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A rc h äo lo g i e . Ku n s t .

G e s c h i c h t e 1/2022
WUB
Nr. 103, 27. Jg., 1. Quartal 2022 /Heilige Räume / EUR 11,30 / Österreich, Luxemburg: EUR 11,80 / SFR 19,- / E 14597 / ISSN 1431-2379 / ISBN 978-3-948219-50-5

Heilige Räume
Tempel – Kirchen – Synagogen
EURO 11,30

archäologie Forschung Städte der


Wie einst Der rätselhafte Bibel
Wein gekeltert Tempel von Das unbekannte
wurde Tel Moẓa Gaza der Antike
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Heilige Räume

Inhalt
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Titel-
Thema 34 54

Katharina Heyden Georg Röwekamp


Was Räume heilig macht Einmal heilig – immer heilig?
Spirituelle Erfahrung in architektonischer Form. . . . . . . . . 8 Übernahme, Umwandlung und gemeinsame Nutzung
von heiligen Räumen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
Johann Friedrich Quack
Wer darf in welchen Raum? Annette M. Boeckler
Ägyptische Tempel und ihr Kultpersonal. . . . . . . . . . . . . . 13 Lernen – Leben – Loben
Die Synagoge als heiliger Raum? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42
Christoffer Theis
Der Fluch des Pharao Yves Porter
Magisch geschützte Räume im Alten Ägypten. . . . . . . . . . 17 Ein Ort des sich „Niederwerfens“
Die Moschee – Ursprünge und Entwicklung . . . . . . . . . . . 48
Herbert Niehr
Wege zu den Göttern Susanne Gillmayr-Bucher
Tempel, Heiligtümer und Rituale im Raum schaffen
spätbronzezeitlichen Ugarit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 „Spatial Turn“ in der alttestamentlichen
Bibelwissenschaft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
Thomas Römer
Ein Land, ein Volk, ein Tempel Sven Sabary
Von vielen Kultorten zu einem einzigen Tempel. . . . . . . . 22 Welche Kirche braucht die Kirche?
Vielfalt und Bedeutung kirchlicher Räume . . . . . . . . . . . . 54
Johannes Hahn
Räumungsklage gegen Götter Herbert Fendrich
Heiligtümer zerstören als Mittel der Kriegsführung. . . . . 26 Heilige Orte – ganz profan!
Überraschende Entdeckungen an Maas und Ruhr. . . . . . . 58
Michael Hölscher
Zwischen Tempel, Synagoge und Haus
Heiliger Raum im Neuen Testament. . . . . . . . . . . . . . . . . . 30

Andreas Müller Titel: Mondlicht, Gemälde von Lorenzo Scarabellotto (1796–


Himmel auf Erden 1847). Triest, Museo Revoltella, Galleria D’Arte Moderna.
Heiliger Raum in orthodoxen Kirchen . . . . . . . . . . . . . . . . 34 © A. Dagli Orti/De Agostini Picture Library/Bridgeman Images

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Editorial

„Wo der Himmel die Erde berührt ...“ Solche


Orte gibt es wirklich: Manche sind natürlicher Art,
andere wurden von Menschen geschaffen. Ver­
mutlich existieren heilige Stätten, seit Menschen
über sich und die Welt nachdenken. Archäologisch
nachweisbar sind die ersten ab ca. 10.000 vC, z. B. in
Göbekli Tepe in der Türkei. Die Tempel in Mesopo­
4 5
tamien und Ägypten führen uns einige Tausend
Jahre später in faszinierende Welten von Menschen
und Göttern. Und die Synagogen, Kirchen und
Moscheen zeigen, welche Vielfalt die Sehnsucht
nach der Präsenz des Göttlichen über Jahrhunderte
gezeitigt hat.
Immer spürten Menschen, dass jenseits ihrer
eigenen Möglichkeiten das viel Größere, Göttliche
Aus existiert – teils unberührbar, gefährlich, teils ganz
66 nahe und zugeneigt wie in der Geburtskirche in
der Welt
Betlehem. Da sind Räume, in denen eine Resonanz
der Bibel
des Heiligen zu spüren ist. Einige davon stellen wir
in dieser Ausgabe vor.
Spannend sind dabei Phänomene, die Zeiten und
Das Neueste aus der Welt der Bibel
Kulturen durchziehen: die Abgrenzung profaner
• Riesige Weinkelterei aus dem 4./5. Jh. ausgegraben . . . 2
• Amethyststein mit Gravierung: Balsampflanze?. . . . . . . 3 und heiliger Bereiche, Riten zur Reinigung vor der
• Ältester farbiger Steinboden mit Mustern. . . . . . . . . . . . 3 Begegnung mit dem Göttlichen (sei es der Tempel­
• Kreuzfahrerzeit: Ein Schwert und zwei Massengräber . 4 teich, das Weihwasserbecken oder der Reinigungs­
• Was Namen aus biblischer Zeit verraten . . . . . . . . . . . . . 4 brunnen einer Moschee) oder Eindrücke von Licht
• Siegel einer hetitischen Verwalterin . . . . . . . . . . . . . . . . 4 und Dunkelheit.
• Spektakulär alte Steinreliefs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
Bei der Formulierung des Titels wurde uns
Büchertipps . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 bewusst, dass es nicht unproblematisch ist, von
„heiligen Räumen“ zu sprechen. Denn eine Synago­
Panorama ge, eine Moschee oder eine evangelische Kirche wird
• Wandputz-Puzzle einer römischen Villa in Arles . . . . . 60 von den dort versammelten Gläubigen nicht als sol­
• Lachisch: Interview mit dem Ausgrabungsleiter cher bezeichnet. Wenn man „Heiligkeit“ aber nicht
Felix Höflmayer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
als Zustand, sondern als Prozess einer Begegnung
• Rätselhafte Schale aus Tibet und Alexander d. Gr.. . . . 64
• Tel Moza: mit dem Göttlichen versteht, passt es durchaus:
. Tempel unter der Schnellstraße. . . . . . . . . . . 66
Das Heilige „steckt“ nicht in den Räumen selbst, es
Die großen Städte der Bibel entsteht immer neu in dem, was darin geschieht:
Gaza: Bei den Philistern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 Es schwebt in den Ritualen der Tempel, in rezitier­
ten heiligen Texten, im Staunen Eintretender, im
Die Bibel in berühmten Gemälden
gläubigen Feiern und Beten der Gemeinschaft.
Kim Ki-chang genannt Unbo: Kalvarienberg . . . . . . . . . . 72
So hoffen wir, dass Sie in den Beiträgen dieser Aus­
Ausstellungen und Veranstaltungen. . . . . . . . . . . . 76 gabe Fragmente des großen heiligen Resonanzrau­
mes entdecken, der alle Religionen und Milliarden
Vorschau und Impressum. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 von Menschen bewegt. Eine spannende Lektüre
wünscht Ihnen

Ihr Wolfgang Baur


Redaktion Welt und Umwelt der Bibel

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Das Neueste aus der Welt der Bibel

Am Ortsrand von Javne, südlich


von Tel Aviv, liegt die große
Anlage zur Weinproduktion.

Riesige Weinkellerei in Javne

Beliebter Wein von der Küste


Javne Zwei Millionen Liter Wein Neben den Pressen und Becken
sollen hier jährlich hergestellt wor- gehören Lagerräume für den Gä-
den sein – um in den ganzen Mit- rungsprozess und die verkaufsbe-
telmeerraum exportiert zu werden: reiten Krüge zur Produktionsstät-
nach Ägypten, Kleinasien, Griechen- te, wie auch Brennöfen, um die
land, Italien, sogar nach England. unzähligen benötigten Amphoren
Die Ausgrabung der Weinkelterei vor Ort herstellen zu können. Viele
Eines der Becken, in denen der Traubensaft ist eine der größten der Israel An- Krüge waren noch intakt, zudem
gesammelt wurde. tiquities Authority (IAA). Zwei Jahre fand die IAA aber auch Zehntau-
lang wurde hier mit 200 bis 300 sende Scherben. Die längliche
Helferinnen und Helfern täglich Krug-Form sei die typischste ge-
gearbeitet. Die Anlage kann in die wesen. Als „Gaza-Krug“ für Wein
byzantinische Zeit, 4.–5. Jh. nC, da- aus der südlichen Küstenregion

© Asaf Peretz/Yanv Berman, Israel Antiquities Authority


tiert werden. Doch zeigte sich, dass war die Amphore laut Seligman so
hier bereits in persischer Zeit, 800 bekannt wie heute eine charakte-
Jahre zuvor, Wein gekeltert wurde. ristische Coca-Cola-Flasche. Man
Unter der Marke „Gaza Wein“ sei konnte sie längs auf einer Schulter
Wein aus der Küstenregion be- tragen und mit einer Hand festhal-
kannt und beliebt gewesen, so Jon ten. Wein sei nicht nur als Genuss-
Seligman von der IAA, ein leichter mittel wichtig gewesen, sondern
Weißwein, der über die Häfen Gaza auch als keimfreies Alltagsgetränk.
und Aschkelon vermarktet wurde. Die Mammutaufgabe für alle Be-
Verschiedene Krüge: die länglichen Amphoren In großen Becken wurde der Trau- teiligten wird es nun sein, alle Fun-
waren als „Gaza-Krug“ bekannt. Dr. Jon Seligman, bensaft aufgefangen, gewonnen in de und Befunde zu dokumentieren
Dr. Elie Haddad und Liat Nadav-Ziv präsentieren fünf großen Pressen oder mit blo- und irgendwann für die Fachwelt
einen Teil der Funde. ßen Füßen gestampft. zu publizieren. W (wub)

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Schöner Siegelstein

Darstellung einer Balsampflanze?


Jerusalem Die Ausgrabungen ten. Aus der Mischna kennt man
an den Grundmauern des ehema- hebräische Bezeichnungen, „Bal-
ligen Tempelbergs haben wieder sam von Gilead“ (tzari) oder „Bal-
ein außergewöhnliches Objekt sambaum“ (nataf). Der „Balsam von
ans Tageslicht befördert: einen Gilead“ war als Bestandteil des
lilafarbenen Amethyststein. Nach Lieblingsparfüms der ägyptischen
Auskunft der Israel Antiquities Au- Königin Kleopatra bekannt.
thority (IAA) soll er sich einst in Die Verwendung von Siegelsteinen
einem Ring befunden haben und sei gegen Ende des Zweiten Tem-
wird ins 1. Jh. nC datiert. Eingeritzt pels verbreitet gewesen, erklärte
sieht man einen Vogel und einen die auf gravierte Edelsteine spe-
Zweig oder Baum. Die Forschen- zialisierte Expertin Schua Amorai-
den vermuten eine Balsampflanze Stark (IAA). Die meisten bisher Gravierter Amethyst aus
mit Blättern und Früchten, was et- gefundenen Siegel mit Pflanzen- dem 1. Jh. nC, 10 mm
was Besonderes wäre: Man kennt gravuren zeigten jedoch Wein, lang, 5 mm breit und
bisher keine antike Abbildung der Datteln und Oliven. 7 mm tief.
Links ist ein Vogel zu er-
Balsampflanze. Ihr wissenschaftli- Die bei der Ausgrabung der IAA
kennen, rechts ein Zweig.
cher Name ist Commiphora gilea- abgetragene Erde wurde in einem
Ist es eine Balsampflanze
densis. Laut Quellen verwendete Freiwilligenprojekt der rechtsge- (s. kl. Bild links)?
man sie zur Herstellung von Par- richteten Siedlerorganisation Elad
füm, Weihrauch und Medikamen- durchsiebt. W (kna/IAA/wub)

Bislang ältester farbiger „Mosaikboden“ gefunden Uşaklı Höyük Seit 2018 legt ein
italienisch-türkisches archäologisches
Bunte Muster für Gewittergott Teschub Team in Uşaklı Höyük nahe Yozgat
(Anatolien) die Überreste eines Tem-
Amethyst © Eliyahu Yanai, City of David; Balsam: public domain, Mosaikboden: © Adem Altan, AFP

pels aus der Spätbronzezeit (um 1500


vC) frei, der dem hetitischen Sturm- und
Gewittergott Teschub gewidmet war. Im
Hof entdeckten die Ausgräber zu ihrer
Überraschung einen Bodenbelag aus
mittelgroßen, natürlich gefärbten Stei-
nen in Beige-, Rot- und Schwarztönen,
die Dreiecke und Linien zeigen. Als äl-
tester Mosaik-Pflasterboden galt jener
aus dem mykenischen Palast von Tiryns
aus ähnlicher Zeit, er ist aber einfarbig.
Bis zum 9. Jh. vC waren keine farbigen
„Mosaiken“ mit geometrischen Mustern
bekannt. Das Pflaster im Teschub-Tem-
pel ist eine Art missing link. Ungewöhn-
lich sind auch die mittelgroßen Steine.
W (wub/MdB)

Sorgfältig verlegt: mehrfarbiger


Steinboden in einem Tempel des
Sturmgottes Teschub, ca. 1500 vC.
Insgesamt sind noch 3147 Steine
in situ zu finden.

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welt und umwelt der bibel 1/2022 3
Israel und Libanon: zweimal Kreuzfahrerzeit
Personennamen
Ein Schwert und zwei Massengräber der biblischen Zeit

Atlit (Israel) und Sidon (Libanon)


Was Namen
Die Kreuzfahrer haben in der Levante Spuren
hinterlassen: Neuester Fund ist ein eisernes
verraten
Schwert (rechts), das ein Freizeittaucher ne- WWW Eine neue Datenbank
ben anderen Gegenständen in der Bucht von erfasst alle Personennamen, die
Atlit, ca. 20 km südlich von Haifa, gefunden in der südlichen Levante für die
hat. Die Bucht wurde über Jahrhunderte zum Eisenzeit II (10.–7. Jh. vC) belegt
Ankern genutzt, so auch von den Kreuzfah- sind. Die Archäologin Dr. Mitka
rern vor 900 Jahren. Golub (Hebräische Universität
Was die Waffen der Kreuzfahrerzeit anzurich- Jerusalem) hat für www.onomas-
ten imstande waren, zeigt eine neue Studie ticon.net sämtliche bis 2020
(Richard Mikulski et. al., Plos One 2021) zu veröffentlichte Ausgrabungsbe-
zwei Massengräbern der Epoche im Libanon. richte und -daten durchforstet
Im ausgetrockneten Graben der Burg St. Lou- und die Namen in allen schrift-
is (Qalaat al Muizz) nahe Sidon an der liba- lichen Quellen gesammelt: Os-
nesischen Küste konnten die Knochen von traka, Bullae, Stempel, Siegel ...
mindestens 25 männlichen Jugendlichen und 976 Einträge! Die Datenbank
Erwachsenen identifiziert werden. Laut der ist ein wertvolles Werkzeug für
Studie sei es wahrscheinlich, dass die Sol- Beeindruckendes Schwert: insgesamt die Wissenschaft – denn von
daten während einer der Schlachten um die 1,30 m lang, präsentiert vom Finder den Namen kann man beispiels-
Burg ums Leben kamen – mit den Mameluk- Schlomi Katzin. weise auf wichtige Erzählungen
ken 1253 oder mit den Mongolen unter Feld- und Gründergestalten schlie-
herr Kitbukh im Jahr 1260. Klingenwunden im Nacken, was auf eine Hin- ßen, von theophoren Elementen
Sie starben auf brutale Weise: Die Knochen richtung durch Enthauptung nach einer Ge- auf Frömmigkeit und Bindung
weisen nicht verheilte Stich- und Schnittver- fangennahme hindeute. „Ein Individuum wies an bestimmte Gottheiten. Aber
letzungen von Schwertern und Äxten sowie so viele Wunden auf (mindestens 12 Verlet- die Sammlung ist auch eine
Anzeichen stumpfer Gewalteinwirkung auf. zungen, die mindestens 16 Skelettelemente Quelle für die Suche nach ori-
Die Soldaten hatten mehr Wunden am Rü- betrafen), dass es sich möglicherweise um ginellen Vornamen! Allerdings
cken als an der Vorderseite – manche seien einen Fall von Overkill handelt, bei dem er- in Hebräisch, google.translate
möglicherweise auf der Flucht angegriffen heblich mehr Schläge ausgeführt wurden, als kann helfen … W (MdB/wub)
worden. Die Häufung der Hiebe an Kopf und tatsächlich zur Überwindung oder Tötung er-
Schultern weise darauf hin, dass die Angrei- forderlich waren“, schreiben die Forschenden Siegel einer Frau
fer zu Pferd saßen. Einige der Männer hätten in ihrer Studie. W (wub)

Schwert © Nir Distelfeld, IAA; Grab: © R. Mikulski et.al., Gemälde: public domain
Eine hetitische
Verwalterin
Gaziantep Bei den Ausgra-
bungen in Karkemisch, einer
wichtigen hetitischen Stadt,
hat ein italienisch-türkisches
Team mehrere Siegel und Sie-
gelabdrücke einer weiblichen
Verwalterin namens Matiya ge-
funden, so die Stadtverwaltung
von Gaziantep laut der Anadolu
Agentur. Matiyas Siegel wurden
zusammen mit weiteren Siegeln
von männlichen Verwaltungs-
Ungeordnete Knochen im Massengrab: Nah an der Wirklichkeit: Detail aus der beamten gefunden und auf
Spuren massiver Waffenverletzungen. Maciejowski-Bibel, Frankreich 1244-1254. etwa 1200 vC datiert. W (wub)

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Das neuste aus der Welt der Bibel

Der französische Archäologe Guillaume


Charloux (CNRS) kniet oberhalb eines im Fels Jüdisches
erkennbaren erodierten Kamelreliefs. Kulturerbe
ZITAT in Ägypten

„Der Staat betrachtet jüdische


Altertümer als einen integralen
Bestandteil der ägyptischen
Geschichte. Die Bauwerke
spiegeln wichtige Epochen,
die ägyptische Bürgerinnen
und Bürger verschiedener
Religionen erlebt haben, ins-
besondere ägyptische Juden.“

So Gamal Abdel Rahim, Professor


für Islamische Kunst und Archäologie
(Universität Kairo) im Online-Magazin
Al-Monitor. Anlass ist der Gewinn
Entdeckung in Saudi-Arabien eines internationalen Preises für die
Restaurierung der Eliyahu-Hanavi-
Spektakulär alte Reliefs Synagoge in Alexandria. Im Januar
2020 war die Synagoge nach dreijäh-
© Hubert RAGUET, Mission archéologique franco-saoudienne du Camel Site, CNRS Photothèque

CAMEL SITE/al-Jawf Im Jahr die Verwendung von Metallwerkzeu- rigen Arbeiten eröffnet worden, nun
2018 stießen Dr. Maria Guagnin vom gen oder Keramik. Die Reliefs müssen wurde das Projekt prämiert.
Max-Planck-Institut für Menschheits- von großer Bedeutung gewesen sein, Nach der Staatsgründung Israels
geschichte in Jena und Guillaume da sie über Generationen bis etwa 1948, nach Suez-Krise 1956 und
Sechstagekrieg 1967, nach Flucht
Charloux vom Centre national de la 1000 vC regelmäßig nachgraviert
und Vertreibung, leben heute noch
recherche scientifique (CNRS) in al- wurden. Möglicherweise seien sie bei
ca. 15 jüdische Menschen in Alexan­
Jawf im Nordwesten Saudi-Arabiens gemeinsamen Treffen mit Steinwerk- dria. Bis in die 1940er-Jahre waren
auf ein Areal mit zwölf lebensgro- zeug bearbeitet worden. Im 6. Jahr- es noch bis zu 40.000 Gemeindemit-
ßen Kamel- und Eselreliefs im Fels. tausend vC sei hier Grasland mit eini- glieder. Die Synagoge verfiel.
Zunächst datierten sie die Figuren gen Seen und Bäumen gewesen, wo Dass der ägyptische Staat das jüdi-
in die Antike, weil sie Reliefs aus der die Einheimischen Kleinvieh­ herden sche Erbe erhält und (neben touris-
nabatäischen Stadt Petra in Jordani- hielten, aber auch wilde Kamele und tischem Interesse) an die Geschichte
en ähnelten. Weitere Untersuchun- Esel jagten. der alexandrinischen Juden erinnert,
gen ließen die Anlage stark „altern“: Wofür mag die Stätte genutzt worden ist dennoch bemerkenswert. Das Ge-
Die Reliefs sollen aus dem späten 6. sein? War es ein Ort der Anbetung? bäude steht auf den Ruinen einer frü-
heren Synagoge aus dem Jahr 1354.
Jahrtausend vC stammen! Die Funktion von Felszeichnungen
„Wir begrüßen von ganzem Herzen
Auf der Grundlage von chemischen liege nicht nur in der Symbolik und
die Bemühungen Ägyptens, jüdische
Hightech-Analysen, Erosionsmustern dem Glauben, der mit den Bildern Stätten zu erhalten, die dort seit mehr
und Bearbeitungsspuren wurde die verbunden sei, so die Studie, es sei als 2000 Jahren existieren“, sagte
Datierung in die Jungsteinzeit bestä- eine Möglichkeit, den Raum zu mar- Lior Haiat, Sprecher des israelischen
tigt (Journal of Archaeological Science). kieren: Dies ist der Ort, an dem wir Außenministeriums.
Es fanden sich keine Hinweise auf uns treffen. W (MdB/wub)

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welt und umwelt der bibel 1/2022 5
Heilige Räume
Tempel – Kirchen – Synagogen

Cella des Horus-


tempels von Edfu.

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Das Allerheiligste im Horustempel von Edfu (Ägypten) – eine aufwändig mit Reliefs gestaltete
Kammer in einer gewaltigen Tempelanlage, nur den höchsten Priestern und dem Pharao selbst
vorbehalten. Wo zeigt sich das Göttliche, das Heilige letztlich? In gewaltigen Bauten und pom-
pösen Riten, in der Fähigkeit von Menschen, mit Gott zu kommunizieren durch heilige Schriften,
in der Erfahrung göttlicher Gemeinschaft in Ritualen und sozialen Taten? Nichts darf wohl absolut
gesetzt werden und für alles muss es „Raum“ geben.
© briste/123RF.COM

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Spirituelle Erfahrung in architektonischer Form

Was Räume heilig macht


Orte sind nicht von sich aus heilig, sie werden von Menschen dazu ge­
macht. Dies gilt ganz besonders dann, wenn nicht allgemein von Orten,
sondern spezifischer von Räumen, also von eingegrenzten Orten, die
Rede ist. Entscheidend sind Gestaltung, Nutzung und Deutung des
Raumes. Von Katharina Heyden

Eingang des Beltempels in Palmyra (Syrien). Der Bau wurde im 1. Jh. vC begonnen und
etwa 150 Jahre später fertiggestellt. Die Tempelanlage maß 200 x 200 m. Eine 11 m
hohe Außenmauer umfasste das Heiligtum. Nur die Reste der Außenmauer blieben ste­
hen, als der sog. „Islamische Staat“ 2015 das Heiligtum sprengte.

© lucky-photographer/ alamy

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Jerusalem – heilige
Stadt für drei große Re-
ligionen. Auf dem ehe­
maligen Platz der „Tenne
des Arauna“ soll David
geopfert haben (2 Sam
24,18–25). Später be­
fand sich hier der Tempel
Salomos. Heute stehen
dort der Felsendom mit
seiner goldenen Kuppel
und die „ferne Moschee“
(Sure 17). Über einem
römischen Tempel wurde
von Kaiser Konstantin
die Basilika der Aufer­
stehung errichtet (graue
Kuppeln links). Unzählige
Kirchen, Synagogen und
Moscheen prägen das
Bild der Stadt.

O
rte sind nicht von sich aus heilig, sie Tempel
werden von Menschen dazu gemacht. In der Antike wurde Heiligkeit durch Abgren-
Ein Hain, ein Tempel oder eine Kir- zung vom Profanen hergestellt: Die Mauer, der
che können an einem Ort errichtet werden, der Temenos, markierte die Grenze zwischen dem
schon lange als heilig gilt und von dem deshalb Heiligtum (lateinisch: sacrum) und der Au-
gesagt wird, dass er wirklich heilig ist. (Auch ßenwelt vor dem Tempel (pro-fanum). Häufig
das ist natürlich letztlich eine Zuschreibung.) umfassten diese Mauern weitläufigere Gebiete
Aber die Bauwerke oder Gärten, die an solchen als nur ein Tempelgebäude. Daher waren wei-
Orten entstehen, werden nach ihrer Fertigstel- tere Abgrenzungen und damit Abstufungen
lung geweiht und gelten erst dann als heilig. von Heiligkeit innerhalb eines heiligen Bezirks
Die Heiligung eines Raumes geschieht auf möglich. Das Zentrum eines antiken Tempels
dreierlei Weise: durch physische Konstruktion war ein zumeist sehr kleiner Raum, die sog. Cel-
und Markierung des Bauwerks, durch performa- la. Sie galt als Wohnstätte der Gottheit. Dort
tive Nutzung im Ritual und durch symbolische stand das Götterbild, und nur wenige ausge-
Deutung in Geschichten und Symbolen. Diese wählte Kultpersonen hatten Zutritt zu diesem
Katharina Heyden ist seit drei Aspekte der Heiligung gehören zusammen, Raum, der im Vergleich zur prächtigen Archi-
2014 Professorin für Älte- können sich aber dynamisch zueinander verhal- tektur ringsum häufig erstaunlich schlicht ge-
re Geschichte des Chris- ten: Ein als Heiligtum errichtetes Bauwerk kann staltet war. Zu jedem Heiligtum gehörten auch
tentums und der interre- durch Neunutzung profanisiert werden. Der Bau Mythen und Geschichten, die die Heiligkeit des
ligiösen Begegnungen an bleibt derselbe, vielleicht auch die symbolischen Ortes begründeten, aber auch von Heilungen
der Universität Bern. Ihre Deutungen, aber die performative Bespielung und Wundern am Heiligtum berichteten.
Forschungsschwerpunkte des Raums ändert sich. Welche Auswirkung hat Der jüdische Tempel in Jerusalem war in vie-
sind religiöse Koexistenz,
das auf die Heiligkeit? Inwiefern ist eine Kirche, ler Hinsicht ein typischer antiker Tempel. Der
Konflikte und Koproduk-
© Jerzy Strzelecki creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0

in der heute ein Restaurant betrieben wird, ein einzige – und entscheidende – Unterschied in
tion mit einem Fokus
auf Orten und Dialogen, heiliger Raum? Ein Profanbau, etwa eine Messe- der baulichen Gestaltung dürfte das fehlende
christliche Gotteslehre halle, kann durch einen Gottesdienst zeitweise Götterbild im Innersten des Tempels gewesen
und Lebensformen sowie in einen heiligen Raum verwandelt werden. Dies sein. Im sog. Allerheiligsten symbolisierte der
frühchristliche Ikonogra- geht dann mit vorübergehenden Änderungen Cherubenthron die Gegenwart des bilderlosen
fie. Sie leitet die Interfa- der Einrichtung einher, ändert den Charakter Gottes. Zutritt zu diesem Raum hatte nur der
kultäre Forschungskoope- und die Funktion des Gebäudes aber nicht dau- Hohepriester, während das weitere Kultperso-
ration „Religious Conflicts erhaft. Kann eine Messehalle für die Zeit eines nal die Opferhandlungen und Zeremonien in
and Coping Strategies“. Gottesdienstes als heiliger Raum erfahren wer- den Außenbezirken versah, wo sich auch das
den? Diese Beispiele zeigen, dass die Heiligkeit Volk versammelte.
von Räumen auf den drei genannten Ebenen – Das Tempelareal bot aber auch Raum zum
bauliche Ausgestaltung, performative Nutzung, Lehren und Lernen, zum Handeltreiben und
symbolische Deutung – nicht nur zugeschrie- zum Kommunizieren. Insofern können Tem-
ben, sondern auch verhandelt wird. pel im Alten Orient im Blick auf die Nutzung

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welt und umwelt der bibel 1/2022 9
links: Die Synagoge von durchaus als die kultischen, ökonomischen, te Synagoge findet sich in Umm el-Umdan bei
Dura Europos (Syrien) juristischen und kommunikativen Zentren von Modein und wurde im 2. Jh. vC, also zur Zeit
aus dem 3. Jh. nC war Stadtgemeinschaften angesehen werden, und der Makkabäer, errichtet. Eine in Jerusalem ge-
reich mit biblischen Sze­ als solche waren sie immer auch Räume für das, fundene Bauinschrift des Theodotos aus dem
nen geschmückt.
was wir heute als „profane“ Aktivitäten be- 1. Jh. nC (Abb. S. 44) nennt als Zweck der Syna-
zeichnen würden. goge: Vorlesung des Gesetzes, Unterricht in den
rechts: Synagoge und
Kirche (domus eccle- Geboten, Unterbringung von Fremden, Wasser-
siae) lagen in unmit­ Synagoge anlagen. Dass das Gebet in dieser Inschrift nicht
telbarer Nähe, ganz am Dasselbe lässt sich von der Synagoge sagen, die genannt wird, liegt möglicherweise am Ort:
Rande der Stadt. den Bezug zur Gemeinschaft bereits im Na- Solange der Tempelkult intakt war, hatte eine
men trägt: Das griechische Wort συναγωγή, in Synagoge in Jerusalem offenbar weniger kulti-
der Septuaginta meist eine Übersetzung für die sche als vielmehr soziale Funktionen. In der Dia-
hebräischen Begriffe qahal (‫ )קהל‬und edah, (‫)עדה‬, spora dagegen dienten die Versammlungsstätten
bedeutet „Zusammenkunft, Versammlung“. durchaus auch als Gebetshäuser, wie wir etwa
Synagogen sind also Versammlungshäuser aus Ägypten wissen.
mit vielfältigen, nicht nur kultischen, Funkti- Als heilige Räume galten Synagogen aber ur-
onen. Die genaue Entwicklung der Synagoge sprünglich nicht, weshalb sie auch archäologisch

links © BibleLandPictures.com/alamy; rechts © Udimu, CC BY-SA 2.0, wikipedia.org


liegt im Dunkeln und wird in der Forschung kaum von anderen Bauten zu unterscheiden
sind. Das änderte sich nach der Zerstörung des
Herodianischen Tempels. Nun wurden in Syna-
gogen Symbole aus dem Tempelkult verwendet:
Spätanike Synagogen tragen Symbole, vor allem die Menora und der Toraschrein, aber
die an den Tempel erinnern auch Lulav, Etrog und Schofar. Die spätantiken
Synagogen in Dura Europos und Galiläa sind
zudem reich mit Mosaiken verziert, die klare Be-
weiterhin diskutiert. Spätestens nach der Zer- züge zum Tempelkult und zur Bibel aufweisen.
störung des Jerusalemer Tempels im Jahr 586 Die Synagoge in Dura Europos, einer Grenz-
vC, wahrscheinlich aber schon in Reaktion auf stadt auf der südlichen Seite des Euphrat im
die Zentralisation des jüdischen Kultes in Je- heutigen Syrien, gibt einen schönen Einblick
rusalem unter König Joschija (622 vC), muss in die Funktion und Ausgestaltung der Sy-
es lokale Versammlungsorte der Israeliten ge- nagoge. Das im Jahr 244/245 erbaute, 28 x
geben haben, an denen Gottesdienste gefeiert, 19 m große Gemeinschaftszentrum ersetzte
religiöse Schriften studiert und vielleicht auch und erweiterte offenbar einen 75 Jahre älte-
Gerichtsverhandlungen abgehalten wurden. ren einfachen Versammlungsraum. Die rei-
Daneben gab es Ortsheiligtümer mit klar kulti- chen Freskomalereien an allen drei Wänden des
scher Funktion. Die älteste archäologisch beleg- Hauptraums lassen den Schluss zu, dass dieser

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Spirituelle Erfahrung in architektonischer Form

Raum für „heilige“ Handlungen genutzt wurde: gemeinschaften“ der ersten Christen hin zu den
Die Bibelszenen und die Darstellung Esras bei der großen christlichen Basiliken an.
Verlesung der Tora verweisen auf Schriftlesungen; Dass das Vorbild für die monumentalen christ-
in der Tora­nische ist der Tempel repräsentiert; die lichen Gebäude, die seit dem 4. Jh. errichtet wur-
Darstellung der Bindung Isaaks (Gen 22) erinnert den, nicht der Tempel, sondern die Basilika, also
an das Opfer. Der Raum ist nach Westen, also nach eine öffentliche Versammlungshalle, war, ist von
Jerusalem, ausgerichtet. Bei der Erweiterung wur- praktisch-ritueller und paradigmatisch-symboli-
den Räume angefügt, deren Funktion nicht eindeu- scher Bedeutung. Die großen, lichtdurchfluteten
tig zu bestimmen ist. Aber dass es sie gab, ist wohl Säulenhallen konnten den christlichen Gedanken
ein Hinweis auf die Multifunktionalität der Anlage, von der versammelten Gemeinde als Heiligtum
die bis heute für Synagogen typisch ist. besser repräsentieren als eine Tempelanlage mit
Ob die Synagoge „an sich“ als heiliger Raum gilt ihrer kleinen Cella als Ort der Gottespräsenz.
oder nur dann, wenn eine jüdische Gemeinschaft Aber auch hier lassen sich, ähnlich wie bei den
darin Gottesdienst feiert, ist schwer zu sagen und jüdischen Synagogen, bereits von Anfang an auch
wohl auch nicht einheitlich zu beantworten. Dass bauliche und symbolische Sakralisierungsten-
Synagogen in vielen romanischen Sprachen „Tem- denzen beobachten. Archäologisch werden diese
pel“ (templo, tempio) genannt werden, ist aber ein Tendenzen erst seit dem Beginn des 5. Jh. fassbar,
Hinweis auf die Wahrnehmung als heiliger Raum. etwa durch Schranken, die den Chor- und Altar-
Die Rabbinen haben nach der Zerstörung des raum vom Kirchenschiff abtrennten. Aber auf der
Zweiten Tempels nicht (nur) die Synagogen, son- symbolischen Ebene wurde die „profane“ Basili-
dern (auch) die Privathäuser von Jüdinnen und ka von Anfang an mit der Heiligkeit des Tempels
Juden als Ersatz für das zerstörte Heiligtum eta- verknüpft. Dies wird in der sog. Kirchweihrede
bliert. Daran erinnert heute noch die Mesusa, die des Eusebius von Caesarea deutlich. Der palaesti-
orthodoxe Juden und Jüdinnen beim Eintritt in nische Bischof hielt sie aus Anlass der Einweihung
das Haus küssen. der nach den Christenverfolgungen am Anfang
des 4. Jh. wiedererrichteten Basilika in Tyrus. Er
Kirche veröffentlichte sie später. So diente sie als Modell
© wub, nach Dura-Europos Publications, Locust Valley, New York, 1967, fig. 1 on page 4, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

Das frühe Christentum hat sich in Anknüpfung für viele weitere Kirchweihen.
und Auseinandersetzung sowohl mit der jüdi- Euseb bezeichnet die Markt- und Gerichtshal-
schen wie mit der römisch-hellenistischen Kul- le als „Tempel des heiligen Gottes“ und die darin
tur entwickelt. Wenn Paulus die christlichen versammelte Gemeinde als „heilige Herde Got-
Gemeinschaften als ἐκκλησία, als Gemeinschaft tes“. Die Verbindung zwischen diesen beiden
von Herausgerufenen, anspricht, dann erinnert Größen wird durch die platonische Urbild-Ab-
das an die Konstruktion von Heiligkeit durch bild-Theorie hergestellt sowie durch die in der
Abgrenzung. Aber es geht dabei eben um Perso- alexandrinischen Exegese übliche Vorstellung von
nen und nicht um Orte. Die neutestamentlichen irdischen Orten als Abbildern menschlicher See-
Schriften spiegeln die Skepsis der frühen Christen lenlandschaften. Der Kirchbau soll durchsichtig
gegenüber dem Jerusalemer Tempel wie über- werden für die Struktur des himmlischen Heilig-
haupt gegenüber der Vorstellung von heiligen Or-
ten. Aussagen wie: „Ihr seid der Tempel Gottes“
Die domus
(1 Kor 3,16) spiegeln deutlich den Anspruch, dass
ecclesiae
die christliche Gemeinde den Tempel als Ort der Unterrichtsraum (Hauskirche) von
Raum
Präsenz Gottes ersetzen soll. für Dura Europos war
Diese Entwicklung lässt sich bereits in Dura Taufen wie die Synagoge
Europos erkennen, wo ganz in der Nähe des jü- (241) ein umgebautes
dischen auch ein christliches Gemeindezentrum Raum für Wohnhaus.
ausgegraben wurde. Der Grundriss eines typi- Eucharis­
tiefeiern
schen römischen Wohnhauses wurde den Be- Hof
dürfnissen einer christlichen Gemeinde von un-
gefähr 20 bis 40 Personen angepasst. Die Räume,
um einen Innenhof (Atrium) gruppiert, waren für
den Gottesdienst, für die Unterweisung und für Eingang
Säulenhalle
die Taufe hergerichtet. Diese Struktur datiert un-
gefähr in die Mitte des 3. Jh. Die übliche Bezeich-
nung als „Hauskirche“ deutet den in dieser Zeit
beginnenden Übergang von den „Wohnzimmer-

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welt und umwelt der bibel 1/2022 11
tums der Seelen, in dem der Logos jeder Seele
den ihren Kräften angemessenen Platz zuweist.
Die Kirchweihrede von Eusebius (Auszug)
Jedes Bauelement kann daher als ein Symbol
einer Gruppe in der Gemeinde betrachtet wer-
den: Die Mauern symbolisieren die Menge der QUELLEN Schutzraum und Symbol
einfachen Gläubigen, die Nebenräume die Ka- TEXT
techumenen, die Kirchenschiffe die bereits Ge-
tauften, der Apsisraum die Geistbegabten, der Eusebius beschreibt den Neubau der Basilika in Tyrus. Das
Altar Christus (siehe Plan rechts). Heiligtum ist ein Schutzraum für die christliche Gemeinde
Die tatsächliche Verteilung der Gläubigen im und zugleich ein Symbol für den himmlischen Tempel. Die anziehende
Raum lässt sich aus dieser Rede nicht ableiten. Schönheit des Kirchenbaus hat auch eine missionarische Funktion:
Die Heiligkeit, um die es hier geht, wird nicht „[…] Der ganze Platz, den er (Paulinus) für den Bau absteckte, war viel
auf der performativ-rituellen Ebene gestiftet, größer (als bei der ersten Kirche). Nach außen befestigte er ihn in seinem
sondern auf der symbolischen: Der Kirchen- ganzen Umfang mit einer ringsum laufenden Mauer, die der ganzen
bau in seiner konkreten Architektur wird zum Anlage als sicherer Schutz dienen sollte. Ein großer und in die Höhe
Abbild der Heiligkeit der Seelen. Der Erbauer aufragender Torbau, den er in Richtung der Strahlen der aufgehenden
der Kirche, Bischof Paulinus, hat Euseb zufol- Sonne sich öffnen ließ, sollte bereits denen, die noch fern und außerhalb
ge in einer Vision das himmlische Heiligtum der heiligen Anlage stehen, eine reiche Vorstellung von dem bieten, was
der Seelen gesehen und dessen Bauplan auf der das Auge im Innern schauen darf. Er wollte damit gleichsam die Blicke
Erde verwirklicht. Natürlich muss in Rechnung derer, die dem Glauben noch fernstehen, auf die vorderen Eingänge
gestellt werden, dass der rhetorisch geschul- lenken. Niemand sollte vorübergehen, ohne zuvor bei dem Gedanken
te Euseb dies auch zum Lob des Bauherrn sagt. an die frühere Verwüstung und das erstaunliche Wunderwerk von heute
Vor allem aber ist seine Rede ein eindrücklicher zutiefst in der Seele ergriffen zu werden. In solcher Ergriffenheit, so
Versuch, die architektonisch als profan emp- hoffte er, würden vielleicht manche sich angezogen fühlen und daher ihre
fundene Basilika durch symbolische Deutung Schritte aufgrund des ersten Anblicks zum Eingang lenken […]“
zu einem heiligen Raum – und damit zu einem
Eusebius von Cäsarea, Kirchengeschichte 10,4, Übersetzung aus dem Griechi-
würdigen Nachfolger des Tempels – werden zu
schen: Katharina Heyden.
lassen. Der Kirchenbau wird zu einer Ekklesio-
logie aus Stein. W
Plan der
Altar: Chorraum: Basilika von
Seele Gottes Geistbegabte
Tyrus mit
den Orten,
die Eusebi­
Literatur zum Vertiefen † us in seiner
• Reinhard Achenbach, (Hg.): Heilige Orte der Kirchweih­
Antike. Gesammelte Studien im Anschluss rede symbo­
an eine Ringvorlesung des Excellenzclusters lisch deutet.
„Religion und Politik in den Kulturen der
Vormoderne und der Moderne“ an der Universität
Kirchen-
Münster im Wintersemester 2013/2014. Hrsg. in
schiffe
Zus.arb. m. N. Moustakis. Münster: Zaphon 2018. Getaufte
• Jennifer A. Baird : Dura-Europos, Bloomsbury
Academic, London 2018. Mauer:
• Katharina Heyden: Die Sakralisierung der einfache
Glaubende
christlichen Basilika in Eusebs Kirchweihrede
für Tyros (h.e. 10.4), in: Peter Gemeinhardt/
Katharina Heyden (Hg.), Heilige, Heiliges und Nebenräume:
Säulengeviert:
Heiligkeit in spätantiken Religionskulturen Berlin/ Katechumenen
in die
Boston 2012, 85–110. Evangelien
• Tempel, Lehrhaus, Synagoge. Orte jüdischen Eingewiesene
Lebens und Lernens, Festschrift für Wolfgang
© Katharina Heyden

Kraus, hg. v. Christian Eberhart/Martin Karrer/


Siegfried Kreuzer/Martin Meiser (Hg.), Tore: „Platzanweiser“
Schöningh/Brill 2020. (Proselyten)

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Ägyptische Tempel und ihr Kultpersonal

Wer darf in
welchen Raum?
Dr. Joachim Friedrich
Quack ist seit 2005 Pro-
fessor für Ägyptologie an
der Universität Heidel-
berg. Seine Forschungs-
Die Architektur der Tempel spiegelt die dort angesiedelten Vollzüge und die schwerpunkte sind
Paläografie und Philologie
darin zugelassenen und tätigen Personen wider. Von außen nach innen wird mit einem besonderen
der Zutritt immer eingeschränkter und die Atmosphäre „heiliger“. Schwerpunkt auf litera-
rischen und religiösen
Von Joachim Friedrich Quack Texten. 2011 erhielt er
den Leibniz-Preis der
Deutschen Forschungs­
gemeinschaft.
© Seux Paule/hemis.fr

Der Isistempel von Philae, 8 km südlich von Assuan, galt früher als „Perle des Nils“. Bis
heute ist nicht klar, wann er erbaut wurde, Belege gibt es erst ab dem 4. Jh. vC. Der dorti-
ge Isiskult hat sich aber auch in der christlichen Zeit noch sehr lange gehalten. 535/537 nC
schloss Kaiser Justinian den Tempel gewaltsam.

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welt und umwelt der bibel 1/2022 13
W
er heutzutage einen gut erhaltenen alt­
ägyptischen Tempel betritt, wird sicher
wahrnehmen, wie der Raumeindruck
sich von außen nach innen verändert. Vorne gibt
es weite Portale und breite Höfe, in denen viele
Menschen Platz finden können. Nach innen hin
werden aber die Decken niedriger, die Fußböden
höher und die Räume kleiner. Es ist, als nähme
dort der Abstand zwischen Himmel und Erde
ab. Ganz augenfällig sind solche Anlagen nicht
dafür konzipiert worden, in allen Bereichen von
der gleichen Menge an Personen betreten zu wer­
den. Tatsächlich zeigen die Überlieferungen, dass
die inneren Räume eines Tempels nur den Pries­
tern vorbehalten waren. Das hat Konsequenzen
für die Deutung des umfangreichen Bild- und
Textprogramms dieser Tempelbereiche: Wenn
Ritualszene aus dem Isistempel in Philae.
die breite Öffentlichkeit es gar nicht sah, kann
es z. B. nicht der Herrscherpropaganda gedient
haben. Dieser dienten vielmehr Darstellungen
im äußeren Bereich. Offenbar besaßen die Bilder Aufgaben eines Priesters
und Texte eine andere Funktion: Gerade in den
inneren Bereichen werden die Ritualhandlungen
für die Götter verewigt. Die Priester im ägyptischen Tempel hatten die Aufgabe, die Kultstatue
täglich zu reinigen, zu salben und zu bekleiden und ihr Speisen und
Priester in Ägypten Getränke zu servieren. Bei Festen wurde sie auch in Prozessionen nach
Was bedeutete es in Ägypten überhaupt, ein draußen getragen. In den Reliefs der Tempel wird regulär der ägyp-
Priester zu sein? Hier sind die Dinge erheblich tische Pharao als Offiziant dargestellt, der diese Aufgaben de facto
komplexer, als wir es heute gewohnt sind, weil jedoch an andere delegierte.
es nicht einfach den einen Rang eines Priesters
gibt. Vielmehr finden wir eine kompliziert abge­
stufte Hierarchie verschiedener Ämter, oftmals Reinheitsvorschriften. In der dienstfreien Zeit
mit Spezialfunktionen. war er frei, musste aber rechtzeitig vor Dienst­
In der Forschungsliteratur wird oft vertreten, antritt beginnen, sich ihnen zu unterziehen,
es habe zunächst eine Laienpriesterschaft ge­ was Enthaltsamkeit von Geschlechtsverkehr
geben, d. h. Leute, die an sich anderen Berufen sowie bestimmten Speisen (besonders Fisch,
nachgingen. Im Laufe der Zeit, insbesondere Schweine, Ziegen und Schafe) betraf.
ab dem Neuen Reich (ca. 1570–1070 vC) sei Dass bestimmte Fristen hinsichtlich der Ein­
dann ein beamtetes Priestertum entstanden, haltung von Reinheitsvorschriften verlangt
das die Laienpriester zunehmend an den Rand wurden, zeigt auch sehr schön eine hierogly­
gedrängt habe. In meinen Augen sind dabei phische Inschrift im Tempel von Esna.
bestimmte Quellen fehlinterpretiert worden.
Tatsächlich ist das Typische des ägyptischen
Priestertums vielmehr, dass es sich regulär und Priester war in Ägypten ein Teilzeitjob
zu allen Zeiten um einen Teilzeitjob handelte.
Die ägyptischen Priester wurden in Einheiten Sie betreffen nicht nur Priester, sondern auch
organisiert, von denen es die meiste Zeit über Besucher, die entweder im Tempel beten wol­
vier gab, die sich in monatlichem Wechsel ab­ len oder als Handwerker dort Arbeiten zu erle­
lösten. In der Ptolemäerzeit wurde ab 238 vC digen haben. Sie sollen sich rasieren, die Nägel
eine fünfte Gruppe eingeführt, die speziell das schneiden, neun Tage lang keinen Geschlechts­
vergöttlichte Königspaar ehren sollte. verkehr gehabt und vier Tage lang die Speise­
Ein „Priester“ war also grundsätzlich ganz tabus beachtet haben.
regulär ein Viertel (bzw. später ein Fünftel) des Außerordentlich informativ für die Frage der
© J. F. Quack

Jahres im Tempeldienst, ging aber den größe­ realen Zugangsberechtigung im Tempel ist das
ren Teil seiner Zeit einem anderen Beruf nach. „Buch vom Tempel“, ein Handbuch über den
Das hatte auch Folgen hinsichtlich der rituellen idealen ägyptischen Tempel, das in zahlrei­

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Räume verraten Rollen in ägyptischen Tempeln

chen, aber meist schlecht erhaltenen Frag­ Plan des


menten auf uns gekommen ist. Es gibt zu Tempels in
bestimmten Grenzbereichen im Tempel Edfu (Ober-
explizite Auskünfte, die klarer sind als die ägypten).
bislang mehr auf archäologischen Indizien
beruhenden Vermutungen. Direkter Zu­
tritt bei der Gottheit selbst (d. h. konkret
Heiligtum
der Kultstatue) war auch für die im Tempel
beschäftigten Personen keineswegs selbst­
verständlich.

Eintritt nur für Befugte


Zunächst gibt es einen innersten Bereich des
Tempels, insbesondere das Sanktuar der
Hauptgottheit, die direkt umliegenden Ka­
pellen weiterer im Tempel verehrter Götter
und noch zwei Magazine, von denen eines
der Lagerung des Kultgeschirrs (insbeson­
dere aus kostbaren Materialien) und das
andere der Aufbewahrung der Textilien des
Tempelbetriebs diente. Diese beiden Maga­
zine sind mutmaßlich deshalb mit in den
innersten Bereich stärkster Restriktionen
aufgenommen, weil ihr Inhalt tagtäglich in

Jeder Raum im Tempelbereich Pronaos (Vorhalle)


war bestimmten Personen
vorbehalten
direktem Umgang mit der Kultstatue ge­
braucht wurde und es einfacher war, diesen
in einem Bereich gleicher Reinheitsstufe
© 2015 Projekt „Der Tempel als Kanon der religiösen Literatur Ägyptens“, HAW/IANES Tübingen

vorzuhalten, als jeden Tag neu zu reinigen.


Zu diesem innersten Bereich haben nach
den Angaben des „Buches vom Tempel“
nur die Propheten Zutritt, also der höchste Hof der
Rang der ägyptischen Priester – man sollte Menge
hier betonen, dass die Bezeichnung „Pro­
pheten“, die von den Griechen für diese
ägyptische Priestergruppe verwendet wur­
de, nichts mit den hebräischen Propheten
zu tun hat, sondern mutmaßlich deshalb
gewählt wurde, weil die betreffenden Per­
sonen der Gottheit selbst die kultischen
Texte vorgetragen haben.
Nach außen hin die nächste Grenze wird
dann durch den sog. Pronaos konstituiert.
Dies ist ein Bereich vor dem innersten Tem­
pelhaus, der in Höhe und Breite über dieses
hinausgeht. Hier dürfen hochrangige Pries­
ter eintreten, auch wenn sie noch nicht zu
den Propheten gehören. Ausgeschlossen
werden an dieser Stelle „Leute von außen“
sowie Frauen. In diesem Bereich gibt es Quelle: http://www.opus-bayern.de/uni-bamberg/volltexte/2009/221/

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welt und umwelt der bibel 1/2022 15
oben: Inschrift mit Zugangsbeschrän­kungen
und Reinheitsvorschriften. Römerzeit,
um 119, Tempel von Esna.

rechts: Speisevorschriften:
„Anrede an die Türhüter, welche Speisen
Personen nicht gegessen haben dürfen,
die in den Tempel eintreten.“
Tempel von Philae, Ptolemäerzeit.

auch Plätze der Türhüter, die kontrollieren, dass nah, waren aber doch außerhalb der definierten
niemand gegen diese Regeln verstößt. Zone restriktiver Zugangsberechtigung.

links © 2015 Projekt „Der Tempel als Kanon der religiösen Literatur
Weiter vorne im Tempelareal gibt es vor dem Bei Weitem die striktesten Zugangsbeschrän­
Pylon einen großen offenen Hof, der als Hof kungen innerhalb des gesamten Tempelbezirks
der Menge bezeichnet wird. Hier war offenbar weisen bestimmte Bereiche außerhalb des ei­
die Bevölkerung des Ortes prinzipiell zugangs­ gentlichen Tempelhauses auf. Darin gibt es ei­ Ägyptens“, HAW/IANES Tübingen; rechts © J. F. Quack
berechtigt. Soweit der hier nur fragmentarisch nen Heiligen Hügel und einen Heiligen See. Wer
erhaltene Text korrekt ergänzt ist, sollen Frauen hier unbefugt ertappt wird, weil er z. B. seine
einen Hof weiter außen bleiben als Männer. Finger ins Wasser getaucht hatte, musste mit der
Die Tatsache, dass die Bevölkerung in einiger Todesstrafe rechnen. Der konkrete Hintergrund
Entfernung vom Sanktuar bleiben musste und dafür ist, dass nach ägyptischer Vorstellung das
so die Kultstatue allenfalls zu Gesicht bekam, Wasser dieses heiligen Sees mit der Substanz
wenn sie bei Prozessionsfesten auszog, hat übri­ des Gottes Osiris aufgeladen und insofern ext­
gens zu einer speziellen architektonischen An­ rem machtvoll war. Das Missbrauchspotenzial
lage geführt: Es gab die sog. Gegentempel, die war also hoch, und es gibt tatsächlich erhaltene
an der Rückseite des Sanktuars gebaut wurden. Rezepte, in denen Wasser vom Heiligen See für
So wussten sich die dort Betenden der Gottheit sehr egoistische Zwecke genutzt wurde. W

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Magisch geschützte Räume
im Alten Ägypten

Der Fluch
des Pharao
Abenteuerfilme über Grabräuber in den Pyramiden
greifen Rituale auf, die es im Alten Ägypten tatsäch-
lich gab, allerdings nicht nur als Schutz der Königs-
gräber, sondern weit umfassender. Alle möglichen
Lebensbereiche konnten magisch geschützt werden.
Von Christoffer Theis

E
rhalten sind Rituale für das Land, die Stadt, im Kreis befindliche Objekt oder Subjekt vom Pharao Amasis
den Tempel, den Palast, das Haus und das Außen getrennt und somit beschützt wird. Ri- beim Streuen des
Grab, wobei auch noch kleinere Raum- tualtexte mit magischen Kreisen sind seit dem bsn-Salzes zum
einheiten wie ein Zimmer, eine Tür, das Bett Beginn des Neuen Reiches erhalten und z. B. rituellen Schutz.
oder die Grabkammer an sich behütet werden im bekannten medizinischen Papyrus Edwin
konnten. Für die genannten Bereiche sind seit Smith überliefert. Der Kreis wurde mit einem
dem 3. Jahrtausend vC vielfältige Rituale durch Instrument wie einem Holzstock oder einem
Texte und Objekte erhalten geblieben, die sich Schilfrohr gezogen. Er konnte auch mit Salz ge-
teilweise noch bis in das koptische und arabische streut werden, wie es eine Darstellung von Kö-
Ägypten nachverfolgen lassen. Die magischen nig Amasis (570–526 vC) zeigt. Dies wird mit
© Zeichnung: Rebekka-M. Müller nach T. Young, Hieroglyphics II, London 1828, Tf. 42

Rituale zielten auf ganz unterschiedliche Be- der Handlungsangabe „Die Gabe des bsn-Sal-
drohungen wie z. B. Dämonen, Flöhe, Mücken, zes“ und „Viermaliges Umstreuen“ beschrie-
Reptilien, Seuchen, Würmer oder auch schlicht ben. Demnach schritt der Herrscher viermal um
ein Unwetter ab. Zum Einsatz kamen neben rezi- das Gotteshaus und verstreute hierbei das Salz,
tierten Sprüchen mannigfache Objekte wie z. B. um so den Schutz des Gebäudes zu gewährleis-
Amulette, Exkremente, Feuer, Figurinen, Ocker ten. Diese Handlung ist bis in griechisch-rö-
und andere Farbstoffe, Pflanzen(teile), Textilien, mische Zeit belegt und wird unter anderem im
Tiere und deren Körperteile, Weihrauch und Tempel von Kom Ombo mit „das Umgeben des Dr. Christoffer Theis
Zeichnungen. Als Rituale sind auch komplexere Tempels des Horus mittels Natron“ dem Pharao ist Projektleiter an der
Handlungen bekannt, wie sie z. B. seit dem Be- selbst zugeschrieben. W Universität Leipzig und
ginn des Neuen Reiches (um 1500 vC) mit dem Mitglied der Jungen
Besprengen von Häusern mit einer Natronlauge Akademie der Akademie
überliefert sind. Lesetipp: der Wissenschaften und
der Literatur, Mainz. Seine
Darüber hinaus konnten schutzwirksame • Christoffer Theis, Magie und Raum. Der magische
aktuellen Forschungs-
Räume durch Rituale auch erst geschaffen wer- Schutz ausgewählter Räume im Alten Ägypten
schwerpunkte sind die
den. Einige Ritualtexte bezeugen solche Kreati- nebst einem Vergleich zu angrenzenden Bibel im Kontext ihrer
onen. Diese sind auch heute noch als „Magischer Kulturbereichen (Orientalische Religionen in der altorientalischen Umwelt.
Kreis“ bekannt. Der Kreis ist im Alten Ägypten Antike 13), Tübingen 2014. und ägyptische Lehnwör-
immer ausschließend-apotropäisch, womit das ter in Nachbarkulturen.

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Tempel, Heiligtümer und Rituale im spätbronzezeitlichen Ugarit

Wege zu den Göttern


Ein Bauer stieß im Jahr 1928 in Nordsyrien beim Pflügen seines Feldes auf eine
unterirdische Grabkammer. Sein Fund löste eine Serie von Ausgrabungen aus, die
seit 1929 bis heute fortgeführt werden und deren Textfunde Einblicke in die Ritua-
le des Vorderen Orients im ausgehenden 2. Jahrtausend vC bieten. Alte Texte und
beeindruckende Heiligtümer erhellen das Dunkel der Tempelkulte.
Von Herbert Niehr

D
ie hier entdeckte Königsstadt Ugarit war Die beiden höchsten Götter
bereits seit Längerem aufgrund von Keil- Die beiden Tempel auf der Akropolis der Stadt Dr. Herbert Niehr ist
schrifttexten bekannt. Sie beherbergt auf waren den Hauptgöttern Ugarits mit ihrer je- seit 1992 Professor für
Tontafeln u. a. die ältesten Ritualtexte der west- weiligen Gefolgschaft gewidmet: El, dem Vater Biblische Einleitung und
semitischen Kulturen. Ihre Blüte hatte sie vom und Obersten der Götter, einem gütigen und Zeitgeschichte an der
15. bis zum Beginn des 12. Jh. vC. Die Ausgräber segnenden Gott, und dem Wettergott Baʿal, Katholisch-theologischen
Fakultät der Universität
stießen unter dem Tell Ras Shamra (bei Latakia) einem Kämpfer gegen den Meeresgott und den
Tübingen und seit 2006
außerdem auf die Reste von Tempeln und Hei- Todesgott. Das schließt einen Kult aller ande-
Professor Extraordinary
ligtümern, die weitere Einblicke in die Kulte die- ren Gottheiten Ugarits, d. h. des Pantheons der in Ancient Studies an
ser Zeit gestatten. Mit den Funden und Befunden Stadt und des Königreichs, an diesen Tempeln der Universität Stellen-
aus Ugarit stoßen wir auch zu den Grundlagen nicht aus. Wie umfangreich die ugaritische bosch (Südafrika). Seine
der Religionen der Phönizier, Aramäer, Israeliten Götterwelt war, haben wir in Welt und Umwelt Forschungsschwerpunkte
und Judäer im 1. Jahrtausend vC vor. der Bibel 2/2002 (Ugarit) beschrieben. Die Bau- sind Philologie, Geschich-
geschichte der dortigen „heiligen Räume“ lässt te, Literaturgeschichte
Heilige Stätten in Ugarit sich bis an den Beginn des 2. Jahrtausends vC und Religionsgeschichte
Beim derzeitigen Stand der Ausgrabungen im zurückverfolgen, wobei neuesten Forschungen der antiken westsemiti-
Stadtgebiet von Ugarit sind mehrere Tempel und zufolge die Mauern des El-Tempels auf Mauern schen Kulturen.
Heiligtümer erkennbar: Die Tempel der Göt- des ausgehenden 3. Jahrtausends vC aufruhen.
ter El und Baʿal auf der Akropolis, der Tempel Der an diesen beiden Tempeln praktizierte Kult
in der Palastzone, das Heiligtum der Rhyta im endete mit dem Untergang der Stadt Ugarit um
Zentrum der Stadt, das Heiligtum im westlichen 1185 vC.
Stadtwall und möglicherweise ein Heiligtum
nördlich des Palastes. Die Texte aus Ugarit nen-
nen weitere Tempel und Heiligtümer, die aller- Die ugaritische Götterwelt war äußerst
dings bis heute archäologisch nicht aufgefunden
sind. Darüber hinaus wird der Palast noch diver-
vielfältig, El und Baʿal thronten oben
se kleinere Heiligtümer enthalten haben und es
ist grundsätzlich nicht zu vergessen, dass maxi- Der El-Tempel
mal ein Viertel der Stadt ausgegraben ist. Tempel Der im nordöstlichen Teil der Akropolis gele-
und Heiligtümer außerhalb Ugarits sind mangels gene El-Tempel dürfte das älteste Heiligtum in
Ausgrabungen archäologisch nur im „Weißen der Stadt Ugarit darstellen. Es misst ca. 21,50 m
Hafen“ Minet el-Beida (10 km nördlich von La- in seiner Länge und ca. 16,50 m in der Breite.
takia) nachgewiesen, auch wenn sie in den Tex- Umgeben ist der Tempel von einem heiligen
ten aus Ugarit durchaus belegt sind. Bezirk (Temenos), dessen Ausmaße aufgrund

18 welt und umwelt der bibel 1/2022


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späterer Verwüstungen nicht mehr klar sind. Der Der Kultplatz auf dem Dach eröffnete eine Sicht- Reste des Baʿal-
Hauptraum des Tempels weist Grundmauern von achse zum mythischen Sitz des Gottes El auf dem Tempels auf der
einer Stärke von 3–4 m auf, wie man sie sonst in Gebirgszug des Gebel Ansariye im Osten Ugarits. Akropolis. Teile
der Cella sind
Ugarit nicht mehr findet. Diese Stärke der Grund- Der El-Tempel wurde im Erdbeben von 1250 vC
noch erhalten.
mauern wird als Hinweis darauf gewertet, dass der zerstört und im Gegensatz zum Palasttempel und
Tempel zumindest ein zweites Stockwerk besaß zum Baʿal-Tempel lassen sich keine Wiederauf-
und ebenso ein Flachdach, welches zum Abhalten baumaßnahmen feststellen. Es gab lediglich Auf-
von kultischen Handlungen genutzt wurde. räumarbeiten, um den Kult in kleinem Ausmaße
In seinem Inneren ist der Tempel in eine Vorhal- weiterzuführen. Hierauf verweisen zwei Stelen mit
le und eine Cella (innerer Hauptraum) zweigeteilt. Inschriften über Totenopfer, die erst sekundär vor
Auf der Ostseite der Cella ist eine zweite Mauer zu dem Eingang der zerstörten Cella aufgestellt wur-
sehen, die wohl als Wange für eine Treppe zu ver- den. Der nicht erfolgte Wiederaufbau des Tempels
stehen ist, die sich in dem schmalen Nebenraum kann mit wirtschaftlichen Problemen in den letz-
der Cella befand und auf das Dach hinaufführte. ten Jahrzehnten des Königreichs Ugarit begründet
© H. Fontaine [WUB Ugarit S. 15]

Die Kultnische befand sich an der Ostwand der werden oder auch damit, dass der Kult des Gottes
Cella, ein Götterbild ist nicht erhalten. El und seiner Entourage in den Palasttempel trans-
Eigens hervorzuheben ist ein heiliger Bezirk feriert worden war. Die Nutzung des Areals als
unmittelbar an der äußeren Ostwand des Tempel- Steinbruch bereits in der Antike, aber auch Raub-
gebäudes. Hier fanden sich eine Ansammlung von grabungen im 19. Jahrhundert und in der Zeit des
steinernen Stelenbasen und möglicherweise auch Ersten Weltkriegs führen dazu, dass der heutige
noch die Reste eines Altares. Zustand der Ruinen sehr kläglich ist.

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welt und umwelt der bibel 1/2022 19
Treppe auf die Terrasse

Der El-Tempel
von Ugarit war
das erste Heilig-
tum der Stadt.
Hier brachte der
König zusam-
men mit den
Priestern dem
höchsten Gott
Opfer in Gestalt
von Speisen und
Getränken dar.

Der Baʿal-Tempel deutet auf die Verehrung einer Göttin neben Baʿal
Der Baʿal-Tempel liegt nordwestlich des El-Tem- in diesem Tempel. Dabei dürfte es sich wohl um
pels, von welchem ihn das Haus des Oberpries- die Göttin Anat gehandelt haben.
ters trennt, in einem Temenos von 850 m2. Die Im Innenhof unmittelbar vor den Stufen zur
heute sichtbaren Fundamente des Tempels haben Vorhalle des Baʿal-Tempels befand sich der Opfer-
Ausmaße von 22 m in der Länge und 16 m in der altar, der eine Seitenlänge von 2 m aufweist und
Breite. Mit einer Dicke von 1,70 m sind die Mauern­ über zwei Stufen zugänglich war. Ebenso dürfte
nicht so stark wie die Fundamentmauern des El- das Dach als Kultplatz genutzt worden sein. Diese
Tempels. Der Baubeginn dieses Tempels dürfte in Stätte eröffnete eine Blickachse zum mythischen
der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends vC anzusetzen Sitz des Gottes Baʿal auf dem Bergmassiv des Sa-
sein. Umgeben war auch dieser Tempel von einem phon im Norden Ugarits.
Temenos, dessen Ausmaße etwas besser auszuma- Nach der Zerstörung des Baʿal-Tempels im Erdbe-
chen sind als beim El-Tempel. Von diesem Teme- ben von 1250 vC erfolgte die Verlegung des Kultes
nos aus kam man über eine Treppe in eine recht- in den südwestlichen Teil des Temenos, wo er vor
eckige Vorhalle, von der aus ein Durchgang in die der Stele des Baʿal mit dem Blitz, die hier in einem

Plan: © mission de Ras Shamra; Foto: © Herbert Niehr; Stele © Quelle: Cornelius - H. Niehr, Götter und Kulte in Ugarit, Abb. 89
Cella führte. Im rechten hinteren Teil der Cella sind provisorischen Heiligtum aufgestellt worden war,
Treppenstufen zu erkennen, deshalb kann abgehalten wurde. Eine Rekonstruktion der Cella
auch hier auf mindestens ein weiteres erfolgte, aber es ist nicht sicher, ob diese vor dem
Stockwerk geschlossen werden. Untergang der Stadt abgeschlossen werden konn-
Die Kultnische lag an der Ostwand der te.
Cella. Beim Baʿal-Tempel ist ebenfalls Raubgrabungen im 19. Jahrhundert und in der
kein Götterbild mehr erhalten. Zeit des Ersten Weltkriegs führten auch im Be-
Die Zuschreibung dieses Tempels an den reich des Baʿal-Tempels zu einer weiteren Beschä-
Wettergott Baʿal erfolgt über zwei Ste- digung des Inventars und der Ruinen, wenn auch
len. Innerhalb des Tempels lagen die Tei- nicht im selben Ausmaß wie im El-Tempel.
le der Votivstele eines Ägypters namens
Mami, der diese Stele dem Gott Seth- Allgemeines zu beiden Tempeln auf der
Ṣapuna gewidmet hatte, worunter der Akropolis von Ugarit
Wettergott Baʿal, dessen Sitz auf dem Generell gilt, dass Gottheiten, um ansprechbar zu
Berg Ṣaphon liegt, zu verstehen ist. Im sein und beopfert werden zu können, eine irdische
südwestlichen Teil des Temenos stand Wohnstätte brauchten. Dazu dienten die Tem-
die Stele des Baʿal mit dem Blitz, die mit pel, die mit dem Terminus bītu / bt / bayit (Haus
ihrem ikonografischen Programm auf bzw. Haushalt) bezeichnet wurden. Hier waren
den Kult des Gottes Baʿal verweist. die Gottheiten in ihren Götterbildern präsent
Der Fund einer weiteren Stele, die und wurden mit Speise und Trank, Kleidung und
eine mit einem flügelhaft gefalteten Schmuck versorgt. Zugang zu den Tempeln hatten
Gewand bekleidete Göttin abbildet, die Priester und der König, nicht aber jedermann.
In den Innenhöfen konnten weitere Verehrer an
den Opfern teilnehmen.
Geflügelte Göttin (vermutlich Anat), Es wurde schon auf die von den Dächern der
deren Stele beim Baʿal-Tempel gefun- beiden Tempel aus etablierten Sichtachsen zu den
den wurde. Ähnlich wie El die Göttin mythischen Sitzen der Götter El im Osten und
Aschera zur Seite gestellt wurde, verehr- Baʿal im Norden hingewiesen. Beide Tempel wa-
te man die Göttin Anat neben Baʿal. ren damit konstitutive Bestandteile der sakralen

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Tempel, Heiligtümer und Rituale im spätbronzezeitlichen Ugarit

Landschaft Ugarits, deren Rekonstruktion aufgrund


fehlender textlicher und archäologischer Daten für
uns immer noch in den Anfängen liegt. Trotzdem
lässt sich ersehen, dass die mythischen Sitze der
Götter El und Baʿal den östlichen und den nördli-
chen Horizont des Königreichs Ugarit markieren.
Laut den mythischen Überlieferungen aus Ugarit
treffen am Gebirgszug des Ṣaphon Meer und Berg
und am Gebirgszug des Gebel Ansariye himmlischer
und irdischer Ozean zusammen.

Rituale an den Tempeln des El und des


Baʿal
Der bedeutendste Fundort der Ritualtexte aus Uga-
rit ist mit dem zwischen den beiden Tempeln auf der
Akropolis gelegenen Haus des Oberpriesters gege-
ben.
Bei einem ersten Blick auf diese Rituale fällt auf,
dass nur der König als Ausführender im Kult auftritt.
Besondere Reinigungsrituale bereiten den König
auf seine kultischen Aufgaben vor. Somit wird die
besondere Stellung des Königs als Mittler zwischen
Göttern und Menschen auch im Bereich des Kultes
und der Rituale deutlich. Zur Durchführung der
Rituale stand weiteres Kultpersonal zur Verfügung
Rekonstruktion des Baʿal-Tempels von Ugarit nach Olivier Callot
(Priester, Sänger, Musikanten, Exorzisten, Wasser- (RSO 19). Im Außenhof, am Eingang in den Tempel, stand die be-
holer und Reiniger). Die in den Tempeln abgehalte- rühmte Stele des Gottes Baʿal, die sich heute im Louvre befindet.
nen Riten werden nicht beschrieben, es wird nur in Auf dem 20 m hohen Turm (Rekonstruktion!) stand wohl ebenfalls ein
sehr knapper Sprache aufgelistet, welche Gottheit Altar. Von der Dachterrasse aus fiel der Blick auf das Ṣaphon-Gebirge
was erhielt. Die Opfermaterie umfasste Gaben aus im Norden, von dem Baʿal auch den Beinamen „Baʿal-Ṣaphon“
Fleisch, Fisch, Brot und Gebäck sowie Libationen (vgl. auch Ex 14,2) erhielt.
von Wein, Öl, Honig und Wasser. Weiterhin brach-
te man den Gottheiten kostbare Gaben aus Gold
Rekonstruktionszeichnung: © Callot, Les Sanctuaires, Abb. 38; Baal: © wikimedia.orgcurid=931147

und Silber, Kleidung und Schmuck dar; außerdem Lesetipps


wurden ihre Statuen mit Weihrauch inzensiert. Re- • I. Cornelius – H. Niehr, Götter und Kulte in Ugarit, Zabern 2004.
pliken des Götterbildes wurden angefertigt und den • O. Callot, Les Sanctuaires de l’Acropole d’Ougarit, Ras Shamra-Ougarit
Verehrern als Statuetten bzw. Anhänger zum Kauf XIX, 2011.
angeboten. W • G. del Olmo Lete, Canaanite Religion According to the Liturgical Texts of
Ugarit, Alter Orient und Altes Testament 408, 2014.

Gebet zum Gott Baʿal um den Schutz der Stadt Ugarit vor Feinden:
„Wenn ein Starker eure Tore angreift, ein Krieger eure Mauern, dann sollt ihre eure Augen zu Baʿal
erheben:
,O Baʿal, wenn du vertreibst den Starken von unseren Toren, den Krieger von unseren Mauern, dann
werden wir einen Bullen, o Baʿal, darbringen, ein Gelübde, o Baʿal, erfüllen, ein männliches Tier
darbringen, ein ḥtp-Opfer, o Baʿal, darbringen, ein Bankett, o Baʿal, feiern. Zum Heiligtum des Baʿal
werden wir hinaufziehen, die Pfade des Tempels Baʿals, durchschreiten.‘
Und es wird Baʿal euer Gebet erhören. Er wird vertreiben den Starken von euren Toren, den Krieger
von euren Mauern.“
(KTU 1.119,26-36; Übersetzung: H. Niehr) Baʿal-Bronzestatue aus Ugarit. 14.‑12. Jh. vC.

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welt und umwelt der bibel 1/2022 21
Von vielen Kultorten zu einem einzigen Tempel

Ein Land, ein Volk, ein Tempel


In der Frühzeit Israels gab es eine Menge lokaler Heiligtümer im ganzen Land.
Das änderte sich im 7. Jh. vC unter König Joschija: Es sollte außerhalb Jerusa-
lems kein Heiligtum mehr geben, für fremde Götter sowieso nicht, aber auch
nicht für den Gott Israels. Von Thomas Römer

I
m aktuellen Konflikt zwischen dem Staat Restreich im Süden verhindert werden. Joschija
Israel und den Palästinensern fordern und seine Theologen griffen also durch. Thomas Christian Römer
Alttestamentler und
Letztere, dass al-Quds (die Heilige) – ge- Diese Sichtweise ist auch in der Geschichte
Althistoriker an der
meint ist Ostjerusalem – Hauptstadt des pa- des Königtums präsent, die in den biblischen
Universität Lausanne und
lästinensischen Staates wird. Doch die isra- Büchern Samuel und Könige zu finden ist. Diese am Collège de France in
elische Regierung und die meisten Israelis sogenannte „deuteronomistische“ Darstellung Paris.
können Jerusalem nicht aufgeben, weil sich nimmt einen judäischen Standpunkt ein.
in dieser Stadt der Tempel des Salomo be- Dagegen wird die Geschichte des Königreichs
fand, der nach der Rückkehr aus dem Baby- Israel und seiner Könige negativ gesehen, und
lonischen Exil wieder aufgebaut und im Jahr die nördlichen Heiligtümer werden verdammt.
70 nC von den Römern zerstört wurde. Nach Was das Königreich Juda betrifft, suggerieren
jüdischem Glauben wird der Tempel mit der die Bücher der Könige, dass der Tempel von
Ankunft des Messias endgültig wieder aufge- Jerusalem der einzige gewesen sei. Das deckt
baut und der Opferkult wieder aufgenommen. sich allerdings nicht ganz mit den Funden der
Archäologie: Bei Ausgrabungen wurde auch für
Ein Land und ein Tempel die Königszeit durchaus die ehemalige Existenz
Die Vorstellung, dass Jerusalem das einzige le- anderer Heiligtümer nachgewiesen.
gitime Heiligtum sei, entstand im 7. Jh. vC im
Rahmen einer Politik der Zentralisierung, die
König Joschija und seine Berater am Hof von
Jerusalem verfolgten. Um diese Reform zu le-
gitimieren, schrieb eine Gruppe von Schriftge- Das Kultgesetz Joschijas
lehrten eine erste Fassung des Buches Deutero-
nomium, in der es hieß, dass JHWH einzig sei
QUELLEN (Dtn 12,1-2.5)
(Dtn 6,4) und dass dieser Einzigkeit des Gottes
TEXT
Israels die Einzigkeit des Ortes entsprechen
müsse, an dem ihm Opfer dargebracht werden „Das sind die Gesetze und Rechtsentscheide, die ihr bewahren und
könnten. die ihr halten sollt in dem Land, das der HERR, der Gott deiner Väter,
Das Heiligtum ist also mit dem Glauben an dir gegeben hat, damit du es in Besitz nimmst. Sie sollen so lange
einen einzigen Gott und das Land verbunden, gelten, wie ihr in dem Land leben werdet.
das er Israel gab. Im Hintergrund steht die Er-
fahrung der Eroberung des Nordteils Israels Ihr sollt alle Kultstätten zerstören, an denen die Völker, deren Besitz
durch die Assyrer 100 Jahre zuvor. Natürlich ihr übernehmt, ihren Göttern gedient haben […] ihr sollt nach der
gab es danach im Norden auch assyrische (und Stätte fragen, die der HERR, euer Gott, aus allen euren Stammesge-
andere) Kulte. Das Land war verloren, die re- bieten erwählen wird, indem er dort seinen Namen anbringt.“
ligiöse Integrität ebenso. Das sollte für das

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Israelitisches Heiligtum in Arad (Negev, Südisrael). Der Vorhof mit Die Heiligtümer von Bet-El und Dan
Opferaltar aus unbehauenen Steinen ohne Stufen entspricht genau Dem biblischen Text zufolge war der erste König des
der Vorschrift in Ex 20,25-26. Ob die zwei dort gefundenen Stelen Nordreichs Jerobeam I. Er hätte sich nach dem Tod
JHWH und seine Aschera bezeichneten, ist umstritten. Aber die Altäre Salomos von der davidischen Dynastie losgesagt
wurden im 8. Jh. demontiert und vergraben, evtl. ein Hinweis auf eine und zwei Heiligtümer mit goldenen Stieren erbaut,
königliche Aktion zur Kultzentralisation unter Hiskija oder Josia
um die nördliche und die südliche Grenze seines
(2 Kön 18,4; 2 Kön 23).
Reiches zu markieren: das eine in Dan, das andere in
Bet-El (1 Kön 12,28-30). Diese Aussage ist jedoch
Vierhörniger Altar,
problematisch, da die archäologischen Befunde es
von dem Reste sehr wahrscheinlich machen, dass die Region Dan
oben © MDB/Philip Sapirstein / Creative Commons; unten © D. R.

in Beerscheba in bis Ende des 9. Jh. vC unter aramäischer Kontrol-


der Negev-Wüste le stand. Der wahre Stifter dieser Heiligtümer wäre
gefunden wurden. demnach König Jerobeam II. (ca. 781–742) gewesen,
Rekonstruktionen unter dessen Herrschaft Israel seine größte Ausdeh-
stehen heute an nung hatte. Der „Bericht“ in 1 Kön 12,26-32 ist da-
der Ausgrabungs- her eine Rückprojektion der Zeit Jerobeams II. zu
stätte und im Israel den rekonstruierten Ursprüngen des Nordreichs. Sie
Museum. Solche soll zeigen, dass die Könige Israels (Nordreich) von
Altäre werden in
Anfang an gesündigt hätten, indem sie in Konkur-
der Tora mehrfach
als Opferstätte im
renz zu Jerusalem eigene Heiligtümer errichteten.
Offenbarungszelt Die Bedeutung des Heiligtums von Bet-El wird
erwähnt (Lev 4.7, Ex von Amos und Hosea, den Propheten des 8. Jh. vC,
29,12; 1 Kön 1,50 u. ö.), bezeugt, die die sozialen Ungleichheiten unter Jero-
also aus einer Zeit, in der noch kein beam II. kritisieren. Aus Amos 7,13 lässt sich schlie-
Tempel existierte. Israel Museum. ßen, dass Bet-El, das an dieser Stelle als königliches

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welt und umwelt der bibel 1/2022 23
Heiligtum bezeichnet wird, wahrscheinlich das
wichtigste Heiligtum im Königreich Israel war.
2 Kön 17,24-28 lässt vermuten, dass im Hei-
ligtum von Bet-El sogar noch Kultbetrieb statt-
fand, nachdem die Assyrer dem Nordreich 722
vC ein Ende gemacht hatten.
Das Gebiet von Benjamin, in dem sich das
Heiligtum von Bet-El befindet, wurde dem
Königreich Juda wahrscheinlich während der
Herrschaft von König Joschija angegliedert.
Nach 2 Kön 23,15 ließ Joschija das Heiligtum
in Bet-El mit seiner Kultstele zerstören, um
dem Bau des „Verführers Israels“ (Jerobeam)
ein Ende zu machen. Möglicherweise nimmt aus dem „Tempel JHWHs“ einen Baaltempel „Die Kinder Israels
die Erzählung in Ex 32 darauf Bezug: Mose zer- gemacht haben, um das Heiligtum der Haupt- tanzen um das Goldene
stampft das Goldene Kalb als illegitimes Bild stadt „baalisch“ nennen zu können. Es gab noch Kalb“ – Buchmalerei im
JHWHs zu Staub. weitere JHWH-Heiligtümer im Nordreich, die Hortus deliciarum der
Herrad von Landsberg
Es ist schwer zu sagen, ob es sich bei der Zer- von den Verfassern der biblischen Texte nicht
(um 1180). Die Erzäh-
störung des Heiligtums in Bet-El um einen erwähnt werden: Auf einer Stele – sie steht heu-
lung in Ex 32 spielt wohl
frommen Wunsch der deuteronomistischen te im Louvre – rühmt sich König Mescha von auf die Kultstätten in
Schriftgelehrten handelt oder um ein histori- Moab (in Transjordanien), dass er einen Tempel Dan und Bet-El an.
sches Ereignis. Archäologisch ist die Sachlage JHWHs zerstört habe.
kompliziert: Ab dem 7. Jh. vC scheint die Stätte
von Bet-El tatsächlich an Bedeutung verloren Das Heiligtum von Schilo, Vorläufer
zu haben, was auch die Tatsache bestätigt, dass des Tempels von Jerusalem
der Ort von den Propheten der exilischen und Es gibt ein nördliches Heiligtum, das die Re-
der nachexilischen Zeit kaum erwähnt wird. dakteure der Bibel im Süden akzeptiert zu ha-
Das Heiligtum ist jedoch bislang trotz intensi- ben scheinen: das von Schilo. Das hängt wahr-
ver Ausgrabungen nicht gefunden worden. scheinlich damit zusammen, dass dieser Ort die
Was das Heiligtum von Dan betrifft, bieten Bundeslade beherbergte (1 Sam 4), bevor sie
die biblischen Texte kaum Informationen. Die über Kirjat-Jearim (1 Sam 7,1) nach Jerusalem
archäologischen Befunde deuten darauf hin, dass (2 Sam 6) gelangte. Als Jeremia die Zerstörung
Dan unter Jerobeam II. vergrößert wurde, bis die des Tempels in Jerusalem ankündigt (Jer 7), ver-
Assyrer in die Region einfielen und die Stadt und gleicht er ihn mit dem Heiligtum von Schilo:
vielleicht auch das Heiligtum zerstörten. „Ja, geht doch zu meiner Stätte in Schilo, wo ich
früher meinen Namen wohnen ließ, und seht,
Das Geheimnis eines JHWH- was ich ihr angetan habe wegen des Bösen, das Deuteronomium
Heiligtums in Samaria mein Volk Israel verübt hat! Nun denn, […] so („zweites Gesetz“)
Unter König Omri (9. Jh. vC) wurde Samaria werde ich mit dem Haus, über dem mein Name In 2 Kön 22 wird erzählt,
die Hauptstadt des Königreichs Israel. Daher ausgerufen ist […] verfahren, wie ich mit Schi- wie bei Bauarbeiten im

© Herrad of Landsberg - Hortus Deliciarum, commons.wikimedia.org


wäre es logisch gewesen, an den Bau eines kö- lo verfuhr“ (Jer 7,12-14). Das Heiligtum von Tempel das alte Gesetz-
niglichen Heiligtums zu denken. In der Bibel Schilo galt also als Vorläufer des Jerusalemer buch gefunden wird. Die
ist jedoch nirgends von einem JHWH-Tempel Tempels. Prophetin Hulda bestätigt
in Samaria die Rede, und die amerikanischen dieses Buch als Wort Got-
tes! Joschija bekommt den
Ausgrabungen der 1910er- und 1930er-Jahre Die mit Schweigen übergangenen
Auftrag, es kopieren zu
haben zwar die Bedeutung des Palastes erwie- Heiligtümer von Juda
lassen und immer bei sich
sen, aber keinen genauen Hinweis auf ein Hei- Was das Südreich betrifft, erwähnen die bibli- zu tragen, um die Anwei-
ligtum erbracht. Die Inschriften von Kuntillet schen Autoren nur eine „Konkurrenz“ für den sungen zu befolgen.
Adschrud auf der Sinai-Halbinsel dagegen er- Jerusalemer Tempel, nämlich die „Höhen“.
wähnen einen „JHWH von Samaria“, was die Diese Heiligtümer unter freiem Himmel be-
Existenz eines JHWH-Tempels in der Haupt- standen aus einer Stele, die JHWH darstellte
stadt des Königreichs Israel höchst plausibel ,neben einem Baum, der die Göttin Aschera re-
macht. Der Text von 1 Kön 16,32 beschuldigt präsentierte (1  Kön 14,23). Während viele ju-
König Ahab, einen Baaltempel mit Altar für den däische Könige gescholten werden, die Höhen
Gott Baal errichtet zu haben – eine merkwürdi- geduldet zu haben, obwohl es sich um jahwis-
ge Aussage; denkbar ist, dass späte Redakteure tische Heiligtümer handelte, werden die Köni-

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Die Entwicklung von vielen Kultorten in Israel zu einem einzigen Tempel

ge Hiskija und Joschija gepriesen, weil sie diese falls auf die Existenz eines (vielleicht nicht über-
Heiligtümer der Volksfrömmigkeit bekämpft dachten) Heiligtums hindeutet; wenn es dieses
und zerstört hätten. 2 Kön 23 legt nahe, dass Heiligtum gab, würde sich die biblische Erzäh-
es sich hier auch um Kultorte zur Verehrung lung über die Zerstörung der Höhen durch Jo-
Baals gehandelt habe Dies kann allerdings auch schija wahrscheinlich darauf beziehen.
der deuteronomistischen Polemik geschuldet In den letzten Jahren wurde beim Ausbau
sein, die einen einzigen reinen JHWH-Tempel der Autobahn von Tel Aviv nach Jerusalem in
in Jerusalem haben wollte. Joschija soll daher der Stadt Moza ein Tempel von eindrucksvoller
die Höhen von Geba in Beerscheba unrein ge- Größe entdeckt (vgl. den Ausgrabungsbericht
macht und zerstört haben (2 Kön 23,8). Es gab auf S. 66–67). Die Ausgrabungen an diesem Ort
noch weitere Heiligtümer in Juda, die in den belegen die Vielfalt der JHWH-Heiligtümer in
biblischen Texten nicht erwähnt werden, deren der Zeit der Könige Israels und Judas.
Existenz aber dank der Archäologie eindeutig
nachgewiesen ist. Dies gilt insbesondere für Joschijas Reform, Scheitern und Erfolg
Arad, eine befestigte Stätte im Negev, wo ein Die Redakteure der Bücher der Könige elimi-
gut erhaltenes Heiligtum mit zwei umgestürz- nierten die mit Jerusalem konkurrierenden Hei-
ten Stelen entdeckt wurde. Einige Forscher ligtümer literarisch, um den Eindruck zu erwe-
Die Plünderung von haben die Tatsache, dass die Stelen offenbar be- cken, der Tempel von Jerusalem sei das einzige
Lachisch, der zweiten wusst beseitigt wurden, mit Joschijas Reform in legitime Heiligtum schon seit der Zeit Salomos.
großen Stadt Judas, Zusammenhang gebracht, die zur Schließung Die Existenz der Höhen konnten sie nicht ver-
die von den Assyrern dieses Heiligtums geführt habe, während ande- tuschen, da diese wohl zu populär waren; daher
während ihres Feld- re vermuten, hier sei eine Spur der Kultzentrali- stellten sie sie als nicht dem rechten Glauben
zugs im Jahr 701 vC sation Hiskijas zu sehen (2 Kön 18,4). entsprechende Heiligtümer des Baal dar. Als Jo-
zerstört wurde. Auf Lachisch, die zweite große Stadt Judas, wurde schija um 622 vC seine Zentralisierungsreform
diesem Relief aus dem von den Assyrern während ihres Feldzugs im durchführte, machte er aus der Not eine Tugend:
Palast von Sanherib Jahr 701 vC zerstört. Auf assyrischen Reliefs, Lachisch war zerstört worden, Beerscheba und
in Ninive tragen zwei
die die Plünderung der Stadt darstellen, sind je- Arad waren nicht unter judäischer Kontrolle,
Soldaten Kultstän-
doch Soldaten zu sehen, die große Kultständer und Jerusalem war die einzige Stadt in Juda. So
der für Weihrauch,
die möglicherweise für Weihrauch tragen. Sie können nicht für den war es relativ einfach, den Tempel von Jerusa-
© Bridgeman Images

zu einem Heiligtum privaten Gebrauch bestimmt gewesen sein: Das lem als einziges religiöses und wirtschaftliches
gehörten. Replik des Relief beschreibt offenbar ein Heiligtum, über Zentrum durchzusetzen. Dieser Tempel wurde
Originals, das sich im das die biblischen Quellen sich ausschweigen. zwar 587 vC von den Babyloniern zerstört, aber
British Museum, In Beersheba haben Archäologen einen vier- symbolisch blieb Jerusalem der heilige Ort. Von
London, befindet. hörnigen Altar freigelegt (Abb. S. 22, der eben- Daniel, der im Babylonischen Exil lebte, wird
gesagt, er habe in Richtung Jerusalem gebe-
tet (Dan 6,10). Doch als die Perser um 530 vC
den Wiederaufbau des Tempels erlaubten, hat-
te eine kleine jüdische Kolonie im ägyptischen
Elephantine bereits ihren eigenen Tempel,
in dem sie JHWH, der Göttin Anat und einer
Gottheit namens Eshem-Bet-El huldigte. Und
in Samaria gab es seit dem 5. Jh. vC einen Tem-
pel für JHWH auf dem Berg Garizim. Erst nach
der Zerstörung des Tempels von Elephantine
durch die Ägypter und desjenigen vom Berg
Garizim durch Johannes Hyrkanus um 110 vC
war Jerusalem die Konkurrenz dieser beiden
anderen JHWH-Heiligtümer los. Als der Tem-
pel in Jerusalem im Jahr 70 nC von den Römern
zerstört wurde, traten die Synagogen seine
Nachfolge an. Im dreiteiligen Korpus der Hebrä-
ischen Bibel, das im 2. Jh. nC zusammengestellt
wurde, wurde der (schon nicht mehr existieren-
de) Tempel in Jerusalem als der einzige legitime
JHWH-Tempel dargestellt – eine Idee, die tief-
greifenden Einfluss auf das Judentum hatte. W

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welt und umwelt der bibel 1/2022 25
Heiligtümer zerstören als Mittel der Kriegsführung

Räumungsklage
gegen Götter
Heiligtümer wurden aus sehr verschiedenen Gründen zerstört: im Zusammenhang
mit der Vernichtung feindlicher Herrschaftszentren, als politische Vergeltungs-
maßnahme oder im Kampf gegen religiös fundierten einheimischen Widerstand.
Doch auch die Plünderung von Weihgaben und Tempelschätzen war häufig trei-
bendes Motiv. Von Johannes Hahn

D
ie Zerstörung von Gotteshäusern – ob in die Metropole des Siegers. Dort fanden ihre
Tempel, Synagoge, Kirche oder Mo­ Kultstatuen als Beute Aufstellung, wurden Prof. Dr. Dr. h. c. Johan-
schee – mag uns als ungeheuerlicher aber auch weiter verehrt, um sich der Macht der nes Hahn hat seit 1996
Tabubruch erscheinen. Ein Blick in die Geschich­ fremden Gottheit zu versichern. den Lehrstuhl für Alte
te lehrt aber, dass Heiligtümer zu allen Zeiten Die Juden mussten solche Praxis bei der Er­ Geschichte mit dem
Schwerpunkt Römische
bewusst zu Zielen nicht nur religiöser, sondern oberung Jerusalems durch Nebukadnezzar II.
Geschichte an der Univer-
ebenso politischer und militärischer Gewalt ge­ 587 vC schmerzhaft erfahren. Die Plünderung
sität Münster inne. Seine
wählt wurden. und vor allem Brandschatzung des Salomoni­ Forschungsschwerpunkte
Gewalt gegen sakrosankte Räume und Ob­ schen Tempel galt aber, nach einem jüdischen sind Alexander der Große,
jekte bedeutet eine ultimative Verletzung allge­ Aufstand und langer Belagerung, der Beseiti­ die Sozial- und Kulturge-
meingültiger Normen. Doch Ereignisse wie die gung des ideologischen Zentrums der natio­ schichte des römischen
Inbrandsetzung koptischer Kirchen in Ägypten nal-religiösen Partei, welche sich in Jerusalem Imperiums, der Nahe
oder die Zerstörung von Moscheen und Hindu­ durchgesetzt und die Uneinnehmbarkeit der Osten und die religiösen
tempeln in Indien zeigen, welch gewalttätiges Stadt und ihres Tempels unter dem Schutz Auseinandersetzungen in
Potenzial religiöse, oft zugleich sozial, öko­ Jahwes propagiert hatte. der Spätantike.
nomisch und ethnisch fundierte Konflikte bis
heute entfalten können.

Eine altorientalische Praxis


Bereits assyrische Königsinschriften berichten
Sanherib erobert Babylon
von Heiligtumszerstörungen im Zuge der Er­ QUELLEN
oberung feindlicher Städte. So schildert Sanhe­ „Die Stadt und die Gebäude – von den Fundamenten
TEXT bis zu den Zinnen – riss ich ein, zerstörte und verbrann-
rib die Eroberung und Zerstörung Babylons im
Jahr 689 vC. te ich. … Inmitten der Stadt grub ich Gräben und ihren
Doch ist deutlich, dass neben der Plünderung Boden ebnete ich mit Wasser ein. Die Anlage ihrer Funda-
vor allem die völlige Auslöschung einer Stadt mente zerstörte ich und brachte über sie mehr Zerstörung als die Sintflut.
und ihrer Identität bezweckt war: Das Ritual Damit in Zukunft das Gebiet dieser Stadt und die Tempel nicht wieder-
der Bestreuung der Mauern und des Gelän­ erkannt würden, löste ich sie in Wasser auf und machte sie vollends zu
des mit Salz sollte sie dauerhaft unbewohnbar einer Sumpfwiese.“
machen. Im Vordergrund stand auch weniger
E. Frahm, Einleitung in die Sanherib-Inschriften, Göttingen 1997, Text 122
die Zerstörung der Heiligtümer als vielmehr
die Deportation der geschlagenen Gottheiten

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Doch waren die Juden nicht nur Opfer
religionspolitischer Gewalt. Sie selbst hat­
ten bei der Eroberung des Gelobten Landes
Kulte ausgelöscht und so das Gebot be­
folgt: „Ihr sollt alle Kultstätten zerstören, an
denen die Völker, deren Besitz ihr übernehmt,
ihren Göttern gedient haben: auf den hohen
Bergen, auf den Hügeln und unter jedem
üppigen Baum. Ihr sollt ihre Altäre nieder-
reißen und ihre Steinmale zerschlagen. Ihre
Kultpfähle sollt ihr im Feuer verbrennen und
die Bilder ihrer Götter umhauen. Ihre Na-
men sollt ihr an jeder solchen Stätte tilgen!“
(Dtn 12,2-3)

Das Ritual der evocatio


Bei militärischen Konflikten Tempel und
Götterbilder des Feindes nicht zu verscho­
nen, beruhte auf der Anschauung, dass
Gottheiten ihrer Bevölkerung zu Hilfe kä­
men und dass ihre Macht mit dem Territo­
rium und dem Heiligtum verbunden war.
Dessen Zerstörung bewies ihre Machtlo­
sigkeit, und es beraubte die Einheimischen
zugleich ihrer religiösen Identität. Die
Furcht vor der ortsgebundenen Macht der
Götter und vor ihrer Rache ließ später die
oben © picture alliace / akg; unten © Public domain image courtesy http://www.metmuseum.org/art/collection/search/283139

Römer eine Lösung finden, welche an die


altorientalische Deportation erinnert: Vor
dem Sturm auf eine feindliche Stadt suchte
der Feldherr mit dem Ritual der evocatio,
der magischen Beschwörung und Heraus- Funde im sog. Perserschutt der Akropolis: nach der Zerstörung 479 vC von
rufung, die Schutzgötter der Stadt zu de­ den Athenern in Gruben verbrachte Weihgeschenke, mit Tempeltrümmern
ren Verlassen zu bewegen, bot ihnen eine planiert (Silberabzug von Glasplatte, ca. 1865).
neue Heimstatt in Rom an. Die dann der
Eroberung folgende Plünderung der Stadt
und ihrer Tempel galt den Römern so nicht
länger als Sakrileg, denn die Götter waren
ja schon „ausgezogen“.

Athen und Indien


Die historisch wirkungsmächtigste Tem­
pelzerstörung der Antike ist zweifellos
die der Tempel auf der Akropolis in Athen
durch die Perser 480/479 vC. Athen wur­
de angesichts der durch König Xerxes dro­
henden Belagerung evakuiert. Die Stadt
und ihre Heiligtümer wurden als Rache für
den Ionischen Aufstand 500–494 vC mit
Zerstörung persischer Tempel unter athe­
nischer Beteiligung daraufhin geplündert
und sämtliche Tempel auf der Akropolis
verwüstet.
Dieses Sakrileg diente später dem Make­ Relief vom Titusbogen in Rom mit Darstellung des Triumphzuges. Dargestellt
donenkönig Philipp II. und seinem Sohn sind römische Soldaten mit der Kriegsbeute aus dem Jerusalemer Tempel,
Alexander, um einen Rachefeldzug aller darunter die goldene Menora.

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welt und umwelt der bibel 1/2022 27
Die Phoker finanzierten nach Besetzung des
Tempels von Delphi 356 vC aus den Weihge­
schenken ein Söldnerheer für ihren Kampf ge­
gen eine griechische Allianz, die ein Jahrzehnt
einen „Heiligen Krieg“ zur Befreiung des pan­
hellenischen Heiligtums führen musste. Auch
im Römischen Bürgerkrieg im 1. Jh. vC plün­
derten Feldherren Heiligtümer, um ihre Trup­
pen besolden zu können – eine so gängige Pra­
xis, dass sie kaum expliziter Erwähnung wert
war. Dass städtische Tempel bei Bürgerkriegen
besonders gefährdet waren, zeigt das Schicksal
des Hauptheiligtums von Rom: Der Jupiter­
tempel auf dem Kapitol ging im Vierkaiserjahr
69 nC wohl unbeabsichtigt bei den Parteien­
kämpfen in Flammen auf.

Der Jerusalemer Tempel 70 nC


Dieses Ereignis galt dem Historiker Tacitus als
Menetekel seiner Zeit, nicht aber die nur ein
Jahr spätere Zerstörung des Jerusalemer Tem­
Kerala: der reichste Tempel der Welt.
pels im Zuge der Unterdrückung des Jüdischen
Aufstandes (66–70 nC) durch die Römer. Flavi­
Tempelschatz von Kerala us Josephus bietet uns für diesen von Herodes
errichteten sog. Zweiten Tempel die ausführ­
lichste Schilderung einer Tempelzerstörung
Reichtümer in Tempeln, oft Gaben von Gläubigen, sind ein transkultu- aus der Antike – die für Tacitus nur eine von
relles Phänomen. 2011 wurden in einem Tempel der Hauptstadt des den Aufrührern erzwungene militärische Ak­
süd­indischen Kerala in seit 130 Jahren unzugänglichen Räumen Gold, tion bedeutete. Diese hatten den Tempelberg
Juwelen u. a. im Wert von geschätzten 7 Mrd. Euro entdeckt. zur Festung ausgebaut und als letzte Bastion
im Kampf gegen die römischen Belagerer Jeru­
salems genutzt. Das Massaker an den Verteidi­
gern und der Bevölkerung, die Plünderung des
Von römischen Sol- Griechen gegen das Perserreich unter ihrer Füh­ Tempels, seine Niederbrennung und völlige
daten im Jahr 70 nC rung zu propagieren. Dieser resultierte in der Zerstörung folgten Kriegsrecht. Auch die spä­
aus der Westmauer des Zerstörung des Perserreiches, der Eroberung tere Präsentation der Tempelschätze und Kult­
Tempelberges heraus- des Ostens­bis zum Indus und der Begründung gegenstände auf dem Triumphzug in Rom hatte
gerissene Steine. der hellenistischen Welt. keine religiöse Konnotation, sondern folgte nur

oben © alamy; unten © Wilson44691 - Eigenes Werk, commons.wikimedia.org.


Ebenso rein politisch motiviert war die Zer­ römischem Brauch.
störung von Heiligtümern in Indien im Zuge Keine andere Heiligtumszerstörung brannte
der muslimischen Eroberung des Subkonti­ sich so in das kulturelle Gedächtnis eines Volkes
nents seit 1192 nC. Betroffen waren promi­ ein: Juden gedenken auch heute, am Fast- und
nente Tempel unter indigener königlicher Trauertag Tischa BʼAv, der Zerstörung des Jeru­
Patronage als Symbole politischer Autorität. salemer Tempels. Rabbinischer Überlieferung
Religionspolitische Motive bei der Zerstörung zufolge fand am 9. Tag des Monats Av sowohl
von Hindutempeln spielten erst im späteren die Zerstörung des Ersten wie des Zweiten Je­
Mogulreich im 17. Jh. eine Rolle. rusalemer Tempels statt und ebenso das rituelle
„Umpflügen“ Jerusalems durch die Römer zur
Tempelschätze Gründung ihrer Kolonie Aelia Capitolina nach
Obwohl in der griechischen Welt Übergriffe, Niederwerfung auch des Zweiten Jüdischen
gar die Zerstörung von Tempeln, als barbari­ Aufstandes 135 nC. W
sche Praxis gebrandmarkt wurden, sind zahlrei­
che Plünderungen bezeugt: Die Funktion von
„geschützten“ Tempeln als Banken – berühmt
das Artemision von Ephesos – machte sie im
Kriegsfall zu naheliegenden Zielen.

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welt und umwelt der bibel 1/2022
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welt und umwelt der bibel 1/2022 29
Heiliger Raum im Neuen Testament

Zwischen Tempel,
Synagoge und Haus
Das Neue Testament schreibt über heilige oder weniger heilige Räume. Es setzt
diese Räume in ein Verhältnis zu verschiedenen Gruppen und definiert mithilfe
der Räume auch Grenzen zwischen Gruppen. Dabei werden klassisch jüdische
Räume wie der Jerusalemer Tempel ebenso umgedeutet wie Konzepte aus der
griechisch-römischen Welt, so etwa das Haus mitsamt der Hausgemeinschaft
(oikos oder oikia). Von Michael Hölscher

R
äume sind keine neutralen Orte – sie ste- Der Tempel hat mit seinem Kult den Tages- und
hen für die einen bereit, andere schließen Jahresverlauf auch zeitlich strukturiert. Mit sei-
sie aus. Räume definieren Gruppen und ner Zerstörung geht weit mehr verloren als ein
ihre Grenzen. heiliger Raum. Traditionen und Riten, Feste
Für das frühe Christentum, dessen Geschich- und Rhythmen müssen neu gedacht werden.
te sich in den neutestamentlichen Texten spie-
gelt, sind Räume daher auch immer Teil eines Raumverlust und seine Bewältigung im Dr. Michael Hölscher
gruppenbezogenen Abgrenzungs- und Aus- Neuen Testament ist wissenschaftlicher
handlungsprozesses. Indem sich das frühe Zusammen mit den anderen Zweigen des Ju- Mitarbeiter im Fach
Christentum in sozialer und religiöser Perspek- dentums kommen auch die Nachfolgerinnen Neues Testament an der
tive Stück für Stück vom Judentum seiner Zeit Nachfolger Jesu nicht umhin, den Verlust des Katholisch-Theologischen
löst, distanziert es sich von den jüdischen Iden- Tempels zu verarbeiten. In den synoptischen Fakultät der Universi-
titätsräumen Tempel und Synagoge – oder wird Evangelien geschieht dies auf unterschiedliche tät Mainz. Neben dem
umgekehrt aus diesen Räumen ausgeschlossen. Weise. Sie erzählen dabei nicht nur vom Tempel Matthäusevangelium und
der Johannesoffenbarung
Der heilige Raum muss in den Schriften des und seiner Bedeutung, sondern setzen sich mit
interessiert ihn, wie die
Neuen Testaments also notwendigerweise neu den Konzepten „Synagoge“ und „Haus“ ausei-
neutestamentlichen Texte
verhandelt werden. nander. Und sie entwickeln in Auseinanderset- auf die alltäglichen Her-
zung mit diesen Konzepten neue Vorstellungen ausforderungen der ersten
Der Jerusalemer Tempel – von heiligen Räumen. Christinnen und Christen
mehr als ein Raum reagieren. Dieser Frage
Zur literarischen Auseinandersetzung mit dem Jesus im Tempel, oder: geht er derzeit in seinem
heiligen Raum zwingen zudem äußere politi- Bewältigung durch Kontinuität Forschungsprojekt „Ent-
sche Ereignisse. Im Jahr 70 nC wird der Jerusa- Der Evangelist Lukas erzählt, wenn er über Jesus zauberte Rituale. Spuren
lemer Tempel im Zuge des ersten jüdisch-rö- und den Jerusalemer Tempel schreibt, Jahrzehn- der Fluchtafeln und ihre
mischen Krieges von römischer Seite zerstört. te nach seiner Zerstörung über einen heiligen, Funktion in der Offenba-
rung des Johannes“ nach.
Damit bricht das Zentrum jüdischer Religion aber in Trümmern liegenden Ort der Vergan-
plötzlich weg. Der Tempel war der zentrale Ort genheit. Gleichwohl hat der Tempel in seinem
des Gottesdienstes, der regelmäßigen Opfer, Evangelium Bedeutung, die jedoch weniger in
der Ort kultisch gewirkter Sündenvergebung der Zeit des realen Tempels zu suchen ist, als
und das Ziel zahlreicher Pilgerinnen und Pilger. vielmehr in der Welt des Verfassers selbst.

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Mit einer Szene im Jerusalemer Tempel steigt vgl. auch Mk 13,10), streicht Lukas die Wörter Modell des Jerusa-
das Lukasevangelium bereits nach wenigen Ver- „für alle Völker“ (Lk 19,46). Markus ruft die Vi- lemer Tempels in der
sen ein. Im Tempel erfährt der Priester Zacharias sion wach, dass am Ende der Zeiten alle Völker Zeit Jesu beim Israel
von der Geburt seines Sohnes Johannes, des – Juden und Nichtjuden – in der endzeitlichen Museum in Jerusalem
späteren Täufers (Lk 1,5-25). Dieser Johannes Völkerwallfahrt zum Tempel ziehen. Für Lukas
bildet als Prophet und Wegbereiter Jesu direkt ist der Tempel als „Haus des Gebetes“ (vgl. Lk
am Beginn des Evangeliums eine Brücke zwi- 18,9-14) in erster Linie Traditionsort, an dem
schen der Geschichte Israels und dem Wirken die Botschaft ihren Anfang nimmt.
Jesu. Der Tempel als Raum steht bei Lukas für Auch in der Apostelgeschichte ist Jerusalem
die Tradition Israels und die Heilsgeschichte mit dem Tempel zunächst noch Ausgangspunkt
Gottes mit Israel. Er ist ein Ort der Kontinuität. des Wirkens der Apostel (Apg 2,46; 5,42). Von Der spatial turn in den
Kulturwissenschaften hat
Der Jesus des Lukasevangeliums knüpft da- dort aus zieht die Botschaft dann aber in die
mit seiner Fokussierung
ran an und überbietet Johannes noch, wenn er Welt. Apg 1,8 formuliert programmatisch:
auf Raum und räumliche
bereits als Zwölfjähriger gelehrte Gespräche im „… und ihr werdet meine Zeugen sein in Jeru- Strukturen in den letzten
Tempel führt (Lk 2,41-52) und diese Praxis als salem und in ganz Judäa und Samarien und bis Jahren auch verstärkt die
Erwachsener fortsetzt (Lk 19,47; 21,37f ). Er an die Grenzen der Erde.“ Der heilige Raum Exegese inspiriert.
macht den Tempel zu einem Lehrhaus. Israels ist für Lukas das solide Fundament der Vgl. dazu den Beitrag
Botschaft Jesu und steht für ihre Zuverlässigkeit von Susanne Gillmayr-
Von Jerusalem in die Welt – das Pro- – Ziel der Botschaft aber ist die Welt. Bucher in diesem Heft.
gramm des lukanischen Doppelwerks
Die Tempelaktion Jesu (Lk 19,45-48 par. Mk Markus blickt nach vorn, oder:
11,15-19) liefert ein Indiz, welche Rolle der Der Tempel als visionärer Versamm-
Tempel für das lukanische Doppelwerk ins- lungsort für Juden und Nichtjuden
gesamt spielt. Wie der Jesus des Markusevan­ Im Markusevangelium setzt die Auseinander-
geliums, zitiert auch der lukanische Jesus die setzung mit dem Jerusalemer Tempel erst mit
Schriften Israels, um seine Kritik an den Händ- Jesu Ankunft in Jerusalem ein, die beginnend
lern zu untermauern, aber er setzt einen beson- mit Mk 11,1 erzählt wird. Drei Tage in Folge
© flik47/istock

deren Akzent. Während Markus mit Jes 56,7 betritt Jesus immer wieder mit seinen Jüngern
formuliert: „Mein Haus soll ein Haus des Gebe- vom Ölberg aus die Stadt. Am ersten Tag geht
tes für alle Völker genannt werden“ (Mk 11,17; er zwar in den Tempel, sieht sich dort aber nur

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welt und umwelt der bibel 1/2022 31
Die Kleeblattkarte der
Welt mit drei Kontinen-
ten und Jerusalem im
Mittelpunkt wurde 1581
von Heinrich Bünting,
einem evangelischen
Theologen und Geo-
grafen, gezeichnet. Sie
entspricht dem Ver-
ständnis, dass der Nabel
der Welt in Jerusalem
liegt und dass von dort
alles ausgeht.

um (Mk 11,11). Am zweiten Tag verflucht Je- na zunehmend zum religiösen Zentrum wird. Mosaik in der Synagoge
sus auf dem Weg in die Stadt den fruchtlosen Der Jesus des Matthäusevangeliums lässt im- von Bet Alpha (6. Jh.).
Feigenbaum (Mk 11,12-14), bevor die Tempel­ mer wieder eine schroffe Abgrenzung von der Symbole wie die Gebots-
tafeln, der Siebenarmige
aktion folgt: Jesus vertreibt die Kaufleute und Synagoge erkennen. Synagogen erscheinen als
Leuchter, das Ewige Licht,
erinnert an die eigentliche Funktion des Tem- fremde Räume. Die Bezeichnung „ihre Synago-
Weihrauchschaufel und
pels, ein Haus des Gebets für alle Völker und gen“ (Mt 4,23; 9,35; 10,17; 12,9; 13,54; 23,34) Schofar (Widderhorn)
damit alles andere als eine „Räuberhöhle“ zu deutet darauf hin. Dazu passt, dass das Mat- sowie die Elemente des
sein (Mk 11,15-19). Als Jesus und seine Jünger thäusevangelium auch „ihre Städte“ (Mt 11,1) Feststraußes am Laubhüt-
am nächsten Tag wieder den Feigenbaum sehen, und „ihre Schriftgelehrten“ (Mt 7,29) als etwas tenfest (Zitrone, Palm-
ist er verdorrt (Mk 11,20f ). Jesu Kritik am Tem- Fremdes, der eigenen Gruppe Gegenüberste- zweig, Myrtenzweig und
pelbetrieb wird damit im Markusevangelium hendes betrachtet. Bachweidenzweig) halten
von der Feigenbaumthematik gerahmt. Wie der Der Streit um den Raum, der auf literarischer die Erinnerung an den
Feigenbaum fruchtlos blieb, so wird bei Markus Ebene geführt wird, spiegelt wohl das Ringen Tempel wach.

oben ©World History Archive/Alamy Stock Photo; unten © commons.wikimedia.org.


auch der Jerusalemer Tempel als „fruchtloses der matthäischen Gemeinde um ihre religiöse
Heiligtum“ (Ludger Schenke) kritisiert. Identität und um ihre Abgrenzung zur jüdi-
Das Markusevangelium erzählt einen Tem- schen Mehrheitsbevölkerung wider.
pelbetrieb, der seine Aufgabe nicht mehr er-
füllt. Damit macht Markus die Zerstörung des
Jerusalemer Tempels durch die Römer, in deren
zeitlichem Umfeld er schreibt, als göttlichen
Eingriff verstehbar (vgl. Mk 13,1f ). Erst in sei-
ner endzeitlichen Gestalt, als visionärer Ver-
sammlungsort für Juden und Nicht-Juden, wird
er wieder in altem Glanz erstrahlen (vgl. Mk
11,17; Jes 56,6f ).

Auch die Synagoge trägt nicht mehr –


das Ringen der matthäischen Gemeinde
Eine Besonderheit des Matthäusevangeliums
ist die Auseinandersetzung mit der Synagoge,
wie sie in der Diaspora seit jeher und nach der
Tempelzerstörung auch in der Region Palästi-

32 welt und umwelt der bibel 1/2022


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Heiliger Raum im Neuen Testament

beschreibt als „third space“ gewissermaßen


den Zwischenraum zwischen verschiedenen
Positio­nen, die es stets neu zu verhandeln gilt.
Zwei Perspektiven seien abschließend skiz-
ziert.

Ein Haus aus lebendigen Steinen


Der erste Petrusbrief nutzt das Haus als Meta-
pher für die christliche Gemeinschaft. Gott hat
Christus durch die Auferweckung zu einem
lebendigen Stein gemacht. Die Gemeinschaft
derer, die an Christus glauben, soll sich in Ori-
entierung daran zu einem Haus aus lebendigen
Steinen aufbauen lassen (1 Petr 4,4-7). Raum
wird hier zum Idealbild für eine wohlgeordne-
te Gemeinschaft der tragfähigen Steine, die ein
Haus bilden.

Das neue Jerusalem als Raum


Das vielleicht kühnste Konzept entwirft die
Johannesoffenbarung, die den erlebten städti-
schen Raum der Christinnen und Christen im
Kleinasien des 1. Jh. nC in der Vision vom neuen
Der gute Hirte mit einem Die familia Dei im Haus – Raum- Jerusalem völlig umbaut (Offb 21,1–22,5). In-
Lamm auf der Schulter Konzept einer neuen Gemeinschaft mitten der griechisch-römisch geprägten Kul-
(Figur links). Fresko im Das Matthäusevangelium setzt – wie bereits das tur, die die Tempel ins religiöse und politische
Taufraum der ältesten Markusevangelium – auf die Raum-Ressource Zentrum der Stadt setzt, macht die Johannes-
bekannten Kirche der Welt
„Haus“ und baut sie zum Raum der Gemeinde offenbarung ihre Idealstadt selbst zum Tempel.
(um 232/233 nC). Ein
um. Im Haus heilt Jesus etwa die Schwieger- Sie ist damit gleichermaßen der Ort des neuen
Privathaus in Dura Euro-
pos (Syrien) wurde als mutter des Petrus (Mt 8,14f ), die Tochter des Gottesvolkes wie der Ort der dauerhaften Ge-
Ort der Zusammenkünfte Vorstehers (Mt 9,23-26) oder die zwei Blinden genwart Gottes, der zusammen mit dem Lamm
gestaltet und, als die An- (Mt 9,27-31). Im Haus wird auch Mahl gehalten selbst wieder als Tempel dieser Stadt ausgewie-
zahl der Christinnen und (Mt 9,10-13). sen wird (Offb 21,22). Damit überbietet die
Christen zunahm, durch Mit dem Konzept vom Haus und seiner Haus- Johannesoffenbarung zeitgenössische pagane
Anbauten erweitert. gemeinschaft (oikos oder oikia) greift das Neue Tempelkonzepte.
Testament ein Modell der griechisch-römi- Heilige Räume sind im Neuen Testament Ge-
schen Kultur auf. Dabei setzt insbesondere das genstand und Produkt literarischer Auseinan-
Markus­ evangelium neue Akzente. Es propa- dersetzung. So hilfreich und identitätsbildend
giert das Haus als Ort der neuen Familie Gottes. manche Räume dabei auch sein mögen, letzthin
In Mk 3,31-35 steht die leibliche Familie Jesu sind heilige Räume im Neuen Testament nicht
draußen, während Jesus drinnen – im Haus – in Stein gemeißelt. Sie werden, wie der erste Pe-
seiner neuen Familie, den Jüngerinnen und trusbrief und die Johannesoffenbarung zeigen,
Jüngern, ans Herz legt: „Wer den Willen Gottes zu Chiffren für die Gemeinde und das Gottes-
Third space ist ein Dis- tut, der ist für mich Bruder und Schwester und volk. W
kurs- und Handlungsraum Mutter“ (Mk 3,35). Das Haus wird zum heiligen
zwischen zwei beste- Raum, indem dort eine bestimmte Praxis gelebt
henden, oft sehr unter- wird.
© History Collection/Alamy Stock Photo

schiedlichen Bereichen. Lesetipps


Ein Politiker betrachtet Heilige Räume weiterdenken – • Christian Blumenthal, Basileia im Matthäus­
z. B. eine Pandemie an-
Raumvisionen als Inspirationsquelle evangelium (WUNT 416), Tübingen 2019.
ders als ein Virologe. Ein
Das Neue Testament verhandelt Vorstellungen • Bärbel Bosenius, Der literarische Raum des
Journalist vermag – im
Idealfall – beide Pers- von Eigenem und Fremdem, von Vergangen- Markusevangeliums (WMANT 140), Neukirchen-
pektiven anzunehmen, heit, Gegenwart und Zukunft auch mithilfe Vluyn 2014.
Blickwinkel zu wechseln der Kategorie des Raumes. Ein Plädoyer der • Michael Hölscher, Konflikträume im Matthäus­
und so neue Erkenntnis neutestamentlichen Texte könnte daher sein, evangelium, in: BiKi 74 (2019) 167–173.
zu generieren. diesen Diskursraum produktiv zu nutzen. Er

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welt und umwelt der bibel 1/2022 33
Heiliger Raum in orthodoxen Kirchen

Himmel auf Erden


Für orthodoxe Christen repräsentieren ihre Kirchen das Reich Gottes auf Er-
den. Die Göttliche Liturgie, die sie in ihnen feiern, macht gleichsam die gesamte
Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen präsent. Wer sich im Heiligen Raum
versammelt, hat somit zugleich auch Anteil an der Himmlischen Liturgie.
Von Andreas Müller

G
rundgelegt wurden die Ideen zum ide- zu rituellen Reinigungen. Solche Wasserbecken
alen Kirchbau in den orthodoxen Ost- haben sich nur noch an wenigen Stellen erhal- Prof. Dr. Andreas Müller
kirchen bereits bei dem berühmten Kir- ten und dienen in solchen Fällen heute dem ist Professor für Kirchen-
chenhistoriker und Bischof von Caesarea, Euseb. Segnen von Weihwasser. und Religionsgeschichte
Um 315 nC hat dieser in seiner sog. Kirchweih- Über die Einrichtung der Kirche selbst teilt des ersten Jahrtausends
an der Universität Kiel.
rede von Tyros die dortige Kirche beschrieben Euseb nur wenig mit. In jedem Fall wird durch
Forschungsschwerpunkte
und mit liturgischen Handlungen in Verbindung die Beschreibung aber deutlich, dass der Bau
liegen auf den östlichen
gebracht (vgl. dazu den Quellentext S. 37). Dabei durchaus von imperialem Stil geprägt war. Kirchen und der frühen
zeichnet er den Kirchraum deutlich als „heiligen Throne gehörten nun selbstverständlich zur Kirchengeschichte.
Raum“. Dieser bekommt die Titel Gotteshaus, Einrichtung dazu – dies gilt für orthodoxe Kir-
Heiligtum und sogar Tempel. Dabei gilt für den chen bis heute. Der Bischof wurde damit nicht
Kirchenvater aus der Zeit der „Konstantini- nur zum Stellvertreter Christi, sondern auch
schen Wende“ die Kirche auch als ein Abbild des gleichsam als Repräsentant des Kaisers stili-
himmlischen Jerusalem. siert, insofern der Herrscher und der Welten-
Euseb bezeichnet das Gebäude zum ersten herrscher immer stärker miteinander eine in-
Mal als basileios oikos, als königliches Haus, wo- nige Verbindung eingingen. Diese Verbindung
her sich der Name Basilika ableitet. zeichnet bereits die konstantinische Zeit aus
und hat bis heute ihre Spuren hinterlassen.
Lichter Thronraum
Bereits das Gebäude in Tyros war nach dem Gliederung des Raumes
Gang der Sonne ausgerichtet, dabei aber wohl Letztlich ist die Kirche schon seit dieser Zeit
eher gewestet als geostet. Das war nicht unge- durch eine Abtrennung des Altarraumes von
wöhnlich. Die meisten römischen Kirchen hat- dem Raum für die Gemeinde geprägt – Euseb
ten ihre Apsiden im Westen. Erst im 8./9. Jh. erwähnt hier noch ein Gitter, in späterer Zeit
setzte sich endgültig die Tradition allgemein entsteht in Orthodoxen Kirchen das templon,
durch, Kirchen in Richtung des Sonnenauf- schließlich in Form von hohen Ikonostasen, die
gangs auszurichten. Bis heute haben orthodoxe den Raum des Klerus von demjenigen der Ge-
Kirchen ihre Apsis meist im Osten, sodass wäh- meinde separieren. Heute dienen die dort auf-
rend der Liturgie das Licht den Raum zuneh- oder eingehängten Ikonen der Begegnung mit
mend erfüllt und Christus dadurch als „wahres der anderen Welt. „Konstantinische
Wende“
Licht“ präsent ist. Euseb bezeichnet die Kirche in Tyros nicht
313 nC vereinbarten
Euseb beschreibt nicht nur den Kirchraum nur als Tempel, er scheut auch den Vergleich
Kaiser Konstantin und
selber, sondern auch die gesamte Anlage. Im mit dem Tempel Salomos nicht. Durch diese Kaiser Licinius die allge-
Vorhof der Kirche bestand dabei – vergleichbar Parallelisierung macht Euseb jedenfalls deut- meine Religionsfreiheit
mit den späteren Moscheen – die Möglichkeit lich, dass die Nutzung der Kirche entsprechend im Reich.

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Die Kirche Megisti
Lavra ist das bedeu-
tendste orthodoxe
Gotteshaus auf dem
Berg Athos. Die für
westliche Christen
oben © Andreas Müller; unten © Joko/picture alliance / imageBROKER

verwirrende Vielfalt der


Symbole verkörpert für
orthodoxe Christen den
Abglanz des Himmels.

Ikonostase in der
Angelolokistos-Kirche,
Kiti, Zypern: Schranke
zwischen Raum der
Gemeinde und der
„anderen Welt“.

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welt und umwelt der bibel 1/2022 35
Die Kuppel der „Kirche
der Heiligen Weisheit“
(Hagia Sophia) scheint
„vom Himmel zu hängen“.
Sie symbolisiert damit das
Himmelsgewölbe, unter
dem die „göttliche Liturgie“
gefeiert wird.

dem Status der Besucher gestaffelt werden ne-Hagia-Sophia-Moschee“ genannt (Küçük


konnte. Wie im Tempel Salomos gab es auch Ayasofia Camii).
Gebäudeteile, Vorhöfe, die für die noch nicht Unweit davon befindet sich am Hippo-
Getauften nutzbar waren. drom, einst in unmittelbarer Nachbarschaft
Die Gliederung von Kirchen in einzelne zum Kaiserpalast, die große Kirche der „hei-
Gebäudeteile ist ab dem 10. Jh. besonders in ligen Weisheit“ – von Orthodoxen bis heute
der Klosterarchitektur heimisch geworden. auch nur die Megale Ekklesia, die Große Kir-
Dafür steht beispielhaft das Paradigma der che, genannt. Der heutige Bau wurde nach
Klosterkirchen, die zentrale Kirche, das Ka- dem großen, durch den Nika-Aufstand ver-
tholikon der Megisti Lavra, des ältesten erhal- ursachten Stadtbrand als Zentralbau durch
tenen Klosters auf dem Berg Athos aus dem Anthimos von Tralles und Isidor von Milet

links © Meyers Konversationslexikon, commons.wikimedia.org; oben © Dennis Jarvis from Halifax, Canada -
Jahr 963 nC. Wie im Tempel Salomos nähert errichtet und 537 nC von Kaiser Justinian
man sich auch hier durch mehrere Raumteile, eingeweiht. Er präsentiert die Vorstellung
die liturgisch genutzt werden, dem Allerhei- eines orthodoxen Kirchbaus auch deswegen
ligsten an. in besonderer Weise, weil das durch Halb-
kuppeln und Kuppeln geprägte Gebäude eine
Die Hagia Sophia: basilikale Längsachse und einen Zentralbau
Königin der orthodoxen Kirchen in sich vereint. Heute erhebt sich die Kuppel
Narthices finden sich allerdings auch bei Ge- 56 m über dem Erdboden, ja sie hängt nach
meinde- bzw. Bischofskirchen, wofür u. a. den Worten des Historikers Prokop aus dem

Turkey-3019 - Hagia Sophia, CC BY-SA 2.0, commons.wikimedia.org.


ein Beispiel prägend ist, das – auch nach allen 6. Jh. gleichsam scheinbar an einer goldenen
Umwandlungen in ein Museum oder aktuell Kette vom Himmel herab. Von der ganzen
eine Moschee – immer noch als die ortho- Architektur her ist der Innenraum auf Ent-
doxe Kirche par excellence gelten kann: die materialisierung hin angelegt.
Hagia Sophia in Konstantinopel/Istanbul.
Der komplizierte Kuppelbau ist über einige Himmlische Liturgie
architekturgeschichtliche Zwischenschritte Der Zentralbau wurde für den orthodoxen
entwickelt worden. Selbst in Konstantinopel heiligen Raum ab dem 9. Jh. mit den soge-
lassen sich noch Vorstufen erkennen: Bereits nannten Kreuzkuppelkirchen prägend. Bei
527 nC hatte Kaiser Justinian kurz nach sei- diesen erhebt sich meist über einem griechi-
Struktur einer altchristlichen
nem Regierungsantritt für die hll. Sergios schen Kreuz eine Kuppel, in welcher in der
Basilika: Wie beim Tempel
nimmt von außen nach innen und Bakchos eine Kirche auf dem Gelände Regel Christus abgebildet ist. Oft wird im
(hinten nach vorn) die Hei- des Hormisdas-Palastes bauen lassen, die den Kuppeltambour (der Zylinder unterhalb der
ligkeit zu. Fast alle späteren ersten sakralen Zentralraum der Stadt dar- Kuppel) die himmlische Liturgie dargestellt.
Klosterkirchen haben die stellt. Sie existiert – nach ihrer Umwandlung Engel vollziehen dabei in den Fresken die
Staffelung beibehalten. in eine Moschee – bis heute und wird „Klei- Handlungen, die im Kirchenraum die Pries-

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Heiliger Raum in Orthodoxen Kirchen

ter und die Gemeinde durchführen. Auch hier als der Ort gekennzeichnet, auf dem Gott zur
gibt es keine Trennung von Himmel und Erde, Welt kommt und damit dem Tod den Stachel zu
von Transzendenz und Immanenz. Der meist nehmen beginnt. Er wird also gleichsam als der
vollkommen ausgemalte Kirchraum symboli- Ort in der Kirche verstanden, an dem noch heu-
siert vielmehr, dass die Gemeinde ihre Liturgie te, bei jeder göttlichen Liturgie, das Wort Fleisch
gemeinsam mit allen Heiligen feiert, dass Engel wird. Die bereits erwähnte Ikonostase symbo-
sozusagen den Bischöfen und Priestern beim lisiert dann die Möglichkeit zum Kontakt mit
Gottesdienst assistieren und dementsprechend dieser göttlichen Welt. Sie unterscheidet sich
der Kirchraum zum Himmel auf Erden wird. dadurch wesentlich vom Lettner in den westli-
Der Raum ist dabei von unten nach oben ge- chen Kirchen, wenn auch die Ursprünge beider
gliedert. Während in den unteren Bereichen die kirchlichen Einrichtungsgegenstände in der
Fresken oft Mönchs- oder Soldatenheilige abbil- spätantiken Chorschranke liegen, wie wir sie bei
den, bieten die oberen Register biblische Szenen Euseb von Caesarea haben beobachten können.
oder eben die himmlische Liturgie selber. Der Während der Lettner aber in erster Linie der Ab-
Raum liefert aber nicht nur gleichsam die Büh- grenzung des Allerheiligsten vom Gemeinde-
ne für die himmlische Liturgie. Er nimmt einen raum dient, bietet die Ikonostase zugleich auch
vielmehr auch hinein in die Spanne zwischen eine Möglichkeit, ebendieser jenseitigen Welt
Leben und Tod. Während der Westen, der dem zu begegnen. Dementsprechend begrüßen or-
thodoxe Christen in der Regel beim Eintritt in
eine Kirche die auf der Bilderwand dargestellten
Der orthodoxe Kirchraum ermöglicht die Heiligen, soweit sie sie erreichen können. Dazu
Begegnung mit dem Heiligen symbolisch fallen sie gelegentlich vor den Ikonen sogar auf
die Knie und küssen die Heiligenbilder.
Der orthodoxe Kirchraum ist somit heiliger
Licht abgewandte Raumteil, oft auf der Innen- Raum im eigentlichen Sinne, insofern er die
wand durch die Bestattung Mariens gekenn- Begegnung mit dem Heiligen symbolisch er-
zeichnet ist, wird der Osten durch das allen Tod möglicht. Er eröffnet nicht nur die schrittweise
überwindende Leben charakterisiert. Tod und Annäherung an das Heilige wie im Tempel Salo-
Leben sind somit in die himmlische Liturgie mos, er nimmt die Feiernden vielmehr auch in
eingezeichnet. In der Apsiskalotte (halbkuppel- die Welt der Heiligen bzw. des Heiligen hinein.
artige Wölbung oben in der Apsis) ist nach dem Er ist der Ort des Himmels, des himmlischen Je-
sog. Bildersturm des 8. und 9. Jh. fast immer die rusalems auf Erden. Daher finden sich heute in
thronende Maria mit dem Jesuskind, die sog. vielen orthodoxen Kirchen – vergleichbar man-
Gottesgebärerin, abgebildet – so noch heute be- cher romanischen Kirche in Deutschland – gro-
sonders schön in der Hagia Sophia Konstantino- ße Ringleuchter, die mit ihren zwölf Toren das
pels zu bewundern. Der Altarraum wird somit präsente Jerusalem sichtbar machen. W

Die Kirchweihrede von Eusebius (Auszug)

QUELLEN
Irdischer und himmlischer Lobpreis
TEXT
„[…] Kein Sterblicher vermag verherrlichen. […] Da wir indes dieser Dinge
nach Gebühr zu preisen das Land teilweise jetzt schon gewürdigt wurden, so
über den Himmeln, die dort ruhenden Urbilder wollen wir alle zusammen, Männer samt Frauen
der irdischen Dinge, das obere Jerusalem, wie es und Kindern, klein und groß, in einem Geiste
genannt wird, den himmlischen Berg Sion und und einer Seele unaufhörlich den Urheber dieser
die überirdische Stadt des lebendigen Gottes, in großen uns gewordenen Gnaden lobpreisen und
der zahllose Chöre von Engeln und die Gemein- verherrlichen.“
de der Erstgeborenen, die im Himmel einge-
Eusebius von Cäsarea, Kirchengeschichte 10,4, Aus
schrieben sind, ihren Schöpfer und den obersten
© Andreas Müller

dem Griechischen übersetzt von Phil. Häuser. (Bib-


Lenker des Weltalls in göttlichen Gesängen, die
liothek der Kirchenväter, 2. Reihe, Band 1) München
für uns unaussprechlich und unbegreiflich sind,
1932.

37
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welt und umwelt der bibel 1/2022
Übernahme, Umwandlung und gemeinsame Nutzung
von heiligen Räumen

Einmal heilig –
immer heilig?
Heilige Räume sind geprägt von der Vorstellung, die sich Menschen von der
Gottheit machen, die dort verehrt wird. Gleichzeitig vermitteln sie gerade durch
diese Prägung auch Bilder und Vorstellungen an die, die den Raum betreten.
Was aber bedeutet das für den nicht seltenen Fall, dass Anhänger verschiede-
ner Religionen einen heiligen Raum gemeinsam nutzen oder wenn er durch eine
andere Glaubensrichtung übernommen wird? Von Georg Röwekamp

A
ls unter Salomo der Erste Tempel in Je- die Form eines Tempels, sondern die der paga-
rusalem errichtet wurde, übernahm er nen Basilika. Ob die manchmal geäußerte Mei- Dr. Georg Röwekamp,
vermutlich die „Orientierung“ von dem nung, dass der Gegensatz zwischen dem auf Au- Theologe mit Schwer-
schon zuvor dort befindlichen kanaanäischen ßenansicht hin angelegten Tempel mit seinem punkt Alte Kirchenge-
Heiligtum: Der Eingang war nach Osten gerich- Säulenkranz und der Basilika mit den Säulen im schichte und Repräsentant
des „Deutschen Vereins
tet, sodass die aufgehende Sonne in ihn hinein- Inneren auch die Verlagerung der Religiosität in
vom Heiligen Lande“ in
scheinen konnte. Damit hatte er zum einen das Richtung Innerlichkeit spiegelt, sei einmal da-
Jerusalem., Leiter des
Prinzip des „Knickachs-Tempels“ in abgewan- hingestellt. Pilgerhauses Tabgha des
delter Form übernommen. Betende betraten das Doch im christlichen Jerusalem, wo der DVHL am See Gennesaret.
Gebäude von der Seite (meist von Süden) und Zweite Tempel inzwischen zerstört, der Platz
mussten sich erst in Richtung des Heiligtums als „Leerstelle“ aber noch sehr präsent war, ver-
Muslimisches Fenster
drehen. Zum anderen erleichterte das auch die band sich die neue „Auferstehungskirche“
in der ehemaligen
Übernahme von Elementen der Sonnengott- anstelle des römischen Haupttempels
gotischen Nikolaus-
heit in das biblische Gottesbild. Das heißt: im Zentrum der Stadt mit Elemen- Kathedrale in Fama-
Mag mit der Übernahme einerseits ten des Konzeptes, das dem gusta (Zypern). Die
eine Ablösung des alten Kultes ver- Vorgängerbau und dem jü- Kathedrale wurde
bunden sein, so beeinflusst das dischen Tempel zugrun- nach der osmanischen
Alte doch nicht selten unter- de gelegen hatte. Das Eroberung der Stadt
schwellig das Neue. gilt zum einen für die 1571 zur Moschee
Ausrichtung des umgewidmet und nach
Kirchen an (der) Eingangs nach Os- dem Oberbefehlshaber
Stelle von Tempeln ten, der den bei- der Eroberer Lala-
Mustafa-Pascha be-
Als die Christen im den gemeinsam
nannt. Das nach Osten
4. Jh. erstmals größe- war – zum an-
ausgerichtete Gebäude
re heilige Räume für deren wurden besitzt heute einen
© Andreas Müller

ihren Kult errichte- die Überreste Teppichbelag, dessen


ten, wählten sie als von Golgota Struktur die abwei-
Bauform zunächst und das Hei- chende Gebetsrichtung
ausdrücklich nicht lige Grab so nach Mekka zeigt.

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Kammer der Kammer für
Aussätzigen das Holz

Das Heiligtum
Vorhof der
Priester

Vorhof der Israeliten


Vorhof der Frauen

Altar Nikanortor

Das Aller- Rampe


heiligste

Kammer Kammer
für das Öl der Nasiräer

Atrium der
Anastasis
Mar tyrium-Basilika

Anastasis-
Rotunde
Golgota Atrium der
Heiliges Grab Martyrium-Basilika

in den Bau integriert, dass die dreiteilige Abfol- weit gehen, dass monumentale siebenarmige Der Aufbau der Basi-
ge des neuen Heiligtums der des alten Tempels Leuchter aufgestellt wurden. lika Konstantins über
sachlich entsprach: Auf den Ort der Versamm- dem Grab Jesu ent-
lung (die verschiedenen Vorhöfe) folgte ein Hof Kirchen als neue Tempel? spricht in Größe und
mit dem Golgotafelsen, der dem letzten Vorhof, Erst als diese (Re-)Sakralisierung des christli- Gliederung dem He-
rodianischen Tempel.
dem der Israeliten mit dem Brandopferaltar, chen Kultraums erfolgt war, wurden auch ver-
Außerdem überdeckt
entsprach. Und schließlich folgte das „Heilige mehrt pagane Tempel in Kirchen umgewandelt.
die Grabeskirche einen
Grab“ als „Allerheiligstes“. Damit wurde nicht Berühmtes Beispiel ist z. B. die große Tempelan­ früheren Jupitertem-
nur der Golgotafelsen auch baulich als neuer Al- lage des Zeus in Damaskus. In dieser ist nach dem pel (s. WUB 4/ 2020,
tar des (Kreuzes-)Opfers gedeutet bzw. insze- Verbot des paganen Kultes durch Kaiser Theodo- 64f).
niert, vielmehr erfolgte unter der Hand eine Art sius 391 eine christliche Kirche zu Ehren Johan-
Re-Sakralisierung des christlichen Kirchenge- nes des Täufers bezeugt; allerdings ist unsicher,
bäudes, das ursprünglich gerade von allen kul- ob dabei wirklich die Cella in einen Kirchenraum
tischen Assoziationen frei sein wollte. umgewandelt wurde oder an deren Stelle bzw.
Diese Linie setzte sich sehr bald auch in al- zusätzlich eine Basilika errichtet wurde.
len anderen, „normalen“ Kirchbauten fort, wo In Athen wurde der dortige Hephaistos-Tem-
in der Endphase des Basilikabaus ein Allerhei- pel im 5. Jh. in eine Georgskirche umgewan-
ligstes immer deutlicher abgegrenzt wurde. In delt, der Parthenontempel auf der Akropolis im
westlichen Kirchen des Mittelalters konnte die 6. Jh. in eine Kirche der Jungfrau Maria. Hier
© wub

Parallelisierung des Baus mit dem Tempel so kam dem entgegen, dass der Tempel zuvor ja der

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welt und umwelt der bibel 1/2022 39
Säulen aus dem nus Pius die Kirche S. Lorenzo (in Miranda), und
Athena-Tempel in aus dem Tempel des Romulus wurde die Kirche
der Seitenwand der
der hll. Cosmas und Damian. Noch einmal eini-
Marien­kathedrale von
ge Jahrzehnte später wurde dann das Pantheon
Syrakus. Oftmals wer-
den Kirchen in Anleh- (der Tempel aller Götter) in eine Kirche aller
nung an ihre „darunter- Märtyrer umgewandelt – auch hier war das neue
liegende“ Bestimmung Patrozinium nicht zufällig gewählt. Im Zusam-
geweiht: Kirchen für menhang mit der Mission bei den Angelsachsen
Göttinnen wurden häu- empfiehlt Papst Gregor um 600 sogar ausdrück-
fig Marienkirchen, aus lich die Umwandlung von paganen Heiligtü-
Zeus- oder Wodan- mern in Kirchen, da „derjenige, der in luftige Hö-
tempeln wurden z. B. hen klettern will, schrittweise steigen muss, nicht
Michaelskirchen. springen“ (Beda, Kirchengeschichte 1, 30).

Moschee-Kirchen
Später wurden dann auch – meist nach Erobe-
rungen – Kirchen in Moscheen umgewandelt.
Frühes Beispiel ist die erwähnte Johannesbasi-
lika in Damaskus – wobei der Raum bald durch
einen Neubau ersetzt wurde, in den ein Schrein
des Täufers integriert wurde. Später folgten z. B.
im Heiligen Land die Umwandlung der Kirche
St. Anna nördlich des Tempelplatzes oder im Ge-
biet der heutigen Türkei die Umwandlungen der
symbolträchtigen Kirchen in Trapezunt (Trab-
zon) oder Nicäa (Iznik) und v. a. in Konstantino-
pel, wobei die Hagia Sophia nur die bekannteste
ist. Aus westlichen Augen besonders verstörend
ist vielleicht die Umwidmung der gotischen
Kreuzfahrerkathedralen von Nikosia und Fama-
gusta auf Zypern. Umgekehrt wurden z. B. auf
der Iberischen Halbinsel nach der Reconquista
Moscheen in Kirchen umgewandelt – hier ist die
Mezquita von Córdoba das bekannteste Beispiel.
Dabei erscheint die Bewertung dieser Vor-
gänge nicht einfach. Mitunter verhinderte eine
Umwandlung manchmal die Zerstörung einer
Kirche und machte in Einzelfällen sogar später
eine Rück-Umwandlung möglich. Ein Beispiel
Die Kathedralmoschee von Córdoba (Mezquita-Catedral) fußt in einer ist St. Anna in Jerusalem: Sultan Saladin machte

© oben Maxordus/123rf; unten Pascal Saez/VWPics/Alamy Stock Foto


jahrtausendealten religiösen Tradition: Auf einen römischen Tempel wurde aus ihr eine Koranschule. 1856 bekam Napole-
die westgotische Kathedrale für Sankt Vincent von Saragossa errichtet. on sie von den Muslimen zurück. Doch ist die
Nach der islamischen Eroberung im 8. Jh. teilten sich Muslime und Chris- „Re-Sakralisierung“ der heiligen Räume des
ten das Gebäude zunächst. Dann wurde es als Moschee neu gebaut (unter Christentums ein Rückschritt oder gar Verrat an
Verwendung von vorhandenen Bauelementen). Im 10. Jh. erweitert, war
den urchristlichen Erfahrungen? Selbst die Um-
es die prächtigste Moschee von Córdoba. Ab dem 13. Jh. wurde es dann
wieder als Kirche umgestaltet.
widmungen, die oft als Zeichen des Sieges über
die Vorgänger-Religion vorgenommen werden,
verraten manchmal ungewollt eine Faszina-
Athena Parthenos, der jungfräulichen Göttin, tion und ein Anknüpfen an die Erfahrungen
geweiht gewesen war. In der Marienkathedrale der „älteren Geschwister“. So ist die Bauform
von Syrakus sind sogar die dorischen Säulen des einer Kirche (!), der Hagia Sophia, zur Grund-
Athenatempels, in dem sie im 7. Jh. eingerichtet form aller osmanischen Moscheen geworden,
wurde, bis heute sichtbar. und selbst der Einbau eines neuen Chores in die
In Rom dauerte es ebenfalls bis ins 6. Jh., be- Mezquita konnte (und wollte?) den Geist der
vor erste Tempel umgewidmet wurden: Damals muslimischen „Kirchenschiffe“ nicht vollstän-
entstand auf dem Forum im Tempel des Antoni- dig zerstören.

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Übernahme, Umwandlung und gemeinsame Nutzung von heiligen Räumen

Mehrere Religionen in einem Haus in der islamischen Tradition mit der Geburt Jesu
Ähnlich zwiespältig stellt sich die Sache im Fall verbundenes Symbol. Man geht davon aus, dass
der von verschiedenen Religionen gemeinsam der Bau in dieser Zeit von beiden Glaubensge-
genutzen heiligen Räumen dar. Als Beispiel meinschaften genutzt wurde.
mag das Heiligtum von Mamre bei Hebron die- Im Negev, in Shivta, wurde eine kleine Mo-
nen (s. u. der Quellentext). schee an die Südkirche angebaut, wobei die
Von einem konfessionalistischen Standpunkt Gebetsnische in die Außenmauer des Baptiste­
Synkretismus aus betrachtet ist es ein Musterbeispiel für „Syn- riums geschnitten wurde. Ähnliches geschah
Unzulässige Vermischung kretismus“ – und damit negativ zu bewerten. in der Grabeskirche, wo seitdem das Atrium
von Elementen verschie­ Deshalb hatte auch Konstantin auf den Protest von den Muslimen genutzt wurde, und in der
dener Religionen. Der seiner Schwiegermutter Eutropia hin versucht, Geburtskirche, wo die Südapsis für das musli-
Begriff zeugt allerdings den Ort zu „reinigen“ und eine christliche Basili- mische Gebet hergerichtet wurde. Im 15. Jh. be-
von der irrigen Meinung,
ka in dem heiligen Bezirk errichtet – anscheinend richtet ein Priester aus den Niederlanden sogar,
es gäbe „reine“ Religio­
ohne dauernden Erfolg. Aus „ökumenischer Per- dass bei seiner Messe in der Geburtsgrotte mehr
nen. Dagegen finden
sich in allen Religionen spektive“ erscheint es dagegen faszinierend, dass Muslime als Christen anwesend waren.
adaptierte Elemente das über Jahrhunderte immer wieder möglich Auch in der Kreuzfahrerzeit gab es nicht we-
von anderen, z. B. das war: das Gebet unterschiedlicher Gläubiger an nige gemeinsam verehrte Marienheiligtümer
Fest des Sol invictus der einem Ort – auch wenn das, wie z. B. das Abra- – berühmtes Beispiel ist Sednaya im heutigen
Römer im christlichen hamsgrab in Hebron zeigt, in jüngster Zeit nicht Syrien. Aber selbst im Herzen des Königreichs
Weihnachtsfest. einfacher wird. Offenbart das nicht, dass Inhalte Jerusalem konnten Muslime in christlichen
und Formen der Religio­nen oft ähnlicher sind, Kirchen beten – und dieses Recht wurde ggf.
als den Gläubigen bewusst ist? sogar von Tempelrittern verteidigt. So berich-
„Anbau“ und „Einbau“ neuer Gebetsstätten tet der arabische Autor ibn Munqid, dass er bei
in bereits bestehende Heiligtümer gab es v. a. Besuchen Jerusalems regelmäßig sein Gebet
nach der arabisch-islamischen Eroberung des Richtung Mekka in der von den Templern in
Heiligen Landes – so z. B. in der achteckigen der al-Aqsa-Moschee eingerichteten Kapelle
Kathisma-Kirche auf dem Weg zwischen Jeru- verrichtete. Als ihn ein Christ mehrfach daran
salem und Betlehem. Wohl in der ersten Hälfte hindern wollte, wurde dieser von den Templern
des 8. Jh. wurde in die Südwand des Umgangs zurechtgewiesen und dem Muslim erklärt, dies
eine Gebetsnische eingebaut, und ein daneben- hänge mit der Unerfahrenheit dieses Christen
liegender Raum mit einem Fußbodenmosaik zusammen. Er sei gerade erst aus dem Westen
ausgekleidet, das eine große Palme zeigte – ein gekommen … W

Das Heiligtum von Mamre


QUELLEN
TEXT Dazu schreibt Mitte des 5. Jh. der Kirchenhistoriker
Sozomenos: „Dort begehen noch heute die einheimischen
und die weiter entfernt wohnenden Palästiner, Phöniker und
Araber alljährlich zur Sommerzeit ein prächtiges Fest. Dabei kommen auch sehr
viele des Handels wegen zusammen, um zu verkaufen und einzukaufen. Allen ist
das Fest sehr wichtig, den Juden, weil sie sich Abrahams als ihres Stammvaters
rühmen, den Hellenen wegen der Ankunft der Engel, den Christen, weil schon da-
mals dem gottesfürchtigen Mann derselbe erschien, der viel später zur Erlösung
des Menschengeschlechtes sich selbst durch die Jungfrau offenbar werden ließ.
Je nach den Religionen ehren sie diesen Platz, die einen, indem sie zum Gott des
Alls beten, die anderen mit Anrufung der Engel, mit Weinspenden und Opfern Palmenmosaik am Ort der Kathisma-Kirche
von Weihrauch oder einem Rind, einem Bock, einem Schaf oder einem Hahn ...“ bei Betlehem. Die im 8. Jh. von Muslimen in
Sozomenos, Kirchengeschichte 2,4; Übersetzung von G. C. Hansen (Fontes die Kirche eingebrachte Abbildung illustriert
eine Legende in Sure 19: Maria bekommt am
Christiani Bd. 73/1, Freiburg 2004, 213–215).
Stamm einer Palme Wehen und gebiert Jesus.
© alamy

Weil Christen und Muslime hier Maria verehr-


ten, nutzten sie das Gebäude gemeinsam.

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welt und umwelt der bibel 1/2022 41
Die Synagoge als heiliger Raum?

Lernen – Leben – Loben


Viele kennen sie nur von außen als hoch gesicherte Gebäude oder von
Abbildungen auf Mahnmalen: Synagogen – jüdische Versammlungsorte.
Was aber geschieht in den Synagogen? Spiegelt sich die jüdische Vielfalt
auch in diesen Gebäuden? Und braucht man Synagogen, um jüdisch zu
sein? Von Annette M. Boeckler

W
er eine Synagoge betritt, wird in der deutschen Wort „Gemeinde“ (ursprünglich
Regel zunächst eine Garderobe vor- „Gemeinschaft“). Ob mit dem Wort „Synago- Dr. Annette M. Boeckler
finden, denn Synagogengebäude sind ge“ ein bestimmtes Gebäude bezeichnet wur- ist Rabbinerin in Aus-
Orte, in denen man sich durchaus länger aufhält. de oder nur der gewohnheitsmäßige Ort der bildung am Levisson
Der Eingangsbereich führt zu verschiedenen Zusammenkünfte, ist unklar. Es spricht mehr Instituut in Amsterdam
Räumen: Klassenräumen, Sitzungszimmern, für die letztgenannte Möglichkeit. Der älteste und Gründerin der ersten
Gemeinschaftsküche, vielleicht auch zu den Hinweis auf eine Lokalität namens „Synagoge“ virtuellen jüdischen
Gemeinde SchumZoom
Räumen eines Kindergartens, zu Büroräumen, in Israel ist eine Inschrift an einem Gebäude in
2020. Sie hat z. Zt. eine
mindestens einem Gebetsraum und in der Regel Jerusalem, die sog. Theodotos-Inschrift (Abb.
befristete Teilzeitstelle
auch zu einer Mehrzweckhalle. Eine Synagoge ist S. 44). Ihre Datierung ist umstritten, doch nach als wiss. Mitarbeiterin an
ein Bet Midrasch – Schulhaus, ein Bet Knesset – neuesten Erkenntnissen stammt sie aus einer der Universität Mainz.
Versammlungshaus, und ein Bet Tefilla – Gebets- Zeit vor dem Jahr 70 d. Z. Bis 2019 war sie Fachlei-
haus. Viele Synagogen unterhalten außerdem Der Philosoph Philo (20 v. Z. – 50 d. Z.), er- terin Judentum am ZIID
eine Mikwe, ein rituelles Bad, und meist gibt es zählt, dass man in den Synagogen seiner Stadt (ehemaliges „Zürcher
einen Hof oder eine Terrasse für die Sukka (Laub- Alexandria zu sitzen pflegte, um in sicherer Lehrhaus“, von 2007–
hütte) im Herbst. Ruhe die heiligen Bücher zu lesen, unklare 2017 war sie Dozentin
Dass man in einer Synagoge Gottesdienste Stellen zu erläutern und in entspannter Muße für Bibelauslegung und
feiert, ist der jüngste Zweck dieser Institution. ausführlich über die jüdische Lehre zu diskutie- Liturgie am Leo Baeck
College London. Sie ist
Und dass man sich unter einer „Synagoge“ ein ren. Das Neue Testament bezeugt die Existenz
Autorin zahlreicher Werke
Gebäude vorstellt, war auch nicht immer so. Das von Synagogen in Galiläa und Kleinasien im
zum Judentum, zuletzt
Wort „Synagoge“ kommt von dem altgriechi- 1. und 2. Jh. und man erfährt, dass der Schab- von ihr erschienen: (Not)
schen Wort „syn-ago“ (συνάγω), das „zusam- bat offenbar ein besonderer Zeitpunkt war, um Last Words, in: Lawrence
menführen, (sich) versammeln“ bedeutet. Die sich zur Vorlesung aus Tora und Propheten mit A. Hoffman, The Closing
griechische Bibelübersetzung „Septuaginta“ einer Erörterung zu versammeln (Apg 13,14- of the Gates: N‘ilah, Tur-
gibt mit synagogä (συναγωγή) die hebräischen 15; Lk 4,15-21). Bis heute ist eine Synagoge ner 2018, S. 177–181.
Wörter edah (‫)עדה‬, „Gemeinde“ (z. B. Num vor allem ein Ort des Lernens. Jüdinnen und
16,3; 27,17), und kahal (‫)קהל‬, „Versammlung“ Juden außerhalb Deutschlands bezeichnen sie
(z.B. Num 20,4), wieder. Bis heute kommt es oft liebevoll umgangssprachlich mit dem jid-
im Judentum nicht auf einen besonderen Ort dischen Wort „Schul“. Orthodoxe jüdische
an, sondern auf das Zusammenkommen von Jü- Gemeinschaften halten in den Räumen ihrer
dinnen und Juden. Erst seit dem 1. Jh. der Zeit- Synagogen während der Woche regelmäßige
rechnung erhält das griechische Wort „Synago- Lernveranstaltungen (Schiurim) ab bzw. un-
ge“ plötzlich eine lokale Bedeutung. Es fand ein terhalten dort Schulen für Kinder (Cheder) und
ähnlicher Bedeutungswandel statt wie bei dem Erwachsene (Jeschiwa).

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Die Beth-Scholom- Nach der Zerstörung des Tempels 70 d. Z. 1. Tora-Rolle (Sefer Tora)
Synagoge im Elkins ergänzten die Rabbinen das Lerngeschehen Ein jüdischer Gebetsraum ist nicht „heilig“.
Park, USA wurde 1959 im Versammlungshaus um das öffentliche ge- Es braucht kein spezieller Raum zu sein. Die
von Frank Lloyd Wright meinschaftliche Gebet, denn die rabbinischen einzige Voraussetzung für einen Gebetsort ist,
errichtet. Als Rabbine- Lehren sagen: „Das Gebet der Gemeinde wird dass er würdig ist – also: sauber, geruchsneutral
rin wirkt dort seit 2004
immer erhört. Sogar wenn unter ihnen Sünder und einigermaßen ruhig. Wenn man von einer
Andrea Merow.
sind, wird der Heilige – er sei gepriesen – das „Synagogen­weihe“ spricht, meint man damit,
Gebet der vielen nicht verwerfen. Daher ist es dass eine Torarolle (hebr.: Sefer Tora) in einen
nötig, dass ein Mensch sich einer Gemeinde an- Raum gebracht wird, um zu ermöglichen, dass
schließt und nicht für sich alleine betet, wenn er an diesem Ort regelmäßig jüdische Gottesdiens-
die Möglichkeit hat, in Gemeinschaft zu beten. te gehalten werden können, denn montags,
Ein Mensch sollte sich stets früh am Morgen donnerstags, am Schabbat und an Fast- und
und am Abend zum Versammlungshaus (Bet Festtagen gehört zum Gottesdienst auch die öf-
© Jay Reed CC BY-SA 2.0, commons.wikimedia.org

Knesset) begeben, denn sein Gebet wird nur im fentliche Kantillation eines Abschnitts aus der
Versammlungshaus immer erhört. Jeder, in des- Tora (den fünf Büchern Moses). Sie kann in der
sen Stadt ein Versammlungshaus ist, aber der liturgischen Form nur aus einer handgeschrie-
nicht dort hingeht, um mit der Gemeinde zu benen Pergament- oder Lederrolle geschehen.
beten, wird „böser Nachbar“ genannt“ (Misch- Diese Rolle selbst ist gleichfalls nicht „heilig“,
ne Tora: Hilchot Tefilla uBirkat Kohanim 8,1). sondern muss koscher (brauchbar) sein, d. h.
Und so wurde die Synagoge – das „Versamm- der Text ist klar lesbar, die Tinte ist gleichmäßig
lungshaus“ –, wo man zum Lernen zusammen- schwarz und die Buchstaben nicht beschädigt.
kam, nun auch zum Ort des Betens. Günstig ist es, wenn eine Gemeinde mindes-
In jedem jüdischen Gebetsraum findet man tens drei Torarollen hat, denn manchmal gibt
in der Regel einige typische Gegenstände und es drei verschiedene Lesungen. Dann wird für
architektonische Besonderheiten: jeden Text eine eigene Rolle benutzt, die jeweils

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Die Theodotos-Inschrift ist eine Stiftungsinschrift
für eine Synagoge in Jerusalem aus dem Anfang des
1. Jh. nC. Der griechische Text handelt von speziel- 2
len Vorkehrungen für einkehrende Wanderer:
„Theodotos, [Sohn] von Vettenus, Priester und
Versammlungsleiter, Sohn eines Versammlungs-
leiters, Enkel eines Versammlungsleiters, baute die
Versammlungshalle („synagogä“, συναγωγή) zur
Vorlesung des Gesetzes (νομός) und zum Unter-
richt in den Geboten (διδαχή εντολών), und das
Gästehaus und die Schlafzimmer und die Wasser-
anlagen für Ausländer, die eine Unterkunft brau-
chen; es (das Gebäude oder die Versammlung) war
gegründet von seinen Vorfahren und den Ältesten
(πρεσβύτεροι, „Presbyter“) und Simonides.“ Über-
setzung: Annette M. Boeckler.

Inschrift © Andrey Zeigarnik, CC BY-SA 2.0, commons.wikimedia.org; alle Grafiken © Annette Boeckler
4
1

1: Betraum – privater Wohnraum.

2: Typische Räume, die man in einer Synagoge


findet. Bereits antike Synagogen (z. B. Kafarnaum)
besaßen neben einem Versammlungsraum auch
einen Raum zum Lernen und einen zur Versorgung
von Gästen.

3: Traditionell aschkenasischer Gebetsraum.

4: Traditionell sefardischer Gebetsraum.

5: Betraum seit dem 19. Jhd.


5

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Die Synagoge als heiliger Raum?

vorher auf genau die zu lesenden Stellen gerollt


wurden. Vor allem ältere Gemeinden besitzen
aufgrund von Spenden oder Leihgaben jedoch
durchaus mehr.

2. Toraschrein (Aron Hakodesch)


Die Torarollen werden – wenn möglich – in ei-
nem Schrank aufbewahrt. Man bezeichnet die-
sen Schrank in Anlehnung an die Bundeslade,
von der die Tora erzählt (vgl. Ex 25, 10-22) Aron
Hakodesch „Heilige Lade“. Die Bezeichnung er-
innert daran, dass Jüdinnen und Juden keinen
Ort haben, der eine Begegnung mit dem Gött-
lichen ermöglicht, sondern einen Text, genauer
Toraschrein und Bima in einer Synagoge. gesagt eine schriftliche Anleitung zu guten Taten.
So wie früher Gottes Gegenwart über der Lade
thronte, wohnt Gott heute in guten Taten. Der
Aron Hakodesch muss geschlossen werden kön-
nen. Rollen, aus denen man gerade nicht liest, la-
gern verborgen in Erinnerung an die Bundeslade
im Dunkel des Allerheiligsten. Außerdem spielt
es auf Psalm 24 an, wo Türen zu Gott erwähnt
werden. Ein Toraschrein hat also eine oder zwei
Türen. In der aschkenasischen Tradition gibt es
auch einen VORHANG (Parochet) als Bild für
den Vorhang vor dem Allerheiligsten im Stifts-
zelt (vgl. Ex 26,31-33). Es ist zweckmäßig, den
Aron Hakodesch an die Ostwand des Betraums
zu platzieren, um damit der Gemeinde anzu-
zeigen, wo der antike Tempelplatz in Jerusalem
liegt – die Gebetsrichtung. Es gibt jedoch Räume,
wo der Schrein nicht östlich steht, dann zeigt ein
Schild an, wo Osten ist (Mizrach-Tafel).

3. Ewiges Licht (Ner Tamid)


Ein immer leuchtendes Licht beim Toraschrein
zeigt an, dass Rollen darin stehen – ein ganz
praktischer Hinweis, dass man in diesem Raum
also einen Gottesdienst mit Toralesung abhal-
ten könnte. Das Licht erinnert aber auch an den
siebenarmigen goldenen Leuchter im Stiftszelt
(vgl. Ex. 25,31-39). Licht symbolisiert die ewi-
oben © Annette Böckler; unten © Felix Mittermeiere, pixabay:

ge Gegenwart Gottes. In der Praxis kann das


„ewige Licht“ (ner tamid) in einer Synagoge
jede beliebige Form haben und aus jedem belie-
bigen Material hergestellt sein. Wichtig ist nur,
dass es beständig leuchtet.

4. Podest (Bima)
Wenn im Gottesdienst eine Toralesung statt-
findet, braucht man einen Tisch (schulchan), auf
den die Rolle gelegt werden kann, um daraus
vorzulesen. Er steht auf einer kleinen Erhöhung.
Die Spanische Synagoge in Prag wurde 1868 erbaut und erhielt ihren Diese Erhörung (Bima) symbolisiert den Berg
Namen nach ihrer Gestaltung im damals hochmodernen maurisch-orien- Sinai, denn jede öffentliche Toralesung ist eine
talisierenden Stil. Sie diente als Tempel der Reformgemeinde Prags. kultische Wiederholung der Gabe der Tora an

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welt und umwelt der bibel 1/2022 45
aschkenasisch sefardisch
(von hebr. aschkenas = deutsch) (von hebr. sefarad = spanisch)

Rabbi Angela Buchdahl, Rabino Haim Casas,


USA Spanien

Typisch für das asch- Das sefardische


kenasische Judentum Judentum ist seit
ist der hohe Wert von seinen Anfängen
Ordnung und Tradition geprägt durch einen
und talmudischer Ge- offenen, interessier-
lehrsamkeit. Aufgrund ten Dialog mit seiner
seiner Anfänge im Umwelt. Dies liegt
christlichen Kulturraum, daran, dass es im isla-
wo man die eigene mischen Kulturraum
Identität verteidigen entstand (Spanien,
musste, ist es oft stärker nach innen bezogen. Es basiert Portugal) und islamische und jüdische Gelehrte stets
auf Traditionen, die sich seit der Zeit der Römer (die ers- in gegenseitigem Austausch standen. Heute unter-
ten jüdischen Germanen werden bereits in der Mischna scheidet man zwischen westsefardischen Traditionen
im 2. Jh. erwähnt) in den jüdischen Gemeinden entlang (spanisch-portugiesisch) und ostsefardischen Traditi-
des Rheins ausgebildet haben. Ein wichtiges Zentrum onen (orientalisch, marokkanisch, türkisch, u. a.). Die
der damaligen Gelehrsamkeit war Mainz. 1098 wurden Begründer des Reformjudentums im 19. Jh. gestalte-
dieses Zentrum und viele deutsche jüdische Gemeinden ten viele Reformen unter Rückgriff auf Traditionen
durch die Kreuzfahrer vernichtet. Wer überlebte, floh des westsefardischen Judentums.
verarmt aufs Land oder nach Osten. Aschkenasische –
Es ist heute weltweit verbreitet, denn nach der fast
deutsche – Traditionen wurden danach in den Gegenden
500-jährigen Blütezeit wurden Jüdinnen und Juden
Osteuropas weitergepflegt. Die eigene deutsche Sprache
1492 aus Spanien vertrieben bzw. 1497 in Portugal
verband sich mit lokalen osteuropäischen Sprachen –
unter Androhung der Todesstrafe gezwungen, zum
das Jiddische entstand. Einige orthodoxe aschkenasische
Katholizismus zu konvertieren. Viele Jüdinnen und
Gruppierungen tragen – vor allem an Festtagen – bis
Juden verließen fluchtartig die Iberische Halbinsel
heute Kleidung, wie sie in Westeuropa früher üblich war,
und zogen in das Gebiet des damaligen osmanischen
vor allem schwarze Anzüge und Hüte oder Mäntel und
Reiches sowie nach Hamburg, Brasilien, in die USA, in
Pelzhüte, wie früher in Osteuropa. Andererseits haben
die Niederlande und nach England.
führende Gelehrte des aschkenasischen Judentums die
Strömungen des progressiven Judentums entwickelt und Hebräisch klingt bei Sefardim anders als bei Asch-
das konservative Judentum gegründet. kenasim. Typisch für die sefardische Aussprache
des Hebräischen ist die Betonung auf der Endsilbe
Typisch für das aschkenasische Judentum sind die
von Wörtern (wie es z. B. im Französischen der Fall
© links: Central Synagoge New York; rechts: Haim Casas
Betonung am Anfang der Wörter im Hebräischen (wie
ist.) und eine helle Aussprache der Vokale, wie z. B.
es z.B. auch im Deutschen der Fall ist) und eine dunkle
in „Schabbat“, „Tora“, „Israel“. Das heutige, in Israel
Aussprache der Vokale. Daher sagt man z. B. „Schabbos“
gesprochene Hebräisch folgt der sefardischen Aus-
(für Schabbat) oder „Simchos Tauro“ (für Simchat Tora).
sprache. Ein sefardischer Gottesdienst basiert auf den
Auch die hebräische Schrift ist anders als bei Sefardim.
musikalischen und poetischen Traditionen dieses Teils
Ein aschkenasischer jüdischer Gottesdienst ist ziem-
der jüdischen Gemeinschaft. Er klingt deutlich anders
lich anders als sefardische Gottesdienste. Aschkenasim
als ein aschkenasischer Gottesdienst. Durch die luria-
würden in einem sefardischen Gottesdienst das meiste
nische Kabbala im 16. Jh. verbreiteten sich sefardische
nicht wiedererkennen. Gegenwärtig vermischen sich in
Bräuche jedoch früh auch außerhalb der sefardischen
den Hauptzentren des Judentums (USA und Israel) beide
Gemeinschaft.
Traditionen.

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Die Synagoge als heiliger Raum?

die Gemeinschaft des Volkes Israel. Je nach Tra- geht auf die Trennung der Geschlechter am letz-
dition befindet sich die Bima mitten im Raum, ten Tag des Sukkot-Festes im Tempel zurück
also inmitten der Gemeinde (traditionell asch- (Talmud, Sukka 51b ). Der Sinn war, während
kenasisch) oder gegenüber des Toraschreins, der außerordentlich überschwänglichen Freude
beide bilden dann die beiden Pole der Gemein- an diesem Erntedankfest die Frauen vor den be-
de (traditionell sefardisch), oder Bima und Aron rauschten und fröhlichen Männern zu schützen.
sind an der Frontseite zu einer Estrade vereint In allen anderen Synagogen – d. h. der Mehrheit
– eine Neuerung aus dem 19. Jh. aufgrund von – ist diese Trennung jedoch nicht mehr üblich.
ästhetischen und praktischen Zwecken (siehe
S. 44 die Abbildungen der möglichen Grundris- 6. Das Wesentliche
se von Synagogen). Sehr oft trifft sich die Gemeinde allerdings gar
nicht in einem besonderen Gebäude zum Ge-
5. Weitere übliche Gegenstände bet, sondern in Privathäusern. Jedes Wohnzim-
Ein Ständer für das Gebetbuch (AMUD) ist mer kann also eine „Synagoge“ – sein. Das be-
praktisch für den Vorbeter/die Vorbeterin. Die- kannteste Beispiel sind die Gebete in der Woche
ses Lesepult steht in Erinnerung an Psalm 130 nach einer Beerdigung eines Gemeindeglieds,
(„Aus der Tiefe rufe ich zu dir ...“) zum Zeichen die in dessen Wohnung stattfinden. Aber auch
der Demut vor Gott und der Gemeinde oft auf Räume in Hotels oder Tagungshäusern wer-
einer Fläche, die ein klein wenig tiefer ist als der den oft als Gebetsraum benutzt. Hier hat man
Rest des Bodens. dann keinen besonderen Schrank für Torarol-
Ein Betraum in einer Synagoge hat – anders len. Dann wird die Tora auf einen Tisch gelegt,
als z. B. der in einer Moschee – STÜHLE. Der der vor Ort vorhanden ist, und mit einem Tuch
größte Teil des Gottesdienstes geschieht näm- oder Gebetsschal (Tallit) bedeckt, wenn man
lich im Sitzen. In der aschkenasischen und in nicht aus ihr liest. Die Wohnzimmer-Situation
der progressiven Tradition sind die Stühle zum – die übrigens in lebendigen jüdischen Gemein-
Toraschrein hin ausgerichtet. In der sefardi- den sehr oft vorkommt – zeigt, worauf es im
schen Tradition sitzt man sich gegenüber und Judentum ankommt: nicht auf Gebäude, son-
schaut einander an. Heutzutage können diese dern auf Menschen, die Versammlung gleichge-
Traditionen vermischt werden. sinnter religiöser Jüdinnen und Juden. Da „das
Orthodoxe Synagogen erkennt man an einer Judentum“ ein Sammelbegriff für eine enorme
Trennung der Betenden durch eine Wand, ei- religiöse Vielfalt ist, gibt es an einem Ort in der
nen Zaun, einen Vorhang oder einen Balkon, Regel immer mehrere Synagogen, sowohl als
denn Männer und Frauen beten bis heute in Gebäude als auch als Zusammenkünfte in Pri-
orthodoxen Synagogen nicht zusammen. Dies vathäusern. W

Aschkenasische or-
thodoxe Juden beten
in der Wohnung von
Trauernden (Schiv‘a).
In Crown Heights,
Brooklyn, New York.
© alamy

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welt und umwelt der bibel 1/2022 47
Die Moschee – Ursprünge und Entwicklung

Ein Ort des sich


„Niederwerfens“
Im Hof der Wohnung des Propheten Muhammad versammelten sich die ersten
muslimischen Gläubigen zum Gebet. Sie wandten sich wie Juden und Chris-
ten in Richtung Jerusalem, nach Al-Quds („die Heilige“). Später entstanden
Moscheen. Diese blieben Gebetsräume, aber auch Orte zum Lernen und zur
Versammlung. Von Yves Porter

D
er Koran nennt die Moschee – Masjid, Prophet mit seinen Anhängern zu beten pflegte.
„Ort des sich Niederwerfens“. In den Diese Bezeichnung eines außerstädtischen, oft Yves Porter ist Professor
Jahren nach dem Tod des Propheten Mu- unbebauten Gebetsgebietes ist auch heute noch für islamische Kunstge-
schichte an der Universi-
hammad (632), in denen der Islam sich rasant zu finden.
tät Aix-Marseille
ausbreitete, waren die Kulträume noch von äu- Die einzige Erwähnung einer Masjid al-aqsā
ßerster architektonischer Nüchternheit. Wäh- („Moschee in weiter Ferne“) im Koran (Sure
rend des Omaijaden-Kalifats (661–750) kam es XVII,1, „Die Nachtreise“) bezieht sich wahr-
dann zu einer zunehmenden Monumentalität in scheinlich auf den Tempel von Jerusalem. Nach-
der Bauweise; sie spiegelte die Macht eines Rei- dem die Stadt im Jahr 637 unter dem Kalifat von
ches wider, das sich von Spanien bis zum Indus ’Umar eingenommen worden war, wurde ent-
erstreckte. Bis auf die Ausrichtung nach Mekka
(bzw. in ganz frühen Moscheen noch nach Je-
rusalem) gab es keine Baunormen. Moscheen­ Für die frühen Moscheen gab es noch
konnten daher in die Umgebung eingepasst wer-
den. Dabei bevorzugte man oft einen quer-recht-
keine Baunormen
eckigen Grundriss, da Muslime in langen Reihen
nebeneinander beten. lang der Mauer am Südrand der Esplanade eine
Moschee dieses Namens errichtet; die Ruinen
Der Begriff Masjid im Koran des Herodianischen Tempels auf der Esplanade
Masjid ist von der Wurzel des arabischen Wor- wurden zum Bau des neuen Monuments ver-
tes Sajada, „sich niederwerfen“, abgeleitet. das wendet. Anfang des 8. Jh. übernahm al-Walid I.
Wort bezeichnete schon vor der Entstehung des den Namen für die al-Aqsa-Moschee, die er als
Islam einen Ort des Gebets. Im Koran bezeich- Ersatz für das alte Bauwerk errichten ließ; sie Hadith
net es vor allem das Heiligtum von Mekka. Es steht noch heute dem Felsendom gegenüber. Überlieferung von
wird dann fast immer von dem Adjektiv Harām, Von den fünf „Säulen des Islam“, dem Glau- Worten und Taten des
Propheten Muhammad
„heilig“, begleitet; Al-Masjid al-Harām ist die bensbekenntnis (Shahāda), der Pilgerfahrt nach
und anderer Lehrer, die
heilige Moschee in Mekka. Der Ort des Gebets Mekka (Hājj), dem Ramadan-Fasten (Saum),
Muhammad anerkannt
kann auch Musallā heißen, von Salāt, „Ge- dem kultischen Gebet (Salāt) und der Almo- haben soll. Da die Taten
bet“. Das Wort wird mehrfach in den Hadithen sensteuer (Zakāt), kommen im Koran nur die ebenso normativen
(„Überlieferungen des Propheten“) und Chro- beiden letzten vor (IX,18). Der Text (V,6) nennt Charakter haben, sind
niken verwendet und verweist auf einen Ort aber eine weitere, vor dem Gebet zu erfüllende die Hadithe für die Praxis
außerhalb der Mauern von Medina, an dem der Pflicht: die Waschung, die unerlässlich ist, um des Islam wichtig.

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Die Große Moschee von Medina.
Seite einer Koran-Handschrift auf
Pergament, spätes 7. bis frühes
8. Jh. Sanaa, Moschee.

Die Moscheen von Medina


und Mekka
Mustafa Al-Shukri, 1160
(nach dem Hiǧra-Kalender;
nach dem gregorianischen
Kalender 1747), Gouache
auf Papier.
Cambridge, The Fitzwilliam
Museum, University of Cam-
bridge.
oben © MDB/Islamic Manuscript Association; unten © Bridgeman Images

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welt und umwelt der bibel 1/2022 49
das hinderte jedoch nicht am Bau kleinerer Räu-
me, die den fünf täglichen Gebeten gewidmet
waren (Gebetsmoschee).
Wenn der Koran Gebetsstätten erwähnt, be-
zieht er sich nie auf eine normbildende archi-
tektonische Realität; daher geht aus keiner
Textstelle hervor, um welche(s) der Elemen-
te, die für diese Bauten heute charakteristisch
sind, es sich handelt. Das gilt gleichermaßen
für die Mihrāb (Nische, die die Gebetsrichtung
anzeigt), die Minbar („Predigtkanzel“), das Mi-
narett und allgemein für die physische Konfigu-
ration des Gebäudes (s. Bild S. 51). Die einzige
beim Bau einer Moschee zu erfüllende Auflage
ist die Qibla („Richtung“), die es den Gläubi-
gen ermöglicht, sich nach Mekka auszurichten.
Ihre Immaterialität führte schon sehr früh dazu,
dass sie in einer – seit Anfang des 8. Jh. mit einer
Mihrāb ausgestatteten – Wand verkörpert wur-
de, der man sich zuwandte.
Allgemein wird angenommen, dass der Ur-
sprung der Moschee das Haus des Propheten
in Medina war, da das Gebet während der ers-
ten beiden Jahre der Hiǧra (622–623) im vier-
eckigen Hof dieses Hauses unter einem nach
Norden, in Richtung Jerusalem weisenden
Vordach verrichtet wurde. 624 schrieb der Pro-
phet jedoch die Richtung Mekka als Qibla der
Muslime vor, was zum Bau eines zweiten Vor-
dachs im Süden des Hofes führte. Zu Lebzeiten
des Propheten wurde zum Gebet vom Dach
des Hauses aus gerufen, während die Predigt
von einer hölzernen, einer dreistufigen Tritt-
leiter ähnlichen Kanzel, der Minbar, gehalten
wurde. Die Elemente Innenhof, Vordach und/
Bogengang und Haup- rein zu werden, und die später das Vorhanden- oder Gebetsraum waren bald Bestandteile der
minarett der Großen sein von Brunnen begründet, die sich am Ein- ersten Moscheen, wobei das Ganze durch eine
Sultan-Qabus-Moschee gang oder im Hof der Moscheen befinden. Umfassungsmauer nach außen abgegrenzt war.
in Maskat (Oman). Die
  Einige Moscheen, wie die 635 gegründete erste
Minarette werden erst
Die Architektur der frühen Moscheen in Basra, bestanden jedoch nur aus einem ein-
seit dem 9. Jh. mit großer
Höhe errichtet. Als Folge der muslimischen Expansion wäh- fachen Grundriss ohne jeglichen Aufbau. Dane-
rend der Herrschaft der ersten vier Kalifen ben wurden auch Gebäude aus vorislamischer
(oder „Nachfolger des Propheten“, 632–661) Zeit, wie Tempel oder Kirchen, zu Moscheen
wurde ein Ort wichtig, an dem die Gläubigen umgebaut. In Damaskus etwa fand die erste
zusammenkommen konnten. Dies galt vor al- „Moschee“ in der Basilika von Johannes dem
lem für Gegenden, die weit von Medina (der Täufer Platz, die ihrerseits auf dem heiligen Be-
ersten Hauptstadt des muslimischen Staates) zirk eines römischen Tempels errichtet worden
entfernt waren, und insbesondere für das Gebet war. Und noch im 10. Jh. berichtet ein Chronist,
am Tag der Versammlung, dem Freitag. Das ist die Muslime würden für ihre Gebete die Hälfte
der Grund, warum der Ort, an dem dieses Ge- des Narthex der Konstantin-Basilika in Jeru-
bet verrichtet wird, „Gemeindemoschee“ oder salem beanspruchen. Während in diese Stät-
„Freitagsmoschee“ genannt wird. Bei der Grün- ten also manchmal keinerlei architektonischer
© Wolfgang Baur

dung neuer Städte, wie Basra und Kufa (Irak) Ehrgeiz investiert wurde – man befand sich
oder Fustat (Ägypten), war die Bestimmung darin in Übereinstimmung mit einem Hadith,
eines Raumes, der alle Gläubigen zu diesem der besagte: „Die am wenigsten Gewinn brin-
Zweck aufnehmen konnte, selbstverständlich; gende, aber die Mittel des Gläubigen verschlin-

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Die Moschee – Ursprünge und Entwicklung

gende Tätigkeit ist das Bauen“. So wurden z. B. de in Fustat die Moschee von ‚Amr vergrößert
für die 638 in Kufa gegründete Mosche Spolien und, vielleicht in Anlehnung an die Moschee in Hiǧra
antiker Monumente recycelt – in Kufa für eine Damaskus, mit vier Ecktürmen versehen. Die- Wanderung Muhammads
durch Marmorsäulen veredelte Säulenhalle, se Türme, von denen aus zum Gebet gerufen und seiner Gefährten
wobei diese erste Gebetshalle nach allen vier wurde, waren übrigens nicht sehr hoch; erst seit von Mekka nach Medina.
Ihr Beginn am 16. Juli
Himmelsrichtungen hin offen blieb. Im Zuge dem 9. Jh., seit dem Minarett der Großen Mo-
622 markiert den Beginn
der Bauarbeiten diente die Moschee verschiede- schee von Kairouan (Tunesien), nahmen diese
des muslimischen Zeit-
nen Zwecken: Außer als Gebetsstätte wurden Bauwerke monumentale Ausmaße an. Erwähnt alters.
ihre Räume für verschiedene Versammlungen, sei, dass diese architektonische Form später
Bekanntmachungen und Diskussionen der möglicherweise den Bau von Glockentürmen
Gemeinde, aber auch als Obdach, Gerichtssaal beeinflusste – nicht etwa umgekehrt. Was den
oder Bildungsstätte genutzt. Viel später wurden Minbar betrifft, so verbreitete er sich in der Ära
diesen verschiedenen Funktionen, manchmal der Omaijaden, nachdem er in Medina einge-
innerhalb architektonischer Komplexe, je eige-
ne Gebäude zugewiesen, wie etwa seit dem 11.
Jh. die Madrasa („Universität“). Moscheen besitzen Räume mit ganz
Die Moscheen der Umayyaden
verschiedenen Funktionen
Nachdem die Omaijaden im Jahr 661 an die
Macht gekommen waren, ließen sie die Mo- führt worden war: Später wurde er in allen mus-
scheen umgestalten und erweitern. Eine dieser limischen Regionen üblich.
Erweiterungen war die Maqsūra, eine Art Um- Unter dem Kalifat Al-Walids I. (705–715),
zäunung, die den Kalifen und sein Gefolge vor der viel bauen ließ, kristallisierten sich drei ver-
dem Rest der Versammlung schützen sollte; schiedene Baupläne für Moscheen heraus, die
im weiteren Sinne bezeichnete der Begriff spä- von den Moscheen von Damaskus, Jerusalem
ter den Raum vor der Mihrāb, der oft von einer (al-Aqsa) und Medina veranschaulicht werden.
Kuppel gekrönt wurde. Schon 665 wurde die Von Ägypten bis Spanien (Moschee von Cór-
alte Moschee in Basra mit einer Backsteinmau- doba) verbreiteten sich vor allem die Pläne für
er und einem Teakholzdach neu errichtet, und Moscheen à la Jerusalem und Medina, wobei der
in Kufa wurde an der Verschönerung der Mo- Erstere im Nahen Osten bevorzugt wurde. W
schee gearbeitet. Etwa zur gleichen Zeit wur-

Muslime beim Gebet


in der Blauen Moschee
in Istanbul. Neben der
Mihrāb (Gebetsnische)
ist die Minbar (Kanzel)
angebaut.
Jean-Léon Gérôme,
1878, Öl auf Leinwand,
72,4 x 101,4 cm.
© Christie‘s/Artothek/La Collection

51
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welt und umwelt der bibel 1/2022
„Spatial Turn“ in der alttestamentlichen Bibelwissenschaft

Raum schaffen
Biblische Texte sind verortet. Sie gehören zu bestimmten Räumen –
Prof. Dr. Susanne Gillmayr-Bucher ist
teilweise historisch, teilweise erzählerisch. Ägypten, Wüste, am See, Professorin für Alttestamentliche
Bibelwissenschaft an der Katho-
Jerusalem, auf dem Gottesberg, in Babylon ... Das ist nicht einfach lischen Privat-Universität Linz.
nur Kulisse, sondern prägt die Inhalte. Von Susanne Gillmayr-Bucher Forschungsschwerpunkte sind u. a.
Erzählanalyse, Rezeption biblischer
Texte in moderner Literatur und Bibli-
sche Anthropologie (Gender, Identität-
Fremdheit, Kommunikation, Emotion).

© Johann Baptist Homann (1663–1724), commons.wikimedia.org


Karte der Stämme Israels von Jo-
hann Baptist Homann (1663–1724).
Die eingeblendete Übersichtskarte
rechts unten zeigt die Wanderung
der Israeliten aus Ägypten ins Land
Kanaan. Oben sind Szenen aus
der Wüstenwanderung dargestellt.
Unten das klassische Motiv der
Kundschafter mit der Weintraube
sowie Mose und Josua beim Kar-
tenstudium. Colorierter Kupferstich,
515 x 605 mm.

52 welt und umwelt der bibel 1/2022


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D
as Interesse an den in der Bibel Weiterführung durch den Geografen Ein Beispiel: Besonders eindrücklich
geschilderten Räumen galt lan- Edward Soja häufig rezipiert und auf bi- verknüpft die Erzählung der Nebenfrau
ge Zeit der Rekonstruktion der blische Texte angewandt. Dieser Theo- des Leviten (Ri 19) die Erfahrungen der
„realen Welt“ in biblischer Zeit und rie folgend, lassen sich drei Aspekte des Figuren mit den Räumen. Dabei wird vor
damit der Lokalisation der in der Bi- Raums unterscheiden: allem der Unterschied „im Haus“ und „au-
bel erwähnten Orte und Landschaften. 1. Räume werden geschaffen: We- ßerhalb des Hauses“ in den Vordergrund
Dies änderte sich in der zweiten Hälf- der literarische noch soziale Räume gerückt. Während im Haus Sicherheit und
te des 20. Jh. Zum einen brachten der sind etwas Vorgegebenes, sondern sie Wohlergehen vorherrschen ist das Drau-
Strukturalismus und insbesondere die werden von den Menschen geschaf- ßen von Gewalt und Tod geprägt.
Erzähltextanalyse eine stärkere Hin- fen, die sie nutzen und sich aneignen. Der erlebte und erfahrene Raum hat
wendung zur literarischen Gestaltung Auf diese Weise entstehen Wohnorte, eine Geschichte, mit dem sich Erinne-
der Texte mit sich und schärfte damit Siedlungen, Anbauflächen, Wege und rungen, aber ebenso Hoffnungen ver-
ebenfalls den Blick für die literarische Straßen etc., die den Raum prägen und binden können; und damit hat er auch
Konstruktion der erzählten Räume. strukturieren. In Anlehnung an diese ein affektives Zentrum. So erscheint im
Zum anderen machte sich der seit den Aneignung von Raum gestalten auch bi- Tempelweihgebet Salomos (1 Kön 8) bei-
1960er-Jahren feststellbare Trend der blische Texte ihre Räume; indem sie aus- spielsweise der Tempel selbst dann noch als
Humangeografie, Soziologie und den gewählte Elemente in einer bestimmten ein Ort der Hoffnung, als Ort, dem man
Kulturwissenschaften hin zu Fragen Reihenfolge aus einer oder mehreren sich im Gebet zuwendet, wenn die Men-
der kulturellen Konstruktion von Räu- Perspektiven präsentieren, schaffen und schen im Exil leben und den Tempel nicht
men in den letzten beiden Jahrzehnten organisieren sie den jeweiligen Text- mehr aufsuchen können. In der lebendigen
zunehmend auch in der Religionswis- raum. Ein Beispiel: Beim Einzug ins „Ge- Erinnerung an den Tempel als Raum, an
senschaft, der Theologie und ebenso lobte Land“ durchschreiten die Israeliten dem Gott den Menschen begegnet, behält
den Bibelwissenschaften bemerkbar. genau in umgekehrter Reihenfolge Räume dieser Ort seine Funktion bei.
mit bestimmten Riten wie beim Auszug Die subjektiven Bilder und symbo-
Beziehungsräume aus Ägypten (Lebensraum, Mahl, Bote lischen Bedeutungen, die eine Gruppe
Wenngleich diese Theorien nicht eins Gottes g Wasser g Wüste). einem Raum zuschreibt, können die
zu eins auf die biblischen Texte übertra- 2. Räume werden konzipiert: So­­­ dominante räumliche Praxis unterlau-
gen werden können, bieten ihre Einsich- wohl die alltägliche Nutzung und Ge- fen und den erlebten Raum auf diese
ten in die Gestaltung und Konstruktion staltung der Räume als auch ihre lite- Weise zu einem Gegenraum, einem
von Räumen wertvolle Anregungen rarische Darstellung unterliegen einer Widerstandsraum machen; einem Ort,
für die Bibelwissenschaften. Diese sorgfältigen Planung, die von sozialen, der sozialen, politischen oder religiösen
neuen Ansätze haben die alten Fragen ökonomischen, politischen und religi- Überzeugungen abseits der dominanten
nicht abgelöst, sondern erweitert. Beim ösen Diskursen und Interessen beein- Diskurse Raum bietet.
herkömmlichen Bild vom „Raum als flusst ist. Mit Blick auf die biblischen Die Differenzierung dieser Aspek-
Container”, in dem sich das Leben der Texte bedeutet das, dass diese keine te schärft den Blick auf die biblischen
Menschen vollzieht, wird der Raum als objektive Beschreibung historischer Raumkonzeptionen und lässt die litera-
Konstruktion verstanden: als Anord- Räume bieten, dafür aber Einblick in die rische Gestaltung der biblischen Räume
nung von Lebewesen und Dingen, die (Ideal-)Vorstellungen der Raumkon- deutlicher hervortreten. Das Element
miteinander in Beziehung stehen, (vgl. zepte der jeweiligen biblischen Bücher des Raums erweist sich nicht nur als
z. B. die Soziologin Martina Löw). Daraus oder Traditionen geben können. Da- ein Hintergrund, vor dem sich biblische
folgt, dass es nicht den einen Raum oder mit erscheinen abweichende biblische Erzählungen entfalten, vielmehr zeigt
die eine Analyse des Raums gibt, son- Raumbeschreibungen, wie z. B. die ver- sich, dass der erzählte Raum einen we-
dern dass der in den biblischen Texten schiedenen Angaben zu den Grenzen sentlichen Anteil an der theologischen
entworfene Raum aus verschiedenen des Landes nicht mehr als einander wi- Konzeption der biblischen Texte hat.
Perspektiven betrachtet werden muss, dersprechende Darstellungen, sondern Deutlich wird das z. B. an der räumli-
mit deren Hilfe die sozialen, kulturel- vielmehr als Ausdruck unterschiedli- chen Gliederung der Jesuserzählung in
len, geografischen, politischen und reli- cher Raumentwürfe und Visionen (z. B. den Evangelien (s. dazu den Beitrag von
giösen, ästhetischen, aber auch z. B. die Num 34; Jos 15–19; Ez 47–48). Michael Hölscher, S. 30). W
emotionalen Dimensionen des Raums 3. Räume werden erlebt: Räume
und ihre vielfältigen Verknüpfungen in werden wahrgenommen und erlebt. Da-
den Blick genommen werden können. bei werden nur wenige Räume als neu­ Lesetipps
tral erfahren, meist verbinden Menschen • Egbert Ballhorn. Israel am Jordan.
So „entstehen“ Räume positive oder negative Erfahrungen mit Narrative Topographie im Buch Josua,
Im Bereich der Bibelwissenschaften Räumen, oder sie schreiben ihnen eine University Press, 2011.
wurde vor allem die Raumtheorie des bestimmte Atmosphäre zu und werten • Martina Löw, Raumsoziologie, Suhrkamp
Soziologen Henry Lefebvre und deren sie entsprechend. 2001.

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Vielfalt und Bedeutung kirchlicher Räume

Welche Kirche braucht


die Kirche?
Der französische Philosoph Michel Foucault spricht von „anderen Räumen“. Aber
was macht einen Ort „anders“? Was kann einem Raum seine besondere Aura ver-
leihen? Wann ist ein Ort ein „heiliger“, also ein Ort, ein Raum Gottes, eine Kirche?
Und welche Art dieser Kirchenräume braucht die Kirche heute?
Von Sven Sabary

Die Autobahnkirche Siegerland wurde als ökume-


nisches Gotteshaus 2013 eingeweiht. Der Architekt
Michael Schumacher hat die je an einer Seite verglas-
ten Türme so angeordnet, dass der eine aus Richtung
Frankfurt und der andere aus Richtung Dortmund von
der Autobahn aus zu sehen ist. Die Besucher gelan-
gen über eine längere Brücke zum Eingang – dies soll
sowohl die Nähe zur Autobahn symbolisieren, gleich-
zeitig aber auch den Abstand zur Hektik und zum Lärm
des Autohofes.

© J.-H. Janßen - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

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welt und umwelt der bibel 1/2022
E
s gibt Räume mit einer besonderen Aura. werden meist in einem besonderen Gottesdienst
Wer die (lutherische) Dresdner Frauen- „geweiht“ oder „gewidmet“. Sie können auf die
kirche, den (römisch-katholischen) Köl- biblische Idee des Tempels als Wohnung Gottes
ner Dom oder eine einfache, weiß getünchte zurückgeführt werden (1. Könige 8,13) und fin-
(reformierte) Dorfkirche betritt, kann es spü- den sich in lutherischen, römisch-katholischen,
ren. Kirchliche Räume haben – meist – eine be- orthodoxen und anderen christlichen Kirchen.
Sven Sabary ist Theo- sondere Atmosphäre. Menschen nehmen diese Genauso legitim ist die theologische Haltung:
loge und Architekt. – selbstverständlich individuell verschieden – Gott „wohnt“ überall. Sein Heiliger Geist weht,
wahr. Maßgeblich sind u. a. die eigene konfessi- wo er will (Johannes 3,8). Folglich können auch
onelle und regionale Prägung, der individuelle Gottesdienste grundsätzlich überall gefeiert
ästhetische Geschmack und die tagesaktuelle werden. Solche Räume werden „in Dienst ge-
Stimmung. Viele sehnen sich nach besonderen nommen“, meist nur für die Dauer der litur-
Orten und Räumen, wo sie ihre persönliche Be- gischen Feier. Anschließend können andere
ziehung zu Gott ganz bewusst erleben können. Nutzungen stattfinden. Hier stand die Synago-
Sei es allein in einer Kapelle, z. B. in der Bruder ge Pate. Dieses Kirchenraumverständnis ist vor
Klaus Feldkapelle bei Mechernich, der Auto- allem für reformierte Kirchen prägend. In bei-
bahnkapelle Siegerland oder der Weidenkirche den evangelischen Konfessionen entwickelte
in Rödermark. Sei es in einem Raum der Stille, sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine bauliche
z. B. in einem Krankenhaus oder auf einem Flug- Sonderform, die bewusst auf sakrale Attribute
hafen. verzichtet: das Gemeindezentrum. In Bauform,
Materialwahl und Ausstattung an seine Umge-
Wohnung oder Wirkaum Gottes? bung angeglichen, soll es eine niederschwelli-
Im Roman „Nachtzug nach Lissabon“ (s. Kasten) ge Verbindung schaffen zwischen Kirche und
wird der Kirchenraum als Gegenstück zur säku- Welt. Es versteht sich ausdrücklich als Teil
laren Welt dargestellt. Dahinter steckt eine theo- der Welt, gerade auch um in jene im Sinne des
logische Grundsatzentscheidung: Es gibt Orte Evangeliums hineinzuwirken. Multifunktiona-
und Räume, die Gott und dem Gottesdienst le Gemeindehäuser sind meist nicht Ausdruck
vorbehalten sind. Damit sind andere Nutzungen mangelnder Gestaltungskraft oder fehlender fi-
mehr oder minder ausgeschlossen. Diese Räume nanzieller Mittel, sondern verkörpern eine ethi-
sche Haltung.
Amadeu nennt fünf Aspekte, die für ihn eine
Kathedrale, also einen Raum Gottes, auszeich-
Ich möchte nicht in einer Welt nen:
ohne Kathedralen leben Ästhetik (Schönheit und Erhabenheit), Licht
(Glanz und Vielfarbigkeit leuchtender Kirchen-
fenster), Stille (herbe Kühle und gebieterisches
„Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche ihre Schweigen), Musik (Klangrausch der Orgel
Schönheit und Erhabenheit. Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit und überirdische Töne), Gottesdienst (betende
der Welt. Ich will zu leuchtenden Kirchenfenstern hinaufsehen und mich Menschen und biblische Worte).
blenden lassen von den unirdischen Farben. Ich brauche ihren Glanz. Ich Die Kirchbaugeschichte zeigt eine wunder-
brauche ihn gegen die schmutzige Einheitsfarbe der Uniformen. Ich will bare Vielfalt, wie diese Aspekte in Baukunst
mich einhüllen lassen von der herben Kühle der Kirchen. Ich brauche ihr umgesetzt wurden, regional und zeitlich, kon-
gebieterisches Schweigen. Ich brauche es gegen das geistlose Gebrüll fessionell und funktional verschieden. Die
des Kasernenhofs und das geistreiche Geschwätz der Mitläufer. Ich will ersten Gottesdienste fanden in Privathäusern
den rauschenden Klang der Orgel hören, diese Überschwemmung von statt. Während Verfolgungen traf sich die Ge-
überirdischen Tönen. Ich brauche ihn gegen die schrille Lächerlichkeit meinde in Verstecken, z. B. Katakomben. Mit
der Marschmusik. Ich respektiere betende Menschen. Ich brauche ihren zunehmender Gemeindegröße wich man in
Anblick. Ich brauche ihn gegen das tückische Gift des Oberflächlichen und Versammlungsgebäude aus, z. B. Markthallen
Gedankenlosen. Ich will die mächtigen Worte der Bibel lesen. Ich brauche (Basiliken). Dieser längs gerichtete Bautyp wur-
die unwirkliche Kraft ihrer Poesie. Ich brauche sie gegen die Verwahrlo- de für die lateinische Kirche (Rom) prägend.
sung der Sprache und die Diktatur der Parolen. Eine Welt ohne diese Dinge In der griechischen Kirche (Byzanz) dominiert
wäre eine Welt, in der ich nicht leben möchte.“ der Zentralbau, welcher in der römischen Kir-
che vor allem bei Tauf- und Grabeskirchen ver-
Die Romanfigur Amadeu im Roman Nachtzug nach Lissabon von Pascal wendet wurde. Misch- und Sonderformen sind
Mercier, München, 262006, 198. nicht selten: Die Hagia Sophia in Konstantino-
pel ist sowohl Lang- als auch Zentralbau. Das

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welt und umwelt der bibel 1/2022 55
bereich der Gemeinde, wurde ein Ort für die
Kanzel gefunden, von dem der Prediger am bes-
ten verstanden werden konnte. Das war meist
an einem der vorderen Pfeiler. Luther schätzte
ebenfalls die Verkündigung des Wortes Gottes:
So kommt der Glaube aus der Predigt! (Römer
10,17). Das wurde zur Grundlage für die Be-
deutung der Kanzel und mancherorts des Kan-
zelaltars im protestantischen Kirchenbau. Da
auch die Länge der Predigten zunahm, kamen
Sitzmöglichkeiten hinzu, die Kirchenbänke.
Mitunter waren diese quer zum Langhaus auf
die Kanzel ausgerichtet, selten auch klappbar,
sodass die Gläubigen im weiteren Gottesdienst-
verlauf auch zum Chorraum blicken konnten.
Gleichzeitig wurde das Abendmahl in bei-
derlei Gestalt (Brot und Wein) an alle Getauf-
ten ausgeteilt. Später kam die Konfirmation als
Reformationsaltar von Oktogon der Aachener Pfalzkapelle verbindet weiteres Zulassungskriterium hinzu. Dement-
Lucas Cranach d. Ä. den Kreis der göttlichen Sphäre mit dem Qua- sprechend verändert sich das Bildprogramm der
in der Stadtkirche in
drat der Welt. Altäre: Statt der bisherigen oft anzutreffenden
Wittenberg (1547).
In Äthiopien wurden kreuzförmige Kirchen Heiligenfiguren gelangten das Abendmahl und
Der über vier Meter hohe
Altar gilt als eines der in den Boden gegraben. Christusdarstellungen ins Zentrum. Das Tauf-
wichtigsten Kunstwerke Bautechnische Innovationen, neue Materia- becken wurde vom Eingang der Kirche häufig
der Reformationszeit. lien, finanzielle und politische Rahmenbedin- direkt vor den Altar verlegt.
Das zentrale Abend- gungen und nicht zuletzt die Ambitionen ein- Um die Frage nach bildlichen Darstellungen –
mahlsbild (255 x 240 zelner Personen ermöglichen bis heute immer vor allem des dreieinigen Gottes – wurde heftig
cm) ist ungewöhnlich wieder neuartige Kirchenbauten. Gewölbetech- gerungen („Bildersturm“). Während Luther ar-
gestaltet: Alle Teilneh- niken, komplexere Dachstühle und das Ausrei- gumentierte, Bilder seien aus didaktischen Grün-
menden sitzen um einen zen des statisch Machbaren ermöglichten die den erlaubt, entschieden sich die Reformierten
runden Tisch – Symbol Dome der Romanik und Gotik. Die Theologie (Zwingli, Calvin u. a.) mit Verweis auf das Bilder-
der Gleichwertigkeit.
fand nachträglich stimmige Deutungen, z. B. verbot des Dekalogs (2. Mose 20,4), auf bildliche
Unter den Jüngern ist
„Abbild des himmlischen Jerusalem“, „göttli- Darstellungen im Kirchenraum konsequent zu
Lucas Cranach selbst (der
Mundschenk mit Dolch), ches Licht“, oder sah die Ostung des Bauwerks verzichten. Ähnliches findet sich im Judentum
der Martin Luther (als als „Symbolisierung der Auferstehung Jesu und Islam. Somit wurden auch Kruzifixe und
Junker Jörg) den Becher Christi im Licht der Morgensonne“. vieles weitere, was ablenken könnte, entfernt,
reicht, daneben Hans z. B. Kerzen, Weihrauch oder eine farbige Aus-
Lufft, der Drucker, der Räume als Antwort auf die Theologie gestaltung. Ein meist frei im Raum platzierter
gemeinsam mit Cra- Veränderungen der gottesdienstlichen Liturgie Abendmahlstisch ersetzte den (Hoch-)Altar. Bei
nach Luthers Schriften führten zu Um- und Neubauten. Es entstand Bedarf wurden Emporen eingezogen.
veröffentlichte. Auf diese z. B. ein abgestufter Weg vom Außenraum der Die römische Kirche reagierte mit einer Ge-

© W. Bulach - Own work, CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia.org


Weise betont Cranach die Tauf-Interessenten (Vorhof, Paradies) über den genbewegung, der barocken Inszenierung der
Änderung des Abend-
Versammlungsort für Gebet und Predigt (Lang- heiligen Messe. In prachtvoller Farb- und For-
mahls: Der Wein ist nicht
haus) bis zum Raum für die Eucharistie bzw. das menvielfalt wurde versucht, das himmlische
nur für Priester, sondern
für die ganze Gemeinde Abendmahl (Apsis, Chor). War Letzteres nur Jerusalem abzubilden. Während für Luther ein
bestimmt. Auserwählten gestattet, wurde diese Trennung Gottesdienst auch „draußen beim Brunnen“,
auch baulich verdeutlicht, z. B. durch einen Vor- im Schweinestall oder auf den Elbwiesen (vgl.
hang im armenischen Kirchenbau und später seine Torgauer Kirchweihpredigt) gefeiert wer-
durch Lettner und Chorschranken oder in der den konnte, band die römische Kirche i. d. R. die
Orthodoxie durch eine Wand (Ikonostase). Eucharistiefeier an einen „geweihten“ Ort mit
Im Mittelalter wuchs – besonders in manchen einem Altar, in dem durch eine Reliquie eine
Gemeinschaften – die Bedeutung der Predigt in Verbindung zum Göttlichen symbolisiert wird.
der Landessprache („Predigerorden“), meist im Dementsprechend wird auch bei der Aufgabe
Zuge von Missionsbestrebungen, aber auch auf- einer katholischen Kirche eine besondere Litur-
grund politischer oder finanzieller Ambitionen. gie zur „Entweihung“ (Profanisierung) durch-
Im Langhaus der Kirchen, dem Versammlungs- geführt. Reformierte Gottesdiensträume dage-

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2105102304131B am 21.01.2022 über http://www.united-kiosk.de
Vielfalt und Bedeutung kirchlicher Räume

gen werden „in und außer Dienst“ genommen. Vor


und nach dem Gottesdienst sind andere Nutzungen
möglich. Lutherische Kirchen nehmen eine vermit-
telnde Position ein, sie werden mitunter „ge- und
entwidmet“.

Moderne Architektur
Spätestens seit der Liturgiereform in der römischen
Kirche zu Beginn des 20. Jahrhunderts und durch
die aufkommende Architektur der Moderne glichen
sich katholische Neubauten immer mehr protestan-
tischen Kirchenräumen an (Bsp.: Fronleichnam-Kir-
Reliquienbehälter, der
che Aachen). Doch auch schon zuvor gab es Kirchen,
sich einst in einem Altar
die gängige konfessionelle Attribute nicht erfüllten
des Ostchores im Essener
(Bsp.: Berliner Dom, Dresdner Frauenkirche) Münster befand, datiert auf
Dem gegenwärtigen Trend zur Fokussierung auf 1054.
das Wesentliche (Minimalismus) entsprechend, ent-
stehen derzeit gerade im deutschsprachigen Bereich
Moritzkirche © Hufton+Crow 2018; Reliquenbehälter: © Tobias Nüssel/Benutzer:Tobnu - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org; Poing © Sven Sabary

meist Kirchengebäude, die erst auf den zweiten Blick


ihre jeweilige konfessionelle Prägung zeigen oder so-
gar einzelne ökumenisch gemischt genutzte Räume
Die Moritzkirche in Augsburg wurde von einer dunklen barock
bieten (Bsp.: Taufbereich in der ökumenischen Ma-
gestalteten Kirche in einen Raum des Lichts umgestaltet.
ria-Magdalena-Kirche Freiburg-Rieselfeld).
Alabasterfenster erleuchten den weißen Zentralraum, aus dem
Jüngste katholische Neu- und Umbauen beste- den BesucherInnen Christus geradezu entgegeneilt.
chen oft durch klare, helle, skulpturale Innenräume,
die evangelische Herzen höher schlagen lassen. Die
reformatorische Überzeugung „allein Christus“ ist
räumlich beeindruckend in der von John Pawson
umgestalteten Moritzkirche in Augsburg erlebbar:
Aus dem Chorbereich kommt die Figur eines Chris-
tus Salvator den Gläubigen entgegen.
Dass sich weltliche und sakrale Architektur seit
jeher gegenseitig befruchten, zeigt z. B. der Stuttgar-
ter Hauptbahnhof. Sein Architekt, Paul Bonatz, war
durch die Sultan-Hassan-Moschee in Kairo inspi-
riert. Der Bahnhof selbst erinnert mit seinem Turm
an eine Kirche und beeinflusste Kirchenneubauten
nach dem Krieg. Überkonfessionelle, interreligiöse
bzw. spirituelle Räume folgen derzeit meist dem Ide-
al eines oft weißen, minimalistischen und dadurch
ruhigen Raumes. Dementsprechend hat sich die Be- Der Neubau der Kirche „Seliger Pater Rupert Mayer“ in Poing
zeichnung „Raum der Stille“ oft durchgesetzt (Bsp.: (Bayern) wurde 2020 sogar mit dem weltweit anerkanntesten
Campus Westend der Universität Frankfurt/Main). Architekturpreis für Sakralbauten der italienischen Stiftung Frate Sole
Nimmt der gegenwärtige Kirchenbau die wün- ausgezeichnet. Der Innenraum erinnert an Museen und Galerien.
schenswerte engere Kooperation der Konfessionen
und Religionen bereits vorweg? So unverwechselbar
wie jeder Mensch ist, so individuell und ortsspe-
zifisch sollten Gottesdiensträume die Vielfalt der
Kirchen und Religionen widerspiegeln, denn Jesus Lesetipps
Christus sagt: In meines Vaters Hause sind viele • Thomas Erne: Hybride Räume der Transzendenz. Wozu wir heute noch
Wohnungen (Johannes 14,2). Dann können an un- Kirchen brauchen, Leipzig 2017.
terschiedlichen Orten ganz eigenständige, „ande- • Stefanie Lieb: Himmelwärts. Geschichte des Kirchenbaus von der Spätanti-
re“ und heilige Räume mit besonderer Aura entste- ke bis heute, Berlin, 2018.
hen, also Kirchenräume, wie die Kirchen sie immer • Hans Möhler: Gottes besondere Häuser. Eine Reise zu den ungewöhnlichs-
brauchen werden. Kleine und Große, denn auch ich ten Kirchen der Welt, Bielefeld, 52020.
möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. W

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Überraschende Entdeckungen
M
ein Schlüsselerlebnis: 25 Jahre ist es her. Ein
Besuch im Bonnefantenmuseum in Maast-
an Maas und Ruhr richt. Ein modernes Museum, ein bisschen
„schräg“ wie sein origineller Name (der nicht von ir-

Heilige Orte –
gendwelchen Dickhäutern abgeleitet ist, sondern von
einem Frauenkloster, das sich die Kinderpflege zur
Aufgabe gemacht hatte: couvent de bons enfants). Das
großartige Gebäudeensemble des italienischen Starar-

ganz profan! chitekten Aldo Rossi liegt wunderschön direkt an der


Maas. Zentral ragt ein verzinkter Turm auf, von dem
ich nicht so recht weiß, ob er mich mehr an den Faul-
turm einer Kläranlage oder an die Kuppel des Petersdo-
Um „heilige Schauer“ zu erleben, muss man nicht mes erinnert. Dasselbe Spiel im Innern: ein zentraler,
monumentaler Treppenaufgang, der die verschiede-
unbedingt Kultorte aufsuchen oder Gottesdienste nen Museumsräume rechts und links erschließt. Eine
feiern. Es gibt Räume, die uns so ergreifen, dass wir Pathosformel: Feierliches Schreiten ist hier angesagt,
nicht mühsames Erklimmen der Stufen. Eine „Scala
anfangen, etwas zu verstehen, das sich mit Worten Santa“! Freiwillig bin ich sie mehrfach rauf- und runter
geschritten, so erhebend war das Gefühl.
kaum ausdrücken lässt. Von Herbert Fendrich
Und dann betrete ich das Innere der Kuppel. Ein
leerer Raum. Aber zwei Schritte hinein genügen, um
mich aus dem Gleichgewicht zu bringen. Damit wir
uns nicht missverstehen: Es bestand keine Gefahr.
Der Schwindel, der mich erfasste, war wohltuend,
eine heilsame Verunsicherung eher. Am liebsten
hätte ich die Schuhe ausgezogen: Das war „heiliger
Boden“! Selten hat ein Raum mich so „ergriffen“, im
wahrsten Sinne des Wortes mich durch und durch
gepackt – und entrückt. Nicht von dieser Welt.
Rational zu begreifen, was mich so ergriff: Das fällt
mir auch mit Abstand schwer. Wie kommt es zu einer
so fulminanten Wirkung? Es ist doch ein sehr einfa-
ches, rational nachvollziehbares, wahrhaft minima-
listisches Konzept, das hier verwirklicht ist. „Wall
Drawing #801 Spiral“ von Sol LeWitt (1928–2007):
nur eine einzige weiße Linie auf schwarzem Grund.
Eigentlich. Denn wirklich sehen und durchschauen
kann ich das nicht, für mein Auge sind das parallele
Linien in immer gleichem Abstand (von 10 cm) vom
Fußboden bis ganz nach oben zur Kuppelöffnung.
Aber es ist, wie schon der Titel sagt, eine exakt gezo-
gene Spirale, die den Raum 150-mal umschlingt. Sie
hat Anfang und Ende (5,7 km sind’s) und ist trotz ih-
rer messbaren Endlichkeit und Berechenbarkeit eine
starke Metapher für das Unbegreifliche und Unendli-
Das Bonnefantenmuseum in che. Deswegen so überzeugend, weil diese Wandge-
Maastricht: ein spektaku- staltung mehr ist als ein klug ausgedachtes Konzept
läres Bauwerk des Star- oder ein intellektuelles Spiel: Eine überwältigende
Architekten Aldo Rossi. Der sinnliche Erfahrung. Wer dafür nicht nach Maast-
zentrale Kuppelraum ist ein
richt reisen will: Ich empfehle den kurzen Film aus
„Freiraum“ für ungewöhn-
der Reihe WESTART Meisterwerke des WDR (Sol
liche künstlerische Insze-
LeWitt: „Spiral“ - Bonnefantenmuseum, Maastricht
© Herbert Fendrich

nierungen. Das einfache,


aber umwerfende Konzept - WESTART Meisterwerke - Sendungen A-Z - Video
des Amerikaners Sol LeWitt: - Mediathek - WDR).
5,7 km weiße Spirale auf Fazit meines Schlüsselerlebnisses: Wer „heilige
schwarzem Grund. Orte“ sucht, Räume einer besonderen Erfahrung, die

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„nicht von dieser Welt“ sind, der sollte sich „in Ich rufe mir gerne diese Vorgeschichte in Er- links: Das Gasometer
dieser Welt“ fleißig umgucken und sich nicht innerung, wenn ich den Gasometer besuche. Ich in Oberhausen wurde
auf kultisch-gottesdienstliche Zusammen- komme in einen Raum, der nie dafür gedacht 1928 gebaut und 1988
hänge beschränken. Ich muss dafür auch nicht war, dass Menschen ihn betreten! Wie die Cella stillgelegt. Der 117 m
links © Thomas Machoczek, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org; rechts © Elke Wetzig, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

wöchentlich nach Maastricht fahren; in meiner eines antiken Kultraumes, wie das Allerheiligs- hohe Turm ist heute
die höchste Ausstel-
Ruhrgebietsheimat habe ich solche Orte in gro- te im Jerusalemer Tempel. Bei der architektoni-
lungs- und Veranstal-
ßer Vielfalt vor der Haustür. schen Umwandlung in eine Ausstellungshalle
tungshalle Europas
hat man die Scheibe in 4,5 m Höhe fixiert. mit 7000 m² Ausstel-
Das Gasometer in Oberhausen Ich betrete also den Gasometer im „Unter- lungsfläche. Doch das
Wir wechseln von der Maas an den Rhein-Her- scheibenraum“. Trotz seiner doch beachtlichen Gebäude selbst ist ein
ne-Kanal und besuchen den Gasometer in Ober- Höhe wirkt dieses Entrée auf mich dunkel-be- Raum, der die Besu-
hausen. Ein Gasometer – der Begriff ist missver- drückend, ich meine, die Tonnenlast der Schei- chenden „mitnimmt“.
ständlich – misst nicht das Gas, sondern ist ein be über mir zu spüren. So wenig einladend die-
technisch klug ausgetüftelter Behälter, um Gas ses Vorspiel ist: Mystagogisch hat es einen guten rechts: Blick von der
in wechselnden Mengen zwischenzulagern. Sinn. Über recht schmale Treppenaufgänge ge- Gasdruckscheibe nach
In Oberhausen: ein zylindrischer (eigentlich: lange ich nämlich durch diese Dunkelheit und oben.
24-eckiger) Bau von 117,5 m Höhe und 67,6 Enge in den Oberscheibenraum mit seiner Wei-
m Breite. Im Innern eine dicht am Rand ab- te, seiner unfassbaren Höhe und einer Kuppel
schließende, 600 Tonnen schwere Scheibe, un- wie ein Sternenhimmel. Ein frommer Katholik
ter der das Gas eingefüllt wird und die sich mit wie ich greift unwillkürlich nach rechts, um die
den wechselnden Füllmengen hebt und senkt. Hand ins Weihwasserbecken zu tauchen. Was
Das Oberhausener Prachtexemplar ist der größ- für ein Raum! Die Redeweise von den Indust-
te Scheibengasbehälter Europas, wurde 1928 riekathedralen: hier ist sie am Platz.
erbaut, baugleich 1949 wiedererrichtet – und Es sind dieselben Mittel wie in alten und auch
1988 stillgelegt. Nach anfänglicher Ratlosigkeit, neuen Sakralbauten, die uns auch hier „nicht
heftigen Diskussionen und Streitereien begann von dieser Welt sein“ lassen. Die krassen Kon-
1993 das „zweite Leben des Riesen am Kanal“. traste zwischen Licht und Dunkel, Enge und
Und eine Erfolgsgeschichte als Ausstellungs- Weite, die Dimensionen, die den Menschen
raum und Aussichtsplattform, die niemand vor- zugleich klein werden lassen – und erheben und
herzusagen gewagt hätte. Mit Vorbildfunktion. entrücken.
Vom Glücksfall „Gasometer Oberhausen“ ging Wer den Besuch nicht abwarten kann, findet Herbert Fendrich ist Theo-
eine Sogwirkung aus auf viele ungenutzte Bra- einen Vorgeschmack dieser Herrlichkeit unter loge und ehem. Beauftrag-
chen, öde Halden, aufgegebene Industriestand- www.youtube.com/watch?v=KplyYf-BAjU. W ter für Kirche und Kunst
orte und ihr Potenzial als „AndersOrte“. des Bistums Essen.

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Aus der Welt der Bibel: Panorama • Die großen Städte der Bibel •

Aus Scherben werden Wände


Achthundert Kisten mit Fragmenten von Wandmalereien: Das ist die Aufgabe, die die Restauratoren des
Antikenmuseums in Arles (Musée départemental de l’Arles antique) lösen müssen. Die Stücke wurden bei den
Ausgrabungen am rechten Rhône­ufer vom Nationalen Institut für präventive archäologische Forschung ausge-
graben. Sie stammen aus einem luxuriösen Domus, dem sogenannten „Haus der Harfenspielerin“, das um 70 vC
erbaut und schon um 50–40 vC wieder abgerissen wurde. Großes Glück: Der Abraum wurde verwendet, um die
© Rémi Bénali, Inrap-MDAA

Baugrube aufzufüllen, sodass die Dekorationen bis heute erhalten sind. Neben den prächtigen Kunst-Marmoren
mit ihrer leuchtenden Farbigkeit erinnert die Dekoration eines Prunksaals – die in Gallien so bisher noch nie
gefunden wurde und die selbst in Italien selten ist – an das Haus der Mysterien in Pompeji: eine Galerie großer
Figuren auf Sockeln, darunter eine Harfenspielerin, jagende Armoretten vor einem zinnoberroten Hintergrund –
eine Prozession zu Ehren des Bacchus, Gott des Weins und der Lust. (MdB)

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Die Bibel in berühmten Gemälden • Ausstellungen und Veranstaltungen

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Ausgrabungen in Lachisch Felix Höflmayer und Katharina Streit,
die Ausgrabungsleitung, im Ausgra-
bungssommer 2019 bei Erläuterungen

„Es ist sehr komplex …” für eine Besuchergruppe: Wie hängen


die Hyksos, die ägyptische Chrono-
logie und die Ereignisse in Lachisch
zusammen?
Seit 2017 gräbt ein österreichisch-israelisches Team auf
einem der größten Siedlungshügel der Südlevante: Lachisch.
Ein Gespräch mit einem der Aus­grabungsleiter, Dr. Felix Höflmayer,
über den Stand der Forschungen, die spannende Arbeit der
Archäologie – und eine besondere Gänsehaut.

E
hrfurcht einflößend liegt der Sied- WUB: Sie haben Ihr Projekt Tracing Fundorten. Ursprünglich hat man das mit
lungshügel von Lachisch in der Ebe- Transformations genannt, also in etwa der Vertreibung der Hyksos in Verbindung
ne, rund 40 Meter hoch. Heutigen „Anzeichen tief greifender Verände- gebracht. Hyksos bedeutet im Ägypti-
Besuchern ist Lachisch besonders wegen rungsprozesse aufspüren“. Welche Trans- schen „Herrscher der Fremdländer“, eine
des großen judäischen Palasts auf dem formationen suchen Sie in Lachisch? mutmaßlich vorderasiatische Dynastie,
Hügelplateau bekannt. Berühmte Reliefs­ Felix Höflmayer: Die Grundidee zum die ungefähr hundert Jahre im Nildel-
im British Museum erzählen davon, wie Projekt ist entstanden, weil es eine Datie- ta geherrscht hat. Ihre Hauptstadt war
der assyrische König Sanherib die Stadt rungsdiskussion gibt, sie betrifft die Mit- Avaris, Tell el-Daba. Viel spätere Quellen,
701 vC einnimmt – noch heute kann man te des 2. Jahrtausends vC, den Umbruch etwa Manetho, der bei Flavius Josephus
die assyrische Belagerungsrampe sehen. von der Mittelbronze- zur Spätbronzezeit. überliefert ist, erzählen, dass die Ägypter
Geschichte live! Schon mehrfach „ange- Dieser Umbruch ist in der Südlevante ge- von Süden nach Norden vorgestoßen sei-
© Jared Dye/ÖAW

graben“, hütet der Tell aber noch viele kennzeichnet durch massive Zerstörungs- en, die Hyksos vertrieben und das Territo-
verborgene Informationen und, so hofft horizonte am Ende der Mittelbronzezeit, rium zurückerobert hätten. Und mit die-
das Team um Felix Höflmayer, Antworten üblicherweise datiert auf 1550/1500 vC. sem Narrativ vor Augen hat man gedeutet,
auf archäologische Fragen. Diese Zerstörungen findet man an vielen dass die ganzen Zerstörungen wohl von

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Panorama

den Ägyptern herrührten, die den Hyksos in die dann können wir sagen, was Ursache und was Die Kultur-Epochen
Levante hinterherzogen und dabei massenhaft Folge ist. der Südlevante
Städte zerstörten. Nun hat Manfred Bietak [Ös- • Mittelbronzezeit
terreichisches Archäologisches Institut, Anm. d. Hat diese Epoche eine Bedeutung für das Ver- 2000–1550 vC
Red.] viele Jahrzehnte in Avaris ausgegraben und ständnis der späteren Königreiche Israels und Ju- (klassische Datierung.
niedrigere Daten für den Umbruch von der Mit- däas auf diesem Territorium und die Entstehung Das aktuelle Lachisch-
tel- zur Spätbronzezeit vorgeschlagen, zwischen der biblischen Erzähltraditionen? Projekt nimmt das Ende
1500 und 1450 vC. Dann wären wir ungefähr in Hier bin ich Minimalist. Die Schriften sind Jahr- der MB eher 1600 vC an.)
der Zeit der Thutmosiden, von denen wir wissen, hunderte später aufgesetzt worden und natürlich
• Spätbronzezeit
dass sie ebenfalls in die Südlevante gezogen sind. transportieren sie eine Form von Erinnerung. Aber bis 1200 vC
Diese niedrige Chronologie steht aber im Wider- man kann kaum versuchen, in der Bronzezeit da-
spruch zu naturwissenschaftlichen Daten, die sich von etwas wiederzufinden. Ich glaube aber schon, • Eisenzeit
in den letzten zehn Jahren herausgestellt haben: dass die Kenntnis der Epoche zum Verständnis bis 586 vC
Die Datierung der levantinischen Funde weist der späteren beiträgt, wie etwa unser Zufallsfund,
sogar noch weiter in die Vergangenheit als die die frühalphabetische Inschrift (WUB berichtete,
ägyptische Standardchronologie. Das war also 3/2021), die zum ersten Mal gezeigt hat, dass mit
der Aufhänger für unser Projekt. Für den Umbruch dem Alphabet viel früher zu rechnen ist, als bisher Südlevante
gab es wenige Fundorte zu dieser Zeit, aber wir angenommen. Die Kenntnis dieser Kulturtechnik Archäologische Bezeich-
wussten, dass das Team der Tel Aviv University können wir in der Südlevante schon in der frühen nung für das Gebiet
unter Leitung von David Ussishkin am Westrand Spätbronzezeit greifbar machen. Früher hat man etwa des heutigen
des Tells von Lachisch einen Tiefschnitt angelegt angenommen, dass die Alphabetschrift am Ende Israel/Palästina.
und bis zur Spätbronzezeit abgegraben hat. Es der Spätbronzezeit im Umfeld der ägyptischen
gab hier für uns die Möglichkeit, den Umbruch Residenzen bekannt wurde, jetzt müssen wir um-
weiter zu ergraben und naturwissenschaftlich zu denken, wie das vorgegangen sein kann.
datieren. Zudem haben wir in Lachisch nördlich
der Zitadelle noch einen mittelbronzezeitlichen Sie suchen ja auch nach Spuren der materiel- Wer hat in Lachisch
ausgegraben?
Lehmziegelpalast, der ebenfalls zerstört worden len Kultur, also Keramik, Importwaren, Gebäude,
ist. Wir wollen einfach einmal eine durchgehende Werkzeuge – Hinweise darauf, wie Menschen ihr 1932
Sequenz von 14C-Daten erhalten! Lebensumfeld gestaltet haben. Wie hängen Ver- James L. Starkey, Stadttore
änderungen in dieser materiellen Kultur mit der aus der judäischen und
Wieso ist es denn so wichtig, diesen Übergang Veränderung von Politik, mit Eroberungen, neuen persischen Zeit (Stratum I
genau zu kennen? Herrschaften zusammen, auch mit klimatischen und II), Verteidigungswall,
Die Mittelbronzezeit nennt man die „Phase Veränderungen? Wie stellen Sie als Archäologen, Residenz aus der Perserzeit
der zweiten Urbanisierung“. Schon in der Früh- Archäologinnen die Verbindung her? und ein Sonnenheiligtum.
bronzezeit hatte man befestigte Städte in der Das ist eine sehr komplexe Frage! Früher hat 1966–1968
Südlevante, diese Stufe bricht aber zusammen. man es sich eher leicht gemacht: ägyptische Ke- Yohanan Aharoni, Untersu-
Man weiß nicht genau, ob das graduell geschah ramik oder ägyptisierende Dekorelemente? Dann chung des Sonnenheilig-
oder aufgrund eines gesellschaftlichen Kollapses, werden wohl Ägypter anwesend gewesen sein! tums.
auch Klimaveränderungen wurden diskutiert. Die
Mittelbronzezeit ist dann die zweite Phase. Vie- 1973–1994
le Städte bauen jetzt riesige Erdwälle, Lachisch David Ussishkin, u. a. Tief-
ist eine davon. Die internationalen Beziehungen schnitt am Westrand durch
alle Schichten.
greifen aus. Man produziert eigene Skarabäen
und übernimmt teilweise die ägyptische Siegel- 2013–2017
technik. Man findet ägyptische, ägäische, zyp- Yosef Garfinkel und Michael
rische Keramikimporte, während im Nil­delta die Hasel, Untersuchung im
Hyksos regieren … und das alles bricht dann Nordwestbereich, Entde-
zusammen. Die große Frage ist: Kann man das ckung eines spätbronzezeit­
den Ägyptern in die Schuhe schieben? Oder sind lichen Tempels.
die mittelbronzezeitlichen Städte früher zerstört
Seit 2017:
worden? In dieser Annahme hätte es dann schon
Skarabäus-Fund: Zum Team gehört eine Tracing-Transformations-
Probleme in der Südlevante gegeben und die Spezialistin für Skarabäen, die die Skarabäus- Projekt unter Leitung von
© Jared Dye/ÖAW

Ägypter hätten in einer geschwächten Region Nachahmungen in der Levante in den Blick Dr. Katharina Streit und
Fuß gefasst, denn ab spätestens 1300 vC sind die nimmt. Ziel ist es, einen Pool von datierbaren Dr. Felix Höflmayer (Öster-
Ägypter definitiv in der Südlevante präsent. Hier Skarabäen zu erstellen, um die chronologische reichische Akademie der
müssen wir die Chronologie klären – denn erst Frage zu klären. Wissenschaften).

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welt und umwelt der bibel 1/2022 63
F
die Leute kommen, wie sie sich fühlen amilien der tibetischen Aristokra-
und wie sie wahrgenommen werden! tie, die nach England ausgewandert
Man kann nicht anhand von Isotopen- sind, gaben das Juwel der Gold-
studien festlegen, dass hier Hyksos schmiedekunst von Generation zu Genera-
oder Kanaanäer gewohnt haben. Nur tion weiter. Doch niemand wusste, was die
die Tatsache, dass jemand von außen Motive auf der „Lhasa-Schale“ bedeuteten:
kommt, sagt nichts darüber aus, wie weder sie noch der britische Tibetologe,
sich die Person fühlt oder definiert der es 1961 erwarb, noch alle Gelehrten,
und wie das Umfeld sie wahrnimmt. die es nach ihm untersuchten, noch der
Ethnische Grenzen in der Bronze- und anonyme Sammler, dem die Schale heute
Scherbe mit frühalphabetischen Eisenzeit müssen nicht so funktioniert gehört und der sie dem Altorientalischen
Buchstaben, gefunden in Lachisch. haben, wie wir uns das vorstellen. Die Museum in Tokio anvertraut hat. Nun ha-
Die Zeichen müssen im 15. Jh. vC Versuchung, das Fragmentarische, das ben zwei französische Forschende, Anca
aufgeschrieben worden sein – früher man aus schriftlichen Quellen hat, in Dan (CNRS) und Frantz Grenet (Collège de
als man bislang in Lachisch und der der Ausgrabung zu suchen und zu fin- France), wohl den Schlüssel zur Interpre-
Region Schriftkompetenz annahm:
den, ist groß. tation der Motivik in der griechischen und
mehr als eine kleine Sensation.
hebräischen Literatur gefunden und pub-
Man kann es aber auch so lesen, dass Wie ist es, auf so einem prominen- liziert (Bulletin of the Asia institute 2021).
eine Gesellschaft offen für Anreize ten Tell zu arbeiten, auf dem Jahrtau- Das Objekt ist ein Meisterwerk in der
von außen ist und Dinge übernimmt. sende der Menschheitsgeschichte in Tradition der hellenistischen und sassa-
Ähnlich wie heute: Große Teile der archäologische Strata geronnen sind? nidischen Goldschmiedekunst. Die Au-
Gesellschaft trinken Coca Cola, sind Es ist ein ganz großes Privileg. Am ßenwände der flachen Schale sind mit
aber keine Amerikaner. Beispielsweise besten zitiere ich meine Mitgrabungs- Hochreliefs bedeckt. Stil und Technik
hat man Gewandnadeln, die zur ka- leiterin Katharina Streit, die einmal weisen auf Baktrien (etwa im heutigen
naaäischen Gewandtracht gehörten, gemeint hat: Wenn man, noch in der Gebiet Nordafghanistan, Tadschikistan,
im Norden Ägyptens gefunden. Für Dunkelheit, mit den Studierenden im Turkmenistan) zur Zeit einer Dynastie von
viele war das der Beleg dafür, dass Ka- Bus auf Lachisch zufährt und man iranischen Hunnen hin, den Hephtaliten
naanäer anwesend waren. Doch man sieht diesen riesigen Hügel und die (460–560 nC). „Wir sehen sechs Szenen
kann auch argumentieren, dass der assyrische Belagerungsrampe – da be- mit verschlungenen Bäumen inmitten ei-
Norden Ägyptens, geografisch nahe an kommt man immer wieder Gänsehaut. ner Tierwelt mit je einer Schlange. Jede
kanaanäischen Zentren, offener war, Während des Tages sind auch viele Szene ist auf eine Figur zentriert“, erklä-
eine solche Tradition zu übernehmen. logistische und profane Entscheidun- ren Dan und Grenet. Nach ihrer Deutung
Auch der Streitwagen in Ägypten wur- gen zu treffen, aber insgesamt ist es illustrieren die paradiesischen Szenen
de aus Vorderasien übernommen. Kein ein sehr, sehr großes Privileg. Es gibt eine Episode des Alexanderromans, jenes
Mensch käme auf den Gedanken, den trotz jahrzehntelanger Ausgrabungs- in Spätantike und Mittelalter populären
Streitwagen im Grab von Tutenchamun tätigkeiten in Lachisch noch so viele Legendenbuchs zum Lebens Alexanders
als nicht-ägyptisch zu bezeichnen. offene Fragen! Mit entsprechender d. Gr., und zwar Alexanders Reise zum Gar-
Es gibt einen Austausch zwischen Finanzierung sind wir auf Jahrzehnte ten Eden. So pflückt eine Figur Früchte,
Regionen und Populationen. Ich wäre beschäftigt … W eine andere trinkt aus einem Brunnen;
sehr vorsichtig mit der Aussage, dass (Die Fragen stellte Helga Kaiser.) eine dritte trägt einen Lendenschurz und
ein gewisser Stil die Anwesenheit hält eine kannelierte Amphore auf der
von gewissen Personen belegt. Wir Das Ausgrabungsprojekt: Schulter, während eine vierte mit einer
haben unweit von unserem früh­ • Das Projekt ist bis Ende April 2023 kurzen Tunika und einem rasierten Kopf
alphabetischen Ostrakon auch eine geplant, finanziert vom Österrei­ mit dem Fuß eine Trommel schlägt.
hieratische Inschrift gefunden [die chischen Wissenschaftsfond (FWF). Der Gelehrte, der das Objekt 1973 veröf-
damalige ägyptische „Alltagsschrift“, • Weitere Forschungsfragen werden fentlichte, glaubte zunächst, der Schlüssel
Anm. d. Red.], die eine Personenlis- schon bei der Israel Antiquities zum Dekor liege im sich wiederholenden
te und zugeteilte Rationen enthält, Authority eingereicht mit dem Ziel Schlangenmotiv. Da er ein Thema aus der
die Übersetzung stammt von Stefan einer weiteren Grabungslizenz. griechischen Literatur vermutete, dachte
Wimmer in München. Muss, wer die • Die Ausgrabungssaisons 2020 und er an die Episode aus der Ilias, die sich am
hieratische Schrift beherrscht, Ägyp- 2021 sind coronabedingt ausgefallen, Vorabend der Einschiffung der Achäer in
ter gewesen sein? Das kann man noch 2022 soll stattfinden. den Trojanischen Krieg ereignete: Ein Rep-
© Jared Dye/ÖAW

nicht schlüssig belegen. Wir müssen til, das in der Nähe der Quelle der Artemis
noch viel mehr über das mittelbron- • Projektwebsite für weitere kriecht, verschlingt acht Küken und ihre
zezeitliche Lachisch wissen, um Rück- Informationen (auch Volunteering): D Mutter, was den Weisen Calchas dazu ver-
schlüsse ziehen zu können, von wo tracingtransformations.com anlasst, neun Jahre Krieg vorherzusagen.

64 welt und umwelt der bibel 1/2022


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Panorama

Eine Schale aus baktrien


und ihr Geheimnis

Alexanders Reise
ins Paradies
Zwei französische Forschende
haben paradiesische Szenen
identifiziert, die in eine Silber-
schale aus Zentralasien
(6. Jh. nC) eingraviert sind,
eine detektivische Suche: Sie
sollen Episoden aus einer jü- Schale mit
dischen Version des beliebten Reliefszenen,
6. Jh., Zentral-
Alexanderromans darstellen. asien, Silber/Kupfer,
21 x 6,5 cm, 1,134 kg.
Altorientalisches Museum, Tokio.

Die Interpretation war kaum zufrieden- Aristoteles, kommt er an eine wunder- Volkes sahen, weil er die Überlegen-
stellend, eine andere Lösung aber nicht same Quelle, wo ein Diener einen toten heit des Gottes Israels anerkannt hat-
in Sicht. Anca Dan und Frantz Grenet Fisch auferstehen sieht: die Quelle des te“, schlussfolgern Dan und Grenet. „Die
mussten den Blick weiten. „Wir waren von Lebens. In diesen beiden entscheidenden Nacktheit der Hauptfiguren, das Pflücken
der indischen Atmosphäre der Komposi- Momenten erfährt der Held von seinem der Weihrauchfrüchte, ihre Anordnung
tion beeindruckt: Die Bäume sind eine bevorstehenden Tod und dem Zugang zur um den Baum herum, die Schlange ... eine
Variante des Weihrauchbaums, der Am- Unsterblichkeit. klare Parallele zur biblischen Szene im
phorenträger trägt einen indischen Len- Die Figur Alexanders galt an den Kai- Garten Eden. In der Spätantike brachten
denschurz (dhoti), der Musiker spielt ein serhöfen Roms wie auch des Ostens als die Rabbinen den Baum der Erkenntnis
auf indischen Stûpas abgebildetes Inst- Vorbild der Macht. Seine Reise darzustel- aus der Genesis mit dem Lebensbrunnen
rument (dhol). Das Gesicht der Hauptfigur len, passt also. Doch blieben Details des der Griechen in Verbindung und siedelten
mit großen Augen, gedrungener Nase Dekors unklar, wie z. B. die Tatsache, dass den Garten Eden an den östlichen Enden
und der Strähne auf der Stirn erinnert der Eroberer offenkundig beschnitten der Welt an.“ Die Silberschale zeige daher
klar an die Ikonografie Alexanders.“ ist und selbst Wasser aus dem Lebens- das früheste Bild einer jüdischen Version
Die beiden Wissenschaftler fanden brunnen trinkt. Eine geeignete Quelle des Alexanderromans: Alexan­der zupft
zwei Episoden, die mit der Reise des Er- für diese Details fanden Dan und Grenet den Weihrauchbaum und trinkt das Was-
oberers nach Indien zusammenhängen im Babylonischen Talmud und in einer ser des Lebens in einem Paradeisos am
und in zwei apokryphen Briefen erzählt hebräischen Übersetzung der Historia Rande Indiens.
© Ancient Orient Museum, Tokio

werden. Diese Briefe wurden im 5. Jh. in Alexandri Magni regis Macedonis de preliis. „Die Schale zeigt die Bedeutung der jü-
einer griechischen Version des Alexan­ Die jüdische Tradition reicherte die Alex- dischen Gemeinden in Zentralasien vor der
derromans zusammengestellt. Im ersten, ander-Erzählungen mit eigenem Stoff an islamischen Eroberung und den Beitrag
Alexanders Brief an Aristoteles über die und übernahm den Aufenthalt im Para- des Judentums zur transkulturellen ,Erfin-
Wunder Indiens, sammelt Alexander in dies. „Die Darstellungen sind von helle- dung‘ des irdischen Paradieses zwischen
einem „Paradies“ Weihrauchkügelchen; nistisch-jüdischen Traditionen inspiriert, der griechisch-römischen und der indisch-
im anderen, dem Brief an Olympias und die Alexander als Freund des jüdischen iranischen Welt.“ W (E. Villeneuve/wub)

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welt und umwelt der bibel 1/2022 65
Tel Moẓa

Tempel unter der Schnellstraße

Eine Rettungsgrabung hat die Spur zu einem Tempel aus der Zeit der judäischen
Könige erschlossen. Ein Tempel? Nur 7 km von Jerusalem entfernt? Wie all das
zusammenhängt, erforscht ein internationales Ausgrabungsteam.

T
el Moẓa ist eine besondere Gra- wird zwar namentlich in der Bibel ge- Ausgrabungen unter Highway 1 von
bungsstätte. Am auffälligsten nannt, taucht aber nur ein einziges Mal Jerusalem nach Tel Aviv: Tel Moẓa mit
ist ihre Lage: Sie liegt unter der in einer Auflistung von Ortschaften in Jos einem eisenzeitlichen Tempel, der im
Schnellstraße von Tel Aviv nach Jerusa- 18,26 auf. Ein Tempel wird hier nicht ge- Grundriss dem Salomonischen Tempel
in Jerusalem geähnelt haben muss.
lem. Aber gerade dieser Schnellstraße nannt. Religions- und Literaturgeschicht-
Blick auf den Tempeleingang mit Altar.
ist es zu verdanken, dass an dieser Stelle lich ist dies zwar nicht so verwunderlich,
nun überhaupt gegraben wird. Während trotzdem stellt sich die übergeordnete
der vorschriftsmäßigen Rettungsgrabun- Frage, in welchem Verhältnis Moẓa zu Je- Ebenso offen war die Einbettung des
gen vor ihrem Bau 2013–2018 wurden rusalem stand. Insbesondere da Moẓa nur Tempels in seinen unmittelbaren Kon-
Teile einer größeren eisenzeitlichen An- 7 km von Jerusalem entfernt gelegen war. text. Wie gestaltet sich der Übergang vom
lage ausgegraben. Weitere Grabungen Einer der zentralen Wege nach Jerusalem Tempelareal zu den umliegenden Gebäu-
der Israelischen Antikenbehörde sowie führte auch bereits in der Antike durch den? Um diese Fragen zu beantworten,
die dabei gemachten Funde legten die das Moẓa Valley. Der Tempel war vom wurde das bisherige Grabungsgebiet des
Interpretation des Gebäudes als Tempel Tal, das sich durch seine Quellen und Areals B nach Norden, Osten und Westen
nahe. Das Tel Moẓa Expedition Project den fruchtbaren Boden auszeichnete, gut erweitert. Die unterschiedlichen Area-
unter der Leitung von Prof. Dr. Oded Lip- sichtbar. Die Verhältnisfrage bedarf somit le verfolgten zudem weitere spezifische
schits und Shua Kisilevitz (Universität Tel der Klärung. Fragestellungen.
Aviv) in Kooperation mit Prof. Dr. Anselm Die Kampagne 2021 konzentrierte Im nördlichen Areal konnten insgesamt
Hagedorn (Universität Osnabrück) und sich nun auf grundlegendere Fragen, die fünf neue Silos, also Lager- und Vorrats-
Prof. Dr. Filip Čapek (Karls-Universität durch die vorangegangenen Rettungsgra- gruben, freigelegt werden. Vier der neu
Prag) geht nun den Fragen rund um den bungen noch nicht beantwortet werden entdeckten Silos entsprechen von der
Tempel in Tel Moẓa nach. konnten. Das Ausmaß des Tempels war Größe und vom Umfang vier weiteren, die
Eine entscheidende Frage wird durch z. B. noch unbekannt, da die Westmauer bereits während der Rettungsgrabung
den biblischen Befund gestellt. Moẓa bisher nicht gefunden werden konnte. freigelegt worden sind. Das fünfte Silo

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Panorama

ist das bisher größte freigelegte Silo Die Grabungen im westlichen Are-
in Moẓa: Mit einem Durchmesser von al orientierten sich an dem 1993 Josua 18,21-28:
über 3 m sticht es deutlich heraus. entdeckten Gebäude, das 2012 als „Das sind die Städte des Stammes der Benja-
Die Silos werden in den kommenden eisenzeitlicher Tempel identifiziert miniter, entsprechend ihren Sippen: Jericho,
Kampagnen sorgfältig ausgegraben wurde. Das Gebäude ist in dem ty- Bet-Hogla, Emek-Keziz, Bet-Araba, Zemarajim,
werden, um zu bestimmen, was in ih- pischen nordsyrischen Stil errichtet. Bet-El, Awim, Para, Ofra, Kefar-Ammoni, Ofni
nen gelagert wurde und wann genau Vergleichbar ist der Tempel in Tel und Geba: zwölf Städte mit ihren Gehöften;
sie entstanden sind. Moẓa mit dem eisenzeitlichen Tem- ferner Gibeon, Rama, Beerot, Mizpe, Kefira,
pel in Tel Tayinat und Ain Dara. Eben- Moza, Rekem, Jirpeel, Tarala, Zela, Elef, Jebus,
Zentraler Lagerort für Erträge so wird auch der Jerusalemer Tempel das ist Jerusalem, Gibea und Kirjat: vierzehn
Das Areal kann aber bereits eindeu- in diesem Baustil beschrieben (1 Kön Städte mit den dazugehörenden Gehöften.“
tig als Silofeld identifiziert werden. 1; 6–7 und 2 Chr 3).
Die Größe der Gruben lässt es un- Die vergangenen Rettungsgra-
wahrscheinlich erscheinen, dass es bungen konzentrierten sich auf den
sich hierbei um die Vorratsspeicher Vorhof und den Eingangsbereich des
einer Familie handelt. Vielmehr ist Tempels. Dementsprechend wollte die
davon auszugehen, dass Tel Moẓa als Kampagne 2021 klären, wie weit der
zentraler Lagerort für den Ertrag aus Tempel sich nach Westen erstreckt.
dem umliegenden Ackerland gedient Unklar war vor Beginn der Ausgra-
haben muss, es also ein Platz gewe- bung, ob die Westmauer des Tempels
sen ist, an dem eine größere Gruppe überhaupt erhalten geblieben ist, da
ihre Ressourcen gesammelt hat. dieser Teil der Site besonders stark
Das östliche Areal liegt zwischen von Bodenerosion betroffen war. Es
dem Tempelvorhof und der Silo- gelang jedoch, die Westmauer des
anlage in Areal D. Die Verbindung Tempels zu identifizieren und freizu-
zwischen ihnen war bisher jedoch legen. Mittels der genauen Position
unbekannt. Die durchgeführten Gra- der Mauer konnte so die tatsächli-
bungen hatten somit erstens das che Größe des Tempels ausgemessen
Ziel, das Ende des Tempelvorhofs werden: Es zeigt sich, dass der Tempel
frei­
zulegen, und zweitens, die Ver- eine sehr große Ähnlichkeit zu dem in
bindung zu dem sich anschließenden 1 Kön 6–7 beschriebenen Salomoni-
ökonomischen und administrativen schen Tempel aufweist. Finderinnenglück:
Bereich zu erkunden. Die Grabungskampagne 2022 wird Das Team aus Areal
Dabei wurde nicht nur die östli- sich nun insbesondere mit dem west- B Ost präsentiert
che Mauer des Vorhofs ausgegraben, lichen Teil des Tempels beschäftigen eine eisenzeitliche
Pferdefigurine.
sondern ebenfalls die Südmauer. Sie müssen, um das Allerheiligste zu fin-
war gleichzeitig die Wand eines La- den und freizulegen.
gerhauses. Teile dieses Lagerhauses Die Grabungskampagne 2021 in
waren bereits durch die Rettungsgra- Tel Moẓa war ein vielversprechender
bung bekannt. Die neuen Grabungs- Auftakt. Die zahlreichen Funde lie-
quadrate gaben nun Aufschluss über fern erste Antworten auf die gestell-
seine Größe sowie Inhalte. Im Inne- ten Fragen und helfen dabei, den Ort
ren des Gebäudes wurden zahlreiche besser zu verstehen. Das Tel Moẓa Ex-
Vorratskrüge, sogenannte Holemouth pedition Project verspricht auch in der
Storage Jars, gefunden. Sie werden nächsten Saison spannende Funde
Aufschluss darüber geben, was dort sowie die entscheidenden Einsichten
gelagert worden ist. Durch die Orga- in Bezug auf die Verhältnisfrage zu
nic Residue Analysis ist es möglich, die Jerusalem. W
einstigen Inhaltsstoffe der Krüge zu Ein Bericht von Prof. Dr. Anselm C. Hagedorn
© Tel Moẓa Expedition Project

ermitteln. Neben diesen Gebrauchs- (UOS), Shua Kisilevitz (IAA/TAU),


gegenständen wurden ebenfalls Prof. Dr. Oded Lipschits (TAU) und
einige Pferdefigurinen oder Teile Dr. des. Florian Oepping (UOS)
von ihnen gefunden. Diese sind ver-
gleichbar mit der Reiterfigurine, die Projektwebsite Ein großes Silo, das noch komplett ausgegraben
im Tempelvorhof während der Ret- für weitere Informationen (auch Volun- werden soll (Areal B Nord). Was wurde darin
tungsgrabung gefunden worden ist. teering): www.telmoza.org aufbewahrt?

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welt und umwelt der bibel 1/2022
Große Städte der Bibel • Gaza

Bei den Philistern


In der Bibel ist Gaza als Hauptstadt der Philister bekannt. Gaza war von
Ägypten aus das Tor zum Norden und Osten und ein Knotenpunkt auf der
Weihrauchstraße. Erst seit etwa dreißig Jahren kann die Archäologie die
Züge einer blühenden und bewegten Stadt nachzeichnen, die sich an den
Dünen orientieren musste – und an den Unwägbarkeiten der Geschichte.
Von Estelle Villeneuve

G
aza ist in der Bibel Gaza Jedoch konnte noch keine Ar-
untrennbar mit den chitektur eindeutig mit ihnen
Philistern und langen in Verbindung gebracht wer-
Kriegen verbunden, die das jun- den. Lange Zeit war der Gaza-
ge israelitische Volk um den Be- streifen eine Terra incognita der
sitz Kanaans führte. Das „Seevolk“ Archäologie. Im Jahr 1922 wurden
aus der Ägäis siedelte sich im 12. Jh. vC unter dem Tell Haruba, Siedlungshü-
im südlichen Teil der levantinischen Küs- gel im Zentrum des antiken Gaza, einige
te an und drängte die Ägypter zurück. Die Bibel archäologische Testgrabungen durchgeführt, die
zählt den Philistern fünf Stadtstaaten zu – Asch- eine fast ununterbrochene menschliche Präsenz
dod, Aschkelon, Ekron, Gat und Gaza, wobei Gaza vom Beginn der späten Bronzezeit (um 1550 vC)
die wichtigste sei –, die Gott aber den Israeliten bis zum 4. Jh. vC belegen. Bei einer Bergungsgra-
zuspricht. Sie werden dem Stammesgebiet Juda bung, die unter ägyptischer Ägide begonnen und
zugewiesen (Josua 13,3; 15). Diese israelitisch- 1967 von den Israelis übernommen wurde, wurde
philistäischen Rivalitäten stehen im Mittelpunkt in Maïouma, einem Hafenvorort der antiken Stadt,
der berühmten Geschichte von Simson (Richter eine Synagoge aus dem frühen 6. Jh. freigelegt.
13–16), der einzigen biblischen Geschichte, die Aber erst 1995 wurden in einer Zusammenarbeit
direkt mit Gaza zu tun hat. Der Held, ein großer zwischen Frankreich und der Palästinensischen
Mann und geweihter Nasiräer, dessen Kraft in sei- Autonomiebehörde regelmäßigere Ausgrabun-
nen ungeschnittenen Haaren liegt, flieht nachts gen durchgeführt, ein Jahr nach der Rückgabe des
aus Gaza. Er hatte den Abend bei einer Dirne ver- Gazastreifens durch die Israelis an diese Behörde.
bracht. Als die Philister ihm auflauern, packt er
die Flügel des Stadttors mit den beiden Pfosten
und reißt sie zusammen mit dem Riegel heraus.
Durch eine List der Philisterin Delila werden ihm Wichtige Daten
jedoch die Haare geschoren und die Augen aus-
gestochen. Als er im Tempel des Gottes Dagon 1484 vC Gaza wird von Thutmosis III. erobert
vorgeführt wird, bringt er (mit nachgewachsenen
um 1200 vC Die Philister kommen an
Haaren) das Heiligtum zum Einsturz, wobei Tau-
sende und er selbst sterben. um 520 vC Die Griechen gründen einen Seehafen
Für die Archäologie ist dieses Gaza der Philister 291–371 nC St. Hilarion von Gaza
jedoch schwer nachzuweisen. Zahlreiche charak- 402 nC Die paganen Tempel der Stadt werden zerstört
teristische Töpferwaren weisen darauf hin, dass
hier wohl philistäische Menschen gelebt haben.

68 welt und umwelt der bibel 1/2022


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Ausgrabungen sind selten möglich der in der Antike den Namen Anthedon trug und Unter den Dünen
Hier zu graben, ist nicht einfach. Da sind die Dü- von den Griechen um 520 vC gegründet wurde“, verbarg sich eine mo-
nen, deren unberechenbare Veränderungen alle so Jean-Baptiste Humbert (siehe S. 70). „Aber die- numentale assyrische
Überreste zugedeckt haben; da sind auch die ser Vorort ist in das kontinuierliche Gefüge eines Stadtumwallung aus
Müllberge, die von einem 1948 eilig errichteten Groß-Gaza eingeflossen. Die Konturen der Stadt gebrannten Lehmzie-
geln (8. Jh. vC).
Flüchtlingslager entsorgt werden mussten; und haben sich mit der Bewegung der Dünen und den
Tell Blakhiyeh im
dann ist da noch die Walze der Urbanisierung. Die Unwägbarkeiten der Geschichte ständig verscho-
nördlichen Stadtgebiet
Fundstätte von Blakhiyeh, die 3 km westlich von ben.“ Der Hafen wurde um die Zeitenwende vom von Gaza-Stadt. Bild
Tell Haruba am Meer liegt, war schon von Zer- Hafen von Maïouma abgelöst. von den Ausgrabungen
störung bedroht, als ein Team der französischen Eines ist sicher: Die Qualität der Überreste und 1998/1999.
École biblique et archéologique de Jerusalem Objekte aus allen Epochen zeugt von einem be-
(Ebaf) und des jungen Gaza Antiquities Service merkenswerten Wohlstand und von Weltoffen-
1998 eine Notgrabung durchführte. Dabei wur- heit. Diesen Wohlstand und diese Offenheit ver-
den die Überreste eines neuassyrischen Walls dankt Gaza seiner privilegierten Lage zwischen
(8. Jh. vC), persische Häuser und ein Lagerhaus Afrika und Asien einerseits und dem Mittelmeer
(5./4. Jh. vC), ein hellenistisches Haus (2./1. Jh. vC) und Arabien andererseits. Als außergewöhnlicher
© J.-B. Humbert, Ebaf

und die Überreste einer römischen villa maritima Knotenpunkt mit einer kosmopolitischen Bevöl-
(2. Jh. nC) gefunden. Kurzum, ein Querschnitt durch kerung nahm die Stadt die von den nabatäischen
die Geschichte der Stadt im 1. Jahrtausend vC. Arabern geführten Karawanen auf und verteilte
Aber ist Blakhiyeh wirklich Gaza? „Genau ge- ihre Ladungen an Gewürzen, Stoffen, Pigmenten,
nommen ist Blakhiyeh ein Seehandelsposten, Myrrhe und vor allem Weihrauch, dessen Räuche-

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welt und umwelt der bibel 1/2022 69
rung für die Opferrituale unverzichtbar war. Auch Gaza im Jahr 1839, gemalt vom englischen Maler und Reisenden
aus den Tiefen Afrikas wurden über Ägypten exo- David Roberts.
tische Tiere in die königlichen Menagerien ge-
bracht. Doch ist Gaza nicht weniger berühmt für
seine eigenen Produkte. Gaza-Wein zum Beispiel
wurde im gesamten römischen Westen bis nach
England gepriesen!
Leider geht Wohlstand nicht immer Hand in
Hand mit Frieden und Beschaulichkeit. Als Grenz-
Eine Ausgrabung
stadt war Gaza auch ein Ort der Konfrontation und ihr Ausgräber
zwischen Ägypten, das es seit dem 15. Jh. vC zum
Brückenkopf für seine Eroberungen Richtung Nor-
den und Osten gemacht hatte, und den verschie-
denen Reichen – Assyrer, Babylonier und später Als der Gazastreifen 1993 nach 26 Jahren israelischer Mili-
Perser –, die Ägypten die Vorherrschaft streitig tärbesatzung an Palästina zurückgegeben wurde, baten die
machten. Auch nach der Eroberung durch Alexan- französischen Behörden die École biblique et archéologique de
der d. Gr. im Jahr 332 vC stritten die Dynastien der Jerusalem, die Palästinensische Autonomiebehörde bei der Ein-
Ptolemäer in Ägypten und der Seleukiden noch richtung einer Antiquitätenbehörde in Gaza und der Ausbildung
um Gaza, bis es 198 vC Syrien angeschlossen seiner Mitarbeitenden zu unterstützen. Jean-Baptiste Humbert,
wurde. 96 vC wurde Gaza schließlich vom Hasmo- dem diese Aufgabe zufiel, war 1969 als junger Dominikaner,
näer Alexander Jannäus dem hasmonäischen Kö- gut ausgebildet als Zeichner und prähistorischer Anthropologe,
nigreich einverleibt und musste auf den von den in Jerusalem angekommen. Als Leiter des Archäologielabors
Römern geschaffenen Frieden warten, um wieder hatte er Ausgrabungen in Galiläa und Jordanien durchgeführt,
© Library of Congress, Washington

dauerhaft zu Ruhe und Prosperität zu kommen. bevor er 1994, im selben Jahr, in dem die französisch-palästi-
In Gaza kam es auch auf religiöser Ebene zu nensische Mission in Gaza begann, mit der Veröffentlichung
internen Auseinandersetzungen. In dieser Stadt, der Ausgrabungen von Qumran betraut wurde. In acht Kampa-
die leidenschaftlich an ihren heidnischen Kulten gnen, unterbrochen von militärischen Krisen, hat sein Team die
festhielt, drang das Christentum nur zaghaft mit Fundstätte von Blakhiyeh und die byzantinische Basilika von
den Seeleuten im Hafen von Maïouma vor – bis Jabaliyah sowie andere gefährdete Stätten in der sich ausbrei-
Bischof Porphyrios von Gaza (353–420) mit sei- tenden Besiedlung gerettet.
nem Wunderwirken die Bekehrung eines Teils

70
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welt und umwelt der bibel 1/2022
Gaza

der Bevölkerung erreichte und die acht ansässi-


gen heidnischen Tempel zerstören ließ, darunter
Ein Mosaik dokumen- den des Hauptgottes Zeus Marnas, der noch von
Kaiser Hadrian errichtet worden war. Doch schon
QUELLE
tiert die Stadt vor diesen Ereignissen hatte der heilige Hilarion
(291–371), der aus Maïouma stammte, ein Schüler
Gaza ist auf dem Mosaik von Madaba in Jordanien des heiligen Antonius gewesen war und ein aske-
abgebildet, einer Karte des Heiligen Landes aus dem tisches Leben in Ägypten geführt hatte, sich nicht
6. Jh. nC. Die halb zerstörte Vignette (man erkennt noch „...ZA“ von der weit von seiner Heimatstadt niedergelassen und
Beschriftung, s. Abb. rechts) zeigt eine ummauerte Stadt mit Theater, das palästinensische Mönchtum gegründet. Seine
die um zwei senkrechte Straßen mit Säulengängen, den cardo und den Klosteranlage war seit dem 4. Jh. bis ins 7. Jh. in
decumanus, organisiert ist. An der Kreuzung der beiden befand sich ein Betrieb. Sie wurde unter der Düne von Tell Umm
Denkmal. Vielleicht stand hier die vom Rhetoriker Procopius in seiner el-Amr, etwa zehn Kilometer südlich von Gaza,
Abhandlung über Gebäude (um 500) beschriebene Uhr oder die Statue entdeckt. 637 stoppte die islamische Eroberung
der Venus, deren Kult die Christen schockierte. Aus schriftlichen Qellen die Dynamik des Christentums, doch der Sand der
wissen wir von einem Hippodrom außerhalb der Stadtmauern. Dünen begleitete die Geschichte weiterhin. W

David als
© Michele Piccirillo, Studium Biblicum Franciscanum // Zev Radovan/Lebrecht/Leemage // EBAF

Orpheus mit
der Harfe auf ei-
nem Mosaikboden
in der Synagoge von
Maïouma, 6. Jh. nC. Gaza auf dem Mosaik von Madaba, 6. Jh. nC.

Scherbe griechischer Keramik aus Blakhiyeh/Anthedon, 5. Jh. vC.

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welt und umwelt der bibel 1/2022 71
Die Bibel in berühmten Gemälden • Kim Ki-chang genannt Unbo

Kalvarienberg
Von Régis Burnet

W
as ist überraschender an dieser Kreuzi- Gürtel zusammengehalten wird? Auch in Europa
gungsszene des koreanischen Künstlers finden wir die gleichen widersprüchlichen Be-
Unbo: dass sie uns fremd vorkommt, strebungen nach Vertrautheit und Fremdheit.
oder dass sie uns viel zu bekannt vorkommt?
Überrascht das Exotische oder das Vertraute? Seit Der Künstler
dem 16. Jh. und den Jesuitenmissionen in China Kim Ki-chang, genannt Unbo (1914–2001), war
wird über die Inkulturation des Christentums im ein berühmter koreanischer Künstler, der seinen
Fernen Osten nachgedacht – wie lassen sich die Stil ständig veränderte. Seit dem Alter von sieben
Codes einer mediterranen Religion in der Kultur Jahren ist er gehörlos. Ausgebildet in klassischer
des Fernen Ostens ausdrücken? Je nach Zeit und
Herkunft der Missionare hat das unterschiedliche
und gegensätzliche Antworten hervorgebracht.
Es scheint, als hätte die radikale
Die ältesten künstlerischen Werke strebten eine Fremdheit des Christentums bewahrt
vollständige Inkulturation an, sodass also ein
westliches Auge manchmal nicht mehr zwischen
werden sollen
einem christlichen Werk und einem Werk der lo-
kalen Religion unterscheiden konnte. Die zweite koreanischer und japanischer Malerei (Nihonga),
Missionswelle des 19. Jh. tendierte dagegen zu übernahm er in den 1950er-Jahren westliche
einer Art Mittelweg, bei dem die im Westen her- Techniken und schuf in den 1960er-Jahren eine
kömmliche Ikonografie nicht tiefgreifend verän- Reihe von surrealistischen Werken. Seit 1963 fin-
dert wurde: Nur die Techniken und einige formale den weltweit Ausstellungen mit seinen Werken
Details (von denen die Kleidung das offensicht- statt. In den 1970er-Jahren kehrte er zu einer eher
lichste ist) wurden angepasst. Das Merkwürdige klassischen Kunstform zurück, die Kalligrafie und
daran ist, dass es oft Menschen aus dem Westen chinesische Tuschezeichnungen und traditionelle
waren, die an der Inkulturation ihrer eigenen Themen einschließt, und versuchte sich auch in
westlichen Bilder in den östlichen Kontext ar- abstrakter Kunst. Er selbst bezeichnete sich als tief
beiteten, während Menschen des Ostens eine gläubig und hat einen Zyklus des Lebens Jesu in
begrenzt inkulturierte Umsetzung bevorzugten. 30 Malereien geschaffen. Bekannt ist er für seine
Es scheint, als hätten sie die radikale Fremdheit modernen Interpretationen von Landschaften und
des Christentums bewahren und es nicht an die volkstümlichen Motiven, die er oft mit energischen
Ausdrucksformen der lokalen Religionen anglei- Pinselstrichen aus Tusche auf Papier wiedergab.
chen wollen.
Eigentlich sollte uns das nicht überraschen, Der historische Kontext
denn das westliche Christentum hat dasselbe Die Einführung des Christentums in Korea ist ein-
getan. Auch wenn wir viele Werke anführen kön- zigartig in der Geschichte der Verbreitung dieser
nen, die die Kleidung und Ausstattung der Zeit Religion. Sie geht nicht auf Missionare zurück,
des Künstlers zeigen, bildete oft ein willkürliches, sondern der Weg wurde bereitet durch die Sozial-
imaginiertes „Heiliges Land“ das Setting. Warum reformbewegung Silhak: Deren Gelehrte studier-
können wir uns bis heute die biblischen Gestal- ten Werke von Jesuiten, die im 18. Jh. von Jesuiten
ten nur in einem weiten Gewand und einem an- in China veröffentlicht wurden. Daraufhin ent-
dersfarbigen Mantel vorstellen, der durch einen warfen sie neue gesellschaftliche Konzepte, die

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Das Gemälde christlichen Idealen der Gleichheit aller Menschen Formen erhalten. Das Modell, das Unbo hier nach-
Kim Ki-chang, nahestanden. Es waren also einheimische Gelehrte, ahmt, wird von François Boespflug und Emanuela
bekannt als die das Christentum brachten und um die sich erste Fogliadini als crowded crucifixion bezeichnet. Diese
Unbo, gemalt auf christliche Gruppen sammelten. Nach einer Phase Darstellungsweise, die am Ende des 13. Jh. entstand,
Seidenpapier, von Verfolgungen lag die Evangelisierung Koreas ab war im 14. und 16. Jh. sehr beliebt. Neben Maria und
107 x 73,5 cm, 1831 in den Händen der „Pariser Mission“, einer ka- Johannes, die bereits in der byzantinischen Kunst
1953. Seoul, tholischen Gesellschaft, die Priester entsandte. Die am Fuße des Kreuzes zu sehen waren, sind hier die
Nationalmuseum
Anwesenheit von Christen blieb bis Mitte des 20. Jh. beiden Schächer, heilige Frauen, Jünger, Henker, rö-
von Korea.
unauffällig, trotz der Ankunft amerikanischer und mische Soldaten zu Fuß oder zu Pferd, Vertreter der
britischer protestantischer Missionare (Presbyteria- jüdischen Behörden und vor allem eine große Zahl
ner und Methodisten). Nach dem Zweiten Weltkrieg von Schaulustigen zu sehen.
breitete sich das Christentum in Südkorea sowohl Giotto schuf in der Scrovegni-Kapelle (1305)
auf protestantischer (insbesondere evangelikaler) eines der ersten Fresken nach diesem Modell. Zu
als auch auf katholischer Seite rasch aus, sodass es dieser Zeit gab es nur einige wenige Anwesende,
heute vor dem Buddhismus die am stärksten vertre- aber sie wurden bald vervielfacht, um alle Wände
tene Religion des Landes ist. Drei der letzten Präsi- zu bedecken, wie in Santa Maria Novella in Florenz
denten der Republik Korea waren Christen, darunter (Andrea di Bonaiuto, 1365). Auch die flämische und
der Katholik Kim Dae-jung (1998–2003), der Presby- deutsche Kunst blieben von dieser Mode nicht ver-
terianer Lee Myung-bak (2008–2013) und der aktu- schont, und wir wissen von Kalvarienbergen, die
elle Präsident, der Katholik Moon Jae-in (seit 2017). von einer bunten Gesellschaft bevölkert wurden, die
sich dabei oft in Anekdoten verlor. Die geschnitzten
Die Geschichte des Motivs Holzaltäre verstärken dieses Gefühl der Fülle, da
© Leemage

Die Kreuzigung, die am meisten dargestellte Szene einige von ihnen bis zu hundert mit erstaunlicher
der Biografie Jesu, hat im Laufe der Geschichte viele Präzision gefertigte Figuren enthalten. W

73
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2

1. Eine Kreuzigung in Jesu Haupt als Zeichen der Heiligkeit.


westlichen Codes Unbo hat sogar das Suppedaneum, den
stützenden Holzsteg unter Jesu Füßen,
Während die Landschaft und die Anwe- der im 7. Jh. in der abendländischen
senden eher an die koreanische Kultur Kunst auftaucht, eingezeichnet und be-
angepasst sind, übernimmt die Kreu- achtet damit die Tradition, dass Chris-
zigung fast alle westlichen Codes: drei tus angenagelt ist, während die beiden
Hochkreuze, darunter das Christus-Kreuz Mitgekreuzigten gefesselt sind. Nur die
Régis Burnet ist Professor
in der Mitte, leicht nach vorne geneigt; Identifizierung des bösen Schächers
für Neues Testament an
eine Lanze, die sich dem Körper Jesu folgt asiatischen Codes: Mit seinem zot-
der Universität Louvain
la-Neuve (Belgien). nähert; in Leinen gekleidete Figuren; teligen Bart, dem dicken Bauch und dem
das rein westliche Zeichen des Heili- spärlichen Haar ähnelt er von Karikatu-
genscheins in Form einer Scheibe hinter risten bevorzugten grotesken Figuren.

2. Chinesische Landschaftskunst
Es ist interessant, dass dieses Werk „Kalva-
rienberg“ und nicht „Kreuzigung“ heißt. In
Anlehnung an die chinesische Landschafts-
kunst wird der Ort zu einem grundlegenden
Element der Komposition. Sie ist nicht rea-
listisch, sondern weckt Empfindungen und
Gedanken, indem sie einer Reihe präziser
Regeln gehorcht. Eine davon ist, den Bergen,
den Felsen und der Natur eine wichtige Rol-
le einzuräumen. So wird die Szene von ei-
ner Kette fein geschnittener Berge begrenzt,
die den Blick von links nach rechts oder von
rechts nach links zu Christus führen. Dies
ist auch der Grund, warum die rechte Seite
des Bildes von einem üppigen Pflanzenvor-
dergrund eingenommen wird; ein Baum mit
knorrigen Ästen schließt das Bild ab und
umschreibt ein Zentrum. Eine zweite Regel
besteht darin, dem Auge einen Weg zu bah-
nen, entweder durch einen Fluss oder einen
gewundenen Pfad. Der Maler ist hier inno- gentliche Bedeutung des Werkes liegt. se traditionelle Landschaftskunst wird
vativ: Die Figurenreihe, die in einer wellen- Hier ist es Christus, der gesehen wer- Shan shui genannt, wörtlich „Bergwas-
förmigen und kompakten Masse dargestellt den muss. Als helle, strahlende Fläche ser“. Während die Berge vorhanden sind,
ist, suggeriert dem Auge, um den Kalvarien- in der Dunkelheit scheint er die ganze fehlt aber das fast unverzichtbare Was-
berg herumzugehen, um das Kreuz Christi zu Szene zu erleuchten, einschließlich des ser-Element. Es ist besonders bezeich-
erreichen. Diese beiden Regeln erlauben es Berges, der im Vordergrund liegt: Er nend, dass Unbo es durch die Schar der
Unbo, die dritte Regel einzuhalten: den Nu- steht im Kontrast zu den anderen, im Anwesenden ersetzt hat, die an einen
kleus des Bildes abzugrenzen, in dem die ei- Schatten liegenden Eminenzen. Die- menschlichen Fluss erinnert.

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Die bibel in Berühmten Gemälden

QUELLE

„Bei dem Kreuz Jesu standen


seine Mutter und die Schwes-
ter seiner Mutter, Maria, die
Frau des Klopas, und Maria von
Magdala. Als Jesus die Mutter
sah und bei ihr den Jünger, den
er liebte, sagte er zur Mutter:
Frau, siehe, dein Sohn! Dann
sagte er zu dem Jünger: Siehe,
deine Mutter! Und von jener
Stunde an nahm sie der Jünger
zu sich. Danach, da Jesus wuss-
3. Eine Menschenmenge in Hanbok krempigen Hut aus Rosshaar, den Gat, der te, dass nun alles vollbracht
ihren Dutt zeigt. Im Gegensatz zu den Chi- war, sagte er, damit sich die
Das auffälligste Detail ist natürlich, dass alle nesen, die häufig leuchtende Farben bevor- Schrift erfüllte: Mich dürstet.
Bediensteten Hanbok tragen, die traditionel- zugen, zeichnen sich die Koreaner durch ihre Ein Gefäß voll Essig stand da.
le koreanische Tracht, die aus der Joseon-Dy- Vorliebe für Pastellfarben aus (Altrosa, Was- Sie steckten einen Schwamm
nastie (1392–1910) übernommen wurde. Die sergrün, Ecru usw.). Die Soldaten sind durch voll Essig auf einen Ysopzweig
Frauen tragen eine farbige Bluse (jeogori), die ihren runden Kopfschmuck mit rotem Band und hielten ihn an seinen
mit einem Rock (chima) kombiniert wird, der und Pompon, den Beonggeoji, erkennbar. Eine Mund. Als Jesus von dem Essig
durch einen Gürtel zusammengehalten wird. Figur sticht hervor: Es ist die Frau, die am genommen hatte, sprach er: Es
Sie stellen ihr kunstvoll gestaltetes Haar zur Fuß des Kreuzes steht und ein weißes Kleid ist vollbracht! Und er neigte
Schau. Die Männer haben einen farbigen und einen sehr langen grünen Schleier trägt. das Haupt und übergab den
Mantel, den Durumagi, über eine helle Hose, Ist es die Mutter Maria, die der Maler auf die- Geist. Weil Rüsttag war und die
den Baji, angezogen. Sie tragen einen breit- se Weise individualisieren will? Körper während des Sabbats
nicht am Kreuz bleiben sollten
– dieser Sabbat war nämlich
4. Der sitzende Mandarin ein großer Feiertag –, baten
die Juden Pilatus, man möge
Der Anführer der römischen Garde, der für ihnen die Beine zerschlagen
die Hinrichtung verantwortlich war, wird in und sie dann abnehmen. Also
der westlichen Kunst häufig zu Pferd dar- kamen die Soldaten und zer-
gestellt. Das ist in Korea undenkbar, wo die schlugen dem ersten die Bei-
Würde von Amtsträgern verlangt, dass sie ne, dann dem andern, der mit
sitzen. Unbo hat deshalb einen Mandarin ihm gekreuzigt worden war. Als
mit einer weiten Tunika und weiten Ärmeln sie aber zu Jesus kamen und
gemalt, auf die das bunte Abzeichen seines sahen, dass er schon tot war,
Amtes gestickt ist. Er trägt eine geflügelte zerschlugen sie ihm die Beine
Mütze (wushamao), der Amtstracht der chine- nicht, sondern einer der Solda-
sischen Ming-Dynastie (1368–1644) nach- ten stieß mit der Lanze in sei-
empfunden, die alle königlichen Beamten ne Seite und sogleich floss Blut
besaßen. Er ist von Standarten und Spießen und Wasser heraus“. (Johannes
umgeben, die signalisieren, dass diese Hin- 19,25-34, Einheitsübersetzung)
richtung legal ist.

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welt und umwelt der bibel 1/2022 75
Ausstellungen und Veranstaltungen
Berlin
Iran. Kunst und Kultur Besondere Tagung:
aus fünf Jahrtausenden Stuttgart
Bis 20. März 2022 Bild-fromm?
Sehen, erkennen,
Von den frühen Hochkulturen bis zur Neuzeit sind
glauben …
rund 360 Objekte aus der Sarikhani-Sammlung,
London, mit Exponaten der Staatlichen Museen Montag 23. Mai, 13 Uhr, bis
zu Berlin zu sehen. Dienstag 24. Mai 2022, 17.30 Uhr
James-Simon-Galerie, Bodestraße, 10178 Berlin • Württembergische Landes-
Sitzende Frauenfigur,
bibliothek Stuttgart
Chloritfigurine, Detail. Tel. +49 (0)30 266 42 42 42, Di–So 10–18 Uhr,
• Katholische Akademie in
Baktrien, 2. Hälfte 3. Jt. vC. Eintritt 10/5 EUR, www.smb.museum
Stuttgart-Hohenheim

Wissenschaftliche Begleittagung
zürich zu einer Ausstellung der Würt-
tembergischen Landesbibliothek
Gesundheit – Stuttgart mit Bibel-Illustrationen
7000 Jahre Heilkunst aus verschiedenen Jahrhunderten.

Bis 30. April 2022 Die Tagung stellt die Frage,


An welchen Krankheiten litten Menschen seit der ob Begegnung mit Gott durch das
Bild/im Bild möglich ist. Fördert
Steinzeit und wie versuchten sie, zu heilen und zu
Ästhetik einen Zugang zu Glau-
lindern? Eine Zeitreise durch Jahrtausende.
bensinhalten – und inwieweit
Kulturama, Englischviertelstrasse 9, prägten und prägen Bilder das
CH-8032 Zürich, Tel. +41 (0)44 260 60 44, Verständnis von biblischen Tex-
Kaugummi aus Birkenteer Di/Do/Fr 13–17 Uhr, Mi 13–20 Uhr, ten? Welchen Einfluss nahmen
gegen Zahnschmerzen. Sa/So von 13–18 Uhr, Eintritt 14/11/9 CHF, und nehmen Bilder-Bibeln auf
www.kulturama.ch die Frömmigkeit der Gläubigen?

Referent/innen:
Prof. Dr. Margit Eckholt, Osnabrück
Hildesheim Prof. Dr. Daniel Benga, München
Seuchen – Fluch der Vergangenheit, Prof. Dr. Rita Burrichter, Paderborn
Prof. Dr. Wilfried Eisele, Tübingen
Bedrohung der Zukunft Dr. Tobias Rainer, Zürich
Bis 1. Mai 2022 Prof. Dr. Reinhard Hoeps, Münster
Dr. Christian Herrmann, Stuttgart
Die Sonderausstellung zeichnet die Geschichte der Seuchen durch die Jahrhunderte
nach. Gut informiert wirft die Ausstellung einen Ausblick in die Zukunft. Informationen, Anmeldung,
Roemer- und Pelizaeus-Museum, Am Steine 1–2, 31134 Hildesheim, Tagungsprogramm, Kursbeitrag:

© The Sarikhani Collection / J. Bodkin © Kulturama Joanna Lesniewska


Tel. +49 (0) 5121 93 69 0, Di–So 10–18 Uhr, Eintritt 10/8 EUR, www.akademie-rs.de
www.seuchenausstellung.de

nürnberg Die Ausstellung zur Tagung:


Augustus - Vespasian
Bild-fromm?
– Trajan: Manifestation Die Bibel in Bildern
der Macht in Bildern 26. April bis 7. August 2022
Bis 7. Mai 2022 in der Württembergischen
Landes­bibliothek Stuttgart
Drei Kaiser, die eine besondere Zeit des frühen Judentums und die Entstehungszeit des
Neuen Testaments begleitet haben. Wie agierten sie machtpolitisch?
Naturhistorisches Museum, Marientorgraben 8, 90402 Nürnberg, Tel. +49 (0)911 22 79 70,
Di–Fr/So 10–17 Uhr, Sa 13–17 Uhr, Eintritt 5/3 EUR, www.nhg-museum.de

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Studienveranstaltungen
zu den Themen von
Welt und Umwelt der Bibel

digitaler Talk mit unseren Autor/innen


Einmal heilig, immer heilig:
Wenn heilige Räume übernommen und
gemeinsam genutzt werden
Mittwoch, 2. März 2022, 19 Uhr
Wenn verschiedene Religionen denselben Raum nutzen
oder voneinander übernehmen, wird es spannend – oder
spannungsgeladen. Werfen Sie mit unserem Referenten
einen Blick auf dieses faszinierende Phänomen.
Referent: Dr. Georg Röwekamp,
Leiter des Pilgerhauses Tabgha des DVHL Wels: Bibel intensiv
am See Gennesaret. Autor in dieser Aus-
gabe und Mitglied des Redaktionskreises
Heilige Räume. Tempel – Kirchen – Synagogen
Samstag, 22. Oktober 2022, 9 Uhr,
Moderation: Wolfgang Baur,
bis Sonntag, 23. Oktober 2021, 12.30 Uhr
Redaktion „Welt und Umwelt der Bibel“
Bildungshaus Schloss Puchberg
Anmeldung und Information: bitte bis zum
Referenten: em. Univ. Prof. Franz Hubmann,
1. März 2022 per E-Mail an wub@bibelwerk.de
Dr. Franz Kogler (Bibelwerk Linz)
Am Tag des Gesprächs erhalten Sie den Link zur
Kursbeitrag: 70 EUR, 15 EUR für Schüler/innen, Studierende
ZOOM-Konferenz.
Anmeldung und Information:
Bildungshaus Schloss Puchberg, Puchberg 1, A-4600 Wels
Tel. +43 (0)7242 47537, E-Mail: puchberg@dioezese-linz.at
Würzburg
Heilige Räume
Biblische Spurensuche und
Resonanzen in der Gegenwart Wels: Bibel intensiv
Samstag, 25. Juni 2022, 10–17 Uhr Die Zehn Gebote
Burkardushaus Würzburg Göttliche Gerechtigkeit und
menschliches Recht
Menschen leben in Raum und Zeit. Die Bibel ist davon
überzeugt, dass Gott im Raum präsent ist. Die Tagung Samstag, 12.3.2021, 9 Uhr,
blickt in einem ersten Teil in die Bibel und ihre Zeit, um bis Sonntag, 13.3.2021, 13 Uhr
sich mit ihrem Verständnis von Raum und heiligem Raum Bildungshaus Schloss Puchberg
zu nähern. In keinem christlichen Katechismus fehlt die Auflistung der Zehn
Ein zweiter Teil setzt das in Beziehung zu einem aktuel- Gebote und in keinem Katechismus findet man jene Fassung, die
len pastoralen Projekt im Gebiet Hubland in Würzburg. in der Bibel steht – nicht ganz zu Unrecht, denn die Bibel enthält
Dort entstehen gerade neue Räume. Was bedeutet das für zwei unterschiedliche Formen! Wie ist das zu erklären? Außerdem:
Theologie und das pastorale Handeln? Enthält das Zehnwort nicht Gebote, die für Christen gar nicht mehr
gelten? Muss man nicht mit Jesus die Zehn Gebote auf die zwei von
Teilnahmegebühr: 18 EUR, ermäßigt 14 EUR
Gottes- und Nächstenliebe reduzieren? Viele Fragen!
Anmeldung und Information:
Referenten: em. Univ. Prof. Franz Hubmann,
Burkardushaus, Tagungszentrum am Dom,
Dr. Franz Kogler (Bibelwerk Linz)
Am Bruderhof 1, 97070 Würzburg
E-Mail: info@domschule-wuerzburg.de Kursbeitrag: 70 EUR, 15 EUR für Schüler/innen, Studierende
Tel.: +49 (0)931 386 43 111
Anmeldung und Information:
Die Veranstaltung der Domschule Würzburg findet in Bildungshaus Schloss Puchberg, Puchberg 1, A-4600 Wels
© public domain

Zusammenarbeit mit dem Katholischen Bibelwerk in der Tel. +43 (0)7242 47537
Diözese Würzburg, der Katholischen Hochschulgemeinde E-Mail: puchberg@dioezese-linz.at
und der Pfarreiengemeinschaft Würzburg Ost statt. www.schlosspuchberg.at

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welt und umwelt der bibel 1/2022 77
Vorschau

IMPRESSUM
Heft 1/2022
Die nächste Ausgabe im Mai 2022:
„Welt und Umwelt der Bibel“ ist die deutsche
Ausgabe der französischen Zeitschrift
„Le Monde de la Bible“, Bayard Presse, Paris.

Bildung
„Welt und Umwelt der Bibel“ ist interdisziplinär
und ökumenisch ausgerichtet und entsteht in
enger Zusammenarbeit mit international
anerkannten Wissenschaftler/innen.

in frühchrist- Verlag und herausgeber:


Katholisches Bibelwerk e.V.,
edition „Welt und Umwelt der Bibel“,

licher Zeit
Postfach 15 03 65, 70076 Stuttgart,
Tel. 0711/61920-50, Fax 0711/61920-77
bibelinfo@bibelwerk.de
www.weltundumweltderbibel.de
Konto: Liga Stuttgart, BIC: GENODEF1M05
Wie lernt man Lesen, IBAN DE94 7509 0300 0006 4515 51

Schreiben, Religion? Redaktion: Dipl.-Theol. Wolfgang Baur,


Dipl.-Theol. Dipl.-Päd. Helga Kaiser
Redaktionskreis: Dr. Heinz Blatz;
Prof.in Dr. Heike Grieser; Dr. Matthias Hoffmann;
• Wie gebildet waren Jesus, Prof.in Dr. Sandra Huebenthal; Dr. Andrea Link;
seine Jünger und Jüngerinnen? Prof. Dr. Andreas Müller; Dr. Georg Röwekamp;
Prof. em. Dr. Dr. h.c. Stefan Schreiner
• Wie lernte man, Christ/Christin
Korrektorat: Michaela Franke M.A.,
zu sein? m._franke@web.de
• Sammlung von Wissen in Bib- Anzeigenverwaltung: Ralf Heermeyer,
heermeyer@bibelwerk.de
liotheken und Enzyklopädien
Erscheinungsort: Stuttgart
• Was lehrten Koran- und
© S. 5,13, 22–25,48–51, 65, 68–75 Ba­yard Presse
Klosterschulen? Int., „Le Monde de la Bible“ 2021, all rights reserved;  
© sonst edition „Welt und Umwelt der Bibel“
Gestaltung: Olschewski Medien GmbH,
Stuttgart, Sabrina Kirchner, Grafikdesignerin
und so geht es weiter: Druck: C. Maurer GmbH & Co. KG, Geislingen/
• Armenien. Auf Spurensuche im ältesten christlichen Land Steige
• Gärten der Alten Welt – eine Ahnung von Paradies PREISE: „Welt und Umwelt der Bibel“
erscheint vierteljährlich.
• Einzelheft: € 11,30 zzgl. Versandkosten
• Jahresabonnement: € 40,– inkl. Versandkosten
• ermäßigtes Abonnement für
bestimmen sie mit, was sie lesen! Schüler/Studierende € 32,– inkl. Versandkosten
• Abonnement mit Lieferung ins Ausland:
€ 46,– /ermäßigt € 38,– inkl. Versandkosten
Liebe Leserinnen und Leser, MITHERAUSGEBER:
Schweiz:
Wir laden Sie ein, an der Heftplanung teilzunehmen. Bibelpastorale Arbeitsstelle des SKB,
Wir beginnen nun, die Ausgabe 1/2023 zu konzipieren: Pfingstweidstrasse 28, CH-8005 Zürich
Tel. +41 (0)44/2059960, Fax: +41 (0)44/2014307
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Christentum in England Einzelheft sFr 19.– (zzgl. Versandkosten)
Jahresabonnement sFr 70.–
Abteien, Kathedralen, Universitäten – (inkl. Versandkosten)
Scholastik, Puritanismus, anglikanische Kirche ...
Österreich:
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Was würde Sie an diesem Thema besonders interessieren? Bräunerstraße 3/1. Stock, A-1010 Wien
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Wünsche mit: per E-Mail (wub@bibelwerk.de), Brief oder Fax. Jahresabonnement € 40,–; Studierende € 32,–
© Public Domain

Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Ihnen. (je zzgl. Versandkosten)
Eine Kündigung des Abonnements ist mit einer
vierwöchigen Kündigungsfrist zum Jahresende
Ihre Redaktion: Helga Kaiser, Wolfgang Baur und Barbara Leicht möglich.

78 2105102304131B am 21.01.2022 über http://www.united-kiosk.de


welt und umwelt der bibel 1/2022
■  VerständlicheBeiträge
■  Nah am Leben
■  Eine Oase zum Schmökern

Die Themen 2022


■ 1/22, Der Prophet Jesaja Jetzt
■ 2/22, Die Schlange, ein auch als
e-journal!
biblisches Motiv
■ 3/22, Offenbarung.
Wie spricht Gott
■ 1/22, Warten. Simeon
und Hanna

Gesamtübersicht der lieferbaren Hefte und weitere Infos zur Zeitschrift unter www.bibelheute.de

■  Neues und Aktuelles aus


Forschung und Praxis
■  Beiträge international
anerkannter Bibel-
wissenschaftler/-innen
■  Ausführliche Informationen
Die Themen 2022 über weiterführende
■ 1/22, Jeremia Literatur zum Heftthema
■ 2/22, Bibel lesen im Land
Jetzt
■ 3/22, Allein
auch als
■ 4/22, Der jüdische Jesus e-journal!

Gesamtübersicht der lieferbaren Hefte und weitere Infos zur Zeitschrift unter www.bibelundkirche.de

■  Anspruchsvoll
illustriert
■  Kulturen
und
Geschichte der
biblischen Welt
■  Reportagen,
Ausgrabungen
Die Themen 2022 und Ausstellungs-
■ 1/22, Heilige Räume. hinweise
Tempel, Kirchen, Synagogen
■ 2/22, Bildung in der Bibel:
Wie lernt man Schreiben,
Lesen, Religion?
■ 3/22, Armenien.
Das erste christliche Land
■ 4/22, Gärten. Eine Ahnung
von Paradies

„Bibel heute“ als Mitglied beziehen: € 40,­­– • „Bibel und Kirche“ als Mitglied beziehen: € 40,­­–
„Bibel heute“ und „Bibel und Kirche“ zusammen € 60,–
(Studierende, Rentnerinnen und Rentner sowie Menschen mit geringem Einkommen
nur € 25,– bzw. € 35,–)
Katholisches Bibelwerk e.V., Postfach 150365, 70076 Stuttgart
www.bibelwerk.de Tel.: 0711 6192050, E-Mail: bibelinfo@bibelwerk.de
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Unsere Backlist Gesamtübersicht der lieferbaren Hefte unter www.weltundumweltderbibel.de

■ Petrus, Paulus und die Päpste, Sonderheft 2006 ■ Türkei. Land der frühen Christen, 3/10
■ Athen. Von Sokrates zu Paulus, 1/06 ■ Kindgötter und Gotteskind, 4/10
■ Ostern und Pessach, 2/06 ■ Die Apostel Jesu, 1/11
■ Mose, 3/06 ■ Der Weg in die Wüste, 2/11
■ Auf den Spuren Jesu 1: Von Galiläa nach Judäa, 4/06 ■ Unter der Herrschaft der Perser, 3/11
■ Heiliger Krieg in der Bibel? Die Makkabäer, 1/07 ■ Bedeutende Orte der Bibel, 4/11

€ [A] 11,50 / sFr 19,–


Einzelheft € 9,80
■ Auf den Spuren Jesu 2: Jerusalem, 2/07 ■ Der Koran. Mehr als ein Buch, 1/12
■ Verborgene Evangelien: Jesus in den Apokryphen, 3/07 ■ Teufel und Dämonen, 2/12
■ Weihnachten, 4/07 ■ Nordafrika. Die Epoche des Christentums, 3/12
■ Gott und das Geld, 1/08 ■ Salomo, 4/12
■ Maria Magdalena, 2/08 ■ Jesusreliquien, 1/13
■ Die Anfänge Israels, 3/08 ■ Streit um Jesus: Gott und Mensch?, 2/13
■ Engel, 4/08 ■ Propheten, 3/13
■ Paulus von Tarsus, 1/09 ■ Herodes. Grausam und Genial, 4/13
■ Apokalypse, 2/09 ■ Was nicht im Alten Testament steht, 1/14
■ Konstantinopel, 3/09 ■ Die Evangelisten, 2/14
■ Maria und die Familie Jesu, 4/09 ■ Aufbruch zu den Göttern, 3/14
■ Das römische Ägypten, 1/10 ■ Die Ordnung der Sterne, 4/14
■ Pilatus und der Prozess Jesu, 2/10

■ 150 Jahre Biblische Archäologie, 1/15 ■ Diakone, Witwen und Presbyter, 3/20
■ Jesus der Heiler, 2/15 ■ Leben nach dem Tod. Von Osiris bis Jesus, 4/20
■ Christen in Äthiopien – Hüter der Bundeslade, 3/15 ■ Der See Gennesaret, 1/21
■ Wer waren die ersten Christinnen?, 4/15 ■ Die Samaritaner, 2/21
■ Die Christen des Orients, 1/16 ■ Johannes der Täufer, 3/21
■ Die Schöpfung: Bibel kontra Naturwissenschaft, 2/16 ■ Die Zehn Gebote, 4/21
■ Mystik in Christentum, Judentum und Islam, 3/16 ■ Heilige Räume, 1/22
■ Psalmen – Gebete der Menschheit, 4/16

Einzelheft € 11,30
€ [A] 11,80 / sFr 19,–
■ Heiliges Mahl – Zu Tisch mit den Göttern, 1/17
■ Messias – Der Traum vom Retter, 2/17
■ Götter und Tiere, 3/17
■ Juden, Christen, Muslime: Kunst des Zusammenlebens, 4/17
■ 70 Jahre Qumran: Neue Forschungen, 1/18
■ Nächstenliebe – ein christlicher Wert?, 2/18
■ Irland – Christentum zwischen Druiden u. Mönchen, 3/18
■ Die abenteuerliche Geschichte der Bibel, 4/18
■ Das Grab Jesu, 1/19
■ Exodus – Transit in ein neues Leben, 2/19
■ Traum – Fenster zum Göttlichen, 3/19
■ Maria. Jüdisch, christlich, muslimisch, 4/19
■ Rom, 1/20
■ Die Könige von Israel und Juda, 2/20

■ Judäa und Jerusalem, 256 S., € 12,80, € [A] 13,20, sFr 16,–
■ 1001 Amulett, 224 S., € 14,80, € [A] 15,30, sFr 19,–
■ Musik in biblischer Zeit, 104 S., € 11,90, € [A] 12,30, sFr 15,–
Bücher

■ Kleider in biblischer Zeit,112 S., € 14,80, € [A] 15,30, sFr 19,–


■ Das Land der Bibel. Ein biblischer Reiseführer, 144 S.,
€ 16,80, € [A] 17,30, sFr 21,–
■ Engelwelten, 196 S., € 35,–, € [A] 36,–, sFr 45,–

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LUTHER.
LUTHER.
500 JAHRE
ÜBERSETZUNG
DER BIBEL.

Feiern Sie mit uns 500 Jahre Bibelübersetzung!


Im September 1522 erschien das Septembertestament Martin Luthers, die erste vollständige
Übersetzung des Neuen Testaments in deutscher Sprache. Aus diesem Anlass bieten wir Ihnen die
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Ausgabe mit Liedern und JUBIL ÄUMSAUSGABE Schwarz ohne Apokryphen
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ISBN 978-3-438-03307-9 Silbergrau
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