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Ludwig Boltzmann-Institut für

Historische Sozialwissenschaft

Projektberichte

15
Die Sozialstruktur der illegalen NS-
Bewegung in Österreich
(1933–1938)

Projektleiter: Gerhard Botz

Kurt Bauer, Gerhard Botz und


Wolfgang Meixner

unter Mitarbeit von Heinrich Berger,


Alexander Prenninger
und Gerhard Siegl

Jubiläumsfondsprojekt Nr. 12061 Wien April 2011


Ludwig Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft, Wien
Cluster Geschichte der LBG

Projektberichte 15

Die Sozialstruktur der illegalen NS-


Bewegung in Österreich (1933–1938)

von

Kurt Bauer, Gerhard Botz und Wolfgang Meixner

unter Mitarbeit von

Heinrich Berger, Alexander Prenninger und Gerhard Siegl

Projektleiter: Gerhard Botz

Abschlussbericht

Jubiläumsfondsprojekt Nr. 12061 Wien 2011


2
3

Inhalt

Abkürzungen ...................................................................................................................................7

A Vorbemerkungen ...................................................................................................................9

A.1 Exposee ..........................................................................................................................9


A.1.1 Einleitung .................................................................................................................9
A.1.2 Forschungsstand ....................................................................................................10
A.1.3 Problemfelder ........................................................................................................12
A.1.3.1 Problemfeld: integrierender sozialhistorischer Rahmen .......................................12
A.1.3.2 Problemfeld: Datenqualität und Repräsentativität der verfügbaren Quellen ........13
A.1.3.3 Problemfeld: korrekte Zuordnung der Berufsangaben in ein adäquates
Sozialstrukturmodell .........................................................................................................14
A.1.3.4 Problemfeld: Sozialstrukturmodelle .....................................................................15
A.1.4 Forschungsdesign ..............................................................................................17
A.1.4.1 Historischer und arbeitstechnischer Rahmen .......................................................18
A.1.4.2 Methoden.............................................................................................................20
A.1.4.3 Quellen .................................................................................................................21
A.1.4.4 Projektteile ...........................................................................................................21
A.1.5 Zusammenfassung .................................................................................................27

A.2 Arbeitskonzept ..............................................................................................................28

A.3 Projektverlauf ...............................................................................................................29

B Tätigkeitsbericht ..................................................................................................................33

B.1 Projektteil: Analysen von Stichproben aus der NS-Mitgliederkartei 1918/1933–


1938/45 (Gerhard Botz)..............................................................................................................33

B.2 Projektteil: 11.000 ausgebürgerte illegale Nationalsozialisten aus Österreich 1933–


1938 (Wolfgang Meixner) ...........................................................................................................34

B.3 Projektteil: Illegale Nationalsozialisten in Wien 1933–1938 („Wien-Erhebung“) (Kurt


Bauer) 38

B.4 Projektteil: Die nationalsozialistischen Häftlinge der österreichischen Anhaltelager


1933–1938 („Wöllersdorf-Erhebung“) (Kurt Bauer).................................................................40
B.4.1 Der Bestand ............................................................................................................41
B.4.2 Problempunkte ......................................................................................................43
4

B.4.3 „Dichtes“ Material.................................................................................................44


B.4.4 Vollerfassung der gesamten Aktenbestandes ......................................................46
B.5.1 Öffentlichkeitsarbeit: Presseartikel „Wir haben nichts zu fürchten“ (Kurt
Bauer) 50
B.5.2 Erste wissenschaftliche Präsentation auf dem Österreichischen
Zeitgeschichtetag 2008 .........................................................................................................56

C Ergebnisse .............................................................................................................................59

C.1 Klassen, Schichten, Milieus und Probleme – methodische Überlegungen zur


Sozialstrukturanalyse..................................................................................................................59
C.1.1 Probleme der sozialen Kategorienbildung auf Basis der NSDAP-
Mitgliederkartei am Beispiel der „Alten Kämpfer“ (Gerhard Botz)................................59
C.1.1.1 „Subsumierendes Verfahren“ .........................................................................60
C.1.1.2 „Aszendierendes Verfahren“ ..........................................................................61
C.1.1.3 Erhebung zusätzlicher Informationen ............................................................65
C.1.2 Das „Machen“ von NS-Parteigenossen? Bürokratie, Mitgliedschafts-Chaos und
persönliche Motivationen in Deutschland und Österreich (1933 bis 1945) (Gerhard
Botz) ......................................................................................................................................68
C.1.2.1 Hitlers anfängliche Vorstellungen ........................................................................68
C.1.2.2 Der Reichsschatzmeister als Mitgliederverwaltungsinstanz .........................71
C.1.2.3 Finanzierungsbedarf, Mitgliedervermehrung und Hierarchien der
Mitgliedschaft ...................................................................................................................81
C.1.2.4 Mitgliederquoten in der Regimephase ..........................................................94
C.1.2.5 Vergebliche Aufnahmebremsen nach 1935 ................................................101
C.1.2.6 Spätfolgen des Parteiverbots in Österreich und „ostmärkische“
Sonderprobleme ..............................................................................................................104
C.1.2.7 Versuchte Trendumkehr in der Schlussphase des Regimes ........................115
C.1.2.8 Fazit ....................................................................................................................118
C.1.3 Sozialstrukturanalyse nach dem Schichtungsmodell von Reinhard Schüren
(Wolfgang Meixner) ...........................................................................................................123
C.1.3.1 Horizontale Gliederung ................................................................................124
C.1.3.2 Vertikale, hierarchische Gliederung nach dem beruflichen Status ...............125
C.1.4 Historische Milieuanalyse (Kurt Bauer) ................................................................129
C.1.4.1 Das Modell sozialer Milieus ........................................................................131
C.1.4.2 Zum Milieubegriff – allgemein ....................................................................132
C.1.4.3 Zum Milieubegriff – spezifisch ....................................................................136
C.1.4.4 Zuordnung der Berufe zu den Kategorien des Milieumodells und zu den
volkswirtschaftlichen Sektoren .......................................................................................142
5

C.2 Arbeiter und andere „Lohnabhängige“ im österreichischen Nationalsozialismus auf


Basis von Stichproben aus der NS-Mitgliederkartei (Gerhard Botz) .......................................159
C.2.1 Vorbemerkungen .................................................................................................159
C.2.2 Vorfaschistischer Nationalsozialismus als Angestellten- und Beamtenpartei
(1903–1920) .........................................................................................................................165
C.2.3 „Entwurzelte“ und jugendliche Gewaltbereitschaft im NS-Frühfaschismus
(1921–1926) .........................................................................................................................168
C.2.4 Aufstieg zur Massenbewegung und Verbreiterung des sozialen Profils (1927–
1932) 171
C.2.5 Ländliche arbeitslose „Burschen“ und desorientierte städtische Arbeiter in der
illegalen NSDAP (1933–1938) ...........................................................................................178
C.2.6 Monopolpartei und der Versuch, eine nationalsozialistische Volkspartei zu
konstruieren (1938–1945) ..................................................................................................184
C.2.7 Resümee ................................................................................................................188

C.3 11.000 ausgebürgerte illegale Nazis aus Österreich zwischen 1933 und 1938
(Wolfgang Meixner) ..................................................................................................................190

C.4 Illegale Nationalsozialisten in Wien 1933–1938 (Wien-Erhebung) (Kurt Bauer) .....202


C.4.1 Aufbau der Datenbank, Problematik.................................................................202
C.4.1.1 Das Sample ..................................................................................................202
C.4.1.2 Repräsentativität...........................................................................................203
C.4.1.3 Prinzipien und Regeln der Datenbank-Erfassung ........................................205
C.4.2 Vorläufige Auswertungen ...................................................................................208
C.4.2.1 Wohnadressen ..............................................................................................208
C.4.2.2 Konfession ...................................................................................................221
C.4.2.3 Altersstruktur ...............................................................................................225
C.4.2.4 Ausbildung ...................................................................................................232

C.5 Die nationalsozialistischen Häftlinge der österreichischen Anhaltelager 1933–1938


(„Wöllersdorf-Erhebung“) (Kurt Bauer) .................................................................................239
C.5.1 Die Entstehung des Systems der Anhaltelager in Österreich...........................239
C.5.1.1 Die Anhalteverordnung vom 23. September 1933 im Detail .......................254
C.5.2.2 Die weiteren Anhaltegesetze ........................................................................258
C.5.2.3 Anhaltepraxis und Häftlingszahlen ..............................................................262
C.5.2.4 Wöllersdorf und die anderen Lager ..............................................................272
C.5.2 Die Datenbank der nationalsozialistischen Anhaltehäftlinge (Wöllersdorf-
Datenbank) .........................................................................................................................283
C.5.2.1 Probeerfassung .............................................................................................283
C.5.2.2 Die wichtigsten Quellentypen ......................................................................284
6

C.5.2.3 Prinzipien der Datenerfassung .....................................................................306


C.5.2.4 Aufbau der Datenbank .................................................................................307
C.5.3 Vorläufige Auswertungen ...................................................................................322
C.5.3.1 Altersstruktur ...............................................................................................322
C.5.3.2 Verteilung der NS-Anhaltehäftlinge nach Bundesländern ...........................333
C.5.3.3 Konfession ...................................................................................................344

D Zusammenfassung und Ergebnisse (Gerhard Botz) .............................................................347

E Literatur und gedruckte Quellen......................................................................................353


7

Abkürzungen

AdR Archiv der Republik

AO Auslandsorganisation der NSDAP

BArch Bundesarchiv

BGBl. Bundesgesetzblatt

BKA Bundeskanzleramt

GDfdöS Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit

Grz. Grundzahl

Gz. Geschäftszahl

Ktn. Karton

KWEG Kriegswirtschaftliches Ermächtigungsgesetz

MRP Ministerratsprotokolle

ÖStA Österreichisches Staatsarchiv

Pg. Parteigenosse

PO Politische Organisation (NSDAP im engeren Sinne)

RGBl. Reichsgesetzblatt

RSchM. Reichsschatzmeister

StGBl. Staatsgesetzblatt

VZ 34 Volkszählung 1934
8
9

A Vorbemerkungen

Dieses Forschungsprojekt ging 2006 von folgenden (hier leicht gekürzten)


Ausgangsüberlegungen aus:

A.1 Exposee

A.1.1 Einleitung

Im Jahr 2008 ist eine erneuerte Diskussion über Ursachen und Hintergründe des
„Anschlusses“ zu erwarten. Bezüglich der Rolle der NS-Bewegung in diesem
Regimewechsel kursieren in der österreichischen Öffentlichkeit mehr oder
weniger belegbare Meinungen. Obwohl schon einige empirische Vorarbeiten
vorliegen, spielen immer noch zum Teil legendenhaften Annahmen über die
soziale Herkunft und Motivation der Mitglieder, Anhänger und Sympathisanten
des Nationalsozialismus eine große Rolle, selbst in wissenschaftlichen Diskursen.

Für die Frage nach den Ursachen der massiven Durchschlagskraft des National-
sozialismus in Österreich ist die Epoche der Illegalität vom Juni 1933 bis zum
März 1938 von besonderer Bedeutung. Während die nationalsozialistische
Dynamik nach dem „Anschluss“ rasch erlosch und die „Bewegung“ zum Apparat
erstarrte (siehe Hans Mommsen (1976)), lässt sich in der Epoche davor
(„Verbotszeit“) das ganze Bündel der auf den Nationalsozialismus verweisenden
Motive und Argumentationen ohne Beeinträchtigung deuten. Es zeigt sich, für
welche sozialen und Altersgruppen, für welche Milieus und Schichten, in welchen
Regionen der Nationalsozialismus besonders attraktiv war und wie die
nationalsozialistische Mobilisierung funktionierte, sodass sie die Versuche einer
10

antimobilisierenden Stabilisierung durch das autoritäre Regime Dollfuss’ und


Schuschniggs auch von innen her unterlaufen konnte.

Ziel des Forschungsprojektes ist es daher, auf der Basis unterschiedlicher


serieller Quellenbestände und eines einheitlichen, aber variablen
Methodenkonzeptes valide, empirisch fundierte Aussagen zur sozialen Struktur
der illegalen NS-Bewegung in Österreich von 1933 bis 1938 zu formulieren.

A.1.2 Forschungsstand

Bis Mitte der 1970er Jahre wurden keine quantifizierenden Untersuchungen zur
Sozialstruktur des österreichischen Nationalsozialismus durchgeführt. Nur zur
Wähleranalyse gab es ältere Arbeiten von Robert Danneberg (1932) und Walter
B. Simon (1959). Erst der „Paradigmenwechsel“ zur Historischen
Sozialwissenschaft und das damit erwachende Interesse an empirischen,
sozialwissenschaftlichen Methoden, an computerunterstützter Quantifizierung in
der Geschichtswissenschaft führten – deutschen und angelsächsischen Modellen
folgend – zu einer Änderung in diesem Bereich. Trotzdem ist die Anzahl der
quantifizierenden Studien, die sich explizit mit der Sozialstruktur des
österreichischen Nationalsozialismus befassen, überschaubar.

Die bisher am häufigsten zitierten Arbeiten stammen vom Antragsteller (etwa


Botz, Changing Patterns 1980, Botz, Strukturwandlungen 1981). Sie basieren auf
den Ergebnissen von Mitte der 1970er Jahre von ihm durchgeführten Stichproben-
erhebungen in der NSDAP-Mitgliederkartei im Berlin Document Center.
Vorläufige Ergebnisse diese Erhebungen wurden in einer Reihe von Artikeln zu
unterschiedlichen Themenstellungen in Zeitschriften, Sammelbänden und
Festschriften Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre veröffentlicht.

Thomas Albrich und Wolfgang Meixner befassten sich Anfang der 1990er Jahre
in ihren Arbeiten anhand der „alten Kämpfer“ (Albrich 1993) sowie „illegaler NS-
Aktivisten“ (Albrich und Meixner 1995) mit der Frühzeit sowie der „Verbotszeit“
11

des Nationalsozialismus in Tirol und Vorarlberg zwischen 1932/33 und 1938. Die
Arbeit von Albrich beleuchtet die soziale Zusammensetzung der Tiroler und
Vorarlberger NSDAP anhand ihrer Mitglieder des Jahres 1932. Die Arbeit von
Meixner untersucht die soziale und regionale Herkunft von zwischen 1933 und
1938 in Tirol und Vorarlberg aufgrund ihrer NS-Gesinnung straffällig
gewordenen Aktivistinnen und Aktivisten.

Im Rahmen seiner 2001 fertig gestellten Dissertation zu „Sozialgeschichtlichen


Aspekten des nationalsozialistischen Juliputsches 1934“ wertete Kurt Bauer
(2001) die Anzeigen gegen 2500 Juliputschisten aus und erstellte auf Basis der
gewonnenen Personendaten ein umfassendes Sozialprofil der
nationalsozialistischen Juliputsch-Beteiligten. Die Ergebnisse dieser
Untersuchung flossen schließlich in das Buch „Elementar-Ereignis“ (Bauer 2003)
ein, das eine umfassende Darstellung des Juliputsches in den Bundesländern
enthält.

Erwähnenswert sind daneben eine Mitte der 1990er Jahre verfasste


quantifizierende Untersuchung von Michael Gehler (1994) über
Korporationsstudenten und Nationalsozialismus in Österreich sowie eine 2003
veröffentlichte Studie von Laurenz Krisch (2003), der sich u. a. ausführlich mit
der Alters- und Sozialstruktur der illegalen Nationalsozialist/-innen im Pongauer
Kurort Bad Gastein befasste. Weitere kleine Arbeiten zur NS-Sozialstruktur sowie
Ansätze im Rahmen größerer historischer Studien sind ebenfalls für Einzelfragen
von Interesse.

Nicht vergessen sollte man die von den statistischen Methoden und vom Aufwand
her wohl ausgereifteste und fundierteste Arbeit zur Sozialstruktur der
Wählerschaft des österreichischen Nationalsozialismus von Dirk Hänisch (1998).
Seine 1998 veröffentliche Monographie über die österreichischen NSDAP-Wähler
beruht auf minutiös erhobenen und ausgewerteten Wahlergebnissen, also auf
Aggregatdaten und nicht Individualdaten (wie bei den anderen genannten
Studien). Die Arbeit Hänisch’ kann über die Phase der NS-Massenmobilisierung
ab Mitte 1932 bzw. Anfang 1933 nur bruchstückhaft und über die Illegalität ab
Sommer 1933 gar nicht Auskunft geben. Die wahlstatistischen und
12

sozialstrukturellen Grundlagendaten wurden auch in Zusammenarbeit mit dem


Ludwig Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft (Wien – Salzburg)
erhoben und sind hier in elektronischer Form verfügbar und für weitere Analysen
des eingereichten Projekts verfügbar.

Winfried R. Garscha (2005) hat erst jüngst darauf hingewiesen, dass die
Geschichte der „illegalen NSDAP“ zwar zu den am häufigsten behandelten
Themen der österreichischen Zeitgeschichte zählt, „allerdings meist im
Zusammenhang mit dem Juliputsch 1934 und dem ‚Anschluss‘ 1938.“ Weiters
weist Garscha auf das völlige Fehlen einer Studie der NSDAP in Wien vor 1938
hin. Zudem steht eine vergleichende Studie über die Zeit (1933 bis 1938) sowie
eine Zusammenfassung der meist regionalen Studien noch aus.

A.1.3 Problemfelder

Grundsätzlich lassen sich bei quantifizierenden Studien zur sozialen Struktur des
österreichischen Nationalsozialismus wie dieser die folgenden vier Haupt-
Problemfelder identifizieren:

• die Frage nach einem integrierenden sozialhistorischen Rahmen,

• die Frage der Datenqualität und Repräsentativität der verfügbaren Quellen,

• die Frage der Zuordnung von Berufsangaben und

• die Frage eines geeigneten sozialgeschichtlichen Modells zur Beschreibung der


illegalen Nationalsozialisten, von deren Herkunfts- und Aktions-Milieus und
zur Entwicklung von neuen Erklärungsansätzen.

A.1.3.1 Problemfeld: integrierender sozialhistorischer Rahmen

Vor allen anderen Problempunkten stellt sich bei dem geplanten Projekt aufgrund
seines spezifischen Forschungsdesigns die grundsätzliche Frage nach einem
historischen und arbeitstechnischen Rahmen, der es erlaubt, die unterschiedlichen
13

Teilbereiche zu integrieren, um (für den österreichischen Raum)


verallgemeinerbare Befunde zu erhalten (siehe dazu ausführlicher unter Punkt 4).

A.1.3.2 Problemfeld: Datenqualität und Repräsentativität der verfügbaren Quellen

Hinsichtlich der Repräsentativität stellen die unter Punkt 2 erwähnten Studien des
Antragstellers, die auf Stichproben aus der NSDAP-Mitgliederkartei beruhen
(also der Gesamtheit aller deklarierten NS-Anhänger), den umfassendsten Ansatz
dar. Sie bieten allerdings nur sehr generalisierte Ergebnisse, sollen erstmals in
einer systematischen Weise analysiert werden und sollen den allgemeinen
Bezugsrahmen der in die Tiefe gehenden Detailstudien dieses Projekts
ermöglichen.

In Bezug auf die Phase der nationalsozialistischen Illegalität (1933–1938)


bestehen allerdings begründete Zweifel, ob die soziale Zusammensetzung
derjenigen, die in der Zentralkartei der NSDAP als „illegale“ Parteigenossen
erfasst sind, tatsächlich die NS-Sozialstruktur der „Verbotszeit“ ohne Abstriche
adäquat abbildet. Weil es für eine im Untergrund aktive politische Bewegung
nicht opportun und aus organisatorischen Gründen auch gar nicht möglich war,
ein zentrales Verzeichnis ihrer Mitglieder zu führen, wurden erst nach dem
„Anschluss“ Mitgliedsnummern (Nummerblock 6,1 bis 6,6 Millionen) für illegale
Parteigenossen vergeben und diese in der Münchner Zentralkartei erfasst. Viele,
die in der Illegalität eher im Hintergrund standen oder überhaupt nicht in
Erscheinung traten, bemühten sich nun um eine möglichst niedrige Mitglieds-
nummer (so genannte „Märzgefallene“ bzw. „Märzveilchen“), während andere,
durchaus aktive „Illegale“ nach dem „Anschluss“ keinen besonderen Wert auf
eine formale Parteimitgliedschaft legten (Jagschitz, 2000). Daher spiegelt die
Mitgliedskartei zu diesem Zeitpunkt – kaum weniger als jene der während der
Regime-Phase in die NSDAP-Eintretenden – eher die Aufnahmepolitik der
Gauleitungen und NS-Reichsleitung, die persönlichen, lokalen und regionalen
Protektionsnetze und nachträgliche Rechtfertigungsstrategien der (potentiellen)
Parteigenossen wider.
14

Bei den anderen genannten Studien ist aufgrund ihrer lokalen, regionalen, sozialen
und/oder zeitmäßigen Einschränkung von vornherein anzunehmen, dass sie nicht
die Sozialstruktur der gesamten österreichischen NS-Bewegung in der Phase der
Illegalität abbilden, allerdings eine empirisch begründete Hypothesenbildung
zulassen können.

A.1.3.3 Problemfeld: korrekte Zuordnung der Berufsangaben in ein adäquates


Sozialstrukturmodell

Die überlieferten Berufsangaben in Mitgliederkarteien, Auflistungen und Ver-


zeichnissen von Flüchtlingen, Anhaltehäftlingen, Ausgebürgten etc. stellen eine
nicht zu unterschätzende Herausforderung für die Forschung dar. Aufgrund der
Erfahrungen bisheriger quantitativer Studien lassen sich beispielsweise folgende
Problempunkte feststellen:

• fragliche Zuordnung in die Kategorien „Lohnabhängige“ und „Selbständige“


(z. B. bei Berufsangaben wie „Tischler“, „Bäcker“, „Schmidt“ u. dgl.);

• ungenaue, unpräzise Berufsangaben, die keiner einheitlichen Terminologie


folgen (Angaben wie „Arbeiter“, „Hilfsarbeiter“, „Beamter“ u. dgl.);

• fehlende, für eine korrekte sozialstrukturelle Zuordnung aber relevante


Angaben zu Besitzgröße, Einkommen und Bildung (z. B. die Angabe
„Besitzer“ für Bauer, aus der nicht hervorgeht, ob es sich um einen
landwirtschaftlichen Kleinbesitzer handelte, der eventuell nebenbei noch im
Taglohn tätig war, oder um den Besitzer eines größeren, wohlhabenden Hofes);

• Unsicherheit, ob es sich bei dem angegebenen Beruf eventuell um eine nur


vorübergehend aufgrund von Arbeitslosigkeit ausgeübte Tätigkeit handelte
(z. B. ein gelernter Handelsgehilfe, der sich vorübergehend als Bauernknecht
oder Bauhilfsarbeiter verdingt).

Diese Probleme lassen sich grundsätzlich durch flexible (Re-)Kodierungen, wie


sie die seit zwei Jahrzehnten in Anwendung stehenden Datenbank- und
Rechenprogramme gestatten (siehe die Arbeiten Manfred Thallers 1986 und
1988), und durch ein multidimensionales Aggregierungs- und
15

Gruppierungsverfahren, wie es Botz (österreichische NSDAP-Mitglieder 1980)


allgemein vorgestellt hat, bewältigen. Weiters kann diese Limitation des
Quellenmaterials durch Vergleich und Kontextualisierung mit anderen
Untersuchungsgruppen und den Wechsel der Perspektiven überwunden werden.
Eine zusätzliche, über den vorhandenen Quellenbestand hinausgehende
Datenerhebung ist kaum oder nur mit einem erheblichen, letztlich nicht
vertretbaren Mehraufwand möglich; sie könnte auch keinen dem Mitteleinsatz
entsprechenden Zuwachs an Genauigkeit und Verlässlichkeit gewinnen.

Es zeigt sich, dass „kleinere“ Studien, deren Datenmaterial beispielsweise aus


Gendarmerieanzeigen generiert wurde (wie in der Studie von Bauer 2001),
aufgrund des vorhandenen Kontextmaterials (Tatbestandsdarstellung, Aussagen
des Beschuldigten und von Zeugen etc.) hinsichtlich der sozialstrukturellen
Zuordnung im Regelfall relativ präzis sind. Dahingegen sind sie wegen der
wesentlich geringeren Fallzahlen und der regionalen und/oder zeitlichen
Einschränkung weniger repräsentativ. „Größere“ Studien, die auf Auflistungen
oder Karteikarten basieren, die ausschließlich die „nackten“ Personendaten ohne
zusätzliche Angaben enthalten (wie in den Studien von Botz und
Albrich/Meixner), sind hinsichtlich der sozialstrukturellen Zuordnung weniger
detailliert, können aber einen größeren geographischen Raum (ein ganzes
Bundesland oder gar ganz Österreich) sowie einen größeren Zeitraum abdecken,
sind also wesentlich aussagekräftiger, was die Gesamtheit der österreichischen
Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1938 betrifft. Solche umfassenden Studien
ermöglichen zusätzlich auch einen Vergleich im zeitlichen Längsschnitt.

A.1.3.4 Problemfeld: Sozialstrukturmodelle

Alle Autoren der oben erwähnten Studien zur Sozialstruktur des österreichischen
Nationalsozialismus haben sich ausführlich mit den Problemen der adäquaten
Kategorisierung von Berufsbezeichnungen und sonstigen Sozialindikatoren und
einem diesen Kategorisierungen notwendigerweise zugrunde liegenden Modell
der sozialen Struktur der Gesellschaft der Ersten Republik Österreich beschäftigt.
16

Dirk Hänisch, der die soziale Basis der österreichischen NSDAP anhand von
Wahlresultaten analysierte, entwickelte ein einfaches Modell der „sozialen
Gliederung der österreichischen Erwerbspersonen“ aus der amtlichen Statistik.
Aufgrund des ausgewerteten Datenmaterials (Wahlergebnisse aus allen Regionen
Österreichs) war für Hänisch im Grunde genommen nur die Verwendung eines
aus den Ergebnissen der Volkszählung 1934 abzuleitenden und verhältnismäßig
groben Sozialstrukturmodells möglich.

Gerhard Botz’ Untersuchungen zur sozialen Struktur der österreichischen NS-Mit-


glieder beruhen auf einem vom deutschen Soziologen Theodor Geiger
entwickelten Schichtenmodell aus 1932 („Die soziale Schichtung des deutschen
Volkes“). Das Phänomen „Jugendlichkeit“ des Nationalsozialismus untersuchte
Botz mittels Kohorten, basierend auf Sozialisationsfaktoren (nach Peter Merkl
1975).

Die Untersuchung von Thomas Albrich und Wolfgang Meixner griff auf das von
Reinhard Schüren entwickelte Klassifikationsmodell zur Analyse von
Sozialstrukturen des späten 19. Jahrhunderts zurück. Dieses Modell bildet jede in
einer Quelle enthaltene Berufsangabe in einem dreistelligen Code ab, der dessen
Schichtzugehörigkeit, Stellung im Beruf sowie Wirtschaftssektor oder
Arbeitsmilieu festlegt. Daraus leiten sich 65 Berufsgruppen ab, die zur weiteren
Analyse Verwendung finden.

Im Unterschied dazu basierten die Untersuchungen von Kurt Bauer zu den


nationalsozialistischen Juliputsch-Beteiligten 1934 auf einem von ihm
entwickelten, auf Überlegungen von Ernst Hanisch und insbesondere von Gerhard
Schultze fußenden Modell sozialer Milieus.

Bemerkenswert ist der Ansatz von Laurenz Krisch in seiner quantitativen


Mikrostudie aus 2003. Er verwendet sowohl das Klassifikationsmodell von
Reinhard Schüren (1989) wie Albrich/Meixner (1995) als auch das von Bauer
entwickelte Milieumodell, und zwar im Sinne der Milieutheorie adaptiert auf die
spezifischen Gegebenheiten des Kurortes Bad Gastein.
17

Als grundsätzlich problematisch für quantitative Studien zur Sozialstruktur der


österreichischen Nationalsozialisten vor 1938 erweist sich

• erstens die Tatsache, dass – außer der Arbeit von Januschka zur sozialen
Schichtung der Bevölkerung Österreichs aus dem Jahr 1938 – kein geeignetes,
auf empirischen Grundlagen basierendes, einfach zu adaptierendes
Sozialstrukturmodell für die Zwischenkriegszeit in Österreich vorliegt, und

• zweitens die Frage, ob man einer quantitativen Studie eher ein „klassisches“
Schichtenmodell nach Geiger oder eher ein Modell nach Bourdieu, das nicht
nur die vertikalen Klassenlagen (Großbürgertum/Bourgeoisie, Kleinbürgertum
und Arbeiterschaft), sondern, innerhalb dieser Klassen „horizontale“ Achsen
(Klassenfraktionen) mit spezifischen Positionen und symbolischen
Auseinandersetzungen im Raum der Lebensstile unterscheidet, zugrunde legen
will.

Die dargestellten Unterschiede bei den in den bisher erschienenen Studien in


Ansatz gebrachten Sozialstrukturmodellen führen dazu, dass ein wünschenswerter
komparativer Vergleich der Studien auf Basis der ermittelten Zahlen in Form
einer Art „Metastudie“ nicht durchführbar ist. Auch die wissenschaftlich
notwendige Falsifizierbarkeit der Forschungsergebnisse ist aufgrund der
erschwerten Vergleichbarkeit der Ergebnisse nur eingeschränkt möglich.

A.1.4 Forschungsdesign

Die unter Punkt 3 angesprochenen Probleme sollen durch eine durchdachte


Forschungsstrategie gelöst werden. Diese Strategie besteht in einem spezifischen
Mix der herangezogenen historischen Quellenbestände (Quellenpluralismus), die
auf Basis verschiedener Sozialstrukturmodelle (Methodenpluralismus)
ausgewertet werden. Durch die einheitliche Strukturierung der Teilstudien und
den streng regelgeleiteten Forschungsablauf wird eine Sammelstudie entstehen,
die valide allgemeine Aussagen (Thesen) über die soziale Struktur und darüber
18

hinaus über den sozialen Gehalt des österreichischen Nationalsozialismus vor


1938 zulassen.

Diese Thesen sollen über den aufgrund der vom Historiker nicht mehr
veränderbaren Eigenheiten der seriellen Quellenbestände notwendigerweise
zeitlich, räumlich und sozial begrenzten Horizont der einzelnen Teilstudien
hinausreichen. Gleichzeitig sollte durch das spezifische Forschungsdesign besser
als bisher die wissenschaftliche Überprüfung (Falsifizierbarkeit) der
Forschungsergebnisse gewährleistet sein.

A.1.4.1 Historischer und arbeitstechnischer Rahmen

Die konkrete empirische Projektarbeit wird sich in vier Teile gliedern, um von
unterschiedlichen Ansätzen und Perspektiven ausgehend Einblicke in das zu
untersuchende Thema zu gewinnen suchen. Diese Teilbereiche sind:

a) eine quantitativ-soziographische Analyse der illegalen NSDAP-Mitglieder


(offizielles rückwirkendes Aufnahmedatum 1. Mai 1938) (Teil Botz),

b) eine regional auf Wien fokussierte quantitativ-sozialgeschichtliche Analyse


desselben Personenkreises, jedoch auf der Grundlage einer detaillierteren
Datenbasis, die genauere Einzelanalysen und Milieu-Kontextualisierungen
zulässt (Teil Bauer),

c) eine soziographische Analyse der zwischen 1933 und 1938 ausgebürgerten


Nationalsozialisten, die in ihrem überwiegenden Teil in das
nationalsozialistische Deutschland gingen, ein Personenkreis, der von den
österreichischen Behörden als politisch besonders aktiv und gefährlich
eingeschätzt wurde (Teil Meixner), und

d) eine Spezialstudie einer besonders aktivistischen Kategorie von


Nationalsozialisten, die als solche unter dem stärksten Verfolgungsdruck des
„Ständestaates“ stand, die NS-Population des Anhaltelagers Wöllersdorf (Teil
Bauer).

Diese gestaffelte Gliederung entspricht im Wesentlichen einer Skala zunehmender


Involvierung in den Nationalsozialismus. Sie gestattet eine Kombination von
19

makro- und mikrohistorischem Blick auf Herkunft und Motivation der


Nationalsozialisten in deren Verbotszeit in Österreich. Dabei ist anzunehmen,
dass jeweils unterschiedliche, präzise herauszuarbeitende sozialstrukturelle,
gesellschaftsgeschichtliche, generationelle, familiale und persönlich motivierende
Motive und Faktoren des unterschiedlichen pro-nazistischen Engagements im
Vordergrund stehen.

• Die allgemeinste, den breitesten Personenkreis (bereits 1932 einige


hunderttausend NSDAP-Wähler) umfassende Untersuchungsebene bezieht sich
auf Wählerschaften, die in unserem Projekt jedoch naturgemäß wegen des
Fehlens entsprechender Wahlen und Daten außerhalb einer eigenen
empirischen Untersuchung bleibt, jedoch aus den vorliegenden Wähleranalysen
zur Zeit vor 1933 (aufgrund der Literatur) vorausgesetzt werden kann.
(Strukturgeschichtliche Aspekte müssen dabei ganz im Vordergrund stehen).

• Schon ein etwas differenzierter, individuumsnäherer Blick wird für die


illegalen NSDAP-Mitglieder insgesamt gruppen- und regionalspezifische
Erkenntnisse zum Thema zulassen. Innerhalb der zu erwartenden, noch sehr
generalisierten, jedoch (einigermaßen) für ganz Österreich repräsentativen
Ergebnisse dieser Betrachtungsebene werden Spezialuntersuchungen, die mit
einem abnehmenden Grad an Repräsentativität mit einer zunehmenden
Informationsdichte und „Wirklichkeits“-Nähe einhergehen, ihren Stellenwert
finden; von hier aus wir auch die Gesamtdarstellung geschrieben werden.

• Illegale Nationalsozialisten, die als solche „amtsbekannt“ wurden und in


Polizeiakten beschrieben sind, verkörpern ein noch stärkeres Engagement in
der radikalen, illegalen Bewegung und eine noch stärkere Bereitschaft zur
Übernahme des Verfolgungsrisikos; diese Nazi-Kategorie soll exemplarisch
anhand eines Quellenbestandes aus Wien analysiert werden.

• In einem nochmals gesteigerten Maß zeigt – wie wir annehmen – die Gruppe
der zwischen 1933 und 1937 tatsächlich ausgebürgerten Nationalsozialisten,
die allerdings nicht unbedingt formelle Parteimitglieder gewesen sein mussten,
20

pro-nazistisches Engagement; in ihr haben sich auch andere


Motivationsmomente gewissermaßen wie in einem Brennglas gebündelt.

• Auf der obersten Stufe dieser Skala zunehmenden politisch-extremistischen


Engagements ist die Gruppe der Anhaltelager-Häftlinge zu positionieren. Eine
Analyse der „Wöllersdorfer“ lässt belegbare sozialstrukturelle und -
motivationale Thesen über die militantesten bzw. aktivistischsten
Nationalsozialisten zu erwarten, sofern diese „erwischt“ und interniert wurden,
was wiederum keineswegs von zufälligen, sozialgeschichtlich nicht
verzerrenden Momenten abhängt. (Ein Vergleich mit den sozialdemokratischen
und kommunistischen Internierten bietet sich an und wird unserer Ergebnisse
durch die zu erwartenden Kontraste bzw. Parallelen schärfen.)

Erst in der Kombination dieser Teilbereiche wird die Mehrebenenanalyse des ein-
gereichten Projekts die anvisierten Ergebnisse bringen können.

A.1.4.2 Methoden

Es gibt gute Gründe, die – gerade in Hinblick auf noch wesentlich stärker als
heute hierarchisch strukturierte historische Gesellschaften – für die Anwendung
eines Schichtenmodells sprechen. Ebenso wird man einem möglicherweise
flexibleren und leichter zu adaptierenden Milieuansatz eine vom Schichtenmodell
abweichende Erklärungskraft zuschreiben können.

Daher scheint es sinnvoll, im Zuge dieses Forschungsprojekts ein und denselben


Datensatz auf Basis verschiedener Sozialstrukturmodelle auszuwerten, und zwar

• nach dem Schichtenmodell (nach Reinhard Schüren),

• nach einem auf dem Milieuansatz basierenden Sozialstrukturmodell

• sowie auf Basis der „Wirtschaftlichen Zugehörigkeit der Wohnbevölkerung“


laut österreichischer Volkszählung 1934 (wodurch am besten eine
Vergleichbarkeit zur österreichischen Gesellschaft der 1930er Jahre in ihrer
Gesamtheit gewährleistet ist).
21

Ein wichtiges Ziel ist es, ein Kodierschema der Berufsgruppenzuordnung zu


entwickeln, das nicht nur einem Schichtenmodell à la Schüren folgt, sondern auch
Milieumodelle sowie Zuordnungen nach Wirtschaftssektoren (Volkszählung
1934) erlaubt. Dieses Schema könnte sich auch für andere sozialstrukturelle
Untersuchungen zur österreichischen Gesellschaft der Zwischenkriegszeit als
fruchtbringend erweisen. Damit würde sich die österreichische Forschung in
internationale Aktivitäten vergleichender Studien über soziale Mobilität einfügen.
(Zur Notwendigkeit internationaler Standards von Berufskodierungen vgl. Marco
H. D. van Leeuwen u. a. 2002.)

Zur Untersuchung der räumlichen Verteilung der „illegalen“ Nationalsozialisten


wird ein homologisiertes Gemeindeverzeichnis für die Zwischenkriegszeit erstellt.
Damit können regionale und lokale Entwicklungen auch bei geänderten
Gemeindegrenzen über die Zeit verglichen werden.

A.1.4.3 Quellen

Die Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit der ausgewerteten seriellen


Quellenbestände soll gewährleisten, dass ein möglichst breites Spektrum an
formellen Parteimitgliedern, „Alten Kämpfern“, illegalen Aktivisten, mehr oder
weniger treuen Anhängern und Sympathisanten der NSDAP erfasst wird (siehe
dazu die Ausführungen unter Punkt 4.1.)

Ein Vorteil der Sammelstudie wird es sein, die einzelnen Datenbestände


abzugleichen und Personen herauszufiltern, die in mehreren Datensätzen
vorkommen.

A.1.4.4 Projektteile

Die folgenden Teilauswertungen werden durchgeführt werden:

Stichprobe aus der NS-Mitgliederkartei (Teil Botz)

Ausgangspunkt dieses Untersuchungsteils sind die Mitgliedskarten jener österrei-


chischen NSDAP-Mitlieder, die mit dem offiziellen Beitrittsdatum „1. Mai 1938“,
meist rückwirkend, in die NSDAP aufgenommen wurden. Von der „Partei“ wurde
22

ihnen damit der Status eines „Illegalen“ (neben 68.000 „Alten Kämpfern“ gab es
im November 1938 in der „Ostmark“ ca. 195.000 solcher mit Datum 1. 5. 1938
Aufgenommene) zuerkannt. Inwiefern dies tatsächlich zutrifft, ist Teil der
Voruntersuchungen, die der Bearbeiter dieses Projektteils schon mehrfach
publiziert hat und weiter vertiefen wird. Daraus wurde in der Mitgliederkartei im
(ehemaligen) BDC eine repräsentative Stichprobe von rund 2500 gezogen, die
nach Geburtsjahr, Beitrittsdaten und eventuellem (gar nicht so seltenem)
Austrittsdatum, Geburts- und Wohnort, Bundesland, Familienstand, Konfession,
Geschlecht, Berufsangaben etc. mit deskriptiver und schließender Statistik
untersucht werden sollen (zum Verfahren siehe Botz, NSDAP-Mitglieder,
1980;und allg. ders., Wien, 1978). Weiters wird record linkage mit den
demographischen Daten auf niedrig aggregiertem Niveau (Länder, Gemeinden)
zum Stichpunkt der Volkszählung von 1934 und den Wahlergebnissen 1930 und
1932 möglich sein, woraus sich Zusammenhänge mit der sozialen Ökologie und
den politischen Milieus herstellen lassen werden. Schon früher vom Bearbeiter
(Botz Changing Patterns 1980) aufgestellte Thesen können dadurch falsifiziert
bzw. getestet oder modifiziert werden, vor allem jene vom Charakter der NSDAP
auch in der Illegalität:

• als „asymmetrische Volkspartei“ (in der Illegalität mit einem stärkeren Bias zur
Arbeiter- und Angestelltenschaft, verglichen mit späteren Perioden),

• als (alternde) „Jugendbewegung“, deren Mitglieder vor allem den in den Jahren
zwischen 1899 und 1913 geborenen Kohorten stammten,

• als weitaus überwiegend männlich (und ledig),

• als im Verlauf der Zeit strukturell wie individuell stark fluktuierend,

• als 1933-38 eher süd- und westösterreichisch-„peripher“

• als stark in Klein-, Mittelstädten verankert, sowie

• als eher protestantisch denn katholisch geprägt.

Dabei soll immer bewusst belieben, dass selbst die feinste Datenanalyse immer
von Artefakten ausgeht, die durch andere, nicht immer klar rekonstruierbare
23

Momente, wie den nachträglichen Organisationsinteressen und -vorstellungen des


Reichsschatzmeisters oder den Fälschungsmöglichkeiten auf allen Ebenen der
NS-Organisation, (mit-)produziert wurden. Daher soll von diesem Teil aus auch
eine methodologische Reflexion unseres Tuns erfolgen.

11.000 ausgebürgerte illegale Nationalsozialisten aus Österreich 1933–1938


(Teil Meixner)

Im Österreichischen Staatsarchiv (Archiv der Republik, Bestand „Inneres“)


befinden sich 17 Listen mit insgesamt knapp 11.000 Personen, die von der
Bundesregierung zwischen 1933 und 1938 aufgrund „österreichfeindlicher
Handlungen“ ausgebürgerten wurden. Dabei handelt es sich vorwiegend um nach
dem Parteiverbot der NSDAP straffällig und nach Deutschland „geflüchteten“
Aktivisten und Aktivistinnen.

Diese Quelle enthält Angaben zur Person (Geburtsdatum, -geburtsort,


Zuständigkeit, Geschlecht, Beruf und allfällige Titel, Wohnort). Damit stellen
diese Listen eine der wenigen Datengrundlagen zur überregionalen Erforschung
von österreichischen NS-Aktivisten und -Aktivistinnen dar.

Ihre Auswertung wird eine wertvolle Ergänzung und Korrektiv zu der von
Gerhard Botz unternommen „Rekonstruktion“ der österreichischen NSDAP-
Mitglieder zwischen 1933 und 1938 aus den BDC-Akten liefern.

Dieser Personenkreis stammt vorwiegend aus ländlich-peripheren Gebieten


Österreichs und war überwiegend männlich. Die meisten von diesen waren
„unterprivilegierte“ junge Männer bäuerlicher oder manuell-arbeitender Herkunft
mit erhöhter Bereitschaft zu physischer Gewalt. Fast zwei Drittel von ihnen
können dem Arbeitermilieu zugerechnet werden, 30 Prozent dem bürgerlichen
Milieu und nur knapp zehn Prozent einem rein besitzenden bäuerlichen Milieu.
24

Nationalsozialisten in Wien 1933–1938 (Teil Bauer)

Die Epoche des illegalen Nationalsozialismus in Wien von 1933 bis 1938 ist ein
weitgehend unbearbeitetes Forschungsgebiet. Während für einige österreichischen
Bundesländer und Regionen ausführliche, zumeist ereignisgeschichtlich
orientierte Studien vorliegen, existiert über die „Illegalen“ in Wien keine relevante
Fachliteratur. Ein Wirkungsmodell des österreichischen Nationalsozialismus kann
allerdings nicht allein auf der Bedeutung der NS-Ideologie in der „Provinz“ fußen
– so sehr man auch versucht ist, den Nationalsozialismus mit Ernst Hanisch
(1997) als „Aufstand der Provinz gegen die Metropole“ zu verstehen und ihn
unter dem Aspekt der Zentrum-Peripherie-Spannung zu definieren. Gerade diese
Sicht bedarf der Klärung der Frage, unter welchen Bedingungen der
Nationalsozialismus in der Großstadt Wien Bedeutung erlangen und eine große
Zahl an Anhängern, Sympathisanten und illegalen Aktivisten gewinnen konnte.

Im Rahmen von durch die Hochschuljubiläumsstiftung der Stadt Wien


geförderten Archivrecherchen konnte Kurt Bauer im Österreichischen
Staatsarchiv/Archiv der Republik sämtliche Archivkartons (insgesamt 43 Stück)
des Bestandes BKA-Inneres 22/Wien von 1932 bis 1938 sichten und
protokollieren. Weiters wurden 643 Personendaten von illegalen
Nationalsozialisten aus Wien tabellarisch in einer Datenbank erfasst und
zusätzlich eine Fülle von Dokumenten fotokopiert, deren Auswertung geschätzte
weitere 400 Personendaten ergeben wird. Insgesamt wird die Datenbank
schließlich Personendaten von mehr als 1000 Wiener illegalen Nationalsozialisten
beinhalten.

Die Auswertung dieser Daten nach den unterschiedlichsten Kriterien wird


relevante Aussagen zur Sozialstruktur des Nationalsozialismus in Wien vor 1938
ermöglichen und – im Vergleich mit anderen Studien – die Unterschiede zwischen
Hauptstadt und Bundesländern hinsichtlich der sozialen Zusammensetzung der
NS-Anhänger aufzeigen.
25

Die nationalsozialistischen Häftlinge des Anhaltelagers Wöllersdorf 1933–


1938 (Teil Bauer)

Per Verordnung des Bundeskanzlers „betreffend die Verhaltung


sicherheitsgefährlicher Personen zum Aufenthalte in einem bestimmten Orte oder
Gebiete“ wurde am 23. September 1933 die gesetzliche Voraussetzung zur
Einrichtung von Sammellagern geschaffen, in die „sicherheitsgefährliche
Personen“ per Bescheid der Sicherheitsdirektoren der einzelnen Bundesländer (in
Wien: Polizeipräsident) „auf unbestimmte Zeit“ eingewiesen werden konnten.
Das bedeutendste derartige „Anhaltelager“, das einzige, das von 1933 bis 1938 in
Verwendung stand, befand sich auf dem Gelände einer ehemaligen
Munitionsfabrik in Wöllersdorf (Niederösterreich, Bezirk Wiener Neustadt Land),
rund 50 Kilometer südlich von Wien. Weitere Anhaltelager und Notarreste
wurden an zahlreichen Orten errichtet; große Lager befanden sich vorübergehend
u. a. in Kaisersteinbruch im nördlichen Burgenland (rund 40 Kilometer von Wien)
sowie in Messendorf bei Graz.

Am 17. Oktober 1933 bezogen die ersten Häftlinge das Lager Wöllersdorf; am
17. Februar 1938 wurden – aufgrund der Amnestie nach dem Berchtesgadener
Abkommen – die letzten Häftlinge aus Wöllersdorf entlassen. Die höchsten
Belagszahlen wurden nach dem Juliputsch 1934 erreicht: Am 1. Oktober 1934
hielten sich in Wöllersdorf insgesamt 5302 Häftlinge (4747 Nationalsozialisten,
555 Sozialdemokraten oder Kommunisten) auf. Danach sanken die Zahlen
kontinuierlich ab: Am 1. Dezember 1937 registrierte man 45 Nationalsozialisten,
11 Sozialdemokraten und 58 Kommunisten, insgesamt also 114 Häftlinge in
Wöllersdorf. (Grundlegend: Jagschitz 1975)

Akten bezüglich des Anhaltelagers Wöllersdorf, vor allem personenbezogen


Akten, wurden in der Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit im
Bundeskanzleramt-Inneres unter der Signatur 20/g abgelegt. Die Akten befinden
sich im Archiv der Republik des Österreichischen Staatsarchivs; laut Inventar sind
für die Jahre von 1933 bis 1938 89 Archivkartons vorhanden.
26

Eine Probeauswertung zweier Archivkartons aus 1936 hat insgesamt 177


Personalakten mit sozialstrukturell verwertbaren Daten ergeben. Die weiteren
Kartons dürften, laut Auskunft des Archivs, ähnlich zusammengesetzt sein wie die
beiden Musterkartons.

Im Regelfall lassen sich die folgenden Daten gewinnen: Name; Geburtsdatum;


Beruf; Geschlecht (aufgrund des Vornamens bzw. der weiteren Angaben);
Wohnort; Zuständigkeit (Heimatberechtigung); Geburtsort;
Konfessionszugehörigkeit; Familienstand (ledig, verheiratet, verwitwet);
Parteizugehörigkeit (im Regelfall Nationalsozialist, Sozialdemokrat oder
Kommunist); Art und Ausmaß der Tätigkeit für die verbotene Partei (Datum des
Deliktes, häufig Angaben Funktion in der Partei); gerichtliche und polizeiliche
Vorstrafen (Grund, Ausmaß, Zeitpunkt); Datum der Einweisung in das
Anhaltelager, Dauer des Aufenthaltes; zum Teil Angaben zur Biografie (familiäre
Hintergründe, Bildungsweg, beruflicher Werdegang, Zugehörigkeit zu politischen
Parteien etc.); eventuell Angaben über bestehende Arbeitslosigkeit.

Zumeist ist eine Begründung für die Einweisung in das Anhaltelager enthalten,
aus der die politische Biografie, die politischen Aktivitäten und die Funktion in
der Partei hervorgehen. Interessant ist beispielsweise die Angabe, ab wann jemand
Mitglied einer Partei war oder zu welchem Zeitpunkt jemand eventuell zu einer
anderen Partei übergetreten ist (z. B. von den Sozialdemokraten zu den
Nationalsozialisten). Von großer Bedeutung sind auch häufig vorhandene
Angaben, ob eine Person bis zum Verbot Mitglied der NSDAP, Mitglied der SA,
SS, HJ oder einer anderen Teilorganisation war, oder ob sie nur mit dieser Partei
sympathisierte.

Insgesamt dürften sich aus dem genannten Archivbestand bei vorsichtiger


Schätzung die Daten von rund 6000 bis 9000 Anhaltehäftlingen für eine
quantitative Auswertung generieren lassen. Der Anteil der Nationalsozialisten
beträgt rund 70 bis 80%, der Anteil der Sozialdemokraten und Kommunisten, die
sich aufgrund der Angaben in den Akten nicht immer genau auseinander halten
lassen, 20 bis 30%.
27

Die Aufarbeitung dieses Quellenbestandes und die Erfassung der Daten in einer
Datenbank wird ein wesentliches Kernstück des geplanten Forschungsprojektes
bilden. Die Erfassung eines Archivkartons wird im Regelfall ein bis zwei
Personentage in Anspruch nehmen, insgesamt ist also mit einem grob geschätzten
Aufwand von ca. 160 Personentagen (oder rund acht Personenmonaten) allein für
die Erfassung zu rechnen.

Durch die Auswertung der Daten wird sich ein zeitlich und räumlich umfassendes,
äußerst differenziertes Bild der österreichischen NS-Bewegung vor dem
„Anschluss“ gewinnen lassen. Da weiters Daten über die anderen illegalen
Gruppierungen im „Ständestaat“ generiert werden können – nämlich
Sozialdemokraten und Kommunisten –, steht zusätzliches sozialstrukturelles
Vergleichsmaterial zur Verfügung.

A.1.5 Zusammenfassung

In vier aufeinander bezogenen und durch ein spezifisches Methodenkonzept mit-


einander verknüpften Teilstudien wird in dem geplanten Forschungsprojekt ein
breites Spektrum an Parteimitgliedern, „Alten Kämpfern“, illegalen Aktivisten,
mehr oder weniger treuen Anhängern und Sympathisanten der NSDAP erfasst.
Der Methoden- und Quellenpluralismus bei einheitlicher Strukturierung und
streng regelgeleitetem Forschungsablauf wird es ermöglichen, die Vielfalt einer
komplex strukturierten Gesellschaft adäquat zu erfassen.

Die gestaffelte Gliederung dieser Studien kann einen umfassenden, tiefgehenden


Einblick in die Herkunft und Motivation der Nationalsozialisten in deren
Verbotszeit in Österreich gestatten und damit einen essentiellen Beitrag zur Frage
nach den Ursachen und Hintergründen des „Anschlusses“ Österreichs an das
Deutsche Reich leisten.
28

A.2 Arbeitskonzept

Ziel des Forschungsprojekts war es, auf der Basis unterschiedlicher, teils
individueller, teils serieller Quellen und eines einheitlichen, aber differierenden
Methodeninstrumentariums empirisch fundierte Aussagen zur Geschichte der
sozialen Charakteristik der illegalen NS-Bewegung in Österreich von 1933 bis
1938 zu formulieren und damit einen essentiellen Beitrag zur Frage nach den
Ursachen und Hintergründen des Aufstiegs der NSDAP und zur Machtübernahme
auch iun Österreich („Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich) im März
1938 zu liefern.

In vier aufeinander bezogenen und durch ein spezifisches Methodenkonzept


miteinander verknüpften Teilstudien soll ein breites Spektrum an Partei-
mitgliedern, „Alten Kämpfern“, illegalen Aktivisten, mehr oder weniger treuen
Anhängern und Sympathisanten der NSDAP erfasst werden.

Projektteile

Hauptbearbeiter

NSDAP-Mitglieder 1918 bzw. 1933 – 1938 und Gerhard Botz


methodologische Überlegungen

11.000 ausgebürgerte illegale Nationalsozialisten aus Wolfgang Meixner


Österreich 1933–1938

Illegale Nationalsozialisten in Wien 1933–1938 Kurt Bauer


(„Wien-Erhebung“)

Die nationalsozialistischen Häftlinge der österreichischen Kurt Bauer


Anhaltelager 1933–1938 („Wöllersdorf-Erhebung“)

Der Pluralismus der verwendeten Methoden und Quellen bei einheitlicher


Strukturierung und streng regelgeleitetem Forschungsablauf ermöglicht, es,
unterschiedliche Aspekte und die Vielfalt des komplex strukturierten
gesellschaftlichen Phänomens Nationalsozialismus besser als bisher zu erfassen.

Trotz dieser Vielfalt standen im Hintergrund der Datenauswertung –


administrativ, datentechnisch und methodisch unterstützt von Mag. Heinrich
29

Berger vom LBIHS – drei ergänzend bzw. alternierend angewandte Methoden zur
Konstruktion von empirisch am konkreten Material anwendbaren
Sozialstrukturmodellen:

1. die bei der österreichischen Volkszählung 1934 verwendeten wirtschaftlich-


sozialen Kategorien, um eine Vergleichsbasis mit der österreichischen
Gesellschaft der 1930er Jahre zu haben, 1

2. das Schichtenmodell nach dem international oft angewandten sog. „Schüren-


Code“, 2

3. und ein für die Auswertung der nationalsozialistischen Juliputsch-Beteiligten


entwickelten historischen Milieuanalyse (Milieumodell) 3

A.3 Projektverlauf

Der Projektantrag wurde Anfang 2006 beim Jubiläumsfonds der Oesterreichi-


schen Nationalbank eingereicht, am 29. Juni 2006 bewilligt und startete per
1. Jänner 2007. Als Projektende war ursprünglich der 30. Juni 2009 vorgesehen.

Von den Vorarbeiten konnten jedoch schon laufende Publikationsvorhaben von


Gerhard Botz und Wolfgang Meixner profitieren. Zunächst liefen die Arbeiten der
drei Projektbearbeiter im Wesentlichen parallel und durch Besprechungen
koordiniert. Um ein an Kurt Bauer herangetragenes Projekt eines Lehrbuches zur
Geschichte des Nationalsozialismus zügig abschließen zu können, erhielt Kurt
Bauer jedoch vom Ludwig Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft
als dem Projektträger und vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank
für die zweite Jahreshälfte 2007 die Zustimmung für eine halbjährige Unter-

1
Vgl. Botz, Die österreichischen NSDAP-Mitglieder, S. 98–136.
2
Vgl. Schüren, Soziale Mobilität.
3
Vgl. Bauer, Sozialgeschichtliche Aspekte.
30

brechung dieses Forschungsprojektes. 4 Mit 1. Jänner 2008 nahm er die Arbeit an


dem Projekt wieder auf und schloss sie im Sommer 2010 weitgehend ab.

Auf die methodisch-theoretischen Arbeiten zur Konstruktion von sinnhaften


Kategorien zur Erfassung der „Sozialstruktur“ der (österreichischen)
Nationalsozialisten wurde von allen drei Hauptbearbeitern großes Gewicht gelegt;
vorläufige Ergebnisse daraus sind vor allem in den Teilen C.1.1, C.1.2, C.1.3 und
C.1.4 niedergelegt. Gerhard Botz wurde dabei in der zweiten Jahreshälfte 2010
von Mag. Alexander Prenninger, der auf Werkvertrag vor allem die
Rekonstruktion und Transformation bisher noch nicht bearbeiteter Rohdaten
durchführte, unterstützt. Valide Inhaltliche Ergebnisse liegen im Teil C.2 vor.

Im Projektteil von Prof. Wolfgang Meixner, der 2007 zum Personal-Vizerektor


der Universität Innsbruck bestellt wurde, ging es um eine verbesserte Analyse der
sozialstrukturell relevanten Daten von (meist illegalen) Nationalsozialisten, die
1933 bis 1938 vom autoritätsstaatlichen Österreich ausgebürgert wurden. Durch
einen Mitarbeiter, Mag. Gerhard Siegl, konnten im Rahmen eines Werkvertrages
die ca. 10.500 zur Verfügung stehenden Personendatensätze ergänzt und
kontrolliert werden (siehe C.3)

Die Recherche der Daten für die „Wien-Erhebung“ waren von Kurt Bauer bereits
in einem früheren Stadium im Österreichischen Staatsarchiv/Archiv der Republik
durchgeführt worden (Bestand Bundeskanzleramt-Inneres 22/Wien 1933–38). In
einem ersten Projektschritt arbeitete Kurt Bauer diese zum Teil – sofern sie
personenbezogene Angaben enthielten – fotokopierten Akten systematisch auf
und übertrug sie in eine Datenbank, die nunmehr 1324 Personen enthält. Ein
Großteil seiner Arbeit konzentrierte sich auf die quellenkritische Bearbeitung und
genaue Dokumentation sowie Erweiterung dieser Datenbank und jener zum
folgenden Projektteil. Beide Datenbanken werden nach Abschluss der mit diesem
Projekt begonnenen Forschungsarbeiten und unter Beachtung der daten- und

4
Die erwähnte Publikation ist Mitte 2008 erschienen: Kurt Bauer: Nationalsozialismus. Ursprün-
ge, Anfänge, Aufstieg und Fall. Wien, Köln, Weimar 2008 (Böhlau Verlag; UTB-Taschenbuch
3076). 616 Seiten, D: 24,90 €, A: 25.60 €. Siehe: http://www.boehlau.at/978-3-8252-3076-0.html.
31

personenschutzrechtlichen Bestimmungen über das Ludwig Boltzmann-Institut


für Historische Sozialwissenschaft, Wien für einschlägige Forschungen zur
Verfügung stehen.

Von vornherein war vor allem die Erfassung und Auswertung der Daten für die
„Wöllersdorf-Erhebung“ von Kurt Bauer als Kernstück und Hauptteil der Arbeit
an diesem Forschungsprojekt ins Auge gefasst worden.

Akten mit Bezugnahme auf die österreichischen Anhaltelager wurden von 1933
bis 1938 von der Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit im Bundes-
kanzleramt-Inneres unter der Signatur 20/g abgelegt. Dieser Aktenbestand
befindet sich im Archiv der Republik des Österreichischen Staatsarchivs; laut
Inventar sind 89 Archivkartons vorhanden.

Im Zuge der Bearbeitung dieses Bestandes und der Übertragung der Daten in eine
Datenbank stellte sich dreierlei heraus:

Es handelt sich bei den Anhalteakten aus Gründen, die im Abschnitt B noch näher
dargelegt werden, um einen – bisher allerdings kaum beachteten und tatsächlich
selektiv auch fast nicht zu erschließenden – Schlüsselbestand zur Geschichte und
Struktur des österreichischen Nationalsozialismus von 1933 bis 1938 und darüber
hinaus zur Geschichte der illegalen Bewegungen im ständestaatlichen Österreich
insgesamt.

Die Bestandsbearbeitung und Datenerfassung stellte sich als wesentlich zeit-


aufwendiger heraus, als – trotz einer Probeerfassung von drei Archivkartons vor
Projekteinreichung – angenommen worden musste.

Die Eigenheit des Bestandes, die ebenfalls im Abschnitt B ausführlich dargestellt


wird, macht eine Stichprobenerhebung unmöglich. Als statistisch einzig seriöse
und der oben bereits angedeuteten allgemein-historischen Bedeutung des
Bestandes einzig angemessene Vorgangsweise kristallisierte sich im Zuge der
Arbeit die Vollerhebung (das heißt Erfassung des gesamten Bestandes 1933–
1938) heraus.

Bis Projektende konnte Kurt Bauer in mühevoller Kleinarbeit sämtliche 89


Archivkartons aufarbeiten und die Daten von rund 8400 nationalsozialistischen
32

Anhaltehäftlingen in die „Wöllersdorf-Datenbank“ aufnehmen. Allein für die


Durchsicht der Akten und die Erfassung der Daten betrug der Aufwand im
Österreichischen Staatsarchiv 265 Personentage. Zusätzliche Datenbankarbeiten
(Pflege der Daten, Ausscheiden von doppelt aufgenommenen Personen,
Zusammenführen von Daten, Codierungsarbeiten, Recherche von in den Akten
genannten Ortsgemeinden etc.) betrug rund 100 Personentage.

Weitere Arbeiten an dem Projekt (Erfassung, Pflege und Auswertung der Wien-
Datenbank, Recherchen, Verfassen von Texten, Studium der Literatur und
Überarbeitung des Konzepts der historischen Milieuanalyse, Bearbeiten der
Datenbank der österreichischen Volkszählung von 1934 etc.) erforderten einen
zusätzlichen Arbeitsaufwand von weiteren rund 100 Personentagen.

Bereits als ein Folgeprojekt führt Kurt Bauer seit November 2010 (bis Ende 2011)
mit Mitteln, die vom Zukunftsfonds der Republik Österreich zur Verfügung
gestellt wurden, die Erfassung und Codierung der sozialdemokratischen und
kommunistischen Anhaltehäftlinge durch. Dieses Projekt steht im Zusammenhang
mit der politischen und juristischen Rehabilitierung von verfolgten
Sozialdemokraten und Kommunisten während der autoritären Diktatur Dollfuss’
und Schuschniggs. 5

Weitere Schritte zur einheitlichen, vergleichenden Auswertung sämtlicher


vorhandener Datenbestände zur NSDAP sind in Vorbereitung.

5
Kurt Bauer, Die Sozialstruktur der sozialdemokratischen und kommunistischen Häftlinge der
österreichischen Anhaltelager (1933–1938); gefördert vom Zukunftsfonds der Republik
Österreich, Projektnummer P10-0714.
33

B Tätigkeitsbericht

B.1 Projektteil: Analysen von Stichproben aus der NS-


Mitgliederkartei 1918/1933–1938/45 (Gerhard Botz)

Auf der Grundlage einer repräsentativen systematisch gezogenen


Zufallsstichprobe (n = 5700) in der „großen Kartei“ der NSDAP-Hauptkartei im
Berlin Document Center (heute Bundesarchiv Berlin-Zehlendorf) 6 konnten
frühere kategoriale und quantitative Ergebnisse über die Sozialstruktur der
NSDAP-Mitglieder (Teil C.2 dieses Berichts) verfeinert und erweitert werden

Als Kontrapunkt zu diesem methodischen Vorgehen (quantitative Analyse zu


aggregierender Daten) führte der Projektleiter eine spezielle Untersuchung der Art
und Weise durch, wie die (Aufnahme suchenden) NS-Sympathisanten oder -
Aktivisten in reguläre Parteigenossen überführt wurden (oder nicht). Vor allem
nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland bzw. Österreich
wurde dies eine als hoch bürokratisches Verfahren intendierte Prozedur, die sehr
wenig von der ursprünglichen Dynamik des Zustroms zur NSDAP bis 1933 bzw.
1938 bewahrte, sodass manche kurzschlüssige scheinexakte Ergebnisse als höchst
unsicher gelten müssen. Dabei konnte sich Gerhard Botz erstmals auf eine
Analyse einer Zufallstichprobe (n = 320) aus NSDAP-Mitgliedern, von denen
Parteikanzleiakten angefertigt wurden, innerhalb der oben erwähnten gesamten
Stichprobe stützen. Sie erhärten den schon festgestellten Konstruktionscharakter
der NSDAP ab 1933 bzw. (in Österreich rückwirkend) ab 1938 (siehe Teil C 1.2).

6
Die Arbeiten wurden dankenswerter Weise durch eine Forschungsstipendium der Alexander von
Humboldt-Stiftung, Bonn-Bad Godesberg 1976/77 und 1994/95 unterstützt.
34

B.2 Projektteil: 11.000 ausgebürgerte illegale Nationalsozialisten


aus Österreich 1933–1938 (Wolfgang Meixner)

In diesem Projektteil wurde zunächst die aus dem „Ausbürgerungsverzeichnis“ 7


generierte Datenbank 8 mit einer gedruckten Quelle („Ausbürgerungslisten“ des
Innenministeriums 9) abgeglichen. In erster Linie wurden die Spalten „liste“ und
„nummer“ händisch um die entsprechenden Vermerke (Person aus dem
Verzeichnis bzw. in der Datenbank findet sich in der Liste X unter Nummer Y)
ergänzt, gegebenenfalls wurden auch Geburtsdaten ausgebessert bzw.
nachgetragen und Anmerkungen, z. B. bei Doppelnennungen, Streichungen aus
dem Verzeichnis gemacht. 10 Darüber hinaus wurde im Tiroler Landesarchiv
recherchiert und einige Jahresjournale der Bezirkshauptmannschaft Innsbruck
ausgehoben, um so auf weitere Listen mit Ausgebürgerten zu stoßen. Es gab in
den Journalen Hinweise auf drei Aktenstücke. Beim Aushebeversuch hat sich
allerdings herausgestellt, dass die Akten fehlten. Somit konnten die fehlenden

7
Ausbürgerungsverzeichnis der Listen 1 – 15, o. Ort, o. Jahr [1939], 224 Seiten. UB Sig.
22.3060/1.Expl.
8
Excel-File mit 10.422 Datensätzen. Für statistische Auswertungen wurde eine SPSS-Version
erstellt. Diese kann über den Ortschlüssel mit den digital vorliegenden Ergebnissen der
Volkszählung 1934 verschränkt werden.
9
ÖStA, AdR, BKA/Inneres (02), ZEST Ausbürgerung. Geschäftszahlen 221.283-GD vom
14.10.1933 (1. Verzeichnis), 226.614-GD 1/33 vom 30.10.1933 (2. Verzeichnis), 226.468-St.B.
vom 15.11.1933 (3. Verzeichnis), GD-233.658-StB vom 2.12.1933 (4. Verzeichnis), GD-242.501-
StB/1933 ohne Datum (5. Verzeichnis), GD 253.736-StB/33 vom 6.1.1934 (6. Verzeichnis), GD
112.071-StB ohne Datum (7. Verzeichnis), GD 185.448-StB vom 21.6.1934 (8. Verzeichnis), GD
210.539-StB vom 29.7.1934 (9. Verzeichnis), GD 309.888-St.B. vom 15.11.1934 (10. Verzeich-
nis), G.D. 313248-St.B. vom 26.2.1935 (11. Verzeichnis), GD 346.277-St.B. vom 20.7.1935 (12.
Verzeichnis), G.D. 378.205-St.B./35 vom 19.12.1935 (13. Verzeichnis), G.D. 328.287-St.B. vom
9.5.1936 (14. Verzeichnis), GD 360.670-StB vom 18.10.1936 (15. Verzeichnis), GD 328.534-StB
vom 8.5.1937 (16. Verzeichnis), GD 377.226-StB/37 vom 14.1.1938 (17. Verzeichnis), GD
171.841-St.B. vom 14.6.1934 ([18.] Berichtigung). Die Listen sind aufgrund der Verordnung vom
16. August 1933, BGBl. Nr. 369, erstellt worden.
10
197 Personen wurden in späteren Listen wieder aus dem Verzeichnis gestrichen. Vier im
Verzeichnis enthaltene Personen konnten keiner Liste zugeordnet werden.
35

Listenseiten bislang nicht ergänzt werden. Wohl aber konnten die in der
gedruckten Version des Ausbürgerungsverzeichnisses fehlenden Seiten 194–195,
198–199, 202–203 sowie 206–207 durch das in der Universitätsbibliothek
Innsbruck aufgefundene Duplikat ergänzt und in die Datenbank eingearbeitet
werden.

Aufgrund dieser Arbeiten ist nunmehr eine listenmäßige und damit auch zeitliche
Auswertung des Datenbestandes möglich.
36

Verteilung der Personen auf Listen

Kumulierte
Liste Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Prozente

1 (14.10.1933) 309 3,0 3,0 3,0

2 (30.10.1933) 266 2,6 2,6 5,5

3 (15.11.1933) 401 3,8 3,8 9,4

4 (2.12.1933) 381 3,7 3,7 13,0

5 (o. Datum) 353 3,4 3,4 16,4

6 (6.1.1934) 432 4,1 4,1 20,6

7 (o. Datum) 379 3,6 3,6 24,2

8 (21.6.1934) 481 4,6 4,6 28,8

9 (29.7.1934) 406 3,9 3,9 32,7

10 (15.11.1934) 2706 26,0 26,0 58,7

11 (26.2.1935) 448 4,3 4,3 63,0

12 (20.7.1935) 1006 9,7 9,7 72,6

13 (19.12.1935) 583 5,6 5,6 78,2

14 (9.5.1936) 1676 16,1 16,1 94,3

15 (18.10.1936) 394 3,8 3,8 98,1

16 (8.5.1937) 142 1,4 1,4 99,5

17 (14.1.1938) 55 ,5 ,5 100,0

Gesamt 10418 100,0 100,0

Fehlend 4 ,0

Gesamt 10422 100,0


37

Verteilung auf Listen ohne gestrichene Personen

Kumulierte
Liste Häufigkeit Prozent Gültige Prozente Prozente

1 (14.10.1933) 292 2,9 2,9 2,9

2 (30.10.1933) 251 2,5 2,5 5,3

3 (15.11.1933) 400 3,9 3,9 9,2

4 (2.12.1933) 339 3,3 3,3 12,5

5 (o. Datum) 333 3,3 3,3 15,8

6 (6.1.1934) 427 4,2 4,2 20,0

7 (o. Datum) 369 3,6 3,6 23,6

8 (21.6.1934) 466 4,6 4,6 28,1

9 (29.7.1934) 401 3,9 3,9 32,1

10 (15.11.1934) 2679 26,2 26,2 58,3

11 (26.2.1935) 428 4,2 4,2 62,5

12 (20.7.1935) 992 9,7 9,7 72,2

13 (19.12.1935) 583 5,7 5,7 77,9

14 (9.5.1936) 1671 16,3 16,3 94,2

15 (18.10.1936) 394 3,9 3,9 98,1

16 (8.5.1937) 141 1,4 1,4 99,5

17 (14.1.1938) 55 ,5 ,5 100,0

Gesamt 10221 100,0 100,0

Fehlend 4 ,0

Gesamt 10225 100,0


38

B.3 Projektteil: Illegale Nationalsozialisten in Wien 1933–1938


(„Wien-Erhebung“) (Kurt Bauer)

Von der Hochschuljubiläumsstiftung der Stadt Wien in den Jahren 2004 und 2005
zur Verfügung gestellte Mittel ermöglichen es mir, Recherchen zur Geschichte
des illegalen Nationalsozialismus in Wien im Archiv der Republik des Öster-
reichischen Staatsarchivs sowie im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde durch-
zuführen und die wichtigsten Quellenbestände aufzuarbeiten. 11

Im Zuge AdR-Recherchen konnte ich sämtliche Archivkartons (insgesamt 43


Stück) des zentralen Bestandes BKA-Inneres 22/Wien 1932–1938 sowie Teile
von weiteren Beständen 12 sichten, protokollieren und – soweit es sich um
Personaldaten handelte – in einer Datenbank erfassen. Diese Datenbank umfasste
schließlich 643 illegale Nationalsozialisten aus Wien. Zusätzlich fertigte ich
zahlreiche Fotokopien von relevanten Dokumenten an, die Personaldaten
enthielten (z. B. Sammelberichte und Sammelanzeigen der Wiener Polizei,
diverse Auflistungen mit Personaldaten etc.).

Durch Archivrecherchen in den NS-Personalakten des ehemaligen Berlin


Document Center (nunmehr Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde) konnten die Daten
von einigen hundert führenden Wiener Nationalsozialisten ergänzt werden. Diese
Arbeiten im August 2006 wurden bereits mit Blick auf das Ende Juni 2006 vom
Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank bewilligte gegenständliche

11
Hochschuljubiläumsstiftung der Stadt Wien, Magistratsabteilung 8, Wiener Stadt- und Landes-
archiv; Projekt H-1040/2004 („Struktur und Dynamik des illegalen Nationalsozialismus in Wien –
Forschungen im Archiv der Republik/ÖStA“) sowie Projekt H-717/2005 („Struktur und Dynamik
des illegalen Nationalsozialismus in Wien – Forschungen im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde“).
12
BKA-Inneres, Polizeidirektion Wien, Berichte; NS-Parteistellen (Restbestände des Parteiarchivs
der Wiener NSDAP bis 1933); der umfangreiche Akt des Militärgerichtsprozesses gegen den
Wiener SA-Führer Viktor Band; die im AdR aus Beständen des BKA geschaffene Zeitgeschicht-
liche Sammlung sowie „Gauakten“ (offiziell: „Gaupersonalamt des Gaues Wien“) von Wiener NS-
Führern.
39

Forschungsprojekt durchgeführt. Die erhobenen Daten von Wiener National-


sozialisten („Wien-Datenbank“) sollten in das Gesamtprojekt zur Sozialstruktur
der illegalen NS-Bewegung in Österreich einfließen.

Die datenbankmäßige Erfassung der in den angefertigten Fotokopien enthaltenen


Personaldaten erfolgte als erste Stufe des Forschungsprojektes. Die Wien-
Datenbank umfasst nunmehr 1324 Personen, darunter sind 39 Frauen (2,95%).
40

B.4 Projektteil: Die nationalsozialistischen Häftlinge der öster-


reichischen Anhaltelager 1933–1938 („Wöllersdorf-
Erhebung“13) (Kurt Bauer)

Wesentlich umfangreicher, aufwendiger und im Gesamtrahmen des Projektes


sicherlich auch inhaltlich bedeutender ist die Erhebung und Analyse der
personenbezogenen Daten der nationalsozialistischen Angehaltenen 14 des
Dollfuß-Schuschnigg-Regimes. Die Arbeit dafür wurde unmittelbar nach
Abschluss der Wien-Erhebung begonnen und zu einem guten Teil im
Österreichischen Staatsarchiv durchgeführt.

13
Zur Bezeichnung „Wöllersdorf-Erhebung“ bzw. „Wöllersdorf-Datenbank“ ist anzumerken: Es
bestanden neben dem Anhaltelager Wöllersdorf noch eine Reihe weiterer mehr oder weniger
improvisierter temporärer Lager, die zur „Verhaltung“ von „sicherheitsgefährlichen Personen“
dienten (z. B. in Kaisersteinbruch im Burgenland oder Messendorf und Waltendorf bei Graz, aber
auch Polizei- und Gerichtsgefängnisse wurden zur „Anhaltung“ in Anspruch genommen). Es
werden im Zuge dieser Erhebung auch die Daten von Personen erfasst, die in anderen Lagern als
Wöllersdorf angehalten wurden, weshalb man korrekterweise von einer „Anhalte-Erhebung“ und
„Anhalte-Datenbank“ sprechen müsste. Allerdings war Wöllersdorf das weitaus größte und auch
das einzige Lager, das von 1933 bis 1938 in Betrieb war. Und nach wie vor wird „Wöllersdorf“ im
historischen Bewusstsein schlechthin mit dem System der Anhaltelager während der Zeit des
„Austrofaschismus“ (oder „Ständestaates“) identifiziert, sodass die Titelgebung gerechtfertigt
erscheint.
14
In den die Anhaltung betreffenden Verordnungen und Gesetzen wurden Begriffe wie
„Häftlinge“ oder „Gefangene“ grundsätzlich vermieden, stattdessen war durchwegs von
„Angehaltenen“ die Rede. Die Behörden wichen im alltäglichen Schriftverkehr kaum einmal von
dieser Vorgabe ab. Auch ist in den gesetzlichen Bestimmungen nie von „Inhaftierung“ oder
„Lagern“ die Rede, sondern „sicherheitsgefährliche Personen“ wurden zum „Aufenthalt an einem
bestimmten Ort“ „verhalten“. Man wollte damit jeden Vergleich mit den Konzentrationslagern des
Dritten Reichs und der dort praktizierten „Schutzhaft“ vermeiden und verwahrte sich grundsätzlich
gegen eine derartige Gleichstellung. Allerdings war der Begriff „Anhaltelager“ letztlich doch nicht
zu umgehen. – Entgegen der ständestaatlichen Sprachregelung werde ich auf die Begriffe
„Häftlinge“, „Gefangene“, „Inhaftierte“ etc. nicht verzichten, weil es sich bei den Insassen der
Anhaltelager ohne Zweifel um Personen handelte, die gegen ihren Willen in hoheitliche Gewahr-
sam genommen wurden und diese deshalb mit Fug und Recht als Gefangene oder Häftlinge
angesehen und angesprochen werden können.
41

Im Rahmen des Projektes konnten sämtliche Archivkartons (Nr. 4441 bis 4529)
des Bestandes ÖStA/AdR, BKA-Inneres 20/g gesichtet, hinsichtlich der
nationalsozialistischen Anhaltehäftlinge ausgewertet und datenbankmäßig erfasst
werden. Die „Wöllersdorf-Datenbank“ umfasst rund 8400 Personen.

B.4.1 Der Bestand

Schriftstücke mit Bezug auf die österreichischen Anhaltelager bzw. die dort
angehaltenen Personen, die die Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit im
Bundeskanzleramt-Inneres erreichten, wurden unter der Signatur 20/g abgelegt.
Die Gründe, wieso ab Ende 1933 alle die Anhaltung betreffenden Akten gerade
unter dieser Signatur, die ursprünglich ganz anderen Inhalten gewidmet war,
abgelegt wurden, sind nicht bekannt; es dürften rein organisatorische Gründe
dafür ausschlaggebende gewesen sein, weil ein inhaltlicher Zusammenhang nicht
zu erkennen ist.

Abb.: Überblick Bestand ÖStA/AdR, BKA-Inneres, 20/g „Sittenpolizei, Gifte (ohne


Rauschgift), Rauschgiftverkehr, öff., Bekämpfung.“

Jahr Kartons Nr. Anzahl


1922–1927 4434 1
1928–1929 4435 1
1929 4436 1
1926–1930 4437 1
1930–1931 4438 1
1931 4439 1
1932–1933 4440 1
1933 4441 1
1934 4442–4467 26
1935 4468–4498 31
1936 4499–4510 12
1937 4511–4522 12
1938 4523–4529 7
42

Insgesamt umfasst der Bestand 96 Archivkartons, davon sind 89 für die Aus-
wertung der österreichischen Anhaltehäftlinge von Interesse.

Bei intensiver Beschäftigung mit dem Bestand entsteht der Eindruck, dass die
Beamten unter dem forcierten Druck der politischen Ereignisse und der rapide
steigenden Zahl der Anhaltungen gerade im Laufe der Jahre 1933/34 kaum noch
dazu imstande waren, den täglich anfallenden Arbeitsaufwand zu bewältigen. So
wurde eine Berufung gegen die Anhaltung im Normalfall erst „erledigt“, wenn der
Angehaltene schön längst wieder entlassen worden war. 15

Der Bestand ist nicht nur hinsichtlich der sozialstrukturellen Analyse von
Interesse, sondern darüber hinaus als hervorragende, allerdings aufgrund seiner
relativen Ungeordnetheit schwer zu erschließenden Quelle zur Ereignis-, Sozial-
und Mentalitätsgeschichte des (illegalen) Nationalsozialismus in Österreich im
Besonderen bzw. der Epoche von 1933 bis 1938 im Allgemeinen. Auch für die
Erstellung einer Kollektivbiographie der österreichischen NS-Eliten finden sich
viele nützliche und aufschlussreiche Unterlagen.

Die Erfassung auch von Anhaltehäftlingen des linken Lagers (Sozialdemokraten


und Kommunisten) wurde vorläufig zurückgestellt. Eine derartige Datenbank
würde einen aussagekräftigen Sozialstrukturvergleich zwischen der
sozialdemokratischen/kommunistischen und der nationalsozialistischen
Opposition gegen den Ständestaat ermöglichen und wäre zusätzlich
ereignisgeschichtlich von höchstem Interesse. Die Erfassung und Auswertung der
linken Anhaltehäftlinge wird in einem nächsten Projektschritt, wie einleitend
bereits erwähnt, mit Mitteln des Zukunftsfonds der Republik Österreich
ermöglicht.

15
Laut § 2 der Verordnung vom 23. September 1933 (BGBl. 431/1933) war eine Berufung mit
nicht aufschiebender Wirkung möglich. Mit dem diese Verordnung ersetzenden Bundesgesetz
wurde die Möglichkeit zur Berufung allerdings wohlweislich stark eingeschränkt. Laut § 2 des
Bundesgesetzes vom 24. September 1934 (BGBl. 253/1934) waren Berufungen nur möglich, wenn
die Anhaltung auf mehr als drei Monate oder unbestimmte Zeit verfügt wurde.
43

B.4.2 Problempunkte

Als besonders hinderlich für einen rascheren Fortschritt bei der Datenerfassung
erwiesen sich zwei Punkte:

1. Mehrfachnennungen,

2. unstrukturierter Quellenbestand.

Zum ersten Punkt: Der überwiegende Teil der Schriftstücke des ausgewerteten
Quellenbestandes enthalten sozialstrukturell relevante personenbezogene Daten.
Mehrfachangaben zu ein und derselben Person sind die Regel; der Durchschnitt
liegt bei drei bis vier Nennungen, nicht selten finden sich in sechs bis zu acht
Schriftstücken Angaben zu ein und derselben Person.

Dieser Umstand machte es nötig, bei jeder Nennung per Suchlauf in der
Datenbank zu prüfen, ob die genannte Person bereits erfasst ist und ob
Ergänzungen oder Korrekturen in den bereits erfassten Daten nötig sind – was mit
einem enormen, ursprünglich trotz der Probeerfassung von drei Archivkartons
nicht einkalkulierten Zeitaufwand verbunden war.

Die genannten Ergänzungen und Korrekturen führten allerdings zu einer


beträchtlichen qualitätsmäßigen Steigerung des Datenbestandes und Schärfung
der Sozialstrukturangaben. Dazu ein fiktives, aber realistisches Beispiel:

• Franz Mustermann aus Kärnten findet sich erstmals in Archivkarton Nr. 4446
in einem Wöllersdorfer Nachtragsverzeichnis (Tageslisten mit neu auf-
genommenen Anhaltehäftlingen) mit der Berufsbezeichnung „Fleischer“.

• Der Karton Nr. 4448 enthält den Anhaltebescheid Franz Mustermanns mit der
Berufsbezeichnung „Metzgergehilfe“ – was immerhin schon eine Konkreti-
sierung hinsichtlich der Stellung im Beruf bedeutet.

• Ein Sammelakt im Karton Nr. 4449 enthält eine Reihe von Anhalteanträgen,
die der Kärntner Sicherheitsdirektor im Laufe eines Monats im Bundes-
kanzleramt einreichte, im dem Franz Mustermann u. a. als „Fleischergeselle
und Gastwirtssohn“ bezeichnet wird.
44

• Und im Archivkarton Nr. 4452 befindet sich schließlich ein Mantelakt mit
einem ausführlichen Entlassungsgesuch der Eltern des Angehaltenen. Demnach
ist Franz Mustermanns Vater, der eine Gastwirtschaft, Landwirtschaft und
Fleischhauerei besitzt, „leidend“; der Betrieb kann auf die Arbeitskraft des
Sohnes, der am ehesten als eine Art „Juniorchef“ zu bezeichnen ist, nicht
verzichten. Eine in diesem Mantelakt enthaltene Stellungnahme des örtlichen
Gendarmeriepostenkommandos bestätigt die in der Eingabe gemachten
Angaben im Wesentlichen und liefert zusätzlich Angaben zur Funktion Franz
Mustermanns in der NS-Ortsgruppe, wie sie in dieser konkreten Form den
bisher ausgewerteten Schriftstücken (Nachtragsverzeichnis, Anhaltebescheid
und Anhalteantrag) nicht zu entnehmen waren.

Zum zweiten Punkt: Die zu erfassenden Sozialstrukturdaten liegen im Quellen-


bestand nicht als Konstrukte in standardisierter, tabellarischer oder zumindest
einheitlich formularmäßig aufgebauter Form vor, sondern sind höchst
unterschiedlich strukturiert. Auflistungen von Anhaltehäftlingen, die häufig aus
den verschiedensten Gründen erstellt wurden, sind nach keinem einheitlichen
Prinzip aufgebaut. Häufig sind datenbankmäßig zu erfassende relevante Angaben
in amtliche Schriftstücke aller Art, Berichte, Bescheide, Eingaben, Bittgesuche,
Berufungen etc. eingebunden und müssen im wahrsten Sinn des Wortes mühsam
„zusammengesucht“ werden. Es macht einen beträchtlichen Unterschied, ob
Daten aus Auflistungen und Formularen gleichsam mechanisch übernommen
werden können oder ob es notwendig ist, einen mehr oder weniger umfangreichen
Akt zu studieren, um an die datenbankrelevanten Daten zu gelangen.

B.4.3 „Dichtes“ Material

Bei aller Mühsal der Datenerfassung muss gesagt werden, dass sich auf diese Art
in vielen Fällen ein äußerst „dichtes“ Datenmaterial generieren lässt, das eine
tiefgehende und sehr valide sozialstrukturelle Analyse ermöglicht. In Hunderten
Fällen liegen genaue Angaben sowohl zur sozialen, familialen Herkunft, zum
45

persönlichen Werdegang, zur beruflichen Karriere und zu den ausgeübten


Funktionen in der NSDAP und/oder einer ihrer Gliederungen vor. Das ist
allerdings nicht immer so. Von vielen Anhaltehäftlingen sind nur karge Angaben
vorhanden, die kaum über diejenigen in Ausbürgerungslisten oder der NS-
Mitgliederkartei hinausgehen.

Aus diesem Grund könnte es sinnvoll sein, bei der Auswertung die in der
Wöllersdorf-Datenbank erfassten Fälle nach verschiedenen Validitätsniveaus zu
kategorisieren und gegebenenfalls abgestuft auszuwerten. Eine derartige
Kategorisierung könnte folgendermaßen aussehen:

A Fälle mit vollständigen Angaben in allen in der Datenbank erfassten


Bereichen, zudem umfassende, „dichte“ Angaben zur sozialen Herkunft,
Lebenslauf, Beruf und Einkommensverhältnissen sowie zu den in der NSDAP
ausgeübten Funktionen, wodurch eine möglichst exakte Einstufung innerhalb
der Parteihierarchie möglich ist;

B Fälle mit weitgehend vollständigen Angaben in allen in der Datenbank


erfassten Bereichen, zudem „dichte“ Angaben entweder zur sozialen oder
politischen Positionierung; 16

C Fälle, für die Angaben nur auf dem Niveau von knappen tabellarischen
Auflistungen oder Karteien vorliegen (also Name, Beruf, Geburtsdatum,
Stand, gegebenenfalls Konfession, Wohnort, Geburtsort, Zuständigkeit).

Weiters wird es sinnvoll sein, bei der Auswertung der Wöllersdorf-Datenbank


zwischen verschiedenen Gruppen von Anhaltehäftlingen zu unterscheiden, und
zwar

a) der Gruppe der laut der Anhalteverordnung vom 23. September 1933
Angehaltenen,

16
Die Erfassungspraxis zeigt, dass in vielen Fällen umfassende Angaben zur sozialen Lage eines
Anhaltehäftlings vorliegen, während über die politischen Tätigkeit keine ausreichenden Angaben
gemacht werden – und umgekehrt.
46

b) der Gruppe der Juliputsch-Minderbeteiligten (laut Bundesverfassungsgesetz


vom 30. Juli 1934) sowie

c) der Gruppe der laut dem Anhaltegesetz vom 24. September 1934
Angehaltenen.

Es handelt sich dabei zwar vordergründig nur um verschiedene Gesetzes-


grundlagen, die zudem – zumindest was die Punkte a) und c) betrifft – von den
inhaltlichen Bestimmungen her nur geringfügig voneinander abweichen.
Allerdings war mit den genannten drei Gesetzen jeweils eine Änderung der
Anhaltepraxis verbunden, was sich auf die sozialstrukturelle Zusammensetzung
der Angehaltenen Unterschiede ausgewirkt haben könnte; das heißt, dass auch
diese sozialstrukturellen Ergebnisse in einem hohen Maße von politisch-
bürokratischen Entscheidungen beeinflusst sind.

B.4.4 Vollerfassung der gesamten Aktenbestandes

Alternativ zu der im vorgegebenen zeitlichen und finanziellen Rahmen nicht zu


bewerkstelligenden Vollerfassung der Daten sämtlicher nationalsozialistischer
Anhaltehäftlinge der Jahre 1933 bis 1938 hätte sich eine Stichprobenerhebung
angeboten. So hätte man beispielsweise

a) nur jeden zweiten, dritten, fünften etc. Archivkarton erfassen oder

b) aus jedem Karton nur eine bestimmte, nach einem noch näher zu
definierenden Verfahren ausgewählte Anzahl von Fällen aufnehmen können.

Da die Unterlagen aber nicht nach einem neutralen Ordnungsschema –


beispielsweise alphabetisch wie etwa die NS-Mitgliederkartei – angelegt ist,
sondern sich deren „Ordnung“ aus der nicht mehr rekonstruierbaren Logik der
bürokratischen Bearbeitung und Ablage ergibt oder durch nachträgliche
archivarische Manipulationen hergestellt wurde, wären statistische Verzerrungen
47

durch eine Strichprobenauswahl nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich


gewesen.

Um ein plausibles Beispiel zu konstruieren: Es ist durchaus denkbar, dass von


Amts wegen sämtliche Anhaltebescheide gegen Juliputsch-Beteiligte in zwei
Archivkartons gesammelt wurden. Ebenso denkbar wäre es, dass gerade diese
Kartons aufgrund des oben skizzierten Zufallsauswahlverfahrens a) ausgeschieden
und in der Datenbank nicht erfasst werden würden – was angesichts der zentralen
Bedeutung des Juliputsches und der großen Anzahl von Juliputsch-Beteiligten
unter den Anhaltehäftlingen hinsichtlich der Repräsentativität höchst
problematisch wäre.

Ähnlich problematisch und auch arbeitsökonomisch im Grunde nicht zu


realisieren wäre die Anwendung des Verfahrens b).

Ebenso unbefriedigend und zweifelhaft wäre es gewesen, die die Erfassung zu


einem bestimmten Punkt abzubrechen.

Das hätte folgende Nachteile gehabt:

• Auch bei dieser Vorgangsweise wären zahlreiche sozialstrukturell wichtige


Daten, die zufällig in später abgelegten Akten zu finden gewesen wären, nicht
erfasst worden. Die Praxis zeigt, dass sich in Kartons aus den Jahren 1935 bis
1937 noch wichtiges Material zu Personen findet, die 1934 in Anhaltung
waren.

• Wenn man die Erfassung der Anhaltehäftlinge auch ereignisgeschichtlich für


wünschenswert und wesentlich hält, so würde durch dieses Verfahren ebenfalls
wichtiges Material nicht aufgearbeitet werden.

Beispielsweise wurden gerade über wichtige NS-Führer Sammelakte angelegt, die


über mehrere Jahre geführt und erst relativ spät archiviert wurden. So findet sich
über den Wiener SS-Führer Josef Fitzthum – einer zentralen Figur des National-
sozialismus in Wien –, der nach längerem Gefängnisaufenthalt erstmals im
Dezember 1934 in Anhaltung kam, Mitte 1936 und Mitte 1937 zwei ebenso
48

umfang- wie aufschlussreiche Sammelakte zu Vorgängen der Jahre 1934/35, die


unter Umständen nicht erfasst worden wären.

Sukzessive stellte sich im Projektverlauf heraus, dass eine Vollerfassung


sämtlicher nationalsozialistischer Anhaltehäftlinge von 1933 bis 1938
unumgänglich war, um Verschiebungen in der sozialstrukturellen Zusammen-
setzung der NS-Bewegung im Zeitverlauf abbilden und aufschlussreiche
Rückschlüsse auf die soziale Dynamik der illegalen NS-Bewegung in Österreich
zwischen 1933 und 1938 ziehen zu können. 17

Als ebenso wünschenswert muss eine Vollerfassung aus ereignis-/politik-


geschichtlicher Sicht bezeichnet werden. Die Geschichte der illegalen NS-
Bewegung in Österreich ist trotz einer größeren Zahl von vorhandenen Detail-
studien noch keineswegs als aufgearbeitet zu bezeichnedn. Der Hauptgrund mag
darin liegen, dass in den Jahren 1933 bis 1938 von den Akteuren der NS-
Bewegung vergleichsweise wenig schriftliche und bildliche Quellen produziert
wurden – was bei einer illegalen, im Geheimen arbeitenden, staatlich verfolgten
politischen Bewegung nicht weiter verwundert. Zudem hatten die illegalen NS-
Aktivisten von einst nach dem Ende der NS-Ära 1945 schon aus strafrechtlichen
Gründen 18 kein Interesse daran, mit ihren Erfahrungen aus der „Verbotszeit“ an

17
Ein Beispiel: Im Zuge der Datenerfassung wurde klar, dass es bei der zweiten Welle der
Einweisungen von illegalen Nationalsozialisten in Anhaltelager zu nicht unbeträchtlichen sozialen
Verschiebungen kam. Von der ersten Welle wurden vor allem amtsbekannte Nationalsozialisten
aus der Zeit vor dem Verbot (19. Juni 1933) erfasst (Bezirksleiter, Ortsgruppenleiter, ehemalige
NS-Gemeinderäte und sonstige führende politische und SA-Funktionäre etc.). Zur Zeit der zweiten
Welle hatte der Kenntnisstand der örtlichen Sicherheitsbehörden bereits so weit zugenommen,
dass nunmehr verstärkt die aktiven Elemente der illegalen NSDAP erfasst wurden – was mit
teilweise beträchtlichen sozialen Verschiebungen verbunden gewesen sein dürfte. (Die erste große
Einweisungswelle ist mit der ab Jänner 1934 einsetzenden großen NS-Terrorwelle zu datieren;
dann Abbrechen mit der sozialdemokratischen Februarrevolte und dem anschließend von NS-
Landesinspekteur Habicht ausgerufenen „Waffenstillstand“; schließlich Einsetzen der zweiten
großen Welle ungefähr ab April 1934.)
18
Vgl. § 10 Abs. 1 Verbotsgesetz: „Wer in der Zeit zwischen dem 1. Juli 1933 und dem 13. März
1938 nach Vollendung des 18. Lebensjahres jemals der NSDAP angehört hat und während dieser
Zeit oder später sich für die nationalsozialistische Bewegung betätigt hat oder Angehöriger eines
der Wehrverbände der NSDAP (SS, SA, NSKK, NSFK) oder NS-Soldatenringes oder des NS-
Offiziersbundes gewesen ist oder wer von der NSDAP als ‚Altparteigenosse‘ oder ‚Alter Kämpfer‘
49

die Öffentlichkeit zu treten. Weiters wurden viele Quellenbestände – etwa die


Akten der im Juni 1933 nach München geflohenen österreichischen Landes-
leitung, des Hilfswerks für aus Österreich nach Deutschland geflohene National-
sozialisten oder die nach dem „Anschluss“ 1938 gegründeten Gauarchive –
systematisch vernichtet oder sind in den Wirren des Kriegsendes 1945 verloren
gegangen. 19 Jüngst erschienene Werke zum nationalsozialistischen Juliputsch
1934 20 haben allerdings exemplarisch gezeigt, dass sich viele ereignis-
geschichtlich relevante Details zur illegalen NS-Bewegung über die vorhandenen
und bekannten Bestände an Personalakten 21 rekonstruieren lassen.

Die vollständige Erfassung der nationalsozialistischen Anhaltehäftlinge im


Bestand BKA-Inneres 20/g, wie sie nunmehr durchgeführt wurde, ist über die
sozialstrukturelle Analyse hinaus also auch in ereignisgeschichtlicher Hinsicht
von Bedeutung. Diese Datenbank, die nach Projektabschluss am Ludwig-
Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft, am Institut für Zeit-
geschichte der Universität Wien und/oder anderen einschlägigen Institutionen zur
Verfügung stehen wird, enthält einen beträchtlichen Teil der in Österreich
verbliebenen relevanten Akteure der illegalen NS-Bewegung und kann als
wichtiger Ausgangspunkt für weitere ereignis-, organisations- und sozial-
geschichtliche Forschungen dienen.

Das letzte für die Vollerfassung der nationalsozialistischen Anhaltehäftlinge ins


Treffen geführte Argument (ereignisgeschichtliche Relevanz) spricht auch für
eine volle Erfassung der linken Anhaltehäftlinge, wie sie derzeit erfolgt

anerkannt worden ist, hat sich des Hochverrates im Sinne des § 58 des St. G. schuldig gemacht
und ist mit Freiheitsstrafe in der Dauer von fünf bis zu zehn Jahren zu bestrafen.“ (Verbotsgesetz
1947, StGBl. Nr. 13/1945 idF BGBl. Nr. 148/1992.)
19
Siehe dazu neuerdings Gangelmayer, Das Parteiarchivwesen der NSDAP.
20
Schafranek, Sommerfest mit Preisschießen; Klösch, Des Führers heimliche Vasallen; Wolf, Jetzt
sind wir die Herren.
21
Beispielsweise die Bestände des ehemaligen Berlin Document Center im Bundesarchiv Berlin
oder die Gauakten im Österreichischen Staatsarchiv und im Wiener Stadt- und Landesarchiv.
50

B.5 Weitere Aktivitäten

B.5.1 Öffentlichkeitsarbeit: Presseartikel „Wir haben nichts zu fürchten“


(Kurt Bauer)

Ende März 2008 erschien in der Beilage „Spectrum“ der Tageszeitung „Die
Presse“ ein Beitrag von Kurt Bauer über das Anhaltelager Wöllersdorf. Anlass,
den Beitrag zu verfassen, war die Schließung des Lagers durch die National-
sozialisten 70 Jahre zuvor.

(Ausschnitt)
Text auf der Website der „Presse“:
http://diepresse.com/home/spectrum/zeichenderzeit/373130/index.do
„Wir haben nichts zu fürchten“
28.03.2008 | 18:40 | Von Kurt Bauer (Die Presse)
51

Österreichische NSDAP-Mitglieder wurden hier genauso festgehalten wie


Sozialdemokraten und Kommunisten: im ständestaatlichen Anhaltelager
Wöllersdorf. Am 2. April 1938 wurde die Schließung gefeiert: mit einem
pathetischen Nazi-Spektakel.

Wöllersdorf liegt günstig, nahe der Südbahn, unweit von Wiener Neustadt, aus
ganz Österreich gut erreichbar. Auch ohne Auto kann man von Wien, wenn der
Bahnanschluss passt, in einer Stunde dort sein. Station Feuerwerksanstalt. Eine
prosaische Gegend: Einfamilienhäuser, Einkaufszentren, Lagerhallen. Keine Spur
davon, dass sich hier einst der größte Betrieb der österreichisch-ungarischen
Monarchie befand.Ab 1815 erprobte die kaiserliche Armee auf der steinigen
Heide nordwestlich von Wiener Neustadt den Einsatz von Raketen. Später stieg
man auf die Erzeugung von Munition um, die auf der von Besiedelung
freigehaltenen Ebene gleich getestet werden konnte. 1895 nannte sich der rasch
wachsende Betrieb schließlich „k. u. k. Munitionsfabrik in Wöllersdorf“, im
Volksmund „Feuerwerksanstalt“. Rund um Wiener Neustadt entstand ein
militärisch-industrieller Komplex, der im Ersten Weltkrieg gigantische Ausmaße
erreichte. Allein in der Wöllersdorfer Fabrik waren um 1917 mehr als 40.000
Arbeiter und Arbeiterinnen unter gefährlichsten Bedingungen tätig.

Szenenwechsel. Anfang 1933: Hitler wurde in Deutschland an die Macht gehievt.


In Österreich frettete sich eine Rechtskoalition unter Engelbert Dollfuß mit einer
stets gefährdeten Mehrheit von einer Stimme dahin. Anfang März gab eine
Geschäftsordnungskrise Dollfuß Gelegenheit, das lästige Parlament auszu-
schalten. Zuerst wollte er zur Stärkung seines „antimarxistischen Kurses“ die
österreichischen Nationalsozialisten in seine wackelige Koalition einbinden,
lehnte sich dann aber mehr und mehr an Mussolini an. Während die Sozial-
demokraten Schritt um Schritt zurückwichen, setzten die Nazis im Kampf um die
Macht in Österreich zunehmend auf Sabotage- und Terroraktionen. Schließlich,
am 19.Juni 1933, kam das Verbot der NSDAP.

Bald gingen die Arreste über von politischen Häftlingen. Es war naheliegend, sich
für Auswege aus dieser Misere von den neuen deutschen Machthabern inspirieren
52

zu lassen, die angesichts ähnlicher Probleme im März 1933 in Dachau bei


München ein erstes großes Konzentrationslager eingerichtet hatten. Sicherheits-
minister Emil Fey griff entsprechende Anregungen aus Heimwehrkreisen auf und
unterbreitete dem Ministerrat schließlich Anfang September den Entwurf einer
Verordnung. Allerdings stieß er auf heftigen Widerstand des Landbundes, einer
deutschnationalen antiklerikalen Bauernpartei, die den autoritären Kurs bislang
loyal, aber mit zunehmendem Unbehagen mitgetragen hatte.

Ohne richterlichen Beschluss. Um es kurz zu machen: Christlichsoziale und


Heimwehr warteten den in der ersten Septemberhälfte stattfindenden großen
Katholikentag ab, entließen dann die Landbund-Minister und beschlossen
schließlich in der Sitzung vom 21.September 1933 die „Verordnung des Bundes-
kanzlers betreffend die Verhaltung sicherheitsgefährlicher Personen zum
Aufenthalte in einem bestimmten Orte oder Gebiete“. Personen im „begründeten
Verdacht“, staatsfeindliche Handlungen vorzubereiten oder zu begünstigen,
konnten ohne richterlichen Beschluss auf unbestimmte Zeit angehalten werden.
Damit war jeder behördlichen Willkür Tür und Tor geöffnet. Der Begriff „Lager“
wurde in der Verordnung tunlichst vermieden. Wie man auch später beleidigt die
Bezeichnung „Konzentrationslager“ von sich wies und ihre Verwendung der
österreichischen Presse strikt untersagte.

Einen geeigneten Anhalteort hatten Feys Beamte bereits vor Erlass der
Verordnung ausgekundschaftet: ein Objekt in gutem baulichem Zustand in den
brachliegenden Wöllersdorfer Werken. Am 17.Oktober 1933 rückten die ersten
Häftlinge ein, zehn Nazis aus Schladming und Umgebung, darunter eine Frau, die
erste und einzige, eine 34-jährige Lehrerin. Rasch waren die vorbereiteten Plätze
besetzt, es musste umgebaut und ausgeweitet werden. Im Jänner 1934 begann eine
gewaltige Terrorwelle der illegalen Nationalsozialisten, und die Einweisungen aus
allen Teilen Österreichs nahmen sprunghaft zu. In Kaisersteinbruch, Burgenland,
richtete man in Baracken des Bundesheeres ein zweites Lager ein, das aber nach
einigen Monaten wieder aufgelöst wurde. Dazu kamen später weitere temporäre
Lager an verschiedenen Orten. Wöllersdorf war das mit Abstand größte Lager und
als einziges von 1933 bis 1938 durchgehend in Betrieb.
53

Nach dem 12. Februar 1934 füllte sich Wöllersdorf mit Sozialdemokraten, deren
einziges Vergehen zumeist eine führende Funktion in der Partei gewesen war. Am
1.Juni 1934 betrug der Lagerstand 317 Nationalsozialisten und 627 Sozial-
demokraten. Mit Theodor Körner und Adolf Schärf saßen zwei spätere Bundes-
präsidenten im Anhaltelager. Nach dem nationalsozialistischen Juliputsch 1934
wendete sich die Verteilung wieder. Anfang Oktober 1934 belief sich der Lager-
stand auf 5300 Personen, davon beinahe 90 Prozent Nazis. Danach sanken die
Häftlingszahlen kontinuierlich. Zu Weihnachten 1934 zeigte sich das Regime
großzügig und entließ mehr als die Hälfte der Angehaltenen. Gerade die National-
sozialisten, aber auch Sozialdemokraten und Kommunisten waren bemüht, die
Zustände im Anhaltelager propagandistisch zu verwerten und Wöllersdorf als eine
Art Hölle auf Erden darzustellen. Aus geheimen Tagebuchaufzeichnungen,
geschmuggelten Briefen und Erinnerungen lässt sich ein anderes Bild gewinnen.
Die Internierung hinter Stacheldraht in engen, verwanzten Großraumschlafsälen
und Baracken war zweifellos nicht angenehm. Die Untätigkeit – es gab keine
Zwangsarbeit – und die Eintönigkeit des Lageralltags wirkten zermürbend. Die
Menage wurde meist gelobt, zusätzlich konnte man sich Geld zum Kauf von
Lebensmitteln, Tabakwaren und dergleichen ins Lager schicken lassen. Eine
spezielle Lagerkleidung gab es nicht. Das war zu teuer.

Die angestrebte „seelische Einkehr“ (wie es hieß) im Sinne des christlich-vater-


ländischen Regimes blieb aus. Im Gegenteil: Gerade jüngere Nationalsozialisten
erhielten in der erzwungenen Gemeinschaft mit älteren, gebildeten Parteigenossen
eine weiterführende weltanschauliche Schulung und ideologische Stärkung. Ein
35-jähriger nationalsozialistischer Selchwarengroßhändler aus Wien schrieb in
einem von den Lagerbehörden abgefangenen Geheimbrief im Frühjahr 1934 an
seine Lieben zu Hause: „Ich habe mir von Wöllersdorf ganz andere Vorstellungen
gemacht. Wir haben gar nichts zu fürchten.“

1935 übernahm der Gendarmeriemajor Stillfried die Lagerführung und bemühte


sich, die Anhaltehäftlinge stärker zu disziplinieren, was ihn bei vielen verhasst
machte. Aber eine von kommunistischer Seite kolportierte Anekdote über Still-
fried sagt viel über die spätere Bewertung der Anhaltung durch die Betroffenen
54

aus. Stillfried wurde von den Nazis mit dem ersten sogenannten Prominenten-
transport wenige Wochen nach dem „Anschluss“ 1938 ins KZ Dachau
eingeliefert. Dort soll er dem inspizierenden Reichsführer-SS vorgestellt worden
sein. Himmler höhnisch: „Na, wie gefällt es Ihnen?“ Darauf Stillfried: „Ich
wünsche den Gefangenen, dass sie einen Tag wie in Wöllersdorf hier erlebten.“

Sechs Schilling pro Kopf und Tag. Extrem belastend war für viele Anhalte-
häftlinge die Ungewissheit über die Dauer ihres Zwangsaufenthaltes. Zu Hause
ließen sie oft ein Geschäft zurück und mussten bei längerer Abwesenheit den Ruin
befürchten, andere verloren ihren Posten oder, wenn sie arbeitslos waren, die
ohnehin karge Notstandsunterstützung. Zahllose Familien standen von einem Tag
auf den anderen ohne Existenzgrundlage da. Für die Anhaltung verrechneten die
Sicherheitsbehörden pro Tag und Kopf sechs Schilling. Viele konnten diese
Summe nicht aufbringen. Berichte über schwere Depressionen, Nervenzusam-
menbrüche, Haftpsychosen oder Selbstmordversuche im Lager sind häufig.
Krankheiten aller Art kamen oft vor, aber viele Erkrankungen waren vorgetäuscht,
etwa eine Ruhrepidemie im Frühjahr 1934.

Überhaupt nützten die Häftlinge das ganze Repertoire des passiven Widerstandes
aus, das ihnen zur Verfügung stand. Hungerstreiks, die immer wieder angezettelt
wurden, nahm die Lagerleitung durchwegs sehr ernst und reagierte schnell darauf.
In Kaisersteinbruch brach Anfang März 1934 eine wilde Häftlingsrevolte aus,
weil ein Angehöriger der Wachmannschaft auf die Hänseleien eines Angehaltenen
mit einem Gewehrschuss reagiert hatte. Ähnliche spontane Tumulte und
organisierte Streikaktionen als Ausdruck der angestauten Frustration gab es im
Laufe der Zeit immer wieder. Auch die Flucht aus dem Lager gelang manchen,
den Kommunistenführern Fürnberg und Honner etwa, dem SS-Führer Fitzthum
oder einigen Juliputschisten.

Ab Ende 1936, seit immer mehr Kryptonazis sich in ständestaatlichen Macht-


positionen etablieren konnten, befanden sich durchwegs mehr Sozialdemokraten
und Kommunisten als Nationalsozialisten im Lager. Nach dem Berchtesgadener
Diktat Hitlers im Februar 1938 gingen schließlich die letzten Häftlinge frei.
55

Am 2. April 1938 veranstalteten die Nationalsozialisten im ehemaligen Lager ein


pathetisches Spektakel. Der Ort erhielt den Namen Wöllersdorf-Trutzdorf,
Gauleiter Josef Bürckel verkündete den neu gewonnenen Volksgenossen, die
deutsche Freiheit benötige keinen Stacheldraht, eine der Häftlingsbaracken ging in
Flammen auf. In den folgenden Monaten wurde das Anhaltelager liquidiert, das
Betriebsareal auf Geheiß Görings in einen „Luftpark“ umgewandelt. Teile des
Wöllersdorfer Lagerinventars gingen an das neu einzurichtende Konzentrations-
lager Mauthausen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.03.2008)

Der vollständige, ungekürzte Text mit zusätzlichen Quellenangabe und


Abbildungen steht als Download unter: http://www.kurt-bauer-
geschichte.at/PDF_Texte%20&%20Themen/Anhaltelager_Woellersdorf.pdf zur
Verfügung.
56

B.5.2 Erste wissenschaftliche Präsentation auf dem Österreichischen


Zeitgeschichtetag 2008

Auf dem Österreichischer Zeitgeschichtetag 2008 in Innsbruck am 28. Mai 2008


war ein Panel dem Thema „’Illegale‘ in Österreich 1933–1938“ gewidmet (Chair:
O. Univ.-Prof. Dr. Gerhard Botz). Es ging darin um die Präsentation von
Zwischenergebnissen zweier „verwandter“ Forschungsprojekte, nämlich des
Projektes über „Ausbürgerungen im Austrofaschismus“ (Reiter-
Zatloukal/Rothländer) und des NS-Sozialstrukturprojektes.

Referate im Einzelnen:

• Die Ausbürgerungsverordnung vom 16. August 1933 (Univ.-Prof. Dr. Ilse


Reiter-Zatloukal, Univ. Wien)

• Die Ausbürgerungsverfahren der Bundes-Polizeidirektion Wien 1933–1938


(Dr. Christiane Rothländer, Univ. Wien)
57

• Schichtenmodell oder Milieu: methodische Überlegungen zur sozialen


Herkunft von NS-Sympathisant/innen in Österreich zwischen 1933 und 1938
(Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Meixner, Univ. Innsbruck)

• Die nationalsozialistischen Häftlinge der österreichischen Anhaltelager 1933–


1938 (Dr. Kurt Bauer, LBIHS)

Veröffentlicht wurden die Referate im Tagungsband des 7. Österreichischen


Zeitgeschichtetages. 22

22
Böhler u. a. (Hgg.), 7. Österreichischer Zeitgeschichtetag 2008, S. 825–836, 845–854 und 855–
865.
58
59

C Ergebnisse

C.1 Klassen, Schichten, Milieus und Probleme – methodische


Überlegungen zur Sozialstrukturanalyse

C.1.1 Probleme der sozialen Kategorienbildung auf Basis der NSDAP-


Mitgliederkartei am Beispiel der „Alten Kämpfer“ (Gerhard Botz) 23

Ein Hauptproblem jedes Versuchs einer eindeutigen Zuordnung von Personen


nach Berufsangaben besteht in der Tatsache, dass sich viele dieser Angaben als
mehrdeutig im Sinne der erwünschten Kategorie herausstellen. So beinhalten die
Berufsangaben auf den NSDAP-Mitgliedskarten Informationen vor allem in
folgenden Dimensionen:

a) Beruf im engeren Sinn als Komplex von Verrichtungen und Fertigkeiten


innerhalb einer arbeitsteiligen Arbeitsorganisation;

b) Wirtschaftszweig insofern, als manche Berufe (fast) ausschließlich in


bestimmten Wirtschaftszweigen vorkommen, wodurch eine Einordnung der
„Berufsträger“ in diese möglich wird;

c) arbeitsrechtliche Stellung (als Selbständiger einerseits, und Angestellte und


Arbeiter andererseits);

d) Bildungsgrad, der zur Ausübung eines bestimmten Berufes erforderlich ist;

e) sozialer Status und Prestige eines „Berufsträgers“;

f) Einkommenslage;

23
Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen überarbeiteten und adaptieren Auszug aus Botz,
Die österreichischen NSDAP-Mitglieder, S. 127–134.
60

g) Stellung zum Produktionsprozess, also in Ausbildung begriffen, aktiv oder im


Ruhestand;

h) Geschlecht.

Gerade diese Mehrdimensionalität der Berufsbezeichnungen, die mit dieser


Aufzählung noch keineswegs erschöpft ist, bereitet die allgemein bekannten
Schwierigkeiten. Zu deren Überwindung bieten sich drei verschiedene Wege an:

1. eine Angleichung der Kategorien der Auswertung an die (als unüberwindbar


betrachteten) Limitationen des Quellenmaterials und die Subsumtion der Fälle
unter die Kategorien, das „subsumierende Verfahren“,

2. ein Pressen des Quellenmaterials in (theoretisch) vorgegebene Kategorien,


wobei dieser Vorgang jedoch schon auf einer verhältnismäßig niedrigen
Aggregationsebene wie der der Berufe und der Bundesländer erfolgen kann,
das „aszendierende Verfahren“ Theodor Geigers, 24 und

3. eine Erhebung zusätzlicher Informationen, bis das Datenmaterial den gestellten


theoretischen Anforderungen annäherungsweise entspricht.

Bei der diesem Zwischenbericht zugrunde liegenden Untersuchung soll versucht


werden, die Hauptinformation „Berufsbezeichnung“ mehrfach auszuwerten, und
auf diese Weise, bei vertretbarem Aufwand der Mittel, entsprechende Ergebnisse
mit einem vertretbaren Unsicherheitsfaktor zu gewinnen. Die sich daraus
ergebende Mehrdimensionalität soll dann selbst als Positivum aufgefasst werden.

C.1.1.1 „Subsumierendes Verfahren“

Im Sinne der erstgenannten Möglichkeit können die „alten Kämpfer“ etwa


nach einem gemischten Merkmal (arbeitsrechtliche Stellung im Betrieb und
Erwerbsart) nach dem folgenden Schema klassifiziert und subsumiert werden:

• Bauern (einschließlich mithelfende Familienmitglieder),

• Freie Berufe (einschließlich mithelfende Familienmitglieder),

24
Geiger, Die soziale Schichtung des deutschen Volkes, S. 17 ff.
61

• Händler und selbständige Gewerbetreibende (einschließlich mithelfende


Familienmitglieder),

• Handwerker unsicherer Zuordnung,

• Arbeiter, Handwerksgesellen,

• Angestellte,

• Öffentlich Bedienstete,

• Studenten,

• „Hausfrauen“,

• Sonstige.

Dieses Verfahren hat bei aller anhaftenden Unscharfe den Vorteil, dass es zu
einem Ergebnis führt, das mit historischen Erhebungsbefunden wie dem der
„NSDAP-eigenen Parteistatistik25 oder den Nachkriegs-Nationalsozialisten-
Registrierungen oder auch international relativ gut vergleichbar ist.

C.1.1.2 „Aszendierendes Verfahren“

Entsprechend der zweiten Lösungsmöglichkeit ist Theodor Geiger in seiner


„Sozialen Schichtung des deutschen Volkes“ „aszendierend“ vorgegangen. Die
österreichische Volks- und Berufszählung vom 22. März 1934 26 untergliedert die
erwerbsfähige Bevölkerung nach 257 Berufen und ihrer Stellung im Betrieb
(Selbständige, Pächter, Mithelfende Familienangehörige, Angestellte, Arbeiter,
Lehrlinge). Mit Hilfe vorhandener Berufssystematiken kann nun versucht werden,
die „alten Kämpfer“ in die 257 Berufsgruppen der Volks- und Berufszählung
einzuordnen. Das Ergebnis ist sodann in einer zweifachen Richtung weiter
verwertbar. Einerseits können die einzelnen Berufe, deren Besetzungszahl in der

25
Partei-Statistik. Stand: 1. Januar 1935, Herausgeber: Der Reichsorganisationsleiter der NSDAP,
Bd. 1: Parteimitglieder, o. O., o. J., S. 52 ff. (Eine ähnliche Erhebung ist für Osterreich nicht
durchgeführt worden).
26
Die Ergebnisse der österreichischen Volkszählung vom 22. März 1934. Hg. v. Bundesamt für
Statistik. Wien 1935, 11 Hefte. [Nachfolgend zitiert als VZ 34.]
62

Stichprobe z. T. sehr gering ist, kombiniert werden zu größeren Gruppen in


tätigkeitsspezifischer, bildungsmäßiger oder wirtschaftssektoreller Dimension.
Auch eine Bezugnahme auf die Arbeitslosenrate in den einzelnen Berufen wird
dadurch möglich. Die Gefahr von „ökologischen Fehlschlüssen“ ist dabei
allerdings gegeben.

Andererseits kann unter der Annahme, dass sich die Zusammensetzung der
einzelnen Berufe nach Selbständigen, Angestellten und Arbeitern in der Stich-
probe wohl graduell, nicht aber grundsätzlich von der in der Gesamtbevölkerung
unterscheidet, durch Addition der Selbständigen-, Angestellten- und Arbeiter-
anteile der Anteil dieser drei Sozialgruppen unter den „alten Kämpfern“ rein
rechnerisch ermittelt werden. Und selbst wenn die gemachte Annahme nicht
richtig wäre, behielte in dem einen von zwei möglichen Fällen (unter den
Einzelberufen ist die Streuung der drei genannten Sozialgruppen bei den „alten
Kämpfern“ im Sample stärker als in der Gesamtbevölkerung) das Ergebnis seine
Brauchbarkeit, weil es darum geht, typische Abweichungen der NSDAP-
Mitgliedschaft von der Gesamtbevölkerung festzustellen und die Abweichungen
in diesem Fall nicht in ihrer Richtung umgekehrt, wenngleich abgeschwächt,
würden. Nur der andere, allerdings wenig wahrscheinliche Fall (die Frequenzen
der sozialen Gruppen bei den „alten Kämpfern“ streuen im Sample weniger stark
als in der Gesamtbevölkerung) würde eine echte Verfälschung des Ergebnisses
bedingen. Diese Gefahr kann allerdings durch Zusatzerhebungen im Sinne der
dritten Lösungsmöglichkeit und detaillierte Analysen gering gehalten werden. Am
Beispiel von 139 Wiener Nationalsozialisten aus der dritten Stichprobe, mit
Beitrittsdaten zwischen 1926 und dem 19. Juni 1933, lässt sich diese Methode
folgendermaßen demonstrieren (siehe Tabelle).
63

Tabelle: Zuordnung von 139 Wiener „Alten Kämpfern“ (NSDAP-Eintritt


1926 bis 1933) zu einzelnen Berufen und Aggregation zu berufssozialen
„Klassen“

Nr.a An- Anteil an allen Berufsträgern Gewichteter Anteil


zahl Selb- Ange- Arbeiter Selb- Ange- Arbeiter
ständigeb stellte ständigeb stellte
26 Baumeister 1 .57 .43 .57 .43
38 Sonstige Berufe des Bau-
gewerbes 2 .01 .99 .02 1.98
45 Schmied 1 .09 .91 .09 .91
54 Schleifer (Metall-) 1 .12 .88 .12 .88
55 Dreher (Metall-) 1 .01 .99 .01 .99
62 Graveure, Emailleure 1 .25 .00 .75 .25 .75
70 Installateure, Monteure 3 .11 .89 .33 2.67
72 Binder 1 .15 .85 .15 .85
80 Tischler 1 .24 .76 .24 .76
117 Herrenschneider
118 Damenschneider 2 .28 .72 .56 1.44
120 Schuhmacher 3 .43 .57 1.29 1.71
128 Sonstige Berufe der
Bekleidungsindustrie 1 .03 .97 .03 .97
135 Buchdrucker 2 .09 .91 .18 1.82
137 Chemigraphen 1 .04 .96 .04 .96
147 Zuckerbäcker etc. 1 .35 .65 .35 :65
150 Fleischhauer 1 .36 .64 .36 .64
160 Gastwirte 1 1.00 1.00
161 Kellner 4 1.00 4.00
164 Selbständige Handelsleute
(hier „Kaufmann“) 8 1.00 8.00
170 Agenten, Vertreter 2 .28 .72 .56 1.44
179 Verkäufer 2 .96 .04 1.92 .08
180 Kraftwagenführer 1 .05 .95 .05 .95
184 Schaffner 3 .05 .95 .15 2.85
189 Sonstige Berufe des 1 .01 .99 .01 .99
Verkehrswesens
190 Fuhrleute, Kutscher 1 .06 .94 .06 .94
196 Tierärzte 1 .30 .70 .30 .70
198 Zahntechniker 1 .64 .36 .64 .36
200 Krankenpfleger 1 .03 .94 .03 .03 .94 .03
64

Fortsetzung Tabelle

Nr.a An- Anteil an allen Berufsträgern Gewichteter Anteil


zahl
203 Lehrer c 7 .11 .89 .77 6.23
210 Musiker 2 .38 .62 .76 1.24
213 Tänzer 1 .17 .83 .17 .83
214 Artisten 1 .11 .83 .06 .11 .83 .06
220 Beamte der
Hoheitsverwaltung 23 1.00 23.00
228 Unteroffiziere und Mann-
schaft (Bundesheer) 3 1.00 3.00
229 Offiziere und Beamte der 1 1.00 1.00
Gendarmerie und Polizei
235 Niederes Hauspersonal 2 .10 .90 .20 1.80
237 Sonstige Dienerschaft in 1 1.00 1.00
Betrieben und Ämtern
238 Nicht besonders aus- 4 1.00 4.00
gezählte Selbständige
239 Ingenieure 1 .18 .82 .18 .82
243 Nicht bes. ausgezählte 1 1.00 1.00
technische Angestellte
245 Werkmeister 1 1.00 1.00
246 Leitende Angest. d. kauf- 5 1.00 5.00
männ. Verwaltungsdienstes
247 Buchhalter u. sonst. Angest. 1 1.00 1.00
d. Rechnungsdienstes
252 Nicht bes. ausgezähltes 3 1.00 3.00
kaufmänn. u. Büropersonal
253 Kaufmänn. Büropersonal 11 e 1.00 11.00
ohne nähere Angabe
257 Nicht bes. ausgezählte 5f 1.00 5.00
Arbeiterberufe,
Hilfsarbeiter

Sonstige: g
Pensionisten 3
Private 5
„Haushalt“ 5
Studenten 4

Summe ohne Sonstige 122 21.38 61.94 38,68

Anmerkungen:

a Nummer des Berufs in der VZ 34 e Darunter 3 Handelsangestellte


b Inklusive Pächter und mithelfende f Ausschließlich Hilfsarbeiter
Angehörige, ohne Lehrlinge g Hier nicht weiter berücksichtigt
c Darunter 3 (Mittelschul-)Professoren
d Darunter 2 Autotaxi-Besitzer Vergleichswerte zu den Berufen: VZ 34, Heft 3: Wien, S.
50–155.
65

In der Folge ist das Ergebnis dieser Tabelle aus methodologischen Gründen einer
aus demselben Sample, jedoch im „subsumierenden“ Verfahren gewonnenen
sozialen Grobgliederung und der Gesamtgesellschaft gegenübergestellt. Dabei
ergibt sich eine durchaus befriedigende Übereinstimmung.

Tabelle: Wiener „Alte Kämpfer“ nach ihrer arbeitsrechtlichen Stellung in


Prozenten (mit 95% Sicherheitsintervall)

nach dem nach dem Gesamtgesellschaft


„aszendierenden“ „subsumierenden“ 1934 (VZ 34, Heft 3,
Verfahren Verfahren S. 18)
Selbständige (u. mithelfende Familienangehörige) 17,5 (± 6,7) 15,6 (± 6,4) 17,9
Handwerker unsicherer Zuordnung — 6,6 (± 4,4)
Arbeiter, Handwerksgesellen 31,7 (±8,3) 28,7 (± 8,0) 55,8
Angestellte, Beamte 50,8 (± 8,9) 47,5 (± 8,9) 26,3
Nicht zuzuordnende Berufstätige — 1,6 (± 2,2)
Summe 100 100 100
(N = 122) (N = 122) (N = 933.479)

Diese Tabelle bedarf kaum einer inhaltlichen Interpretation. Ihr Ergebnis ent-
spricht etwa dem bekannten Bild über die NSDAP in einer Großstadt: signifikante
Überrepräsentation der Angestellten und Beamten, Unterrepräsentation der
Arbeiter in der NSDAP bis 1933 verglichen mit der Wiener Gesamtbevölkerung.
In dieser Gliederung tauchen jedoch die Selbständigen unter den National-
sozialisten überraschenderweise nur annähernd proportional zur Gesamt-
gesellschaft auf, ein Befund, der überwiegend auf die Einbeziehung der in der
NSDAP im allgemeinen unterrepräsentierten mithelfenden Familienangehörigen
zurückzuführen ist. Es bedarf keines besonderen Hinweises, dass eine soziale
Gliederung der NSDAP in dieser schematisch zugespitzten Form allerdings nur
noch bedingt aussagekräftig ist.

C.1.1.3 Erhebung zusätzlicher Informationen

Die für theoretisch relevante Fragestellungen günstigste Lösungsmöglichkeit des


Problems der Kategorienbildung und Zuordnung stellt zweifelsohne die
Durchführung von Zusatzerhebungen dar, wie sie in den Projektteilen von Kurt
66

Bauer in einem einmalig großen Umfang geleistet werden. Wenn es sich dabei um
ein nur mäßig großes Sample handelt, dessen Einzelfälle aus anderen Quellen
ergänzt werden sollen, ist allerdings bald das vertretbare Ausmaß an Arbeit, Zeit
und Kosten überschritten. Eine Beschränkung auf wenige Daten oder regionale
oder zufällige Teilmengen ist wie im Fall der vorliegenden Untersuchung kaum
vermeidbar.

Das Vorhandensein von Gewerbeverzeichnissen bei den österreichischen


Bezirksbehörden bietet etwa die Möglichkeit der Klärung der arbeitsrechtlichen
Stellung von Fall zu Fall bei Personen mit mehrdeutigen Handwerks- und
Handelsberufen. Wie vollständig diese Verzeichnisse sind und welcher
Arbeitsaufwand zur Nachuntersuchung in mindestens 300 Fällen bei jeder
Stichprobe erforderlich sein wird, kann noch nicht abgeschätzt werden. Für Wien
ist dieser Weg durchaus gangbar. Zugleich könnten aus diesem Quellenbestand
wertvolle zusätzliche Informationen über die ebenfalls im Gewerberegister
verzeichneten Konkurs- und Ausgleichsfälle gewonnen werden.

Weitere Ergänzungen, wenigstens im Fall Wiens, könnten unter Zuhilfenahme


verschiedener Adressenverzeichnisse 27 und telefonischer Nachfragen bei
Nachkommen der Parteimitglieder die Kriterien 28 der sozialen Zuordnung
schärfen.

Das Bundesland Wien bietet darüber hinaus noch eine weitere, methodologisch
und inhaltlich ergiebige Kontroll- und Ergänzungsmöglichkeit durch einen
geschlossenen Bestand an Registrierungsakten. Hieran anschließend könnte auch
eine gegenseitige Kontrolle von Mitgliederkarte und Registrierungsbogen
erfolgen.

27
Wiener Adressbuch. Lehmanns Wohnungsanzeiger, Wien; siehe nunmehr: Mattl-Wurm, Sylvia
u. Pfoser, Alfred (Hg.), Die Vermessung Wiens. Lehmanns Adressbücher 1859 – 1942, Wien
2011, und: Compass. Industrielles Jahrbuch, Serie: Österreich, Wien.

28
Anhand der Wiener Bezirksräte des Jahres 1932 habe ich versucht, eine Zuordnung zu
berufssozialen Gruppen auf diesem Wege durchzuführen (Botz, Faschismus und Lohnabhängige,
S. 118 ff.).
67

Mit Hilfe der drei hier skizzierten Lösungsmöglichkeiten des methodologischen


Grundproblems soziographischer Untersuchungen von politischen Organisationen
ist zu erwarten, dass auch an die bisherigen Arbeiten über den National-
sozialismus in Deutschland anschließende, in zeitlicher und regionaler Hinsicht
vergleichbare Ergebnisse zu gewinnen sind, die in der Endauswertung nach
arbeitsrechtlichen, beruflichen, ausbildungsmäßigen und Wirtschaftssektorellen
Kriterien auf unterschiedliche Weise gruppiert werden können. Allerdings dürfen
die Erwartungen in Genauigkeitsgrad und theoretische Relevanz der Ergebnisse
einer solchen eher explorativen Untersuchung nicht übersteigert werden. Wesent-
liche Momente der Vielschichtigkeit und Dynamik faschistischer Bewegungen
müssen einem methodischen Verfahren entgleiten, das ein komplexes
Beziehungssystem sozusagen zuerst atomisieren muss, um es überhaupt
analysieren zu können.
68

C.1.2 Das „Machen“ von NS-Parteigenossen? Bürokratie, Mitgliedschafts-


Chaos und persönliche Motivationen in Deutschland und Österreich
(1933 bis 1945) (Gerhard Botz)

In diesem Beitrag soll gezeigt werden, wie die verschiedenen parteitaktischen und
-bürokratischen Überlegungen und Interessen unterschiedlicher NS-Führer und
NSDAP-Apparate das sozialstrukturelle Erscheinungsbild der Pg. immer stärker
zu dominieren begannen. Diese hatten sich tatsächlich bis zu den Zeitpunkten der
Machtübernahme im „Altreich“ und in der „Ostmark“ 1933 bzw. 1938 in einer
eigenen sozialen Dynamik entwickelt, die es in der Tat sinnvoll machen, das
(reichlich überlieferte) Datenmaterial quantifizierend zu untersuchen und daraus
in einem gewissen Maße Rückschlüsse auf allgemeine Motivationen und
Voraussetzungen zum NSDAP-Beitritt zu ziehen. Daneben können auch
individuelle Spielräume und politische wie soziale Zwänge beim Parteibeitritt
sichtbar gemacht werden. 29

C.1.2.1 Hitlers anfängliche Vorstellungen

„Die größte Gefahr, die einer Bewegung drohen kann, ist ein durch zu schnelle
Erfolge abnorm anwachsender Mitgliederstand. Denn so sehr auch eine
Bewegung, solange sie bitter zu kämpfen hat, von allen feigen und egoistisch
veranlagten Menschen gemieden wird, so schnell pflegen diese die
Mitgliedschaft zu erwerben, wenn durch die Entwicklung ein großer Erfolg der
Partei wahrscheinlich geworden ist oder sich bereits eingestellt hat.“ 30

29
Eine frühere kürzere Fassung erscheint demnächst unter dem Titel: Expansion und
Entwicklungskrisen der NSDAP-Mitgliedschaft: Von der sozialen Dynamik zur bürokratischen
Selbststeuerung? (1933 bis 1945), in: BERUF(UNG): ARCHIVAR. Festschrift für Lorenz
Mikoletzky, hg. vom Österreichischen Staatsarchiv. Mitteilungen des Österreichischen
Staatsarchivs 55, Teil II, Wien 2011, S. 1161-1186.

30
Hitler, Adolf: Mein Kampf. Bd. 2, 252.-253. Aufl., München 1937, S. 656.
69

Wenn damit Wasser in den Wein gegossen werde, werde das „fanatische Ziel“
verwischt und die Kampfkraft gelähmt, schrieb Hitler 1926 im 2. Band seines
„Mein Kampf“ 31, als die wieder gegründete NSDAP in Deutschland eine kleine
Splitterpartei war. 32 (Die „alte“ DAP bzw. NSDAP, der Hitler 1920 beitrat – siehe
Abb. 1 –, kann hier außer Betracht bleiben.)

Abb. 1: Mitgliedskarte der Deutschen Arbeiter Partei mit der Nr. 555 (aus
dem Internet, nachträglich von Unbekannt korr. auf 7!) für Adolf Hitler vom
1.1.1920

[vgl. Kershaw, Hitler, 1998, S. 312]

Und Hitler fuhr 1926 schon fort:

„Es ist deshalb sehr notwendig, dass eine Bewegung aus reinem
Selbsterhaltungstrieb heraus, sowie sich der Erfolg auf ihre Seite stellt, sofort

31
Umfassend: Plöckinger, Othmar: Geschichte eines Buches. Adolf Hitlers "Mein Kampf". 1922 –
1945. München 2006, S. 90-120.
32
[Zusammenstellung von 1940] Bundesarchiv, Berlin Zehlendorf , Sammlung Schumacher [in
Hinkunft: BA, Slg. Sch.], Bl. 376.
70

die Mitgliederaufnahme sperrt und weiterhin nur mehr mit äußerster Vorsicht
und nach gründlichster Prüfung eine Vergrößerung ihrer Organisation
vornimmt.“ 33
Es geben einen Unterschied zwischen bloßen Anhängern und den Mitgliedern
einer Bewegung: erstere seien durch die Propaganda dazu gebracht worden, mit
den Zielen der Bewegung einverstanden zu sein und etwa in Wahlen oder sonst
wie dies zum Ausdruck zu bringen, während letztere darüber hinaus auch bereit
seien, für die Bewegung kämpferisch einzutreten. Anhänger einer Bewegung, als
die sich der Nationalsozialismus verstand, würden dieser durch Propaganda nur
„geneigt gemacht“, Mitglieder dagegen „durch die Organisation veranlasst, selbst
mitzuwirken zur Werbung neuer Anhänger, aus denen sich dann wieder
Mitglieder herausbilden können.“ Für eine Anhängerschaft genüge „nur eine
passive Anerkennung einer Idee […], während die Mitgliedschaft die aktive
Vertretung und Verteidigung fordert“. Daher „werden auf zehn Anhänger immer
höchstens ein bis zwei Mitglieder treffen.“ 34

Diese frühe Vorstellung des „Führers“ von „seiner“ Bewegung und Partei ent-
spricht auf den ersten Blick in einem erstaunlichen Maße der späteren Mitglied-
schaftsdynamik bzw.-politik des Nationalsozialismus, die sich in Deutschland seit
1933 und in Österreich 1938 zeigen sollte. Sie zieht sich als ein – nie erreichtes
und oft stillschweigend modifiziertes – Idealbild durch die ganze Geschichte der
NSDAP-Mitglieder hin bzw. kontrastiert mit ihr. Dies wird hier auch anhand einer
Skizze der Entwicklung des von Interessen und politischen Normvorstellungen
gesteuerten Machens, nicht einfachen „Wachsens“ der Mitglieder der Staatspartei
im Dritten Reich (vor allem zwischen 1933 und Kriegsbeginn) deutlich werden.

33
Hitler: Kampf, S. 657 f. [im Original gesperrt].
34
Ebenda, S. 651 f.
71

C.1.2.2 Der Reichsschatzmeister als Mitgliederverwaltungsinstanz

Die NSDAP im NS-Regime beschränkte sich nicht auf den Parteiapparat im


engeren Sinn, der genau genommen in der NS-eigenen Terminologie als die
„Politische Organisation“ (PO) bezeichnet wurde und der die „Parteigenossen“
(Pg. 35) angehörten. Vielmehr umfasste die NSDAP auch die „Gliederungen“ der
NSDAP, also die SA, die SS, das NSKK, die Hitler-Jugend sowie Dozenten- und
Studentenbund und die NS-Frauenschaft. (Deshalb wurden diese Gliederungen
auch bei Beitrittsansuchenden genau eruiert, vgl. unten Abb. 6c) Zum gesamten
Feld der NSDAP gehörten aber auch die „Angeschlossenen Verbände“ (wie die
Deutsche Arbeitsfront, die NS-Volkswohlfahrt und der Reichsbund der Deutschen
Beamten), dann auch noch die sogenannten „Betreuten Verbände“ wie das
Deutsche Frauenwerk; sie repräsentierten das, was nach der Gleichschaltung der
halböffentlichen und privaten Organisationen übrig blieb, und bildeten insgesamt
das regimepolitisch wichtige, kontrollierte Umfeld des Nationalsozialismus. So
zählte man im September 1939 im gesamten Großdeutschen Reich (mit rund 79
Millionen Einwohnern) kumulativ 69 Millionen solcher NS-Affiliationen. 36 Auch
bei Berücksichtigung der häufigen Mehrfachzugehörigkeiten gibt diese Zahl eine
Vorstellung – nicht eine wörtlich zu nehmende Beschreibung – von der
gigantischen nationalsozialistische Durchdringungs- und Partizipationsrate der
deutschen (und österreichischen) Gesellschaft, die nach Armin Nolzen auf etwa
die Hälfte der gesamten erwachsenen Bevölkerung (unter Einschluss der

35
Diese zeitgenössische Abkürzung bezieht sich auf Parteigenosse(n) im Singular wie im Plural,
siehe: Schmitz-Berning, Cornelia: Vokabular des Nationalsozialismus, 2. Aufl., Berlin 2007, S.
466 f.
36
Nolzen, Armin: Die NSDAP, der Krieg und die deutsche Gesellschaft. In: Das Deutsche Reich
und der Zweite Weltkrieg. Hrsg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt. Bd. 9, 1. Halb-Bd.:
Die deutsche Kriegsgesellschaft 1939 bis 1945. Hrsg. von Jörg Echternkamp, München 2004, S,
102 f.und: Nolzen, Armin: Moderne Gesellschaft und Organisation. Transformationen der NSDAP
nach 1933. In: Interessen, Strukturen und Entscheidungsprozesse! Für eine politische
Kontextualisierung des Nationalsozialismus. Hrsg. v. Manfred Krieger, Christian Jansen und
Irmtrud Wojak. Essen 2010, S. 96.
72

Heranwachsenden) zu schätzen wäre. 37 In der Folge beschränke ich mich jedoch


auf die PO, also auf die NSDAP im landläufigen Sinn.

Die wichtigste Parteiinstanz für das Mitgliedschaftswesen auch während der


Bewegungs-, verstärkt noch in der Regimephase des Nationalsozialismus war der
Reichsschatzmeister der NSDAP, im Führerstaat personifiziert in Franz Xaver
Schwarz (1857-1947); es war nicht etwa der Reichsorganisationsleiter (ab 1934
Robert Ley), obwohl dieser formell für den Auf- und Ausbau der Organisation
zuständig war, 38 während Hitler seinem Stellvertreter, Rudolf Hess, bzw. dessen
Stabsleiter, Martin Bormann, zunehmend politische Kompetenzen und die
Personalhoheit innerhalb der NSDAP zuwachsen ließ. 39 Die funktionale Ver-
klammerung der Aufnahme und der organisatorischen Bindung von Parteimit-
gliedern mit dem Rechnungswesen der NSDAP und die nicht unbeträchtlichen
Einnahmen aus den Mitgliedschaftsgebühren waren und blieben eine Eigenart der
NSDAP. Daher hatten die Beitretenden in der voll entwickelten PO (in der
„Ostmark“ nach 1938) sofort folgenden Passus zu unterzeichnen:

„Ich verpflichte mich, zur Zahlung der festgesetzten Verwaltungsgebühr und


des monatlich im voraus zahlbaren Mitgliedsbeitrags, der sich für mich aus der
Beitragsordnung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei ergibt.
Außerdem bin ich zur Zahlung eines einmaligen freiwilligen [!] Werbe-
beitrages von ……. Reichsmark bereit.“ 40

Die Höhe dieser Zahlungen und Gebühren war nach dem geschätzten Einkommen
gestaffelt und durchaus von einer ins Gewicht fallenden Größenordnung, vor

37
Nolzen, NSDAP, S. 102.
38
Organisationsbuch der NSDAP 1940. Hrsg.: Der Reichsorganisationsleiter der NSDAP. 6. Aufl.,
München o. J., S. XXX.
39
Smelser, Ronald: Robert Ley. Hitlers Mann an der „Arbeitsfront“. Eine Biographie,
Paderborn 1989; Nolzen, Armin: Martin Bormann und die „Reform“ der NSDAP 1933-1945,
[ungedruckte] Hausarbeit, Fakultät für Geschichtswissenschaft. Ruhr-Univ. Bochum 1994, S. 24-
28.
40
Antragsformulare wie abgebildet aus der Dienststelle Bürckels im Parlamentsgebäude vom Mai
1938.
73

allem da der Mitgliedsbeitrag monatlich, in Form von zu klebenden Beitrags-


marken zu bezahlen war. So wurde für einen als „Illegalen“ anerkannten Maurer-
lehrling der „freiwillige Werbebeitrag“ mit 0,50 RM fixiert und der Mitglieds-
beitrag zunächst auf 33 Pfennig, dann auf 1 RM angesetzt (siehe Abb. 2).

Abb. 2: Antrag auf Ausstellung einer vorläufigen Mitgliedskarte für Johann


A. (Maurerlehrling) vom 15.5.1938 („Illegaler“)

[BDC, Hauptkartei, BA]

Dagegen hatte ein nicht als „illegal“ anerkannter Gastwirt gar 5 bzw. 1,50 RM zu
zahlen (siehe Abb. 3), während der aus nationalsozialistischer Sicht nicht ganz
Pg.-würdige Universitätsprofessor und Nobelpreisträger Wagner-Jauregg 1941
seine Mitgliedschaft „freiwillig“ mit einem Förderungsbeitrag von gar 100 RM
erkaufen musste. 41

41
Botz, Gerhard: Parteianwärter und post mortem Parteigenosse. Julius Wagner-Jaureggs
Verhältnis zum Nationalsozialismus. In: Beugebauer, Wolfgang, Kurt Scholz und Peter Schwarz
74

Abb. 3: Antrag auf Ausstellung einer vorläufigen Mitgliedskarte für Johann


A. (Gastwirt) vom 30.5.1938 (nicht als „Illegaler“ anerkannt)

[BDC, Hauptkartei, BA]

Die Mitgliedschaftserlangung ab 1938 muss daher auch als eine Art politischer
Ablasshandel verstanden werden. (Einerseits spiegelt sich daran aber auch die
Praxis der sozialdemokratischen Mitgliedswesens, andererseits die Imitation
staatlicher und anderer öffentlicher Gebührenordnungen jener Zeit.) Im Übrigen
galt die pünktliche Bezahlung dieser Beiträge auch als ein wichtiger Hinweis auf
die Parteitreue, und umgekehrt führte die Nichtbezahlung (oft) zum Enden der
Parteimitgliedschaft. Demgegenüber traten die primären rassistischen,
ideologischen und politischen Voraussetzungen für eine NSDAP-Mitgliedschaft
fast in den Hintergrund. Vor allem in Perioden der finanziellen Krisen und der

(Hrsg.); Julius Wagner-Jauregg im Spannungsfeld politischer Ideen und Interessen – eine


Bestandsaufnahme, Frankfurt a. M. 2008, S. 66-91, hier S. 85.
75

organisatorischen Umbrüche als Konsequenz der „ständestaatlichen“ Repressions-


maßnahmen viele Nationalsozialisten und dem Nationalsozialismus Zuneigende
in beträchtliche Schwierigkeiten brachte.

Bisher gibt es keine umfassenden Darstellungen 42 dieser nicht unwichtigen


finanzierungspolitischen Schnittstelle im Nationalsozialismus.43 Erst von hier aus
können jedoch manche auch heute immer wieder heftig diskutierte Probleme um
Bedeutung und Erwerbung der Parteimitgliedschaft 44 und Fragen nach der
Sozialstruktur und der quantitativen Entwicklung der NSDAP voll verständlich
gemacht werden.

Der Reichsschatzmeister wurde als Parteiorgan bzw. -amt bereits 1925 ein-
gerichtet und bis 1945 von Franz Xaver Schwarz geleitet. Dieser war schon
damals – neben dem Vorsitzenden (Hitler) und dem Schriftführer – eines von den
drei Vorstands- bzw. Hauptleitungsmitgliedern der Reichsleitung der NSDAP,
also ein Vereinsorgan, das dem Vereinsgesetz der Weimarer Republik entsprach
und wie Hitler 45 ganz am Anfang von der Mitglieder-Generalversammlung (22.
Mai 1926) gewählt wurde. Das verhinderte nicht, dass diese Leitungsfunktion, die
in heutiger Terminologie etwa einem „Vereinskassier“ (fusioniert mit Aufgaben
der Rechnungsprüfung) entsprach, mit der raschen Durchsetzung von Hitlers
alleinigem Führeranspruch ebenso wie die gesamte NSDAP nach dem anti-
demokratischen Führerprinzip organisiert wurde. (Auch auf die unteren

42
Siehe jedoch Degreif, Diether: Franz Xaver Schwarz. Das Reichsschatzmeisteramt der NSDAP
und dessen Überlieferung im Bundesarchiv. In: Aus der Arbeit der Archive. Beiträge zum
Archivwesen, zur Quellenkunde und zur Geschichte. Festschrift für Hans Booms. Hrsg. von
Friedrich P. Kahlenberg. Boppard am Rhein 1989, S. 489-503, sowie die älteren Publikationen:
Lingg, Anton: Die Verwaltung der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei. 2. erw. Aufl., München
1940; Lükemann, Ulf: Der Reichsschatzmeister der NSDAP. Ein Beitrag zur inneren
Parteistruktur. Inaugural-Dissertation… Berlin [1963].
43
Jedoch immer noch grundlegend: Orlow, Dietrich: The History of the Nazi Party: 1933-1945.
Pittsburgh 1933, passim.
44
Grundlegend nun: Benz, Wolfgang (Hg.): Wie wurde man Parteigenosse? Die NSDAP und ihre
Mitglieder, Frankfurt a. M. 2010.
45
Kershaw, Ian: Hitler 1889 – 1936. Stuttgart 1998, 2. Aufl., S. 358.
76

Parteiinstanzen übertrug sich das insofern, als die jeweils leitende Person
terminologisch mit dem Amt gleichgesetzt wurde, wie eben beim Reichs-
schatzmeister.)

Gemäß der Satzung des „Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter-Vereins


e.V.“ vom 22. Mai 1926 war der Schatzmeister für die gesamte Finanzverwaltung
des Vereins zuständig. Das galt auch für die „Nationalsozialistische Deutsche
Arbeiterpartei“, die auf der politischen Bühne auftrat und als ihren
„Vermögensträger“ den Verein vorschob. Diese formelle Trennung wurde
möglichst eingehalten, 46 um der bis 1932 nicht auszuschließenden und tatsächlich
temporär und regional Wirklichkeit werdenden Gefahr des Parteiverbots zu
entgehen, wie Schwarz im Rückblick andeutete:

„Die Trennung zwischen beiden sollte den Verein und sein Vermögen aus
politischen Verwicklungen der Partei heraushalten.“ 47

Hitler bestätigte die Generalvollmacht des Reichsschatzmeisters für sämtliche


finanzielle Angelegenheiten der NSDAP mehrfach, verstärkte sie später noch und
schuf so eine dauerhafte führerunmittelbare Monopolstellung von Schwarz, die
umso mehr zum Tragen kam, als im Dezember 1933 mit dem „Gesetz über die
Sicherung von Partei und Staat“ die NSDAP gleichsam „entprivatisiert“, zur

46
So wurden, um einen staatlichen Zugriff auf das Vermögen der NSDAP wie nach dem
gescheiterten Putsch von 1923 zu erschweren, auch die Einnahmen des Eher-Verlages und Hitlers
aus dem Verkauf von „Mein Kampf“ formal streng getrennt (Plöckinger, Geschichte, S. 180 f.).
47
Vortrag des Reichsschatzmeisters am 13.9.1935 (die Kursivierung entspricht Sperrungen in
Original), Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde, Bestand NS 1, Ordner 266 (in Hinkunft abgekürzt
als BA, NS1/266), S. 2 = Bl. 112. Nota bene: Ich konnte mit dankenswerter Unterstützung der
Alexander von Humboldt-Stiftung (Bonn) schon im Winter 1994/95 die Archivarbeiten hierzu an
Beständen, die damals noch im Berlin Document Center (Berlin-Zehlendorf) lagerten,
durchführen.
77

Körperschaft öffentlichen Rechts und „mit dem Staat unlöslich verbunden“


wurde. 48

Formell ebenso stark wie der Reichsschatzmeister, unmittelbar politisch jedoch


wesentlich mächtiger, war nur die wachsende Machtstellung von Hess und (ab
1941) jene Bormanns. Parallel zum allmählich einsetzenden und dann rapiden
Wachstum des Nationalsozialismus und zur Ausdifferenzierung der Partei-
leitungsinstanzen entwickelte sich die Finanzverwaltung der NSDAP zu einem
immer größer werdenden Apparat, der seit 1931 im „Braunen Haus“ in München
untergebracht war. Schließlich beschäftigte sie einige Hundert Parteibeamte und
Mitarbeiter in der Zentrale und das Mehrfache davon dezentral bei den einzelnen
Gau- und Kreisleitungen im ganzen „Reich“, bevor der ganze Apparat im Laufe
des Kriegs, vor allem ab 1943 immer stärker zurückgefahren werden musste.

Schwarz wurde von Hitler, der sich mit Verwaltungs-Kleinkram nicht abgeben
wollte und Schwarz voll vertraute, als die „wunderbarste Mischung von
gewissenhafter Genauigkeit da und von Großzügigkeit dort“ eingeschätzt,
während er von dem ihm feindlich gesinnten Goebbels mit Attributen wie
„äußerst penibler“, „abgebauter Beamter, kleiner Idealismus, peinlich in
Geldsachen, Münchener Schnauze“ versehen wurde. 49 Jedenfalls schaffte er es in
dem sich häufig ändernden internen Konkurrenzgefüge der NSDAP, die Kontrolle
über die wichtigsten parteiinternen Geldhähne der NSDAP über einen Zeitraum
von 20 Jahren zu behalten bzw. anderen Parteiinstanzen gegenüber durchzusetzen;
es gelang ihm, den (eigenen) strengen Anspruch eines zweckrationalen,
regelhaften, bürokratisch-professionellen Betriebs weitgehend zu wahren, selbst
wenn er es mit anderen mächtigen, führerunmittelbaren Faktoren zu tun hatte. Da
er keine andere eigene unmittelbare Machtposition hinter sich hatte, konnte er
allerdings manches Mal zu einem einzelfallhaften, de facto-Abgehen von seinen

48
Abgedruckt etwa in: Die Ostmark. Eingliederung und Neugestaltung..., hrsg. von Helfried
Pfeifer, Wien 1941, S. 40-42, siehe auch Durchführungsverordnung vom 29.3.1935, ebenda, S. 45-
47.
49
Goebbels’ Tagebuch 1925/25 zit. nach Degreif, Schwarz, S. 491 f.
78

strengen Prinzipien veranlasst werden; immer gab es natürlich auch


Interventionen vom „Führer“ selbst, dann auch von Hess und Bormann, aber auch
gelegentlich von starken Gauleitern und von Reichskommissaren 50 wie Josef
Bürckel in der „Ostmark“. Lediglich der SS-Komplex Himmlers vermochte es,
sich der von Schwarz ausgeübten Finanzkontrolle – natürlich auch der personellen
Steuerung – zu entziehen, nur die bedeutungslos werdende Allgemeine SS blieb
im Kontrollbereich des Reichsschatzmeisters. 51 Innerhalb des von ständigen
Macht- und Kompetenzkämpfen charakterisierten Gefüges der NSDAP gelang
ihm dies wohl gerade deshalb, weil er sich auf seine immer umfangreicher
werdenden Finanzierungs- und Buchhaltungsaufgaben innerhalb der Partei
beschränkte. Wohl aus demselben Grund konnte es ihm, selbst wenn Schwarz es
gewollt hätte, jedoch nicht gelingen, jene für das NS-System so typische
Machtagglomeration zu erlangen, die sich erst aus der Kombination von
„bürokratischen Methoden und aus der ‚Führernähe’“ ableitete, 52 wie sie etwa für
Bormann, Goebbels oder Himmler so charakteristisch wurde. 53

50
Vgl. allg. Broszat, Martin: Der Staat Hitlers. Grundlegung und Entwicklung seiner inneren
Verfassung. München 1969 (dtv-Weltgeschichte des 20.Jahrhunderts 9), S. 363-402; Hüttenberger,
Peter: Die Gauleiter. Studie zum Wandel des Machtgefüges in der NSDAP. Stuttgart 1969
(Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 19) und z.T.: Die NS-Gaue. Regionale
Mittelinstanzen im zentralistischen „Führerstaat“. Hrsg. v Jürgen John, Horst Möller und Thomas
Schaarschmidt. München 2007. (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte,
Sondernummer); vor allem auch: Hitlers Kommissare. Sondergewalten in der
nationalsozialistischen Diktatur. Hrsg. v. Rüdiger Hachtmann und Winfried Süß. Göttingen 2006.

51
[Franz Xaver Schwarz] Ergänzung zu meiner Aufstellung über den Geschäftbereich des
Reichsschatzmeisters der N.S.D.A.P., Augsburg, 30.5.1945, BA, NS1/377 (nicht-biogr. Material),
S. 5 und 8 = Bl. 114 u. 117 (Hier auch eine umfassende Liste aller unter „Finanzhoheit, Kontrolle
und Aufsicht“ stehenden Staats- und Parteistellen sowie sonstiger Organisationen).
52
Longerich, Peter: Hitlers Stellvertreter. Führung der Partei und Kontrolle des Staatsapparates
durch den Stab Heß und die Partei-Kanzlei Bormann, München 1992, S. 263.
53
Auf die Verschränkung des normen- mit dem maßnahmenstaatlichen Herrschaftsprinzip hat im
Anschluss an Ernst Fraenkel (Der Doppelstaat, Frankfurt a. Main 1974, S. 21-23) abgehoben:
siehe Michael Wildt: Geschichte des Nationalsozialismus. Göttingen 2008; auch: Rebentisch,
Dieter: Führerstaat und Verwaltung im Zweiten Weltkrieg. Verfassungsentwicklung und
Verwaltungspolitik, 1939 – 1945. Stuttgart 1989 und: Mommsen, Hans: Beamtentum im Dritten
79

Immerhin aber lief die gesamte Finanzierung der Partei über den Reichs-
schatzmeister, gespeist nicht unwesentlich von den (nicht immer klaglos
anteilsmäßig abgelieferten) Mitgliedsbeiträgen der PO, was die NSDAP in ihrer
Durchbruchsphase in einem hohen Maße zu einem sich selbst finanzierenden
Pyramidenspiel machte, 54 dessen Kollaps eigentlich (für manche Partei-
bürokraten) abzusehen war, sobald die Partei nicht mehr expandieren konnte. Das
wurde u.a. zunächst dadurch verhindert, dass die NSDAP rechtzeitig an die Hebel
der Staatsmacht gelangte. Nach der Machtübernahme und -sicherung konnten so
beträchtliche Transfers von den Mitgliedsbeiträgen insbesondere von Seiten der
„Angegliederten Verbände“, von denen die DAF schon 1938 mit über 22
Millionen Mitgliedern die zahlenstärkste Organisation war, 55 durchgesetzt
werden. Ebenso wichtig waren Subsidien der Wirtschaft, vor allem die riesige
„Adolf-Hitler-Spende der deutschen Industrie“, die allerdings über Hitler bzw.
Hess direkt abgewickelt wurden, 56 und in steigendem Maße auch staatliche
Zuschüsse und über Umwege auch „Arisierungsgewinne“. Schwarz stand aber bei
den meisten politischen Vorgängen im Dritten Reich nur im Hintergrund und
erlangte erst kurz vor und während des Krieges auch über den engeren
Parteibereich hinausgehende, finanziell unterstützende Aufgaben, etwa im Bereich
des Vierjahresplans, der materiellen Ressourcenverwaltung und der Versorgung
von Parteigenossen. 57 Diese Aufgaben nahmen naturgemäß auch quantitativ durch
die rasch steigenden Mitgliederzahlen bis in den Krieg hinein zu. Die
Zahlungsmoral der Mitglieder scheint – verallgemeinernd gesehen – bis 1933

Reich. Mit ausgewählten Quellen zur nationalsozialistischen Beamtenpolitik,


Stuttgart 1966 (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 13).

54
Siehe etwa Matzerath, Horst und Henry A. Turner: Die Selbstfinanzierung der NSDAP 1930-
1932, in: Geschichte und Gesellschaft, 3.1, (1977), S. 59-92; vgl. auch Turner, Henry Ashby: Die
Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers. Berlin 1985, S.405-415.
55
Vgl. Thamer, Hans-Ulrich: Verführung und Gewalt. Deutschland 1933 – 1945. 3.Aufl.,
Berlin 1992, S. 496-505.
56
[Franz Xaver Schwarz:] Ergänzungen, S. 2 = Bl. 112.
57
Ebenda, S. 9 f. = Bl. 119 f.
80

relativ hoch, in der zweiten Hälfte der Dreißigerjahre oft gering gewesen zu sein.
Sie blieben dann nach der quantitativen Explosion der Mitgliederzahlen entgegen
den Erwartungen etwas zurück, bevor die Einnahmen aus den Mitgliedsbeiträgen
mit der zunehmenden Einziehung von Pg. in die Wehrmacht wieder sanken. 58
Aktive Soldaten waren nach dem Wehrgesetz von 1935 vom Erwerb der
Parteimitgliedschaft ausgeschlossen, da Hitler und die Wehrmachtsführung auf
einer strikten Trennung von der Partei und Wehrmacht bestanden und an dem
damit verbundenen Machtkompromiss bis 1944 festhielten. Daher wurden auch
bestehende Mitgliedschaften von zur Wehrmacht Einberufenen bei Aussetzung
der Mitgliederbeiträge „ruhend“ gestellt. Dies bedeutete, dass die Mitglieder-
entwicklung seit 1939 noch stärker als bisher auch eine Notwendigkeit der
parteiinternen Finanzierungspolitik wurde.

Was bisher von der Geschichtsforschung zur Parteientwicklung meist ignoriert


wurde, 59 ist die Tatsache, dass – wie schon gesagt – der Reichsschatzmeister
immer für die Mitgliederaufnahme, -verwaltung und -übersicht im deutschen
Staatsgebiet (in Zusammenwirken mit dem Obersten Parteirichter, Walter Buch)
als Letztinstanz verantwortlich war. 60 Er war es, der schon in der chaotischen
Aufstiegsphase des Nationalsozialismus als Registrar der NSDAP die
Voraussetzungen für deren politische Handlungsfähigkeit bereitgestellt hatte. Die
NSDAP hatte ja vor 1933 weitgehend einer eigenen sozialen Dynamik folgend,
angetrieben von Krisenbewusstsein, Protesthaltungen, berufssozialen und
milieuhaften Faktoren in breiten Teilen der Bevölkerung, schließlich ein

58
Pätzold, Kurt und Weißbecker, Manfred: Geschichte der NSDAP 1920 – 1945. 3. Aufl., Köln
2009, S. 424 f.
59
Dagegen nunmehr die Beiträge in: Benz, Wolfgang (Hg.): Wie wurde man Parteigenosse? Die
NSDAP und ihre Mitglieder, Frankfurt a. M. 2010.
60
Siehe auch die ältere Literatur: Lingg, Verwaltung; Lükemann, Ulf: Der Reichsschatzmeister
der NSDAP. Ein Beitrag zur inneren Parteistruktur. Inaugural-Dissertation… Berlin [1963] und:
Degreif, Diether: Franz Xaver Schwarz. Das Reichsschatzmeisteramt der NSDAP und dessen
Überlieferung im Bundesarchiv. In: Aus der Arbeit der Archive. Beiträge zum Archivwesen, zur
Quellenkunde und zur Geschichte. Festschrift für Hans Booms, hrsg. Von Friedrich P.
Kahlenberg. Boppard am Rhein 1989, S. 489-503.
81

progressives Wachstum an den Tag gelegt, was sie allerdings auch an den Rand
der Destabilisierung brachte. Diese Mitgliederentwicklung hatte bis zur
Machtübernahme meist den Charakter eines spontanen Wachstumsprozesses
gehabt, der sich selbst noch nach 1933 bzw. in Österreich 1938 in einer Art
Wettlauf um die Parteimitgliedschaft äußerte und die Organisationsleiter und -
vorstellungen innerhalb der NSDAP in beträchtliche Schwierigkeiten brachte.
Diese soziale „Naturwüchsigkeit“ hat es Sozialhistorikern und Sozialwissen-
schaftlern ermöglicht, aus dem Wachstum der PO Rückschlüsse auf sozial-
strukturelle Dispositionen und politisch-kulturelle Rahmen von Tausenden
Einzelentscheidungen der beitretenden NSDAP-Mitglieder zu ziehen und
statistische Kennzahlen zu entwickeln. 61

C.1.2.3 Finanzierungsbedarf, Mitgliedervermehrung und Hierarchien der


Mitgliedschaft

Die NSDAP, die 1926 nur etwa 50.000 Mitglieder gezählt hatte, expandierte bis
Jänner 1933 auf ca. 850.000 Personen, wuchs innerhalb weniger Monate während
der Machtübernahme und unmittelbar danach (1933/34) auf ca. 2,7 Millionen
Mitglieder an; dieser (nachträglich administrativ abgesegnete) 62 Zuwachs ging auf
die die sog. „Märzgefallenen“ 63 zurück. Bis September 1939 verdoppelte sich

61
Siehe vor allem: Kater, Michael: The Nazi Party. A Social Profil of Members and Leaders 1919-
1945. Cambridge, Mass. 1983; Mann, Reinhard (Hrsg.): Die Nationalsozialisten. Analysen
faschistischer Bewegungen. Stuttgart 1980 (Historisch-sozialwissenschaftliche Forschungen 9);
Manstein, Peter: Die Mitglieder und Wähler der NSDAP 1919-1933. Untersuchungen zu ihrer
schichtmäßigen Zusammensetzung. 3. Aufl., Frankfurt a.M. 1990 (Europäische
Hochschulschriften, Reihe 3. 344); Mühlberger, Detlef: Hitler’s Followers. Studies in the
Sociology of the Nazi Movement. London 1991; Brustein, William und Jürgen W. Falter: Who
Joined the Nazi Party? Assessing Theories of the Social Origins of Nazism. In: Zeitgeschichte, 22
(1995), S. 83-108.

62
Nolzen, NSDAP, S. 101; abweichend davon: Kater, Nazi Party, Tabelle 1.
63
Dies übersehend will J. Falter wegen der (registrierten) Aufgenommen unter dem Datum Mai
1933 eher nur von „Maiveilchen“ sprechen: Falter, Jürgen: Die „Märzgefallenen“ von 1933. Neue
Forschungsergebnisse zum sozialen Wandel innerhalb der NSDAP-Mitgliedschaft während der
Machergreifung. In :Geschichte und Gesellschaft 24.4 (1998), S. 595-616.
82

diese Zahl wiederum auf beinahe 5,3 Millionen, was zum Teil auch auf die
territoriale Ausdehnung des Deutschen Reiches zurückging, und sie stand zuletzt
(Ende 1944) zwischen 8 und 9, wahrscheinlich bei rund 8,5 Millionen
Mitgliedern 64. Der Reichsschatzmeister hatte das massenhaft einsetzende Ein-
strömen von neuen Mitgliedern unterschiedlicher sozialer Herkunft zu bewältigen,
das phasenweise geradezu lawinenartig anschwoll, gleichzeitig hatte er immer die
wachsenden organisatorischen und personellen Ausgaben zu bewältigen, obwohl
dafür der Reichsorganisationsleiter verantwortlich war. Denn zu Beginn des
Jahres 1940 gab es im (um „Danzig-Westpreußen“ und „Wartheland“ im
ehemaligen Polen erweiterten) Großdeutschen Reich insgesamt 41 NSDAP-Gaue,
wozu noch die gauähnlich organisierte „Auslandsorganisation“ kam. Dies
bedeutete, dass 42 Gauleiter mit ihren Stäben und den untergeordneten
Hoheitsträgern erhalten werden mussten, obwohl ein Großteil der nachgeordneten
Hoheitsträger und deren Mitarbeiter „ehrenamtlich“ arbeiteten.

64
Falter, Die „Märzgefallenen“, S. 597. Ich folge hier den Aussagen des Leiters des Rechtsamtes
des RSchM, Anton Lingg, von Jänner 1947, [Teilprotokoll der] Verhandlung ...., BA 1/266, Bl.
77. Die Schätzungen in der wissenschaftlichen Literatur schwanken zwischen 8 und 9 Millionen.
Gegenüber den meist überschätzten, aus den höchsten Mitgliedsnummern bis 1945 abgeleiteten
Mitgliederzahlen siehe: Benz, Wolfgang: Einleitung: Die NSDAP und ihre Mitglieder. In: Benz,
Parteigenosse, S. 7; Königseder, Angelika: Das Ende der NSDAP. Die Entnazifizierung. In:
Ebenda, S. 151.
83

Allein im „angeschlossenen“ Österreich wurden im Sommer 1938 sieben Gaue


und insgesamt 82 Kreise (siehe Abb. 4) eingerichtet.

Abb 4: Die Kreise und Gaue der NSDAP in der „Ostmark“, Stand 11.6.1938

[BDC, nichtbiogr. Material, Ordner 303, BA]

Dazu kam die Auslandsorganisation (AO) der NSDAP, in der auch


österreichische Pg., die aus dem autoritätsstaatlichen Österreich hatten flüchten
müssen, organisiert waren. (Diese AO-Regelung galt jedoch nicht für die
„Illegalen“ im Deutschen Reich, die nicht Mitglieder der deutschen NSDAP
werden konnten, sofern sie österreichische Staatsbürger waren, woraus für die
„Österreichischen Legionäre“ bedeutende Probleme bei der Regelung bzw.
Erlangung der Mitgliedschaft resultieren sollten.) So konnten auch die in die
österreichischen „Illegalen“ und Juliputschisten, die in die nichtdeutschen
Nachbarländer, vor allem nach Jugoslawien, geflüchtet waren, anders als die
meisten „Legionäre“ im “Altreich“ vom Anfang an ungehindert, der NSDAP
angehören. Dies zeigt etwa eine der nicht wenigen Karteikarten eines „Illegalen“
der noch 1938 dem Gau Auslandsorganisation, anzugehören, wie auch die in
Abb. 5 a und 5 b wiedergegeben Karteikarte zeigt.
84

Abb. 5a: Außenseite der „kleinen“ blauen Zentralkartei-Karte von Karl A.


(Bürochef) per 1.12.1938 durch die Ortsgruppe Jugoslawien (NSDAP/AO)
(vermutlich ein nach Jugoslawien geflüchteter „Illegaler“)

[BDC, Hauptkartei, BA]

Abb. 5b: Innenseiten der „kleinen“ Zentralkartei-Karte von Karl A.


(umrandet: Raum zum Aufkleben einer Fotografie des Mitglieds)

[BDC, Hauptkartei, BA]


85

Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs war im gesamten deutschen Machtbereich


der Führungsapparat der NSDAP, der organisatorischen Differenzierung
entsprechend, bereits gewaltig aufgebläht. Er bestand neben den 42 Gauleitern
und deren Stellvertretern aus 831 Kreisleitern, 28.606 Ortsgruppenleitern, 104.680
Zellenleitern und 484.872 Blockleitern, 65 was mit allen Mitarbeitern rund 1,2
Millionen NSDAP-Funktionäre ergab! Die damit verbundene Steigerung des
Finanzierungsaufwandes der PO, ganz zu schweigen von der parallel erfolgenden
Explosion der übrigen zur NSDAP gehörenden Funktionäre in den Gliederungen
und Verbänden, hatte weittragende Folgen für die Organisation und das
Mitgliederwesen.

So weit war es allerdings Mitte der 30er Jahre noch nicht, als sich das Regime
nach der Machtübernahme in den ersten beiden Jahren seit 1933 erst breiter in der
deutschen Gesellschaft durchsetzen musste. Aber die Aufgabe des
Reichsschatzmeisters war es schon damals stärker denn je, den Überblick über die
Mitglieder zu behalten und ihr zahlenmäßiges Wachstum nicht nur zu fördern und
zu verwalten, sondern auch zu finanzieren, zu kontrollieren und nötigenfalls zu
bremsen. Dabei kamen ihm allerdings die von partikularen Interessen getriebenen
Gauleiter und der später entstehenden Reichskommissare, immer aber auch die
Interventions- und die Steuerungsversuche Hess’ und Bormanns, anfangs auch des
Reichsorganisationsleiters, in die Quere. 1933 droht der Wildwuchs an neuen
Parteimitgliedern die NSDAP zu blockieren und ins Chaos zustürzen. Ähnliches
zeichnete sich später regional nach dem „Anschluss“ Österreichs ab bzw. wurde
streckenweise interne Parteiwirklichkeit. Damit wurden Hitlers eingangs zitierte
Befürchtungen über die Folgen eines ungebremsten Wachstums bestätigt. So
verfügte – nicht zum letzten Mal – der Reichsschatzmeister schon per 1. Mai 1933
eine Aufnahmesperre, die zweierlei Ziele verfolgte.

65
Nach: Nolzen, NSDAP, S. 106 f. Zu den unten beschriebenen Entwicklungen in der
Regimephase, die der Machtübernahme Hitler, die zunächst bei weitem noch keine „totale“ war,
siehe etwa: Paxton, Robert: The Five Stages of Fascism. In: The Journal of Modern History 70.1
(März 1998), S. 1-23; Reichardt, Sven: Was mit dem Faschismus passiert ist, Teil 1, in: Neue
Politische Literatur 49 (2004), S. 385-406.
86

Zum einen sollte der gigantische Arbeitsanfall, den etwa 1,6 Millionen
Neumitglieder darstellten, die im Wissen um eine kommende Mitgliedersperre in
Torschlusspanik in die PO zu strömten suchten, für den Verwaltungsapparat des
Reichsschatzmeisters überhaupt bewältigbar werden, eine Aufgabe, deren Lösung
sich bis zum Jahr 1937 hinzog. Eine genaue Überprüfung der Mitglieder, die
keinesfalls immer positiv ausging, wurde als notwendig erachtet, weil die
Parteiführer den nicht unberechtigten Verdacht hegten, dass diese
„Märzgefallenen“, die früher anders politisch orientiert gewesen sein mussten, aus
opportunistischen Gründen umgefallen waren und plötzlich ihre Liebe zum
Nationalsozialismus entdeckt hatten. Sie wurden deshalb auch abschätzig – in
einem durchaus auch ambivalenten Sinn – mit einem Begriff aus der Berliner
1848er Revolution bedacht. Sie erhielten pauschal das Eintrittsdatum 1.5.1933
zugebilligt, gleichgültig, wann genau sie den Aufnahmeantrag abgegeben hatten
und wann dieser zu einem positiven Abschluss gebracht wurde. Da in der
informellen NSDAP-Hierarchie die Höhe bzw. Niedrigkeit der Mitgliedsnummer
eine große Rolle spielte, sollten aus eher zufälligen Umständen (Abgabe des
Antrags und dessen bürokratische Bearbeitung) keine zusätzliche Differenzierung
in die prestigemäßige Nummernhierarchie der NSDAP-Mitglieder eingeführt
werden, wie untern belegt werden kann. Doch eine einfache Gleichsetzung der
Abfolge der Mitgliedsnummern mit den Zeitpunkten der tatsächlichen subjektiven
bzw. von der PO zugewiesenen Beitrittsdatums würde in die Irre führen. Denn die
Nummernvergabe erfolgte in Deutschland spätestens seit 1933 (in Österreich erst
seit 1938) strikt nach für bestimmte Mitgliederkategorien festgesetzten Blöcken. 66
Daher entsprach die jeweils höchste Mitgliedsnummer nie der jeweils
tatsächlichen Mitgliederanzahl. Das führte auch dazu, dass immer wieder stark
überhöhte Zahlen über die NSDAP kursieren, während die PO schließlich bei
Kriegsende nicht 10 oder mehr Millionen Mitglieder hatte, sondern nur
schätzungsweise 8,5 Millionen Pg. umfasste. 67

66
Lingg, Verhandlung (BA 1/266,), Bl. 75.
67
Ebenda, Bl. 77.
87

Wesentlicher war es jedoch für Hitler und die NSDAP-Leiter, dass zwischen
diesen „Konjunkturrittern“ und den in der „Kampfzeit“ Beigetretenen eine
deutliche Unterscheidung gemacht wurde. Dies war das andere Ziel des
Aufnahmestopps und der genauen Prüfung der „Würdigkeit“ dieser Neu-Pg. Denn
die NSDAP sollte nach dem Selbstverständnis ihrer Funktionäre, wie schon Hitler
in seinem Bekenntnisbuch geschrieben hatte und dies seither immer wieder
wiederholte, eine „rassisch einwandfreie“, ideologische und politisch engagierte
„Auslese des Volkes“ sein. 68 In den NSDAP-Führungen war man der Ansicht, ein
Partei-Beitritt vor der Machtübernahme sei eine Garantie für nationalsozialistische
Überzeugungsfestigkeit, die sich schon gegen widrige Umstände bewährt hatte
und nicht aus der Erwartung direkter persönlicher Vorteile heraus erfolgt sei.
Deshalb sei ihre Durchleuchtung nicht mehr vordringlich, sofern es sich um
„deutsche Reichsangehörige“ handelte, vor allem ging es aber immer auch darum,
ob sie dem Nationalsozialismus ununterbrochen die Treue gewahrt und stets ihre
Beiträge eingezahlt hatten, und andere zentrale Voraussetzungen erfüllt waren,
vor allem ging es um „rassische“ Einwandfreiheit (Juden, „Mischlingen“ und mit
Juden Verheirateten war strikt der Beitritt untersagt, weshalb manche
„Verdächtige“ nachweisen mussten, dass es keine jüdische „Versippung“ unter
Umständen bis 1800 zurück gab). Wichtig war auch, dass kein „negroider“
Einschlag (vor allem in den französischen Besatzungskindern aus dem
Rheinland), sowie – weniger streng – Nicht-Zugehörigkeit zu „einer
Freimaurerloge oder einer logenähnlichen Vereinigung (Old Fellows,
Druidenorden, Rotary Club) oder einem sonstigen Geheimbund“ gegeben war.
Dies mussten künftige Pg. immer in irgendeiner Form, schon bei der Stellung
eines (Wieder-)Aufnahmeantrags (siehe Abb. 6 a – d und 6e) oder auf dem
Antragsformular bestätigen:

„Ich bin deutscher Abstammung und frei von jüdischem oder farbigem
Rasseeinschlag, gehöre keinem Geheimbund noch einer sonstigen
Gemeinschaft oder Vereinigung an und werde einer solchen während meiner

68
Organisationsbuch, S. 5 f.
88

Zugehörigkeit zur Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterparte nicht


beitreten.“ 69

Abb. 6 a-d: Personal-Fragebogen (4 Seiten) zum Antrag auf Mitgliedschaft


für Leopold B. (Bäckergehilfe) vom 16.5.1938

[BDC, Hauptkartei, BA]

69
Siehe Antragsformulare: Abb. 2 und 3.
89

[BDC, Hauptkartei, BA]


90

[BDC, Hauptkartei, BA]


91

[BDC, Hauptkartei, BA]


92

Abb. 6 e - f: Vorder- und Rückseite der Bestätigung über die NSDAP-


Mitgliedschaft für Leopold B. (Angestellter und Ortsgruppenleiter)
wahrscheinlich von 1938

[BDC, Hauptkartei, BA]


93

Dennoch dauerte es lange, bis die NSDAP von allen ehemaligen Freimaurern oder
Angehörigen bürgerlich-liberaler oder völkischer Geheimbünde, denen gegenüber
man vor allem in Deutschland in den Anfangsjahren des Nationalsozialismus lax
gewesen war, (durch Ausschluss, nachträgliche Absage oder Pardonierung nach
Einbekenntnis) weitgehend –nie vollständig – „gereinigt“ war. Religiösen, vor
allem katholischen, Aktivisten und Priestern gegenüber bestand ein ähnliches –
nie hundertprozentig durchgesetztes – Ausschließungsverhältnis. Dagegen war
die NSDAP ehemaligen Anhängern bürgerlicher, auch katholisch-konfessioneller,
oder sozialdemokratischer Parteien, gegenüber durchaus nachsichtig. Dasselbe
galt auch für ehemalige Mitglieder der „Vaterländischen Front“, sofern sie nicht
höhere Funktionäre gewesen waren. Ehemalige Kommunisten hatten es schon
schwerer, waren jedoch ebenfalls nicht total ausgeschlossen.

Zu der Pg.-Elite, die parteiamtlich als „Alte Kämpfer“ oder auch „Alte Garde“
bezeichnet wurden, gehörten zunächst solche Mitglieder, die eine
Mitgliedernummer bis 100.000 erhalten hatten, also bis 1929 beigetreten und ohne
Unterbrechung Pg. geblieben waren. Da es innerhalb der NSDAP bis 1933 eine
hohe Fluktuationsrate gab, konnten nicht alle von ihnen, wie eigentlich
vorgesehen, sondern nur 30.000 den „Blutorden“ erhalten. Daneben wurden an
besonders verdiente Pg. vom Führer persönlich „Goldenen Parteiabzeichen“ und
für einen weiteren Kreis andere Ehrungen verliehen. Zu den „Alten Kämpfern“
wurden auch solche SA-, SS- und „Stahlhelm-Mitglieder gerechnet, die vor dem
30. Jänner 1933 ihren Parteieintritt vollzogen, sowie später noch bewährte
„Amtswalter“. Einfache Pg., die nur einen Eintritt vor der Machtübernahme
aufzuweisen hatten, wurden im „Altreich“ oft als „Alte Parteigenossen“
bezeichnet; 70 darunter befanden sich auch viele etwas abschätzig

70
Die Einzelheiten sind keineswegs immer klar, siehe allg. etwa Benz, Einleitung, S. 7; Schmitz-
Berning, Vokabular, S. 26; http://de.wikipedia.org/wiki/Alter_K%C3%A4mpfer (24.2.1011);
Debatte zwischen Reichsinnenminister, Preußischem Ministerpräsidenten Heß, 20.-26.7.34, Akten
der Partei-Kanzlei. Rekonstruktion eines verlorengegangenen Bestandes. Hrsg. v. Institut für
94

„Septemberlinge“ genannte im Zuge des Wahlerfolges vom September 1930


Beigetretene. Aber auch sie gelangten in den Genuss vieler Privilegien. Aus den
„oberen“ Schichten dieser Nomenklatur rekrutierten sich vor allem die führenden
Funktionäre der PO und anderer Organisationen der NSDAP, sie wurden jedoch
auch bei der Arbeitsvermittlung, bei der Postenvermittlung und auf andere Weise
bevorzugt und sollten ein Vorbild für die anderen Pg. bzw. „Volksgenossen“ sein.
(Im „angeschlossenen“ Österreich wurden diese Privilegien nach 1938 etwas
anders zuerkannt, wie noch gezeigt werden soll.)

C.1.2.4 Mitgliederquoten in der Regimephase

Durch die Herausentwicklung bzw. Einführung solcher Kategorien von besonders


verdienten (und zu bevorzugenden) Parteimitgliedern wurden jedoch alle
Vorstellungen von der NSDAP als einem „Führerorden“ ad absurdum geführt.
Mochte das von Hitler genannte Verhältnis von zehn Anhängern (=Wählern) zu 1
bis 2 (d.h. 10 – 20%) Mitgliedern für die 2,5 Millionen Pg., die für das Jahr 1933
zugelassen wurden, noch als Umschreibung einer Elitepartei gelten, so gilt das
nicht mehr für die Zehn-Prozent-Regel, die, von Hitler selbst formuliert,
zunehmend durch alle Planungsüberlegungen für die Parteientwicklung zu
geistern begann: die Zahl der Parteigenossen sollte nach dem am 20.4.37
kundgetanen „Willen des Führers“ 71 10 Prozent der Gesamtbevölkerung
erreichen, aber auch nicht überschreiten. Daran haben sich allerdings nicht alle
Gau- und Kreisleiter gehalten, sei es einerseits, weil sie eine zu geringe Aktivität
entfalteten oder die Bevölkerung bestimmter Hoheitsgebiete resistent war, sei es
andererseits, weil bestimmte Hoheitsträger (vor allem Gau- oder Kreisleiter) einen
überschießenden politischen Eifer, der sich auch in einer Steigerung der

Zeitgeschichte, Teil I, Bd. 1: Regesten, bearbeitet von Helmut Heiber, München – Wien 1983 (in
Hinkunft abgek.: Akten der Parteikanzlei I,1), 10443.
71
Der Reichsschatzmeister. Der Oberste Richter der Partei: Richtlinien für das Verfahren bei der
Aufnahme neuer Mitglieder in die NSDAP. München 10.7.1939, Österreichisches Staatsarchiv,
Archiv der Republik, Materien 195/4310 (in Hinkunft zit. als: Richtlinien), S.14.
95

Einnahmen und des parteiinternen Prestiges niederschlug, entfalteten und nicht


das oft beschworene „Ganze“ im Blick hatte.

Dies bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass die auf einen Gau, einen
Kreis oder eine Ortsgruppe entfallenden Mitgliederzahlen seit Mitte der 30er
Jahre sich nicht primär einer aus der „gesamten“ Bevölkerung hervorgehenden
Mitgliederdynamik verdankten, sondern mehr oder weniger einem vorgegebenen
(oder imaginierten) Organisationsbild, das spätestens 1937 quellenmäßig greifbar
wird, 72 entsprachen. Denn laut den Richtlinien für die Neuaufnahme von
Mitgliedern, die sogar 1939 im Druck erschienen, sollt für die detaillierte
Aufteilung des einem Gau aufgrund der Zahl seiner „Volksgenossen“
zugewiesenen Kontingents von Parteimitgliedern beachtet werden:

„Die Verteilung der den einzelnen Gauen demnach zustehenden


Neuaufnahmen nimmt der zuständige Gauleiter, die Verteilung innerhalb der
Kreise auf die einzelnen Ortsgruppen entsprechend der Kreisleiter vor. Wird in
den Ortsgruppen das zugestandene Kontingent nicht erreicht, so kann der
Kreisleiter anderen Ortsgruppen den Rest zuteilen. Dasselbe Recht steht
entsprechend dem Gauleiter zu, wenn einzelne Kreise die ihnen bewilligte Zahl
von Neuaufnahmen nicht erreichen.“ 73

Damit erübrigen sich Überlegungen, dass nach der Machtübernahme die Über-
oder Unterproportionalität von Parteimitgliedern in einem bestimmten Gebiet –
etwa in besonderen Gauen oder in der „Ostmark“ – im Vergleich mit anderen
Regionen sehr viel über die Akzeptanz und Begeisterung für den
Nationalsozialismus in der Gesamtbevölkerung auszusagen vermögen, wie dies in
der Zeitgeschichtsforschung immer wieder vorgekommen ist. 74 Die NSDAP
versuchte, dem Willen des „Führers“ folgend, sich immer mehr als „getreues
Abbild“ der jeweils vorhandenen „Volksgenossen“ zu konstruiere, auch wenn das

72
Anordnung Nr. 24/37 des Stellvertreters des Führers vom 9.2.37, BA NS 1/266.
73
Der Reichsschatzmeister, 10.7.1939, S.14; ähnlich auch Anordnung 34/39 des RSchM vom
10.5.39, in ÖStA, AdR, Materien 195/4310;
74
Jedoch nicht bei: Hagspiel, Ostmark, S. 113.
96

mit dem Prinzip der Freiwilligkeit des Parteibeitritts und der erwarteten
individuellen Qualifikationen im Widerspruch kommen konnte.

Dessen war sich auch Hess bewusst, der schon am 9. Februar 1937 unter
Bezugnahme auf die schon lange erörterte und vorbereitete Wiederöffnung der
Partei anordnete (siehe Abb. 7 a – b):

„Die bevorstehende allgemeine Lockerung der Mitgliedersperre stellt alle


Parteidienststellen vor eine große verantwortungsvolle Aufgabe. […]
Ein Zwang oder Druck, der Partei beizutreten, darf unter keinen Umständen
ausgeübt werden, der Grundsatz der Freiwilligkeit als eines der wertvollsten
Merkmale der Bewegung muss vielmehr voll aufrecht erhalten werden![…] 75

75
Anordnung Nr. 24/37 des Stellvertreters des Führers vom 9.2.37, BA NS 1/266, Bl. 118 = 86
(Unterstreichung wie im Original).
97

Abb. 7 a – b: Rundschreiben Hess’ über die Freiwilligkeit des Beitritts zur


NSDAP vom 20.11.1936

[BDC, nichtbiogr. Material, Ordner 377 I, BA]


98

[BDC, nichtbiogr. Material, Ordner 377 I, BA]

Dabei sollten an „Lebensalter jüngere Volksgenossen […] bei der Aufnahme


grundsätzlich“ bevorzugt werden, ebenso „alle die Volksgenossen […], die bereits
in den letzten Jahren durch aktiven Einsatz ihren Willen zur Mitarbeit in der
Bewegung zu erkennen gegeben haben.“ Allerdings wurde hier auch die oben
erwähnte, schon seit den 20er Jahren ausgesprochene Einschränkung, die generell
auch auf Theologieprofessoren und religiös (protestantisch oder katholisch)
besonders hervortretende Laien bezogen war, einmal mehr wiederholt. Die
NSDAP war eben ein antikirchlicher, säkularisierender politischer Faktor, der sich
die „Volksgemeinschaft“ nicht durch konfessionelle Gegensätze aufspalten lassen
wollte, wie auch Hitler immer betonte, ohne dass sein Wille immer auch
tatsächlich umgesetzt wurde:
99

„Um jedes Hineintragen kirchenpolitischer Gegensätze in die Bewegung zu


verhindern und um selbst den Verdacht einer einseitigen Stellungnahme für
oder gegen eine bestehende Kirchengemeinschaft zu vermeiden, ist von der
Aufnahme von Angehörigen des Geistlichen Standes in die Partei
abzusehen.“ 76

Die Höchstquoten für die künftigen Pg.-Aufnahmen sollten den Gauen von Hess
und Schwarz gemeinsam vorgegeben werden und bei Bedarf in der schon
beschriebenen Weise zwischen den territorialen Untergliederungen so verschoben
werden können, dass die Gesamtbilanz der gewünschter Mitgliederquote – 10
Prozent – innerhalb eines Gaues ausgeglichen blieb.

Ebenso wichtig war auch folgende – etwas „parteichinesisch“ formulierte –


Bestimmung:

„Den Ortsgruppen- und Stützpunktleitern sind von den einzelnen


Gauleitungen umgehend Richtlinien über den gewünschten altersmäßigen
Durchschnitt und die der Struktur [gemeint ist die Sozialstruktur, G.B.] der
einzelnen Ortsgruppen und Stützpunkte entsprechende Verteilung der
Neuaufnahmen auf die einzelnen Berufsschichten zu übermitteln.“ 77

Damit und durch eine Vielzahl anderer Anordnungen und Bestimmungen wird
klar, dass sich die intendierte Selbstkonstruktion der Partei auch auf ihre
Sozialstruktur bezog. So wurde immer wieder moniert, dass der Anteil der Pg.
bäuerlicher Herkunft und of auch der von Arbeitern nicht ihrem Anteil in der
Gesamtbevölkerung entsprach und deshalb gesteigert werden solle.

Eine annähernd der Gesamtbevölkerung entsprechende Geschlechterproportion


war in der und für die dominant männliche Partei nicht erwünscht. So sollten
später – ab 1942 – gemäß einer Anordnung Bormanns männliche HJ-Angehörige
bis zu 30% des jeweiligen Geburtsjahrganges in die NSDAP aufgenommen
werden können, während diese Quote für BdM-Mitglieder nur 7% betragen

76
Ebenda, Bl 119 = 87.
77
Ebenda, B. 129 = 88.
100

sollte. 78 Immerhin bedeutet das, dass tatsächlich unter den Neuaufnahmen bis
1945 die Frauenanteil auf etwa ein Viertel stieg.

Aber sonst ließ die Partei auch – durchaus einer modernen Politikplanung
entsprechend – statistische Tabellen und Übersichten kursieren und eine offizielle
Sozial- und Alterstatistik über die Mitglieder zum Jahr 1935 ausarbeiten. Jürgen
Falter machte darauf aufmerksam, dass diese reichsweite statistische
Untersuchung keineswegs propagandistisch verzerrt ist, wie manche Historiker
gemeint haben, „da es sich bei der ‚Partei-Statistik’ um eine strikt parteiinterne,
höchst vertrauliche Verschlußsache handelte, die zum Zwecke der Selbstdiagnose
und der gezielten Steuerung der künftigen Mitgliederrektutierung durchgeführt
worden war.“ 79 Deshalb sind auch die Berufsangaben auf den Beitrittsansuchen
und Mitgliedskarten hinsichtlich ihrer Aussagen über soziale Schichtung,
Berufsspezifika und Ausbildungsniveau bis in die ersten Kriegsjahre, als eine
zunehmende Verwaltungsvereinfachung einsetzte, ziemlich präzise und
aussagekräftig. Die Angestellten der Mitgliederverwaltung beim
Reichsschatzmeister waren angewiesen, genaue Berufsbezeichnungen und
Statusangaben von jedem künftigen Pg. zu erlangen und zu vermerken. Dies ergab
sich schon aus der Absicht, die soziale etc. Zusammensetzung der NSDAP zu
steuern und nach einer vorgegebenen „volksgemeinschaftlichen“
Repräsentationsvorstellung zu konstruieren zu suchen.

Dass das Ziel dieser idealen gesellschaftlichen Abbildhaftigkeit der NSDAP


dadurch nicht erreicht wurde und weiterhin ein typischer „Mittelstandsbauch“ der
Bewegungsphase, der Angestellte, Beamte und Freiberufler überrepräsentierte,
erkennbar blieb, ist eine andere Sache. Jedenfalls kann die soziale
Zusammensetzung der NSDAP, wie aus den seriellen Parteikarten und -akten
einfach quantifizierend rekonstruierbar scheinen mag, ab 1933 bzw. 1938, auch

78
Wetzel, Juliane: Die NSDAP zwischen Öffnung und Mitgliedersperre. In: Benz, Parteigenosse,
S. 74-90, hier S. 88 f.
79
Falter, Die „Märzgefallenen“, S. 597.
101

nicht für die österreichischen „Illegalen“, auf ein „kollektives“ Verhalten von in
die Partei strömenden „Volksgenossen“ zurückgeführt werden kann.

C.1.2.5 Vergebliche Aufnahmebremsen nach 1935

Den Blick wieder zurücklenkend auf die Zeit unmittelbar nach der
Machtübernahme, ist zu sagen, dass durch die seit Mai 1933 bestehende
Aufnahmesperre das Mitgliederwachstum nicht wirklich gestoppt wurde; es
wurde nun zwar – wie dargelegt – einheitlich geregelt, doch die Vielzahl der auch
in der weiteren Folge notwendig oder von der Parteiführung gewünschten
Änderungen beweist, dass die parteibürokratische Reglementierung lange nicht
perfekt war, ja es nicht sein konnte, weil das NS-Regime selbst, sogar vor dem
Krieg, ständig sich in einer Expansion (auch in die Gesellschaft hinein) und in
einer zunehmenden Differenzierung (auch Aufsplitterung) befand. 80 So wurden in
den folgenden Monaten auch für zahlreiche Sondergruppen – Mitglieder von SA,
SS, NS-Frauenschaft, NSBO und des „Stahlhelm-Bundes“ sowie über 18jährige
Angehörige der rasch zur Staatsjugend ausgebauten HJ – zahlenmäßig ins
Gewicht fallende Ausnahmen vorgesehen. 81

Um einerseits die weiterhin bestehende Nachfrage nach NSDAP-Mitgliedschaft


und andererseits den wachsenden Bedarf an ideologisch und fachlich geeigneten
Trägern der vielfältigen Aufgaben in der in die Breite und Tiefe gehenden
Diktatur zu decken, entstanden aber bald wieder Überlegungen, die Basis des
Regimes durch eine Öffnung für neue Pg. zu erweitern. Dabei spielten nicht
zuletzt Geldsorgen der NSDAP eine wichtige Rolle, sodass mit 1. Mai 1937 die

80
Rundschreiben 77/35 und 87/35 des RSchM vom 3.7. bzw. 20.7.1935, Bl. 108 f., BA NS 1/266
(RSchM). (In diesem Bestand finden sich auch die meisten der Erlässe, Anordnungen und
Rundschreiben, auf die bisher und in der Folge nur zum Teil Bezug genommen wurde). Zur
gesamten Thematik nunmehr die kompetente, jedoch nicht immer kohärente Darstellung in dem
oben zit. Sammelband von Benz, Parteigenosse und die Beiträge darin, vor allem die von Juliane
Wetzel, Björn Weigel und Armin Nolzen, in: Benz, Parteigenosse.
81
Nolzen, Armin: Vom „Jugendgenossen“ zum „Parteigenossen“. Die Aufnahme von
Angehörigen der Hitler-Jugend in die NSDAP. In: Ebenda, S. 123-150, hier 125.
102

Eintrittstore in die NSDAP wieder etwas geöffnet wurden. 82 Dahinter stand ein
geradezu abstrus anmutender, aber bis Kriegsende weitgehend Realität werdender
Vorschlag, den Bormann – in einem damals eher noch unterwürfigen Ton –
Schwarz unterbreitete:

„Wir sind uns darüber klar, dass eine ausserordentlich lange Zeit verstreichen
wird, bis die vier Millionen, die nun in die Partei aufgenommen werden sollen,
tatsächlich als Mitglieder gelten. Das bedeutet einmal, dass die ersten dieser
vier Millionen jetzt, also im März 1937 aufgenommen werden und die letzten
vielleicht zu Ende des Jahres 1939, obwohl die ersten wie die letzten an sich
sich gleichzeitig um Aufnahme in die Partei beworben haben. So, wie die
Dinge liegen, spielt nun das Aufnahmedatum eine sehr wesentliche Rolle;
schon heute bedeutet es einen ganz wesentlichen Unterschied, ob jemand im
März oder im Mai 1933 eingetreten ist.
Zum anderen kommt die Partei erst ausserordentlich spät, nämlich frühestens
zu Ende 1939 in den Besitz aller Beiträge der jetzigen Anwärter.“ 83

Dies sind die wahren Gründe, dass eine Parteianwartschaft als Vorstadium zur
vollen Parteimitgliedschaft, die den in die NSDAP drängenden Personenkreis
vorläufig zufrieden stellen sollte, geschaffen wurde; dies ermöglichte auch die
sukzessive Vornahme einer zeitaufwendigeren Überprüfung der „Würdigkeit“ der
kommenden Pg. und hatte den Vorteil, einen sofortigen Gelderstrom in die leeren
Kassen der NSDAP (durch allerlei Antragsgebühren, „freiwillige“ Spenden und
durch die Mitgliedsbeiträge, die sofort ab dem meist zurückliegenden
Aufnahmedatum zu bezahlen waren) in Gang zu setzen. „Volksgenossen“, die
nicht mehr vor dem 1.5.1933 einen Mitgliedsantrag gestellt hatten und daher
unmittelbar noch nicht aufgenommen hatten werden können, sich aber danach im
nationalsozialistischen Sinne durch die Tat bewährten, konnten in einem
Verfahren, das etwa der normalen Aufnahmeprozedur entsprach, als Anwärter
anerkannt werden. So hieß es in einer Anordnung des Reichsschatzmeisters vom
Februar 1937: „Ein Parteianwärter hat die gleichen Pflichten wie ein

82
Weigel, Björn: „Märzgefallene“ und Aufnahmestopp im Frühjahr 1933. Eine Studie über den
Opportunismus. In: Benz, Parteigenosse, S. 91-109.
83
Schreiben vom 18.3.37, BA, NS1/266, Bl. 96 und 96’ (Unterstreichungen im Original).
103

Parteimitglied, nicht aber dessen Rechte, wie z.B. das Tragen des
84
Parteianzeichens.“ Die letztgenannte Einschränkung entfiel allerdings ab
30.Jänner 1938. Sobald einem solchen Parteianwärter die volle Mitgliedschaft
zugesprochen wurde, erhielt diese Person das formelle Eintrittsdatum „1. Mai
1937“ zugeteilt, wann immer sie auch den Antrag unterzeichnet hatte. Sollte die
Aufnahme eines Parteianwärters abgelehnt werden, so galt diese geminderte
Parteimitgliedschaft rückwirkend nicht mehr und die einbezahlten
Mitgliedsbeiträge sollten rückerstattet werden, was allerdings selten
vorgekommen sein dürfte. Schon zum 1. Mai 1939 wurde die Parteianwartschaft
im „Altreich“ wieder aufgehoben. 85

Diese Lockerung der Mitgliedersperre im „Altreich“ war also nicht von langer
Dauer. Sie wurde, als die seit Anfang Mai 1937 beim Beitritt zu bevorzugenden
Kategorien – etwa die 2 Millionen Mitgliedschaftswerber Bormanns – die
angestauten Anträge abgearbeitet waren und einigermaßen „die Partei
zahlenmäßig aufgefüllt“ war, schon acht Monate später (im „Altreich“) wieder
rückgängig gemacht. Vor den Toren der Partei standen jedoch immer noch etwa 2
Millionen, die Einlass begehrten und sukzessive aufgenommen werden mussten,
wollten die Parteiführer nicht das Entstehen einer gefährlichen Unzufriedenheit an
der Basis riskieren. Der Prozess der Zulassung dieser Anwärter wurden bis Ende
1939 wieder vorangetrieben, dauerte jedoch noch bis weit in die Kriegsjahre
hinein an, zum Teil auch weil offensichtlich aus organisatorischen Gründen noch
mehrfach Sperrfristen für Neuanträge erlassen werden mussten.

Unterdessen hatte eine nicht vollkommen gleichartige und von Sonderfaktoren


modifizierte Parallelaktion zur Bewältigung der Probleme mit den
Parteimitgliedschaften in dem angeschlossenen Österreich begonnen. Diese
Probleme hatten Ursachen mehrfacher Art.

84
Rundschreiben des Gauschatzmeisters Bayerische Ostmark vom 31.5.1937, RSchM 1/266, Bl.
152.
85
Wetzel, NSDAP, S. 77 f.
104

C.1.2.6 Spätfolgen des Parteiverbots in Österreich und „ostmärkische“


Sonderprobleme

Zunächst war der österreichische Nationalsozialismus vor und nach der Gründung
einer unter Hitlers Dominanz stehenden Organisation (1926) jahrelang in drei
Teile gespalten und auch, nachdem sich die „Hitler-Bewegung“ durchgesetzt
hatte, bis 1938 von extremen Fraktions- und Cliquenkämpfen gekennzeichnet. 86
Die österreichische NSDAP machte zwar eine annähernd vergleichbare
Entwicklung wie ihre große und zum Teil imitierte Schwesterparte im „Reich“
durch, nur dass – vereinfacht gesagt – in ihr die ursprüngliche Ausrichtung der
vor-Hitlerschen Partei (DNSAP) auf private und öffentliche Angestellte erst spät
in der Struktur einer „asymmetrischen Volkspartei“ der Durchbruchsphase
1932/33 aufging und in ihr die relative Repräsentation von Handarbeitern und
Bauern unter ihren Mitgliedern noch etwas relativ niedriger als in Deutschland
war. Auch hinkte ihr Massenerfolg bis zu zwei Jahre hinter dem Deutschen Reich
her. 87 Dieser tief sitzende Eigenart erschwerte auch Hitlers Eingriffsversuche vor
und nach 1933 weitgehend wie sie auch die Tätigkeit des ins Land entsandten

86
Umfassend: Pauley, Bruce F.: Der Weg in den Nationalsozialismus. Ursprünge und Entwicklung
in Österreich. Vom Autor rev. u. erg. Ausg., Wien 1988; Jagschitz, Gerhard: Von der „Bewegung“
zum Apparat. Zur Phänomenologie der NSDAP 1938 bis 1945. In: TALOS, Emmerich u.a,
(Hrsg.): NS-Herrschaft in Österreich. Ein Handbuch. Wien 2000, 88-122,
87
Vgl. zu den Mitgliedern: Bauer, Kurt: Elementar-Ereignis. Die österreichischen
Nationalsozialisten und der Juliputsch 1934. Wien 2003; Botz, Gerhard: Strukturwandlungen des
österreichischen Nationalsozialismus (1904-1945). In: Ackerl, Isabella, Walter Hummelberger und
Hans Mommsen (Hrsg.): Politik und Gesellschaft im alten und neuen Österreich. Festschrift für
Rudolf Neck zum 60. Geburtstag, Bd. 2, Wien 1981, S. 163-193; Botz, Gerhard: Arbeiter und
andere “Lohnabhängige” im österreichischen Nationalsozialismus, in: Hofmann, Jürgen und
Michael Schneider (Hrsg.): ArbeiterInnenbewegung und Rechtsextremismus – Labour and Right-
Wing Extremism. 42. Linzer Konferenz der Internationalen Tagung der HistorikerInnen der
Arbeiter- und anderer sozialer Bewegungen, 14. bis 17. September 2006. Hrsg. von Jürgen
Hofmann und Michael Schneider. Leipzig 2007 (ITH-Tagungsberichte 41), S. 35-61. Zur
Wählerschaft umfassend: Hänisch, Dirk: Die österreichischen NSDAP-Wähler. Eine empirische
Analyse ihrer politischen Herkunft und ihres Sozialprofils. Wien 1998; vgl. auch regional: Elste,
Alfred und Dirk Hänisch: Auf dem Weg zur Macht. Beiträge zur Geschichte der NSDAP in
Kärnten von 1918 bis 1938. Wien 1997.
105

Reichskommissars Bürckel ab 1938 fast zu einer außerordentlich schwierigen


machte.

Sodann hatte die hohe Terrorbereitschaft der österreichischen Nazis, gesteigert


unter der auf eine autoritäre Diktatur hin sich entwickelnden Regierung Dollfuss,
veranlasst, am 19. Juni 1933 jede nationalsozialistische Betätigung zu untersagen.
Die damit eintretende Illegalität versetzte die österreichischen Nationalsozialisten
in den Zustand einer zunehmend durch spürbare polizeiliche und gerichtliche
Maßnahmen und berufliche Sanktionen betroffenen außerinstitutionellen
Opposition, die verstärkt zu außerstaatlicher Gewaltanwendung bis zur
Durchführung (eines von Hitler unterstützten 88, jedoch fehlgeschlagenen)
Putsches im Juli 1934 89 bereit war. Die Unterdrückungsmaßnahmen des
„Christlichen Ständestaat“ bewirkten zunächst eine empfindliche Schwächung des
Nationalsozialismus; viele Mitglieder wandten sich deshalb ab (siehe unten Abb.
10a) oder gingen in den Untergrund , die österreichische Landesleitung und die
meisten Gauleiter verlegten ihre Tätigkeit nach Deutschland oder wurden
inhaftiert wurden. Damit ging auch die separate Mitgliederkartei Österreichs bis
auf Reste verloren, was den Wiederaufbau der Partei nach dem „Anschluss“
wesentlich erschwerte.

Schließlich konstituierte die Flucht von einigen Zehntausend Nationalsozialisten


ins „Reich“ und andere Nachbarländer ein weiteres gravierendes
Unterscheidungsmerkmal zwischen den Nationalsozialisten in Österreich und
Deutschland. 90 Allein über 14.000 davon gehörten der rebellischen

88
Bauer, Kurt u. Peter Longerich: Neue Erkenntnisse zur Rolle Hitlers, In: Zeitungszeugen.
Sammeledition: Die Presse in der Zeit des Nationalsozialismus. Nr. 9, 2009, [S. 2].
89
Allg. noch: Jagschitz, Gerhard: Der Putsch. Die Nationalsozialisten 1934 in Österreich. Graz,
Wien, Köln 1976.

90
Hans Schafranek nennt, der österreichischen Staatspolizei folgend, eine Zahl von 63.000
Personen, die zwischen 1933 und 1936 nach Deutschland emigriert sein sollen; dazu gehörten
nicht nur österreichische NS-Terroristen, sondern auch andere Aktivisten und Mitglieder der
NSDAP, sowie viele Angehörige und aus anderen Gründen Emigrierte: Schafranek, Hans: Söldner
für den "Anschluss". Die Österreichische Legion 1933 – 1938. Wien 2011, S. 316 f.
106

österreichischen SA an, die im „Reich“ in der „Österreichischen Legion“ in


Lagern zusammengefasst und weitgehend isoliert wurde, während die
österreichischen SS-Angehörigen in Deutschland eher in deutsche NS- und
Staatsstellen integriert wurden. Über 10.000 von ihnen wurde die österreichische
Staatsbürgerschaft aberkannt. 91 Insgesamt komplizierte die Existenz all dieser
radikalisierten österreichischen Nationalsozialisten im „Reich“ die spätere
Klärung der Parteimitgliedschaften ungeheurer, weil sie ganz unterschiedlichen
Mitgliederstatus – als alte österreichische oder deutsche Pg. (wenn sie deutsche
Staatsbürger geworden waren), als Nichtmitglieder in und außerhalb der
nationalsozialistischen Gliederungen – hatten. Da sie sich auch als opferbereite
Kämpfer für den Nationalsozialisten fühlten, erhoben sie nach dem „Anschluss“
Ansprüche auf mindestens symbolische Anerkennung (innerhalb der NSDAP-
Nummernhierarchie) und auf berufliche und wirtschaftliche, überwiegend auf
Kosten der verfolgten Juden gehende Kompensationen.

Als Bürckel im März 1938 als „Beauftragter des Führers“ für die NSDAP in
Österreich und dann als Eingliederungs-Reichskommissar in Wien seine Tätigkeit
aufnahm, stand er vor ähnlichen Problemen, wie sie zwischen 1933 und 1937 im
„Altreich“ bestanden hatten; sie waren jedoch gewaltig verschärft durch die eben
skizzierte spezifische Problemlage. Da ihm anders als 1933 im „Altreich“ kein
funktionierender Parteiapparat zur Verfügung stand und er sich nicht auf die
österreichischen Nationalsozialisten verlassen konnte (oder wollte), bediente er
sich des personellen Apparats, den er zur erfolgreichen Durchführung der
„Volksanstimmung“ am 10. April 1938 aus dem Boden gestampft hatte. Die
Gauwahlleiter hatten zunächst die „Erfassung und Aufnahme der Mitgliedschaft
zur NSDAP vorzunehmen“. Im Allgemeinen war dieses Verfahren an das

91
Ebenda, S. 60; Garscha, Winfried R.: Nationalsozialisten in Österreich 1933–1938. In: Tálos,
Emmerich und Wolfgang Neugebauer (Hgg.): Austrofaschismus. Politik – Ökonomie – Kultur
1933–1938. 5., völlig überarbeitete und ergänzte Auflage. Wien 2005, S. 100–120; Albrich,
Thomas und Wolfgang Meixner: Zwischen Legalität und Illegalität. Zur Mitgliederentwicklung,
Alters- und Sozialstruktur der NSDAP in Tirol und Vorarlberg vor 1938. In: Zeitgeschichte, 22
(1995), S. 149–187.
107

deutsche angelehnt, doch es gab auch beträchtliche Abweichungen. Zunächst


richtete sich dieses Erfassungsverfahren an (1.) solche, die bisher schon NSDAP-
Mitglieder gewesen waren, sodann auch (2.) an „jene, die bis zum 11. März 1938
sich als Nationalsozialisten betätigt haben.“ 92 Der erstgenannte Personenkreis
erhielt, wenn sich seine frühere Parteizugehörigkeit bestätigte, die reguläre
Mitgliederkarte mit der alten Nummer zugewiesen, wenn nicht, dann musste ein
neuer Antrag gestellt werden. Da man aus den Problemen, die im „Altreich“ aus
der Unmöglichkeit einer raschen Bearbeitung der zu erwartenden Flut von
Anträgen entstanden waren, gelernt hatte, wurde in Österreich eine grüne
„vorläufige Mitgliedskarte“ eingeführt und für den zweitgenannten Personenkreis
ausgestellt (siehe unten). Wenn dabei die Überprüfung ergab, dass der
Antragsteller die Kriterien der Mitgliedschaft erfüllte und nachweisen konnte,
dass er in der Illegalitätsperiode nicht abtrünnig gewesen war, wurde nach dem
üblichen Prozedere eine ordentliche, rote Mitgliedskarte (siehe Abb. 8) ausgestellt
und dem Pg. übergeben; 93 erst in den letzten Kriegsmonaten wurden keine
Mitgliedsbücher mehr ausgegeben. Oft wird auch in der Forschung übersehen,
dass die Massenquelle der Parteimitgliedskarten aus der zentralen bzw. örtlichen
NSDAP-Verwaltung stammen und nicht jene waren, die die Pg. einsehen konnten.

92
Anordnungen und Verfügungen des Beauftragten des Führers für den Parteiaufbau in der
Ostmark, Gauleiter Josef Bürckel. Wien 1939, S. 5.
93
108

Abb. 8: NSDAP-Mitgliedskarte (rot) für Anton R. (Landarbeiter) vom


1.11.1938 (Seite 1 und 4 bzw. 2 und 3) [133 x 100 mm]

[BDC, Hauptkartei, BA]

Da Hitler für diese Kategorie den Nummernblock von 6,100.000 bis 6,600.000 94
reserviert hatte, wurde ihm/ihr eine solche zugeteilt. Der Ansturm auf solche
Nummern (und Privilegierung) war gewaltig und die Modi des (oft nur
vorgetäuschten) Engagements durch die österreichische Situation 1933-38 waren
so verworren, dass sich die Erledigungen monate-, ja jahrelang in die Länge
ziehen konnten. Solche Mitglieder, die schon zeitgenössisch (und nach 1945) als

94
Ursprünglich nur 6,1 bis 6,5 Millionen. Jagschitz, „Bewegung“, S. 108 schreibt von einem
Block von 6,1 – 6,9 Mio. Dagegen ist in einem Besprechungsprotokoll aus dem Büro Bürckels
(Knissel) vom 24.4.38 die Rede, dass der RSchM weitere 400.000 Nummern zu den bis dahin
bewilligten 6,5 Mio, also bis 6,9 Mio, bereitstellen möge. Dies ist nicht geschehen, sondern es
blieb nur bei einer mäßigen Erhöhung auf 6,6 Mio., ÖStA, AdR, RSchM, Hauptämter 3. Siehe
auch: http://www.bundesarchiv.de/oeffentlichkeitsarbeit/bilder_dokumente/00757/index-
17.html.de (11.1.11).
109

„Altparteigenossen“(Abb. 9a) (bzw. als „Illegale“) bezeichnet wurden, erhielten


(zu allermeist rückwirkend) einheitlich das Beitrittsdatum 1. Mai 1938
zugewiesen, gleichgültig, wann sie ihren Antrag eingereicht hatten und dafür eine
Bestätigung ausgestellt (Abb. 9b).

Abb. 9a: „Große“ gelbe Ortsgruppen-Karteikarte für Anton B. (Schriftsetzer)


vom 4.10.1931 (nach Wiedereintritt per 1.5.38 als „Alt-Pg.“ anerkannt) [210 x
140 mm]

[BDC, Hauptkartei, BA]


110

Abb. 9b:Vorläufige Bestätigung für die „alte“ Mitgliedschaft von Anton B.


(Finanzbeamter, [gestrichen:] Schriftsetz.) per 1.5.1938

[BDC, Hauptkartei, BA]

Dies führte nicht nur im Rechtfertigungsdiskurs ehemaliger Nationalsozialisten


und in der allgemeinen Öffentlichkeit, sondern auch in der seriösen
wissenschaftlichen Literatur immer wieder zu dem Missverständnis, dass ein
solcher Nationalsozialist eben „erst“ am 1.5.38 und nicht schon während der
Verbotszeit beigetreten war, während der ein anerkannter „Illegaler“ war,
mindestens einer sein wollte. 95

95
Selbst etwa Neugebauer, Wolfgang und Peter Schwarz: Der Wille zum aufrechten Gang.
Offenlegung der Rolle des BSA bei der gesellschaftlichen Reintegration ehemaliger
Nationalsozialisten. Wien 2005, S. 115 und 200.
111

In Analogie zum „Altreich“ wurde auch in der „Ostmark“ der auszeichnende


Begriff eines „Alten Kämpfers“ eingeführt. „Als ‚lte Kämpfer’ der Ostmark,
welche so wie die alten Kämpfer im Altreich bevorzugt zu behandeln sind,“
galten einer Anweisung Bürckels zufolge, vier Arten von Pg., und zwar solche,

die vor dem Stichtag 19. Juni1933 entweder in Österreich oder

in Deutschland ordnungsgemäß beigetreten waren, oder

Träger des „Blutordens“ oder

außerordentlich verdienstvolle Pg. waren. 96

Ohne dass die Reorganisation und der Neuaufbau des Mitgliederwesens im


ehemaligen Österreich weiter nachvollzogen werden soll, 97 sei doch betont, dass
auch hier – aus denselben organisatorischen Gründen – eine andere im „Altreich“
(zwischen 1.5.37 und 1.5.39) bestehende Pg.-Kategorie zeitverzögert am 3.
November 1938 zum Leben erweckt wurde: der sogenannte „Parteianwärter“. In
den ersten Wochen und Monaten nach dem „Anschluss war den Aufnahme
Suchenden eine Bestätigung ausgestellt worden, dass sie sich sozusagen im Status
der Aufnahme befanden, was ihnen eine bestimmt Bevorzugungen einbrachte. Im
Zuge des alle Pg. betreffenden Erfassungsverfahren in der „Ostmark“ wurde auch
an Alt-Pg., deren vor 1933 liegender Beitritt (erst später) nach Überprüfung als
gültig anerkannt wurden, eine „vorläufige Bestätigung“ ausgestellt (siehe Abb. 9b
und 6e). Damit einhergehend wurde ab November 1938 üblicherweise eine
braune Bestätigungskarte ausgestellt, die de facto – unter bestimmten zusätzlichen

96
Anordnung Nr. 34/38 vom 23.9.38, ÖStA AdR, Bürckel rot 3.
97
Siehe: Botz, Gerhard: Nationalsozialismus in Wien. Machtübernahme, Herrschaftssicherung,
Radikalisierung 1938/39. Überarb. und erw. Neuaufl., Wien 2008, S. 266-299; Hagspiel,
Hermann: Die Ostmark. Österreich im Großdeutschen Reich 1938 bis 1945. Wien 1995, S. 107-
128.
112

Bedingungen (vor allem politisches Engagement, Zahlung der Beiträge) – die in


eine volle Mitgliedschaft mündende Parteianwärterschaft bestätigte. 98

Sie wurde denjenigen Antragstellern als vollgültiger Parteinachweis ausgestellt,


die nicht in die oben genannten hochrangigeren Mitgliederkategorien (vor
1.5.1938) aufgenommen wurden oder einen rechtzeitigen Antrag versäumt hatten.
Solche Antragstellungen auf „Parteianwartschaft“ sollten gemäß einer Weisung
des Reichsschatzmeisters mit 16.7.1940 auslaufen, jedoch die Praxis der
Mitgliederverwaltung in „ostmärkischen“ Gauen hielt sich nicht daran, und hier
gab es auch noch weiterhin „Parteianwärter“. 99 Dies verdeutlicht das in Österreich
bei der Reorganisation der NSDAP herrschende Chaos, das Gerhard Jagschitz
folgendermaßen beschrieben hat:

„Die ungeheure Bürokratisierung der Mitgliederbestätigung, die Ausgabe von


immer wieder geänderten Formularen, provisorischen Mitgliedskarten,
Zwischenbescheiden und detaillierten Anordnungen führten zu einer Vielzahl
von Klarstellungen, Erläuterungen und präzisierenden Weisungen […], dass
sich nicht einmal die Zuständigen auskannten.“ 100

Die Bearbeitung der Anträge war insgesamt so schleppend, dass noch 1944 nicht
alle erledigt waren. Auch wurden jene Beitrittswerber, die früher nicht die
strengen Kriterien der Anerkennung als Pg., welche noch 1938 an sie gelegt
wurden, aus mancherlei Gründen nicht erfüllt hatten (Abb. 10a), 101 zwar nicht als
„Illegale“ anerkannt, jedoch unter einer minder ehrenvollen Mitgliedernummer
noch aufgenommen (Abb. 10b). Allerdings verdoppelte sich die Mitgliederzahl

98
Das Nationalsozialistengesetz. Das Verbotsgesetz 1947. Die damit zusammenhängenden
Spezialgesetze kommentiert und hrsg. v. Ludwig Viktor Heller, Edwin Loebenstein und Leopold
Werner. Wien 1948, S. II / 35 f.
99
Ebenda, S. 46-49..
100
Jagschitz, „Bewegung“, S. 107.
101
Vgl. Botz, Gerhard: Nazi, Opportunist, „Bandenbekämpfer“, Kriegsopfer. Dokumentarische
Evidenz und Erinnerungssplitter zu meinem Vater. In: Ders. (Hrsg.): Schweigen und Reden einer
Generation. Erinnerungsgespräche mit Opfern, Tätern und Mitläufern des Nationalsozialismus.
Wien 2007, S. 153-159.
113

von 105.035 im Dezember 1937 auf 221.017 im März 1939 und erreichte zwei
Jahre später schon 603.007 (inklusive „ruhender“ Mitgliedschaften), 102 was schon
annähernd 10 Prozent der Bevölkerung entsprach.

Abb. 10a: „Große“ gelbe Ortsgruppen-Karteikarte für Anton B.


(Handelangestellter) vom 31.8.1931 (nach Wiedereintritt per 1.5.38 anerkannt)
[210 x 140 mm

[BDC, Hauptkartei, BA]]

102
Jagschitz, „Bewegung“, S. 108 f.
114

Abb. 10b: „Große“ blaue Ortsgruppen-Karteikarte für Anton B.


(Handelsangest.) rückwirkend ab 1.1.41 (nach Anerkennung auf
Wiedereintritt vom 22.4.1944) [200 x 125 mm]

[BDC, Hauptkartei, BA]

Reichskommissar Bürckel und die Gauleiter in den „Alpen- und Donaugauen“


waren offensichtlich der Ansicht, „daß die Hoheitsträger möglichst viele ihrer
Meinung nach brauchbare Volksgenossen aufnehmen“ sollten, wie von München
aus im Juli 1939 kritisiert wurde. 103 Schon acht Monate zuvor war es Bürckel
selbst, der weit über den prozentuellen Richtwert, der für das Altreich galt,
hinausschoss, als er in einer öffentlichen Ankündigung als allgemeine Richtlinie
festzulegen suchte, dass das zahlenmäßige Verhältnis der Pg. und der
Parteianwärter, die also ebenfalls potenzielle Pg. waren, zusammen genommen
„in den einzelnen Gauen 20 Prozent der Gesamtbevölkerung nicht übersteigt“.
Schwarz reagierte empörte darauf und wendete ein, dass bei einer vollen
Ausschöpfung dieser Quote „etwa 80-90 Prozent der im wehrfähigen Alter

103
Richtlinien, S. 6.
115

stehenden männlichen Bevölkerung Parteigenossen würden.“ Bürckel zog seine


Anordnung stillschweigend wieder zurück. 104

C.1.2.7 Versuchte Trendumkehr in der Schlussphase des Regimes

Für das Deutsche Reich insgesamt kann man sagen, dass diese österreichischen
Zustände kein absoluter Sonderfall gewesen sein dürften. Denn auch der Gauleiter
von Weser-Ems (1929-42), Carl Röver, beklagte in einem Memorandum für
Hitler 1942, noch vor seinem überraschenden Tod, einen Zustand, der sich aus
dem ziemlich wahllosen Expandieren der Mitgliedschaft generell ergeben habe.
Von der NSDAP als „einer geschlossenen Kampftruppe kann keineswegs die
Rede sein.“ Ein „Führerorden“ sei die Partei noch nicht,

„weil die Aufnahmegrundsätze offenbar von den finanziellen Bedürfnissen der


Partei mit beeinflusst worden sind. Viele sind in die Partei aufgenommen
worden, die es lediglich zur Festigung ihrer gesellschaftlichen Position nötig
hatten, oder die mit Hilfe der Parteimitgliedschaft berufliche oder
wirtschaftliche Vorteile erstrebten.“ 105

Jedenfalls dem Wunsch des „Führers“ nach sollte in Hinkunft „der Nachwuchs
nur mehr aus der Hitler-Jugend“ kommen, 106 eine Bestimmung, die in der Folge
wie oft in der NSDAP nicht ganz so heiß gegessen wie gekocht wurde. Allerdings
erließ der Reichsschatzmeister am 2. Februar 1942 für Kriegsdauer neuerlich eine
„totale“ Mitgliedersperre, die schon am 14.7.1942 durch eine geheime Verfügung
Hitlers wieder für folgende Ausnahmekategorien durchlöchert wurde.

104
Anordnung Nr. 37 des Reichskommissars für die Wiedervereinigung…, 3.11.38, OStA, AdR,
Bürckel rot, 3; siehe auch: Botz, Nationalsozialismus in Wien, S. 266; missverständlich in der
sonst den verlässlichen Darstellungen: Heller, Loebenstein u. Werner, Nationalsozialistengesetz,
S. II/47 und: Hagspiel, Ostmark, S. 112; nicht jedoch: Bukey, Evan Burr: Hitler's Austria. Popular
Sentiment in the Nazi Era, 1938 – 1945. Chapel Hill, NC 2000.
105
[Röver Memorandum (Ohne Titel)]. National Archives Microcopy No. T-81 Roll No 9.7S. 21
(Kopie im Historischen Insitut der Univ. Bochum und im LBIHS; ich danke Hans Mommsen und
Armin Nolzen für den Hinweis darauf und die Zusendung einer Kopie).
106
Wetzel, NSDAP, S. 85.
116

Vorzugsweise „können in Zukunft nur junge Deutsche nach Vollendung des 18.
Lebensjahres aufgenommen werden“, sofern sie sich vorher in der HJ bewährt
hatten. Sodann sollten auch „Volksgenossen“ im Alter von 18 bis 35 Jahren, die
als Längerdienende aus der Wehrmacht ausschieden oder sich durch Mitarbeit in
einer Gliederung oder einem „Angeschlossenen Verband“ bewährt hatten, die
Mitgliedschaft erwerben können. Schließlich behielt sich der „Führer“ noch die
Entscheidung über Ausnahmen für „Volksgenossen, die schon das 35. Lebensjahr
überschritten haben,“ persönlich vor. 107

Ab 1942 wurden daher praktisch nur noch männliche und weibliche Angehörige
der Hitlerjugend zu wenigen festgesetzten fiktiven Aufnahmeterminen (vor allem
„Führers Geburtstag“) in die NSDAP aufgenommen. 108 Dafür wurde 1943 das
Mindestaufnahmealter für HJ-Mitglieder auf 17 Jahre gesenkt, während es für
sonstige Pg. weiter an die Vollendung des 21. Jahres gebunden blieb. 109

Begünstigt durch das Vordingen des Einflusses der Partei in der Wehrmacht,
wurde das bis dahin obligate „Ruhen“ der NSDAP-Mitgliedschaft von
Angehörigen der Wehrmacht durch eine Novellierung von Paragraph 26 des
Wehrgesetzes von 1935 am 24. September 1944 aufgehoben. 110 Dies bedeutete
nicht, dass nun aktive Wehrmachtssoldaten in einer nennenswerten Zahl –
ausgenommen Einzelfälle, wie dem eines der allerletzten führertreuen Generäle,
Robert Ritter von Greim 111– neu aufgenommen wurden, denn es galt

107
Zit. auch ebenda, S. 195; Bekanntgabe des RSchM 2/43 vom 12.2.43, RSchM 1/266, Bl. 196 f.;
gedruckt auch in: „Führer-Erlasse“ 1039-1945. Zusammengestellt und eingeleitet von Martin
Moll, Stuttgart 1997, S. 269.
108
Aber auch dabei gab es noch Ausnahmen wie die meines Vaters, der noch am 22.4.1944
rückwirkend mit 1.1.1941 aufgenommen wurde, siehe Botz, Nazi, S. 144.
109
Wetzel, NSDAP, S. 86-90.
110
Kunz, Andreas: Wehrmacht und Niederlage. Die bewaffnete Macht in der Endphase der
nationalsozialistischen Herrschaft 1944 bis 1945. 2. Aufl., München 2007 (Beiträge zur
Militärgeschichte 64), S. 115 f.
111
Mitteilung des RSchM vom 15.3.45 (wonach er dem von Hitler mit dem Goldenen
Ehrenzeichen ausgezeichneten Generaloberst von Greim, der bald darauf zum Nachfolger Görings
ernannt werden sollte, die NSDAP-Mitgliedschaft verliehen habe), Akten der Partei-Kanzlei I,1, S.
117

uneingeschränkt weiterhin die totale Aufnahmesperre, die lediglich für


reaktivierte Berufssoldaten gelockert war und seit 1942 für Kriegsversehrte
durchlässig blieb. 112

In welcher Scheinwelt die Führer des zusammenbrechenden NS-Systems noch


verharrten, macht eine Anordnung betreffend „Aufnahmesperre – Vormerkung
wertvoller Volksgenossen zur Aufnahme in die NSDAP“ vom 27.2.1945 deutlich.
Sie wurde bezeichnenderweise von Bormann, der Schwarz zuletzt zunehmend
überspielte, ohne selbst einen Sieg im internen Machtkampf des Regimes zu
erringen, 113 herausgegeben. Anlass waren offensichtlich „Anregungen“ von
Gauleitern gewesen, die eine „vorbildliche Haltung und Mitarbeit“ von
„Volksgenossen“ noch in der letzten Stunde durch die Aufnahme in die NSDAP
belohnen wollten. Der Leiter der Parteikanzlei jedoch teilte aus dem
Führerhauptquartier, während die Rote Armee schon an der Oder stand, den
Hoheitsträgern und Verbändeführern der NSDAP mit:

„Diesem an sich verständlichen Wunsch kann vorerst nicht entsprochen


werden. Durch die Aufnahme neuer Mitglieder würde u.a. eine erhebliche
Verwaltungsarbeit anfallen, die bei der gegenwärtigen Arbeitsbelastung der
Partei nicht zu bewältigen wäre.
Damit bei einer späteren Lockerung oder Aufhebung der Mitgliedersperre nur
Volksgenossen aufgenommen werden, deren jetzige Haltung die Aufnahme
rechtfertigt, soll schon jetzt die Auslese beginnen.“ 114

Die Kreisleiter – unterdessen war die Verwaltung der NSDAP schon so stark
dezentralisiert, da die Gaue und die Reichsstatthalter nicht mehr voll
funktionsfähig waren – sollten über solche künftige Pg. „Vorschläge in
besonderen Ordnern“ anlegen, damit „bereits jetzt die Auslese der Volksgenossen

1084 und Mitcham Jr., Samuel W: Generalfeldmarschall Robert Ritter von Greim. In: Hitlers
militärische Elite. Vom Kriegsbeginn bis zum Weltkriegsende. Hrsg. v. Gerd R. Überschär, Bd. 2,
Darmstadt 1998, S. 72-79.
112
Verfügung Hitlers V 6/43 vom 19.10.43. In: „Führer-Erlasse“, S. 364 f.
113
Nolzen, Bormann, S. 138- 141,
114
Anordnung 105/45, RSchM 1/266, Bl. 205 und 205’.
118

beginnen“ könne, 115 für die Zeit nach dem erhofften „Endsieg“. Hitler und die
meisten Parteiführer wollten keineswegs eine unkontrollierbare Aufnahmewelle
und „etwa das gesamte Offizierskorps in der Partei haben“. 116

C.1.2.8 Fazit

Wenn man die vielfach und ziemlich vollständig in zentralen wie regionalen
Archivbeständen erhaltenen Erlässe, Anordnungen, Verfügungen, Ausführungs-
bestimmungen, Rundschreiben u. dgl., durchsieht, dann fällt nicht bloß die
Reglemtierungswut auf, die die Parteistellen – insbesondere den hier näher
angesehenen Reichsschatzmeister – nach der Machtübernahme erfasst hatte. Ihre
Logik und Sprache gemahnt an die bestgeschulte preußische (oder bayerische)
Bürokratie. Eine Organisation, die keinerlei Auslegungsspielräume und
Entscheidungsmöglichkeiten zulässt, hätte auch kein dem Willen des jeweiligen
Führers „Entgegen-Arbeiten“, weder ein Gesetzestexte nutzbringendes Auslegen
noch überhaupt ein funktionsfähiges Verwaltungs-Handeln ermöglichen können.
Beim Lesen dieser Enunziationen drängt sich daher der Eindruck auf, dass es sich
dabei um eine Art double speak handelte, das ihre Empfänger zu decodieren
vermochten und das geradezu zur Umgehung oder Nichtbeachtung herausforderte.

Die häufige Wiederholung derselben Grundsätze, die sich im „Altreich“ schon


Mitte der 30er Jahre herausgebildet hatten, deutet darauf hin, dass es mit der
Einhaltung dieser parteiorganisatorischen Normen nicht allzu weit her war. Dies
trifft nicht nur in einem besonderen Maße auf die Gaue der „Ostmark“ zu, die oft
noch von dem alten österreichischen Verwaltungsregelwerk und den Vor-1938er
Interessen und Fraktionen des einheimischen Nationalsozialismus geprägt waren.
In abgeschwächter Form gilt dies wohl auch für andere Gebiete des „Reiches“.

115
Ebenda, Bl. 206.
116
Besprechung Hitlers in der Reichskanzlei mit Bormann, dem Chef des OKW und Goebbels am
14.11.44, 17610 (H 101 22320-66 (1275a), Akten der Partei-Kanzlei. Rekonstruktion eines
verlorengegangenen Bestandes. Hrsg. v. Institut für Zeitgeschichte, Teil I, Bd. 1: Regesten,
bearbeitet von Helmut Heiber, München – Wien 1983.
119

Dieser Zustand blieb ziemlich unverändert bestehen, bis die internen


„Kriegsnotwendigkeiten“ des Regimes manche Vereinfachungen erzwangen.
Durch dieses „bürokratische“ Prinzip der doppelbödigen Sprache dürfte auch das
zeitweise entstehende Durcheinander in Übergangszeiten des NS-Regimes –
1933/34, 1938/39, 1942/43 und 1944 – mitverursacht worden sein.

Meine These ist jedoch, dass diese krisenhaften Zustände systemimmanent waren
und in ihnen das zentrale Bauprinzip der NS-Diktatur (E. Fraenkel, F. Neumann)
zum Vorschein kam, nämlich das NS-spezifische Neben- und Ineinander von zwei
Politikstilen, die idealtypisch eher von Normen oder von einzelhaften
„Maßnahmen“ geprägt sind. Diese Interagieren und sich gegenseitige Ergänzen
sollte nicht allzu sehr auf einen Dualismus von „Partei“ und „Staat“ oder auf das
Zusammenspiel oder Konfligieren diesen beiden „Polen“ zuordenbarer Akteure
und Mächtegruppierungen (M. Broszat, P. Hüttenberger) reduziert werden.
Jedenfalls entstanden daraus gerade die mächtigsten und inhumansten Instanzen
und Politiken wie die des Vierjahresplans, der Propaganda, von SS-Polizei und
der Sonderverwaltungen in den besetzten und okkupierten Gebieten, aber auch im
Hinterland.

An den zeitweise sich zuspitzenden chaotischen Zuständen innerhalb der Partei


wurde von Insidern und aus der Parteikanzlei manchmal recht offene, manchmal
verdeckte Kritik geäußert und an Hitler herangetragen, der jedoch auch in dieser
Hinsicht sein Gesicht als entscheidungsscheuer und „schwacher Führer“ (H.
Mommsen) zeigte. Dahinter standen allerdings auch gegensätzliche Konzeptionen
von der NSDAP. Dies war entweder

- eine ideologiegeleitete kleine Elitepartei (C.G.Röver und der frühe Hitler),

- eine Massenpartei, die sozusagen ihre Tentakel (NS-überzeugte Personen) in


die ganze Gesellschaft ausschickt, an die „staatlichen“ Funktionssysteme
ankoppelt und für fast alle „Volksgenossen“ eine Palette von Angeboten
macht, die auf unterschiedliche Weise genutzt werden (A. Nolzen), oder
120

- eine „neue Organisation“, wie sie Bormann und Hess in einer symbiotischen
Verschmelzung beider Herrschaftsprinzipien in einer zukünftigen NS-
staatlichen Verwaltung im Auge hatten.

Die Realität des Dritten Reiches war jedenfalls eher von dem zweiten Modell, das
Schwarz funktionsfähig zu erhalten suchte, geprägt. Das bedeutet jedoch auch,
dass damit ein ständiges Mitgliederwachstum nach der Art des oben skizzierten
Pyramidenspiels impliziert war, was wiederum fast periodisch zu internen Chaos-
und Finanz-Krisen führte; ein Ausweg daraus wurde nicht in einer
Konzeptionsänderung und Parteireform, sondern stukturkonservierend wiederum
in einer neuen Expansion gesucht. Dieses Modell hatte zunächst die NSDAP,
besonders die PO, in der Aufstiegsphase zu einer durchschlagkräftigen und bei
Wahlen erfolgreichen Propaganda- und Einschüchterungsmaschine gemacht, die
mit der Machtübernahme ihren Massenerfolg im Inneren bürokratisch bändigen
musste und daher auch in ihrer Außenwirkung zu erstarren schien. Wenn man
jedoch die Wirkung der NSDAP im weiteren Sinn auf die gesamte Gesellschaft
im Auge behält, scheinen Ausdifferenzierung, Netzwerke und strukturelle
Koppelungen (N. Luhmann, A. Nolzen) gerade für die wenigen Jahre vor und
nach Beginn des Kriegs dominant gewesen zu sein, bevor in den allerletzten
Kriegsjahren das Prinzip Bormanns und Himmlers an Boden gewann. Die
NSDAP erstarrte auch in ihrer Bürokratisierung nicht (vollkommen), sondern
transformierte sich immer wieder.

Die NSDAP und das, was als ihre Idee (rassereine „Volksgemeinschaft“,
Judenvernichtung, „Lebensraum“ u. dgl.) verstanden wurde, behielt daher in
wechselnder Weise lange Zeit ihre systemerhaltende Funktion, nicht zuletzt auch,
weil sie sich und ihre Mitgliederschaft wiederholt aufs Neue zu konstruierten
suchte. Mitgliederwachstum, Bürokratisierung und innere und dann reichsexterne
Expansion waren miteinander verbunden. Daher kommt Merkmalen der NSDAP
etwa hinsichtlich Größe, Alters- und Sozialstruktur, Generationserfahrungen und
Milieu nur für die Bewegungsphase bis 1933 durchaus eine Erklärungskraft zu,
während sie danach hinter dem immer wichtiger werdenden selbstbezüglichen
Organisationshandeln zurücktreten. Daher ist es auch riskant, vom sozialen oder
121

altersmäßigen Erscheinungsbild eines untersuchten NSDAP-„Kollektivs“ auf die


„objektiven“ Ursachen des NS-Beitritts zu schließen. 117 Dies heißt aber auch,
dass die millionenfachen Entscheidungen zum Parteibeitritt zwar vor den
Machtübernahme mit guten Gründen sehr wohl, aber nach 1933 (bzw. in
Österreich ab 1938) in ersten Linie strukturell nicht erklärt werden können.

Abb. 11: Erklärung von Hermine B. vom 2.5.43 über Unstimmigkeiten auf
ihrem Beitrittsantrag (Unterschrift durch ihren Vorgesetzten)

[BDC, Parteikorrespondenz Hermine B., BA]

117
Dies ist auch eine nahe liegende, jedoch oft bei anderen Untersuchungen ignorierte „Wahrheit“,
die auch in den Analysen über die „Illegalen“ von Kurt Bauer (C.4 und C.5) klar zutage tritt.
122

Erst das Zusammenwirken von sozialen und kulturellen „Gegebenheiten“ der


deutschen und österreichischen Gesellschaft, von persönlichen Handlungs-
dispositionen und individuellen Verhaltensweisen mit den Vorgaben und
Vorstellungen der NSDAP-Organisationen und ihrer Führer könnte die
Mitgliedschaft bei der NSDAP besser erklärbar machen. Dazu wären jedoch in
einem größeren Umfang (einzelfallhafte) mikrohistorische Beobachtungen über
einzelne Pg., wie sie sich etwa mit den personenbezogenen Akten des
Reichsschatzmeisters anbieten, erforderlich. 118 So konnten Fälle in einem
statistisch nicht ganz unerheblichen Maße nachgewiesen werden, etwa von vom
Parteigericht aufgedeckten irregulären Mitgliedschaften, wenn die Unterschrift
auf dem Beitrittsansuchen von einer anderen Person (siehe Abb. 11 ) abgegeben
worden war oder gar Geheimmitgliedschaften ohne jede parteibürokratische
Registrierung, lediglich mündlich bei einem Gauleiter konstituiert wurden. Eine
genaue Untersuchung dieser Fälle konnte hier (noch) nicht geschehen, vielleicht
konnte ich aber dafür einige Eckpunkt zeigen. 119

118
Ich habe 1976/77 und 1994/95 im BDC bzw. BA Berlin Stichproben aus der Hauptkartei
(großen Kartei) der NSDAP gezogen und bei einer vorläufigen Analyse etwa einzelne Fälle von
nicht oder von andern als der beitretenden Personen unterschriebenen Beitrittsansuchen, oder auch
Geheimmitgliedschaften (s. auch: Agstner, Rudolf, Gertrude Enderle-Burcel und Michaela
Follner: Österreichs Spitzendiplomaten zwischen Kaiser und Kreisky. Biographisches Handbuch
der Diplomaten des Höheren Auswärtigen Dienstes 1918 bis 1959. Hrsg.: Dokumentationsarchiv
des Österreichischen Widerstandes, Wien 2009), jedoch keine nicht unterschriebenen Anträge im
Rahmen von Kollektivbeitritten nachweisen können, was für laufende Debatten über die Nicht-
/Parteimitgliedschaft von bekannten Persönlichkeiten der Politik, Literatur oder Wissenschaft nicht
irrelevant ist.
119
Ich danke hier für lange anregende (meist telefonische) Gespräche zu diesem Thema meiner
Wiener Kollegin Edith Saurer.
123

C.1.3 Sozialstrukturanalyse nach dem Schichtungsmodell von Reinhard


Schüren (Wolfgang Meixner) 120

Die meisten Arbeiten – aber auch Theorien – zur Genese des Nationalsozialismus
ziehen die soziale Herkunft wie die ökonomische Situation von NSDAP-Mit-
gliedern – trotz einer oftmals fehlenden empirischen Grundlage – als wichtige
Erklärungskriterien für eine Mitgliedschaft heran. Auch die historische Wähler-
forschung arbeitet zur Charakterisierung der politischen Lager mit sozialen und
ökonomischen Kriterien („Kleinbürgertum“, „Arbeitslose“, soziale Lager etc.).
Als Indikator der Analyse von Sozialstrukturen (Klassen- bzw. Schichtungs-
modelle) bieten sich die in unseren Quellen vorhandenen Berufsbezeichnungen
an. Im Allgemeinen sind in kapitalistisch-marktwirtschaftlich organisierten
Gesellschaften Berufe eher statusbildend als statusgebunden. Nicht mehr das
Hineingeborensein des Individuums in eine soziale Gruppe ist entscheidend für
die soziale Stellung, die diese Person in ihrem weiteren Leben in einer
Gesellschaft einnimmt, sondern die Möglichkeit, diese Position durch Arbeit und
Bildung zu verändern.

Da die Volkszählung von 1934 auf der Basis der sogenannten Haushaltsvorstände
erstellt wurde und die soziale Zuordnung der anderen im gemeinsamen Haushalt
lebenden Familienmitglieder von diesen Haushaltsvorständen abgeleitet worden
ist, ergibt sich die Problematik, dass zwischen der sozialen Stellung der
sogenannten „Wohnbevölkerung“ und jener der „Erwerbstätigen“ zu unter-
scheiden wäre. Theoretisch könnte der „Haushaltsvorstand“ in der einen, ein
Familienmitglied jedoch in einer ganz anderen Sparte tätig sein. Leider sind in
den Veröffentlichungen der Volkszählungsergebnisse von 1934 die eigentlichen
„Erwerbstätigen“ nicht so ohne weiteres herauszurechnen, sodass für unsere

120
Bei diesem Abschnitt handelt es sich um eine überarbeite Version von theoretischen
Überlegungen zu einem Schichtenmodell zur Analyse der Sozialstruktur der österreichischen
Nationalsozialisten, die erstmals in den Beiträgen Meixner, „Illegale NS-Aktivisten“ in Tirol
1933–1938 sowie Albrich/Meixner, Zwischen Legalität und Illegalität angestellt wurden.
124

Untersuchung als Vergleichsgröße immer die Werte für die „Wohnbevölkerung“


herangezogen werden müssen. 121

Berufsangaben in Massenquellen sind zudem oft mit einem hohen Grad an


Unsicherheit behaftet. Zumeist bleibt unklar, ob es sich bei den Angaben um
erlernte oder ausgeübte Berufe handelt, oder ob der Beruf zur Zeit der
Erhebung/Angabe überhaupt ausgeübt wurde. Da die Angaben in den Quellen
nicht selten nur allgemein gehalten sind („Arbeiter“), lassen sich aus bloßen
Berufsangaben nur schwer Rückschlüsse auf die konkrete soziale Stellung einer
Person ziehen. Nur unter Berücksichtigung dieser Probleme können Berufs-
angaben als Indikator für die Zuordnung einer Person zu einer sozialen Gruppe
herangezogen werden.

Obwohl im Folgenden keine Sozialklassifikationen für Familienzugehörigkeit


sowie soziale Herkunft gebildet werden sollen, können dennoch Berufsangaben
als Indikator zur Bildung der Sozialstrukturzugehörigkeit der untersuchten
Personen herangezogen werden. Allgemein bestehen zwei Klassifikations-
möglichkeiten zur Bildung von Berufs- bzw. Sozialstrukturen: eine horizontale
und eine vertikale Gliederung.

C.1.3.1 Horizontale Gliederung

Diese beruht auf der Systematisierung der Berufe nach ihrer Funktion in der
Gesellschaft. Solche funktionalen Gliederungen sind etwa Berufsgruppen,
Berufszweige, Wirtschaftssektoren. So wurden etwa in der Volkszählung von
1934 Berufsgruppen nach Wirtschaftsarten gebildet. 122

121
Zwar liefert Gustav Otruba in seinem Beitrag über die Wachstumsverschiebungen der
österreichischen Wirtschaftssektoren Zahlenangaben über die 1934 in den drei Sektoren
„Erwerbstätigen“, jedoch lassen sich seine Prozentangaben aufgrund der Ergebnisse der
Volkszählung von 1934 (Wirtschaftsabteilungen) nicht nachvollziehen. Gleiches gilt auch für die
seiner Arbeit zugrunde liegende Dissertation von Jörn Peter Hasso Möller. (Vgl. Otruba,
Wirtschaftsverschiebungen in den Wirtschaftssektoren Österreichs.)
122
Die Ergebnisse der österreichischen Volkszählung vom 22. März 1934. Hg. v. Bundesamt für
Statistik. Wien 1935, 11 Hefte. [Nachfolgend zitiert als VZ 34.]
125

Zur weiteren Untersuchung werden die Berufsangaben nach der Betriebs-


zugehörigkeit gruppiert. Um die Vergleichbarkeit mit der berufsmäßigen
Zusammensetzung Österreichs in den 1930er Jahren zu gewährleisten, wurden
diese Gruppierungen analog der Volkszählung 1934 vorgenommen. Die Betreiber
der Volkszählung haben die Berufsangaben in 189 Wirtschaftsarten, 25
Wirtschaftsgruppen sowie in drei bzw. vier Sektoren gegliedert. 123

Es stellt sich die Frage, inwieweit einzelne Berufe oder Wirtschaftszweige


bestimmten politischen Mentalitäten zugeordnet werden können, ob die Gründe
solcher Mentalitäten ausschließlich im sozioökonomischen Bereich liegen und
welche anderen ideologischen, individualpsychologischen, altersspezifischen,
regionalen, bildungsmäßige etc. Faktoren noch hinzukommen? 124 Zur
Beantwortung eines Teils dieser Fragen müssen mitunter zusätzliche Kriterien
beigezogen werden, etliche lassen sich aber auch durch indirekten Schluss aus den
vorhandenen Quellenangaben beantworten; z. B. der Bildungsgrad von Personen
aufgrund des Vorhandenseins von akademischen oder Berufstiteln bzw. speziellen
Berufsbezeichnungen.

C.1.3.2 Vertikale, hierarchische Gliederung nach dem beruflichen Status

In der kapitalistisch-marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft ist der


berufliche Status zu einem wichtigen Indikator für den gesellschaftlichen Status
einer Person oder einer Personengruppe geworden. Insbesondere Fragen des
Sozialprestiges begleiten diese Statuskriterien. Zumeist werden solche
Unterscheidungen nach den folgenden Kriterien getroffen: entweder Stellung im
Beruf (Arbeiter, Angestellte, Meister, Gesellen etc.) oder soziale Gliederung

123
Zu Fragen der Zusammenfassung vgl. Meixner, „Illegale NS-Aktivisten“, S. 87 f.
124
Nahezu sämtliche Arbeiten zur modernen Wahl- bzw. Parteiengeschichte gehen von einem
Zusammenhang zwischen Sozialstruktur und politischen Verhalten aus. Letztendlich beruhen die
meisten dieser Arbeiten auf der von Lipset und Rokkan vorgelegten längst überholten Cleavage-
Theorie, der zufolge Parteien auf durch die Sozialstruktur vorgeprägte konstitutive soziale
Konflikte innerhalb einer Gesellschaft reflektieren. (Vgl. Lipset/Rokkan, Cleavage Structures,
Party Systems and Voter Alignments. Für eine kurze Zusammenfassung der Kritik an
Lipset/Rokkan vgl. Gehler, Soziale Herkunft und politische Orientierung, S. 148–150.)
126

(selbständig bzw. unselbständig Beschäftigte) sowie blue collar/white collar


worker (manuelle versus nicht manuelle Tätigkeit).

All diese Unterscheidungskriterien können jedoch nur äußere, rechtliche


Merkmale erfassen (etwa die arbeitsrechtliche Stellung sowie innerbetriebliche
Hierarchien). Inwieweit das Sozialprestige, das einer Person, einer Personen-
gruppe durch solche Merkmale zugeschrieben ist, von dieser/diesen auch
intentionalisiert wird, muss hier ausgeklammert bleiben.

Die Unterteilung in die oben angeführten Kriterien erfolgt einerseits unter


Einbeziehung eines notwendigen Wissens über die soziale und berufliche
Zusammensetzung einer Gesellschaft sowie andererseits unter Anwendung
theoretischer Modelle (Schichtenbildung, Klassenstrukturen etc.). Eine
Systematisierung der Sozialstruktur sollte deshalb immer folgende Bereiche
berücksichtigen:

1. die Art der beruflichen Tätigkeit;

2. die potentielle Zugehörigkeit zu einem Wirtschaftssektor;

3. die Betriebszugehörigkeit;

4. den Berufsstatus;

5. den Ausbildungsgrad.

In der Praxis der Systematisierung treten aber immer wieder Probleme auf.
Zumeist bleibt unklar, wovon die Angaben in den Quellen beeinflusst sind
(eventuell sozial oder politisch motiviert); nicht selten existieren mehrere
Bezeichnungen für ein- und dieselbe Tätigkeit, und nicht zuletzt sind
Berufsangaben immer nur für einen beschränkten Zeitraum gültig. Damit lässt
auch diese Klassifikationsmethode nicht wirklich einen Rückschluss von den
vorgefundenen Berufsangaben auf die Art der ausgeübten Tätigkeiten zu.
127

Zur weiteren Untersuchung wird zur Klassifikation der Sozialstruktur nach einem
Schichtungsmodell ein Schema verwendet, das Reinhard Schüren aufgestellt
hat. 125 Es handelt sich um ein sehr ausgereiftes Klassifikationsmodell, das für
verschiedene Zeiten und Regionen Verwendung finden kann und sich in der
Praxis bereits bewährt hat. Schüren verwendet einen dreiteiligen Code, der wie in
der nachfolgenden Tabelle dargestellt, aufgebaut ist.

Abb.: Dreiteiliger Schüren-Code

a) Schichtzugehörigkeit
1 Untere Unterschicht (ungelernte Arbeiter, Taglöhner)
2 Mittlere Unterschicht (angelernte Arbeiter)
3 Obere Unterschicht (gelernte Arbeiter, untere Angestellte/Beamte)
4 Untere Mittelschicht (Kleinbauern, Handwerksmeister, mittlere Beamte)
5 Obere Mittelschicht (Vollbauern, mittlere Unternehmer)
6 Oberschicht (Großunternehmer, Akademiker)

b) Stellung im Beruf
1 Arbeiter
2 Hausrechtlich gebundene Arbeiter
3 Selbständige
4 Gesellen oder Meister
5 Selbständige Meister
6 Angestellte
7 Beamte, Offiziere
0 Sonstige

c) Wirtschaftssektor oder Arbeitsmilieu


1 Landwirtschaft
2 Häusliche Dienste
3 Handwerk
4 Heimgewerbe
5 Manufaktur, Fabrik, Industrie
6 Handwerk oder Fabrik
7 Handel, Banken
8 Freie Berufe (Professions)
9 Öffentlicher Dienst, Kirchen, Verbände
0 Sonstige oder nicht klassifizierbare Arbeitsbereiche

125
Vgl. Reinhard Schüren, Soziale Mobilität.
128

Daraus lassen sich 67 Berufsgruppen nach Schichtzugehörigkeit, Stellung im


Beruf und Wirtschaftssektor/Arbeitsmilieu bilden. 126 Diese Gruppen werden (der
besseren Vergleichbarkeit wegen) in 15 Berufsgruppen zusammengefasst. 127

Abb.: Berufsgruppen der Sozialstrukturanalyse nach Schüren

1 (Ungelernte) Arbeiter 9 „Kaufleute“


2 Landarbeiter 10 Meister, Wirte
3 (Angelernte) Industriearbeiter 11 Mittlere Angestellte und Beamte
4 Gelernte Arbeiter 12 Vollbauern
5 Handwerker 13 Mittlere Unternehmer
6 Gelernte Industriearbeiter 14 Gehobene Angestellte und Beamte
7 Untere Angestellte/Beamte 15 Oberschicht
8 Kleinbauern

126
Bei Schüren sind es 65. Bei ihm fehlt aber die Gruppe 362, die sich logisch ableiten ließ.
Zusätzlich wurde die Gruppe 709 für Pensionisten des öffentlichen Dienstes – zur besseren
Abbildung der Quellen – gebildet.
127
Bei Unklarheit einer Gruppenzuordnung wird stets die niedrigere Schicht gewählt. Damit
konnte das Problem der in den Quellen auftretenden Selbstüberschätzung durch die Probanden
aufgefangen werden. Aus Erfahrungen der empirischen Sozialforschung wissen wir, dass Personen
bei der Angabe ihrer sozialen Stellung eher dazu neigen, sich einer höheren Schicht zuzuordnen.
129

C.1.4 Historische Milieuanalyse (Kurt Bauer) 128

Menschliche Gesellschaft ist strukturiert. Sie setzt sich nicht aus einer
gleichmäßig, gleichsam neutral verstreuten Anzahl von Individuen zusammen,
sondern besteht aus Ähnlichkeitsgruppen. Menschen gruppieren sich aufgrund
ihrer Lebensbedingungen, ihrer sozialen, regionalen Herkunft, ihrem Wohnort,
ihrer Bildung, ihrem Beruf, ihrer Stellung im Beruf, ihrem Einkommen, ihrem
ererbten und erworbenen Besitz, ihren kulturellen und sonstigen Vorlieben, ihren
religiösen, politischen Überzeugungen etc. Sie leben nicht isoliert, sondern sind
Teil einer Gesellschaft, sind in vielfältige, komplexe Beziehungen mit ihren
Mitmenschen eingebunden.

Nach einer gebräuchlichen Definition ist Sozialstruktur die „Gesamtheit der


relativ dauerhaften sozialen Gebilde (Gruppierungen, Institutionen, Organisa-
tionen) einer Gesellschaft, der sozialen Beziehungen und Wirkungszusammen-
hänge innerhalb und zwischen diesen Gebilden sowie deren Grundlagen“. 129
Menschen, die sich in gleichen oder ähnlichen sozialen Beziehungen befinden,
stellen sozialstrukturelle Gruppierungen (Sozialkategorien) dar. 130

Als Indikator für die Analyse der Sozialstruktur der illegalen Wiener
Nationalsozialisten und der nationalsozialistischen Häftlinge der Anhaltelager
dienen in erster Linie die in der Regel überlieferten und in der Datenbank
erfassten Berufsangaben, dazu weitere Angaben über Herkunft und Familien-
Hintergrund, über Bildung, Besitz, Vermögen und Einkommen – sofern diese
Angaben vorhanden sind.

128
Dieser Abschnitt stellt in eine überarbeitete, sowohl gekürzte als auch erweiterte Version des
entsprechenden Kapitels meiner Dissertation „Sozialgeschichtliche Aspekte des national-
sozialistischen Juliputsches“ dar. Es ist als projektinternes Arbeits- und Diskussionspapier zu
bewerten, dass im Zuge der Auswertungen noch weiter überarbeitet werden soll.
129
Zit. n. Hradil, Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich, S. 14.
130
Hradil, Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich, S. 14.
130

Zur Erstellung eines Sozialprofils ist notwendig, die erfassten Berufs und
sonstigen Angaben zum sozialen Status nach einem möglichst transparenten,
flexiblen und aussagekräftigen Schema in Kategorien einzuordnen. Am
einfachsten und sinnvollsten (schon wegen der Vergleichbarkeit) wäre es, ein
bereits verwendetes und bewährtes Schema zu übernehmen.

Diesem Thema ist in der historischen Fachliteratur einige Aufmerksamkeit


gewidmet worden, 131 ohne dass sich ein Modell durchgesetzt hätte, das als
allgemein verbindlich anzusehen wäre. Dieser Umstand bedingt, dass die
Ergebnisse einzelner, oft sehr aufwendiger Studien nur bedingt vergleichbar sind,
weil die Autoren bei der Sozialkategorisierung oft von höchst unterschiedlichen
Voraussetzungen ausgingen. Dadurch werden komparative Forschungsprojekte
und aufbauende Studien naturgemäß erschwert. 132

Die Gründe für die fehlende Standardisierung sind vielfältig. Beim Versuch,
Kategorien zu bilden, die die gesellschaftliche Wirklichkeit des untersuchten
Zeitraums einigermaßen realitätsnah abbildet, zeigt sich rasch, wie schwer ein
derartig lebendiger und komplexer Organismus wie die menschliche Gesellschaft
in ein halbwegs organisches Schema zu pressen ist. Zudem bewegt sich jede
derartige Kategorisierung gezwungenermaßen im Spannungsfeld zwischen zu
starker, alle Unterschiede und Feinheiten verwischender Verallgemeinerung und
zu großer Detailtreue, die allgemeine Aussagen erschwert oder sogar unmöglich
macht; im Spannungsfeld zwischen notwendiger Trennschärfe und lebensfernem
Schematismus. An diesen Fragen scheiterten regelmäßig bereits die amtlichen
Statistiker, die mit großem Aufwand Wirtschaftsabteilungen, Wirtschaftsgruppen,

131
Einen Überblick über den Stand bis 1980 bietet der von Reinhard Mann herausgegeben
Sammelband „Die Nationalsozialisten“; insbesondere die Beiträge von Jürgen Genuneit, Mathilde
Jamin und Michael H. Kater befassen sich ausführlich mit diesem Problemfeld. Dieser Band ist 30
Jahre alt, es muss aber betont werden, dass es in der quantitativ orientierten sozialgeschichtlichen
Faschismusforschung seither kaum neue Entwicklungen gegeben hat.
132
Reinhard Mann bezeichnete 1980 die Standardisierung von Berufsklassifikationen als
„wichtiges Desiderat“ und forderte, die „Codierung der Berufsvariablen so konkret und dis-
aggregiert als möglich“ vorzunehmen, um die Neubildung von Kategorien für Sekundäranalysen
und vergleichende Untersuchungen möglich zu machen. (Mann, Die Nationalsozialisten, S. 17.)
131

Wirtschaftsarten, Berufsgruppen, vertikale und horizontale Kategorien etc.


definierten. Ebenso kamen die einzelnen Geschichtsforscher bei der Sozial-
kategorisierung zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen – abhängig jeweils von
dem Maß an Interesse, das sie für diese ebenso knifflige wie letztlich unlösbare
Frage aufzubringen bereit waren.

Die genannten Probleme führten dazu, dass die Sozialwissenschaften – in ihrem


Gefolge auch die Sozialgeschichte – vom herkömmlichen Schichtenmodell
zunehmend ab- und zum wesentlich flexibleren und lebensnaheren Modell
sozialer Milieus übergingen.

C.1.4.1 Das Modell sozialer Milieus

Die üblichen, weit verbreiteten und im Alltagsdenken verankerten Klassen- und


Schichtenmodelle zur Analyse der Sozialstruktur einer Gesellschaft erweisen sich
zunehmend als wenig wirksam. Diese „alten“ Konzeptionen, so argumentieren
Soziologen, würden den „neuen“ Differenzierungserscheinungen „fort-
geschrittener“ Gesellschaften nicht mehr entsprechen und sollten „neuen“
Modellen weichen. 133

So stellt sich die Frage, ob diese „alten“, undifferenzierten Modelle den „alten“,
anscheinend weniger differenzierten Sozialstrukturen trotzdem noch gerecht
werden, oder ob nicht auch für sozialhistorische Analysen neue, differenziertere
und flexiblere Modelle eingesetzt werden sollen. Die Anschauung, historische
Gesellschaften seien geringer und gröber strukturiert und differenziert gewesen als
„fortgeschrittene“, die beispielsweise in der Studie von Stefan Hradil implizit
mitschwingt, 134 muss aus sozialgeschichtlicher Sicht in das Reich der Legenden

133
Hradil, Sozialstrukturanalyse; eine ausführliche Darstellung und Kritik des traditionellen
Klassen- und Schichtenmodells findet sich auf den Seiten 59 bis 96.
134
Er zitiert beispielsweise eingangs den deutschen Soziologen Theodor Geiger: „Die Gesellschaft
von heute wird mit einem Schichtungsmodell interpretiert, das an der Gesellschaft von vorgestern
abgelesen wurde“ oder spricht von den „heutigen komplizierten Strukturen“ von der „Vielfalt“ der
gegenwärtigen Lebensbedingungen, wobei er frühere Lebensformen unausgesprochen für weniger
vielfältig ansieht etc. (Hradil, Sozialstrukturanalyse, S. 7, 9.)
132

verwiesen werden. Allerdings stehen Sozialhistorikern zur Analyse historischer


Sozialstrukturen bei weitem nicht dieselben Instrumente zur Verfügung wie
modernen Soziologen, sondern sie sind, gleichsam auf Gedeih und Verderb, auf
die überlieferten Quellen und deren Aussagekraft angewiesen.

C.1.4.2 Zum Milieubegriff – allgemein

Einer groß angelegten, Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre
durchgeführten kommerziellen Marktforschungsstudie, die für die BRD acht
verschiedene Milieus identifizierte, liegt der folgende Milieubegriff zugrunde:
„Soziale Milieus fassen, um es sehr vereinfacht auszudrücken, Menschen
zusammen, die sich in Lebensauffassung und Lebensweise ähneln, die also
subkulturelle Einheiten innerhalb der Gesellschaft bilden.“ 135

Die Definitionskritierien, die dabei zur Anwendung kommen, weisen bereits auf
das Manko vieler sozialgeschichtlicher Studien hin, die ebenfalls auf dem
Milieumodell basieren. Von den drei in der erwähnten Lebensweltstudie
definierten Hauptkriterien

• Wertorientierung (mit den vier Indikatoren Lebensziele, materielle Werte,


postmaterielle Werte, Vorstellungen vom Glück),

• Alltagsbewusstsein (mit den vier Indikatoren Arbeits- und Freizeitmotive,


Einstellung zu Familie und Partnerschaft, Zukunftsvorstellungen, Lebensstile)
und

• sozialer Status (mit den drei Indikatoren Schulbildung, Beruf, Einkommen) 136

sind aus den für die gegenständliche Untersuchung ausgewerteten Quellen nur
Aussagen zum sozialen Status zu erschließen, und zwar durchgängig nur der
Beruf und eher selten Schulbildung und Einkommen.

135
Zit. n. Hradil, Sozialstrukturanalyse, S. 128.
136
Insgesamt zur Lebensweltstudie des Sinus-Instituts Hradil, Sozialstrukturanalyse, S. 127–132.
133

Für Gerhard Schulze sind soziale Milieus „kollektive Konstruktionen im


Ordnungsvakuum“. Sie haben eine Ordnungsfunktion und verhindern Chaos. Auf
Ebene des Einzelnen gehen der Milieubildung die jeweils spezifischen Existenz-
formen voraus, denn es gibt eine für jede Gesellschaft typische Verknüpfung von
Subjekt und Situation: „Die Menschen sind nicht mit gleicher Wahrscheinlichkeit
über die zahllosen denkbaren Kombination von situativen und subjektiven
Aspekten der Existenz verteilt, sondern tendieren zu einer beschränkten Anzahl
von Figuren. Existenzformen sind kollektiv verbreitete und im Lebenslauf stabile
oder nur langsam veränderliche Muster von Situation und Subjekt.“ 137

Als Komponenten dieser Muster nennt Schulze im subjektiven Bereich


psychische Dispositionen, alltagsästhetische Schemata, Weltbilder, stabile
politische Grundhaltungen sowie eingeschliffene Handlungsmuster; im situativen
Bereich beispielsweise Beruf, Einkommen, Bildung, soziale Herkunft etc. Darauf
baut er seinen Begriff sozialer Milieus auf: „Wenn in einer Gesellschaft überhaupt
Existenzformen vorkommen, ist dies gleichbedeutend mit der Segmentierung der
Gesellschaft in Ähnlichkeitsgruppen, denn das Typische (Existenzform) gibt es
immer vielfach. Der Begriff sozialer Milieus … nimmt auf die Gruppierung von
Existenzformen Bezug, fügt jedoch noch ein weiters Element hinzu: die
Verdichtung sozialer Kontakte innerhalb der Gruppen. Soziale Milieus seien
demnach definiert als Personengruppen, die sich durch gruppenspezifische
Existenzformen und erhöhte Binnenkommunikation voneinander abheben.“ 138

Erst durch diese Binnenkommunikation gewinnen die Ähnlichkeitsgruppen


Stabilität – sie bewirkt, dass politische, wirtschaftliche, kulturelle etc.
Veränderungen innerhalb sozialer Milieus ähnlich verarbeitet werden.

Dieser Milieubegriff, der auf die bundesdeutsche Gesellschaft zu Ende des


20. Jahrhunderts zugeschnitten ist, vernachlässigt den regionalen, räumlichen,
landschaftlichen Aspekt, dessen Bedeutung durch die Verbreitung der Massen-

137
Schulze, Erlebnisgesellschaft, S. 173.
138
Schulze, Erlebnisgesellschaft, S. 174.
134

medien in den letzten Jahrzehnten tatsächlich zurückgegangen ist. Für den in


Frage stehenden Zeitraum muss dieser Aspekt jedenfalls stärker betont werden. 139
Das kommt in einer Studie von Ernst Hanisch zum Ausdruck: „Im Gegensatz zum
Konzept der Klassen oder der politischen Lager ist das Konzept Milieu territorial
fixiert, lokal oder regional eingegrenzt. Das Milieu prägt dichte, emotional hoch
besetzte soziale Beziehungen: die primäre Umwelt, der Kreis der Alltagskontakte,
Verwandte, Freunde, Arbeitskollegen, Bekannte; intermediäre Instanzen wie
Vereine, Genossenschaften, Kirchen, Parteien.“ 140

Der in weiterer Folge zur Anwendung kommende Milieubegriff lässt sich


stichwortartig folgendermaßen zusammenfassen: Milieu meint soziale Konsistenz
im regionalen Rahmen; hochspezifische sozioökonomische und -geographische
Faktoren spielen zusammen und verdichten sich – so entstehen sozial-/regional-
typische Kulturen, Milieus, die bei allen Unterschieden zahlreiche, für eine
komparative Untersuchung geeignete Übereinstimmungen mit ähnlich gelagerten
regionalen und sozialen Gebilden aufweisen.

Im Unterschied zu dem für die Zwecke dieser Untersuchung bevorzugten


soziologischen Milieubegriff steht ein politisch ausgerichteter Begriff von
Sozialmilieus bzw. sozialmoralischen Milieus, der zur näheren Umschreibung der
gesellschaftlichen Basis politischer Parteien oder genauer gesagt politischer Lager
dient. Nach Mario Rainer Lepsius sind Sozialmilieus nicht einfach politische
Parteien, sondern soziokulturelle Gebilde, die durch die „kulturell-welt-
anschauliche Überformung materieller Interessen“ entstehen. Als wichtigste
Gruppen materieller Interessen, die für die Ausbildung von Sozialmilieus
maßgeblich sind, werden genannt: „Religion, regionale Tradition, wirtschaftliche

139
Schulze unterscheidet verschiedene Modelle der Milieubildung. Das ältere, das für die in Frage
stehende Zeit noch im Wesentlichen zutreffen dürfte, ist das der Beziehungsvorgabe. Die
Milieuzugehörigkeit ergibt sich aus den äußeren Lebensverhältnissen. Bei diesen Milieus handelt
es sich um ökonomisch homogene, regional konzentrierte Teilkulturen. Für den Einzelnen ist es
nicht leicht, aus dem „situativ bestimmten Milieu“ herauszutreten. (Schulze, Erlebnisgesellschaft,
S. 176.)
140
Hanisch, Bäuerliches Milieu und Arbeitermilieu in den Alpengauen, S. 583.
135

Lage, kulturelle Orientierung und schichtspezifische Zusammensetzung der


intermediären Gruppen“. 141 Im Grunde steht dieser Begriff der Sozialmilieus oder
sozialmoralischen Milieus neben dem Schichtenmodell, nicht an dessen Stelle.

Das Parteiensystem Deutschlands zwischen 1871 und 1928 wird von Lepsius in
vier Sozialmilieus aufgeteilt: das katholische, das sozialdemokratische, das
bürgerlich-städtisch-liberale und das agrarisch-konservative. 142 Neuere Modelle
unterscheiden für die Bundesrepublik mittlerweile sechs im „Raum der Milieus“
zu verortende gesellschaftspolitische Lager: das radikaldemokratische, das
traditionell-konservative, das sozialintegrative, das gemäßigt-konservative, das
skeptisch-distanzierte und das enttäuscht-autoritäre. 143

Den Milieubegriff Lepsius’ auf die Erste Republik Österreich umzulegen hieße,
die häufig zitierte Drei-Lager-Theorie Adam Wandruszkas als Basis der
sozialstrukturellen Untersuchung der Juliputsch-Beteiligten zur Anwendung zu
bringen und zu adaptieren.

Wandruszka geht von drei große Lagern in Österreich aus, die sich bereits in der
späten Monarchie ausdifferenzierten und weltanschauliche Grundströmungen
repräsentierten: das christlichsozial-konservative, das sozialistische und das
nationale. 144 Trotz aller Kritik übernimmt Detlef Lehnert dieses signifikanten
Grundkonzept und überformt den Begriff des Lagers mit dem des „Integrations-
milieus“. 145 Zum Ersten nennt Lehnert die sozialdemokratische

141
Weichlein, Siegfried: Sozialmilieus und politische Kultur in der Weimarer Republik, S. 13 f.
Insgesamt gibt die Einführung (S. 11–25) einen guten Einblick in die Entwicklung der
Begrifflichkeit und den Diskussionstand.
142
Lepsius, Parteiensystem und Sozialstruktur.
143
Vester, Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel, S. 58–64; Vester, Soziale Milieus
und Gesellschaftspolitik, S. 15.
144
Lehnert, Politisch-kulturelle Integrationsmilieus und Orientierungslager, S. 431. Einführend zu
Lagerbildung in Österreich zwischen 1848 und 1914: Bruckmüller, Sozialgeschichte, S. 441–448.
145
Lehnert, Politisch-kulturelle Integrationsmilieus und Orientierungslager, S. 435. Lehnert zitiert
Karl Rohe: „Politisch wirksam werden Sozialstrukturvariablen wie Klasse, Konfession usw.
immer nur dann und nur insofern, wie sie mit kulturellen Sinnbezügen aufgeladen sind.“ Hier setzt
136

Arbeiterbewegung, die in der Ersten Republik – mit starker Konzentration auf


Wien und bestimmte Industrieregionen – ein milieuintegrierendes
Organisationsnetzwerk mit enormer Dichte und Massenverankerung aufbaute;
zum Zweiten das christlichsoziale Integrationsmilieu, dessen Identifikationskern
die katholische Kirche sowie zahlreiche kirchliche Einzelorganisationen waren
und das über einen ausgesprochen „provinziellen“ Milieucharakter verfügte. Für
das „dritte“, das nationale Lager war laut Lehnert „das Fehlen eines ähnlich
homogenisierbaren soziokulturellen Integrationsmilieus charakteristisch“; es
schmolz in der Ersten Republik im Spannungsfeld zwischen Rot und Schwarz zu
einer „Residualkategorie“ ohne regionale Verdichtungen („ereignisspezifische“
Ausnahme: Kärnten) und besondere Milieukonsistenz. 146

Gerade für die Klärung der Frage der sozialstrukturellen Herkunft der NSDAP-
Sympathisanten und -Parteigänger – also des Zusammenhangs zwischen sozio-
kultureller Einbindung und parteipolitischer Präferenz – scheint ein derartiger
Ansatz durchaus sinnvoll, ist aber aufgrund der verwendeten Datenbasis und der
fehlenden Vorarbeiten für die vorliegende Untersuchung letztlich nicht
praktikabel. Zumindest aber soll er im Zuge der weiteren quantitativen Analyse
und der Interpretation „mitgedacht“ werden.

C.1.4.3 Zum Milieubegriff – spezifisch

Die historische Milieuanalyse geht davon aus, dass in Gesellschaften


Ähnlichkeitsgruppen existieren, die sich durch bestimmte, auf Basis empirisch
erhebbarer Daten voneinander unterscheiden lassen – ohne dabei zu verkennen,
dass vielfältige Überschneidungen und Grauzonen zwischen diesen Milieus
bestehen.

Der Milieubegriff kann unterschiedliche Ausprägungen und Dimensionen haben:

Lehnerts Begriff der Integrationsmilieus an, der die „soziokulturellen, unmittelbar lebens-
weltlichen Dimensionen“ erfasst.
146
Lehnert, Politisch-kulturelle Integrationsmilieus und Orientierungslager, S. 435–438.
137

• regionale/lokale Dimension:

großstädtische, kleinstädtische, dörfliche, ländliche, alpine etc. Milieus,


Quartiermilieus (Kietz, Grätzl, Stadtteile etc.);

• Alter und generationale Lage:

Milieu der Dorfburschen, Milieu junger Industriearbeiter etc.;

• konfessionelle Dimension:

katholisch, protestantisch – in Verbindung mit regionalen Milieus;

• soziale Dimension:

Milieudifferenzierung nach der sozialen Lage, Status, Art und Weise, in der
sich Menschen ihre Subsistenz erwirtschaften; Merkmale: Bildung, Besitz,
Einkommen, Beruf (Letzteres das wichtigste Kriterium bis heute, der Beruf ist
gleichsam ein Teil der persönlichen Identität, und folgerichtig geht lang
anhaltende Arbeitslosigkeit mit dem Verlust eines Teiles der Identität einher).

Das Modell sozialer Milieus ist ein empirisch nicht validiertes – und im Grunde
auch nicht zu validierendes – Konstrukt, durch das ich hoffe, der sozialen
Wirklichkeit Österreichs 1933–1938 nahe zu kommen.

Die wichtigste historisch überlieferten und daher letztlich einzig maßgeblichen,


objektiv erfassbaren Kriterien zur Bestimmung der sozialen Zugehörigkeit von
Individuen und der sozialen Strukturierung einer bestimmten historischen Gruppe
– in diesem Fall die österreichischen Nationalsozialisten in den 1930er Jahren –
sind Bildung, Beruf, Einkommen, Besitz.

Aufgrund dieser den Quellen zu entnehmenden Sozialindikatoren werden der


Sozialpraxis der dreißiger Jahre in Österreich angenäherte Ähnlichkeitsgruppen
gebildet, ohne dass dafür auf größere empirische Vorarbeiten zurückzugreifen
gewesen wäre. Wichtigste Anhaltspunkte zur Bildung dieser Gruppen, die
vereinfachend mit Milieus gleichgesetzt werden, waren die sozial- und
zeitgeschichtliche Fachliteratur, die für die Volkszählung 1934 vorgenommene
Einteilung der österreichischen Bevölkerung nach „Wirtschaftsabteilungen“,
138

„Wirtschaftsgruppen“ und „Wirtschaftsarten“ sowie nicht zuletzt eigene


alltagspraktische Überlegungen.

Die üblichen Klassen- und Schichtmodelle sind stark vertikal ausgerichtet. Sie
betonen die hierarchische Gliederung der Gesellschaft. Durch das hier skizzierte
Milieumodell wird dieses zweifellos wichtige vertikale Element zwar nicht unter
den Tisch gekehrt, aber durch eine wesentlich stärkere horizontale Ausrichtung
abgelöst. An die Stelle der abstrakten Trennung Oberschicht – Mittelschicht –
Unterschicht tritt die lebensnähere und gleichsam organische in bäuerliche
Milieus – Arbeitermilieus – kleinbürgerlich/bürgerliche Milieus, die zwar auch
ein hierarchisches Element beinhaltet, aber daneben noch eine Reihe weiterer
Faktoren implizit und explizit enthält. Diese klassische Dreiheit bezeichne ich als
Basismilieus.

Als Strukturmerkmale bäuerlicher und Arbeitermilieus im Österreich in den


dreißiger Jahren seien genannt:

• Bäuerliche Milieus: naturnahe und -abhängige manuelle Tätigkeit; dörflich-


ländlich, kleinräumig; Landbesitz und ausgeprägtes Besitzdenken; hohe
Standortgebundenheit und dichte soziale Kontrolle durch die von der
(katholischen) Religion geprägte Lokalkultur; Religiosität; streng
hierarchischer Sozialaufbau; primär Subsistenzwirtschaft, aber zunehmende
Konjunkturabhängigkeit. Unterbäuerliche Gruppen und Dienstboten sind eng
an die Besitzenden (Vollbauern) gebunden (Patron-Klient-Beziehung, familiale
Einbindung ins „Ganze Haus“). 147

• Arbeitermilieus: manuelle, nicht-selbständige, industriell-gewerbliche (vor-


wiegend nicht-landwirtschaftliche) Erwerbsarbeit; starke Abhängigkeit vom
Lohngeber und der jeweiligen konjunkturellen Lage; kein Besitz; regional

147
Vgl. Hanisch, Milieu, S. 585; Blickle, Bauer; Bruckmüller, Modernisierung; Mitterauer,
Lebensformen; Ortmayr, passim.
139

unterschiedliches, oft starkes, in Österreich fast durchwegs sozialdemokratisch


geprägtes „Klassenbewusstsein“; relativ mobil und urban. 148

Zu weniger klaren Ergebnissen führt der Versuch, Strukturmerkmale für die klein-
bürgerlich/bürgerlichen Milieus – nirgends ist der Plural zutreffender als hier –
festzulegen. Der ursprünglichen Bedeutung nach handelte es sich um die
Bezeichnung für den in der Stadt anwesenden Bevölkerungsteil. Jedenfalls
vereinten sich unter dieser häufig verwendeten, aber selten schlüssig definierten
Kategorie höchst heterogene Bevölkerungsgruppen, die eine Mittelstellung
zwischen dem gesellschaftlichen „Oben“ und „Unten“ einnahmen, deren
Interessen wegen der höchst unterschiedlichen Soziallage aber nur schwer auf
einen Nenner zu bringen waren. Versuchsweise wären gewisse gemeinsame
„Werthaltungen“ wie Besitzstreben, gesellschaftlicher Aufstieg, Leistung,
Individualität, ästhetische Kultur- und Lebensideale etc. zu nennen, die zumindest
teilweise eine gemeinsame Klammer zwischen kleinbürgerlichen und bürgerlichen
Gruppen zu bilden vermochten. 149

Auf Ebene der Basismilieus ist eine grobe Vereinfachung, in der sogar Anklänge
an die Harmonisierung und Idealisierung der sozialen Wirklichkeit durch die
Ständeideologie mitschwingen, nicht zu übersehen. Andererseits wird kaum
jemand die Existenz dieser sozialen Großgruppen leugnen; die Einteilung
entspricht letztlich dem sozialen common sense westlicher Gesellschaften.

Allein genommen sind Basismilieus unzureichend für die Beschreibung der


sozialen Realität. Aber durch diese Konstruktion wird eine erste Grob-
strukturierung erreicht, wodurch einige Fehler anderer, ähnlich gelagerter
Untersuchungen vermieden werden. Innerhalb der Basismilieus existieren
zahlreiche, oft von völlig gegensätzlichen Interessen getragene Gruppen und

148
Vgl. u. a. Tenfelde, Arbeiter; Maderthaner, Sozialdemokratie (1932 hatte die SDAP rund
650.000 Mitglieder, davon 400.000 in Wien – S. 181); Hanisch, Milieu, S. 592.
149
Vgl. Gerteis, Bürger, insbes. S. 160. – Reinhard Sieder resümiert, dass die bürgerliche Familie
des 18. und 19. Jahrhunderts einen „neuen Menschentypus“ produziert habe: „den innengeleiteten,
selbstverantwortlichen, disziplinierten Menschen – das krasse Gegenteil des adeligen
Müßiggängers.“ (Sieder, Familie, S. 144.)
140

Untergruppen (die ich als Submilieus bezeichne) sowie vielfache Über-


schneidungen und Graubereiche.

Die Grenzen zwischen den Milieus sind fließend, und eine exakte Trennung
erscheint nicht möglich. Diese – aus quantitativer Sicht gesehen wahrscheinlich
bedenkliche – Unschärfe ist aber gleichzeitig die Stärke des Milieuansatzes. Denn
auch in der historischen sozialen Realität existieren keine scharfen Trennungs-
linien, sondern die Grenzen verschieben sich ständig, müssen in jeder Phase in
Frage gestellt und laufend neu definiert werden. Die Segmentierung historischer
Gesellschaften nach Milieus wird dem Eigensinn der historischen Akteure besser
gerecht, Zwischen- und Randlagen können berücksichtigt werden. Und letztlich
ist nach Gerhard Schulze „Unschärfe nicht etwa ein methodischen Problem,
sondern Eigenschaft der sozialen Wirklichkeit. Obwohl soziale Milieus niemals
exakt gegeneinander abgegrenzt sind, ist anzunehmen, dass sie real existieren.“ 150

Deshalb bilde ich innerhalb der Basismilieus aufgrund der in den Quellen
angeführten Sozialindikatoren möglichst organische und einheitliche Gruppen, die
in Hinblick auf die Milieutheorie als Submilieus zu denken wären, bei denen es
sich im engeren Sinn aber nur um Berufsgruppen handelt, weil weitere, über die
berufliche Tätigkeit und den Erwerb hinausgehende Milieukriterien im Normalfall
nicht herangezogen werden können.

150
Schulze, Erlebnisgesellschaft, S. 26.
141

Abb.: Modell der historischen Milieuanalyse: Basismilieus, Submilieus/Berufsgruppen,


Sonderauswertungen

Codes
1 2 3

1. Bäuerliche Milieus b
1.1. Bäuerliche Besitzer (Selbständige in Land- und Forstwirtschaft) b-b
Bauernsöhne b-bs
Gutsbesitzer b-bg
Gutsbesitzer-Söhne b-bgs
Verwalter und Wirtschaftspächter b-bp
1.2. Knechte (Dienstboten, Gesinde) b-k
1.3. Unterbäuerliche Gruppen (Keuschler, Tagelöhner, Inleute etc.) b-u
Söhne aus unterbäuerlichen Gruppen b-us

2. Arbeitermilieus a
2.1. Industrie-/Fabrik-/Werksarbeiter a-i
Facharbeiter a-if
2.2. Gewerbliche/kleinbetriebliche Arbeiter a-g
Klassische Handwerksberufe a-gh
2.3. Arbeiter, die mittelbar oder unmittelbar im öffentlichen Dienst stehen a-ö
2.4. Hilfsarbeiter/ungelernte Arbeiter a-h

3. Kleinbürgerlich/bürgerliche Milieus m
3.1. Freie Berufe (nicht von der Gewerbeordnung erfasste, zumeist m-a
akademisch gebildete Selbständige, „Intelligenzberufe“)
3.2. Studenten m-h
3.3. Selbständige in Handel, Gewerbe und Industrie m-s
Söhne von Selbständigen m-ss
Wirte m-sw
Söhne von Wirten m-sws
3.4. Privatangestellte m-p
Höhere, leitende und Privatangestellte mit akademischer Ausbildung m-pa
Söhne von höheren und leitenden Privatangestellten m-pas
3.5. Beamte (Angestellte, die mittelbar oder unmittelbar im öffentlichen m-b
Dienst stehen)
Lehrer m-bl
Höhere und akademisch gebildete öffentliche Beamte, Mittel- und m-ba
Hochschulprofessoren etc.
3.6. Großbürgertum und Adel m-g
Söhne – Großbürgertum und Adel m-gs

Schlüssel Tabellenkopf: Code 1: einstelliger Code für die Basismilieus; Code 2: zweistelliger Code für
Submilieus/Berufsgruppen; Code 3: dreistelliger Code für die Sonderauswertung von aufgrund der Quellen
identifizierbar und von anderen unterscheidbaren Gruppen.
142

Bei dem auf der folgenden Seite präsentierten Milieumodell handelt sich um das
für die Sozialstrukturanalyse der nationalsozialistischen Juliputsch-Beteiligten
entwickelte Modell, das vorerst für die Zwecke der Auswertung der Wien-
Datenbank wesentlich überarbeitet und adaptiert wurde. 151 Die Großstadt Wien
stellt von ihrer Sozial- und Berufsstruktur ganz andere Anforderung an eine
historische Milieuanalyse als der Juliputsch, der sich zum größten Teil in
zentrumsfernen, ländlichen Regionen zutrug. Im Zuge der gemeinsamen
Codierung und Auswertung der Wien- und der Wöllersdorf-Datenbank sind
weitere Adaptionen und Anpassungen dieses Modells zu erwarten, ohne dass es
deshalb in seiner Grundstruktur geändert werden müssten.

C.1.4.4 Zuordnung der Berufe zu den Kategorien des Milieumodells und zu den
volkswirtschaftlichen Sektoren

1. Bäuerliche Milieus

1.1. Bäuerliche Besitzer (Selbständige in Land- und Forstwirtschaft)

Zu dieser Kategorie zählen Bauern (zumeist Besitzer genannt), Landwirte


– alle, die über landwirtschaftlichen Besitz verfügen (oder zumindest
selbständig darauf arbeiten) und ihr Einkommen bzw. ihren
Lebensunterhalt (zum Großteil) damit bestreiten; alle besitzenden
Schichten des bäuerlichen Milieus (außer Keuschler).

Häufig wird der Begriff Auszügler verwendet. Es handelt sich dabei um


„Altenteiler“, „Auszugsbauern“ – alte Bauern, die den Hof an den
Nachfolger übergeben und sich auf das Altenteil zurückgezogen haben,

151
Die wesentlichsten Änderungen gegenüber dem Juliputsch-Milieumodell: 1. Trennung von
Studenten und akademisch gebildeten Selbständigen (Freie Berufe). Während Studenten als
Juliputsch-Beteiligte eine äußerst kleine Gruppe darstellten, spielten sie in Wien 1933 bis 1938
eine beträchtliche quantifizierbare Größe. 2. Schaffung einer neuen Unterkategorie: höhere
Beamte (dreistelliger Code). 3. Schaffung einer neuen Kategorie: Großbürgertum und Adel
(zweistelliger Code).
143

die also „im Auszug“, möglicherweise sogar in einem eigenen


„Auszugshaus“ leben. Damit im Zusammenhang steht auch der Begriff
„Ausgedinge“. Demnach sind das Personen, die ehemals Bauern waren
und diesem Milieu zuzuschlagen sind. Bei der volkswirtschaftlichen
Sektorengliederung fallen sie allerdings in Übereinstimmung mit der
Systematik der Volkszählung 1934 in die Kategorie „ohne Beruf“.

Besitzersöhne und Bauernsöhne und andere Angehörige des Bauern (der


Bäuerin) werden im Sinne der Milieutheorie grundsätzlich den
Selbständigen in Land- und Forstwirtschaft zugeschlagen.

Pächter, Wirtschafter, Wirtschaftspächter sind, sofern es sich um Pächter


oder Verwalter von landwirtschaftlichen Betrieben handelt, hier
einzureihen und ebenfalls dem Primärsektor zuzuschlagen; ebenso wird
mit Gutsbesitzern verfahren.

Zur oft im ländlichen, dörflichen Bereich vorkommenden Kombination


Besitzer/Gastwirt, Besitzer/Holzhändler, Besitzer/Pferdehändler,
Besitzer/Schmied, Besitzer/Fleischhauer/Gastwirt etc. siehe die
Ausführungen unter Selbständige in Handel, Gewerbe und Industrie.

1.2. Knechte (Dienstboten, Gesinde)

Hier werden nichtbesitzende Gruppen des bäuerlichen, agrarischen


Milieus zugeordnet, also das ländliche Proletariat. Typische
vorkommende Bezeichnungen sind Knecht, Bauernknecht, Moarknecht,
landwirtschaftlicher Hilfsarbeiter, Landarbeiter, Dienstbote etc.

Holzarbeiter, Holzknechte, Forstarbeiter: siehe die Ausführungen unter


gewerblichen/kleinbetrieblichen Arbeitern.

Landarbeiter in Gutsbetrieben werden den Hilfsarbeitern im


Arbeitermilieu (allerdings im Primärsektor) zugeschlagen, da hier die
„familiale Verselbständigung“ (Bruckmüller) bereits erfolgt ist, eine
unmittelbare Bindung an das bäuerliche Haus, wie beim Gesinde, nicht
144

mehr vorliegt und im Selbstverständnis bereits die Zugehörigkeit zum


Arbeitermilieu dominieren dürfte. 152 Ist erkennbar, dass die spezifische
Tätigkeit auf im Gutsbetrieb eine gewisse Qualifikation erfordert, erfolgt
die Zuordnung bei den kleinbetrieblichen Arbeitern.

1.3. Unterbäuerliche Gruppen (Keuschler, Tagelöhner, Inleute)

Hier werden ländliche Kleinbesitzer, die normalerweise von ihrem Besitz


nicht leben konnten und daher gezwungen waren, sich – zumeist bei
Bauern – als Gelegenheitsarbeiter und Tagelöhner zu verdingen,
eingereiht. 153 Typische Bezeichnungen sind Keuschler, Kleinhäusler,
Häusler. Inwohner bzw. Inleute waren auf Bauernhöfen in Miete lebende
Personen, die zumeist als Tagelöhner beschäftigt waren. 154

2. Arbeitermilieus

2.1. Industrie-/Fabrik-/Werksarbeiter

Alle Arbeiter, die über eine spezielle Ausbildung und/oder


Spezialkenntnisse verfügen und die in der Industrie beschäftigt sind,
werden dieser Kategorie zugeschlagen. (Hinsichtlich der Unterscheidung
von kleinbetrieblichen und Industriearbeitern siehe die Ausführungen
unter „Gewerbliche/kleinbetriebliche Arbeiter“.) Bezeichnungen wie
Bergarbeiter, Werksarbeiter, Fabrikarbeiter u. Ä. sind ein deutlicher
Hinweis auf eine industrielle Beschäftigung.

152
Vgl. Bruckmüller, Sozialgeschichte, S. 485 f., 503.
153
„Bei der Häufung von Berufen verschiedener sozialer Stellung, z. B. Kleinhäusler als
Selbständiger und als Arbeiter in der Landwirtschaft, wurde der Eigenschaft als Arbeiter, als der
für den Lebensunterhalt in der Regel ausschlaggebenden der Vorrang gegeben“ (VZ 34, Heft 1,
S. 93).
154
Zu den unterbäuerlichen Gruppen siehe Weber, Häuserlkindheit, sowie Mitterauer,
Lebensformen.
145

In einer Sonderauswertung werden Facharbeiter erfasst, die über


spezifische Kenntnisse und/oder eine entsprechende Ausbildung
verfügen. Hinweise darauf sind Bezeichnungen wie beispielsweise
Kesselwärter, Maschinenführer in einer Papierfabrik. Auch Personen mit
Berufsbezeichnungen wie Schlosser, Elektriker, Chauffeure etc., die
beispielsweise bei der Alpine beschäftigt sind, gelten demnach als
industrielle Facharbeiter und nicht als gewerbliche oder kleinbetriebliche
Arbeiter. (Wenn allerdings aus dem Kontext nicht eindeutig hervorgeht,
dass es sich bei den genannten und anderen ähnlichen Berufen um
Industriearbeiter handelt, werden diese den gewerblichen und
kleinbetrieblichen Arbeitern zugezählt.)

Maschinenbauer mussten eine kombinierte Schlosser-Dreher-Lehre


absolvieren, was nicht drei, sondern vier Jahre dauerte. Es handelt sich
um einen handwerklichen oder industriellen Beruf. 155

Sägearbeiter, Holzarbeiter, Forstarbeiter: siehe die Ausführungen unter


„Gewerbliche/kleinbetriebliche Arbeiter“.

Arbeiter: Liegt nur diese Bezeichnung vor und wird klar, dass es sich um
ein größeres, industrielles Unternehmen, eine Fabrik etc. handelt, dann
wird der derart Bezeichnete den Fabrikarbeitern im jeweiligen Sektor
(vornehmlich wahrscheinlich Sekundärsektor) zugerechnet. Im
Zweifelsfall, wenn das Unternehmen aus dem Kontext nicht hervorgeht,
erfolgt die Zuordnung bei den gewerblichen/kleinbetrieblichen Arbeitern
im Sekundärsektor (siehe auch dort).

2.2. Gewerbliche/kleinbetriebliche Arbeiter

Hier werden primär Arbeiter eingereiht, die im Gewerbe beschäftigt sind,


und zwar Gesellen und Lehrlinge, aber auch Meister, sofern sie
lohnabhängig und nicht selbständig sind (Schuster, Bäcker, Schneider,

155
Freundliche Information von Dr. Traude Bollauf, 18. 12. 2009: Ihr Vater, Jahrgang 1901, hatte
den Beruf des Maschinenbauers erlernt und arbeitete in einem größeren Industriebetrieb.
146

Fleischhauer, Tapezierer, Binder, Uhrmacher, Buchdrucker, Schmiede,


Elektriker etc.) – die klassischen Lehrberufe, die unter den Überbegriff
Handwerk fallen. Um die Arbeiter in klassischen Handwerksberufen von
den übrigen kleinbetrieblichen Arbeitern zu unterscheiden, wird eine
Sonderauswertung vorgenommen. 156

Weiters zählen zu dieser Kategorie alle kleinbetrieblichen (Fach-)


Arbeiter, deren Tätigkeit gewisse Kenntnisse verlangen (auch wenn es
sich um keine Lehrberufe im eigentlichen Sinn handelt) und nicht
ausschließlich als rein unqualifizierte Hilfsarbeit zu betrachten ist.

Wesentlich ist bei dieser Kategorie vor allem die Unterscheidung von
Arbeitern in (zumeist kleineren) Gewerbebetrieben 157 und sonstigen
Betrieben von Arbeitern in (zumeist größeren) Industriebetrieben. 158
Maßgebliches Kriterium ist laut Lehre der Mechanisierungsgrad bzw. der
Einsatz von Maschinen. Aus pragmatischen Gründen ziehe ich in
Zweifelsfällen (z. B. bei Sägewerken) die (aufgrund der ungenauen

156
Nach einer einfachen lexikalischen Definition wird mit Handwerk die „Gesamtheit jener
Gruppe von Wirtschaftenden, die ihre Tätigkeit mit einer in längerer Ausbildung erhaltenen
Fähigkeit und Geschicklichkeit ausüben“ bezeichnet. (Gabler Wirtschaftslexikon, Stw.
„Handwerk“.) Generell unterscheidet man die Verarbeitung von Steinen und Erden (Steinmetz,
Töpferei, Keramik etc.); Edelmetall, Eisen oder Metall verarbeitendes, Holz und Leder
verabeitendes Handwerk; weiters Baugewerbe (Maurer etc.), Bekleidungsgewerbe (Schneider,
Schuster), Nahrungs- und Genussmittelgewerbe (Müller, Fleischhauer, Bäcker, Brauer, Brenner,
Zuckerbäcker usw.), Luxusgüterproduktion und Dienstleistungsgewerbe (Bader, Barbiere,
Friseure, Kosmetiker etc.) (Österreich-Lexikon, Stw. „Handwerk“.)
157
Die Definition für „Gewerbe“ laut Wirtschaftslexikon: „Nach Wessels kann man wirtschaftlich
unter Gewerbe jede nicht naturgebundene Güterproduktion verstehen, wobei das gesamte
Handwerk (auch Handwerksbetriebe mit Dienstleistungscharakter) in die Definition einge-
schlossen wird. (Gegensatz: Handel)“ (Gabler Wirtschaftslexikon, Stw. „Gewerbe“).
158
Definition für „Industrie“ laut Wirtschaftslexikon: „Gewerbliche Produktion mit mechanischen
Mitteln unter Einschluss der maschinellen Veredelung von Rohstoffen und des Bergbaus“ (Gabler
Wirtschaftslexikon, Stw. „Industrie“). – Vgl. Bruckmüller, Sozialgeschichte, S. 383–395 (für die
Zeit von 1848 bis 1918) sowie S. 487–492 (für die Erste und Zweite Republik). Auch er
unterscheidet bei den Sozialtypen und Arbeitsverhältnissen im Sekundärsektor zwischen
Kleingewerbe und Industrie. – Fielhauer, Landwirtschaft, S. 69 f. ist überzeugt, dass man von
einem „eigenen handwerklich-gewerblichen Sektor im ländlichen Raum sprechen kann, auch wenn
er vorerst schwer differenzierbar ist und die Übergänge zur Großindustrie fließend sind“.
147

Aussagen in den Quellen) nur zu vermutende Betriebsgröße heran; dabei


erscheint allerdings eine zahlenmäßig starre Festlegung nicht zielführend,
da genaue Zahlenangaben bezüglich der Größe eines Unternehmens in
den ausgewerteten Gendarmerieanzeigen nicht gemacht werden. Bei
dieser Zuordnung kommt es somit auf die Einschätzung an, ob es sich bei
dem betreffenden Betrieb um einen Kleinbetrieb handelt oder eher um
einen Industriebetrieb. Die entsprechende Zuordnung geht allerdings
zumeist aus dem Kontext ziemlich klar hervor (z. B. wenn von einer
„Fabrik“ die Rede ist).

Ein Sägewerksarbeiter, der in einem kleinen Sägewerk beschäftigt ist,


fällt demnach unter die Kategorie gewerbliche/kleinbetriebliche Arbeiter
im Sekundärsektor. War er hingegen bei den Funder-Werken beschäftigt,
so wird er der Kategorie Industriearbeiter im Sekundärsektor
zugeschlagen. Ähnlich beispielsweise bei Schlossern und Elektrikern:
Sind sie als Gesellen in einem kleinen Handwerksbetrieb beschäftigt, so
zählen sie zur Kategorie gewerbliche/kleinbetriebliche Arbeiter; als
Betriebsschlosser oder -elektriker bei der Alpine Montan hingegen
werden sie zu den Industriearbeiter gerechnet.

Die Angabe „Meister“ lässt – allerdings keineswegs zweifelsfrei –


vermuten, dass es sich um einen Selbständigen handelt; die Zuordnung
erfolgt dann bei den Selbständigen in Handel, Gewerbe und Industrie. 159
Sollte aus den näheren Angaben zum Tathergang ersichtlich sein, dass
der Betreffende, obwohl er Meister ist, im Betrieb eines anderen
beschäftigt und nicht der designierte Betriebsnachfolger ist
(„Juniorchef“) ist, so wird er ebenfalls unter gewerbliche Arbeiter
eingereiht.

159
Laut Bruckmüller, Sozialgeschichte, S. 487 f., gab es 1930 in zahlreichen Gewerben noch einen
großen Anteil von Selbständigen, so bei den Bauschlossern, Malern und Anstreichern, Huf- und
Wagenschmieden, Sattlern, Schneidern und Schuhmachern.
148

Eine Geselle oder sogar Lehrling, bei dem aufgrund der näheren
Angaben zu Person klar wird, dass es sich um den „Juniorchef“, also im
Regelfall um den Sohn des Besitzer, der den Betrieb später übernehmen
soll, handelt, wird hingegen den Selbständigen zugeordnet.

„Chauffeur“ kommt als Bezeichnung recht häufig vor. Laut Duden


Wörterbuch handelt es sich dabei um jemand, „der berufsmäßig Personen
im Auto befördert“. Aufgrund der Häufigkeit dieser Berufsbezeichnung
gehe ich davon aus, das dieser Begriff damals noch weiter gefasst war
und auch Lastwagenfahrer einschloss. Diese Berufsgruppe wird ebenfalls
den gewerblichen und kleinbetrieblichen Arbeitern zugeschlagen
(Transportgewerbe, Tertiärsektor), ein z. B. bei der Alpine beschäftigter
Chauffeur (der aber eigentlich ein Lkw-Lenker ist) hingegen den
Industriearbeitern, ein Lenker von Linienbussen den im öffentlichen
Dienst stehende Arbeitern.

Arbeiter: Liegt nur diese Bezeichnung ohne nähere Erläuterungen vor


und ohne dass aus dem Kontext erkennbar wäre, um welches
Unternehmen, welche Branche etc. es sich handelt, dann werden die
derart Bezeichneten den gewerblichen/kleinbetrieblichen Arbeitern im
Sekundärsektor zugeschlagen; allerdings nur, wenn der lokale Kontext
diese Zuordnung wahrscheinlich erscheinen lässt.

Bei Doppelnennung eines gewerblichen Berufes und eines Berufes im


landwirtschaftlichen Sektor (z. B. Schmied/Knecht oder
Kraftfahrer/landw. Hilfsarbeiter) ist anzunehmen, dass es sich beim
gewerblichen Beruf um den erlernten handelt, während der
landwirtschaftliche möglicherweise aufgrund von Arbeitslosigkeit nur
vorübergehend angenommen wurde. Daher werden diese Personen den
gewerblichen/kleinbetrieblichen Arbeitern im Sekundärsektor
zugeschlagen. Grundsätzlich wird für die Zuordnung immer der
„bessere“ Beruf herangezogen, da davon auszugehen ist, dass die
„schlechtere“ Stellung nur vorübergehend aufgrund der Arbeitslosigkeit
149

angenommen wurde und der Betreffende seiner ursprünglichen


Berufsgruppe wahrscheinlich näher steht.

Für Sägearbeiter, Holzarbeiter, Holzknechte, Forstarbeiter u. Ä. gelten


folgende Regeln:

• Arbeiten sie für ein kleines Sägewerk, dann zählen sie zu den gewerblichen
oder kleinbetrieblichen Arbeitern im Sekundärsektor.

• Handelt es sich um ein größeres, industrielles Unternehmen, dann sind diese


Arbeiter als Facharbeiter in der Industrie zu verstehen und ebenfalls dem
Sekundärsektor zuzuschlagen. Die Unterscheidung erfolgt aufgrund der
vermuteten bzw. geschätzten Betriebsgröße.

• Geht aus den Quellen nicht eindeutig hervor, dass es sich um ein größeres,
industrielles Unternehmen handelt, dann sind Sägearbeiter den
kleinbetrieblichen Arbeitern im Sekundärsektor zuzuzählen. (Sägebetriebe
zählen laut VZ 34 zum Sekundärsektor.)

Die Bezeichnung „Holzarbeiter“ ist problematisch, weil es sich ebenso gut um


Arbeiter in Forst- bzw. Gutsbetrieben handeln kann (Primärsektor) wie um
Arbeiter in einem Sägebetrieb (Sekundärsektor). Hier gilt Folgendes:

Soweit nur die Bezeichnung Holzarbeiter ohne nähere Erläuterungen oder


irgendwelche Hinweise vorliegt, werden diese Leute den gewerblichen/klein-
betrieblichen Arbeitern zugezählt (weil zu vermuten ist, dass es sich um
betriebliche Arbeiter handelt, die nicht mehr direkt an die bäuerliche Familie
gebunden und vom bäuerlichen Milieu schon relativ weit entfernt waren); nach
der VZ 34 werden sie allerdings dem Primärsektor zugeschlagen (Forst-
wirtschaft). Ebenso verhält es sich mit der Berufsbezeichnung Holzknecht, die nur
als Variante von Holzarbeiter anzusehen ist.

Wird im Kontext der Bezeichnung „Holzarbeiter“ oder „Holzknecht“ klar, dass


es sich um einen bei einem Bauern beschäftigten Holzarbeiter handelt, so wird er
den landwirtschaftlichen Arbeitern (hier überwiegt die Zugehörigkeit zum
bäuerlichen Milieu) im Primärsektor zugerechnet.
150

Holzarbeiter, die erkenntlich bei einem großen, industriellen Unternehmen


beschäftigt sind, werden den Industriearbeitern im Sekundärsektor zugeschlagen,
weil davon ausgegangen wird, dass es sich um keinen reinen Forstbetrieb, sondern
um ein Sägewerk handelt bzw. der Sägebetrieb überwiegt.

Adäquat wird mit „Forstarbeitern“ in allen Kombinationen verfahren.

2.3. Arbeiter, die mittelbar oder unmittelbar im öffentlichen Dienst


stehen

Alle beim Staat, beim Land, bei Gemeinden sowie bei weiteren quasi-
staatliche Institutionen (Sozialversicherungen, Krankenkassen, Kammern
etc.) beschäftigten Arbeiter (= manuell Tätige); weiters Arbeiter bei
öffentlichen Verkehrsbetrieben (Eisenbahn, Straßenbahn), der Post,
Telefon- und Telegraphenverwaltung, bei E-Werken, bei staatlicher
Monopolbetrieben (Tabak, Salinen etc.), bei den Bundesforsten, dem
Bundesheer, der Kirche etc. Nähere Ausführungen zum öffentlichen
Dienst und der dieser Kategorie innewohnenden Problematik siehe unten
unter „Angestellte, die mittelbar oder unmittelbar im öffentlichen Dienst
stehen“.

2.4. Hilfsarbeiter/ungelernte Arbeiter

Grundsätzlich werden hier alle Nicht-Facharbeiter, nicht ausgebildeten


Arbeiter im Primär-, Sekundär- und Tertiärsektor zugeordnet, die zumeist
körperlich schwere, aber keine besondere Qualifikationen erforderliche
Tätigkeiten ausführen.

Diese Kategorie ist die vielleicht schwammigste – obwohl und gerade


weil die Bezeichnung so häufig verwendet wird. Aufgrund dieser
Häufigkeit, gleichzeitig aber Unklarheit der konkreten Zuordnung, war es
am sinnvollsten, eine eigene Berufskategorie zu bilden. Nicht zuletzt gibt
es in der sozialen Wirklichkeit zweifellos eine große Diskrepanz
zwischen ausgebildeten Handwerkern und oft hochqualifizierten
Facharbeitern in der Industrie einerseits und unqualifizierten, ungelernten
Hilfskräften andererseits. Deshalb erscheint diese Kategorie durchaus
151

aussagekräftig und für eine entsprechende soziale Differenzierung von


Relevanz.

Hinsichtlich der korrekten Zuordnung gibt es allerdings folgende


Probleme:

• Erstens könnte es sich bei der Bezeichnung „Hilfsarbeiter“ auch um Knechte,


also landwirtschaftliche Hilfsarbeiter, handeln, die dem Primärsektor bzw. dem
Milieu der landwirtschaftlichen Dienstboten und unterbäuerlichen Gruppen
zuzuschlagen wären. Allerdings ist davon auszugehen, dass dieser Unterschied
im Großen und Ganzen im jeweiligen Nationale beachtet wurde, denn in vielen
Anzeigen ein und desselben Gendarmeriepostens werden Personen als „landw.
Hilfsarbeiter“ und andere Personen als „Hilfsarbeiter“ bezeichnet, wobei der
Kontext oft ergibt, dass mit „Hilfsarbeiter“ ganz konkret nicht-
landwirtschaftliche Hilfsarbeiter gemeint sind.

• Zweitens ist mit der unklaren Bezeichnung „Hilfsarbeiter“ noch nicht genau
definiert, ob es sich um einen im Primär-, Sekundär- oder Tertiärsektor
beschäftigten Hilfsarbeiter handelt. Wenn aus dem Kontext nichts anderes
hervorgeht, werden Hilfsarbeiter grundsätzlich dem Sekundärsektor
zugeschlagen. 160

• Unscharf und fließend ist drittens manchmal auch die Abgrenzung zu den
Facharbeitern bzw. Fabrik-/Werksarbeitern. Nicht selten ist es einfach
unmöglich zu entscheiden, ob eine in den Anzeigen als Hilfsarbeit deklarierte
Tätigkeit nicht doch eher als Facharbeit im weitesten Sinn zu bezeichnen ist.
(Beispiel: Die Arbeiter einer Baumschule in der Nähe von Deutschlandsberg,
die fast geschlossen am Juliputsch teilnahmen, werden in einem Teil der
Anzeigen als Hilfsarbeiter, in einem anderen Teil als Gärtnergehilfen
bezeichnet. In diesem Fall kann aus Kontextinformationen eine Zuordnung der

160
Laut VZ 34, Heft 1, S. 211 f., waren im Sekundärsektor 49,5% aller Arbeiter beschäftigt, im
Primärsektor 22,6% und im Tertiärsektor 27,9%.
152

Arbeiter als kleinbetriebliche Arbeiter im Primärsektor vorgenommen werden;


in anderen Fällen wird das nicht möglich sein.)

Erfahrungsgemäß sind zu den Hilfsarbeitern zu einem großen Teil Nicht-


Facharbeiter im Baugewerbe zählen.

3. Kleinbürgerlich/bürgerliche Milieus

3.1. Freie Berufe (nicht von der Gewerbeordnung erfasste, zumeist


akademisch gebildete Selbständige, „Intelligenzberufe“)

Zu dieser Kategorie zählen vor allem die klassischen freie Berufe, also
Rechtsanwälte, Notare, praktische und Fachärzte, wirtschaftsberatende
Berufe, Architekten, Zivilingenieure – sofern sie selbständig und nicht
bei einer öffentlichen Institution oder einer Privatorganisation bzw. einer
privaten Firma/Wirtschaftsorganisation angestellt sind; weiters freie
Künstler, freie Schauspieler und sonstige Bühnenkünstler, freie Musiker,
freie Schriftsteller, nicht angestellte Journalisten u. Ä. Zum Großteil
handelt es sich um die typischen akademischen und/oder künstlerischen
Berufe bzw. um die – im Jargon der Zeit gesprochen – sogenannten
Intelligenzberufe. 161 Wesentliches Kennzeichen ist die freiberufliche,
nicht angestellte Betätigung.

Privat oder öffentlich bedienstete Akademiker werden unter


Privatangestellte oder Angestellte des öffentlichen Dienstes (Beamte)
eingereiht.

3.2. Studenten

161
Der Begriff „Intelligenz“ als Bezeichnung für dieses spezielle Schicht wird in den Quellen
häufig verwendet. So heißt es in einem Bericht des steirischen Sicherheitsdirektors vom März
1934: „Eine Bewegung in der ehemaligen NSDAP ist kaum wahrzunehmen; die Mitglieder
derselben rekrutieren sich hauptsächlich aus den Intelligenzkreisen und es scheint die Annahme
gerechtfertigt, dass dieselben von jeder propagandistischen Tätigkeit sich zurückgezogen haben.
Dieser Umstand dürfte vermutlich auf die letzten Notverordnungen zurückzuführen sein, die sich
insbesondere auf Ärzte, Anwälte und konzessionierte Berufe bezogen und die nunmehr eine
Handhabe bieten, gegen diese Kreise wirksam aufzutreten.“ Auch von der „national gesinnten
Intelligenz“ ist oft die Rede.
153

Zur Zuordnung nach volkswirtschaftlichen Sektoren:

• Da es sich hier zumeist um wirtschaftlich noch von ihren Eltern bzw. ihrem
Vater Abhängige handelt, erfolgt die Zuordnung nach dem
volkswirtschaftlichen Sektor entsprechend der Zuordnung des Vaters – sofern
erkennbar ist, dass der Student sich nicht „außerhalb des Elternhauses“162
befindet (also noch zu Hause wohnt) und der Beruf bzw. die Position des
Vaters in der Anzeige ersichtlich ist. (In der Volkszählung 1934 werden
ebenfalls alle „wirtschaftlichen Zugehörigen“ gerechnet, nicht nur die
„Berufsträger“.)

• Ist erkennbar, dass der Student außerhalb des Elternhauses wohnt, so wird er
keinem volkswirtschaftlichen Sektor, sondern der Kategorie „ohne Beruf“
zugezählt. (Ist beides nicht zweifelsfrei festzustellen, erfolgt keine Zuordnung.)

Milieumodell:

Studenten, die in der NS-Bewegung in Wien eine äußerst wichtige Rolle spielten,
werden von den übrigen Angehörigen des Bildungsmilieus getrennt. Schüler
werden ihrem Herkunftsmilieu zugeordnet (Beruf des Vaters).

Eine je nach örtlichen Verhältnissen mehr oder weniger enge Verwandtschaft


kann zu den anderen bürgerlichen Milieus bestehen, zum einen zu wohlhabenden
Selbständigen, vor allem aber zu gehobenen und leitenden Privatangestellten, die
zumeist ebenfalls über eine universitäre, zumindest aber gehobene Ausbildung
(z. B. Ingenieure der Alpine, Betriebsleiter, Förster etc.) verfügen. Die Grenzen
zwischen den einzelnen Milieus sind gerade in kleinbürgerlich/bürgerlichen
Milieus fließend und generell wohl kaum eindeutig festzulegen. Hier dürften
starke Unterschiede zwischen Dorf, Kleinstadt, Großstadt sowie regionale
Unterschiede bestehen und die jeweilige lokale Praxis eine besonders wichtige
Rolle spielen.

3.3. Selbständige in Handel, Gewerbe und Industrie

162
Vgl. VZ 34, Heft 1, S. 115.
154

Unter diese Kategorie fallen alle selbständig Erwerbstätigen und


Unternehmer im Handwerk (Schmiede, Schuhmacher, Bäcker, Friseure,
Schneider, Schlosser, Elektriker, Wagner, Sattler, Tischler, Buchdrucker
etc.), die Besitzer von kleineren und größeren gewerbeartigen Betrieben
(Sägewerksbesitzer, Brauereibesitzer u. Ä.) sowie die Besitzer von
Industriebetrieben; weiters selbständige Unternehmer und selbständig
Erwerbstätige im Handel (Kaufleute, Greißler u. Ä.), im
Transportgewerbe (Autofrächter, Taxiunternehmer, Fuhrwerks-
unternehmer u. Ä.) sowie im Gastgewerbe. Selbständige Versicherungs-
und Immobilienmakler werden ebenfalls hier eingereiht. Laut
Volkszählung 1934 zählen zu den Selbständigen alle „Berufsträger …,
die für eigene Rechnung wirtschaften“. 163

Sehr häufig im ländlichen, dörflichen Bereich sind Kombinationen wie


Besitzer/ Gastwirt, Besitzer/Holzhändler, Besitzer/Pferdehändler,
Besitzer/Schmied, Besitzer/Fleischhauer/Gastwirt etc. Gerade bei Gastwirten,
die neben dem Wirtshaus noch über landwirtschaftlichen Besitz verfügten
und/oder eine Fleischhauerei, Gemischtwarenhandlungen etc., handelte es sich
zumeist um zentrale Persönlichkeiten eines Dorfes, die verhältnismäßig
wohlhabend waren und daher nicht selten auch während des Putsches eine
führende Rolle spielten – sie werden deshalb einer Sonderauswertung
unterzogen. Die Zuordnung zum entsprechenden volkswirtschaftlichen Sektor
ist schwierig, da es sich zumeist um die Kombination aller drei
volkswirtschaftlicher Sektoren handelt. Im Grunde wird wahrscheinlich die
Selbsteinschätzung der Betroffenen maßgeblich gewesen sein. Hier kann die
Zuordnung nicht in jedem Fall stimmen. Aufgrund meiner Erfahrung würde ich
Gastwirte am ehesten den Selbständigen im Sekundär- oder Tertiärsektor
zuschlagen – zumindest wenn sie im Zentralort eines ländlichen Umfeldes oder

163
VZ 34, Heft 1, S. 93.
155

zumindest in einem größeren, geschlossenen Dorf beheimatet waren. Gehöfte


außerhalb des Dorfes, die neben der Landwirtschaft auch noch als Gasthäuser
dienten, sind wahrscheinlich in erster Linie Bauernhöfe und die Einkünfte aus
dem Gastbetrieb vermutlich als Zusatzeinkommen zu verstehen. – Das heißt
grundsätzlich: Die Kombination Gastwirt/Bauer (oder Ähnliches) führt zu
Zuordnung bei den Selbständigen im Sekundär- oder Tertiärsektor. Sollte aus
irgendeinem Grund erkennbar sein, dass das Bäuerliche eindeutig überwiegt,
erfolgt die Zuordnung bei den Selbständigen aus Land- und Forstwirtschaft.

Um den oft gewaltigen Besitzunterschieden – und somit der vertikalen


gesellschaftlichen Gliederung – in der Gruppe der Selbständigen
einigermaßen gerecht zu werden, wird versucht, im Zuge einer
Sonderauswertung den bürgerlichen Großbesitz (Großbürgertum) von
den übrigen Gruppen zu trennen, soweit das aufgrund der Angaben in
den Quellen möglich ist.

Sägewerks- und Holzunternehmer werden dem Gewerbe, und somit dem


Sekundärsektor, zugeordnet. „Holzhändler“ werden aufgrund der
Vermutung, dass die so Bezeichneten gleichzeitig über ein Sägewerk
verfügten, ebenfalls den Selbständigen im Sekundär- und Tertiärsektor,
und zwar dem Sekundärsektor zugerechnet. „Holzmeister“ –
Unternehmer, die im Auftrag Schlägerungen durchführten – zählen zu
den Selbständigen in Handel, Gewerbe und Industrie, weil sie – ebenso
wie die Holzarbeiter – dem bäuerlichen Milieu nicht mehr zugerechnet
werden können; aufgrund der Eigenart ihrer Tätigkeit im Forst müssen
sie allerdings dem Primärsektor zugeschlagen werden.

3.4. Privatangestellte

Zur Abgrenzung der Angestellten von Arbeitern kann primär die für die
Volkszählung 1934 entwickelte Definition herangezogen werden: „Die
Abgrenzung zwischen Beamten und Angestellten einerseits, Arbeitern
andererseits geschah im Sinne der österreichischen
Angestelltengesetzgebung in der Weise, dass die Stellung als Beamter
156

oder Angestellter nur dort angenommen wurde, wo eine überwiegend


geistige Betätigung vorlag, während bei überwiegend körperlicher
Betätigung die Stellung als Arbeiter gezählt wurde.“ 164 Die im
angloamerikanischen Raum häufig verwendete Bezeichnung für diese
Gruppe lautet white-collar workers – im Gegensatz zu den Arbeitern, den
blue-collar workers.

Hierher zählen Personen mit Berufsbezeichnungen wie


Handelsangestellter, Handelsgehilfe, Privatbeamter, Betriebsbeamter,
Werksbeamter, Werkmeister, Handelsvertreter, Versicherungsvertreter,
kaufmännischer Angestellter etc., aber auch Berufe mit konkreteren
Bezeichnungen wie Chemiker, Förster, Jurist (sofern es sich um bei
privaten, also nicht staatlichen oder quasi-staatlichen Betrieben
Angestellte) handelt, weiters Buchhalter, Verwalter, Assistent, Verkäufer
etc. 165

Manchmal kommt auch die Bezeichnung „Beamter“ ohne nähere


Erläuterungen und Zusätze vor. In diesem Fall ist es zweifelhaft, ob es
sich um einen öffentlich Bediensteten oder um einen Privatangestellten
handelt, der in einer Kanzlei, in einem Büro, bei einer Bank etc. arbeitet.

164
VZ 34, Heft 1, S. 93 (kursive Hervorhebung durch mich). Zur Entwicklung des Angestellten-
typus in der Spätzeit der Monarchie siehe Bruckmüller, Sozialgeschichte, S. 395 f., zur
Entwicklung in der Republik S. 493–497. Ausführlich zum Angestelltenbegriff und
sozialwissenschaftlichen Angestelltentheorien siehe Botz, Angestellte, insbes. S. 45–52; weiters
Peissl, Proletariat, zum Begriff S. 15–41, zur gesellschaftlichen Positionierung von Angestellten
S. 57–77.
165
Im Wirtschaftslexikon werden unter anderem folgende Berufe und Tätigkeiten genannt:
„leitende Angestellte, Betriebsbeamte, Werkmeister und andere Angestellte in einer ähnlich
gehobenen oder höheren Stellung; Büroangestellte, die nicht ausschließlich mit Botengängen,
Reinigung, Aufräumung und ähnlichen Arbeiten beschäftigt werden …; Handlungsgehilfen und
andere Angestellte für kaufmännische Dienste, auch wenn der Gegenstand des Unternehmens kein
Handelsgewerbe ist; Gehilfen in Apotheken; Bühnenmitglieder und Musiker ohne Rücksicht auf
den Kunstwert ihrer Leistungen; Angestellte in Berufen der Erziehung, des Unterrichts, der
Fürsorge, der Kranken- und Wohlfahrtspflege; … Verwalter und Verwaltungsassistenten sowie die
in einer ähnlich gehobenen oder höheren Stellung befindlichen Angestellte ohne Rücksicht auf
ihre Vorbildung“ (Gabler Wirtschaftslexikon, Stw. „Angestellter“).
157

Ist aus dem Kontext oder aus den Aussagen nichts Näheres zu
erschließen, werden die (wenigen) so Bezeichneten den
Privatangestellten zugeschlagen, da bei öffentlich Bediensteten
erfahrungsgemäß die Funktion normalerweise näher umschrieben bzw.
genauer definiert wird, allein schon, weil eine Stellung im öffentlichen
Dienst auf Seiten der Exekutive besondere Aufmerksamkeit erregte und
auch für die Justiz und Regierungsstellen von Bedeutung war.

Förster, Forstadjunkten, Jäger, Aufsichtsjäger etc. in Kärnten werden


generell den Privatangestellten im Primärsektor zugeschlagen, da die
Bundesforste in Kärnten kaum über Besitz verfügten 166 und eine private
Anstellung deshalb wahrscheinlich ist.

Durch eine Sonderauswertung wird versucht, „höhere“ von den


„normalen“ Angestelltengruppen zu unterscheiden, wodurch eine
Verbindung mit den (akademisch) gebildeten Selbständigen möglich ist
und eine Art „Bildungs- oder Intelligenzmilieu“ kreiert werden kann.

3.5. Beamte (Angestellte, die mittelbar oder unmittelbar im öffentlichen


Dienst stehen)

Die gegenständliche Gruppe der Beamten 167 umfasst alle nicht manuell
tätigen, im weitesten Sinn im öffentlichen Dienst stehenden Personen.

Neben den im Textheft der Volkszählung 1934 unter „öffentlicher


Dienst“ genannten Kategorien Bundesverwaltung, Landesverwaltung,
Gemeindeverwaltung, Rechtspflege und Strafvollzug, Heerwesen,

166
Freundliche Auskunft von Dr. Norbert Weigl.
167
„Beamter, im weitern Sinn jeder, der gegen Gehalt im Dienst einer Person, eines
Gemeinwesens oder einer sonstigen Körperschaft thätig und ständig beschäftigt ist. In diesem Sinn
ist wohl auch zuweilen von den Beamten eines Privatmanns, z. B. eines Fabrikbesitzers, eines
Bergwerksinhabers, eines Bankinstituts, die Rede. Im engern und eigentlichen Sinn aber versteht
man unter einem Beamten den Inhaber eines öffentlichen Amtes und unterscheidet, je nachdem
dies Amt ein Hof-, Staats-, Kirchen- oder Gemeindeamt ist, zwischen Hof-, Staats-, Kirchen- und
Gemeindebeamten.“ (Meyers Konversationslexikon, Verlag des Bibliographischen Instituts,
Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885–1892, Stw. „Beamter“.)
158

religiöse Dienste und ausländische Hoheitsverwaltung werden hier auch


Berufskategorien zusammengefasst, die als „staatlich“ oder doch „quasi-
staatlich“ angesehen werden. Das wesentliche Kennzeichen dieser
Gruppe ist es, dass es keine Selbständigen gibt, sondern ausschließlich
Angestellte oder Arbeiter, und dass als Arbeitgeber „der Staat“ oder
quasi-staatliche Institutionen wie Sozialversicherungen, Krankenkassen,
Kammern etc. fungieren. Deshalb werden zu dieser Gruppe zusätzlich die
folgenden Wirtschaftsbereiche und Berufe gezählt: Eisenbahn sowie
jeder weitere öffentliche, nicht private Verkehr, Angehörige der Post,
Telefon- und Telegraphenverwaltung, Lehrer (von der Volks- bis zur
Hochschule) sowie Angestellte von Kammern und Sozialversicherungen
– im Grunde also alle Berufe und Dienste, die mittelbar oder unmittelbar
der öffentlichen Hand unterstellt waren. 168

Allerdings wäre es mehr als problematisch, gegensätzliche Arbeiter- und


Angestellten-(Beamten-)gruppen in einen Topf zu werden, die kaum
etwas miteinander zu tun haben und gedankenlogisch nur sehr schwer
zusammengefasst werden können. Hier künstlich ein einheitliche Gruppe
„öffentlicher Dienst“ zu schaffen, würde den Aussagewert stark
schmälern. Andererseits ist das Dienstverhältnis zu einem öffentlichen
Dienstgeber und somit die besonders starke Loyalitätsbindung an „den
Staat“ im weitesten Sinn ein markantes Merkmal, das nicht übergangen
werden sollte. Deshalb wird grundsätzlich zwischen öffentlich
bediensteten Arbeitern und Angestellten unterschieden; allerdings soll
der öffentliche Dienst auch einer Gesamtbetrachtung unterzogen werden.

168
Vgl. auch Bruckmüller, Sozialgeschichte, S. 495–497.
159

C.2 Arbeiter und andere „Lohnabhängige“ im österreichischen


Nationalsozialismus auf Basis von Stichproben aus der NS-
Mitgliederkartei (Gerhard Botz) 169

C.2.1 Vorbemerkungen

Erste Vorbemerkung: Es ist unter Historikern und Sozialwissenschaftlern


konsensual, zwischen dem Nationalsozialismus als (faschistischer) Bewegung
bzw. Partei und als Regime klar zu unterscheiden. Deshalb ist hier auch nur von
der NS-Bewegung und der NSDAP als Monopolpartei nach der Machtübernahme
die Rede, nicht vom Nationalsozialismus als Herrschaftssystem und dessen Politik
der Arbeiterschaft gegenüber. Daraus ergeben sich einige weitere Klarstellungen.

Zweite Vorbemerkung: Nationalsozialismus (wie andere Faschismen der


Zwischenkriegszeit) ist in seinen öffentlichen und politischen Dimensionen vor
allem „männlich“. Das heißt nicht, die Rolle von Frauen darin auszublenden. Im
Kontext dieses Referats verwende ich nur dort, wo Frauen besonders
hervorzuheben sind, auch die weibliche substantivische Form.

Dritte Vorbemerkung: Als faschistisch seien hier solche extrem-nationalistische


Parteien und (weniger straff organisierte) Bewegungen einschließlich ihres
organisatorischen Umfelds 170 verstanden, die neben ihrer antidemokratischen,
antisozialistischen und antikonservativen Programmatik (und Praxis) 171 auf eine
massenhafte klassenübergreifende Unterstützung abzielten bzw. sie auch
erlangten. Zu ihrer typischen Merkmalskombination gehören vor allem:

169
Erstmals veröffentlicht in: Hofmann/Schneider (Hgg.), ArbeiterInnenbewegung und
Rechtsextremismus, S. 35–61.
170
Bottomore, Political Sociology, S. 41–58.
171
Ich folge hier vor allem Linz, Some Notes Toward a Comparative Study of Fascism, S. 12 f.;
Payne, Fascism, S. 6–14.
160

paramilitärische Organisationsform und militaristischer Habitus, Führerglaube,


Gewaltkult und vernichtender Kampf gegen oft biologistisch begründete,
gesellschaftlich-kulturell vorhandene und radikalisierte Feindbilder (Anti-
semitismus, Fremdenfeindschaft). Dieses Syndrom hat sich, die erste Hälfte des
20. Jahrhunderts prägend, nach dem Ersten Weltkrieg zunächst in Italien und
Deutschland unter dem Einfluss verschiedener politisch-sozialwirtschaftlicher
Krisensituationen entwickelt. Faschismus erscheint als „Dritter Weg“, „weder
rechts noch links“. 172

Vierte Vorbemerkung: Im Faschismus an der Macht vereinen sich neue und alte
Eliten, Ordnungsdenken und „revolutionärer“ politischer Veränderungswille,
traditionale mit modernen Aspekten der Politik und Herrschaftstechnik, zum
politischen Inhalt werdende säkulare Liturgie und wirtschaftlich-technische
Effizienz; daraus werden erst der breite, mit Terror kombinierte Konsens und die
militärische Expansionskraft faschistischer Regimes erklärbar.

In modernen und relativ liberal-demokratisch verfassten Gesellschaften lässt sich


Faschismus, der typologisch an einem Extrem steht, in einem breiten Kontinuum
von rechter Politik verschiedener Ausprägungen lokalisieren, das vom
traditionellen Rechtskonservatismus über den Rechtsextremismus bis zum voll
entwickelten Faschismus reicht. Korporativer oder autoritärer Nationalismus und
elitärer Rechtsextremismus sind etwa in der Mitte dieses Spektrums
anzusetzen. 173

Fünfte Vorbemerkung: In Österreich entspricht außer dem Nationalsozialismus


(als Bewegung und Regime) nur die Heimwehr, insbesondere der Steirische
Heimatschutz, weitgehend dem Typus Faschismus, während die „Frontkämpfer-
vereinigung“ und diverse kleine militante monarchistische oder „völkische“
(Geheim-)Organisationen der Ersten Republik dem Rechtsradikalismus
zuzuordnen sind. Der sog. „Austrofaschismus“, die Diktatur Dollfuß’ und

172
Eatwell, Fascism, S. XXVI; Sternhel, Ni droite ni gauche.
173
Ich kann hier dieses Spektrum nicht ausführen und verweise nur auf: Payne, Geschichte des
Faschismus, S. 11–33, und Botz, Faschismus und „Ständestaat“.
161

Schuschniggs als Mischform aus Autoritarismus und Korporatismus mit


nationalsozialistischen und italienisch-faschistischen Imitaten „Halbfaschismus“
oder „Parafaschismus“ 174 – und deren christlich-soziale bzw. Heimwehr-
Komponenten, bleiben daher außer Betracht. Nationalsozialismus als
Kombination von nationalistischen (anti-internationalistischen), integralistisch-
völkischen und sozialpolitischen (pseudosozialistischen) Forderungen kann
parteientypologisch auch in einer nicht bzw. vor-faschistischen Form auftreten. 175

Sechste Vorbemerkung: Nationalsozialismus ist etwas im Zeitverlauf (in


Österreich 1903–1945) und über historische Zäsuren hinweg (etwa 1918, 1923,
1933, 1938) nicht gleich Bleibendes. Seine Proteus-ähnliche Wandlungsfähigkeit,
die sich nicht nur aus den sich ändernden historisch-gesellschaftlichen Kontexten,
sondern auch aus der jeweils unterschiedlichen organisatorischen Verfasstheit und
dem politischen Funktionswandel der Mitgliedschaft ergab, macht einen
longitudinalen Vergleich schwierig. Dementsprechend sind meine Ausführungen
(im Wesentlichen) chronologisch in fünf Abschnitte gegliedert, die jeweils
unterschiedliche Sozialprofile der NS-Bewegung bzw. der NSDAP zeigen
können. 176

Siebte Vorbemerkung: Für das individuelle, in (mikro-)soziale Prozesse


eingebundene politische Verhalten bedeutet es nicht das Gleiche, an einer
„Bewegung“ nur durch häufige Versammlungsbeteiligung und Eintragung in eine
Mitgliederliste teilzunehmen, oder einem durchbürokratisierten Apparat formell
mit allen Verpflichtungen beizutreten, oder einer verbotenen Partei in der
Illegalität die Stange zu halten, oder aus mehr oder weniger opportunistischen
Gründen die Mitgliedschaft in einer Monopolpartei anzustreben und in eine solche

174
Otto Bauer, Der Faschismus, S. 886; Griffin, The Nature of Fascism, S. 120–128; Borejsza,
Schulen des Hasses, S. 149–211; meine Position: Botz, Faschismus und „Ständestaat.
175
Botz, Faschismus und Lohnabhängige in der Ersten Republik, S. 111–115; Mommsen, Die
NSDAP: Typus und Profil einer faschistischen Partei, S. 24.
176
Botz, Strukturwandlungen des österreichischen Nationalsozialismus (1904–1945); ähnlich,
jedoch nicht inhaltlich gleich auch Paxton, The Five Stages of Fascism.
162

aufgenommen zu werden, oder eben nicht und nur Sympathie dieser Partei
gegenüber zu zeigen, sie geheim zu unterstützen oder sie zu wählen.

Dementsprechend kann man sich vereinfachend das „Nazi-Sein“ abgestuft


vorstellen, was nicht bedeutet, die Disposition zur Verübung von verbreche-
rischen Handlungen damit gleichzustellen. Es kann typisierend – gestützt auf
quantitative Daten – als eine Stufenpyramide politischen Involviert-Seins, wozu
auch quantitative Quellen vorliegen, gedacht werden, in der jeweils von Ebene zu
Ebene die sozialen und ideologischen Bindungen und Engagements zunehmen: 177

• Wählerschaft,

• Parteimitglieder,

• politische Aktivisten und mittlere Funktionäre,

• Militante (SA, SS, an Gewalttaten Beteiligte) und

• hohes Führungscorps.

Vor allem auf die zweitniedrigste dieser Teilnahme-Stufen, auf die Partei-
mitgliedschaft, beziehen sich hier meine Ausführungen. (Wie üblicherweise bei
anderen Parteien auch unterscheiden sich diese fünf Kategorien von National-
sozialisten je nach Sozial- und Altersprofilen, Geschlecht und regionaler Herkunft
etc. beträchtlich, was bei dem hier auf die NSDAP-Mitgliedschaft fokussierten
Blick nur angedeutet werden kann.)

Achte Vorbemerkung: Arbeiter“ verstehe ich hier im Sinne des mittel-


europäischen alltagssprachlichen Gebrauchs, der auch die Volkszählungen,
Staats- und parteibürokratischen Akte und in einem hohen Maße auch die
Selbstverständnisse der Parteimitglieder geprägt hat, bzw. eher von solchen
Ordnungsinstanzen und Standardisierungsprozessen erst geschaffen wurde. 178

177
Vgl. hierzu Duverger, Political Parties, S. 90–115.
178
Analog zu den „Angestellten“ (Botz, Angestellte zwischen Ständegesellschaft, Revolution und
Faschismus) folge ich hier vor allem dem Modell „Jugend“ bei Mejstrik, Totale Ertüchtigung und
spezialisiertes Vergnügen.
163

Dennoch kann man nicht einfach annehmen, dass das „Bild“ vom „Arbeiter/von
der „Arbeiterin“ in der österreichischen Gesellschaft der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts wirklich homogen gewesen ist. (Dies bedeutet auch, dass die zur
Analyse des Nationalsozialismus herangezogene Kategorie „Arbeiter“ selbst
fließend ist; sie unterschied sich im Nationalsozialismus und bei „völkischen“ und
deutschnationalen Gruppierungen mehr oder weniger von marxistischen oder
ständisch-konservativen Begriffen des „Arbeiters“.) 179

Neunte Vorbemerkung: Die sozialistischen und kommunistischen Arbeiter-


bewegungen beanspruchten von ihrem Selbstverständnis und ihren Gründungs-
konstellationen her – in Österreich und Deutschland weitgehend sozial-
geschichtlich zu Recht – politisch-sozial die „Arbeiter“ bzw. die „Arbeiterklasse“,
und besonders die Industriearbeiterschaft, zu repräsentieren. Da sich nicht auf
Dauer verleugnen ließ, dass Arbeiter und andere Angehörige der „Arbeiterklasse“
in den Sog des Faschismus geraten waren, 180 stellte sich die ältere Faschismus-
forschung immer wieder die Frage nach dem Ausmaß der Anziehung von
verschiedenen Kategorien von „Lohnabhängigen“ insbesondere durch den
Nationalsozialismus sowie nach den Ursachen hierfür. Dies war in der Tat solange
ein schier unlösbares Problem, als der oben erwähnte Monopolanspruch sozial-

179
Ein hier nicht auszuführendes Problem von eminenter Bedeutung zur Positionsbestimmung von
wie immer definierten Berufsgruppen und deren Einschätzung ihrer quantitativen Stärke/Schwäche
ist das Gesellschaftsmodell, das diesem Vergleich (auch mit den anderen Parteien) zugrunde gelegt
wird. Ich habe hier, ausgehend von der Volkszählung 1934 als Vergleichsbasis für eine Unter-
suchung über die nationalsozialistische Partei, aufgrund von deren Sozialcharakteristik, nicht die
Gesamtbevölkerung, sondern die Zahl der Erwerbspersonen („Berufsträger“) ohne mithelfende
Familienmitglieder, Lehrlinge, Hauspersonal und Hausfrauen genommen und als „Gesamt-
gesellschaft“ bezeichnet. Dies bedeutet eine Konzentration der Vergleichspopulation auf die
Erwachsenen und einen Teil der berufstätigen Jugendlichen (und die Studenten). Es ist klar, dass
die Antworten auf die Fragestellungen dieses Beitrages immer auch von dieser Vorentscheidung
abhängen.
180
Siehe allg. viele der informativen einzelnen Beiträge in: Ardelt/Hautmann (Hgg.),
Arbeiterschaft und Nationalsozialismus in Österreich; hierin auch mein Beitrag: Arbeiterschaft
und österreichische NSDAP-Mitglieder (1926–1945), dem ich hier oft folge. Hier und bei Botz,
Strukturwandlungen des österreichischen Nationalsozialismus (1904–1945) auch weitere
Anmerkungen und Quellennachweise.
164

deterministisch gerechtfertigt und dem Faschismus generell und dem National-


sozialismus im Besonderen ein mehr oder weniger „bürgerlicher“ und/oder
„kleinbürgerlicher“ Sozialcharakter zugeschrieben wurde. Dies gilt nicht mehr für
die jüngere von kulturgeschichtlichen, handlungs- oder einstellungsorientierten
oder epochenspezifischen Erklärungsansätzen inspirierte Faschismusforschung,
die seit den 1990er Jahren vor allem bei angelsächsischen Autoren vertreten
wird. 181 Ja, die Suche nach einer spezifischen sozialstrukturellen Basis des
Faschismus scheint vielen heute problematisch, und anderen „historischen
Tatsachen“ wie „Männlichkeit“, „Jugendlichkeit“ oder generationenspezifischer
„Prägung“,

sozialmoralischen Milieus und lokalen Umständen, aber auch ideologischen und


kulturellen Faktoren wird ein größerer Erklärungsgehalt beigemessen. 182 Vor
allem wird auch auf die regionale und zeitliche Variabilität der Erfolgs- und
Resistenzkriterien beim Aufstieg der einzelnen faschistischen Bewegungen mehr
Gewicht gelegt, so dass kaum mehr von dem Faschismus oder
Nationalsozialismus und dessen „sozialer Basis“ im Singular oder als
zeitübergreifender Konstante gesprochen wird (siehe sechste Vorbemerkung). 183
Dennoch oder gerade deswegen können auch „alte“ Fragen nach den
Sozialstrukturen des Nationalsozialismus (und anderer Faschismen) aus

181
Sven Reichardt, Was mit dem Faschismus passiert ist; Griffin, Nazism’s „Cleansing Hurricane“
and the Metamorphosis of Fascist Studies. Umfassender Überblick: Griffin/Feldman (Hgg.),
Fascism; global vergleichend: Stein (Hg.), Fascism Outside Europe; darin vor allem: Eatwell,
Universal Fascism? Reichardt, Neue Wege der vergleichenden Faschismusforschung; Gentile, Der
Faschismus; Pinto, Back to European Fascism.
182
Griffin, Roger: The Nature of Fascism; Reichardt, Neue Wege der vergleichenden Faschismus-
forschung, S. 385 f.; Hanisch, Bäuerliches Milieu und Arbeitermilieu in den Alpengauen. Eine
konsequente und überzeugende Anwendung des Milieumodells (Lepsius, Extremer Nationalismus)
bei Schmiechen-Ackermann, Nationalsozialismus und Arbeiterbewegung.
183
Siehe bereits Botz, The Changing Patterns of Social Support for Austrian National Socialism
(1918–1945).
165

historischer oder soziologischer Perspektive in neuem Lichte gestellt und


beantwortet werden. 184

C.2.2 Vorfaschistischer Nationalsozialismus als Angestellten- und


Beamtenpartei (1903–1920)

In Österreich reicht der Nationalsozialismus organisatorisch an die Zeit um 1900


zurück, als in Nordböhmen die „Deutsche Arbeiterpartei“ (DAP) entstand. Ihre
Entstehungsbedingungen waren durch eine Überlagerung der industriellen
Konflikte in einer ungleichmäßig fortgeschrittenen industriell-kapitalistischen
Gesellschaft durch spezifische nationale Probleme dieser Region
185
gekennzeichnet. Die überwiegend deutschsprachigen Facharbeiter, Angestellten
und öffentlich Bediensteten der böhmischen Randgebiete standen nicht nur im
ökonomischen Gegensatz zu den besitzenden und leitenden Klassen, sie sahen
sich häufig vor allem seitens der Tschechen durch die Zuwanderung, auf dem
Arbeitsmarkt, im Betrieb, in der politischen Arena (Sprachenpolitik) und in ihrer
sozialen Geltung in einer drohend empfundenen Konkurrenzsituation, die von der
verspätet vom Industrialisierungsprozess erfassten und weniger qualifizierten
Arbeiterschaft der böhmischen Kerngebiete ausging. Für einen Teil der deutsch-
sprechenden Bergleute, Textilarbeiter, Eisenbahner, Handlungsgehilfen, Beamten
dieser nationalen und sozialen „Kampfzone“ stand daher, anders als für die
prinzipiell (nicht so sehr in der Praxis) international orientierte sozialdemo-
kratische Arbeiterbewegung, die nationale Frage im Zentrum ihrer wirtschaftlich-
sozialen Interessenwahrnehmung. Die seit den 1890er Jahren entstehenden
deutschnationalen „Arbeiter“-Verbände innerhalb des deutschnational-

184
Mann, Fascists; Paxton, Anatomie des Faschismus; auch Paxton, The Dark Side of Democracy.
185
Zum Kontext mit den tschechischen Vereinen und Parteien siehe vor allem: MaliY, Die Parteien
in Mähren und Schlesien und ihre Vereine; siehe auch: Pokorny, Vereine und Parteien in Böhmen.
166

“völkischen“ Parteienspektrums 186 suchten daher gegen ihre nationalistischen


Mitstreiter aus den bürgerlichen Schichten spezifische Arbeitnehmer-Interessen
und gewerkschaftliche Ziele einerseits mit klassenharmonischen Standpunkten
und andererseits mit dem Festhalten an der gemeinsamen deutschnationalen und
deutsch-“völkischen“ Programmatik zu vereinen.

Diese deutschsprachigen Arbeitnehmer – würde man heute sagen – scheinen vom


internationalistischen und klassenkämpferischen Sozialismus keine unmittelbare
Vertretung ihrer sozialpolitischen Interessen erwartetet zu haben, effizienter war
es für sie, Sozialprotektionismus durch nationalen Protektionismus anzustreben. 187
1903/04 griffen daher Führer dieser deutschnationalen Gewerkschaften zur
besseren Absicherung ihrer Interessen auf die Politik das auf und gründeten eine
eigene Parteiorganisation. Dieser parteipolitische Arm der „völkischen“ Gewerk-
schaften war die DAP. 188 In ihr lag schon in nuce jenes ideologische und
interessenpolitische Grundmuster vor, aus dem später unter den Bedingungen der
Nachkriegszeit, etwa auch in Bayern und in Norditalien, faschistische
Bewegungen entstehen sollten.

Die DAP, die Anfang 1918 die Bezeichnung „nationalsozialistisch“ in den


Parteinamen aufnahm und sich sodann „Deutsche Nationalsozialistische Arbeiter-
partei“ (DNSAP) nannte, blieb eine Splitterpartei, die nur allmählich im Gebiet
der späteren österreichischen Republik Fuß fassen konnte. Bei den Reichsrats-
wahlen von 1911 erreichte sie mit rund 26.000 Stimmen in der ganzen
österreichischen Reichshälfte einen Bruchteil der Sozialdemokratischen
Arbeiterpartei. Ihr Parteiprogramm enthielt neben deutschnationalen und
antisemitischen auch zahlreiche demokratische und sozialreformerisch-
antikapitalistische Forderungen, so dass die DAP (und später die DNSAP) im

186
Am umfassendsten: Höbelt, Kornblume und Kaiseradler, und: Judson, Exclusive
Revolutionaries.
187
Ähnliches wurde auch für den italienischen Frühfaschismus Mussolinis festgestellt:
Sternhel/Sznajder/Asheri, Die Entstehung der faschistischen Ideologie, S. 270 f.
188
Nunmehr: Wladika, Hitlers Vätergeneration, S. 516–576.
167

Spektrum der österreichischen Parteien nicht allzu weit vom rechten, deutsch-
nationalen Flügel der Sozialdemokratie Engelbert Pernerstorfers oder Franz
Schuhmeiers einzuordnen ist. Als faschistisch im eigentlichen Sinn kann sie noch
nicht bezeichnet werden. Auch in sozial-klassenmäßiger Hinsicht haben
Führungsschicht und Wählerschaft der DNSAP eine Mittelposition zwischen der
Sozialdemokratie und den bürgerlich-liberalen Parteien eingenommen.

1918 spalteten die neuen Staatsgrenzen die DNSAP in drei Teile, in einen
größeren, in der Tschechoslowakei weiterhin agierenden Zweig, in einen auf
Polen entfallenden kleinen Splitter und in eine deutschösterreichische Partei-
organisation. Das bedeutete eine empfindliche Schwächung der national-
sozialistischen Partei in Österreich, was sich auch in den Wahlergebnissen zeigte.
Unter ihrem neuen Führer Dr. Walter Riehl erlangte sie 1919 in der österreichi-
schen Republik nur rund 23.000 (oder 0,78 Prozent der abgegebenen) Stimmen.
Auch während der beiden folgenden Jahre trat keine wesentliche Verschiebung in
der Attraktivität und der Berufs- und Klassenstruktur der DNSAP ein. Ob diese
österreichische alte nationalsozialistische Partei „der eigentliche Vorläufer“ auch
der deutschen Nationalsozialisten war, wird unterschiedlich beurteilt. Während
diese These etwa der deutsche Politikwissenschaftler Karl Dietrich Bracher
betont, lehnt der amerikanische Historiker George L. Mosse eine solche, „die
Schuldenlast auf die unter österreichischer Herrschaft stehenden Grenzgebiete“
abwälzende These ab. 189 Ich selbst folge der ersteren Antwort, wobei eher ein
indirekter Transfer von Ideen auf das Nachkriegs-München und die von Wien her
gegebene Vertrautheit Hitlers mit der „völkischen“ Parteienlandschaft Österreichs
anzunehmen sind. 190

189
Mosse, Die völkische Revolution, S. 277; gegenüber: Bracher, Die deutsche Diktatur, S. 53–59,
und Jagschitz, Die Nationalsozialistische Partei, S. 231.
190
Siehe dazu allg.: Hamann, Hitlers Wien. Ich folge hier und in den Abschnitten 2 bis 5 weit-
gehend meinen Aufsätzen: Strukturwandlungen, S. 163–193; Quantitative Analyse der Sozial- und
Alterstruktur der österreichischen NSDAP-Mitglieder (1926–1945), S. 63–72 (hier auch allg.
Literatur- und spezifische Quellenangaben). Auch Mann, Fascists, S. 139–176 folgt meinen
Einschätzungen und vertieft sie.
168

C.2.3 „Entwurzelte“ und jugendliche Gewaltbereitschaft im NS-Früh-


faschismus (1921–1926)

Erst im weiteren Verlauf der Geschichte der Ersten Republik wurde die DNS AP
zur Keimzelle des Nationalsozialismus Hitlerscher Richtung in Österreich, die
sich nach mehrfachen Krisen und Spaltungen als „NSDAP-Hitlerbewegung“
schließlich auch organisatorisch ausgliederte und später anwachsend die übrigen
nationalsozialistischen Splittergruppen wieder aufsog. Entscheidend für die
weitere Entwicklung des österreichischen Nationalsozialismus wurde, dass ihre
Führer schon Ende 1919 beschlossen, mit ausländischen Nationalsozialisten, vor
allem mit den deutschen, Kontakt aufzunehmen, und 1920 bis 1922 diesen in
einer intensiven Zusammenarbeit fortsetzten.

In dem Maß, wie sich Hitler im bayrischen Nationalsozialismus durchsetzte,


wurde auch der deutsche Einfluss innerhalb der österreichischen Partei stärker.
Die soziale Hauptursache dafür ist – neben den Nachwirkungen des Ersten
Weltkriegs und des Zerfalls des habsburgischen interdependenten Wirtschafts-
raumes – in der nach dem Ende der Inflation von Bundeskanzler Seipel
durchgeführten „Genfer Sanierung“ zu sehen, die zu Massenentlassungen von
Beamten und Angestellten und zu einem sprunghaften Ansteigen der Arbeits-
losigkeit führte. Die Unzufriedenheit des „neuen Mittelstandes“ hat im selben
Zeitraum den raschen Anstieg der nationalsozialistischen Bewegung mitbedingt.
Angeblich zählte die nationalsozialistische Partei Mitte 1923 34.000 ein-
geschriebene Mitglieder, ihrer mit deutscher Hilfe organisierten paramilitärischen
„Ordnertruppe“ gehörten angeblich 9800 Mitglieder an und es gab eine durch
Antisemitismus und Gewaltaufforderungen hervorstechende NS-Tages- und -
Wochenpresse. Eine Beteiligung an Wahlen lehnte die Mehrheit der NS-
Funktionäre, der Münchner putschistischen Taktik folgend, in dieser Phase ab.

In diesen Jahren verzeichnete der österreichische Nationalsozialismus einen


Schub von durch die Proletarisierung betroffener Krisen-Absteiger. Vor allem war
169

auch ein Zustrom von Schülern und Lehrlingen, die von der Arbeitslosigkeit
bedroht waren, und von Studenten zu beobachten, die, durch den Weltkrieg
„entwurzelt“, vielfach erst ihr Studium begonnen hatten, als ihre beruflichen
Erwartungen durch die Nachkriegskrise zusammenbrachen. Lehrer, Schulvereins-
mitglieder und „deutsche Turner“ spielten bei der Gewinnung der Jugend für den
Nationalsozialismus eine wichtige Rolle. Neben ehemaligen Offizieren und
Unteroffizieren, die trotz ihres meist jungen Alters in der republikanischen Armee
keine Aufnahme fanden, waren es gerade die zuletzt genannten Gruppen, die zu
den aktivsten Mitgliedern des frühen Faschismus aller Richtungen, nicht nur des
Nationalsozialismus, wurden. Daher sank das Durchschnittsalter dieser
frühfaschistischen militanten Nationalsozialisten auf etwa 23 Jahre (!). Auch
bestanden in dieser Zeit enge personelle und teilweise auch organisatorische und
ideologische Verknüpfungen mit rechtsradikalen Gruppen des katholisch-
konservativen „Lagers“ wie der „Ostara“ und der „Frontkämpfervereinigung“.

Von besonderer Bedeutung für den frühen Nationalsozialismus in Österreich


blieben weiterhin die „völkischen“ Gewerkschaften, mit denen Nationalsozialisten
und andere deutschnationale Berufs- und „Standes“-Verbände kooperierten. Die
einzelnen parteipolitisch unabhängigen „nationalen“ Gewerkschaftsorganisationen
waren im „Deutschen Gewerkschaftsbund für Österreich“ zusammengefasst.
Zusammen zählten diese Gewerkschaften nach einem steilen Mitgliederanstieg
schon 1923 über 45.000 Mitglieder, und erreichten 1928 ihr Maximum mit 51.247
Mitgliedern. Sie erfassten damit allerdings nur etwa 5 Prozent der Gewerkschafts-
mitglieder aller politischen Richtungen. Die deutschnationalen Gewerkschaften
waren zunächst ein vorrangiges Rekrutierungsfeld des frühen Nationalsozialismus
in Österreich, woraus die weiterhin anhaltende besondere Dominanz der
Angestellten und Eisenbahnbeamten in seinen Reihen resultierte. 191 Dies ist ein
markanter Unterschied des österreichischen Nationalsozialismus von seinem
deutschen Pendant.

191
Botz, Gerhard: Das Organisationsverhalten der österreichischen Angestellten (und Beamten)
von 1880 bis 1938, S. 255–284.
170

Der in Österreich schon vor dem Münchner Hitlerputsch einsetzende innere


Zerfall des Nationalsozialismus und die allmähliche Besserung der wirtschaft-
lichen Lage wirkten sich auch in Österreich in einem Mitglieder- und Anhänger-
verlust der Parteiorganisation aus. Nachdem noch die Abspaltung des langjährigen
Parteiobmannes Walter Riehl, der 1924 eine eigene, bedeutungslose Gruppe, den
„Deutschsozialen Verein“, gründete, ohne tiefere Auswirkungen geblieben war,
kam es im Mai 1926 zur endgültigen Spaltung des österreichischen National-
sozialismus in eine Gruppe um den Parteiobmann Karl Schulz und in eine Gruppe
unter Hitlers Führung. Behielt erstere den alten Parteinamen und eine gemäßigte
Orientierung bei, so band Hitler seine Anhänger streng an die Münchner
Parteileitung und an deren politische Grundsätze. Er gab seiner Partei die
Bezeichnung „NSDAP Österreichs (Hitler-Bewegung)“. Zahlenmäßig zunächst
annähernd gleich stark, erlangte die Hitlerbewegung in den folgenden Jahren ein
immer stärkeres Übergewicht. Mit Hitlers innerparteilicher Machtübernahme in
Österreich ging auch die Aufgabe des Anspruchs der österreichischen NSDAP
einher, primär eine Arbeiterpartei zu sein. Hitler setzte seine Meinung von einer
„volksparteiartigen“ Bewegung, die nunmehr voll die faschistischen Merkmale
zeigte, durch. 192

Schulz dagegen vertrat weiterhin die Meinung, dass die nationalsozialistische


Partei, deren Mitglieder zum größten Teil „Lohnabhängige“ und in den
„völkischen“ Gewerkschaften organisiert seien, mit diesen zusammenarbeiten
müsse. Seine Richtung vertrat in der Folge immer schwächer werdend den
Arbeitnehmerflügel des österreichischen Nationalsozialismus, während die
Hitlerbewegung vor allem auch selbständige „Mittelständler“ anzog.

Die Heimwehr, die sich nach 1927 weniger aus unmittelbar wirtschaftlichen denn
sozialpsychologischen Gründen (bürgerliche Angstpropaganda nach dem
Justizpalastbrand und den Unruhen des 15. Juli 1927 in Wien) und wegen der von

192
Umfassende Darstellung hierzu und zu vielen Bereichen: Pauley, Der Weg in den
Nationalsozialismus; vgl. dazu auch: Carsten, Faschismus in Österreich; Jagschitz, Der Putsch;
Garscha, Nationalsozialisten in Österreich 1933–1938.
171

einheimischen Unternehmern und von Italien und Ungarn verstärkt erfolgenden


Unterstützung stürmisch entwickelte, war bis Ende der zwanziger Jahre eine
wirkungsvolle Konkurrenz, die einen Massenaufschwung der NSDAP
verhinderte. Sie saugte als „Volkspartei“ nicht nur einen Teil der früher
nationalsozialistischen Anhänger, vor allem Arbeiter in der Oststeiermark, ab,
sondern blockierte auch die Ausdehnung der Nationalsozialisten auf die
ländlichen Gebiete, solange die Heimwehr eine noch ungebrochene Bewegung
war. 193

C.2.4 Aufstieg zur Massenbewegung und Verbreiterung des sozialen Profils


(1927–1932)

Obwohl sich die NSDAP (Hitler-Richtung) schon 1926/27 organisatorisch zu


festigen begann, erreichte sie bei den Nationalratswahlen des Jahres 1927,
gemeinsam mit einer anderen deutschnationalen Splittergruppe als
„Völkischsozialer Block“ auftretend, nicht einmal das Ergebnis der DNSAP von
1919/1920. Auch als die Weltwirtschaftskrise Österreich erfasst hatte und jeder
zehnte Erwerbsfähige arbeitslos war, erreichte sie bei den Nationalratswahlen
1930 und bei den Landtagswahlen in Oberösterreich 1931 nur knapp 3 Prozent.

Doch als der Putschversuch des Steirischen Heimatschutzes unter Walter Pfrimer
am 13. September 1931 gescheitert war und schon jeder fünfte Österreicher einen
Arbeitsplatz suchte, erhielt die NSDAP verstärkten Auftrieb. Zudem wurde sie
durch einen von Hitler entsandten Emissär, Theo Habicht, nach deutschem
Vorbild reorganisiert, was ihre Schlagkraft weiter erhöhte. Der entscheidende
Durchbruch zur Massenpartei gelang ihr jedoch erst bei den Landtags- und
Gemeinderatswahlen im Jahre 1932, bei denen insgesamt zwei Drittel der
Wahlberechtigten Österreichs zu den Urnen gingen. Bei diesen Landtagswahlen
erreichte die NSDAP in den Bundesländern Wien, Niederösterreich, Salzburg

193
Wiltschegg, Die Heimwehr; Pauley, Hahnenschwanz und Hakenkreuz; Schneeberger,
Sozialstruktur der Heimwehr in Oberösterreich.
172

sowie Vorarlberg zusammen immerhin rund 16 Prozent, allerdings nur halb so


viele wie im Deutschen Reich im selben Jahr. Das NSDAP-Wachstum in
Österreich hinkte etwa zwei Jahre dem in der Weimarer Republik insgesamt
hinterher, in dieser Hinsicht glich es eher dem Muster, das sich auch in den
katholischen Gebieten Deutschlands, insbesondere in Bayern, zeigte.

Dieser dennoch beachtliche Wahlerfolg ist auf beträchtliche Wählerwanderungen


zurückzuführen. Obwohl diese zwischen Wien und der „Provinz“ stark
differierten, kann man ein gemeinsames Muster feststellen. (Verschiebungen von
Wähler- und Nicht-Wähler-Potentialen haben dabei eine geringe Rolle gespielt).
Eine neuere wahlanalytische Untersuchung des deutschen Historikers Dirk
Hänisch 194 hat zu einem großen Teil die Ergebnisse früher 195 Wahlanalysen
präzisiert. 196

Zunächst gelang es dem Nationalsozialismus, den größten Teil der Wähler der
Partei des deutschnational-liberalen städtischen Bürgertums, der „Großdeutschen
Volkspartei“, und einen beträchtlichen Teil der deutschnationalen Bauernschaft,
des „Landbundes“, aufzusaugen, ein Trend, der sich bis 1933 in Süd- und
Westösterreich fortsetzte, ohne jedoch zu einem stärkeren Einbruch in die
katholisch-konservative Landbevölkerung zu führen.

Sodann ist dem Nationalsozialismus, allgemein gesehen, kein wirklich


umwälzender Einbruch in den christlichsozialen „Mittelstand“ und in die
sozialdemokratische Arbeiter- und Angestelltenschaft gelungen. Wo allerdings
auf regionaler Ebene eines der beiden großen politisch-kulturellen Lager
zahlenmäßig, organisatorisch und ideologisch schwach vertreten war und sich
nicht auf eine starke oder ungebrochene politische „Lager“-Subkultur stützen
konnte, gelangen dem Nationalsozialismus auch Einbrüche in das katholisch-
konservative „Lager“ und in die Sozialdemokratie. Daher gingen die national-

194
Hänisch, Die österreichischen NSDAP-Wähler, S. 235 ff.
195
Simon, The Political Parties of Austria, New York 1957, S. 153 ff.; siehe auch: Robert
Danneberg, Die Wietier Wahlen 1930 und 1932, Wien 1932.
196
Vgl. Botz, Austria.
173

sozialistischen Wahlgewinne in einigen großen Städten und in Wien stark auf


Kosten der Christlichsozialen und in den schwach oder nicht industrialisierten
Gebieten und Städten im ländlichen Umfeld auch stark auf Kosten der
Sozialdemokratischen Partei. Nicht zufällig ist es, dass auch noch nach 1945 der
Anteil der ehemaligen Nationalsozialisten unter den SPÖ-Funktionären in Tirol,
Kärnten, in der Steiermark und in Vorarlberg bedeutend höher als in Wien war. 197

Schließlich ging die in Auflösung begriffene Heimwehr zum Teil und wiederum
in regional stark wechselndem Ausmaß zum Nationalsozialismus über, und zwar
überall dort, wo deutschnationale Tendenzen schon immer stark gewesen waren,
also vor allem in Südösterreich. 198 Auch Protestanten, die 1934 in ganz Österreich
nur 4,4 Prozent der Bevölkerung ausmachten, tendierten überdurchschnittlich
stark zum Nationalsozialismus, was allerdings nicht wahlentscheidend war.

Obwohl keine bundes- oder landesweiten Wahlen in dem zunehmend diktatorisch


regierten Österreich durchgeführt werden konnten, kann man sagen, dass der
Nationalsozialismus auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise weiterhin
zugenommen hat. Am größten war sein Erfolg in den gesellschaftlich relativ
modernisierten Gebieten vor allem der Steiermark und Kärntens, teils auch in
Wien. Besonders fasste er in solchen städtisch- und ländlich-industriellen
Gebieten Fuß, die einerseits aufgrund ihrer „alten“ Industrien und ihrer Branchen-
struktur stark krisenanfällig waren und andererseits in einem sozialstrukturellen
Nahe-, wenn nicht Mischungsverhältnis mit besonders traditionellen agrarischen
Gebieten standen; hier traten auch soziale und politische Konflikte häufig
besonders gewaltsam auf. Schlagendes Beispiel hierfür ist die Obersteiermark.

Es ist nicht überraschend, dass mit diesem raschen Wachstum auch eine
Wandlung des sozialen Charakters der NSDAP einherging. Das vorläufige
Ergebnis meiner Untersuchung zur berufssozialen Gliederung der NSDAP ist in

197
Sottopietra/Wirth, Ehemalige NationalsozialistInnen in der SPÖ, S. 274 f.
198
Siehe: Elste/Hänisch, Auf dem Weg zur Macht; Falter/Hänisch, Wahlerfolge und Wählerschaft
der NSDAP in Österreich 1927 bis 1932; Albrich/Meixner, Zwischen Legalität und Illegalität;
Botz/Müller, „Zentren und Peripherien“ im Lichte von Wahlergebnissen der Ersten Republik.
174

vereinfachter Form als Säulendiagramm (siehe Grafik auf der folgenden Seite)
dargestellt. 199 Das Sozialprofil der Österreicher, die der NSDAP beitraten,
variierte in den verschiedenen Zeitabschnitten (horizontal verglichen) stark (die
Blöcke der NS-Beitretenden sind dementsprechend unterschiedlich breit
dargestellt), so dass man kaum von einer gleichbleibenden Sozialstruktur der
NSDAP sprechen kann. Damit korrespondiert die Beobachtung, dass die
einzelnen Mitglieder bis 1938 selbst ungeheuer stark fluktuierten. So verließen
vor 1938, d.h. bevor die Machtübernahme eine starke politische Kontrolle auch
über die eigenen Parteimitglieder legte, schon nach kurzer Zeit wieder 40% die
NSDAP, um zum Teil bald aufs Neue wieder einzutreten.

199
Botz, Strukturwandlungen, S. 185. Das Stichprobenverfahren ist dargelegt in meinem Beitrag:
Die österreichischen NSDAP-Mitglieder. Allg. siehe auch: Jagschitz, Der Putsch, S. 20–43;
Jagschitz, Die Anhaltelager in Österreich (1933–1938.
175

Grafik: Berufssoziale Gliederung der in die NSDAP Eintretenden zwischen 1926 und 1945

(Die Sozialstruktur bezieht sich nur auf Erwerbstätige und Studenten. Die Breite der Säulen
entspricht der Anzahl der im jeweiligen Zeitraum bzw. zum fiktiven Aufnahmedatum
beigetretenen NSDAP-Mitglieder. Die Säule ganz rechts symbolisiert als Vergleichswert die
Sozialstruktur aller Erwerbstätigen in Österreich nach der Volkszählung 1934.)

Quelle: Berechnungen nach eigener Zufalls-Stichprobe (n = 1264) aus der großen Mitgliederkartei
im BDC 1976/77, heute im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde.

Beim Vergleich mit der berufssozialen Gliederung der Gesamtbevölkerung fällt


auf, dass unter den Mitgliedern bis 1932 Privatangestellte und öffentlich
Bedienstete um mehr als das Zweifache und Freiberufler und Studenten noch um
ein Vielfaches überrepräsentiert waren. 1933 begannen sich diese Verhältnisse
eher auszugleichen oder umzukehren. Im selben Zeitraum nahmen die Anteile der
Selbständigen und der Bauern, die anfangs stark unterrepräsentiert waren, zu.
176

Aber auch der Anteil der nichtagrarischen Handarbeiter stieg mit der
Verschlechterung der Wirtschaftslage, um während der Dauer der Krise relativ
hoch, jedoch immer unter dem Arbeiteranteil in der gesamten erwerbstätigen
Bevölkerung (ohne mithelfende Familienangehörige 1934 rund 50 Prozent) 200 zu
bleiben. Es wäre daher falsch, den österreichischen Nationalsozialismus in der
Phase, in der sich seine Mitgliedschaft in einer relativ freien sozialen Dynamik
entwickeln konnte, als Partei des selbständigen Kleinbürgertums, oder gar als
Arbeiterpartei 201 zu bezeichnen. Dennoch war, für sich betrachtet, auch der
Arbeiteranteil unter den NS-Mitgliedern aller Teilperioden mit 18 bis 31%
beträchtlich hoch. 202 Eher war die NSDAP in ihrer Früh- und Aufstiegsphase eine

Partei der Angestellten und öffentlich Bediensteten, vor allem bei Bahn und Post,
mit einer kräftiger werdenden alt-mittelständischen Komponente (Selbständige).
Auch für eine Charakterisierung als umfassende Volkspartei im eigentlichen Sinn
fehlten entsprechende Bauern- und Industriearbeiteranteile.

Über die sozialen Ursachen und kollektiven Motivationen des Zustroms zum
Nationalsozialismus lassen sich noch kaum präzisere Aussagen machen. Verfehlt
erschiene es jedoch, das NS-Mitgliederwachstum der direkten Wirkung von
Arbeitslosigkeit zuzuschreiben, etwa in der Form, dass Arbeitslose generell in
Massen in die NSDAP geströmt seien, gleich ob sie arbeitslose Industriearbeiter,
Handwerker, Angestellte oder entlassene Beamte, Menschen kurz vor ihrer
Pensionierung oder junge Leute, die überhaupt noch niemals einen festen
Arbeitsplatz erlangt hatten, waren. Allerdings waren diejenigen Arbeiter und
Angestellten, die erst in dieser Phase NSDAP-Mitglieder wurden, tatsächlich
häufig arbeitslos.

200
Ich gehe von einem Vergleichswert der Arbeiter in der Gesamtgesellschaft von 53,5% der
Erwerbstätigen aus, während Faßmann, Der Wandel der Bevölkerungs- und Sozialstruktur in der
Ersten Republik, S. 19 einen Arbeiteranteil von 47,4% von den Berufstätigen des Jahres 1934
annimmt.
201
Vgl. Bauer, Arbeiterpartei?
202
Vgl. auch: Kirk, Nazism and the Working Class in Austria, S. 29 f.
177

Viel deutlicher ist die NSDAP bis in die 30er Jahre allerdings als Männerpartei
und als Jugendpartei, eigentlich als Partei junger Männer zu charakterisieren, ein
Bild, das sich in abgeschwächter Form auch in ihrer Wählerschaft findet. So
betrug der Frauenanteil – im Gegensatz zum vorfaschistischen alten National-
sozialismus 203 – bis 1932 unter den der Partei Beitretenden nur 6 bis 8 Prozent,
und auch 1933 war er nicht größer als 12 Prozent. Unter den „Illegalen“ erreichte
er bereits 28%, um ab 1943 auf 36% anzusteigen. Bei den Wahlen lagen die
Prozentsätze der Frauen, die die NSDAP wählten, jeweils deutlich unter denen der
Männer. Bei den Nationalratswahlen 1930 votierten um fast ein Drittel weniger
Österreicherinnen als österreichische Männer für die damals noch relativ kleine
NSDAP, bei den Landtagswahlen 1932 war dieser geschlechtsspezifische Abstand
in Wien auf ein Sechstel, und in Oberösterreich und Salzburg auf etwa ein Viertel
geschrumpft. Diese Geschlechterdifferenz im Wahlverhalten war in den
städtischen Zentren immer kleiner als in ländlichen Gebieten. 204

Die durch vielfältige Quellen belegte Jugendlichkeit der NS-Bewegung –


vergleichbar nur mit jener der Kommunisten 205 – kommt darin zum Ausdruck,
dass über 52% aller NSDAP-Mitglieder (gegenüber 30% in der über 18-jährigen
Bevölkerung) zum Zeitpunkt ihres Parteieintritts erst 30 Jahre alt oder jünger
waren. Nahezu 80% aller Neu-PGs waren maximal vierzigjährig. Ältere PGs
machten nur 20% aller Mitglieder aus. Das arithmetische Mittel der NSDAP-
Beitretenden zwischen 1926 und 1933 betrug daher nur rund 32 Jahre. Die
Altersstruktur der neuen NSDAP-Mitglieder verschob sich jedoch in den
folgenden Jahren fast entsprechend dem Fortschreiben der Jahre nach oben, um
erst wieder nach 1942 zu sinken. Vor allem solche Männer, die zwischen 1894
und 1903 bzw. 1904 und 1913 geboren waren, wurden vom Nationalsozialismus,
seit er seine faschistische Dynamik erlangt hatte, besonders angezogen. Gerade

203
Diese Einschätzung ergibt sich aus einer Liste der KandidatInnen der DNSAP.
204
Allg. Hänisch, Die österreichischen NSDAP-Wähler, S. 239–252; eigene Berechnungen nach
den Daten auf S. 426 f.
205
Siehe Jagschitz, Anhaltelager, S. 150; Merkl, Comparing Fascist Movements, S. 768.
178

diese Jahrgänge waren es auch, die in der unmittelbaren Vorkriegszeit und


während des Ersten Weltkrieges („Kriegsgeneration“) oder erst nach 1918
(„Nachkriegskriegsgeneration“) die wesentlichen Phasen ihrer Persönlichkeits-
bildung und politischen Sozialisation durchlaufen hatten. Bei den einen hatten
patriotische Begeisterung und das „Fronterlebnis“ die ideologische Bereitschaft
für jenes Syndrom geweckt, das mit „Volksgemeinschafts“-Ideologie
umschrieben wird. 206 Bei den anderen dürften der Schock des Zusammenbruchs
der alten Ordnungen, Revolutionsangst und nationale Konflikte prägend
geworden sein. Generell waren der „Kult der Gewalt“ und das Überwiegen
militärischer Lebensformen in der Jugendkultur der zwanziger Jahre günstige
Voraussetzungen für dieses rapide Anwachsen des Faschismus.

C.2.5 Ländliche arbeitslose „Burschen“ 207 und desorientierte städtische


Arbeiter in der illegalen NSDAP (1933–1938)

Nach der Machtübernahme im Deutschen Reich führte die gesteigerte national-


sozialistische Terrortätigkeit am 19. Juni 1933 zum Verbot der NSDAP und ihrer
Gliederungen in Österreich. Ein Großteil der Parteiführer und der Militanten
flüchtete nach Bayern, ein Teil auch nach Jugoslawien, und setzte von dort aus
seine Tätigkeit fort; deshalb wurden 11.000 illegale Nazis vom „Christlichen
Ständestaat“ ausgebürgert. Über 10.000 geflohene NS-Aktivisten – nach
deutschen Angaben gab es sogar 35.000 bis 40.000 ins „Reich“ geflüchtete
Österreicher mit ihren nachkommenden Angehörigen – wurden in Deutschland als
„Österreichische Legion“ in SA-Einheiten zusammengefasst und versuchten von
dort aus terroristisch und paramilitärisch das österreichische autoritäre Regime zu

206
Merkl, Political Violence Under the Swastika, vor allem S. 668–678; Merkl, The Making of a
Stormtrooper, S. 107–119.
207
Ich folge hier einer Bezeichnung Bauers, Elementar-Ereignis; ähnlich auch: Klösch, Des
Führers heimliche Vasallen.
179

destabilisieren, was im Vorfeld des Juliputsches besonders relevant wurde. 208 In


Österreich konnte die illegale NSDAP bald wieder ihre durch das Betätigungs-
verbot eingetretene organisatorische Schwäche überwinden. Am 25. Juli 1934
kam es, von der Wiener SS ausgehend, zu einem Putschversuch, bei dem
Bundeskanzler Dollfuß ermordet wurde. 209 In der Steiermark und in anderen
Bundesländern im Süden und Westen brachen parallel oder verspätet anlaufende
Aufstände der illegalen SS und der SA, zu der ein Großteil des Steirischen
Heimatschutzes übergegangen war, aus. 210 Das rasche Scheitern dieses Umsturz-
versuches führte zunächst zu starken Desorganisationserscheinungen in der
NSDAP. Das progressive Anwachsen der Parteimitglieder bis Juli 1934 auf
schätzungsweise 87.000 verflachte sich zwar zunächst, ging jedoch weiter und
kulminierte neuerlich zwischen dem Berchtesgadener Abkommen vom
12. Februar 1938 und dem Vorabend des „Anschlusses“ (Stand ca. 164.000). 211

Über die damit einhergehende soziale Umstrukturierung insgesamt gibt es bisher


keine verlässlichen zahlenmäßigen Angaben. 212 Doch kann mit einiger
Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass der Anteil der militanten Jungen
(„Burschen“) noch größer wurde. Eine neuere Studie Kurt Bauers über die
Juliputschisten ist zu dem Schluss gekommen: „Die aktivsten und fanatischsten
NS-Anhänger in der Illegalität waren häufig arbeitslose Jugendliche (Bauern-
söhne, Knechte, Handwerker, Hilfsarbeiter) aus unterbäuerlichen und Arbeiter-
milieus und dörflich-kleinstädtisch strukturierten, peripheren Regionen.“213
Dieses Bild trifft vor allem auf die Militanten und Gewalttäter, vor allem aus den

208
Neugebauer, Die Anfänge des NS-Terrorismus in Österreich; Reiter, Nationalstaat und
Staatsbürgerschaft in der Zwischenkriegszeit, S. 213.
209
Jagschitz, Der Putsch, passim.
210
Schafranek, Sommerfest mit Preisschießen, S. 224 f.
211
Diese Zahlen (nach: Luža, Österreich und die großdeutsche Idee in der NS-Zeit, S. 328) sind
jedoch nur mit äußerster Vorsicht und nur als Richtgrößen zu werten, da sie auch eine große
Anzahl von vordatierten Parteieintritten der NSDAP nach 1938 enthalten.
212
Siehe jedoch: Albrich/Meixner, Zwischen Legalität und Illegalität, S. 149–187.
213
Bauer, Elementar-Ereignis, S. 194.
180

Kreisen der SA und SS, zu. Doch da dieser keineswegs kleine Personenkreis ins
Ausland flüchten musste, muss sich dementsprechend die Struktur der im Lande
verbliebenen und zum Teil in Warte- und Anpassungspositionen gehenden
weniger militanten Nazis in komplementärer Richtung verschoben haben.

Daher ist es nicht überraschend, dass in der Verbotsperiode die Sozialstruktur der
neu beitretenden Parteimitglieder insgesamt den früheren Trend auf eine
Ausweitung des Sozialprofils fortsetzte, allerdings auch deutlich neue Elemente
zeigte (siehe Grafik). Der schon 1932 erreichte Stand der Anteile der Bauern hielt
sich, nur leicht abnehmend, um die 12-Prozent-Marke. Selbständige in Gewerbe
und Handel gingen nur leicht zurück, 214 die an sich kleine Gruppe der Freiberufler
scheint – berufsbedingt oder durch ideologische Überzeugung – bis 1938 ihre
weitaus überproportionale Vertretung in der NSDAP gehalten, wenn nicht
ausgebaut zu haben. Dagegen reduzierte sich der Anteil der öffentlich
Bediensteten 1933 schlagartig (von 26% auf 10%) und dieser Prozentsatz blieb
auch danach deutlich unter den früheren hohen Anteilen bis 1932. Weniger krass
fiel auch der Anteil der Angestellten ab, die unter einem geringeren politischen
Anpassungsdruck gestanden sein dürften.

Die vom autoritären Regime Dollfuß’ und Schuschniggs politisch und gesell-
schaftlich niedergeworfene sozialdemokratische, meist industrielle Arbeiterschaft
insgesamt erwies sich dem Nationalsozialismus gegenüber weiterhin als einiger-
maßen resistent, wenngleich sich die Nationalsozialisten nach dem 12. Februar
1934 besonders um die Gewinnung der ehemaligen Sozialdemokraten bemühten.
Vereinzelt schon vorher, in etwas stärkerem Umfang unmittelbar nach dem
Februar 1934 scheint ihnen dies jedoch bei desorientierten Schutzbündlern und
jugendlichen Arbeitslosen, meist in Gebieten außerhalb Wiens, tatsächlich
gelungen zu sein. Der Anteil der Arbeiter an allen PGs, die nun die NSDAP-
Mitgliedschaft erlangten, stieg daher von 1932 auf 1933 um ein Drittel, der der
„Handwerker“ (Gesellen oder Meister) verdoppelte sich sogar, so dass Arbeiter

214
Siehe allg.: Eminger, Das Gewerbe in Österreich 1930–1938.
181

und „Handwerker“ – beide nicht scharf zu trennende Sozialgruppen – bis 1938


schon an die Größenordnung ihres Anteils in der Gesamtbevölkerung
herankamen.

Erst das österreichisch-deutschen Abkommen vom Juli 1936, das Österreich in


zunehmende außenpolitische Abhängigkeit vom Deutschen Reich brachte, räumte
den Nationalsozialisten im Inneren einen größer werdenden Handlungsspielraum
ein. Damit setzte auch ein verstärkter Anhängerzustrom zum noch immer
verbotenen Nationalsozialismus ein, der unmittelbar vor dem „Anschluss“
geradezu den Charakter eines Wettlaufs um die Parteimitgliedschaft annahm.
Dadurch kam die während der Verbotszeit in Österreich ohnehin nur rudimentär
geführte Mitgliederkartei vollends durcheinander. Dies macht es schwierig, das
zahlenmäßige und soziale Bild der illegalen Nationalsozialisten zwischen 1933
und 1938 auf der Basis der verfügbaren Mitgliederkarteien zu rekonstruieren.
Denn in ihnen sind wirkliche „Illegale“, die während der Verbotszeit Nazis
wurden, jedoch wegen der Zerschlagung der Parteiorganisation nicht formell
aufgenommen werden konnten, ebenso enthalten wie „Märzveilchen“, die sich
erst kurz vor dem „Anschluss“ dem Nationalsozialismus zuwandten, oder solche
Opportunisten, die es sich durch Protektion und falsche Zeugenaussagen „richten“
konnten. In der Kategorie der „Illegalen“ haben sich daher nicht nur die soziale
Dynamik, die das Wachstum der NSDAP in den dreißiger Jahren erklären kann,
sondern auch die Tätigkeit der Parteibürokratie und deren Vorstellungen von der
Gestalt der „Partei“ niedergeschlagen.

Der von Hitler im März 1938 mit umfassenden Partei- und Staatsvollmachten in
die „Ostmark“ entsandte saarpfälzische Gauleiter Josef Bürckel hatte daher mit
starker Hand auch die Reorganisation der österreichischen NSDAP zu betreiben.
Die chaotischen Zustände auf dem Parteimitgliedersektor wurden erst nach etwa
zwei Jahren einigermaßen überwunden. Aufnahmesperre und Überprüfungen der
„Würdigkeit“ all derer, die angaben, während der Illegalitätsperiode zum
Nationalsozialismus gestoßen zu sein, konnten nicht verhindern, dass
Protektionismus und falsche Vordatierungen alle Angaben auf Mitgliedskarten,
die eine „Illegalität“ bescheinigten, oft nur wenig über das tatsächliche Verhalten
182

vor 1938 aussagen. Sie sind daher nur mit äußerster Vorsicht zu interpretieren.
(Dies gilt auch für meine Ausführungen in diesem Abschnitt.) Wie groß unter
dieser Mitgliederkategorie der Anteil derer ist, die fälschlich das karrierefördernde
Attribut „illegal“ erworben haben, kann daher nicht genau angegeben werden.
Gewisse zahlenmäßige Unstimmigkeiten lassen darauf schließen, dass die Fehler-
möglichkeit jedoch in der Größenordnung von 30.000 bzw. 40% der offiziell als
„Illegale“ Aufgenommenen liegen könnte. 215 Überhaupt erfolgten fast alle
formellen Parteiaufnahmen rückwirkend zu dem symbolischen Datum „1. Mai
1938“ unter dem für „Illegale“ von Hitler schon früher reservierten und dann
erweiterten Nummernblock zwischen 6.100.000 und 6.600.000. 216

Von einer anderen Perspektive, nicht aus jener der NSDAP-Struktur, sondern aus
der Perspektive einzelner Sozialgruppen in der Gesamtgesellschaft, kann die
Durchdringung der österreichischen Gesellschaft durch den Nationalsozialismus
sichtbar gemacht werden (siehe die folgende Tabelle). Die linke Zahlenspalte der
Tabelle gibt den Stand von Sommer 1933 wieder, die mittlere Spalte zeigt den
Stand am Ende der „Illegalität“ (Aufnahmedatum 1. Mai 1938) und die rechte
Spalte den Stand nahe dem quantitativen Höhepunkt der NSDAP, die 1942
(zusammen mit den eingegliederten ehemals tschechoslowakischen und
jugoslawischen Gebieten) 688.478 Mitglieder erreichte. 217

Als statistisch gesichert kann gelten, dass sich in der Illegalität zum Teil jene
Trends fortgesetzt haben, die schon 1933 aufgetreten waren: teils starke
Überrepräsentation der Studierenden und Freiberufler, weniger starke (und
abnehmende) der Öffentlich Bediensteten und Privatangestellten, (abnehmende)
Unterrepräsentation der Bauern und Selbständigen, starke Unterrepräsentation der
Handarbeiter. Bedeutende Prozentverschiebungen ergeben sich bei den aus dem

215
Siehe dazu: Stiefel, Entnazifizierung in Österreich, S. 85.
216
Gerhard Botz, Nationalsozialismus in Wien, Buchloe 1988, S. 210, dagegen: Luža, Österreich
und die großdeutsche Idee in der NS-Zeit, S. 327. Siehe vor allem: Das Nationalsozialistengesetz.
Das Verbotsgesetz 1947. Die damit zusammenhängenden Spezialgesetze kommentiert und hg. v.
Ludwig Viktor Heller u. a. Wien 1948. S. II/38-II/48.
217
Luža, Österreich und die großdeutsche Idee in der NS-Zeit, S. 85.
183

arbeitsrechtlichen Sozialklassenmodell herausfallenden Residualkategorien und


betreffen den oben erwähnten, schon seit den dreißiger Jahren etwas stärker
werdenden Zustrom von Frauen, der sich in der „berufssozialen“ Bezeichnung
„Hausfrauen“ niederschlägt. Die leichte Tendenz zur Verjüngung der National-
sozialisten in der Verbotsperiode schlägt auch bei Schulabsolventen „ohne Beruf
zu Buche, die in der NS-Kartei als solche – oder durch eine Leermeldung -
gekennzeichnet sind. Die Ausschöpfung der einzelnen berufssozialen Potentiale in
der „Gesamtgesellschaft“ ist 1938, verglichen mit 1933, weniger ungleichmäßig
(18–21% bei Freiberuflern und Studenten gegenüber 4–5% bei Arbeitern,
Selbständigen und Bauern), jedoch insgesamt natürlich höher (5% der
Erwerbsbevölkerung).

Tabelle: Das Eindringen des Nationalsozialismus in die österreichische Gesellschaft (1933–1941)

Geschätzter %-Anteil der NSDAP-Mitglieder an


den Berufsgruppen in der „Gesamtgesellschaft“
1933 (a) 1938 (a) 1941 (a)
Studenten (b) 14,2 20,6 47,5
Freie Berufe 14,2 18,0 60,0
Öffentlich Bedienstete 3,9 7,7 38,0
davon: höhere Beamte — 61,9 —
Angestellte 3,2 7,0 28,9
davon: leitende Angestellte — 5,3 —
Arbeiter 1,6 3,7 14,6
Selbständige in Gewerbe und Handel 1,6 4,8 18,0
davon: im Handel 2,8 7,0 —
Landwirte 2,3 5,3 25,7
Anteil aller berufstätigen NSDAP-Mitglieder an
allen Berufstätigen in der „Gesamtgesellschaft“
© 2,3 5,1 21,2
(Grundgesamtheit) (68.400) (164.300) (688.300)
(Stichprobengröße) (301) (794) (1448)
Anmerkungen:
(a) Anteil der NSDAP-Mitglieder (in %) an der Gesamtzahl der jeweiligen Berufsgruppe in der
Gesamtgesellschaft 1934.
(b) Bezogen auf alle Studierenden des Studienjahrs 1937/38.
(c) Ohne mithelfende Familienmitglieder, Lehrlinge, Hauspersonal und Hausfrauen.
Quellen: Eigene Stichprobenerhebungen in der NSDAP-Hauptkartei (Große Mitgliedskarten) im
Berlin Document Center 1976/77 (heute Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde). Berechnungen nach
Vergleichswerten in: VZ 34, Heft 1 und 2.
184

C.2.6 Monopolpartei und der Versuch, eine nationalsozialistische Volkspartei


zu konstruieren (1938–1945)

Die Machtübernahme des Nationalsozialismus im März 1938 bedeutete einen


tiefgreifenden Funktions- und Strukturwandel für die NSDAP und für ihr
organisatorisches Umfeld. Die zur Monopolpartei des Regimes gewordene
„Bewegung“ verlor nach dem „Anschluss“-Taumel bald ihre Dynamik. Ein
Bereich, wo der alte Bewegungscharakter noch eine Zeitlang weiterlebte, waren
die internen Cliquenkämpfe und Querelen all jener, deren berechtigte oder
überzogene Ansprüche und Erwartungen nicht erfüllt worden waren. 218 Und es
war vor allem die Judenverfolgung, in der antisemitische Vorurteile und sozial
anderwärts unbefriedigte Energien ein Ventil fanden. 219

Der voll ausgebaute Parteiapparat wurde ab 1938 immer mehr zum Trans-
missionsriemen für Überwachung und Propagandavermittlung von oben nach
unten, er diente auch zur Weiterleitung der Stimmungslage von der Basis an die
Führer. Es war daher nur konsequent, wenn das Mitgliederwesen der NSDAP —
bezeichnenderweise nicht dem „Reichsorganisationsleiter“ der NSDAP, sondern
deren „Reichsschatzmeister“ unterstellt – immer mehr reglementiert wurde,
zunächst hinsichtlich der Zuteilung von Aufnahmedatum und Mitgliedsnummer je
nach „Verdiensten“ in der Vergangenheit, dann auch im Hinblick auf die
wünschenswerte Zahl und soziale Zusammensetzung der als Elite des ganzen
Volkes gedachten Partei. Dem kam allerdings das Drängen gerade jener Berufs-
und Sozialgruppen in der „Partei“ in die Quere, die dem stärksten Anpassungs-
druck des Regimes ausgesetzt waren; dies waren die Beamten und andere
öffentlich Bedienstete. Von Ende 1939 bis Anfang 1942 wurden daher allmählich

218
Siehe dazu allg.: Bukey, Hitlers Österreich; Regionalgeschichtlich etwa: Bukey, Patenstadt des
Führers; Hanisch, Gau der guten Nerven; Slapnicka, Oberösterreich – als es Oberdonau hieß
(1938–1945); allg. zur NS-Wandlung: Ackerl, Nationalsozialistische „Wiedergutmachung“;
Jagschitz, Von der „Bewegung“ zum Apparat.
219
Botz, Ausgrenzung, Beraubung und Vernichtung.
185

die Schleusen der erlassenen Mitgliedersperren für einen neuen Schwall von um
Mitgliedschaft Ansuchenden geöffnet. 220

Die Neu-PGs mit Aufnahmedaten 1940/41 unterschieden sich von den „Illegalen“
(siehe Grafik) vor allem durch den wiederum stark gestiegenen Anteil der
öffentlich Bediensteten (26%) und eine leichte Steigerung des Bauernanteils (auf
14%). Umgekehrt blieben die Arbeiter, Handwerker und selbständige
Gewerbetreibenden wieder etwas stärker abseits.

Ab Anfang 1942 wurde durch Parteierlässe wieder eine allgemeine Mitglieder-


sperre verfügt; nahezu nur noch die jeweils neu ins Mitgliedsalter (18, dann 17
Jahre) wachsenden HJ- und BdM-Jahrgänge wurden zur Aufnahme zugelassen,
nicht selten auch unter psychisch-sozialen Druck gesetzt oder en bloc auf-
genommen. 221 Dabei kam eine gezielte sozialgruppenspezifische
Kontingentierung zum Tragen. Die Neumitgliederstruktur dieser Jahre zeigt daher
ein bedeutendes Zurückgehen des Beamtenanteils (auf 19%) zugunsten von
Arbeitern und Handwerkern (auf beachtliche 39 bzw. 13%). Das Hauptanliegen
der Strukturpolitiker in der NSDAP-Reichsleitung, die Anhebung des Bauern-
anteils in der Gesamtpartei, ging jedoch völlig daneben; der Anteil der Bauern
ging sogar um 1% auf 9,8% zurück.

In welch unterschiedlichem, aber allgemein hohem Maße der Nationalsozialismus


schon 1941 – die vollkommen gesteuerten Eintritte ganz Junger während der
letzten drei Jahre des Dritten Reiches können außer Betracht bleiben – in die
österreichische Gesellschaft und in die einzelnen Berufsklassen eindrang, zeigen
die Richtwerte in der Tabelle (siehe rechte Spalte). Insgesamt waren in Österreich
bis 1941 etwa 21% der in Frage kommenden Erwerbstätigen oder 8,2 % der

220
Verordnungsblatt NSDAP-Gau Wien 3 (1940), Bl. 172; auch: Hugo Meinhart, Parteimitglied
und Parteianwärter, Wien 1947, S. 53 ff.; vgl. auch: Das Nationalsozialistengesetz.
221
Verordnungsblatt NSDAP-Gau Wien 5 (1942), Bl. 73; Reichsverfügungsblatt, Ausgabe B, Jg.
1942, S. 128. In einer Zufallsstichprobe (n = 47) aus den NS-Personalakten im BDC fand ich
1994/95 auch mindestens drei Fälle, die wahrscheinlich den Beitrittsantrag nicht selbst
unterschrieben hatten.
186

Gesamtbevölkerung 222 Parteimitglieder geworden. Diese auch sonst mit dem


hohen politischen Organisationsgrad der österreichischen Bevölkerung
korrespondierende hohe Partizipation an der NSDAP ist nur zu verstehen aus dem
Wunsch besonders vieler Österreicher und Österreicherinnen, in die NSDAP
aufgenommen zu werden. Aus welcher Motivation und strukturellen Lage heraus
dieses Bestreben im Einzelnen erfolgte, sei hier nicht erörtert. Auch viele
österreichische Gauleiter und selbst Bürckel gaben diesem Druck von unten nach.
Daher gab Reichskommissar Bürckel im November 1938 einem Erlass heraus,
demzufolge in der „Ostmark“ die Anzahl der NSDAP-Mitglieder und Partei-
anwärter 20% der Einwohner eines Gaues erreichen dürfe; das lag aber weit über
der im „Altreich“ geltenden Richtgröße von 10%. Dieser Erlass wurde daher vom
„Reichsschatzmeister“ Franz Xaver Schwarz sofort abgeblockt, der dagegen
einwandte, dass damit „etwa 80–90% der im wehrfähigen Alter stehenden
männlichen Bevölkerung Parteigenossen würden“ und der Elitecharakter der
Partei in der „Ostmark“ vollends verloren gehe. 223

In manchen einzelnen Berufsgruppen war dieser Organisationsgrad 1941 jedoch


tatsächlich erreicht oder sogar überschritten (siehe obige Tabelle). Etwa 60% aller
Freiberufler, ca. 50% der Studierenden und ca. 40% aller öffentlich Bediensteten
insgesamt waren NSDAP-Mitglieder geworden. Bei den Angestellten aller
öffentlichen Verwaltungszweige betrug dieser Anteil fast 70%, bei den
dienstrechtlich und finanziell privilegierten (und kontrollierten) Beamten im
engeren Sinn sogar gegen 90%! Höhere Beamte waren praktisch zu 100% PGs
geworden, Lehrer etwa zu 60%. 224 Von den Bauern und Privatangestellten waren
etwa 25 bis 30% der NSDAP beigetreten. Erst im Vergleich mit dem Durch-
dringungsgrad der österreichischen Gesellschaft insgesamt 225 (rund 21%)

222
Vgl. auch Luža, Österreich und die großdeutsche Idee in der NS-Zeit, S. 87.
223
Völkischer Beobachter, 19. November 1938, S. 2 und Sammlung Schumacher/304,
Bundesarchiv, Koblenz.
224
Vgl. Stiefel, Entnazifizierung, S. 162, 136–142.
225
Nur die ab 18-jährigen Männer und Frauen, jedoch ohne mithelfende Familienmitglieder (meist
Frauen), Lehrlinge, Hauspersonal und Hausfrauen.
187

gewinnen diese Zahlen ihre Aussagekraft. Demgegenüber fallen die Anteile der
Arbeiter und Selbständigen (im Handwerk und Handel zusammen) deutlich ab:
nur etwa 15 bzw. 18% dieser beiden Sozialgruppen waren 1941 national-
sozialistische Parteimitglieder, gegenüber 21% der Gesamtbevölkerung.

Das Gesamtprofil der NSDAP nach berufssozialen Gruppen zu bestimmten


Zeitpunkten ist aus den hier präsentierten Angaben über die Eintretenden nur
unscharf erkennbar geworden. Auch die berufssoziale Statistik der 1947 in ganz
Österreich „registrierten“ 541.727 NSDAP-Mitglieder 226 ist nicht zuverlässig. Sie
zeigt jedoch das bekannte Bild der Überrepräsentierung der Freien Berufe (mit
4,2% um das Vierfache) und der Öffentlich Bediensteten (mit 15,6% um das
knapp Eineinhalbfache). Überraschenderweise wiesen Privatangestellte mit 10,8%
und Bauern mit 12,8% eine annähernd ähnliche zahlenmäßige Stärke auf wie in
der Gesamtgesellschaft. Selbständige wären demnach (mit 22,3%) fast doppelt
überrepräsentiert, Arbeiter mit 14,0% dreieinhalbfach unterrepräsentiert gewesen.
Sonstige und Hausfrauen machten in der Registrierten-Statistik 20,4% aus.
Worauf im einzelnen dieses von meinen eigenen Stichprobenanalysen
abweichende Ergebnis zurückzuführen ist, ist nicht genau zu sagen, vielleicht geht
sie auf unterschiedliche Berufsklassifizierung und Gruppenbildung zurück.

Sicher ist jedoch, wie der Wirtschaftshistoriker Dieter Stiefel herausgefunden hat,
dass die erst zwei Jahre nach 1945 erfolgende (zweite) Registrierung der
ehemaligen Nationalsozialisten in deren Berufsangaben nur teilweise den Stand
vor 1945 widerspiegelt; teilweise hatten die von der Entnazifizierung erfassten
„Ehemaligen“ ihren Beruf und ihre Tätigkeit zwangsweise oder freiwillig
gewechselt, wodurch das sozialstatistische Gesamtbild der NSDAP vor 1945 in
diesem Datenbestand bzw. deren statistischer Darstellung nicht mehr abgebildet
wird.

226
Luža, Österreich und die großdeutsche Idee in der NS-Zeit, S. 333; Stiefel, Entnazifierung,
S. 219 f.
188

C.2.7 Resümee

Der österreichische Nationalsozialismus durchlief in seiner bereits um die


vorletzte Jahrhundertwende beginnenden Geschichte strukturell unterschiedliche
Phasen: Es wäre verfehlt, ihm eine einheitliche sozial strukturelle Charakteristik
zuzuschreiben. Beginnend als politischer Arm der deutschnationalen
Gewerkschaften in Böhmen war er zunächst vor allem eine Partei der öffentlichen
und privaten Angestellten, in der es auch einen zahlenmäßig zunehmenden Block
Selbständiger und eine starke Überrepräsentation von in Freien Berufen Tätigen
und Studenten gab. Dies ist eine Eigenart, die dem österreichischen
Nationalsozialismus noch bis in die frühen 1930er Jahre nachhing und ihn von der
deutschen NSDAP, nicht jedoch immer von ost(mittel)europäischen
faschistischen Bewegungen unterschied.

Abgesehen von der wenig erforschten frühfaschistischen Welle während der


Inflationskrise in den frühen zwanziger Jahren weitete sich sein Sozialprofil erst
auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise tendenziell in Richtung einer „catch-
all-party“ (Otto Kirchheimer) 227 aus, indem vermehrt Arbeiter, weniger stark auch
Bauern angezogen wurden. Stark abhängig von den unterschiedlichen politischen
Rahmenbedingungen in der Illegalitätsperiode und nach der Machtübernahme
behielt die Sozialstruktur der NSDAP diese Charakteristik in schwankendem
Ausmaß bei, auch als die oberste NS-Führung zunehmend versuchte, die berufs-
spezifischen Disproportionalitäten auszugleichen und die Partei zu einer
politischen (Elite-)Organisation zu machen, die alle Berufsgruppen des
„deutschen Volkes“ einigermaßen proportional abbildete.

Die NSDAP war nie eine „Kleinbürgerpartei“, nur anfangs fast so etwas wie eine
Partei der „neuen Mittelstände“, niemals war sie, wie heute manchmal polemisch
gesagt wird, eine Arbeiterpartei. Sie war eine nationalistische und antisemitische

227
Kirchheimer, The Transformation of the Western European Party System, S. 160; siehe
Günther/Diamond, Species of Political Parties, S. 185 f.
189

Sammelpartei, in der die verschiedenen Schichten und Klassen im Verhältnis zu


ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung unterschiedlich stark vertreten waren.

Eindeutiger ist das geschlechts- und altersspezifische Bild der NSDAP seit Mitte
der zwanziger Jahre. Sie war eine „Männerpartei“, in die erst mit ihrem
quantitativen Wachstum und ihrer Regime-Reglementierung Frauen vermehrt
Eingang fanden. Sie war immer auch relativ jugendlich, jedenfalls hinsichtlich
ihrer Mitglieder jünger als die meisten anderen Parteien. Da vor allem die
Geburtsjahrgänge zwischen 1894 und 1913 überrepräsentiert waren, möchte ich
sie jedoch eher als eine generations- denn als eine altersspezifische Partei
bezeichnen.

Diese Charakteristika des österreichischen Nationalsozialismus treten -


generalisierend gesagt – umso deutlicher hervor, je höher der Partizipationsgrad
an der NS-Politik war, also bei den Militanten und Funktionären, sie
verschwimmen eher bei der Wählerschaft. Je nach Region, Milieu und Stadt oder
Land wechselte die NSDAP chamäleonartig ihr sozialstrukturelles Aussehen,
obwohl sozusagen ihre dominante Farbe nur selten ins Schwarz der
Landbevölkerung und fast nie ins Rot der Industriearbeiterschaft spielte.

Kurz: Die österreichische NSDAP war vom Zeitpunkt ihres Massendurchbruchs


an eine je nach Sozialgruppen ungleichmäßig erfolgreiche Sammel- und
Protestpartei, die zwar alle Schichten und Klassen anzog, aber Arbeiter und
Bauern unterrepräsentierte, Angestellte und Beamte stark, Selbständige eher
schwach überrepräsentierte, sie war eine „asymmetrische Volkspartei“. 228

228
Für Unterstützung bei der Texterstellung danke ich Mag. Sandra Paweronschitz, Univ. Wien.
Die quantitativen Forschungen wurden 1976/77 und 1994/95 durch ein Forschungsstipendium der
Alexander von Humboldt-Stiftung in Berlin unterstützt und sind Teil eines längerfristigen
Forschungsfeldes des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Historische Sozialwissenschaft (Geschichte-
Cluster der LBG) Wien–Salzburg.
190

C.3 11.000 ausgebürgerte illegale Nazis aus Österreich zwischen


1933 und 1938 (Wolfgang Meixner)229

In der Universitätsbibliothek Innsbruck findet sich unter der Signatur


„22.3060/1.Expl.“ ein so genanntes „Ausbürgerungsverzeichnis“, das auf 222
Seiten Daten zu insgesamt 10.052 Personen enthält. 230 Mit laufender Nummer
versehen und alphabetisch geordnet finden sich Angaben zu Name und Beruf,
Geburtsdatum und -ort, Heimatort sowie letzter Wohnort in Österreich.

Einem beigehefteten Schreiben vom 25. September 1939 ist zu entnehmen, dass
das Verzeichnis vom Tiroler Gaupresseamtsleiter Franz Pisecky 231 der
Innsbrucker Universitätsbibliothek in zwei Exemplaren übergeben wurde und die
Namen von österreichischen Nationalsozialisten enthält, „die nach ihrer Flucht in
das Altreich von den Regierungen Dollfuss und Schuschnigg ausgebürgert
wurden“. Weiters führt der Gaupresseamtsleiter in diesem Schreiben an, dass das
Verzeichnis keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebe, da seines Wissens mehr
als 15 solcher Listen erschienen sind. Daher lautet der vollständige Titel des
Verzeichnisses auf dem Schmutztitel „Ausbürgerungsverzeichnis der Listen 1–
15“.

229
Erstmals erschienen in: Christoph Haidacher und Richard Schober (Hg.), Bericht über den 24.
Österreichischen Historikertag in Innsbruck. Veranstaltet vom Tiroler Landesarchiv und dem
Verband Österreichischer Historiker und Geschichtsvereine in der Zeit vom 20. bis 23. September
2005 (Veröffentlichungen des Verbandes Österreichischer Historiker und Geschichtsvereine 33),
Innsbruck 2006, S. 601-607. In den Text wurden jüngere Erkenntnisse eingearbeitet und durch
Fußnotenverweise kenntlich gemacht.
230
Die Seiten 194–195, 198–199, 202–203 sowie 206–207 sind im ersten vorhandenen Exemplar
nicht bedruckt, im zweiten sehr wohl. Bislang konnten keine weiteren Exemplare in anderen
österreichischen Bibliotheken nachgewiesen werden.
231
Zu Franz Pisecky vgl. die Kurzvita sowie weitere Angaben zu seinen NS-Funktionen bei
Schreiber, Die Machtübernahme, S. 134. Pisecky findet sich unter der Nummer 6338 als „Piseky
[sic!] Franz, Schriftleiter, geb. 14.4.1900, letzter Wohnort in Österreich Innsbruck“ im
Verzeichnis.
191

Als Grundlage für die Erstellung dieses „Ausbürgerungsverzeichnisses“ dürften


die ersten 15 von insgesamt 17 Verzeichnissen gedient haben, die sich heute im
Österreichischen Staatsarchiv, Archiv der Republik, als Bestand des Bundes-
kanzleramtes, Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit befinden. 232

Bislang ausgewertet werden konnten die im Archiv der Republik vorhandenen


Verzeichnisse 1 (310 Personen), 2 (266 Personen), 3 (432 Personen), 4 (406
Personen), 5 (410 Personen), 6 (448 Personen), 7 (408 Personen), 8 (496
Personen), 9 (424 Personen), 10 (2.731 Personen), 11 (1.255 Personen), 12 (1.016
Personen), 13 (585 Personen), 14 (1.869 Personen), 15 (398 Personen), 16 (143
Personen) sowie 17 (55 Personen). 233

Von diesen 11.652 Personen wurden jedoch immer wieder Personen aus den
Verzeichnissen gestrichen bzw. Berichtigungen zu Angaben vorgenommen,
sodass insgesamt 10.723 Personen verbleiben. 234 Damit ergibt sich eine

232
ÖStA, AdR, BKA/Inneres (02), ZEST Ausbürgerung. Bei den Verzeichnissen 5 und 7 fehlt das
genaue Veröffentlichungsdatum. Ich danke Herrn Dr. Rudolf Jerabek für den Hinweis auf die
Existenz dieser Verzeichnisse.
233
ÖStA, AdR, BKA/Inneres (02), ZEST Ausbürgerung. Geschäftszahlen 221.283-GD vom
14.10.1933 (1. Verzeichnis), 226.614-GD 1/33 vom 30.10.1933 (2. Verzeichnis), 226.468-St.B.
vom 15.11.1933 (3. Verzeichnis), GD-233.658-StB vom 2.12.1933 (4. Verzeichnis), GD-242.501-
StB/1933 ohne Datum (5. Verzeichnis), GD 253.736-StB/33 vom 6.1.1934 (6. Verzeichnis), GD
112.071-StB ohne Datum (7. Verzeichnis), GD 185.448-StB vom 21.6.1934 (8. Verzeichnis), GD
210.539-StB vom 29.7.1934 (9. Verzeichnis), GD 309.888-St.B. vom 15.11.1934 (10. Ver-
zeichnis), G.D. 313248-St.B. vom 26.2.1935 (11. Verzeichnis), GD 346.277-St.B. vom 20.7.1935
(12. Verzeichnis), G.D. 378.205-St.B./35 vom 19.12.1935 (13. Verzeichnis), G.D. 328.287-St.B.
vom 9.5.1936 (14. Verzeichnis), GD 360.670-StB vom 18.10.1936 (15. Verzeichnis), GD
328.534-StB vom 8.5.1937 (16. Verzeichnis), GD 377.226-StB/37 vom 14.1.1938
(17. Verzeichnis), GD 171.841-St.B. vom 14.6.1934 ([18.] Berichtigung).
234
Vor allem die Heimatzuständigkeit, Geburts- und Wohnorte, sowie Geburtsdaten und Namens-
schreibungen wurden richtig gestellt. Gestrichen wurden aus dem 1. Verzeichnis 17 Personen
wegen Widerruf der Ausbürgerung; aus dem 2. Verzeichnis 15 Personen; aus dem 3. Verzeichnis
1 Person, die doppelt geführt war sowie 1 Person wegen Widerrufs; aus dem 4. Verzeichnis
43 Personen; aus dem 5. Verzeichnis 21 Personen; aus dem 6. Verzeichnis 5 Personen; aus dem
7. Verzeichnis 9 Personen; aus dem 8. Verzeichnis 15 Personen; aus dem 9. Verzeichnis 6
Personen; aus dem 10. Verzeichnis 22 Personen; aus dem 11. Verzeichnis 26 Personen; aus dem
12. Verzeichnis 15 Personen; aus dem 14. Verzeichnis 4 Personen, alle wegen Widerrufs, sowie
1 Person wegen doppelter Führung. Insgesamt 201 Personen. Weiters abzuziehen sind mindestens
728 Personen, die im 10. und 11. Verzeichnis doppelt geführt wurden. Deren genaue Anzahl lässt
192

Diskrepanz zum gedruckten Ausbürgerungsverzeichnis, das aufgrund der Listen 1


bis 15 10.052 Personen enthält, während die um die Streichungen bereinigte Zahl
10.525 beträgt. 235

In diesen Verzeichnissen sind Namen und Angaben jener Personen aufgeführt 236,
die auf Grund der Verordnung der Bundesregierung vom 16. August 1933 (BGBl.
Nr. 369) der österreichischen Landes-(Bundes-)Bürgerschaft verlustig wurden. 237
Dabei handelt es sich zum Großteil um Anhängerinnen und Anhänger des
Nationalsozialismus. Allerdings enthalten die Verzeichnisse auch eine bislang
nicht genau eruierbare Anzahl von Personen, die sozialdemokratischer bzw.
kommunistischer Gesinnung waren. 238

sich derzeit nicht eruieren, weil im vorliegenden 11. Verzeichnis zwei Seiten, die 30 Personen
enthalten, fehlen.
235
Diese Diskrepanz lässt sich weitgehend damit erklären, dass in den Listen Personen doppelt
geführt wurden, die in das gedruckte Verzeichnis nur mehr einmalig Aufnahme fanden.
236
Neben Vor- und Zunamen sowie allfällige Berufs- bzw. Standestitel enthalten die
Verzeichnisse personenbezogene Angaben zu Beruf, Geburtsdatum, Geburtsort, Heimatort sowie
letzter Wohnort in Österreich.
237
ÖStA, AdR, BKA/Inneres (02), 1. Verzeichnis. Titelseite des Exemplars der Bezirkshaupt-
mannschaft Völkermarkt. Ohne Seiten mit Angaben zu den Personen.
238
So finden sich im 8. Verzeichnis unter der Nummer 22 Dr. Otto Bauer (1881–1938), ehe-
maliger NR-Abgeordneter, unter der Nummer 58 Dr. Julius Deutsch (1884–1968), ehemaliger NR-
Abgeordneter, unter der Nummer 64 Albin Dostal (1896–1971), Parteisekretär, als „ehemaliger
sozialdemokratischer Landtagsabgeordneter“ in das Verzeichnis aufgenommen, unter der Nummer
156 Karl Heinz (1895–1965), Sekretär des Republikanischen Schutzbundes und Vorsitzender der
Sozialistischen Jugendinternationale, ehemaliger NR-Abgeordneter, unter der Nummer 224
Berthold König (1875–1954), Vorsitzender der Eisenbahnergewerkschaft, ehemaliger NR-
Abgeordneter, unter der Nummer 225 Johann Koplenig (1891–1968), Schuhmachergehilfe, von
1924 bis 1965 Vorsitzender der KPÖ, im 10. Verzeichnis unter der Nummer 391 Ernst Fischer
(1899–1972), Redakteur [der sozialdemokratischen „Arbeiterzeitung“], 1934 der KPÖ beigetreten,
im 13. Verzeichnis unter der Nummer 436 Johann Schorsch (1874–1952), Sekretär des Bundes der
freien Gewerkschaften, ehemaliger NR-Abgeordneter, sowie im 14. Verzeichnis unter der
Nummer 72 Richard Bernas[ch]ek (1888–1945), Schlosser und Parteisekretär, sowie unter der
Nummer 1692 Paula Wallisch (1893–1986), Sekretärswitwe nach Koloman Wallisch (1889–
1934), verzeichnet. Diese Personen sind auch im gedruckten Verzeichnis geführt (Nr. 313, 449,
1002, 1105, 1666, 2845, 4138, 4170, 7753 bzw. 9268), was der Intention, die „Namen von
österreichischen Nationalsozialisten“ aufzulisten, zuwiderläuft und darauf hindeutet, dass das
Verzeichnis rasch und ohne Gegenkontrolle erstellt wurde.
193

Die österreichische Bundesregierung hatte am 19. Juni 1933 auf den


zunehmenden Terror der Nationalsozialisten mit einem Betätigungsverbot für die
österreichische NSDAP einschließlich all ihrer Unterorganisationen reagiert
(BGBl. Nr. 240 vom 20. Juni 1933) 239; mit Wirksamkeitsbeginn vom 31. Mai
1933 war bereits die Kommunistische Partei verboten worden (BGBl. Nr. 200
vom 26. Mai 1933). Zahlreiche Nationalsozialisten wurden verhaftet und in
Lagern interniert oder flohen ins benachbarte Ausland; besonders nach dem
gescheiterten Putschversuch vom 25. Juli 1934.240

Dabei hatte die österreichische Bundesregierung mit Verordnung vom 16. August
1933 das Bundesgesetz vom 30. Juli 1925 (BGBl. Nr. 285) über den Erwerb und
den Verfall der Landes- und Bundesbürgerschaft dahingehend abgeändert, dass im
§ 10 des Bundesgesetzes vom 30. Juli 1925 als Artikel I ein neuer zweiter Absatz
eingeschaltet wurde, der eine Ausbürgerung auch dann vorsieht, „wenn ein
Landesbürger (Bundesbürger ohne Heimatrecht) im Ausland offenkundig, auf
welche Weise immer, Österreich feindliche Handlungen unterstützt, fördert oder
an derartigen Unternehmungen teilnimmt oder wenn er sich zu diesem Zweck ins
Ausland begeben hat. Das gleiche gilt, wenn er sich ohne Ausreisebewilligung in
einen Staat begibt, für den eine solche vorgeschrieben ist.“ Zudem sah der neue
Absatz auch einen Vermögensverfall zu Gunsten der Bundesregierung vor. Die
konkrete Durchführung dieser „Ausbürgerungen“ wurde den politischen
Bezirksbehörden (Bundespolizeibehörde) des letzten Wohnsitzes der betroffenen
Person überantwortet. Die Bescheide wurden ohne weiteres Verfahren ausgestellt
und an der Amtstafel angeschlagen. Eine Berufung an die Landesregierung war
vorgesehen, ihr kam aber keine aufschiebende Wirkung zu. 241

239
Vgl. Jagschitz, Die Nationalsozialistische Partei, S. 242–244 sowie nun auch Garscha,
Nationalsozialisten in Österreich 1933–1938, S. 105 f.
240
Vgl. Jagschitz, Der Putsch sowie Bauer, Elementar-Ereignis.
241
Neuer zweiter Absatz am § 16 des Bundesgesetzes vom 30.7.1925. Artikel III der Verordnung
der Bundesregierung vom 16.8.1933 (BGBl. Nr. 369/1933).
194

Mittels eines Runderlasses vom 19. August 1933 an alle Sicherheitsdirektoren


sowie an die Vorstände sämtlicher Bundespolizeibehörden wurde diese Verord-
nung von Sicherheitsminister Emil Fey präzisiert. 242 Darin wird festgehalten, dass
der von der Behörde zu erlassende Bescheid rein deklarativen Charakter und sich
das Ermittlungsverfahren auf die Feststellung des Zutreffens der für einen Verlust
neu aufgestellten Voraussetzungen (staatsfeindliches Verhalten im Auslande oder
unbefugte Ausreise) zu beschränken habe. Für die Ausfertigung der Bescheide
wurde ein Musterwortlaut zur Verfügung gestellt. Abschließend wurde ausdrück-
lich darauf hingewiesen, dass diese neuen Bestimmungen über die Ausbürgerung
auch gegen alle bei den Sicherheitsbehörden in Evidenz stehenden ins Ausland
geflüchteten Bundesbürger in Anwendung zu bringen seien, auf die die Voraus-
setzungen zutreffen. Vor allem gegen jene österreichischen Nationalsozialisten sei
die Amtshandlung mit besonderer Beschleunigung durchzuführen, „[…] die nach
Kenntnis der Behörden dermalen in Deutschland in der so genannten ‚Öster-
reichischen Legion’ eine militärische Ausbildung genießen“. 243 Die Grenz-
kontrollstellen wurden durch das Bundeskanzleramt angewiesen, die Wieder-
einreise dieser Personen nach Österreich zu verhindern. Später im Inland
aufgegriffene Personen sollten nach § 2, Abs. 5 des Reichsschubgesetzes als
„lästige Ausländer“ behandelt werden. 244

242
Die direkt dem Bundeskanzleramt unterstellten Sicherheitsdirektionen waren am 13.6.1933 in
allen österreichischen Bundesländern installiert worden (BGBl. Nr. 226/1933). Sie konnten in
Sicherheitsbelangen den Bezirkshauptmannschaften, Gendarmerie- und Polizeidienststellen direkt
Weisungen erteilen. Vgl. Jagschitz, Die Anhaltelager in Österreich, S. 131.
243
ÖStA, AdR, BKA/Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit, Gz. 199.915-GD 2 bei GZ
167.727/1936, Runderlass vom 19.8.1933 betreffend die Verordnung der Bundesregierung vom
16.8.1933, BGBl. Nrn. 368 und 369.
244
Ein vom Jubiläumsfonds der Stadt Wien für die Österreichische Akademie der Wissenschaften
gefördertes Forschungsprojekt „Politisch motivierte Migration: Emigration bzw. Flucht aus
Österreich, politische Ausbürgerungen im austrofaschistischen Wien 1933–1938 und die
Wiedereinbürgerungspraxis insbesondere nach 1945“ unter der wissenschaftlichen Leitung von ao.
Univ.-Prof. Dr. Ilse Reiter-Zatloukal und unter Mitarbeit von Dr.in Christiane Rothländer vom
Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte untersucht die Ausbürgerungsgesetze sowie deren
Praxis, widmet sich aber auch den Wiedereinbürgerungen, insbesondere nach 1945.
195

Die NSDAP blieb lange Zeit in Österreich eine unbedeutende politische


Gruppierung, die innerlich zerstritten und zersplittert war. Demgemäß hoch war
die Fluktuation unter ihren Sympathisantinnen und Sympathisanten sowie
Wählerinnen und Wählern. Dies änderte sich ab Beginn der 1930er Jahre, als mit
Wirkung vom 11. Juli 1931 eine Organisationseinheit „Land Österreich“ und eine
Landesleitung geschaffen wurde, der die Gauleitungen unterstellt waren. Unter
dem neuen Landesgeschäftsführer Theo Habicht gelang es „den Aktivismus einer
jungen Bewegung, den sozialen Wandel und die politische Dynamik für die Partei
zu kanalisieren“. 245 Genau am Zenit ihrer bislang größten Stärke und Popularität,
Mitte 1933, wurde der Partei ein Betätigungsverbot auferlegt. Damit endeten zwar
die vorwiegend gewalttätigen Aktivitäten der Sympathisantinnen und
Sympathisanten nicht, aber sie wurden in die „Illegalität“ abgedrängt. Die
vorwiegend jüngeren Aktivistinnen und Aktivisten entstammten nicht nur dem
rechtsgerichteten akademischen Milieu, sondern auch der Mittelschicht von
Staatsbeamtinnen und -beamten, Kaufleuten und Handwerkern sowie aus
vorwiegend unterbäuerlichen Schichten in ländlichen Regionen. Die Frauen
schienen sich hingegen von der NSDAP und ihren Zielen weniger angesprochen
gefühlt zu haben. 246

Eine wesentliche, bis heute in der Geschichtsforschung nicht erschöpfend


beantworte Frage, ist die nach der Zusammensetzung der NSDAP. Grund dafür ist
einerseits die hohe Fluktuation der Mitglieder, andererseits die spezielle Situation
der Partei nach ihrem faktischen Verbot ab Mitte 1933. Für die Zeit zwischen
1933 und dem „Anschluss“ im März 1938 kann auf die soziale, regionale, alters-
sowie geschlechtermäßige Zusammensetzung nicht mehr direkt geschlossen
werden. Daher hat die Forschung immer wieder ex post Beschreibungen der
sozialen Zusammensetzung der NSDAP-Mitglieder versucht. Gerhard Botz hat

245
Jagschitz, Nationalsozialistische Partei, S. 235 f. sowie zur Geschichte der NSDAP in
Österreich auch Pauley, Der Weg in den Nationalsozialismus. S. 74–104.
246
Vgl. dazu Botz, Arbeiterschaft und österreichische NSDAP-Mitglieder (1926–1945) sowie
Bauer, Arbeiterpartei?
196

dafür drei Stichproben aus den NSDAP-Mitgliedskarten im Berlin Document


Center (BDC) gezogen, die einerseits die so genannten „alten Kämpfer“ (1.652
bzw. 1.625 Fälle) umfassten, Mitglieder, die der NSDAP bereits vor dem Verbot
in Österreich am 19. Juni 1933 beigetreten waren, andererseits Personen, denen
nach dem „Anschluss“ nachträglich ein Beitrittsdatum zur NSDAP mit „ 1. Mai
1938“ verliehen wurde und die zumeist eine so genannte 6-Millionen-Nummer
erhalten hatten (2.562 Fälle). 247

Andere Forscher haben sich Momentaufnahmen bedient, durch die – trotz des
Verbotes der NSDAP – Parteigänger fassbar wurden und somit deren regionale
und soziale Zusammensetzung rekonstruierbar war. Dies betrifft vor allem die
verhafteten Nationalsozialisten im Anschluss an den gescheiterten Putschversuch
am 25. Juli 1934 sowie die in den so genannten Anhaltelagern Internierten. Kurt
Bauer hat aufgrund von rund 2.500 Anzeigen von Gendarmerie- und Polizei-
dienststellen gegen Personen, die sich am Juliputsch beteiligten, deren regionale,
soziale, alters- und geschlechtermäßige Zusammensetzung untersucht und liefert
damit eine detaillierte Momentaufnahme für die Jahresmitte 1934, allerdings
überwiegend für die Gruppe der „Gewaltbereiten“. 248 Gerhard Jagschitz unter-
sucht aufgrund der Belegzahlen des Anhaltelagers Wöllersdorf die altersmäßige
und soziale Zusammensetzung der Insassen. Obwohl hier im Prinzip eine
dynamische Quelle vorliegt, die Belegung des Lagers ist in 15-Tagesschritten ab
dem 17. März 1933 bis zum 1. Dezember 1937 dokumentiert, liefert er nur für den
Mai 1934 eine detaillierte Auswertung (844 Personen, davon 301 National-
sozialisten). 249

Diese Untersuchungen bieten ein teilweise auseinanderklaffendes Bild der


illegalen NSDAP-Sympathisantinnen und -Sympathisanten.

247
Botz, Die österreichischen NSDAP-Mitglieder.
248
Bauer, Elementar-Ereignis, S. 131–201.
249
Jagschitz, Die Anhaltelager in Österreich, S. 150 f. Zum „Anhaltelager“ in Wöllersdorf vgl.
Zodl, Das Anhaltelager Wöllersdorf 1933–1938.
197

Dies beginnt schon bei der geschlechtermäßigen Zusammensetzung der Gruppe.


Außer Zweifel steht, dass die NSDAP vorwiegend Männer als Aktivisten und
Sympathisanten angezogen hat. So kommt Kurt Bauer zu dem Urteil, dass „eine
getrennte Analyse der Juliputsch-Beteiligten nach dem Geschlecht […] nicht
möglich [ist], weil der Putsch eine reine Männersache war. Unter den 2.516
Angezeigten finden sich 24 Frauen, die durchwegs bestenfalls am Rande mit den
Ereignissen zu tun hatten.“ 250 Gerhard Jagschitz erwähnt mit Stichtag vom
7. Oktober 1934 einen Stand von 115 weiblichen politischen Häftlingen, die den
Nationalsozialisten zuzurechnen sind. 251 Nach Gerhard Botz lag der Frauenanteil
in der österreichischen NSDAP bis 1932 unter 10%, bei den „Illegalen“ 28%. 252
Laut Radomír Luža betrug der Frauenanteil in der NSDAP in Österreich nach dem
„Anschluss“ rund 15%. 253 Der weibliche Anteil im „Ausbürgerungsverzeichnis“
beträgt 3,5% (363 Frauen). 254

Die regionale Zusammensetzung der österreichischen Gesamtbevölkerung wies


laut Volkszählung von 1934 einen Anteil von 27,7% an Personen auf, die in Wien
lebten, 22,3% in Niederösterreich, 15% in der Steiermark, 13,4% in Ober-
österreich, 6% in Kärnten, 5,2% in Tirol, 4,4% im Burgenland, 3,7% in Salzburg
sowie 2,3% in Vorarlberg. 255

Die regionale Verteilung der Anzeigen nach dem Juliputsch liefert nach Kurt
Bauer folgendes Bild: Rund die Hälfte (50,8%) der Anzeigen erfolgten in der
Steiermark, mehr als ein Drittel (37,1%) in Kärnten. Mit deutlichem Abstand
folgen die Bundesländer Salzburg (6,6%), Oberösterreich (3,6%), Tirol (1%) und

250
Bauer, Sozialgeschichtliche Aspekte des Nationalsozialistischen Juliputsches 1934, S. 140.
251
Jagschitz, Die Anhaltelager in Österreich, S. 150. Zahlen ohne Anhaltelager Wöllersdorf. Dies
entspräche bei einem Stand von rund 7100 NS-Häftlingen 1,6%.
252
Botz, Strukturwandlungen des österreichischen Nationalsozialismus (1904–1945), S. 184.
253
Luža, Österreich und die großdeutsche Idee in der NS-Zeit, Graz – Wien 1977, S. 86.
254
Einschließlich der Listen 16 und 17; nicht bereinigt um die Personen, die nicht zur NSDAP
gehörten.
255
VZ 34, Bundesstaat Textheft, Heft 1, S. 14.
198

Burgenland (0,9%). Bei den 300 österreichischen Gemeinden, in denen Aufstände


verzeichnet wurden, liegt ebenfalls die Steiermark (61%) vor Kärnten (24%). 256

Laut Gerhard Jagschitz saßen im August 1934 knapp 39% (4.507 Personen) und
im Dezember 1934 54% (1.323 Personen) aller NS-Häftlinge in Wöllersdorf ein.
Bei den in den Bundesländern selber einsitzenden Häftlingen führte die
Steiermark mit 45,3% (August 1934) bzw. 21,7% (Dezember 1934) vor Wien (8,9
bzw. 15,3%), Oberösterreich (12,8 bzw. 9,1%) und Salzburg (9,7 bzw. 14%). 257
Gerhard Botz liefert aufgrund der Auswertung der von ihm gezogenen 2.
Stichprobe folgende regionale Verteilung der „alten Kämpfer“ bzw. der
„Illegalen“: Wien (24,3 bzw. 12,3%), Gau „Niederdonau“ und Burgenland (17,9
bzw. 20,8%), Gau „Oberdonau“ (9,6 bzw. 19%), südliches Österreich (32,9 bzw.
34,8%) sowie im westlichen Österreich (14,6 bzw. 12,8%). 258

Die 8.463 Personen im „Ausbürgerungsverzeichnis“, von denen ein letzter


Wohnort bislang bestimmt werden konnte, verteilen sich wie folgt: Steiermark
(22%), Niederösterreich (16%), Tirol (14%), Kärnten (13%), Oberösterreich
(12%), Salzburg (10%), Wien (6%), Vorarlberg (5%), Burgenland (2%). Es
besteht eine gewisse Diskrepanz zur Verteilung der Geburtsorte. Hier liegt,
allerdings bei einer wesentliche kleineren Basis von 4.472 Personen, zwar
ebenfalls die Steiermark mit 22% voran, gefolgt von Niederösterreich (18%),
Wien (15%), Oberösterreich (13%), Salzburg (12%), Tirol (11%), Kärnten (5%),
Burgenland, Vorarlberg sowie Gebiete des früheren Österreich (Österreich-
Ungarn) und Deutschland (je 1%). 259

256
Bauer, Elementar-Ereignis, S. 132 f.
257
Eigene Berechnungen aufgrund der absoluten Zahlen bei Jagschitz, Die Anhaltelager in
Österreich, S. 149.
258
Eigene Berechungen aufgrund der absoluten Zahlen (beobachtete Werte in Tabelle 5) bei Botz,
Die österreichischen NSDAP-Mitglieder, S. 126.
259
Einschließlich der Listen 16 und 17; nicht bereinigt um die Personen, die nicht zur NSDAP
gehörten.
199

1934 war 36,4% der männlichen Bevölkerung unter 23 Jahre alt; 52% zwischen
23 und 59 Jahre und 11,6% über 60 Jahre alt. Das durchschnittliche Alter der
männlichen Bevölkerung lag 1934 bei 32,1 Jahren. 260 Kurt Bauer errechnete für
alle Juliputschisten (Mannschaft und Führer) ein Durchschnittsalter von 28,4
Jahren; das Durchschnittsalter bei der Mannschaft (ohne Führer) lag leicht
darunter (27,9 Jahre), das bei den militärischen Führern darüber (31,5 Jahre), das
bei den politischen Führern deutlich darüber (38,1 Jahre). Die nach dem Putsch
ins Ausland Geflüchteten, die in etwa auch dem Sample des „Ausbürgerungs-
verzeichnisses“ entsprechen, lag mit 26,7 Jahren darunter. 261 Laut Gerhard
Jagschitz gehörten die am häufigsten belegten Alterskohorten der im Mai 1934 in
Wöllersdorf angehaltenen Nationalsozialisten (insgesamt 301 Personen) den
Geburtsjahren 1906 bis 1910 (85 Personen) sowie 1911 bis 1915 (74 Personen)
an. Damit waren diese Personen 1934 zwischen 24 bis 28 bzw. 19 bis 23 Jahre
alt. 262 Das Durchschnittsalter der NSDAP-Mitglieder betrug laut Gerhard Botz
1932 33 Jahre. 263

Da eine genaue Zuordnung des jeweiligen Ausweisungsdatums zu den Personen


im „Ausbürgerungsverzeichnis“ noch nicht endgültig vorgenommen werden
konnte, basiert die hier vorgenommene Altersauswertung auf dem Stichjahr 1938.
Die Personen waren damit zum Zeitpunkt ihrer Ausbürgerung um bis zu fünf
Jahre jünger. Der häufigste Wert in der Verteilung ist 26 Jahre (1.029 Personen),
der Median liegt bei 29 Jahren und der Mittelwert beträgt 30,95 Jahre. Drei
Viertel der Ausgebürgerten waren 1938 unter 34 Jahre alt.

Eine wesentliche Frage bei der Erforschung der Anhängerinnen und Anhänger des
Nationalsozialismus stellt ihre soziale Herkunft dar. Ist es der „Bewegung“
gelungen, über ihre ursprünglichen sozialen Rekrutierungsgruppen (Beamten-
schaft, Handwerker, Händler, Freiberufler) hinaus, neue soziale Schichten

260
VZ 34, Bundesstaat Textheft, Heft 1, S. 35.
261
Bauer, Elementar-Ereignis, S. 137.
262
Jagschitz, Die Anhaltelager in Österreich, S. 150.
263
Botz, Strukturwandlungen des österreichischen Nationalsozialismus (1904–1945), S. 181.
200

anzusprechen und für sich zu gewinnen? Es ist hier nicht der Platz, die
Komplexität der Ableitung von Schichtungsmodellen aus vorhandenen
264
Berufsangaben zu erörtern. Daher soll es bei einer deskriptiven Darstellung der
vorhanden Berufe und ihrer Zugehörigkeit zu den Erwerbssektoren belassen sein.

Laut Volkszählung von 1934 waren in Österreich 32,6% der Berufsträger in der
Land- und Forstwirtschaft, 35,8% in Industrie und Gewerbe, 16,1% in Handel und
Verkehr, 5,8% im häuslichen Dienst, 4,8 in Freien Berufen, 3,9% im Öffentlichen
Dienst und 1% im Geld-, Kredit- und Versicherungswesen tätig. 265 Zu den
häufigsten Berufen gehörten Landwirte (19,6%), landwirtschaftliches Gesinde
(6,9%), Personal im Haushalt (4,2%), Hilfsarbeiter (3,8%), selbstständige
Handelsleute und Schneider (je 2,8%), Landarbeiter (2,7%), kaufmännisches
Büropersonal (2,4%), sonstige Berufe des Baugewerbes (1,6%), Verkäufer
(1,5%), Fachangestellte, Maurer und Tischler (je 1,4%), Lehrer, Schlosser und
Schuhmacher (je 1,3%), sonstige Berufe in der Textilindustrie (1,1%). 266

Laut Kurt Bauer entstammen 37% der Beteiligten am Juliputsch dem primären,
49% dem sekundären und 11% dem tertiären Sektor. 267 Der größte Teil der
Beteiligten waren Handwerksgesellen (20,3%), Knechte (12,2%), Bauernsöhne
(11,9%) sowie Hilfs- und ungelernte Arbeiter (11,7%). Mit etwas Abstand folgen
die Selbständigen (9%) sowie die Privatangestellten (6,4%). 268 Laut Gerhard
Jagschitz waren von den 1934 in Wöllersdorf angehaltenen Nationalsozialisten
(301 Personen) knapp 27% Hilfs- und ungelernte Arbeiter (81 Personen); 10%

264
Vgl. dazu die Erörterungen bei Bauer, Arbeiterpartei? sowie Garscha, Nationalsozialisten in
Österreich 1933–1938. Nicht geteilt werden kann die generelle Skepsis einer Zuordnung von
Berufsangaben zu Schichtenmodellen wie sie Jagschitz, Die Anhaltelager in Österreich, S. 150,
1975 noch geäußert hat. Vgl. dazu die methodologischen Überlegungen zum wissenschaftlichen
Aussagewert von Berufszuordnungen bei Mejstrik (u. a.), Berufsschädigungen in der
nationalsozialistischen Neuordnung der Arbeit, bes. S. 601–610.
265
VZ 34, Bundesstaat Textheft, Heft 1, S. 106.
266
VZ 34, Bundesstaat Textheft, Heft 1, S. 172–178.
267
Bauer, Elementar-Ereignis, S. 145.
268
Bauer, Elementar-Ereignis, S. 146.
201

waren Handelsangestellte und 7,6% mittlere und kleine Angestellte; 20 Personen


waren Studenten. 269

Gerhard Botz ermittelt für 122 „Alte Kämpfer“ aus Wien folgende arbeits-
rechtliche Stellung: 17,5% Selbständige, 31,7% Arbeiter und Handwerker, 50,8%
Angestellte und Beamte. 270

Die 8.764 bislang auf ihre Berufszugehörigkeit auswertbaren Personen aus dem
„Ausbürgerungsverzeichnis“ verteilen sich wie folgt: 23% waren Hilfsarbeiter,
21% Arbeiter in Kleinbetrieben, 14% Privatangestellte, je 6% Gesellen oder
Landarbeiter, 5% Facharbeiter, je 4% Selbständige bzw. Beamte, je 3%
Industriearbeiter bzw. Private oder Studenten, je 2% Arbeiter im öffentlichen
Dienst bzw. Freiberufler oder Arbeitslose, je 1% Bauern bzw. Bauernkinder oder
Lehrer. 271

Zusammenfassend lässt sich über die Gruppe der „Ausgebürgerten“ feststellen,


dass diese vorwiegend aus ländlich-peripheren Gebieten Österreichs stammten.
Überwiegend waren es Männer (96%). Die meisten von diesen waren
unterprivilegierte junge Männer bäuerlicher Herkunft bzw. manuelle Arbeiter aus
kleinen Gemeinden.

269
Jagschitz, Die Anhaltelager in Österreich, S. 150.
270
Botz, Die österreichischen NSDAP-Mitglieder, S. 132.
271
Einschließlich der Listen 16 und 17; nicht bereinigt um die Personen, die nicht der NSDAP
angehörten.
202

C.4 Illegale Nationalsozialisten in Wien 1933–1938 (Wien-


Erhebung) (Kurt Bauer)

C.4.1 Aufbau der Datenbank, Problematik

C.4.1.1 Das Sample

Als „Sample“ der Sozialstrukturanalyse der Wiener illegalen Nationalsozialsten


ist der Archivbestand BKA-Inneres 22/Wien 1933–1938 (Karton 5177–5214/a) zu
bezeichnen. In diesem Bestand sind alle von der Generaldirektion für die
öffentliche Sicherheit (GDfdöS) des Bundeskanzleramtes-Inneres unter der
Signatur 22 („Übertretungen, Excesse“) im regulären Aktenlauf erledigten
Dokumente zu finden. Dabei handelt es sich durchwegs um Akten mit politischem
Bezug.

Zahlreiche dieser Akten – zu einem großen Teil Berichte der Bundespolizei-


direktion Wien an das Bundeskanzleramt-Inneres (das spätere Innenministerium)
– enthalten neben äußerst bedeutsamen ereignisgeschichtlichen Informationen
auch sozialgeschichtlich relevantes und im Rahmen einer quantitativen Analyse
verwertbares Material, insbesondere Daten von Personen, die mit den verbotenen
oppositionellen politischen Bewegungen der Nationalsozialisten, Sozial-
demokraten oder Kommunisten in Berührung kamen und für diese in der einen
oder anderen Weise aktiv waren. Derartige Personaldaten mit Bezug auf die
illegale NSDAP wurden systematisch nach einheitlichen Prinzipien in der Wien-
Datenbank erfasst.

Diese Datenbank enthält ausschließlich die Daten von Personen, die in dem
erwähnten Quellenbestand verzeichnet sind. Die Sichtung der erwähnten anderen
Quellenbestände hatte – neben dem allgemein-ereignisgeschichtlichen Interesse –
den Zweck, ergänzende und gegebenenfalls korrigierende Personeninformationen
zu gewinnen; grundsätzlich wurden aber keine weiteren Personen, deren Daten
203

sich in anderen Beständen finden, zusätzlich in die Datenbank aufgenommen.


Durch diese Vorgangsweise sollte ein möglichst einheitliches Sample für die
Sozialstrukturanalyse sichergestellt werden. Ich ließ mich bei dieser
Vorgangsweise von der Überlegung leiten, dass dieser häufig benützte, wichtige
Quellenbestand zu Geschichte der politischen Entwicklung Österreichs in der
Zwischenkriegszeit einen gleichsam repräsentativen sozialstrukturellen
Querschnitt der Bewegung der illegalen Nationalsozialisten in Wien bieten würde.

C.4.1.2 Repräsentativität

Trotzdem kann die Frage der Repräsentativität der erhobenen Daten nicht mit
voller Bestimmtheit beantwortet werden. Die Aktivitäten einer verbotenen und
polizeilich verfolgten politischen Partei bringt es mit sich, dass keine oder nur
sehr rudimentäre Aufzeichnungen und Karteien über Mitglieder und Anhänger
vorliegen. 272

Über diese allgemeine Feststellung hinaus ist das politische Verhalten von
angeblichen oder tatsächlichen Aktivisten, Anhängern, Mitglieder und
Sympathisanten gerade einer Partei wie der NSDAP in der Zeit von 1933 bis 1938
für den Historiker grundsätzlich sehr schwierig zu bewerten. Dass Personen, die
in den Jahren des Dollfuß-Schuschnigg-Regimes in den Verdacht kamen, sich
nationalsozialistisch zu betätigen, derartige Anschuldigungen strikt von sich
wiesen, ist verständlich. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche
Reich 1938 hingegen versprachen sich zahllose Menschen Vorteile davon, sich als
ehemalige „Illegale“ auszugeben, obwohl sie das niemals gewesen waren. 273 1945

272
Eine Auswertung der NSDAP-Mitgliederkartei auf Basis des für die „Illegalen“ 1938
geschaffenen Nummernblocks und dem fiktiven Beitrittsdatum 1. Mai 1938 stößt auf beträchtliche
Schwierigkeiten und methodische Vorbehalte. (Vgl. Botz, Die österreichischen NSDAP-
Mitglieder, S. 121; allgemein zu Problemen der Mitgliedschaft Jagschitz, Von der Bewegung zum
Apparat, S. 107–109.)
273
So weist etwa Roman Eccher in seiner Diplomarbeit nach, dass die die illegale Wiener SA-
Brigade 6 als eine Art „Potemkin’sches Dorf“ einzig zu dem Zweck geschaffen wurde, ihren
prominenten Mitgliedern nach dem „Anschluss“ die Möglichkeit zu bieten, die aufgrund des
Ansturms der „Märzveilchen“ erlassene Mitgliedersperre zu umgehen und als verdiente „Illegale“
in die NSDAP aufgenommen zu werden. (Eccher, SA-Brigade Jäger; vgl. BArch, NS 23/892 –
204

wiederum wollten ehemalige „Illegale“ partout nichts mehr von ihren


einschlägigen Aktivitäten zwischen 1933 und 1938 wissen oder versuchten
zumindest, diese in einem sehr milden Licht darzustellen.

Hinsichtlich des ausgewählten Samples muss die Frage offen bleiben, nach
welchen Prinzipien Berichte über illegale Aktivitäten verbotener politischer
Parteien und Bewegungen an die GDfdöS gingen. Auszuschließen ist, dass alle
polizeibekannt gewordenen Aktivitäten illegaler Nationalsozialisten in Wien
Eingang in den regulären Aktenlauf der GDfdöS und somit in das Sample fanden.
Hingegen ist mit gutem Grund zu vermuten, dass sich die zentralen Sicherheits-
behörden auf Fälle konzentrierten, denen sich aus verschiedenen Gründen
besondere Bedeutung beimaßen.

Es ist wahrscheinlich, dass das Sample zwei besonders stark ins Gewicht fallende
Verzerrungen aufweist:

• Bias im öffentlichen Dienst

Die Sicherheitsbehörden richteten aus nahe liegenden Gründen ein Haupt-


augenmerk auf die nationalsozialistische Betätigung von öffentlich
Bediensteten. Nicht zufällig enthält der Bestand auffallend viele Akten, die
einschlägige Verdächtigungen gegen öffentlich Bedienstete (Hoheits-
verwaltung, Polizei, Post, Bahn u. dgl.) enthalten. Daher kann man davon
ausgehen, dass der ausgewertete Datenbestand ein nicht näher zu gewichtendes
Bias im öffentlichen Dienst hat.

Ein Beispiel: Im April 1935 gelang es der Polizei, einen Teil der NS-Bezirks-
gruppe des 4. Wiener Gemeindebezirks (Wieden) auszuheben. Der dies-
bezüglich in der GDfdöS angelegte Akt enthält ausschließlich Personendaten
der öffentlich Bediensteten, die in den sichergestellten illegalen Mitglieder-

„Illegale SA-Brigade 6. Ein Schicksalsbeitrag aus der Kampfzeit der NSDAP in Österreich von
1933 bis zur Machtergreifung 1938“.)
205

listen angeführt waren – also einige wenige von insgesamt rund 300
Personen. 274

• Bias bei Führern

Den Führern von nationalsozialistischen Formationen und Parteigliederungen


galt ein erkennbar stärkeres behördliches Augenmerk als einfachen
Mitgliedern, sodass man die Wien-Datenbank in ihrer Gesamtheit als eine
Datenbank der NS-Führerschaft charakterisieren muss.

Aus dieser Erkenntnis folgt für die Auswertung der Wien-Datenbank, was
aufgrund der verschiedenen Unwägbarkeiten, die in der Natur der ausgewerteten
Quellen liegen, ganz allgemein als Grundprinzip von Analysen historischer
Milieus und Sozialstrukturen gelten kann: Bei den ermittelten Zahlenwerten
handelt es sich um „Rohdaten“, die einer sorgsam abwägenden, durch weitere
Literatur und qualitatives Material (wie beispielsweise lebensgeschichtliche
Erzählungen) ergänzten und erweiterten Interpretation bedürfen.

Statistische Auswertungen in Form von tabellarischen Auflistung, Grafiken,


Diagrammen etc. vermitteln in der Geschichtswissenschaft – und nur von dieser
ist hier die Rede – die Illusion einer gleichsam mathematischen Präzision, die dem
Gegenstand nicht angemessen ist. Das heißt nicht, dass der vorliegende Bericht
auf grafische Hilfsmittel verzichten wird; diese können für Übersichtlichkeit,
Verständlichkeit, Klarheit sorgen und nicht zuletzt der Offenlegung bislang
verborgener struktureller Zusammenhänge dienen. Auf eine abwägende,
relativierende Analyse und Interpretation der ermittelten Zahlenwerte, die nur
unter Heranziehung von Kontextmaterial „funktionieren“ wird, kann der
Historiker allerdings nicht verzichten.

C.4.1.3 Prinzipien und Regeln der Datenbank-Erfassung

Erfasst wurden

274
ÖStA/AdR, BKA-Inneres 22/Wien, Ktn. 5189, Gz. 338.173/35 – „Fialla Ferdinand, Post-
inspektor, nationalsozialistische Betätigung“.
206

a) alle Personen, denen von der Polizei explizit illegale NS-Betätigung nach-
wiesen werden konnte;

b) Personen, denen man zwar aufgrund einer Anzeige kein Vergehen nachweisen
konnte, die aber explizit als Nationalsozialisten bezeichnet wurden, die bis zum
Parteienverbot aktiv in der Partei tätig waren etc.

Wenn es vor dem Verbot nur „Sympathien“ für die NSDAP gab oder man
„Anhänger“ der Partei war, aber nicht explizit als ehemaliges Mitglied bezeichnet
wird, dann wurde eine Person nur aufgenommen, wenn zumindest starke
Verdachtsmomente auf eine illegale ns Betätigung vorliegen.

Zeitliche Eingrenzung: Es wurden erst Fälle ab 1933 aufgenommen


(gegebenenfalls noch vor dem Verbot); das heißt, Fälle aus 1932, die ebenfalls
vorhanden sind, wurden gestrichen. Wenn allerdings zusätzlich zu den Angaben
aus 1933 bis 1938 noch Angaben aus 1932 vorlagen, so wurden diese ebenfalls in
die Datenbank aufgenommen.

Vorstrafen: Aufgrund der Erfahrungen mit der Juliputsch-Auswertung wurde


versucht, auch die Vorstrafen der betroffenen Personen zu verzeichnen, was
allerdings in den seltensten Fällen geschah. Aufenthalte im Anhaltelager wurden
dabei ebenfalls als jeweils eine Vorstrafe (je Aufenthalt) gezählt. Weil es aber nur
sehr wenige, unsystematische Angaben dazu gab, wird diese Kategorie in der
weiteren Arbeit mit der Datenbank nicht mehr verwendet werden.

Kinderzahl: Auch diese wurde nur sehr selten und unsystematisch angegeben,
wodurch eine Auswertung sinnlos erschient. Daher wird auch diese Kategorie in
der weiteren Arbeit mit der Datenbank nicht mehr berücksichtigt werden.

Orte: Außerhalb der Wiener Stadtgrenzen, aber im unmittelbaren Einzugsbereich


Wiens (wie Mödling, Klosterneuburg, Eichgraben etc.) gelegene Wohnadressen
wurden aufgenommen, wenn die betreffende Person ihren Lebensmittelpunkt in
Wien hatte bzw. ihre illegalen Aktivitäten hauptsächlich in Wien stattfanden.

Erfasste Daten (Spaltenbezeichnung):


207

Name Hier sind auch abweichende Schreibvarianten, Abweichungen bei


Vornamen etc. verzeichnet

Adresse Gemeint ist die Wohnadresse

Zuständigkeit Die in der Regel in den Akten jeweils verzeichnete Gemeinde, in der die
betreffende Person Heimatrecht genoss, die also für die Person
„zuständig“ war

Geb Geburtsdatum

Rel Religion, Konfessionszugehörigkeit

St Familienstand (ledig, verheiratet, geschieden, verwitwet)

Ki Anzahl der Kinder

Beruf Angabe jeweils im Wortlaut, der in der Quelle verwendet wird; hier
wurden auch alle weiteren, gegebenenfalls vorhandenen
Kontextinformationen zum sozialen Status einer Person, familiärer
Hintergrund, Bildung, Ausbildung, Einkommen, Vermögen und Besitz

Vorstr. Vorstrafen: polizeiliche oder gerichtliche Strafe (nns = nicht wegen ns


Betätigung, sondern aus anderen Gründen)

Anmerkungen Zuerst ist das Datum der Erfassung in den Quellen angegeben; weiters
sind hier alle weiteren Angaben zur Funktion in der NSDAP etc.
enthalten

Ausgeb. Ausgebürgerte und Geflüchtete

Funkt. Funktion in der NSDAP, soweit erkennbar


208

C.4.2 Vorläufige Auswertungen

Eine vollständige Auswertung der Angaben zur Milieuzugehörigkeit der in die


Wien-Datenbank aufgenommenen illegalen Nationalsozialisten soll aus
forschungsökonomischen Gründen und zur Erreichung der gewünschten
Einheitlichkeit gemeinsam mit der Wöllersdorf-Datenbank durchgeführt werden,
die zum Zeitpunkt dieses Berichtes noch nicht vollständig vorliegt. Zudem ist zur
Ergänzung und Korrektur ein Abgleich der in den beiden Datenbanken
enthaltenen Personen vorgesehen, die ebenfalls erst nach Fertigstellung der
Wöllersdorf-Datenbank durchgeführt werden kann.

Während also auf das Kernstück des Projektes, die Sozialstrukturanalyse,


vorderhand noch verzichtet werden muss, kann in einigen Teilbereichen allerdings
bereits eine Auswertung der Datenbank vorgenommen werden. Die nachfolgend
präsentierten Ergebnisse sind als vorläufig zu verstehen.

C.4.2.1 Wohnadressen

Gerade in einer Stadt wie Wien mit ihren signifikanten Unterschieden zwischen
„besseren“ und „schlechteren“ Wohnquartieren – von „Arbeiterbezirken“ über
bürgerlich/kleinbürgerlich dominierten Bezirken bis hin zu den „Nobelbezirken“
des Großbürgertums – kann die Wohnadresse einer Person bereits einen ersten,
wesentlichen Hinweis auf ihren sozialen Status, auf ihre Zugehörigkeit zu einem
bestimmten sozialen Milieu enthalten. Die Verteilung der Wohnadressen der
Sympathisanten, Anhänger und Aktivisten einer politischen Bewegung verweist
also auf ihre sozialstrukturelle Zusammensetzung.
209

Abb.: Auswertung der in der Wien-Datenbank enthaltenen Wohnadressen von illegalen


Wiener Nationalsozialisten 1933–1938

Wohnadressen illegaler NS Anteil an der Über-/unter-

absolut in Prozent Wiener repräsentiert


Gesamt-
bevölkerung
01 Innere Stadt 33 2,58% 2,13% 121

02 Leopoldstadt 65 5,08% 8,00% 64

03 Landstraße 127 9,93% 7,57% 131

04 Wieden 88 6,88% 2,83% 243

05 Margareten 68 5,32% 4,68% 114

06 Mariahilf 49 3,83% 2,66% 144

07 Neubau 68 5,32% 3,13% 170

08 Josefstadt 91 7,11% 2,36% 301

09 Alsergrund 63 4,93% 4,45% 111

10 Favoriten 56 4,38% 8,41% 52

11 Simmering 9 0,70% 2,79% 25

12 Meidling 50 3,91% 5,84% 67

13 Hietzing 104 8,13% 7,53% 108

14 Rudolfsheim 33 2,58% 3,71% 70

15 Fünfhaus 40 3,13% 2,90% 108

16 Ottakring 66 5,16% 8,02% 64

17 Hernals 56 4,38% 4,50% 97

18 Währing 94 7,35% 4,37% 168

19 Döbling 36 2,81% 3,13% 90

20 Brigittenau 41 3,21% 5,23% 61

21 Floridsdorf 42 3,28% 5,75% 57

Summe 1279 100,00% 99,99%

Innenbezirke 652 50,98% 37,81% 135

Außenbezirke 627 49,02% 62,18% 79

Lesebeispiel

2,58% der in der Datenbank der illegalen Wiener Nationalsozialisten 1933–1938 enthaltenen Personen
wohnten im 1. Wiener Gemeindebezirk; der Anteil der Einwohnerschaft des 1. Bezirks an der Wiener
Gesamtbevölkerung betrug laut Volkszählung 1934 aber nur 2,13%. Demnach kann man davon ausgehen,
dass die Nationalsozialisten im 1. Bezirk überrepräsentiert waren.
210

Anmerkungen

Bei manchen in der Datenbank verzeichneten Fällen gab es Doppelangaben, weil Personen, die im Laufe der
Jahre mehrmals in den Aktenbeständen aufschienen, ihre Wohnadresse gewechselt hatte. In diesem Fall
wurden beide Adressen aufgenommen. Dadurch erklärt es sich, dass die Zahl der Adressen insgesamt (1330)
höher ist als die der in der Datenbank insgesamt enthaltenen Fälle (1324). Ausgeschieden wurden sowohl
Fälle, für die keine, ungenaue oder missverständliche Wohnadressen vorlagen (25 Fälle) als auch Personen
mit Wohnadressen außerhalb der damaligen Stadtgrenze, auch wenn sie im unmittelbaren Einzugsbereich
Wiens lebten, sich in Wien illegal betätigten und deshalb von den Sicherheitsbehörden Wien zugeordnet
wurden (26 Fälle). Die Prozentuierungsbasis beträgt somit 1279 Fälle.

Es soll nicht verkannt werden, dass es in den einzelnen Wiener Gemeindebezirken höchst unterschiedliche
Wohnlagen gab (und gibt), in denen ein beträchtliches soziales Gefälle zum Ausdruck kommt. Ein typischer
Arbeiterbezirk wie etwa Ottakring umfasste in seinen Randbereichen am Wienerwald beispielsweise
durchaus gutbürgerliche Wohnquartiere, während etwa der klassische großbürgerliche Bezirk Döbling über
ein ansehnliches proletarisches Element (etwa rund um den Karl-Marx-Hof) verfügte. Eine flächendeckende
Einteilung der Stadt Wien nach dem sozialen Status von bestimmten Wohnquartieren, Bezirksteilen, Vierteln
und Straßenzügen und eine Zuordnung der in der Datenbank enthaltenen Wohnadressen dazu erscheint nicht
oder nur unter enormen Aufwand möglich und wäre in jedem Fall mit zahlreichen methodischen Zweifeln
behaftet – da beispielsweise der Volkszählung 1934 für Wien nur Daten auf Bezirksebene zu entnehmen sind.
Der zusätzliche Erkenntnisgewinn einer derartigen, in jedem Fall fragwürdigen Auswertung wäre
demgegenüber gering.

Über-/unterrepräsentiert: 100 = gleich; über 100 = überrepräsentiert; unter 100 = unterrepräsentiert.

Innenbezirke und Außenbezirke: Als innere Bezirke werden die insgesamt eher kleinbürgerlich-
bürgerlichen Wiener Gemeindebezirke 1 bis 9 bezeichnet, die sich innerhalb des Gürtels, einer
halbkreisförmigen Umfahrungsstraße, befinden. Die äußeren Bezirke 10 bis 21 gelten bis auf drei Ausnahmen
(13., 18. und 19. Bezirk) als eher proletarische Wohnquartiere.

Bias im 3. Bezirk: Die Überrepräsentation der NS im 3. Bezirk kann sich zum Teil durch die Aushebung der
NS-Bezirksgruppe Mitte 1936 erklären, durch die allein 37 im 3. Bezirk lebende illegale NS in die Akten der
GDfdöS gerieten (und damit in die Wien-Datenbank). Da der Wiener Polizei in anderen Wiener
Gemeindebezirken Ähnliches nicht gelang (zumindest hat es keinen Niederschlag in dem von mir
bearbeiteten Aktenbestand gefunden), muss man zweifellos von einem leichten Bias im 3. Bezirk sprechen.
Allerdings verhält sich der 3. Bezirk in Bezug auf die Überrepräsentation der NS-Wohnadressen ähnlich wie
in Bezug auf das Wahlergebnis im Jahr 1932, wo er ebenso wie in der Wohnadressen-Auswertung an sechster
Stelle im NS-internen Ranking liegt.

Bias im 8. Bezirk: Eine geringfügige Verzerrung kann sich im 8. Bezirk dadurch ergeben haben, dass sich
die Polizei offensichtlich ganz besonders auf das als NS-Hochburg geltende Deutsche Studentenheim in der
Pfeilgasse 4 konzentrierte und Bewohner dieses Heimes deshalb relativ häufig in den von mir ausgewerteten
Aktenbestand gerieten. Aber selbst wenn man diese vermutliche Verzerrung berücksichtigt, dürfte sich nichts
an der führenden Stellung des 8. Bezirks im Ranking ändern.
211

Abb.: Wohnadressen illegaler Nationalsozialisten gereiht nach der Über- oder


Unterrepräsentation des NS-Anteils im Verhältnis zur Einwohnerzahl eines Bezirks

über-/unter- über-/unter-
repräsentiert repräsentiert
08 Josefstadt 301 17 Hernals 97
04 Wieden 243 19 Döbling 90
07 Neubau 170 14 Rudolfsheim 70
18 Währing 168 12 Meidling 67
06 Mariahilf 144 02 Leopoldstadt 64
03 Landstraße 131 16 Ottakring 64
01 Innere Stadt 121 20 Brigittenau 61
05 Margareten 114 21 Floridsdorf 57
09 Alsergrund 111 10 Favoriten 52
13 Hietzing 108 11 Simmering 25
15 Fünfhaus 108
Über-/Unterrepräsentation: 100 = gleich; über 100 = überrepräsentiert; unter 100 = unterrepräsentiert.
212

Abb.: Vergleich der Über-/Unterrepräsentation bei NS-Wohnadressen 1933–1938 mit den


NS-Anteilen bei den Wahlen vom April 1932 (gereiht nach dem Bezirksranking der
Wohnadressen)

Wohnadressen Gemeinderatswahl 1932


über-/unter- Bezirks- NSDAP-Stimmen- Bezirks-
repräsentiert ranking anteil ranking
08 Josefstadt 301 1. 27,91% 3.
04 Wieden 243 2. 31,02% 1.
07 Neubau 170 3. 24,87% 4.
18 Währing 168 4. 28,14% 2.
06 Mariahilf 144 5. 23,54% 5.
03 Landstraße 131 6. 23,25% 6.
01 Innere Stadt 121 7. 17,86% 12.
05 Margareten 114 8. 19,60% 9.
09 Alsergrund 111 9. 21,15% 8.
13 Hietzing 108 10. 18,13% 11.
15 Fünfhaus 108 10. 18,37% 10.
17 Hernals 97 12. 16,96% 13.
19 Döbling 90 13. 21,52% 7.
14 Rudolfsheim 70 14. 13,03% 16.
12 Meidling 67 15. 14,09% 15.
02 Leopoldstadt 64 16. 16,74% 14.
16 Ottakring 64 16. 11,87% 18.
20 Brigittenau 61 18. 10,55% 19.
21 Floridsdorf 57 19. 12,13% 17.
10 Favoriten 52 20. 10,10% 20.
11 Simmering 25 21. 7,28% 21.
Lesebeispiel: In der Datenbank der illegalen Wiener Nationalsozialisten 1933–1938 sind Personen mit
Wohnadressen im 8. Bezirk im Vergleich zur Einwohnerzahl des Bezirks dreifach überrepräsentiert, damit
liegt der Bezirk im Ranking der Wohnadressen von illegalen Nationalsozialisten an erster Stelle unter allen
Wiener Bezirken. Bei der Gemeinderatswahl vom 24. April 1932 lag der Stimmenanteil der NSDAP im
8. Bezirk bei nahezu 28%; damit verzeichnete dieser Bezirk den drittstärksten NS-Anteil unter allen Wiener
Bezirken.

Anmerkung: 100 = gleich; über 100 = überrepräsentiert; unter 100 = unterrepräsentiert.


213

Abb.: Hochburgen und Diasporagebiete der Wiener Nationalsozialisten 1932–1938

Schwarz eingefärbt sind die Hochburgen der Wiener Nationalsozialisten bei der
Gemeinderatswahl vom 24. April 1932: 4. Bezirk (Wieden), 18. Bezirk (Währing), 8. Bezirk
(Josefstadt), 7. Bezirk (Neubau), 6. Bezirk (Mariahilf). Grau eingefärbt sind die
nationalsozialistischen Diasporagebiete: 11. Bezirk (Simmering), 10. Bezirk (Favoriten), 20.
Bezirk (Brigittenau), 16. Bezirk (Ottakring), 21. Bezirk (Floridsdorf). In der Illegalität änderte sich
an dieser Verteilung laut Auswertung der Wien- und Wöllersdorf-Datenbank im Wesentlichen
nichts.

Die vorangegangenen Abbildungen zeigen, dass alle Bezirke, in denen die


Nationalsozialisten bei der Wiener Gemeinderatswahl vom 24. April 1932
überdurchschnittlich stark waren, einen überdurchschnittlich hohen Anteil an
Wohnadressen von illegalen Nationalsozialisten 1933 bis 1938 aufweisen.
Umgekehrt: Je schwächer die Nationalsozialisten bei den Wahlen 1932 in einem
Bezirk waren, desto weniger illegale Nationalsozialisten wohnten 1933 bis 1938
in diesen Bezirken.
214

Wenn man das Bias der Datenbank der illegalen Wiener Nationalsozialisten im
Bereich der Führer berücksichtigt, so folgt daraus, dass sich zumindest die
Führungsschichten der Wiener Nationalsozialisten in der Illegalität 1933 bis 1938
gegenüber 1932 strukturell in keiner Weise verändert haben. Am stärksten waren
die Nationalsozialisten nach wie vor in den innerstädtischen kleinbürger-
lich/bürgerlichen Bezirken sowie in Währing, am schwächsten in Arbeiter-
bezirken, die als Hochburgen der Sozialdemokratie galten.

Dieser starke NS-Überhang in „besseren“, kleinbürgerlich/bürgerlichen Wohn-


gegenden wird noch dadurch verstärkt, dass auch Nationalsozialisten, die nicht
direkt im Stadtgebiet, aber in der unmittelbaren Einzugsgebiet Wiens lebten, ihren
Lebensmittelpunkt in Wien hatten und sich hier nationalsozialistisch betätigten,
ebenfalls stark zu bürgerlichen Orten tendierten (wie Klosterneuburg, Mauer,
Perchtoldsdorf oder Mödling).

Als einigermaßen objektives Kriterium zur Bewertung der sozialen Zusammen-


setzung eines Bezirks bieten sich die Ergebnisse der österreichischen Volks-
zählung 1934 an, die nach Bezirken aufgegliederte Daten über die wirtschaftliche
Zugehörigkeit der Wohnbevölkerung enthalten (siehe folgende Abbildung).

Nach allgemeiner Lehre wird die Volkswirtschaft in einen primären (Land- und
Forstwirtschaft), sekundären (warenproduzierendes Gewerbe) und tertiären Sektor
(Dienstleistungen) eingeteilt.

Die Verteilung der Zugehörigkeit einer bestimmten Bevölkerung zu den


volkswirtschaftlichen Sektoren ist deshalb von Interesse, weil sie konkrete
Hinweise auf die Milieuverteilung liefert. Im Primärsektor ist das bäuerliche
Milieu vorherrschend: 44,8% aller Selbständigen und 93,3% aller mithelfenden
Familienmitglieder entfallen auf diesen Bereich. Der Sekundärsektor ist mit
49,5% aller Arbeiter von diesem Milieu, wenn auch weniger signifikant,
dominiert. 74% aller Angestellten sowie 27,8% der Selbständigen gehören dem
215

Tertiärsektor an 275 – ein überdurchschnittlich ausgebildeter Tertiärsektor ist


demnach ein Hinweis auf ein starkes kleinbürgerlich/bürgerliches Milieu.

Dirk Hänisch hat im Zuge seiner Analysen der nationalsozialistischen Wähler-


schaft festgestellt, dass die wirtschaftssektoralen Variablen „ein nahezu
vollwertiger Ersatz für die Sozialstrukturvariablen sind“. 276 Nicht zuletzt deshalb
kann eine Analyse der Wiener Gemeindebezirke nach ihren Anteilen an den
volkswirtschaftlichen Sektoren Hinweise auf ihre Sozialstruktur liefern.

Abb.: Wiener Wohnbevölkerung nach volkswirtschaftlichen Sektoren

Wohn- Primär- Sekundär- Tertiär- Ohne Beruf


bevölkerung sektor sektor sektor
01 Innere Stadt 39.963 0,67% 18,51% 59,53% 19,90%
02 Leopoldstadt 149.861 0,50% 30,78% 50,50% 15,85%
03 Landstraße 141.810 0,61% 32,32% 45,67% 19,71%
04 Wieden 53.063 0,60% 25,85% 49,01% 23,39%
05 Margareten 87.767 0,22% 40,29% 40,43% 16,38%
06 Mariahilf 49.785 0,22% 34,96% 45,79% 17,47%
07 Neubau 58.571 0,23% 33,35% 46,34% 18,69%
08 Josefstadt 44.321 0,42% 26,82% 48,39% 22,98%
09 Alsergrund 83.407 0,27% 25,78% 51,35% 21,06%
10 Favoriten 157.533 0,53% 49,51% 32,56% 14,52%
11 Simmering 52.280 6,83% 44,01% 29,52% 15,69%
12 Meidling 109.499 0,55% 45,94% 35,98% 16,21%
13 Hietzing 141.207 0,89% 35,65% 36,96% 24,30%
14 Rudolfsheim 69.470 0,37% 47,71% 33,80% 16,81%
15 Fünfhaus 54.440 0,21% 41,29% 39,89% 17,24%
16 Ottakring 150.379 0,37% 50,42% 32,50% 14,13%
17 Hernals 84.407 0,53% 45,11% 35,59% 16,31%
18 Währing 81.901 0,77% 30,31% 44,65% 22,89%
19 Döbling 58.641 2,65% 32,14% 43,30% 20,03%
20 Brigittenau 98.021 0,47% 43,67% 37,83% 14,30%
21 Floridsdorf 107.804 3,11% 46,80% 29,42% 17,61%
Ø Wien 1.874.130 0,89% 38,78% 40,19% 17,96%

Quelle: VZ 34, Heft 3, S. 2–3; eigene Berechnungen.

275
Zahlen nach VZ 34, Heft 1, S. 211 f.
276
Hänisch, NSDAP-Wähler, S. 358.
216

Anmerkungen zur Abb. auf der Vorseite:

Die Differenz auf 100% erklärt sich aus dem Fehlen der in der VZ 34 ebenfalls ausgewiesenen Kategorie
„ohne Berufsangabe“ (die nicht mit der Kategorie „ohne Beruf“ verwechselt werden sollte).

Primärsektor: Abteilung „Land- und Forstwirtschaft“ der VZ 34.

Sekundärsektor: Abteilung „Industrie und Gewerbe“ der VZ 34.

Tertiärsektor: Setzt sich aus den Abteilungen „Handel und Verkehr“, „Geld-, Kredit- und
Versicherungswesen“, „Öffentlicher Dienst“; „Freie Berufe“ („Unter den Freien Berufen sind folgende
Wirtschaftsgruppen enthalten: Gesundheitswesen, Erziehung, Bildung, Kunst und Unterhaltung,
Rechtsberatung, Interessenvertretung und technische Büros“) sowie „Häusliche Dienste“ („Unter den
Häuslichen Diensten sind nur die nicht in Stellung befindlichen und die außerhalb des Haushaltes des
Dienstgebers wohnhaften Personen dieser Abteilung gezählt; das im Haushalt des Dienstgebers lebende
Personal ist unter dem Wirtschaftszweig des Dienstgebers gezählt“) der VZ 34 zusammen.

Ohne Beruf: Diese heterogene Kategorie setzt sich aus Hausbesitzern und Rentnern, Pensionisten des
öffentlich-rechtlichen Dienstes, Privatpensionisten, Sozialrentner, Ausgedinger, in Armenpflege Lebende,
Almosenempfänger und Berufslose ohne nähere Angaben zusammen (siehe VZ 1934, Tabelle 9a, Seite 29–
30).

Reiht man die Bezirke nach ihren Anteilen am Sekundärsektor, so zeigt sich, dass
sich die bevorzugten Wohngebiete der illegalen Wiener Nationalsozialisten
durchwegs in Bezirken mit einem unterdurchschnittlich hohen Anteil an im
Sekundärsektor beschäftigten Personen (also in erster Linie Arbeitern) befanden.

Abb.: Reihung der Wiener Gemeindebezirke nach ihrem Anteil am Sekundärsektor


(Industrie und Gewerbe)

Anteil Anteil
Sekundärsektor Sekundärsektor
16 Ottakring 50,42% 13 Hietzing 35,65%
10 Favoriten 49,51% 06 Mariahilf 34,96%
14 Rudolfsheim 47,71% 07 Neubau 33,35%
21 Floridsdorf 46,80% 03 Landstraße 32,32%
12 Meidling 45,94% 19 Döbling 32,14%
17 Hernals 45,11% 02 Leopoldstadt 30,78%
11 Simmering 44,01% 18 Währing 30,31%
20 Brigittenau 43,67% 08 Josefstadt 26,82%
15 Fünfhaus 41,29% 04 Wieden 25,85%
05 Margareten 40,29% 09 Alsergrund 25,78%
Ø Wien 38,78% 01 Innere Stadt 18,51%

Anmerkung: Die sechs wichtigsten NS-Hochburgen in Wien sind kursiv hervorgehoben.


217

Ein gegenteiliges Bild ergibt sich, wenn man den Dienstleistungssektor und die
Kategorie „ohne Beruf“ betrachtet. Die Hochburgen der Wiener National-
sozialisten lagen durchwegs in Bezirken mit hohen Anteilen an diesen Sektoren.

Abb.: Reihung der Wiener Gemeindebezirke nach ihrem Anteil am Tertiärsektor


(Dienstleistungen)

Anteil Anteil
Tertiärsektor Tertiärsektor
01 Innere Stadt 59,53% Ø Wien 40,19%
09 Alsergrund 51,35% 15 Fünfhaus 39,89%
02 Leopoldstadt 50,50% 20 Brigittenau 37,83%
04 Wieden 49,01% 13 Hietzing 36,96%
08 Josefstadt 48,39% 12 Meidling 35,98%
07 Neubau 46,34% 17 Hernals 35,59%
06 Mariahilf 45,79% 14 Rudolfsheim 33,80%
03 Landstraße 45,67% 10 Favoriten 32,56%
18 Währing 44,65% 16 Ottakring 32,50%
19 Döbling 43,30% 11 Simmering 29,52%
05 Margareten 40,43% 21 Floridsdorf 29,42%

Anmerkung: Die sechs wichtigsten NS-Hochburgen in Wien sind kursiv hervorgehoben.

Abb.: Reihung der Wiener Gemeindebezirke nach ihrem Anteil an der Kategorie „ohne
Beruf“

Anteil Anteil
„ohne Beruf“ „ohne Beruf“
13 Hietzing 24,30% 06 Mariahilf 17,47%
04 Wieden 23,39% 15 Fünfhaus 17,24%
08 Josefstadt 22,98% 14 Rudolfsheim 16,81%
18 Währing 22,89% 05 Margareten 16,38%
09 Alsergrund 21,06% 17 Hernals 16,31%
19 Döbling 20,03% 12 Meidling 16,21%
01 Innere Stadt 19,90% 02 Leopoldstadt 15,85%
03 Landstraße 19,71% 11 Simmering 15,69%
07 Neubau 18,69% 10 Favoriten 14,52%
Ø Wien 17,96% 20 Brigittenau 14,30%
21 Floridsdorf 17,61% 16 Ottakring 14,13%

Anmerkung: Die sechs wichtigsten NS-Hochburgen in Wien sind kursiv hervorgehoben.


218

In seiner berühmten Analyse der Wiener Gemeinderatswahl 1932 verwendete


Robert Danneberg unter anderem eine Aufstellung der Verteilung der männlichen
Wahlberechtigten nach Berufen in Wien 1923, die er auch für das Jahr 1932 noch
für aussagekräftig hält. 277

Abb.: Verteilung der männlichen Wahlberechtigten nach Berufen in den Wien


Gemeindebezirken 1923

Arbeiter und Angestellte Selbständige, Freiberufler


und Berufslose
01 Innere Stadt 53,30% 44,88%
02 Leopoldstadt 66,94% 32,73%
03 Landstraße 73,10% 26,70%
04 Wieden 63,81% 36,01%
05 Margareten 73,27% 26,63%
06 Mariahilf 60,74% 39,09%
07 Neubau 61,96% 37,71%
08 Josefstadt 62,77% 36,98%
09 Alsergrund 65,99% 33,79%
10 Favoriten 83,29% 16,61%
11 Simmering 80,94% 18,90%
12 Meidling 76,92% 22,94%
13 Hietzing 71,49% 28,25%
14 Rudolfsheim 77,38% 22,52%
15 Fünfhaus 74,65% 25,06%
16 Ottakring 79,42% 20,50%
17 Hernals 76,70% 23,17%
18 Währing 72,42% 27,34%
19 Döbling 71,81% 27,88%
20 Brigittenau 78,05% 21,87%
21 Floridsdorf 81,64% 18,22%
Ø Wien 73,30% 26,49%

Quelle: Danneberg, Gemeinderatswahlen, Nr. 8/9, S. 374.

277
Er führt dazu aus: „Da seit dem Jahre 1923 auch keine sehr wesentliche Änderungen in der
Siedlung der Wiener Bevölkerung eingetreten sind, insbesondere die Citybildung keine Fort-
schritte gemacht hat, so darf man die Verteilung der Berufsschichten in den einzelnen Wiener
Bezirken von damals auch noch für heute ungefähr als richtig anerkennen. Die Gemeindebauten
dürften allerdings einige Änderungen hervorgerufen haben.“ (Danneberg, Gemeinderatswahlen,
Nr. 8/9, S. 373 f.)
219

Anmerkung zur umseitigen Abb.:

Die bei Danneberg abgedruckte Tabelle ist umfangreicher und umfasst insgesamt acht Kategorien.
Für die Zwecke dieser Darstellung wurden die Kategorien zusammengefasst. Die Spalte „Arbeiter
und Angestellte“ enthält die Kategorien „Arbeiter in Privatbetrieben“, „Hausgehilfen“,
„Privatangestellte“, „Angestellte und Arbeiter in öffentlichen Diensten“; die Spalte Selbständige,
Freiberufler und Berufslose die Kategorien „Selbständige“, „Freie Berufe“, „Beruflose
(Pensionisten, Rentner usw.)“. Die in der Originaltabelle ebenfalls enthaltene Kategorie
„Religionsgenossenschaften“, die im Schnitt 0,21% umfasst, wurde ausgeklammert; daraus erklärt
sich, dass sich bei der Addition der Zeilen eine Differenz zu 100 ergibt.

Abb.: Reihung der Wiener Gemeindebezirke nach ihrem Anteil an den Arbeitern und
Angestellten unter den männlichen Wahlberechtigten 1923

Arb. u. Angest. Arb. u. Angest.


10 Favoriten 83,29% 03 Landstraße 73,10%
21 Floridsdorf 81,64% 18 Währing 72,42%
11 Simmering 80,94% 19 Döbling 71,81%
16 Ottakring 79,42% 13 Hietzing 71,49%
20 Brigittenau 78,05% 02 Leopoldstadt 66,94%
14 Rudolfsheim 77,38% 09 Alsergrund 65,99%
12 Meidling 76,92% 04 Wieden 63,81%
17 Hernals 76,70% 08 Josefstadt 62,77%
15 Fünfhaus 74,65% 07 Neubau 61,96%
Ø Wien 73,30% 06 Mariahilf 60,74%
05 Margareten 73,27% 01 Innere Stadt 53,30%
Anmerkung: Die sechs wichtigsten NS-Hochburgen in Wien sind kursiv hervorgehoben.

Abb.: Reihung der Wiener Gemeindebezirke nach ihrem Anteil an den Selbständigen,
Freiberuflern und Berufslosen unter den männlichen Wahlberechtigten 1923

Selbst., Freib., u. Ber. Selbst., Freib., u. Ber.


01 Innere Stadt 44,88% 05 Margareten 26,63%
06 Mariahilf 39,09% Ø Wien 26,49%
07 Neubau 37,71% 15 Fünfhaus 25,06%
08 Josefstadt 36,98% 17 Hernals 23,17%
04 Wieden 36,01% 12 Meidling 22,94%
09 Alsergrund 33,79% 14 Rudolfsheim 22,52%
02 Leopoldstadt 32,73% 20 Brigittenau 21,87%
13 Hietzing 28,25% 16 Ottakring 20,50%
19 Döbling 27,88% 11 Simmering 18,90%
18 Währing 27,34% 21 Floridsdorf 18,22%
03 Landstraße 26,70% 10 Favoriten 16,61%

Anmerkung: Die sechs wichtigsten NS-Hochburgen in Wien sind kursiv hervorgehoben.


220

Die vorstehenden Abbildungen ergeben ein klares Bild: Die national-


sozialistischen Hochburgen befanden sich durchwegs in Bezirken mit überdurch-
schnittlich hohen Anteilen an Selbständigen, Freiberuflern und Berufslosen,
während die nationalsozialistischen Diasporagebiete durchwegs in Bezirken mit
überdurchschnittlich hohen Anteilen an Lohnabhängigen (also Arbeitern und
Angestellten) lagen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Verteilung der NS-Anhänger über das
Wiener Stadtgebiet in der Ära des illegalen Nationalsozialismus 1933 bis 1938
ganz und gar der bekannten Formel von der Mittelstandslastigkeit der NSDAP
entspricht. Wie der Vergleich mit den Wahlergebnissen 1932 zeigt, dürfte sich an
diesem Bild auch unter den Bedingungen der Diktatur Dollfuß/Schuschnigg
wenig geändert haben.

Zu diesem quantitativen Befund passend ergibt auch die Sichtung der eingangs
erwähnten Quellen kaum Evidenz dafür, dass Wiener Sozialdemokraten nach dem
12. Februar 1934 und vor dem 12. März 1938 in größerer Zahl zu den National-
sozialisten überliefen – viel eher wandten sie sich der Kommunistischen Partei zu.
Von einer aktiven „Kampfgemeinschaft“ zwischen Rot und Braun kann keine
Rede sein, bestenfalls stand man sich „passiv“ bei, indem beispielsweise die eine
illegale Gruppierung nicht Angehörige der anderen an die Polizeibehörden verriet
etc. Aus Bundesländern wie Oberösterreich, Kärnten oder Steiermark wird hin-
gegen wesentlich häufiger als aus Wien von Übertritten ehemaliger Schutzbündler
und Sozialdemokraten zu den Nationalsozialisten bzw. zur SA berichtet. 278

Das sehr dichte sozialdemokratische Milieu des „roten Wien“ schottete offen-
sichtlich besonders wirksam gegen derartige Versuchungen ab – zumindest bis
zum „Anschluss“. Wesentlich stärker als in den österreichischen Flächenbundes-
ländern dürfte die sozialstrukturelle Zusammensetzung der NSDAP in Wien auch

278
Vgl. allgemein zu dieser Thematik Konrad, Das Werben der NSDAP um die Sozialdemokraten
1933–1938; Schafranek, Zwischen Boykott und Anpassung; Schafranek, Hakenkreuz und rote
Fahne; Schafranek, NSDAP und Sozialisten nach dem Februar 1934.
221

noch während der Illegalität als „mittelständisch“ oder „bürgerlich“ zu bezeichnen


sein.

C.4.2.2 Konfession

Die Analyse der Wahlergebnisse der Weimarer Republik (Jürgen Falter) zeigt,
dass die NSDAP vor allem in evangelischen Gebieten Erfolge feiern konnte.
Protestanten waren im Schnitt fast doppelt so anfällig für den Nationalsozialismus
wie Katholiken. In weiten Teilen der evangelischen Kirche Deutschlands bestand
eine weltanschauliche Nähe zum Nationalsozialismus, der von vielen
evangelischen Theologen als nationale Erneuerungsbewegung angesehen wurde.
Bei der Konfessionszugehörigkeit handelte es sich, so folgert Falter, „um einen
‚genuinen‘, von anderen Größen weitgehend unabhängigen Einflussfaktor …, der
für das Wahlverhalten gegenüber der NSDAP bis ins Jahr 1933 von ausschlag-
gebender Bedeutung war“. 279

Ähnlich verhielt es sich in Österreich: Dirk Hänisch kommt bei seiner Analyse der
österreichischen NSDAP-Wähler zum Ergebnis, dass von der protestantischen
Konfessionsstruktur ein „schwacher, aber nachweisbar positiver Effekt auf das
Abschneiden der Nationalsozialisten“ ausging. 280 Auch nach dem Verbot der
NSDAP lässt das Phänomen einer überdurchschnittlichen NS-Affinität von
Protestanten nachweisen, wie für den Juliputsch nachgewiesen werden konnte
(siehe die nachfolgenden Abbildungen).

279
Falter, Hitlers Wähler, S. 169–193.
280
Elste/Hänisch, Auf dem Weg zur Macht, S. 143–150; vgl. weiters Hänisch, NSDAP-Wähler,
S. 253–269.
222

Abb.: Konfessionsstruktur der Juliputsch-Beteiligten

Juliputsch- Mann- militärische politische Aufstands-


Beteiligte schaft Führer Führer bundesländer
insg. (ohne Städte)
römisch-katholisch 90,6% 91,5% 82,4% 84,1% 95,6%
evangelisch (A. B.) 9,0% 8,2% 17,7% 15,9% 3,6%
erfasste Personen 2129 1914 136 44 2.192.351

Quelle: Bauer, Sozialgeschichtliche Aspekte des Juliputsches, S. 217.

Abb.: Vergleich der Konfessionsstruktur der Juliputsch-Beteiligten mit der


Konfessionsstruktur der in der Datenbank der Juliputsch-Beteiligten enthaltenen Aufstands-
und Sammlungsorte

römisch- evangelisch erfasste


Personen
katholisch (A. B.)
in der Datenbank der Juliputsch-Beteiligten enthaltene
93,3% 5,8% 143.793
Aufstands- und Sammlungsorte

Juliputsch-Beteiligte (Mannschaft und Führer) 90,6% 9,0% 2.129

über-/unterrepräsentiert 97,1 155,2


100 = gleich; unter 100 = unterrepräsentiert; über 100 = überrepräsentiert

Quelle: Bauer, Sozialgeschichtliche Aspekte des Juliputsches, S. 217.

Die Untersuchungen über den Juliputsch zeigen,

• dass sich der Aufstand zum Teil auf Regionen und Gemeinden mit einem
überdurchschnittlichen Protestantenanteil konzentrierte,

• und dass in diesen Gemeinden wiederum Protestanten unter den Juliputsch-


Beteiligten deutlich häufiger zu finden waren, als es ihrem Gesamtanteil an der
jeweiligen Gemeindebevölkerung entsprochen hätte.

Der Protestantenanteil unter NS-Führern war doppelt so hoch wie unter einfachen
Mannschaftsleute und überstieg den Anteil an der Gesamtbevölkerung um das
Viereinhalbfache. Die Wurzeln vieler Naziführer im (zu einem guten Teil
protestantischen) deutschnationalen Milieu treten deutlich zutage.
223

Wie verhielt es sich diesbezüglich in der Großstadt Wien? Kamen hier andere
Einflussfaktoren zum Tragen? Einen Hinweis auf Aggregatebene liefert die
Konfessionsverteilung der Wiener Gemeindebezirke (siehe folgende
Abbildungen).

Abb.: Reihung der Wiener Gemeindebezirke nach den Anteilen der evangelischen
Konfessionsangehörigen

Evangelisch Römisch- Israelitisch Konfessionslos


katholisch
04 Wieden 9,98% 75,79% 9,66% 2,61%
01 Innere Stadt 7,86% 62,82% 24,07% 3,24%
06 Mariahilf 7,67% 72,42% 15,10% 3,20%
08 Josefstadt 7,60% 74,15% 13,18% 2,85%
18 Währing 7,13% 81,53% 6,17% 3,09%
03 Landstraße 6,96% 78,76% 9,13% 3,20%
10 Favoriten 6,93% 84,10% 2,31% 5,08%
05 Margareten 6,89% 83,05% 4,37% 3,84%
07 Neubau 6,80% 74,03% 14,82% 2,75%
13 Hietzing 6,70% 82,70% 3,94% 4,41%
19 Döbling 6,57% 78,66% 9,01% 3,82%
Ø Wien 5,89% 78,74% 9,39% 4,05%
15 Fünfhaus 5,86% 82,46% 4,73% 4,86%
21 Floridsdorf 5,80% 85,68% 1,72% 5,50%
12 Meidling 5,79% 85,07% 2,27% 4,95%
09 Alsergrund 5,31% 66,56% 23,28% 3,20%
11 Simmering 4,68% 88,76% 0,99% 3,90%
14 Rudolfsheim 4,63% 84,23% 4,32% 4,75%
17 Hernals 4,19% 86,09% 3,58% 3,66%
16 Ottakring 4,18% 85,27% 2,73% 5,11%
02 Leopoldstadt 3,83% 57,77% 33,98% 3,05%
20 Brigittenau 3,46% 74,55% 15,32% 4,58%

Quelle: VZ 34, Heft 3, S. 2–3; eigene Berechnungen.

Anmerkungen:

Die in den Volkszählungsergebnissen angegebenen Positionen „altkatholisch“ und „andere“ wurden


weggelassen; bei den Evangelischen wurden Augsburger Bekenntnis und Helvetisches Bekenntnis
zusammengefasst.

Die sechs wichtigsten NS-Hochburgen in Wien sind kursiv hervorgehoben.


224

Sämtliche Hochburgen der illegalen NSDAP in Wien liegen in Bezirken mit


einem überdurchschnittlich hohen Anteil an Angehörigen der evangelischen
Konfession. Der stärkste Bezirk der NSDAP bei der Gemeinderatswahl vom
24. April 1932, Wieden, ist mit knapp 10% auch derjenige Wiener Gemeinde-
bezirk mit dem höchsten Protestantenanteil.

Die Auswertung der Wien-Datenbank schärft dieses Ergebnis auf Individualebene


(siehe folgende Abbildung).

Abb.: Konfessionszugehörigkeit der in der Datenbank der illegalen Wiener


Nationalsozialisten enthaltenen Personen

Illegale NS Illegale NS Wiener Gesamt- über-


absolut anteilsmäßig bevölkerung /unter-
repräs.
Römisch-katholisch 612 77,08% 78,74% 98

Evangelisch (A.B. u. H.B.) 161 20,28% 5,89% 344

Konfessionslos 10 1,26% 4,05% 31

Altkatholisch 9 1,13% 1,48% 76

Weitere Konfessionen 2 0,26% — —

Quelle für die Angaben der Konfessionszugehörigkeit der Wiener Gesamtbevölkerung: VZ 34, Heft 3, S. 2–
3; eigene Berechnungen.

Lesebeispiel: 612, das sind 77,08% der in der Datenbank der Wiener Illegalen 1933–1938 enthaltenen Per-
sonen waren römisch-katholischer Konfessionszugehörigkeit; der Anteil der römisch-katholischen
Konfession an der Wiener Gesamtbevölkerung betrug laut Volkszählung 1934 aber 78,74%. Demnach kann
man von einer leichten, nicht ins Gewicht fallenden Unterrepräsentation von Angehörigen der römisch-
katholischen Konfession unter den Nationalsozialisten sprechen.

Anmerkungen:

Bei 531 der 1325 in der Datenbank erfassten Personen fehlen Angaben zur Konfessionszugehörigkeit;
Prozentuierungsbasis demnach: 794 Konfessionsangaben. – Weitere Konfessionsangaben in der Datenbank:
griechisch-katholisch und griechisch-orthodox.

Über-/Unterrepräsentation: 100 = gleich; über 100 = überrepräsentiert; unter 100 = unterrepräsentiert.

Die dreieinhalbfache Überrepräsentation von Protestanten unter den Wiener


Nationalsozialisten verweist auf das traditionsreiche deutschnational-völkische
225

Milieu, aus dem sich die NS-Eliten in Wien (wie im übrigen Österreich)
bevorzugt rekrutierten. Es zeigt sich erneut, was bereits anderen Untersuchungen
zu entnehmen ist: Wie im Deutschen Reich verweist evangelische Konfessions-
zugehörigkeit stärker als jeder andere Indikator auf eine überdurchschnittlich hohe
NS-Affinität.

C.4.2.3 Altersstruktur

In einer immer stärker überregional ausgerichteten Gesellschaft entstehen – über


alle Sozialgrenzen hinweg – verstärkt Zusammenhänge zwischen Gleichaltrigen.
Das Alter wird zu einem bedeutenden sozialen Indikator – neben Milieu,
Geschlecht, Religion, politisch-weltanschaulicher Zugehörigkeit etc. Gemeinsame
Erfahrungen von Altersgenossen wirken identitätsbildend.

In der historischen Forschung hat die überdurchschnittliche Jugendlichkeit der


Mitglieder der NS-Bewegung immer wieder Aufmerksamkeit erregt. 281 Unter den
Zeitgenossen wurde das Phänomen ebenfalls schon früh allgemein wahr-
genommen. Tatsächlich waren an subversiven, illegalen, gewalttätigen, strafbaren
politischen Aktionen Jüngere, zum überwiegenden Teil unter 30-Jährige
besonders stark beteiligt, wie Gerhard Botz in seinem Standardwerk „Gewalt in
der Politik“ nachweist. 282

Die Analyse der Altersstruktur der nationalsozialistischen Juliputsch-Beteiligten


ergab, dass knapp zwei Drittel jünger als 30 Jahre waren (Durchschnittsalter:
28 Jahre). Zwischen einfachen Mannschaftsleuten und Führern bestanden
markante Unterschiede:

281
Vgl. u. a. allgemein die Einleitung bei Kater, Generationskonflikt; Falter, Hitlers Wähler,
S. 146; für Österreich: Pauley, Der Weg in den Nationalsozialismus, S. 93 ff.
282
Botz zufolge gehörten 22% der in der Ersten Republik an politischen Gewalttaten als Täter,
Opfer oder Zeugen beteiligten Personen den 16- bis 19-Jährigen und 61% den 20- bis 29-Jährigen
an, womit 83% der Militanten unter 30 Jahren alt waren. Das durchschnittliche Alter der
sozialistischen Militanten betrug 1932/33 27,7 Jahre, das der katholisch-konservativen und
Heimwehr-Militanten 27,2, das der nationalsozialistischen Militanten hingegen nur 23,1 Jahre.
(Botz, Gewalt, S. 325–327.) Vgl. zur Frage der Jugendlichkeit der Akteure der politischen
Auseinandersetzungen in Wien um 1930 Bauer, „… jüdisch aussehende Passanten“.
226

• Politische Führer waren im Schnitt 38 Jahre alt, zu 80% verheiratet und hatten
rund zwei Kinder pro Kopf.

• Militärische Führer waren im Schnitt 31½ Jahre alt, zu 40% verheiratet und
hatten ein Kind pro Kopf.

• Einfache Mannschaftsleute ohne Rang waren mit durchschnittlich knapp


28 Jahren wesentlich jünger als ihre Führer; drei Viertel waren unverheiratet.

Die meisten Juliputsch-Beteiligten hatten also am Weltkrieg nicht teilgenommen,


waren aber in seinem Schatten geboren und aufgewachsen und unmittelbar von
der Not und dem sozialen Niedergang der Kriegs- und Nachkriegsjahre
betroffen. 283

Die für die Wien-Datenbank erhobenen Daten erlaubten eine ähnliche Analyse der
Altersstruktur der illegalen Wiener Nationalsozialisten, wobei allerdings aufgrund
der ausgewerteten Quellen eine nach politischen, militärischen Führern und
einfachen Mannschaftsleuten gegliederte Analyse in der ausgefeilten Form der
Juliputsch-Untersuchung erst nach Beendigung der Erfassung der Wöllersdorf-
Daten und der gemeinsamen Auswertung der Wien- und der Wöllersdorf-Daten
möglich ist.

283
Bauer, Sozialgeschichtliche Aspekte, S. 165–168, 235.
227

Abb.: Grundzahlen Altersstruktur Wien-Datenbank

Jahrgang Anzahl Jahrgang Anzahl Jahrgang Anzahl


Personen Personen Personen
1858 1 1886 3 1905 37
1865 1 1887 10 1906 25
1869 1 1888 8 1907 21
1870 1 1889 16 1908 31
1871 1 1890 18 1909 41
1872 1 1891 20 1910 35
1873 1 1892 19 1911 45
1874 3 1893 23 1912 46
1875 2 1894 15 1913 51
1876 2 1895 15 1914 29
1877 2 1896 28 1915 23
1878 1 1897 23 1916 25
1879 0 1898 32 1917 13
1880 5 1899 23 1918 23
1881 9 1900 37 1919 17
1882 3 1901 48 1920 10
1883 6 1902 32 1921 1
1884 4 1903 42 Gesamt 966
1885 11 1904 26

Anmerkung: Insgesamt enthält die Wien-Datenbank 1324 Personen; in 358 Fällen gibt es keine oder
missverständliche Angaben zum Geburtsjahr, sodass die Datenbank insgesamt 966 verwertbare
Personenangaben enthält.
228

In ein Balkendiagramm umgesetzt, ergibt diese Tabelle folgendes Bild:

Abb.: Altersstruktur der illegalen Wiener Nationalsozialisten 1933–1938 (in absoluten


Zahlen)

50

45

40

35

30

25

20

15

10

0
j 1870
j 1872

j 1874

j 1876
j 1878

j 1880
j 1882

j 1884
j 1886
j 1888
j 1890
j 1892
j 1894
j 1896
j 1898

j 1900
j 1902

j 1904
j 1906

j 1908
j 1910

j 1912
j 1914
j 1916

j 1918
j 1920
Bei dem Geburtsjahrgängen 1901 und 1913 zu sind zwei Spitzen zu konstatieren,
wodurch sich diese Altersstruktur signifikant von der der nationalsozialistischen
Anhaltehäftlinge unterscheidet (siehe dazu Näheres unter Punkt C.5.3.1, wo auch
eine grafische Gegenüberstellung der Kurvenverläufe erfolgt).

Der Kurvenverlauf der Altersstruktur der illegalen Wiener Nationalsozialisten


dürfte zwei unterschiedliche Gruppen innerhalb der illegalen NSDAP abbilden:
zum einen die älteren, zum Teil im vornationalsozialistischen deutschnationalen
Milieu sozialisierten politischen NS-Führer, zum anderen die Gruppe der jüngeren
NS-Aktivisten – häufig SA- und SS-Angehörige – die sich an illegalen Aktionen
aller Art, bis hin zu Bombenanschlägen, beteiligten. Diese Vermutung wird durch
gesonderte Auswertungen der unterschiedlichen Gruppen – soweit sie aufgrund
der Quellen identifizierbar sind – noch zu überprüfen sein.

Eine weitere Forschungsfrage gilt dem Generationszusammenhang der illegalen


Wiener Nationalsozialisten. In der Fachliteratur wurden mehrere Modelle
229

entwickelt, um die historischen Akteure der Epoche des Nationalsozialismus in


Generationseinheiten aufzugliedern.

Für die in der Weimarer Republik verantwortlich Handelnden unterscheidet


Detlev Peukert vier exemplarische „politische Generationen“: die
„Wilhelminische Generation“ der Altersgenossen Wilhelms II.; die „Gründer-
zeitgeneration“ der im Jahrzehnt der Reichsgründung Geborenen; die „Front-
generation“ der in den achtziger und neunziger Jahren Geborenen und die
„überflüssige Generation“ der nach 1900 Geborenen. Die Frontgeneration habe in
den Eliten der Weimarer Republik meist nur die „zweite Geige“ gespielt oder sich
als Alternative zu den Älteren profilieren können. Vor allem die Jahrgänge um
1900 aber hätten, so Peukert, allen Grund gehabt, ihr Recht gegen die „Weimarer
Gerontokratie“ einzuklagen, waren sie doch mit einer stagnierenden Wirtschaft
konfrontiert und besonders stark von der Massenarbeitslosigkeit und der
Weltwirtschaftskrise betroffen. Aus diesem Grund hätten sich viele Junge den
„radikalen Flügeln des politischen Spektrums“ zugewandt. 284

Häufig anzutreffen ist die Gliederung in Vorkriegsgeneration, Kriegsgeneration


und Nachkriegsgeneration. Als Dreh- und Angelpunkt erscheint in diesem
Generationenkonzept der Erste Weltkrieg. Dieses in jeder Hinsicht prägende
Ereignis bewirkte je nach Altersgruppe ganz unterschiedliche und weitgehende
kulturelle und soziale Orientierungen und Verhaltensmuster, wie aus den Arbeiten
zahlreicher Autoren (Merkl, Kater, Botz u. a.) hervorgeht.

Für Österreich entwickelte Franz Schausberger eine Typologie von drei Politiker-
generationen außerhalb des sozialdemokratischen Lagers. Er unterschied die
gemäßigte, kompromissbereite, konsensfähige, eher demokratisch und
parlamentarisch orientierte Vor-Frontgeneration (bis Jahrgang 1888), die für
autoritäre Muster eintretende, kompromisslose, antimarxistische Frontgeneration
(Jahrgang 1889–1896) sowie die über keine eigene Kriegserfahrung verfügende
und von der Jugendbewegung geprägte Nach-Frontgeneration (ab Jahrgang 1897),

284
Peukert, Die Weimarer Republik, S. 25–31.
230

mit ihrer Suche nach neuer Romantik und der Sehnsucht nach radikaler
Überwindung alles Bisherigen. 285

Die Dreiteilung in Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegsgeneration wird für die


Zwecke der vorliegenden Untersuchung übernommen – allerdings ohne der
Typologisierung Schausbergers im Einzelnen zu folgen. Bei der Kriegsgeneration
erscheint hinsichtlich der Zuordnung der Jahrgänge eine Modifikation nötig, denn
Schausberger zieht die Untergrenze bei den bei Kriegsausbruch 18-Jährigen
(Jahrgang 1896) und die Obergrenze bei den 25-Jährigen (Jahrgang 1889). Im
Laufe des Krieges eingezogene jüngere Jahrgänge werden in seiner Typologie
nicht mehr berücksichtigt, womit die von ihm getroffene Einteilung als etwas zu
eng erscheint und deshalb um drei Jahrgänge nach oben ausgeweitet wird.
Zweifelsohne waren auch Ältere, vor 1889 Geborene, und teilweise noch Jüngere
vom Fronteinsatz betroffen, doch wahrscheinlich nicht in einem solchen Ausmaß
und Umfang, der es gerechtfertigt erscheinen ließe, den ganzen Jahrgang der
Frontgeneration zuzuordnen.

Die Einteilung der Generationen sieht daher folgendermaßen aus:

• Vor-Frontgeneration (bis Jahrgang 1888),

• Frontgeneration (Jahrgang 1889 bis 1899),

• Nach-Frontgeneration (ab Jahrgang 1900).

285
F. Schausberger, Ins Parlament, um es zu zerstören, S. 200.
231

Tabellarisch und in Form eines Balkendiagramms ergibt sich das folgende Bild:

Abb.: Altersstruktur der illegale Wiener Nationalsozialisten nach dem Generationenschema

Vor- Nach-
Frontgeneration Frontgeneration Frontgeneration

Männliche Bevölkerung lt.


VZ 34 23,64% 14,76% 33,04%

Illegale Wiener NS 7,85% 24,01% 68,11%

über-/unterrepräsentiert 33 163 206

Anmerkung: 100 = gleich; über 100 = überrepräsentiert; unter 100 = unterrepräsentiert.

Abb.: Altersstruktur der illegale Wiener Nationalsozialisten nach dem Generationenschema

70%

Männliche Bevölkerung lt. VZ 34


60%
Illegale Wiener NS

50%

40%

30%

20%

10%

0%
Vor-Frontgeneration Frontgeneration Nach-Frontgeneration

Die Generation der Älteren, die den Krieg nicht mehr aktiv miterlebte, ist im
Vergleich zur österreichischen Gesamtbevölkerung unter den Wiener
Nationalsozialisten markant unterrepräsentiert, während die Generation, die den
Ersten Weltkrieg an der Front miterlebte, stark überrepräsentiert ist. Noch
232

deutlicher ist der Überhang der Generation der „Kriegskinder“, die persönlich
nicht am Krieg teilnahmen, aber die Auswirkungen des Krieges in Form von
Hunger, Not, Elend, Depression in ihrer Kindheit und Jugend am eigenen Leib
erlebten und erlitten.

Die Teilauswertung der Wöllersdorf-Datenbank und der zusätzliche Vergleich mit


den Ergebnissen der Untersuchung der nationalsozialistischen Juliputsch-
Beteiligten wird zeigen, dass die Überrepräsentation der Nach-Frontgeneration in
diesen beiden Gruppen noch wesentlich stärker ist als unter den illegalen Wiener
Nationalsozialisten. (Siehe dazu Näheres unter Punkt C.5.3.1.)

C.4.2.4 Ausbildung

Ausgehend von der Überlegung, dass der Bildungsgrad einer Person ein wesent-
licher Faktor zur Bestimmung ihres sozialen Status und damit ihrer sozial-
strukturellen Zugehörigkeit nach dem Milieumodell ist, wurde im Rahmen der
Wien-Erhebung der Versuch unternommen, mittels Vergabe eines „Schulcodes“
eine Auswertung der in der Datenbank enthaltenen Personen nach dem Grad ihrer
Schulbildung vorzunehmen.

Es gibt eine grundsätzliche Problematik, die der Vergabe des Schulcodes inne-
wohnt. Prinzipiell könnte man innerhalb gewisser Grenzen aus überlieferten
Berufsbezeichnung auf die schulische Ausbildung schließen; bei Berufen wie
Notar, Arzt, Rechtsanwalt etc. wird das auch uneingeschränkt der Fall sein. Die
Angabe Buchbindergeselle etwa könnte bedeuten, dass der Entsprechende die
Grundschule absolviert und anschließen in einer Druckerei in die Lehre gegangen
ist; aber damit bewegen wir uns bereits im Bereich der Spekulation. Fraglich wäre
beispielsweise, ob ein „Buchhalter“ die Mittelschule oder einfach nur eine Lehre
nach Beendigung der Grundschule absolviert hat.

Es wurde bei der Vergabe des Schulcodes so vorgegangen, dass aus der Berufs-
bezeichnung auf den Grad der Ausbildung geschlossen wird. Diese Vorgangs-
weise beruht auf der Grundannahme, dass in der Regel bei der Berufsangabe der
eigentliche, erlernte Beruf angegeben wird, auch wenn dieser infolge Arbeits-
losigkeit notgedrungen nicht ausgeübt werden kann. Die Berufsangaben beruhen,
233

gerade im Fall von Verhaftungen, häufig auf Eigenangaben der Betroffenen.


Dabei ist davon auszugehen, dass diese den eigenen sozialen Status
herausstreichen.

Das heißt, eine Person, die den Beruf eines Schlossers erlernt hat, diesen Beruf
aber infolge der Arbeitslosigkeit nicht ausüben kann, sondern sich als
Gelegenheitsarbeiter verdingen muss, wird nicht „Hilfsarbeiter“ als Beruf
angegeben, sondern „postenloser Schlosser“ od. dgl.; zumindest zeigt die
Erfahrung, dass in der Regel der eigentlich erlernte Beruf zusätzlich erwähnt.

In vielen Fällen, das zeigt die konkrete Auswertung, beruht die Zuweisung eines
Schulcodes auf Plausibilitätserwägungen, die auf der Gesamtheit der
Informationen, die zu einer Person vorliegen, beruht. So scheint es angemessen,
zu vermuten, dass ein adeliger Großgrundbesitzer, der „Kaufmann“ als
Berufsbezeichnung anführt, zumindest eine Mittelschule absolviert hat.
Plausibilitätserwägungen können allerdings nur angestellt werden, wenn
ausreichen Personenangaben vorhanden sind. Ist neben einer nackten Berufs-
bezeichnung nichts weiteres Relevantes zur Person bekannt, kann auch keine
plausibel erscheinende Zuordnung getroffen werden.

Abgestellt wird grundsätzlich auf den regulären Abschluss einer Bildungsstufe.


Jemand, der einige Semester studiert, sein Studium aber nie beendet hat, wird
nicht als „a“, sondern als „b“ klassifiziert. Das ist bei Studenten nicht möglich,
weil aus den Quellen in der Regel nicht hervorgeht, ob sie ihr Studium erfolgreich
abschließen konnten oder nicht. Hier gilt einfach der genannte Status als Student;
ebenso verhält es sich bei Mittelschülern.
234

Abb.: Bildungs-/Schulcodierung

Code Beschreibung
a Hochschule bzw. Universität
b Mittelschule (Matura als Abschluss)
c Grundschule

a-jur Absolvent einer Universität, Jurist


a-tech Absolvent einer technischen Hochschule
a-med Mediziner, Absolvent einer Universität
a-kauf Diplomkaufmann, Absolvent eines wirtschaftswissenschaftlichen Studiums
a-ing Ingenieur, wird für Träger dieser Standesbezeichnung vergeben, wenn kein anderer
Titel wie etwa „Dr.“ vorhanden ist*
a-arch Architekt
a-vet Tierarzt
a-chem Chemiker
a-phil philosophische Studienrichtung
a-boku Bodenkultur
a-geol Geologe
a-pharm Pharmazeut
a-geogr Geograph
a-theol Theologe
a-bild kün akademischer Maler u. dgl., Absolventen der Akademie der Bildenden Künste
a-mus Absolvent einer Konservatoriums, Hochschule für Musik o. Ä.
a-stud Student an einer Hochschule bzw. Universität
a-stud-jur Student der Rechte etc. (weitere Kürzel wie oben)

b-schül Schüler einer Mittelschule


b/c-le Berufe wie „Beamter“, „Buchhalter“, „Privatbeamter“, „Skontist“ etc., bei denen
nicht erkennbar ist, ob es sich um Absolventen einer Mittelschule oder um
Absolventen der Grundschule mit anschließender kaufmännischer Lehre handelt

c-le Absolvent der Grundschule mit anschließender Lehre


c-ol Absolvent der Grundschule ohne anschließende Lehre
c-schül Schüler an einer Grundschule

# keine Angaben vorhanden


d Zuordnung nicht möglich
235

Zur Behandlung von Berufsangaben im Einzelnen:

zu vergebender
Code
Allgemein kaufmännische Berufe: Hier zeigt die Auswertung, dass man b/c-le
aufgrund der Berufsangaben häufig seriöserweise keine einigermaßen
zweifelsfreien Aussagen über die vermutliche Schulbildung machen kann. Bei
Angaben wie „Beamter“, „Privatbeamter“, „Bankbeamter“,
„Angestellter“, „Skontist“, „Kontorist“, „Prokurist“, „Kaufmann“ etc
.könnte es sich sowohl um Absolventen einer Mittelschule als auch um
Absolventen der Grundschule mit anschließender Lehrausbildung handeln.
Ohne weitere Kontextinformation kann hier keine genau abgegrenzte
Zuordnung treffen.
Wie sich zeigt, tragen auch Absolventen einer Hochschule die
Berufsbezeichnung „Beamter“ oder „Privatbeamter“; es ist aber davon
auszugehen, dass in einem solchen Fall in der Regel der Titel oder zumindest
die absolvierte Studienrichtung etc. in irgendeiner Weise verzeichnet ist.
Daher ist davon auszugehen, dass die mit den genannten
Berufsbezeichnungen belegten Personen die Grundschule mit einer
anschließenden kaufmännischen Lehre oder die Mittelschule absolviert haben.
Handelsangestellter: Meinen Recherchen zufolge ist es keineswegs so, dass b/c-le
Handelsangestellter einfach nur eine andere Bezeichnung für Handelsgehilfe
ist. Auch diese Bezeichnung sagt per se noch nichts über den Bildungsgrad
aus.
Handlungsgehilfe bzw. Handelsgehilfe: Eindeutig ein Lehrberuf. c-le
Angaben wie „Händler“ (in allen Kombinationen), „Reisender“, b/c
„Vertreter“ etc. lassen ohne weiterführende Kontextinformationen keine
konkreten Aussagen über die Schulbildung des Betreffenden zu. In der Regel
wird aber eine Hochschulausbildung ausgeschlossen werden können.
„Geschäftsführer“, „Betriebsleiter“, „…unternehmer“, „…erzeuger“ d
ohne alle weiteren Kontextinformationen.
Bei „Verkäufer“ besteht keine Klarheit, ob eine Lehre vorhanden ist oder c
nicht.
Handelsschüler werden nicht „b“ klassifiziert, sondern wie Personen mit c-le
Lehrausbildung und Grundschule. (Kriterium für „b“ ist die Matura als
Abschluss außer bei Schülern.)
Bei Beamte des öffentlichen Dienstes ist eine Lehre mit anschließender b/c-le
Beamtenausbildung denkbar oder auch der Einstieg in die Beamtenlaufbahn
nach Matura.*
Bei öffentlichen Beamten oder Vertragsangestellten, bei denen aufgrund b
der Berufsbezeichnung und der erkennbar höheren beruflichen Position zu
vermuten ist, dass sie eine Mittelschule absolviert haben.
Die Angabe „Lehrer“ lässt auf eine Mittelschulausbildung schließen. b
Bei der Angabe „Mittelschullehrer“ wird davon ausgegangen, dass es sich a
um einen Absolventen einer Hochschule oder Universität handelt.
Die Angabe „Privatlehrer“ muss als unbestimmt angesehen werden; b
offensichtlich handelte es sich um jemand, der Nachhilfeunterricht erteilte
o. Ä. Ich gehe davon aus, dass für diese Tätigkeit ein Mittelschulabschluss die
Grundvoraussetzung war.
„Skilehrer“ werden nicht wie sonstige Lehrer behandelt. Steht nur diese d
236

Angabe allein, lässt sich daraus nicht schließen, welche Bildungsstufe die
betreffende Person absolviert hat.
Für die Standesbezeichnung „Ingenieur“ gilt die „Kaiserliche Verordnung a-ing
vom 14. März 1917, womit die Berechtigung zur Führung der
Standesbezeichnung ‚Ingenieur‘ festgelegt wird“ (RGBl. 130/1917).
Demnach sind Ingenieure diejenigen, welche eine inländische Technischen
Hochschule, Montanistischen Hochschule oder Hochschule für Bodenkultur
in einer Fachabteilung, für die mindestens zwei Staatsprüfungen vorgesehen
sind, ordnungsgemäß absolviert haben. Auch im militärischen Bereich war
die Erlangung des Titels möglich. Aus dem Studium des Gesetzestextes ergibt
sich, dass man Ingenieure als Absolventen einer Hochschule und damit als
Angehörige der Bildungsstufe A klassifizieren kann.
„Diplomkaufmann“: Absolvent eines wirtschaftswissenschaftlichen a-kauf
Studiums.
„Architekt“ (häufig in Kombination mit „Baumeister“). a-arch
„Bautechniker“ ohne alle weiteren Kontextinformationen. a/b
(Ehemalige) Offiziere: egal, wie die aktuelle Berufsbezeichnung lautet; b
außer, es geht aus den weiteren Angaben hervor, dass es sich um einen
Hochschulabsolventen handelt.
Bei einfachen Polizisten, Gendarmen und Unteroffizieren des Bundesheeres c-le
bzw. der alten Armee wird eine einer Lehre gleichzustellende Ausbildung
angenommen. Weitere Bezeichnungen: „Wehrmann“, „Heeresangehöriger“
„Kriminalbeamter“ ohne alle weiteren Kontextinformationen. b/c-le
„Hilfsarbeiter“ ohne alle weiteren Kontextinformationen. c-ol
Berufe, die die Wortteile „…gehilfe“, „…geselle“, „meister“ enthalten, c-le
lassen auf eine erfolgreich absolvierte Lehre schließen.
Angaben wie „Arbeiter“, „Fabriksarbeiter“ oder „Fabrikarbeiter“, c
„Lederarbeiter“ etc. (außer Hilfsarbeiter) lassen nicht erkennen, ob die
betreffende Person eine Lehre absolviert hat oder nicht.
„Techniker“, ohne alle weiteren Angaben und Kontextinformationen d
Aus der Angabe „Elektrotechniker“ ohne weitere Kontextinformationen b/c-le
geht nicht eindeutig hervor, ob es sich um einen Absolventen einer
Elektrikerlehrer, einer technischen Mittelschule oder gar einer Hochschule
handelt. Allerdings ist Letzteres in der Regel auszuschließen, weil
angenommen werden kann, dass in einem solchen Fall der Titel angeführt
wäre.
Personen, die Aufgrund der vorhandenen Angaben zum Beruf und sozialen b/c
Status nicht plausibel den Bildungsstufen c (Grundschule) oder b
(Mittelschule) zuzuordnen sind.
Baumeister ist eine ebenfalls unklare Berufsbezeichnung, was die a/b
Ausbildung betrifft. Es ist aber anzunehmen, dass jemand für die Ausübung
eines derartigen gehobenen Berufen zumindest die Mittelschule absolviert
hatte, möglicherweise sogar eine Hochschule

Resümee nach Durchführung der Schul-/Bildungscodierung:

Die Angaben von Beruf und Titel ermöglichen eine Zuordnung hauptsächlich von
Akademikern, während sich bei vielen Berufsangaben von nicht akademischen
237

Berufen häufig eine plausible Bestimmung des vermutlichen Bildungsgrades nicht


zu treffen ist. Man könnte alle Personen weglassen, bei denen eine Bildungs-
codierung nicht durchgeführt werden kann. In einem solchen Fall muss aber mit
größter Wahrscheinlichkeit ein deutlicher Akademiker-Bias erwartet werden, weil
aufgrund der vorhandenen Angaben gerade bei Universitäts- und Hochschul-
absolventen nach aller Erfahrung fast immer der Bildungsgrad zu bestimmen ist.
Akademiker würden also in den seltensten Fällen ausgeschieden werden, während
sehr viele Absolventen der Grundschule und Mittelschule ausgeschieden werden
müssten.

Aufgrund der nicht zu erreichenden notwendigen Trennschärfe zwischen den


Bildungsstufen c (Grundschule) und b (Mittelschule) kann die Bildungs-
auswertung nur eine Bestimmung des Anteils von Akademikern sein.
Diesbezüglich muss die Auswertung aber wiederum als sehr valid bezeichnet
werden.

Abb.: Rohdaten der Auswertung des Bildungs-/Schulcodes

Code absolut anteilsmäßig


a 344 26,77%
a/b 17 1,32%
b 62 4,82%
b-schül 25 1,95%
b/c 98 7,63%
b/c-le 271 21,09%
c 42 3,27%
c-le 341 26,54%
c-ol 31 2,41%
c-schül 2 0,16%
d 52 4,05%

Anmerkung: Insgesamt enthält die Wien-Datenbank 1324 Personen; in 39 Fällen gibt es keine oder
missverständliche Angaben zum Beruf bzw. zur Schulbildung, sodass insgesamt 1285 Berufs- und sonstigen
verwertbaren Angaben ein Schulcode zugeordnet werden konnte.
238

Unter den als „a“ klassifizierten Personen befanden sich 171 absolvierte
Akademiker (13,3%) und 173 Hörer an einer Universität oder Hochschule
(13,5%), ihr Anteil betrug demnach rund ein Viertel aller erfassten illegalen
Wiener Nationalsozialisten. Zusätzlich dürfte mehr als ein Drittel eine
Mittelschule absolviert haben und nur ein knappes Drittel nicht über die
Grundschule hinausgekommen sein.

Selbst wenn man – wie oben angeführt – der Wien-Datenbank mit gutem Grund
gewisse Verzerrungen unterstellt, so wird man von einer enormen Über-
repräsentation von universitären und, allgemeiner gesprochen, von Bildungs-
milieus unter den Wiener Nationalsozialisten in der Ära der Illegalität 1933 bis
1938 sprechen müssen. Die Tatsache, dass der radikale rassenantisemitische
Deutschnationalismus der Schönerer’schen Ausprägung seit den 1880er Jahren –
und in Anschluss daran ab den frühen 1930er Jahren der Nationalsozialismus –
gerade an den Wiener Universitäten und Hochschulen seine Hochburgen hatte,
spiegelt sich in der Zusammensetzung der Wiener „Illegalen“ wider.
239

C.5 Die nationalsozialistischen Häftlinge der österreichischen


Anhaltelager 1933–1938 („Wöllersdorf-Erhebung“) (Kurt
Bauer)

C.5.1 Die Entstehung des Systems der Anhaltelager in Österreich

Ohne die Machtübertragung an Adolf Hitler im Deutschen Reich am 30. Januar


1933 wäre es vermutlich nie zur autoritären Entwicklung in Österreich
gekommen. Viele Schritte des sich ab März 1933 formierenden diktatorischen
Dollfuß-Regimes sind als halb bewusste, halb intuitive Nachahmungen von
Maßnahmen des NS-Regimes zu betrachten. 286 Den besten Beleg dafür liefert
Bundeskanzler Dollfuß selbst, der am 25. März 1933 im christlichsozialen
Klubvorstand verkündet hatte: „Die braune Welle können wir nur auffangen,
wenn wir das, was die Nazi versprechen und in Deutschland getan haben, was
ohnehin gemildert wird durch verschiedene Richtungen bei uns, selber machen,
nur dann wird es gelingen, einem Großteil der Sozi-Mitglieder beizubringen, dass
sie keine Macht mehr haben und werden weggehen von den Sozi.“ 287 Kurz: den
Nationalsozialismus nachahmen, um die Sozialdemokratie zu beseitigen. 288

286
Erich Voegelin, der einzige namhafte Rechtsgelehrte, der sich 1933/34 explizit hinter die
Regierung stellte (Huemer, Sektionschef Robert Hecht, S. 216), führte in einem Beitrag für die
Wiener Zeitung vom 27. 4. 1934 die verfassungsmäßige „Reformperiode“ beispielsweise unmittel-
bar auf die „deutsche Revolution von 1933“ zurück.
287
Goldinger (Hg.), Protokolle Klubvorstand Christlichsoziale Partei, S. 212.
288
Die ab März 1933 geleisteten „Vorarbeiten“ des ständestaatlichen Regimes wurden von den
Nationalsozialisten durchaus gewürdigt. So kommt ein Bericht der SS vom Februar 1938 zum
Schluss, dass sich im Fall einer „Eingliederung“ Österreichs eine Reihe von als notwendig
erachteten gesetzlichen Maßnahmen (Ausschaltung von politischen Parteien, Zensur von Presse
und Rundfunk, Verbot von Versammlungen und Aufmärschen, Vermögensbeschlagnahme,
Ausbürgerungen etc.) übernommen und bestenfalls verschärft werden müssten. (DÖW, Akt Nr.
14.890; zit. bei Walterskirchen, Engelbert Dollfuß, S. 257 f.)
240

In der Weimarer Republik hatte der Entdemokratisierungsprozess bereits 1930


eingesetzt, als Reichspräsident Hindenburg ein nur vorübergehend tragfähiges
Notverordnungsregime auf Basis des Artikels 48 der Weimarer Reichsverfassung
(WRV) errichten ließ, das eine Verlagerung der Macht vom Parlament zum
Präsidenten brachte. Aus der parlamentarischen Demokratie entstand eine „außer-
parlamentarische Quasidiktatur“ (Karl Dietrich Bracher), die schließlich Hitler
den Weg an die Macht ebnete. 289 Das äußerst vorsichtig gefasste Notverordnungs-
recht des österreichischen Bundespräsidenten laut Artikel 18 des Bundes-
290
Verfassungsgesetzes (B-VG) war für eine ähnliche Vorgangsweise ungeeignet.
Als wesentlich wirkungsvoller zur Befriedigung diktatorischer Gelüste sollte sich
das fatalerweise in den Rechtsbestand der Republik übernommene Kriegs-
wirtschaftliche Ermächtigungsgesetz (KWEG) 291 erweisen, das die kaiserliche
Regierung im Kriegsjahr 1917 ermächtigt hatte, „während der Dauer des durch
den Krieg hervorgerufenen außerordentlichen Verhältnisse durch Verordnungen
die notwendigen Verfügungen zur Förderung und Wiederaufrichtung des
wirtschaftlichen Lebens (…) zu treffen“. Ermutigt durch das Beispiel des im
Deutschen Reich ohne parlamentarische Basis regierenden halbautoritären
Kabinetts Papen, startete die Regierung Dollfuß mit einer auf der dubiosen
Rechtsgrundlage des KWEG basierenden Verordnung vom 1. Oktober 1932 292
einen ersten Versuchsballon – worauf die sozialdemokratische Presse den Kanzler
treffend als „kleinen österreichischen Papen“ bezeichnete. 293 Ab März 1933

289
Bracher, Die deutsche Diktatur, S. 184.
290
Bemerkenswert dazu sind die Ausführungen des sozialdemokratischen Wiener Bürgermeisters
Karl Seitz im Nationalrat. Siehe Stenographisches Protokoll. 102. Sitzung des Nationalrates,
IV. Gesetzgebungsperiode. 20. Oktober 1932, S. 2657 f.
291
Gesetz vom 24. Juli 1917, mit welchem die Regierung ermächtigt wird, aus Anlass der durch
den Kriegszustand verursachten außerordentlichen Verhältnisse die notwendigen Verfügungen auf
wirtschaftlichem Gebiete zu treffen (öst. RGBl. 307/1917).
292
Verordnung des Bundesministers für Justiz im Einvernehmen mit dem Bundesminister für
Finanzen vom 1. Oktober 1932 über die Geltendmachung der im 7. Credit-Anstalts-Gesetze
(B. G. Bl. Nr. 415 aus 1931) angeführten Haftungen (BGBl. 303/1932).
293
Kleine Blatt, 22. 10. 1932, S. 2.
241

verkündete die Regierung Dollfuß dann insgesamt 471 verfassungswidrige Not-


verordnungen 294 auf Basis des KWEG. 295

Durch die erste diese Verordnungen, die am 7. März 1933 den eigentlichen
Verfassungsbruch markierte, 296 hob das Dollfuß-Regime das beinahe 70 Jahre
zuvor verkündete Grundrecht der Pressefreiheit 297 auf und führte, wie Justiz-
minister Schuschnigg es im Ministerrat ausdrückte, „eine Art von Vorzensur [ein],
die aber nach außen hin nicht als solche in Erscheinung treten dürfe, weil
verfassungsmäßig jede Zensur ausgeschlossen sei“. 298 Zudem verging sich die
Regierung durch einen Weisungserlass 299 vom selben Tag am Grundrecht der
Versammlungsfreiheit. 300 Beide Maßnahmen – unverkennbar dafür gedacht, die
politische Opposition zu knebeln – ähnelten verdächtig einer ersten, gegen
„Versammlungen und Aufzüge“ sowie „Druckschriften“ gegnerischer Parteien
gerichteten Notverordnung der frisch gekürten Regierung Hitler vom 4. Februar
1933. 301

294
Diese Zahl lt. Huemer, Sektionschef Robert Hecht, S. 319.
295
Ausführlich zur Geschichte des KWEG Huemer, Sektionschef Robert Hecht, S. 138–156 und
passim.
296
Verordnung der Bundesregierung vom 7. März 1933, betreffend besondere Maßnahmen zur
Hintanhaltung der mit einer Störung der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit verbundenen
Schädigungen des wirtschaftlichen Lebens (BGBl. 41/1933).
297
Artikel 13 des Staatsgrundgesetzes vom 21. Dezember 1867 über die allgemeinen Rechte der
Staatsbürger (öst. RGBl. 142/1867), bekräftigt durch den Beschluss der Provisorischen National-
versammlung für Deutschösterreich vom 30. Oktober 1918 (StGBl. 3/1918). Lt. Art. 148 Abs. 1 B-
VG 1929 galten das Staatsgrundgesetz von 1867 und der Beschluss der Provisorischen National-
versammlung von 1918 als Verfassungsgesetze.
298
Zit. n. Huemer, Sektionschef Robert Hecht, S. 214.
299
Wiener Zeitung, 8. 3. 1933, S. 1.
300
Artikel 12 des Staatsgrundgesetzes vom 21. Dezember 1867 (öst. RGBl. 142/1867).
301
Die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes vom 4. Februar
1933 (dt. RGBl. 1933 I, S. 35) war bereits von der Regierung Papen anlässlich des Berliner
Verkehrsstreiks (3. bis 7. November 1932) entworfen, allerdings erst von der Regierung Hitler
erlassen worden (daher „Schubladenverordnung“).
242

Eine weitere Parallele: Die Berufung von SA, SS und „Stahlhelm“ zur Hilfs-
polizei in Preußen am 22. Februar 1933 nahm die österreichische Regierung zum
Vorbild für die Bildung ähnlicher Formationen. Im Mai 1933 schuf sie durch zwei
KWEG-Verordnungen einen „freiwilligen Assistenzkörper“ zur Unterstützung des
Bundesheeres, 302 der ebenso wie das im Juli als „Reserve“ für Polizei und
Gendarmerie ins Leben gerufene „freiwillige Schutzkorps“ 303 aus Mitgliedern der
regierungstreuen Wehrverbände gebildet wurde. Peter Huemer meint, dass diese
Verordnungen zu jenen Maßnahmen der Regierung gehörten, „die am meisten zur
Vergiftung des politischen Klimas in Österreich beitrugen“. 304 Allerdings:
Während im Deutschen Reich die SS ab 1933 Schritt um Schritt die Polizei über-
nahm, konnte in Österreich die stärkste der regierungstreuen Wehrformationen,
die Heimwehr, niemals eine ähnlich uneingeschränkte Position erringen. Das
Sicherheitswesen blieb, selbst unter Leitung eines Heimwehrministers, stets in der
Hand der traditionellen Eliten.

In der Geschichte der NS-Herrschaft kommt der am 28. Februar 1933, einen Tag
nach dem Brand des Berliner Reichstags, erlassenen „Reichstagsbrand-
verordnung“ 305 größte Bedeutung zu. „Zur Abwehr kommunistischer staats-
gefährdender Gewaltakte“ setzten Hitler und seine nationalkonservativen
Verbündeten mit einem Federstrich die wichtigsten Grundrechte der Weimarer
Verfassung außer Kraft, darunter das für alle demokratischen, parlamentarisch
verfassten Gesellschaften zentrale Recht der persönlichen Freiheit (Artikel 114
WRV). In den folgenden Tagen, Wochen und Monaten kam es auf Grundlage der
Reichstagsbrandverordnung zu Massenverhaftungen von Kommunisten und
anderen politischen Gegnern des sich formierenden NS-Regimes. In kurzer Zeit
etablierte sich für diese Praxis der „vorbeugenden“ Festnahme ohne konkretes

302
1. und 2. Assistenzkörperverordnung vom 26. Mai 1933 (BGBl. 201/1933 und 202/1933).
303
Schutzkorpsverordnung vom 7. Juli 1933 (BGBl. 292/1933); geändert durch die Verordnung
vom 1. September 1933 (BGBl. 402/1933).
304
Huemer, Sektionschef Robert Hecht, S. 241.
305
Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28. Februar 1933 (dt.
RGBl. 1933 I, S. 83).
243

Delikt und richterlichen Befehl der für den Nationalsozialismus so bezeichnende


euphemistische Terminus „Schutzhaft“. 306

Zusätzlich verschleppten marodierende SA- und SS-Banden im gesamten Reich


politische Gegner und sonstige Missliebige auch ohne formellen Schutzhaftbefehl
und versperrten, folterten und ermordeten viele von ihnen in SA-/SS-Lokalen,
verlassenen Fabrik- und Werkgebäuden, Kasernen, Kasematten, Klöstern etc. Auf
diese Art entstanden im März 1933 die ersten, „wilden“ Konzentrationslager. Um
diese von den neuen Machthabern bald als unliebsam wahrgenommenen
chaotischen Zustände zu beenden, richtete am 21. März 1933 die SA auf dem
Gelände einer alten Brauerei in Oranienburg bei Berlin und die SS in einer
aufgelassenen Munitionsfabrik in Dachau bei München erste „reguläre“
Konzentrationslager ein. Zahlreiche weitere sollten folgen. 307

Zu auch nur annähernd vergleichbaren Exzessen wie während der „nationalen


Revolution“ in Deutschland kam es in Österreich höchstens kurzfristig im Februar
und Juli 1934. Aber die Entwicklung ab März 1933 war ebenso wie in Deutsch-
land von einer markanten Ausweitung von Polizeistrafbefugnissen gekenn-
zeichnet, was in der explosiven politischen Lage des Frühjahrs und Sommers
1933 einen enormen Anstieg an politischen Häftlingen zur Folge hatte. 308 Bereits
die gegen die Pressefreiheit gerichtete Verordnung vom 7. März 1933 309 sah –
unbeschadet etwaiger strafgerichtlicher Verfolgung – ungewöhnlich hohe
Verwaltungsstrafen (Geldstrafen bis zu 2000 Schilling oder Arrest bis zu drei
Monaten) vor. In ähnlicher Weise hatte die neue Regierung im Deutschen Reich
durch die erwähnte Verordnung vom 4. Februar 1933 die Dauer der polizeilichen

306
Broszat, Nationalsozialistische Konzentrationslager, S. 325–327. – Schriftliche Schutzhaft-
befehle enthielten in der Regel die Formel „Auf Grund der Verordnung des Reichspräsidenten zum
Schutze von Volk und Staat (…) wird in Schutzhaft genommen: …“.
307
Broszat, Nationalsozialistische Konzentrationslager, S. 327–334; Bauer, Nationalsozialismus,
S. 218–220.
308
Zur Erweiterung der Polizeibefugnisse und der Herausbildung des Polizeistaates vgl. Mähner,
Rolle der Polizei, S. 52–59, sowie Neugebauer, Repressionsapparat und -maßnahmen, S. 311–313.
309
BGBl. 41/1933.
244

Haft stark ausgeweitet. 310 Das Dollfuß-Regime schöpfte in weiterer Folge das
durch § 2 KWEG vorgegebene maximale Verwaltungsstrafausmaß von sechs
Monaten Arrest voll aus. So wurde im Mai 1933 für politische Demonstrationen
das vom Verwaltungsverfahrensgesetz 311 vorgesehene Höchststrafausmaß von
200 Schilling oder zwei Wochen Arrest auf 2000 Schilling oder sechs Monaten
Arrest ausgedehnt 312 und im Juni 1933 die Höchstgrenze für Berufungen gegen
Strafbescheide der Verwaltungsbehörden von 200 auf 1000 Schilling und von
14 Tagen auf sechs Wochen Arrest angehoben. 313

Mit dieser verfassungswidrigen Aus- und Überdehnung des Verwaltungsstraf-


verfahrens 314 suchte man vor allem eines zu erreichen: Die als notwendig
erachtete rasche und harte Abstrafung politisch motivierter Delikte – von Heil-
Hitler-Rufen, Hakenkreuzschmierereien, Flugzettelausstreuung über politisch
missliebige Äußerungen in der Presse, Durchführung verbotener politischer
Versammlungen, Aufmärschen und sonstigen öffentlicher Demonstrationen bis
hin zu Sabotage- und Terrorakten aller Art 315 – sollte nicht den als politisch
unberechenbar eingestuften unabhängigen Richtern, 316 sondern
weisungsgebundenen Beamten überlassen werden.

310
Vgl. Broszat, Nationalsozialistische Konzentrationslager, S. 326.
311
Art. 8 Abs. 1 des Einführungsgesetzes zu den Verwaltungsverfahrensgesetzen (BGBl.
273/1925).
312
Verordnung der Bundesregierung vom 19. Mai 1933 zur Hintanhaltung politischer Demonstra-
tionen (BGBl. 185/1933).
313
Verordnung der Bundesregierung vom 13. Juni 1933, betreffend die Zulässigkeit von
Berufungen gegen Strafbescheide der Verwaltungsbehörden (BGBl. 237/1933).
314
Siehe dazu Huemer, Sektionschef Robert Hecht, S. 251 f.
315
Für eine umfassende Typologie nationalsozialistischer Aktionsformen 1933/34 siehe Bauer,
Weg zum Juliputsch, S. 103–108.
316
Vgl. Jagschitz, Anhaltelager in Österreich, S. 131. – Ein Beispiel: Eine Erhebung der
steirischen Sicherheitsdirektion vom Oktober 1934 über die „Politische Einstellung von
Staatsanwälten und Richtern“ brachte folgendes Ergebnis: 53 Richter wurden als
nationalsozialistisch bzw. als völkisch/national eingestuft, 29 als „vaterländisch“ (davon nur fünf
als aktiv), weitere 23 Richter als neutral bzw. indifferent. (Bauer, Struktur und Dynamik des
illegalen Nationalsozialismus, S. 61.)
245

Abb.: Beispiele für zwischen März und September 1933 auf Grundlage des KWEG erlassene
Verordnungen und die darin angedrohten Arreststrafen

Datum Inhalt der Verordnung BGBl. Nr. maximale


Arreststrafe

7. März 1933 Hintanhaltung von Schädigungen des wirt- 41/1933 3 Monate


schaftlichen Lebens [Vorzensur]

13. März 1933 Anzeigefrist für Versammlungen und Untersagung 55/1933 6 Wochen
von Vereinsversammlungen

26. April 1933 Plakatierungsverordnung 155/1933 3 Monate

19. Mai 1933 Hintanhaltung politischer Demonstrationen 185/1933 6 Monate

19. Mai 1933 Fahnenverordnung 186/1933 3 Monate

26. Mai 1933 Verbot der Kommunistischen Partei 200/1933 6 Monate

26. Mai 1933 1. Assistenzkörperverordnung 201/1933 3 Monate

19. Juni 1933 Verbot der NSDAP und des Steirischen 240/1933 6 Monate
Heimatschutzes

16. Juni 1933 Missbrauch fremden Eigentums zu politischer 248/1933 6 Monate


Propaganda

7. Juli 1933 Abwehr wirtschaftlicher Schädigungen durch 295/1933 3 bis 6 Monate


Terrorakte

16. August 1933 Beschlagnahme des Vermögens verbotener 368/1933 3 Monate


politischer Parteien

Die Gefängnisse und Arreste in Österreich waren rasch brechend voll, sodass
nichts näher lag, als nach deutschem Muster die Schaffung von Notarresten und
Lagern anzuregen. In der Literatur wird häufig auf ein Schreiben des Tiroler
Heimwehrführers und Sicherheitsdirektors Steidle an den Wiener Heimwehr-
führer und Sicherheitsminister Fey von Anfang August 1933 verwiesen. Inhalt:
Das Innsbrucker Gefangenenhaus sei bereits jetzt überbelegt; weil die Zustände in
den Arresten „täglich unerträglicher“ würden und wegen der in nächster Zeit „zu
erwartenden höheren Tätigkeit der Nationalsozialisten“ beantrage er, Steidle, die
Anlegung eines „Sammellagers“ für politische Häftlinge. Fey konnte diesem
Vorschlag offensichtlich viel abgewinnen und ließ seine Beamten im Laufe des
246

August 1933 die Vorarbeiten für die Einrichtung derartiger Lager und die
Textierung einer entsprechenden Verordnung leisten. 317

Zur Schaffung von neuem Raum zur Unterbringung von Verwaltungshäftlingen


bedurfte es allerdings keiner im Bundesgesetzblatt verkündeten KWEG-
Verordnung; ein Erlass des Ministeriums – wie er tatsächlich am 5. September
1933 erging 318 – hätte dafür vollauf gereicht. Tatsächlich hatte man mit der
Verordnung anderes im Sinn: die präventive Internierung von politischen Gegnern
aller Schattierungen. 319

Als Fey im Ministerrat vom 1. September 1933 einen Verordnungsentwurf über


die „Internierung oder Konfinierung sicherheitsgefährlicher Personen“ einbrachte,
verwies Vizekanzler Winkler, der führende Vertreter des Landbundes in der
Regierung Dollfuß, sogleich auf das nationalsozialistische Deutschland: „Redner
habe den Eindruck, dass man sich ernstlich bemühe, Maßnahmen, die man sonst
bei anderen Staaten ablehne, wie z. B. die Errichtung von Konzentrationslagern
und das Vorgehen gegen anders Gesinnte in Deutschland, nachzuahmen.“320
Dollfuß war bei dieser Sitzung nicht anwesend; eine vermutlich treffende
Zusammenfassung seiner Haltung lieferte einer seiner engsten politischen
Vertrauten, Justiz- und Unterrichtsminister Schuschnigg: „Redner gehöre zu
jenen, die vor dem Kopieren der reichsdeutschen Crudelitäten einen Abscheu
hätten. Doch müsse er feststellen, dass man auf dem bisher beschrittenen Weg
nicht weiter komme. In Innsbruck bestehe Überbelag an Häftlingen; das gleiche

317
Jagschitz, Anhaltelager in Österreich, S. 131 f. und Zodl, Anhaltelager Wöllersdorf, S. 239;
weiters beispielsweise Neugebauer, Repressionsapparat und -maßnahmen, S. 313; Mähner, Rolle
der Polizei, S. 59; Philapitsch, Wöllersdorf: Trauma oder Mythos, S. 193.
318
Vgl. Jagschitz, Anhaltelager in Österreich, S. 132, und Zodl, Anhaltelager Wöllersdorf, S. 242.
319
Im Ministerrat vom 1. 9. 1933 entspann sich zwischen Landbund-Staatssekretär Bachinger und
Heimwehr-Sicherheitsminister Fey folgender Dialog: „(…) Grundsätzlich müsse sich Redner die
Frage vorlegen, ob überhaupt eine Verordnung notwendig sei, wenn man bloß neue Polizeiarreste
schaffen wolle. B.M. Fey erwidert, für die verurteilten Häftlinge wäre sie gewiss nicht
erforderlich, doch handle es sich auch um Präventivmaßnahmen, die auf eine rechtliche Grundlage
gestellt werden sollten.“ (MRP 896, 1933-09-01, Punkt 21, S. 337.)
320
MRP 896, 1933-09-01, Punkt 21, S. 334.
247

gelte von den Gefängnissen der anderen Gerichtshöfe und auch der Bezirks-
gerichte. (…) Dazu komme, dass die Vermengung politischer und krimineller
Häftlinge auch für normale Zeiten nicht wünschenswert sei. Redner sehe unter
diesen Umständen keinen anderen Ausweg, als das System der Sammellager zu
wählen. (…) Was die Präventivmaßnahmen anlange, hätten die Ereignisse der
letzten Zeit gezeigt, dass solche Vorsorgen notwendig seien, wenn man einen
größeren Schaden vermeiden wolle. Es sei klar, dass derartige Vorkommnisse wie
der Fall Hofer in Innsbruck, 321 wenn sie auch von untergeordneter Bedeutung
seien, in der Bevölkerung einen starken Stimmungsdruck verursachten. Daher
erweise sich die Androhung einer Präventivverwahrung als sehr zweckmäßig.“ 322

Der Widerstand des Landbundes verhinderte für Freitag, den 1. September eine
Entscheidung über die von Fey gewünschte Verordnung. Winkler hatte auf eine
Verschiebung der Diskussion bis nach dem am Freitag kommender Woche
beginnenden Allgemeinen Deutschen Katholikentag gedrängt. Aber bereits in der
von Dollfuß geleiteten Ministerratssitzung am Mittwoch, 6. September brachte
Fey die Frage wiederum aufs Tapet. Winkler reagierte heftig und erklärte, dass
„Österreich nicht die im Deutschen Reiche angewendeten Methoden nachahmen,
sondern ein Land der Zivilisation bleiben solle“. Wien und die Länder seien voll
von Gerüchten, dass die Heimwehr in etwa drei Wochen die Macht an sich reißen
wolle. „Für alle diejenigen, die sich dem neuen Kurs nicht mit Begeisterung
anschlössen, sollten Konzentrationslager errichtet werden.“ Man könne nicht den
Nationalsozialismus bekämpfen und gleichzeitig mit Mussolini paktieren. Er,
Winkler, sei jedenfalls nicht gewillt, „der Heimwehr unter dem Titel der Abwehr
des Nationalsozialismus die Machtmittel in die Hand zu geben, um in Österreich

321
Flucht des Tiroler NS-Gauleiters Franz Hofer, der am 30. 8. 1933 unter abenteuerlichen
Umständen von mit Heimwehruniformen verkleideten Nationalsozialisten aus dem Gefangenen-
haus des Innsbrucker Landesgerichtes befreit und über die Grenze nach Italien geschafft worden
war. (Kleines Blatt, 31. 8. 1933, S. 5 f.; weiters: ÖStA/AdR, NPA, Liasse Österreich 2/21 1933,
Z. 24.871-13/33, Bericht des LGK Innsbruck.)
322
MRP 896, 1933-09-01, Punkt 21, S. 335 f.
248

die Totalität für die Heimwehr aufzurichten“. 323 Dollfuß versuchte die Situation
zu kalmieren, schlug sich aber letztlich voll auf die Seite Feys, indem er
feststellte, dass er die Anhalteverordnung für eine „dringende Notwendigkeit“
halte; schließlich ließ er sich vom Ministerrat die Vollmacht erteilen, in der Frage
der Verordnung im Einvernehmen mit Winkler und Fey die weiteren Verfügungen
zu treffen. 324

Die Diskussion über die Errichtung von Sammellagern für die präventive
Internierung politischer Gegner fiel in eine vorentscheidende Phase des Über-
gangs vom pseudolegal verbrämten Autoritarismus zur Diktatur. Den
Erörterungen im Ministerrat am 1. und 6. September 1933 waren Treffen von
Bundeskanzler Dollfuß und Heimwehrführer Starhemberg mit Mussolini
vorausgegangen, deren Inhalte und Ergebnisse weitgehend bekannt sind.325
Mussolini hatte bei der Besprechung mit Dollfuß am 19./20. August in Riccione
eine große programmatische Rede, die Stärkung der Heimwehr in der Regierung,
das Ausschalten des Landbundes, einen betont „diktatorialen Charakter der
Regierung“ und die Einsetzung eines Regierungskommissärs für Wien
gefordert. 326

Die gewünschte Rede – seine bedeutendste, in der er die parlamentarische Demo-


kratie verwarf und die Errichtung eines autoritären Ständestaates ankündigte –
hielt Dollfuß tatsächlich am 11. September 1933 anlässlich einer Massen-
kundgebung der Vaterländischen Front auf dem Wiener Trabrennplatz. Am
21. September wurden Winkler und die anderen Landbundvertreter auftragsgemäß
aus der Regierung geworfen. Zur Stärkung der Heimwehr kam es vorläufig nicht
in dem von Mussolini gewünschten Ausmaß; Fey musste sogar vorübergehend die

323
MRP 897, 1933-09-06, Punkt 15, S. 367 f.
324
MRP 897, 1933-09-06, Punkt 15, S. 370–375.
325
Maderthaner/Maier (Hgg.), „Der Führer bin ich selbst“, S. 37–55.
326
Maderthaner/Maier (Hgg.), „Der Führer bin ich selbst“, S. 39, 46 f.
249

Sicherheitsagenden abtreten 327 und erhielt dafür als Trostpflaster das relativ
bedeutungslose Amt des Vizekanzlers zugesprochen. 328 Hinsichtlich einer neuen
Verfassung und der Ausschaltung der Sozialdemokratie wollte Dollfuß nichts
überstürzen. Am 15. September ließ er Mussolini durch den Gesandten Schüller
mitteilen, er marschiere rasch, liebe es aber nicht, „wenn ihn dabei Freunde von
rückwärts stoßen – das störe den Marsch“. 329 Trotz des Zögerns ist zu vermuten,
dass Fey und Dollfuß bei der ins Treffen geführten Notwendigkeit von
„Präventivmaßnahmen“ gegen politische Gegner weniger an einen zwar
möglichen, aber zu diesem Zeitpunkt aufgrund der internationalen Lage unwahr-
scheinlichen Angriff der Nationalsozialisten „von innen und von außen“ dachten –
wie sie vorgaben 330 –, sondern in erster Linie an Begleitmaßnahmen für die von

327
Wie Ex-Vizekanzler Winkler in seinem 1935 erschienen Buch plausibel meint, um ihn und den
Landbund ruhigzustellen (Winkler, Diktatur in Österreich, S. 76 f.). – Feys turbulenter Werdegang
in der Regierung: 17. 10. 1932: Staatssekretär für Sicherheitswesen; 10. 5. 1933: Bundesminister
nach Art. 78 Abs. 1 B-VG betraut mit den Agenden des Sicherheitswesens; 21. 9. 1933: Ent-
hebung als Sicherheitsminister und Ernennung zum Vizekanzler (Dollfuß übernimmt u. a. das
Sicherheitswesen selbst, als Staatssekretär unterstützt von Carl Karwinsky); 11. 1. 1934: als
Vizekanzler und Vertreter des Bundeskanzlers wieder mit der sachlichen Leitung der Angelegen-
heiten des gesamten Sicherheitswesens betraut (Karwinsky bleibt Staatssekretär für Sicherheits-
wesen); 1. 5. 1934: Enthebung als Vizekanzler und Ernennung zum Bundesminister betraut mit
den Agenden des Sicherheitswesens; 10. 7. 1934: Bundesminister ohne Portefeuille und General-
staatskommissär für außerordentliche Sicherheitsmaßnahmen zur Bekämpfung staatsfeindlicher
Bestrebungen in der Privatwirtschaft (Dollfuß übernimmt wiederum das Sicherheitswesen und
lässt sich dabei von Carl Karwinsky als Staatssekretär unterstützen); 17. 10. 1935: Enthebung als
Bundesminister ohne Portefeuille und Generalstaatskommissär, Ausscheiden aus der Regierung
und Ernennung zum Verwaltungsratspräsidenten der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft (DDSG).
328
Zur Regierungsumbildung vom 21. 9. 1933 siehe Huemer, Sektionschef Robert Hecht, S. 244–
252.
329
Maderthaner/Maier (Hgg.), „Der Führer bin ich selbst“, S. 50. – Diese kecke Stellungnahme ist
als Antwort auf eine Ansprache Starhembergs am 12. 9. 1933 zu werten, der den Kanzler coram
publico dazu aufgefordert hatte, die „Bolschewisten“ möglichst rasch aus dem Wiener Rathaus zu
werfen. (Maderthaner/Maier, S. 49; Kleines Blatt, 13. 9. 1933, S. 2.)
330
Für die diesbezügliche Argumentation siehe Statement Fey am 1. 9. (MRP 896, 1933-09-01,
Punkt 21, S. 336) sowie die Statements von Fey und Dollfuß am 6. 9. (MRP 897, 1933-09-06,
Punkt 15, S. 366 bzw. 370 f.).
250

der Heimwehr für die nächsten Wochen und von Dollfuß für die nächsten Monate
ins Auge gefasste Ausschaltung der Sozialdemokratie. 331

Nach der Regierungsumbildung waren alle Widerstände beseitigt, und Dollfuß


ließ die für die diktatorische Entwicklung und zunehmende Faschisierung des
österreichischen Staatswesens symbolhafte Verordnung unter dem Titel „Verord-
nung des Bundeskanzlers vom 23. September 1933, betreffend die Verhaltung
sicherheitsgefährlicher Personen zum Aufenthalte in einem bestimmten Orte oder
Gebiete“ in Kraft treten. 332

Ähnlich wie bei der Verordnung vom 7. März 1933 wählte man eine durchdachte
rechtliche Konstruktion, um die Fiktion der Verfassungsmäßigkeit der gegen-
wärtigen Regierung aufrechtzuerhalten und dem Vorwurf zu begegnen, ein im
Verfassungsrang stehendes altehrwürdiges Grundrecht, nämlich das der persön-
lichen Freiheit, 333 einfach per Notverordnung entsorgt zu haben. Laut dem Gesetz
zum Schutz der persönlichen Freiheit war die Verhaftung einer Person nur
aufgrund eines mit Gründen versehenen, innerhalb von 24 Stunden zuzustellenden
richterlichen Befehls erlaubt, und die „zur Anhaltung berechtigten Organe der
öffentlichen Gewalt“ mussten jeden Verhafteten innerhalb von 48 Stunden ent-
weder freilassen oder an die zuständigen Behörden abliefern. Aufgrund dieser
beiden Bestimmungen könne die präventive Internierung von politischen
Gegnern, „nur im Wege einer Änderung der verfassungsrechtlichen Bestimmun-
gen des Gesetzes zum Schutz der persönlichen Freiheit durchgeführt werden, was

331
Die in der Regierung verbreitete Befürchtung eines bewaffneten Widerstandes der Sozial-
demokratie lässt sich beispielsweise anhand eines bemerkenswerten Dollfuß-Statements im
christlichsozialen Klubvorstand vom 3. 10. 1933 belegen: „Die Sozi werden innerlich zusammen-
brechen, ich bin genau informiert, immer am Laufenden. Wenn sie Dummheiten machen, werden
wir mit aller Brutalität vorgehen.“ (Goldinger [Hg.], Protokolle Klubvorstand Christlichsoziale
Partei, S. 280.)
332
BGBl. 431/1933, in diesem Beitrag durchwegs als „Anhalteverordnung“ bezeichnet.
333
Gesetz vom 27. Oktober 1862 zum Schutz der persönlichen Freiheit (öst. RGBl. 87/1862). Lt.
Art. 148 Abs. 1 B-VG 1929 galt dieses Gesetz als Verfassungsgesetz; es wurde erst per 1. 1. 1991
durch das Bundesverfassungsgesetz vom 29. November 1988 über den Schutz der persönlichen
Freiheit (BGBl. 684/1988) ersetzt.
251

unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht tunlich“ sei, hieß es in einer „Notiz
für den Herrn Bundesminister“. 334 Das gesuchte rechtliche Schlupfloch fand sich
schließlich im § 5 des Gesetzes zum Schutz der persönlichen Freiheit. Zum
besseren Verständnis ist es zielführend, die beiden Passagen wörtlich zu
vergleichen:

• § 5 des Gesetzes zum Schutz der persönlichen Freiheit (1862):

„Niemand kann zum Aufenthalte in einem bestimmten Orte oder Gebiete ohne
rechtlich begründete Verpflichtung verhalten (interniert, konfiniert) werden.
Ebenso darf niemand außer den durch ein Gesetz verzeichneten Fällen aus
einem bestimmten Orte oder Gebiete ausgewiesen werden.“

• § 1 der Anhalteverordnung (1933):

„Der Bundeskanzler und über dessen Ermächtigung die Sicherheitsdirektoren


(in Wien der Polizeipräsident) können Personen, die im begründeten Verdachte
stehen, staatsfeindliche oder sonstige die öffentliche Sicherheit gefährdende
Handlungen vorzubereiten oder die Begehung oder die Vorbereitung solcher
Handlungen zu begünstigen, zu fördern oder dazu zu ermutigen, zwecks
Hintanhaltung von Störungen der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit
zum Aufenthalte in einem bestimmten Gebiete oder Orte verhalten.“

Die vom Gesetz zum Schutz der persönlichen Freiheit geforderte „rechtlich
begründete Verpflichtung“ wurde nach Meinung des Autors der oben erwähnten
Notiz durch die Anhalteverordnung statuiert. Die buchstäblich übernommene
Formulierung „zum Aufenthalte in einem bestimmten Orte oder Gebiete …
verhalten“ ist als indirekter, aber eindeutiger Verweis auf den § 5 des Gesetzes
von 1862 zu verstehen. Das musste reichen, denn Kritik konnte aufgrund der
mittlerweile weit fortgeschrittenen Knebelung der Presse sowieso nicht öffentlich

334
MRP 897, 1933-09-06, Beilage O, S. 381.
252

geäußert werden, 335 und eine Klage gegen die Verordnung war durch die Aus-
schaltung des Verfassungsgerichtshofes ohnehin unmöglich.

Abb.: Gegenüberstellung von vergleichbaren gesetzlichen Maßnahmen im Deutschen Reich


und in Österreich 1933/34

Maßnahme Deutsches Reich Österreich

Pressezensur und Verordnung des Reichspräsidenten – Verordnung der Bundesregierung


Versammlungsverbot zum Schutze des Deutschen Volkes vom 7. März 1933 (BGBl. 41/1933)
vom 4. Februar 1933 (RGBl. 1933 I, – Erlass des Staatssekretärs für Sicher-
S. 35) [„Schubladenverordnung“] heitswesen vom 7. März 1933

Aus- und Überdehnung Verordnung des Reichspräsidenten Zahlreiche Verordnungen der Bundes-
von Verwaltungs- und zum Schutze des Deutschen Volkes regierung ab 7. März 1933
Polizeistrafen vom 4. Februar 1933 (RGBl. 1933 I,
S. 35) [„Schubladenverordnung“]

Gründung einer Hilfs- Erlass des preußischen Innenministers – Assistenzkörperverordnungen vom


polizei aus regimetreuen vom 22. Februar 1933 26. Mai 1933 (BGBl. 201 u.
Wehrformationen 202/1933)

– Schutzkorpsverordnung vom 7. Juli


1933 (BGBl. 292/1933)

Verhaftung und Internie- Verordnung des Reichspräsidenten Anhalteverordnung vom 23. September
rung ohne konkretes zum Schutz von Volk und Staat vom 1933 (BGBl. 431/1933)
Delikt und richterlichen 28. Februar 1933 (RGBl. 1933 I,
Befehl S. 83) [„Reichstagsbrandverordnung“]

 Anhaltebescheid
Schutzhaftbefehl

Gesetzesbeschlüsse ohne Gesetz zur Behebung der Not von Art. 3 Abs. 2 des Bundesverfassungs-
parlamentarische Volk und Reich vom 24. März 1933 gesetzes vom 30. April 1934 (BGBl. I
Zustimmung (RGBl. 1933 I, S. 141) 255/1934) [„Ermächtigungsgesetz“]
[„Ermächtigungsgesetz“]

335
„Was zu dieser Verordnung zu sagen wäre, ist gegenwärtig nicht möglich“, war die einzige
Stellungnahme, die sich das das sozialdemokratische Kleine Blatt leisten durfte (26. 9. 1933, S. 1).
253

Hitler – unterstützt von seinen nationalkonservativen Verbündeten – hatte mit der


Reichstagsbrandverordnung die wichtigsten Grundrechte ohne alle Skrupel und
Umwege außer Kraft gesetzt und die Verordnung damit nach Ernst Fraenkel zur
„Constitutional Charter“ des Dritten Reichs gemacht. Eine ähnliche Bedeutung
kam der österreichischen Anhalteverordnung niemals zu. Immerhin hob sie das
grundlegende Menschenrecht der persönlichen Freiheit auf, und die äußerst vage
Beschreibung des von der Verordnung zu erfassenden Personenkreises öffnete
jeder nur erdenklichen behördlichen Willkür Tür und Tor. Eine derartige Ver-
ordnung, die sich gegen Staatsbürger richtete, denen außer ihrer angeblich
„amtsbekannten politischen Einstellung“ (wie es in den Anhaltebescheiden häufig
hieß) keine Verfehlungen oder Vergehen nachzuweisen waren, musste ent-
scheidend zur Verschärfung der politischen Gegensätze und zur Steigerung des
Hasses zwischen den politischen Lagern beitragen.

Bemerkenswert ist, dass die „Verordnung des Bundeskanzler“ nicht die Unter-
schrift Dollfuß’, sondern Feys trägt. Formal mag dies damit zu begründen sein,
dass Dollfuß am Samstag, 23. September 1933 zur Völkerbundversammlung nach
Genf reiste 336 und Fey in seiner Vertretung die Verordnung unterzeichnen musste.
Aber vermutlich hatte Dollfuß mit dieser Geste dem vorübergehend als
Sicherheitsminister entmachteten Fey bewusst den Vortritt gelassen, um ihm
Gelegenheit zu geben, die neue Verordnung als sein Werk und sich selbst als
starken Mann zu präsentieren. Bei einer Kundgebung des Heimatschutzes in
Niederösterreich am Sonntag, 24. September brüstete sich Fey jedenfalls damit,
dass er auch als Vizekanzler Einfluss auf das Sicherheitswesen habe. „Um dies
deutlich zu dokumentieren, sei gesagt, dass ich erst gestern die neue
Notverordnung unterschrieben habe, wonach man Personen nicht erst nach
vollbrachter Tat, sondern schon vorher hinter Schloss und Riegel setzen kann,
wenn anzunehmen ist, dass das Wirken dieser Personen nicht einwandfrei ist.“
Die Zeitung verzeichnete daraufhin „stürmische Zustimmung“. 337

336
Neue Freie Presse, Morgenblatt, 23. 9. 1933, S. 1.
337
Wiener Zeitung, 25. 9. 1933, S. 1.
254

C.5.1.1 Die Anhalteverordnung vom 23. September 1933 im Detail

„Haft“ und „Lager“ waren im Verordnungstext sorgsam gemiedene Begriffe. Die


offizielle Ausdrucksweise sollte, wie eine Zeitung kurz nach Erlass der
Verordnung preisgab, „Anhaltungsort“ lauten. 338 Nachdem Mitte Oktober die
ersten Häftlinge in den Wöllersdorfer Werken untergebracht worden waren,
bürgerte sich im amtlichen Schriftverkehr trotzdem umgehend der Begriff
„Anhaltelager“ ein. Die Verwendung der Bezeichnung „Konzentrationslager“ war
allen Behörden und vor allem der österreichischen Presse strikt untersagt. 339

Laut § 1 der Verordnung konnten der Bundeskanzler und über dessen


Ermächtigung die Sicherheitsdirektoren der Bundesländer (in Wien der Polizei-
präsident) 340 die Anhaltung von „sicherheitsgefährlichen Personen“ aussprechen.
Im Durchführungserlass zur Verordnung legte die Generaldirektion für die
öffentliche Sicherheit (GDfdöS) fest, dass die Sicherheitsdirektoren und der
Wiener Polizeipräsident diese Ermächtigung in jedem einzelnen Anhaltungsfall
einholen mussten. 341 So kam es, dass in der heißesten Phase – zwischen Jänner

338
12-Uhr-Blatt, 26. 9. 1933, S. 1.
339
Ein Beispiel: Als das Landesgericht für Strafsachen in einem amtlichen Schreiben an das BKA
vom 16. Juli 1934 im Zusammenhang mit Wöllersdorf die Bezeichnung „Konzentrationslager“
verwendete, rief das sofort entschiedenen Protest hervor, wie aus einer Amtsnotiz hervorgeht: „Da
diese Bezeichnung für das Anhaltelager Wöllersdorf aus hier nicht näher zu erörternden Gründen
unzutreffend und überdies der Gebrauch dieser Bezeichnung i.k.W. auch der inländischen Presse
untersagt wurde, wäre das Geschäftsstück dem Bund.-Min. f. Justiz mit dem Ersuchen
vorzuschreiben, den Gerichtsbehörden die Vermeidung des Wortes ‚Konzentrationslager‘ für
österreichische Anhaltelager aufzutragen.“ (ÖStA/AdR, BKA-Inneres 20/g, Ktn. 4458, Gz.
209.388/34.) Bundeskanzler Schuschnigg scheute sich allerdings nicht, im Ministerrat im
Zusammenhang mit den österreichischen Anhaltelagern von „Konzentrationslagern“ zu sprechen.
(MRP 984, 1935-02-20, Punkt 8, S. 296.) – Vgl. weiters Jagschitz, Anhaltelager in Österreich,
S. 133.
340
Die Institution der direkt dem Bundeskanzleramt unterstehenden „Sicherheitsdirektoren des
Bundes in den Bundesländern“ war im Zuge der Zentralisierung des Sicherheitswesens per
Verordnung der Bundesregierung vom 13. Juni 1933 (BGBl. 226/1933) ins Leben gerufen worden.
Während sich die Sicherheitsdirektoren der acht Flächen-Bundesländer aus Kreisen des
Bundesheeres, der Heimwehr, der Gendarmerie und der Bürokratie rekrutierten, übernahm in
Wien der Polizeipräsident diese Funktion. (Vgl. Mähner, Rolle der Polizei, S. 37–40.)
341
Jagschitz, Anhaltelager in Österreich, S. 133.
255

und Juli 1934 – laufend zumeist telefonisch übermittelte lange Listen von
Anhalteanträgen in der GDfdöS eingingen, die in der Regel innerhalb von ein bis
zwei Tagen telefonisch bewilligt wurden, ohne dass auch nur ansatzweise eine
angemessene Prüfung der Anträge möglich gewesen wäre. 342

Einen noch größeren Verwaltungsaufwand hatte eine Bestimmung nach § 2 der


Anhalteverordnung zur Folge, mit der man wohl so etwas wie Rechtsstaatlichkeit
signalisieren wollte. Demnach war gegen den Bescheid, mit dem ein Sicherheits-
direktor die Anhaltung aussprach, die Berufung – allerdings ohne aufschiebende
Wirkung – an den Bundeskanzler zulässig. Die Sichtung der Aktenbestände im
Österreichischen Staatsarchiv zeigt, dass vermutlich kaum jemals einer derartigen
Berufung stattgegeben wurde. Selbst in Fällen, wo es augenscheinlich einen
Unschuldigen erwischt hatte, verlegten sich die Behörden darauf, die betreffenden
Personen stillschweigend aus der Anhaltung zu entlassen und die Berufung als
solche abzuschmettern. Aber mit der rasch wachsenden Zahl der Anhaltehäftlinge
waren die Behörden so oder so nicht mehr in der Lage, die Tausenden von
Berufungen zeitgerecht abzuwickeln. In der Regel widmeten sich die GDfdöS-
Sachbearbeiter einem Berufungsakt erst lange nach Entlassung des betreffenden
Anhaltehäftlings.

Weiters sollte die Anhalteverfügung laut § 2 für „unbestimmte Zeit“ gelten; der
Bundeskanzler und über seine Ermächtigung die Sicherheitsdirektoren konnte sie
jederzeit aufheben. Da infolge der Ungewissheit über die Dauer der Anhaltung
„Haftpsychosen im größeren Ausmaße“ auftraten, entschloss man sich im
Frühsommer 1934 zu einer Änderung dieser Praxis. Der Anhaltebescheid enthielt
weiterhin keine Angabe über die Dauer der Anhaltung; aber beim Eintreffen im
Anhaltelager informierte man die Angehaltenen von nun an über die

342
Im Zuge der Erfassung der Daten der nationalsozialistischen Anhaltehäftlinge konnte ich einen
großen Teil des Bestandes ÖStA/AdR, BKA-Inneres 20/g 1933–1938 sichten. Bei allgemein
gehaltenen Aussagen, die Eindrücke aus der umfassenden Akteneinsicht wiedergeben, verzichte
ich auf Einzelbelege. – Jagschitz, Anhaltelager in Österreich, S. 133, wertet die Zustimmung des
BKA zu Anhalteanträgen der Sicherheitsdirektionen aufgrund der wachsenden Zahl der Häftlinge
als „bloßen Formalakt“.
256

voraussichtliche Länge der Haft und belehrte sie, unter welchen Voraussetzungen
es bei der angekündigten Anhaltedauer bleiben würde: a) gutes Verhalten im
Lager, b) ruhige politische Verhältnisse im Wohnort und c) die Abgabe einer
Loyalitätserklärung. Bezüglich der „Anhaltefristen“ hatten die Sicherheits-
direktoren Richtlinien der GDfdöS zu beachten. 343

Laut § 3 Anhalteverordnung galten für den Vollzug die Bestimmungen des


Verwaltungsstrafgesetzes. Demnach durften die Angehaltenen ihre eigene
Kleidung tragen und sich selbst verköstigen. Sollten sie sich nicht „aus eigenem
Antrieb angemessen beschäftigen“, waren sie zur Arbeit anzuhalten – was
letztlich bedeutete, dass Zwangsarbeit nicht vorgesehen war. 344

Für den Ersatz der Vollzugskosten (§ 4 Anhalteverordnung) waren die


Bestimmungen des § 1 der Verordnung vom 1. September 1933 345 heranzuziehen,
wonach der zuständige Sicherheitsdirektor die Kosten für außerordentliche
Sicherheitsmaßnahmen „den Personen, die durch strafbares Verhalten diese
Sicherheitsmaßnahmen verursacht haben, sowie denjenigen, die dieses Verhalten
begünstigt oder gefördert haben“, vorschreiben konnte. Für die Anhaltekosten
selbst legte das Bundeskanzleramt schließlich Ende November 1933 per

343
ÖStA/AdR, BKA-Inneres 20/g, Ktn. 4454, Gz. 181.038/34 – „Befristung der Anhaltung von
sicherheitsgefährlichen Personen im Sinne der Verordnung des Bundeskanzler vom 23. IX. 1933,
BGBl. Nr. 431“. – Hier heißt es u. a.: „Die Ungewissheit über die Dauer der Anhaltung wirkte sich
bei den Angehaltenen nach den bisherigen Erfahrungen zuweilen dahin aus, dass Haftpsychosen
im größeren Ausmaße auftraten, die dann zu Vorkommnissen führten, die nach ärztlicher Meinung
ihren Grund in der Hauptsache in der Nervenbelastung der Angehaltenen eben durch die
Ungewissheit der Dauer der Anhaltung gehabt haben.“ – Vgl. zum Problem der unbefristeten
Anhaltung die Ausführungen Feys im Ministerrat vom 24. September 1934. (MRP 976, 1934-09-
24, Punkt 4, S. 293.)
344
Weiters sah der im § 3 der Anhalteverordnung erwähnte § 12 Abs. 2 Verwaltungsstrafgesetz
(BGBl. 275/1925) vor, dass der mündliche und schriftliche Verkehr mit der Außenwelt der
amtlichen Aufsicht unterlag.
345
Verordnung der Bundesregierung vom 1. September 1933 zur Hereinbringung von Kosten-
ersätzen für außerordentliche Sicherheitsmaßnahmen (BGBl. 397/1933). – Zweck der Verordnung
lt. Sicherheitsminister Fey: „Die Verordnung solle die Möglichkeit bieten, auch jene Leute, die
zweifellos die Tat gefördert hätten, ohne dass man aber den gerichtsordnungsmäßigen Nachweis
dafür erbringen könne, zur Schadensgutmachung heranzuziehen.“ (MRP 896, 1933-09-01, Punkt
21, S. 338.)
257

Verordnung einen Pauschalbetrag von sechs Schilling pro Person und Tag fest.346
Der Wöllersdorfer Lagerkommandant bezifferte im Februar 1935 die
tatsächlichen Kosten der Verpflegung der Angehaltenen pro Person und Tag
übrigens mit 1,50 Schilling. 347

Der administrative Aufwand zur Hereinbringung der entstandenen Kosten war


enorm, der Erfolg mehr als dürftig. 348 Die Kosteneintreibung bei den Anhalte-
häftlingen selbst verlief meist erfolglos, weil diese nur selten über die not-
wendigen Mittel verfügten. 349 Auch die Ersatzkostenvorschreibungen an
Parteigenossen des Angehaltenen 350 dürften nicht zum gewünschten Ergebnis
geführt haben. Der steirische Sicherheitsdirektor etwa schätzte die
„Aufbringungssumme“ für Anhaltungskosten und Terrorschäden bis Ende
Oktober 1934 auf 994.000 Schilling. Er resümierte resignierend: „Diese Summen
sind aus der ganzen Bevölkerung des Landes Steiermark nicht hervorzubringen.
Insbesonders hat die Praxis bei der Hereinbringung der Verpflegskosten für die
Angehaltenen ergeben, dass diese oder deren Familien zu 95% zahlungsunfähig
sind, sodass nach den primären 1800 Vorschreibungen nach den gemachten
Erfahrungen bei weiteren Ersatzvorschreibungen solche in die Tausende

346
Verordnung des Bundeskanzleramtes vom 28. November 1933, betreffend die Festsetzung
eines Bauschbetrages für die Kosten der Verhaltung zum Aufenthalte in einem bestimmten Orte
oder Gebiete (BGBl. 525/1933).
347
ÖStA/AdR, BKA-Inneres 20/g, Ktn. 4475, Gz. 309.959/35 – „Anhaltelager Wöllersdorf,
Kosten für Verwaltungsstrafhäftlinge“. In dem genannten Satz von 1,50 Schilling dürften aller-
dings die bestimmt in beträchtlicher Höhe anfallenden Gemeinkosten für die Erhaltung der
Lagerobjekte, Bewachung etc. nicht berücksichtigt gewesen sein.
348
Bis 8. 6. 1934 waren von vorgeschriebenen 124.468,32 Schilling lediglich 1582 Schilling
tatsächlich eingehoben worden. (Mähner, Rolle der Polizei, S. 60.)
349
Vgl. Jagschitz, Anhaltelager in Österreich, S. 137.
350
Ein Beispiel aus den Akten: Am 19. 2. 1934 schrieb der steirische Sicherheitsdirektor per
Bescheid vier offensichtlich als NS-nahe angesehenen, in der Gegend von Schladming wohnhaften
Personen vor, die für einen „erhobenermaßen zahlungsunfähigen“, ebenfalls aus der Schladminger
Gegend stammenden nationalsozialistischen Anhaltehäftling angelaufenen Anhaltungskosten von
324 Schilling „binnen 8 Tagen nach Zustellung bei sonstiger zwangsweiser Eintreibung zu
ersetzten“. (ÖStA/AdR, BKA-Inneres 20/g, Ktn. 4445, Gz. 125.577/34.)
258

notwendig sind, ehe nur ein Bruchteil der aufzubringenden Summen herein-
gebracht erscheint.“ 351

Nach § 5 Anhalteverordnung waren die Gemeinden verpflichtet, „die zum Voll-


zuge notwendigen Sacherfordernisse“ gegen nachträglichen Auslagenersatz
beizustellen, und § 6 befristete die Wirksamkeit der Verordnung mit 1. Oktober
1934.

C.5.2.2Die weiteren Anhaltegesetze

Mit dem unmittelbar nach dem NS-Putsch 1934 verkündeten Bundesverfassungs-


gesetz vom 30. Juli 1934 352 erließ die Regierung neben der nach wie vor gültigen
Anhalteverordnung von 1933 ein weiteres Anhaltegesetz. Demnach waren
Minderbeteiligte des Juliputsches, unbeschadet ihrer strafrechtlichen Verfolgung,
„an einem bestimmten Orte anzuhalten“ und „ausnahmslos zu schwerer
Zwangsarbeit zu verhalten“. Die Anhaltung wurde von den Bezirksverwaltungs-
oder Bundespolizeibehörden verfügt; eine Berufung dagegen war nicht möglich;
die Entlassung blieb dem Bundeskanzler vorbehalten. Bei bereits dem Gericht
überstellten Juliputschbeteiligten stand die Beurteilung der Frage, ob sie als
353
Minderbeteiligte anzusehen seien, dem Staatsanwalt zu. Zudem sollte das
Vermögen sämtlicher Juliputschisten – auch der Minderbeteiligten – beschlag-
nahmt werden.

351
ÖStA/AdR, BKA-Inneres 22/Stmk., Ktn. 5139, Gz. 186.533/34 – „Sicherheitsdirektor für
Steiermark. Anhaltung sicherheitsgefährlicher Personen, Einbringung von Kostenersätzen.“
352
Bundesverfassungsgesetz vom 30. Juli 1934 über besondere Maßnahmen gegen die an dem
Umsturzversuch vom 25. Juli 1934 beteiligten Personen (BGBl. II 163/1934).
353
Zur Aburteilung der Juliputschisten hatte die Regierung einen Tag nach dem Dollfuß-Mord
einen eigenen Militärgerichtshof eingerichtet: Bundesverfassungsgesetz vom 26. Juli 1934 über
die Einführung eines Militärgerichtshofes als Ausnahmegerichtes zur Aburteilung der mit dem
Umsturzversuch vom 25. Juli 1934 im Zusammenhang stehenden strafbaren Handlungen
(BGBl. II 152/1934).
259

Das am 24. September 1934 knapp vor Ablauf der alten Anhalteverordnung
erlassene neue Anhaltegesetz 354 versuchte, den Personenkreis, der zum Aufenthalt
an einem bestimmten Ort verhalten werden konnte, genauer zu umschreiben. –
Zum Vergleich:

• Definition laut §1 der Anhalteverordnung (1933):


„… Personen, die im begründeten Verdachte stehen, staatsfeindliche oder
sonstige die öffentliche Sicherheit gefährdende Handlungen vorzubereiten oder
die Begehung oder die Vorbereitung solcher Handlungen zu begünstigen, zu
fördern oder dazu zu ermutigen …“

• Definition laut §1 des Anhaltegesetzes (1934):


„… Personen, die geflissentlich staats- oder regierungsfeindliche Bestrebungen
fördern oder andere zu staats- oder regierungsfeindlichen Handlungen verleiten
oder zu verleiten suchen, insbesondere aber Personen, die sich zu einer
politischen Partei bekennen, der die Betätigung in Österreich untersagt wurde,
oder von denen auf Grund nachgewiesener Handlungen oder Unterlassungen
mit Grund angenommen werden kann, dass sie den Bestrebungen einer solchen
Partei Vorschub leisten …“

Diese verfeinerte Definition war Ausdruck einer neuen Politik nach dem Juli-
putsch, mit der so etwas wie eine Deeskalation versucht wurde. Der neue
Sicherheitsstaatssekretär Hammerstein hatte den Sicherheitsdirektoren bereits per
Erlass vom 6. September 1934 mitgeteilt, dass in Hinkunft nur noch solche
Personen angehalten werden sollten, die sich „tatsächlich staats- oder regierungs-
feindlich verhalten oder in dringendem Verdacht verbotener politischer
Betätigung stehen“. Die frühere, allenfalls auch führende Mitgliedschaft in einer
mittlerweile verbotenen Partei allein sollte nicht mehr genügen, um eine Person in
Anhaltung zu nehmen. Auch von der Praxis der Anhaltungen als bloße

354
Bundesgesetz vom 24. September 1934, betreffend die Verhaltung sicherheitsgefährlicher
Personen zum Aufenthalte in einem bestimmten Orte oder Gebiete (Anhaltegesetz) (BGBl. II
253/1934).
260

Vergeltungsmaßnahme für Terror- und Propagandaakte, deren Täter nicht


ermittelt werden konnten, ging man ab. 355

Abb.: Wechselnde Rechtsgrundlagen der Anhaltung

Titel gültig ab BGBl. Nr.

Verordnung des Bundeskanzlers, betreffend die Verhaltung


sicherheitsgefährlicher Personen zum Aufenthalte in einem
bestimmten Orte oder Gebiete [Anm. KB: „Anhalteverordnung“] 23. 9. 1933 431/1933

Bundesverfassungsgesetz über besondere Maßnahmen gegen die an


dem Umsturzversuch vom 25. Juli 1934 beteiligten Personen 30. 7. 1934 163/1934 II

Bundesgesetz, betreffend die Verhaltung sicherheitsgefährlicher


Personen zum Aufenthalte in einem bestimmten Orte oder Gebiete
(Anhaltegesetz) 24. 9. 1934 253/1934 II

§ 23 des Bundesgesetzes zum Schutze der öffentlichen Ruhe, Ordnung


und Sicherheit (Ordnungsschutzgesetz) 20. 8. 1937 282/1937

Die Anhaltung war nunmehr – sicherlich im Sinne einer Verwaltungs-


vereinfachung – direkt und ohne Ermächtigung des Bundeskanzlers von den
Sicherheitsdirektoren „auf bestimmte oder unbestimmte Zeit“ auszusprechen
(§ 1); allerdings konnte der Bundeskanzler sie nach wie vor nach eigenem
Gutdünken verlängern oder aufheben (§ 3). Berufungen waren nur noch zulässig,
wenn die Anhaltung mehr als drei Monate überstieg (§ 2), was angesichts der
bisherigen Praxis nicht als Verschlechterung zu werten ist. Die Angehaltenen
seien „dauernd mit einer ihren Fähigkeiten entsprechenden Arbeit“ zu
beschäftigen (§ 4); der im Gesetz vom 30. Juli 1934 verwendete Begriff „Zwangs-
arbeit“ wurde vermieden. Auf spezielle Anstaltskleidung verzichtete man – wohl
aus Kostengründen – weiterhin. Rentenbeziehern wurde für die Dauer ihrer
Anhaltung die Verfügung über ihre Rente entzogen (§ 5). Ein Teil der Rente fiel

355
ÖStA/AdR, BKA-Inneres 20/g, Ktn. 4460, Gz. 236.576/34. – Vgl. Jagschitz, Anhaltelager in
Österreich, S. 133, der darauf verweist, dass mit dem neuen Anhaltegesetz „vom reinen Geisel-
prinzip“ abgegangen wurde; er zitiert dafür einen GDfdöS-Erlass vom 30. 9. 1933.
261

den Personen zu, für deren Unterhalt der Angehaltene zu sorgen hatte; der Rest
sollte zur Bestreitung der Anhaltekosten herangezogen werden. Ansonsten blieb
hinsichtlich des Ersatzes der Vollzugskosten alles beim Alten (§ 6). 356

Das Mitte August 1937 verkündete Ordnungsschutzgesetz 357 hatte den Zweck
einer Zusammenfassung, Vereinheitlichung und zum Teil Glättung und Milderung
von in den Jahren 1933 bis 1935 erlassenen restriktiven Verordnungen und
Gesetzen. 358 Der dem Thema Anhaltung gewidmete § 23 dieses Gesetzes brachte
wenig auffallende Änderungen gegenüber dem Anhaltegesetz von 1934. Die
Definition (§ 23 Abs. 1) des zur Anhaltung bestimmten Personenkreises war noch
ausführlicher als die des Anhaltegesetzes 1934 und ließ den Sicherheitsbehörden
jeden erdenklichen Interpretationsspielraum. Sie lautete nunmehr:

• „… Personen, von denen nach ihrem Verhalten mit Grund anzunehmen ist,
dass sie geflissentlich staats- oder regierungsfeindliche Bestrebungen fördern,
oder andere zu staats- oder regierungsfeindlichen Handlungen verleiten oder zu
verleiten suchen, ferner Personen, hinsichtlich derer der begründete Verdacht
besteht, dass sie sich an einer drohenden Störung der öffentlichen Ruhe,
Ordnung und Sicherheit beteiligen werden (…). Die gleiche Verfügung kann
gegen Personen getroffen werden, welche durch ein den sozialen Frieden
störendes Verhalten die öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit
gefährden.“

Zwar verwies die Tagespresse in ihren weitgehend gleichlautenden Kommentaren


durchwegs darauf, dass nunmehr Anhalteverfügungen auch aufgrund von

356
Vgl. die Diskussion im Ministerrat vom 24. September 1934 (MRP 976, 1934-09-24, Punkt 4,
S. 292–295). Umstritten war einzig die Frage der Befristung der Anhaltung, die zu einer längeren
Diskussion führte.
357
Bundesgesetz zum Schutze der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit (Ordnungsschutz-
gesetz – OG) (BGBl. 282/1937).
358
Siehe die beinahe gleichlautenden Kommentare in der österreichischen Tagespresse vom
18. August 1937. – So waren die bislang üblichen Doppel- und Mehrfachbestrafungen aufgrund
ein und desselben Deliktes nicht mehr möglich; Gerichtsstrafen sollten nicht mehr durch Polizei-
strafen erweitert werden. (Vgl. den Kommentar in der Neuen Freien Presse, 18. 8. 1937, S. 1 f.)
262

Störungen des „sozialen Friedens“ möglich waren, blieb aber Erläuterungen zum
Hintergrund dieser Bestimmung ebenso schuldig wie Informationen darüber, was
unter „Störung des sozialen Friedens“ zu verstehen war. Die Anhaltung galt nur
noch auf „bestimmte Zeit“, die zunächst drei Monate nicht übersteigen durfte,
aber vom Sicherheitsminister jederzeit verlängert werden konnte. Eine Berufung
ohne aufschiebende Wirkung an den Sicherheitsminister war jederzeit, an den
Bundesgerichtshof aber erst bei Verlängerung einer Anhaltung möglich.

C.5.2.3 Anhaltepraxis und Häftlingszahlen

Eine vom Sicherheitsdirektor verfügte „Anhaltung“ bedeutete keineswegs


automatisch Einlieferung in ein Anhaltelager. Der „bestimmte Ort“ der Anhaltung
konnte sich ebenso gut im Arrest eines Bezirksgerichts oder im Polizeigefangen-
haus in Wien befinden, wie im Fall des niederösterreichischen Heimwehrführers
Alberti. 359 Auch während eines längeren Spitalsaufenthaltes konnte der Status der
Anhaltung monatelang aufrechterhalten und sogar verlängert werden; ein Beispiel
dafür ist der Wiener Stadtschulratspräsident Glöckel. 360 Andererseits war es

359
Albrecht Alberti hatte als Landesleiter des Niederösterreichischen Heimatschutzes Verhand-
lungen mit dem Wiener NS-Gauleiter Frauenfeld geführt – wahrscheinlich mit Wissen und
Zustimmung des Führers des Österreichischen Heimatschutzes Starhemberg (vgl. Wiltschegg,
Heimwehr, S. 79 f.) – und war dabei von der Polizei in der Nacht vom 11. auf den 12. 1. 1934
„betreten“ worden. Er wurde schließlich am 18. 1. verhaftet, mit 14 Tagen Arrest bestraft und
anschließend in Anhaltung genommen, und zwar im Polizeigefangenhaus Wien in Einzelhaft. Am
30. 4. 1934 wurde er aus der Anhaltung entlassen und in Lunz am See „konfiniert“. Alberti durfte
ohne Genehmigung der zuständigen Behörden den Ort nicht verlassen und musste sich zweimal
wöchentlich beim Gendarmerieposten Lunz melden. Am 1. 5. 1938 wurde Alberti übrigens unter
der Mitgliedsnummer 6.152.627 in die NSDAP aufgenommen. (ÖStA/AdR, BKA-Inneres 20/g,
Ktn. 4449, Gz. 153.977/34; BArch, PK, Sign. A0036, Alberti, Albrecht, 7. 11. 1889.)
360
Otto Glöckel war am 13. 2. 1934 verhaftet worden, obwohl es laut Bericht der Bundespolizei-
direktion Wien keine Anhaltspunkte dafür gab, dass er sich an der Februarrevolte oder den
Vorbereitungen dafür beteiligt hatte. Glöckel blieb wie viele sozialdemokratische Mandatare im
Polizeigefangenhaus in Haft, erhielt schließlich am 19. 4. 1934 einen Anhaltebescheid, wurde am
selben Tag nach Wöllersdorf und von dort am 11. 7. 1934 in das Rainerspital in Wien überstellt;
im September 1934 verfügte die Behörde eine Verlängerung der Anhaltedauer um einen Monat;
am 19. 10. 1934 – Glöckel befand sich noch immer im Spital – hatte die Bundespolizeidirektion
Wien schließlich mit Rücksicht auf den amtsärztlich bescheinigten schlechten Gesundheitszustand
und die „Bejahrtheit“ Glöckels nichts gegen dessen Entlassung aus der Anhaltung einzuwenden.
263

häufig geübte Praxis, dass Personen, die etwa im Verwaltungsstrafverfahren zu


drei Monaten Arrest verurteilt worden waren, zur Abbüßung ihrer Reststrafe von
beispielsweise sechs Wochen ins Anhaltelager Wöllersdorf 361 verlegt wurden, das
in diesem Fall also als Notarrest diente. In der Regel verfügten die Sicherheits-
behörden nach Ablauf der Verwaltungsstrafe die Anhaltung, worauf der
betreffende Verwaltungsstrafhäftling weiter in Wöllersdorf verbleiben musste,
nunmehr eben als Anhaltehäftling. Wegen politischer Delikte gerichtlich
Verurteilte wurden hingegen grundsätzlich nicht in einem Anhaltelager unter-
gebracht; allerdings mussten sie damit rechnen, nach Ablauf der Kerkerstrafe in
Anhaltung genommen und nach Wöllersdorf verschickt zu werden. 362

Häufig nahm man politische Verwaltungsstrafhäftlinge nach Strafverbüßung in


einem regulären Arrestlokal oder Gefängnis in Anhaltung und überstellte sie nach
Wöllersdorf. Ebenfalls häufig lieferten Polizei oder Bezirksbehörden (je nach
Zuständigkeit) Verwaltungsstrafhäftlinge nach Ablauf ihrer Strafe an das Gericht
aus. Wenn nun – was oft vorkam – die Justiz mangels stichhaltiger Beweise die
Freilassung verfügte, konnte wiederum der zuständige Sicherheitsdirektor aktiv
werden und die Anhaltung aussprechen. So heißt es beispielsweise in einem
Anhalteantrag des niederösterreichischen Sicherheitsdirektors für den NS-Orts-
gruppenleiter von Waidhofen an der Thaya, der wegen NS-Betätigung bereits eine
Verwaltungsstrafe verbüßt hatte: „War zuletzt dem Gerichte wegen Hochverrats-
verdachtes eingeliefert, wurde aber wieder freigelassen. Der Sicherheitsdirektor
will ihn nach der Entlassung vom Gerichte nicht auf freiem Fuße belassen, weil er
ein radikaler Nationalsozialist ist.“ 363

(ÖStA/AdR, BKA-Inneres 20/g, Ktn. 4451, Gz. 165.730/34 u. Ktn. 4454, Gz. 184.124/34.) Otto
Glöckel starb am 23. 7. 1935 im Alter von 61 Jahren.
361
Auch wenn hier und bei den nachfolgenden Beispielen nur das weitaus größte und bekannteste
Lager Wöllersdorf genannt wird, gilt, dass daneben noch andere Anhaltelager existierten.
362
Zur Problematik Notarrest – Anhaltelager vgl. Jagschitz, Anhaltelager in Österreich, S. 135.
363
Quelle: „Wöllersdorf-Datenbank“ des Autors bzw. ÖStA/AdR, BKA-Inneres, 20/g, 1934.
264

Bruno Kreisky berichtet in seinen Erinnerungen vom Schicksal eines sozial-


demokratischen Zellengenossen, eines Straßenbahners aus Wien-Favoriten, der
sich an der Verteilung der illegalen „Arbeiterzeitung“ beteiligt hatte und deshalb
verhaftet worden war. Die drastischen Folgen: Der Mann hatte vorerst drei
Monate Verwaltungsstrafe abzusitzen, musste anschließend wegen Betätigung für
eine verbotene Partei eine gerichtliche Kerkerstrafe von zwei Jahren verbüßen und
kam anschließend ins Anhaltelager Wöllersdorf; zudem hatte er umgehend seine
Kündigung als Straßenbahner erhalten, und seine Frau war aus der gemeinsamen
Gemeindewohnung geworfen worden. Kreisky: „Im Austrofaschismus konnte
man also drei Strafen für ein und dasselbe ‚politische‘ Delikt bekommen. Ein
Schwerverbrecher allerdings wurde nur einmal bestraft.“ 364

Häufigster Grund für die Anhaltung von Nationalsozialisten war bis zu Herbst
1934 die Vergeltung für Anschläge und andere verbotene Aktionen. Ein Beispiel
aus dem an der Grenze zu Deutschland gelegenen Bezirk Rohrbach (Ober-
österreich) soll diese Vorgangsweise illustrieren: Um etwa 0.40 Uhr des
16. Jänner 1934 fanden im Ort Haslach je zwei Sprengstoff- und Papierböller-
anschläge statt, die an mehreren Gebäuden einen geschätzten Gesamtschaden von
6000 Schilling verursachten – eine für damalige Begriffe beträchtliche Summe.
Der Tat verdächtigt wurden mehrere aus dem Ort stammende, vor einiger Zeit
nach Deutschland geflüchtete Nationalsozialisten; man vermutete, dass sie im
Schutz der Nacht auf Schleichwegen über die Grenze nach Haslach gekommen
und nach Legen der Bomben wieder nach Deutschland zurückgekehrt waren. Um
10.00 Uhr gab die Bezirkshauptmannschaft Rohrbach die Meldung über die
Anschläge an die Sicherheitsdirektion in Linz weiter, die um 10.10 Uhr das
Bundeskanzleramt informierte. Um 12.50 Uhr desselben Tages teilte das Bundes-
kanzleramt der Linzer Sicherheitsdirektion mit, „dass vier Personen für Wöllers-
dorf namhaft zu machen sind“; daraufhin erhielt die Bezirkshauptmannschaft eine
entsprechende Weisung aus Linz. Um 16.00 Uhr beantragte Rohrbach die
Zwangsanhaltung für die folgenden vier Personen:

364
Kreisky, Zwischen den Zeiten, S. 231 f.
265

• einen 1904 geborenen arbeitslosen Fabrikbeamten, bis drei Monate vor dem
Verbot NS-Ortsgruppenleiter, nach wie vor „begeisterter Anhänger“ und
vermutlich weiterhin aktiv;

• einen 1897 geborenen Leinenfabrikanten, in dessen Betrieb 15 Arbeiter tätig


waren, NS-Ortsgruppenleiter bis zum Verbot, „begeisterter Anhänger“,
„Agitator“ und „aller Wahrscheinlichkeit nach der geistiger Führer der
Bewegung“;

• einen 1907 geborenen Leinenwarenerzeuger, bis zum Verbot SA-Führer von


Haslach und Aigen „und daher dringend der weiteren nationalsozialistischen
Betätigung verdächtig“;

• einen 1890 geborenen Zahntechniker, bis zum Verbot „begeistertes Mitglied“


der NSDAP und im „dringenden Verdacht“ stehend, sich weiterhin national-
sozialistisch zu betätigen.

Um 17.20 Uhr übermittelte die Sicherheitsdirektion Linz dem Bundeskanzleramt


einen Anhalteantrag für die vier Genannten. 365 Aktive oder passive Beteiligung an
den Anschlägen war keinem nachzuweisen. Ihre Anhaltung gründete in erster
Linie darauf, dass sie sich vor dem Verbot aktiv an führender Stelle für die
örtliche NSDAP betätigt hatten. Handfeste, vor einem ordentlichen Gericht
haltbare Beweise für eine fortgesetzte NS-Betätigung in der Illegalität lagen in
diesen und vielen ähnlich gelagerten Fällen kaum jemals vor. 366

365
ÖStA/AdR, BKA-Inneres 20/g, Ktn. 4442, Gz. 109.928/34. Ein Blick in die „Wöllersdorf-
Datenbank“ zeigt, dass zwei bis 3. 4. 1934 und einer bis 22. 4. 1934 angehalten wurde; die vierte
genannte Person dürfte der Anhaltung entgangen sein.
366
Um den Sicherheitsbehörden keine Beweise für die Beteiligung an Anschlägen zu liefern,
entwickelten illegale NS-Gruppen manchmal phantasiereiche Strategien. Im oberösterreichischen
Windischgarsten etwa wurde ein aus dem Anhaltelager entlassener Nationalsozialist Ende April
1934 mit einem Höhenfeuer begrüßt. Die Gendarmerie musste allerdings feststellen, „dass die
bekannten Anhänger der NSDAP, welche wegen verbotener Betätigung schon wiederholt
angezeigt und auch bestraft wurden, sich auf dem Marktplatze in der Nähe des Postens aufgehalten
haben, daher als unmittelbare Täter nicht in Betracht kamen“. So folgerte der Postenkommandant,
„dass sich die Anhänger der NSDAP zu dieser Demonstration auswärtige Personen gedungen
haben“. (ÖStA/AdR, BKA-Inneres 20/g, Ktn. 4452, Gz. 172.661/34.)
266

Weil die tatsächlichen Täter häufig nicht ermittelt werden oder sich dem Zugriff
der Exekutive entziehen konnten, hielt man sich an ortsbekannten National-
sozialisten gleichsam schadlos. Auf diese Art wollte man erstens „Vergeltung“
üben, zweitens sollte durch die Inhaftierung der vermuteten Führer und Anstifter
die illegale Organisation als solche getroffen und „kopflos“ gemacht werden, und
drittens glaubte man, dadurch die anderen Nationalsozialisten im Ort abzu-
schrecken und ihr Wohlverhalten zu erzwingen. Die Entlassung aus der
Anhaltung knüpfte man durchwegs an die Bedingung, dass im Wohnort der
Angehaltenen mittlerweile „Ruhe“ eingekehrt war, also keine merkbaren
Aktivitäten der illegalen NS-Bewegung mehr registriert wurden. Konkret gesagt:
Die Sicherheitsbehörden betrachteten die Angehaltenen als Geiseln, auch wenn
sie diese hässliche Bezeichnung im Amtsverkehr tunlichst vermieden.

Richtlinien für Anhaltefristen, die die GDfdöS im Juni 1934 per Erlass an sämt-
liche Sicherheitsdirektionen verschickte, geben Auskunft darüber, aus welchen
Gründen die Sicherheitsbehörden Anhaltungen aussprachen und wie die Delikte
bewertet wurden.

Abb.: Richtlinien für Anhaltefristen laut GDfdöS (Juni 1934)

Gründe der Anhaltung Empfohlene


Anhaltedauer

Anhaltung als Vergeltungsmaßnahme 4–8 Wochen

Anhaltung wegen erwiesener Propaganda durch Flugschriften, Klebezettel,


Anbringen von politischen Zeichen, Teilnahme an politischen Demonstrationen
u. dgl. 2–4 Monate

Anhaltung prominenter Führer, von denen der Sicherheitsbehörde bekannt ist, dass
sie sich weiterhin betätigen, ohne dass ein strafbarer Tatbestand nachgewiesen
werden konnte 4–6 Monate

Anhaltung überführter Terroristen, wobei der durch den Anschlag angerichtete


Schaden bzw. die Gefährlichkeit des Anschlages zu berücksichtigen sind 6–12 Monate

Quelle: ÖStA, AdR, BKA-Inneres 20/g, Ktn. 4454, Gz. 181.038/34. Hervorhebungen laut Original.
267

Die ersten Anhaltehäftlinge – Nationalsozialisten aus Schladming und der


Ramsau im steirischen Ennstal – trafen am 17. Oktober 1933 im frisch adaptierten
Lager Wöllersdorf ein. Ab Anfang 1934, mit dem Einsetzen einer gewaltigen NS-
Terrorwelle, stiegen die Belagszahlen rasant an und erreichten am 1. Oktober
1934 den Höchststand mit 5302 Häftlingen. Bis Jahresende 1934 sank der
Lagerstand dann auf unter 1000 und erreichte in den folgenden Jahren nie mehr
diese Marke. Dem grundlegenden Aufsatz von Gerhard Jagschitz sind umfang-
reiche Aufstellungen mit den Belagszahlen des Anhaltelagers Wöllersdorf zu
entnehmen, 367 die einen statistischen Überblick über den Verlauf der Anhaltung in
Österreich von 1933 bis 1938 ermöglichen (siehe folgende Abbildungen).

367
Jagschitz, Anhaltelager in Österreich, S. 148 f. – Die Auflisten enthalten sowohl
Anhaltehäftlinge als auch Verwaltungsstrafgefangene, die im Lager Wöllersdorf interniert waren.
Anmerkung: Beim Belagsstand vom 1. 11. 1936 ist in der bei Jagschitz abgedruckten Tabelle ein
Fehler festzustellen. Die Addition der Angaben in den drei Spalten (130 Nationalsozialisten + 26
Sozialdemokraten + 91 Kommunisten) müsste eine Summe von 247 ergeben. Tatsächlich wird
aber eine Summe von 227 angegeben. Wo der Fehler liegt, kann ohne die Originalvorlagen nicht
festgestellt werden; daher wurde keine Korrektur vorgenommen.
268

Abb.: Belag des Anhaltelagers Wöllersdorf 1933–1937, nationalsozialistische und linke


Häftlinge gemeinsam

5000

Höchststand Oktober 1934


(nach Juliputsch):
4000
5302 Häftlinge (90% NS)

April/Mai 1934:
markanter Anstieg
3000
nach der
Februarrevolte
(70% Linke)

2000

Juliabkommen 1936

1000

0
O 33

D 33

F 34

A 34

J 34

A 34

O 34

D 34

F 35

A 35

J 35

A 35

O 35

D 35

F 36

A 36

J 36

A 36

O 36

D 36

F 37

A 37

J 37

A 37

O 37

D 37
Quelle: Jagschitz, Anhaltelager in Österreich, S. 148 f.

Der obige Gesamtüberblick zeigt, dass der Häftlingszuwachs nach dem


Schutzbundaufstand vom 12. Februar 1934 erst mit Verzögerungen im April und
Mai 1934 einsetzte; vorher hatte man – so wäre der Rückgang zwischen 1. März
und 2. April 1934 um rund 100 Häftlinge zu erklären 368 – vermutlich für den zu
erwartenden Ansturm an Sozialdemokraten Platz geschaffen. Bei Betrachtung der
Häftlingszahlen getrennt nach Nationalsozialisten und Linken (siehe Abbildungen
auf den Folgeseiten) ergibt sich – ausgenommen die Zeit nach dem Februar-
aufstand 1934 – ein deutlicher Überhang an nationalsozialistischen Anhalte-
häftlingen bis Ende 1936. Ab 1. Dezember 1936 bis zur Auflösung des Lagers im

368
Ein weiterer Erklärungsansatz wäre der nationalsozialistische „Waffenstillstand“ ab 12. Februar
1934, denn anlässlich des Februaraufstandes wurden alle nationalsozialistischen Propaganda- und
Terroraktion schlagartig eingestellt; sie setzten erst wieder Anfang März 1934 ein. (Vgl. Bauer,
Weg zum Juliputsch, S. 101–103.)
269

Februar 1938 befanden sich durchwegs mehr linke 369 als nationalsozialistische
Anhaltehäftlinge in Wöllersdorf. Zweifellos eine Folge des „deutschen Kurses“
nach dem Juliabkommen 1936. 370

Abb.: Belag des Anhaltelagers Wöllersdorf 1933–1937, nationalsozialistische und linke


Häftlinge getrennt

Quelle: Jagschitz, Anhaltelager in Österreich, S. 148 f.

Abb.: Belag des Anhaltelagers Wöllersdorf, nationalsozialistische und linke Häftlinge


getrennt – Ausschnitt April 1934 bis Dezember 1937

369
Damit sind hier und in den nachfolgenden Grafiken jeweils „Marxisten“, also sozialdemokra-
tische und kommunistische Anhaltehäftlinge gemeint.
370
Bemerkenswert ist der relativ langsame Rückgang an NS-Häftlingen unmittelbar nach dem
Juliabkommen – obwohl dabei ja bekanntlich eine Amnestie vereinbart worden war. Es dürfte sich
dabei um eine Art schaumgebremste Vergeltungsmaßnahme des Schuschnigg-Regimes für die
nationalsozialistischen Ausschreitungen bei der Olympiafeier auf dem Wiener Heldenplatz
gehandelt haben. (Vgl. Regierungserklärung, abgedruckt in der Reichspost, 30. 7. 1936, S. 1:
„Infolge der Vorfälle, die sich bei der Olympiafeier ereignet haben, wurde die administrative
Amnestie sistiert.“)
270

Quelle: Jagschitz, Anhaltelager in Österreich, S. 148 f.

Abb.: Belagszahlen Anhaltelager Wöllersdorf 1933/34

Stichtag NS Linke Ges. Stichtag NS Linke Ges.

17.10.33 11 0 11 04.07.34 548 456 1004

09.11.33 32 3 35 15.07.34 558 459 1017

15.01.34 — — 85 01.08.34 690 746 1436

01.02.34 — — 173 15.08.34 1500 682 2182

15.02.34 — — 313 01.09.34 3404 545 3949

01.03.34 — — 372 15.09.34 4209 551 4760

15.03.34 — — 361 01.10.34 4747 555 5302

02.04.34 — — 267 15.10.34 4256 538 4794

16.04.34 314 99 413 01.11.34 4249 468 4717

01.05.34 323 508 831 15.11.34 3497 462 3959

15.05.34 255 571 826 01.12.34 2676 387 3063

01.06.34 317 627 944 15.12.34 1513 311 1824

15.06.34 397 604 1001 01.01.35 654 171 825

Quelle: Jagschitz, Anhaltelager in Österreich, S. 148 f. – NS = nationalsozialistische Anhaltehäftlinge; Linke =


sozialdemokratische und kommunistische Anhaltehäftlinge gemeinsam; Ges. = Gesamtsumme.
271

Rund zwei Monate nach dem Juliputsch erreichte die Zahl der politischen Häft-
linge in Österreich mit 13.388 den Höchststand (siehe die folgende Tabelle).
Umgerechnet auf die Wohnbevölkerung gab es in der Steiermark, wo der
Juliputsch besonders heftig verlaufen war, weitaus am meisten Häftlinge, während
Wien, Niederösterreich und das Burgenland signifikant unter dem Durchschnitt
lagen. 371 Sicherheits-Staatssekretär Hammerstein-Equord bezeichnete die rund
13.000 politischen Häftlinge in Österreich im Ministerrat als „Staatspensionäre“,
die den Etat schwer belasteten. 372 Daraufhin kam es in den folgenden Wochen und
Monaten zu Massenentlassungen, und die Häftlingszahl verringerte sich bis Mitte
Dezember 1934 auf 3384 (72% Nationalsozialisten, 16% Kommunisten und 11%
Sozialdemokraten). 373

371
Der ebenfalls unterdurchschnittliche Anteil in Kärnten, wo der NS-Aufstand nicht weniger
heftig als in der Steiermark verlaufen war, dürfte sich damit erklären, dass a) besonders viele
Kärntner Aufständische (etwa die aus dem Lavanttal; vgl. Klösch, Des Führers heimliche
Vasallen, S. 132 f.) nach Jugoslawien geflüchtet waren, und es b) in Kärnten, im Gegensatz zur
Steiermark, keine eigenen Anhaltelager gab. Vermutlich waren die meisten Kärntner, die als
Minderbeteiligte am Juliputsch eingestuft worden waren, bereits nach Wöllersdorf abgegangen.
372
MRP 976, 1934-09-28, S. 310.
373
Jagschitz, Anhaltelager in Österreich, S. 149. – In einem Runderlass vom 23. 11. 1934 kündigte
die GDfdöS wegen der „veränderten staatsbürgerlichen Einstellung des überwiegenden Teiles der
im Anhaltelager Wöllersdorf angehaltenen Personen“ eine „Gnadenaktion“ für Dezember 1934 an.
Die Sicherheitsdirektoren wurden eingeladen, nach genau definierten Vorgaben „ohne ziffern-
mäßige oder perzentuelle Beschränkungen“ Entlassungsanträge einzubringen. (ÖStA/AdR, BKA-
Inneres 20/g, Ktn. 4465, Gz. 318.235/34.)
272

Abb.: Stand der politischen Häftlinge in Österreich am 23. September 1934

National- Linke insgesamt je 1000


sozialisten (Soz. u. Kom.) Einwohner

Wien 629 610 1.239 0,66

Niederösterreich 598 303 901 0,60

Burgenland 22 3 25 0,08

Oberösterreich 906 219 1.125 1,25

Steiermark 3.215 41 3.256 3,21

Kärnten 512 17 529 1,31

Salzburg 689 13 702 2,86

Tirol 265 14 279 0,80

Vorarlberg 261 8 269 1,73

Wöllersdorf 4.507 556 5.063 —

Österreich gesamt 11.604 1.784 13.388 1,98

Quelle: Jagschitz, Anhaltelager in Österreich, S. 149; eigene Berechnungen.

C.5.2.4 Wöllersdorf und die anderen Lager

Die steinige Heide bei Wöllersdorf-Steinabrückl nordwestlich von Wiener


Neustadt wurde von der kaiserlichen Armee seit 1815 als militärisches Test-
gelände genützt. Aus diesen bescheidenen Anfängen entwickelte sich in der
Region im Laufe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ein gewaltiger militärisch-
industrieller Komplex mit Betrieben in Felixdorf, Lichtenwörth, Hirtenberg,
Enzesfeld, Blumau und Sollenau. In Wöllersdorf selbst produzierte man Munition,
die auf der von jeder anderweitigen Verbauung und Nutzung freigehaltenen Heide
gleich getestet werden konnte. Um 1890 entstand schließlich aus der sogenannten
„Feuerwerksanstalt“ die „k. u. k. Munitionsfabrik in Wöllersdorf“, die vom
Militärärar während des Weltkrieges ohne Rücksicht auf Kosten und betriebs-
wirtschaftliche Überlegungen in eine richtiggehende Rüstungsstadt umgewandelt
wurde, in der zeitweise rund 40.000 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt
273

waren. 1918 standen auf dem weitläufigen Gelände mehr als 800 Objekte aller
Art. 374

Es erwies sich als unmöglich, das monströse Werk in der neu gegründeten
Republik auf Friedensproduktion umzustellen. Der Staat saß auf einem riesigen
Industrieareal, dessen Erhalt allein Unsummen verschlang. Nach verunglückten
Verkaufsversuchen entstand schließlich unter Beteiligung des Bundes und von
Privatinvestoren die „Wöllersdorfer Werke AG“, die als Dachgesellschaft in
einigen Fabrikobjekten wirtschaftlich mäßig erfolgreiche Tochtergesellschaften
ansiedelte. Streitigkeiten zwischen den Teilhabern trugen – zusätzlich zur
stagnierenden wirtschaftlichen Gesamtentwicklung – zur Schwächung des
Standortes bei. Mitte der 1920er Jahre verkam Wöllersdorf sukzessive zur
Industriebrache; im Juni 1925 waren nur noch 125 Arbeiter in zwei Betrieben
beschäftigt. Ein neuer Anlauf und intensive Versuche, im In- und Ausland neue
Investoren zu finden und Betriebe in Wöllersdorf anzusiedeln, schlugen weit-
gehend fehl. 1933 arbeiteten rund zehn kleinere Betriebe in Wöllersdorf; in den
Wohnhäusern waren an die 300 Mietparteien untergebracht. Der Großteil des
Areals stand leer. Ende des Jahres entschloss sich die Regierung, die Wöllers-
dorfer Werke endgültig zu liquidieren, weil weitere Betriebsansiedlungen
aufgrund der Wirtschaftskrise ohnehin nicht zu erwarten waren. 375

374
Zum militärisch-industriellen Komplex um Wiener Neustadt und zur Wöllersdorfer
Munitionsfabrik: Mulley/Leopold, Der militärisch-industrielle Komplex, sowie Leopold, Die
k. u. k. Munitionsfabrik.
375
Zur Entwicklung des Wöllersdorfer Areals in der Zwischenkriegszeit: Mulley, Vom Munitions-
werk zur Industrieruine.
274

Abb.: Titelblatt einer Werbebroschüre (1929)

Quelle: ÖStA/AdR, BKA-Inneres 22/NÖ, Ktn. 5078, Gz. 137.660-8/29.

Die Broschüre wurde vom Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum Wien nach den Prinzipien der
von Otto Neurath entwickelten Bildstatistik gestaltet und sollte Industrieunternehmen und
Gewerbebetriebe zur Ansiedlung in Wöllersdorf animieren. Präsident des Verwaltungsrates der
Wöllersdorfer Werke AG war Dr. Ing. Hermann Neubacher, Generaldirektor der Gesiba.
Neubacher, der 1938 von Hitler zum Wiener Bürgermeister ernannt wurde, saß 1935 als
nationalsozialistischer Anhaltehäftling in Wöllersdorf ein.

Im September 1933, als geeignete Orte zur Inhaftierung politischer Häftlinge


gesucht wurden, lag nichts näher, als Teile des verkehrsmäßig günstig gelegenen
Wöllersdorfer Industriegeländes als Sammellager zu verwenden. Per Erlass vom
5. September 1933 hatte das Bundeskanzleramt die Sicherheitsdirektoren
angewiesen, geeignete Objekte zur Unterbringung politischer Häftlinge ausfindig
zu machen, worauf der niederösterreichische Sicherheitsdirektor Karwinsky das
ehemalige Ledigenheim der Wöllersdorfer Munitionsfabrik, Objekt 862, vor-
275

schlug, „welches 23 Einzelzimmer enthält und einen Gesamtfassungsraum für


annähernd 70 Strafgefangene besitzt“. 376 Nachdem das am 17. Oktober 1933
erstmals von politischen Gefangenen aus der Steiermark bezogene Gebäude bald
voll belegt war, mussten sukzessive weitere Objekte für Anhaltezwecke adaptiert
werden. 377

Abb.: Ansicht der Wöllersdorfer Werke

Ausschnitt aus einem Gesamtplan des Industriegebietes Wöllersdorf, abgedruckt in der oben
erwähnten Werbebroschüre aus 1929. Zu sehen sind u. a. die wenigen noch heute bestehenden
Teile der ehemaligen „Feuerwerksanstalt“: die Villenkolonie (Dienstwohnungen für Beamte des
Rüstungsbetriebs), die Bahnstation „Feuerwerksanstalt“ der Piestingtalbahn Wiener Neustadt–
Gutenstein sowie das Schalthaus des Kraftwerks mit der signifikanten halbrunden Form. Rechts

376
Zit. n. Zodl, Anhaltelager Wöllersdorf, S. 242.
377
Zodl, Anhaltelager Wöllersdorf, S. 242 f.; Jagschitz, Anhaltelager in Österreich, S. 132, 134;
Philapitsch, Wöllersdorf: Trauma oder Mythos, S. 193.
276

von diesem Gebäude befanden sich die Objekte, die ab Oktober 1933 als Anhaltelager verwendet
wurden.

Abb.: Planskizze des Anhaltelagers Wöllersdorf, 1935

Quelle: ÖStA/AdR, BKA-Inneres 20/g, Ktn. 4485, Gz. 328.411/35.

Nach der Flucht von drei Anhaltehäftlingen am 28. März 1935 ging es in dem betreffenden Akt
unter anderem um die Anordnung der Drahthindernisse im Lager. Das Original der Skizze ist
mehrfarbig auf Transparentpapier gezeichnet.

„Wöllersdorf“ steht als Synonym für das System der ständestaatlichen Anhalte-
lager schlechthin. Es war das weitaus größte Lager; das einzige, das von Oktober
1933 bis Februar 1938 durchwegs in Betrieb stand. Daneben existierten in
verschiedenen Teilen Österreichs vorübergehend weitere Sammellager zur
Unterbringung von politischen Häftlingen. Bereits am 24. September 1933 hatte
277

das offensichtlich gut informierte „Prager Tagblatt“ gemeldet, dass in Möllersdorf


[sic!] und Bruck a. d. L. „Konzentrationslager“ eingerichtet werden sollten.378
Tatsächlich entstanden in einigen vom Bundesheer zur Verfügung gestellten
Baracken in Kaisersteinbruch im Burgenland (rund acht Kilometer vom nieder-
österreichischen Bruck an der Leitha entfernt) ein weiteres Anhaltelager; ab
22. Jänner 1934 wurden hier politische Gefangene aus allen Teilen Österreichs
inhaftiert. Allerdings lösten die Sicherheitsbehörden das Lager, das Ende Februar
1934 mit 638 Angehaltenen seine höchste Belagszahl erreichte, bereits Ende April
1934 wieder auf. 379

Abb.: Kärntner Nationalsozia-


listen im Anhaltelager Kaiser-
steinbruch, 18. März 1934. Ein
Dokument aus den Restbeständen
des NS-Gauarchivs Kärnten

Quelle: Museum der Stadt Villach, Fotosammlung

378
Prager Tagblatt, 24. 9. 1933, S. 1. – Vermutlich handelte es sich bei „Möllersdorf“ um einen
Hör- oder Übertragungsfehler für „Wöllersdorf“. Auf den südlich von Wien zwischen Guntrams-
dorf und Traiskirchen liegenden Ort Möllersdorf würde allerdings eine Zeitungsmeldung vom
26. 9. schließen lassen, wonach „ein Ort in der Nähe von Mödling“ als Anhaltungsort vorgesehen
sei. (12-Uhr-Blatt, 26. 9. 1933, S. 1.)
379
Jagschitz, Anhaltelager in Österreich, S. 135; weiters Furch, Anhaltelager Kaisersteinbruch.
278

Unmittelbar nach dem 12. Februar und 25. Juli 1934 entstanden zahlreiche klei-
nere Lager, um die große Zahl an gefangen genommenen Aufständischen und
politischen Funktionären in Verwahrung nehmen zu können; Jagschitz nennt
beispielsweise Amstetten, Hollabrunn, Mödling, St. Pölten oder die Festung
Hohensalzburg. 380

Größere Lager gründeten die Sicherheitsbehörden in der Nähe der steirischen


Landeshauptstadt Graz. Waltendorf, ein Anfang März 1934 zum „Sammellager“
für politische Häftlinge umfunktioniertes Studentenheim, wurde am 22. Dezember
1934 aufgelassen. 381 Der „Notarrest“ Messendorf, wie es im amtlichen Sprach-
gebrauch hieß, war in den Baulichkeiten einer ehemaligen Zwangsarbeiteranstalt
untergebracht, die zur „Steiermärkischen Landesirrenanstalt Feldhof“ gehörte; 382
das am 18. Februar 1934 gegründete Lager existierte bis 31. Dezember 1935.383
Während des Juliputsches, am frühen Morgen des 26. Juli 1934, wagten SA-

380
Jagschitz, Anhaltelager in Österreich, S. 148.
381
Die 1934 noch eigenständige Gemeinde Waltendorf wurde 1938 von der Stadt Graz ein-
gemeindet. (http://de.wikipedia.org/wiki/Waltendorf, aufgerufen 9. 1. 2010.) Unter der Adresse
8010 Graz, Plüddemanngasse 30 findet sich heute das Landesschülerheim Nr. 4. Laut Jagschitz,
Anhaltelager in Österreich, S. 148, bestand das Lager Waltendorf vom 1. 3. 1934 bis 1. 4. 1935;
abweichend davon heißt es ist einem GDfdöS-Bericht, dass es am 22. 12. 1934 aufgelassen wurde
(ÖStA/AdR, BKA-Inneres 20/g, Ktn. 4475, Grz. 310.692/35, Gz. 322.377/35).
382
ÖStA/AdR, BKA-Inneres 20/g, Ktn. 4475, Grz. 310.692/35, Gz. 322.377/35. – Es handelt sich
um das ehemalige Schloss Messendorf; in der NS-Zeit wurde hier eine Anstalt für geistig Behin-
derte eingerichtet, die als Zwischenstation für den Transport in NS-Tötungsanstalt Hartheim bei
Linz diente. Heute existiert an der Adresse 8042 Graz, St.-Peter-Hauptstraße 182 ein Waldorf-
kindergarten. (http://stpeter.heinzelmaennchen.at/data/808/; http://www.korso.at/archive/kor-
so/DStmk/feldhof1200.htm; http://www.waldorfkindergarten-graz.at/messendorf.html, aufgerufen
9. 1. 2010.)
383
Jagschitz, Anhaltelager in Österreich, S. 148. Die Auflösung des Lagers am 31. 12. 1935 wird
durch eine Amtsnotiz in ÖStA/AdR, BKA-Inneres 20/g, Ktn. 4499, Gz. 300.800/36 bestätigt. Zu
diesem Zeitpunkt waren 92 Verwaltungsstrafhäftlinge und keine Anhaltehäftlinge in Messendorf
inhaftiert. Am 26. 2. 1935 hatte der Stand noch 225 „Strafverbüßer“ (131 Nationalsozialisten,
1 Landbündler, 87 Kommunisten und 6 Sozialdemokraten) sowie 12 Anhaltehäftlinge (5 National-
sozialisten, 5 Kommunisten, 2 Sozialdemokraten) betragen. (ÖStA/AdR, BKA-Inneres 20/g, Ktn.
4475, Grz. 310.692/35, Gz. 322.377/35.)
279

Gruppen aus Graz und Umgebung einen Angriff auf das Lager Messendorf. Laut
einer NS-Quelle wollten die SA-Leute gemeinsam mit den befreiten Anhalte-
häftlingen auf Graz vorstoßen, um dort den NS-Aufstand auszulösen. Der Plan
scheiterte kläglich. Die Bundesheer-Bewachungsmannschaft konnten die
Angreifer rasch vertreiben; zwei Nationalsozialisten starben bei der Aktion. 384

Über ein im Februar 1934 in St. Pölten eingerichtetes Anhaltelager liegt ein
ausführlicher Bericht des örtlichen Gendarmeriepostenkommandos vor.
Gendarmerie und Freiwilliges Schutzkorps hatten während des Schutzbund-
aufstandes allein in St. Pölten rund 150 Personen festgenommen. Da es an
geeigneten Unterbringungsmöglichkeiten mangelte, stellte die Harlander Zwirn-
fabrik ein aufgelassenes Lagerhaus zur Verfügung. Die Angehaltenen wurden in
einem 85 Schritt langen und 25 Schritt breiten Saal untergebracht. Für die
Bewachung waren 36 Mann des Freiheitsbundes (Wehrorganisation der christ-
lichen Arbeiter) und drei Gendarmen zuständig. Adaptierungsarbeiten führte das
Bauamt des Magistrates St. Pölten auf eigene Kosten durch. Die notwendigen
Einrichtungsgegenständige holte man sich aus dem Fundus der Stadtgemeinde
St. Pölten oder aus beschlagnahmten sozialdemokratischen Vereinshäusern. Der
Bericht gibt auch Auskunft über die Verpflegung („nach militärischer Art“),
Quartiersordnung („nach militärischem Muster“) und den alltäglichen
Verrichtungen der Anhaltehäftlinge. 79 der insgesamt 238 Inhaftierten kamen
nach kriminalpolizeilichen Erhebungen wegen „überwiesener Teilnahme“ am
Februaraufstand ins Kreisgericht St. Pölten, zehn „als politisch Verdächtige
behufs weiterer Anhaltung“ ins Polizeigefangenhaus St. Pölten, zwei ins
Anhaltelager Amstetten, während 147 Angehaltene „mangels einer nach-
gewiesenen Schuld“ freigelassen werden mussten. Am 23. März 1934 liquidierte
man das am 17. Februar bezogene Lager schließlich. 385

384
Bauer, Elementar-Ereignis, S. 243 f.
385
ÖStA/AdR, BKA-Inneres 20/g, Ktn. 4448, Gz. 147.824/34.
280

Abb.: Postkarte der illegalen Nationalsozialisten; 1934. Aus den Restbeständen des NS-
Gauarchiv Wien

Quelle: Parlaments-
direktion, Abteilung
„Parlamentarische
Dokumentation, Archiv
und Statistik“

Nationalsozialistische Vision des Jahres 1934: Ein muskelbepackter germanischer Recke mit
zerrissener Kette und Hakenkreuzfahne triumphiert über das ständestaatliche Kruckenkreuz und
eine Schlange mit Davidstern. Die von zwei Gestalten in Heimwehruniform bewachte baufällige
Baracke im Hintergrund steht für das Anhaltelager Wöllersdorf. Nach dem gescheiterten NS-
Putsch vom 25. Juli 1934 wurden hier bis zu 5000 Nationalsozialisten „angehalten“.
281

Mit der vordergründigen Beruhigung der politischen Lage nach dem Juliputsch
1934 ließen die Sicherheitsbehörden sukzessive alle Anhaltelager bis auf
Wöllersdorf wieder auf.

Das Disziplinierungsinteresse wandte sich nun sozialen Randgruppen zu. Im


Ministerrat vom 20. Februar 1935 diskutierte die Regierung ausführlich
gesetzliche Maßnahmen zur „Bekämpfung des Bettlerunwesens“ und deren
Unterbringung in den „bestehenden Konzentrationslagern“ (so Bundeskanzler
Schuschnigg) wie etwa dem Anhaltelager Wöllersdorf, entschied sich aber zehn
Tage später gegen die Verabschiedung eines entsprechenden Bundesgesetzes.386
Trotzdem ließ der oberösterreichische Sicherheitsdirektor Anfang September
1935 in Schlögen im Hausruckviertel ein eigenes Anhaltelager für wegen
Landstreicherei und Bettlerei Aufgegriffene einrichten; die Anhaltehäftlinge
hatten beim Bau der Nibelungenstraße Passau–Linz Zwangsarbeit zu
verrichten. 387

386
MRP 984, 1935-02-20, Punkt 8, S. 296–298; MRP 985, 1935-03-01, Punkt 11, S. 311–313.
387
Jagschitz, Anhaltelager in Österreich, S. 135.
282

Abb.: Filmstills aus dem Wochenschaubericht „Wöllersdorf in Flammen“ vom April 1938

Quelle: Filmarchiv Austria.

Am 2. April 1938 veranstalteten die Nationalsozialisten im ehemaligen Anhaltelager ein


pathetisches Spektakel. Der Ort erhielt den Namen Wöllersdorf-Trutzdorf, Gauleiter Josef Bürckel
verkündete den neu gewonnenen Volksgenossen, die deutsche Freiheit benötige keinen
Stacheldraht, eine der Häftlingsbaracken ging in Flammen auf. In den folgenden Monaten wurde
das Anhaltelager liquidiert, das Betriebsareal auf Geheiß Görings in einen „Luftpark“
umgewandelt. Teile des Wöllersdorfer Lagerinventars gingen an das neu einzurichtende
Konzentrationslager Mauthausen.
283

C.5.2 Die Datenbank der nationalsozialistischen Anhaltehäftlinge


(Wöllersdorf-Datenbank)

C.5.2.1 Probeerfassung

Meine bisherigen Erfahrungen mit dem Erstellen von Datenbanken zeigten, dass
es ratsam ist, den Aufbau und Einteilung der Datenbank gründlich vorzubereiten,
und zwar

• zum einen aus arbeitsökonomischen Gründen (Wie kann die Erfassung so


schnell und effizient als möglich durchgeführt werden?), 388

• zum anderen, weil ein mangelhafter Datenbankaufbau nachträglich nur noch


unter großem Aufwand oder gar nicht mehr korrigiert werden kann. 389

Im Anfangsstadium einer Erfassung fallen grundsätzliche Entscheidungen, die für


den Verlauf der Erfassung selbst sowie die Auswertung weitreichende
Auswirkungen haben können. Daher war es sinnvoll, drei nach dem Zufallsprinzip
ausgewählte Kartons vollständig für eine Probeerfassung zu verwenden. Während
der Aufarbeitung der in diesen Kartons vorhandenen Akten und der Erfassung der
Datenbank wurde der Aufbau der Datenbank immer wieder korrigiert und
angepasst. (Übrigens wurden auch während der regulären Erfassung noch weitere
leichte Änderungen und Adaptionen vorgenommen.)

388
Ein arbeitsökonomisches Erfordernis war es beispielsweise, die Tabelle so anzulegen, dass es
während der Erfassung nicht nötig ist, sie am Computerbildschirm horizontal zu scrollen.
389
So habe ich beispielsweise bei der Erstellung der 2500 Fälle umfassenden Datenbank der
Juliputsch-Beteiligten (Dissertation „Sozialgeschichtliche Aspekte des nationalsozialistischen
Juliputsches 1934“) aus Gründen der Zeitersparnis bewusst darauf verzichtet, das vollständige
Geburtsdatum sowie den vollständigen Vornamen der Juliputsch-Beteiligten zu erfassen.
Tatsächlich reicht das Geburtsjahr zur Altersauswertung. Allerdings habe ich nach Abschluss der
Erfassungsarbeit festgestellt, dass eine solche Datenbank nicht nur für eine Sozialstrukturanalyse
verwendet werden kann, sondern auch für weitergehende ereignisgeschichtliche Forschungen
(etwas in den ehemaligen BDC-Beständen im Bundesarchiv Berlin oder in den Gauakten im
ÖStA). Bei derartigen Recherchen ist allerdings die Angabe eines vollständigen Vornamens und
Geburtsdatums entscheidend für die Auffindbarkeit von Personalakten.
284

C.5.2.2 Die wichtigsten Quellentypen

Es folgt ein Überblick über die wichtigsten Typen von Schriftstücken, die im
Bestand ÖStA/AdR, BKA-Inneres 20/g enthalten sind und zur sozialstrukturellen
Auswertung herangezogen wurden.

Anhaltebescheide

waren die zentralen Dokumente im Verlauf der Anhaltung. Diese von den
jeweiligen Sicherheitsdirektoren (in Wien Polizeipräsident) ausgestellten
Bescheide, die „unmittelbar nach Zustellung zu vollstrecken“ waren (§ 2 Anhalte-
VO), unterschieden sich je nach Bundesland beträchtlich und enthielten mehr oder
weniger genaue Personenangaben und Begründungen für die Anhaltung. Diese
Begründungen konnten entweder rein formelhaft gehalten sein („amtsbekannte
parteipolitische Einstellung“; „begründeter Verdacht“) oder tatsächlich auf die
jeweilige Person abstellen (Anführung von Tatbeständen, die eine Anhaltung
gerechtfertigt erscheinen ließen, Angaben zur politischen Funktion, politische und
gerichtliche Vorstrafen etc.). Je nach Sicherheitsdirektion enthalten diese
Bescheide wichtige sozialstrukturell verwertbare Angaben zu Person (Geburts-
datum, Geburtsort, Zuständigkeit, Wohnort, Beruf, Stand, selten Konfession) oder
aber nur Namen und Wohnadresse.
285

Abb.: Erste Seite des Anhaltebescheids für den späteren Vizekanzler und Bundespräsidenten
Adolf Schärf
286

Abb.: Zweite Seite des Anhaltebescheids für Adolf Schärf


287

Abb.: Erste Seite des Anhaltebescheids für den Nationalsozialisten Franz Saureis aus Bad
Ischl

Saureis wurde am 20. August 1934 wegen Verbrechens gegen § 6 Sprengstoffgesetz gemeinsam
mit einem weiteren Bad Ischler, dem Bauernknecht Franz Unterberger, einem ehemaligen
Republikanischen Schutzbündler, hingerichtet.
288

Anhalteanträge

Laut § 1 Anhalte-VO waren der Bundeskanzler und „über dessen Ermächtigung“


die Sicherheitsdirektoren bzw. der Wiener Polizeipräsident berechtigt, die
Anhaltung „sicherheitsgefährlicher“ Personen auszusprechen. In der Praxis hieß
das, dass die jeweilige Sicherheitsdirektion im Staatspolizeilichen Büro der
Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit (GDfdöS) im BKA-Inneres einen
„Antrag auf Abgabe in ein Anhaltelager“ stellen musste, was in aller Regel
telefonisch geschah. 390 Die Protokolle dieser manchmal ziemlich ausführlichen
Anträge enthalten häufig besonders „dichte“ sozialstrukturell relevante Angaben
zur Person sowie aufschlussreiche Begründungen für die Anhaltung, die nicht
selten weit über die im Anhaltebescheid genannten Gründe hinausgehen.
Allerdings sind diese Anhalteanträge erfahrungsgemäß ziemlich fehlerhaft
(vermutlich aufgrund von Hörfehlern bei der telefonischen Übertragung), was die
Namensschreibung, Geburtsdaten u. dgl. betrifft und müssen in der Datenbank
häufig nachträglich auf Basis genauerer Angaben in anderen Dokumente
korrigiert werden. Für gewöhnlich wurde den Anträgen rasch innerhalb von ein
bis zwei Tagen, oft auch nach Stunden, stattgegeben (was handschriftlich jeweils
mit genauer Angabe des Datums und der Uhrzeit vermerkt ist). Hin und wieder
wurde die Anhaltung bestimmter Personen nicht erlaubt (die vorhandenen Daten
wurden in einem solchen Fall nicht in die Datenbank aufgenommen).

390
Mit dem Anhaltegesetz vom 24. September 1934 konnte der jeweilige Sicherheitsdirektor
direkt, ohne vorher die Erlaubnis des Bundeskanzleramtes einholen zu müssen, die Anhaltung
aussprechen – was sicherlich eine gewisse Verwaltungsvereinfachung zur Folge hatte.
289

Abb.: Anträge zur Anhaltung von Nationalsozialisten aus dem Bezirk Kitzbühel des
Sicherheitsdirektors für Tirol an die GDfdöS
290

Abb.: Anträge zur Anhaltung von Nationalsozialisten aus dem Bezirk Bruck an der Mur des
Sicherheitsdirektors für Steiermark an die GDfdöS
291

Abb.: Anträge zur Anhaltung von Nationalsozialisten aus den Bezirken Amstetten und
Neunkirchen des Sicherheitsdirektors für Niederösterreich an die GDfdöS
292

Lebensbeschreibungen

Die Sicherheitsdirektionen hatten der Lagerleitung für jeden Anhaltehäftling eine


„Lebensbeschreibung“ zur Verfügung zu stellen, die von den jeweiligen örtlichen
Sicherheitsbehörden (Gendarmeriepostenkommandos, Polizeidirektionen) erstellt
wurden. Derartige Lebensbeschreibungen enthalten neben den Generalien 391
Details zur familialen Herkunft, zur Schulausbildung, zum Berufsweg und zur
politischen Betätigung – bieten also häufig ausgesprochen „dichte“, sozial-
strukturell relevante Informationen. Allerdings sind derartige Lebens-
beschreibungen nur in Ausnahmefällen in Kopie an die Generaldirektion für die
öffentliche Sicherheit gegangen und daher leider viel zu selten vorhanden.

Berufungen gegen Bescheide

Nach § 2 Anhalte-VO war gegen die auf unbestimmte Zeit ausgesprochenen


Anhaltungen die Berufung an den Bundeskanzler zulässig, der allerdings keine
aufschiebende Wirkung zukam. Das hatte eine wahre Flut von Berufungen zur
Folge. 392 Die Anhaltehäftlinge wurden häufig von Rechtsanwälten vertreten,
wobei sich meist – nicht immer – von der Prominenz eines Anwaltes auf die
parteiinterne Bedeutung eines Anhaltehäftlings schließen lässt. 393 Nicht selten
kam es allerdings auch vor, dass Berufungen von den Anhaltehäftlingen selbst
eingebracht wurden (diese erhielten ihm Lager häufig die Unterstützung von
juristisch geschulten Parteigenossen – waren doch Rechtsanwälte und Rechts-
anwaltsanwärter eine wichtige Berufsgruppe unter den Insassen der Anhaltelager).

391
„Generalien (Generalfragen) nennt man auch die allgemeinen Fragen (über Vor- und Zunamen,
Alter, Konfession, Stand oder Gewerbe, Wohnort), welche eine Person bei ihrer öffentlichen
Vernehmung vorerst zu beantworten hat, bevor auf die Sache selbst eingegangen wird.“ Zit. n.
Meyers Konversationslexikon. Band 7. Vierte Auflage, Leipzig, Wien 1885–1892.
392
Weshalb das Regime im Anhaltegesetz vom 24. September 1934 die Anhaltungen befristet
aussprach, aber Berufungen nur noch bei Anhaltungen über drei Monaten zuließ.
393
Prominente nationalsozialistische Anwälte, die zahlreiche Anhaltehäftlinge vertraten, waren
etwa die Wiener Rechtsanwälte Dr. Alois Bernwieser, Dr. Georg Ettingshausen, Dr. Otto Gustav
Wächter, Dr. Arthur Seyß-Inquart, Dr. Walter Riehl oder für die Steiermark etwa Dr. Julius
Kaspar, späterer NS-Bürgermeister von Graz. Jedes Bundesland bzw. jeder NS-Gau hatte seine
eigenen NS-Promianwälte.
293

Übrigens wurden Berufungen gegen die Anhaltung ausnahmslos abgeschmettert


und zudem im Regelfall erst behandelt, wenn der betreffende Anhaltehäftling
bereits unter Auflagen entlassen worden war. 394

Hinsichtlich der Erfassung von sozialstrukturell relevanten Daten und sonstigen


Angaben sind die Berufungen als solche meist unergiebig. Allerdings konnte sich
das Bundeskanzleramt veranlasst sehen, bei der zuständigen Sicherheitsdirektion
Stellungnahmen über den Berufungssteller einzuholen, die sozialstrukturell oft
hochinteressante Informationen über den sozialen Hintergrund und den
beruflichen und politischen Werdegang der betreffenden Personen zutage
förderten. Von besonderem Wert sind beispielsweise umfassende Berichte der
Bundespolizeidirektion Wien. Mit der steigenden Zahl der Anhaltehäftlinge ließen
diese Berichte in ihrer Qualität allerdings stark nach, oder es wurde überhaupt auf
eine derartig sorgfältige Behandlung einer Berufung verzichtet.

394
Berufungen wurden auch abgelehnt, wenn die Behörden erkennen mussten, dass die Voraus-
setzungen für eine Anhaltung bei einer betreffenden Person nicht oder kaum gegeben war, also
offensichtlich ein Irrtum vorlag. Da der Anhaltebescheid jederzeit nach Belieben der Behörden
aufgehoben werden konnte, entschloss man sich in solchen Fällen zu einer Art „gnadenweisen“
Entlassung anstatt formell einer Berufung stattzugeben.
294

Abb.: Erste Seite einer Berufung des niederösterreichischen NS-Gauleiters und späteren NS-
Landesleiters Josef Leopold gegen seine Anhaltung (datiert mit 20. November 1933)
295

Abb.: Erste Seite einer Stellungnahme des Wiener Polizeipräsidenten zu einer Berufung des
ehemaligen NS-Gemeinderats Josef Neumann
296

Beschwerden an den Verfassungsgerichtshof

waren von manchen NS-Anwälten wie Dr. Otto Gustav Wächter oder Dr. Arthur
Seyß-Inquart recht oft ergriffene Mittel, die von Vornherein aussichtslos waren.
Für die Zwecke der Datenbankerstellung sind ohne Belang.

Eingaben, Gnaden-, Bitt- und Entlassungsgesuche

an das Bundeskanzleramt bzw. den Bundeskanzler, an den jeweiligen Sicherheits-


direktor, an die Vaterländische Front, an den Bundespräsidenten etc. sind ein
häufig vorkommender Quellentypus. Derartige Schriftstücke können durchaus
datenbankrelevantes Material enthalten, das allerdings nur mit hohem
Zeitaufwand zu erschließen ist.

• Einerseits verfassten die Angehaltenen selbst derartige Gnadengesuche, oft


über Veranlassung der Lagerleitung, weil bei Amnestien bzw. gewissen
Entlassungsschüben (etwa zum 1. Mai 1934) ein vorhergehendes Gesuch an
das Bundeskanzleramt unabdingbare Voraussetzung für die Entlassung war.
Wer ein derartiges Bittgesuch oder gar eine Loyalitätserklärung (siehe unten)
verweigerte, wurde nicht entlassen.

• Häufig waren Eingaben von nahen Verwandten (Ehefrau, Eltern, Geschwister


etc.) mit der Bitte um Freilassung (genannte Gründe etwa Krankheit eines
nahen Verwanden, Sorge um den Geschäftsgang, Familie ohne Versorgung
etc.).

Dazu kamen

Eingaben von Dritten:

• Eingaben der Unternehmen, bei denen die Angehaltenen beschäftigt waren,


wobei in der Regel wirtschaftlich argumentiert wurde (eine Sparkasse etwa
berief sich darauf, dass ohne den Angehaltenen keine Bilanz erstellt werden
könne; ein Elektrizitätswerk, dass durch den Wegfall des Angehaltenen „eine
wesentliche Störung in der Abgabeneinhebung, Verrechnung und Abfuhr“
eingetreten sei etc.);
297

• weiters Eingaben von Interessensverbänden und Kammern (Verband der


arischen Rechtsanwälte, Notarskammer, Interessensvertretung der
Molkereibesitzer, Kärntner Ärztekammer etc.);

• Gemeindebürgermeister baten um die Freilassung von Angehaltenen, weil sie


negative wirtschaftliche Folgen für die Gemeinde befürchten (eine Familie
müsse beispielsweise ohne den Familienerhalter von der selbst notleidenden
Gemeinde versorgt werden; eine Ziegelei, die nur in der warmen Jahreszeit
betrieben wurde, dann aber einigen Dutzenden Menschen Arbeit bot, könne
ohne den ins Anhaltelager eingewiesenen Besitzer nicht in Betrieb genommen
werden etc.);

• interveniert wurde oft auch von einflussreichen Politikern des herrschenden


Regimes (so setzte sich beispielsweise der Innsbrucker Bürgermeister bzw.
Regierungskommissär für sein Patenkind ein etc.).

Aus diesem und ähnlichem Material lassen sich häufig Aufschlüsse über die
Lebensumstände und die soziale Lage eines Anhaltehäftlings gewinnen; voll-
ständige sozialstrukturell zu verwertende Daten sind aber eher selten vorhanden.
Oft können durch die Auswertung derartiger Eingaben bereits bestehende
Datensätze über eine Person sinnvoll ergänzt werden.
298

Abb.: Entlassungsgesuch des NS-Agrarfunktionärs Anton Reinthaler


299

Abb.: Entlassungsgesuch eines nationalsozialistischen Anhaltehäftlings mit Angaben zur


finanziellen und sozialen Situation und zum Beruf
300

Abb.: Intervention einer oberösterreichischen Gemeinde für einen national-


sozialistischen Anhaltehäftling mit Angaben zum sozialen Status
301

Loyalitätserklärungen, Entlassungserklärungen

Voraussetzung für die Entlassung aus der Anhaltung war in jedem Fall eine „aus
freien Stücken“ abgegebene handschriftliche Loyalitätserklärung nach
vorgegebener Textierung. Derartige Erklärungen enthielten am Kopf oder Rand
häufig hand- oder maschinschriftlich das datenbankrelevante Nationale 395 des
jeweiligen Anhaltehäftlings.

Zudem hatte der Anhaltehäftling unmittelbar bei der Entlassung noch eine weitere
Erklärung zu unterschreiben, in der er alle möglichen Verpflichtungen übernahm
(beispielsweise regelmäßige Meldung bei der örtlichen Gendarmerie oder Polizei,
die Verpflichtung, den Wohnsitz nicht zu wechseln – oder im Gegenteil, nicht an
den ursprünglichen Wohnort zurückzukehren, sondern sich andernorts nieder-
zulassen, keine Ansprüche an den Bundesschatz im Zusammenhang mit der
Anhaltung zu stellen etc.). Hin und wieder enthalten auch derartige Erklärungen
datenbankrelevante Angaben.

395
„Nationale (das, neulat.), Nachweisung, enthaltend Namen, Lebens- und Dienstalter, Größe,
Religion, Gewerbe und sonstige Verhältnisse einer Person.“ Zit. n. Meyers Konversationslexikon.
Band 12. Vierte Auflage, Leipzig, Wien 1885–1892.
302

Abb.: Am 1. Juni 1934 abgegebene handschriftliche Loyalitätserklärung eines Kärntner


Anhaltehäftlings mit beigefügten maschinschriftlichen Generalien

Die Abgabe einer Loyalitätserklärung war zumeist nicht unmittelbar mit der Entlassung
verbunden, man war aber gut beraten, eine derartige Erklärung möglichst bald nach der
303

Einlieferung ins Lager abzugeben. Wie aus Egodokumenten von Anhaltehäftlingen hervorgeht,
wurde ihr nicht die geringste Bedeutung beigemessen.

Auflistungen und Tabellen,

die in der Regel das jeweilige für die Datenerfassung relevante Nationale
enthalten, wurden aus den unterschiedlichsten Anlässen erstellt. Die wichtigsten
Typen seien nachfolgend genannt:

• Verzeichnisse der Sicherheitsdirektionen über die in ein Anhaltelager


überstellten Personen;

• Verzeichnisse der Lagerleitungen der Anhaltelager über die neu eingelangten


Anhaltehäftlinge;

• Meldungen über Entlassungen von Anhaltehäftlingen (z. B. der zuständigen


Bezirkspolizeikommissariate in Wien über die Entlassung von Anhalte-
häftlingen, die sich zur Spitalsbehandlung beispielsweise im Rainerspital oder
Franz-Josefs-Spital befunden hatten);

• Meldungen der Sicherheitsdirektionen über gegebenenfalls zu entlassene


Anhaltehäftlinge;

• Meldungen der Lagerleitungen über ins Krankenhaus überstellte, über in


Hungerstreiks, Lagerrevolten etc. verstrickte Anhaltehäftlinge;

• Auflistungen von für einen „Ernteurlaub“ 396 vorgesehenen Juliputsch-Minder-


beteiligten u. Ä.

396
Die Tatsache, dass viele Bauern, Bauernsöhne und Knechte wegen der Teilnahme am
Juliputsch ins Ausland geflüchtet waren, sich versteckt hielten oder in Gefangenschaft befanden,
führte zu Befürchtungen, dass es in manchen Gegenden nicht möglich sein werde, die Ernte
einzubringen. Diese Frage war bereits im Ministerrat vom 3. August erörtert worden. (MRP, 960,
1934-08-03, S. 25.) Der steirische Heimwehrführer Baron Andreas Morsey richtete am 8. August
eine entsprechende Eingabe an den Staatssekretär Hammerstein: „Unter den Mitläufern und
Irregeleiteten, die weniger schuldig sind, befinden sich viele selbständige Wirtschaftserhalter bzw.
unentbehrliche Bauernsöhne. Im Interesse der landwirtschaftlichen, derzeit dringenden Arbeiten
wird eine Freilassung der Inhaftierten gegen Ausstellung eines Reverses vorgeschlagen.“
304

Abb.: Erstes Häftlingsverzeichnis des Anhaltelagers Wöllersdorf vom 17. Oktober 1933.

(ÖStA/AdR, BKA-Inneres 22/gen., Ktn. 4903, Gz. 223.257/34.) Am 25. August erging daraufhin
ein Runderlass der GDfdöS, dass in Anhaltehaft befindliche Putschisten „auf bestimmte oder auf
unbestimmte Zeit für die Besorgung dringender landwirtschaftlicher Arbeiten aus der obligatorisch
vorgeschriebenen Anhaltung beurlaubt werden“ konnten. (Holtmann, Blutschuld, S. 43.)
305

Kostenersatzvorschreibungen

Bescheide zur Hereinbringung der Anhalte- und Überstellungskosten enthalten


nur selten vollständige Generalien, können aber doch von Fall zu Fall zur
Ergänzung oder Korrektur der erfassten Daten herangezogen werden.

Bewilligung von Besuchen im Anhaltelager

Die häufig im Aktenbestand zu findenden Ansuchen um Besuchsbewilligung von


Verwandten, Freunden oder auch Geschäftspartnern enthalten in der Regel nur
selten sozialstrukturell relevante Daten.

Zu den genannten kommt eine Fülle von weiteren Typen von im Bestand
enthaltenen Dokumenten, die sozialstrukturell und/oder ereignisgeschichtlich von
Interesse sind. Einige Beispiele:

• diverse Konfidentenberichte und „vertrauliche Mitteilungen“ über die Zustände


im Lager mit den entsprechenden Stellungnahmen der Behörden dazu;

• in- und vor allem ausländische Zeitungsartikel über Zustände in den Lagern
mit behördlichen Stellungnahmen;

• Berichte von Hungerstreiks, Demonstrationen, Aufständen, Revolten,


Schlägereien, Flucht von Anhaltehäftlingen, Selbstmordversuchen und
gelungenen Selbstmorden etc.;

• den Angehaltenen abgenommene autobiografische Aufzeichnungen,


Tagebücher, Stammbücher, Berichte, Gedichte, Lieder etc.;

• Briefe, Kassiber etc., die in das oder aus dem Lager geschmuggelt werden
sollten und abgefangen wurden;

• umfangreiche und informative Sammelakte über bekannte Persönlichkeiten


unter den Angehaltenen;
306

• Berichte über die Baulichkeiten, notwendige Reparaturen und Anschaffungen,


die Unterbringung und Verpflegung der Bewachungsmannschaften, interne
Streitigkeiten und Vorwürfe etc.;

• Aufstellungen über die Verpflegung im Lager;

• Berichte über Besuche ausländischer Journalisten (etwa aus der Schweiz,


Frankreich, Großbritannien etc.) und anderer Persönlichkeiten wie etwas von F.
Van Gildemeester, dem Delegierten der Amerikanischen Hilfsaktion für
Zentraleuropa;

• den Angehaltenen abgenommene illegale Flugblätter, Zeitschriften etc.;

• Berichte über Feiern im Lager (etwas Kärntner Abstimmungsfeier,


Weihnachten, Ostern etc.);

• Berichte über Lagerabläufe und Organisation, Beschäftigung der


Angehaltenen, Arbeitspflicht etc.

• Stellungnahmen zu Fragen der Anhaltekosten und der sonstigen Kosten, die im


Zusammenhang mit der Anhaltung anfielen (z. B. Eskorteauslagen, Kosten für
Krankenhausaufenthalt etc.);

• tägliche Standesmeldungen

etc.

C.5.2.3 Prinzipien der Datenerfassung

Zur Sicherstellung eines möglichst einheitlichen und methodischen Vorgehens bei


der Datenerfassung wurden die folgenden Grundregeln – die auf bisherigen
Erfahrungen bei ähnlichen Projekten basieren – definiert:

• Bei Mehrfachnennungen: Jede zusätzliche Information, die bezüglich der


sozialstrukturellen und politischen Bewertung eines Falles von Relevanz sein
könnte, wird aufgenommen.
307

• Widersprüchliche bzw. sich widersprechende Angaben und Varianten werden


ebenfalls aufgenommen und gekennzeichnet.

• Wenn die politische Zuordnung nicht explizit ersichtlich ist und auch nicht
indirekt weitgehend zweifelsfrei erschlossen werden kann, erfolgt keine
Aufnahme in die Datenbank.

• Plausibilitätsregel: Bei der Datenaufnahme wird grundsätzlich nicht „geraten“.


Jede Aufnahme muss plausibel nachvollziehbar und aus dem Inhalt einer
Quelle heraus argumentierbar sein. Reine Vermutungen, für die es keine
konkreten Anhaltspunkte im erfassten Dokument gibt, sind von einer
Aufnahme in die Datenbank ausgeschlossen.

• Die Datenaufnahme soll von der Textierung her (z. B. bei Berufsangaben)
quellennah erfolgen. Es werden prinzipiell die in der Quelle verwendeten
Bezeichnungen wortwörtlich übernommen; allerdings ist es zeitökonomisch
sinnvoll, für häufig vorkommenden Bezeichnungen Kürzel zu verwenden
(Beispiele: „ogl“ für Ortsgruppenleiter, „pl“ für Propagandaleiter, „gf“ für
geistiger Führer“ etc.).

C.5.2.4 Aufbau der Datenbank

Spalte 1: Name

Vollständige Namensangabe, alle Vor- und Zunamen anführen. Bei differierenden


Schreibweisen, Vornamensangaben etc. die abweichende Varianten am Schluss
zwischen Schrägstrichen anführen; Beispiel: Griessler, Johann /Griesler/
/Grießler/ /Grissler/ etc. Akademische, Berufs-, Amts- u. dgl. Titel folgen ohne
Interpunktion nach dem letzten Vornamen.

Spalte 2: Geb [Geburtsdatum]

So vollständig als möglich, immer nach der Schreibweise: jjjj.mm.tt.


Gegebenenfalls vorkommende Abweichungen ebenfalls nennen; Beispiel:
1894.03.19 /1894.03.17/
308

Spalten 3–5: Wohnadresse

Verwendung eines einheitlichen Gemeindecodes, basierend auf den Aufbau der


österreichischen Volkszählung 1934.

Spalte 3: BL [Wohnbundesland]

Prinzipiell wird hier das Bundesland eingetragen, in dem die betreffende Person
ihren Hauptwohnsitz hat. Es kam allerdings hin und wieder vor, dass Personen
von einer anderen Sicherheitsdirektion als der des eigenen Wohnbundeslandes in
das Anhaltelager eingewiesen wurden. Das war häufig in Wien der Fall. (Beispiel:
Jemand hat in Klosterneuburg seinen Hauptwohnsitz, war aber in Wien beruflich
tätig und/oder politisch aktiv und wurde deshalb auf Veranlassung des Wiener
Polizeipräsidenten nach Wöllersdorf überstellt.) Ein anderes Beispiel ist das eines
SA-Sturmführer mit Hauptwohnsitz Innsbruck (wo anscheinend auch dessen Frau
und zwei Kinder lebten), der offensichtlich in Wels in Oberösterreich politisch
aktiv war und folgerichtig vom oberösterreichischen Sicherheitsdirektor ein-
gewiesen wurde (eine Art „Politpendler“ also).

In derartigen Fällen wird vorläufig in der Spalte „Wohnbundesland“ das Bundes-


land der einweisenden Sicherheitsdirektion eingesetzt. Die Diskrepanz wird
vermerkt und mit einem * markiert.

Spalte 4: PB [Wohnbezirk]

Politischer Bezirk laut der Bezirkseinteilung der Volkszählung 1934.

Spalte 5: Gem [Wohngemeinde]

Wohngemeinde laut der Gemeindeeinteilung der Volkszählung 1934. In Wien


wird zusätzlich die Nummer des jeweiligen Bezirks und der Straßenname
angeführt, in Hauptstädten von Bundesländern ebenfalls zusätzlich der
Straßenname.

Spalte 6: Zuständigkeit (Heimatrecht)

Bundesland, politischer Bezirk und politische Gemeinde laut Volkszählung 1934;


im Fall einer ausländischen Staatsangehörigkeit der jeweilige Staat.
309

Spalte 7: Geb.-ort [Geburtsort]

In diesem Fall wurde während der Probeerfassung die Entscheidung getroffen, auf
eine vollständige Erfassung (also auch der Gemeinde und des Bezirks) zu
verzichten, und zwar hauptsächlich, um den Erfassungsaufwand zu minimieren.
Es wird nur das jeweilige Bundesland oder der Staat erfasst, in dem der Geburts-
ort lag. Da praktisch alle erfassten Personen noch in der Zeit der österreichisch-
ungarischen Monarchie geboren wurden, ist hier gegebenenfalls der jeweilige
Nachfolgestaat anzuführen – z. B. bei Geburtsort Znaim die CSR, bei Geburtsort
Marburg Jugoslawien, bei Geburtsort Triest Italien, bei Geburtsort Bozen
Italien/Südtirol (Südtirol immer besonders vermerken) etc.

Ich gehe davon aus, dass zum Ort der Zuständigkeit in der Regel ein wesentlich
größerer Bezug bestand als zum Ort der Geburt. Eine Analyse der Wanderungen
der Anhaltehäftlinge wird daher in erster Linie auf eine etwaige Diskrepanz
zwischen dem Ort der Zuständigkeit und dem aktuellen Wohnort abstellen.
Bedeutsam ist allerdings die Frage, wie viele der nationalsozialistischen Anhalte-
häftlinge in der Monarchie auf dem Gebiet eines Nachfolgestaates geboren
wurden bzw. aus einem Nachfolgestaat stammen (z. B. CSR). Die Klärung dieser
Frage ist durch die Angabe des Staates, in dem eine Person geboren wurde,
gewährleistet.

Spalte 8: Rel [Religion bzw. Konfession]

Angabe der in den Quellen genannten Konfessionszugehörigkeit.

Spalte 9: St [Stand]

Angabe über den Familienstand (ledig – verheiratet – geschieden – verwitwet). 397

397
Die Anzahl der Kinder hatte ich bei der Erfassung der Juliputsch-Beteiligten für meine
Dissertation jeweils erfasst, weil sie in den verwendeten Quellen (Gendarmerieanzeigen)
systematisch angegeben wurden. Bei der Probeerfassung für die Wöllersdorf-Datenbank stellte
sich heraus, dass die Zahl der Kinder (bzw. der von dem Angehaltenen zu versorgenden Personen)
ziemlich selten angegeben wurde. Von 525 in der Proberfassung aufgenommenen Fällen (darunter
auch noch Sozialdemokraten und Kommunisten) lässt sich nur bei 25 Fällen (4,8%) direkt oder
indirekt auf die Zahl der Kinder schließen. Auf diese Erfassung wird daher in weiterer Folge
310

Spalte 10: Beruf und weitere Angaben

Die Angaben in dieser Spalte sind maßgeblich für die Sozialstrukturcodierung


nach dem Milieu- und Schüren-Modell und nach der Systematik der Volkszählung
1934. Prinzipiell werden hier alle Informationen erfasst, aus denen auf den
sozialen Status, die Milieu- und Schichtzugehörigkeit einer Person geschlossen
werden kann. Wie oben erwähnt kann es häufig vorkommen, dass zum sozialen
Status einer Person erstaunlich „dichtes“ Material vorliegt, und zwar:

• erlernter Beruf, ausgeübter Beruf und Stellung im Beruf,

• familialer Hintergrund (Herkunft und Beruf der Eltern),

• Schulbildung,

• Lebensweg und beruflicher Werdegang,

• Einkommens- und Vermögensverhältnisse (tw. mit genauen Zahlenangaben,


Angaben des Besitzes, Angaben darüber, ob eine Person verschuldet ist
etc. 398),

• Zahl der Kinder bzw. zu versorgende Kinder und Familienmitglieder etc.

Prinzipiell erfolgt die Erfassung stichwortartig, aber – was die Terminologie


betrifft – quellennah und so präzise als möglich. (Wenn also der Name einer
Firma angegeben ist, bei der der Anhaltehäftling beschäftig war, so wird diese
Angabe übernommen – z. B. „Geschäftsleiter der Fa. Humanic in Leibnitz“.)

Spalte 11: Beginn u Ende [der Anhaltung]

verzichtet. Wenn allerdings Angaben zur Zahl der Kinder bzw. der zu versorgenden Personen
vorliegen (was bei Anhalteanträgen, aber auch Berufungen, Gnadengesuchen etc. recht oft
vorkommt), wird dies jeweils systematisch in der Spalte 10 vermerkt.
398
Diese Punkte waren den Behörden im Vorfeld deshalb wichtig, weil es um die Klärung der
Fragen ging, ob ein ins Auge gefasster Anhaltehäftling die Anhaltekosten würde bezahlen können
oder ob unter Umständen sogar die öffentliche Hand für die unversorgte Familie eines
Anhaltehäftlings aufkommen würde müssen.
311

Vorab ist festzustellen, dass sich der Beginn einer Anhaltung häufig nicht exakt
bestimmen lässt; auch bezüglich des genauen Endes einer Anhaltung können
beträchtliche Zweifel bestehen.

Beginn der Anhaltung:

Mangels genauerer Angaben wird prinzipiell das Datum des Anhaltebescheides


als Anhaltebeginn angenommen (laut Anhalte-VO war die Anhaltung sogleich mit
der Zustellung des Bescheides vollstreckbar).In der Praxis waren die Anhalte-
häftlinge aber zumeist in Gewahrsam, wenn der Anhaltebescheid ausgestellt
wurde (konkrete Angaben darüber liegen aber nur sehr selten vor).

Ebenso kam es häufig vor, dass Angehaltene bereits vor Beginn der Anhaltung
eine Polizeistrafe abzubüßen hatten und anschließend ins Anhaltelager Wöllers-
dorf oder ein anderes Lager überstellt wurden (was im Übrigen der Praxis der
Schutzhaft im nationalsozialistischen Deutschland entsprach). Es war aber auch
möglich, dass Personen, die eine Polizeistrafe von angenommen drei Monaten zu
verbüßen hatten (beispielsweise im Polizeigefangenenhaus an der
Elisabethpromenade in Wien, genannt „Liesl“), nach zweieinhalb Monaten nach
Wöllersdorf überstellt wurden, und hier vorerst in den ersten zwei Wochen rein
formell als Arrestanten bzw. Polizeihäftlinge geführt wurden und erst nach Ablauf
dieser Frist den Status eines „Angehaltenen“ erhielten. Um möglichst einheitlich
und systematisch vorzugehen, wird bei den Angaben in dieser Spalte immer auf
den Anfang und das Ende der Anhaltung abgestellt und das Datum des
Anhaltebescheides eingesetzt, sofern ein solcher vorliegt. Eine etwaige Polizei-
und/oder Gerichtsstrafe wird nicht berücksichtigt – sofern sich das aufgrund der
oft ungenauen und vagen Angaben in den Quellen überhaupt trennen lässt.

Wenn kein Anhaltebescheid vorliegt, dessen Datum als Beginn der Anhaltung
einzusetzen wäre, so sind andere Angaben zu übernehmen:
312

• beispielsweise das Einlieferungsdatum laut den Angaben des Wöllersdorfer


„Nachtragsverzeichnisses“, in dem zudem die Generalien und die politische
Zugehörigkeit der neu eingelangten Häftlinge enthalten waren, 399

• oder beim Vorliegen eines Anhalteantrags das Datum, zu dem die Anhaltung
vom Bundeskanzleramt bewilligt wurde.

Ende der Anhaltung:

Dieses geht aus Entlassungslisten, Entlassungserklärungen oder anderen


Dokumenten (beispielsweise nachträglich bearbeiteten Berufungen) hervor.

Bei „Beurlaubung“ die schließlich in eine vorläufige Entlassung umgewandelt


wurden, bei den häufig vorkommenden Überstellungen in Krankenhäuser etc.
lässt sich das tatsächliche Ende einer Anhaltung oft nur schwer bestimmen.

Befristete – unbefristete Anhaltungen:

Ursprünglich wurden nur Anhaltungen auf unbestimmte Zeit ausgesprochen, was


allerdings, wie sich rasch herausstellte, sehr belastend für die Betroffenen und ihre
Angehörigen war, häufig zu Haftpsychose und zu ständigen Unruhen in den
Lagern führte. Daher wurden die Anhaltungen ab Juni 1934 mit Befristung aus-
gesprochen. 400 Die ab diesem Zeitpunkt vorliegenden Angaben über die
voraussichtliche Dauer einer Anhaltung werden ebenfalls in dieser Spalte
vermerkt.

Spalte 12: Gründe für Anhaltung und Funktion in der NS

Die Angaben in dieser Spalte sind maßgeblich für die politische Einordnung bzw.
die Bewertung der politischen Aktivitäten und des Ranges einer Person in der
NSDAP und/oder einer ihrer Gliederungen (wie SA, SS, HJ, NSBO etc.). Wie bei

399
Wobei natürlich nicht vergessen werden darf, dass sich der Häftling zum Zeitpunkt, als er in
Wöllersdorf einlangte, bereits seit Tagen, Wochen oder noch länger in staatlichem Gewahrsam
befand.
400
ÖStA/AdR, BKA-Inneres 20/g, Ktn. 4454, Gz. 181.038/34 – „Befristung der Anhaltung von
sicherheitsgefährlichen Personen (…).“ BKA, GDfdöS, StB, dat. 6. Juni 1934.
313

den Angaben mit sozialem Bezug (Spalte 10) können auch hier entweder sehr
„dichte“ oder im Gegenteil nur vage oder gar keine Angaben vorliegen.

An erster Stelle wird in der Spalte jeweils angegeben, wenn sich der Anhalte-
häftling in einem anderen Lager als in Wöllersdorf befand (z. B. in Kaiser-
steinbruch). Danach folgen stichwortartig, aber von der Terminologie her
möglichst quellennah, alle Angaben, aus denen sich auf die politische Tätigkeit
einer Person schließlich lässt. Anfänglich wird immer die jeweilige Quelle, aus
der die Information stammt, in Kurzform angegeben, also beispielsweise „AHA
SD Stmk., bew. 3.6.34“ (= Anhalteantrag des Sicherheitsdirektors für Steiermark,
bewilligt vom Bundeskanzleramt am 3. Juni 1934). Trennung der Blöcke jeweils
durch Schrägstriche, wobei vorne und hinten jeweils ein Leerzeichen
angeschlagen wird.

In dieser Spalte wird durchwegs die Teilnahme am Weltkrieg (welche Funktion,


wie lange, Verwundungen, Invalidität, Auszeichnungen etc.) verzeichnet. Ebenso
werden Art und Zahl der Vorstrafen (polizeilich – gerichtlich, aus politischen oder
nicht politischen Gründen) angegeben.

Spalte 13: Funkt.-code [Funktionscode]

Im Gegensatz zur Sozialstrukturcodierung, die einheitlich nach Abschluss der


Datenbankarbeit erfolgen soll, wird die Codierung der politischen Funktion bzw.
der politischen Aktivitäten eines Anhaltehäftlings bereits während der Daten-
erfassung durchgeführt (und beim Vorliegen neuer Dokumente mit genaueren
Angaben gegebenenfalls korrigiert).

Prinzipiell lassen sich aufgrund der vorliegenden Quellen drei Qualitätsstufen


unterscheiden, die auch bei der Codierung berücksichtigt werden müssen:

a) Es liegen präzise Angaben zur Funktion und zu den Aktivitäten einer Person
vor. (Beispiele sind Angaben wie „Ortsgruppenführer“, „Bezirksleiter“,
„Propagandaleiter in der Gauleitung“, „Sturmbannführer der Schutzstaffel“,
„SA-Mitglied“ etc.)

b) Die vorhandenen Angaben sind verhältnismäßig vage und definieren die


verbotenen politischen Aktivitäten mangels konkreter Kenntnis der
314

tatsächlichen Funktion der betreffenden Person mit Beschreibungen wie


„radikaler, zu allem bereiter Parteigänger“, „Hetzer“, „fanatischer Anhänger“,
„einer der ärgsten Schreier“, „intensive Parteitätigkeit“, „Gewalttäter“,
„Aufwiegler“, „arbeitet im Stillen“, „hält sich im Hintergrund“ etc.

c) Über die Tatsache hinaus, dass der Betreffende als Nationalsozialist in das
Anhaltelager überstellt wurde, ist nichts über ihn bekannt. (Beispielsweise,
wenn jemand etwa in einem Aufnahmeverzeichnis des Anhaltelagers
Wöllersdorf aufscheint oder ein vorliegender Anhaltebescheid nur eine
formelhafte Begründung der Anhaltung, wie etwa „amtsbekannte politische
Einstellung“ enthält.) In einem solchen Fall erfolgt keine Funktionscodierung.

Sehr oft findet sich die Angabe „geistiger Führer“ (seltener auch „geistiger
Urheber“, „geistiges Haupt“, „geistiger Leiter“ a. Ä.). Es handelt sich dabei um
Personen, die im lokalen und regionalen Bereich über eine wichtige Position und
großen Einfluss verfügten und nicht selten das Entstehen einer NS-Orts- oder -
Bezirksgruppe direkt oder indirekt angeregt oder zumindest begünstigt und
gefördert hatten, ohne diese Gruppen selbst formal geführt zu haben. Diese
Personen verfügten häufig über beträchtlichen wirtschaftlichen und damit gesell-
schaftlichen und politischen Einfluss. Dazu zählten häufig Unternehmer, Guts-
besitzer, Großbauern, Großhändler, führende Angestellte in größeren Betrieben
mit Einfluss auf die Einstellung und Entlassung von Arbeitskräften (etwa
Werksleiter oder leitende Werksbeamte, Oberförster u. Ä.). Aber auch Ärzte,
Tierärzte, Rechtsanwälte, Schuldirektoren, Oberlehrer, führende Beamte der
Bundesbahnen oder der Bundes-, Landes- oder Kommunalverwaltungen werden
von den Sicherheitsbehörden immer wieder als „geistige Führer“ tituliert. Nach
dem Verbot der NSDAP wirkten diese Personen weiterhin als Integrations-
faktoren und Kristallisationskerne der illegalen NS-Bewegung, zumeist ohne sich
selbst auffallend zu exponieren oder selbst illegal zu betätigen.

Wichtige Hinweise mit Relevanz für die Funktionscodierung ergeben sich auch
aus den häufig vorliegenden Angaben zu den vorhandenen Vorstrafen. Wenn
jemand zweimal wegen NS-Betätigung polizeilich abgestraft wurde, ist er – auch
315

ohne konkrete Kenntnisse seiner Funktion – zumindest als aktiver illegaler


Nationalsozialist anzusehen.

Bei der Funktionscodierung wird allgemein nach den folgenden Prinzipien


vorgegangen:

• Mehrfachcodierungen sind möglich, insbesondere wenn eine Person sowohl


Träger einer politischen als auch einer militärischen Funktion war; ebenso sind
sie sinnvoll, wenn die betreffenden Personen früher im Heimatschutz, in der
Bauernwehr etc. aktiv waren.

• Grundsätzlich wird immer der zuletzt (zum Zeitpunkt des Bescheides bzw. des
herangezogenen Aktes) erreichte Rang (beispielsweise in der SA, SS oder PO
aufgenommen.

• Auch hier gilt die Plausibilitätsregel. Einzig aus einem „Gefühl“ heraus wird
niemandem eine Funktion zugeschrieben; für eine bestimmte Codierung muss
immer der Quelle selbst ein direkter oder indirekter Hinweis zu entnehmen
sein. Ein Beispiel: Bei vielen Jüngeren, die im Anhaltebescheid als „radikale
Parteigänger“ tituliert werden und beispielsweise wegen Hakenkreuz-
schmierungen, Flugzettelausstreuungen u. dgl. bestraft wurden, ist es ziemlich
wahrscheinlich, dass sie Angehörige der illegalen SA waren. Geht dieser
Umstand aber nicht explizit aus dem jeweiligen Dokument hervor oder liegen
nicht plausible Anhaltspunkte dafür vor, dass diese Einschätzung gerechtfertigt
ist, dann kann der betreffende Fall nur als „nsa“ (NS-Aktivist) oder „nsg“ (NS-
Gewalttäter) codiert werden, und nicht als „sam“ (SA-Mann) oder „saf“ (SA-
Führer).
316

Abb.: Screenprint einer Bildschirmseite der Wöllersdorf-Datenbank

Nach einigen Versuchen entschied ich mich aus arbeitsökonomischen für die Datenerfassung
mittels einer Tabelle des weit verbreiteten Texterfassungsprogramms Microsoft Word. Dieses in
das Microsoft-Office-Paket eingebundene Programm hat den Vorteil, sowohl mit dem
Tabellenkalkulationsprogramm Microsoft Excel (zur Durchführung von statistischen
Berechnungen) als auch mit dem Datenbankprogramm Microsoft Access voll kompatibel zu sein.
So wird es nach Abschluss der Erfassung und Fertigstellung der Datenbank problemlos möglich
sein, die Word-Tabellen in Access-Karteikarten umzuwandeln und so die Wöllersdorf-Datenbank
allgemein der Forschung zur Verfügung zu stellen.
317

In der Wöllersdorf-Datenbank verwendete Funktionscodes:

nsm Mitglied der NSDAP (wenn jemand explizit als Mitglied bezeichnet wird, ohne dass
Angaben über eine Funktion oder über illegale Aktivitäten gemacht werden).

nsa NS-Aktivist; diese Kategorie wird verwendet, wenn die betreffende Person aktiv in
der Illegalität für die NS tätig war, dafür auch bestraft wurde, wenn allerdings explizit
keine Mitgliedschaft oder Funktion in der Partei, in der SA, SS etc. angegeben ist –
was nicht ausschließt, dass der Betreffende nicht trotzdem Mitglied in der einen oder
anderen Organisation war; bei dieser Zuordnung besteht also eine gewissen
Unschärfe.
Anm.: Der Besitzer eines Radios, in dessen Haus NS zusammenkommen, um ns
Übertragungen aus D zu hören, ist noch nicht als Aktivist zu bezeichnen; die Tatsache,
das jemand unter „nsa“ codiert wird, besagt noch nicht, dass er nicht an Gewalttaten
beteiligt war, sondern nur, dass das in den Quellen nicht angegeben war.

nsg NS-Aktivist, der laut expliziten Angaben des Bescheides oder anderer Dokumente an
Gewalttaten beteiligt war. Als Gewalttat wird alles ab dem Entzünden eines
Sprengkörpers (Papierböller) definiert; AH, für die nur die Beteiligung an Schmier-
und Streuaktionen, nachrichtendienstliche Tätigkeit etc. ausgewiesen ist, werden unter
„nsa“ codiert.

nss NS-Sympathisant; Personen, die dem NS nahe steht, ohne Mitglied in der Partei,
SA,SS oder einer Unterorganisation zu sein; hier auch Personen, die nur als „radikale
Anhänger“ bezeichnet werden, ohne dass sie jemals wg. NS-Betätigung vorbestraft
wurden oder dass ihnen eine illegale Aktivität nachgewiesen werden konnte (die bloße
Beteiligung an einer Geldsammlung für bedürftige NS oder das Abholen von aus der
Haft entlassenen NS mit dem eigenen Pkw reicht noch nicht aus, um als Aktivist
bezeichnet zu werden; Kurierdienste für die NSDAP hingegen sind durchaus als
aktive NS-Betätigung zu bezeichnen und mit „nsa“ zu codieren.
Auch Personen, die dezidiert als NS-Mitglied bezeichnet werden, können in dieser
Kategorie aufgenommen werden – Unterscheidungsmerkmal ist allein der Grad an
Aktivismus, der sich aus der Quelle ablässt lässt.
Insgesamt eine „weiche“ Kategorie mit einer gewissen Unschärfe, die sich aus den
ungenauen Angaben in den Quellen ergibt.

nsf NS-Führer – ohne genauere Angaben ob in der PO, SA, SS oder einer
Unterorganisation.

gf Geistiger Führer; in den Quellen regelmäßig verwendeter Begriff, der Personen


bezeichnet, die zumeist keine spezifische Funktion in der Partei hatten, aber aufgrund
ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihres Einflusses eine wichtige Rolle – vor allem
auf lokaler Ebene – spielten; oft handelt es sich um Personen, die eine Art
Katalysatorrolle spielten, um diejenigen, die den NS ins Dorf, in die Kleinstadt, in
eine bestimmte Region „importierten“.
Kann auch verwendet werden, wenn von einer „führenden Stellung“, „maßgebenden
Einfluss“, „hohem Ansehen unter den Pg.“ etc. gesprochen, aber der Terminus
„geistiger Führer“ nicht explizit verwendet wird.
318

jpx Beteiligter am Juliputsch (wenn unklar ist, ob es sich um einen führend Beteiligten
oder einen Minderbeteiligten handelt).

jpf Führend am Juliputsch beteiligt.

jpm Juliputsch-Minderbeteiligter, Minderbeteiligter am Juliputsch (gem. § 1 BVG vom 30.


7. 1934, BGBl. Nr. 163).

kap Kanzleramtsputschist (Teilnehmer an der Besetzung des Bundeskanzleramtes am 25.


Juli 1934).

po1 Politische Organisation – Ortsgruppenleiter oder dessen Stellvertreter

po2 Politische Organisation – Bezirksleiter oder dessen Stellvertreter


(die Tätigkeit in einer Landeshauptstadt wird, auch wenn es sich möglicherweise um
die Ortsgruppe handelt, wird wie eine Tätigkeit in der Bezirksleitung behandelt)

po3 Politische Organisation – Gauleiter oder dessen Stellvertreter bzw. Gauinspekteur


(Gaugeschäftsführer)

po4 Politische Organisation – Landesleiter oder dessen Stellvertreter bzw. der Landes-
inspekteur

pof Politische Organisation – weitere unbestimmte oder bestimmte Funktion (Zellenleiter,


Bauernführer, Propagandaleiter, Kassier, Schriftführer, Ortsgruppenleiter-
Stellvertreter etc.

pofx Politische Organisation – unbestimmte oder bestimmte Funktion auf unbestimmter


Ebene.

pofr Vor Verbot Propagandaredner – unklar, wie diese Personen bewertet werden sollen,
aber man wird ihnen jedenfalls eine führende Rolle zugestehen müssen, unklar auf
welcher lokalen, regionalen Ebene.

pof1 Politische Organisation – unbestimmte oder bestimmte Funktion auf lokaler Ebene
(Ortsgruppe, außer Ortsgruppenleiter und dessen Stellvertreter).

pof2 Politische Organisation – unbestimmte oder bestimmte Funktion in der Bezirksleitung


(außer Bezirksleiter oder dessen Stellvertreter).
Die Tätigkeit in einer Landeshauptstadt wird, auch wenn es sich möglicherweise um
die Ortsgruppe handelt, wird wie eine Tätigkeit in der Bezirksleitung behandelt.

pof3 Politische Organisation – unbestimmte oder bestimmte Funktion in der Gauleitung


(außer Gauleiter oder dessen Stellvertreter); die führenden Tätigkeit (Schriftleiter o.
dgl.) in einer auf Gauebene vertriebenen NS-Zeitschrift oder Zeitung wird ebenfalls
mit pof3 codiert; ebenso die Funktion als Gauredner oder Landesredner der NSDAP.

pof4 Politische Organisation – unbestimmte oder bestimmte Funktion in der Landesleitung


(außer Landesleiter oder dessen Stellvertreter).

uo Steht für NS-Unterorganisationen wie NSBO, NS-Hago, Juristenbund, Ärztebund,


Beamtenbund, Frauenschaft, Studentenbund etc.

uom Mitglied einer NS-Unterorganisation ohne spezifische Funktion.


319

uofx Funktionär einer NS-Unterorganisation unbestimmten Grades.

uof1 Niedriger Funktionär einer NS-Unterorganisation.

uof2 Höherer und hoher Funktionär einer NS-Unterorganisation

ndl Leiter eines illegalen ns Nachrichtendienstes – man kann davon ausgehen, dass die
betreffende Person damit in der Partei eine führende Tätigkeit innehatte (allerdings ist
nicht klar, wie das im üblichen Führerschema der Partei zu werten ist); wenn noch
eine andere Führungsfunktion genannt wird, wird diese zusätzlich angeführt; einfache
Mitarbeiter eines Nachrichtendienstes werden unter nsa eingereiht.

sax Angehöriger der SA, bei dem aus den Angaben nicht hervorgeht, ob er nur ein
einfaches Mitglied ist oder eine führende Funktion bekleidet.

sam SA-Mitglied (Mannschaft).

safx SA-Führer unbestimmten Ranges.

saf1 SA-Unteroffizier (laut Tabelle „Dienstränge“).

saf2 niedrigerer SA-Offizier (laut Tabelle „Dienstränge“).

saf3 höherer oder höchster SA-Offizier (laut Tabelle „Dienstränge“).

saf23 SA-Offizier, bei dem die Zuordnung nicht ganz klar ist (mangels Angabe der genauen
Dienstrangbezeichnung).

ssx Angehöriger der SS, bei dem aus den Angaben nicht hervorgeht, ob er nur ein
einfaches Mitglied ist oder eine führende Funktion bekleidet.

ssm SS-Mitglied (Mannschaft).

ssfx SS-Führer unbestimmten Ranges.

ssf1 SS-Unteroffizier (laut Tabelle „Dienstränge“).

ssf2 niedrigerer SS-Offizier (laut Tabelle „Dienstränge“).

ssf3 höherer oder höchster SS-Offizier (laut Tabelle „Dienstränge“).

hjx Angehöriger der HJ, bei dem aus den Angaben nicht hervorgeht, ob er nur ein
einfaches Mitglied ist oder eine führende Funktion bekleidet.

hjm Einfaches HJ-Mitglied.

hjfx HJ-Führer unbestimmten Ranges.

hjf1 Niedriger HJ-Führer.

hjf2 Höherer und höchster HJ-Führer.

rüflü Aus dem Deutschen Reich zurückgekehrter NS- Flüchtling.

sthm Ehemaliges Mitglied des steirischen Heimatschutzes (Kammerhofer-Richtung).

sthf Ehemaliger Führer des steirischen Heimatschutzes (Kammerhofer-Richtung).


320

hwm Ehemaliges Mitglied der Heimwehr oder ähnlichen Verbänden (Frontkämpfer, Bund
Oberland u. dgl.).

hwf Ehemaliger Führer der Heimwehr oder ähnlichen Verbänden (Frontkämpfer, Bund
Oberland u. dgl.)

bw Angehöriger der Bauernwehr des Landbundes (mit NS verbündet);


Landbundangehörige werden ebenfalls hier eingereiht.

bwf Bauernwehr-Führer.

bwm Bauernwehr-Mitglied.

bwx Angehöriger der Bauernwehr mit unbekannter Funktion (unklar, ob einfaches Mitglied
oder Führerfunktion).

Abb.: Dienstränge in SA, SS und Wehrmacht

SA SS Wehrmacht
Mannschaft SA-Anwärter; Sturm- SS-Anwärter; SS-Mann Soldat
(sam/ssm) mann
Obersturmmann Sturmmann Obersoldat
Rottenführer Rottenführer Gefreiter; Obergefreiter;
Stabsgefreiter

Unteroffizier Scharführer Unterscharführer Unteroffizier


(saf1/ssf1) Oberscharführer Scharführer Unterfeldwebel
Truppführer Oberscharführer Feldwebel
Obertruppführer Hauptscharführer Oberfeldwebel
Haupttruppführer Sturmscharführer Stabsoberfeldwebel

Offiziere Sturmführer Untersturmführer Leutnant


(saf2/ssf2) Obersturmführer Obersturmführer Oberleutnant
Hauptsturmführer Hauptsturmführer Hauptmann
Sturmbannführer Sturmbannführer Major
Obersturmbannführer Obersturmbannführer Oberstleutnant
(saf3/ssf3) Standartenführer Standartenführer Oberst
Oberführer Oberführer --
Brigadeführer Brigadeführer Generalmajor
Gruppenführer Gruppenführer Generalleutnant
Obergruppenführer Obergruppenführer General
Chef des Stabes Reichsführer SS Generalfeldmarschall;
Reichsmarschall

Quelle: Kammer/Bartsch, Lexikon Nationalsozialismus, S. 242 f.


321

Abb.: Gliederung der SA

Schar kleinste Einheit für den Einsatz


Trupp drei bis sechs Scharen bilden eine Truppe 20–60 Mann
Sturm zwei oder mehrere Trupps bilden einen Sturm 70–100 Mann
Sturmbann besteht aus mehreren Stürmen 250–600 Mann
Standarte besteht aus mehreren Sturmbannen 1200–3000 Mann
Untergruppe die Standarten eines oder mehrerer politischer Gaue wer-
den zu Untergruppen zusammengefasst; wenn die Grenze
der Untergruppe mit der Gaugrenze zusammenfällt trägt
die Untergruppe noch die Bezeichnung „Gausturm“
Gruppe Zusammenfassung mehrerer Untergruppen nicht über 15.000
Mann
Quelle: Das Dienstbuch der NSDAP Österreichs (Hitlerbewegung). Bearbeitet von Theo Habicht,
M. d. R. Herausgegeben von der Landesleitung Österreichs der NSDAP (Hitlerbewegung). Linz
1932. S. 106 ff.
322

C.5.3 Vorläufige Auswertungen

Für die Zwecke dieses Berichtes und zu einer ersten Orientierung wurden drei
vorläufige Probeauswertungen (Altersstruktur, Verteilung nach Bundesländern
und Konfession) vorgenommen.

Diese Auswertungen basieren auf der Erfassung der in den Archivkartons 4441
bis 4506 des Bestandes ÖStA/AdR, BKA-Inneres 20/g enthaltenen Personendaten
nationalsozialistischer Anhaltehäftlinge. Der Karton 4506 enthält Akten, die
ungefähr Mitte 1936 abgelegt wurden; die Probeauswertung bildet somit ungefähr
den Stand vom Herbst 1933 (Einrichtung der Anhaltelager) bis zum
Juliabkommen 1936 ab, wobei allerdings nicht übersehen werden darf, dass die
Gesamtauwertung durchaus noch in einem gewissen Ausmaß Änderungen,
bringen kann.

Die Wöllersdorf-Datenbank enthielt zum Zeitpunkt dieser Zwischenauswertung


die Daten von 7712 Personen. 401

C.5.3.1 Altersstruktur

Adäquat zur Wien-Auswertung wurden die Geburtsdaten der bisher erhobenen


nationalsozialistischen Anhaltehäftlinge analysiert, um einen Überblick über die
Altersstruktur und generationale Lage dieser Gruppe zu gewinnen. (Zu
inhaltlichen Fragen und theoretischen und methodischen Überlegungen siehe die
Ausführungen unter Punkt C.4.2.3.)

401
Die Zwischenauswertung bildet den Erfassungsstand von Anfang November 2009 ab.
323

Abb.: Grundzahlen Altersstruktur Wöllersdorf-Datenbank (Zwischenauswertung)

Jahrgang Anzahl Jahrgang Anzahl Jahrgang Anzahl


Personen Personen Personen

1862 1 1884 38 1903 255

1863 1 1885 34 1904 244

1867 1 1886 47 1905 304

1868 2 1887 52 1906 311

1869 1 1888 50 1907 351

1870 2 1889 56 1908 403

1871 2 1890 77 1909 393

1872 3 1891 74 1910 455

1873 2 1892 91 1911 500

1874 5 1893 94 1912 491

1875 7 1894 86 1913 384

1876 6 1895 105 1914 389

1877 14 1896 142 1915 256

1878 19 1897 160 1916 115

1879 18 1898 174 1917 35

1880 31 1899 186 1918 14

1881 24 1900 203 1919 5

1882 21 1901 215 Gesamt 7225

1883 24 1902 252

Anmerkung: Insgesamt enthält die Wöllersdorf-Datenbank zum Zeitpunkt der Zwischenauswertung 7712
Personen; in 351 Fällen lagen keine Geburtsdaten vor und in 136 Fällen gab es missverständliche, fehlerhafte
und unklare Angaben, sodass die Datenbank insgesamt 7225 verwertbare Personenangaben enthält.
324

In ein Balkendiagramm umgesetzt, ergibt diese Tabelle folgendes Bild:

Abb.: Altersstruktur der nationalsozialistischen Anhaltehäftlinge 1933–1936 (Stand der


Zwischenauswertung) (in absoluten Zahlen)

500

450

400

350

300

250

200

150

100

50

0
j 1867

j 1869

j 1871

j 1873

j 1875

j 1877

j 1879

j 1881

j 1883

j 1885

j 1887

j 1889

j 1891

j 1893

j 1895

j 1897

j 1899

j 1901

j 1903

j 1905

j 1907

j 1909

j 1911

j 1913

j 1915

j 1917

j 1919
325

Abb.: Vergleich der Altersstruktur von illegalen Wiener Nationalsozialisten, NS-


Anhaltehäftlingen und Juliputsch-Beteiligten (Jahrgänge 1870–1920)

8%

7% Illegale NS in Wien
NS Anhaltehäftlinge
6% Juliputsch-Beteiligte

5%

4%

3%

2%

1%

0%
j 1870

j 1872

j 1874

j 1876

j 1878

j 1880

j 1882

j 1884

j 1886

j 1888

j 1890

j 1892

j 1894

j 1896

j 1898

j 1900

j 1902

j 1904

j 1906

j 1908

j 1910

j 1912

j 1914

j 1916

j 1918

j 1920
Anmerkung: Enthaltene Geburtsdaten der Jahrgänge 1870–1920): Juliputsch-Datenbank 2359, Wien-
Datenbank 962, Wöllersdorf-Datenbank (Zwischenauswertung) 7219.

Das vorstehende Liniendiagramm zeigt, dass sich die Kurvenverläufe der


nationalsozialistischen Anhaltehäftlinge und der Juliputsch-Beteiligten beinahe
kongruent sind: steiler, gleichförmiger Anstieg, der beim Jahrgang 1911
(Anhaltehäftlinge) und 1912 (Juliputsch-Beteiligte) seinen Höhepunkt erreicht
und dann abfällt. Der wesentlich unruhigere und flachere Kurvenverlauf der
Wien-Datenbank weicht hingegen deutlich davon ab; hier sind zwei Spitzen beim
Geburtsjahrgang 1901 und 1913 zu konstatieren, worin sich zwei Gruppen
innerhalb der illegalen Partei abbilden dürften (siehe die Ausführungen unter
Punkt C.4.2.3).

Der Grund für die Ähnlichkeit des Kurvenverlaufs bei den Anhaltehäftlingen und
den Juliputsch-Beteiligten könnte darin zu suchen sein, dass nach dem 25. Juli
1934 tausende Juliputschisten als „Minderbeteiligte“ in die Anhaltelager –
326

insbesondere natürlich Wöllersdorf – gesteckt wurden. In absoluten Zahlen


stellten diese Minderbeteiligten bestimmt das Gros der nationalsozialistischen
Anhaltehäftlinge zwischen 1933 und 1938; aus diesem Grund dürften sie mit ihrer
spezifischen Altersstruktur auch den Kurvenverlauf der nationalsozialistischen
Anhaltehäftlinge dominieren.

Der Vergleich aller nationalsozialistischen Anhaltehäftlinge mit National-


sozialisten, die bis Anfang Juli 1934 – also noch vor dem Juliputsch – in
Anhaltung kamen (siehe Abbildung auf der nächsten Seite), zeigt tatsächlich
deutliche Unterschiede im Kurvenverlauf. Die Altersstruktur der Anhaltehäftlinge
ohne Juliputsch-Beteiligte ähnelt eher derjenigen der illegalen Wiener
Nationalsozialisten (siehe Abbildung auf der übernächsten Seite). Auch in diesem
Fall wird die gesonderte Auswertung verschiedener identifizierbarer Gruppen
unter den Anhaltehäftlingen nähere und fundierte Aussagen ermöglichen.

Abb.: Vergleich der Altersstruktur der nationalsozialistischen Anhaltehäftlinge


(Wöllersdorf-Datenbank) mit und ohne Juliputsch-Beteiligte
327

Anmerkungen:

„Alle NS-Anhaltehäftlinge (inklusive Juliputsch-Beteiligte)“: Enthält die Geburtsdaten von 7219 Personen
zum Stand der Zwischenauswertung der Kartons 4441–4506 (Oktober 1933 bis Mitte 1936).

„NS-Anhaltehäftlinge ohne Juliputsch-Beteiligte“: Enthält die Geburtsdaten von 1863 Personen. Die
Erfassung bildet zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Zwischenauswertung den Zeitraum von Oktober 1933
bis Anfang Juli 1934 (also wenige Wochen vor dem Juliputsch) ab. Enthalten sind in dieser Auswertung die
Karton 4441 bis 4457. Es handelt sich um eine Zwischenauswertung, die für eine Präsentation anlässlich
eines Panels am Zeitgeschichtetag Innsbruck, 28. Mai 2008, vorgenommen wurde.

Abb.: Vergleich der Altersstruktur der nationalsozialistischen Anhaltehäftlinge


(Wöllersdorf-Datenbank) ohne Juliputsch-Beteiligte mit der Altersstruktur der illegalen
Wiener Nationalsozialisten (Wien-Datenbank)

6%

Illegale NS in Wien
5%
NS-Anhaltehäftlinge ohne
Juliputsch-Beteiligte

4%

3%

2%

1%

0%
j 1870

j 1872

j 1874

j 1876

j 1878

j 1880
j 1882

j 1884

j 1886

j 1888
j 1890

j 1892

j 1894
j 1896

j 1898

j 1900

j 1902

j 1904

j 1906

j 1908

j 1910

j 1912

j 1914
j 1916

j 1918

j 1920

Sehen wir uns nun die mit der ersten Welle der Einweisungen in die Anhaltelager
(bis Februar/März 1934) gekommenen Nationalsozialisten an und vergleichen sie
mit den Juliputsch-Beteiligten (siehe die Abbildung auf der folgenden Seite). In
den ersten Monaten ab Oktober 1933 verhafteten die Sicherheitsbehörden als
Vergeltung für NS-Terroranschläge und sonstige verbotene Aktionen amts-
328

bekannte Nationalsozialisten, die vor dem Verbot eine führende oder sehr aktive
Rolle in der NSDAP gespielt hatten, und überstellten sie in ein Anhaltelager (in
der Regel Wöllersdorf oder Kaisersteinbruch).

Abb.: Vergleich von nationalsozialistischen Anhaltehäftlingen der „ersten Welle“ und


Juliputsch-Beteiligten nach Geburtsjahrgängen

8%

Anhaltehäftlinge Juliputsch-Beteiligte
7% Geburtsjahrgang 1912
Juliputsch-Beteiligte

6%
Anhaltehäftlinge
Geburtsjahrgang 1908
5%

Anhaltehäftlinge
4% Geburtsjahrgang 1898

3%

2%

1%

0%
j vor 1870

j 1871

j 1873

j 1875

j 1877

j 1879

j 1881

j 1883

j 1885

j 1887

j 1889

j 1891

j 1893

j 1895

j 1897

j 1899

j 1901

j 1903

j 1905

j 1907

j 1909

j 1911

j 1913

j 1915

j 1917

j 1919

Diese nationalsozialistischen Anhaltehäftlinge der ersten Welle waren deutlich


älter als die Juliputsch-Beteiligten. Zudem sind zwei voneinander abgesetzte
Spitzen im Kurvenlauf zu erkennen. Die erste Spitze wird mit dem Geburts-
jahrgang 1898 erreicht, also bei Angehörigen der „Frontgeneration“, die am
Ersten Weltkrieg teilgenommen hatten. Die zweite Spitze betrifft den Jahrgang
1908 – noch in der Monarchie Geborene, deren Kindheit und Jugend vom
Weltkrieg mit all seinen Folgen und Nachwirkungen geprägt gewesen war.
329

Die Darstellung der Altersstruktur der nationalsozialistischen Anhaltehäftlinge der


ersten Welle in Form von Säulen, die nach Fünfer-Jahrgangsgruppen gebündelt
sind, ergibt eine Art Doppelspitze, die besonders auffallend ist, wenn man sie in
Beziehung zum gleichbleibend ansteigenden Verlauf bei den Juliputsch-
Beteiligten setzt.

Abb.: Nationalsozialistische Anhaltehäftlinge der „ersten Welle“ und Juliputsch-Beteiligte


nach Jahrgangsgruppen

35%

Juliputsch-Beteiligte
30%
Anhaltehäftlinge

25%

20%

15%

10%

5%

0%
1864–1869

1870–1874

1875–1879

1880–1884

1885–1889

1890–1894

1895–1899

1900–1904

1905–1909

1910–1914

1915–1919

Ein möglicher Interpretationsansatz für diese Doppelspitze, die sich im Frühjahr


1934 zeigt, ergibt sich aus der Praxis der österreichischen Behörden in den Jahren
1933 und 1934 bei der Anhaltung von Nationalsozialisten. Dabei gab es im
Prinzip zwei Möglichkeiten:

1. Die Einweisung ins Anhaltelager erfolgte als Vergeltungsmaßnahme für


nationalsozialistische Anschläge oder sonstige Demonstrationen. In der Regel
330

erfolgte die Anhaltung ohne irgendein Verdachtsmoment, sondern nur


aufgrund mehr oder weniger vager Vermutungen und Verdächtigungen. Man
kann dabei mit Fug und Recht von Geiselnahme sprechen.

Es zeigt sich, dass anfangs besonders viele örtliche NS-Führer aus der Zeit vor
dem Verbot der NSDAP in die Anhaltelager eingewiesen wurden: meist bereits
zwischen 30 und 40 Jahre alt oder älter; häufig der Schicht der Dorf-
honoratioren zugehörig, viele bereits vor dem Aufstieg der NSDAP zur
Massenpartei deutschnational-völkisch sozialisiert. Diese Art der
sozialstrukturellen Zusammensetzung änderte sich bereits mit der „zweiten
Welle“ der Einweisungen ab April 1934 und dann vor allem mit dem
Juliputsch.

Jedenfalls lässt sich aufgrund einer auch zeitlich differenzierten


Altersstrukturanalyse in der Wöllersdorf-Datenbank, zumindest für die Jahre
33/34, noch sehr stark die bekannte Mittelstandslastigkeit der NSDAP
erkennen.

2. Der zweite Weg nach Wöllersdorf kann in etwa folgendermaßen skizziert


werden: Jemand, sagen wir ein arbeitsloser Bäckergeselle, wird als vermutlich
Beteiligter eines Anschlags verhaftet, obwohl er das entschieden bestreitet.
Weil bei der Hausdurchsuchung NS-Flugblätter gefunden werden, erhält er
vorerst eine Verwaltungsstrafe von sechs Wochen. Anschließend kommt er
wegen des Bölleranschlags für längere Zeit in gerichtliche Untersuchungshaft.
Das Gericht lehnt mangels Beweisen eine Anklage schließlich aber ab. Der
zuständige Sicherheitsdirektor akzeptiert das nicht und überstellt den besagten
Bäckergesellen für weitere vier Monate nach Wöllersdorf.

In einem Anhalteantrag des Sicherheitsdirektors für Niederösterreich heißt es


etwa in Bezug auf den ehemaligen NS-Ortsgruppenleiter von Waidhofen an der
Thaya, einen beschäftigungslosen Ingenieur: „… war zuletzt dem Gerichte
wegen Hochverratsverdachtes eingeliefert, wurde aber wieder freigelassen. Der
331

Sicherheitsdirektor will ihn nach der Entlassung vom Gerichte nicht auf freiem
Fuße belassen, weil er ein radikaler Nationalsozialist ist.“402

Es war ebenfalls häufig geübte Praxis, dass gerichtlich wegen NS-Betätigung zu


Kerkerstrafen Verurteilte nach Ablauf ihrer Haft ins Anhaltelager Wöllersdorf
überstellt wurden. Der gezeigte Kurvenverlauf in der Altersstruktur der
nationalsozialistischen Anhaltehäftlinge im Frühjahr 1934 scheint diese zweifache
Anhaltepraxis abzubilden:

• Zum einen spiegelt sich darin die im Schnitt rund fünf bis zehn Jahre ältere
Gruppe der alteingesessenen NS-Führer aus der legalen Zeit wider,

• zum anderen die jüngere Gruppe von gewaltbereiten NS-Aktivisten und


Attentätern, die zum Juliputsch hin immer stärker in Erscheinung traten.

Besonderes Interesse gilt der Frage der Zugehörigkeit zu bestimmten Generations-


einheiten (vgl. die Ausführungen unter Punkt C.4.2.3). In Bezug auf die
Gesamtheit der nationalsozialistischen Anhaltehäftlinge sieht die Verteilung
folgendermaßen aus:

Abb.: Altersstruktur der nationalsozialistischen Anhaltehäftlinge (Zwischenauswertung


Wöllersdorf-Datenbank) nach dem Generationenschema

Vor- Nach-
Frontgeneration Frontgeneration Frontgeneration

Männliche Bevölkerung lt. VZ 34 23,64% 14,76% 33,04%

NS-Anhaltehäftlinge 5,59% 17,23% 77,16%

über-/unterrepräsentiert 24 117 234

Anmerkung: 100 = gleich; über 100 = überrepräsentiert; unter 100 = unterrepräsentiert.

402
ÖStA/AdR, BKA-Inneres 20/g, Ktn. 4454; aus einem Konvolut mit Anhalteanträgen des
niederösterreichischen Sicherheitsdirektors.
332

Abb.: Altersstruktur der nationalsozialistischen Anhaltehäftlinge (Zwischenauswertung


Wöllersdorf-Datenbank) nach dem Generationenschema

80%

Männliche Bevölkerung lt. VZ 34


70%
NS-Anhaltehäftlinge

60%

50%

40%

30%

20%

10%

0%
Vor-Frontgeneration Frontgeneration Nach-Frontgeneration

Wie beim allgemeinen Vergleich der Altersstruktur ergibt die Analyse der
Generationszugehörigkeit der Juliputsch-Beteiligten ein ähnliches Bild wie das
der nationalsozialistischen Anhaltehäftlinge:

Abb.: Altersstruktur der nationalsozialistischen Juliputsch-Beteiligten nach dem


Generationenschema

Vor- Nach-
Frontgeneration Frontgeneration Frontgeneration

Männliche Bevölkerung lt. VZ 34 23,64% 14,76% 33,04%

Juliputsch-Beteiligte 4,66% 15,62% 79,72%

über-/unterrepräsentiert 20 106 241

Anmerkung: 100 = gleich; über 100 = überrepräsentiert; unter 100 = unterrepräsentiert.


333

Eine vergleichende Analyse der Generationszugehörigkeit der national-


sozialistischen Anhaltehäftlinge nach ihrer Funktion in der NSDAP – wie sie erst
nach Abschluss der Gesamterfassung der NS-Anhaltehäftlinge möglich ist – wird
nähere Aufschlüsse darüber bringen, ob es auch bei den Anhaltehäftlingen je nach
Funktion zu ähnlichen Differenzierungen bezüglich der generationalen Lage kam
wie sie bei den Juliputsch-Beteiligten. 403

C.5.3.2 Verteilung der NS-Anhaltehäftlinge nach Bundesländern

Den ausgewerteten Anhalteakten sind durchwegs Informationen über den


Wohnort, die „Zuständigkeit“ nach dem Heimatrecht 404 und den Geburtsort der
Angehaltenen zu entnehmen – Daten, die für eine Sozialstrukturanalyse von
größtem Interesse sind und sehr aussagekräftig sein können. Für die Zwecke
dieses Berichtes wird eine vorläufige Zwischenauswertung auf Ebene der
Bundesländer sowie, für Zwecke des Vergleichs mit der Wien-Datenbank, auf
Ebene der Wiener Bezirke vorgenommen.

Abb.: Verteilung der Wohnadressen der NS-Anhaltehäftlinge nach Bundesländern

absolut anteilsmäßig
Burgenland 72 0,95%
Kärnten 1434 18,84%
Niederösterreich 695 9,13%
Oberösterreich 410 5,39%
Salzburg 616 8,09%
Steiermark 3128 41,09%
Tirol 394 5,18%
Vorarlberg 64 0,84%
Wien 800 10,51%
Gesamt 7613

Anmerkung: Von 7712 Fällen in der Datenbank gab es zu 99 keine, unklare, missverständliche
oder widersprüchliche Angaben, die ausgeschieden werden mussten.

403
Vgl. Bauer, Sozialgeschichtliche Aspekte, S. 161 f.
404
Zum Heimatrecht und seinen Auswirkungen siehe Klammer, Höfe, S. 213–222.
334

Auffallend ist die Dominanz Kärntens und der Steiermark, die mit 4562 Personen
gemeinsam 60% aller NS-Anhaltehäftlinge stellten, obwohl ihr Anteil an der
österreichischen Gesamtbevölkerung nur 21% betrug.

Die beiden an den südslawischen Raum grenzenden Bundesländer waren bereits


in der Monarchie Hochburgen des Deutschnationalismus und in der Ersten
Republik des Nationalsozialismus.405 Während des Juliputsches 1934 fanden in
beiden Bundesländern heftige nationalsozialistische Aufstände statt, die rund 180
Todesopfer forderten. 406 Und auf die Tausenden, die nach dem Juliputsch als
„Minderbeteiligte“ in Anhaltelager gesteckt wurden, ist auch die führende
Position dieser beiden Bundesländer unter den nationalsozialistischen
Anhaltehäftlingen zurückzuführen.

Abb.: Verteilung der NS Anhaltehäftlinge von Oktober 1933 bis Mitte 1936 nach
Bundesländern (mit Juliputsch-Beteiligten)

Prozentueller Anteil Prozentueller Anteil an über-/unter-


an den der österreichischen repräsentiert
Anhaltehäftlingen Gesamtbevölkerung
Burgenland 0,95% 4,43% 21
Kärnten 18,84% 6,00% 314
Niederösterreich 9,13% 22,34% 41
Oberösterreich 5,39% 13,36% 40
Salzburg 8,09% 3,64% 222
Steiermark 41,09% 15,03% 273
Tirol 5,18% 5,17% 100
Vorarlberg 0,84% 2,30% 37
Wien 10,51% 27,74% 38
Über-/Unterrepräsentation: 100 = gleich; über 100 = überrepräsentiert; unter 100 = unter-
repräsentiert.

Lesebeispiel: Nur 0,95% aller NS-Anhaltehäftlinge bis Mitte 1936 kamen aus dem Burgenland,
sie waren damit im Vergleich zur ihrem Anteil an der österreichischen Gesamtbevölkerung
(4,43%) krass unterrepräsentiert.

405
Vgl. beispielsweise: Botz, Soziale „Basis“ und Typologie der österreichischen Faschismen,
S. 35.
406
Vgl. Bauer, Elementar-Ereignis, S. 325.
335

Abb.: Verteilung der NS Anhaltehäftlinge von Oktober 1933 bis Mitte 1936 nach
Bundesländern

Die dunkle Einfärbung zeigt die Bundesländer, in denen die NS-Anhaltehäftlinge im Vergleich zur
österreichischen Gesamtbevölkerung überrepräsentiert waren. Die Prozentwerte geben den Anteil
der Bundesländer an der Gesamtheit der Anhaltehäftlinge wieder.

Es zeigt sich, dass neben den beiden genannten, noch das Bundesland Salzburg
unter NS-Anhaltehäftlingen auffallend stark überrepräsentiert war. Auch Salzburg
war, wenngleich weniger intensiv als Kärnten und die Steiermark, vom Juliputsch
ergriffen worden. Auffallend dagegen ist die markante Unterrepräsentation
Oberösterreichs, wo in einigen Landesteilen ebenfalls NS-Aufstände im Juli 1934
stattgefunden hatten. Das oberösterreichische Ergebnis kann als Hinweis
genommen werden, dass die Verteilung der NS-Anhaltehäftlinge durchaus auch
davon abhing, wie engagiert der jeweils zuständige Sicherheitsdirektor gegen NS-
Umtriebe vorzugehen bereit war. 407 So hatte der oberösterreichische

407
Üblicherweise verfügte jeweils diejenige Sicherheitsdirektion des Bundeslandes, in dem der
Angehaltene wohnhaft war, die Einweisung in ein Anhaltelager. Es waren aber auch Ausnahmen
möglich – beispielsweise bei in Wien politisch als Nationalsozialisten aktiven, offiziell aber im
336

Sicherheitsdirektor Revertera 408 einen NS-freundlichen Ruf, während der Tiroler


Sicherheitsdirektor Mörl 409 als scharfer NS-Gegner galt – was wiederum erklären
würde, wieso vergleichsweise viele Tiroler Nationalsozialisten in Anhaltung
kamen. Am wenigsten NS-Anhaltehäftlinge kamen aus dem Burgenland. Aber
auch in der Großstadt Wien dürften im österreichweiten Vergleich die illegalen
Nationalsozialisten relativ schwach gewesen sein.

Betrachtet man die Verteilung der Anhaltehäftlinge ohne Einbeziehung der am


Juliputsch Beteiligten, so ergeben sich einige markante Unterschiede.

Abb.: Verteilung der NS-Anhaltehäftlinge von Oktober 1933 bis Mitte 1934 nach
Bundesländern (ohne Juliputsch-Beteiligte)

Prozentueller Anteil Prozentueller Anteil an über-/unter-


an den der österreichischen repräsentiert
Anhaltehäftlingen Gesamtbevölkerung
Burgenland 2,09% 4,43% 47
Kärnten 11,24% 6,00% 187
Niederösterreich 15,65% 22,34% 70
Oberösterreich 12,57% 13,36% 94
Salzburg 15,04% 3,64% 413
Steiermark 15,56% 15,03% 104
Tirol 14,52% 5,17% 281
Vorarlberg 3,13% 2,30% 136
Wien 10,20% 27,74% 37

Über-/Unterrepräsentation: 100 = gleich; über 100 = überrepräsentiert; unter 100 =


unterrepräsentiert.

Lesebeispiel: 2,09% aller NS-Anhaltehäftlinge bis Mitte 1934 kamen aus dem Burgenland, sie
waren damit im Vergleich zur ihrem Anteil an der österreichischen Gesamtbevölkerung (4,43%)
deutlich unterrepräsentiert.

unmittelbaren niederösterreichischen Umland wie beispielsweise Purkersdorf, Klosterneuburg,


Mödling etc. wohnhaften Anhaltehäftlingen. Schätzungsweise stimmen einweisende Sicher-
heitsdirektion und Wohnbundesland allerdings in 95% aller Fälle überein.
408
Zur zweifelhaften Rolle Reverteras Schuster, Deutschnational, S. 82–86.
409
Zu Mörl Walser, Die illegale NSDAP in Tirol und Vorarlberg, S. 72.
337

Auffallend ist eine starke Überrepräsentation von nationalsozialistischen


Anhaltehäftlingen aus Westösterreich (Salzburg, Tirol, Vorarlberg) und eine
starke Unterrepräsentation von Häftlingen aus Ostösterreich (Wien, Nieder-
österreich, Burgenland). Die Anteile von Anhaltehäftlingen aus Oberösterreich
und der Steiermark entspricht in etwa den Anteilen dieser Bundesländer an der
österreichischen Gesamtbevölkerung; Kärnten ist hingegen deutlich über-
repräsentiert.

Die Verteilung der nationalsozialistischen Anhaltehäftlinge ist damit zu diesem


Zeitpunkt – ebenso wie auch später – in keiner Weise ein Abbild der
österreichischen Gesamtbevölkerung.

Welche Interpretationsansätze ergeben sich daraus?

• Dieses vorläufige Zwischenergebnis könnte durch Zufälligkeiten und Spitzen


bei bestimmten Bundesländern bei der Ablage von Akten in der General-
direktion für die öffentliche Sicherheit oder bei der Übersendung von
Unterlagen der Bundesländer-Sicherheitsdirektionen nach Wien entstanden
sein.

• Ein weiterer Erklärungsansatz betrifft die Entschlossenheit der einzelnen


Sicherheitsdirektionen im Kampf gegen den illegalen Nationalsozialismus. Die
starke Unterrepräsentation in Wien könnte beispielsweise u. a. auch darauf
zurückzuführen sein, dass das Wiener Polizeikorps 1933/34 stark von NS-
Sympathisanten und illegalen NS-Aktivisten durchsetzt war – wie beim
Juliputsch mehr als deutlich zum Ausdruck kommen sollte.

• Die starke Überrepräsentation in Westösterreich dürfte darauf zurückzuführen


sein, dass die Bundesländer Salzburg, Tirol und Vorarlberg in den Monaten vor
dem Juliputsch Zentren der NS-Aktivitäten in Österreich waren. 410 Der Grund:
Durch die nahe Gebirgsgrenze zu Deutschland war der Schmuggel von

410
Vgl. Bauer, Struktur und Dynamik des illegalen Nationalsozialismus, S. 89 f.
338

Sprengstoffen und Waffen wesentlich einfacher als im übrigen Österreich;


zudem konnten NS-Terroristen nach vollbrachter Tat leicht nach Deutschland
entkommen. Das hatte zur Folge, dass in Westösterreich besonders viele aus
der legalen Zeit bekannte führende lokale Nationalsozialisten als „Geiseln“
nach Wöllersdorf abgegeben wurden.

Aus den Auswertung der in der Wien-Datenbank erfassten Wohnadressen


illegaler Wiener Nationalsozialisten (siehe Punkt C.4.2.1) konnte man schließen,
dass es in der Zeit der Illegalität kaum zu sozialen Verschiebungen innerhalb der
NSDAP im Vergleich zur Zeit vor dem Verbot kam. Betrachten wir dazu die
Verteilung der Wohnadressen von NS-Anhaltehäftlingen aus Wien auf der
folgenden Seite:
339

Abb.: Auswertung der in der Wöllersdorf-Datenbank enthaltenen Wohnadressen von


Wiener Nationalsozialisten 1933–1936

Wohnadressen von Wiener NS- Anteil an der Über-/unter-


Anhaltehäftlingen Wiener repräsentiert
absolut in Prozent Gesamt-
bevölkerung
01 Innere Stadt 19 2,40% 2,13% 113
02 Leopoldstadt 58 7,32% 8,00% 92
03 Landstraße 64 8,08% 7,57% 107
04 Wieden 39 4,92% 2,83% 174
05 Margareten 41 5,18% 4,68% 111
06 Mariahilf 28 3,54% 2,66% 133
07 Neubau 34 4,29% 3,13% 137
08 Josefstadt 34 4,29% 2,36% 182
09 Alsergrund 37 4,67% 4,45% 105
10 Favoriten 61 7,70% 8,41% 92
11 Simmering 15 1,89% 2,79% 68
12 Meidling 34 4,29% 5,84% 73
13 Hietzing 42 5,30% 7,53% 70
14 Rudolfsheim 26 3,28% 3,71% 88
15 Fünfhaus 22 2,78% 2,90% 96
16 Ottakring 41 5,18% 8,02% 65
17 Hernals 47 5,93% 4,50% 132
18 Währing 51 6,44% 4,37% 147
19 Döbling 21 2,65% 3,13% 85
20 Brigittenau 35 4,42% 5,23% 85
21 Floridsdorf 43 5,43% 5,75% 94
Summe 792 100,00% 99,99%

Innenbezirke 354 44,69% 37,81% 118


Außenbezirke 438 55,29% 62,18% 89

Über-/Unterrepräsentation: 100 = gleich; über 100 = überrepräsentiert; unter 100 =


unterrepräsentiert.

Lesebeispiel: 19 NS-Anhaltehäftlinge hatten ihre Wohnadresse im 1. Wiener Gemeindebezirk, der


Inneren Stadt. Im Vergleich mit dem Anteil der Inneren Stadt an der Wiener Gesamtbevölkerung
waren sie damit unter den NS-Anhaltehäftlingen leicht überrepräsentiert.
340

Die Auswertung der in der Wöllersdorf-Datenbank enthaltenen Wohnadressen


von 792 nationalsozialistischen Anhaltehäftlingen aus Wien ergibt kein
grundsätzlich anderes Bild. Die sowohl aufgrund der Ergebnisse der Gemeinde-
ratswahl 1932 als auch der Wien-Datenbank als NS-Hochburgen geltenden
Bezirke haben ihre dominierende Position nicht verloren.

Abb.: Bezirksvergleich zwischen der Wöllersdorf- und der Wien-Datenbank

Über-/unterrepräsentiert
Wien-Datenbank Wöllersdorf-Datenbank
08 Josefstadt 301 182
04 Wieden 243 174
18 Währing 168 147
07 Neubau 170 137
06 Mariahilf 144 133
17 Hernals 97 132
01 Innere Stadt 121 113
05 Margareten 114 111
03 Landstraße 131 107
09 Alsergrund 111 105
15 Fünfhaus 108 96
21 Floridsdorf 57 94
02 Leopoldstadt 64 92
10 Favoriten 52 92
14 Rudolfsheim 70 88
19 Döbling 90 85
20 Brigittenau 61 85
12 Meidling 67 73
13 Hietzing 108 70
11 Simmering 25 68
16 Ottakring 64 65
Über-/Unterrepräsentation: 100 = gleich; über 100 = überrepräsentiert; unter 100 = unterrepräsentiert.

Lesebeispiel: Der 8. Wiener Gemeindebezirk Josefstadt ist als Wohnadresse illegaler Wiener
Nationalsozialisten 1933–1938 (Wien-Datenbank) dreifach überrepräsentiert. Als Wohnadresse von NS-
Anhaltehäftlingen 1933–1936 (Wöllersdorf-Datenbank) ist die Josefstadt ebenfalls noch deutlich
überrepräsentiert, allerdings weniger stark als in der Wien-Datenbank.

Anmerkungen: Die Reihung der Bezirke erfolgt nach der Wöllersdorf-Datenbank. NS-Hochburgen laut der
Gemeinderatswahl 1932 sind kursiv hervorgehoben.
341

Allerdings zeigt der Vergleich der Wöllersdorf-Datenbank mit der Wien-Daten-


bank, dass die bisherigen NS-Diasporabezirke im Laufe der illegalen Phase an
Stärke zulegten. Besonders deutlich werden diese Verschiebungen, wenn man die
Entwicklung der Innen- und Außenbezirke betrachtet.

Die Wöllersdorf-Datenbank deutet also – im Unterschied zur Wien-Datenbank –


an, dass es innerhalb der NS-Bewegung in der Zeit der Illegalität doch zu
gewissen, nicht allzu gravierenden sozialen Verschiebungen kam. Die klein-
bürgerlich/bürgerlich-deutschnationale Mittelschichtpartei war auf dem Weg, eine
Volkspartei zu werden, in der auch Arbeiter nicht mehr auffallend unter-
repräsentiert waren.

Es muss deutlich gesagt werden, dass es sich dieser Schluss durch Auswertungen
auf Aggregatebene handelt. Die Möglichkeit eines „ökologischen Fehl-
schlusses“ 411 ist nicht von der Hand zu weisen. Die Auswertungen auf
Individualebene (Milieuanalyse) werden validere Aussagen zulassen, ob die hier
angedeutete soziale Dynamik der NS-Bewegung in der Phase 1933–1938
tatsächlich der Realität entspricht.

411
Mit Aggregatdatenanalysen werden in der historischen Wahlforschung beeindruckende
Ergebnisse erzielt, wie die Arbeiten von Falter und Hänisch beweisen. Allerdings müssen dafür
bestimmte Voraussetzungen gegeben sein, sonst besteht die Gefahr des so genannten
„ökologischen Fehlschlusses“ – das heißt, aufgrund von Aggregatdaten (z. B. Wahlergebnisse
einer bestimmten Gemeinde) werden in Kombination mit der Sozialstruktur dieser Gemeinde
unzulässige Rückschlüsse auf das Wahlverhalten sowie grundsätzliche Einstellungen und
Überzeugungen Einzelner gezogen. Ähnlicher Probleme bestehen auch bei der vorliegenden
Untersuchung. Dazu Falter, Wähler, S. 441: „Der Schluss von der territorialen auf die individuelle
Ebene ist mit enormem Fehlerrisiko behaftet und daher, außer in extremen Ausnahmefällen,
unstatthaft. Man sollte daher stets peinlich genau zwischen den Aussageebenen unterscheiden und
auf der Aggregatebene nachgewiesene Zusammenhänge nicht im Sinne von Individual-
beziehungen interpretieren.“ Zu den methodischen Problemen und Anforderungen von
Aggregatdatenanalysen sowie zu den Auswertungsverfahren siehe die anschauliche Darstellung
von Hänisch, NSDAP-Wähler, S. 133–145. Zu typischen Fehlern wahlhistorischer Unter-
suchungen, die auch in diesem Zusammenhang Geltung haben, siehe Falter, Wähler, S. 55–60.
Allgemein zum ökologischen Fehlschluss Diekmann, Sozialforschung, S. 116 f.
342

Die Verteilung der NS-Anhaltehäftlinge nach ihrer Zuständigkeit ergibt kein


wesentlich anderes Bild als das der Wohnorte. Ein geringer Prozentsatz der
Anhaltehäftlinge waren ausländische Staatsbürger oder staatenlos. Der hohe
Anteil von jugoslawischen Bürgern lässt darauf schließen, dass es sich um
deutschsprachige Jugoslawen handelte, die in den NS-Hochburgen Kärnten und
Steiermark lebten und sich dort nationalsozialistisch betätigt hatten.

Abb.: Zuständigkeit der NS-Anhaltehäftlinge 1933–1936 nach dem Heimatrecht

Anzahl
Burgenland 89
Kärnten 1293
Niederösterreich 684
Oberösterreich 517
Salzburg 468
Steiermark 1840
Tirol 359
Vorarlberg 74
Wien 833
Österr. Bundesbürger ohne Heimatrecht, Optant 3
Österreichische Staatsbürgerschaft insg. 6160
CSR 18
Deutschland 22
Italien 2
Jugoslawien 31
Ungarn 1
Ausländische Staatsbürgerschaft insg. 74
Staatenlos/heimatlos 11
Gesamtsumme 6245
Lesebeispiel: 89 nationalsozialistische Anhaltehäftlinge hatten Heimatrecht in einer
burgenländischen Gemeinde.

Anmerkung: Von 7712 Fällen in der Datenbank gab es zu 1451 keine Angaben zur Zuständigkeit;
in 16 Fällen lagen unklare, missverständliche, widersprüchliche oder nicht zuordenbare Angaben
vor.

Die Auswertung der Geburtsorte zeigt, dass auffallend viele national-


sozialistischen Anhaltehäftlinge auf dem Gebiet derjenigen Nachfolgestaaten der
343

Monarchie auf die Welt kamen, in denen die heftigsten Nationalitätenkämpfe


ausgefochten worden waren: Tschechoslowakei und Jugoslawien.

Abb.: Geburtsorte der NS-Anhaltehäftlinge 1933–1936

absolut anteilsmäßig
Burgenland 71 1,24%
Kärnten 1101 19,24%
Niederösterreich 468 8,18%
Oberösterreich 464 8,11%
Salzburg 420 7,34%
Steiermark 1683 29,41%
Tirol 307 5,37%
Vorarlberg 68 1,19%
Wien 698 12,20%
Österreich insg. 5280 92,28%

Deutschland 59 1,03%

CSR 180 3,15%


Italien 55 0,96%
Jugoslawien 100 1,75%
Polen 15 0,26%
Rumänien 1 0,02%
Ungarn 11 0,19%
Nachfolgestaaten insg. 362 6,33%

England 1 0,02%
Frankreich 1 0,02%
Griechenland 2 0,03%
Kanada 1 0,02%
Liechtenstein 2 0,03%
Schweiz 7 0,12%
Sowjetunion 1 0,02%
USA 6 0,10%

Ausland insg. 442 7,72%

Gesamt 5722

Lesebeispiele: 71 NS-Anhaltehäftlinge (das sind 1,24% aller NS-Anhaltehäftlinge) waren auf dem Gebiet des
heutigen Burgenlandes geboren. – 180 NS-Anhaltehäftlinge (das sind 3,15% aller NS-Anhaltehäftlinge)
waren in einem Gebiet geboren, das in der Zwischenkriegszeit zur CSR gehörte.
344

C.5.3.3 Konfession

Häufig ist in den ausgewerteten Akten nichts zur Konfessionszugehörigkeit der


Anhaltehäftlinge zu entnehmen. In 64% aller Fälle liegen überhaupt keine
Angaben über das jeweilige religiöse Bekenntnis vor. Bei 43 Personen (1,5%)
finden sich in verschiedenen Dokumenten widersprüchliche Angaben zur
Konfession, was zum Teil auf Behördenirrtümer zurückzuführen sein dürfte, zum
Teil – wie in mehreren Fällen explizit nachzuweisen – aber auch auf einen
Wechsel des religiösen Bekenntnisses hindeuten könnte. Ein Kirchenaustritt oder
ein Übertritt von der römisch-katholischen zu evangelischen Konfession (hin und
wieder auch zur altkatholischen Kirche) muss gerade in der Zeit des Christlichen
Ständestaates als demonstrativer politischer Akt gewertet werden.

Wie zu erwarten stellten im katholischen Österreich Angehörige der römisch-


katholischen Kirche die erdrückende Mehrheit der Anhaltehäftlinge (siehe
folgende Abbildung).

Abb.: Konfessionszugehörigkeit der NS-Anhaltehäftlinge (Zwischenauswertung


Wöllersdorf-Datenbank)

konfessionslos altkatholisch

evangelisch

römisch-
katholisch
345

Wie andere Untersuchungen (vgl. dazu die allgemeinen Ausführungen unter


Punkt C.4.2.2) ergibt auch die Zwischenauswertung der Wöllersdorf-Datenbank
eine markante Überrepräsentation von Angehörigen der evangelischen
412
Konfession. Der Anteil von Protestanten an den NS-Anhaltehäftlingen war
dreimal höher als der an der österreichischen Gesamtbevölkerung.

Abb.: Konfessionszugehörigkeit der NS-Anhaltehäftlinge im Vergleich zur österreichischen


Gesamtbevölkerung (Zwischenauswertung Wöllersdorf-Datenbank)

NS-Anhaltehäftlinge Österr. Über-/unter-

absolut anteilsmäßig Gesamt- repräsentiert


bevölkerung

Römisch-katholisch 2323 85,03% 90,42% 94


Evangelisch 348 12,74% 4,37% 292
Konfessionslos 47 1,72% 1,57% 110
Altkatholisch 13 0,48% 0,54% 89
Griechisch-katholisch 1 0,04% — —
Gesamt 2732

Über-/Unterrepräsentation: 100 = gleich; über 100 = überrepräsentiert; unter 100 = unter-


repräsentiert.

Lesebeispiel: 85% der Anhaltehäftlinge waren Angehörige der römisch-katholischen Kirche, in


der österreichischen Gesamtbevölkerung betrug der Anteil der Katholiken allerdings 90,4%,
womit Katholiken unter NS-Anhaltehäftlingen leicht unterrepräsentiert waren.

Anmerkung: Von den in der Datenbank enthaltenen 7712 Personen liegen in 4933 Fällen keine
und in 47 Fällen unklare oder widersprüchliche Angaben von, womit die Auswertung auf 2732
Fällen beruht.

412
Von insgesamt 348 Fällen werden nur 150-mal Angaben über die Zugehörigkeit zum
Augsburger oder zum Helvetischen Bekenntnis gemacht. 146 NS-Anhaltehäftlinge gehörten der
evangelischen Kirche A. B. und vier Anhaltehäftlinge der evangelischen Kirche H. B. an.
Statistisch seriöse Aussagen lassen sich aufgrund dieser Größenordnungen nicht machen, aber es
lässt sich mit gutem Grund vermuten, dass es insgesamt wesentlich eher Lutheraner als Calvinisten
waren, die zur NS-Ideologie tendierten.
346

Eine nach Bundesländern und vor allem nach Funktion in der NSDAP
spezifizierte Auswertung wird weitere Aufschlüsse über die Verteilung der
Konfessionen unter den NS-Anhaltehäftlingen bringen.
347

D Zusammenfassung und Ergebnisse (Gerhard


Botz)

Die im Rahmen dieses Projekt durchgeführten Untersuchungen zu Sozial-


strukturen der illegalen nationalsozialistischen Bewegung in Österreich während
der Jahre 1933 bis 1938 nähern sich ihrem Gegenstand mit unterschiedlichen
methodischen Instrumentarien, mittels komplementärer historisch-sozialwissen-
schaftlicher Erklärungsmodelle und von einander ergänzenden Blickwinkeln an.

Einerseits werden Verfahren der kontrollierten und differenzierten Standardi-


sierung von historischen Massendaten und deskriptiv-statistische Analyse-
verfahren angewandt, andererseits kommt ein breites Spektrum historisch-
kritischer und textinterpretierender Verfahren zum Einsatz. Letzteres metho-
disches Vorgehen (in den Einzelstudien und Datensammlungen von K. Bauer zu
Nationalsozialisten in Wien und zu den NS-Aktivisten in österreichischen
Anhaltelagern) betrifft vor allem einen umfangreichen Corpus ganz unter-
schiedlicher Quellen: meist behördliche Erhebungs-, Polizei-, Gerichtsakten etc.,
aber auch persönliche Dokumente ebenso wie administrative Erlässe und Gesetze.
Ersteres gründet zum Teil auf seriellen Daten relativ limitierten Aussagegehalts,
aber potentiell großer repräsentativer Reichweite für alle österreichischen
NSDAP-Mitglieder und Aktivisten (vor allem in den Einzelstudien von G. Botz
und W. Meixner), zum Teil auf jenen personenbezogenen Daten, die aus einigen
Tausend individuellen Quellen (durch K. Bauer) gewonnen werden konnten.
Damit werden auch unterschiedliche Partizipationsgrade abgebildet, ansteigend
von einfachen (radikalisierten oder sich vom Nationalsozialismus abwendenden)
Parteimitgliedern über in der Illegalität aktiven Nazis, Juliputschisten und
Terroristen, die entweder in Anhaltlagern (vor allem Wöllersdorf),
Polizeigefängnissen oder gerichtlichen Haftanstalten festgehalten wurden oder ins
348

Ausland (meist nach Deutschland) flüchteten, ausgebürgert und dort oft weiter
radikalisiert („Österreichische Legion“) wurden.

Dementsprechend sind kontrastierend historische Theorien mittlerer Reichweite,


die bisher schon für Erklärungen der faschistischen Bewegungen in Deutschland
und Österreich, aber auch darüber hinaus entwickelt wurden, den empirischen
Befunden zugrunde gelegt worden bzw. haben sie modifiziert oder falsifiziert.
Zum einen handelt es sich dabei um sozial- und wirtschaftsstrukturelle Konzepte,
zum anderen um vor allem um milieutheoretische, berufsspezifische und
generationelle Modelle. Eine gemeinsame Linie, die alle Einzelstudien des
Projekts verbindet, ist die strikte Beachtung, wie und in welchem Ausmaß das
staatliche oder NSDAP-interne Organisationshandeln die Artefakte, die der
Forschung als hauptsächliche Quellen zur Verfügung stehen, strukturiert und sie
bis zu einem gewissen Maße generiert haben. Damit werden die dem Projekt
zugrunde gelegte Multidimensionalität und der synthetischer Zugang zu einer
umfassenderen Erklärung der illegalen NS-Bewegung und ihrer Nachwirkungen
im Regime ab 1938 (in der Kombination von Makro- und Mikrostudien)
fruchtbar.

Neben einer Reihe umfangreicher methodisch arbeitstechnisch ausgerichteter


Teile des Projekts, die die zugrunde liegenden Daten- und Quellenbasen
empirisch nachvollziehbar machen und die daraus resultierenden historisch-
sozialwissenschaftlichen Analysen (als viele bisherige Forschungen zum Thema)
besser fundieren, konkretisieren sich die bisherigen Ergebnisse in folgenden
Teilstudien:

- Das „Machen“ von NS-Parteigenossen? Bürokratie, Mitgliedschafts-Chaos


und persönliche Motivationen in Deutschland und Österreich (1933 bis 1945)
(Gerhard Botz)
349

- Arbeiter und andere „Lohnabhängige“ im österreichischen National-


sozialismus auf Basis von Stichproben aus der NS-Mitgliederkartei (Gerhard
Botz)

- 11.000 ausgebürgerte illegale Nazis aus Österreich zwischen 1933 und 1938
(Wolfgang Meixner)

- Illegale Nationalsozialisten in Wien 1933–1938 (Wien-Erhebung) (Kurt


Bauer)

- Die nationalsozialistischen Häftlinge der österreichischen Anhaltelager 1933–


1938 („Wöllersdorf-Erhebung“) (Kurt Bauer)

Weiters ist eine umfangreiche Individualdatenbank zu den letzgenanten Studien,


die noch kompettiert und entsprechend dokumentiert werden muss, in
Ausarbeitung. Sie soll nach Abschluss weiterer Anaylsen am Ludwig Boltzmann-
Institut für Historische Sozialwissenschaft an der Universität Wien (unter
Wahrung der personen- und datenschutzrechtlichen Bestimmungen) einem
weiteren fachlichen Benutzerkreis zugänglich gemacht werden.

In inhaltlicher Hinsicht lassen sich schon unter anderem folgende Ergebnisse


festgehalten:

Auch in der Illegalitätsperiode kann der österreichische Nationalsozialismus in


einem – gegenüber den Strukturmerkmalen der Jahre 1932/33 abgeschwächten
Maße – immer noch nach dem Muster einer „asymmetrischen Volkspartei“ (in der
die industrielle Handarbeiterschaft und die besitzenden Bauern unterrepräsentiert
sind) charakterisiert werden; allerdings verstärkten sich die während der Illegalität
die Biases zugunsten der Arbeiterschaft und der (bisher ohnehin schon über-
repräsentierten) privaten Angestellten, während die bäuerlichen Bevölkerungsteile
regional und altersmäßig unterschiedlich anfällig blieben.
350

Kann die NSDAP insgesamt über einen größeren Zeitraum hinweg (1925-1942)
generell als eine (alternde) „Jugendbewegung“ (überwiegend jünger als 30 Jahre)
gelten, so verstärkte sich in der Phase der Illegalität wiederum bei den Aktivisten
der jugendliche Charakter, der sich schon aus dem frühen Übergewicht der
„Frontgeneration“ (geb. 1889 – 1899) ergeben hatte. Nunmehr ergab sich durch
den verstärkten Zustrom noch jüngerer Männer und Jugendlicher der „Nach-
kriegsgeneration“ (geb. 1900 – 1920!) eine zweigipfelige Altersstruktur (für
Wien). In den Anhaltelagern, wo meist die radikalsten (und am wenigsten mit
sozialem und ökonomischen Kapital ausgestatteten) Alterskohorten landeten,
dominierten ebenso wie bei den aktiven Juliputschisten die jungen Männer (um
das Geburtsjahr 1911 bzw. 1912), die 1934 erst um 22 bzw. 23 Jahre alt waren.
(Sie blieben in der NSDAP auch nach 1938 aktiv und stellten ein besonderes
Problem der Kontinuität von NS-geprägten Einstellungen in der Zweiten Republik
dar.) Dabei zeigte sich auch eine starke Differenzierung nach den unter-
schiedlichen Führungs- und Gefolgschaftsebenen, die ebenso bei anderen sozial-
strukturellen Kennzahlen in Erscheinung tritt.

Es bestätigte sich, dass der NS-Aktivismus weiterhin „männlich“ und „ledig“


war, Frauen, die auch in der Wählerschaft und unter den Pg. vertreten waren, nur
unterstützende Rollen erfüllten und die Anteile von Protestanten verhältnismäßig
groß waren. Es stellte sich heraus, dass er stärker als durch sozialschichten- und
klassenmäßige Differenzierungen durch spezifische Milieus zu erklären sein
dürfte. So ist die Wirksamkeit einer ländlichen Jugendsubkultur (junger Bauern-
söhne und Knechten) klar erkennbar, ebenso in einem unterschiedlichen Ausmaß
der NS-fördernde Einfluss von Regionalmilieus (in Steiermark, Kärnten und
Salzburg), vor allem auch die NS-Dominanz in klein- und mittelstädtischen
Milieus.

Forschungsergebnisse dieses Projekts wurden bisher schon in Fachöffentlich-


keiten, wie den österreichischen Zeitgeschichtetagen, vorgestellt, sie sind bereits
351

in ein Lehrbuch über den Nationalsozialismus 413 eingeflossen und in einigen


Beiträgen zu wissenschaftlichen Zeitschriften publiziert worden. 414 Buchpublika-
tionen dazu sind in Vorbereitung. Ein wesentliches Instrument für weiter gehende
Forschungen zum österreichischen Nationalsozialismus vor der Machtübernahme
und dem Anschluss wird eine umfangreiche Individualdatenbank sein.

413
Bauer, Kurt: Nationalsozialismus. Ursprünge, Anfänge, Aufstieg und Fall, Wien 2008, 616 S.
414
Botz, Gerhard: Expansion und Entwicklungskrisen der NSDAP-Mitgliedschaft: Von der
sozialen Dynamik zur bürokratischen Selbststeuerung? (1933 bis 1945), in: Beruf(ung): Archivar.
Festschrift für Lorenz Mikoletzky, hg. vom Österreichischen Staatsarchiv. Mitteilungen des
Österreichischen Staatsarchivs 55, Teil II, Wien 2011, S. 1161-1186;

Bauer, Kurt: Zum Entstehen der Anhaltelager in Österreich 1933/34. In: Böhler, Ingrid u.a. (Hgg.):
7. Österreichischer Zeitgeschichtetag 2008. 1968 – Vorgeschichte – Folgen. Bestandsaufnahme
der österreichischen Zeitgeschichte. Innsbruck, Wien, Bozen 2010. S. 825–836;

Bauer, Kurt: Der Weg zum Juliputsch. Zu Struktur und Dynamik des Nationalsozialismus in der
Steiermark von 1932 bis 1934. In: Halbrainer, Heimo; Polaschek, Martin F. (Hgg.): Aufstand,
Putsch und Diktatur. Das Jahr 1934 in der Steiermark. Tagung am 18. Mai 2004 im
Steiermärkischen Landesarchiv, Graz. Graz 2007. S. 95–117;

Botz, Gerhard: Arbeiter und andere „Lohnabhängige“ im österreichischen Nationalsozialismus. In:


Hofmann, Jürgen; Schneider, Michael (Hgg.): ArbeiterInnenbewegung und Rechtsextremismus.
ITH-Tagungsberichte 41: 42. Linzer Konferenz der Internationalen Tagung der HistorikerInnen
der Arbeiter- und anderer sozialer Bewegungen, 14. bis 17. September 2006. Leipzig 2007. S. 35–
61;

Meixner, Wolfgang: 11.000 ausgebürgerte illegale Nazis aus Österreich zwischen 1933 und 1938.
In: Tagungsbericht. 24. Österreichischer Historikertag, Innsbruck 2005. Hg. v. Verband
Österreichischer Historiker und Geschichtsvereine in Zusammenarbeit mit dem Tiroler
Landesarchiv. Innsbruck 2006. S. 601–607.
352
353

E Literatur und gedruckte Quellen


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Protokoll des Symposiums in Wien am 14. und 15. März 1978. Wien 1981, S. 206–
221.
Akten der Partei-Kanzlei. Rekonstruktion eines verlorengegangenen Bestandes. Hg. v.
Institut für Zeitgeschichte. Teil I, Bd. 1: Regesten, bearbeitet von Helmut Heiber,
München-Wien 1983,
Albrich, Thomas: Die „alten Kämpfer“. Zum Aufbau, Alters- und Sozialprofil der
NSDAP in Tirol und Vorarlberg vor 1933. In: Albrich, Thomas, Matt, Werner (Hgg.):
Geschichte und Region. Die NSDAP in den 30er Jahren im Regionalvergleich.
Dornbirn 1995. S. 63–80.
Albrich, Thomas; Meixner, Wolfgang: Zwischen Legalität und Illegalität. Zur
Mitgliederentwicklung, Alters- und Sozialstruktur der NSDAP in Tirol und Vorarlberg
vor 1938. In: Zeitgeschichte, 22 (1995), S. 149–187.
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Österreich. Wien, Zürich 1990.
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Geschichte des Nationalsozialismus, Frankfurt a.M. 2009.
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sozialdemokratische Gegengewalt in Wien 1932/33. In: Das Jüdische Echo.
Europäisches Forum für Kultur und Politik. Vol. 54, Oktober 2005. S. 125–139.
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Zeitgeschichte, 29. Jg., Heft 5, 2002, S. 259–272.
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in der Steiermark von 1932 bis 1934. In: Halbrainer, Heimo; Polaschek, Martin F.
(Hgg.): Aufstand, Putsch und Diktatur. Das Jahr 1934 in der Steiermark. Tagung am
18. Mai 2004 im Steiermärkischen Landesarchiv, Graz. Graz 2007. S.95–117.
Bauer, Kurt: Elementar-Ereignis. Die österreichischen Nationalsozialisten und der
Juliputsch 1934. Wien 2003.
Bauer, Kurt: Nationalsozialismus. Ursprünge, Anfänge, Aufstieg und Fall. Wien, Köln,
Weimar 2008.
Bauer, Kurt: Sozialgeschichtliche Aspekte des nationalsozialistischen Juliputsches 1934.
Diss. d. Univ. Wien, 2002.
Bauer, Kurt: Struktur und Dynamik des illegalen Nationalsozialismus in der ober-
steirischen Industrieregion 1933/34. Dipl.-Arb. d. Univ. Wien, 1998.
354

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