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Enzyklopädie der Neuzeit Online

Entzauberung der Welt


(715 words)

In die Sprachen der modernen Kulturwissenschaften hat der seit dem 18. Jh. nachweisbare
Begri f der E. v. a. durch Max Weber Eingang gefunden. Im berühmten Aufsatz Die
protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus sprach der Heidelberger Gelehrte 1904/05
vom »großen religionsgeschichtlichen Prozeß der E. der Welt«, der in der altjüd. Prophetie
eingesetzt und in der harten innerweltlichen Askese des Puritanismus kulminiert habe. Alle
magischen Mittel der Heilssuche seien hier als Aberglaube und Frevel verworfen worden [1];
[3].

Den typologischen Kontrast von Askese und Magie nutzte Weber in seinen seit 1915
erschienenen Studien zur Wirtschaftsethik der Weltreligionen auch dazu, die außereurop.
Religionsgeschichten mit Blick auf ihre normierende Kraft für die »Lebensführung« der
Frommen vergleichend zu rekonstruieren und so die Eigenart des okzidentalen
Rationalisierungsprozesses zu erfassen. Nur im Okzident sei eine sonst allumfassende
magische Rechtfertigung sozialen Handelns von einer rein rationalen Legitimation abgelöst
worden, mit der Folge, dass eine einst von Göttern, Geistern und Dämonen durchwirkte
mythisch-magische, zauberhafte Welt nun von kalter kapitalistischer Rechenhaftigkeit
beherrscht und sinnleer wurde.

Gerade die Tendenzen intellektualistischer »E. der Welt« weckten in den kulturwiss. Diskursen
insbes. des späten 20. und frühen 21. Jh.s aber neue Sensibilität für die reiche Vielfalt magischer
Praktiken der frühnzl. europ. Gemeinwesen und für die seit der ersten romantischen
Geistesrevolution um 1800 (Romantik) immer wieder zu beobachtenden Tendenzen einer
neomythischen » Wiederverzauberung der Welt« durch Kunst und neue Religion. Es ist unklar,
von wem und wann – wohl erst in Reaktion auf Webers E.-Analysen – der Korrelatbegri f
»Wiederverzauberung« geprägt wurde, doch förderte dieser allgemein die Bereitschaft, in den
ideen- und mentalitätshistor. Konstruktionen der Nz. das dichte, alldurchdringende Ge echt
magischer Weltdeutungsmuster und Praktiken in allen konfessionellen Ausprägungen des
Christentums sowie im Judentum zu erkunden. In der Au lärungs-Historiographie zum 17.
und 18. Jh. werden kaum mehr Geschichten bloß des Sieges religionskritischer Vernunft
geschrieben, vielmehr nimmt man auch die Nachtseiten der Au lärung verstärkt wahr.

/
Dabei wurden immer auch alltagsprägende Zauber-Welten sichtbar, in denen als personale
Akteure imaginierte böse Mächte wie Teufel, Hexen und dämonische Schattenwesen ihre
Macht über den Menschen ausübten (Teufelsglaube; Dämonologie). Keineswegs nur im
dominant kath. Süden Europas, sondern auch in den nördl., protest. geprägten Territorien
blieben alte magische Vorstellungen verhaltensbestimmend, die v. a. der Renaissance-
Humanismus gemeinsam mit Überlieferungen von Platonismus und Hermetik aktualisiert
hatte. Die Unterscheidung zwischen einer »dämonischen Magie« der sog. »Schwarzkünstler«,
die mit Dämonen und Teufel(n) Verträge geschlossen hatten, und einer »natürlichen Magie«
naturkundlich gebildeter Heiler, die etwa mit Amuletten die guten Kräfte des Kosmos zum Heil
der Menschen einsetzten, verdankte sich Spekulationen über die innere Ordnung der
Schöpfung, in denen platonische Elemente mit Gehalten der jüd. Kabbala und christl.
Theosophie in Mythentransfer und kreativer Symbolosmose vielfältig kombiniert wurden.

Starken Ein uss gewann Agrippa von Nettesheims seit 1531 verö fentlichte De occulta
philosophia mit ihrer »ganzheitlichen« Sicht der Welt als eines vom göttlichen Weltgeist
durchdrungenen Organismus. Über Paracelsus, die »deutschen Mystiker« Valentin Weigel,
Jakob Böhme und Johann Valentin Andreae (Mystik), zahlreiche pan- oder theosophische
Autoren und Alchemisten (Theosophie; Alchemie) entfalteten diese Vorstellungen bis in die
Gegenwart des vermeintlich zweckrational nüchternen frühen 21. Jh.s hinein eine starke
Wirkung. Sie wurden auch durch die entschiedene Kritik am Aberglauben (bes. am Dämonen-
und Hexenglauben) durch Au lärer wie Balthasar Bekker, des Autors von De betoverde wereld
(dt. Die bezauberte Welt, 1690–1693), und Christian Thomasius (De crimine magiae, 1701) nicht
vollständig beseitigt.

In den Naturphilosophien der Romantiker und den beständig aktualisierten


Kosmosspekulationen von heutigen neureligiösen Sinnsuchern, Ganzheitlichkeitsspezialisten
oder Ökopietisten werden die Zaubereien des Dr.  Faustus ebenso fortgeführt wie in vielen
literarischen und visuellen Fiktionen. Sie alle vereint die Tendenz, einer als sinnentleert
erlittenen, durch E. ernüchterten Welt ein wenig von jenem Zauberglanz zurückzugeben, der
vormals anscheinend auf ihr lag.

Verwandte Artikel: Dämonologie | Magie | Okkultismus | Rationalismus | Säkularisierung

Friedrich Wilhelm Graf

Bibliography

[1] F. W. G , Art. Weber, Max, in: RGG4 8, 2005, 1317–1320

[2] H. G. K , Die Entdeckung der Religionsgeschichte, 1997

[3] G. K , Max Weber, Religion als Entzauberung der Welt, in: V. D (Hrsg.),
Kompendium Religionstheorie, 2005, 27–38

/
[4] P. C. M -T , Religion, Politik und Staatlichkeit im Spannungsfeld von Ver- und
Entzauberung der Welt, in: F. S. C et al. (Hrsg.), Jurisprudenz, Politische Theorie und
Politische Theologie: Beiträge des Herborner Symposions zum 400. Jahrestag der Politica des
Johannes Alhusius 1603, 2004, 451–461

[5] J. F. P / T . C. F (Hrsg.), Entzauberung der Welt. Dt. Literatur 1200–1500, 1989

[6] D. P , Entzauberung oder Wiederverzauberung der Welt? Die Säkularisierungsthese


auf dem Prüfstand, in: Loccumer Protokolle 56, 1998, 193–211.

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Graf, Friedrich Wilhelm, “Entzauberung der Welt”, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online, Im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen) und
in Verbindung mit den Fachherausgebern herausgegeben von Friedrich Jaeger. Copyright © J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst
Poeschel Verlag GmbH 2005–2012. Consulted online on 14 May 2020 <http://dx-doi-org.uaccess.univie.ac.at/10.1163/2352-0248_edn_SIM_258736>
First published online: 2019

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