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Sonderstrafrecht Wirtschaftsstrafrecht?

*
Von Prof. Dr. Cornelius Prittwitz, Frankfurt a.M.

I. Der Befund aber realistischerweise auch auf steigenden Beratungsbedarf


Wirtschaftsstrafrecht gilt zu Recht als „modern“.1 Nur prima und damit einhergehende Mandate und Gutachtensaufträge
facie kann verwirren, dass dies für die gegensätzlichen Kon- hoffen dürfend – stieg die Zahl von Strafrechtslehrstühlen mit
notationen,2 die mit dem Begriff des „modernen Strafrechts“ einer speziellen Wirtschaftsstrafrechtswidmung und folge-
verbunden sind, gilt. Es hat aber über die ambivalente Mo- richtig die Zahl von Strafrechtswissenschaftlerinnen und
dernität hinaus Konjunktur:3 Im deutschsprachigen Raum ist Strafrechtswissenschaftlern, welche die venia legendi für das
das Lehrbuch Klaus Tiedemanns4 zwar lange das einzige ge- Fach Wirtschaftsstrafrecht anstreben und erhalten. Und letzte
blieben,5 der monographischen Abhandlung Bernd Schüne- Zweifel mussten verschwinden, als Anfang 2012 die fast
manns über „Unternehmenskriminalität und Strafrecht“6 aber schon betagt anmutende, auf Wirtschafts- und Steuerstraf-
ist eine Vielzahl von einschlägigen – kriminologischen und recht spezialisierte wistra8 durch das im Verlag C.H. Beck
strafrechtlichen – Untersuchungen gefolgt, der Anteil wirt- erschienene NJW-Enkelkind NZWiSt9 Konkurrenz bekom-
schaftsstrafrechtlicher Beiträge in Festschriften und Fachzeit- men hat.
schriften hat ebenso stetig zugenommen wie die Zahl ein- Diese Konjunktur hat gut nachvollziehbare Gründe, die
schlägiger Fachtagungen. nur der kurzen Skizzierung bedürfen. Der nationale Gesetz-
Unübersehbare Anzeichen dafür, dass es sich nicht um ein geber ist – teils parallel, teils nachfolgend, aber immer pas-
nur passageres Phänomen handelt, sind hinzugekommen: Das send zu europäischen und internationalen Entwicklungen –
Wirtschaftsstrafrecht hat Eingang in die Curricula des rechts- seit einigen Jahrzehnten verstärkt tätig geworden und hat
wissenschaftlichen Studiums gefunden,7 darauf reagierend – „neues“ Wirtschaftsstrafrecht geschaffen.10 Daneben haben –
massenmedial überwiegend mit Beifall begleitet – Politik und
Gesellschaft, Strafverfolgung und Justiz die Wirtschaftskri-
* Diese Zeilen sind Imme Roxin, mit herzlichen Grüßen, mit minalität ins Hellfeld gerückt, die es, ebenso wie die vor
Hochachtung für Ihre ebenso theoriegeleiteten wie praxisna- allem einschlägigen Strafrechtsnormen Betrug und Untreue,
hen Beiträge zum Wirtschaftsstrafrecht wie zu anderen straf- schon lange gibt. Nicht gänzlich überraschend haben die
rechtlichen Themen, und in Erinnerung an viele Treffen im solchermaßen ins Visier der Strafverfolger geratenen und mit
In- und Ausland seit 1973 zugedacht; an das erste Treffen im hoher Beschwerdemacht ausgestatteten natürlichen und juris-
WS 1973/1974 in München wird und kann sich die Jubilarin tischen Personen anders reagiert als früher mit Kriminalisie-
nicht erinnern, denn es bestand aus einer „einseitigen“ Wahr- rung und Strafverfolgung Bedrohte. Die von der Neukrimina-
nehmung des Studenten C.P., der zusammen mit seinen lisierung betroffenen Wirtschaftsakteure haben sich, anders
Kommilitonen neugierig zur Kenntnis nahm, dass die Ehe- als ganz früher einmal die Wilddiebe, später die neu aufgefal-
frau ihres ersten Strafrechtslehrers Claus Roxin immer wieder lenen Bankräuber und die der Gesellschaft besonders bedroh-
Gast im Grundkurs Strafrecht war. lich erscheinenden Sexualstraftäter, anders aber auch als die
1
Vgl. etwa Rotsch, ZIS 2007, 260. sogenannte – ökonomisch oder politisch motivierte – „orga-
2
Das „moderne Strafrecht“, teils verstanden als fortschrittli- nisierte Kriminalität“, auf verschiedenen Ebenen erfolgreich
ches und den aktuellen gesellschaftlichen und staatlichen zur Wehr gesetzt. Der Wirtschaftsstrafgesetzgebungsprozess
Problemen entsprechendes Strafrecht (so etwa: Broda, Der wird von den Lobbies konstruktiv begleitet, wirtschaftsstraf-
modernen Gesellschaft ein modernes Strafrecht, 1968), teils rechtliche und wirtschaftskriminologische Forschung hat
verstanden als Ergebnis einer „kriminalpolitischen Entwick- gegenüber klassisch strafrechtlicher und kriminologischer
lungstendenz, bei der sich das Strafrecht von ‚klassischen‘ Forschung deutliche Vorteile bei der Drittmittelgewinnung;11
rechtsstaatlichen Grundsätzen zusehends entfernt und sukzes- vor allem aber können sich die Unternehmen, ihr Führungs-
sive durch ein ‚modernes‘, d.h. ein entformalisiertes und personal und ihre Mitarbeiter im Rahmen von drohenden –
funktionalisiertes Strafrecht, das auf einen kompromißlosen und zum Teil noch vermeidbaren – und laufenden Strafver-
Kampf gegen bestimmte Kriminalitätsformen ausgerichtet fahren des sachverständigen Rats hochspezialisierter und
ist“ (so die online-Informationen des Duncker & Humblot
Verlages zum Buch von Park, Vermögensstrafe und „moder-
8
nes“ Strafrecht, 1997), ersetzt wird. Das „moderne“ Straf- Zeitschrift für Wirtschafts- und Steuerstrafrecht, Verlag
recht teilt damit die Ambivalenz des Begriffs der Moderne. C.F. Müller; Heft 1 erschien 1982, nur ein Jahr, nachdem
3
Zur Entwicklung des Wirtschaftsstrafrechts: Trendelenburg, 1981 mit den Fachzeitschriften NStZ und Strafverteidiger die
Ultima ratio?, 2011, S. 4. Spezialisierung der nicht rein wissenschaftlichen Strafrechts-
4
Vgl. (inzwischen) Tiedemann, Wirtschaftsstrafrecht, Ein- fachzeitschriften begonnen hatte.
9
führung und Allgemeiner Teil, 3. Aufl. 2010; ders., Wirt- Neue Zeitschrift für Wirtschafts-, Steuer- und Unterneh-
schaftsstrafrecht, Besonderer Teil, 3. Aufl. 2011. mensstrafrecht, Heft 1 erschien im Januar 2012.
5 10
Vgl. jetzt Wittig, Wirtschaftsstrafrecht, 2. Aufl. 2011; Hell- Vgl. nochmals zur Entwicklung des Wirtschaftsstrafrechts:
mann/Beckemper, Wirtschaftsstrafrecht, 3. Aufl. 2010; Kud- Trendelenburg (Fn. 3), S. 4 m.w.N.
11
lich/Oglakcioglu, Wirtschaftsstrafrecht, 2011. Vgl. etwa Bussmanns Kooperation mit Pricewaterhouse-
6
Schünemann, Unternehmenskriminalität und Strafrecht, 1979. Coopers, Nachweise bei Bussman, in: Schröder/Hellmann
7
Das gilt jedenfalls für das universitäre Schwerpunktstudium. (Hrsg.), Festschrift für Hans Achenbach, 2011, S. 57.
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Cornelius Prittwitz
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jenseits der BRAGO-Sätze bezahlter Strafverteidiger be- rechts auch das Verhalten wirtschaftlicher Akteure pönalisie-
dienen – und sich das auch leisten. ren darf – oder sogar muss.15
Dasselbe gilt – eher noch stärker – für die Anwendung
II. Die Interpretation allgemeiner strafrechtlicher Verbote wie z.B. des Betrugs und
Wie ist der in Ausmaß und Begründung skizzierte Befund zu der Untreue, die selbstverständlich an alle Bürger und – we-
deuten? Was folgt aus ihm, wenn denn überhaupt etwas aus gen des Wirtschaftsbezugs dieser Tatbestände – in besonde-
ihm folgt? rem Maße an wirtschaftliche Akteure gerichtet sind. Natür-
lich soll auch mit diesem Bekenntnis zur selbstverständlichen
1. Selbstverständlichkeiten und Normalitäten Normalität der Debatte nicht vorgegriffen sein, ob die dank-
bare Nutzung des bedenklich unbestimmten und anerkannt zu
Es empfiehlt sich, zunächst mit der gebotenen Gelassenheit
weit ausgreifenden Tatbestandes zur „Bekämpfung“ der Wirt-
die Selbstverständlichkeiten und Normalitäten zu notieren,
schaftskriminalität als rechtsstaatlich unbedenklich gelten
die manchen Beobachtern, die wahlweise „die Wirtschaft“ zu
darf.
Unrecht an den Pranger gestellt sehen oder aber meinen, in
Schließlich ist auch schnell einzusehen, dass das Mehr an
der Unternehmenskriminalität das „eigentliche Objekt des
Wirtschaftsstrafrecht, das Strafgesetzgeber und Strafrecht-
Strafrechts“12 erkannt zu haben, im Eifer des Gefechts bis-
sprechung produzieren, zu einer erhöhten Nachfrage an wirt-
weilen abhandengekommen scheint.
schaftsstrafrechtlich kompetenten Strafrechtspraktikern und
Dazu gehört in erster Linie die Einsicht, dass sich das
also auch an entsprechenden Strafrechtslehrern und damit
Strafrecht – normativ immer schon, empirisch sich vorsichtig
auch wissenschaftlichen (und publizistischen) Schwerpunk-
dem Ideal annähernd – weder als ein Unterschicht- noch als
ten „Wirtschaftsstrafrecht“ in Rechtswissenschaft und Krimi-
ein Oberschicht- und Elitenstrafrecht, sondern als Bürger-
nologie führt.
und Personenstrafrecht versteht, das für Mächtige und Ohn-
Vielleicht am schwersten mag dem einen oder anderen
mächtige, Konsumenten und Produzenten, Arbeitnehmer und
fallen, einzusehen, dass auch die – möglichst erfolgreiche –
Arbeitgeber gilt.
Vertretung der Interessen wirtschaftlicher Akteure in den
Will man sich mit einer solchen Aussage nicht dem Vor-
Prozessen der Gesetzgebung und der Gesetzesanwendung
wurf aussetzen, rechtstatsachenblind einem „majestätischen
nicht zu beanstanden ist. Sie entspricht, das bedarf hier nur
Gesetz“ das Wort zu reden, das Armen wie Reichen gleich-
der Andeutung, dem Selbstverständnis des freiheitlichen
ermaßen verbietet, unter Brücken zu schlafen,13 muss man
Rechtsstaats.
bestimmte Aktivitäten des Strafgesetzgebers und der Straf-
rechtsanwender benennen und zu der Frage ihrer Selbstver-
2. Anstößiges und Kritikwürdiges
ständlichkeit und Normalität Stellung beziehen.
Ohne damit schon abschließend zur Sinnhaftigkeit und Was bleibt an Kritikwürdigem? Bleibt, wenn man das Wirt-
Legitimität einzelner Teilbereiche des neu geschaffenen schaftsstrafrecht „in the books“ und „in action“ betrachtet
Wirtschaftsstrafrechts Stellung zu beziehen, wird man zu- und die soeben angedeutete Checkliste der Selbstverständ-
nächst nicht daran Anstoß nehmen, dass der Gesetzgeber lichkeiten abgearbeitet hat, überhaupt etwas, an dem man An-
seiner Verantwortung, die Rahmenbedingungen gesellschaft- stoß nehmen kann?
lichen Handelns umfassend – und das heißt unter Umständen Um die Antwort vorwegzunehmen: Es bleiben Zweifel.
auch strafrechtlich sanktioniert – festzulegen, auch im Be- Sie betreffen verschiedene Ebenen, sie kommen aus unter-
reich des Subsystems Wirtschaft nachkommt. Ungeachtet der schiedlichen und zum Teil gegensätzlichen Richtungen und
sehr ernstzunehmenden Frage, ob das sogenannte Neben- sie haben sich als basso continuo zu der „Alles in Ordnung“-
Strafrecht neben dem StGB, das wegen seiner überwiegenden Melodie des vergangenen Abschnitts schon angedeutet.
Akzessorietät augenscheinlich und auch per definitionem Kriminalpolitisch ist zu beobachten, dass aus – jeweils
nicht den Ehrgeiz haben kann, magna charta des u.U. recht- nachvollziehbarer – Perspektive aus einer Ecke als zu viel
brechungsgeneigten Bürgers14 zu sein, dürfte feststehen, dass und zu harte Kriminalisierung kritisiert wird, was aus einer
der Gesetzgeber in der Tradition eines solchen Nebenstraf- anderen Ecke als unangemessen wenig und zu milde Krimi-
nalisierung empfunden wird. Dementsprechend werden Be-
mühungen, die Wirtschaftsstrafgesetzgebung zu beeinflussen,
als tendenziell illegitime – jedenfalls aber die Mauscheleien
der Mächtigen offenlegende – Aktivitäten wahrgenommen,
12
So etwa Schünemann, in: Schünemann (Hrsg.), Deutsche während der Wirtschaftsakteur ein solches Vorgehen als
Wiedervereinigung, Die Rechtseinheit – Arbeitskreis Straf- selbstverständlich und nützlich ansieht. Bemühungen der
recht, Bd. 3, Unternehmenskriminalität, 1996, S. 129. Strafverteidiger, unterstützt vom strafrechtsskeptischen Teil
13
So die beißende Kritik Anatole Frances.
14 15
Zur wichtigen und folgenreichen Unterscheidung zwischen Dass allerdings staatliche Pönalisierungspflichten, der
der Sichtweise von Art. 103 Abs. 2 GG und des StGB als Entscheidung BVerfGE 88, 203 folgend, ernsthaft erst seit
magna charta des Verbrechers (so das Originalzitat bei der Debatte um die Strafbarkeit des Schwangerschaftsab-
v. Liszt, Strafrechtliche Vorträge und Aufsätze, Bd. 1, 1905, bruchs im Gespräch sind, muss in Anbetracht des Ausmaßes
S. 80) oder des Bürgers (Naucke, Strafrecht, Eine Einfüh- potentieller Sozialschädlichkeit wirtschaftlichen Handelns er-
rung, 9. Aufl. 2000, § 2 Rn 28 ff.). staunen.
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ZIS 5/2012
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Sonderstrafrecht Wirtschaftsstrafrecht?
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der Strafrechtswissenschaft, werden als Engagement auf der Gebrauch macht von Einstellungsmöglichkeiten, das „inno-
falschen Seite wahrgenommen. Das Beharren auf Strafrechts- vative“ Prozessstrategien wie den „Deal“ favorisiert und
begrenzungsprinzipien wie dem ultima ratio-Satz auch im innovative Sanktionen fiskalisch ertragreicher Verfahrens-
wirtschaftsstrafrechtlichen bzw. -kriminalpolitischen Kontext ausgänge produziert. Und schließlich ist es ein Recht, das in
wird teils als Parteinahme verstanden, teilweise als besonders einem – in anderen Rechtsbereichen schier undenkbaren –
auffallendes und daher plakatives Anwendungsbeispiel für Ausmaß durch das Institut der Compliance die Strafverfol-
einen an Prinzipien insgesamt, an Begrenzungsprinzipien gung privatisiert bzw. Strafverfolgung und Strafvermeidung
besonders desinteressierten Staat. Objektive und subjektive in höchst innovativer Weise in die Sphäre der Rechtsunter-
Zurechnungsfragen, namentlich das Verhältnis zwischen worfenen zurückverweist.
individueller und kollektiver Verantwortlichkeit, werden Wirtschaftskriminalität kann man mit guten Gründen
kontrovers behandelt. Und wichtige Richtungen der Krimino- Wirtschaftskriminalität nennen, mit hergebrachter Kriminali-
logie stehen verwirrt und unentschieden vor der Tatsache, tät hat sie oft und weitgehend wenig gemein. Und Wirt-
dass Strafrecht nicht immer als das Recht der Mächtigen schaftsstrafrecht kann man mit gutem Gewissen Wirtschafts-
gegen die Ohnmächtigen decouvrierbar ist und sind verunsi- strafrecht nennen, mit dem hergebrachten Strafrecht hat es
chert, ob sie unverändert kriminalisierungskritisch agieren oft und weitgehend wenig zu tun. Thomas Rotsch hat diese
oder sich auf die Seite der Kriminalisierer schlagen sollen. Besonderheiten vor einigen Jahren mit den Begriffen „Diffe-
renzierung, Diversifizierung und Divisionalisierung“ beschrie-
3. Versuch einer Zusammenschau ben.18 Und diese Kategorien passen nicht nur trefflich der
Versucht man auf diesem unsicheren Terrain Position zu Sache nach, wie er anhand einer Reihe von Beispielen bezo-
beziehen, die sich weder als kriminalisierungsfreundlich oder gen auf die Strafrechtsdogmatik nachweist,19 sondern bringen
-skeptisch versteht, noch von vornherein wirtschaftsfeindlich die Entwicklung auch insofern auf den Punkt, als diese der
oder wirtschaftsaffin auftritt, dann wird man die Turbulenzen Ökonomie entlehnten – und eben nicht nur auf die Wirt-
am ehesten verstehen als Ergebnis wenig bis gar nicht zu- schaft, sondern auch auf das Wirtschaftsstrafrecht passenden
sammenpassender Teilsysteme. – Begriffe überzeugend belegen, dass die Gesetzmäßigkeiten
Sieht man von Kriminalitätsphänomenen ab, die genauer der Wirtschaft das sie regeln sollende Strafrecht weit stärker
als „Kriminalität in der Wirtschaft“ denn als „Wirtschafts- prägen, als umgekehrt das Strafrecht die Wirtschaft. Schon
kriminalität“ bezeichnet sind, dann scheinen „Wirtschaft“ der Strafgesetzgeber, der sich im traditionellen prinzipienori-
und „Strafrecht“ in vielfacher Hinsicht nicht zueinander zu entierten Strafrechtsbetrieb eher einheitlicher, bestimmter
passen. und letzten Endes recht „einfacher“ Formen bedient hat,
Wirtschaftsstrafrecht ist zunächst in dem Sinn „modern“, benutzt die Instrumente der Differenzierung, Diversifizierung
als es in besonders hohem Maße die Merkmale aufweist, die und Divisionalisierung, und was noch nicht hinreichend dif-
das „moderne“ Risikostrafrecht auszeichnen – und es als pro- ferenziert, diversifiziert und divisionalisiert ist, erfährt den
blematisches Strafrecht kennzeichnen.16 Die Verhaltenswei- Feinschliff durch eine Rechtsprechung, die bereit ist, den
sen, die es regelt, sind ganz überwiegend keine mala per se, hinderlichen Täterbegriff passend zum Kriminalitätsaus-
sie sind auch kein abweichendes, sondern eher (system-)kon- schnitt zu modifizieren, hinderliche Zurechnungsprinzipien
formes, ja oft – sofern es nur nicht tatbestandsmäßig ist – an den betreffenden Kriminalitätsausschnitt anzupassen und
erwünschtes Verhalten. Auf dieses Verhalten wird nicht in auch – Stichwort: „Deal“ – hinderliche Beweisanforderungen
erster Linie wegen seiner Unerträglichkeit für die Gesell- und Verfahrensgrundsätze so zu schleifen, dass vom herge-
schaft reagiert, sondern man will damit steuern – und zwar brachten Strafrecht materieller und formeller Art nicht viel
handelt es sich nicht um Steuerung en detail, sondern um übrig bleibt. Entstanden ist vielmehr ein „Wirtschaftsstraf-
Großsteuerungsversuche. recht“ genanntes Sonderstrafrecht, entstanden sind Verfahren,
Das Recht, mit dem geregelt wird, ist ein Recht, das be- die sich in so vielen Punkten vom hergebrachten Verfahren
sonders früh prävenieren will und den Bereich strafbaren unterscheiden, dass man getrost auch von einem Sonderstraf-
Verhaltens deswegen vorverlegt; es ist ein Recht, dem der prozessrecht sprechen kann.
Nachweis des Tatverhaltens besonders schwer fällt und das Mit diesen – natürlich zuspitzenden – Einordnungen ist
deswegen den Bereich strafbaren Verhaltens noch einmal jedoch keineswegs a limine eine Wertung verbunden. Es
vorverlegt, ein Recht, das es wegen des Kontextes des mögli- kann ja sein – und in der Tat spricht viel dafür – dass das
chen tatbestandsmäßigen Verhaltens besonders schwer hat, Strafrecht mit seinen Tatbestandsvoraussetzungen und
verschiedene individuelle Verantwortlichkeiten untereinander Rechtsfolgen und samt seines Verfahrensrechts auf den Be-
und individuelle von kollektiver Verantwortlichkeit zu unter- reich der Wirtschaft gar nicht passt, so dass Differenzierung,
scheiden und deswegen innovative Zurechnungsfiguren – wie Diversifizierung und Divisionalisierung notwendige Voraus-
den von Rotsch so genannten „ökonomischen Täterbegriff“17 setzung eines gelingenden Wirtschaftsstrafrechts sind.
– favorisiert oder kreiert. Es ist zugleich ein Recht, dem die Gleichwohl scheint mir weit mehr dafür zu sprechen, dass
traditionelle Strafrechtsfolge „Freiheitsstrafe“ in mehrfacher der Staat klug beraten ist, im Bereich seines Strafrechts eher
Hinsicht unangebracht erscheint und das daher reichlich auf Einheitlichkeit und Ganzheitlichkeit zu setzen, solange er

16 18
Vgl. dazu Prittwitz, Strafrecht und Risiko, 1993. Rotsch, ZIS 2007, 260.
17 19
Rotsch, ZIS 2007, 260. Rotsch, ZIS 2007, 260 (263 ff.).
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Cornelius Prittwitz
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überhaupt auf ein „Strafrecht“ genanntes Instrumentarium realistisch. Wirtschaftsstrafrecht ist rückbaubar, es verfügt
setzt, das man getrost als – vielleicht nötiges – Überbleibsel nicht über den harten „Stahl“ des Strafrechtsschwertes und
eines eher eindimensionalen, in mancherlei Beziehung gar sollte es auch nicht.
atavistischen Staat-Bürger-Verhältnisses bezeichnen kann. Es Die Gesellschaft muss sich zunächst entscheiden, wie
ist ja alles andere als ein Zufall, dass Umweltstrafrecht und weit sie dem Staat aufgeben will, das Teilsystem Wirtschaft
Wirtschaftsstrafrecht in das Strafgesetzbuch aufgenommen (und Finanzen) zu regeln. Viel spricht dafür, nicht alles dem
wurden. Symbolträchtig und auf Symbole bauend wurden Teilsystem selbst zu überlassen. Steht dann fest, was im
diese Sanktionsregelungen damit einem Rechtsgebiet einge- Bereich Wirtschaft geregelt werden muss, dann müssen
meindet, das – normativ weitgehend unbestritten20 – ultima Strafgesetzgeber und (praktische und wissenschaftliche)
ratio sein soll. Strafrechtsanwender prinzipiengeleitet und mit Blick auf
Gleichzeitig das „scharfe Schwert“ Strafrecht – eine tech- inhaltlich und formal zu Bewahrendes im Strafrecht entschei-
nologisch unbestreitbar veraltete Waffe – zu nutzen und es zu den, wo Wirtschaftsstrafrecht, das seinen Namen verdient
einer geschmeidigen Vielzweckwaffe umzugestalten, dürfte und weder im Übermaß differenziert, noch diversifiziert und
eine Überforderung des Unternehmens „Staatliches Straf- divisionalisiert ist, Not tut. Diese Aufgabe ist anspruchsvoll;
recht“ darstellen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Maßnah- sie stellt den Kern eines Wirtschaftsstrafrechts mit Prinzi-
men der Differenzierung, Diversifizierung und Divisiona- pien- und Grundlagenbezug dar, den jede rechtswissenschaft-
lisierung, die ja die Gesamtleistung des Unternehmens ver- liche Fakultät im Angebot haben sollte, weil sie das der Ge-
bessern sollen,21 das Ende des Unternehmens bedeuten. sellschaft und ihren Studierenden schuldet.
Der Umgang mit dem Schwert „Strafrecht“ erfordert, will
man es effektiv und legitim einsetzen, sehr wohl eine fein
ausziselierte, geschliffene und komplexe Strafrechtsdogma-
tik. Differenzierung, Diversifizierung und Divisionalisierung
sind zwar auch meines Erachtens „Phänomene moderner
Strafrechtstheorie und -praxis“, wie Rotsch meint, aber nicht
ohne weiteres als „Ausfluss und Konsequenz“ der traditionell
subtilen Strafrechtsdogmatik zu begreifen, die sich ja stets –
Ausnahmen stets konzediert – gerade um systematische und
prinzipiengeleitete Kategorienbildung bemüht hat. Differen-
zierung, Diversifizierung und Divisionalisierung dagegen be-
dienen sich zwar bei oberflächlicher Betrachtung der Sprache
und Begrifflichkeit der traditionellen Strafrechtsdogmatik,
unterwandern aber im Grunde mit ökonomischer Begrifflich-
keit und Logik den Bereich, der sie regeln soll.
Das Rechtsgebiet „Wirtschaftsstrafrecht“, das so entstan-
den ist, hat sich von Voraussetzungen, Rechtsfolgen und
Verfahren weit vom hergebrachten Strafrecht entfernt. Es ist
ein Sonderstrafrecht, das bisweilen (und von Manchen) als
Sonderstrafrecht für Feinde gedacht wird und ausgestaltet
werden soll, das von anderen als Sonderstrafrecht für Freunde
gedacht wird und ausgestaltet werden soll. Es ist aber gerade
kein Bürgerstrafrecht, das ein solches Ausmaß an Diffusion
seiner Instrumente und Verfahren nicht zulässt, ohne das
Schaden entsteht. Ein Recht, jedenfalls ein Strafrecht, das,
wie Rotsch schreibt, „jede Ansicht, jede Norm und jede Ent-
scheidung zulässt“,22 ist kein Recht, auf das man symbol-
trächtig setzen kann.

III. Ausblick
Differenzierung, Diversifizierung und Divisionalisierung und
damit die von Rotsch befürchtete Diffusion des Strafrechts
sind im Wirtschaftsstrafrecht weit fortgeschritten. Geht es
also nur um den Abgesang, ein Klagelied des dahinsiechen-
den Strafrechts? Das wäre zu pessimistisch und auch wenig

20
Vgl. dazu jetzt umfassend Trendelenburg (Fn. 3), passim.
21
Rotsch, ZIS 2007, 260 (263) mit betriebswirtschaftlichem
Nachweis in Fn. 39.
22
Rotsch, ZIS 2007, 260 (265).
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