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04/03/2022, 14:02 Stress bei der Arbeit – "Der Grundmodus unseres Gehirns ist Angst" | Karriere

Stress bei der Arbeit

"Der Grundmodus unseres Gehirns ist Angst"


31. Januar 2022, 14:44 Uhr | Lesezeit: 4 min

Die besten Ideen kommen Ihnen in der Badewanne oder beim Joggen? Dafür
gibt es gute Gründe. Warum wir alle viel öfter abschalten und ins Leere starren
sollten - auch während der Arbeit.

Von Alexandra Straush

Man stelle sich eine typische Alltagssituation vor. Man steht am Bahnsteig und wartet auf den
Regionalexpress oder auf die S-Bahn, der oder die einen nach Hause bringen soll. Der Zug hat
zehn Minuten Verspätung, Mist! Der Handy-Akku ist tot, kein Buch dabei. Man wird kribbelig.
Noch schnell zum Bäcker in der Unterführung laufen? Das spart zwar fünf Minuten vom noch
geplanten Feierabendeinkauf, Rolltreppe runter- und wieder raufzufahren könnte aber knapp
werden. Am Ende spurtet man trotzdem los - und verpasst gleichzeitig eine Chance. Die Chance,
mal zehn Minuten nichts zu tun.

Tagträumen, Nichtstun, die Gedanken fließen lassen - in unserem getakteten Alltag finden diese
kleinen Auszeiten kaum noch statt. Dabei brauchen wir sie, damit unser Gehirn kreativ und leis-
tungsfähig bleibt. Das sagt der Wiener Hirnforscher Bernd Hufnagl, der als Autor, Referent und
Berater Erkenntnisse aus der Neurobiologie auf die Arbeitswelt anwendet. Dort ist Nichtstun
verpönt: "Niemand will dabei ertappt werden, während der Arbeitszeit auf einer Bank zu sitzen
und in den Himmel zu starren. In der Zeit könnte man ja auch 15 E-Mails beantworten", sagt er.
Bei diesem Denken wird jedoch eine Tatsache übersehen: Nach so einer Ruhepause für unseren
Geist erledigen sich die nächsten 50 Mails eben gleich viel schneller. Oder man kommt plötzlich
auf eine gute Idee.

Anspannung ist vom Prinzip her nichts Falsches. "Der Grundmodus unseres Gehirns ist Angst",
meint Hufnagl. Das lässt uns aufmerksam sein und macht uns leistungsbereit. "Aber das ent-
scheidende am Gift ist die Dosis: Wir sind permanent on, privat genauso wie beruflich." Das hat
Folgen: Mit seinem Unternehmen Benefit GmbH unterstützt der Neurobiologe große Unterneh-
men bei ihrem betrieblichen Gesundheitsmanagement. Zu diesem Zweck bittet er zum Beispiel
Manager, fünf Minuten lang aus dem Fenster zu schauen und überwacht dabei mittels EKG das

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vegetative Nervensystem. Im Jahr 2004 konnten sich noch 29 Prozent der Untersuchten dabei
entspannen, der Rest zeigte Stress-Symptome. In derselben Situation erholten sich im Jahr 2019
nur noch fünf Prozent.

Zu hohe Ansprüche an sich selbst: Auch das führt zu Stress


Hufnagls Daten werden durch repräsentative Studien unterstützt. Deutschlands mitglieder-
stärkste Krankenkasse, die Techniker, macht regelmäßig Telefonumfragen zum Thema Stress
und stellt fest, dass dieses Phänomen stetig zunimmt: In der aktuellen Version vom Dezember
2021 gaben 26 Prozent der Befragten an, häufig gestresst zu sein. In der Befragung von 2013 wa-
ren es nur 20 Prozent. Auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz widmet dem Thema Stress alle
sechs Jahre eine ausführliche Studie. Dabei erfassten die Forscher zunehmend "Merkmale ge-
störter Erholungsprozesse": Mehr als ein Viertel aller Befragten klagte über körperliche oder
seelische Erschöpfung, konnte nach eigenen Angaben schlecht ein- oder durchschlafen. Knapp
die Hälfte gab allgemeine Müdigkeit, Mattigkeit oder Erschöpfung an - und für alle Beschwer-
den sind die Werte über die Jahre leicht angestiegen. Da Stress auf der persönlichen Wahrneh-
mung beruht, ist er oft selbstgemacht, dadurch aber nicht weniger real.

Als Hauptgrund für Stress nennen die Befragten in der TK-Studie die Ansprüche in Beruf und
Ausbildung. Auf Platz zwei der häufigsten Angaben liegen hohe Ansprüche an sich selbst. Hilde-
gard Tröger ist bei der BMW-Group-Akademie für den Bereich Persönlichkeitsentwicklung von
Führungskräften zuständig. Sie beobachtet, dass sich engagierte Mitarbeiter in der neuen, digi-
tal verdichteten Arbeitswelt immer weniger Zeit zum Durchatmen nehmen: Ein Online-Meeting
schließt oft an das nächste an. Wegezeiten zum Abschalten oder Randzeiten für informelle Ge-
spräche existieren in der Pandemie kaum noch. Zusätzlich erschwert das Home-Office die Tren-
nung von Arbeits- und Privatleben.

In Trainings vermittelt die BMW-Group-Akademie deshalb Spielregeln, die die richtigen Signale
setzen: Zum Beispiel keine Mails am Wochenende und nach Feierabend abschicken. Oder Mee-
tings im Kalender mit einer Stunde eintragen, von denen nur 45 Minuten echte Arbeitszeit sind.
"Führungskräfte, die eine ungesunde Lebensführung praktizieren, schädigen nicht nur sich
selbst", sagt Hildegard Tröger. Deshalb sollten sie stets die Wirkung der eigenen Handlungen auf
ihr Umfeld im Auge haben. Dazu gehöre auch, dass man sich Entlastungsräume schafft. Hohen
Leistungsdruck auf sich selbst und andere auszuüben, sei eher unangebracht: "Hier geht es
nicht um einen 100-Meter-Lauf, sondern um einen Marathon. Die besten Ergebnisse zeigen auf
Dauer die mit dem besten Selbstmanagement, die mental und körperlich bei Kräften bleiben."

Micro-Breaks sind oft effizienter als zwei Wochen Urlaub

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Hirnforscher Bernd Hufnagl propagiert aus diesem Grund ein "hirngerechtes Arbeiten", das per-
sönliche Leistungsgrenzen berücksichtigt. Das gelingt uns nur selten automatisch. Bei einem
Dauerlauf spüren wir, dass wir aus der Puste geraten. Unser Geist hingegen setzt keine klaren
Signale für Erschöpfung. Das liegt daran, meint Hufnagl, dass unser Steuerungsorgan zwar den
Rest des Körpers überwachen kann - aber nicht sich selbst. Überlastung merken wir erst, wenn
das Gehirn zum Selbstschutz kurz abschaltet: Wir verlieren den Faden, starren ins Leere, kön-
nen einen Moment lang keine Information mehr aufnehmen. Diese sogenannten Micro-Breaks,
meint der Hirnforscher, sollten wir am besten regelmäßig selbst herbeiführen, und zwar schon
deutlich bevor unser Denk-Apparat an seine Grenzen gerät. "Denn das ist zur Erholung oft effi-
zienter als zwei Wochen Urlaub."

Unser Gehirn im Alltag abschalten können wir zwar nicht, das gelingt nur im Schlaf. Aber es
reicht, den präfrontalen Kortex zu deaktivieren. Dieser Teil des Arbeitsgedächtnisses kümmert
sich um Problemlösung und planvolles Handeln. Wenn wir meditieren oder tagträumen, die Ge-
danken kommen und gehen lassen, hat er Sendepause. Und das bewahrt uns nicht nur vor Über-
lastung. Beim Nichtstun, das wissen Psychiater und Neurowissenschaftler, produziert unser Ge-
hirn tatsächlich spontane Lösungen. Deshalb ist es kein Zufall, dass Menschen grandiose Ideen
beim Joggen oder in der Badewanne haben.

Verantwortlich dafür ist das Default-Mode-Netzwerk in unserem Hirn, das im Leerlauf Nerven-
zellen neu verknüpft. Stress hingegen schadet diesem kreativen Prozess. Unter Druck wird im
Körper das Hormon Kortisol freigesetzt, das uns in den Kampf- und Kriegsmodus versetzt. In
diesem Notschaltkreis gilt "Safety first", unser Denken bewegt sich auf vertrauten, eingefahre-
nen Bahnen. Alternative Verhaltensoptionen werden unterdrückt, Nervenzellen, die diese Ne-
benstraßen im Gehirn bilden, sterben ab. "Unter dauerhaftem Stress werden wir immer eindi-
mensionaler", warnt Bernd Hufnagl. Hirngerechtes Arbeiten mit kalkuliertem Leerlauf verhin-
dert also nicht nur einen erhöhten Krankenstand in Unternehmen, es bewahrt auch
vor Betriebsblindheit.

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