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4 Gegenöffentlichkeit als gegenhegemoniale

„räumlich Praxis“116

Wie deutlich geworden ist, beginnen sich die Kräfteverhältnisse des Alltagsver-
standes dann im Alltäglichen zu verschieben, wenn die Bildungsprozesse der Ko-
härenzarbeit die Möglichkeiten erzeugen, soziale Verbindungen hervorzubringen,
„deren Qualität mindestens jener der alten Beziehungen entspricht“ und welche
gleichzeitig Momente erzeugen, die „eine kritische ,Inventur‘ des Denkens
(Gramsci) befördern“ (vgl. Affolderbach/Hirschfeld 2015: 205). Beide Dimensi-
onen sind im Kontext einer emanzipatorischen Gegenöffentlichkeit als Teile eines
Wirkungszusammenhanges gegenhegemonialer Praxen zu sehen, die in spezifi-
scher Weise selbst erst die Experimentier- und Erfahrungsräume für eine notwen-
dige Kohärenzarbeit hervorbringen.
Aus dem Blickwinkel der Selbstorganisation sozialer Bewegungen sind hier
die Konflikte im „Zusammenstoß der offiziellen Gesellschaft“ von besonderer Be-
deutung (vgl. Haug 2004: 1231). Den Reibungspunkt bilden Formen institutionali-
sierter Politik und ihre entsprechenden Hierarchisierungen. Sie stehen im Konflikt
mit den Entwürfen der „Gegengesellschaft“ und ihren Vorstellungen alternativer
Vergesellschaftung, die darauf gerichtet sind, die „über ihnen“ liegenden Kompe-
tenzen umzukehren und in Formen der Selbstvergesellschaftung zu transformieren
bzw. ein alternatives Modell von „unten“ dem „oben“ entgegenzustellen (ebd.).
Jan Rehmann hat eine solche Konstellation am Beispiel von „Occupy Wall
Street“ (OWS) untersucht. Er hebt die Bedeutung gegenhegemonialer Praktiken
als wichtigen Aspekt der Selbstorganisation sozialer Bewegungen hervor. In die-
sem Zusammenhang stellt er fest, dass (aktuell) im Diskurs um die Organisation
von Gegenöffentlichkeit der Bewegung „Occupy Wall Street“ und ihrer Nieder-
lage die Frage nach der Konstitution des öffentlichen Raumes durch OWS vor
allem an der Präsenz „alliierter Körper“ (Butler 2016) festgemacht werde (vgl.
Rehmann 2012: 899). Mit Blick auf die Selbstorganisation der Bewegung müsse
aber „zwischen dem sichtbaren Schauplatz, den unterschiedlichen Praxen im

116 Mit dem Stichwort der „räumlichen Praxen“ bezieht sich Jan Rehmann auf Henri Lefebvre und
seine Überlegungen in: „The Production of Space“ (Lefebvre [1974] 1991). Jan Rehmann hat
diese Metapher in seinem Text „Occupy Wall Street und die Hegemoniefrage – eine gramscia-
nische Analyse“ aufgegriffen, auf den ich mich an dieser Stelle beziehe (Rehmann 2012).

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020
F. Affolderbach, Öffentlichkeit von Unten,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-27525-9_5
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Raum und dem darunterliegenden, meist unsichtbaren rhizomatischen Netzwerk“


(ebd.) differenziert werden.
Mit der Vorstellung von der Präsenz „alliierter Körper“ verweist Jan Reh-
mann auf die Überlegungen von Judith Butler, die sie in ihrem Buch „Anmerkun-
gen zu einer performativen Theorie der Versammlung“ umrissen hat. Ich greife
hier ihre Gedanken aus dem Original auf. Sie stellt fest, dass ein öffentlicher Raum
seinen Geltungsanspruch als öffentlich nicht dadurch erlange, dass es ihn als „öf-
fentlichen Raum schon gibt“, sondern zusammenkommende Körper durch „die
gemeinsame Aktion den Raum selbst einnehmen – sie schaffen den Platz, sie be-
leben und organisieren die Architektur“ (Butler 2016: 97). Die Körper in ihrer
Pluralität erzeugten das Öffentliche durch die Umgestaltung der „stofflichen Seite
ihrer materiellen Umgebung“ und gleichzeitig seien „diese materiellen Umgebun-
gen auch Teil der Handlung“ und „Stütze des Handelns“ selbst (vgl. ebd.: 98). In
diesem „Moment“ sieht Butler die Grenze von Öffentlichkeit und Privatsphäre
schwinden; es lasse sich „nicht mehr sagen, dass Politik ausschließlich in der Öf-
fentlichkeit und außerhalb der Privatsphäre stattfindet“ (ebd.: 97). Das Besondere
dieser Konstellation bestimmt Butler mit Hannah Arendt als den „Erscheinungs-
raum“ (ebd.: 100). Das, was „zwischen den Menschen“ (ebd.: 99) liege, sei der
„wirkliche Raum“, bestehend „aus dem Miteinanderhandeln und -sprechen“
(ebd.). Grundsätzlich würden „Raum und Ort [...] durch plurales Handeln erzeugt“
(ebd.: 100). Diese Sichtweise bedürfe allerdings der Ergänzung, dass „jedes Han-
deln unterstützt wird und unweigerlich körperlich ist“ (ebd.). Denn: „Eine gemein-
sam agierende Gruppe braucht Unterstützung, um agieren zu können, und dies
bekommt eine besondere Bedeutung, wenn die Aktion immer mehr zur Forderung
nach dauerhafter Unterstützung und den Bedingungen für ein lebbares Leben
wird“ (ebd.: 200). Am Beispiel der Occupy-Wall-Street-Bewegung sieht sie die
Aktiven eine „soziale Modalität des Körpers geltend machen“ (ebd.); sie nutzten
ihre „körperliche[n] Ressourcen“ (ebd.). Nicht nur Politik brauche einen „Erschei-
nungsraum“, sondern Politik brauche auch „Körper, die erscheinen“ (ebd.: 202).
Letztere nutzten ihre „Sprache“ oder „Schweigen, konzentrierte Bewegung, Reg-
losigkeit oder jene beharrliche Bündelung von Körpern im öffentlichen Raum bei
Tag und Nacht“, wie es für die Occupy-Wall-Street-Bewegung typisch gewesen
sei (vgl. ebd.: 201 f.). Verallgemeinernd schlussfolgert Butler: „Bevor eine Grup-
pe überhaupt über die Sprache debattieren kann, gibt es eine Zusammenkunft von
Körpern, die gleichsam auf eine andere Weise spricht. Versammlungen behaupten
und inszenieren sich durch Sprache oder Schweigen, durch Handeln oder beharr-
liches Nichthandeln, durch Gesten, durch Zusammenkommen als Gruppe von
Körpern im öffentlichen Raum mit seinen infrastrukturellen Bedingungen – sicht-
bar, hörbar, fühlbar, absichtlich oder ungewollt exponiert und in organisierter oder
spontaner Interdependenz“ (ebd.: 203 f.).
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Die von Butler aufgemachte Perspektive der „,alliierten‘ Körper der Besetzer
[...], die den öffentlichen Raum konstituieren“, wird von Jan Rehmann als einseitig
kritisiert (vgl. Rehmann 2012: 899). Die Analyse von Butler zu OWS sei ver-
gleichbar zu Sichtweisen von Slavoj Žižek, Antonio Negri oder auch David Har-
vey. Žižek beispielsweise sehe in der Bewegung von OWS „den ,heiligen Geist‘
der frühchristlichen Gemeinden, im Sinne einer ,egalitären Gemeinschaft von
Gläubigen, die durch gegenseitige Liebe miteinander verbunden sind‘“ auferste-
hen (vgl. ebd.). Negri wiederum erkenne in OWS eine „konstituierende Macht“,
die „einen Exodus aus dem demokratischen Konsens und einen Bruch mit der re-
präsentativen Demokratie im Allgemeinen darstell[e]“ (ebd.). Harvey unterstrei-
che, „dass die kollektive Macht der Körper im öffentlichen Raum [im Unterschied
zu den neuen sozialen Medien] immer noch das wirksamste Mittel der Opposition
darstell[e]“ (vgl. Rehmann 2012: 899).
Enthielten diese „Interpretationen [...] Richtiges“, sei „aber die einseitige
Konzentration auf das Sicht- und Erlebbare im Raum“ gerichtet, was „leicht zur
Illusion der Unmittelbarkeit führe“ (ebd.: 900).117 Dies bedeutet beispielsweise,
dass die eigentlichen Praxen der Leute in den Hintergrund treten, die überhaupt
erst die Möglichkeit und Stabilisierung einer „Allianz“ der Körper im öffentlichen
Raum hervorbringen. In diesem Zusammenhang schlägt Rehmann vor, den Be-
griff der „räumlichen Praxis“ von Henri Lefebvre nutzbar zu machen, um das Han-
deln sozialer Bewegungen „hegemonietheoretisch aufzuschlüsseln“ (ebd.: 900).
Raum fasst Lefebvre als eine „Dreiheit“ aus „räumlicher Praxis“, den „Raum-
präsentationen“ und den „Repräsentationsräumen“ (2006: 333).118 Unter räumli-
cher Praxis versteht er diejenigen gesellschaftlichen Verhältnisse und „sozialen For-
mationen“, die einen „relativen Zusammenhalt“ sichern, das Alltägliche produzie-

117 Im Kontrast hierzu leide der „Erscheinungsraum“ unter „Idealisierung“ und führe zu einer Ver-
kürzung im Anspruch der Ausweitung von Demokratie (vgl. Rehmann 2012: 906). Demokratie
bleibe in der „Beschwörung von direkter Demokratie und Konsensprinzip in Vollversammlun-
gen“ stecken und verkenne die Notwendigkeit der Überschreitung dieser Grenze und eine Aus-
weitung der Demokratie „in Konzepte einer Wirtschaftsdemokratie“ (ebd.). Die Perspektive für
konkrete Anknüpfungspunkte an wirtschaftsdemokratische Strukturen und Initiativen in der Ge-
genwart komme der Sichtweise des „Erscheinungsraumes“ gar nicht in den Sinn und ignoriere
damit ein wesentliches Element von OWS, die „99%-Parole“, die „den grundliegenden Gegen-
satz zwischen Demokratie und Kapitalismus“ hervorhebe und damit „implizit bereits eine Be-
wegung für Wirtschaftsdemokratie“ enthalte, „ohne jedoch den Begriff explizit und systematisch
auszuarbeiten“ (ebd.). Mit der „Idealisierung des Erscheinungsraums“ als „alliierte Körper“
werde die für OWS tragende Rolle von z. B. Ideen und Praktiken, in der „Gründung von Genos-
senschaften“ oder „in sozialdemokratischen Koop- und Mitbestimmungsmodellen [...] ihren um-
fassenden und deutlichen Ausdruck fanden; und in den Traditionen der kommunistischen Räte-
bewegung“ Vorbilder hatten, nicht nur nicht wahrgenommen, sondern schlicht als notwendig
tragende und weiter zu entwickelnde Kräfte einer Handlungsperspektive auf der „Höhe des ge-
genwärtigen Hightech-Kapitalismus“ ignoriert und verkannt (vgl. ebd.).
118 Vgl. auch Lefebvre ([1974] 1991: 33 und 38 f.).
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ren und reproduzieren (vgl. ebd.: 333). Es sind diejenigen räumlichen Praktiken,
die „die Alltagswirklichkeit (den Zeitplan) und die städtische Wirklichkeit (die
Wegstrecken und die Verkehrsnetze, welche Arbeitsplätze, Orte des Privatlebens
und der Freizeit [...]) miteinander verbinden“ (ebd.: 335). Mit Raumpräsentatio-
nen skizziert er den „konzipierten Raum [...] der Raumplaner, [...] der Technokra-
ten, die ihn zerschneiden und wieder zusammensetzen. [...] Dies ist der in einer
Gemeinschaft dominierende Raum“ (ebd.: 336). Es handelt sich hierbei um den
organisierten, administrativ bestimmten Raum, verknüpft mit spezialisierten
„Kenntnissen, Zeichen, Codes und frontalen Beziehungen“, mit denen Ordnung
durchgesetzt wird (vgl. ebd.: 333). Mit dem dritten Punkt, den Repräsentations-
räumen skizziert Lefebvre ein Feld, „vermittelt durch Bilder und Symbole, [...]
ein[en] Raum der Bewohner, der Benutzer. [...] Es ist der beherrschte, also erlit-
tene Raum, den die Einbildungskraft zu verändern und sich anzueignen sucht“
(ebd.: 336). Lefebvre verweist somit auf Momente, die einen Spannungsbogen von
Phantasien, Wünschen, dem Utopischen hin zum Möglichen, zu konkreten Praxen
und Aneignungsformen schlagen.
Vor diesem Hintergrund und orientiert an den konkreten Praxen analysiert
Rehmann den besetzten Zucotti Park „als raum-zeitliches Dispositiv eines alter-
nativen Hegemonialapparates, in dem verschiedene gegenhegemoniale Praxen
und Funktionen zusammengeführt“ worden seien: „politische Debatten und demo-
kratische Entscheidungsprozesse; Medienarbeit, sowohl bezogen auf die eigenen
als auch auf die Mainstream-Medien; Bildungsarbeit sowohl mit bekannten Intel-
lektuellen als auch in kleineren Arbeitsgruppen; eine Bibliothek“, kurz: „der im-
mer wieder gefährdete Versuch, Solidarität und Kooperation als Lebensweise zu
praktizieren“ (ebd.).119 Soziale Bewegungen bräuchten deshalb „stabile Stütz-
punkte“ als „Erfahrungs- und Experimentierräume“, „die es ermöglichen, die Kri-
tik am Kapitalismus und Alternativen immer wieder vorzutragen“, um „die buon
senso-Elemente des Alltagsverstandes vom Gewicht der herrschenden Ideolo-
gien“ zu entlasten sowie „stabile Institutionen und Diskurspositionen“, kurz: Zu-
sammenhänge, herstellen zu können (vgl. ebd.: 906). Subalterne Öffentlichkeit
entsteht in gegenhegemonialen Praxen. In den Mittelpunkt rücken dabei diejeni-
gen Dinge, welche die unterschiedlichen Initiativen praktisch tun und als Organi-
sationsformen hervorbringen Diese Sichtweise schließt performative Praktiken

119 Eine vergleichbare Perspektive vertreten Jan Rehmann und Willie Baptist in ihrem Buch „Peda-
gogy of the poor: building the movement to end poverty“. Das Buch versteht sich als Werkzeug
zur Analyse von Gesellschaft, um sich in gesellschaftlichen Widersprüchen bewegen und Hand-
lungsfähigkeiten entwickeln zu können. Insbesondere mit Gramscis hegemonietheoretischer
Perspektive lasse sich erkennen, welche Strategien der Einbindung „von oben“ zur Passivität
führen. Außerdem sei festzuhalten, „whether specific reforms help transform the existing power
structures, contribute to an alternative network of social forces from below, and open up per-
spectives that go beyond the existing system“ (Rehmann in Baptist/Rehmann 2011: 114).
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(wie sie Butler beschreibt) ein und vermeidet gleichzeitig, die Handlungsformen
subalterner Gegenöffentlichkeit normativ bestimmen zu wollen. Was die Praxen
subalterner Gegenöffentlichkeit sind, lässt sich demnach dann nur an konkreten
Beispielen diskutieren.

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