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Giorgio Agamben

Originaltitel: Homo sacer. 11 potere sovrano e la nyda vita


Homo sacer © 1995 Giulio Einaudi editore s. p. a., Torino

Die souveräne Macht


und das nackte Leben

Aus dem Italienischen


von Hubert Thüring

edition suhrkamp 2068


Erste Auflage 2002
©der deutschen Ausgabe: Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2002
Deutsche Erstausgabe
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das
des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung
durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.
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Druck: Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden
Umschlag gestaltet nach einem Konzept
von Willy Fleckhaus: Rolf Staudt
Printed in Germany

2 3 4 5 6 - 07 06 05 04 03 02
Suhrkamp
Einleitung
Inhalt
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . l l
Die Griechen kannten für das, was wir mit dem Begriff Leben
ausdrücken, kein Einzelwort. Sie gebrauchten zwei Begriffe, die
Erster Teil
morphologisch und semantisch verschieden sind, auch wenn
Logik der Souveränität man sie auf eine gemeinsame Wurzel zurückführen kann: zöi
l. Das Paradox der Souveränität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 meinte die einfache Tatsache des Lebens, die allen Lebewesen
2. Nomos basileus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 gemein ist (Tieren, Menschen und Göttern), bios dagegen be-
3. Potenz und Recht.............................. 50 zeichnete die Form oder Art und Weise des Lebens, die einem
4. Rechtsform . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60 einzelnen oder einer Gruppe eigen ist. Wenn Platon im Philebos
Schwelle......................................... 74 drei Lebensarten anführt und Aristoteles in der Nikomachi-
schen Ethik das kontemplative Leben des Philosophen (bfos
Zweiter Teil theöretik6s) vom Leben der Lust und des Vergnügens (bios apo-
Homo sacer laustik6s) und vom politischen Leben (bios politik6s) unter-
scheidet, hätten sie niemals den Begriff zöi gebrauchen können
l. Homo sacer.................................... 81 (dem bezeichnenderweise im Griechischen die Pluralform
2. Die Ambivalenz des Heiligen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 fehlt); und zwar aus dem einfachen Grund, weil es beiden in kei-
3. Das heilige Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 ner Weise um das natürliche Leben, sondern um ein qualifizier-
4. Vitae necisque potestas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 tes Leben, um eine besondere Lebensweise zu tun war. Aristo-
5. Souveräner Körper und heiliger Körper. . . . . . . . . . . . . 101 teles kann sehr wohl von einer zöi ariste ka'i aidios, einem
6. Der Bann und der Wolf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . l 14
höheren und ewigen Leben sprechen (Met. 1072 b, 28), aber nur,
Schwelle.......................................... 122 um die nicht banale Tatsache herauszustreichen, daß auch Gott
ein Lebewesen ist (so wie er sich im selben Kontext des Begriffs
Dritter Teil zöi bedient, um in ebensowenig trivialer Weise den Akt des
Das Lager als biopolitisches Paradigma der Modeme Denkens zu bestimmen); von einer zöi politiki der Athener
Bürger zu sprechen hätte jedoch keinen Sinn ergeben. Nicht daß
r. Die Politisierung des Lebens...................... 127
der Antike die Idee nicht vertraut gewesen wäre, daß das natür-
2. Die Menschenrechte und die Biopolitik . . . . . . . . . . . . . l 35
liche Leben, die einfache zöi als solche, an sich ein Gut sei; Ari-
3. Lebensunwertes Leben ........................... 145
4. »Politik, d. h. die Gestaltung des Lebens der Völker«. . l 53
stoteles drückt dieses Bewußtsein in einem Abschnitt der Politik
5.VP ............................................ 163 sogar mit unübertrefflicher Klarheit aus. Nachdem er daran er-
6. Politisierung des Todes. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 innert hat, daß der Zweck des Gemeinwesens sei, dem Guten ge-
7. Das Lager als n6mos der Modeme.................. 175 mäß zu leben, sagt er:
Schwelle.......................................... 190 »Und das [dem Guten gemäß zu leben] ist nun besonders das Ziel, so-
wohl für alle in Gemeinschaft als auch voneinander getrennt. Sie kom-
Anmerkungen zur Übersetzung und zur Zitierweise..... 199 men aber auch bloß um des Lebens willen zusammen, und sie verfügen
Bibliographie.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 zusammen über eine politische Gemeinschaft. Vielleicht liegt nämlich
schon ein Teil des Guten im Leben allein an sich [kata to zin auto
Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 m6non]. Wenn die Beschwerlichkeiten des Lebens nicht zu sehr über-
handnehmen [kata ton bion], so ist es klar, daß viele Menschen in ih-
rem Verlangen nach Leben [zöe'] reichlich Not ertragen, als gäbe es in verwandelt: »Jahrtausende hindurch ist der :rvt:ensch das ge~lie­
diesem ein gewisses Glücksgefühl [euhemeria: schöner Tag] und eine ben was er für Aristoteles war: ein lebendes Tier, das auch emer
natürliche Annehmlichkeit.« (Pol. 1278b, 23-30) politischen Existenz fähig ist. Der moderne Mensch is~ ein Tier,
in dessen Politik sein Leben als Lebewesen auf dem Spiel steht.«
In der antiken Welt ist das einfache natürliche Leben jedoch aus
(Foucault 1, S. 171)
der p6lis im eigentlichen Sinn ausgeschlossen und als rein repro-
Foucault zufolge liegt die »>biologische Modernitätss~~welle<
duktives Leben strikt auf den Bereich des oikos eingeschränkt
einer Gesellschaft« dort, wo die Gattung und das Individuum
(125 2a, 26-32). Am Anfang seiner Politik verwendet Aristoteles
als einfacher lebender Körper zum Einsatz ihrer politischen
alle Sorgfalt darauf, den oikon6mos (Kopf eines häuslichen Un-
Strategie werden. Im Brennpunkt s_~iner Vorlesungen .am
ternehmens) und den desp6tes (Familienoberhaupt), die sich um
College de France steh von 1977 an der Uberga~g "."om » Te_rnto-
die Fortpflanzung und Erhaltung des Lebens kümmern, vom
rialstaat« zum »Bevölkerungsstaat« und damit die schwmdel-
Politiker zu unterscheiden, und verspottet diejenigen, die glau-
erregend wachsende Bedeutung des biologische~ L_ebens und
ben, es handle sich um einen quantitativen Unterschied und
der Volksgesundheit für die souveräne Macht, die sich zuneh-
nicht um einen Unterschied in der Art. Und wo er den Zweck
mend in eine »Regierung der Menschen« verwandelt (Foucault
der Gemeinschaft bestimmt - eine Stelle ( r 2 52 b, 3o), die für die
2, S. 719). Daraus ergibt sich eine gewisse An~~alisierung d~s
abendländische Tradition kanonisch bleiben sollte -, tut er dies
Menschen, die durch die ausgeklügeltsten politischen Techm-
gerade, indem er die einfache Tatsache des L:be;is ~to ze~) ge~e~
ken ins Werk gesetzt wird. Gleichzeitig mit der Ausbreitung der
f
das politisch qualifizierte Leben abgrenzt to eu zen): gtnomene
Möglichkeiten der Human- und Sozialwissenschafte~ entste~t
mim oun tou zen heneken, ousa de tou eu zen, »enstanden um des
nun auch die Möglichkeit, das Leben sowohl zu schutzen wie
Lebens willen, aber bestehend um des guten Lebens willen« (in
auch seinen Holocaust zu autorisieren. Von dieser Seite her be-
der lateinischen Übersetzung des Wilhelm von Moerbeke, die
trachtet wären insbesondere die Entwicklung und der Triumph
sowohl Thomas von Aquin wie Marsilius von Padua vor sich
des Kapitalismus ohne die disziplinarische Kontrolle nic.ht
hatten: facta quidem igitur vivendi gratia, existens autem gratia
möglich gewesen, welche die neue Bi~macht aus~eübt ~at; mit-
bene vivendi).
tels einer Reihe geeigneter Technologien schuf sie gewisserma-
Es stimmt, daß an einer sehr berühmten Stelle desselben Wer- . ßen die »gelehrigen Körper«, deren sie bedurfte:
kes der Mensch als politikon zßon definiert wird (1253 a, 4); hier
Auf der anderen Seite hat Hannah Arendt m The Human
aber (abgesehen davon, daß in der attischen Prosa das Verb
Condition 1 bereits Ende der fünfziger Jahre (also fast zwanzig
bi8nai kaum im Präsens gebraucht wird) ist »politisch« nicht ein
Jahre vor Der Wille zum Wissen) den Prozeß analysiert, der den
Attribut des Lebewesens als solches, sondern eine spezifische
homo laborans und mit ihm das biologische Leben zunehmend
Differenz zur Bestimmung der Gattung zßon. (Im übrigen wird
ins Zentrum der politischen Bühne der Modeme rückt. Sogar
unmittelbar danach die menschliche Politik von derjenigen der
die Veränderung und den Niedergang des öffentlichen Raumes
anderen Lebewesen unterschieden, weil sie durch einen sprach-
hat Hannah Arendt auf diesen Vorrang des natürlichen Lebens
gebundenen Zusatz an Politizität auf einer Gemeinschaft ;on
Gutem und Bösem, Gerechtem und Ungerechtem und mcht
vor dem politischen Handeln zurückgef~hrt. J?aß
ihre For-
schungen praktisch ohne Nachfolge geblieben ~md un~. Fou-
einfach nur von Lust- und Schmerzvollem gegründet ist).
cault sein biopolitisches Feld ohne Bezug auf sie hat eroffnen
Aufdiese Bestimmung bezieht sich Michel Foucault, wenn er
können, zeugt von den Schwierigkeiten und den Widerständen,
am Schluß von Der Wille zum Wissen den Prozeß zusammen-
die das Denken in diesem Bereich zu gewärtigen hatte. Und ge-
faßt, aufgrund dessen man auf der Schwelle zur Modeme das na-
türliche Leben in die Mechanismen und Kalküle der Staats- r Deutsche Ausgabe unter dem Ti~el Vita activ~ od~r Vom tätigen Leben;
macht einzubeziehen beginnt und sich die Politik in Biopolitik der auch im Original genannte Titel der amenkamschen Ausgabe (1959)
entspricht dem referierten Inhalt thematisch besser.
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rade diesen Schwierigkeiten ist wahrscheinlich sowohl die son- Eine der konstantesten Ausrichtungen von Foucaults Arbeit ist
derbare Tatsache geschuldet, daß Hannah Arendt in The Hu- die entschiedene Abkehr von den traditionellen Zugangsweisen
man Condition keinerlei Anschlüsse an die tiefgehenden Analy- zum Machtproblem, weg von den juridisch-institutionellen
sen herstellt, die sie zuvor der totalitären Macht gewidmet hat Modellen (die Qefinition der Souveränität, die Theorie des Staa-
(und in denen jegliche biopolitische Perspektive fehlt), als auch tes) in Richtung einer vorbehaltlosen Analyse der konkreten
der ebenfalls merkwürdige Umstand, daß Foucault seine Unter- Weisen, in denen die Macht selbst den Körper der Subjekte und
suchungen nie auf das Feld schlechthin der modernen Biopolitik ihre Lebensformen durchdringt. In den letzten Jahren, wie das
verlegt hat: das Konzentrationslager und die Struktur der gro- etwa ein an der Universität von Vermont gehaltenes Seminar
ßen totalitären Staaten des 20. Jahrhunderts. zeigt, scheint diese Analyse zwei gesonderte Forschungsrich-
Der Tod hat Foucault daran gehindert, alle Implikationen des tungen einzuschlagen: auf der einen Seite das Studium der poli-
Konzepts der Biopolitik zu entfalten und die Richtung anzuzei- tischen Techniken (wie die Polizeiwissenschaft), mit denen der
gen, in der er die Untersuchung vertieft hätte. Doch das Eintre- Staat die Sorge um das natürliche Leben der Individuen über-
ten der zöt in die Sphäre der p6lis, die Politisierung des nackten nimmt und in sich integriert; auf der anderen Seite das Studium
Lebens als solches bildet auf jeden Fall das entscheidende Ereig- der Technologien des Selbst, mittels deren sich der Subjektivie-
nis der Moderne und markiert eine radikale Transformation der rungsprozeß vollzieht, der die Individuen dazu bringt, sich an
klassischen politisch-philosophischen Kategorien. Es ist sogar die eigene Identität und zugleich an eine äußere Kontrollmacht
wahrscheinlich, daß es, wenn die Politik heute eine fortwäh- zu binden. Es ist offensichtlich, daß diese beiden Linien (sie fol-
rende Finsternis zu durchqueren scheint, genau daran liegt, daß gen übrigens zwei seit Beginn von Foucaults Arbeit vorhande-
sie versäumt hat, es mit diesem Gründungsereignis der Modeme nen Tendenzen) sich an mehreren Punkten verknoten und auf
aufzunehmen. Die »Rätsel« (Furet, S. 7), die unser Jahrhundert ein gemeinsames Zentrum verweisen. In einer seiner letzten
dem historischen Verstehen aufgegeben hat und die ihre Aktua- Schriften stellt Foucault fest, daß der moderne westliche Staat
lität behaupten (der Nazismus ist davon bloß das beunruhi- in einem bislang unerreichten Maß subjektive Techniken der
gendste), wird man nur auf dem Boden - demjenigen der Bio- Individualisierung und objektive Prozeduren der Totalisierung
politik - lösen können, auf dem sie gewachsen sind. Nur in integriert hat; er spricht von einem eigentlichen »politischen
einem biopolitischen Horizont wird man entscheiden können, double bind, das die gleichzeitige Individualisierung und Totali-
ob die Kategorien, auf deren Opposition sich die moderne Poli- sierung der modernen Machtstrukturen bildet« (Foucault 3,
tik gegründet hat (rechts/links, privat/öffentlich, Absolutis- s. 229-232).
mus/Demokratie etc.), die nun aber immer mehr verschwim- Der Punkt, in dem diese beiden Aspekte konvergieren, ist in
men und heute in eine eigentliche Zone der Ununterscheidbar- seinen Forschungen dennoch seltsam unbeleuchtet geblieben,
keit geraten, endgültig aufzugeben sind oder ob sie womöglich so daß man bemerkt hat, er habe sich einer einheitlichen Theorie
die Bedeutung wiedergewinnen können, die sie gerade in jenem der Macht konsequent verweigert. Doch wenn Foucault den
Horizont zeitweilig verloren haben. Und nur eine Reflexion, die traditionellen Zugang zum Machtproblem von juridischen
ausgehend von Foucaults und Walter Benjamins Ansätzen die (»was legitimiert die Macht?«) oder institutionellen (»was ist der
Beziehung zwischen nacktem Leben und Politik thematisch be- Staat?«) Modellen her ablehnt und vorschlägt, sich »von der
fragt - eine Beziehung, die im geheimen auch die scheinbar am theoretischen Privilegierung des Gesetzes und der Souveräni-
weitesten entfernten Ideologien regiert -, wird das Politische tät« zu lösen (Foucault 1, S. I u) und eine Analytik der Macht
aus seiner Verborgenheit heraus- und das Denken zu seiner aufzubauen, deren Modell und Code nicht mehr das Recht ist,
praktischen Aufgabe zurückführen. wo im Körper der Macht befindet sich dann jene Zone der Un-
unterscheidbarkeit (oder wenigstens der Schnittpunkt), in der
sich die Techniken der Individualisierung und die Prozeduren

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der Totalisierung berühren? Gibt es, allgemeiner gesagt, ein ein- tion der p6lis in der Opposition von leben (z~n) und gut leben
heitliches Zentrum, in dem das »double bind« seinen Ort hat? (eu z~n) mit erneuter Aufmerksamkeit betrachten. Tatsächlich
Daß es in der Genese der Macht einen subjektiven Aspekt gibt, vollzieht die Opposition im selben Zug eine Einbeziehung des
war bereits im Begriff der servitude volontaire von La Boetie ersten in das zweite, des nackten Lebens in das politisch qualifi-
implizit enthalten; doch welches ist der Punkt, in dem die frei- zierte Leben. In der aristotelischen Definition gilt es nicht nur,
willige Knechtschaft der einzelnen mit der objektiven Macht wie das bis anhin geschehen ist, den Sinn, die Modi und die mög-
kommuniziert? Ist es möglich, daß man sich in einem so ent- lichen Einteilungen des »guten Lebens« als telos des Politischen
scheidenden Bereich mit psychologischen Erklärungen begnügt zu untersuchen; vielmehr ist es notwendig, sich zu fragen,
wie jener (gewiß nicht reizlosen), die eine Parallele zwischen äu- warum die abendländische Politik sich vor allem über eine Aus-
ßeren und inneren Neurosen zieht? Und ist es angesichts von schließung (die im selben Zug eine Einbeziehung ist) des nack-
Phänomenen wie der Medien-Spektakel-Macht, die heute über- ten Lebens begründet. Welcher Art ist die Beziehung von Poli-
all den politischen Raum verwandelt, überhaupt noch legitim tik und Leben, wenn das Leben sich als das darbietet, was durch
oder auch nur möglich, subjektive Technologien und politische eine Ausschließung eingeschlossen werden muß?
Techniken auseinanderzuhalten? Die Struktur der Ausnahme, die wir im ersten Teil dieses Bu-
Obwohl eine solche Ausrichtung in Foucaults Forschungen ches nachgezeichnet haben, scheint in dieser Perspektive kon-
logisch impliziert zu sein scheint, bleibt sie ein blinder Fleck im substantiell mit der abendländischen Politik zu sein. Foucaults
Gesichtsfeld des Forschers oder eine Art Fluchtpunkt, der sich Feststellung, der Mensch sei Aristoteles zufolge »ein lebendes
unendlich entzieht, auf den die verschiedenen Perspektivlinien Tier, das auch einer politischen Existenz fähig ist«, muß konse-
seiner Untersuchungen (und allgemeiner die ganze abendländi- quent integriert werden, und zwar in dem Sinn, daß gerade die
sche Reflexion über die Macht) zulaufen, ohne ihn je erreichen Bedeutung dieses »auch« problematisch ist. Die eigentümliche
zu können. Formel »Enstanden um des Lebens willen, aber bestehend um
Die vorliegende Untersuchung betrifft genau diesen verbor- des guten Lebens willen« kann nicht nur als Einbeziehung der
genen Kreuzpunkt zwischen dem juridisch-institutionellen Zeugung (ginomene) in das Sein (ousa), sondern auch als eine
Modell und dem biopolitischen Modell der Macht. Und was sie einschließende Ausschließung (eine exceptio) der zöi aus der
als eine der wahrscheinlichen Folgerungen hat festhalten müs- p6lis gelesen werden, beinah als ob die Politik der Ort wäre, an
sen, besteht genau darin, daß die beiden Analysen nicht getrennt dem sich das Leben in gutes Leben verwandeln muß, und als ob
werden können und daß die Einbeziehung des nackten Lebens das, was politisiert werden muß, immer schon das nackte Leben
in den politischen Bereich den ursprünglichen - wenn auch ver- wäre. Dem nackten Leben kommt in der abendländischen Poli-
borgenen - Kern der souveränen Macht bildet. Man kann sogar tik das einzigartige Privileg zu, das zu sein, auf dessen Ausschlie-
sagen, daß die Produktion eines biopolitischen Körpers die ur- ßung sich das Gemeinwesen der Menschen gründet.
sprüngliche Leistung der souveränen Macht ist. In diesem Sinn Es ist also kein Zufall, wenn ein Abschnitt der Politik den
ist die Biopolitik mindestens so alt wie die souveräne Aus- eigentlichen Ort der p6lis im Übergang von der Stimme zur
nahme. Indem der moderne Staat das biologische Leben ins Sprache ansiedelt. Das Band zwischen nacktem Leben und Po-
Zentrum seines Kalküls rückt, bringt er bloß das geheime Band litik ist dasselbe, das auch die metaphysische Definition des
wieder ans Licht, das die Macht an das nackte Leben bindet, und Menschen als »Lebewesen, das über die Sprache verfügt« in der
knüpft auf diese Weise (gemäß einer hartnäckigen Entsprechung Verbindung zwischen phoni und l6gos sucht:
zwischen Modernem und Archaischem, die man in den ver- »Über die Sprache aber verfügt allein von den Lebewesen der Mensch.
schiedensten Bereichen antrifft) an das Unvordenkliche der ar- Die Stimme nun bedeutet schon ein Anzeichen von Leid und Freud,
cana imperii an. daher steht sie auch den anderen Lebewesen zu Gebote; ihre Natur ist
Wenn das zutrifft, dann muß man die aristotelische Defini- nämlich bis dahin gelangt, daß sie über Wahrnehmung von Leid und

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Freud vedügen und das den anderen auch anzeigen können. Doch die eingeschlossen wird, liefert also den Schlüssel, dank dessen nicht
Sprache ist da, um das Nützliche und das Schädliche klarzulege':1 u~d
nur die heiligen Texte der Souveränität, sondern allgemeiner
in der Folge davon das Gerechte und das Ungerechte. Denn das 1s~ 1m
Gegensatz zu den anderen Lebewesen den Menschen eigentümlich, noch die Kodices der politischen Macht selbst ihre arcana ent-
daß nur sie allein über die Wahrnehmung des Guten und des Schlech- hüllen. Aber zugleich stellt uns diese vielleicht älteste Bedeu-
ten, des Gerechten und des Ungerechten und anderer solcher Begriffe tung des Begriffs sacer vor das Rätsel einer Figur des Heiligen
verfügen. Und die Gemeinschaft mit diesen Begriffen schafft Haus diesseits oder jenseits des Religiösen, die das erste Paradigma des
und Staat.« (1253a, 10-18) politischen Raumes im Abendland bildet. Die Foucaultsche
These muß mithin berichtigt oder wenigstens ergänzt werden:
Die Frage: »In welcher Weise verfügt das Lebewesen über die Was die moderne Politik auszeichnet, ist nicht so sehr die an sich
Sprache?« entspricht genau der Frage: »In welcher Weise be- uralte Einschließung der zöi in die p6lis noch einfach die Tatsa-
wohnt das nackte Leben die p6lis ?«Das Lebewesen verfügt über che, daß das Leben als solches zu einem vorrangigen Gegen-
den l6gos, indem es in ihm die eigene Stimme aufhebt und be- stand der Berechnungen und Voraussicht der staatlichen Macht
wahrt, so wie es die p6lis bewohnt, indem es das eigene nackte wird; entscheidend ist vielmehr, daß das nackte Leben, ur-
Leben in ihr ausgenommen sein läßt. Die Politik erweist sich sprünglich am Rand der Ordnung angesiedelt, im Gleichschritt
demnach als im eigentlichen Sinn fundamentale Struktur der mit dem Prozeß, durch den die Ausnahme überall zur Regel
abendländischen Metaphysik, insofern sie die Schwelle besetzt, wird, immer mehr mit dem politischen Raum zusammenfällt
auf der sich die Verbindung zwischen Lebewesen und Sprache und auf diesem Weg Ausschluß und Einschluß, Außen und In-
vollzieht. Die» Politisierung« des nackten Lebens ist die Aufgabe nen, zöi und bios, Recht und Faktum in eine Zone irreduzibler
schlechthin der Metaphysik, in der über die Menschheit und den Ununterscheidbarkeit geraten. Der Ausnahmezustand, in dem
lebenden Menschen entschieden wird; und wenn die Moderne das nackte Leben zugleich von der Ordnung ausgeschlossen
diese Aufgabe annimmt, tut sie nichts anderes, als der wesent- und von ihr erfaßt wurde, schuf gerade in seiner Abgetrennt-
lichen Struktur der metaphysischen Tradition ihre Treue zu be- heit das verborgene Fundament, auf dem das ganze politische
kunden. Das fundamentale Kategorien paar der abendländischen System ruhte. Wenn seine Grenzen bis ins Unbestimmte ver-
Politik ist nicht jene Freund/Feind-Unterscheidung, so,ndern schwimmen, dann setzt sich das nackte Leben, das ihn be-
diejenige von nacktem Leben/politischer Existenz, zöelbios, wohnte, im Staat frei und wird zum Subjekt und Objekt der
Ausschluß/Einschluß. Politik gibt es deshalb, weil der Mensch Konflikte der politischen Ordnung, dem einzigen Ort sowohl
das Lebewesen ist, das in der Sprache das nackte Leben von sich der Organisation der staatlichen Macht als auch der Emanzipa-
abtrennt und sich entgegensetzt und zugleich in einer einschlie- tion von ihr. Es scheint ganz so, als ob im Gleichschritt mit dem
ßenden Ausschließung die Beziehung zu ihm aufrechterhält. Prozeß der Disziplinierung, durch den die Staatsmacht den
Menschen als Lebewesen zu seinem eigenen spezifischen Ob-
Der Protagonist dieses Buches ist das nackte Leben, das heißt jekt erhebt, ein weiterer Prozeß in Gang gekommen wäre, der
das Leben des homo sacer, der getötet werden kann, aber nicht im großen und ganzen mit der Geburt der modernen Demokra-
geopfert werden darf, und dessen bedeutende Funktion in der tie zusammenfällt, in der sich der Mensch als Lebewesen nicht
modernen Politik wir zu erweisen beabsichtigen. Eine obskure mehr als Objekt, sondern als Subjekt der politischen Macht prä-
Figur des archaischen römischen Rechts, in der das menschliche sentiert. Diese Prozesse, die einander in vielem entgegengesetzt
Leben einzig in der Form ihrer Ausschließung in die Ordnung1 sind und (wenigstens scheinbar) in hartem Konflikt stehen,
r »Ordinamento« meint im Unterschied zu »ordine« (auch »Befehl«) die stimmen jedoch in der Tatsache überein, daß in beiden das
»politisch-rechtliche Ordnung«, wie der Begriff in dem von Carl Schmitt nackte Leben des Staatsbürgers, der neue biopolitische Körper
geprägten Zusammenhang in der Folge gebraucht wird; zur Verdeut- der Menschheit auf dem Spiel steht.
lichung steht hier bisweilen »Rechtsordnung«. Demnach kennzeichnet sich die moderne Demokratie gegen-
18
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sehe These (übrigens ebensowenig wie Leo Strauss' These von
über der antiken dadurch, daß sie von Anfang an als eine Einfor-
einer geheimen Konvergenz zwischen Liberalismus und Kom-
derung und Freisetzung der zöi erscheint, daß sie unablässig
munismus, was ihr Endziel angeht), die der Ausräumung und
versucht das nackte Leben selbst in Lebensform zu verwandeln
und soz~sagen den bios der zöt zu finden. Daher rührt auch die
Einebnung der enormen Unterschiede, die ihre Geschichte und
ihre Gegnerschaft kennzeichnen, Vorschub leisten soll. ~ro~z­
spezifische Aporie, die darin besteht, die Freiheit und Glückse-
dem muß auf der historisch-philosophischen Ebene, die ihr
ligkeit der Menschen am selben Ort - d.em »nackten Leben« -
eigen ist, an der These entschieden festgehalten werden; denn sie
ins Spiel bringen zu wollen, der doc~ i~re Verknechtung be-
allein erlaubt es, uns angesichts der neuen Realitäten und der un-
zeichnete. Hinter dem langen antagomstischen Prozeß, der zur
vorhergesehenen Konvergenzen dieses Jahrtausendendes zu
Anerkennung der Menschenrechte und der formalen Freiheiten
orientieren und das Feld für jene neue Politik frei zu machen, die
führt steht noch einmal der Körper des homo sacer [uomo
im wesentlichen noch zu erfinden bleibt.
sacroj mit seinem souveränen Doppel, seinem nicht opferbaren,
Indem Aristoteles im oben zitierten Abschnitt den »schönen
jedoch tötbaren Leben. Diese Aporie ins Bewußtsein zu heben,
Tag« (euhemeria) des einfachen Lebens den »Beschwerlic~­
bedeutet nicht, die Errungenschaften und Anstrengungen der
keiten« des politischen bios entgegensetzte, gab er der Apone,
Demokratie zu entwerten, sondern ein für allemal verstehen zu
die der abendländischen Politik zugrunde liegt, ihre vielleicht
wollen warum sie in dem Moment, da sie endgültig über ihre
Gegne; zu triumphieren und den G~~f~l err~ich.t zu ~~ben
schönste Ausformulierung. Die vierundzwanzig Jahrhunderte,
die seither verflossen sind, haben keine anderen als vorläufige
schien sich wider alles Erwarten als unfahig erwies, Jene zoe vor
und unwirksame Lösungen gebracht. Es ist der Politik in der
einem'nie dagewesenen Ruin zu bewahren, zu deren Befreiung
Ausführung des metaphysischen Auftrags, der sie zunehmend
und Glückseligkeit sie alle ihre Kräfte aufgeboten hatte. Der
die Form einer Biopolitik hat annehmen lassen, nicht gelu?gen,
Niedergang der modernen Demokratie und ihre zunehmen~e
die Verbindung herzustellen, die den Bruch zwischen zöe und
Konvergenz mit den totalitären Staaten in den. post~emok.ratl­
bios, zwischen Stimme und Sprache hätte überwinden sollen.
schen Spektakel-Gesellschaften (was sich bereits mit Alexis de
Das nackte Leben bleibt in diesem Bruch in der Form der Aus-
Tocqueville abzeichnet und in den. An~lys~n G.uy Debor~s kl~r
nahme eingefaßt, das heißt als etwas, das nur durch eine Au~­
zutage tritt) finden ihre ~urzel v.ielle1cht i? dies~r Apon~, die
schließung eingeschlossen wird. Wie ist es möglich, die »natürli-
den Beginn der Demokratie markiert und si~ zu em_er geheimen
che Annehmlichkeit« der zöt zu »politisieren«? Und vor allem:
Komplizenschaft mit ihrem erbittertsten Femd zwm_gt. U~sere
Bedarf die zöt wirklich der Politisierung, oder ist das Politische
Politik kennt heute keinen anderen Wert (und folglich kemen
etwa bereits als ihr wertvollster Kern in ihr enthalten? Die Bio-
anderen Unwert) als das Leben, und solange die Wid~rsprüche,
politik des modernen Totalitarismus auf der einen, die Massen-
die sich daraus ergeben, nicht gelöst sind, werden Nazismus und
gesellschaft des Konsums und des Hedonismus auf der .anderen
Faschismus welche die Entscheidung über das nackte Leben
zum höchst~n politischen Kriterium erhoben haben, bedrohlich
Seite geben gewiß, jede auf ihre Art, eine Antwort auf diese Fra-
gen. Doch solange keine völlig neue - das heißt ~~cht ~ehr ~uf
aktuell bleiben. Der Zeugenschaft von Robert Antelme zufolge
die exceptio des nackten Lebens gegründete - Poht1k da ist, :wird
bestand die Lektion, welche die Konzentrationslager ihren In-
jede Theorie und jede Praxis in einer Sackgasse steckenbleiben,
sassen beigebracht hatten, ?arin: »S?bal~ das .eigen_tliche
und der »schöne Tag« des Lebens wird das politische Bürger-
Menschsein in Frage gestellt wird, stellt sich_ em fast b10logis~her
recht nur über Blut und Tod erlangen oder in der vollkommenen
Anspruch auf Zugehörigkeit zur menschlichen Gattung em.«
Sinnlosigkeit, zu der es die Spektakel-Gesellschaft verdammt.
(Antelme, S. ro)
Die These von einer innersten Solidarität zwischen Demo-
Carl Schmitts Definition der Souveränität (»Souverän ist, wer
kratie und Totaliarismus (die wir hier, wenn auch mit aller Vor-
über den Ausnahmezustand entscheidet«; Schmitt r, S. 13) ist,
sicht, aufstellen müssen) ist offensichtlich keine historiographi-
21
20
noch bevor man begriffen hätte, wovon sie wirklich handelt, zu Erster Teil
einem Gemeinplatz geworden. Es ist nicht weniger als der
Grenzbegriff der Staats- und Rechtslehre, die in ihm (da jeder Logik der Souveränität
Grenzbegriff die Grenze zwischen zwei Begriffen ist) an die
Sphäre des Lebens anstößt und sich mit ihr vermischt. Solange
der Horizont der Staatlichkeit den weitesten Kreis des Gemein-
schaftslebens bildete und die politischen, religiösen, juridischen
und ökonomischen Lehren, die ihn stützten, noch Bestand hat-
ten, konnte diese »äußerste Sphäre« (ebd.) nicht wirklich ans
Licht kommen. Das Problem der Souveränität war damals dar-
auf beschränkt, zu bestimmen, wer innerhalb der Ordnung mit
gewissen Machtbefugnissen ausgestattet wurde, ohne daß die
Schwelle der Ordnung selbst je in Frage gestellt wurde. Heute,
da die großen staatlichen Strukturen in einen Prozeß der Auflö-
sung geraten sind und der Notstand, wie das Benjamin voraus-
ahnte, zur Regel geworden ist, wird es Zeit, das Problem der
Grenzen und der originären Struktur der Staatlichkeit erneut
und in einer neuen Perspektive aufzuwerfen. Denn die Unzu-
länglichkeit der anarchistischen und marxistischen Kritik des
Staates bestand genau darin, diese Struktur nicht einmal erahnt
und deshalb das arcanum imperii voreilig beiseite geschoben zu
haben, wie wenn es außerhalb der Simulakren und der Ideo-
logien, die ihm zur Rechtfertigung beigestellt wurden, keinen
Bestand hätte. Der Kampf gegen einen Feind, dessen Struktur
einem unbekannt bleibt, endet früher oder später damit, daß
man sich mit ihm identifiziert. Und die Theorie des Staates (und
besonders des Ausnahmezustandes, das heißt die Diktatur des
Proletariats als Übergangsphase zu einer staatslosen Gesell-
schaft) ist gerade die Klippe, an der die Revolutionen unseres
Jahrhunderts gescheitert sind.
Dieses Buch, das anfänglich als Antwort auf die blutige My-
stifikation einer neuen globalen Ordnung konzipiert worden
war, mußte sich indes Problemen stellen - zuvorderst der Hei-
ligkeit des Lebens-, mit denen es nicht gerechnet hatte. Aber im
Verlauf der Untersuchung ist klar geworden, daß in einem der-
artigen Bereich keiner der Begriffe, welche die Humanwissen-
schaften (von der Jurisprudenz bis zur Anthropologie) zu defi-
nieren glaubten oder als evident voraussetzten, als verbürgt
anzunehmen ist und daß viele dieser Begriffe - in der Dringlich-
keit der Katastrophe - einer rückhaltlosen Revision bedurften.

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