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Der Corona-Ursprung bleibt ein Rätsel

Herbermann, Jan Dirk Meiritz, Annett - Handelsblatt - Montag, 6. September 2021

China blockiert internationale Untersuchungen über den Auslöser der Corona-Pandemie –


und verhindert damit eine bessere Vorbereitung auf die nächste globale Seuche. Fragen und
Antworten.
Es geschah Ende 2019. Damals traten in der chinesischen Stadt Wuhan erstmals Infektionen
mit dem neuen Coronavirus auf. In mindestens zwei Laboren – dem Wuhan Institute of
Virology (WIV) und dem Wuhan Center for Disease Control and Prevention (WHCDC) –
wurde damals an Coronaviren in Fledermäusen geforscht. In Wuhan befindet sich auch der
Lebensmittelmarkt, von wo aus sich der Covid-19-Erreger schließlich weltweit verbreitete.
Fand das unheilvolle Virus aus einem der Labore seinen Weg auf den Markt? Zunächst
stuften Ermittler der Weltgesundheitsorganisation (WHO) diese „Labortheorie“ als „extrem
unwahrscheinlich“ ein. Allerdings behinderte China die weitere Aufklärung. US-Präsident Joe
Biden ordnete eine Untersuchung durch seine Geheimdienste an.
Antworten auf die wichtigsten Fragen:
Warum ist es so wichtig, den Ursprung des Covid-19-Erregers zu finden?
Die Beantwortung der Fragen, wie sich das Virus auf den Menschen übertragen hat und wie
die Corona-Katastrophe ihren Lauf nahm, sind der Schlüssel für eine bessere Verteidigung
gegen neue Pandemien. „Wir alle können dann zusammen das Risiko reduzieren, dass sich
so etwas wiederholt“, erklärt der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation, Tedros
Adhanom Ghebreyesus.
Zu welchen Erkenntnissen kommen die US-Geheimdienste?
Die insgesamt 18 geheimdienstlichen US-Behörden haben untersucht, ob das Virus auf
natürliche Weise durch menschlichen Kontakt mit infizierten Tieren entstanden ist oder ob
der Ausbruch das Ergebnis eines Laborunfalls war. Doch selbst nach 90 Tagen intensiver
Nachforschungen sind sie zu keiner eindeutigen Schlussfolgerung gekommen.
Ihr Report, vor Kurzem Biden vorgelegt, zeigt, dass die Behörden geteilter Ansicht sind. „Wir
gehen davon aus, dass zwei Hypothesen plausibel sind: erstens die natürliche Übertragung
von einem infizierten Tier und zweitens ein Vorfall im Labor“, heißt es darin. Die
überwiegende Mehrheit der Dienste stütze weiterhin die Annahme, das Virus sei natürlichen
Ursprungs. Mindestens eine Behörde tendiere aber zur Labortheorie.
In einer Erkenntnis scheinen die Geheimdienste einig: Das Virus ist wohl nicht von der
chinesischen Regierung als biologische Waffe entwickelt worden. Die Debatte über die
Labortheorie war im Mai wieder entbrannt. Damals veröffentlichten 18 amerikanische
Spitzenwissenschaftler einen offenen Brief in der Zeitschrift „Science“, in dem sie eine neue
Untersuchung der WHO forderten. „Theorien über die versehentliche Freisetzung aus einem
Labor“ seien „weiterhin tragfähig“, schrieb die Gruppe. Biden startete schließlich einen
neuen Anlauf, die Ursprünge des Covid-19-Erregers zu untersuchen.
Wie geht es jetzt weiter?
Um das Verhältnis zwischen den USA und China steht es ohnehin schlecht, der Streit über
die Labortheorie belastet die Beziehungen zusätzlich. Denn absolut ausgeschlossen haben
die US-Geheimdienste die Ursprünge von Covid-19 im Labor nicht. China weist den Vorwurf
vehement zurück und wirft den USA eine Propagandaschlacht vor. Im Herbst könnten sich
Biden und Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping auf dem G20-Gipfel gegenüberstehen,
zahlreiche Konflikte könnten für Spannungen sorgen.
Washington kritisiert Peking, dass es kaum Informationen zum Ausbruch des Coronavirus
freiwillig zur Verfügung stellt, und hält den Druck aufrecht. „Die Welt verdient Antworten,
und ich werde nicht ruhen, bis wir sie bekommen“, sagte Biden. Auch
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verlangt von China „volle Kooperation“, um den
Ursprung des Corona-Unheils zu finden.
Wie behindert China die Aufklärung?
Ein drastisches Beispiel illustriert Pekings Blockadepolitik: Den US-Geheimdiensten zufolge
wurden bereits Wochen vor den ersten offiziell gemeldeten Covid-Fällen in China
mindestens drei Wissenschaftler aus Wuhan mit Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert.
Bis heute hat Peking dazu keine Befragungen zugelassen.
Aber selbst bei voller Kooperation wäre es wohl wenig wahrscheinlich, den wahren Ursprung
des Erregers zu finden. So sind die ersten Übertragungen des Ebola-Virus und des HI-Virus
auch nach Jahrzehnten Forschung nicht eindeutig geklärt. „Wir werden vielleicht für immer
im Dunkeln tappen“, sagte Eric Topol, Experte für molekulare Medizin am kalifornischen
Scripps Research Translational Institute, dem Internet-Portal The Hill.
Sind Geheimdienste der Aufgabe gewachsen?
Daran gibt es Zweifel. „Sie sind nicht unbedingt geübt darin, sich durch globale Datensätze
zur Gesundheit zu wühlen“, sagte ein Insider der Zeitung „Washington Post“. Außerdem wird
das Thema in den USA oft politisch instrumentalisiert. Ernsthaft wurde über den Ursprung
des Erregers Sars-CoV-2 erst Monate nach dem Ausbruch debattiert.
Lange hatten US-Medien, Denkfabriken und Experten den möglichen Ursprung im Labor als
Verschwörungstheorie abgetan. Das lag auch daran, dass Ex-Präsident Donald Trump die
Labortheorie gezielt im Wahlkampf nutzte, um Stimmung gegen China zu machen und von
eigenen Verfehlungen in der Pandemie abzulenken. So bezeichnete Trump Sars-CoV-2 als
„China-Virus“ und behauptete, der Erreger sei einem Labor entsprungen – ohne jemals
Beweise dafür vorzulegen.
Was sagt die WHO?
Vertreter der Weltgesundheitsorganisation geben kein einheitliches Bild ab, mitunter
irritieren die WHO-Wendungen. Im Januar und Februar 2021 ermittelte eine WHO-
Untersuchungskommission in Wuhan vor Ort. Danach klassifizierte die Kommission eine
Übertragungskette des Erregers von Tieren wie Fledermäusen über andere Tiere zum
Menschen als „wahrscheinliche bis sehr wahrscheinliche“ Ursprungsvariante.
Die These, nach der das Virus aus einem Labor stamme, verwarfen sie als „extrem
unwahrscheinlich“. Der Kommission gehörten Virologen, Immunologen, Epidemiologen und
andere Experten an, der Däne Peter Ben Embarek leitete sie. Allerdings verweigerten Chinas
Behörden der WHO-Kommission den vollen Einblick vor Ort.
Der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Adhanom Ghebreyesus,
betonte dann auch, dass die Einschätzungen der Experten nicht „umfangreich“ genug
ausgefallen seien: „Zwar hat das Team geschlussfolgert, dass ein Laborleck die am wenigsten
wahrscheinliche Hypothese ist, aber es braucht weitere Untersuchungen.“
Tedros stellte klar: Alle Hypothesen über den Corona-Ursprung „bleiben auf dem Tisch“.
Somit auch die Labortheorie. Im August strahlte dann ein dänischer TV-Sender eine
Dokumentation aus. Darin sagt Embarek, er sei besorgt über Sicherheitsstandards in einem
Wuhan-Labor. Um für zukünftige Ausbrüche besser gewappnet zu sein, eröffnete die WHO
am 1. September ein Zentrum für Pandemieaufklärung in Berlin, eine Art Frühwarnsystem.
Warum stehen die USA selbst in der Kritik?
Für Irritationen sorgen Finanzströme zwischen dem Wuhan Institute of Virology (WIV) und
den amerikanischen National Institutes of Health (NIH). Zwischengeschaltet war der
gemeinnützige Verein Eco Health Alliance, der zwischen 2014 und 2019 insgesamt 3,4
Millionen Dollar an Zuschüssen über NIH an das WIV in Wuhan leitete, um die Forschung an
Fledermaus-Coronaviren zu unterstützen.
Peter Daszak, der Vorsitzende der Eco Health Alliance, dankte dem amerikanischen Chef-
Immunologen Anthony Fauci in einer E-Mail vom April 2020 persönlich dafür, dass er die
Labortheorie damals noch als „sehr unwahrscheinlich“ zurückgewiesen hatte.
Die republikanische Opposition greift Fauci deshalb an, da dieser in der Labortheorie-
Debatte nicht klar kommuniziert habe – und die USA die Wuhan-Experimente offenbar
mitfinanziert hätten.

Quelle: Laborunfall oder nicht? Der Corona-Ursprung bleibt ein Rätsel (handelsblatt.com)

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