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M1 Mitschrift, Montag 27.05.

2019, 16-18 Uhr


8. Sitzung

Qualitative Interviewformen

Grundprinzipien qualitativer Forschung:


1. Gegenstandsangemessenheit (Untersuchungsgegenstant bestimmt Methode,
nicht andersherum)
2. Offenheit: Flexibilität, weniger starr
3. Kommunikationsorientierung: monologisch vs. dialogische Techniken
4. Selbstreflexivität (& Zurücknahme des Interviewers)

Eigenschaften qualitatives Interview


- wenig strukturiert
- ggf. Leitfaden als Gedächtnisstütze/Orientierungsrahmen (Ziel: Vergleichbarkeit:
alle Befragten sollen sich zu vergleichbarer Thematik äußern)
- keine zwingende Reihenfolge
- Themen, die von Befragten selbst eingebracht werden, werden durch Nachfragen
vertieft
- trotzdem keine Alltagskommunikation, sondern Interviewkommunikation, daher eher
monologische Form (Befragter spricht mehr), Verfremdungshaltung des Interviewers
(eigenes Relevanzsystem zurücknehmen), direktive, suggestive Fragen sowie
Steuerungen werden vermieden

Fragetypen:
- Warming-up-Frage (Small-talk, zum Einstieg): "Erzählen sie mal was sie so auf
Arbeit machen."
- Offener Stimulus (Befragter kann Relevanzen selbst setzen): "Wie sind sie in ihrer
Kindheit aufgewachsen?"
- Aufrechterhaltungsfrage (Interview aktivieren, aufrechterhalten): "...was noch?"
- Vorbereitungsfrage (führt auf Hauptgegenstand hin): "Versetzen Sie sich mal in
diese eine Situation, wie war das..."
- Offene Ausstiegsfrage: "Also von meiner Seite war's das, haben Sie noch was
wichtiges?"
- Szenariotechnik: "Stellen Sie sich vor, ihre Partei gewinnt, was machen sie dann?"
- zirkuläre Frage (Frage an eine unbeteiligte Person stellen, um Fremdeinschätzung
zu erlangen): z.B. Frage an Russische Frau: "Manche sagen Deutsche Frauen
kriegen weniger Kinder weil... Was meinen Sie dazu?"
- provokative Fragen: "Vllt sollten Frauen einfach wieder zurück an den Herd, was
meinen Sie?"
- konfrontative Fragen (Widersprüche werden aufgedeckt): "Aber sie haben doch
vorhin gesagt, dass..., aber jetzt sagen sie, dass...?!"
- zirkuläre, provokative, konfrontative Fragen mit Bedacht einsetzen

Vorbereitung & Durchführung


- Aufnahmetechnik kontrollieren, testen
- Befragten über Ablauf informieren, fragen ob er soweit ist
- bei Unterbrechungen: genau dort wieder einsteigen
- Interview auch mit offener Frage abschließen
- Fragen, wie Befragter Interview wahrgenommen hat, bedanken
- Einverständniserklärung von Befragten unterschreiben lassen
- Erstellung eines Postskripts zum Interview

- Instruktion: Einführung: danke, erklären worum's geht, fragen ob Befragter sich für
informiert genug einschätzt, ggf weitere Informationen geben
- Interviewablauf erklären: Dauer nennen, keine richtigen/falschen Antworten,
Anonymität hinweisen
- Bogen zu Anonymität + Datenschutz aushändigen
- Einverständniserklärung

- gering standardisiert vs teilstandardisiert


- individuell vs gruppenbasiert
- textorientiert (eher monologisch) vs problemorientiert (eher dialogisch)

Narratives Interview
- gering standardisiert, oft biographische Forschung (Befragter muss entsprechend
selbst und bewusst die Situationen erlebt haben)
- nicht vorbereitete aus dem Stegreif-Erzählung: Erzähl-Struktur soll voraussichtlich
mit der eigenen Erlebnis-Struktur zusammenhängen (Homologie-These)
3 Phasen:
1. Eröffnung, Erzählaufforderung
2. narrativer Nachfrageteil
3. Bilanzierungsphase (z.B. Fragen zur Erklärung des Geschehens)

- Interviewer als aufmerksamer Zuhörer: sicherstellen, dass gesamte Geschichte von


ANfang bis Ende erzählt wird
- deshalb "Zugzwänge des Erzählens": sollen geziel evoziert werden
1. Gestaltschließungszwang: Geschichte muss von Anfang bis Ende komplett sein
2. Kondensierungszwang: Erzählungen müssen verdichtet werden, aufs Wesentliche
konzentrieren, EInhaltung der Zeit
3. Detaillierungszwang: Erzähler muss Verständnis durch alle Hintergründe der
Erzählung herstellen

Ablauf:
- Erzählaufforderung darf nicht unterbrochen werden
- erst nach Abschluss der Erzählung durch immanente Fragen: Erzählstränge
aufgreifen, die noch nicht zu Ende geführt wurden
- danach exmanente Frage, Bilanzierungsfragen: "Wie?", "Warum?": subjektive
Erklärungen erfragen

Offene Interviewführung
- führen lassen, Erzählen anregen/unterstützen
- Zurückstellen des eigenen Relevanzsystems
- keine Frageformen mit spezifischen Wirkungen (suggestivfragen, geschlossene
Fragen, Provokationen)
- hörerorientiert, monologisch
- Problem durch Vertrautheit: z.B. Interviewer erzählt, dass er wie Befragter in DDR
geboren wurde: dadurch setzt Befragter ein bestimmtes Wissen voraus und
verändert seine Kommunikation

Interviewleitfaden
- strukturiert teilstandardisierte qualitative Interviews, z.B. Experteninterview,
fokussiertes Interview
- eher Orientierungshilfe, Reihenfolge weniger wichtig: eher weiche Übergänge
schaffen
- natürliche Gesprächsatmosphäre erhalten
- nach SPSS-Prinzip:
- Sammeln: möglichst vieler Fragen im Brainstorming
- Prüfung: dieser Fragen, Rausschmeißen überflüssiger Fragen, Offenheit prüfen,
Produktion von neuen Wissen prüfen, alltagsweltliche Nähe prüfen
- Sortierung: nach Zeitbezug oder Inhaltsbereichen
- Subsummieren: Finden von Erzählaufforderungen, Fragebündel
-No-Gos: keine geschlossenen Fragen, keine wertenden Fragen, keine Erwartungen
andeuten, keine Suggestivfragen, keine Scham-/Schuldgefühle auslösende Fragen,
keine Deutungsangebote, keine geschlossenen Nachfragen (um Verständnis zu
prüfen)

Teilstandardisierte

Offenes Leitfadeninterview
- bei thematisch eng eingegrenzter Fragestellung
- vom Allgemeinen zum Speziellen

Problemzentriertes Interview
- leitfadenbasierte Thematisierung biographischer Informationen im Hinblick auf ein
bestimmtes Problem
- Problemzentrierung: Orientierung an relevanter gesellschaftlicher Problemstellung
- Gegenstandsorientierung: Methoden am Gegenstand entwickeln, modifizieren
- Prozessorientierung: rekursiver Forschungsprozess mit induktiven und deduktiven
Elementen
- Ablauf:
1. Kurzfragebogen: Demographie
2. Leitfaden-Interview
3. Anfertigung Postskript
- Gesprächseinstieg, allgemeine Sondierungen, spezifische Sondierungen

Fokussiertes Einzelinterview
- Hypothesen zu Wirkungen (z.B. von Medien) werden im voraus entwickelt
- Darbietung des medialen Stimulus (z.B. Film), dann Befragung der Wahrnehmung
des Gezeigten
- Kriterien: nicht-Beeinflussung, retrospekive Introspektion, Erfassung des breiten
Spektrums
- häufig als Gruppenverfahren (Fokusgruppen)

Experteninterviews
- weniger an ganzer Person interessiert, eher an Fähigkeiten als Experte: Experte
nicht als Einzelfall, sondern als Repräsentant eine Gruppe
- neben Leitfaden starke Steuerungsfunktion
- Experte hat: explizites technisches Wissen, implizites Prozesswissen,
Deutungswissen

Typen:
- explorativ: unbekannte Forschungsgegenstände: eher monologisch, offen, wenig
Leitfaden
- systematisierend: Experte als Ratgeber: stark strukturiert, straffer Leitfaden,
argumentativ-diskursiv
- theoriegenerierend: offen-zurückhalten, grob Leitfaden, Kombination narrativ/
diskursiv

Gesprächsführung:
- fachliches Gespräch auf Augenhöhe
- thematische Fokussierung
- diskursiv-agumentatorischer Gesprächsstil

Ablauf:
- Vorgespräch: Einbettung in Sutienthematik erläutern
- Hauptinterview: Selbstpräsentation, offene Einleitungsfrage, immanente
Nachfragen, exmanente Nachfragen, Aufforderung zur Theoretisierung

Herausforderungen:
- schwierig, Experten auf das Thema zu begrenzen: nicht ausschweifen lassen
- Experte könnte Interview blockieren, weil er sich für das Thema nicht als Experte
fühlt
- Experte wechselt Rollen zwischen Experte vs Privatperson
- Experte referiert sein Wissen, statt Frage-Antwort-Spiel mitzumachen

Gruppenverfahren

- sozialkontextuelle Bezüge von subjektiven Deutungsmustern aufdecken


- wenn Interaktions-, Diskurs- und Gruppenprozesse für Entstehung von Meinungen/
Orientierungen wichtig
- untersucht: Meinungen einzelner Mitglieder unter Gruppenkontrolle, Meinungen
spezifischer Gruppen, gruppenspezifische Handlungs-/Verhaltensweisen,
gruppendynamische Prozesse
- Einsatz: exploratives Verfahren zur Fragebogenentwicklung, komplementäres
Vergleichsverfahren durch Methodentriangulation (Kreuzvalidierung), Meinungs-/
Einstellungserhebung

Ablauf:
- Eröffnungsphase: Vorstellung, Danke
- Einstiegsphase
- Aktionsphase
- Auslaufphase
Zusammenfassung:
Grundprinzipien qualitativer Forschung
Eigenschaften qualitatives Interview, Alltagskommunikation vs
Interviewkommunikation
Fragetypen, kritische
Ablauf
qualitatives Interview Unterscheidungen
narratives Interview: Phasen, Aufgaben des Interviewers, Ablauf, Offene
Interviewführung
Interviewleitfaden: SPSS, No-Gos
teilstandardisierte Interviews: offenes Leitfadeninterview, Problemzentriertes
Interview, Fokussiertes Einzelinterview
Experteninterview: Typen, Gesprächsführung,
Gruppenverfahren
siehe Folien
Siehe Zusammenfassung = Klausurrelevant

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