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Ü B E R LE B E N

Johann
Brandstetter
»Wie keinem anderen gelingt es Mit einem Essay von
Andreas Weber
Johann Brandstetter, das Lebendige
so einzufangen, dass es sich in
unseren Herzen festsetzt.«
AN D REAS WE B E R

Entfremdung von der Natur ist über-


all spürbar. Um zu begreifen, wie
wertvoll unsere Um- und Mitwelt ist,
bedarf es Momente des Innehaltens.

Johann Brandstetter
Johann Brandstetters Kunst, die
sich erst dem entschleunigten Blick
erschließt, verführt uns zu präzisem
Schauen und achtsamem Staunen.
Das opulent bebilderte Buch ent-
faltet das Werk des preisgekrönten
Illustrators und Künstlers als ein
ästhetisches Panorama der Bezie-

ÜBER
hungen in einer gefährdeten Natur.

LE B E N
Die Wiederentdeckung
der Natur

www.oekom.de
€ 40,10 [A]
€ 39,– [D]

9 783962 381332

Umschlag_Brandstetter_Bund17mm.indd 1 22.08.19 11:43


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© 2019 oekom verlag München


Gesellschaft für ökologische Kommunikation mbH,
Waltherstraße 29, 80337 München

Lektorat: Laura Kohlrausch, oekom verlag


Korrektorat: Maike Specht
Umschlaggestaltung und Layout: Büro Jorge Schmidt, München
Druck: Friedrich Pustet GmbH&Co.KG, Regensburg

Alle Rechte vorbehalten


ISBN 978-3-96238-133-2
E-ISBN 978-3-96238-606-1
Johann Brandstetter
Mit einem Essay von A N DR E A S W E BE R

ÜBER
LE B E N
Die Wiederentdeckung
der Natur
Schönheit ist Politik
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Ein Essay von Andreas Weber

16 DIVERSITÄT

44 SYMBIOSEN

62 EVOLUTION

76 REGENWÄLDER

96 SILBERWEIDEN

100 »Ich verbinde Verliebtheit mit Forschergeist.«


Ein Gespräch mit Johann Brandstetter und Annette Scholl

Fundstücke aus Costa Rica


2018
Aquarell, 29 x 39 cm
Schönheit ist Politik
AN D R EAS WE B E R

»Keiner kann sehen, ohne mit einem Blick zu sehen,


der selber ein Teil des Betrachteten ist.«
Inger Chr istensen

Die abgehauenen Weiden manchmal als schwache Echos in weißer Leere, die
Asche aus einem Begräbnis, das immer wieder neu
Als Johann Brandstetter das Ausmaß des Kahlschlags beginnt.
in den Inn-Auen entdeckt, geht er nach Hause. Dort Brandstetter, der seine Karriere als Restaurator
schiebt er die Illustration weg, an der er auf dem Zei- begann und dann zu einem der bekanntesten deut-
chentisch arbeitet. Stattdessen stellt er eine quadrat- schen Illustratoren wurde (wer einmal in ein »Was-ist-
metergroße Holzplatte auf die Staffelei und überlässt Was«-Wissensbuch geschaut hat, kennt seinen Strich),
die Führung seinen Händen mit dem Pinsel. Flirren- erklärt mit seinen Werken der Natur eine verzweifelte
des Grün, ins Silbrige gehend, füllt die Leere. Flinke Liebe. Verzweifelt, weil die Wesen, die er durch seine
Lanzetten, grau und gelb, rieseln schräg durchs Bild, Kunst liebt, in der Menschenwelt immer unerwünsch-
Ober- und Unterseiten der schlanken Blätter, leuch- ter sind, vertrieben werden, wie die Weiden jetzt. Ver-
tend wie die Bäuche der kleinen Flussfische im Inn. zweifelt ist diese Liebe, weil das, was er liebt, schon
Licht regnet, Licht stürzt, die Erinnerung explodiert seit langer Zeit als nicht liebenswert verschrien ist.
im bildnerischen Rückruf zum Phantomschmerz: der Die Präsenz der anderen Wesen in ihrem eigenen Sein
unwiederbringliche Traum eines zärtlichen Sommer- ernst zu nehmen, das sich nur in geduldiger Beobach-
nachmittags. tung physischer Details ermessen lässt, gilt bis heute
Brandstetter schmerzt es, über das Verschwinden vielfach als naiv. Es ist verrufen als Beschwörung einer
der Silberweiden zu sprechen. Vor Kurzem wurde heilen Welt. Liebe gilt als Privatsache, das Scheitern
eine Reihe 100-jähriger, majestätischer Kolosse im an ihr auch.
Innwald gefällt, nur wenige Gehminuten von seinem Aber ökologisches Bewusstsein ist die persönliche
Haus entfernt. Es waren Bäume, die an Zeiten er- Antwort auf eine Liebeserklärung der Welt. Die Blät-
innerten, als der Inn sich freier verströmte, zwischen ter der Silberweide flüstern: »Du bist gemeint.« Die
Kiesbänken und Auen. Seit die Stämme stürzten, Bilder Brandstetters flüstern zurück: »Du meinst –
unterbricht der Künstler immer wieder seine Alltags­ auch mich.« Brandstetters bildnerische Antwort stellt
arbeit und stellt eine Holzplatte auf die Staffelei, lässt die Gegenseitigkeit wieder her, die an dieser Stelle
die Lanzettblätter der Weiden darüberregnen, manch- durch die Fällaktion der Bäume zerschlagen wurde.
mal als Schauer aus Grau und Grün und Zitronen­gelb, Dabei ist der Gestus seiner Bilder einem uralten

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Ritual verpflichtet. Kunst ist darin die Beschwörung In seiner bildnerischen Entfaltung dieser Anziehung
eines auf Gegenseitigkeit gründenden Kosmos. Schaut erweckt er das Zentrum dessen, worum es Menschen
man durch die Fenster, die Brandstetters Werk auf das geht, zum Leben.
Leben öffnet, so entdeckt man, was das Wort »Natur«, Denn unsere Gattungsgeschichte zeigt, dass es
das allzu oft zur Ausgrenzung der anderen Wesen ein tiefes menschliches Anliegen gibt, das uns über-
aus der Menschenwelt verwendet wird, eigentlich schreitet: das Leben in all seinen Formen. Blicken wir
meint: das gemeinsame Beitragen zu einer fruchtbaren zurück auf die letzten Hunderttausend Jahre und ihre
Wirklichkeit. Brandstetters Pinselstrich erzählt davon, Überbleibsel in Form von Stein- und Knochenarte-
indem er diese Welt zu Wort kommen lässt, indem fakten und Felsbildern, so gilt eine Konstante: unsere
er ihr auf der Bildfläche Platz einräumt und sie dabei Faszination mit anderen Wesen, mit der Natur, die
nicht als den Niederschlag der menschlichen Sicht sich vornehmlich in den Mitteln der Kunst ausdrückt.
repräsentiert. Die Schönheit der Natur existiert un- Die Leidenschaft, die Brandstetters Verbindung
abhängig vom Beobachter, weil Schönheit die Stimme zu anderen Wesen erfüllt und die sich in seinen
ist, durch die der Aufruf zur Gegenseitigkeit ergeht. Naturbildern niederschlägt, illustriert diese Biophilie.
Zwei Denker, der Psychologe und Philosoph Erich
Fromm und der Biologe und Philosoph Edward O.
Homo biophilos Wilson, haben den Begriff der Biophilie aufgegriffen,
um zu beschreiben, dass die Liebe zum Leben das
Brandstetters Bilder sind Illustrationen, Gemälde, bestimmende Kennzeichen unserer Art ist. Fromm
Forschungsjournale, für niemandes Auge mit unleser- zufolge besteht unser tiefstes Anliegen darin, Leben
licher Hand geschriebene Notizen und Archive des spendend und somit schöpferisch zu handeln. Für
Kuriositätenkabinetts Schöpfung. Er überschreitet in Wilson können wir ohne anderes Leben, ohne die
seiner Kunst die Kategorien, sortiert sie neu und inter- mehr-als-menschliche-Welt kein seelisches Gleich-
pretiert sie um. Seine Bilder tragen die Lust weiter, gewicht entwickeln. Kein Tier ist so biophil wie der
die der Künstler in der Begegnung mit anderen Wesen Mensch. Habichte lieben ihre Beute, weil sie sich an
verspürt. Sie sind Lobpreis der Lebensfülle dieses ihr sättigen; Ameisen hüten Blattläuse, weil diese
Planeten, spürbar, Sehnsucht stiftend, diese Sehnsucht ihnen Zuckerwasser spenden. Doch kein anderes Tier
behutsam erklärend. Wie keinem anderen zeitgenössi- umgibt sich mit anderen Lebewesen allein aus Leiden-
schen Naturkünstler gelingt es ihm, das Lebendige so schaft zu ihnen. Dieses schon Säuglingen angeborene
einzufangen, dass sich seine individuellen Gestalten in Interesse an anderen Wesen wirkte in der langen
unseren Herzen festsetzen. Prähistorie der menschlichen Gattung als Korrektiv
Vielleicht noch vor einer Dekade hätte Brandstet- seiner ebenfalls beispiellosen Macht, Ökosysteme zu
ters Werk diese Eigenschaft den Weg in die Ränge der verändern und zu vernichten. Das macht unser Wesen
Kunst versperrt. Heute indes, während die Bienen aus zu einem Paradox: Der Mensch ist biophil – aber viel-
den Gärten schwinden, ein heißester Monat auf den leicht nicht biophil genug, um seiner Verantwortung
anderen folgt und Menschen nicht aufhören können für das Leben ausreichende Priorität einzuräumen.
anzurichten, was sie anrichten, erobern sich seine Die meisten Steinzeitkulturen gründeten darum in
Arbeiten gerade darum einen Platz im Kanon aktu- der Aufgabe, die Fruchtbarkeit eines ökologischen
eller Malerei. Der Künstler liebt die Lebendigkeit in Kosmos zu unterstützen, die zentrale Pflicht der Ge-
ihren »endlosen Formen voller Schönheit« (Darwin). sellschaft. Deren erste Regel war Dankbarkeit.

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Schaut man in die Sozialgeschichte unserer In dieser Stellung ist die künstlerische Illustration,
Spezies, so war das Interesse an der Lebendigkeit wie Brandstetter sie in den letzten Jahrzehnten ent-
lange ihr bestimmendes Merkmal. Lebens-Liebe, nicht wickelt hat, eine Antwort auf die Vermessenheit des
Lebens-Nutzung: In der frühen Neuzeit fielen die Menschen, alles außer ihm als Objekte zur freien Ver-
europäischen Kolonisatoren aus allen Wolken, als sie wendung anzusehen. Nein, sagt Brandstetters Kunst,
bei den Eingeborenen ferner Kontinente feststellten, alles gehört zusammen, und wir gehören mitten
dass diese eine Reihe von Tieren zur bloßen Freude hinein. Die Verschlungenheit des Pflanzlichen ist Teil
hielten, bar jeder Nützlichkeit, und mit ihnen so zärt- der Gestik meiner Hand, mit der ich den Zeichenstift
lich umgingen wie mit Kindern. Unser Anliegen als führe; der Blick aus dem Auge des Orang-Utans, der
Vertreter der Spezies Homo sapiens wäre demnach sich eine rote Frucht in den Mund steckt, blickt auf
nicht nur zu überleben, sondern Leben hervorzubrin- mich aus meinem eigenen Empfinden zurück. Das
gen und uns selbst als Teil dieses Hervorbringens, als sorgfältig dokumentierte Detail der äußeren Wirklich-
schöpferische Kraft und als Geschöpf dieser Kraft, zu keit hat an ihrem schöpferischen inneren Kern teil,
verstehen. In diesem Sinne erschafft Kultur Geschich- denn dieser Kern manifestiert sich in winzigen Kons-
ten »Über Leben«. Das Medium, in dem unser Überle- tellationen der Materie, und diese arrangieren sich zu
ben reflexiv »Über Leben« handelt, ist die Kunst. Das einer emotionalen Geste.
Biophile schlägt sich in der Vermittlung als das Künst- »Symbiosen« heißt der vor wenigen Jahren er-
lerische nieder. Darum verknüpfen die kosmischen schienene Band, der einen Ausschnitt der jüngsten
Rituale gegenwärtiger und prähistorischer indigener Entwicklung von Brandstetters Werk bietet. In ihm
Gesellschaften stets die Kunst mit der Ökologie. lässt der Künstler gemeinsam mit dem Biologen Josef
Brandstetters Werk ist ein zeitgenössisches Be- H. Reichholf zum Thema werden, was längst das
kenntnis zu dieser Biophilie. Es schafft Kunst als unterschwellige Anliegen seiner Arbeit ist: »Kein
Artikulation des Lebendigen im Medium des Huma- Leben­diges ist ein Eins / Immer ist’s ein Vieles« (wie
nen. Die Arbeiten des Neuöttingers zeigen: Die figür- Goethe sagte). Keine Existenz, die ihr Sein nicht einer
liche Gestaltung der Natur, lange Zeit geringschätzig Ver­kettung und Verknüpfung mit anderen Existen-
dem Alltagsgeschäft der Illustration zugeschoben, hat zen schuldetet, ja die in Wahrheit nicht die Ausfal-
wieder etwas zu melden. Sie sagt: Schau her, dies ist tung und das Aufblühen dieser fremden Existenzen
deine Leidenschaft, dies ist, woher du kommst und im eigenen Körper wäre. Der Blaue Planet, der das
was du bist. Brandstetters Werk bündelt darin die Leben gebar, ist eine einzige umfassende Symbiose.
beiden Linien, deren Vergessen das Anthropozän zu Diese lässt Brandstetter in seinem Gemälden lebendig
einem Requiem auf das Leben zu machen droht: die werden, indem er zärtlich beobachtete ökologische
unmittelbare Erfahrung, Teil einer organischen Welt Details mit landschaftsmalerischen Übersichten kom-
des Lebens zu sein, und das unmittelbare Begehren, poniert; Ausschnittszeichnungen in wissenschaftlicher
dieses Anteilhaben in einer Weise zu bekräftigen, die Illustrationsmanier mit suggestiven Naturpanoramen
das Leben beschwört und bewahrt. Kunst ist eine verschneidet. Heraus kommt dabei etwa eine Tafel
Gestaltung der Erfahrung des Lebens mit den Mitteln wie die mit dem poetischen Katalog zur Ökologie der
des Lebens. Darin vollzieht sie die archaische Pflicht Heliconienfalter. Dessen Gattungsangehörige leben in
der Danksagung: Die Schönheit der Bilder ist ein einem Verhältnis der Gegenseitigkeit mit den tropi-
Echo auf die inmitten des Lebens empfangene Schön- schen Passionsblumen, deren junge Ranken von den
heit und schenkt sie zurück. Schmetterlingsraupen gefressen werden. Das Helico-

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nius-Schmetterlingsweibchen legt dort seine Eier ab
– aber nur wenige auf einmal und nur an Ranken, an
denen nicht schon das Gelege eines anderen Schmet-
terlings klebt. Durch Blätter, deren Anhänge teils wie
Faltereier aussehen, gelingt es der Passionsblume und
dem Schmetterling gemeinsam, die Zahl der fressen-
den Raupen auf ein Maß einzuregulieren, mit dem
beide, die Pflanze und der Heliconius-Falter, leben
können. Die unter dem Strich abgeworfene Rendite
sind Pracht und Vielfalt.
Brandstetter versteht sich als Empiriker – der sich
aber nicht in Lehrbuchtexten ausdrückt, sondern in
Form figürlicher Darstellungen, die Information und
Schönheit in nicht weiter auflösbarer Weise verbin-
den. Das ist Illustration – und zugleich Verzauberung
der Welt, die sich nur als Antwort auf deren Zauber
verstehen lässt. Das Leben, das Brandstetter für seine
Bilder wie ein Feldbiologe in aufwendigen Reisen er-
forscht hat, erfüllt seine Bilder so, dass es erneut mit
Lebensglück ansteckt. Sie stimmen – faktisch und
expressiv. Ein Bild, so sagte der Schriftsteller Hans
Baumann über die Kunst der prähistorischen »Großen
Jäger«, ist ein Pfeil, der nicht tötet, sondern lebendig
macht, wenn er trifft.

Beschwörungen
der Lebendigkeit
Das Genre achtsamer Malerei, die sich realen Wesen
in ihrem Lebensraum widmet, entstand in der Renais-
sance. Die Blätter eines Baumes nicht mehr als grüne
Platzhalter zu stilisieren, sondern als Vertreter einer
Art in ihrer spezifischen Eigenheit zu porträtieren,
bezeichnet den Epochenbruch zum Mittelalter: Gött-
lich war von nun an die wirkliche Welt der atmenden,
unterscheid- und beschreibbaren Körper. Das Trans-
zendente war Leib geworden.
In der Renaissance suchte die Naturwissenschaft
die Idee des Kosmos nicht mehr im Jenseits, sondern

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als Regelmäßigkeit und Ebenmaß in der Natur. Folg- Humboldt versuchte, eine Balance zwischen der
lich war die subjektive – bildliche, künstlerische – empirischen und der ästhetischen Naturanschauung
Darstellung des Schönen Teil der wissenschaftlichen zu halten. Das verbindet ihn sowohl mit der Re-
Beschreibung einer objektiven Welt. In der Spät- naissance als auch mit der Romantik. Gerade diese
renaissance wurde die Naturwissenschaft geradezu erweist sich somit weniger als schwermütige Schwär-
zum Vehikel der Pracht der Schöpfung. Dazu war die merei denn als Fortsetzung eines jahrhundertealten
prachtvolle Darstellung im Bild unabdingbar. Sie wur- Projektes: Die Welt in ihren Erscheinungen und
de eine Hymne auf die Göttlichkeit der Welt. Die durch sie hindurch als eine sowohl physische als auch
Aufgabe der jungen Wissenschaft der Natur bestand psychische Einheit zu erkennen und darzustellen,
darin, die Herrlichkeit des diesseitigen göttlichen Lei- und zwar dadurch, dass diese Einheit in all ihren
bes zu entdecken. Und dessen Fülle zeigte sich sowohl individuellen Manifestationen ernst genommen wird.
in seiner Bildung wie in seiner Funktionalität. Beides Im deutschen Kulturraum entwickelten die beiden
– die technische Analyse wie die ästhetische Synthe- Biologen Carl-Gustav Carus und Lorenz Oken eine
se – gehörten unbedingt zum Bild der lebenden Welt. ähnlich integrative Haltung. Beide verbanden eine
Diese Haltung führte bei Leonardo dazu, dass man- ganzheitliche Wissenschaft mit der bildnerischen
che seiner Zeichenblätter verschiedene Ansichten des Darstellung der Natur. Carus wurde zu einem be-
gleichen Organismus in unterschiedlichen Bewegungs- kannten Maler im Stil der Romantik, dessen Bilder
stadien abbilden – komplett mit Randnotizen. Damit für ungeübte Betrachter manchmal schwer von denen
wirkten sie schon damals ähnlich komponiert wie Caspar David Friedrichs zu unterscheiden sind. Oken
Brandstetters enzyklopädische Tableaus heute. Beide gab eine mehrbändige Naturenzyklopädie heraus, die
folgen der Poesie eines Wissens, das die Welt nicht mit Lithografien illustriert war. Die Welt der Körper
verhört, sondern sich ihr einzeichnet. ist eine Welt der sinnlichen Schönheit, mit unserem
Die aufkommende Biologie war auf die Illustra- eigenen Leib innig verwandt.
tion als Instrument der Erkenntnis angewiesen. Die Die Malerei bildet ein Analogon der Welt: Ein
Mannigfaltigkeit des Lebens konnte nur abbildend Bild ist Materie (Pigment, Papier), die in eine be-
geordnet – und gewürdigt – werden. Noch heute sind stimmte Anordnung gebracht wurde – und zugleich
Zeichnungen essenzieller Teil der Typbeschreibung Bedeutung. Diese Bedeutung in ihrem ambivalen-
einer neuen Art. Ein Naturforscher, der auf sich hielt, ten Charakter, als Medium, das sich von selbst in
griff in der Neuzeit selbst zur Zeichenfeder. Das tat seine Botschaft übersetzt, festzuhalten, heißt, dem
auch Alexander von Humboldt, der seine Bildbände Göttlichen dicht auf der Spur zu sein. Das ist die
anhand eigener Skizzen und Zeichnungen illustrie- bildnerische Aussage einer anderen Forscherin und
ren ließ. Gerade das Beispiel Humboldts zeigt das Künstlerin, die niemand übersehen kann, der sich auf
kosmologische Potenzial der Naturillustration, in der Brandstetters Bilder einlässt: Maria Sibylla M
­ erian.­
beide Seiten, die rationale Ordnung und die seelische Ihr Hintergrund ist nicht allein wissenschaftlich,
Verzückung, zusammenfließen. Zum einem war der sondern auch pietistisch-religiös: Für Merian entfaltet
preußische Gelehrte und Weltreisende ausdauernder jedes einzelne Lebewesen das Wunder der göttlichen
Empiriker, der höhenkrank noch in 5600 Meter Höhe Schöpfung. Schon als Kind sammelte die Malerin
auf dem Chimborazo seine Messinstrumente akri- Raupen, um dieses Wunder in der Verwandlung
bisch ablas. Zum anderen gehörte für ihn der subjek­ zum Schmetterling immer wieder neu zu erleben
tive Blick zur objektiven Realität eines Ökosystems. und zeichnerisch zu dokumentieren. Ihre Studien,

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die sie bis nach Surinam führten, und ihre Bilder der auch zugleich eine Aussage »Über Leben« ist. Ja, noch
Schmetterlinge samt ihrer Entwicklungsstadien auf mehr, nämlich eine Einladung: Lebe, denn du lebst in
den jeweiligen Futterpflanzen entstammen genauester mir, so wie ich in dir! Natur ist bereits ausdrucksvolles
Beobachtung und sind somit ein entomologisches Werk, weil Lebendigkeit ein expressiver Prozess ist,
Brevier avant la lettre. Und zugleich ist für Merian dessen Formen nicht nur Funktionen haben, sondern
jede dieser Beobachtungen ein Manifestwerden des der im verkörperten Erscheinen dieser Funktionen
Göttlichen. Die Bilder sind dessen Niederschlag und etwas über die Erfahrung sagt, eine solche Form zu
zugleich seine Evokation: Mystische Ekstasen über sein.
die Realpräsenz immer neuer Delikatessen des Seins. In der neuen Welt des Anthropozän setzt sich
Man sollte nicht unterschätzen, wie sehr diese Strö- die Erkenntnis durch, dass alles Äußere einen Aspekt
mung in den Naturwissenschaften bis in die aktuelle des Inneren hat. Die Scheidung in Materie und Geist
Gegenwart subkutan spürbar bleibt. Noch der Bio- ist hinfällig geworden, weil sie immer ein Wunschbild
loge Ernst Haeckel, auch er ein verzückter Zeichner war. Als Illusion entlarvt ist die Trennung zwischen
natürlicher Fülle, schrieb 1874 an seine Verlobte der Rede und ihren Gegenständen: Kunst kann von
Anna Sethe, wie sehr ihn das Studium des Planktons der Welt sprechen, weil die Welt in ihrer Inkarnation
an der Meeresstation in Neapel in einen Rausch der bereits Sprache ist, die etwas über sich als diese Welt
Schönheit versetze, einen Rausch, in dem sich auch verlautbart. Kunst, die spricht, spricht sich folglich
der innere Charakter der Welt als etwas fundamen- selbst als Welt. Sie ist Stoff, der sich in Bedeutungen
tal Ekstatisches enthülle. Haeckel konnte sich lange konfiguriert, wie auch die Welt es tut. Brandstetters
nicht zwischen einer Karriere als Forscher und einer Bilder folgen dieser Linie einfühlender Forschung,
Laufbahn als Maler entscheiden, denn beides liegt welche die exakte Empirie nie vergisst, sondern sich
so nah zusammen: Der Künstler hat an der Ekstase an ihr berauscht. Wir sehen, dass sie sich seit der
des Realen teil, weil er ihren Linien verzückt folgt. Renaissance ununterbrochen, aber vielfach gewunden
Der Forscher deckt ihre Strukturen auf. Beide sind und verschlungen fortgesetzt hat. Es ist der rote Faden
nicht Entzauberer der Welt, sondern dringen in ihr einer Haltung, die in den Dingen das Drängen einer
Zentrum vor. Weil sie selbst produktiv sind, finden sie Innenseite in den Ausdruck vermutet, und die ent-
jenen Quell der Lebendigkeit, der nie versiegt, wenn sprechend den Ausdruck dieser Dinge – das Empi-
man seinen Gaben mit neuem Leben antwortet, mit rische – nicht vom Ganzen eines poetischen Welt­
Demut und Imagination. zusammenhanges scheiden mag.
Heute ist niemand Geringerer als der Maler Die Romantik – jedenfalls die frühe – gliedert
David Hockney dabei, die einfache Naturzeichnung sich nahtlos in ein solches Projekt ein. Ja, dieses er-
zu rehabilitieren, die mit schlichten Strichen wieder- weist sich als das eigentliche Anliegen der ersten
gibt, was die Augen sehen, und diesen Strichen das Romantiker, das bis heute nicht abgegolten ist, sondern
Glück dazuschenkt, welches das Herz beim Schauen angesichts des planetarischen Ökozids umso dring-
empfindet. Der Weg zum Naturkunstwerk ist wieder licher auf Verwirklichung harrt. Selbst noch Goethe
frei, weil wir uns erinnern, dass die Begegnung mit der – der bekanntlich leidenschaftlich gern zeichnete
lebenden Form ein Glück beinhaltet, das keine ver- – lässt sich im Schwerefeld dieses wissenschaftlich-­
zopfte Illusion ist, wenn es dem Künstler gelingt, die- poetischen Projekts verorten. Gerade für Goethe war
ses Glück an den Betrachter weiterzugeben. Es ist das die imaginative Sicht nicht von der beobachtenden
Glück darüber, dass jede Geste von etwas, das lebt, geschieden: In seiner »zarten Empirie« bildet sich

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unser schöpferisches Vermögen nicht im Gebrauch besteht, der Schwere des Stoffes, und immer aus Be-
der Fantasie ­allein, sondern durch genaue Wahrneh- gehren, dem Inneren der Dinge. Wenn die duale Welt
mung dessen, was ist. Wenn diese sich auf das Phäno- (hier der »Mensch«, dort die »Dinge«) zusammenfließt
men ganz einlässt, erschafft das Wahrgenommene im in einen Prozess gegenseitiger Erhellung und Ernäh-
Wahrnehmenden ein eigenes neues Erkenntnisorgan. rung, kann auch die Kunst nicht bleiben, was sie in
Im Phänomen, hinter dem es nichts mehr zu suchen den letzten Jahrhunderten war: der behütete Hort
gibt (Goethe), gebären sich Subjekt und Welt gemein- totaler menschlicher Autonomie.
sam neu. Es ist noch nicht ganz klar, wohin diese Idee
Es gibt also eine Tradition, bei der die Erfahrung führt, aber klar ist, dass nicht die Kunst allein in ihrer
eines inneren Sinns der Welt sich in der gewissen­­haf- Rolle als wertfreies Medium menschlicher Autonomie
ten Beschreibung ihrer äußeren Erscheinung aus- bestehen bleiben wird, während etwa die Biologie
drückt. Beide Dimensionen, die Manifestation einer die fühlende Innendimension aller Wesen entdeckt,
Innerlichkeit und die sorgsame Bewahrung ihres während die Physik beschreibt, dass diese Innen-
Äußeren, haben einen gleichen, jeweils die andere dimension nicht nur das Leben, sondern alles Sein
Seite ermöglichenden Stellenwert. Das ist der heim- charakterisiert, und während die Philosophie erkun-
liche Leitsatz einer künstlerischen Malerei der Natur. det, dass der Kosmos ein gigantisches belebtes Selbst
Wenn das Äußere der Wesen eine Ausdrucksweise ist, das beständig danach drängt, die Erfahrung seiner
ihres Inneren ist, dann ist prinzipiell gleichwertig, eigenen Lebendigkeit, Fruchtbarkeit und Kreativität
ob ein Künstler versucht, eine Verbindung mit dem zu machen. Anders gesagt: Während im Anthropo-
Inneren über eine Gestaltung des Gehaltes (des In- zän die Insekten aussterben, die Delfine Müll fressen,
nen) oder des Ausdrucks (des Außen) herzustellen. bei Hummeln ein Selbst nachgewiesen wird, das
Dass Brandstetter die figürliche Ausprägung dieser sich deprimiert und euphorisch fühlt und Fruchtflie-
Kunst jetzt neu belebt, ist kein nostalgischer Rückfall, gen nachweislich an chronischen Schmerzen leiden
sondern das Wiederaufflackern von etwas Unverlier- können – wie sollte allein Kunst dann bleiben, was sie
barem: der Erfahrung, dass im künstlerischen Impuls war? Wenn alles, allem voran der Stoff, Träger einer
die Lebendigkeit der Welt tätig wird und dass in der Energie der Innerlichkeit ist, dann kann Kunst nicht
künstlerischen Lebendigkeit die Erforschung des daran festhalten, dass sich ihr Charakter allein als Pro-
Lebens ihre entscheidende Dimension findet. Ohne dukt einer kulturellen Institution verstehen ließe – das
diese Dimension bleibt Forschung auf das Unbelebte nichts mit der lebenden Wirklichkeit zu schaffen hat.
gerichtet, auch wenn sie sich mit dem Leben befasst. Wenn sich die Welt als Innerlichkeit entfaltet,
dann sind ihre Wesen die Botschafter dieses Ent-
Kunst engagiert sich faltungswunsches, und künstlerische Aktivität ist die
Formulierung seiner inneren Erfahrung. Sie ist der
für den Kosmos Niederschlag der Fruchtbarkeit als innerer Prozess –
so wie die Artenvielfalt deren Kristallisation als greif-
Das Anthropozän ist die Epoche, die den Menschen bare Realität im Raum darstellt. Beide fließen in der
untergehen sehen wird oder aber zurückfinden zu künstlerischen Gestaltung der lebenden Welt zusam-
einer neuen Fruchtbarkeit inmitten des großen Sehn- men. Es ist kein Wunder, dass in ebendieser Gestal-
suchtsprozesses, der Leben heißt und der sich in tung die früheste kulturelle Aktivität des Menschen
immer neuen Formen ausspielt, der immer aus Fleisch besteht. Unser Umgang mit der Empirie, der Welt der

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lebenden und begehrenden Körper ist dann fruchtbar, Kunst als die explosive Verteidigung der Lebens-
wenn er das Subjektive in aller Empirie, die innere kraft des Kosmos mit den Mitteln des Lebens braucht
Erfahrung dieser Körper zum Ausdruck zu bringen mehr als die Abbildung. Das kann nur bedeuten,
vermag. Ein Werk trägt dann das Begehren der Welt Kunst weiter aus dem Repräsentationsraum zu be-
nach Entfaltung weiter, wenn es das Begehren nach freien. Es hieße nicht nur, die abgeschlagenen Weiden
Entfaltung weckt, wenn es zugleich das Vertrauen, im Niederschlag der Erfahrung zu betrauern, sondern
der Entfaltung Nahrung zu bieten, unterstützt. Wenn die künftigen Opfer lebensfremder Verwertungs-
es fruchtbar macht, weil es fruchtbar ist. Die ent- logik mit künstlerischen Mitteln zu bewahren, mit
scheidende biografische Wirkung, die Kunstwerke im den Mitteln des Lebens also, nicht mit den Mitteln
Leben von angehenden Künstlern bei der Freisetzung der Ausstellungsorganisation. Wie das aussehen kann,
ihrer jeweils eigenen schöpferischen Fähigkeiten hat- haben am ehesten noch die Verteidiger des Hamba-
ten, kann man als diese Fruchtbarkeit verstehen. Wer cher Forstes gezeigt oder die Bewohner der ZAD, der
von ihr genährt ist, verspürt das Bedürfnis, frucht- »Zone à defendre« der erfolgreich gegen den geplanten
bar zu sein. Nichts anderes gilt für die Wirkung der Großflughafen Nantes verteidigten Landschaft im
»Natur als Kunst« – nur dass sich hier Fruchtbarkeit Loire-Tal. Das Treffen der Welten in Brandstetters
auf die konkrete Bewahrung dieser Natur fokussiert. Bildern ist ein Schritt darauf hin, Kunst deutlicher in
Kunst ist ein Element der Welt, das wirkt wie Welt, den Dienst des Lebens zu stellen. Er vereint Imagina-
nämlich über sich selbst als Ort Leben spendender tion, Erudiertheit, Erinnern, empirische Forschung. In
Gegenseitigkeit spricht und darin Schönheit entfaltet. ihm bleiben die Bilder freilich Gegenstand, der nach
Diese Schönheit ist zugleich die Formulierung eines einem Gegenstand angefertigt wurde. Sie sind Fenster
Begehrens nach fortdauernder Fruchtbarkeit. Sie ent- auf die Welt, hinter denen man sehnsuchtsvoll Welt-
hält somit eine Moral; eine Handlungsaufforderung. fülle betrachtet. Diese Weltfülle müssten wir in unser
Die Schönheit der Natur will eine Politik; eine Praxis Handeln einladen und zu seinem Maßstab machen.
des ausgeglichenen Gebens und Nehmens. Kunst, die Kunst, die Natur zum Thema hat, muss Handeln sein,
die Schönheit der Natur transportiert, muss dieser das Weltfülle beschwört. Das ist sie in der längsten
Forderung Ausdruck verleihen. Das Schöne ernst zu Zeit unserer Spezies gewesen.
nehmen heißt, es performativ zu machen und ihm Bevor sich Kunst in der Neuzeit als die geniali-
gemäß zu handeln. sche Setzung eines Einzelnen etablierte, die keinen
Brandstetters Bilder schmecken nach der Melan- Gesetzen folgt als denen des eigenen Geistes (oder
cholie, die mit der derzeitigen Eskalation des Ver- der kollektiven Institution »Kunst«), entstanden alle
gehens verbunden ist, während wir tatenlos zusehen. Werke unter dieser Voraussetzung. Kunst war kos-
Das menschliche Handeln steht schon lange nicht misch. Sie war kein Guckloch aus der Höhle, sondern
mehr im Dienst der Fruchtbarkeit des Kosmos. Viel- die verdinglichte Teilnahme an der Fruchtbarkeit der
leicht rührt daher der leichte Schleier über vielen von Welt und darin die Zusicherung unseres Beitrags zu
Brandstetters Werken, das Pastellhafte, das wie ein ihrer Erhaltung. Die künstlerische Beschwörung einer
disperser Trauerflor wirkt, unter dem wir die aberwit- Welt, die Leben gebiert, schlug sich über Jahrhundert-
zige Fähigkeit der Welt, sich mit Leben zu füllen und tausende als Felsmalereien, Bilder im Sand, Stammes-
neue Räume für die Füllung mit Leben im Nichts ein- skulpturen oder rituell aufgetragene Körperbemalung
zurichten, als Negativform wahrnehmen. Sie zu füllen nieder. Sie drückte sich in Gesang, Tanz und Trance
hieße handeln. aus. Grenzen zwischen künstlerischem Handeln und

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Schamanismus existierten nicht, weil alles Handeln Das Leben in der Kunst zu beschwören ist auch
unter der Maßgabe stand, einen Kosmos mit Leben heute noch das, was es immer war: keine Kulturpro-
zu beschenken, damit er weiter Leben gebar. Kunst duktion, sondern ein kosmisches Ritual, in dem es
war der Verkehr mit den Geistern, um dem Kosmos ums Ganze geht. Erst wenn dort nicht mehr Über-
Fruchtbarkeit zu ermöglichen. Kunst, die Natur meint, leben die treibende Kraft ist, sondern alles »Über
muss diese Zusicherung erneuern. Das ist der Maß- Leben« handelt und dieses Leben fruchtbar macht, ist
stab, an dem wir sie messen können. Unter heutigen der kosmischen Dimension Genüge getan. Es kann
Gesichtspunkten hieße solche Kunst dann: der ex- heute weniger denn je eine individuelle Angelegenheit
traktiven Maschine Einhalt gebieten, sie nicht mehr bleiben, die alles umschließende Fruchtbarkeit um
füttern; auf künstlerische Weise Mittel zu ersinnen, den Preis des eigenen Überlebens zu nähren. Dafür
um ihre Gefräßigkeit zu stoppen. Künstlerisches sind die Kräfte, die das Leben zum eigenen Überleben
Handeln kann nicht mehr stattfinden, ohne sich in verbrauchen wollen, zu groß und zu tödlich geworden.
der Bewahrung der Fruchtbarkeit der Welt direkt zu Kunst, die Natur meint, zeigt uns somit auch das: Der
engagieren. Alles andere hieße zu leugnen, Fleisch von fruchtbaren Welt Leben zu spenden ist zum einen
deren Fleische zu sein. ein künstlerischer Prozess, aber er ist darin zugleich
Brandstetter befreit in seinem Atelier das wand- unmittelbar ein politisches Anliegen. Die menschliche
große Gemälde einer Rinderherde in staubiger Hitze Gemeinschaft muss sich als Ziel setzen, das Leben zu
von seinen Schutzplanen und dreht es zum Be- verteidigen, weil es der Einzelne allein nicht vermag.
trachter um. Braun und Grautöne, die Tiere knochig Fruchtbarkeit zu erzeugen ist eine Aufgabe für die
und doch majestätisch, im Zentrum und verloren Gegenseitigkeit zwischen allen Wesen. Eine Kunst,
auf dem nur halb grundierten Untergrund. Das Bild die »Über Leben« handelt, übernimmt politische Ver-
heißt »Regenwald«. Aber es zeigt nur baumlose Fläche, antwortung in dem Moment, in dem sie ästhetische
staubig, stickig, von Kühen auf der Flucht durchrannt. Position bezieht. Der Kern beider ist die kosmische
Gemalt ist das Bild mit Farben, die Brandstetter aus Verpflichtung, Leben zu spenden. Wird sie eingehal-
Sojamehl und Asche angerührt hat, den Produkten ten, bleibt diese Welt unsterblich – und erneuert sich
des Raubbaus. Der Wald ist zu Staub geworden, und in jedem schöpferischen Augenblick. 
mit diesem Staub lässt der Künstler das Gegenbild des
einst Gewesenen entstehen und darin dessen Fülle,
als Schattenform, als Ruf nach Rettung.

15
Bienenfresser
2004
Bleistiftzeichnung, 31 x 22 cm

» Die Zeit drängt. Arten sterben aus, Vielfalt schwindet,


Ökosysteme brechen zusammen. Die Politisierung der
Natur ist in vollem Gange. Es geht um Macht, Moral
und Maßnahmen. Wenn ich in der Natur sein kann oder
im Atelier arbeite, entsteht eine andere Qualität der
Beziehung. Eine feine Linie führt mich zu den Wesen
und der unbändigen Kraft ihrer Erscheinungsformen.
Es kostet Mut, dem eigenen Staunen und Erleben wie-
der mehr Raum zu geben. Ich investiere Zeit, Geduld,
Hingabe in meine Beobachtungen, für das Viele, für die
DIVERSITÄT. So entsteht eine Verbindung zwischen

«
Individualität und dem Ganzen – ein nachhaltiger Schlangenwurz
2013
Weg zurück zur Natur. Aquarell, 29 x 39 cm
In der Samariaschlucht auf
Kreta blüht die Gemeine
Drachenwurz (Schlangen-
wurz) im Frühjahr in großer
Zahl.

16
17
Bienenfresser
2004
Aquarell und Bleistift,
29 x 39 cm
Seine Beute fängt der Bienen-
fresser im Flug. Gegen Stiche
gefeit ist er indes nicht. Bevor
er seinen Fang verschluckt,
entleert er dessen Giftdrüsen
daher durch kräftige Schna-
belhiebe.

Baumlobelie
1999
Aquarell, 22 x 30 cm
Am Nyiragongo, einem
der Virunga-Vulkane,
wächst die Riesenlobelie,
die bis zu 7 Meter hoch
werden kann.

18
Bartkauz
2010
Aquarell und Bleistift,
29 x 39 cm

 Ziegenmelker
2015
Aquarell und Bleistift,
39 x 29 cm
Dass der Ziegenmelker
nachts an Eutern von Ziegen
saugen würde, war schon
in der Naturalis historia von
Plinius zu lesen – ein Irrtum,
dem er noch heute seinen
Namen verdankt.
Feldhase
2010
Aquarell und Bleistift,
29 x 39 cm

 Fuchs
2011
Aquarell und Bleistift,
29 x 39 cm

22
Großer Natterkopf
2017
Aquarell und Bleistift,
29 x 39 cm
Gigant an den Hängen des
Teide: Eine auf Teneriffa
und La Palma endemische
Natternkopfart kann
imposante Wuchshöhen
von bis zu drei Metern
erreichen.

Grand Cru, Ortler


2017
Kolorierte Bleistiftzeichnung zu:
Schmetterlinge im Hochgebirge,
60 x 30 cm

24
25
 Páramo
2015
Aquarell und Bleistift,
67 x 48 cm
Artenvielfalt im Páramo
Ecuadors, einer baum-
losen »Steppe«
tropischer Hochländer.
Morphofalter
2005
Aquarell, 22 x 33 cm
Farbenspiel durch Lichtreflexe:
Die lateinamerikanischen
Falter der Gattung Morpho
faszinieren durch ihre leuch-
tend blauen Flügel­ober­s eiten.

 Ragwurz-Arten
2002
Aquarell, 39 x 29 cm
Täuschen als Strategie:
Orchideen aus der Gattung
Ragwurzen ahmen weibliche
Insekten nach, die in die
Irre geführten Männchen
sorgen für die Übertragung
der Pollen.

29
Arctiinae
1997
Aquarell und Bleistift,
29 x 39 cm
Der starken und langen
Behaarung ihrer Raupen
verdanken die Bärenspinner
(Arctiinae) ihren Namen.
Sphingidae
2001
Aquarell und Bleistift,
29 x 39 cm
Um Nektar zu saugen, fliegen
viele Schwärmer (Sphingidae)
im Schwirrflug von Blüte zu
Blüte oder verharren im Flug
wie Kolibris.
Saturniidae
2001
Aquarell und Bleistift,
29 x 39 cm
Der tropisch anmutende
Isabellaspinner ist kälte-
angepasst und kann in
Frühlingsnächten in der
Bergregion Zentral-
spaniens angetroffen
werden.
Ausschnitt
Luchs
2011
Aquarell und Bleistift,
29 x 39 cm

33
Büffel im Kongo (Zaire)
2018
Aquarell und Buntstift, 58 x 29 cm

34
35
 Feuerkehl-Kolibri
2017
Aquarell und Bleistift,
29 x 39 cm
Der Feuerkehl-Kolibri
(Mitte; Panterpe insignis)
kommt ausschließlich in
den Bergregionen von
­C osta Rica bis Panama vor.

Eisvogel
2001
Aquarell, 22 x 33 cm
Schillerndes Juwel: Farben-
pracht und Rüttelflug er-
innern an Kolibris, mit denen
der Eisvogel jedoch nicht
verwandt ist.

37
Alraune
2009
Aquarell und Bleistift,
39 x 29 cm
Die Gemeine Alraune
war seit der Antike als
Zauberpflanze bekannt
und wurde als Aphrodi-
siakum und Narkotikum
genutzt.
Rosenkäfer
2010
Aquarelle, 30 x 22 cm
Gartenkompost dient
Larven des Rosenkäfers
als Kinderstube. Wer
Glück hat, kann von dort
auch erwachsene Tiere
aufsteigen sehen – wie
Phönix aus der Asche.

39
40
Proteas
1999–2001
Aquarelle,
jeweils 30 x 22 cm
Die Gattung Protea blühte
schon, als Afrika noch mit
Australien, Indien und Süd-
amerika im Urkontinent
Gondwana vereinigt war. Die
Königsprotea (links, Protea
cynaroides) ist die Wap-
penblume Südafrikas; wie
Protea compacta (Mitte)
und Protea exima wächst
sie in der Kapregion.

41
Tanganjika-Buntbarsche
1999
Bleistiftzeichnung,
35 x 26 cm
Die in den afrikanischen
­Großen Seen beheimateten
Buntbarsche gelten als
Beispiel für eine besonders
rasche Artenentwicklung.

42
Nautilus
2001
Aquarell, 25 x 32 cm
Nautilus oder Perlboot
heißen die Nachfahren einer
fossil sehr artenreichen
Tiergruppe. Am Strand der
malaysischen Insel Pulau
Dayang sind seine Schalen
in großer Zahl anzutreffen.

43
Bleistiftskizze Orchidee
2015
30 x 21 cm

» Bis sich die Blüten öffnen, vergehen stille Tage der Beobach-
tung. Der Regenwald pulsiert; von der Veranda meiner Finca
in Costa Rica aus betrachte ich die Knospen einer mir un-
bekannten Orchidee und skizziere die sich wandelnde Form.
Endlich gibt sie ihre Schönheit preis und lockt mit zartem
Duft und strahlendem Gelb sogleich die Prachtbienen an:
Wie lebende Kunstwerke umschwirren sie leuchtend und
schillernd ihre Blüten. Die Männchen parfümieren sich für
ihre Weibchen mit dem Orchideenduft ein und bestäuben
zugleich die Blüte. Solche SYMBIOSEN sind ein erstaun-
liches Phänomen: Kein Wesen ohne sein Netzwerk, kein

«
Ding, nichts existiert losgelöst. Alles Lebendige ist immer-
währender Widerhall von Bedürfnissen. Ausschnitt
Rätselhafte Prachtbienen
2015
Aquarell-Mischtechnik,
75 x 45 cm

44
54
55
 Fruchttragende Bäume
füttern Orang Utan (Seite 46/47)
2016
Aquarell-Mischtechnik, 76 x 47 cm
Früchte als Tierfutter: Vögel und Säuger wie der
Orang Utan lieben Früchte – und tragen über ihre
Ausscheidungen zur Samenverbreitung bei.

 Heliconienfalter und


Passionsblumen (Seite 48/49)
2015
Aquarell-Mischtechnik, 76 x 47 cm
Die Raupen der Heliconienfalter fressen Blätter
und Triebe der giftigen Passionsblume und werden
dadurch selbst ungenießbar.

 Rätselhafte Prachtbienen (Seite 50/51)


2015
Aquarell-Mischtechnik, 76 x 47 cm
Ihren Namen tragen die Prachtbienen zurecht,
doch auch ihr Duft ist großartig. Die Männchen
parfümieren sich durch den Besuch von Orchideen
ein und bekommen so Aufmerksamkeit von den
weiblichen Bienen.

 Blüten und Insekten (Seite 52/53)


2015
Aquarell-Mischtechnik, 76 x 47 cm
Vielfältigste Formen und Farben von Blüten sind
ein exzellentes Beispiel für Koevolution. In über
100 Millionen Jahren haben Insekten und Blüten-
pflanzen faszinierende Symbiosen entwickelt.

 Wildschweine und Trüffeln (Seite 54/55)


2015
Aquarell-Mischtechnik, 76 x 47 cm
Duftende Trüffeln: die unterirdisch wachsenden
Pilze locken mit Düften, die den Sexuallockstoffen
von Schweinen ähneln. An den Rüsseln der Tiere ver-
bleibende Sporen sichern die Trüffelverbreitung.

 Ausschnitt
Kannenpflanze und Kurznasenfledermaus
(Seite 56/57)
2016
Aquarell-Mischtechnik, 76 x 47 cm
Die kleine Fledermaus ruht am Tag in ihrer Kanne
und düngt dabei die fleischfressende Pflanze mit
ihren Ausscheidungen.

 Kurioses Faultierleben (Seite 58/59)


2015 Ausschnitt
Aquarell-Mischtechnik, 76 x 47 cm Korallen – pflanzenartige Tiere
Wohnstatt und Eiablage: Im Fell von Faultieren 2015
haben Kleinschmetterlinge ihren Lebensraum Aquarell-Mischtechnik,
gefunden; sie ernähren sich von dort lebenden 76 x 47 cm
Algen und legen ihre Eier in frischen Faultierkot. Riffbildende Korallen leben mit
Algen in Symbiose. Für das See-
pferdchen Hippocampus bargi-
banti ist das Riff ein perfektes
Versteck.

60
Ausschnitt
Bänderschnecken
2014
Aquarell und Bleistift,
29 x 19 cm

» Alles im Wandel, alles im Fluss, alles in Bewegung.


Alles bleibt ein Zwischenschritt der EVOLUTION und
ist eingebettet in sein eigenes Übergangsszenario: Jedes
Tier, jede Pflanze und auch der Mensch entwickelt sich
in ständiger Resonanz und andauerndem Austausch
von Information, Wissen und Erfahrung. So folgt rück-
blickend ein Schritt dem nächsten und dauert doch
Millionen Jahre. Ich setze einen Strich aufs Papier. Er
folgt, beobachtend, wertschätzend, dem vorherigen, wie Vom Krokodil zum Vogel
2014

«
er zugleich den nächsten definiert: ein Kontinuum, das Aquarell und Bleistift,
28 x 36 cm
Entstehung und Veränderung beherbergt. Die Dinosaurier waren das
»Experimentierfeld« vom
Krokodil zu den Vögeln.

62
Charles Darwin
1984
Aquarell, Erdlasuren und
Buntstift, 67 x 49 cm

Alles, was gegen die Natur ist,


hat auf Dauer keinen Bestand.
CH A R LES DA RW I N

64
Darwinfinken
1997
Aquarell und Bleistift,
30 x 40 cm
Darwinfinken der Galapagos-­
Inseln: Spechtdarwinfink
(Camarhynchus pallidus),
Großer Grundfink (Geospiza
magniostris, unten)
und Kaktusfink (Geospiza
scandens, rechts).
 Tot wie der Dodo
2015
Aquarell-Mischtechnik,
76 x 47 cm
Inselgigantismus: die Tauben-
art wog bis zu 20 Kilogramm
und war damit zu schwer,
um fliegen zu können.
Dem Menschen und seinen
Kulturfolgern wie Ratten
hatte der Dodo damit nichts
entgegenzusetzen – und
starb um 1690 aus.

68
Nichts in der Biologie ergibt Sinn,
außer im Lichte der Evolution.
T H EODOSI US DOBZ H A NSK Y

Entwicklung der Wale


2014
Aquarell, 29 x 26 cm
»Evolution verkehrt«: unsere
heutigen Wale entwickelten
sich aus an Land lebenden,
fleischfressenden Ur-Huftieren.

69
Wir müssen einräumen, dass der Mensch
mit allen seinen hohen Eigenschaften
noch immer in seinem Körper
den unauslöschlichen Stempel
seines niederen Ursprungs trägt.
CH A R LES DA RW I N

Evolution des Menschen


1999
Sepiastift, 60 x 40 cm

70
71
Stegosaurus
1997
Aquarell, 38 x 29 cm

72
Brachiosaurus
2014
Aquarell und Bleistift,
38 x 34 cm
Karbonwald
1999
Aquarell, 38 x 29 cm
Die Steinkohlewälder des
Karbon schufen die Grund-
lage für die Technisierung
unserer Gesellschaft.

75
Kolibri
2015
Aquarell,
15 x 21 cm

»

… immer wieder überwältigt von der überbordenden
Vielfalt und dem schieren Überfluss an Flora und Fauna
der REGENWÄLDER. Mit jedem Blick entdecke ich Neu-
es, Überraschendes, zunächst Verborgenes – ganz eigene
kleine Welten. Ein Kosmos aus Mustern, Formen, Farben,
Größen und Verhältnissen. Wie viele Grüntöne gibt es?
Regenwald … das ist unendlicher Reichtum an Lebendig-

«
keit. Jeder Quadratzentimeter unendlich komplexe Ausschnitt
Erdbeerfrosch und
symbiotische Geflechte. Bromelien
2016/2017
Mischtechnik, 77 x 45 cm
Das winzige Bromelienfrösch-
chen erklettert Baum­r iesen,
um seine Kaulquappen in die
Zisterne einer Bromelie abzu-
geben. Die Kaulquappe hat
dort ein sicheres Zuhause,
und die Bromelie bekommt
durch ihre Ausscheidungen
den nötigen Stickstoff.

76
77
78
79
Bromelien auf Costa Rica
2015
Die Bromelien und ihre
Symbiose mit Erdbeer-
fröschen sind für die mittel-
und südamerikanischen
Regenwälder typisch.

Skizze zu Bromelien
2015
Bleistiftzeichnung,
44 x 21 cm
 Ausschnitt (Seite 81)

Skizze zu Bromelien
2015
Kolorierte Kohlezeichnung,
45 x 24 cm

 Kivu
2018
Aquarell-Mischtechnik,
75 x 45 cm
Das ostafrikanische Kivu-­
Gebiet verbindet die Savanne
mit dem Regenwald des
Kongo. Hier sind unter ande-
rem die stark gefährdeten
Berggorillas zu Hause.

80
82
Ausschnitt
Gran Sabana
2018
Aquarell, 37 x 77 cm
Landschaft am Fuße der
Tepuis, der Tafelberge
Venezuelas

Ausschnitt
Kolorierte Kohlezeichnung
zu »Bromelien«
2015
Kohle, Aquarell, Leuchtstift

83
Amazonas-Packkarton
2015
Tempera und Kohle auf
Packkarton/Leinwand,
300 x 140 cm

84
85
86
Aquarell und Kohlezeichnung
zur Serie »Regenwald«
2015
40 x 28 cm
Zahlreiche Regenwälder
Brasiliens mussten Viehherden
und Sojafeldern weichen.

87
Regenwald 1
2015
Sojamehl und Russ mit Tempera,
gebunden auf Leinwand,
300 x 140 cm

88
89
Vallée de Mai 1
2017
Tempera und Ruß auf
­Holztafel,
100 x 70 cm

Ausschnitt
Bleistiftzeichnung
zu Bromelien
2015

Vallée de Mai,
Seychellen
2014
Nur auf der kleinen Seychel-
leninsel Praslin im Vallée de
Mai wächst die Coco de Mer,
die Palme mit dem größten
»Samenkorn« der Welt.
91
Vallée de Mai 2
2017
Tempera und Ruß auf
­Holztafel, 100 x 70 cm

Vallée de Mai 3
2017
Tempera und Ruß auf
­Holztafel, 100 x 70 cm

92
93
Malaysischer Tapir
2007
Aquarell auf Fabriano-Papier,
38 x 29 cm
Die evolutionsgeschichtlich alten
Tapire (hier die auch Schabracken-
tapir genannte Art) leben heute in
zwei weit voneinander entfernten
Gebieten: in Lateinamerika und in
Südostasien.

94
Malaysischer Regenwald
2007

Skizze zu »Geisterbäume«
2007
Bleistiftzeichnung,
21 x 30 cm

95
» Hundertjährige, Schatten spendende Gefährten in den
Inn-Auen: SILBERWEIDEN sind die Bäume meiner Kind-
heit. Ich blinzle durch das luftige Blattwerk nach oben.
Durch ihr silbriges Laub streicht der Wind, es spiegelt sich
im seichten Wasser, raschelt, flattert und flüstert leise. An
einem Tag ist der Inn mein Mississippi, am nächsten wird
er zum Amazonas-Strom. Leben spendende Abenteuerlust
und Entdeckerfreude; absichtsloses, freies Erforschen in
meinen Urwäldern am Fluss. Die alten Weiden sind heute

«
verschwunden, sie wurden wegreguliert. Ich male Verlore-
nes, damit es uns bleibt.
Willows 1
2017
Tempera auf Holztafel,
100 x 70 cm

96
97
98
Willows 2
2017
Tempera auf Holztafel,
100 x 70 cm

Willows 4
2017
Tempera auf Holztafel,
100 x 70 cm

99
»Ich verbinde Verliebtheit
mit Forschergeist.«
J O HAN N B R AN D STET TE R
im Gespräch mit AN N ET TE S C H O LL, Kunsthistorikerin

Herr Brandstetter, Sie reisen gerne und viel. Ihre und genaueren Beobachtung. Daraus entstehen
Exkursionen führen Sie sowohl in die unmittelbare Ideen ... und daraus wird eine künstlerische Arbeit ...
Umgebung Ihres Wohnorts als auch in die Ferne.
Wohin ging die letzte Reise? Dann gehören Reisen und Kunst zusammen?

Zuletzt war ich in Costa Rica. Ich mag dieses kleine Kunstproduktion und Reisen sind auf vielfältige Weise
Land aus vielerlei Gründen. In kaum einem anderen verwoben. Das Reisen öffnet den Blick, verändert die
Land gibt es einen so großen Artenreichtum an Pflan- Perspektive. Der Reisende ist, sofern er sich abseits der
zen und Tieren, der auch erfahrbar ist, da man die Touristenpfade bewegt und mit Offenheit und Neu-
Regenwälder auf eigene Faust durchqueren kann. Cos- gier unterwegs ist, mit dem Künstler quasi identisch.
ta Rica grenzt nach Osten an die Karibik, im Westen Die Geschichte der Kunst ist daher immer auch eine
an den Pazifik, getrennt durch die Kordilleren, die Geschichte des Reisens gewesen.
sich durch die Mitte des Landes ziehen. Die Lebens-
räume auf der Pazifikseite sind gekennzeichnet von Sie leben in Oberbayern, genauer in Altötting. Wie
ausgeprägten Trockenzeiten, während die Karibikseite hat diese Landschaft Sie geprägt, und wie kam es
ständig feucht ist. Das Hochgebirge hat dagegen eine dazu, dass Sie mit dem Zeichnen begonnen haben?
ganz eigene Flora und Fauna. Ein Drittel des Landes
ist Naturschutzgebiet – hoffen wir, dass das so bleibt! Neuötting! Egal, fast dasselbe. Aufgewachsen bin ich
aber in Altötting, das ist eher als Wallfahrtsort be-
Warum ist Reisen für Sie so wichtig? kannt denn für seine ausgeprägten Naturschönheiten.
Gemalt habe ich immer schon, ich konnte auch gar
Reisen ist Entdecken! Bedrängende Zeitknappheit nicht anders. Mein Vater war selbst Maler, deshalb
fällt weg, daher bin ich auf Reisen viel aufnahmebe- war Malen für mich als Kind schon etwas Alltägliches.
reiter als zu Hause, wo ständig zivilisatorische Hektik Seltsam erschienen mir diejenigen, die nicht zeichne-
herrscht. Das Reisen in tropisch heißem Klima zwingt ten. Schon als Kind wusste ich, dass ich Maler werden
mich zudem zu einer gewissen Langsamkeit. Das gibt wollte. Ich malte, was mich umgab, was ich sah – und
mir die Möglichkeit einer intensiveren Wahrnehmung ich sah damals sehr viel Natur. Wir hatten einen

100
Forschung, die ich betreibe. In diesem Punkt habe ich
mich von Vorbildern auch relativ schnell wieder gelöst
und bin eigene Wege gegangen.

Waren Sie schon als Kind mit diesem Forscherblick


ausgerüstet?

Jedes Kind ist mit einem Forscherblick ausgerüstet!


Es kommt nur darauf an, wie sehr das Kind darin
gefördert wird. Heute stehen die Kinder unter einem
großen Garten mit alten Laubbäumen. Viele Tiere, immensen Leistungsdruck. Alles wird unter ökono-
die man heute kaum mehr in freier Natur findet, mischen Aspekten gesehen, auch die Erziehung. Da
waren damals noch häufig anzutreffen. Ich zeichnete ist wenig Zeit für den liebevollen Blick auf die Natur.
den Steinkauz, der in unserem alten Apfelbaum lebte, Die Förderung »nutzloser« Kreativität bleibt auf der
Asseln, die sich unter Blumentöpfen versteckten ... Strecke. Wohin das führt, sehen wir gerade. Es ist ein
die Liste ist endlos. Die größte Affinität aber hatte Anfang, dass die jungen Leute, Schüler und Schüle-
ich zu Schmetterlingen. Vor allem die Nachtfalter, die rinnen, jetzt auf die Straße gehen und zeigen, dass es
abends um die Terrassenlampe schwirrten, weckten ihnen reicht. Das lässt hoffen! Ich persönlich finde
meine Begeisterung. Kleine schmächtige Spanner mit die weltweite Zerstörung der Lebensräume und das
den verrücktesten Mustern und Linien, die stromli- Artensterben noch mal dramatischer als das Problem
nienförmigen Weinschwärmer mit fast künstlerischem der Klimakrise. Wir sägen ja gerade den Ast ab, auf
Farbensemble aus Oliv und Pink oder der »Braune dem wir sitzen: Die Lücke, die eine ausgestorbene Art
Bär« mit seinem herrlich bunten Fleckenmuster. All hinterlässt, stört das Zusammenleben der Übrigen und
diese Falter sind heute weitgehend aus den Gärten bringt nicht selten ein ganzes Ökosystem zum Zu-
verschwunden. sammenbruch. Es sind genau diese Zusammenhänge,
über die ich meine Bildthemen aufbaue.
Wer waren Ihre künstlerischen Vorbilder?
Sie sind ein politischer Künstler?
Natürlich orientiert man sich als junger Künstler an
bekannten Malern. In meinem Fall waren das vor Ja und nein. Ich verstehe mich als Aktivisten oder
allem Turner, Gauguin und Monet – ich wollte verste- als Aktivierer. Die Entfremdung von der Natur be-
hen, wie die fantastischen Stimmungen der Impressio- ziehungsweise dem Natürlichen führt uns ins Un-
nisten entstanden sind. Später in meiner Ausbildung glück. Das betrifft auch die Künstler und den ganzen
zum Restaurator lernte ich dann die unterschiedlichen Kunstbetrieb. Heute entsteht Kunst weitgehend
Techniken der großen Maler wie Rembrandt, Dürer dort, wo der Markt ist. Das sind die globalen urbanen
und Vermeer sehr genau kennen und stellte meine Schnittstellen in Berlin, in London, in New York. Man
Farbpigmente aus unterschiedlichen Erden und Mi- braucht dort eher eine stabile Internetverbindung und
neralien selbst her. Noch heute hinterlege ich meine möglichst viele Follower als den Hallraum der Natur.
Bilder mit Erdpigmenten aus den verschiedenen Trotz oder gerade wegen dieser allumfassenden Ver-
Ländern, die ich bereise. Es ist immer auch eine Art netzung prägt aber eine sehr ungute Beziehungslosig-

102
keit den Zeitgeist. Ich möchte wieder Lust auf die Ge- Haben Sie für solche Symbiosen ein konkretes Bei-
heimnisse der Natur wecken. Ich will zeigen, dass der spiel?
Zugang und die Liebe zur Natur viel leichter mit dem
Auge des Entdeckers zu finden sind als durch düstere In den Regenwäldern Costa Ricas drängen sich einem
Endzeitszenarien. Außerdem geht immer mehr Wis- die »Vernetzungen« innerhalb der Natur ja geradezu
sen verloren. Wer kann schon heute noch die Kräuter auf. Nehmen wir die Prachtbienen: Sie stürzen sich
am Wegesrand benennen? Das ist ein echtes Problem. gierig auf Orchideenblüten, sammeln dort aber gar
Meine Arbeiten verführen den Betrachter zur Neu- keinen Nektar, weil Orchideen als »Hungerkünst-
gier, zur Lust auf botanisches Wissen. Wer sich mit lerinnen« gar keinen Nektar herstellen können. Sie
meinen Arbeiten befasst, lernt auch etwas, gewinnt besitzen aber Duftstoffe, mit denen sich die männ-
Wissen über Arten dazu, über Vielfalt und dass man lichen Prachtbienen »einparfümieren«, um bei der
diese Vielfalt braucht, damit das Ökosystem, auf das Brautwerbung die besten Karten zu haben. Beim
auch wir angewiesen sind, nicht zusammenbricht. Ich Besuch der Blüten kleben die Orchideen der Biene
arbeite also »Über Leben« ... ein Pollenpaket in den Nacken, das beim nächsten
Blütenbesuch abgestreift wird und damit die nächs-
Eines Ihrer wichtigen Themen ist die Vernetzung, te Blüte bestäubt. Eine echte Symbiose also: Beide
Sie werfen bei aller Detailverliebtheit immer einen Seiten profitieren davon. Fasziniert von solchen Be-
Blick auf das große Ganze. obachtungen, erstelle ich noch vor Ort Skizzen und
schriftliche Notizen. Im Atelier verdichte ich solche
Die allumfassende Vernetzung in unserer Gesellschaft Skizzen, Notate, Erinnerungen, Beobachtungen dann
ist ja etwas höchst Seltsames: Wir sind total vernetzt zu Bildwelten. Es entstehen große durchkomponierte
und trotzdem entfremdet. Wie die Natur mit dem Tafeln, in denen ich sowohl das Persönliche meiner
Thema Vernetzung umgeht, ist mir deshalb wichtig. Beobachtung zeige als auch nach einer ästhetischen
Wir können sehr viel von der Natur lernen, wenn wir Aussage suche, die über das Private einer persönlichen
genauer hinschauen und das Beobachtete wirklich Erfahrung weit hinausgeht. Dazu gehört auch, dass
verstehen. Der destruktive Narzissmus, den die glo- ich mir ein fundiertes Wissen aneigne. Ohne diese
balisierte Welt hervorbringt, kommt gerade an seine Grundlage kann ich nicht arbeiten.
Grenzen. Die Gesellschaft, vor allem die Jüngeren, die
»Millenials«, sucht bereits nach alternativen Konzep- Sie sind ein Universalist, der Wissenschaft mit
ten. Wenn man bisher über die Natur als ein »Fressen Kunst verbinden will?
und Gefressenwerden« nachgedacht hat, muss es jetzt
wieder mehr um Teamwork gehen, um gegenseitige Das ist eine ganz bewusste Entscheidung gegen einen
Hilfe, die nicht in erster Linie als negativ besetztes mir etwas seltsam erscheinenden Exklusivitätsan-
Abhängigkeitsverhältnis definiert wird, sondern als spruch, den ich in einer zunehmend ökonomisier-
Chance. Die Schwächen des einen werden bei einer ten Kunstwelt beobachte. Ich stehe dem skeptisch
nachhaltigen Zusammenarbeit durch die Stärken des gegenüber. Man braucht als Betrachter kein exklusives
anderen ausgeglichen, keiner bleibt auf der Strecke. »Vorwissen«, um sich meinen Arbeiten zu nähern.
Die Idee der »Symbiose« spielt Mensch und Natur Mein Ziel ist es, die Dinge erfassbar zu machen, und
nicht gegeneinander aus. nicht, sie zu verschleiern. Wenn ich beim Betrachter
erreiche, dass er zu staunen beginnt und vielleicht in

103
seinem eigenen Garten dann anders und wohlwollen- und überraschende, manchmal vielleicht auch etwas
der auf Insekten schaut, ist mein Projekt geglückt. Für riskante Naturbeobachtungen sind es auch! Ohne eine
mich besteht auch kein Widerspruch zwischen einem persönliche Beziehung zur Natur wird es keinen nach-
hohen ästhetischen Genuss und einer kämpferisch haltigen Schutz geben. Dafür brauchen wir Freiräume,
kritischen Aussage. Dazu kommt mein ausgeprägtes innere und äußere. Als Kind trug ich Schmetterlings-
Bedürfnis nach Genauigkeit im Fachlichen. Ich be- raupen nach Hause und züchtete sie bis zum Falter,
schäftige mich sehr intensiv mit den Dingen. Diese beobachtete, wie sie aus der Puppe schlüpften. Ich
Ernsthaftigkeit und die Achtung vor den Dingen war fasziniert von der Metamorphose dieser fantasti-
spüren die Leute. Das ist eine Art Gegenimpuls zur schen Tiere. Das waren für mich prägende Erlebnisse.
Fahrigkeit, die unsere Zeit prägt ... sozusagen »Slow Kinder dürfen heute bei einem Waldspaziergang
Art«. faktisch nicht mal mehr eine Vogelfeder aus dem
Wald tragen ... Leider nicht verboten ist dagegen, dass
Die Technifizierung der Welt verändert den Blick flächendeckend Unmengen von Gülle auf die Wiesen
auf die Natur. Wir betrachten die Welt oft nur noch ausgetragen und schützenswerte Lebensräume verbaut
durch die Linse der Smartphone-Kamera. werden, die Liste der Vernichtung ist endlos. Diese
machen auch unsere Naturerfahrung kaputt: Früher
Da sprechen Sie einen sehr problematischen Trend an: duftete der Frühling nach Blumen, heute belastet die
den Verlust eines echten, direkten Zugangs zur Natur. Gülle schon bei den ersten Sonnenstrahlen ganze
Reflexartig wird das Handy gezückt, wenn man beim Landstriche mit ihrem Gestank. Meine Arbeiten sind
Spaziergang eine hübsche Blume sieht. Zu Hause auch ein Statement gegen diese Trends. Ich aktiviere
schaut man sich dann diese »Natur-Bilder« an oder den Betrachter, mit mehr Zuneigung, Hingabe und
postet sie in den digitalen Raum. Das muss oft als Geduld auf die Natur zu schauen und sich dadurch
Naturerfahrung reichen. Wir erleben die Natur zuneh- bestenfalls als einen Teil von ihr zu erleben.
mend als »irgendwo da draußen«, seltsam abgetrennt
von uns selbst. Als Menschen sind wir aber immer
noch selbst ein Teil der Natur. Aber ich will die
Digitalisierung auch nicht per se verteufeln. Ich sehe
auch zunehmend eine Generation von jungen Leuten
heranwachsen, die sich wieder nach einem natürliche-
ren Leben sehnt und auch mit den neuen technischen
Möglichkeiten sehr interessante Projekte verwirklicht
oder sich politisch engagiert. Das gibt Hoffnung und
muss unbedingt wertgeschätzt und unterstützt wer-
den. Unabhängig davon, beobachte ich einen immer
schwerer werdenden Zugang zur Natur, weil alles
reglementiert wird. Man darf die Wege nicht mehr
verlassen, zweckfreies Herumstreunen und Sich-trei-
ben-Lassen verlieren an Bedeutung angesichts eines
übersteigerten Sicherheits- und Kontrollbedürfnisses.
Naturschutz ist wichtig, keine Frage, aber spontane

104
dort als Erwachsene in die Welt gekommen sind. Die
Kindheit wird außen vor gelassen, dabei haben gerade
Kinder ein ganz eigenes Verhältnis zur Natur – ihre
Wildheit und den angeborenen Entdeckerdrang muss
die Gesellschaft stets von Neuem aberziehen. Die
Romantiker etwa haben das Einssein mit der Natur
nur im Stadium der Kindheit für möglich gehalten.
Heute stellen sich den Künstlern wieder andere
Fragen bezüglich des Verhältnisses von Mensch und
Natur. Es gibt eine junge Künstlergeneration, die sich
Ihr Blick auf die Natur ist stark ästhetisiert, Ihre im Feld der Bio Art betätigt und mit den drängenden
Arbeiten sind sehr »schön«. Wie passt das zu solch Fragen im Kontext neuer Technologien befasst. Da
kritischen Aussagen? verschieben sich die alten Rollenverhältnisse noch
mal komplett. Es gibt aber meiner Meinung nach
Was stört Sie an Schönheit? Richtig ist, dass die sowieso nicht »die Rolle« des Menschen in der Natur,
Natur sehr grausam sein kann. Aber das ist letztlich und der Künstler ist auch nicht derjenige, der diese
auch wieder eine menschlich-moralische Bewertung. Rolle zu definieren hätte. Er stellt vielleicht Fragen
Natur wirkt auf uns Menschen oft einschüchternd oder macht Angebote, er setzt vielleicht neue Dis-
oder beängstigend, aber sie ist nicht »böse«. Der Natur kursthemen. Mehr nicht. Aber weniger auch nicht.
ist es egal, wie wir sie empfinden. Meine Beobachtun- Das Verhältnis zur Natur ist ein hochkomplexes,
gen waren bereits in Kinderzeiten, ohne dass es mir das immer wieder neu ausbalanciert werden muss.
vielleicht bewusst war, durchaus analytisch. Wenn ich Wir Menschen tragen meiner Meinung nach eine
beobachtete, wie eine Spinne einen Schmetterling in ganz grundsätzliche Verantwortung gegenüber dem
ihrem Netz fing, ihn langsam fesselte und schließlich Planeten und seinen Bewohnern. Insofern ist mein
aussaugte, empfand ich zwar die vermeintliche Grau- Beobachten, Forschen, Zeichnen oder Malen auch ein
samkeit des Geschehens und hatte Mitleid mit der politischer Akt, auch wenn es auf den ersten Blick
armen Kreatur. Aber ich wollte auch verstehen, wie vielleicht nicht nach politischer Kunst aussieht.
alles zusammenhängt. Es ist meine Verliebtheit in die
Natur, die meine Arbeiten »schön« macht. Gibt es eine »natürliche Kunst«? Oder ist jede
Kunst sowieso künstlich? Was ist überhaupt natür-
Wie sehen Sie als Künstler die Rolle des Menschen lich für Sie?
in der Natur?
Es gibt in Europa nahezu keine Räume mehr, die
Schon mit dem Sündenfall von Adam und Eva sind nicht irgendwie vom Menschen verändert wurden.
wir »aus der Natur gefallen«. Der Mensch hat diese Der Begriff des Natürlichen ist daher kritisch zu
imaginierte Trennung aber nicht als Verlust erlebt, sehen. Ich will es mal an einem Beispiel sagen: Die
sondern Machtfantasien gegenüber der Natur entwi- typische Mittelmeerlandschaft, die Maccie, die wir
ckelt und sich zur Krönung der Schöpfung stilisiert. heute als »natürlich« bezeichnen beziehungsweise
Interessant ist an der biblischen Geschichte des Falls erleben, ist das Ergebnis intensiver Abholzung für
aus der paradiesischen Natur, dass die Menschen den Schiffs- und Hausbau sowie der Verfeuerung im

105
­ ittelalter, ja sogar aus römischer Zeit. Es sind dort
M
seitdem keine natürlichen Wälder mehr nachgewach-
sen. Das Gebiet ist also eine Kulturlandschaft, die
wir heute als natürlich warnehmen. Daran sieht man,
wie nachhaltig solche Eingriffe sind ... Natur erneuert
sich ständig und passt sich äußeren Veränderungen
immer wieder an. Sie ist hochgradig flexibel. Wo
fängt da die Natürlichkeit an, und wo wird es künst-
lich? Das ist keine klar zu ziehende Grenze. Moor-
relikte aus der Eiszeit verlanden langsam, das sind
durchaus natürliche Prozesse. Wir haben aber immer Die Illustration als Kunstform ist im deutschsprachi-
noch die Möglichkeit, unsere Landschaften wieder gen Raum, verglichen mit dem englischsprachigen,
natürlicher zu gestalten und sie mehr sich selbst immer noch wenig präsent. Woran liegt das?
zu überlassen. Hoffen wir, dass hier ein Umdenken
stattfindet. Amerika und England haben ein anderes Verhält-
nis zur Illustration ... Illustratoren werden dort von
Die Wissenschaftsgeschichte ist immer auch eine Galerien vertreten und ausgestellt, die als »Contempo-
Geschichte der Kunst bzw. der künstlerischen rary« firmieren. Es gibt dafür einen vitalen Markt. Bei
Illustration gewesen. Heute ist diese »Symbiose« uns hat man es dagegen schwerer, weil Illustration als
aus Wissenschaft und Kunst selten geworden. »Fine Art« stigmatisiert wird. Das ist ja bei uns schon
ein Karrierehindernis, wenn man unter diesem Label
Das würde ich so nicht sagen. Die künstlerische läuft. Bis heute findet die Ausbildung von Illustratoren
Illustration erlebt gerade weltweit eine Renaissance. nur bedingt an den Akademien statt. Die Ausbildung
Bei mir ist es ein bisschen wie bei Humboldt, der ist nicht wirklich reglementiert. Wer jedoch nicht an
sich mit enormem Forscherdrang durch den amazo- der Akademie studiert und bestenfalls noch als Meis-
nischen Regenwald schlug und dabei atmosphärisch terschüler abgeschlossen hat, hat es sehr schwer, als
dichte Illustrationen entstehen ließ. Als gezeichnete Künstler durchzugehen. Galeristen trauen sich nicht
Reiseberichte dokumentieren seine Skizzen nicht nur so richtig ran, das liegt meiner Meinung nach auch am
Erlebtes und Beobachtetes, sie kennen auch keine Kenntnismangel. Das spiegelt sich dann auch in der
schamvolle Angst vor dem Gefühl der Überwälti- – fehlenden – Kunstgeschichtsschreibung wider. So
gung. Genauso wenig verzichten sie auf die Zumu- dreht man sich im Kreis. Illustration findet in diesem
tungen der Genauigkeit und des Details. In diesem Zirkel eigentlich gar nicht statt. Das ist wirklich scha-
Spannungsfeld finde ich mich wieder. In meinen de, weil es ausgesprochen interessante Künstler gibt,
Arbeiten geht es letztlich um die Glaubwürdigkeit die über den Weg der Illustration sehr Besonderes
einer Erfahrung – also um Selbstvergewisserung und und Ungewöhnliches von herausragender technischer
Selbstermächtigung dem eigenen Schauen gegenüber. Raffinesse schaffen mit einem sehr spezifischen Blick
Das hat also wenig oder nichts mit Dokumentaris- auf Natur. Es wäre schon wichtig, dass diese Arbei-
mus zu tun. So etwas kann man auch nicht fotogra- ten endlich sichtbarer werden. Die Engländer haben
fieren. zur Illustration ein besseres Verhältnis, sagen wir
mal »entspannter« und etwas offener, weniger Berüh-

106
rungsängste. Das ist sicher auch in der Tradition der Vor allem im frühen 19. Jahrhundert erlebte diese
Künstlerausbildung verankert, und es hängt mit der Kunst der Naturbeobachtung eine Blüte, wobei – den-
Geschichte der Buchkunst bzw. der künstlerischen ken wir an den später einsetzenden Jugendstil – die
Verbindung von Kunst und Handwerk zusammen. Grenze zwischen Dekoration und Kunstanspruch flie-
ßend und offen war. Die Stilisierung der Naturform
Ihre Zeichnungen und Aquarelle sind detailgenau, hin zur Abstraktion einer »wie natürlich« anmutenden
kleinteilig und gleichzeitig von einer großen Allge- Linienführung hob die Unterscheidung von Kunst
meingültigkeit, fast schon philosophisch ... und Dekoration temporär quasi auf. Voraussetzung
für diese Entwicklung war die Industrialisierung, die
Ausschließlich Maler oder Zeichner zu sein ist mir zu einerseits die technischen Möglichkeiten der seriel-
wenig. Ich bin Beobachter, Schauender und Forscher, len Produktion schaffte und andererseits, durch die
manchmal sogar Musiker und eben auch ein bisschen rasante Entwicklung der Großstädte, eine Entfrem-
Philosoph. Ich habe gerne das große Ganze im Blick. dung von der Natur mit sich brachte. Hinzu kamen
Und ja, mir fehlt in den aktuellen Debatten der fun- die neuen technischen Möglichkeiten des Reisens. Das
dierte philosophische Blick bei der Lösung der drän- eröffnete ganz neue Perspektiven, auch für Künstler.
genden politischen Fragen. Wenn es einen pädagogi- Schauen Sie sich die Impressionisten an: Sie sind mit
schen Aspekt in meiner künstlerischen Arbeit gibt, dem Zug in die Vorstädte gefahren und haben dort
dann vielleicht diesen: Ich erinnere daran, dass wir, »plein air« gemalt. Das war damals in Kunstkreisen
jeder von uns, unseren Blick und damit unser Urteils- erst mal ein Skandal. Aber unterm Strich war es
vermögen schärfen können und müssen, um eine Hal- der Drang zurück zur Natur, der diese Künstler im
tung zu den Fragen unserer Zeit zu entwickeln. Aber wahrsten Sinne des Wortes bewegte. Heute erleben
ich bin kein Moralist. In meinem Arbeiten stecken wir ein ähnliches Phänomen. Wenn wir die Mega-
zwar ethische Fragen, aber sie sind keine moralischen trends der Zukunftsforscher anschauen, werden dort
Gelehrsamkeitsstudien. Dazu sind sie auch viel zu zwei Aspekte beschrieben, die zunächst gegensätzlich
lustbetont. scheinen: eine rasante Entwicklung der Megastädte,
der Trend zu noch mehr Urbanität und die dazugehö-
Da komme ich doch gleich noch einmal auf Ihre rige Landflucht einerseits, gleichzeitig aber auch eine
Naturverliebtheit zurück: Wie verhält sich diese zum große Sehnsucht nach Naturnähe, zum Beispiel durch
wissenschaftlichen Anspruch? »Clean Eating«, und der weltumspannende Trend nach
Achtsamkeit im Umgang mit sich selbst und seiner
Meine Arbeiten zeichnet ein Wechselspiel zwischen Umgebung. In diesem Spannungsfeld arbeiten auch
Verliebtheit und Forschergeist aus. Die Kunstge- Künstler heute.
schichte ist auch eine Geschichte der künstlerischen
Illustration von Naturbeobachtungen, die mit einem Sehen Sie da einen neuen Trend in der
wissenschaftlichen Blick ausgerüstet sind. Gleichzeitig zeitgenössischen Kunst?
sind sie von einer außerordentlichen Hingabe an ihr
Objekt gekennzeichnet. Es gibt unzählige bekannte Viele Künstler stellen heute Fragen nach Ökologie im
und unbekanntere Künstler, die sich der Naturbeob- Umgang mit natürlichen Ressourcen und thematisie-
achtung gewidmet haben. Das Naturstudium gehörte ren die Herausforderungen, mit denen wir jetzt und
seit jeher zur akademischen Ausbildung der Künstler. zukünftig umgehen müssen. Aus den Beobachtungen

107
von komplexen Strukturen und Prozessen in der Künstlern, deren Naturalismus einer Idee folgt, statt
Natur wird dabei im besten Fall eine künstlerische möglichst »nur« wertfrei abzubilden. Manche meiner
Aussage, die weit über einen vermeintlich »illustrati- Arbeiten haben sich deshalb quasi verselbstständigt
ven« Aspekt oder den »naturverliebten Blick« hinaus- und sind schon fast ikonisch geworden. Den blauen
geht. Das ist kein Trend im Sinne einer Mode, das ist Morpho-Falter kennt ja fast jeder – so etwas passiert
ein echtes Anliegen, eine Notwendigkeit. Künstler nur, wenn man einen Punkt trifft, der ins Allgemein-
reagieren auf die Vorstellung einer menschenge- gültige hinüberreicht, also etwa den »Schmetterling
machten Welt, die die Natur kolonisiert, benutzt und schlechthin« meint.
kontrolliert. Der Begriff des Anthropozäns geistert ja
schon seit längerer Zeit auch durch die Kunstszene. Sie haben viele internationale Auszeichnungen
Die Konjunktur einer Kunst, die sich mit dem Be- erhalten. Wohin geht Ihre Reise als Künstler jetzt?
griff, dem Phänomen und der Zukunft von Natur Was sind Ihre Pläne?
befasst, die vom Menschen »benutzt« wird, ist nicht zu
leugnen. Und das betrifft nicht nur die Kunst: Auch Künstler verraten doch keine Pläne! Bei jedem meiner
Literatur und Philosophie reagieren auf diese Fragen. Werke steht zuerst ein Gedanke, etwas im Kopf, oder
Wir stehen dabei aber noch am Anfang. Da entsteht ich bleibe an einer Beobachtung oder einem diffu-
gerade so etwas wie eine Kunst für das 21. Jahrhun- sen Gefühl hängen. Ich gehe damit in einen inneren
dert neu. Eine ziemlich spannende Sache! Dialog, es formt sich eine erste Bildidee. Im Zeichen-
prozess selbst entsteht daraus etwas ganz Neues und
Verstehen Sie Ihre Arbeit als eine Verbindung oft Überraschendes. Dieser Prozess ist sehr spannend,
zwischen Kunstform, Natur und dem gestalteten da gibt man sich nie zufrieden mit schon Erreichtem.
Lebensraum der Menschen? Eine eigene »Kunstreise« ... Ich weiß nie, wo sie mich
hinführt, und lasse mich liebend gerne auf dieses
Meine Arbeiten können sich in ein Ensemble, einen Abenteuer ein. Pläne habe ich insofern also keine. Die
Raum einfügen, ohne zu dominant zu wirken oder Ideen und Themen kommen auf mich zu. Aber natür-
zu »stören«. Sie haben sicher eine gewisse dekorative lich sind alle ganz herzlich eingeladen, meine aktuel-
Qualität. Aber ich unterscheide mich insofern vom len Ausstellungen zu besuchen und mich auf meinen
Dekorum, als ich die Formen der Natur nicht im Sin- bisherigen Reisen ein Stück weit zu begleiten. 
ne einer Abstraktion oder eines Ornaments stilisiere,
sondern sie weitgehend so belasse, wie sie in Erschei-
nung treten – manchmal ist das dann auch chaotisch
oder unregelmäßig. Es ist aber richtig, dass ich eher
am Harmonischen entlangarbeite als am Disharmo-
nischen. Ich komponiere ja auch irgendwie gegen die
Zerstörung an – das ist ein Prozess des Entstehens,
der sich gegen einen Prozess des Abbaus wendet. Das
verbindet mich von der Herangehensweise her mit

108
Über Künstler und Autor

JOHANN BR ANDSTETTER illustriert seit ANDREAS WEBER arbeitet als Schriftsteller und
25 Jahren Bücher und ist seit Jahren Stammgast Journalist. In seinen literarischen Sachbüchern wie
auf der Liste der »200 Best Illustrators Worldwide«. Alles fühlt, Lebendigkeit und Enlivenment setzt er sich
Die Leidenschaft des Künstlers gehört der Natur, für eine Sicht der Wirklichkeit als seelischen Prozess
sein Anliegen ist es, Kunst und Natur (wieder) zu und gefühlsmäßige Teilhabe an allen Lebensphänome-
verbinden. Dafür arbeitet er mit Aquarellfarben, nen ein. Weber studierte Biologie und Philosophie
die er in mehrschichtigen Lasuren so dicht aufträgt, und promovierte über »Natur als Bedeutung«. Er lebt
bis der Eindruck eines lebendigen Organismus ent- mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Berlin
steht. Weiterhin typisch für seine Bilder sind der und in Italien.
Reichtum an Details und der feine Strich seiner
Illustrationen. Eine Ausbildung zum Restaurator
und das Studium der alten Meister unterstützen
die Raffinesse seiner Materialverwendung und
Maltechniken.

109
Dank

Auch ein Buch, das vor allem Werke eines bildenden Bei Herrn Jacob Radloff und dem oekom verlag
Künstlers und Illustrators enthält, entsteht nicht ohne möchte ich mich schließlich für die Verwirklichung
die Mithilfe vieler anderer. dieses Projektes bedanken, insbesondere bei
Zuvorderst nennen möchte ich meine Frau Sabine Laura Kohlrausch für ihre nimmermüde, kreative
Brandstetter für ihre Unterstützung und ihre zahl- Begleitung des gesamten Entstehungsprozesses sowie
reichen inspirierenden Ideen. bei Christoph Hirsch für die redaktionellen Texte.
Zu großem Dank verpflichtet bin ich Andreas Weber,
der meine Kunst und dieses Buch durch seinen
wunderbaren und im besten Sinne »passenden« Text
bereichert.

Skizze Callas
2014
Bleistiftzeichnung,
24 x 32 cm

110
Bildnachweis

Künstlerische Arbeiten:
Seite 29–32: J. Brandstetter, E. Zippel, Wie Schmet-
terlinge leben, © 2019, Haupt Verlag AG, Bern;
Seite 42: G. Zurlo, Tanganjika-Buntbarsche,
© 1999, Gräfe und Unzer Verlag GmbH, München;
Seite 45–61, 66/67, 77, 84/85: J. Brandstetter,
J. H. Reichholf, Symbiosen, das erstaunliche Mitein-
ander in der Natur, © 2018 Matthes & Seitz Ver-
lagsges. mbH, Berlin;
Seite 63, 65, 68/69, 73: J. H. Reichholf, Evolution.
Eine kurze Geschichte von Mensch und Natur,
© 2016, Carl Hanser Verlag GmbH & Co.KG,
München;
Seite 70/71: Archiv für Kunst und Geschichte Ber-
lin, London, Paris;
Seite 82: Schafhof – Europäisches Künstlerhaus,
Freising
Alle anderen, inkl. Umschlag:
© Johann Brandstetter

Fotografien:
Seite 80, 90, 95, 101–102, 104–106, 109:
© Sabine Brandstetter;
Seite 109 (A. Weber): © Florian Büttner

111
»Wie keinem anderen gelingt es
Johann Brandstetter, das Lebendige
so einzufangen, dass es sich in
unseren Herzen festsetzt.«
AN D REAS WE B E R

Entfremdung von der Natur ist über-


all spürbar. Um zu begreifen, wie
wertvoll unsere Um- und Mitwelt ist,
bedarf es Momente des Innehaltens.
Johann Brandstetters Kunst, die
sich erst dem entschleunigten Blick
erschließt, verführt uns zu präzisem
Schauen und achtsamem Staunen.
Das opulent bebilderte Buch ent-
faltet das Werk des preisgekrönten
Illustrators und Künstlers als ein
ästhetisches Panorama der Bezie-
hungen in einer gefährdeten Natur.

22.08.19 11:43

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