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Nationale Varianten und nationale Varietäten

Sprachliche Variablen

Varietäten wurden in der ersten Vorlesung bereits als sprachliche Subsysteme von
„ganzen Sprachen“ umrissen. Sie unterscheiden sich durch Varianten (sprachliche
Besonderheiten), die auf allen Ebenen der Sprache anzutreffen sind. Wichtig für die
Unterscheidung von Varietäten und Varianten ist, dass erstere ganze Sprachsysteme inklusive
Lautung, Wortschatz, Grammatik etc. sind, während es sich bei letzteren um einzelne
sprachliche Einheiten handelt (z. B. Aussprachebesonderheiten, Lexeme o. a.).

Ammon (1995: 61 f.) vergleicht den Begriff ,Varianteʻ mit sprachlichen Variablen, die
– wie in der Mathematik – verschiedene Werte annehmen können. Diese Werte sind nichts
anderes als die Varianten. Die Variable ist eine gemeinsame Eigenschaft mehrerer sprachlicher
Einheiten (das Tertium comparationis), z. B. eine bestimmte Bedeutung, die durch verschiedene
Ausdrücke (Varianten) benannt wird. Im Folgenden werden sprachliche Variablen mit
Großbuchstaben dargestellt, um Verwechslungen mit den Varianten zu vermeiden. Sprachliche
Ausdrücke erscheinen kursiv gedruckt und Bedeutungen stehen, wie auch sonst in der Linguistik
üblich, zwischen einfachen Anführungszeichen. Im folgenden Beispiel ist die
Bedeutung ,ERSTER MONAT DES JAHRESʻ die Variable, der verschiedene Varianten
zugeordnet werden:

,ERSTER MONAT DES JAHRES'

Jänner Januar

Abb.: Onomasiologische Varianten

Diese Variable nimmt zwei Werte an. Die Variante Jänner ist Bestandteil des
österreichischen Deutsch. In Deutschland und der Schweiz wird dagegen Januar verwendet.
Wenn die Variable wie in diesem Beispiel eine gemeinsame, allen Varianten zugrunde liegende
Bedeutung ist und die Ausdrücke variieren, handelt es sich um onomasiologische Varianten
(auch: Ausdrucksvarianten).

Es kommt ebenfalls vor, dass einem Ausdruck, der im gesamten Sprachgebiet


gebräuchlich ist, in den verschiedenen Sprachzentren unterschiedliche Bedeutungen zugeordnet
werden. So beispielsweise bei Bäckerei:

BÄCKEREI

,Arbeitsplatz und Geschäft eines Bäckersʻ ,Gebäckʻ


Abb.: Semasiologische Varianten
Das Wort Bäckerei hat zwei unterschiedliche Bedeutungen. Die erste
Bedeutung ,Arbeitsplatz und Geschäft eines Bäckersʻ ist gemeindeutsch, d. h. sie ist im gesamten
deutschsprachigen Raum bekannt und standardsprachlich. Die zusätzliche Bedeutung ,Gebäckʻ
hat der Ausdruck dagegen nur in Österreich, wo zum Kaffee eine Bäckerei genascht werden
kann. Solche Bedeutungsvarianten nennt man semasiologische Varianten. Die Termini für die
beiden Typen von Varianten gehen auf die zur Semantik gehörenden Disziplinen der
Onomasiologie und der Semasiologie zurück. Erstere geht von Gegenständen oder Sachverhalten
aus und fragt nach deren Bezeichnungen (gr. ónoma ,Nameʻ). Sie würde etwa herausfinden, dass
eine bestimmte Berufsbezeichnung in den verschiedenen deutschsprachigen Nationen
Schornsteinfeger, Rauchfangkehrer, Kaminkehrer, Kaminfeger oder Essenkehrer lautet. Die
Semasiologie geht den umgekehrten Weg: Sie fragt nach den Bedeutungen eines Wortes. Wie
viele und welche Bedeutungen hat beispielsweise das Wort Läufer? Die Antwort könnte lauten:
1) ,Person, die läuftʻ, 2) ,langer, schmaler Teppichʻ und 3) ,(eine bestimmte) Schachfigurʻ.

Nationale Varianten

Nationale Standardvarianten (auch: nationale Varianten oder Nationalvarianten)


haben zwei wesentliche Eigenschaften. Das Adjektiv national verweist auf die Bindung der
betreffenden Sprachformen an bestimmte Nationen. Damit ist gemeint, dass sie in einer oder
mehreren Nationen (genauer gesagt in einem oder mehreren nationalen Sprachzentren), aber
nicht in allen Nationen der betreffenden Sprachgemeinschaft gelten. Ammon definiert den
Begriff ,nationale Varianteʻ wie folgt: ,Nationale Variantenʻ [...] sind diejenigen Sprachformen,
die Bestandteil der Standardvarietät mindestens einer Nation, aber nicht der Standardvarietäten
aller Nationen der betreffenden Sprachgemeinschaft sind. Sie müssen zudem Entsprechungen in
den übrigen Standardvarietäten der betreffenden Sprachgemeinschaft haben [...]. (Ammon 1995:
70)

Der Hinweis auf die Entsprechungen in den anderen Standardvarietäten zielt darauf ab,
dass man überhaupt nur dann von sprachlicher Variation sprechen kann, wenn eine
Wahlmöglichkeit zwischen bedeutungsgleichen und funktional identischen sprachlichen
Einheiten besteht. Gibt es beispielsweise nur ein einziges Lexem zur Bezeichnung eines
Sachverhaltes, kann von sprachlicher Variation keine Rede sein.

Die nationalen Varianten sind also sprachliche Merkmale, an denen man eine nationale
Standardvarietät bzw. deren Sprecher erkennen kann. Besonders auffällig sind in diesem
Zusammenhang Varianten der Aussprache und der Lexik. Eine Person, die beispielsweise von
Velo (,Fahrradʻ) oder Rüebli (,Karotteʻ) spricht, ist leicht als Schweizer zu erkennen. Jemand, der
Wörter wie Jänner oder Pickerl (,Aufkleberʻ) verwendet, ist als Österreicher identifizierbar und
ein Dritter, der von Abitur (,allgemeine Hochschulreifeʻ) oder Möhre (,Karotteʻ) spricht, verrät
damit seine deutsche Herkunft. Für die nationalen Varianten der drei deutschsprachigen Zentren
gibt es jeweils eigene Bezeichnungen. So nennt man eine Variante des österreichischen
Standarddeutsch Austriazismus, ein Helvetismus ist ein Merkmal des Schweizerhochdeutschen
und ein Teutonismus ist Bestandteil des deutschen Standarddeutsch. Varianten, die in zwei
Zentren gelten, werden dementsprechend benannt. Das Wort Aprikose ist ein
Helvetoteutonismus, weil es sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland gilt (es entspricht
dem Austriazismus Marille). Um einen Austrohelvetismus handelt es sich bei Matura. Es ist
Bestandteil der österreichischen und schweizerischen Standardvarietät und synonym zum
Teutonismus Abitur. In Österreich und Deutschland gilt der Austroteutonismus Reisebus, dem
der Helvetismus Autocar entspricht. Nebenbei bemerkt wird der Ausdruck Teutonismus nicht
von allen geschätzt, zum einen weil er an den germanischen Volksstamm der Teutonen erinnert,
deren männliche Vertreter gern auf eine derb-kräftige Statur reduziert werden, zum anderen weil
das Wort Teutone häufig als ironisch-abwertende Titulierung für ,deutschtümelnde Personʻ
oder ,typischer Deutscherʻ verwendet wird (vgl. Teutonengrill als Bezeichnung für die
Urlaubsinsel Mallorca). Dennoch hat sich der Terminus Teutonismus weitgehend durchgesetzt,
zumal keine passende Alternative gefunden werden konnte. Der Vorschlag, Varianten der
Bundesrepublik Deutschlandismen zu nennen, ist wegen der hybriden Wortbildung aus einem
heimischen Lexem und einem lateinischen Morphem problematisch. Außerdem ist er nicht gut
mit den anderen Termini kombinierbar (*Austrodeutschlandismus). Ferner verbietet sich die
Ersetzung durch Germanismus, weil damit Entlehnungen aus der deutschen Sprache in anderen
Sprachen bezeichnet werden, z. B. kaffeeklatsching im Englischen, le leitmotiv im
Französischen, Buchhalter im Ukrainischen oder Russischen (vgl. Limbach 2007: 29, 40, 62).

Doch nicht alle Sprachformen der verschiedenen Varietäten sind Varianten, denn dies
wäre der gegenseitigen Verständlichkeit höchst abträglich. Die meisten sprachlichen Ausdrücke
der Varietäten einer Sprache sind identisch und nur ein kleiner Teil differiert. Bei den nationalen
Standardvarietäten ist der Anteil der Varianten sogar deutlich geringer als bei den
Nonstandardvarietäten. Daher können Sprecher einer nationalen Varietät die jeweils anderen
nationalen Varietäten derselben Sprache leicht verstehen, während sie sich mit unvertrauten
Dialekten häufig schwertun.

Sprachformen, die in allen Standardvarietäten vorkommen (z. B. Mann, Frau), sind


gemeindeutsch und zählen mangels Bindung an bestimmte Nationen nicht zu den nationalen
Varianten. Gemeindeutsche Formen, die darüber hinaus keine Synonyme aufweisen, nennt man
Konstanten. Das Wort Donnerstag ist ein Beispiel dafür, weil es nur diese eine Bezeichnung
des vierten Tages der Woche gibt und die Sprecher somit keinerlei Alternative haben. Bei der
Benennung des sechsten Wochentages besteht dagegen (zumindest eingeschränkt) die Wahl
zwischen den Varianten Samstag und Sonnabend. Allerdings muss man zugestehen, dass die
Sprecher nicht völlig frei zwischen den beiden Wörtern wählen können. Ihre Entscheidung ist
quasi im Voraus getroffen, je nachdem, ob sie zum Sonnabend-Gebiet (v. a. in Nord- und
Mitteldeutschland) oder zum Samstag-Gebiet (Mittel- und Süddeutschland, Österreich, Schweiz)
gehören.

In diesem Zusammenhang müssen ferner Gegenstände oder Sachverhalte erwähnt


werden, die es nicht in allen Zentren einer Sprache gibt. Die sogenannten Sachspezifika sind
landestypische Speisen, Besonderheiten der nationalen Verwaltung oder geographische
Gegebenheiten (z. B. Panhas ,westfälisches Gericht aus Wurstbrühe und Buchweizenmehlʻ,
Regierender Bürgermeister ,Ministerpräsident des Bundeslandes Berlin und Bürgermeister der
Stadt Berlinʻ, Hallig ,kleine Nordseeinsel ohne Deich, die bei Sturmflut überflutet wirdʻ). Die
Bezeichnungen für solche Sachspezifika gehören ebenfalls nicht zu den nationalen Varianten, da
es in den jeweils anderen Zentren keine Entsprechungen gibt, die dann als Varianten gelten
könnten. Wenn man ein Sachspezifikum eines anderen Zentrums benennen möchte, muss man
also die „fremde“ Bezeichnung übernehmen.
Schließlich gelten diejenigen Sprachformen nicht als nationale Varianten, die Ammon
(1995: 111) als „Rösti-Typ“ bezeichnet. Dabei handelt es sich um solche Ausdrücke, die zwar
ursprünglich nationale Varianten oder Bezeichnungen für Sachspezifika waren, sich aber
inzwischen in allen nationalen Varietäten etabliert haben (z. B. Rösti, Apfelstrudel).

Nationale Varietät

Ammon definiert den Begriff ,nationale Variätetʻ (auch nationale Standardvarietät,


Nationalvarietät) wie folgt: „Es handelt sich um eine Standardvarietät, die mindestens eine der
beiden folgenden Bedingungen erfüllt: Sie enthält (a) spezifische nationale Varianten
(mindestens eine) oder (b) für eine Nation spezifische Kombinationen von nationalen Varianten,
die dann im einzelnen auch unspezifisch sein können.“ (Ammon 1995: 71 f.)

Mit „spezifisch“ ist gemeint, dass die Variante nur in einem einzigen Zentrum gilt,
während unspezifische Varianten in mehr als einem, aber nicht in allen Zentren
standardsprachlich sind. Für die in Deutschland, Österreich und der Schweiz geltenden
Standardvarietäten treffen sogar beide Bedingungen (a) und (b) zu. Jede dieser Varietäten enthält
mindestens eine spezifische nationale Variante. Für das österreichische Deutsch wurden bereits
die Beispiele Marille und Jänner genannt, für das Schweizerhochdeutsche Autocar und Rüebli
und für das deutsche Deutsch Abitur und Möhre. Dies reicht bereits aus, um die drei Varietäten
als nationale Varietäten anzuerkennen. Überdies erfüllen sie Bedingung b), nach der man selbst
dann von einer nationalen Varietät sprechen kann, wenn die betreffende Varietät lediglich über
eine spezifische Kombination von unspezifischen nationalen Varianten verfügt. Im
Schweizerhochdeutschen gelten z. B. die unspezifischen Varianten Januar (gilt auch in
Deutschland) und Matura (gilt auch in Österreich). Diese Kombination ist in keinem anderen
Zentrum möglich, denn Januar ist nicht in Österreich und Matura nicht in Deutschland
standardsprachlich. Das österreichische und deutsche Standarddeutsch sowie das
Schweizerhochdeutsch sind damit als nationale Varietäten identifiziert.

Österreichisches Schweizer- Deutsches

Deutsch Hochdeutsch Deutsch

Spezifische Varianten Jänner Autocar Abitur

Marille Rüebli Möhre

Spezifische Kombination von Reisebus Januar Januar


unspezifischen Varianten
Matura Matura Reisebus

Tab. 2: Spezifische Varianten und spezifische Kombinationen von unspezifischen Varianten

Folgt man der o. g. Definition, dann müssen auch den Halbzentren Ostbelgien,
Luxemburg, Liechtenstein und Südtirol eigene nationale Varietäten zugestanden werden, denn
jede der dort gültigen Standardvarietäten verfügt über spezifische nationale Varianten
(Zusatzbehör BELG ,Zubehörʻ, Kappile LIE ,im Freien aufgestelltes Heiligenbild oder Kreuzʻ,
Klassensaal LUX ,Klassenzimmerʻ, Torkel STIR ,Weinpresseʻ).
Das Variantenwörterbuch des Deutschen (2004) enthält etwa 12.000 Stichwörter, die vor
allem aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, aber auch aus den Halbzentren stammen.

Zusammenfassung

Nationale Varietäten sind Standardvarietäten, die an bestimmte Nationen gebunden sind,


z. B. österreichisches oder deutsches Standarddeutsch und Schweizerhochdeutsch. Sie
unterscheiden sich voneinander durch nationale Varianten. Darunter versteht man sprachliche
Einheiten, die in mindestens einem Sprachzentrum der betreffenden Sprache standardsprachlich
sind, aber nicht in allen Sprachzentren. Die Termini Austriazismus, Helvetismus und
Teutonismus bezeichnen nationale Varianten Österreichs, der Schweiz und Deutschlands. Eine
nationale Varietät muss mindestens eine spezifische nationale Variante enthalten oder eine
spezifische Kombination von unspezifischen Varianten.

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