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Elke Heidenreich

Karl, Bob Dylan und ich


(AUSZUG)

Ich saß mit Karl in dieser mexikanischen Bar, die gerade so in Mode war, und
wir redeten über die alten Zeiten und darüber, was eigentlich aus uns geworden
war. » Jung und schön sterben, das wär’s doch gewesen«, sagte ich zu Karl, »aber
nein, wir leben immer noch und saufen zuviel und sehen auch danach aus, guck
uns doch bloß mal an. «
Karl guckte mich an, sagte: » Was willst du? Forever young? « und bestellte
sich noch ein mexikanisches Bier. Seit Marlene ihm weggelaufen war, war nicht
mehr viel mit ihm anzufangen. Er wurde leicht wütend, war schnell erregbar, oft
depressiv, dann wieder übermütig wie ein Schuljunge – seine Launen schlugen
dramatisch um. Er hatte Marlene in all den Jahren immer schlecht behandelt. Er
hatte sie herumgescheucht und angeschrien und betrogen, aber er hatte nie damit
gerechnet, dass sie ihn verlassen würde. Sie waren doch so aufeinander eingespielt
– mein Gott, Marlene, hatte er oft gesagt, stell dich doch nicht wegen jedem
Scheißdreck so an, das ist eben meine Art, verdammt noch mal.
Aber eines Tages war Marlene mit einem Kulturredakteur vom WDR nach
Martinique geflogen, für drei Wochen. Karl fasste es einfach nicht. Anfangs hatte
er noch gedacht, dass ihm die kleine Marlene mal zeigen wollte, was Rache ist,
dass sie ihm, dem notorischen Fremdgeher, mal eins auswischen wollte. Er hatte
theatralisch die Fäuste in Richtung irgendwohin geballt, wo er Martinique
vermutete und hatte gebrüllt: Komm du mir nach Hause!
Aber Marlene war nicht mehr nach Hause gekommen, nur noch einmal, als er
nicht da war. Da hatte sie ihre Sachen abgeholt und war zu dem Kulturredakteur
gezogen, in dessen Wohnung.
Als Karl merkte, dass es ihr ernst war, hatte er den Kulturredakteur im WDR
angerufen und gesagt: »Hör mal zu, du miese Ratte, wir treffen uns in zehn
Minuten im Spitz, und wehe, du kommst nicht. «
Der Kulturredakteur war tatsächlich erschienen, und Karl, der vor dem Lokal
auf ihn wartete, war schnell auf ihn zugegangen. Karl ist nicht groß, aber sehr
kräftig, er war stark vor Zorn, und ohne Vorwarnung prügelte er den
Kulturredakteur durch dreieinhalb Straßen. Gleich mit dem ersten Faustschlag
hieb er ihm die Brille von der Nase. Der Kulturredakteur bückte sich noch danach,
aber Karl trat sofort auf die Gläser.
» Lassen Sie das «, rief der Kulturredakteur, » ich brauch doch meine Brille!«
» Du brauchst jetzt gar nichts, du Arschloch! « schrie Karl, » alles, was du
brauchst, ist ordentlich was in die Fresse, das brauchst du. «
Und er hatte ihn schreiend vor sich hergetrieben durch die elegante
Pfeilstraße, wo die Verkäuferinnen aus den Boutiquen kamen und interessiert
zusahen. Zu gern hätten sie auch einmal den Grund für soviel Leidenschaft
abgegeben. Die Passanten bildeten eine Gasse und ließen die beiden durch, schon
aus Respekt vor Karl, der ununterbrochen mit den Armen fuchtelte und brüllte.
Wir lachten und bestellten uns noch zwei Tequila, und ich fragte: »Was hat es
eigentlich gebracht? Hat er dich nicht angezeigt? «
» Der «, sagte Karl verächtlich. » Der ist nach Hause geschlichen zu Marlene,
die ihm vermutlich die Wunden geleckt hat. Ich hätte sie verprügeln sollen, nicht
ihn. «
Karl war mein ältester Freund. Wir kannten uns seit der Schulzeit. Wir haben
zusammen Bob Dylan gehört und waren zu Lou-Beed-Konzerten getrampt, wir
haben uns auf Demos verprügeln lassen und unsere ersten Joints zusammen
geraucht, und als ich damals im vierten Semester heiraten musste – jedenfalls
dachten wir, dass wir müssten, so waren die Zeiten – , da war er mein Trauzeuge
gewesen, obwohl er meinen Mann nicht leiden konnte. Er gab uns keine zwei
Jahre. Aber er staunte doch darüber, dass mir der derart schnell ein Kind
angehängt hatte. Karl war natürlich auch Toms Taufpate geworden.
» Tom ist brav wie immer, spielt Tennis, trinkt Cola light, der wird noch mal
Polizist oder geht zur Jungen Union oder irgend so was, an dem werden wir nur
Freude haben. « – sagte ich immer.
» Komm «, sagte Karl, der Tom gern mochte, » red nicht so über ihn, sei
nicht ungerecht. Sei froh, dass er keine Drogen nimmt und in der Schule gut ist, du
weißt, dass das heutzutage ein Wunder ist, oder? Das weißt du doch? «
Karl gab mir einen Kuss auf die Wange. » Wir beide haben kein Glück mit
unseren Beziehungen, was? « lachte er, und ich dachte an Block.
Block hatte vor genau zwei Wochen die Tür zugeknallt und gesagt: » Du
kannst mich mal, Irene. «
Und dann war er verschwunden mit seinen Bücherkoffern und seiner
Reiseschreibmaschine, und ich saß wieder allein in meiner großen, dunklen
Wohnung, in der alle Pflanzen eingingen und ich auch. Allein mit Tom, der sich
mit Block nie vertragen hatte und sich in seinem Zimmer einschloss, wenn wir in
der Küche stritten. Mama, was willst du mit einem, der nicht mal einen Computer
bedienen kann, hatte er immer fassungslos gesagt und Blocks
Reiseschreibmaschine angesehen wie ein Fossil aus vergangenen Jahrhunderten.
Anfangs hatte ich noch auf einen Anruf gewartet, auf einen Brief, ich hatte
gedacht, ich würde ihn einfach in einer unserer Kneipen treffen und sagen: Hallo,
Block!, und er würde sagen: Da bist du ja, Irene, und dann würden wir ein
bisschen über alles reden. Nichts da. Block war und blieb weg, und Karl sagte
spöttisch: » Vielleicht ist er ja mit einer Kulturredakteurin vom WDR auf
Martinique? Vielleicht ist da ein Nest? «
Um drei Uhr früh kam ich nach Hause und fiel ins Bett, bei weit geöffnetem
Fenster, und ich schlief tief und selig und traumlos.
Elke Heidenreich

Karl, Bob Dylan und ich


(AUSZUG)

Um zehn Uhr wurde ich wach, weil es klingelte. Nein, dachte ich, nicht mit mir,
nicht jetzt, nicht so früh. Erst will ich mich anziehen. Erst will ich frühstücken. Erst
will ich die Zeitung lesen, dann bin ich bereit für die Menschheit, dann erst.
Ich blieb liegen und ließ es klingeln. Der Briefträger? Rupert, jetzt schon? Egal.
Ich streckte mich in meinem Bett aus und freute mich über die Sonne, die gerade noch
so bei mir reinschaute – gleich würde sie für den Rest des Tages über die Dächer
verschwinden. Ich schlief wieder ein und wurde wach durch erneutes Klingeln – es war
nach eins. Rupert!
Ich kochte mir einen schönen, starken Kaffee, rauchte eine gute, starke Zigarette
und ließ es klingeln. Wahrscheinlich hatte Rupert es auch mit dem Telefon versucht, aber
das Telefon stand schon lange in Toms Zimmer, und wenn er nicht da war, stöpselte ich
es aus. Ich hasste dieses Telefonklingeln, das mich störte, wenn ich träumte, las oder
Musik hörte, ich wollte nicht mehr für jeden erreichbar sein, und Karl hatte für Notfälle
einen Schlüssel, damit ich nicht wie die berühmten unentdeckten Rentner acht Wochen
tot in der Wohnung liegen würde.
Es klingelte Sturm, ich wurde wütend. Was für eine Anmaßung, dachte ich, sich mit
Sturmgeläute wieder in mein Leben drängen zu wollen, nachdem du es so sang- und
klanglos verlassen hast, du kannst mich mal.
Und dann war es ganz still, nur das Geräusch, mit dem ich die Zigarette ausdrückte.
Das war geschafft.
Ich setzte mich wieder an den Küchentisch, machte mir eine Flasche Wein auf und
überlegte, was ich eigentlich vom Leben wollte. Einen Mann? Eine richtige Familie?
Bestimmt nicht. Ein paar mehr vernünftige Menschen um mich herum – das wäre es
schon gewesen, aber mir fiel ein, wie Gary Cooper im Wilden Westen in eine Stadt
einreitet und brummt: Städte bedeuten Menschen, und Menschen bedeuten Ärger ... Ich
wollte keinen Ärger. Nur ein paar gute Freunde – aber möglichst auch nicht zu nah. Ich
wollte keine Anrufe von hysterischen Freundinnen, die mit über vierzig noch
schwanger wurden und mir selig ihre Fruchtwasseranalysen mitteilten, ich wollte nicht
diese Anrufe von Sabine mitten in der Nacht, betrunken – du, hör mal, ich lese gerade
ein Buch über Jeanne d'Arc, wusstest du, dass die völlig zu Unrecht verbrannt worden
ist? Das macht mich total fertig, aber es ist wissenschaftlich erwiesen, völlig zu
Unrecht ... Jaja. Ich wollte nicht mehr zu Geburtstagen und Hochzeiten eingeladen
werden, das war alles Verschwendung von Lebenszeit. Ich wollte auch keinen Mann
mehr an meinem Küchentisch haben, seine Wäsche nicht auf dem Fußboden in meinem
Bad, ich wollte nicht jede Nacht einen Mann in meinem Bett haben. Nicht jede. Aber
wie macht man das, nur ab und zu? Wie wird man allein alt und doch nicht allein? Tom
würde mich in drei Jahren verlassen, dann hatte er sein Abitur, zweifellos ein gutes
Abitur, und dann würde er Sport studieren oder Zahnmedizin, irgendeine Ulrike
heiraten, vielleicht Oberbürgermeister von Dinslaken werden, entzückende Kinder
kriegen und die der Oma in den Ferien schicken, und die Oma wäre ich – nein, das alles
wollte ich auch nicht. Ich wollte ich sein, mit meiner Art, zu leben und Unordnung zu
machen, zu rauchen, zu arbeiten, zu trinken – »
Kein Rupert mehr, keine FAZ. Kein Block mehr mit seinen schwarzen
Cowboystiefeln mit schrägen Absätzen und nach oben gebogenen Spitzen. Bei den
Mongolen, das hatte mir ein kirgisischer Junge in meiner Klasse mal erklärt, bedeuten
nach oben gebogene Stiefelspitzen, dass sie die Erde – das Antlitz Gottes – nicht
aufreißen wollen mit ihren Schuhen. Ein schönes Bild – aber warum trug Block, der
missgestimmte Atheist, mitten in Köln Cowboystiefel mit nach oben gebogenen Spitzen?
Absurd, das alles. Ich hatte es satt.
Und es klingelte schon wieder. Im Klassik Radio hudelte gerade ein Pianist die
Appassionata herunter, und mir fiel Lenin ein, der gesagt hatte: Ich wäre auch sehr gern
gerührt von der Appassionata, aber dazu ist jetzt keine Zeit, es ist Zeit, Köpfe
abzuschlagen. Ich hätte gern dem Kerl, der da unten klingelte, den Kopf abgeschlagen.
In diesem Augenblick drehte sich in meiner Wohnungstür ein Schlüssel. Es war
Karl. Er stand in der Tür, klein, kräftig, er sah verwirrt aus.
» Warum machst du nicht auf «, fragte er, » bist du tot? «
» Ich glaube nicht «, sagte ich, » aber ich will meine Vergangenheit nicht
reinlassen. « Und ich war so glücklich, Karl zu sehen.
» Doch «, sagte Karl, » lass sie rein. Lass mich rein und mach sofort den
Fernseher an, da läuft eine lange Bob-Dylan-Nacht, all die Freaks singen nur seine
Songs, und das kann ich einfach nicht alleine gucken, das kann ich nur mit dir. «
Er holte zwei Bier aus der Küche und ich schaltete den Fernseher ein.
Ich legte den Arm um Karl und sagte: » Guck Willie Nelson an, wie der sich immer
treu geblieben ist, und jetzt guck dir an, was Amerika und seine Zahnärzte aus Kris
Kristofferson gemacht haben! «
Kristofferson war ein angefetteter Biedermann mit entsetzlichem Kunstgebiss
geworden, aber immerhin tröstete er die weinende Sinead O’Connor, die ausgebuht
wurde, weil sie vor einiger Zeit öffentlich das Bild des Papstes zerrissen hatte. Das
Publikum ließ sie nicht singen, Kristofferson führte sie weg, und ich war empört.
Und dann erschien der Meister persönlich. George Harrison. Da stand er, ohne
Gehampel, ohne scharfe Gitarrenriffs und Glitzerklamotten, und er hatte die Welt immer
für uns alle in Poesie gebracht und flüsterte: » It’s alright, Ma, I’m only bleeding «, schon
gut, Mama, mach dir keine Sorgen, ich sterbe nur gerade, mein Herz bricht nur gerade,
aber sonst, alles in Ordnung, Mama.
» You lose yourself, you reappear
you suddenly find you got nothing to fear. «
Du verlierst dich, du findest dich wieder, und plötzlich spürst du: du musst keine
Angst mehr haben, es kommt einer, und der findet dich.
Karl und mir liefen die Tränen einfach so aus den Augen, und wir sahen uns an.
Und endlich küssten wir uns, endlich, nach zwanzig Jahren Umweg, hungrig,
verwundert, glücklich, unsere ganze lange Geschichte war an dem Punkt angekommen,
auf den sie immer zugesteuert war. What was it I wanted? Das, genau das.
Und als es an der Haustür wieder Sturm klingelte, machten wir nicht auf, Karl, Bob
Dylan und ich.
F. Schiller
DIE RÄUBER
Vierter Akt
Erste Szene

Ländliche Gegend um das Moorsche Schloss. Räuber Moor, Kosinsky, in der


Ferne.
MOOR. Geh voran und melde mich. Du weißt doch noch alles, was du sprechen
musst?
KOSINSKY. Ihr seid der Graf von Brand, kommt aus Mecklenburg, ich Euer
Reitknecht – sorgt nicht, ich will meine Rolle schon spielen, lebt wohl! Ab.
MOOR. Sei mir gegrüßt, Vaterlandserde! Er küsst die Erde. Vaterlandshimmel!
Vaterlandssonne! – und Fluren und Hügel und Strome und Wälder! Seid alle, alle mir
herzlich gegrüßt! – Wie so köstlich wehet die Luft von meinen Heimatgebirgen! wie
strömt balsamische Wonne aus euch dem armen Flüchtling entgegen! – Elysium!
dichterische Welt! Halt ein, Moor! dein Fuß wandelt in einem heiligen Tempel. Er
kommt näher. Sieh da, auch die Schwalbennester im Schlosshof – auch das
Gartentürchen! — und diese Ecke am Zaun, wo du so oft den Fanger belauschtest und
necktest – und dort unten das Wiesenthal, wo du, der Held Alexander, deine Mazedonier
ins Treffen bei Arbela führtest, und nebendran der grasigte Hügel, von welchem du den
persischen Satrapen niederwarfst – und deine siegende Fahne flatterte hoch! Heiter. Die
goldenen Maienjahre der Knabenzeit leben wieder auf in der Seele des Elenden – da
warst du so glücklich, warst so ganz, so wolkenlos heiter – und nun – da liegen die
Trümmer deiner Entwürfe! Hier solltest du wandeln dereinst, ein großer, stattlicher,
gepriesener Mann – hier dein Knabenleben in Amalias blühenden Kindern zum zweiten
Mal leben – hier! hier der Abgott deines Volks – aber der böse Feind schmollte dazu! Er
fährt auf. Warum bin ich hierher gekommen? dass mir's ginge wie dem Gefangenen, den
der klirrende Eisenring aus Träumen der Freiheit aufjagt – nein, ich gehe in mein Elend
zurück! – der Gefangene hatte das Licht vergessen; aber der Traum der Freiheit fuhr über
ihn wie ein Blitz in die Nacht, der sie finsterer zurücklässt – Lebt wohl, ihr
Vaterlandstäler! einst saht ihr den Knaben Karl, und der Knabe war ein glücklicher
Knabe – itzt saht ihr den Mann, und er war in Verzweiflung. Er dreht sich schnell nach
dem äußersten Ende der Gegend, allwo er plötzlich stille steht und nach dem Schloss mit
Wehmut herüberblickt. Sie nicht sehen, nicht einen Blick? – und nur eine Mauer gewesen
zwischen mir und Amalia – Nein! sehen muss ich sie – muss ich ihn – es soll mich
zermalmen! Er kehrt um. Vater! Vater! dein Sohn naht – weg mit dir, schwarzes,
rauchendes Blut! weg, hohler, grasser, zuckender Todesblick! Nur diese Stunde lass mir
frei – Amalia! Vater! dein Karl naht! Er geht schnell auf das Schloss zu. – Quäle mich,
wenn der Tag erwacht, lass nicht ab von mir, wenn die Nacht kommt – quäle mich in
schrecklichen Träumen! nur vergifte mir diese einzige Wollust nicht! Er steht an der
Pforte. Wie wird mir? was ist das, Moor? Sei ein Mann! – – Todesschauer – –
Schreckenahndung – – Er geht hinein.
SEBASTIAN HAFFNER

Geschichte eines Deutschen

Kapitel 17

Im Anfang sah diese Revolution auch tatsächlich so aus, als würde sie ein »historisches
Ereignis« werden wie gehabt: eine Angelegenheit der Zeitungen und allenfalls der öffentlichen
Atmosphäre.
Die Nazis feiern als den Tag ihrer Revolution den 30. Januar. Mit Unrecht. Der 30. Januar
1933 brachte keine Revolution, sondern einen Regierungswechsel. Hitler wurde Reichskanzler,
übrigens beileibe nicht als Führer einer Nazi-Regierung (nur zwei Nazis saßen außer ihm im
Kabinett), und schwur Treue der Weimarer Reichsverfassung. Die Sieger des Tages waren, in der
allgemeinen Auffassung, keineswegs die Nazis, sondern die Leute der bürgerlichen Rechten, die
die Nazis »eingefangen« hatten und ihrerseits alle Schlüsselpositionen in der Regierung besetzten.
Verfassungsrechtlich war der Vorgang weit normaler und unrevolutionärer als das meiste, was sich
im Jahr zuvor abgespielt hatte. Und äußerlich verlief der Tag ebenfalls ohne alle revolutionären
Merkmale – wenn man nicht einen Fackelzug der Nazis durch die Wilhelmstraße und eine
belanglose nächtliche Schießerei in einem Vorort als solche gelten lassen will.
Für uns andere bestand das Erlebnis des 30. Januar tatsächlich nur in Zeitungslektüre – und
den Empfindungen, die sie auslöste.
Morgens hieß die Überschrift: Hitler zum Reichspräsidenten gerufen – und man empfand
einen gewissen hilflosen nervösen Ärger: Hitler war im August und war im November zum
Reichspräsidenten gerufen worden und hatte den Vizekanzler und Kanzlerposten angeboten
bekommen; jedes Mal hatte er unmögliche Bedingungen gestellt, und jedes Mal war danach
feierlich erklärt worden: Nie wieder... Das »Nie wieder« hielt jeweils immer gerade ein Vierteljahr
vor. Es herrschte damals in Deutschland bereits dieselbe krankhafte Sucht unter Hitlers
Gegenspielern, ihm alles, was er wünschte, unverdrossen immer wieder und immer billiger
anzubieten und geradezu aufzudrängen, wie heute in der Welt. Immer wieder wurde diesem
»appeasement« feierlich abgeschworen, und immer wieder, wenn es darauf ankam, feierte es
fröhliche Auferstehung – genau wie heute. Damals wie heute war die einzige Hoffnung, die einem
blieb, Hitlers eigene Verblendung. Musste sie nicht schließlich selbst die Geduld seiner Gegner
erschöpfen? Damals wie heute zeigte sich, dass diese Geduld in der Tat durch nichts zu
erschöpfen war...
Mittags hieß die Überschrift: Hitler verlangt wieder zu viel. Man nickte halbberuhigt. Sehr
glaubhaft. Es hätte seiner Natur durchaus nicht entsprochen, weniger als zu viel zu verlangen.
So mochte der Kelch noch einmal vorübergehen. Hitler – die letzte Rettung vor Hitler.
Gegen 5 Uhr dann waren die Abendzeitungen da: Kabinett der nationalen Konzentration
gebildet – Hitler Reichskanzler.
Ich weiß nicht genau, wie die allgemeine erste Reaktion war. Die meine war etwa eine Minute
lang richtig: Eisiger Schreck. Gewiss, es war »drin« gewesen, schon lange. Man hatte damit
rechnen müssen. Dennoch, es war so phantastisch. So unglaubhaft, wenn man es jetzt wirklich
schwarz auf weiß vor sich sah. Hitler – Reichskanzler... Einen Augenblick spürte ich fast
körperlich den Blut- und Schmutzgeruch um diesen Mann Hitler, und ich empfand etwas wie die
zugleich bedrohliche und ekelerregende Annäherung eines mörderischen Tiers - eine schmutzige
scharfkrallige Pfote an meinem Gesicht.

B. Brecht
MUTTER COURAGE UND IHRE KINDER
11. Szene
Januar 1636. Die kaiserlichen Truppen bedrohen die evangelische Stadt Halle. Mutter Courage ist in
die Stadt gegangen. Ihre stumme Tochter Kattrin bleibt allein in ihrem Planwagen in einem
Bauerngehöft unweit der Stadt. In das Gehöft kommen ein Fähnrich und drei Soldaten, die
katholischen Kundschafter. Aus ihrem Gespräch mit den Bauersleuten begreift Kattrin, welche Gefahr
der Stadt droht. Sie entschließt sich, die Einwohner der Stadt vor der Gefahr zu warnen: sie klettert
aufs Stalldach und beginnt die Trommel zu schlagen.
Kattrin beginnt, auf dem Dach sitzend, die Trommel zu schlagen, die sie unter ihrer Schürze
hervorgezogen hat.
Die Bäuerin: Jesus, was macht die?
Der Bauer: Sie hat den Verstand verloren.
Die Bäuerin: Hol sie runter, schnell!
Der Bauer läuft auf die Leiter zu, aber Kattrin zieht sie aufs Dach.
Die Bäuerin: Sie bringt uns ins Unglück.
Der Bauer: Hör auf der Stell auf mit Schlagen, du Krüppel!
Die Bäuerin: Die Kaiserlichen auf uns ziehn!
Der Bauer sucht Steine am Boden: Ich bewerf dich!
Die Bäuerin: Hast denn kein Mitleid? Hast gar kein Herz? Hin sind wir, wenn sie auf uns kommen!
Abstechen tuns uns.
Kattrin starrt in die Weite, auf die Stadt, und trommelt weiter.
Die Bäuerin zum Alten: Ich hab dir gleich gesagt, daß das Gesindel nicht auf den Hof. Was kümmerts
die, wenn sie uns das letzte Vieh wegtreiben.
Der Fähnrich kommt mit seinen Soldaten und dem jungen Bauern gelaufen: Euch zerhack ich!
Die Bäuerin: Herr Offizier, wir sind unschuldig, wir können nix dafür. Sie hat sich raufgeschlichen. Eine
Fremde.
Der Fähnrich: Wo ist die Leiter?
Der Bauer: Oben.
Der Fähnrich hinauf: Ich befehl dir, schmeiß die Trommel runter.
Kattrin trommelt weiter.
Der Fähnrich: Ihr seids alle verschworen. Das hier überlebt ihr nicht.
Der Bauer: Drüben im Holz haben sie Fichten geschlagen. Wenn wir einen Stamm holn und stochern
sie herunter...
Erster Soldat zum Fähnrich: Ich bitt um Erlaubnis, daß ich einen Vorschlag mach. Er sagt dem
Fähnrich etwas ins Ohr. Der nickt. Hörst du, wir machen dir einen Vorschlag zum Guten. Komm
herunter und geh mit uns in die Stadt, stracks voran. Zeig uns deine Mutter, und sie soll verschont
werden.
Kattrin trommelt weiter.
Der Fähnrich schiebt ihn roh weg: Sie traut dir nicht, bei deiner Fresse kein Wunder. Er ruft hinauf:
Wenn ich dir mein Wort gebe? Ich bin ein Offizier und hab ein Ehrenwort.
Kattrin trommelt stärker.
Der Fähnrich: Der ist nix heilig.
Der junge Bauer: Herr Offizier, es is ihr nicht nur wegen Ihrer Mutter!
Erster Soldat: Lang dürfts nicht mehr fortgehn. Das müssen sie hörn in der Stadt.
Der Fähnrich: Wir müssen einen Lärm mit irgendwas machen, wo größer ist als ihr Trommeln. Mit was
können wir einen Lärm machen?
Erster Soldat: Wir dürfen doch keinen Lärm machen.
Der Fähnrich: Einen unschuldigen, Dummkopf. Einen nicht kriegerischen.
Der Bauer: Ich könnt mit der Axt Holz hacken.
Der Fähnrich: Ja, hack. Der Bauer holt die Axt und haut in den Stamm. Hack mehr! Mehr! Du hackst um
dein Leben!
Kattrin hat zugehört, dabei leiser geschlagen. Unruhig herum spähend, trommelt sie jetzt weiter.
Der Fähnrich zum Bauern: Zu schwach. Zum ersten Soldaten: Hack du auch.
Der Bauer: Ich hab nur eine Axt. Hört auf mit dem Hacken.
Der Fähnrich: Wir müssen den Hof anzünden. Ausräuchern müssen wir sie.
Der Bauer: Das nützt nix, Herr Hauptmann. Wenn sie in der Stadt hier Feuer sehn, wissen sie alles.
Kattrin hat während des Trommelns wieder zugehört. Jetzt lacht sie.
Der F ä h n r i c h: Sie lacht uns aus, schau. Ich halts nicht aus. Ich schieß sie herunter, und wenn alles
hin ist. Holt die Kugelbüchs!
Zwei Soldaten laufen weg, Kattrin trommelt weiter.
Die Bäuerin: Ich habs, Herr Hauptmann. Da drüben steht ihr Wagen. Wenn wir den zusammenhaun,
hört sie auf. Sie haben nix als den Wagen.
Der Fähnrich zum jungen Bauern: Hau ihn zusammen. Hinauf: Wir haun deinen Wagen zusammen,
wenn du nicht mit Schlagen aufhörst.
Der junge Bauer führt einige schwache Schläge gegen den Planwagen.
Die Bäuerin: Hör auf, du Vieh!
Kattrin stößt, verzweifelt nach ihrem Wagen starrend, jämmerliche Laute aus. Sie trommelt aber
weiter.
Der Fähnrich: Wo bleiben die Dreckkerle mit der Kugelbüchs?
Erster Soldat: Sie können in der Stadt drin noch nix gehört haben, sonst möchten wir ihr Geschütz
hörn.
Der Fähnrich hinauf: Sie hörn dich gar nicht. Und jetzt schießen wir dich ab. Ein letztes Mal. Wirf die
Trommel herunter!
Der junge Bauer wirft plötzlich die Planke weg: Schlag weiter! Sonst sind wir alle hin! Schlag weiter,
schlag weiter...
Der Soldat wirft ihn nieder und schlägt auf ihn mit dem Spieß ein. Kattrin beginnt zu weinen, sie
trommelt aber weiter.
Die Bäuerin: Schlagts ihn nicht in'n Rücken! Gottes willen, ihr schlagt ihn tot!
Die Soldaten mit der Büchse kommen gelaufen.
Zweiter Soldat: Der Obrist hat Schaum vorm Mund, Fähnrich. Wir kommen vors Kriegsgericht.
F ä h n r i r h: Stell auf! Stell auf! Hinauf, während das Gewehr auf die Gabel gestellt wird: Zum
allerletzten Mal: Hör auf mit Schlagen! Kattrin trommelt weinend so laut sie kann. Gebt Feuer! Die
Soldaten feuern. Kattrin, getroffen, schlägt noch einige Schläge und sinkt dann langsam zusammen.
Der Fähnrich: Schluß ist mitm Lärm!
Aber die letzten Schläge Katrins werden von den Kanonen der Stadt abgelöst. Man hört von weitem
verwirrtes Sturmglockenläuten und Kanonendonner.
Erster Soldat: Sie hats geschafft.
HEINRICH BÖLL
Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral
In einem Hafen an einer westlichen Küste Europas liegt ein ärmlich gekleideter Mann in seinem
Fischerboot und döst. Ein schick angezogener Tourist legt eben einen neuen Farbfilm in seinen
Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren: blauer Himmel, grüne See mit friedlichen
schneeweißen Wellenkämmen, schwarzes Boot, rote Fischermütze. Klick. Noch einmal: klick, und da
aller guten Dinge drei sind und sicher sicher ist, ein drittes Mal: klick. Das spröde, fast feindselige
Geräusch weckt den dösenden Fischer, der sich schläfrig aufrichtet, schläfrig nach seiner
Zigarettenschachtel angelt; aber bevor das Gesuchte gefunden, hat ihm der eifrige Tourist schon eine
Schachtel vor die Nase gehalten, ihm die Zigarette nicht gerade in den Mund gesteckt, aber in die Hand
gelegt, und ein viertes Klick, das des Feuerzeuges, schließt die eilfertige Höflichkeit ab. Durch jenes
kaum meßbare, nie nachweisbare Zuviel an flinker Höflichkeit ist eine gereizte Verlegenheit entstanden,
die der Tourist - der Landessprache mächtig - durch ein Gespräch zu überbrücken versucht.
„Sie werden heute einen guten Fang machen."
Kopfschütteln des Fischers.
„Aber man hat mir gesagt, daß das Wetter günstig ist."
Kopfnicken des Fischers.
„Sie werden also nicht ausfahren?"
Kopfschütteln des Fischers, steigende Nervosität des Touristen. Gewiß liegt ihm das Wohl des ärmlich
gekleideten Menschen am Herzen, nagt an ihm die Trauer über die verpaßte Gelegenheit.
„Oh, Sie fühlen sich nicht wohl?"
Endlich geht der Fischer von der Zeichensprache zum wahrhaft gesprochenen Wort über. „Ich fühle mich
großartig", sagte er. „Ich habe mich nie besser gefühlt." Er steht auf, reckt sich, als wolle er
demonstrieren, wie athletisch er gebaut ist. „Ich fühle mich phantastisch."
Der Gesichtsausdruck des Touristen wird immer unglücklicher, er kann die Frage nicht mehr
unterdrücken, die ihm sozusagen das Herz zu sprengen droht: „Aber warum fahren Sie dann nicht aus?"
Die Antwort kommt prompt und knapp. „Weil ich heute morgen schon ausgefahren bin."
„War der Fang gut?"
„Er war so gut, daß ich nicht noch einmal auszufahren brauche, ich habe vier Hummer in meinen Körben
gehabt, fast zwei Dutzend Makrelen gefangen ..."
Der Fischer, endlich erwacht, taut jetzt auf und klopft dem Touristen beruhigend auf die Schulter. Dessen
besorgter Gesichtsausdruck erscheint ihm als ein Ausdruck zwar unangebrachter, doch rührender
Kümmernis.
„Ich habe sogar für morgen und übermorgen genug", sagt er, um des Fremden Seele zu erleichtern.
„Rauchen Sie eine von meinen?"
„Ja, danke."
Zigaretten werden in Münder gesteckt, ein fünftes Klick, der Fremde setzt sich kopfschüttelnd auf den
Bootsrand, legt die Kamera aus der Hand, denn er braucht jetzt beide Hände, um seiner Rede Nachdruck
zu verleihen.
„Ich will mich ja nicht in Ihre persönlichen Angelegenheiten mischen", sagt er, „aber stellen Sie sich mal
vor, Sie führen heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal aus und Sie würden drei,
vier, fünf, vielleicht gar zehn Dutzend Makrelen fangen . . . stellen Sie sich das mal vor."
Der Fischer nickt.
„Sie würden", fährt der Tourist fort, „nicht nur heute, sondern morgen, übermorgen, ja, an jedem
günstigen Tag zwei-, dreimal, vielleicht viermal ausfahren - wissen Sie, was geschehen würde?" Der
Fischer schüttelt den Kopf.
„Sie würden sich in spätestens einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren ein zweites Boot,
in drei oder vier Jahren könnten Sie vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten oder dem
Kutter würden Sie natürlich viel mehr fangen - eines Tages würden Sie zwei Kutter haben, Sie würden
. . . " , die Begeisterung verschlägt ihm für ein paar Augenblicke die Stimme, „Sie würden ein kleines
Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber
rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisung geben. Sie könnten
die Lachsrechte erwerben, ein Fischrestaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach
Paris exportieren - und dann . . . " , wieder verschlägt die Begeisterung dem Fremden die Sprache.
Kopfschüttelnd, im tiefsten Herzen betrübt, seiner Urlaubsfreude schon fast verlustig, blickt er auf die
friedlich hereinrollende Flut, in der die ungefangenen Fische munter springen. „Und dann", sagt er, aber
wieder verschlägt ihm die Erregung die Sprache.
Der Fischer klopft ihm auf den Rücken, wie einem Kind, das sich verschluckt hat. „Was dann?" fragt er
leise.
„Dann", sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, „dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der
Sonne dösen - und auf das herrliche Meer blicken."
„Aber das tu ich ja schon jetzt", sagt der Fischer, „ich sitze beruhigt am Hafen und döse, nur Ihr Klicken
hat mich dabei gestört."
Tatsächlich zog der solcherlei belehrte Tourist nachdenklich von dannen, denn früher hatte er auch einmal
geglaubt, er arbeite, um eines Tages einmal nicht mehr arbeiten zu müssen, und es blieb keine Spur von
Mitleid mit dem ärmlich gekleideten Fischer in ihm zurück, nur ein wenig Neid.
https://www.spiegel.de/auto/aktuell/chargery-berliner-start-up-
liefert-energie-fuer-e-autos-mit-dem-fahrrad-a-1222363.html
Start-up Chargery
Fahrradkuriere liefern Strom fürs E-Auto
Der Akku ist leer und keine Ladesäule in Sicht? Ein Berliner Start-up liefert
Besitzern von Elektroautos Strom per Fahrrad. Kommt das an?
Von Steve Przybilla
Der BMW i3 ist ausgepowert, er braucht neuen Strom. Doch Nachschub ist nicht
verfügbar, denn das Elektroauto steht in einer normalen Parkbucht im Berliner Bezirk
Friedrichshain. Weit und breit keine Ladesäule in Sicht.
Die Rettung kommt in Form eines E-Bikes. Maron Chatzifrantzis, 34, zieht einen
Anhänger mit einer Metallbox hinter sich her, in der Batteriepakete stecken. 180 Kilo
wiegt die Fracht, weshalb sich das E-Bike "wie ein Lkw fährt", wie Chatzifrantzis
schnaufend bemerkt. Als er am Auto ankommt, geht alles ganz schnell: Anhänger
abstellen, Ladekabel raus, Stromknopf an. Schon werden die Reserven wieder
aufgefüllt.
Chatzifrantzis arbeitet als Stromkurier beim Berliner Start-up "Chargery". Die Firma
will mit ihren mobilen Batterie-Anhängern eine Marktlücke im Bereich der E-
Mobilität schließen: Wenn Ladesäulen belegt oder nicht verfügbar sind, springt
Chargery ein. Das Geschäftsmodell ist nach Auskunft des Unternehmens einmalig in
Deutschland.
Innerhalb von 30 Minuten - so das Versprechen - ist einer der Stromkuriere am Auto,
um es mit neuer Energie zu versorgen. Derzeit sei die Kapazität des Gesamtsystems
auf 24 kWh ausgelegt, genug für etwa 160 Kilometer Reichweite.
Start-up Chargery: Akku leer? Macht nix!
"Die Idee dazu kam uns, als wir von einem Benzin-Lieferdienst für Bentleys hörten",
erzählt Christian Lang. Der 31-Jährige ist einer von drei jungen Männern, die
Chargery im August 2017 gegründet haben. "Einen Benzindienst für Luxusautos
braucht kein Mensch", meint Lang. "Aber Elektroautos? Das hat Zukunft."
Carsharing-Dienst DriveNow als Kunde
Ursprünglich hatten die Gründer eine geradezu futuristische Lösung im Sinn: Roboter
sollten Elektroautos vollautomatisch mit Strom beliefern. Heute lacht Lang, der zuvor
bei Audi gearbeitet hat, über die eigene Idee: "Wir haben uns für die Realität
entschieden. In Großstädten kommt man mit dem Fahrrad einfach besser voran."
Außerdem könne man direkt neben den Fahrzeugen parken.
Ein Ladenlokal in Berlin-Mitte dient Chargery als Büro und Werkstatt zugleich. Hier
nehmen die Mitarbeiter ihre Aufträge entgegen, reparieren Fahrräder, laden die
Lithium-Ionen-Akkus neu auf. Zehn Mitarbeiter hat das Start-up inzwischen, die
Gründer mitgerechnet. Was die Firma mit ihrem Service verdient, will Lang nicht
verraten. "Wir stehen ja erst ganz am Anfang."
Im Hinblick auf die Kunden zeigt er sich auskunftsfreudiger: Bislang arbeite man vor
allem mit dem Carsharing-Dienst DriveNow zusammen. Pro Tag könne man etwa 25
Autos in Berlin aufladen, Tendenz steigend. Langfristig sollen weitere Städte und
auch Privatkunden hinzukommen.
Nur knapp 54.000 E-Autos in Deutschland zugelassen
Dabei ist die Situation in Berlin im Vergleich zu anderen Städten geradezu
komfortabel. Knapp über 2000 Elektroautos sind laut Kraftfahrtbundessamt in der
Hauptstadt angemeldet. Ihnen stehen etwa 500 öffentliche Ladesäulen im
Stadtgebiet gegenüber, die von unterschiedlichen Anbietern vorgehalten werden.
Hinzu kommen private Ladestationen, etwa in Garagen oder Carports.
Momentan braucht Chargery vier Stunden, um ein Fahrzeug komplett aufzuladen.
Vor Ort nutzen die Strom-Kuriere die Zeit, um die Carsharing-Autos zu warten: Die
Fahrer füllen Wischwasser nach, saugen die Fußmatten ab, prüfen den Reifendruck.
Der zusätzliche Service und Personalaufwand erklärt auch den Preis, der deutlich
höher ist als die Ladung an einer regulären Stromtankstelle. Wie hoch dieser genau
ist, sagt Lang nicht.
Noch ist Deutschland weit entfernt vom selbstgesteckten Ziel, bis 2020 eine Million
Elektroautos auf der Straße zu haben: Am 1. Januar 2018 waren laut
Kraftfahrtbundesamt nur 53.861 E-Autos angemeldet, aber im Vergleich zum Vorjahr
entsprach dies einer Steigerung von über 58 Prozent. Dementsprechend optimistisch
ist Lang, was das eigene Geschäftsmodell angeht: Viele Carsharing-Anbieter planten
den Kauf von Elektroautos. Auch im Privatkundenbereich gebe es viel Potenzial.
"Die Leute bestellen auch für viel Geld eine Pizza"
Bleibt die Frage: Warum sollten Besitzer von Elektroautos überhaupt auf Dienste wie
Chargery zurückgreifen? Immerhin wächst auch das Ladenetz ständig. Christian Lang
lächelt. "Die Leute bestellen auch für viel Geld eine Pizza." Außerdem werde es noch
lange dauern, bis flächendeckend genügend Ladesäulen verfügbar sind.
Der ADAC beurteilt die Lage ähnlich. Zwar sei die Situation inzwischen viel besser als
noch vor einigen Jahren. "Ein solches Service-Angebot ist aber vielleicht eine
Ergänzungslösung, die eine etwaige Lücke schließen kann", meint ADAC-Sprecher
Christian Buric - "insofern das Angebot aus Verbraucherschutzsicht fair ist."
Patrick Jochem, Experte für Elektromobilität am Karlsruher Institut für Technologie,
sieht die Sache skeptischer. Gerade in Großstädten könne man E-Autos nicht nur zu
Hause, sondern auch beim Arbeitgeber oder während des Einkaufens laden. "Wenn
überhaupt, dann sind solche Angebote auf dem Land interessant. Aber auch dann
dürfte es sich für einen Fahrraddienst kaum lohnen, extra dort hinzufahren."
Ingo Schulze "Geschichten aus der ostdeutschen Provinz"

Kapitel 10 - Lächeln

Martin Meurer erzählt, wie er seinen leiblichen Vater


nach vierundzwanzig Jahren wiedersieht. Eine unerwartete
Beichte. Gläubige werden seltener krank und leben länger.
Die Apostelgeschichte und Topflappen.

Die Begegnung mit meinem Vater so wiederzugeben, wie ich sie damals erlebt habe, also zu
berichten, welchen Eindruck er und seine Geschichte auf mich machten, fällt mir schwer. Nicht
etwa, weil meine Erinnerung schlecht wäre - es liegt ja kaum ein Jahr zurück -, sondern weil ich
heute mehr weiß. Ich würde sogar sagen, ich bin ein anderer Mensch geworden. An einem
Morgen im März 1969 kam unsere Mutter zu Pit und mir ins Zimmer und sagte: Euer Vater ist
abgehauen. Sie zog die Vorhänge zurück, Öffnete das Fenster und ging wieder hinaus. Ich war
sieben und Pit fünf. »Egal, wer dich in der Schule fragt, du hast nichts zu verbergen, überhaupt
nichts«, ermahnte sie mich, bevor sie mit meinem Bruder zum Kindergarten ging. Mehr hörten
wir erst mal nicht von ihr darüber.
Nach Tinos Geburt am 13. Februar 88 schickte ich meinem Vater ein Foto von uns dreien. In
seiner Glückwunschkarte lagen hundert Westmark. Im Oktober 91 verunglückte Andrea, meine
Frau, Auch das schrieb ich ihm. Mit der Beileidskarte kamen wieder hundert Mark. Später erhielt
ich noch einen Gruß von einem Tagesausflug nach Murnau.
Kurz vor seinem fünften Geburtstag war Tino, unser Sohn, zu Danny, meiner Schwägerin,
gezogen. Sie kam einfach besser mit dem Jungen zurecht. Ein paar Wochen danach rief mich
Thomas Steuber an, unser früherer Nachbar, und fragte, ob ich ihm einen Jahreswagen, einen 5er
BMW, in Gröbenzell bei München abholen könnte. Er bot mir zweihundertfünfzig Mark dafür,
plus Spesen, plus Fahrtkosten. Er mußte gehört haben, daß ich arbeitslos war. Ich sagte sofort zu.
Vermutlich wußte ich selbst nicht, warum ich mir von der Auskunft die Nummer meines Vaters
geben ließ. Vielleicht geschah es einfach aus Neugier oder weil ich hoffte, von ihm ein bißchen
Geld zu bekommen. Schließlich war er mal Oberarzt gewesen.
Am Telefon schien er unsicher und nannte mich "mein Junge". Ich schrieb mir Namen und
Adresse eines Cafes auf, in dem er wochentags ab 16.00 Uhr anzutreffen sei. Am nächsten
Abend rief mein Vater zurück. Ich wisse ja wohl, wie es ihm körperlich gehe. Ich solle nicht
überrascht sein. Wir hatten uns 24 Jahre nicht gesehen.
Um vier stand ich am Bordstein, dem Eingang gegenüber. Ein paarmal glaubte ich, sein
Gesicht zu sehen.
Dann erkannte ich ihn sofort. Er kam, ein Bein nachziehend, aber ohne Stock, sehr langsam
voran. Ich stellte mich ihm in den Weg.
»Hallo Vater«, sagte ich. Ich hatte nie Vater gesagt. »Tag, mein Junge.« Sein Kopf wandte
sich etwas ab. »Ich seh nur noch links.«

Mein Vater hakte sich bei mir ein, und wir betraten, Schritt für Schritt, das Cafe. Er war
kleiner als ich.
«Dein Vater ist ein ziemliches Wrack«, sagte er, »äußerlich zumindest. Findest du nicht?«
»Nein«, sagte ich, »wieso denn?«
"Heißt du immer noch Meurer?" fragte er. »Ja«, sagte ich und half ihm, den Mantel
auszuziehen. Ohne uns zu berühren, liefen wir die wenigen Schritte zu dem runden Tisch in der
Ecke, auf den er gezeigt hatte. Das Cafe war gut besucht, viele Frauen ab sechzig, meist zu zweit
oder zu dritt, Paare seltener.
Eine sehr junge Kellnerin schrieb etwas auf ihren Block, bevor sie herantrat, »Grüß Gott«
sagte und das »Reserviert« - Schild in ihre Schürzentasche steckte. Wir bestellten zwei Tassen
Kaffee.
»Und?« fragte mein Vater. Wir schwiegen. «Hast du schon was Neues?« »Nein«, sagte ich.
» Keine Freundin ?« "Ach so", sagte ich, »nein.« »Wie lange ist es her, der Unfall deiner Frau.
Ein Jahr?«
»Anderthalb.«
»Und den Fahrer? Haben sie den ...?«
»Den gibts gar nicht«, sagte ich. »Zumindest haben sie keine Spuren gefunden. Vielleicht hat
jemand zu dicht überholt, oder irgendwas anderes hat sie erschreckt. Sie ist ganz dumm
gestürzt... hinter Serbitz.«
Ich sagte, daß ich mich an Andreas Tod schuldig fühlte, weil ich die Fahrerlaubnis verloren
und behauptet hatte, daß wir gar kein Auto brauchten. »Deshalb übte Andrea mit dem Fahrrad.
Sie war schrecklich unsicher.«
J. W. Goethe
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHERS
Den 15. März
Ich habe einen Verdruss gehabt, der mich von hier wegtreiben wird. Ich knirschte mit den
Zähnen! Teufel! Er ist nicht zu ersetzen, und ihr seid doch allein schuld daran, die ihr mich
sporntet und triebt und quältet, mich in einen Posten zu begeben, der nicht nach Sinne war. Nun
habe ich's! Nun habt ihr's! Und dass du nicht wieder sagst, meine überspannten Ideen verdürben,
alles, so hast du hier, lieber Herr, eine Erzählung, plan und nett, wie ein Chronikenschreiber das
aufzeichnen würde.
Der Graf von C. liebt mich, distinguiert mich, das ist bekannt, das habe ich dir schon
hundertmal gesagt. Nun war ich gestern bei ihm zu Tafel, eben an dem Tage, da abends die
noble Gesellschaft von Herrn und Frauen bei ihm zusammenkommt, an die ich nicht gedacht
habe, auch mir nie aufgefallen ist, dass wir Subalternen nicht hineingehören. Gut. Ich speise bei
dem Grafen; und nach Tische gehn wir in dem großen Saal auf und ab, ich rede mit ihm, mit dem
Obristen B., der dazukommt, und so rückt die Stunde der Gesellschaft heran. Ich denke, Gott
weiß, an nichts. Da tritt herein die übergnädigre Dame von S. mit ihrem Herrn Gemahle und
wohlausgebrüteten Ganslein Tochter, mit der flachen Brust und niedlichem Schnurleibe, machen
en passant ihre hergebrachten hochadeligen Augen und Naslöcher, und wie mir die Nation von
Herzen zuwider ist, wollte ich mich eben empfehlen und wartete nur, bis der Graf vom garstigen
Gewäsche frei wäre, als meine Fräulein B. hereintrat. Da mir das Herz immer ein bisschen
aufgeht, wenn ich sie sehe, blieb ich eben, stellte mich hinter ihren Stuhl und bemerkte erst nach
einiger Zeit, dass sie mit weniger Offenheit als sonst, mit einiger Verlegenheit mit mir redete.
Das fiel mir auf. Ist sie auch wie all das Volk, dachte ich, und war angestochen und wollte
gehen, und doch blieb ich, weil ich sie gerne entschuldigt hätte und es nicht glaubte und noch ein
gut Wort von ihr hoffte und – was du willst. Unterdessen füllt sich die Gesellschaft. Der Baron
F. mit der ganzen Garderobe von den Krönungszeiten Franz des Ersten her, der Hofrat R., hier
aber in qualitate Herr von R. genannt, mit seiner tauben Frau etc., den übel fournierten J. nicht zu
vergessen, der die Lücken seiner altfränkischen Garderobe mit neumodischen Lappen ausflickt,
das kommt zuhauf, und ich rede mit einigen meiner Bekanntschaft, die alle sehr lakonisch sind.
Ich dachte – und gab nur auf meine B. acht. Ich merkte nicht, dass die Weiber am Ende des
Saales sich in die Ohren flüsterten, dass es auf die Männer zirkulierte, dass Frau von S. mit dem
Grafen redete (das alles hat mir Fräulein B. nachher erzählt), bis endlich der Graf auf mich
losging und mich in ein Fenster nahm. – Sie wissen, sagte er, unsere wunderbaren Verhältnisse;
die Gesellschaft ist unzufrieden, merke ich, Sie hier zu sehen; ich wollte nicht um alles – Ihro
Exzellenz, fiel ich ein, ich bitte tausendmal um Verzeihung; ich hätte eher dran denken sollen,
und ich weiß, Sie vergeben mir diese Inkonsequenz; ich wollte schon vorhin mich empfehlen,
ein böser Genius hat mich zurückgehalten, setzte ich lächelnd hinzu, indem ich mich neigte. –
Der Graf drückte meine Hände mit einer Empfindung, die alles sagte. Ich strich mich sacht aus
der vornehmen Gesellschaft, ging, setzte mich in ein Kabriolett und fuhr nach M., dort vom
Hügel die Sonne untergehen zu sehen und dabei in meinem Homer den herrlichen Gesang zu
lesen, wie Ulyß von dem trefflichen Schweinhirten bewirtet wird. Das war alles gut.
Des Abends komme ich zurück zu Tische, es waren noch wenige in der Gaststube; die
würfelten auf einer Ecke, hatten das Tischtuch zurückgeschlagen. Da kommt der ehrliche A.
hinein, legt seinen Hut nieder, indem er mich ansieht, tritt zu mir und sagt leise: Du hast
Verdruss gehabt? – Ich? sagte ich. – Der Graf hat dich aus der Gesellschaft gewiesen. – Hole sie
der Teufel! sagt ich, mir war's lieb, dass ich in die freie Luft kam. – Gut, sagte er, dass du es auf
die leichte Achsel nimmst. Nur verdrießt mich's, es ist schon überall herum. – Da fing mich das
Ding erst an zu wurmen. Alle, die zu Tische kamen und mich ansahen, dachte ich, die sehen dich
darum an! Das gab böses Blut.
Und da man nun heute gar, wo ich hintrete, mich bedauert, da ich höre, dass meine Neider nun
triumphieren und sagen: da sähe man's, wo es mit den Übermütigen hinausginge, die sich ihres
bisschen Kopfs überhöben und glaubten, sich darum über alle. Verhältnisse hinaussetzen zu
dürfen. Und was des Hundesgeschwätzes mehr ist – da möchte man sich ein Messer ins Herz
bohren; denn man rede von Selbständigkeit, was man will, den will ich sehen, der dulden kann,
dass Schurken über ihn reden, wenn sie einen Vorteil über ihn haben; wenn ihr Geschwätze leer
ist, ach, da kann man sie leicht lassen.
Heinrich Heine
Deutschland. Ein Wintermärchen
Caput I
Im traurigen Monat November war's,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber.

Und als ich an die Grenze kam,


Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar,
Die Augen begunnen zu tropfen.

Und als ich die deutsche Sprache vernahm,


Da ward mir seltsam zumute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.

Ein kleines Harfenmädchen sang.


Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.

Sie sang von Liebe und Liebesgram.


Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.

Sie sang vom irdischen Jammertal,


von Fieuden, die bald zerronnen,
Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew'gen Wonnen.
Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,


Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied,


O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,


Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hinieden Brot genug


Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,


Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

Und wachsen uns Flügel nach dem Tod,


So wollen wir euch besuchen
Dort oben, und wir, wir essen mit euch
Die seligsten Torten und Kuchen.

Ein neues Lied, ein besseres Lied!


Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.

Die Jungfer Europa ist verlobt


Mit dem schönen Geniusse
Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
Sie schwelgen im ersten Kusse.

Und fehlt der Pfaffensegen dabei,


Die Ehe wird gültig nicht minder –
Es lebe Bräutigam und Braut
Und ihre zukünftigen Kinder!

Ein Hochzeitkarmen ist mein Lied,


Das bessere, das neue!
In meiner Seele gehen auf
Die Sterne der höchsten Weihe –

Begeisterte Sterne, sie lodern wild,


Zerfließen in Flammenbächen -
Ich fühle mich wunderbar erstarkt,
Ich könnte Eichen zerbrechen!

Seit ich auf deutsche Erde trat,


Durchströmten mich Zaubersäfte –
Der Riese hat wieder die Mutter berührt,
Und es wuchsen ihm neu die Kräfte.

Heinrich Heine
IDEEN. DAS BUCH LE GRAND
Kapitel VI
Damals waren die Fürsten noch keine geplagte Leute wie jetzt, und die Krone war ihnen am
Kopfe festgewachsen, und des Nachts zogen sie noch eine Schlafmütze darüber und schliefen
ruhig, und ruhig zu ihren Füßen schliefen die Völker, und wenn diese des Morgens erwachten, so
sagten sie: „Guten Morgen, Vater!" - und jene antworteten: „Guten Morgen, liebe Kinder!"
Aber es wurde plötzlich anders; als wir eines Morgens zu Düsseldorf erwachten und „Guten
Morgen, Vater!" sagen wollten, da war der Vater abgereist, und in der ganzen Stadt war nichts
als stumpfe Beklemmung, es war überall eine Art Begräbnisstimmung, und die Leute schlichen
schweigend nach dem Markte und lasen den langen papiernen Anschlag auf der Türe des
Rathauses. Es war ein trübes Wetter, und der dünne Schneider Kilian stand dennoch in seiner
Nankingjacke, die er sonst nur im Hause trug, und die blauwollenen Strümpfe hingen ihm herab,
daß die nackten Beinchen betrübt hervorguckten, und seine schmalen Lippen bebten, während er
das angeschlagene Plakat vor sich hinmurmelte. Ein alter pfälzischer Invalide las etwas lauter,
und bei manchem Worte träufelte ihm eine klare Träne in den weißen, ehrlichen Schnauzbart.
Ich stand neben ihm und weinte mit, und frug ihn: warum wir weinten? Und da antwortete er:
„Der Kurfürst läßt sich bedanken." Und dann, las er wieder, und bei den Worten: „für die
bewährte Untertanstreue" "und entbinden euch eurer Pflichten", da weinte er noch stärker — Es
ist wunderlich anzusehen, wenn so ein alter Mann mit verblichener Uniform und vernarbtem
Soldatengesicht plötzlich so stark weint. Während wir lasen, wurde auch das kurfürstliche
Wappen vom Rathause heruntergenommen, alles gestaltete sich so beängstigend öde, es war, als
ob man eine Sonnenfinsternis erwarte, die Herren Ratsherren gingen so abgedankt und langsam
umher, sogar der allgewaltige Gassenvogt sah aus, als wenn er nichts mehr zu befehlen hätte,
und stand da so friedlich-gleichgültig, obgleich der tolle Alouisius sich wieder auf ein Bein
stellte und mit närrischer Grimasse die Namen der französischen Generale herschnatterte,
während der besoffene, krumme Gumpertz sich in der Gosse herumwälzte und Ca ira, ca ira!"'
sang.
Ich aber ging nach Hause und weinte und klagte :"Der Kurfürst läßt sich bedanken." Meine
Mutter hatte ihre liebe Not, ich wußte, was ich wußte, ich ließ mir nichts ausreden, ich ging
weinend zu Bette, und in der Nacht träumte mir: die Welt habe ein Ende - die schönen
Blumengärten und grünen Wiesen wurden wie Teppiche vom Boden aufgenommen und
zusammengerollt, der Gassenvogt stieg auf eine hohe Leiter und nahm die Sonne vom Himmel
herab der Schneider Kilian stand dabei und sprach zu selber: "Ich muß nach Hause gehn und
mich hübsch anziehen, denn ich bin tot und soll noch heute begraben werden" — und es Wurde
immer dunkler, spärlich schimmerten oben einige Sterne, und auch diese fielen herab wie gelbe
Blätter im Herbste, allmählich verschwanden die Menschen, ich armes Kind irrte ängstlich
umher, stand endlich vor der Weidenhecke eines wüsten Bauernhofes und sah dor einen Mann,
der mit dem Spaten die Erde aufwühlte, und neben ihm ein häßlich hämisches Weib, das etwas
wie einen abgeschnittenen Menschenkopf in der Schürze hielt, und das war der Mond, und sie
legte ihn ängstlich sorgsam in die offne Grube — und hinter mir stand der pfälzische Invalide
und schluchzte und buchstabierte :"Der Kurfürst läßt sich bedanken."

Thomas Mann
BUDDENBROOKS
Sechster Teil Viertes Kapitel
Es war ein Mann von vierzig Jahren. Kurzgliedrig und beleibt, trug er einen weit
offenstehenden Rock aus braunem Loden, eine helle und geblümte Weste, die in
weicher Wölbung seinen Bauch bedeckte und auf der eine goldene Uhrkette mit
einem wahren Bukett, einer ganzen Sammlung von Anhängseln aus Hörn,
Knochen, Silber und Korallen prangte — ein Beinkleid ferner von unbestimmter
graugrüner Farbe, welches zu kurz war und aus ungewöhnlich steifem Stoff
gearbeitet schien, denn seine Rander umstanden unten kreisförmig und faltenlos
die Schatte der kurzen und breiten Stiefel. — Der hellblonde, sparfiche,
franseartig den Mund überhängende Schnurrbart, gab dem kugelrunden Kopfe mit
seiner gedrungenen Nase und seinem ziemlich dünnen und unfrisierten Haar etwas
Seenhundsartiges. Die „Fliege", die der fremde Herr zwischen Kinn und
Unterlippe trug; stand im Gegensatz zum Schnurrbart ein wenig borstig empor. Die
Wangen waren außerordentlich dick, fett, aufgetrieben und gleichsam
hinaufgeschoben zu den Augen, die sie zu zwei ganz schmalen, hellblauen Ritzen
zusammenpreßten und in deren Winkeln sie Fältchen bildeten. Dies gab dem
solcherart verquollenen Gesicht einen Mischausdruck von Ergrimmtheit und
rührender Gutmütigkeit. Unterhalb des kleinen Kinnes lief eine steile Linie in die
schmale weiße Halsbinde hinein … die Linie eines kopfartigen Halses, der keinen
Vatermörder geduldet haben würde. Untergesicht und Hals, Hinterkopf und
Nacken, Wangen und Nase, alles ging ein wenig formlos und gepolstert ineinander
über... Die ganze Gesichtshaut war infolge aller diese Schwellungen über die
Gebühr straff gespannt und zeigte an einzelnen Stellen, wie am Ansatz der
Ohrläppchen und zu beiden Seiten der Nase eine spröde Rötung... in der einen
seiner kurzen, weißen und fetten Hände hielt der Herr seinen Stock, in der anderen
ein grünes Tirolerhütchen, geschmückt mit einem Gemsbart.

H. Mann
Der Untertan
Herr von Wulckow saß in einer Rauchwolke am Schreibtisch, er wendete den ungeheueren
Rücken her.
"Guten Tag, Herr Präsident", sagte Diedrich mit einem Katzenfuß. "Nanu, quatschst du
auch schon, Schnaps?" fragte Wulckow, ohne sich umzusehen. Er faltete ein Papier, zündete
langsam eine neue Zigarre an … "Jetzt kommt es", dachte Diedrich. Aber dann begann Wulckow
etwas anderes zu schreiben, Interesse an Diedrich nahm nur der Hund. Offenbar fand er den Gast
hier noch weniger am Platz, seine Verachtung ging in Feindseligkeit über; mit gefletschten
Zähnen beschnupperte er Diedrichs Hose, fast war es kein Schnuppern mehr. Diedrich tanzte, so
geräuschlos wie möglich, von einem Fuß auf den anderen, und die Dogge knurrte drohend, aber
leise, wohl wissend, ihr Herr könnte es sonst nicht weiter kommen lassen. Endlich gelang es
Diedrich, zwischen sich und seinen Feind einen Stuhl zu bringen, an den geklammert er sich
umherdrehte, bald langsamer, bald schneller, und immer auf der Hut vor Schnaps`
Seitensprüngen. Einmal sah er Wulckow den Kopf ein wenig wenden und glaubte ihn
schmunzeln zu sehen. Dann hatte der Hund genug von dem Spiel, er ging zum Herrn und ließ
sich streicheln; und neben Wulckows Stuhl hingelegt, maß er mit kühnen Jägerblicken Diedrich,
der sich den Schweiß wischte.
"Gemeines Vieh!" dachte Diedrich – und plötzlich wallte es auf in ihm. Empörung und der
dicke Qualm verschlugen ihm den Atem, erdachte, mit unterdrücktem Keuchen: "Wer bin ich,
dass ich mir das bieten lassen muß? Mein letzter Maschinenschmierer lässt sich das von mir
nicht bieten. Ich bin Doktor. Ich bin Stadtverordneter! Dieser ungebildete Flegel hat mich nötiger
als ich ihn!" Alles, was er heute Nachmittag erlebt hatte, nahm den übelsten Sinn an. Man hatte
ihn verhöhnt, der Bengel von Leutnant hatte ihm den Rücken geklopft! Diese Kommißköpfe und
adeligen Puten hatten die ganze Zeit von ihren albernen Angelegenheiten geredet und ihn wie
dumm dabei sitzen lassen! "Und wer bezahlt die frechen Hungerleider? Wir!" Gesinnung und
Gefühle, alles stürzte in Diedrichs Brust auf einmal zusammen, und aus den Trümmern schlug
wild die Lohe des Hasses. "Menschenschinder! Säbelrassler! Hochnäsiges Pack! Wenn wir mal
Schluß machen mit der ganzen Bande- !" Die Fäuste ballten sich ihm von selbst, in einem Anfall
stummer Raserei sah er alles niedergeworfen, zerstoben: Herren des Staates, Heer, Beamtentum,
alle Machtverbände und sie selbst, die Macht! Die Macht, die über uns hingeht und deren Hufe
wir küssen! Gegen die wir nichts können, weil wir alle sie lieben! Die wir im Blut haben, weil
wir die Unterwerfung darin haben! Ein Atom sind wir von ihr, ein verschwindendes Molekül von
etwas; das sie ausgespuckt hat! … Von der Wand dort, hinter blauen Wolken, sah eisern
hernieder ihr bleiches Gesicht, eisern, gesträubt, blitzend: Diederich aber, in wüster
Selbstvergessenheit, hob die Faust.
Da knurrte der Wulckowsche Hund, unter dem Präsidenten hervor aber kam ein
donnerndes Geräusch, ein lang hinrollendes Geknatter – und Diedrich erschrak tief. Er verstand
nicht,was dies für ein Anfall gewesen war. Das Gebäude der Ordnung, wieder aufgerichtet in
seiner Brust, zitterte nur noch leise. Der Herr Regierungspräsident hatte wichtige
Staatsgeschäfte. Man wartete eben, bis er einen bemerkte; dann bekundete man gute Gesinnung
und sorgte für gute Geschäfte…
"Na, Doktorchen?" sagte Herr von Wulckow und drehte seinen Sessel herum. "Was ist mit
Ihnen los? Sie werden ja der reine Staatsmann. Setzen Sie sich mal auf diesen Ehrenplatz."
"Ich darf mir schmeicheln", stammelte Diedrich. "Einiges habe ich schon erreicht für die
nationale Sache."
Wulckow blies ihm einen mächtigen Rauchkegel ins Gesicht, dann kam er ihm ganz nahe
mit seinen warmblütigen, zynischen Augen und ihrer Mongolenfalte. "Sie haben erstens erreicht,
Doktorchen, dass Sie Stadtverordneter geworden sind. Wie, das wollen wir auf sich beruhen
lassen. Jedenfalls konnten Sie es brauchen, denn Ihr Geschäft soll ja `ne ziemlich faule Karre
sein." Da Diedrich zusammenzuckte, lachte Wulckow dröhnend. "Lassen Sie nur, Sie sind mein
Mann. Was meinen Sie, das ich da geschrieben habe?" Das große Blatt Papier verschwand unter
der Pranke, die er drauf legte. "Da verlange ich vom Minister einen kleinen Piepmatz für einen
gewissen Doktor Heßling, in Anerkennung seiner Verdienste um die gute Gesinnung in Netzig…
Für so nett haben Sie mich wohl gar nicht gehalten?" setzte er hinzu, denn Diedrich, mit einer
Miene, geblendet und wie mit Blödheit geschlagen, machte von seinem Stuhl herab immerfort
Verbeugungen. "Ich weiß tatsächlich nicht", brachte er hervor. "Meine bescheidenen
Verdienste-"
"Aller Anfang ist schwer", sagte Wulckow. "Es soll auch nur eine Aufmunterung sein. Ihre
Haltung im Prozeß Lauer war nicht übel. Na, und Ihr Kaiserhoch in der Kanalisationsdebatte hat
die antimonarchistische Presse ganz aus dem Häuschen gebracht. Schon an drei Orten im Lande
ist deshalb Anklage wegen Majestätsbeleidigung erhoben. Da müssen wir uns Ihnen wohl
erkenntlich zeigen."
Diedrich rief aus: "Mein schönster Lohn ist es, dass der Lokal-Anzeiger meinen
schlichtbürgerlichen Namen vor die Allerhöchsten Augen selbst gebracht hat!"

E.M. Remarque
DREI KAMERADEN
Nachmittags gingen wir in ein Kino. Als wir herauskamen, hatte der Himmel sich
aufgeklärt. Er war apfelgrün und sehr klar. In den Straßen und Läden brannte schon Licht. Wir
gingen langsam nach Hause und sahen uns dabei die Schaufenster an.
Vor den hellerleuchteten Scheiben eines Pelzgeschäfts blieb ich stehen. Es war schon kühl
abends, und in den Fenstern waren dicke Bündel Silberfüchse und warme Mäntel für den Winter
ausgestellt. Ich sah Pat an; sie trug immer noch ihre kurze Pelzjacke und war eigentlich viel zu
leicht angezogen.
„Wenn ich jetzt der Held aus dem Film wäre, würde ich da hineingehen und dir einen
Mantel aussuchen“, sagte ich.
Sie lächelte. „Welchen denn?“
„Den da.“ Ich zeigte auf den, der am wärmsten aussah.
Sie lachte. „Du hast einen guten Geschmack, Robby. Das ist ein sehr schöner, kanadischer
Nerz.“
„Möchtest du ihn haben?“
Sie blickte mich an. „Weißt du, was so ein Mantel kostet, Liebling?“
„Nein“, sagte ich, „das will ich auch gar nicht wissen. Ich will lieber denken, ich könnte dir
schenken, was ich möchte. Warum sollen nur andere Leute das können?“
Sie sah mich aufmerksam an. „Ich will aber gar keinen solchen Mantel, Robby.“
„Doch“, erwiderte ich, „du bekommst ihn! Kein Wort mehr darüber. Morgen lassen wir ihn
abholen.“
Sie lächelte. „Danke, Liebling“, sagte sie und küsste mich mitten auf der Straße. „Und jetzt
kommst du dran.“ Sie blieb vor einem Herrenmodegeschäft stehen. „Diesen Frack da! Du
brauchst ihn zu dem Nerz. Und den Zylinder dort bekommst du auch. Wie magst du wohl im
Zylinder aussehen?“
„Wie ein Schornsteinfeger.“ Ich schaute mir den Frack an. Er lag in einem Fenster, das mit
grauem Samt ausgeschlagen war. Ich blickte noch einmal genauer hin. Es war das Geschäft, in
dem ich mir im Frühjahr die Krawatte gekauft hatte, nachdem ich zum ersten Mal allein mit Pat
zusammen gewesen war und mich betrunken hatte. Es würgte mich plötzlich etwas im Halse, ich
wusste nicht warum. Im Frühjahr, – da hatte ich noch nichts von allem geahnt.
Ich nahm Pats schmale Hand und legte sie eine Sekunde an meine Wange. „Du brauchst
noch etwas dazu“, sagte ich dann, „so ein Nerz allein ist wie ein Auto ohne Motor. Zwei oder
drei Abendkleider – “
„Abendkleider“, erwiderte sie und blieb vor den großen Schaufenstern stehen,
„Abendkleider, das ist wahr, – die kann ich schon schwerer abschlagen – “
Wir suchten drei wunderbare Kleider aus. Ich sah, wie diese Spielerei Pat belebte. Sie war
ganz bei der Sache, denn Abendkleider waren ihre Schwäche. Wir suchten auch gleich die
Sachen aus, die dazu gehörten, und sie wurde immer lebhafter. Ihre Augen glänzten. Ich stand
neben ihr und hörte ihr zu und lachte und dachte, was für eine verdammte Sache es doch sei, eine
Frau zu lieben und arm zu sein. „Komm“, sagte ich schließlich in einer Art verzweifelter
Lustigkeit, „wenn man etwas macht, muss man es ganz machen!“ Ich zog sie vor ein
Juwelengeschäft. „Dort das Smaragdarmband! Dazu die beiden Ringe und die Ohrgehänge!
Sprechen wir nicht weiter darüber. Smaragde sind die richtigen Steine für dich.“
„Dann bekommst du aber die Platinuhr da und die Perlen fürs Hemd.“
„Und du den ganzen Laden! Unter dem tue ich es jetzt nicht mehr – “
Sie lachte und lehnte sich tief atmend an mich. „Genug, Liebling, genug! Jetzt kaufen wir
uns nur noch ein paar Koffer und gehen zum Reisebüro, und dann packen wir und reisen los, fort
aus dieser Stadt und diesem Herbst und diesem Regen.“
Ja, dachte ich, mein Gott, ja, und du würdest dann rasch gesund!
„Wohin denn?“ fragte ich. „Nach Ägypten? Oder noch weiter? Nach Indien und China?“
„In die Sonne, Liebling, irgendwohin in die Sonne und den Süden und die Wärme. Zu
Palmenstraßen und Felsen und weißen Häusern am Meer und Agaven. Aber vielleicht regnet es
dort auch. Vielleicht regnet es überall.“
„Dann fahren wir einfach weiter“, sagte ich, „bis es irgendwo nicht mehr regnet. Mitten in
die Tropen und in die Südsee hinein.“
Wir standen vor den hellen Fenstern des Reisebüros der Hamburg-Amerika-Linie. In der
Mitte war das Modell eines Dampfers aufgestellt. Es schwamm auf blauen Pappwellen, und
dahinter erhob sich mächtig die vergrößerte Photographie der Wolkenkratzer Manhattans. An
den Fenstern hingen große, bunte Landkarten mit rot eingezeichneten Routen.
„Nach Amerika fahren wir auch“, sagte Pat. „Nach Kentucky und Texas und New York
und San Franzisco und Hawaii. Und dann über Südamerika weiter. Über Mexiko und den
Panamakanal nach Buenos Aires. Und dann über Rio de Janeiro zurück.“
„Ja – “
Sie sah mich strahlend an.
„Ich war noch nicht da“, sagte ich. „Ich habe dir das damals vorgeschwindelt.“
„Das weiß ich“, erwiderte sie.
„Das weißt du?“
„Aber Robby! Natürlich weiß ich es. Ich wusste es gleich.“
„Ich war damals ziemlich verrückt. Unsicher und dumm und verrückt. Deshalb habe ich
geschwindelt.“
„Und heute?“
„Heute noch mehr“, sagte ich. „Du siehst es ja.“ Ich zeigte auf den Dampfer im
Schaufenster. „Verflucht, dass man nicht mitfahren kann!“
Sie lächelte und legte ihren Arm in meinen. „Ach, Liebling, warum sind wir nicht reich?
Wir wüssten so großartig, was wir damit anfangen sollten! Es gibt doch so viele reiche Leute, die
nichts besseres kennen, als immer wieder in ihre Büros oder ihre Banken zu gehen.“
Deshalb sind sie ja reich“, sagte ich. „Wenn wir es wären, würden wir es bestimmt nicht
lange bleiben.“
„Das glaube ich auch. Wir würden es sicher irgendwie verlieren.“
„Vielleicht würden wir auch aus Sorge, es zu verlieren, nichts davon haben. Heute ist
Reichsein direkt ein Beruf. Und gar kein so ganz einfacher.“
„Die armen Reichen!“ sagte Pat. „Da ist es wahrscheinlich besser, wir bilden uns ein, wir
wären es schon gewesen und hätten alles bereits wieder verloren. Du hast einfach vor einer
Woche Bankerott gemacht und alles verkaufen müssen, – unser Haus und meinen Schmuck und
deine Autos. Was meinst du dazu?“
„Das ist sogar höchst zeitgemäß“, erwiderte ich.
Sie lachte. „Dann komm! Wir beiden Bankerotteure gehen jetzt in unser kleines
Pensionszimmer und erzählen uns Geschichten aus den vergangenen großen Zeiten.“
„Das ist eine gute Idee.“
Wir gingen langsam weiter durch die abendlichen Straßen. Immer mehr Lichter flammten
auf, und als wir am Friedhof waren, sahen wir durch den grünen Himmel ein Flugzeug ziehen,
dessen Kabinen hell erleuchtet waren. Es flog einsam und schön durch den klaren, hohen,
einsamen Himmel, wie ein wunderbarer Vogel der Sehnsucht aus einem alten Märchen. Wir
blieben stehen und sahen ihm nach, bis es verschwunden war.
Sebastian Haffner
Geschichte eines Deutschen
Kapitel 27

Der 1. April war fürs erste der Höhepunkt der Nazirevolution gewesen. In den
nächsten Wochen zeigten die Ereignisse eine Tendenz, sich wieder in die Sphäre
der Zeitungsberichte zurückzuziehen. Gewiss, der Terror ging weiter, die Feste
und Aufmärsche gingen weiter, aber nicht mehr ganz im tempo furioso des März.
Die Konzentrationslager waren nun eben eine Institution geworden, und man war
eingeladen, sich daran zu gewöhnen und seine Zunge zu hüten. Die
»Gleichschaltung«, also die Besetzung aller Behörden, Lokalverwaltungen, großen
Geschäfte, Verbands- und Vereinsvorstände mit Nazis, ging weiter, aber jetzt
systematisch und auf fast pedantisch-ordentliche Weise, mit Gesetzen und
Verordnungen, nicht mehr so sehr mit wilden und unberechenbaren
»Einzelaktionen«. Die Revolution nahm eine Beamtenmiene an. Es bildete sich so
etwas wie ein »Boden der Tatsachen« - etwas, womit der Deutsche kraft alter
Gewöhnung gar nichts anderes tun kann, als sich darauf stellen.
Man durfte wieder in den jüdischen Geschäften kaufen. Man wurde zwar
weiter aufgefordert, es zu unterlassen, man wurde auch in Dauerplakaten als
»Volksverräter« bezeichnet, wenn man es dennoch tat, aber man durfte es. Keine
SA-Posten standen mehr vor den Ladentüren. Die jüdischen Beamten, Ärzte,
Anwälte, Journalisten wurden zwar entlassen, aber nunmehr gesetzlich und
ordentlich, nach Paragraph soundso, und es gab Ausnahmen für Frontkämpfer und
alte Leute, die schon unter dem Kaiserreich gedient hatten - konnte man mehr
verlangen? Die Gerichte, nachdem sie eine Woche lang suspendiert gewesen
waren, durften wieder zusammentreten und Recht sprechen. Die Unabsetzbarkeit
der Richter allerdings wurde aufgehoben, streng gesetzlich und ordentlich.
Zugleich wurde den Richtern, die nunmehr also jeden Tag auf die Straße gesetzt
werden konnten, erklärt, dass man ihre Macht unermesslich gesteigert habe: Sie
seien jetzt »Volksrichter«, »Richterkönige« geworden. Sie brauchten sich nicht
mehr ängstlich an das Gesetz zu halten. Sie sollten es nicht einmal. Verstanden?
Seltsam war es, wieder im Kammergericht zu sitzen, in demselben Saal wie
stets, auf denselben Bänken, und so zu tun, als sei eigentlich nichts vorgefallen.
Dieselben Wachtmeister standen wieder an den Türen und schützten wie stets die
Würde des Gerichtshofs gegen jede Störung. Sogar die Richter waren zum größten
Teil dieselben. Der jüdische Kammergerichtsrat in unserm Senat freilich war nicht
mehr da, selbstverständlich. Er war zwar nicht entlassen, er war ein alter Herr und
hatte längst unter dem Kaiserreich Recht gesprochen, aber man hatte ihn in die
Grundbuch- oder Rechnungsabteilung irgendeines Amtsgerichts gesteckt. Statt
seiner saß in unserm Senat, seltsam anzusehen zwischen den greisen
Kammergerichtsräten, ein junger blonder Amtsgerichtsrat, rotwangig und
aufgeschossen. Ein Kammergerichtsrat ist etwa ein General, ein Amtsgerichtsrat
etwa ein Oberleutnant. Man flüsterte sich zu, dass er privat eine hohe SS-Charge
habe. Er grüßte mit ausgestrecktem Arm und schallendem »Heil Hitler«. Der
Senatspräsident und die anderen alten Herren wedelten darauf unbestimmt mit
dem Arm und murmelten etwas Undeutliches. Im Beratungszimmer, während der
Frühstückspause, hatten sie früher manchmal ein wenig geplaudert, leise und
abgeklärt nach Art kultivierter älterer Herren, über die Tagesereignisse oder über
Justizpersonalien. Damit war es jetzt aus. Tiefes verlegenes Schweigen herrschte,
während sie zwischen den Beratungen ihre Butterbrote aßen.
Seltsam verliefen oft die Beratungen. Das neue Senatsmitglied gab mit frischer,
selbstbewusster Stimme befremdliche Rechtskenntnisse zum besten. Wir
Referendare, mit unseren frischen Examenskenntnissen, wechselten Bücke,
während er referierte. »Sollten Sie nicht, Herr Kollege«, sagte schließlich mit
vollkommener Höflichkeit der Senatspräsident, » § 816 des Bürgerlichen
Gesetzbuchs übersehen haben?« Worauf der hohe Richter, ein wenig einem
ertappten Examenskandidaten gleich, in seinem Gesetzbuch blätterte und leicht
verlegen, aber immer noch frisch und leichtherzig zugab: »Ach so, ja. Na, dann ist
es also gerade umgekehrt.« Das waren so die Triumphe der alten Justiz.
Es gab aber auch andere Fälle - Fälle, in denen der Neukömmling sich nicht
geschlagen gab, sondern eloquent und mit etwas zu lauter Stimme Vorträge
darüber hielt, dass das alte Paragraphenrecht hier zurückstehen müsse; seine alten
Richterkollegen darüber belehrte, dass man auf den Sinn und nicht auf den
Buchstaben blicken müsse; Hitler zitierte; und mit der Geste eines jugendlichen
Bühnenhelden auf irgendeiner unhaltbaren Entscheidung bestand. Es war
mitleiderregend, währenddessen die Gesichter der alten Kammergerichtsräte zu
studieren. Sie blickten mit einem Ausdruck unbeschreiblicher Betrübtheit vor sich
nieder in ihre Akten, während ihre Finger leichtgequält an einer Büroklammer
oder einem Stückchen Löschpapier drehten. Für Gerede, wie sie es da jetzt als
hohe Weisheit anhören mussten, waren sie sonst gewöhnt, Kandidaten durchs
Assessorexamen fallen zu lassen; aber hinter diesem Gerede stand jetzt die
Staatsmacht; dahinter drohte Entlassung wegen mangelnder nationalpolitischer
Zuverlässigkeit, Brotlosigkeit, Konzentrationslager... Man hüstelte; »wir sind
natürlich ganz Ihrer Ansicht, Herr Kollege«, sagte.

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