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Hartwig Hanser
Redaktionsleiter
hanser@spektrum.de

AUTOREN IN DIESEM HEFT

Auf und Ab eines Großprojekts

M an hat nicht oft die Gelegenheit, einen detaillierten Einblick in den Ablauf eines wis­
senschaftlichen Großprojekts mit all seinen Höhen und Tiefen zu bekommen. Beim
Human Brain Project der Europäischen Kommission, das auf zehn Jahre ausgelegt ist und
Die Biologin Sheila Patek interes-
siert sich für ultraschnelle Be-
wegungen von Organismen. Ab
über eine Milliarde Euro verschlingen wird, ist das aber der Fall. Bereits vor fast dreieinhalb S. 20 berichtet sie, wie Krebse,
Jahren, im Septemberheft 2012, habe ich das Mammutvorhaben an dieser Stelle kurz vorge­ Insekten, Quallen und Pilze hier
stellt; damals brachten wir einen ausführlichen Artikel des Projektleiters Henry Markram alle Rekorde brechen.
über seine Idee, ein menschliches Gehirn per Computer zu simulieren, um mehr über die
Funktionsweise und Behandlungsmöglichkeiten für Erkrankungen zu lernen.
Im selben Heft stellte der Heidelberger Forscher Karlheinz Meier seine Arbeit an neuro­
morphen Computern vor: Er entwickelt quasi umgekehrt analoge Rechner nach biologi­
schem Vorbild. Jenseits von »Spektrum« gingen solche alternativen Forschungsrichtungen,
die ebenfalls unter dem Dach des Human Brain Project laufen, in der allgemeinen Bericht­
erstattung leider unter. Alles fokussierte sich auf das Selbstvermarktungsgenie Markram,
dessen Simulationsansatz fälschlicherweise mit dem Gesamtprojekt gleichgesetzt wurde.
Zwei Jahre darauf, in der Septemberausgabe 2014, konnten unsere Leser wieder über
das Human Brain Project in »Spektrum« lesen, diesmal aber unter wesentlich kritischeren Der Astrophysiker Dimitrios
Vorzeichen. In der Zwischenzeit hatte sich nämlich beträchtlicher Unmut unter den Neu­ Psaltis (links) untersucht Schwar-
rowissenschaftlern angesammelt. Dieser war im Juli 2014 in einem offenen Brief von 154 For­ ze Löcher und Neutronensterne
schern an die Europäische Kommission kumuliert, den danach noch hunderte weiterer und entwickelt Tests für die
­Kollegen unterschrieben. Darin bemängelten sie das Management des Projekts sowie die un­ Relati­vitätstheorie. Sheperd
durchsichtige Vergabe von Forschungsgeldern und forderten eine grundsätzliche Neuorien­ Doeleman koordiniert das Team
tierung. Vielen Forschern ging sogar das noch nicht weit genug: In unserem Heft 9/2014 des Teleskopverbunds, mit dem
­geißelte Max-Planck-Direktor Nils Brose Markrams Vorhaben, das neuronale Netzwerk des Astronomen ein Schwarzes Loch
Gehirns per Supercomputer nachzubauen, als vollkommen illusorisch. direkt beobachten wollen (S. 40).
Die breite Kritik zeigte Wirkung: Es begann ein Mediationsverfahren, das im Frühjahr 2015
unter anderem die Führungsstruktur des Projekts umbaute. Damit scheint das Riesenvor­
haben inzwischen auf einem besseren Weg zu sein. Doch wie konnte es überhaupt zu den
Verirrungen kommen, dass offenbar ein einzelner Forscher mehr oder weniger nach Belieben
ein europäisches Milliardenprojekt steuern und für sich vereinnahmen konnte? Um diese
Frage zu beantworten, blickt »Spektrum« ab S. 58 hinter die Kulissen und beleuchtet kritisch
die hineinspielenden politischen Interessen. Der Vergleich des EU-Megaprojekts mit der US-
Konkurrenzinitiative BRAIN zeigt, wie sich solche Probleme vermeiden lassen. Es bleibt nun Pascale Fung ist Professorin für
zu hoffen, dass daraus nicht nur für das Human Brain Project, sondern für sämtliche zukünf­ Computertechnik an der Hong
tige »Big Science«-Unterfangen Lehren gezogen werden. Denn hier geht es nicht nur um den Kong University of Science and
guten Ruf der Wissenschaft, sondern schlicht auch um einen verantwortungsvollen Umgang Technology. Dort erforscht sie,
mit Steuergeldern. wie Mensch und Maschine
besser miteinander kommuni-
Herzlich Ihr zieren können (S. 80).

WWW.SPEKTRUM.DE 3
INHALT

3 Editorial 10 Forschung aktuell

6 Spektrogramm Verletzte Roboter Erbe vom Neandertaler


Auf der Spur mysteriöser Radioblitze • Künstliche Käfer lernen Einige Neandertalergene
Weckruf an schlummernde Krebszellen • wieder laufen in uns sind von Nachteil
Blaue Vogelspinnen • Diamanten­
produktion mit Lasern • Bioelektrische Passkontrolle in der Zelle Ein Sieg der Vernunft
Tarnung bei Tintenfischen • Neue Wie das Immunsystem Weltklimakonferenz
­Moleküle für Quantencomputer RNA-Viren entdeckt findet gemeinsamen Weg

9 Bild des Monats Ende des lokalen Realismus SPRINGERS EINWÜRFE


Ein Gerüst für neuen Knochen Seltsame Gesetze der Schnell von Begriff
Quantenmechanik belegt Abstrahierende Computer

20 ............................................................................................................... BIOLOGIE & MEDIZIN

20 Die schnellsten Bewegungen von Lebewesen


r

Fangschreckenkrebse schlagen blitzartig und k


­ raftvoll
zu. Auch andere Organismen beherrschen ultra­schnelle
Bewegungen.
Sheila Patek

28 Übergewicht durch Darmflora


r

Bestimmte Bakterientypen im Darm fördern das Risiko für


Adipositas, Diabetes und Arteriosklerose.
MIT FRDL. GEN. VON  ROY CALDWELL
Philippe Gérard

48 34 Zellen in Flammen
Ein jüngst entdecktes Gebilde, das »Inflammasom«, spielt
eine Schlüsselrolle bei allen Arten von Entzündungen.
Wajahat Z. Mehal

........................................................................................................ PHYSIK & ASTRONOMIE

SCHLICHTING!
48 Zwischen weißer Pracht und Schmutzskulptur
Schnee schmilzt oft ungleichmäßig, und Verunrei­
nigungen sammeln sich an. Beides hängt zusammen.
H. Joachim Schlichting
H. JOACHIM SCHLICHTING

58 50 Die Wirklichkeit der Natur


Noch immer herrscht Uneinigkeit darüber, ob die von der
Quantenmechanik beschriebenen Objekte »real« sind –
oder ist die Frage nach deren Wirklichkeit schlicht sinnlos?
Michael Springer

.................................................................................................................... MENSCH & KULTUR

58 Streit ums simulierte Gehirn


Ein Großprojekt soll das menschliche Gehirn im Computer
nachbilden. Schon kurz nach dem Start äußerte
die Forschergemeinde massive Kritik. Was lief schief?
Stefan Theil
BLUE BRAIN PROJECT (BBP) / EPFL 2015

4 SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


r TITELTHEMA
SERIE »100 JAHRE ALLGEMEINE
RELATIVITÄTS­T HEORIE« TEIL 5

40 Wie vermisst man


ein Schwarzes Loch?
Dimitrios Psaltis und Sheperd S. Doeleman

Mit einem gigantischen Netzwerk aus


Teleskopen wollen Astronomen Schwarze
Löcher jetzt ­erstmals direkt beobachten –
und prüfen, ob die Regeln der allgemei­
nen Relativitätstheorie auch in nächster
Nähe der Singularität noch gelten.

72 MATHEMATISCHE UNTERHALTUNGEN
66 Undigitale Computer
Was wäre, wenn ein Rechner die Eigenschaften der reellen
Zahlen in vollem Umfang nutzen könnte?
Jean-Paul Delahaye

............................................................................................................................ ERDE & UMWELT

72 Der Pinot noir – ein Auslaufmodell?


r

Wegen der globalen Klimaerwärmung fürchten Winzer


und Kellermeister um die Zukunft der Qualitätsweine.
ROBERT SINSKEY VINEYARDS
Denn durch die steigenden Temperaturen verändern sich
80 Aroma und Zuckergehalt der Trauben.
Kimberly A. Nicholas

....................................................................................................... TECHNIK & COMPUTER

80 Roboter mit Gefühlen


r

Um uns den Umgang mit »intelligenten« Maschinen


zu erleichtern, bringen Forscher ihnen bei, Emotionen zu
verstehen und zu simulieren.
Pascale Fung
ZOHAR LAZAR

85 Wissenschaft im Rückblick 94 Leserbriefe/Impressum


Von der Bedeutung der Schädelnaht zur
­Rückseite des Monds 96 Futur III
H. E. Roulo: Der springende Punkt
86 Rezensionen
Armin Eich: Die Söhne des Mars • Adalbert 98 Vorschau
Pauldrach: Das dunkle Universum •
Martin Kuckenburg: Eine Welt aus Zeichen • Titelmotiv: NASA / JPL – Caltech
Andreas Wagner: Arrival of the Fittest u. a. Die auf der Titelseite angekündigten Themen sind mit r gekennzeichnet.

WWW.SPEK TRUM .DE 5


SPEKTROGRAMM

ASTRONOMIE

Auf der Spur mysteriöser Radioblitze

E rstmals haben Astronomen die


Herkunft eines »Fast Radio Burst«
(FRB) genauer eingegrenzt, eines Radio­
ermitteln, der frequenzabhängigen
Verzögerung des Radiosignals durch
freie Elektronen im interstellaren
haben. Zusätzliche Analysen ergaben,
dass die Wellen auf dem Weg zu uns
zwei verschiedene Regionen ionisierten
wellenausbruchs im Kosmos. FRBs Raum. Die Dispersionswerte lassen Gases passierten. Eine davon war nach
gehören zu den stärksten bekannten darauf schließen, dass der neu ent­ kosmischen Maßstäben nah an der
Radioquellen. Sie dauern wenige deckte FRB einer Region entstammt, Radioquelle – vermutlich in derselben
tausendstel Sekunden, treten einmalig die etwas weniger als sechs Milliarden Galaxie. Der Puls ist somit nahe einem
auf und enthalten ein breites Spekt­ Lichtjahre entfernt liegt. dichten interstellaren Nebel oder
rum von Frequenzen. Woher sie stam­ Wie die Daten weiter zeigen, war die unweit des Zentralbereichs der Her­
men und wie sie entstehen, ist weitge­ Polarisationsebene der Radiowellen kunftsgalaxie entstanden. So detaillier­
hend unbekannt. Man vermutet, dass stark gedreht. Demzufolge muss der te Angaben über einen Fast Radio Burst
ihr Ursprung außerhalb der Milch­ Radiopuls kurz nach seiner Aussen­ waren bisher nicht möglich.
straße liegt. dung starke Magnetfelder durchquert Nature 10.1038/nature15769, 2015
Die Forscher um Kiyoshi Masui von
der University of British Columbia
(Kanada) haben Messdaten des Green- Grafische Darstellung eines
Bank-Radioteleskops auf Anzeichen Fast Radio Burst, der die Erde
von FRBs durchsucht. Tatsächlich erreicht. Er enthält verschie­

JINGCHUAN YU, BEIJING-PLANETARIUM


stießen sie in den aufgezeichneten dene Wellenlängen, von denen
Daten auf ein solches Ereignis. In die kürzeren (blau) eher ein­
welcher Entfernung es seinen Ur­ treffen als die längeren (rot).
sprung hatte, konnten die Astronomen Dies nennt man Dispersion.
aus der so genannten Dispersion

ONKOLOGIE

Weckruf an schlummernde Krebszellen

T umorzellen, die in Knochen einge­


wandert sind, bleiben dort oft
lange Zeit inaktiv. Doch Monate oder
jedoch Osteoklasten aktiv, begannen
sie Tumoren zu bilden.
Somit wird das Wachstum von
Jahre später können sie »aufwachen«, Knochenmetastasen unterdrückt oder
sich teilen und Sekundärtumoren gefördert, je nachdem, ob jeweils
(Metastasen) hervorbringen. Forscher Osteoblasten oder Osteoklasten domi­
um Peter Croucher vom Garvan Insti­ nieren. Beide Zelltypen wirken an der
tute of Medical Research (Australien) Regeneration des Skeletts mit. Daraus
haben nun herausgefunden, wie es ergeben sich zwei mögliche medizini­
Mehr Aktualität! dazu kommt – zumindest bei Mäusen. sche Ansätze. Zum einen könnte man
Demnach werden schlummernde die Aktivität von Osteoklasten dämp­
Krebszellen von knochenresorbieren­ fen, etwa mit Medikamenten gegen
Auf Spektrum.de den Zellen geweckt: den Osteoklasten. Osteoporose (Knochenschwund), um
Das Team infizierte Mäuse mit schlummernde Tumorzellen nicht zu
berichten unsere  Zellen des multiplen Myeloms, einer wecken. Zum anderen könnte man das
Redakteure täglich aus Krebserkrankung des Knochenmarks. genaue Gegenteil tun – die Osteoklas­
der Wissenschaft: Einige Tumorzellen wanderten in den ten anregen und so die Krebszellen
Schienbeinknochen der Tiere ein. Dort erst recht aktivieren. Das macht diese
fundiert, aktuell,  verharrten sie in einem Ruhezustand, verletzlicher gegenüber konventionel­
exklusiv. solange sie in enger Nachbarschaft zu len Krebstherapien, die auf sich rasch
Osteoblasten blieben – knochenbilden­ teilende Zellen abzielen.
den Zellen. Wurden in ihrer Nähe Nat. Comm. 6, 8983, 2015

6 SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


NANOBIOLOGIE

Vogelspinnen machen blau Der Blauton einer Orna­


mentvogelspinne (Poecilo-
theria metallica).

MICHAEL KERN, WWW.THE-GARDENS-OF-EDEN.ORG


N anometergroße Strukturen können einen Farbeindruck
erzeugen, wenn sie das Licht wellenlängenabhängig
streuen oder reflektieren. Entsprechende Gebilde sind bei
Das Team analysierte Haarfarben und Verwandtschafts­
beziehungen bei zahlreichen Vogelspinnengattungen. Mit
elektronenmikroskopischen Untersuchungen und Spektral­
verschiedenen Organismen zu finden, etwa bei Vogelspin­ analysen zeigten die Forscher, dass die Haare der Tiere einen
nen (Theraphosidae). In deren Evolution sind blau schim­ sehr unterschiedlichen Aufbau im Nanometerbereich
mernde, nanostrukturierte Haare mindestens achtmal besitzen, aber trotzdem durchweg einen ähnlichen Blauton
unabhängig voneinander entstanden, wie Bor-Kai Hsiung zeigen. Der Grund dafür ist unbekannt, zumal die Spinnen
von der University of Akron (USA) und seine Kollegen meist nachtaktiv sind und schlecht sehen.
herausfanden. Sci. Adv. 1, e1500709, 2015

MATERIALWISSENSCHAFT

Diamantenproduktion mit Lasern

D ie Werkstoffwissenschaftler
Jagdish Narayan und Anagh
Bhaumik von der North Carolina State
Graphit. Das Material besitzt eine hohe
Massendichte und ist ferromagnetisch
wie Eisen.
und Temperaturen sowie spezielle
chemische Umgebungen. Narayan und
Bhaumik hingegen können ihren
University (USA) haben ein neues Im Q-Kohlenstoff wachsen an win- Prozess bei Zimmertemperatur und
Verfahren entwickelt, um Diamanten zigen Kristallisationskeimen Diaman­ normalem Umgebungsdruck durch­
zu produzieren. Sie beschießen dünne ten, berichten die Autoren. Je nach­ führen und benötigen weder Katalysa­
Kohlenstofffilme auf einer Unterlage dem, welche Bedingungen man vorge­ toren noch besondere chemische
aus Glas oder Saphir mit kurzen Laser­ be, entstehe der Diamant als Körnchen Umgebungen. Die Energie zum
pulsen und erzeugen so eine stark mit der Größe von Nano- oder Mikro­ Schmelzen des Kohlenstoffs liefern bei
unterkühlte Kohlenstoffschmelze. metern (milliardstel beziehungsweise ihnen Laserpulse einer Wellenlänge
Wenn diese anschließend schlagartig millionstel Meter), in Form von Nadeln von rund 200 Nanometern und einer
wieder Zimmertemperatur annimmt, oder als monokristallines Blatt. Wel­ Dauer von einigen zehn Nanosekun­
entsteht laut den Forschern eine bisher ches Produkt herauskommt, hängt den (milliardstel Sekunden). Hierfür
unbekannte Kohlenstoffvariante, der davon ab, wie schnell der Kohlenstoff lassen sich Lasergeräte nutzen, die
so genannte Q-Kohlenstoff. Darin sind abkühlt und auf welchem Untergrund unter anderem für Augenoperationen
die Atome überwiegend tetraedrisch (Substrat) er platziert wird. eingesetzt werden.
angeordnet wie in Diamant und zum Bisherige Methoden, um Diamant J. Appl. Phys. 118,
kleineren Teil wabenförmig wie in zu erzeugen, erfordern hohe Drücke 215303, 2015

WWW.SPEK TRUM .DE 7


SPEKTROGRAMM

VERHALTENSBIOLOGIE

Bioelektrische Tarnung bei Tintenfischen

E ine Art Erstarren hilft Tintenfischen, sich der Aufmerk­


samkeit von Haien zu entziehen. Die Tiere hören auf,
sich zu bewegen, atmen weniger und bedecken Körperöff­
Christine Bedore von der Duke University (USA) und
ihre Mitarbeiter spielten Gewöhnlichen Tintenfischen
(Sepia officinalis) verschiedene Videos vor, darunter eines
nungen und andere Partien mit ihren Armen. Das führt zu mit einem näher kommenden Hai. Die Kopffüßer reagier­
einer deutlichen Abschwächung ihres äußeren elektrischen ten darauf wie beschrieben. Heran­nahende Krabben hinge­
Felds und mindert so das Risiko, von den Raubfischen gen lösten bei ihnen kein solches Verhalten aus.
entdeckt zu werden. Bioelektrische Felder entstehen bei Ionenaustauschpro­
zessen, unter anderem bei Muskelkontraktionen im Zuge
von Atmung und Herzschlag. Deshalb erzeugen Lebewesen
FOTOLIA / AQUAPIX

um sich herum ein elektrisches Feld. Haie können es mit


speziellen Sinnesorganen wahrnehmen, den Lorenzinischen
Ampullen, und so auch versteckte Kopffüßer aufspüren.
Durch das »Erstarren« schwächen Tintenfische ihr Feld aber
um bis zu 90 Prozent ab, wie Bedores Messungen ergaben.
Dass die Tarnung funktionieren kann, zeigten weitere
Experimente mit Kleinen Schwarzspitzenhaien (Carcha­
rhinus limbatus) und Schaufelnasen-Hammerhaien (Sphyr­
na tiburo). Diese attackierten im Versuch eine Elektrode,
die das elektrische Feld von ruhenden Tintenfischen simu­
lierte. Ging von der Elektrode hingegen das Feld eines
»erstarrten« Tintenfischs aus, bissen die Räuber nur noch
Gewöhnliche Tintenfische (Sepia officinalis) jagen Krebstiere und halb so oft zu.
Fische, müssen sich ihrerseits aber vor Haien in Acht nehmen. Proc. R. Soc. B 10.1098/rspb.2015.1886, 2015

PHYSIK

Neue Moleküle fürs Quantenrechnen

E in Quantencomputer führt seine


Berechnungen mit Hilfe von Quan­
tenobjekten aus, die in einer Überla­
auslesen, aber auch möglichst lange
speichern lassen. Ein Team um Danna
Freedman von der Northwestern
Information lange erhalten bleibt.
Durch Modifizieren der Komplexe und
Wählen eines geeigneten Lösungsmit­
gerung verschiedener Zustände exis­ University (USA) hat nun spezielle tels schafften es die Forscher, die
tieren und zudem verschränkt sein chemische Verbindungen untersucht, Lebensdauer des Vanadium-Qubits bis
können. Deshalb muss er seine Re­ die hierfür geeignet sein könnten. Es auf 700 Mikrosekunden (millionstel
chenschritte nicht nacheinander handelt sich um Komplexe aus einem Sekunden) zu steigern. Das ist das
abarbeiten, sondern kann sie parallel zentralen Vanadiumion und drei Zehnfache des bisherigen Rekords bei
durchführen – was seine Leistung Kohlenstoff-Schwefel-Gruppen als Komplexverbindungen. Die Forscher
immens steigert. Die Quantenobjekte Liganden. Diese schirmen den Spin des betonen, damit sei eine Grenze über­
verschlüsseln dabei Informationsein­ zentralen Vanadiumions gut ab, so schritten, ab der Quantencomputing
heiten namens Qubit. Wie gut sie sich dass seine quantenmechanische praktisch möglich wird. Zwar erfordern
für praktische Berechnungen eignen, derartige Kohärenzzeiten Temperatu­
hängt von ihrer Lebensdauer ab, der ZADROZNY, J.M.  ET AL., ACS CENTRAL SCIENCE, 10.1021/ACSCENTSCI.5B00338, 2015, FIG. 1
ren unterhalb von minus 260 Grad
so genannten Kohärenzzeit. Meist Celsius; zudem sind bei anderen
wechselwirken sie schon nach kurzer Quantensystemen bereits längere
Zeit mit der Umgebung, wobei sie alle Kohärenzzeiten erreicht worden. Doch
nutzbaren quantenmechanischen zeigt die Arbeit neue Zugangswege zu
Informationen verlieren. diesem noch sehr experimentellen
Deshalb versuchen Wissenschaftler, Drei Kohlenstoff-Schwefel-Gruppen (grau Gebiet auf.
Quantenobjekte zu finden, die sich und gelb) schirmen ein zentrales ACS Cent. Sci. 10.1021/
als Qubits einfach manipulieren und Vanadiumion (grün) in Lösung (blau) ab. acscentsci.5b00338, 2015

8 SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


BILD DES MONATS

EIN GERÜST FÜR NEUE KNOCHEN


Gewebe aus Stammzellen züchten Biomediziner gern auf Hydrogel. Oft bietet dieses Netzwerk aus Polymer­ketten aber nicht
die richtigen mechanischen Eigenschaften, so dass in künstlichen Knochen beispielsweise auch Fett­zellen entstehen.
Forscher von der Harvard University haben nun eine Methode entwickelt, um die Elastizität von Hydrogel optimal einzustellen.
Die eingefärbte elektronenmikroskopische Aufnahme zeigt eine solche Matrix, in der sich so genannte mesenchymale
Stammzellen angesiedelt haben und dort besonders gut zu Knochen bildenden Osteoblasten differenzieren.

Nat. Mater. 10.1038/nmat4489, 30. November 2015

WYSS INSTITUTE AT HARVARD UNIVERSITY / HARVARD SEAS

WWW.SPEK TRUM .DE 9


FORSCHUNG AKTUELL

ROBOTIK

Verletzte Roboter lernen wieder laufen


Künstliche Käfer finden eigenständig Bewegungsformen, die auch nach einer 
Beschädigung funktionieren.

VON CHRISTOPH PÖPPE

G ehen lernen ist schwer. Wir alle ha­


ben das als kleine Kinder schmerz­
haft erfahren müssen. »Trial and error«
Es wäre also durchaus hilfreich, ei­
nem Roboter eine gewisse Lernfähigkeit
mitzugeben, vor allem, wenn man ihn
Hier lohnt es, von der Natur zu ler­
nen. Antoine Cully, Danesh Tarapore
und Jean-Baptiste Mouret vom Institut
heißt in diesem Fall, dass man ziemlich in eine Umgebung schicken möchte, in des Systèmes Intelligents et de Robo­
häufig auf die Nase fällt, bis man die der mit Überraschungen zu rechnen ist tique (ISIR) an der Université Pierre et
ersten sicheren Schritte tut. und aus der man ihn schlecht zum Re­ Marie Curie in Paris sowie Jeff Clune
Ein Roboter dagegen kann laufen, parieren zurückholen kann – Mars zum vom Fachbereich Computer Science
sowie er aus der Fabrik kommt. Die zu­ Beispiel. Nun ist Lernen einem Roboter der University of Wyoming in Laramie
gehörige Folge von Befehlen, mit denen beziehungsweise dem Computer, der in haben das mit zwei verschiedenen Ro­
er die Motoren in seinen Beinen an­ ihm steckt, nicht grundsätzlich fremd. botertypen durchexerziert, mit bemer­
steuert, ist ihm werksseitig einpro­ Das klassische Mittel, um aus vielen Er­ kenswertem Erfolg (Nature 521, S. 503–
grammiert worden, was ihm die müh­ fahrungen zu lernen, sind die neurona­ 507, 2015).
same Lernphase erspart. Wenn jedoch len Netze, die neuerdings in der »tiefen« Was die Lösung des Optimierungs­
einer seiner zahlreichen Motoren aus­ Variante spektakuläre Erfolge verzeich­ problems so quälend langsam macht,
fällt oder er in eine neuartige Umge­ nen können (Spektrum der Wissen­ heißt unter Fachleuten »der Fluch der
bung gerät, ist er hilflos, es sei denn, schaft 9/2014, S. 62 – 67). Und Laufen mit Dimensionen«. Es gibt einfach zu viele
sein Programmierer hätte für diese Si­ beispielsweise fünf statt sechs Beinen Zahlenwerte, an denen man drehen
tuation Vorkehrungen getroffen. ist mathematisch ohne Weiteres als Op­ kann. Dabei sind die insektenartigen
Dagegen lernt ein Mensch nach rela­ timierungsaufgabe formulierbar: Finde Laufroboter des Pariser Instituts nicht
tiv kurzer Zeit einigermaßen geschickt diejenige Ansteuerung deiner Motoren, übermäßig kompliziert gebaut. An je­
zu humpeln, wenn sein Bewegungs­ die dich in kürzester Zeit von A nach B dem der sechs Beine sitzen drei Stell­
apparat einen Schaden erlitten hat, und bringt. Für Optimierungsprobleme aller motoren, und derjenige, der das »Knie­
findet auf Glatteis nach wenigen Fehl­ Art gibt es eine Fülle von Computerpro­ gelenk« bewegt, führt gar kein Eigenle­
versuchen eine unfallfreie Fortbewe­ grammen. Nur arbeiten sowohl neuro­ ben, sondern dient nur dazu, das letzte
gungsweise – jedenfalls weit schneller nale Netze als auch Optimierungsalgo­ Beinglied (den »Unterschenkel«) senk­
als damals beim Laufenlernen. Einem rithmen typischerweise mit einer sehr recht zu halten. Aber zu bestimmen, in
Käfer gelingt es nach dem Verlust eines großen Anzahl von Lösungsversuchen. welchen Zeitintervallen die anderen
Beins binnen weniger Sekunden, mit ei­ Um die alle durchzuprobieren, hat ein zwölf Motoren wie aktiv sein sollen,
nem neuen Bewegungsmuster davon­ beschädigter oder gestrandeter Roboter ­erfordert insgesamt 36 Zahlenwerte,
zulaufen, was für sein Überleben mög­ im Allgemeinen nicht genug Zeit und selbst wenn man den Roboter auf ein
licherweise entscheidend ist. Energie zur Verfügung. Sortiment relativ einfacher Bewegun­

Bewegungsgedächtnis vor … … und nach dem Schaden


100%
Dim 6

in Prozent der Standard-Maximalleistung

Dim 5
Dim 4
Dim 2

80%
Dim 3
Bewegungsleistung

60%
Dim 1

Dim 1 Dim 2

Dim 4 40%

Dim 3
Dim 6
Dim 5 <20%
CULLY, A.  ET AL.: ROBOTS THAT CAN ADAPT LIKE ANIMALS. IN: NATURE 521, S. 503-507, 2015, FIG. 4

10  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


sind nicht optimal oder sogar albern,
aber eine von ihnen mag in einer neuen
Situation sogar hilfreich sein. Wer sich
als Kind einen Spaß daraus gemacht
hat, auf einem Bein zu hüpfen, kommt
im Bedarfsfall mit einem Gehgips bes­

ANTOINE CULLY, ISIR, UNIVERSITÉ PIERRE ET MARIE CURIE


ser zurecht.
Um ihren Robotern so etwas wie die­
se Kindheitserlebnisse zu verschaffen,
hätten die Forscher aus Paris und Wyo­
ming sie also auf die verschiedensten
Weisen herumhampeln lassen müssen.
Dabei hätten die Geräte sich zu jeder
Bewegungsform gemerkt, wie schnell
Ein intakter sechsbeiniger Roboter läuft dank seiner Stereokamera und sie damit vorankommen, und vor al­
dem eingebauten Computer mühelos auch über unebenes Gelände. lem, ob sie damit auf der Nase (Zweibei­
ner) oder dem Rücken (Sechsbeiner)
landen. An die Stelle der echten Übung
gen einschränkt. Wollte man dem nimmt. Wenn es nicht die optimale, setzten Cully und seine Kollegen die
künstlichen Käfer jede technisch mög­ sondern nur eine hinreichend schnelle Zeit sparende und Material schonende
liche Bewegungsform freistellen, wür­ Bewegung sein soll, gibt es vielleicht Computersimulation.
de das Optimierungsproblem über jede ganze Regionen im Lösungsraum, in Selbst auf diese Weise hätte sich ein
handhabbare Größe hinauswachsen. denen die Zielfunktion unterhalb einer künstlicher Käfer allerdings keinen re­
In die Beschränkung auf diese 36 vorgegebenen Schranke liegt. Leider präsentativen Überblick über den 36-di­
Werte ist das eingeflossen, was Fachleu­ sind diese immer noch äußerst müh­ mensionalen Parameterraum verschaf­
te »Weltwissen« nennen: Die Designer sam zu finden, denn je höher die fen können. Man begnügte sich mit ei­
sind zu der Überzeugung gekommen, Dimen­sion des Raums, desto eher ver­ nem sechsdimensionalen Teilraum, in­
dass es der Mühe nicht wert sei, jenseits läuft man sich darin, und an eine er­ dem man den Käfer anwies, sich zu jeder
der Funktionenklasse, die durch die 36 schöpfende Durchmusterung ist über­ Bewegungsform nur zu merken, für
Parameter beschrieben wird, nach Be­ haupt nicht zu denken. welchen Teil des Bewegungszyklus jeder
wegungsformen zu suchen. Aber selbst Wie bewältigt dann ein Mensch oder Fuß im Kontakt mit dem Boden war.
bei dieser relativ bescheidenen Anzahl Käfer eine Situation, in der ein Roboter Damit verläuft die »Kindheit« des
schlägt der Fluch der Dimensionen zu. lange optimieren müsste oder sogar künstlichen Sechsbeiners ungefähr so:
scheitern würde? Er verfügt über Vorer­ Er probiert nach dem Zufallsprinzip ei-
Üben mit albernen Gangarten fahrung über ein werksseitig eingebau­ ne Gangart aus – oder lässt sich dabei
Es geht darum, in einem 36-dimensio­ tes Laufprogramm hinaus. Beim Ge­ vom Simulationsprogramm vertreten –;
nalen Raum (dem »Lösungsraum«) ei­ henlernen durch Versuch und Irrtum dabei notiert er einerseits die Zeiten,
nen Punkt zu finden, an dem die Ziel­ hat er sich, mehr oder weniger spiele­ die seine Füße im Kontakt mit dem Bo­
funktion, zum Beispiel die Laufzeit von risch, eine große Vielfalt von Gangarten den zubrachten, und andererseits, wie
A nach B, einen minimalen Wert an­ angeeignet. Die allermeisten davon erfolgreich dieser Gehversuch war. In
eine sechsdimensionale Tabelle (Sche­
ma links) trägt er an der Stelle, die den
Ein künstlicher Käfer, der ein Bein verliert, muss seine Erinnerungen über die Brauch­ gemessenen Bodenkontaktzeiten ent­
barkeit gewisser Gangarten revidieren. Sein »Gedächtnis« ist durch ein quadratisches spricht, die Details der Gangart sowie
Schema dargestellt. Jeder der sechs Parameter, die eine Gangart beschreiben, kann eine Maßzahl für deren Erfolg ein. Steht
nur fünf verschiedene Werte annehmen. Die 5 mal 5 Kästchen des Schemas stehen für an derselben Stelle der Tabelle schon
Wertepaare der ersten zwei Parameter, die kleinen Kästchen innerhalb der größeren ein Eintrag, so bleibt nur der erfolgrei­
für die Parameter 3 und 4 und die Pixel innerhalb jedes chere erhalten. Nach 40 Millionen Ver­
Kleinkästchens für die Parameter 5 und 6. So werden suchen ist die Tabelle im Wesentlichen
sechs Dimensionen – sehr grob – auf einem Quadrat gefüllt, und das Käferkind verfügt über
untergebracht. Während des Lernprozesses verfärben ein buntes Sortiment an zumindest ir­
sich viele Pixel in Richtung Blau, weil einst erfolg­reiche gendwie gangbaren Bewegungsweisen.
Bewegungsweisen nicht mehr gut funk­tionieren. Nach Wird der Roboter nun als »Erwachse­
etlichem Herumprobieren (Pfeile) findet der Roboter eine ner« mit einer neuen Situation, zum
ANTOINE CULLY, ISIR,
unter Schadensbedingungen optimale Bewegungsweise. UNIVERSITÉ PIERRE ET MARIE CURIE Beispiel dem Ausfall eines Beins, kon­

WWW.SPEK TRUM .DE 11


FORSCHUNG AKTUELL

frontiert, so beginnt eine neue Lern­ nimmt. Die Funktionswerte bilden ein tung, in der Nähe guter Lösungen wür­
phase. Aber die verläuft anders und vor verallgemeinertes Gebirge; aber immer den sich noch bessere finden lassen.
allem wesentlich schneller, denn – so nur abwärts zu gehen, um an einen tiefs­ Oder man erforscht gänzlich unbekann­
die entscheidende Grundvorausset­ ten Punkt zu kommen, ist eine schlechte te Regionen des Raums, mit der Aussicht,
zung – die neue Situation ist nicht völlig Idee. Dazu ist das Gebirge viel zu zerklüf­ dort vollkommen neue Lösungen des
verschieden von der alten. Also werden tet. Einige Punkte des Gebirges kennt Problems zu entdecken. Es stellte sich
zumindest einige Bewegungsweisen man, das sind die bisherigen Versuche. heraus, dass es entscheidend auf den
aus der Kindheit noch irgendwie funk­ Von anderen hat man aus den Kind­ Kompromiss zwischen diesen beiden ei­
tionieren. Diese sind als Ausgangspunkt heitserfahrungen eine vage Vorstellung, nander widersprechenden Prinzipien
für Optimierungsversuche brauchbar. die wahrscheinlich inzwischen nur noch ankommt, also auf die richtige Mischung
Wieder probiert der Käfer nach dem sehr ungefähr zutrifft. Was tun? aus konservativ und risikofreudig.
Zufallsprinzip herum, aber diesmal ist Der Algorithmus von Cully und sei­ Am Ende ist es wichtig, rechtzeitig
es ein gelenkter Zufall. Bemerkenswer­ nen Kollegen bastelt sich aus den weni­ mit Probieren aufzuhören. Dabei kann
terweise findet die Lenkung nach Prinzi­ gen Informationen, die er hat, ein Bild man sich entweder eine Zeit setzen,
pien statt, die auch ein Mensch befolgen des Gebirges zurecht. Dieses Bild ist ei­ nach der man sich mit dem bisher Er­
würde, der sich in einer neuen Situation nigermaßen deutlich da, wo er sich be­ reichten zufriedengibt, oder ein Ziel,
wiederfindet, zu deren Bewältigung er reits auskennt, und umso unschärfer, je zum Beispiel 90 Prozent der Geschwin­
nicht viel Zeit hat und die er kaum oder weniger er über die Umgebung weiß. digkeit aus gesunden Zeiten zu errei­
gar nicht durchschauen kann. Für den nächsten Versuch wählt er ei­ chen. Das klingt anspruchsvoll, aber den
Es gilt, in dem sehr unübersichtli­ nen Punkt, der in diesem gedachten Ge­ nur noch fünfbeinigen Robotern gelang
chen Lösungsraum – mit 36 Dimensio­ birge möglichst tief liegt – soweit er­ es in Einzelfällen sogar, ihren intakten,
nen, von denen man sich nur einen kennbar. mit einem Standardprogramm ausge­
sechsdimensionalen Abklatsch gemerkt Zwei Vorgehensweisen bieten sich an. statteten Kollegen davonzulaufen.
hat – einen Punkt zu finden, in dem die Man sucht entweder die Umgebung be­
Zielfunktion einen minimalen oder reits bekannter günstiger Punkte im abs­ Christoph Pöppe ist Redakteur bei »Spektrum
­wenigstens erträglich kleinen Wert an­ trakten Lösungsraum ab, in der Erwar­ der Wissenschaft«.

MOLEKULARBIOLOGIE

Passkontrolle in der Zelle


Ein chemisches Anhängsel hilft der angeborenen Immunantwort, 
körpereigene RNA vom Erbgut feindlicher Viren zu unterscheiden.

VON STEFANIE REINBERGER

E gal ob Parasiten, Pilze, Bakterien


oder Viren – die angeborene Im­
mun­abwehr erkennt Krankheitserreger
mit dem gleichen Keim schützen kann.
Diesem Gedächtnis ist es zu verdanken,
dass man sich meist kein zweites Mal
bauen dieses einfach in das des Wirts
ein, und schon können sie dort viele
Jahre überdauern. Retroviren wie HIV
als fremde Eindringlinge und reagiert mit Masern oder Windpocken ansteckt. besitzen zwar ein RNA-Genom, überset­
binnen weniger Minuten auf den feind­ Auch bei Impfungen macht man es sich zen dieses aber zwecks Vermehrung in
lichen Angriff. Teilweise können die zu Nutze. DNA und schmuggeln sich so ebenfalls
Komponenten dieser ersten Abwehr­ Den Feind erkennt das angeborene ins Erbgut des Wirts.
front Erreger direkt beseitigen und so Immunsystem meist daran, dass er Mo­ RNA-Viren, zu denen viele Erkäl­
eine Infektion vereiteln. Daneben alar­ leküle besitzt, die im Körper in dieser tungsviren, aber auch gefährlichere
miert die angeborene Immunantwort Form nicht existieren, etwa anders auf­ Vertreter wie Influenza-, Ebola-, Den­
durch Botenstoffe auch Nachbarzellen, gebaute Eiweißstoffe oder Zuckerket­ gue- oder Gelbfieberviren zählen, kön­
die noch nicht befallen sind. Außerdem ten. Bei Viren hingegen besteht ein be­ nen sich dagegen nicht im Wirtsgenom
ruft sie die Abwehrzellen der adaptiven sonders wichtiger Weg darin, deren verstecken. Die angeborene Abwehr er­
Immunantwort auf den Plan, die den ­genetisches Material als »unpassend« kennt sie daher meist gut. Entsprechend
Erreger dann ganz gezielt bekämpfen zu identifizieren. Das gelingt mal mehr lösen sie oft heftige Immunreaktionen
sowie ein Immungedächtnis ausbilden, und mal weniger: Viren mit einem und in der Folge schwere Krankheits­
das später vor einer erneuten Infektion ­Erbgut aus DNA wie etwa Herpesviren symptome aus. »Das gelingt etwa, weil

12  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


RNA-Moleküle an Orten in der Zelle auf­ ein Erkennungssignal für RIG-I. Bei Eu­ dert, dass sich RIG-I an den Anfang der
treten, wo RNA im Normalfall nichts zu karyoten, zu denen alle höheren Lebe­ RNA heftet. Denn daraufhin würde das
suchen hat«, sagt Martin Schlee, Bioche­ wesen gehören, heftet sich aber eine so Molekül Abwehrmaßnahmen einlei­
miker am Uniklinikum Bonn. »Oder weil genannte 5’-Cap-Struktur in Form eines ten, etwa die Ausschüttung von Boten­
sie in einer untypischen Form vorliegen, Methylguanosins vorn an die Triphos­ stoffen wie Interferonen ankurbeln.
wie bei der doppelsträngigen RNA von phatgruppe. Sie verleiht dem wachsen­ Als Beweis stellten die Forscher ge­
Rotaviren, die gravierende Durchfall- den RNA-Strang Stabilität und wird zu­ netisch veränderte RIG-I-Moleküle her,
erkrankungen verursachen.« dem benötigt, damit neu gebildete RNA bei denen die RNA-Kappe trotz Me­
In den meisten Fällen befindet sich aus dem Zellkern ins Zytosol transpor­ thylanhängsel in die entscheidende
virale RNA allerdings im Zellplasma. Da tiert und in Proteine übersetzt werden Bindungstasche passt. Hierfür änder­
hier laufend neue Proteine entstehen, kann. Lange Zeit war man außerdem ten sie ein bestimmtes Histidin in RIG-I
tummeln sich im Zytosol auch große davon ausgegangen, dass diese Struk­ zu einem Alanin, das weniger Platz ein­
Mengen unterschiedlichster körperei­ tur auch als Tarnkappe dient, damit nimmt und damit der Methylgruppe
gener RNA-Moleküle. Jetzt hat Schlee RIG-I sie nicht erkennt. an der RNA den nötigen Raum gibt.
zusammen mit Kollegen aus Bonn und Prompt waren die veränderten Rezep­
Hamburg den genauen Mechanismus Wettrüsten mit tormoleküle nicht mehr in der Lage,
aufgedeckt, wie die Zellen RNA-Molekü­ chemischen Modifikationen zwischen RNA von Eukaryoten und Vi­
le als »fremd« oder »eigen« identifizie­ Im Verlauf ihrer Evolution haben Viren ren zu unterscheiden – sie wurden nun
ren ( Immunity 43, S. 41 – 51, 2015). jedoch verschiedenste Mechanismen auch von der RNA der Wirtszelle scharf
Schon 2004 hatten japanische For­ entwickelt, um dem Immunsystem zu gestellt (siehe Grafik).
scher zwei Rezeptormoleküle im Zyto­ entkommen. So bauen einige Vertreter, »Interessanterweise ist dieser Me­
sol ausgemacht, die zentral sind für das etwa Reoviren, die Cap-Struktur von chanismus der Immuntoleranz der ei­
Unterscheiden fremder und körperei­ Eukaryoten nach. Manchmal erkennt genen RNA hoch konserviert«, sagt
gener RNA-Moleküle. Schlee und seine das Immunsystem sie trotzdem, etwa Schlee. »Wir finden ihn bei Seeanemo­
Kollegen begannen bald darauf, die Rol­ weil sie die Kappe über biochemische nen bis hin zum Menschen.« Die Art
le eines dieser Rezeptoren, RIG-I (kurz Zwischenstufen aufbauen, die RIG-I und Weise, mit der RIG-I Eindringlinge
für »Retinsäure-induzierbares Gen 1«), ebenfalls als fremdartig identifiziert. erkennt, entstand also bereits sehr früh
unter die Lupe zu nehmen. Dabei stell­ Die Wissenschaftler um Martin in der Evolution. Das gab allerdings
te sich heraus, dass RIG-I die Struktur Schlee haben jetzt aber ein Merkmal auch Viren die Zeit, neue Strategien zu
jenes Endes des RNA-Strangs abtastet, entdeckt, mit dem RIG-I die Virus-RNA entwickeln, um diese Kontrollinstanz
an dem seine Produktion begann; Fach­ erkennt, selbst wenn diese eine Cap- an der Nase herumzuführen. So kön­
leute sprechen hier vom 5’-Ende. Struktur nachahmt. Bei höheren Eu­ nen etwa Flaviviren, zu denen beispiels­
Der erste Baustein (Nukleotid) neu karyoten trägt das erste Nukleotid am weise die Erreger von Dengue- und
gebildeter RNA weist eine so genannte Kopfende der RNA nämlich zusätzlich Gelbfieber, aber auch das Hepatitis-C-
Triphosphatgruppe auf – egal ob bei Vi­ zu der »Kappe« ein weiteres chemi­ Virus zählen, selbst Methylgruppen
rus, Pflanze oder Mensch. Diese kurze sches Anhängsel an einer anderen Stel­ einbauen und tragen sogar den Bau­
Kette aus drei Phosphatresten liefert le: eine Methylgruppe. Diese verhin­ plan für die notwendigen Enzyme im
eigenen Genom. »Und Influ­enza ›klaut‹
sich die schützende Methyl­gruppe re­
gelrecht von zellulärer RNA«, fügt
Schlee hinzu.
Cap-Triphosphat Die meisten Vertreter sind mit die­
ser Tarnung allerdings nur mäßig er­
folgreich. Das heißt, ein Teil der Viren
Histidin trägt die Methylgruppe, ein anderer
nicht. »Sich vollständig vor dem Im­
munsystem zu verstecken, wäre für die
Cap-Triphosphat +
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / BUSKE-GRAFIK

Methylgruppe am
ersten Nukleotid RIG-I erkennt das Kopf-(5’-)Ende von RNA
im Zellplasma – außer das erste Nukleotid
der RNA trägt neben der Cap-Triphosphat-­
Alanin
struktur auch eine Methylgruppe. Diese
passt nur in die Bindungstasche, wenn dort
statt Histidin ein Alanin sitzt.

WWW.SPEK TRUM .DE 13


FORSCHUNG AKTUELL

meisten Viren auch nicht sinnvoll«, wäre es denkbar, bei einer bestehenden tarnen können. Das angeborene Im­
­erklärt Schlee. »Es geht immer um die gefährlichen Infektion mit RNA-Viren munsystem würde diese dann beson­
Balance: Das Virus will sich zwar mög­ so genannte Methyltransferase-Hem­ ders gut erkennen, was eine starke Vi­
lichst gut vermehren, darf dabei aber mer einzusetzen. Sie verhindern den rusabwehr nach sich zöge: Der Körper
den Wirt nicht so sehr schwächen, dass Einbau der Methylgruppe in die virale wäre gegen künftige Angriffe sicher ge­
dieser stirbt, bevor es sich weiter aus­ RNA und vereiteln so den Tarnungsver­ wappnet. Bislang erfolgt die Entwick­
breiten konnte.« such der Eindringlinge. Die angeborene lung von Impfviren über langwierige
Vorrangig wollen die Bonner Wissen­ Immunantwort kann dann die feindli­ Verfahren, in denen die Erreger Schritt
schaftler die Prinzipien verstehen, nach che RNA wiedererkennen und die adap­ für Schritt abgeschwächt werden. Hier
denen das angeborene Immunsystem tive Abwehr auf den Plan rufen. brächte der neue Ansatz einen klaren
Viren im Zytosol möglichst effizient er­ Eine andere Anwendungsmöglich­ Vorteil.
kennt und dabei die eigene RNA igno­ keit wäre, gezielt und schnell Impfviren
riert. Doch die Entdeckung könnte auch zu konstruieren, indem man sie so ver­ Stefanie Reinberger ist promovierte Biologin
von medizinischer Relevanz sein. So ändert, dass sie ihre RNA nicht mehr und Wissenschaftsjournalistin in Köln.

QUANTENPHYSIK

Das Ende des lokalen Realismus


Die Welt der Quantenmechanik passt oft nicht zu unserem Alltagsverständnis. Neue Experimente
belegen erstmals ohne mögliche Schlupflöcher: Die seltsamen Effekte gibt es wirklich.

VON HOWARD WISEMAN

D ie Vorhersagen der Quantenme­


chanik widersprechen den klassi­
schen Naturgesetzen. Doch zunächst
Quantenmechanik nicht zu, da zu­
nächst nur die Wahrscheinlichkeit be­
rechnet werden kann, mit der ein Ereig­
chens, das an einem anderen Punkt
entsteht. Die hypothetischen Forscher
Alice und Bob bedienen die Geräte und
einmal ist sie nur eine Theorie. Wissen­ nis eintritt, und sich das System erst bei wählen zufällig eine bestimmte Einstel­
schaftler untersuchen seit Jahrzehnten, der Messung auf einen Wert festlegt. lung am Apparat aus, um den Spin zu
ob sich die Realität tatsächlich so selt­ messen. Diese Vorjustierung muss in
sam verhält, wie einige der Gleichun­ Gibt es die spukhafte Fernwirkung? der kurzen Zeitspanne geschehen, in
gen vorgeben. Als zweites Prinzip beschreibt die »Lo­ der die Teilchen auf dem Weg zu Alice
Ein Team um Bas Hensen von der kalität«, wann Veränderungen an einem und Bob sind. Nur so können die beiden
Technischen Universität Delft hat die- Ort einen anderen beeinflussen kön­ vollkommen ausschließen, dass ein Be­
se Frage jetzt eindeutig bejaht und bei nen. Laut Einsteins Relativitätstheorie obachter das Resultat des anderen be­
seinem Experiment erstmals alle mög­ breitet sich Information nie schneller einflusst. Die beiden notieren ihre Ein­
lichen alternativen Erklärungen ausge­ als das Licht aus. Zwei Dinge können nur stellungen und Versuchsergebnisse
schlossen (Nature 526, S. 682 – 686, 2015). dann kausal wechselwirken, wenn genü­ und berechnen daraus bestimmte ma­
Die Forscher haben eine Ungleichung gend Zeit ist, zwischen ihnen ein Signal thematische Werte. Die Bell-Unglei­
untersucht, die der nordirische Physi­ auszutauschen. Doch in der Quanten­ chung liefert einen Zusammenhang
ker John Bell (1928 – 1990) bereits 1964 physik kann sich auch bei weit vonein­ zwischen den ermittelten Größen und
veröffentlichte. Sie zeigt mathematisch ander entfernten Teilchen die Messung gibt eine Grenze vor, die lokal-realisti­
die Unvereinbarkeit der Quantenme­ des einen unmittelbar auf das andere sche Theorien nicht überschreiten dür­
chanik mit den anschaulichen klassi­ auswirken – die Theorie ist nicht lokal. fen. Sonst ist für das Experiment ent­
schen Naturgesetzen. Ein zentraler Be­ Seit den 1960er Jahren studieren weder die Annahme der Lokalität oder
griff dabei ist der »lokale Realismus«. Physiker entsprechende Phänomene. die des Realismus falsch.
Bells Argumentation zufolge lässt sich So besteht eine mögliche Versuchsan­ Die Quantenmechanik sagt nun vor­
eine Theorie anhand von zwei Konzep­ ordnung aus zwei Laboren in großer aus, dass spezielle »verschränkte« Zu­
ten einordnen. Einerseits kann sie »rea­ Dis­tanz zueinander. In beiden befinden stände die Bell-Ungleichung verletzen.
listisch« sein: Ein Experiment enthüllt sich Instrumente, mit denen eine phy­ Sie bestehen aus zwei verknüpften Teil­
nur Eigenschaften der Welt, die zuvor sikalische Größe gemessen wird, bei­ chen, die sich nur als Einheit beschrei­
schon existiert haben. Das trifft in der spielsweise der Drehimpuls eines Teil­ ben lassen und diese Eigenschaft sogar

14  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


WISEMAN, H.: DEATH BY EXPERIMENT FOR LOCAL REALISM. IN: NATURE 526, S. 649-650, 2015, FIG. 1

a Bei dem Experiment erzeugen


Alice Bob Alice und Bob unabhängig
voneinander verschränkte Paa-
re von Elektronen und Photo­
Elektron
Verschränkung nen (a). Dann schicken sie die
–1 +1 –1 +1 Lichtteilchen zu einer dritten
Photon Person (b) und vermessen das
bei ihnen verbliebene Elektron
b
auf eine zufällige Art (symbo­
lisiert durch die verschieden­
farbigen Knöpfe). Die Person
dazwischen betrachtet wäh­
renddessen die Photonen (c).
–1 +1 –1 +1
In sehr seltenen Fällen sind
diese verschränkt, was darauf
hinweist, dass auch die Elek­
c
tronen quantenmechanisch
verknüpft waren. Durch den
Abgleich aller Messungen lässt
sich dann berechnen, ob die
Quantenphysik den so ge­
–1 +1 –1 +1 nannten lokalen Realismus
verletzt.

dann beibehalten, wenn ein großer Ab­ meist ein verschränkter Zustand er­ Die Resultate von Alice und Bob sind
stand zwischen ihnen liegt. zeugt, und die Teilchen liefen an zwei prinzipiell voneinander unabhängig. In
Schon mehrfach haben Physiker mit weit entfernte Messstationen. Das nie­ seltenen Fällen sind die beiden Photo­
solchen Objekten Versuche durchge­ derländische Team fügte jetzt noch nen aber verschränkt – und somit auch
führt, in denen die Bell-Ungleichung eine dritte Station hinzu (siehe Bild die zugehörigen Elektronen. Nur solche
nicht erfüllt war. Allerdings gab es im­ oben). Bei diesem Aufbau sind Alice Ereignisse wurden ausgewertet. Dann
mer Schlupflöcher – experimentelle und Bob 1,3 Kilometer voneinander kann die zusätzliche Person die Bell-
Unsicherheiten, wegen derer sich nicht entfernt. Jeder von ihnen erzeugt einen Ungleichung anhand der aufgezeichne­
jede lokal-realistische Erklärung aus­ verschränkten Zustand aus einem Pho­ ten Werte von Alice und Bob prüfen.
schließen lässt. Sind die beiden Labore ton und einem Elektron. Sie fangen das Wie sich bei den Experimenten von
etwa nicht weit genug voneinander Elektron in einem Diamantgitter ein Hensens Team zeigte, ist der lokale Rea­
entfernt, können die Orte Signale aus­ und senden das Photon an eine dritte lismus deutlich verletzt.
tauschen, bevor das Experiment been­ hypothetische Person. Diese arbeitet in
det ist (»Lokalitätsschlupfloch«). Die einem Labor zwischen Alice und Bob, Aufwändige Messungen
Detektoren registrieren auch nicht alle ungefähr 500 beziehungsweise 800 Me­ mit klarem Ergebnis
eintreffenden Teilchen. Einige lokal-­ ter von ihnen entfernt. Alice und Bob Die Forscher verbanden dazu moderns­
realistische Theorien könnten dieses vermessen unabhängig voneinander te Quantentechnologien, unter ande­
»Detektionsschlupfloch« nutzen und auf zufällige, eindeutige Weise ihr Elek­ rem schnelle Zufallszahlengenerato­
fälschlicherweise quantenmechanisch tron. Durch diese spezielle Art der Mes­ ren, die rasch genug die Messeinstel­
erscheinen (selbst wenn sie dafür reich­ sung konnte das Team aus Delft das lungen festlegen konnten. Eine große
lich exotisch sein müssten). Detek­tionsschlupfloch schließen. Die Herausforderung bestand darin, dass
Mehrere Forschergruppen weltweit übernahm im Experiment eine Maschi­ alle Geräte während der gesamten Lauf­
versuchten in letzter Zeit, mit einem ne. Die dritte Station untersuchte wäh­ zeit von 18 Tagen optimal funktionie­
Experiment alle denkbaren Schlupflö­ renddessen die beiden Photonen. Alle ren mussten. Die Anzahl der erfolgrei­
cher zu schließen. Hensen und seine Vorgänge mussten sich innerhalb weni­ chen Messungen – also die, bei der es
Kollegen haben das Rennen dank eines ger Mikrosekunden abspielen – schnel­ zur Verschränkung kam – ist gering.
trickreichen, erweiterten Versuchsauf­ ler, als Alice und Bob direkt miteinan­ Das passierte etwa einmal pro Stunde,
baus nun gewonnen. Bisher wurde der kommunizieren könnten. insgesamt traten 245 solcher Ereignisse

WWW.SPEK TRUM .DE 15


FORSCHUNG AKTUELL

auf. Die statistische Sicherheit reicht gar mit noch größerer Wahrscheinlich­ noch: Im Grunde müssten die Resultate
damit zwar aus, lässt sich aber durch keit ausschließen als die Physiker in von Menschen statt von Maschinen re­
weitere Versuche noch verbessern, wie Delft. produziert werden. Nur diese können
die Autoren selbst anmerken. Das Team Der neue Zugang von Hensen mit die Messeinstellungen wirklich frei
legte zwei unterschiedliche Analysen Hilfe einer dritten, überwachenden wählen und die Ergebnisse bewusst re­
ihrer Daten vor. Beide kommen zum Stelle könnte auch zu neuen Wegen gistrieren (»Freier-Wille-Schlupfloch«).
selben Resultat: Die Hypothese des lo­ führen, Quanteninformation abhör­ Erst dann dürfte der Sarg auch endgül­
kalen Realismus gilt nicht für die Quan­ sicher zu übertragen – selbst wenn die tig begraben sein. So ein Experiment
tenmechanik. Anwender ihren eigenen Geräten nicht liegt allerdings noch in weiter Ferne.
Diese Erkenntnis hat inzwischen vertrauen. Um das in die Praxis umzu­
eine Gruppe um Lynden Shalm vom setzen, müsste die Ereignisrate aller­ Howard Wiseman ist Physikprofessor am Centre
US-amerikanischen National Institute dings noch deutlich höher ausfallen. for Quantum Dynamics der Griffith University in
of Standards and Technology in einem Die große Bedeutung beider Versu­ Brisbane, Australien.
Experiment mit Photonen bestätigt che liegt in der Theorie: Sie schlagen
(arXiv:1511.03189, 2015). In einem den letzten Nagel in den Sarg des loka­ © Nature Publishing Group
­ebenfalls schlupflochfreien Aufbau len Realismus. Ein – fast metaphysi­ www.nature.com
konnten sie den lokalen Realismus so­ sches – Schlupfloch bleibt zwar immer Nature 526, S. 649 – 650, 29. Oktober 2015

PALÄOGENETIK

Zweischneidiges Neandertalererbe
Die Techtelmechtel unserer Vorfahren mit archaischen Menschen haben 
für den heutigen Homo sapiens Spätfolgen. Nicht alle davon sind von Vorteil.

VON EWEN CALLAWAY

U nsere Vorfahren hatten offensicht­


lich ein umtriebiges Sexualleben:
Sie bekamen gemeinsame Kinder mit
von der Anpassungsfähigkeit an außer­
afrikanische Umwelten bis hin zur An­
fälligkeit für Krankheiten wie Asthma,
schergruppen, die im Frühjahr 2014
kurz nacheinander je eine große Studie
hierzu veröffentlicht haben (Science
Neandertalern, mit Denisovanern (auf bestimmte Hautleiden und vielleicht 343, S. 1017 – 1021; Nature 507, S. 354 –
deren Spuren Paläogenetiker in Fossili­ sogar Schwermut. 357 ). Eines der Ergebnisse war, dass die
en aus dem Altai stießen) und anschei­ Höchstens zwei bis vier Prozent des Neandertalerversion bestimmter Gene
nend auch mit anderen archaischen Erbguts der meisten Europäer und Asi­ die modernen Eurasier möglicherweise
Menschen. Erbgutuntersuchungen der aten stammen von Neandertalern. De­ besser vor Wärmeverlust schützte und
vergangenen Jahre belegten zweifels­ nisovaner-DNA macht bei Melanesiern ihnen eine stärkere Behaarung be­
frei die weit zurückliegenden Kontakte. und Australiern etwa fünf Prozent aus. schert haben könnte als die, die sie aus
Dabei erweist sich die uns eigene Nean­ Hinzu dürften Spuren weiterer frühe­ Afrika mitgebracht hatten. Allerdings
dertaler-DNA als höchst divers: Jeder rer Menschenformen kommen, die Bio­ konnten die Forscher nicht ermitteln,
Einzelne besitzt zwar nur sehr wenig logen in modernen Genomen zu erken­ inwieweit diese Gene dem Homo sapi-
davon, doch zusammengenommen nen meinen­. ens tatsächlich wesentlich nützten.
könnten die Anteile verschiedener Um solche Unsicherheiten auszu­
Menschen mehr oder weniger das hal­ Wichtige Erbgutschnipsel räumen, nahmen sich die Evolutions­
be Erbgut unserer urzeitlichen Vettern Einige der fremden Sequenzen unter­ genetiker Corinne Simonti und Tony
ergeben (siehe SdW 10/2015, S. 28 – 35). scheiden sich ausgesprochen stark von Capra von der Vanderbilt University in
Um die Bedeutung der übernomme­ den ureigenen des Homo sapiens, er­ Nashville (Tennessee) Daten so genann­
nen DNA-Stücke aufzudecken, ziehen läutert der Genetiker David Reich von ter genomweiter Assoziationsstudien
Forscher die umfangreichen Daten zu der Harvard University in Boston (Mas­ vor. Diese versuchen im Erbgut vieler
Genomanalysen von vielen Individuen sachusetts). Solche Abschnitte könnten Menschen Unterschiede zu finden, die
heran. Dabei entpuppen sich manche daher trotz ihres geringen Anteils am mit bestimmten Merkmalen, insbeson­
der fremden Erbgutsequenzen als se­ Erbgut ins Gewicht fallen und durchaus dere Krankheitsbildern oder risikorei­
gensreich, andere als weniger wün­ vorteilhafte Merkmale bedingen. Reich chen Gesundheitszuständen, zusam­
schenswert. Die Auswirkungen reichen gehörte zu der zweiten der beiden For­ menhängen könnten. Tausende von

16  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


DNA-Varianten wurden dafür bereits mit einem verminderten Risiko für eine mit bestimmten Blutgerinnungsstö­
verglichen. entsprechende Diagnose verknüpft. Im rungen äußerten Simonti und Capra in
Simonti und Capra verwendeten Juli 2015 stellte Simonti diese Ergebnisse Wien den Verdacht, womöglich seien
ano­nymisierte Genomdaten und medi­ auf einer wissenschaftlichen Tagung in diese Krankheiten auf Immungene von
zinische Befunde von 28 000 Klinikpa­ Wien vor. den Neandertalern zurückzuführen.
tienten. Sie achteten dabei speziell auf Bei früheren Untersuchungen hatten
spezifische Neandertaler-Genvarianten Stammt empfindliche Haut Forscher dagegen spekuliert, dass der
und prüften, ob eine »fremde« Genver­ von Neandertalern? Homo sapiens dank Neandertalergenen
sion mit Erkrankungen oder bestimm­ Die betreffenden Neandertaler-Va­ri­an­ leichter mit Krankheiten fertigwurde,
ten medizinischen Diagnosen korre­ ten würden sich allerdings nur ganz auf die er fern von Afrika traf.
lier­te, nicht aber die entsprechende gering­fügig auf die jeweiligen Erkran­ Auf derselben Tagung berichteten
H.-­sapiens-Version. Und tatsächlich sah kungsrisiken auswirken, betont Capra – Michael Dannemann und seine Kolle­
es so aus, als bestünde bei bestimmten nicht anders also, als man es auch von gen vom Max-Planck-Institut für evolu­
Neandertaler-Varianten ein leicht er­ den meisten H.-sapiens-Varianten kennt. tionäre Anthropologie in Leipzig, die
höhtes Risiko zum Beispiel für Osteo­ Der Befund, dass Neandertalergene an Gene für die so genannten Toll-ähn­
porose, Störungen der Blutgerinnung Hautkrankheiten beteiligt sein dürften – lichen-Rezeptoren (toll-like-receptors,
oder auch Nikotinsucht. einschließlich sonnenbedingter Haut­ TLR) vieler heutiger Menschen stamm­
Außerdem suchten die Forscher nach schäden –, passt immerhin zu einer frü­ ten von Neandertalern oder Denisova­
Auswirkungen des Zusammenspiels vie­ heren Beobachtung: Ihr zufolge könnten nern. Diese Moleküle des angeborenen
ler Gen­varianten. Dabei stießen sie auf bestimmte Eigenschaften unserer Haut Immunsystems erkennen Krankheits­
Beziehungen von Neandertaler-Sequen­ durchaus auf genetische Merkmale un­ erreger und führen rasch eine gezielte,
zen zu Depression, Übergewicht und serer Vettern zurückgehen. also erlernte Immunreaktion herbei.
eini­gen Hautleiden. Interessanterweise Manchmal mag sich sogar die Be­ Die Forscher hatten zudem herausge­
waren manche der fremden Varianten deutung der fremden Gene mit der Zeit funden, dass kultivierte menschliche
mit einem erhöhten, andere dagegen gewandelt haben. Im Zusammenhang Zellen mit den archaischen geneti­

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SPRINGERS EINWÜRFE

Computer mit rascher Auffassungsgabe schen Versionen dazu tendieren, mehr


von den Rezeptoren zu bilden als Zellen
Ein neuer Algorithmus erkennt vielleicht sogar bald Sprachnuancen. mit H.-sapiens-Versionen (http://dx.doi.
org/10.1101/022699, 2015).

S chon Kinder sehen auf einen Blick, dass ein vierrädriges Spielzeug ein Auto dar-
stellt, während etwas mit zwei Rädern wohl ein Fahr- oder Motorrad ist – und
dass beides Menschen befördert. Ein noch so leistungsstarker Computer tut sich da-
Frühere genomweite Assoziations­
studien hatten den vom Neandertaler
stammenden Varianten der TLR-Gene
mit ungleich schwerer. Bis er eine bestimmte Klasse von Objekten halbwegs richtig die Eigenschaft zugesprochen, die Ge­
erkennt, müssen menschliche Lehrer ihn lange trainieren, indem sie ihm Hunderte fährdung durch eine Infektion mit dem
von Beispielen vorführen. Mit der Spontaneität und Flexibilität menschlicher Be- Bakterium Helicobacter pylori zu ver­
griffsbildung kann bislang keine Maschine auch nur entfernt mithalten. mindern, das Magengeschwüre verur­
Wie schaffen wir es, Dinge augenblicklich zu identifizieren? Lässt sich ein Com- sachen kann. Anscheinend verstärken
puter ähnlich schlau machen? Die Informatiker Brenden M. Lake von der New York diese Immunproteine aber auch die
University und Ruslan Salakhutdinov von der University of Toronto (Kanada) sowie Neigung zu Allergien. Viele Merkmale
der Kognitionsforscher Joshua B. Tenenbaum vom Massachusetts Institute of Tech- mögen noch vor 10 000 Jahren günstig
nology in Cambridge präsentieren nun eine neue Methode dazu: bayessches Pro- gewesen sein und sind es heute nicht
grammlernen, kurz BPL (Science 350, S. 1332 – 1338, 2015). mehr, fasst der Populationsgenetiker
Der von den drei Forschern entwickelte Algorithmus ermittelt bedingte Wahr- Rasmus Nielsen von der University of
scheinlichkeiten, wie sie der englische Mathematiker Thomas Bayes (1701 – 1761) California in Berkeley den Erkenntnis­
erstmals vorschlug, um in die Abschätzung eines mutmaßlichen Resultats bereits stand zusammen. Denn unsere Lebens­
gewonnenes Vorwissen einfließen zu lassen. Das Programm probiert mögliche Be- führung und Ernährungsweise wie
griffe aus, indem es schon bekannte Informationen nutzt – etwa: Das Runde da ist auch vieles andere hätten sich inzwi­
wahrscheinlich ein Rad, ein Wagen hat meist vier Stück davon, also ist das Ganze schen gravierend verändert.
vermutlich ein Auto. Aber zumindest eine Eigenschaft
Lake, Salakhutdinov und Tenenbaum prüften die Fähigkeiten des BPL anhand von von archaischen Menschen kommt ei­
knapp 2000 handgeschriebenen, kompliziert verschnörkelten und scheinbar belie- ner heutigen Bevölkerung immer noch
bigen Fantasieschriftzeichen. Das Programm verfügte anfangs nur über eine kleine zugute. Wie Nielsens Team entdeckte,
Datei von kurzen Linien und Kurven, konstruierte daraus aber im Alleingang – ohne besitzen Tibeter eine für sie wichtige
menschliche Unterweisung – komplexe Symbole, verglich diese mit den Testbuch- Genvariante von Denisovanern. Jene
staben und erlernte so blitzschnell das Schreiben der Fantasieschrift. Version, EPAS1 genannt, erleichtert das
Leben in großer Höhe, weil sich damit
Das bayessche Lernprogramm erwies sich als derart effektiv, dass seine Schöpfer das Blut in der dünnen Luft nicht so
auf die Idee kamen, es in einer Art visuellem Turing-Test gegen menschliche leicht verdickt (Nature 512, S. 194 –197,
­Versuchspersonen antreten zu lassen. Wie sich dabei herausstellte, gelingt es dem 2014).
Algorithmus beeindruckend schnell, vorliegende Zeichen zu gruppieren und auf die- Viele Forscher halten diesen Befund
se Weise auch solche rasch zu entziffern, die undeutlich geschrieben sind. Vor allem nachgerade für bezeichnend, denn er
jedoch vermag er selbst ein völlig unbekanntes Symbol abwechslungsreich, aber verdeutliche, wie wichtig einige der
wiedererkennbar zu variieren. Bei solchen Aufgaben, die ein gutes Stück über die fremden, alten Erbfaktoren für uns wa­
gängige Mustererkennung hinausgehen, schlug sich BPL nicht schlechter als ren und teils noch immer sind. Man
menschliche Konkurrenten. dürfe allerdings nicht vergessen, betont
Nach Überzeugung der Forscher lässt sich ihr Algorithmus auch auf gesprochene Reich, wie viel mühselige Forschungs­
Sätze anwenden. Derzeit macht die digitale Spracherkennung zwar Fortschritte – arbeit in jeder einzelnen solchen Ein­
doch es bleibt enorm aufwändig, einer Maschine durch das geduldige Vorsprechen sicht steckt. In der Regel muss man ein
tausender Sätze ein Gespür für Gefühle beizubringen (siehe den Artikel ab S. 80). Ein rekonstruiertes archaisches Gen erst
Programm vom BPL-Typ könnte eine Datei von Phonemen und Silben nutzen, um da- einmal auf Mäuse übertragen und
raus ganze Worte und Sätze zu bilden, und aus deren Varian- dann akribisch seine Auswirkungen un­
ten blitzschnell auf Stimmungsnuancen schließen. tersuchen. Jede kleinste neue Erkennt­
Wäre ein solcher BPL-Roboter auch ohne monatelanges nis auf diesem Gebiet beruht auf harter
Training fähig, wie ein Mensch am Tonfall einer Aussage so- Arbeit.
fort zu erkennen, ob sie ernsthaft, witzig oder sarkastisch
gemeint ist? Könnte er spontan einfühlsam antworten? Ewen Callaway ist Redakteur bei »Nature«.
Würde er den Turing-Test bestehen? Man mag diese Pers-
pektive faszinierend oder gruselig finden – utopisch mutet © Nature Publishing Group
Michael Springer
sie nicht mehr an. www.nature.com
Nature 523, S. 512 – 513, 30. Juli 2015

18  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


FRÉDÉRIC BATIER; MIT FRDL. GEN. VON  STEFAN RAHMSTORF
WELTKLIMAKONFERENZ

Ein Sieg von Vernunft


und Diplomatie
Fast alle Staaten der Erde einigten sich in Paris auf
ein verbindliches Klimaabkommen, das es in sich
hat: Es bedeutet nichts weniger als einen Konsens
über das absehbare Ende der fossilen Energie.

VON STEFAN RAHMSTORF

I n Paris ist wahr geworden, was viele


für unmöglich hielten. Bei der UN-
Klimakonferenz im Dezember 2015
dustrienationen in der Pflicht waren.
Das ist nun überwunden: Fast alle Staa­
ten hatten schon vor der Konferenz
Investitionen in fossile Versorgung
kurzsichtig aussehen; Chinas Kohlever­
brauch sinkt bereits jetzt.
vereinbarten die Regierungen der Welt, konkrete Selbstverpflichtungen vorge­ Das Abkommen hat allerdings auch
den globalen Temperaturanstieg seit legt. Sie bilden das Herz des Vertrags, Schwächen. Vor allem kommt es sehr
der Industrialisierung deutlich unter bringen in der Summe aber nur etwa spät – 50 Jahre nachdem der erste offizi­
zwei Grad Celsius zu halten und sich so­ die Hälfte dessen, was nötig wäre. Das elle Expertenbericht in den USA vor der
gar um eine Begrenzung auf 1,5 Grad zu Abkommen etabliert deshalb Mecha­ globalen Erwärmung warnte. Das ist
bemühen. Damit folgten sie wissen­ nismen, um in fünfjährigen Abständen nicht zuletzt den von Lobbyisten ge­
schaftlichen Erkenntnissen: Zuvor wur­ die Verpflichtungen zu verschärfen schürten Zweifeln an der Wissenschaft
den mehr als 70 Experten konsultiert, und ihre Einhaltung zu kontrollieren. zu verdanken, denen viele Verantwort­
die eine solche striktere Begrenzung liche allzu gern Gehör schenkten. Zu­
empfahlen und viele Vorteile doku­ Die Umsetzung fordert nun alle dem sind die Emissionen von Luft- und
mentierten, etwa deutlich reduzierte Ich bin optimistisch, dass die Transfor­ Schifffahrt wieder außen vor geblieben.
Risiken für die Ernährungssicherheit, mation rechtzeitig gelingen kann. Ers­ Diese Lücke sollte noch im Jahr 2016 ge­
für die Stabilität von Eisschilden und tens wird die in Paris vereinbarte Trans­ schlossen werden.
für das Überleben von empfindlichen parenz und Berichtspflicht einen er­ Der Vertrag ist aber deutlich besser
Ökosystemen wie den Korallenriffen. heblichen politischen und moralischen als weithin erwartet. Allein löst er die
Das Ziel ist mit sehr raschen und konse­ Druck aufbauen, der durch die fort­ Klimakrise nicht, aber das Abkommen
quenten Maßnahmen noch erreichbar. schreitende globale Erwärmung und die schafft den Rahmen und orientiert sich
Dafür soll der Ausstoß an klimawirk­ Opfer und Schäden durch Extremwet­ klar am aktuellen Stand der Forschung –
samen Gasen so bald wie möglich sin­ ter noch wachsen wird. Zweitens findet ein großer Sieg der Vernunft. Dass sich
ken und zu Netto-Nullemissionen nach diese Entwicklung hin zu nachhaltigen fast 200 Delegationen auf einen gemein­
der Jahrhundertmitte führen. Dieses Systemen bereits statt und hat zahlrei­ samen Wortlaut einigen konnten, ist
Ziel ist im Abkommen explizit festge­ che unmittelbare Vorteile, von sauberer auch ein Triumph der Diplomatie. Das
schrieben. In der Praxis müsste dann Luft bis zu weniger Abhängigkeit von Resultat gibt mir den Glauben zurück,
nicht nur fast komplett auf fossile Ener­ Lieferländern der fossilen Brennstoffe. dass die Menschheit trotz aller Differen­
gieträger verzichtet werden – zudem Über die Hälfte der weltweiten Ener­ zen mit Hilfe der Wissenschaft eine Ge­
wären auch entsprechende Senken nö­ gieinvestitionen floss 2015 in die »mo­ fahr erkennen und geeint und rational
tig, um schwer vermeidbare Emissio­ dernen« Erneuerbaren (ohne Wasser­ darauf reagieren kann. Die kommenden
nen aus Landwirtschaft und industriel­ kraft und traditionelle Biomassenut­ Jahrzehnte werden nun zeigen, ob die
len Prozessen auszugleichen. zung zum Kochen und Heizen). Die von Dezembertage 2015 in Paris als Wende­
Das Kyoto-Protokoll aus dem Jahr diesen erzeugte Energiemenge verdop­ punkt in die Geschichte eingehen.
1997 hatte von den Industriestaaten pelt sich etwa alle fünf Jahre. Sollte die
eine Emissionsreduktion um fünf Pro­ Wachstumsrate anhalten, könnten sol­ Stefan Rahmstorf ist Klimatologe und
zent gefordert, erreicht wurden sogar che Technologien vor Mitte des Jahr­ Abteilungsleiter am Potsdam-Institut
zehn Prozent. Die globalen Ausstöße hunderts den kompletten Bedarf der für Klimafolgenforschung. Er bloggt unter:
nahmen dennoch zu, weil nur die In­ Menschheit decken. Nach Paris werden scilogs.de/klimalounge

WWW.SPEK TRUM .DE 19


BIOPHYSIK

Die schnellsten
Bewegungen
von Lebewesen
Fangschreckenkrebse schlagen blitzartig und kraftvoll zu – rascher,
als es ihre Muskeln eigentlich erlauben. Doch auch andere Organismen
beherrschen ultraschnelle Bewegungen.
Von Sheila Patek

Clown-Fangschreckenkrebse
nutzen keulenförmige Ex­
tremitäten, um die Gehäuse
von Schnecken zu zertrüm-
mern. Dabei führen sie eine
der schnellsten Bewegungen
aller Organismen aus.

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20  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


BIOLOGIE & MEDIZIN

A
ls ich erstmals damit begann, Clown-Fang- wenigen davon zu sehen. Das deutete auf extreme Ge-
schreckenkrebse (Odontodactylus scyllarus) zu schwindigkeiten und Beschleunigungen hin – ebenso wie
beobachten, arbeitete ich noch als Postdoc an der Umstand, dass zwischen Fangbein und Schneckenge-
der University of California in Berkeley, USA. häuse stets eine hell leuchtende Blase erschien.
Diese farbenprächtigen Krebstiere (Crustacea) leben räu- Bald wurde mir klar, dass nicht Geparden oder fliehen-
berisch. Sie besitzen zwei keulenförmige Extremitäten, de Fische die schnellsten Bewegungen der Biosphäre hin-
die so genannten Fangbeine, mit denen sie Schnecken­ legen, und auch der Lidschlag nicht in diese Kategorie ge-
gehäuse zertrümmern, um an die Tiere darin zu kommen. hört. Stattdessen sind es merkwürdig aussehende kleine
Es hat mich von Anfang an fasziniert, ihnen dabei zuzu­ Lebewesen, meist nicht größer als eine Hand, die am
sehen. Grund tropischer Meere leben.
Ein Clown-Fangschreckenkrebs untersucht die Schne-
cke zunächst und bringt sie durch Anstupsen in die rich­ Erstaunliche Blitzaktionen
tige Position. Dann berührt er sie mit seinen Antennen, In all den Jahren, in denen ich mich mit motorischen Ex-
möglicherweise um die Distanz abzuschätzen und ein Ge- tremleistungen beschäftigte, brachte dieses Forschungs­
fühl für die Oberfläche ihres Gehäuses zu bekommen. gebiet immer wieder überraschende Erkenntnisse her-
Nun hält er kurz inne, als hole er tief Luft – und schlägt zu. vor. Sie stellen unsere üblichen Vorstellungen davon in
Der Hieb selbst ist nicht sichtbar, da zu schnell für das blo- Frage, was in der Biologie »schnell« ist, liefern aber auch
ße Auge. Aber es ertönt ein Knall, und anschließend liegen wertvolle Anregungen für Physiker und Ingenieure. Im
Gehäusebruchstücke herum, die eben noch nicht da wa- Reich des ultraschnellen Lebens treffen wir auf Organis-
ren. Sodann geht es von vorn los: untersuchen, positionie- men wie Schnappkieferameisen, geschossähnliche Pilz-
ren, befühlen, »Atemholen« und schließlich das Knallge- sporen, Termiten mit vorschnellenden Mundwerkzeugen
räusch. Ruhe kehrt im Aquarium erst ein, wenn der Fang- (Mandibeln) und stechende Quallen. Am intensivsten
schreckenkrebs die Schnecke ihres Schutzes beraubt hat sind Fangschreckenkrebse untersucht (siehe auch SdW
und sich daran macht, sie zu verspeisen. 1/2000, S. 13). Sie eignen sich sehr gut dazu, die Evolution
Während der ersten Male, als ich das mit ansah, ahnte extremer Bewegungsmerkmale zu erforschen, einschließ-
ich bereits, dass hier enorme Kräfte und Beschleunigungen lich der damit verbundenen Besonderheiten in Körper-
walten – auch wenn mir nicht bewusst war, Zeuge einer der bau und Stoffwechsel, und mögliche technische Anwen-
weltweit schnellsten Bewegungen von Lebewesen zu sein. dungen biologischer Phänomene auszuloten.
Um die Schläge der Fangschreckenkrebse sichtbar zu ma- Als wir die ersten zeitlich hochauflösenden Aufnah-
chen und zu vermessen, trieb ich nach mühsamer Suche men von Fangschreckenkrebsen analysierten, stellten wir
ein bildgebendes System auf, das mit höchster Geschwin- fest, dass die Bewegungen weit rascher erfolgen, als ir-
digkeit arbeitet und Bewegungen in extrem hoher Zeit­ gendjemand vermutet hatte. Sie nehmen nur etwa ein
auflösung abbildet. Damit filmte ich die Tiere, während sie 50stel der Dauer eines Lidschlags in Anspruch. Die keulen-
Schneckengehäuse aufbrachen, und sah mir die Videos an- förmigen Fangbeine der Tiere beschleunigen dabei ähn-
schließend in Zeitlupe an. Die Aufnahmen waren so ver- lich stark wie ein Projektil im Gewehrlauf, nämlich mit
blüffend, dass mir sofort klar wurde, hier auf etwas Bemer- rund 100 000 Meter pro Quadratsekunde, und erreichen
kenswertes gestoßen zu sein. Selbst wenn das System 5000 eine Geschwindigkeit von bis zu 31 Meter pro Sekunde
Bilder pro Sekunde machte, war der Schlag immer nur auf (zirka 110 Kilometer pro Stunde). Obwohl die Keulen klei-
ner sind als der kleine Finger eines Kinds, brechen die Tie-
AUF EINEN BLICK re damit Schneckengehäuse auf, wofür Menschen einen
kräftigen Hammerschlag brauchen.
50-MAL KÜRZER ALS EIN LIDSCHLAG Tierische Bewegungen beruhen auf Muskeltätigkeit, so
auch bei Fangschreckenkrebsen. Deren außerordentlich
1 Clown-Fangschreckenkrebse zertrümmern die Gehäuse
von Schnecken. Dabei schlagen sie mit dem bis zu 10 000-
Fachen der Erdbeschleunigung zu. Ein solcher Hieb dauert nur
kräftigen Schläge sind aber nur möglich, indem die Tiere
die Beschränkungen der Muskelkontraktion überwinden.
wenige tausendstel Sekunden. Das klingt nach einem Widerspruch, ist aber keiner, wie

2 Die Tiere erreichen diese Rekordleistung, indem sie Teile ih-


res Exoskeletts wie eine Feder spannen und verhaken. Beim
Lösen des Mechanismus entspannt sich die Struktur schlagartig.
die folgende Analogie verdeutlicht. Stellen Sie sich vor, ei-
nen Pfeil mit bloßen Händen auf ein Ziel zu werfen. Wie
Sie sich leicht ausmalen können, wird er weder besonders

3 Mit dem Prinzip, potenzielle Energie langsam anzusammeln


und plötzlich freizusetzen, erbringen auch andere Organis-
men extreme Leistungen – etwa Schnappkieferameisen, Quallen
schnell noch sehr weit fliegen, auch wenn Sie sich wirklich
anstrengen. Legen Sie den Pfeil jedoch in einen Bogen ein,
und Pilze. spannen die Sehne und lassen ihn los, fliegt das Geschoss
plötzlich viel weiter und entwickelt viel mehr Wucht.

WWW.SPEK TRUM .DE 21


Der Grund: Wenn Sie den Pfeil werfen, hängt seine Ge- werden kann, wobei sie in sehr kurzer Zeit entspannt und
schwindigkeit direkt davon ab, wie schnell sich Ihre Muskeln ihre Energie auf die Fangbeine überträgt. Damit lässt sich
zusammenziehen. Benutzen Sie aber einen Bogen, hat das eine enorme Leistungssteigerung erzielen.
Tempo der Muskelkontraktion keine Bedeutung mehr. Denn Ähnlich wie wir besitzen auch die Krebstiere Extensoren
nun ist es die Sehne, die den Pfeil beschleunigt, und die be- (Muskeln, die Gelenke strecken) und Flexoren (Muskeln, die
wegt sich viel schneller als Ihre Hand. Beim Bogenschießen Gelenke beugen). Die Extensoren im Fangbein eines Odonto-
geht deshalb pro Zeiteinheit mehr Energie auf das Geschoss dactylus scyllarus bewegen den keulenförmigen Teil nach
über als beim Werfen, und die dabei erreichten Leistungen ­außen; die Flexoren ziehen ihn wieder an den Körper heran
sind höher (Leistung ist Arbeit beziehungsweise übertragene (siehe Bild S. 25 unten). Wenn die Krebse einen kräftigen
Energie pro Zeit). Die Leistung zu steigern, ist der entschei- Schlag ausführen wollen, kontrahieren sie Flexoren und Ex-
dende Punkt bei allen ultraschnellen Bewegungen. tensoren gleichzeitig. Der große Extensor drückt dabei eine
Vergleichbar einem Schützen mit Bogen und Pfeil, verfü- biegsame und elastische, sattelähnliche Struktur des Exoske-
gen die Fangschreckenkrebse über eine Art Sprungfeder, um letts zusammen. Der kleinere Flexor zieht eine Verdickung
ihre Fangbeine zu spannen. Ein Verschlussmechanismus ar- seiner Sehne über einen kleinen Höcker innerhalb des Fang-
retiert die Feder und sorgt dafür, dass sie schlagartig gelöst beins, so dass die Sehne hinter diesem einhakt. Weil der Fle-

Dieser vereinfachte Stammbaum von mehr als 450 Arten der Fangschreckenkrebse zeigt, dass sich die
Schmetterer aus den Speerern entwickelt haben. Waffenähnliche Extremitäten (Fangbeine) finden sich
schon bei älteren Fossilien dieser Tiere. Die Vielfalt und Evolution der Fangbeine zu erforschen, hilft
zu verstehen, mit welchen Vor- und Nachteilen die Fähigkeit zu ultraschnellen Bewegungen einhergeht.

G. espinosus
G. platysoma
G. annularis
G. affinis
G. childi
G. smithii
G. chiragra
N. oerstedii
6 N. bredini
N. bahiahondensis Schmetterer
G. falcatus
G. graphurus
T. spinosocarinatus Gonodactyloidea
C. hystrix
C. excavata
C. tweediei
H. glyptocercus
H. trispinosa
E. guerinii
P. folini
O. havanensis
O. scyllarus
O. cultrifer
O. latirostris
A. pacifica
K. mikado
B. plantei
A. orientalis Squilloidea
5 S. empusa
7 S. rugosa
H. harpax Speerer
F. fallax
P. marmorata Parasquilloidea
L. sulcata
L. maculata
A. vicina
A. tsangi Lysiosquilloidea
3 P. ihomassini
H. tricarinata
C. scolopendra
R. hieroglyphica
R. ornata
R. pygmaea
2 R. komaii Pseudosquilloidea
R. oxyrhyncha
4 P. richeri
P. ciliata
1 H. californiensis Hemisquilloidea
H. australiensis
P. longipes Zwischenformen
A. tasmaniae
N. americana andere Arten
H. americanus
M. norvegica

300 250 200 150 100 50 0


CLAVERIE, T., PATEK, S.N.: MODULARITY AND RATES OF EVOLUTIONARY CHANGE IN A POWER-AMPLIFIED PREY CAPTURE SYSTEM.
Millionen Jahre vor heute IN: EVOLUTION 67, S. 3191–3207, 2013, FIG. 2 [M]; ABDRUCK GENEHMIGT VON JOHN WILEY & SONS / CCC

22  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


MIT FRDL. GEN. VON  ROY CALDWELL

Fangschreckenkrebse vom Typ


Speerer, etwa der hier abgebil-
dete Lysiosquillina sulcata, sind
Räuber, die schnell bewegliche
Tiere aufspießen. Obgleich ihre
Beute sehr flink ist, bewegen
Speerer ihre Fangbeine deutlich
langsamer und mit viel geringe-
ren Beschleunigungen als ihre
Verwandten aus der Gruppe der
Schmetterer. Das liegt vermut-
lich daran, dass sie sonst zu viel
Zeit dafür aufwenden müssten,
ihren Fangmechanismus jeweils
scharf zu machen.

Antennen
Augen Carapax Abdomen
(Rückenschild) (Hinterleib) Telson
keulenähnliche (letzter Körper-
Verdickung abschnitt)
Die keulenähnlichen Fang- Fangbein
beine des Clown-Fang­
schreckenkrebses (Odonto­
dactylus scyllarus) sind recht

MIT FRDL. GEN. VON  ROY CALDWELL


auffällig. Das Tier schlägt
damit so schnell zu, dass die Pleopoden
(Schwimmbeine)
Bewegung für das bloße
Auge nicht sichtbar ist.

xor auf diese Weise eingerastet ist, kann er die großen, entge- spektakuläre Sache auf: Wenn der Krebs ein Schneckenge-
gengerichteten Extensorkräfte kompensieren. Das Ergebnis häuse zertrümmert, bildet sich kurzzeitig eine große Blase
ist ein äußerst angespannter Ruhezustand. Wenn der Flexor zwischen der keulenähnlichen Verdickung seines Fangbeins
jetzt entspannt, löst sich die Sehne, was den Verschlussme- und dem Ziel. Mir war sofort klar, dass von diesem Hohlraum
chanismus entriegelt und die gespeicherte elastische Ener- das Knallgeräusch herrührt, das zusammen mit dem Schlag
gie schlagartig freisetzt. Das keulenförmige Ende des Fang- ertönt. Es handelt sich um eine Begleiterscheinung der »Ka-
beins wird nun sehr kraftvoll nach vorn geschleudert. vitation«, der Entstehung und des Kollapses von Dampfbla-
sen in einer Flüssigkeit. Enorm schnelle Bewegungen im Was-
Langfristig sparen, kurzfristig ausgeben ser erzeugen an manchen Stellen einen starken Unterdruck,
In Abwandlungen beruhen alle ultraschnellen Bewegungen im der dampfgefüllte Hohlräume hervorbringt. Diese kollabie-
Tierreich auf diesem Prinzip. Stets wird ein System langsam ren sofort wieder, was viel Energie freisetzt – in Form von
mit Energie beladen, um diese später sehr schnell und mit ho- Wärme, Licht und Schall. Ingenieure kennen diesen Effekt
her Leistung abzugeben. Schnappkieferameisen entriegeln sehr gut, denn er sorgt dafür, dass schnell drehende Schiffs-
Sperren, die ihre vorgespannten Mundwerkzeuge (Mandibeln) schrauben sich allmählich selbst zerstören. Und Hochge-
festhalten. Einige Pilze schleudern Sporen, so genannte Ballis- schwindigkeits-U-Boote sind bei Unterwasserfahrten sehr
tosporen; hierbei schwellen zwei Flüssigkeitströpfchen lang- laut, da sie zahllose Kavitationsblasen erzeugen, die unter
sam an, bis sie schlagartig verschmelzen, was die Energie für großem Lärm in sich zusammenfallen.
den Sporenstart liefert. Quallen besitzen oft Nesselkapseln mit Biologen wissen schon seit Längerem, dass biologische
stachelbesetzten Nesselfäden darin, in denen sich langsam ho- ­Bewegungen mit Kavitationseffekten einhergehen können,
her Druck aufbaut. Auf einen auslösenden Reiz hin entlädt er denn die »Pistolenschüsse« der Knallkrebse (Alpheidae, ent-
sich explosionsartig und katapultiert die Nesselfäden heraus. fernten Verwandten der Fangschreckenkrebse) sind berühmt.
Als wir die Hochgeschwindigkeitsaufnahmen von den Durch blitzartiges Schließen einer ihrer Scheren erzeugen
Fangschreckenkrebsen betrachteten, fiel uns eine weitere diese Tiere eine Kaviationsblase, die sehr laut implodiert, wo-

WWW.SPEK TRUM .DE 23


bei ein Lichtblitz entsteht und Temperaturen von einigen stellte sie die Ergebnisse der Maschine denen der lebenden
tausend Grad Celsius auftreten. Dies dient zum Warnen von Tieren gegenüber. Es zeigte sich, dass ein noch unbekannter
Feinden, zum Beutefang, zum Kampf mit Artgenossen oder Faktor die rotationsbedingte Kavitation bei lebenden Fang-
auch zur Kommunikation. Welche Kräfte dabei wirken, hat schreckenkrebsen zu dämpfen scheint. Vielleicht verbergen
lange Zeit niemand gemessen. sich hier wertvolle Hinweise darauf, wie man Schiffsschrau-
Weil uns das aber im Hinblick auf die Clown-Fangschre- ben so konstruieren kann, dass sie weniger verschleißen.
ckenkrebse interessierte, entwickelten wir ein Messverfahren Die enorm kraftvollen Schläge der Clown-Fangschrecken-
auf der Grundlage piezoelektrischer Sensoren. Damit können krebse auf Schneckengehäuse gehen mit dem erheblichen Ri-
wir die auftretenden Kräfte ermitteln – und zwar zeitlich so siko einher, dass die Fangbeine selbst Schaden nehmen. Tat-
hoch aufgelöst, dass wir den Aufprall des Fangbeins (auf das sächlich zählen Schneckenpanzer zu den bruchsichersten Ma-
Schneckengehäuse) vom Kollaps der Kavitationsblase unter- terialien, die man von lebenden Organismen kennt. Trotzdem
scheiden können. Wir stellten fest, dass jeder superschnelle schaffen es die Krebse, sie zu zertrümmern, ohne ihre eigenen
Keulenschlag eines Clown-Fangschreckenkrebses zweimal Extremitäten zu ruinieren. Fasziniert davon, haben Wissen-
wirkt: das erste Mal, wenn das Fangbein auf das Gehäuse schaftler um David Kisailus von der University of California
kracht, und das zweite Mal, wenn die Druckwelle der implo- Riverside die Materialien und den Aufbau der keulenförmigen
dierenden Kavitationsblase eintrifft. Verdickung der Fangbeine untersucht. Ihren Ergebnissen zu-
folge ist die äußerste Schicht der Keule sehr hart und stark mi-
Draufhauen ohne Selbstschädigung neralisiert; sie besteht vorwiegend aus Phosphorverbindun-
Um künstliche Rotationsbewegungen zu erzeugen, die den gen wie Kalziumphosphat sowie aus Kalziumkarbonat. Im In-
Schlägen der Clown-Fangschreckenkrebse vergleichbar sind, nern der Keule herrscht eine starke Schichtung vor. Sie hat
baute meine damalige Doktorandin Suzanne Cox (heute an den Vorteil, die Energie des Aufpralls effektiv zu zerstreuen
der University of Massachusetts Amherst) ein solches Tier (zu dissipieren) und etwaige Mikrorisse bevorzugt im Innern
als  physisches Modell nach. Mit der »Ninjabot« genannten der Extremität statt an ihrer Oberfläche entstehen zu lassen.
Konstruktion untersuchte sie Aufprallereignisse und Kavita- Diese Erkenntnisse haben bereits die Entwicklung neuer
tionsphänomene während ultraschneller Rotationen. Dabei stoßresistenter Werkstoffe ausgelöst. Forscher aus Kisailus’

Dauer Geschwindigkeit Beschleunigung (Meter


(millionstel Sekunden) (Meter pro Sekunde) pro Quadratsekunde)

0,7 67 107
Nesselzellen Mandibeln von Nesselzellen
Schnappkieferameisen
10 Termitenmandibeln
106
Pilzsporen Mandibeln von
58 Schnappkieferameisen
25 Sturzflug eines Falken
Termitenmandibeln 105
37 Schmetterschlag eines
100 – 300 Nesselzellen Fangschreckenkrebses
Mandibeln von Ballistospore
Schnappkieferameisen 31
Schmetterschlag eines 103
1000 – 6000 Fangschreckenkrebses Speerstoß eines
Schlag eines Fangschreckenkrebses
Fangschreckenkrebses 25 – 26
Sprint eines Geparden 102
10000 fliehende Fische
Wasserstrahl eines Organismen mit superschnel-
Sprung Sprung eines Grashüpfers
Knallkrebses len Extremitäten, etwa Fang-
eines Grashüpfers
2–3 10 schreckenkrebse und Schnapp-
100000 kieferameisen, bewegen ihre
Ballistospore Sprint eines Geparden
Froschhüpfer
Froschhüpfer Froschhüpfer Körperteile weit rascher als wir
300 000 Grashüpfersprung die Lider unserer Augen. Auch
Lidschlag Quallen mit Nesselzellen, die
~ 10
menschlicher explosionsartig einen Nessel-
Weltklassesprinter faden mit Stacheln freisetzen,
erzeugen rekordschnelle
Bewegungen.

24  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


Team ordneten Proben eines Kohlenstofffaser-Epoxidharz- schreckenkrebse sind aber Speerer, die flinke Beutetiere mit
Verbundwerkstoffs in einer Struktur an, die jener in den Keu- spitzen Extremitäten durchbohren (die ersten sind aus den
len der Fangschreckenkrebse ähnelt. Das dabei gewonnene letzten vor rund 50 Millionen Jahren hervorgegangen, siehe
Material erwies sich in Tests als stoß- und verschleißbestän- Bild S. 22 unten). Meine Mitarbeiter und ich vermuteten ur-
dig und zeichnete sich durch niedriges Gewicht aus. sprünglich, dass wir bei Speerern auf noch schnellere Bewe-
Wie beschrieben sind Clown-Fangschreckenkrebse bei Wei- gungen stoßen würden als bei Schmetterern. Das bestätigte
tem nicht die einzigen Lebewesen, die superschnelle Bewe- sich nicht: Die Geschwindigkeiten und Beschleunigungen,
gungen mit hochschlagfesten Waffen ausführen. Auch bei mit denen Speerer ihre Fangbeine bewegen, erreichen nur ei-
den Schnappkieferameisen, Knallkrebsen oder Quallen mit nen Bruchteil derjenigen der Schmetterer.
herausschießenden Stachelfäden kommen die Prinzipien der
ultraschnellen Rotation, der Kavitation und der Schlagresis- Je mehr Tempo, desto weniger Kontrolle
tenz zum Tragen. Und wahrscheinlich gibt es noch viel mehr Dieser Befund verblüffte uns, denn wir waren davon ausge-
Organismen mit solchen Fähigkeiten. Bei etlichen dürften wir gangen, dass die Tiere mit den schnellsten Waffen auch die
das noch gar nicht bemerkt haben, weil die entsprechenden flinkste Beute ins Visier nehmen. Stattdessen trifft das Ge-
Vorgänge mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen sind. genteil zu: Schmetternde Krebse, die am raschesten zuschla-
Die verblüffenden Bilder, die uns Hochgeschwindigkeits- gen, jagen überwiegend träge, unbewegliche und gepanzerte
kameras von Fangschreckenkrebsen lieferten, veranlassten Ziele. Wie kann das sein? Ein Grund liegt darin, dass Lebewe-
uns dazu, auch bei anderen Tieren nach ähnlichen Phänome- sen, die zu rekordschnellen Bewegungen in der Lage sind,
nen zu suchen. Wenn wir die Beobachtungen dort mit jenen diese mit einem Kontrollverlust bezahlen – wenn die Waffe
an Fangschreckenkrebsen vergleichen, stellen wir fest, dass in Aktion tritt, lässt sie sich nicht mehr beeinflussen. Ein Bo-
ultraschnelle Organismen ihre überragenden Fähigkeiten genschütze, der einen Pfeil löst, kann dessen Flugbahn nicht
mit einigen erheblichen Einschränkungen erkaufen müssen. mehr anpassen. Analog dazu geschehen superschnelle Bewe-
Clown-Fangschreckenkrebse gehören zur Gruppe der gungen im Tierreich in so kurzer Zeit, dass sie nicht mehr
Schmetterer, weil sie ihre Extremitäten wie Keulen ein­ verändert werden können. Ob Schnappkieferameise oder
setzen. Die meisten Arten innerhalb der Ordnung der Fang- Fangschreckenkrebs: Sobald sie ihre Extremitäten entriegelt

Ultraschnelle Bewe­
gungen wie der Schmet-
terschlag eines Fang­
schreckenkrebses funk­
tionieren mit Hilfe eines
Feder-Klinken-Prinzips, Riegel Riegel

ähnlich dem Schießen


mit Pfeil und Bogen. Ein
federähnlicher Mecha-
nismus speichert poten-
zielle Energie, die eine
Entriegelung explosions-
artig freisetzt.

Fangbein eines Fangschreckenkrebses


elastische
Extensor elastische Struktur Extensor Struktur
(Streckmuskel) (Streckmuskel)

Sehne
mit riegel-
ähnlichem
Riegel Sehne mit Gebilde
Riegel
riegelähnlichem
Gebilde
AMERICAN SCIENTIST

Flexor Flexor
(Beugemuskel) (Beugemuskel)

WWW.SPEK TRUM .DE 25


haben, könne ihre Neurone nicht rasch genug feuern, um die Sarkomere als Schmetterer – der Längenunterschied kann
Bewegung in Echtzeit zu modifizieren. Faktor 2 betragen. Anscheinend hat der Selektionsdruck bei
Eine weitere Einschränkung ultraschneller Systeme klingt den Schmetterern darauf hingewirkt, mit höherer Kraft
im ersten Moment widersinnig: Es kostet viel Zeit, schnell zu mehr potenzielle Energie aufzubauen und kräftiger zuzu-
sein. Doch erinnern wir uns – mechanische Leistungen im schlagen, was auf Kosten der »Nachladezeit« ging. Die am
Tierreich lassen sich extrem steigern, indem der Organismus schnellsten schlagenden Krebse können ihre Waffen daher
potenzielle Energie anhäuft und diese anschließend mög- nicht rasch genug scharf machen, um besonders behände
lichst rasch freisetzt. Geschieht das über Muskelkraft, dann Beute zu jagen.
ist hierfür ein Kompromiss auf Kosten der Zeit erforderlich.
Muskeln können sich nicht gleichzeitig kraftvoll und schnell Stammesgeschichtlich festgefahren
zusammenziehen. Ihre Grundeinheit, das Sarkomer, besteht Die Fähigkeit zu extrem raschen Bewegungen verursacht
aus den Proteinen Myosin und Aktin. Diese gehen Bindungen noch weitere Kosten, wie mein Team und ich herausgefun-
miteinander ein, gleiten aneinander entlang und bewirken so den haben. Der Körperbau bei den Schmetterern verändert
die Kontraktion. Je länger das Sarkomer ist, desto mehr Aktin- sich im Zuge der Evolution langsamer als bei anderen Fang-
Myosin-Bindungen bilden sich und umso höher ist die Mus- schreckenkrebsen. Das hat offenbar damit zu tun, dass die
kelkraft. Es nimmt dann aber mehr Zeit in Anspruch, all diese mechanischen Komponenten des Schmetterapparats beson-
Bindungen zu lösen und umzuverteilen, um eine Muskelkon- ders gut aufeinander abgestimmt sein müssen. Sie zeigen
traktion in Gang zu setzen. Längere Sarkomere bedeuten also sich weniger tolerant gegenüber Veränderungen, was die
kraftvollere, aber auch langsamere Muskeln. Wahrscheinlichkeit für günstige evolutionäre Neuerungen
Meine Mitarbeiter und ich haben festgestellt, dass Fang- vermindert. Die betroffenen Tiere haben somit weniger
schreckenkrebse, egal ob Speerer oder Schmetterer, relativ Chance, genetisch zu diversifizieren – ein hoher Preis.
lange Sarkomere in den Muskeln besitzen, die die jeweilige Und dann ist da noch ein Nachteil, der sicher besonders
Extremität unter Spannung setzen. Ihr Bewegungsapparat schwer wiegt: Ultraschnelle Waffen sind oft tödlich. Wollen
ist also auf langsame, kraftvolle Kontraktion spezialisiert. In- ihre Träger langfristig überleben, müssen sie Strategien entwi-
teressanterweise haben aber Speerer dabei deutlich kürzere ckeln, um den Einsatz dieser Waffen untereinander zu vermei-

Kavitations-
blasen

FOTOS: SHEILA PATEK

Der Schmetterschlag eines Fangschreckenkrebses (Bildabfolge


oben) bewegt das umgebende Wasser so schnell, dass der
örtlich entstehende Unterdruck Dampfblasen hervorbringt, die
sofort kollabieren und dabei Licht und Wärme freisetzen – ein
Prozess namens Kavitation. Er tritt auch an rotierenden Schiffs-
schrauben und Turbinen auf und verursacht dort Materialver-
schleiß (unten). Die Kavitation erlaubt den Fangschreckenkreb-
sen, mit einem Hieb quasi zweimal zuzuschlagen: einmal, wenn
das Fangbein aufs Ziel prallt, und das zweite Mal, wenn die
Druckwelle eintrifft, die beim Kollabieren der Kavitationsblasen
kollabierende Dampfblase Implosion mit Stoßwelle
entsteht.
(CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY-SA/2.5/
ERIK AXDAHL (AXDA0002) / CC-BY-SA-2.5
AMERICAN SCIENTIST

LEGALCODE)
U.S. NAVY

Erwärmung Emission von Licht

26  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


MIT FRDL. GEN. VON  ROY CALDWELL

MIT FRDL. GEN. VON  ROY CALDWELL


Die Schläge der Fangschreckenkrebse sind so kraftvoll, dass ihr Einsatz gegen Artgenossen lebensgefährlich
für diese wäre. Wenn die Tiere um Nahrung oder Territorium kämpfen, schlagen sie auf den gepanzerten
letzten Körperabschnitt des Konkurrenten, das Telson. Diese ritualisierte Auseinandersetzung erlaubt es,
tödliche Verletzungen zu vermeiden und zugleich die Größe des Rivalen abzuschätzen.

den. Clown-Fangschreckenkrebse bestehen im Wesentlichen durch morphologische und funktionelle Vielfalt faszinieren.
aus Weichgewebe, abgesehen von den Fangbeinen und dem Von der Verhaltensbiologie über die Entwicklung des Lebens
gepanzerten letzten Körperabschnitt (Telson), so dass ein gut bis zu den Möglichkeiten, Kavitation an technischen Syste-
sitzender Schlag eines Rivalen sie mit sehr großer Wahrschein- men zu vermeiden, können wir von Lebewesen mit super-
lichkeit tötet. Das ist wohl der Grund dafür, dass die Tiere ihre schnellen Extremitäten noch viel lernen. Dabei profitieren
Konflikte über ritualisiertes Verhalten austragen, indem sie so unterschiedliche Gebiete wie Evolutionstheorie, Physik,
auf das Telson des Konkurrenten schlagen. Die Energie, die da- Ingenieurswesen und Ökologie.  Ÿ
bei auf das Fangbein zurückwirkt, spiegelt die Größe des ange-
griffenen Individuums wieder. Vielleicht schätzen die Krebse
DI E AUTORI N
auf diese Weise ein, mit wem sie es zu tun haben und welches
Verhalten ihm gegenüber angebracht ist. Noch wissen wir sehr Sheila Patek arbeitet als außerordentliche Pro-
wenig darüber, wie Tiere mit superschnellen Schlag- oder fessorin im Fachbereich Biologie an der Duke
University in Durham (USA). Sie interessiert sich
Stichwaffen ihre Konflikte bereinigen. für die Schnittstelle zwischen Physik und Evolu-
Die Erforschung ultraschneller Bewegungen in der Biolo- tion, insbesondere im Hinblick auf ultraschnelle
gie hat sich zu einem hochgradig multidisziplinären Ansatz Bewegungen von Organismen sowie auf die
Akustik von Wirbellosen.
entwickelt, mit großer Relevanz für die Ingenieurwissen-
schaften. Fangschreckenkrebse haben eine Jahrmillionen QUELLEN
währende Evolution hinter sich, die in zahlreichen Fossilien
dokumentiert ist. Aus diesen können wir direkt ablesen, wie Claverie, T., Patek, S. N.: Modularity and Rates of Evolutionary
Change in a Power- Amplified Prey Capture System. In: Evolution 67,
sich die Extremitäten der Tiere im Lauf der Zeit differenziert S. 3191 – 3207, 2013
haben – und schauen dabei der Natur über die Schulter, wie Cox, S. M. et al.: A Physical Model of the Extreme Mantis Shrimp
sie auf veränderte Bedingungen mit unterschiedlichen »Kon- Strike: Kinematics and Cavitation of Ninjabot. In: Bioinspiration &
Biomimetics 9, 016014, 2014
struktionen« antwortet. Sowohl die Fossilien als auch die ak- Grunenfelder, L. K. et al.: Bio-Inspired Impact-Resistant Compo­
tuellen Beobachtungen zeigen uns ein atemberaubendes sites. In: Acta Biomaterialia 10, S. 3997 – 4008, 2014
Spektrum waffenähnlicher Extremitäten, Federmechanis- Patek, S. N.: Materials Science. Biomimetics and Evolution.
In: Science 345, S. 1448 – 1449, 2014
men und Anpassungen der Muskelanatomie – umgesetzt in Patek, S. N., Dudek, D. M., Rosario, M. V.: From Bouncy Legs to
unterschiedlichsten Lebensräumen, von Schlamm über Sand Poisoned Arrows: Elastic Movements in Invertebrates.
bis hin zu Korallenriffen. In: Journal of Experimental Biology 214, S. 1973 – 1980, 2011
Schnappkieferameisen zeigen ebenfalls eine außeror-
dentlich große Artenfülle. Ultraschnelle Mandibeln sind WEBLI N KS
während der Evolution mindestens viermal unabhängig https://youtu.be/7fT603ozSW8
voneinander entstanden, was den Schluss erlaubt, dass su- Die Autorin stellt ihre Forschungen über Fangschreckenkrebse vor
perschnelle Extremitäten viele Vorteile mit sich bringen (englisch).

müssen. Auch Pilzballistosporen findet man bei enorm vie- Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1382041
len Arten mit sehr unterschiedlichen Formen und Lebens-
räumen, ebenso wie Knallkrebse und Quallen mit Stacheln © American Scientist

WWW.SPEK TRUM .DE 27


MIKROBIOM

Übergewicht
durch Darmflora
Die Mikroben im Verdauungstrakt wirken sich
auf unseren Taillenumfang aus. Bestimmte
Typen fördern zudem das Erkrankungsrisiko
für Arterio­sklerose und Diabetes. Die gute
Nachricht: Zumindest bei Tieren lässt sich
Adipositas durch Bakterientransplan-
tationen rückgängig machen.
Von Philippe Gérard

W
ie kommt es zu Übergewicht und Fettleibig-
keit? Sind es die Gene? Der Lebensstil? Sicher
spielen beide Faktoren hier eine wichtige
Rolle. Daneben rückt jedoch die Zusammen-
setzung der Darmflora zunehmend in den Fokus der Auf-
merksamkeit. Forscher bezeichnen diese als intestinale Mik-
robiota und die Gesamtheit ihrer Gene beziehungsweise Ge-
nome als Mikrobiom.
Weltweit waren im Jahr 2005 rund 1,6 Milliarden Erwach-
sene übergewichtig und von ihnen mindestens 400 Millio-
nen adipös – mit steigender Tendenz. Für Deutschland er-
mittelte das Robert-Koch-Institut vor fünf Jahren bei 67 Pro-
zent der Männer und 53 Prozent der Frauen Übergewicht
und bei über 23 Prozent beider Geschlechter Fettleibigkeit.
Diese Entwicklung ist insbesondere deshalb bedenklich, weil
Adipositas ein gesteigertes Risiko für viele Erkrankungen
birgt, von Diabetes mellitus und Arteriosklerose bis hin zu
Leberleiden und verschiedenen Krebsarten.
Die Rolle der Darmflora für unsere Gesundheit geriet erst
Ende des 20. Jahrhunderts verstärkt ins Blickfeld der Medizin.
Der Verdacht, dass die unzähligen Mikroorganismen, die den
Auch die Mikrobenwelt Verdauungstrakt besiedeln, auch bei Übergewicht ein Wört-
im Darm beeinflusst chen mitreden könnten, kam vor etwa einem Jahrzehnt auf.
unser Körpergewicht. Mittlerweile bestärken ihn zahlreiche wissenschaftliche Un-
tersuchungen. Die meisten erfolgten an Labortieren – meis-
tens Mäusen –, die von Geburt an keimfrei gehalten wurden
und somit bis zum Beginn der Studien keine Mikrobiota be-
saßen. Wie sich zeigte, lässt sich das Gewicht der Nager tat-
sächlich über Darmbakterien manipulieren. Zudem weisen
ISTOCK / ERAXION

fettleibige Menschen eine Mikrobenmischung auf, die aus


dem Gleichgewicht geraten zu sein scheint.

28  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


BIOLOGIE & MEDIZIN

Normalerweise kommt ein Kind erstmals während der


Geburt mit Darmbakterien in Kontakt, die dann rasch seinen
Verdauungstrakt besiedeln. Hauptlieferant dafür ist die fäka-
le Mikrobiota der Mutter. Bei Kaiserschnittkindern setzt sich
die Darmbesiedlung daher anders zusammen – was nach bis-
herigem Wissen aber keinen Einfluss auf späteres Überge-
wicht hat. Das Neugeborene erhält von seinen Eltern, mit der
Nahrung und aus der sonstigen Umwelt bald weitere Bakte­
rien. Dadurch entwickelt sich in ihm nach und nach eine zu-
nehmend komplexere Darmflora. Doch erst beim Zweijähri-
gen ähnelt sie annähernd der von Erwachsenen. Insgesamt
gesehen tragen zu ihr rund 1000 verschiedene Arten bei.
Die Bezeichnung »Darmflora« ist, obwohl gebräuchlich,
streng genommen nicht korrekt, da es sich bei ihr nicht um
pflanzliche Organismen handelt. In unserem Verdauungs-
trakt leben über 1014 Bakterien, wobei die Besiedelung im
Enddarm mit 101 1 Mikroben pro Gramm Stuhl am dichtes-
ten ist. Somit beherbergen wir zehnmal so viele Bakterien,
wie wir Körperzellen haben. Zusammen ergeben diese inne-
ren Bewohner annähernd ein Kilogramm. Hinzu kommen so
genannte Einzeller, also Organismen mit echtem Zellkern,
darunter Hefepilze und Protozoen. Über deren Menge und
Funktionen wissen wir allerdings noch sehr wenig.

Jedem seine persönliche Ausstattung


Bis in die 1980er Jahre ließen sich Darmbakterien nur be-
stimmen, wenn man sie im Labor züchtete. Damit vermoch-
te man allerdings nur etwa 30 Prozent von ihnen zu erfassen,
weil viele dieser Mikroben außerhalb ihrer besonderen Um-
welt schwer kultivierbar sind. Heute kann man sie stattdes-
sen mit molekulargenetischen Methoden anhand charak­
teristischer Erbsequenzen nachweisen. Wie wir dadurch wis-
sen, gehören die im Darm vorherrschenden Bakterien zu
drei großen Gruppen oder »Abteilungen«: den Firmicutes,
den Bacteroidetes und den Actinobacteria.
Von diesen bilden anscheinend einige Dutzend Arten – zu-
mindest im Enddarm – einen den meisten Menschen gemein-
samen Grundstock, was für eine weit zurückliegende gemein-
same Herkunft dieser Besiedlung spricht. Doch die übrigen
Arten der genannten drei Großgruppen, also die weit überwie-
gende Mehrzahl, sind von Mensch zu Mensch verschieden zu-
sammengesetzt. Außerdem besitzt offenbar jeder sein indivi-
duelles Spektrum an dominierenden Arten, und dieses per-
sönliche Bakterienprofil scheint sich jahrelang zu halten.
Für uns hat die intestinale Mikrobiota zahlreiche, zum
Großteil nützliche Funktionen. Zu den Hauptaufgaben der
Darmbakterien gehört: den Nahrungsbrei im Dickdarm auf-
schließen; eine Barriere gegen Krankheitserreger bilden, die
über den Darm in den Körper eindringen könnten; bestimm-
te Vitamine herstellen, die wir aufnehmen; Entwicklung und
Reifung des Darmimmunsystems fördern; die Zellen der
Darmschleimhaut in ihrer Funktion unterstützen, uns ge-
sund zu erhalten.
ISTOCK / ERAXION

Seit über 50 Jahren erzeugen Züchter für verschiedenste


medizinische Studien Labortiere – in der Regel Ratten oder

WWW.SPEK TRUM .DE 29


AUF EINEN BLICK ser steuern. Und trotz fettreicher Nahrung waren ihre Blut-
fettwerte niedriger als bei mit Bakterien besiedelten Artge-
nossen, aber der Cholesteringehalt in der Leber lag höher.
WENN BAKTERIEN DICK MACHEN
Um die Rolle von Darmbakterien bei diesen Phänomenen

1 Das Mikrobiom des Darms – das Erbgut der Darmflora – stellt


quasi unser »zweites Genom« dar. Es stammt von Bakterien
und anderen Mikroorganismen, zusammen als intestinale Mikro-
zu erkennen, untersuchten wir die Darmflora von Mäusen,
die wegen eines Gendefekts fettleibig sind. Diesen Tieren
biota bezeichnet. fehlt das Hormon Leptin, das gefüllte Fettspeicher anzeigt
und den Appetit reguliert. (Bei übergewichtigen Menschen
2 Die Darmflora jedes Menschen ist einzigartig. Dennoch weist
sie bei Fettleibigkeit grundsätzlich andere Charakteristika
auf als bei Normalgewicht. Studien an Mäusen zufolge begünsti-
funktioniert diese Rückkopplung allerdings oft nicht gut, weil
die für das Signal eigentlich empfindlichen Hirnzellen darauf
gen bestimmte Zusammensetzungen von Bakterien Adipositas, nicht mehr stark genug ansprechen.) Wie sich herausstellte,
andere schützen davor.
besitzen diese dicken Tiere tatsächlich ungewöhnlich viele

3 Die neuen Erkenntnisse lassen auf effektivere Therapien gegen


Übergewicht hoffen. Möglicherweise ließe sich Adipositas mit
Hilfe von Präbiotika entgegensteuern: Nahrungsinhaltsstoffe, die
Firmicutes-Bakterien und weniger Bacteroidetes als normal.
Hinzu kommt eine auffallend große Anzahl von Methan bil-
Wachstum oder Aktivität bestimmter Bakterien fördern. denden Archaebakterien oder Archaea, die zu einer eigenen
Domäne der Lebewesen zählen.
Verhilft diese andere Darmflora womöglich zu einer bes-
Mäuse – ohne Darmbakterien. Die Nager werden, zumin- seren Nahrungsverwertung? Können solche Mäuse deswe-
dest in der ersten Generation, per Kaiserschnitt zur Welt ge- gen die Energie im Futter intensiver verwerten und leichter
bracht und völlig steril gehalten. Physiologisch sind einige als Fett speichern? Unsere Studien bestätigten den Verdacht.
Auswirkungen des Defizits an ihnen deutlich erkennbar. So Zum einen fanden sich im Mikrobiom der fettleibigen Lep­
ist ihre Darmwand dünner, und ihr Kot ist weicher. Man- tinmangel-Mäuse im Verhältnis mehr Gene, deren Proteine
ches davon normalisiert sich aber binnen weniger Wochen, komplexe Zuckerverbindungen (Polysaccharide) aufschlie-
wenn man ihnen eine komplexe Darmflora überträgt, und ßen – was für eine gründlichere Ausnutzung der Nahrung
mitunter genügt dazu schon eine einzige Bakte­rienart. spricht. Zum anderen enthielt ihr Kot tatsächlich weniger
Bereits 1983 hatten Bernard Wostmann und seine Kolle- Restkalorien als der von schlanken Artgenossen. Als wir dann
gen von der University of Notre Dame (Indiana) beobachtet, sterilen Mäusen Darmflora entweder von solchen fetten Art-
dass Nagetiere ohne Darmflora 30 Prozent mehr Kalorien als genossen oder von »normalen«, schlanken Tieren übertru-
normal gehaltene Artgenossen fressen müssen, um ihr Kör- gen, bestätigte sich der vermutete Zusammenhang: Im ers-
pergewicht zu halten. Allerdings blieben diese Ergebnisse ten Fall setzten die bisher keimfreien Mäuse mehr Fett an als
unbeachtet, bis die Arbeitsgruppe um Jeffrey Gordon von im zweiten. Mit den Mikroben der dicken Mäuse hatten sie
der Washington University in St. Louis (Missouri) 2004 erst- offensichtlich auch deren Eigenschaften übernommen, die
mals einen Einfluss der Darmbesiedlung auf die Entstehung einer gesteigerten Fettspeicherung Vorschub leisten.
von Adipositas postulierte.
Die Forscher wiesen damals nach, dass Mäuse mit norma-
ler Mikrobiota 42 Prozent mehr Körperfett haben als gleich
Die Macht der Darmflora
alte Mäuse desselben Stamms ohne Darmflora. Überimpften
sie den bislang keimfreien Tiere jedoch eine Darmmikrobio- Von Geburt an steril gehaltene Mäuse – die folglich auch keine
ta, so nahm ihr Körperfett binnen zwei Wochen um 60 Pro- Darmflora besitzen – wiegen weniger als normal gehaltene Art-
zent zu – und das sogar bei weniger Futter als vorher (siehe genossen und haben vor allem weniger Speck. Überträgt man
Kasten rechts: »Die Macht der Darmflora«). Wie erklärt sich ihnen Kot einschließlich Darmbakterien von anderen Tieren,
dieser drastische Effekt? nehmen sie danach selbst bei knapper Kost zu (obere Bilder).
Offenbar hat die Darmflora eine Schlüsselfunktion für die Mehrere Prozesse könnten dabei mitwirken: Darmbakterien
Fetteinlagerung inne. Hierfür sprach auch ein weiterer Be- zerlegen ansonsten unverdauliche komplexe Kohlenhydrate in
fund von Gordons Team: Keimfreie Mäuse blieben sogar bei einfache Zucker, die der Organismus aufnehmen kann. Darauf-
fettreichem Futter mager – obwohl sie es tüchtig fraßen. Eine hin steigt die Synthese von Fetten, unter anderem von Triglyze-
ähnliche Beobachtung machte unsere eigene Gruppe bei riden, in der Leber. Auch die Darmflora selbst liefert kurzkettige
INRA (dem Institut National de la Recherche Agronomique) Fettsäuren. Allesfresser bekommen darüber etwa zehn Prozent
in Jouy-en-Josas südlich von Paris: Bei fetthaltiger Ernährung ihres Kalorienbedarfs, Wiederkäuer bis zu 70 Prozent.
nahmen die steril lebenden Mäuse nur ein Drittel so viel zu Bei den Mäusen hemmt die neue Darmflora zudem die Pro-
wie Mäuse mit Darmflora. duktion eines Proteins – Angptl4 – von Schleimhautzellen des
Interessanterweise wich zugleich ihr Zucker- und Fett- unteren Dünndarms. Dieses Protein hemmt seinerseits das En-
stoffwechsel ab. Zum Beispiel wiesen sie einen niedrigeren zym Lipoproteinlipase, das für die Einlagerung von Lipiden im
Blutzucker- und Insulinspiegel auf. Sie konnten außerdem Fettgewebe notwendig ist.
ihren Blutzuckerspiegel bei Zufuhr von Kohlenhydraten bes-

30  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


Wie wir später feststellten, entwickelten jene Tiere auch die Einen umgekehrten Effekt wies eine Gruppe um Patrice
damit verbundenen Stoffwechselstörungen. Erhalten gene- Cani von der Université catholique de Louvain (in Louvain-la-
tisch »normale« Mäuse eine fettreiche Kost, bekommt ein Teil Neuve, Belgien) für die Spezies Akkermansia muciniphila
von ihnen – nicht alle – Insulinresistenz (also »Altersdiabe- nach. Dieser Organismus, der sich vom Schleim auf den Darm-
tes«), Leberverfettung (wobei die Leberzellen zu viel Fett einla- zellen ernährt, kann offensichtlich vor Fettleibigkeit schützen.
gern) oder andere typische Erkrankungen bei Übergewicht. Bei einem gesunden Menschen macht er drei bis fünf Prozent
Um den Zusammenhang genauer zu erfassen, verwendeten der Darmmikrobiota aus. Nach den Beobachtungen der For-
wir als Kotspender zwei gleich dicke Mäuse, die zuvor beide 16 scher ging die Besiedelung mit diesem Keim deutlich zurück,
Wochen lang fettes Futter gefressen hatten. Eines dieser bei- wenn die Mäuse bei fettreicher Ernährung tendenziell kräftig
den Tiere war dadurch insulinresistent geworden und hatte zunahmen. Also übertrugen sie den adipös gewordenen Na-
eine Fettleber entwickelt, das andere war gesund geblieben. gern das Bakterium künstlich – und diese verloren wieder Ge-
Und tatsächlich: Mit der Darmflora der kranken Maus wurden wicht. Insbesondere sank der Anteil an Körperfett, und gleich-
bis dahin keimfreie Mäuse ebenfalls krank. Ihr Blut wies er- zeitig reagierten die Mäuse besser auf Insulin.
höhte Zucker- und Insulinwerte auf, typische Anzeichen eines Auch bei schlanken und bei übergewichtigen Menschen
gestörten Zuckerstoffwechsels. Zugleich war ihre Leber verfet- treten die im Darm vorherrschenden Bakteriengroßgruppen
tet. Mäuse mit der Darmflora des gesund gebliebenen, wenn in unterschiedlichen Verhältnissen auf. Die erste Untersu-
auch dicken Tiers blieben dagegen auch selbst gesund (siehe chung dazu publizierte Gordons Team 2006. Demnach be-
Kasten: »Spezielle Mikrobiota für Fettleber«, S. 32). herbergen adipöse Personen relativ weniger Bacteroidetes
und mehr Firmicutes als schlanke Leute, also ähnlich, wie wir
Ein Kandidat als Dickmacher: es bei Mäusen festgestellt hatten. Verändert sich dann die Zu-
Eine einzige Mikrobenart kann genügen! sammensetzung der Darmflora, wenn jemand abnimmt?
Dass die Darmflora zur Entstehung von Adipositas und ihren Um dies herauszufinden, hielten zwölf adipöse Studienteil-
Folgeerkrankungen beitragen kann, belegen immer mehr nehmer eine entweder fett- oder kohlenhydratarme kalorien­
Untersuchungen dieser Art. Aber welche Bakterien mögen reduzierte Diät. Gelang es ihnen damit, entsprechend abzu-
dafür verantwortlich sein? Kürzlich entdeckten Forscher der nehmen, stellte sich ein Bakterienprofil ähnlich dem von
Universität von Schanghai etwas Erstaunliches. Sie isolierten schlanken Personen ein. Die Art der Diät war dafür egal. Da-
einen möglichen Kandidaten – Enterobacter cloacae B29 – bei spiegelte der Anteil an Bacteroidetes regelrecht die abge-
aus dem Kot eines fettleibigen Menschen und übertrugen je- speckten Pfunde: Je mehr Gewicht ein Teilnehmer verlor,
nes Bakterium auf sterile Mäuse. Als diese nun fettreiches desto mehr nahmen diese Mikroben zu.
Futter erhielten, wurden sie dick! Die Wissenschaftler hatten Jenen Pionieruntersuchungen an Menschen folgte eine
niemals damit gerechnet, dass eine einzige Mikrobenart der- Reihe weiterer Studien von anderen Forschern. Die Ergeb­
gleichen vermag. Bisher galt, dass es dafür einer komplexen nisse sind allerdings teils widersprüchlich. Auch ob Bacteroi-
Mikrobiotamischung bedarf. detes-Bakterien möglicherweise vor Übergewicht schützen

Kotübertragung

mit Darmflora, normales Gewicht ohne Darmflora, sehr mager Maus nimmt zu
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / BUSKE-GRAFIK,  NACH: POUR LA SCIENCE

Fetteinlagerung nimmt zu

Darmbakterien

Leber
Polysaccharide
(Mehrfachzucker) Verdauung durch Darm absorbiert Leber bildet
mehr Fettgewebe
in der Nahrung Darmbakterien mehr Einfachzucker mehr Fette

WWW.SPEK TRUM .DE 31


MEHR WISSEN BEI EU geförderten mehrjährigen Großprojekt. Unter einem
Meta­genom verstehen Forscher das Gesamtgenom aller Or-
Unser  ganismen in einem System. 123 normalgewichtige und 169
Online-Dossier  adipöse Probanden aus Dänemark nahmen an einer großen
zum Thema  Studie teil, die von INRA koordiniert wurde und an der sich
»Bakterien«  14 staatliche und industrielle Forschungseinrichtungen aus
finden Sie unter Europa und China beteiligten.
Mittels einer so genannten quantitativen Metagenom-
www.spektrum.de/ analyse bestimmten die Forscher von allen 292 Teilnehmern
t/bakterien die genetische Vielfalt ihrer Darmfloren und die relativen
FOTOLIA / NOMAD SOUL
Mengen der einzelnen bakteriellen Sequenzen. Zählte man
die Anzahl der bakteriellen Gene, ließen sich bei den Proban-
könnten, wird daraus nicht klar. Eine der Studien untersuch- den zwei Gruppen erkennen: Etwa ein Viertel von ihnen be-
te beispielsweise erwachsene ein- und zweieiige Zwillinge – saß ein eher ärmliches Mikrobiom mit weniger als einer hal-
in der Annahme, dass ein ungleiches Körpergewicht gene- ben Million verschiedener Bakteriengene; bei den übrigen
tisch identischer Zwillinge auf die Darmflora zurückgehen drei Vierteln herrschte mit durchschnittlich 600 000 mikro-
könnte. In dieser Erhebung bestätigte sich zwar der frühere biellen Genen eine deutlich größere Genvielfalt – was für
Befund, wonach der Anteil von Bacteroidetes bei Überge- eine höhere Bakterienvielfalt spricht.
wicht geringer ist als bei Normalgewicht. Doch war der relati- Artenarme und artenreiche Mikrobiota kommen zwar so-
ve Gehalt an Firmicutes diesmal in beiden Fällen gleich, wäh- wohl bei adipösen als auch bei normalgewichtigen Men-
rend dagegen mehr von der dritten Hauptbakteriengruppe, schen vor. Allerdings erhöhen eine relativ arme Darmflora
den Actinobacteria, vorkam. Andere Studien fanden wieder- und Übergewicht das Risiko für all die typischen Begleit­
um keinen Unterschied des Bacteroidetes-Anteils bei schlan- erkrankungen wie Altersdiabetes, Fettstoffwechselstörun-
ken und übergewichtigen Menschen. Und einige stellten bei gen, Leber- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder sogar ei-
Fettleibigkeit sogar verhältnismäßig mehr Bakterien aus die- nige Krebsarten. Zudem zeigte sich, dass Schlankheitsdiäten
ser Gruppe fest. bei dicken Menschen mit einer vergleichsweise reichhaltigen
Vor einigen Jahren untersuchte das internationale Kon- Darmflora erfolgreicher verlaufen.
sortium MetaHIT (Metagenomics of the Human Intestinal Insgesamt ließen diese Daten keine enge Beziehung zwi-
Tract) das menschliche Darmmikrobiom in einem von der schen einer bestimmten Sorte von Mikrobiota und Adiposi-

Spezielle Mikrobiota für Fettleber


Erhielten keimfrei aufgewachsene Mäuse Darmbakterien einer Syndrom und eine Fettleber entwickelt hatte, bekamen die so
dick gefütterten Maus mit trotzdem gesunder Leber, nahmen behandelten Tiere, sofern sie fettreiches Futter erhielten, die
sie zwar an Gewicht zu; doch sie – wie auch ihre Leber (linkes gleichen Symptome wie die Spenderin – und ebenfalls eine Le-
Schnittbild) – blieben sogar bei fetter Kost gesund. Bei Übertra- berverfettung (rechts). Die zahlreichen kleinen weißen Ein-
gung der Darmflora einer dicken Maus, die ein metabolisches schlüsse in den Leberzellen sind Fetttröpfchen.
STEPHAN BOUET, ATELIER D‘HISTOLOGIE, INRA

STEPHAN BOUET, ATELIER D‘HISTOLOGIE, INRA

32  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


Die Darmflora eines schlanken Menschen konnte Mäuse vor
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / BUSKE-GRAFIK,  NACH: POUR LA SCIENCE

adipöser Zwilling keimfreie Maus Maus wird dick.


Adipositas schützen (unten). Stammte sie hingegen von dessen
übergewichtigem Zwilling, nahmen die Tiere selbst bei fett-
Darm- armer, ballaststoffreicher Ernährung stark zu (oben). Lebten beide
bakterien
Gruppen jedoch seit der Übertragung zusammen, blieben alle
schlank. Vermutlicher Grund: Die Nager pflegen Kot von Artge-
nossen aufzunehmen, wobei sich Komponenten der Darmflora
des schlanken Zwillings durchsetzten.
zusammen im
selben Käfig
tienten litten unter einem so genannten metabolischen
Beide Mäuse bleiben schlank.
Syndrom, dem typischen Erscheinungsbild eines gestörten
Zucker- und Fettstoffwechsels bei Adipositas. Sie erhielten
Stuhlaufschlüsse von schlanken Personen. Danach nahmen
Darm-
bakterien sie zwar nicht ab, jedoch verbesserte sich ihre Empfindlich-
keit für Insulin, und das hielt noch sechs Wochen später an.
Als Standardtherapie gegen Fettsucht und deren Begleit-
schlanker Zwilling keimfreie Maus Maus bleibt schlank. erscheinungen eignet sich eine Stuhltransplantation daher
vielleicht nicht. Immerhin scheint es damit nach den ersten
tas erkennen. Eher sah es so aus, als ob eine Kombination von Erfahrungen aber möglich zu sein, die Darmflora und hierü-
Umwelt- und genetischen Faktoren zu einer individuellen ber einige physiologische Parameter günstig zu beeinflus-
Zusammensetzung der Darmflora beiträgt, welche mögli- sen. Auch über die Ernährung, insbesondere durch so ge-
cherweise eine übermäßige Gewichtszunahme fördert. Ob nannte Präbiotika, lässt sie sich manipulieren. Viele dieser
die beim Menschen festgestellten Unterschiede des Darm­ »Ballaststoffe« sind für uns unverdauliche Polysaccharide,
lebens Ursache oder Folge von Fettleibigkeit sind, blieb je- von denen aber bestimmte Bakterien profitieren. Würde es
doch ungewiss. gelingen, die Balance der Darmbewohner günstiger einzu-
Bei diesem Stand der Erkenntnisse kam das Team von stellen, könnte das zusammen mit anderen gewichtsredu-
Gordon auf die Idee, keimfrei aufgezogenen Mäusen mensch- zierenden Maßnahmen dazu beitragen, Übergewicht entge-
liche Darmbakterien zu übertragen. Für die Stuhlspenden genzusteuern.  Ÿ
wählten die Forscher ein eineiiges Zwillingspaar. Eine der
Schwestern war normalgewichtig, die andere fettleibig. Und
DER AUTOR
wirklich blieben die Mäuse im einen Fall schlank und wurden
im anderen dick. Doch wenn beide Tiergruppen nach der Philippe Gérard ist Wissenschaftler am
Stuhltransplantation zusammen im selben Käfig lebten, MICALIS-Institut in Jouy-en-Josas bei Paris. Die
Einrichtung führt Forschungen von INRA (dem
blieben erstaunlicherweise auch die Mäuse der zweiten Institut National de la Recherche Agronomique)
Gruppe dünn (siehe Bild oben). und AgroParisTech zusammen und untersucht
Weil Mäuse Kot von Artgenossen fressen, können sie ihre die Mikrobenwelt der Ernährung.
Mikrobiota austauschen. Das dürfte in diesem Fall gesche-
hen sein, und offenbar vermochte die Darmflora der schlan-
ken Frau diejenige der adipösen Zwillingsschwester zu ver- QUELLEN
drängen. Das galt insbesondere für Bacteroidetes sowie eini-
Gérard, P.: Gut Microbiota and Obesity. In: Cellular and Molecular
ge andere Komponenten von der schlankeren Frau. Nach Life Sciences CMLS, 10/2015, Doi: 10.1007/s00018-015-2061-5
diesen Befunden scheint es nicht nur zumindest einen Typ Le Roy, T. et al.: Intestinal Microbiota Determines Development
of Non-Alcoholic Fatty Liver Disease in Mice. In: Gut 62,
von Mikrobiota zu geben, der Adipositas fördert. Sondern es
S. 1787 – 1794, 2013
scheint auch eine Mikrobiota zu existieren, die davor zu Palau, M. et al.: Metabolomic Insights into the Intricate Gut Micro-
schützen vermag – und die überdies eine andere Darmflora bial-Host Interaction in the Development of Obesity and Type 2
übertrumpfen kann. Eventuell ließe sich diese Erkenntnis Diabetes. In: Frontiers in Microbiology 10/2015, Doi: 10.3389/fmicb.
2015.01151
für Menschen mit Übergewicht therapeutisch nutzen. Ridaura, V. K. et al.: Gut Microbiota from Twins Discordant for Obe-
Stuhltransplantationen werden seit mehreren Jahrzehn- sity Modulate Metabolism in Mice. In: Science 341, S. 1079, 2013
ten bei Patienten vorgenommen, bei denen wiederkehrende
schwere, mitunter lebensbedrohliche Darmentzündungen LITERATURTIPP
durch Clostridium difficile auftreten. Manchmal hilft diese Ackermann, J.: Tausend Billionen Freunde. In: SdW 11/2012, S. 26 – 33
Maßnahme drei- bis viermal so gut wie eine Antibiotikabe- Überblick über die Bakterienbesiedlung des Menschen
handlung. Bei fettleibigen Patienten wandten Ärzte in Gro-
ningen das Verfahren erstmals an. Die ausgewählten Pa­ Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1382042

WWW.SPEK TRUM .DE 33


Entscheidend für das Ein­­­­-
setzen einer Entzündungs-
reaktion ist ein als Inflam-
masom bezeichneter
Proteinkomplex – hier
schematisch dargestellt.
ER
BRIAN STAUFF

34  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


BIOLOGIE & MEDIZIN

MEDIZIN

Zellen in Flammen
Eine jüngst entdeckte Zellstruktur spielt eine Schlüsselrolle bei allen Arten
von Entzündungen. Diese Erkenntnis eröffnet womöglich ganz neue
Therapie­ansätze für so unterschiedliche Erkrankungen wie Arteriosklerose,
Alzheimerdemenz und Fettleber.
Von Wajahat Z. Mehal

W
er schon einmal einen Pickel hatte, kennt die
AUF EINEN BLICK
Kombination aus Hautrötung, Schwellung,
Brennen und Schmerz, die typisch für eine
lokale Entzündung ist. Von Immunzellen in ZENTRALE SCHALTSTELLE BEI ENTZÜNDUNGEN
Gang gesetzt, kann diese auch ohne Bakterien bei jeder Art
von Gewebeschädigung auftreten – sei es eine oberflächliche 1 Rötung, Schwellung, Brennen und Schmerz sind die klinisch­­­­en
Zeichen einer Entzündung, der Reaktion des Körpers auf
eine Infektion oder eine Gewebeschädigung. Diesen Vorgang
Prellung oder ein Herzinfarkt. In solchen Fällen sprechen
setzen Zellen über Proteinkomplexe in Gang, die als Inflam­
­Mediziner von einer sterilen Entzündung. Wenn sie aus dem masomen bezeichnet werden.
Ruder läuft, trägt sie zu einem breiten Spektrum höchst un­
terschiedlicher Krankheitsbilder bei, das von der Alzheimer­
demenz über Diabetes bis hin zu diversen Leberleiden reicht.
2 Überraschenderweise treten identische Inflammasomen bei
ganz verschiedenen Erkrankungen auf – etwa bei Alzheimer­
demenz, Gicht oder einer Verengung der Herzkranzgefäße. Das
All dies ist seit Jahrzehnten bekannt. Jüngste Forschungen eröffnet neue Ansätze zur Behandlung solcher Leiden.

haben jedoch neue, ebenso überraschende wie weit reichen­


de Erkenntnisse zum Ursprung des Phänomens zu Tage ge­ 3 Anhand dieser Erkenntnisse sollten sich Medikamente entwi-
ckeln lassen, die ein breites Spektrum chronisch-entzündlicher
Erkrankungen wirksamer bekämpfen. Daneben lassen sich mög-
fördert. Dazu gehört vor allem der folgende Befund: Damit ­licherweise auch weitere Einsatzbereiche für etablierte Wirkstoffe
eine Entzündung auftreten kann, müssen die beteiligten Zel­ erschließen.
len zunächst komplexe Strukturen aus mehreren Proteinen
zusammensetzen. Diese so genannten Inflammasomen ent­
stehen erstaunlich rasch und zerfallen schon binnen eines des Inflammasoms chronische Entzündungen auslösen.
Tages nach dem auslösenden Reiz. Das ist so, als würde eine Gängige Medikamente gegen Schmerzen und Schwellungen
Firma ihre Produktionsanlage innerhalb von Minuten zu­ hemmen die Aktivität entzündungsfördernder Proteine. Mit
sammenbauen, sobald ein Kunde Ware bestellt, und sie nach Wirkstoffen, welche die Bildung des Inflammasoms blockie­
der Auslieferung gleich wieder demontieren. Vermutlich soll ren oder für seine Demontage sorgen, ließe sich die Produk­
der rasche Abbau des Inflammasoms überschießenden Ab­ tion dieser problematischen Eiweißstoffe dagegen von vorn­
wehrreaktionen vorbeugen. Zwar sind Entzündungsprozesse herein unterbinden. Das wäre ein völlig neuer Ansatz im
nützlich, weil sie Krankheitserreger ab­töten und die Ausbrei­ Kampf gegen entzündungsbedingte Gewebeschäden. Zudem
tung der Keime im Körper stoppen. Unkontrolliert können würden solche Medikamente womöglich auch dann noch
sie jedoch auch gesundes Gewebe schädigen – mit teils fata­ wirken, wenn heutige Therapien versagen.
len Folgen. Die neuen Erkenntnisse über Inflammasomen veranlass­
Ist die Entdeckung des Inflammasoms an sich schon eine ten mich und etliche Kollegen, unsere Vorstellungen von der
kleine Sensation, so hat sie darüber hinaus auch erhebliche Entstehung vieler Erkrankungen grundsätzlich zu überden­
Bedeutung für die Medizin. Wie sich herausstellte, können ken. Statt diese nach den Organen zu klassifizieren, die sie be­
Störungen im Zyklus von Zusammenbau und Demontage treffen – etwa Leber oder Herz –, fragen wir nun primär nach

WWW.SPEK TRUM .DE 35


der beteiligten zellulären Maschinerie. Vier verschiedene In­ ­befürchteten die Forscher, Hunderte von Signalmolekülen
flammasomen sind bislang beschrieben worden, weitere und deren Wirkungen auf Dutzende von Immunzellen nach­
dürften folgen. Wenn nun eines davon Erkrankungen zweier verfolgen zu müssen, um tiefere Einblicke in die Mechanis­
unterschiedlicher Organe verursacht, ist davon auszugehen, men von Entzündungsreaktionen zu gewinnen. Wie sich
dass Medikamente dagegen auch in beiden Fällen helfen. zeigte, genügen bei Makrophagen jedoch wenige solcher
Entzündungsreaktionen gehören zum angeborenen, un­ moleku­laren Sig­nalwege, um den Immunalarm auszulösen.
spezifischen Zweig des Immunsystems. Er bildet die erste Obendrein bedienen sich auch andere Immunzellen dersel­
Abwehrfront gegen Krankheiterreger, die in den Körper ein­ ben Pfade. Somit sollte es genügen, eine Hand voll Medika­
dringen. Dabei wandern Makrophagen und verwandte weiße mente zu entwickeln, welche die Bildung von Inflammaso­
Blutzellen in die betroffene men blockie­ren oder ihren
Geweberegion ein und geben Zerfall fördern, um ein brei­
dort entzündungsfördernde
Medikamente, welche die Bildung tes Spektrum entzündlicher
Signalproteine ab. Die nach­ von Inflammasomen blockieren, Erkrankungen behandeln zu
folgende Schwellung und Er­ sollten gegen eine Vielzahl ent­ können.
wärmung behindert die Ver­ Was geschieht nun im In­
zündlicher Erkrankungen wirken
mehrung der Bakterien und neren eines Makrophagen?
ihre Ausbreitung in die Um­ In der Nähe einer geschädig­
gebung. Zudem locken die Signalproteine weitere Immun­ ten Zelle wird er geradezu überschwemmt von DNA-Bestand­
zellen an. Der sich in infizierten Wunden bildende Eiter be­ teilen, RNA-Fragmenten und anderen Molekülen, die eine
steht zum Teil aus solchen Zellen. mögliche Gefahr signalisieren. Einige davon heften sich an
Lange Zeit nahmen Forscher an, dass das angeborene einen speziellen Rezeptor an der Zelloberfläche des Makro­
­Immunsystem diese Abwehrkaskade nur dann auslöst, wenn phagen, andere docken an einen zweiten Rezeptor an, über
es auf fremde Zellen und Strukturen stößt. Makrophagen den man bisher kaum etwas weiß – nicht einmal, wo er sich
­erkennen spezielle Moleküle, die vielen Krankheitserregern befindet. Nach der Bindung aktivieren die beiden Rezeptoren
­gemeinsam sind, aber im Körper von Menschen und Wirbel­ einen von zwei zellulären Prozessen: Der erste Signalpfad
tieren normalerweise nicht vorkommen. Bei Kontakt mit sol­ steigert die Produktion von Molekülen, die zum Anwerfen
chen Fremdstoffen setzen sie die erwähnten Signalproteine der Entzündungsreaktion nötig sind, aber zunächst noch in
frei und starten so die Immunkaskade. Charles Janeway jr. inaktiver Form vorliegen; der zweite sorgt für die Montage
und Ruslan M. Medzhitov von der Yale University in New Ha­ der Inflammasomen. Sobald diese zusammengebaut sind,
ven (Connecticut) haben die betreffenden Abwehrmechanis­ verwandeln sie die Entzündungsmoleküle in die aktive Form
men in den 1980er und 1990er Jahren aufgeklärt. und transportieren sie auf einem noch unbekannten Weg
aus dem Makrophagen.
Warum das Immunsystem Überraschenderweise ist die Produktpalette eines Inflam­
auch auf körpereigene Substanzen reagiert masoms recht begrenzt – und zwar unabhängig davon, ob
Später stellte sich allerdings heraus, dass Makrophagen auch ein Fremdstoff oder ein körpereigenes Gefahrensignal vor­
auf bestimmte körpereigene Moleküle ansprechen, etwa auf liegt. Jedes der vier bisher beschriebenen Inflammasomen
Adenosintriphosphat (ATP), den universellen biologischen sondert hauptsächlich zwei Substanzen ab: Interleukin-1
Energieträger, und die Nukleinsäuren DNA und RNA. Alle beta (IL-1b) und Interleukin-18 (IL-18). Beide gehören zu ei­
drei kommen normalerweise nur in membranumhüllten ner Zytokine genannten Klasse von Signalmolekülen, und es
Kompartimenten im Zellinneren vor, wo sie für die tentakel­ war schon länger bekannt, dass sie an Entzündungsreaktio­
artigen Fortsätze der Makrophagen unzugänglich sind. nen beteiligt sind. Doch bis zur Entdeckung der Inflammaso­
­Gelangen sie jedoch etwa bei einer Verletzung in den Zell­ men wusste niemand, wie sie entstehen.
zwischenraum, werden sie plötzlich für Detektormoleküle Nach ihrer Freisetzung diffundieren die Interleukine ins
auf Immunzellen wie etwa die Toll-like-Rezeptoren sichtbar. umgebende Gewebe. Dort lösen sie die Produktion weiterer
Da sie auch von eingedrungenen Krankheitserregern stam­ Zytokine aus, welche die Durchblutung der betroffenen Regi­
men könnten, geht der Organismus auf Nummer sicher und on steigern, andere Immunzellen anlocken und das gesamte
löst vorsichtshalber dieselbe Abwehrreaktion aus wie beim Arsenal an Veränderungen bewirken, die zu einer voll ausge­
Einfall von Bakterien. Die dann ablaufende Kettenreaktion prägten Entzündungsreaktion gehören.
ist freilich unangemessen und vergrößert womöglich die Eine weitere überraschende Erkenntnis ist, dass Inflam­
­Gewebeschäden noch, wenn sie nicht beizeiten abklingt. masomen eine zentrale Rolle bei einer Vielzahl von Erkran­
Zwar sind die Abläufe bei Entzündungsprozessen schon kungen spielen, die bisher kaum mit Entzündungen in Ver­
seit etwa 15 Jahren in den Grundzügen bekannt, doch gelang bindung gebracht wurden. Tatsächlich entstehen sie nicht
es erst im Verlauf des letzten Jahrzehnts, im Detail aufzu­ nur in Makrophagen, sondern in vielen anderen Zellen, so­
klären, was sich in einem Makrophagen abspielt, bevor er bald diese Fremdkörper oder Gefahrensignale registrieren –
diese schlagkräftige Abwehrkaskade ankurbelt. Anfangs etwa in solchen in der Darmwand, die daraufhin Zytokine

36  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


Wie Entzündungen entstehen
Überraschenden Erkenntnissen der letzten Jahre zufolge lösen Ausgelöst wird die Bildung von Inflammasomen durch Be-
alle Körperzellen Entzündungsreaktionen im Wesentlichen auf standteile von Fremdorganismen und andere Gefahrensignale.
die gleiche Weise aus. Sie setzen dazu einen als Inflammasom Dazu gehören Festkörper wie Asbestfasern, aber auch körperei-
bezeichneten molekularen Komplex zusammen, der so ge- gene Substanzen, die pathologische Ablagerungen bilden oder
nannte Zytokine produziert. Gewöhnlich werden Inflammaso- bei Verletzungen freikommen. Die Entdeckung eines einheit­
men schnell wieder abgebaut. Bleiben sie dagegen dauerhaft lichen molekularen Signalwegs bietet die Chance zur Entwick-
aktiv, können verschiedene Erkrankungen wie Alzheimerde- lung neuartiger Medikamente für eine Reihe von Erkrankungen,
menz oder Gicht auftreten. die bisher kaum Gemeinsamkeiten zu haben schienen.

Fremdorganismen Gefahrensignale

Mikroben Gewebeschäden Proteine kristalline Ablagerungen Überernährung

Para- Bak- gesättigte


Pilze Viren DNA RNA ATP Beta-Amyloid Asbest Cholesterin Harnsäure
siten terien Fettsäuren

1 Der Entzündungsprozess kommt in Gang,


wenn Signalmoleküle an zwei verschiedene
Rezeptoren andocken. Eine überraschend
membranständiger breite Palette kann dabei als Auslöser wirken.
Rezeptor

2 Der erste Signalpfad veranlasst im


Zellkern die Produktion von Vorläufer- 3 Der zweite Signalpfad löst die Mon-
molekülen für das Inflammasom tage des Inflammasoms aus. Dieses
sowie für entzündungsför- aktiviert die Zytokine, die daraufhin
dernde Substanzen: Signal 2 die Entzündungsreaktion in Gang
die Zytokine. unbekannter setzen.
Rezeptor

Signal 1

Inflammasom
Inflammasom-Vorläufermoleküle

Zellkern

Zytokin- Zytokine
Vorläufer- 4 Trotz der Vielzahl möglicher Auslöser geben Inflam-
moleküle masomen am Ende stets dieselben Zytokine ab. Das
breite Spektrum von Erkrankungen entsteht unter
anderem dadurch, dass diese Signalstoffe in unter-
schiedlichen Mengen gebildet werden und die jewei-
ligen Gewebe verschieden darauf reagieren.
EMILY COOPER

normale Immunreaktion Alzheimer­ Mesotheliom Arteriosklerose Gicht Insulin- Fettleber


demenz resistenz

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freisetzen, welche die Produktion von Schleim anregen. Fer­ Fettsäuren, die in Fleisch und Käse vorkommen, aber auch
ner lösen mikroskopisch kleine Partikel Entzündungsprozes­ vom Körper selbst erzeugt werden, das NLRP3-Inflammasom
se in verschiedenen Körperregionen aus, wenn sie von au­ in Makrophagen und anderen Zellen unmittelbar aktivieren,
ßen dorthin gelangen oder sich als Folge krankhafter Vorgän­ wenn sie in großen Mengen auftreten. Diese Erkenntnis be­
ge ablagern. gründete ein ganz neues Forschungsfeld, das dem Einfluss
Verantwortlich dafür ist insbesondere das in vielen Zell­ ­aller Arten von Stoffwechselprodukten auf die Aktivität von
typen vorkommende Inflammasom NLRP3. Es sorgt zum Inflammasomen nachspürt. Dabei zeigte sich unter ande­
Beispiel dafür, dass als Reaktion auf Asbestfasern in der Lun­ rem, dass auch der übermäßige Verzehr von Kohlenhydraten
ge ein Bindegewebstumor (Mesotheliom) und bei der An­ auf indirektem Weg zu entzündlichen Reaktionen führt, weil
sammlung von Harnsäurekristallen in den Gelenken Gicht der Körper die überschüssigen Nährstoffe zunächst in Fett­
entsteht. Analog verursacht, wie sich immer deutlicher ab­ säuren umwandelt, um diese dann zu speichern.
zeichnet, nicht das Cholesterin selbst die arteriosklero­ Viele Organe leiden bei Völlerei unter chronischen Ent­
tischen Veränderungen der Blutgefäße, die schließlich zu zündungsreaktionen. Am stärksten davon betroffen aber ist
Herzinfarkt und Schlaganfall führen können. Schuld sind die Leber – wahrscheinlich weil sie große Mengen von Fett­
vielmehr seine Ablagerungen an den Gefäßwänden in Form säuren aufnimmt und verarbeitet. Zudem enthält sie zahlrei­
winziger Kristalle, die Entzündungen auslösen. che reaktionsbereite Immunzellen, die schon bei geringem
Ähnliches gilt für die Alzheimerkrankheit, bei der sich Anlass aktiv werden. Als Folge davon kann sich das Organ
zwischen den Nervenzellen im Gehirn Klumpen aus Beta- entzünden und anschwellen; Ärzte sprechen von Fettleber
Amyloid-Peptiden abscheiden. Diese aktivieren das NLRP3- (Steatohepatitis). Dieser Zustand ist zwar reversibel, ähnelt
Inflammasom in den makrophagenähnlichen Mikroglia­ jedoch den Symptomen bei langjährigem Alkoholmiss­
zellen, was schließlich zum Untergang der umgebenden brauch. Aus noch unbekannten Gründen entwickelt sich dar­
Neurone führt. Eine ganze Palette von Substanzen wie Harn­ aus in manchen Fällen eine Leberzirrhose, die zum Tod füh­
säurekristalle, Cholesterinablagerungen, Beta-Amyloid- ren kann.
Klumpen, Asbestfasern oder Feinstaub ruft also in diversen Besonders beunruhigend ist, dass inzwischen schon ein
Organen ganz unterschiedlich verlaufende Erkrankungen Drittel der übergewichtigen Kinder eine Fettleber hat. Ein
hervor, die jedoch alle über den gleichen Mechanismus ver­ Teil von ihnen dürfte bereits im frühen Erwachsenenalter an
mittelt werden. Leberzirrhose erkranken. Der Zustand des Organs bei den be­
troffenen Kindern gleicht dem bei Trunksucht, nur dass in
Auch normale Nährstoffe können, ­ diesem Fall Überernährung statt Alkohol die Ursache ist. Wie
im Übermaß aufgenommen, Entzündungen auslösen Tierversuche nahelegen, spielt auch hier das NLRP3-Inflam­
Die größte Sensation auf dem Gebiet war schließlich die Ent­ masom eine entscheidende Rolle. Eine Therapie, die seine
deckung, dass auch übermäßiges Essen Entzündungsreak­ Bildung blockiert, könnte daher unter Umständen Leber­
tionen hervorrufen kann. Nach einer einzelnen allzu üppi­ schäden bei übergewichtigen Menschen vorbeugen. Fettlei­
gen Mahlzeit klingen sie zwar bald wieder ab. Aber die stän­ bige Mäuse, denen Komponenten des Inflammasoms fehlen,
dige Aufnahme zu großer Nahrungsmengen, die den Körper erkranken zwar häufiger an Infektionen, haben jedoch eine
veranlasst, überschüssige Kalorien in Form von Fett zu spei­ gesündere Leber.
chern, führt zu einer chronischen Entzündung. Angesichts der Erkenntnis, dass übermäßiges Essen zu
Das ist insofern erstaunlich, als Nährstoffe ja weder bakte­ chronischen Entzündungsreaktionen führt, fragten sich
rielle Moleküle noch mikroskopische Teilchen darstellen und meine Kollegen und ich an der Yale University, ob Unter­
normalerweise auch nicht im Zellinnern eingeschlossen sind, ernährung vielleicht den gegenteiligen Effekt hat, also die
was sie außerhalb von Zellen zu potenziellen Gefahrensigna­ Bildung von Inflammasomen unterdrückt. Da die entzün­
len machen würde. Dennoch ergab eine Reihe von Tierversu­ dungshemmende Wirkung von Fasten und körperlicher Be­
chen in den vergangenen Jahren, dass zum Beispiel gesättigte wegung bekannt ist, betrachteten wir zwei Moleküle, die
sich dabei im Körper anreichern: Beta-Hydroxybuttersäure
MEHR WISSEN BEI und Milchsäure. Tatsächlich heften sich beide, wie wir her­
ausfanden, jeweils an bestimmte Rezeptoren auf Makro­
Unser  phagen. Diese schalten daraufhin über biochemische Sig­
Online-Dossier nalkaskaden Gene aus, die an der Produktion von Inflam­
E, 1976

zum Thema  masomen beteiligt sind. Als Nächstes stellt sich somit die
DR. TRICHE, NATIONAL CANCER INSTITUT

»Immunsystem«  Frage, inwiefern sich die betreffenden regulatorischen Sig­


finden Sie unter nalwege dazu nutzen lassen, krankhaften Entzündungspro­
zessen zu begegnen.
www.spektrum.de/t­/ In diesem Zusammenhang ist auch von Bedeutung, wie
das-immunsystem der gesunde Körper Inflammasomen wieder deaktiviert, was
normalerweise 18 bis 24 Stunden nach ihrer Bildung ge­

38  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


schieht­. Außerdem fragen sich die Forscher, warum Inflam­ rapie einer bestimmten Krankheit zugelassen sind, auf ihre
masomen manchmal länger aktiv bleiben. Jüngsten Unter­ Wirkung gegen andere infektionsbedingte Leiden zu unter­
suchungen zufolge rufen alle bekannten Gefahren­signale, suchen, die über dasselbe Inflammasom vermittelt werden.
ob sie nun den ersten oder zweiten Signalpfad aktivieren, Zum Beispiel dient das Medikament Anakinra schon längere
nur eine vorübergehende Entzündung hervor, auch wenn sie Zeit zur Behandlung rheumatoider Arthritis. Es blockiert den
dauerhaft vorhanden sind. Nach einiger Zeit reagieren die Rezeptor, an den sich IL-1b nach Verlassen des Inflamma­
Immunzellen einfach nicht soms bindet. Die Sub­stanz
mehr auf die per Signal- wird jetzt bei einem breiten
pfad 1 gegebene Anweisung,
Vielleicht kann das bei Herz­ Spektrum von Erkrankun­
Entzündungsproteine her­ rhythmusstörungen eingesetzte gen geprüft, an deren Entste­
zustellen, entwickeln also Digoxin Entzündungsprozesse hung das NLRP3-Inflamma­
eine Toleranz. Eine dauerhaf­ som beteiligt ist.
bei Alzheimerdemenz abmildern
te Sti­mulation des Signal­ Meine Arbeitsgruppe un­
pfads 2 wiederum, der die tersucht auch, ob der häufig
Montage des Inflammasoms veranlasst, lässt die Immun­ bei Herzrhythmusstörungen eingesetzte Wirkstoff Digoxin
zellen sogar absterben. Beides bringt letztlich den Entzün­ die Entzündungsprozesse bei neurologischen Erkrankungen
dungsprozess zum Stillstand. wie der Alzheimerdemenz abmildern kann. Nach jüngsten
Offenbar bedarf es zusätzlicher Signale, um Inflammaso­ Erkenntnissen anderer Forscher hemmt die Substanz den
men über lange Zeit aktiv zu halten, wie das etwa beim Dia­ ­hypoxieinduzierten Faktor HIF-1b. Dieser ist wiederum nach
betes mellitus und bei der Fettleberhepatitis der Fall ist. Ge­ Untersuchungen meines Team für die dauerhafte Aktivie­
meinsam mit anderen Arbeitsgruppen konnte mein Team rung des NLRP3-Inflammasoms erforderlich, das im Gehirn
ein solches Signal aufdecken: Wie wir feststellten, verzögert von Alzheimerpatienten nachgewiesen wurde. In hohen Do­
Adenosin, das beim Verbrauch des Energieträgers ATP ent­ sen kann Digoxin allerdings seinerseits Verwirrtheitszustän­
steht, den Abbau von Inflammasomen. Ironischerweise galt de und andere Symptome verursachen, die auch bei Demenz
diese Substanz lange als Entzündungshemmer, weil sie in auftreten, sowie weitere unerwünschte Nebenwirkungen
späteren Stadien der Entzündung dämpfend wirkt. hervorrufen.
Durch die rasante Zunahme von Arbeiten zur Biologie der
Was Kieselsäurekristalle in Inflammasomen in den letzten Jahren besteht jetzt die Chan­
der Lunge verursachen ce, chronische Entzündungen endlich an der Wurzel zu pa­
Die hier beschriebenen Entdeckungen haben zu einer neuen cken. Das wäre ein Segen für all die vielen Menschen, denen
Sicht auf entzündliche Erkrankungen geführt. Demnach lau­ sie das Leben schwer machen.  Ÿ
fen zahlreiche unterschiedliche Reize – Fremdstoffe, Gefah­
rensignale und sogar Nahrungsbestandteile – an einer zent­
DER AUTOR
ralen Schaltstelle zusammen: dem Inflammasom, das sei­
nerseits nur über ein begrenztes Handlungsrepertoire Wajahat Z. Mehal ist Medizinprofessor an der
verfügt. Die breit gefächerte Symptomatik entzündlicher Er­ Yale University in New Haven (Connecticut),
wo er Entzündungsprozesse erforscht. Außer-
krankungen beruht auf Unterschieden beim auslösenden Si­ dem behandelt er als Internist am Department
gnal, beim betroffenen Organ und bei der Dauer der Inflam­ of Veterans Affairs Medical Center in West
masom-Aktivierung. So lösen in Gelenken abgelagerte Harn­ Haven Patienten mit Lebererkrankungen.

säurekristalle akute Gichtanfälle aus, die zwischenzeitlich


spontan abklingen, obwohl die Ablagerungen keineswegs
verschwunden sind. Kieselsäurekristalle in der Lunge rufen QUELLEN
dagegen chronische Entzündungsreaktionen mit Narbenbil­
Ouyang, X. et al.: Inflammasome Biology in Fibrogenesis. In:
dung hervor. Biochimica et Biophysica Acta (BBA) – Molecular Basis of Disease
Aus den neuen Erkenntnissen ergeben sich bisher unge­ 1832, S. 979 – 988, 2013
nutzte molekulare Angriffspunkte für Medikamente. Diese Schroder, K., Tschopp, J.: The Inflammasomes. In: Cell 140, S. 821 –
832, 2010
könnten die Bildung des Inflammasoms stören – sei es durch Strowig, T. et al.: Inflammasomes in Health and Disease. In: Nature
Eingriffe in die verschiedenen Stadien seiner Entstehung 481, S. 278 – 286, 2012
oder durch Blockade der Rezeptoren für Gefahrensignale.
Verschiedene Pharmafirmen experimentieren bereits mit LITERATURTIPP
entsprechenden Substanzen. Es wird jedoch noch mindes­
Stix, G.: Bösartige Entzündungen. In: Spektrum der Wissenschaft
tens ein Jahrzehnt dauern, bis diese in klinischen Studien auf 4/2007, S. 50 – 57
ihre Wirksamkeit und Sicherheit geprüft sind. Artikel zur Rolle von Entzündungen bei Krebs
Deshalb haben Forscher inzwischen begonnen, Arznei­
mittel, die bereits von der US-Gesundheitsbehörde zur The­ Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1382043

WWW.SPEK TRUM .DE 39


CHI-KWAN CHAN, UNIVERSITY OF ARIZONA

TITELTHEMA: ASTRONOMIE

Wie vermisst man


ein Schwarzes Loch?
Schwarze Löcher verzerren die Raumzeit. Mit einem gigantischen
Netzwerk von Teleskopen wollen Astronomen dies jetzt beob­
achten – und prüfen, ob die Regeln der allgemeinen Relativitäts­
theorie auch in nächster Nähe der Singularität noch gelten.
Von Dimitrios Psaltis und Sheperd S. Doeleman

DIE SERIE IM ÜBERBLICK


FERDINAND SCHMUTZER, 1921 / PUBLIC DOMAIN [M]

100 JAHRE ALLGEMEINE RELATIVITÄTSTHEORIE

Teil 1 ˘ Der Glanz des Genies  Oktober 2015


Brian Greene
 insteins Weg zur
E
allgemeinen Relativitätstheorie
Michel Janssen, Jürgen Renn
Teil 2 ˘  Kosmische Würfelspiele November 2015
George Musser
Teil 3 ˘  W
 arten auf die Welle Dezember 2015
Felicitas Mokler
Teil 4 ˘  Auf der Suche nach der
Theorie von Allem Januar 2016
Corey S. Powell
 lles nur im Kopf
A
Sabine Hossenfelder
Teil 5 ˘  Wie vermisst man ein
Schwarzes Loch? Februar 2016
Dimitrios Psaltis, Sheperd S. Doeleman
Teil 6 ˘  Sind Zeitreisen möglich? März 2016
Tim Folger
Wo Einstein irrte
Lawrence M. Krauss

40  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


PHYSIK & ASTRONOMIE

CHI-KWAN CHAN, UNIVERSITY OF ARIZONA

Diese Simulation zeigt, dass die


Gravitationskräfte um ein Schwarzes
Loch hineinstürzende Materie
enorm aufheizen. Daher sind viele der
betreffenden Objekte keineswegs
unsichtbar – sondern leuchten sogar
sehr hell.

WWW.SPEK TRUM .DE 41


E
in ganzes Jahrhundert lang haben Experimentalphy­ Über diese technischen Herausforderungen hinaus sind
siker Albert Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie viele der Vorgänge dort auch durch grundlegende physikali­
vergeblich auf den Zahn gefühlt. Jeder dieser Tests sche Umstände vor unseren Blicken verborgen. Einerseits
spielte sich in relativ schwachen Gravitationsfeldern spielen sie sich im galaktischen Zentrum ab, so dass dichte
ab. Es ist an der Zeit, die Raumzeit dort zu untersuchen, wo Wolken aus Gas und Staub zwischen uns und dem Schwarzen
sie viel härteren Bedingungen unterworfen ist – und das pas­ Loch liegen, die große Teile der elektromagnetischen Strah­
siert nirgends im All auf extremere Weise als am Rand lung abschirmen. Zudem absorbiert die Materie, die bei ih­
Schwarzer Löcher. Hier ist die Schwerkraft so stark, dass nicht rem Hineinstürzen das für uns interessante Licht aussendet,
einmal mehr Licht wieder entkommen kann, wenn es den so selbst breite Ausschnitte des Spektrums. Daher gibt es nur
genannten Ereignishorizont überquert. wenige Wellenlängen, die unbeeinflusst hindurchdringen
Das Zentrum von Schwarzen Löchern entzieht sich unse­ und sich für unsere Beobachtungen eignen.
rer Beobachtung, doch bereits in ihrem Umfeld ziehen die
massereichen Giganten so stark an der umgebenden Mate­ Die ganze Welt blickt
rie, dass diese große Mengen elektromagnetischer Strah­ auf ein Ziel – ganz buchstäblich
lung produziert. Die Schwerkraft drückt alles, was sich auf Das Event Horizon Telescope (EHT) ist ein internationales
den Ereignishorizont zubewegt, extrem stark zusammen, Projekt mit dem Ziel, diese Hürden zu überwinden und erst­
wodurch Temperaturen im Bereich von Milliarden Grad Cel­ mals ein Schwarzes Loch detailliert untersuchen zu können.
sius erreicht werden. Im krassen Gegensatz zu den an sich Um die höchste Auflösung zu erreichen, die von der Oberflä­
unsichtbaren Schwarzen Löchern gehören deren Umgebun­ che der Erde aus überhaupt möglich ist, setzen die Ingenieu­
gen daher oft zu den hellsten Regionen im Kosmos. re auf die so genannte Langbasisinterferometrie (Very Long
Wenn wir ein Schwarzes Loch mit Teleskopen betrachten Baseline Interferometry, VLBI). Mit dieser Technik richten
könnten, deren Auflösung gut genug ist, um den Ereignis­ ­Astronomen über die ganze Welt verteilte Radioteleskope
horizont abzubilden, dann könnten wir Materie auf ihrem gleichzeitig auf dasselbe Ziel, zeichnen die Daten auf und
Weg hinein verfolgen – und herausfinden, ob sie sich auf ih­ kombinieren diese anschließend mit Hilfe eines Supercom­
rer Reise ohne Wiederkehr so verhält, wie sie es auf Grund puters zu einem einzigen Bild. So formen die Teleskope ein
der allgemeinen Relativitätstheorie sollte. Dabei gibt es ei­ zusammengeschaltetes, erdballgroßes Instrument. Da sich
nen Haken. Ein Schwarzes Loch ist von der Erde aus gesehen dessen erreichbare Auflösung nach den Gesetzen der Optik
winzig. Das gilt selbst für die supermassereichen Exemplare, aus dem Verhältnis zwischen Wellenlänge und Durchmesser
die Astronomen heutzutage im Mittelpunkt der meisten Ga­ berechnet, ergibt die VLBI für Radiowellen das bestmögliche
laxien vermuten. Sie vereinen Millionen oder sogar Milliar­ erdgebundene Teleskop überhaupt. Mit diesem Prinzip ent­
den Sonnenmassen in sich und sind manchmal größer als stehen schon heute Bilder, deren Detailreichtum dasjenige
unser ganzes Sonnensystem. von optischen Aufnahmen weit übersteigt.
Der uns nächste Vertreter dieser Gattung ist Sagittarius A*, Technische Weiterentwicklungen werden es bald zulas­
ein Objekt mit vier Millionen Sonnenmassen im Zentrum der sen, auch mit den kürzesten Radiowellenlängen zu arbeiten
Milchstraße. Sein Ereignishorizont würde für uns jedoch bloß und so alle Herausforderungen bei der Beobachtung Schwar­
50 Mikrobogensekunden groß erscheinen – eine Himmels­ zer Löcher zu meistern. Bei diesen Wellenlängen im Bereich
region so winzig wie ein rund zehn Zentimeter großes Ob- von etwa einem Millimeter ist die Milchstraße weitgehend
jekt auf der Oberfläche des Mondes. Ein Instrument, das leis­ durchsichtig, so dass das EHT vergleichsweise ungestört auf
tungsstark genug sein soll, um so etwas aufzulösen, müsste Sagittarius A* und dessen innerste Regionen direkt am Ereig­
2000-mal besser sein als das Weltraumteleskop Hubble. nishorizont blicken wird. Es ist ein glücklicher Zufall, dass
die Abbildungsleistung eines weltumspannenden VLBI-Tele­
skopverbunds bei millimetergroßen Wellenlängen rechne­
AUF EINEN BLICK
risch gerade ausreichen sollte, um auch die Ereignishorizon­
te weiterer Schwarzer Löcher in den nächstgelegenen Gala­
GALAKTISCHES RAUMZEITLABOR xien zu erkennen.
Gleichzeitig entwickeln theoretische Astrophysiker ma­
1 An Orten, wo der Einfluss der Gravitation extrem ist, hätten
selbst kleine Abweichungen von den Vorhersagen der allge-
meinen Relativitätstheorie weit reichende Folgen. Daher lassen
thematische Modelle und Computersimulationen, um die
denkbaren Ergebnisse dieser kommenden Beobachtungen
sich Einsteins Gleichungen gerade dort sehr genau testen.
interpretieren zu können. Mit neuen Algorithmen, die spezi­

2 Mit weltweit verteilten Radioteleskopen wollen Forscher


demnächst eine solche Region genauer untersuchen:
Sagittarius A*, das Schwarze Loch im Zentrum der Milchstraße.
ell für leistungsfähige Superrechner ausgearbeitet wurden,
lassen sie Materie um den Ereignishorizont wirbeln. Die Re­
sultate legen nahe, dass das Schwarze Loch dem dabei ausge­
3 In den nächsten Jahren kommen noch weitere Instrumente
dazu. Sie werden unabhängige Messwerte dazu liefern, ob sich
Sagittarius A* wirklich so verhält, wie Theoretiker es vermuten.
sendeten Licht etwas von seiner Form aufprägt.
Der Physiker James Bardeen von der University of Wa­
shington sagte 1973 die Existenz dieses »Schattens« voraus.

42  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


Ein erdballgroßes SMT IRAM
Teleskop LMT 30-Meter-
Teleskop
IRAM Plateau
SMA, de Bure
Mindestens neun Radioteleskope auf allen JCMT interferometer
Kontinenten werden zusammen das Event APEX,
ALMA
Horizon Telescope EHT formen. Sie alle lie- APEX,
ALMA
gen an Orten, an denen die irdische Atmo-
sphäre möglichst wenig die Signale stören
kann. Indem die Astronomen sie gleichzei-
tig auf ein Ziel ausrichten und die gesam- SPT SPT

melten Daten miteinander verrechnen,


entsteht ein virtuelles Teleskop mit dem
Vernetzte Instrumente
Durchmesser der Erde und entsprechend
hoher möglicher Auflösung – gut genug, ➤ Submillimeter Telescope (SMT) ➤ Atacama Pathfinder Experiment (APEX)
in den USA und Atacama Large Millimeter/submilli-
um einen Bereich des Himmels abbilden zu ➤ Large Millimeter Telescope (LMT) meter Array (ALMA) in Chile
können, der rechnerisch einer DVD auf dem in Mexiko ➤ South Pole Telescope (SPT) an der
➤ Submillimeter Array (SMA) und James Amundsen-Scott-Südpolstation in der
Mond entspräche. Clerk Maxwell Telescope (JCMT) auf Antarktis
Hawaii ➤ zwei Teleskope des Institut de Radio­
astronomie Millimétrique (IRAM) in

TERRA CARTA
Spanien und Frankreich

Per Definition kann kein Lichtstrahl, der den Ereignishori­ Mit dem ganzen, weltumspannenden Netz von Observa­
zont überquert, wieder zurückkommen. Bardeen fand je­ torien werden dann auch endlich genug Daten vorhanden
doch den Bereich außerhalb dieser Grenze, in dem das Licht sein, um ganze Bilder dieser Schwarzen Löcher zu errechnen.
gerade in eine Umlaufbahn um das Schwarze Loch eintritt, Und zudem werden sich VLBI-Messungen nutzen lassen, um
den so genannten Photonenorbit (siehe Illustration S. 44). so genannte Hotspots – einzelne, besonders aktive Regio­
Wenn ein Strahl diese Bahn nach innen kreuzt, stürzt er un­ nen – aufzuspüren und ihre Bahnen zu verfolgen. Da die all­
wiederbringlich spiralförmig ins Zentrum. Lichtstrahlen, die gemeine Relativitätstheorie vorhersagt, wie die Schwarzen
zwischen dem Ereignishorizont und diesem Orbit entstehen, Löcher aussehen sollten und wie Materie sie umkreist, erlau­
können zwar entkommen – dafür müssen sie allerdings fast ben diese Beobachtungen außerdem, die Theorie gerade dort
radial nach außen zeigen. Ansonsten kann das Schwarze genauen Tests zu unterziehen, wo ihre Konsequenzen am ex­
Loch ihre Bahnen so sehr zurückbiegen, dass auch sie hinein­ tremsten sind.
fallen.
Der Kontrast zwischen dem hellen Ring des Photonenor­ Schwarzes Loch
bits und der deutlich lichtärmeren und daher nur schwach oder nackte Singularität?
schimmernden Sphäre darunter ist der Schatten des Schwar­ Das EHT wird ermöglichen, eine grundlegende Frage zu be­
zen Lochs. Er sollte von der Erde aus deutlich größer erschei­ antworten: Ist Sagittarius A* wirklich ein Schwarzes Loch?
nen, da ihn das starke Schwerefeld scheinbar aufbläst – die Alle bisherigen Beobachtungen lassen diesen Schluss zwar
Gravitation krümmt das Licht stark und wirkt wie eine Ver­ zu, doch niemand hat jemals ein Schwarzes Loch direkt be­
größerungslinse. trachtet – und auch andere Erklärungen wären mit der allge­
Das Event Horizon Telescope soll nun diesen Schatten meinen Relativitätstheorie vereinbar. Beispielsweise könnte
und andere Eigenschaften des Schwarzen Lochs sichtbar Sagittarius A* etwas sein, was Physiker als nackte Singularität
machen. Erste Versuche aus den Jahren 2007 und 2009 ha­ bezeichnen.
ben bereits gezeigt, dass die technologische Herangehens­ Eine Singularität ist ein Ort, für den es nicht möglich ist,
weise grundsätzlich funktioniert. Dabei haben die Astrono­ bestimmte Gleichungen zu lösen, und an dem die Gesetze
men die Teleskope von drei Observatorien in Hawaii, Arizona der Physik, wie wir sie kennen, daher nicht länger gelten. So
und Kalifornien auf Sagittarius A* sowie ein weiteres super­ gab es nach unserem heutigen Verständnis am Anfang des
massereiches Schwarzes Loch in der Galaxie Messier 87 aus­ Universums einen Moment, an dem alle Bestandteile unse­
gerichtet und die Messdaten anschließend verrechnet. Die res Kosmos auf einen Punkt unendlich großer Dichte kon­
Intensität der empfangenen Radiowellen von 1,3 Millimeter zentriert waren. Eine weitere Form der Singularität liegt der
Länge entsprach in beiden Fällen dem, was die Wissenschaft­ allgemeinen Relativitätstheorie zufolge im Zentrum jedes
ler auf Grund ihrer Simulationen vom Schatten der Schwar­ Schwarzen Lochs. An diesem Punkt hat die Gravitation die
zen Löcher erwartet hatten. Materie unbegrenzt stark verdichtet.

WWW.SPEK TRUM .DE 43


SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / MIKE BECKERS
überprüfbar zu machen. Sollte sie sich als falsch erweisen,
brächte das die allgemeine Relativitätstheorie in arge Be­
drängnis. Anders als bei der kosmischen Zensur gibt es hier
keinen mathematischen Spielraum.
Das »Keine-Haare-Theorem« fordert, dass sich jedes
Schwarze Loch durch nur drei Eigenschaften vollständig be­
schreiben lässt: seine Masse, seinen Spin und seine elektri­
sche Ladung. Anders formuliert sind zwei Schwarze Löcher,
die hier jeweils die gleichen Werte haben, überhaupt absolut
identisch – so, wie sich beispielsweise zwei Elektronen auch
in nichts weiter unterscheiden. Schwarze Löcher haben keine
»Haare«, also keine geometrischen oder sonstigen Charakte­
ristika darüber hinaus.

Ein immer gleicher Schattenriss


Ereignishorizont Als wir erstmals darüber nachdachten, Schwarze Löcher mit
der VLBI-Technik zu beobachten, gingen wir davon aus, die
Photonenorbit Formen und Größen ihrer Schatten verwenden zu können,
um daraus die Drehimpulse und ihre Ausrichtungen zu be­
rechnen. Doch unsere Simulationen hielten eine Überra­
Lichtstrahlen, die sich auf ein Schwarzes Loch zubewegen (in schung bereit, die sich letztlich sogar als angenehm heraus­
dieser Illustration von links oben einlaufend), können in eine stellte. Egal, wie schnell wir die virtuellen Schwarzen Löcher
kreisförmige Umlaufbahn eintreten. Dieser »Photonenorbit« in unseren Computern rotieren ließen, und unabhängig da­
(gelb) liegt außerhalb des Ereignishorizonts. Jedes Photon, das in von, wo wir relativ dazu einen Beobachter platzierten, blieb
die Sphäre dazwischen stürzt, fällt auch unweigerlich weiter der Schatten stets fast rund und hatte immer eine schein­
durch den Ereignishorizont. Lichtteilchen jedoch, die das Schwar- bare Größe von etwa dem Fünffachen des Ereignishorizonts.
ze Loch außerhalb umlaufen, können wieder entkommen. Der Sollte dem ein tieferer physikalischer Zusammenhang zu
Photonenorbit markiert daher die Grenze zwischen der hellen Grunde liegen, haben wir ihn noch nicht entdeckt. Doch die­
Umgebung eines Schwarzen Lochs und seinem wesentlich dunk- ses Phänomen ist eine hervorragende Voraussetzung, um die
leren »Schatten«. allgemeine Relativitätstheorie zu überprüfen – denn es tritt
nur auf, falls diese korrekt ist (siehe »Die Raumzeit im Belas­
tungstest«, rechts). Wenn Sagittarius A* einen Ereignishori­
Allerdings verbirgt der Ereignishorizont diese Region vor zont besitzt und dessen Form von unseren Berechnungen
uns. Die allgemeine Relativitätstheorie verlangt aber nicht abweicht, dann wäre das Keine-Haare-Theorem und damit
von jeder Singularität, derart gegen Beobachtungen abge­ Einsteins Theorie verletzt.
schirmt zu sein. Einige Lösungen von Einsteins Gleichungen Das EHT wird wesentlich mehr Daten gewinnen, als nur
beschreiben etwa normale Schwarze Löcher, die so schnell für die Bilder an sich nötig wären. Die Antennen werden die
rotieren, dass ihre Horizonte sich gewissermaßen öffnen. Polarisationsrichtung der vom Schwarzen Loch ausgesand­
Andere kommen ganz ohne Ereignishorizont aus. Solche ten Strahlung aufzeichnen, womit wir die magnetischen Fel­
nackten Singularitäten sind rein theoretische Kon­strukte. Es der um den Ereignishorizont kartieren können. Dann sollten
gibt nicht einmal ein Rezept dafür, wie sie unter realen Be­ wir auch die physikalischen Vorgänge besser verstehen, die
dingungen entstehen könnten. Jede astrophysi­kalisch plau­ zu so genannten Jets bei einigen Galaxien wie Messier 87 füh­
sible Computersimulation vom Kollaps eines Sterns endet ren: Strahlförmige Ausbrüche ungeheuer energiereicher Ma­
mit einem Ereignishorizont. Bereits 1969 nahm der engli­ terie, die den Galaxienkern mit nahezu Lichtgeschwindigkeit
sche Mathematiker Roger Penrose an, dass es eine »kosmi­ verlassen und bis zu 1000 Lichtjahre weit ins All reichen. Ast­
sche Zensur« geben müsse, und die Natur eine nackte Singu­ rophysiker vermuten, dass die dafür notwendige Energie aus
larität stets in einen Ereignishorizont hüllt. Die Hypothese Magnetfeldern in der Nähe des Ereignishorizonts supermas­
wurde bis heute weder widerlegt noch bewiesen. Sollte das sereicher Schwarzer Löcher stammt. Die Felder zu vermessen
EHT im Mittelpunkt unserer Milchstraße eine nackte Singu­ wird helfen, diese Hypothese zu überprüfen.
larität finden, wäre das für Einsteins Theorie zunächst kein Weitere Informationen über das Schwarze Loch können
Problem – schließlich erlaubt sie solche Gebilde. Allerdings wir sammeln, indem wir verfolgen, wie Materie um es her­
wäre es eine Herausforderung für die moderne Physik, zu er­ umfließt. Die Bewegungen in der Akkretionsscheibe, in der
klären, wie es dazu kam. sich Staub und Gas sammeln und verdichten, dürften hoch­
Wir erhoffen vom EHT außerdem, eine weitere, ebenfalls gradig turbulent und unregelmäßig sein. In Computersi­
seit Langem kursierende Annahme über Schwarze Löcher mulationen entstehen oft konzentrierte, kurzlebige und ma­

44  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


SCHATTENSPIELE (A-C) UND 4 ABBILDUNGEN DARUNTER: AVERY E. BRODERICK, UNIVERSITY OF WATERLOO & PERIMETER INSTITUTE FOR THEORETICAL PHYSICS
Die Raumzeit Schattenspiele
im Belastungstest
Auf Grundlage der allgemeinen Rela-
tivitätstheorie haben Astrophysiker
ausgefeilte Modelle für die Vorgänge
im unmittelbaren Umfeld eines
Schwarzen Lochs entwickelt. Mit den a c
b
ersten Messungen des Event Horizon
Telescope werden bald Daten von ei-
nem solchen Objekt vorliegen. Sollten Ein Schwarzes Loch wirft auf die heiße Materie in seiner Umgebung einen »Schatten«.
Dessen Form und Größe hängt im Prinzip allein davon ab, wie schnell das Schwarze Loch
sie nicht mit den Simulationen über-
rotiert, wie stark die Lichtstrahlen in seiner Nähe durch die Gravitation abgelenkt wer-
einstimmen, wird Einsteins Theorie den und wo sich der Beobachter befindet. Alle drei Einflussgrößen scheinen zufällig gerade
vermutlich umgeschrieben werden so zusammenzuspielen, dass der Schatten immer rund erscheint (a). Das trifft aber nur
müssen. zu, wenn Einsteins Gleichungen richtig sind und das »Keine-Haare-Theorem« erfüllt ist.
Dieses besagt, dass Masse, Spin und Ladung eines Schwarzen Lochs ausreichen, um es
vollständig zu beschreiben. Sollten reale Schwarze Löcher einen eher elliptischen Schat-
ten erzeugen, wie in (b) und (c) dargestellt, wäre das Theorem vermutlich falsch.

Wenn Materie Unwucht hat

Manchmal leuchten Schwarze Löcher intensiv normaler Materiefluss umlaufender Hotspot


auf. Eine Erklärung dafür könnten dichtere
»Hotspots« im Zustrom von Gas und Staub sein
(Bilder rechts oben). An diesen Stellen steigt die
Temperatur stark an, bevor sich die Bereiche
wieder auflösen. Das EHT nutzt geschlossene
Linienzüge zwischen jeweils drei Teleskopen
und misst damit, wie lange das Licht zu jedem
der Instrumentverbünde unterwegs ist. Durch
geometrische Berechnungen ist es dann
möglich, auf den Ort der Hotspots im Materie­
fluss um das Schwarze Loch zu schließen.
Die Ergebnisse von Simulationen (Grafik
rechts unten) zeigen ein solches Signal, das
Closure Phase genannt wird (für die Summe Closure
SMT Phase SMT
der Phasen entlang des geschlossenen Dreiecks
aus Teleskopen). Die beiden Kurven stammen 100 LMT
Hawaii
von den zwei verschiedenen Linienzügen.
Während der Hotspot das Schwarze Loch 0
umkreist, entstehen Kurven, die an Herzschlag- ALMA ALMA
muster erinnern. Richtig interpretiert, lässt sich
aus ihnen der Verlauf der Raumzeit um das –100
Schwarze Loch ablesen und mit theoretischen 0 0,5 1 1,5 2
Vorhersagen vergleichen.
TERRA CARTA
Zeit in Stunden TERRA CARTA

Komplexität im Rechner

Die Teams am EHT verwenden Supercomputer


für ausgefeilte Simulationen von den Materie-
strömen um Schwarze Löcher. Wie bei anderen
CHI-KWAN CHAN, UNIVERSITY OF ARIZONA

CHI-KWAN CHAN, UNIVERSITY OF ARIZONA

astronomischen Objekten zeigen sich auch hier


höchst komplexe Phänomene. Auf dem rechten
Bild ist ein Schwarzes Loch zu sehen, das ver-
gleichsweise ruhig ist. Links wird gerade eine
Region während eines Strahlungsausbruchs
aktiv. Mit Hilfe solcher Berechnungen können
Astrophysiker später das beobachtete Verhalten
realer Schwarzer Löcher interpretieren.

WWW.SPEK TRUM .DE 45


gnetisch aktive Bereiche ähnlich wie bei Sonneneruptionen. was wir über die Umlaufbahnen der Hotspots wissen müs­
Diese Hotspots könnten die wechselhafte Helligkeit von Sa­ sen – theoretisch zumindest. Die Wirklichkeit dürfte kompli­
gittarius A* erklären. Sie umkreisen das Schwarze Loch mit zierter sein. Dennoch sollte das EHT bei seiner besten Emp­
annähernd Lichtgeschwindigkeit in weniger als einer halben findlichkeit in der Lage sein, eine Struktur im Fluss zu erken­
Stunde. Manchmal, wenn sie sich hinter dem Schwarzen Loch nen. Das böte einen weiteren Weg, um zu überprüfen, ob die
befinden, verzerrt der Gravitationslinseneffekt sie zu schein­ Voraussagen der allgemeinen Relativitätstheorie auf die Be­
baren Ringen, die ähnlich aussehen wie einige Bilder, die das wegungen rund um ein Schwarzes Loch zutreffen.
Weltraumteleskop Hubble von weit entfernten Galaxien auf­
genommen hat. In anderen Fällen umkreisen sie das Schwar­ Das EHT bekommt Gesellschaft
ze Loch einige Male, verlieren ihre Energie und verblassen. Womit müssen wir rechnen, sollten unsere Beobachtungen
Die Hotspots könnten den ganzen Prozess der Abbildung Einsteins Theorie widersprechen? Der 1996 verstorbene, be­
mit dem EHT verkomplizieren. Denn die VLBI-Methode funk­ kannte Astrophysiker Carl Sagan hat das geflügelte Wort ge­
tioniert ein wenig wie eine Langzeitbelichtung. Die Blende prägt, dass außergewöhnliche Behauptungen auch außerge­
bleibt gewissermaßen die ganze Zeit offen. Dabei nutzen die wöhnliche Beweise erfordern. In den Naturwissenschaften
Teleskope die Drehung der Erde, um das Schwarze Loch aus bedeutet das, dass unabhängige Experimente die Ergebnisse
möglichst vielen Blickwinkeln aufzunehmen. Wenn ein heller bestätigen müssen. In den kommenden Jahrzehnten könn­
Fleck darum kreist, wird dieser auf dem Bild später verwischt ten weitere leistungsfähige Teleskope solche Daten liefern,
erscheinen, so wie ein Foto eines Menschen, der sich während indem Astronomen etwa Neutronensterne – unglaublich
der Verschlusszeit der Kamera schnell bewegt. dichte Objekte, die beim Kollaps massereicher Sterne entste­
Doch könnte dank der Hotspots noch ein Test der allge­ hen – dabei beobachten, wie sie Schwarze Löcher umkreisen.
meinen Relativitätstheorie möglich sein. Mit einfachen tri­ Das optische Interferometer GRAVITY, das gerade am Very
gonometrischen Berechnungen ergeben sich aus der unter­ Large Telescope VLT der Europäischen Südsternwarte in Chi­
schiedlichen Signallaufzeit des Lichts zu den Teleskopen die le eingerichtet wird, sowie die nächste Generation von Spie­
Positionen der Hotspots am Himmel (siehe »Die Raumzeit gelteleskopen mit mehr als 30 Meter Durchmesser werden
im Belastungstest«, S. 45). Denn wenn die energiereichen Re­ bereits Sterne aus unserer Milchstraße verfolgen können, die
gionen das Schwarze Loch umkreisen, erzeugen sie charakte­ Sagittarius A* auf Umlaufbahnen umkreisen, welche nur ei­
ristische Signaturen in den Rohdaten der Teleskope. Ähnlich nige hundert Mal so groß sind wie der Ereignishorizont. Und
wie sich mit Einsteins Gleichungen die Form und Größe des das Square Kilometre Array SKA, das gerade in Australien
Schattens berechnen lässt, geht aus ihnen auch alles hervor, und Südafrika gebaut wird, nimmt die Bahnen sehr schnell

Auf dieser Aufnahme des


Weltraumteleskops Hubble
umringt eine scheinbar fast
kreisrunde Galaxie (blau) eine
helle, massereiche im Vorder-
grund. Beide liegen von der
Erde aus zufällig so perfekt in
einer Sichtlinie, dass durch
den Gravitationslinseneffekt
die hintere extrem verformt
abgebildet wird. Ein ähnlicher
raumzeitlicher Effekt sorgt
auch dafür, dass Materie, die
hinter einem Schwarzen Loch
vorbeizieht, ringförmig verzerrt
erscheinen würde.
ESA/HUBBLE & NASA

46  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


rotierender Neutronensterne, Pulsare genannt, um das
DI E AUTOREN
Schwarze Loch ins Visier. Dazu kommt später noch das satel­
litenbasierte Laserinterferometer eLISA (siehe »Warten auf Dimitrios Psaltis (links) arbeitet
die Welle«, SdW 12/15, S. 46), mit dem sich Gravitationswel­ an der University of Arizona. Er
untersucht das Verhalten von
len erfassen lassen sollten, die von sehr kompakten Objekten Schwarzen Löchern und Neu-
im Orbit um Schwarze Löcher stammen. tronensternen und entwickelt
Das Gravitationsfeld eines Schwarzen Lochs zerrt so ex­ mögliche Tests der allgemeinen
Relativitätstheorie in starken
trem an den Körpern in dessen Umgebung, dass deren ellip­ Gravitationsfeldern. Sheperd S.
tische Bahnen starken Störungen mit Richtungsänderungen Doeleman ist Astronom am Massachusetts Institute of Technology
unterworfen sind. Dieser Apsidendrehung genannte Effekt und Koordinator des Projektteams, das mit dem Event Horizon
Telescope erstmals Schwarze Löcher direkt beobachten will.
ist so stark, dass der Punkt des maximalen Bahnabstands
nach nur einigen Orbits bereits einen vollständigen Kreis
beschreiben kann. Insgesamt lässt sich aus den Bahnände­ QUELLEN
rungen unterschiedlicher Objekte in wechselnden Abstän­
Chan, C.-K. et al.: The Power of Imaging: Constraining the Plasma
den zum Schwarzen Loch ein dreidimensionales Modell der Properties of GRMHD Simulations using EHT Observations of Sgr
Raumzeit in dessen unmittelbarer Umgebung erstellen und A*. In: Astrophysical Journal 799, 1, 2015
Doeleman, S. S. et al.: Detecting Flaring Structures in Sagittarius A*
so überprüfen, ob sich die Beobachtungen mit den Vorher­
with High-Frequency VLBI. In: Astrophysical Journal 695, S. 59–74,
sagen der allgemeinen Relativitätstheorie decken. 2009
All diese Instrumente werden dabei entscheiden helfen, Doeleman, S. S. et al.: Jet-Launching Structure Resolved Near the
ob Einsteins Theorie ein weiteres Jahrhundert Bestand ha­ Supermassive Black Hole in M87. In: Science 338, S. 355 – 358, 2012
Johannsen, T., Psaltis, D.: Testing the No-Hair Theorem with Event
ben kann oder ob sie zumindest für die extremen Verhält­ Horizon Telescope Observations of Sagittarius A*. In: Astrophysical
nisse um Schwarze Löcher durch eine noch bessere ersetzt Journal 718, S. 446 – 454, 2010
werden muss – so wie sie ihrerseits Newtons Gleichungen
ablöste.  Ÿ Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1372446

WWW.SPEK TRUM .DE 47


SCHLICHTING!

Zwischen weißer Pracht und


Schmutzskulptur
Schneeflächen schmelzen oft ungleichmäßig und hinterlassen zahl-
»Der Schnee ist eine erlogene Reinlichkeit.«
reiche Vertiefungen. An den exponierten Stellen wiederum sammeln Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)
sich Verunreinigungen. Beide Prozesse hängen eng zusammen.

VON H. JOACHIM SCHLICHTING

H aben Sie auch schon beobachtet


und sich darüber gewundert, dass
ein völlig ebenes, ungestört tauendes
Sonne­ oder im Schatten liegt. Bei fort-
geschrittenem Abtauen bleibt manch-
mal nur noch ein Gerippe von Rändern
umso stärker aus: Die konvexen Stellen
reflektieren die Energie weit gehend
von der Schneefläche weg, während die
Schneefeld im Lauf der Zeit wellenarti- stehen. konkaven Einbuchtungen sie in die Ver-
ge Strukturen ausbildet? Möglicherwei- Eine glatte Fläche tendiert dazu, rau tiefungen hineinlenken. Letztere absor-
se ist Ihnen zudem aufgefallen, dass zu werden. Das ist eine allgemeine Er- bieren also mehr Energie und schmel-
sich an einigen Stellen Verunreinigun- fahrung: Wasser kräuselt sich schon zen schneller (siehe Grafik rechts).
gen besonders konzentrieren. Beide unter leichtem Wind, und bei Sand ver-
Phänomene haben sogar miteinander wandeln Luftströmungen das Terrain Wenn die weißen Dünen wandern
zu tun. Vielfältige Wechselwirkungen allmählich in eine Dünenlandschaft. Feldstudien bekräftigten diese Modell-
steuern dabei, wie die Energie der war- Ebenen ganz unterschiedlicher Art vorstellung. Dabei wiesen die Forscher
men Umgebung allmählich in die De- sind offenbar instabil, und kleinste Ur- außerdem nach, dass die Strukturen
cke aus Eiskristallen gelangt. sachen können sich hier zu großen nicht an ihrem Entstehungsort fixiert
Die Mulden im Schnee sind meist Wirkungen aufschaukeln. So ebenfalls bleiben: Weil die Südflanken naturge-
zwischen zwei und 50 Zentimeter breit beim tauenden Schnee. Selbst wenn mäß mehr Sonnenlicht erhalten, taut
und formen oft regelmäßige Muster. man davon ausgehen kann, dass er die der Schnee hier schneller, und die
Sie bilden sich an den verschiedens- zum Schmelzen nötige Energie gleich- Mulden­ driften bei dünner werdender
ten Orten – merkwürdigerweise unab­ mäßig aufnimmt, verursachen stets Schneedecke allmählich nach Norden.
hängig davon, ob die Fläche geneigt ist vorhandene winzige Unebenheiten ei- Dabei prallen verschiedene Einbuch-
oder eben, und ob sie vorwiegend in der nen sich selbst verstärkenden Prozess. tungen aufeinander, was regelmäßige
Dieser macht aus den Rauigkeiten ein polygonale Muster erzeugen kann.
A System von Mulden und Vielecken. Aber auch ohne direkte Lichtein-
Das beginnt zum Beispiel damit, strahlung entstehen Vertiefungen.
B C dass eine winzige, von der Sonne wegge- Streicht nämlich warme Luft über ein
RHODES, J.J.  ET AL., JOURNAL OF GLACIOLOGY 33, S. 135-139, 1987

neigte Flanke etwas langsamer schmilzt Schneefeld, überträgt sie mehr Energie,
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / MIKE BECKERS,  NACH:

als die dem Licht zugewandte Seite. Und wenn sie auf Neigungen trifft – und sei-
wenn erst einmal eine kleine Senke ent- en sie noch so klein. Abermals werden
standen ist, wirkt sich die Strahlung damit zufällig vorhandene winzige Ver-

A’B’
Schmutzpartikel sind auch daran beteiligt, wenn sich am Straßenrand
abgelagerter Schnee in skurrile Skulpturen verwandelt. Stets
C’
findet man den gesammelten Dreck an den hervorstehenden Stellen.

Die Kurven sind die Oberflächen des


Schnees während nach unten hin
zunehmender Abtragung. Ein kleiner
Fremdkörper, der sich ursprünglich bei
Punkt B befand, landet gemeinsam
mit den zwischen A und B befindlichen
H. JOACHIM SCHLICHTING

H. JOACHIM SCHLICHTING

Teilchen bei B’. So konzentrieren sich


Verunreinigungen allmählich an den
höher gelegenen Rändern.

48  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


BEIDE FOTOS: H. JOACHIM SCHLICHTING
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / MIKE BECKERS

Eine abtauende Schneeschicht hinterlässt oft eine hügelige Oberfläche,


sowohl bei feuchtem (oben, links) als auch bei trockenem Untergrund (rechts).

Der helle Schnee reflektiert einfallende Lichtstrahlen vorwiegend


in die Mulde. So schmilzt er dort besonders schnell, und das Loch
wird tiefer – ein sich selbst verstärkender Prozess.

tiefungen zu größeren Senken. Der landen vor allem sie an den Rändern Räumdiensten an der Seite aufgetürm-
Wind verfängt sich darin immer mehr. und konzentrieren sich in Folge der te Schnee hier sehr ungleichmäßig zu-
So hat er länger Zeit, Energie abzuge- Muldenbildung zwangsläufig auf den sammen und hinterlässt dabei kom­
ben, und zusätzlich höhlen entstehen- Kämmen dieser kleinen Gebirge. plexe Skulpturen. An ihnen ist dann
de Wirbel die Mulden aus. Die Uneben- deutlich zu erkennen, wie sich an den
heiten prägen dem Windstrom manch- Jedes Korn gestaltet mit hervorstehenden Stellen über die be-
mal sogar einen Rhythmus auf, der in Die Verunreinigungen wirken sich ih- schriebenen Prozesse Streugut und
regelmäßigen Abständen weitere Lö- rerseits wieder auf die Abtragung des Schmutz sammeln (siehe Fotos links
cher hervorruft. Schnees aus – sowohl unterstützend als unten). Deren zufällige Anfangsvertei-
Bei alldem macht es nun einen gro- auch hemmend. Das hängt davon ab, lung im geschichteten Weiß formt ganz
ßen Unterschied, wie sauber der Schnee ob die Energie vorwiegend durch Son- maßgeblich die schmelzenden Hügel.
ist. So stellten Wissenschaftler beispiels- nenstrahlung oder durch die bewegte Wer sie überhaupt bewusst und mit et-
weise fest, dass unter dem Einfluss klei- warme Luft übertragen wird. Wenn der was Wohlwollen zur Kenntnis nimmt,
ner Schmutzpartikel unregelmäßigere dunkle Schmutz das Licht absorbiert, stellt vielleicht erstaunt fest, wie ab-
Strukturen entstehen. Hinzu kommt, forciert das den Tauvorgang. Bei hoher sichtsvoll gestaltet die Skulpturen er-
dass sich die Verunreinigungen bevor- Konzentration können die Beimischun- scheinen – und dass sie dennoch ganz
zugt an den Spitzen der Wälle sammeln. gen den Schnee jedoch so gut abschir- natürlich entstehen konnten.  Ÿ
Auf die Teilchen wirken nämlich zwei men, dass sie den entgegengesetzten
Kräfte: die Adhäsion auf Grund der Be- Effekt haben.
DER AUTOR
netzung mit Tauwasser sowie ihr Ge- Bei bedecktem Himmel spielt die
wicht. Je nach Beschaffenheit und Grö- Sonneneinstrahlung überhaupt keine H. Joachim Schlichting
ße der Körner hat das unterschiedliche Rolle mehr, nur der warme Wind über- war Direktor des In-
stituts für Didaktik der
Folgen. Die Erdanziehung allein würde trägt dann noch Energie auf den Physik an der Uni-
bei der Abtragung nur dazu führen, Schnee. Dabei isolieren selbst kleinere versität Münster. 2013
dass die Körner einfach direkt in Rich- Fremdkörperanteile, so dass sich an wurde er mit dem
Archimedes-Preis für
tung des Erdbodens sinken. Vorwiegend diesen Stellen die Abtragung verlang- Physik ausgezeichnet.
adhäsiv gebundene Teilchen driften samt. Die hohe Schmutzkonzentration
hingegen senkrecht zur Oberfläche der an den Rändern vertieft in jedem Fall QUELLE
Schneeschicht und damit insgesamt die Mulden weiter – was wiederum zu-
eher schräg (siehe Illustration links). sätzliches Material an die Flanken Rhodes, J. J. et al.: Mode of Formation of
»Ablation Hollows« Controlled by Dirt
Welcher Effekt dominiert, hängt vor transportiert. Content of Snow. In: Journal of Glaciolo-
allem vom Verhältnis der Oberfläche An winterlichen Straßen kann man gy 33, S. 135 – 139, 1987
zum Volumen der Teilchen ab. Kleine das Zusammenspiel schließlich noch
Schmutzpartikel kleben besonders in ganz besonders ausgeprägter Wei- Dieser Artikel und Links im Internet:
stark an ihrer eisigen Umgebung. So se beobachten. Oft schrumpft der von www.spektrum.de/artikel/1382054

WWW.SPEK TRUM .DE 49


ESSAY

Die Wirklichkeit
der Natur
Bis heute ringen die Physiker um die korrekte Interpretation der
Quantenmechanik. Insbesondere herrscht Uneinigkeit darüber,
inwieweit die von der Theorie beschriebenen Objekte »real« sind.
Oder erweist sich die Frage nach deren Wirklichkeit gar als sinnlos?
Von Michael Springer

Der Kongress, der die Entscheidung bringen sollte, fand wie seit zweihundert Jahren im Kloster
Mi Sang statt, welches am Ufer des Gelben Flusses liegt. Die Frage hieß: Ist der Gelbe Fluss
wirklich, oder existiert er nur in den Köpfen? Während des Kongresses aber gab es eine Schnee-
schmelze im Gebirg, und der Gelbe Fluss stieg über seine Ufer und schwemmte das Kloster
Mi Sang mit allen Kongressteilnehmern weg. So ist der Beweis, dass die Dinge außer uns, für sich,
auch ohne uns sind, nicht erbracht worden.
Bertolt Brecht, »Turandot oder der Kongress der Weißwäscher«

M
an kann über die Welt geteilter Meinung sein. Seeweg um den Globus herum Indien zu erreichen. Als der
Sie ist die beste aller möglichen, wollte der Genuese endlich Land sah, meinte er, das ersehnte Ziel vor
Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – Augen zu haben. Er nannte das Gebiet folgerichtig West­
1716) beweisen; sie ist die schlechtestmögli­ indien und die Einwohner Indianer. In Wirklichkeit hatte Ko­
che, fand später Arthur Schopenhauer (1788 – 1860). Im Mit­ lumbus die Neue Welt entdeckt.
telalter galt sie als Scheibe, und Kreationisten beharren noch In Wirklichkeit: Dieses auftrumpfende »in Wirklichkeit«
heute darauf, dass sie nicht viel älter als 6000 Jahre ist. Für wird immer dann bemüht, wenn sich eine vorgefasste Mei­
Kolumbus bildete sie eine meerbedeckte Kugel mit dem eu­ nung über die Natur als falsch erweist. Die wirkliche Welt
rasischen Kontinent – im Westen Europa, im Osten Indien, wird »entdeckt« – wie ein gedeckter Tisch, von dem man mit
weswegen er westwärts von Spanien aufbrach, um auf dem einem Ruck das Tischtuch wegzieht mitsamt den Tellern und
Tassen. Klirrend fallen die Meinungen zu Boden und aufge­
deckt wird, was darunter liegt: der nackte Tisch, Tabula rasa,
AUF EINEN BLICK
die bloße Wirklichkeit.
Also her mit der unverstellten Wahrnehmung unserer
AUSSAGEN ÜBER DIE NATUR
fünf Sinne, die uns die Welt so zeigen, wie sie wirklich und

1 Die Naturforschung beansprucht, Aussagen über die Wirklich-


keit zu treffen, anstatt bloß diese oder jene Meinung zu äußern –
doch es ist gar nicht so einfach, ein Kriterium für wissenschaftlich
wahrhaftig ist! Um die pure Wirklichkeit zu erkennen, müs­
sen wir den Sinnen trauen, nicht irgendeiner Meinung glau­
sinnvolle Sätze anzugeben. ben: Wie jeder Astronaut sieht, ist die Erde keine Scheibe.
Dagegen wenden die modernen Physiker ein, dass ihr
2 Dem handgreiflichen Erfolg der Quantenphysik steht das Rätsel-
raten über die Deutung ihrer unanschaulichen Aussagen
gegenüber. Betreffen diese überhaupt eine vom Beobachter unab-
Gegenstand – die so genannte physikalische Realität – sich
von dem, was wir gewöhnlich unter wirklich verstehen, ganz
hängige Wirklichkeit?
erheblich unterscheidet. Zwischen Ursache und Wirkung

3 In der modernen Kosmologie spielen Quantenphänomene eine


zentrale Rolle, bei deren Entstehung gewiss kein Beobachter
zugegen war. Doch auch eine vom Beobachter unabhängige Theorie
besteht­ im Mikrokosmos kein streng deterministischer Zu­
sammenhang wie in der klassischen Mechanik Newtons und
ist nicht mit der Wirklichkeit identisch. Einsteins­; in der Quantenwelt herrschen Wahrscheinlich­
keitsgesetze. Gemäß der gängigen Interpretation der Quan­

50  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


PHYSIK & ASTRONOMIE

Ob Urknall oder Teilchen-


zerfall – die moderne
ISTOCK / SAKKMESTERKE

Physik beschreibt Natur-


vorgänge mit unan-
schaulichen Theorien.

WWW.SPEK TRUM .DE 51


eine Form sozialer Praxis unter anderen, nicht anders als
etwa Kunst oder Religion, meinte der österreichisch-ameri­
kanische Philosoph Paul Feyerabend (1924  – 1994). Ihm zu­
folge gibt es keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Ast­
rologie und Astronomie. Astrologen wie Astronomen deuten
den Lauf der Gestirne; beide stellen gewisse Einflüsse der au­
ßerirdischen Konstellationen auf irdische Abläufe fest; beide
haben ihre Anhänger; beide finden, die jeweils andere Frak­
tion sei im Irrtum. Eine sozialanthropologische Beschrei­
JOHANN FRIEDRICH WENTZEL D. Ä., UM 1700 / PUBLIC DOMAIN

bung beider Disziplinen – das heißt eine Beobachtung, die


sich auf das astrologische beziehungsweise astronomische
Interagieren der Teilnehmer beschränkt – muss zu dem un­
parteiischen Schluss kommen, dass es sich bloß um zwei
durch feste und unversöhnliche Überzeugungen getrennte
Gruppen von Himmelsbeobachtern handelt.
Gibt es wirklich keinen Unterschied? Wenn man von der
soziologischen Momentaufnahme zur historischen Betrach­
tung übergeht, fällt sofort auf: Astrologen halten an ihrer
Überzeugung vom Zusammenhang zwischen Sternzeichen,
Geburtsdatum und Schicksal unverändert fest, während sich
das Weltbild der Astronomen seit der Antike im Licht immer
neuer Erkenntnisse fortwährend radikal gewandelt hat. Den­
noch erweist sich das Abgrenzungsproblem – was unterschei­
det empirische Forschung von Pseudowissenschaft, religiö­
sen Glaubenssätzen und metaphysischen Spekulationen – als
so knifflig, dass es Bibliotheken füllt. Ein Unterscheidungskri­
Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716). terium nach dem anderen entpuppte sich als zu eng.

Radikaler Sensualismus
tenmechanik hängt dies mit dem Einfluss des makroskopi­ Man könnte etwa darauf beharren: Wissenschaftlich sinnvoll
schen, klassisch zu beschreibenden Beobachtungsvorgangs ist nur, was uns die Sinne unmittelbar mitteilen; alles andere
auf das mikroskopische Quantenobjekt zusammen. ist Meinung. Dieser radikale Sensualismus erklärt alle wis­sen­
Was nun? Sollen wir also zuerst auf unsere fünf Sinne bau­ schaftlichen Begriffe zu bloß »denkökonomischen« Kon­struk­
en, dann diese durch raffinierte Instrumente ins winzig Kleine tionen. Wenn Forscher Theorien entwickeln, Modelle entwer­
erweitern und am Ende den abstrakt-mathematisch formu­ fen, unzählige empirische Daten in mathematische Formeln
lierten Aussagen einer unanschaulichen Theorie folgen? Was kleiden und daraus wiederum neue empirische Vorhersagen
ist von einer Wirklichkeit zu halten, die sich nicht der unmit­ herleiten, dann dient das nur der Vereinfachung und Erleich­
telbaren Anschauung offenbart, sondern erst dem Einsatz terung ihrer Arbeit, sagt aber über eine hinter den Sinneser­
komplizierter Apparate und Theorien, die man nur nach jah­ lebnissen stehende Wirklichkeit nichts aus.
relangem Studium versteht? Und wie ist es um die Objektivi­ Doch der Sensualismus erwies sich rasch als Erkenntnis­
tät dieser Wirklichkeit bestellt, wenn sie – wie im Fall der Quan­ bremse. Er hinderte beispielsweise Ende des 19. Jahrhunderts
tenphysik – je nach der Art der Frage, die der Experimentator Physiker wie Ernst Mach (1838 – 1916) und den jungen Max
stellt, einmal so und einmal anders antwortet? Fast scheint es, Planck (1858 – 1947) daran, Atome für reale Objekte zu halten,
wir hätten uns im Kreis bewegt. Wir sind vom Glauben an ein weil diese mit damaligen Apparaten nicht zu sehen waren.
System von theologisch-philosophischen Lehrmeinungen zu Offenbar ist es hilfreich, auch nicht unmittelbar erfahrbaren
einem Gebäude von abstrakten, sinnenfernen Behauptungen Dingen wie Elektronen oder Quarks Realität zuzubilligen.
gelangt, die wiederum in kanonisierten Lehrbüchern stehen Man braucht dann aber ein Kriterium für sinnvolle Sätze,
und unseren Alltagsverstand nicht weniger strapazieren – die – wie die meisten wissenschaftlichen Aussagen – nicht
oder sogar noch mehr – als die Dreieinigkeit Gottes oder die nur unmittelbare Sinneserfahrungen beschreiben, sondern
dunklen Sätze des Denkers Martin Heidegger (1889 – 1976) auch logische und mathematische Allgemeinbegriffe enthal­
vom Sein des Seienden und dem Nichten des Nichts. ten. Darum hat der logische Positivismus postuliert: Sinnvoll
Vor allem unter Geisteswissenschaftlern ist oft die Auf­ ist ein Satz dann, wenn er sich verifizieren lässt. Für Sätze wie
fassung zu finden, dass die Naturwissenschaft nur eine Ideo­ »Das All ist 13,8 Milliarden Jahre alt« oder »Alle Vögel stam­
logie ist, die sich einbildet, über einen privilegierten Zugang men von Dinosauriern ab« lassen sich Verifikationsmetho­
zur Wirklichkeit zu verfügen. In Wahrheit handle es sich um den angeben, also sind sie sinnvoll – sehr zum Unterschied

52  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


von Sätzen wie »Gott ist groß« oder »Das Nichts nichtet«, die schaftliche Dissidenten – ganz zu schweigen von vielen spe­
deshalb zu sinnlosen Wortkombinationen erklärt werden. kulationsfreudigen Laien – nicht daran gehindert, das Ur­
Bald erwies sich dieses Kriterium als zu eng. Viele wissen­ knallmodell abzulehnen oder zumindest in Frage zu stellen.
schaftliche Sätze sind Allaussagen: Sie folgern aus bisherigen Ähnlich steht es um den zweiten Beispielsatz. Kreationis­
empirischen Bestätigungen einer Aussage, diese sei auch in ten, welche die Entstehung der Arten durch natürliche Selek­
Zukunft gültig. Doch solche induktiven Schlüsse, die aus Ein­ tion ablehnen und stattdessen an göttliche Interventionen
zelfällen allgemeine Folgerungen ziehen, sind streng genom­ glauben, halten Saurier wie Vögel für gleichzeitige Geschöpfe
men unzulässig; sie treffen nur wahrscheinlich zu. Berühmt eines übermenschlichen Konstrukteurs. Wenn man ihnen
ist das Beispiel des Philosophen Karl Popper (1902 – 1994) Fossilien des Archäopteryx und anderer Zwischentypen vor­
»Alle Schwäne sind weiß«. Dafür sprechen viele Beobachtun­ legt, um die Abstammung der Vögel von Sauriern zu belegen,
gen, doch das ist noch kein Beweis. Wenn es in einem Winkel sehen sie darin wahlweise weitere Gottesgeschöpfe oder Fäl­
des Universums nur einen einzigen schwarzen Schwan gibt, schungen: Darwinisten hätten einem Saurierabdruck Vogel­
ist die Aussage falsch. Das Verifizieren einer Allaussage ist federn angeklebt.
eine unendliche und somit unlösbare Aufgabe. Also ist das
Verifikationskriterium untauglich für viele Sätze der Wissen­ Was ist »wirklich wahr«?
schaft – beispielsweise auch für so genannte Dispositionsprä­ Mit welchem Recht dürfen wir also sagen, das kosmologische
dikate wie »zerbrechlich« oder »schmelzbar«. Der Satz »Glas Standardmodell und die Evolutionslehre seien »wirklich
ist zerbrechlich« wäre erst komplett verifiziert, wenn wir je­ wahr«? Meine Antwort lautet: Was wir über die Natur wissen,
des Stück Glas im Universum zertrümmert hätten. ist Resultat eines Selektionsprozesses, bei dem es nicht wie in
Darum hat Popper das schwächere Falsifikationskriterium der Bioevolution um das Überleben von Arten geht, sondern
vorgeschlagen: Sinnvoll sind Sätze, die sich widerlegen las­ um das Bestätigen von Theorien, hier wie dort in einem um­
sen. Damit gelten die obigen Beispiele »Gott ist groß« und ständlichen Verfahren von Versuch und Irrtum. Eine Theo­
»Das Nichts nichtet« weiterhin als sinnlos, denn wie will man rie, die »überlebt«, muss aber zur Natur passen, so wie eine
sie falsifizieren? Dafür sind Dispositionsprädikate und die Be­ Spezies, die nicht ausstirbt, sich ihrer Umwelt angepasst hat.
hauptung ausnahmslos weißer Schwäne nun als sinnvoll ge­ Und diese – niemals vollkommene – Übereinstimmung zwi­
rettet, denn sie dürfen als wahr gelten, bis ein hartnäckiger schen Natur und Theorie bedeutet, dass die Theorie »wirk­
Falsifikationist ein unzerbrechliches Glas, ein unschmelzba­ lich wahr« ist.
res Metall oder einen schwarzen Schwan vorweisen kann.
So richtig glücklich können Wissenschaftstheoretiker aber
auch mit Poppers Kriterium nicht sein. Es schließt zwar eine
Pseudowissenschaft wie die Astrologie aus dem Kanon der
empirischen Forschung aus, denn einen Astrologen eines Irr­
tums zu überführen, wäre vergebliche Liebesmüh – aber
praktizierende Naturwissenschaftler sind nun einmal keine
Falsifikationisten. Man erforscht die Natur nicht mit dem
Ziel, falsche Theorien aufzustellen und anschließend zu wi­
derlegen. Man ist stolz auf Sätze wie »Das All ist 13,8 Milliar­
den Jahre alt« und »Vögel stammen von Dinosauriern ab«,

CHARLES SCOLIK, 1905 / PUBLIC DOMAIN


weil man so starke Indizien dafür besitzt, dass man sie für
praktisch verifiziert halten möchte.
Freilich ruhen solche Sätze auf einem derart komplizier­
ten Geflecht von empirischen Daten und mathematisch for­
mulierten Theorien, dass man für sie unmöglich eine simple
Verifikationsvorschrift angeben kann. Der amerikanische
Wissenschaftsphilosoph Willard Van Orman Quine (1908 – 
2000) hat überzeugend dargelegt, dass ein Theoriegebäude
nicht in separate Einzelaussagen zerlegt werden kann, die
sich dann jede für sich verifizieren lassen. Nur die Theorie als
Ganze lässt sich empirisch bestätigen oder widerlegen. Zwar
könnte ein Verteidiger des ersten Beispielsatzes sagen: »Die
kosmische Hintergrundstrahlung lässt sich am besten als
Nachglühen eines Urknalls vor 13,8 Milliarden Jahren deu­
ten« und obendrein die Rotverschiebung der Spektrallinien
als Indiz für die Expansion des Weltalls infolge des Urknalls
ins Treffen führen und so weiter. Das hat aber einige wissen­ Der Physiker Ernst Mach (1838 – 1916).

WWW.SPEK TRUM .DE 53


FRIEDRICH HUND / CC-BY-3.0 (CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY/3.0/LEGALCODE)
PUBLIC DOMAIN

Zwei Mitbegründer der Quantentheorie: Niels Bohr (1885 – 1962) und Werner Heisenberg (1901 – 1976).

Natürlich ist diese Wahrheit nicht absolut, sondern vor­ wenn man vernachlässigt, dass unser Erkenntnisapparat alles
läufig – aber auch nicht demnächst absolut falsch. Es hat formt, was wir wahrnehmen. Heidegger konstatiert überall
durchaus Theorien gegeben, die lange galten und sich letzt­ ein »vulgäres Seinsverständnis«, eine regelrechte »Seinsver­
lich als falsch erwiesen wie das geozentrische System in der gessenheit«, die sich mit der bloßen »Zuhandenheit« der
Kosmologie; doch gewisse große Theorien wie die newton­ Dinge zufriedengibt, wie es dem technischen Hantieren eben
sche Mechanik wurden nicht widerlegt, sondern relativiert. passt, denn die »Wissenschaft denkt nicht«.
Man könnte sogar einräumen, dass die antike Physik des Woher willst du eigentlich wissen, fragen Philosophen
Aristoteles und das geozentrische System gar nicht absolut gern, dass deine Wahrnehmungen, Sätze und Theorien etwas
falsch sind, sondern die Alltagserfahrung recht zutreffend jenseits deiner Wahrnehmungen, Sätze und Theorien erfas­
beschreiben. Man muss nur berücksichtigen, dass sie – wie sen, repräsentieren, wiedergeben? Du hast doch nichts als
später Newtons Physik – lediglich einen kleinen Realitätsaus­ deine Wahrnehmungen, Sätze und Theorien. Also glaubst du
schnitt näherungsweise beschreiben, nämlich den irdischen bloß, sie besagten etwas über eine Wirklichkeit jenseits von
Alltag beziehungsweise die Planetenbahnen. Das war eben ihnen. Aber diese Wirklichkeit wäre so jenseitig und unfass­
zu Zeiten des Aristoteles beziehungsweise Newtons der für bar wie Gott, und an den klammerst du dich doch wohl nicht,
die unmittelbare Erfahrung und für die damals vorhan­ solange du Wissenschaftler bleiben willst?
denen Instrumente zugängliche Wirklichkeitsbereich. Die je­ Gegen die skeptische Leugnung einer bewusstseinsunab­
weils aktuell zutreffende Physik beschreibt, so vollständig sie hängigen Realität ist kein Kraut gewachsen. Es stimmt ein­
kann, die zu ihrer Zeit bekannte Natur – und deren Bereich fach, dass wir stets nur über Wahrnehmungen, Sätze und
wird durch den Stand der Technik definiert, denn davon Theorien reden und nicht über eine davon separate Wirklich­
hängt die Leistungsfähigkeit der physikalisch-astronomi­ keit – denn die nackte, von uns nicht wahrgenommene, nicht
schen Instrumente ab. besprochene und nicht theoretisch beschriebene Wirklich­
Philosophisch Geschulte mag all das fahrlässig anmuten. keit ist so finster, blind und stumm, als wäre sie nicht vor­
Wahr, wirklich und real – wie kann man mit ehrwürdigen handen. Um das Bild vom Anfang aufzunehmen: An die Ta­
Begrif­fen so Schindluder treiben? Die Schulphilosophie hat bula rasa der Wirklichkeit kommen wir nicht heran, indem
für solche Irrwege längst Verdammungsurteile parat, regel­ wir das Tischtuch so ungeschickt wegreißen, dass alles, was
rechte Schimpfworte: Sie spricht vom »naiven Realismus«, an Besteck und Geschirr darauf lag, zu Boden fällt. Das Kunst­

54  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


stück besteht darin, die Decke so entschlossen wegzuziehen, ging Einstein zu weit. Er fragte Bohr, ob der Mond denn nur
dass Messer, Gabeln, Gläser und Teller auf dem nunmehr existiere, wenn ihn jemand betrachte. Die berühmte Bohr-Ein­
nackten Tisch bleiben, als hätte es nie ein Tischtuch gegeben. stein-Debatte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts drehte
Dann erst können wir die Grundlage einer möglichen Er­ sich letztlich um die Frage nach der Wirklichkeit der Quanten.
kenntnismahlzeit sehen: den Tisch mitsamt den Instrumen­ Einstein beharrte auf einer vom Beobachter unabhängigen
ten, die man zum Essen braucht. Rund um den Tisch – die Realität der Mikrowelt, während Bohr und Heisenberg dies
»nackte« Wirklichkeit – versammeln wir uns zur Mahlzeit, leugneten. In dieser Debatte zog Einstein den Kürzeren, denn
aber wir essen nicht mit bloßen Händen. Bohr konnte alle Gedankenexperimente widerlegen, mit de­
Die Sätze der Alltagssprache und der naturwissenschaftli­ nen Einstein zeigen wollte, dass die Quantentheorie unvoll­
chen Theorien haben ein Ziel, das über sie selbst hinausweist, ständig sei und es »dahinter« noch etwas geben müsse. Heute
eine Intention. Sie verstehen sich in der Regel nicht als Teile ist unstrittig: Die Theorie braucht nicht um so genannte ver­
eines Selbstgesprächs, sondern als mehr oder weniger erfolg­ borgene Variable erweitert zu werden.
reiche Versuche, Aussagen über die Wirklichkeit zu machen. Genauer gesagt zeigte sich, dass die Quantenphysik nicht
Ob diese Aussagen zutreffen oder nicht, wahr sind oder mit dem von Einstein für selbstverständlich gehaltenen »lo­
falsch, zeigt sich in der praktischen Anwendung. Anders als kalen Realismus« vereinbar ist. Zwei so genannte verschränk­
beim reinen Selbstgespräch ist für die wissenschaftlich-tech­ te Teilchen bilden selbst über beliebige Entfernungen hin­
nische Praxis typisch, dass sie zu Überraschungen führt, wie weg ein gemeinsames Quantensystem, das heißt sie haben
sie nur die Wirklichkeit zu bereiten vermag: Eine Vorhersage keine separaten Zustände; die Messung des einen Partners
erweist sich unerwartet als falsch; eine Folgerung passt über­ bestimmt augenblicklich den Messwert des anderen. Wenn
raschenderweise zu den Folgerungen aus einer ganz anderen wir wie Einstein der Wirklichkeit vorschreiben, sie habe »lo­
Theorie; eine Aussage der Theorie bestätigt sich, als kaum kal« zu sein – was sich hier und jetzt abspielt, beeinflusst
noch jemand darauf zu hoffen wagte. nicht augenblicklich Vorgänge anderswo –, dann stellt das
Kolumbus fand, ohne es gleich zu merken, nicht Indien, die Realität der Quanten in Frage.
sondern Amerika. Allmählich wurden die Landkarten dif­ Sind die Quanten also nur denkökonomische Beschrei­
ferenzierter, denn immer mehr Seefahrer wagten sich aufs bungshilfen ohne Wirklichkeitsbezug? Diese Konsequenz
offene Meer hinaus. Sie besaßen immer bessere Sextanten popularisierten in den 1930er Jahren insbesondere die briti­
zum Messen der geografischen Breite und immer genauere schen Astrophysiker Arthur Eddington (1882 – 1944) und
Uhren zur Bestimmung der geografischen Länge – bis der
Globus zum beliebten Möbelstück in Studierzimmern wur­
de. Lange Zeit konnten sich Menschen nur auf der flachen
Erde bewegen, doch durch Reisen und Instrumente kannten

GEORGE GRANTHAM BAIN COLLECTION, LIBRARY OF CONGRESS PRINTS AND PHOTOGRAPHS DIVISION WASHINGTON D.C. / PUBLIC DOMAIN
sie den Globus längst, bevor der Blick aus Raumstationen auf
ihn fiel. Aber erst seit Astronauten mit eigenen Augen auf die
Erde hinunterblicken, bestätigt der Augenschein, dass unser
Planet wirklich genauso aussieht wie auf den im Lauf der
Jahrhunderte immer wirklichkeitsnäheren Karten der Meere
und Kontinente.

Wenn die Anschauung scheitert


Eine derart eingängige Versöhnung von Theorie und An­
schauung wie von der Geografie durch die Raumfahrt kön­
nen wir uns von der Quantenphysik freilich nicht erhoffen.
Ihre Theorie ist mathematisch konsistent, ihre Vorhersagen
haben sich in überwältigender Weise empirisch bestätigt –
aber unsere an Alltagsobjekten geschulte Anschauung schei­
tert an der einfachen Deutung: Niemand weiß, was die Quan­
tenmechanik »wirklich« bedeutet. Die Realität der Quanten­
welt bleibt umstritten, seit Theoretiker Quantenphänomene
zu beschreiben begannen.
Maßgebliche Gründerväter der Theorie – insbesondere
Niels Bohr (1885 – 1962) und Werner Heisenberg (1901 – 1976) –
standen noch unter dem Einfluss des machschen Sensualis­
mus. Sie plädierten dafür, nur den im Experiment gewonne­
nen Beobachtungsdaten Realität zuzubilligen; jede Frage nach
einer hinter den Daten stehenden Wirklichkeit sei sinnlos. Das Der Astrophysiker Arthur Eddington (1882 – 1944).

WWW.SPEK TRUM .DE 55


James Jeans (1877 – 1946). In seinerzeit einflussreichen Bü­
chern meinten beide, Quanten seien mathematische Ideen
des menschlichen Geistes, die dieser auf die Welt projiziere
und darum für Eigenschaften der Natur halte. Das wäre etwa
so, als würde man aus dem Fenster eines erleuchteten Zug­
abteils in die Nacht hinausschauen und draußen nur das ei­
gene Spiegelbild erkennen. Tatsächlich spekulierte Edding­
ton, man werde eines Tages wichtige Naturgrößen a priori
aus mathematischen Überlegungen herleiten, und Jeans
stellte sich Gott als Mathematiker vor, der unsere Welt
träumt.
Seither müssen die Quanten für viele Spekulationen her­
halten, die mit Physik gar nichts zu tun haben. Die heisen­
bergsche Unbestimmtheitsrelation und der Indeterminis­
mus garantieren angeblich die Willensfreiheit. Die Nichtlo­
kalität der Quantenphysik soll belegen, dass alles irgendwie
mit allem zusammenhängt, dass Geist und Natur irgendwie
ein und dasselbe sind und darum beide unter dem Oberbe­
griff Information zusammenfallen. Selbsternannte Quan­ Zwei Welten – oder viele
tenheiler therapieren mit beschwörenden Reden über spuk­ Heute passt die physikalische Praxis immer schlechter zur
haft verschränkte Teilchen seelische Verkrampfungen, und bohrschen Zwei-Welten-Theorie – allein schon deswegen,
postmoderne Konstruktivisten sehen in der Quantenmecha­ weil die Grenze zwischen Mikro- und Makrophysik durch die
nik ihre Überzeugung bestätigt, die vermeintliche Wirklich­ Fortschritte der Experimentiertechnik immer diffuser wird:
keit sei nichts weiter als ein Produkt menschlicher Ideen. Typische Quanteneffekte werden mit immer größeren, aus
Unterdessen hat sich die Quantenphysik enorm weiter­ tausenden Atomen bestehenden Objekten demonstriert,
entwickelt. Die ursprüngliche, von Bohr und Heisenberg be­ und umgekehrt nähern sich immer feinere Messfühler der
gründete Kopenhagener Deutung würden die meisten Phy­ Größenordnung des beobachteten Quantenobjekts an. Des­
siker – so man sie denn zum Philosophieren zwingt – auch halb hat in den letzten Jahren die so genannte Dekohärenz­
heute bevorzugen. Allerdings wird längst nicht mehr diesel­ theorie an Boden gewonnen. Sie wurde bereits 1970 von dem
be Physik betrieben wie seinerzeit. Die Kopenhagener Deu­ Theoretiker H. Dieter Zeh vorgeschlagen und beschreibt alle
tung ist eine Zwei-Welten-Theorie: Der Beobachter richtet Beteiligten – Beobachter, Messapparat, Messobjekt und Um­
sein makroskopisches Messinstrument auf ein mikrosko­ welt – als Quantenobjekte. Das hebt zwar die künstliche Tren­
pisches Quantenobjekt. Bohr zufolge sind Beobachter und nung in zwei Welten auf, schafft aber dafür das Problem,
Messgerät physikalisch betrachtet klassische, das heißt nicht wie man das vertraute Verhalten klassischer Alltagsobjekte
quantenmechanische Objekte. Somit stoßen beim Messvor­ durch die exotischen, unanschaulichen Vorgänge der Quan­
gang zwei disparate Welten aufeinander, eine klassische und tenwelt erklären soll.
eine gequantelte. Bei dieser Begegnung verwandelt sich die In ihr regiert die Wellenfunktion, der zufolge stets Super­
Vieldeutigkeit der Quantenmechanik, die mathematisch in positionen (Überlagerungen) mehrerer Zustände existieren.
der Wellenfunktion zum Ausdruck kommt, in ein eindeuti­ Zustände separater Teilchen können verschränkt, das heißt
ges, allerdings nur statistisch vorhersagbares Messresultat. zu einem gemeinsamen Quantenobjekt gekoppelt sein, Teil­
Das ist der so genannte Kollaps der Wellenfunktion – ein chen können sich an zwei Orten gleichzeitig aufhalten, eine
physikalisch nicht erklärter Vorgang, in dem sich alle Deu­ mikroskopische Blattfeder kann zugleich zwei gegenläufige
tungsprobleme der Quantentheorie zusammenballen. Schwingungen ausführen und so fort. Nach der Dekohärenz­
theorie lassen sich solche »kohärenten« Quantenphänome­
MEHR WISSEN BEI ne im Alltag deshalb nicht beobachten, weil die Wellenfunk­
tionen von Beobachter, Umwelt und Quantenobjekt quan­
Unser  tenmechanisch verschränkt sind und, wie sich rechnerisch
LEITNER

Online-Dossier zeigen lässt, gerade dadurch in praktisch klassisch-eindeuti­


DANIELA

zum Thema ge Zustände separiert werden. Das heißt, ein reines Quanten­
»Quantenphysik«  phänomen – die Dekohärenz – erklärt das klassische Verhal­
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT /

finden Sie unter ten der Makrowelt. Insbesondere wird der Messvorgang nicht
mehr durch den ominösen Kopenhagener Kollaps der Wel­
www.spektrum.de/ lenfunktion beschrieben.
t/quantenphysik Damit verliert der Beobachter seine herausgehobene Be­
deutung. Beim Messvorgang handelt es sich um eine Wech­

56  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


selwirkung zwischen Apparat, Messobjekt und Umwelt, die Der springende Punkt ist der Konditionalsatz »Wenn man
wie jeder Naturvorgang den Quantenregeln gehorcht. Das der Wellenfunktion unabhängig vom Beobachter Realität zu­
beruhigt nebenbei die Kosmologen, die – anders als zu Bohrs gesteht…« Vorsicht! Die Wellenfunktion ist ein mathema­
Zeiten – heutzutage Urknall, kosmische Hintergrundstrah­ tisches Gebilde zur Beschreibung der Quantenwirklichkeit,
lung, Supernovae und Schwarze Löcher als typische Quan­ aber nicht die Realität selbst! Wenn man wie Zeh den Reali­
tenphänomene untersuchen. Sie müssten sonst über Ein­ tätsbezug des Quantenformalismus betont, heißt das nicht,
steins alte Frage grübeln, ob für Quantentheoretiker der dass man wie Tegmark den Formalismus mit der Wirklich­
Mond existiert, wenn niemand ihn beobachtet. In den 13,8 keit gleichsetzen darf. Die physikalische Realität ist, wie sie
Milliarden Jahren seit dem Urknall musste das Universum ist, und verhält sich, wie sie will – und wir lernen mühsam,
gewiss die allermeiste Zeit ohne auch nur einen einzigen Be­ unsere mathematischen Werkzeuge an ihr ungebärdiges Ver­
obachter auskommen. halten anzupassen. Umgekehrt lernen wir mit jeder Vervoll­
Die Dekohärenz behebt zwar das Kollapsproblem, produ­ kommnung des mathematischen und technischen Werk­
ziert aber dafür ein anderes. Wenn man der Wellenfunktion zeugs neue Aspekte der Wirklichkeit kennen.
unabhängig vom Beobachter Realität zugesteht, erhebt sich Die Quantentheorie von Bohr, Heisenberg und Schrödin­
die Frage: Was wird aus den vielen möglichen Messresulta­ ger, um deren Deutung Experten immer noch streiten, wurde
ten, die wir nicht beobachten? Da sie nicht mehr durch den seinerzeit bald überholt von der Quantenfeldtheorie, welche
unerklärten Kollaps weggezaubert werden, bestehen sie ir­ die Quantenmechanik mit der speziellen Relativitätstheorie
gendwie weiter. Eine logisch einfache, aber für den Normal­ vereinigte und die Basis der heutigen Teilchenforschung bil­
verstand extrem unverdauliche Antwort gibt die so genann­ det. Aber auch das ist noch nicht der physikalischen Weisheit
te Vielwelteninterpretation nach dem amerikanischen Theo­ letzter Schluss, denn niemand weiß heute, wie eine Theorie
retiker Hugh Everett (1930 – 1982): Der Messvorgang spaltet von Allem, die Gravitation und Quanten konsistent vereinigt,
die Quantenwelt quasi in getrennte Zweige auf; alle mögli­ aussehen wird – falls sie je zu Stande kommt.
chen Messresultate existieren in parallelen Teilwelten, in de­ Wir wissen nur: Von der Naturforschung sind auch künf­
nen das Messgerät jeweils einen von ihnen anzeigt. Die ei­ tig Überraschungen zu erwarten. Daher sollten wir uns kein
nem Beobachter zugängliche Wirklichkeit ist nach wie vor vorgefertigtes Bild von ihrem Gegenstand machen. Vor al­
einfach, denn die anderen Realitäts- oder Möglichkeitszwei­ lem sollten wir unser Bild nicht mit der Wirklichkeit ver­
ge sind durch Dekohärenz prinzipiell unzugänglich. Wande­ wechseln. Die Natur war da, bevor unser Geist sich anschick­
rungen zwischen Parallelwelten, wie sie in der Sciencefiction te, sie zu verstehen.  Ÿ
beliebt wurden, sind ausgeschlossen.
Wird sich unser Verstand je an solche oder andere ähn-
DER AUTOR
lich bizarre Ideen gewöhnen? Die Quantenphysik zwingt uns
jedenfalls, den Realitätsbegriff drastisch zu erweitern. Die Michael Springer ist promovierter Physiker,
Wirklichkeit ist offenbar keine simple Addition lokal eindeu­ Schriftsteller und ständiger Mitarbeiter von
»Spektrum der Wissenschaft«.
tiger Zustände. Gegenwärtig favorisieren Wissenschaftstheo­
retiker den so genannten Strukturenrealismus, der die Natur
nicht mehr als klassische Ansammlung von Teilchen und
zwischen ihnen herrschenden Kräften betrachtet, sondern
als eine letztlich nur mathematisch fassbare Struktur, die
QUELLEN
durch komplexe Symmetrien definiert ist (siehe »Was ist
real?« von Meinard Kuhlmann, Spektrum der Wissenschaft Esfeld, M. (Hg.): Philosophie der Physik. Suhrkamp, Berlin 2012
7/2014, S. 46 – 53). Scheibe, E.: Die Philosophie der Physiker. Beck, München 2006
Stebbing, L. S.: Philosophy and the Physicists. Penguin Books,
London 1944
Besteht die Realität Tegmark, M.: Unser mathematisches Universum: Auf der Suche
aus mathematischen Strukturen? nach dem Wesen der Wirklichkeit. Ullstein, Berlin 2015
Zeh, H. D.: Physik ohne Realität: Tiefsinn oder Wahnsinn? Springer,
Doch soll das wiederum heißen, die Realität sei im Grunde Berlin 2011
nichts als pure Mathematik? Diese Konsequenz zieht Max
Tegmark, ein besonders eloquenter Vertreter der Vielwelten­ LITERATURTIPPS
theorie, in seinem neuen Buch. Ironischerweise landet da­-
mit eine von Zeh betont realistisch gemeinte Interpretation Friebe, C. et al.: Philosophie der Quantenphysik. Springer, Ber-
lin 2015
der Quantentheorie, die sich trotzig von der beobachterzen­ Schwere Kost, die zeigt, wie zahlreich die offenen Fragen sind
trierten Kopenhagener Deutung absetzt, fast genau im Fahr­
Tegmark, M.: Paralleluniversen. In: Spektrum der Wissenschaft
wasser der idealistischen Spekulationen von Eddington und 8/2003, S. 34 – 45
Jeans, die sich eine nur aus dem menschlichen Geist ent­ Ein kühnes Plädoyer für viele, viele Welten
springende Physik und einen mathematisch träumenden
Gott ausdachten. Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1382045

WWW.SPEK TRUM .DE 57


FORSCHUNGSPOLITIK

Streit ums
simulierte Gehirn
2013 startete ein europäisches Großprojekt, um das menschliche Gehirn im
Computer nachzubilden. Doch schon bald gerieten die verantwortlichen
Projektleiter in die Kritik. Wie lässt sich verhindern, dass milliardenschwere
Forschungsaufträge aus dem Ruder laufen?
Von Stefan Theil

J
ahrzehntelang träumte Henry Markram davon, das in den 1990er Jahren Autismus diagnostiziert. Gegenüber der
menschliche Gehirn nachzubauen. Als Postdoc am Max- britischen Tageszeitung »The Guardian« äußerte er 2013, er
Planck-Institut für medizinische Forschung in Heidel- hätte gern die Fähigkeit, in eine Nachbildung des Gehirns sei-
berg zapfte er als erster Wissenschaftler die elektrischen nes Sohns zu steigen, »um die Welt so zu sehen wie er«. Die
   Ströme in den Membranen zweier miteinander ver- einzige Möglichkeit hierfür sah er darin, statt einzelner Ex-
knüpfter Nervenzellen mit mikroskopisch kleinen Pipetten perimente zu Verhalten, Krankheiten und Anatomie ein Mo-
an. So konnte er aufzeigen, wie die Reizübertragung zwi- dell zu erstellen, das die Verschaltung des gesamten mensch-
schen den Synapsen verstärkt und abgeschwächt wird – es lichen Gehirns widerspiegelt.
wurde möglich, Lernprozesse zu untersuchen und zu model- In einem Vortrag während einer TED-Konferenz in Oxford
lieren. Als er sich 1998 habilitierte, war er einer der angese- präsentierte er 2009 erstmals der breiten Öffentlichkeit seine
hensten Wissenschaftler auf seinem Gebiet. Vision, 86 Milliarden Neurone und 100 Billionen Synapsen
Doch dann frustrierte ihn das Ausbleiben entscheidender mit einem Supercomputer mathematisch zu erfassen. Mar-
Fortschritte in seiner Disziplin allmählich. Obwohl Forscher kram versprach den Zuhörern: »Wir können das innerhalb
weltweit jährlich zehntausende neurowissenschaftliche von zehn Jahren schaffen.« Er suggerierte, dass solch eine
­Studien veröffentlichten, schien weder das Verständnis der ­Simulation sogar Bewusstseinszustände abbilden könnte. In
grundlegenden Gehirnfunktionen zuzunehmen noch unse- zahlreichen weiteren Gesprächsrunden, Interviews und
re Fähigkeit, Krankheiten dieses Organs zu behandeln. Mar- Fachartikeln deutete er an, dass ein Modell des Gehirns fun-
kram war auch persönlich betroffen: Bei seinem Sohn wurde damentale und bahnbrechende Erkenntnisse für die Wirk-
stoffforschung liefern würde, ein besseres Verständnis von
AUF EINEN BLICK Erkrankungen wie Alzheimer brächte sowie bestimmte Tier-
versuche ersetzen könnte. Und damit nicht genug: Das
künstliche Gehirn käme auch der Computertechnologie zu-
AN DIE WAND GEFAHREN
gute. Neue und schnellere Rechner ließen sich konstruieren,

1 2013 sprach die Europäische Kommission einem Team um den


Neurowissenschaftler Henry Markram mehr als eine Milliarde
Euro zu, damit dieser seine Vision eines digital nachgebauten Ge-
Roboter erhielten kognitive Fähigkeiten und möglicherweise
Intelligenz (Henry Markram berichtete in SdW 9/2012 ab
hirns verwirklichen kann. S. 82 im Artikel »Auf dem Weg zum künstlichen Gehirn« über
seine Pläne). Viele Neurowissenschaftler waren skeptisch,
2 Markrams Initiative ist inzwischen in Misskredit geraten. Kriti-
ker prangern Fehlorganisation und unverhältnismäßig
hochgesteckte Ziele an. Dazu trugen auch die Geldgeber in Brüssel
aber Markram warb erfolgreich um Unterstützer. Sein Traum
schien sich im Januar 2013 zu erfüllen, als ihm die Europä­
bei, die politische Interessen mit der Wissenschaft vermischten ische Union für sein Projekt zur Simulation eines mensch­
und mangelhafte Aufsicht ausübten.
lichen Gehirns, das Human Brain Project (HBP), über einen

3 Das europäische Projekt wird nun neu organisiert, um began-


gene Fehler auszubessern und weitere in Zukunft zu ver-
meiden. Als Vorbild könnte dabei ein ähnliches Vorhaben der USA
Zeitraum von zehn Jahren Fördermittel in Höhe von mehr
als einer Milliarde Euro zusagte.
dienen. Nur wenige Jahre später ist dieses Großprojekt in Miss­
kredit geraten. In Fachzeitschriften wurde von »Hirnge-

58  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


MENSCH & KULTUR

Ein Gehirn zu simulieren,


ist ein enorm ambitio­
niertes Unterfangen – Auf­
MARIO WAGNER

sichtsgremien sollten es
umso kritischer begleiten.

WWW.SPEK TRUM .DE 59


spinsten« gesprochen. Mehrere Wissenschaftler, die Mar- Bei der Suche nach den Gründen für die massiven Start-
kram persönlich kennen, beschreiben ihn inzwischen als ge- schwierigkeiten dieses Prestigeprojekts konzentrierten sich
scheitertes Genie. Das Exekutivkomitee aus ihm und zwei viele hauptsächlich auf Markram und seinen Führungsstil.
weiteren Personen wurde innerhalb des Projekts entmach- Aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Zumindest bemüht
tet. Sein Management hat ihm untersagt, mit der Presse zu sich Markram allem Anschein nach aufrichtig um gute wis-
sprechen. Laut Aussagen des neuen Direktors, Christoph senschaftliche Arbeit. Und so viel Fehlleistungen es auch in
Ebell, nahm Markram an internen HBP-Konferenzen nicht der Schweizer Zentrale des HBP gegeben hat – die eigentliche
mehr teil und schickte einen Vertreter. Wie konnte es so weit Quelle des Problems befindet sich wohl rund 500 Kilometer
kommen? weiter nördlich in Brüssel, am Sitz der Europäischen Kom-
mission. Das Exekutivorgan der Europäischen Union ver-
Kritik aus dem Kollegenkreis knüpft in einem wenig transparenten System der Großfor-
Das Human Brain Project sollte europaweite Zusammen­ schungsförderung die wissenschaftlichen Ziele mit politi-
arbeit fördern, doch stattdessen sorgte es für eine tiefe öffent- schen Interessen. Zusammen mit fehlender Kontrolle führte
liche Spaltung der Neurowissenschaftler. Im Juli 2014 schrie- das letztlich zu dem Schlamassel, in dem das HBP nun steckt.
ben 156 Forscher einen offenen Brief, dessen Inhalt nach­ »Das echte Problem ist der Entscheidungsprozess der EU«,
träglich mehrere hundert weitere Kollegen unterstützten. Sie sagt auch Andreas Herz, Professor für Computational Neu-
kritisierten im Schreiben die Arbeit und Organisation des roscience an der Ludwig-Maximilians-Universität München
HBP und drohten damit, das Vorhaben zu boykottieren, sollte und Mitglied des Vermittlungsausschusses.
sich nichts ändern. Markram initiierte ein Schlichtungsver- Seit nach Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Manhat-
fahren, um auf die Forderungen einzugehen. Ein Komitee aus tanprojekt der Trend zu Großforschung aufkam, haben Wis-
27 Wissenschaftlern überprüfte die Argumente beider Seiten senschaftler und Politikexperten immer wieder ihren Wert
und stimmte mit Ausnahme von zwei Beteiligten nahezu diskutiert. Bereits 1961 sinnierte Alvin M. Weinberg, Direktor
vollumfänglich mit den Kritikern überein. In ihrem 53-sei­ des Oak Ridge National Laboratory in Tennessee, in einem
tigen Bericht vom März 2015 forderten die Vermittler eine Arti­kel im Fachmagazin »Science« darüber, ob etwa riesige
grundlegende Neuausrichtung des HBP, unter anderem des Teilchenbeschleuniger oder bemannte Raumfahrtinitiativen
Managements und des wissenschaftlichen Schwerpunkts. die »Wissenschaft ruinieren«. Er argumentierte, Großfor-

60  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


schungsprojekte wären verantwortlich für einen »journalis- solche Strukturen auch die beste Option, etwas so Grundle-
tischen Beigeschmack« der Forschung, der grundsätzlich ih- gendes wie ein neues Verständnis des menschlichen Gehirns
ren wissenschaftlichen Gehalt gefährden könnte – eine Si­ zu entwickeln?
tuation, in der »eher das Spektakuläre als das Tiefgründige Unter den Neurowissenschaftlern seiner Generation hob
zum Standard« würde. Weiterhin befürchtete er, dass sich sich der 1962 geborene Markram durch seine Leistungen als
die Beteiligten durch die riesigen zur Verfügung stehenden experimenteller Wissenschaftler ebenso wie durch seinen
Geldsummen mehr damit beschäftigen müssten, die Förde- Ehrgeiz von der Masse ab. 2005 startete er an der Eidgenös­
rung auszugeben, als mit der Forschung an sich. sischen Technischen Hochschule Lausanne das Blue Brain
Diese Bedenken sind mehr als ein halbes Jahrhundert spä- Project, zu dem IBM einen Supercomputer beisteuerte. Das
ter immer noch aktuell. Das HBP hat sie wieder in den Fokus Projekt sollte eine Art Blaupause des Gehirns erstellen, genau
gerückt. Heutzutage beruhen Großprojekte auf einer um- genommen: eines kleinen Bereichs im Rattenhirn. Markram
fangreichen, oft stark interdisziplinären Kooperation von konzentrierte sich hier auf eine Ansammlung von Neuronen
Grundlagenforschung und industrieller Entwicklung. Die Re- in der Hirnrinde, die als »kortikale Säule« bezeichnet wird.
gierungen fördern sie in dem Bestreben, Innovationen anzu- Das Projekt sollte Erkenntnisse darüber liefern, wie sich die
schieben. Die Neurowissenschaften sind hier nur der jüngste zellulären Schaltkreise darin mathematisch modellieren las-
Forschungszweig, dem milliardenschwere Budgets zuge- sen. Kritiker meinen allerdings, dass solch eine Simulation
dacht werden, wie sie zuvor nur in der Verteidigungs- sowie wenig dazu beitragen könnte, die tatsächliche Arbeitsweise
der Luft- und Raumfahrttechnik üblich waren. des Gehirns besser zu verstehen. Im Oktober 2015 – also zehn
Es gibt aber auch wichtige Gründe für Großvorhaben. Vie- Jahre später – hat Markram ein erstes Ergebnis seiner Fleiß­
le Forschungsbereiche sind inzwischen so komplex und kos- arbeit veröffentlicht. Sein Team berechnete die Verschaltung
tenintensiv, dass eine umfangreiche Zusammenarbeit die von insgesamt 31 000 Neuronen und fast 40 Millionen Kon-
besten Erfolgsaussichten bietet, um vorwärtszukommen. taktpunkten. Doch er hatte lange zuvor bereits Pläne entwor-
Großforschung war lange eine Domäne der Physik, wo das fen, um das aufwändige Unterfangen zu einem ungleich am-
Herantasten an immer energiereichere Naturphänomene bitionierteren auszubauen: eine Simulation des gesamten
gewaltige Teilchenbeschleuniger erforderte, wie zuletzt den menschlichen Gehirns mit einem Supercomputer.
Large Hadron Collider am CERN bei Genf. In der Biologie hat-
te die Großforschung ihr Debut im Jahr 1990 mit dem Hu- Ein Mann, eine Vision –
mangenomprojekt, bei dem verschiedene Institutionen und viele Fragezeichen
mehr als zehn Jahre lang mit damals rund drei Milliarden Neben seinen wissenschaftlichen Qualifikationen verfügt
US-Dollar die Sequenzierung des menschlichen Erbguts vor- Markram über ein außergewöhnliches Talent, seine Interes-
antrieben. Anfang der 2010er Jahre schien dann die Neuro- sen durchzusetzen. Charismatisch und fotogen, gewann er
wissenschaft reif für einen gewaltigen Schritt nach vorn (sie- als großer Visionär in den Neurowissenschaften an Ansehen
he »Ein neues Kapitel der Hirnforschung«, SdW 3/2015, S. 22). und Gefolgschaft. Seine Kritiker wies er ab; sie seien unwillig,
Nahezu zeitgleich mit dem europäischen Human Brain Pro- den Paradigmenwechsel zu vollziehen, den das HBP seiner
ject gaben die USA ihre letztendlich vermutlich mehrere Mil- Meinung nach darstellt. Viele seiner Gegner haderten mit
liarden Dollar teure BRAIN-Initiative bekannt. Israel, Kanada, der wissenschaftlichen Grundlage des Projekts. Mehrheitlich
Australien, Neuseeland, Japan und China kündigten eben- vertreten die Neurowissenschaftler die Meinung, dass selbst
falls größere neue Hirnforschungsinitiativen an. Tom Insel, wenn es möglich wäre, das Gehirn so detailgetreu zu kons­
Direktor des National Institute of Mental Health – eine der truieren wie von Markram angestrebt, uns dies nichts über
Behörden, welche die BRAIN-Initiative organisieren – meint, Wahrnehmung, Gedächtnis oder Emotionen erzählen wür-
dass sich politische Entscheidungsträger und Wissenschaft- de – so wie uns das Kopieren einer Computerhardware, Atom
ler für einen möglichen großen Wurf in diesem Feld begeis- für Atom, nur wenig über die darauf laufende Software ver-
tern ließen, weil sie sich vor der Ausbreitung und den Kosten riete. Kritiker warfen Markram auch vor, die möglichen Er-
psychischer Erkrankungen sorgen, sowie aus Enthusiasmus kenntnisgewinne maßlos zu übertreiben. »Henry war schon
für neue Hirnmanipulationstechniken wie die Optogenetik. immer größenwahnsinnig«, sagt Eilon Vaadia, Direktor des
»Eine ganze Generation brennt nun darauf, diese Art der For- Edmond und Lily Safra Center for Brain Sciences an der Heb-
schung zu betreiben – nicht nur in den USA, sondern welt- räischen Universität von Jerusalem. »Keiner von uns glaubt,
weit«, so Insel. dass das, was er versprochen hat, möglich ist.«
Wie leicht ein solches Projekt aus der Bahn geraten kann, Trotz der Skepsis unter den Neurowissenschaftlern ge-
veranschaulicht die Situation des HBP. Es zeigt die Grenzen wann Markram die Leute für sich, die für sein Ziel wirklich
dafür auf, Geld für komplexe Fragestellungen effizient auszu- zählten: die Geldgeber bei der Europäischen Kommission.
geben. Kostenintensive Vorhaben können bei klar definierten Dort stand offenbar weniger die wissenschaftliche Mach­
technologischen Zielen wie dem Bau von Raketen oder der barkeit des Projekts im Mittelpunkt als der potenzielle wirt-
Entschlüsselung des Genoms durchaus erfolgreich von klei- schaftliche und politische Gewinn. »Dieses Projekt war ge-
nen Gruppen durchgeführt und verwaltet werden. Doch sind wollt, damit die europäische Industrie wieder wettbewerbs-

WWW.SPEK TRUM .DE 61


MEHR WISSEN BEI fällt war. Die Kommission verteidigte dieses Vorgehen als
notwendig, um »Auswirkungen auf das Privat- und Berufs­
Unser leben der beteiligten Experten sowie auf die Qualität und Ef-
Online-Dossier fizienz der Verfahren« zu verhindern.
zum Thema Der andere Gewinner der Flaggschiffinitiative ist ein Pro-
»Hirnforschung« jekt, bei dem Teams aus 23 Ländern das Nanomaterial Gra-
finden Sie unter phen weiterentwickeln wollen. Dabei hofft die Kommission
FOTOLIA / GIORDANO AITA

auf Anwendungen in der Elektronik, dem Energiesektor und


www.spektrum.de/ weiteren Industriezweigen. Auch das Graphenprojekt soll die
t/hirnforschung europäische Wirtschaft in einem Bereich unterstützen, bei
dem das Risiko besteht, hinter andere Nationen zurückzufal-
len. In Südkorea beispielsweise arbeitet der Elektronikher-
fähig wird«, sagt Christoph Ebell. Getrieben von der Be- steller Samsung mit diesem viel versprechenden Material.
fürchtung, bei Computern, digitalen Dienstleistungen und Aber im Gegensatz zum HBP wurden hier Streitigkeiten ver-
anderen Technologien weiter hinter die USA zurück­zufallen, mieden, und europaweit haben sich industrielle Forschungs-
lobten die Europäer 2009 einen Wettbewerb für »Flaggschiff«- partner zur Mitarbeit verpflichtet. Ein ganz wesentlicher Un-
Projekte aus, die mit jeweils mindestens einer Milliarde Euro terschied ist, dass dieses Flaggschiffprojekt nicht auf der
gefördert werden sollten. Laut einem Dokument der Euro­ technologischen Vision einer einzelnen Person beruht, son-
päischen Kommission aus jenem Jahr sollten die gleicher­ dern als umfassendes, gemeinschaftliches und dezentrales
maßen industriepolitischen wie wissenschaftlichen Projekte Projekt angelegt ist. Während beim HBP anfangs nur Mar-
Europa bei zukünftigen und neu entstehenden Technolo­ kram und wenige andere Personen die Struktur und Finanz-
gien »die Führung ermöglichen«. Markrams geplantes Ge- ausstattung des Projekts kontrollierten, liegt die Steuerung
hirn in einem Supercompu- beim Graphen in der Hand
ter und seine Ver­heißungen, Auf Grund des großen Budgets eines offenen Netzwerks, das
was das für die Neurowissen- nur lose von dem Projektlei-
schaften, Medizin, Robotik
bestand ein starker Anreiz, über­ ter koordiniert wird, der
und Computertechnik be- triebene Versprechen zu machen schwedischen Chalmers Uni-
deuten würde, passten bes- versity of Technology. Noch
tens in das Schema. Es entsprach der Denkweise des zustän- bedeutsamer ist vielleicht, dass das Graphenprojekt eine
digen Beamtenapparats, dass technologische Revolutionen ausschließlich technische Aufgabe hat – nämlich Strategien
mit einem zentral gesteuerten Zehn­jahresplan möglich sind. zu identifizeren, mit der ein bekanntes Material industriereif
»Henry erzählte ihnen genau das, was sie hören wollten«, gemacht werden kann. Im Unterschied zur Modellierung des
sagte Ebell. »Gibt es irgendeinen Politiker, der nicht gern auf- Gehirns erfordert dieser Ansatz nicht, zunächst einmal riesi-
stehen und sagen würde: ›Wir Europäer bauen ein Gehirn?‹ ge Lücken im wissenschaftlichen Grundlagenwissen zu über-
Das ist auf­regend. Das ist wie ein Flug zum Mond.« brücken.
Da das Flaggschiffprogramm als Vorzeigeprojekt außer-
halb der üblichen Förderungsverfahren vorgestellt wurde – Geldspritze ohne Nachsorge
und auf Grund des großen Budgets, das gerechtfertigt wer- Aus unerfindlichen Gründen versäumte es die Europäische
den musste –, bestand für Politiker, Bürokraten und auch Kommission beim Start des HBP 2013, auf den üblichen
Wissenschaftler ein starker Anreiz, übertriebene Verspre- wechselseitigen Kontrollmechanismen im Management zu
chen zu machen. »Da sitzen Sie in einer Konferenz, und je- beharren. Laut dem Bericht des Vermittlungsausschusses
mand sagt Ihnen, dass Sie diesen oder jenen Teil spannender gab es immense Interessenkonflikte in der Projektleitung.
formulieren sollen«, sagt Ebell. »Dann fangen Sie an, mehr Nicht nur, dass ausschließlich Markram und zwei weitere
zu versprechen, und jeder wiederholt es, sogar die Fachleute. Wissenschaftler den Verwaltungsrat und damit die Vertei-
So arbeitet eine klassische Rückkopplungsschleife. Und da so lung der Fördermittel unter den 112 beteiligten Institutio-
viel Geld im Spiel ist, läuft dieser Feedback-Mechanismus nen kontrollierten; sie waren auch Nutznießer ihrer eigenen
unheimlich effektiv.« Finanzierungsentscheidungen. Außerdem sei Markram Mit-
Eine geheim gehaltene Jury aus 25 Experten – mindestens glied in allen Beratungsgremien und berichte gleichzeitig
ein Neurowissenschaftler war darunter, aber sonst Spezialis- an sie. Peter Dayan, Direktor der Computational Neuro­
ten aus anderen Gebieten – wählten aus den sechs Finalisten science am University College London und Mitglied des Ver-
das HBP sowie ein weiteres Projekt aus. Sie sollten jeweils mittlungsausschusses, kommentiert, das werfe »ein erschre-
etwa eine Milliarde Euro in Teilzahlungen von 100 Millionen ckendes Licht auf die Entscheidungsprozesse in der EU«. Da-
Euro erhalten. Im Gegensatz zur gängigen Praxis in den USA yan betont, dass er sich an kein Projekt vergleich­baren
gab die Europäische Kommission die Namen der Jurymit- Umfangs erinnern könne, das ähnlich katastrophal verlau-
glieder nicht bekannt, selbst nachdem die Entscheidung ge- fen wäre. »Dabei ist es doch nicht übermäßig kompliziert,

62  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


selbst umfangreiche Wissenschaftsprojekte erfolgreich zu leicht nie auf Grund gelaufen. Es ist nicht klar, ob ohne die
leiten.« Revolte der Neurowissenschaftler die nun angestoßenen
Erst nach dem offenen Brief der Neurowissenschaftler Änderungen auf organisatorischer Ebene überhaupt statt-
begann die Europäische Kommission damit, die Führungs- finden würden.
probleme beim HBP zu untersuchen. Nur Tage bevor der Der BRAIN-Initiative der USA ist es besser ergangen als
Vermittlungsausschuss seinen ausführlichen kritischen Be- dem HBP. Im April 2013 kündigte Präsident Barack Obama
richt veröffentlichte, legte die Europäische Kommission ih- sie als das »nächste große amerikanische Projekt« an. An-
ren eigenen vor – erstellt von einem geheimen Gremium, fangs traf es eine vergleichbare Woge von Skepsis. Genau wie
das nur der Kommission und dem HBP bekannt ist. In die- in Europa befürchteten viele Neurowissenschaftler, das Pro-
sem werden zwar weniger explizit die Strukturprobleme an- jekt sei schlecht konzipiert und würde Fördergelder von an-
gesprochen, aber dennoch Änderungen beim HBP angeord- deren Themen ihres Felds abzweigen – und das alles nur, um
net. Die Kommission äußerte auch, dass sie das Vermitt- nebulöse, möglicherweise unerreichbare Ziele zu verfolgen.
lungsverfahren begrüße. Hätte sie allerdings den Vorgang Das verantwortliche National Institute of Mental Health
von Anfang an effizient beaufsichtigt, wäre das HBP viel- (NIMH) reagierte auf die Kritik, stoppte die Initiative vo­

Im Oktober 2015 stellte Markrams Arbeitsgruppe das erste größere Ergebnis des 2005 gestarteten
Blue Brain Project vor: eine Simulation der Aktivität eines winzigen Stücks der Hirnrinde einer Ratte
aus insgesamt 31 000 Neuronen. Die Teams des multinationalen Nachfolgeprogramms Human
Brain Project arbeiten bereits daran, das menschliche Gehirn mit millionenfach mehr Nervenzellen
in Supercomputern zu modellieren. Kritiker halten dieses Vorhaben jedoch für teure Fleißarbeit,
die unverhältnismäßig wenige Erkenntnisse liefern dürfte.
BLUE BRAIN PROJECT (BBP) / EPFL 2015

WWW.SPEK TRUM .DE 63


rübergehend und zog Neurowissenschaftler hinzu, statt mit tor des offenen Briefs gegen das HBP. »Aber das ist kein Argu-
Diskussionsrunden hinter verschlossenen Türen und ver- ment dafür, Wettbewerb zu unterbinden.«
traulichen Bewertungen fortzufahren. Die Behörde berief Seit es die im Vermittlungsbericht geäußerten Kritik-
ein Gremium aus 15 führenden Gehirnexperten zusammen punkte entgegennehmen musste, unterzieht sich das HBP
und ließ die Wissenschaftler in einer Reihe transparenter einer tief greifenden Veränderung. Das könnte es trotz al-
Workshops das Projekt definieren. Nach einem Jahr solcher lem noch in ein erfolgreiches Vorhaben verwandeln. Ebell be-
Beratungen ging daraus ein tont, dass eine neue Mana­
ambitioniertes, interdiszipli- Die neuen Rechenwerkzeuge und gementstruktur aufgebaut
näres Programm zur Ent- wird, die sich nicht länger so
wicklung neuer Arbeitstech-
Modelle könnten der neurobiologi­ stark auf Markram und seine
niken hervor, die den For- schen Forschung insgesamt nutzen engsten Mitarbeiter konzen-
schern ermöglichen sollen, triert. Neue Organe für eine
Gehirnaktivitäten besser zu beobachten und zu stimulieren. unabhängige Aufsicht entstehen. Ein Teilprojekt der kogniti-
Es bringt Neurowissenschaftler mit Nanotechnologiespezia- ven Neurowissenschaften ist inzwischen wieder eingesetzt –
listen und Werkstoffingenieuren zusammen. Sie lösen kon- dessen Streichung aus dem Kernprogramm war 2014 ein
krete Fragestellungen, beispielsweise, wie bei einer sehr klei- wich­tiger Anstoß für die Angriffe gegen das HBP. Auch ein
nen Gruppe von Neuronen ein elektrischer Reiz ausgelöst offe­neres, auf mehr Wettbewerb ausgerichtetes Verfahren
werden kann, um Hirnerkrankungen deutlich präziser als soll Kooperationsprojekten einen Zugriff auf HBP-Förder-
bisher behandeln zu können. mittel verschaffen. Ab jetzt, so Ebell, muss jede an dem Pro-
jekt beteiligte Gruppe alle zwei Jahre neue Zuwendungen be-
Offener Wettbewerb antragen – auch Markrams eigene. Inzwischen unterzeichne-
statt politischer Blackbox te die Europäische Kommission ein Abkommen, das dem
Der Hauptunterschied zwischen dem europäischen HBP HBP eine weitere Finanzierung zumindest bis 2018 zusichert.
und der US-amerikanischen BRAIN-Initiative besteht darin, Weiterhin wird das Vorhaben seinen Schwerpunkt auf
dass Letztere nicht auf der Vision eines einzelnen Wissen- Werkzeuge und Software erweitern, die nicht ausschließlich
schaftlers beruht. Viele Teams konkurrieren um die Förder- der Simulation des Gehirns dienen. Obwohl die Mitglieder des
mittel und entwickeln ihre Bereiche in unterschiedliche und Vermittlungsausschusses das HBP kritisiert hatten, weil es un-
auch ungeplante Richtungen. Der Wettbewerb findet über realistische Erwartungen in Hinblick auf das Verständnis des
das beim NIMH übliche Gutachterverfahren statt, das Inter- Gehirns und die Behandlung seiner Krankheiten weckte und
essenkonflikte wie beim HBP verhindert. Sicher sind auch sie einen Verlust an wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit be-
Begutachtungen nicht perfekt – sie begünstigen oft bekann- klagten, unterstützen nun selbst Skeptiker wie Dayan und
te Paradigmen –, und die amerikanische Wissenschaftsförde- Mainen die zusätzlichen Ziele des Projekts. Die dabei entwi-
rung hat selbst zahlreiche Probleme. Aber die BRAIN-Initia­ ckelten Rechenwerkzeuge, der verbesserte Umgang mit den
tive ist insgesamt weitaus mehr auf Wettbewerb ausgerichtet Daten und neue mathematische Modelle könnten schließlich
und die Entscheidungsfindung ist deutlich transparenter als der neurobiologischen Forschung insgesamt nutzen.
bei der politischen Blackbox in Brüssel, die das HBP auf den Durch die Konzentration auf »Big Data« – ein zentraler
Weg gebracht hat. ­Bestandteil von Markrams ursprünglicher Vision – könnten
Für die BRAIN-Initiative sind die Erfolgschancen daher sich die europäischen und die US-amerikanischen Projekte
recht hoch, da sie trotz ihrer pompösen Verpackung als Groß- letztlich sogar gut ergänzen. Die Technologien werden enor-
projekt eher ein Strauß verteilter Innovationsansätze unter me Mengen an neurobiologischen Daten hervorbringen.
einem zentralen Förderschirm ist; mit Regeln, welche die Zu- Wenn sich das HBP auf seinen Kern zurückbesinnt und nütz-
sammenarbeit fördern. Die Bezeichnung der Initiative als liche Rechenwerkzeuge und Modelle entwickelt, dann könn-
Megavorhaben ist vielleicht eher als clevere öffentlichkeits- te Henry Markram der Neurowissenschaft doch noch ein
wirksame Maßnahme zu verstehen, um Förderzusagen und großes und dauerhaftes Vermächtnis hinterlassen.  Ÿ
weitere Unterstützung einzuwerben. »Wenn ich mit Mitglie-
dern des Kongresses spreche, möchten sie immer wissen,
DER AUTOR
welche neue Idee dahintersteckt«, berichtet Insel. »Sie wollen
nicht noch mehr Geld in die gleiche Sache stecken.« Auch Stefan Theil ist Journalist in Berlin. Er berichtet
Journalisten stürzen sich eher auf neue große Ideen. Ein wis- bereits seit 20 Jahren als Korrespondent für das
amerikanische Magazin »Newsweek« über wirt-
senschaftliches Mammutunternehmen – oder etwas, was als schaftspolitische Entwicklungen.
solches verpackt ist – lässt sich Politikern, ihren Wählern und
Journalisten einfach besser vermitteln. »Es entspricht dem
aktuellen Zeitgeist, Großprojekte für effizienter zu halten«,
meint Zachary Mainen, Leiter des in Lissabon ansässigen
Champalimaud Neuroscience Programme und Mitorganisa- Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1378771

64  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


Naturwissenschaftliches
Wissen aus erster Hand
für Schulen und Schüler

AUS DER FORSCHUNG IN DEN UNTERRICHT


Das Projekt Wissenschaft in die Schulen!
Jugendliche nachhaltig für Naturwissenschaft begeistern – das ist das Ziel der Initiative „Wissenschaft in die Schulen!“.
Wir zeigen durch unsere Unterrichtsmaterialien zu aktuellen Themen aus der Forschung, dass Biologie, Physik, Chemie,
Mathematik, Geowissenschaften und Astronomie spannende Fächer sind. Wir – das sind der Verlag Spektrum der Wissen-
schaft, die Gesellschaft für Biochemie und Molekularbiologie sowie das Max-Planck-Institut für Astronomie.
Unterstützen Sie das Projekt
Ohne weitere Partner ist die Realisierung des Projekts nicht möglich. Deshalb möchten wir Sie einladen, das Projekt aktiv
zu unterstützen. Wenn Sie wissen möchten, wie Sie sich persönlich oder als Firma einsetzen können, dann finden Sie hier
Informationen dazu: www.wissenschaft-schulen.de

TAUSENDE SCHÜLER SIND SCHON DABEI. TAUSEND DANK AN UNSERE SPONSOREN!

Märkischer Arbeitgeberverband | Großdrebnitzer Agrarbetriebsgesellschaft mbH | Freundeskreis des evang. Heidehofgymnasiums Stuttgart |
Symbio Herborn Group | Weinmann GmbH | Freundeskreis des Gymnasiums Neuenbürg | Verein der Freunde und Förderer des Gymnasiums der
Stadt Kerpen | Förderverein »Freunde des Helmholtzgymnasiums« Zweibrücken | Freundeskreis des Hartmanni-Gymnasiums | Förderverein
des Thomas-Mann-Gymnasiums Stutensee | Förderverein der Leibnizschule Wiesbaden e. V. | KIT Karlsruhe | Volksbank Bigge-Lenne eG |
Meissner AG | Förderverein der Justus-Liebig-Schule Darmstadt | Dominique Mayer | Rotary Club Buchloe | Förderverein des Johanneum-Gymna-
siums Herborn | Freundeskreis der Konrad-Duden-Realschule Mannheim | Förderverein des Eichsfeld-Gymnasiums Duderstadt | Albertus-
Magnus-Gymnasium Stuttgart | Sternwarte am Wallgarten Gifhorn

www.wissenschaf t-schulen.de
MATHEMATISCHE UNTERHALTUNGEN

THEORETISCHE INFORMATIK

Undigitale Computer
Was wäre, wenn man einen Analogrechner mit unendlicher Genauigkeit bauen könnte?
Er würde bei äußerst einfacher Konstruktion die erstaunlichsten Leistungen erbringen.

VON JEAN-PAUL DELAHAYE

W enn Informatiker die reale Welt


in einem vereinfachten Modell
wiedergeben wollen, greifen sie meis-
Spektrum der Wissenschaft Spezial
3/2007 »Ist das Universum ein Com­
puter?«).
tens zu einer Diskretisierung, das heißt, Im vorliegenden Artikel möchte ich
sie schauen sich die Sache irgendwie Ihnen ein Konzept vorstellen, das die
verpixelt an. Ihr Modell der Welt be- Idee vom rechnenden Raum auf den
steht nur aus Punkten, die in ­einem ge- Kopf stellt. Es geht um einen Computer,
wissen Abstand voneinander entfernt der die kontinuierliche Struktur von
(»diskret«) liegen, und die Zeit wird Raum und Zeit gewissermaßen ernst
12 ebenfalls diskretisiert: Nur zu be- nimmt und darauf aufbaut.
stimmten Zeitpunkten macht das Mo- Ein derartiges hypothetisches Gerät
dell eine Aussage über den Zustand des hat Jérôme Durand-Lose, Professor an
Systems. Was – räumlich wie zeitlich – der Université d’Orléans, in den letzten
dazwischen passiert, fällt der Vereinfa- zehn Jahren ausgearbeitet. Seine Welt
chung zum Opfer. besteht nur aus einer Geraden. Auf ihr
Diese drastische Vergröberung der bewegen sich punktförmige Teilchen
Realität ist durch die Funktionsweise und begegnen einander; Durand-Lose
der Computer erzwungen. Denn die nennt sie »Signale« und denkt dabei an
können das Systemverhalten in der Re- so etwas wie Photonen, die ja auch in
gel nur dadurch wenigstens annähernd der realen Welt Informationen über-
erfassen, dass sie sich auf endlich viele mitteln. Typischerweise steckt die In-
Stellvertreterpunkte und -zeiten be- formation eines Photons oder allge-
schränken. meiner eines Signals in dem Zeitpunkt,
Mit immer kleiner werdendem in dem es eintrifft.
Punktabstand – und entsprechend an- Wichtig: Die Gerade ist die reelle
wachsendem Rechenaufwand – kommt Zahlengerade der Mathematiker. Insbe-
6 man der Realität immer näher. Es gibt sondere enthält sie auf jedem beliebig
sogar Spekulationen, nach denen unser kleinen Teilstück unendlich viele Punk-
gewöhnlicher Raum, den wir als konti- te und bietet sogar irrationalen Zahlen
nuierlich erleben, auf einer ex­trem wie π, e und √3 Platz. Auch die Zeit ist
kleinen Größenskala, weit unterhalb kontinuierlich und wird mit reellen
­alles Messbaren, von diskreter Struktur Zahlen dargestellt, so wie es in der
sei und daher einem Com­puter gleich- ­Physik üblich und unvermeidlich ist.
Zeit

komme (der »rechnende Raum«, siehe Um die Lösungen ihrer Bewegungsglei-


chungen stets hinschreiben zu können,
brauchen die Physiker eben die ganze
Eine Welt aus dem Baukasten von Jérôme Reichhaltigkeit der reellen Zahlen – und
Durand-Lose. Ein schwarzes Teilchen handeln sich damit unweigerlich ein
ist unbeweglich, verändert aber bei jeder paar Eigenschaften ein, die so in der
Begegnung mit einem farbigen ­Realität nicht zu finden sind. Entspre-
dessen Identität und damit auch dessen chend bieten die Modelle von Durand-
­Geschwindigkeit. Die Welt ist periodisch: Lose einige Überraschungen.
POUR LA SCIENCE

Nach sechs Zeiteinheiten wiederholt Schauen wir uns eine dieser Welten
0
0 1 2 3 4 sich das ganze Geschehen. genauer an (Bild links). In ihr können

66  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


Teilchen von sieben verschiedenen Ar- ➤  2) Grün, Schwarz Schwarz, Gelb unverändert fort, während das blaue in
ten existieren. Jede Teilchenart hat ihre ➤  3) Gelb, Schwarz Orange, Schwarz ein doppelt so schnelles grünes ver-
eigene unveränderliche (reelle) Ge- ➤  4) Schwarz, Orange Rot, Schwarz wandelt wurde. Zur gleichen Zeit kolli-
schwindigkeit und ist in den Abbildun- ➤  5) Schwarz, Rot Violett, Schwarz diert das grüne Signal, das in 1 gestartet
gen durch eine eigene Farbe gekenn- ➤  6) Schwarz, Violett Schwarz, Blau ist, mit dem unbeweglichen schwarzen
zeichnet. In unserem Beispiel soll gelten: Ist in dieser Liste ein Teilchenpaar in 3. Nach Regel 2 bleibt das schwarze
➤ Das Signal Schwarz hat die Ge- links vom Pfeil nicht aufgeführt, wie abermals unbeeindruckt, während das
schwindigkeit 0; beispielsweise Gelb, Orange, so durch- grüne zum gelben abgebremst wird.
➤ Blau und Gelb haben die Geschwin- dringen die Teilchen einander ohne Und so weiter.
digkeit 1, sie legen also in einer Zeit- Wechselwirkung, wie zwei Photonen. Das gesamte Weltgeschehen in die-
einheit eine Längeneinheit nach Treffen mehr als zwei Teilchen an ei- sem Universum ist festgelegt einerseits
rechts zurück; nem Punkt zusammen, so sind die Re- durch die Naturgesetze, das heißt die
➤  Grün hat die Geschwindigkeit 2; geln für alle vorkommenden Teilchen- Definition der Signale und ihrer Inter-
➤ Rot hat die Geschwindigkeit – 2, das paare anzuwenden. Geraten zum Bei- aktionsregeln, anderseits durch die An-
heißt, es legt in einer Zeiteinheit spiel die Signale Orange, Grün und fangsbedingungen. Die Welt ist deter-
zwei Längeneinheiten nach links Schwarz am selben Punkt aneinander, ministisch, der Zufall spielt keine Rolle.
­zurück; so wirken die Regeln 2 und 4, was zu- Im beschriebenen Beispiel ist das
➤ Orange und Violett haben beide die sammen die Regel Schicksal des Universums ziemlich ein-
Geschwindigkeit – 1. Grün, Schwarz, Orange fach zu durchschauen. Die schwarzen
Wenn zwei Teilchen zusammentref- Schwarz, Gelb, Rot Signale sind ortsgebunden und verblei-
fen – und auf der Geraden gibt es keine ergibt. Wenn man will, kann man sol- ben an ihren Plätzen bis in alle Ewigkeit,
Ausweichmöglichkeit –, geschieht das, che Superregeln explizit angeben. komme was wolle. Jedes andere Signal
was unter Elementarteilchen üblich ist: Verfolgen wir nun das Schicksal un- wechselt bei der Begegnung mit Schwarz
Sie reagieren miteinander, und zwei seres eindimensionalen Universums! die Farbe, wird dabei manchmal auch
neue Teilchen gehen aus der Kollision Zu einem Anfangszeitpunkt t = 0 setzen ­reflektiert und kehrt nach genau sechs
hervor. Anders als in der Teilchenphysik wir vier schwarze Teilchen auf die Punk- Zeiteinheiten in seinen Anfangszustand
geht es allerdings nicht darum, die te 0, 1, 3 und 4, ein blaues auf 0, ein zurück. Das gilt entsprechend für die
­Gesetze dieser Reaktionen ausfindig zu grünes auf 1 und ein gelbes auf 3. Das ganze Welt: Das gesamte Geschehen in
machen; vielmehr hat man die Freiheit, Bild links zeigt den weiteren Verlauf; ihr wiederholt sich alle sechs Zeiteinhei-
sie zu bestimmen und zu schauen, was die Zeitachse weist anders als üblich ten – ein bisschen langweilig, aber das ist
passiert. nach oben. ja erst der Anfang.
In unserem Beispiel sollen folgende Nach einer Zeiteinheit trifft das Im Folgenden werde ich die Signale
Reaktionen stattfinden: blaue Signal auf das schwarze, das von mit ihren Geschwindigkeiten und In-
➤  1) Blau, Schwarz Schwarz, Grün Anbeginn unbeweglich auf Position 1 teraktionsregeln nicht immer vollstän-
(das heißt: Aus der Begegnung von verharrte. Gemäß Regel 1 entstehen bei dig aufzählen. Diese Daten sind jedoch
Blau und Schwarz gehen Schwarz dieser Kollision ein schwarzes Signal aus den Abbildungen leicht zu erschlie-
und Grün hervor) und ein grünes; das schwarze lebt also ßen; und eine einmal gefundene Regel

In dieser Welt können wir


Signale Pingpong miteinander
spielen lassen und so einen
Häufungspunkt für die Inter­
aktionen erzeugen (links).
Ändert man die Regeln gering-
fügig ab (man ersetze
Violett, Blau Gelb, Blau durch
Violett, Blau Gelb, Blau, Grün),
so produziert eine endliche
Anzahl von Signalen in endlicher
Zeit unendlich viele Teilchen
POUR LA SCIENCE (rechts). POUR LA SCIENCE

WWW.SPEK TRUM .DE 67


MATHEMATISCHE UNTERHALTUNGEN

Systeme von Signalen mit


ziemlich einfachen Regeln
erzeugen eine vollständig
von Häufungspunkten
erfüllte Linie (links) oder
sogar eine Menge von
Häufungspunkten, die
genau dem so genannten
POUR LA SCIENCE

POUR LA SCIENCE
Cantor-Staub entspricht
(rechts).

ist selbstverständlich an allen Orten Signale entstehen. Dazu muss man nur sehr verschiedene Dinge sind. Punkt-
und Zeiten dieser Welt gültig. annehmen, dass der Hund bei jeder Be- förmige Teilchen auf einer reellen Ge­
Eine beliebte mathematische Rät- gegnung mit Frauchen vor Freude ei- raden: Das kann nicht gut gehen. Da
selaufgabe handelt von einem Hund, der ne Duftmarke setzt (Bild S. 67, rechts). macht sich das unendlich Kleine be-
ständig zwischen Herrchen und Frau- Auch das würde selbstverständlich je- merkbar, dessen Existenz die Physiker
chen hin- und herrennt, während beide den realen Hund überfordern. nicht wirklich akzeptieren; Häufungs-
mit der halben Hundegeschwindigkeit Wenn man solche Phänomene in punkte, Signale in unendlicher Anzahl
aufeinander zugehen. Bevor die beiden der Fantasiewelt vermeiden will, kann und sogar Fraktale treten auf. Echte
Menschen sich begegnen, muss der man sich von einem realen Hund inspi- Fraktale wohlgemerkt, nicht die Nähe-
Hund unendlich oft die Richtung wech- rieren lassen: Man schreibt jedem Teil- rungen wie Romanesco-Kohl oder das
seln, was jeden nicht punktförmigen chen eine Masse zu und fordert, dass Adergeäst der menschlichen Niere, de-
Hund vor unüberwindliche Probleme bei jeder Kollision das Massenerhal- ren Selbstähnlichkeit spätestens dann
stellt. Gleichwohl legt er nur ein end­ tungsgesetz gilt, wie in der echten Phy- zusammenbricht, wenn man in die
liches Stück Weg zurück, das allerdings sik. Wenn man die Welt am Anfang mit Größenordnung von Atomen kommt.
aus unendlich vielen Teilstücken be- einer endlichen Gesamtmasse ausstat- Anders als Physiker haben Mathe-
steht. tet, können nicht unendlich viele Teil- matiker keine Berührungsängste ge-
chen entstehen. genüber idealen Welten – im Gegenteil,
Komm her, Hasso! Das Bild oben links zeigt eine un­ sie finden sie interessant und streben
Diese Situation lässt sich mit den Teil- gewöhnliche Situation. Hier entsteht alsbald danach, sie sich zu Nutze zu ma-
chen von Durand-Lose mühelos nach- nicht nur ein Häufungspunkt, sondern chen. Kann man vielleicht eine solche
stellen (Bild S. 67, links): Herrchen ist unendlich viele; mehr noch: Ein ganzes Signalwelt zum Rechnen gebrauchen
schwarz, Frauchen blau, der Hund Intervall der reellen Geraden besteht und damit dem Begriff vom »rechnen-
je nach Laufrichtung gelb oder violett, aus Häufungspunkten. Noch rätsehaf- den Raum« eine neue Bedeutung ge-
und unmittelbar bevor Schwarz auf ter wirkt das rechte Teilbild: Die Menge ben? Diese Frage zerfällt in drei Teile,
Blau trifft, finden unendlich viele Kolli- der Häufungspunkte ist der Cantor- die wir nacheinander angehen werden:
sionen statt. Was geschieht in einem Staub. Dieses historisch früheste Frak- ➤ Ist jede Rechnung, die man in einer
solchen Häufungspunkt? Das ist aus tal entsteht, indem man von dem Inter- diskreten klassischen Welt realisieren
den üblichen Regeln des Spiels nicht vall [0, 1] das mittlere Drittel weg- kann, auch in einer eindimensionalen
herzuleiten, also muss man für derar­ nimmt, aus jedem der verbleibenden Welt von Signalen ausführbar?
tige Grenzfälle Zusatzregeln einführen. Teile wieder das mittlere Drittel, und so ➤  Erlauben die Häufungspunkte Rech-
Die einfachste Möglichkeit ist festzu- weiter ad infinitum (Spektrum der Wis- nungen, die in einer diskreten Welt un-
setzen, dass alle Signale verschwinden, senschaft 5/2000, S. 112). möglich sind, und wenn ja, welche?
als ob dort ein Schwarzes Loch wäre. Aus den genannten Beispielen geht ➤  Lassen sich gewisse Rechnungen
Selbst dann kann es vorkommen, hervor, dass die Signalwelten des Jé­ schneller durchführen als in der diskre-
dass in endlicher Zeit unendlich viele rôme Durand-Lose und die Realität ten Welt? Wie verhält es sich insbeson-

68  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


dere mit den berüchtigten NP-vollstän- werden. Das Vergnügen, sich mit einer gen lassen. Überhaupt kommen für ei-
digen Problemen? kleinen geometrischen Überlegung zu nen Physiker keine Konstante und kein
Für die erste Teilfrage beginnen wir vergewissern, dass das Teilchen wr sich physikalischer Wert einer reellen Zahl
mit zwei elementaren Rechenaufga- tatsächlich am Punkt a – b befindet, mit ihren unendlich vielen Dezimal-
ben: Subtraktion und Division mit Rest. bleibt dem Leser überlassen. stellen gleich. Physiker arbeiten zwar
Mit einer nur geringfügig längeren mit reellen Zahlen, glauben aber nicht
Ein Init geht auf die Reise Liste an Kollisionsregeln erhalten wir wirklich an sie!
Um die Subtraktion a – b zu realisieren, eine Signalwelt, die den Rest bei der Divi- Lassen wir das ohnehin hoffnungs-
setzen wir drei unbewegliche Teilchen sion von a durch b berechnet (»Elemen- lose Ziel absoluter Genauigkeit vorüber­
namens w0, wa und wb auf die Punkte tares Rechnen mit Signalen«, rechts). gehend beiseite, so stellt sich mit der
0, a und b der reellen Gerade (siehe Das Ergebnis ist von vollkommener Zeit heraus, dass unser Signalrechner
»Elementares Rechnen mit Signalen«, Genauigkeit. Selbst Differenzen wie über alle Fähigkeiten verfügt, die ein
links). Nun schicken wir im Punkt – 1 π – e sind in allen unendlich vielen De- gewöhnlicher Computer mit seinen
ein Teilchen namens »init« mit der zimalstellen korrekt – vorausgesetzt, stets diskreten Berechnungen und end-
­Geschwindigkeit 1 auf die Reise. Nach wir haben wa und wb auf exakt die rich- lich genauen Zahlen hat. Er muss dazu
fünf Kollisionen entsteht ein unbeweg- tigen Plätze gesetzt. Das ist natürlich noch nicht einmal die Häufungspunkte
liches Teilchen wr. Dieses entspricht ex- viel zu schön, um physikalisch reali- zu Hilfe nehmen. Es genügt, Signale mit
akt dem Resultat der Subtraktion, denn sierbar zu sein. Schon die brownsche ganzzahligen Geschwindigkeiten zu be-
es befindet sich genau im Punkt a – b. Molekularbewegung würde jeden Ver- trachten, die sich im Anfangszustand
Im Lauf der Rechnung sind die Teilchen such einer exakten Festlegung am gro- an Positionen mit ganzzahligen Koor­
wa und wb, welche die Eingangsdaten ßen Zittern scheitern lassen, ganz abge- dinaten befinden und zu ganzzahligen
verkörperten, verschwunden. Dem sehen davon, dass sich die Position ei- Zeitpunkten miteinander reagieren.
könn­te allerdings bei Bedarf durch eine nes Atoms und seine Geschwindigkeit Die eindimensionale Primitivwelt ist
kleine Änderung der Regeln abgeholfen nicht gleichzeitig beliebig genau festle- also, was die Rechenfähigkeit angeht, so

Elementares Rechnen mit Signalen


Will man eine Berechnung, hier zum Beispiel eine Subtraktion, algorithmus funktioniert mit beliebigen reellen Zahlen, selbst
mit zwei Zahlen a und b durchführen, so setzt man zum Zeit- wenn diese irrational wie π oder √5 sind. Er bringt völlig fehler-
punkt 0 stationäre Signale an die Punkte a und b. Das im linken freie Ergebnisse hervor.
Bild beschriebene System realisiert mit einigen Kollisionen von Die Figur rechts zeigt den geometrischen Algorithmus zur
Signalen die Subtraktion, das heißt, es produziert ein stationä- Berechnung des Restes bei der Division von a durch b (»a modu-
res Teilchen am Punkt a – b. Dieser geometrische Subtraktions- lo b«). Im Beispiel ist a = 11 und b = 3.

a mod b
wr
a–b
w0
ZA
ck

CK
zi

wr
init, zick, ZICK 1
ZA

init, zick, ZICK


CK

1 w0, wa, wb, wr 0 wb


ZA
CK

za

w0, wa, wb, wr 0 zack, ZACK –1


CK
c
CK

ZA
k

–1 w0 w0
ZI

zack, ZACK
CK
ZI

ck

init, wb zack, wb , ZICK


zi

ZA

init, wb zack, wb , ZICK w0, zack w0, zick wb


ck

CK
zi

CK

w0, zack w0, zick zick, wb zack, wb, ZICK


CK
ZI

wb
ZI

zick, wb ZICK ZICK, wa


za

ZACK
c

w0
k

ZICK, wa ZACK wb , ZACK ZACK


wa
ck

wb , ZACK ZACK,wb zick, wb, ZACK ZACK


za

zi

wb
c

ZICK, ZACK wr w0 ZICK, ZACK


k

ZACK
CK
ZI

zick, ZACK wr zick, ZACK wr wa


wb
zick, wb, ZACK wr w0, ZACK w0
za
it
in

kc

w0

b a
wb
it
in

POUR LA SCIENCE

b a

WWW.SPEK TRUM .DE 69


MATHEMATISCHE UNTERHALTUNGEN

leistungsfähig wie ein Computer, der zahlige Lösungen hat (in dem Beispiel Rechnen nutzt. Für den Hausgebrauch
dafür sogar einen dreidimensionalen ist die Antwort Ja, denn x = 2, y = 5 ist sind diese Gedankenexperimente bis-
Raum benötigt – wie eine Turing-Ma- eine Lösung). Erst 1970 bewies Juri Ma- lang eher ungeeignet: Sie erfordern
schine, um genau zu sein. Aber dieses tijassewitsch, dass es kein allgemeines entweder ein echtes Schwarzes Loch
äußerst primitive Gerät kann ja seiner- Verfahren geben kann, das diese Frage oder eine geschlossene Kurve in der re-
seits alle Tätigkeiten eines Computers in jedem Einzelfall beantworten würde. lativistischen Raumzeit. David P. Mala-
durchführen. Es stellt sich nun heraus: Ein Signal- ment und Mark Hogarth haben sogar
rechner kann mittels Häufungspunk- eigens ein Raumzeitmodell mit der Ei-
Das Unentscheidbare ten beide genannten algorithmisch un- genschaft eingeführt, dass die Vergan-
entscheidbar machen entscheidbaren Probleme erledigen. genheit eines Punktes, von außen gese-
Der Signalrechner hat jedem gewöhn­ Selbstverständlich sind solche Aus- hen, durchaus endlich ist, im Bezugs-
lichen Computer die Häufungspunkte sagen mit Vorsicht zu genießen. Schon system des Punktes selbst jedoch
voraus. Verschaffen sie ihm auch au- richtig: Wenn man Signale – in Form unendlich weit zurückreicht. In dieser
ßerordentliche Rechenfähigkeiten? von Teilchen oder anderen physikali- unendlich langen Zeit konnte eine Tu-
Alan Turing hat 1936 gezeigt, dass schen Gegenständen – mit unendlicher ring-Maschine unendlich viele Berech-
ein üblicher diskreter Computer nicht Genauigkeit an ihre Ausgangsplätze nungen durchführen – genau das, wo-
alles berechnen kann. Insbesondere setzen, miteinander interagieren lassen für ein Signalcomputer die unendlich
scheitert er an dem berühmt geworde- und ihren Endzustand mit ebenso un- vielen Teilchen in der Umgebung eines
nen Halteproblem: Es kann keinen Al- endlicher Präzision messen könnte, Häufungspunktes verwendet.
gorithmus geben, der für ein gegebe- dann könnte man die Fähigkeiten klas- Ein weiteres Resultat sei noch er-
nes Programm P fehlerfrei voraussagt, sischer Computer übertreffen und wähnt. Irrationale Zahlen wie √2, e oder
ob P anhalten oder unendlich weiter- insbe­sondere gewisse Unentscheidbar- log 2 sind in einem Signalcomputer
laufen wird. Zahlreiche andere Proble- keiten auflösen. Da aber diese Voraus- nicht nur (theoretisch) exakt darstell-
me sind in diesem Sinn »algorithmisch setzungen schon wegen der Beschrän- bar, sondern auch exakt berechenbar,
unentscheidbar«, darunter das zehnte kungen der Quantenmechanik uner- und zwar mit rationalen Ausgangs­
aus der berühmten Liste der 23 Pro­ füllbar sind, haben solche Ergebnisse daten. Das heißt, anfänglich haben alle
bleme, die David Hilbert 1900 aufstell- nur eine sehr theoretische Bedeutung. Teilchen rationale Positionen und Ge-
te, um der Mathematik des 20. Jahr­ Gleichwohl darf man mit Aussicht schwindigkeiten. Mit den vier Grund­
hunderts den Weg auf Erfolg in dieser Richtung weiter- rechenarten käme man von diesem
ggT(a,b)
ggT(a,b) zu weisen. Es geht denken. Istvan Németi und Gergely Ausgangspunkt über den Bereich der
ww00 w w00 darum, ob eine Székely vom mathematischen Institut rationalen (als Quotient zweier ganzer
Polynom­gleichung der ungarischen Akademie der Wissen- Zahlen darstellbaren) Zahlen nicht ­hi-
mit ganzzah­ligen schaften sowie andere Wissenschaftler naus. Eine irrationale Zahl ist nur als
Koeffizienten wie haben sich ein physikalisches System Grenzwert einer Folge rationaler Zahlen
beispielsweise ausgedacht, das gewisse Arten von erreichbar; aber diesen Grenzwert kann
x² + 5y² = 129 ganz- Häufungspunkten realisiert und zum ein Signalcomputer über einen Häu-
k
zi c

w
wbb
w
waa Berechnung des größten gemeinsamen Teilers
za
ck
ZA
ck

Dieser geometrische Algorithmus arbeitet mit einer Variante


CK
zi

ZA

zick,
zick,ZICK
ZICK 11 des klassischen Verfahrens von Euklid. Gesucht ist der größte
CK

w00,,w
waa,,w 00
za

w wbb gemeinsame Teiler (ggT) von a und b, im Beispiel 8 und 3.


CK
ck

zack,
zack,ZACKZACK –1
–1
ZI

ZA

Man zieht b so oft wie möglich von a ab: 8 – 3 = 5, 5 – 3 = 2.


w
CK

w00
Dann rückt b an die Stelle von a und das letzte Ergebnis (hier 2)
ck

w zick,
zick,wwbb zack,
zack,wwbb,,ZICK
ZICK
zi

wbb an die Stelle von b. Wieder subtrahiert man b so oft wie möglich
ww00,,zack
zack w00,,zick
w zick
K

von a: 3 – 2 = 1, lässt nachrücken, und so weiter: 2 – 1 = 1, 1 – 1 = 0.


waa,,ZICK,
ZI C

w ZICK, ZACK
ZACK
za

wbb,,ZACK
ZACK ZACK, Das letzte von null verschiedene Resultat ist der gesuchte ggT.
ck

w ZACK,wwaa
zick,
zick,ZACK
ZACK zack,
zack,wwbb In unserem Beispiel ist das Ergebnis 1, was bedeutet, dass 8 und
ck

ZICK,
ZICK,ZACK
ZACK ZACK
ZACK 3 teilerfremd sind.
zi

w
w00 w
wbb w
waa
zick,wbb,,ZACK
zick,w ZACK ZACK,
ZACK,ww00 Wählt man für a und b Zahlen, deren Verhältnis irrational ist,
w00,,ZACK
w ZACK
POUR LA SCIENCE

aa w
w00 so liefert der Algorithmus einen Häufungspunkt. Das ist die
bb ökonomischste Art, einen solchen zu erzeugen.

70  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


fungspunkt realisieren. Und mit einer Noch ist die Frage offen, ob es für die- Zahlen sind, wohl aber, wenn zwei dieser
einmal gefundenen Irrationalzahl kann ses Problem nicht doch einen Algorith- Werte ein irrationales Verhältnis haben.
man natürlich auch weiterrechnen. mus mit erträglicher (»polynomialer«) ➤  Mit vier Geschwindigkeiten kann
Welche Irrationalzahlen sind einem Rechenzeit gibt; das ist die berühmte man nicht nur Häufungspunkte erzeu-
Signalrechner denn überhaupt zugäng- Frage »P   NP?« der Informatik (Spek­ gen, sondern auch alles berechnen, was
lich? Diese Frage wurde 2009 abschlie- trum der Wissenschaft 10/2008, S. 74, gewöhnliche diskrete Maschinen be-
ßend beantwortet. Und zwar sind es alle und Dossier 6/2009 »Die größten Rätsel rechnen können.
Zahlen, die man als Differenz zweier re- der Mathematik«). Aber eigentlich sind ➤  Letzteres gelingt mit drei Geschwin-
kursiv aufzählbarer Zahlen schreiben die Informatiker davon überzeugt, dass digkeiten und 25 Typen von Signalen,
kann. Eine Zahl heißt rekursiv aufzähl- es einen solchen Algorithmus nicht wie Durand-Lose 2013 gezeigt hat.
bar, wenn es eine Folge algorithmisch gibt und daher alle NP-vollständigen So theoretisch und abgehoben die
berechenbarer rationaler Zahlen gibt, Probleme intrinsisch schwer sind. Welt der Signale heute auch erscheinen
die von unten gegen diese Zahl konver- Könnte eine Berechnung mit Sig­ mag – vielleicht bereitet uns diese Dis-
giert. Diese Eigenschaft hat zum Bei- nalen ein NP-vollständiges Problem kussion ja auf die Zukunft vor. Die Phy-
spiel die Zahl π. schnell lösen? Die Antwort ist Ja. Ge- siker haben nie behauptet, dass es un-
Es ist allerdings keineswegs so, dass meinsam mit Denys Duchier und Ma- möglich sei, Häufungspunkte zu erzeu-
ein Signalcomputer praktisch jede Ir­ xime Senot hat Durand-Lose einen Al- gen. Es müsste ihnen nur noch ein
rationalzahl bis auf vielleicht ein paar gorithmus für Signale formuliert, der Mittel einfallen, das etwas preiswerter
exotische Ausnahmen berechnen ein Problem dieser härtesten Klasse ist als ein ganzes Schwarzes Loch.  Ÿ
könnte, im Gegenteil: Die Menge der löst, und zwar mit einem Platz- und
zugänglichen Zahlen ist abzählbar, also Zeitbedarf, der nicht von der Problem-
DER AUTOR
von der eher milden Unendlichkeit der größe abhängt, und ohne Verwendung
natürlichen oder auch der rationalen von Häufungspunkten (dieses Mittel, Jean-Paul Delahaye ist
Zahlen. Die reellen Zahlen insgesamt unendlich viele Dinge in endlicher Zeit emeritierter Professor
gehören zu einer höheren Unendlich- zu tun, gilt als fauler Trick). Da man alle am Institut für Grund-
lagen der Informatik
keitsklasse: Sie sind überabzählbar. NP-vollständigen Probleme ineinander der Université de Lille.
Übrigens zählt zu den rekursiv auf- umrechnen kann, würde der Algorith-
zählbaren Zahlen auch die berühmte, mus die ganze Klasse der NP-vollstän-
von Gregory Chaitin eingeführte Zahl Ω, digen Probleme mit einem Schlag erle-
deren Kenntnis die Mehrzahl der gro- digen – wenn er in der Realität durch- QUELLEN
ßen mathematischen Probleme lösen führbar wäre.
Andréka, H. et al.: Closed Timelike Curves
würde (siehe Chaitins Artikel in Spek­ Für dieses Ergebnis kommt es ent-
in Relativistic Computation. In: Parallel
trum der Wissenschaft 9/2006, S. 54). scheidend darauf an, die Anzahl der Sig- Processing Letters 22, 1240010, 2012
nale abzuschätzen, die für eine Berech- Duchier, D. et al.: Computing in the
NP-vollständige Probleme Fractal Cloud: Modular Generic Solvers
nung mindestens erforderlich sind.
for SAT and Q-SAT Variants. In: Theory
im Visier Und dafür liefert ein spezieller Algorith- and Applications of Models of
Die letzte der drei Fragen handelt von mus den Schlüssel: die Berechnung des Computation. Springer Lecture Notes in
Problemen, die »von Natur aus« (»in- größten gemeinsamen Teilers zweier Computer Science 7287, S. 435 – 447, 2012
Durand-Lose, J.: Irrationality is Needed to
trinsisch«) schwer sind. Das bedeutet Zahlen. Er erfordert nur drei verschiede- Compute with Signal Machines with only
typischerweise, dass der Rechenauf- ne Geschwindigkeiten (siehe »Berech- Three Speeds. In: The Nature of Com-
wand zur Lösung eines solchen Prob- nung des größten gemeinsamen Tei- munication, Springer Lecture Notes in
Computer Science 7921, S. 108 –119, 2013
lems in der Größenordnung von 2N lers«, links).

Durand-Lose, J.: Abstract Geometrical


liegt, wobei N die Größe des Problems Allgemein kommt man mit einem Computation 1: Embedding Black Hole
ist (im Wesentlichen die Anzahl der erstaunlich geringen Sortiment an Teil- Computations with Rational Numbers.
In: Fundamenta Informaticae 74, S. 491 –
Bits, die zu seiner Beschreibung benö- chen aus. Folgendes haben Durand-­ 510, 2006
tigt werden). Bereits mittelgroße Exem- Lose und seine Arbeitsgruppe gefunden
plare einer solchen Aufgabe überfor- und bewiesen: WEBLI N KS
dern jede denkbare Rechenkapazität. ➤  Bei Verwendung von Signalen, die
Eine bedeutende Art von schweren eine oder zwei Geschwindigkeiten be- Durand-Lose, J.: A Visual Introduction to
Abstract Geometrical Computation
Berechnungsproblemen sind die NP- sitzen, können Häufungspunkte nicht www.univ-orleans.fr/lifo/Members/
vollständigen. Ein Beispiel: Kann man auftreten. Jerome.Durand-Lose/Recherche/AGC/
einen Graphen mit drei Farben derart ➤  Auch bei drei Geschwindigkeiten intro_AGC.html

einfärben, dass niemals zwei durch eine gibt es noch keine Häufungspunkte, Dieser Artikel im Internet:
Kante verbundene Knoten dieselbe Far- falls die Geschwindigkeiten und An- www.spektrum.de/artikel/1382053
be haben? fangspositionen der Signale rationale

WWW.SPEK TRUM .DE 71


KLIMAERWÄRMUNG

Der Pinot noir –


ein Auslaufmodell?
Winzer und Kellermeister weltweit fürchten um die Zukunft des Qualitäts-
weinbaus. Denn mit höheren Jahrestemperaturen verändern sich Aromen
und Zuckergehalt der Trauben.
Von Kimberly A. Nicholas

A
ls ich vor Kurzem Stichproben in Carneros nahm, Gut 9000 Kilometer weiter östlich haben Staats- und Re-
einer Weinbauregion im Sonoma Valley in Kali- gierungschefs der ganzen Welt gerade erst auf der UN-Klima-
fornien, entdeckte ich etwas Ungewöhnliches: konferenz in Paris darüber beraten, wie der globale mittlere
Auf dem zweieinhalb Hektar großen Weinberg Temperaturanstieg zu beschränken sei (siehe den Beitrag
wuchsen wie erwartet Pinot-noir-(Spätburgunder-)Reben S. 19). Wenn der Trend anhält, wird der Geschmack der Carne-
Reihe neben Reihe, doch etwas abseits standen einige andere ros-Weine nicht mehr der gleiche bleiben. Winzer müssen
Sorten. Anhand ihrer Blätter und Trauben identifizierte ich dann womöglich zu anderen, den Bedingungen besser ange-
die Rotweine Cabernet Franc, Petit Verdot, Syrah und Malbec passten Sorten wechseln, wie Hill sie versuchsweise bereits
sowie den Weißwein Sauvignon Blanc. anbaut. Sie könnten ihre Unternehmen auch nach Norden in
»Das ist mein kleines Experiment«, erklärte mir Ned Hill, kühlere Gebiete verlagern, doch der Geschmack hängt auch
der einige der besten Weingüter in der Region leitet. »Hier von Boden, Feuchtigkeit und Niederschlägen ab. Derartige
ist es inzwischen ziemlich warm für den Pinot. Im Moment Maßnahmen würden einen Bruch mit Traditionen bedeuten
erzielen wir damit noch einen sehr guten Preis, aber schon und bergen das Risiko massiver Umsatzeinbußen.
sehr bald brauchen wir andere Sorten, die besser an den Kli- Der Klimawandel bereitet Winzern weltweit Sorgen, ob in
mawandel angepasst sind.« Für einen amerikanischen Wein- Kalifornien oder Burgund, in Südafrika oder Australien. Man-
freund klingt eine solche Aussage geradezu ketzerisch. Denn che befürchten quantitative Ernteeinbußen, etwa in Fresno
dort, wo sich Sonoma und Napa Valley zur Bucht von San im kalifornischen Central Valley, wo 30 Tonnen Trauben pro
Francisco vereinigen, ist traditionell Pinotgebiet. Milde Tage Hektar das Maß aller Dinge sind, um dank großer Mengen ei-
und kalte Nächte, frische Seeluft und lehmige Böden verlei- nen preiswerten Wein auf den Markt zu bringen.
hen den Rotweinen der Regionen Aromen von frischen Erd- Nur 200 Meilen nördlich davon steht der Anbau im Zei-
beeren, Kardamom und Zimt. Dieser Geschmack macht sie chen der Qualität. Im Napa Valley schneiden die Winzer ihre
einzigartig und wertvoll. Reben im Winter so, dass jeder Trieb nur wenige, dafür aber
hochwertige Früchte trägt. Den ganzen Sommer hindurch
AUF EINEN BLICK kontrollieren sie die Pflanzen und schneiden minderwertige
Trauben heraus. Ein Hektar Rebfläche ergibt dann zwar
KLIMASTRATEGIEN FÜR WINZER »nur« ungefähr zehn Tonnen an Früchten, doch das daraus
gewonnene Getränk erzielt einen zehnfach höheren Preis.

1 Die Klimaerwärmung könnte manche Weinbauregion hart


treffen, denn steigende Temperaturen verändern die chemischen
Prozesse in den Trauben und damit den Geschmack beziehungs-
Könnte man in Fresno nicht auf die gleiche Strategie um-
schwenken? »Selbst ein Genie bringt in Fresno keinen guten
weise über die Zuckersynthese auch den Alkoholgehalt des Weins. Pinot zu Wege«, erklärte mir dazu ein Winzer. »Es ist dort im
Jahresdurchschnitt um ein paar Grad heißer, und das ist ein-
2 Versuche, den Anbau einer bestimmten Sorte in eine heute
eigentlich zu kühle Zonen zu verlegen, beispielsweise in eine
höhere Lage, sind umstritten, weil auch die Bodenverhältnisse den
fach zu viel.«
Denn Wein besteht zwar zu mehr als 80 Prozent aus Was-
Geschmack bestimmen.
ser und zu ungefähr 12 bis 15 Prozent aus Alkohol, doch es

3 In gewissen Grenzen können Winzer einer regionalen Klima-


erwärmung vor Ort begegnen, zum Beispiel durch eine
sonnenabgewandte Ausrichtung der Rebenreihen oder eine
sind die verbleibenden fünf Prozent, die einen besonderen
Geschmack ausmachen. Obwohl der Herstellungsprozess
stärkere Beschattung der Trauben durch die Blätter. viel Erfahrung voraussetzt, räumen die meisten der von mir
interviewten Kellermeister ein, dass das Potenzial eines

72  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


ERDE & UMWELT

Seidig und elegant, Noten von roten und


schwarzen Früchten, dazu erdige Töne –
beim Pinot noir geraten Weinliebhaber ins
Schwärmen. Doch die hier zu Lande als
Spätburgunder bekannte Rebsorte stellt
Ansprüche, die sich in Folge der Klima­
erwärmung mancherorts künftig wohl
nicht mehr erfüllen lassen.

ISTO
CK
/ IN
AP
ETE
RS

WWW.SPEK TRUM .DE 73


Weins bereits in seinen Trauben festgelegt ist. Zwar entste- mit auch, welche der Tausenden heutigen Rebsorten sich für
hen einige der möglichen Geschmacksstoffe beim Keltern, eine bestimmte Region eignet. So passen solche für spritzige
zum Beispiel durch die unterschiedlichen Hefen, die Zucker Weißweine zu den kürzeren Wachstumsperioden und kühle-
in Alkohol umwandeln, durch das Reifen in Eichenfässern ren Temperaturen in Deutschland, während kräftige Rotwei-
beim Barriqueausbau oder dank anderer Finessen. Doch ne ihren Geschmack eher während eines langen, heißen und
wenn der Weingarten wenig Potenzial bietet, vermag der Kel- trockenen Sommers in Spanien oder Südfrankreich entwi-
lermeister kein Spitzenergebnis herbeizuzaubern. Und an ckeln. Auch zu viel Feuchtigkeit kann schaden, da sie in Kom-
dieser Stelle kommt das Klima ins Spiel. bination mit Wärme den Pilzbefall fördert. Zu viele Nieder-
Winzer unterscheiden das Makroklima einer ganzen An- schläge zur falschen Zeit können daher Trauben faulen las-
bauregion wie zum Beispiel Carneros vom Mesoklima eines sen, während lang anhaltende Trockenheit die Reben stresst.
einzelnen Weinbergs und vom Mikroklima, das am Rebstock Viele Weinanbauregionen in der Neuen Welt, einschließlich
und um die Trauben herrscht. Ersteres wird durch größere Kalifornien, werden daher intensiv bewässert; Studien, die
geografische Zusammenhänge beeinflusst, die Temperatur ich in einem Team unter der Führung von Kollegen der Stan-
und Niederschlag sowie die Anbausaison vorgeben – und da- ford Univer­sity durchgeführt habe, zeigten jedoch, dass die

Made in Germany
Deutsche Winzer gehören derzeit noch zu den Gewinnern der Klimaerwärmung.

Kann ein deutscher Spätburgunder mit einem französischen Pi- nem höheren Zuckergehalt der Trauben. So sei in den Jahrgän-
not noir mithalten? Noch vor etwa 15 Jahren hätte diese Frage gen 1973 bis 2000 auf zwei Testparzellen nur zweimal ein
einem Weinkenner nur ein müdes Lächeln entlockt. Das hat Öchslegrad von 90 erreicht worden, seit 2000 aber bereits in
sich inzwischen geändert und zwar wohl nicht allein dank der mehr als der Hälfte der Ernten. Mostgewichte von unter 75 Grad
besseren Kenntnisse einer neuen Winzergeneration, sondern Öchsle, bis 2000 in gut der Hälfte der Jahre der Fall, kommen
auch durch höhere Temperaturen. gar nicht mehr vor. Auch der Säuregehalt hat stark abgenom-
Laut Marco Hofmann, Manfred Stoll und Hans Reiner Schultz men, und der Riesling erreicht nun international anerkannte
von der auf Weinbau spezialisierten Hochschule Geisenheim Qualität.
im Rheingau beträgt die mittlere Temperatur während der Ve-
getationsperiode 15,7 Grad Celsius für die Jahre 2000 bis 2014. Freilich gibt es neue Risiken zu beachten. Im Süden und Süd-
Das sind 1,2 Grad Celsius mehr als 1961 bis 1990 und entspricht westen Deutschlands sei die Wahrscheinlichkeit für nieder-
damaligen Werten im französischen Burgund. schlagsreiche Sommermonate gestiegen. Insbesondere Rebsor-
Der klassische Riesling profitiert zurzeit ebenfalls von der ten mit kompakten Trauben faulen schneller. Auch die Boden-
globalen Erwärmung sowie von einer Zunahme der Sonnenein- erosion wird in Folge von Starkregen zunehmen. Andererseits
strahlung, die auf eine Abnahme von Aerosolen in der Atmo­ dürften lange trockene Phasen häufiger auftreten, was vor al-
sphäre zurückgehen könnte. Beide Bedingungen führen zu ei- lem die Reben noch junger Weinberge mit schwach ausgepräg-
tem Wurzelwerk sowie Steillagen mit geringer Wasserspeicher-
fähigkeit belasten wird.
Damit nicht genug, lassen mildere Winter die Reben früher
austreiben, was sie anfälliger gegen Nachtfrost macht. Die Wis-
senschaftler warnen auch davor, dass der höhere Zuckerge-
halt – Ergebnis wärmerer Spätsommer – Schädlinge anlockt.
Zudem wandern neue Schädlinge wie die Kirschessigfliege aus
südlichen Ländern ein.
Unklar ist noch, wie sich steigende Konzentrationen von
Kohlendioxid auswirken. Das Gas wird von Pflanzen aufgenom-
ISTOCK / INA PETERS

men und in Biomasse umgesetzt, wirkt aber auch auf Bodenor-


ganismen und Schädlinge. In Treibhäusern wird Kohlendioxid
gezielt zur Düngung eingesetzt. Gemeinsam mit Forschern der
Justus-Liebig-Universität in Gießen und der Philipps-Universi-
Rieslinganbau im Rheingau. Die Winzer profitieren von den tät Marburg untersuchen Önologen der Hochschule Geisen-
wärmeren Durchschnittstemperaturen der letzten Jahre: heim diese Zusammenhänge nun bei Reben unter Freilandbe-
Der Zuckergehalt der Trauben stieg, der Säureanteil fiel. dingungen. Klaus-Dieter Linsmeier

74  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


BEIDE FOTOS: ROBERT SINSKEY VINEYARDS
Winzer versuchen höhere Temperaturen auszugleichen,
indem sie die Trauben stärker durch die Blätter beschatten
lassen oder die Reihen in einer anderen Richtung pflanzen.

Erträge dennoch von den natürlichen Niederschlägen ab-


hängen. Wann soll man ernten?
Einer der wichtigsten Umweltfaktoren auf Makro-, Meso-
und Mikroebene ist die Temperatur. Sie steuert, wann Reben Wenn die Traube reift, steigt der Zuckergehalt, und der Säu-
aus der Winterruhe erwachen und wie die Trauben reifen. In reanteil fällt (obere Grafik, blaue und rote Kurve). Das ideale
dieser letzten Phase akkumuliert Zucker in den Früchten, bei Verhältnis für einen guten Wein bildet sich ungefähr vier
reifen Weintrauben trägt er mit ungefähr einem Viertel zu Monate nach der Blüte heraus. Auch der Geschmack (oran-
ihrem Gewicht bei; zum Vergleich: bei einem reifen Pfirsich gefarbene Kurve), durch andere Stoffe beeinflusst, hat sein
ist es nur ein Achtel. Eigentlich ist Wärme in dieser Zeit will- Optimum ungefähr zu diesem Zeitpunkt. Das ergibt ein en-
kommen, denn sie steigert den Zuckergehalt um ein oder ges Zeitfenster für die beste Erntezeit. Wenn die globalen
zwei Prozent pro Woche und damit – nach der Gärung des Temperaturen steigen (untere Grafik), entsteht das ge-
Traubensafts – den Alkoholgehalt. Doch allzu viel schadet wünschte Verhältnis aber schon früher und ebenso, jedoch
der Qualität: Höherprozentige Weine schmecken vielen Ken- nicht zur gleichen Zeit, das Geschmacksoptimum. Die Trau-
nern etwas zu bitter und unausgewogen, weil der Alkohol ben könnten aber auch so schnell reifen, dass sich Aromen
manche feinen Aromen überdeckt. und Farbe erst gar nicht optimal entwickeln können (das
Maximun ist in der orangefarbenen Kurve niedriger).
Zucker und Säure austarieren
Die Wirkung des Mesoklimas ist weniger offensichtlich, in optimale Reifung einer Traube
ideales Zucker-Säure-Verhältnis
erster Linie beeinflusst es das Verhältnis von Zucker und Säu- hoch
idealer Geschmack
relative Konzentration

re in den Trauben. Unreife Früchte enthalten viel Säure, die


sich während des Reifeprozesses abbaut. In kühleren Regio- e r
Zuck
nen kultiviert man Sorten, die in der relativ kurzen Wachs- Säure
tumssaison schnell reifen und doch einen nicht zu hohen Geschmackspotenzial ideale Farbe
Säuregehalt aufweisen. Es kommt auf das richtige Maß an:
Einem Weißwein verleiht die Säure Frische und Spritzigkeit,
was für den in Deutschland beliebten Riesling charakteris- niedrig
2 3 4
tisch ist (siehe »Made in Germany« links). ungefähre Zeit nach der Blüte (in Monaten)
Erst seit wenigen Jahren richten Önologen (Weinforscher)
die gleiche Traube unter wärmeren Bedingungen
ihr Augenmerk auch auf weniger hervorstechende Kompo-
hoch
nenten. So ist der Traubensaft der meisten Rebsorten eigent- ideales Zucker-Säure-Verhältnis
relative Konzentration

lich farblos; ein Rotwein wird daraus, wenn er nach dem Pres- idealer Geschmack
ur

r
Zucke
e

Die Frucht entwickelt


sen auf den Beeren gären darf. Aus diesen treten Anthozyane sich zwar schneller,
bekommt aber nicht
Geschmacks- die ideale Farbe und
aus, Moleküle mit Kohlenstoffringen und angehängten OH- potenzial verschrumpelt.

Gruppen. Solche »phenolischen Verbindungen« färben auch


Blaubeeren blau und Auberginen lila. Die Farbe eines Weins
JEN CHRISTIANSEN

ist nämlich nicht nur schmückendes Beiwerk – sie prägt un- niedrig
sere Erwartung und damit die Geschmackswahrnehmung. 2 3 4
ungefähre Zeit nach der Blüte (in Monaten)
Einen tiefroten spanischen Rioja werden wir niemals auf die
gleiche Weise erleben wie einen Spätburgunder. Diese che-

WWW.SPEK TRUM .DE 75


Frankreich, Spanien
Sonoma und Italien müssen
Napa möglicherweise
dafür kämpfen, den
traditionellen Ge-
schmack ihrer Weine
zu erhalten. In Süd-
england könnte der
Weinbau profitieren.

Nachhaltigkeit bestehender
Weingebiete bis 2050*
Anpassung sehr wahrscheinlich
Anpassung wahrscheinlich
Die kalifornischen Wein-
XNR PRODUCTIONS,  NACH: HANNAH, L.  ET AL.: CLIMATE CHANGE, WINE, AND CONSERVATION.
IN: PNAS 110, S. 6970-6912, 2013, FIG. 1, UND DATEN VON PATRICK R. ROEHRDANZ, UCSB

bauern in Napa und Anpassung unwahrscheinlich


Sonoma experimentie- Die Weinbauern in Chile könn­-
ren mit Möglichkeiten, mögliche neue Weingebiete ten in kühlere Regionen im
die Klimaveränderung bis 2050 Süden oder auf höher gelege-
zu kompensieren; sie sehr wahrscheinlich nes Terrain ausweichen. Für
könnten zum Beispiel Argentinien mögen Rebsorten
ihre Weinberge in ande- wahrscheinlich aus wärmeren Regionen wie
re Gegenden verlegen. Spanien geeignet sein.
*TEMPERATURANSTIEG BIS 2050, WENN DIE EMISSIONEN
DER TREIBHAUSGASE WIE BISHER ANSTEIGEN

Ausweichen oder anpassen?


Weltweit wird Wein vor allem zwischen dem 30. und
50. Breitengrad auf der Nordhalbkugel sowie zwischen
dem 30. und 40. Breitengrad auf der Südhalbkugel ange-
baut. Das entspricht durchschnittlichen Jahrestemperatu-
ren von 12 bis 22 Grad Celsius. Die Temperatur steuert die
Konzentrationen von Zucker, Säure und Geschmacksstoffen in
den Trauben. Eine Studie (siehe Bildnachweis) zeigt die mögliche Chile
Auswirkungen der Klimaveränderung auf bestimmte Regionen.

mischen Verbindungen entstehen in Folge der Umwandlung der Reifung des Weins in Eichenholzfässern und bei der Fla-
von Sonnenenergie. Trotzdem zeigen Weine aus bereits wär- schenreife, was ihre Wirkung mildert. Deshalb empfiehlt es
mer gewordenen Klimazonen eher weniger die erwünschte sich bei manchen Rotweinen, sie eine Zeit lang zu lagern: Das
Farbe. Vermutlich kann ein Temperaturanstieg über einen Ergebnis ist ein samtig weicher Wein.
Schwellenwert Prozesse anstoßen, welche die Anthozyan- Den Unterschied zwischen einem passablen Tischwein und
konzentration oder die Farbkomplexbildung verringern. einem edlen Tropfen mit einzigartigem Charakter machen
Weißweintrauben enthalten übrigens weniger Phenole in aber vor allem jene Bestandteile aus, die in nur sehr geringen
den Schalen und werden normalerweise auch nicht mit ih- Konzentrationen auftreten: die Aromen. Beim Schwenken des
nen weiterverarbeitet. bauchigen Glases steigen sie auf und binden an die Geruchs-
Das Mikroklima am Rebstock beeinflusst unter anderem rezeptoren in unserer Nase; von dort gelangen Signale direkt
weitere phenolische Verbindungen: die Tannine. Der Name in unser Gehirn. Wenn wir Wein schmecken, haben wir ihn ei-
rührt aus alten Zeiten, als diese Stoffe zum Verarbeiten von gentlich gerochen. Aus diesem Grund erscheint einem Erkäl-
Leder dienten: das französische Wort »tanin« bedeutet Gerb- teten selbst ein schwerer Rotwein oft fade. Die Aromen gelan-
stoff. Die Moleküle verbinden sich mit Proteinen des Spei- gen auf Grund des vermehrt gebildeten Schleims erst gar
chels und trocknen so Zunge und Zahnfleisch, was ein raues, nicht zu den Rezeptoren.
pelziges Gefühl im Mund verursacht; zudem schmecken sie Insbesondere in den späteren Stadien des Reifens bilden
bitter. Weine mit einem ausgewogenen Tanningehalt passen sich immer mehr dieser Verbindungen. Würde ein Wein aus
sehr gut zu herzhaften Speisen. Tannine polymerisieren bei unreifen Trauben gewonnen, fände er daher nicht viele

76  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


zu verstehen. Ein schwieriges Unterfangen, denn einer-
seits kommen manche davon in extrem geringen Kon-
zentrationen vor, andererseits nehmen wir sie ganz un-
terschiedlich wahr. So können wohl mehr als 200 Kompo-
nenten die Assoziation »Erdbeere« wecken, doch sind sie
keine Garantie dafür, dass ein Kunde die Frucht heraus-
schmeckt. Ein Meilenstein auf diesem Forschungsgebiet ge-
lang der Wahrnehmungsforscherin Hildegarde Heymann
von der University of California in Davis in den 1980er Jah-
ren. Sie entdeckte, dass Sonnenlicht Methoxypyrazin zer-
stört, das einem Cabernet Sauvignon ein unerwünschtes Pa-
prikaaroma verleiht. Kalifornische Winzer ließen ihre Reben
daraufhin so wachsen, dass die Blätter den Früchten weniger
Schatten spendeten; ihr Cabernet wurde deutlich besser. For-
scher in Australien, Chile und Deutschland identifizierten
die Substanz Rotundon als Quelle des beim Syrah erwünsch-
ten Geschmacks von schwarzem Pfeffer. Doch hier zeigt sich
erneut der Einfluss des Klimas: Offenbar reichert sich dieses
Molekül in kühleren Anbaugebieten oder in kühleren Jahren
stärker an.

Süd- Seit Generationen im Familienbesitz


afrika
Erst wenn alle derartigen Einflüsse bekannt sind, können
Winzer auf die globale Veränderung adäquat reagieren. Ob es
sinnvoll wäre, beispielsweise Anbaugebiete von Kalifornien
nach Oregon zu verlegen, lässt sich derzeit nicht vorhersa-
gen, denn hochwertige Weine wachsen nur auf Böden mit
Südafrikanischen den richtigen Nährstoffen und bei angemessenen Nieder-
Winzern bleiben nur Tasmanien schlagsmengen. Zudem benötigt ein neuer Weinberg fünf
arbeitsintensive
Techniken, um ihre Steigende Temperaturen und bis sechs Jahre, bis er volle Erträge bringt, und es kann bis zu
Trauben gegen Dürren in Australien könn- 20 Jahre dauern, bis man einen Gewinn erzielt. Viele Winzer
Hitze zu schützen. ten den Alkoholgehalt der
Weine übermäßig steigen hängen überdies an ihren Weingärten, weil die seit Genera­
lassen, während sich Tasma-
nien zu einem Zentrum des tionen im Familienbesitz sind. Gebiete, die in naher Zukunft
Weinanbaus entwickelt. warm genug sein werden, um dort Wein anzubauen, mögen
außerdem heute noch unbekannte Herausforderungen wie
Schädlinge und Pflanzenkrankheiten bergen. Letztlich ent-
wickelt eine Weinbauregion auch einen Stil und eine Identi-
Freunde. Denn anfangs schmecken Trauben wie grüne tät, die nicht einfach zu verpflanzen sind. Die Konsumenten
Früchte oder Gemüse, später wie rote Früchte (Himbeere), nehmen das ebenfalls so wahr: Wer die Rotweine Kalifor­
dann wie schwarze (Brombeere) und schließlich wie Rosinen. niens für sich entdeckt hat, wird nicht ohne Weiteres solche
Vermutlich entstehen die Aromen nicht in gleichem Maß, aus Oregon wertschätzen.
wie der Zuckergehalt steigt. Deshalb lesen einige Winzer die Statt mit den vorhandenen Rebsorten deren bevorzugten
Trauben nicht mehr einfach dann, wenn ein bestimmter Umweltbedingungen hinterherzuziehen, könnte man natür-
Öchslegrad erreicht ist. Vielmehr verkosten sie die Früchte lich umgekehrt auch Sorten verwenden, die dem erwarteten
vom Stock und entscheiden dann, ob die vorhandenen Ge- Klima bereits angepasst sind. Winzer haben im Lauf der Ge-
schmacksstoffe das Potenzial für einen großen Wein haben. schichte tausende Varietäten für bestimmte Umgebungsbe-
Manchmal bleiben die Trauben dann länger hängen, aller- dingungen gezüchtet. Aber auch mit dieser Strategie wird es
dings verlieren sie dabei Wasser und damit Gewicht – der an Zeit und einen langen Atem brauchen, um trotz unvermeid-
der Saftmenge gemessene Ertrag sinkt. Durch die längere licher Fehlschläge letztlich das richtige Gesamtkonzept für
Reifezeit steigt überdies der Zuckergehalt. Das mag bei ei- eine Lage zu entwickeln.
nem Eiswein erwünscht sein, mitunter zwingt es aber den Bei Grundnahrungsmitteln wie Getreide züchten For-
Kellermeister, Most mit Wasser zu verdünnen, um den Alko- scher bereits neue Sorten für steigende Temperaturen. Doch
holgehalt auf dem gewünschten Niveau zu halten. dieser Ansatz eignet sich nur bedingt für Reben. Bis das Er-
Wissenschaftler versuchen, die Einflüsse der mehr als tau- gebnis feststeht, braucht es zehn oder mehr Jahre, zudem
send verschiedenen Aromastoffe auf den Geschmack besser gibt es kulturelle Beschränkungen. Französische Gesetze bei-

WWW.SPEK TRUM .DE 77


cher Maßnahmen gemeinsam mit Kollegen von der Stanford
ROBERT SINSKEY VINEYARDS

University und der University of California in Davis unter-


sucht. Alle Triebe und Blätter waren oberhalb der Trauben an
Drähten hochgebunden, damit die Luft besser zirkulieren
konnte, was Erkrankungen vorbeugt. Jedes Prozent zusätzli-
ches Licht hatte einen zweiprozentigen Rückgang der Tanni-
ne und Anthozyane zur Folge. Banden wir die Reben aber so,
dass die Blätter die Früchte mehr beschatteten, konnten die-
se kühler heranreifen und ihre Aromastoffe bewahren. Doch
diese Maßnahmen haben ihre Grenzen. Eine Temperaturer-
höhung von mehr als einem Grad Celsius im Frühjahr dürfte
die Ernteerträge erheblich schmälern, und mit sinkender
Qualität wird obendrein der Preis fallen.
Obwohl die meisten Aromen aus der Traube kommen,
können Kellermeister den Geschmack noch zusätzlich beein-
Winzer von Robert Sinskey Vineyards in Napa lassen die Maische flussen. Wenn Säuren durch die Klimaerwärmung zu schnell
mit der Haut der Beeren gären, um ein Maximum an Farbe und abgebaut werden, kann man nach dem Pressen welche zu­
Tanninen zu extrahieren. geben; akkumulieren die Trauben zu viel Zucker, entfernt
Umkehrosmose einen Alkoholüberschuss. Dies sind aber
drastische Maßnahmen, die nur bedingt den ursprünglichen
spielsweise schreiben vor, dass in bestimmten Regionen nur Geschmack bewahren und den Wein zum Industrieprodukt
bestimmte Sorten angebaut werden dürfen, wenn sie ein ge- machen, was sich auf den Preis auswirken dürfte.
schütztes Label wie Bordeaux tragen sollen. Zwar ist der Mar- »Es dauert eine Generation, um ein Weingut aufzubauen.
selan, eine Kreuzung zwischen Cabernet Sauvignon und Gre- Die nächste findet bereits einen Weg, es besser zu machen,
nache, in den 1990er Jahren als Côtes du Rhône erfolgreich die Generation der Enkel aber macht es dann wirklich gut.«
zugelassen worden, doch Weinliebhaber hängen oft an ihren Jason Kesner, Manager eines der besten Weingüter Kalifor­
Lieblingssorten und blockieren damit den Markt für neue. niens, weiß genau, wovon er spricht. »Auf genau diese Weise
sind die grandiosen Weingüter in der alten Welt entstanden –
Reben richtig erziehen durch eine Menge harte Arbeit und die Erfahrung vieler Jah-
Winzer können den makroklimatischen Veränderungen aber re.« Manche Experten glauben, dass die Anbauregionen der
auch mit diversen Maßnahmen im Weinberg begegnen: Sie Neuen Welt wie Napa und Sonoma ihr Potenzial noch gar
können zum einen die Richtung der Pflanzreihen so ändern, nicht voll entwickelt haben. Winzer und Kellermeister kön-
dass sich die Pflanzen stärker beschatten. Auch die »Erzie- nen zwar mit einigen technischen Möglichkeiten und Migra-
hung« der Reben, also die Technik, ihr Holz durch Stützkon­ tion gen Norden oder auf höheres Terrain auf die veränder-
struktionen, durch Beschnitt und Anordnung der Triebe in ten Bedingungen reagieren, es bleibt aber offen, ob dies aus-
die gewünschte Form zu bringen, kann die Früchte vor der reichen wird.  Ÿ
Sonne schützen. Beispielsweise ist es in Südafrika üblich,
Schatten spendende Halbdächer zu formen und in steilen
DI E AUTORI N
Hanglagen Südtirols pflegt man Reben zu einer Pergola zu er-
ziehen. Winzer können auch Wurzelstöcke als Unterlagen ver- Kimberly A. Nicholas ist Associate Professor of
wenden, um darauf wärmeresistenteren Sorten zu pfropfen; Sustainability Science an der Universität Lund in
Schweden. Sie berät Winzer und Kellermeister
bislang erfolgt eine derartige Veredelung vor allem als Maß- auf der ganzen Welt. Aufgewachsen ist sie auf
nahme gegen die Reblaus. Dergleichen wird normalerweise einem Weingut in Sonoma, Kalifornien.
nur einmal durchgeführt, nämlich wenn man einen Wein-
berg anlegt.
Darüber hinaus lässt sich das Mesoklima in engen Gren-
zen durch Bewässern mit Sprengern verändern – auf diese
Weise senkt man dank der Verdunstung die Temperatur im QUELLEN
Weingarten. Außerdem gehört es zur Kunst des Rebschnitts, Hofmann, M. et al.: Klimawandel und Weinbau. In: Geographische
durch die Zahl und Position der Blätter das Mikroklima der Rundschau 3, 2016 (in Vorbereitung)
reifenden Trauben zu beeinflussen. Nicholas, K. A., Durham, W. H.: Farm-Scale Adaptation and Vulner-
ability to Environmental Stresses: Insights from Winegrow-
In den Weinbergen um Carneros zeigten meine Messun- ing in Northern California. In: Global Environmental Change 22,
gen an Trauben von mehr als 500 Pinot-noir-Reben, dass die S. 48 – 494, 2012
Sonneneinstrahlung in den letzten Jahren um mehr als das
Dreifache gestiegen ist. Dort habe ich die Wirksamkeit sol- Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1382048

78  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


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Gefühle zu deuten
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nisvoll zu reagieren.

ZOHAR LAZAR

80 
TECHNIK & COMPUTER

INFORMATIK

Roboter mit Gefühlen


Bald schon könnten uns Roboter aller Art ähnlich vertraut sein wie
Smartphones und Tablets heute. Um uns das Kommunizieren mit
»intelligenten« Maschinen zu erleichtern, bringen Forscher ihnen bei,
menschliche Emotionen zu verstehen und zu simulieren.
Von Pascale Fung

D
en ersten einfühlsamen Satz sprach eine Ma- AUF EINEN BLICK
schine vermutlich mit den Worten: »Leider habe
ich Sie nicht verstanden.« Ende der 1990er Jahre COMPUTER MIT EMOTIONALER INTELLIGENZ
bot das Bostoner Softwareunternehmen Speech-
Works International seinen Firmenkunden Programme an,
die ein paar höfliche Phrasen gebrauchten. Seither haben wir
1 Je mehr wir uns angewöhnen, Maschinen mit Sprache und
Gesten zu steuern, desto stärker wird der Wunsch, dass sie
auch Andeutungen und Gefühle richtig auslegen.
uns angewöhnt, mit Maschinen zu reden. Fast jeder Anruf
bei einer Kundendienststelle landet zunächst bei einem Ro- 2 Damit ein digitales Gerät Humor, Ironie oder Missstimmung ver-
steht, muss es mit einem Empathiemodul ausgestattet wer-
den. Eine entsprechende Software erkennt Emotionen an Gesichts­-
boter. Hunderte Millionen Menschen sind mit einem digita-
ausdruck und Sprechverhalten des menschlichen Gegenübers.
len Mädchen für alles (englisch »intelligent personal assis-
tant«) unterwegs. Man kann beispielsweise die Apple-Soft-
ware Siri (Speech Interpretation and Recognition Interface)
3 Die Entwicklung einfühlsamer Roboter steckt noch in den Kin-
derschuhen, doch erste Prototypen verwenden bereits
lernfähige Algorithmen, um menschliche Stimmungen und Emo-
mündlich auffordern, ein Restaurant zu finden, einen Freund tionen immer treffsicherer zu deuten.
anzurufen oder ein bestimmtes Musikstück abzuspielen.
Solche Programme können menschliches Verhalten oft gera-
dezu unheimlich gut simulieren. Einige Roboter mit simulierten Gefühlen sind schon auf
Aber nicht immer reagieren Maschinen wunschgemäß. dem Markt – zum Beispiel der kleine Android Pepper, den die
Die Spracherkennungssoftware missversteht oft die Absicht französische Firma Aldebaran Robotics für das japanische
der Frage; sie ist unempfänglich für Humor, Sarkasmus und Unternehmen Softbank Mobile gebaut hat. Oder Jibo, ein
Ironie. Wenn wir künftig routinemäßig mit intelligenten knapp drei Kilogramm schwerer persönlicher Assistent; die-
Staubsaugern oder menschenähnlichen Pflegekräften kom- sen Roboter konstruierte ein Ingenieurteam um Roberto
munizieren wollen, müssen die Roboter nicht bloß gespro- Pieraccini, der zuvor die Abteilung für Dialogtechnik bei
chene Worte verstehen, sondern auch Emotionen – sie soll- SpeechWorks geleitet hatte. Die Entwicklung solcher Maschi-
ten Einfühlungsvermögen besitzen. nen steckt zwar noch in den Kinderschuhen, aber das wird
In meinem Labor an der Hong Kong University of Science sich bald ändern.
and Technology entwickeln wir solche Maschinen. Einfühlsa-
me Roboter werden freundliche Gefährten sein, die unsere Das Empathiemodul
physischen und emotionalen Bedürfnisse umso besser vor- Ich selbst begann mich für die Konstruktion empathischer
ausahnen, je öfter sie mit uns kommunizieren. Sie werden Roboter 2009 zu interessieren, als mein Team das erste chine-
sich für ihre Fehler entschuldigen und uns vor einer Aktion sische Gegenstück zu Siri entwarf. Mich faszinierte, wie
um Erlaubnis fragen. Sie werden nicht nur Senioren pflegen selbstverständlich die Nutzer begannen, emotional auf intel-
und Kinder unterrichten, sondern sich in kritischen Situatio- ligente Assistentensysteme zu reagieren – und wie ungedul-
nen sogar selbstlos opfern, um Leben zu retten. dig sie wurden, wenn ihre Geräte sie nicht verstanden. Offen-

WWW.SPEK TRUM .DE 81


bar hängt der Erfolg von Spracherkennungsalgorithmen wie akustische Stresssymptome zu identifizieren. Zu diesem
jenen ab, an denen ich im Lauf meiner 25-jährigen Laufbahn Zweck stellten wir den Studenten zwölf zunehmend stres-
gearbeitet habe. sende Fragen, nahmen ihre Antworten auf und sammelten
Jede intelligente Maschine ist im Grund ein Softwaresys- auf diese Weise rund zehn Stunden natürlicher Stresssymp-
tem, das aus Modulen besteht – aus Programmen, die jeweils tome in den Sprachen Englisch, Mandarin und Kantonesisch.
auf eine Aufgabe spezialisiert sind. Ein Modul übernimmt Unsere lernfähigen Algorithmen konnten anhand dieses Ma-
beispielsweise die akustische Sprachverarbeitung, ein ande- terials schließlich in 70 Prozent aller Fälle Stress richtig er-
res die visuelle Bilderkennung und so weiter. Ein einfühlsa- kennen – ähnlich gut wie menschliche Zuhörer.
mer Roboter besitzt ein spezielles Empathiemodul. Es analy-
siert nicht nur den Inhalt des Gesprochenen, sondern auch Gespür für Zwischentöne
die Prosodie – die Sprachmelodie – und die Miene des Spre- Unterdessen brachte ein anderes Team Maschinen bei, die
chers, um eine Antwort zu finden, die zu den darin ausge- Gefühlsstimmung eines Lieds nur anhand der Musik – ohne
drückten Gefühlen passt. Beachtung des Textes – zu erkennen. Im Gegensatz zu einer
Wenn zwei Menschen kommunizieren, nutzen sie auto- vorübergehenden Emotion charakterisiert die Stimmung
matisch gewisse Hinweise auf den emotionalen Zustand des das gesamte Musikstück. Die beteiligten Forscher sammel-
Gegenübers. Sie deuten Gesichtszüge und Körpersprache, sie ten zunächst 5000 Lieder aller Art in den wichtigsten europä-
nehmen Änderungen der Stimmlage wahr, sie verstehen ischen und asiatischen Sprachen. Musikexperten hatten zu-
sprachliche Andeutungen. Beim Bau eines Empathiemoduls vor einige hundert dieser Stücke in 14 Stimmungskategorien
gilt es, zunächst diejenigen Charakteristika menschlicher klassifiziert.
Kommunikation herauszufinden, an denen ein Computer Wir bestimmten in jedem Lied elektronisch rund 1000
Gefühle zu erkennen vermag, und dann Algorithmen darauf akustische Signaleigenschaften – Parameter wie Energie,
zu trainieren, diese Charakteristika zu entdecken. Grundfrequenz und Harmonien – und trainierten mit der
Um Maschinen den emotionalen Gehalt von Sprache zu Musik 14 unterschiedliche, jeweils für eine spezielle Stim-
erschließen, machten wir uns daran, ihnen die dem zu Grun- mung zuständige Programme, so genannte Klassifizierer.
de liegenden akustischen Regeln beizubringen, zusätzlich zu Zum Beispiel reagiert ein Klassifizierer nur auf fröhliche, ein
den Wortbedeutungen. Denn so funktioniert eben menschli- anderer nur auf traurige Musik. Die 14 Programme arbeiten
che Kommunikation. Wenn wir fröhlich sind, sprechen wir zusammen, indem jeder das Ergebnis der anderen berück-
schneller und mit höherer Stimme, unter Stress hingegen sichtigt. Wenn ein »fröhlicher« Klassifizierer irrtümlich ein
eintöniger und nüchterner. Mit intelligenter Signalverarbei- trauriges Lied fröhlich findet, wird er in der nächsten Lern-
tung vermag ein Computer solche akustischen Anzeichen zu runde korrigiert. In jeder Runde lernt der jeweils schwächste
entdecken – ähnlich wie ein Lügendetektor, der Stress phy- Klassifizierer hinzu, und so wird das gesamte System klüger.
siologisch anhand von Blutdruck, Puls und elektrischer Leit- Indem die Maschine vielen Musikstücken lauscht, lernt sie,
fähigkeit der Haut misst. An meinem Institut, das die Stu- welches Stück zu welcher Stimmung gehört, und kann mit
denten scherzhaft »Universität für Stress und Spannung« der Zeit wie ein menschlicher Musikliebhaber durch bloßes
nennen, haben wir Lernalgorithmen gezielt darauf trainiert, Zuhören die Stimmung jedes Lieds angeben.

82  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


Auf Basis dieser Forschung haben frühere Studenten und terial für Zaras Training umfasste hunderte Stunden akusti-
ich die Firma Ivo Technologies gegründet, die einfühlsame scher Daten, aber heute läuft das Programm auf einem einzi-
Maschinen für den häuslichen Gebrauch entwickelt. Das ers- gen Desktop-Computer. Zara ist derzeit ein virtueller
te Produkt namens Moodbox wird ein intelligentes Multime- Roboter, der als Comicfigur auf dem Bildschirm agiert.
diagerät sein, das in jedem Zimmer Musik und Beleuchtung Wenn man eine Unterhaltung mit Zara beginnt, sagt sie:
den Emotionen des Nutzers anpassen kann. »Bitte warte, während ich dein Gesicht analysiere.« Zaras Al-
Um allerdings Humor, Sarkasmus, Ironie und andere kom- gorithmen bestimmen mit Hilfe der Computerkamera Ge-
plexe Eigenschaften menschlicher Kommunikation zu verste- schlecht und ethnische Zugehörigkeit des Gesprächspart-
hen, muss eine Maschine neben den rein akustischen Signa- ners. Dann testet sie, welche Sprache er spricht – Zara ver-
len auch verborgene emotionale Bedeutungen der Wörter und steht Englisch, Mandarin und ein wenig Französisch – und
Sätze erkennen. Zunächst konnten wir für unsere Analyse auf stellt ein paar Fragen und Aufgaben: »Was ist deine früheste
bereits vorhandene Algorithmen zurückgreifen, die den Ge- Erinnerung?«, »Erzähl mir von deiner Mutter!«, »Wie war
fühlsgehalt von schriftlichen Onlinekommentaren erfassen. dein letzter Urlaub?«, »Erzähl mit eine Geschichte mit einer
Solche Lernalgorithmen suchen im Text nach verräterischen Frau, einem Hund und einem Baum!« Auf Grund des Ge-
Schlüsselworten wie »Sorge« oder »Furcht« und schließen da- sichtsausdrucks des Gegenübers, seiner Stimmeigenschaf-
raus auf Einsamkeit. Wiederholter Gebrauch von Slangphra- ten und des Inhalts der Antworten lernt Zara, sich auf eine
sen wie »c’mon« – etwa »los«, »mach schon« – verleiht wiede- Weise zu unterhalten, die Empathie imitiert. Nach fünf Mi-
rum Popsongs einen energischen Charakter. nuten Zwiesprache versucht Zara dann, die Persönlichkeit
In unserem Bemühen, die Stimmung eines Lieds zu ver- des Gesprächspartners zu erraten und fragt ihn, was er von
mitteln, trainierten wir entsprechend die Algorithmen, nicht einfühlsamen Maschinen hält. Auf diese Weise sammeln wir
nur in der Musik, sondern auch im Text emotionale Hinweise Informationen über die Interaktion zwischen Menschen und
aufzuspüren. Wir entnahmen dem Liedtext Wortketten – so Frühformen empathischer Roboter.
genannte n-Gramme – und fütterten damit Textklassifizierer, Zara ist ein Prototyp, doch da sie auf Lernalgorithmen be-
die jeweils für eine der 14 Stimmungen zuständig sind. Die ruht, wird sie mit jedem Gespräch klüger und einfühlsamer.
Wortketten markierten wir so, dass der Algorithmus sie als Gegenwärtig beruht ihre Datenbasis nur auf Ergebnissen aus
Teil des Liedtexts erkennt, den er klassifizieren soll. Computer Interaktionen mit Studenten meines Labors. Demnächst soll
können aus n-Grammen und Textteilmarkierungen statisti- Zara einen Körper bekommen, indem wir sie in einem men-
sche Näherungen für die grammatischen Regeln einer belie- schenähnlichen Roboter installieren.
bigen Sprache bilden; mit diesen Regeln erkennen Program- Natürlich liegt das Zeitalter freundlicher Roboter noch in
me wie Siri gesprochene Inhalte, und eine Software wie weiter Ferne. Wir entwickeln gerade erst die primitivsten
Google Translate übersetzt den Text in eine andere Sprache. Voraussetzungen für Maschinen mit emotionaler Intelli-
genz. Aber auch von Zaras verbesserten Nachkommen soll-
Verständnisvolle Roboter ten wir keine Perfektion erwarten. Ich halte das gar nicht für
Sobald eine Maschine den Inhalt versteht, kann sie ihn mit erstrebenswert. Wichtig ist, dass unsere Maschinen den
der Art und Weise vergleichen, in der er gesprochen wird: Menschen ähnlicher werden – und die sind bekanntlich
Antwortet jemand auf eine Frage sicher und deutlich oder nicht vollkommen.  Ÿ
zögernd, stockend und ausweichend? Sind die Antworten
ausführlich und detailliert oder kurz angebunden? Wenn
DI E AUTORI N
eine Person seufzt und sagt »Ich bin ja so froh, dass ich am
Wochenende arbeiten muss«, dann entdeckt der Algorith- Pascale Fung ist Professorin für Elektronik und
mus den Widerspruch zwischen Emotion und Inhalt und Computertechnik an der Hong Kong University
of Science and Technology. Als Spezialistin für
rechnet die Wahrscheinlichkeit dafür aus, dass der Satz iro- Mensch-Maschine-Kommunikation wurde sie
nisch gemeint ist. zum Mitglied des Institute of Electrical and
Außerdem kann die Maschine durch Vergleich des Ge- Electronics Engineers (IEEE) sowie der Interna-
tional Speech Communication Association
sprochenen mit anderen Informationen komplexere Absich- (ISCA) gewählt.
ten entdecken. Wenn jemand sagt »Ich habe Hunger«, ermit-
telt der Roboter die beste Antwort, indem er unter anderem QUELLEN
Ort, Tageszeit und frühere Vorlieben des Nutzers berücksich-
Su, D. et al.: Multimodal Music Emotion Classification using Ada-
tigt. Sind die beiden zur Mittagszeit daheim, könnte der Ro- Boost with Decision Stumps. In: 2013 IEEE International Conference
boter antworten: »Soll ich dir ein Sandwich machen?« Wenn on Acoustics, Speech and Signal Processing (ICASSP 2013),
Roboter und Nutzer gerade unterwegs sind, fragt die Maschi- Vancouver, Mai 2013
Zuo, X. et al: A Multilingual Database of Natural Stress Emotion.
ne vielleicht: »Soll ich ein Restaurant suchen?« In: Eighth International Conference on Language Resources and
Anfang 2015 kombinierten Forscher in meinem Labor alle Evaluation (LREC 2012), Instanbul, Mai 2012
diese Module für Spracherkennung und Einfühlung, um ei-
nen Prototyp zu schaffen, den wir Zara nennen. Das Lernma- Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1382049

WWW.SPEK TRUM .DE 83


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WISSENSCHAFT IM RÜCKBLICK Technikgeschichte des Deutschen Museums

bildung der Naht am Stirn- ken, daß diese Häufigkeit


bein soll bekannt gemacht weniger in der geistigen Be-
werden. Mit der zwischen gabung als in dem Umstan-
Stirnbein und Scheitelbein de begründet ist, daß man in
verlaufenden Naht bildet die den deutschen Museen die
Stirnnaht ein Kreuz. Der Schädel mit den Stirnnähten
Volksglaube hält die Kreuz- aufbewahrt, während man
Das Kreuz naht für ein Zeichen beson- von Schädeln ohne Stirnnäh-
mit der Intelligenz derer geistiger Fähigkeiten. te nur so viele behält, als
»Nicht mit der Herkunft der Zur Ehre der deutschen Nati- man eben braucht.«  Kosmos
Schädel wollen wir uns be- on behauptet Welcker, daß 3, 1916, S. 48 – 50
schäftigen, sondern die über- an ihren Köpfen die Stirn-
raschende und in ihrer Voll- naht am häufigsten vorkom- Menschlicher Schädel
kommenheit seltene Aus- me. Mich will es aber dün- mit Kreuznaht.

Die Ameise als Wasserratte Jetzt knallt’s!


»Bisher war man der Meinung, daß diese Baumeister sich »Eine während des gegenwärtigen Krieges vielfach bemerkte
nur an das trockene Land halten. Da kommt die Kunde über- Erscheinung besteht in der Verdoppelung des Knalles von
raschend, daß man Ameisen gefunden hat, die die Feuchtig- Gewehr- und Kanonenschüssen. Dies beruht, wie Agmes aus-
keit suchen. W. Bönner fand auf einem schwer zugänglichen führt, darauf, daß die modernen Geschosse eine größere Ge-
Moore eine Art, welche sich aus den Blättern des Torfmoores schwindigkeit als der Schall besitzen. Das Geschoß zieht auf
kleine Hügel erbaut und den Verkehr mit dem festen Land zu seiner Bahn durch die Luft eine Erschütterungswelle mit sich,
meiden scheint. Die Ameisen zeigten sich als schlanke kleine welche nahezu die Gestalt eines Kegels besitzt. Diese gelangt
Geschöpfe von der Farbe altgewordenen Torfspeckes, sie zuerst zum Ohr des Beobachters und darauf erst die Schall-
glänzten wie eingeölt und waren stellenweise mit weißen, welle, welche von der Mündung des Gewehrs oder des Ge-
seidig schimmernden Haaren bedeckt, zwischen denen sich schützes ausgeht. So kommen zwei Schallempfindungen
goldgelbe Borsten erhoben.«  Prometheus 1371, 1916, S. 304 nacheinander zur Wirkung.«  Die Umschau 6, 1916, S. 116

Energie aus Granit


»Während sich die Mensch- Quelle gefunden zu haben. Granit die Energiequelle der
heit Sorgen wegen der frü- Dr. William F. Libby von der Zukunft sein werde. Durch
her oder später unvermeid- Kommission für Atomener- eine Methode der Atomspal-
lichen Erschöpfung der gie erklärte, die jüngsten For- tung könne der Granit eine
Kohlen- und Oelvorräte der schungen liessen erhoffen, Heizkraft entwickeln, die menge Kohle besitze.«  Neu-
Erde macht, glauben ameri- dass der allenthalben in rei- etwa den fünfzigfachen Wert heiten und Erfindungen 356, 1966,
kanische Forscher eine neue chen Mengen vorhandene einer gleichen Gewichts- S. 15

Von hinten betrachtet Der richtige Riecher


»Nachdem von ›Lunik 3‹ 1959 erstmals Teile der Rückseite »Das Geruchsvermögen des Fuchses gestattet ihm, seine
des Mondes aufgenommen worden waren, hat der sowjeti- Beute zu vergraben und nach längerer Zeit wieder aufzuspü-
sche Raumflugkörper ›Sonde 3‹ weitere ren. Dabei riecht er eingesandete Vögel oder Kaninchen etwa
5 Millionen km2 photographiert. Die 10 m, Eier maximal 3 m gegen den Wind. In den Dünen von
Lunik-Photos bewiesen, daß die ›Rück- Revenglass wurden von einem Forscherteam in Abständen
seite‹ des Erdtrabanten von der ›Vorder- von 10 m hundert nahezu frische Hühnereier eingegraben
seite‹ nicht grundsätzlich verschieden und dazu ebensoviel ›Scheinverstecke‹ angelegt, in denen
ist. Die Sonde-Bilder ergänzen das Bild keine Eier lagen. Einen Monat später gruben zwei Füchse acht
über den Westrand hinaus. Man er- Verstecke aus, rührten jedoch kein einziges Scheinversteck
kennt eine Fülle von Kratern verschie- an. Zum Vergleich konnten Igel beobachtet werden, die im
dener Größenordnungen, alle zeigen gleichen Zeitraum 12 Eier ausgegraben hatten. Ihr Geruchs-
Die erste veröffentlichte Auf- die gleichen Formen, wie von der Vor- vermögen war aber geringer; sie konnten die Eier höchstens
­­nahme der Mondrückseite. derseite bekannt.«  Kosmos 2, 1966, S. 38 – 41 aus 50 cm Entfernung aufspüren.«  Die Umschau 3, 1966, S. 95

WWW.SPEK TRUM .DE 85


REZENSIONEN

Armin Eich Spuren von Hieb- und Stichwaffen auf­


Die Söhne des Mars weisen. An ihnen sind Verletzungen er­
Eine Geschichte des Krieges von der kennbar, die von Pfeilspitzen aus Bron­
Steinzeit bis zum Ende der Antike ze oder Feuerstein herrühren; zudem
C.H.Beck, München 2015 tauchten Reste von Keulen, Lanzen und
281 S., € 24,95 Schwertern auf. Die Überbleibsel meh­
rerer Pferde belegen, dass einige Kon­
trahenten beritten waren.
Scharfsinnig und kompetent unter­
sucht Eich die Zusammenhänge zwi­
GESCHICHTE schen dem sich entwickelnden Rohstoff­
handel, der frühen Staatlichkeit und der
Krieger-Gene gibt es nicht Monetarisierung des Kriegsgeschehens
in klassischer Zeit. Er zeigt Ursachen für
die intensiver werdende Gewalt in den
Eine historische Aufarbeitung militärischer Auseinandersetzungen belegt:
militaristischen Staaten der Antike auf
Krieg als soziales Verhalten entstand erst relativ spät.
und erläutert am Beispiel unterschiedli­
cher Arten zu kämpfen die zunehmende

F ür den englischen Philosophen und


Staatstheoretiker Thomas Hobbes
(1588 – 1679) war unsere Entwicklung
mit Waffen ausgetragene kollektive
­Gewaltanwendung zwischen Staaten
beziehungsweise zwischen sozialen
Professionalisierung des Krieges.
Von den Streitwagenarmeen der spä­
ten Bronzezeit geht der Autor auf die
von Anfang an ein »Krieg aller gegen Gruppen. schwerbewaffnete, kompakte Hopliten­
alle«, in dem »der Mensch … dem Men­ Nach Eichs Definition gibt es für die phalanx über – eine Schlachtformation,
schen ein Wolf (ist)«. Diese Ansicht teilt frühen Jahrtausende keine Nachweise die seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. über­
Althistoriker Armin Eich im vorlie­ für »regelrechte Kriege«. Dennoch stel­ all in der griechischen Poliswelt domi­
genden Buch nicht. Schlachtenschilde­ le diese Ära – vor allem die Bronzezeit nierte. Eine kriegstaktische Neuerung
rungen oder Studien über große Feld­ (2200 – 800 v. Chr.) – eine wichtige Vor­ war der »dynamisierte Infanteriekrieg
herren sucht man in seinem Werk ver­ laufphase dar, in der sich die entfesselte in nachklassischer Zeit«, Mitte des 4.
gebens. Eich, der an der Bergischen Gewalt späterer Zeiten sowohl ökono­ Jahrhunderts v. Chr. erstmals unter
Universität Wuppertal lehrt, geht es misch als auch technologisch anbahnte. dem Makedonenkönig Philipp II. prak­
vielmehr darum, »die Umstände und In der Antike dann wurde der Krieg tiziert. Er zeichnete sich durch kombi­
Dynamik nachzuvollziehen, die im zum »Vater aller Dinge« und dominier­ nierten Einsatz verschiedener Waffen­
gattungen aus. Noch mehr Schlagkraft
Die ältesten Belege für eine Schlacht in Mitteleuropa datieren und Disziplin erreichten die Römer im
2. Jahrhundert v. Chr., indem sie flexib­
dem Autor zufolge auf 1300 bis 1250 v. Chr. Damals kämpften
le Kampfverbände (Manipel) innerhalb
im Tollensetal offenbar hunderte Menschen gegeneinander
von Legionen einführten (Manipular­
taktik) und Torsionsgeschütze wie Bela­
Laufe einiger Jahrtausende den Krieg te alle Bereiche des gesellschaftlichen gerungsmaschinen einsetzten. Schließ­
zu einem den Alltag der Menschen do­ Lebens. lich befasst sich der Autor mit den trau­
minierenden Phänomen machten«. Fundiert erläutert der Autor die ein­ matisierenden Verhältnissen eines dau-
Der Autor geht von der These aus, schlägigen Forschungsergebnisse, be­ erhaften, entgrenzten Kriegszustands,
dass Krieg nicht etwa der menschlichen schreibt die Auswirkungen verbesserter der organisierte Gewalt in der Antike zu
Natur genuin innewohnt, sondern his­ Waffentechnik und Strategie in der einem ausweglosen Schicksal machte.
torisch erst relativ spät als soziales Ver­ Bronzezeit. Dabei spürt er jenen Trieb­ In einer Zeit, in der laut Stockholmer
halten entstand. Vor diesem Hinter­ kräften nach, die die Entwicklung mili­ Friedensforschungsinstitut SIPRI welt­
grund untersucht er verschiedene tärischer Gewalt wesentlich vorantrie­ weit Kriege und militärische Aufrüstung
­Formen menschlicher Gewalt vom Neo­ ben und die kriegerische Dynamik for­ zunehmen, ist Eichs spannendes Buch,
lithikum bis in die Spätantike (6. Jahr­ cierten. das auf der Höhe der wissenschaftlichen
tausend v. Chr. – 1. Jahrtausend n. Chr.). Die ältesten Belege für eine Schlacht Forschung steht, hochaktuell.
Dabei unterscheidet er zwischen spon­ in Mitteleuropa datiert er auf 1300 bis
taner Aggressivität in prähistorischen 1250 v. Chr.: Im Tollensetal in Mecklen­ Theodor Kissel
Gesellschaften und geplantem Krieg in burg-Vorpommern (Landkreis Dem­ Der Rezensent ist promovierter Althistoriker,
den Staaten der klassischen Antike. min) haben Archäologen die Knochen Sachbuchautor und Wissenschaftsjournalist;
Letzteren versteht er als organisierte, hunderter Personen gefunden, die er lebt in der Nähe von Mainz.

86  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


Matthias Schickhofer Urwälder, von Instabilität geprägt: Bor­
Unser Urwald kenkäferplagen und Stürme verursa­
Die letzten wilden Wälder im Herzen Europas chen in ihm verheerende Schäden, und
Brandstätter, Wien 2015 zwar mit zunehmender Häufigkeit.
208 S., € 34,90 Dass diese Entwicklung keine gute
ist, darauf kommt Schickhofer schon
früh zu sprechen und positioniert sich
damit politisch und wirtschaftskritisch.
Er warnt vor dem »Biomasseboom«, der
gefährliche Kippeffekte in der Erder-
ÖKOLOGIE wärmung auslösen könne, und führt
­illegale Rodungen in den letzten Ur­
Botschafter einer alten Welt wäldern Mittelosteuropas, vor allem in
Rumänien und der Westukraine, auf
Korruption zurück.
Naturfotograf Matthias Schickhofer lädt in diesem Band zu einer 
Schickhofer macht anhand von Zah­
bildgewaltigen Rundreise durch die letzten europäischen Urwälder.
len und Fakten deutlich, dass der Schutz
der europäischen Urwälder stärker in

V or rund 12 000 Jahren verbreitete Kiefer­, Ulme und Erle tastet er sich an den Fokus rücken sollte. Seine Erörte­
sich der sesshafte Lebensstil. Da­ den natürlichen Eichenmischwald her­ rungen sind aufschlussreich, sieht man
mit begann die Geschichte der großen an und kommt schließlich auf den einmal davon ab, dass weltweit zwi­
Kahlschläge des Landes, und damit be­ »neuen Wald« zu sprechen, womit er schen 2000 und 2013 natürlich nicht
ginnt auch das vorliegende Buch. Der den all­gegenwärtigen Nadelbaumforst »ganze 230 Millionen Quadratkilometer
Umweltschützer und Naturfotograf meint. Der ist, anders als die hiesigen an Wald« ausgelöscht worden sind, wie
Matthias Schickhofer nimmt seine Le­
ser mit auf eine Zeitrafferreise durch
die Geschichte der europäischen Wäl­ Ein Urwaldrelikt in Hessen, im Nationalpark Kellerwald-Edersee. Steilhänge
der. Über Pioniergehölze wie Birke, haben manche Buchen- und Eichenwälder davor bewahrt, gerodet zu werden.

MATTHIAS SCHICKHOFER, AUS MATTHIAS SCHICKHOFER: UNSER URWALD; MIT FRDL. GEN. DES BRANDSTÄTTER-VERLAGS, WIEN

WWW.SPEK TRUM .DE 87


REZENSIONEN

Paul D. Taylor, Aaron O’Dea


Die Geschichte des Lebens in 100 Fossilien
Aus dem Englischen von Gudrun Kräbs
Theiss, Darmstadt 2015. 224 S., € 39,95
Die Paläontologen Paul D. Taylor und Aaron O’Dea stellen ihre persönliche Auswahl der bedeutendsten
Fossilien vor. Anhand von 100 Zeugnissen der Erdgeschichte zeigen sie, wie sich Mikroben, Pflanzen,
Tiere und Pilze entwickelt haben, während die Umwelt immer wieder massive Veränderungen erfuhr.
Das Buch führt den Leser gut verständlich durch mehrere Milliarden Jahre Lebensgeschichte und
überspannt das Spektrum von den ersten Mikroorganismen bis zu unseren vermutlichen Vorfahren.
Jedem Fossil widmen die Autoren eine Doppelseite, auf der sie beeindruckende Fotos und erklärenden
Text präsentieren. Manche Aufnahmen sind wunderschön und bezaubernd, andere bizarr bis grotesk;
die optische Gestaltung aber bleibt in jedem Fall klar und modern. Ein spannendes Werk für alle, die
sich für die Entwicklung des Lebens interessieren – auch wenn sie nur über wenig Vorwissen verfügen.
 FRANZISKA MÜSCHENICH

Kultur-und Stadthistorisches Museum Duisburg, Mercator-Gesellschaft (Hg.)


Häuser der Weisheit – Wissenschaft im Goldenen Zeitalter des Islam
Nünnerich-Asmus, Mainz 2015. 80 S., € 17,90
Die (Universal-)Gelehrten im »goldenen Zeitalter des Islam« (750 – 1258) nahmen Wissen aus unter-
schiedlichsten Kulturen und Epochen auf und entwickelten es weiter. Dabei entstand eine Wissen-
schaft, die nicht nur den islamischen Kulturkreis, sondern auch Europa prägte. Die Autoren bieten einen
umfassenden Blick auf diese faszinierende Zeit und lassen eine hier zu Lande weit gehend unbekannte
Wissenschaftstradition lebendig werden. Dabei befassen sie sich mit den Gebieten der Astronomie,
Geografie, Numismatik, Chemie, Mathematik, Alchemie und Astrologie. Zahlreiche ansprechende Bilder
machen das Buch lebendig. Das Werk ist nicht nur für wissenschaftshistorisch, sondern auch für reli­
gionshistorisch Interessierte lesenswert, indem es das reiche kulturelle Erbe der islamischen Welt
beleuchtet. CHRISTIAN HELLMANN

Leopold Mathelitsch, Sigrid Thaller


Physik des Sports
Wiley-VCH, Weinheim 2015. 198 S., € 24,90
Welche Kraft wirkt auf einen Turner beim Felgumschwung oder auf einen Skispringer beim Verlassen
der Schanze? Warum versuchen Ballsportler, ihren Schüssen oder Würfen einen Drehimpuls zu verlei-
hen? Über solche Fragen haben die Sportwissenschaftlerin Sigrid Thaller und der Physiker und Didak­
tiker Leopold Mathelitsch zwischen 2006 und 2015 immer wieder Artikel in der Zeitschrift »Physik in
unserer Zeit« veröffentlicht. Im vorliegenden Buch haben sie diese zusammengetragen und überarbei-
tet. Entstanden ist ein gelungenes Sachbuch. Die Texte richten sich nicht an Laien, sondern an Sport­
interessierte mit solider Vorbildung in Physik. Sportliche Themen werden detailliert betrachtet und
sowohl physikalisch berechnet als auch aus Perspektive der Sportwissenschaft behandelt. Wem das
noch nicht ausreicht, der findet zusätzlich Literaturverweise zu Fachpublikationen. KATRIN HOCHBERG

Florian Werner
Schnecken. Ein Portrait
Matthes & Seitz, Berlin 2015. 151 S., € 18,–
Ihr Name lässt anderes vermuten, aber die Zahnlose Schließmundschnecke (Balea perversa) ist ein
recht hübsches Tier. Porträts von ihr und vielen anderen Weichtieren finden sich im neuen Band der
bibliophilen Buchreihe »Naturkunden«. Der Literaturwissenschaftler Florian Werner schreibt darin
kurzweilig über die große Klasse der Schnecken, die mit bewundernswerter Beständigkeit mehrere
Massenaussterben überlebte und schon länger existiert als die Faltengebirge dieser Erde. Das Büchlein,
fein und farbig bebildert, bietet süffigen Feuilletonstil und gut dosierte biologische Fakten. Man
erfährt, dass Schnecken unterschiedlichen Schleim produzieren, je nachdem, ob sie gleiten oder haften
möchten. Man liest, warum sie sich beim Liebesspiel Kalkpfeile in den Körper rammen. Und man lernt,
dass sie die moderne Architektur stärker beeinflussten als alle anderen Tiere. ILONA JERGER

88  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


es im Buch heißt. Da die gesamte Land­ voll ist, dass der Autor klar benennt, wo den verständlich und nicht mit Fakten
fläche der Erde nur rund 150 Millionen heute noch Rotbuchen-, Fichten- und überladen. Hier und da wünscht man
Quadratkilometer beträgt, kann der Au­ andere Wälder in weit gehend urwüch­ sich mehr Ausführlichkeit; manchen
tor hier nur Hektar meinen, wie auch siger Form zu finden sind. Wenn er da­ Orten widmet der Autor nur eine Drit­
der weitere Kontext vermuten lässt. von berichtet, was er an diesen Orten telseite. Dennoch bietet das Werk eine
Fest steht, dass mit dem Wald­ erlebte, nimmt das mitunter reportage­ sinnlich anregende und erfreuende
schwund zahllose Tier- und Pflanzenar­
ten verloren gehen. Schickhofer möch­ In Urwäldern gibt es nicht nur Baumriesen zu sehen, sondern
te darauf aufmerksam machen und
auch andere wenig vertraute Organismen: Leberblümchen,
spricht die Probleme an, ohne jedoch
Zunderschwämme, Feuersalamander oder Tausendfüßer
allzu sehr in die Tiefe zu gehen. Statt­
dessen versucht er die Leser emotional
abzuholen. Seine fantastischen Fotos ähnlichen Charakter an. Schickhofer Lektüre. Wen beim Lesen die Abenteu­
zeigen märchenhafte Waldwelten, die präsentiert Links zu Internetseiten, auf erlust packt, der findet im Kapitel »Ver­
faszinieren, neugierig machen und denen man mehr über die europäi­ wunschene Wege« viele Reiseziele,
Sehnsüchte auslösen. Der Autor fördert schen Urwälder erfährt. Er hat dort -tipps und Adressen für eigene Expe­
das, indem er in seinen Texten beinahe nicht nur Baumriesen abgelichtet, son­ ditionen, zum Beispiel in den Uholka-
poetische Töne anschlägt: »Im Wald wa­ dern auch eher unscheinbare Organis­ Urwald der Ukraine. Ein lohnendes und
chen riesenhafte Buchen über grünen men, die kaum noch jemand aus direk­ farbenfrohes Werk, das Einblicke in
Hallen, in Auslichtungen wachsen die ter Anschauung kennt: Leberblümchen, die letzten Wildnisgebiete Europas ge­
jungen Buchen um die Wette.« Zunderschwämme, Feuersalamander währt.
Immer wieder sind Fakten einge­ oder Tausendfüßer.
streut wie wissenschaftliche Namen, In dem hochwertig verarbeiteten Rosana Erhart
Bestandszahlen, Hektarangaben und Buch lösen sich Texte und Bilder in Die Rezensentin ist Biologin und Wissen-
Auszüge aus Studien. Besonders reiz­ dichter Folge ab. Die Sprache ist für je­ schaftsjournalistin in Heidelberg.

Arnold van de Laar Präzisionschirurgie von heute entwi­


Schnitt! ckelt haben, stellt van de Laar im Zeit­
Die ganze Geschichte der Chirurgie erzählt raffer dar.
in 28 Operationen Im Mittelalter gehörten Chirurgen
Aus dem Niederländischen von Bärbel Jänicke noch in dieselbe Gilde wie Haarschnei­
Pattloch, München 2015 der, Schlittschuh- und Holzschuhma­
432 S., € 19,99 cher. Heute zählen sie zwar zu den
­angesehensten Berufsgruppen, doch
Handwerker sind sie immer noch: Die
Geschicklichkeit ihrer Hände entschei­
MEDIZIN det über Leben und Tod der Patienten.
Komme es bei einer OP zu Kompli­
Vom Öffnen des Körpers kationen, sei der behandelnde Chirurg
durch das moderne Medizinrecht ge­
schützt, schreibt van de Laar. Zumindest
Ein Chirurg erklärt, wie sich sein Fach über Jahrhunderte hinweg
so lange, wie er seiner »Bemühungsver­
verändert hat – Schnitt für Schnitt.
pflichtung« hinreichend nachgekom­
men sei. Vor rund 4000 Jahren dagegen

D er niederländische Chirurg Arnold schen Erzählweise macht sich ein selt­


van de Laar beschreibt im vorlie­ sames Gefühl in der Magengegend
genden Buch seine Profession. Das tut breit, wenn er zum Besten gibt, wie Chi­
galten in Babylonien die Gesetze des
Hammurabi, laut denen die Arbeit des
Chirurgen als ergebnisorientiert galt: Er
er sehr anschaulich, so dass man wäh­ rurgen früher Beine amputierten: Mit unterlag dem Prinzip »Auge um Auge,
rend des Lesens das Gefühl bekommt, Schlachtermesser und Schaber – und Zahn um Zahn«. Das konnte für ihn
im Operationssaal dabei zu sein. Auch ohne Narkose. Zum Glück sind solche schnell lebensgefährlich werden.
schildert er, wie seine Kollegen in ver­ Szenen in modernen Operationssälen Nach einer langen, von vielen Rück­
gangenen Jahrhunderten ihren Beruf unvorstellbar. Wie sich die blutigen fällen geprägten Entwicklung in Antike,
ausübten. Angesichts seiner plasti­ »Massaker« von einst zur minuziösen Mittelalter und früher Neuzeit führte

WWW.SPEK TRUM .DE 89


REZENSIONEN

man im 19. Jahrhundert die Narkose ein Fachwissen, historischen Fakten und schossene Papst Johannes Paul II. bei
und erkannte die Bedeutung der Hygie­ Anekdoten. Es ist lehrreich, unterhal­ seiner Bauchoperation buchstäblich
ne. Neue Methoden wie die Endoskopie tend und hochspannend zugleich. Ein­ Kopf?
setzten sich durch. Mit der Zeit konnten zelne Fremdwörter erklärt der Autor in Die »Top 10« fiktiver Chirurgen
Chirurgen so mehr und mehr Men­ separaten Textboxen, ebenso wie wei­ schließt den gelungenen Band ab. Dar­
schen retten. Die Geschichten einzelner tere wissenswerte Informationen, die unter sind Viktor Frankenstein, Dr. Leo­
Patienten – ob Berühmtheiten oder zum Verständnis des Texts beitragen. nard »Pille« McCoy sowie Ash, der Wis­
»einfache« Bürger – nehmen einen gro­ Ein ausführliches Glossar enthält alle senschaftsoffizier an Bord des Raum­
ßen Teil des Buchs ein. Van de Laars de­ verwendeten Fachausdrücke. schiffs Nostromo in Ridley Scotts
tailreiche Beschreibungen der Verlet­ »Schnitt!« entpuppt sich als Gewinn »Alien«. Mit Blick auf die Sciencefiction
zungen und ihrer jeweiligen chirurgi­ für alle am Thema Interessierten. Nicht und ihre abgehobenen Visionen für die
schen Behandlung sind teils skurril, zuletzt deshalb, weil es viele medizini­ Medizin verspricht van de Laar, dass
teils überraschend und manchmal er­ sche Rätsel auflöst: Wieso wies John F. niemals ein Roboter den Chirurgen er­
schreckend, zumindest wenn man als Kennedys Leiche bei zwei Durchschüs­ setzen könne. Ein beruhigendes Fazit.
Leser über ausreichend Fantasie ver­ sen nur drei Schusswunden auf? Wes­
fügt, sich in die Patienten von damals halb schaffte es Kaiserin Sissi, ihr Schiff Franziska Müschenich
hineinzuversetzen. nach Montreux rechtzeitig zu errei­ Die Rezensentin hat Biologie und Kogni­
Das Buch besticht durch eine span­ chen, obwohl ihr eine Feile ins Herz ge­ tionswissenschaften studiert und arbeitet als
nende Mischung aus medizinischem stoßen wurde? Warum stand der ange­ Wissenschaftsjournalistin in Köln.

Adalbert W. A. Pauldrach physikprofessor Adalbert Pauldrach,


Das dunkle Universum der an der Ludwig-Maximilians-Uni­
Der Wettstreit Dunkler Materie und Dunkler Energie: versität München wirkt, eine gründli­
Ist das Universum zum Sterben geboren? che Darstellung des derzeitigen Wis­
Springer Spektrum, Berlin 2015 sens über die »dunklen« Kräfte – und
527 S., € 29,99 wagt am Ende eine kühne Hypothese
über deren Wesen.
Sehr ergiebig ist Pauldrachs detail­
lierte Erklärung, inwieweit sich Super­
novae 1a als Standardkerzen eignen,
KOSMOLOGIE denn davon hängt ja der Nachweis der
beschleunigten Expansion ab. Hier
Eine eigenwillige Darstellung der spricht ein Fachmann, und der interes­
sierte Leser lernt Details kennen, über
modernen Astrophysik die populäre Bücher sonst gern hin­
weggehen.
Das Universum besteht zum Großteil aus zwei »dunklen« Komponenten, Eine große Rolle für Pauldrachs Er­
klärung der »dunklen« Bestandteile des
deren Wesen noch ungeklärt ist. Dennoch sind sie aus der modernen Kos-
Kosmos spielt der Begriff des negativen
mologie nicht wegzudenken.
Drucks. Kosmologen nennen einwärts
wirkenden Druck positiv – zum Beispiel

E nde der 1990er Jahre machten As­ terschätzt hatte. Daraus wiederum den der Atmosphäre, welcher durch das
tronomen eine Entdeckung, die un­ folgt: Das Universum dehnt sich schnel­ Gewicht der Lufthülle auf irdische Ob­
ser Bild des Universums radikal verän­ ler aus als angenommen – die kosmi­ jekte ausgeübt wird. Die Definition ver­
dert hat: Die scheinbare Helligkeit weit sche Expansion verläuft beschleunigt. wirrt auf den ersten Blick, da wir im All­
entfernter Supernovae des Typs 1a ist Der Grund dafür ist nicht bekannt tag Luftballons aufblasen oder den Rei­
geringer, als sie eigentlich sein sollte. und hat den Namen »Dunkle Energie« fendruck messen und darum Druck
Da die absolute Helligkeit dieser Him­ bekommen. Sie macht zusammen mit normalerweise als auswärts wirkenden
melsobjekte so genau bekannt ist, dass der seit den 1930er Jahren postulierten (Gegen-)Druck erleben.
sie als »Standardkerzen« zur astrono­ »Dunklen Materie«, welche sich nur Indem die Gravitation alle Massen
mischen Entfernungsbestimmung die­ durch ihre Schwerkraft verrät, den zusammenzieht, übt sie also einen po­
nen, konnte das nur bedeuten, dass größten Teil des Universums aus. Im sitiv nach innen wirkenden Druck aus,
man ihre tatsächliche Entfernung un­ vorliegenden Buch liefert der Astro­ der im kosmologischen Maßstab be­

90  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


strebt ist, die Expansion des Weltalls zu Nachdruck, dass der Verlag in einer Vor­
bremsen. Wenn das Universum nun be­ bemerkung eigens auf ihren rein hypo­ SPEKTRUM
schleunigt expandiert, wie es die Beob­ thetischen Charakter hinweist.
achtungen nahelegen, entspricht der Insgesamt hinterlässt Pauldrachs
SAMMELK ASSET TE
dafür verantwortlich gemachten Dunk­ Werk einen zwiespältigen Eindruck. Auf
len Energie ein negativer Druck. jeder Seite vermittelt der Autor große

Pauldrach mutmaßt, der negative Druck der Dunklen Energie


habe etwas mit Anti-Higgs-Teilchen zu tun

Die große Frage ist: Woher stammt Begeisterung für die moderne Kosmo­
er? Als hypothetische Antwort greift logie und versorgt vorgebildete Leser,
Pauldrach eine Vermutung auf, die Gé­ die bereits einschlägige populäre Dar­
raldine Servant von der Universitat Au­ stellungen kennen, mit interessanten,
tonoma de Barcelona (Spanien) und auch optisch hervorragend aufbereite­
Sean Tulin von der University of York ten Details. Doch oft tut er des Guten zu
(England) eigentlich zur Beantwortung viel, wenn seine Begeisterung zu einer
eines ganz anderen Problems vorge­ Inflation von Ausrufezeichen, tollküh­
schlagen haben. Ihnen ging es um die nen Vergleichen und unnötigen Wie­
Dunkle Materie, die sie mit dem Zusam­ derholungen ausufert. Ob seine Über­
menspiel der kürzlich nachgewiesenen zeugung zutrifft, dass sowohl Dunkle
Higgs-Teilchen und deren – vorderhand Materie als auch Dunkle Energie auf
rein hypothetischen – Antiteilchen er­ Higgs- und Anti-Higgs-Teilchen beru­
klären. Pauldrach mutmaßt nun, auch hen, muss die Zukunft zeigen.
der negative Druck der Dunklen Ener-
gie habe etwas mit diesen Anti-Higgs-­ Michael Springer
Teilchen zu tun. Er vertritt seine Ansicht Der Rezensent ist Physiker und ständiger Mit-
­gegen Ende des Buchs mit solchem arbeiter von »Spektrum der Wissenschaft«.

Andreas Wagner
Arrival oft the Fittest
Wie das Neue in die Welt kommt. Über das
größte Rätsel der Evolution
Aus dem Englischen von Sebastian Vogel
S. Fischer, Frankfurt 2015 Die Sammelkassette aus schwarzem
416 S., € 24,99
Kunststoff bietet Platz für 12 bis 15 Hefte. Sie
können darin alle Ihre Spektrum-der-Wis-
senschaft-Hefte und -Sonderhefte aufbe-

BIOLOGIE wahren. Die Sammelkassette kostet € 9,50.

Die verborgene Architektur


des Lebens
Was ist das Geheimnis evolutionärer Neuerungen?

O b die Entstehung des Neuen »das tion, etwa wie sich die ersten Lebensfor­
größte Rätsel der Evolution« ist, men, das Bewusstsein oder der Mensch
wie es im Untertitel des Buchs heißt, sei herausbildeten. Das sind zwar ebenfalls
So erreichen Sie uns:
Telefon: 06221 9126-743
dahingestellt. Es gibt noch andere, Neuerungen, die aber jeweils mit dem
www.spektrum.de/sammeln
E-Mail: service@spektrum.de
ebenfalls nicht kleine Rätsel der Evolu­ Auftauchen neuer Kategorien einher­

WWW.SPEK TRUM .DE 91


REZENSIONEN

Ein möglicher Stamm- grampositive Bakterien halb von Scharen strukturverschiede­

TIM VICKERS, A1 / PUBLIC DOMAIN


Tiere Pilze Chlamydiae
baum des Lebens, Schleimpilze ner, aber funktionsähnlicher Varianten.
Pflanzen Chloroflexi
erstellt auf Basis von Algen Actinobacteria Wagner nennt das »unterschiedliche
Genomsequenzen. Planctobacteria Strukturen mit gleicher Bedeutung«. Le­
Er zeigt, wie die heu- Spirochaetae bewesen könnten somit unzählige Mög­
Protozoen
tigen Lebensformen lichkeiten »durchspielen«, ohne ihre Le­
Fusobacteria
während der Evo- Crenarchaeota bensfähigkeit einzubüßen.
lution aus ursprüng­ »Nanoarchaeota« Cyanobacteria Das heißt, Veränderungen im Geno­
lichen Organismen Euryarchaeota Thermodesulfo- typ müssen nicht zwangsläufig mit ei­
hervorgegangen sein bacteria nem veränderten Phänotyp einherge­
könnten. Acidobacteria hen. Die Robustheit der Organismen
Proteobacteria
»duldet« also ein gewisses Maß an Un­
gingen. Dies zu erklären, zieht der Autor zem eine hoffnungslose Aufgabe gewe­ ordnung, und die wiederum ist unab­
Andreas Wagner, Evolutionsbiologe an sen. Mit Hilfe leistungsfähiger Compu­ dingbare Voraussetzung für Neuerun­
der Universität Zürich, erst gar nicht in ter ist es mittlerweile aber möglich, zu­ gen. Daraus folgt auch, dass es für jedes
Erwägung. mindest einen kleinen Einblick in die zu überwindende Problem, etwa in
Die von Wagner untersuchten Inno­ Architektur des Lebens zu bekommen. Form veränderter Umweltbedingun­
vationen betreffen ausschließlich den Unter anderem fragt der Evolutions­ gen, eine Vielzahl an Lösungsmöglich­
molekularen Bereich. Ein wenig übereif­ biologe, wie viele Aminosäuren man in keiten gibt, was die Wahrscheinlichkeit
rig wirkt daher die Formulierung im einem Protein verändern kann, ohne erhöht, dass eine davon realisiert wird.
Klappentext, der Autor würde »den letz­ dass es seine spezifische Funktion ein­ Das Netzwerk aus Wegen, die Struk­
ten Baustein der Darwinschen Theorie« büßt. Das überraschende Ergebnis: sehr turen mit gleicher Bedeutung verbin­
präsentieren. Schön wärs, wird da wohl viele. Dies geht aus Computermodellen den, existiert nach Wagner im »zeitlo­
mancher Biologe denken! Davon unbe­ hervor, mit denen sich die Auswirkun­ sen, ewigen Bereich der Bibliotheken
nommen stellt die Wandlungsfähigkeit gen von Mutationen simulieren lassen. der Natur. … Es verbirgt sich hinter der
des Lebens, das seit Jahrmilliarden stän­ Mutationen sind auch für Wagner der sichtbaren Pracht aller Lebewesen, und
dig neue Strukturen, Formen und Eigen­ Motor aller Neuerungen, da sie die – im doch geht alle diese Pracht von ihm
schaften hervorbringt, tatsächlich ein besten Fall – vorteilhaften (phänoty­ aus.« Wenn Wagner erörtert, dass sich
großes Mysterium dar. Diesem widmet pischen) Veränderungen verursachen, diese Netzwerke durch »Selbstorgani­
sich der Autor auf gut 400 nicht immer welche die natürliche Selektion an­ sation« gebildet haben, dann ist das kei­
leicht zu lesenden Seiten. schließend lediglich bewahrt. ne wirkliche Erklärung für ihre Entste­
Wagner kritisiert, die Biologie habe Wagner verdeutlicht das am Beispiel hung. Wenn er am Ende gar schreibt,
ihren Fokus bisher zu sehr darauf gelegt, sauerstoffbindender Proteine, der Glo­ »dass die Kreativität des Lebendigen
Genotypen zu untersuchen, und da­ bine. Diese kommen in vielen Lebewe­ sich aus einer Quelle speist, die älter als
rüber die Phänotypen vernachlässigt. sen vor (in unserem eigenen Blut in das Leben ist, ja sogar älter als die Zeit«,
»Wenn wir die Innovationsfähigkeit ver­ Form von Hämoglobin) und können trägt das schon metaphysische Züge.
stehen wollen, dürfen wir die Komplexi­ trotz unterschiedlicher Aminosäure­ Hier verlässt Wagner den Bereich des
tät der Phänotypen nicht außer Acht las­ sequenzen alle Sauerstoff binden und empirisch Prüfbaren.
sen (...).« Zugleich ist er sich der Tatsache transportieren. Selbst Globine aus so Wagners Forschung hat viel mit Bio­
bewusst, dass »die Zusammenhänge verschiedenen Lebewesen wie Lupinen informatik und wenig mit traditionel­
zwischen Genotyp und Phänotyp … so und Insekten, deren Aminosäurese­ ler Biologie zu tun. Sein Buch ist zum
kompliziert (sind), dass es unser Vorstel­ quenzen nur noch zu zehn Prozent Teil schwer verständlich und bleibt oft
lungsvermögen überschreitet.« übereinstimmen, haben diese Fähigkeit. merkwürdig abstrakt. Auch er kann kei­
Folgt man dem Autor, muss man Auf­ Der Autor bezeichnet das als Robust­ ne echte Erklärung für die Entstehung
bau und Wirkung der Moleküle inner­ heit und sieht diese eng an Komplexität des Neuen liefern, sondern lediglich be­
halb eines Organismus genau kennen, gebunden. Je komplexer ein Lebewesen, schreiben, was auf molekularer Ebene
um zu verstehen, wie es während der schreibt er, desto größer sei seine Wider­ während eines Neuerungsprozesses ge­
Evolution zu Neuerungen kommen standsfähigkeit gegenüber Veränderun­ schieht. Davon abgesehen gewährt er
kann. Wagner wendet sich bei seinen gen. Was im ersten Moment wie ein Wi­ uns interessante Erkenntnisse und Ein­
Untersuchungen drei Bereichen zu: dem derspruch klingt, bildet Wagners Kern­ blicke in Genetik und Bioinformatik.
Stoffwechsel, den Proteinen sowie der these. Die Robustheit, schreibt er,
Steuerung der Genaktivität. Angesichts ermögliche den Lebewesen, die Netz­ Eckart Löhr
der ungeheuren Vielzahl möglicher werke ihrer Proteinsynthese, ihrer Gen­ Der Rezensent hat Philosophie und Germa-
Strukturen und Wirkungsweisen wären regulation oder ihres Stoffwechsels stark nistik studiert. Er lebt in Essen und arbeitet
derartige Untersuchungen bis vor Kur­ zu modifizieren – nämlich jeweils inner­ unter anderem als Fachjournalist.

92  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


Martin Kuckenburg der Schriftgeschichte dar, von den Ma­
Eine Welt aus Zeichen lereien in der Höhle von Lascaux bis zu
Die Geschichte der Schrift den Smileys der Internetkommunika­
Theiss, Darmstadt 2015 tion. Schwerpunkte sind dabei die Keil­
288 S., € 39,95 schrift in Mesopotamien, die Hierogly­
phen im alten Ägypten, die griechische
Antike mit der Verbreitung der phone­
tischen Buchstabenschrift und das la­
teinische Alphabet. Der Schriftentwick­
lung während des Mittelalters bis zum
KULTURGESCHICHTE Buchdruck im 15. Jahrhundert, vor al­
lem der Differenzierung in Groß- und
Rückkehr zum Piktogramm Kleinbuchstaben, räumt Kuckenburg
erheblich weniger Platz ein. Die Schrift­
bildung in Asien, Mittel- und Südameri­
Wissenschaftsjournalist Martin Kuckenburg beschreibt die 
ka behandelt er nur am Rand.
Entwicklung der Schrift – und konstatiert, das Internetzeitalter
Als Leser erfährt man unter ande­
bringe eine »hieroglyphische Kommunikation« zurück. rem, wie früher geschrieben wurde: in
der Antike zunächst, indem die Men­

D er deutsche Soziologe und Natio­ len, war das ausschlaggebende Motiv


nalökonom Max Weber (1864 – für die Erfindung der Schrift in Vorder­
1920) hat die Kulturentwicklung als ei­ asien.«
schen in Ton und andere Materialien
ritzten, und später, indem sie auf Papy­
rusrollen notierten. Ab dem 2. Jahrhun­
nen Prozess der Entzauberung be­ Im Gegensatz dazu, so Kuckenburg, dert v. Chr. trat Pergament in den Vor­
schrieben: von der religiösen Aufladung lagen den bildreichen ägyptischen Hie­ dergrund, das man aus Tierhäuten her­
der Naturgewalten zur rationalen kapi­ roglyphen vor allem religiös-politische stellte. An die Stelle meterlanger Rollen,
talistischen Buchführung. Doch Buch­ Motive zu Grunde. Aus dem Land am in denen man nicht blättern konnte
halter benötigte man bereits vor über Nil sind eine Fülle alter Texte überlie­ und die bei häufiger Benutzung auch
5000 Jahren im Zweistromland zwi­ fert – von Liebesgedichten bis zu Ge­ schneller verschlissen, traten handli­
schen Euphrat und Tigris. Die Region richtsakten. Der Autor beleuchtet viele chere und robustere Pergamentbücher.
versinkt heute im Bürgerkrieg, dabei kulturelle Aspekte der Schriftentwick­ Das Papier, eine chinesische Erfindung,
war sie – neben Ägypten – nicht nur die lung im alten Ägypten, etwa die Entste­ verbreitete sich im christlichen Abend­
Wiege der abendländischen Kultur, son­ hung der ägyptischen Schreiberkaste, land erst während des Hochmittelal­
dern spielte auch in der Entwicklung deren Vertreter bereits eine geregelte ters, nachdem es über die Araber nach
der Schrift eine maßgebliche Rolle. Ausbildung durchliefen. Die Tätigkeit Europa gelangt war.
Beim Entstehen des geschriebenen als Schreiber konnte ihnen eine beam­ Im Internetzeitalter ist laut Kucken­
Worts in Vorderasien stand die Buch­ tenähnliche Anstellung, Ansehen und burg die Schrift mitnichten bedeu­
haltung im Vordergrund, wie Wissen­ Vermögen einbringen. tungslos geworden. Gebloggt, gechattet
schaftsjournalist und Sachbuchautor Reich bebildert und üppig erläutert oder in sozialen Netzwerken kommuni­
Martin Kuckenburg zeigt. Sumerer, As­ stellt das Buch die wichtigsten Etappen ziert werde vor allem schriftlich. Ande­
syrer und Babylonier benötigten sie, rerseits laufe Kommunikation zuneh­
um Fernhandel zu betreiben. Auch um MEHR WISSEN BEI mend über Bilder, nicht nur in Form
die großen Städte an Euphrat und Ti­ kleiner Piktogramme, sondern auch
gris zu bauen, waren Instrumente der mit Fotos aller Art. Dadurch kehre eine
Dokumentation, der Datenspeicherung Art hieroglyphische Kommunikation
wie der angewandten Statistik erfor­ zurück, die man längst hinter sich
derlich. Zunächst bedienten sich die glaubte. Ob sie eines Tages in eine do­
Menschen dazu kleiner Tonformen minierende »Weltsprache« münden
und Täfelchen mit Markierungen und könnte, darüber spekuliert der Autor
Zahlen. Ab etwa 3300 v. Chr. begannen glücklicherweise nicht.
sie damit, den Zahlen Bildsymbole hin­
zuzufügen, mit denen sich weitere An­ Hans-Martin Schönherr-Mann
gaben machen ließen, etwa über Zeiten Mehr Rezensionen finden Sie Der Rezensent ist Essayist und lehrt politische
oder Personen. Hierin sieht der Autor unter: Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Uni­
den Anfang des geschriebenen Worts: www.spektrum.de/rezensionen versität München sowie Theorie der Bildung an
»Der Wunsch zu zählen, nicht zu erzäh­ der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.

WWW.SPEK TRUM .DE 93


LESERBRIEFE

Dominantes und Totschlag schon immer ein Mittel


der Machtpolitik im Großen und im
Aggressionsgen Kleinen war. Man kann wohl davon aus­
Unsere nächsten Verwandten hatten gehen, dass ein dominantes »Aggressi­
unerwartet hohe geistige Fähigkei- onsgen« schon sehr früh in der Mensch­
ten, wie neue archäologische und gene­- heitsgeschichte angelegt war.
tische Funde belegen (»Verkannter
Neandertaler«, Oktober 2015, S. 28).
Die Frage
Wilhelm Waidmann, Großenseebach: der Willensfreiheit
Das Aussterben der Neandertaler fällt Der Philosoph Eddy Nahmias bezwei-
anscheinend zeitlich unmittelbar mit felt, dass der Mensch nur ein bioche­
dem Auftauchen des Homo sapiens zu­ mischer Automat ist (»Wie frei ist der
sammen, hat also vermutlich etwas mit Mensch?«, September 2015, S. 60).
einem »nicht harmonischen« Zusam­
menleben der beiden Arten zu tun, bei Tilo Strutz, Leipzig: Der Karikaturist (zum Beispiel Sinnesorgane) mit Infor­
welchem der Neandertaler den Kürze­ hat den Nagel auf den Kopf getroffen. mationen gefüttert wird. Außerdem ist
ren ge­zogen hat. Vielleicht war der Die Diskussion um den freien Willen unter Umständen bereits Information
Neander­taler ein etwas grobschlächti­ des Menschen ist längst keine philo­ durch die Struktur des Systems selbst
ger, aber eher gutmütiger Geselle, der ei­ sophische, sondern eine religiöse Dis­ vorhanden. In Abhängigkeit von dessen
nem rücksichtslosen und gewaltberei­ kussion. Die Ehre der »Krone der Schöp­ Arbeitsweise wird die Information pro­
ten Ho­mo sapiens nicht gewachsen war. fung« muss gerettet werden. zessiert. Das Ergebnis hängt somit von
Offenbar scheuen sich Wissenschaftler Solange wir uns jedoch auf das Kau­ allen Informationen ab, die bis zum
aller Sparten, das Bild eines intelligen­ salitätsprinzip einigen können – Ursa­ ­aktuellen Zeitpunkt gesammelt und ge­
ten und edlen Homo sapiens, der plötz­ che und Wirkung folgen chronologisch speichert wurden.
lich aus der afrikanischen Savanne auf­ aufeinander –, ist jede Handlung oder Selbst wenn wir nahezu identische
taucht und friedlich die Erde bevölkert, Entscheidung eines Lebewesens ein Er­ informationsverarbeitende Systeme
zu zerstören. Dabei lehren uns schon die gebnis einer Informationsverarbeitung. hätten, sagen wir die Gehirne von ein­
ältesten schriftlichen Aufzeichnungen, Betrachten wir den Menschen als eiigen Zwillingen, dann wird sich das
dass gerade beim Homo sapiens Mord System, das über vorhandene Eingänge Handeln der Zwillinge unterscheiden.

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Dr. Tina Schlafly, Dr. Michael Springer. KG, Marktweg 42 – 50, 47608 Geldern mit diesem Zeichen.

94  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


Es gibt zwar eine hohe Korrelation, da nomie ist es, die uns die Illusion eines
auch der Input im Kindesalter sehr »Ichs« und eines »freien Willens« vor­ FOLGEN SIE UNS
ähnlich ist, aber das Handeln und Ent­ gaukelt. Könnten die Philosophen und IM INTERNET
scheiden ist nicht identisch und kann die Neurowissenschaftler sich darauf ei­
auch gegensätzlich sein. Auf Grund sei­ nigen, dass freier Wille nur ein anderes
ner biologischen Natur ist das mensch­ Wort für Autonomie ist, wäre ein lang
liche Gehirn kein starres, sondern ein anhaltender Streit aus der Welt.
www.spektrum.de/facebook
sich veränderndes System.
Gerade das sehr unterschiedliche
Handeln bei ähnlichem Input und ähn­ Kein Aufstand der www.spektrum.de/youtube
lichem System befeuert die Hoffnung Maschinen
auf einen freien Willen. Das gegen­ Michael Springer warnte vor der Ent-
sätzliche Entscheiden kann aber zum wicklung auto­nomer Waffen (»Wächst www.spektrum.de/googleplus
Beispiel auch mit der Chaostheorie be­ uns die künstliche Intelligenz über
gründet werden, welche sich mit dy­ den Kopf?«, Springers Einwürfe, Sep-
namischen Systemen befasst, deren tember 2015, S. 20).
www.spektrum.de/twitter
zeitliche Entwicklung unvorhersehbar
erscheint, obwohl die zu Grunde liegen­ Günter Jantzen, Hannover: Es ist sehr
den Gleichungen deterministisch sind. erfreulich, dass Michael Springers Ein­
Für identische Inputwerte ist hier das wurf die Initiative der KI-Forscher, vor gelingen sollte, binnen einer historisch
Ergebnis der Berechnung immer das­ den Gefahren autonomer Waffen zu messbaren Zeitspanne Vergleichbares
selbe. Sobald sich der Input aber nur warnen, aufnimmt und verbreitet. Es hervorzubringen.«
um einen verschwindend geringen Be­ gibt gute Gründe, vor einem Wettrüs­ Die biologische Evolution ist die Mil­
trag ändert, kann das System etwas völ­ ten mit AI-Waffen zu warnen. Der offe­ liarden Jahre alte Geschichte des Lebens
lig anderes ausgeben. Freier Wille ade! ne Brief der KI-Forscher (http://futu­ auf unserem Planeten. Prinzipiell ist na­
Das Leben kann aber trotzdem lebens­ reoflife.org/AI/open_letter_autono­ türlich denkbar, dass Menschen diese
wert sein. Und das Handeln unserer mous_weapons) benennt einige davon. »natürliche Zuchtwahl« in künstlicher
Mitmenschen ist doch erfahrungsge­ Beunruhigend ist, dass diese Waffen Weise beschleunigt nachvollziehen und
mäß mehrheitlich voraussagbar und viel leichter und kostengünstiger her­ dass dabei Lebewesen mit Bewusstsein
nicht chaotisch. Zum Glück. zustellen sind als Nuklearwaffen und entstehen könnten. Das hat jedoch
daher bald allgegenwärtig in den Hän­ nichts mit KI-Systemen zu tun. Diese
Dieter Eichrodt, Glengarriff (Irland): den von Terroristen und Warlords ihre werden zwar gern als »autonome Agen­
Das synaptische Netzwerk unseres Ge­ destruktive Kraft entwickeln könnten. ten« bezeichnet. Es sind aber Maschi­
hirns bestimmt die Muster der elektro­ Nicht in dem offenen Brief genannt nen, die stumpf nach festgelegten Spe­
chemischen Erregungsprozesse, die in und für mich auch nicht so plausibel, zifikationen Programme ausführen. Sie
ihm ablaufen können – also unsere Ge­ ist das Gefahrenszenario, dass einlei­ fühlen und empfinden nichts. Wenn ihr
fühle und Gedanken. Diese Erregungen tend in diesem Einwurf entwickelt Verhalten auf uns überraschend wirkt,
wirken verstärkend oder abschwächend wird. Die Sorge, dass Maschinen dem dann spielt uns unser Einfühlungsver­
auf die Synapsen zurück. Dabei wirken menschlichen Geist das Wasser reichen mögen einen Streich.
durch äußere Sinnesreize stimulierte können, dass künstliche Intelligenz (KI)
»Fremderregungen«, die uns im allge­ den Fähigkeiten unseres Denkens na­
meinen bewusst werden, parallel zu in­ hekommen wird, Ray Kurzweils antihu­
B R I E F E A N D I E R E DA K T I O N
ternen »Selbsterregungen«, die uns mane Vision einer »Singularität«, bei
… sind willkommen! Schreiben Sie uns auf
meist nicht bewusst sind und dem der das menschliche Denken auf intelli­ www.spektrum.de/leserbriefe
»Housekeeping« unseres Denkorgans gente Maschinen übergehen wird. oder schreiben Sie mit Ihrer kompletten
dienen: Gedächtnis, Vergessen und an­ Michael Springer begründet diese Adresse an:
dere lebensnotwendige Funktionen. Bei Sorge damit, »dass unser Gehirn als Re­ Spektrum der Wissenschaft
uns nehmen Letztere den weitaus größ­ sultat der biologischen Evolution Be­ Leserbriefe
Sigrid Spies
ten Teil der Aktivität in Anspruch: Das wusstsein entwickelt hat ... Sofern unser Postfach 10 48 40
menschliche Gehirn beschäftigt sich in Denkvermögen aber das Ergebnis einer 69038 Heidelberg
erster Linie mit sich selbst – was einen gewöhnlichen Anpassung durch Ver­ oder per E-Mail: leserbriefe@spektrum.de
wesentlichen Unterschied zum Gehirn such und Irrtum über geologische Zeit­
Die vollständigen Leserbriefe und Antwor-
der Tiere ausmachen mag. Diese Selbst­ räume hinweg ist, gibt es keinen prinzi­
ten der Autoren finden Sie ebenfalls unter:
bezüglichkeit ist es, die uns Autonomie piellen Grund, warum es mit zielgerich­ www.spektrum.de/leserbriefe
verleiht! Und diese unbewusste Auto­ teter Forschung und Entwicklung nicht

WWW.SPEK TRUM .DE 95


FUTUR III

DER SPRINGENDE PUNKT


VON HEATHER E. ROULO

S tudenten strömten aus der Geolo-


gievorlesung, rollten ihre weichen
Bildschirme zusammen und stopften
einer Gitarre. Sie alle sammelten
auf diese Weise Gemeinschaftspunkte;
obendrein schienen sie Spaß zu ha­-
lernen müssen, dass die Welt weiter-
ging, als wäre nichts geschehen. Für alle
anderen hatte sich ja wirklich nichts ge-
sie in den Rucksack. Yvonne blieb zö- ben. An einem anderen Tag und in ei- ändert.
gernd stehen. Sie fürchtete sich vor ner anderen Stimmung hätte sich Peggy zuckte bloß mit den Achseln.
dem, was jetzt kam: Sie musste auf den Yvonne vielleicht einer Gruppe ange- Auf Umwegen näherten sich die bei-
Knopf drücken. schlossen. den dem Schlafsaal; Yvonne ging es viel
Das Bestattungsinstitut hatte ihr so- »Hallo? Wo bist du mit deinen Ge- zu langsam, und sie wäre am liebsten
eben eine mikrofluide Kurzwahltaste danken?« Peggys Berührung ließ sie sofort unter ihre Decke gekrochen.
gesendet, die nun auf den Knopfdruck hochschrecken. Aber das gab natürlich Strafpunkte. Seit
wartete. Die Taste ragte wie eine Blase »Brian …« Yvonne schluckte, als sie Beginn des Studiums fütterte sie ihre
aus dem Armband der Smartwatch an den Namen ihres Bruders aussprach. Smartwatch mit Pluspunkten für loh-
Yvonnes Handgelenk. Beschleunigter Drüben flog das Frisbee ins Gebüsch. nende Bildung und neue Erfahrungen.
Puls und feuchte Haut zeigten ihre Be- »Seine Asche soll verstreut werden.« Peggy sammelte Fitnesspunkte. Die
klemmung an; mit jeder Sekunde, die Ein sportlich wirkendes Mädchen Jagd nach Punkten schweißte die bei-
Yvonne zögerte, verlor sie Punkte – aber fischte im Gebüsch nach der Scheibe; den zusammen. Nichts war schöner als
ihr Finger verweigerte den Dienst. sie stieß einen Freudenschrei aus und der Klingelton, der einen neuen Rekord
Peggy flitzte um die Ecke; ihre blon- schwenkte stolz ein Stück Plastikmüll. belohnte.
de Mähne streifte das selbst gemalte Ihr Partner stöhnte, anscheinend vor »Möchte deine Mutter nicht Brians
Wolfsporträt auf ihrem T-Shirt. Sie Neid. Das Mädchen warf den Müll in ei- Asche entsorgen?«, fragte Peggy. »Das
grinste Yvonne an. »Wie geht’s uns nen Abfallkorb; ihr Messgerät klingelte. ist ein wichtiger emotionaler Meilen-
denn heute?« Peggy schmollte. »Verdammt, die stein. Brächte ihr sicher einen Riesen-
Yvonne tat, als würde sie erst jetzt Uni hat eine Umweltinitiative angekün- bonus!«
auf ihre Smartwatch schauen. »Ich ge- digt und spendet Bonuspunkte für »Mama würde die Punkte verfallen
wann Punkte für einfaches Lernen und Campusverschönerung. Wahrschein- lassen. Sie hat nur ein Handy. Ich habe
Selbstverwirklichung. Bloß ein weiterer lich kriegt das Mädel 500 extra. Ich bin versucht, ihr eine Smartwatch einzu-
Vorlesungstag.« schon den ganzen Tag im Rückstand: zu richten, aber sie sagt, ihr Onlinespiel
Peggy runzelte die Stirn. »Kein Bo- spät aufgestanden und das Frühstück macht mehr Spaß.«
nus für aktive Mitarbeit? Das sieht dir ausgelassen. Für Freitagabend hatte ich »Wie altmodisch! Eine ganz andere
nicht ähnlich. Komm, wir nehmen ei- zur Belohnung Pizza gewählt – aber das Generation! Hängt online mit Freun-
nen Umweg zu den Schlafsälen. Mir wird wohl nichts.« den herum. Ich finde, Erfolge in der
fehlen noch ein paar Punkte für körper- »Dafür musst du dich nicht um die wirklichen Welt sind befriedigender.«
liche Betätigung.« sterblichen Überreste deines Bruders Sie hielt kurz inne und schaute auf
Drüben auf dem Hochschulgelän­- kümmern«, meinte Yvonne. »Wenn das ihre Smartwatch. »So, jetzt habe ich
de spielten Studenten Frisbee oder sa- kein Bonus ist …« Sie kniff die Lippen mein Punkteziel erreicht. Gehen wir
ßen unter einem Baum und lauschten zusammen. Seit Brians Unfall hatte sie über die Straße, das ist kürzer.«

96  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · FEBRUAR 2016


Ein Radfahrer surrte zügig vorbei; Peggy summte vor sich hin und DI E AUTORI N
das verschaffte ihm Punkte für Fitness hüpfte zum Schlafsaal.
und soziale Verantwortung. Yvonnes Finger streichelten die bla- Heather E. Roulo ist eine Schriftstellerin
»Mama nahm sich Brians Tod so zu senförmige Taste an ihrer Smartwatch. aus Seattle (US-Bundesstaat Washing-
ton), deren Geschichten in Podcasts,
Herzen«, erklärte Yvonne, »dass ich ihr Ein Knopfdruck, und sie würde eine
Zeitschriften und Anthologien erschie-
anbot, das Entsorgen zu übernehmen. Megalebensaufgabe vollenden. Ihr Gut- nen sind. Siehe www.heroulo.com.
Ich weiß nicht, warum es mir so schwer- haben würde sprunghaft steigen. Man-
fällt. Ist doch nur ein Knopfdruck.« che Leute wurden reich geboren, und
Sie hob die Hand. Warum zögerte exotische Reisen schenkten ihnen kost- Wohin mögen die Entwicklungen unserer
sie? Es gab keine Extrapunkte, wenn bare Erfahrungspunkte. Aber mit einer Zeit dereinst führen? Sciencefiction-Autoren
spekulieren über mögliche Antworten. Ihre
man die Asche persönlich verstreute. Fingerbewegung läge Yvonne weit vor-
Geschichten aus der »Nature«-Reihe »Futures«
Ihr Magen krampfte sich zusammen, ne. Sie könnte einem schmerzlichen erscheinen hier erstmals in deutscher Sprache.
der Zeigefinger schwebte wie gelähmt Schicksalsschlag etwas Gutes abgewin- © Nature Publishing Group
über der Taste. Bei der in einer virtuel- nen. Brian würde das gefallen. www.nature.com 
len Kirche abgehaltenen Gedenkfeier – So wollte sie keine Punkte machen, Nature 503, S. 158, 7. November 2013
damit Freunde von überall zusammen nicht so!
trauern konnten – hatte sie schon Lebe- »Peggy, warte!«, rief sie. Die Freun-
wohl gesagt, aber erst dieser Knopf- din blieb auf den Stufen stehen.
druck wäre real und endgültig. Yvonne streifte die Smartwatch vom
Peggy blieb stehen. »Ich habe noch Handgelenk, warf sie ins Gebüsch und
kein Familienmitglied verloren; sicher hörte ein trauriges Klingeln – verlorene
ist so etwas hart. Du bist stark, und du Punkte.
hilfst deiner Familie, wenn du das auf »Um Himmels willen, was machst
dich nimmst.« du?«, schrie Peggy.
In Yvonnes Augen stiegen Tränen Yvonne wurde schwindlig. Ihre Knie
auf. Sie umarmte Peggy. Die schniefte drohten einzuknicken, als sie versuch-
gerührt und wischte sich die Nase ab. te, ohne die Hilfe ihrer Smartwatch den
Ihre Smartwatch klingelte, und sie Weg zur Leichenhalle zu finden. Vor-
strahlte. mals vertraute Gebäude verwirrten sie,
»Soziale Bindung! Ich war total für als wäre sie eine eben erwachte Schlaf-
eine Freundin da. Schau nur, ich habe wandlerin. Doch schon beim zweiten
für heute einen Vorsprung.« Sie drück- Schritt wurde Yvonne selbstsicherer.
te nochmals Yvonnes Schultern. »Dabei Über die Schulter rief sie: »Im Gebüsch
kriege ich normalerweise kaum Punkte liegt Müll, wenn du willst!«
für Empathie. Bis bald. Danke, dass du Peggy kreischte begeistert. Eine
meinen Tag gerettet hast!« Smartwatch klingelte. 

WWW.SPEKTRUM.DE 97
VORSCHAU Das Märzheft ist ab 27. 2. 2016 im Handel.

DON FOLEY
Rettet das Riesentheorem!
Vier in Ehren ergraute Experten bemühen sich, den längsten Beweis der
Mathematik von 15 000 Seiten auf ein sinnvoll nutzbares Maß zu kompri-
mieren – bevor der in Jahrzehnten mühsam erarbeitete Überblick über
die Klassifikation der »endlichen einfachen Gruppen« mit ihnen zu Grabe
getragen wird.

Das Licht zwischen den Galaxien


Fast seit Anbeginn der Zeit durchfluten
die von unzähligen Galaxien ausge-
sandten Photonen den Weltraum. Doch
erst jetzt beginnen Astronomen, die
im extragalaktischen Hintergrundlicht
versteckten Informationen wirklich
zu verstehen.

PASCALG622 / CC-BY-3.0
(CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY/3.0/LEGALCODE)
Fluss vor dem Umbruch
Das umstrittene Projekt für einen
Megastaudamm am Rio Xingu, einem
Nebenfluss des Amazonas in Brasilien,
gefährdet eines der weltweit größten
FOTO: ZACHARY ZAVISLAK

Vorkommen strömungsliebender Fische


sowie eine Region mit bemerkenswer-
ter Biodiversität.

Psychische Störungen Sind Zeitreisen möglich?


durch die Darmflora Wer sich schnell bewegt, altert NEWSLETTER
Eine Reihe von Erkrankungen – langsamer als seine ruhende Möchten Sie immer über die
von Autismus bis zu Depression – Umgebung. Das entspricht einer Themen und Autoren des neuen
Hefts informiert sein?
hängen unter anderem mit der Reise in die Zukunft. Strukturen in
Balance der Darmbakterien der Raumzeit erlauben darüber Wir halten Sie gern auf dem 
zusammen. Sie liefern dem Gehirn hinaus theoretisch auch, einen Ort Laufenden: per E-Mail – 
und natürlich kostenlos.
verschiedene wichtige Moleküle, in der Vergangenheit zu besuchen.
darunter Botenstoffe wie Dopa- Die Naturgesetze könnten aber Registrierung unter:
www.spektrum.de/newsletter
min und Serotonin sowie Nerven- verhindern, dass letzteres Phäno-
wachstumsfaktoren. men in der Realität auftritt.

98  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · FEBRUAR 2016


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