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2022/1/25 Die Angst der deutschen Firmen vor neuen Russland-Sanktionen - WELT

WIRTSCHAFT UKRAINE-KRISE

Die Angst der deutschen Firmen vor neuen Russland-Sanktionen


Stand: 07:04 Uhr | Lesedauer: 6 Minuten

Von Carsten Dierig, Frank Stocker

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-07:27

Eine weltweite Umfrage unter Konzernchefs zeigt: Nirgends ist die Furcht vor einer Eskalation an der Grenze zur Ukraine so groß wie
hierzulande. Denn viele deutsche Firmen würden neue Sanktionen gegen Russland hart treffen. Zudem wäre mit russischen
Gegenmaßnahmen zu rechnen.

L ebkuchen sind mit dem Jahreswechsel aus den Regalen von Deutschlands Supermärkten und Discountern verschwunden. Allenfalls
Restbestände werden jetzt noch zu halbierten Preisen auf Wühltischen im Kassenbereich angeboten. Schließlich handelt es sich um
sogenanntes Saisongebäck. Anders in Russland.

„Dort werden wie auch in anderen osteuropäischen Ländern Lebkuchen-Produkte ganzjährig konsumiert“, erklärt Hermann Bühlbecker, der
Alleingesellschafter der Lambertz-Gruppe aus Aachen, dem Weltmarktführer für Herbst- und Weihnachtsgebäck. „Für uns als klassischer
Hersteller in diesem Segment sind diese Märkte daher besonders vielversprechend und stehen in unserer Exportpolitik ganz oben auf der
Agenda.“

Allen voran in Russland hat der Mittelständler sein Geschäft in den vergangenen zehn Jahren deutlich ausgebaut, wie Bühlbecker berichtet.
Erst 2020 wurde dort ein eigenes Vertriebsbüro eröffnet. „Diese erfolgreiche Basis und Entwicklung, die vor allem zukünftige Geschäfte und
Optionen eröffnen sollte, steht nun zur Disposition“, sagt der Unternehmer.

Doch angesichts der aktuellen Eskalation im Ukraine-Konflikt sei „leider total offen“, was in den nächsten Wochen und Monaten geschehen
wird. Planungen seien dadurch fast unkalkulierbar. „Ich mache mir große Sorgen zur Gesamtlage in diesem Konflikt und zu möglichen
weiteren Eskalationsstufen. Generell, aber gerade auch was unsere geschäftlichen Beziehungen, Zustände und Ziele in und mit Russland
betrifft.“

Er hoffe nun, dass alle Beteiligten mit voller Kraft deeskalierend wirken und dass die Vernunft und die Einsicht gewinnt, dass Krieg keine
Option ist.

Bühlbecker ist nicht der einzige, der sich Sorgen macht. In deutschen Unternehmen geht die Angst vor einer Eskalation der Ukraine-Krise
und einer neuen Runde an Sanktionen um.

Dies zeigt eine Umfrage unter 100 deutschen Firmenchefs durch die Beratungsgesellschaft EY (/wirtschaft/article223583722/EY-Studie-zu-

Verbraucherstimmung-Deutsche-haben-Angst-um-Geld-und-Job.html), die WELT vorliegt. Und tatsächlich ist Russland vor allem für die deutsche

Industrie nach wie vor ein wichtiger Handelspartner. Gerade zuletzt war der Umfang von Exporten und Importen zudem nach einer
jahrelangen Durststrecke wieder gestiegen. Dies steht nun erneut auf dem Spiel.

EY befragte für seinen „CEO Survey“ weltweit 2.410 Vorstandsvorsitzende in Großunternehmen, was sie für ihr Unternehmen derzeit als das
größte Risiko ansehen. 44 Prozent nannten die zunehmenden geopolitischen Spannungen, Handelskonflikte, Protektionismus und
Sanktionen. Dieser Punkt landete damit nur ganz knapp hinter der Angst vor den Auswirkungen des Klimawandels.

Die Antworten der deutschen Firmenchefs unterscheiden sich jedoch signifikant davon. Sie sehen die geopolitischen Spannungen mit
riesigem Abstand als das Hauptrisiko: 65 Prozent nannten diesen Punkt, und für sie folgt auf Rang zwei mit 43 Prozent die Ungewissheit über
die Entwicklung bahnbrechender Technologien wie beispielsweise Künstlicher Intelligenz. Erst danach folgt der Klimawandel mit 40 Prozent.

Der Grund für die große Angst deutscher Firmen vor Sanktionen liegt für Constantin M. Gall, Partner und Leiter des Bereichs Strategie und
Transaktionen bei EY in der Region Westeuropa, auf der Hand: „Wir sind massiv auf freien Zugang zu ausländischen Märkten angewiesen und
haben in den vergangenen Jahren erheblich von der guten Entwicklung auf ausländischen Märkten profitiert“, sagt er.

https://www.welt.de/wirtschaft/article236446045/Die-Angst-der-deutschen-Firmen-vor-neuen-Russland-Sanktionen.html 1/3
2022/1/25 Die Angst der deutschen Firmen vor neuen Russland-Sanktionen - WELT

„Handelskriege, Sanktionen, Strafzölle und ähnliche Maßnahmen stellen das Geschäftsmodell des Standorts Deutschland grundsätzlich
infrage und belasten gerade die Unternehmen, die auf den Weltmärkten besonders erfolgreich waren.“

Das größte geopolitische Risiko geht derzeit zweifellos von den Spannungen mit Russland aus. Für den Fall, dass Moskau tatsächlich in die
Ukraine einmarschieren sollte, haben die EU und die USA bereits drastische Maßnahmen angekündigt. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD)
hatte vergangene Woche nach langem Zögern klargestellt, dass für ihn dabei jede Art von Sanktionen denkbar ist.

Beschlossen werden könnte also sowohl ein Ausschluss Russlands aus dem internationalen Zahlungssystem SWIFT
(/debatte/article236322737/Kein-SWIFT-Ausschluss-von-Russland-Europa-gibt-sich-selbst-auf.html), ein Aus für die Gaspipeline Nord Stream 2 oder

auch nur Sanktionen gegen einzelne Oligarchen oder Politiker.

Die russische Regierung wiederum hat sich noch nicht dazu geäußert, ob sie in einem solchen Fall mit Gegensanktionen reagieren würde.
Doch das Beispiel des russischen Überfalls auf die Krim 2014 zeigt, dass dies wahrscheinlich ist.

Damals schloss Russland als Reaktion auf westliche Sanktionen seine Grenzen für landwirtschaftliche Produkte aus der EU, mit der Folge,
dass dieser Exportmarkt für deutsche Firmen seither praktisch komplett weggebrochen ist.

Besonders hart getroffen wurden dadurch Deutschlands Molkereien, für die Russland als Absatzgebiet für Milch, Sahne, Käse, Butter und Co.
zu den wichtigsten Märkten gehörte. Aber auch die übrige Lebensmittelindustrie macht mit rund 900 Millionen Euro Exportvolumen nur
noch einen Bruchteil der Geschäfte früherer Tage mit Russland. Wobei der Faden nie abgerissen ist.

„Man hat ein Level der Zusammenarbeit gefunden, wenn auch auf niedrigem Niveau“, berichtet Christoph Minhoff, der Hauptgeschäftsführer
der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE). Weitere Sanktionen dürfen daher einzelne Bereiche in der
Lebensmittelbranche hart treffen. Auch er hofft nun auf Einsicht: „Es ist immer klug, Handelsbeziehungen nicht abzubrechen.“

In Summe ist Russland als Absatzmarkt für deutsche Produkte seit dem 2014er-Embargo von Rang zehn auf Platz 13 zurückgefallen. 2020
exportierten deutsche Firmen Waren im Wert von rund 23 Milliarden Euro dorthin. Alleine 6,1 Milliarden davon entfielen auf Maschinen,
Apparate und mechanische Geräte. Kraft- und Landfahrzeuge sowie elektrotechnische Erzeugnisse standen für weitere 5,1 Milliarden Euro.

Dem deutschen Maschinenbau (/wirtschaft/article231072903/Maschinenbau-Der-truegerische-Boom-der-deutschen-Industrie.html) bereitet eine

weitere Eskalation und daraus folgend mögliche Sanktionen daher auch große Sorgen, wie es aus der Branche heißt. Immerhin steht Russland
auf Platz neun in der Exportstatistik der deutschen Vorzeigebranche.

In den ersten drei Quartalen 2021 gingen Maschinen und Anlagen im Wert von fast 4,2 Milliarden Euro nach Russland, das sind 2,2 Prozent
mehr als im Vorjahreszeitraum und entspricht einem Anteil von 21,3 Prozent am gesamten Warenverkehr von Deutschland Richtung Russland
von Januar bis September. Dialog und Deeskalation seien daher der beste Weg, sagen Branchenvertreter.

Russland wiederum exportiert weit überwiegend Rohstoffe (https://www.welt.de/themen/rohstoffe/) nach Deutschland, 16,1 Milliarden Euro der

21,5 Milliarden Euro an Warenwert entfielen 2020 allein auf mineralische Brennstoffe, also Öl und Gas.

Der Wert dieser Exporte ist 2021 aufgrund der gestiegenen Rohstoffpreise wieder deutlich gestiegen, bis Ende November 2021 lag das
russische Exportvolumen nach Deutschland schon bei 29,9 Milliarden Euro, über ein Drittel mehr als im gesamten Jahr davor.

Aber auch Deutschlands Exporte nach Russland haben zuletzt wieder deutlich angezogen. Bis Ende November belief sich ihr Wert auf 24,6
Milliarden Euro. Sofern es im Dezember keinen Einbruch gab, dürfte 2021 somit das beste Jahr für deutsche Exporteure im Russland-Handel
seit 2014 gewesen sein.

Neue Sanktionen und Gegensanktionen träfen also einen Bereich des Außenhandels, der sich gerade wieder erholt und der offensichtlich gute
Aussichten auf eine weitere Verbreiterung hat. „Es ist also in unserem ureigenen Interesse, deeskalierend zu wirken, nach Lösungen zu
suchen und gleichzeitig weiter für den Freihandelsgedanken zu werben“, sagt daher EY-Partner Gall.

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