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SEBASTIAN HAFFNER

Geschichte eines Deutschen

Kapitel 17

Im Anfang sah diese Revolution auch tatsächlich so aus, als würde sie ein
»historisches Ereignis« werden wie gehabt: eine Angelegenheit der Zeitungen und
allenfalls der öffentlichen Atmosphäre.
Die Nazis feiern als den Tag ihrer Revolution den 30. Januar. Mit Unrecht. Der
30. Januar 1933 brachte keine Revolution, sondern einen Regierungswechsel. Hitler
wurde Reichskanzler, übrigens beileibe nicht als Führer einer Nazi-Regierung (nur
zwei Nazis saßen außer ihm im Kabinett), und schwur Treue der Weimarer
Reichsverfassung. Die Sieger des Tages waren, in der allgemeinen Auffassung,
keineswegs die Nazis, sondern die Leute der bürgerlichen Rechten, die die Nazis
»eingefangen« hatten und ihrerseits alle Schlüsselpositionen in der Regierung besetzten.
Verfassungsrechtlich war der Vorgang weit normaler und unrevolutionärer als das
meiste, was sich im Jahr zuvor abgespielt hatte. Und äußerlich verlief der Tag ebenfalls
ohne alle revolutionären Merkmale – wenn man nicht einen Fackelzug der Nazis durch
die Wilhelmstraße und eine belanglose nächtliche Schießerei in einem Vorort als solche
gelten lassen will.
Für uns andere bestand das Erlebnis des 30. Januar tatsächlich nur in
Zeitungslektüre – und den Empfindungen, die sie auslöste.
Morgens hieß die Überschrift: Hitler zum Reichspräsidenten gerufen – und man
empfand einen gewissen hilflosen nervösen Ärger: Hitler war im August und war im
November zum Reichspräsidenten gerufen worden und hatte den Vizekanzler und
Kanzlerposten angeboten bekommen; jedes Mal hatte er unmögliche Bedingungen
gestellt, und jedes Mal war danach feierlich erklärt worden: Nie wieder... Das »Nie
wieder« hielt jeweils immer gerade ein Vierteljahr vor. Es herrschte damals in
Deutschland bereits dieselbe krankhafte Sucht unter Hitlers Gegenspielern, ihm alles,
was er wünschte, unverdrossen immer wieder und immer billiger anzubieten und
geradezu aufzudrängen, wie heute in der Welt. Immer wieder wurde diesem
»appeasement« feierlich abgeschworen, und immer wieder, wenn es darauf ankam,
feierte es fröhliche Auferstehung – genau wie heute. Damals wie heute war die einzige
Hoffnung, die einem blieb, Hitlers eigene Verblendung. Musste sie nicht schließlich
selbst die Geduld seiner Gegner erschöpfen? Damals wie heute zeigte sich, dass diese
Geduld in der Tat durch nichts zu erschöpfen war...
Mittags hieß die Überschrift: Hitler verlangt wieder zu viel. Man nickte
halbberuhigt. Sehr glaubhaft. Es hätte seiner Natur durchaus nicht entsprochen,
weniger als zu viel zu verlangen. So mochte der Kelch noch einmal vorübergehen.
Hitler – die letzte Rettung vor Hitler.
Gegen 5 Uhr dann waren die Abendzeitungen da: Kabinett der nationalen
Konzentration gebildet – Hitler Reichskanzler.
Ich weiß nicht genau, wie die allgemeine erste Reaktion war. Die meine war etwa
eine Minute lang richtig: Eisiger Schreck. Gewiss, es war »drin« gewesen, schon lange.
Man hatte damit rechnen müssen. Dennoch, es war so phantastisch. So unglaubhaft,
wenn man es jetzt wirklich schwarz auf weiß vor sich sah. Hitler – Reichskanzler...
Einen Augenblick spürte ich fast körperlich den Blut- und Schmutzgeruch um diesen
Mann Hitler, und ich empfand etwas wie die zugleich bedrohliche und ekelerregende
Annäherung eines mörderischen Tiers - eine schmutzige scharfkrallige Pfote an
meinem Gesicht.
E.M. Remarque
DREI KAMERADEN

Nachmittags gingen wir in ein Kino. Als wir herauskamen, hatte der Himmel sich aufgeklärt. Er war
apfelgrün und sehr klar. In den Straßen und Läden brannte schon Licht. Wir gingen langsam nach Hause und sahen
uns dabei die Schaufenster an.
Vor den hellerleuchteten Scheiben eines Pelzgeschäfts blieb ich stehen. Es war schon kühl abends, und in den
Fenstern waren dicke Bündel Silberfüchse und warme Mäntel für den Winter ausgestellt. Ich sah Pat an; sie trug
immer noch ihre kurze Pelzjacke und war eigentlich viel zu leicht angezogen.
„Wenn ich jetzt der Held aus dem Film wäre, würde ich da hineingehen und dir einen Mantel aussuchen“,
sagte ich.
Sie lächelte. „Welchen denn?“
„Den da.“ Ich zeigte auf den, der am wärmsten aussah.
Sie lachte. „Du hast einen guten Geschmack, Robby. Das ist ein sehr schöner, kanadischer Nerz.“
„Möchtest du ihn haben?“
Sie blickte mich an. „Weißt du, was so ein Mantel kostet, Liebling?“
„Nein“, sagte ich, „das will ich auch gar nicht wissen. Ich will lieber denken, ich könnte dir schenken, was ich
möchte. Warum sollen nur andere Leute das können?“
Sie sah mich aufmerksam an. „Ich will aber gar keinen solchen Mantel, Robby.“
„Doch“, erwiderte ich, „du bekommst ihn! Kein Wort mehr darüber. Morgen lassen wir ihn abholen.“
Sie lächelte. „Danke, Liebling“, sagte sie und küsste mich mitten auf der Straße. „Und jetzt kommst du dran.“
Sie blieb vor einem Herrenmodegeschäft stehen. „Diesen Frack da! Du brauchst ihn zu dem Nerz. Und den
Zylinder dort bekommst du auch. Wie magst du wohl im Zylinder aussehen?“
„Wie ein Schornsteinfeger.“ Ich schaute mir den Frack an. Er lag in einem Fenster, das mit grauem Samt
ausgeschlagen war. Ich blickte noch einmal genauer hin. Es war das Geschäft, in dem ich mir im Frühjahr die
Krawatte gekauft hatte, nachdem ich zum ersten Mal allein mit Pat zusammen gewesen war und mich betrunken
hatte. Es würgte mich plötzlich etwas im Halse, ich wusste nicht warum. Im Frühjahr, – da hatte ich noch nichts
von allem geahnt.
Ich nahm Pats schmale Hand und legte sie eine Sekunde an meine Wange. „Du brauchst noch etwas dazu“,
sagte ich dann, „so ein Nerz allein ist wie ein Auto ohne Motor. Zwei oder drei Abendkleider – “
„Abendkleider“, erwiderte sie und blieb vor den großen Schaufenstern stehen, „Abendkleider, das ist wahr, –
die kann ich schon schwerer abschlagen – “
Wir suchten drei wunderbare Kleider aus. Ich sah, wie diese Spielerei Pat belebte. Sie war ganz bei der Sache,
denn Abendkleider waren ihre Schwäche. Wir suchten auch gleich die Sachen aus, die dazu gehörten, und sie
wurde immer lebhafter. Ihre Augen glänzten. Ich stand neben ihr und hörte ihr zu und lachte und dachte, was für
eine verdammte Sache es doch sei, eine Frau zu lieben und arm zu sein. „Komm“, sagte ich schließlich in einer Art
verzweifelter Lustigkeit, „wenn man etwas macht, muss man es ganz machen!“ Ich zog sie vor ein Juwelengeschäft.
„Dort das Smaragdarmband! Dazu die beiden Ringe und die Ohrgehänge! Sprechen wir nicht weiter darüber.
Smaragde sind die richtigen Steine für dich.“
„Dann bekommst du aber die Platinuhr da und die Perlen fürs Hemd.“
„Und du den ganzen Laden! Unter dem tue ich es jetzt nicht mehr – “
Sie lachte und lehnte sich tief atmend an mich. „Genug, Liebling, genug! Jetzt kaufen wir uns nur noch ein
paar Koffer und gehen zum Reisebüro, und dann packen wir und reisen los, fort aus dieser Stadt und diesem Herbst
und diesem Regen.“
Ja, dachte ich, mein Gott, ja, und du würdest dann rasch gesund!
„Wohin denn?“ fragte ich. „Nach Ägypten? Oder noch weiter? Nach Indien und China?“
„In die Sonne, Liebling, irgendwohin in die Sonne und den Süden und die Wärme. Zu Palmenstraßen und
Felsen und weißen Häusern am Meer und Agaven. Aber vielleicht regnet es dort auch. Vielleicht regnet es überall.“
„Dann fahren wir einfach weiter“, sagte ich, „bis es irgendwo nicht mehr regnet. Mitten in die Tropen und in
die Südsee hinein.“
Wir standen vor den hellen Fenstern des Reisebüros der Hamburg-Amerika-Linie. In der Mitte war das
Modell eines Dampfers aufgestellt. Es schwamm auf blauen Pappwellen, und dahinter erhob sich mächtig die
vergrößerte Photographie der Wolkenkratzer Manhattans. An den Fenstern hingen große, bunte Landkarten mit rot
eingezeichneten Routen.
„Nach Amerika fahren wir auch“, sagte Pat. „Nach Kentucky und Texas und New York und San Franzisco
und Hawaii. Und dann über Südamerika weiter. Über Mexiko und den Panamakanal nach Buenos Aires. Und dann
über Rio de Janeiro zurück.“
„Ja – “
Sie sah mich strahlend an.
„Ich war noch nicht da“, sagte ich. „Ich habe dir das damals vorgeschwindelt.“
„Das weiß ich“, erwiderte sie.
„Das weißt du?“
„Aber Robby! Natürlich weiß ich es. Ich wusste es gleich.“
„Ich war damals ziemlich verrückt. Unsicher und dumm und verrückt. Deshalb habe ich geschwindelt.“
„Und heute?“
„Heute noch mehr“, sagte ich. „Du siehst es ja.“ Ich zeigte auf den Dampfer im Schaufenster. „Verflucht, dass
man nicht mitfahren kann!“
Sie lächelte und legte ihren Arm in meinen. „Ach, Liebling, warum sind wir nicht reich? Wir wüssten so
großartig, was wir damit anfangen sollten! Es gibt doch so viele reiche Leute, die nichts besseres kennen, als immer
wieder in ihre Büros oder ihre Banken zu gehen.“
Deshalb sind sie ja reich“, sagte ich. „Wenn wir es wären, würden wir es bestimmt nicht lange bleiben.“
„Das glaube ich auch. Wir würden es sicher irgendwie verlieren.“
„Vielleicht würden wir auch aus Sorge, es zu verlieren, nichts davon haben. Heute ist Reichsein direkt ein
Beruf. Und gar kein so ganz einfacher.“
„Die armen Reichen!“ sagte Pat. „Da ist es wahrscheinlich besser, wir bilden uns ein, wir wären es schon
gewesen und hätten alles bereits wieder verloren. Du hast einfach vor einer Woche Bankerott gemacht und alles
verkaufen müssen, – unser Haus und meinen Schmuck und deine Autos. Was meinst du dazu?“
„Das ist sogar höchst zeitgemäß“, erwiderte ich.
Sie lachte. „Dann komm! Wir beiden Bankerotteure gehen jetzt in unser kleines Pensionszimmer und
erzählen uns Geschichten aus den vergangenen großen Zeiten.“
„Das ist eine gute Idee.“
Wir gingen langsam weiter durch die abendlichen Straßen. Immer mehr Lichter flammten auf, und als wir am
Friedhof waren, sahen wir durch den grünen Himmel ein Flugzeug ziehen, dessen Kabinen hell erleuchtet waren. Es
flog einsam und schön durch den klaren, hohen, einsamen Himmel, wie ein wunderbarer Vogel der Sehnsucht aus
einem alten Märchen. Wir blieben stehen und sahen ihm nach, bis es verschwunden war.

Sebastian Haffner
Geschichte eines Deutschen
Kapitel 27

Der 1. April war fürs erste der Höhepunkt der Nazirevolution gewesen. In den nächsten
Wochen zeigten die Ereignisse eine Tendenz, sich wieder in die Sphäre der Zeitungsberichte
zurückzuziehen. Gewiss, der Terror ging weiter, die Feste und Aufmärsche gingen weiter, aber
nicht mehr ganz im tempo furioso des März. Die Konzentrationslager waren nun eben eine
Institution geworden, und man war eingeladen, sich daran zu gewöhnen und seine Zunge zu hüten.
Die »Gleichschaltung«, also die Besetzung aller Behörden, Lokalverwaltungen, großen Geschäfte,
Verbands- und Vereinsvorstände mit Nazis, ging weiter, aber jetzt systematisch und auf fast
pedantisch-ordentliche Weise, mit Gesetzen und Verordnungen, nicht mehr so sehr mit wilden und
unberechenbaren »Einzelaktionen«. Die Revolution nahm eine Beamtenmiene an. Es bildete sich
so etwas wie ein »Boden der Tatsachen« - etwas, womit der Deutsche kraft alter Gewöhnung gar
nichts anderes tun kann, als sich darauf stellen.
Man durfte wieder in den jüdischen Geschäften kaufen. Man wurde zwar weiter aufgefordert,
es zu unterlassen, man wurde auch in Dauerplakaten als »Volksverräter« bezeichnet, wenn man es
dennoch tat, aber man durfte es. Keine SA-Posten standen mehr vor den Ladentüren. Die jüdischen
Beamten, Ärzte, Anwälte, Journalisten wurden zwar entlassen, aber nunmehr gesetzlich und
ordentlich, nach Paragraph soundso, und es gab Ausnahmen für Frontkämpfer und alte Leute, die
schon unter dem Kaiserreich gedient hatten - konnte man mehr verlangen? Die Gerichte, nachdem
sie eine Woche lang suspendiert gewesen waren, durften wieder zusammentreten und Recht
sprechen. Die Unabsetzbarkeit der Richter allerdings wurde aufgehoben, streng gesetzlich und
ordentlich. Zugleich wurde den Richtern, die nunmehr also jeden Tag auf die Straße gesetzt
werden konnten, erklärt, dass man ihre Macht unermesslich gesteigert habe: Sie seien jetzt
»Volksrichter«, »Richterkönige« geworden. Sie brauchten sich nicht mehr ängstlich an das Gesetz
zu halten. Sie sollten es nicht einmal. Verstanden?
Seltsam war es, wieder im Kammergericht zu sitzen, in demselben Saal wie stets, auf
denselben Bänken, und so zu tun, als sei eigentlich nichts vorgefallen. Dieselben Wachtmeister
standen wieder an den Türen und schützten wie stets die Würde des Gerichtshofs gegen jede
Störung. Sogar die Richter waren zum größten Teil dieselben. Der jüdische Kammergerichtsrat in
unserm Senat freilich war nicht mehr da, selbstverständlich. Er war zwar nicht entlassen, er war
ein alter Herr und hatte längst unter dem Kaiserreich Recht gesprochen, aber man hatte ihn in die
Grundbuch- oder Rechnungsabteilung irgendeines Amtsgerichts gesteckt. Statt seiner saß in
unserm Senat, seltsam anzusehen zwischen den greisen Kammergerichtsräten, ein junger blonder
Amtsgerichtsrat, rotwangig und aufgeschossen. Ein Kammergerichtsrat ist etwa ein General, ein
Amtsgerichtsrat etwa ein Oberleutnant. Man flüsterte sich zu, dass er privat eine hohe SS-Charge
habe. Er grüßte mit ausgestrecktem Arm und schallendem »Heil Hitler«. Der Senatspräsident und
die anderen alten Herren wedelten darauf unbestimmt mit dem Arm und murmelten etwas
Undeutliches. Im Beratungszimmer, während der Frühstückspause, hatten sie früher manchmal ein
wenig geplaudert, leise und abgeklärt nach Art kultivierter älterer Herren, über die Tagesereignisse
oder über Justizpersonalien. Damit war es jetzt aus. Tiefes verlegenes Schweigen herrschte,
während sie zwischen den Beratungen ihre Butterbrote aßen.
Seltsam verliefen oft die Beratungen. Das neue Senatsmitglied gab mit frischer, selbstbewusster
Stimme befremdliche Rechtskenntnisse zum besten. Wir Referendare, mit unseren frischen
Examenskenntnissen, wechselten Bücke, während er referierte. »Sollten Sie nicht, Herr Kollege«,
sagte schließlich mit vollkommener Höflichkeit der Senatspräsident, » § 816 des Bürgerlichen
Gesetzbuchs übersehen haben?« Worauf der hohe Richter, ein wenig einem ertappten
Examenskandidaten gleich, in seinem Gesetzbuch blätterte und leicht verlegen, aber immer noch
frisch und leichtherzig zugab: »Ach so, ja. Na, dann ist es also gerade umgekehrt.« Das waren so
die Triumphe der alten Justiz.
Es gab aber auch andere Fälle - Fälle, in denen der Neukömmling sich nicht geschlagen gab,
sondern eloquent und mit etwas zu lauter Stimme Vorträge darüber hielt, dass das alte
Paragraphenrecht hier zurückstehen müsse; seine alten Richterkollegen darüber belehrte, dass man
auf den Sinn und nicht auf den Buchstaben blicken müsse; Hitler zitierte; und mit der Geste eines
jugendlichen Bühnenhelden auf irgendeiner unhaltbaren Entscheidung bestand. Es war
mitleiderregend, währenddessen die Gesichter der alten Kammergerichtsräte zu studieren. Sie
blickten mit einem Ausdruck unbeschreiblicher Betrübtheit vor sich nieder in ihre Akten, während
ihre Finger leichtgequält an einer Büroklammer oder einem Stückchen Löschpapier drehten. Für
Gerede, wie sie es da jetzt als hohe Weisheit anhören mussten, waren sie sonst gewöhnt,
Kandidaten durchs Assessorexamen fallen zu lassen; aber hinter diesem Gerede stand jetzt die
Staatsmacht; dahinter drohte Entlassung wegen mangelnder nationalpolitischer Zuverlässigkeit,
Brotlosigkeit, Konzentrationslager... Man hüstelte; »wir sind natürlich ganz Ihrer Ansicht, Herr
Kollege«, sagte.

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