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Sepp Holzer

Wüste oder Paradies


Die Grundierung
Im Kern jeder Renaturierung steht ein
naturgemäßes Wassermanagement

Trinkwasserbrunnen auf dem Krameterhof


Ohne Wasser kein Leben

Die Erdoberfläche, der Mensch und alle Wesen be- Am Nächsten liegt uns natürlich das Trinkwasser.
stehen zu rund 70 % aus Wasser. Ohne Wasser Trinkwasser ist das wichtigste Lebensmittel. Wer
könnte es kein Leben geben. Wasser ist das Blut der gesund bleiben und einen vitalen Geist behalten
Erde. Wenn ich über die Wichtigkeit von Wasser will, braucht frisches, lebendiges Wasser. Trinkwas-
spreche, meine ich beides: das Trinkwasser und den ser versorgt uns mit Flüssigkeit, aber auch mit Leben
Wasserhaushalt der Erde. Denn das Wasser nährt und Information. Trinke einmal eine Weile nur fri-
Tier, Pflanze und Mensch – und den Erdkörper. sches, fließendes Wasser ohne Chlor, ohne Chemie
Die Grundierung: Naturgemäßes Wassermanagement 27

– du wirst feststellen, wie gut dir das tut. Das merke in verschiedenen Erdschichten nach und nach heran
ich immer, wenn ich heimkomme. Wir haben vor un- und erhält die Informationen, die wir als Menschen
serem Haus am Krameterhof einen großen Holzbrun- brauchen. Diese kostbare Substanz tritt an Quellen
nen mit fließendem Wasser und im Haus die An- wieder an die Oberfläche oder kann durch Brunnen
schlüsse. Wenn ich von einer Reise zurückkomme, gewonnen werden. Um seine hohe lebendige Qua-
ist dies das Erste, was ich tu: Ich halte meine Hände lität zu erhalten, muss es in Bewegung bleiben und
und mein Gesicht in dieses Wasser. Das regeneriert fließen können. (Auf den Seiten 94 ff. zeige ich mit
mich sofort, alle Schwierigkeiten und Anstrengun- dem System der Ringwasserleitung eine Möglich-
gen sind wie weggewaschen. keit, wie auch Städte und Gemeinden über frisches
und chemisch unbelastetes Wasser verfügen kön-
Randbemerkung: nen.)
Auf Antrag Boliviens erklärte die UN-Vollver-
sammlung am 28. Juli 2010 mit den Stimmen Diesen Gesamtvorgang der Trinkwasserbildung
von 122 Ländern und ohne Gegenstimme den muss ich im Blick haben. Er muss weltweit unter-
Zugang zu sauberem Trinkwasser und zu sani- stützt werden, in jeder Region, dann werden wir
tärer Grundversorgung zu einem Menschen- auch überall Trinkwasser haben. Dort, wo dieser
recht. Einige Länder wie Südafrika oder Ecuador Kreislauf nicht mehr funktioniert, kann ich ihn reak-
haben das Recht auf Wasser in ihre Verfassung tivieren, wenn ich das Regenwasser durch Reten-
übernommen. tionsbecken auf dem Land halte und ihm ermögliche,
nach und nach in den Erdkörper einzusickern. Das
Trinkwasser ist ein Grundrecht für alles, was lebt, kann ich überall tun, weltweit. Quelltäler müssen
für Mensch, Tier und Pflanze. Dennoch haben 1,1 geschützt und gehütet werden, hier sind selbstver-
Milliarden Menschen auf der Erde keinen Zugang zu ständlich alle Erdbewegungen, Baggerarbeiten und
sauberem Trinkwasser. Auch die wenigsten Men- Abholzungen sowie alle Agrarchemikalien zu ver-
schen der reichen Länder können frisches, lebendi- meiden. Es war kein Zufall, dass in alten Zeiten
ges Wasser trinken, denn wer hat schon eine Quelle Quellen besondere, ja heilige, Orte waren. Die Indi-
vor dem Haus? Was aber passiert mit unserer Ge- aner im Amazonas wissen um die Kostbarkeit des
sundheit, unserem Wohlbefinden, unserer geistigen Trinkwassers und schützen diese Orte manchmal mit
Kraft, wenn wir statt frischem, fließendem Wasser ihrem Leben.
nur noch eine tote Flüssigkeit bekommen? Dieser Doch heute geschieht das Gegenteil: Wo etwas
Zustand ist unhaltbar. Es sollte ein Politikum ersten knapp wird, sind die nicht fern, die damit ein Ge-
Ranges sein, diese Situation zu verändern. schäft machen. Wasser wurde zur Ware – und zu
einem Mordsgeschäft. Landbesitzer werden welt-
Es ist möglich, in jeder Region der Erde ausreichend weit enteignet, ihre Wasserquellen werden ver-
Trinkwasser für Menschen und Tiere zu haben. Re- staatlicht und vermarktet, die Wasserrechte auf mul-
genwasser einfach nur aufzufangen und in Tonnen tinationale Konzerne übertragen. Wasser wird in
oder Containern zu speichern, reicht dazu allerdings Flaschen abgefüllt, vermarktet, chemisch konser-
nicht aus. Denn Regenwasser ist noch kein Trink- viert. Da muss ich fragen: Kann man ein Lebewesen
wasser. Es kann nur zur Not, zur Überbrückung ver- „haltbar machen“? Schon der Gedanke ist für mich
wendet werden. Regenwasser ist durch Verdun- absurd. Ein Lebewesen, das sich nicht bewegt,
stung destilliertes Wasser ohne jede Information, stirbt. Wasser, das zu lange in Flaschen und Leitun-
das beim Fallen Staubpartikel und Verunreinigungen gen absteht und keine neuen Informationen aufneh-
aufnimmt. Unsere Körper brauchen aber minerali- men kann, verliert alle vitalen Kräfte. Trinkwasser,
siertes, informiertes und gereiftes Wasser zum Trin- das durch die Fabriken und die Industrie gegangen
ken. Um das zu erhalten, müssen wir es dem Regen- ist, ist kein Informationsträger mehr. Wasser, das in
wasser ermöglichen, sich mit der Erde zu verbinden. Leitungen absteht, fault.
Denn erst wenn das Regenwasser in den Erdkörper Nimm eine Flasche mit dem Etikett Mineralwas-
einsickert, reinigt und mineralisiert es sich, es reift ser. Das Wasser steht darin still in einem geschlos-
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Bau eines Trinkwasserbrunnens mit Ausbildungsteilnehmern

senen Plastik- und Glasbehälter, wo es wochenlang zen Buches. Mit allen Renaturierungsmaßnahmen
alle Temperaturschwankungen aushalten muss. Es will ich genau das erreichen: Dem Erdkörper seine
kann nicht mehr lebendig sein. Von allen vitalen Ei- Feuchtigkeit zurückgeben.
genschaften, die das Wasser so wertvoll machen,
bleibt nun nur noch eine übrig: Es ist nass. Warum ist das so wichtig? Was macht das Wasser
im Erdkörper?
Erdkörper als Speicherorgan Feuchtigkeit macht aus dem Erdkörper erst das
Im großen Kreislauf des Wassers kommt dem Erd- lebendige Wesen, den Gesamtorganismus, in dem
körper als Speicherorgan eine besondere Bedeutung sich die Symbiosen und Naturabläufe vollziehen.
zu. So wie der Menschenkörper von einem Aderwerk Wie tut es das? Wurzeln folgen der Feuchtigkeit mit
durchzogen ist, das jedes Organ und Körperteil ver- ihren haarfeinen Verästelungen in alle Poren hinein.
sorgt, so ist es auch beim Erdkörper: Es gibt nicht Wenn sie wie in einer Mischkultur in verschiedenen
nur die unterirdischen Wasserreservoirs, die Seen Tiefen wachsen, durchwurzeln, durchlüften und lo-
und Grundwasserspeicher in mehreren Metern ckern sie den gesamten Erdkörper bis auf mehrere
Tiefe. Bei einem intakten Wasserhaushalt versorgen Meter Tiefe. Sie halten den Boden offen, so dass er
feine und feinste Adern den gesamten Erdkörper bis weiterhin Regenwasser aufnehmen und speichern
in die kleinste Pore mit Feuchtigkeit. Eine gesunde kann. Durch den ständigen Erneuerungsprozess der
Humuserde, zum Beispiel ein Waldboden, kann sich Wurzeln entsteht wertvolle Biomasse, und dieser
bis zu 90 % mit Wasser sättigen. Ein gut durchfeuch- Humus ist Nahrung für Pflanzen und alle Bodenle-
teter Erdkörper hat eine zentrale Bedeutung für die bewesen. Die Bodenlebewesen lockern den Boden
Trinkwasserbildung, für den Schutz vor Waldbränden und erhöhen die Speicherwirkung. So entsteht ein
und für die gesamte Fruchtbarkeit. Bodenfeuchtig- üppiges Pflanzenwachstum – eine Vegetationsde-
keit ist deshalb auch ein zentrales Thema des gan- cke, die den Boden und das Klima schützt, Brände
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verhütet und in ihrer symbiotischen Kraft für dauer- Schäden, manchmal zu Katastrophen. Wenn der
hafte Fruchtbarkeit sorgt. Segen zum Fluch geworden ist, habe ich als Mensch
Wasser ist das Blut der Erde. Was aber ge- einen Fehler gemacht.
schieht, wenn ein Körperteil nicht gut durchblutet Wasser ist mehr als H2O. Wissenschaftler stellen
ist? Er wird schwach und krank. Wenn das Blut ganz fest, dass sich Wasser physikalisch und chemisch
wegbleibt, stirbt er ab. Auch die Erde ist nicht mehr immer wieder anders verhält, als die Naturgesetze
gut durchblutet. Ihren Hilfeschrei hören wir seit ei- es erwarten lassen. Das ist kein Wunder, denn Was-
nigen Jahren immer lauter. Es sind die so genannten ser ist kein toter Körper. Wasser ist Leben. Wie be-
Naturkatastrophen. Ein gesunder Wasserhaushalt handle ich Leben? Der Mensch hat genau das ver-
ist der erste und wichtigste Schritt für die Land- lernt: Eine Antwort auf diese Frage zu geben.
schaftsheilung. Wenn der Wasserhaushalt funktio- Meines Erachtens verdient ein Lebewesen, dass ich
niert, haben alle Wesen, was sie brauchen. Wenn mit ihm Kontakt aufnehme, mit ihm kommuniziere
der Wasserhaushalt aber gestört wird, hat das Land und mit ihm kooperiere.
im Winter zu viel und im Sommer zu wenig Wasser. Wenn wir den Wasserhaushalt einer Landschaft,
eines Erdkörpers, einer Region wieder in Ordnung
Wenn ich auf das Thema Wasser schaue, regt sich bringen wollen, wenn wir Katastrophen vermeiden
in mir die Frage: Wie dumm kann der Mensch ei- und Wüstenbildung und Überschwemmungen um-
gentlich noch werden? Wasser, Wind, Feuer, Sonne kehren wollen, wenn wir selbst gesundes und vita-
und Erde sind Geschenke der Natur. Wir haben die les Wasser trinken wollen, müssen wir lernen, mit
Aufgabe, diese Geschenke richtig zu lenken – zum dem Wasser zu kooperieren. Davon handelt dieses
Wohle aller. Ein Zuviel oder ein Zuwenig führt zu Kapitel.
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Wüstenbildung verhindern Platon erkannte die Auswirkungen eines gestörten


und rückgängig machen Wasserhaushaltes schon vor 2.500 Jahren. Auch die
Wüsten, die sich heute so dramatisch weltweit aus-
Das zeitgenössische Attika kann man nur noch als breiten, sind keine natürliche Landschaft, sondern
ein Relikt des ursprünglichen Landes bezeichnen. das, was von einer Landschaft bleibt, wenn der
Von den Höhen ausgehend, fand eine ständige Bo- Mensch alle Methoden angewandt hat, um mög-
denabtragung statt, und was von der Substanz übrig lichst schnell möglichst viel herauszuholen. Die ver-
geblieben ist, gleicht einem durch Krankheit ausge- schiedenen Stadien der Wüstenbildung – der Ver-
zehrten Körper. Die gesamte fruchtbare Erde ist ver- lust von Humus bis zur völligen Versandung, der
schwunden und hat ein Land wie Haut und Knochen Verlust von Artenvielfalt bis zur völligen Kargheit
hinterlassen. und der Verlust von Feuchtigkeit bis zur völligen Aus-
trocknung – können in den verschiedenen Intensi-
Als Attika noch intakt war, gab es auf den Bergen tätsstufen auf allen Kontinenten gefunden werden.
große Wälder und endlose Viehweiden. Die Menge Die Fehler, die zur Wüstenbildung führen, beste-
des jährlichen Niederschlages ging nicht wie heute hen aus naturfremdem Verhalten, das sich in Situa-
verloren, da man ihn über die kahle Oberfläche ins tionen labilen ökologischen Gleichgewichtes – so
Meer fließen lässt, sondern er wurde von der Erde wie am Rande schon bestehender Wüsten – be-
vollständig aufgenommen und so konnte das Was- sonders gravierend auswirkt: die Abkehr von der na-
ser von den Höhen in Form von Quellen und Flüssen turverbundenen Landwirtschaft und der Intensivan-
mit überreichlichen Wassermassen in die Täler ab- bau von Exportgütern, der Einsatz von Kunstdünger
fließen und von dort das gesamte Tal bewässern. und Herbiziden, die Versalzung der Böden durch fal-
(Platon, 4. Jh. v. Chr.) sche Bewässerung, das Anlegen von Tiefbrunnen,

Großflächige Erosionsschäden, hier in Ecuador

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