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wohlfahrtsstaatlichcr Leistungen, des Anwachsens von Lebensstandard und individuellen


Chancen sowie einer Pluralisierung von Lebensstilen immer weniger die soziale Realität be­
schreiben zu können. "Neue Unübersichtlichkeit” (Habermas 1985) und "Ratlosigkeit"
(Müller 1992) stellen sich in der soziologischen Zeit- und Gesellschaftsdiagnose ein.

Die Ungleichzeitigkeit einer Diskussion um 'neue' soziale Ungleichheiten in der Sozialstruk­


turanalyse und um eher 'alte' soziale Ungleichheiten in der Medizinsoziologie soll hier als
Thema nicht weiter verfolgt werden5. Sie wurde hier einleitend lediglich erwähnt, um auf
eine generelle Schwierigkeit bei der Verknüpfung der Themen 'Soziale Ungleichheit' und
'Gesundheitliche Ungleichheit' hinzuweisen6. Beide Themen befinden sich auf unterschied­
lichem Diskussionsstand und sind bisher theoretisch kaum miteinander verknüpft worden.
Anschlußstellen in der Theorie sind bisher wenig und jedenfalls nicht in systematischer Form
entwickelt. Weder Theorien zur "alten" noch zu einer "neuen" sozialen Ungleichheit sind
direkt auf das Phänomen Gesundheit (bzw. die Fragen von sozialer Ungleichheit beim
Gesundheitszustand) übertragbar. Gerhardt (1987) kam in einem Aufsatz, der sich kritisch mit
dem Verhältnis von Hypothesen und empirischen Befunden in der Forschung zur gesundheit­
lichen Ungleichheit befaßt, zu der Wertung, "daß eine soziologisch befriedigende Deutung
der dokumentierten Schichtunterschiede bisher nicht geleistet wurde" (ebd., S. 414). Dieses
Theoriedefizit hat sich bis heute nicht wesentlich verringert, auch wenn sich die Datenlage
inzwischen so verbessert hat, daß die unbefriedigende Deutung nicht mehr primär als "eine
Folge des begrenzten Aussagecharakters der dabei verwandten Daten" (ebd., S. 414 f.) und,
so die Kritik von Gerhardt, mangelnder Reflexion deren Verwendungszusammenhangs zu
sehen ist.

Die Evidenz des Phänomens sozialer Ungleichheit beim Gesundheitszustand ist inzwischen
soweit deutlich und bekannt, daß die theoretisch sich anschließende Frage umso mehr aufge­
worfen wird, welches die Mechanismen sind, die diese Ungleichheit verursachen. "Die
eigentliche Erklärung sozialer Ungleichheit beginnt dort, wo das Wirken von Mechanismen

5 Wir sehen diese Ungleichzeitigkeit darin, daß in der Sozialstrukturanalyse übereinstimmend von einem
Bedeutungswandel sozialer Ungleichheit ausgegangen wird, der es unmöglich macht, die Differenzie­
rungserscheinungen bei den gesellschaftlich hervorgebrachten Vor- und Nachteilen in den Lebensbe­
dingungen nach konventionellen Klassen-,Schichten- und Mobilitätsvorstellungen zu interpretieren.
Wenngleich auch in der Diskussion über die Schichtenspezifität gesundheitlicher Versorgung der Erklä­
rungswert hierarchisch dimensionierter Schichtenkonzepte problematisiert (Kirchberger 1981) bzw. an­
geregt wurde, einen nicht nur an vertikaler Differenzierung gebundenen Schichtenbegriff zugrunde zu
legen (Jahn 1981), scheint uns die sozialepidemiologische Ungleichheitsforschung nach wie vor stark an
konventionellen Schichtkonstrukten orientiert zu sein.
6 International wird die Diskussion durch englischsprachige Publikationen dominiert. Hier hat sich die
Unterscheidung zwischen 'health inequalities' (alle sozialen Unterschiede im Gesundheitszustand) und
'health inequities' (als ungerecht empfundene soziale Unterschiede im Gesundheitszustand) durchgesetzt.
Bisher hat sich im deutschen Sprachraum noch keine vergleichbare begriffliche Spezifizierung herausge­
bildet (Mielck 1993). Wir schlagen vor, in Anlehnung an den englischen Sprachgebrauch die Begriffe
'gesundheitliche Unterschiede’ (health inequalities) einerseits und 'gesundheitliche Ungleichheiten'
(health inequities) zu verwenden. Der Begriff 'gesundheitliche Ungleichheit' wurde u.W. zuerst durch U.
Gerhardt verwendet (Gerhardt 1987), ohne hier jedoch theoretisch abgeleitet zu werden.

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