempel,
Eroberung + Reinigung Tempel 164 v. Chr.
VI. Theologie
- Blick auf Gegenwart & Zukunft: Gott als wahrer Retter und König, Macht über alle
Großmächte, ewiger Herrscher,
- Offenbarung: Abwärtsbewegung endet mit Vernichtungsgericht, Ankündigung
Menschensohn: im NT als Selbstbezeichnung Jesu
- Auferstehung der Toten: Schlussvision verbindet mit Überwindung der Bedrängnis die
Erwartung der Auferstehung der Toten → Heilwende & Gericht auch für Tote

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11. Sitzung: Überwindung von Leid
1) Ez 37,1-14 (Israel, das Totenfeld, wird durch Gottes Odem lebendig)

Israel: Leben nach dem Tod


1) Tod als endgültiges Aus
a. Staub, Grube/Scheol/Totenreich, kein Kontakt Welt/Gott, keine Auferstehung
2) Fortleben in der Unterwelt
a. Grabbeigaben, Gottesmacht auch in Unterwelt, Tote verehren Gott
3) Vorstellung leibliche Auferstehung
a. Individuell oder kollektiv
Voraussetzung Hoffnung Auferstehung
→ ungerechte Gegenwart (Diesseits) → Hoffnung geht ins Jenseits
→ Gottes Gerechtigkeit + Tun-Ergehen-Zusammenhang funktioniert (Gerechte werden
belohnt)
Handlung Ez 37,1-14? Thesen
1) Auferstehung Volk Israel (kollektiv)
2) Auferstehung des Einzelnen (individuell)
Aufbauanalyse
V. 1-10: Vision / Bildhälfte
V. 11-14: Deutung / Sachhälfte
Erzeugung Spannung
→ Vision von verdorrten Gebeinen (Bildwort) wird aufgenommen, dann erst in V. 37,11 Enthüllung:
das ganze Haus Israel
Integritätsanalyse
• These: V.8b-10a sekundär (noch kein Geist in ihnen, Weissagung zu Geist, und ich weissagte
[…]) & V. 7a sekundär („Und ich weissagte, wie mir befohlen war“)
o Pro:
▪ Reihenfolge Auferstehung von V. 6 vorgegeben: Sehnen, Fleisch,
Haut, Atem → wird unterbrochen → V. 10b müsste direkt an V.
8a anknüpfen (aber V. 8b-10a dazwischen mit, erneute
Weissagung für Geist nötig + Ausführungsbestätigung)
▪ V. 9: Auf einmal „Getöteten“
▪ V. 9: Geist vorher und nachher Atmen → Begriffswechsel
→ V. 9 sekundär
▪ V. 10: Auftragsbestätigung, weil besonderer Auftrag → dann
auch in V. 7a aufnehmen wegen Einheitlichkeit
→ V. 7a sekundär
• Prophet soll zwischen Gott und Geist vermitteln (Untypisch für Prophet) → Spannung zum
Ganzen Buch
Redaktionsgeschichte
• Aussage Grundschicht: Es geht um das Haus Israel(=Gebeine) → kollektive Deutung
• Aussage Redaktionsschicht: Die Getöteten stehen wieder auf, ihnen widerfährt Gerechtigkeit
➔ Individuelle Deutung
o Tote = Märtyrer stehen auf
o Bild für das, was mit dem Volk passieren soll → Aus dem Bild wurde Realvorstellung;
20. Jhd. Wieder zum Bild
Formgeschichte
• Gattung: Visionsschilderung

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o Merkmale: 1. Bildhälfte Vision 2. Sachhälfte / Deutung
• Gattung V. 11-14: Diskussionswort: Merkmale: Rede (Volk Israel klagt über verloren
sein) + Gegenrede (Gott bläst neuen Atem)
Historischer Ort
• Grundschicht: 6. Jhd. V. Chr. → Wiederbelebung Israels
• Redaktionsschicht: 2. Jhd. V. Chr.: Geht um Märtyrer (Individualismus) → Auferstehung der
Toten
Traditionsgeschichte
• Volk wird aus Gräber in Land Israel geführt
• V. 12: Aufnahme Exodustradition: Gefangene herausführen (weg sein) + heraufführen (im
Land ankommen)
• Hesekiel: Gefangener babylonisches Exil → Exodus Ägypten auf babylonisches Exil bezogen
• Vision = Traum von Heraus- und Heraufführung Volk Israel in Land Israel
Fazit: Überwindung von Leid: Wenn man gerecht ist und einem Unrecht im Diesseits widerfährt, kann
man auf die Überwindung des Leids durch Auferstehung hoffen, denn Gott verschafft gerechten
Gerechtigkeit

2) Auferstehung (AT)
I. Traditionelle Jenseitsvorstellungen (bis Spätzeit)
a. Hinabsteigen zu den Vätern nach dem Tod
b. Schattenhafte Existenz in der Scheol (Unterwelt, Land des Staubes) → verminderte
Form des Lebens geprägt durch Kraft- und Bewusstlosigkeit, Schwäche und
Unwissenheit
c. Tod als Schlaf, Unterwelt verschlingt Menschen
d. Scheol als Ort ohne Beziehung zu Gott und außerhalb Gottes Machtbereich
i. Aber Kompetenzausweitung durch Grabinschrift und Grabzugabe von
Silberröllchen mit aaronitischem Segen darauf → Gott als Schutzgott eines
Toten
II. Auferstehungsaussagen (Gegensatz traditionelle Jenseitsvorstellungen)
a. Wiederaufleben des Volkes durch Heilung und Gottes Atem: Neuer Exodus aus dem
Exil
b. Auferweckung der Toten: Unterschied: Apokalyptik – Entrückung eines lebenden –
Totenerweckung
i. Neues, unvergängliches Leben für Verstorbene, endgültige Überwindung des
Todes
ii. Aufhebung der Trennung von Toten und Gott: Gottesbeziehung und -macht
auch nach den Tod
III. Auferstehungserwartung als Antwort auf die Theodizeefrage
a. Gerechtem die Leid im Leben erfahren dürfen auf postmortale Gerechtigkeit und
Beziehung zu Gott hoffen
IV. Koexistenz traditionelle Ansätze und Ansätze zur Überwindung der Todesgrenze
a. Erwartung einer Auferstehung im AT umstritten
b. In Apokryphen und Pseudepigraphien zusätzlich: Vorstellung Unsterblichkeit der
Seele

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