Sie sind auf Seite 1von 1

- 23 -

Im 'Lifestyle-Ansatz' (manchmal mit Lebensweisen- und manchmal mit Lebensstil-Ansatz


übersetzt)21 wird ein breiteres Konzept als das des Risikofaktoren-Ansatzes vertreten, indem
die notwendige Einbettung von Risikofaktoren und Risikoverhalten (z.B. mangelnde körper­
liche Betätigung) in die Gesamtheit der Lebensumstände betont wird22. Dieser Ansatz
ermöglicht daher eine allgemeine Erklärung für die Verteilung von Gesundheit und Krankheit
in der Bevölkerung. "Das Konzept des gesundheitsrelevanten Lebensstils umfaßt die Dimen­
sionen gesundheitsbezogener Verhaltensweisen, Einstellungen und dafür bedeutsame soziale
Ressourcen. Gesundheitsrelevanter Lebensstil ist das Resultat komplexer Zusammenhänge
zwischen diesen Dimensionen. Sozial abgrenzbare, distinkte Personengruppen mit einem ty­
pischen gesundheitsrelevanten Lebensstil lassen sich anhand typischer Merkmalsprofile
identifizieren" (Abel 1992, S. 125).

Lüschen et al. (1989) unterscheiden bei ihrer Untersuchung von gesundheitlicher Lebens­
führung und W ohlfahrt in der Bundesrepublik Deutschland und den USA zwischen Lebens­
stil-Variablen ("locus of self-control", "individual autonomy", "postmaterialism",
"science/technology Orientation", "religious Orientation") und Gesundheitskultur-Variablen
("value assigned to health", "value of physical appearance", "worry to get sick", "alcohol
use", "foodhabits and attitudes", "degree of vigor in Sport"). Gesundheitsstatus-Variablen
wurden nicht einbezogen; hier sehen die Autoren eine Aufgabe zukünftiger Forschung, wobei
sie eine wachsende Bedeutung für neue gesundheitskulturelle Identitäten annehmen, die von
traditionellen ökonomischen Strukturen relativ unabhängig zu sein scheinen.

Lebensstil-Konzepte, die nach individuellen Merkmalen gesundheitlichen Fehlverhaltens


fahnden, tragen vermutlich wenig bei zur Identifizierung von gruppenspezifischem gesund­
heitsbezogenen Verhalten. Es erscheint möglich, daß z.B. die Mitgliedschaft in einem
Nicht-Raucher-Club, einem Kochzirkel oder einer Verbindung von Corpsstudenten einen
Lebensstil begründet, der in der Tat Bezüge zum gesundheitlichen Verhalten aufweist. Die
individuelle Eigenschaft, z.B. Biertrinker oder aber Safttrinker zu sein, macht jedoch noch

Interventionen legitimiere. Als Risikofaktoren identifizierte biologische Größen wie Bluthochdruck, hohe
Cholesterinwerte im Blut, Übergewicht etc. sollen diesem Ansatz zufolge mit Hilfe von Medikamenten
oder pädagogisch induzierten individuellen Verhaltensmodifikationen wieder 'normalisiert' werden.
Nicht nur der geringe Nutzen dieser 'Behandlungen', sondern auch deren nicht unproblematische soziale
und ethische Konsequenzen haben zu einer Kontroverse um diesen Ansatz geführt (Abholz et al. 1982).
Gerhardt (1982) charakterisiert das dem Risikofaktorenkonzept zugrunde liegende Menschenbild wie
folgt: "Der Mensch gilt als Objekt der pathogenen Wirkungen von Risikoeinflüssen aus seiner Umwelt;
je nach Schwere und Häufung der multiplikativ angreifenden Risiken entscheidet sich die Erkrankungs­
wahrscheinlichkeit; die Person wird auf das Kräfteparallelogramm einer experimentell simulierbaren
Stimulus-Response-Resultante reduziert" (ebd„ S. 67).
21 Der 'Lifestyle'-Ansatz in der Sozialepidemiologie und Medizinsoziologie hat seinen Namen durch die
Übersetzungsweise des Weberschen Begriffs der Lebensführung in die englische Sprache. Bei der
'Rückübersetzung' ins Deutsche sind sowohl der Begriff Lebensstil wie auch der Begriff Lebensweise
üblich. Es gibt im Kontext sozialepidemiologischer bzw. medizinsoziologischer Forschung keine trenn­
scharfen Verwendungsweisen der Begriffe Lebensstil- und Lebensweisen-Ansatz
(vgl. Gerhardt 1993).
22 Vgl. hierzu: Blaxter (1990)

Das könnte Ihnen auch gefallen