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Hajj - Die Reise Der Herzen

von Muhammad Alshareef


Arafat – 10 Jahre nach der Hijra. Der Mann stand beim Gesandten Allahs (sal Allahu
alayhi wa sallam) als er plötzlich vom Kamel fiel. Das Kamel stampfte und das
Genick des Mannes war gebrochen. Tod!
„Wascht seinen Körper mit Wasser und Lotuspflanzen und begrabt ihn mitsamt
seiner Kleidungsstücke“, sagte Allahs Gesandter (sal Allahu alayhi wa sallam).

„Bedeckt weder seinen Kopf noch berührt ihn mit Kampfer, denn wahrlich, er wird
am Tage der Auferstehung im Zustand der Talbiyah zu Allah zurückkehren!“
(Labbayk Allahaahumma labbayk)” – Buchari und Muslim

Amr Ibn Al `Aas berichtete: Als der Islam mein Herz erfüllte, kam ich zum Propheten
und sagte: „ Gib mir deine Hand, damit ich dir den Treue - Eid schwören kann.“ Als
er seine rechte Hand ausstreckte, hielt ich meine Hand zurück. Er fragte: „Was ist los,
Amr?“ Ich erwiderte: „Ich will eine Bedingung stellen.“ Er fragte: „Was für eine
Bedingung?“ Ich antwortete: „Dass mir meine bisherigen Missetaten vergeben
werden.“ Er sagte: „Weißt du nicht, dass der Islam alles vernichtet, was vorher war,
dass die Hijrah alles vernichtet, was vorher war und dass die Hajj alles vernichtet,
was vorher war?“ [Buchari und Muslim]

Die Höchste Belohnung! Rasul Allah – sal Allahu alayhie wa sallam – sagte: „ Für
einen angenommenen Hajj gibt es keine geringere Belohnung als Jannah (Das
Paradies).“

Was ist der erste Vers, welchen du in Surah „Al-Hajj“ liest? Es handelt nicht von
Arafat, noch spricht es über die Pflichten am Opfertag. Es besagt einfach:
O ihr Menschen, fürchtet euren Herren. Gewiss, das Beben der Stunde ist eine
gewaltige Sache. An dem Tag, da ihr es seht, wird jede Stillende (aus Entsetzen)
übersehen, was sie (soeben) gestillt, und jede Schwangere wird mit dem
niederkommen, was sie trägt. Und du siehst die Menschen trunken, obwohl sie nicht
betrunken sind; aber die Strafe Allahs ist streng [QS. 22:1-2]

Die Hajj ist keine Reise, die zur Erholung des Körpers gedacht ist, wie z.B. wenn man
eine Reise zu einem Urlaubsort oder einer Touristenattraktion macht. Es ist vielmehr
eine Reise der Seele und des Herzens.

Wenn man genauer auf die Verse achtet, die von der Hajj handeln, bemerkt man,
dass ein Vers nach dem anderen entweder mit der Aufforderung endet, sich über
Allahs Präsenz bewusst zu sein, oder mit einer Erinnerung an Allahs freigiebige
Großzügigkeit, die Er uns erweist, oder es wird eine Verbindung zwischen der Hajj
und dem letzten Tag hergestellt.

Das Ziel
Vor nicht allzu langer Zeit musste angemessene Verpflegung für eine Reise
vorbereitet werden. Das Durchqueren der Wüsten war hart und die Hitze machte
einem zu schaffen. Unbarmherzig. Es gab keine Tankstellen, an denen man sich mit
Chips oder Getränken versorgen konnte. Genauso gab es keine Zwischenstopps,
während denen man Wasser von Fontänen hätte trinken können. Tatsächlich sah
man weit und breit keine Menschenseele. Den Weg zu verlieren, bedeutete, sein
Leben zu verlieren!
Somit musste man seine Verpflegung beisammen haben, bevor man sich auf die
Reise machte. Ausreichend Nahrung, ausreichend Wasser, ausreichend von allem,
was man benötigte, um an sein Ziel zu gelangen.

Durch die Verse bezüglich der Hajj, in welcher jeder Mann bzw. jede Frau eine Art
Reise unternehmen muss, um die Ka`bah zu erreichen, hat Allah die Aufmerksamkeit
seiner Diener auf eine andere Reise gelenkt. Eine Reise, die jede Seele unternehmen
muss, ob sie sich dessen bewusst ist oder nicht. Allah lenkt ihre Aufmerksamkeit auf
die bevorstehende Reise ins Jenseits; ins Paradies oder ins Höllenfeuer.

„Und versorgt euch mit Reisevorrat, doch der beste Vorrat ist Taqwa (die
Gottesfurcht)“ [QS. 2:197]

Am dem Tag als Buhaym Al-`Ajlee und sein Gefährte sich auf die Hajj vorbereiteten,
lies er seine Blicke schweifen in die endlos erscheinende Wüste, die sie beide
erwartete und fing daraufhin an zu weinen, sodass sein Hemd von seinen Tränen
ganz nass wurde. „Das ist etwas“, sagte Buhaym, „wodurch ich die Reise begreife, die
ich mit Gewissheit eines Tages zu Allah antreten werde!“

Hajj - die Reise der Herzens


Der Versorger
Es gibt Diskussionen darüber, ob jemand, der den Hajj verrichtet Hajji genannt
werden sollte. Es ist schließlich etwas, was man nicht in der Sunnah finden kann.
Vielmehr hat es einen interessanten Hintergrund in unserer kulturellen Geschichte.

Wenn jemand in früheren Zeiten sich dazu entschloss Hajj zu machen, dann war es
gleichzeitig ein Synonym dafür, dass sich dieser jemand von der diesseitigen Welt
verabschiedete. Die Erklärung dafür lag in den heimtückischen Hindernissen, die
eine Reise durch die Wüste mit sich brachte. Krankheiten, Hunger und viele andere
Schwierigkeiten mussten in Betracht gezogen werden.
Es war nicht ungewöhnlich, wenn ein gesamtes Dorf zusammenkam, um den
reisenden Personen Lebewohl zu sagen, da sie davon ausgingen, die jeweiligen
Personen nicht mehr lebend wieder zu sehen.

Falls jemand eine so beachtliche Reise macht und doch lebend wiederkommt, würde
dieser sein Leben der Anbetung und dem Gehorsam Allah gegenüber widmen.
Verschwinden würde das Betrügen, das Lügen oder die verpassten Gebete. Er war
nun ein Hajji.

Heutzutage, mit all den verschiedenen Arten und Möglichkeiten Hajj zu verrichten,
wie z.B. mit Flugzeugen, Schiffen oder Autos, ist der Stellenwert des Wortes Hajji bei
weitem nicht mehr derselbe. Manche mögen es bedauern, dass die Hotelbetten zu
klein sind oder dass die Klimaanlage ein Tick zu laut ist.

Aber wer ist es, liebe Brüder und Schwestern, der uns mit all den Segnungen, mit
denen wir leben, versorgt hat? Es ist derselbe Allah, der uns hier in den Steppen
Arafats getestet hat.
„ Es ist kein Vergehen von euch, wenn ihr nach der Gunst eures Herrn (durch
Handelsgewinn) strebt. Und wenn ihr von Arafat herbeieilt, dann gedenkt Allahs bei
Al Mash’ari-l Haram (Muzdalifa). Und gedenkt Seiner, wie Er euch recht geleitet hat,
obwohl ihr wahrscheinlich vordem unter jenen wart, die irregingen.“ [QS. 2:198]

Allhamdulillah. Wahrlich, die größte Segnung, die Allah uns beschert hat, ist der
Islam! Und der Islam alleine genügt uns als Gunst.

Allah weiß, dass wir während der Hajj teilweise durch viel Sand verschmutzt werden
– Allah weiß es! Also seid nicht überrascht, wenn der Sand über euch kommt. Sucht
vielmehr Zuflucht bei Allah und setzt euch zur Wehr, indem ihr Geduld habt und
euch Allah dankbar zeigt.

„Hierauf sollen sie ihre Ungepflegtheit beenden, ihr Gelübde erfüllen und den Umlauf
um das altehrwürdige Haus vollziehen.“ [QS. 22:29]

Ibn Al-Qayyim schrieb eine Lobpreisung über die Reise der Herzens. Es folgt ein
kurzer Auszug aus dem Arabischen:
„Er sagt, meine Sklaven besuchen Mich aus Liebe zu Mir (bei der Hajj),
Und Ich bin barmherzig, großzügig und liebevoll zu ihnen,
Frohe Botschaft den Teilnehmern (der Hajj), die auf dem Berge Arafat stehen,
Ein Moment, an dem Allah alle Sünden verzeiht und sie in seine Barmherzigkeit
eintauchen lässt“
Abu Huraira berichtete:“ Ich hörte den Propheten sagen: „Wer zu diesem Haus (der
Ka`bah) kommt und nichts Anstößiges redet und tut, wird zurückkehren, als ob seine
Mutter ihn (eben erst) geboren hätte.“
Das Herz in Form bringen
Als vor vielen Jahren die Pilger durch das Tal der Muzdalifah (ein Ort bei Makka)
wanderten, schrie ein Mann:“ Schau dir die vielen Pilger an!“ Der weise Mann
antwortete, “Nee, die Wanderer sind zahlreich, die Pilger aber wenige!“

Ich hörte einst die Geschichte eines Mannes, der mit der Möglichkeit gesegnet war,
regelmäßig an der Karawane zur Hajj teilzunehmen. Allerdings hatte er das Manko,
nie seinen Ärger bzw. seinen Zorn während der Hajj zu beherrschen. Des Öfteren
beschimpfte er die anderen.
Eine Person jedoch machte ihm den Vorschlag: Anstatt andere Muslime während der
Hajj zu beschimpfen, sollte er all seine negativen Kommentare auf einem Stück
Papier aufschreiben, es zusammenfalten und immer, wenn er wütend wurde auf
einen Anderen, sollte er ihm dieses Blatt geben. Auf den Briefumschlag sollte er
schreiben: „Nicht öffnen bis zum Ende der Hajj.“ Der Mann war einverstanden.

Bei seinen folgenden kritischen Situationen, bändigte er seine Wut und gab dem
Anderen mit einem Lächeln den vorbereiteten Brief.
Das Konzept wirkte, bis zu dem Tag, an dem er zur Jamarat ging. Auf dem Weg
dorthin trat ihm jemand auf die Füße. Er verlor absolut die Kontrolle. Die Zähne
zusammenbeißend und knurrend ging er auf den Mann zu, holte den Briefumschlag
raus und schlug ihm diesen auf den Kopf.

Während der Hajj habe ich Leute gesehen, die in diesen geprüften Zeiten Geduld und
Belohnung von Allah erhaschen wollen, wie ein Mann, der etwas für sich aushandeln
will. Ich habe mich gefragt, was der Unterschied zwischen diesen Leuten und
denjenigen ist, die ihren Atem für Kritik und Streit verschwenden? Schließlich begriff
ich, dass es nicht die Körper von Zayd und Amr` waren, deren Zeuge ich wurde,
sondern die Herzen von Zayd und Amr`!

Einige Leute kommen finanziell vorbereitet zur Hajj. Andere wiederum kommen mit
einem vorbereiteten Herzen – das ist das Wesentliche! Entweder zerschleift uns der
Schleifstein zu Staub oder er poliert uns auf. Das liegt ganz daran, woraus wir
gemacht sind.

Nun – Wie bereitet man sein Herz richtig vor?

Erstens. Nehmt an Unterrichtseinheiten und Workshops teil, die den Hajj behandeln.
Der Hajj ist eines der Säulen, worauf der Islam errichtet worden ist. Wenn jemand
sich dazu entschließt, diesen Ritus zu vollziehen, ist es Voraussetzung für ihn, dass er
dieses auch ordentlich lernt! Rasul Allah (sal Allahu alayhi wa sallam) sagte: „ Das
Streben nach Wissen ist Pflicht für jeden Muslim!“

Imam Buchari schreibt in seiner Sahee: „ Wissen kommt vor der Rede und der
Handlung.“ Anschließend zitiert er den Vers von Allah:
„ Wisse also, dass es keinen Gott gibt außer Allah. Und bitte um Vergebung für deine
Sünden!“ [QS. 47:19]

Zweitens. Verrichte das Gebet und das Gebet in der Nacht (Qiam ul Lail)
Als Rasul Allah (sal Allahu alayhi wa sallam) sein Herz darauf vorbereitete, diese
Religion zu verbreiten, befahl ihm Allah, für seine Vorbereitung die Gebete in der
Nacht zu verrichten. Allah ta`ala sagt:
„O du eingehüllter, steh (zum Gebet) die (ganze) Nacht auf – bis auf einen kleinen
Teil.“ [QS. 73:1-2]

Ein Student übernachtete einst in Imam Ahmads Haus rahimahullah (als dieser
unterwegs war). Imam Ahmad hinterließ für ihn zuvor ein Gefäß mit Wasser. Als der
Imam zur Fajr-Zeit zurückkam, fand er das Gefäß immer noch voll mit Wasser. Er
war schockiert und dachte sich: „Wie kann eine Person ein Talib al-Ilm (ein Student
der islamischen Wissenschaften) sein und nicht zum Qiam ul Lail aufstehen?!“

Einige Leute sagten zu Ibn Mas`ood (Möge Allah ihm barmherzig sein):“ Wir
schaffen es nicht, nachts für das Qiam ul Lail aufzustehen!“ Er antwortete ihnen:“ Ihr
entfernt euch davon durch eure Sünden!“

Drittens. Vergebung bei Allah suchen und Du`a


Es war während der Opferfeiertage, als Jibreel (alayhissalam) zu rasul Allah (sal
Allahu alayhi wa sallam) mit folgenden Worten kam:
„Wenn Allahs Hilfe kommt und der Sieg und du die Menschen in Allahs Religion in
Scharen eintreten siehst, dann lobpreise deinen Herren und bitte Ihn um Vergebung;
Er ist wahrlich der, der die Reue annimmt.“ [QS. 110:1-3]
Dies war der Höhepunkt von 23 Jahren Dawah, Jihad und harter Arbeit. Hier war
nun die Abschiedswallfahrt. Mit was schloss es ab? „dann lobpreise deinen Herren
und bitte ihn um Vergebung!“

Subhanaak Allaahumma wa bihamdika, Allahuma ighfir – lana!


Alles Lob gebührt Dir, o Allah, und Dir danken wir; o Allah, vergib uns! Amin.