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Enzyklopädie der Neuzeit Online

Familie
(7,932 words)

1. Allgemein
Article Table of Contents
Der F. liegt die biologische Tatsache zugrunde, dass alle
1. Allgemein
Menschen eine Mutter und einen Vater haben und dass
zumindest zwischen Mutter und Kind in der Regel eine 2. Begri fsgeschichte
über die Geburt hinausreichende Versorgungs- und 3. Demographische Aspekte
Gefühlsbeziehung besteht ( Elternliebe; s. u. 6.1.). F. ist von Familie, Haushalt und
zugleich eine soziale Institution, über die sich ein großer Verwandtschaft
Teil nicht nur der biologischen, sondern auch der sozialen 4. Die Familie in der Neuzeit
Reproduktion einer Gesellschaft vollzieht. Arbeit, 5. Familie und ö fentliche
Nahrungsverteilung und -aufnahme (Essen), Erziehung Ordnung
und Geselligkeit fanden auch in der Nz. zu einem großen 6. Eltern und Kinder
Teil im Rahmen von F. statt. Über die soziale Institution F.
7. Die Familienmahlzeit
sind die biologischen Dimensionen des Lebens in das
8. Jüdisch
System der wirtschaftlichen, politischen, rechtlichen und
kulturellen Praktiken einer Gesellschaft eingebettet [13. 1 
f.].

Die F. im biologischen Sinne der kernfamilialen Einheit eines Eltern-Paares und seiner Kinder
bildet einen Teil größerer Verwandtschafts-Strukturen. Diese wirken sich nachhaltig auf die
Formen des Zusammenlebens von F. im Rahmen von Haushalten aus. In Gesellschaften, in
denen Verwandtschaftsverhältnisse ausschließlich in männlicher oder weiblicher Linie
konstruiert werden, ist das Verbleiben verheirateter Brüder bzw. Schwestern in den Haushalten
ihrer Eltern wahrscheinlicher als in solchen, in denen (wie in Europa überwiegend der Fall) die
Verwandtschaftsbeziehungen gleichberechtigt über beide Seiten de niert sind. Hier kommt es
eher zur sog. Neolokalität der Paare bei der F.-Gründung. Die Einbettung von F. in das weitere
System der Verwandtschaftsbeziehungen wirkt sich aber nicht nur auf die Formen der
Haushaltsbildung, sondern auch auf die Gattenbeziehung, die Verteilung der Macht in der F.,
die geschlechtsspezi sche Arbeitsteilung oder die Erziehung aus.

/
Als soziale Institutionen von Gesellschaften sind F. und ihre Haushalte nicht nur
kulturspezi sch unterschiedlich konstruiert, sondern verändern sich mit diesen im Laufe der
Zeit. Das betri ft ihre äußere Gestalt (d. h. ihre Größe und Komplexität), bes. aber ihre sozialen
Funktionen und Leistungen. Schließlich verändert sich auch die einzelne F. selbst. Sie
durchläuft einen eigenen Familienzyklus. Diese F.-Zyklen besitzen wiederum bestimmte
schicht- oder epochenspezi sch übergreifende Merkmale.

F. als soziale Institution ist Teil von religiösen und politischen Ordnungen und wird durch
deren Wandel mitbestimmt. In der Geschichte der europ. Nz. wirkten sich wichtige
Strömungen und Zäsuren im religiösen, geistes- und mentalitätsgeschichtlichen oder
politischen Bereich immer auch auf die Au fassung und Ausgestaltung des Zusammenlebens in
der F. aus. Reformation und Pietismus, Au lärung, Liberalismus und Romantik, Revolution
und Restauration prägten das Verständnis von F. nachhaltig. Sie veränderten die Perspektiven
auf die gesellschaftlichen Klassi kationen von Ö fentlichkeit und Privatheit, auf die
Einbindung der F. in die ö fentliche Ordnung und die Eingri fsrechte von Staat und
Gesellschaft in den familialen Innenbereich. Diese Entwicklungen veränderten aber ebenso
das familiale Binnenverhältnis, die Vorstellungen über die P ichten und Rechte der F.-
Mitglieder.

Im Folgenden werden Grundlinien des Wandels und der Di ferenzierung von F. in den europ.
Gesellschaften der Nz. dargestellt. Die vielfältigen Dimensionen dieses Wandels erfordern von
der F.-Forschung einen hohen Grad an Interdisziplinarität. Denn F. als soziale Institution ist
mit praktisch allen Teilbereichen von Gesellschaft und den Lebensphasen des Individuums
verbunden (Lebenslauf). Sie ist daher (ebenso wie in ihrer histor. Dimension) nicht nur
Gegenstand aller Sozialwissenschaften, sondern auch der Theologie oder der
Rechtswissenschaft.

Andreas Gestrich

2. Begri fsgeschichte

Das Wort F. (aus lat. familia; ital. famiglia, span. familia, franz. famille, niederl./dän. familie,
schwed. familj, engl. family, poln. familia, böhm. familie) scheint zum Grundbestand der europ.
Sprachen zu gehören. Tatsächlich bürgerte sich der Begri f erst spät im dt. Sprachgebrauch ein.
Das Wörterbuch Kaspar Stielers (Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs oder
Teutscher Sprachschatz, 1691) kannte es noch nicht [5]. Erst seit dem beginnenden 18. Jh.
gelangte das Wort aus dem Französischen in die dt. Alltagssprache. Es habe, so Grimms
Deutsches Wörterbuch, dennoch lange gedauert, bis der neue Begri f »unter Bürger und Bauern
gebracht« und von ihnen verstanden worden sei [1.  1305]. Im Deutschen löste das Lehnwort F.
den älteren Begri f »Haus« ab. Noch zu Beginn des 18. Jh.s benutzten zahlreiche Autoren beide
Begri fe parallel; erst seit der Mitte des 18. Jh.s nden sich mit F. zusammengesetzte Begri fe
wie F.-Angelegenheiten, F.-Bild oder F.-Geheimnis.

/
Unter Haus verstand man die Gesamtheit der unter dem Regiment eines Hausvaters stehenden
Personen ( Haus, ganzes). Es bezeichnete somit eine Rechts-, Arbeits-, Konsum- und
Wirtschaftseinheit, zu der nicht nur die F. im heutigen Sinne, sondern auch das Gesinde und
der Besitz gehörten. In der Forschung spricht man heute auch von großer Haushalts-F. Der
ebenfalls geläu ge Begri f Groß-F. bleibt dagegen unpräzise und weckt falsche Assoziationen.
Der Begri f des Hauses in dieser älteren Bedeutungsvariante ist heute nur noch im Adel
geläu g (z. B. »Haus Habsburg«).

Meist weist das Auftreten neuer Begri fe auf einen Wandel kultureller, sozialer oder politischer
Sachverhalte, Wahrnehmungen oder Einstellungen hin. Dies wird beim Au ommen des
Begri fes F. allerdings nicht direkt deutlich. Denn F. übernahm zunächst das alte
Bedeutungsspektrum von »Haus«. Der dt. Sprache stand daher bis ins ausgehende 18. Jh. kein
Begri f zur Abgrenzung jenes durch enge Verwandtschaft verbundenen Personenkreises zur
Verfügung, den wir heute als F. bzw. Kernfamilie bezeichnen.

Dieses Verständnis der F. als eines unter der Leitung eines Hausvaters stehenden
Rechtsverbands (Familienrecht), der über die eigentliche, aus Eltern und Kindern bestehende
Kern-F. hinaus auch alle anderen Mitglieder des Haushalts umfasste, dominierte die F.-Theorie
und die staatliche und kirchliche F.-Politik der Nz. zum Teil bis in das 19. und 20. Jh.

Trotz der langen Übergangsphase, in der Haus und F. parallel benutzt wurden, deuten die
Aufnahme dieses Lehnworts und die Nutzungsbelege in den histor. Wörterbüchern doch
darauf hin, dass mit dem neuen Wort die Veränderungen, die sich bes. in den bürgerlichen F.
des 18. Jh.s anbahnten, besser gefasst werden konnten. Die einsetzende Abgrenzung der Kern-
F. von den Dienstboten und die Betonung ihrer Privatheit und Intimität, die im F.-Diskurs des
18. Jh.s wichtiger zu werden begannen, konnte der Begri f des Hauses nicht mehr fassen.

Andreas Gestrich

3. Demographische Aspekte von Familie, Haushalt und Verwandtschaft

3.1. Heiratsmuster

Einer der wichtigsten Zugänge zur Geschichte der F. ist die sog. Historische Demographie. Ihre
Fragestellungen und Methoden prägen seit den 1960er Jahren die moderne sozialhistor. F.-
Forschung nachhaltig [9]; [30]; [14. 163–170]. Die zu Beginn des 16. Jh.s einsetzenden
Kirchenbücher, die Taufen, Eheschließungen und Bestattungen erfassten, sind die wichtigsten
Quellen. Relativ früh war dieser Forschungszweig durch den Versuch geprägt, Strukturen der
Haushaltsbildung typologisch zu erfassen und ihre Verbreitungsräume festzustellen.

Auf der Grundlage von Zensusdaten des 19. und frühen 20. Jh.s wurden für Europa zwei
unterschiedliche Heiratsmuster herausgearbeitet. Westlich einer von St. Petersburg nach Triest
verlaufenden imaginären Linie war das durchschnittliche Heiratsalter (auch im

/
interkulturellen Vergleich) bes. von Frauen außerordentlich hoch; zugleich blieb ein großer
Prozentsatz der Bevölkerung ledig. Östlich dieser Linie dagegen wurde deutlich früher
geheiratet, außerdem war die Ledigen-Quote niedrig [19].

Diese Ergebnisse zum europ. Heiratsmuster wurden mit einer Kontrastierung westlicher und
östlicher Typen der Haushalts-Bildung kombiniert [20]. Danach heirateten Paare in Osteuropa
nicht nur bis ins 19. und 20. Jh. hinein relativ jung, sondern bildeten zudem häu g mit den
Eltern des Mannes zumindest für einige Zeit einen gemeinsamen Haushalt, der weiterhin unter
der Leitung von dessen Vater stand. Es bestand hier also eine starke Tendenz zur Bildung
komplexer Haushalts-F. (engl. joint household system oder multiplefamily households), die sich
aus mehreren verheirateten Paaren und deren Kindern zusammensetzten (Zadruga).

Außerdem herrschte in Osteuropa ein patrilineares Senioratsprinzip. Die Leitung des


Haushalts lag beim ältesten Mann. Für Mittel- und Nordwesteuropa dagegen war die
Einrichtung eines eigenständigen Haushalts durch die Neuvermählten (sog. Neolokalität)
charakteristisch, d. h. es herrschten Haushalte vor, die aus Kernfamilien bestanden und unter
der Leitung des neuvermählten Mannes standen. Um die Kontrastierung und genaue
Reichweite solcher westl. und östl. Haushaltsmuster gibt es in der Historischen F.-Forschung
eine noch anhaltende Debatte [8. 255–346].

Die Entstehung dieser Muster wurde zunächst in der Frühen Nz. vermutet. Inzwischen konnte
die Forschung jedoch deutlich machen, dass die Grundlagen für die Unterschiede in der
Ausbreitung der ma. Grundherrschafts-Verfassung durch die Ostkolonisation, in den dadurch
geprägten verschiedenen Formen des ländlichen Erbrechts (ungeteilte Ho folge in weiten
Teilen Westeuropas versus gleichberechtigtes Männererbe in Osteuropa; Erbpraxis, ländliche)
sowie in einer bes. im Balkan aufgrund der älteren Traditionen der Ahnenverehrung bis in die
Gegenwart verbreiteten größeren Bedeutung patrilinearer Abstammungsgruppen zu nden
sind [27. 264–270]; [28. 70–108].

3.2. Süd- und Osteuropa

Forschungen zu Südeuropa haben ergeben, dass v. a. Italien nur sehr bedingt in dieses Muster
passt. Hier lässt sich seit der Antike (wie für große Teile des Mittelmeerraumes) eine Tendenz
zu früher Heirat der Frauen und einem relativ hohen Heiratsalter der Männer nachweisen. In
Italien wurden grundherrschaftliche Strukturen zudem, wo sie existierten, schon seit dem
späten MA durch landwirtschaftliche Pachtverhältnisse verdrängt, die teilweise die
Herausbildung komplexer, patrilinear geprägter Haushaltsstrukturen (d. h. das
Zusammenwohnen mehrerer verheirateter Söhne mit ihren Eltern) begünstigten.

Im östl. Mittelmeerraum dagegen bildeten sich auf den durch Fischfang und damit häu ge
Abwesenheit und hohe Gefährdung der Männer geprägten Gesellschaften der griech. Inseln
zum Teil deutlich matrilinear geprägte Erbschafts- und Haushaltsformen heraus, während sich
im Balkangebiet zum Teil bis in die Gegenwart starke patrilineare Strukturen und komplexe
Haushaltsformen erhalten haben. War die Forschung zunächst (in Ergänzung zu der These

/
vom ost- und westeurop. Heiratsmuster) von einem eigenständigen mediterranen
Heiratsmuster ausgegangen [24. 526 f.], so wird in der jüngeren Forschung auf die sehr
unterschiedlichen Strukturen gerade dieses Raumes hingewiesen [27. 266 f.]; [7. 23–34].

Bei diesen Typisierungen handelt es sich jedoch nur um in den jeweiligen Regionen au fallend
häu g auftauchende Haushaltsformen, keineswegs um ausschließlich vorherrschende.
Haushalte durchlaufen immer einen vom Lebenszyklus der F. abhängigen Wandlungsprozess.
Die multiplen Haushaltssysteme Osteuropas können sich z. B. durch Teilung in eine Zahl
einfacher F.-Haushalte aufspalten, um erst im Laufe der Zeit wieder komplexe Formen
anzunehmen. Die einfachen Haushalts-F. (engl. simple family households), die in Mittel- und
Nordwesteuropa überwiegen, können zumindest als Mehrgenerationen-F. mit einwohnenden
Eltern begonnen haben, dann durch den Tod der Großeltern für eine längere Phase nur aus den
Eltern und ihren unverheirateten Kindern bestehen, um nach deren Verheiratung zumindest
für das auf dem Hof verbleibende Kind wieder in eine kurze Phase der Erweiterung
einzutreten.

Durch historisch-demographische Untersuchungen wurde zudem deutlich, dass die lange


verbreitete Grundannahme der F.-Soziologie, es sei im Zuge der sozioökonomischen
Modernisierung des nzl. Europas zu einer kontinuierlichen Entwicklung von vorindustriellen
Groß-F. zu modernen Klein-F. gekommen (sog. Kontraktionsthese), nicht haltbar ist (»Mythos
von der vorindustriellen Groß-F.« [26. 38]; [13. 6 f., 63–69]).

3.3. Geburtenbeschränkung

Eine andere Dimension dieser Kontraktionsthese stellt die Frage dar, ob die europ. F. sich
durch eine abnehmende Kinderzahl verkleinerten. Frühe Forschungen zur Histor.
Demographie gingen in der Regel davon aus, dass die systematische innereheliche
Geburtenbeschränkung ( Empfängnisverhütung; Sexualität) in Europa ein Phänomen erst des
späten 19. Jh.s gewesen sei. Intensivierte und individualisierte Partner- und Eltern-Kind-
Beziehungen führten demnach bes. im Bürgertum zu einer freiwilligen Beschränkung der
Kinderzahl – und damit auch zum Rückgang der hohen Kindersterblichkeit.

Inzwischen konnte jedoch anhand zahlreicher Untersuchungen zur ehelichen Fruchtbarkeit


(Fertilität) in frühnzl. Dörfern und Städten nachgewiesen werden, dass bereits im 17. Jh.
bewusste Geburtenplanung innerhalb der Ehe praktiziert wurde. In der Zürcher Oberschicht
schöpften viele Frauen seit der zweiten Hälfte des 17. Jh.s ihre fruchtbare Phase nicht mehr voll
aus, wenn sie bereits zwei lebende Söhne jenseits des durch Tod bes. bedrohten frühen
Kindesalters hatten. Das Ziel bestand darin, ihnen ein möglichst umfangreiches Erbe zu
erhalten, um den sozialen Status der F. zu sichern [31]. Ähnliche Strategien der innerehelichen
Geburtenkontrolle, die entweder auf einem Abbruch des Gebärens vor dem Ende der
fruchtbaren Lebensphase einer Frau oder auf dem künstlichen Vergrößern der Intervalle
zwischen den Geburten beruhten, lassen sich für die Frühe Nz. auch für andere soziale
Gruppen nachweisen. Im 17. Jh. praktizierte der franz. ebenso wie der engl. Hochadel
Geburtenkontrolle; F.-Planung lässt sich in einigen franz. Dörfern oder im kath. Bayern ebenso
nachweisen wie in ländlichen Regionen protest. Territorien [30. 92–94].
/
Allerdings gibt es auch genügend Beispiele für Dörfer, in denen sich Geburtenkontrolle erst im
19. Jh. demographisch belegen lässt. Als Regelverhalten setzte sich innereheliche
Geburtenbeschränkung erst im 19. Jh. durch. Den Beginn im europ. Vergleich machte
Frankreich, wo die Zahl der Geburten pro Ehe bereits im frühen 19. Jh. deutlich zu sinken
begann. Die restlichen europ. Länder folgten zwischen 1860 und 1910, mit Ausnahme einiger
peripherer Gebiete sowie traditionell kath. ausgerichteter Länder und Regionen wie Irland,
dem Alpenraum oder Teilen Spaniens, Portugals sowie Süditaliens [17. 517].

Andreas Gestrich

4. Die Familie in der Neuzeit

4.1. Partnerbindung

Eine der Besonderheiten der europ. F. liegt darin, dass sich bis zum Ende des MA ein System
einer bilateralen, über Vater und Mutter laufenden Verwandtschaft durchsetzen konnte. Eine
Folge davon war die starke Tendenz zur Gattenzentrierung der F. [28. 70–108]. Das von der
Bedeutung seiner Verwandtschaft her gleichberechtigte Eltern-Paar stand im Zentrum. Die
Bindung der Partner untereinander war stärker als die zu den Vätern bzw. Müttern. Dies
kommt u. a. in der Neolokalität der Partner nach der Heirat zum Ausdruck.

Ein weiteres Element, das die Stellung des Elternpaares gegenüber Ein üssen des weiteren
Verwandtschaftsverbandes stärkte, war die Spiritualisierung der Ehe durch die christl. Kirchen.
Zu diesem Prozess trug die bereits im hohen MA endgültige Festlegung der Ehe als Sakrament
sowie die Bindung ihrer Gültigkeit an den freiwilligen Konsens der Partner bei. Die Orthodoxe
Kirche ging mit der kath. Ehelehre hierin weitgehend konform. Für das Ehe- und F.-Verständnis
war dieser Wandel geradezu revolutionär, denn er verwandelte die Ehe »von einer sozialen,
zwei F. vorübergehend miteinander verbindenden Institution in eine von Grund auf intime,
zwei Personen auf ewig einende Beziehung« [29. 120]. Die neuere Forschung lässt deshalb den
Aufstieg stärker partnerschaftlich ausgerichteter Ehen und die Intensivierung der
Partnerbeziehungen bereits im MA beginnen und betont inzwischen mehr die Kontinuitäten
als die Unterschiede zwischen MA und Nz.

Nach protest. Au fassung konnte die Ehe kein Sakrament sein, da sie nicht heilsnotwendig sei.
Dennoch wurde sie auch im Protestantismus geistlich überhöht. Bei Luther und den anderen
Reformatoren blieb die Ehe ein Symbol der Beziehung Christi zu seiner »Braut«, der Kirche [2.
186 f.]. Außerdem kam hier zur religiösen Symbolik der Partnerbeziehung noch die geistliche
Überhöhung der F. bzw. des »Hauses«. Mit der Betonung des allgemeinen Priestertums aller
Gläubigen durch die protest. Kirchen stieg die Bedeutung der religiösen Unterweisung
außerhalb der Kirche. Das christl. Haus wurde zum wichtigsten Ort religiöser Sozialisation
(Erziehung). Die F. erhielt damit eine ganz neue Funktion.

Die vom Staat in der ö fentlichen Ausübung ihres Kultus vielfach unterdrückten engl.
Freikirchen, v. a. Anhänger des Puritanismus und Quäker, kultivierten diese »Spiritualisierung«
des Haushalts und die besondere Rolle, die dabei dem Elternpaar zukam, in ganz besonderer
/
Weise und trugen diese Dimension des protest. F.-Verständnisses auch in die Neue Welt.

Die Hervorhebung der Gattenzentrierung der F. und der Bedeutung des Konsenses der Partner
bei der Eheschließung war jedoch nicht gleichbedeutend mit Unabhängigkeit bei der
Partnerwahl. In diesem Zusammenhang gewann auch die protest. Ablehnung des
Sakramentscharakters der Ehe nochmals besondere Relevanz. Die Reformatoren konnten
damit gegen die heimlichen (sog. klandestinen) Ehen vorgehen, die ohne Zustimmung der
Eltern geschlossen wurden, aber nach dem kanonischen Recht der kath. Kirche dennoch
Gültigkeit besaßen. Der überwiegende Teil der protest. Kirchenordnungen sah vor, dass die
Eltern deren Au ösung beantragen konnten. Die kath. Kirche reagierte auf dem Trienter Konzil
(1545–1563) auf das Problem der klandestinen Ehen, indem sie den Sakramentscharakter der
Ehe und das Prinzip, dass bereits der Konsens der Partner eine gültige Ehe stifte, bestätigte.
Gleichzeitig führte sie aber für den Konsens bestimmte Formerfordernisse ein, die eine
Umgehung der Eltern weitgehend ausschlossen (Eheschließung).

4.2. Der Aspekt der Liebe

Vor diesem Hintergrund stellte sich in der Forschung die Frage, seit wann in Europa Liebe als
Grundlage der Partnerwahl angesehen wurde. Eine Position in dieser Debatte war die
Annahme, dass es Liebe als Grundlage der Partnerwahl vor dem ausgehenden 17. Jh. nicht
gegeben habe. Der Aufstieg der Liebesheiraten sei zuerst im 17. Jh. bei den gebildeten
Mittelschichten Englands festzustellen. Die auf individuelle Seelenprüfung ausgerichtete
Religiosität des Puritanismus habe hier die Entwicklung einer weltlichen Gefühlskultur
nachhaltig befördert [37. 149]. Andere Historiker betonten dagegen die Bedeutung der
individualisierenden Wirkung der kapitalistischen Wirtschaftsweise und der Arbeiterschaft für
die Durchsetzung von Liebesbeziehungen und -heiraten. Da es in dieser Schicht kein
nennenswertes Vermögen zu vererben gab, besaßen die Eltern auch kein materielles
Druckmittel, um Vernunftehen zu erzwingen [35. 295].

Anthropologisch orientierte F.-Forscher wiesen dagegen darauf hin, dass es wenig sinnvoll sei,
überhaupt einen histor. Anfang der Partnerliebe zu suchen; denn die Vorstellung von Liebe als
einer gewissermaßen lange Zeit verborgenen oder unterdrückten Fähigkeit menschlichen
Fühlens, die zu einem bestimmten Zeitpunkt »befreit« worden sei, übersehe die Tatsache, dass
Emotionen wie Liebe histor. und kulturell wandelbare Konstruktionen sozialer Beziehungen
darstellen. Eine Sicht der Liebe, die ihr einen festen, unwandelbaren Kern zuzuschreiben
versuche, verfehle die histor. Aufgabe, nach dem Wandel dieses Gefühls zu fragen [18. 88 f.];
[25].

Ein wichtiger Entstehungskontext moderner Vorstellungen von der Liebe in der Ehe ist in den
strukturellen Veränderungen im Bereich der geschlechtsspezi schen Arbeits-Teilung zu
suchen. Im traditionellen F.-Bild des »Hauses« war das Leitbild des »Arbeitspaares« verankert.
Es stand gemeinsam dem Haushalt vor und erfüllte seine jeweils spezi schen Aufgaben in der
Ökonomie des Hauses; dies bedeutete bes. im bäuerlichen Bereich vielfach auch konkrete
Zusammenarbeit (z. B. bei der Heu- und Getreideernte). Dieses Modell des »Arbeitspaares«
wurde seit dem ausgehenden 18. Jh. zunehmend von einem dichotomischen Modell
/
außerhäuslicher Berufs- und Erwerbsarbeit des Mannes und weiblicher Hausarbeit abgelöst
(Frauenarbeit). In dem Maße, in dem nun die Beziehung zwischen den Partnern nicht mehr
durch die gemeinsamen ökonomischen Aufgaben begründet wurde, wuchs die Bedeutung der
emotionalen Beziehung als dem eigentlichen Band zwischen den Partnern (
Geschlechterrollen).

Ein interessantes Phänomen im Kontext der Partnerwahl ist die Tatsache, dass in Europa seit
der Mitte des 18. Jh.s Heiraten innerhalb der Verwandtschaft zunahmen [17. 492–494]. Dies
bezieht sich auf alle sozialen Schichten, wobei aber in den untersuchten Regionen der
bäuerlichen Bevölkerung in der Regel eine gewisse Vorreiterrolle zukam. Die Zunahme der
cousin marriages ist ein für ganz Europa feststellbarer Trend. Am deutlichsten lässt er sich an
den päpstlichen Dispensationen für Verwandtenehen ablesen. In den Jahren 1683–85 nden
sich nur 310 solcher Ehedispense für Frankreich, Italien und Spanien zusammen, um 1860
dagegen waren es mehrere tausend pro Jahr [17. 493]. Ähnliche Entwicklungen lassen sich für
protest. Länder wie England, Skandinavien und – allerdings noch wenig erforscht – auch für
Deutschland feststellen. In dem württembergischen Dorf Neckarhausen stieg der Anteil der
Verwandtenehen zwischen der Mitte des 18. und der Mitte des 19. Jh.s von 25,4 % auf 49,4 %,
wobei der Anteil bei den Bauern und bes. bei den ratsfähigen F. sogar deutlich über 50 % lag
[34. 531–539]. Ähnliche Studien mit vergleichbaren Ergebnissen liegen für Italien und
Frankreich vor.

Diese Zahlen legen die Annahme nahe, dass durch die Verwandtenheirat der Austausch
zwischen zwei F. gefestigt, ihr Vermögen zusammengehalten und ihr sozialer und politischer
Status gesichert werden sollte. Diese Tendenz zur Abschließung der Heiratskreise wird auch als
ein Element der Herausbildung der modernen sozialen Klassen interpretiert [33. 157–159].

Andreas Gestrich

5. Familie und ö fentliche Ordnung

5.1. Religiöse Überhöhung

Über die religiöse Bedeutung des Haushalts als »kleiner Kirche innerhalb der Kirche«
(ecclesiola in ecclesia, vgl. Erziehung 4.) und erstem Ort der Verwirklichung von Gottes Geboten
wurde die F. zur Kerneinheit einer christl. Gesellschaft und zum Abbild eines wohlregierten
Gemeinwesens. Das Haus sollte vom Hausvater unter Mithilfe seiner Frau als christl. Haus
»regiert« werden. In der Erklärung zum vierten Gebot betonte Luther, dass Gott die Eltern –
und zwar durchaus beide Elternteile – gewissermaßen an seiner Stelle als Oberhaupt über die
Kinder gesetzt habe. Ungehorsam gegenüber den Eltern war Ungehorsam gegenüber Gott. Die
innere Ordnung bzw. Hierarchie des Hauses wurde so zu einer religiösen Angelegenheit und
zugleich zu einer Sache der Kirche und ihrer Kontrolle.

Zudem konnte auf dieser Grundlage eine Parallelität zwischen dem Hausvater und dem
Landesherrn konstruiert werden, der seine Macht ebenfalls »von Gottes Gnaden« herleitete
und sich nach den frühnzl. Regierungslehren gegenüber seinen Untertanen auch als
/
Stellvertreter Gottes auf Erden verstand. Dieses Bild des Hausvaters prägte trotz der Bedeutung
der Frau für die Ökonomie und Ordnung des Haushalts durch die gesamte Frühe Nz. die
protest. und zunehmend auch die kath. F.-Lehre, die über die sog. Hausväterliteratur
(gedruckte Ratgeber für die richtige Führung eines christl. Hausstandes) massenhaft verbreitet
wurden [10].

5.2. Au lärung und Romantik

Im 18. und 19. Jh. kam es im Zeichen von Au lärung und Romantik zu deutlich neuen
Ansätzen im Denken über Ehe und F. und deren Stellung innerhalb der ö fentlichen Ordnung.
Diese blieben zunächst weitgehend auf die Theorie beschränkt und entfalteten erst allmählich
eine nachhaltigere Wirkung (v. a. in den bürgerlichen Oberschichten; Bürgertum). Bereits im
17. Jh. hatten Hugo Grotius oder Samuel Pufendorf die Ehe als Vertrag de niert und auf dieser
Grundlage eine Lockerung des Scheidungsrechts verlangt (Eheau ösung). In der Philosophie
und im Rechtsdenken der Au lärung geriet bald jede religiöse Überhöhung der Ehe und der
sich daraus ableitende Anspruch der Kirchen auf die Aufsicht über das Ehe- und F.-Wesen
unter Kritik. Die Ehe sah man als bürgerlichen Vertrag an, der zu einem bestimmten Zweck
geschlossen wurde und deshalb in gegenseitigem Einvernehmen auch wieder au ösbar war
[39].

Stärkte das Denken der Au lärung einerseits das Selbstbestimmungsrecht der Individuen in
Ehe und F., so gliederte man die F. andererseits immer stärker in das Gesamtsystem der
bürgerlichen Rechtsordnung ein. Das Eherecht und das Familienrecht wurden nach dem
Prinzip der Staatsräson und der ö fentlichen Nützlichkeit ausgestaltet (Gemeinwohl). Die
großen Rechtskodi kationen des aufgeklärten Absolutismus, die Reformen Josefs II. in
Österreich, das Allgemeine Landrecht für die preußischen Staaten und natürlich auch der Code
Civil Napoleons ordneten die Ehe- und F.-Gesetzgebung insgesamt dem Ziel der allgemeinen
Wohlfahrt unter. Sie wurde funktional an einem übergreifenden Staatszweck ausgerichtet, in
das sich auch die F. einzufügen hatte.

Die F.-Mitglieder erhielten bezüglich ihrer P ichten klare Vorgaben: Der Vater hatte für den
Unterhalt der F. zu sorgen, die Mutter ihre Kinder selbst zu stillen; beide Elternteile hatten die
P icht, ihre Kinder zu »brauchbaren Mitgliedern des Staates« zu erziehen [4. 76, 108]. Die
preuß. Gesindeordnung von 1810 sprach dem Hausherrn noch weitgehende
Aufsichtsbefugnisse über das Gesinde zu; selbst ein eingeschränktes Züchtigungsrecht
gegenüber diesem wurde beibehalten, die hausväterliche Gewalt also gestärkt. Diese diente in
vielerlei Hinsicht als Ordnungsmacht des Staates (anstelle der noch nicht ausgebildeten
Polizei) [38].

Zu den übergeordneten Interessen konnte auch die Erhaltung der ständischen Ordnung zählen
(Stand, Stände; Ständegesellschaft). In Preußen bedurften deshalb standesungleiche Ehen von
Adeligen bis 1869 eines speziellen königlichen Dispenses [23. 114–118]; [22]. Die
familienrechtlichen Neuerungen des ausgehenden 18. Jh.s waren somit – nicht nur in Preußen

/
– ambivalent, indem sie zwar die individuellen Rechte innerhalb von Ehe und F. v. a. für Frauen
und Kinder vergrößerten, gleichzeitig jedoch die staatlichen Eingri fs- und
Steuermöglichkeiten erhöhten.

Die au lärungskritische Strömung der Romantik entwarf zu Beginn des 19. Jh.s ein neues,
gerade nicht an der Rationalität der Vertragstheorie orientiertes Leitbild für Ehe und F. Die
Romantiker lehnten jeden äußeren rechtlichen oder religiösen Rahmen für die Begründung
und Stabilisierung des Zusammenseins von Mann und Frau, Eltern und Kindern ab. Ehe und F.
sollten ausschließlich auf Liebe gründen. Solche romantischen Beziehungsformen bestimmten
in der Folgezeit mit der Forderung nach freier Liebe die Partnerschafts- und
Familienvorstellungen des (utopischen) Sozialismus. In der domestizierten Form der Liebesehe
wurden sie zum Leitbild bürgerlichen F.-Lebens.

Vor diesem Hintergrund kritisierte im 19. Jh. der Staatsrechtler Clemens Theodor Perthes, das
Allgemeine Landrecht für die preußischen Staaten verfüge »über die Verhältnisse der F. und
des Hauses, als ob dieses sich zum Staate ebenso wie die Caserne oder das Zuchthaus verhielt«
[12. 87]. Die Spannung zwischen Schutz des Individuums und Ö fnung des Innenraums der F.
bzw. des Hauses für die Regelungs- und Überwachungskompetenz des Staates wurde zu einem
grundsätzlichen Problem moderner, an den Individualrechten orientierter F.-Gesetzgebung.

Andreas Gestrich

6. Eltern und Kinder

6.1. Elternliebe

Elternliebe gilt als wichtigstes Kennzeichen der Beziehungen zwischen Eltern und v. a.
jüngeren Kindern. Der Beziehung zwischen Mutter und Kleinkind (der Mutterliebe) kommt in
diesem Beziehungssystem eine ganz besondere Bedeutung zu. Wie mit der Liebe des Paares
hat sich die histor. Forschung auch mit der Liebe der Eltern zu ihren Kindern (kaum jedoch mit
dem umgekehrten Aspekt) beschäftigt. Die breite Diskussion in Beziehung auf die
Kleinkindphase wurde v. a. von der von Philippe Ariès formulierten These bestimmt, dass die
Erwachsenen bis weit in die Frühe Nz. hinein kein wirkliches Verständnis für die Eigenart und
die Bedürfnisse von Kindern gehabt und aufgrund der hohen Säuglingssterblichkeit
(gewissermaßen als emotionaler Selbstschutz) weniger intensive Gefühlsbeziehungen zu den
Neugeborenen entwickelt hätten als moderne Eltern [6. 98] (Kindheit).

Dieser These wurde vielfach und mit Recht widersprochen. Dennoch gibt es auch für die Nz.
Befunde, die an einem allzu harmonischen Bild zweifeln lassen. Vier Bereiche wurden in
diesem Zusammenhang bes. intensiv untersucht: die Kindersterblichkeit, die Reaktionen der
Eltern auf den Kindstod, das Weggeben von Kindern zu Ammen und die Kindesaussetzung (
Findelhaus; Kindsmord).

/
Die Befunde sind insgesamt ambivalent. Die Tatsache, dass viele Säuglinge den Aufenthalt bei
Ammen außerhalb des elterlichen Hauses nicht überlebten, wurde hingenommen; umgekehrt
konnte das Abgeben eines Säuglings im Findelhaus für Eltern der Unterschicht in Krisenzeiten
die einzige Möglichkeit sein, dem Kind das Überleben zu sichern. Auch die Reaktionen auf den
Kindstod waren ambivalent. Aus F.-Briefen und anderen Quellen lassen sich Belege für tiefe
Trauer ebenso anführen wie für das Gegenteil [17. 565–571]. Aus vielen Briefen wird jedoch
deutlich, dass sich zu große Trauer aus religiösen Gründen verbot und vielleicht auch nicht in
der gleichen Weise verspürt wurde wie in säkularen Gesellschaften. Der Tod galt prinzipiell als
Erlösung und Rückkehr zu Gott, das »ewige Leben« als ein wichtiger Bestandteil der eigenen
Lebensperspektive.

In einem Brief Luthers kommt zum Ausdruck, dass er seine große Trauer und Unfähigkeit, Gott
für die Heimberufung seiner kleinen Tochter zu danken, geradezu als Sünde ansah. Er bat
deshalb einen guten Freund, dieses Dankgebet stellvertretend für ihn zu sprechen [3. 240].
Wenn man den Tod von Kindern nicht so »tragisch« nahm, dann ist dies auch in diesem
religiösen Kontext zu betrachten. Diese Haltung war nicht unbedingt ein Zeichen von Härte
oder Abstumpfung, sondern Aus uss der Überzeugung, dass die Kinder an einem besseren Ort
seien.

6.2. Erziehung

6.2.1. Gehorsam

In der traditionellen christl. Erziehungs-Lehre, die bis ins 19. Jh. in allen Schichten noch großen
Ein uss hatte, kam der F. eine zentrale Rolle in der christl. Erziehung der Kinder zu. Die
traditionelle religiöse Sozialisation in der F. erhielt in den sich als »christl.« de nierenden
Gesellschaften des Ancien Régime jedoch eine weit über den geistlichen Bereich
hinausgehende Bedeutung, v. a. für die allgemeine Wertevermittlung. Von ganz besonderer
Relevanz war die Einübung in die Geschlechterrollen und die geschlechterspezi sche
Arbeitsteilung.

Für die F.-Erziehung war die Gehorsamsforderung an die Kinder konfessionsübergreifend


zentral. Die Eltern galten als von Gott über die Kinder gesetztes Oberhaupt – wie der
Landesvater über die Untertanen. Die Forderung nach Gehorsam besaß jedoch nicht nur einen
ordnungspolitischen Aspekt im Rahmen des nzl. Obrigkeitsstaates. Sie stellte vielmehr einen
zentralen Bestandteil der religiösen Sozialisation dar und diente dem »Brechen« des
Eigenwillens. Dieser galt als Ausdruck der Erbsünde und war damit ein Hindernis auf dem Weg
der Selbstunterwerfung des Kindes unter die Gebote und den Willen Gottes. Da die Eltern für
das Kind die Stellvertreter Gottes auf Erden darstellen sollten, mussten sie in ihrer Erziehung
prinzipiell auf dem bedingungslosen Gehorsam der Kinder bestehen [15. 512–517].

Dies galt für alle Schichten, wenngleich die Erziehungstheorie immer strikter war als die Praxis;
v. a. in den ersten Lebensjahren herrschte vielfach ein eher weicher Umgang mit den Kindern.
Selbst zukünftigen Monarchen wurde diese bedingungslose Unterordnung unter den Willen
des Vaters abgefordert und Widerstand mit bes. harten körperlichen Strafen geahndet [21. 148].
/
Jenseits solcher Grundsätze war die F.-Erziehung jedoch zum einen stark ständisch
di ferenziert und unterlag zum anderen seit dem ausgehenden 18. Jh. (nicht zuletzt mit dem
Au ommen der Pädagogik) einem starken Wandel.

6.2.2. Adel, Bauern und Handwerk

Das Ziel adeliger Ausbildung in der Nz. war trotz aller Härte nicht die »gebrochene
Persönlichkeit«, sondern der Hofmann und Kavalier ( Standesbildung; Cortegiano). Aus diesem
Ideal ergaben sich zwei verschiedene Anforderungen, eine akademische und eine im weitesten
Sinne sportliche. Auch die adeligen Söhne sollten in gewissem Umfang den Bildungs-Kanon
der europ. Gelehrtenschicht beherrschen. Daneben trat die Kavaliersausbildung im engeren
Sinne: die Reitkunst, Tanz und die Fechtkunst musste man beherrschen; allerdings war auch
die Ausbildung der allgemeinen Körperhaltung und der Stimme wichtig.

Die häusliche Erziehung geschah in den Haushalten des höheren Adels in der Regel durch
einen Hofmeister (Lehrer/in). Dessen umfassender Unterricht bildete die Grundlage für die
Weiterbildung der Söhne außerhalb des Hauses. In der Erziehung der Töchter spielte die
Dressur des Körpers ebenfalls eine erhebliche Rolle. Die Anforderungen an ihren
akademischen Unterricht traten bei Mädchen dagegen bis ins 19. Jh. sehr zurück, wenn sie
auch nicht völlig fehlten ( Mädchenerziehung) [17. 587–590].

Die familiäre Kindererziehung der Bauern und des gewerblich tätigen Kleinbürgertums war
dagegen v. a. durch die frühe Integration der Kinder in den Arbeitsprozess geprägt (
Kinderarbeit). Arbeitserziehung geschah hier »naturwüchsig«, da »die von den Kindern zu
übernehmenden Einstellungen, Verhaltensweisen und Fertigkeiten durch unmittelbares
Erleben im Rahmen der Hausgemeinschaft vermittelt wurden« [36. 217].

Diese Einbeziehung in die Arbeitswelt der Erwachsenen erscheint durchaus ambivalent. Sie
verlangte den Kindern auf der einen Seite viel ab und nahm wenig Rücksicht auf ihre
Bedürfnisse; auf der anderen Seite war sie vielfach nicht ohne Konventionen und pädagogische
Alltagstheorie. Ebenso wie Frauen und Männern wurden im ländlichen Bereich den Kindern
bestimmte Arbeiten zugewiesen (z. B. das Viehhüten). Eine zu weit gehende Ausbeutung der
Kinder konnte im Dorf durchaus Protest hervorrufen. Vielfach fertigte man für Kinder
besonderes, ihrer Größe und ihrem Können angepasstes Arbeitsgerät an. Die Großeltern
spielten häu g mit ihrer etwas verminderten Arbeitslast und -geschwindigkeit für die
Einübung der Kinder in landwirtschaftliche Tätigkeiten eine besondere Rolle.

Auch in F., die ihren Lebensunterhalt in der Haus- oder Fabrikindustrie erarbeiteten
(Protoindustrialisierung), hielt man Kinder früh zur Arbeit an. Je geringer das Einkommen des
Mannes, desto relevanter wurde der Zusatzverdienst von Frauen und Kindern. In der
Hausindustrie erarbeiteten diese sogar häu g den größeren Teil des F.-Einkommens. Kinder
waren daher v. a. im Textilbereich wichtige Arbeitskräfte.

/
Zwar lässt sich die These, dass hausindustrielle F. aufgrund des niedrigeren Heiratsalters und
der hohen ökonomischen Bedeutung der Kinderarbeit generell mehr Nachwuchs als z. B.
kleinbäuerliche F. hatten, als allgemeine Annahme nicht aufrechterhalten; dennoch war die
Integration der Kinder in den Arbeitsprozess der Erwachsenen und damit auch der
Arbeitszwang gerade in der Hausindustrie bes. hoch. Das Angewiesensein der Erwachsenen
auf die Zuarbeit der Kinder verlieh diesen Tätigkeiten gegenüber der Kinderarbeit in der
Landwirtschaft oder im Handwerk eine besondere Stetigkeit und damit auch einen besonderen
Ausbeutungscharakter [32. 241].

Eine wichtige Rolle in der Erziehung spielte im Adel wie bei den Bauern und Handwerkern das
v. a. in Westeuropa verbreitete Institut des Gesinde-Dienstes. Es führte zum frühen Ausscheiden
von Kindern aus dem elterlichen Haushalt und zum Eintritt in fremde Haushalte, die aufgrund
ihrer spezi schen Phase im F.-Zyklus oder der besonderen Größe der Landwirtschaft eine
Ergänzung der verfügbaren F.-Arbeitskräfte benötigten. Im Handwerk setzte sich in Europa das
Lernen im fremden Betrieb, verbunden mit der hausrechtlichen Abhängigkeit der Lehrlinge
und Gesellen vom Meister, als allgemeine Ausbildungsform durch (Lehrzeit). Selbst im Adel
war das frühe Ausscheiden der Kinder aus dem elterlichen Haushalt und die Ausbildung als
Pagen an einem anderen Hof üblich. Gesindedienst war also zunächst keine Frage des sozialen
Status, sondern typisch für eine bestimmte Phase im Lebenslauf [27. 336–344].

6.2.3. Die bürgerliche Kernfamilie

In bürgerlichen Haushalten befanden sich die Kinder in den ersten drei Lebensjahren in der
Regel in der Obhut von Frauen (der Mütter, Ammen, Kindermädchen). Nach dieser
»Kleinkindzeit« jedoch wechselte meist die Zuständigkeit. In den bürgerlichen F. der Frühen
Nz. war Erziehung und Ausbildung der Kinder überwiegend eine Sache der Väter. Die meisten
Erziehungsschriften der Au lärungszeit richteten sich deshalb explizit an sie. Die Ursachen
dafür sind vielschichtig, u. a. sicherlich die Überzeugung, dass Vernunft männlich sei und
Au lärung und rationale Erziehung daher nicht den Frauen überlassen werden dürfe [40. 238].

Seit dem ausgehenden 18. Jh. ging diese Dominanz der Männer in der Erziehungsliteratur
deutlich zurück; die Ratgeberliteratur richtete sich nun direkt an die Mütter. Diese bestimmten
(auch aufgrund der zunehmenden beru ichen Abwesenheit der Väter) nun den
Erziehungsprozess immer stärker. Die bürgerlichen Väter verschwanden im 19. Jh. allerdings
nicht vollständig daraus. Sie zogen sich jedoch – ähnlich wie in Arbeiter-F. – vielfach auf die
Rolle des distanzierten, nur die Gesetzesübertretungen strafenden Herrschers zurück [32. 558–
562].

Eine der v. a. für die Sozialisationsprozesse bürgerlicher F. wichtigsten strukturellen


Veränderungen der F. war der Rückzug der Kernfamilie in einen privaten Raum und der damit
verbundene Prozess der Verhäuslichung von Kindheit. Dadurch wurden Interaktionsformen
zwischen Eltern und Kindern nachhaltig geprägt, der Erfahrungsraum von Kindern verändert
und die Wahrnehmung von Geschlechterrollen beein usst. Der Rückzug der Kern-F. in die

/
Privatheit lässt sich gut an der Di ferenzierung der Wohnräume nachvollziehen. Sie setzte in
manchen Regionen bei den städtischen Oberschichten bereits im HochMA ein, verbreitete sich
als gesamtgesellschaftliches Phänomen jedoch erst in der Nz.

Dem Gesinde und den Angestellten (die im MA und in der Frühen Nz. meist in den
herrschaftlichen Haushalt integriert waren; Haus, ganzes) wurden zunehmend eigene Räume
zugewiesen. Die Kern-F. zog sich zum Schlafen (Schlaf) und Essen in einen privaten Bereich
zurück. Dies lässt sich an ital. Bürgerhäusern bereits für die Zeit des SpätMA und der
Renaissance nachweisen. In bäuerlichen F. ndet sich die Di ferenzierung der Wohnbereiche
zwischen Gesinde und Herrschaft z. B. in Norddeutschland bereits im 18. Jh., im Alpenraum
erst im 20. Jh. Auch in den städtischen Mittel- und Unterschichten zog sich dieser Prozess bis
ins 20. Jh. hin. Kinder wurden dadurch (v. a. im gehobenen Bürgertum) in ihrer Wahrnehmung
der Außengrenzen der Kern-F. und der sozialen Unterschiede im Haushalt geprägt.

Bei der internen Di ferenzierung der kernfamilialen Wohnräume war unter


Sozialisationsgesichtspunkten das Au ommen separater Kinderzimmer bes. wichtig. Sie
nden sich in bürgerlichen oder adeligen Haushalten seit dem 18. Jh. Ihre Ausbreitung war von
einem Prozess der »Verhäuslichung« der Kindheit begleitet. Bildete die Straße bis ins 19. Jh.
hinein nicht nur einen Teil des Lebensraums von Unterschichts-, sondern auch von
Bürgerkindern, so brachte das 19. Jh. einen allmählichen Rückzug der Oberschichtskinder in
das elterliche Haus. Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern gestaltete sich dadurch
intimer und privater ( Intimität), gleichzeitig wurde auch die Kontrolle über die
Bewegungsräume der Kinder und ihre sozialen Kontakte verstärkt. Die Prozesse der
Di ferenzierung des Wohnraums (Wohnkultur) und der Verhäuslichung der Kindheit sind
somit wichtige Voraussetzungen für die spezi schen Interaktionen und Bindungen, die wir
heute mit der kernfamilialen Einheit verbinden [11]; [41].

Andreas Gestrich

7. Die Familienmahlzeit

7.1. Präsentation von Einheit

F. kennen verschiedene Formen, ihre Einheit und ihre internen Di ferenzierungen zu


inszenieren. Zu den einheitsstiftenden Formen gehörten v. a. im Adel und im gehobenen
Bürgertum die bildliche Darstellung von F. über Stammbäume, Ahnengalerien und seit dem
18. Jh. auch immer mehr über F.-Bilder, auf denen Eltern, Kinder und oft auch weitere
Verwandtschaft gemeinsam dargestellt sind. Bürgerliche F. veranstalteten seit dem 19. Jh. F.-
Tage, an denen die gesamte weitere Verwandtschaft zusammenkam, oder investierten in F.-
Stiftungen, aus denen weniger bemittelte Verwandte und bes. Studenten mit Stipendien
versorgt wurden.

Das zentrale Symbol der Präsentation von Einheit und Binnendi ferenzierung von F. und
Haushalt ist die gemeinsame Mahlzeit an einem Tisch. Die regelmäßige Teilnahme an
wenigstens einer gemeinsamen Mahlzeit am Tag galt und gilt als wichtiges Charakteristikum
/
für die Zugehörigkeit zu einem Haushalt. Gerade das gemeinsame Essen bildet jedoch ein
sozial außerordentlich stark strukturiertes Ereignis mit vielen rituellen Elementen, in dem
neben Zusammengehörigkeit auch soziale Hierarchien und Distanzen zum Ausdruck kommen,
in dem Macht ausgeübt, Rivalitäten zwischen Geschwistern oder Kon ikte zwischen den
Eltern ausgetragen werden und Kinder kulturelle Standards einüben.

Die hohe Bedeutung der gemeinsamen Mahlzeit (d. h. ihr gewissermaßen sakraler Charakter)
wurde in den europ. Gesellschaften bis ins 20. Jh. hinein von einem Großteil der Bevölkerung
durch das gemeinsame Tischgebet zum Ausdruck gebracht. Das gemeinsame Mahl der christl.
F. knüpft symbolisch auch an das große Vorbild des christl. Abendmahls an. Insofern ist gerade
die religiöse Einrahmung des gemeinsamen Essens wichtiger Ausdruck des
Selbstverständnisses als christl. F. bzw. christl. Haushalt.

Wesentlicher Ausdruck der Hierarchie bei einer Mahlzeit ist die Sitzordnung. In adeligen
Haushalten wurde der Anordnung der Personen bei Tisch von den Zeremonienmeistern und
zum Teil selbst von Herrschern große Aufmerksamkeit geschenkt. Die Nähe zum Hausherrn
stellte ein wichtiges Element der Rangordnung dar. Auch in bäuerlichen Haushaltungen mit
Gesinde wurde in der Regel bei Tisch eine der Stellung im Arbeitsprozess entsprechende
Sitzordnung eingehalten. Bei bürgerlichen F.-Feiern der Gegenwart spiegelt diese ebenso die
Beziehung zu den zentralen Personen wider. Kinder, soweit sie in der Frühen Nz. am Tisch der
Erwachsenen zugelassen wurden, mussten oft stehen. Hier waren allerdings die regionalen
Variationen groß, ebenso beim Stehen der Frauen. Sie bedienten z. B. in manchen Gegenden
Italiens oder Dänemarks die Männer und setzten sich erst, wenn diese gegessen hatten [17.
610–614].

Zur gemeinsamen Mahlzeit gehört die Konversation. Eine Mahlzeit, bei der niemand spricht,
ist in aller Regel Ausdruck einer Krise in der F. Allerdings ist das Reden bei Tisch den Regeln
und Gattungsnormen des Gesprächs unterworfen und somit auch Ausdruck von Hierarchien
und Routinen. Beim Tischgespräch gab es zumindest in Nordwesteuropa bis gegen Ende des
19. Jh.s eine sehr ausgeprägte Altershierarchie. In allen Schichten galt, dass Kinder bei Tisch
nicht reden sollten (bzw. zumindest still zu sein hatten), wenn die Erwachsenen sprachen.

7.2. Wandel der Familieneinheit

Ein wichtiger Veränderungsprozess bei den Mahlzeiten betraf die zunehmende soziale
Trennung zwischen Herrschaft und Gesinde sowohl in den städtischen bürgerlichen
Haushalten als auch auf den größeren Höfen auf dem Land. Bereits im 16. Jh. lässt sich dieser
Vorgang in ital. Städten verfolgen, spätestens im 17. Jh. bei den adligen Oberschichten
allgemein. In der Folgezeit breitete sich diese Abschließung der Kern-F. bei den Mahlzeiten
weiter aus. Lediglich in kleinbäuerlichen Betrieben und im kleinen Handwerk wurde die
Tischgemeinschaft zum Teil bis in das 20. Jh. beibehalten.

Allerdings bildete sich auch im bäuerlichen Bereich zunehmend eine Trennung zwischen
Gesinde und Herrschaft durch die Einrichtung eines speziellen Gesindetisches heraus. Je
reicher der Hof war, desto früher und stärker trat in der Regel eine solche Di ferenzierung ein.
/
Neben der zunehmenden räumlichen Trennung zwischen Bauern und Gesinde verbreitete sich
zunehmend auch eine qualitative Di ferenzierung des Essens. Auf dem Tisch des Bauern gab es
mehr oder auch besseres Fleisch. Traditionell wurde diese Unterscheidung der Quantität und
der Qualität der Fleischportionen zwischen den Geschlechtern getro fen. Es war wohl fast
überall üblich, dass die Männer (d. h. auch die Knechte) die besseren und größeren
Fleischportionen erhielten (Fleischkonsum).

Die zunehmende soziale Trennung bei Tisch war in den Oberschichten begleitet von einer
Verfeinerung der Tischsitten (Tafelkultur). Seit dem 17. Jh. setzte sich an den hö schen Tafeln
durch, dass jede Person ein eigenes Gedeck und ein eigenes Glas benutzte ( Besteck). Das
Essen mit den Fingern war bald verpönt. Die Gabel war die wichtigste Innovation der europ.
Tischkultur; Reinlichkeit beim Essen galt nun als oberstes Gebot. Eine Fülle von Benimmregeln
bei Tisch wurde im Kontext der hö schen Gesellschaft entwickelt, die in der Folgezeit als
»sinkendes Kulturgut« ihren Siegeszug durch die europ. Gesellschaften antraten. »Richtig« zu
essen wurde spätestens seit dem 18. Jh. auch in bürgerlichen Kreisen zu einer der wichtigsten
Kulturtechniken, die den Kindern möglichst frühzeitig antrainiert und deshalb zum
Gegenstand zahlloser Anstandsbücher und Elternratgeber wurde.

An den gemeinsamen Mahlzeiten und Tischritualen lassen sich somit Struktur und Wandel
von F. fast wie in einem Brennglas verfolgen: Die Ausdi ferenzierung der Kern-F. als einer der
entscheidenden Wandlungsprozesse der nzl. F. wird hier ebenso deutlich wie die
Veränderungen im Bereich der familiären Arbeitsteilung oder der sozialen Stellung von Frauen
und Kindern, die hohe Bedeutung der F. für die kulturelle Reproduktion klassen- und
schichtspezi scher Kulturtechniken, ihre religiöse Dimension sowie der im ausgehenden 18. Jh.
einsetzende Prozess der Säkularisierung und Individualisierung familialer Binnenbeziehungen.

Verwandte Artikel: Ehe | Eltern | Großeltern | Familienrecht | Familienzyklus | Gesellschaft |


Kindheit | Verwandtschaft

Andreas Gestrich

Bibliography

Quellen

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8. Jüdisch

Die jüd. F. ist durch Besonderheiten gekennzeichnet, die sich meist auf wirtschaftliche
Ursachen zurückführen lassen. Das Heiratsalter war variabel, aber zumindest in
Ostmitteleuropa im Schnitt niedriger als das der christl. Bevölkerungen. Frühe Heiraten
wurden dadurch möglich, dass Eltern, wenn sie konnten, Töchter und oft auch Söhne mit einer
Mitgift ausstatteten (Güterrecht) und dass jung verheiratete Paare wenigstens einige Jahre als
Kostgänger im Haushalt eines der Elternpaare lebten, wo unter Umständen der Bräutigam
zusätzlich eine Ausbildung erhielt. Diese Praxis der »Kost«(-Jahre; jiddisch kest /köst, ital.
tavolato, span. mesa franca) ist der Hauptgrund für etwas höhere Haushaltsgrößen bei Juden
im Vergleich zu der typischen west- und mitteleurop. F. der Nz. [3]. Sie kennzeichnet jüd. F. von
Deutschland bis in die von span. Exilanten und ihren Nachkommen geprägten jüd. Zentren des
Osmanischen Reiches.

Mitgiftzahlungen und die sog. Kost brachten es mit sich, dass die jungen Menschen sich ihre/n
Ehepartner/in nicht selbst aussuchten und ihn bzw. sie oft erst nach der Unterschrift der Eltern
unter den Verlobungsvertrag kennen lernten. Kusinenehen waren im jiddischen Sprachraum
selten, in Italien etwas üblicher und in Südosteuropa wie im Orient gängige Praxis. Bis weit ins
18. Jh. gibt es kaum Anzeichen dafür, dass arrangierte Ehen Anlass für Generationenkon ikte
geboten hätten. Selbst wer im Einzelfall unzufrieden mit der Wahl der Eltern war, akzeptierte
grundsätzlich, dass diesen die wirtschaftlich schwerwiegende Entscheidung zustand. Es sind
Bestrebungen zu erkennen, auch die arrangierten Ehen mit romantisch-erotischen Gefühlen
zu füllen [3]; beides schloss sich im Bewusstsein der Betro fenen nicht aus.

Heiratete man zum zweiten oder zum dritten Mal, spielten die Eltern bei der Partnerwahl
keine Rolle mehr. Dennoch gab es durch Vermittler arrangierte Zweitehen zwischen Fremden
oder nahezu Fremden, zumal in der Oberschicht (Ehevermittlung). Mindestens ebenso häu g
aber ging man eine zweite Ehe mit einer Person ein, die man persönlich kannte und zu der
man sich hingezogen fühlte. Zweitehen waren alltäglich – wegen der hohen Mortalität zum
einen, wegen der in der Frühen Nz. (noch) hohen Scheidungsraten zum anderen. Allerdings
war das im HochMA äußerst liberale jüd. Scheidungsrecht inzwischen dahingehend verschärft
worden, dass es für eine Scheidung der Einvernehmlichkeit beider Eheleute bedurfte, falls
nicht anerkannte Scheidungsgründe (wie Ehebruch oder Kinderlosigkeit) vorlagen.
/
Eine Besonderheit der jüd. Ehe, die bei Scheidungen (Eheau ösung) eine Rolle spielte, war die
nanzielle Absicherung der Frau durch den Ehevertrag. In diesem überschrieb ihr der Mann
eine bestimmte Summe (ketubba) für den Fall seines eigenen Todes – einem Erbrecht
entsprechend, das die Frau nach biblischem Recht nicht besaß – oder für den Fall, dass er sich
von ihr trennte. Ging die Scheidung von der Frau aus oder galt sie als schuldig daran, indem sie
z. B. Ehebruch begangen hatte, so verlor sie das Anrecht auf die ketubba. Sie erhielt aber ihre
Mitgift zurück, die nicht in das Eigentum des Mannes überging (nur das Nutzungsrecht stand
ihm für die Dauer der Ehe zu). Für die Rückerstattung der Mitgiftgüter galten bei Scheidung
auf Betreiben der Frau allerdings schlechtere Berechnungsmodi als bei Scheidung auf
Betreiben des Mannes.

Die nanzielle Absicherung scheint es Frauen erleichtert zu haben, nach einer Ehe einen
geeigneten neuen Partner zu nden oder sich geschäftlich auf eigene Füße zu stellen. In der
Nz. war aber die Zahl der selbständig erwerbstätigen Frauen geringer als im MA und insgesamt
nicht erheblich (Frauenarbeit). Dass Frauen primär Haushalts- und Familienarbeit leisteten,
bedeutete aber nicht zwangsläu g ihre Unterwerfung unter die Autorität des Hausherrn. Bis
ins 18. Jh. gaben die Normen ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen den jüd. Eheleuten
vor, das im krassen Gegensatz zu der strengen Hierarchie von Befehl und Gehorsam steht, die
zwischen Eltern und Kindern bzw. Hausfrau/Hausherrn und Gesinde gefordert war. Seine
Ehefrau zu schlagen galt als inakzeptabel; Kinder und das Gesinde zu schlagen hingegen als
notwendige Disziplinarmaßnahme; es wurde Hausfrau wie Hausherrn in der Moralliteratur
anempfohlen [3].

Als die Hauptziele der Ehe wurden neben der Kanalisierung des Sexualtriebs Kinder
angesehen; sie moralisch und religiös zu erziehen und zu bilden galt als noble Aufgabe der
Eltern, insbes. der Mutter. Es wurde davor gewarnt, aus Liebe zu den Kindern das nötige
Schlagen zu vernachlässigen. Kinder bis zum Alter von etwa drei Jahren allerdings hielten sogar
die strengsten Moralisten für zu unverständig, um bei Fehlverhalten bestraft zu werden [3].

Jungen, die zu einem entfernt wohnenden Lehrer verschickt wurden, verließen sehr früh das
Elternhaus, ebenso Waisen und Kinder aus wohlfahrtsabhängigen Familien, die teils schon
zwischen 10 und 12 Jahren in Dienst gingen [3]. In der Regel fand jedoch die Ablösung aus dem
Elternhaus nicht vor dem 15. Lebensjahr bzw. noch später statt. Der Kontakt mit den Eltern
wurde lebenslang aufrechterhalten.

Verwandte Artikel: Ehe | Juden | Judentum | Jüdisches Recht

Ruth Berger

Bibliography

Quellen

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Cite this page

Gestrich, Andreas and Berger, Ruth, “Familie”, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online, Im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen) und in
Verbindung mit den Fachherausgebern herausgegeben von Friedrich Jaeger. Copyright © J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst
Poeschel Verlag GmbH 2005–2012. Consulted online on 14 May 2020 <http://dx-doi-org.uaccess.univie.ac.at/10.1163/2352-0248_edn_COM_262810>
First published online: 2019

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