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Algorithmisch zurück ins Mittelalter

Aufklärung 3.0, Befreier der Rede oder Speerspitze einer neuen Demokratie. Bringt uns die Vernetzwerkung der Welt wirklich das
Licht der Erleuchtung?

Mittelalterliche Handschrift (Photo: wit / Lizenz: cc-by-sa)

Ich muss mich vorab entschuldigen. Ich kann über meine Gedanken nicht schreiben, ohne poetische Bilder zu verwenden, metaphorische
Sprache, scheinbar entfernt von Fakten. Doch sind es, meiner Meinung nach, genau diese Bilder, die uns Verständnis erst ermöglichen.

Ein Vortrag auf der next11 hat es mir besonders angetan. Gebannt saß ich vor dem Rechner, nachdem ich leider nicht vor Ort sein konnte.
Und ich empfehle jedem, sich diesen Talk anzusehen. Ich glaube selbst gerne an die positive Kraft der Technik, doch das, was Kevin Slavin
dort erläutert, lässt mich nachdenklich werden und erzeugt Gänsehaut:

http://video.nextconf.eu/v.ihtml?token=41a597e394e5356be2cf8799ed3990d0&photo%5fid=1869141

Die Entwicklung der Menschheit (zumindest die einiger Individuen/Subgesellschaften), entwickelt sich nachAguste
Comte durch drei Stadien:

1. Das theologisch-fiktive Stadium

2. Das metaphysische, oder abstrakte Stadium

3. Das positive, oder wissenschaftliche Stadium

Um das kurz und verkürzt zu sagen: Der Mensch entwickelt sich von einem vor-religiösen Pantheismus, über den Monotheismus, hin zu
einem Stadium, indem abstrakte Kräfte zur Erklärung der Welt herangezogen werden. Hier entwickelt sich auch der rationale Verstand, das
Hinterfragen von Ursachen, was schließlich zum wissenschaftlichen Stadium führt.

Auch wenn ich dieser rigorosen Einteilung nicht vollständig zustimmen kann und ich mir der Irrrationalität des Menschen wohl bewusst bin:
Man kann die historische Entwicklung der Menschheit mit diesem Werkzeug zumindest grob erfassen.

Viele Theoretiker des digitalen Zeitalters behaupten nun, dass uns der Fortschritt der Vernetzung weiterführen würde, hin zu einer neuen
Aufklärung. Einer Aufklärung 2.0 (manchmal gar 3.0).

Ich widerspreche!

Die meisten Menschen nutzen Geschichten, um sich die Welt zu erklären. Geschichten gelten als das kollektive und das individuelle
Gedächtnis der Welt.
Warum gäbe es sonst einen Film über Facebook? Dabei nutzt der Mensch unbemerkt sehr oft die Verwechslung von zeitlicher Abfolge und
logischer Konsequenz. So werden scheinbare Kausalzusammenhänge “erklärbar”, obwohl es oft nichmal Korrelationen sind.

Weil ich im März geboren wurde, die Sterne so und so standen, verhalte ich mich wie ein Sternzeichen Widder mit dem Aszendenten
Zwillinge. Oder so.

Weil Facebook das bessere Netzwerk ist, überflügelt es…

Weil Twitter so toll ist, nutzen es alle…

Weil das iPhone…

Dabei werden wir, unbemerkt für die meisten Menschen, heute von Algorithmen gesteuert. Vom Buchvorschlag bei Amazon, dem
Suchergebnis bei Google, dem Wetterbericht im Fernsehen, der Wartezeit auf den Aufzug bis zur Waren-Belieferung großer Handelsketten.
Die Welt (nicht nur die digitale) wird von Algorithmen kontrolliert.

Ein weiteres Beispiel ist der Aktienmarkt, in obigem Video schön erklärt. Bis heute verstehen, auch rückblickend, die Experten noch nicht,
was genau im Jahr 2010 passiert ist, als der Aktienmarkt 10% seines Wertes in 5 Minuten verloren hat.
Doch was passiert, wenn immer mehr Lebensbereiche von Algorithmen gesteuert/kontrolliert werden. Verkehrsführung,
Nahrungsmittelempfehlungen, Lese-Empfehlungen, Verbrechensbekämpfung. Die Verteilung lebenswichtiger Medikamente. Wenn unsere
tatsächlichen Handlungen keinen Einfluss mehr auf die Entscheidung mathematischer Formeln haben. Wenn in Millisekunden weitreichende
Entscheidungen von Servern getroffen werden?

Wird Mathematik die Sprache der Götter? Brauchen Menschen eine neue Religion, neue Mythen, um sich die Welt zu erklären? Muss ich
mir eine neues “Glaubenszentrum” in mein Gehirn implantieren lassen?

Ist eine Welt, in der 99,99 Prozent aller Menschen nicht mehr verstehen können, wodurch sie beeinflusst werden, eine Welt in der ich leben
will? Ist das die Welt der gepriesenen neuen Aufklärung?

Oder ist es der Rückfall in mittelalterliche, oder gar mythologische Zeiten, in denen die Götter und Geister unsere Welt bestimmten
und wir ihnen Opfer darbrachten, auf das die Ernte gnädig ausfalle.