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PARADOXIEN DER SUBJEKTIVATION

ZUR PSYCHE DER MACHT*


Judith Butler

Wir sollten versuchen, die Unterwerfung im wesentlichen als Konstituie-


rung von Subjekten zu begreifen.
Michel Foucault, "Zwei Vorlesungen"

Mit der Spaltung des Subjekts, in dem das sich selbst präsente Selbst nur
ein Moment unter anderen ist, sowie mit der auferlegten Reflexivität dieses
Moments kommt das Subjekt in sich selbst zu seiner Subjektivation. Die
profunde und körperliche Schuld, die den fiebrigen Unterton jenes Selbst-
bewußtseins bildet, das, wie sich zeigt, so wenig von sich weiß, ist für die tief-
greifende innere Kontrolle entscheidend, die als Anrufung bezeichnet wurde.
Francis Barker, The Tremulous Private Body: Essays on Subjection

Subjection [... ] Akt oder Tatsache des Unterworfenwerdens, beispielsweise


unter einen Monarchen oder einen sonstigen Souverän oder eine über-
legene Macht; Zustand des Unterworfenseins oder Beherrschtwerdens
• durch einen anderen; daher gew. Subordination. [... ] Zustand des Unter-
worfenseins, Ausgesetztseins oder Haftbarseins gegenüber; Haftbarkeit [... ]
Logik. Akt der Zuordnung eines Subjekts zu einem Prädikat.
Oxford English Dictionary

Als Form der Macht ist die Subjektivation paradox.' Eine ver-
traute und quälende Form der Macht erfährt man im Be-
herrschtwerden durch eine Macht außerhalb seiner selbst

Nachdruck der deutschen Übersetzung der Einleitung zu Judith Butler, Psyche der
Macht. Das Subjekt der Unterwerfung, übers. v. Reiner Ansen, Frankfurt am Main: Suhr·
kamp 2001, mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlages. DerTitel wurde
in Absprache mit der Autorin neu hinzugeftigt. Verweise auf andere Kapitel des
Buches wurden im Text ergänzt.
' Der englische Begriff .. subjection" bedeutet zwar im alltäglichen Gebrauch ledig-
lich "Unterwerfung" [und auch "Abhängigkeit"], erinnert aber durch die lateinische
Wurzel auch an das subjectum und damit an den Prozess der Subjektwerdung. Die-
ser im vorliegenden Text entscheidende Doppelaspekt wäre im Deutschen nur durch
die umständliche Verwendung von "Unterwerfung/Subjektwerdung" wiederzugeben.
Daher wird hier ftir den Begriff "subjection", soweit der Kontext seine Bedeutung
nicht eindeutig auf einen seiner beiden Aspekte einschränkt, konsequent der Neolo-
gismus "Subjektivation" verwendet; mit dem entsprechenden englischen Neologis-
mus "subjectivation" gibt die Autorin in Psyche der Macht, Kapitel3 auch das franzö-
sische "assujettissement" Foucaults wieder.- Anm. d. Übers.

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fudith Butler

Eine ganz andere Einsicht ist hingegen die, dass "man", dass
die Bildung unserer selbst als Subjekt, auf die eine oder andere
Weise von ebendieser Macht abhängt. Macht denken wir uns
gewöhnlich als das, was von außen Druck auf das Subjekt aus-
übt, was es zur Unterordnung zwingt und es auf eine niedrigere
Stufe der Ordnung verbannt. Damit ist die Wirkung der Macht
sicherlich zum Teil angemessen beschrieben. Verstehen wir
aber mit Foucault Macht auch als das, was Subjekte allererst
bildet oder formt, was dem Subjekt erst seine schiere Daseins-
bedingung und die Richtung seines Begehrens gibt, dann ist
Macht nicht einfach etwas, gegen das wir uns wehren, sondern
zugleich im strengen Sinne das, wovon unsere Existenz abhängt
und was wir in uns selbst hegen und pflegen. Dieser Prozess
wird gewöhnlich so verstanden: Die Macht drängt sich uns auf,
und geschwächt durch sie verinnerlichen oder akzeptieren wir
schließlich ihre Bedingungen. Dabei wird jedoch übersehen,
dass "wir", die wir diese Bedingungen annehmen, in "unserer"
Existenz durch und durch von ihnen abhängig sind. Gibt es
nicht diskursive Bedingungen für die Artikulation eines jeden
"wir"? Subjektivation besteht eben in dieser grundlegenden
Abhängigkeit von einem Diskurs, den wir uns nicht ausgesucht
haben, der jedoch paradoxerweise erst unsere Handlungsfä-
higkeit ermöglicht und erhält.
"Subjektivation" bezeichnet den Prozess des Unterworfen-
werdens durch Macht und zugleich den Prozess der Subjekt-
werdung. Ins Leben gerufen wird das Subjekt, sei es mittels
Anrufung oder Interpellation im Sinne Althussers oder mittels
diskursiver Produktivität im Sinne Foucaults, durch eine
ursprüngliche Unterwerfung unter die Macht. Foucault weist
zwar auf die Ambivalenz dieser Formulierung hin, geht jedoch
nicht weiter auf die spezifischen Mechanismen der Subjektbil-
dung in der Unterwerfung ein. In seiner Theorie bleibt nicht
nur die gesamte Sphäre der Psyche weitgehend unbeachtet,
Foucault geht auch dem Doppelaspekt der Macht als Unter-

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Paradoxien der Subjektlvatron. Lur Psyche der Macht

werfung und Erzeugung nicht nach. Wenn Unterwerfung also


eine Bedingung der Subjektwerdung ist, stellt sich die Frage:
Welche psychische Form nimmt die Macht an? Diese Frage
erfordert es, die Theorie der Macht zusammen mit einer The-
orie der Psyche zu denken, eine Aufgabe, der Autoren sowohl
foucaultscher wie psychoanalytischer Orthodoxie ausgewi-
chen sind. Die vorliegende Arbeit' verspricht zwar keine große
Synthese, sie sucht aber die vorläufigen Perspektiven zu erkun-
den, aus der jede Theorie die andere erhellen kann. Das Pro-
jekt beginnt weder, noch endet es bei Freud und Foucault. Mit
der Frage der Unterwerfung, der Frage, wie das Subjekt in der
Unterwerfung gebildet wird, befasst sich der Abschnitt der
hegetsehen Phänomenologie des Geistes, der das Freiheitsstreben
des Knechtes und seinen enttäuschenden Rückfall in das
"unglückliche Bewusstsein" zum Gegenstand hat. Der Herr, der
dem Knecht zunächst "äußerlich" zu sein scheint, taucht als das
eigene Gewissen des Knechtes wieder auf. Das Unglück des
entstehenden Bewusstseins liegt in dessen Selbstvorwürfen,
die sich aus der Verwandlung des Herrn in eine psychische
Wirklichkeit ergeben. Die Selbstkasteiungen angesichts der
hartnäckigen Körperlichkeit des Selbstbewusstseins führen zu
schlechtem Gewissen. Diese Figur des Bewusstseins, auf sich
selbst zurückgewendet, weist voraus auf Nietzsches Genealogie
der Moral, in der nicht nur dargelegt wird, wie Repression und
Reglementierung das Phänomen von Gewissen und schlech-
tem Gewissen entstehen lassen, sondern auch, wie letzteres für
Formung, Bestand und Kontinuität des Subjekts wesentlich
werden. In jedem Fall nimmt die Macht, die zunächst von
außen zu kommen und dem Subjekt aufgezwungen und es in
die Unterwerfung zu treiben schien, eine psychische Form an,
die die Selbstidentität des Subjekts ausmacht.

' D.h., der Band Psyche der Macht, zu dem der vorliegende Text die Einleitung bildet
-Anm.d. Hg.

ll5
fudith Butler

Die Form dieser Macht wird unablässig durch eine Figur der
Wendung gezeichnet, eine Rückwendung auf sich selbst oder
gar gegen sich selbst Diese Figur erklärt zum Teil erst, wie ein
Subjekt erzeugt wird, und aus diesem Grund gibt es im eigent-
lichen Sinn gar kein Subjekt, das diese Wendung vollzieht. Im
Gegenteil scheint die Wende als tropologische Inauguration
des Subjekts zu fungieren, als Gründungsmoment, dessen
ontologischer Status dauerhaft ungewiss bleibt. Diese Vorstel-
lung wiederum scheint sich nur schwer, wenn überhaupt, in
die Erklärung der Subjektwerdung einzufügen. Was oder wer
vollzieht hier eine Wende, und welches ist der Gegenstand
einer solchen Wendung? Wie kann das Subjekt aus einer sol-
chen ontologisch ungewissen Form der Krümmung und Dre-
hung hervorgehen? Nun, mit Erscheinen dieser Figur geht es
vielleicht schon nicht mehr darum, "eine Erklärung der Sub-
jektwerdung" zu geben. Vielmehr stehen wir hier vor der tro-
pologischen Mutmaßung einer jeden solchen Erklärung oder
Darstellung, einer Mutmaßung, die die Erklärung erleichtert,
zugleich aber ihre Grenzen markiert. In dem Moment, da wir
zu bestimmen suchen, wie die Macht ihr Subjekt hervorbringt,
wie das Subjekt die Macht in sich aufnimmt, der es seine Ent-
stehung verdankt, scheinen wir in dieses tropologische Dilemma
zu geraten: Wir können kein Subjekt annehmen, das eine Ver-
innerlichung vollzieht, wo allererst die Subjektbildung zu
erklären ist. Die Figur, auf die wir uns beziehen, ist noch gar
nicht existent und ist kein Teil einer verifizierbaren Erklärung,
und dennoch ist die Rede von dieser Figur nicht ganz sinnlos.
Das Paradox der Unterwerfung impliziert ein Paradox der Refe-
rentialität: dass wir uns nämlich auf etwas beziehen müssen,
was noch gar nicht existiert. Durch eine Figur, die unsere onto-
logischen Bindungen suspendiert, suchen wir uns Rechen-
schaft über die Entstehung des Subjekts abzulegen. Dass diese
Figur ihrerseits eine "Wendung" ist, ist rhetorisch, performativ
spektakulär. "Wendung" ist die Übersetzung des griechischen

II6
Paradoxien der Subjektivation. Zur Psyche der Macht

Wortes "Trope". Die Trope der Wendung verweist somit auf


und exemplifiziert zugleich den tropologischen Status der Ges-
te.3 Inauguriert die Unterwerfung in irgendeiner Weise die Tro-
pologie, oder spielt die inaugurative Arbeit von Tropen bereits
notwendig eine Rolle, wenn wir uns die Entstehung des Sub-
jekts erklären wollen? Wir werden gegen Ende unserer Unter-

' Hayden White bemerkt in seinem Buch Auch Klio dichtet oder die Fiktion des Fakti-
schen. Studien zur Tropologie des historischen Diskurses, Stuttgart: Klett-Cotta 1986: ,.Das
Wort tropisch kommtvon ,tropikos', was im klassischen Griechisch ,Wendung' bedeu-
tet und in der Koine ,Art und Weise'. Es gelangt in die modernen indoeuropäischen
Sprachen als ,tropus', was im klassischen Latein ,Metapher' oder ,Redefigur' bedeu-
tete und im Spätlatein, vor allem in Anwendung auf die Musiktheorie, ,Gesangsweise'
oder ,Gesang'." (8) White bringt dann den Begriff der Trope mit dem Stil in Verbin·
dung, ein Begriff, der seiner Auffassung nach das Studium des Diskurses sowohl von
dem der Fiktion wie dem der Logik unterscheidet. Tropen sind ,.Abweichungen" von
der gebräuchlichen Sprache, aber sie bringen auch Sprach- oder Gedankenfiguren
hervor (eine Unterscheidung, auf die auch Quintilian großen Wert legt). Eine Trope
kann so gesehen eine Verbindung zwischen Begriffen herstellen, die weder als
gebräuchlich noch als logisch gilt. Für unsere Zwecke bedeutet das, dass eine Trope
sich n~cht auf akzeptierte Versionen der Realität beschränkt. Zugleich kann eine Trope
nicht funktionieren, d.h. keine neuen Bedeutungen oder Verbindungen hervorbrin-
gen, wenn ihre Abweichung vom Gebräuchlichen und von der Logik als solche nicht
erkannt wird. Eine Trope setzt also bereits eine akzeptierte Version der Realität vor-
aus. Für Nietzsche hingegen sind Zirkulation und Ablagerung von Tropen Möglich-
keitsbedingungder gebräuchlichen Sprachverwendung. Erst aus den Tropen, sagt er,
entsteht die buchstäbliche und die begriffliche Sprache. Nur durch eine Art Vergess-
lichkeit hinsichtlich des tropologischen Status der Sprache setzt sich so etwas wie die
Alltagssprache überhaupt fest. Die gebräuchliche Sprache ist die Ablagerung oder
die Wirkung ,.abgestorbener" Tropen. Dargelegt wird das argumentativ und rheto·
risch in seinem Essay ,.Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne'', in:
ders., Kritische Studienausgabe, Bd. I, München/Berlin: dtv 1980, S. 873-890.
,.Wendung" [turn] war im 17. und 18. Jh. der englische Ausdruck flir ..Trope" und bezog
sich auf verschiedene syntaktische Sprachfiguren. Richard Lanham schreibt, dass
eine Trope eine bestimmte Art von Figur ist, die die Bedeutung eines Wortes verän-
dert (vgl. ders., A Handlist of Rhetorical Terms, Berkeley: University ofCalifomia Press
1991). Manche Forscher möchten den Begriff .. Figur" Ausdrücken vorbehalten, die die
Bedeutung von mehr als nur einem einzelnen Wort verändern. Quintilian wendet
sich gegen diese Unterscheidung und betont, dass sich diese Bedeutungsveränderung
nicht auf einzelne oder mehrere Worte beschränken lässt; die Trope definiert er dann
als Bedeutungsveränderung, während ,.Figur" eine Formveränderung bezeichnet (d.h.
die Veränderung der Form eines Sprachmusters oder sogar eines Textgenres}. Dass
diese Wendung als generativ oder produktiv betrachtet wird, ist für unsere Überle-
gungen zur Produktion oder Generierung des Subjekts von besonderer Relevanz.
Nicht nur generiert eine Trope, die Erklärung dieser Generierung scheint auch schon
die Verwendung von Tropen zu erfordern, eine Sprachoperation, die die zu erklä-
rende Generativität zugleich widerspiegelt und umsetzt und die somit irreduktibel
mimetisch und performativ ist.

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fudith Butler

suchung auf diese Frage zurückkommen, wenn wir uns damit


beschäftigen, wie die Erklärung der Melancholie an dem von
ihr beschriebenen Mechanismus selbst teilhat, indem sie psy-
chische Topographien hervorbringt, die ganz deutlich tropolo-
gischer Art sind.4
Althussers Szene einer "Anrufung" oder "Interpellation" ist
ein Fall dieser quasifiktiven Bemühung zu erklären, wie das
gesellschaftliche Subjekt durch sprachliche Mittel erzeugt
wird. An Althussers Lehre von der Anrufung knüpft ganz
offensichtlich der spätere Foucault mit seiner Theorie der "dis-
kursiven Erzeugung des Subjekts" an. Natürlich betont Fou-
cault, dass das Subjekt nicht gleichsam ins Dasein "gespro-
chen" wird und dass die das Subjekt konstituierenden Matri-
zes von Macht und Diskurs in ihrer Produktionsarbeit weder
singulär noch souverän sind. Einig sind sich Althusser und
Foucault indes, dass es im Prozess des assujetissement eine
grundlegende oder gründende Unterwerfung gibt. In Althus-
sers Aufsatz "Ideologie und ideologische Staatsapparate" voll-
zieht sich die Unterordnung des Subjekts durch die Sprache,
und zwar als Wirkung der autoritativen Stimme, von der das
Individuum angerufen wird. In Althussers berüchtigtem Bei-
spiel ruft ein Polizist auf der Straße einen Passanten an, und
der Passant wendet sich um und (an)erkennt sich damit als den
Angerufenen. Im Austausch, in dem diese Anerkennung ange-
boten und angenommen wird, findet eine Anrufung statt -
eine diskursive Produktion des gesellschaftlichen Subjekts.
Bemerkenswerterweise äußert sich Althusser nicht dazu, wes-
halb das fragliche Individuum sich umwendet, die Stimme als
an sich adressiert annimmt und damit auch die durch diese
Stimme bewirkte Unterordnung und Normalisierung akzep-
tiert. Weshalb wendet sich das Subjekt zur Stimme des Geset-

• Verweis auf Kap. 6 von Psyche der Macht: "Psychische Anfange: Melancholie,
Ambivalenz, Wut"- Anm. d. Hg.

n8
Paradoxien der Subjektivation. Zur Psyche der Macht

zes um, und welche Auswirkung hat diese Umwendung auf


die Entstehung eines gesellschaftlichen Subjekts? Ist es ein
schuldiges Subjekt, und falls ja, wie ist es schuldig geworden?
Muss die Theorie der Interpellation ergänzt werden durch
eine Theorie des Gewissens?
Die Anrufung des Subjekts durch die inaugurative Anrede
der Staatsmacht setzt nicht nur voraus, dass ein Gewissen
schon eingeschärft wurde, sondern dass das Gewissen als psy-
chische Operation einer reglementierenden Norm ein spezifi-
sches psychisches und gesellschaftliches Funktionieren der
Macht darstellt, von dem die Anrufung abhängt, die sie jedoch
nicht erklären kann. Überdies wird in Althussers Modell der
Macht der autoritativen Stimme, der Stimme der Strafe und
damit einem Begriff der als Rede figurierten Sprache perfor-
mative Kraft zugeschrieben. Wie sollen wir uns die Macht der
geschriebenen Sprache oder des bürokratischen Diskurses
erklären, der ohne Stimme und Signatur zirkuliert? Und
schließlich bleibt Althussers Auffassung, so nützlich sie auch
ist, implizit durch den Begriff eines zentralisierten Staatsappa-
rates beschränkt, dessen Wort, wie das der göttlichen Autori-
tät, Tat ist. Foucault entwickelt seinen Begriff des Diskurses
unter anderem als Gegengewicht zum Modell der souveränen
interpellativen Rede in Theorien wie derjenigen Althussers,
aber auch, um der Wirksamkeit des Diskurses über das gespro-
chene Wort hinaus Rechnung zu tragen.

Leidenschaftliche Verhaftungen 5

Diejenigen, die die Ansprüche der Untertanen bloßstellen wol-


len, beharren zynisch darauf, dass ein Subjekt mit Leidenschaft

; Der Begriff ,.anachment" wird i.d.R. wiedergegeben als ,.Verhaftetsein", aber auch
als .. Verhaftung" - Anm. d. Obers.

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]udith Butler

an seiner Unterordnung hängt. Wenn man dem Subjekt nach-


weisen kann, dass es seinen untergeordneten Status geradezu
verteidigt, so das Argument, dann liegt die letzte Verantwort-
lichkeit für seine Unterordnung vielleicht im Subjekt selbst.
Demgegenüber würde ich die Auffassung vertreten, dass die
Bindung an Unterordnungen erzeugt wird durch die Arbeit der
Macht und dass Machtoperationen zum Teil in diesem psychi-
schen Effekt der Macht deutlich werden, der zu ihren heim-
tückischsten Hervorbringungen zählt. Wenn das Subjekt im
Sinne Nietzsches gebildet wird durch einen Willen, der sich
auf sich selbst zurückwendet und eine reflexive Form annimmt,
dann ist das Subjekt eine Modalität der sich auf sich selbst
zurückwendenden Macht; das Subjekt ist die Wirkung eines
Rückstoßes der Macht.
Das Subjekt, das im selben Moment gebildet und unterge-
ordnet wird, ist schon auf dem Schauplatz der Psychoanalyse
implizit gegenwärtig. Aus Foucaults Reformulierung der Unter-
ordnung als dem Subjekt nicht nur aufgezwungen, sondern als
zugleich subjektbildend, d.h. als dem Subjekt in seiner Formie-
rung aufgezwungen, lässt sich bereits eine Ambivalenz am
Schauplatz der Subjektentstehung ersehen. Wenn der Autono-
mieeffekt durch Unterordnung bedingt ist und diese Grün-
dungsunterordnungoder Abhängigkeit rigoros verdrängt wird,
dann entsteht das Subjekt zusammen mit dem Unbewussten.
Foucaults Postulat von der Subjektivation als Unterordnung
und Bildung des Subjekts in einem gewinnt eine spezifische
psychoanalytische Valenz, wenn wir daran denken, dass kein
Subjekt ohne leidenschaftliche Verhaftung an jene entsteht,
von denen es in fundamentaler Weise abhängig ist (auch wenn
diese Leidenschaft im psychoanalytischen Sinn eine "negative"
ist). Die Abhängigkeit des Kindes ist zwar keine politische Unter-
ordnung im gewöhnlichen Wortsinn, aber die Ausbildung der
ursprünglichen Leidenschaft in der Abhängigkeit macht das
Kind anfällig für Unterordnung und Ausbeutung, ein Thema,

120
Paradoxien der Subjektivation. Zur Psyche der Macht

mit dem sich der politische Diskurs seit einiger Zeit beschäf-
tigt. Überdies ist diese Situation der ursprünglichen Abhängig-
keit eine Voraussetzung der politischen Formierung und Reg-
lementierung der Subjekte und das Mittel ihrer Unterwerfung.
Wenn das Subjekt nicht geformt werden kann ohne leiden-
schaftliche Bindung an jene, denen es untergeordnet ist, dann
erweist sich die Unterordnung als zentrales Moment der Sub-
jektwerdung.6 Unterordnung als Bedingung der Subjektwer-
dungimpliziert eine zwangsweise Unterwerfung. Zudem lässt
sich der Überlebenswunsch, das Begehren "zu sein", durchweg
ausbeuten. Wer das Versprechen des Weiterlebens in der Hand
hat, spielt mit dem Überlebenswunsch. "Lieber will ich in
Unterordnung leben als gar nicht"- das ist ein Ausdruck die-
ser Lage (wo das Risiko, den "Tod" zu erleiden, nie fehlt). Hier
liegt einer der Gründe für die falsche Einschätzung des Cha-
rakters der Ausbeutung in den Debatten um den sexuellen
Missbrauch von Kindern. Es wird nicht einfach einseitig vom
Erwachsenen eine Sexualität aufgezwungen, und sie wird auch
nicht einseitig vom Kind herbeiphantasiert; vielmehr wird die
Liebe des Kindes ausgebeutet, die Liebe, die für das Kind exis-
tenznotwendig ist, und sein leidenschaftliches Verhaftetsein.
Gehen wir davon aus, dass ein Subjekt nicht nur in Unter-
ordnung gebildet wird, sondern dass seine Unterordnung ihm
fortgesetzte Möglichkeitsbedingung seiner Existenz ist. Die
Liebe eines Kindes geht jedem Urteil und jeder Entscheidung
voraus; ein halbwegs "annehmbar" gepflegtes und ernährtes
Kind liebt zunächst einmal und kann erst später zwischen den
Personen, die es liebt, Unterschiede machen. Das soll nicht hei-
ßen, das Kind liebe blind (denn es unterscheidet und "weiß"
schon sehr früh Wichtiges), sondern lediglich: soll das Kind im
sozialen und psychischen Sinn weiterleben, dann muss es

" Meine Ausfuhrungen über das .. Verhaftetsein" sind Wendy Brown verpflichtet; vgl.
ihren Essay .. Wounded Attachments" in: States of lnjury: Freedom and Power in Late
.\1odemity. Princeton: Princeton University Press 1995.

121
fudith Butler

Abhängigkeit und Bindungen geben; es gibt für das Kind gar


keine andere Möglichkeit als zu lieben, wo Liebe und die Erfor-
dernisse des Lebens selbst unlösbar miteinander verknüpft
sind. Das Kind weiß nicht, woran es sich bindet, aber es muss
sich binden, um überhaupt und um als es selbst weiterzule-
ben.7 Ohne diese in Abhängigkeit ausgebildete Bindung kann
kein Subjekt entstehen, aber ebenso wenig kann irgendein
Subjekt sich leisten, dies im Verlauf seiner Formierung voll-
ständig zu "sehen". Das Verhaftetsein in seinen ursprünglichen
Formen muss sowohl entstehen wie verleugnet werden, seine Ent-
stehung muss seine teilweise Verleugnung sein, soll es über-
haupt zur Subjektwerdung kommen.
Daraus erklärt sich ein Stück weit die Beschämung des
Erwachsenen in der Konfrontation mit seinen frühesten Lie-
besobjekten - Eltern, Kindermädchen, Geschwistern usw. -,
das Gefühl einer nachträglichen Beschämung, wenn man sich
sagt: "Einen solchen Menschen kann ich doch unmöglich
geliebt haben!" Diese Äußerung räumt gerrau das ein, was sie
verleugnet, indem sie das "Ich" an das Ausgeschlossene bindet,
das in nichts als dieser entschlossenen Vorstellung gründet.
Das "Ich" wird somit in seinen Grundlagen bedroht vom
Gespenst der Wiederkehr dieser (unmöglichen) Liebe und
bleibt dazu verurteilt, diese Liebe unbewusst zu wiederholen,
den Skandal, diese Unmöglichkeit, immer wieder neu zu
durchleben und von sich wegzuschieben, den Skandal, der das
"Ich"-Gefühl bedroht. ",Ich' könnte gar nicht sein, wer ich bin,
sollte ich so lieben, wie ich es offenbar getan habe, was ich, um
als ich selbst weiter zu existieren, weiter leugnen und doch in
meinem jetzigen Leben unbewusst wieder durchleben muss,
und zwar mit dem schrecklichsten Leid als Folge." Die trauma-
tische Wiederholung des aus dem gegenwärtigen Leben Aus-

7 In "Zur Einftihrung des Narzißmus" unterscheidet Freud zwischen narzisstischen


und anaklitischen Formen der Liebe; erstere, so Freud, erweitern oder vergrößern das
Ich, während letztere zu seiner Verkleinerung oder Verarmung fuhren.

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Paradoxien der Subjektivation. Zur Psyche der Macht

geschlossenen bedroht das "Ich". Durch diese neurotische Wie-


derholung betreibt das Subjekt seine eigene Auflösung - ein
Betreiben, das auf eine Instanz verweist, aber nicht auf die des
Subjekts, sondern vielmehr auf die Instanz eines Begehrens, das
auf die Auflösung des Subjekts zielt und wo das Subjekt als
Sperre oder Barre dieses Begehrens fungiert. 8
Wenn das Subjekt durch einen Ausschluss hervorgebracht
wird, dann entsteht es durch eine Bedingung, von der es per
definitionem getrennt und unterschieden ist. Das Begehren zielt
auf die Auflösung des Subjekts, wird aber von eben dem Sub-
jekt durchkreuzt, in dessen Namen es wirkt. Ein Durchkreuzen
des Begehrens, das sich für die Subjektivation als entscheidend
erweist: Will das Subjekt weiterleben, muss es sein eigenes
Begehren durchkreuzen. Und damit das Begehren triumphie-
ren kann, muss das Subjekt von Auflösung bedroht sein. Ein
gegen sich selbst (sein Begehren) gewendetes Subjekt erscheint
nach.diesem Modell als Voraussetzung des Fortbestehens des
Subjekts.
Um als man selbst zu bestehen, muss man also die Bedin-
gungen seiner eigenen Unterordnung begehren. Was bedeutet
es, um als man selbst zu bestehen, gerade die Form der Macht
- Reglementierung, Verbot, Unterdrückung- zu begrüßen, die
einen mit Auflösung bedroht? Die Sache ist nicht einfach die,
dass man die Anerkennung des anderen braucht und dass
Unterordnung eine Form der Anerkennung gewährt; vielmehr
ist man schon zur Formung seiner selbst abhängig von der
Macht, ist diese Formung ohne Abhängigkeit nicht möglich
und besteht die Haltung des erwachsenen Subjekts eben in der
Verleugnung und Wiederholung dieser Abhängigkeit. Das
"Ich" entsteht unter der Bedingung, dass es seine Formierung
R Zum Begriff dieser Wiederholung, die-den Todestrieb bezeichnet und die Grenze

der Herrschaft des Ich markiert, vgl. Jacques Lacan: Die vier Grundbegriffe der Psycho-
analyse (Das Seminar Buch XI), Weinheim/Berlin: Quadriga 1987, S. 55ff. Freud argu-
mentiert entsprechend in Jenseits des Lustprinzips, Studienausgabe Bd. J, Frankfurt am
Main: Fischer 1980, S. 245-252.
]udith Butler

in Abhängigkeit, dass es seine eigenen Möglichkeitsbedingun-


gen verleugnet. Indes steht das "Ich" durch ebendiese Verleug-
nung unter der Drohung seiner Zersetzung: Durch das unbe-
wusste Betreiben seiner eigenen Auflösung in neurotischen
Wiederholungen jener Urkonstellationen, die es nicht nur
nicht sehen will, sondern auch nicht sehen kann, will es es
selbst bleiben. Das bedeutet natürlich, dass es, gebunden an
das, was es nicht wissen will, von sich selbst geschieden ist und
nie ganz es selbst werden oder bleiben kann.

Ambivalenz

Der Begriff des Subjekts gab innerhalb jüngerer theoretischer


Diskussionen Anlass zu Kontroversen. Von den einen wurde
dieser Begriff zur notwendigen Vorbedingung der Handlungs-
fähigkeit erklärt, von den anderen als zu verwerfendes Zeichen
von "Herrschaft" geschmäht. Ich will diese Debatte hierweder
weiterführen noch abschließen. Vielmehr möchte ich mich mit
einer wiederholt auftauchenden Paradoxie dieser Debatte
beschäftigen, die beinahe immer zu einer Ambivalenz führt.
Wie kann das Subjekt als Bedingung und Instrument der
Handlungsfähigkeit zugleich Effekt der Unterordnung als Ver-
lust seiner Handlungsfähigkeit sein? Wenn Unterordnung die
Möglichkeitsbedingung der Handlungsfähigkeit ist, wie lässt
sich die Handlungsfähigkeit des Subjekts dann als Gegensatz
zu den Kräften seiner Unterordnung verstehen? Über "das Sub-
jekt" wird oft gesprochen, als sei es austauschbar mit "der Per-
son" oder "dem Individuum". Die Genealogie des Subjekts als
kritischer Kategorie jedoch verweist darauf, dass das Subjekt
nicht mit dem Individuum gleichzusetzen, sondern vielmehr
als sprachliche Kategorie aufzufassen ist, als Platzhalter, als in
Formierung begriffene Struktur. Individuen besetzen die Stelle,
den Ort des Subjekts (als welcher "Ort" das Subjekt zugleich

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Paradoxien der Subjektivation. Zur Psyche der Macht

entsteht), und verständlich werden sie nur, soweit sie gleich-


sam zunächst in der Sprache eingeführt werden. Das Subjekt
ist die sprachliche Gelegenheit des Individuums, Verständlich-
keit zu gewinnen und zu reproduzieren, also die sprachliche
Bedingung seiner Existenz und Handlungsfähigkeit. Kein Indi-
viduum wird Subjekt, ohne zuvor unterworfen/subjektiviert zu
werden oder einen Prozess der "Subjektivation" (nach dem
französischen assujettissement) zu durchlaufen. Es hat wenig
Sinn, "das Individuum" als verständlichen Ausdruck zu behan-
deln, wenn Individuen ihre Verständlichkeit erst durch die
Subjektwerdung erlangen. Man kann sich paradoxerweise gar
nicht verständlich auf Individuen oder ihr Werden beziehen,
ohne sich zuvor schon aufihren Subjektstatus zu beziehen. Die
Geschichte der Subjektivation ist notwendig zirkulär und setzt
eben das Subjekt schon voraus, das sie erst erklären will. Einer-
seits kann das Subjekt sich auf seine eigene Genese nur bezie-
hen, indem es sich selbst gegenüber die Perspektive eines Drit-
ten einnimmt, indem es also im Akt der Erzählung seiner
Genese seine eigene Perspektive enteignet. Andererseits setzt
die Erzählung der Konstitutionsgeschichte des Subjekts diese
Konstitution bereits voraus und ist somit gegenüber dem Fak-
tum nachträglich. Das Subjekt verliert sich in der Erzählung
seiner eigenen Geschichte, aber indem es seine Geschichte
erzählt, sucht es zu verdeutlichen, was die narrative Funktion
schon klargemacht hat. Was hat es also zu bedeuten, dass das
von manchen als Voraussetzung der Handlungsfähigkeit ver-
teidigte Subjekt zugleich als Effekt der Unterwerfung zu verste-
hen ist? AufFolgendes wird damit verwiesen: Im Akt der Oppo-
sition gegen die Unterordnung wiederholt das Subjekt seine
Unterwerfung (ein Begriff, der sich sowohl in der Psychoana-
lyse wie bei Foucault findet). Wie ist dann diese Unterwerfung
zu denken, und wie kann sie zu einem Schauplatz der Verän-
derung werden? Eine auf das Subjekt ausgeübte Macht, ist die
Unterwerfung doch eine vom Subjekt angenommene Macht, eine

I?<
}udith Butler

Annahme, die das Instrument des Werdens dieses Subjekts


ausmacht.

Subjektivation/Unterordnung

Der Doppelaspekt der Subjektivation scheint in einen circulus


vitiosus zu führen: Die Handlungsfähigkeit des Subjekts
erscheint als Wirkung seiner Unterordnung. Jeder Versuch des
Widerstands gegen diese Unterordnung setzt diese notwendig
voraus und ruft sie erneut hervor. Glücklicherweise kann die
Geschichte diesen Zirkel überstehen. Was bedeutet es für die
Handlungsfähigkeit eines Subjekts, seine eigene Unterordnung
vorauszusetzen? Ist der Akt der Voraussetzung identisch mit dem
Akt der Wiedereinsetzung, oder besteht eine Diskontinuität zwi-
schen der vorausgesetzten und der wieder eingesetzten Macht?
Machen wir uns klar, dass das Subjekt in eben dem Akt, mit
dem es die Bedingungen seiner eigenen Unterordnung repro-
duziert, auch eine zeitbedingte Anfälligkeit an den Tag legt, die
Teil dieser Bedingungen ist, insbesondere in Bezug auf die Not-
lage ihrer Erneuerung. Die Macht als Bedingung des Subjekts
ist notwendigerweise etwas anderes als die Macht, von der es
heißt, das Subjekt übe sie aus. Die das Subjekt hervorbringende
Macht kann sich nicht in der Macht durchhalten, die die
Instanz des Subjekts ausmacht. Eine wichtige und potentiell
ermächtigende Umkehrung ereignet sich, wenn sich der Sta-
tus der Macht als Bedingung der Handlungsfähigkeit ver-
schiebt zur "eigenen" Handlungsfähigkeit des Subjekts (die
eine Erscheinung der Macht bildet, in welcher das Subjekt als
Bedingung seiner "eigenen" Macht auftritt). Wie ist dieses Wer-
den einzuschätzen? Handelt es sich um einen ermächtigenden,
einen schlechten Bruch? Wie kann die Macht, von der das Sub-
jekt in seiner Existenz abhängt und die es zu wiederholen
gezwungen ist, sich im Verlauf dieser Wiederholung gegen sich

!26
Paradoxien der Subjektivation. Zur Psyche der Macht

selbst wenden? Wie ist in Begriffen der Wiederholung Wider-


stand zu denken?
Diese Perspektive verweist darauf, dass Handlungsfähigkeit
sich nicht logisch aus ihren Bedingungen ableiten, dass sich
keine Kontinuität annehmen lässt zwischen (a) dem, was Macht
möglich macht und (b) den Arten von Möglichkeiten, die die
Macht annimmt. Behält das Subjekt im Handeln seine Entste-
hungsbedingungen bei, so impliziert das nicht, dass seine
gesamte Handlungsfähigkeit in diese Bedingungen verstrickt
bleibt und dass diese Bedingungen in jeder Ausübung seiner
Handlungsfähigkeit die gleichen bleiben. Die Übernahme von
Macht ist keine geradlinige Aufgabe, etwa so, dass Macht von
der einen Stelle übernommen, intakt übertragen und dann zur
eigenen gemacht wird; der Aneignungsakt kann eine Verände-
rung der Macht beinhalten, so dass die übernommene oder
angeeignete Macht gegen jene Macht arbeitet, die diese Über-
nahme ermöglicht hat. Wo die Unterordnungsbedingungen
eine Übernahme von Macht ermöglichen, bleibt die übernom-
mene Macht an diese Bedingungen geknüpft, jedoch auf ambi-
valente Art; die übernommene Macht kann in der Tat jene
Unterordnung zugleich fortschreiben und ihr widerstehen. Das
bedeutet aber nicht, dass der Widerstand in Wahrheit eine Stär-
kung der Macht oder dass die Stärkung der Macht in Wahrheit
Widerstand ist. Es handelt sich um beides zugleich, und diese
Ambivalenz bildet das Band der Handlungsfähigkeit.
Nach dem Doppelsinn von "Subjektivation" als Unterord-
nung und Werden des Subjekts besteht die Macht als Unter-
ordnung in einer Reihe von Bedingungen, die dem Subjekt vor-
hergehen und es von außen bewirken und unterordnen. Diese
Formulierung gerät jedoch ins Schwanken, sobald wir daran
denken, dass es vor dieser Wirkung gar kein Subjekt gibt. Die
Macht wirkt nicht nur auf ein Subjekt ein, sondern bewirkt im
transitiven Sinn auch die Entstehung des Subjekts. Als Bedin-
gung geht die Macht dem Subjekt vorher. Wird die Macht

127
fudith Butler

jedoch vom Subjekt ausgeübt, verliert sie den Anschein ihrer


Ursprünglichkeit; in dieser Situation eröffnet sich die umge-
kehrte Perspektive, dass Macht die Wirkung des Subjekts ist
und dass Macht das ist, was Subjekte bewirken. Eine Bedin-
gung ermöglicht oder bewirkt nichts, ohne präsent zu werden.
Weil Macht vor dem Subjekt gar nicht intakt ist, verschwindet
der Anschein ihrer Vorgängigkeit, wenn sie auf das Subjekt ein-
wirkt, und das Subjekt entsteht (und leitet sich her) aus dieser
zeitlichen Umkehrung im Horizont der Macht. Als Handlungs-
fähigkeit des Subjekts nimmt die Macht ihre gegenwärtige zeit-
liche Dimension an. 9
Die Macht wirkt auf mindestens zweierlei Weise auf das Sub-
jekt ein: erstens als das, was das Subjekt ermöglicht, als Bedin-
gung seiner Möglichkeit und Gelegenheit seiner Formung, und
zweitens als das, was vom Subjekt aufgenommen und im "eige-
nen" Handeln des Subjekts wiederholt wird. Als Subjekt der
Macht (wobei der Genitiv sowohl das "Zugehören" zur Macht
wie die "Ausübung" der Macht bezeichnet) verdunkelt das Sub-
jekt seine eigenen Entstehungsbedingungen; es verschleiert
Macht mit Macht. Die Bedingungen ermöglichen nicht nur das
Subjekt, sie gehen auch in die Formung des Subjekts ein. Sie
werden vergegenwärtigt in den Handlungen dieser Formung
und in den auf sie folgenden Handlungen des Subjekts.
Der Begriff der in der Subjektivation tätigen Macht erscheint
somit in zwei unvereinbaren Zeitmodalitäten: erstens als das,
was für das Subjekt immer vorgängig ist, außerhalb seiner
selbst und von Anfang an wirksam; zweitens als gewollte Wir-
kung des Subjekts. Diese zweite Modalität hat mindestens zwei
Bedeutungen: Als gewollte Wirkung des Subjekts ist die Sub-

' Ich schließe hier an die Argumentation meines Buches Körper von Gewicht. Die dis-
kursiven Grenzen des Geschlechts (Berlin: Berlin Verlag 1995) an ... Es gibt da keine Macht,
die handelt, sondern nur ein dauernd wiederbaltes Handeln, das Macht in ihrer
Beständigkeit und Instabilität ist." (Ebd., S. 31) Damit wollte ich nicht sagen, die Macht
handle ohne Subjekt Im Gegenteil: damit die Macht handeln kann, muss es ein Sub-
jekt geben, was jedoch nicht bedeutet, das Subjekt sei der Ursprung der Macht

128
Paradoxien der Subjektivation. Zur Psyche der Macht

jektivation eine Unterordnung, die das Subjekt über sich selbst


verhängt; wenn jedoch die Subjektivation ein Subjekt hervor-
bringt und ein Subjekt Vorbedingung der Handlungsfli.higkeit
ist, dann ist die Subjektivation die Begründung dafür, dass das
Subjekt Garant seines Widerstands und seiner Opposition
wird. Ob die Macht nun als dem Subjekt vorgängig oder als
dessen instrumentelle Wirkung aufgefasst wird- das Schwan-
ken zwischen den beiden Zeitmodalitäten ("vor" und "nach"
dem Subjekt) hat in den meisten Debatten um das Subjekt und
das Problem seiner Handlungsfahigkeit eine Rolle gespielt.
Viele Diskussionen über dieses Thema sind bei der Frage ste-
ckengeblieben, ob das Subjekt nun Bedingung oder toter Punkt
der Handlungsfähigkeit ist. Beide Sackgassen haben immer
wieder dazu geführt, dass die Frage des Subjekts als unvermeid-
licher Stolperstein der Gesellschaftstheorie betrachtet wurde.
Meiner Ansicht nach liegt die Schwierigkeit zum Teil darin,
dass das Subjekt selbst Schauplatz dieser Ambivalenz ist, in
welcher das Subjekt sowohl als Effekt einer vorgängigen Macht
wie als Möglichkeitsbedingung für eine radikal bedingte Form
der Handlungsfähigkeit entsteht. Eine Theorie des Subjekts
sollte die ganze Ambivalenz seiner Funktionsbedingungen mit
in Betracht ziehen.
Es lässt sich kein begrifflicher Übergang vollziehen zwischen
der Macht, die dem Subjekt, auf es "einwirkend", äußerlich ist,
und der Macht, die für das Subjekt, von ihm handelnd
"bewirkt", konstitutiv ist. Zu erwarten wäre von einem solchen
Übergang in der Tat eben jene Aufsplitterung und Umkehrung,
die für das Subjekt selbst konstitutiv ist. Die Macht handelt in
Bezug auf das Subjekt, und dieses Handeln ist eine Inszenie-
rung des Subjekts; eine unauflösbare Zweideutigkeit entsteht,
wenn man zu unterscheiden sucht zwischen der Macht, die
(transitiv) das Subjekt inszeniert, es handelnd hervorbringt,
und der vom Subjekt selbst inszenierten, handelnd hervorge-
brachten Macht, d.h. zwischen der Macht, die das Subjekt

120
judith Butler

formt, und der "eigenen" Macht des Subjekts. Wer oder was
handelt, inszeniert, bringt hier eigentlich handelnd hervor?
Eine Macht vor dem Subjekt oder die Macht des Subjekts
selbst? An einem bestimmten Punkt tritt hier eine Umkehrung
und Verschleierung ein, und die Macht erscheint als das, was
ausschließlich dem Subjekt zugehört (und das Subjekt er-
scheint dann so, als ob es keiner vorhergehenden Wirksamkeit
der Macht zugehörte). Überdies ist das vom Subjekt handelnd
Bewirkte zwar durch die vorgängige Wirksamkeit der Macht
ermöglicht, aber durch sie nicht abschließend begrenzt. Die
Handlungsfähigkeit übersteigt die sie ermöglichende Macht.
Man könnte sagen, die Zwecke der Macht sind nicht immer die
der Handlungsfähigkeit Soweit letztere von ersteren abwei-
chen, ist Handlungsfähigkeit die Annahme eines von der
Macht unbeabsichtigten Zweckes, eines Zweckes, der sich nicht
logisch oder geschichtlich hätte herleiten lassen, der in einer
Kontingenz- und Umkehrbeziehung zur ihn ermöglichenden
Macht wirkt, zu der er aber nichtsdestoweniger gehört. Das ist
gleichsam der ambivalente Schauplatz der durch keine teleo-
logische Notwendigkeit beschränkten Handlungsfähigkeit.
Die Macht ist dem Subjekt äußerlich, und sie ist zugleich der
Ort des Subjekts selbst. Dieser offensichtliche Widerspruch
wird sinnvoll, wenn wir uns klarmachen, dass kein Subjekt
ohne Macht entsteht, dass aber die Subjektwerdung zugleich
eine Verschleierung der Macht impliziert, eine metaleptische
Umkehrung, in der das durch die Macht hervorgebrachte Sub-
jekt zum Subjekt ausgerufen wird, in dem die Macht gründet.
Diese Letztbegründungstheorie des Subjekts ist ein Effekt des
Wirkens der Macht, ein durch Umkehrung und Verschleierung
dieser ursprünglichen Arbeit der Macht erzeugter Effekt. Das
heißt nun nicht, das Subjekt ließe sich auf die Macht zurück-
führen, der es seine Entstehung verdankt, genauso wenig, wie
sich die Macht auf das Subjekt reduzieren lässt. Macht ist nie-
mals bloß eine äußerliche oder dem Subjekt vorhergehende
.Paradoxien der :Jubjektlvatwn. Zur Psyche der Macht

Bedingung, noch kann sie ausschließlich mit dem Subjekt


identifiziert werden. Die Bedingungen der Macht müssen stän-
dig wiederholt werden, um fortzubestehen, und das Subjekt ist
der Ort dieser Wiederholung, einer Wiederholung, die niemals
bloß mechanischer Art ist. Die Erscheinung der Macht ver-
schiebt sich von der Bedingung des Subjekts hin zu seinen Wir-
kungen, wobei die (ursprünglichen und vorhergehenden)
Bedingungen der Macht die Zeitform der Gegenwart und
Zukunft annehmen. Die Macht gewinnt diese Gegenwartsform
jedoch durch eine Richtungsumkehr, durch die mit dem Vor-
hergehenden gebrochen und der Anschein einer sich selbst
einsetzenden Handlungsfahigkeit erzeugt wird. Die Reiteration
der Macht verzeitlicht nicht nur die Bedingungen der Unter-
ordnung, sondern erweist diese Bedingungen auch als nicht-
statisch, als temporalisiert- aktiv und produktiv. Die durch die
Wiederholung erzielte Verzeitlichung bahnt den Weg für die
Verschiebung und Umkehr der Erscheinung der Macht. Die
Perspektive der Macht verändert sich: Sie wird aus dem, was
von Anfang an und von außen auf uns einwirkt, zu dem, was
in unserem gegenwärtigen Handeln und seinem in die Zukunft
ausgreifenden Wirkungen unseren Sinn für die Handlungsfä-
higkeit ausmacht.
Die vorliegende Untersuchung' 0 ist zwar Foucaults Formu-
lierung des Problems .,assujetissement" verpflichtet, wie er sie in
seinen Aufsätzen .,Das Subjekt und die Macht" und in den bei-
den Vorlesungen in Macht/Wissen entwickelt, sowie auch sei-
nen Ausftihrungen über das Subjekt des Begehrens und das
Subjekt des Gesetzes in den beiden ersten Bänden von Sexua-
lität und Wahrheit und in Überwachen und Strafen," jedoch wird

'" D.h. der Band Psyche der Macht, zu dem der vorliegende Text die Einleitung bildet
-Anm.d. Hg.
" Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt am
Main: Suhrkamp 1977; Sexualität und Wahrheit 1: Der Wille zum Wissen, Frankfurt am
Main: Suhrkamp 1983; Sexualität und Wahrheit 2: Der Gebrauch der Lüste, Frankfurt am
Main: Suhrkamp 1989; "Two Lectures", in: Colin Gordon (Hg.), Power/Knowledge: Selec-

131
fudith Butler

in unserer Formulierung des Subjektproblems auch die wei-


tere kulturelle und politische Lage berücksichtigt, insbesondere
die Frage, wie eine oppositionelle Beziehung zur Macht ausse-
hen kann, die zugestandenermaßen schon in eben der Macht
angelegt ist, gegen die man sich wendet. Diese post-befreiungs-
theoretische Einsicht hat oft zu dem Schluss geführt, dass jede
Handlungsfähigkeit hier auf den Punkt trifft, an dem sie nicht
mehr weiterkommt. Entweder werden Formen des Kapitals
oder der symbolischen Beherrschung aufgefasst, als sorgten sie
dafür, dass alle unsere Handlungen immer schon im Voraus
"domestiziert" sind, oder es werden bestimmte verallgemei-
nerte und zeitlose Einsichten in die aporedsehe Struktur jeder
Bewegung in Richtung Zukunft vorgebracht. Ich würde hinge-
gen sagen, dass sich aus dieser ursprünglichen Komplizen-
schaft mit der Unterordnung keine notwendigen historischen
oder logischen Folgerungen ableiten lassen, dass aus ihr jedoch
durchaus einige verhaltene Möglichkeiten folgen. Das Einbe-
griffensein der Handlungsfähigkeit in die Unterordnung ist
kein Zeichen eines fatalen Selbstwiderspruchs im Kern des
Subjekts und somit auch kein weiterer Beweis für dessen schäd-
lichen oder überholten Charakter. Andererseits wird damit
auch nicht in Berufung auf eine klassische, liberal-humanisti-
sche Tradition der jederzeitigen Opposition der Handlungsfä-
higkeit gegen die Macht ein unverfälschter Begriff des Subjekts
wiederhergestellt. Die erstgenannte Auffassung ist kennzeich-
nend für politisch scheinheilige Formen des Fatalismus, die
zweite für naive Formen des politischen Optimismus. Von bei-
den Haltungen hoffe ich mich hier freihalten zu können.
Das Subjekt lässt sich durchaus so denken, dass es seine
Handlungsfähigkeit von eben der Macht bezieht, gegen die es

ted Interviewsand Other Writings, 1972-77. New York: Pantheon Books 1980, S. 78-108;
"Das Subjekt der Macht", in: Hubert Dreyfus und Paul Rabinow (Hg.), Michel Foucault.
Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik, Frankfurt am Main: Athenäum 1987, S.
243-261. (Zu Foucault siehe vor allem Kap. 3 in Psyche der Macht- Anm. d. Hg.)

132
Paradoxien der Subjektivation. Zur Psyche der Macht

sich stellt, so unangenehm und beschämend das insbesondere


fur jene sein mag, die glauben, Komplizenschaft und Ambiva-
lenz ließen sich ein für allemal ausrotten. Wenn das Subjekt
weder durch die Macht voll determiniert ist noch seinerseits voll-
ständig die Macht determiniert (sondern immer beides zum
Teil), dann geht das Subjekt über die Logik der Widerspruchs-
freiheit hinaus, es ist gleichsam ein Auswuchs, ein Überschuss
der Logik.'' Die Behauptung, das Subjekt gehe über das Entwe-
der/Oder hinaus, besagt nicht, dass es in irgendeiner selbstge-
schaffenen Freizone lebt. Das Hinausgehen ist kein Entkom-
men, und das Subjekt geht genau über das hinaus, an was es
gebunden ist. In diesem Sinn kann das Subjekt die Ambivalenz
seiner eigenen Konstitution nicht ersticken. Schmerzlich, dyna-
misch und vielversprechend, ist dieses Schwanken zwischen
dem Schon-Da und dem Noch-Nicht ein Scheideweg, der jedem
einzelnen Schritt seiner Überquerung anhängt, eine sich stän-
dig wiederholende Ambivalenz im Kern der Handlungsfähig-
keit. Die reartikulierte Macht wird "re"-artikuliert im Sinn des
schon Getanen und im Sinn des wieder und aufs neue Getanen.
Bleibt Folgendes zu bedenken: (a) wie in der Formierung des
Subjekts die regulierende Formierung der Psyche eingeschlos-
sen ist und wie sich der Diskurs der Macht wieder zusammen-
fuhren lässt mit dem Diskurs der Psychoanalyse, und (b) wie
eine solche Subjektkonzeption sich als Begriff der politischen
Handlungsfähigkeit in postliberalen Zeiten einsetzen lässt.

Reglementierungen der Psyche

Wenn die Macht Subjekte nicht nur beherrscht oder unter-


drückt, sondern sie auch allererst formt, worin besteht dann
diese Formierung? Offensichtlich bringt die Macht nicht im

' Lacan bezieht sich auf das Subjekt als Auswuchs.


fudith Butler

gewöhnlichen Sinn Personen in die Welt. Foucault verknüpft


den formativen oder produktiven Charakter der Macht mit
ihrer regulierenden oder disziplinierenden Herrschaft. In Über-
wachen und Strafen bringt das Verbrechen eine Klasse von Kri-
minellen hervor, und zwar körperlich in Gestus und Stil der
Einkerkerung. Wie ist aber diese Produktion und Verfertigung
zu verstehen? Die formierende Dimension der Macht ist nicht
mechanistisch und nicht behavioristisch aufzufassen. Sie
erzeugt nicht immer nach einem Zweck, oder anders: ihre Pro-
duktion geht oft über die Zwecke, zu denen produziert wird,
hinaus oder verändert diese Zwecke.' 3 Foucaults Schweigen
zum Thema Psyche ist bekannt, aber eine Erklärung der Sub-
jektivation muss, so scheint es, in die Wendungen des psychi-
schen Lebens hineinführen. Gerrauer muss sie in der merkwür-
digen Wendung des Subjekts gegen sich selbst gesucht werden,
wie wir sie in Selbstvorwurf, Gewissen und Melancholie vor
uns haben, die mit Prozessen sozialer Reglementierung einher-
gehen. Verweigern wir uns jedoch dem ontologischen Dualis-
mus der Trennung von Politischem und Psychischem, dann
müssen wir eine kritische Erklärung für die psychische Sub-
jektivation in Begriffen der regulierenden und produktiven
Wirkungen der Macht liefern. Wenn sich Formen der regle-
mentierenden Macht zum Teil in der Subjektformierung
durchhalten und wenn diese Formierung sich- insbesondere
in der Inkorporation von Normen- nach den Erfordernissen
der Macht vollzieht, dann muss eine Theorie der Subjektbil-
dung diesen Einverleihungsprozess erklären, und eine Analyse
des Begriffs der Inkorporation muss die psychische Topogra-
phie klären, zu der sie führt. Wie wird aus der Unterwerfung
des Begehrens ein Begehren der Unterwerfung?

'' In der Genealogie der Moral (Kritische Studienausgabe, Bd. 5, München/Berlin: dtv
1980, S. 314f.) entwickelt Nietzsche den Begriff der Zeichenkette. Er bemerkt, dass Worte
oder Werkzeuge Zwecken dienen und Wirkungen erzeugen können, ftir die sie
ursprünglich gar nicht vorgesehen waren.

134
Paradoxien der Subjektivation. Zur Psyche der Macht

Mit der Behauptung der Verinnerlichung sozialer Normen


haben wir noch nicht erklärt, was Einverleibung oder allgemei-
ner Verinnerlichung eigentlich ist, was es für eine Norm heißt,
verinnerlicht zu werden oder was im Verlauf dieser Verinner-
lichung mit der Norm geschieht. Ist die Norm zunächst "drau-
ßen", bevor sie in einen schon existierenden psychischen Raum
eintritt, verstanden als inneres Theater der einen oder anderen
Art? Oder trägt die Verinnerlichung der Norm zur Erzeugung
von Innerlichkeit bei? Beinhaltet die psychisch gewordene
Norm nicht nur die Verinnerlichung der Norm, sondern auch
die Verinnerlichung der Psyche?'4 Ich vertrete die Auffassung,
dass dieser Prozess der Verinnerlichung der Psyche die Unter-
scheidung zwischen innerem und äußerem Leben bewirkt, womit
wir eine Unterscheidung zwischen dem Psychischen und dem
Sozialen gewinnen, die sich deutlich von der Erklärung der
psychischen Verinnerlichung von Normen unterscheidet. Da
Normen zudem nicht mechanisch und nicht auf durchweg vor-
hersagbare Weise verinnerlicht werden- nimmt die Norm als
psychisches Phänomen einen anderen Charakter an? Wie kön-
nen wir uns insbesondere das Begehren nach der Norm und
allgemeiner die Subjektivation in Begriffen eines vorgängigen
Begehrens nach einer gesellschaftlichen Existenz erklären,
eines Begehrens, das sich die Reglementierungsmacht zunutze
macht? Wo gesellschaftliche Kategorien eine anerkennungsfä-
hige und dauerhafte soziale Existenz gewährleisten, werden
diese Kategorien, selbst wenn sie im Dienst der Unterwerfung
stehen, oft vorgezogen, wenn die Alternative darin besteht,
überhaupt keine soziale Existenz zu haben. Wie entsteht dann
das Verlangen nach Unterwerfung auf der Basis des Verlangens
nach einer sozialen Existenz, das primäre Abhängigkeiten in

1_.Ich unterscheide hier nach phänomenologischen Konventionen zwischen "Inne-


rem" und .. Innerlichem"; das "Innere" bezeichnet eine kontingente Beziehung, das
"Innerliche" eine konstitutive. Diese Terminologie betont auch den phänomeno-
logischen Bezug der letzteren.

135
/udith Butler

Erinnerung ruft und ausbeutet, als Instrument und Effekt der


Macht der Subjektivation?
Um den Machtmissbrauch als realen- nicht als Schöpfung
oder Phantasie des Subjekts- zu betonen, wird die Macht oft
als eindeutig außerhalb des Subjekts liegend dargestellt, als
etwas, das gegen den Willen des Subjekts durchgesetzt wird.
Wenn aber schon die Hervorbringung des Subjekts und die
Formung dieses Willens Konsequenzen einer ursprünglichen
Unterordnung sind, dann ist das Subjekt unvermeidlich ver-
letzlich gegenüber einer Macht, die es nicht selbst gebildet hat
Diese Anfälligkeit macht das Subjekt zu einem ausheutbaren
Wesen. Will man sich dem Machtmissbrauch entgegenstellen
(was nicht das gleiche ist, wie sich der Macht selbst entgegen-
zustellen), dann scheint es zumindest klug, darüber nachzu-
denken, worin unsere Anfälligkeit für diesen Missbrauch
begründet liegt. Dass Subjekte in primärer Abhängigkeit kon-
stituiert werden, entschuldigt nicht den Missbrauch, den sie
erleiden; ganz im Gegenteil wird dadurch erst recht deutlich,
wie tief diese Verletzlichkeit reichen kann.
Wie kommt es nun, dass das Subjekt jenes Wesen ist, das sich
ausbeuten lässt, das kraft seiner eigenen Formierung unter-
jocht werden kann? Das Subjekt ist genötigt, nach Anerken-
nung seiner eigenen Existenz in Kategorien, Begriffen und
Namen zu trachten, die es nicht selbst hervorgebracht hat, und
damit sucht es das Zeichen seiner eigenen Existenz außerhalb
seiner selbst in einem Diskurs, der zugleich dominant und
indifferent ist. Soziale Kategorien bezeichnen zugleich Unter-
ordnung und Existenz. Anders gesagt: im Rahmen der Subjek-
tivation ist Unterordnung der Preis der Existenz. Genau in dem
Moment, da die Wahl unmöglich ist, hält sich das Subjekt an
die Unterordnung als Existenzversprechen. Dieses Streben ist
nicht Wahl, aber es ist auch nicht Notwendigkeit. Die Subjek-
tivation beutet das Begehren nach Existenz dort aus, wo das
Dasein immer von anderswo gewährt wird; sie markiert eine
Paradoxien der Subjektivation. Zur Psyche der Macht

ursprüngliche Verletzlichkeit gegenüber dem Anderen als


Preis, der für das Dasein zu zahlen ist.
Die Annahme von Machtbedingungen, die man sich nicht
selbst gegeben hat, für die man jedoch anfällig ist, von denen
man, um zu sein, abhängig ist, erscheint als nüchterne Grund-
lage der Subjektwerdung. Die "Annahme" oder" Übernahme"
der Macht ist jedoch kein einfacher Prozess, denn die Macht
wird, ist sie einmal angenommen, nicht mechanisch reprodu-
ziert. Vielmehr läuft sie dabei das Risiko der Annahme einer
anderen Form und Richtung. Wenn Machtbedingungen nicht
einseitig Subjekte hervorbringen, welches ist dann die zeitliche
und logische Form der Annahme oder Übernahme dieser
Macht? Eine Neubeschreibung der Sphäre der psychischen
Subjektivation ist erforderlich, um klarzumachen, wie gesell-
schaftliche Macht Modi der Reflexivität erzeugt, während sie
zugleich die Formen der Gesellschaftlichkeit begrenzt. Anders
ausgedrückt: Soweit Normen als psychische Phänomene fun-
gieren, die das Begehren begrenzen und hervorbringen, lenken
sie auch die Subjektbildung und grenzen die Sphäre einer leb-
baren Gesellschaftlichkeit ein. Das psychische Fungieren der
Norm bietet der regulierenden Macht einen listigeren Weg als
der offene Zwang, einen Weg, dessen Erfolg sein stillschwei-
gendes Funktionieren im Gesellschaftlichen erlaubt. Und doch
setzt die Norm als psychische nicht bloß die gesellschaftliche
Macht jeweils neu ein, sondern wird auf ganz spezifische Art
selbst formativ und verletzlich. Die sozialen Kategorisierungen,
in denen das Ausgesetztsein des Subjekts gegenüber der Spra-
che gründet, sind selbst anfällig sowohl für psychischen wie
geschichtlichen Wandel. Diese Auffassung steht quer zu einem
Verständnis psychischer oder sprachlicher Narrnativität (wie
in manchen Spielarten des Symbolischen) als dem Gesell-
schaftlichen vorhergehend oder als dieses beschränkend. Wie
das Subjekt aus ihm vorhergehenden Machtbedingungen
abgeleitet ist, so ist die psychische Operation der Normen,

B7
Judith Butler

wenn auch nicht mechanisch oder vorhersagbar, von primären


gesellschaftlichen Operationen hergeleitet.
Die psychische Subjektivation markiert eine ganz bestimmte
Modalität der Subjektivation. Sie reflektiert oder repräsentiert
nicht einfach weiter gefasste Beziehungen der sozialen oder
gesellschaftlichen Macht, auch wenn sie wesentlich an diese
gebunden bleibt. Freud und Nietzsche bieten verschiedene
Darstellungen der Subjektbildung, die sich auf die Produktivi-
tät der Norm stützen. Beide erklären die Entstehung des Gewis-
sens als Wirkung eines verinnerlichten Verbots (womit sie das
"Verbot" nicht nur als beschränkend, sondern als produktiv
betrachten). Freud und Nietzsche sprechen davon; dass ein Ver-
bot in Bezug aufHandeln oder Ausdruck den "Trieb" auf sich
selbst zurücklenkt und damit eine innere Sphäre erzeugt, die
Voraussetzung ftir Selbstprüfung und Reflexivität ist Der
Trieb, der sich auf sich selbst zurückwendet, wird zur beschleu-
nigenden Bedingung der Subjektformierung, zu einer ursprüng-
lichen, zurückweichenden Sehnsucht, der auch in Hegels Sicht
des unglücklichen Bewusstseins nachgespürt wird. Ob die Ver-
doppelung in der Rückwendung auf sich selbst nun bewirkt
wird durch ursprüngliche Sehnsüchte, Wünsche oder Triebe,
in jedem Fall erzeugt sie eine psychische Gewohnheit des
Haders mit sich selbst, die sich im Lauf der Zeit zum Gewissen
verfestigt.
Das Gewissen ist das Mittel, durch das ein Subjekt sich selbst
zum Objekt wird, indem es über sich reflektiert und sich zum
reflektierenden oder reflexiven Subjekt macht Das "Ich" ist
nicht einfach jemand, der über sich selbst nachdenkt; es ist
definiert durch diese Fähigkeit der reflektierenden Selbstbe-
ziehung oder Reflexivität. Für Nietzsche ist Reflexivität eine
Konsequenz des Gewissens, folgt die Selbsterkenntnis der
Selbstbestrafung. (Daher "kennt" man sich niemals vor dem
Rückstoß des fraglichen Begehrens.) Um das Begehren zu bän-
digen, macht man sich selbst zum Objekt der Reflexion; indem

138
Paradoxien der Subjektiuation. Zur Psyche der Macht

man seine eigene Alterität erzeugt, wird man zum reflexiven


Wesen, das sich selbst als Objekt nehmen kann. Reflexivität
wird zum Mittel, durch welches das Begehren regelmäßig in
den Zirkel der Selbstreflexion überführt wird. Die Rückbeu-
gung des Begehrens, die in der Reflexivität gipfelt, erzeugt
jedoch eine andere Ordnung des Begehrens: das Begehren
eben nach diesem Zirkel, nach Reflexivität und schließlich
nach Subjektivation.
Wodurch wird nun das Begehren als gebändigt, zurückge-
beugt oder gar als verboten verstanden? Die Reflexion über das
Begehren löst das Begehren in die Reflexion auf; wir werden
sehen, wie sich das bei Hege! abspielt. 15 Es gibt aber noch eine
andere Ordnung des Verbots, die außerhalb des Zirkels der
Selbstreflexion liegt. Freud unterscheidet zwischen Verdrän-
gung und Verwerfung und gibt zu verstehen, dass ein verdräng-
tes Begehren einst unabhängig von seinem Verbot existiert
haben mag, dass ein verworfenes Begehren jedoch rigoros ver-
sperrt ist, womit das Subjekt durch eine bestimmte Art vorgän-
gigen Verlusts konstituiert wird. Ich habe andernorts gesagt,
dass die Verwerfung der Homosexualität grundlegend für eine
bestimmte heterosexuelle Version des Subjekts zu sein scheint. 16
Die Formel: "Ich habe nie" jemanden gleichen Geschlechts
"geliebt" und "ich habe nie" eine solche Person "verloren",
gründet das "Ich" auf das "nie-nie" dieser Liebe und dieses Ver-
lustes. In der Tat wird die ontologische Vollendung des hetero-
sexuellen "Seins" auf diese doppelte Negation zurückverfolgt,
die seine konstitutive Melancholie bildet, ein emphatischer
und irreversibler Verlust, der die schmale Basis dieses "Seins"
ausmacht.

' 5 Siehe Kap. 1 in Butler, Psyche der Macht: .,Hartnäckiges Verhaftetsein, körperliche
Subjektivation. Hege I über das unglückliche Bewußtsein"- Anm. d. Hg.
" Vgl. hierzu ausftihrlicher Kapitel 5 in Butler, Psyche der Macht: .,Melancholisches
Geschlecht/Verweigerte Identifizierung"- Anm. d. Hg.
Judith Butler

Bemerkenswert ist, dass Freud intensiviertes Gewissen und


Selbstvorwürfe als Zeichen von Melancholie identifiziert, dem
Zustand unabgeschlossener Trauer. Die Verwerfung bestimm-
ter Formen der Liebe verweist darauf, dass die Melancholie,
die das Subjekt begründet (und damit diese Grundlage stets zu
erschüttern und zu zerstören droht), eine unabgeschlossene
und unlösbare Trauer signalisiert. Die Melancholie, nicht in
der Verfügung des Subjekts und nicht abgeschlossen, ist die
Grenze für den Sinn, den das Subjekt für sein pouvoir hat, die
Grenze seines Sinns für das, was es erreichen kann und damit
für seine Macht. Die Melancholie spaltet das Subjekt, indem
sie die Grenze dessen markiert, auf was es sich noch einstellen
kann. Weil das Subjekt über diesen Verlust nicht reflektiert,
nicht reflektieren kann, markiert dieser Verlust die Grenze der
Reflexivität, markiert er, was deren Zirkularität übersteigt (und
bedingt). Als Verwerfung verstanden, inauguriert dieser Ver-
lust das Subjekt und bedroht es mit Auflösung.
In Begriffen Nietzsches und Hegels hintertreibt das Subjekt
sich selbst, vollbringt es seine eigene Unterwerfung, begehrt
und schmiedet es seine eigenen Ketten und wendet sich so
gegen ein Begehren, das es als sein eigenes weiß- oder wusste.
Um einen Verlust zu verstehen, der dem Subjekt vorausgeht,
der es ermöglicht (und verunmöglicht), müssen wir die Rolle
betrachten, die dieser Verlust in der Subjektwerdung spielt.
Gibt es einen Verlust, der sich nicht denken, der sich nicht
besitzen und nicht betrauern lässt und die Möglichkeitsbedin-
gung des Subjekts bildet? Ist es das, was Hege! als "Verlust des
Verlustes" bezeichnet, eine Verwerfung, die eine Unwissbarkeit
bildet, ohne welche das Subjekt nicht überdauern kann, eine
Ignoranz und Melancholie, die erst alle Erkenntnisansprüche
als eigene ermöglicht? Gibt es nicht eine Sehnsucht zu trauern
- und entsprechend eine Unfähigkeit zu trauern -, zu trauern
um den, deoman nie lieben konnte, zu trauern um eine Liebe,
die den "Existenzbedingungen" nicht genügt? Das ist nicht nur

140
Paradoxien der Subjektivation. Zur Psyche der Macht

ein Verlust des Objekts oder einer Objektmenge, sondern ein


Verlust der Möglichkeit der Liebe selbst: der Verlust der Lie-
besfähigkeit, die unabschließbare Trauer um das, was das Sub-
jekt begründet. Einerseits ist die Melancholie ein Band, das ein
zerrissenes, verschwundenes oder unmögliches Band ersetzt;
andererseits konstituiert die Melancholie gleichsam jene Tra-
dition der Unmöglichkeit, die zu der Bindung gehört, an deren
Stelle sie tritt.
Man kann sich natürlich auf ganz verschiedene Arten wei-
gern zu lieben, und nicht immer handelt es sich um eine Ver-
werfung. Was aber geschieht, wenn eine gewisse Verwerfung
der Liebe zur Möglichkeitsbedingung der sozialen Existenz
wird? Erzeugt das nicht eine von Melancholie betroffene
Gesellschaftlichkeit, ein Zusammenleben, in dem ein Verlust
nicht betrauert werden kann, weil er als Verlust nicht aner-
kannt werden kann, weil das, was verloren wurde, niemals eine
Existenzberechtigung hatte?
Man könnte hier sehr gut Folgendes auseinanderhalten: (a)
ein Verhaftetsein, das man später verleugnet; (b) eine Verwer-
fung die die Formen strukturiert, die ein Verhaftetsein anneh-
men kann. Im letzteren Fallließe sich die Verwerfung auf ergie-
bige Weise verknüpfen mit Foucaults Konzept des regulatori-
schen Ideals, eines Ideals, nach dem gewisse Formen der Liebe
möglich und andere unmöglich werden. Im Rahmen der Psy-
choanalyse denken wir uns soziale Sanktionen als im Ichideal
enkodiert und kontrolliert durch das Über-Ich. Was könnte es
aber bedeuten, sich die soziale Sanktionierung so zu denken,
dass sie über die Verwerfung den möglichen Bereich hervor-
bringt, in dem sich Liebe und Verlust vollziehen können? Als
Verwerfung verbietet die Sanktion kein bestehendes Begehren,
sondern erzeugt vielmehr gewisse Arten von Objekten und
schließt andere aus dem Feld gesellschaftlicher Produktion aus.
Auf diese Weise arbeitet die Sanktionierung nicht nach der
Repressionshypothese, wie Foucault sie postuliert und kriti-

141
fudith Butler

siert, sondern als Produktionsmechanismus, der jedoch auf der


Grundlage einer primären Gewalt operieren kann.' 7
Im Werk Melanie Kleins scheint Schuld nicht infolge der
Internalisierung eines äußeren Verbots zu entstehen, sondern
als eine Weise, das Liebesobjekt vor unserer eigenen, potenti-
ell auslöschenden Gewalt zu bewahren. Die Schuld hat die
Funktion der Bewahrung des Liebesobjekts und damit der
Bewahrung der Liebe selbst. Was könnte es heißen, Schuld als
Art und Weise zu verstehen, wie die Liebe das Objekt bewahrt,
das sie sonst vielleicht zerstören würde? Als Behelf gegen sadis-
tische Destruktion signalisiert Schuld weniger die psychische
Präsenz einer ursprünglich gesellschaftlichen und äußeren
Norm als vielmehr ein ausgleichendes Begehren nach dem
Fortbestehen des Objekts, dessen Tod man wünscht. In diesem
Sinne entsteht Schuld im Verlauf der Melancholie nicht nur
wie in freudscher Sicht, um das tote Objekt am Leben zu erhal-
ten, sondern um das lebende Objekt vor dem "Tod" zu bewah-
ren, wobei dieser Tod den Tod der Liebe meint, eingeschlossen
die Möglichkeiten von Trennung und Verlust.
Lässt sich also nach kleinscher Auffassung die Funktion der
Liebe vollständig innerhalb einer psychischen Ökonomie
erklären, die keine gesellschaftlich signifikanten Restbestände
mit sich führt? Oder ist die soziale Bedeutung der Schuld in
einem anderen Register als dem des Verbots zu suchen, im
Begehren nach Wiederherstellung? Um das Objekt vor unse-
rer eigenen Aggression zu bewahren, vor einer Aggression, die
immer mit der Liebe (als Konflikt) einhergeht, ist die Liebe auf
dem psychischen Schauplatz eine Notwendigkeit. Verschwin-
det das Objekt, dann verschwindet auch eine Quelle der Liebe.
Im einen Sinn vereitelt die Schuld den aggressiven Ausdruck

' 7 Zum Fehlen einer Ursprungsgewalt in Foucaults Auffassung diskursiver Pro-

duktivität vgl. den provokanten Essay von Gayatri Chakravorty Spivak, "More on
Power/Knowledge" in ihrem Buch Outside in the Teaching Machine, New York: Rout-
ledge 1993, S. 33·

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Paradoxien der Subiektivation. Zur Psyche der Macht

der Liebe, der das geliebte Objekt- verstanden als eine Quelle
der Liebe - zugrunde richten könnte; im entgegengesetzten
Sinn jedoch bewahrt die Schuld das Objekt als Liebesobjekt
(seine Idealisierung) und damit (über die Idealisierung) die
Möglichkeit des Liebensund Geliebtwerdens. Die Aggression
-oder der Hass- wird nicht nur gelindert, sondern auch umge-
leitet gegen denjenigen, der liebt, und fungiert dann als Selbst-
vorwurf des Über-Ichs.' 8 Weil Liebe und Aggression sich ver-
bünden, ist die Milderung der Aggression durch Schuld auch
die Milderung der Liebe. Die Schuld verwirft die Liebe und
führt sie zugleich fort, oder genauer: sie führt sie (weniger lei-
denschaftlich, gewiss) als Wirkung einer Verwerfung fort.
Kleins Schema wirft eine Reihe von Fragen zur Beziehung
von Liebe und Aggression auf. Weshalb kann man den Tod des
geliebten Objekts wünschen? Ist das ein primärer Sadismus,
zu erklären vielleicht durch Rückgriff auf einen primären
Todestrieb, oder lässt sich der Wunsch nach Überwältigung
dessen, was man liebt, auch anders erklären? Im Anschluss an
Freud siedelt Klein diesen Wunsch nach Überwindung im
Rahmen der Melancholieproblematik an und betont, dass die-
ses Begehren die Beziehung zu einem bereits verlorenen Objekt
kennzeichnet: bereits verloren und damit einer gewissen Art
von Überwindung zugänglich.
Klein verknüpft die Schuld gegenüber dem Objekt mit dem
Wunsch, über dieses Objekt zu triumphieren, ein Triumph, der,
zu weit getrieben, das Objekt als Liebesquelle zu zerstören
droht Denkbar ist aber auch, dass bestimmte Formen der
Liebe den Verlust des Objekts nicht nur aufgrundeines ange-
borenen Siegeswunsches nach sich ziehen, sondern weil sol-
che Objekte sich nicht als Liebesobjekte eignen: als Liebesob-
jekte sind sie von Zerstörung gezeichnet. Sie können sogar uns

' 8 Freuds Überlegungen über "Trauer und Melancholie" in Das Ich und das Es spie-
len ftir Melanie Kleins Beobachtungen zur Einverleibung eine wichtige Rolle.

'"
fudith Butler

mit Zerstörung bedrohen: "Ich werde zugrunde gehen, wenn


ich auf diese Weise liebe." Zum "Tode" bestimmt, ist das Objekt
gleichsam schon verloren, und der Wunsch nach seiner Über-
windung ist eben nichts anderes als ein Wunsch, das Objekt zu
überwinden, das, wenn es geliebt würde, denjenigen, der es
liebt, mit dem Tode bedroht.
Lässt sich die Arbeit der psychischen Macht eben an der Ent-
grenzung des Feldes solcher zum Tod bestimmten Objekte
ablesen? Und gehört das zur Unwirklichkeit, zur melancholi-
schen Aggression und zum Überwindungsbegehren, die die
öffentliche Reaktion auf den Tod vieler als "sozial tot" betrach-
teter Menschen charakterisieren, die an AIDS gestorben sind?
Schwule, Prostituierte, Drogenkonsumenten und andere?
Wenn sie sterben oder schon gestorben sind -besiegen wir sie
noch einmall Und lässt sich das "Triumphgefühl" vielleicht
eben aus jener Praxis der sozialen Differenzierung gewinnen,
durch die man eine "soziale Existenz" nur durch Erzeugung
und Erhaltung jener gesellschaftlich Toten erreicht und
sichert? Und lässt sich die Paranoia im öffentlichen Diskurs
über solche Fragen nicht auch als Inversion jener Aggression
lesen: als Begehren nach einem Sieg über den anderen Toten,
das in der Umkehrung diesen anderen zur tödlichen Gefahr
und zum (fremden) Verfolger der sozial Normalen und Norma-
lisierten macht?
Was also wird nun in der Subjektivation begehrt? Handelt
es sich um ein schlichtes Begehren der Ketten, oder haben wir
es mit einem komplexeren Szenario zu tun? Wie soll das Über-
leben gesichert werden, wenn die Bedingungen der Existenz-
garantie eben jene Bedingungen sind, die Unterordnung ver-
langen und in die Wege leiten? So betrachtet ist die Subjekti-
vation die paradoxe Wirkung einer Herrschaft der Macht, unter
welcher schon die bloßen "Existenzbedingungen", die Mög-
lichkeit des Weiterlebens als anerkennbares soziales Wesen,
die Bildung und den Fortbestand des Subjekts in der Unterord-
Paradoxien der Subjektivation. Zur Psyche der Macht

nung verlangen. Übernimmt man Spinozas Auffassung, wo-


nach jedes Streben Streben nach dem Beharren im eigenen
Sein ist,' 9 und fasst man die metaphysische Substanz, die das
Ideal des Strebens bildet, etwas geschmeidiger als soziales Sein,
dann kann man vielleicht das Streben nach dem Beharren im
eigenen Sein als etwas beschreiben, über das sich nur unter
den riskanteren Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens
verhandeln lässt. Das Todesrisiko ist damit der Unüberwind-
barkeit des Sozialen koextensiv. Wenn die Begriffe, in denen
"Existenz" formuliert, erhalten oder entzogen wird, dem akti-
ven und produktiven Vokabular der Macht zugehören, dann
bedeutet das Beharren im eigenen Sein, dass man von Anfang
an gesellschaftlichen Bedingungen überantwortet ist, die nie-
mals ganz unsere eigenen sind. Das Streben nach Beharren im
eigenen Sein erfordert die Unterwerfung unter eine Welt von
anderen, eine Welt, die von Grund auf nicht unsere eigene ist
(eine Unterwerfung, die nicht erst später statt hat, sondern
schon das Begehren zu sein einrahmt und möglich macht). Nur
indem man in der Alterität beharrt, beharrt man im "eigenen"
Sein. Bedingungen ausgesetzt, die man nicht selbst geschaffen
hat, beharrt man immer auf diese oder jene Weise mittels Kate-
gorien, Namen, Begriffen und Klassifikationen, die eine pri-
märe und inaugurative Entfremdung im Sozialen markieren.
Wenn solche Bedingungen eine primäre Unterordnung, ja
Gewalt bedeuten, dann entsteht ein Subjekt, um für sich selbst
zu sein, paradoxerweise gegen sich selbst
Was würde es für das Subjekt heißen, etwas anderes als seine
fortdauernde "soziale Existenz" zu begehren? Wenn eine so!-

19 "Jedes Ding", sagt Spinoza, "strebt, soviel an ihm ist, in seinem Sein zu beharren."
Das gilt auch, wenn die Einzeldinge Modi sind, "durch die Gottes Attribute auf
gewisse und bestimmte Weise ausgedrückt werden, das heißt Dinge, die die Macht
Gottes, durch die Gott ist und handelt, auf gewisse und bestimmte Weise ausdrücken"
(Ethik lll, Lehrsatz 6, Hamburg: Meiner 1976, S. n8). Autonomie ist demnach immer
bedingt und im gleichen Maße auch unterlaufen durch ihre eigenen Möglichkeits-
bedingungen.
/udith Butler

ehe Existenz sich nicht auflösen lässt, ohne einer bestimmten


Art von Tod zu verfallen- kann man die Existenz dennoch ris-
kieren, mit dem Tod liebäugeln, ihn suchen, um den Griff der
gesellschaftlichen Macht auf die Bedingungen des beharren-
den Lebens zu lockern und einer Veränderung auszusetzen?
Das Subjekt ist zur Wiederholung der gesellschaftlichen Nor-
men gezwungen, durch die es hervorgebracht wurde, aber
diese Wiederholung bringt Risiken mit sich, denn wenn es
einem nicht gelingt, die Norm "richtig" wiederherzustellen,
wird man weiteren Sanktionen unterworfen und findet die vor-
herrschenden Existenzbedingungen bedroht. Und doch: wie
sollen wir ohne eine Wiederholung, die das Leben- in seiner
derzeitigen Organisation- aufs Spiel setzt, auch nur beginnen,
uns über die Kontingenz dieser Organisation klar zu werden
und performativ die Umrisse der Lebensbedingungen neu zu
zeichnen?
Zu einer kritischen Analyse der Subjektivation gehören: (r)
eine Darstellung der Art und Weise, wie die reglementierende
Macht Subjekte in Unterordnung hält, indem sie das Verlan-
gen nach Kontinuität, Sichtbarkeit und Raum erzeugt und sich
zunutze macht; (2) die Einsicht, dass das als kontinuierlich,
sichtbar und lokalisiert hervorgebrachte Subjekt nichtsdesto-
weniger von einem nicht anzueignenden Rest heimgesucht
wird, einer Melancholie, die die Grenzen der Subjektivation
markiert; (3) eine Erklärung der Iterabilität des Subjekts, die
aufweist, wie die Handlungsfähigkeit sehr wohl darin bestehen
kann, sich zu den gesellschaftlichen Bedingungen, die sie erst
hervorbringen, in Opposition zu setzen und sie zu verändern.
Eine solche Formulierung kann zwar kaum die Grundlage für
eine optimistische Auffassung des Subjekts oder einer subjekt-
zentrierten Politik abgeben, aber sie kann als Herausforderung
und Vorsichtsmaßnahme hinsichtlich zweierlei Formen theore-
tischen Begehrep.s dienen: in der einen Form sind Annahme und
Behauptung einer "Subjektposition" Vollzugsmomente der Poli-
Paradoxien der Subjektivation. Zur Psyche der Macht

tik, und in der anderen werden mit der Verwerfung des Subjekts
als philosophischer Trope die sprachlichen Erfordernisse der
Gesellschaftlichkeit überhaupt unterschätzt. So sehr die Sicht
aufs Subjekt auch die Ausschaltung der ersten Person erfordert,
eine Suspendierung des "Ich" im Interesse einer Analyse der
Subjektbildung, so sehr zwingt die Frage der Handlungsfähig-
keitdoch dazu, die Perspektive der ersten Person wieder einzu-
nehmen. Die Analyse der Subjektivation ist immer eine dop-
pelte: Sie geht den Bedingungen der Subjektbildung und der
Wendung gegen diese Bedingungen nach, durch die das Subjekt
- und seine Perspektive- erst entsteht.
Eine kritische Bewertung der Subjektbildung kann zum bes-
seren Verständnis der double binds beitragen, zu denen unsere
Emanzipationsbemühungen gelegentlich führen, ohne dass
damit das Politische außer Betracht bleibt. Gibt es einen Weg,
Komplizenschaft als Grundlage der politischen Handlungsfä-
higkeit zu nehmen und zugleich daran festzuhalten, dass poli-
tische Handlungsfähigkeit mehr sein kann als die Wiederho-
lung der Unterordnungsbedingungen? Wenn die Subjektwer-
dung, wie Althusser impliziert, eine Art von Herrschaft erfordert,
die sich von Unterwerfung gar nicht unterscheiden lässt, lassen
sich dann vielleicht politische und psychische Konsequenzen
aus einer solchen grundlegenden Ambivalenz ableiten? Das
zeitliche Paradox des Subjekts ist so angelegt, dass wir notwen-
dig die Perspektive eines bereits gebildeten Subjekts verlieren
müssen, um unser eigenes Werden zu erklären. Dieses "Wer-
den" ist keine einfache oder kontinuierliche Sache, sondern
eine ruhelose Praxis der Wiederholung mit all ihren Risiken,
etwas, das sein muss, aber nicht abgeschlossen ist und am Hori-
zont des gesellschaftlichen Seins schwankt.

Aus dem Amerikanischen von Reiner Ansen

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