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20 Prioritätsregeln zur Behandlung moralischer Verantwortungskonflikte

1.
„Moralische Rechte jedes betroffenen Individuums abwägen“; diese gehen vor Nutzenüberlegungen
(prädistributive (Grund-)Rechte)

2.
„Kompromiss suchen, der jeden gleich berücksichtigt“ – im Falle eines unlösbaren Konflikts
„zwischen gleichwertigen Grundrechten“.

3.
„Erst nach Abwägung der moralischen Rechte jeder Partei darf und sollte man für die Lösung
votieren, die den geringsten Schaden für alle Parteien mit sich bringt“.

4.
Erst nach ‚Anwendung‘ der Regeln 1, 2 und 3 Nutzen gegen Schaden abwägen. Also: Nichtaufgebbare
moralische Rechte gehen vor Schadensabwendung und -verhinderung und diese vor
Nutzenerwägungen.

5.
Bei praktisch unlösbaren Konflikten zwischen Parteien und Beteiligten sollte man hinsichtlich
Schädigungen und Nutzen für die verschiedenen Parteien faire Kompromisse suchen. (Faire
Kompromisse sind z. B. annähernd gleichverteilte oder gerechtfertigt proportionierte Lasten- bzw.
Nutzenverteilung.)

6.
Universalmoralische und direkte moralische Verantwortung geht vor nichtmoralischen und
beschränkten Verpflichtungen.

7.
Universalmoralische Verantwortung geht i. d. R. vor Aufgaben- bzw. Rollenverantwortung.

8.
Direkte primäre moralische Verantwortung ist meistens vorrangig gegenüber indirekter Fern- oder
Fernsten-Verantwortung (wegen der Dringlichkeit und der beschränkten Verpflichtung; aber:
Abstufungen nach Folgenschwere und -nachhaltigkeit).

9.
Universalmoralische und direkte moralische Verantwortung gehen vor sekundärer korporativer
Verantwortung.

10.
Das öffentliche Wohl, das Gemeinwohl soll allen anderen spezifischen und partikularen
nichtmoralischen Interessen vorangehen. – Auch in technischen Regelwerken sind
Prioritätsprinzipien formuliert. Mit DIN 31 000 (s. a. ISO/IEC Guide 51:1999) können wir z. B. folgende
Regel aufstellen:

11.
„Bei der sicherheitsgerechten Gestaltung ist derjenigen Lösung der Vorzug zu geben, durch die das
Schutzziel technisch sinnvoll und wirtschaftlich am besten erreicht wird. Dabei haben im Zweifel die
sicherheitstechnischen Erfordernisse den Vorrang vor wirtschaftlichen Überlegungen.“ Sicherheit
geht also vor Wirtschaftlichkeit.
12.
Globale, kontinentale, regionale und lokale Umweltverträglichkeit sind zu unterscheiden und zu
berücksichtigen. Systemrelevante/-entscheidende Umweltverträglichkeit geht vor – und in diesen
Extremtyp die je bereichsweitere (umfassendere).

12.
Bei „Dringlichkeit“ gehe Ökoverträglichkeit vor ökonomischer Nutzanwendung.

13.
Menschen-, Humanverträglichkeit und Sozialverträglichkeit gehen im Konfliktfall vor Umwelt-, Arten-
und Naturverträglichkeit, sind aber meist zusammen oder in sinnvollen Kompromissen anzustreben.

14.
Konkrete Humanität geht vor abstrakten Forderungen und universalen Prinzipien (konkret human-
und sozialverträgliche Güterabwägung).

15.
Menschengerechtes (Human- und Sozialverträglichkeit) geht vor bloß Sachgerechtem.

16.
Verträglichkeit mit den Erfordernissen des Überlebens und der Qualität des Lebens künftiger
menschlicher Generationen und die vorausschätzbare Akzeptanz von Maßnahmen, die künftige
Generationen betreffen, sollten sehr hohe Priorität haben.

17.
Bei sozialen und politischen Planungen i. A. sollten alle Anstrengungen unternommen werden, um
ein (relatives) Maximum an allgemeiner Freiheit und an freien Entscheidungen – Offenheit und
Flexibilität der Planungen im großen Stil – und um weitgehend gleiche Möglichkeiten für künftige
Entwicklungen („Multioptionsgesellschaft“) zu erreichen.

18.
In gleicher Weise sollte eine relative Vielzahl von Optionen für heutige und für künftige Generationen
hohe Priorität haben, d. h. keine wichtigen Möglichkeiten sollten für heutige und für künftige
Generationen ausgeschlossen werden. „Nachhaltige“ oder „Tragbare Entwicklung“ für heutige wie
zukünftige Generationen soll eine sehr hohe Priorität haben.

19.
Zudem gilt es, die heutigen möglichen Freiheiten der Multioptionsgesellschaften in Angemessenheit
und nach Möglichkeit auch künftigen Generationen zu erhalten sowie diesen eine einigermaßen
verteilungsgerechte Sicherung der Existenzbedingungen (des minimalen Lebensstandards über das
physische Existenzminimum hinaus) zugänglich zu machen. Nicht nur eine „natürliche“, sondern auch
eine „moralisch tragbare“, das heißt human wie humanitär vertretbare, Entwicklung sollte angezielt
werden. Eine Kombination der beiden letztgenannter Regeln sollte sowohl für heutige wie für
künftige Menschen in angemessener Weise ebenso nachdrücklich wie generationengerecht
„nachhaltig“ angestrebt werden.

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